Felix Dahn Julian der Abtrünnige »Wenn es, wie die Gelehrten sagen, vier Tugenden gibt: Mäßigkeit, Weisheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit, so hat Julianus sie alle geübt.« Ammianus Marcellinus (Augenzeuge), XXV. 4. Erstes Buch / Die Jugend Erstes Kapitel In den Vorgemächern des Kaiserpalastes zu Nikomedia in der Provinz Pontus in Kleinasien drängte sich in später Stunde einer Frühlingsnacht – es war der zweiundzwanzigste Mai des Jahres dreihundertsiebenunddreißig nach Christi Geburt – bei dem trüben Licht duftender Öllampen eine gespannte, teils bange, teils hoffnungsgierige Schar: Bischöfe, Feldherren, Staatsmänner, Höflinge. Manchmal traten Ärzte, Freigelassene, Sklaven aus dem durch mehrfache Vorhänge abgetrennten Innenraum, hastigen Fragen selten Beachtung, seltener Antwort gebend, aus dem Palast eilend mit allerlei Aufträgen, unerhörte Arzneimittel zu holen, zu bereiten. »Es geht rasch zu Ende«, flüsterte, nach der Ausgangstüre laufend, einer der Heilkünstler. »Nahm er die Taufe?« forschte ein Bischof. Aber jener war schon vor der Türe. Gleich darauf aus dem Krankenzimmer schrilles Geschrei: aber nicht der Trauer, nicht Totenklage. »Tot ist der Imperator, der große Constantinus. Heil, Heil und Sieg dem neuen Imperator, Constantius, dem Herrn der Erde.« Bei dem Rufe warfen sich alle in dem Vorzimmer Versammelten nieder auf das Antlitz. Alsbald erschien der Vorsteher des heiligen Schlafgemaches, der Präpositus sacri Cubiculi, und winkte mit erhobener Hand: »Hinweg!« Sie verschwanden in Eile. Nach einiger Zeit trat aus dem Sterbegemach ein junger Mann in Purpurgewändern, aschfahl von Antlitz, von rastlos unstetem Blick der tiefliegenden schwarzen Augen; er zitterte vor Aufregung; sein Schritt wankte, er stützte sich schwer auf einen langen goldenen Stab: es war der Stab der Weltbeherrschung; er hatte ihn eben aufgenommen. Das Haupt hing auf die Brust, die schmalen vorgebeugten Schultern schienen die Wucht der neuen Würde nicht tragen zu können; er sah starr vor sich nieder auf den Marmorestrich. Ein Kriegstribun, in vollen Waffen gerüstet, war der erste, der ihm aus dem Innengemach folgte: er hielt eine Papyrusrolle in der Hand. Gleich hinter ihm wandelte der Bischof der Stadt bedachtsamen Schrittes in das Vorzimmer. »Bleibt es dabei, o Imperator?« fragte mit leisem Grauen der Gepanzerte. Constantius sah nicht auf. »Hab ich's zurückgenommen?« fragte er entgegen; scheinbar ruhig, aber seine Lippe zuckte. Er sah zweifelnd zu dem Präpositus hinüber, aber dieser hob warnend, fast drohend den Finger. »Herr, die Liste ist lang!« sprach der Kriegsmann. »Deine drei Oheime? Also alle Brüder deines eben verewigten Vaters, darunter auch der Patricius Julius, dein eigner Schwiegervater, der Vater deiner verstorbenen Gemahlin? Und deine Vettern, alle sieben? Sind zehn! Alle deine Verwandten? Sonder Ausnahme? Sie sind ...« – »Feinde des Imperators«, unterbrach dieser. »Und der heiligen Kirche«, fiel der Bischof vortretend ein. »Heimlich heidnisch oder, was noch schlimmer, ketzerisch gesonnen im Herzen. Hilf doch, Eusebius!« Da schritt der Präpositus in seinem goldstrotzenden Gewande dicht an den Tribun heran und herrschte ihm mit heiserer Stimme zu: »Kann ein Krieger nicht mehr gehorchen?« – »Auch die Frauen, die Mädchen?« – »Alle, die noch heiraten können«, nickte der Imperator. »Sie sind so gefährlich wie die Männer.« – »Oft rachsüchtiger und schlauer!« ergänzte Eusebius. Er war der oberste Eunuch des Palastes. »Hier stehen aber auch drei Kinder! Auch die? Deine beiden jungen Neffen? Deine kleine Nichte?« – »Was fragst du?« knirschte der Augustus, mit dem Fuß aufstampfend. »Alle, die mir jetzt oder künftig schaden können. Soll ich die Rächer heranwachsen lassen?«   Gleich darauf krachten die Haustüren gar mancher Paläste zu Nikomedia von außen nach innen: Waffenklirren – roter Schein von Pechfackeln – Lärm – Widerspruch, hier und da Widerstand der Haussklaven – gleich darauf Wehgeschrei von Sterbenden. In das Haus des Patricius Julius, des einen Bruders des eben Verstorbenen, drang ein Centurio mit einer Schar von blonden barbarischen Söldnern. Der Hausherr selbst trat ihnen im Atrium rasch mit teilnahmsvoller Sorge entgegen. »Wie steht's mit unserem Herrscher, meinem Bruder?« – »Das frag ihn selbst im Hades! Oder vielleicht im Himmel der Christen!« schrie der Centurio. »Mich sendet der neue Herr: dein Neffe Constantius, der schickt dir – durch mich – dies!« Er stieß ihn nieder; das kurze Römerschwert durchdrang die linken Rippen und fuhr im Rücken heraus. »Wo ist die Frau?« schrie der Wilde. »Wo das Mädchen?« »Hier, Mörder!« rief eine ausnehmend schöne Frau von etwa vierzig Jahren, die ein kleines Mädchen an der Hand führte. »Laß uns mit ihm sterben!« Der Legionär zückte das breite Schwert gegen sie; dabei sah er ihr in das Antlitz: so wunderbar schön waren diese Augen – er senkte erschüttert für eine kurze Weile die Waffe, die vom Blute des Mannes troff. Der wand sich sterbend und stöhnte noch einmal. Da vergingen der Gattin die Sinne; bewußtlos sank sie auf ihr Antlitz über der Leiche zusammen. Laut weinte und schrie das geängstigte Kind. Mit dem Fuß schob der Centurio die Ohnmächtige zur Seite und holte noch einmal aus, sie vom Rücken zu durchbohren. Da stürzten aus einem der Schlafräume zur Rechten zwei seiner Söldner hastig zurück: »Mach, daß du fortkommst«, schrie der erste verstört, faßte ihn am Arm und drängte ihn gegen die Ausgangstür. »Seid ihr fertig?« fragte er. »Was ist euch? Wo sind die Köpfe? Zwei Knaben: Gallus heißt der eine, der andere ...« – »Gallus liegt im Sterben«, antwortete der Söldner. »So sagte uns der Arzt, ein kleiner buckeliger ...« – »An den schwarzen Blattern, bestätigte uns ein Mönch, der dabeistand«, ergänzte der zweite. »Den Blattern?« rief der Centurio. »Weh! Beim Styx! Die stecken an! Also der ältere – gefährlichere – stirbt. Und was ist's mit dem jüngeren, he, Bero, Alemannenbär?« – »Der jüngere? Das ist ein Kind von kaum sechs Jahren. Ich morde keine Kinder«, zürnte der Riese und schüttelte die roten wirr-zottigen Locken. »Willst du, so tu's selbst. Ich nicht! Geh hinein! Er liegt schluchzend über den sterbenden Bruder hingestreckt. Geh, schlachte du ihn ab!« – »Ich danke! Ich scheue jene schwarzen Beulen. Fort aus dem verpesteten Hause!« – »Alles, was schaden kann, sagte der Ober-Eunuch.« – »Kinder können doch nicht schaden. Auch nicht diese Kleine da! Weiter! Die Liste ist gar lang und kurz die Maiennacht. Und die Sonne darf keinen mehr am Leben finden, so hieß es. Fort! Hinaus!« Zweites Kapitel In Kilikien nahe bei Tarsus ragte in einer abgelegenen öden Vorstadt aus düsteren Zypressen ein düsteres Gebäude; wie eine Feste umschlossen es hohe Steinmauern. Und es war auch eine Feste: eine Wehrburg der Kirche, eine Klosterschule, in welcher Knaben und Jünglinge, streng abgesperrt von dem Lärm und von den Verführungen des Lebens, für den Priesterberuf vorgebildet wurden. Nicht alle hatten freiwillig diese Laufbahn gewählt: es waren viele Waisen darunter, meist Söhne von »Hochverrätern«; oder doch von – Hingerichteten. An das schweigende Haus mit seinen schmalen, lichtarmen Gängen und den schmucklosen, einfenstrigen Zellen der Zöglinge stieß ein nicht minder freudlos anmutender Garten: entlang den altersgrauen Mauern starrten die dunkelgrünen, finsteren Zypressen, und in jedem Eck der rechtwinkeligen Umwallung schüttelte eine einsame Pinie, verträumt und traurig, das schwermütige Haupt. Der Rasen des Gartens war von der heißen Sonne braun gebrannt. In der Mitte lag der verwitterte Steinbrunnen fast ausgetrocknet: er sollte einen Springquell vorstellen; aber nur ein kläglich dünner Wasserstrahl hob sich mit schwacher Regung ein paar Fuß aus dem schwarzen Marmorgrund, um alsbald wie todesmatt und lebensmüde, wie verzweifelnd geräuschlos wieder herabzugleiten. Es war Hochsommerzeit. Mitleidlos brannte die grelle Mittagssonne senkrecht nieder auf die blendendweißen Sandwege, die den viereckigen Raum, ein Kreuz bildend, schnitten. Kein Busch, keine Blume ward hier geduldet; sie hätte auch verschmachten müssen; daher flog hier auch nie ein Falter, kein Vogel sang; die Schwalbe hielt im Zwitschern ein, flog sie über den öden Raum dahin; rings alles still bis auf das einförmige Gezirp der Zikaden auf den in der Glut badenden waagrechten Ästen der Pinien. Zwölf Jahre nach jener Mordnacht waren vergangen; da wandelten unermüdet, ununterbrochen, trotz der drückenden Hitze auf den schattenlosen Wegen, langsam, in immer gleichmäßigem Schritte dahin, ein Mann in reifen Jahren und ein halbwüchsiger Jüngling: beide barhäuptig, bararmig und barfuß, beide in lange weißgraue Kutten als einziges Gewand gekleidet; die waren von Ziegenfell, das Haar nach innen gekehrt; ein dreifach geknoteter derber Strick hielt das rauhe Kleid über den Hüften zusammen. Der Jüngling bemerkte, wie der zu seiner Rechten Schreitende schwer unter der sengenden Hitze litt: Er atmete mit Anstrengung, er wischte wiederholt den Schweiß von der hohen, tiefgefurchten Stirne. »Wie kann ich dir danken?« sprach der Jüngere, das dunkle seelenvolle Auge mit den langschattenden schwarzen Wimpern zu jenem aufschlagend. »In Christo Geliebter, du mein Lehrer, mein einziger Freund auf Erden, du mein ein und alles! Mir legt der Abt die Buße auf, und du – du teilst sie freiwillig mit mir! Nur um sie ...« – »Dir zu erleichtern, mein in Gott geliebter Sohn! Eintausend Vaterunser sind dir auferlegt, hintereinander in der Sonnenglut zu beten, dann mir zu beichten und die von mir über dich zu verhängende weitere Buße zu leisten. Ich begleite dich, bis du tausend Gebete zu Ende gesprochen: ich weiß, du wandelst leichter, schreite ich neben dir.« Dankbar drückte ihm der Jüngling die Hand. »Darf ich jetzt – nachdem ich die Strafe erlitten – fragen, weshalb ich bestraft ward? Vorher ist es ja verboten.« Der andere nickte, ließ das durchdringende, fast unheimlich scharf blickende Auge auf ihm ruhen und strich ihm über das glänzendschwarze, ganz kurz geschorene Haar. »Jetzt darfst du fragen. Du wurdest gestraft wegen geistlicher Hoffart, o mein Julianus.« »Ich?« rief der Jüngling und blieb erschrocken stehen. »Oh, die Heiligen wissen, wie demütig ich bin im tiefsten Herzen, wie zerknirscht im Bewußtsein meines Unwertes, meiner Sündhaftigkeit. Was habe ich verbrochen?« »Du hast, als du dich unbeachtet glaubtest in deiner Zelle, einen Stachelgürtel um die Lenden geschnürt.« Jähes Blut schoß in die wachsfahlen, eingesunkenen Wangen des jungen Büßers: die schmächtige, noch beinahe knabenhafte Gestalt bebte. »Wer hat ...? Wie ist es möglich ...? Ich war ganz allein.« – »So wähntest du. Aber Gott nicht nur – auch der Abt sieht dich, wo dich niemand sieht.« Da wechselte der Ausdruck auf dem schmalen, hageren Antlitz des Jünglings; zornig loderte nun sein dunkles Auge, die blauen Adern in den Schläfen schwollen an: »Lysias, das ist elende Auflauerei.« Erschrocken sah sich Lysias um. Er legte warnend den Zeigefinger der Linken auf den Mund. Da lag der Jüngling schon, wie vom Blitze niedergestreckt, vor ihm im Staub, umfaßte seine Knie und flehte: »O vergib den Frevel: die Todsünde des Zornes.« »Und die schlimmere des Zweifels, würde Abt Konon sagen«, sprach Lysias, ihn erhebend. »Kann Gott dem heiligen Abt nicht enthüllen, was du im Verborgenen treibst? Es ist aber Überhebung, ist geistlicher Hochmut, durch heimliche Kasteiung mehr Ruhm als die Brüder vor Gott gewinnen zu wollen. Nun zu deiner Beichte. Aber bevor wir damit beginnen«, hier verschärfte sich wieder wie drohend der spähende Blick, »ich muß bis in die tiefsten Wurzeln deiner Gedanken, bis in die feinsten Keime deiner Neigungen dringen und deine ganze Vergangenheit überschauen, um dich, den Gewordenen, zu begreifen: Erzähle mir also von Anfang, von deiner frühesten Kindheit an die Geschichte deines jungen Lebens. Nur stückhaft, getrübt durch der Menschen Haß oder Vorliebe, kam mir manche Kunde davon zu in – in der Einsamkeit dieses Klosters«, fügte er zögernd bei. »Gern, mein Vater. Aber du weilst noch nicht lang – nicht häufig im Kloster. Wo ...?« Ein leichtes Gewölk zog über die tiefgefurchte Stirn des Mannes. »Laß das! Einstweilen nur soviel: Ich reise oft nach Ägypten, meiner Heimat, zurück.« »Wohl in das Mutterkloster unseres Klosters; wie fast aller andern, welches Pachomius der Fromme auf jener Insel des Nilstroms, Tabennae ...?« – »Nicht doch! Frage nicht! Dann – zu rechter Zeit – wirst du viel mehr aus meinem Munde vernehmen, als du je ahnen könntest. Beginne. »Ich weiß also: Du bist der Sohn des Patricius Julius, der Neffe des großen Imperators Constantin, der Vetter unseres jetzigen Herrn, Constantius ...« – »Dem Gott langes Leben und Sieg verleihe«, unterbrach der Jüngling, die mageren, schmalen Hände fromm zum Gebete faltend. Scharf prüfte dabei der Ältere den Ausdruck seiner Mienen: er fand – mit Überraschung –, die Worte der vorgeschriebenen Formel wurden nicht formelhaft oder erzwungen, vielmehr mit tiefer Empfindung, aufrichtig gesprochen. »Noch in der Stunde des Todes des großen Herrschers«, fuhr Lysias fort, »wurden alle seine Verwandten getötet, auf Befehl des neuen Herrn, Constantius.« »Dem Gott langes Leben und Sieg verleihe!« wiederholte Julian; aber diesmal furchte sich ihm wider Willen die weiße Stirn. »Ausgenommen nur seine beiden Brüder, Constans und Constantinus, mit denen er sich, nach des Vaters Gebot, in das Reich teilen mußte. Zu ihrem Glücke weilten sie nicht in Nikomedia. Damals ward auch ... hingerichtet dein Vater, obwohl er dem Constantius nicht nur Vatersbruder, auch noch sonst verbunden war. Nicht?« fragte er lauernd. »Gewiß! Er war meines Vaters Eidam, er ist nicht nur mein Vetter, auch mein Schwager: er war mit meiner kurz vorher verstorbenen Schwester vermählt, unser Imperator Constantius, dem Gott ...«, er brach kurz ab. Lysias warf einen befriedigten Blick auf den innerlich Ergrimmten und fuhr fort: »Als nun das Ärgste geschehen war ...« »Als das Ärgste geschehen war«, unterbrach Julian mit einem wohlgefälligen Lächeln, »da geschah erst das Ärgste! Ist es eine Sünde, o Vater«, er errötete sehr anmutig, »daß ich mich stark erfreue an solchem dialektischen Spiel?« – »Am Wortwitz? Eine Eitelkeit ist es, eine Schwäche, nicht gerade eine Sünde. Du bist überhaupt recht witzig, aber noch viel mehr eitel als witzig, o Julianus.« – »O mein Lehrer!« – »Jawohl! Trotz aller Demut, zu der du dich – oft schwer! – zwingen mußt. Du gehst vernachlässigt einher – aber wie Sokrates zu Antisthenes sprach: Durch die Löcher deines Mantels strahlt deine Eitelkeit hindurch.« – »Du hast recht«, flüsterte Julian und schlug die langen Wimpern nieder. »Ich will es abtun.« Er bückte sich, ihm die Hand zu küssen. Lysias entzog sie. »Du wirst das nicht können, mein lieber Sohn. Es ist deine eigenste Eigenart. Aber hüte dich: Man beherrscht die Menschen durch ihre Lieblingsschwäche; dich wird man durch deine Eitelkeit beherrschen.« – »Mich, den armen Mönch? Wer sollte das der Mühe wert finden?« Ein scharfer Blick schoß hier aus den leidenschaftlichen Augen des andern. »Wer? Nun, vielleicht ich, Julianus.« – »Du scherzest! Übrigens: Von dir will ich mich beherrschen lassen – immerdar!« – »Willst du?« fragte Lysias mit einem stechenden Blick. »Ich werde dich dieses Wortes dereinst gemahnen, Julian. Aber fahre fort. Was war noch ärger als dieses Ärgste? Als diese ... Morde?« »Der Gebrauch, der Mißbrauch, den der Mörder von dem Erfolg machte, gegenüber den Seelen von uns drei Kindern, die er – noch! – verschonte, der Herzverhaßte!« Feuer loderte aus den Blicken des Jünglings. »O vergib, mein Vater, aber ich kann ihn noch immer nicht recht lieben, den Augustus! Ich weiß ja: Liebet eure Feinde – vergebet euren Schuldigern. Und so weiter! Ach, was er mir getan – ich verzeih es ihm. Aber was er Gallus, was der heißgeliebten Mutter, der Schwester – ich kann es nicht verzeihen! Strafe mich, versage mir den Sündenerlaß – denn das ist meine schlimmste Beichte! Aber ich kann nicht. Noch nicht!« Und in überwältigender Qual des Gewissens warf er sich abermals seinem Beichtiger zu Füßen; in heißer Angst, flehentlich sah er zu ihm empor. Da zuckte der die Achseln, sah sich vorsichtig um und sprach dann ganz ruhig: »Wenn du nicht kannst, kannst du nicht. Ich tät's auch nicht, 's ist wider die Natur. Steh auf.« In äußerster Überraschung, ja Bestürzung sprang der Jüngling auf die Füße und starrte ihn an. »Was – was ist das? Das war kein christlich Wort.« – »Aber ein wahres. Still! Kein Aufsehen! Die Späher! Sie lauern da oben hinter den Fenstervorhängen auf uns herab. Erzähle weiter.« Doch Julian konnte sich noch immer nicht erholen von seinem Staunen. »Wahrheit außer der Kirche? Gegen die Kirche? Das gibt es nicht!« flüsterte er entsetzt vor sich hin. »Und du, du – bist ein Priester des Herrn?« – »Ein Priester bin ich. Ein Priester großer Herren – und meines Herrn. Gedulde dich noch! Sprich weiter. Ich befehl es.« Mit Anstrengung faßte, sammelte sich Julian: Er konnte das suchende Auge nicht lösen von dem Antlitz des widerspruchsvollen, rätselhaften Mannes. »Wir waren, sobald die Krieger hinweggestürmt, von unserem Arzt und einem Mönch, einem Freund unseres Hauses, der in der Mordnacht den todkranken Bruder pflegen half, aus den blutbespritzten Gemächern in das Asyl einer Kirche geflüchtet. Von dort aus ließ der Imperator nach mehreren Tagen uns drei Geschwister in den Palast holen. Mit Gewalt riß uns der Kriegstribun der Prätorianer aus den Armen unserer Beschützer. Zum Tode, meinten die beiden, würden auch wir nun geschleppt. Mir war's gleichgültig, ich weiß nicht, warum. Obwohl ein Kind, war ich wie lebensmüde: Ich beruhigte die Schwester Juliana, die sich ängstlich an mich klammerte, küßte sie auf die Augen – wir haben uns immer so lieb gehabt! – und sprach: ›Weine nicht, liebes Schwesterlein, wir sind Waisen; wir haben auf Erden keinen Freund. Denn auch die Mutter ist wohl ermordet.‹ Der gute Mönch sagte, sie ist aus dem Hause des Arztes, der die Bewußtlose gerettet hatte, von Kriegern mit Gewalt fortgeführt worden. Waisen aber sind am besten geborgen – im Grabe der Eltern. Denn dann sind sie nicht Waisen mehr.« »Ein sechsjähriger Knabe«, staunte Lysias. »Widernatürlich frühreif.« »Aber Gallus, mein Bruder, sieben Jahre älter als ich, inzwischen genesen, tobte gegen den Tribun. Er schlug nach ihm, er wollte ihm das Schwert aus der Scheide reißen; mit Gewalt mußte der Mann den Zappelnden auf den gepanzerten Arm nehmen. In dem Vorhof der Basilika wurden wir in zwei Sänften gehoben – ich mit Juliana –, den schreienden Gallus nahm der Tribun in die andere. Die Läden der Sänften wurden sorgfältig geschlossen; das Volk auf den Straßen sollte nicht erfahren, wer da in das Palatium – zum Tode? – gebracht werde, auf daß es nicht versuche, uns zu befreien! Sechzig Prätorianer waren aufgeboten, drei Kinder vom Entspringen abzuhalten: Waffenklirrend umdrängten sie die Sänften, die Neugierigen, die herzuliefen, den Aufzug zu sehen, mit gefällten Speeren abwehrend. In dem Palast angelangt, wurden wir vor den Imperator geführt. In dem von Gold und Elfenbein leuchtenden Saale saß er, umgeben von den Großen und von den Eunuchen des Hofes, auf dem hohen Thron: blutrot der Thron, blutrot sein Mantel. Ich sah sein Antlitz zum erstenmal: das leichenfahle, hagere – stets von heftigem Zucken bewegt – den unsteten Blick ...« »Genug! Ich kenne ihn.« »Mir schauderte: all das Blutrot mahnte mich des Blutes der Meinen – die ja auch die Seinen gewesen! –, das er in Strömen vergossen. ›Schuldlos Blut färbt wohl besonders stark?‹ Das mußte ich immer denken. Auf einen Wink des Obereunuchen sollten wir vor dem Augustus auf die Knie niederfallen. Juliana gehorchte, auch ich, da ich mich nicht berühren lassen wollte, wie Gallus geschah, den sie an den Schultern niederdrückten. Nun ward uns verlesen – uns drei Kindern, o mein Vater! – unser Todesurteil. Mit Berufung auf Gottes Ausspruch, daß er die Schuld der Eltern rächt bis ins vierte Glied. Unsere Eltern seien wegen erheblichen Verdachtes des Hochverrats hingerichtet, wir hätten vermöge der vorbeugenden Gerechtigkeit das gleiche verdient, des Vaters und der Mutter Vermögen sei dem Fiskus verfallen und bereits eingezogen. Wir wurden nun gefragt, ob wir alles verständen? Die Schwester und ich, wir nickten stumm. Gallus aber ballte die Faust wider den Imperator und schrie zum Thron hinauf: ›Ja, ich versteh's! Blutiger Herodes! Kindermörder!‹ Der Augustus ward noch bleicher als er war – bleicher als bleich. – Klingt das nicht zierlich?« »Schon wieder ein Wortspiel, o Julianus, du, eitler als eitel!« »Aber Eusebius, der Präpositus und Obereunuch, fuhr fort; Constantius hatte kein Wort gesprochen, nur scheuen Auges von mir auf Gallus, von Gallus auf mich geblickt. ›Dem Tode seid ihr verfallen. Über euerm Nacken schwebt das Schwert des gefällten Urteils.‹ (Ein schiefes Bild, nicht? Ich mußte das damals schon denken.) ›Allein die Gnade des Imperators läßt es – noch! – unvollstreckt. Lebt, lebt weiter unter dem hangenden Schwert. Aber seid stets dessen gedenk: jeden Augenblick – ein Zucken der imperatorischen Wimper, und es fällt auf euere Nacken.‹ Gallus wollte erwidern; er machte drohend einen Schritt gegen den Thron hin; da winkte der erschrockene Imperator hastig mit dem Zipfel seines Purpurmantels. ›Hinaus! Hinaus!‹ stieß er hervor mit hohler Stimme – es war sein erstes Wort –, und hurtig schoben und drängten die Prätorianer uns an den Schultern aus dem Saal. Draußen wurden wir sofort getrennt – umsonst barg ich die laut weinende Schwester an meiner Brust: sie rissen sie aus meinen Armen! Ich sah sie, sah Gallus niemals wieder. Ich ward in geschlossener Sänfte aus der Stadt geführt, ans Meer, eingeschifft und zuerst nach Ionien, alsbald aber hierher nach Kilikien gebracht. Dort, an der Schwelle der Mauerpforte, empfing mich der heilige Abt und verkündete mir, der Imperator habe mir das Leben geschenkt nur unter der Bedingung, daß ich mich nie vermähle und daß ich ein Priester des Herrn werde. Mir war alles gleich, auch Tod oder Leben. Diese hohen, finstern Mauern schienen mir Grabesmauern. Sind wir doch hier auch so gut wie begraben! Keine Kunde von der Außenwelt dringt in diese Stelle. Weiß ich doch nicht einmal, ob meine Mutter, meine Geschwister noch am Leben sind. Der heilige Abt verbot zu fragen. Nur durch deine Güte erfuhr ich ja auch von dem Wichtigsten, was in diesem Reiche der Römer geschehen ist in all diesen zwölf Jahren. In unserem Haus, dem der Constantier, lebt, scheint es, die Wolfsart von Romulus und Remus fort. Die drei Brüder, die Söhne und Erben des großen Constantin, Constantius, Constans und Constantin, die sich in das Reich geteilt, gerieten in Streit um die Beute, das heißt um das Erbe der in jener Mainacht Gemordeten: Constantin fiel, sinnlos vor Gier, nach Räuberart in das Gebiet des Constans ein und ward erschlagen wie ein Wolf im Walde. Zehn Jahre darauf trieb Constans durch seine Ungerechtigkeit einen tapfern Feldherrn, Magnentius, zur Verzweiflung, zur Empörung und fiel auf der Flucht. Schwer, furchtbar, blutig hatten des letzten übrigen der drei Brüder, hatten des Constantius Heerführer zu ringen, bis sie Magnentius niedergekämpft hatten. So herrscht jetzt Constantius allein über den Weltkreis: von den fernsten Atropaten östlich vom Tigris im fabelhaften Morgenland bis zu den Britannen, die in den Nebeln des Weltmeers verschwinden, und vom Mittellauf des Nils bis zu dem grausigen Rheinstrom, der manchmal, sagt man, zu festem Eis gefrieren soll: Weh, wer das schauen müßte. Aber welche Fülle der Macht! Fast zu gewaltig für einen Sterblichen. Kann Constantius ...?« Er schwieg, in Sinnen versunken. Lysias blieb stehen: »Hättest du Lust, ihm einen Teil dieser Bürde abzunehmen?« Scharf, durchdringend prüfte er bei der Frage die Mienen des jungen Mönches. Dieser aber lächelte schwermütig: »Ich? Wie du spottest! Doch freilich: Wäre ich nicht zum Dienste des Herrn bestimmt, weißt du, was ich am liebsten werden möchte? Ein großer Feldherr. Im Dienste des Römerreichs Perser und Germanen und alle Barbaren hinwegscheuchen von den Grenzen in sieghafter Schlacht ...« – »Nun sprüht dein dunkles, sonst so träumerisches Auge Blitze! So gefällst du mir, o Julianus. Aber erzähle weiter. Wie erging es dir nun hier? Trotztest du nicht dem schimpflichen Zwange?« – »O nein! Willenlos ließ ich alles mit mir geschehen. Doch geschah mir nichts Schlimmes – nichts Schlimmeres als den anderen Knaben: lernen, beten, büßen, büßen, beten, lernen – so verstrichen mir die Jahre hier. So werden sie wohl verstreichen, bis ich sterbe – hoffentlich bald. Lernen, büßen, beten!« Erschöpft hielt der kleine Schmalbrüstige inne. »Ja«, murmelte der andere vor sich hin. »Und was beten? Was büßen? Was lernen?« – »Wie meinst du, heiliger Vater?« – »Nenne mich nicht heilig. Nicht Menschen sind heilig, nur die ...« – »Du sagtest: ›Was lernen!‹ Ja freilich! Es genügt mir wenig! Auf die Zweifel, die Fragen, die mich zu eifrigst umtreiben, Tag und Nacht, erhalte ich Antwort weder von den Büchern, die wir auswendig lernen, inwendig wäre besser, nicht?« lächelte er, erfreut über die Wortwendung, »noch mündlich von den Vätern. Eingebungen der Dämonen nennen sie meine quälendsten Fragen und verordnen mir dafür Bußen. Ich frage gar nicht mehr! Und ich möchte doch so gern! Brennend verlangt mich zum Beispiel zu wissen – mehr zu wissen als die heiligen Bücher sagen! – vom Werden und Wesen der Welt, des Lichtes, der Sonne da oben und der Sterne! Oh, wer mir davon Kunde gäbe! Wo finde ich sie?« – »Hier«, sagte Lysias, und nach einem vorsichtigen Blick nach den Fenstern des Klosters, griff er in seine Kutte und zog zwei starke Papyrusrollen hervor. »Und hier. Rasch! Unter dein Gewand damit.« Aber Julian zögerte. Erstaunt blickte er auf die Überschriften. »Platons Timäos! Und Plotin! Sie sind streng verboten. Bei Geißelung!« – »Fürchtest du dich, Julian? So gib sie zurück.« – »Nur mit meinem Leben! O Dank! Dank!« Und er wollte sich wieder in den Staub vor ihn werfen. Lysias hielt ihn ab. »Nicht doch! Man kniet nur vor jenen, die dem All das Licht gesandt haben und dir – mich.« – »Und meine Beichte? Und die Vergebung meiner Sünden?« – »Du trachtest nach dem Licht: der Gott des Lichts, der oberste von allen, vergibt dir – durch mich – alle Sünde. Denn nur eins ist Sünde: nicht nach dem Lichte, nicht nach den ... guten Gewalten trachten. Du bist nun reif, soviel zu hören. Bald mehr! Genug für heute! Es grüßt dich, Julianus – durch mich – der göttlichste Gott.« Er strich ihm mit der Rechten über Stirn und Augen. Und raschen Schrittes eilte er hinweg; verzückt schaute ihm der Jüngling nach. Drittes Kapitel Tag für Tag wandelte nun der junge Mönch stundenlang allein mit Lysias, dem er von dem Abt besonders zur Ausbildung überwiesen war, in dem stillen Klostergarten, stundenlang vertieft in ernste Gespräche. Julian ermüdete niemals zu fragen. Sein leuchtendes, schwärmerisches Auge hing ganz an den Lippen des Lehrers, und dieser ermüdete nicht, zu antworten. Freilich, seine Antworten genügten oft wenig dem scharfen, an Dialektik sich freuenden Geiste des Schülers. Es schien, als ob der so weit überlegne, reife Mann gar oft den Frager nur in den Vorhof der Weisheit dringen lasse, die letzten Aufschlüsse noch zurückhalte. Dadurch geriet der Jüngling in einen Zustand rastlosen, nagenden, bohrenden Zweifels. Immer leidenschaftlicher ward sein Drang nach Erkenntnis entfacht; hätte Lysias es auf solche Steigerung angelegt, und zugleich darauf, den Grübler immer fester an den kargen Belehrer zu knüpfen, er hätte es nicht schlauer angehen können. Als Julian nach einigen Tagen ihm verstohlen die Schriften Platons und Plotins zurückgab, glühten die bleichen Wangen, seine magere Hand zitterte. »Dank! Heißen Dank! Aber mehr. Mehr! Alles!« flüsterte er. – »Du fieberst, mein Sohn!« sprach Lysias, die Rollen sorgfältig unter seinem Gewande verbergend. »Dein Auge glänzt, deine Schläfen brennen, doch deine Finger sind eiskalt. Wie hast du geschlafen?« »Gar nicht. All diese Nächte nicht! Immer, immer las ich's noch mal. Ich weiß nun gar viel davon auswendig. Wieviel leichter, gieriger erfaßt mein Geist diese Wunder, diese Offenbarungen als die Offenbarung des heiligen Apostels Johannes. Wie wüst ist diese, wie ...! Aber sprich endlich, Meister! Gar vieles in diesen Lehren – und oft gerade, was mich am glühendsten begeistert – widerstreitet der Lehre der Kirche. Ach ich flehe dich an – ich ringe so hart! Was – was ist Wahrheit?« – »So fragten auch andere schon.« – »Ja, Pontius Pilatus, der Mörder des Herrn!« rief Julian mit Grauen. »Aber doch ...! Weiche mir nicht länger aus. Ich verzweifle in diesem Hin- und Herschwanken zwischen den Lehren der Kirche und den Gedanken im Timäos oder den Geheimnissen Plotins. Aber ach! Ich weiß ja gar nicht, wohin! Ich wage mich nicht weiter hinaus auf das offne Meer der Gedanken! Ich kann, ich will nicht den Anker lichten, den ich ein Jahrzehnt lang so tief in den Felsgrund der heiligen Kirche versenkt. Nur die Kirche hat die Wahrheit und das Heil. Ich kann nicht, ich werde niemals von ihr lassen.« Er seufzte. Er stöhnte. Er sah schwärmerisch gen Himmel. Lysias ließ lange den bohrenden Blick auf ihm ruhen. »So? Nun, es begreift sich. Die Zucht war lang, scharf und unausgesetzt. Die werdende Seele des Kindes schon ward planmäßig umsponnen. Es ist vielleicht besser so! Vielleicht irrte ich, denn die Sterne irren nicht! Ich war zu rasch! O mein Sohn, die Weltanschauung des Menschen ist gar nicht bloß das Ergebnis seiner Gedanken, noch mehr der Erleuchtung durch die Himmlischen und durch die eignen Erlebnisse. Und du – du hast noch nichts erlebt.« – »Ich dächte doch!« erwiderte erschaudernd der Jüngling. »Allerdings, deines Hauses Ausmordung, das Todesurteil über drei Kinder, verhängt durch den frommen Imperator. Es ist ziemlich viel. Aber doch, scheint es, noch nicht genug! Wie lehrt die Kirche? ›An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.‹ Constantius ist nun zwar schon eine Giftfrucht sondergleichen ...« – »Aber er ist nur Laie«, warf Julianus ein. »Wohl! Du sollst die Früchte an den Priestern kennenlernen. Erleben sollst du nun die Erkenntnis, dann erst wieder weiter forschen, denken, Schlüsse ziehen.« – »Aber, du selbst«, rief Julian gequält, »du bist ja auch ein Priester der Kirche ...?« – »Ein Priester bin ich, ich sagte es schon. Jedoch es gibt der Götter viele – wenigstens«, verbesserte er rasch, »nach dem Glauben der Menschen! Und es gibt Grade der Erkenntnis viele – wie der Weihen.« »O Lysias! Glaubst du, daß es irgendeine Weisheit gibt, welche ...? Ich rede nicht von der Erkenntnis der Welt; diese genügt mir nicht, wie sie die Väter lehren! Ich kann nicht an den verhängnisreichen Apfelbiß im Paradiese glauben. Äpfel sind, so scheint's, ein Obst des Unheils (ist das nicht ein hübscher Witz?). Denk an die Troer und Achäer, an Eris und Paris. Aber gibt es irgendeine Lehre, die mehr die Tugend ihrer Bekenner fördert als die Selbstverleugnungslehre unserer heiligen Kirche? Sie entzückt mich, diese begeisternde Pflichtenlehre, diese Abtötung des Fleisches, wie sie Abt Konon übt, und diese Demut, dieser Verzicht auf alle Macht und Herrschaft selbst der höchsten Bischöfe. Nie will ich anders von den Pflichten denken als die Kirche lehrt: die Flucht aus der Welt, die Verachtung der Welt, die demütige Selbstverleugnung.« »Das also sind sie, die beiden ›Früchte‹, die dir den größten Wert zu haben scheinen? Die Hauptbeweise für die Göttlichkeit der Kirchenlehre: die Fleischabtötung und die herrschaftverachtende Demut?« »Gewiß, mein Meister! Die Selbstverleugnung! Die Vernichtung der fleischlichen Begier und die Vernichtung der Herrschgier. O wie hat jüngst der Abt Konon den jungen Theodoretos, den schönen kraftstrotzenden Griechen, geißeln lassen, weil der den Kopf umwandte, um dem üppigen vollbrüstigen Fischermädchen nachzugucken, wie es am Fasttag die Fische aus der Stadt dem Kloster gebracht hatte! Er selbst, der hohe Abt, schwang die Geißel, daß das Blut des nackten Knaben in Strömen auf den Estrich schoß. Welch heiliger Eifer! Als war es ihm Wollust, so glühte er. Und wie kasteiet er sich selbst! Nie einen Tropfen Wein bringt er über die heiligen Lippen. Und dann: welche Demut sogar der höchsten Priester! Hast du vergessen, was neulich aus dem Briefe des Papstes Liberius verlesen ward? Wie der, dem schon nahezu alle Bischöfe eine Art von Ehrenvorrang einräumen, als dem Nachfolger Sankt Peters selbst, wie sich der Papst vor dem Imperator Constantius auf das Antlitz warf, am Eingang der Peterskirche, wie er sich ›den Knecht der Knechte Gottes‹ nannte, ›des Imperators niedrigsten Sklaven‹, wie dem Imperator allein alles Erdreich und auch die Kirche zu gehorchen habe? Und doch weiß ja der heilige Vater, daß er von Sankt Petrus den Schlüssel des Himmelreichs überkommen hat, zu binden und zu lösen für die Erde und für den Himmel. Wahrlich, eine Lehre, die solche Tugenden erzieht, ist göttlich! Was wollen dagegen Platon und Plotin! Haben sie die Heiden vor der Sünde bewahrt?« »Gut, mein Sohn, an ihren Früchten, das heißt an ihren Priestern sollst du die Kirche erkennen. Und zwar nicht nur vom Hörensagen und nicht aus Briefen. Es wird allmählich Zeit, daß du den Blick aus diesen Klostermauern hinaus in die Welt schweifen läßt; in die Welt, wie sie ist, nicht wie sie dir geschildert wird. Noch die Pfingsttage sollst du hier erleben. Dann werde ich den hochehrwürdigen Abt bitten, daß er dich mir als Begleiter mitgibt auf eine Amtsreise. Freue dich, Julian! Du sollst die Welt sehen. Du sollst Gut und Bös unterscheiden lernen.« Julian erschrak heftig. »O Meister! So sprach die Schlange.« »Gewiß! Hat sie gelogen? Nur wer das Böse kennengelernt hat, kennt auch das Gute.« Viertes Kapitel Das Pfingstfest war gekommen. Schon den Tag vorher hatte die Einleitung der frommen Feier begonnen: strengeres Fasten, häufigerer Gottesdienst, zahlreichere gemeinschaftliche Gebete und Gesänge. Geistliche und Mönche waren, oft aus weiter Ferne, herzugewandert, das hohe Fest in dem seiner Heiligkeit, seiner strengen Zucht wegen berühmten Kloster zu begehen. Es hieß »Hagion«, »Heiligtum«. Julian traf in diesen Tagen die Reihenpflicht als Pförtner. Unermüdlich und ohne Klage saß er, wie die schlummerlose Nacht hindurch, so unter dem heißen Sonnenbrand des Mittags vor der Klosterpforte und waltete seines Amtes. Da wankte auf der staubigen Straße vom Norden, vom Taurusgebirge her, in welchem die nackten Wände steil in die Luft ragten, an seinem Stab abermals ein Pilger in brauner Mönchskutte heran. Obzwar noch rüstig an Jahren, war er gebeugt in der Haltung: die Glut des Tages, die Mühe der Wanderung schienen schwer auf ihm zu lasten; gleichwohl ging er zu Fuß neben seinem Maultier her; er bückte sich oft, von dem Rand des Grabens die kargen Halme zu pflücken und sie dem Tiere darzureichen, das dann dankbar zu ihm aufblickte. Als er in Sehnähe kam, hielt der junge Pförtner die Hand vor die Augen, die blendenden Sonnenstrahlen auszuschließen. Nun erkannte er offenbar den Wanderer. Hurtig lief er ihm entgegen. Sobald er ihn erreicht hatte, wollte er sich ihm zu Füßen werfen, aber der Ankömmling hielt ihn ab und zog ihn an die Brust. »O Johannes, mein Vater, mein frommer Lehrer!« rief der Jüngling innig und bedeckte die hageren sonnengebräunten Hände des Pilgers mit Küssen. »Wie wohl tut es mir in der Seele, dich wiederzusehen! Allzulang bist du mir fern gewesen.« Der Pilger ließ die sanften blauen Augen lang auf den bleichen erregten Zügen des Mönches ruhen: »Ja, mein Julianus, ich glaube, es ist gut, daß wir wieder einmal Blicke und Worte tauschen. Ich hatte starke Sehnsucht nach dir. Und schwere Träume ängstigten mich um dich. Ich sah dich Arglosen umringelt von einer giftigen Schlange, die ihre Kreise näher und näher um dich zog. Die Sorge um deine Seele trieb mich her. Ich finde dich verändert, sehr. Gar wenig jugendlich siehst du aus! Eingefallen die Wangen, bleich, nur in der Mitte ein roter brennender Fleck, schwarze Schatten um die Augen: allzuhell glänzen die aus tiefen Höhlen heraus. Und warum – ich sah es wohl! – saßest du mitten im Sonnenbrand statt in dem Schatten des vorspringenden Eckturms?« Der Pförtner schlug die Augen nieder. Gluten schossen plötzlich in die wachsfahlen Wangen. Der schmächtige Körper, der das Mittelmaß nicht erreichte, zitterte. Er wankte. Der andere hielt ihn aufrecht an den Schultern. »Ich ahne! Du wolltest dich wieder einmal über das Gebot der Klosterzucht hinaus kasteien! Maßlose Abtötung, nein: Peinigung des Fleisches! Selbstauferlegte Buße!« Julian barg das Angesicht an seinem Halse und weinte, weinte bitterlich. »Mein armer Sohn! Mein Liebling! Fasse dich! Was quält dich so?« – »O laß mich weinen! Weinen an deiner treuen Brust. Ah, das tut wohl wie Gewitterregen nach verzehrendem Sonnenbrand. Oh, laß mich dir beichten.« – »Nicht mir, mein Julian! Wer ist dein vom Abte verordneter Beichtiger?« – »Lysias.« Da erschrak der Alte und fuhr zusammen. »Aber er erläßt mir alle Sünden, die ich beichte, ohne jede Buße. Er lächelt über das, was ich Sünde nenne. Auch über ...« Er verstummte. Der Pilger strich ihm über die Stirne: »Auch wohl über den Zweifel«, ergänzte er, »der dir immer wieder auftaucht? Mein armes Kind! Du mußt nicht zweifeln, darfst nicht grübeln. Glauben mußt du, oder elend sein.« – »Woher weißt du ...?« – »Ich liebe dich, darum kenn ich dich. Auch ich war einmal jung, war voll Fleischeslust, aber auch voll Lernbegier, war voll Hoffart weltlichen Wissens gegenüber den Lehren des Herrn, die freilich wider die Vernunft gehen, weil über die Vernunft. Darum eben müssen wir glauben. Verzage nicht, verzweifle nicht, weil du noch zweifelst, mein Sohn. Du wirst überwinden. Glaube mir, nicht durch die Bücher, nicht durch die Lehre, durch das Leben allein wirst du unlösbar mit Christus verknüpft. Man kann seinen Erlöser nicht ergrübeln, erleben muß man ihn und seine Wahrheit! Vor jenem aber, dessen Namen du vorher genannt hast, vor jenem laß dich warnen. Er ist –« Da traf von hinten her ein heftiger Faustschlag den Kopf des Pilgers, daß dessen Reisehut zur Erde flog. Lysias stand zornglühend zwischen den beiden. Sowie Julian ihn erkannte, senkte er den Arm, den er rasch zum vergeltenden Streich erhoben hatte. »Er ist dein geistlicher Oberer, du schweifender Mönch, wie dieses Knaben, des pflichtvergessenen Pförtners, der, dem kindischen Herzen folgend, dir entgegenlief, seinen Posten verlassend. Dort stehen, von den andern Straßen her angelangt, viele Waller vor der heiligen Stätte – und der Pförtner ...?« Schon war Julian zurückgeeilt und bat die dort Harrenden um Verzeihung. Einstweilen hob Lysias drohend den Zeigefinger gegen den Ankömmling, und grimmig, bösartig, blitzte sein Auge wider ihn, als er rief: »Wag es, mit mir um diese Seele zu ringen! Wag es, nur noch einmal mit ihm allein zu flüstern, und er soll dich kennenlernen, du Mörder.«   »Wo ist Johannes?« fragte Julian, sobald er die angelangten Gäste über den Hof an die innere Türe geleitet und nun die Außenpforte wieder erreicht hatte.« »Umgekehrt.« – »Ach! Warum?« klagte der Jüngling. – »Weil ich es befahl. Er ist Subdiakon. Ich bin Presbyter.« – »Und warum schlugst du ihn? Und wann werd ich ihn wiedersehn?« – »Niemals. So hoff ich.« – »Aber warum?« – »Du wagst zu fragen? Weil ich's nicht will. Das genüge dir, Knabe. Aber da ich so töricht bin, dich zu lieben, dich unaussprechlich zu lieben, – will ich deine kecke Frage beantworten: weil er Gift ist für deine Seele. Und weil er dich befleckt mit Blick und Wort. Die Schuld Kains belastet seine Seele. Und er – Er! – will dich vor mir warnen. Der Einfältige! Hat Er Antwort auf die brennenden Fragen, Erfüllung für den Wissensdrang deines Geistes? Was riet er dir?« – »Glauben.« – »Dumpfes Hinnehmen! Der Narr! Der Schwärmer, dem das nagende Gewissen die Klarheit des Gedankens zerrüttet hat. Du zweifelst? Ich sage dir: Er ist ein Mörder. Ihm könntest du folgen? Zurück in die Nacht des blöden blinden Glaubens, in die Knechtung des Verstandes, statt mir, in die Freiheit des Gedankens und in das Licht? Nein, du kannst nicht anders! Mir mußt du folgen. Warte nur noch bis dies Fest zu Ende. Die Ausgießung des Geistes, des heiligen! Jawohl! Auch auf dich soll er ausgegossen werden, der Geist meines Gottes – des Lichtgottes! – und erkennen wirst du bald an seinen Wirkungen den Geist jenes Gottes, dem Johannes dient.« Fünftes Kapitel Endlich war der Abend auch des zweiten Pfingstfeiertages vorüber. Mit Bewunderung hatte Julian zu dem Abte Konon emporgeblickt, der, ohne einen Bissen, ohne einen Tropfen Wein zu genießen, in allen diesen Tagen unermüdet der schweren Pflichten seines Amtes gewaltet hatte in Messe lesen, Predigten halten, Beichte hören, Psallieren, Umzüge führen, Pilger empfangen, ihre Wünsche und Fragen anhören, erledigen und beantworten. Und wann nun die andern Geistlichen, ermüdet, das Lager suchten, dann brannte noch die einsame Ampel hoch in dem turmähnlichen Söller des obersten Stockwerks, wo der Abt dem Gebet, der Buße, der Forschung oblag. Und wann, lange nach Mitternacht, Julian wieder erwachte, noch immer glühte da oben die Ampel, eine stille Bezeugerin des Fleißes, der Frömmigkeit, der Kasteiung. Bald nach Mitternacht des Pfingstmontages ward Julian geweckt durch einen Luftzug, der über sein Strohlager auf dem Mosaikestrich hinstrich. Die schmale Tür seiner schmalen Zelle war halb geöffnet. In dem bleichen Licht des Mondes, das durch die ein Fenster ersetzende Luke – hoch oben in der Mauer – hereinfiel, sah er eine dunkle Gestalt regungslos auf der Schwelle stehen. Der junge Mönch erschrak bis ins tiefste Herz hinein. Unter nagenden Zweifeln, unter bohrenden Gewissensqualen war er endlich gegen Mitternacht eingeschlafen. »Hebe dich von hinnen«, flüsterte er jetzt, und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, »im Namen des dreieinigen Gottes – weiche, Versucher, wie immer du heißest: Satanas oder Lucifer oder ...« »Lysias«, tönte es da ebenso leise von der Tür her. »Steh auf und folge mir. Aber still!« Schon stand Julian hinter ihm auf der Schwelle. Nun schritt er barfuß über die kalten Marmorplatten des langen Klosterganges. Den Jüngling fror. Geräuschlos schloß Lysias die schwere Eisentüre des Ganges auf. Sie waren im Garten. Der Führer eilte auf dessen Gittertor zu. »Das Kloster verlassen? Zur Nacht?« stammelte Julian. »Wohin?« – »Zum Abt!« und Lysias schob den Riegel zurück. »Der Abt? Da – hinter uns – hoch oben leuchtet seine Lampe, einem schönen Sterne gleich. Seine Zelle ist ...« – »Leer. Folge!« Nun ging es rasch hinein in das Olivenwäldchen, das sich vom Kloster gegen die Vorhügel des Gebirges hinzog. Alles still und einsam. Der Mond ward hin und wieder von ziehenden Wolken verdeckt. Plötzlich schreckte der Jüngling zusammen, ein verhaltener Schrei entfuhr ihm. Er griff mit beiden Händen nach dem Kopf. »Was war das? Was huschte über mein Haar? Ein Dämon!« – »Nein. Eine Eule. Der Vogel Athenas ... will sagen«, verbesserte er rasch, »der Weisheit. Ein gutes Wahrzeichen! Du bist auf dem Wege zur Erkenntnis. Vorwärts!« Noch eine gute Strecke führte Lysias in den nun dichteren Wald hinein; er hatte alsbald den breiten Weg der alten Legionenstraße nach Tarsus verlassen und einen kaum wahrnehmbaren Steig seitab durch dichtes Gestrüpp eingeschlagen. Nur mit Mühe konnte Julian folgen. Die scharfen Zweige der manneshohen Dornbüsche schlugen ihm ins Gesicht, daß seine Wangen bluteten, und rissen Löcher in seine Kutte. Nun standen sie vor einem hoch in die Nachtluft ragenden Bau stolzer Halbbogen. Es war die Wasserleitung, die in besseren Tagen Roms ein Imperator – Hadrian – erbaut hatte; aber lange schon war sie verfallen. Große Steinplatten lagen auf der Erde, von Moos, von Steinbrech überwachsen. Lysias bückte sich und tastete suchend unter den Trümmern umher. Endlich griff er in die eiserne Handhabe einer gewaltigen Marmorplatte, die einem Brunnendeckel glich. Er wandte sich. Julian bog atemlos das Antlitz vor: »Jetzt schweige, was du auch sehen magst, keinen Laut! Oder wir sind beide des Todes!« Er schob nun mit Anstrengung die Platte zur Seite. Eine Schlange huschte, aufgeschreckt, mit Zischen davon. Ein paar Stufen wurden sichtbar. Lysias schritt einige dieser Staffeln hinab. Er winkte dem Jüngling, zu folgen. Sie standen jetzt auf der aus Ziegelsteinen gemauerten Wölbung eines unterirdischen, kellerähnlichen Raumes, aus welchem verworrenes Geräusch bis zu ihnen empordrang. Lysias kniete nieder, beugte das Antlitz und lugte durch einen schmalen Spalt in der Steinwölbung in die Tiefe, die offenbar früher das Wasserbecken für die Leitung gebildet hatte; aber jetzt mußte die ehemalige Brunnenstube trocken sein, denn durch den Spalt glänzte aus der Tiefe ein matter Lichtschimmer herauf. Lysias nickte befriedigt, erhob sich, Platz zu schaffen, und wies Julian mit dem Zeigefinger die Ritze in dem Gestein. Der drückte nun das Gesicht darauf. Sofort wollte er zurückschnellen. Aber mit eiserner Faust zwang ihm der Priester den Nacken nieder. Und Julian sah, mußte sehen! Er schloß das Auge. Allein nun vernahm er auch Worte! Und jetzt – unwillkürlich – spähte er auch wieder hinab. Da saßen und lagen in dem kreisrunden Becken bei dem Scheine von Ampeln und Fackeln auf weichen Polstern und Teppichen Konon der Abt mit etwa sechs seiner Mönche und ebensovielen der Pilger und Einsiedler, die Julian der Pförtner als Pfingstgäste eingelassen hatte. Zwischen ihnen aber, die Häupter an ihre Knie geschmiegt, ruhten etwa ebenso viele Mädchen und Weiber aus der nahen Stadt in schamloser Tracht. Der Abt wiegte auf seinem Schoß die üppige Fischerdirne. Vor ihm, auf dem Teppich, wälzte sich, sinnlos betrunken, nackt bis auf den Lendengürtel, Theodoret der junge Mönch. Lallend hielt er die leere Schale zu der Vollbusigen empor, die ihm laut lachend aus goldnem Krug einschenkte. »Siehst du, Leaena«, begann der Abt mit schwerer Zunge, »was der Junge, der Theodoret, für weiße Glieder hat? Er ist schöner als du. Er wird dich ablösen in meiner Gunst, wie Ganymed bei Vater Zeus Frau Hera verdrängt hat. Ich merkte es schon, als ich ihn geißelte. Ich dachte nicht damals, als ich ihn so hart züchtigte ...« – »Aus eitel Eifersucht!« höhnte Leaena. – »Daß er so bald unseres Vertrauens sich würde wert erweisen. Ja, ja, Knabenschöne geht über Mädchenschöne.« – »Nicht immer«, lachte die Schwarzlockige. »Nicht vielen weich ich. Nicht viele Jünglinge sind so schön. Zum Beispiel, sieht nicht der hagere Imperatorsvetter aus wie ein kranker Ziegenbock?« Schallendes Gelächter antwortete ihr, untermischt mit den Rufen: »Der Grübler!« – »Der Dummkopf!« – »Der fromme Narr!« – »Ich trug ihm auf«, fuhr der Abt fort, »heute bis Mitternacht für mein Seelenheil zu beten. Er ist grenzenlos einfältig. Reiche den schweren Wein hervor, dort aus dem Erdloche! Schenkt ein! Wir können nicht mehr warten.« »Auf wen?« fragte einer der Klostergäste. »Nun, auf den einzigen, der heute fehlt, auf Lysias! – Horch! Was war das? Da oben? Was fiel da?« »Nichts! Ein Stein bröckelte aus der Decke!« antwortete Leaena. Aber es war Julian gewesen, der, mit halbersticktem Schrei, ohnmächtig mit dem Antlitz auf das Gewölbe niedergestürzt war. Sechstes Kapitel In schwerem Fieber lag der junge Mönch auf seinem Stroh; an seiner Seite saß Lysias, mit einem in Essig getränkten Schwamm ihm die heißen Schläfen kühlend. Schon sechs Tage waren vergangen, seit er den Taumelnden, halb stützend, halb tragend, mit äußerster Anstrengung aus jener Tiefe zurückgebracht hatte in das Kloster. Hier war Julian sofort von heftiger Gehirnkrankheit ergriffen und dem Tode so nahe gebracht worden, daß der Klosterarzt ihn verloren gab. Nicht aber Lysias. Der war Tag und Nacht nicht von seinem Lager gewichen, unermüdlich in seiner Pflege; eifersüchtig hatte er jeden andern ferngehalten von den Fieberreden des Kranken. »Der Arzt gibt ihn auf«, hatte er zu dem Abte gesagt, »so überlaß ihn meiner Heilkunst. Du weißt, ich kenne die geheimen Kräfte der Natur.« – »Jawohl. Zwar schwerlich kommt dir solche Wissenschaft vom Heiligen Geist. In Ägypten, in Corduene, in Persien und wo sonst du dich so lang umgetrieben, da walten noch die Dämonen. Aber mir kann's gleich sein, ob der verrückte Junge lebt oder stirbt. Und der Augustus wird sich auch trösten über des lieben Vetters Tod.« So hatte Lysias freie Hand gehabt und die Horcher fernhalten können. »Stirbt er, so stirbt mir – ach, den Göttern! – eine große, vielleicht die letzte Hoffnung. Diesen Grübler und Schwärmer, diesen für alles, was er für edel hält, begeisterten und dabei doch so eitlen Träumer kann man vorausberechnen in jeder Regung seines Geistes. Und auf ihn verweisen alle sichersten Zeichen der Gestirne – auf ihn und ... mein Haus! – Unberechenbar aber freilich ist der Zufall. So auch der Zufall, daß er mich aus dem Munde des Abtes als – angeblichen – Genossen jener Lüste kennenlernte. Das hätte ihn fast getötet. Und das zwingt mich nun, ihm früher, als ich wollte... Er schlägt die Augen auf! Der Puls – das Fieber, ist stark gefallen. Er wird leben! Für mich – und für ... sie! – soll er leben! Und mehr noch: für die Olympier alle als ihr Retter und Rächer!