Alphonse Daudet. Der Nabob. Band 2 Neuntes Kapitel Großmütterchen Dreimal in der Woche begab sich Paul von Géry, sobald es Abend wurde, zu Herrn Joyeuse, um sich in der Buchhaltung unterrichten zu lassen. Die Lektionen wurden im Speisezimmer erteilt, welches an jenen kleinen Salon stieß, wo der junge Mann bei seinem ersten Erscheinen die Familie beisammen getroffen hatte. So kam es denn auch, daß er, während sein Blick auf der weißen Halsbinde seines Lehrers ruhte, und er immer tiefer in die Geheimnisse von Soll und Haben eindrang, unwillkürlich zugleich jedem kleinen Geräusch des fleißigen Waltens nebenan lauschte und sich zurücksehnte nach dem Bilde von damals, nach den hübschen, über den beleuchteten Arbeitstisch geneigten Köpfchen. Herr Joyeuse aber sprach nie über seine Töchter. Eifersüchtig auf ihre Anmut und Liebenswürdigkeit wie ein Drache, der einen Turm voll schöner Prinzessinnen hütet, fertigte er seinen Schüler, so oft dieser sich nach den jungen Damen erkundigte, mit einer ziemlich trockenen Antwort ab. Endlich gab der junge Mann das Fragen auf. Nur darüber wunderte er sich, daß er jenes Großmütterchen nie zu Gesicht bekam, dessen Name bei jeder Gelegenheit, auch wenn Herr Joyeuse von den geringfügigsten Einzelheiten seines Lebens sprach, immerfort wiederkehrte und das als Sinnbild der Ordnung und des häuslichen Friedens über der ganzen Familie zu schweben schien. Bei einer ehrwürdigen Dame, welche doch längst über die Jahre hinaus sein mußte, in denen man jungen Männern den Kopf verdrehen kann, kam ihm eine solche Zurückhaltung denn doch übertrieben vor. Im übrigen war der Unterricht vortrefflich. Der Lehrer wußte alles recht klar und anschaulich darzulegen, und an seiner Methode war nur das eine auszusetzen, daß er sich zuweilen in Kunstpausen vertiefte, die er selber wieder durch raketenartiges Aufschnellen und hervorsprudelnde Ausrufe unterbrach. Sonst war Joyeuse ein Musterpräzeptor, tüchtig, geduldig, geradeaus; Paul lernte bei ihm, sich in dem Labyrinth der Handelsbücher zurechtzufinden, und mehr verlangte er nicht. Eines Abends gegen Neun, als der junge Mann sich eben verabschieden wollte, fragte ihn Herr Joyeuse, ob er ihm nicht die Ehre schenken möchte, im Familienkreis eine Tasse Thee mit ihm zu trinken. Diese »Tasse Thee« stammte noch aus der Zeit, da die arme Frau Joyeuse, geborne von St. Amant, jeden Donnerstag ihren Empfangsabend hatte. Seit ihrem Tode und dem darauf folgenden Systemwechsel hatten sich die früheren Hausfreunde verloren, aber die kleine Donnerstagsunterhaltung wurde nicht aufgegeben. Nachdem Paul die Einladung angenommen hatte, that der gute alte Herr die Thüre auf und rief nach Großmütterchen. Sofort tönte vom Vorplatz her ein muntrer Schritt, und herein trat ein zwanzigjähriges Mädchen mit einem lebhaften, offenen Gesicht, das trotz seinem vorzeitig ernsthaften Ausdrucke, aus seinem dichten und dennoch duftigen Kranz von braunem Haar so jugendlich in die Welt hinausblickte, daß Paul von Géry sie fragend und staunend ansah. »Großmütterchen....« »Freilich, so hat sie schon als Kind geheißen. In ihrem Rüschenhäubchen und dem gravitätischen Bewußtsein ihrer Erstgeburt machte sie ein so possierlich gesetztes Gesichtchen. ... Wie ihre Großmutter schaute sie drein. Wir nennen sie nie anders.« Der Biedermann sagte das in einem überzeugten Ton, als hätte nichts in der Welt so naturgemäß zusammengepaßt, wie das Ahnenprädikat zu so viel jugendlichem Liebreiz – eine Meinung, von der auch seine ganze Umgebung durchdrungen zu sein schien, denn die übrigen Töchter, die, auf den Vater zueilend, sich um ihn herum gruppierten, beinahe wie unten im Schaukasten des Photographen, und die alte Magd, die im Salon, wohin man sich. eben verfügt hatte, ein prachtvolles Theeservice, ein letztes Denkmal einstiger Herrlichkeit auftrug; alle redeten sie mit Großmütterchen an, ohne daß sie die Sache verdrossen hätte. Im Gegenteil, durch den gesegneten Namen erhielt die Zuneigung aller einen Beigeschmack von Respekt, der dem Mädchen schmeichelte und das Ansehen, in dem es stand, zum milden Walten eines Schutzengels verklärte. Mochte nun diese Benennung, die ihm von frühester Kindheit auf teuer gewesen, schuld daran sein – auf Paul von Géry übte das junge Wesen einen unaussprechlichen Zauber aus. Wie verschieden war doch dieses Empfinden von jenem plötzlichen Stoß ins Herz, den er von einer andern empfangen hatte, und dessen betäubende Wirkung noch immer anhielt, oder von jener Befangenheit, mit welcher sich der Gedanke verband: Du mußt fliehen! Um jeden Preis – fliehen, als gälte es, einem dämonischen Bann zu entrinnen, und jener trüben Stimmung, die uns nach einer Ballnacht beschleicht: erloschene Leuchter, verklungene Weisen, zerstobener Duft. ... Nein, wenn er dieses Mädchen betrachtete, wie sie so dastand und den Familientisch überwachte, überall nach dem Rechten sehend und ihre Kinder, ihre Enkelkinder, mit Augen voll werkthätiger Zärtlichkeit überschauend – da hätte er sie näher kennen, von jeher mit ihr befreundet sein mögen, um ihr Dinge anzuvertrauen, die er sonst nur sich selber eingestand, und als sie ihm jetzt in ungezwungener Natürlichkeit, weder mutwillig, neckisch, noch salonmäßig geziert, seine Tasse hinreichte, hätte er's gar gern mit den andern gehalten und in ein »Danke schön, Großmütterchen« alles hineingelegt, wovon sein Herz voll war. Plötzlich wurde draußen so munter und kräftig angeklopft, daß die Gesellschaft auffuhr. »Ah, da kommt Herr Maranne! Nur gleich eine Tasse her, Elise – und auch Backwerk, Yaja!« – Fräulein Henriette, die drittälteste der jungen Damen, auf die sich etwas von der Prunksucht ihrer Mutter, der gebornen von St. Amand, vererbt hatte, eilte zum Klavier, um dort zu Ehren dieses außergewöhnlich zahlreichen Besuches die zwei Kerzen anzuzünden. »Mit dem fünften Akt wär' ich zu Ende,« rief der neue Gast gleich unter der Thüre. Doch beim Anblick des Fremden brach er etwas verdutzt ab und entschuldigte sich. »Herr Paul von Géry, Herr André Maranne,« sagte Herr Joyeuse, indem er die beiden einander vorstellte – mit einer gewissen Feierlichkeit, denn er erinnerte sich dabei an die früheren Empfangsabende seiner Frau, und die zwei großen Lampen, die Nasen auf dem Kamin und die im Halbkreise gruppierten Fauteuils schienen auf diese Reminiscenz einzugehen, welche durch den heutigen ungewöhnlichen Zuspruch von Besuchern noch an Glanz und Leben gewann. »Ihr Stück ist also fertig?« »Fix und fertig, Herr Joyeuse, und ich denke es Ihnen nächstens vorzulesen.« »Ach ja, Herr Maranne ... ach ja,« riefen einstimmig die vier Mädchen. Ihr Nachbar schrieb fürs Theater, und in diesem Kreise zweifelte niemand an seinem Erfolg. Die Photographie hingegen bot weniger Aussichten auf Erwerb. Die Kunden waren selten, und das Geschäft ging recht flau. Um nicht aus der Uebung zu kommen und den neuen Apparat nicht einrosten zu lassen, nahm André allsonntäglich die befreundete Familie wieder vor, die sich zu jedem Experiment mit unvergleichlicher Langmut hergab, denn alle setzten sie eine gewisse Eigenliebe in das Gedeihen dieser neugebackenen vorstädtischen Kunstindustrie; auch in den jungen Mädchen regte sich dabei jenes rührende Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, welches die Geringen dieser Welt verschwistert, daß sie aneinanderrücken, wie Sperlinge auf einer Dachkante. Uebrigens nahm Andrè Maranne stets die unerschöpflichsten Illusionen, die hinter seiner großen Stirn wohnten, zu Hilfe, um, ohne bitter werden zu müssen, eine Erklärung für die Gleichgültigkeit des Publikums zu finden; einmal war's die ungünstige Jahreszeit, ein andermal klagte man ja allgemein über den Gang der Geschäfte, und so tröstete er sich denn immer wieder mit der einen Schlußbetrachtung: »Wenn ich nur erst meine ›Revolte‹ zur Aufführung gebracht haben werde ...« Revolte war nämlich der Titel seines Stückes. »Es ist geradezu unerklärlich,« meinte das jüngste Fräulein Joyeuse, ein Kind von zwölf Jahren, noch à la Chinoise frisiert – »es ist unerklärlich, mit einem so schönen Balkon vor dem Atelier ...« »Und in einem so verkehrsreichen Stadtviertel,« fährt Elise ganz zuversichtlich fort, worauf Großmütterchen mit einem feinen Lächeln erwidert, daß auf dem Boulevard des Italiens doch noch etwas mehr Verkehr sei. »Ja, wenn er am Boulevard des Italiens sein Atelier hätte,« bemerkt Herr Joyeuse sehr nachdenklich und versinkt in einen Traum, aus dem er dann plötzlich mit einem Ruck auffährt, indem er ganz jämmerlich vor sich hinflüstert: »Wegen Konkurses geschlossen.« Binnen einer Minute hat unser schrecklicher Vorstellungsmensch seinen Freund in ein prachtvolles Atelier am Boulevard einquartiert, wo er Unsummen verdient, dabei aber seine Betriebskosten so unverhältnismäßig anwachsen läßt, daß, bevor einige Monate vergangen sind, ein grandioser Krach den Photographen und alles, was drum und dran hängt, verschlingt. Trotzdem die Erzählung dieses Traumes ein gewaltiges Gelächter hervorruft, ist jedermann damit einverstanden, daß die St. Ferdinandstraße, wenngleich minder großartig als das Boulevard, doch mehr Sicherheit bietet, außerdem liegt sie dicht beim Bois de Boulogne, und wenn einmal die große Welt hier vorbeifährt. ... Diese große Welt, nach der sich schon die Mutter so sehr gesehnt, spukt Fräulein Henriette ganz gewaltig im Kopf und deshalb wundert es auch besagtes Fräulein, daß der Herr Nachbar über den Gedanken lachen muß, die Hauts-volée in seinem fünf Treppen hohen Atelier zu empfangen, wo man sich kaum mehr rühren kann als unter einer Käseglocke. »Vorige Woche ist doch ein Herrschaftswagen zu Ihnen hergefahren und vorhin haben Sie schon wieder sehr noblen Besuch gehabt. ...« »Jawohl, von einer sehr vornehmen Dame,« fiel Großmütterchen ein, »Wir standen gerade am Fenster und erwarteten den Papa, da haben wir sie aussteigen sehen, und als sie die Photographienauslage zu betrachten anfing, haben wir gleich geahnt, daß der Besuch Ihnen gelte.« »Er galt allerdings mir,« sagte André etwas verlegen. »Erst haben wir gefürchtet, sie möchte wieder weitergehen, wie so viele andre, wegen der fünf Treppen. Da hätten Sie sehen sollen, wie mir sie anstarrten, wir alle vier, um die Ahnungslose durch den Magnetismus unsrer acht Augen hereinzulocken, wie wir an den Federn ihres Hutes und am Pelze ihres Mantels ganz sachte zogen und zogen: ›Ei so kommen Sie doch, gnädige Frau, immer näher!‹ ... Zu guter Letzt ist sie auch eingetreten.« Es liegt wirklich eine magnetische Kraft in den Augen, die vom Wohlwollen beseelt sind! Magnetische Kraft, die war ihr freilich nicht abzusprechen, dem lieben Wesen, nur lag diese Kraft nicht nur im unbestimmten Farbenspiele ihrer Augen, die wie der Himmel ihrer Pariser Heimat lachten und trauerten, sie lag auch noch in ihrer Stimme, im Faltenwurf ihres Kleids, ja selbst in der langen Locke, welche ihren plastisch schlanken und zierlichen Hals überschattete, und die auch anzog mit ihrer ins Blonde hinüberschillernden, auf flinkem Finger geringelten Spitze. Während die Herren, nachdem der Thee serviert war, noch weiter plauderten und tranken, denn Papa Ioyeuse brauchte infolge seiner improvisierten Abstecher nach dem Monde zu allen Verrichtungen sehr viel Zeit, gingen die Mädchen an ihre Arbeit. Der Tisch bedeckte sich mit Weidenkörbchen, mit Stickereien, mit hübschen Wollsträngen, deren glänzende Farben die verblichenen Blumen des alten Teppichs verjüngten, und im Lichtkreise des Lampenschirms bildete sich wieder die Gruppe von damals. Paul war davon entzückt, es war dies der erste derartige Abend, den er in Paris erlebte, und dieser Abend erinnerte ihn an andre längst vergangene, an welchen er eingewiegt worden mit demselben unschuldigen Lachen, mit dem leisen Geräusche von Scheren, die man sachte auf den Tisch legt, von Nadelstichen, die durch das Weißzeug rascheln, oder von umgewendeten Blättern, an Abende, wo teure, auf immer entschwundene Gesichter sich gerade so unter dem Schimmer einer Familienlampe vereinigten, die ach – so plötzlich erloschen war. ... Nun er einmal in dieses trauliche Familienleben eingeführt war, ward er auch nie mehr davon ausgeschlossen; fortan genoß er seinen Unterricht in Gegenwart der Mädchen und getraute sich auch, mit ihnen zu plaudern, sowie der gute alte Herr sein Kassabuch zuklappte. Hier fand er Ruhe vor dem ewigen Treiben, in welches ihn des Nabobs prachtliebende Weltlust mit fortriß; in dieser reinen, gesunden Atmosphäre schöpfte er jedesmal wiederum neue Kraft und in ihr suchte er auch Genesung für die tausend Wunden, aus denen sein Herz unter einer mehr gleichgültigen als grausamen Hand hoffnungslos blutete. »Sie haben mich gequälet, Doch die, die mich am meisten Geärgert blau und blaß, Gequält, geärgert, betrübt. Die einen mit ihrer Liebe, Die hat mich nie gehasset Die andern mit ihrem Haß.« Und hat mich nie geliebt.« Und eben an die, von welcher Heinrich Heine im Liede singt, war Paul geraten. Felicia begegnete ihm zuvorkommend, ja herzlich. Niemand stand höher in ihrer Gunst als er. Für ihn hatte sie sogar ein besondres Lächeln, in dem sich zweierlei aussprach, das Wohlwollen, mit welchem ein Künstlerauge einen anregenden Studienkopf betrachtet, und das Interesse einer blasierten Natur, der das Neue, wie einfach es auch erscheinen mag, Zerstreuung gewährt. Ihr gefiel seine, bei einem Südländer pikant wirkende Zurückhaltung, sein gerades Urteil, frei von jeder ästhetischen oder gesellschaftlichen Voreingenommenheit. Das war doch einmal etwas anders als die hergebrachten Daumenbewegungen, mit denen unreife Kunstenthusiasten ihre Lobsprüche zickzackartig in die Luft zeichneten; als die fachmännischen Komplimente über die flotte Sicherheit, mit der sie eine Skizze hinwarf; oder als der geckenhafte Beifall des jungen, den Spazierstock schwingenden Stutzers, welcher sich mit einem Charmant! Allerliebst! Luft machte. Der führte gottlob! keine solchen Redensarten im Munde. Sie nannte ihn scherzweise Minerva, wegen seiner scheinbaren Seelenruhe und der Regelmäßigkeit seines Profils – »Ah, da kommt ja Minerva,« pflegte sie ihm von weitem schon entgegenzurufen! »Gott zum Gruße, schöne Minerva! Nehmen Sie Ihren Helm ab, und lassen Sie uns plaudern.« Aber gerade dieser trauliche, fast schwesterliche Ton überzeugte den jungen Mann von der Aussichtslosigkeit seiner Liebe. Er fühlte zu wohl, daß er dieser weiblichen Kameradschaft, die von Zärtlichkeit nichts wußte, kein weiteres Terrain abgewinnen konnte, und daß er sogar an jedem Tage etwas einbüßte an Reiz der Neuheit bei diesem Wesen, welches den Ueberdruß als Wiegengeschenk mit auf die Welt gebracht hatte, welches sein Dasein bereits durchgelebt zu haben schien und auf welches alles, was es sah oder hörte, den langweiligen Eindruck einer Wiederholung machte. Felicia litt eben an chronischer Langeweile, ihre Kunst allein vermochte sie zu zerstreuen, hinzureißen und in ein blendendes Zauberland emporzutragen, aus dem sie immer und immer wieder wie vernichtet ins Alltagsleben zurücksank, in verstörtem, sturzähnlichem Erwachen. Sie selber verglich sich mit den Medusen, jenen durchsichtig schillernden Tierpflanzen, die in den frischen, bewegten Meereswellen so schön leuchten, am Ufer aber als gallertartige kleine Lachen hinschwinden. An den Tagen künstlerischer Unfruchtbarkeit, wo die Oede der Gedanken die Hand am Meißel erstarren ließ, überkam Felicia, sowie die einzige geistige Triebfeder ihrer Existenz versagte, eine ungebärdige, abschreckend zänkische Laune – die Rache aller unterdrückten menschlichen Jämmerlichkeiten an dem ermatteten souveränen Hirn: dann erpreßte sie allen, denen ihr Wohl am Herzen lag, Thränen, wühlte jede peinliche Erinnerung, jede schreckliche Vorahnung hervor und riß mit rücksichtslosen, selbstquälerischen Händen ihre innersten Seelenwunden auf, bis sie schließlich, da bei ihr die traurigsten Empfindungen stets eine ins Närrische hinüberspielende Kehrseite hatten, den Rest ihres Unmuts in einem Naturlaute aushauchte, wie ihn etwa ein gelangweiltes wildes Tier ausstößt, in einem herausgebrüllten Gähnen, das sie »das Geheul des Schakals in der Wüste« nannte, und vor dem die gute, aus ihrer müßigen Beschaulichkeit aufgeschreckte Cremnitz jedesmal erbebte. Wohl war es eine Wüste, in der das arme Mädchen vor sich hinlebte, wenn die Trugbilder der Kunst es nicht umgaukelten, eine schauerliche, trostlos abgeflachte Einöde, in deren eintöniger Unendlichkeit alles zusammenschrumpfte und sich verlor, alles unterging im trockenen Sand unter dem Hauche eines verhängnisvollen Samums, die Liebesschwärmerei des zwanzigjährigen Jünglings so gut, wie das leidenschaftliche Strohfeuer des Herzogs. Paul fühlte, daß ihm hier ein Nichts entgegenstarrte, und schrak auch davor zurück, aber immer hielt es ihn wieder fest, wie an einer Kette: trotz der Verdächtigungen, die ihm zu Ohren gekommen, trotz der wunderlichen Launen dieses seltsamen Wesens fand er eine unsägliche Lust in ihrer Nähe und er blieb, auf die Gefahr hin, nach langem, sehnsuchtsvollem Hinüberschauen nichts mit sich fortzutragen, als die Verzweiflung eines Andächtigen, der sich mit bloßem Bilderkultus begnügen muß. Die Ruhestätte, die war dort drüben, in jenem abgelegenen Stadttheil, wo der Wind noch so scharf wehen mochte, ohne daß deshalb die Flamme der Tischlampe minder hell und sicher dem Familienleben geleuchtet hätte, welchem Großmütterchen vorstand. Die langweilte sich freilich nicht und wußte auch nichts vom »Geheul des Schakals in der Wüste«. Dazu hatte sie viel zu viel zu thun! Da war der Vater, der aufgemuntert und unterstützt, da waren die Kinder, die unterrichtet werden mußten, all die materiellen Anforderungen eines verwaisten Haushalts, jene tiefempfundene Fürsorge, die mit dem Morgengrauen wach wird, und die erst der Abend in Schlummer wiegt, um sie auch dann noch vielleicht im Traume weiterwalten zu lassen – kurz, jene unermüdliche, wenn auch keine wahrnehmbare Anstrengung verratende Selbstverleugnung, die dem armseligen, menschlichen Egoismus so mundgerecht ist, weil sie ihm alle Pflichten der Dankbarkeit erläßt und zu leise auftritt, um kaum mehr als geahnt zu werden. Großmütterchen war nicht das tapfere, in der ganzen Nachbarschaft als Muster geltende Mädchen, welches, die Eltern durch seine Arbeit ernährend, sich von früh bis spät mit Stundengeben plagt und über den Strapazen des Tagewerks alle Mißstände der Häuslichkeit vergißt: o nein, sie hatte ihre Aufgabe anders aufgefaßt, sie war eine seßhafte Biene, die sich auf das Walten im Immenkorb beschränkte und nicht hinausschwärmte ins Freie von einer Blume zur andern. Ohne sich einen bestimmten Wirkungskreis abzustecken, war sie alles in allem, Kleidermacherin, Modistin, Flicknähterin, Klavierlehrerin, Gouvernante und obendrein noch Rechnungsführern, denn bei seiner Unfähigkeit, irgendwelche Verantwortung auf sich zu nehmen, überließ ihr Herr Joyeuse die unbeschränkte Verwaltung der Finanzen. Wie es in Familien, die anfangs wohlhabend gewesen, zu gehen pflegt, war Aline als die Erstgeborne in einem der besten Pariser Institute erzogen worden. Auch Elise hatte zwei Jahre mit ihr dort zugebracht, aber die zwei jüngsten, zu spät Gekommenen, die in geringere Töchterschulen geschickt worden waren, hatten noch ihre sämtlichen Studien zu vervollständigen; und es war dies gerade kein Leichtes, denn die Kleine brach bei jedem Anlaß in ein Gelächter aus vor lauter Gesundheit und aufblühender Jugend; auch flatterte sie von der aufgeschlagenen Grammatik auf und davon wie eine kornduftberauschte Frühlingslerche ins unabsehbare Blau. Und Fräulein Henriette wollte auch nicht recht lernen, weil ihr bei der Vorliebe für alles »Prunkhafte« gar zu grandiose Gedanken im Kopfe herumspukten. Dieses fünfzehnjährige Dämchen, auf das sich auch etwas von der Erfindungsgabe seines Papas vererbt hatte, legte sich bereits seine Zukunft zurecht und erklärte ganz ausdrücklich, daß es dereinst einen Standesherrn heiraten und niemals mehr denn drei Kinder haben wolle, »einen Knaben, damit der Name nicht aussterbe, und zwei kleine Mädchen, um sie gleich kleiden zu können.« »Nun ja,« sagte dann Großmütterchen, »sie sollen beide schon den gleichen Anzug bekommen, aber einstweilen wollen wir doch unsre Zeitwörter noch ein wenig durchnehmen.« Die meisten Sorgen jedoch machte ihr Elise, die schon dreimal durchs Lehrerinnenexamen gefallen war, immer in den historischen Fächern, und die jetzt einem weiteren Versuch mit Zittern und Beben entgegenging, so mißtrauisch gegen sich selbst, daß sie ihren unglückseligen »Grundriß der französischen Geschichte« überall mit sich herumschleppte, um ihn jeden Augenblick zu durchstöbern, im Omnibus, auf der Straße, ja sogar am Mittagstisch. Leider war dem schon erwachsenen und nebenbei sehr hübschen Mädchen jenes beschränkte, mechanische Gedächtnis der Kindheit abhanden gekommen, das sich Daten und Ereignisse fürs ganze Leben einzuprägen weiß. Von anderweitigen Gedanken verdrängt, war das eben Gelernte in der nächsten Minute schon wieder zerstoben, trotz dem äußerlichen Fleiß der Schülerin, die sich mit gesenkten langen Wimpern über ihr Buch niederbeugte, daß ihr die Locken darüber hinfegten und, mit einem leisen Zucken der Aufmerksamkeit um die roten Lippen, oft zehnmal hintereinander vor sich hinmurmelte! »Ludwig X,, genannt der Zänkische, 1314 bis 1316; Philipp V., genannt der Lange, 1316 bis 1322 ... 1322 ... Ach! Großmütterchen, mit mir ist's aus. ... Niemals werd' ich das behalten!« ... Nun legte sich Großmütterchen ins Mittel, gab ihr einige Anhaltspunkte und half ihr einige jener Jahreszahlen aus der Vorzeit einheimsen, die dem Mädchen ebenso barbarisch vorkamen, wie die spitzen Helme der damaligen Helden. Und in den Zwischenpausen dieser vielseitigen Thätigkeit, dieser allgemeinen und unablässigen Beaufsichtigung, brachte Großmütterchen es noch zustande, niedliche Sachen ins Dasein zu zaubern, und aus ihrem Arbeitskörbchen irgend eine gehäkelte Spitze oder eine Buntstickerei hervorzuziehen, die gerade zu Ende geführt werden sollte, und von welcher sie dann ebensowenig abließ, wie Elise von ihrem Grundrisse der französischen Geschichte. Selbst beim Plaudern blieben ihre Finger keine Minute hindurch müßig. »Ruhen Sie denn gar nie aus?« meinte Paul von Géry, während sie die Stiche ihrer Stickerei halblaut nachzählte »zwei, drei, vier,« um das Dessin herauszubringen, »Aber das ist ja eine Arbeit zum Ausruhen,« gab sie ihm zur Antwort. »Ihr Männer habt keine Ahnung von der wohlthätigen Einwirkung einer Handarbeit auf das weibliche Gemüt. Das bringt Ordnung in die Gedanken; jeder Stich hält eine flüchtige Minute fest und zugleich auch alles, was sonst mit ihr verschwinden würde. Und wie viel Kummer und Sorge wurde nicht schon gelindert und verbannt durch die Wiederholung einer gleichmäßigen Bewegung, die unserm ganzen inneren Wesen notgedrungen und in kürzester Frist das Gleichgewicht wiedergibt! Ich achte darum um kein Haar breit weniger auf das, was um mich herum gesprochen wird, und höre Ihnen noch aufmerksamer zu, als wenn ich die Hände in den Schoß legte ... drei, vier, fünf ...« Sie hörte ihm auch wirklich zu, o ja, dafür bürgten ihr lebhafter Gesichtsausdruck und die Art und Weise, wie sie plötzlich aufschaute, mit hochgehaltener Nadel und straffgespanntem Faden auf dem ausgestreckten kleinen Finger, um sich dann wieder schleunigst über ihre Arbeit herzumachen, zuweilen mit einer eingeworfenen richtigen und bedeutsamen Aeußerung, deren Grundzug mit Freund Pauls Anschauungsweise stets harmonierte. Die beiden jungen Leute fühlten sich durch die Aehnlichkeit sowohl ihres Naturells, wie auch ihrer Verantwortlichkeiten und Pflichten einander nähergerückt und interessierten sich deshalb gegenseitig für das, was ihnen am Herzen lag. Sie wußte, wie seine zwei Brüder hießen, Pierre und Louis, und was er mit ihnen vorhatte, wenn sie einmal das Gymnasium absolviert haben würden. Pierre wollte Seemann werden. ... »Ach! Nein, leiden Sie's nicht!« sagte Großmütterchen. »Es wird viel besser sein, Sie nehmen ihn zu sich her.« Und da Paul ihr nun gestand, daß ihm ein Aufenthalt seiner Brüder in Paris Furcht einflößen würde, lachte sie ihn aus und schalt ihn einen ängstlichen Provinzler, denn sie hing mit wahrer Schwärmerei an der Stadt, in der sie geboren worden, in der ihre keusche Jugend sich entfaltet hatte und der sie, als Gegengabe für diese Zuneigung, jene Beweglichkeit, jene unbewußte Verfeinerung, jenen munteren Humor verdankte, die einen auf den Gedanken bringen könnten, Paris mit seinen Regengüssen, seinen Nebeln und seinem Himmel, der streng genommen gar kein Himmel ist, sei des Weibes richtige Heimat, indem es das Nervenleben schont, den Verstand aber und die Ausdauer entwickelt. Mit jedem Tage lernte Paul von Géry Fräulein Aline, wie er sie im Gegensatze zu allen andern Hausgenossen nannte, höher schätzen, und durch einen merkwürdigen Zufall war es Felicia, die dieses vertrauliche Band vollends befestigen half. Was in aller Welt konnte den Anknüpfungspunkt abgeben zwischen dem Künstlerkind, das in die höchsten Sphären emporgezogen worden, und dem bescheidenen, in einem Vorstadtwinkel vergrabenen Bürgermädchen? Je nun, freundliche Beziehungen aus den Kinderjahren, gemeinsame Erinnerungen, der große Hof des Belinschen Instituts, in welchem beide drei Jahre hindurch miteinander gespielt hatten. Der zufällig im Laufe des Gespräches hingeworfene Name rief eines schönen Tages die staunende Frage wach: »Ja, kennen Sie sie denn?« »Ob ich Felicia kenne! ... Saßen wir doch nebeneinander in der ersten Klasse und hatten ein gemeinschaftliches Gärtchen. ... Ein liebes Mädchen! ... Und so schön, so gescheit!« Und da Aline bemerkte, wie gern man ihr zuhörte, frischte sie jene Erinnerungen wieder auf, die, so nah sie ihr noch lagen, sich doch schon wie alles, was nicht mehr ist, zu einer melancholisch reizvollen Vergangenheit verklärten. Sie stand recht einsam da im Leben, die arme Felicia! Donnerstags, wenn im Sprechsaal die Namen ausgerufen wurden, kam niemand, nach ihr zu sehen, außer von Zeit zu Zeit eine gutmütige, etwas lächerliche Dame, die früher einmal Tänzerin gewesen sein sollte; Felicia nannte sie »die Fee«, denn alle, denen sie gut war, taufte sie in ihrer Phantasie um und gab ihnen Kosenamen. Man sah sich auch während der Ferien. Frau Joyeuse weigerte sich zwar, Aline nach Herrn Ruys' Atelier zu schicken, lud aber dafür Felicia auf ganze Tage zu sich ein, raschverstrichene Tage, während welcher abwechselnd gearbeitet, musiziert, jugendlich geschwärmt und geplaudert wurde nach Herzenslust. »O, wie gerne hörte ich sie von ihrer Kunst sprechen mit jenem Feuereifer, mit dem sie alles erfaßte! Wie so manches ist mir durch sie klar geworden, was mir sonst niemals aufgedämmert wäre! ... Jetzt noch, wenn uns der Papa in die Louvregalerie oder in den Salon führt, ruft mir jener eigenartige Schauer, den man beim Anblick einer schönen Statue oder eines guten Bildes empfindet, immer wieder Felicia ins Gedächtnis zurück. Sie ist die Muse meiner Jugend gewesen; dazu eignete sich auch so recht ihre Schönheit, ihr etwas zerfahrenes aber doch grundgütiges Wesen, aus dem mich eine Ueberlegenheit anwehte, die mich hoch über mich selbst emporhob, ohne mich deshalb einzuschüchtern. ... Plötzlich hat sie ihre Besuche abgebrochen. Ich schrieb an sie und erhielt keine Antwort. Dann trat der Ruhm an sie heran, an mich viel schwerer Kummer, Pflichten, die den ganzen Menschen in Anspruch nehmen, daß ich nicht davon sprechen kann ohne ... zwei, drei, vier ... ist nichts mehr übrig geblieben, als alte Erinnerungen, ein Herumstöbern in verglommener Asche ... vier, fünf ...« Ueber die Arbeit gebeugt, beschleunigte jetzt das liebe Geschöpf das Nachzählen der Stiche und wob seinen Harm in die verschnörkelten Arabesken seiner Stickerei. Paul war indessen ganz gerührt, dieses Zeugnis einer reinen Mädchenseele zu vernehmen, das er den Verleumdungen einiger abgewiesenen Gecken oder neidischen Zunftgenossen gegenüberstellen konnte, und fühlte sich dadurch gehoben, zu stolzem Lieben neu berechtigt. Und so wohlthuend berührte ihn diese Empfindung, daß er recht oft wiederkam, um sie aufzufrischen, nicht nur an den Unterrichtsabenden, sondern auch zu andern Zeiten, und daß er über dem Vergnügen, Aline von der Freundin sprechen zu hören, beinahe vergessen hätte, Felicia aufzusuchen. Eines Abends, als Paul die Familie Joyeuse eben verlassen hatte, traf er auf dem Treppenabsatz mit dem Nachbar, Herrn Maranne, zusammen, der ihn dort erwartete und ihn fieberhaft aufgeregt beim Arme faßte: »Herr von Géry,« sagte André mit bebender Stimme, und seine Augen blitzten hinter den Brillengläsern auf (seine Gesichtszüge ließen sich in der Dunkelheit nicht wahrnehmen), »Herr von Géry, ich habe eine Erklärung von Ihnen zu fordern. Möchten Sie nicht einen Moment zu mir hinaufkommen?« Zwischen Paul und dem andern jungen Manne bestanden bloß die oberflächlichen Beziehungen zweier Freunde eines und desselben Hauses; weiter hatte sie nichts zusammengeführt und sie schienen einander sogar infolge einer natürlichen Antipathie ihres ganzen Wesens gegenseitig abzustoßen. Weshalb sollte es also zwischen ihnen zu einer Erklärung kommen? Paul folgte dem andern demnach mit neugieriger Spannung. Der Anblick des kleinen, frostigen Ateliers mit seinem Glasdache, der Kamin ohne Feuer, der Luftzug, unter dem die Kerze aufflackerte, als stände sie draußen im Freien, diese spärliche Flamme, die den Nachtwachen des Armen und Einsamen leuchtete und deren Widerschein auf ringsum zerstreute, vollgekritzelte Blätter fiel, kurz jenes Etwas eines bewohnten Raumes, aus dem die ganze Eigenart des Bewohners spricht, das alles klärte Paul von Géry über André Marannes leidenschaftliche Anrede auf, über sein zurückgeworfenes, langflatterndes Haar und jenes etwas exzentrische Aeußere, das so verzeihlich ist bei Menschen, die es mit einem Leben voll Mühsal und Entbehrungen bezahlen. Mit einem Schlag fühlte er sich sympathisch hingezogen zu jenem tapfern Herzen, dessen ganzen energischen Stolz er auf den ersten Blick erriet. Andrés Gemütsbewegung war indessen viel zu heftig, als daß jener diesen Umschwung hätte wahrnehmen können, und sobald die Thür hinter ihnen ins Schloß fiel, begann er mit dem Pathos eines Theaterhelden, der den hinterlistigen Verführer zur Rede stellt: »Noch bin ich kein Bartolo, Herr von Géry. O nein,« fuhr er fort, ohne sich um die verblüffte Miene des also Angeredeten zu kümmern, »ich durchschaue Sie; ich habe ganz wohl begriffen, was Sie bei Herrn Joyeuse suchen, und auch die zuvorkommende Aufnahme, die Sie dort gefunden, ist mir nicht entgangen.... Sie sind reich, sind von Adel: wie sollte man da schwanken zwischen Ihnen und dem armen Poeten, der ein lächerliches Handwerk treibt, um einen Erfolg abwarten zu können, der vielleicht nie kommen wird? ... Aber mein Lebensglück lasse ich mir darum doch nicht rauben.... Wir werden uns schießen, mein Herr. Ja, wir werden uns schießen,« wiederholte er, durch die Seelenruhe seines Rivalen noch mehr gereizt. »Schon lange liebe ich Fräulein Joyeuse. ... Diese Liebe ist das Ziel, ist die Freude, die Triebkraft eines sehr harten, nach mancher Richtung hin qualvollen Daseins. ... Ich habe sonst nichts in dieser Welt und würde lieber sterben, als entsagen!« Ein wunderlich Ding um die menschliche Seele! Paul liebte die liebenswerte Aline nicht, denn sein Herz gehörte ungeteilt einer Dritten; er gedachte ihrer nur wie einer Freundin, einer ganz himmlischen Freundin, und siehe da! beim Gedanken, daß Maranne mit einer wohl auf Gegenseitigkeit beruhenden Leidenschaft an ihr hing, durchschauerte ihn etwas wie Neid und Verdruß, so daß er nicht ohne eine gewisse Heftigkeit fragte, ob denn Fräulein Joyeuse um diese Neigung wisse und ob sie ihn, André, irgendwie ermächtigt habe, seine Rechte in dieser Weise geltend zu machen. »Fräulein Elise weiß, daß ich sie liebe, und ehe Sie ihr so häufige Besuche zudachten. ...« »Elise? Ja, sprechen Sie denn von der?« »Von wem sollte ich denn sonst sprechen, mein Herr? Die zwei jüngern sind ja noch Kinder[. oder !]« Er mußte sich schon recht in die Familienüberlieferung hineingelebt haben, der gute Junge: auch ihn machten Großmütterchens ehrwürdiger Spitzname und ihre Eigenschaft als Vorsehung zweiter Klasse stockblind für ihre zwanzig Lenze und ihre unwiderstehliche Anmut. Jetzt genügten ein paar Worte, um André Maranne die Ruhe wiederzugeben. Er bat Paul um Entschuldigung, nötigte ihn auf den geschnitzten Lehnstuhl, auf den sonst die zu photographierenden Kunden zu sitzen kamen, und es entspann sich ein Gespräch, das, unter dem Eindruck des vorausgegangenen leidenschaftlichen Geständnisses, bald einen freundschaftlichen, herzlichen Charakter annahm. Paul bekannte nun seinerseits, daß auch er verliebt sei und bei Herrn Joyeuse lediglich deshalb so oft vorspreche, um über seine Angebetete mit Großmütterchen zu plaudern, das früher mit ihr befreundet gewesen. »Ganz mein Fall,« erwiderte André. »Auch ich vertraue Großmütterchen alles an; nur habe ich mich dem Vater noch nicht zu eröffnen gewagt. Ich bin eben noch gar zu schlecht gestellt. Aber habe ich meine ›Revolte‹ einmal zur Aufführung gebracht, dann sollen Sie sehen!« Nun drehte sich das Gespräch um jenes vielbesprochene Drama, an dem er seit sechs Monaten Tag und Nacht arbeitete, und welches ihn den ganzen Winter hindurch warm gehalten, denn trotzdem es ein recht strenger Winter gewesen, hatte die Weihe des Schaffens ihn überwinden helfen in dem kleinen verzauberten Atelier; waren doch hier, in diesem engen Raume, dem Dichter all die Helden seines Stückes erschienen, wie schöne Genien, die auf einem Mondstrahl zum Fenster hereingleiten, und mit ihnen die prachtvollen Damastdraperieen, die funkelnden Kronleuchter, die hellbeleuchteten Hallen mit Parkprospekt, der ganze zu erwartende Ausstattungspomp mitsamt dem Fieber der ersten Aufführung; in dem Geräusch des Regens, der gegen die Scheiben prasselte, der Pappdeckelplakate, die an die Hausthür schlugen, hörte André schon den künftigen Applaus, und der Wind, welcher drunten mit einem Geräusch wie ein von fernher tönendes Stimmengewirr über die wüsten Bauplätze strich, gemahnte ihn an das Getöse der plaudernden, erregten Menge, das durch die geöffneten Logenthüren von den Korridoren hereindringt und seinen Erfolg verkündet. Und nicht allein Ruhm und Vermögen sollte es ihm einbringen, dies gesegnete Theaterstück, sondern etwas weit Köstlicheres dazu. Deshalb blätterte er auch mit gar so zärtlichen Blicken in den fünf starken, in blauem Umschlag prangenden Heften seines Manuskriptes – Hefte, wie sie die Levantinerin auf ihrem Diwan wahrend der Siesta aufschlug und mit ihrem dramaturgischen Rotstift zeichnete. Als Paul nun gleichfalls zum Tische hintrat, um das Meisterwerk in Augenschein zu nehmen, fiel sein Blick auf ein Frauenporträt in reich verziertem Rahmen, das der Künstler als Schutzengel seiner Arbeit dort angebracht zu haben schien. Elise, ohne Zweifel? Ach nein! André hatte das Recht noch nicht, das Bild seiner kleinen Freundin aus ihrer schirmenden Umgebung zu sich herüberzunehmen. Es war eine sanftblickende, sehr elegante blonde Dame von etwa vierzig Jahren, die Paul eine unwillkürliche Gebärde der Ueberraschung entlockte. »Kennen Sie sie?« fragte Maranne. »Freilich, Frau Doktor Jenkins! Ich war im Laufe des Winters bei ihr geladen.« »Allerdings,« sagte Maranne und setzte dann halblaut hinzu: »Sie ist meine Mutter, in zweiter Ehe mit Doktor Jenkins vermählt. Sie staunen, wie ich merke, und mit Recht, mich in einer so jämmerlichen Lage zu sehen, während doch meine Eltern sich in glänzenden Verhältnissen befinden. Aber Sie wissen ja, solche zufällige Familienbeziehungen führen oft grundverschiedene Charaktere zusammen: mein Stiefvater und ich haben eben nicht miteinander auskommen können. Er wollte durchaus einen Arzt aus mir machen; ich dagegen fand nur an der Schriftstellerei Geschmack, und so hab' ich's denn aus Schonung für meine Mutter für besser gehalten, das Haus zu verlassen, auf jeden Beistand von außen zu verzichten und allein meine Wege zu gehen. Leicht wurde mir es freilich nicht. Vor allem fehlten die Mittel.... Der reiche Teil ist ja dieser – Herr Jenkins. Es hieß demnach, das tägliche Brot verdienen, und Sie wissen wohl, mit welchen Schwierigkeiten das für uns, die sogenannten Gebildeten, verbunden ist. Traurig genug, daß in der Gesamtsumme dessen, was man herkömmlicherweise eine vollständige Erziehung nennt, nur dieses Kinderspiel mir einige Aussicht auf unverzüglichen Erwerb bieten konnte! ... Mein zusammengespartes Taschengeld ermöglichte mir den Ankauf des Unentbehrlichsten, und hier sitze ich nun am Ende der Welt, absichtlich recht weit weg, um meine Eltern nicht in Verlegenheit zu bringen, ... Aber, im Vertrauen gesagt, mit der Photographie werde ich wohl kaum mein Glück machen. Zu Anfang namentlich hatte ich ein Pech ...! Das Geschäft wollte durchaus nicht gehen, und verirrte sich zufällig einmal irgend ein Unglücklicher hierher, so mißlang mir alles, und ich verarbeitete ihn zu einem fahlen verschwommenen Unding, das einem Gespenst ähnlicher sah, als einem Menschengesicht. Eines Tages, in den allerersten Zeiten, kam eine Hochzeit zu mir herauf, die Braut ganz in Weiß, der Bräutigam mit einer Weste ... ungefähr so! und sämtliche Gäste in weißen Handschuhen, die sie absolut mitphotographiert haben wollten, der Seltenheit halber. ... Nein, damals habe ich wirklich geglaubt, ich müßte verrückt werden! Diese schwarzen Gesichter, diese großen weißen Klexe der Kleider, der Handschuhe, der Orangenblüten, die unglückselige Braut, wie eine Mohrenkönigin unter ihrem Kranz, der mit den Haaren verschwamm. ... Und dabei waren sie alle von einem so guten Willen beseelt, so voller Nachsicht für den Künstler. ... Nicht weniger denn zwanzigmal nahm ich sie auf, bis abends fünf habe ich sie hingehalten, und erst bei sinkender Nacht sind sie weggegangen, zum Diner... . Was sagen Sie dazu? Leute, die einen Hochzeitstag in einem photographischen Atelier zubringen! ...« Während André in dieser humoristischen Manier die Bitternisse seiner Existenz erzählte, dachte Paul unwillkürlich an die Auslassungen Felicias über das »Zigeunervolk« zurück, und an alles, was sie damals bezüglich jener mutbeseelten Schwärmer und ihrer selbstquälerischen Opferlust dem Doktor vorgehalten hatte. Er erinnerte sich zugleich an Alines Begeisterung für ihr liebes Paris, das er leider nur in seinen krankhaften Auswüchsen kennen gelernt, und das gerade in seinen verborgensten Winkeln so viel ungeahntes Heldentum, einen so edlen Optimismus beherbergte. Jener Eindruck, den er bereits beim traulichen Schimmer der großen Lampe der Familie Joyeuse empfangen hatte, war vielleicht ein noch tieferer hier, in diesem minder behaglichen, friedlichen Heim, dem die Kunst ein neues Element, das Langen und Bangen zwischen künftiger Verzweiflung oder Herrlichkeit hinzufügte – und mit herzlicher Teilnahme erfüllten ihn jetzt André Marannes Betrachtungen über Elise, über ihre Prüfung, die zu keinem Abschluß kommen wollte, über die Photographie, um die es fast ebenso schlimm stand, und über die peinliche Ungewißheit seiner Lage, eine Ungewißheit, die indessen sicherlich aufhören würde, wenn er nur erst die »Revolte« zur Aufführung gebracht hätte. Ein himmlisches Lächeln auf den Lippen des Dichters begleitete diese Hoffnung, die er schon so oft ausgesprochen, und über die er sich selbst lustig machte, als müsse er den Spott des andern durch Selbstironie entwaffnen. Zehntes Kapitel. Aus den Denkwürdigkeiten eines Büreaudieners. Die Dienerschaft. In Paris dreht sich Fortunas Rad mit wahrhaft rasender Geschwindigkeit! Bei der Territorialkasse habe ich's leibhaftig miterlebt: ungeheizte, nie gekehrte Lokalitäten – die staubige Wüste – Proteste auf jedem Schreibtische – so hoch – dazu allwöchentlich an der Thüre eine Versteigerungsanzeige, das Ganze überduftet vom Bettlerküchendunst meiner Privatmahlzeiten – und jetzt bin ich Augenzeuge eines gänzlichen Umschwunges in unsern neumöblierten Salons, in denen ich von Amts wegen einheize, daß man darin schwitzt wie in einem Mmisterialbüreau, und in denen eine geschäftige Menge unter Pfeifensignalen, elektrischen Glockenzeichen und dem Klirren zusammenstürzender Geldstöße hin und her wogt. Kann so etwas wirklich mit natürlichen Dingen zugehen? Um daran zu glauben, muß ich mich mit eignen Händen betasten, muß mich im Spiegel betrachten mit meinem silberbetreßten stahlgrauen Rock, meiner weißen Halsbinde, meiner Amtskette, genau derselben, wie ich sie als Pedell trug, wenn große Sitzung war. Und diese ganze Umwälzung, die unser aller Stirn mit der Mutter der Eintracht, dem Frohsinn, krönt, die den Wert unsrer Aktien verzehnfacht, die unserm teuren Gouverneur die ihm so ungerechterweise entzogene Achtung und Autorität zurückgibt – das alles hat ein Mensch ... nein, kein Mensch, eine rettende Gottheit, jener überirdische Millionenmann zustande gebracht, den die hundertstimmige Fama den Nabob nennt! Ach! Als er zum erstenmal in unsre Büreaus kam mit seinem stattlichen Wuchs, seinem vielleicht etwas unregelmäßigen, aber doch so distinguierten Gesicht, mit Manieren, wie sie nur einem Liebling der Höfe eigen sind, der mit allen Fürsten des Orients auf du und du steht, kurzum, mit jenem unaussprechlichen, großartigen Selbstvertrauen, das ein unermeßliches Vermögen dem Sterblichen verleiht – o, da habe ich gefühlt, wie mir das Herz unter der Doppelreihe meiner Westenknöpfe zusammenschmolz! Was andre auch in noch so schönen Worten von Gleichheit und Verbrüderung sagen mögen, es gibt doch Menschen, die alles dergestalt überragen, daß man sich ihnen platt zu Füßen legen und noch nicht dagewesene Ausdrücke der Verehrung erfinden möchte, um sich ihnen bemerkbar zu machen. Ich muß indessen ungesäumt beifügen, daß ich dergleichen nicht nötig hatte, um vom Nabob beachtet zu werden. Da ich mich, als er herantrat, sehr ergriffen, aber immerhin würdevoll, wie es mir, Passajou, nicht anders zuzutrauen ist, von meinem Sitz erhob, schaute er mich lächelnd an und that gegen seinen jugendlichen Begleiter die halblaute Aeußerung: »Ein prächtiger Kopf, der reine ...