«   Zwei Monate später wandelten Lysias und Julian miteinander durch die Straßen Roms. Der Genesene zeigte noch vielfach Spuren der Schwäche. Oft griff er nach dem Arme seines Begleiters und stützte sich auf ihn zu kurzer Rast. Bewundernd ließ sich der Jüngling, der zum erstenmal die Ewige Stadt betrat, von seinem erfahrenen Führer die wichtigsten Bauwerke, Denkmäler, Erinnerungsstätten weisen und erklären. Prüfend ruhten dabei jene scharfen Augen auf ihm. »Es ist seltsam mit dir«, meinte Lysias, als er den jungen Mönch von dem Grabe Sankt Peters, wo der brünstig gebetet hatte, hinweggeleitete, zurück über den Tiber. »Woran denkst du? Schwerlich an die Ketten des Apostels, die du soeben geküßt hast. Wohin? Das ist nicht der Weg in das Haus unseres Gastfreundes auf dem Mons Pincius! Hier geht es ja ...« – »Ei, auf das Forum! Nach dem Kapitol!« rief Julian begeistert, und sein Auge leuchtete. »O laß mich heute noch einmal dorthin; laß mich die Sonne sinken sehen vom Tarpejischen Felsen aus. Es drängt meinen Geist, drängt all mein Wesen aufs Kapitol.« – »Von Sankt Petrus zum Jupiter des Kapitols? Ein weiter Weg! Weiter noch für den Gedanken als für den Fuß! Wie du doch hin- und herschwankst – nicht mit den Beinen nur! So! Lehne dich nur an mich und raste!« Julian drückte das Haupt an die Schulter des viel höher Gewachsenen. »Ist es ein Wunder, daß ich wanke und schwanke, hin- und hergezogen? Was hab ich nicht erlebt seit zwei Monaten!« – »Nicht eben viel. Du hast die Heuchelei erkannt, die schlimmer als tierischen Begierden und Laster unter der Larve der Selbstabtötung, der Kasteiung des Fleisches. Du hast die Eine Frucht jener Lehren erkannt. Das Verbot des Natürlichen erzeugt das Widernatürliche. Das ist noch nicht viel. Und doch hättest du schier den Verstand darüber verloren – wie den Glauben.« – »Zum Glück aber noch beide nicht! Allein das Ärgste war, daß ich auch dich als einen Genossen jenes Treibens erkennen mußte. Oh, was ich litt in jenen Tagen ...« – »Bis ich dir erklären konnte ... lange Zeit warst du unfähig zu denken! Nur Gebete plappertest du und sahest überall Dämonen und halbnackte Weiber! – daß ich, um jenen Abt und sein einflußreiches Kloster und gar viele diesem Verbündete zu Rom und am Hofe des Imperators zu beherrschen, zum Schein ihre Laster teilte und so auch ihre andern Geheimnisse und zumal ihren Einfluß bei dem Augustus.« – »Ein gewaltig Opfer! Tugenden heucheln ist arg, aber Laster heucheln muß noch schwerer sein.« »Der Zweck verlangt es. Dafür tat ich noch ganz andres!« Unheimlich funkelten die heiß blickenden grauen Augen. »Der Zweck! Ja, welcher Zweck? Wann endlich wirst du dich mir ganz enthüllen ...?« – »Wann du ganz reif sein wirst, mich ganz zu begreifen. Es fehlt noch viel. Solange du mit Inbrunst die Lippen an jene Stücke alten Eisens pressest, die man dir für die Ketten des Fischers vom Galiläischen Meer ausgibt, der vielleicht den Tiber nie gesehen ... so lange gewiß nicht. Sieh, mein Sohn, ich wiederhole: Mit leichter Mühe könnte ich dir im Wege der Logik, der Philosophie die Unmöglichkeit der ganzen Kirchenlehre dartun.« Julian schüttelte ernsthaft die dunklen Locken, die ihm in diesen Monaten der Freiheit gewachsen waren. »Du bezweifelst das? Gut, eben deshalb würde mein Sieg in dem Streit mit Gründen nichts helfen. Du würdest mir sagen: ›Ich kann dich nicht widerlegen, aber ich glaube doch.‹« – »Wahrscheinlich! Gewiß! Ja!« – »Darum sollst du die Unwahrheit der Kirchenlehre nicht erlernen, nein, erleben.« – »Oder ihre Wahrheit, lehrte Johannes!« dachte Julian bei sich, aber er sagte es nicht. – »Dann erst bist du reif für meine Offenbarungen und für meine Pläne. Ein gut Stück Kirchenlehre hat dir jene Nacht doch schon aus der Seele gerissen.« – »Ja leider, leider!« klagte Julian, die Augen schmerzlich schließend. »Allein, das ist ein Kloster, fern in Kilikien. Hier an der Stätte, die nach Jerusalem die heiligste auf Erden, hier, nahe den Gräbern der Apostelfürsten, hier, wo der Nachfolger Sankt Peters wirkt und waltet, hier wird sich diese Lehre rein und reinigend bewähren. Seit ich hier wandle, fühle ich meinen Glauben wieder erstarkt. Das heißt ...«, er stockte. »Das heißt«, fuhr Lysias an seiner Statt fort und schlug mit der Hand auf den Schild eines ehernen Julius Cäsar, zu dessen Füßen sie eben auf dem weiten, statuengeschmückten Platz vor dem Theater des Marcellus standen, »das heißt: der da stört dich in deinem Glauben und jener da drüben« – er wies auf einen marmornen Trajan – »und dieser dort, der Germanenbesieger und Philosoph Marc Aurel – ja, auch der Jupiter und der Mars des Kapitols und Hera und Pallas Athene und dort – der Herrlichste von allen: Phöbos Apollo, der ewige Jüngling, der unbesiegte Sonnengott!« Und aus des Mannes harten Augen leuchtete eine Begeisterung, wie sie der Jüngling nie an ihm gesehn. »Woher weißt du ...? staunte er. »Oh, ich weiß noch mehr! Mir gaben die Götter, in den Seelen der Menschen zu lesen. Wohl zieht es dich zum Grabe Sankt Peters und zum Hause seines Nachfolgers. Aber stärker doch bewegen dir, seit du hier weilst, die jugendliche Seele, die alten Helden und die alten Götter Roms. Ich wußte das voraus! Und sieh, das ist der zweite Grund, aus dem ich dich bei dem ersten Schritt in die Welt aus jenem Kloster gerade hierher geführt. Du sagst dir hier in schlummerlosen Nächten: »Was ward aus Rom, da es den alten, großen, schönen, erhabenen Göttern diente, durch die Scipionen, Cäsar, Trajan, Hadrian? Die Herrin der Welt! Was ward aus Rom seit Constantin ...? – Sein Name sei gepriesen! – Und Constantius, der Liebling Christi«, sprach er plötzlich ganz laut. »Gott verleih ihm Sieg und langes Leben.« »Was hast du auf einmal?« – »Jener Priester, er folgt uns schon lang, ist ein bezahlter Angeber, ein Späher des Obereunuchen Eusebius. Ich kenne ihn. Aber er weiß nicht, daß ich ihn kenne und daß ich auch zu den Günstlingen des frommen Imperators zähle.« – »Du?« – »Was also«, fuhr Lysias wild leidenschaftlich fort, »was ward aus Rom, seit Constantin, abgefallen von den Göttern unserer Väter, den Legionen die alten Siegesadler nahm und sie ersetzte durch ...« – »Das Labarum!« unterbrach Julian ehrfürchtig. »Das heilige Zeichen des Kreuzes und den Anfang des Namens Christi.« – »Ein Zeichen, das nichts von Romas alten Siegen weiß! Unter dem die Legionen geschlagen werden von Parthern und Persern am Tigris, von Jazygen am Ister, von Franken und Alemannen ...« »Franken? Alemannen? Was sind denn das für Leute?« forschte der Jüngling, hochaufhorchend. »Unter neuen Namen alte Feinde: Germanen des Rheins. Gesteh es nur, deine Träume sind, seit du hier weilst im Schatten des Kapitols, mehr von Waffen als von heiligen Ketten, mehr von Cäsar als von Christus erfüllt. Deshalb gerade erbat ich mir vom Abt – du weißt jetzt, warum er gewähren muß, was ich ernstlich fordere! – dich, den kaum Genesenen, zum Begleiter, als er mich hierher an den römischen Bischof sandte. Dankst du mir nicht, daß ich dir das ewige Rom gezeigt?« »Ach wie heiß! Eine ganze Welt ist mir hier neu aufgegangen. Mir schwindelt manchmal! Nicht all die Fülle von Gestalten kann ich bewältigen, die hier aus Tempeln und Palästen und Bildsäulen auf mich eindringt. Ich verstehe noch nicht alles.« »Wie solltest du! Haben sie dir doch im Kloster von der Geschichte der Hellenen und der Römer nur beigebracht, was dich mit Abscheu vor ihren Lastern erfüllen sollte. Was erfuhrst du von der Herrlichkeit ihrer Götter, ihrer Waffen, ihres Heldentums, ihrer Staatskunst, ihrer Welteroberung? Nichts. Aber Geduld! Bald sollst du Roms Geschichte von Männern lernen, nicht von Priestern.« – »Dort? Im Kloster?« – »Nie sieht dich das Kloster wieder!« – »O Dank! Mir graut davor.« – Da traf ihn ein lodernder Blick. »So heb es auf. Und alle seinesgleichen.« – »Lysias! Du redest irr. Ich!« – »Willst du es?« – »Ich wollt es, wenn ...« – »Willst du es?« – »Ja, ich will!« – »So wirst du's tun. Denn wisse: du – Liebling der Götter – wirst einst alles können, was du wollen wirst.« – »Ich verstehe dich nicht, Meister.« – »Solange der Papst dein Meister ist, bin ich es nicht.« Julian schwieg eine Weile nachdenklich. »Wohin führst du mich?« fragte er dann erstaunt. »Du bogst längst ab von dem Wege nach dem Kapitol. Wir müssen weit darüber hinaus sein, im Osten der Stadt! Wohin gehen wir?« – »Zum Heiligen Vater.« – »Zu Liberius selbst?« rief der Jüngling, in Ehrfurcht erschauernd. Er blieb stehen. »Er soll so weise sein, so klug sein ...« – »Wie die Schlangen. Aber nicht ganz so harmlos wie die Tauben. Übrigens hat sich der Galiläer geirrt; wie bei jenem Feigenbaum, an dem er – der Allwissende! – Feigen zu finden glaubte und nicht fand; denn weder sind die Schlangen klug noch die Tauben sanft. Komm hier hinab, diese Stufen.« – »Und so demütig ist er, so fern von jedem weltlichen Gedanken, des Imperators treuester Untertan.« – »Halt! Stolpere nicht. Hier wird es dunkel. Da, halte dich an meine Hand.« – »Wo sind wir?« – »Auf dem Esquilin, dem Speisemarkt der Livia, in der Krypta der neu vom Papst errichteten Basilika, der Liberiana, wie sie schon im Volke heißt. Hierher hat er mich beschieden. Er hat mir Wichtiges zu vertrauen, einen Auftrag. Und einen im Urkundenwesen, in Rechtsschriften gewandten Geistlichen sollte ich mitbringen. Du hast, unterwiesen von dem Abt, dem ehemaligen Juristen, die Verträge des Klosters verfaßt, viele Jahre lang. So durfte ich dich wählen. Aber daß du der Vetter des Imperators bist, dem Gott ... nun, sagst du die Formel nicht mehr auf?« – »Nein! Ich mag nicht. Sie ist Lüge.« – »Das verschweige sorgfältig.« – »Die Vetterschaft ist weder Ruhm noch Glück! Aber weshalb nicht im Sankt Peter? Weshalb dies Geheimnis?« – »Man soll nicht erfahren von unserm Verkehr. Halt, wir sind am Ziel. Es hieß: ›Zwölf Stufen, dann zwölf Schritte nach rechts. Dann an dem Holzverschlag der Mauer eine vorspringende Scheibe...‹ Hier ist sie! ›Diese einwärts drücken‹, sie gibt nach! – eine schmale Pforte tut sich auf; sieh: Licht schimmert uns entgegen; folge mir, tritt ein.« Siebentes Kapitel Sie standen in einem halbkreisförmigen Raum; er entsprach der Apsis oben in der Basilika. Die Mosaiken an den Wänden waren bereits verdunkelt durch den Qualm einer Öllampe, welche hier nie erlöschen durfte. Die christlichen Symbole: der Fisch, das Lamm, der Gute Hirte, kehrten in eintöniger Reihenfolge immer wieder. Da rauschte der dunkelbraune Vorhang, der den Abschluß des Halbkreises verhüllte, und vor ihnen stand in reichem bischöflichen Ornat eine stattliche Gestalt. Die beiden sanken sofort in die Knie; sie küßten den Saum des goldgestickten Gewandes. »Erhebt euch, meine Söhne, und empfangt den Segen des Herrn«, sprach der Papst mit wohllautender, gebietender und doch herzgewinnender, vertrauenerweckender Stimme. Ehrfurchtsvoll ruhten Julians Augen auf den bedeutenden, schönen und vom tiefsten Frieden geweihten Zügen des etwa sechzigjährigen Mannes. Wunschlos gegenüber allem Irdischen, nur auf das Himmlische gerichtet mußte diese Seele sein, das bezeugte das sanfte, wie verklärte Antlitz; die Farbe war zartrosa wie eines Mädchens Wangen. »In Demut danke ich«, begann die silbertönige Stimme aufs neue, »meinem ehrwürdigen Bruder, dem Abt Konon, daß er, meinem Wunsche gemäß, gerade dich, o Presbyter Lysias, zur Ausrichtung eines Geschäftes mir zugesandt hat, das der armen Magd Christi, seiner heiligen Kirche, unter dem Segen des Höchsten, zum Heil ausschlagen soll, wie ich hoffe. Vernimm sogleich, um was es sich handelt. Dieser Knabe ist also verlässig?« – »Ich bürge für ihn.« – »Das genügt. Die Geheimnisse der heiligen Kirche werden nicht ungestraft ausgeplaudert. Dafür ist gesorgt«, fügte er langsam bei. Da erschrak Julian heftig. Das war ein ganz anderer, ein scharfer Ton gewesen. Diese finstere Drohung schien nicht aus jener verklärten Seele aufgestiegen. Aber nun, gleich wieder ganz sanft und friedlich geworden, ließ sich Liberius auf eine Art Thronsitz nieder, vor dessen Stufen die beiden Besucher ehrerbietig zu ihm emporblickten. Er begann jetzt in jenem weichen, demutvoll klagenden Tonfall, der so bezeichnend ist für die Sprache der Kirche. »Unleidlich ist es, in dem Herrn geliebte Brüder, daß nicht einmal in dieser Stadt, die der Herr gewürdigt hat, die Gebeine der Apostelfürsten zu umschließen, dessen Nachfolger das mindeste zu sagen hat. Der Papst, der das von Gott verliehene Recht hat, den ganzen Weltkreis zu beherrschen, muß wenigstens in dieser seiner Stadt gebieten, die sein Haus, in deren Weichbild, die nur sein Hausgarten ist. Von hier aus mögen meine Nachfolger dann den ›orbis‹ erobern; ich beginne mit der ›urbs‹: mir nur die Stadt, ihnen dann einst – die Welt.« »All das ist streng logisch«, sprach Lysias, »ist von jener großartigen Unbeugsamkeit, Unerbittlichkeit des Gedankens, welche die Kirche allunüberwindlich macht, sobald man ihr den ersten Heischesatz eingeräumt hat. Siehst du das ein, mein junger Freund?« Flammende Hitze war bei des Papstes Worten aufgestiegen in Julians bleiche Wangen; staunend hatte er die großen dunklen Augen auf den Redner geheftet. Jetzt, auf die Frage des Lysias hin, wollte er seinem Widerspruch stürmisch Ausdruck geben; allein, er bemerkte die scharf warnende Miene des Freundes. So bezwang er die heftige Wallung und brachte nur die verhaltenen Worte hervor: »Gewiß! Wenn man den Vordersatz zugibt. Allein ...« »Du zweifelst, Knabe?« herrschte ihn der Bischof an. »Lerne glauben, ohne zu zweifeln; hören und gehorchen werde dir eins. Noch wenig gereift hat ihn deine Zucht, Lysias.« – »Vergib ihm! Er ist noch gar jung, noch ungebrochen der natürliche sündhafte Mensch in ihm. Die Vernunft ...« – »Diese Buhle des Satans!« – »Zumal aber der weltliche Sinn hält ihn noch gefangen, die stolze Freude an Staat und Staatsgewalt. Ist er doch, wie ich dir schrieb, einem Geschlecht entstammt, das wiederholt hervorglänzte in der Geschichte dieses Römerreiches ...« – »Des heidnischen! Von allen Sünden und allen Dämonen beherrschten!« – »Aber doch des Großartigsten«, wagte Julian einzuwerfen, »was bisher Manneskraft und Heldentum geschaffen haben auf Erden.« »Mag sein, kühner Weltling! Denn die Kirche, die unvergleichbar großartigere, hat nicht sündige Menschenkraft, sie hat der Heilige Geist geschaffen. Und – sehen wir davon ab! – welchen Wert haben im Vergleich mit der Kirche Recht und Staat und des Staates ganze sogenannte Herrlichkeit?« – »Heiliger Vater«, wagte der Jüngling schüchtern zu fragen, »haben nicht doch auch Staat und Vaterland ihre Berechtigung? Von jeher haben die Menschen in dem Helden, der für sein Volk kämpft, ein Herrliches bewundert ...« – »Heidnische Menschen.« – »Die Dichter und die Geschichtsschreiber von Homer und Herodot bis auf unsere Tage ...« – »Fleischlich, weltlich Gesinnte. Sie preisen die rohe blutige Gewalt.« – »Aber die Pflege des Rechts durch seine Juristen ist doch der Stolz des römischen Volkes! Und sagt nicht selbst der Apostel Paulus: ›Alle Obrigkeit ist von Gott geordnet‹?« – »Du wähnst in deiner Eitelkeit, mich in die Enge zu treiben, junger Mönch; aber du zwingst mich nur, noch tiefer einzudringen, dein Irrsal an der Wurzel zu fassen und es dir ganz aus den Gedanken zu reißen. Recht und Staat! Wohl; der Apostel nennt auch sie von Gott geordnet, und jedermann soll Untertan sein der Obrigkeit, die nun einmal Gewalt über ihn hat. Allein, sagt er etwa, daß dies erfreulich sei? Mitnichten! Freilich: Recht und Staat und Obrigkeit sind notwendig. Unentbehrlich sind sie, jawohl! Aber nicht ein notwendiges Gut wie Kirche und Glaube, nein, wie die Krücke dem Lahmen, wie die bittere – oft an sich giftige – Arznei dem Kranken oder – gut für die andern! So wie der Maulkorb dem beißenden Hund, wie die Fessel dem Tobsüchtigen, wie der Käfig dem reißenden Tier nicht zu seinem, sondern zu der andern Vorteil aufgezwungen wird. Ein notwendig Übel sind Recht und Staat. Bevor der Lahme lahmte, bedurfte er der Krücke nicht, und gesundet er, fort wirft er den verhaßten Notbehelf, der ihn an seine Entwürdigung gemahnt. Der Gesunde nimmt die ekle Arznei nicht, und der Genesende speit sie aus seinem Munde.« »Und das soll – ähnlich – gelten von Recht und Staat?« – »Gewiß, du allzu weltlicher Mönch! Oh, ich will sie dir zerschlagen, Recht und Staat und Heldentum, diese deine hohlen Götzen von Ton, daß du ihre Scherben mit Verachtung auf dem Boden von dir stoßest.« – »Darauf bin ich doch neugierig«, dachte Julian, mit kochendem Unwillen im Herzen. – »Waren im Paradiese Recht und Gericht und Staatsgewalt? Waren Krieger und Richter erforderlich, ja nur denkbar, solang der Mensch vollkommen war, wie Gott ihn geschaffen und gewollt? Sicher nicht! Erst durch den Sündenfall – also durch den Teufel – ist der Streit um Mein und Dein, ist der schwere Fluch der Arbeit – diese härteste Strafe, die, nach ausdrücklicher Erklärung der Bibel, Gott in seinem Zorn auf den Menschen gelegt – ist Gewalttat und Krieg unter die Menschen gekommen. Erst jetzt schlug Kain den Abel, erst jetzt stritten Abraham und Lot um die Weidegründe. Erst jetzt – also durch den Teufel – wurden Richter unentbehrlich und Krieger. Gott hat sie zugelassen, nun ja, wie der Arzt mit Seufzen den Gelähmten nach der Krücke greifen sieht. Durch den Teufel ist die Sünde, und durch die Sünde sind Recht und Staat gekommen in die Welt, und mit dem Teufel zugleich werden Recht und Staat und Richter und Imperator und deine lieben ›Helden‹ untergehen am Jüngsten Tage in strafenden Flammen. Im Himmel – im vollkommenen Zustand – werden die Seligen wieder so wenig des Rechtes, des sündhaften Staates bedürfen als weiland im Paradies. Fluch daher, wie über die Sünde selbst, so über Recht und Staat, ihre Nachkrankheiten! Ja, die Heiden, deren höchstes Gut das Vaterland, deren Licht die versündigte, verteufelte Vernunft, deren Heimat diese Erde; die mögen auf Recht und Staat und Heldentum das Schwergewicht all ihres Strebens legen. Aber gerade dies ist sündhaft, ist durch und durch sündhaft! Denn das Diesseits zieht vom Jenseits, das Fechten zieht vom Beten, das Richten vom Büßen ab. Des Christen Heimat ist nicht auf dieser Welt. Die Erde ist sein Kerker; er flieht, er haßt, er verachtet diese Weltlichkeit, die vom Fluch der Sünde, vom Teufel durchdrungen ist. Er wünscht sehnlich ihren baldigen Untergang herbei mit allem Pomp und Stolz von Staat und Recht, mit Richterstab und Heldenschwert! ›Eigentum?‹ Des Menschen Sohn hatte nichts, wohin er konnte sein Haupt legen! ›Strafrecht?‹ Christus lehrt, wer dir den Mantel raubt, dem gib das Wams dazu, wer dir die linke Wange schlug, dem biete die rechte zum Schlage dar. ›Richtertum?‹ ›Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.‹ Kein Christ darf einen Christen vor Gericht verklagen! Auf den Verbrecher soll den ersten Stein nur der Schuldlose werfen: also weder Richter noch Henker will Christus! All das sind Ausgeburten der durch den Sündenfall verdunkelten Vernunft. Ich wiederhole: Der Christ, der im Jenseits seine Heimat hat, darf, soll, kann kein Herz haben für die vergängliche, dem Untergang geweihte, versündete Welt und ihren Staat. Möge der bald mit dem Teufel zugleich in Flammen untergehen: es ist seine gerechte langverwirkte Strafe.« Hier machte der Erzürnte eine lange Rederast. Er suchte offenbar nach einem Übergang und fand ihn nicht. In Julian tobte der leidenschaftliche Widerspruch, aber das warnende Auge des Lysias hielt ihn in unwilligem Schweigen gebannt. »Einstweilen aber«, fuhr endlich der Bischof fort, »solang das Reich Gottes, das himmlische, nicht gekommen ist, solang die Kirche auf Erden den als ein Übel von Gott einstweilen noch geduldeten Staat neben sich ertragen muß, einstweilen muß doch schon – in aller Demut! – dafür gesorgt sein, daß das Oberhaupt der Kirche nicht jenen sündhaften Weltlingen in Ohnmacht zu Füßen liegt. Es muß wenigstens der Anfang geschaffen werden auch einer weltlichen Herrschaft der Kirche, die erste Stufe muß gelegt werden zu einem stolzen Bau, auf dessen Spitze der römische Bischof dereinst die oberste Gewalt, auch die weltliche Herrschaft, üben wird auf der ganzen Erde.« Hoch auf horchte Julianus. Der Papst bemerkte seinen fragenden Blick. »Ja, auch auf Erden! Was ich binde oder löse, soll auch auf Erden schon gebunden sein oder gelöst. Wie kann ich binden und lösen – auch auf Erden! – ohne irdische Macht? Jeder heidnische Centurio des Imperators hat mehr Befehlsgewalt in den Straßen Roms denn der Nachfolger Petri. Das muß anders werden.« Einen raschen, warnenden Blick warf Lysias auf den jungen Mönch. »Ich staune doch!« sprach dieser. »Mit welcher Demut hast du, erhabener Vater, noch bei dem letzten Eintritt des Imperators – man schrieb es uns in das Kloster – dich den Knecht ...« »Ei, es ward mir schwer genug, das Haupt der Kirche, die da heilig ist, zu beugen vor dem unheiligen Haupte des unheiligen Staates. Aber noch – noch kann ich meine Ansprüche nicht den Laien zu erkennen geben; denn noch kann ich sie nicht beweisen. Und um den Beweis zu beschaffen, deshalb hab ich dich, o Presbyter, die Schärfe deines im Urkundenwesen und im weltlichen Recht vielbewanderten Geistes berufen. Der gottselige Abt Konon hat dich mir auf das wärmste empfohlen. Und deshalb auch hab ich diesen noch Unreifen zugelassen zu unserer Unterredung, auf deinen brieflichen Wunsch; du rühmtest, er sei geschickt im Schreibwerk und mit der Sprache der Rechtskundigen im Kloster wohlvertraut gemacht worden. Wohlan, hier mag der Anfänger seine Erstlingsleistung schaffen: in dem Dienst der Kirche.« Mit äußerster Spannung hefteten sich die dunklen Augen Julians an die schmalen, scharf geschnittenen Lippen des Bischofs; er brachte kein Wort hervor. An des Sprachlosen Statt sprach Lysias: »Er wird es sich zu höchster Ehre rechnen, auch im Unscheinbarsten dir, Heiliger Vater, zu dienen. Vergib sein seltsam Schweigen; die Ehrfurcht, die tiefe Scheu vor deiner hohen Würde bindet ihm die Zunge. Wohlan, sprich es aus: Was soll ich, was soll der Jüngling für dich tun?« – »Eine Urkunde schreiben.« – »Gern. Welcher Art?« – »Eine Schenkungsurkunde. In aller Form Rechtens, hört ihr? Scharf, genau, mit Einfügung aller Klauseln, die ein solches Rechtsgeschäft unanfechtbar machen für jedermann.« – »Das soll geschehen. Allein, weshalb wählst du hierfür nicht ...?« – »Einen weltlichen Rechtskundigen?« lächelte der Bischof, »aus guten Gründen! Es handelt sich um eine Schenkung des frommen Imperators Constantin, dem Gott nun im Himmel seine Verdienste um die Kirche in ewiger Seligkeit vergilt.« Julian schoß eine Blutwelle in das Antlitz. »Ihr werdet eine Urkunde aufsetzen, in welcher der Imperator zum Dank für die wunderbare Heilung von dem Aussatz meinem Vorgänger, dem wundertätigen Sankt Silvester, und dem römischen Stuhl für ewige Zeiten zu eigen schenkte die Stadt Rom und das Weichbild von Rom im Umfang von soundso viel Miliarien (... das werd ich noch nachtragen ...!), mit allen Herrschaftsrechten der imperatorischen Gewalt; also mit dem Recht, eigne Truppen zu halten, Krieg zu führen, Verträge zu schließen, Frieden zu machen, Gerichtsbarkeit in Straf- und in bürgerlichen Sachen, Verwaltungshoheit, Münz-, Zoll- und Steuerrechte, Weg- und Brückenrecht; kurz, alle Hoheitsrechte, wie sie jetzt der Augustus übt.« Ohne die Willensabsicht des Bischofs irgend zu verstehen, starrte Julian ihn an. Sogar Lysius faßte nicht gleich den Inhalt dieses Auftrags. »Ich staune! Solch unberechenbar weites Zugeständnis hat der Imperator der Kirche ...?« »Ja, der Aussatz ist ein schweres Leiden und nur durch ein Wunder heilbar!« – »Und aufsetzen? Abschreiben meinst du wohl, Heiliger Vater?« Unwillig erwiderte dieser: »Schwerfälliger! Wozu abschreiben? Das könnte ich doch selbst.« – »Ich verstehe nicht ganz ...« – »Verfassen sollst du die Schenkung. Der Imperator trug sich, ich weiß es – oder ich will lieber sagen: ich vermute es – mit ähnlichen Gedanken. Mein Vorgänger Silvester drang in ihn mit solchen Bitten. Der Tod Constantins kam der Erfüllung zuvor. Wohlan! Verbessern wir sehend den blinden Zufall zu frühen Sterbens! Ergänzen wir, was der Imperator wollte, wollen sollte, wollen mußte, zum Heil seiner Seele und der Kirche. Ihr verfaßt den Rechtsinhalt der Schenkung. Seine Unterschrift ..., die werde ich besorgen; ich kann sie machen, nachmachen ... so gut ... wie er selbst ... Aber was ist dem Knaben ...?« »Nichts! Nur eine Ohnmacht!« sprach Lysias, den Sinkenden in seinen Armen auffangend. Der stöhnte noch einmal leise. Dann vergingen ihm vollends die Sinne. Achtes Kapitel Als der Jüngling die Augen wieder aufschlug, sah er sich in einem ihm unbekannten Gemach. »Wo bin ich?« fragte er Lysias, dessen Blick gespannt auf dem bleichen Antlitz ruhte. »In Sicherheit vor den Menschen und nun – den Göttern sei Dank! – auch in Sicherheit vor dem Tode. Du rangest in diesen Tagen und Nächten schwer um dein Leben mit den Mächten der Finsternis. Aber die guten Götter des Lichtes und des Gedeihens haben mein Flehen erhört. Nachdem du heute – es ist der dritte Tag – das Bewußtsein voll wiedergefunden, ist die Krankheit gebrochen; es war ein Rückfall in das hitzige Fieber, das dich bei der Entlarvung der Mönche ergriffen hatte, erneut durch eine ähnliche Erregung. Du bist abermals genesen. Aber nun ist deines Bleibens nicht mehr in Rom. Du mußt fort – heute noch. Fliehen!« »Fliehen! Warum? Vor wem?« – »Unseliger! Hast du vergessen, was geschehen? Dort in der Krypta!« – »O nein!« entgegnete der Bleiche, sich schaudernd aufrichtend. »Der Papst! Die Urkunde – die Fälschung, die er forderte ...« – »Still! Nicht so laut! Wer weiß, ob seine Lauscher nicht sogar bis hierher ...« – »Was ist das für ein seltsamer Raum? Unter der Erde, wie es scheint. Nur ein schmaler Lichtstreif fällt von oben durch mächtige Gewölbequadern. Und welche Bilder sind rings eingehauen in die Wand! Sonnen! Viele Sonnen! Ein ägyptischer Krieger, nein, ein Gott mit einem Sonnenschild. Und dort ... das ist Phöbus Apollo! Wo bin ich?« »In dem geheimen Gewölbe des Apollotempels nahe der Brücke Hadrians.« – »Wie? Unter den zähesten Heiden? Ich staune.« »Du wirst bald noch stärker staunen. Versuche, ob du das Lager verlassen kannst. Siehst du! Es geht! So wird dich ein Maultier bei Einbruch der Dunkelheit davontragen, ehe deine Verfolger ...« – »Aber wer verfolgt mich?« – »Der Heilige Vater. Er hat Verdacht geschöpft, du seiest doch noch nicht ganz reif gewesen für seine Pläne. Er ließ dich an deinem Krankenlager im Haus unseres Gastfreundes, wohin ich dich brachte, scharf überwachen. Mit Mühe gelang mir's, nachdem ich durch vertraute alte Freunde dich hierher geflüchtet, seine Späher glauben zu machen, du seiest – in einem Fieberanfall – mir entsprungen. Ich verabschiedete mich bei dem Heiligen Vater unter dem Vorwand, dich zu suchen. Du seist mir für jene Urkundenverfassung unentbehrlich.« – »Was kann er wollen? Doch nicht mich morden?« – »Das ist nicht nötig. Aber auf immerdar für jedes Menschenauge verschwinden lassen in einem der vielen Klöster, über die er unbedingter gebeut als der Imperator über seine Kastelle. Schon mancher ist so ... verloschen, spurlos. Du aber sollst nicht, du Stern der Hoffnung für mich und für das Römerreich, ja für die Götter selbst, erlöschen in der Nacht eines Zellenkerkers.« – »Nein! Jetzt will ich leben – wirken! Ich will ihnen zeigen, diesen Priestern ohne Vaterland, ohne Staat ...« – »Rege dich nicht auf. Spare deine Kräfte. Du wirst sie brauchen. Denn dein Weg ist weit.« »Wohin ...?« – »In die Freiheit.« – »Aber ... der Imperator? Wird er nicht alsbald erfahren, daß ich nicht wieder in das Kloster ...?« »Bei dem Imperator, in dem ganzen Palast ist wieder einmal einer jener plötzlichen, rätselhaften Umstände eingetreten, die nicht eben selten sind. Wieder einmal ist zurückgedrängt der Einfluß seiner bösesten Geister: der Eunuchen und des Präpositus des Schlafgemachs, des elenden Eusebius, des bittersten Feindes deines Hauses. Der Imperator selbst hat befohlen, in vollem Wechsel der Gesinnung oder doch der Maßregeln – niemand begreift die Ursache –, daß du das Kloster vertauschen sollest mit der Stadt Macellum in Kleinasien.« – »Also bin ich frei!« jubelte der Jüngling. Dieser Gedanke schien ihm neue Kräfte zu geben; er sprang auf. »Nicht nach des Tyrannen Meinung! Die Stadt ist eine Feste, und du wirst in ihren Mauern bewacht sein wie bisher in dem Klostergarten. Aber du sollst einen Lehrer erhalten: für weltliche Dinge.« – »O welche Freude!« – »Selbstverständlich einen eifrigen Christen. Aber getrost. Ich darf ihn dir auswählen; mir überließ das ... nun, sagen wir, ein Ratgeber des Imperators.« – »Und du wählst?« – »Mich selbst. Allmählich bist du reif geworden, mehr zu vernehmen von meinem Gotte, ja nun darf ich es aussprechen: von meinen Göttern.« – »O mein Vater! Ich folge dir, wohin du führst.« – »Nur noch kurze Zeit! Alsbald wirst du mich führen. Mich und die Menschheit: zum Siege, zum Lichte, zum Siege des Lichts und aller großen Götter.« Neuntes Kapitel Sobald es völlig dunkel geworden, holte Lysias, der sich in die Stadt begeben hatte, den noch Wankenden ab aus seinem Versteck; beide warfen über die Mönchskutten lange Soldatenmäntel, die der Presbyter mitgebracht hatte. Durch menschenleere Gassen und Gäßlein führte der Ortskundige an das Pränestinische Tor im Osten der Stadt. Der ägyptische Söldner, der hier Wache stand, senkte ehrerbietigst den Speer, als ihm Lysias ein Wort zuflüsterte, und ließ sie vorübergleiten. Wenige Schritte vor der Umwallung lag seitwärts, rechts von der breiten Via Gabiana, ein ansehnliches Grabmal in einem kleinen Haine von Pinien: Die Obelisken zu beiden Seiten, die Sphinx als Wächterin davor, der Ibis als häufigstes Symbol wiesen auf das Land des Nils. Lysias schlug in die Hand; da tönten leise Schritte aus dem Wäldchen. Ein Neger in der Tracht des Morgenlandes führte ein Roß und ein Maultier auf die Straße, half schweigend den beiden aufsteigen und verschwand, nachdem er ehrfürchtig vor Lysias die Arme über der Brust gekreuzt hatte. Der trieb beide Tiere zu raschem Ritt, bis sie die Stadt eine gute Strecke hinter sich hatten. Kein Wort sprachen sie. Mit stillem Staunen sah der Jüngling auf den von solchen Geheimnissen umgebenen Meister. Nun zog der die Zügel und hielt: »Hier wollen wir kurze Rast halten, mein Sohn«, mahnte er. »Steig ab und setze dich neben mich hier auf den Rasen und lehne den Rücken an diesen Meilenstein. Du bist noch recht schwach! Da, trinke von diesem Wein, du bedarfst der Stärkung. Ich binde die Tiere an jenen Ölbaum.« Julian sah wie träumend um sich her, dann empor gen Himmel, wo ungezählte Sterne prachtvoll leuchteten. Alles deuchte ihm so rätselvoll. Es war eine milde, warme Septembernacht; der Mond stieg eben im Osten aus dem niederen Buschwald empor und übergoß die weite Ebene mit seinem feierlichen Licht. Alles still, nur zuweilen hoch in den Lüften eines ziehenden Wandervogels Ruf. Der Jüngling saß regungslos, wie ein Verzauberter. »Schläfst du, mein armer Knabe?« fragte Lysias, sich nun neben ihm niederlassend. »Nein, Meister. Ich wache und staune; und kann kein Ende finden des Staunens. Was hab ich erlebt, wie bin ich verwandelt seit wenigen Monden! Wie Schuppen gleitet es von meinen Augen. Aber am meisten staune ich über dich, du Mann der Wunder, der Geheimnisse. Sprich, bist du ein Zauberer, einer jener Magier deiner Heimat, dort am heiligen unerforschten Nil? Du hast bisher alle meine Fragen über dich, über die unfaßlichen Widersprüche in dir abgewiesen, hast mich stets auf die Zukunft verwiesen. Diese Zukunft, wann endlich wird sie Gegenwart?« Der Gefragte antwortete nicht gleich; er zog aus der Brusttasche eine längliche Rolle, die mit Sternen, mit den Himmelszeichen, mit krausen, wirren Schnörkeln, mit Linien in verschiedenen Farben dicht überdeckt war. Sinnend blickte er hinein, sah dann, leise rechnend, auf gen Himmel, folgte mit dem Finger auf dem Papyrus mehreren Strichen und hob nun erst an: »Ja, mein Sohn, jetzt kam die geweihte Stunde der Enthüllungen. Günstig stehen alle Sterne, alle Zeichen winken Heil; sieh, diese goldenen Striche enthalten dein Horoskop.« – »Wie kommst du dazu, o Meister. Wer hat ...?« – »Ein Freund, ein Lehrer, wenn du willst, wenigstens in Sternkunde, der zugleich ein treuer Freund deiner Eltern war, hat mir die Stellung der Gestirne im Augenblick deiner Geburt anvertraut, sobald ich ihm schrieb, daß ich dich in jenem Kloster gefunden. Denn du warst ja dort aller Welt verborgen. Nur jener blödgläubige Johannes – auch ein Bekannter deiner Eltern – hatte dich vor mir entdeckt.« – »Und wer ist jener Freund meiner armen Eltern, der sich um den eingesperrten Waisenknaben kümmerte?« »Das bleibt geheim. Er will, daß sein Name nie genannt wird. Auf dem unverbrüchlichen Geheimnis beruht seine Macht.« – »Seine Macht? Welche Macht?« – »Die Macht, dir zu nützen, dich zu schützen. Ihm offenbar verdankst du den plötzlichen Umschlag ...« – »Also lebt er am Hofe?« – »Frage nicht weiter. Aus deinem Horoskop nun, o geliebter Sohn, ergab sich mir, was mich im tiefsten Kern erschütterte: daß dein Geschick und das meine, das meiner ... meiner Familie unauflöslich miteinander verflochten sind.« – »Das hat sich schon bewährt, mein Lehrer und Erretter«, sprach Julian, dankbar seine Hand ergreifend und an die Lippen ziehend. »Aber mehr noch: Aus deinem Horoskop geht zweifellos hervor, daß du, ein Liebling der großen Götter, wie nur etwa noch Alexander oder Cäsar ...« – »Alexander oder Cäsar«, wiederholte Julian in Bestürzung, weit die Augen aufreißend und in die Sterne schauend. »Berufen bist zu allergrößten Taten; ja zu der größten, die getan werden kann, sagen die Sterne. Welche aber ist die größte aller möglichen Taten? Das konnte, mußte ich leicht mir selber sagen! Nachdem die Lehre jenes jüdischen Schwärmers die alten Götter aus ihrer Herrschaft vertrieben hat: Was ist die größte Tat? Du wirst die Christenkirche stürzen und die Olympier rächen und erneuern.« Da sprang Julian auf: »Aber ich glaube ja nicht an die Olympier.« – »Glaubst du noch an Christus?« – »Nein! Oder ja, ja doch! Nein! Ich ... ich weiß es nicht. Mir schwindelt.« Er sank wieder gegen den Meilenstein. »Ich kann nicht mehr denken.« »Du sollst jetzt nicht denken. Das heißt: nicht über diese schwersten Dinge. Du sollst, du mußt erst bei mir denken lernen.« – »O, mit welcher Heißgier werde ich jedes deiner Worte einschlürfen! Du bringst mir ...« – »Die Freiheit. Die Schönheit. Die Wahrheit.« – »Aber verehrter, großer Meister – du selbst –, wer bist du? Welches Rätsel, welche Widersprüche schließest du ein? Ich lerne dich kennen in jenem Kloster als Priester, als Johannes übergeordnet, als Vertrauten des Abtes, der als ein kirchlicher Eiferer gilt, als Vertrauten sogar des Papstes, und zugleich bist du es, der mir die Augen öffnet, der mir den bisher so felsenfesten Glauben unterwühlt, der du die alten Götter verehrst. Und du hast Freunde am Hof! Du hast in Rom verborgene Freunde. Des Apollo-, des Osiristempels geheime Gewölbe sind dir zugänglich, der Ägypter am Tor beugt sich vor dir, stumme Neger dienen dir. Wer bist du, Lysias?« »Ptolemäos heiße ich mit meinem wahren Namen. Das heilige Land des Nils ist meine Heimat. Väterlicherseits stamme ich ab von jenem großen Ptolemäos, der Alexanders Feldherr und Nachfolger in Ägypten war; aber die Mutter unseres Stammes ist eine Tochter der Pharaonen gewesen, und alle meine Ahnen sind Söhne und Priester des Sonnengottes und des Zeus Ammon, als dessen Sproß auch Alexander selbst sich fühlte. So haben meine Vorfahren seit unvordenklichen Tagen in Ägypten in königlichen, in priesterlichen, in halbgöttlichen Ehren gewaltet. Rom hat nach der Eroberung des Landes nur die weltliche Macht erworben und sie zum Heile, zur Wohlfahrt unseres Landes verwendet. Gar viel römisch Blut, Töchter der edelsten Geschlechter, haben sich dem Mannesstamm unseres Hauses zugemischt; so bin ich nicht minder Römer als Grieche und Ägypter. Die Größe Roms war auch unsere Größe; unsere priesterliche Herrschaft ward von Rom nie angetastet, vielmehr wurden Osiris und Isis und der unbesiegte Sonnengott am Tiber bald gefeiert wie am Nil. Als Oberpriester des ägyptischen Sonnengottes waren meine Ahnen, ja noch mein Vater, neben dem Statthalter Roms, oft auch vor ihm in der Verehrung des Volkes, die Ersten Männer des Landes! Da – da kam das Gräßliche. Das unertragbar Grausame! Kaum hatte Constantin die Kirchenlehre der Schranken entledigt und ihr sich parteiisch zugeneigt, da mißbrauchten die Bischöfe, die Priester, die Mönche die ihnen gewährte Freiheit zur furchtbarsten Unterdrückung des alten Gottesdienstes. Das Blut der Heiden floß in Strömen, unsere Tempel, unsere heiligen Haine, die Bilder der Götter wurden zerstört, verbrannt, zerschlagen, die Tempelschätze geraubt, den Kirchen zugewendet. In einem solchen rasenden Ausbruch der christlichen Wut zu Memphis ward mein Vater, der götterweise Bokcharis, als Oberpriester des gesamten Götterdienstes am Nil am meisten von ihnen gehaßt – da er um keinen Preis die Taufe nehmen und nicht die verborgnen Tempelschätze ausliefern wollte – auf das grausamste gefoltert; dann, da er beharrlich blieb, ermordet; ebenso meine älteren Brüder. Unseres Geschlechtes uralte Paläste wurden niedergerissen, ausgeplündert, all unser Vermögen geraubt. Mich, den Zehnjährigen, rettete Tefnach – ein entfernter Verwandter – nur dadurch, daß er versprach, wie er selbst, unter Todesdrohung, die Taufe genommen, nun so mich zum eifrigsten Christen zu erziehen, zum Priester weihen zu lassen. Und die strenge Überwachung des Bischofs zu Alexandria sorgte dafür, daß dies alles geschah – äußerlich. Aber mein Erzieher – ich danke es dir, o Verklärter! – erzog mich im geheimen in dem glühendsten Hasse gegen die Christen, die Mörder meines Vaters, die Räuber unseres Vermögens, die Verderber unserer Götter, die Schänder unserer Heiligtümer. Er weihte mich in alle Geheimlehren, in alle Weisheit und Wissenschaft Ägyptens ein. Wisse: Alle heimlichen Verehrer der alten Götter standen und stehen in verborgenem innigen Zusammenhang. Er war das Haupt dieses geheimen Bundes, dessen Glieder über alle drei Erdteile verstreut sind; und als er starb, schwor ich, als sein Nachfolger, in seine erkaltende Hand: Ich werde nicht ruhen und rasten, bis ich an den tief gehaßten Christen tausendfältige Rache, wilde, heiße, unersättliche Rache genommen und die alten Götter Ägyptens, Griechenlands und Roms wieder eingesetzt habe auf die goldenen Stühle ihrer Weltherrschaft! Ich habe geschworen, und ich werde es halten: Rache, Rache, fürchterliche Rache! Und an Stelle der Bischöfe soll in Ägypten vom Kanopos bis Meroë wieder herrschen sein ehrwürdigstes, den Göttern entstammendes Priestergeschlecht: ich selbst und ... mein Haus – und du, geliebter Sohn, den, einen Sproß des verhaßten Hauses der Constantier, die Sterne, nein, die Götter selbst, mir zugeführt haben, neben mir zu kämpfen, zu siegen, zu rächen und zu herrschen im Morgenland und Abendland. Sieh, da schoß am Himmel hin ein Stern, die Götter winken Gewährung. Auf! In den Sattel! Deinem Ziel entgegen!« Zehntes Kapitel Jahre waren verstrichen seit jener eiligen Flucht aus Rom. In Macellum, der alten, von dem Flusse Sarus umspülten Festung der Provinz Kappadokien, in dem Säulengang des Palatiums – es war ein entgötterter Tempel des Ares – wandelten in vertrautem Gespräch Lysias und Julian; statt der Mönchskutten trugen sie weltliche Gewandung. Der Jüngling war merklich verändert. Er war der Mannheit erheblich entgegengereift. Die Spuren der wiederholten, todesgefährlichen Krankheitsanfälle waren geschwunden, blieb die Gestalt auch zeitlebens eine schmächtige, fast allzu zarte. Das Krankhafte in dem Ausdruck des Gesichtes war jetzt gewichen. Zwar ein suchendes Sehnen lag in den dunkeln schwärmerischen Augen; aber dies Sehnen schien, wenn ein Schmerz, ein süßer, ein geliebter Schmerz zu sein. Dieser Zug, dieser Ausdruck war neu auf dem Antlitz des Jünglings und so stark ausgeprägt, daß er auch einem minder scharfen Beobachter als Lysias aufgefallen wäre. Dieser begann denn, alsbald nachdem sein prüfender Blick auf Julian geruht hatte: »Aus der Lyra deiner Seele, geliebter Sohn, zittert ein neuer Ton. Eine Saite – eine neue Saite – ist darin aufgezogen ...« – »O Meister!« erwiderte Julianus. Es sollte eine Verneinung bedeuten, aber dies mißlang. Verlegen wandte er das Gesicht zur Seite, er errötete. Gar auffallend war in diesen sonst so bleichen Wangen das plötzliche, lebhafte Einschießen der Blutwellen. »Du schweigst?« – »Ich staune!« rief Julian. »Oft schon hat mich deine Sehergabe in ehrfurchtsvolle Scheu versetzt. Aber das ist doch das Wunderbarste! Wie – wodurch – vermagst du in meiner Seele zu lesen? Erleuchtet dich wirklich ein Strahl unserer Götter?« Lysias lächelte seltsam, ein wenig unheimlich: »Vielleicht wäre es ersprießlich für mich – mehr noch für dich! –, dich in solchem Glauben zu bestärken; du würdest mir dann immer folgen, blindlings folgen.« – »Das werde ich ohnehin, mein großer Meister.« »Wer weiß! Wodurch ich in deine Seele zu schauen vermag? Einmal, weil ich, seit bald einem halben Jahrhundert im Kampfe mit den Herrschern der Welt, in gar vieler Menschen Brust zu lesen gelernt habe; vor allem aber, weil ich dich liebe, o Julianus, mit begeisterter Hoffnung auf Rächung und Rettung der Götter. Sieh, diese Liebe ist so zwingend, daß ich auch jetzt wieder, von weiter Ferne, aus Ägypten, zurückgekehrt, sofort zu dir eilte, noch bevor ich in mein eigen Haus eintrat. Dein neues Geheimnis ist mir kein Geheimnis: Du liebst, o Julianus, liebst zum erstenmal.« »Und für ewig!« rief der Jüngling schwärmerisch. »Auch wenn der unbesiegte Sonnengott meine Seele aus der Asche dieses Leibes, in anderer Hülle, in eine höhere Sphäre auf den goldenen Stern meiner Läuterung entrückt haben wird. Alles an Julian mag er wandeln durch verklärendes Licht, nicht dies Gefühl.« – »Teurer Schwärmer! Also: Du sahst in diesen Wochen meiner Abwesenheit wiederholt ein Mädchen ...« – »Eine Göttin!« – »Sie zog dich an; ihre zarte Schönheit, gerade weil sie dich zu meiden schien.« – »Wahr, alles wahr. Täglich, wenn ich in die Bäder des Aurelianus ging, traf ich an der gleichen Stelle, unter dem Platanenhügel, eine schön geschmückte Sänfte, die, getragen von vier gleich gewandeten Sklaven, abbog nach dem Frauenbad der Amphitrite. Die Fenster waren durch Lattengitter geschlossen. Du weißt, man sieht dann von innen heraus, nicht aber hinein. Eines Tages strauchelte einer der vorderen Sklaven, er ließ die Tragstange los, die Sänfte drohte seitwärts umzuschlagen. Ich sprang herbei, riß sie empor und stützte die Last, bis jener wieder zugriff; dabei war das Gitter in die untere Öffnung herabgeglitten, und ich sah in der Sänfte ...« – »Ein wunderschönes Mädchen.« – »Dunkle, große, seelenvolle Augen ...!« – »Dunkles, reichflutendes Haar, marmorweiße Züge ...« – »Oh, spotte nicht! Denn – durch Zufall – trifft dein Erraten zu. Sie dankte anmutvoll; wie lieblich klang die sanfte Stimme! Ich ... ich erglühte, und doch durchzog mich leise kalter Schauer. Ich wagte nicht, nach ihrem Namen zu fragen: süße Scheu hielt mich ab. In den nächsten Tagen ..., welche Wonne durchrieselte mich; ward, sobald ich in die Nähe der Platanen kam, der Gitterladen herabgelassen, wir wechselten – im Vorüberwandeln – wenige hastige Worte. Der Freigelassene, der die Sklaven führte, schien die Zwiesprache nicht gern zu sehen ...« – »Ein Freigelassener?« unterbrach Lysias verwundert. »Und wie heißt ... hast du den Namen nicht erfahren?« – »Jawohl! Helena! ›Herrin Helena‹ redete sie das Gefolge an.« Lysias nickte stumm. »Nun, und das Ende?« – »Das Ende war ihr plötzliches Verschwinden. Sie hat die Stadt verlassen.« – »Du irrst«, lächelte Lysias ruhig. – »Leider weiß ich es gewiß. Ich hatte mir ein Herz gefaßt ... ich hatte beschlossen, den nächsten Morgen sie selbst – nicht die Sklaven, das widerstrebte mir – zu befragen, um ihre Herkunft, ihre Eltern. Zu rechter Zeit war ich an Ort und Stelle. Alsbald erschien auch die Sänfte, aber nicht nach dem Bade ward sie getragen! Unter unsern Platanen glitt das Gitter herab, eine weiße Hand winkte mir grüßend, ach den Abschiedsgruß! Rechtsab bogen die Sklaven, nach dem Flusse zu; in den Hafen eilten sie. Vor meinen Augen bestieg die Unbekannte ein dort harrendes Schifflein. Das zog die Segel auf und war draußen in der blauen Ferne verschwunden, noch bevor ich den Marmordamm des Flußufers erreicht hatte.« – »Unmöglich! Ganz unmöglich! Vergib! Ich muß in mein Haus! Sofort.« Und verwirrt, bestürzt, wie der Jüngling den fest in sich Geschlossenen nie gesehen, eilte Lysias aus dem Gemach. Zu Julians schmerzlichem Erstaunen ließ ihm der geliebte Lehrer gleich darauf sagen, obwohl gerade erst zurückgekehrt, rufe ihn ein wichtiges Geschäft sofort wieder ab in eine ferne Stadt von Asien, wo Glaubenskämpfe auszubrechen drohten. Vergeblich eilte der Jüngling, Abschied zu nehmen, in die Wohnung des Geheimnisvollen: der war schon aufgebrochen mit seinem ganzen Haushalt. Elftes Kapitel Wenige Tage nach des Lysias plötzlicher Abreise nahte sich dem Nordtore von Macellum ein stattlicher Zug; glänzend gerüstete Reiter sprengten voraus. Die purpurfarbnen Helmbüsche bezeugten, daß sie der kaiserlichen Leibwache, den Domestici, angehörten. Darauf folgte eine festgeschlossene Sänfte von eigenartiger Gestalt und dunkler Färbung, umwogt von zahlreichen buntgekleideten Sklaven, die sich in dem Tragen der Last ablösten, während den Schluß des Aufzuges abermals berittene kaiserliche Leibwächter in größerer Zahl bildeten. Die Ankömmlinge hielten in dem Säulenhof des Palatiums. Ein junger Mann steckte neugierig den Kopf aus der Sänfte. Er versuchte auszusteigen, jedoch der Befehlshaber der Wachen schob ihm die Hand von dem Griff der Türe zurück. »Geduld! Ich weiß noch nicht, ob ich dich hier herauslassen darf. Der Eunuch des Imperators trug dessen versiegeltes Schreiben zu dem Präses von Kappadokien! Schon kommt er aus dem Palatium zurück. Nun, was soll hier geschehen?« Der glänzend gekleidete Palasteunuch erwiderte: »Du darfst ihn hier aussteigen und sich in dem geschlossenen Hof ergehen lassen ... mit ... mit dem andern, den der Präses selbst herbeiholt. Aber – bei Todesstrafe für uns alle! – keinen Schritt aus dem Tore dieses Hauses. Siehe, sie kommen.« Aus dem Inneren des Hauses traten in das Atrium zwei Männer. Wachsam blieb der ältere stehen. »Wohlan, Julianus, du magst an jene Sänfte gehn.« Staunend, mißtrauisch unterbrach Julian: »Ist es eine Sänfte? Ich dachte ... ein Sarkophag! Ganz schwarz – und über der Türe, grell gemalt, ein weißes Kreuz! Tote bringt man so.« »Oder Gefangene«, lächelte der Präses. »Aber diesmal ist der Insasse weder das eine noch das andre. Der Imperator in der unergründlichen Güte seines Herzens ...« – »Ja, sie ist unergründlich! Sogar unerfindlich!« spottete Julian leise für sich. – »Hat verstattet, daß du den Reisenden ...« – »Er reist wohl in den Hades?« – »Sprechen darfst, während die Reichspost dem Zuge frische Pferde zuführt. Ich lasse euch allein. Denn ich will nicht hören, was ihr sprecht. Am Ende müßte ich es verantworten!« Er trat zurück in das Haus. Als Julian vor der Sänfte stand, öffnete der Eunuch deren Tür. Da sprang mit hastiger Bewegung ein Jüngling heraus, wenige Jahre älter denn Julian, und warf sich diesem in die Arme. »Julianus! Mein Bruder!« rief er jetzt. »Denn du mußt es sein! Man sagte mir, du würdest hier gefangengehalten.« »So bist du Gallus, mein Bruder? Du lebst!« »Wie du siehst! Und du ...« – »Unsere Mutter, ach die schöne Mutter, lebt sie?« – »Ich weiß es nicht.« – »Unsre Schwester ... Juliana –?« – »Sie lebt. Wenigstens noch vor kurzem ...« – »Wo lebt sie?« – »Ich weiß nicht. Aber vor wenigen Monaten erhielt ich einen Gruß von ihr.« – »Durch wen?« – »Ich weiß nicht, durch eine vornehme Jungfrau, die weder den eignen Namen noch irgend andres sonst sagen wollte ... oder durfte! Sie redete mich an – sie war sehr hold – und sprach: ›Ich soll dich und deinen Bruder Julianus grüßen von eurer Schwester Juliana. Sie liebt euch zärtlich. Ich wohnte lange mit ihr in dem gleichen Hause – oder in dem gleichen Gefängnis‹, lächelte sie.« – »Im Gefängnis!« seufzte Julian. – »So rief auch ich, ergrimmend.« – »Sprich nicht von Grimm gegen Constantius!« mahnte Julian, sich erschrocken umblickend, »wenn du leben willst.« Aber der Bruder fuhr trotzig fort. »Oh, ich hoffe noch ganz anders zu sprechen! Und länger zu leben als ...! Nun, die schöne Fremde sah meinen Schmerz und beschwichtigte lächelnd: ‹Das Gefängnis war nur ein Kloster.‹« – »Schlimmer als ein Kerker!« knirschte Julian. Nun traf die Reihe des Staunens den andern Bruder. »Was? Wie sprichst du über Klöster?« – »Still! Schweig! Erzähle von Juliana – von dir – wie lebtet ihr all diese Jahre?« – »Von der Schwester weiß ich im übrigen so wenig wie du! Die Fremde sagte nur noch, sie sei eine Zeitlang, zur Strafe, in das gleiche Kloster verwiesen gewesen, in welchem Juliana schon lange gelebt habe. Wahrscheinlich all diese Jahre seit unserer Trennung.« – »Ich bin schon dankbar, daß sie noch lebt.« »Ich nicht! Wem dankbar? Etwa dem blutigen Tyrannen ...?« – »Schweig, bei Phöbos Apollo! Oder sprich leiser.« »O dürft ich es ihm in die Ohren schreien, wie ich ihn hasse! Sollen wir ihm danken, daß er nicht auch ein Mädchen gemordet hat? Er, der alle Männer des großen Constantinischen Hauses bis auf uns beide ausgerottet? Sie verschont er; bedroht sie doch nicht seinen Thron. Und was haben wir alle andres verbrochen, als daß wir seine nächsten Verwandten sind? Hat er Juliana doch auch so schwer getroffen, als er konnte, ohne sie zu töten. Er hat ihr das Leben nur geschenkt unter der Bedingung der Ehelosigkeit. Er zittert, wie vor uns, vor ihrem möglichen Gemahl.« – »Ehelosigkeit!« wiederholte sinnend Julian. »Bis vor kurzem hielt ich sie nicht für ein Unheil.« Er errötete und brach ab. »Und die Arme, Schutzlose. Sie versprach alles, was man, unter Drohungen gegen sie und uns beide, für den Fall der Weigerung, von ihr verlangte. Solch abgezwungen Gelübde ist freilich nichtig ...« – »Ich weiß doch nicht«, meinte Julian. »Die Schwester wird sich daran gebunden glauben.« – »Das wollt ich ihr schon ausreden.« – »Aber du selbst, lieber Bruder, wo, wie hast du all die Jahre gelebt?« – »In Castra nigra, einem alten Burgnest fern am Halys, in strengster Überwachung, abgesperrt von aller Welt. Nur durch Zufall, oder vielmehr durch treue Freundschaft gegen unser Haus – erfuhr ich vor einigen Jahren, daß du lebest und ein gar frommer, schwärmerischer Christ seist.« – »Ich war es! Aber durch wen vernahmst du von mir?« – »Erinnerst du dich wohl an einen Mönch, einen Büßer, Johannes, der zuweilen auf seiner unablässigen Pilgerfahrt zwischen Rom und Jerusalem im Haus unserer Eltern zu Nikomedia gastete und rastete?« »Gewiß! War er doch zugegen in jener blutigen Nacht. Er, zusammen mit einem kleinen buckeligen Arzt – dessen Namen hab ich vergessen! –, hat die Mutter, hat uns drei Kinder gerettet. War er doch in den Jahren, die ich in Jonien verlebte, bevor ich in das heilige Kloster – das verfluchte! – gebracht wurde, der Lehrer meiner Knabenzeit. Ach, mit Schmerz würde er erkennen, wie weit sich seither der Schüler von seinem Lehrer entfernt hat! Ich sah ihn zuletzt, vor Jahren, zu Pfingsten ...« – Das sagte er mir, als er, der Treue, in unermüdlichem Forschen und Suchen entdeckt hatte, daß auch ich noch lebe und in welchem Versteck. Und er erzählte mir viel von dir und deinem edeln, frommen Geist. Wie strahlten dabei die sanften Augen vor Stolz auf dich! Du würdest noch einmal eine Säule der Kirche, meinte er. Und vielleicht lebe auch unsere schöne Mutter noch. So glaube ein geheimer Freund unseres Hauses am Hofe.« – »Der muß freilich sehr geheim sein«, lächelte Julianus bitter. »So geheim, daß man gar nichts von seiner Freundschaft spürt ...« – »Du irrst! Johannes beteuert, daß damals der Mutter, der Schwester, unser beider Leben gerettet worden. Viel mehr als ihm selbst sei das jenem Ungenannten zu danken.« – »An dieser Selbstverleugnung erkenne ich Johannes.« – »Und dieser geheime Beschützer – nie dürfe er mir ihn nennen! – habe ihm unsern Aufenthalt verraten, auch anvertraut, daß aus den eingezogenen Gütern unserer Mutter in Ionien jährlich ein, freilich geringer, Betrag auf Befehl des Imperators abgeführt werde in eine ihm unbekannte Stadt Galatiens, zu Gunsten einer Witwe. Johannes hält es nicht für unwahrscheinlich, das sei unsere Mutter.« – »Was sollte den Imperator zu solcher Gnade bewogen haben?« Gallus zuckte die Achseln: »Johannes wußte nicht! Vielleicht doch eine Regung des Gewissens oder ein Aberglaube; der Tyrann soll ja so furchtsam sein.« »Oh, unsere Mutter, die geliebte, die heiß geliebte! Noch seh ich sie vor mir stehen, die schönste der Frauen. Ach, ihre Augen! Diese wunderbaren Augen! Wie drang ihr sanfter Blick in die Seele! Ob sie noch leuchten in ihrem weichen Glanz? Und wie gelang es damals wohl Johannes und jenem andern – ich meine, es war ein Arzt, der Bucklige? – uns alle zu retten? Johannes schüttelte den Kopf, befragte ich ihn.« – »Auch mir schwieg er beharrlich hierüber.« – »Der andere tat alles!« erwiderte er ablehnend. »Aber sieh, die Pferde sind gewechselt. Da schreitet schon mein Kerkermeister heran. Wir müssen scheiden.« »Ach, auf wie lange, geliebter Bruder?« – »Vielleicht auf immerdar!« – »Soll ich dich nur gefunden haben, dich wieder zu verlieren? Nein, ich lasse dich nicht!« Und zärtlich hielt Julian den Bruder umschlossen. »Scheidet!« sprach der Centurio, näher tretend. »Ich habe strengste Befehle.« – »Aber sag uns wenigstens«, rief Julian tief bewegt, »wohin führst du meinen Bruder?« – »Ich darf es jetzt sagen; zum Imperator selbst.« – »Zum Tod also!« rief Gallus. Der Centurio zuckte die Achseln, aber der ernste Ausdruck seiner Mienen verriet, daß er keinen Zweifel hege; er schob seinen Gefangenen in die vor ihm niedergesetzte Sänfte. »Leb wohl, Bruder!« rief Julianus ihm nach. Vor des Jammernden Augen ward die Türe der Sänfte zugeschlagen; fort ging in raschestem Lauf der hastende Zug. Zwölftes Kapitel Julian, aus der Türe des Hauses tretend, verfolgte ihn mit den Schritten, dann mit den Augen, solange er vermochte, bis das Gewölk weißen Kalkstaubes auf der Legionenstraße alles verhüllte. Nun versank er in schmerzlich trauerndes Sinnen; er ließ sich auf eine Steinbank neben einem der Grabmäler nieder, wie sie auf beiden Seiten der Straße zahlreich ragten; eine dunkle Zypresse neigte über ihm die Wipfel im Abendwind. Lange saß er so und brütete und grübelte, weshalb die Götter – so dachte und sprach der Schüler des Lysias nun! – die Verfolgung der Unschuld durch das Böse zulassen? Warum siegt das Schlechte, warum leidet das Gute? Er fand keine Antwort. Da weckte ihn aus seinen Träumen der Hufschlag eilender Rosse, die von der Stadt her nahten. Ein Häuflein von Reitern, ähnlich dem der Entführer des Bruders, hielt vor dem Palatium. Julian sah es durch das offene Tor. Der Führer sprang ab, verschwand in dem Hofraum und erschien alsbald wieder, geleitet von dem Präses. Die beiden schritten, aus dem Tor auf die Straße eilend, auf Julian zu, der sich von der Bank erhoben hatte und, Ernstes ahnend, ihnen entgegenging. »Dies ist der, den du suchest«, sprach der Präses. »Wie?« staunte unwillig der Centurio, der, ganz gerüstet, in seinen Waffen klirrte. »Du läßt den Gefangenen so weit auf der Straße sich entfernen?« »Sorge nicht! Ein Späher war ihm gefolgt. Dort hinter dem Grabmal zur Rechten kauert er. Auch sperrt die Straße weiter unten ein scharf bewachtes Brückentor. Er konnte nicht entrinnen.« – »Weh mir, vermochte ich nicht, ihn zu bringen!« Nun trat er auf den Jüngling zu und legte gebieterisch die gepanzerte Rechte auf seine Schulter. »Augenblicklich, o Julianus, hast du mir zu folgen. Nein, nicht erst in das Palatium zurück! Wie du gehst und stehst, so lautet der Befehl.« – »Wessen?« – »Des Imperators selbst.« – »Wohin?« – »Das wirst du bald erkennen! Aber komm, ich muß deine Ergreifung melden.« Und er zog ihn am Arme mit sich fort in die Stadt hinein, wo in der Mitte der Reiter ein Ungewaffneter auf prächtig gezäumtem Rosse saß, in goldstrotzenden, reichgestickten Gewanden. Wie der Mann sich vorbeugte mit seltsamem Grinsen, erschrak Julian ob der abstoßenden Häßlichkeit des gelben, gedunsen feisten Gesichtes, dessen Wangen schlaff herabhingen wie Fettlappen; unheimlich blinzelten die kleinen hellen Augen. »Hier ist mein Gefangener, o Illustris«, meldete der Centurio mit kriegerischem Gruße. »So?« raunte der Vornehme mit dünner Stimme. »Du also bist Julian, der Sohn des Verbrechers Julius?« – »Des Opfers von Verbrechern, willst du sagen. Und wer bist du?« So zornig lautete die Frage; der Illustris fuhr zusammen im Sattel. »Ich?« sprach er dann giftig. »Ich bin – merke dir den Namen! – Eusebius, der Vorsteher des geheiligten Cubiculums.« – »Ah, der Obereunuch! Der Vollstrecker! Verzeihung! Der Einbläser der Blutbefehle des Augustus! Man sagt, der Imperator sei nicht ganz ohne Einfluß bei dir, Eusebius.« – »Schweig doch!« warnte wohlwollend der Präses, hinzutretend. »Vergib ihm, o Illustris. Der Knabe kann einen Witz nicht verhalten, und müßte er daran sterben.« Tod bedeutete der böse Blick, den Eusebius auf den Kecken warf. »Dazu«, zischte er aus den Zähnen, »war diese Bosheit gar nicht mehr nötig.« »Wohin – wohin schickst du mich?« – »Ich schicke dich deinem Bruder nach!« – »Und was haben wir verbrochen?« – »Das frag im Jenseits den Imperator, sobald er dort eintrifft, was spät geschehen möge. Oder noch auf Erden. Die Eingeweide von – nun, gewisse Eingeweide, die haben vor euch beiden schlimmen Brüdern gewarnt.« – »Dann darf ich wohl nicht zu Pferd ...? Richtig, da steht sie ja schon in der Mitte der Reiter, die Sänfte, ganz schwarz, über der Tür ein Silberkreuz, einem Sarge täuschend ähnlich. Genug! Gallus, ich folge dir!« Dreizehntes Kapitel Des Todes jeden Augenblick gewärtig, lag der Gefangene in den Kissen der Sänfte, stumm, ohne Klage, ergeben in sein Geschick. Das rührte ganz allmählich das Herz des rotbärtigen Centurio, dem Eusebius, der gefürchtete Blutmensch, von dem Brückentor von Macellum ab eine andere Richtung einschlagend, die Ausführung des imperatorischen Auftrags überwiesen hatte. »Bei Tius und Donar«, sagte er zu seinem neben ihm reitenden Stammgenossen, »mich erbarmt es um den Buben! Schad um das junge Blut. Er ist heldentapfer. Sieben Tage schleppen wir ihn nun herum. Er weiß es längst, daß es zum sichern Tode geht, und er fürchtet sich wirklich nicht. Lieber laufe ich sieben Stunden Sturm gegen ein persisches Felsennest unter einem Hagel von Pfeilen, als daß ich sieben Tage jeden Augenblick für meinen letzten halte. Es ist eine ausgesuchte Grausamkeit.« Und er schüttelte die zottigen rotgelben Haare unter seinem Helm, den ein braunes Bärenhaupt überragte mit dem als Mantel auf die Schultern herabhängenden Fell. – »Still, Berung«, mahnte der andre. »Wir sind hier nicht daheim im sichern Neckarwalde. Des Imperators Späher horchen überall.« – »Meinetwegen, Vetter Eburwin. Ich habe nur meinen Arm, nicht meine Gedanken in Sold gegeben. Und dem Imperator möcht ich einmal ein paar von diesen Gedanken sagen! Nun, jetzt hat er's bald überstanden. Schon sind dort, trotz dem Abenddunkel, die Türme der Feste Vetera sichtbar; dort: da soll ich ihn vor den Richter stellen, der soll die Tatsache untersuchen und ... nun, Eusebius hat diesen Richter ausgesucht! Man hat noch nie erlebt, daß ein von Eusebius Angeklagter seinen Richter lebend verlassen hat.« – »Anklage!« meinte Eburwin. »Möchte wissen, worauf sie geht? Der bleiche, zarte Träumer sieht nicht aus wie ein Verbrecher.« »Sein Verbrechen ist seine Geburt. Sein Bruder soll ja schon mit dem Beil enthauptet sein zu Tyana. So erzählte mir gestern ein Bote der Reichspost, der uns kreuzte. Aber halt, wir stehen bereits vor den Wällen des Kastells. Siehe da, man erwartet uns schon. Fackeln nahen aus dem finstern Eisentor. Der dort in der Mitte, mit den senatorischen Abzeichen, das ist gewiß der Richter. Schau, die Amtsdiener neben ihm schleppen schwere Fesseln. Und dort, der baumlange Neger, wirklich, der trägt schon auf der Schulter das Richtbeil. Rasch ist die Rechtspflege des Imperators, das muß man sagen! Und der arme Junge, der nicht ahnt, lebend im Sarge, in seiner geschlossenen Truhe, wie nah ihm das Ende! Er soll's doch vorher wissen. Ich mag nicht, daß er mir vor seinen Feinden feig zusammenbricht vor Schrecken.« Er trieb seinen mächtigen Gaul dicht an die Sänfte, hob deren Gitter auf und flüsterte hinein: »Nun, mein junger Held ohne Helm und ohne Schwert, nun gilt's, dich zusammenzunehmen. Beiß die Zähne übereinander und furche die Brauen. Das hilft immer ein wenig, den Schmerz zu verhalten. Ich glaube – aber, fasse dich jetzt! – du bist nun bald erlöst. Schau hin, du wirst jene Fackeln nicht mehr zu Ende brennen sehen.« – »Dank, Germane!« erwiderte der Jüngling mit ruhiger fester Stimme. »Sprich, glaubst du an einen Gott?« – »Das will ich meinen! An viele herrliche Götter glaube ich!« – »So auch ich. Aber der oberste ist der Gott des Lichts, der auch meines Lebens Licht angezündet hat. Klaglos, dankbar geb ich ihm sein Geschenk zurück, verlangt er's wieder. Nicht der Imperator, Phöbos Apollon hat es mir gegeben – und nicht der Imperator, Phöbos Apollon ruft mich ab zu höherem Licht. Ich folg ihm gern.« »Der stirbt so wacker, Eburwin, als dürfte er nach Walhall fahren. Da kommt der Richter. Geschwader! Rechts schwenkt ab! ... So! Halt!« Die Fackeln näherten sich nun, in der Mitte der Richter, der Sänfte, deren vier Träger ihre Last auf die Straße niedergleiten ließen. Schon schritt der Richter mit finstrer Miene an die Türe, sie zu öffnen, als plötzlich von der Stadt her lautes Rufen erscholl und der donnernde Hufschlag eines einzelnen Reiters, der über die eiserne Zugbrücke herausjagte. »Platz! Platz! Gebt Raum für einen Eilboten des Imperators! Haltet ein mit der Hinrichtung! Beide Brüder sind frei. Gallus ist zum Cäsar des Morgenlandes ernannt. Richter, gib den Gefangenen frei! Julianus darf – nach seinem früher geäußerten Wunsche – die hohe Schule zu Athen besuchen. Beide Brüder sollen sich der höchsten Gunst versichert halten.« So rief der Reiter von seinem schweißbedeckten Roß herab, eine Urkunde in der Hand vorweisend. Der Richter nahm das Schreiben entgegen, erkannte das imperatorische Siegel, küßte es ehrerbietig, durchflog den Inhalt, bückte sich tief vor der mittlerweile geöffneten Türe der Sänfte und bat: »Möge es meinem allergnädigsten Herrn, dem Vetter des göttlichen Constantius, dem Bruder des Cäsar Gallus, gefallen, für heute Nacht in meinem schlichten Haus abzusteigen und es durch die Spur seiner Fußtritte für ewige Zeiten zu verherrlichen! Ich bin dein Sklave, o Herr! Tritt in die Freiheit über meinen Nacken hin.« Und er kniete nieder, das Haupt vorbeugend. Julian sprang – an ihm vorbei – hinaus. »Wie heißest du, Germane?« fragte er zu dem Hengst des roten Riesen hinauf. – »Berung heiß ich, Beros Sohn!« – »Ich danke dir, Berung. Gib mir die Hand. Siehst du, Phöbos Apollo, mein Gott, an den ich glaube, hat mich gerettet.« – »Nein! Das hat dir Wodan, der waltende Wunschgott, getan!« – »Nein, mein Sohn«, rief eine weiche Stimme, »dich hat gerettet in seiner Gnade Christus der Herr!« Und der Bote ließ sich halb ohnmächtig von dem Sattel in Julians Arme gleiten. »Wie?« staunte der. »Du, Johannes, du der Bote des Imperators? Welch ein Wunder!« – »Ja, mein geliebter Sohn. Christus der Herr, er tut noch Wunder für die Seinen. Er, er allein hat dich gerettet vor dem sichern, nahen Tode! Vergiß es nie im Leben.« Und bewußtlos sank der Alte auf die Erde nieder vor Julian. Vierzehntes Kapitel Jahr und Tag waren verstrichen. Da wandelte zu Heliopolis in Ägypten in seinem Arbeitsgemach Lysias langsam auf und nieder, ganz vertieft in ein langes Schreiben Julians, das also lautete: »Seinem geliebten Lehrer und Befreier Lysias der dankverpflichtete Schüler Julian.« »Dankverpflichtet. Wie kühl! Wie abgemessen! Also nicht: ›Dankbegeistert.‹ Wie der Schuldner widerwillig des Gläubigers gedenkt.« »Zwar ist es noch nicht gar zu lange her, daß ich dir hier, in dem Athen unseres göttlichen Platon, an den Ufern des Ilissos wandelnd, im Schatten der Platanen meine ›Geschicke‹, was mehr ist, meine Gedanken – die ›geschickten‹ wie die ›ungeschickten‹ (ist das nicht hübsch? Wie nennt man diese Wendung?) mitgeteilt habe, da du, meinem Rufe folgend, als Lehrer eines nur wenig mehr Gelehrigen, hierher gekommen warst. Allein ich fühle: nur unvollständig – ich weiß nicht, weshalb? – konnte ich mich damals dir erschließen. Oder vielleicht besser: wann ich mich erschließen wollte, ergriffst du den Schlüssel und schlossest mir Mund und Seele, selbst den suchenden Blick des Auges zu. Es steht ein Ungreifbares, Unsichtbares zwischen uns. Das will ich vertreiben. Denn es wäre schwarzer Undank, käme ich ferner und ferner ab von dir – von dir, dem ich alles schulde: die Freiheit, das Licht, das Höchste: Phöbos Apollo selbst. Aber freilich, gerade er ist es, Phöbos Apollo, der, wie es scheint, uns scheidet. Denn anders als dir erscheint er mir, seitdem ich, gelöst von der Obergewalt deines reiferen Geistes und von anderen Lehrern belehrt ...« »Aha, das ist's, das ist's«, knirschte Lysias, den Papyrus in der Faust zerknitternd. »Verdrängt haben sie mich aus seinem Gemüt, diese glaubenlosen Sophisten und Rhetoren! Aber ich will sie wieder haben, diese Seele. Nicht für mich wahrlich, für die großen Götter, die nicht zu ergrübelnden. Ich muß ihn wiedergewinnen, mit jedem Mittel. Und ihr wißt es, Phöbos Apollo und Vater Zeus und Athene, nicht bloß um meiner Herrschaft willen, auch nicht nur für das Glück des geliebten Kindes führe ich diesen Kampf. Aber mein muß er bleiben – oder ach! wieder werden –, Julianus, der Beherrscher der Welt, der sternenverkündete Wiederhersteller der Götter und meiner Herrschgewalt am Nil. Und auch was für mein Kind die Sterne gelobt: ›Julian und Helena, das Doppelgestirn der Herrschaft und der Liebe!‹ – wahr muß es werden: oder die Sterne hätten gelogen. Und dann wären auch die Götter Lüge – ebenso wie die Wunder des verhaßten Jungfrauensohnes – unertragbar zu denken!« Er stand nun an dem Fenster, das in den Garten blickte. Leise Klänge einer Lyra drangen zuweilen aus einer halboffenen, um den Springquell gebauten Marmorgrotte. »Armes Kind«, seufzte er. »Als ich plötzlich von der schon betretenen Schwelle des Hades zurückgerissen ward durch den von dir so ungerecht gehaßten Johannes« – (»noch immer hängt er an dem Schwachkopf!«) »und mich hierher versetzt sah in diese von Göttern und allen Musen geheiligte Stadt, da badete meine Seele in Entzücken. Eitel wie ich leider bin – (»zu meinem Glück, so dachte ich früher«, seufzte der Leser, »aber nun beherrschen ihn andere – nicht mehr ich! – durch diese Schwäche) –, schmeichelte es mir wohl auch, daß dieses liebenswürdige Völklein der Athener – es sind die erfreulichsten der Menschen! – seine Freude an dem Sproß des Herrscherhauses hatte und hat, der so eifrig ihren Lehrern lauschte und lauscht. Sie loben meine Leutseligkeit: ist es mir doch Herzensbedürfnis, jedem Menschen, dem ich begegne, Freundliches zu erweisen: Sie ehren mich auf den Straßen, in den Bädern mit frohem Zuruf – oh, ihr Götter – vernimmt das Constantius (und was vernimmt es nicht, sein ungeheures Ohr?), kann ein einz'ger solcher Zuruf mir das Leben kosten! Und die Gefahr, angegeben, verklagt zu werden bei Hof, umgibt mich hier stets und überall: einer meiner Mitschüler, Gregor (er soll aus Nazianz stammen und ist die giftigste Kröte von einem Menschen, die mir im Leben vorgekommen!), schrieb neulich schon an unsern gemeinschaftlichen Lehrer Aidesius: ›Welch Unheil erzieht sich der Imperator an diesem Menschen, der in kindischer Eitelkeit mit dem Philosophenmantel prunkt und sehr wenig zu glauben scheint!‹ (Wie dankbar bin ich dir auch dafür, daß du mich diese altägyptische Geheimschrift gelehrt hast, in der ich sogar über Constantius die Wahrheit schreiben kann, ohne alsbald daran zu sterben!) Allein jene Freude der Eitelkeit ist ein Kleines gegen die berauschende Geisteswonne, in der ich schwimme, seit ich nicht nur die Fesseln der traurigen Lehre des Galiläers von mir gestreift, das ist dein Verdienst (das mich für immer zu deinem Dankesschuldner macht), seitdem ich an des Zerstörten Stelle ein voll befriedigendes Neues gefunden. Und sieh, das ist, was ich an dir, an deiner Lehre vermißte: zerstören konntest du, nichts auferbauen.« »So?« rief Lysias zornig! »Undankbarer!« »Denn was du botest (o vergib) ... es waren doch nur die alten Götter« – (»gibt es Herrlicheres? grollte Lysias) – »des kindlichen, gedankenlosen Volksglaubens, nur ein ganz klein wenig von den grobsinnlichsten Fabeln gereinigt. Aber alle Olympier, so, wie sie die Dichter gesungen, nur ein wenig gesäubert von Ehebruch und Vatermord, sollte ich verehren! Und auch dein Phöbos Apollo, immer blieb er noch der Sohn des Zeus und der Latona, der Tochter eines Titanen, und dein Zeus soll bald in Schwanengestalt, bald als Stier gebuhlt haben. Wenn ich das glauben soll, warum nicht auch, daß der Esel Bileams einen Vortrag gehalten habe? (Ich habe hier in Athen manchen Vortrag von Professoren gehört, der mir jene Eselsgeschichte ganz glaubhaft scheinen läßt.)« »Der Unselige! Er wagt es in frechem Witzeln den wüsten Aberglauben der Hebräer dem Glauben an unsere Götter zu vergleichen!« »Das ist wohl der letzte Grund, der uns bei deinem so heiß von mir erbetenen Besuch hier nicht zu rechtem Einklang gelangen ließ. Aber seither (etwa acht Monde sind verstrichen) habe ich ganz gewaltige Fortschritte gemacht: leider führt mich jeder Schritt – ich sage wahrlich nicht: über dich empor – wohl aber weit, weit hinweg von dir. Höre nur! Ich habe – mit des Imperators Verstattung – nicht nur Byzanz besucht und die dortigen Lehrschulen der Sophisten Nikokles, Himerius, Proäresius und des Philosophen Chrysanthius, nein – höre nur und frohlocke mit mir! – selbst Nikomedia ...« »Wie? O wehe mir! Die Stadt des Maximus, der alle großen Götter in eitel Symbole verflüchtigt! Ach, ihr Götter und Lysias und Helena; sollen wir ihn denn ganz verloren haben?« »Du kannst dir vorstellen, welch schmerzliche Gefühle in mir aufstiegen, da ich die Stadt, die Straße, das Haus wiedersah, wo meine Eltern, all die Unsern ausgemordet wurden. Gram, Grimm und Groll erwachten aufs neue in mir. Aber bald ward all dies, ja alles Irdische verdrängt durch ›Einen Namen‹, durch ›Einen Mann‹: durch Maximus, den weisen, den großen Lehrer, den Kenner – was sage ich! – den Vertrauten der Götter, der wahren, nicht der Fabelwesen Homers und deines Glaubens. ›Maximus‹ ist wahrlich ›der Größte‹: ja, oft scheint er mir kein Sterblicher zu sein! Nein, ein unsterblicher Gott an Weisheit in Menschengestalt! Zwar sollte ich ihn und seinen Freund Libanius nicht hören dürfen in ihren Vorträgen! Constantius hatte es ausdrücklich verboten. Allein, ich sparte mir gar manchen Solidus ab von meinem Taschengeld für Speise und Trank (es war keine Entbehrung: denn mit dem wenigsten an Nahrung komme ich aus, mager wie die Zikade, die Günstlingin der Götter): dafür gewann ich einen Schnellschreiber, daß er mir jedes Wort, das der Meister sprach, nachschrieb und spornstreichs überbrachte. So ward dem Imperator gegeben, was des Imperators, ganz nach des Galiläers Gebot. Und dann war mir ja nicht verboten, außer den Lehrstunden mit ihm zu verkehren. O mein Lysias! Welche Welt erschloß sich mir da! Eine neue herrliche, unausdenkbar große! Seine Weisheit verhält sich (zürne nicht!) zu deinem wenig geläuterten Glauben an den Zeus, der ein Schwan, und an den Apis, der ein Stier, wie etwa du dich vor Jahren zu meinem Wahnglauben an die Wunder des Moses und des Gekreuzigten verhieltest.« »O hört es nicht, ihr großen Götter!« zürnte Lysias. »Aber schreiben kann ich dir das alles; tagelang, wochen-, mondelang müssen wir darüber verhandeln. Es genüge einstweilen, zu sagen, daß Maximus, dann der greise, ehrwürdige Aidesius von Pergamus mich in die eleusinischen Geheimnisse einweihten, die du mir vorenthieltest, weil sie dem alten Glauben an die Götter, wie du ihn lehrst, allerdings nicht entsprechen. Denn manches lösen sie in Sinnbilder auf, was du beharrlich als wirklich geschehen festhältst. Aber mich ziehen diese symbolischen mystischen Deutungen unwiderstehlich an. Klar, lichterhellt ist mir nun die Welt, sind mir die Götter und die Geschicke der Menschen. Ich schwimme, ich bade, ich tauche unter in der Seligkeit der Erkenntnis. O warum bin ich ein machtloser Untertan, ob dessen Nacken stets das Beil des Argwohns schwebt, warum bin ich nicht Imperator, diese Erkenntnis vom Thron herab den Römern zu verkünden an Stelle der hebräischen, und (o vergib mir!) deiner wenig höheren olympischen Fabeln! Nicht zwingen wollt ich sie; höchstens ein wenig – ganz sänftiglich! – drücken auf den rechten Weg; mit gelinder, ganz gelinder, mit gängelnder Gewalt, mit der des Spottes zumal. Vielleicht würden mir anfangs auch die Verehrer der alten Götter nicht eben leicht folgen können: aber es siegt das Licht, es siegt Phöbus Apollo, der unbesiegte Sonnengott (der jedoch nicht wie der deine, o teurer Meister, im Ehebruch erzeugt und auf dem schwimmenden Inselchen Delos geboren ist).« In finsterem Groll ließ der Priester das Schreiben sinken. »O verzeiht ihm, Vater Zeus und Latona und du selber, Phöbos Apollo. Er verhöhnt euch, er, der euch rächen sollte!« Dann las er weiter. »Außer Maximus, dem ich fortan allein als meinem Lehrer folgen werde, lernte ich, wie bemerkt, Libanius kennen, den ausgezeichneten Rhetor; auch ihn hat mir der Imperator versperren wollen; auch zu seiner Weisheit drang ich durch einen Regen von Gold, wie dein Zeus zu der schönen Danae gelangte. (Sage, glaubst du das nun alles wirklich? Schon eher glaube ich sein Abenteuer mit Europa als Stier: stiermäßige Vorzüge sollen ja manchen Weibern lockend scheinen, sagt man. Ich weiß freilich davon nichts.) Auch Libanius verdanke ich gar viel des Großen, Herrlichen. Er lobt mich stark und das gefällt mir stark. (Diese Wiederholung des Eigenschaftswortes ist nicht Nachlässigkeit, ist Absicht: Ich meine, das macht sich hübsch, nicht? [Bemerkst du auch die vielen Zwischensätze? Das ist jetzt feinster Stil in Nikomedia. Ich suche auch darin Maximus und Libanius nachzueifern.]) Aber glaube nicht, o Lysias (in Wahrheit mein ›Lysias‹, d. h. mein ›Erlöser‹), daß ich nur in Büchern, im Grübeln gelebt habe all diese Monde. Mein Leib, meine Gesundheit, meine Kraft sind merklich erstarkt; sie drängen von selbst zu allen Übungen des Gymnasiums, zu der Palästra, zur Erlernung aller Waffenkünste. Du solltest mich den Germanenspeer mit dem Schwerte beiseite schlagen, den Perserpfeil mit dem kleinen Reiterschild auffangen sehen! Die Gymnasiarchen sagen, ich sei tollkühn; aber ich bin es nicht: denn ich weiß, über mir hält Phöbos Apollo den Strahlenschild, der aller Feinde Augen blendet. Und unglaublich, meinen sie, sei, was mein zarter Körper an Behendigkeit, an Ausdauer leiste. Aber es ist leicht zu erklären: geringe Speise genügt mir; pfui über den, der sich den Wanst mit mehr Speise belastet, als er ganz unerläßlich bedarf! Ich huldige nicht dem Bacchus, obwohl ich edlen Wein zu würdigen weiß, und mit Ekel, mit Abscheu wende ich mich ab von dem Dienst der Aphrodite, wie ihn die Jugendgenossen treiben. Nein, würde mir je das Glück der Ehe; rein, wie meine jungfräuliche Braut, würde ich das rosenbekränzte Lager besteigen und nie ein ander Weib berühren. Aber ach! Die Göttin, die mir damals zu Macellum flüchtig erschien, sie hat sich niemals wieder gezeigt, und nur ihr Gemahl werd ich, keiner andern.« »Das wollen wir sehen!« rief Lysias zornig, von der Ruhebank aufspringend. »Die Sterne sind andrer Meinung, du, abgefallen von den Göttern und von mir. Aber wer war jene Unselige, die all meine Pläne vereitelte. Die gegen die Sterne sich vermaß? Das tut man nicht ungestraft!« »Und doch ist mir hier im götterbegnadeten Athen auch der Reiz des Weiblichen wieder genaht.« »Was? Wie? Eine zweite Nebenbuhlerin?« »In den Vorträgen, die wir nach Aufgaben unserer Lehrer in der Rhetorenschule zu halten hatten, erschienen bei hohen Festen – so zur Feier der Thronbesteigung des Imperators – auch vornehme Frauen und Mädchen; viele Schöne sah ich. Eine besonders, deren kluges Auge oft so feinverstehend auf mir zu ruhen schien. Sie war reich geschmückt; ich erfuhr ihren Namen nicht. Aber sie kam nur, wann ich den Vortrag hatte. Endlich fand ich hier am Ilissos auch zum erstenmal im Leben der Freundschaft unvergleichlich Gut.« Bittrer Groll zuckte um des Lysias Mund. »Denn dich, o Meister, entrücken das Alter, die überlegene Reife und mein Dank hoch oberhalb des gleichen Bodens, auf dem Freunde stehen müssen. Aber hier in den Ringkampfspielen des Gymnasiums lernte ich einen Jüngling kennen, wenig älter als ich, aus altedlem römischem Hause, der hat in schöner, warmaufwallender Freundschaft mein ganzes Herz gewonnen. Es wird dich besonders freuen, daß er, ebenso wie vor ihm sein Vater, der Comes Varronianus, sein ganzes Haus, die Taufe und die Lehre des Galiläers schroff ablehnt, stolz der Abstammung von Ares gedenkend. Er ist stärker und gewandter als ich, so daß ich meine ganze Kraft zusammennehmen muß, in dem Fünfkampf ihm nicht zu erliegen; erlieg ich ihm doch zuweilen, dankt er's seiner überlegenen Ruhe und meinem flackerigen Ungestüm. Er dämpft meine Eitelkeit sehr heilsam durch solche Siege und meine Hitze durch seine kühle Ruhe. Dazu aber kommt ein Großes: Ein Krieger, aus kriegsberühmtem Haus – Jovianus heißt er –, bekämpft er mit Recht und mit dem Feuereifer mehr noch seines Beispiels als seiner Rede meine einseitige Vertiefung in Philosophie und frommes Ergrübeln der Götter; wie er mich zum Waffenkampf heranzieht und mich zwingt, hier mein Alleräußerstes an Kraftanstrengung zu leisten, so nötigt er mich auch in die große Heldengeschichte unseres Reiches hinein. Es regt sich in mir ein kriegerischer Sinn! Die Geschichte der römischen Kriege (ebensoviel Siege, bis die Adler dem Labarum weichen mußten!), ganz besonders aber Bücher über Feldherrnkunst lesen, erforschen wir abends und nachts bei der Lampe, bis die Sterne bleichen; die Siege Cäsars über Gallier und Germanen, die Siege Trajans über Perser, Daker und Geten, Marc Aurels über die Barbaren am Ister, und jetzt die Feldherrnkünste Frontius arbeiten wir durch, daß uns die jungen Stirnen brennen. Ach, wer auch einmal im Ernst dem Speer des Germanen, dem Pfeil des Parthers trotzen dürfte! Heißer als die Rose der Liebe, die ich nicht kenne, verlange ich den Lorbeer des Helden; auch ihn werd ich nie kennenlernen. Wie beneide ich meinen Bruder Gallus! Nicht darum, daß er nun hoch und herrlich in Antiochia als Cäsar, als Beherrscher des Morgenlandes, schalten und walten darf. Der Imperator hatte ihn (wie mich!) wirklich damals hinrichten lassen wollen; man sagt, geängstigt durch Weissagungen von Gefahren, die ihm von seinen Vettern drohten. Eusebius, der Oberste der Eunuchen, von jeher ein Feind unseres Hauses, soll ihm das durch einen Chaldäer aus den Eingeweiden geschlachteter Germanen haben weissagen lassen. Auf einmal erfolgte abermals – (wie zur Zeit unseres Aufenthaltes in Rom) – ein Umschlag. Eusebius ward in den Hintergrund gedrängt, man weiß nicht, durch wen oder wie, auch Johannes konnte oder durfte es mir nicht erklären; der Imperator ließ jenen Weissager selbst schlachten und seine Eingeweide den Hunden vorwerfen, und nun ward Gallus plötzlich statt um einen Kopf kürzer um eines Kopfes Höhe länger (ist das nicht hübsch gesagt?) und zum Cäsar gemacht mit dem Auftrag, den Orient zu verwalten. Freiwillig und aus Güte handelte Constantius freilich nicht, sondern gezwungen von der Notwendigkeit, seine ganze Sorge dem Abendlande zuzuwenden, das ihm ein Anmaßer zum großen Teil entrissen hatte. Nun, da dieser Feind vernichtet ist, mag es den Imperator vielleicht schon wieder lebhaft reuen, einen Vetter verschont und erhöht zu haben. Aber nicht diese Erhöhung neid ich dem geliebten Bruder, o nein! Nur das Schwert, das er gegen Parther und Perser schwingen darf, diese alten Erzfeinde des Römerreiches, die ich für viel gefährlicher und hassenswerter erachte als Jazygen am Ister und Germanen am Rhein (von denen ich freilich erst jetzt aus Cäsar, Livius und Tacitus einiges lerne!). Ich begreife Gallus nicht, der so lange säumt, die Perser zurückzutreiben aus den Grenzlanden, die sie dem schwachen, zagen Constantius abgetrotzt. Oh, ein Perserkrieg! Im Perserkriege fechten dürfen, siegen, fallen; das wäre fast noch herrlicher, als den Lehren meines großen Maximus zu lauschen! Während ich dies schreibe, dringen beunruhigende Gerüchte über Gallus an mein Ohr. Jovian, der Vielgetreue, hörte in den Bädern der Hygiäa erzählen, ein Schiffer habe im Piräus die Nachricht verbreitet, in Asien sei ein Aufstand ausgebrochen, Blut sei geflossen auf den Straßen von Antiochia; aber ob eine Empörung gegen den Imperator oder gegen Gallus, das war nicht zu ermitteln. Zum Schlusse bitte ich dich herzlich: vergib mir, wenn irgendein Wort in diesem Brief dich gekränkt haben sollte, du weißt, das lag mir fern. Würd ich doch mein Herzblut für dich vergießen, für meinen Befreier aus dem Geistesgefängnis, aus den Fesseln des Galiläers. Aber stillstehen auf dem Wege nach der Erkenntnis, das kann ich nicht, auch nicht dir zuliebe! Hast du selbst doch mich gelehrt: »Die einzige Sünde ist, sich vor dem Licht verschließen, nicht nach dem Lichte trachten.« Lieb ist mir Platon, lieb Lysias, aber lieber die Wahrheit. Ich schließe mit dem Wunsch: Komm; komm bald hierher nach Athen in meine Arme und suche und finde deinen Julian, in vielem verändert, aber nicht in der dankbaren Liebe zu Lysias, seinem Erlöser.« Fünfzehntes Kapitel Mit zornig gefurchten Brauen ließ der Leser das Blatt sinken und setzte sich auf die Ruhebank. »Weh, weh um meine Hoffnungen! Weh um meine Macht, mein Priestertum und um meine Götter! Nun entreißt mir mein Werkzeug jener mystische Schwärmer, mir, dem Reiche, den Göttern selbst. Aber nein!« Hier erhob er sich ungestüm wieder von dem Sitze. »Ich will, ich darf nicht verzagen und verzichten. Laß sehen, ob ich diese Seele wie Christus und Johannes so nicht auch jenem Träumer entreiße. Aber nun muß gehandelt werden. Jetzt, Helena, hilf – hilf den Göttern, dem Vater und vor allem dir selbst.« Und er rief einen Freigelassenen herbei und befahl: »Ich bitte meine Tochter – sie weilt in der Marmorgrotte –, hierher in die Bibliothek zu kommen.« Alsbald erschien ein anmutiges junges Mädchen in ganz weißer Gewandung; sie trug eine goldene Lyra im linken Arm, das dunkelbraune Haar, die sanften dunklen Augen hoben sich in schöner Wirkung ab von der blendend weißen Farbe des Nackens und der Stirne; ihr einziger Schmuck war eine um das Haar gewundene Efeuranke und eine goldene Spange, die auf der linken Schulter das langfaltige Gewand zusammenhielt. Lieblich tönte ihre Stimme und ein wenig traurig, als sie sprach: »Du hast befohlen, mein hoher Vater.« »Mein Kind, ernste, lebensentscheidende Dinge haben wir zu verhandeln in dieser Stunde. Lies diesen Brief. Er ist ...« – »Ich kenne die Schriftzüge. Er ist von ihm – von Julian.« – »Lies in Ruhe, ungestört, allein. Ich gehe einstweilen in das Heiligtum. Ich bete zu den Göttern um Erleuchtung, um Offenbarung.«   Als der Priester nach geraumer Zeit wieder eintrat, war seine Haltung fest: Die Ruhe, die der gefaßte Entschluß mit sich bringt, war über ihn gekommen. Aber die Jungfrau fand er in Tränen. Vergeblich versuchte sie, die Augen vor seinem Blicke zu bergen; er setzte sich zu ihr auf das Ruhebett und hob mit sanfter Gewalt das blasse schmale Gesichtchen in die Höhe. »Weine nicht, verzage nicht, du von Kind an den Göttern Geweihte, du, des obersten Gottes Priesterin. Jetzt gilt es, den Mut, die Kraft bewähren, welche die Himmlischen ihren treuesten Dienern verleihen. Hoffe, Helena!« – »O mein Vater«, erwiderte die sanfte Stimme, »was ist da noch zu hoffen? Er hat dich verlassen, er hat deine Götter verlassen. Und daß er mich, die er nie gesehen, nie lieben wird, das stand mir schon fest, als er damals zu Macellum, wie du mir erzählst, für jene Unbekannte erglühte. Ich beschwor dich schon damals, jede Hoffnung, jeden Gedanken aufzugeben, der mich ins Spiel brächte. Du meintest damals, zwar für den Augenblick soll er mich nun gar nicht, wie du geplant hattest, kennenlernen, solange noch jenes Bild ihm teuer sei, ihn so ganz beherrsche. Allein, du sagtest, wenn er jene nicht wieder sieht, wenn Jahr und Tag darüber hingegangen, dann wird sein wundes, liebesbedürftiges Herz einer neuen, einer hoffnungsfrohen Neigung offenstehen. Ich schwieg, ich gehorchte dir – wie immer –, aber ich hoffte nicht mehr. Dieser Brief bezeugt es; er hat die Erstgeliebte nicht vergessen; und ob es deine Wünsche kreuzt, mich beglückt es, daß er so edel, so zart und so treu ist, wie ich ihn mir – nach deinem so oft wiederholten Lobe – gedacht. Du hast schon dem Kinde diesen Jüngling so gerühmt, hast mich so unabänderlich seine Braut genannt, daß ich Törin leise anfing, ihn zu lieben, noch bevor ich ihn je gesehen. Und als ich ihn nun in Macellum, wohin du mich entboten, damit er mich kennen und lieben lerne, täglich sah von unserem Haus aus, ihm unbemerkt, da hast du freilich erreicht, daß ich ihn wirklich liebte; aber er mich? Nie! Vater, hoher, weiser Vater – gesteh es endlich dir selbst: Du hast dich oder vielmehr die Sterne haben dich getäuscht.« »Unmöglich! Dann lügen die Sterne, die Götter selbst, dann wäre nicht nur das tiefste Geheimnis meiner Lehre, dann wäre der ganze Glaube an die Götter und die Sterne eitel Selbsttäuschung. Vernimm: Einer meiner Freunde – ich darf ihn nicht nennen, seine Macht, sein Einfluß beruht darauf, daß niemand ihn nennt, weder tadelnd noch lobend –, der größte Sternkundige der Zeit, hat gleich nach deiner Geburt festgestellt, daß dein Geschick geheimnisvoll verknüpft sei mit dem Julians, dessen Geburtsstern er am gleichen Tage sechs Jahre vorher befragt. Julian und Helena werden ein Doppelgestirn des Glückes und der Herrschaft sein: Julian wird die höchsten Taten, ja die höchste Tat im Römerreich verrichten. Das aber kann nur eins bedeuten: Er wird die Herrschaft der Götter erneuern, sie rächen an den mir tief, heiß, grimmig verhaßten Christen. Und alles, was ich selbst, was die Magier, die Sterndeuter Ägyptens, Chaldäas, Persiens, die ich befragte nach Julians Horoskop, erforscht haben, alles bestätigt diese Weissagung. Dies gab meinem fast entmutigten Hoffen, Streben, Trachten neue Kraft. Man hatte mich gezwungen, Christenpriester zu werden ...« »Ach, mein Vater, zur Lüge gezwungen! Ich hab es nie begriffen, daß du dich dazu zwingen ließest. Es muß eine furchtbare Qual sein.« »Es ist Mittel zum Zwecke der Rache, der Herrschaft. Es war das beste, das einzige Mittel. Nur so konnte ich die Pläne, die Anschläge der Kirchenparteien kennenlernen; oft und oft habe ich sie vereitelt, bald die eine, bald die andere, bald Athanisier, bald Arianer unterstützend. So wirkte ich über zwei Jahrzehnte, bald im Morgen-, bald im Abendlande, vor den Augen der Imperatoren und der Bischöfe ein eifriger Christ. Die Aufsicht über mehrere Klöster und Kirchenschulen und Einsiedler und Büßer – wie über jenen dumpfsinnigen Musterchristen Johannes! – wurden mir übertragen; ich lernte ihre Stärke und ihre Schwächen, ihre fanatischen Tugenden wie ihre Laster, ihre Heuchelei, ihre Herrschgier kennen. Während ich im Abendlande ketzerische Christenpriester zur Anzeige brachte, versenkte ich mich im Morgenland in den alten Schulen und Priesterschaften des Zeus Ammon, des Apollo Helios, des Mithras, des Osiris, immer tiefer, immer begeisterter in den Glauben der Väter. Es gelang mir – durch Hilfe meines unnennbaren Freundes am Hofe –, das Kloster zu entdecken, in dem der Knabe gefangengehalten und geistig gemordet ward, dem die ›höchste Tat‹, das heißt also die Herstellung der Götter, und – deine Hand von den Sternen bestimmt ist. Nachdem ich ihn aus dem Kloster und aus dem Kirchenglauben befreit hatte, wollte ich dort zu Macellum das Band knüpfen, das euch vereinen sollte. Heimlich ließ ich dich kommen; durch Zufall – nicht durch meine Veranstaltung, durch meine Zuführung –, solltet ihr euch kennenlernen. Ich trug dir auf, während meiner notgedrungenen Abreise zum Abte Konon, der Verdacht geschöpft hatte und mit Anklage bei Constantius, beim Papste drohte, jene Bäder der Amphitrite zu besuchen, gerade zu der Stunde, in der ich den Jüngling gegenüber in dem Männerbade wußte. Du sähest ihn auch ein paarmal: das genügte ...« Die schönen Wangen erröteten: »Es genügte ... für mich! Ja, ich gewann ihn lieb, den schlanken, blassen, verträumt blickenden Schwärmer mit den sehnenden Augen unter den langen dunklen Wimpern. Und ich wußte ja – du hattest es jahrelang gelehrt –, daß er mein von den Sternen vorbestimmter Bräutigam sei. Aber«, lächelte sie wehmütig, »die Sterne haben, scheint es, nur voraus gewußt, daß ich ihn liebgewinnen würde, ohne ihn je gesprochen zu haben. Er dagegen blieb frei; er hat mich nie gesehen. Denn wenige Tage nachdem ich ihn aus verschlossener Sänfte erschaut, entdeckte er jene Unbekannte; nur für sie hatte er seither Augen. Und als du zurückkamst, da ...« »Da führte ich dich sogleich weit fort aus der Stadt. Nachdem ich – aus seinem Mund – erfahren, daß eine andre Helena, wie hatte mich dieser Name doch in dem Glauben bestärkt, mein Plan sei gelungen, daß eine andre Helena, welche die Götter verderben mögen ...« »O mein Vater! Er liebt sie!« »Eben deswegen! Daß ein anderes Mädchenbild nun seine Seele mit der ganzen Macht erster Liebe erfülle, da erkannte ich, jede Aussicht für dich war verloren, lernte er in diesem Augenblick dich kennen. Deshalb mußtest du ihm – damals – sofort und für lange entrückt werden. Aber seitdem ist lange Zeit verstrichen, und keine erste Liebe bleibt die letzte.« »Er liebt sie noch immer.« »So glaubt er! Allein, laß doch sehen, ob jenes Traumbild standhält, sieht er nun dich. Du bist sehr schön, bist viel schöner geworden, als du damals warst! Und jedenfalls, es ist hohe Zeit, daß meine Gewalt über ihn wieder erstarke. Allzulange haben mich dringende Sorgen in Armenien, in Corduene, zu Samara, ferngehalten, wo ich die entmutigten Götterfreunde, die von den Bischöfen und den Beamten des Constantius hart verfolgten, wieder emporraffen, versammeln, im Ausharren bekräftigen mußte. Jetzt aber; er selbst lädt mich ja zum zweitenmal nach Athen. Wohlan: Ich folge seinem Rufe, aber nicht allein. Jetzt soll er dich sehen, dich kennenlernen, du holdes Geschöpf. Ich meine, es braucht nicht erst den Zwang der Sterne, nur den sanften Reiz deiner Augen, ihn dir unlösbar zu verbinden ... Horch! Was ist das? Laute Stimmen im Atrium. Ein eilender Schritt naht ...« Da ward der Vorhang des Gemaches zurückgeschlagen, ein staubbedeckter Bote stürmte herein. »Vergib, o Herr, diesen Ungestüm. Allein mein Gebieter Julian befahl ..., die ..., dir allein ...« – »Sprich nur, dies ist meine Tochter.« – »Ich soll dich warnen! Dir melden: Verwische, verleugne jede Spur des Zusammenhangs mit Julian! Vor allem: Komm nicht nach Athen, du findest ihn nicht mehr dort.« – »Wo ist Julian?« – »Ach, Herr, ich weiß nicht! In Gefangenschaft! Vielleicht schon tot!« – »Ruhig, Helena, mein Kind! Warum? Weshalb?« – »So weiß man hier noch von nichts? Der Cäsar Gallus, des Herren Bruder, hat sich zu Antiochia wider den Imperator empört, er ist überwältigt oder überlistet; gefangen ward er zu Constantius geschleppt. Dieser hält Julian für mitschuldig der Empörung, und ach, vor meinen Augen ward der teure Herr unter der Anklage des Hochverrats verhaftet, um vor den Imperator – nach Mailand – geführt zu werden. Kaum konnte er mir noch den Auftrag an dich zuraunen. Ach, er ist verloren, wie Gallus, der bereits auf Befehl des Imperators erdrosselt ist.« Mit einem erstickten Wehgeschrei sank Helena auf das Ruhebett. Sechzehntes Kapitel In nächtiger Stunde stand in dem hohen, turmähnlichen Solarium des Palastes zu Mailand in goldübersäten Purpurgewanden ein kleiner, unansehnlicher Mann. Unruhig hastete er in dem schmalen Gelaß hin und her, die unsteten Augen bald empor zu den Sternen des wolkenlosen Himmels der Herbstnacht gerichtet, bald versenkt in die seltsam verschnörkelten Zeichen der Himmelskarten und der sterndeuterischen Papyrus, die, von einer duftausströmenden Ampel beleuchtet, auf dem Zitrustisch ausgebreitet lagen. Nun schob er ärgerlich eine dieser Rollen zurück, mit unsicherer Bewegung der zitternden Hand, so daß sie über den Rand des runden Tisches auf den Mosaikestrich glitt. Unwillig stieß er sie mit dem Fuß zur Seite. »Ach, was tun?« seufzte der Einsame. »Woran glauben? Wem glauben? – Außer den heiligen Büchern selbstverständlich«, fügte er rasch mit einem scheuen Blick der matten kleinen Augen nach oben bei. – »Aber die heiligen Bücher, wie wenig doch reden und raten sie von den Dingen dieser Welt! Wie soll ein Mann danach regieren? ›Liebet eure Feinde, vergeltet Böses mit Gutem! Sagt immer die Wahrheit!‹ O Sohn Gottes (und vielleicht wesenseins mit Gott, denn man kann doch nicht wissen!), du hattest leicht so sprechen! Du hattest nicht – außer ungezählten Barbaren an den Grenzen – ungezählte Verschwörer und heimliche Empörer in deinem eignen Haus, unter deinen Verwandten unschädlich zu machen. O ja, es mag schon etwas geben, was den Mann in allen Zweifeln fortreißt – von selbst – zum richtigen Entschluß: Die wilde Kampf gier des Alemannen, der fromme Glaube des Büßers, die Vaterlandsbegeisterung des Römers: – nicht meines Römers mehr –, des Römers längst vergangner Zeiten! Aber ich? Ich Armer! Nichts auf der Welt reißt mich fort. Das ist mein Unglück! Wär's auch einmal zu einer plumpen Torheit; andre Herrscher haben sie auch begangen und dann gutgemacht durch eine Klugheit oder vielleicht auch nur durch neue, besser glückende Torheit; das wohl öfter als durch höhere Einsicht. Aber ich! Ach, ich glaube an keinen mehr. Und am allerwenigsten – an mich selber.« »Habe nie einen Freund«, riet der große Vater, »du könntest seinem Einfluß folgen.« »Nun hab ich keinen Freund; ängstlich erstickte ich jedes Vertrauen, auch das knospende in meine Gemahlin. Keinen Freund, aber siebzig, hundert Günstlinge! Die steigen und fallen; absichtlich wechsle ich rasch, auf daß keiner Einfluß gewinne. Ach, haben sie nicht alle Einfluß? Siebzig Schmeichler statt eines Freundes; was ist schlimmer? Und wie mit den Menschen, steht's mit den Sternen, den Sternbüchern, den Träumen, den Traumbüchern: alle widerstreiten einander! Ach, wer an sich selbst glauben könnte! Nur an sich, ganz an sich! Er brauchte wohl sonst an niemanden zu glauben. Aber solche Menschen gibt's wohl nicht. Ihnen würde die Welt gehören. – Da schoß ein Stern! Was bedeutet das? In dieser Stunde? In dieser Richtung, hart an dem Jupiter vorbei? – Oh, es ist ja Sünde, sagt der Bischof, der arianische, von Alexandria, auf Sterne und Träume zu achten. Aber verkündete nicht der Stern den Weisen aus dem Morgenland des Heilands Geburt? Und deuteten nicht von jeher Propheten und Heilige Zeichen am Himmel und auf der Erde? Nur richtig deuten, das ist die Sache! O wenn ich doch nur mich selber fragen könnte, statt die Priester, die Höflinge, die Sterne zu befragen. Aber poche ich an meine Brust, so klingt es hohl. Da ist nichts drin. Kein Zwang! Zum Guten nicht und nicht zum Bösen. Nur die Furcht, die immer wache Furcht, ein andrer, nicht klüger, nur wilder, heißer als ich – ein Mann, der handeln muß –, könnte aus Torheit und aus Glück mir Diadem und Leben rauben. Was soll ich tun? Diese Frage ist die Qual meines Daseins.« Er stieß in seinem unsichern Umhereilen an einen niedrigen Armstuhl, auf dem ein Purpurmantel lag. Stuhl und Mantel fielen. Hastig riß er den Mantel in die Höhe. »Böses Zeichen! Böses Zeichen! – Gerade jetzt, da ich die Entscheidung treffen soll! – Wen fragen? Wem vertrauen? – Dem Bischof dieser Stadt? Ah, er lernt durch meine Beichte schon allzuviel von meinen geheimsten Gedanken, und da ich ihm manches verschweige, ist seine Freisprechung ohnehin gar nicht gültig. Er will, ich soll öffentlich den Arianismus verwerfen! Wie kann ich denn das, da ich heimlich an ihn glaube? Mein amtlicher Sterndeuter Abras, mein Chaldäer? Ei, er weissagt immer Glück, weil das gefällt. Trifft dann Unglück ein – wie gewöhnlich –, hat er immer eine pfiffige Ausrede. Pfiffig! Das kann ich nicht leiden – an andern! Selbst bin ich's gern, wär's gern noch mehr«, und die kleinen Augen blinzelten. »Aber die Pfiffigkeit hilft nicht. Die Pfiffigkeit der Weltgeschichte ist überlegen: sie führt den Pfiffigen zum Gegenteil seiner Pläne. Ich wollte pfiffig die Katholiken demütigen in Athanasius, und Athanasius demütigt mich! – Wer ist nicht pfiffig? Wer ist klug und dabei gut ...? Ich – wahrlich nicht! Gut bin ich schon gar nicht, möchte es gar nicht sein: denn Güte ist Dummheit. Klug? – Ich möchte es so gerne sein! Aber, ich bin viel zu pfiffig, einfach klug zu sein. Klug und gut? – wer ist das? Ohne Zweifel Eusebia, meine Gemahlin. Auch schön ist sie. Und jung. Und warm. Und höchst liebenswürdig. Leider kann ich von all diesen vier Tugenden keinen Gebrauch machen! – Wie sehnt sie sich nach einem Kinde! Ich ... weniger. Töchter sind fast unnütz: ihre Männer sind ehrgeizig. Und Söhne! Hinrichten ließ der große Vater den Sohn, welcher der tüchtigste war von uns Söhnen allen. Vielleicht gerade deshalb! Aber ich grüble und grüble, und die Zeit verrinnt! Und der Sterndeuter hat doch gesagt, daß unter der heutigen Stellung der Gestirne der Entschluß am günstigsten ausfallen werde. Also – noch heute nacht! Wen fragen? Vor allen würde ich befragen: den schlimmsten, schärfsten, giftigsten – Eusebius. Er muß es mit mir gut meinen, so bösartig er ist gegen alle Menschen; denn er hat so viele Feinde, er weiß: Nicht eine Stunde länger lassen sie ihn leben, sobald ich Leben oder Macht verliere. Aber ich kann ihn nicht fragen, er ist mir jetzt unerreichbar. Dann die gütevollste: das heißt Eusebia, und den Klügsten oder doch Sternkundigsten: Philippus, zugleich der einzige Arzt, dem ich vertraue. Aber Vorsicht! Widerstreiten sich Eusebia und Philippus, dann ... nichts! Stimmen sie zusammen – so verschieden geartet; sie so weltunklug, er so weltklug –, so soll mir – ohne daß sie's ahnen! – dies das Zeichen des Richtigen sein. Vergebt, o Vater Christi und du o Christus (vielleicht selbst mit Gott eins!), auch du, heiliger Geist –, daß ich nach Zeichen suche, aber ihr oder eure Priesterschaft erlaubt es ja doch selbst, daß man in zufällig aufgeschlagenen Bibelsprüchen die Zukunft erforscht. Ist es aber doch eine Sünde, nun, so beicht ich sie ja und mach sie gut; die arianische Basilika zu Ravenna bedarf eines neuen Altars. Ich gelob ihn, falls ihr darauf besteht! – obwohl die Einnahmen knapp geworden! – oder ich will ihn – später – geloben. Ach!