« und dann kam ein Wort, das mir entging, ein Wort auf ... kater: Kater kurzweg kann es nicht geheißen haben, denn ich sehe doch nicht aus wie ein Kater; vielleicht war es Abd el Kader, wiewohl ich dem Sinn dieser Anspielung nicht auf den Grund kommen kann... Doch, wie dem auch sei, daß er meinen Kopf prächtig fand, steht fest, und diese wohlthuende Kritik erfüllte mich mit Stolz. Auch sind jetzt die Herren alle in ihrem Umgang mit mir so leutselig, so höflich. ... Im Verwaltungsrat ist meine Person offenbar der Gegenstand einer längeren Debatte gewesen: ob ich bleiben oder den Abschied bekommen solle, wie unser Kassierer, dieser griesgrämige Patron, der immer davon sprach, andre Leute »ins Zuchthaus stecken zu lassen«, und der nun sehen kann, wo er seine filzigen Papierkragen zurechtstutzen mag. Geschieht ihm recht! Er soll sich seine Flegeleien nur abgewöhnen. Was mich betrifft, so hat sich der Herr Gouverneur gütigst herbeigelassen, in Anbetracht meines langjährigen Diensteifers bei der Territorialen und anderswo, meine etwas gereizten Aeußerungen zu vergessen, und hat beim Weggehen aus der Sitzung mit seiner wohlklingenden Stimme zu mir gesagt: »Sie, Passajou, bleiben uns erhalten.« Ich bin natürlich überglücklich gewesen und habe meiner Erkenntlichkeit in beredten Worten Luft gemacht. Man bedenke nur, wie nahe mir's stand, mit meinen paar Groschen, ohne Hoffnung auf weiteren Erwerb von dannen ziehen und mich in meinem abgelegenen kleinen Weingarten von Montbars begraben zu müssen, was doch ein gar zu beschränkter Wirkungskreis gewesen wäre für einen Mann, der sich einmal inmitten der Pariser Geldaristokratie und jener Schachzüge der Börse bewegt hat, mit denen man sich ein Vermögen zusammenspielt. Statt dessen sitze ich nun wieder in einer glänzenden Stellung, in funkelnagelneuen Kleidern, und habe meine Ersparnisse, nachdem ich meine Blicke einen ganzen Tag über daran geweidet, neuerdings der Fürsorge des Gouverneurs anvertraut, der sie mir nutzbringend anlegen will. Der hat den Rummel los, unser Gouverneur, und jetzt kann ich auch vollkommen ruhig sein, denn der Aengstlichste unter uns braucht nur nachzusprechen, was bei jeder Sitzung des Verwaltungsrates, bei jeder Generalversammlung der Aktionäre, was an der Börse, auf den Boulevards, mit einem Wort, überall zu sagen an der Tagesordnung ist: »Der Nabob ist bei dem Unternehmen beteiligt.« Das füllt die Kasse bis an den Rand und macht die schlimmste »Combinazione« zu einer vortrefflichen. Er ist ja so reich, dieser Nabob, so reich, daß es nicht mehr zu glauben ist: hat er doch dem Ben von Tunis bar hingezahlte fünfzehn Millionen geliehen – sage fünfzehn Millionen, und zwar lediglich um den beiden Hemerlingues einen Possen zu spielen, die ihn mit jenem Regenten entzweien und ihm das Gras unter den Füßen abschneiden wollten in jenen gesegneten Gefilden des Orients, wo dasselbe in goldenen Halmen so dicht in den Himmel wächst. Durch einen alten Türken aus meiner Bekanntschaft, den Oberst Brahim, der mit zum Verwaltungsrat der Territorialen gehört, ist das Geschäft zustande gekommen. Der Bey, dem aller Wahrscheinlichkeit nach das Taschengeld ausgegangen war, hat, wie natürlich die Dienstfertigkeit des Nabobs sehr hoch angeschlagen und ihm soeben durch Brahim ein Dankschreiben zugeschickt, das die Mitteilung enthält, er werde bei Anlaß, seiner bevorstehenden Badereise nach Vichy, zwei Tage bei Herrn Jansoulet zubringen, in jenem schönen Schloß von Saint-Romans, das auch vom frühern Bey, dem Bruder des jetzt regierenden, bereits mit einem Besuche beehrt worden. Und das ist weiter keine Ehre? ... Einen Herrscher bewirten zu dürfen? ... Nun denke man sich die Wut der beiden Hemerlingues, die so eifrig darauf losgearbeitet hatten, der Sohn in Tunis und der Vater in Paris, um den Nabob in Ungnade zu bringen! ... Allerdings sind fünfzehn Millionen auch ein hübsches Stück Geld. Und man wende nur ja nicht ein, daß ich, Passajou, etwa aufschneide: die Persönlichkeit, die mir diese Thatsachen erzählt, hat den Brief des Beys in Händen gehabt; er lag in einem Umschlag von grüner Seide mit dem königlichen Siegel, und wenn besagte Persönlichkeit ihn nicht gelesen hat, so ist einzig und allein der Umstand daran schuld gewesen, daß der Brief mit arabischen Buchstaben geschrieben war; sonst hätte sie ebenso gut Kenntnis davon genommen, wie von der ganzen übrigen Korrespondenz des Nabobs. Besagte Persönlichkeit ist nämlich des Nabobs Kammerdiener, Herr Noël, dem ich vergangenen Freitag bei einer kleinen Bediensteten-Soiree, die derselbe für seine nähere Umgebung veranstaltete, vorgestellt zu werden die Ehre hatte. Den Bericht über dieses Fest trage ich hiermit in meine Denkwürdigkeiten ein, als eins der merkwürdigsten Erlebnisse meines vierjährigen Aufenthaltes in Paris. Als mir die Sache durch Monpavons Kammerdiener, Herrn Francis, zu Ohren kam, glaubte ich anfangs, es handle sich um einen jener heimlichen Kneipabende, die zuweilen in den Mansarden unsres Boulevards stattfinden, wo man, auf Koffern herumsitzend, voller Gewissensangst zu gestohlenem Wein die von Fräulein Seraphine und den andern Köchinnen des Hauses heraufgeschafften Brocken hinunterschlingt, beim Schein von zwei Kerzen, die, sowie sich das kleinste Geräusch auf der Treppe vernehmen läßt, schleunigst ausgeblasen werden. Dergleichen Heimlichkeiten vertragen sich nicht mit meinem Charakter. Statt dessen erhielt ich aber, wie zu einem Herrschaftsballe, folgende sehr schön geschriebene Einladung auf rosa Papier: »Her Noël bietet Herren Passajou, Ihm zu seiner Soree vom 25. die ere zu Schönken. P.S. es wird Suppiert.« Trotz der mangelhaften Orthographie wurde mir sofort klar, daß es sich hier um etwas Ernsthaftes, Erlaubtes handele. Ich warf mich demnach in meinen neuesten Rock, in meine feinste Wäsche und verfügte mich, nach Angabe des Einladungsschreibens, in das Haus Nr. 12 am Vendomeplatz. Herr Noël hatte sich für dieses Fest absichtlich einen Abend ausgesucht, an dem die große Welt wie ein Mann einer ersten Aufführung in der großen Oper beiwohnte, ein Umstand, welcher dem gesamten Dienstpersonal bis Mitternacht freie Hand ließ. Wiewohl wir über das ganze Haus verfügen konnten, hatte unser Wirt dennoch vorgezogen, uns oben in seinem Zimmer zu empfangen, was ich vollkommen billigte, denn wie der gute Lafontaine, so danke auch ich in solchen Fällen für ein Vergnügen, »das getrübt wird durch die Furcht«. Und solche Dachräume wie die am Vendomeplatz konnte man sich, weiß Gott, gefallen lassen! Ueber den Fliesboden war ein Filzteppich gebreitet; das Bett stand in einem Alkoven, den ein rotgestreifter algerischer Vorhang den Blicken entzog; auf dem Kamin prangte eine Pendüle mit grüner Marmorgruppe, und zwei schöne Lampen beleuchteten das Ganze. Herr Chalmette, unser Dekan in Dijon, hatte keine elegantere Wohnung. – Etwa um Neune brachte mich der alte Francis des Herrn von Monpavon hin, und ich muß bekennen, daß mein Eintritt allgemeines Aufsehen erregte, sintemal mir der Ruf meiner akademischen Vergangenheit, sowie auch meiner höflichen Manieren und meiner gründlichen Kenntnisse vorauseilte, wobei mein einnehmendes Aeußere noch ein übriges that, denn das muß man mir schon lassen, ich weiß zu repräsentieren. Herr Noël, der im schwarzen Frack, mit seiner dunklen Hautfarbe und den Bartkoteletten höllisch fein aussah, kam uns entgegen. »Seien Sie mir willkommen, Herr Passajou,« sagte er zu mir. Dann nahm er mir meine Dienstmütze mit silberner Borte ab, die ich, wie es die Sitte heischt, beim Eintreten in der rechten Hand trug, und hielt sie einem kolossalen Mohren in roter und goldner Livree hin: »Da, Achmed, nimm das ... und das,« fügte er scherzweise hinzu, indem er ihm einen Fußtritt auf einen gewissen Körperteil versetzte. Nachdem über diesen witzigen Einfall sehr gelacht worden, entspann sich ein gemütliches Gespräch. Wirklich ein lieber Mensch, dieser Noël, mit seinem südlichen Accent, seinem sicheren Auftreten und seinem kurz angebundenen, einfachen Wesen. Er hat etwas vom Nabob, die distinguierten Manieren natürlich abgerechnet. Ueberhaupt habe ich an jenem Abend die Beobachtung gemacht, daß derlei Aehnlichkeiten bei Kammerdienern häufig vorkommen, da dieselben mit ihrem Herrn, der ihnen immer mehr oder weniger als Ideal vorschwebt, so viel verkehren, daß sie sich schließlich einen Teil seiner Absonderlichkeiten und Angewöhnungen aneignen. Wenn, zum Beispiel, Herr Francis sich der ganzen Breite nach in die Brust wirft und jeden Augenblick einen Arm aufhebt, um seine Manschetten zurechtzuziehen, so gleicht er Monpavon wie ein Ei dem andern. Einer, der indessen seinem Herrn nicht ähnlich sieht, das ist Joë, Dr . Jenkins' Kutscher. Hier nenne ich ihn Joe, aber dort nannten sie ihn alle Jenkins, denn in diesen Gesellschaftskreisen legt sich das Stallpersonal gegenseitig den Namen der Herrschaft bei und tituliert sich kurzweg Bois-Landry, Monpavon und Jenkins. Soll der Dienstgeber dadurch erniedrigt, oder der Dienstbote erhöht werden? Jedes Land hat eben seine besondren Gebräuche, an denen bloß ein Dummkopf Anstoß nehmen kann. Aber um auf jenen Joë Jenkins zurückzukommen, wie ist es nur möglich, daß ein so charmanter und in jeder Beziehung musterhafter Mann wie der Doktor eine solche Porter- und Gin-Bestie in seinem Dienste duldet, die sich stundenlang schweigend volltrinkt und dann, sowie die Getränke ihre Wirkung thun, zu randalieren anfängt und einen jeden niederboxen will, wie dies aus dem skandalösen Zwischenfalle zu entnehmen ist, der sich kurz vor unsrem Erscheinen zugetragen hatte. Der kleine Groom des Marquis, Tom Bois-Landry, wie sie ihn hier nennen, hatte sich nämlich dem ungeschlachten Irländer gegenüber einen harmlosen Scherz erlaubt, den dieser mit einem furchtbaren Belfaster Faustschlag mitten ins Gesicht des Pariser Gelbschnabels erwiderte. »Vierbeinige Wurst? Ich eine vierbeinige Wurst?« wiederholte der Kutscher, vor Wut fast erstickend, indessen sein schuldloses Opfer ins Nebenzimmer getragen wurde, wo die Damen demselben kalte Umschläge auf die Nase applizierten. Doch über ein kurzes hatte sich der Sturm wieder gelegt, sowohl infolge unsres Erscheinens, wie auch der weisen Ermahnungen Herrn Barreaus, eines bejahrten Mannes, dessen gesetztes, würdevolles Wesen mich an mich selber erinnert. Herr Barreau ist des Nabobs Koch, ein früherer Chef de cuisine des Café anglais , den Cardailhac, der Direktor des Nouveauté Theaters, seinem Freunde zugeführt hat. Wie er so dastand, im Frack und in der weißen Halsbinde, mit seinem schönen, vollen, glattrasierten Gesichte, hätte man ihn für einen der großen Würdenträger des Reiches halten können. Freilich, in einem Hause, wo jeden Mittag, das Dejeuner der gnädigen Frau nicht einmal mit eingerechnet, für dreißig Personen gedeckt, und wo alles nur mit extrafeinen Leckerbissen abgespeist wird, da ist ein Koch etwas andres als ein gewöhnlicher Rindfleischabsieder. Er bezieht eine Oberstengage und bei freier Station obendrein seine Sporteln; und was die ausmachen in so einem Hause, davon hat man gar keinen Begriff. Auch behandelte ihn jedermann respektvoll und mit der Rücksicht, die ein Mensch in solcher Stellung beanspruchen darf, »lieber Herr Barreau« hinten, »lieber Herr Barreau« vorn – denn man bilde sich nur ja nicht ein, daß die Dienstboten eines großen Hauses alle du und du miteinander sind: nirgends wird die Rangordnung pünktlicher eingehalten. So habe ich bei Herrn Noëls Soirée recht wohl gemerkt, daß weder die Kutscher mit den Stallknechten wie mit ihresgleichen verkehrten, noch die Kammerdiener mit den Lakaien und Jägern, gerade wie der Silberbewahrer und der Haushofmeister sich von dem gewöhnlichen Küchenpersonale fernhielten. Auch war es ein Vergnügen, den diensteifrigen Beifall mit anzusehen, der jedem noch so unscheinbaren Witz des Herrn Barreau von seiten seiner Untergebenen gezollt wurde. Nicht daß ich an dergleichen etwas auszusetzen fände: o nein! Ich halte es im Gegenteil mit unserm Dekan, der zu sagen pflegte, eine Gesellschaft ohne Rangordnung sei ein Haus ohne Treppe, und habe die Sache nur erwähnt, weil sie mir in diese meine Denkwürdigkeiten hinein zu gehören scheint. Die Soirée erfreute sich, wie ich wohl nicht eigens zu versichern brauche, ihrer vollen Pracht erst bei der Rückkehr ihrer schönsten Zierde, der Damen, die Tom Bois-Landry in die Kur genommen hatten: Kammerzofen mit glänzenden, pomadisierten Frisuren, Wirtschafterinnen in reichbebänderten Hauben, Negerweiber, Kinderfrauen – kurzum, eine brillante Gesellschaft, in der ich mir sofort eine sehr angesehene Stellung verschaffte, sowohl durch mein ehrbares Betragen, wie auch durch das Prädikat »Onkel«, mit dem mich die jüngeren unter diesen liebenswürdigen Personen auszuzeichnen so freundlich waren. Die seidenen Kleider, die Spitzen sahen zwar nicht zum frischesten aus, der Samt war etwas spiegelig, die achtknöpfigen Handschuhe mehrfach gewaschen und die Parfüms waren offenbar vom Putztische der Gnädigen gegrapst – aber auf den Gesichtern malte sich die Zufriedenheit; jedermann war nur darauf bedacht, sich zu unterhalten, und bald hatte ich mich in einem recht lustigen kleinen Winkel festgesetzt, in allen Ehren, versteht sich, wie es einem Manne von meinem Schlage geziemt. Ueberhaupt herrschte bei dieser Soirée im großen und ganzen ein solider Ton; bis gegen Ende der Mahlzeit vernahm ich keine jener unschicklichen Redensarten oder skandalösen Geschichten, an denen unsre Herren vom Verwaltungsrate so viel Wohlgefallen finden, und ich darf, um nur dies eine Beispiel herauszugreifen, mit einiger Genugtuung die Thatsache feststellen, daß Bois-Landry, der Kutscher, ein anständigerer Mensch ist, als Bois-Landry, der Herr. Nur Herr Noël stach etwas ab durch sein burschikoses Wesen und seine sprudelnde Schlagfertigkeit. Ein Blatt nimmt der nicht vor den Mund, wenn es die Dinge beim rechten Namen zu nennen gilt. »Du Francis,« rief er zum Exempel ganz laut von einem Ende des Salons bis zum andern hinüber, »dein alter Spitzbube hat uns diese Woche wieder einmal schön übers Ohr gehauen!« Da Francis hierauf Miene machte, seine gekrönte Würde herauszukehren, fing Herr Noël zu lachen an: »Nichts für ungut, alte ... Der Geldschrank kann's aushalten. Ihr werdet ihn doch nie leer pumpen.« Und bei dieser Gelegenheit hat er uns die von mir bereits erwähnte Geschichte von dem Fünfzehn-Millionen-Darlehen erzählt. Unterdessen wollte es mich nachgerade doch wunder nehmen, daß für jenes Souper, welches die Einladungskarten in Aussicht gestellt hatten, noch immer keine Vorbereitungen getroffen wurden, aber eine meiner reizenden Nichten, der ich meine Besorgnis darüber im Flüstertone mitteilte, gab mir zur Antwort: »Man wartet noch auf Herrn Louis.« »Auf Herrn Louis?« »Was? Sie kennen Herrn Louis nicht, den Kammerdiener des Herzogs von Mora?« Und nun erteilte man mir nähere Auskunft über diese einflußreiche Persönlichkeit, um deren Protektion Präfekten, Senatoren, ja sogar Minister sich bewarben – jedenfalls eine recht gepfefferte Protektion, weil Herr Louis bei einem fixen Gehalt von zwölfhundert Franken fünfundzwanzigtausend Franken Renten zusammengespart hat, seine Töchter im Sacré-Coeur und seinen Sohn im Collège Bourdaloue erziehen läßt, und obendrein eine kleine Villa in der Schweiz besitzt, wo die ganze Familie ihre Ferienzeit zubringt. Kurz darauf hielt er seinen Einzug; aber sein Aeußeres hätte keineswegs auf eine Stellung schließen lassen, die in Paris einzig in ihrer Art war: in der ganzen Erscheinung von Erhabenheit keine Spur; ein bis zur Halsbinde in seine Weste eingeknüpfter schmächtiger Mensch mit frechem Gesichte und einer Sprechweise, deren Eigentümlichkeit darin bestand, daß er kaum die Lippen bewegte, was eine große Rücksichtslosigkeit ist gegen die, welche einem zuhören sollen. Er begrüßte die Versammlung mit einem leichten Nicken des Kopfes, reichte Herrn Noël den einen Finger, und noch starrten wir, ganz verblüfft von diesem hochfahrenden Auftreten, einander an, als plötzlich im Hintergrunde eine Thüre aufging und wir den von zwei flammenden Kandelabern beleuchteten Tisch voll ausgesuchter kalten Fleischspeisen, Obstpyramiden und Flaschen jeder Façon erblickten. »Die Damen zu Tische führen, meine Herren!« rief unser Wirt. So war denn binnen einer Minute alles in schönster Ordnung: die ältesten oder Behäbigsten unter uns hatten sich zu den Damen hingesetzt; die übrigen standen herum, aufwartend, plaudernd, aus allen Gläsern trinkend und von allen Tellern etwas wegschnappend. Mein nächster Nachbar war Herr Francis, und ich kam ihm gerade recht, um die Ausfälle seines Grolles auf Herrn Louis anzuhören; er beneidete diesen nämlich um seine schöne Stelle, neben welcher seine eigne bei dem abgehausten Marquis doch ziemlich untergeordnet erschien. »Der reine Parvenu,« flüsterte er mir ins Ohr. »Verdankt alles seiner Frau, der Madame Paul.« Diese Madame Paul, die nun schon seit zwanzig Jahren beim Herzog Wirtschafterin ist, soll sich nämlich wie keine zweite mehr auf die Zubereitung einer gewissen Salbe für ein kleines Gebrechen Moras verstehen, und aus diesem Grunde ist sie ihm unentbehrlich. Herr Louis hat also in Anbetracht dessen der alten Dame die Cour gemacht, hat sie, wiewohl er viel jünger ist als sie, geheiratet; und um seiner barmherzigen Schwester mit ihrer Salbe nicht verlustig zu gehen, hat die Excellenz den Herrn Gemahl als Kammerdiener zu sich genommen. Trotzdem ich Herrn Francis zu Gefallen redete, fand ich die Sache eigentlich ganz in der Ordnung und der gesundesten Moral entsprechend, sintemal der Bürgermeister und der Herr Pfarrer Amen dazu gesagt hatten. Auch war ich so wie so infolge der köstlichen Mahlzeit mit all ihren seinen und äußerst kostspieligen Speisen, die ich nicht einmal dem Namen nach kannte, nachsichtig gestimmt und gut gelaunt. Diese Gemütsstimmung war indessen keine allgemeine, denn mir gegenüber ließ sich der grollende Herr Barreau in seinem Brummbaß also vernehmen: »Ich möchte wirklich wissen, was ihn das angeht? Stecke denn ich etwa die Nase in seine Dienstangelegenheiten hinein? Und dann, wenn sich jemand drein zu mischen hätte, so wäre es Bompain, und nicht er. Und überhaupt, was ist denn so Besondres los? Was wird mir vorgeworfen? Jeden Morgen schickt mir der Metzger fünf Körbe mit Fleisch. Davon verwende ich bloß zwei und lasse mir das übrige wieder von ihm abkaufen! Ja, wo ist denn der Küchenchef zu finden, der's nicht so hält? Da thäte dieser Mensch doch wahrhaftig besser daran, auf die großartige Stoffvergeudung im ersten Stock sein Augenmerk zu richten, anstatt in meinem Souterrain herumzuschnüffeln. Wenn ich bedenke, daß droben in drei Monaten achtundzwanzigtausend Franken in Cigarren verraucht worden sind. ... Fragen Sie nur Noël, ob's gelogen ist! ... Und oben im zweiten Stock, bei der Gnädigen, da ist erst ein rechtes Durcheinander von Weißzeug und von Kleidern, die man ein einziges Mal getragen und dann beiseite geworfen hat, von herumfahrenden Juwelen und von Perlen, die am Fußboden zertreten werden. ... Aber nur Geduld! Ich will ihm schon kommen, dem Gelbschnabel!« Es handelte sich hier offenbar um Herrn von Géry, des Nabobs jungen Sekretär, der bei der Territorialen häufig vorspricht und dann immer in allen Büchern herumstöbert. Ein exquisit höflicher Mensch, das muß man ihm lassen, nur zu stolz, um sich ins rechte Licht zu setzen. Um den ganzen Tisch herum ist sofort ein wahrer Sturm von Verwünschungen über ihn losgebrochen, und Herr Louis selber hat bei dieser Gelegenheit mit seiner gewohnten Gönnermiene das Wort ergriffen: »Bei uns, lieber Herr Barreau, ist dem Koch ganz vor kurzem eine ähnliche Geschichte mit dem Kabinettschef Seiner Excellenz passiert, der sich erlaubt hatte, ihm einige Bemerkungen über die Tafelausgaben zu machen. Unser Koch, nicht faul, steigt, wie er eben geht und steht, zum Herzog hinauf, stemmt die Hand in den Bund seiner Küchenschürze und sagt: ›Excellenz mögen zwischen dem Herrn und mir wählen!‹ Der Herzog war kurz entschlossen. Kabinettschefs laufen zu Dutzenden herum; die guten Küche aber lassen sich zählen, es sind im ganzen ihrer vier hier in Paris – Sie natürlich mitgerechnet, lieber Barreau – und so haben mir denn unserm Kabinettschef den Laufpaß gegeben, mit einer Präfektur erster Klasse als Entschädigung; unsern Küchenchef aber haben wir behalten.« »Das ist es ja eben,« sagte Barreau, von der Erzählung dieses Vorfalls hingerissen: »Das ist das Schöne daran, bei einem Kavalier zu dienen! Aber was wollen Sie? Emporkömmlinge sind einmal Emporkömmlinge. ...« »Und Jansoulet ist ein Emporkömmling, weiter nichts,« setzte Herr Francis hinzu, indem er seine Manschetten zurechtzog. »Ein Mensch, der in Marseille Kornsäcke trug! ...« Jetzt loderte aber Herr Noël auf: »Gemach, alter Schwede! Ihr seid doch gar froh an ihm, wenn er euch eure gottverdammten Spielschulden zahlt, der Mann mit den Kornsäcken! ... Kannst sie mit der Laterne suchen, die Emporkömmlinge von unserm Schlag, die Königen Millionen leihen und von Kavalieren wie Mora ohne Bedenken zu Tisch geladen werden! ...« »Aber nur auf dem Lande!« fiel Herr Francis mit höhnischem Lachen ein, wobei sein einziger noch übriger Vorderzahn zum Vorschein kam. Hierauf stand der andre vom Tische auf, ganz rot im Gesichte, und war im Begriffe, ernstlich böse zu werden; aber Herr Louis winkte ihm zu, als wolle er eine Rede halten, und sofort nahm Herr Noël wieder Platz und spitzte die Ohren wie wir alle, um von den erhabenen Worten nur ja keins zu überhören. »Allerdings,« begann der Gefeierte in seinem nachlässigen Flüstertone, indem er hin und wieder aus seinem Weinglase nippte, »allerdings haben wir vorige Woche den Nabob in Grandbois empfangen. Es hat sich damals sogar etwas recht Drolliges zugetragen. In unserm hinteren Park gibt es nämlich viele Schwämme, und Seine Excellenz vertreiben sich oft die Zeit damit, welche zu sammeln. Nun wird beim Diner eine große Schüssel mit Champignons serviert. Geladen war ... Dingsda ... na, wie heißt er denn gleich? ... Ach ja! Der Minister des Innern, Marigny, Monpavon und Ihr Herr, lieber Noël. Die Champignons werden herumgereicht – sahen auch recht appetitlich aus – und jeder nimmt davon eine schöne Portion auf seinen Teller, nur der Herr Herzog nicht, der sie schlecht verdaut und sich, der Form halber, entschuldigen zu müssen glaubt: ›Legen Sie mir's ja nicht aus, als ob ich etwa Mißtrauen hätte! ... Gefahr ist gewiß keine dabei, denn ich habe sie mit eigner Hand gesammelt.‹ »›Teufel auch!‹ meint Monpavon lachend, ›nach diesem Geständnis, lieber Henri, werden Sie mir wohl gestatten, auf den Genuß zu verzichten.‹ »›Aber, Monpavon, wo denken Sie hin?‹ sagt der weniger intime Marigny mit einem schiefen Blick auf seinen Teller. ›Sie sehen vollkommen unschuldig aus, diese Champignons; mir dürfen Sie's glauben und es thut mir wirklich leid, daß ich nicht mehr bei Appetit bin.‹ »›Und Sie, Herr Jansoulet,‹ beginnt jetzt der Herzog, der ein ganz ernstes Gesicht machte, ›Sie werden mir doch nicht auch einen Korb geben, will ich hoffen ... Champignons, die ich selber ausgesucht habe! ...‹ »›O Gott bewahre, Excellenz! ... Ich greife blindlings zu.‹ »Ein guter Anfang, das muß ich sagen, für den armen Nabob, der zum erstenmale bei uns speiste! Duperron, der ihm gegenüber servierte, hat's uns im Bedientenzimmer erzählt. Nichts muß komischer gewesen sein, als mit anzusehen, wie Jansoulet mit rollenden, entsetzten Augen seine Champignons hinunterschlang, während ihm die andern, ohne ihren Teller zu berühren, neugierig zuschauten. Dem Unglücklichen brach der Schweiß darüber aus! Und was noch das Beste an der Sache ist, er hat, ja, er hat den Mut gehabt, eine zweite Portion zu verzehren. Allerdings schüttete er zu jedem Bissen ein Glas Wein in sich hinein, wie ein Maurer. ... Aber meine Herrschaften, von einer ernsteren Seite angesehen war dieses Verfahren ein äußerst pfiffiges, und jetzt nimmt es mich auch nicht mehr wunder, daß sich dieser dicke Ochsentreiber bei regierenden Fürsten in Gunst gesetzt hat. Er weiß, wo man sie anfassen muß, nämlich bei jenen kleinen Liebhabereien, auf die man sich etwas zu gute thut, ohne es eingestehen zu wollen. ... Genug, seit jenem Diner thut der Herzog wie närrisch mit ihm.« Diese kleine Geschichte wirkte sehr erheiternd und verscheuchte die Wolken, die eine unbedachte Aeußerung heraufbeschworen hatte. Und nun, da der Wein die Zunge löste und man auch näher bekannt geworden war, legte man die Ellenbogen ganz ungeniert auf den Tisch, diskutierte über die Herrschaften, die jetzigen und die früheren, und gab seine drolligen Beobachtungen zum besten. O, was habe ich da nicht alles zu hören bekommen, und wie wunderliche Haushaltungen habe ich an mir vorbeidefilieren sehen! Natürlich habe auch ich einen kleinen Knalleffekt erzielt mit meiner Speisekammer bei der Territorialen, zur Zeit, wo ich meine paar Brocken im leeren Geldschrank aufbewahrte, was unsern alten, immer an der Form festhaltenden Kassierer nicht verhinderte, jeden andern Tag die Chiffern des Verschlusses umzusetzen, als hätte er alle Schätze der Staatsbank zu hüten gehabt. Selbst Herr Louis schien an dieser meiner Geschichte einiges Wohlgefallen zu finden. Das Staunenswerteste aber war, was uns der kleine Bois-Landry in seinem Pariser Gassenjungenjargon über die Verhältnisse seiner Herrschaft berichtet hat, – Marquis und Marquise von Bois-Landry, Boulevard Haußmann zweite Etage: ein Mobiliar wie in den Tuilerieen, blaue Atlasdraperieen an allen Wänden, dazu chinesische Nippsachen, Gemälde, Kunstgegenstände bis auf den Vorplatz hinaus, die reine Weltausstellung, und eine Bedienung aus dem ff, sechs Lakaien in kastanienbrauner Winter- und nankinggelber Sommerlivrée. Diese Leute machen alles mit, Festlichkeiten bei Hofe, Pferderennen, erste Aufführungen, Gesandtschaftsbälle, und werden regelmäßig in den Zeitungen erwähnt mit einer kleinen Bemerkung über die schönen Toiletten der gnädigen Frau und den verblüffenden »Chic« des gnädigen Herrn. ... Aber hast du's gehört! das ist alles weiter gar nichts als Larifari, versilbertes Blech, Schwindel, und wenn der Marquis ein Fünffrankenstück braucht, so würde es ihm kein Mensch gegen eine Hypothek auf seine Besitzungen borgen. Das Mobiliar ist auf vierzehntägige Kündigung bei Fitily, dem Tapezier der Kokotten, gemietet. Die Bilder und Antiquitäten gehören dem alten Schmalbach, der seine Kunden hinschickt und die Sachen doppelt so teuer verkauft, weil man ja bei einem Marquis und Kunstfreund immer nur feste Preise voraussetzt. Die Toiletten der Marquise werden ihr für jede Saison von den Modistinnen und Kleidermacherinnen auf Pump geliefert, um die neuen Moden in Schwung zu bringen, die sich zwar oft ein wenig verrückt ausnehmen, aber denen sich die große Welt nichtsdestoweniger fügt, weil die Gnädige noch immer eine schöne Erscheinung ist und für einen Ausbund von Eleganz gilt. Und endlich die Lakaien? Die sind, wie das Ganze, provisorisch und werden alle acht Tage umgetauscht, wie es gerade den Dienstvermittelungsagenturen beliebt, die ihre Neulinge dort einem Vorbereitungsprozeß für ernstgemeinte Stellen unterwerfen. Wer weder einen Gewährsmann noch Zeugnisse aufzuweisen hat, wer aus einer Strafanstalt oder dergleichen hergelaufen kommt, der wird von Glanand, dem bekannten Vermieter aus der Rue de la Paix, nach dem Boulevard Haußmann dirigiert. Dort dient man dann seine acht bis vierzehn Tage ab, worauf einem als Gegenleistung ein gutes Zeugnis vom Marquis ausgestellt wird, der einen natürlich nicht bezahlt und auch kaum nährt, denn in diesem Haushalte bleibt der Küchenherd immer kalt, sintemal die Herrschaft fast jeden Abend zu Tisch geladen ist oder zu Bällen, wo soupiert wird, – Ja, es ist thatsächlich erwiesen, daß es in Paris Leute gibt, für die das Buffett eine Lebensfrage bildet und die ihre erste Mahlzeit erst nach Mitternacht einnehmen. So sind z. B, Bois-Landrys in der Büffettkunde sehr bewandert und könnten jedem die Auskunft erteilen, daß man im österreichischen Gesandtschaftshotel sehr gut speist, daß die spanische Gesandtschaft ihren Keller etwas vernachlässigt, und daß man im Ministerium des Auswärtigen immer noch die besten Geflügelpasteten bekommt. Und so wirtschaftet dieses Ehepaar weiter. Es ist nichts an den beiden, was niet- und nagelfest wäre, alles bloß zu Faden geschlagen oder mit Stecknadeln angeheftet. Beim ersten Windstoß stiebt der ganze Plunder auseinander. Aber dafür haben sie wenigstens die Gewißheit, nichts verlieren zu können, und eben das gibt dem Marquis jene schwadronierende Zuversicht, mit der er, die Hände in den Hosentaschen, in die Welt hinausschaut, als ob er sagen wollte: »Nun, was weiter? Wer kann mir etwas anhaben?« Und die bezeichnete Haltung annehmend, kopierte der kleine Groom mit seinem greisen- und lasterhaften Kinderkopf seinen Herrn so täuschend, daß ich ihn leibhaftig vor Augen zu haben glaubte, mitten in unserm Verwaltungsrat, vor den Gouverneur hingepflanzt, um ihn mit seinen cynischen Witzen in Grund und Boden zu bohren. Aber gleichviel, das muß man Paris schon lassen, daß es ganz verteufelt großstädtisch ist, weil man fünfzehn, zwanzig Jahre so drin leben kann, von Kniffen, Scheinmanövern und Spiegelfechtereien und dabei nicht einmal von aller Welt durchschaut wird, ja sogar noch wie ein Sieger in alle Salons einzieht hinter dem dröhnend vorausposaunten Namen: der Herr Marquis von Bois-Landry! O, es ist erstaunlich, wie man bei einer Dienstbotensoirée seine Kenntnisse bereichern kann und wie kurios sich die Pariser Gesellschaft ausnimmt, so von unten, von den Küchensouterrains aus betrachtet! Man muß wahrhaftig dabei gewesen sein, um's zu glauben. So hab' ich zum Beispiel, während ich zufällig zwischen Herrn Francis und Herrn Louis dastand, folgendem Bruchstück einer vertraulichen Unterhaltung über den sehr edlen Herrn von Monpavon zugehört: »Es ist doch unrecht von euch, Francis!« sagte Herr Louis. »Da ihr gegenwärtig bei Kasse seid, solltet ihr die Gelegenheit ergreifen und dem Fiskus die Summe zurückerstatten.« »Ja, was wollen Sie,« entgegnete Herr Francis mit jämmerlicher Miene, »uns zehrt unsre Spielwut rein auf.« »Weiß schon; aber nehmt euch in acht! Wir werden nicht ewig oben bleiben; wir können mit Tod abgehen, können unser Amt niederlegen. Dann wird man euch höheren Ortes zur Rechenschaft ziehen und der Teufel ist los!« Ich hatte schon sehr oft über eine Zwangsanleihe von zweimalhunderttausend Franken murmeln hören, deren sich der Marquis dem Staat gegenüber schuldig gemacht haben soll, als er noch Generaleinnehmer war; aber das Zeugnis seines Kammerdieners fiel noch ganz anders ins Gewicht, als jenes Gerede. ... O, wenn die Herrschaften eine Ahnung davon hätten, was die Dienerschaft von ihnen weiß und was im Bedientenzimmer alles erzählt wird, wenn sie sehen könnten, wie ihr Name dort unter dem Kehricht und den Küchenabfällen herumfährt – sie hätten nicht einmal mehr die Courage, zu sagen, »Jean, machen Sie drüben die Thür zu!« oder: »Jean, lassen Sie anspannen!« Da ist zum Exempel Dr. Jenkins, der die vornehmste Praxis von ganz Paris und seit zehn Jahren auch eine prächtige Frau hat, die von allen Seiten Huldigungen empfängt; alles hat er aufgeboten, um den wahren Sachverhalt zu vertuschen, hat falsche Vermählungsanzeigen herumgeschickt, hat bloß solche Dienstboten bei sich aufgenommen, die als Ausländer kaum drei Worte französisch konnten – aber siehe da! vermittelst dieser drei Worte und einer kleinen pikanten Zugabe von Proletarierflüchen und Faustschlägen auf den Tisch hat uns sein Kutscher Joe, der ihn nicht ausstehen kann, die ganze Geschichte beim Souper klargelegt: »Mit nächstem wird sie ins Gras beißen, die Irländerin nämlich, seine wirkliche Frau. Jetzt fragt sich's, ob er die andre heiraten wird. ... Fünfundvierzig Jahre alt, Mrs. Maranne, und keinen Heller im Vermögen. ... Hat auch nicht wenig Angst, sitzen gelassen zu werden! ... Heiraten – nicht heiraten – ätsch! ätsch! ... Wird was zum Lachen geben! ...« Und je mehr man ihm einschenkte, desto mehr brachte er vor und riß seine Herrin herunter, daß kein guter Fetzen an ihr blieb. Ich, für mein Teil, muß gestehen, daß sie mir leid that, diese falsche Frau Jenkins, die zahllose heimliche Thränen vergießt und bittet und fleht wie ein Opfer vor dem Henker, um schließlich vielleicht doch den Laufpaß zu bekommen, während alle Welt sie für eine verheiratete, respektabel versorgte Dame hält. Die andern wußten bloß darüber zu lachen, namentlich die Weiber. Mein Gott! Wenn man dienen muß, macht es einem eben Spaß, zu sehen, daß es für die Haute-volée auch Demütigungen gibt und Seelenqualen, die den Schlaf verscheuchen. Unsre Tafel bot in diesem Moment den belebtesten Anblick, und alle die heiteren Gesichter waren auf den Irländer gerichtet, der mit seinen Enthüllungen Furore machte. Man beneidete ihn förmlich darum und suchte und wühlte in seinen Erinnerungen nach irgend einer alten Skandalgeschichte, nach Anekdoten von betrogenen Ehemännern, nach jenen intimen Beobachtungen, wie sie zwischen den abgetragenen Schüsseln und den halbleeren Flaschen auf die Küchentische ausgeschüttet werden. In den Köpfen der Gäste fing der Champagner schon an sein Unwesen zu treiben. Joe erbot sich, auf der Tafel einen Nationaltanz auszuführen. Die Damen warfen sich, sobald nur ein einigermaßen lustiges Wort fiel, auf ihren Sesseln zurück, lachten und kicherten hysterisch, als ob sie gekitzelt würden, und ließen ihre gestickten Röcke achtlos in den vom Tische gefallenen Speiseresten schleifen. Herr Louis hatte sich in aller Stille entfernt. Schon wurden die gefüllten Gläser nicht mehr ausgetrunken, und eine von den Wirtschafterinnen hatte sich sogar Wasser in das ihrige eingeschenkt und tauchte ihr Taschentuch ein, um sich die Stirn damit zu kühlen, weil sich, wie sie selbst erklärte, alles mit ihr herumdrehte. Es war hohe Zeit, der Sache ein Ende zu machen, und eben gab uns auch ein schrilles elektrisches Glockenzeichen vom Korridor her die Weisung, daß der dienstthuende Lakai vom Theater zurückgekommen sei, um die Kutscher hin zu beordern. Hierauf brachte Monpavon einen Toast auf den Hausherrn aus, dem er für die hübsche Soirée dankte. Herr Noël erwiderte, daß er in Saint-Romans abermals eine solche zu arrangieren beabsichtigte, wohin bei Anlaß der Festlichkeiten zu Ehren des Beys wohl die meisten der hier Versammelten geladen sein würden. Nun schickte auch ich mich an, das Wort zu ergreifen, denn ich habe schon zu viel Gesellschaftsessen miterlebt, um nicht zu wissen, daß dem Neuesten unter den Anwesenden die Pflicht zufällt, ein Hoch auf die Damen auszubringen. Da wurde plötzlich die Thür aufgerissen, und ein langer Lakai mit einem triefenden Regenschirm in der Hand, über und über mit Kot bespritzt und in Schweiß gebadet, rief atem- und rücksichtslos hinein: »Na wird's bald, ihr Maulaffen allesamt? ... Was lungert ihr noch da herum, wenn ihr doch einmal hört, daß es aus ist mit eurem Jux?« Elftes Kapitel Die Feste des Bey In Südfrankreichs sonnigen Gefilden sind wohlerhaltene Schlösser aus alter Zeit eine Seltenheit. Kaum ragt hier oder dort am Hügelrand eine alte Abtei mit verwitterter Fassade und öden Fensterhöhlen, durch die man nur noch den Himmel steht, empor, ein von der Sonne zu Staub verbranntes Denkmal aus dem Zeitalter der Kreuzzüge oder der Liebeshöfe, ohne menschliche Spur zwischen seinen Steinen, an denen selbst der Epheu nicht mehr klettert, noch der Bärenklau, die nur trockener Lavendel noch umduftet. Inmitten aller dieser Ruinen macht das Schloß von Saint-Romans eine glänzende Ausnahme. Wer im Süden gereist ist, hat es gesehen und wird es nun gleich wiedersehen. Es liegt zwischen Valence und Montélimart, in einer Gegend, wo die Eisenbahn schnurgerade der Rhône entlang läuft, zu Füßen der reichen Hügel von Beaume, von Raucoule, von Mercurol, wo alles mit Rebenanpflanzungen bedeckt ist, die sich bis zum Flusse hinab erstrecken. Die Rhone ist dort grün und voll von Inseln wie der Rhein bei Basel, liegt aber unter einem Sonnenglanze, wie der Rhein ihn nie gesehen hat. Beim Vorverfahren mit dem Eisenbahnzuge, der dort bei jeder Wendung sich jäh in die Rhone stürzen zu wollen scheint, sieht man am andern Ufer Saint-Romans breit vor sich liegen. Sein großartiger Aufbau mit den Rampen, Balustraden und all seinem architektonischen Schmuck, umgeben von einem prachtvollen Park, der Blick durch ungeheure Hagebuchengänge, an deren Ende sich weiße Statuen vom Blau des Himmels abzeichnen – das alles prägt sich trotz der Schnelligkeit der Fahrt unverlöschlich dem Gedächtnis ein. Ganz oben, inmitten weitgedehnter Rasenplätze, deren frisches Grün der sengenden Sonne zu spotten scheint, breitet eine gigantische dunkle Ceder ihre schattenspendenden Aeste aus und erinnert, vor dem alten Herrensitze aus der Zeit Ludwig XIV. stehend, an einen großen Neger, der den Sonnenschirm eines Höflings trägt. Von Valence bis Marseille, in dem ganzen Rhonethal ist Saint-Romans de Bellaigue berühmt wie ein Feenpalast, und diese Oase von Grün und schönem sprudelnden Wasser macht in der That in jenen vom Mistral versengten Landen einen zauberhaften Eindruck. »Wenn ich einmal reich werde, Mama,« sagte Jansoulet als kleiner Junge zu seiner Mutter, die er anbetete, »so will ich dir Saint-Romans de Bellaigue schenken.« Und wie das Leben dieses Mannes der Verwirklichung eines Märchens aus tausend und eine Nacht glich, wie alle seine Wünsche, selbst die wunderlichsten, sich erfüllten, wie seine tollsten Einfälle Gestalt gewannen – so hatte er auch Saint-Romans gekauft, um es seiner Mutter darzubringen, und zwar vollständig neu ausgestattet und in großartigster Weise restauriert. Obgleich das nun schon lange her war, so hatte die brave Frau sich doch noch nicht an diese prächtige Wohnung gewöhnen können. »Es ist der Palast der Königin Jeanne, den Du mir geschenkt hast, mein armer Bernard,« schrieb sie ihrem Sohne, »niemals werde ich mich entschließen können, dort zu wohnen.« Sie wohnte auch in der That niemals dort, sondern quartierte sich in das Haus des Verwalters ein, ein Gartenhaus moderner Bauart, das zur Ueberwachung der Pachtwirtschaft, der Schäfereien und der Oelmühlen ganz am Ende des Besitztumes lag und einen ländlichen Ausblick auf Getreidefelder, Oelbäume und Weinberge bot, die sich bis an den Horizont hinzogen. In dem großen Schlosse wäre sie sich wie eine Gefangene in jenen Zauberwohnungen vorgekommen, wo den Eintretenden mitten in seinem Glück ein hundertjähriger Schlummer überfällt. Hier fand die Bäuerin, die sich nie an dies ungeheure, zu spät, von zu weit her und zu blitzartig gekommene Vermögen hatte gewöhnen können, hier fand sie sich wenigstens mit der Wirklichkeit verknüpft durch das Kommen und Gehen der Arbeiter, die Austrift und die Heimkehr des Viehes und dessen regelmäßige Gänge zur Tränke, durch das ganze gewohnte Landleben, das sie mit dem Hahnenschrei und dem scharfen Gekreische der Pfauen erweckte und sie vor Anbruch der Morgendämmerung über die Wendeltreppe ihres Gartenhauses herablockte. Sie betrachtete sich nur als eine Hüterin dieses prächtigen Gutes, das sie für Rechnung ihres Sohnes verwaltete und ihm in gutem Zustande überliefern wollte an dem Tage, wo er, reich genug und des Lebens bei den »Türken« überdrüssig, seinem Versprechen gemäß kommen würde, um mit ihr im Schatten von Saint-Romans zu wohnen. Und wie waltete sie sorgfältig und unermüdlich! Schon früh morgens in den Nebeln der Dämmerung hörten die Knechte ihre rauhe und heisere Stimme: »Olivier ... Peyrul... Audibert ... auf! ... es ist vier Uhr!« Alsdann eilte sie in die ungeheure Küche, wo die Mägde schlaftrunken die Suppe auf dem hellen, prasselnden Feuer der dicken Holzklötze kochten. Man gab ihr ihren kleinen Teller von Marseiller Steingut, angefüllt mit gesottenen Kastanien, ihr frugales Frühstück, das sie von Jugend auf gewohnt war und niemals durch andres ersetzen wollte. Dann lief sie raschen Schrittes umher, mit dem großen silbernen Schlüsselring am Gürtel, woran alle ihre Schlüssel klimperten, den Teller in der Hand, den Spinnrocken unter dem Arm, denn sie spann den ganzen Tag und unterbrach sich darin nicht einmal, um ihre Kastanien zu essen. Im Vorbeigehen warf sie einen Blick auf den noch in schwarzem Dunkel liegenden Stall, wo die Tiere sich schwerfällig regten und mit ungeduldigen Mäulern an der Krippe schnupperten; und das erste Morgenlicht, das über die Steinmauer des Parkes herüberglitt, fand die alte Frau, trotz ihrer siebzig Jahre, mit der Leichtigkeit eines jungen Mädchens bald hier bald dort geschäftig und thätig. Jeden Morgen überzeugte sie sich aufs neue von dem ungeschmälerten Dasein aller Reichtümer der Besitzung, ungeduldig zu konstatieren, ob die Nacht nicht die Statuen und die Vasen entführt, die hundertjährigen Baumgruppen entwurzelt oder die Quellen verstopft habe, welche sich in ihre hallenden Becken ergossen. Dann zeichnete die volle Mittagssonne noch auf dem Sande einer Allee oder gegen die weiße Mauer einer Terrasse diese lange Frauengestalt ab, wie sie Stücke dürren Holzes aufsammelte oder einen schlecht gewachsenen Zweig des Gebüsches abbrach, unbesorgt um die brennende Sonne, die von ihrer alten Haut wie von den Flächen einer alten Steinbank abprallte. Um diese Zeit zeigte sich auch ein andrer Spaziergänger im Park, der freilich weniger gelenkig und geräuschvoll war, sich mehr schleppte als ging, an die Mauern und Brüstungen sich anklammernd, ein armes, gekrümmtes, schlotterndes und verwachsenes Geschöpf, mit erstorbenen Gesichtszügen, das nie sprach und nur, wenn es müde war, einen kurzen Klageruf ertönen ließ, um den Diener herbeizurufen, der stets in seiner Nähe und ihm behilflich war, sich niederzusetzen oder sich auf eine Stufe hinzukauern, woselbst er dann stundenlang unbeweglich und stumm, mit schlaffem Munde, blinzelnden Augen verweilte, durch die durchdringende Monotonie der Grillen eingelullt, ein Schandfleck der menschlichen Gesellschaft in dieser prachtvollen Umgebung. Dieses Geschöpf war der älteste Sohn, der Bruder Bernards, das Schoßkind von Vater und Mutter, das Ideal, die Intelligenz, die glorreiche Hoffnung der Familie des Nagelschmieds, die, wie so viele andre im Süden dem Aberglauben des Rechtes der Erstgeburt treu anhing und alle erdenklichen Opfer gebracht hatte, um den hübschen, ehrgeizigen Jungen nach Paris zu senden, der mit vier oder fünf Marschallstäben im Koffer sich auf die Reise gemacht hatte, ein Gegenstand der Bewunderung aller jungen Mädchen des Dorfes, und den Paris, nachdem es in seinem großen Bottich diesen glitzernden südländischen Flitter in zehn Jahren geklopft, ausgerungen, gepreßt, mit allen seinen ätzenden Flüssigkeiten gebrannt und in seinem Kote umgewälzt hatte, schließlich in diesem zerfetzten, verwahrlosten und vertierten Zustande wieder ausgespieen hatte, nachdem er seinen Vater durch den ihm bereiteten Kummer unter die Erde gebracht und seine Mutter genötigt hatte, ihr letztes zu verkaufen und vorübergehend in wohlhabenderen Häusern als Magd zu dienen. Gerade in dem Augenblick, als dieser Auswurf der Pariser Hospitäler, durch öffentliche Unterstützung der Heimat wieder zugeführt, dem Flecken St. Andéol wiederum zur Last fiel, gerade in diesem Augenblick war Bernard, er, den man den Junior nannte, wie es in den südlichen halbarabischen Familien Gebrauch ist, wo der ältere stets den Familiennamen annimmt, und der jüngere Sohn offiziell als junior bezeichnet wird, auf dem besten Wege, in Tunis sein Glück zu machen, wovon schon seine regelmäßigen Geldsendungen in die Heimat zeugten. Und nun, welche Gewissensbisse für die arme Mutter, alles, selbst das Leben und das Wohlergehen des unglücklichen Kranken dem robusten und mutigen Jungen danken zu müssen, den der Vater und sie selbst stets ohne Zärtlichkeit geliebt hatten, den man seit seinem fünften Jahre als Tagelöhner zu behandeln sich gewöhnt hatte, weil er sehr stark und zottig war und besser als irgend ein andrer im Hause zu basteln verstand. O, wie gern hätte die Mutter ihren Jüngsten bei sich gehabt, um ihm ein wenig all das Gute, das er ihr erwies, zu vergelten und ihm auf einmal diese Zärtlichkeitsschuld abzutragen, diese mütterlichen Liebkosungen, welche ihm vorenthalten geblieben waren. Aber freilich diese königlichen Reichtümer bringen auch die Bürde, die Widerwärtigkeiten mit, die dem Leben der Könige naturgemäß anhaften. Die arme Mutter Jansoulet, inmitten ihrer glänzenden Umgebung, glich in der That einer wahren Königin, die das jahrelange Exil, die grausamen Trennungen und Prüfungen erfahren hat, wodurch die Größe aufgewogen wird. Einer ihrer Söhne unheilbar blödsinnig, der andre, fern von ihr, ganz von seinen umfangreichen Geschäften in Anspruch genommen, schrieb nur selten eine Zeile, sagte stets, »ich werde kommen«, und kam doch nicht. Im Laufe von zwölf Jahren hatte sie ihn nur ein einziges Mal und zwar bei Gelegenheit eines geräuschvollen Besuches des Beys in St. Romans gesehen, inmitten eines Trosses von Pferden und Karossen, inmitten von Feuerwerken und Festlichkeiten. Kurz darauf war er seinem Fürsten nachgereist, nachdem er kaum Zeit gefunden, seine alte Mutter zu umarmen, die von diesem großen, so ungeduldig erwarteten freudigen Ereignisse nur einige Bilder aus illustrierten Journalen bewahrt hatte, auf denen Bernard Jansoulet dargestellt war, wie er mit Achmed das Schloß betrat und demselben seine alte Mutter vorstellte. So und nicht anders finden Könige und Königinnen ihre Familienbegegnungen in den illustrierten Blättern dargestellt. Dazu kam nur noch eine riesenhafte Ceder des Libanon, die man vom Ende der Welt hatte kommen lassen und die, wie ein Obelisk, mit den größten Schwierigkeiten und einem enormen Aufwande von Menschenkraft, Geld und Zugtieren an Ort und Stelle geschafft worden war, wobei man den halben Park verwüstete, um dieses Zeichen der Erinnerung an den königlichen Besuch aufzupflanzen. Nunmehr wenigstens, da sie ihren Sohn für einen Zeitraum von mehreren Monaten, wenn nicht für immer in Frankreich wußte, hoffte sie, bei dieser Reise ihren Bernard ganz für sich zu haben. Und so kam er denn eines schönen Abends, inmitten desselben blendenden Glanzes und desselben offiziellen Apparates, umgeben von einer Menge von Grafen, Marquis und seinen Pariser Herren, die nebst ihren Dienern allein die beiden großen Breaks füllten, welche die Mutter zu ihrem Empfange nach der kleinen Station Griffes, an der andern Seite der Rhone, gesandt hatte. »Aber umarme mich doch, meine liebe Mutter. Du brauchst dich nicht zu genieren, deinen Sohn, den du seit Jahren nicht gesehen hast, recht kräftig ans Herz zu drücken. ... Uebrigens sind diese Herren alle unsre Freunde. ... Hier der Marquis von Monpavon, der Marquis von Bois-Landry. – Allerdings, es ist jetzt eine andre Zeit als damals, wo ich euch den kleinen Cabassu und Bompain zuführte, um die Bohnensuppe mit uns zu essen. Du kennst Herrn von Géry? Mit meinem alten Cardailhac, den ich dir hier vorstelle, ist das der erste Schub. Aber es kommen noch andre nach. Mache dich auf eine heillose Unruhe gefaßt. ... In vier Tagen haben wir den Bey zu erwarten.« »Schon wieder der Bey!« erwiderte die bestürzte Dame. »Ich glaubte, der sei tot.« Jansoulet und seine Gäste konnten sich bei diesem Schreckensruf, der durch den südlichen Dialekt überaus komisch wirkte, des Lachens nicht enthalten. »Das ist ja ein andrer Bey, Mutter. ... Es gibt immer wieder Beys, gottlob! Aber habe nur keine Sorge, dieses Mal wirst du nicht so viel Beschwerden davon haben. ... Mein Freund Cardailhac wird die ganze Affaire in die Hand nehmen. Wir werden prachtvolle Festlichkeiten haben. ... Aber mittlerweile sorge, daß wir rasch unser Diner bekommen und daß unsre Zimmer bereit gemacht werden. Unsre Pariser sind völlig aufgelöst.« »Alles ist bereit, mein Sohn,« erwiderte die Alte, die in ihrem schwarzen Kopftuche kerzengerade und steif dastand, mit ihren vergilbten Spitzen im Haar, die sie auch bei den größten Festlichkeiten nicht ablegte. Der Glückswechsel hatte in dieser Beziehung nichts geändert. Sie war die Bäuerin aus dem Rhonethal, unabhängig und stolz, frei von dieser duckmäuserigen Liebedienerei, wie sie die von Balzac gezeichneten Bauern zur Schau tragen, und auch zu einfach, um durch den Reichtum aufgeblasen zu werden. Ein einziger Stolz beseelte sie, und der bestand darin, ihrem Sohne zu zeigen, mit welcher peinlichen Sorgfalt sie sich ihrer Obliegenheit als Schloßverwalterin entledigt hatte. Nirgends ein Atom von Staub, kein Schimmelfleck an den Wänden. Das ganze prachtvolle Erdgeschoß, die Säle mit ihren schillernden Seidenvorhängen, die erst im letzten Augenblick ihrer Ueberzüge entkleidet worden waren, die langen, hallenden Sommergalerieen mit ihrem kühlen Mosaikboden, deren mit kokett geblümten Sommerstoffen bezogene Kanapees á la Louis XV. in die alte Zeit versetzten; der geräumige, mit Palmen und Blumen geschmückte Speisesaal bis zum Billardsaal mit seinen Kronen und der elfenbeinernen glänzenden Ausstattung; das ganze Schloß mit den auf die herrschaftliche große Freitreppe hinausgehenden geöffneten Fenstern präsentierte sich zum Entzücken der Ankömmlinge und reflektierte die wunderbare Umgebung mit der stillen und heiteren Pracht der untergehenden Sonne in den großen Spiegelwänden, in dem gewichsten oder gefirnißten Getäfel mit derselben Klarheit wie der Wasserspiegel der Weiher die sich gegeneinander neigenden Pappeln und die ruhig dahinziehenden Schwäne verdoppelte. Die Umrahmung war so schön, der allgemeine Anblick so überwältigend, daß darunter der schreiende und geschmacklose Luxus sich verlor und auch dem verwöhntesten Auge entging. »Daraus läßt sich etwas machen,« sagte der Direktor Cardailhac, den Monocle ins Auge geklemmt und den Hut auf die Seite gedrückt, indem er in Gedanken sein Arrangement entwarf. Und die hochmütige Miene Monpavons, den die Frisur der alten Frau bei dem Empfange auf der Freitreppe anfangs zurückgestoßen hatte, machte einem leutseligen Lächeln Platz. Allerdings ließ sich daraus etwas machen, und wenn sich ihr Freund Jansoulet durch Leute von Geschmack beraten ließ, so konnte er der tunesischen Hoheit einen höchst würdigen Empfang bereiten. Den ganzen Abend war unter den Gästen von nichts andrem die Rede. Die Ellbogen auf den Tisch gestützt, wurden in dem reich ausgestatteten Speisesaale Pläne entworfen und besprochen. Cardailhac, der einen weiten Blick hatte, war mit dem seinigen schon ganz im reinen. »Vor allen Dingen carte blanche , nicht wahr, Nabob?« » Carte blanche , mein Alter, und daß der dicke Hemerlingue vor Wut berstet.« Der Direktor gab alsdann seine Pläne zum besten; die Festlichkeiten sollten tagweise eingeteilt werden, wie in Vaux, als Fouquet Ludwig XIV. empfing; einen Tag Schauspielvorstellung, einen andern Tag ländliche Festlichkeiten, Rundtänze, Stiergefechte, musikalische Aufführungen; am dritten Tage ... Und in seiner Sucht, den Direktor zu spielen, skizzierte er schon Programme, Plakate, wahrend Bois-Landry, beide Hände in den Taschen, die Cigarre in eine Ecke seines boshaften Mundes geklemmt, in seinem Stuhle zurückgelehnt, schlief, und der Marquis von Monpavon stets zu strammer Haltung jeden Augenblick seinen Brustlatz zurechtrückte, um sich wach zu halten. Géry hatte die andern Gäste frühzeitig verlassen und sich zu der alten Mutter geflüchtet, die ihn und seine Brüder von Kindesbeinen an gekannt hatte – in das bescheidene Wohnzimmer mit den weißen Gardinen und den hellen, mit Bildern behangenen Tapeten, wo die Mutter des Nabob an der Hand einiger aus dem Schiffbruche geretteter Bruchstücke ihre Vergangenheit wieder aufleben ließ. Paul sprach leise zu der hübschen Alten, mit ihren regelmäßigen und strengen Zügen und ihrem weißen und gleich dem Flachs an ihrem Spinnrocken geglätteten Haar, die, in einen grünen Shawl eingehüllt, aufrecht auf ihrem Stuhle saß, sie, die nie in ihrem Leben sich an ein Kissen angelehnt, noch in einem Lehnstuhle gesessen hatte. Er nannte sie Françoise, und sie hieß ihn nur Herr Paul. Sie waren ja alte Freunde.... Und nun rate man, wovon sie sprachen. Von ihren Enkeln natürlich! Von den drei Knaben ihres Bernard, die sie nicht kannte, und die sie so gern kennen gelernt hätte. »Ach, Herr Paul, wenn Sie wüßten, wie ich mich danach sehne. Ich wäre so glücklich gewesen, wenn man mir diese drei Kleinen anstatt aller dieser schönen Pariser gebracht hätte, ... Stellen Sie sich vor, daß ich sie nie gesehen habe, außer auf den Bildern, die dort hängen.... Die Mutter der Kinder macht mir ein klein wenig Angst, sie ist eine Dame der großen Welt, eine geborene Afchin.... Aber ich bin überzeugt, die Kinder sind keine solchen Zieraffen und würden gewiß ihre alte Großmama lieb haben. ... Ich würde immer glauben, daß ich den Vater als kleinen Jungen vor mir hätte, und würde ihnen alles vergelten, was ich dem Vater vorenthalten habe, denn, daß ich es nur sage, Herr Paul, die Eltern sind nicht immer gerecht. Man hat so seine Vorliebe. Aber Gott, der ist gerecht! Diejenigen, die man am meisten auf Kosten der andern hätschelt und verwöhnt, wie werden sie uns von dem lieben Gott oft zugerichtet.... Und die Parteilichkeit der Eltern bringt den Kindern häufig Unglück.« Die Alte seufzte, indem sie einen Seitenblick nach dem großen Alkoven warf, hinter dessen Vorhängen sich von Zeit zu Zeit ein langer, stöhnender Atemzug vernehmen ließ, wie die unbewußte Klage eines Kindes, das nach einer empfangenen Züchtigung unter heftigem Weinen eingeschlafen ist.... Ein schwerer Tritt ließ sich jetzt auf der Treppe hören, eine rauhe Stimme sprach ganz leise: »Ich bin es ... laßt euch nicht stören.« Und Jansoulet trat über die Schwelle. Alle Welt im Schlosse hatte sich zur Ruhe begeben, und da er die Gewohnheiten seiner Mutter kannte und wußte, daß ihre Lampe immer die letzte war, die im Hause ausgelöscht wurde, so kam er, um sie zu besuchen, um ein wenig mit ihr zu plaudern und sie mit diesem Herzenswillkomm zu begrüßen, den sie vor den Gästen nicht miteinander hatten austauschen können. »Bleiben Sie doch, mein lieber Paul, vor Ihnen genieren wir uns nicht.« Und in Gegenwart seiner Mutter wiederum Kind geworden, warf er sich zu ihren Füßen, indem er in rührender Weise mit Worten und Umarmungen die Alte liebkoste. Auch sie war von Herzen glücklich, ihn bei sich zu haben, aber sie fühlte sich doch nichtsdestoweniger ein wenig geniert, weil sie ihn als ein allmächtiges, außerordentliches Wesen betrachtete, das sie in ihrer Naivetät einem von Blitz und Donner umgebenen hohen Olympier gleichstellte. Sie sprach mit ihm, erkundigte sich nach seinen Freunden, nach seinen Geschäften, ohne gleichwohl den Mut zu haben, die Frage an ihn zu richten, welche sie an Géry gestellt hatte: »Warum hat man mir meine kleinen Enkel nicht gebracht?« Aber Jansoulet war der erste, der dies Thema berührte: »Die Kinder sind in Pension, Mama. ... Sobald die Ferien kommen, wird Bompain sie dir bringen. ... Du erinnerst dich doch noch Bompains? Und dann sollen sie zwei ganze Monate bei dir bleiben und sich von dir hübsche Geschichten erzählen lassen, und dann werden sie mit dem Kopfe auf deinem Schoße einschlafen, so, siehst du ...« Und mit diesen Worten legte er seinen gewaltigen Krauskopf auf den Schoß der alten Frau, indem er sich in Gedanken die guten alten Abende aus seiner Kindheit ins Gedächtnis zurückrief, wo er ebenso, wenn es ihm gestattet wurde, und der ältere Bruder ihm den Platz nicht streitig machte, eingeschlummert war. Zum erstenmal seit seiner Rückkehr nach Frankreich genoß er in seinem aufregenden und geräuschvollen Leben einige Augenblicke der köstlichsten Ruhe, an dies treue mütterliche Herz gelehnt, das er in regelmäßigem Schlage wie den Pendel einer alten Dielenuhr pochen hörte, inmitten dieser völligen Stille der Nacht und des unendlichen Gefildes. ... Plötzlich ließ sich wiederum derselbe lange Seufzer eines unter Thronen eingeschlafenen Kindes aus dem Hintergrunde des Zimmers vernehmen. Jansoulet erhob den Kopf, sah seine Mutter an und fragte ganz leise: »Ist er es?« »Ja, er ist es, ich lasse ihn dort schlafen, er könnte während der Nacht meiner Hilfe bedürfen,« »Ich möchte ihn wohl sehen und umarmen.« »Gut, so komm!« Die Alte erhob sich, nahm die Lampe, näherte sich dem Alkoven, zog vorsichtig die großen Vorhänge zurück und machte ihrem Sohne ein Zeichen, behutsam näher zu treten. Der Kranke schlief. ... Aber es war kein Zweifel, daß in seinem Schlafe etwas in ihm lebendig geworden war, was am Abende vorher ihn nicht gestört hatte, denn an Stelle der starren Bewegungslosigkeit, die ihn den ganzen Tag über nicht verlassen hatte, durchschüttelten ihn jetzt heftige Zuckungen und auf seinem ausdruckslosen und abgestorbenen Gesichte zeigte sich ein Zug schmerzlichen Leidens. Im höchsten Grade ergriffen, betrachtete Jansoulet diese abgemagerten, erdfahlen und welken Züge, aus denen ein Bart, der die ganze Lebenskraft des Körpers aufgesogen zu haben schien, mit einer überraschenden Fülle emporstarrte, dann beugte er sich herab, berührte mit der Lippe die in Schweiß gebadete Stirn, um die er ein Zittern wahrnahm, und sagte ganz leise, ernst und respektvoll, wie man zu dem Familienhaupte spricht: »Grüß Gott, Aeltester.« Vielleicht hatte der umnachtete Geist ihn verstanden. Wenigstens bewegten sich seine Lippen und ein gedehnter Schmerzensruf antwortete ihm, ein sanfter Klagelaut, ein verzweifelnder Ausruf, der die sich begegnenden Augen von Mutter und Sohn mit Thränen füllt und ihnen beiden denselben Schmerzensschrei entlockt: »Pécaïré«, den lokalen Ausdruck für alles Mitleid und alle Zärtlichkeit. Am folgenden Tage begann schon am frühen Morgen der Tumult mit der Ankunft der Schauspieler und Schauspielerinnen, eine Sündflut von Hütchen, Chignons, großen Stiefeln, kurzen Weiberröcken, gekünstelten Ausrufen, fliegenden Schleiern. Die Damen waren in der großen Mehrzahl, da nach Cardailhacs Meinung für den Bey es auf das Schauspiel wenig ankam, daß es sich vielmehr darum handele, falsche Stimmen aus einem hübschen Munde ertönen zu lassen, schöne Arme und wohlgebildete Beine in der leichten Bekleidung der Operette vorzeigen zu können. Alle plastischen Schönheiten an seinem Theater waren daher versammelt, Amy Férat an der Spitze, ein loser Vogel, der sich in mancherlei schon versucht hatte, ferner zwei oder drei berühmte Grimassenschneider, deren fahle Gesichter sich in dem frischen Grün der Parkanlagen fast ebenso geisterhaft ausnahmen wie die weißen Statuen. Die ganze Gesellschaft, aufgeregt von der Reise, ungewohnt der freien Luft, entzückt von der freigebigen Gastfreundschaft und von der Hoffnung beseelt, bei diesem Durcheinander von Beys, Nabobs und andern Schleppenträgern etwas für sich zu fischen, verlangte nichts andres, als sich zu ergötzen und mit der derben Ausgelassenheit einer Schar von Seineschiffern zu johlen, die sich am Lande gütlich thun. Aber Cardailhac war damit keineswegs einverstanden. Sobald alle untergebracht waren und sich umgekleidet hatten, auch das erste Frühstück eingenommen war, hieß es: Gleich die Rollen zur Hand genommen und in die Probe! Es war keine Zeit zu verlieren. Die Proben wurden neben der Sommergalerie abgehalten, wo man schon mit dem Aufbau des Theaters begonnen hatte, und der Lärm der Hämmer vermischte sich mit den Couplets, und die gellenden Stimmen, welche nur notdürftig durch den Orchesterdirigenten zusammengehalten wurden, flossen zusammen mit dem lauten Schrei der Pfauen auf ihren Stangen. In der Mitte der Freitreppe saß, wie auf der Bühne seines Theaters, Cardailhac, die Proben überwachend und einer Anzahl von Arbeitern und Gärtnern seine Befehle erteilend; er ließ Bäume fällen, welche die Aussicht hemmten, Zeichnete Entwürfe zu Triumphbögen, expedierte Depeschen und Eilboten an Bürgermeister und Unterpräfekten nach Arles, um eine Deputation von Landmädchen im Nationalkostüm zu bestellen, nach Barbantane, wo die schönsten Tänzer zu Hause sind, nach Faraman, das wegen seiner wilden Stiere und seiner Pferde berühmt ist, und da der Name Jansoulet in großen Buchstaben unter all diesen Sendschreiben prangte und mit diesem Namen der Name des Beys von Tunis stets verknüpft war, so beeiferte man sich, allen Anforderungen zu genügen; die Telegraphendrähte kamen nicht zur Ruhe, die Eilboten ritten die Pferde zu schanden, und dieser kleine Sardanapal vom Theater der Porte Saint Martin, den man Cardailhac nannte, wiederholte fortwährend: »Es läßt sich etwas daraus machen.« Er war überglücklich, das Gold mit vollen Händen ausstreuen zu können, die ganze Provence in Bewegung zu setzen, deren Kind dieser enragierte Pariser war, und deren Reichtum an malerischen Elementen er von Grunde aus kannte. Ihrer Funktionen enthoben, zeigte die alte Mutter sich nur wenig, kümmerte sich nur um ihre Wirtschaft und um ihren Kranken. Die Menge der Besucher erschreckte sie und ebenso die unverschämten Bedienten, die man kaum von ihren Herren unterscheiden konnte, diese Frauenzimmer mit ihren dreisten und koketten Mienen, die glattrasierten alten Schauspieler, die wie verkommene Pfaffen aussahen, all dieses Gelichter, das sich nachts auf den Korridoren mit Kopfkissen und nassen Schwämmen verfolgte und die Troddeln an den Gardinen abriß, um sie zu Wurfgeschossen zu verwenden. Des Abends hatte sie von ihrem Sohne nichts, er mußte bei seinen Gästen bleiben, deren Zahl zunahm, je näher der Tag der Festlichkeit herankam; sie konnte sich nicht einmal mehr mit Herrn Paul über ihre kleinen Enkel unterhalten, da der gutmütige Jansoulet, der sich durch den Ernst seines Freundes etwas geniert fühlte, diesen fortgesandt hatte, um ihn einige Tage bei seinem Bruder verleben zu lassen. Und die sorgfältige Hausfrau, der man jeden Augenblick die Schlüssel abforderte, um Leinen zu holen, um eine Stube in Beschlag zu nehmen, um das Silberzeug zu komplettieren, und die an die von ihr gearbeiteten schönen Ueberzüge dachte, an die Verwüstungen, die an allen ihren Habseligkeiten bei Gelegenheit der Durchreise des früheren Beys im Schlosse angerichtet worden, als wäre eine Windhose darüber hingebraust, sagte in ihrem Patois, indem sie in fieberhafter Hast den Flachs an ihrem Spinnrocken anfeuchtete: »Daß das Feuer des Himmels die Beys und nochmals die Beys verbrenne!« Endlich kam der Tag, der große Tag, von welchem man noch heute in der ganzen dortigen Gegend spricht. Gegen drei Uhr nachmittags, nach einem lukullischen Diner, bei dem dieses Mal die alte Mutter in einer neuen Spitzenhaube den Vorsitz führte und an welchem nebst Pariser Berühmtheiten, Präfekten, Deputierte, alle in großer Gala mit dem Degen an der Seite, auch Bürgermeister mit ihren Schärpen und glattrasierte Geistliche teilnahmen, trat Jansoulet, schwarz gekleidet und mit weißer Halsbinde, von seinen Gästen umgeben, auf die Freitreppe hinaus, wo sich ihm in dem glänzenden Rahmen einer bezaubernden Natur, inmitten von Fahnen, Triumphbögen und Trophäen ein wunderbarer Anblick bot: ein Ameisengewimmel von Köpfen, ein Flattern von Kleidern längs der Abhänge und Alleen, hier in lieblicher Gruppe auf dem Rasen gelagert die hübschesten jungen Mädchen von Arles, deren Köpfchen von zierlichen Spitzentüchern bedeckt waren, weiter unten die Tänzerin aus Barbantane, mit ihren acht Tamburinschlägern, jeden Augenblick bereit, den Tanz zu beginnen, mit verschränkten Händen, flatternden Bändern, den Hut auf einer Seite, ein rotes Tuch um die Hüften geschlungen. Noch weiter erblickte man die Sänger in Reih und Glied, schwarz gekleidet und mit glänzenden Hüten, allen voran der Bannerträger, ernsten Blickes, im Bewußtsein seiner Würde die Lippen aufeinandergepreßt, das Banner hoch in die Luft erhoben. Auf einem großen Rundell, das in eine Arena umgewandelt war, sah man schwarze gefesselte Stiere und auf ihren kleinen Rossen mit langer weißer Mähne, die Stierkämpfer, den Dreizack in der Hand, weiter unten noch mehr Fahnen, Helme, Bajonette, und zwar bis zum Triumphbogen am Eingangsthor. Selbst auf der andern Seite der Rhone, über welche zwei Compagnien Pioniere eine Schiffbrücke zu schlagen im Begriff waren, damit man von der Station in gerader Linie nach Saint-Romans gelangen könne, sah man, soweit das Auge reichte, eine unermeßliche Menge, ganze Dörfer, die von allen Seiten herbeigeströmt waren, und die sich auf dem Wege von Giffas zu einer Wolke von Staub und Geschrei zusammengeballt hatten, teils am Rande der Gräben sitzend, teils auf den Ulmen, teils auf Karren postiert: eine unabsehbare lebendige Hecke für den Triumphzug, Ueber all dieses Getümmel war eine blendende Sonne gebreitet, deren Strahlen hier auf dem Metall eines Tamburins, dort auf der Spitze eines Dreizacks oder der Franse eines Banners funkelten, und dazwischen strömte die mächtige Rhone, welche auf ihren spiegelglatten Wogen das lebende Bild dieses königlichen Festes dem fernen Meere zutrug. Beim Anblick dieser Wunder, aus welchen alles Gold seiner Geldschränke hervorleuchtete, überkam den Nabob ein Gefühl der Bewunderung und des Stolzes. »Es ist prachtvoll...« sagte er erbleichend, und hinter ihm murmelte seine Mutter, auch blaß, aber von einer unnennbaren Bewegung ergriffen: »Es ist zu schön für einen Menschen, man möchte glauben, daß man das Kommen Gottes erwarte.« Das Gefühl der alten katholischen Bäuerin stimmte im wesentlichen mit dem Eindruck überein, welchen das auf den Straßen wie zu einer großartigen Prozession versammelte Volk hatte, dem dieser Fürst aus dem Morgenlande, der da kam, um ein Kind dieses Landes zu besuchen, die Legende der drei Könige ins Gedächtnis rief, die dem Sohne des Zimmermannes ihre Ehrfurcht bezeigten. Inmitten der aufrichtigen Beglückwünschungen, welche auf Jansoulet eindrangen, erschien plötzlich schweißtriefend aber triumphierend Cardailhac, der seit dem Morgen sich nicht hatte sehen lassen. »Nun habe ich Ihnen nicht gesagt, daß sich daraus etwas machen ließe! – Wie? Liegt Schick darin oder nicht?.... Das nenne ich mir denn doch eine Zusamenstellung ... Ich glaube, unsre Pariser würden es sich gewiß etwas kosten lassen, wenn sie einer ersten Vorstellung, wie dieser, beiwohnen könnten!« Und darauf fügte er mit Rücksicht auf die danebenstehende Mutter leise hinzu: »Haben Sie die jungen Mädchen aus Arles gesehen? Sehen Sie sie sich ein wenig genau an, namentlich die erste, die vorne steht, um das Bouquet zu überreichen.« »Aber das ist ja Amy Férat.« »Allerdings. Sie sehen ein, mein Teurer, daß, wenn der Bey sein Taschentuch in diesen Haufen von schönen jungen Mädchen wirft, doch wenigstens eine darunter sein muß, die es aufzunehmen bereit ist. Diese unschuldigen Seelen da würden sich nicht darauf verstehen! Ja, ja, ich habe an alles gedacht, sollen Sie sehen.... Alles ist geordnet und geregelt wie auf der Bühne.« Und nun erhob der Direktor, um einen Begriff von seinen Anordnungen zu geben, seinen Stock. Alsbald wurde dies Zeichen aufgenommen und durch den ganzen Park von oben bis unten wiederholt, und auf einmal vereinigten sich alle Sänger, alle Musikanten, alle Tamburins zu der majestätischen südlichen Volksmelodie: Grand Soleil de la Provence. Diese rauschende Musik hatte auf dem jenseitigen Flußufer eine lebhafte Unruhe hervorgerufen, da man nicht anders glaubte, als daß der Bey von der andern Seite seinen Einzug gehalten hätte. Auf ein neues Zeichen des Direktors schwieg das ungeheure Orchester allmählich, zwar mit einigen nachtönenden Noten, aber von einer aus dreitausend Mitwirkenden bestehenden Gesellschaft konnte man füglich nichts Besseres erwarten. In diesem Augenblick fuhren die Wagen vor, die Galakutschen, welche bei den Festlichkeiten für den vorigen Bey benutzt worden waren, zwei große Karossen in Rosa und Gold nach tunesischem Geschmack, die von der Mutter Jansoulet wie Reliquien behütet morden waren, und die mit ihren gemalten Schlägen und ihren mit Gold durchwirkten Ueberzügen und Fransen ebenso glänzend und ebenso neu wie am ersten Tage aus der Remise gekommen waren. Auch in dieser Beziehung hatte Cardailhac seiner Erfindungsgabe freien Lauf gelassen, indem er statt der etwas schweren Pferde an diese gebrechlichen Fahrzeuge acht weiß angeschirrte Maultiere einspannen ließ, deren Mähnen geflochten und die mit Silberglöckchen und mit allerlei Zierat vom Kopfe bis zu den Füßen bedeckt waren, eine Ausschmückung, wie sie in der Provence heimisch ist, und die man den Mauren entlehnt hat. Wenn das den Bey nicht zufriedenstellte! ... Der Nabob, Monpavon, der Präfekt und einer der Generäle stiegen in die erste Equipage, die andern nahmen in den folgenden Wagen Platz. Die Geistlichen, die Bürgermeister, noch ganz illuminiert von dem herrlichen Schmause, eilten, sich an die Spitze der Sänger ihrer Gemeinden zu stellen, welche den Zug eröffnen sollten, und alles setzte sich nach der Station Giffas in Bewegung. Das Wetter war prächtig, aber heiß und drückend, der Jahreszeit um drei Monate voraus, wie es so häufig in diesem heißblütigen Lande der Fall ist, wo alles vor der Zeit reift und da ist. Obgleich keine Wolke am Himmel sichtbar war, so verkündete doch die Unbeweglichkeit der Luft, eine feierliche Stille, welche die ganze Natur beherrschte, daß aus irgend einem Winkel des Horizontes ein Gewitter im Anzüge sei. Die unsägliche Abspannung in der Natur machte sich nach und nach auch bei den Menschen geltend. Man hörte nur das Klingeln der Glöckchen der Maultiere, die in einem gemessenen Schritt einhergingen, man hörte den schweren, abgemessenen Schritt der Sängerchöre, die Cardailhac in bestimmten Zwischenräumen postierte, und von Zeit zu Zeit in der doppelten lebendigen Hecke, welche die Straße einfaßte, in der Ferne einen Anruf, Kinderstimmen und das Geschrei eines Wasserverkäufers, des obligaten Begleiters aller Feste, die im Süden unter freiem Himmel gefeiert werden. »Oeffnen Sie doch an Ihrer Seite, Herr General, man erstickt,« sagte Monpavon, vor Hitze purpurrot und für seine Schminke fürchtend, und durch die niedergelassenen Fenster konnte nun das gute Volk die hohen Würdenträger betrachten, wie sie sich von den erhabenen Gesichtern, die durch einen und denselben Ausdruck der Erwartung, nämlich des Beys, des Gewitters, überhaupt der Erwartung von irgend etwas gespannt waren, den Schweiß abtrockneten. Noch ein Triumphbogen, und Giffas war erreicht, die lange mit Kieselsteinen gepflasterte Straße war mit Palmzweigen bedeckt, die alten schmutzigen Häuser mit Blumen und Fahnen geschmückt. Vor dem Dorfe lag die Station wie ein weißer Würfel am Wege, der wahre Typus eines kleinen Nebenbahnhofes, der verloren mitten unter Weinbergen daliegt und in dessen einzigem Wartezimmer sich niemals ein Mensch befindet, höchstens einmal eine alte Botenfrau, die, drei Stunden vor der Zeit angelangt, in einer Ecke kauert. Zu Ehren des Beys war das unscheinbare Gebäude mit Fahnen, Trophäen und Teppichen geschmückt, Diwans waren herbeigeschafft und ein prachtvolles Buffett mit Sorbett und Delikatessen aller Art für Seine Hoheit aufgestellt. Der Nabob bemühte sich, nachdem er den Wagen verlassen, der beängstigenden Unruhe ledig zu werden, die auch er, ohne einen Grund dafür zu wissen, seit einem Augenblick empfand. Präfekten, Generäle, Deputierte, schwarze Fracks und gestickte Uniformen bewegten sich auf dem großen inneren Perron, imposante feierliche Gruppen bildend, den Mund gespitzt, in gravitätischer Haltung, wie sie sich für offizielle Persönlichkeiten geziemt, welche die Blicke auf sich gerichtet wissen. Und ihr mögt glauben, daß man sich von draußen die Nase gegen die Fensterscheiben platt drückte, um alle diese gestickten Uniformen zu betrachten, den Brustlatz Monpavons, der sich brüstete und aufging wie ein Hefenkuchen, Cardailhac, der fast atemlos seine letzten Anordnungen traf, und das gutmütige Gesicht Jansoulets, ihres Jansoulet, dessen glänzende Augen zwischen den aufgedunsenen und lederfarbigen Wangen sich wie zwei vergoldete Nägel auf einem Stücke Korduanleder ausnahmen. Da plötzlich ein elektrisches Glockensignal. Der Bahnhofsvorstand kommt in Aufregung herbeigelaufen: »Meine Herren, der Zug ist signalisiert, In acht Minuten wird er hier sein.« Alle erbebten, und instinktiv griff jeder nach der Uhr. Nur noch sechs Minuten, Dann unterbrach jemand das allgemeine Schweigen mit den Worten: »Sehen Sie doch dorthin!« Auf der rechten Seite, von welcher der Zug erwartet wurde, bildeten zwei hohe Weinberge eine Schlucht, hinter welcher der Eisenbahndamm verschwand. In diesem Augenblick war diese Schlucht schwarz wie Tinte, da die Bläue des Himmels an dieser Stelle durch eine ungeheure Wolke verdunkelt wurde. Bei der feierlichen Einsamkeit des Fahrdammes, zu dessen beiden Seiten, soweit das Auge reichte, sich alles aufgestellt hatte, um die Ankunft Seiner Hoheit zu erwarten, hatte dieses dunkle Wolkengebilde, welches seinen Schatten vor sich hinwarf, etwas Beängstigendes, indem infolge eines Spieles der Perspektive die hochgetürmten Wolken langsam und majestätisch einherzuschreiten schienen, während der Schatten mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes einherjagte. Welch ein furchtbares Gewitter! Das war der Gedanke, der alle überkam, aber den sie kaum auszusprechen Zeit hatten, denn ein gellender Pfiff erschallte, und der Eisenbahnzug trat aus der finsteren Einbuchtung hervor. Ein wahrhaft königlicher Zug, schnell fahrend und nur ganz kurz, mit französischen und tunesischen Fahnen geschmückt, dessen rauchende und pustende Lokomotive, mit ihrem kolossalen Blumenbouquet an der Vorderseite, den Eindruck einer Brautjungfer bei der Hochzeit Leviathans machte. In der Nähe der Station verminderte sich seine rasende Geschwindigkeit. Sämtliche offizielle Persönlichkeiten gruppierten sich, stellten sich in Positur, rückten ihre Galadegen zurecht und zupften ihre Vatermörder heraus, während Jansoulet sich dem Zuge näherte, mit einem unterwürfigen Lächeln auf den Lippen, und mit einem Rücken, der schon für das übliche Willkomm: »Salom alek« gekrümmt war. Der Zug fuhr jetzt ganz langsam, Jansoulet glaubte, er halte an, und legte die Hand auf den von Gold glänzenden Wagenschlag. Aber die Fahrgeschwindigkeit mochte wohl noch zu stark sein, genug, der Zug rückte langsam vorwärts, mit dem Nabob stets zur Seite, der den unseligen fest geschlossenen Wagenschlag zu öffnen bemüht war und mit der andern Hand befehlend nach der Lokomotive winkte. Aber die Lokomotive gehorchte nicht. »Lassen Sie doch halten!« Aber die Lokomotive hielt nicht. Ungeduldig sprang der Nabob auf das mit Decken belegte Trittbrett, und seinen großen Krauskopf zum Wagenfenster hineinsteckend, rief er mit jener etwas dreisten Rücksichtslosigkeit, die dem früheren Bey an ihm so wohl gefallen hatte: »Station Saint-Romans, Hoheit!« Wie von einem furchtbaren Traumgesicht wurde Jansoulet von dem sich ihm darbietenden Anblick ergriffen, erschreckt, ja fast gelähmt. Er wollte sprechen, brachte aber kein Wort heraus, seine fleischigen Hände vermochten kaum sich anzuklammern, so daß er fast rücklings herabgestürzt wäre. Was war es denn, was er gesehen hatte? In halb liegender Stellung ruhte auf einem Diwan im Hintergrunde des Waggons der Bey, den schönen Kopf mit dem langen seidenweichen, schwarzen Barte in die Hände gestützt, den orientalischen Rock bis oben zugeknöpft, ohne andern Schmuck als das große Band der Ehrenlegion quer über die Brust und mit einer Diamantfeder an seinem Fes, sich nachlässig mit einem goldgestickten Fächer Kühlung zufächelnd. Zwei Adjutanten, sowie ein Ingenieur der Bahn standen neben ihm. Gegenüber, auf einem andern Diwan, befanden sich in zwar respektvoller, aber immerhin bevorzugter Stellung, da sie allein in Gegenwart des Beys saßen, Hemerlingue, Vater und Sohn, mit ihren citronengelben Gesichtern und den über die weiße Halsbinde herabfallenden Backenbärten, zwei Eulen vergleichbar, der eine dick und der andre dünn, im Begriffe, die von ihnen zurückeroberte tunesische Hoheit im Triumph nach Paris zu führen. ... Welch schrecklicher Traum! Alle diese Herrschaften, obwohl sie Jansoulet sehr genau kannten, sahen ihn gleichgültig an, als ob sein Anblick keine Erinnerung in ihnen wachzurufen vermöchte. ... Kreidebleich zum Erbarmen, kalten Schweiß auf der Stirn, stammelte er: »Aber Hoheit, wollen Sie denn nicht aussteigen?« Ein greller Blitz, dem ein furchtbarer Donnerschlag unmittelbar folgte, schnitt ihm das Wort ab. Aber der Blitz, der in den Augen des Fürsten zuckte, schien unserm Nabob nicht weniger schrecklich. Hoch aufgerichtet, mit erhobenem Arme, schmetterte ihn der Bey, mit einigen bedächtigen und wohlvorbereiteten Worten, die in jenem Kehltone, der an die harten Laute des Arabischen erinnerte, übrigens aber im reinsten Französisch gesprochen wurden, nieder: »Mach, daß du nach Hause kommst, Mercanti. Der Fuß geht dorthin, wohin das Herz ihn treibt; mein Fuß wird nie das Haus des Mannes betreten, der mein Land bestohlen hat.« Jansoulet wollte erwidern. Aber der Bey machte ein Zeichen: Genug. Und nachdem der Ingenieur auf eine elektrische Glocke gedrückt hatte, worauf ein Pfiff von der Lokomotive antwortete, dehnte der Zug, der immer in langsamer Bewegung geblieben war, seine knackenden Eisenmuskeln und fuhr mit voller Kraft davon, während inmitten schwarzer Rauchwolken und von unheimlichen Blitzen beleuchtet seine Fahnen im Gewittersturme flatterten. Jansoulet, der in schlotternder Haltung, einem Betrunkenen ähnlich, auf dem Perron stehen geblieben war und sein Glück auf immer entschwinden sah, fühlte nicht, wie die schweren Regentropfen auf sein entblößtes Haupt fielen. Erst als die andern auf ihn zustürzten und ihn mit Fragen überschütteten: »Warum ließ denn der Bey nicht anhalten?« stotterte er einige zusammenhangslose Worte hervor: »Hofintriguen ... Infame Machinationen ...« Und plötzlich schrie er, wie ein wildes Tier brüllend, indem er mit der Faust dem davoneilenden Zuge drohte, mit blutunterlaufenen Augen und Schaum auf den Lippen: »Canaillen! ...« »Fassung, ein wenig Fassung, Jansoulet ...« Ueberflüssig, auszusprechen, wer dies sagte und wer nunmehr, den Arm des Nabob in den seinigen legend, sich bemühte, ihn aufzurichten, ihm die Brust nach dem Muster der seinigen vorzurecken, und ihn dann mitten durch die schreckensstarren gestickten Uniformen nach dem Nagen geleitete und dem vernichteten Mann einsteigen half, wie man etwa den nächsten Verwandten eines teuren Toten nach dem Begräbnis in den Trauerwagen hebt. Der Regen floß in Strömen, die Donnerschläge folgten sich ununterbrochen. Alle stürzten sich auf die Wagen, welche nun rasch nach dem Schlosse zurückkehrten. In diesem Augenblick ereignete sich eine ebenso herzzerreißende als komische Szene, einer dieser grausamen Scherze, durch welche ein unbarmherziges Geschick das bereits am Boden liegende Opfer völlig in den Staub tritt. Bei der einbrechenden Dämmerung und der infolge des Orkanes gesteigerten Dunkelheit glaubte die zu beiden Seiten des Bahnhofes dicht gepreßt stehende Menge unter all den gestickten Gestalten eine königliche Hoheit zu erkennen, und sobald sich die Wagen in Bewegung setzten, erscholl ein unermeßliches Geschrei, brach ein dröhnender Jubelruf los, der schon seit Stunden sich Luft zu machen gedroht hatte, hallte rollend von Hügel zu Hügel und pflanzte sich durch das Thal fort! Der Bey lebe hoch! Durch dieses Signal aufmerksam geworden, begannen Fanfaren zu ertönen und die Sänger ihrerseits fielen ebenfalls ein, und indem dieser Lärm sich immer weiter verbreitete, war der Weg von Giffas nach Saint-Romans bald nichts andres als ein einziges Geschmetter und Geschrei. Cardailhac, die andern Herren und Jansoulet selbst mochten noch so sehr sich aus dem Wagen beugen und verzweiflungsvolle Zeichen machen: »Genug! Genug!« ihre Zeichen blieben in dem Tumult und in der Dunkelheit unbemerkt und dienten höchstens dazu, den Lärm noch zu steigern. Und man mag uns glauben, daß dazu gerade keine Veranlassung vorlag. Alle diese Südfranzosen, deren Begeisterung seit dem frühen Morgen genährt worden war, die durch das lange Warten und den Ausbruch des Gewitters überdies gereizt worden, erschöpften alles, was ihnen an Stimme, Atem und lärmendem Enthusiasmus zur Verfügung stand, indem sie mit der Hymne von der Provence den stets wiederholten Ruf: »Der Bey hoch!« abwechseln ließen. Die meisten von ihnen wußten überhaupt nicht, was ein Bey, sei, und konnten sich von einer solchen Persönlichkeit kaum eine ordentliche Vorstellung machen. Aber nichtsdestoweniger erhoben sie die Hände, schwenkten ihre Hüte und steigerten sich selbst in einen förmlichen Rausch von Begeisterung. Frauen trockneten sich voll Rührung die Thränen aus den Augen, und plötzlich ertönte die laute Stimme eines Kindes oben aus einer Ulme: »Mama, ich sehe ihn.« Das Kind sah ihn. Uebrigens sahen ihn alle und würden noch zur Stunde darauf schwören, daß sie ihn gesehen haben. Gegenüber einem solchen frenetischen Jubelgeschrei und bei der Unmöglichkeit, einer solchen Menge Schweigen und Ruhe zu gebieten, konnten die Insassen der Wagen nichts andres thun, als der Sache ihren Lauf lassen, die Fenster der Wagen schließen und durch rasches Fahren dies grausame Martyrium thunlichst abkürzen. Aber nun wurde es erst recht schlimm. Als die Menge diese Beschleunigung der Fahrt bemerkte, fing sie gleichfalls nach Leibeskräften zu laufen an. Bei den dumpfen Tönen ihrer Tamburins machten die Tänzer von Barbantane Hand in Hand, wie eine lebende Guirlande, ihre Sprünge um die Wagenschläge. Die Sänger, die bei dem raschen Laufe kaum zu Atem kommen konnten, heulten mehr als sie sangen und rissen ihre Bannerträger, die ihre Fahnen auf die Schultern geworfen hatten, mit sich fort, und die guten dicken Dorfpfarrer mit ihren asthmatischen Gesichtern fanden, indem sie ihre stattlichen, wohlgepflegten Schmerbäuche vor sich herschoben, nichtsdestoweniger noch Zeit, mit wohlwollender und gerührter Stimme den Maultieren zuzurufen: »Es lebe unser guter Bey!« Und über dem allen ein Regen, der in Strömen floß, der die rosa gemalten Karossen entfärbte und den Tumult noch vermehrte und diesem Triumphzuge das Aussehen einer Niederlage gab, aber einer zum Lachen reizenden Niederlage, bei der Gesang und Lachen, Verwünschungen und Umarmungen miteinander abwechselten wie bei der Heimkehr einer Prozession während eines Wolkenbruches, Ein dumpfes Rollen verkündete dem armen Nabob, der unbeweglich und schweigend in der Ecke seines Wagens saß, daß man die Schiffbrücke passierte. Man näherte sich dem Schlosse. »Endlich,« sagte er, indem er durch die beschlagenen Fensterscheiben die schaumgekrönten Wogen der Rhone erblickte, deren Aufruhr ihm wie eine Idylle vorkam im Vergleiche zu dem Unwetter, welches er soeben durchgemacht hatte. Aber am Ende der Brücke wurden, als der erste Wagen beim Triumphbogen angekommen war, Petarden losgebrannt, die Tambours wirbelten und begrüßten so den Einzug des Monarchen bei seinem Vasallen, und um die Ironie auf die Spitze zu treiben, erstrahlte plötzlich das Dach des Schlosses in einem Meere von Licht, und es zeigte sich in gigantischen Buchstaben, die nur hin und wieder durch den Wind und den Regen verursachte Lücken aufwiesen, die Inschrift: VIV··L··B··YM····HMED. »Ah, das ist das Bouquet,« sagte der unglückliche Nabob, der sich des Lachens, freilich eines gar bitteren und armseligen Lachens nicht enthalten konnte. Aber nein, er irrte sich. Das Bouquet wartete seiner erst am Thore des Schlosses, und es war Amy Férat, welche ihm dasselbe anbot, indem sie ein klein wenig aus der Gruppe der jungen Mädchen von Arles heraustrat, die in der Erwartung der ersten Karosse ihre empfindlichen Festkleider und ihren Kopfputz unter dem schützenden Dache der Marquise in Sicherheit gebracht hatten. Ihr Blumenbouquet in der Hand trat die Schauspielerin bescheiden, mit züchtig niedergeschlagenen Augen auf den Wagenschlag zu und machte eine tiefe, fast kniefällige Verbeugung, die sie seit acht Tagen einstudiert hatte. An Stelle des Beys aber entstieg in steifer Haltung und ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, Jansoulet dem Wagen. Und da das junge Mädchen verblüfft, mit dem Bouquet in der Hand noch stehen blieb, sagte ihr Cardailhac mit jener Pariser Unverfrorenheit, die sich schnell in alles hineinfindet: »Nimm nur deine Blumen wieder mit, Kleine, die Geschichte ist in die Brüche gegangen ... der Bey kommt nicht ... er hatte sein Taschentuch vergessen, und weil er dieses braucht, um sich den Damen verständlich zu machen, so begreifst du. ...