« seufzte er, haltmachend vor einem runden Metallspiegel, der in das Getäfel von veilchenfarben geflecktem synnadischen Marmor eingelassen war, »nun hab ich mich heiß und müde gedacht. ›Empfange nie einen Menschen, auch deine Nächsten nicht‹, mahnte der Vater, ›in abgespannter Haltung. Sie müssen stets auch äußerlich verspüren, daß du der Gewaltigere bist.‹ Ha, ihm ward das leicht – mit seinen sechs Fuß Höhe und seiner breiten Heldenbrust.« Unzufrieden betrachtete er sein Bild in dem Spiegel. »Ich sehe nicht aus, daß sich andere vor mir fürchten. Ich sehe immer aus, als fürchte ich die andern. Und leider ist das wahr. Ich habe mich in Schweiß gegangen, gegrübelt. Aber jetzt, jetzt nimm dich zusammen, Constantius, Sohn des großen Constantin. Ach, wehe den Söhnen großer Väter.« Und er strich sich mit einem duftenden dunkelroten Seidentuch, das er aus der Brusttasche des weißen, purpurgesäumten goldgestickten Hausgewands zog, die feuchten Tropfen von der flachen Stirn, fuhr sich mit der Hand durch die spärlichen sandfarbenen Haare, zog den Silbergürtel fester an und richtete sich aus der gebückten, vorgebeugten Haltung mit Anstrengung auf; dann erst schlug er den Vorhang des Eingangs zurück. Auf der Schwelle lag, den Rücken an den Marmorpfosten gelehnt, die Beine lang ausgestreckt, ein riesiger, vollgerüsteter Krieger, den Speer senkrecht in der Faust. Das rote Blondhaar, das ihm dicht aus der Sturmhaube mit dem Bärenhaupte hervorquoll, das blitzende blaue Auge bekundeten die Abstammung des Leibwächters, der sich nun, klirrend in seinen Waffen, erhob. »Geh, Berung, bedeute dem Ostiarius im zweiten Vorsaal, er möge die Befohlenen hereinführen. Sind sie erschienen, so lege dich außer Hörweite. Oder ... du verstehst nicht griechisch?« Der Riese schüttelte das gewaltige Haupt. »So bleibe, wo du lagst!« Er ließ den Vorhang wieder fallen; so sah er nicht die mißmutige, verächtliche Miene, mit welcher der Germane ihm nachgeblickt hatte. »Bei Donar und Tius, ist mein Vertragsjahr abgelaufen, nicht einen Tag länger bleib ich«, brummte er, wie er, seinen Auftrag zu erfüllen, dem Vorsaal zuschritt. »Leid tut mir's, daß ich – gegen Vater Beros Warnung – je in diese Dienste trat. Der erzählte, Weiber und Kinder hätte er einmal morden sollen, tat's aber nicht. Und dieser Imperator ... der fürchtet sich ja! Tag und Nacht fürchtet er sich. Ich diene keinem Feigling. Und niemals mehr Arbeit mit dem Speer, nur Gefangene geleiten oder auf dieser Schwelle wachen, wie ein Hofhund. Wundert mich, er legt mich nicht an eine Kette. Mich ekelt's an.« Siebzehntes Kapitel Einstweilen war der Augustus in seinem Gemach vor eine große schwarze Tafel von Ebenholz getreten, die auf einer Staffelei lehnte; sie war mit Sternzeichen und mit Zahlen übersät, in Farben verschiedenartiger Kreide. Grübelnd verfolgte er mit dem Auge, dann mit dem Zeigefinger der Rechten eine vielfach verschlungene Linie, die in hellem Gelb gehalten war; seltsam, unheimliches Lächeln zuckte um die schmalen Lippen, als er vor sich hin sprach: »Nun, Vetterlein, wollen wir sehen. Du ahnest in deinen philosophischen Grübeleien nicht, daß an dem Ausgang dieser Stunde dein Leben hängt. Denn erweist du dich nicht als mein Werkzeug, so wirst du gebrochen; eine Waffe gegen mich sollst du nicht werden. Ich zerschmettere alles, was gegen mich ist. Du bist morgen Cäsar oder – nichts! Ah, da sind sie!« Er wandte sich; in das Gemach schritt seine jugendschöne Gemahlin, eine schlanke, anmutvolle Gestalt in einfachem, rosenfarbenem Gewand. Das edle, nur allzubleiche Gesicht, der gütevolle Blick der lichtblauen Augen trug einen Zug von verhaltenem stummem Leid. Ihr folgte ein kleiner Mann mit grauem Haar. Sein langer weißer Bart wallte auf ein dunkelbraunes Gewand; der Ausdruck des auffallend schönen Antlitzes war in hohem Maße vergeistigt; und durchdringend, in die Seele bohrend wie ein Blitz, traf der Blick dieser hellgrauen Augen, wann er die langen Wimpern, die er meist gesenkt trug, plötzlich aufschlug. Um den feingeschnittenen Mund spielte oft ein Lächeln, das, halb wehmütig, halb gutmütig spottend, auf hohe geistige Überlegenheit und reichste Welterfahrung schließen ließ. Wer den Mann zuerst sah, mußte beklagen, daß ein so hochbedeutender Kopf auf einem verkrüppelten Rumpfe ruhte, denn ein häßlicher Höcker entstellte den zwerghaften Leib. Ehrfürchtig begrüßten beide den Herrscher. »Es ist gleich Mitternacht«, begann der, »ich stellte die Sanduhr, als der Sklave die elfte Stunde ausrief. Verzeih, Eusebia, daß ich dich so spät in der Nacht noch ..., aber die Sterne und ihr Gang sind nun einmal bei Tage nicht verfolgbar. Setze dich dort, nein, da hin, unter die Ampel. (›Ich will jede Bewegung in ihrem Antlitz sehen«, sprach er zu sich selbst.) »Und du, Philippus, sieh nach, rechne, ob es an der Zeit ist.« Der Kleine trat an die schwarze Tafel, rechnete ein wenig und sprach, sich verbeugend: »Es ist an der Zeit, hohe Zeit sogar.« »Hei, du weißt gar nicht«, lachte Constantius heiser, »wie sehr du da die Wahrheit sagst! Vernehmt also – dort liegen die Berichte aus Vienne, aus Autun, aus Reims: Fast ganz Gallien ist verloren, ist in der Gewalt der Barbaren.« »Das wolle Gott nicht«, rief die Imperatrix, lebhaft aufspringend. Der Bucklige aber nickte stumm vor sich hin. »Gott hat es leider schon gewollt«, grinste der Augustus. »Gott wohl weniger«, entgegnete der Sternkundige, »als du selbst.« – »Ich? Was wagst du zu sagen?« fuhr in Constantius an. »Die Wahrheit, wie immer, wenn ich sie weiß. Wer hat die Alemannen selbst ins Land gerufen, jenen ungestümen König Chnodomar, den germanischen Herkules, wie unsere verzagenden Kohorten ihn nennen? Wer hat ihm ...? – »Ich«, erwiderte der Imperator unwillig. »Du vergißt: Es galt, dem Tyrannen Magnentius und dessen Bruder Decentius Gallien zu entreißen. Da riet Eusebius ...« – »Die Barbaren ins Land zu rufen! Vergebens warnte hier diese vieledle Frau, umsonst sagte ich voraus – dazu bedurfte es nicht erst der Sterne –, sie würden wohl kommen, aber nicht mehr gehen. Du folgtest dem Eunuchen, weil ...« – »Weil dem Eunuchen Constantius am höchsten gilt; dir, ja selbst meiner Gemahlin hier – der Staat!« – »Ich dachte«, schloß Philippus mit einem blitzenden Blick seiner durchdringenden Augen, »auch dem Imperator gilt der Staat mehr als der Imperator. Vergib den Irrtum, o Herr! Ich werd ihn nie wieder begehen.« Ärgerlich biß der die schmale Unterlippe, wie er es pflegte, wenn er keine Erwiderung fand. »Da – hört nur«, begann er wieder – »oder lest, lest selbst.« Er schritt auf den mit Briefen bedeckten Rundtisch zu und reichte den beiden eine Anzahl von längeren Schreiben und viele kurze »Noticiä«. Die bleichen Wangen der schönen Frau erblaßten noch mehr, als sie las. »Wie?« seufzte Philippus? »Was seh ich? Fünfundvierzig Städte Galliens in den Händen der Alemannen und Franken! Straßburg, Speier, Worms, Trier, Tongern! Entsetzlich! Nun, zum Glück ist doch noch unser das alte, das stärkste Bollwerk unserer Macht am Rhein: Köln.« – »O nein, auch Köln ...« Wider Willen war dem Imperator dies Wort entfahren. »Was? Wie!« riefen Eusebia und der Arzt wie aus einem Munde, beide sprangen auf. »Auch Köln verloren?« – »Dann ist alles, ist Gallien ganz dahin!« klagte Philippus. »Nein, nein, nicht doch!« entgegnete Constantius ärgerlich. »Ich ... ich habe mich nur versprochen ...« Und hastig zerriß er in ganz kleine Stücklein eine kurze Papyrusrolle, die er vorher aufgerollt und der Augusta hatte reichen wollen. »Dank den Sternen!« sprach Philippus. »Es ist auch so schon schlimm genug. Aber war auch Köln gefallen, dann fand sich kein Feldherr im ganzen Reich, der es unternommen hätte, den Rhein wieder zu erobern. Köln bedeutet ein Heer von vielen Legionen und ...« Gereizt, verdrießlich fiel Constantius ein. »Genug, genug von Köln ...! Nun also! Was tun? Was tun? Entweder ich breche selbst auf nach Gallien noch diese Nacht ...« – »Wohl, welch männlicher Entschluß!« rief Eusebia mit einem erfreuten Blick auf den Gemahl. »Ganz unmöglich!« fiel der Arzt ein. »Deine Gesundheit, o Herr! Dein kostbares Leben!« – »Es ist wahr«, meinte Constantius, plötzlich leise hüstelnd. »Es ist unersetzbar.« – »Wenigstens für ihn«, dachte der andere. »Oder«, fuhr der Imperator fort, »ich entsende einen Vertreter. Aber wen?« – »Einen bewährten Feldherrn, den besten, den du hast!« rief die Imperatrix. »So?« höhnte Constantius giftig. »Daß er sich nach Besiegung der Barbaren alsbald auch gegen mich als den besten bewährt? Nein, nein! Ich danke! Ich habe genug an der Empörung des Magnentius. Das war ja ein recht bewährter Feldherr! Welche Mühe hatten wir, den Schurken zu vernichten!« – »Hm«, nickte der Alte. »Aber einen Nichtfeldherrn kannst du auch nicht senden. Sonst ...« – »Sonst steigen die Germanen nächstens zu uns über die Alpen!« – »Es müßte auch ein Staatsmann sein; denn es gilt nicht nur zu schlagen in Gallien, auch zu regieren.« – »Ein Staatsmann! Ja, der den Staat retten kann, aber nicht den Staat retten will für sich ...« – »Vielmehr für dich.« – »Für den Staat selbst, denk ich«, sprach Eusebia ruhig. »Das ist ja wohl dasselbe, hoff ich«, meinte Constantius mit einem unzufriedenen Blick auf seine Gemahlin. »Da ist der tapfere Malarien«, fuhr diese eifrig fort. »Ein Germane! Daß er am Ende gemeinsame Sache macht mit seinen Stammgenossen?« – »So wähle«, riet Philippus, »den erfahrenen Ursicinus.« – »Ein Fremder!« meinte der Imperator. »Es wäre gut, müßte es kein Fremder sein! Das grausame Geschick hat gewollt, daß des Constantinus großes Haus – fast – ausgestorben ist.« – »Das Geschick!« dachte Philippus. »Er hat es ausgemordet. Welche Umwege er einschlägt, uns auf den Namen zu führen, der ihm vorschwebt! Wir sollen ihn zuerst nennen; aber wir werden uns hüten.« »Fast«, wiederholte der Imperator lauernd. Er hielt inne. Aber umsonst, seine beiden Hörer beharrten im Schweigen. Sie vermieden es auch, sich anzusehen, denn jene kleinen listigen Augen blitzten unablässig zwischen ihnen hin und her. »Nun läg es ja nahe«, fuhr er ausholend fort, unwillig über solche Zurückhaltung, »nun läg es ja nahe, zu denken eben ... an den einzigen, der nunmehr noch ... Was gibt es?« Er schrak zusammen und tastete nach dem Dolch, den er unter der seidenen Tunika verborgen trug. »Wer wagt es, mich zu stören?« Achtzehntes Kapitel Der alemannische Leibwächter meldete: »Der Präpositus sacri cubiculi bittet ... Du habest befohlen, sobald er eingetroffen ...« – »Jawohl, jawohl! Herein mit ihm! – Zur rechten Stunde.« Wie nun Constantius sich dem Eintretenden entgegenwandte, suchten sich und fanden sich die Augen der Imperatrix und des Arztes. Eusebia seufzte tief, Philippus legte blitzschnell den linken Zeigefinger an den Mund. »Da bist du endlich, Eusebius. Laß nur die Proskynese! Beginne deinen Bericht. Du weißt, man darf keine Geheimnisse haben vor Gattin und Arzt«, lächelte er verschmitzt. Der oberste der Eunuchen – die aufgedunsene, fettliche Gestalt schlotterte in den weiten, lose hängenden Gewändern, verneigte sich tief vor der schönen Frau und warf dann einen giftigen Blick auf Philippus. »Deine Befehle, o Herr, sind genau und erfolgreich erfüllt. Wie immer, wenn du deinen Sklaven Eusebius mit solchen betraust. Du befahlst auch, ich solle mich sofort nach meiner Rückkehr melden, deshalb allein wag ich es, hier zu stehen. Eben stieg ich aus der Sänfte.« (»Gerade recht komme ich freilich noch, scheint mir«, dachte er bei sich. »Hoffentlich noch ›gerade recht‹.«) »Berichte mir nun genau. Die beiden – auch ich – wissen bisher nur durch deine schriftliche Meldung ... das Gelingen; aber nichts Näheres. Rede!« – »Leider«, begann der Präpositus, »kann ich nicht reden, ohne anzuklagen.« – »Das ist stets so bei dir«, lächelte Constantius. »Ohne Ratgeber anzuklagen, denen du, o Herr, immer wieder mehr folgtest als deinem treuesten Sklaven, obwohl ihr Rat sich wiederholt als verderblich erwiesen hat. Darf ich dich erinnern, wie du – vor Jahren – plötzlich Befehl gabst, deinen Vetter Julian künftig nicht, wie du ehedem beschlossen hattest, in jenem Kloster zum Mönch zu erziehen, sondern ihn durch Unterricht in weltlichem Wissen für den Staatsdienst vorzubereiten?« – »Gewiß. Hatt ich es zu bereuen?« Eusebius zuckte die Achseln: »Warte das Ende ab. Wer war es doch, der dir damals jenen Rat erteilte? Dieser Philippus da!« – »Nicht ich; durch mich die Sterne«, warf dieser ein. »Wahrlich«, fuhr Eusebius fort, »beineidenswert ein Mann, der zugleich den Sternen am Himmel und zugleich den Eingeweiden des Imperators ihre Geheimnisse ablauscht.« – »Höre«, schalt Constantius, »diesen Spott solltest du sparen. Das Höckermännlein da hat mich wiederholt von toddrohender Krankheit geheilt, hat durch seine Gegengifte aus meinen Eingeweiden das Gift entfernt, das...« – »Nie darin war! Oder durch die Fürbitten der Priester des Herrn und all deiner Untertanen bei Gott schon unschädlich gemacht war.« Da sprach Philippus – und das überlegene Lächeln des feingeschnittenen Mundes stand ihm schön: »Oh, Eusebius, schlägst du meine Arzneien so gering und die Fürbitten so hoch an?« – »Gewiß.« – »Wohlan! So mache ich dir einen Vorschlag. Du und deine molossische Dogge, ihr nehmt beide vierzig Unzen Schierling; deinem Hunde gebe ich sofort Gegengift, für dich leistet sofort der Imperator, der ja zuhöchst in Gottes Gnade steht, und leisten alle Bischöfe des Reiches Fürbitte und versprechen dein Gewicht in Gold der heiligen Kirche, dann wollen wir sehen, welcher Patient den andern überlebt.« Betroffen schwieg Eusebius; der Imperator aber konnte ein höhnisches Lächeln nicht ganz unterdrücken, als er verweisend sprach: »Ei, ei, Philippe! Man sagt, die Jünger Galens sind schlechte Jünger Christi.« »Mag sein! Aber ich habe meinen Meister nie verraten, wie der oberste der Jünger den seinen; ich muß nicht erröten, kräht der Hahn.« Jedoch Eusebius fuhr fort: »Und erinnere dich weiter. Endlich war es mir gelungen, dich zu überzeugen, daß jene Befreiung Julians aus dem Kloster ein Fehler gewesen; meine Späher hatten uns hinterbracht, daß Julian heimlich Rom besucht hat, daß jener Priester Lysias nicht ganz unverdächtig scheint.« »Lysias!« rief Philippus. »Niemand liebt heißer das Römerreich.« »Daß Julians Bruder Gallus drohende Reden von Rache gegen dich ausgestoßen hat. Du hattest Befehl gegeben, beide Brüder zu verhaften, beide vor dich zu führen, das heißt ...« – »Das heißt: schon auf der Reise zu ermorden«, ergänzte Philippus. »Was aber geschah? Plötzlich – ein Mönch Johannes tauchte wieder einmal im Palatium auf – sehr verdächtig, weil ein Freund jenes Hauses...« – »Dann ist der Imperator der verdächtigste Mann im Reiche«, warf der Arzt ein, »denn er ist beider Brüder Vetter und hatte in erster Ehe beider Brüder Schwester sich vermählt.« – »Ein vertrauter Jugendfreund dieses Philippus da! Was geschieht? Sie flüstern zusammen; Philippus befragt die Sterne ...« – »Auf mein Geheiß!« nickte der Augustus. »Und das Ergebnis seiner Sternenweisheit ist: Du begnadigst die Schuldigen, du entläßt den jüngeren, reich beschenkt ...« – »Aus einem winzigen Teile des eingezogenen Vermögens seiner Eltern!« schaltete Philippus ein. »... in volle Freiheit ...« – »Das heißt, stets von deinen Spähern überwacht«, ergänzte der Alte. »Nach Athen. – Dort zieht der Jüngling alsbald die Augen des Volkes auf sich ...« – »Durch seinen Fleiß, seine Bescheidenheit, sein leutseliges Wesen.« – »Jawohl«, wollte die Augusta eifrig rufen, aber ein warnender Blick des Arztes hielt sie noch rechtzeitig zurück. »Er besucht Byzanz, er verkehrt in Nikomedia mit Feinden der heiligen Kirche, mit argen Spöttern, mit kecken Sophisten. Einstweilen aber ... der andere Bruder, sieben Jahre älter, offen, ungestüm; ihn machst du vollends zum Cäsar und räumst ihm die Verwaltung des Morgenlandes ein.« – »Konnte ich etwa zugleich«, fuhr ihn der Imperator heftig an, »diesen verfluchten Magnentius in Aquilea bekämpfen und zugleich in Antiochia die Perser im Auge behalten? He, konnt ich das?« – »Und wählst zu deinem Vertreter von allen Sterblichen den Gefährlichsten. Wahrlich, glänzend hat sich die Weisheit des Sternguckers bewährt, der diesen Rat erteilt hat, während deine Ungnade mich auf Monate von deinem Hof verbannte.« »Auf deine wunderschöne Villa in den Sabinerbergen«, meinte Constantius. »Kein hartes Exil! Sie ist prachtvoller eingerichtet als dieser mein Palast. Tauschen wir, Präposite?« »Alles, was ich habe, ist ohnehin dein, o Herr. – Aber bald verrät sich der unbändige Trotz, der rachedurstige Haß des neuen Cäsars: Er verfolgt deine treuesten Beamten, er läßt die dir ergebensten Heerführer hinrichten, und als du endlich auf die Anklagen deiner Treuen hin von deiner Seite vertraute Männer entsendest, den Frevler zur Rechenschaft zu ziehen, da ruft der Tyrann seine Leibwachen unter die Waffen, ruft den Pöbel von Antiochia zum offenen Widerstand auf, deine beiden Sendboten werden ergriffen, unter hundert Wunden durch die Straßen der Stadt geschleift und endlich in die Fluten des Orontes geworfen. Nun droht dir der Abfall des ganzen Morgenlandes. Gallus, ein neuer, ein gefährlicherer Magnentius, rüstet den Bürgerkrieg. Da – endlich – erinnerst du dich deines getreusten Sklaven und entsendest mich nach Antiochia, mich allein, ohne Geld, ohne Waffen, ohne Heer; denn du hattest keines ...« »Ich möchte dich wohl ein Reitergeschwader befehligen sehen, o Eusebius«, warf der Bucklige ein. »Deine Beine, die sich von selbst unter dem Bauche des Gaules zusammenschließen, würden deinen Sitz festigen.« »Allein also reise ich in die Höhle des Untiers, das heißt nach Antiochia. Und wirklich gelingt es mir, den Anmaßer ohne Kampf zu überwinden. Ich bewege ihn, unter Zusicherung deiner Verzeihung und Huld ...« – »Wieviel Meineide hat dich das – unter Brüdern – gekostet?« fragte Philippus. »Hast du ihm wirklich geschworen?« forschte Constantius mit scheuem Blick. »Der Bischof von Antiochia lieh mir selbst zu diesem Eid einen Nagel vom Kreuze Christi und entband mich im voraus von der Sünde!« Da atmete der Herrscher tief beruhigt auf. »So beredete ich den Toren, seine schon aufgebotenen Scharen zu entlassen und mit mir zu reisen. Anfangs zwar führte er noch eine so starke Bedeckung durch seine Anhänger mit, daß ich mehr sein Gefangener war als er der meine. In Byzanz hielt er noch als Cäsar des Morgenlandes die Zirkusspiele ab. Aber allmählich gelang es mir, ihn immer sicherer zu machen ... immer mehrere seiner Gewaffneten ließ er unterwegs zurück ... Hätten ihn nicht alle Götter verlassen – (wollte sagen: alle Heiligen!) –, er hätte merken müssen, wie er, gleich einem großen Fisch in einer Spitzreuse, immer mehr in die Enge geriet, immer mehr die Möglichkeit des Rückzugs, der freien Entschließung verlor. Kam er doch bei jedem Schritt immer weiter fort von den Grundlagen seiner Macht und immer tiefer in das Gebiet deiner Herrschaft. In Adrianopel teilte ich ihm deinen eben eingelaufenen Befehl mit ...« – »Ich habe gar keinen dorthin geschickt.« – »Vergib, ich erriet deinen Willen! – daß er hier sein ganzes Gefolge zurückzulassen habe.« – »Und der Tor gehorchte?« fragte Philippus. »Ich übergab ihm des Imperators eignen Siegelring als Pfand der Sicherheit. In nur wenigen Wagen der Reichspost, ohne alle Krieger des Gallus, fuhren wir von Adrianopel weiter. Ich setzte mich nun zu ihm in das zweisitzige Gespann – sein Entkommen zu verhüten – gegen seinen Einspruch. Nun merkte er nachgerade, daß ich nicht sein Ehrengeleiter, daß ich sein Bewacher war. Er ward nun bald wütend, bald niedergeschlagen. Oftmals rief er: ›Oh, Julianus, räche mich!‹ Endlich, zu Petovio in Pannonien, fand ich es sicher genug, auch den Schein des Ehrengeleits abzuwerfen; hier stand ja Barbatio ...« – »Der Schurke«, murmelte Philippus. »Dein treuer Diener mit starker Schar sarmatischer Söldner. Ihm übergab ich noch am Abend unserer Ankunft den Gefangenen; die Abzeichen der Cäsarenwürde rissen ihm die wilden Sarmaten vom Leibe, wir brachten ihn dann noch nach Pola in Istrien, wo ich als Ankläger und Richter auftrat ...« »Nicht auch gleich als Henker?« fragte Philippus. »All das ist bei Hochverrat dasselbe, naseweiser Arzt! Die Hände auf den Rücken gebunden ward er von mir angeklagt, gerichtet, verurteilt und vor meinen Augen von den Sarmaten erdrosselt in weniger als einer Viertelstunde.« Eusebia erschauerte. »Mörder!« hauchte sie vor sich hin. »Ich fürchte mich vor ihm.« – »Ich bin zufrieden mit dir, Präpositus. Von dieser Stunde an bist du Patricius.« – »Und gegen dieses Gift weiß ich kein Gegengift«, seufzte der Arzt halblaut. Aber Eusebius hatte es verstanden. »Warte, Giftmischer«, flüsterte er ihm rasch zu. »O Herr, welche Gnade«, rief er laut, sich auf das Antlitz niederwerfend. Schwer ward es dem Dickgedunsenen, sich wieder zu erheben. »Aber mein Werk ist erst halb getan. Laß mich den Lohn voll verdienen. Noch lebt der jüngere Bruder ...« – »Wie?« rief die Frau, einen warnenden Blick des Sterndeuters nicht beachtend vor heftiger Erregung – »willst du den Schuldlosen morden wie den Schuldigen?« Mißtrauisch sah Constantius auf seine Gattin: »Schuldlos? Woher weißt du das?« Sie erschrak, sie fuhr zusammen, heißes Rot schoß in die bleichen Wangen. Aber Philippus kam ihr zu Hilfe. »Frage, o Herr, lieber den jüngsten Patricius deines Reiches, woher er die Schuld des Jünglings kennt? Worin sie besteht, außer darin, daß er der Lieblingsbruder deiner verstorbenen Gemahlin war? Und erkennst du denn immer noch nicht, daß dieser Höfling planmäßig darauf ausgeht – seit der ersten Nacht deiner Herrschaft, jener Nacht in Nikomedia, in welcher blutiger Maientau fiel, wie das geängstigte Volk flüstert –, alle deine von der Natur, vom Blut oder sagen wir von Gott dir gegebenen Stützen – die Glieder deines Hauses – zu vernichten, auf daß du, deiner von der Natur gegebenen Helfer beraubt, solch Widernatürlicher bedarfst wie der oberste der Eunuchen ist? Ja, blicke nur Tod und Verderben, Patricius. Zum Basilisken, der durch den Blick tötet, kann dich doch sogar der Imperator nicht machen.« – »Hui«, lächelte der, »du bist sehr kühn, Mann der Sterne. Ich für meinen Teil möchte es nicht wagen, meinen Günstling so zu reizen.« – »Was soll der fürchten, Herr, der den Tod nicht fürchtet? Glaubst du, es ist ein besonderes Vergnügen, als dein Untertan und obendrein noch als dein Arzt und als dein Sterndeuter zu leben? Nicht den Sternen, deinem Unstern folgst du – diesem da.« Constantius lachte. Aber Eusebius meinte grimmig: »So mach doch dem ein Ende! Du kennst ja der Gifte so viele. Stirb! Oder höre wenigstens auf, Arzt und Sterndeuter des Herrn zu sein.« – »Nein, o Patricissimus. Ich habe dem großen Constantinus versprochen – zwar ohne Eid auf alte Nägel –, über diesen seinen Sohn, bald nach dessen Geburt, zu wachen, mit allen Kräften meines Geistes für seine Gesundheit und sein Heil zu sorgen. Und ich halte das. Weil ich's versprochen. Und weil ich es liebe, dieses arme, rasch sinkende Reich der Römer. Nicht aus Liebe zu Constantius, denn er ist nicht liebenswürdig, außer«, fügte er bei, »für Eusebia.« Diese errötete wieder und schlug die Augen nieder. Der Imperator aber lachte abermals: »Hört, ihr beiden, ihr solltet euch gegenseitig aushelfen: Eusebius hat zuviel der Lobes-Süßigkeit, Philippus zuviel der Grobheit-Bitterkeit für mich! Aber genug nun von beiden. Eusebius, Gallien ist in Barbarenhand.« »Ich erfuhr es unterwegs.« »Schau, schau, er ist durch seine Kundschafter trefflich bedient, wo immer er weilt. Besser als ich! Wen soll ich senden, es wieder zu erobern?« – »Barbatio, den Magister Militum für Illyricum.« – »Den Schlächter von Petrovia«, rief die Imperatrix. »Und deinen Neffen, o Patricius«, fügte Philippus bei. Constantius hatte die Stirne gerunzelt: »Nein, das schlage dir aus dem Sinn, Unersättlicher. Du machtest deine Verwandten gern zu Halbgöttern, wenn du könntest. Wen soll ich senden, gütige Augusta?« Da erhob sich diese von dem Sitz, und dem Gemahl voll ins Auge sehend, sprach sie, diesmal ohne zu erröten: »Julianus, deinen letzten Vetter.« »Ha«, fuhr Eusebius auf, wie von einem Pfeil getroffen. »Den Bruder des Gallus, den Rächer?« »Wird dir bange, Mörder?« fragte der Herrscher, plötzlich ganz verwandelt. »Er ist hochbegabt«, fuhr Eusebia lebhaft fort, »tugendhaft, unbefleckt von jedem Laster, ja frei auch von den bloßen Torheiten der Jugend ...« – »Kennst du ihn?« forschte Constantius. »Er gilt dafür«, fiel Philippus ein. »Ihn kennen! Wie konnte man ihn kennenlernen, da du ihn immer eingesperrt hieltst, erst im Kloster, dann in jener alten Burg? Als dein einziger noch lebender Verwandter hat er ein Recht auf deine Beachtung. Und du hast einiges gutzumachen, sollt ich meinen, an seinem Geschlecht.« Unwillig erwiderte Constantius: »Mein Arzt, mein Sterndeuter bist du, nicht mein Beichtiger.« – »Ich staune«, rief Eusebius, »wie man so verblendet sein kann! Wer ... wer empfiehlt diesen unheimlich tugendhaften Jüngling? Wer?« – »Die Sterne«, antwortete Philippus feierlich. »Längst schon, in der Stunde, ja im Augenblick seiner Geburt habe ich ihm das Horoskop gestellt.« – »Woher konntest du diesen Augenblick wissen?« fragte Eusebia erstaunt. »Ich war ein Freund seiner Mutter, der spurlos Verschwundenen«, seufzte er mit einem Blick des Vorwurfs und der Forschung auf den Augustus; aber der wandte rasch die Augen ab. »Ich weilte an ihrem Lager, als sie den Knaben gebar, wie später in jener Mordnacht, da sie ihn – für immer, wie es scheint – verlor; ihn, den andern Knaben, die Tochter, den Gemahl! Sowie das Kind das Licht der Welt erblickt hatte, eilte ich auf meinen Sternenturm. Schon damals sah ich große Geschicke für ihn voraus. Seither hab ich oft und oft über ihn die Sterne befragt. Sie versicherten mir, daß er noch lebe in all den Jahren, da der Imperator mir verboten hatte, ihn nach Julian und den Seinen zu befragen! Und heute, jetzt in dieser Stunde, da der Jüngling sein vierundzwanzigstes Lebensjahr vollendet, der wichtigsten Verbindung seiner Sterne, heute, jetzt befrag ich sie in Gegenwart des Herrschers. Dazu hat er mich herbeibeschieden.« »Immer noch solch Vertrauen, nach der Erfahrung mit Gallus!« grollte Eusebius. »Schweig!« herrschte ihn Constantius an. »Die Menschen – auch die Patrizier – lügen und betrügen; meine Gemahlin, Philippus und seine Sterne haben mich noch nie getäuscht. Alles ist noch eingetroffen, was er vorhergesagt hat.« – »Ja, er ist ein ungewöhnlich kluger Kopf«, meinte der Eunuch. »Philippus war es, dessen Aussprüche mich wiederholt bestimmten, die Verfolgung des Knaben einzustellen.« – »Aber in Gallus hat er sich doch geirrt.« – »Nein, ich irrte mich. Philippus riet nur, einen meiner beiden Vettern zum Cäsar zu erheben, er nannte nicht Gallus; der Erfolg hat gelehrt: Ich griff fehl. Philippus hat in den Sternen gelesen: Julians Geschick, sein Glück und Glanz sind auf das engste mit meinem, mit des Römerreiches Glück und Glanz verknüpft, er ist dazu bestimmt, mir noch näher verbunden zu werden, als Geburt und meine erste Ehe ihn mit mir verbunden haben. Hohe, tapfere Feldherrnschaft und kluge Staatskunst schlummern in dem träumerischen Grübler und Schwärmer, so sagen die Sterne.« »Ja«, fiel Philippus mit Feuer ein, »noch mehr: Die Sterne sagen, dieser Jüngling wird dem Römerreich verlorene Provinzen wiedergewinnen, er wird jenseits eines breiten Stroms in Barbarenlanden halb unbekannte Völker unterwerfen, er wird die größte Tat vollbringen. Er wird ...« Die Imperatrix suchte seinen Eifer mit einem mahnenden Blick zu dämpfen, denn sie bemerkte, wie ihres Gatten Züge sich verfinsterten, wie er drohend den Lobredner beobachtete, wie er die Unterlippe biß; aber der Seher achtete es nicht. Er war an die schwarze Tafel getreten und verfolgte mit dem Zeigefinger eifrig die vielfach geschlungene gelbe Linie. »Er wird«, fuhr er fort, »nach dem Imperator, neben dem Imperator – nach einer großen, schweren Gefahr – der mächtigste Mann werden. Wenn er als Cäsar ausgesandt wird, dann ...« Da trat der Herrscher hastig zu Eusebius und raunte diesem zu: »Der törichte Sternseher! Er ahnt nicht, daß er mich mit jedem dieser Worte abmahnt. Julian ist unterwegs hierher.« – »Nein, das wolle Gott nicht!« rief Eusebius entsetzt. – »Sorge, daß er nicht lebend das Palatium verläßt. Seine Mutter ist heimlich aus Aquilea, seine Schwester heimlich aus Syrakus hierhergebracht, sie weilen in dem Palast der Gärten vor der Stadt; ich wollte volle Versöhnung. Aber nun ..., nach dieser Weissagung! Sowie sein Haupt gefallen, werden beide wieder, getrennt, in ihre Verbannungen zurückgesandt.« Ein Siegeslächeln ging über die Züge des Patricius, wie er sich tief verbeugte. »Nur in die Sterne selbst muß ich noch einmal sehen«, fuhr Philippus fort und stieg hastig die Staffeln hinan zu dem Gerüst, das dicht an die Öffnung in der Saaldecke reichte. Gespannt achteten auf ihn sechs Augen; er blickte scharf, schweigend nach oben. Plötzlich schrie er laut auf: »O weh, wehe mir! Was hab ich getan? Nein, mein Imperator, tue nicht, tue ja nicht, was ich riet. Ich Unseliger!« Und er sank, in Schmerzen stöhnend, auf das Knie. »Rede! Ich befehl es!« gebot Constantius, rasch die Stufen hinaneilend und ihn an der Schulter rüttelnd. »Gestehe, was hast du gesehen?« – »Ach! Wenn er nach Gallien geht ..., ein früher Tod ...! Er wird Gallien zurückgewinnen ... aber der Cäsar Julian kehrt nie ... nie aus Gallien zurück. Du wirst ihn nie mehr wiedersehen.« – »Wirklich? Wirklich und wahrhaftig?« fragte der Herrscher, gierig ihm ins Antlitz starrend. »So gewiß da oben die Sterne stehen!« – »Wirklich?« frohlockte der Augustus. »Der Cäsar kehrt aus Gallien nie zurück? Wohlan! Vernehmt es, aber schweigt noch davon: Es ist mein Wille – unabänderlich: Julian ist zum Cäsar ernannt. Julian wird nach Gallien entsendet.« Neunzehntes Kapitel Der weite Garten des Palatiums zu Mailand, an dem rechten Ufer des Flüßleins Olona anmutig hingelehnt, wäre schöner gewesen, hätte nicht die schon in der ersten Zeit der Imperatoren zur Herrschaft gelangte Überfeinerung und übertriebene Künstelei von der Natur allzuwenig übriggelassen. Bäume und Gebüsche waren mit der Schere in allerlei unmögliche Formen verunstaltet; neben die geometrischen und astrologischen Figuren dieser mißhandelten Gewächse waren in den letzten Jahrzehnten allerlei christliche Zeichen getreten: das Kreuz, die Dornenkrone, das Lamm, die Taube, der Fisch. Die Wege waren mit einem Sande bestreut, der alle Farben, nur nicht die des Sandes zeigte. Trotz der spätherbstlichen Jahreszeit – es war zu Anfang des Novembers – erhielten die vorherrschenden immergrünen Gewächse noch einen Schein des Sommers. In dem dem Palatium gegenüberliegenden Hintergrunde des Gartens wölbte sich eine Grotte über eine Quelle. Die Quelle war künstlich – durch Wasserleitung aus dem Flüßchen herbeigeführt –, und die Grotte war künstlich, aus allerlei buntem Gestein, das nirgends in der Welt zusammen vorkam, zu grellster Farbenwirkung zusammengesetzt. Den Weg zu der Grotte umhegten auf beiden Seiten Buchshecken, die von der Schere der Kunst am leichtesten und am schonungslosesten mißhandelt wurden. Den Gang wandelten auf und nieder zwei jugendliche Frauengestalten, ein Weib und ein Mädchen; beide schön, aber beide nicht den Eindruck blühender Gesundheit ausstrahlend. An der Imperatrix Arm hing ein Mädchen, wenig jünger und noch zarter als die schmächtige Frau. Tränen füllten die Augen der Jungfrau, wie sie zu der etwas Höhergewachsenen emporsah. »Wie gütig du bist, o Eusebia. Wie dankt dir meine wogende Seele! Ach, nach so vielen Wechselfällen, hin- und hergeworfen von dem Wellenspiel, dem unheimlichen, dieses Hofes, fand ich in dir das einzige Herz, das die arme Schwester des Imperators liebt, dem sie vertrauen darf.« – »Ein hartes Wort, du Empörerin, gegen deinen Bruder, meinen Gemahl!« Die Frau lächelte dazu, aber es war kein glückliches Lächeln. Das Mädchen blieb stehen: »O Teure, Constantius ... kann nur sich selbst lieben; könnte er andre lieben, er müßte doch vor allem dich lieben. Aber ...« »Er liebt mich nicht«, sprach die Augusta, ruhig weiterschreitend. »Vielleicht hätte er unser Kind geliebt, falls uns der Himmel eins geschenkt hätte. Aber wer weiß!« fuhr sie fort, traurig, wie mit sich selbst redend. »Ein Mädchen hätte er gehaßt, weil es kein Erbe, den Sohn, weil er ein Erbe, ein Nachfolger, vielleicht ein Liebling des Volkes gewesen wäre. Sieh, du Kleine, gerade weil ich selbst nie das Glück der Liebe, der Ehe genossen, deshalb erfreut es mich so tief, dir, geliebte Schwester, zum Glück der Liebe zu verhelfen.« – »Wie gut du bist!« Sie bogen nun in die Grotte ein und ließen sich auf die halbrunde Bank im Hintergrund des Steingewölbes nieder. »Sieh, Helena«, fuhr die Herrscherin fort, zärtlich das dunkelbraune Haar von der Jungfrau Schläfe hinter das feine Ohr streichend, »Herzensschwester, sind wir doch beinahe – aber zum Glück nur beinahe – Schwestern geworden in ... in ... der Neigung zu einem Manne.« – »Wie? Oh, Eusebia!« rief das Mädchen und sprang auf. Aber mit trübem Lächeln zog die junge Frau sie wieder zu sich hernieder und schlang beschwichtigend den Arm um ihre Schultern. »Beruhige dich! Es hat keine Gefahr.« – »O doch! Wenn er ahnt, daß du ihn liebst, du Vielschöne!« – »Aber ich liebe ihn ja gar nicht. Und er? Er weiß wohl nicht, daß ich lebe, am wenigsten, daß ich seine Base und seine Beherrscherin bin. Vor mehr als einem Jahre war's. Lange bevor dein Bruder oder vielmehr seine Günstlinge, oder sagen wir seine Staatskunst, ihn bewogen hatten, mich Arme auf seinen Thron zu befehlen, als Nachfolgerin seiner ersten Gattin, der Schwester Julians, die schon vor dem Tod des großen Constantin gestorben war. Damals erwachte in mir – ich lebte harmlos in meinem Vaterhause zu Korinth – allmählich der Drang, mehr von der Hellenen Dichtung und Weltweisheit zu erfahren, als unter der strengen Aufsicht des Bischofs, meines Großohms, in unserem Hause von den Mädchenlehrern gelehrt werden durfte; die wußten vielleicht auch nicht mehr, als sie lehrten. Mein geliebter Vater ..., er tat alles, was er mir an den Augen absehen konnte ...« »Diesen schönen Augen!« »Er, seine Zärtlichkeit, bemühte sich, mir die früh verlorene Mutter zu ersetzen. Gern erfüllte er mir auch diesen Wunsch und brachte mich nach Athen, wo wir viele Monate in dem Haus eines Verwandten, eines Lehrers an der Hochschule, lebten. Ich sog eifrig und beglückt ein, was mir an Schönheit und an Wissen geboten ward. Der Vater sah das mit Freuden, und eines Tages nahm er mich mit in die Stoa Hadrians, wo die berühmtesten Philosophen Vorträge halten, zuweilen auch für Frauen und Mädchen. Aber hier sprachen nicht nur die Lehrer. Sie gaben oft auch ihren hervorragendsten Schülern Streitfragen zur Besprechung auf. Die jungen Leute mußten dann in Rede und Gegenrede ihre Meinungen vertreten. Laß mich nur gestehen: Ich verstand im Anfang nicht allzuviel! Zumal nicht aus der Alten Munde. Vielleicht, weil ich auf die nicht genug achtgab! Aber einer ihrer jungen Schüler«, sie stockte und errötete leicht, »er war nicht eigentlich schön; andere neben ihm sahen viel stattlicher aus; aber der eine hatte so tiefe Augen! Und seine Stimme war so seelenvoll! Auch was er vertrat, gefiel mir gut, soweit ich es verstand. Kurz, ich gewann ihn lieb; um seiner Augen, seiner Stimme, seiner edlen, feinen Weise, um seiner Begeisterung willen. Ich fehlte nie, wann er sprach. Oft senkte ich die Wimpern, nur seiner Stimme zu lauschen. Und oft versenkte ich den Blick in seine dunkeln Augen, ohne dann – leider! – auf seine gelehrten Worte zu achten. Viele Monde währte das. Da starb mein geliebter Vater, und plötzlich ward mir geboten, Gemahlin des Imperators zu werden! Denn unser Geschlecht ist das vornehmste, reichste, angesehenste im Peloponnes, wo die Constantier noch nicht gar tiefe Wurzeln geschlagen haben. Ich mußte gehorchen. Ich verließ Athen. Den Jüngling sah ich niemals wieder. Er hieß ... Julian.« »Ah!« »Beruhige dich, wiederhole ich! Es war nichts als ein Wohlgefallen, ein Wohlgefallen nur der Seele, nie ein Wunsch; und auch Constantius ahnt nicht ...« »O Gott, es wäre Julians Tod!« »Und als du unschuldvolles, ahnungsloses Kind – du kennst nicht die Welt und nicht die Hölle, das heißt diesen Hof –, als du mir nun in rührendem Vertrauen erzähltest, wie dich das Bild jenes Unbekannten aus dem Haine von Macellum nie mehr verlassen will, da erkundete ich und brachte es, durch Hilfe des treuen Philippus und noch eines Freundes, bald heraus; dein Unbekannter sei mein ... Bekannter, sei des Imperators Vetter, Julian. Da gelobte ich mir – auch er, meintest du, ja recht gewiß behauptest du's, habe auf dich geblickt mit Augen der Liebe –, diese beiden jungen, hilflosen, von der furchtbaren Macht dieses Hofes abhängigen Menschen sollen glücklich werden. Glücklich machen, o Helena, ist auch eine Art glücklich sein.« »Für Engel und für Heilige«, flüsterte die Jungfrau und küßte der Freundin schmale, unruhig zuckende Hand. »Und wirklich gelang es mir, ein wenig Schutzengel zu spielen für Julian und für dich. Dir vereitelte ich eine dichte Reihe von Verheiratungen«, lächelte sie, »die dir drohten.« – »Dank! Dank! Freilich«, lachte das Mädchen, »trug mir meine Weigerung ein paarmal den Zorn des Bruders ein. Wiederholt glaubte er meinen Willen zwingen zu können, indem er mich zur Strafe von dem Hofe, den du damals noch nicht schmücktest, verbannte in ferne Burgen, in Klöster. Und auch Ihn hast du beschützt!« – »Nicht ich allein hätte das vermocht. Aber er hat zwei Freunde, die ihn schon früher, auch jetzt, vor mir – und ohne mich – wiederholt beschirmt haben und die mir ihn vor kurzem retten halfen, als nach der Empörung des Gallus das Schwert des Verderbens an einem Haar über seinem Nacken hing. Constantius hatte befohlen, ihn von Athen hinweg in einer jener geschlossenen schwarzen Sänften abzuholen; du weißt, man pflegt sie nur mit dem Sarkophag zu vertauschen. Zum Glück Julians konnte dein Bruder diesmal nicht Eusebius aussenden mit diesem Auftrag. Der hatte noch mit Gallus zu tun. Einstweilen war am Hof die Nachricht eingetroffen, daß eine Provinz – Gallien – schwer von den Barbaren bedrängt sei. Der Imperator schwankte hin und her. Er wußte nicht, wen dorthin schicken. Da faßten ich und ein andrer – einer der beiden Freunde Julians – den kühnen Gedanken ... Ich darf noch nicht mehr verraten, aber der Jüngling wird hier in dem Palast etwas ganz andres finden als den ihm zugedachten Tod; zum Beispiel: dich, du holdes Kind.« »Dank, Dank! Aber sage mir – wenn du darfst – Du hast ihn doch nur so kurze Zeit gesehen, gesprochen ...« – »Gesprochen? Nie!« – »Woher hast du so Eindringendes über ihn erfahren?« »Ich sagte dir ja: er hat zwei Freunde.« – »Hier am Hof?« – »Ja, einen. Und noch einen in der Ferne.« – »Am Hof. Ich ahne: den Edelsten, Weisesten ...! Und noch einen in der Ferne. Einen der Mächtigen in den Provinzen?« – »O nein! Es ist der Unscheinbarsten einer im Reiche. Ein Büßermönch. Der hat mir viel von Julian erzählt, er kennt ihn von Jugend auf. Und er liebt ihn wie ein Vater. Und mein trefflicher mutiger Vater hat den ihm befreundeten Mönch beschützt, als der Mönch – und noch einer – in jener blutigen Nacht zu Nikomedia«, sie schauderte leise, »die wenigen Überlebenden aus Julians Hause gerettet hatte ... Der Mönch ist ein Jugendfreund des Arztes, des Sternweisen. Was aber ihn von Anfang an mit solcher Liebe an Julian wie an Gallus knüpfte, ich weiß es nicht zu erklären. Hier liegen dunkle Geheimnisse. Einmal, als ich ihn geradezu darum befragte, geriet der arme Johannes in gewaltigste Erregung, Tränen brachen ihm aus den müden Augen, und er beschwor mich, niemals darauf zurückzukommen. Aber du – fast möcht ich dich beneiden – du weißt ja viel, viel mehr von Julian als ich; durch seine Schwester, mit welcher du im Kloster in Kleinasien, in dem sie verbannt, abgeschlossen, vergessen von der Welt lebte, mondelang eine Art von leichter Ungehorsams-Haft teiltest.« »Ja, es war eine gute Zeit; herzlich lieb gewann ich die schöne sinnige Juliana. Nur ist sie so viel frommeren Sinnes denn ich. Bewundernd sah ich auf zu ihrem glühenden Glauben. Und ich ahnte damals wahrlich nicht, daß ich den von ihr so warm geliebten Bruder – und doch waren sie beide Kinder, da sie auseinandergerissen wurden – ja daß ich bald ihre beiden Brüder – durch Zufall – sehen würde. Zuerst traf ich auf Gallus. Ich konnte ihn erfreuen durch die Nachricht, daß die Schwester lebe. Dann sah ich Julian selbst in Macellum, wo ich einige Wochen rastete auf der Rückreise an den Hof, nachdem der Bruder mir den jüngsten Ungehorsam gegen ihn und das neueste ›Nein‹, für einen persischen Prinzen, verziehen hatte. Die Sänfteträger, meine Sklaven, kannten ihn und nannten mir meinen halbgefangenen Vetter. Ach, Eusebia, er ist nicht schön – du sagst es – aber dies Auge! Und diese Stirn! Und der Adel, die Reinheit der Seele in diesem Antlitz! Wer ihn einmal gesehen; nie kann er diese Züge vergessen.« – »Du hast recht«, hauchte die blasse Frau, leis, aber tief erseufzend. – »Wie wird sich Juliana freuen, darf ich sie hier begrüßen! Denn du sagtest, sie komme hierher. O wie schön wird uns zu dritt dann das Zusammenleben erblühn! Welche Jahre der Freuden liegen vor uns!« – »Wer weiß«, sprach die junge Frau. »Ich glaube nicht ...« – »Wie meinst du das?« »Ich meine, wir sollen ... oder doch ich soll nicht auf lange Zukunft hinausblicken. Nicht allen Menschen ist ein langes Leben zu wünschen. Aber«, hob sie nun an, sich zur Heiterkeit anstrengend, »auch sonst ... wer weiß! Vielleicht freuen wir uns zu früh. Denn wir machen ja die Rechnung ohne den Wirt.« – »Du fürchtest ... mein Bruder? Er könnte schwanken. Seine Gnade könnte ...?« – »Auch das vielleicht. Allein es ist noch ein anderes ... Er ...« Sie hielt inne und sann ernstlich nach. – »Was ist, o teure Freundin? Was hehlst du mir?« – »Ich darf dir ... zur Stunde ... noch nicht alles sagen. Der Imperator behielt mich heute Nacht zu geheimer Zwiesprach zurück, nachdem er die beiden Männer entlassen. Er vertraute mir noch andere Pläne an ...« Sie verstummte. Sie prüfte das Antlitz des jungen Mädchens. »Wie ahnungslos!« dachte sie. »Darf ich sie mit einer Hoffnung zu den Sternen heben, die dann, versagend, sie plötzlich stürzen läßt?« »Was sinnest du so Ernstes, Eusebia?« »Mein Kind«, sprach diese, ihr über das dunkle Haar streichend, »glaubst du ... du sprachst von Blicken der Liebe Julians ... aber glaubst du ...? Mehr als ein Jahr verstrich, seitdem ... er trat dann in die Welt hinein; er hat seither wohl gar manche andere gesehen ...« – »O Eusebia!« rief das Mädchen tief erschrocken. »Oder wenn nun der Imperator« – hier achtete sie scharf auf die Wirkung ihrer Worte – »als Bedingung der Begnadigung ihm auferlegt, die Tochter irgendeines vornehmen Hauses heimzuführen? Glaubst du, daß ...? Was soll er dann tun?« – »Sie zur Gattin nehmen und mich vergessen! Mich ewigem Sehnen überlassen!« rief Helena und warf sich, laut aufschluchzend, an der Freundin Brust. Beschwichtigend streichelte die junge Frau ihr die Wange. »Stille! Fasse dich, törichtes Kind. Ich zweifle ja nicht an seiner Beständigkeit ...« – »So innig liebt sie ihn?« sprach sie zu sich selbst. »Nun, desto glücklicher wird sie ihn machen. Schäme dich, Eusebia.« Zwanzigstes Kapitel Die Freundinnen wurden nun aufgestört durch nahende Schritte. Alsbald traten in die Grotte Hand in Hand Philippus und Johannes, der Büßermönch. Nach ehrfurchtsvoller Begrüßung der Frauen begann der Arzt: »Du hast mir befohlen, Augusta, dir alles zu berichten, was ich über das Eintreffen unseres Schützlings erfahren kann. Er ist nun in Bälde zu erwarten. Ein Eilbote, vorausgesandt von Julians bisherigem Wächter, meldete soeben deinem Gemahl, daß der Gefangene, als solcher gilt er noch immer, vor Sonnenuntergang eintreffen wird. Es ist Befehl gegeben, ihn sofort in das Palatium und vor den Imperator zu führen. Gestern noch sollte er dort ...«, er stockte mit einem fragenden Seitenblick auf Helena. »Ohne Sorge«, ermutigte die Frau mit ihrem herzgewinnenden Lächeln. »Die Freundin ist eingeweiht. Sie ist auch seine Freundin. Willkommen, frommer Vater. Was führt dich her?« fragte sie, zu Johannes gewendet. – »Wie schon oft, die Sorge um ihn, um Julian, hohe Herrin. Ich erfuhr zu Rom, wo ich einige Wochen des Büßens, abgeschlossen von der Welt, am Grabe der Apostelfürsten gebetet hatte, von dem Untergang des unseligen Gallus. Ich ahnte, daß dieser Schlag auch den Bruder treffen werde, und ich eilte hierher zu dem altbewährten Rater und Retter, zu Philippus, dem besten Freund des unglücklichen Hauses des Julius.« »Nach dir, o Johannes!« entgegnete dieser. »Ganz verzweifelt pochte der Gute vor einer Stunde an meine Tür. Nun, ich konnte ihn trösten.« Und er klopfte ihm freundlich die Schulter. »Dank, Dank euch beiden!« sprach Helena, jedem der Männer eine Hand hinreichend. Die Imperatrix erhob sich. »Laßt uns nun ein wenig wandeln; dort unter den schönen Zypressen. Es ist wohl noch manches zu bereden.« Sie winkte den Arzt näher an sich heran und schritt mit ihm den beiden andern voran. »O Philippus!« sprach sie leise, »mein Herz ist schwer und traurig. Wohl haben die Sterne und du ihn vor dem nahen schimpflichen Tode gerettet. Allein wehe um ihn, wenn deine Weissagung sich erfüllt! Zwar hat sie – ich merkte es wohl – sie allein meinen Gemahl umgestimmt. Aber ach, schicken wir ihn nach Gallien, so schicken wir ihn ja, wie du voraussiehst, in frühen Tod.« »Ja, Herrin«, seufzte Philippus. »Es ist so, es wird so sein. Aber sieh, nach meiner Meinung von der Welt und von dem Wert des Lebens ist diese Entschließung doch das größere Glück für ihn. Nicht nur, weil sie allein ihn dem Henker entriß, auch über die Gefahr des heutigen Tages hinaus. Ein junger Römer, ein Sproß des Herrscherhauses, edel von Sinnesart, schwungvollen Geistes, wie alle berichten, wird er nicht frühen Tod willkommen heißen? Den Heldentod, nachdem er das Römerreich aus schwerer Gefahr gerettet, eine verlorene, eine unentbehrliche Provinz zurückgewonnen, unsterblichen Heldenruhm errungen hat? O Augusta, ich glaube, auch du denkst so und hoffentlich – nein gewiß –, auch er. Wen die Götter lieben, dem senden sie das Glück, in der Schöne der Jugend zu sterben. Als Jüngling stirbt Achilleus, als Jüngling Alexandros. Gönnen wir unserem Schützling das schöne Los. Schönheit, ach Schönheit!« Er blieb stehen und blickte in Begeisterung zu der Frau neben ihm empor. »O Eusebia, du, von den Wogen der Schönheit umflutet, du weißt es nicht, wie schmerzlich sie der Häßliche entbehrt.« »Nun«, lächelte die, »wenn das dir ein Stachel ist, diesen kann ich dir aus der wunden Seele ziehen. Es ist ja wahr, deine Gestalt ist ...« – »Verkrüppelt.« – »Aber, wenn du es denn gerne hörst, du eitler Sternweiser; dein Antlitz ist sehr schön. Ich freue mich an deinem Auge, das selbst einem Sterne gleicht, an deinen edlen Zügen, sooft ich sie betrachte.« »Du bist mitleidig, Eusebia«, seufzte der Höckerige. »Aber auch dein Mitleid tut wohl. Jetzt, jetzt sind viele Jahrzehnte drüber hingegangen. Ich habe längst entsagt. Aber wie furchtbar litt ich einst unter dieser meiner Entstellung! Denn auch ich war einmal jung, Eusebia, und heiß schlug das Herz in dem verkrüppelten Leibe. Und nun sich sagen müssen: Hätte nicht die Amme dich als Kind auf die Erde stürzen lassen, du könntest, an Geist und Kraft fehlt es dir nicht, mit allen Nebenbuhlern und allen Mitbewerbern kühnlich in die Schranken treten und ringen um ... um den höchsten Preis. So aber, ein elender Krüppel, mußt du zur Seite stehen und zuschauen, hoffnungslos, wie andre Jünglinge das schönste, edelste Geschöpf umwerben. Oh, es war zum Verzweifeln!« Er blieb stehen und atmete schwer. »Armer Freund«, sprach die Frau und legte leise die Hand auf sein graues Haar. »Und wer, wer war das Weib, für das du bis heute solche Wärme des Gefühls bewahrt hast? Lebt es noch?« »Ach, ich weiß es ja nicht«, klagte der Traurige. »So vieles verraten mir die Sterne; aber von ihr schweigen sie mir, wie die Menschen. Sie ist verschwunden, spurlos! Seit achtzehn Jahren! Denn wisse nun, edle Frau – ja du sollst es wissen, du sollst erkennen, daß meine Liebe, meine Sorge für Julian nur der Selbstsucht entsprossen ist – Julianus ist der Sohn meiner heißgeliebten Irene Basilina.« »Armer Freund! Aber wie, wie ist all das gekommen, wie hat es geendet? Wie griff das in dein Leben ein?« – »In meines und das von andern. Siehst du ihn da, in diesem Gang neben uns, mit Helena wandeln, den Mönch, den Einsiedler, den Büßer Johannes? Auch daß er das Mönchsgewand trägt mit dem Stachelgürtel des Büßers; auch das haben die Sterne durch Irene gefügt.