« Nun ist es Nacht geworden. Alles schläft in Saint-Romans nach der furchtbaren Aufregung des Tages. Ein wolkenbruchartiger Regen strömt unablässig herab und in dem großen Park, wo die verwaschenen und verweichten Triumphbogen und Trophäen undeutlich aufragen, hört man Gießbäche über Rampen und Treppen rauschen. Nichts als Wasser und Bäche überall, ein einziges Wassergeplätscher. Allein in seinem mit verschwenderischer Pracht ausgestatteten Zimmer, wo das königliche Lager mit den purpurgestreiften Seidenbezügen seiner harrt, wacht noch der Nabob, mit großen Schritten das Gemach durchmessend und unheilvolle Gedanken brütend. Es ist nicht der ihm soeben zugefügte Schimpf, der ihn quält, diese öffentliche Beleidigung im Angesicht von dreißigtausend Personen, es ist selbst nicht die tödliche Beleidigung, die ihm der Bey in Gegenwart seiner Todfeinde angethan hat. Nein, der Südfranzose mit seiner rein physischen, rasch wechselnden Gefühlsweise hat das Gift seines Grolles schon weit von sich geschleudert. Die Günstlinge der Höfe sind ja infolge bekannter Vorgänge darauf vorbereitet, so jählings in Ungnade zu fallen. Was ihn mit banger Sorge erfüllt, das ist das, was er hinter dieser Beschimpfung versteckt wähnt. Er denkt daran, daß all sein Vermögen, seine Paläste, Comptoire und Schiffe auf Gnade oder Ungnade in der Hand des Beys sind, in diesem gesetzlosen Orient, in diesem Lande der Willkür. Und seine glühende Stirn an die feuchten Fensterscheiben drückend, die Hände kalt wie Eis, blickt er ziellos in die Nacht hinaus, die ebenso dunkel und ebenso verschlossen ist, wie sein eignes Schicksal. Horch, ein Geräusch von Schritten, ein hastiges Klopfen an die Thür. »Wer ist da?« »Herr Jansoulet,« erwidert Noël, halbbekleidet eintretend, »eine sehr dringende Depesche, die von der Telegraphenstation durch Eilboten übersandt ist.« »Eine Depesche, was kann es denn nun noch geben?« Er greift nach dem blauen Couvert und öffnet es mit zitternder Hand. Der Halbgott, der schon zweimal bis ins Herz getroffen ist, fängt an sich seiner Verwundbarkeit bewußt zu werden und einen Teil seiner Sicherheit zu verlieren. Er begreift jetzt die Furcht und die nervösen Schwächen andrer Menschen.... Rasch die Unterschrift.... Mora.... Ist es möglich? Der Herzog und an ihn? Ja, und doch ist es so. ... M .. o .. r .. a. Und darüber: »Popolaska ist mit Tode abgegangen. Neuwahl in Korsika. Sie sind der offizielle Kandidat.« Deputierter? ... Damit war alles gerettet. Dann war nichts mehr zu fürchten. Einen Vertreter der großen französischen Nation behandelt man nicht wie einen simplen Trödler. ... Nun müssen die Hemerlingues zurücktreten. ... »O mein Herzog, mein edler Herzog!« Er war so bewegt, daß er kaum den Empfang zu bescheinigen vermochte. Doch plötzlich rief er aus: »Wo ist der Mann, der diese Depesche gebracht hat?« »Hier, Herr Jansoulet,« klang in breitem, traulichem Südfranzösisch die Antwort vom Korridor herein. Der Bote konnte von Glück sagen. »Komm herein,« sagte der Nabob. Und indem er ihm die Bescheinigung übergab, nahm er aus seinen stets wohlgefüllten Taschen so viel Goldstücke, als er in beiden Händen halten konnte, und warf sie dem armen Teufel in die Mütze, der über dem Glück, das ihm heute nacht in diesem Feenschloß in den Schoß fiel, fast die Besinnung verlor. Zwölftes Kapitel. Eine Wahl in Korsika. Pozzonegro bei Sartène. »Endlich kann ich Ihnen Nachrichten von uns geben, mein lieber Herr Joyeuse. Seit den fünf Tagen, die wir in Korsika weilen, sind wir so viel gelaufen, haben so viel geredet, so oft Wagen gewechselt, sind bald auf Maultieren, bald auf Eseln geritten, bald selbst auf dem Rücken von Menschen, um die Stromschnellen zu überschreiten; wir haben so viele Briefe geschrieben, auf Anfragen Bescheide erteilt, Schulen besucht, Meßgewänder und Altardecken gestiftet, wackelige Glockenstühle ausgebessert, Asyle gegründet, wir haben so vielerlei eingeweiht, Toaste ausgebracht, Anreden, Wein von Talano und weißen Käse verdauen müssen, daß ich wirklich nicht die Zeit gefunden habe, dem kleinen Familienkreis rings um den großen Tisch, an welchem ich nun schon seit zwei Wochen fehle, einen freundlichen Gruß zu senden. Glücklicherweise wird meine Abwesenheit nicht mehr gar lange dauern, denn wir gedenken übermorgen abzureisen und in einem Zuge nach Paris zurückzukehren. Was die Wahlangelegenheit betrifft, so glaube ich, daß unsre Reise von Erfolg gekrönt ist. »Korsika ist ein wunderbares Land, träg und dürftig, eine Mischung von Armut und Stolz, welcher letztere sowohl den Adels- als den bürgerlichen Familien einen gewissen Anstrich von Wohlstand, wenn auch auf Kosten der schmerzlichsten Entbehrungen, verleiht. Man spricht allen Ernstes von dem Vermögen des Popolaska, dieses bedürftigen Deputierten, dem der Tod hunderttausend Franken weggeschnappt hat, die ihm sein Rücktritt zu gunsten des Nabob eingetragen haben würde. Alle diese Leute haben überdies eine wahre Sucht nach Aemtern, eine Verwaltungswut, ein Bedürfnis, irgend welche Uniform und eine platte Mütze mit der Inschrift: ›Regierungsbeamter‹ zu tragen. »Ließe man einem korsischen Bauer die Wahl zwischen der reichsten Pachtung in der Beauce und dem bescheidenen Bandelier eines Feldhüters, er würde sich keinen Augenblick bedenken und nach dem Bandelier greifen. Unter diesen Umständen kann man sich leicht vorstellen, daß ein Kandidat, der über eignes Vermögen verfügt und dem die Unterstützung der Regierung zur Seite steht, gute Aussicht hat, gewählt zu werden. Auch wird Herr Jansoulet jedenfalls gewählt, namentlich wenn ihm sein Vorhaben gelingt, welches uns jetzt hierher in die einzige Herberge eines kleinen Dorfes Namens Pozzonegro geführt hat, bestehend aus etwa fünfzig Häusern aus roten Backsteinen, die rings um einen Glockenturm nach italienischer Sitte gebaut sind, und auf der Sohle eines Thales gelegen, das ringsum von steilen, mit unabsehbaren Waldungen bestandenen Felsen eingeschlossen ist. Durch mein geöffnetes Fenster, vor welchem ich Ihnen schreibe, sehe ich in der Höhe ein Stückchen Blau, und unten auf dem kleinen Platze, den ein riesiger Nußbaum beschattet, als ob es hier nicht ohnehin schattig genug wäre, zwei in Felle gekleidete Hirten, welche, die Ellbogen auf einen Brunnen gestützt, sich mit Kartenspiel beschäftigen. »Das Spiel ist die Krankheit dieses Landes der Trägheit, wo man selbst die Ernte durch Einwohner aus Lucca besorgen läßt. Die beiden armen Teufel, die ich da vor mir habe, würden vergeblich nach einem Heller in ihrer Tasche suchen; der eine setzt sein Messer, der andre ein in Weinblätter eingewickeltes Stück Käse, welche Einsätze neben ihnen auf der Bank liegen. Ein Pfäfflein raucht seine Cigarre und sieht den beiden zu, an deren Spiel er das größte Interesse zu nehmen scheint. »Das ist aber auch alles, nirgends ein Geräusch ringsum, außer dem Wasser, das auf die Steine tröpfelt, und den Ausrufen eines der Spieler, der bei dem sango del seminario schwört, und unter mir in der Wirtsstube die rauhe Stimme unsres gemeinsamen Freundes, vermischt mit dem Geplapper des berühmten Paganetti, der ihm als Dolmetscher mit dem nicht minder berühmten Piedigriggio dient. »Piedigriggio (Graufuß) ist eine lokale Berühmtheit. Er ist ein alter Mann von etwa fünfundsiebzig Jahren, der sich in seinem kleinen Burnus, über welchen sein langer weißer Bart fällt, kerzengrade hält, eine katalanische Mütze aus brauner Wolle auf seine weißen Haare gestülpt und an den Hüften eine Schere, deren er sich bedient, um seinen grünen Tabak auf der flachen Hand zu zerschneiden. Sein Aussehen ist ehrfurchtgebietend, und als er quer über den Platz schritt, dem Pfarrer die Hand drückend und mit wohlwollendem Lächeln die beiden Spieler betrachtend, da würde ich nicht geglaubt haben, den berüchtigten Banditen Piedigriggio vor mir zu sehen, der in den Jahren 1840 bis 1860 im Gebiete von Monte Rotondo Alleinherrscher war, die Truppen und die Gendarmerie fortwährend in Alarm hielt und der jetzt, dank der ihm zustatten kommenden Verjährung, nach sieben oder acht mit Gewehr und Dolch vollbrachten Mordthaten unbelästigt in dem Lande, das Zeuge seiner Verbrechen gewesen ist, umherstreift und sich einer ausgezeichneten Hochachtung erfreut. Und der Grund hierfür ist der: Piedigriggio hat zwei Sühne, welche in seine edlen Fußstapfen getreten sind und mit dem Stutzen in der Hand nun ebenfalls die Alleinherrscher spielen. Niemals zu finden noch zu ertappen, wie ihr Vater während zwanzig Jahren, machen diese Banditen, die von den Hirten stets über die Bewegungen der Gendarmerie unterrichtet sind, ihre Aufwartung in den Dörfern, sobald die Luft rein ist. Der Aeltere, Namens Scipio, ist erst am letzten Sonntag nach Pozzonegro gekommen, um dort die Messe zu hören. Nicht als ob man sie liebte und ein Händedruck von diesen blutbefleckten Elenden allen willkommen wäre, die sie bei sich aufnehmen, das hieße die friedliche Neigung der Einwohner dieser Gemeinde verkennen; aber man fürchtet sie, und ihr Wille steht dem Gesetze gleich. »Und dies der Grund, weshalb die Piedigriggio es sich in den Kopf gesetzt haben, unsern Gegner bei der Wahl zu protegieren, eine höchst bedenkliche Protektion, die zwei ganze Kantone zu unsern Gegnern machen kann, denn die Taugenichtse haben ebenso lange Beine, wie weittragende Büchsen. Wir haben natürlich die Gendarmen für uns, aber die Banditen haben größeren Einfluß. Wie unser Wirt heute morgen treffend sagte: ›Die Gendarmen kommen und gehen, aber die Banditen bleiben.‹ Gegenüber diesem so außerordentlich logischen Raisonnement haben wir eingesehen, daß nur eins ausführbar sei, nämlich mit den Graufüßen einen Vertrag abzuschließen, mit ihnen zu paktieren. Der Gemeindevorsteher hatte von dieser Absicht dem Alten gegenüber einige Worte fallen lassen, dieser hat wiederum sich mit seinen Söhnen beraten, und jetzt werden unten die Bedingungen des Vertrages diskutiert. »Von hier aus höre ich die Stimme des Gouverneurs: ›Nun wohl, alter Bursche, du weißt, ich bin auch ein alter Korse, ich ...‹ Und dann wiederum die ruhige Erwiderung des andern, die durch das angreifende Geräusch der Schere gleichzeitig mit dem Tabak zerhackt wird. Der alte Kamerad scheint mir aber nicht allzu viel Zutrauen zu haben; und solange die Thaler nicht auf dem Tische klimpern, glaube ich nicht, daß die Angelegenheit erhebliche Fortschritte macht. »Das kommt aber daher, daß dieser Paganetti in seinem Geburtslande nur zu bekannt ist. Was sein Wort wert ist, das steht auf dem Platze in Corte geschrieben, welcher noch immer auf das Monument von Paoli wartet, und in diesen unermeßlichen Rübenfeldern, die er auf diesem Ithaka mit seinem dürren Boden anzubauen verstand, und das steht endlich geschrieben auf den schlaffen, ausgeplünderten Börsen dieser unglücklichen Dorfpfarrer, kleinen Bürger und Adligen, denen er die mageren Ersparnisse abzuschwindeln gewußt hat, indem er vor ihren Augen seine chimärischen ›Combinazione‹ erglänzen ließ. In der That, um hier wieder erscheinen zu können, hat es seines phänomenalen Selbstbewußtseins und der Hilfsquellen bedurft, über die er jetzt verfügt und womit er alle Reklamationen kurzerhand abschneidet. »Ueberhaupt, was ist denn in der That Wahres an diesen fabelhaften Arbeiten, die von der Territorialkasse unternommen sind? – »Nichts. »Minen, in denen nichts produziert wird und nichts produziert werden kann, weil sie nur auf dem Papier existieren, Steinbrüche, welche weder Hacke noch Pulver je gesehen haben, unbebaute und sandige Landstrecken, welche man mit einer Handbewegung bezeichnet, indem man sagt: ›Hier fängt es an, und dann erstreckt es sich bis ganz dahinten zum Teufel.‹ »Nicht anders ist es mit den Waldungen. Eine ganze Waldstrecke des Monte Rotondo gehört, wie es scheint, uns, allein an ein Fällen der Bäume ist nicht zu denken, wenn nicht etwa Luftschiffer das Geschäft der Holzhauer übernehmen wollten. Ebenso ist es mit den Badeorten, unter denen dieser elende Weiler von Pozzonegro mit seiner Quelle, deren eisenhaltiges Wasser Paganetti in den Himmel erhebt, der bedeutendste ist. Von Paketbooten nicht die Spur. Und doch, da steht ein alter halbverfallener Thurm am Ufer des Golfes von Ajaccio, der über seiner stets hermetisch verschlossenen Thür in goldnen Buchstaben auf einem großen Schilde die Inschrift trägt: ›Agentur Paganetti. Schiffahrts-Gesellschaft. Geschäftsbüreau‹ Nur große, graue Eidechsen hüten in Gesellschaft einer Eule die Büreaus. Was die Eisenbahnen angeht, so sah ich alle diese wackeren Korsen, mit denen ich davon sprach, mit einer malitiösen Miene lächeln und mit Augenzwinkern und abgerissenen geheimnisvollen Worten antworten. Erst heute morgen erhielt ich die überaus komische Lösung dieser Geheimthuerei. »Ich hatte in den Briefschaften, mit denen der Direktor der Bank von Zeit zu Zeit wie mit einem Fächer unter unsern Augen herumhantierte, um damit seine Aufschneidereien aufzublasen, den Kontrakt über den Verkauf eines Marmorbruches in einem Orte, genannt Taverna, zwei Meilen von Pozzonegro, gelesen. Unsern hiesigen Aufenthalt benutzend, bestieg ich heute morgen, ohne einem Menschen etwas davon mitzuteilen, ein Maultier, und unter Führung eines großen Burschen mit wahren Hirschbeinen, dem richtigen Typus eines korsischen Wilddiebes oder Schmugglers, der eine große rote Pfeife im Munde und sein Gewehr über den Nacken gehängt trug, begab ich mich nach Taverna. Nach einem entsetzlichen Marsche über zerklüftete Felsen, Schluchten und Abgründe von unabsehbarer Tiefe, an deren äußerstem Rande mein Maultier malitiöserweise zu gehen für gut befand, gelangten wir nach einem fast senkrechten Abstieg an das Ziel unsrer Reise, eine völlig kahle Felsenwüste, die fast weiß war von dem Dünger der Möwen und andrer Seevögel; denn das Meer ist dort sehr nahe und die tiefe Stille des Ortes wird nur durch das Branden der Wogen und das laute Geschrei der umherflatternden Vögel unterbrochen. Mein Führer, der eine heilige Scheu vor Zollwächtern und Gendarmen hat und der eine Abteilung der ersteren am Meeresufer auf ihrem Posten erblickt hatte, war oben zurückgeblieben, und ich begab mich nach einem großen roten Gebäude mit zerbrochenen Fensterscheiben und hier und da fehlenden Dachziegeln, welches in dieser schaurigen Einsamkeit drei Stockwerke hoch aufgeführt war. Ueber der verwitterten Thür hing ein ungeheueres Schild: ›Territorialkasse. Marm..br...54.‹ »Der Nordwind, die Sonne und der Regen hatten die andern Buchstaben verwischt. Es ist gewiß mit der Ausbeutung dieses Marmorbruches der Anfang gemacht worden, denn es ist ein großes viereckiges Loch in den Boden hineingebrochen, das längs den Seitenwänden große braungeaderte Flecken zeigt, und an dessen Grunde große Marmorblöcke liegen, die man aber nicht hat verwerten können, weil weder eine Straße in den Marmorbruch mündet, noch ein Hafen existiert, der die Küste für Frachtschiffe erreichbar macht, und zwar weil für diese Projekte die sehr beträchtlichen Mittel fehlen. Aus diesem Grunde bleibt der Marmorbruch auch unbenutzt, trotzdem er nur einige Kabellängen vom Ufer entfernt ist, unnütz und unbrauchbar gleich dem Boote Robinsons mit seinen mangelhaften Einrichtungen. Diese traurigen Mitteilungen über unsern einzigen Reichtum auf der Insel wurden mir durch einen unglücklichen, vom Fieber geschüttelten Aufseher zu teil, den ich in einem unteren Zimmer des Hauses antraf, als er im Begriff war, ein Stück Ziegenfleisch in dem beizenden Rauche eines Mastixbüschels zu rösten. »Dieser Mann, der für sich allein das Personal der Territorialkasse in Korsika ausmacht, ist der Pflegevater Paganettis, ein alter Leuchtturmwärter, den die Einsamkeit weiter nicht drückt. Der Direktor beläßt ihn auf seinem Posten, teils aus Barmherzigkeit, teils auch weil, wenn von Zeit zu Zeit Briefe, datiert aus dem Marmorbruche von Taverna einlaufen, dies in den Generalversammlungen einen guten Eindruck auf die Aktionäre macht. »Ich habe keine geringe Mühe gehabt, diesem zu dreiviertel wilden Geschöpfe, das mich in seinem Ziegenhaarrock mit Mißtrauen anstarrte, einige Mitteilungen zu entreißen, ich habe aber dennoch, ohne daß der Mann es wollte, in Erfahrung gebracht, was die Korsen unter Eisenbahn verstehen, und warum sie so geheimnisvoll thun, wenn sie davon sprechen. »Als ich zu ermitteln suchte, ob er von dem Projekte einer Eisenbahn in diesem Lande Kunde habe, begann der Alte nicht, wie seine Landsleute, malitiös zu lächeln, sondern erwiderte mir mit seiner rauhen und knarrenden Stimme, die wie ein altes Schloß krächzte, das lange außer Gebrauch gewesen, übrigens in leidlichem Französisch: ›Ach, mein Herr, wir können keine Eisenbahn hier gebrauchen ...‹ »›Eine Eisenbahn ist aber doch sehr nützlich und zweckmäßig für den Verkehr.‹ »›Ich will auch nicht das Gegenteil behaupten, aber mit den Gendarmen haben mir bei uns vollauf genug. ...‹ »›Mit den Gendarmen?‹ »›Ja, allerdings.‹ »Das Quiproquo dauerte ungefähr fünf Minuten, bis ich endlich zu begreifen anfing, daß man den Dienst der Geheimpolizei hierzulande ›Eisenbahn‹ nennt. Da viele Korsen auf dem Kontinent bei der Polizei bedienstet sind, so ist dies ein ehrenvoller Euphemismus, dessen man sich in ihren Familien bedient, um ihr verachtetes Metier zu bezeichnen. Fragt man die Verwandten: ›Wo ist Euer Bruder Ambrosius? Was macht Onkel Barbicaglia?‹ so antworten sie mit einem verständnisvollen Augenblinzeln: ›Er hat eine Anstellung bei der Eisenbahn‹ – und alle Welt weiß, was das heißen will. Bei dem Volke, bei den Bauern, die nie eine Eisenbahn gesehen haben und gar keine Vorstellung von einer solchen haben, glaubt man allen Ernstes, daß die Verwaltung der geheimen kaiserlichen Polizei keinen andern Namen hat als eben diesen. Unser Hauptvertreter in diesem Lande teilt dieselbe rührende Naivetät. Damit wissen Sie, was es für eine Bewandtnis hat mit der ›Linie von Ajaccio nach Bastia via Bonifacio, Porto vecchio und so weiter‹, wie die Bezeichnung in den großen Büchern mit grünem Rücken im Hause Paganetti lautet. »Kurz und gut, das ganze Vermögen der Territorialbank beschränkt sich auf einige Firmenschilder und zwei alte Mauerreste, und der ganze Plunder ist kaum gut genug, um auf der Abbruchstelle der Rue Saint Ferdinand zu figurieren, von der ich alle Abende beim Einschlafen die Windfahnen und die alten Thüren knarren zu hören glaube. ... »Aber wohin sind nun alle diese enormen Summen geflossen, und wohin fließen sie noch jetzt, die von Herrn Jansoulet seit fünf Monaten eingeschossen sind, das Geld ungerechnet, das von anderswoher durch die magische Anziehungskraft seines Namens eingezahlt ist? Ich dachte mir wohl ebenso wie Sie, daß alle diese Bohrunternehmungen, Gruben, Terrainankäufe, welche in den Büchern in hübschen runden Summen aufgeführt sind, über die Maßen übertrieben seien; aber auf eine so unerhörte Schamlosigkeit bin ich denn doch nicht gefaßt gewesen. Und dies mag der Grund sein, weshalb der Gouverneur sich so sehr dem Plane widersetzte, mich auf diese Wahlreise mitzunehmen. Ich habe von einer sofortigen Auseinandersetzung abgesehen. Mein armer Nabob hat so schon genug mit seiner Wahl zu thun. Sobald wir aber wieder heimgekehrt sind, werde ich ihm alle Details meiner gründlichen Untersuchung vor Augen halten und, ob mit oder gegen seinen Willen, werde ich ihn dann aus dieser Diebesspelunke befreien. ... »Sie sind jetzt unten handelseinig geworden. Der alte Piedigriggio geht quer über den Platz und läßt den Ring seines altmodischen Geldbeutels, der mir wohlgespickt zu sein scheint, auf und nieder gleiten. Nun noch ein kurzes Lebewohl, mein lieber Foneuse, grüßen Sie Ihre Damen bestens von mir und bewahren Sie mir einen kleinen Platz an dem Arbeitstische. Paul von Gèry.« Der Wahltrubel, den unsre Reisenden in Korsika kennen gelernt hatten, begleitete sie über das Meer, wie der Sirokko, selbst bis Paris und ließ sogar seine Wirkungen in der Wohnung am Vendomeplatz verspüren, die vom Morgen bis zum Abend nicht leer wurde. Außer der gewöhnlichen Gesellschaft kamen fortwährend kleine bronzefarbige Menschen mit regelmäßigen und starkbehaarten Köpfen, einige aufgeregt, schnatternd und schwatzend nach der Art Paganettis, andre schweigsam an sich haltend und philosophisch, zwei verschiedene Typen einer Rasse, bei der dasselbe Klima sich verschieden äußert. Alle diese ausgehungerten Insulaner aus dem Inneren ihrer wilden Heimat gaben sich Rendezvous an der Tafel des Nabob, dessen Haus eine Herberge, ein Restaurant, ein Markt geworden war. In dem Speisesaale, wo der Tisch beständig gedeckt war, konnte man stets einen Korsen finden, der soeben frisch mit der Eisenbahn angekommen, sich mit den linkischen und gefräßigen Manieren eines Vetters vom Lande an den Fleischtöpfen des Nabob gütlich that. Die prahlerische und lärmende Rasse der Wahlagenten ist überall dieselbe. Die hier thätigen zeichneten sich aber noch durch ein besondres Feuer, durch eine truthahnmäßige, bis zur Siedhitze gesteigerte Eitelkeit aus. Der unbedeutendste Gerichtsschreiber, Gemeindeschreiber, Dorfschulmeister sprach nicht anders, als ob er einen ganzen Kanton zu seiner Verfügung hätte und als ob die Taschen seines abgeschabten Ueberziehers mit Stimmzetteln bis oben gefüllt wären. Und in der That hatte Jansoulet Gelegenheit gehabt, sich davon zu überzeugen, daß in den korsischen Gemeinden die Familien so alt und so verzweigt sind, daß ein armer Teufel, welcher an der Straße Steine klopft, seine Verwandtschaft mit den ersten Familien der Insel nachzuweisen vermag, und daher über einen weitgehenden Einfluß gebietet. Das hochmütige, intrigante, tückische und rachsüchtige Nationaltemperament trägt noch dazu bei, die Schwierigkeiten zu erhöhen, so daß man wohl acht zu geben hat, bevor man seinen Fuß in dieses über die ganze Insel verzweigte Netz von Fallstricken setzt. Das Abscheulichste aber war, daß alle diese Menschen aufeinander eifersüchtig waren, sich haßten und bei offener Tafel über die Wahl stritten, sich finstere Blicke zuwarfen, bei dem geringfügigsten Streite nach ihren Dolchen griffen, sehr laut und auf einmal sprachen, teils in ihrem sonoren harten Patois, teils in einem lächerlichen Französisch, sich gegenseitig mit Beleidigungen überhäuften, sich einander die Namen von unbekannten Weilern oder Stadtklatschereien an den Kopf warfen, durch welche zwischen zwei Gästen auf einmal der Familienhaß von Jahrhunderten aufgerührt wurde. Der Nabob befürchtete ein tragisches Ende seiner Mahlzeiten und suchte diese Wutausbrüche durch den versöhnenden Eindruck seines gutmütigen Lächelns zu beschwichtigen. Aber Paganetti beruhigte ihn. Die Vendetta, die allerdings in Korsika noch an der Tagesordnung ist, verwendet nach seiner Behauptung nur noch selten und nur in den niederen Klassen Dolch und Messer zu ihrer Befriedigung. An deren Stelle ist der anonyme Brief getreten. In der That erhielt man täglich am Vendomeplatz Briefe ohne Unterschrift, etwa folgenden Inhaltes: »Herr Jansoulet, Sie sind so großmütig, daß ich nicht umhin kann, Ihnen den Herrn Bornalinco (Ange-Marie) als einen von Ihren Feinden erkauften Verräter zu bezeichnen. Das Gegenteil gilt allerdings von seinem Vetter Bornalinco (Louis-Thomas), welcher der guten Sache völlig ergeben ist.« Oder auch in dieser Weise: »Herr Jansoulet, ich fürchte, daß Ihre Wahl nicht durchzusetzen ist, wenn Sie einen gewissen Castirla (Josué) aus dem Kanton Omessa ferner verwenden, wogegen sein Verwandter Luciani Ihr Mann ist.« Obgleich der arme Kandidat schließlich dahin gelangte, diese Episteln überhaupt nicht mehr zu lesen, so empfand er doch diese nagenden Zweifel, diese Gehässigkeiten und kleinlichen Intriguen sehr peinlich und seine Sorgen, seine fieberhafte Spannung und seine überreizten Nerven lehrten ihn die Wahrheit des korsischen Sprichwortes kennen: »Willst du deinem Feinde einen Tort anthun, so wünsche ihm eine Wahlkandidatur in seiner Familie.« Man mag sich unschwer vorstellen, daß das Checkbuch und die drei großen Schubladen in der Mahagonikommode nicht geschont wurden von diesem Schwarm gieriger Heuschrecken, die in die Salons des »Herrn Jansoulet« eingefallen waren. Nichts war komischer als die großartige Weise und die unverfrorene, herausfordernde Miene, womit diese wackeren Insulaner den Kredit des Nabob in Anspruch nahmen. Und dennoch waren sie noch nicht die Schlimmsten, abgesehen von den Cigarrenkisten, die in ihren Taschen verschwanden, als ob sie alle bei der Heimkehr einen Tabakshandel anfangen wollten. Aber gleichwie zur Zeit der starken Hitze die Wunden sich röten und eitern, so hatte die bevorstehende Wahl dem im Hause sich breit machenden Raubsystem einen unglaublichen Anstoß gegeben. Da waren vor allem die Drucksachen, welche enorme Summen verschlangen: von Moëssard verfaßte Artikel wurden in zwanzig- bis dreißigtausend Exemplaren nebst Porträts, Biographieen, Flugschriften und allem andern erdenklichen gedruckten Zeug nach Korsika gesandt. Und dann der hergebrachte Saugapparat, der sich vor dem Millionenreservoir etabliert hatte: Die bethlehemitische Stiftung, dieses gewaltige Triebwerk, das in großen Zügen sog; die Territorialkasse, dieses wunderbare, unermüdliche Institut, das mit Tausenden von Pferdekräften arbeitete, und dann die Saugpumpe Schmalbach, Bois-Landry und wie viele sonst noch, teils groß und geräuschvoll, teils sanft und wohlgeschmiert, wahre Zierpumpen in der Art der Saugrüssel von Insekten, deren Durst Stiche verursacht, und die ihr Gift dort hinterlassen, wo sie ihren Lebensunterhalt schöpfen: alle in demselben Tempo arbeitend und dadurch schließlich, wenn auch nicht eine völlige Trockenheit, so doch ein bedrohliches Sinken des Niveaus in Aussicht stellend. Schon cirkulierten an der Börse, wenn auch in keiner greifbaren Gestalt, üble Gerüchte. Es mochte dahinter ein Manöver seines Feindes, dieses Hemerlingue, stecken, mit dem Jansoulet eine erbitterte finanzielle Fehde führte, indem er sich bemühte, alle Finanzoperationen seines Gegners zu hintertreiben, bei welchem gefährlichen Spiele er erhebliche Summen einbüßte, weil ihm sein heftiges Temperament, die Kaltblütigkeit seiner Gegner und die Ungeschicklichkeit Paganettis, der als Strohmann figurierte, im Wege standen. Auf alle Fälle war sein goldner Stern im Erbleichen, Paul von Géry hatte dies durch den Vater Joyeuse in Erfahrung gebracht, der als Commis bei einem Wechselmakler in Dienst getreten war und genaue Kenntnis von den Zustanden der Börse hatte: aber was ihn noch mehr besorgt machte, das war die eigentümliche Aufregung des Nabob, sein Bedürfnis sich zu betäuben, gegenüber seiner früheren unverwüstlichen Ruhe und Heiterkeit, das Schwinden seiner südländischen Nüchternheit und die Art und Weise, wie er sich jetzt vor den Mahlzeiten durch reichlichen Genuß von Absinth aufregte, während er geräuschvoll sprach und laut lachte wie ein angeheiterter Matrose. Man merkte ihm den Menschen an, der sich über die Maßen anstrengt, um einer Sorge zu entfliehen, die aber dennoch in dem plötzlichen Zusammenzucken des Gesichtes bei der Erinnerung an den peinlichen Gedanken zu Tage trat, wie auch, wenn er in fieberhafter Hast sein kleines abgegriffenes Notizbuch durchblätterte. Von dieser ernsten Unterredung, von dieser definitiven Auseinandersetzung, welche Paul so gern mit ihm herbeigeführt hätte, wollte der Nabob unter keinen Umständen etwas wissen. Er verbrachte seine Nächte im Klub, die Vormittage im Bett und von seinem Erwachen an war sein Zimmer mit Leuten vollgepfropft, die während des Ankleidens mit ihm sprachen, und denen er mit dem Gesichte im Waschbecken antwortete. Wenn durch Zufall Géry ihn auf eine Sekunde erwischte, so machte er sich davon, schnitt ihm durch ein »nur jetzt nicht, bitte,« das Wort ab. Endlich nahm daher der junge Mann zu einem heroischen Mittel seine Zuflucht. Eines Morgens gegen fünf Uhr bei der Rückkehr aus dem Klub fand Jansoulet einen Brief auf seinem Betttische, den er anfangs für eine jener anonymen Denunziationen hielt, wie er sie täglich empfing. Allerdings war auch dieser Brief eine Denunziation, aber mit voller Unterschrift und offnem Visier, eingegeben von der Rechtlichkeit und dem jugendlichen Eifer des Verfassers. Géry charakterisierte darin in sehr klaren Worten alle die Schändlichkeit und Ausbeutungen, deren Opfer er geworden. Ohne Umschweife nannte er ihm die Strolche bei Namen. Da war auch nicht einer von den täglichen Tischgenossen, der ihm unverdächtig erschien, nicht einer, der einen andern Zweck verfolgte, als zu stehlen und zu lügen. Von oben bis unten nichts als Plünderung und Verschwendung. Die von Bois-Landry herstammenden Pferde seien Schindmähren, die Schwalbachsche Bildergalerie eine Betrügerei, die Zeitungsartikel von Moëssard stadtbekannte Erpressung. Ueber all diese schamlosen Vertrauensmißbräuche hatte Géry ein ausführliches Memorandum verfaßt und dieses mit Beweisstücken belegt. Besonders aber waren es die Akten der Territorialkasse, deren Durchsicht er Jansoulet auf das dringendste empfahl, weil dadurch seine Situation besonders bedroht sei. Bei allen andern Angelegenheiten kam lediglich das Geld in Frage, hier aber stand auch die Ehre auf dem Spiele. Durch seinen Namen, durch seinen Titel als Präsident des Verwaltungsrates angelockt, waren Hunderte von Aktionären, die gleich ihm, dem glücklichen Goldgräber, nach Gold haschten, in diese Fallstricke getaumelt. Dadurch sei ihm eine furchtbare Verantwortlichkeit erwachsen, deren Tragweite er beim Durchlesen der Akten dieser Gesellschaft erkennen werde, die auf nichts als Lüge und Schwindel gegründet sei. »Sie werden das erwähnte Memorandum in dem obersten Schubfache meines Schreibsekretärs finden,« hieß es am Schlusse seines Briefes. »Verschiedene Quittungen sind demselben beigelegt. Ich habe diese Papiere nicht in Ihr Zimmer gelegt, weil ich Noël ebensowenig traute, wie allen andern. Heute abend bei meiner Abreise werde ich Ihnen den Schlüssel überbringen. Denn ich gehe fort, mein teurer Freund und Wohlthäter, ich gehe fort voller Erkenntlichkeit für alles Gute, was Sie mir erwiesen haben, und mit Trauer im Herzen darüber, daß Ihr blindes Vertrauen mir die Möglichkeit geraubt hat, Ihnen diese Güte wenigstens teilweise zu vergelten. Wie die Sachen jetzt stehen, verbietet mir mein Gewissen fernerhin zwecklos meine Stelle zu behaupten. Ich bin der ohnmächtige Zeuge eines nahen Unheils, aber mein Herz empört sich über das, was ich mitansehen muß. Ich gehe mit Leuten um, deren Händedruck mich entehrt. Ich bin Ihr Freund, und erscheine gleichwohl als deren Mitschuldiger. Und wer vermöchte zu sagen, ob nicht die Gewohnheit, in einer solchen Atmosphäre zu leben, mich schließlich zum Mitschuldigen derselben gemacht haben würde?« Dieser Brief, den Jansoulet langsam und mit Bedacht und bis zum Punkt auf dem i las, machte auf ihn einen so überwältigenden Eindruck, daß er, anstatt sich zur Ruhe zu begeben, sofort seinen jungen Sekretär aufsuchte. Derselbe hatte am Ende der Zimmerreihe sein Arbeitskabinett, in welchem man für ihn ein Bett auf dem Diwan bereitet hatte, eine provisorische Einrichtung, die auf seinen Wunsch bisher nicht abgeändert war. Das ganze Haus schlief noch. Indem der Nabob die lange Flucht der Zimmer durchschritt, in denen, da dieselben nicht für den Empfang am Abend dienten, die Rouleaux nicht niedergelassen waren, und die in diesem Augenblicke von der ersten Morgendämmerung erhellt wurden, hielt derselbe einen Moment inne, unangenehm betroffen von dem trostlosen Anblick, den der von ihm entfaltete Luxus bot. In dem widerwärtigen Tabaks- und Liqueurdunst, der in den Zimmern herrschte, erschienen die Möbel, die Zimmerdecke, das Holzgetäfel, obwohl sie ganz neu waren, dennoch bereits alt und verbraucht. Flecken auf den Seidenvorhängen, Asche auf den Marmorkaminen, Stiefelspuren auf den Teppichen, riefen den Gedanken an den Salon eines riesigen Waggons erster Klasse wach, welcher die Spuren der Trägheit, der Ungeduld und der Langeweile einer langen Reise gleichzeitig mit der souveränen Mißachtung eines vom Publikum bereits bezahlten Luxus an sich zu tragen pflegt. Inmitten dieser gesuchten Ausstattung, die noch die Merkmale des verbrecherischen Gaukelspieles, das Tag für Tag innerhalb derselben aufgeführt wurde, an sich trug, erblickte er in dem kalten, fahlen Licht von zwanzig Spiegeln reflektiert, unheilverkündend und komisch zugleich sein eignes Bild mit der zu seiner Erscheinung nicht passenden modischen Kleidung, mit hervortretenden Augen und gerötetem Gesichte. Was für ein trübes Erwachen aus dem Taumel seiner tollen Lebensweise! Einen Augenblick vertiefte er sich in düstere Gedanken, aber dann trat er mit jenem ihm eigentümlichen Achselzucken, durch welches er sich aller traurigen Vorahnungen zu entledigen pflegte, in das Zimmer Gérys, der bereits aufgestanden war und, vor seinem offnen Schreibsekretär stehend, Papiere ordnete. »Vor allem, mein Freund,« sagte Jansoulet, indem er vorsichtig zunächst die Thür schloß, »antworten Sie mir freimütig auf folgendes: Sind es wirklich die in Ihrem Schreiben ausgesprochenen Gründe, welche Sie veranlassen, mich zu verlassen? Steckt nicht vielleicht dahinter eine jener Verleumdungen, die, wie ich weiß, in Paris über mich umgehen? Ist nur dies der Fall, so werden Sie rechtlich genug denken, mich davon in Kenntnis zu setzen, und mir dadurch die Möglichkeit gewähren, mich vor Ihnen zu rechtfertigen!« Paul versicherte, daß nur die von ihm angeführten Gründe ihn zu seinem Entschlusse bewogen hätten, daß dieselben aber allerdings ausreichten, da es sich hier um eine Gewissenssache handle. »Dann, mein lieber Junge, hören Sie mich an, und ich bin sicher, daß Sie bei mir bleiben werden. ... Ihr Brief, aus welchem die Rechtlichkeit und Aufrichtigkeit in so beredter Weise spricht, hat mich nichts gelehrt, wovon ich nicht schon seit drei Monaten überzeugt bin. Ja, mein lieber Paul, Sie haben allerdings recht. Paris ist ein schwierigerer Ort, als ich mir anfangs vorgestellt hatte. Es fehlte mir bei meinem Eintreffen ein ehrlicher, uninteressierter Führer, der mich vor den Menschen und Dingen gewarnt hätte. Ich habe nur Leute gefunden, die mich ausbeuteten. Alles, was die Stadt an gewitzigten Gaunern beherbergt, hat den Kot seiner Stiefelabsätze auf meinen Teppichen zurückgelassen. – Erst eben habe ich meine armen Salons darauf angesehen. Die hätten einen gehörigen Besenstrich verdient, und, weiß Gott, ich gebe Ihnen mein Wort, der soll ihnen werden und zwar mit kräftiger Faust. ... Ich warte nur darauf, daß ich erst Deputierter bin. Alle diese Schurken dienen mir mit Rücksicht auf meine Wahl, und diese Wahl ist mir zu wichtig, um auch nur eine Chance aus der Hand zu geben. ... In zwei Worten hier meine Lage: Nicht allein geht der Bey damit um, mir das Geld vorzuenthalten, das ich ihm vor einem Monate geliehen habe, nein, auf die von mir ausgestellte Anweisung hat er mit einer Gegenforderung von achtzig Millionen geantwortet, auf welchen Betrag er das Geld schätzt, das ich seinem Bruder entzogen habe. Das ist von seiner Seite ein infamer Diebstahl, eine schmähliche Verleumdung. ... Mein Vermögen ist mein, gehört mir ... ich habe es in meinem Kommissionsgeschäft verdient. Ich war der Günstling Achmeds, dieser selbst hat mir die Gelegenheit verschafft, reich zu werden. ... Daß ich oft die Schraube etwas stark angezogen habe, kann möglich sein. Aber man muß dergleichen nicht mit den Augen eines Europäers betrachten. Dort unten sind diese maßlosen Gewinne der Levantiner eine allbekannte Geschichte. Das ist das Lösegeld der Wilden, für welches sie unsre westliche Civilisation eintauschen, Hemerlingue, der diesen ganzen Verfolgungsplan dem Bey eingegeben, hat noch ganz andre Gewinne erzielt. ... Aber wozu sich streiten? Ich bin in dem Rachen eines Wolfes. Ehe ich meine Sache vor den Gerichten führe – ich kenne die Justizpflege im Orient nur zu genau – hat der Bey schon begonnen, auf alle meine Güter, Paläste und alles, was sie enthalten, Beschlag zu legen. ... Die Angelegenheit ist in aller Form durch einen Beschluß des höchsten Gerichtshofes eingeleitet. Die Hand von Hemerlingues Sohn ist dabei im Spiele.... Wenn ich erst Deputierter bin, so ist das nur ein Kinderspiel. Der Gerichtshof nimmt seinen Beschluß zurück, und man gibt meine Schätze mit tausend Entschuldigungen frei. Werde ich aber nicht gewählt, so verliere ich alles, sechzig, achtzig Millionen, selbst die Möglichkeit, aufs neue mein Glück zu machen; das wäre gleichbedeutend mit Ruin, Schande und Verderben.... Nun wohl, mein junger Freund, wollen Sie mich in einer solchen Krisis verlassen? ... Bedenken Sie doch, daß Sie allein mir zur Seite stehen! Etwa meine Frau? Sie haben sie gesehen und wissen gut genug, welche Stütze, welcher Beirat sie für ihren Mann ist.... Meine Kinder? Ja, ob ich die habe oder nicht? Ich sehe sie nie, sie würden mich auf der Straße kaum erkennen.... Mein abscheulicher Luxus hat eine Art Liebesleere rings um mich geschaffen und diese zarten Empfindungen durch unersättlichen Eigennutz ersetzt. ...Liebe wird mir nur von meiner Mutter zu teil, die leider fern von hier ist, und von Ihnen, den ich ihr verdanke. ... Nein, Sie können mich nicht allein inmitten dieser im Dunkeln schleichenden Verdächtigungen lassen ... es ist furchtbar, wenn Sie alles wüßten.... »Im Klub, im Theater, wohin ich immer gehe, überall begegne ich diesem giftgeschwollenen Kopfe der Baronin Hemerlingue, überall höre ich den Widerhall ihrer Verdächtigungen und spüre das Gift ihrer Wut. Ueberall spöttische Blicke; die Unterhaltung wird, wenn ich in die Nähe komme, plötzlich abgebrochen, nichts als gleisnerisches Lächeln oder ein Wohlwollen, das mit einer guten Dosis von Mitleid gemischt ist. Und dann diese Fahnenflucht von Leuten, die sich wie bei dem Nahen eines Unglückes, vorsichtig zurückziehen. Da ist zum Beispiel Felicia Ruys, die im selben Augenblicke, wo meine von ihr gefertigte Büste vollendet ist, irgend einen Unfall zum Vorwande nimmt, um dieselbe nicht in die Ausstellung zu senden. Ich habe nichts gesagt, ich habe gethan, als ob ich an diesen Unfall glaubte. Aber ich habe sehr wohl begriffen, daß auch hier eine Verleumdung im Spiele ist.... Und doch ist gerade dieses für mich eine große Enttäuschung. In so schweren Zeitläufen, wie die gegenwärtigen, ist alles von Wichtigkeit. Meine Büste in der Ausstellung, mit der Unterschrift der berühmten Bildhauerin würde mir in Paris unendlich zu statten gekommen sein ... aber nein, alles geht in die Brüche, alles schlägt fehl.... Sehen Sie nun ein, daß Sie mich nicht auch im Stiche lassen dürfen?« Dreizehntes Kapitel. Ein toller Tag. Es ist fünf Uhr nachmittags. Seit dem frühen Morgen regnete es, ein grauer und niedriger Himmel, den man mit dem Regenschirm berühren zu können glaubte, hing über der Stadt. Kot, Schmutz und wiederum Schmutz in großen Haufen und in glänzenden Streifen am Rande der Trottoirs. Vergeblich von den Fegemaschinen und von den Straßenkehrerinnen zusammengekehrt und auf große Karren geworfen, die ihn gemessenen Schrittes nach Montreuil bringen und im Triumph durch die Straßen spazieren führen, bleibt der Schmutz stets wieder und wieder aufgerührt und sich von selbst erneuernd zwischen den Steinen liegen, bespritzt die Wagenfenster, das Geschirr der Pferde, die Kleider der Leute, befleckt die Ladenfenster, die Thürschwellen, die Sockel der Häuser, so daß man fürchten möchte, ganz Paris müsse unter diesem Unflat eines schlammigen Erdreiches, in welchem alles erweicht und ineinander läuft, verschwinden und untergeben. Und es ist in der That zum Erbarmen, anzusehen, wie dieser Schmutz die neuen weißen Häuser, die Rampen der Quais und die Säulen der steinernen Balkons mit seiner Kruste überzieht. Ein Wesen erfreut sich aber allerdings dieses Schauspieles, ein armes blasiertes und krankhaftes Geschöpf, das der Länge nach auf dem gestickten Seidenüberzuge eines Diwans hingegossen, den Kopf in seine Hände gestützt, ganz glücklich durch die vom Regen triefenden Fensterscheiben blickt und sich an allen diesen Widerwärtigkeiten ergötzt. »Schau einmal, meine liebe Fee, das ist genau das Wetter, wie es mir heute zusagt.... Sieh, wie sie in den Pfützen herumwaten.... Sehen sie abscheulich aus und wie schmutzig sind sie! ... Welch ein Kot! Ueberall, auf den Straßen, auf den Quais, selbst bis in die Seine, ja sogar bis in den Himmel.... Ach, thut dieser Schmutz doch gut, wenn man traurig ist.... Wie möchte ich gern darin herumkneten, eine Statue daraus machen, etwa hundert Fuß hoch, die ich ›Meine Langeweile‹ taufen würde.« »Aber warum langweilst du dich, meine Liebe?« sagte die alte Tänzerin, rosig und liebenswürdig in ihrem Stuhle sitzend und sich kerzengerade haltend, nur um ihre heute noch mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt geordnete Frisur zu schonen, »hast du nicht alles, was man braucht, um glücklich zu sein?« Und mit ihrer gemessenen Betonung begann sie zum hundertstenmal, dem jungen Mädchen all ihren Anlaß zum Glücklichsein aufzuzählen, ihren Ruhm, ihre Schönheit, die Huldigung von seiten der schönsten und einflußreichsten Herren; ja, allerdings der einflußreichsten, denn gerade heute. ... Aber ein schauerliches Geheul, der herzzerreißende Klageruf eines durch die Eintönigkeit seiner Vereinsamung gereizten Schakals läßt plötzlich alle Fenster des Ateliers erzittern und veranlaßt die erschreckte altertümliche Seidenraupe, sich schleunigst in ihren Cocon zurückzuziehen. Acht Tage waren vergangen, seit die von Felicia gefertigte Gruppe vollendet und zur Ausstellung abgesandt war, und nichtsdestoweniger befand die Künstlerin sich in demselben Zustande der Niedergeschlagenheit, des Mißmutes und einer entsetzlichen Gereiztheit. Die Fee bedarf ihrer ganzen unerschöpflichen Geduld, der Zauberkraft ihrer bei jeder Gelegenheit wachgerufenen Erinnerungen, gegenüber dieser Unruhe, diesem giftigen Zorne, dessen fernes Grollen man schon vernimmt und der bei irgend einer Gelegenheit mit einem bittren Worte, in einem Ausruf des Ekels das Schweigen des jungen Mädchens durchbricht.... Die von ihr gefertigte Gruppe ist abscheulich – kein Mensch wird davon Aufhebens machen.... Die Kritiker sind insgesamt Esel.... Das Publikum? Was ist es weiter als ein Kropf mit einem dreifachen Kinn. ... Und dennoch, als am vergangenen Sonntage der Herzog von Mora mit dem Oberintendanten der schönen Künste sie besuchte, um die Ausstellung in ihrem Atelier zu sehen, war sie so glücklich, so stolz auf die ihr gespendeten Lobeserhebungen gewesen, so ganz und gar von ihrem eignen Werke hingerissen, das sie wie die Schöpfung eines andern aus der Ferne bewunderte, jetzt, wo der Meißel nicht mehr jenes Band zwischen ihr und ihrem Werke bildete, das dem unparteiischen Urteil des Künstlers so hinderlich ist. Aber so ist es jedes Jahr. Sobald das jüngste Werk ihrer Hände das Atelier verlassen hat und ihr berühmter Name von neuem der Spielball der unberechenbaren Laune des Publikums geworden ist, irren Felicias Gedanken, die sich nunmehr auf keinen greifbaren Gegenstand richten, in der trostlosen Oede des eignen Herzens, der Existenz einer aus ihrem bescheidenen Wirkungskreise herausgetretenen Frau so lange umher, bis eine neue Arbeit sie aus ihrem Grübeln aufrüttelt. Sie schließt sich ein, will niemand sehen, man möchte glauben, daß ihr vor ihr selbst bange ist. Nur der brave Jenkins vermag in solchen Krisen bei ihr auszuhalten, ja, es hat fast den Anschein, als ob sie ihm willkommen seien, weil er für sich daraus einen Vorteil zu ziehen hofft. Und doch, der Himmel weiß es, sie ist nichts weniger als liebenswürdig gegen ihn. Erst gestern hat er zwei Stunden mit dieser schönen Gelangweilten ausgehalten, obgleich sie nicht ein einziges Wort mit ihm zu wechseln für gut befand. Wenn das der Empfang ist, den sie für die hohe Persönlichkeit in Bereitschaft hat, die heute den beiden Damen die Ehre anthun will, bei ihnen zu speisen.... Bei diesen Gedanken, denen die gute Cremnitz, in den Anblick ihrer zierlichen Schuhe versunken, nachhängt, erinnert sie sich plötzlich, daß sie zu Ehren der hohen Persönlichkeit eine Wiener Mehlspeise zum Diner zu bereiten versprochen hat, und schlüpft deshalb leise auf den Fußspitzen aus dem Atelier. Mittlerweile prasselt der Regen nach wie vor nieder und immer noch liegt die schöne Sphinx auf ihrem Diwan, den Blick auf den undurchdringlichen Himmel gerichtet. Woran mag sie denken? Was mag sie auf diesen von Schmutz starrenden Wegen im Zwielicht der Dämmerung nahen sehen, mit dieser Falte auf der Stirn und diesen Lippen, auf denen der Ueberdruß sichtlich lagert? Ist es ihr Schicksal, das sie kommen sieht? Wahrlich, ein trostloses Schicksal, das bei einem solchen Wetter, unbekümmert um Düster und Schmutz, sich naht.... Aber horch, es tritt jemand in das Atelier, ein schwererer Tritt, als der sanfte Schritt Konstanzes. Vermutlich der Diener. Und Felicia ruft in nichts weniger als freundlichem Tone, ohne sich einmal umzusehen: »Mach, daß du fortkommst ... ich bin für niemand zu Hause. ...« »Und doch hätte ich gern mit Ihnen geplaudert,« antwortete ihr eine wohlbekannte Stimme. Felicia erbebt, richtet sich empor und mit liebenswürdiger, fast lächelnder Miene erwidert sie dem unerwarteten Besucher: »Was, sind Sie es, junge Minerva, wie in aller Welt sind Sie denn hereingekommen?« »Sehr einfach, alle Thüren stehen offen.« »Nun, das nimmt mich nicht wunder. Konstanze ist wegen ihres Diners seit heute morgen rein toll.« »Ja, allerdings, ich habe schon bemerkt, das Vorzimmer ist voll von Blumen. Sie haben? ...« »Ach, ein albernes Diner, ein offizielles Diner. Ich begreife selbst nicht, wie ich dazu gekommen bin. ... Setzen Sie sich doch her zu mir, ich freue mich sehr, Sie zu sehen.« Paul setzt sich etwas verwirrt. Das junge Mädchen ist ihm nie so schön erschienen. In dem Helldunkel des Ateliers, inmitten des unbestimmten Wiederscheins der Kunstgegenstände, der Bronzestatuen und Stickereien verbreitet ihre Blässe ein sanftes Licht und strahlen ihre Augen einen Glanz aus, wie von einem kostbaren Edelstein und ihr langes, enganschließendes Kleid zeichnet die Umrisse ihrer Göttergestalt. Und nun redet sie mit ihm in einem so herzlichen Tone und scheint so glücklich über diesen Besuch. Warum er so lange Zeit ihr fern geblieben sei? Fast ein Monat sei vergangen, seit er sich nicht habe sehen lassen. Ob sie denn nicht mehr gute Freunde seien? Paul rechtfertigt sich, so gut er es vermag, mit seinen Geschäften und der unternommenen Reise. Uebrigens, wenn er sie auch nicht besucht habe, so habe er doch oft, ja täglich von ihr gesprochen. »Wirklich, und mit wem denn?« »Mit ...« Er wollte schon erwidern: mit Aline Joyeuse ... aber eine Art Verlegenheit, ein Gefühl, von dem er sich selbst kaum Rechenschaft zu geben vermag, eine Art sittlichen Bedenkens, einen solchen Namen in diesem Atelier auszusprechen, das so manche ganz andre Namen gehört hat, läßt ihn stocken. Es gibt ja Dinge, die nicht miteinander harmonieren, ohne daß man recht weiß, warum. Lieber noch nimmt Paul zu einer Unwahrheit seine Zuflucht, die ihn gleichzeitig auf den Zweck feines Besuches führt. »Mit einem ausgezeichneten Manne, dem Sie eine in der That recht unnötige Sorge bereitet haben ... – denn offen gesprochen, warum haben Sie die Büste des armen Nabob nicht vollendet? ... Seine Büste in der Ausstellung wäre für ihn ein großes Glück, ein wahrer Stolz gewesen. Und er hatte so sicher darauf gerechnet.« Bei dem Namen des Nabob wurde das junge Mädchen etwas verlegen. »Allerdings,« sagte sie, »ich habe mein Wort nicht eingelöst. ... Aber, was wollen Sie? Ich bin aus Launen zusammengesetzt, wahrhaftig. ... Ich beabsichtige aber wirklich, die Arbeit in diesen Tagen wieder aufzunehmen. Sehen Sie selbst, ich habe ein Stück Linnen darübergelegt, ganz naß, damit der Thon nicht austrocknet.« »Und der Unfall? ... Sie wissen ganz gut, daß wir niemals an einen solchen geglaubt haben....« »Das ist unrecht von Ihnen ... ich lüge niemals. Ein Sturz, eine böse Beschädigung.... Zum Glück aber war der Thon noch frisch, so daß ich den Schaden leicht habe ausbessern können. Sehen Sie einmal her!« Bei diesen Worten nahm sie mit einer raschen Bewegung das Linnen hinweg, und der Nabob mit seinem gutmütigen Antlitz, das ganz glücklich darüber schien, abkonterfeit zu sein, stand vor ihnen, und zwar so ähnlich und natürlich, daß Paul einen Ausruf der Bewunderung nicht unterdrücken konnte. »Nun, ist er nicht recht gut geraten?« sagte sie ganz naiv. »Hier und da noch einige kleine Retouchen« (bei diesen Worten hatte sie das Bossierholz und einen kleinen Schwamm ergriffen und die Büste in das spärliche Licht gerückt). »In wenigen Stunden ließe sich das Werk vollenden, aber zur Ausstellung wird es doch nicht mehr kommen können. Heute haben wir schon den 22. und die Ablieferung hätte daher schon längst erfolgen müssen.« »Bah, wenn man hohe Gönner hat. ...« Felicia runzelte die Stirn, und ein böser Zug zuckte um ihren Mund. »Ja so, das ist wahr. Als Schützling des Herzogs von Mora, ... Sie brauchen sich nicht zu verteidigen. Ich weiß sehr gut, was man sich erzählt, und ich kümmere mich keinen, Pfifferling darum, nicht so viel. ...« (Sie warf eine Thonkugel gegen die Wand.) »Wer weiß, vielleicht veranlaßt mich gerade die Vermutung eines in Wirklichkeit nicht bestehenden Verhältnisses, ... Aber lassen mir diese elenden Verdächtigungen,« sagte sie, ihren kleinen aristokratischen Kopf zurückwerfend... . »Mir liegt nun einmal daran, Ihnen, Minerva, zu Gefallen zu sein. .,, Und daher wird Ihr Freund noch in diesem Jahre auf der Ausstellung erscheinen.« In diesem Augenblicke durchdrang ein Geruch von gebranntem Zucker und von heißem Butterteige das Atelier, das nur noch von dem letzten Zwielicht beleuchtet wurde, und, eine Schüssel mit Apfelkrapfen in der Hand, erschien die Fee, gleich einer wirklichen Fee geschmückt und jugendlich, in einem weißen Kleide, durch dessen gelbliche Spitzenärmel man die schönen Arme einer alten Frau sah, diese Schönheit die am längsten der Zeit Trotz bietet. »Sieh doch, mein Liebling, ob meine Krapfen dieses Mal geraten sind? ... Ach! Ich bitte um Entschuldigung, ich hatte gar nicht bemerkt, daß Besuch da ist. ... Aber, nicht wahr, das ist ja Herr Paul. ... Geht es Ihnen gut, Herr Paul? Kosten Sie doch mein Gebäck, ...« Und die gute Alte, die in ihrem heutigen Paradeanzug noch an Lebhaftigkeit gewonnen zu haben schien, näherte sich tänzelnd, die Schlüssel auf ihren zierlichen Fingern balancierend. »Laß das einstweilen noch,« versetzte Felicia in großer Ruhe. ... »Du kannst Herrn Paul ja bei Tische davon anbieten.« »Bei Tische?« Die Tänzerin war so verblüfft, daß sie fast ihre Krapfen hätte fallen lassen, die so schön aufgegangen, leicht und vorzüglich waren, wie sie selbst. »Ja, allerdings, ich werde Herrn Paul zu Tische bei uns behalten.... Ach, ich bitte Sie,« fügte sie mit besondrer Eindringlichkeit hinzu, als sie eine ablehnende Gebärde bei dem jungen Manne wahrnahm, »das dürfen Sie mir nicht abschlagen. ... Sie leisten mir einen wahren Dienst, wenn Sie heute abend bleiben.... Ich habe mich doch eben auch nicht bedacht, ich ...« Sie hatte seine Hand ergriffen, und in der That, es machte sich ein eigentümliches Mißverhältnis zwischen ihrer Bitte und dem flehenden, fast ängstlichen Tone bemerkbar, mit dem diese Bitte vorgebracht wurde. Paul suchte nach Ausflüchten. Er sei nicht entsprechend gekleidet.... Wie sie ihm dies zumuten könne? ... Ein Diner, bei dem sie Gesellschaft erwarte. ... »Ach was, mein Diner! ... Das bestelle ich einfach ab. ... Das ist so meine Art. ... Wir werden mit Konstanze ganz unter uns sein.« »Aber, Felicia, mein Kind, du kannst doch nicht in Wirklichkeit daran denken wollen? Und der ... der andre Herr, der jeden Augenblick kommen kann.« »Nun, ich schreibe ihm ganz einfach, er möge zu Hause bleiben.« »Aber, bedenke doch, es ist ja schon zu spät....« »Keineswegs. Es ist jetzt sechs Uhr. Das Diner sollte um siebeneinhalb Uhr stattfinden. Schicke ihm nur rasch das hier.« Und sie schrieb in der Eile an der Tischecke einige Zeilen, »Was für ein Mädchen, mein Gott, mein Gott!« murmelte die Tänzerin verzweifelt, während Felicia ganz wie verwandelt mit dem glücklichsten Lächeln ihren Brief beendete. »Da, die Entschuldigung ist fertig ... die Migräne wurde nicht umsonst erfunden. ...« Und als der Brief fort war, setzte sie erleichtert hinzu: »Ach, wie ich mich freue: was für einen hübschen Abend wir verleben werden! Küsse mich doch, Konstanze. ... Das soll uns nicht abhalten, deinen Krapfen alle Ehre anzuthun, und dann sehen wir dich in einer reizenden Toilette, in der du jünger aussiehst, als ich.« Das war mehr als genügend, um die Tänzerin mit der neuen Laune ihres geliebten Dämons auszusöhnen, und sie zur Mitschuldigen an dem Majestätsverbrechen zu machen. So rücksichtslos mit einer solchen Persönlichkeit umzuspringen! Das war auf der ganzen Welt nur ihr möglich, aber auch nur ihr. – Was Paul von Géry betrifft, so machte er keinen Versuch mehr, ihr zu widerstreben: er sah sich von neuem in das Netz verstrickt, aus dem er sich bereits durch sein Fernbleiben befreit gewähnt, das aber, seit er die Schwelle des Ateliers überschritten, seinen Willen gefangen hielt und ihn wehrlos und besiegt dem Gefühl preisgab, das zu bekämpfen er so fest entschlossen gewesen. Offenbar war das Diner – ein wahrhaft lukullisches Mahl, das bis in die kleinsten Details von der Oesterreicherin überwacht worden – für einen Gast von hohem Stande bestimmt gewesen. Von dem großen siebenarmigen Leuchter aus geschnitztem Holze, der über die gestickte Tischdecke seinen Glanz ausgoß, bis zu den langhalsigen Caraffons, welche den Wein in ebenso geschmackvolle als bizarre Formen zwangen, von dem kostbaren Service bis zu der ausgezeichneten Zubereitung der durch einen leisen Beigeschmack von Fremdartigkeit besonders pikant schmeckenden Gerichte, ließ alles die hohe Stellung des erwarteten Gastes und die eifrige Sorge ahnen, ihm zu Gefallen zu sein. Die Künstlerwirtschaft ließ sich freilich nicht verkennen. Wenig Silberzeug, aber vorzügliches Porzellan, ein buntes Allerlei, ohne jede Gleichartigkeit. Altes Porzellan von Rouen, rosarotes Sèvres, holländische Krystallgefäße mit altertümlichem Zinnbeschlage, alles stand auf diesem Tische bunt durcheinander, wie in einer Raritätensammlung, die ein Liebhaber, der Laune seines Geschmackes folgend, zusammengehäuft hat. In diesem Hausstande, der so durch Zufall und Gelegenheitskäufe zusammengetragen war, herrschte in der That keine geringe Unordnung, Das wunderbar schön geformte Oelflacon hatte keinen Stöpsel, das geborstene Salzfaß verschüttete seinen Inhalt auf die Tischdecke und in jedem Augenblicke wurden Ausrufe laut: »Aber, was in aller Welt, ist aus unsrem Senftopfe geworden? ... Was ist denn mit dieser Gabel passiert?« Géry waren solche Ausrufe seiner jungen Wirtin wegen etwas peinlich, diese schien sich aber nicht das mindeste daraus zu machen. Aber was in weit höherem Grade Pauls Gedanken beschäftigte, das war das drückende Bewußtsein, daß er an dieser Tafel die Stelle eines hervorragenden Gastes einnahm, den man gleichzeitig mit einem solchen ehrerbietigen Glanze und einer so unglaublichen Gleichgültigkeit bedachte. Unwillkürlich hatte er stets diesen abbestellten Tischgenossen vor Augen, der für seine persönliche Würde etwas Verletzendes hatte. Mochte er sich auch noch so sehr bemühen, ihn sich aus dem Sinne zu schlagen, so erinnerte ihn doch alles daran, bis zur Toilette der ihm gegenüber sitzenden guten Fee, welche die Haltung der großen Welt, die sie eigens für diese feierliche Angelegenheit angenommen hatte, noch immer bewahrte. Dieser Gedanke beunruhigte ihn und trübte ihm die Freude an dem Beisammensein, Dafür war Felicia, wie ja bei Duetten selten Gleichklang herrscht, so zuthunlich und so aufgeräumt, wie er sie noch nie gesehen. Sie war von einer übersprudelnden, fast kindischen Fröhlichkeit, von einer Gefühlswärme, wie sie uns nach bestandener Gefahr zu überkommen pflegt, wie sie der aus einem Schiffbruche Gerettete am freundlichen, flackernden Kaminfeuer empfindet. Sie lachte aus vollem Herzen; neckte Paul wegen seiner Aussprache und wegen seiner spießbürgerlichen Ideen, wie sie sie nannte. »Denn, Sie sind doch im Grunde ein schauderhafter Philister, ... Aber das ist es gerade, was mir an Ihnen zusagt. ... Das kommt natürlich von dem Gegensatze mit mir, denn weil ich unter einem Brückenpfeiler, Wind und Wetter zum Trotz, zur Welt gekommen bin, habe ich immer die vernünftigen und gesetzten Naturen bevorzugt.« »Aber, meine Tochter, du wirst doch Herrn Paul nicht weismachen, daß du unter einem Brückenpfeiler geboren bist?« ließ sich die gute Cremnitz vernehmen, die sich nicht an solch bildliche Übertreibungen gewöhnen konnte und alles buchstäblich nahm. »Laß ihn doch glauben, was er will, meine gute Fee ... wir haben ja nicht die Absicht, ihn als Ehemann zu kapern. ... Ich bin auch überzeugt, daß er von einem solchen Ungeheuer, das man eine Künstlerin nennt, nichts wissen will. Er würde sich ebenso gern mit einem Teufel verheiraten. ... Und Sie haben ganz recht Minerva. ... Die Kunst ist eine Despotin. Man muß sich ihr ganz zu eigen geben. Alles, was man an Ideal, Energie, Rechtschaffenheit und Gewissen besitzt, geht so völlig in dem Kunstwerke auf, daß uns für das Leben nichts übrig bleibt, und sobald dann die Arbeit vollendet ist, werden wir ein entmastetes Schiff, ohne Steuer und Kompaß, ein Spiel der Wogen, ... Wahrhaftig, ein trauriger Besitz, eine solche Gattin!« »Und dennoch,« wagte der junge Mann verschämt zu erwidern, »scheint mir, daß die Kunst, so anspruchsvoll sie auch sein mag, eine Frau nicht ganz und gar für sich allein in Beschlag nehmen kann. Wo bliebe sie mit ihrer Zärtlichkeit, mit dem Bedürfnis, andre zu lieben und sich für dieselben aufzuopfern, dieses Bedürfnis, das bei der Frau in viel höherem Grade als bei uns die Triebfeder aller ihrer Handlungen ist?« Felicia sann einen Augenblick nach, ehe sie antwortete. »Sie haben vielleicht recht, weise Minerva. ... Wahr ist, daß ich Tage habe, an denen mein Leben mir außerordentlich schal erscheint.... Ich nehme dann plötzlich Abgründe und Untiefen wahr, in denen alles verschwindet, was ich in dieselben hineinwerfe, um sie auszufüllen.... Mein herrlichster künstlerischer Enthusiasmus geht in diesem Abgrunde unter und stirbt mit einem Seufzer ab, ... In solchen Augenblicken denke ich an eine Heirat, an einen Gatten, an Kinder, ein ganzes Häuflein Kinder, die sich im Atelier umhertummeln, an die Besorgung eines warmen Nestes für all das, an die Genugthuung, welche die physische Thätigkeit gewährt, die uns Künstlerexistenzen abgeht, an regelmäßige Beschäftigung, ein frisch bewegtes Leben, fröhliche Lieder, kindliche Freuden, die einen zu heiterem Spiele zwingen an Stelle öden und unfruchtbaren Grübelns, die uns ein Lächeln abringen bei einer Niederlage der Eigenliebe und nichts als eine glückliche zufriedene Mutter aus uns machen, wenn einst die Welt uns als verbrauchte Künstlerin beiseite wirft....« Und bei dieser Vision eines häuslichen Glückes nahm die Schönheit des jungen Mädchens einen Ausdruck an, wie Paul ihn noch nie gesehen, einen Ausdruck, der ihn völlig hinriß und ihn mit einer wahnsinnigen Begierde erfüllte, diesen schönen wilden Vogel, der vom Taubenschlage träumte, in seinen Armen fortzutragen, um ihn zu verteidigen und ihm in der zuverlässigen Liebe eines ehrenhaften Mannes ein sicheres Obdach zu bieten. Inzwischen fuhr das junge Mädchen fort, ohne ihn anzusehen: »Uebrigens bin ich wirklich kein so loser Vogel, wie es den Anschein hat.... Fragen Sie meine gute Patin, ob ich mich nicht ganz ordentlich gehalten habe, als sie mich in die Pension brachte.... Aber, was für ein Strudel ist darauf gefolgt! Wenn Sie wüßten, was für eine Jugend ich durchgemacht habe, wie eine frühreife Erfahrung die Blüten meines Geistes entblättert hat, welche Verwirrung in meinem Urteile als kleines Mädchen darüber herrschte, was erlaubt und verboten, was vernünftig oder unvernünftig ist. Die Kunst allein, die gefeierte, umstrittene war der feste Punkt in diesem Chaos, zu ihr habe ich meine Zuflucht genommen.... Und das ist auch wohl der Grund, weshalb ich nie etwas andres als eine Künstlerin, als eine Frau außerhalb des Kreises andrer Frauen sein werde, eine arme Amazone, deren Herz in einen Eisenpanzer eingepreßt ist, die gleich einem Manne im Kampfe ums Dasein ringt und verurteilt ist, zu sterben und zu leben wie ein Mann.« Warum erwiderte Paul ihr nun nicht: »Schöne Kriegerin, laß deine Waffen im Stich, bekleide dich mit den Attributen deines Geschlechtes. Ich liebe dich, ich flehe dich an, beglücke mich mit deiner Hand, um mich und dich gleichzeitig glücklich zu machen.« Ach, es war darum: Er lebte in der Furcht, der andre, der, wie die Leser wissen, zum Diner eingeladen war, und der trotz seiner Abwesenheit mitten unter ihnen war, möchte ihn so sprechen hören und dann berechtigt sein, ihn wegen seines hohen Fluges mitleidig zu belächeln. »Auf alle Fälle versichere ich hoch und heilig,« begann Felicia von neuem, »daß wenn ich jemals eine Tochter haben sollte, ich daraus eine wirkliche Frau und nicht eine arme Verlassene, wie ich es bin, machen werde.... Ja, ja, du weißt, gute Fee, das bezieht sich nicht auf dich, was ich eben sagte.... Du bist mit deinem kleinen Teufel immer gut, fürsorglich und liebevoll gewesen.... Aber, sehen Sie sie sich doch einmal an, wie hübsch und jugendlich sie heute ist.« Durch das Mahl, die Lichter und durch die helle Toilette, deren Widerschein die Runzeln glättete, in die beste Laune versetzt, saß die Cremnitz, auf die Lehne ihres Stuhles gelehnt, und hielt in Höhe ihrer halbgeschlossenen Augen ein Glas mit perlendem Chateau Yquem. Der rosige Hauch, ihres Antlitzes, der malerische Putz ihrer wallenden Kleidung, der in dem goldgelben Wein sich widerspiegelte und ihr einen pikanten Reiz verlieh, erinnerten an die frühere Heldin der kleinen Soupers nach Schluß des Theaters, die Cremnitz der guten alten Zeit, die nicht, wie die Sterne unsrer heutigen Oper durch Uebermut glänzte, sondern in ihrem Luxus unbewußt, wie eine kostbare Perle in ihrer Muschel, es sich wohl sein ließ. Felicia, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, heute aller Welt zu gefallen, brachte sie unvermerkt auf das Kapitel ihrer Erinnerungen, ließ sie von neuem von ihren großen Triumphen als Gisela, als Péri, von den Ovationen des Publikums und den fürstlichen Besuchen in ihrer Loge, und dem ihr mit einigen freundlichen Worten von der Königin Amélie gewidmeten Geschenke erzählen. Die Erinnerung an diese glorreichen Vorgänge berauschten die arme alte Fee, ihre Augen glänzten und man hörte ihre kleinen Füße, wie vom Tanzdämon ergriffen, unter dem Tische trippeln.... Und in der That, kaum war das Diner beendigt und man hatte sich wiederum in das Atelier zurückbegeben, als Konstanze von einem Ende des Zimmers zum andern zu schreiten begann, hier einen Pas und dort eine Pirouette versuchend, während sie immer weiterplauderte oder eine Ballettmelodie vor sich hinsummte, die sie mit einem Neigen des Kopfes begleitete. Dann drehte sie sich plötzlich um und war mit einem Sprunge am andern Ende des Ateliers. »So, nun ist sie in ihrem Fahrwasser,« flüsterte Felicia leise. »Sehen Sie sie einmal an, es ist wirklich der Mühe wert, die alte Cremnitz tanzen zu sehen.« Und in der That war dieser Anblick hinreißend und feenhaft: Auf dem Boden des weitläufigen, im Dunkel verschwimmenden Zimmers, das fast nur von dem großen Bogenfenster Licht empfing, durch das man den Mond am klaren dunkelblauen Nachthimmel, einem wahren Theaterhimmel, emporsteigen sah, zeichneten sich die Konturen der berühmten Tänzerin in hellen, scharfen Umrissen ab, einem kleinen, leichten, unwägbaren Schattengebilde vergleichbar, das mehr fliegt als hüpft. Und dann wiederum auf ihren kleinen Fußspitzen stehend, nur durch ihre ausgebreiteten Arme in der Schwebe erhalten, das Antlitz in einer flehenden Gebärde erhoben, auf dem nichts sichtbar war als ein Lächeln, voltigierte sie rasch nach dem Lichte zu oder retirierte in so kleinen und raschen Absätzen, daß man jeden Augenblick auf ein leises Klirren der Fensterscheibe gefaßt war, und sie rückwärts auf den Strahlen des Mondes emporklimmen zu sehen erwartete. Was den Reiz noch erhöhte und diesem phantastischen Ballett eine wunderbare poetische Färbung gab, das war das Fehlen jeder Musik. Nur das Geräusch des Taktes, der durch das Halbdunkel sich in noch höherem Grade geltend machte, dieser lebhafte und leichte Takt, der auf dem Parkett nicht stärker anklingt, als das blattweise Fallen einer entblätterten Georgine. ... Der Tanz dauerte einige Minuten und dann merkte man an den kurzen Atemzügen die Ermüdung der Tänzerin, »Genug, genug ... ruhe dich aus,« sagte Felicia. Und nun hielt der kleine weiße Schatten inne, sich an einen Fauteuil lehnend, und verblieb dort in Positur, jeden Augenblick bereit, den Tanz von neuem zu beginnen, lächelnd und atemlos, bis sie von Müdigkeit ergriffen wurde und, ohne ihre reizende Haltung zu ändern, einschlummerte, einer Libelle vergleichbar, die auf dem im Wasser schwimmenden Zweige einer Weide sitzt, der durch die Strömung sanft bewegt wird. Während die beiden die Alte anblickten, die auf ihrem Sessel sich hin und her wiegte, sagte Felicia: »Diese arme kleine Fee dort, das ist alles, was ich an wahrhafter Freundschaft, an Zuflucht und Schutz gehabt habe. ... Dieser Schmetterling ist es, der mir als Patin zur Seite gestanden hat. ... Wundern Sie sich nun noch über die Kreuz- und Quersprünge meines Geistes? ... Es ist fast ein Glück zu nennen, daß ich mich noch so gehalten habe. ...« Und plötzlich rief sie mit überströmender Lustigkeit: »Ach, Minerva, wie bin ich glücklich, daß Sie heute abend gekommen sind. ... Aber in Zukunft dürfen Sie mich nicht so lange allein lassen, nicht wahr? Ich habe das Bedürfnis, einen rechtschaffenen Menschen, wie Sie es sind, um mich zu haben, inmitten der Larven, die mich umgeben, ein offnes Gesicht zu sehen. ... Aber freilich, ein schauderhafter Philister sind Sie doch,« sagte sie lachend, »und ein Provinziale obendrein. Aber das ist einerlei! Sie zu sehen, macht mir doch die größte Freude. ... Und ich glaube, daß meine Sympathie für Sie vorzugsweise in einem Punkte ihren Grund hat. Sie erinnern mich an eine Person, die mir in meiner Kindheit sehr lieb gewesen ist, zwar auch ein kleines, verständiges, ernsthaftes Geschöpf, das durch die Not des Lebens an die Erde gefesselt wurde, aber gleichwohl dieser idealen Regungen nicht entbehrte, die mir Künstler allein für unsre Kunstwerke aufsparen. Worte, die ich von Ihnen höre, scheinen mir oft aus dem Munde dieses Mädchens zu kommen. ... Sie haben ganz denselben antiken Schnitt des Mundes. Ob wohl hieraus die Aehnlichkeit Ihrer Aeußerungen entspringt? Ich weiß es nicht; aber ganz gewiß, Sie sehen einander ähnlich. Sie können sich davon überzeugen.« Auf dem mit Zeichnungen und Albums bedeckten Tische, vor welchem Felicia ihm gegenüber Platz genommen hatte, begann sie nun, die Stirn vornübergebeugt, den kleinen wundervollen Kopf, von den etwas unordentlich wallenden Haaren umrahmt, zu zeichnen, indem sie ruhig weiter plauderte. Sie glich nun nicht mehr jenem schönen Ungeheuer mit dem geängstigten und finsteren Gesichtsausdruck, das sein eignes Geschick verflucht, sondern einer wirklichen Frau, die liebt und zu gefallen wünscht. Diesmal vergaß Paul vor so vieler Herzlichkeit und Anmut alle seine Bedenklichkeiten....Er wollte sprechen, überzeugen. Die Minute war entscheidend.... Da öffnete sich die Thür und der kleine Diener erschien.... »Der Herr Herzog lassen fragen, ob das Fräulein heute abend noch immer von ihrer Migräne geplagt sind....« »Immer gleich sehr,« erwiderte sie mit Laune. Nachdem der Diener das Zimmer verlassen, trat ein Augenblick des Schweigens, eine eisige Kälte ein. Paul hatte sich erhoben, während sie mit übergebeugtem Kopfe an ihrer Zeichnung fortarbeitete. Er machte einige Schritte im Atelier, dann zu dem Tische zurückkehrend, fragte er leise, über seine eigne Ruhe erstaunt: »Sollte der Herzog von Mora heute hier speisen?« »Ja ... ich langweile mich ... ein toller Tag ... Solche Tage sind für mich schlimm.« »Wurde auch die Herzogin erwartet?« »Die Herzogin? Nein, die kenne ich gar nicht.« »Nun wohl! An Ihrer Stelle würde ich keinen verheirateten Mann zu Tische einladen, wenn ich nicht auch seine Gemahlin bei mir sähe.... Sie beklagen sich über Ihre Verlassenheit; warum verlassen Sie sich selbst? .... Wenn man sich selbst nichts vorzuwerfen hat, muß man sich auch vor Verdächtigungen hüten ... Sind Sie mir böse?« »Nein, nein, schelten Sie mich nur, Minerva.... Ich bin mit Ihrer Moral völlig einverstanden. Sie ist geradezu und offen und schielt nicht wie die Moral von Jenkins.... Ich habe Ihnen ja schon gesagt, ich muß jemand haben, der mich führt....« Und indem sie die jetzt vollendete Zeichnung ihm hinschob, sagte sie: »Sehen Sie, das ist die Freundin, von der ich Ihnen sprach. Das war eine innige und zuverlässige Freundschaft, die ich in meiner Armseligkeit thöricht genug war, zu verlieren.... Sie war es, die ich in schwierigen Lagen zu Rate zog, wenn es galt, einen Entschluß zu fassen, ein Opfer zu bringen. Ich sagte mir immer: Wie würde sie über diesen Fall denken? ebenso wie wir bei unsern künstlerischen Arbeiten innehalten um unsre Gedanken zu etwas Erhabenerem, zu einem unsrer Meister, zu erheben, ... Wollen Sie das für mich sein?« Paul antwortete nicht. Er schaute das Bild Alines an, denn sie, eben sie war es, ihr reines Profil, ihr lächelnder, gutmütiger Mund und die langen Locken, um den seinen Hals geschmiegt. Ach! Jetzt könnten alle Herzöge von Mora kommen. Felicia war für ihn nicht mehr vorhanden. Die arme Felicia, sie, die mit hervorragenden Gaben ausgestattet war, glich gleichwohl diesen Weissagerinnen, welche die Geschicke der Menschen zu enträtseln vermögen, ohne doch Herrinnen ihres eignen Geschickes zu sein. »Wollen Sie mir diese Zeichnung schenken?« sagte er leise und mit bewegter Stimme. »Sehr gern. ... Sie ist hübsch, nicht wahr? ... Ja, meiner Treu', sollten Sie der einmal begegnen, dann lieben Sie sie und führen Sie sie heim. Sie ist besser als alle andern. Aber freilich, in Ermangelung ihrer. ... ich sage nur, in Ermangelung ihrer ...« Und die schöne gezähmte Sphinx erhob zu ihm ihre großen, feuchten, schelmischen Augen, deren Rätsel nichts Unlösbares mehr hatten. Vierzehntes Kapitel. In der Ausstellung. »Ausgezeichnet! ...« »Ein außerordentlicher Erfolg. Barye hat niemals so etwas Herrliches geschaffen.« »Und die Büste des Nabob? .... Ein wahres Wunderwerk! Konstanze Cremnitz wird glücklich sein. Sehen Sie sie dort trippeln! ...« »Wie, diese alte kleine Dame im Hermelinmantel ist die Cremnitz? Ich glaubte, sie sei schon vor zwanzig Jahren gestorben.« O, nein, im Gegenteil, sie ist ganz lebendig. Verjüngt, entzückt durch den Triumph, den ihr Patenkind feiert, welches in der That den ganzen Erfolg der Ausstellung auf ihre Rechnung schreiben kann, bewegt sie sich unter der Menge von Künstlern, unter der feinen Welt, die an zwei Stellen, wo die Arbeiten Felicias ausgestellt sind, zwei Haufen von schwarzen Röcken, von hellen Toiletten bildet, die sich einander drängen und fast ersticken, um die Kunstwerke anzuschauen. Konstanze, die sonst so schüchtern ist, drängt sich in die vorderste Reihe, lauscht auf die Unterhaltungen, erhascht die laut werdenden Urteile und Ansichten, die sie in ihrem Gedächtnis vergräbt, nickt mit dem Kopfe, lächelt, zuckt die Achseln, wenn sie eine Dummheit äußern hört, und fühlt sich versucht, den ersten besten, der mit seiner Bewunderung zurückhält, zu Boden zu schmettern. Ob es nun die gute Cremnitz oder eine andre ist, stets wird man bei der Eröffnung von Ausstellungen eine solche unmerklich dahingleitende Gestalt wahrnehmen, die mit ängstlicher Miene und gespanntem Ohr die Unterhaltungen belauscht. Oft ist es ein alter, gutmütig aussehender Vater, der uns mit einem Blick für ein beiläufig geäußertes freundliches Wort seinen Dank abstattet, oder eine untröstliche Miene über eine tadelnde Bemerkung aufsetzt, die man über das Kunstwerk fallen läßt, und die ein Herz in unsrer Nähe zum Tode verwundet. Das ist so eine Figur, die in der That nicht fehlen dürfte, wenn je ein für Darstellungen aus unsrer gegenwärtigen Zeitepoche sich interessierender Maler diese förmlich typisch gewordene Manifestation des Pariser Lebens zum Vorwurf nähme, die Eröffnung einer Ausstellung von Skulpturen, mit ihren mit gelbem Sande bestreuten Gängen und dem großen Glasdache, unter welchem sich in halber Höhe die Galerien der ersten Etage, besetzt mit niedergebeugten im Anschauen begriffenen Köpfen und für den Augenblick hergerichteten wallenden Draperieen abheben. In einem etwas kalten Lichte, das an den grünen Wanddekorationen der Halle verblaßt, wohin die Lichtstrahlen kaum noch dringen, man möchte fast sagen, um dadurch den Augen der Besucher eine gewisse ruhige Besonnenheit zu geben, flutet die Menge langsam auf und nieder, bleibt stehen, zerstreut sich auf den Bänken, ballt sich dort in Gruppen zusammen und bringt nichtsdestoweniger ein solches Durcheinander von Leuten aus allen Ständen hervor, wie keine andre Versammlung, indem sie, der um diese Jahreszeit herrschenden abwechselnden und launenhaften Witterung ähnlich, alle Arten von Kleidern durcheinander würfelt, die schwarzen Spitzen und die majestätische Schleppe einer Dame aus der großen Welt, welche, um den Eindruck ihres Porträts zu sehen, gekommen ist, und die sibirische Pelzgarnitur einer Schauspielerin, die soeben erst aus Rußland zurückgekehrt ist und die Kunde hiervon gern verbreitet sehen möchte. Hier gibt es keine Logen, keine Sperrsitze, noch reservierte Plätze, und das ist es gerade, was der Eröffnung einer solchen Ausstellung am hellen Tage einen so hohen Reiz verleiht. Die Damen der feinen Welt können die beim Lampenlichte so beklatschten Schönheiten aus nächster Nähe betrachten, die neue kleine Hutfaçon einer Marquise von Bois-Landry begegnet hier der mehr als bescheidenen Toilette der Frau oder Tochter eines Künstlers, während das schöne Modell, welches für die am Eingang aufgestellte Andromeda gesessen hat, in einem zu kurzen Rock, in elenden, aber alle Uebertreibungen der Mode aufweisenden Kleidern triumphierenden Schrittes einherstolziert. Man mustert, man bewundert sich, man schwärzt sich an, man wechselt mißbilligende, verachtungsvolle oder neugierige Blicke, die indes plötzlich zur Ruhe kommen, wenn eine berühmte Persönlichkeit, etwa ein bekannter Kritiker vorübergeht, den wir noch in Gedanken vor uns sehen, wie er ruhig und majestätisch, den gewaltigen Kopf von langen Haaren umwallt, die Runde, durch die Skulpturen macht, stets begleitet von einer Anzahl Jünger, die seiner wohlwollenden Autorität ein geneigtes Ohr leihen. Wenn das Geräusch der Stimmen, das nur bei den Eingangs- und Ausgangspforten lauter tost, in der Mitte des ungeheuren Raumes erstirbt, so nehmen die Gesichter einen auffälligen Ausdruck der Spannung an, während die Bewegung und das belebte Treiben besonders in der in der Nähe des Buffetts auf und ab wogenden Menge seinen Höhepunkt erreicht. Die helleren Hüte der Damen und die weißen Schürzen der Kellner kontrastieren wunderbar mit dem Gewirr der dunkeln Röcke, und nicht minder auch das Ameisengewimmel der Zuschauer in dem Mitteltrakte, mit der Unbeweglichkeit der ausgestellten Statuen, dem leisen Beben, das durch die kreidigen Gestalten in ihren verzückten Stellungen geht. Da sieht man in riesenhaftem Fluge erstarrte Flügel, eine Weltkugel von vier allegorischen Figuren getragen, die in rhythmischem Schwung dahinschreiten und in dem wohlabgewogenen Gleichmaß der Bewegung eine treffliche Versinnlichung des Laufes der Erde bilden; dann wieder bedeutungsvoll erhobene Arme, heldenhaft emporgereckte Leiber, die eine Allegorie, ein Symbol bilden, das ihnen im Tode Unsterblichkeit verleiht, sie der Geschichte einreiht, der Legende, jener Idealwelt unsrer Museen, in denen sich die Neugier oder die Bewunderung der Völker drängt. Obgleich die Bronzegruppe Felicias nicht zu den größten Stücken der Ausstellung gehört, so hatte doch ihr außerordentlicher Wert derselben den Vorzug verschafft, eine der Rotunden inmitten der Halle zu schmücken, von der das Publikum sich augenblicklich respektvoll fernhielt, indem es über eine Reihe von Aufsehern und Polizeidienern hinweg den Bey von Tunis und sein Gefolge, mit ihren langen, malerisch drapierten Burnus, die ihnen das Ansehen von wandelnden Bildsäulen gaben, betrachtete. Der Bey, der erst seit einigen Tagen in Paris war und bei allen Premièren zugegen sein wollte, hatte auch die Eröffnung der Ausstellung mitansehen wollen. Er war, wie man sagte, ein aufgeklärter Fürst, ein Freund der Künste, der in seinem Palais am Bardo eine Galerie wunderbarer türkischer Gemälde und alle Schlachten des ersten Kaiserreiches in Farbendrucken besaß. Sofort bei seinem Eintritt hatte ihn der Anblick des großen arabischen Windhundes in Erstaunen gesetzt. Das war in der That der wahre, schöne und kräftige Windhund seiner Heimat, sein Begleiter auf allen Jagdzügen. Er lächelte in seinen schwarzen Bart hinein, betastete liebkosend die Gliedmaßen und Muskeln des Hundes, schien ihn noch mehr anfeuern zu wollen, während das aristokratische Tier, mit geöffneten Nüstern und fletschenden Zähnen, die elastischen und unermüdlichen Glieder weit ausgestreckt, stieren Auges seine Beute schon mit der Zungenspitze zu kosten schien, die ihm aus dem Maule hing und die wild grinsenden Zähne wetzte. Sah man nur den Windhund an, so sagte man sich: Er hat ihn. Aber der Anblick des Fuchses beruhigte einen alsbald. Wie er in seinem samtweichen, glänzenden Fell, seiner katzenartigen Geschwindigkeit mit dem Bauche fast am Boden, ohne sichtbare Anstrengung pfeilgeschwind dahinflog, machte der Fuchs einen wahrhaft wunderbaren Eindruck, und sein feiner Kopf mit den spitzen Ohren, die er mitten im Laufe nach der Seite des Windhundes drehte, erweckte die Vorstellung eines ironischen Sicherheitsgefühls, das die ihm von der Vorsehung verliehenen Eigenschaften vorzüglich zum Ausdruck brachte. Während ein glatzköpfiger Galeriebeamter, der in größter Hast mit schief zugeknüpftem Rocke herbeigelaufen kam, dem orientalischen Fürsten die Fabel »Vom Fuchs und vom Hund« explizierte, wie sie in der Ueberlieferung mit den stereotypen Worten erzählt wird: »Es war einmal ein Fuchs ...« und schließlich die Erläuterung hinzufügte: »Eigentum des Herzogs von Mora«, bemühte sich der dicke Hemerlingue, noch ganz in Schweiß gebadet und nach Atem ringend, Seine Hoheit davon zu überzeugen, daß diese hervorragende Schöpfung in der That von der Hand der schönen Amazone herrührte, der sie am Abend vorher im Bois de Boulogne begegnet seien. Wie in aller Welt habe doch nur eine Dame mit ihren schwachen Händen die harte Bronze so meistern, ihr so das Ansehen des Lebens geben können? Von allen Wundern dieses wunderbaren Paris war dieses Werk dasjenige, das den Bey am meisten in Erstaunen setzte. Aus diesem Grunde erkundigte er sich auch sofort bei dem Beamten, ob nicht noch andre Werke von derselben Künstlerin ausgestellt seien. »Allerdings, Hoheit, noch ein andres Meisterwerk. ... Wenn Hoheit mir zu folgen geruhen, so werde ich Sie dorthin geleiten.« Der Bey setzte sich mit seinem Gefolge in Bewegung. In demselben sah man nur prächtige Rasseköpfe mit scharf geschnittenen, reinen Zügen und von einem warmen, blassen Ton, zu dem die weißen Haïks eine wirksame Folie bildeten. In ihrer herrlichen Drapierung kontrastierten sie auffällig mit den Büsten, die zu beiden Seiten des Ganges, den sie durchschritten, aufgestellt waren und die, hoch oben auf ihren Postamenten, unvermittelt in den leeren Raum ragten, herausgerissen aus ihrer Umgebung, wo sie gewiß die Erinnerung an bedeutende Leistungen, an liebevolle Beziehungen, an ein Leben voll Arbeit und Thatkraft wachgerufen hatten, nun aber den traurigen Eindruck von Menschen machten, die nicht an ihrem Platze sind und sich darum höchst unbehaglich fühlen. Abgesehen von zwei oder drei Frauengestalten mit üppigen Schultern, auf welchen die Spitzengewänder versteinert zu sein scheinen, dem Marmorhaar, das mit einer solchen Zartheit wiedergegeben ist, daß man den Puder auf den Frisuren zu sehen glaubt, und abgesehen von einigen Kinderprofilen mit ihren einfachen Linien, bei welchen die Glätte des Steines wie ein feuchter Hauch des Lebens erscheint, bestanden die übrigen Statuen aus nichts als Runzeln, Falten, verzerrten Zügen und Grimassen, die Folge unsrer Ueberanstrengungen und unsrer Ruhelosigkeit, unsrer nervösen und fieberhaften Stimmungen, die mit der Skulptur, dieser Kunst der Ruhe und heiteren Schönheit, in schneidendem Widerspruche stehen. Der Häßlichkeit des Nabob kam aber mindestens die Energie und der ihm eigentümliche Charakterzug des Abenteurers zu gute, und vor allem dieser Ausdruck von Gutmütigkeit, den die Künstlerin so gut wiederzugeben verstanden hatte; durch einen Ockerton hatte sie beinahe die sonnenverbrannte braune Färbung des Modells erreicht. Die Araber brachen, als sie die Büste sahen, in den halb unterdrückten Ausruf » Bou Saïd « (Vater des Glückes) aus. Denn dies war der Beiname des Nabob in Tunis, gleichsam die Etikette seiner Erfolge. Der Bey, in dem Glauben, daß man ihn habe mystifizieren wollen, indem man ihn vor die Büste des verabscheuten Mercanti führte, wechselte mit dem Beamten einen Blick des Mißtrauens. »Jansoulet? ...«fragte er mit seiner Kehlstimme. »Ja, Hoheit, Bernard Jansoulet, der neue Abgeordnete von Korsika.« Bei diesen Worten wandte sich der Bey mit gerunzelter Stirn zu dem hinter ihm stehenden Hemerlingue. »Ist er Abgeordneter?« »Allerdings, Hoheit, seit heute morgen, aber noch ist nicht alles im reinen.« Und der Bankier fügte mit lauterer, vor Aufregung stammelnder Sprache hinzu: »Nun und nimmer wird eine französische Kammer etwas von diesem Abenteurer wissen wollen.