« – »Was werde ich hören?« – »Vor mehr als dreißig Jahren lebten in Rom zwei Brüder aus dem vornehmen Hause der Manlier, Marcus und Cajus. Die Jünglinge waren mir, dem etwa Gleichaltrigen, nahe befreundet, und nahe befreundet auch waren unsere beiden Geschlechter den edlen Fulviern. Die Tochter dieses Hauses war die schöne, die unvergleichliche Irene Basilina; ach ihre Augen! Ihresgleichen gab es nie auf Erden, den Augen der Gazelle vergleichbar in ihrem sanften feuchten Glanz! Wir alle, auch ich, der hoffnungslose Krüppel, wie meine beiden Freunde, ach, wie alle Jünglinge Roms, waren von Liebe ergriffen zu der Wunderbaren. Sie aber hielt alle in gleicher kühler Ferne. Keinen zeichnete sie aus vor den andern. Eines Abends hatten die Manlier mich und einige andere zu sich gebeten zum Schmause. Auf den Befehl des Marcus, des ungestümen, heißblütigen jüngern Bruders, trugen die Sklaven die Schüsseln auf, obwohl Cajus noch fehlte. Schon hatte der feurige Wein von Sizilien mehrfach gekreist; ungeduldig schalt Marcus auf den Bruder, der noch immer fehlte; argwöhnisch erzählte er, Fulvius, der Vater, habe Cajus – allein, nicht auch ihn – auf mehrere Tage in seine Villa bei Tibur zu Gast geladen, als der Vermißte eintrat, strahlender Miene; er hielt eine goldene Spange in der Hand und rief frohlockend: ›Wünschet mir Glück, Bruder und Freunde! Denket nur: In diesen Tagen, vor meinem Abschied von den Fulviern, trug ich der Herrlichen die Ode vor, die ich auf die Reize der schönen Villa, dies liebliche Gebäude des Anio gedichtet. Die Strophen gefielen der Jungfrau so sehr, daß sie, ihre Mutter um Erlaubnis bittend, diese Spange von ihrem Mantel löste und mir schenkte. Wer ward je so von ihr ausgezeichnet? Ich bin der glücklichste der Menschen.‹ ›Aber nicht mehr lang!‹ schrie rasend vor Eifersucht sein Bruder, riß mit Riesenkraft die zentnerschwere bronzene Amphora vom Boden auf, hob sie mit beiden Händen in die Höhe und sprang damit auf den Bruder los, ihm den Schädel zu zerschmettern.« »Entsetzlich!« – »Der, in seiner Todesangst, raffte vom Seitentisch das spitze lange Messer, mit dem die Sklaven den Braten zerlegt hatten, hielt es zur Abwehr gerade vor sich hin. Blindlings rannte der Wütende hinein. Die Klinge durchbohrte das Herz; die Amphora entfiel den Händen, aufschreiend stürzte er nieder, mit einem gräßlichen Fluche den Bruder verwünschend, den er über und über mit seinem Blute bespritzte. Noch einmal ballte er die Faust gegen ihn, dann starb er. Von Stunde an entsagte der unselige Brudermörder wider Willen der Welt, in der ihm bei seiner reichen Begabung und Bildung, seiner Schönheit, seiner Abkunft aus vornehmem, vielbegütertem Hause jede höchste Stufe ersteigbar war. Der große Constantin hatte ihn – wegen seiner Tapferkeit in dem Gotischen Kriege – ausgezeichnet, ihn in die Schar seiner besten Schola aufgenommen. Ohne Abschied von den verzweifelten Eltern, von mir – von ihr – verschwand er spurlos auf lange, lange Zeit. Bald darauf ward die schöne Irene – ›Schönauge‹, ›Euopis‹, hieß sie in ganz Rom – die Gemahlin des ausgezeichneten Julius, des edlen Bruders des großen Constantin. Julius, von jeher mein Gönner, bestand nun darauf, daß ich der Arzt, der nächste Freund seines Hauses ward. So sah ich die einst Geliebte – ach, die heute noch Geliebte – gar oft; meine schwache Kunst durfte ihr und den Ihrigen zuweilen nützen. Ich begleitete sie von Rom nach Nikomedia, als Constantin seinem Bruder ein hohes Amt in jener Stadt, in jener Provinz übertrug. Da – kurze Zeit vor dem Thronwechsel – pochte an meine Tür ein Mönch, ein Einsiedler, ein Büßer; ich erkannte ihn nicht. Wer sollte den glänzenden, jugendschönen, heiter weltlich gesinnten Krieger Cajus wiedererkennen in dem niedrigen, von Demut und Reue gebeugten, fast greisenhaften Büßer, der sich Bruder Johannes nannte! Es war eine jammervolle Wandlung – auch des Geistes. Vergessenheit nicht nur ..., nein, Haß und Verachtung hatte der Reuekranke zugewandt aller weltlichen Lust nicht bloß, nein, auch aller weltlichen Wissenschaft und Kunst, aller Freude an Waffenwerk und Staat; all das galt und gilt ihm als sündhaft, bös, teuflisch oder doch als gefährlichste Versuchung. Nur Selbstverleugnung, Reue, Buße, Zerknirschung, Feindesliebe erfüllen ihn. Wahrlich, ich bin nicht ein Freund des jetzt alleinherrschenden Glaubens, und manches auch in Bruder Johannes erscheint mir krank. Aber das ist wahr: An diesem Unseligen hat der Christenglaube Wunder gewirkt; er hätte in Selbstmord, in Wahnsinn geendet, hätte ihn nicht die Lehre von der äußersten Selbstüberwindung, von der allesverzeihenden Feindesliebe, von dem Leben nur für andere, erfüllt und gerettet. Ich brachte nun den frommen Büßer – nach heftigem Widerstreben – dazu, die Jugendliebe mit mir aufzusuchen, sich ihres Eheglücks, ihrer blühenden Kinder – zwei Knaben und ein Mädchen – zu erfreuen. Ich glaube, er gab mir nach, weil er sich zwingen wollte, sich ihres Glückes mit einem andern zu freuen. Und wie freute er sich, wie hat er sich als rettender Freund bewährt in all diesen Jahren! In jener Mordnacht pflegte er den schwerkranken – wir glaubten, den sterbenden – Gallus. Ganz wie ich, der dazu verpflichtete Arzt, trotzte er den ansteckenden Beulen. Und als nun der Mord des Hausherrn geschehen, als nur durch Zufall die Mutter mit den Kindern verschont geblieben war, da war er es, der diese vier rettete, mit äußerster Gefahr des Lebens. Denn jeder war mit dem Tode bedroht, der sich eines der geächteten Häupter annahm.« – »Aber nicht er allein konnte das. Der Augustus hat mir mitgeteilt: Du vor allem hast ihm damals jene weitere Blutschuld erspart. Ich glaube, er dankt es dir im stillen.« – »Nun ja, ich flüchtete – mit Hilfe deines Vaters –, die Mutter, die bewußtlose, in das Haus meiner Schwester, wie Johannes die drei Kinder in dem Asyl einer Basilika barg. Damit war – nach dem jetzt anerkannten Recht der Kirche – wenigstens das Leben der schuldlosen Kinder gerettet, und drei Tage Zeit waren gewonnen, nach welchen die blutige Mordgier eines Eusebius nicht mehr allein den neuen ›Herrscher‹ beherrschte. Zwar ward die Zuflucht von den Spähern des Eunuchen entdeckt, und nach Ablauf der Schutzfrist von drei Tagen mußte Johannes die Geborgenen herausgeben den heischenden Prätorianern, aber ihr Leben wenigstens war – dem Rechte nach – gesichert. Die drei Geschwister wurden dann auseinandergerissen; keines wußte, jahrelang, ob die andern noch lebten. Auch die Beamten des Staates, des Hofes, wußten deren Versteck nicht; ebensowenig den Verbleib der unglücklichen Mutter, die, während ich in den Palast befohlen ward, den zornigsten Verweis des Imperators entgegenzunehmen und die Einziehung der Hälfte meines Vermögens, von einem Centurio aus den Armen meiner Schwester gerissen worden war und seither verschollen ist. Ob sie wohl noch das Licht der Sterne schauen, die wunderbaren Augen?« Erschüttert hielt er inne, keuchend hob sich ihm die schwer atmende Brust. Die blasse Frau erfaßte seine beiden Hände: »Philippus, du bist – ach du bist, wie wir alle sein sollten, ob wir an Christus glauben, ob an Jupiter. Aber sage mir, wie konntest du – eine solche Seele – dich erhalten an diesem Hof, wo Eusebius waltet und die Seinen?« – »Dein Gatte glaubte zu entdecken, daß ich ihm als Arzt unentbehrlich sei. Es gelang mir, seine wirklich schwache Gesundheit zu kräftigen, von gefährlichen Krankheiten ihn herzustellen; ich hatte seinem großen Vater, dem Gönner und Wohltäter unseres Hauses, versprochen – er hatte großes Vertrauen in meine Heilkunst –, dem Sohne treu zu dienen. Bald vertraute Constantius nicht nur meiner Kräuterkunde, auch meiner Kenntnis der Lehren, der Weissagungen der Gestirne. Und so blieb ich, weil ich's versprochen habe und weil ich glaube, daß es gut ist für dies geliebte Reich der Römer, daß an diesem Hof ein Mann ist, der stets die Wahrheit redet.« »Der Imperator erträgt sie nur von dir und mir.« »Und doch – wie wenig vermag ich über ihn! Meinen Bitten gelang es nie, diese achtzehn Jahre hindurch, über den Aufenthalt der vier Verschwundenen von ihm etwas zu erfahren. Durch andere, durch den Mönch, der unermüdlich in allen drei Erdteilen nach ihnen suchte, durch einen Schüler in der Sternkunde, Lysias, erkundete ich einzelnes. Vergebens bat ich den Herrscher, die noch Lebenden von ihnen zu vereinen, daß sie gemeinsam leichter ihr Schicksal tragen möchten. ›Und gemeinsam wirksame Rachepläne und Verschwörungen einfädeln?‹ Diese Gegenfrage war all mein Bescheid. Ob wohl die Mutter, die Schwester noch lebt?« »Die Schwester lebte noch vor kurzem. Das erfuhr ich gestern von Helena, die sie in Kleinasien in einem Kloster traf.« »Dank den Sternen! Aber die Mutter? Ich darf nicht ruhen und rasten, um sie zu sorgen! Nicht nur die alte, nie erloschene Liebe drängt mich dazu; ein feierlicher Eid, den Johannes und ich in jener grausen Stunde an der Leiche des gemordeten Freundes schworen, nie im Leben abzulassen, den vier Unseligen Stab und Stütze zu sein. Aber sieh, Johannes winkt; es ist Zeit für ihn, abermals zu büßen; er muß noch in die Basilika; er rutscht dort auf den Knien um den Altar, ich weiß nicht, wie viele Male. Es ist doch ein wunderbar Gemisch, das drei Jahrhunderte aus den schlichten Worten jenes armen edlen Judenjünglings zusammengebraut haben! Immer, wenn man das Ganze verwerfen, verwünschen möchte, erlebt man – neben Früchten des Wahnsinns – Wunder, gewirkt durch diese Lehre, die uns fast zwingen, an ihre Göttlichkeit zu glauben. Warum auch nicht? Die große Weltseele lebt in uns allen; weshalb soll sie nicht in jenem unvergleichlichen Nazarener in reicherer Fülle und edlerer Reinheit gelebt haben als in uns andern? Platon heißt der Göttliche; warum nicht Christus?« »O schweige, Philippus. Bitte, verstöre mir nicht die Ruhe der Gedanken! Wecke mir nicht die Zweifel, die ich mit Mühe beschwichtigt habe. Ich bin des Constantius Gemahlin; ach so vieles scheidet unsere Seelen! Laß uns nicht auch im Glauben geschieden sein. Du aber – mir ist –, mir ist, o weiser Freund, du hast allen Glauben verloren!« »Ja; den an die Götter, die alten und die neuen, und – was noch trauriger zu sagen – auch den an die Menschen, zumal an die Alten!« – »O du Beklagenswerter! Ich könnte nicht leben, wenn ich nicht glaubte! Die Menschen zwar; ach nur an wenige glaube ich noch, seit man mich zwang, die Menschen zu beherrschen! Aber mein Gottesglaube! Sieh, Philippus, unser Haus hat früh der Lehre Christi sich zugewandt, lange bevor diese zur herrschenden erhoben ward. Deshalb halt ich auch an dieser Lehre und an Christi heiligem Bilde fest, mag seine Kirche – ich seh es ja selbst, mit widerstrebenden Augen – verunreinigt sein, seit sie herrscht.« – »Sie kann nur verfolgt sein oder verfolgen, scheint's« – »O sprich nicht so. Ich ...« Da faßte der alte Mann ihre schmale, durchsichtige Hand und sprach: »Du edle, gute Frau! Wohl dir, daß du glaubst, daß du glauben kannst! Dir ward darin das beste, das beneidenswerteste Los. Und nie und nimmer werde ich je den Zweifel wecken in einer Seele, die der volle Friede des Glaubens beseligt; es wäre Frevel. Weiß ich denn, ob meine Weisheit, die mich befriedigt, befriedigen muß – weil ich nichts Besseres habe –, die bittere Weisheit des völligen Entsagens, eine andere Seele nicht zur Verzweiflung treibt?« Er seufzte tief und fuhr mit der Linken über die Stirne, so weiß wie Elfenbein. »Armer Freund!« klagte die Frau, seinen Händedruck erwidernd, »an gar nichts glauben! Es muß dir ja das Herz abstoßen.« – »Doch nicht! Ich glaube ja wirklich an die Sterne; ich glaube, daß sie dem, der reinen Herzens ihre Geheimnisse erforscht, die Wahrheit verkünden.« – »Und das ist alles? Und du glaubst nicht an die hilfreich leitende, allgütige Vorsehung?« – »Kind! – hohe Frau, wollte ich sagen –, lassen wir das!« – »Und du glaubst auch nicht – denn ich ahne wohl, was du insgeheim einwendest: den so häufigen Sieg des Bösen über das Gute auf Erden! – an die ausgleichende Gerechtigkeit nach dem Tode? Du schweigst. Ich beklage sie; aber großartig ist sie, diese Kraft der Entsagung.« »Nicht doch«, wehrte er ab. »Ich kann mich darin gar nicht messen mit einem andern, und noch dazu mit einem Jüngling, und schlimmer noch: gar mit einem Barbaren.« Er versank ein wenig in Sinnen; dann fuhr er fort: »Denke nur, da war ein junger Germane, als Geisel an den Hof des großen Constantin gesandt, als Knabe von fünfzehn Jahren. Jener gewaltige Herrscher – die Menschen erkannte er, das muß wahr sein – entdeckte reiche Gaben in dem Jungen; er gewann ihn lieb. Er ließ ihn zusammen mit Söhnen der vornehmsten Senatorenhäuser erziehen, in Rom, in Memphis, in Athen, in Byzanz, in Nikomedia; in alle christliche, heidnische und mystische Weisheit einweihen. Wohl achtzehn Jahre lang. Später kam er wieder an den Hof, wo ich ihn genau kennenlernte, bis er vor kurzem – ein reifer Mann – nach Haus entlassen ward. Der ist von allen Männern, die ich je gesehen, der merkwürdigste.« – »Warum?« – »Ja, denke dir nur! Ich glaube doch noch an die Sterne, ohne diesen süßen Trost hielt ich's nicht aus. Dieser Germane aber sprach, als wir nach vielen langen Nächten des dialektischen Ringens voneinander Abschied nahmen: ›So siehst du also, teurer Meister, ich muß auch deines Trosts entraten. Ich glaube auch an die Sterne nicht.‹ – ›Unseliger‹, rief ich, ›an was dann glaubst du?‹ – ›An die Notwendigkeit. An mein Volk. Und an mein Schwert‹, sprach er, gab mir die Hand und ging. Ich hab ihn nie wieder gesehen. Möchte wohl wissen, was aus ihm geworden ist. Ob ihn das Leben nicht gebrochen hat, diesen stolzgemuten Heldensinn, der, ganz stützenlos, nur auf sich selber steht?« »Gut für deinen jungen Freund, daß er nicht zu andern an diesem Hofe so gesprochen hat. So was kann ich, mag ich gar nicht denken!« – »Ja, dein Gatte sorgt jetzt so eifrig für das ewige Seelenheil seiner Untertanen, daß er darüber ihre verzweifelten Klagen über ihr – freilich nur lebenslängliches – Unheil unter seiner Herrschaft überhört. Und wenn er doch nur endlich einmal wüßte, ob das Christentum die einzige Wahrheit auf katholisch oder auf arianisch ist? Auch mich hat er damit gequält. Aber ich erwiderte grob, meine Sterne und mich möge er in Ruhe lassen; wir verständen nichts von ›o‹ und ›oi‹.« – »Ich gestehe«, lächelte die blasse Frau, »ich auch nicht.« – »Wirst's schon noch lernen müssen, arm Töchterchen – erhabne Augusta, wollt ich sagen. Und zu seinem Unglück neigt dein Herr neuerdings sehr dem arianischen ›oi‹ zu, statt dem alleinseligmachenden katholischen ›o‹. Mir ist's ganz unglaublich gleichgültig, wie du weißt. Aber ...« – »Nun?« – »Da lebt – fern in Alexandria – ein Mann, ich kenne ihn genau, seit zwanzig Jahren, der verteidigt nun einmal aus heiligster Überzeugung das katholische ›o‹. Wenn Constantius mit dem ernsthaft anbindet, er hat schon ein wenig angefangen, dann ist er verloren. Dazu brauche ich nicht in die Sterne zu gucken.« – »Und wie heißt dieser Gewaltige?« – »Athanasius, der ›Unsterbliche‹. Merk dir den Namen. Denn wahrlich: Er wird unsterblich sein. Aber Johannes winkt; ich folge. Leb wohl, gütigste der Frauen.« Einundzwanzigstes Kapitel Die Sonne neigte nun zum Untergang, rötliches Dämmerlicht flutete über die Ebene des fernen Po und ließ die Türme und Wallmauern von Mailand wie von Purpur übergossen erstrahlen. Da hielt ein kleiner Reiterzug, armenische Söldner waren es, vor dem südöstlichen Tor, der Porta Romana. Während der Anführer mit der Torwache verhandelte, spornte ein Unbewaffneter – nur trug er statt des Reisehutes einen Helm – sein Roß an die halboffne schwarze Sänfte, die in der Mitte des Zuges geführt wurde. »Wir sind am Ziel, Julian«, rief der Reiter, ein stattlicher Jüngling, der ein paar Jahre älter schien als der Gefangene. »Da vorn begrüßen dich die Zinnen von Mailand.« »Blutigrot ist ihr Gruß, moriturum salutant! « erwiderte Julian, den Kopf aus dem Fenster der Sänfte vorstreckend. »Zum letzten Male wohl sehe ich ihn scheiden, den schönsten der Götter. Und Abschied nehmen nun auch wir, o mein Jovian. Wie soll ich dir danken für all deine Freundschaft, deine todesmutige Treue! Fast mit Gewalt ertrotztest du's, den Verhafteten aus Athen, mitten aus deinen, aus unsern strategischen Studien herausgerissen, bis hierher begleiten zu dürfen. Weh um deine künftige Laufbahn! Du hast dich den Mächtigen verdächtig gemacht. Aber kehre jetzt wenigstens um; tritt nicht freiwillig in die Höhle des ...« »Löwen – willst du doch nicht sagen? Wo wäre da der Löwenmut und die Löwengroßmut? Nein, Freund Julian. Der Himmel hat mir nicht den kleinsten Teil deines Geistes gegeben, aber du sollst es erleben, es gibt noch ein treues Herz, es gibt altrömische Freundschaft. Das Tor geht auf. Rasch hinein.« Damit spornte er sein Pferd und sprengte hinter dem Befehlshaber über die Fallbrücke. Die Sänfte folgte. »Wie heißt es doch in meinem Drama ›Euridike‹«, sprach Julian: »Das Tor des Hades schließt sich rasselnd hinter mir, doch hohe Götter walten in dem Hades auch.« »Kein übler Vers und auch kein übler Trost.« Zu derselben Zeit ging der Imperator mit hastigen, ungleichen Schritten in seinem Gemach auf und nieder. »Jetzt – jetzt muß er herein sein. Jetzt hab ich ihn! Wer weiß, ob es nicht doch klüger wäre, den Rächer für immer unschädlich zu machen. Freilich: Gallien und die Barbaren und Philippus mit seinen Sternen! Jedenfalls entscheide ich mich erst, nachdem ich den Knaben von Angesicht gesehen. Und durch Geiseln will ich seine Treue binden, die seinem Herzen nahestehen. Sie sind doch schon angelangt?« Er trat auf die Schwelle des Gemaches; hier wachte statt des riesigen Alemannen ein Neger aus der Libyschen Wüste; der hockte auf den Fersen und betete zu einem Götzen, der auf ein Straußenei gemalt war; fast nackt, trug er nur einen scharlachroten Schurz um die Lenden, in dessen Gurt ein langes, geschweiftes Messer stak. Des Constantius Züge verfinsterten sich bei dem Anblick: »Ah, ein schwarzer Hund heut statt eines weißen? Hm, ja! Den Germanen hat Eusebius dem Henker überantwortet.« Er winkte dem Neger; der sprang auf und kreuzte demütig die Arme über der nackten Brust. Der Augustus fragte: »Die beiden Frauen ..., sind sie eingetroffen?« – »Schon heute früh, o großer Herr der Erde.« – »Und getrennt untergebracht?« – »Wie du befahlst, o herrlicher Leu. Die ältere, die aus Aquilea kam, in den Bädern Diokletians; die jüngere, die aus Syrakus, in dem Garten deiner Villa am Lambrus.« »Gut. Befehle ich, den Mann zu verhaften, den ich jetzt erwarte, werden die beiden Frauen sofort zurückgeführt in ihre Verbannungen. Andernfalls bescheidest du sie hierher in den Palast, aber in die Gemächer meiner Gemahlin. Da ertönt der silberne Hammer im Vorsaal. Mein Vetter kommt. Du untersuchst seine Gewänder; er ist gefährlich – hörst du? Sehr! Nicht das kleinste Messer, nicht eine Nagelfeile duldest du bei ihm. Eile ihm entgegen ...«   Alsbald standen sich der Imperator und sein Gefangener gegenüber. Julian blieb hart an der Schwelle stehen, Constantius hatte sich auf einen erhöhten Sitz niedergelassen; das Gemach war durch mehrere Flammen duftenden Öles auf Schalen hoher Kandelaber wir durch Tageslicht erhellt. ›Das also ist der Träger der römischen Herrlichkeit‹, war Julians Gedanke, ›er ist ihr nicht gewachsen.‹ Constantius aber dachte: ›Dieser bleiche Knabe – mit den schwärmerischen Augen –, er ist nicht gefährlich.‹ Nach längerem Schweigen begann der Imperator: »Vetter Julian, was erwartest du hier zu finden?« – »Den Tod.« – »Hast du ihn verdient?« – »So wenig wie mein Vater.« – »Und dein Bruder? Hat der nicht den Tod verdient?« – »Leider, ja.« – »Das gefällt mir, dieses Ja. Wäre ich nur für mich vorsichtig, hättest du Ursache, zu fürchten. Aber ich bin Gott« – er schlug das Zeichen des Kreuzes – »verantwortlich für dies Reich der Römer. Ich bedarf dein; nicht ich, vielmehr das Reich der Römer: Willst du ihm dienen?« – »Ja, treu bis in den Tod.« – »Willst du auch mir treu dienen?« – »Dem Reich und dir.« – »Das gefällt mir, Vetter.« ›Er ist von kindlicher Einfalt‹, dachte er beruhigt. »Höre: Ich brauche einen Vertreter in Rat und Schlacht. Unverwandte Vertreter sind gefährlich, wir haben's erlebt! Ich wählte darum deinen Bruder; wir haben's erlebt, was davon kam. Wenn ich nun dir vertraue, wirst du – wie er – mein Vertrauen mißbrauchen?« – »Nein.« – »Wohlan. Ich will es mit dir wagen. Gallien ist ... ist ... stark bedroht, vier ... fünf Städte sind in der Hand der Germanen.« – »O Schmach und Schande!« – »Hm, auch dieser edle Zorn gefällt mir.« ›Brächte doch auch ich solch töricht Aufflammen zuwege‹, dachte er. »Willst du ausziehen, Gallien dem Römerreich zu erhalten?« Begeistert schritt der Jüngling drei Schritte vor. »Ich ...?« – »Bleib! Bleib, wo du stehst! Nicht näher! Nun, willst du?« Gluten stiegen in Julians bleiches Antlitz, als er zögernd wiederholte: »Ich? – Ich bin kein Feldherr!« – »Ah«, meinte Constantius mit Behagen, »ich seh's, du fürchtest die Germanen.« – »Beim Helios – nein.« – »Bei ... bei ... wem ... schwörst du, Unseliger?« schrie Constantius aufspringend. »Vergib ..., beim Genius Roms!« – »Auch noch sehr heidnisch. – Also du willst ...?« – »Ich ... ich weiß nicht, was ich können werde. Aber ich habe den besten Willen; nichts steht mir höher als dies Reich der Römer und sein Wohl, das darfst du glauben.« Bei diesen Worten verschönte sich das jugendliche Antlitz, die dunklen Augen leuchteten. »Schwöre mir, Gallien nicht zu verlassen, solang ein einziger Barbar unbesiegt in Gallien lebt.« »Ich schwöre.« – »Gut, ich glaube dir, Julian. ›Der Knabe ist ein Schwärmer durch und durch!‹ Aber nicht deinem Wort allein; ich werde dich zu binden wissen. Was weißt du von ... von deiner Mutter ..., deiner Schwester?« Da fuhr Julian flammend auf: »Unmenschlich ist's von dir, diese Frage zu tun.« Wohlgefällig nickte der Imperator: »Hm, du liebst sie also heiß! Sie, oder ihr Andenken. Nun wisse: Deine Schwester lebt.« – »Ich hörte davon.« – »So? So? Ei sieh! Nun: Auch deine Mutter lebt.« – »O Constantius, Dank! Welche Gnade! Welche Güte.« Und überwältigt von Rührung sank er auf die Knie, Tränen brachen aus seinen Augen. ›Er weint; er ist ganz ungefährlich‹ »Mehr noch, ich habe beide kommen lassen aus ihren bisherigen Ver..., Verweilungen. Sie sind hier.« – »Hier? Ich darf sie sehen! O Constantius! Laß mich ...« »Gemach! Das Wiedersehen und die Freiheit von euch dreien ist der Preis für Verpflichtungen, die du übernehmen wirst. Du gehst nach Gallien, sobald ich es befehle.« – »Mit Freude!« – »Du übernimmst es, die Provinz den Barbaren zu entreißen mit den Mitteln, die du dort antreffen wirst.« – »Herr, welche sind das? Wie viele Legionen, welche Gelder, welche Vorräte? Welche Städte sind verloren, welche noch unser?« – »Hm, diese Fragen mißfallen mir sehr! Wie? Du willst schon markten, feilschen? Reut dich dein Ja?« – »Nein doch. Aber Köln vor allem, Köln ist doch noch nicht gefallen? Wenn das wäre ..., könnte ich's nicht übernehmen. Soviel habe sogar ich schon von Feldherrnschaft für Gallien gelernt. Wie steht's mit Köln?« Constantius schien die Frage zu überhören; er hastete unmutig in dem Gemach auf und nieder. Aber Julian beharrte: »Köln ist doch noch unser?« – »Ja, ja doch!« fuhr ihn der Augustus heftig an. »Ich würde ja selbst gehen, die Aufgabe zu lösen, ist sie doch gar leicht. Allein, mich und alle Kräfte des Reichs rufen die Sarmaten an den Ister, die Perser an den Euphrat. Nicht einen Mann mehr, als in Gallien stehen, darfst du von mir verlangen. Willst du Gallien damit retten oder den Barbaren überlassen für immer?« – »Niemals! Was ist es auch, das ich wage? Mein Leben? Es gehört dem Reich. Mein Name, mein Ruhm als Feldherr? Ach, ich habe keinen zu verlieren. Meine Eitelkeit? – Die zu verlieren wäre ein Gewinn. Es sei!« – »Gut. Aber nicht nur als Feldherr, als Herrscher brauche ich dich in Gallien. Ist die verwüstete Provinz den Barbaren entrissen, muß sie wieder bewohnbar gemacht werden. Cäsar mußt du werden.« ›Wie Gallus‹ dachte Julian. »Wie Gallus, denkst du jetzt. Ja, laß dich seinen blutigen Schatten warnen. Bleibe treu! Bedenke ...«, hier schritt er plötzlich dicht an ihn heran und sah ihm mit drohendem, grausamem Blick ins Auge: »Bedenk es wohl: Deine Mutter und deine Schwester sind in meiner Hand; wertvolle Geiseln!« Er trat nun zwischen die Vorhänge und winkte dem Neger: »Rufe die Frauen.« Julian fuhr auf: »Du ... du bist furchtbar, Imperator!« »Vergiß das nie! Die Furcht vor dem Imperator«, höhnte er, »ist der Weisheit Anfang; wenigstens für seine Untertanen. Und höre noch eins: Als Cäsar sollen die Provinzialien nur einen Mann verehren, der dem Herrscher möglichst nahe verbunden ist. Nun bist du zwar mein Vetter; aber das genügt nicht. Du warst auch mein Schwager; jedoch dies Band zerriß schon längst der Tod. Es soll neu geknüpft werden. Meine Schwester soll deine Gemahlin werden.« Julian fuhr auf. »Nein, o nein! Nie. Nie!« Grimmig zischte Constantius ihn an: »Nein? Du wagst es? Bist du rasend? Die höchste Ehre der Welt? Und ein Wink von dieser Hand und dein Kopf schmückt die Zinnen dieser Feste. Und du wagst es ...?« Julian hörte die Drohung gar nicht. Er hatte die Augen geschlossen und beschwor, nach innen blickend in seine Seele, ein Mädchenbild herauf, das hier ruhte wie unter silberner Flut: ›Helena!‹ sprach er zu sich selbst. ›Helena! Darf ich? Dich lieb ich! Keine andre je! Darf ich, diese Liebe im Herzen, einer andern Gatte werden? Ich müßte ihr sagen, daß nur das Reich, der Staat ... Aber nein! Nein! Keine Spaltung zwischen Ehe und Liebe. Hilf mir, Helios, mein Gott! Keine Unwahrheit! Lieber den Tod als des Herzens Lüge.‹ – »Nein«, sprach er laut, aus seinem Brüten auffahrend. »Nein wagst du zu sagen ...? Unseliger, so sei denn ..., Schweig! Da – da sind sie.« Julian rührte sich nicht. Das Haupt auf die Brust gesenkt, blieb er regungslos stehen, die Augen zu Boden geschlagen. »So seid ihr einig, Dank dem Himmel?« fragte eine sanfte Stimme. Die Imperatrix schwebte freudig bewegt über die Schwelle. »Aber nein, so scheint es! Der Augustus zürnt; wie finster er blickt! Hilf mir, o hilf, Helena, ihn versöhnen.« Bei dem Namen Helena fuhr Julian aus seinem Brüten; er wandte sich; er sah die beiden Frauen. Da schrak er zusammen, das Blut schoß ihm in die Wangen. Er taumelte; er stützte sich auf die nächste Halbsäule, welche eine Büste Constantins trug. »Bei ... bei allen Göttern! Imperator«, fragte er, »wer ...? wer ...? welche von beiden ist deine Schwester?« Bevor Constantius antworten konnte, faßte die Imperatrix die Jungfrau an der Hand und führte sie raschen Schrittes dem Jüngling zu: »Diese da«, lächelte sie traurig, aber mit herzgewinnender Anmut. »Habe nur keine Angst vor der andern! Diese da, Julianus, ist deine Braut. Willst du nun des Imperators Schwager werden?« – »Und ... und ...«, lächelte die Jungfrau verschämt, »und mein Gatte?« Da senkte Julianus das Knie vor den beiden Frauen: »O Helena!« rief er. »Ja, der Gott, der große Gott tut noch Wunder.« Zweiundzwanzigstes Kapitel Wohl war der Herrscher mächtig erstaunt gewesen über den plötzlichen Umschlag in dem Entschlusse seines Vetters; nicht ohne Mißtrauen erfuhr er, daß die beiden füreinander Bestimmten sich bereits kannten; sein Argwohn erwachte aufs neue. Jedoch seine Gemahlin erinnerte ihn, daß ja in keines andern als in seinem Kopf – nicht in ihrem oder in des Sterndeuters Ratschlägen – zuerst der Gedanke an diese Verbindung aufgetaucht sei. So beruhigte er sich denn wieder und gestattete auch, daß noch an diesem Abend Julian die Mutter und die Schwester zugeführt werden durften. Dem neuen Cäsar wurde ein ganzer Flügel des Palastes zur Wohnung angewiesen; Constantius selbst geleitete ihn dorthin mit Gemahlin und Schwester. Als sie den viereckigen Zwischenhof durchschritten, bemerkte Julian ein halbes Dutzend Leibwächter, aus deren Mitte riesengroß ein Gefangener ragte; das Licht der Pechfackeln fiel auf sein blondrotes zottiges Haupt. »Behrung!« rief Julian, stehenbleibend, »Freund Behrung! Wohin gehst du?« – »Wohin ich dich einmal führen sollte: zum Tod. Lebwohl.« – »Dein Freund?« forschte höchst argwöhnisch der Augustus. »Der germanische Bär?« – »Er war sehr gutherzig gegen mich auf dem Wege aus Macellum. Was hat er verbrochen?« – »Er hat seinen Soldvertrag gekündigt und dann, beim Wein, im Rausche gesagt – Späher hinterbrachten es dem Wächter über meine Sicherheit –: er lebe lieber unter den Bären des Neckarwaldes als unter den Füchsen dieses Palastes.« Julian lächelte: »Und deshalb sterben? Im Wein ist Wahrheit.« Eusebia erschrak: »Gott! Welche Keckheit des Wortes. Man sieht, der junge Philosoph hat nie am Hofe gelebt.« Constantius maß den Kühnen mit hocherstauntem Blick: »Es ist Majestätsbeleidigung, o Cäsar!« sprach er auf griechisch. »Aber, Wahrheit? Wir wollen sehen, ob der Germane wirklich Wahrhaftigkeit hat. Gib acht, wie er sogleich ums liebe Leben lügen wird. – Sprich«, sagte er nun wieder auf lateinisch, »vielleicht kannst du den Hals retten: Du hast unter den Füchsen des Palastes gewiß nur meine Diener gemeint, nicht mich?« – »Dich vor allem, Herr.« Constantius starrte vor Staunen; er kämpfte sichtlich mit sich selbst. »Das ist Mannesart! O Imperator«, rief da Julian, »gewähre deinem Cäsar seine erste Bitte: Schenke mir dies verwirkte Leben.« »Es sei!« erwiderte Constantius weiterschreitend, »nimm ihn mit zu seinen Bären. Hoffentlich fressen sie ihn.« Er winkte, die Leibwächter nahmen dem Gebundenen die Ketten ab. »Siehst du«, sprach Julian leise zu ihm, der sich an ihn herandrängte und treuherzig ihm die Rechte bot, »siehst du, auch dich hat gerettet mein Gott! Weißt du noch, wie er heißt ...?« – »Der waltende Wotan.« – »Unverbesserlicher!« lachte Julian und folgte den voranschreitenden Frauen.   Constantius vermied es, der ersten Begegnung Julians mit den Seinen beizuwohnen; er gestattete, daß der treue Jovian, der ängstlich vor dem Außentore des Palastes auf die Entscheidung harrte, daß, auf den Wunsch der Imperatrix, auch Philippus und der Mönch Johannes herbeigerufen würden, und kehrte in sein Gemach zurück, Eusebius eine Abschiedsunterredung zu bewilligen; denn dieser hatte Urlaub auf unbestimmte Zeit verlangt: »Zur Herstellung seiner durch die Aufregungen der letzten Zeit erschütterten Gesundheit«, wie es in der Gesuchschrift hieß. Die beiden Frauen und die beiden Freunde erklärten nun dem immer noch staunenden Julian die Vorgeschichte, die Zusammenhänge dieser plötzlichen Wandlungen. Daß nur die Weissagung von Julians frühem Tod in dem wieder eroberten Gallien den schwankenden Imperator entschieden habe, verschwiegen Eusebia und der Sternweise selbstverständlich dem in Glück und Liebe schwebenden und schwelgenden Brautpaar ebenso wie Jovian. Nach einer Unterbrechung des Gesprächs ergriff Johannes, der bis dahin nur selten ein Wort zur Erklärung eingeworfen, sich demütig zurückgehalten hatte, die Hand Julians und sprach, den tief eindringenden Blick auf ihn gerichtet: »Es ist edel von dir, geliebter Sohn, daß du dich soweit überwindest, dem Mann zu dienen, dessen Hand das Blut der Deinen vergossen hat. Siehst du, so erfüllest du das Gebot des Herrn: ›Vergeltet Böses mit Gutem!‹ Du bist ein Christ der Tat! Dafür wird dir mancher Zweifel am Glauben vergeben werden. Denn ach, ich glaube, du – der Schüler eines Lysias, eines Maximus –, du zweifelst ein wenig? Du hast Bedenken, du bist noch schwankend in deinen Entschlüssen?« Um Julians feingeschnittene Lippen spielte ein leises Lächeln: »Ja, Vater Johannes, ich glaube auch, ich zweifle ein wenig; und ich verdiene dein Lob nicht. Keineswegs der Christ, der Römer in mir hat den Widerwillen überwunden, diesem – Augustus zu dienen. Und auch überwunden die Sehnsucht nach den Hainen und Hallen der Akademie, nach den Lehrern, die in Nikomedia und die am Ilissos wandeln, das Verlangen nach den Papyrusrollen in den Bibliotheken der Stoen: Denn wer am Becher der Weisheit zu nippen begann, wenn auch, wie ich, nur am Rande, den verzehrt der Durst nach reicherem Wissen. Ach, wieviel hätte ich noch zu lernen, zu forschen! Und nun reißt mich der Tubaschall hinaus aufs Schlachtfeld, in verbrannte Städte, in die Speere der Barbaren. Werd ich jemals wieder die Muße finden, einem Maximus, einem Libanius zu lauschen?« »Nun«, meinte Jovian lächelnd, »diese Wahl blieb dir, glaub ich, erspart. Du konntest von dem Imperator hinweg nur nach Gallien gehen oder auf das Blutgerüst, nicht aber nach Athen zurück. Und es ist nun genug der Forschung, Cäsar Julian; nun gilt es Feldherrnschaft.« Und des jungen Mannes schönes Antlitz leuchtete bei diesen Worten. Julian schlang den Arm um seine Schulter: »Dank, mein Jovian! Du bist mein guter Genius. Die Götter selbst – o schilt mich nicht, Johannes! – haben dich mir als solchen verkündet. Hört mich, ihr edlen Frauen! In der letzten Nacht warf ich mich hin und her in der engen Sänfte und konnte lange nicht Schlaf finden. Unablässig beschäftigte mich der Gedanke, was denn, falls ich am Leben bliebe, mein Beruf, was mein Geschick sein werde? Mächtig zog es mein Herz zu den geliebten Lehrern, zu den Büchern zurück. Erst kurz vor Sonnenaufgang schlief ich ein. Und nun kam mir ein Traum – gerade in der Zeit, da die Träume am wahrhaftigsten ...« – »In Christus geliebter Sohn«, klagte Johannes, »das ist heidnischer Wahnglaube.« – »In allen Göttern – was mehr ist – geliebter Vater«, lächelte Julian, »und jener vielgepriesene Judenjunge, der Frau Potifar so sehr gefiel, hat der nicht einem Herrscher geweissagt aus seinen Kuh-Träumen? Oder ist Jehova ein anderer als Gott-Vater? Du verstummst! Nichts für ungut! Aber ein bißchen Spott ist oft mein einziger Trost, bei soviel aufgezwungener Heuchelei.« Da seufzte die Imperatrix tief. »Nun wohlan, der behelmte Genius Romas – ich konnte seine Gesichtszüge im Gewölk kaum erkennen – schwebte auf mich zu, mit der Linken hob er einen Legionsadler in die Höhe, mit der Rechten reichte er mir ein Schwert und sprach: ›Mir gehörst du, Julianus! Du bist ein Römer. Kämpf und siege.‹ Ich erwachte, ich fuhr empor; ich sah noch seinen Helmkamm schimmern im Morgengold. Es war der Helm Jovians, der sich vom Rosse zu mir niederbog, und seine Züge waren die des Genius. O ihr teuren Frauen, ihr treuen Freunde! Glücklicher als ich kann kein Sterblicher sein. Ich soll Mutter und Schwester neu geschenkt erhalten, ich habe eine geliebte Braut und treue Freunde.« »Und eine Beschützerin«, sprach Philippus auf die Imperatrix deutend, die noch bleicher schien als sonst –, »ohne die du jetzt gar nichts hättest, o Cäsar Julian, als ein Grab.« Eusebia winkte ihm, zu schweigen: »Sein Glück – euer Glück vielmehr – ist mein reichster Lohn, ist mein Glück. Freue dich, Cäsar: Wir alle, die wir's wohl meinen mit dir, sind ernst, allzu ernst für deine Jugend, für deine Neigung zum Witz. Dies junge Geschöpf da, deine Helena, ist unter einem fröhlichen Stern geboren; ihre Heiterkeit wird dir ein Labsal sein. Sieh nur, wie sie so strahlend lächeln kann, und silberhell ertönt ihr Lachen.« Einstweilen trat Philippus zu Johannes und flüsterte: »O Freund, und wir? – Wir sollen die Geliebte wiedersehen! Nach so vielen Jahren! Mir pocht das Herz zum Springen. Ob sie noch schön ist?« – »Schweig, Philippus! Nicht solche Worte! Willst du auch in mir die alte Sünde wecken? An ihr Seelenheil denke! Wie mögen all die Jahre, die Einsamkeit, die ungerechte Strafe ohne Schuld, auf ihren Glauben gewirkt haben? Ob ihr Gemüt der Haß verbittert, vom Gottvertrauen abgelenkt hat?« – »Es wäre kein Wunder«, meinte der Arzt. »Aber still ...! Draußen im Hofe wird eine Sänfte niedergesetzt! Sie kommen! – Irene soll ich wiedersehen.« Er zitterte heftig. Der Mönch senkte die Augen und betete: »Und führe uns nicht in Versuchung.« Dreiundzwanzigstes Kapitel Nur kurze Zeit vorher waren Mutter und Tochter nach so vieljähriger Trennung einander wiedergegeben worden, und kaum hatte sich ihre stürmische Erregung in zärtlichen, ängstlichen Fragen, in Tränen des Schmerzes und der Rührung ausgedrückt, als sie aufgefordert wurden, sich aus der Villa in den Palast, zu dem Sohn, dem Bruder zu begeben, dem neuen Cäsar und verlobten Schwager des Imperators. Auf ihre staunenden Fragen über den Zusammenhang all dieser sich überstürzenden Dinge – den Untergang des Gallus hatten sie schon in ihren Verbannungen erfahren –, wußten die Eunuchen, die sie einluden, die Sänfte zu besteigen, keinen Bescheid zu geben; sie waren auf Raten und Vermutungen angewiesen. »Mein geliebter Knabe! Ach nein, nicht mehr Knabe«, sprach die Mutter. »Er war stets unter den Söhnen mein Liebling – ich kann's nicht leugnen –, Gallus war so unbändig. Julian hing an mir mit so zärtlicher Liebe! Wie er wohl aussehen mag? Er war gar klein und schmächtig für sein Alter.« »O nein! Er ist gewiß groß und stark und männlich geworden«, rief das schöne junge Mädchen. Die Schwester schmückten die günstigsten Dinge an Julians Erscheinung: das dunkle Lockenhaar, die Augen, der feine Mund; und sie war frei von den unvorteilhaften: der spitzen Nase, dem spitzen Kinn, den tiefen Augenhöhlen und den vorstehenden Knochen der allzuhagern Wangen. »O wie liebte auch ich ihn! Dachte ich an ihn in all der Zeit, sah ich ihn stets als schönen jungen Helden. Du wirst es sehen, Mutter, er muß der stattlich Schönste von allen sein. O, wie sehne ich mich, an seinem Herzen zu ruhen! Die Sänfte hält. O Mutter, Mutter, laß mich vorauseilen. Ich kann die Sehnsucht nicht mehr zügeln.« Sie stieß die Türe der Sänfte auf, flog die Stufen zu dem Palasteingang hinan, schlug den schwerfaltigen Vorhang zurück, eilte atemlos in den taghell erleuchteten Raum, ließ, ohne ein Wort, die Blicke über die Anwesenden gleiten und rief nun jauchzend: »Julian! Mein Bruder! Geliebter, herrlicher Bruder!« Und mit ausgebreiteten Armen eilte sie auf den etwas weiter stehenden schönen Jüngling zu, der errötend zurückwich. »Guten Geschmack hast du, Schwesterlein«, lachte Julian, sie auffangend. »Aber du mußt dich schon mit mir begnügen, der da ist mein Freund Jovian.« Das Mädchen verstummte vor Scham und lieblicher Verwirrung, Helena kam ihr zu Hilfe: »Die neue Schwester aber, hoff ich, kennst du noch, die Mitgefangne«, lächelte sie und umarmte Juliana. »Jedoch die Mutter? Wo bleibt die Mutter?« rief Julian und flog auf den Eingangsvorhang zu. Plötzlich blieb er wie gebannt stehen, mit großen Augen starrte er vor sich hin, die Arme in stummem Staunen erhebend. Denn wunderbar in der Tat war der Anblick dieser Frau. Hochaufgerichtet, ihren Sohn überragend, blieb die Matrone, von der Stirn bis zu den Knöcheln in ein dunkelgraues Trauergewand gehüllt, dicht am Eingang stehen. Das edle Antlitz war zu beiden Seiten umflutet von einem breitwallenden Strome silberweißen Haares, das aus der enganliegenden Mantelkapuze vorn auf ihre Brust niederquoll. Das Wunderbarste aber an der wunderbaren Erscheinung waren die großen dunkelbraunen Augen, die in bläulichem Weiß schwimmend, mit ihrem unbestimmten Blick nicht an irgendeinem Erdending zu haften, in das Unendliche, in das Unirdische, das Jenseitige suchend, zu schauen schienen. So, die Rechte auf einen hohen schwarzen Stab gestützt, blieb die hehre Gestalt unbeweglich stehen und fragte mit tiefer, nur leise zitternder Stimme: »Wo ist Julian, wo ist mein lieber Sohn?« – »Mutter!« rief der aus tiefstem Grund der Seele und sank ehrfürchtig vor ihr nieder, ihre Knie umfassend. Feierliches Schweigen waltete nun in dem weiten Saal.   Endlich sprach die immer noch aus der Maßen schöne Matrone, den Blick der verklärt schimmernden Augen tief in seine Seele senkend: »Ja. Dank sei dem dreieinigen Gott! – Er ist mir rein geblieben; in diesen Augen leuchtet unbefleckter Glanz. Die Sünde der Welt hat ihn mir nie berührt. Lieber wär er mir gestorben. Aber er lebt! Er lebt, Dank sei dem Herrn, der alle seine Wege seinen Engeln befohlen hatte. Über schuppige Häupter der Drachen und über giftige Schlangen ist er gewandelt – unversehrt! Der Herr hat große Wunder an ihm getan. Dir, o Herr, dreieiniger Gott, Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist – dir weih ich sein Haupt und sein Leben ganz und gar. Dem Erlöser und seiner Botschaft des Heils, die allein mich vor Verzweiflung, vor Wahnsinn, vor der Verfluchung Gottes und der Welt behütet hat in den Schrecken jener Mordnacht, in der verzehrenden Qual meiner einsamen Sehnsucht! – Christus dem Herrn, in dem allein das Heil ist, weihe ich den Sohn, diesen Sohn von tausend Schmerzen! – Ihr andern aber alle, wer ihr auch seid, ob die Höchsten der Zeitlichkeit und die Weisesten, beugt, ich beschwöre euch, beugt eure Knie in den Staub vor Gott und sprechet mit mir: »Dank sei dir, Herr Jesus Christus, Gottes eingeborener Sohn! Dank sei dir! Lob und Preis in Ewigkeit, der du durch deiner Güte und Barmherzigkeit und Allmacht Wunder diese Stunde hast herbeigeführt. Lob und Preis sei dir und Anbetung in Ewigkeit. Amen!« Da erhob die Frau, hoch sich reckend, den Stab, auf den sie sich gestützt hatte. Nun zeigte sich, der Griff des schwarzen Schaftes war ein silbernes Kreuz; hell blitzte es, augenblendend, in dem Licht der Fackeln. Und alle, alle – bis auf einen – sanken bei ihrer Beschwörung in die Knie, die drei Frauen und Johannes zuerst. Der flüsterte vor sich hin: »Das ist eine Heilige auf Erden.« Auch Philippus folgte – zögernd: ›Wahnsinn ist es‹, dachte der, ›aber göttlicher Wahnsinn wie der Sibylle.‹ Nur Julian blieb stehen, er zitterte am ganzen Leibe; scheu wandte er den Blick von der Mutter ab, er wollte entfliehen. Da sprang Jovianus auf, faßte ihn fest an der Schulter, zog ihn nieder und, selbst wieder auf die Knie sinkend, raunte er ihm zu: »Die Mutter! Julian, um ihrer Seelenruhe willen! Die Mutter!« – »Heucheln? Lügen?« knirschte der. »Schone die Mutter!« Und er zwang den Widerstrebenden zu sich nieder; die Matrone hatte die Zögerung nicht bemerkt, denn mit verzückten, weit geöffneten Augen hatte sie nach oben geblickt, sprachlos, achtlos ihrer Umgebung. Jetzt legte sie die Hand dem vor ihr knienden Sohn auf das Haupt und schloß feierlich: »Segne ihn, Christus, sein Erlöser und Gott! Ich und mein Haus, wir wollen dir dienen. Leben wir, so leben wir dir, sterben wir, so sterben wir dir, darum wir leben oder sterben, dein sind wir, Jesus Christus. Amen.« Feierliche, weihevolle Stille folgte diesen in höchster Begeisterung gesprochenen Worten. Aber doch lag ein gewisser dumpfer Druck über allen. Die Matrone hatte so plötzlich, so gewaltig, ja gewaltsam den auf ganz anderes gerichteten Gedanken der drei Frauen und der drei weltlichen Männer eine Richtung aufgezwungen, die dem Augenblicke ferne lag. Julian trat der Schweiß auf die zu Boden gesenkte Stirn. Der erste, der aufsprang, war Jovianus: »Auf!« rief er und schlug dem Freunde, der, in wehvollem Zwiespalt ringend, vor sich hinstarrte, auf die Schulter. »Hörst du die Tuba draußen schmettern durch die Nacht? Es ist der Sammelruf der Legionen, Cäsar Julian«, rief er. »Sie gibt dem ganzen Heer das Zeichen zur Versammlung morgen früh vor den Toren der Stadt. Als Cäsar wirst du feierlich begrüßt. Dann zur Hochzeit.« »Jawohl«, fiel Philippus, sich erhebend, ein, »unter guten Sternen; unter Eusebias Augen!« »Und dann«, schloß Julian, sich kräftig ermannend und hoch aufrichtend, »dann sofort auf nach Gallien; und wehe den Barbaren!« Zweites Buch / Der Cäsar »Tapferster Führer der Heere. Hoch als Gesetzbegründer berühmt; mit dem Arm und dem Rate treuer Wahrer des Vaterlands, nicht aber des Glaubens, Abgefallen von Gott, doch getreu bis zum Tode dem Reiche.« Prudentius, christlicher Dichter des V. Jahrhunderts. Erstes Kapitel Wo der Rheinstrom, der gewaltige, an Breite fast einem See vergleichbar, sich oberhalb der Batavischen Insel in zwei Arme spaltet, da saßen damals auf beiden Ufern in dem von Urwald und Ursumpf durchzogenen Lande die salischen Franken, jene Bataver, die dereinst unter Claudius Civilis sich in dem Freiheitskampf gegen Rom erhoben hatten, einen Hauptbestandteil gestellt zu dieser Gruppe von Völkern, die sich seit vier, fünf Menschenaltern unter jenem Namen der »Freien« zusammengeschlossen. Auf dem batavischen Eiland, ziemlich nahe der Abzweigung des »Rheines«, das heißt des nördlichen Armes von dem südlichen: der »Waal«, krönte, einen Pfeilschuß weit von dem Strom, den höchsten Hügel das stattliche Gehöft eines Gaukönigs. Einige Zeit bevor der neue Cäsar auszog, in dem unbekannten Lande eine unbekannte Aufgabe zu lösen, war in der Halle dieses Königshofes eine Anzahl von Gaukönigen und Edelingen der salfränkischen Völkerschaften zur Beratung versammelt, aber auch weither gereiste Gäste – aus anderen Germanenstämmen – waren erschienen. Den Hochsitz nahm der Herr des Hauses ein, der greise König Nebisgast, dem das in einer breiten Woge bis auf die Schultern wallende silberweiße Haar und der lange gleichfarbige Bart hochehrwürdiges Aussehen gaben. Da sein Augenlicht schwach war, half ihm sein auf der Bank gegenübersitzender Sohn, wenn der Alte mit unsicherer Hand nach dem Becher auf dem Rundtisch tastete. Liebevoll folgte des jungen Mannes Auge jeder Bewegung des Vaters. Die andern Fürsten, die Gäste, saßen auf den halbkreisförmigen Bänken, die rings um den Trinktisch gereiht waren; die aufwartenden Knechte waren entlassen, denn wichtige Beschlüsse sollten nunmehr gefaßt werden. Den Ehrenplatz zur Rechten des Hauswirtes erfüllte eine riesige Gestalt, ein gewaltiger Mann von etwa vierzig Jahren, von dessen Mantel, dem schwarzen Fell des Urstieres, der brandrote Rauschebart sich grell abhob. Der Eichentisch dröhnte, als der Riese den schweren, in Erz getriebenen, doppelhenkeligen Mischkrug darauf niederschlug. »Bei Tius und beim roten Donar«, rief er, »schenk wieder ein, Merowech. Zu winzig ist der Walen größter Krug für alemannischen Durst.« Der Königssohn lächelte, wie er mit dem leergetrunkenen hohen Krug aus einem weitbauchigen Tongefäß, das auf dem Estrich stand, den stark, ja streng duftenden, tief dunkelroten Wein schöpfte: »Und doch, König Chnodomar, diente dies, dein Becherlein da, dem Imperator Constantin als gewaltigster Mischkrug. Darin ward der Wein mit Wasser gemischt für neun Gäste.« »Bah, waren eben Walen, wenige Wichte, leibarme Lotter«, rief der Alemanne, den mächtigen Krug wieder mit beiden Händen zu dem bärtigen Munde führend. »Aber guten Haustrunk führst du, Bataver! Wo hast ihn her?« – »Der Imperator Constantius sandte ihn dem Vater – zugleich mit mir, als er mich freigab.« – »Wie lange«, fragte der Gast, der neben Chnodomar saß – der suebische auf dem Oberhaupt zusammengeknotete Haarwirbel bezeichnete auch ihn als Alemannen –, »wie lange, Merowech, warst du gefangen bei den Römern?« – »Nicht doch gefangen, König Ur«, erwiderte da der Vater des Gefragten unwillig. »Von freien Stücken gab ich den Knaben – fünfzehn Jahre zählte er – dem großen Constantinus hin als Unterpfand des Friedens. Dieser Friede allein rettete mein Volk. Allbezwingend stand der Augustus in meinem Gau; jeder Widerstand war unmöglich, ausmorden hätten uns die Legionen können in wenigen Tagen. Der Friede ward uns gewährt gegen Vergeiselung von einigen Söhnen der Edlen und – von des Königs Sohn. Ich gab ihn hin, den blondgelockten. Ich entbehrte seither des Sonnenstrahls in der Halle. Meine Augen wurden trüb, und die Mutter hat ihn nicht mehr wieder hereinhüpfen sehen über die Schwelle. Aber dieser Preis hat meinem Volke den Frieden erkauft, den unentbehrlichen, für fast zwanzig Jahre. Wir Bataver hatten Ruhe, während all unsere Nachbarn, die zur Unzeit wider den großen Imperator sich erhoben, unter den Schwertern der Übermacht bluteten. All diese Jahre hab ich den einzigen Sohn vermißt, wie einen Toten. Erst seit kurzem hab ich ihn wieder.« Und er weidete die müden Augen an dem Anblick der jungen Heldengestalt. »Nun«, lachte Chnodomar, tief in den Mischkrug blickend, »er ist ihm aber gut bekommen, dieser römische Tod, dem Buben. Der schlaue Fuchs, Constantius, den du den großen Imperator nennst – möge er zwischen Schwertern und Schlangen im Eisstrom Hels sich wälzen –, hat ihn erziehen lassen mit vornehmsten Edelingen seines Reichs. Latein und Griechisch hat er gelernt und die Bücher von dem gekreuzigten Sohn Allvaters und, wie man sagt, alle Geheimlehren der Zauberer Ägyptens. Zum Priester eines ägyptischen Gottes ward er geweiht, und einen ägyptischen Namen hat er deshalb geführt; wie klang's doch noch?« – »Serapio heiß ich den Römern, nach Serapis, dem größten Gotte der Ägypter.« – »Ja, er lernte auch dessen Weihen und Geheimnisse«, sprach der Vater mit Stolz. »Aber ein batavischer, ein salischer Held ist er geblieben«, rief ein Graubart, der neben dem Königssohne saß, und schlug ihn auf die Schulter. »›Merowech‹ haben wir dich nach einem großen Ahnen, nach des Claudius Civilis Sohn, genannt bei der Wasserweihe, der Namensgebung. Nach jenem Merowech, der, des sterbenden Vaters Auftrag gemäß, die zersplitterten Gaue unserer Völkerschaften zusammenschloß unter dem großen Namen der ›Franken‹, anfangs geheim, den lauernden Römern verborgen, bis endlich – vor einem Großhundert von Wintern etwa – der fünfte Sproß von jenem Merowech der Franken Namen laut verkündete; und hell wie Donnerkrach fuhr er bis Rom!