« Aber gleichwohl, dem blinden Vertrauen des Bey in seinen Finanzbaron war ein Schlag versetzt morden. Derselbe hatte ihm so fest versichert, daß der andre nicht gewählt werden würde und daß man mit völliger Freiheit und ohne irgend welche Besorgnis gegen ihn zu Werke gehen könne. Und nun, an Stelle eines vernichteten, niedergeschmetterten Mannes trat ihm ein Vertreter der Nation entgegen, ein Abgeordneter, dessen Bild die Pariser zu bewundern sich beeiferten; denn in den Augen dieses Orientalen trug eine solche öffentliche Ausstellung etwas Ehrenvolles in sich, er erblickte darin die rühmliche Auszeichnung eines öffentlichen Denkmales. Hemerlingue, der noch gelber als sonst geworden war, klagte sich selbst der Ungeschicklichkeit und Unvorsichtigkeit an. Aber, wie hätte er auch hierauf gefaßt sein können? Man hatte ihm so bestimmt versichert, daß die Büste nicht fertig geworden sei. Und nun war sie doch da, schon am Eröffnungsmorgen, und schien sich ganz wohl zu fühlen, vor befriedigtem Ehrgeiz erschauernd und die Feinde mit dem Kinderlächeln auf den aufgeworfenen Lippen verhöhnend. Eine stumme und doch so beredte Revanche für die Niederlage von St. Romans. Während einiger Minuten betrachtete der Bey das Steinbild ebenso kalt und teilnahmlos wie dieses, ohne auch nur ein Wort zu sagen, aber mit einer senkrechten Falte auf der Stirn, aus der seine Hofleute allein den Zorn herauszulesen verstanden; und dann nach einigen rasch hingeworfenen Worten in arabischer Sprache, mit denen er befahl, die Wagen vorfahren zu lassen und das zerstreute Gefolge zusammenzurufen, begab er sich gemessenen Schrittes nach dem Ausgange, ohne irgend etwas weiter ansehen zu wollen. ... Wer vermöchte zu sagen, was in diesen, von der Macht blasierten Köpfen vorgeht? Schon unsre Fürsten des Westens haben unbegreifliche Wahnvorstellungen; aber diese sind mit den orientalischen Launen gar nicht zu vergleichen. Der Herr Inspektor der schönen Künste, der bestimmt darauf gerechnet hatte, die ganze Ausstellung Seiner Hoheit vorzuführen und bei diesem Spaziergange für sich das hübsche rot und grüne Band des Nicham-Iftikahr herauszuschlagen, hat niemals das Geheimnis dieser plötzlichen Flucht enträtselt. In dem Augenblick, wo die weißen Haïks unter dem Portikus verschwanden, gerade noch zu rechter Zeit, um deren letzte Falten wahrzunehmen, trat der Nabob durch die Mittelthür ein. Am Morgen hatte er die Nachricht erhalten: »Mit erdrückender Majorität gewählt« und nach einem reichlichen Frühstück, bei welchem man kräftig auf den neuen Deputierten von Korsika getoastet hatte, kam er mit einigen Tischgenossen, um sich zu zeigen, um sich selbst zu sehen und um in seinem neuen Ruhme zu schwelgen. Die erste Person, die er bei seiner Ankunft antraf, war Felicia Ruys, die, auf den Sockel einer Statue gestützt, mit Komplimenten und Huldigungen, denen er auch die seinigen hinzuzufügen sich beeilte, förmlich überschüttet wurde. Sie war einfach gekleidet, trug ein dunkles, gesticktes, mit schwarzen Perlen besetztes Kleid, deren schillernder Glanz im Verein mit dem entzückenden hellen Federhütchen, unter welchem ihr Haar in reichen Wellen herausquoll, den Ernst ihres Anzugs milderten. Eine Menge von Künstlern und Personen der besten Gesellschaft machte sich eifrig mit diesem Talente zu schaffen, das mit so viel Schönheit gepaart war, und unter ihnen Jenkins, der mit entblößtem Haupt und von leidenschaftlichen Beteuerungen förmlich überströmend, von einem zum andern ging, den Enthusiasmus anfeuernd und den Kreis der Bewunderer dieser jugendlichen Berühmtheit erweiternd, zu deren Wächter und Koryphäe er sich gleichzeitig auswarf. Seine Frau unterhielt sich mittlerweile mit dem jungen Mädchen. Die arme Madame Jenkins! Ihr Mann hatte ihr in jenem brutalen Töne, den sie allein kannte, gesagt: »Du mußt Felicia begrüßen....« Und sie hatte, ihre Aufregung nach Kräften bekämpfend, gehorcht, denn sie wußte nur zu gut, was sich hinter dieser angeblich väterlichen Zärtlichkeit verbarg, obwohl sie jeder Auseinandersetzung mit dem Doktor, als ob sie den Ausgang fürchtete, aus dem Wege ging. Nach Madame Jenkins folgt der Nabob, der die feinbeschuhten beiden Hände der Künstlerin in seine großen Tatzen nimmt und ihr seine Dankbarkeit mit großer Herzlichkeit ausdrückt, die ihm selbst die Thränen in die Augen lockt. »Sie haben mir eine große Ehre erwiesen, mein Fräulein, meinen Namen mit dem Ihrigen zu verbinden, meine geringe Person mit Ihrem Triumph in Beziehung zu setzen und diesem ganzen Geschmeiß, das über mich herzufallen im Begriff ist, zu zeigen, daß Sie den über mich verbreiteten Schmähungen keinen Glauben schenken. Wahrlich, das werde ich Ihnen nie vergessen!.... Und wollte ich auch diese herrliche Büste mit Gold und Diamanten bedecken, ich würde nichtsdestoweniger Ihr Schuldner bleiben,« Zum Glück für den Nabob, der mehr gefühlvoll als beredt ist, muß er alsbald andern Platz machen, die durch das glänzende Talent, die bewunderte Persönlichkeit angezogen werden; verzückte Enthusiasten, die keine Worte für ihre Gefühle finden und wieder verschwinden, wie sie gekommen sind, konventionelle Bewunderer, die den besten Willen haben, etwas Angenehmes, Verbindliches zu sagen, aber von denen jedes Wort wie ein kalter Wasserstrahl wirkt, und dann die Kollegen, die Rivalen mit ihren kräftigen Händedrücken, die teils offen und ehrlich gemeint sind, teils durch ihre Weichheit ein Gefühl des Unbehagens erwecken. Da ist unter andern ein großer anspruchsvoller Tölpel, dessen unsinnige Lobsprüche einen in den Himmel erheben sollen, der dieselben aber, damit man nicht zu sehr verwöhnt werde, mit »einigen kleinen Vorbehalten« begleitet, und da ist auch der, welcher, indem er einen Künstler mit Komplimenten überhäuft, ihm zugleich begreiflich macht, daß er nicht das ABC des Handwerks kennt, und da ist endlich dieser gute vielbeschäftigte Mensch, der sich nur so viel Zeit läßt, um einem ins Ohr zu raunen, daß »Herr Dingsda, der berühmte Kritiker, durchaus nicht befriedigt zu sein scheint«. Felicia, die durch ihren Erfolg über die Kleinlichkeiten des Neides hoch erhaben war, hörte alle diese Bemerkungen ruhig an und war ganz stolz, wenn ein berühmter Veteran, ein alter Kunstgenosse ihres Vaters ihr ein »sehr gut, Kleine!« zurief und sie dadurch in die Vergangenheit versetzte, in jene kleine Ecke, die für sie in dem väterlichen Atelier reserviert war, damals, als sie anfing, von dem Ruhme des großen Ruys ein kleines Stück für sich zu erwerben. Aber im ganzen ließen die Beglückwünschungen sie ziemlich kalt, weil ihr darunter eine fehlte, die ihr lieber war, als alle andern, und die sie zu ihrem Erstaunen noch nicht empfangen hatte.... Und wirklich, sie dachte öfter an ihn, als sie je an einen andern Mann gedacht hatte. War es wirklich die Liebe, die wahre Liebe, die so selten eine Künstlerseele ergreift, weil die außer stande ist, sich gänzlich dem Gefühl zu überantworten, oder war es nur ein einfacher Traum von einem biederen, spießbürgerlichen Leben, in welchem sie Schutz gegen die Langeweile erhoffte, diese Vorbotin der Stürme, die zu fürchten sie alle Ursache hatte? Wie dem auch sein mag, sie war in einer Täuschung befangen und lebte seit einigen Tagen in diesem süßen Wahne, denn die Liebe ist ein so starkes, so schönes Gefühl, daß schon die Illusion derselben ebenso zu locken und in Aufregung zu versetzen vermag, wie die Liebe selbst. Ist es dem Leser wohl einmal auf der Straße begegnet, daß ihm, in Gedanken an einen teuren Abwesenden versunken, die Begegnung mit diesem durch den zufälligen Anblick von Personen, die ihm entfernt ähnlich sehen, angekündigt worden ist, als bereite sich dessen Erscheinen vor und werfe seinen Schatten voraus, als trete aus der Menge sein Bild immer wieder der überreizten Aufmerksamkeit entgegen? Das sind nervöse und magnetische Einflüsse, über die man nicht leichthin spotten sollte, da sie für die Betreffenden eine Quelle des Leidens sind. Schon hatte Felicia in dem auf und nieder flutenden und sich immer wieder erneuernden Strome von Besuchern mehrfach den Lockenkopf Paul von Gérys zu erkennen geglaubt, als sie plötzlich einen Freudenschrei ausstieß. Freilich war er es noch nicht, aber dennoch eine Person, die ihm sehr ähnlich sah, deren regelmäßige, ruhige Züge sich in ihren Gedanken immer mit den Zügen ihres Freundes vermischten, und zwar mehr infolge einer moralischen als körperlichen Ähnlichkeit und kraft der unmerklichen Herrschaft, welche beide über ihre Gedanken ausübten. »Aline!« »Felicia!« Wenn auch die Freundschaft zweier Weltdamen, welche den Salon miteinander beherrschen und die sich gegenseitig mit den schmeichelhaftesten Beiwörtern und vielen kleinen Liebenswürdigkeiten weiblicher Zärtlichkeit überhäufen, stets problematisch ist, so bewahren doch die Freundschaften aus der Kinderzeit bei der Frau einen Freimut des gegenseitigen Verkehrs, der charakteristisch für sie ist und sie vor allen andern auszeichnet; diese kindlich aber dauerhaft geschürzten Bande gleichen den Handarbeiten der beiden Mädchen, bei denen eine ungeübte Hand den Faden und die großen Knoten geschürzt hat, oder den Pflanzen, die, in neues fruchtbares Erdreich gesetzt, alsbald kräftige Wurzeln schlagen und Schößlinge ansetzen. Und was ist das für ein Glück, Hand in Hand, wie bei den Spaziergängen im Pensionat, die Gedanken rückwärts schweifen zu lassen, mit derselben Kenntnis des Weges und der kleinen Zwischenfälle und mit derselben lächelnden Rührung! Ein klein wenig abseits tauschen die beiden jungen Mädchen, die sich nur von Angesicht zu Angesicht wiederzusehen brauchten, um fünf Jahre der Entfernung vergessen zu machen, in beschleunigtem Redeflusse ihre Erinnerungen aus, während der kleine Papa Ioyeuse, dessen rötlicher Kopf in einer neuen Halsbinde steckt, sich stolz bei dem Gedanken erhoben fühlt, seine Tochter durch eine berühmte Persönlichkeit in solcher Weise bewillkommnet zu sehen. Allerdings hat er Ursache stolz zu sein, denn diese kleine Pariserin behauptet selbst neben ihrer in Anmut, Jugend und Unschuld erstrahlenden jungen Freundin ihren Platz. »Wie mußt du aber glücklich sein! ... Ich habe zwar noch nichts gesehen, aber alle Welt sagt, es sei so schön...« »Ach, ich bin so glücklich, dich wiederzusehen, meine kleine Aline. ... Es ist so lange Zeit verflossen ...« »Ja freilich, du kleiner Bösewicht, aber wer trägt die Schuld? ...« Und in einem trostlosen Winkel ihres Gedächtnisses findet Felicia den Zeitpunkt des Abbruches der Beziehungen wieder, ein Zeitpunkt, der für sie auf denselben Tag fällt, an welchem ihre Kindheit in einem unvergeßlichen Auftritte erstorben ist. »Und was hast du in all dieser Zeit gethan, mein Liebling?« »Ich, nun immer dasselbe ... nichts, was der Rede wert wäre. ...« »Ja freilich, man weiß wohl, was du nichtsthun nennst, du kleine Unermüdliche. ... Das heißt, dich für andre aufopfern, ist es nicht so?« Aber Aline hörte schon nicht mehr. Sie lächelte freundlich jemand zu, und als Felicia sich umschaute, um zu sehen, wem dieses Lächeln gelte, bemerkte sie Paul von Gérn, der das heimliche und zärtliche Willkommen des Fräulein Joyeuse erwiderte. »Ihr kennt euch also!« »Ob ich Herrn Paul kenne! ... Das will ich glauben. Wir plaudern oft von dir. Hat er dir nie davon erzählt?« »Nein, nie. ... Er ist ein abscheulicher Duckmäuser.« Sie hielt plötzlich inne, wie von einem Blitzstrahl getroffen, und ohne auf Géry zu achten, welcher sich ihr genähert hatte, um ihr seine Glückwünsche darzubringen, beugte sie sich zu Aline herab und sprach ganz leise mit ihr. Diese errötete und suchte mit lächelnder Miene abzuwehren, indem sie mit halblauter Stimme sagte: »Wie kannst du nur daran denken? In meinem Alter. ... Ich, das Großmütterchen! ...« Und schließlich ergriff sie den Arm ihres Vaters, um einer freundschaftlichen Neckerei zu entgehen. Als Felicia die beiden jungen Leute sich entfernen sah, als sie inne geworden war, – was sie selbst noch nicht einmal wußten – daß sie einander liebten, da war es ihr, als ob rings um sie alles einstürze. Und nun, da ihr Traum in tausend Scherben am Boden lag, machte sie sich in voller Wut daran, ihn zu zerstampfen. ... Im Grunde habe er doch recht gehabt, die kleine Aline ihr vorzuziehen. Werde ein rechtschaffener Mann es auch nur wagen, Fräulein Ruys zu heiraten? Sie, einen häuslichen Herd, eine Familie, das wäre gar schön! ... Du bist die Tochter einer Dirne, meine Liebe; und du mußt leichtsinnig sein, wenn du überhaupt etwas vorstellen willst. ... Der Tag neigte sich zu Ende. Die Menge der Besucher, die ihre Schaulust befriedigt hatte, aber gleichwohl durch diese mit künstlerischer Elektrizität geschwängerte Atmosphäre angeregt war, und welche schon hier und da Lücken zeigte, begann nach einigen längeren Stockungen bei den Glanzstücken den Ausgängen zuzuströmen. Ein glänzender Strahl der Nachmittagssonne traf die farbige Glasrosette und warf schimmernde Regenbogenfarben auf die Sandwege, die sich der Bronze oder dem Marmor der Statuen mitteilten und die nackten Formen eines schönen Körpers im Lichte erglänzen und dem weitläufigen Museum fast das glanzvolle Leben eines Gartens zu teil werden ließen. Felicia, ganz in ihr tiefes und trauriges Nachdenken versenkt, bemerkte kaum eine elegante, fascinierende Persönlichkeit, die aus der ehrerbietig zurücktretenden Menge, die den Namen »Mora« flüsterte, auf sie zukam. »Nun wohl, mein Fräulein, das nenne ich einen schönen Erfolg. Ich bedaure dabei nur eins, und das ist das häßliche Symbol, das sich in Ihrem Meisterstück verbirgt.« Beim Anblick des Herzogs erbebte Felicia. »Ach ja, das Symbol,« sagte sie mit einem mutlosen Lächeln, und indem sie sich auf den Sockel einer neben ihr befindlichen großen, üppigen Statue stützte, welche eine Frau mit hingebend geschlossenen Augen darstellte, murmelte sie ganz leise: »Rabelais hat gelogen, wie es alle Männer thun. ... Die Wahrheit ist, daß der Fuchs keinen Widerstand mehr zu leisten vermag, daß er mit seinem Atem ebenso wie mit seinem Mut zu Ende und nahe daran ist, in die Grube zu stürzen, und daß, wenn der Windhund nicht nachläßt ...« Mora erbebte, wurde ein wenig bleicher, weil ihm das wenige Blut, das er besaß, zum Herzen zurückströmte. Zwei dunkle Augen begegneten sich, zwei rasche Worte wurden halblaut gewechselt, und darauf verbeugte sich der Herzog ehrerbietig und entfernte sich mit einem so leichten und flüchtigen Schritte, als würde er von Göttern getragen. In diesem Augenblicke war nur noch ein Mensch so glücklich wie er, und das war der Nabob. Von seinen Freunden umringt, nahm er das große Mittelschiff der Halle fast allein für sich in Anspruch, indem er laut sprach und gestikulierte und in solchem Grade verklärt war, daß er sogar fast schön erschien, gerade als ob von dem fortwährenden und naiven Anschauen seiner Büste ein klein wenig dieser wunderbaren Idealisierung sich ihm mitgeteilt hätte, durch welche die Künstlerin die Gewöhnlichkeit seines Gesichtsausdruckes zu verwischen gewußt hatte. Das nach oben gerichtete Gesicht, das sich frei aus dem geöffneten Kragen erhob, gab den Vorübergehenden zu den widersprechendsten Urteilen über die Aehnlichkeit Veranlassung, und der Name Janfoulet, der an den Wahlurnen so häufig genannt worden war, war nun stets im Munde der reizenden Pariserinnen, deren Stimme alle andern übertönt. Jeder andre als der Nabob würde sich durch diese oft nichts weniger als sympathischen Ausrufe peinlich berührt gefühlt haben. Aber die Schaubühne und die Marktbude waren gerade die geeigneten Orte für seine Natur, die unter dem Kreuzfeuer der Blicke Selbstvertrauen und Sicherheit gewann, wie gewisse Frauen, die nur in Gesellschaft schön und geistreich sind, und die sich beim geringsten Zeichen von Bewunderung verwandeln und vervollkommnen. Wenn dieser Freudentaumel sich in ihm legen wollte, so brauchte er sich nur zu sagen: »Abgeordneter! ... Ich bin Abgeordneter!« und der Freudenkelch schäumte von neuem über. Das war so viel als die Aufhebung der Beschlagnahme seiner Güter, das Erwachen von einem Alpdruck, der seit zwei Monaten auf ihm lastete; das war der Sturmwind, der alle seine Beängstigungen und Sorgen, selbst bis zu diesem Schimpf von St. Romans, so schwer derselbe auch in seinem Gedächtnisse lastete, auf einmal hinwegfegte. Abgeordneter! Er lachte bei dem Gedanken an die Miene, die der Baron bei dieser Nachricht zeigen würde, an das Entsetzen des Beys bei dem Anblicke seiner Büste. Und bei der Vorstellung, daß er ferner nicht mehr ein bloß mit Gold gespickter Abenteurer sei, der, wie etwa ein Goldklumpen in dem Schaufenster eines Geldwechslers, die Bewunderung der einfältigen Menge erregt, sondern daß man in ihm einen Erwählten des Nationalwillens zu respektieren habe, erstarrte sein sonst gutmütiges und bewegliches Gesicht in gesuchter Würde, er erwog in Gedanken Zukunftsprojekte und Reformen, von dem Wunsche beseelt, die Lehren sich zu nutze zu machen, welche ihm das Schicksal in der letzten Zeit erteilt hatte. Schon zeigte er, in Erinnerung an das Versprechen, das er Gern gegeben hatte, gegenüber der ausgehungerten Herde, die sich an seine Fersen geheftet hatte, eine gewisse verächtliche Kälte, eine keinen Widerspruch duldende Autorität. Er nannte den Marquis von Bois-Landry »mein Guter«, gebot dem Gouverneur, dessen Enthusiasmus geradezu Anstoß erregend war, kurzerhand Schweigen und gelobte, sich sobald als möglich dieser ihn bloßstellenden Hungerleiderschar zu entledigen. Moëssard, der schöne Moëssard, mit seinem feinen enganliegenden Rocke, durchbrach die Menge, als er sah, daß der Nabob, nachdem er wohl zwanzigmal die Runde durch die Skulptur-Ausstellung gemacht, sich nach dem Ausgange wendete, und den Arm des Nabob in den seinigen legend, rief er: »Sie wollten mich ja mitnehmen. ...« In der letzten Zeit, namentlich seit der Wahlbewegung, hatte er sich in dem Hause des Nabob eine Autorität angemaßt, die nahezu der Monpavons gleichkam und nur noch unverschämter war, denn was Unverschämtheit anlangt, suchte der Liebhaber einer Königin seinesgleichen in Paris, Dieses Mal kam er aber an den Unrechten. Der kräftige Arm, den er ergriffen hatte, entwand sich ihm, und in trockenem Ton erwiderte ihm der Nabob: »Ich bedaure sehr, mein Lieber, Ihnen keinen Platz anbieten zu können.« Keinen Platz in einer Karosse, so groß wie ein Haus, und in der sie zu fünf angekommen waren. Moëssard sah ihn erstaunt an. »Ich hätte Ihnen aber rasch ein paar Worte zu sagen.... In betreff meines Billets.... Sie haben dasselbe doch erhalten?« »Allerdings und Herr von Géry wird Ihnen unzweifelhaft heute morgen schon geantwortet haben. ... Was Sie verlangen, ist unmöglich. Zwanzigtausend Franken! ... Donnerwetter, wo denken Sie hin!« »Ich dächte doch, daß meine Dienste ...« stammelte der Geck. »Die sind Ihnen, scheint mir denn doch, reichlich bezahlt worden. Zweimalhunderttausend Franken in fünf Monaten! Wenn es Ihnen recht ist, hat es dabei sein Bewenden. Sie haben sehr lange Zähne, junger Mann, man muß sie Ihnen etwas abfeilen.« Diese Worte wurden im Gehen gewechselt, während die Menge ihnen aus den Ausgängen nachdrängte. Moëssard stand still. »Ist das Ihr letztes Wort?« Der Nabob besann sich einige Sekunden, gegenüber diesem bösen und fahlen Munde von einer Vorahnung geängstigt, alsbald erinnerte er sich jedoch des Versprechens, das er seinem Freunde gegeben hatte. »Es ist mein letztes Wort.« »Nun wohl, mir werden ja sehen,« erwiderte der schöne Moëssard, dessen Stöckchen die Luft mit einem Geräusch wie das Zischen einer Schlange durchschnitt, und sich umwendend, entfernte er sich wie jemand, der bei einem dringenden Geschäfte erwartet wird. Janfoulet setzte seinen Triumphzug fort. Heute hätte es noch weit mehr bedurft, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, im Gegenteil fühlte er sich durch diese so schleunig ins Werk gesetzte Exekution höchlich befriedigt. Das weite Vestibül war von einer gedrängten Menge überfüllt, die bei dem herannahenden Schluß der Ausstellung nach außen drängte, die aber durch einen von diesen plötzlichen Platzregen, die notwendig zu der Eröffnung von solchen Ausstellungen zu gehören scheinen, unter dem Portikus auf dem mit Sand bestreuten festgestampften Boden zurückgehalten wurde. Draußen Sonnenblitze zwischen den Regengüssen, das junge Grün der Champs Elysées, die Rhododendrongruppen im Glanz der Regentropfen schimmernd. Die Wagen auf der Straße sind in einer Reihe aufgestellt, die blanken Mäntel der Kutscher und das reiche Geschirr der Pferde gewinnen durch den Regen und die Sonnenstrahlen noch an Glanz und spiegeln eine Bläue wieder, die Bläue des Himmels, der sich eben zu einem Lächeln zwischen zwei Regengüssen anschickt. Drinnen Lachen, Geplauder, Begrüßungen, Ungeduld, hochgeschürzte Röcke, seidene Kleider über den zierlichen Falten der Unterröcke und den zartgestreiften seidenen Strümpfen, Fransen, Spitzen und Volants, die mit einer Hand zusammengerafft und auf immer verdorben sind, und dann Diener, unter Regenschirmen einherlaufend, die Namen der Kutscher rufend, und Equipagen, in welche sich hastige Paare flüchten. »Der Wagen des Herrn Jansoulet!« Alles sah sich um, aber das genierte den Nabob bekanntlich wenig. Und während inmitten dieser schönen Damen, dieser berühmten Persönlichkeiten und dieses mannigfaltigen Paris, das sich dort befand und sich auch fast durchweg gegenseitig kannte, der gute Nabob ein wenig affektiert that, indem er seinen Wagen erwartete, streckte sich eine zarte und fein beschuhte Hand ihm entgegen und der Herzog warf ihm im Vorbeigehen, auf dem Wege zu seinem Wagen, mit der Vertraulichkeit, welche das Glück auch dem Zurückhaltendsten einflößt, die Worte zu: »Besten Glückwunsch, mein lieber Abgeordneter!« Diese Worte wurden laut gesprochen und ein jeder konnte hören: »Mein lieber Abgeordneter.« Es gibt in dem Leben jedes Menschen eine Glücksstunde, einen leuchtenden Gipfelpunkt, wo ihn alles erwartet, was ihm an Glück, Freude und Triumphen beschieden ist. Der Gipfel ist mehr oder weniger hoch, mehr oder weniger steil und schwierig zu erklimmen, aber er ist für alle gleichmäßig vorhanden, für die Kleinen und Großen. Nur ist es wie bei dem längsten Tage im Jahre, an welchem die Sonne ihre ganze Kraft einsetzt, während der darauffolgende Tag schon wie der erste Schritt zum Winter erscheint. Dieser Höhepunkt der menschlichen Existenz kann nur einen Augenblick genossen werden; dann geht es unfehlbar wieder abwärts. Dieser Spätnachmittag des 1. Mai, der zwischen Regen und Sonne geteilt war, an ihn magst du denken, armer Mann, den wechselnden Glanz dieses Tages magst du für immer im Gedächtnis behalten. Das war die Stunde deines Hochsommers mit seinem reichen Blumenflor, wo die Zweige sich unter den goldnen Früchten biegen, die Zeit der reifen Garben, deren Aehren du so leichtfertigerweise ausstreutest. Jetzt wird der Stern erbleichen, allmählich weiter sinken und bald nicht mehr im stande sein, die düstere Nacht zu durchdringen, in welcher dein Geschick sich vollziehen wird. Fünfzehntes Kapitel. Tagebuch eines Büreaudieners. – Im Vorzimmer. Am letzten Sonnabend Zauberfest auf dem Vendomeplatze. Zu Ehren seiner Erwählung gab Herr Bernard Jansoulet, der neue Abgeordnete von Korsika, eine glänzende Abendgesellschaft, mit Municipalgardisten vor dem Hausthore und Illumination des ganzen Hotels. Zweitausend Einladungen waren an die gesamte hohe Gesellschaft von Paris ergangen. Dem Anstande meiner Manieren, meiner sonoren Stimme, die der Präsident des Verwaltungsrats bei den Generalversammlungen der Territorialkasse kennen zu lernen Gelegenheit gehabt, habe ich es zu verdanken, daß ich bei diesem glänzenden Feste mitwirken durfte, wo ich während dreier Stunden in einem Anzuge von Scharlach und Gold, mit der den Personen von einem gewissen Einflusse eignen Würde, zum erstenmal in meinem Leben in Kniehosen, in dem mit Blumen geschmückten Vorzimmer stehend, den Namen eines jeden Eingeladenen, den ein Schweizer in glänzender Uniform jedesmal mit dem Aufstoßen seiner Hellebarde begrüßte, in die fünf ineinandergehenden Säle mit der Wirkung eines Kanonenschusses hineinrief. Was habe ich für sonderbare Bemerkungen an diesem Abende vernommen, was für amüsante Scherzworte, was wurden für bedenkliche Sarkasmen von der Dienerschaft über alle diese vorbeidefilierenden Personen geäußert! Selbst nicht bei den Winzern von Montbars habe ich so komische Bemerkungen gehört. Freilich muß ich gestehen, daß unser würdiger Kollege, Herr Barreau, uns zuvor in der bis zur Decke mit geeisten Getränken und Eßwaren gefüllten Speisekammer einen soliden, gehörig mit Wein begossenen Imbiß serviert hatte, der einen jeden von uns in die beste Laune versetzte, die auch den ganzen Abend durch ein gelegentliches Glas Punsch oder Champagner, das wir im Vorübertragen von den Präsentiertellern wegpraktizierten, auf das beste unterhalten wurde. Unsre Herrschaften schienen freilich nicht so gut aufgelegt zu sein wie wir selbst. Als ich um neun Uhr meinen Posten einnahm, wurde ich durch den unruhigen und nervösen Gesichtsausdruck des Nabob betroffen, der in den erleuchteten und noch vereinsamten Sälen, in lebhaftem Gespräche und heftig gestikulierend, mit Herrn von Géry auf und ab schritt. »Ich bringe ihn um,« sagte er, »ich bringe ihn um....« Der andre versuchte, ihn zu beruhigen, und als nun die Frau vom Hause erschien, sprach man von andern Dingen. Ein Prachtexemplar von einem Frauenzimmer, diese Levantinerin, zweimal so stark als ich, wahrhaft blendend anzuschauen, mit ihrem Diadem von Diamanten, mit ihren Edelsteinen, die ihre enormen weißen Schultern bedeckten, mit einem Rücken, der ebenso rund ist wie ihre Brust, ihrer Taille, die in einen grüngoldnen Panzer eingepreßt ist, dessen Franse weit über das Kleid hinunterfiel. Ich habe noch nie etwas so Imposantes und Reiches gesehen. Man dachte dabei an einen dieser schönen weißen Elefanten, mit Türmen auf dem Rücken, von denen man in den Reisebüchern liest. Wenn sie, mühsam sich an den Möbeln anklammernd, dahinschritt, so zitterte alles an ihr und ihr Schmuck klirrte. Dabei hat sie eine hohe gellende Stimme, ein schönes rosiges Antlitz, dem ein kleiner Neger mit einem weißen Federfächer von der Größe eines Pfauenrades fortwährend Kühlung zufächelte. Es war das erste Mal, daß diese träge und halbwilde Person sich der Pariser Gesellschaft zeigte, und Herr Jansoulet schien sehr glücklich und stolz darüber, daß sie sich herabgelassen hatte, seinem Feste zu präsidieren. Uebrigens verursachte dieses der Dame keine große Unbequemlichkeit, denn sie überließ es ihrem Manne, die Eingeladenen im ersten Salon zu empfangen, und machte sich's auf einem Diwan in dem kleinen japanischen Salon bequem, wo sie, zwischen zwei Kissenbergen eingepfercht, unbeweglich dasaß, so daß man sie aus der Ferne unter dem Fächer, denn der Neger wie ein Uhrmerk bewegte, für ein Götzenbild hatte halten können. Diese fremden Damen haben doch eine eigentümliche Art und Weise des Benehmens! Da mich die Reizbarkeit des Nabob auffällig berührt hatte, so nahm ich den Kammerdiener, der in großen Sprüngen die Treppe herabkam, beim Schöpfe und flüsterte ihm ins Ohr: »Was in aller Welt ist denn mit Ihrem Herrn, Herr Noël?« »Ach, das kommt von dem Artikel im ›Messager‹,« antwortete er mir, und ich mußte vorderhand darauf verzichten, weiteres zu erfahren, da ein kräftiges Anziehen der Glocke die Ankunft des ersten Wagens ankündigte, dem alsbald viele andre folgten. Ganz in mein Amt vertieft und eifrig darauf bedacht, die mir genannten Namen hübsch auszusprechen und von Salon zu Salon widerhallen zu lassen, hatte ich keine Zeit, an andres zu denken. Es ist wahrlich kein leichtes Amt, Personen, wie es sich gehört, anzumelden, die sich einbilden, daß ihr Name allgemein bekannt sei, und die ihn im Vorüberschreiten nur so leise flüstern und dann im höchsten Grade erstaunt sind, wenn man diesen Namen in der schönsten Betonung verstümmelt ausruft, und die einem diese mißglückten Anmeldungen, die stets von den vorhandenen Gästen mit einem boshaftem Lächeln aufgenommen werden, fast übelnehmen. Was mir bei Herrn Jansoulet meine Aufgabe noch erschwerte, das war diese Menge von türkischen, ägyptischen, persischen und tunesischen Gästen. Von den Korsikanern, die an jenem Abend auch sehr zahlreich vertreten waren, will ich nicht reden, denn während meines vierjährigen Dienstes bei der Territorialbank habe ich mich daran gewöhnt, diese hochtrabenden, endlosen, stets mit der Ortsbezeichnung verbundenen Namen auszusprechen: Paganetti von Portovecchio, Bastelica von Bonifacio, Paianatchi von Barbicaglia. Ich machte mir ein Vergnügen daraus, diese italienischen Silben zu modulieren, ihnen ihren ganzen Vollklang angedeihen zu lassen, und ich merkte es den erstaunten Mienen dieser wackeren Insulaner an, wie sehr sie erfreut und erstaunt waren, in dieser Weise in die hohe kontinentale Welt eingeführt zu werden. Freilich, mit den Türken, den Paschas, den Beys, den Effendis hatte ich schon mehr Mühe, und es kam wohl vor, daß ich ihre Namen verkehrt aussprach, denn zu zwei Malen ließ Herr Jansoulet mir sagen, daß ich auf die mir genannten Namen besser acht geben und sie überhaupt etwas natürlicher aussprechen möge. Dieser, mit einer gewissen Brutalität dicht bei dem Vorzimmer laut geäußerte Tadel verstimmte mich sehr und verhinderte mich – darf ich es aussprechen? – diesen heraufgekommenen Protzen zu bemitleiden, als ich im Verlaufe des Abends erfuhr, welche grausamen Dornen sich unter seinem Rosenlager verbargen. Von halb elf, Uhr bis Mitternacht hörte die Glocke nicht auf zu ertönen; Wagen folgten auf Wagen, Abgeordnete, Senatoren, Staats- und Gemeinderäte stellten sich ein, die mehr den Anschein hatten, als ob sie sich zu einer Generalversammlung von Aktionären als zu einer Soiree der großen Welt begäben. Worin mochte das seinen Grund haben? Ich vermochte mir darüber keine Rechenschaft zu geben, und erst der Schweizer, Namens Nikolaus, öffnete mir mit einem Worte hierüber die Augen. »Ja, sehen Sie denn nicht, Herr Passajou,« sagte mir dieser wackere Diener, der, mit der Hellebarde in der Hand, mir kerzengerade gegenüberstand, »wie wenig Damen wir hier haben.« Ja, weiß Gott, das war der Grund! ... Und nicht allein wir beide waren es, die diese Wahrnehmung machten. Bei jedem neuen Ankömmling hörte ich, wie der Nabob, der sich in der Nahe der Thür aufhielt, in großer Bestürzung mit seiner wie die eines verschnupften Marseillers schnarrenden Stimme ausrief: »Wie, ganz allein?« Der Gast entschuldigte sich ganz leise. ... Mn, mn, mn, ... Madame sei nicht ganz wohl, habe natürlich außerordentlich bedauert. ... Und dann kam wiederum ein andrer Gast und auf dieselbe Frage dieselbe Antwort. Dies ewige Wort »ganz allein« führte schließlich im Vorzimmer zu allerlei Scherzreden, Leibjäger und Diener warfen sich es einander an den Kopf, wenn ein neuer Gast ganz allein eintrat. Und wie lachte und stichelte man. ... Aber Herr Nikolaus, mit seinem weltmännischen Gebaren, fand, daß dieses fast durchgängige Fehlen des schönen Geschlechtes nicht natürlich sei. »Das muß in dem Artikel des ›Messager‹ seinen Grund haben,« sagte er. Alle Welt sprach von diesem Schandartikel, und vor dem von Blumen umrahmten Spiegel, in welchen jeder Gast vor seinem Eintritte einen letzten prüfenden Blick warf, erhaschte ich einige Worte aus einem leise geführten Zwiegespräch, ungefähr so: »Haben Sie gelesen?« »Aber das ist ja entsetzlich.« »Halten Sie das für möglich?« »Ich habe darüber kein Urteil. Auf alle Fälle habe ich es für besser gehalten, meine Frau nicht mitzubringen.« »Ich habe es ebenso gemacht. ... Ein Mann kann überall hingehen, ohne sich zu kompromittieren. ...« »Allerdings. ... Dagegen eine Dame. ...« Dann traten sie mit dem Klapphute unter dem Arme ein, mit der siegesgewissen Miene von Ehemännern, die ihre Frauen nicht im Schlepptau haben. Was in aller Welt mochte das für ein furchtbarer Zeitungsartikel sein, der bis zu einem solchen Grade den Einfluß eines so reichen Mannes in Frage stellte? Unglücklicherweise fesselte mich mein Dienst an meinen Platz, ich konnte weder in die Speisekammer, noch in die Vorhalle hinabgehen, um mit den Kutschern, Dienern und Leibjägern zu plaudern, die ich am Fuße der Treppe damit beschäftigt sah, sich über die Leute aufzuhalten, welche die Treppe heraufstiegen,. ... Aber was will man auch machen? Die Herrschaften sind auch oft zu komisch. Wie soll man nicht lachen, wenn man den Marquis und die Marquise von Bois-Landry mit hochmütiger Miene und aufgeblähtem Wesen vorbeipassieren sieht, obwohl man nur zu gut über die kleinlichen Schachereien des Mannes und die Toilettenkünste der Frau unterrichtet ist? Und das Ehepaar Jenkins, so zärtlich, so einträchtig, der aufmerksame Doktor, wie er seiner Frau ein Spitzentuch über die Schultern legt, damit sie sich nur auf der Treppe nicht erkälte, und sie, so holdselig lächelnd, reich geputzt, ganz in Samt und Seide, mit einer wer weiß wie langen Schleppe, wie sie sich auf den Arm ihres Gatten stützt, als ob sie sagen wollte: »Ach, wie bin ich glücklich!« und doch weiß ich am besten, daß seit dem Tode der Irländerin, seiner rechtmäßigen Gattin, der Doktor nur darauf sinnt, wie er sich dieser alten Fessel auf gute Manier entledigen könne, um ein junges Mädchen heimzuführen, und wie diese alte Fessel die Nächte hindurch sich abhärmt und mit ihren Thronen die Ueberbleibsel ihrer einstigen Schönheit zu Grunde richtet. Das köstlichste ist, daß keine einzige dieser Personen eine Ahnung von den Sticheleien und Klatschereien hat, die man hinter ihrem Rücken flüsterte, von diesen Begeiferungen, die sie mit den Schleppen ihrer Kleider von dem Teppiche der Vorhalle mit hinwegfegen. Schier zum Todlachen waren die hochmütigen Mienen, die diese Leute uns gegenüber zur Schau trugen. Da waren die beiden Damen, deren ich eben Erwähnung gethan, die Gattin des Gouverneurs, eine kleine Korsikanerin, der ihre dicken Augenbrauen, ihre glänzenden, gebräunten Wangen das Ansehen einer glattrasierten Auvergnatin gaben, übrigens ein gutmütiges Geschöpf, das fortwährend lächelte, außer wenn ihr Mann die andern Damen ansah; da waren ferner einige Levantinerinnen, mit Gold- oder Perlendiademen, die zwar demjenigen unsrer Herrin ähnelten, aber weniger kostbar waren; da waren Frauen von Tapezieren, Juwelieren und andern Lieferanten, mit Schultern, so breit wie Schaufenster, und Toiletten, an denen der Stoff nicht gespart war; endlich einige Frauen von Angestellten der Territorialbank in kläglichen Kleidern, aus deren Falten der Geldmangel hervorlugte, das war alles, wodurch das schöne Geschlecht in der Gesellschaft vertreten war, einige dreißig Damen, die unter etwa tausend schwarzen Fräcken so gut wie ganz verschwanden. Von Zeit zu Zeit setzten uns Cassagne, Laporte, Grandvarlet, welche den inneren Dienst versahen, von dem in Kenntnis, was in den Salons vorging. »Ach, meine Freunde, wenn Sie das sähen, es ist eine trostlose Oede da drinnen, ... Die Herren wanken und weichen nicht von den Buffetts, die Damen sitzen alle in der Runde im Hintergrunde und fächeln sich, ohne ein Wort zu sprechen..,. Unsre Dicke spricht mit niemand. Ich glaube sie mault.... Und der Herr scheint sich zu ärgern! ... Wohlan, Vater Passajou, ein Glas Chateau Larose gefällig? Das wird Ihnen gut thun.« Diese jungen Leute behandelten mich allesamt äußerst liebenswürdig und fanden ein diabolisches Vergnügen daran, mir die Ehre des Weinkellers zu erweisen, und zwar so oft und so reichlich, daß meine Zunge schwer und unsicher zu werden begann, so daß diese Leute in ihrer etwas freien Redemeise zu mir sagten: »Guter Onkel, Sie haben ja den Zungenschlag.« Glücklicherweise kam jetzt der letzte Effendi an, und ich hatte niemand mehr anzumelden. Denn, so sehr ich mich auch in acht nahm, sah ich doch, so oft ich durch den Vorhang trat, um einen Namen in die Gesellschaft hineinzurufen, die Kronleuchter mit Tausenden von Lichtern vor mir herumtanzen und den glänzenden Parkettboden sich mit mir drehen. Ich glaube wirklich, daß ich ein wenig den Zungenschlag hatte. Die frische Nachtluft, einige Abwaschungen an der Pumpe des Hofes kurierten mich indes rasch von diesem leichten Unwohlsein, und als ich die Vorhalle wieder betrat, war mir nichts mehr anzumerken. Ich traf eine zahlreiche, lustige Gesellschaft bei einer Champagnerbowle, wobei meine Nichten, in großem Staate, mit gekräuseltem Haare und rosaroten Schleifen, sich mit Vergnügen beteiligten, trotz ihrer Ausrufe und ihrer kleinen, reizenden Abscheugebärden, durch welche sie niemand täuschten. Natürlich unterhielt man sich von dem berüchtigten Artikel, der, wie es hieß, von Moëssard herstammte, einem Artikel, voll von entsetzlichen Enthüllungen über alle möglichen schimpflichen Gewerbe, denen der Nabob bei seinem ersten Aufenthalte in Paris vor fünfzehn oder zwanzig Jahren obgelegen habe. Das war nun schon der dritte Angriff, den der »Messager« im Verlaufe von acht Tagen brachte, und dieser Strolch von Moëssard war boshaft genug, jedesmal die Nummer unter Kreuzband nach dem Vendomeplatze zu senden. Herr Jansoulet empfing sie dann morgens gleichzeitig mit seiner Schokolade, und gleichzeitig lasen und besprachen seine Freunde und Feinde – denn ein Mann wie der Nabob, konnte natürlich niemand gleichgültig sein – diesen Artikel und zeichneten sich ihm gegenüber ihr Verhalten vor, um sich nicht bloßzustellen. Man mußte annehmen, daß der Artikel von heute gehörig gepfeffert war, denn Jansoulet, der Kutscher, erzählte uns, daß heute bei zehn Rundfahrten um den See im Bois de Boulogne sein Herr kaum zehn Grüße ausgetauscht habe, während er sonst seinen Hut nicht mehr auf dem Kopfe behält, als ein Fürst auf einer Spazierfahrt. Und dann, als sie zurückgekommen waren, gab es einen neuen Auftritt. Die drei Knaben waren, ganz niedergeschlagen und in Thränen, von einem gutmütigen Pater aus dem Institute nach Hause gebracht worden. Man hatte den armen Kleinen für einige Zeit Vakanz gegeben, um es ihnen zu ersparen, spitzige Bemerkungen und kränkende Anspielungen im Sprechzimmer oder auf dem Spielplatze hören zu müssen. Darauf war der Nabob in eine so furchtbare Wut geraten, daß er ein ganzes Porzellanservice zertrümmerte, und wenn Herr von Géry ihn nicht zurückgehalten hätte, wäre er stehenden Fußes zu Moëssard gelaufen, um ihm den Schädel einzuschlagen. »Und recht würde er gethan haben,« sagte Herr Noël, der in diesem Augenblicke eintrat und auch seinerseits höchst aufgeregt war. ... »Es ist kein wahres Wort an dem Artikel dieses Schurken. ... Mein Herr ist bis zum letzten Jahre niemals in Paris gewesen. Von Tunis nach Marseille, von Marseille nach Tunis, darin bestanden alle seine Reisen. Aber dieser Strolch von der Feder rächt sich dafür, daß wir uns geweigert haben, ihm zwanzigtausend Franken zu zahlen.« »Darin haben Sie sehr unrecht gehabt,« sagte Herr Francis, der Francis bei Monpavon, dieser alte Stutzer, dessen einziger Zahn in seinem Munde bei jedem Worte, das er spricht, wackelt, den aber alle jungen Damen wegen seiner eleganten Manieren mit wohlwollenden Augen anblicken. »Ja, Sie haben wirklich nicht klug gehandelt. Man muß diese Leute schonen, solange sie einem nutzen oder schaden können. Ihr Nabob hat nach dem erreichten Erfolge zu rasch seinen Freunden den Rücken gewendet, und unter uns, mein Lieber, um solche Schläge auszuhalten, ist er nicht stark genug.« Ich glaubte jetzt meinerseits das Wort ergreifen zu dürfen: »Ja, das ist wahr, Herr Noël, Ihr Brotherr ist seit seiner Erwählung nicht mehr derselbe. Er hat einen eigentümlichen Ton und wunderbare Manieren angenommen. Vorgestern in der Territorialbank hat er uns einen Auftritt gemacht, von dem man keine Vorstellung hat. Man hörte ihn mitten in der Sitzung schreien: ›Sie haben mich belogen, bestohlen und mich ebenso zum Diebe gemacht, wie Sie selbst es sind. ... Zeigen Sie mir Ihre Bücher, Lumpengesindel.‹ Wenn er Moëssard in dieser Weise behandelt hat, dann wundere ich mich nicht darüber, daß dieser sich in seinem Journale gerächt hat.« »Aber, was in aller Welt steht in diesem Artikel?« fragte Herr Barreau. »Wer hat ihn gelesen?« Niemand antwortete. Mehrere hatten die Zeitung kaufen wollen, aber in Paris verkauft sich Skandal wie warme Semmeln. Um zehn Uhr morgens war keine Nummer des »Messager« mehr zu haben gewesen. Da kam eine meiner Nichten, ein lockerer Zeisig, wie es nur je einen gegeben hat, auf den Gedanken, in der Tasche eines der zahlreichen Ueberzieher, die in der Vorhalle hingen, nachzustöbern. Bei dem ersten, den sie durchsucht, rief das liebenswürdige Geschöpf, indem sie eine zerknitterte, zerlesene Nummer des »Messager« mit triumphierender Miene herauszog: »Da ist schon eine!« »Da ist noch eine Nummer!« rief Tom Bois-Landry, der seinerseits gleichfalls nachgespürt hatte, eine dritte folgte bald nach. Und in allen dieselbe Geschichte. Die Zeitung fand sich überall, wie der Artikel in dem Gedächtnisse aller eingegraben war, und man konnte sich den Nabob oben im Saale vorstellen, wie er liebenswürdige Worte mit seinen Gästen austauschte, die ihm alle diese auf seine Rechnung gedruckten Schändlichkeiten auswendig hätten hersagen können. Wir lachten alle herzlich bei diesem Gedanken, aber wir waren noch begieriger, auch unsrerseits diese interessante Epistel kennen zu lernen. »Wohlan, Vater Passajou; lesen Sie uns den Artikel laut vor.« Auf die allgemeine Bitte verstand ich mich dazu. Ich weiß nicht, ob es den Lesern so geht wie mir, aber wenn ich laut lese, so räuspere ich mich vorher und trage dann mit so abwechslungsreicher und ausdrucksvoller Betonung vor, daß ich selbst von dem Inhalte nichts verstehe, ähnlich den Sängern, die sich um den Text den Teufel scheren, wenn sie nur den richtigen Ton treffen.... Der Artikel betitelte sich: »Das Blumenschiff«. ... Es war eine Geschichte, die mit chinesischen Namen reichlich gespickt war und in der es sich um einen neuerdings in die erste Klasse avancierten Mandarinen handelte, der vor Zeiten ganz am Ende der Stadt, in der Nähe eines von Soldaten viel begangenen Thores, ein »Blumenschiff« gehalten hatte. ... Am Schlusse des Artikels war man nicht klüger als am Anfang. Man gab sich zwar Mühe, bedeutungsvoll mit den Augen zu zwinkern und den Klugen zu spielen, aber, offen gesagt, man wußte nicht warum. Es war ein Rätsel ohne Lösung und wir würden noch nicht klüger sein, wenn nicht der alte Francis, der ein wahrer Galgenstrick in solchen Dingen ist, uns auseinandergesetzt hätte, daß jenes Thor mit den Soldaten die »Ecole militaire« bedeuten solle und daß das »Blumenschiff« auf gut französisch einen weniger hübschen Namen führe. Und diese Bezeichnung gab er trotz der anwesenden Damen zum besten. Aber was für einen Ausbruch von Ausrufen, von Ah und Oh! hatte das zur Folge. »Ich dachte es mir gleich,« sagten einige. »Es ist nicht möglich,« riefen andre. »Erlauben Sie,« fügte Francis hinzu, der in alten Zeiten Trompeter bei dem neunten Lancierregiment gewesen war ... »Vor etwa zwanzig Jahren, kurz vor meinem Abgang, war ich in der »Ecole militaire« kaserniert, und ich erinnere mich sehr wohl, daß in der Nähe derselben ein verrufenes Haus unter dem Namen Salon Jansoulet existierte, mit möblierten Zimmern im oberen Stockwerke, wo man zwischen zwei Kontertänzen für fünf Sous die Stunde sich aufhalten konnte.« »Sie sind ein infamer Lügner,« sagte Herr Noël ganz außer sich, »ein Lügner und Taugenichts wie Ihr Herr; Jansoulet ist früher niemals in Paris gewesen.« Francis hatte etwas außerhalb des Kreises gesessen, den wir um die Bowle geschlossen hatten, und schlürfte eine Limonade, weil der Champagner ihm nicht gut bekam und weil dieses Getränk nicht mehr für fein gilt. Er erhob sich in ernster Haltung, ohne sein Glas im Stich zu lassen, und indem er sich Herrn Noël näherte, sagte er in seiner abgemessenen Weise: »Es fehlt Ihnen an Lebensart, mein Lieber. Schon neulich, in der Gesellschaft bei Ihnen, fand ich Ihren Ton plump und unpassend. Es hat keinen Sinn, die Leute zu insultieren, um so weniger, als ich von Beruf Fechtmeister bin, und, wenn wir die Sache weiter treiben würden, Ihnen zwei Zoll Eisen an jeder beliebigen Stelle des Körpers zu kosten geben könnte, aber ich bin ein gutmütiger Bursche; anstatt eines Degenstiches will ich Ihnen lieber einen Rat geben, von dem Ihr Herr Nutzen ziehen kann. An Ihrer Stelle würde ich einfach zu Moësard hingehen und ihn, ohne zu feilschen, kaufen. Hemerlingue hat ihm zwanzigtausend Franken für das Reden gegeben, ich würde ihm dreißigtausend für sein Schweigen anbieten.« »Niemals ... niemals! ...« schrie Herr Noël. »Lieber werde ich diesem Banditen den Hals umdrehen!« »Damit würden Sie nichts erreichen. Mag nun die Verdächtigung wahr oder falsch sein, Sie haben die Wirkung heute abend gesehen. Das ist nur eine Probe der Freuden, die Ihrer warten. Was denken Sie, mein Lieber? Sie haben Ihre Krücken zu früh weggeworfen und gemeint, allein gehen zu können. Das mag gut sein, wenn man kräftig gebaut und fest auf den Füßen ist, aber wenn man das Unglück hat, einen Hemerlingue an seinen Fersen zu haben, dann ist es eine schlimme Geschichte .... Ueberdies beginnt bei Ihrem Herrn das Geld knapp zu werden; er hat mit dem alten Schwalbach Wechselgeschäfte gemacht, und das thut ein richtiger Nabob nicht. Ich weiß wohl, daß Sie drüben Millionen in Fülle haben, aber um diese heben zu können, muß erst die Wahl für gültig erklärt werden, aber noch einige solche Artikel, wie der heutige, und ich verspreche Ihnen, daß es nicht dahin kommen wird ... Sie glauben sich im stande, sich mit Paris zu messen, mein Lieber, aber dazu fehlt Ihnen die Kraft, das verstehen Sie nicht. Wir sind hier nicht im Orient, und wenn man hier auch nicht die Leute, die einem mißfallen, erdrosselt oder sie ertränkt, so hat man doch andre Mittel, sie von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Noël, sorgen Sie dafür, daß Ihr Herr sich vorsieht.....Eines schönen Morgens wird Paris ihn verschlingen, wie ich diese Pflaume verschlucke, ohne Haut oder Kern auszuspucken.« Der Alte war furchtbar, und trotz seiner Großthuerei fühlte ich meinen Respekt vor ihm wachsen. Während er sprach, hörte man oben Musik und Gesang und draußen die Pferde der Municipalgarden, die ihr Gebiß schüttelten. Von außen mußte unser Fest mit den tausend Kerzen und dem großen illuminierten Portal einen glänzenden Eindruck machen. Und zu denken, daß vielleicht der Zusammensturz bereits nahe war! Wir in der Vorhalle machten es wie die Ratten, die sich im Kielraum beraten, wenn das Schiff einen Leck bekommt, ohne daß die Mannschaft davon noch eine Ahnung hat, und ich sah es sehr gut kommen, wie die Lakaien und Kammermädchen allesamt nicht säumen würden, bei dem ersten Anstoße auf und davon zu gehen... Sollte eine solche Katastrophe möglich sein? Aber dann, was würde dann aus mir, aus der Territorialbank, aus meinen Vorschüssen und meinem rückständigen Gehalte werden? ... Dieser Francis hat mir einen Schauder über den Rücken gejagt. Sechzehntes Kapitel. Eine Politische Persönlichkeit. Die lichte Wärme eines klaren Mainachmittages strahlte eine Treibhausglut durch die hohen Bogenfester des Hotels Mora, deren blauseidene Vorhänge weithin auf den langen Terrassen sichtbar waren, auf denen exotische Pflanzen, heute zum erstenmal in dieser Saison aus dem Warmhause herausgebracht, in Rabatten den ganzen Quai entlang liefen. Die großen Rechen ließen auf den Sandwegen zwischen den Gebüschen des Gartens die zarte Fußspur des Sommers zurück, während man in dem Geräusch der sprühenden Brausen auf dem Grün des Rasens sein erfrischendes Lied vernahm. Der ganze Luxus der fürstlichen Residenz kam bei der herrlichen Witterung zur völligen Geltung, eine grandiose Pracht, die noch durch die Ruhe und das Schweigen dieser mittäglichen Stunde erhöht wurde, die einzige, in der man nicht das Rollen der Wagen unter den Thorgewölben, daß Auf- und Zuschlagen der großen Vorzimmerthüren und die fortwährende Bewegung vernahm, die das Ziehen der Glocke bei der Ankunft oder Abfahrt verursachte. Es war bekannt, daß der Herzog bis um drei Uhr im Ministerium Audienz erteilte, und daß die Herzogin, eine Schwedin, noch halb erstarrt von der Kälte ihrer Heimat, kaum von ihrem Schlafsofa sich erhob, auch kam um diese Zeit niemand, weder Besucher noch Bittsteller, und die Kammerdiener, die wie die Flamingos auf den Stufen der verlassenen Freitreppe hockten, waren die einzigen, welche dieselbe durch den dürren Schatten ihrer langen Beine und die gähnende Langeweile ihres Müßigganges belebten. Ausnahmsweise hielt heute jedoch das kastanienbraune Coupé des Doktor Jenkins in einer Ecke des Hofes. Der Herzog, welcher seit dem vorhergehenden Abend unwohl war, hatte sich nach Tische noch schlechter gefühlt und sofort den Perlenmann kommen lassen, um ihn über seinen eigentümlichen Zustand zu konsultieren. Keine Spur von Schmerz, Schlaf und Appetitlosigkeit wie sonst, nur eine unglaubliche Schlaffheit und ein entsetzliches, durch nichts zu verscheuchendes Frösteln war es, was ihn quälte. So zitterte der Herzog z.B. in diesem Augenblicke, trotz der herrlichen Frühlingssonne, die das Gemach erfüllte und das wie mitten im Winter prasselnde Kaminfeuer erblassen ließ, in seinem blauen Pelzrock und umgeben von kleinen Windschirmen vor Kälte, und indem er seine Unterschrift auf einem niedrigen, goldlackierten Tische, welcher so nahe bei dem Feuer stand, daß der Firnis abblätterte, vollzog und einem Attaché übergab, streckte er jeden Augenblick seine erstarrten Finger nach dem Feuer, das sie fast versengte, ohne in die abgestorbene Starrheit derselben Leben zu bringen. Ob wohl die Unruhe des Herrn Jenkins durch dies Unwohlsein seines vornehmen Klienten hervorgerufen war? Jedenfalls erschien Jenkins nervös und aufgeregt, durchmaß das Zimmer mit großen Schritten, hierhin und dorthin spürend und witternd, in der Luft nach etwas haschend, was er wahrzunehmen glaubte, etwas Unmerkliches, Ungreifbares, wie den Duft eines Parfüms oder die unsichtbare Spur eines vorüberfliegenden Vogels. Man hörte das Knistern des Holzes im Kamin, das Rascheln von in der Eile durchblätterten Papieren, die müde Stimme des Herzogs, der mit einem kurzen und treffenden Worte die Antwort auf einen vier Seiten langen Brief diktierte, und die ehrfurchtsvollen kurzen Entgegnungen des Attaches: »Ja, Excellenz ... nein, Excellenz«, darauf das Knarren einer schweren, widerspenstigen Feder. Draußen zwitscherten luftig die Schwalben über dem Wasser und von der Brücke her ertönte eine Klarinette. »Es ist mir nicht möglich,« sagte, plötzlich sich erhebend, der Minister. »Nehmen Sie das mit und kommen Sie morgen wieder ... ich kann nicht schreiben, mich fröstelt zu sehr. ... Hier, Doktor, fühlen Sie einmal meine Hände, sollte man nicht glauben, daß sie aus einem Kübel mit Eiswasser gezogen wären? ... Seit zwei Tagen bin ich am ganzen Körper so kalt ... klingt das nicht unglaublich bei dem jetzigen herrlichen Wetter?« »Das wundert mich nicht...« sagte der Irländer in einem brummigen, kurz angebundenen Tone, der mit seinem sonstigen süßlichen Benehmen in Widerspruch stand. Inzwischen hatte sich die Thür hinter dem jungen Attaché geschlossen, der mit majestätischer Grandezza seine Papiere zusammengerafft hatte und überglücklich zu sein schien, seines Dienstes entledigt zu sein und vor seiner Rückkehr auf das Ministerium eine oder zwei Stunden in dem Tuileriengarten umherschweifen zu können, der mit reizenden jungen Damen in Frühlingstoiletten besetzt war, die unter den blühenden Kastanienbäumen, der Musik harrend, saßen. Der Attaché wenigstens war nicht vor Frost erstarrt ... Jenkins untersuchte, auskultierte und perkutierte seinen Patienten, ohne ein Wort zu sprechen, und sagte dann mit demselben brutalen Tone, der zur Not in seiner beängstigten Fürsorge und in dem Unwillen des Arztes, der seine Verordnungen mißachtet sieht, seine Erklärung finden mochte: »Aber mein lieber Herzog, was für ein Leben führen Sie denn in der letzten Zeit?« Er wußte aus den Vorzimmerklatschereien – denn bei seinen vertrauten Klienten verschmähte der Doktor diese Quelle nicht – daß der Herzog eine neue Liaison habe, daß diese Laune neuesten Datums ihn ganz in Anspruch nahm und in einer ungewöhnlichen Weise aufrege. Und diese Kunde in Verbindung mit anderweitig gemachten Wahrnehmungen hatte ihm einen Verdacht eingeflößt, ein unsinniges Verlangen, den Namen dieser neuen Bekanntschaft in Erfahrung zu bringen. Das war es nun, was er auf der bleichen Stirn seines Patienten zu ergründen suchte, indem er sich weit mehr bemühte, die Richtung seiner Gedanken, als den Grund seiner Krankheit zu erforschen. Aber er hatte es mit einem dieser Gesichter aus der Gesellschaft zu thun, die ebenso hermetisch verschlossen sind, wie die geheimen Schubfächer, in welchen sich Schmucksachen oder Liebesbriefe befinden, eins dieser undurchdringlichen Gesichter mit kaltem, blauem Blick, einem Blick, wie von Stahl, vor welchem auch der geriebenste Scharfsinn zu schanden wird. »Sie irren sich, Doktor,« antwortete Seine Excellenz unbefangen. »Ich habe an meinen Gewohnheiten nichts geändert.« »Nun wohl, Herr Herzog, Sie haben unrecht daran gethan,« erwiderte der Irländer, darüber erbost, nichts entdecken zu können, in schroffem Tone. Aber gleich darauf, weil er wohl merken mochte, daß er zu weit gegangen, verdünnte er seine üble Laune, den Ernst seiner Diagnose durch eine Brühe von handwerksmäßigen Ratschlägen. Man müsse sich wohl in acht nehmen, die ärztliche Kunst sei keine Zauberei. Die Kraft der Jenkins-Perlen finde ihre Begrenzung in den menschlichen Kräften, in den Beschwerden des Alters, in den Hilfsquellen der Natur, die ja leider auch nicht unerschöpflich seien. Der Herzog unterbrach ihn in einem erregten Tone: »Aber, Jenkins, Sie wissen doch ganz wohl, daß ich kein Freund von Phrasen bin. Das ist also nicht der Grund meines Unwohlseins. Was fehlt mir? Woher kommt dieser Frost?« »Sie sind blutleer, erschöpft. Das Oel in der Lampe ist gesunken.« »Aber, was ist denn dagegen zu thun?« »Nichts. Absolute Ruhe, Essen, schlafen, weiter nichts. Wenn Sie einige Wochen im Bade zubringen könnten.« Mora zuckte die Achseln: »Und die Kammer, der Ministerrat! Gehen Sie! Ist daran zu denken?« »Auf alle Fälle, Herr Herzog, müssen Sie den Radschuh einlegen, wie Ihnen der andre sagte, absolut verzichten auf –« Jenkins wurde durch den Eintritt des dienstthuenden Kammerdieners unterbrochen, welcher auf den Fußspitzen, wie ein Tanzmeister, dem Staatsminister, der noch immer fröstelnd vor dem Feuer saß, einen Brief und eine Karte überbrachte. Als der Irlander das Couvert von grauem Atlaspapier und origineller Form erblickte, zuckte er unwillkürlich zusammen, während der Herzog, nachdem er den Brief geöffnet und durchgelesen hatte, sich mit den Rosen einer künstlich erzeugten Gesundheit auf den Wangen erhob, welche alle Kohlenglut nicht zu stande zu bringen vermocht hatte, »Mein lieber Doktor, ich muß um jeden Preis....« Der Kammerdiener stand und wartete. »Was gibt's? Ach ja, diese Karte. ... Lassen Sie den Herrn in die Galerie eintreten. Ich komme gleich.« Die Galerie des Herzogs von Mora, die dem öffentlichen Besuch zweimal wöchentlich offenstand, war für ihn ein neutrales Gebiet, wo er, wen er wollte, sehen konnte, ohne sich zu binden oder zu kompromittieren. Nachdem der Kammerdiener gegangen, sagte der Herzog: »Mein lieber Jenkins, Sie haben schon Wunder für mich gethan, ich bitte Sie noch um eins. Verdoppeln Sie die Dosis meiner Perlen, ersinnen Sie irgend etwas. ... Aber zum Sonntag muß ich ganz wohlauf sein, hören Sie, ganz wohlauf.« Und seine schmalen fieberischen Hände umklammerten krampfhaft den kleinen Brief. »Nehmen Sie sich in acht, Herr Herzog,« sagte Jenkins mit blassen, zusammengepreßten Lippen, »ich möchte Sie nicht unnötig wegen Ihres Zustandes ängstigen, aber es ist meine Pflicht ...« Mora hatte hierauf nur ein hochmütiges Lächeln: »Ihre Pflicht und mein Vergnügen sind zwei verschiedene Dinge, mein Bester. Lassen Sie mich die Freuden des Lebens auskosten, wie es mir gefällt. Ich habe nie eine so gute Gelegenheit gehabt.« Er zuckte zusammen. »Die Herzogin ...« Eine kleine Tapetenthür hatte sich in diesem Augenblicke aufgethan und ein kleiner blonder Krauskopf, welcher ganz in duftige Spitzen und Rüschen eines prachtvollen Negligés gehüllt war, kam zum Vorschein. »Was höre ich? Sie sind nicht ausgegangen? Doktor, schelten Sie doch! Ist es nicht unrecht, sich so nachzugeben? Sehen Sie ihn einmal an. Welch blühendes Aussehen!« »Nun, da sehen Sie ja,« sagte lächelnd der Herzog zu dem Irlander. »Wollen Sie nicht eintreten, Herzogin?« »Nein, im Gegenteil, ich will Sie abholen. Mein Onkel hat mir ein Vogelbauer mit ausländischen Vögeln geschickt, die ich Ihnen zeigen möchte. Prachtvolle Exemplare in allen Farben, mit kleinen kohlschwarzen Augen, ach, und so frostig, beinahe so frostig wie Sie.« »Das müssen mir sehen,« sagte der Minister. »Warten Sie auf mich, Jenkins, ich komme gleich wieder.« Nun erst bemerkte er, daß er noch immer den Brief in der Hand hielt, warf ihn nachlässig in die Schieblade seines kleinen Schreibtisches und folgte der Herzogin, eine Kaltblütigkeit an den Tag legend, wie sie einem an solche Manöver gewöhnten Ehemanne geziemt. Welch wunderbarer Künstler hat dem menschlichen Antlitz diese Verstellungskunst, diese außerordentliche Elasticität verliehen? Nichts war wunderbarer als dieser Anblick eines Großen der Erde, der überrascht wurde mit dem Bekenntnis des Ehebruchs auf den Lippen, mit Wangen, welche die Aussicht verheißener verbotener Freuden höher färbte, und welcher dem Anschein nach in demselben Augenblicke in der ehelichen Zuneigung die vollste Befriedigung empfand. Ebenso merkwürdig war es, Jenkins, mit seinem väterlichen Lächeln à la Franklin, in Gegenwart der Herzogin zu sehen, ein Lächeln, welches plötzlich, sobald er allein war, einem wilden Ausdruck von Wut und Haß wich, einer verbrecherischen Blässe, der Blässe eines Castaing oder Lapommerais, welcher über seinen düsteren Verrat brütet. Ein rascher Blick auf beide Thüren, und ebenso rasch stand er vor der Schublade, welche mit wichtigen Papieren angefüllt war, und in deren Schloß der goldne Schlüssel stets stecken blieb, mit einer unverschämten Nachlässigkeit, welche zu sagen schien: Man wird es nicht wagen. Jenkins wagte es dennoch. Der Brief lag da auf einem Haufen andrer. Das feine Papier, drei Worte als Adresse in einer einfachen, kühnen Handschrift und dann das Parfüm, dieser berauschende Duft, der Atem ihres göttlichen Mundes. ... Es war also wahr, seine eifersüchtige Liebe hatte ihn nicht getäuscht, ebensowenig wie die Zurückhaltung, die man sich in seiner Gegenwart auferlegte, ebensowenig wie die geheimnisvolle Miene, welche Konstanze anzunehmen beliebte, und die prachtvollen Blumenbouquets, welche im Atelier zu blühen schienen, gleichwie im Schatten einer Schuld. ... Also dieser unbezwingliche Stolz hatte sich ergeben? Warum denn nicht ihm? Ihm, der sie so lange liebte und immer geliebt hatte, der noch dazu zehn Jahre jünger war, als der andre, und wahrlich, ihn fror nicht! Alle diese Gedanken zermarterten sein Gehirn. Und da stand er, niedergeschmettert, und sah mit blutunterlaufenen Augen auf das kleine graue Couvert, welches er nicht zu öffnen wagte, aus Furcht, sich den letzten Zweifel zu rauben, als das Rauschen einer Portiere ihm das Nahen einer Person verkündete und ihn veranlaßte, rasch den Brief an seinen Platz zu werfen und die vorzüglich passende Schieblade des Lacktisches zu schließen. »Sie hier, Jansoulet! Wie kommen denn Sie hier herein?« »Seine Excellenz haben mich geheißen, ihn in seinem Zimmer zu erwarten,« antwortete der Nabob, sehr stolz, so in die innersten Gemächer eingeführt zu sein, besonders zu einer Stunde, in welcher sonst kein Besuch empfangen wurde. In Wahrheit fing nämlich der Herzog an, eine aufrichtige Sympathie für diesen Halbwilden zu empfinden. Und das aus verschiedenen Gründen: Erstens liebte er die Verwegenen, die Abenteurer, denen ein guter Stern leuchtet. War er nicht selbst ein solcher? Und dann amüsierte ihn der Nabob: sein Accent, sein ungeschlachtes Benehmen, seine etwas täppische und plumpe Art zu schmeicheln, war für ihn eine Abwechselung von dem ewigen Einerlei seiner Umgebung, von dieser in der hohen Verwaltung und bei Hofe eingewurzelten und von ihm so gründlich verabscheuten Plage, – der Phrase, die er so sehr verabscheute, daß er nie den begonnenen Satz beendigte. Der Nabob hingegen hatte eine wunderbare Art, seine Sätze oft in so überraschender Weise zu Ende zu bringen; dazu war er ein sehr angenehmer Spieler und verlor, ohne eine Miene zu verziehen, eine Partie Ecarté zu fünftausend Franken im Klub der Rue Royale. Und wie bequem konnte man bei ihm sich eines Bildes entledigen, er war immer bereit, es zu kaufen, einerlei zu welchem Preise. Zu diesen Gründen für die herablassende Zuneigung des Herzogs hatte sich noch in letzter Zeit ein Gefühl des Mitleids und der Empörung gesellt, hervorgerufen durch die Beharrlichkeit, mit welcher man den Unglücklichen zu verfolgen bemüht war, und zwar durch einen feigen, unbarmherzigen Krieg, welcher so gut geführt wurde, daß die leichtgläubige öffentliche Meinung, welche immer bereit ist, sich nach dem Winde zu drehen, schon anfing, sich ernstlich beeinflussen zu lassen. Man mußte dem Herzog die Gerechtigkeit angedeihen lassen, daß er kein blinder Anbeter der Menge war. Als er in einem Winkel der Galerie die immer gutmütig lächelnde, aber etwas klägliche und gedrückte Gestalt des Nabob erblickte, hatte er es nicht über sich gewinnen können, ihn dort zu empfangen, und ihn deshalb aufgefordert, in sein Zimmer einzutreten. Jenkins und Jansoulet, welche sich ziemlich verlegen gegenübersaßen, wechselten einige gleichgültige Worte, Ihre heiße Freundschaft war seit einiger Zeit recht abgekühlt, denn Jansoulet hatte kurzweg jeden neuen Zuschuß für die bethlehemitische Stiftung abgelehnt, so daß nun diese Angelegenheit auf Jenkins allein zurückgefallen war, welcher natürlich sehr ungehalten darüber war, in diesem Augenblick aber noch viel erboster über den Eindringling, welcher ihn verhindert hatte, Felicias Brief zu öffnen. Der Nabob hingegen erwog bei sich, ob der Doktor der Unterhaltung beiwohnen werde, welche er mit dem Herzog bezüglich der infamen Verleumdungen, mit welchen der »Messager« ihn verfolgte, zu haben wünschte, und voller Besorgnis fragte er sich, ob nicht etwa diese Verleumdungen die wohlwollende Gesinnung des Herzogs, welche ihm in dem Augenblicke der Prüfung seiner Wahl so notwendig ward, abgekühlt hätten. Der ihm in der Galerie zu teil gewordene Empfang hatte ihn halb und halb beruhigt; ganz sicher aber fühlte er sich, als der Herzog bei seinem Wiedereintritt ihm mit ausgestreckter Hand entgegenkam: »Nun, mein lieber Jansoulet, es scheint, daß Ihnen der Empfang in Paris teuer zu stehen kommt. Was sind das für Ausbrüche von Haß und Wut!« »Ach, Herr Herzog, wenn Sie wüßten ...« »Ich weiß, ich habe alles gelesen,« sagte der Minister, sich dem Kamine nähernd. »Ich hoffe, daß Ew. Excellenz diesen Verleumdungen keinen Glauben schenken. Uebrigens habe ich hier ... ich habe die Beweise mitgebracht.« Und mit seinen behaarten, vor Bewegung zitternden Händen suchte er in den Papieren umher, welche er in einer großen ledernen Mappe unter dem Arme hielt. »Lassen Sie nur. ... Ich bin von allem unterrichtet. ... Ich weiß, daß man Sie, sei es mit oder ohne Absicht, mit einer andern Person verwechselt, daß gewisse Familienrücksichten ...« Der Herzog konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er die Verwunderung des Nabob gewahrte, welcher ganz verdutzt war, den Herzog so genau von allem unterrichtet zu sehen. »Ein Staatsminister muß alles wissen. ... Aber beruhigen Sie sich. Ihre Wahl wird dennoch bestätigt werden, und wenn das geschehen ist ...« Jansoulet atmete erleichtert auf: »Ach! Herr Herzog, wenn Sie müßten, wie sehr Ihre Worte mir wohlthun. Ich fing schon an, alles Vertrauen zu verlieren. ... Meine Feinde sind so mächtig. ... Dabei habe ich noch ein besondres Mißgeschick. Denken Sie nur, daß Le Merquier beauftragt ist, den Bericht über meine Wahl zu erstatten.« »Le Merquier! Teufel auch.« »Ja, Le Merquier, der Sachwalter Hemerlingues, dieser schändliche Heuchler, welcher die Bekehrung der Baronin veranlaßt hat, wahrscheinlich, weil seine Religion ihm nicht erlaubte, eine Muselmännin zur Maitresse zu haben.« »Na, na, mein lieber Jansoulet. ...« »Verzeihen Sie, Herr Herzog, die Wut übermannt mich. ... Seit acht Tagen hätte die Prüfung erfolgen sollen, und absichtlich wird die Sitzung hinausgeschoben, weil man weiß, in welcher fürchterlichen Lage ich mich befinde. Mein ganzes Vermögen unter Sequester, und der Bey wartet nur die Entscheidung der Kammer ab, um zu wissen, ob er mich ausplündern kann oder nicht. ... Ich habe achtzig Millionen da drüben, Herr Herzog, und hier fange ich an, die Zunge herauszuhängen. ... Wenn das noch lange dauert ...« Er trocknete sich die großen Schweißtropfen ab, die ihm über die Stirn liefen. »Wohlan denn! Ich nehme diese Frage der Wahlprüfung auf mich,« sagte der Minister mit großer Lebhaftigkeit... , »Ich werde an Dingsda schreiben, damit er sich mit seinem Berichte beeilt; und wenn ich mich in die Sitzung tragen lassen müßte. ...« »Sind Ew. Excellenz leidend?« fragte Jansoulet in teilnehmendem Tone, der wahrlich nicht erheuchelt war. »Nein ... eine kleine Schwäche ... es fehlt mir an Blut, aber Jenkins wird dafür sorgen. ... Nicht wahr, Jenkins?« Der Irländer, welcher anscheinend nicht zuhörte, machte eine nichtssagende Bewegung. »Alle Wetter! Und ich, der ich zu viel Blut habe ...« Bei diesen Worten lüftete der Nabob seine Krawatte um seinen aufgedunsenen Hals, der durch die Erregung und die im Zimmer herrschende Hitze ein nahezu schlagflüssiges Aussehen erhalten hatte. »Könnte ich Ihnen doch von meinem Blute abgeben, Herr Herzog.« »Das würde ein Glück für uns beide sein,« erwiderte der Herzog in einem Anfluge von Ironie. »Namentlich für Sie, der Sie ein Brausekopf sind, und dem im gegenwärtigen Augenblicke Besonnenheit so not thut. Nehmen Sie sich in dieser Beziehung in acht. Hüten Sie sich vor Zornesausbrüchen, zu denen man Sie so gern treiben mochte. ... Halten Sie sich immer gegenwärtig, daß Sie ein Politiker sind, daß Sie auf einem erhöhten Standpunkt stehen, und daß man alle Ihre Bewegungen beobachtet. Die Zeitungen schmähen Sie, lesen Sie dieselben nicht, wenn Sie die Ihnen dadurch verursachte Erregung nicht zu bemeistern vermögen.... Machen Sie es nicht so, wie ich es mit meinem Blinden vom Pont de la Concorde gemacht habe, diesem entsetzlichen Klarinettenspieler, der mir das Leben verbittert, indem er seit zehn Jahren mir die Arie: ›Von deinen Kindern, Norma ...‹ herleiert. Ich habe alles versucht, um ihn von dort zu vertreiben, Geld, Drohungen. Nichts hat angeschlagen. ... Die Polizei? ... Ja, warum nicht gar. ... Bei unsern modernen Ideen wäre es eine Staatsaktion, einen Blinden von seinem Standpunkte zu vertreiben. ... Die Presse der Opposition würde die Sache vor ihr Forum ziehen, die Pariser würden daraus eine ganze Fabel machen. ... Der Flickschuster und die Geldprotze. ... Der Herzog und der Klarinettenspieler. ... Ich muß mich wohl oder übel fügen. ... Uebrigens bin ich selbst schuld daran. Ich hätte diesem Menschen nicht zeigen sollen, daß er mich ärgerte. ... Ich halte mich fest davon überzeugt, daß mein Verdruß jetzt die Hälfte seines Lebens ausmacht. Jeden Morgen verläßt er mit seinem Hunde, seinem Klappstuhle und seinem Marterinstrumente seine Höhle und sagt zu sich selbst: Nun wollen wir einmal wieder den Herzog von Mora ärgern. Und keinen Tag laßt er es daran fehlen, der Elende. ... Sehen Sie, wenn ich das Fenster nur halbwegs öffnete, so würden Sie diese Sündflut von quiekenden Tönen trotz des Geräusches des Wassers und der Wagen hören können. ... Nun wohl, dieser Skribent vom ›Messager‹, das ist eben Ihre Klarinette. ... Wenn Sie ihn merken lassen, daß seine Musik Sie verdrießt, so hört er erst recht nie auf. ... Uebrigens, verehrter Herr Abgeordneter, erinnere ich Sie daran, daß Sie um drei Uhr Kommissionssitzung haben, und ich empfehle Ihnen daher, sich schleunigst nach der Kammer zu begeben.« Sich dann an Jenkins wendend, sagte der Herzog: »Sie wissen, um was ich Sie gebeten habe, Doktor. ... Perlen für übermorgen und zwar in kräftigen Dosen! ...« Jenkins erbebte und schüttelte sich, wie aus einem Traume auffahrend: »Das ist abgemacht, mein lieber Herzog, Sie sollen Kraft erhalten, sage ich Ihnen. ... Kraft genug, um den großen Derbypreis zu erringen.« Er grüßte und entfernte sich mit einem Lächeln, mit dem Lächeln eines Wolfes, der die Zähne fletscht. Der Nabob nahm gleichfalls mit dankerfülltem Herzen Abschied, ohne indessen diesem Skeptiker, dem alle Gemütsbewegung ein Greuel war, von diesem Gefühle etwas zu verraten. Und der Staatsminister, der, vor dem in hellen Flammen flackernden Feuer stehend, in einer, durch die helle Sonne eines Maitages noch erhöhten Temperatur allein zurückgeblieben war, begann aufs neue zu schnattern und zwar in einem solchen Grade zu schnattern, daß der Brief von Felicia, den er mit seinen blassen Fingern öffnete und in verliebtem Eifer durchlas, wie ein Seidenstoff raschelnd in seiner Hand zitterte. Es ist eine eigentümliche Lage, in welcher sich ein Abgeordneter befindet während der Zeit, welche seiner Wahl folgt und die, wie man im parlamentarischen Jargon sagt, der Prüfung des Mandates vorangeht. Dieselbe hat etwas Aehnlichkeit mit derjenigen eines Neuvermählten während der vierundzwanzig Stunden, welche zwischen der Civiltrauung und der kirchlichen Feier liegen. Rechte, von denen man keinen Gebrauch machen kann, ein halbes Glück, eine halbe Befugnis, die Schwierigkeit, sich innerhalb gewisser Grenzen zu halten, nicht Fisch noch Fleisch zu sein. Man ist verheiratet, ohne es zu sein, Abgeordneter, ohne die Gewißheit, es zu bleiben, nur mit dem Unterschiede, daß für einen Abgeordneten die Ungewißheit Tage, ja sogar Wochen dauern kann, und je länger dieselbe anhält, desto problematischer die Aussicht auf Bestätigung wird. Es ist eine wahre Qual für den Unglücklichen, welcher genötigt ist, so zu sagen zur Probe den Sitzungen der Kammer beizuwohnen, einen Platz einzunehmen, welchen er vielleicht nicht behaupten wird, Debatten beizuwohnen, deren Ausgang ihm fremd bleiben kann, seinen Augen und Ohren den entzückenden Eindruck der parlamentarischen Sitzungen, mit ihrem Meer von Glatzköpfen und schlagflüssigen Physiognomieen einzuprägen, mit ihrem Geräusch von zerknittertem Papier, dem Rufen der Saalwärter, dem Trommeln der Papiermesser auf den Tischen, den Privatgesprächen, von deren ununterbrochener Begleitung sich die Stimme des Redners als donnerndes oder zaghaftes Solo abhebt. Diese an und für sich schon so peinliche Situation verschlimmerte sich noch für den Nabob durch die zuerst nur geflüsterten, jetzt aber gedruckten Verleumdungen, welche, in Tausenden von Exemplaren verbreitet, zur Folge hatten, daß seine Kollegen ihn absichtlich mieden. Die ersten Tage ging er in den Wandelgängen, der Bibliothek, der Restauration, dem Sitzungssaals aus und ein, wie die übrigen, ja es machte ihm große Freude, seinen Fuß in jede Ecke dieses majestätischen Labyrinthes zu setzen. Da er jedoch den meisten unbekannt war, von einigen Mitgliedern des Klubs der Rue Royale gemieden und verleugnet, von der klerikalen Fraktion, deren Haupt Le Merquier war, gehaßt wurde, und da sich diesem Hasse die finanzielle Welt anschloß, welche diesen Millionär, der so vielen Einfluß auf die Fluktuationen der Fondsbörse hatte, verabscheute, so wurde seine Einsamkeit durch dieses Herumirren nur noch merklicher und die Feindschaft folgte ihm überallhin. Seine Bewegungen, sein Auftreten hatten infolgedessen etwas Gedrücktes, eine Art zurückhaltenden Mißtrauens. Er fühlte sich beobachtet. Wenn er in die Restauration eintrat, in diesen geräumigen, hellen Saal, der auf den Garten des Präsidenten der Kammer hinausgeht, und in welchem er sich so außerordentlich wohl fühlte, weil vor dem mit Getränken und Eßwaren beladenen Buffett die Abgeordneten etwas von ihren feierlich ernsten Mienen einbüßten, die Würde der Gesetzgeber, durch die Bedürfnisse der Natur zur Natur zurückgerufen, sich mehr und mehr gehen ließ, so wußte er, daß am folgenden Tage eine höhnende und beleidigende Notiz in dem »Messager« erscheinen würde, in welcher er seinen Wählern als ein elender Trunkenbold dargestellt wurde. Keine geringere Qual bereiteten ihm seine schrecklichen Wähler. Sie kamen scharenweise an, überschwemmten die Vorhalle, stürmten wie kleine schwarze Rehböcke in allen Richtungen auf und nieder, riefen sich von einem Ende des weithallenden Saales zum andern bei Namen, sogen mit Entzücken die sie umgebende Regierungsluft ein, warfen den vorübergehenden Ministern liebevolle Blicke nach, indem sie ihnen schnüffelnd Schritt für Schritt folgten, als hofften sie, daß aus den verehrungswürdigen Taschen, aus den gefüllten Portefeuilles ein kleines Aemtchen für sie herausfallen werde. Vor allem aber bestürmten sie Herrn Jansoulet mit so vielen anspruchsvollen Petitionen, Reklamationen und Auseinandersetzungen, daß derselbe, um sich von diesem gestikulierenden, lärmenden Haufen, der die Aufmerksamkeit aller auf sich zog und ihn zum Erwählten eines wilden Stammes inmitten eines civilisierten Volkes zu stempeln schien, zu befreien, mit flehendem Blick sich an einen der diensttuenden Saalwärter wenden mußte, der, auf solche Rettungsmanöver bereits eingeübt, ihm mit amtseifriger Miene die Bestellung ausrichtete, »daß er sofort in der achten Kommission verlangt werde«. Infolge dieser allseitigen Belästigungen hatte der arme Nabob, der aus den Korridors, aus der Vorhalle, aus dem Restaurationszimmer vertrieben war, den Entschluß gefaßt, seinen Platz nicht mehr zu verlassen, auf welchem er, unbeweglich und stumm, während der ganzen Dauer der Verhandlungen ausharrte. Er hatte wenigstens einen Freund in der Kammer, den kürzlich gewählten Abgeordneten Sarigue für das Departement Deux Sèvres, ein winziges Männchen, welches dem unschädlichen, von der Natur vernachlässigten Geschöpfe, dessen Namen er trug, Sarigue: Beuteltier. (Anm. d. Uebers.) nicht unähnlich war, wenn er mit seinen spärlichen rötlichen Haaren, seinen ängstlich dreinblickenden Augen, in seinen weißen Gamaschen tänzelnd einherschritt. Bis zu dem Grade schüchtern, daß er nicht zwei Worte ohne zu stottern hervorzubringen vermochte, und fast stimmlos, lutschte er fortwährend Gummibonbons, wodurch seine Redeweise vollends undeutlich wurde. Jedermann fragte sich im stillen, was denn ein solcher Invalide in der Kammer wolle, und welcher wahnwitzige Ehrgeiz dieses zu jeder Privatstellung untaugliche Geschöpf verleitet hatte, sich um ein öffentliches Amt zu bewerben. Eine komische Ironie des Schicksals hatte es gefügt, daß Jansoulet, welcher durch die Furcht vor der Prüfung seiner eignen Wahl schon ohnehin sehr aufgeregt war, in die achte Kommission gewählt morden war, um den Bericht über die Wahl von Deux Sèvres zu erstatten!; und der arme Herr Sarigue, welcher vollständig von seiner Unfähigkeit durchdrungen und nebenbei von der Besorgnis erfüllt war, mit Schimpf und Schande fortgeschickt zu werden, verfolgte mit demütig bittender Gebärde diesen großen, krausköpfigen Menschen, dessen breite Schultern unter seinem dünnen Ueberzieher wie Blasebälge arbeiteten, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß unter dieser rauhen Hülle sich ein Wesen verberge, welches gleich ihm von Angst erfüllt war. Bei dem Entwurfe seines Berichtes über die Wahl in dem Bezirke Deux Sèvres, beim Durchlesen der zahlreichen Wahlproteste, der Anzeigen von Wahlmanövern, bei der Mitteilung von Bestechungen durch Mahlzeiten, Geld und Spenden von Wein vor den Wahllokalen, all den hergebrachten Wahlumtrieben der damaligen Zeit, erzitterte Jansoulet für seine eigne Wahl. Aber das habe ich ja alles ebenso gemacht, sagte er sich schaudernd. Wahrlich, Herr Sarigue konnte zufrieden sein, nie hätte er einen wohlgesinnteren, nie einen nachsichtigeren Berichterstatter erwischen können, denn der Nabob, der mit seinem Patienten Mitleid fühlte, da er aus eigner Erfahrung wußte, wie peinlich diese Zeit der angstvollen Erwartung ist, hatte die Arbeit nach Kräften beschleunigt, und das große Portefeuille, das er unter dem Arme trug, als er das Hotel Mora verließ, enthielt seinen Bericht, der zum Vortrage in der Kammer bereits fix und fertig war. Sei es nun, daß dieser erste Anlauf zu einer öffentlichen Thätigkeit oder die aufmunternden Worte des Herzogs oder endlich das herrliche Wetter, welches auf diesen physischen Eindrücken besonders zugänglichen Südfranzosen niemals seinen Einfluß verfehlte, diese Wirkung hervorgebracht hatte, jedenfalls sahen die Saalwärter des gesetzgebenden Körpers am heutigen Tage einen stolz und erhobenen Hauptes einherschreitenden Jansoulet eintreten, wie sie ihn noch nie zuvor zu Gesichte bekommen hatten. Die Equipage des dicken Hemerlingue, die er vor dem Gitter hatte stehen sehen und die durch die ungewöhnliche Breite der Wagenschläge leicht erkennbar war, trug vollends dazu bei, ihm seine ganze Würde und Verwegenheit wiederzugeben. »Der Feind ist da. ... Achtung!« Beim Durchschreiten der Vorhalle sah er denn in der That auch den Finanzbaron in einer Ecke mit dem Berichterstatter Le Merquier zischeln und warf ihm im Vorbeigehen einen triumphierenden Blick zu, der den beiden denselben Gedanken einflößte: Was in aller Welt mag es wohl geben? Ueber seine Kaltblütigkeit erfreut, begab Jansoulet sich nach den Bureaus, geräumigen und hohen Sälen, die zur Rechten und zur Linken auf einen langen Korridor münden, und deren große, mit grünen Bezügen bedeckte Tische und schwere und gleichförmige Sessel den Eindruck langweiliger Feierlichkeit machten. Man versammelte sich, Gruppen bildeten sich, die diskutierten, gestikulierten, Grüße und Händedrücke austauschten und sich von den hellen Fenstern wie ein Schattenspiel abhoben. Einzelne sah man mit gebeugtem Rücken einsam umherwandeln, wie niedergedrückt unter der Last ihrer Gedanken, die ihre Stirnen in Falten legten. Andre flüsterten sich leise ins Ohr, teilten sich äußerst geheimnisvolle und wichtige Nachrichten mit, indem sie den Finger an die Lippen legten und dieser stummen Mahnung durch Aufreißen der Augen noch mehr Nachdruck gaben. Ein Haufen Abgeordneter aus der Provinz zeigt alle denkbaren Abwechselungen, die Verschiedenheit der Betonung, die ungestüme Sprechweise des Südfranzosen, die schleppende Sprache des mittleren Frankreichs und die singende Redeweise der Bretagne, alles zu einer lächerlichen und selbstgenügsamen Wichtigthuerei verschmolzen; Röcke nach der Mode von Landerneau, Bergschuhe, grobe Hausleinwand, anspruchsvolles Auftreten von Kirchturmspolitikern, lokale Ausdrücke und Provinzialismen in gewaltsamer Anwendung auf politische Dinge, jene abgegriffene und farblose Sprechweise, der man Redensarten wie »brennende Fragen, die wieder auf der Oberfläche erscheinen« und Aehnliches verdankt. Beim Anblicke dieser erregten oder nachdenklichen Leute sollte man glauben, die größten Umstürzler auf dem Gebiete der Gedankenwelt vor sich zu haben. Unglücklicherweise ging aber an den Sitzungstagen eine Umwandlung mit ihnen vor, sie saßen dann auf ihrer Bank wie angeschmiedet, voll Angst wie Schüler, die vor der Rute des Lehrers zittern, Verständnisinnig den Scherzen des geistvollen Mannes, der den Vorsitz führt, zulächelnd oder das Wort zu unglücklichen Anträgen ergreifend und den Gang der Sitzung in einer Weise unterbrechend, daß man sich zu der Annahme versucht fühlt, daß es nicht bloß ein Typus, sondern eine ganze Gattung ist, die Henri Monnier in seiner unsterblichen Skizze an den Pranger gestellt hat. Zwei oder drei Redner in der ganzen Kammer, während die übrigen es höchstens verstanden, sich in einem Provinzsalon vor dem Kamine breit zu machen und nach einem ausgezeichneten Diner bei dem Präfekten mit näselnder Stimme zu sprechen: »Die Verwaltung, meine Herren ...« oder »Die Regierung des Kaisers ...«, ohne daß sie aber weiter zu kommen vermochten. Für gewöhnlich ließ sich der gute Nabob durch ein solches Sichaufspielen, durch dieses leere Mühlradgeklapper der Wichtigthuer blenden, heute aber benahm er sich ganz so, als ob er zu den Ihrigen gehörte. Während er an der Mitte des grünen Tisches saß, das Portefeuille vor sich ausgebreitet und die Ellbogen aufgestützt, und den von Géry redigierten Bericht las, blickten die übrigen Kommissionsmitglieder ihn ganz erstaunt an. Sie fanden darin einen kurzen, korrekten und lichtvollen Ueberblick ihrer gemeinschaftlichen Arbeit in den letzten vierzehn Tagen, worin sie ihre Gedanken so vorzüglich zum Ausdruck gebracht fanden, daß sie dieselben kaum darin wiederzuerkennen vermochten. Da indessen zwei oder drei von ihnen der Meinung waren, daß der Bericht allzu günstig sei und daß er gar zu leichten Fußes über gewisse, ihnen zur Kenntnis gebrachte Wahlproteste hinweggleite, so ergriff der Berichterstatter mit einer staunenerregenden Sicherheit, mit der Weitschweifigkeit und Umständlichkeit, die den Bewohnern seiner Heimat eigen ist, das Wort, setzte auseinander, daß man einen Abgeordneten nur bis zu einem gewissen Grade für die Taktlosigkeit seiner Wahlagenten verantwortlich machen dürfe, daß ohne diese Einschränkung keine Wahl vor einer etwas peinlichen Prüfung bestehen könne, und da er im Grunde nur seine eigne Sache vertrat, so legte er dabei eine außerordentliche Ueberzeugungskraft, eine hinreißende Wärme an den Tag, indem er gleichzeitig sorglich darauf Bedacht nahm, von Zeit zu Zeit eins oder das andre dieser nichtssagenden und zugleich vieldeutigen Schlagwörter, wie die Kommission sie liebte, einzuschalten. Die andern hörten ihm andächtig zu, teilten sich ihre Eindrücke durch Kopfnicken mit, indem sie gleichzeitig, um ihre Aufmerksamkeit besser zu fixieren, Namenszüge und Männchen auf ihre Hefte zeichneten, was sehr gut mit dem schülerhaften Lärm auf den Korridoren, der sich anhörte, als ob Lektionen aufgesagt würden, und den Scharen von Sperlingen im Einklang stand, die man auf dem gepflasterten, von Arkaden umgebenen, einem wirklichen Schulhofe vergleichbaren Hofraume unter den Brüstungen der Fenster zwitschern hörte. Nachdem der Bericht angenommen war, ließ man Herrn Sarigue, behufs Abgabe einiger weiterer Aufklärungen, eintreten. Derselbe erschien, kreidebleich, niedergeschlagen, stotternd, wie ein Verbrecher, und es war wirklich zum Lachen, mit welch überlegener Protektormiene Jansoulet ihm Mut zusprach und ihn zu beruhigen suchte: »Fassen Sie sich doch, mein lieber Kollege. ...« Aber die Mitglieder der achten Kommission lachten nicht. Sie waren alle oder doch fast alle in ihrer Art Sarigues, zwei oder drei vollständig außer sich und fast sprachlos. Eine solche Sicherheit des Auftretens, so viele Beredsamkeit hatte sie völlig hingerissen. Als Jansoulet den gesetzgebenden Körper, von seinem dankbaren Kollegen bis an seinen Wagen geleitet, verließ, war es fast sechs Uhr. Das herrliche Wetter, ein prächtiger Sonnenuntergang, der die Seine nach der Seite des Trocadero hin in Gold tauchte, lockte diesen robusten Plebejer zu einer Heimkehr zu Fuß, obwohl der gesellschaftliche Anstand ihm geboten hätte, sich in seine Equipage zu setzen und Handschuhe anzuziehen, was er sich freilich, so oft als thunlich, schenkte. Er verabschiedete daher seine Leute und ging, sein Portefeuille unter dem Arme, in der Richtung nach dem Pont de la Concorde. Seit dem 1. Mai hatte Jansoulet ein solches Wohlbehagen nicht empfunden. Die Schultern dehnend, den Hut ein wenig nach hinten gerückt, wie er es bei hervorragenden, von Geschäften überhäuften Politikern gesehen hatte, die an der frischen Luft die fieberhafte Thätigkeit ihres Gehirns abdampfen zu lassen scheinen, wie eine Maschine nach einem arbeitsvollen Tage den Dampf entweichen läßt, schlenderte er inmitten andrer, der seinigen gleichenden Gestalten, die, wie er, aus dem der Madeleine gegenüberliegenden Säulenbau herausgetreten waren. Vorübergehende drehten sich nach ihnen um und sagten: »Seht, das sind Abgeordnete.« Und Jansoulet empfand darüber ein kindliches Vergnügen, eine naive Freude, die aus Dummheit und Eitelkeit zusammengesetzt war. »Wer kauft den »Messager«, Abendausgabe?« Dieser Ruf erschallte aus einem am Ende der Brücke befindlichen Zeitungskiosk, der im gegenwärtigen Augenblick mit Haufen frischer Zeitungen gefüllt war, die noch nach der Druckerschwärze, nach den jüngsten Neuigkeiten, dem Erfolge oder dem Skandale des Tages rochen, und die von zwei Frauen eiligst gefalzt wurden. Fast alle Abgeordneten kauften im Vorbeigehen eine Nummer und lasen sie rasch durch in der Hoffnung, ihren Namen darin gedruckt zu finden. Jansoulet seinerseits fürchtete, den seinigen darin zu lesen, und blieb nicht stehen. Kurz darauf dachte er aber bei sich: Muß nicht ein Politiker über solche Schwächen erhaben sein? Ich bin stark genug, um jetzt alles zu lesen. Er kehrte um und kaufte ein Blatt wie seine Kollegen. Er öffnete es sehr ruhig und gerade an der Stelle, wo gewöhnlich die Artikel von Moëssard standen. Gerade heute war ein solcher da, und zwar wiederum mit derselben Überschrift: »Chinesisches«, und als Unterschrift ein M. »Ah ha!