« – »Ja, 's ist richtig«, bestätigte der alte König, nachrechnend. »Ich bin im achten Glied, mein Merowech im neunten verenkelt jenem Claudius Civilis.« – »Wir Sugambern«, fuhr der Graubärtige fort, und sein blaues Auge blitzte mit noch jugendlichem Feuer, »wir vor allen Söhnen Wodans haben den ältesten Span mit Rom: Unsere Ahnen zuerst hat Rom auseinandergerissen, einen Teil vertrieben, den andern hierher verpflanzt, mit Gewalt, aus der alten Heimat und verknechtet; aber die Rache verjährt nicht. Und darum sage ich: Ihr Könige der Franken, tut nach dem Vorschlag der eberkühnen Alemannen! Seht diesen König Chnodomar: dem Donnergotte gleicht er, seinem Ahn. Schon haben sie halb Gallien erobert. Brecht den Frieden, den Rom uns aufgezwungen, schließt Bündnis mit den Alemannen und teilt euch mit ihnen in das gallische Land. Tot liegt lange schon der Imperator Constantin, vor dem euch so bangte. Schwache Hände nahmen ihn auf, seinen goldnen Stab. An der Donau mit den Jazygen, fern in Asien mit den Persern kämpfen die Legionen. Das Land vom Rhein bis an die Loire liegt schutzlos; es gehört dem Starken. Greift zu! Siegvater will's euch schenken.« Und er hob das Wisenthorn, das, auf silbernem Fußgestell ruhend, vor ihm stand, und tat einen tiefen Zug. »Nicht also, Mälo, Mälfrids Sohn«, begann sein Nachbar zur Linken, den Kopf mit dem schwarzbraunen kurzkrausigen Gelock schüttelnd. »Ich warne! Wie oft haben – nicht wir freilich – aber unsere Nachbarn im Norden und Osten, den Frieden gebrochen, den sie mit Rom geschlossen. Plündernd und raubend brachen sie ein, der blinden Gier folgend. Aber kurz war jedesmal die Freude! Mochten die Räuber im Anfang mit Glück geheert haben, alsbald kamen immer wieder die Legionen unter ihren Adlern, den unbezwinglichen ...« – »Die sind jetzt abgeschafft«, warf Merowech kurz dazwischen. »Und unter unbesiegbaren Feldherren.« – »Hohohohoh«, lachte Chnodomar, daß die Halle dröhnte. »Nun, schließlich sind sie doch noch immer Sieger geblieben, die Cäsaren. Und« – hier stieg ihm heiß das Blut in das Antlitz – »eins vergeßt ihr immer, ihr Ungestümen. Ihr sitzt in euren Wäldern und Sümpfen, ihr andern, ihr ...« – »Ihr Barbaren, willst du sagen«, ergänzte Merowech ruhig. »Ihr Ärmeren, darf ich sagen. Rücken die Kohorten heran, den so oft wiederholten Treuebruch zu strafen, ihr weicht in Wald und Sumpf ...« – »Wohin der Legionär nicht gern nachdringt«, lachte Mälo. »Weiber, Kinder, Vieh und die geringwertige Fahrnis nehmt ihr mit in den meilentiefen Wald. Wenig schadet's euch, wirft der Centurio die Fackel in das leere Holzgehöft. Bald zieht der Südling ab, weichend vor den kalten Regenschauern eures Herbstes schon, und derselbe Wald, dessen Versteck und Verhau euch Zuflucht geboten, bietet euch die Balken, das neue Gehöft emporzuzimmern. Wir aber, wir haben etwas zu verlieren zu Köln an unsern schönen römischen Steinhäusern, an unserer reichen Habe ...« – »Und an Wohlleben. Aber nicht an Freiheit, die habt ihr längst verloren«, lachte Chnodomar. »Freiheit!« meinte achselzuckend der Ulbier. »Ihr habt die Freiheit, zu darben und zu frieren.« – »Und zu leben, wie wir wollen«, rief Mälo. »Oder vielmehr: wie wir müssen«, sprach Merowech nachdrucksam. »Nach unseres Stammes, unserer Ahnen uns vererbter, uns unsagbar teurer Art. Freiheit ist, meine ich«, schloß er nachdenklich, »seine Eigenart ausleben zu können. Die Gallier sind zu Römern geworden. Und ihr zum Teil.« – »Ist Römerart schlechter? Meine Mutter war Römerin.« – »Meine nicht, Dank den Göttern.« – »Was will das sagen?« fuhr der Ubier hitzig auf, die Hand am Schwert. »Das soll sagen, o Spurius«, erwiderte Merowech gelassen: »Die Fehler meines Volkes sind mir lieber als die Vorzüge der Fremden. Ich habe in diesen achtzehn Jahren gar vieler Völker Söhne und Sitten gesehen zu Rom, zu Byzanz, zu Antiochia, zu Alexandria; nichts fand ich, was mir besser gefiel als Germanenart. Klüger sind manche, nicht edler und nicht stärker. Die Welt aber gehört nicht den Schlauesten: den Stärksten und den Edelsten. Und das sind wir.« – »Heilo!« rief Chnodomar und trank ihm zu. »Der kann reden wie fechten. Er führt das Wort wie den Speer.« – »Denken kann er vor allem«, meinte der Ubier. »Und das hat er von den Römern und Griechen, von ihren Philosophen gelernt. Und die Welt? – Noch gehört sie dem Imperator. Also muß der wohl der Stärkste und Edelste sein.« – »Constantius!« lächelte Merowech. »Das glaubt er selbst nicht von sich. Und wem die Welt gehört, das wird sich noch darweisen.« – »Nun«, lachte Chnodomar dröhnend, »das schöne Stück Welt zum Beispiel, das Gallien heißt, das gehört ihm schon nicht mehr, sondern zum großen Teil uns! Und bald, wenn ihr uns helfen und dann die Beute teilen wollt, was noch daran fehlt, das Ganze euch und uns.« – »Hm«, murrte der vierte der Gäste, der bisher geschwiegen, ein hagerer Mann mit finsterem Ausdruck des Gesichtes. »Euch helfen – mit euch teilen! Das ist es gerade, was wir nicht wollen, wir Chatten. Uralter Grenzstreit scheidet unsere Gaue von euch, ihr gewalttreibenden Alemannen. Und Blutrache habe ich noch zu suchen an einem eurer Königsgeschlechter; vor drei Menschenaltern fiel einer meiner Ahnen durch alemannischen Jähzorn.« »Und wie viele deiner Gesippen, Adgandester, fielen durch das Schwert der Legionen?« fragte Merowech. »Oder verbluteten, gefangen, im Zirkus, zerrissen von wilden Tieren? Ich meine doch, unter den gefangenen Königen und Edlen, die der fromme Constantin zu Trier in der Arena von Bären zerreißen ließ, war dein eigener Vater? Hast du das vergessen?« »In dem Eisstrom Hels will ich schwimmen«, fuhr der Chatte auf, »vergeß ich's jemals. Aber die Römer sind Fremdlinge. Bitterer trennt unter Volksverwandten der Haß; die Alemannen sind Wodans Söhne wie wir. Lieber den Uferfranken als den Alemannen, diesen schlimmen Nachbarn, neigen wir zu. Wenig freute es mich, die hier zu treffen in der Halle der Franken. Helfen? Teilen! Ich mag nicht! Kämpft es allein aus, ihr Alemannen, mit den Römern. Dem Sieger nehmen wir dann, wir Chatten und ihr Salier, das Ganze ab.« Haßvolle Blicke schoß er auf die beiden Alemannenkönige. »Nun«, lachte Chnodomar, »aufrichtig wenigstens ist deine Staatskunst, Chatte. Geradeso aufrichtig sei meine Abwehr: Auf dem gemeinsamen Heimritt schlag ich dich tot.« »Staatskunst!« rief Merowech, laut klagend. »Ja, das ist sie, unsere uralte Staatskunst der Torheit, des Neides, der Zwietracht, des Nachbarnhasses und des Stämmezwists! Soll's denn so fortgehn in alle Zukunft? Was hatte die Römer unbezwinglich gemacht diese Jahrhunderte lang? Der eine Wille, der sie alle lenkte. Was erschüttert jetzt ihre Macht und neigt sie zu Fall? Die Zwietracht, der Neid der Cäsaren!« »So rätst auch du, mein lieber Sohn«, forschte bedächtig der alte König, »wir sollen den Frieden mit Rom brechen, sollen den kühnen Alemannen uns verbünden? Bedenk es wohl! Genauer als wir alle kennst ja du die Stärke Roms! Dich reißt auch nicht Raubgier und Kampfeslust dahin, wie andere Jünglinge; du bist ein junger Weiser mir zurückgekehrt. Was du sonst gelernt hast, von Bischöfen, von Priestern des Apollon, des Serapis, des Moses, ich weiß es ja nicht! Aber eines hast du nun gelernt: Rom, seine Größe und seine Krankheiten. Und dich selbst beherrschen hast du gelernt ...« – »Und andere durchschauen und dadurch auch beherrschen«, bestätigte Mälo nickend. »All das nur wenig«, sprach Merowech, die langen Locken schüttelnd. »Aber eins hab ich gelernt: Mein Volk lieben über alles mit heißer Liebe und mit ganzer Seele.« – »Seltsam«, spottete Spurius. »Stand das in den Schriftrollen der Serapispriester zu lesen?« – »Nein, Ubier. Und auch nicht in dem heiligen Buche der Christen. Da steht gar nichts von der Liebe zu dem eignen Volk. Der Sohn des Judengottes sah sein Volk doch schwer leiden unter dem Joche Roms. Nicht ein Wort hat er darüber gesagt: ›Er gab – und ließ – dem Imperator, was des Imperators war‹ – auch seine verknechteten Stammgenossen. Nein. Nicht Bücher haben mich das gelehrt, den Knaben, der, fern der Heimat, zum Jüngling, zum Manne heranwuchs; sondern die Not des Herzens. Und des Herzens Stolz. Seht, ich war so jung! Und die Verführung lockte so stark. Von allen Seiten. Ich meine nicht die Verführung zu den Lastern, den unglaublichen, die auf meine Jugend eindrangen. Nein, die Verführung zu dem Abfall von mir selbst, von meiner Eigenart. Ich sah täglich, wie andere, Römer und Barbaren, die nicht stärker, tapferer, klüger waren als ich, rasch emporstiegen. Gold, Ehren, Macht, schöne Weiber, Genuß jeder Art erlangten sie, indem sie sich selbst aufgaben, so falsch und selbstisch und tückisch und kriechend und lügend und – nach erlangtem Sieg – so tödlich grausam wurden, wie ... nun, wie der Imperator Constantius selbst und seine Bischöfe und Patricier. Und oft flüsterte es in mir: ›Mach's doch wie die, und du bringst es weiter als sie alle! Lüge! Spinne Ränke! Verführe die Weiber deiner Feinde und deiner Freunde, beider Geheimnisse zu erkunden. Schmeichle und heuchle! Nimm die Taufe – vor allem –, und du kannst alles werden, was dein Herz begehrt in diesem Reich, an diesem Hof!‹ Aber da trat das Bild der Heimat, unseres Hauses, unseres Volkes vor meine Seele, und ich schämte mich, abzufallen von meines Volkes altvererbter Edelart. Ich sah den Vater in dem Silberhaar, der in Krieg und Frieden nur für die Seinen lebte. Ich sah der Mutter gütevolles Antlitz und ihr fraulich Walten im Gehöft. Ich sah die schöne Schwester in dem Goldgelock, die Braut des Nordlandkönigs, und verglich die Keusche, rein wie der Morgentau, mit den römischen Mädchen, in der Knospe vor dem Aufblühn schon verderbt. Ich sah die Volksgenossen tagen im Thing unter der alten Esche, ein Wort fester bindend als in Rom alle Eide auf heilige Knochen und als ellenlange Vertragsurkunden. Ich dachte – nein, ich fühlte anfangs nur –, wie bei uns das alles schlicht war, treu, rein, ehrenfest, wahrhaftig, ob rauh, ja roh und zuweilen blutig wild. Und siehe da, mich ekelte des Glanzes um mich her: morsches, faules Holz, das da leuchtet vor eitel Fäulnis! Und ich sagte zu mir unter den Eunuchen zu Mailand und unter den gemalten Freundinnen der Patricier und unter den meuchelmörderischen Großen des Palastes und unter den näselnden Christenpriestern und unter den gaukelnden Magiern Ägyptens: ›Nein, Merowech, Nebisgasts Sohn‹, sprach ich zu mir, ›du wirst nicht wie diese. Du bleibst ein Franke, bleibst deines Volkes Sohn und dessen wert.‹ Siehst du, Spurius Romanus, so hat mich mein Volk – mein Volk allein – gerettet vor der Fäulnis. Soll ich's nicht lieben? Soll ich ihm nicht vergelten? Ich hab's geschworen: Auch ich rette mein Volk. Oder ich sterbe.« Zweites Kapitel Große Stille folgte diesen Worten. Der alte König reckte die zitternde Hand über den Tisch und drückte schweigend die Rechte seines Sohnes. Auch der zungengewandte Ubier war verstummt. Erst nach einer Weile fand er wieder Worte. »Nun gut, ich will das nicht schelten, lieb ich doch auch meiner Mutter auf mich vererbte Römerart. Allein – vergib, o Königssohn –, ich sehe nicht die Gefahr, aus der du dein Volk erretten willst, wie du sagst. Kein Mensch bedroht euch, haltet ihr den oft beschworenen Bund mit Rom. Des Imperators Schild beschirmet seine Treuen.« – »Er braucht die Schilde dringend, mein ich, für sich selbst«, lachte Chnodomar und trank. »Du allein im Volk der Bataver«, fuhr der Kölner fort, »siehst Gefahren. Aber nur du beschwörst sie herauf. Denn nur du drängst zum Kriege. Sieben Gaue sind's der Bataver. Wo sind die Könige der andern sechs? Gewiß doch lud auch sie wie uns Nebisgast in seine Halle. Warum kamen sie nicht? Ich sehe nicht Labeo und nicht Briganticus, nicht Chramn und nicht Guntchramn, nicht Truchtbrecht noch Grimmbrand? Wo sind sie?« Mehr traurig als zornig furchte der alte König die Stirn: »Du höhnst, ›Agrippinenser‹, so nennt ihr euch ja gern. Du höhnst mit Recht. Labeo und Briganticus, Halbrömer wie du, hassen meine nahe verwandte Sippe mit dem gleichen Hasse wie vor dreihundert Wintern ihre Ahnen Claudius Civilis, meinen Ahn, gehaßt. Aber auch die andern vier ...« – »Unvermischt Germanenblut«, meinte Spurius spöttisch. »Jawohl«, fiel Merowech ein, »und echt germanische Torheit bewahren sie. Weil meines Vaters Gau der volkreichste, hassen und beneiden sie uns.« Aber Spurius schüttelte den Kopf: »'s ist nicht nur das! Sie wissen recht gut, kommt es zum Krieg, Merowech wird auch von ihren Gauleuten zum Herzog gekoren, Merowech müssen auch sie dann folgen.« – »Jawohl«, rief Mälo schmerzlich, »das ist's!« – »Ja«, schloß Merowech: »Lieber dem Fremden, dem Römer dienen als dem Stammgenossen sich fügen auch nur ein weniges. Siehst du, Spurius, hörst du, Adgandester: Das ist die eine Gefahr, die furchtbare, die unser Volk bedroht; der uralte Neid, die Eifersucht, die trotzige Selbstgenügsamkeit, die Unbotmäßigkeit. Nicht in bald vier Jahrhunderten haben sie's gemerkt, daß diese Sinnesart sie alle miteinander zugrunde gerichtet. Nur die Not, die Not gemeinsamen Krieges, kann sie heilen von dem Erblaster der zwieträchtigen Eifersucht.« – »Und der Führer in diesem Kriege«, sprach Adgandester kalt, »heißt – das versteht sich – Merowech. Denn das ist der Weg zur Macht.« – »O Chattenfürst«, erwiderte dieser mit Schmerz, »glaubst du wirklich, dieser Weg ist ein lockender? Die Spuren wahrlich schrecken ab! Hast du vergessen den Lohn, der dem großen Cherusker geworden? Noch singen und sagen von ihm die Harfner in den Hallen. Wie Gott Paltar – früh traf ihn der Mordstrahl der eignen Gesippen – des eignen Ohms – beim Mahle. Und mein eigner hoher Ahn, Claudius Civilis, was war sein Ende? Verlassen, verraten, geächtet von dem eignen Volk, das er befreien wollte, das er schon befreit hatte, als Zwietracht und Neid sein Werk wieder zerstörten, verbannt, flüchtig im fernen Cheruskerland, am Grab Armins, hat er die große Seele ausgehaucht. Glaubst du, solche Beispiele sind verführend?« – »Nun also!« entgegnete der Kölner. »So halte Ruhe! In solche Gefahren kann einen Sehenden nur eines reißen: die Ruhmsucht.« »Meinst du, Beklagenswerter? Da sprachst du's aus: Du hast kein Volk mehr, hast kein Vaterland. Nicht Ruhmsucht, wahrlich – die hätt ich im Dienste Roms viel großartiger befriedigen können –, die heiße Liebe zu diesem, meinem armen Volk reißt mich dahin. Ja, hört es beide, ihr Zweifler: Ich lebe gern, ich freue mich meiner Kraft, ich hoffe, noch Schönes, Großes zu gewinnen in Krieg und Frieden; ich weiß, wie tief mein Tod den greisen Vater beugen würde – vielleicht bis in den Hügel« –, er streifte den Alten mit warmem Blick: »Aber ohne Besinnen, von diesem Trinkhorn weg, spring ich in den Tod, nützt mein Sterben irgend diesem Volk der Franken.« »Heilo, Heil dir, Held Merowech! Ein wacker Wort!« So riefen da Chnodomar, Ur und Mälo. Aber der Vater schwieg; nur sein Auge leuchtete hell auf. Nach einer Weile begann der Ubier: »Meinst du's so gut mit diesem, deinem Volk, so treib es nicht in den Krieg mit Rom, bloß um es an Gehorsam gegen dich oder auch – ich will sagen – an Eintracht zu gewöhnen. Zu blutig ist der Kaufpreis.« »Er wäre es nicht, denn er ist das einzige Mittel. Aber wenn du das denn wirklich gar nicht fassen kannst, so höre: Nicht nur der Wunsch, die Sehnsucht nach jenem Ziel: der Einung, wenigstens unserer paar Gaue – an mehr ist ja nicht zu denken –; bitter, mit Händen greifbar, aufdringsam wie die Überschwemmung und unvermeidbar, drängt, zwingt, stürzt uns in den Krieg gegen Rom eine ganz andere Not.« »Ich bin begierig, dies Schreckgespenst kennenzulernen.« »Du nennst es bei Namen: Es ist ein Schreckgespenst, es ist der Hunger. Jawohl, des Hungers fürchterliche Not! Du lächelst, denn du denkst – wie immer – nur an dich. Du sitzest in deinem schönen, säulengetragenen Marmorhaus am flutenden Rhein, hinter den sichern, hohen Mauern der Colonia Agrippina und schlürfst behaglich aus korinthischem Becher den sizilischen Wein. Deine Sklaven und Sklavinnen arbeiten für dich, verkaufen für dich und schütten den Kaufpreis vor dich hin, während du, auf weichen Polstern gebettet, der syrischen Flötenspielerin lauschest oder der Tänzerin zuschaust aus Amathus.« »Warte nur, du Hälbling«, warf der grimmige Ur dazwischen, »wir wollen dich unsanft aufstören zwischen deinen Singerinnen und Hüpferinnen.« »Ihr götterverhaßten Römlinge!« grollte Chnodomar. »Noch sind wir euch den Lohn dafür schuldig, daß ihr weiland Civilis Treue geschworen und damit eure falsche Stadt, die schon zur Niederreißung verurteilt war, erhalten habt. Bald darauf habt ihr eine halbe Tausendschaft der tapfersten Überrheiner des Civilis durch ein üppiges Gelage in eurer Arena in Rausch und Schlaf hinein betäubt, dann die Türen gesperrt, Feuer hineingeworfen und eure Gäste im Rauch erstickt, in den Flammen verbrannt. Aber ihr seid immer die frommen Agrippinenser, die eifrigsten Götterverehrer. Nun wartet! Wir wollen ja sehen, wer stärker, Jupiter und Mars oder Wodan und Tius.« »Jedoch da draußen«, fuhr Merowech fort, »da drüben, rechts vom Rhein, wenige Meilen nordöstlich, im Urwald und Ursumpf, da wächst, unablässig quellend, jedes Jahr eine Menge germanischen Volks heran, das schon lange, schon seit zwei Jahrhunderten fast, nicht mehr Land genug hat, Brot daraus zu ziehen, nicht mehr Weide genug findet, sein Vieh zu erhalten! Zu schmal, viel zu schmal, schon seit vielen Menschenaltern, ist für unseres Volkes gewaltig wachsenden Leib geworden das schmale Land, wie es – vor mehr als einem halben Jahrtausend – für die damaligen Siedler genügend gefunden war. Aber dich kümmert's nicht, du hast genug und übergenug im üppigen Köln. Mögen die überm Rhein drüben verhungern.« »Das sollen sie aber nicht, solange ich lebe!« schrie Chnodomar, »und solange sie nur auf dem Schild über den Rhein zu schwimmen haben, um im reichen, schönen Gallien alles zu finden; Wein und dunkeläugige Weiber und römischen Goldschmuck und Ruhm und Siegeslust dazu und –« »Um all das nicht, o Alemannenheld«, unterbrach Merowech, »würde ich es verantworten, das Frankenvolk über den Rhein zu führen und in den Krieg mit Rom – denn blutig wird er –, nur weil wir müssen, weil wir keine Wahl haben, nur deshalb folg ich dir, Chnodomar, falls der Vater es gestattet und das Gauthing zustimmt.« »Heilo, wackrer Junge«, rief der riesige König. »Wenn du nur kommst und dreinschlägst, warum du's tust, das gilt mir gleich. Hier meine Hand und nieder mit den Römern!« Drittes Kapitel »Julianus der Cäsar wider Willen an seinen geliebten Lehrer Lysias. Mein letzter Brief, o Lysias, berichtete dir in das ferne Land am Nil die wunderbaren Wandelungen, die der Gott, der allein alles schaut, das Künftige wie das Vergangene, und die von ihm durchsonnte (durchsonnt, von Helios gesagt, ist gut, nicht?) Gegenwart in meinen Geschicken bewirkt hat bis zu jenem Abend, da ich, statt des Todes, die Cäsarwürde, eine geliebte Braut, die Mutter, die Schwester und den Auftrag erhielt, das Unmögliche zu tun, das heißt, fast ohne Mittel Gallien den Barbaren zu entreißen. Noch in derselben Nacht drängte mich die Dankbarkeit, dir zu schreiben. Denn wahrlich, nie werd ich's vergessen. Ohne dich wäre ich wohl in jenem Kloster verrückt geworden oder ein Christenmönch geblieben (was dasselbe ist). Am folgenden Tage ward ich aus dem Palast abgeholt von einer glänzenden Reiterschar. Einstweilen waren, durch Eilboten herbeigerufen, die Besatzungen der nächsten Festen und Städte nach Mailand zusammengeströmt. Dazu kamen die Leibwächter, die Palastwachen, die Prätorianer und die zahlreichen andern Kriegerscharen in dieser Stadt. Sie hatten ihren festlichen Waffenschmuck angelegt, und all diese vielen Tausende bildeten einen gewaltigen Halbkreis auf dem Blachfeld, das sich im Nordwesten der Stadt, von dem Kastell aus, gegen den Fluß Olonna hin erstreckt. Wie schlug mir vor stolzer Freude, vor römischer kriegerischer Begeisterung, das Herz, als ich, zur Linken des Augustus, umringt und umrasselt von den Reitern seiner Leibwache – parthische Söldner, Kataphraktarii, ganz gepanzert, Mann und Roß in klirrenden Schuppenringen – im hellen Schein der Herbstsonne in die Mitte dieses kleinen Römerheeres sprengte! Ich ritt ein feuriges, spanisches, in Afrika gezüchtetes Weißroß (»Argos« heißt das schöne Tier). Die Imperatrix hat es mir geschenkt! Ich hatte Mühe, die kaum gelernte Reitkunst (Jovian hatte schon in Athen darauf bestanden) nicht zu vergessen, sie richtig anzuwenden bei so glühender Erregung. Am liebsten wär ich gleich von da mit diesen Reitern in die Speere der Alemannen gestürmt! Aber es kam anders, ganz anders! Es verdroß mich, daß ich, dem Beispiel des Imperators folgend, von meinem prächtigen Renner steigen und hinter Constantius eine Art Rednerbühne oder Richterbühne (oder vielleicht am richtigsten: ›Schaubühne‹ dachte ich boshaft!) auf vielen Stufen erklettern mußte, von deren purpurbehangner Brüstung herab mein Vetter alsbald eine Rede an die Heerscharen hielt, die mir wie fast alle Reden, die ich bisher (außer den meinen!) gehört, zuwenig gerundet, dagegen (zumal von Galiläerpriestern) zu länglich schien. Er sprach von den Gefahren, die das Reich bedrohen, von der Notwendigkeit, für das Abendland, zunächst für Gallien, einen ›Cäsar‹ zu bestellen (erste Klammer: ja freilich: einen Julius Cäsar brauchte Gallien, das Land abermals einem Ariovist und seinen Germanen zu entreißen, und Julian ist kein Julius Cäsar [zweite Klammer: es ist jetzt, nach neuester Sitte, sogar in Athen und Nikomedia gestattet, solche Doppelzwischensätze zu machen], ausgenommen mein Griechisch: diesen Cäsarbrief hätte der Sieger von Pharsalus nicht so ausgediftelt griechisch schreiben können. Hat er doch nie zu des Libanius Füßen gesessen) und er frage sie, ob sie nicht die knospenden Tugenden (das gefiel mir: ›knospende Tugenden‹ ist neu!) des Neffen des großen Constantin zu diesem Zweck mit dem Purpur belohnen und zugleich anspornen wollten (aber ich bitte dich, Lysias, kann man Knospen ›spornen‹)? Ich fühlte, daß ich über und über errötete von wegen meiner sprossenden Tugenden, und doch (Helena [die Frauen waren uns in Sänften – und in ›Sänfte‹, das heißt in Sanftmut, ist das nicht hübsch? – gefolgt] meinte später, so schön sei ich noch nie gewesen, was freilich nicht eben viel besagen will) – (um diese eingeschachtelten Zwischensätze dürfte mich Libanius selbst beneiden!) – sagte ich mir: die (mehr als) zehntausend Menschen, deren (mehr als) zwanzigtausend Augen auf mich gerichtet sind, Menschen von Atropatene bis zum Piktenwall und die plötzlich in ein ohrenzerreißendes Geschrei: ›Sieg und Heil dem Cäsar Julian!‹ ausbrachen, diese armen Toren würden auf Vorschlag des Augustus den Eunuchen Eusebius mit seinen (nun sagen wir: nicht mehr sprossenden, sondern ausgetilgten) Tugenden mit gleichem Gebrülle begrüßt haben. Und am Schlusse der imperatorischen Rede schlugen die Tausende von Kriegern ihre ehernen Schilde gegen die Knie. Sehr unrömisch, wirst du sagen, allein du vergissest, die meisten unserer ›römischen‹ Krieger sind seit lange schon Barbaren. Und Philippus, dein Lehrer, erklärte mir später, das sei ein Zeichen ihres Beifalls. Hätten sie mit den Spitzen ihrer Speere auf die Schilde geschlagen, so wäre das der Ausdruck ihres Zorns gewesen. Und dann, meinte er, hätten die Speerspitzen auch vielleicht, wie er sich stark medizinisch ausdrückte, unsere Bäuche auf deren Inhalt untersuchen mögen. Nun, bei mir hätten sie nicht viel gefunden; am ganzen Galiläertum gefällt mir am besten das Fasten. Wenn aber ein Imperator, der nicht sprechen kann (und Constantius kann es nicht; während Julian, sein Cäsar, es wirklich kann) einmal angefangen hat, zu sprechen, dann hört er so bald nicht wieder auf (und er hat den Vorteil, daß ihm kein Hörer widersprechen, ja nicht einmal davonlaufen kann). Kaum hatten die Krieger ausgeschrien, da wandte sich der Augustus gegen mich Armen und hielt eine Rede – gegen mich oder an mich. Er ermahnte mich, durch Heldentaten den Namen Cäsar zu verdienen. (Ziemlich überflüssig. Ermahne du den jungen Enterich, durch eifrige Bemühung ein junger Adler zu werden; [mein Fleisch ist schwach, aber mein Geist ist noch schwächer – ein hübsches Wort der Bescheidenheit. Aber ich glaube nicht daran!]). Daran hing er einen langen Redeschweif, besetzt mit klingenden Schellen, sein Vertrauen in mich werde nie enden in Äonen (es handelt sich für ihn doch höchstens noch um vierzig Jahre!) »und durch die weitesten Entfernungen von Thule bis zum Atlas nicht abgeschwächt werden« (das hat er abgeschrieben aus einem paphlagonischen Philosophen Eugenius, den ich auch gelesen habe. Aber der Imperator hat die Redensart falsch angewendet, er hat sie von der »Sehnsucht« auf das »Vertrauen« übertragen!). Nun ward mir von den Vestiarien der Purpurmantel umgeworfen. Da fiel mir das Wort meines göttlichen Homeros ein: »Jetzt ergriff ihn der purpurne Tod und die mächtige Moira«. Denn nun hatte mich wirklich das Schicksal des Purpurs ergriffen; der Weltgeschichte fühlt ich mich verfallen. Dabei vergehen mir Witze und Zwischensätze! Furchtbarer Ernst steigt auf in mir. Vorher war mein Name gleichgültig. Nun muß er für kommende Jahrhunderte Abscheu oder Lob – vielleicht beides? – bedeuten. Jenes Vertrauen von Thule bis zum Atlas sollte mir gleich nach der Rückkehr in den Palast bewiesen werden. Leider durfte ich nicht zurückreiten. Um unsere Eintracht vor Heer und Volk zur Schau zu stellen, mußte ich mit dem Imperator in einem achtspännigen Siegeswagen (fehlte nur der Sieg!) zurückfahren. Er küßte mich auf Stirn und beide Wangen (ich schauderte, des Vaters denkend und des Bruders!) und zärtlich, namentlich aber recht augenfällig, hielt er, auf der ganzen langen Fahrt, den linken Arm um meine Schultern geschlungen. Ich dachte Roms und Helenas und – trugs. Im Palast angelangt, hoffte ich, nun werde die Vermählungsfeier beginnen. Ich irrte. Ich ward von Jovian, der herbeieilte, mir die Hand zu drücken, auf Befehl des Herrschers getrennt und von einer Ehrenwache von maurischen Söldnern, die mir recht unheimlich vorkam, und sechs Priestern, die mir die Sache nicht erfreulicher machten, viele, viele Stufen abwärts in ein gruftähnliches Gewölbe geleitet. Dunkel, abschüssig war der Weg; als führe er in den Styx. Ich mußte, um gewisse Besorgnisse zu verscheuchen, mir vorsagen, daß, falls man mich »gallisieren« wollte, das heißt behandeln wie meinen armen Bruder (hübsch, nicht? Aber doch fast herzlos? Ich will's nie wiederholen, aber einmal mußt ich's sagen), man mich nicht kurz vorher – wie das Allerheiligste in der Kirche – allen Leuten zur Anbetung gezeigt haben würde. Ich schritt also die feuchten Stufen hinab, so fröhlich als tunlich, und befand mich alsbald in einem katakombengleichen Heiligtum, in welchem die Galiläer vor Constantin ihre verbotenen Andachten verrichtet hatten (man erwäge: welche Frechheit! Im Palast des Augustus selbst, wo oben die Todesstrafen für solche Versammlungen geschrieben wurden. Angenehme Untertanen, dachte ich). Alsbald begannen die zahlreich hier versammelten Priester, vereint mit meinen Begleitern, einen ihrer Gesänge, die stets wie Grabeslieder tönen. Sowie sie verstummten, sprang eine schmale Mauerpforte auf, und vor mir stand der Imperator, gefolgt von den Bischöfen von Mailand und von Ravenna und allen Großen seines Hofes. Ich mach es kurz, kürzer als die beiden Bischöfe, die mich aufforderten, Constantius den Eid unverbrüchlicher Treue zu schwören, solang er oder ich lebe. Bräche ich ihm im mindesten die Treue, so solle mich im Leben das Leiden des Naëmans des Syrers schlagen (das heißt der Aussatz), und der Fluch Datams und Abiras. Und für das Jenseits ward mir eine Reihe wenig erwünschter Badebehandlungen durch die großen Teufel und viele kleinen Teufelchen in einem Schwefelpfuhl in sichere Aussicht gestellt. Ohne Bedenken leistete ich den Eid auf eine große Truhe; denn Helios, der mein Herz durchleuchtet, weiß: nichts liegt mir ferner als Empörung und Verrat. Nachdem ich geschworen, fragte mich der Bischof von Mailand: »Weißt du auch, wer in dieser Truhe Zeuge deines Eides war, o Cäsar?« Ich erklärte, ich könne, obwohl nun Cäsar, nicht durch Kirchentruhendeckel sehen; aber es ahne mir etwas Heiliges. »Sankt Apollinaris, dessen Zahn, und Sankt Jakobus, dessen kleiner Finger hier verwahrt werden.« Ich wußte wirklich nicht, was darauf sagen, weil mir beide Altertümer gleichgültig waren, und zwar, wenn echt, ebenso wie in dem wahrscheinlicheren Fall. So begnügte ich mich mit einer Verneigung vor Zahn und Zeh und Bischof und sagte nur: »Schön.« Darauf verschwanden die Priester mit Zahn und Zeh, und ich hoffte, nun ginge es wieder aufwärts aus der dumpfen Gruft, in der mich der Weihrauch zu ersticken drohte. Mich verlangte es sehr nach Luft, nach Helios und – Helena. Aber weit gefehlt! Als alle Priester bis auf einen sich entfernt hatten, trat Constantius auf mich zu mit einem so unheimlich drohenden, so Grausames verkündenden Blick, daß ich erschrak. Ich leugne es nicht. Und langsam und leise begann er: »Cäsar Julian, manche deiner unbedachten Ausrufe – Schwurformeln – gestern haben mir den Verdacht geweckt (der ist ein Leiseschläfer, dacht ich), du hängst nicht so fest an dem heiligen Glauben als für dein Seelenheil notwendig. Hüte dich! Dein Seelenheil zwar ist deine Sache. Aber wehe dir, tritt je dein Zweifel an dem Alleinseligmachenden hervor für andere wahrnehmbar. Mein Cäsar glaubt oder – stirbt. Aber ich muß sichergehn. Dein Eid auf jene Heiligtümer schützt mich nicht, falls du nicht an sie glaubst. Wenig erschüttert warst du – ich sah's –, als du erfuhrst, worauf du geschworen. Deshalb sollst du mir, vor diesen Zeugen, noch schwören auf das, was allen Menschen, was dir vor andern heilig ist. Höre.« Hier trat er nah an mich heran und grinste: »Deine Schwester, deine Mutter sind, du weißt es, meine Geiseln für dich. Nie laß ich sie aus meiner Hand. Ich weiß, du liebst deine Mutter, denn ich hab's gesehen heute, wie dein Blick auf ihren Augen ruhte. Wohlan, schwöre mir Treue bei den Augen deiner Mutter. Schwöre, sie mögen erblinden, brichst du mir dein Wort.« Ich fuhr zurück und schüttelte seine Hand ab, die auf meiner Schulter lag. »Nie! Niemals!« »So?« schrie er. »So? Also du sinnst doch auf Verrat? Denn sonst könntest du ja schwören! Du bist entlarvt zu rechter Zeit. Aber du sollst nicht vollenden, was du planst. Geht, ruft Eusebius zurück! Der Cäsar ist verhaftet.« Ich überlegte: die Pflicht gegen Rom – Gallien! – die Barbaren! – Helena! Und ich wußte ja und weiß: nie, nie, nimmermehr werde ich die Hand des Empörers ausstrecken nach dem Diadem. Helios ist mein Zeuge. Also gefährde ich die Wunderaugen nicht ... »Halt«, rief ich, »Imperator. Ich schwöre. Ich schwöre dir Treue bei den Augen meiner Mutter! Nie streck ich die Hand aus nach dem Purpur. Ich schwör's.« »Gut«, sprach Constantius, »er hat's geschworen. Sie soll erblinden, schwur er, bricht er die Treue. Ihr alle habt's gehört. Du aber wisse«, und nun zischelte er in mein Ohr, »ich verlasse mich nicht nur auf die unsichre Rache Gottes, mehr noch auf meine eigne. Die ist sicher! Deine Mutter bleibt in meiner Faust. Brichst du die Treue und blendet sie nicht Gott – ich schwör's bei Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiligem Geist –, so blend ich sie, ich, Constantius.« Ich hasse ihn von tiefstem Grund der Seele. Viertes Kapitel Nachgerade bemerke ich, daß dieser Brief an dich, o teurer Lehrer meiner Torheit (das heißt, nicht meine Torheit, deine Weisheit hast du mich gelehrt), allmählich zu einer Art von Tagebuch sich auswächst. Wohlan, es schadet nicht. Ich werde fortfahren, meine Taten (ach, bisher mehr Leiden), Eindrücke und Urteile so zusammenzustellen und dir gelegentlich die Blätter zu senden. Es wird mir, meine ich, zur heilsamen Selbstklarmachung gereichen, zu einer Beichte. Wohl wird es dabei nicht ganz abgehen ohne die Sünde der Eitelkeit in der Art der Beichte selbst. Aber du, der du mich zuerst auf diese Sünde aufmerksam gemacht, du mußt billig die Befriedigung genießen, auch hierin recht gehabt zu haben. Abtun kann ich die süße Schwäche nicht.   Am Mittag jenes Tages vermählte mich der Imperator in Gegenwart des Bischofs von Mailand der geliebten Braut in der Basilika des heiligen Apollinaris. Alle diese galiläischen Dinge muß ich über mich ergehen lassen. Freilich schilt ich mein Gewissen einen argen Heuchler. Aber was tun? Sage ich offen der Kirche ab, ist nicht nur mein Leben wieder in Gefahr und mein Glück, das heißt meine Ehe – auch der Seelenfriede meiner heißgeliebten Mutter –, ich werde, wenn nicht getötet, wieder in ein Kloster gesteckt und bekehrt. Und unterdessen geht das Reich oder doch mindestens Gallien für immer verloren! Dringend schreit der Rhein, schreit das Abendreich nach einem Retter. Constantius rettet's nicht, das weiß ich, seit ich ihn gesehen. Ob ich es rette? Das weiß nur der Gott. Aber er, der Allsehende, hat nun einmal mich an diese Arbeit gerufen. Ich darf sie nicht wegwerfen, indem ich den Galiläer offen verleugne. Und unter der Hand kann ich doch recht viel tun für jene, die den alten Göttern – deinen Göttern – treu geblieben. Freilich, o teurer Lysias, sind deine Götter durchaus nicht die meinen mehr. Aber mir näher, lieber sind sie doch tausendmal als die Heiligen. Also ein wenig Heuchelei? Ach ja! Es beißt mich oft in die Seele. Aber es geht nicht anders! »Erst Rom«, sagt mein tapfrer Freund Jovian, »dann alles Weitere.« Er ist nicht für Wissen und Forschen angelegt, mein Jovian, aber er trifft mit seinem gesunden Verstand und wackern Herzen stets das Richtige. Das heißt: oft das an sich Unrichtige, das aber für die dringende Not das einzig Zweckmäßige ist.   Wie soll ich dir das Glück schildern, das ich in meinem geliebten jungen Weibe fand, in Helena! Mein Freund Philippus (auch dein Lehrer, wie ich höre; er ist wohl der nie genannte Freund am Hof gewesen) sagt, er habe längst in den Sternen gelesen, eine Helena werde mein Weib und mein Glück sein. Auch du hast mir einmal (vielleicht durch ihn belehrt) höchstes Glück geweissagt durch ein Weib »Helena«! Sie ist so ungleich ihrem Bruder – Dank den Göttern! – und auch so heiter! In den düstern Sorgen, die gleich nach meiner Abreise von Mailand nach Gallien über mich hereinbrachen, war ihre unverzagte Fröhlichkeit mein einziger Stern. Die holde Törin glaubt, mir könne nichts mißlingen! Und denke nur, obwohl sie – selbstverständlich – in strengster Zucht der Kirchenlehre aufgezogen ward, gelang es mir doch bereits, sie – die Schwester des Constantius – von jenen Banden leicht und leis zu lösen. Freilich, glaube ich, hat das mehr ihre Liebe zu mir als meine Überredungskunst bewirkt.   Oh, es ist mir zu gönnen, daß diese Eine Seele mich nicht auch bedrängt, das Unglaubliche zu glauben, wie ach die nach ihr Geliebteste. Auch meine schöne Schwester folgt mehr der verehrten Mutter als mir. Doch geb ich Juliana noch nicht ganz verloren; sie schwankt. Und Freund Jovian? In allen andern Dingen hab ich an ihm eine Stütze; aber hierin – in dem mir Heiligsten – nicht. Zwar er und sein ganzes Haus ist, wie ich dir schrieb, nicht getauft. Aber der liebe Mensch! Von allem darf ich ihm reden, nur nicht von den Offenbarungen der Mystik und den Fragen der Philosophie. »Es reizt mich nicht«, so lehnt er ab. »Es ist mir gleich! Ich habe weder Fähigkeit noch Bedürfnis, das Unwißbare zu wissen. Ich bin ein Römer und ein Kriegsmann. Was ich als solcher zu tun habe, sagen mir Herz und Verstand. Mehr begehr ich nicht zu wissen.« Mit diesem prächtigen Nichtswisser, ja »Nichtswissenwoller« erörtere du Maximus gegen Aidesius!   Allein bald nach dem Aufbruch von Mailand blieb mir kaum mehr Zeit für die Liebe und Helena, geschweige für Forschen und Grübeln! Auf die Vermählungsfeier in der Basilika folgte ein Gastmahl im Palatium, das den Fehler hatte, viel zu lang zu währen! Wie meine Mutter weinte vor Rührung auch die gütige Eusebia, der ich so viel – beinahe alles – verdanke. Endlich, endlich war ich allein mit der Geliebten, mit meiner jungen Gattin! O Lysias! Ich hatte ja nie ein Weib berührt! Fremd war mir geblieben der Gott, der unter allen am süßesten beseligt. Nun kenn ich ihn. Eros ist sein Name! Übrigens sollte ich noch in derselben Nacht erfahren, daß ich nun zwar des Imperators Cäsar geworden, aber sein Gefangener geblieben war. Es drängte mich gegen Morgen, nachdem das holde Weib an meiner Seite sanft entschlummert war, mein von heißem Dank gegen den Gott erfülltes Herz auszuströmen unter den leuchtenden Sternen, meinen Beschirmern. Leise öffnete ich die Türe des Thalamos und wollte hinausschreiten aus der Vorhalle in den offnen Hof des Palastes. Siehe, da stieß ich auf zwei maurische Speerträger, die dicht vor der Hoftüre Wache hielten; eine »Ehrenwache« erklärten sie zu sein, die mir die Gnade des Herrschers gewährt habe. Und so ist es geblieben bis auf diesen Augenblick, da ich dir hier in Vienne schreibe. Auf Schritt und Tritt umlauern mich die Späher, die »Agentes in rebus« des Augustus; kaum daß sie mich allein in das Bad steigen lassen, und mein Tod wäre dieser Brief – denn ich bin überzeugt, alle Sendungen von mir und an mich werden geöffnet und gelesen –, könnte ich mich nicht unserer lieben Geheimschrift bedienen. Auch auf Jovian erstreckt sich jene Ehre unausgesetzter Beobachtung, und Philippus konnte nie ohne Zeugen mit mir sprechen; eher noch in seiner Ungefährlichkeit der Mönch Johannes, den du mit höchst ungerechtem Hasse verfolgst; er hängt so treu an der Mutter und mir. Ich zweifle nicht, er würde willig für uns sterben. Man wollte mir einen ganzen Hofstaat aufnötigen. Ich dankte für eine solche Legion von Belauschern und nahm nur drei Diener, darunter einen prächtigen Germanen, der mir nachläuft wie ein zahmer Bär, und mich, glaub ich, auch wie ein solcher verteidigen würde mit seinen bärenstarken Pranken; dann einen Arzt, Oribasius, den mir Philippus aus der Zahl seiner Schüler wählte (also wird er mich nur berufsgemäß, nicht absichtlich vergiften); endlich einen Buchsklaven, den mir die Augusta schenkte, zusammen mit einer ganzen kostbaren Bücherei. Welch feine Seele hat Helios in die Hülle dieses allzuzarten Leibes gesenkt! Denke dir nur mein Erstaunen, als ich in der von ihr übersandten Sammlung alle meine Lieblingsbücher, alle diejenigen Schriftsteller fand, die ich in meinen Vorträgen zu Athen angeführt hatte. Ich erinnerte mich, sobald ich Eusebia erblickte, daß diese seelenvollen Augen in jenen Vorträgen so eindringlich, so ausdruckreich zu mir emporgeblickt hatten. Sie ist so gütig, so liebevoll besorgt um mich wie eine Schwester. Warum wohl die Götter jene duftige, anmutvolle Blüte an einen Constantius ausgeliefert haben? Nun, in ihrer Umwandlung nach dem Tode wird sie auf einem besseren Gestirn ein gerechteres Los finden! Der Imperator geleitete mich selbst bis Pavia mit einem kleinen Heer, wohl um sich zu vergewissern, daß ich auch wirklich nach Gallien gehe! Er schrieb mir sogar die Tagesordnung vor, nach der ich zu leben habe – die Stunden des Kirchenbesuches sind nicht vergessen – Ja, selbst den Speisezettel für meine Tafel hat er verfaßt. Aber er kann nicht verhindern, daß ich in den Basiliken zu Phöbos Apollo bete und daß ich die meisten Gerichte unberührt lasse. Schon hab ich alle Köche fortgejagt und teile die einfache Speise meiner Kriegsleute. Ebenso genau wie Fisch und Braten schrieb mir der Augustus mein Tun und Lassen in Gallien vor, wem von den Beamten ich vertrauen dürfe – es sind recht wenige und gerade die, vor denen der kluge treue Philippus mich warnt –, und die vielen, welche ich »beobachten« lassen solle, um über sie geheime »Berichte«, das heißt, Anklagen an den Hof zu senden. Mich wundert nur, daß er mir nicht in Mailand in seiner Schreibtafel vorzeichnete, wo und wann ich die Alemannen, wann und wo und wie ich die Franken anzugreifen und zu schlagen habe. Fünftes Kapitel Und wie sieht es aus in diesem Gallien, das ich den Barbaren wieder abnehmen soll? Ach, Helios möchte schaudernd sein Auge abwenden von dem Elend in dem Lande! Und wer hat dies Elend verschuldet? Zum größten Teile Constantius. Er hat in seiner Wut und Hast, vor allem seine persönlichen Gegner niederzuwerfen, er selbst – der Imperator – hat, um Decentius, den Bruder des Anmaßers Magnentius, zu vernichten, Könige und abenteuerische Gefolgsherren der Alemannen und der Franken in das Land gerufen. Er hat ihnen noch obendrein Geld bezahlt und andre Geschenke gespendet dafür, auf daß sie, ihrem eignen Herzenswunsch folgend, den Rhein überschritten, ja, er hat ihnen sogar (sagt man) urkundlich das Recht eingeräumt, alles Land in Gallien, das sie besetzen könnten, für immer zu behalten, wenn sie nur Decentius beseitigt hätten. Auf diese Urkunde beruft sich, hör ich, der wildeste dieser Könige, der ungestüme Chnodomar. Aber daran kann ich doch nicht glauben! Alsbald behandelten die Barbaren, nachdem des Constantius Anhänger sie selbst über den Rhein geführt, alle Römer ohne Unterschied, auch die zu Constantius hielten, als Feinde. Und unaufhaltsam, wie die See nach durchbrochenem Deich, ergossen sich diese Germanen weithin über alles Land. Fünfundvierzig starke Festen – nicht vier oder fünf, wie man mir vorgetäuscht hatte – deren wehrhafte Mauern zugleich blühende Städte umschlossen, sind von ihnen erobert und, sofern römische Steinhäuser zu verbrennen sind, niedergebrannt. Von Rhein, Maas und Mosel landeinwärts haben sie über siebzehn Stunden weit das Land besetzt und mehr als dreimal so viel – vierundfünfzig – Stunden weit erstrecken sich ihre Streifzüge über das schutzlose Land! Die reichen Grundherren zuerst flohen von ihren Villen in die festen Städte, bald folgten Colonen und Sklaven mit dem noch geretteten Vieh. Schon zwei Jahre lang vermag die in den engen Stadtfestungen zusammengedrängte Bevölkerung nur noch von jenem Getreide zu leben, das sie innerhalb der Wälle baut auf den Stätten niedergerissener Häuser. Die spärlichen Besatzungen aber, seit Jahren ohne Sold, ohne Vorräte, ohne Erneuerung von Waffen und Ausrüstung, weigern ihren Befehlshabern offen den Gehorsam, wollen diese sie vors Tor hinausführen gegen die Barbaren, bei deren Nähe, ja bei deren Namen schon sie zittern. Und all das soll ich bessern – ich Flavius Claudius Julianus – unter den Götterfreunden zwar der erste, unter den Philosophen und Dialektikern nicht der letzte, aber unter den Feldherren und Staatsmännern der unauffindlichste (ist hübsch, »unauffindlichste«, nicht?).   Hier unterbrach mich der treue Jovian. Allzulange schon, meint er, mühe ich mit Schreiben. Aber die Mühe ist süß. Ich diktiere meinem holden Weibe, das unsere Geheimschrift rasch erlernt hat, ein Stück dieser Briefe, während ich ein andres selbst schreibe. Ist es Eitelkeit, daß ich selbst das mitteile? Wahrscheinlich. Ach, der wirkliche Cäsar beschäftigte lesend und schreibend drei Schreiber zugleich! Ob ich es wohl auch hierin noch ihm gleichtun werde wie in der befohlnen Eroberung des Rheins? Ich habe Jovian zu meinem Präfectus Prätorio für Gallien ernannt. Freilich müssen wir's erst haben. Er rief mich ab in den Hof des Palatiums zu Vienne, in dessen Lesegemach ich dies schreibe. Er behauptet, in den andern Leibesübungen, zu denen er mich, den oft Widerstrebenden, schon in Athen herangezogen, gehe es so leidlich; aber meine Beine seien noch allzu ungelenk im Springen! (Allerdings ist meine Zunge viel gelenker im Reden.) Und so zwingt er denn seinen Herrn und Cäsar täglich, mit der Sprungstange weiter und weiter zu hüpfen. Im Schloßhof liegt weicher Schnee (es ist Januar); das ist ein Glück. Denn eben fiel ich sausend auf meine sehr uncäsarische spitze Nase. O Plato, Plato, welche Beschäftigung für einen Philosophen!   Aber zurück zu Gallien und meinen unlösbaren Aufgaben. Schon auf dem Wege hierher, in der Tat am ersten Tag nach meinem Aufbruch von Pavia, zu Turin – am zweiten Dezember – erfuhr ich durch eilende Boten, welche die verzagenden Städte Galliens Hilfe heischend an den Hof gesandt, daß auch Köln, das alte stolze Hauptbollwerk unserer Macht am Rhein, gefallen war! Ein wahrer Donnerschlag von einer Nachricht! Mein Herr, der Imperator, hatte das, wie sich nun ergab, genau gewußt. Allein er hatte es nicht für nötig erachtet, mir diese Kleinigkeit mitzuteilen; wahrscheinlich aus gütiger mitleidiger Schonung. Ja, er trieb die – (wie soll ich sagen?) – christliche Selbstverleugnung so weit, daß er mich ganz ruhig anhörte, als ich ihm auseinandersetzte, unerachtet des Verlustes so vieler fester Plätze an die Barbaren sei ich entschlossen, den Auftrag der Befreiung Galliens anzunehmen, da ja Köln noch unser sei. Und er lächelte beifällig, als ich ihm tags darauf nun meinen Feldzugsplan entwickelte. (Ja, meinen; allein, ohne Jovian, hatte ich ihn entworfen. Jovian hat ihn nachträglich voll gebilligt. ›Es ist wieder Eitelkeit‹, denkst du jetzt, o Lysias, ›daß er mir beides schreibt!‹) – Der stützte sich ganz auf jene Feste; von dort aus konnte ich zugleich die Franken im Norden und die Alemannen im Süden beobachten, bedrohen, ihre etwa geplante Vereinigung auseinanderhalten, sie vereinzelt angreifen und schlagen. Die Art seines Lächelns hierbei fiel mir zwar ein wenig auf; es war so listig überlegen; aber errötend sagte ich mir, der soviel Reifere mache sich ein wenig lustig über die junge Feldherrnschaft seines Cäsars. Jetzt freilich weiß ich, was das imperatorische Lächeln bedeutet: Es verlachte die Leichtgläubigkeit des Harmlosen, der an Worte glaubt, die er am Hofe hört. Mein Augustus wußte genau, daß Alemannen und Franken sich vereint hatten, daß Chnodomar, ein König der Alemannen, und ein batavischer Königssohn, miteinander Köln belagert, erstürmt und halb verbrannt hatten, zur Strafe dafür, daß die doch germanische – ubische – Bevölkerung neben der römischen Besatzung auf den Wällen gegen die Stammgenossen gefochten hatte. Der Führer der römisch Gesinnten, Spurius Romanus, fiel in dem erbrochnen Tor, durch das Schwert des Alemannen. Der Verlust Kölns war der Zusammensturz all meiner Pläne, fast auch meiner Hoffnungen. In dem ersten Schmerz – (und vielleicht auch Zorn!) – wollte ich meinem klugen Herrn den Feldherrnauftrag und die Cäsarenschaft vor die Füße werfen. Hatte ich doch nichts dadurch erreicht, als den sichern Untergang in einem Unternehmen, das – jetzt – von jedem Verständigen mir als Tat der Eitelkeit, der Torheit angerechnet werden muß. Zwar sagte ich mir, daß ich rühmlicher durch den Speer der Germanen falle als – wie Gallus – vom Henker erdrosselt. Und in dem Abschiedsblicke meines Herrn lag so was wie der Gedanke: ›Der muß mir Gallien schaffen, oder ich schicke ihn zu Gallus in den Hades!‹ O Lysias! Wenn du einen leibschwachen, ungeübten Jüngling, der in gebundener Zurückgezogenheit bisher sein Haus nicht verlassen, plötzlich auf den Kampfplatz der Olympischen Spiele stellst, ihm zurufend: »Nun zeige dich in allen Wettkämpfen dem versammelten Volke, vor allem deinen Landsleuten, für welche du wettstreiten sollst, zugleich aber auch den Barbaren, die du in Schreck und Furcht vor dir versetzen sollst«; würdest du dessen Seele nicht völlig niederschlagen und vor dem Kampf kampfunfähig machen? Dies war meine Lage. Aber eine große Seele verzagt nicht und beugt sich nicht; und nicht klein gab mir Helios die Seele! Ich widerstrebte bald dem Verzweifeln. Und auch Jovianus kam zu Hilfe. »Ich bin kein Philosoph«, sprach der in seiner schlichten, nüchternen Weise, »und kein Sterndeuter und kein Schwärmer für deinen Homeros; ich bin durchaus prosaisch und hausbacken.« (Helios weiß, daß Jovian nie lügt, also auch nicht in diesen Worten!) »Aber aus deinem Homer hab ich mir einen Spruch gemerkt: »Ein Wahrzeichen nur gilt: Für die Heimat kämpfen und sterben.« Du mußt nach Gallien gehen. Wahrscheinlich bist du dann verloren. Aber gehst du nicht, ist Gallien gewiß verloren. Rom ruft. Du mußt. Ich sah es ein, zerriß den heftigen Brief, den ich an den Augustus geschrieben (schade darum, er war ein kleines Meisterstück mehr noch des Zornes als des Stils), und setzte die Reise fort nach Gallien und – in den Untergang. Denn was soll ich, der ich die vierundzwanzig Jahre meines Lebens fast nur in Klöstern, Schulen, Büchereien zugebracht, in Theologie, Mystik, Philosophie, Rhetorik, Dialektik, der ich nie das geringste Amt bekleidet, nie eine Zehntelkohorte befehligt, erst seit einem Jahre fechten und reiten gelernt und allerdings viel Kriegsgeschichte und Kriegskunst getrieben habe – in Büchern –, was soll ich ausrichten als Feldherr und als Staatsmann? Es ist, als sagt man einem Mann: »Spring in diese verdeckte Grube, dann sollst du Cäsar heißen.