« sagte der Politiker, fest und kalt wie Marmor, mit einem verächtlichen Lächeln. Die Lektion des Herzogs klang noch in seinen Ohren, und würde er sie vergessen haben, so hätte die Arie aus »Norma«, welche in spitzen ironischen Tönen nicht weit von ihm heruntergeleiert wurde, ihm dieselbe wiederum ins Gedächtnis gerufen. Leider muß man aber bei den sich jagenden Vorkommnissen unsres Lebens auch noch das Unvorhergesehene in Rechnung ziehen, und das war der Grund, weshalb der arme Nabob einen Blutstrom seine Augen blenden und einen Schrei der Wut seiner Kehle sich entwinden fühlte. ... Der Name seiner Mutter, der alten Françoise, war diesmal in den infamen Schandartikel vom »Blumenschiff« hineingemengt. Wie zielte er gut, dieser Moëssard, wie wußte er die empfindlichen Stellen in diesem so offen daliegenden Herzen zu treffen! »Nur Ruhe, Jansoulet, nur Ruhe!« Mochte er sich diese Worte auch in allen Tonarten miederholen, der Zorn, ein wahnwitziger Zorn, jener Aufruhr des Blutes, der nach Blut lechzt, erfaßte ihn! Sein erster Gedanke war, einen Wagen anzurufen und sich hineinzustürzen, sich dem lästigen Straßengewühl zu entziehen, seinem Körper die Sorge des Gehens und einer maßvollen Haltung zu ersparen – einen Wagen, wie für einen Verwundeten, in Beschlag zu nehmen. Aber um diese Zeit der allgemeinen Heimkehr in die Stadt war der Platz nur mit Viktorias, Landauern, Equipagen angefüllt, die von dem Triumphbogen nach den Tuilerien zurückkehrten, aufeinander gepfercht, von der Avenue bis zum Kreuzungspunkte, wo die unbeweglichen Standbilder mit ihren Mauerkronen auf dem Kopfe, fest auf ihren Piedestalen stehend, sie teils nach dem Faubourg St. Germain, teils in die Rue Royale, teils in die Rue Rivoli einlenken sahen. Jansoulet durchschritt mit der Zeitung in der Hand gedankenlos diesen Tumult, gewohnheitsmäßig die Richtung nach dem Klub einschlagend, wo er täglich von sechs bis sieben Uhr seine Partie zu machen pflegte. Ein Politiker war er freilich immer noch, aber zugleich ein aufgeregter Mensch, der mit sich selber sprach, Flüche und Drohungen stammelte mit einer Stimme, die bei dem Gedanken an die gute alte Frau plötzlich wieder weich geworden war. ... Sie, auch sie da hineingezogen zu haben. ... O, wenn sie das lesen würde, wenn sie es verstehen könnte. ... Welche Züchtigung für einen solchen Schurken erfinden. ... Er gelangte in die Rue Royale, wo zahlreiche verschleierte Damen, blondlockige Kinder, Equipagen aller Art, die vom Bois de Boulogne zurückkehrten, ein wenig Erde aus der freien Natur dem Pariser Pflaster mitteilend und die Frühlingslüfte dem Parfüm des Poudre de roz vermählend, sich drängten. Gegenüber dem Marineministerium gewahrte er einen Phaethon, der einer Riesenspinne ähnlich hoch auf seinen zierlichen Rädern ruhte, und auf dessen Vordersitz zwei Personen saßen, während auf dem Bedientensitz ein kleiner Groom sich klemmte, der beim Umwenden fast aufs Trottoir geriet. Der Nabob blickte auf und konnte kaum einen Schrei unterdrücken: an der Seite einer geschminkten Dirne mit roten Haaren, auf dem Kopfe einen kleinen Hut mit breiten Bändern, die auf erhöhtem Lederkissen sitzend, mit den Händen, den Augen, ihrer ganzen nachgemachten, zugleich aufrechten und nach vorn geneigten Figur das Pferd lenkte, saß, rosig und gleichfalls angemalt, dem gleichen Sündenpfuhle entsprossen, in denselben Lastern groß geworden, Moëssard, der hübsche Moëssard. Die Dirne und der Journalist, und wahrlich, jene war nicht einmal die käuflichere von den beiden. Hoch über den Damen, die in ihren Wagen zurückgelehnt saßen, und den Herren, die unter den Volants der Kleider kaum noch sichtbar waren, hoch über all diesen Leuten in müder und gelangweilter Haltung, wie sie die Blasierten öffentlich zur Schau zu tragen lieben, um ihre Verachtung des Vergnügens und Reichtums an den Tag zu legen, thronten die beiden mit frecher Miene, sie, sehr stolz, den Liebhaber einer Königin spazieren zu führen, er, ohne die geringste Scham, an der Seite einer Kreatur zu sitzen, welche in den Alleen die Männer mit der Peitschenspitze zu tupfen pflegte und jetzt auf ihrem erhabenen Sitze sich vor den sittenpolizeilichen Nachstellungen geborgen fühlte. Vielleicht hielt er es für nötig, um seine königliche Maitresse aufzustacheln, in dieser Weise unter ihren Fenstern in Gesellschaft der Susanne Bloch, genannt die rote Suse, zu paradieren. »Komm! ... Hop!« Das Pferd, ein großer Traber, mit zierlichen Beinen, lenkte auf der Stelle tänzelnd und courbettierend wieder in den Weg ein. Jansoulet ließ seine Mappe fallen, und als ob er mit derselben gleichzeitig seine ganze Würde, seinen Nimbus als Staatsmann eingebüßt hätte, machte er einen furchtbaren Satz, fiel dem Pferde in die Zügel und hielt dasselbe mit eiserner Faust fest. Ein Ueberfall in der Rue Royale und noch dazu am hellen lichten Tage, wahrlich an einen solchen Streich konnte auch nur dieser Halbwilde denken! »Herunter vom Bock!« rief er Moëssard zu, der beim Anblick des Nabob grün und gelb im Gesicht geworden war. »Herunter, und zwar auf der Stelle. ...« »Wollen Sie wohl mein Pferd loslassen, Sie Geldprotze, Sie! Peitsche drauf los, Susanne, es ist der Nabob.« Die Dirne versuchte, die Zügel anzuziehen, aber das vom Nabob festgehaltene Pferd bäumte sich so heftig, daß nur wenig gefehlt hätte und das gebrechliche Fuhrwerk hätte seine Insassen weit weggeschleudert. Da gab sie, in einem Anfall von pöbelhafter Wut, welche bei Dirnen ihres Schlages allen Firnis ihres Luxus und ihrer Haut abstreift, dem Nabob zwei Peitschenhiebe, welche sein lederfarbiges und hartes Gesicht trafen und in demselben einen Ausdruck von unaussprechlicher Wildheit hervorriefen, der noch durch die kurze, ganz weiß gewordene Nase gesteigert wurde, die wie die einer Bulldogge gespalten war. »Herunter vom Wagen, oder, bei Gott, ich schlage alles kurz und klein!« In diesem Gewirr von Wagen, die sich an der Stelle gestaut hatten und warteten, oder langsam das Hindernis umkreisten, inmitten dieser tausend neugierigen Blicke, der Zurufe der Kutscher, des Klirrens der Gebisse schüttelten zwei Eisenfäuste das ganze Fuhrwerk. »Aber so springe doch hinunter, rasch. ... Du siehst doch, daß er uns umwerfen wird. ... Was hat der Mensch für eine Faust!« Und das Mädchen betrachtete den Herkules mit Interesse. Kaum hatte Moëssard einen Fuß auf die Erde gesetzt und ehe er sich noch auf das Trottoir flüchten konnte, wo man schwarze Käppis herbeieilen sah, warf Jansoulet sich auf ihn, hob ihn wie ein Kaninchen am Genick empor und sagte, ohne im mindesten auf seine mit lallender Stimme vorgebrachten Verwahrungen zu achten: »Ja, ja, Elender, ich werde dir Rechenschaft geben, ... Aber vor allem werde ich dir das thun, was man unsauberen Tieren thut, um ihnen die Unreinlichkeit abzugewöhnen, ...« Und nun begann er ihm mit der zusammengeballten Zeitung das Gesicht abzureiben, bis er ihn fast erstickt und mit der an den Aufschürfungen herablaufenden Schminke geblendet hatte. Man entriß ihn ganz blau und halb tot seinen Händen, Nur wenig hatte gefehlt und er hätte ihn umgebracht. Nach beendigter Exekution zupfte er seine hinaufgekrempelten Aermel zurecht, brachte sein zerknittertes Vorhemd wiederum in Ordnung, nahm seine Mappe wieder auf, aus welcher die Papiere, die Wahl des Herrn Sarigue betreffend, bis in den Rinnstein geflattert waren, und erwiderte den Stadtsergeanten, welche, um ein Protokoll aufzunehmen ihn nach seinem Namen fragten: »Bernard Jansoulet, Abgeordneter von Korsika.« Ein Abgeordneter! In diesem Augenblicke erst fiel ihm seine Stellung wieder ein. Wer hätte das gedacht, der ihn so außer Atem und barhäuptig, wie ein Packträger nach einer Rauferei, gesehen hätte, unter den neugierigen, höhnisch lächelnden Blicken einer Menge, die eben im Begriffe ist, sich nach Beendigung des Schauspieles zu zerstreuen! Siebzehntes Kapitel. Eine Erscheinung. Wen nach aufrichtiger, ungeschminkter Liebe verlangt, nach voll ausströmender Zärtlichkeit, nach jenem glückseligen Lachen, das durch ein leises Zucken um den Mund seine Verwandtschaft mit den Thränen verrät, und nach jenem goldnen Wahne der Jugend, der da hervorleuchtet aus Augen klar und durchsichtig bis auf den Grund der Seele, – der findet das alles am heutigen Sonntag drüben in dem längst bekannten großen neuen Hause am äußersten Ende der alten Vorstadt. Dort glänzt der Photographierahmen am Erdgeschoß heller als gewöhnlich; lustiger tanzen die pappdeckelnen Anzeigen über dem Thore, und aus den offnen Fenstern klingt ein fröhliches Durcheinanderrufen, wie jubelnder Gesang in die herrliche Morgenluft empor. »Angenommen! Es ist angenommen! ... Ist das ein Glück! ... Henriette, Elise, so kommt doch! Herrn Marannes Stück ist angenommen!« Schon seit gestern ist André im Besitz dieser Neuigkeit. Cardailhac, der Direktor des Nouveauté-Theaters, hat ihn nämlich zu sich rufen lassen, um ihm zu eröffnen, daß er gesonnen sei, sein Drama sofort in Angriff zu nehmen, um es im nächsten Monat aufzuführen. Da die Besprechungen über Dekorationen und Rollenbesetzung den ganzen Abend ausgefüllt und es auf dem Rückwege vom Theater schon zu spät gewesen, um noch bei den Nachbarn anzuklopfen, hat der glückliche Autor in fiebernder Ungeduld auf den kommenden Morgen gewartet und ist, sowie er unten die ersten Schritte und das Klappern der aufgehenden Fensterläden wider die Mauer vernommen, mit der freudigen Nachricht zu seinen Freunden hinabgeeilt. Nun sind sie alle beisammen, die jungen Damen im Negligé mit hastig aufgestecktem Haar, und Herr Joyeuse, den das Ereignis bei seiner Barttoilette überrascht hat, im gestickten Hauskäppchen mit einem merkwürdig halbierten Gesichte, auf der einen Seite rasiert, auf der andern noch eingeseift. Am erregtesten aber ist André Maranne, denn mir wissen ja, was für ihn die Aufführung der »Revolte« bedeutet und was mit Großmütterchen ausgemacht ist. Darum schaut auch der arme Schelm so zu ihr hinüber, als müsse er Mut schöpfen aus ihren Augen; ihr treuherziger, etwas schalkhafter Blick aber scheint ihm zu antworten: »Probieren Sie's immerzu; es ist keine Gefahr dabei.« Auch zu Fräulein Elise schaut der arme Schelm hinüber, ebenfalls um Mut zu schöpfen, und wie er sie so lieblich, wie eine Blume, dastehen sieht mit ihren langen niedergeschlagenen Wimpern, faßt er sich endlich ein Herz und sagt mit erstickter Stimme: »Herr Joyeuse, ich habe Ihnen eine sehr ernste Mitteilung zu machen. ...« »Ernste Mitteilung?« sagt Herr Joyeuse ganz verwundert. Und gleichfalls halblaut setzt er noch hinzu: »Soll ich die jungen Damen wegschicken?« »Nicht doch; Großmütterchen weiß schon, worum sich's handelt, und Fräulein Elise vermutet es wohl auch! nur die Kinder, wenn ich bitten dürfte. ...« Nun ergeht an Fräulein Henriette nebst Schwester die Aufforderung, sich gefälligst zurückzuziehen, eine Aufforderung, welcher obengenannte junge Damen auch sofort nachkommen, die eine mit majestätisch verdrossener Miene, als würdige Tochter derer von Saint-Amand, die andre hingegen, die kleine chinesische Yaja, mit einem mühsam unterdrückten Lachkrampf. Hierauf lange Pause, nach welcher der Freier zu guter Letzt mit seiner Ansprache herausrückt. Fräulein Elises Vermutungen sind aller Wahrscheinlichkeit nach recht heikler Natur, denn kaum hat der junge Nachbar von »einer ernsten Mitteilung« gesprochen, so hat sie ihren Grundriß der französischen Geschichte aus der Tasche gezogen und sich über Hals und Kopf in die Erlebnisse König Ludwigs des Zänkischen vertieft, eine Lektüre, die dermaßen erschütternd auf sie wirkt, daß ihr das Buch zwischen den Fingern hin und her zittert, – und zum Zittern ist wahrhaftig Grund genug vorhanden, denn mit Bestürzung, mit entrüsteter Verblüfftheit nimmt Herr Joyeuse die Werbung auf. »Ist es denn auch möglich? ... Das ist ja ganz außerordentlich überraschend! ... Wer hätte so was jemals ahnen können? ...« Hier aber bricht der gute Mann plötzlich in ein schallendes Gelächter aus; denn schon längst weiß er um die ganze Geschichte; man hat ihm Bericht erstattet, ausführlichen Bericht. ...Dem Papa Bericht erstattet? Also Verrat! Großmütterchen eine Verräterin! ... Und schon wenden sich die Blicke vorwurfsvoll nach der Schuldigen; da tritt diese lächelnd herzu: »Jawohl, ihr lieben Leute, so ist es. Ich trug zu schwer an eurem Geheimnis, als daß ich's hatte für mich allein behalten können, und dann ist ja der Papa so herzensgut; ihm darf man schon alles anvertrauen.« Bei diesen Worten fällt sie dem kleinen Biedermanne um den Hals; dort aber hat auch noch eine zweite Platz, und während Fräulein Elise sich gleichfalls hinflüchtet, bleibt Herrn Joyeuse immer noch eine liebende väterliche Hand frei, sie dem zu reichen, den er nunmehr als seinen Sohn betrachtet. O, ihr stummen Umarmungen, ihr langen gegenseitigen Blicke voll Rührung oder voll Leidenschaft, ihr glückseligen Minuten, wer euch für immer festhalten könnte am Flaume eurer zarten Schwingen! Unter trautem Plaudern und Lachen erzählt nun Herr Joyeuse, daß ihm die erste Ahnung von dem Geheimnisse durch Klopfgeister beigebracht wurde, als er eines Tages im Atelier allein war. »Wie gehen die Geschäfte, Herr Maranne?« fragten die Geister; da habe, in Ermangelung des Herrn Maranne, er selbst geantwortet: »Nach Umständen so übel nicht, meine Herren Geister.« Und es ist wirklich drollig, die schelmische Miene zu sehen, mit welcher der kleine Mann den Scherz wiederholt: »Nach Umständen so übel nicht!« – während Fräulein Elise vor lauter nachträglicher Verlegenheit, mit dem eignen Vater korrespondiert zu haben, hinter ihren blonden Locken verschwindet. Nachdem die erste Aufregung vorüber ist und sich die Stimmen beruhigt haben, nimmt das Gespräch wieder eine ernstere Wendung. Frau Joyeuse, geborene von Saint-Amand, hätte dieser Verbindung ihre Zustimmung jedenfalls versagt, denn André ist nicht reich und noch weniger von Adel, aber der alte Buchhalter will glücklicherweise nicht so hoch hinaus, wie seine Frau. Das Pärchen ist verliebt, jung, rüstig und rechtschaffen, das wirft für beide Teile eine schöne Mitgift ab, die noch dazu keine Sporteln kostet. Das junge Paar wird sich in der bisherigen Wohnung des Bräutigams niederlassen und das photographische Atelier beibehalten, es müßte denn die »Revolte« die Unsummen eintragen, die unserm Einbildungsmenschen bereits vor den Augen herumschwirren. Im schlimmsten Falle wird übrigens immer noch der Papa bei der Hand sein, der sich bei seinem neuen Prinzipal, einem Wechselmakler, ganz gut steht und auch zuweilen vom Handelsgericht als Sachverständiger beigezogen wird. Solange sich also das kleine Schiff damit begnügt, sich im Fahrwasser des großen fortzubewegen, und Strömung, Wind und Sterne das ihrige thun, wird sich alles andre schon von selbst machen, Herr Joyeuse hat nur ein Bedenken: ob die Verbindung nicht von seiten der Eltern Andrés auf Widerstand stoßen dürfte, da ein so reicher und so angesehener Mann wie Doktor Jenkins.... Aber Maranne, der ganz bleich geworden ist, fällt ihm ins Wort: »O schweigen Sie mir von ihm, von diesem Elenden, dem ich nichts verdanke, und der mir auch nichts ist!« Auf diesen Zornausbruch hin, den er nicht zu unterdrücken vermocht und doch wieder nicht näher begründen kann, hält der junge Mann inne und fährt dann in ruhigerem Tone fort: »Meine Mutter, die mich, trotzdem es ihr verboten worden, hin und wieder besucht, ist meine erste Vertraute gewesen und liebt Fräulein Elise bereits wie eine Tochter ... ja, Sie sollen sehen, Fräulein Elise, wie gut sie ist und wie schön und hold! ... O, daß die Aermste einem Nichtswürdigen angehören muß, der sie peinigt und der die Tyrannei so weit treibt, daß er ihr sogar verbietet, den Namen ihres Kindes auszusprechen!« Diese Worte begleitet der unglückliche Sohn mit einem Seufzer, aus dem zu entnehmen ist, welch schwerer Kummer ganz im stillen an seinem Herzen zehrt. Aber wo wäre ein Kummer, der dem goldumlockten Antlitz der Geliebten und dem strahlenden Ausblick auf die Zukunft widerstehen könnte? Nun die ersten Fragen ihre Lösung gefunden, darf man auch die Thür wieder aufmachen und die zwei Kleinen aus der Verbannung zurückrufen. Um ihnen aber nichts in den Kopf zu setzen, was sich mit ihrer Jugend nicht verträgt, ist man übereingekommen, ihnen das große Ereignis einstweilen zu verheimlichen; man teilt ihnen also bloß mit, daß in aller Eile Toilette gemacht und in noch größerer Eile dejeuniert wird, um den Nachmittag im Bois de Boulogne zuzubringen, wo Maranne sein Stück vorlesen soll, und dann von dort nach Suresnes zu gehen, wo man so gute Backfischchen zu essen bekommt – kurz, ein ganzes Programm von Herrlichkeiten zur Feier der Annahme der »Revolte«, sowie einer zweiten glücklichen Begebenheit, welche die Kinder später auch erfahren sollen. »So? So? Was ist denn geschehen?« fragen besagte Kinder mit unschuldiger Miene; aber wer etwa denkt, daß sie nicht wissen, um was es sich handelt, und daß sie Fräulein Elises telegraphische Exercitien lediglich ihrem Interesse für Marannes Geschäft zugeschrieben haben – wer sich das einbildet, der ist eben noch naiver, als Papa Joyeuse. Nur Geduld, meine Herrschaften, Geduld! Man, wird schon reden, wenn es Zeit ist. Vorerst mache man einmal Toilette! Nun kommt ein andres Thema aufs Tapet, »Aber welches Kleid soll ich denn anziehen, Großmütterchen? Das graue?« »Du, Großmütterchen, an meinem Hute fehlt das eine Band.« »Hab' ich denn gar keine gestärkte Halsbinde mehr, mein Kind?« So geht es zehn Minuten lang fort, ein Anliegen nach dem andern, ein wahrer Sturmlauf auf die allerliebste Großmutter; an sie wendet sich jeder, denn sie führt ja die Schlüssel zu Kisten und Kasten und verteilt die seine, blendende, zierlich gefältelte Wäsche, die gestickten Taschentücher, Glacéhandschuhe, kurz, jene Kostbarkeiten alle, die, aus den Schachteln und Schränken hervorgezogen und auf den Betten umherliegend, eine fröhliche Sonntagsstimmung im Hause verbreiten. Nur solchen, die sich im Frondienst abmühen müssen, ist sie bekannt, jene Freude, welche, durch die Gewohnheit eines ganzen Volkes geheiligt, allwöchentlich wiederkehrt. Für die Leibeignen der Werkeltage thut sich ab und zu das Kerkergitter des Kalenders auf, damit ihnen die erfrischende, leuchtende Gottesluft auch einmal gehöre, und das ist der Sonntag, Die Weltmenschen, die Boulevard-Pariser, finden ihn gar lang, weil er ihrem närrischen Schlendrian in die Quere kommt, und die Heimatlosen, die keine Familie haben, gar traurig, aber weitaus die Mehrzahl begrüßt in ihm die einzige Vergeltung, das einzige Ziel sechstägiger anstrengender, verzweifelter Arbeit – mag es dann regnen oder hageln, ausgegangen wird doch. Nur fort, hinaus aus der öden Werkstatt, aus der engen, dumpfigen Wohnung. Thut aber obendrein der Frühling ein Uebriges und kann sich, wie heute beim Strahl der Maiensonne, der Ruhetag in reiche Farben kleiden, dann ist er erst recht das Fest aller Feste. Nur muß man ihn, um ihn von Grund aus kennen zu lernen, hauptsächlich in den arbeitsamen Stadtteilen beobachten, in jenen düsteren Straßen, die plötzlich heller und breiter werden, wenn er die Kaufläden schließt, die schweren Lastwagen ausspannt und Raum schafft für den Ringelreihen frischgewaschener, geputzter Kinder oder für ihre Federbälle, die unter den Giebeln des alten Paris in langen Bogen mit den Schwalben um die Wette fliegen; in den wimmelnden, fieberisch lebhaften Vorstädten muß man ihn belauschen, wo man schon vom frühesten Morgen an verspürt, wie er mild und Frieden spendend über den feiernden Fabriken schwebt, von Glockenklängen getragen, während draußen die davondampfenden Lokomotiven eine schrille, titanische Abschieds- und Erlösungsfanfare nach allen Richtungen hin ins Freie hinauspfeifen. Dort erst lernt man ihn verstehen und lieben. Pariser Sonntag, du Sonntag des bescheidenen Fleißes, ich habe dich schon oft verwünscht, ohne recht zu wissen, warum, und ich habe ganze Tintenfässer voll Schmähungen ausgegossen über deine lärmende, überschäumende Fröhlichkeit, über den Staub und das Geschrei, womit du die Bahnhöfe füllst, über die wahnwitzige Hast, mit welcher du jeden Omnibus stürmst, über jedes Kneiplied aus den improvisierten Gesellschaftswagen, die du mit grünen und rosenroten Kattunröckchen beflaggst, und über das näselnde Geleier deiner Drehorgeln unter dem Balkon der einsamen Höfe – aber heute schwöre ich meinen Irrwahn ab, um dich zu preisen und zu segnen für jede Freude, jede Linderung, die du der tapferen, rechtschaffenen Arbeit gewährst, für das Lachen der Kinder, die dir entgegenjubeln, für das Selbstgefühl der Mütter, die sich glücklich schätzen, ihre Kleinen dir zum Ruhm herauszuputzen, für die Würde, die du im ärmsten Hauswesen aufrecht erhältst, für das Ehrenkleid, das deinethalben in der alten, wackligen Kommode aufbewahrt wird – und zumeist will ich dich segnen für den Ueberschuß von Seligkeit, mit dem du heute morgen das große neue Haus am Ende der alten Vorstadt bedacht hast! Nachdem man Toilette gemacht und gefrühstückt hatte, nur rasch aus der Hand in den Mund – und in die Damenhändchen ging wahrlich nicht viel hinein – begab man sich in den Salon zurück vor den Spiegel, um die Hüte aufzusetzen. Während Großmütterchen eben noch allgemeine Umschau hielt, hier eine Stecknadel anbringend, dort eine Schleife zurückzubinden oder am Bau der väterlichen Halsbinde etwas verbessernd, und das ungeduldige Völkchen schon vor lauter Sehnsucht nach dem schönen Sonnenschein stampfte und scharrte, ertönte plötzlich, mitten in die Sonntagsfreude hinein, ein unwillkommenes Klingeln. »Wie wär's, wenn wir gar nicht aufmachten?« meinten die Kinder. Da sich aber herausstellte, daß es Freund Paul war, der Einlaß begehrte, da fiel allen ein Stein vom Herzen und laut jubelnd rief man ihm zu: »Nur schnell, schnell herein, damit Sie die frohe Neuigkeit gleich erfahren.« Als ob er es nicht vor allen andern erfahren hätte, daß das Stück angenommen war! Er hatte sich's wahrhaftig sauer genug werden lassen, bis Cardailhac sich dazu verstand, es zu lesen, anstatt es, schon deshalb, weil es in Versen oder, wie sich der Direktor auszudrücken pflegte, »in kurzen Zeilen« geschrieben war, an die Levantinerin und ihren Massagedoktor abzuliefern, ein Geschäftsgang, den er sich bei Zusendungen von »Wandermanuskripten« zur Regel gemacht hatte. Paul beobachtete indessen über seine Intervention ein wohlmeinendes Schweigen. Das andre Ereignis aber, das der Kinder wegen ganz unerwähnt blieb, verriet ihm, ohne daß es eines besondern Scharfsinnes bedurfte, der stürmische Händedruck Marannes, dem die blonde Mähne zu Berge stand, weil er in Momenten freudiger Erregung die Eigenheit hatte, mit beiden Händen hineinzufahren, und Elises etwas verlegenes Aussehen, sowie auch die triumphierende Haltung des Herrn Joyeuse, der sich in seinem Sonntagsstaat mit dem Widerschein des ganzen Familienglücks auf dem gutmütigen hochroten Gesichte in die Brust warf. Großmütterchen allein schaute gleichmütig drein wie immer, aber an der Art und Weise, wie sie sich um ihre Schwester bemühte, konnte man merken, daß sie ihr eine eigentümliche, eine noch zärtlichere Aufmerksamkeit widmete als sonst, damit sie auch recht hübsch aussehen möge; und reizend war dies Bild der Anmut, die der Schwester Anmut schmückt, ohne Neid und ohne Selbstbedauern, mit einem Anflug von der süßen Entsagung, mit welcher eine Mutter die junge Liebe ihres Kindes bekränzt im Angedenken an vergangenes Glück. Paul labte sich am Anblick dieses Bildes um so mehr, als er allein Augen dafür hatte; doch zu gleicher Zeit stieg auch die wehmütige Frage in ihm auf, ob in einem so mütterlich angelegten Herzen wohl noch Raum sei für andre Gefühle als die einer Tochter und Schwester, und für Sorgen, die außerhalb des friedlichen Lichtkreises der großen Familienlampe lägen, in welchem Großmütterchen die abendliche Arbeit so freundlich überwachte ... Bekanntlich ist Amor nicht nur blind, sondern obendrein taub und stumm und bewegt sich nur vermittelst eines gewissen instinktiven Ahnungsvermögens, wie man es sonst nur bei Kranken findet. Es thut einem wirklich in der Seele weh, wenn man zusieht, wie er umherirrt und um sich tappt, wie er strauchelt und nach einem Stützpunkte tastet, an dem er sich mit der mißtrauischen Unbeholfenheit eines Gebrechlichen festhält. So kam es denn auch, daß Paul, im Moment wo er den Freunden ankündigte, daß er auf mehrere Tage, vielleicht sogar auf mehrere Wochen verreisen müsse, vor lauter Zweifeln an Alines Fähigkeit, ein wärmeres Gefühl zu empfinden, weder sah, wie das Mädchen plötzlich erbleichte, noch hörte, welch ein Schmerz in dem Ausrufe lag, der ihren diskreten Lippen entfuhr: »Ach! Sie verreisen?« Ja, er mußte fort, nach Tunis, obgleich er großes Bedenken trug, seinen armen Nabob mitten unter der hungertollen Meute zurückzulassen. Das einzige, was ihn einigermaßen beruhigte, war Moras wohlwollende Gesinnung – und dann war die Reise ja unumgänglich notwendig, »Aber die Territoriale?« fragte der alte Buchhalter, der damit ein Lieblingsthema berührte, »Wie sieht's mit der aus? Im Verzeichnis der Verwaltungsräte steht Jansoulets Name nach wie vor obenan. Haben Sie ihn denn noch immer nicht aus der Räuberhöhle herausgezogen? Es kann schlimm werden, sehr schlimm.« »Freilich kann es das werden, Herr Joyeuse; doch ein ehrenvoller Rückzug kostet Geld, viel Geld, kostet ein neues Opfer von zwei bis drei Millionen, und die haben wir nicht. Eben deshalb gehe ich ja nach Tunis, um der Goldgier des Beys einen Teil jener großen Reichtümer abzujagen, die er uns so widerrechtlich vorenthält. Wie die Dinge jetzt liegen, habe ich auch einige Aussicht auf Erfolg, während später ... du lieber Gott ...« »Na dann, mein Sohn, machen Sie schnell, und wenn Sie, wie ich es Ihnen wünsche, recht runde Säcke voll Dublonen mit heimbringen, lassen Sie Paganetti und seine Bande Ihre erste Sorge sein. Vergessen Sie ja nicht, daß es nicht mehr bedarf als eines einzigen Aktionärs, dem zufällig die Geduld reißt, um den Krach herbeizuführen und mit dem Krach die Untersuchung, und was bei einer solchen an den Tag kommen würde, na, das wissen Sie so gut wie ich. Eigentlich« – und dabei zog Herr Joyeuse seine Stirn in nachdenkliche Falten – »eigentlich nimmt es mich wunder, daß dieser niederträchtige Hemerlingue sich nicht aus lauter Haß gegen euch unter der Hand ein paar Aktien angeschafft hat.« Kaum war der Name Hemerlingue gefallen, so wurde der Redner durch einen Sturm von Schmähungen und Verwünschungen unterbrochen, denn die ganze anwesende Jugend verabscheute in diesem dicken Bankier den Peiniger des Papas und den Widersacher des guten Nabob, für welch letzteren um Pauls willen allgemein geschwärmt wurde. »Hemerlingue? O der herzlose, der schändliche, der boshafte Mann!« Unterdessen vertiefte sich der Einbildungsmensch immer mehr in seine Vermutung, daß der dicke Baron Aktionär der Territorialen geworden sei, um den Todfeind vor Gericht schleppen zu können. Und man stelle sich das Erstaunen Marannes vor, der all diesen Dingen völlig fern stand, als ihm Herr Joyeuse mit rotglühendem Kopfe, vorquellenden Augen und ausgestrecktem Zeigefinger die entsetzlichen Worte zuschleuderte: »Der Nichtsnutzigste von allen sind doch immer noch Sie, mein Herr!« »Aber Papa, Papa! Was sagst du denn da?« »Wie? Was? Hab' ich etwa gar ... Mir dürfen Sie dergleichen nicht übelnehmen, lieber André, es war mir gerade, als stünde ich im Kabinette des Untersuchungsrichters dem Halunken gegenüber. Daß doch mein verwünschter Hirnkasten immer und ewig mit mir durchgehen muß.« Auf diese Worte hin entstand ein Gelächter, so unbändig, daß es durch die offnen Fenster hinausdröhnte in den tausendfachen Lärm der rollenden Wagen und der festlich gekleideten Menschen, die sich die Avenue des Ternes hinaufbewegten. Diesen Zwischenfall aber benutzte der Verfasser der »Revolte«, um zu fragen, ob man denn nicht bald aufbrechen wolle: Es sei schon spät und man müsse sich darauf gefaßt machen, die guten Plätze im Bois de Boulogne bereits besetzt zu finden. »Was? Ins Bois de Boulogne, an einem Sonntage?« fragte Paul von Géry ganz erstaunt. »Gewiß; unser Bois de Boulogne ist ja ganz was andres als Ihr vornehmes,« antwortete Aline mit einem Lächeln, »Kommen Sie nur mit! Ich bin sicher, Sie haben es noch gar nie gesehen.« Welchem einsamen und beschaulichen Spaziergänger ist es nicht ein oder das andre Mal eingefallen, sich, auf die Ellbogen gestützt, im dichten Walde der Länge nach ins Grüne hinzustrecken, mitten in jene eigentümliche, abwechselungsreiche, bunte Pflanzenwelt, die zwischen dem abgefallenen Herbstlaube emporwuchert? Wenn man in dieser Stellung die Blicke an der Erdoberfläche hin und her schweifen läßt, so verliert man nach und nach das Bewußtsein der Höhenverhaltnisse; die verschlungenen Aeste der Eichbäume wölben sich zu einem unerreichbaren Himmel, und so entdeckt man denn im Walde noch einen Wald; langgedehnte Alleen in geheimnisvoll grünlicher Beleuchtung, von schlanken oder buschigen, fremdartig und wild dreinschauenden Bäumchen gebildet, die in abgerundete Wipfel auslaufen mit der steifen Grazie der Palmen oder in Lanzenspitzen, wie das Zuckerrohr, oder in zierliche Kelche, in denen ein Tautropfen funkelt, oder auch in Armleuchter mit kleinen gelben Kerzen, die der Wind im Vorüberstreichen ausbläst. Am wunderbarsten aber ist es, daß unter dem zarten Schatten dieser Pflanzen noch Miniaturpflänzchen und Tausende von Insekten leben, die, in nächster Nähe beobachtet, uns in alle Geheimnisse dieser Welt im Kleinen einweihen: hier schleppt sich, wie ein Holzknecht unter der Last keuchend, die Ameise mit einem Stückchen Baumrinde, das größer ist als sie selber; dort kriecht ein Käferchen über einen brückenartigen von einem Stengel zum andern hinübergebogenen Grashalm, während unter einem großen Farnkraut, das wie ein Einsiedler in einem samtweichen Moosrondel dasteht, ein kleines blaues oder rotes Tierchen mit ausgestreckten Fühlhörnern auf einen Kameraden wartet, der drüben in irgend einer Allee bereits unterwegs ist zum Stelldichein unterm Riesenstrauch – und so klein ist dieser Wald im Walde, daß der wirkliche Wald ihn gar nicht bemerkt, so bescheiden und so entrückt, daß nicht einmal das große Vogel- und Sturmorchester bis zu ihm herunterreicht. Eine ähnliche Erscheinung läßt sich im Bois de Boulogne wahrnehmen. Hinter jenen säuberlich mit Sand bestreuten und mit Wasser besprengten Alleen, in denen reihenweise die langsam um den See kreisenden Räder den ganzen Tag über ihre Furchen ziehen, hinter jenem prachtvollen Prospekt von mauerdichtem Laubwerk, eingedämmter Flut und blumigen Felsblöcken breitet sich das wirkliche, das wildwachsende Gehölz mit seinem üppigen Dickicht aus und sprießt und wuchert und verzweigt sich zu undurchdringlichen Schlupfwinkeln, die nur von engen Fußpfaden und rauschenden Quellen durchkreuzt werden. Es ist dies das Bois de Boulogne der Kleinen und Unscheinbaren, der Wald im Walde, und Paul, der von dem aristokratischen Pariser Lustpark nur die breiten Avenuen kannte und den See, den er von des Nabobs Kalesche aus oder von einem vierräderigen Break herab durch die Staubwolken einer Heimfahrt vom Pferderennen schimmern gesehen – Paul konnte sich nicht genug wundern über den allerliebsten verborgenen Winkel, in den ihn die Freunde entführt hatten. Man denke sich von Weiden umrahmt einen Teich voll Seerosen und Wasserlinsen, auf dessen blankem Spiegel die Sonnenstrahlen schillernde Reflexe hinbreiteten. Dort hatte man sich unter den schon dichtbelaubten Bäumen des abschüssigen Ufers niedergelassen, um das Stück vorlesen zu hören, und die hübschen lauschenden Gesichter, die aufgebauschten Kleider auf dem Rasen erweckten unwillkürlich den Gedanken an ein Dekameron, aber an ein harmloses, keusches, Frieden atmendes. Wie zur Ergänzung dieses Naturbehagens, dieser ländlichen Abgeschiedenheit, drehten sich, hinter einer Lichtung in den Zweigen, gegen Suresnes zu, die Flügel einer Windmühle, und von dem blendend prunkvollen Gedränge drüben an den Kreuzungspunkten der Alleen war hier nichts wahrzunehmen als ein fortwährendes dumpfes Rollen, das man mit der Zeit ganz überhörte, so daß in dem verschwiegenen Asyl nur noch des Dichters beredte, jugendfrische Stimme tönte, in begeistertem Schwung Verse vortragend, die von andern nicht minder bebenden Lippen leise nachgesprochen wurden und unterdrückte Beifallsrufe und bei den tragischen Stellen andächtige Schauer hervorriefen; einmal sogar mußte sich Großmütterchen eine dicke Thräne abtrocknen. ... Jawohl, das kommt davon, wenn man keine Stickerei zur Hand hat. André hätte keinen passenderen Titel für sein Stück wählen können als gerade »Revolte«; es war in der That eines jener überschwenglichen, himmelsstürmenden Erstlingswerke, in welche die Dichterseelen wie durch eine geöffnete Schleuse eine gestaute Flut von Gefühlen und Gedanken ergießen, und welche häufig, wenn auch nicht die beste, so doch die reichhaltigste Schöpfung eines Poeten sind. Ueber das Schicksal, das dem Stücke bevorstand, ließ sich indessen nichts Bestimmtes voraussagen; aber eben die Ungewißheit, die über der Zukunft der Dichtung schwebte, erhöhte die Wirkung auf die Hörer, die auch noch ihre persönlichen Empfindungen hineintrugen, Fräulein Elise ihre bräutlichen, in Weiß gekleideten Gedanken, Herr Joyeuse die Bilder seiner regen Einbildungskraft und Aline ihre mehr aufs Praktische gerichteten Wünsche, indem sie fürsorglich die Einrichtung des bescheidenen »Nestchens« ihrer Schwester, eines zwar von Stürmen umtobten, aber vielbeneideten Künstlerheims bedachte. O, wenn jetzt einer jener eleganten Bummler herübergekommen wäre, welche die Last ihrer Langeweile an die hundert Male um den See herumwälzten, und die Zweige lauschend auseinander gebogen hätte, wie würde ihn wohl dies Bild überrascht haben! Aber hätte er auch so recht begriffen, was dieser grünende Winkel, der doch kaum großer war als ein zackiger Farnkrautschatten auf dem Moose, an Leidenschaft und Schwärmerei, an Poesie und an Hoffnung in sich faßte? »Sie hatten wirklich recht: ich kannte unser Bois de Boulogne bisher noch nicht,« sagte Paul ganz leise zu Aline, mit der er Arm in Arm ging. Sie waren in eine schmale, dicht gewölbte Allee eingetreten und hatten, während sie lebhaft plauderten, einen ziemlichen Vorsprung vor den andern gewonnen. Doch war es nicht die Terrasse des Vater Kontzen mit den knusperigen Fischen, die sie lockte. Nein, die eben gehörten schönen Verse hatten sie in luftige Höhen getragen, von denen sie noch nicht wieder herabgestiegen waren. So schritten sie dem immer vor ihnen zurückweichenden Ende der Allee zu, das ein leuchtendes Strahlenthor bildete, als ob der ganze Sonnenglanz dieses schönen Tages sie dort erwarte. Noch nie hatte Paul sich so glücklich gefühlt. Dieser zarte Arm, der in dem seinigen ruhte, und dieser kindliche Schritt, dem er sich so gern anbequemte, würden sie ihm nicht das Leben so lieb und leicht machen wie dieses Lustwandeln auf dem Moose eines grünenden Laubganges? Nur eins hielt ihn davon ab, es dem Mädchen ebenso ehrlich, wie er es dachte, herauszusagen: die Furcht, Aline aus jenem Zutrauen hinauszuschrecken, welches bei ihr offenbar in dem guten Glauben wurzelte, daß sein Herz einer andern angehöre, was jede mehr als freundschaftliche Beziehung zwischen den beiden auszuschließen schien. Da tauchte plötzlich gerade vor ihnen auf dem leuchtenden Grunde ein Reiterpaar auf, erst in verschwommenen Umrissen, dann immer deutlicher: ein Herr und eine Dame auf eleganten Rassepferden ritten in die lauschige Allee mit ihren goldigen Streifen, den zierlichen Schattenbildern des Laubwerks, den zahllosen Lichtpunkten, mit denen der Boden besät war und die in immer wechselnden Gebilden von der Brust der Pferde bis zu dem blauen Schleier der Amazone tanzten. So kamen sie in einem schlendernd launischen Tempo immer näher, bis endlich an Paul und Aline, die zwischen die Bäume beiseite getreten waren, mit knisterndem Riemenzeuge, klirrendem, stolzgeschütteltem Gebisse und weiß von Schaum wie nach einem wahnsinnigen Galopp, zwei prachtvolle Tiere vorüberschritten, deren Reiter und Reiterin, da der Weg hier enger wurde, sich dicht aneinander geschmiegt hatten; er hielt den Arm um ihre Taille, die in dem anliegenden dunkeln Kleide doppelt schlank erschien; sie stützte die Hand auf seine Schulter mitsamt dem zärtlich angelehnten Köpfchen, dessen Profil sich unter dem halb herabgeglittenen Schleier verlor – und diese innige Umarmung beim Wiegen der ungeduldigen, für einen Augenblick zurückgehaltenen Renner, dieser Kuß, der die Zügel ineinander vermengte, diese Leidenschaft, die bei hellem Tage, mit einer souveränen Verachtung der Schicklichkeit, im Bois de Boulogne herumpirschte, hätten den Herzog und Felicia schon hinreichend verraten, wenn man sie auch nicht sonst erkannt hätte, die Amazone am Zauber ihres eigenartigen kühnen Wesens, und ihren Begleiter an seiner aristokratischen Ungezwungenheit und seiner bleichen, durch die Bewegung und die Jenkinsschen Wunderperlen nur unmerklich geröteten Gesichtsfarbe. Es war übrigens nichts Außergewöhnliches, Mora an Sonntagen im Bois de Boulogne anzutreffen. Wie sein kaiserlicher Herr liebte er es, sich den Parisern zu zeigen, sich bei allen Volksklassen populär zu machen, und da ihn auf Sonntagsausflügen die Herzogin niemals begleitete, konnte er ungeniert im kleinen Chalet von Saint-James Rast halten, das jedem Pariser bekannt war, und dessen rosige, zwischen den Bäumen hervorschauende Türmchen die Schuljungen einander zischelnd mit den Fingern zeigten. Aber es gehörte Felicias ganzer überspannter, herausfordernder Trotz dazu, um sich in solcher Weise bloßzustellen, ja, auf alle Zeit in Verruf zu bringen. – Jetzt noch verklingender Hufschlag, ein leichtes Rascheln im Gebüsche, der zusammengetretene Rasen, der sich wieder aufrichtet, auseinandergebogene Zweige, die wieder zusammenschlagen, das war alles, was von der Erscheinung noch übrig blieb. »Haben Sie's gesehen?« sagte Paul, der zuerst das Schweigen brach. Sie hatte es nicht nur gesehen, sondern, trotz aller Unschuld und Arglosigkeit, auch verstanden, denn auf ihren Wangen stieg eine Röte auf, die Röte der Scham über das Unrecht eines geliebten Wesens. ... »Arme Felicia,« murmelte sie vor sich hin, voll Mitleid nicht allein mit der Unglücklichen, Selbstvergessenen, sondern auch mit dem, den dieser Abfall mitten ins Herz treffen mußte. Paul war indessen von diesem Zusammentreffen keineswegs überrascht, denn es bestätigte bloß seinen früheren Verdacht und rechtfertigte sein unwillkürliches inneres Zurückbeben an jenem Abend, wo ihn die Zauberin zu Tische geladen hatte. Aber dennoch that es ihm wohl, von Aline bedauert zu werden und dies Bedauern so herauszufühlen aus dem weicheren Tone ihrer Stimme, aus dem festeren Drucke ihres Armes. Wie Kinder, die sich krank stellen, um von der Mutter nur recht gehätschelt zu werden, so ließ auch er die Trösterin sich an seinem Kummer abmühen in unverdrossenem Geplauder über seine Brüder und den Nabob und die bevorstehende Reise nach Tunis. »Ein schönes Land, wie man sagt. Schreiben Sie uns nur recht oft und viel, was für merkwürdige Dinge Sie unterwegs beobachtet und wie alles aussieht dort drüben, denn man hat die in der Ferne Weilenden deutlicher vor Augen, wenn man sich ihren Aufenthaltsort vorstellen kann.« Mittlerweile hatten die beiden den Ausgang der schattigen Allee nahezu erreicht, an die sich eine ungeheure Lichtung schloß, über die sich das ganze wogende Gedränge des Publikums ergoß in einer Staubatmosphäre, in welcher, von weitem betrachtet, Wagen, Reiter und Fußgänger sich zu einem undurchdringlichen Gewimmel zusammenballten. Sich ein Herz fassend im Bewußtsein, daß er nur noch wenige Minuten ungestörten Zwiegespräches vor sich habe, schlug Paul einen langsameren Schritt an. »Wissen Sie, was ich mir eben denke?« fragte er, indem er Alines Hand ergriff, »Es kommt mir vor, als müßte es eine Lust sein, sich unglücklich zu fühlen, um dann von Ihnen getröstet zu werden. Doch wie sehr ich Ihr Mitleid zu schätzen weiß, so darf ich mich denn doch nicht wegen eines eingebildeten Nebels bedauern lassen; nicht nur ist mein Herz nicht gebrochen, sondern es schlägt im Gegenteil lebenskräftiger denn je. Und wenn ich Ihnen sagte, durch welches Wunder es bewahrt worden ist, welcher Talisman ...« Und er hielt ihr eine Bleistiftskizze in einem kleinen ovalen Rahmen hin, ein in einfachen Umrissen gezeichnetes Profil, welches sie, ganz betroffen über die eigne Anmut, die ihr wie aus einem Zauberspiegel der Liebe entgegenstrahlte, als das ihrige erkannte. Sie wußte nicht warum, aber Thränen traten ihr in die Augen und rieselten, ein entfesselter Quell, auf ihre keusche Mädchenbrust herab. ... »Dieses Bild gehört mir,« fuhr Paul fort, »und ist eigens für mich gezeichnet worden. Doch jetzt, da ich abreisen soll, bin ich über mein Anrecht darauf in Zweifel; nur als ein Geschenk von Ihnen darf und will ich es behalten; also nehmen Sie's hin, und sollten Sie einen Würdigeren kennen, einen Mann, der Sie tiefer und rechtschaffener liebt als ich, so sage ich hiermit selber zu Ihnen: geben Sie es ihm.« Aline, die sich mittlerweile gefaßt hatte, sah ihm jetzt mit ernsthaft zärtlichem Blick fest in die Augen: »Dürfte ich bloß auf mein Herz hören, so würde ich mit meiner Antwort nicht zurückhalten, denn wenn Sie mich wirklich so lieben, wie Sie sagen, so glaube ich Sie ebenso zu lieben; aber ich bin nicht frei; ich lebe nicht für mich allein ... sehen Sie nur hin! ...« Und dabei deutete sie nach ihrem Vater und ihren Schwestern, die ihnen von weitem winkten und hurtig auf sie zuschritten. »Als ob mir's nicht gerade ebenso ginge!« fiel ihr Paul ins Wort. »Habe ich nicht gleiche Sorgen, gleiche Verpflichtungen? Beide sind wir, wie Witwer und Witwe, für eine Familie verantwortlich. Wollen Sie die Meinigen nicht lieben, wie ich die Ihren?« »Ist's denn wahr, wirklich wahr? Sie wollen mich bei ihnen lassen? Für Sie darf ich Aline sein, und dennoch Großmütterchen bleiben für die andern, für unsre Kinder? ... Ja dann,« sagte das liebe Geschöpf, in einem Freudenstrahl aufleuchtend, »dann nehmen Sie mein Bild nur zurück! Ich schenke es Ihnen gern und meine ganze Seele dazu für alle Ewigkeit! ...« Ende des zweiten Bandes.