« In der Grube aber harren des Waffenlosen ungezählte Bären. Und man wußte recht wohl, in welche Grube man mich springen hieß. Sechstes Kapitel Richte ich aber – durch der Götter unverdiente Gnade – etwas aus, so wird es erst recht sicher mein Verderben. Die Spuren schrecken. Da war mein Vorgänger in Gallien, Silvanus, trotz seines römischen Namens ein Franke, der sich bis zum Befehlshaber unsres Fußvolks emporgeschwungen. Er verteidigte erfolgreich den Niederrhein gegen seine eigenen Landsleute, treu, tapfer, klug. Aber seine Neider am Hofe, Eusebius und die andern Eunuchen, ertrugen nicht seine Tüchtigkeit und seine Erfolge. Sie fälschten Briefe von Silvanus – nur die Unterschrift war echt. Den hochverräterischen Inhalt hatten sie auf die leeren Blätter geschrieben. Sein Untergang ward am Hof beschlossen. Er erfuhr es. Nun, da er seine Verurteilung – ohne Gehör – vernahm, wollte er zunächst entfliehen; aber er sah sich rings umgarnt, die Wege bewacht. Jetzt erst ließ sich der treue Mann, der nie gestrauchelt war, nur um sein Leben zu retten, zu der Tat fortreißen, an die er nie gedacht: zur Empörung! Fünf Tage vorher hatte er noch gehorsam den Sold an die Truppen bezahlt und sie aufs neue für Constantius vereidigt. Jetzt erst, aus Verzweiflung, griff der Arme nach dem Diadem; denn ein Mann, der bei Constantius auch nur einmal verdächtigt worden, ist ja verloren. Nur der Purpur konnte ihn retten. Seine Legionen riefen ihn in dem damals noch römischen Köln zum Imperator aus; er duldete es! Tief verwerfe ich das, mit Abscheu! Nie, nie werde ich, nur um mein Leben zu schützen, die Treue brechen! Erst Rom, dann alles andre. Was gilt ein Julian – aber freilich auch, was gilt ein Constantius – gegen Rom! Ich verurteile ihn also aufs schärfste; aber ich beklage ihn doch. In Ermangelung eines Purpurmantels wurden die Purpurwinkel und Fahnentücher von den Drachen der Reitergeschwader, den Standarten und Vexilla herabgerissen, zusammengenäht und ihm über die Schultern geworfen. Wie barbarisch, wie unrömisch! Wie bezeichnend für diese ganze unrömische Hast und Not! Unheilvoller Drachenpurpur, nicht erretten, verderben solltest du den Armen! Mit derselben Tücke, mit welcher der Augustus vor kurzem meinen unseligen Bruder umgarnt und vernichtet hat, entsandte er, zuerst Unkenntnis des Geschehenen, dann Vergebung heuchelnd, an Silvanus einen Vertrauten, der die Tücke so weit trieb, sich selbst scheinbar der Empörung anzuschließen, bis er nach achtundzwanzig Tagen einen Haufen sarmatischer Söldner bestochen hatte, vor Sonnenaufgang in den Palast zu Köln zu dringen, die fränkischen Gefolgen des Silvanus niederzuhauen und diesen selbst in einer Galiläerkapelle, wo er die allen Galiläern heilige Zuflucht gewonnen hatte, mit vielen Streichen zu ermorden. Auf die Beschwerde des Priesters erwiderte der fromme Imperator: Erstens seien jene Söldner nicht getauft und zweitens sei die Kapelle vorher entweiht, also nicht mehr Zufluchtsort gewesen, da einmal ketzerischer Gottesdienst der Sabellianer darin gehalten worden sei. O Lysias, was alles muß der große reine Helios schauen! Nie, niemals, nie würde ich den Frevel des Eidbruchs – selbst gegen einen Constantius – auf meine reine Seele laden, auch wenn es das einzige Mittel wäre, mein Leben zu retten. Lieber dreimal sterben! Aber die Tücke des Augustus und seines Werkzeugs ist doch noch ärger als die Verzweiflungstat des Germanen. Und das Allerschlimmste ist: Jene Falschheit findet Billigung auch bei Männern, die ich zu unsern besten zählen muß, so tief ist Manneswackerheit bei uns gesunken! Da ist ein tüchtiger Grieche aus Antiochia, Ammianus Marcellinus. Ich lernte ihn nahe kennen zu Athen und zu Byzanz; er ist ein trefflicher Kriegstribun, schreibt aber in seinen Mußestunden an einer Geschichte nicht bloß der Vergangenheit Roms, auch unserer Tage; ein beklagenswerter Schriftsteller! Der Mann gefällt mir durchaus, ist kein Schmeichler – (derb hielt er mir, fast wie du, meine Eitelkeit vor); der erzählt mir zu Turin haarklein jene Ränke des Imperators, jene Verstellung des vertrauten Sendlings – (Ursicinus heißt er und ist auch ein tüchtiger Kriegsmann) – und nicht ein Wort der Mißbilligung fügt er bei! Nicht aus Feigheit oder Klugheit; er schalt sehr offen vor mir über den Augustus; nein, offenbar, weil er verlernt hat, schlechte Mittel zu verwerfen, wenn sie nur fruchten. Und er dient gerade unter Ursicinus weiter. Und das ist der Besten einer! O wehe dem, der gezwungen ist, über solche Römer und Griechen zu herrschen! Dank allen Göttern, daß ich nicht ein Sohn des großen Constantinus bin und nie dazu verdammt sein kann, Imperator dieses gesunkenen Römerreichs zu heißen! In der Verwirrung, die nach der Ermordung des Silvanus unter unsern Truppen zu Köln einriß, gelang es den Germanen, diese Hauptfeste zu bezwingen. Früher gab der Germanen Zwietracht uns den Sieg; soll sich das umkehren? Haben die Germanen von den Römern gelernt? Verhüte es Zeus, der Erretter, und die städtebeschirmende Pallas! Siebentes Kapitel Von Turin brach ich nun also weiter auf, Gallien zu erobern, mit dreihundertundsechzig Kriegern. Du siehst, kaum für ein Jahr ist die Zahl berechnet, falls ich täglich einen verliere! Doch sind es tüchtige Leute. Leider muß ich sagen: meist Germanen, deren Dienstfrist abgelaufen war und die gern die Gelegenheit ergriffen, über die Alpen in die Nähe ihrer Heimat zu gelangen. Viele gewann mir Berung, mein alemannischer Bär. Auf meine zweifelnde Frage erwiderte er: »Herr, solange ihr Schwerteid währt (sie schwören auf ihre Schwerter, die sie, die Spitze nach oben, in die Erde stoßen), sind sie dir treu bis zum Tod; am Tage darauf fechten sie vielleicht neben ihren Gaugenossen wider dich.« »Und du?« fragte ich. »Wie lange währt dein Schwerteid?« – »Ich habe dir den Bluteid geschworen. Ich diene dir, solange das Leben währt, das ich dir danke.« (Ich hab ihn vom Tod durch Henkershand gerettet; er war ein wenig zu freimütig für den Hof.) Aus dieser verlässigen Schar will ich mir eine Leibwache bilden, so eine Art Gefolgschaft, wie sie bei den Germanen vorkommt, durch Tapferkeit, Ehre und Treue ausgezeichnet. Man muß auch von seinen Feinden lernen. Und man muß sie kennen, um sie mit Erfolg zu bekämpfen. Ich lese nun zum erstenmal und gar eifrig in des Tacitus Büchlein von den Germanen. Es gefällt mir aber nicht. Ich glaube, er überschätzt sie, diese ungeschlachten Barbaren. Nicht ihr Dreinschlagen, aber die Möglichkeit, daß sie etwas schaffen, zumal einen Staat. Der Mann, der da schreiben konnte, »da die Geschicke des Römerreichs schon drohend heranschreiten, kann uns nur noch die Zwietracht dieser Völker retten«, schaute zu trüb in seine Gegenwart und in Roms Zukunft. Zweihundertfünfzig Jahre sind seitdem hingegangen über unser Reich: Es steht immer noch! Ja, wenn es gelänge, die alten Götter wieder auf die alten Altäre zu stellen, und so den alten Römergeist wieder zu beleben, ich glaube, unser Reich erhielte ewigen Bestand. Weissagend scheint mir jenes schöne Wort des venusinischen Sängers: Auch Rom wird – wie sein Lied – nur leben: »Solange noch Schreitet hinauf zu dem Kapitol Der Pontifex mit der schweigenden Jungfrau.« Nicht die Barbaren werden Rom zerstören, nur die Römer. Die entrömerten Römer! Entrömert aber sind die Quiriten, die nicht mehr in Latium, nicht in der von ihnen beherrschten Welt, sondern in dem Christenhimmel ihre wahre Heimat erblicken zu müssen, nicht überzeugt, nur überpredigt worden sind. (»Überpredigt« ist ... nun du weißt schon, was ich meine. [Oder weißt du's nicht?] Nicht ganz übel!) Diese Germanen mögen Schlachten gewinnen und Beute, aber sie suchen ja bei uns nur Ruhm und Raub, und eilen mit beiden, wann gewonnen, in ihre Waldsümpfe zurück, untereinander selbst um beide zu raufen. Ja, wenn sie einmal denken lernten, sich einen, und uns – dauernd – näherrücken, in unsrem Lande bleibend, dann ...! So aber, wie sie sind, acht ich sie nur ihren Bären gleich und ... Eben kommt ein Eilbote mit einem Schreiben vom Augustus. Er fragt, ob ich denn noch immer nicht gesiegt, nicht wenigstens Köln wiedergewonnen habe? O ihr Götter! Und ich sitze noch in Vienne, überlegend, wie viele Helme ich in ganz Gallien zähle? Und wo überall sie verstreut sein mögen? Constantius hielt einstweilen einen Triumpheinzug in Rom. Wahrscheinlich wegen der Siege, die ich noch erfechten soll. Philippus schreibt, der Triumphator saß allein in einem prachtvollen Siegeswagen, erstrahlend von Gold und Edelgestein. Regungslos, wie eine Bildsäule saß er, keine Bewegung der Hand machte, keine Miene verzog er. Das Volk hielt ihn für einen leblosen Götzen, wie sie im Morgenland umhergefahren werden. Seine zarte Gemahlin mußte ihm nachfahren; aber auch meine Mutter und Schwester führt er überall mit sich als seine »Gäste«; als seine Geiseln! Je näher er sie bei sich hat, um so mehr scheint sein Mißtrauen besänftigt. Zum Andenken an seinen Besuch ließ er einen einhundertfünfzehn Fuß hohen Obelisk aus Granit vom Nil, in den Tiber geschleppt, aufrichten im Zirkus. Mit der Kraftanstrengung, die hierzu vergeudet ward, konnte man alle Sturmböcke vernichten, mit denen der Perserkönig Sapor die Mauern unserer Grenzfesten in Asien erschüttert. Denn – o Schmach und Schande dem römischen Namen –, der Perser dringt ungestraft in unser Land im Osten, wie der Germane im Westen. Neun Schlachten hat Constantius, seit er herrscht, Sapor, »dem König der Könige, der Sonne und des Mondes Bruder«, geliefert; alle neun sind römische Niederlagen! Und was ist die Rache des frommen Imperators? Eine scheußliche Nachricht geht mir zu! In einem Reitergefecht ward Artasan, ein Sohn des Königs Sapor, gefangen von unserer Übermacht nach tapferster Gegenwehr. Constantius, der gottselige Galiläer, befahl – wider alles Völkerrecht –, den verwundeten Königssohn, einen herrlichen Jüngling, nackt vor dem ganzen Heer zu geißeln, zu foltern, dann an einem Galgen aufzuhängen! Das heißt die Rache der Götter herabbeschwören! Ich fürchte sehr, sie wird nicht ausbleiben. Oh, warum kann ich nicht dahin fliegen, wo die Gefahr am größten? Drei unsrer wichtigsten Burgen: Amida – für den Tigris, was Köln für den Rhein –, Singara und Bezabde sind schwer bedroht. Constantius hat mich zum Konsul für dies kommende Jahr ernannt und mir die konsularischen Abzeichen übersandt. O wär ich ein Konsul wie die Scipionen!   Allmählich lerne ich die Feldherren und die Beamten kennen, über die ich in Gallien zu verfügen habe. Ich beschied sie der Reihe nach hierher, das heißt diejenigen, die ihre von den Barbaren bedrohten Städte verlassen können oder verlassen mußten. O Lysias! Was für Menschen! Ein paar Haudegen ohne Gedanken; alle, die denken können, denken nur an sich. Und ich entdecke bei jeder Gelegenheit, daß der Imperator in seinem Mißtrauen gegen mich sie alle angewiesen hat, bei jedem meiner Befehle nach ihrem Gutdünken zunächst Berufung an den fernen Herrscher einzulegen. Zum siebentenmal ward mir eine solche Vollmacht vorgelegt. Und ich Ohnmächtiger, also Gebundener, ich heiße »Cäsar«!   Eine große Freude – mehr, einen weissagenden Gruß der Götter habe ich erlebt! Bei dem Antritt des Konsulats hielt ich feierlichen Umzug in der Stadt, Gold- und Silbermünzen ausstreuend unter das Volk. (Es gelang mir, den Gottesdienst in der Basilika zu vermeiden; sie ist baufällig, und ich schützte Besorgnis vor. Ach, wieviel Lügen wird mir Helios noch verzeihen müssen, weil ich sie in seinem Dienste log! Aber das Lügen, das Heucheln frißt zerstörend an der Manneswackerheit.) In dem Gedränge fiel eine alte Frau zu Boden. Ich sah's, sprang aus dem Wagen, hob sie auf. Sie war blind, nahm ich nun wahr. »Dank, lieber Herr, danke dir, Phöbos Apollo, den ich nicht mehr schauen kann«, sprach die Greisin. »Sage mir, du Gütiger – denn deine Stimme ist freundlich und gütewarm –, was ist heut für ein Fest in der Stadt der allobrogischen Juno? Ach, ich weiß nicht mehr, was in der Welt geschieht! Mein Mann war Priester des Apollo in einem Weihtum bei Paris; er ward uns entrissen – verschwand mir –, weil er sich der Schließung und Entweihung durch den Bischof widersetzte, damals ward auch mein Sohn von dem Centurio erschlagen. Mich haben sie hierher verbannt, weil ich dabei auf den Imperator schalt. Sprich, warum drängt sich das Volk?« – »Höre nur, Mütterchen«, antwortete ich, »was sie rufen.« – »Heil Julianus, dem Konsul, dem Cäsar.« Da fuhr die Alte in die Höhe und sprach wie verzückt, wie eine Pythia: »Cäsar Julian? Cäsar Julian? Meine Mutter hat geweissagt: Ein Cäsar Julian, ein zweiter Julius Cäsar, wird die Barbaren schlagen. Und er wird die Altäre der Götter herstellen. Cäsar Julian; ich hab ihn erlebt. Nun will ich gerne sterben.« – »Sie ist verrückt seit Jahren«, sprach, höflich entschuldigend, ein Diakon zu mir. »Vergib ihr die Gotteslästerung, o Herr!« Damit drängten sie mich wieder in meinen Wagen. Ich sandte ihr durch Berung einige Goldstücke. Aus den Wahnsinnigen aber sprechen höhere Mächte. O wie heiß verlangt mein Herz, die Barbaren zu schlagen! Dieses Omen nehm ich an. Und das andere? Nun, solange ich Cäsar heiße, sollen in meinem Gallien wenigstens die Götter und ihre Verehrer nicht verfolgt werden. Ich seh's voraus: Deshalb allein schon werd ich nicht lange Cäsar heißen. Aber schützen, dulden darf ich doch. Verfolgen um des Glaubens willen würd ich nie, hätt ich die Macht eines wahren Cäsars. Wie scheußlich ist doch solche Verfolgung; ich hab's zu tief gefühlt, um selbst dieser Schuld jemals fähig zu sein.   Oh, ich Tor! Ich bangte um Amida im fernen Asien – und ach! »Schon brannte einstweilen mein nächster Nachbar Ukalegon«, singt der Sänger von Mantua – ich meine, Autun ganz nah in »meinem« (!) Gallien. Ein Schwarm von Germanen, Alemannen, geführt von Chnodomar, dem »roten Stier« – so nennen ihn die zitternden Provinzialen –, drang mitten im Winter (diese Bären scheinen nie zu frieren!) ohne Widerstand zu finden, vom Rhein, von Basel her über Besançon und Dijon bis Autun. Die Stadt hat nur eine verfallene Mauer und eine zaghafte Besatzung. Man sagt, sie verhandelt schon! Und ich! Ich sitze hier in Vienne, ratlos, hilflos, heerlos! Kein Geld, keine Vorräte, keine Waffen! Mit dreihundertsechzig Hellenen, die ich mitgebracht, und tausend, die ich vorgefunden. Ach, die Götter haben Rom aufgegeben, weil Rom die Götter aufgegeben hat!   Nein! Nein! Die Götter des Sieges haben denen noch nicht den Rücken gewandt, die treu an ihnen hangen. Ein Eilbote aus dem geretteten Autun! Chnodomar der Gefürchtete hatte, des Falles der Stadt gewiß, die Belagerer verlassen mit seiner Gefolgschaft, weiter ins Land hinein zu stoßen. Wirklich wollte der Befehlshaber die Tore öffnen. Aber alte ausgediente Krieger, die in ziemlicher Menge dort angesiedelt sind, tapfere Latiner und zähe Illyrier, widersetzten sich dem feigen Entschluß. Ein grauhaariger Centurio – Marcus Cornelius heißt der Wackere – ergriff den Befehl, brachte dem Mars Repulsor ein Opfer in dem lange versperrt gewesenen Kapitol der Stadt, befragte die Götterzeichen und, da sie günstig ausfielen, brach er in der Nacht aus den Toren und schlug die überraschten Barbaren in die Flucht. Mars Repulsor sei gepriesen! Ich bringe ihm morgen – heimlich – ein Dankesopfer, sobald ich aus dem öffentlichen Sonntagsgottesdienst in der Basilika zurück bin.   Nur meine holde Helena habe ich bisher zu den Göttern bekehrt: Sie hilft mir den Altar bekränzen und tut dies so feierlich und pietätvoll, als wäre sie bei Priestern in die Schule gegangen. Jovian ist gleichgültig. Achtes Kapitel Wie leicht wäre es, wie verlockend leicht für einen Freund der Götter, die junge Herrschaft der Kirche wieder zu stürzen, die ja fast nur aus allerlei äußeren Gründen von Constantin vorbereitet, von seinen Söhnen rasch emporgezimmert ist! Die ehrlich Überzeugten – gewiß gibt es deren viele – wiegen nicht schwer, denn es sind meist ungebildete Leute. Es wäre gar nicht notwendig, mit Gewaltmitteln vorzugehen, was ich verabscheue. Nein! Es würde schon genügen, die zahllosen Spaltungen geschickt zu benutzen, die innerhalb des neuen Glaubens ausgebrochen sind. Auf das grimmigste befehden sich die frommen Leutchen untereinander als »Häretiker«, als Schismatiker und verfluchen sich gegenseitig um die Wette als vom Satan und den Dämonen Besessene. Ich bin nun selbst in diesen Streit hineingezogen – ich! Du kannst dir denken, mit welcher Wollust des verhaltenen Hohnes ich mir alle die Haarspaltereien der Lehren vortragen lasse, von denen die ewige Seligkeit abhängt, und wie ich bald mehr der einen, bald der andern Richtung zuzuneigen mich anstelle. In Mailand schon ward ich hineingezwungen in diese Dinge; aus Pflicht der Dankbarkeit. Der Imperator, lange schwankend, ist nun entschieden auf die Seite der arianischen Lehre getreten, die sich von der rechtgläubigen buchstäblich nur durch »ein Jota« unterscheidet; an diesem Buchstaben hängt wieder einmal für uns alle das ewige Heil. Die Arianer lehren, Christus ist nur wesensähnlich Gott dem Vater – homoi-ousios, die Katholischen: Er ist ihm wesenseins – homo-ousios. Darüber ist nun ein Kampf entbrannt, der in allen drei Erdteilen mit allen Mitteln (auch mit Mord, so heißt es) geführt wird. Im Morgenland soll ein ausgezeichneter Mann, ein hervorragender Vorkämpfer der Katholischen, Athanasius, hart verfolgt werden unter Zulassung, ja auf Befehl des Augustus. Ich möchte wohl mehr von diesem Athanasius erfahren. Was man mir von ihm – schon zu Mailand und Turin – erzählt, reizt mich. Ich möchte mich mit diesem Geist und Mannesmut im Kampfe messen. Hei, wär ich nur Imperator! (Neulich hab ich's mit Unrecht von mir weggewünscht.) Nur deshalb möcht ich's sein. Ich wollte ihn schon bezwingen, diesen Athanasius, den sie den dreizehnten Apostel nennen und einen zweiten Paulus, den gewaltigsten Geisteshelden, der bisher dem Galiläer erstanden. Nicht mit roher Gewalt, wie Constantius und seine arianischen Bischöfe – nein, nur mit den Waffen der Gedanken möcht ich ihn überwinden – ihn und alle katholischen Lehrer wie seine häretischen Widersacher. In Mailand war mein alter Beschützer Johannes bei dem Augustus schwer verklagt, er habe kühnlich für Athanasius gesprochen und den Mahnungen des arianischen Bischofs zu Alexandria, des Verdrängers des Athanasius, getrotzt. Constantius wollte den mutigen Mönch in irgendeinem Kloster verschwinden lassen. Ich erfuhr es durch unsern gemeinsamen Freund Philippus, und meine und der Augusta Fürbitte retteten den tapfern Schwärmer (wie unrecht tust du ihm!) noch einmal. Doch war er von uns allen dreien nicht zu dem Versprechen zu bewegen, künftig zu schweigen. Ganz heldenhaft sprach der schwächliche Alte: »Ich werde nie schweigen, wenn es gilt, Zeugnis abzulegen für Christus den Herrn.« So was gefällt mir! Aber recht eigensinnig ist er doch schon, Freund Johannes. Hier nun in Vienne, wo man wirklich lieber an Alemannen und Franken denken sollte als an Arianer, Ebioniten und Sabellianer (das sind andre christliche Sekten), hier bestürmen mich die Bischöfe und Priester der streitenden Bekenntnisse, ich möge doch die reine Lehre schützen. Und das heißt jedesmal, die Andersgläubigen verfolgen. »Denn«, sprach der katholische Bischof von Arles zu mir, »die wahre Religion darf und kann nicht eine falsche neben sich dulden.« Ein scheußlicher Satz. Er riecht nach Blut. Mir graute. Zum Glücke fiel mir der schöne Spruch eines ihrer Besten ein, des Tertullian, der lautet: »Die Religion darf nicht aufgezwungen, freiwillig muß sie angenommen werden.« Aber das strenge Haupt schüttelnd erwiderte der Bischof: »Die Irrgläubigen müssen von Staats wegen bestraft werden, daß entweder sie selbst gebessert oder doch andre abgeschreckt werden durch dies Beispiel.« »Abgeschreckt vielleicht von der Wahrheit hinweg«, wagte ich zu erwidern. »Und wer sagt, was Wahrheit, was Irrtum?« – »Die Kirche.« – »Es gibt viele nebeneinander; welches ist die rechte?« – »Es gibt nur eine!« – »Welche?« – »Natürlich die meine.« Heiliger Aristoteles! Welche Logik! Das beste ist, während ich den Auseinandersetzungen zuhöre, ob der Heilige Geist nur vom Vater ausgehe oder auch vom Sohne, und ob die »Perichoresis«, die »circum in cessio«, das heißt, die alle drei Personen der Dreieinigkeit durchdringende Geisteseinheit nur die Eigenschaften oder auch das Wesen der drei göttlichen Personen umfasse, und bald dem einen, bald dem andern Recht gebend zunicke, habe ich Zeit zu überlegen, wie wohl die Stelle in Plotin über den ersten Ursprung aller Dinge (II. 3) richtig auszulegen oder ob der neue Sturmbock, den ich erfunden habe, nicht zu schwer beweglich, oder ob mein Quästor Florentius nur ein Dummkopf oder ein Schurke, endlich, ob die sehnlich erwartete Getreidezufuhr aus Britannien für meine Festen noch immer nicht unterwegs ist? Freilich begegnete mir gestern, weil ich nicht genug achtgegeben, daß ich die Lehre der Semi-Arianer billigte, die ich vorgestern verworfen hatte.   Eben geht mir ein Gesetz des Imperators zu, das kurz und deutlich befiehlt: Alle Tempel allerorten sind sofort zu verschließen und sorgfältig zu bewahren, daß niemand Eintritt finde; jedes den Göttern dargebrachte Opfer ist mit Todesstrafe und Vermögenseinziehung bedroht. Und in Rom ist bereits eine solche Hinrichtung vollstreckt worden. Freilich hatte der Opferer in den Eingeweiden des Tieres die Zukunft des Reiches erforschen wollen. Das ist Hochverrat! Ja die gleiche Strafe – der Tod! – bedroht ausdrücklich jeden Statthalter einer Provinz, der jene Taten ungeahndet läßt. Und ich muß das verkünden! Aber die Furcht des Tyrannen vor den Göttern, die er leugnet, verrät sich darin, daß er ihnen das Reden verbietet. Allen Orakeln ist Schweigen auferlegt, und niemand darf sie mehr befragen.   Wochen und Monate sind verstrichen, seit ich diese letzten Zeilen schrieb. Der Winter, das Frühjahr verging mir in unablässiger Arbeit »um die Trümmer der Provinz zu sammeln« (wie ich neulich [ich glaube nicht übel] meinem neuen Freund Ammianus Marcellinus schrieb [du begreifst: Ein Cäsar muß sich gutstellen mit einem Manne, der die Geschichte der Gegenwart schreibt. Aber dieser Grieche ist ehrlich bis zur Grobheit. Er wird mich nie zuviel, eher zuwenig loben, gerade, weil er mich ein wenig liebt. Das merke ich denn doch]), die Beamten für Krieg und Frieden prüfen, schlechte durch gute ersetzen, die Steuerlast mildern, unter der die Provinzialen wie überbürdete Lasttiere erliegen (sie flüchten aus unsern Städten zu den Barbaren, sie fürchten weniger Chnodomar als den römischen Steuerboten), die ganze, ins Stocken geratene Verwaltung wieder in Bewegung setzen, zugleich Nachricht von den Feinden und ihren Absichten erkunden, die schwachen Besatzungen der bedrohten Städte verstärken, die überall verzettelten, ach oft durch die Flucht verschlagenen Truppenteile zusammenziehen, ermutigen, mit Römergeist wieder erfüllen, Waffen, Vorräte beischaffen, einen neuen Feldzugsplan entwerfen – all das nahm diese Monate in Anspruch. Endlich war ich fertig. Das heißt vielmehr, wie der nüchterne und wahrhaftige Jovian trocken bemerkte: »Du hältst es nicht mehr aus, seitdem die Wege wieder gangbar und die Barbaren auf diesen Wegen sind. Fertig! Du bist es so wenig wie vor sechs Monaten, wenn man darunter versteht: dem Feind gewachsen, ausreichend gerüstet. Aber gleichviel: fertig in solchem Sinne wirst du nie, solange des Imperators Geiz und Mißtrauen dir alle Unterstützung von außerhalb Galliens verweigert. Du sollst das halbverlorene Gallien mit Galliens Mitteln allein wiedergewinnen. Also drauflos! Es ist gleichgültig, wann man das Unmögliche beginnt.« Er hat recht, wie immer. Er ist der gesunde Menschenverstand, und ich? Vielleicht Höheres – aber verständig gewiß nicht. Wohl, die Götter helfen edler Torheit gern. So nahm ich denn schmerzlich Abschied von meiner holden Helena! Sie muß in dem sichern Vienne zurückbleiben. Denn mein Helmbusch verschwindet jetzt unter einem Gewölk von Gefahren jeder Art. Ich weiß nicht, ob und wann und wo er noch mal auftaucht. Bange beschleicht mir oft das Herz die Ahnung, ich sehe die »Holdanlächelnde« – denn sie lächelt so oft und so lieblich! – niemals wieder. Ach, auch sie geht ja einer schweren Stunde entgegen. Mit welcher Seligkeit erwarte ich ihr Kind! Noch ungeboren hab ich es schon dem höchsten Gott geweiht, der es mir gab! »Heliodoros« oder »Heliodora« – wird es heißen. (Oh, ich fürchte, die Heiterkeit, die Helena in mein kämpfedunkles Leben wirft, wird das einzige Helle darin bleiben.) Sie zeigte der Imperatrix ihre holde Hoffnung an. Constantius schickte einen seiner eignen Ärzte, leider nicht Philippus! Aber ich lasse auch den bewährten Oribasius bei ihr. Und so nahm ich schmerzlich Abschied von Helena und von Vienne. In einer Stunde breche ich auf. Es geht gegen die Barbaren! Endlich! Welche Wonne! Neuntes Kapitel Ich schreibe dies am Tage meiner Ankunft in Autun: Der wackern Stadt, die sich der Belagerer aus Kraft ihrer eignen Bürger erwehrt, hatte ich längst die Aufmunterung (die Ehre, wie die Schmeichler sagen würden, aber ich habe keine) meines Besuches zugedacht. Außer meinen dreihundertsechzig Gefährten – ich habe sie alle beritten gemacht – habe ich an Fußvolk nur eine schwache Legion Ballistarier. Denn ach! Wir führen Ballisten mit, Festen und Städte zu belagern, die vier Jahrhunderte hindurch römisch gewesen sind. Mein Weg ging die Rhone aufwärts, auf unserer alten Legionenstraße, über Lyon, Mâcon, bis Châlons, dann über die Saône nach Autun, wo ich heute – am 23. Juni – eintraf. Hier war vor den Toren der Feste – um mich besonders zu erfreuen – die ganze Geistlichkeit aufgestellt. Dahinter die Kurialen der Stadt, die Kollegien und dann erst die Gewaffneten. Ich sprang vom Pferd, schob den süß lächelnden Presbyter zur Seite, drang durch die Decurionen und rief: »Wo ist Marcus Cornelius, der Erretter, daß ich ihn umarme?« Tiefe Stille, sichtbare Verlegenheit. Man weicht vor meinem Blick zurück. Endlich tritt, mit glänzenden Ehrenscheiben die Rüstung bedeckt, an mich heran ein Kriegstribun (wie ich später erfuhr, der elende Befehlshaber, der sich und die Stadt hatte den Barbaren ergeben wollen) und hüstelte: »Jener freche Alte, meinst du, großer Cäsar, der gegen die kriegermäßige Unterordnung in seiner Oberen Zuständigkeit eingriff und – ohne meine Ermächtigung – gegen die Belagerer einen Ausfall machte? Der höchst heilige Presbyter dort hat ihn bei dem Augustus angezeigt, daß er den auf hohen Befehl geschlossenen Tempel des Mars wieder geöffnet, ein Opfer darin dargebracht, aus den Eingeweiden des Opfertieres den Sieg geweissagt und diesen Sieg – offenbar durch Hilfe der Dämonen – ohne jede Vollmacht frecherweise dann auch wirklich erfochten hat. In Ketten ward der Frevler abgeführt und vor den Imperator gestellt, der ihn zu lebenslänglicher Arbeit in den Bergwerken von Sardinien begnadigt hat.« O wie gern hätt ich dem Elenden die Reitgerte über das aufgeblasene Gesicht gezogen! Jovianus fiel mir in den schon erhobnen Arm. Ich entsetzte den Tribun und schickte ihn gefangen an Constantius unter der Anklage der Feigheit vor dem Feind. Ein glücklich Zeichen traf mich (du wirst gleich sehen, wie fein das ausgedrückt ist, denn das Zeichen traf mich, nicht ich das Zeichen!), als ich einritt in die Stadt. Die Bewohner hatten das Südtor, mich ehrend zu begrüßen, mit allerlei Laubgewinden geschmückt. Gerade wie ich unter das Tor ritt, fiel der schönste Kranz – ein Lorbeerkranz – hinab und traf meinen Helm, mich schön umrahmend. Freudig riefen sie mir zu: »So von dem Himmel fällt dir der Sieg!« Ich hütete mich wohl, den Kranz zu entfernen. Denn frommer Sinn weiß: ja, unverdient von den Göttern geschenkt, fallen auf unser Haupt Glück und Ruhm!   Hier wird nun aber guter Rat teuer. Ich, angehender Feldherr, habe keine genauen Straßenkarten auftreiben können von Gallien, das heißt von dem nordöstlichen. Und die Landeskundigen streiten vor mir über den nächsten und zugleich sichersten Weg, der mich nach Norden zu den Barbaren führt. Ich soll entscheiden! Und ich weiß davon so wenig wie von den zehn verlornen Stämmen der Hebräer! Die einen wollen, wir sollen über Arbor ziehen, die andern, über Sedelaucus und Cora. Ich werd's überlegen.   Ich wandle gern unerkannt, nur von Jovian begleitet, durch die Straßen der Stadt oder meines Lagers. Das Sagum, der Kriegsmantel, mit der bis an die Augen gezogenen Kapuze, macht mich unkenntlich. Dann lausche ich im Schatten der Häuser oder der Zelte den Gesprächen der Leute an dem Wachtfeuer. Viel hör ich so, was ich als Cäsar nie erführe. Auch manche nicht schmeichelhafte Wahrheit. Die Eitelkeit könnte man sich dabei abgewöhnen, litte man an ihr (du lächelst – daher füg ich bei: »oder wäre diese Krankheit heilbar«; in mir wohl nicht!). Die Krieger lachen über mich; über mein häufiges Redenhalten, über mein mangelhaftes Reiten (wartet nur, ihr sollt nicht mehr lachen, reite ich euch allen voran, in die Keilhaufen der Alemannen), über meine lauten Selbstgespräche. Große Götter, ich bin doch ohne Zweifel der gebildetste Mensch meines Umgangs. Soll ich mich nicht gern mit mir selbst unterhalten – schon zur Erholung von den Predigten der Priester? Aber sie loben mich auch – um manches. (Es ist Selbstüberwindung, daß ich hiervon schweige!) Gestern abend nun hört ich einen unter dem Helm ergrauten Adlerträger am qualmenden Wachtfeuer sagen – sie sahen mich nicht hinter der Statue der Diana Epona: »Bah, ich habe schon unter dem großen Constantin hier gefochten, ich kenne die Waldwege, der junge Cäsar kennt sie nicht. Die beiden großen Legionenstraßen sind – ganz gewiß – von den Alemannen gesperrt; sowohl die über Arbor, als die über Cora. Wir sind viel zu schwach, sie im Stirnangriff aus den Verhacken zu vertreiben, mit welchen sie diese Wege unterbunden haben werden. Das verstehen sie, die Racker. Haushohe Mauern von lauter gefällten Stämmen, mit Zapfen in Löchern verbunden. Dazwischen durch und von oben herunter sausen Pfeile und Wurflanzen! Ich stürme lieber eine persische Felsenburg! Also da kommen wir nicht durch. Aber vor kurzem hat Silvanus – ich diente unter dem Tapfern und rühme mich dessen – den Weg durch die Wälder zur Linken von hier nach Auxerre mit acht Kohorten zurückgelegt. Der Pfad ist viel kürzer, viel! Freilich ist man verloren, gerät man in den Waldsumpf. Aber Silvanus der Franke sprach: ›Ich wag's. Mir weist die Wege der wegwaltende Wodan.‹ Und wirklich drang er mit uns durch, überraschte die Feinde und siegte! Aber was der kriegserprobte Franke wagen durfte unter seinem alten Siegesgott, das wagt – der Gott des Kreuzes ist kein Gott des Schwertes – der junge Cäsar nicht.« »Du irrst«, rief ich und trat hervor. »Ich wage es. Denn auch mich führt hoch in den Sternen ein Gott des Siegs. Und du, Aquilifer, sollst mich auf Erden führen.« Ich ergriff den Erstaunten, nahm ihn mit in meine Wohnung auf dem kleinen Kapitol der Stadt (es ist doch herrlich, daß wir in unsern guten Tagen in jeder Barbarenstadt das Kapitol von Rom wiederholt haben), ließ mir die Richtung des Wegs genau erklären, und morgen mit Sonnenaufgang geht es in die Wälder. Ob wohl Germanen darin schweifen? O schicke sie mir bald, unbesiegter Sonnengott! Zehntes Kapitel Sieg! Sieg! Er hat sie mir geschickt, der große Gott! Mein erstes Gefecht – zugleich mein erster Sieg! Meine Seele frohlockt! Wie glücklich bin ich! Ein Pfeil hat meine Wange gestreift. Ich habe selbst das Schwert geschwungen! Ich habe einen Germanen im offnen Kampf erlegt! O Mars und Jupiter und all ihr Götter! O Lysias, dürft ich dich jetzt umarmen. Oder – lieber noch – Helena! An die ein Eilbote noch von der blutigen Waldwiese aus abflog. Aber so wird kein Bericht daraus! Also hübsch ruhig. »Mit klarer Gliederung des Stoffes«, befahl Libanius seinen Schülern. Ich zog also Ende Juni mit meiner schwachen Schar von Autun durch die Wälder, geführt von meinem Freunde, dem Fahnenträger Voconius. Ja, ich darf ihn Freund nennen, den echten Latiner, den Sohn der samnitischen Berge! Auf meine Frage – nach unserem ersten Gespräch über die Wege –, ob er die alten Götter vorziehe oder den neuen, erwiderte er: »Ich verstehe das nicht, o Cäsar. Es ist mir auch ziemlich gleichgültig. Ich weiß nur, solange ich den Adler trug, pflegten wir die andern zu hauen, seit ich das Labarum tragen muß, pflegen wir gehauen zu werden. Das erstere gefiel mir besser.« Ich drückte ihm die Hand; ein Geldgeschenk lehnte er ab. Da sagte ich: »Wir wollen fortab Freunde sein, Aulus Voconius.« Und wir sind es geworden. Mein Freund Voconius leitete also unseren kleinen Zug durch Wälder und Sümpfe gegen Nordwesten auf Auxerre. Sowie wir in die tiefen Waldungen einbogen, die nur schmale Pfade durchschnitten, spürten wir alsbald vor uns und auf beiden Flanken die Nähe der Barbaren – wir wußten zunächst nicht, ob Alemannen oder Franken –, die uns vorsichtig umkreisten, gelegentlich aus dem Dickicht ihre Pfeile und Wurfspeere auf unsern dicht geschlossenen Zug entsendend. Denn ich hielt meine schwache Schar in tiefen Gliedern dicht zusammen, gedeckt auf allen vier Seiten durch leichte Reiter, die, bei jedem Anfall zu uns zurücksprengend, uns vor Überraschung schützen mußten und im Kampf dann eine willkommene Verstärkung sein sollten. Aber heute mittag hätten sie uns doch beinahe überrumpelt! Wir zogen in wildverwachsenem Gestrüpp dahin. Rechts Sumpf, links eine Kette mittelhoher, dunkel bewaldeter Hügel. Auf einmal ward es da links lebendig. So rasch, wie ich noch nie habe Menschen laufen oder reiten sehen, warfen sich von jenen Hügeln herab auf unsere linke Flankendeckung zahllose Barbaren. Nicht sie erhoben den Schlacht-, meine überraschten Reiter erhoben den Schreckensruf. Im nächsten Augenblick waren die Bestürzten auch schon mitten in dem Zug unseres Fußvolkes, Verwirrung in unsere Reihen tragend, sie durchbrechend. Und gleich darauf waren die Barbaren da! Auf Speerwurfweite! Auch ihre Fußkämpfer schon! Diese Schnelligkeit erklärt sich nur dadurch, daß erlesene Jünglinge, lange hierin geübt, die linke Hand in die Mähne des Rosses gekrallt, neben dem Reiter herlaufen, so rasch wie dieser vorwärts fliegt. Es war ein prachtvoller Anblick! Ich hatte wahrlich anderes zu denken als an die Schönheit solcher Bewegung. Aber den unverbesserlichen »Theoretiker« – so schilt mich Jovian – fesselte das nie gesehene Schauspiel und (ich schäme mich solch abgrundtiefer Eitelkeit) es freute mich unbändig, daß ich sofort auswendig, wörtlich, die Stelle des Tacitus hersagen konnte – Germania, Abschnitt 6 steht sie (auch das weiß ich auswendig), in der er diese Mischung von Reitern und Fußkämpfern bei den Germanen schildert! Aber blitzschnell war der Einfall, und kurz die Freude! Denn schon waren sie dicht vor mir, diese Gegenstände meiner Freuden! Ein Pfeil ritzte mir die linke Wange. Ich spürte es nicht am Schmerz, nur am Blut, das niederströmte. Und neben mir sah ich bereits meine Ballistarier vor dem ungestümen Anprall von links her ausweichend nach rechts, das heißt in den Sumpf, in dem wir alle sicher verloren waren! »Zangengleich«; dieser treffliche Ausdruck Frontins fiel mir ein in diesem bedenklichen Augenblick. Ich befahl unserem Zug, Halt zu machen (die kleine Lücke in der Mitte überließ ich einstweilen den Göttern), mit dem vorderen und dem hinteren Teil unserer Linie nach links einzuschwenken, so die Barbaren »zangengleich« von beiden Seiten fassend. Gott des Sieges! Es half! Mein erster Einfall – aus einem Schulbuch gelernt –, er glückte! Die Barbaren, plötzlich zugleich von Norden und von Süden angegriffen – von West nach Ost hatten sie uns auf unserem Zuge nach Norden angefallen –, glaubten wohl, wir hätten, ihnen unvermerkt, Verstärkungen herangezogen und begannen zu weichen. Aber nicht das Häuflein, das jenen ersten Stoß erfolgreich geführt hatte; hartnäckig hielten die stand und wehrten sich mit sturer Verbissenheit. Ich sah Jovians Roß neben mir stürzen, ein Fußkämpfer, angeklammert an eines Reiters Hengst, hatte dem Gaul das Kurzschwert in den Bug gestoßen. Der Freund lag hilflos unter seinem Tier. Der germanische Reiter wollte ihn mit dem Speere durchbohren. »Halt«, schrie ich auf lateinisch, den Stoß mit dem Schild auffangend. »Halt, Germane. Kämpfen, nicht Wehrlose morden.« Augenblicklich wandte der Gescholtene sich und sein Roß gegen mich (sie haben leider Zeit genug gehabt, Latein, in unserem Land, auf unsere Kosten, zu lernen) und holte mit dem langen Speere gegen mich aus. Aber mein kurzes Römerschwert kam ihm zuvor. Ich stieß es ihm in die Achselhöhle des erhobenen Armes. Er schrie und stürzte nach links herab. Da schwang sich der Fußkämpfer auf das leere sattellose Roß und floh. Jovian hatte sich einstweilen unter seinem toten Gaul herausgearbeitet und reichte mir die Hand: »Siehst du, wie gut du reiten und fechten gelernt hast? Der Philosoph hat den Kriegsmann gerettet; umgekehrt war's wahrscheinlicher.« Der Gefallene war ein Führer gewesen. Entmutigt wichen die Seinen. Wir machten fünf verwundete Gefangene. Von ihnen erfuhren wir, es waren gemischt Alemannen und Franken – Bataver – gewesen, was also das sehr Unerfreuliche beweist, daß wenigstens Teile der so lange treuen Bataver sich unseren Feinden angeschlossen haben. Das ist schlimm. Sie gelten – durch alte römische Schulung – als die gefährlichsten der Franken. Prachtvolle Menschen sind es, diese Germanen! Ich habe solche Kraft und Riesengröße, freilich auch solche Wildheit, nie getroffen. Sie hatten zwanzig Tote. Es sind die ersten Toten, die mein Auge sah. Feierlich ernst ist der Eindruck – der der Vernichtung! Man könnte fast an der Unsterblichkeit zweifeln, sieht man sie so liegen, mit den gebrochenen Augen, wäre sie nicht so haarscharf von Maximus bewiesen. Wie könnte doch ein Teil der Weltseele sterben! Jovian hat eine leichte Quetschung der Hüfte davongetragen. Es freut mich, ihn pflegen zu dürfen. Merkwürdige Menschen, diese Germanen! Ich stelle sie im ganzen nicht viel über die tapfern und stolzen Ungetüme ihrer Wälder: Bär, Elch, Eber, Edelhirsch, Wisent. Aber zuweilen überraschen sie durch ein Feingefühl, das ich ihnen nicht zugetraut hätte. Dieser Berung da hängt an mir mit der Treue eines klugen, starken Hundes. Ich weiß, er läßt sich totschlagen für mich, blindlings! Ich meinte nun, er würde ebenso blindlings für mich alles totschlagen, was ich wünsche. Aber ich irrte. Als wir neulich zuerst aufbrachen gegen die Feinde, rief ich ihm scherzend zu: »Nun, den ersten Alemannenkopf liefert Berung ein. Er ist der Nächstberufene.« Der Treue sah mich an mit vorwurfsvollem Blick; aber er schwieg vor den andern. Über eine Weile spornte er sein Rößlein an das meine und flüsterte: »Herr, lieber Herr, das war nur ein Scherz – ein recht grausamer dazu – von dir, das mit dem Alemannenkopf?« Und so ausdrucksvoll trafen mich die treuherzigen grauen Augen. Ich schämte mich sofort meiner Herzlosigkeit, doch verstellte ich mich noch und sprach: »Ei, warum? Seit Jahrhunderten kämpfen unter unsern Fahnen Germanen gegen Germanen und wahrlich nicht am schlechtesten. Warum soll's auf einmal anders sein?« Verlegen schwieg er eine Weile, denn mein Satz war unanfechtbar. Dann begann er leise, halb mit sich selbst redend. »Weiß nicht, weiß nicht woher, aber ich kann nicht. Sieh, in den langen Jahren, da ich in der Fremde unter Fremden diente – es ging mir nicht schlecht, ich hatte die Fülle von allem, des ich begehrte –, aber es verlangte mich oft in der Nacht, wenn ich einsam auf Wache stand in Asien oder in Afrika oder in Mailand, nach den Meinen; nach dem Klang unserer Sprache. Ich trug den Sternen da oben Neid, daß sie zu dieser Stund auf den stillen Neckarwald herabschauen durften, wo unter den uralten Eichen unser schlicht Gehöft von dunkelbraunem Holze liegt. Ich hätte meinen Monatssold gegeben, wieder einmal einem Mann meines Volkes in die Augen sehen zu dürfen. Und nun, da ich sie wiedersehe, nun soll ich ihr Blut vergießen? Nein! Mögen's andre tun. Ich tu's nicht mehr. Und immer mehrere von uns verspüren doch, daß wir zusammengehören, wir Alemannen. Schon mehrere haben sich ausbedungen, gegen jeden Feind Roms zu fechten, nur nicht gegen den eigenen Stamm. Soll ich vielleicht die Fackel werfen in meiner Sippe uralten Erbhof? Soll ich die Söhne meines eignen Volkes schlagen und ermorden? Gegen Franken und Sachsen wie gegen Perser und Mauren will ich für dich fechten, Herr, aber nicht gegen die Meinen, die Alemannen! Gern will ich auch gegen sie dein Leben decken, mit der eigenen Brust; gern will ich dir auch gegen sie folgen in die Schlacht, aber nur, dich zu schützen, nicht, das Blut der Meinen zu vergießen. Bitte, Herr!« Ich schüttelte ihm die Hand und nickte. Der Barbar fühlt feiner als ich. Weh uns, erstarkte dieses Gefühl in ihnen! Aber es hat keine Not! Und den Franken, den Sachsen streckt er ja noch frohgemut nieder. Er hat sein Wort gehalten, mich mit dem eigenen Leib zu decken. Ich sah es nicht, aber Jovian, wie er zwei Wurfspeere dicht vor meiner Brust auffing mit seinem Schilde. Keine Trutzwaffe trug er mit in den Kampf. Elftes Kapitel Ich schrieb das Vorstehende noch auf dem Gefechtsfeld. Jetzt berichte ich aus Troyes. Denke nur, welche Schmach! Als ich vor den Toren dieser Feste ankam – es dunkelte die Nacht herauf –, wollten sie mich durchaus nicht einlassen, diese Tapfern. Die Furcht vor den Barbaren hat seit Jahren alles so erfüllt, daß die Leutchen an römische Scharen, die im freien Feld erscheinen, gar nicht mehr glauben wollen. Und als ich von einem römischen Siege sprach, hielten sie es erst recht für gelogen! Wir seien verkappte, in römische Rüstungen gekleidete Barbaren. Zuletzt erkannten sie den alten Vovonius und ließen endlich den Cäsar, nachdem er eine Stunde im Regen zu ihnen die Wälle hinauf gescholten, in ihre bange Stadt. Der Bischof wollte mich vor allem in die Basilika führen, Gott für den Sieg zu danken. Ich sagte, ich hätte schon gedankt und verlange mehr nach einem Bade. Die starke Feste zitterte vor den Barbaren! Und doch barg sie das Hauptheer, mit welchem ich ganz Gallien zurückerobern soll: den Magister Militum Marcellus und fast zehntausend Helme! Ich nahm sie am folgenden Tage für mich in Pflicht. Bei den Rippen des heiligen Marcus und einem Eckzahn der heiligen Magdalena ließ sie den Bischof schwören – (man darf nicht mehr schwören bei dem Genius des Constantius; er hat wohl auch keinen! 's ist gleich, wenn sie's nur halten!). – ›O Phöbos Apollon‹, dachte ich während der langen Schwurformel. Ich schämte mich vor ›dem Gott mit dem silbernen Bogen‹! (Übrigens: Wie viele Eckzähne hat denn der Mensch höchstens, auch im Zustande der Heiligkeit? Ich habe von der heiligen Magdalena schon etwa sieben bewundert.) Sehr viel für meine Aussichten in Gallien kommt nun selbstverständlich auf diesen Marcellus an, meinen ersten Heerführer. Bis jetzt hab ich nur Feigheit, Frömmigkeit und Kriecherei an ihm entdeckt.   Heute endlich wieder einmal Briefe von Helena, von Mutter, Schwester und von Philippus. Helena, die Holde, die Heitere, erträgt auch ihr dermaliges, nicht leichtes Los mit liebenswürdiger Freudigkeit. Allein, nach so wenigen Monaten des süßesten Glückes, nur von Dienerinnen nach des Imperators Wahl umgeben – (streng hat er die Bitten seiner Gattin, meiner Mutter und Schwester abgewiesen, zu der Einsamen reisen zu dürfen) –, mich in allerlei Fährnissen wissend, einer schweren Stunde entgegenbangend, verzagt sie noch keinen Augenblick. Im Gegenteil, sie tröstet mich mit fröhlichen Scherzen. Sie schildert mir, wie unser Heliodor aussehen wird. Denn es steht ihr fest: Es ist ein Knabe. Geliebtes Geschöpf! Wie gern eilte ich an ihr Lager. Aber mich rufen Chnodomar und andere Ungetüme. Meine Mutter! Wie zärtlich, aber auch wie eindringlich ermahnt sie mich, täglich soundso oft zu Christus zu beten, um des Heiles meiner Seele willen. Sie bete Tag und Nacht für mich. Ach, es ist gut für sie, daß ich heucheln muß, solang Constantius lebt. Wie würde die innig Verehrte leiden, erführe sie meinen Haß gegen den Galiläer! Die Schwester schreibt auch gar so fromm! Seltsam! Jovian begnügt sich, die Briefe der andern nur vorgelesen zu hören; als ich ihm aber sagte, Juliana sende ihm einen Gruß, griff er hastig nach dem Papyrus und mußte es selbst lesen! Philippus schreibt Wichtiges vom Hof, vom Staat. Der Gute meint, das Bedeutsamste sei, was mich betreffe: Er irrt, erst der Staat, dann Julian. Er meldet ganz bestürzt, hätte ich jemals die Aussicht gehabt, falls Constantius söhnelos vor mir sterbe, den Thron zu besteigen – (der Allschauende Helios sah nie einen solchen Gedanken in dem geheimsten Winkel meiner Seele!) –, meine Unvorsichtigkeit in Beschützung der Verehrer der Götter habe sie für immer zerstört. Und worin bestand diese Unvorsichtigkeit? In jeder größeren Stadt Galliens, in der ich auf der Reise längeren Aufenthalt nahm, so in Grenoble, in Valence, in Vienne, brachten die Behörden und die Galiläerpriester vor mein Tribunal Anklagen wider allerlei Verbrecher, die in den Wirren der letzten Zeit unverfolgt geblieben waren: Mörder, Räuber, Diebe in Menge. Ich ließ sie verhaften, die Untersuchung einleiten. Aber der Diakon zu Grenoble verklagte eine junge Mutter, daß sie kurz vor ihrer Entbindung der Juno Luciana Milch und Mehl geopfert; der Presbyter von Valence verlangte, ich solle einen Greis in Ketten legen, der dem Hermes dem Seelengleitenden, einen Hahn gelobt, falls der Gott ihm leichten Tod gewähre, und der Bischof von Vienne heischte die schärfste Bestrafung eines jungen Bildhauers aus Korinth – (ach, sie haben keine Arbeit mehr, die Hände, die dereinst die schönen Götter gebildet!) –, der nachts in den von dem Bischof längst verschlossenen und versiegelten Tempel der Venus drang und hier die wunderschöne Statue der Göttin – (es soll ein Werk des Praxiteles sein!) – bekränzte und zeichnete. Der Schein seiner Fackel verriet ihn. Er ward ergriffen und gefangengesetzt. Unter dem Vorwand, Augenschein nehmen zu müssen, ließ ich mir das sofort wieder verriegelte und versiegelte Fanum öffnen. O Lysias, welche Reinheit, welche Heiligkeit ist doch dem Schönen eigen! Tief erschüttert stand ich vor der herrlichen Göttin. Der Bischof, der mich scharf beobachtete, merkte wohl etwas! Er verlangte dringend Bestrafung des jungen Artemidor und beschwor mich, das dämonische Bild, das ja sogar mich zu verwirren scheine, zerschlagen zu lassen. Ich wies das zurück; aber ich versprach ihm, seine Stadt von der gefährlichen »Dämonin« zu befreien, und ließ die schöne Göttin nach Arles bringen, wo ein Freund Jovians ein Landhaus eignet. Möge fortab die »Venus von Arles« der Stadt Segen bringen! Artemidor führte ich verhaftet – zu seiner Sicherheit – ein paar Tagesmärsche mit mir fort, erfreute mich herzlich des liebenswürdigen Jünglings und entließ ihn reich beschenkt nach Marseille zur beneidenswerten Einschiffung in seine schöne Heimat. Ob ich je das edle Antlitz wieder schaue? Auch die Anklageschriften gegen die beiden andern ließ ich verschwinden in den Fluten der Rhone. Aber die drei Priester ruhten nicht. Sie verklagten mich bei dem Augustus wegen Beschützung der Götzendiener. Er hat noch nicht beschlossen, gegen mich einzuschreiten, aber sein Argwohn ist schwer gereizt. Grimmig fuhr er Philippus an: »Siehst du, dein Schützling, wie er sich anläßt? Ihr habt wohl schon Träume geträumt, die ihn auf dem Thron sahen? Aber wartet nur! Nie, nie wird er den Purpur tragen, dafür ist gesorgt! Ich habe meinen Nachfolger bereits gewählt; da Eusebia mir keinen gönnen will. Demnächst laß ich Senat und Heer auf einen Mann vereidigen, der sich nicht bedenken wird, am Tage meiner Thronbesteigung jenen Freund der Götter zu den Dämonen der Hölle zu senden. Da mag dein Philosoph Imperator über die Teufel werden.« Es beunruhigte mich; ich weiß es ja, daß ich sterben muß, um emporzusteigen zu dem Vater des ewigen Lichtes. Und bald wird es sein. Die Lieblinge der Götter – (zu denen zähl ich, das fühl ich täglich mehr, je klarer ich sie erkenne) – sterben früh. Das Wichtigste aus des Philippus Briefen ist die Rückberufung des Eusebius, der glücklich in den Hintergrund gedrängt schien. Die Freude hat nicht lange gewährt. Und warum zurückgerufen? Wie geht es her in diesem Reich der Römer! Ein Feldherr, Macer, der in Rhätien am Inn die eingedrungenen Juthungen abwehrt, erhält einen Brief von seiner Frau aus Florenz, ein Bienenschwarm habe sich an seinem Haus angesetzt. Das bedeutet etwas Großes: den Purpur. Und das unselige, unsinnige Weib fleht nun den Gemahl an, er möge sie doch ja nicht, nachdem er Constantius getötet, um der schönen Imperatrix Eusebia willen verstoßen. Die Sklavin, die das schreibt, verkauft eine Abschrift an Eusebius, den Präpositus. Dieser erwirbt sich das hohe Verdienst, dem Augustus die »gefährliche Verschwörung« aufzudecken, Macer und dessen Gattin werden enthauptet, zahlreiche völlig Unschuldige gefoltert, und der Obereunuch, der wieder einmal dem Imperator Leben und Thron gerettet hat, wird in höchsten Ehren zurückgerufen. Philippus schreibt am Schluß eine mir noch unverständliche Zeile: »Lies Horaz, Satiren, erstes Buch, vierte Satire, Vers 85, und handle danach.« Der Buchsklave bringt eben meinen Horaz, das Geschenk Eusebias ... ich schlage nach: Hic Niger est – hunc tu, Romane, caveto (»Freund, ein solcher ist schwarz [niger]: Vor solchem hüte dich, Römer.«). Was kann er meinen? All ihr Götter! Niger ist der Name des Arztes, den Constantius gesandt. Philippus warnt sichtlich vor ihm. Und mein Weib, mein Kind hilflos, schutzlos in dieses Arztes Hand! Ich ... ich fliege zurück, sie zu behüten ... Nein, ich darf ja nicht! Darf auch nicht scheinbar weichen vor den Barbaren, und seh ich Helena niemals wieder! Jovian hat recht: »Ein Wahrzeichen nur gilt: Für dies Reich der Römer zu kämpfen.« Aber einen Eilboten entsende ich mit Warnung in Geheimschrift. Ach, und welch grausam Geschick! Ich darf nicht einmal hierbleiben, Antwort erwartend; weiter und weiter ab von der Geliebten führt mich die Pflicht des Krieges. Wohin zunächst? Das ist mein wohlgehütetes Geheimnis. Morgen breche ich auf von hier nach Reims, und ... Ein Brief von ihr: O Weh und Schmerz und bittrer Gram der Seele! Mein Bote an Helena kreuzte sich mit der schwarzen Nachricht, die eben von ihr eintrifft. Unser Heliodor – diese holde Hoffnung – ist zerstört. Meine Geliebte war frisch und gesund gewesen, schreibt sie, bis Niger sie in Behandlung nahm, obwohl ihr gar nichts fehlte. Viele, viele Tränke mußte sie nehmen wider Willen, auf Nigers, das heißt auf des Imperators Befehl. Nun ist das Ende der »Behandlung« da! Zu früh, nur um gleich zu sterben, ward unser Heliodor geboren. Ach, nur wenige Augenblicke sah er den Strahl des Gottes, der ihn uns geschenkt. Niger ist spurlos verschwunden, sobald der Knabe starb. Nun, Constantius wird wissen, wohin. Tief gebeugt von eigenem Weh sucht das herrliche Geschöpf, mich aufzurichten. O mein Heliodor! Wie hatte ich dich erziehen wollen, den Göttern und dem Römerreich zum Dienst! Ah, die Barbaren sollen mir's entgelten! Zwölftes Kapitel Ich fand im Heere den Glauben verbreitet, unser Zug gelte zunächst den Franken, den Sugambern und dem empörten Gau der Bataver, waren doch von dort, vom Niederrhein her, die jüngsten Vorstöße erfolgt. Ich bestärkte diesen Glauben. Allein, sowie das Heer marschfertig, befahl ich, statt nach Norden – gegen den Kohlenwald –, vielmehr gen Nordosten auf Metz zu ziehen. Überraschung, Täuschung über sein wahres Ziel war ein großes Stück der Feldherrnschaft des einzig wahren Cäsars. Nicht den Franken, den Alemannen am Oberrhein galt mein nächster Angriff, und er gelang vollkommen, dank eben der Überraschung. Von Metz drang ich in Eilmärschen – ach, immer weiter weg von Helena – gen Osten über Dieuze nach Saarburg. Heiß brannte die Mittagsstunde des Julitags. Nur mit Mühe brachte ich den stockenden Zug vorwärts; äußerste Stille hatte ich eingeschärft und Jovian mit leichtberittenen Bogenschützen vorausgeschickt auf Spähe. Bald jagten diese zurück und meldeten, daß die Alemannen, in der erschlaffenden Hitze des Mittags, alle Vorsicht, jeden Gedanken einer Gefahr aufgegeben hatten. Ihre Waffen im Lager zurücklassend, lagerten sie am Flüßlein Saar. Viele badeten und plätscherten in den Fluten; andere tranken den erbeuteten Wein aus ihren Sturmhauben; manche auch strählten ihr langes gelbes Haar und färbten es rötlicher – (das scheinen sie zu lieben) –, mit einer scharfen Seife aus Talg und Buchenasche. Welcher Anblick, diese Sorglosigkeit, für einen römischen Feldherrn! Ich gab das Angriffszeichen durch die Reitertrompeten. »Zangengleich« wieder faßte ich sie, meine Scharen teilend, zugleich von Nordost einschwenkend und von Nordwest. Vereint warfen wir die Überraschten von Norden nach Süden in ihr Lager hinein und sofort – nach Süden – wieder hinaus. Sie hatten gar nicht Zeit gehabt, zu ihren Waffen zu gelangen, geschweige sich zu scharen; nur Flüche, Verwünschungen, nicht Speere hatten sie uns entgegenzuschleudern. Groß war das Blutbad: Gerächt ist Heliodor!   Aber Vorsicht tut not in diesem Lande, dessen Festen: Speier, Selz, Straßburg, Brumat, nicht mehr unser, vom Feinde besetzt, oder doch der Mauern entkleidet sind. Mein Heer wie die Barbaren glaubten, ich würde um den erlangten Vorteil in der gleichen Richtung gegen Straßburg hin verfolgen Aber das Verfahren von Troyes wiederholend, ließ ich die Alemannen los und befahl nun, ebenso plötzlich die Franken anzufallen. Ich zog auf Köln. Da ritt Jovian an mich heran und schüttelte mir die Hand. Er lobt mich nicht oft, nicht stark – (ich kann viel davon vertragen) –, und sprach: »Philosöphchen, du bist ein geborener Feldherr.« – »Wäre erfreulich«, erwiderte ich. »Ein geborener Reiter bin ich offenbar – (immer noch) – nicht; zweimal fiel ich gestern vom Gaul.« Dieser Zug gegen den Niederrhein ist so gefährlich wie der vorige gegen die Alemannen. Auf dem ganzen Weg von Straßburg bis Köln blieb in unsern Händen nur noch Remagen bei Koblenz.   Die erste Schlappe! Empfindlich genug! Gerade im letzten Augenblick noch abgehalten, Dank sei Mars Stator und Jovian, eine Niederlage zu werden. Das Wetter ist umgeschlagen. Regengüsse fluten Tag und Nacht hernieder, dichte Nebel steigen auf aus den sumpfigen Altwassern dieses mächtigen Stromes. Man sieht kaum den nächsten Mann im Glied. Gegen Abend ging's. Ich hoffte, vor Einbruch der Nacht noch Köln zu erreichen, das, wie meine Späher berichteten, unglaublicherweise nicht besetzt ist. ›Eine barbarische Feldherrnschlacht‹, dachte ich in meinem jungen Siegesstolz, an der Spitze des Zuges reitend. Ich vermißte schwer das Gespräch Jovians, der gebeten hatte, die Mitte führen zu dürfen. »Fürchtest du«, lächelte ich, »die Franken mehr als die Alemannen?« – »Am meisten fürchte ich deine Leichtherzigkeit, Griechlein«, erwiderte er derb, aber nicht mit Unrecht, und ritt zurück. Sonderbar! Dasselbe Wort »Leichtherzig« hat mir neulich der wackere Ammian geschrieben. So dachte ich noch, als plötzlich von unserer Nachhut her ein schreckliches Geschrei sich erhob, das alles eher als ein Siegesgeschrei war. Ich hatte Marcellus die Nachhut – zwei Legionen – überwiesen, weil ich Widerstand nur vorn oder von der linken Flanke her vermutete; rechts deckte uns der Rhein, an dessen Ufer hart hin die alte Legionenstraße zieht. Aber die Franken – (denn diese waren es) – hatten uns umgangen und brachen nun vom Rücken her, durch den Nebel verschleiert bis zum Anprall, in unsern Zug. Marcellus floh sogleich nach vorn; schon wurden seine Schwerbewaffneten in großer Zahl von der steilen Böschung herab in den Strom gestoßen. Nicht viel fehlte und wenigstens die Nachhut war verloren. Da – im rechten Augenblick – erschien Jovian mit Verstärkungen aus der Mitte und stellte die Schlacht. Die Nacht brach ein; die Barbaren wichen, aber wir haben viele Leute in dem Fluß verloren und nur einen – verwundeten – Gefangenen gemacht. Er sagte aus, es waren die Bataver, geführt von einem ihrer Königssöhne. Der Angriff war meisterhaft geplant.   Köln war wirklich unbesetzt. Begreif's, wer kann! Zaghaft, mit sichtlich geringem Vertrauen auf unser Verbleiben in ihren halbzerstörten Mauern, krochen die Bürger von Köln aus ihren Häusern, aus ihren Kellern hervor. All ihr Götter, welch ein Anblick, diese verwüstete Stadt! Und also aus eitel Mutwillen haben die Barbaren Köln genommen und dann verlassen? Ich versicherte den Kurialen, solang ich lebe in Gallien, werde Köln nicht wieder erobert werden, und befahl sofort meinem ganzen Heer, noch in der Nacht, während die Kohorten Wein und Speise erhielten, bei Fackelschein die nur oberflächlich abgebrochnen Wälle wiederherzustellen. Die Leute murrten; denn Marcellus hatte schlaffe Mannszucht gehalten. Da ergriff ich selbst einen Spaten und sprach: »Den ersten Spatenstich tue ich, euer Cäsar, und dem ersten, der sich weigert, spalte ich mit diesem Spaten den Schädel.« Sie stutzten, aber sie gehorchten alle sofort. Mir scheint, auch das Befehlenkönnen ist eine Gabe der Götter. Nachträglich erfahre ich Näheres von dem Angriff jenes Batavers. Er hatte es sehr, sehr schlimm gemeint. Gleichzeitig mit seinem Stoß in unsern Rücken sollten vier andere Könige der batavischen Gaue uns von der Stirn und von der linken Flanke fassen. Jene vier waren von ihm – (Merowech heißt er; man muß den Namen merken!) – nach langem Verhandeln gewonnen gewesen, neben ihm gegen uns loszuschlagen. Aber im letzten Augenblick blieben sie aus – ohne ihm abzusagen. Alle vier. Warum? Auch ihre Scharen hatten Merowech zum »Herzog«, das heißt zum Oberanführer verlangt. Da erwachte die alte Eifersucht, und die vier Könige traten zu uns zurück. Nur ein Sugambernkönig hielt Wort und stieß zu Merowechs Schar. Der Graukopf griff grimmig immer und immer wieder an, bis sie ihn endlich mit vielen Wunden davontrugen. Jovian hätte ihn gefangen, hieb ihn nicht Merowech heraus. Jene vier schickten jetzt Gesandte nach Köln und erbaten Frieden und Verzeihung. Beides gewährte ich von Herzen gern! Denn in diesem barbarisch rauhen Lande – es regnet und stürmt ohne Unterlaß – noch einen Herbstfeldzug bis an das germanische Meer, das mute ich zwar mir, aber nicht meinem Heere zu.   So verbrachte ich denn diese Monate mit der Wiederbefestigung Kölns und andrer verödeter Städte und ging über Trier zurück nach Sens an der Yonne, wo ich die Winterquartiere beziehen will, und wohin ich mein geliebtes Weib von Vienne her entboten habe. Welch ein Wiedersehen! Welche Freuden! Welche Liebe! Und welches Weh! Aber will das Bittre in mir überwiegen, dann ruf ich mir das Bild der trauernden Roma vor Augen, der ich doch ein wenig von langjähriger Not und Schmach abgenommen habe von den Schultern. Freilich, es war nur ein Anfang; viel ist noch zu tun. Der unbesiegte Sonnengott führe mich weiter. Stammen wir Constantier doch von dem großen Germanenbesieger Claudius. Vielleicht hat sich von seinem Geist, von seinem Glück etwas auf mich vererbt. Erst hier – im tiefsten Winter – erhalte ich endlich eine Antwort von dir, daß du meine Brief-, ja Tagebuchsendungen erhalten hast. Allerdings, ich sandte sie anfangs nach Nikomedia. Nicht könnt ich ahnen, daß du dich aus Besorgnis für deine Sicherheit fern in dein geliebtes Wunderland Ägypten zurückgezogen; und gewiß, wenn Eusebius, wie dir (nach deinem Briefe) Philippus und der edle Johannes – (der deinen Haß mit Liebe vergilt) – heimlich mitgeteilt haben, Verdacht geschöpft hat, deinem Galiläerpriestertum nicht recht traut und die Wahrheit ahnt; dann konntest du nicht rasch genug in die Verborgenheit verschwinden, dein mir so teures Haupt zu retten. Aber, o geliebter Lehrer, deine kurzen Zeilen kann ich nicht eine Antwort nennen auf die so umfangreichen nicht nur, auch – sollte ich meinen – so inhaltreichen Ergüsse meines heißen, jungen, vertrauensvollen Herzens. Wem sollte ich rückhaltlos vertrauen, wenn nicht dir? So habe ich dir denn auch das süße Glück, das ich in meinem geliebten Weibe gefunden, fast verschämt, aber jubelnd verkündet, und die Hoffnung auf unser Kind und das bittre Weh um unsern Heliodor! Und vorgenommen hatte ich mir, dir auch weiter zu berichten, von dem Glück meiner Liebe, meiner Ehe, nachdem ich – nach so vielen Monden – das süße Weib hier wieder an die Brust schließen durfte. (Ach, sie hat sich nicht erholt, ich meine, die Gesundheit nicht wieder erlangt; nur den rührend heitern Sinn, mit dem sie mich tröstet!) Aber ich kann dir, Lysias, nach deinen Äußerungen nicht mehr schreiben über Helena. Es steht etwas Fremdes, mir Unverständliches, zwischen meinem verehrten Meister und mir. Du beglückwünschest mich zu meiner Errettung, zu meiner Erhebung zum Cäsar, aber mit keinem Wort zu meinem höchsten Glück: zu Helena. Ja, du schreibst rätselhaft: »Deine Vermählung ist vielleicht geschehen gegen den Willen der Götter und den Gang der Sterne.« O Lysias, ist das denkbar? Und von unsrem Kinde schreibst du grausam: »Fälschlich hast du den Knaben Heliodor genannt. Nicht Helios hat ihn dir gegeben, noch die andern Götter, sonst lebte er dir noch. Die Götter schützen ihre Gaben. Constantius und der blinde Zufall haben dich zum Vater jenes Kindes gemacht.« Lysias, es gehört die ganze Dankbarkeit meines Geistes gegen dich dazu, daß ich dir das verzeihe. Aber die Galiläer sollen sich nicht berühmen, daß sie allein den Grundsatz aufstellen, Böses mit Gutem zu vergelten: Laß adlermutig schweifen deine Liebe Bis dicht hinan an die Unmöglichkeit: Kannst du des Freundes Tun nicht mehr begreifen, so fängt der Freundschaft frommer Glaube an! Am liebsten beriefe ich dich hierher zu mir; sähen wir uns Auge in Auge, das Gespenst, das zwischen uns aufgetaucht, würde rasch verschwinden. Allein, wenn nicht schon auf der Reise hierher, würdest du sicher in meinem Lager den Spähern des Eusebius in die Hände fallen; sie wimmeln hier. Dreizehntes Kapitel Ich bin nun mit den Vorbereitungen für den nächsten Feldzug eifrig beschäftigt: Ich arbeite Tag und Nacht, ich schlafe nur zwei Stunden. Denn die geliebten Bücher verlangen nun auch wieder ihr Recht. Und immer und überall, auf dem Marsch, in den Sümpfen des Rheinlandes, während der Berechnung der Vorräte, die ich brauche, der Mannschaften, die ich neu ausheben muß, auf dem Tribunal, während ich Rechtsfälle entscheide, drängen sich mir in die Gedanken die großen Fragen über das Verhältnis der Götter – (nicht der sogenannten, der Volksgötter. Vergib, ich weiß, das verletzt dich, aber volle Offenheit muß unter uns walten) – zu der großen Weltseele, dem obersten, dem – dem Wesen nach – einzigen Gott. Inwiefern ist es mehr als blöder Aberglaube des Volkes, daß so viele Götter, Dämonen verehrt werden? Sind sie nicht bloß Symbole? Oder sind sie doch Erscheinungen, Darlebungen, Betätigungen jenes obersten Gottes? Ich habe viel darüber geschrieben. Ich ringe danach, meine allmählich sich klärenden Anschauungen in ein abgeschlossenes Lehrsystem zu bringen. Zunächst für mich selbst, dann aber – wie gern möcht ich als Schriftsteller mir den Lorbeer verdienen! –, höher als den meiner Schlachten würd ich ihn anschlagen. Ach, wenn in Athen bei den Buchhändlern zur Ansicht offen läge: »Das neue Werk des Claudius Julianus über das Wesen der Götter!« Aber mein erster Käufer würde sein – Constantius; und mein letzter, denn die Abschriften würden sofort verbrannt, und der Cäsar wanderte wohl wieder in ein Kloster. Helena sagt, auch in den zwei Stunden meines Schlafes spreche ich unaufhörlich von der Weltseele, von Helios und von Phöbos Apollo. (Sind diese beiden eins oder zu scheiden?)   Seit dreißig Tagen hab ich nicht eine Zeile an diesem Tagebuch schreiben können. Unsanft genug ward ich in der Nacht, nachdem ich gerad das letzte aufgezeichnet, aus meinen philosophischen Träumen aufgeweckt. Der treue Berung pochte mit dem Schwertknauf an die Tür unseres Schlafgemaches und rief: »Auf, Herr, zu den Waffen! Der Feind steht vor den Toren.« Ich fuhr auf, ich ergriff das Schwert, ich wollte Helm und Schild fassen; aber da schlug schon solcher Kampflärm von dem nahen Wall her an mein Ohr, daß ich mit einem Scheidewort an Helena davonstürmte. Ich wollte es nicht glauben, aber es war so! Die Franken stürmten gegen die morschen Mauern! Ich eilte auf den Eckturm des Osttors, wo der Lärm am wildesten toste. In Menge kletterten die halbnackten Barbaren auf gefällten Bäumen, denen die Äste belassen waren und die schräg an der Mauer lehnten – (eine einfache Art von Sturmleitern) –, gegen die Zinnen hinauf. Mancher erstieg die Mauerkrone. Mit den Schildstacheln stießen sie die Unsern hinab. Dabei schlug um mich her ein wahrer Hagel von Geschossen ein. Viele meiner Leute sanken neben mir. Da auf einmal fühlte ich von hinten her den Helm auf mein Haupt gedrückt. Hinter mir – von unsern Pechfackeln grellrot beleuchtet – stand lächelnd Helena. Sie reichte mir auch den Schild. O welche Wonne durchströmte da mein Herz! Vor aller Augen umarmte ich die Errötende und drängte sie die schmale Mauertreppe hinab aus dem Bereich der Geschosse. Mit alleräußerster Anstrengung nur ward der Überfall abgeschlagen. Aber die Barbaren wichen nicht; sie blieben! Dreißig Tage belagerten sie uns, mitten im schärfsten Winter, aber, wie gesagt, diese Bären frieren nicht! Jeden Tag stürmten sie. Nicht einen Augenblick kam ich von den Mauern all diese Zeit. Ich schlief, vom Mantel bedeckt, hinter den Zacken der Zinnen. Und keine Möglichkeit, durch einen zornigen Ausfall die Frechen zu verscheuchen! Dazu war ich viel zu schwach. Ich knirschte vor Zorn, auf die Abwehr beschränkt zu sein. Um der Verpflegung willen hatte ich die Schildner und die fremden Hilfsvölker in andere Orte verlegen müssen. Das hatten die Franken erkundschaftet; so hofften sie, die Stadt zu bewältigen, den Cäsar selbst zu fangen. Merowech hat den Streich ersonnen und den Befehl geführt. Am dreißigsten Tag soll er verwundet worden sein; da trugen ihn, den Widerstrebenden, die Seinigen entmutigt mit sich davon und zogen ab. Mich aber haben diese dreißig Tage gelehrt, was der Wille, der Geist auch schwächlichem Leib abzuzwingen vermag. Das ist nur möglich, weil dieser Geist ein Funke der großen Weltensonne, ein Stück der ewigen Weltseele selbst ist. Allein, wie war es geschehen, daß die Kecklinge über die gefrornen Flüsse unbemerkt, ohne daß ich eine Warnung erhielt, so weit von Rhein und Mosel nach Westen vordringen konnten? Mehr noch: daß in dreißig Tagen, da die Kunde von dieser Belagerung ganz Gallien durchdrang, nicht ein Versuch gemacht wurde, mir Entsatz zu bringen? Das war nur möglich durch niederträchtigen Verrat des Marcellus, der mit starker Macht ganz nahe in Estissac liegt; jedoch er hielt sich diese dreißig Tage still in seinen sichern Mauern! Er soll gesagt haben: »Der Imperator wird sein Sens gern verlieren, verliert er dabei auch seinen Cäsar.« Aber das ist mir zu stark! Ich verlange von Constantius die Absetzung des Elenden. Marcellus ist, meiner Anklage durch Verleumdung zuvorzukommen, bereits an den Hof geeilt. Jovian bat, ihn in dieser Sache nach Mailand zu entsenden. Ich will's gewähren. Sobald wird es hier nun noch nichts zu fechten geben. Und ich weiß: Er geht gern dorthin, wo er meine Mutter und meine Schwester wieder sieht, die schöne, schlanke, dunkeläugige. Längst habe ich die zarte Neigung entdeckt, die Juliana und der Wackere – schon in Mailand – noch vor sich selbst scheu und schamhaft zu verbergen suchen. Arme Herzen! Nie erfüllt sich euer Wunsch! Constantius wird nie einem so tüchtigen Kriegsmann die Hand einer Constantierin gewähren. Solches Verdienst und eine solche Verbindung zusammen, würden – nach des Augustus Denkweise von den Menschen – eine unwiderstehliche Versuchung bilden, nach dem Purpur zu greifen. Aber ich gönne ihnen gern die Freude des Wiedersehens.   Ach, wie wenig habe ich doch durch meinen vorjährigen Feldzug erreicht! Schon im Februar ergossen, und jetzt im März ergießen sich abermals Scharen von Germanen über das zitternde Land! Ich weiß gar nicht, was ihnen den Mut zu dieser Unverschämtheit geben kann? Sollten sie den wahnsinnigen Gedanken gefaßt haben, wir würden sie jemals dauernd in Gallien dulden? Der soll ihnen ausgetrieben werden, so wahr ich Cäsar heiße! Jetzt, nach vierhundert Jahren, sollten wir wieder soweit sein, wie da der echte Cäsar gegen jenen Ariovist auszog? Nein, schlimmer sind wir daran. Ariovist hatte Gallien nur den Galliern, Chnodomar und Genossen haben es den Römern entrissen! Sie schickten mir Gesandte, die mich drohend aufforderten, das durch ihre Schwerter gewonnene Gebiet in Gallien nicht anzutasten! Aber wartet! Bei Mars, dem Rächer, hab ich es geschworen: Ruft mich nicht vorher der Imperator ab oder der Tod, ich weiche nicht aus diesem Lande, bis kein Germane unbezwungen mehr darinnen lebt! Ich schreibe dies aus Reims. Zu meinem Erstaunen hat der Augustus meinen Feldzugsplan für das nächste Frühjahr gebilligt, der – wieder einmal – die Feinde »zangengleich« umfassen will. Ja, er hat versprochen, fünfundzwanzigtausend Mann unter dem Magister peditum Barbatio von Basel her den Alemannen in ihre Südflanke zu schicken, während ich (nach einem ruhe- und rastlos zu Sens verbrachten Winter) von hier aus sie in der Stirn fassen will. In dem nun durch neue Schanzen gesicherten Sens ließ ich Helena, die immer Mutige, zurück.   Gesichert! Was ist noch sicher in diesem Reich der Römer! Während zwei römische Heere wider die Alemannen ziehen, hat eine Schar von Räubern die Keckheit, mitten zwischen beiden durchzubrechen und vom Rheine her bis Lyon vorzustoßen, zwölf Stunden weit, ohne Widerstand zu finden! Gerade noch gelang es, die Tore von Lyon ihnen vor der Nase zuzuwerfen und die starke Feste zu behaupten. Aber das ganze Flachland plünderten sie aus. Ich knirschte vor Zorn. Auf allen drei möglichen Straßen ihres Rückzugs eilte ich von Reims hinweg nach Südosten, ihnen zuvorzukommen, ihnen den Rückweg abzuschneiden. Es gelang mir und dem zurückgekehrten Jovian, auf beiden Wegen, die Räuber abzufangen und zu töten. Barbatio jedoch ließ die dritte Schar entkommen, die den Weg durch sein Gebiet nahm. Er rief den Tribun, den ich ihn dorthin zu entsenden aufgefordert hatte, sofort wieder ab! Bosheit oder Dummheit? Und diese Räuber, wer waren sie? Das ist das traurigste an der Sache! Nicht Germanen: Römer, römische Untertanen wenigstens, Colonen, kleine Bauern, arme Kerle, welche zu vielen, vielen Tausenden die römischen Steuerheischer von Haus und Hof, in die Wälder, in die Sümpfe, zu den Barbaren vertrieben haben seit Jahrzehnten, und die nun in der Verzweiflung der Not mit unsern Feinden gemeinsame Sache machen! Das muß anders werden, oder dies reiche, schöne Land entvölkert sich von Römern, bevölkert sich mit Germanen. Sobald ich mit den Barbaren fertig bin, zieh ich gegen unsere Beamten zu Felde. Blutsauger sind sie, erbarmungslose. Quos ego! Vierzehntes Kapitel Ende Juli, im Lager am Rhein, zwischen Basel und Straßburg. Die Zeiten sind dahin, da eine römische Flotte diesen Strom beherrschte! Nicht einmal ein paar Schiffe hab ich, den Alemannen in den zahlreichen Rheinauen ihren Übermut heimzuzahlen. Da drüben stecken sie, auf den dichtbewachsenen schmalen Eilanden, verhöhnen mich und die Meinigen, zeigen wir uns nah am Ufer, durch wüstes Schimpfgeschrei, das ich zum Glück nicht verstehe, und durch höchst unflätige Gebärden, die so deutlich sind, daß ich sie wohl verstehen muß: Sie drehen dem Liebling der Götter, dem Cäsar und Konsul, den alleruntersten Teil ihres Rückens zu – den Mantel werfen sie vorher ab – und patschen darauf mit beiden Händen! Nun wartet, ich will euch patschen helfen! Ich habe von Barbatio wenigstens sieben aus den zahlreichen Schiffen erbeten, die er zum Zweck des Flußübergangs bei Basel versammelt hält.   Ja, jetzt wissen wir's: Barbatio handelt nicht aus Dummheit, nein: aus Bosheit, Verrat, aus Liebedienerei bei dem Imperator, der immer Angst hat, ich könne zu stark, zu rasch, zuviel siegen. Verbrannt hat er die Schiffe lieber, als daß er sie mir gegeben, unter dem Vorwand, sie nicht in die Hand der Feinde fallen lassen zu wollen, verbrannt auch die Vorräte, die ich mir hatte nachkommen lassen, soweit er sie nicht für sich nahm. Marcellus, Barbatio ..., wie wird der dritte Schurke heißen?   Aber den ungezognen Eiland-Leuten hab ich doch vergolten! Ein Bataver in unserm Dienst – (die Germanen sind schon bald unsere besten Kräfte, den Göttern sei's geklagt) –, Bainobaud, Tribun der Cornuti, fand eine Furt – (diese Bataver sind ein Wassergeschlecht) –, und in mondloser Nacht, teils durchwatend, teils auf den untergebundnen Schilden schwimmend, erreichte er mit den Seinen die nächste Au, schlachtete hier alles Leben, das er fand, auch Kinder, Weiber, Greise, wie man das Vieh abschlachtet, fand kleine Nachen angebunden, fuhr in diesen auf die andern Eilande, löschte auch hier jede Spur von Leben aus und kehrte mit reicher Beute zurück. Anfangs graute mir, wie das Geschrei der Geschlachteten durch die Nacht herüberscholl und ihre Schilfhütten so grellrot emporflackerten; aber der Krieg erzieht rasch dazu, das Notwendige zu tun. Sie haben mich geärgert – (meine Eitelkeit verletzt, wirst du sagen) – mit ihrem Hohn. Sie patschen nicht mehr. Es gefällt mir nicht, was ich da geschrieben habe. Es ist grausam; und kleinlich. Aber es mag stehenbleiben – mir zur Warnung! Steckt auch solches in mir? Gib acht, Julian, auf dich, und reinige deine Seele vor den Göttern! Merkwürdige Leute, diese Germanen! Als ich in Sorge war, woher – nachdem Barbatio meine Vorräte vernichtet – Getreide nehmen für die Besatzungen in den wiederhergestellten Kastellen und für meine Feldtruppen, meldeten mir die Landleute, die Alemannen hätten, soweit sie vorgedrungen, überall die Felder musterhaft bestellt, wie's fleißige Ackerbauer nur in der sichersten Heimat tun! Diese Landräuber, Landläufer, Landwüster! Ja, glauben sie denn, hier zu Hause zu sein? So holten denn nun meine Truppen das Korn, das diese pflugfleißigen Räuber bestellt: Freilich war Blut meist der Kaufpreis. Meine Feldtruppen! Ja, denn nun geht es in das Feld zu einem großen, wie ich hoffe, entscheidenden Siege. Es gilt, den Rhein wieder römisch zu machen: Er ist durchaus nicht so grausig, wie ich einst gewähnt. Und jetzt, im August, denkt der vielhörnige Gott wahrlich nicht an Eis und an Gefrieren, wie wir in Asien ihn uns immer vorstellten. Ich wandte mich nach Zabern, nordwestlich von Straßburg, ein wichtiges Kastell, das die Alemannen wiederholt angestürmt (etwas anstürmen ist hübsch, nicht?) – es sperrt den Weg ins Innere – und endlich eingeäschert hatten. Sie ließen es leer liegen wie Köln! Rasch setzte ich die nie gründlich zerstörten Werke wieder instand und schaffte das Alemannengetreide hinein, mir für den Fall des Rückzugs (den aber Mars Gradives verhüten wird und Pallas Athene!) Zuflucht und Unterhalt zu sichern. Von hier aus führ ich den entscheidenden Stoß auf die Feinde, die sich – aus dem innern Germanien herzugeströmt in großer Zahl, sagt man – Straßburg gegenüber auf dem rechten Rheinufer sammeln. Es sollen über dreißigtausend Mann sein. Ich zähle nicht zehntausend Helme. Gleichwohl wag ich den Abzug ins freie Feld, trifft nur von Barbatio Nachricht ein (fünf Boten sandt ich ohne Antwort nach ihm aus!), daß er endlich mit seinen fünfundzwanzigtausend Mann von Basel aufgebrochen ist und auf Straßburg zieht, dem Feind in den Rücken. So fassen wir sie zusammen in Übermacht, von zwei Seiten, und dann wehe den Barbaren!   Heute habe ich meine persisch-parthischen Eisenreiter, die ich aus allen Besatzungen an mich zog, gemustert. Prachtvoll sehen sie aus! Vom Kopf bis zur Sohle stecken die Leute in einem enggefügten Erzgeschuppe, das den Kopf als Sturmhaube, den Hals, den Nacken, die Brust als Panzer, Arme und Beine wie Arm- und Beinschienen deckt; die Zehen sogar stecken darin wie in einem Strumpf. Und ganz ebenso schützt das Roß von den Ohren bis zu den Fesseln ein solches Schuppenhemd. Decken sie nun mit dem langen schmalen Schild die Zügelseite und führen in der Rechten den eisenbeschlagenen Speer, so sehen sie in der Tat unverwundbar aus, wie eherne Reiterstandbilder. Ihr Führer, ein vertriebener persischer Fürst, schon lang in unserm Dienst, bemerkte, mit welchem Staunen ich seine Leute betrachtete. »Ja«, rief er mir zu, »du magst wohl schmunzeln, o Cäsar! Solange Darandanes an der Spitze dieser seiner Erzklumpen steht, wirft alle Wut Germaniens deine Schlachtreihe nicht um.« Und in der Tat – er und die Seinen sehen danach aus.   Constantius schickt mir einen neuen Magister Militum, Severus. Das ist ein alter Haudegen, graubärtig, grob, aber ehrlich dabei – wie es scheint. Es gibt freilich auch eine Grobheit, die als Maske vor das Antlitz der Falschheit gebunden wird. Aber Jovian urteilt günstig über ihn; das wiegt schwer. Ah, auch die häßlichste der Göttinnen, auch Eris, kann Zeus zu seiner Söhne Heil verwenden. Meine Macht war doch eigentlich allzu winzig, mit ihr was andres vorzunehmen, als sie zu verstecken, dazu freilich machte sie eben ihre Niedlichkeit recht geschickt. Auf einmal wird mir, ganz unerwartet, starker Zuzug gebracht: Eris ward meine Helferin. Sie flog zu den Batavern auf der großen Insel des Rheins und erbitterte die Herzen von vier Gaukönigen dieser Völkerschaft mit so leidenschaftlichem Eifersuchtshaß gegen jenen Merowech und seinen Ruhm bei Alemannen wie bei Franken, daß sie freiwillig – denn ich konnte sie wahrlich nicht zwingen! – mir die Mannschaften ihrer Gaue zuführen: über viertausend Speere, ausgezeichnete Krieger, germanische Kraftfrische mit langjähriger römischer Waffenübung verbindend. Es ist eine Freude, die Kerle zu sehen. Die Bataver gelten von je (bereits bald vier Jahrhunderte lang) als die allervorzüglichsten unter den germanischen Söldnern. Schon seit Drusus haben sie gar manchen Strom in allen drei Erdteilen in unserem Dienst durchschwömmen, gar manches römische Siegesfeld mit ihrem Blute gerötet. Es ist eine allgefürchtete Schar. Sie haben untereinander ein Gelübde, jeden Waffengenossen ihres Stammes aus äußerster Todesgefahr zu retten mit Wagung des eigenen Lebens. Ich werde sie womöglich gerade auf jenen Merowech loslassen. »Immer Germanen gegen Germanen«, lehrte Tiberius. »Diamant schneidet Diamant, und wer immer fällt: Rom gewinnt dabei.« Diese dummdreisten Helden haben nur einen starken Fehler: Es gibt ihrer zu viele. Die Namen aber meiner vier neuen Freunde klingen so barbarisch, wie ihre Bären- und Wisent- und Büffelfelle aussehen. Man zerbricht sich den Mund damit: »Chramn« und »Guntchramn«, »Truchtbrecht« und »Grimmbrand«. Gräßlich! Wie Gekrächz der Sumpfvögel. So! Geschrieben habe ich's – auszusprechen brauch ich's nicht. Ich nenne sie kurzweg, Bär, Wolf, Eber, Wisent. Sie lachen dazu, sie hören's gern. Sie fühlen sich offenbar geschmeichelt. Eben baten sie mich, sie doch ja ihrem Stammgenossen gegenüberzustellen. Ich gewährte es als besondere Belohnung! (Ich bin nicht feige. Aber daß ich alsdann nicht dieser Merowech bin, ist mir doch eine behagliche Empfindung.) »Warum eigentlich«, fragte ich sie, »hasset ihr ihn so lebhaft, diesen Königssohn?« Lange fanden sie vor Staunen über diesen Einfall gar keine Antwort. Endlich rief das Wisenttier unwirsch: »Welche Frage! Ist er doch unser Landsmann!« Merkwürdige Menschen, ich muß es immer wieder sagen, sind es, diese Germanen. Es ist nicht klug aus ihnen zu werden. Oft mein ich fast, es stecke etwas Zukunftvolles in ihnen, denn es ist doch nicht bloß bärenhafte Kraft und tolldreister Mut, es ist auch eine sonderbare Art von Klugheit und Findigkeit in ihnen, was mich oft ebenso überrascht, als finge ein edles Roß, ein kluger Jagdhund plötzlich zu reden an. Es könnte einem Römer zuweilen bange werden. Wenn wirklich diese ungezählten Waldmenschen sich einmal zu etwas anderem erheben würden als zum Raufen (ersten Ranges!), Saufen (ebenso), Singen (greulich, wie Geheul der Wölfe)? Aber bald beruhige ich mich wieder. Sie bringen's nie und nimmer zu etwas anderem als zu jenen beiden Dingen (die sie allerdings unübertrefflich leisten)! Kinder sind es! Kinder von sieben Schuh mit den Kräften von Giganten – aber Kinder! Vorab unfähig für alle Zukunft jedes methodischen Denkens, jeder Philosophie! Hahaha! Ein philosophierender Germane! Das ist ein Gedanke, wie wenn ein Auerstier auf Lerchenflügeln zur Sonne fliegen sollte!   Nun hab ich sie also wirklich mit Augen sehen müssen, die römische Schmach (nein, eine Schande nur des Constantius!), an die ich immer noch nicht hatte glauben wollen: Chnodomar und seine Raubbrüder schicken mir – in der Urschrift! – die Briefe des Imperators, in denen er ihnen als seinen Bundesgenossen im Kampfe gegen Decentius feierlich, mit dem Siegel des Reiches, alles Land auf dem linken Rheinufer abtritt, das sie zu besetzen vermögen würden. Darauf gestützt verlangen sie von mir Räumung des ganzen, von mir wiedergewonnenen Gebiets und Rückzug bis hinter die Seine. Nicht mehr Rom sei, sie seien rechtmäßige, durch Vertrag anerkannte Herren des ganzen linken Rheinufers: andernfalls Krieg bis zur Vernichtung! Ich bat die Gesandten (diese Barbaren sprechen Latein!), mir die drei Briefe, die sie mir vorgelesen, in die Hand zu geben. Ich konnte es wirklich nicht glauben. Als ich es aber nun las, da durchzuckte mich Zorn, Scham und (von den Göttern gesandt) ein Blitz der Klugheit zugleich: Ich zerriß alle drei – die gefährlichen Beweismittel ihres Rechts und unserer Schande. Hei, fuhren sie auf, die Ungetüme des Schwarzwalds! Einer riß das Kurzschwert heraus und brüllte: »Du brichst das Recht der Völker!« – »Ihr seid keine Völker – Räuberhorden seid ihr«, entgegnete ich. Er hätte mich um ein kleines erschlagen, aber meine Wachen entwaffneten den Wilden und seine zwei Genossen. Ich behalte sie gefangen, wenigstens bis nach der Schlacht. Sie sollen nicht den Ihrigen die Schwäche meiner Scharen, die sie gesehen, verraten. Nach meinem Sieg mögen sie laufen, 's ist wider das Völkerrecht, 's ist wahr. Aber der große Julius tat andern Germanen dasselbe – lies nur nach, im Gallischen Krieg (Buch IV. 13) steht's –, mit gutem Erfolg. Allein auch um Zeit zu gewinnen, um den Angriff der Barbaren hinauszuzögern, behielt ich die Gesandten zurück, denn jetzt ist mir jeder Tag, ja jede Stunde des Aufschubes, Gewinn. Es gilt, die noch ganz ungenügenden Befestigungen dieses Kastells zu vervollständigen, unsrer einzigen Zuflucht im Fall eines Unglücks. Und ich halte sie auch wirklich nur für Räuber, nicht für einen kriegführenden Staat. Die Germanen sind des Staates unfähig. O all ihr Götter! Welcher Donnerschlag! Welches Unglück! Mein letzter Bote floh zurück – die andern sind gefangen. Barbados Heer steht nicht mehr im Feld! Er hat sich am gallischen Wall nördlich von Kolmar überfallen und schlagen und weit bis über Augst hinaus jagen lassen. Gepäck, Lasttiere, Troßknechte, viele Tausende Krieger sind verloren. Und die römische Ehre! Und was hat er zuletzt getan? Die immer noch zwanzigtausend Mann, die ihm geblieben, hat er um den Genfer See herum in die »Winterquartiere« verteilt – bei dieser Augusthitze! – Er selbst eilte zum Imperator, mich der Unfähigkeit, des tolldreisten Wagemuts zu zeihen, meine Abberufung und Bestrafung zu verlangen. Was nun tun? Mich in diesem engen, schlecht neu geflickten Nest einschließen, hier von den Barbaren mich belagern lassen? Unmöglich! Kein Entsatz ist zu hoffen. Wenn nicht dem Sturmangriff, erlieg ich dem Hunger. Zurückgehen? Wie weit? Wohin? Nach Reims im Norden? Nach Troyes im Süden? 's ist überall dasselbe! Überall werde ich von Übermacht belagert, und ehe Entsatz kommt – von Constantius! –, durch Schwert oder Mangel bezwungen. Und einstweilen all das Land wieder aufgeben, das ich schon zurückgewonnen hatte, die verzweifelnden Provinzialen abermals den Barbaren überlassen? Jede Hoffnung, die ich in ihnen entfacht, auf Rettung, auf die Wiedererhebung Roms, auslöschen auf immerdar? Aber andrerseits mit dreizehntausend bunt zusammengewürfelten Truppen eine fast dreifache Übermacht der gefürchteten Barbaren im freien Feld aufsuchen? Falle ich, fällt Gallien. Es ist die schwerste Wahl meines Lebens. Damals, in Mailand, hieß es nur: »Soll Julian Cäsar werden oder sterben?« Jetzt heißt es: »Soll Gallien gerettet oder verloren sein?« Das kann nur ich allein entscheiden. Auch Jovians Rat mag ich nicht hören. Aus den Tiefen meiner eignen Brust muß ich diese Entscheidung schöpfen. Es ist sternenklare Nacht; allein – schweigend – will ich hinauswandeln vor die Tore! Schaut auf mich herab, o ihr Sterne, die ihr selbst ja leuchtende Götter seid! Hört mein Flehen, mein inbrünstiges Gebet, o all ihr andern Götter! Ich kann euch nicht Opfer schlachten, nicht Altäre kränzen. Arm, hilflos, verlassen steh ich hier und rufe eure Gnade an: Erleuchtet mich! Schickt mir in dieser Nacht ein Zeichen, ein Traumgesicht. Tut es um des Reiches willen, nicht für mich! Obzwar ich glaube – ich fühl es mit glühender Inbrunst –, nie hat noch auf Erden eine Seele so fromm zu dem Göttlichen emporgeschaut wie ich. Höret mich! Helfet mir! Erleuchtet mich, gnädige Götter!« Sechzehntes Kapitel [Überschrift Fünfzehntes Kapitel fehlt im Buch. Re] An dem Tage, da Julian zu Zabern diese Worte in sein Brief-Tagebuch schrieb, ging es gar laut, lärmend und lustig her in dem Lager, das die Alemannen nach Vollendung ihres Rheinübergangs, südwestlich von Straßburg, an der Mündung der nach Zabern führenden Legionenstraße aufgeschlagen hatten. Es bestand zum größten Teil aus Laubhütten, wie sie die Germanen aus Zweigen und dünnen Stämmen rasch und geschickt herzustellen verstanden; nur selten waren Zelte – römische Beutestücke – verwendet. In der stattlichsten dieser Leinwandüberspannungen – der Purpursaum des oberen Überhangs bezeugte, daß das Gezelt ehedem dem Gegen-Imperator Magnentius gehört hatte – saßen um einen kostbaren runden Citrustisch, der aus der nächsten römischen Villa herangeschleppt war, die sieben verbündeten Könige der Alemannen und Merowech, der batavische Königssohn. Jene Fürsten waren verschieden an Macht, je nachdem sie an der Spitze einer ganzen Völkerschaft oder nur mehrerer einzelner Gaue oder gar nur eines einzigen Gaues standen. Der mächtigste war der Riese Chnodomar, der den ganzen Elsaß von Mülhausen im Süden bis über den heiligen Bannwald von Hagenau im Norden hinaus beherrschte; um seines starken Heerbannes und seiner in vieljährigen Kämpfen gegen Rom erprobten Heldenschaft willen war er zum »Herzog«, das heißt zum Oberfeldherrn für diesen Feldzug gekoren worden. Von den übrigen walteten Ur, Ursicin und Vestralp im mittleren Baden und in Württemberg bis über die junge Donau hinüber und bis zu den Linggauern am Nordufer des Bodensees, Suomar und Hortari in den Tälern des Schwarzwalds, Agenarich vom Schwarzwald bis gegen Konstanz. Die gewaltigen Kriegergestalten machten den Eindruck bärenhafter Kraft, wie sie in der volkstümlichen Tracht die gewaltigen Arme und Beine unverhüllt zeigten: Nur hier und da hatte ein römisches Beutestück die heimische Gewandung und Rüstung vervollständigt oder geschmückt; aber der Mantel, vom Felle des Auerstiers oder des Wisent, das Bärenfell, die aneinandergenähten Wildschuren der Eber oder der Wölfe fehlten keinem; und nicht das über die Sturmhaube gezogene Haupt eines solchen Untiers, dem man die Hörner, den aufgerissenen Rachen, die weißen Hauer belassen hatte. Seltsam nahmen sich darunter auf der Ringbrünne die römischen runden Ehrenscheiben aus, die aus erbeuteten Rüstungen vornehmer Offiziere gebrochen waren. Auf dem Tische dampfte in der Hohlfläche eines kostbaren römischen Silberschildes – Decentius, dem Bruder des Magnentius, hatte ihn Chnodomar selbst vom Arm gestreift, nachdem er ihm mit einem Schwerthieb Helm und Schädel gespalten – ein Eber, unzerteilt am Spieße gebraten. Mit ihren Dolchmessern schnitten die Schmausenden sich lange Streifen von dem saftigen Braten, anstatt der Teller sich breiter knuspriger Brotscheiben bedienend. Und unablässig kreisten die germanischen Trinkhörner neben den römischen Bechern, Schalen und Pokalen aus Silber, Gold und kunstvoll gearbeitetem Erz in der Runde. Mit schweigendem Grollen sah Merowech zu, wie das Mahl, mehr noch das Trinkgelage, sich ins Endlose zu dehnen schien; er seufzte verhohlen in Ungeduld und versuchte mehrmals, den Strom laut lärmender Rede zu unterbrechen: vergeblich! Da kam wieder einmal der tiefste Becher – in Gestalt eines goldenen Turmes. Edelsteine bedeckten oben die Zinnen – an Angenarich, der dem Riesen Chnodomar an Länge wenig nachgab. Mit fast schon lallender Zunge begann er, die großen, weit offnen blauen Augen im Kreise umhergehen lassend: »Schmausen ist gut, Trinken ist besser, Kämpfen das beste, Siegen das herrlichste. Wohlan, ich hab nun bald genug – meine ich – getrunken. Nun kommt das Kämpfen, das Siegen. Gib mir mal deinen Dolch, Vestralp. So!« Und er ritzte sich den linken Vorderarm, daß das Blut reichlich hervorschoß, ließ es in den goldenen Turmbecher vor ihm rinnen und fuhr fort: »Hört mein Gelübde beim Becher – Bragi trink ich ihn zu! Ich siege in der nächsten Schlacht – ich durchbreche der Römer eherne Schildreihe, wie ich hier diese Brotrinde zerbreche zwischen meinen Fingern. Oder ich falle, wo ich stehe. Im Rausch hab ich's gelobt, doch nüchtern werd ich's halten.« Damit trank er den Becher aus. Nun ließ er den dicken zottigen Kopf auf die beiden nackten Arme niedergleiten, die er über den Tisch verschränkt hatte, und gleich darauf entschlief er mit lautem Schnarchen. Die andern lachten, Merowech wollte auffahren von seinem Sitz. Aber eben schob ihm König Vestralp, der ihm zunächst saß, den Pokal zu. »Willst nicht auch du einen Becherspruch tun, ein Bragi-Gelübde, junger Held?« fragte er. Merowech rückte den Goldturm ruhig weiter auf dem Tisch: »Ich brauche keine Götter als Zeugen meiner Vorsätze: Ich führe sie aus. Auch die unausgesprochnen.« Zorngemut sah er vor sich hin. Die meergrauen Augen leuchteten seltsam. »Nun, ich merke«, sprach Ur, sein Nachbar zur Rechten, »du hast bereits einen grimmen Vorsatz gefaßt. Ich für meinen Teil, ich eide hier über dem Becher: Wodan und Tius und Bragi hören mein Wort! Ich weiche nicht aus der Schlacht, solang ich diesen Arm heben kann.« Und er tat einen tiefen Zug. »Auch ich!« rief Ursicin, ihm den Pokal wegreißend und hastig trinkend. »Und ich!« »Und ich!« »Und ich!« fielen die andern ein, jenem Beispiel folgend. »Und du, Merowech?« fragte Chnodomar. »Du schweigst?« »Ja, denn das versteht sich von selbst.« »Ein wacker Wort. Aber du trägst doch, mein ich, einen Beschluß umher zwischen diesen zornig gefurchten Brauen«, meinte Chnodomar. »Was ist's? Wem gilt er?« – »Bainobaud«, stieß Merowech zwischen den Zähnen hervor. »Dem Weiberwürger, dem Kinderschlächter. Es gilt ja immer noch als erlaubt, daß Alemanne gegen Alemannen, Franke gegen Franken in römischem Dienst die Waffe führt. Aber jener Blutige hat nicht gekämpft – gewürgt. Wehrlose Stammgenossen geschlachtet hat er für Rom. Erreich ich ihn ... Genug!« Er ballte die Faust um den Schwertgriff. Dann hob er an: »Vergönnt nun auch mir, dem obzwar so viel Jüngeren und Unerfahreneren, ein Wort des Rates.« »Was ist da noch zu raten?« rief Agenarich, aus dem Halbschlaf emporfahrend. »Wir gehen hin und erwürgen sie zwischen unsern Armen.« Aber Chnodomar winkte. »Laßt ihn reden! Er kennt sie gut, die Welschen.« – »Besser als wir alle«, bestätigte Suomar. – »Bah, aber allzuhoch schlägt er sie immer noch an! Denkt an die lästige Hasenjagd auf Barbatio«, lachte Hortari. »Der Cäsar ist aber nicht Barbatio«, erwiderte Merowech. »Waren nicht Barbatios Scharen – an ihren weggeworfenen Schilden haben wir's erkannt – sogar die besten Legionen, dieselben, die uns früher heiße Arbeit gemacht?« fragte Vestralp. »Der Siegesgott ist gewichen von den Römern«, rief Ursicin. »Er hat ihnen aber, scheint's, als Vertreter, diesen Julian geschickt. Denn es ist ein neuer Geist in die römische Kriegführung gefahren, seit dieser Jüngling sie leitet, den sie den ›Philosophen‹ schelten. Ich meine, ihr müßtet's merken. Jene Überraschungen! Erst gegen euch – dann gegen Köln. Wiederholt scheitern unsre Angriffe – im Augenblick des Siegs – an seiner Entschlossenheit!« »Ja, und mein Bruder Mederich, der tapfre«, rief Chnodomar, »so stark und groß beinah wie ich, fällt im ersten Gefecht im Zweikampf durch diesen Knirps! Blutrache schulde ich ihm: Ich bleibe aber nichts schuldig, am wenigsten Blut. Ihn vor allen, dieses Männlein, such ich in der nächsten Schlacht: Aus all seinen Schuppengepanzerten greif ich mir ihn heraus – mit der Hand! – wie der Geier das Küchlein – und trag ihn waagrecht auf den Armen an den nächsten Baum an der Straße und zerschlag ihm an dem Stamm das überkluge Gehirn, daß es weithin umherspritzt.« Die andern lachten. »Erst haben«, warnte Merowech. »Nachdem er mich bei Köln empfindlich abgewehrt, wollt ich ihn mir fangen. Es lüstete mich, diesen offenbar ungewöhnlichen Menschen kennenzulernen. (Ich hätte ihn mancherlei zu fragen! An was der wohl glauben mag?) Deshalb mein Überfall von Autun. Ich bekam ihn nicht. Noch ein paar Tage, und die Feste fiel. Da ward ich verwundet. Bewußtlos trugen mich die Meinen fort. Jedenfalls: Vorsicht tut not. Es geht nicht, gegenüber diesem Feinspinner, mit dem bloßen Drauflosschlagen; durch manche Mauer kommt man, mit dem Kopf anrennend, trägt diesen Kopf ein Stiernacken wie Chnodomars. Ein Netz aus Seidenfäden, das immer nachgibt, rennst du nicht entzwei. Ich riet gleich nach seinem ersten Erfolg zu äußerster Vorsicht. Umsonst. Ihr ließt euch kläglich überfallen dort an der Saar. Nach Barbados Vertreibung drang ich darauf, sofort den ahnungslosen Cäsar anzugreifen; das war der rechte Augenblick für rasche Tat. Aber nein! Ihr mußtet erst den Sieg in fünfunddreißigtausend Räuschen feiern. Wie altgebräuchlich, um euren Weindurst auszulöschen.« »Der Neumond war erst abzuwarten«, entgegnete Chnodomar. »Die Götter gewähren keinen Sieg vor dem Neumond«, meinte der alte Ur, den langen weißen Bart streichend. »Die Götter sind wohl nicht so abergläubisch wie wir, König. Auch wollen sie oft gezwungen sein: Kühnheit – zur rechten Zeit – zwingt ihnen die Gunst ab. Im Erfolg ist's fast geradeso«, lächelte er fein, »als ob es gar keiner Götter bedürfte. Griffen wir damals sofort an, so war der junge Herr verloren: Zabern lag noch in Trümmern. Er hatte nicht auf sechs Tage Mundvorrat. Aber die Götter, der Neumond und euer Durst beschlossen anders! Nun riet ich, wenigstens Straßburg, dessen Besatzung er schleunigst an sich gerissen, als er Barbados Flucht erfuhr, zu besetzen, für den Fall unseres Rückzugs ...« – »Den gibt es nicht«, rief König Agenarich mit schwerer Zunge. (»Du könntest recht haben – wider dein Verständnis!) ... um uns Deckung, Aufnahme zu sichern. Aber nein! Das schien euch unnötige Vorsicht. Ich bat, wenigstens die Hälfte meiner Schar hineinlegen zu dürfen ...« »Behüte«, lärmte König Ursicin, gutmütig mit der Faust drohend, »du feiner Franke! Ihr seid immer so schlau! Und meint, wir grobhirnigen Alemannen sind so dumm, nichts zu merken. Schon lange trachtet ihr von euern Sümpfen unten im Niederland immer weiter, hübsch langsam immer weiter, den schönen Rheinstrom aufwärts. Das taugte euch wohl, bis nach Straßburg hinaufzugreifen, am Oberrhein euch einzunisten? Nichts da, Freund Franke.« – »Bleibt ihr nur hübsch da unten«, stimmte Suomar bei. »Ist der letzte Römer in Gallien erschlagen, dann kommen wir zusammen irgendwo, zum Beispiel in Köln, und würfeln sie aus, die römische Erbschaft, wieviel der Alemanne, wieviel der Franke kriegen soll davon.« Merowech maß ihn mit langem Blick. »Mag sein. Vielleicht würfeln unsere Stämme wirklich einstmals um die Obmacht. Aber der Tisch, auf dem diese Würfel rollen, wird darüber blutig rot werden. Mit allem abgewiesen, riet ich dann auf das dringendste, ja ich beschwor euch, wenigstens so rasch wie möglich unsere ganze Macht auf das linke Ufer zu werfen und, unter vorsichtiger Besetzung der kleinen verlassenen Kastelle, so schnell wie tunlich den Cäsar anzugreifen, etwa gerade, wie er aus Zabern heraustreten will, ihn im Gefecht von diesem seinem einzigen Rückhalt abzuschneiden, jedenfalls aber die Schlacht zu schlagen, so weit vom Rhein entfernt wie möglich. Denn im Fall eines Unglücks ...« »Es wird kein Unglück geben!« lächelte Chnodomar ruhig vor sich hin. »Ihr aber verlachtet den Rat des ›Vorsichtlings‹. In unglaublicher Saumsal verlort ihr die kostbaren Tage. Jede Stunde verstärkt Zabern, verstärkt durch herangezogne Besatzungen das Römerheer, vermehrt seine Vorräte. Und ihr verliegt euch! Ihr, sonst so ungestüm aufs blinde Losschlagen erpicht! Aber freilich! Nun mußten die fünfunddreißigtausend Räusche erst wieder ausgeschlafen werden.« Gutmütig lachten die Gescholtenen. »Endlich – endlich – setzt ihr euch in Bewegung. Aber ohne Überstürzung, wahrlich! Drei Tage und drei Nächte braucht ihr – unter unaufhörlichem Trinken, euern Göttern zutrinkend und allen fünfunddreißigtausend Menschen, unter Johlen, Schreien, Vordrängen der einen, Zögern und Zurückfluten der andern –, bis ihr endlich auf Kähnen und Flößen übergesetzt habt. Das beste taten die Reiter, das heißt die Rosse. Denn diese tranken nur Wasser und schwammen hinüber. Und nun, auf dem linken Ufer angelangt, anstatt pfeilschnell den Feind zu überfallen, schlagt ihr abermals ein Lager! Nicht zur Sicherung, das wäre weise: Nein! Nur um darin – ihr laßt es unbefestigt! – abermals ein Fest zu feiern; das große Fest des Rheinübergangs. Freunde, ihr vertrinkt all eure Siegesaussichten. Und auch jetzt noch kein Aufbruch! Bedenkt doch: Schlagen wir die Schlacht so nah dem Rhein und verlieren sie ...« – »Unsinn!« lachte Agenarich und schlief wieder ein. »Laßt ihn nur reden«, beschwichtigte Chnodomar. »Ich sage dann ein Wort, das alles erledigt.« – »Auf dies Wort bin ich gespannt! Dann führt unsere Flucht mitten hinein in denselben breiten, tiefen, reißenden Strom, den ungehemmt zu überschreiten wir einhundertvierundzwanzig Stunden brauchten. Nun denkt euch die verfolgenden Römer auf dem Nacken; ihre parteiischen Pfeilschützen auf den raschen numidischen Rossen! Vernichtung heißt das Ende.« »Höre, Bataver«, schrie Vestralp, »ich weiß, du bist nicht furchtsam. Aber deine Rede war es.« – »Warum müssen wir denn durchaus geschlagen werden?« fragte Hortari unwillig. »Wird dir bang«, lachte Ursicin, »kehr um zu Vater Nebisgast. Wir brauchen dich nicht und nicht deine tausend Speere.« »Ruhig, Vetter!« mahnte Chnodomar. »Laß ihn«, sprach Merowech. »Rauschrede reizt nicht.« – »Sage nur, wo du hinaus willst mit deiner langen Rede?« forschte Ur. »Hast sonst nicht viele Worte«, meinte Suomar. »Hier waren sie nötig. Denn sie trugen viele Gedanken.« – »Ja, was sollen wir denn tun?« fragte ungeduldig Vestralp. »Endlich, endlich aufbrechen! Muß man Alemannen, die Söhne des kampfwütigen Tius, immer wieder zur Schlacht mahnen? Nun habt ihr abermals vor dem Aufbruch ein großes Opferfest – soll heißen Trinkfest – verkündet um Sieg; Stunden gehen abermals verloren, ein halber Tag vielleicht. Und jede Stunde – ich sagte es – ist kostbar. Ich beschwöre euch: Gebt das Opfer auf! Brecht sofort auf!« – »Man weiß«, grollte der alte Ur, »du hältst nicht viel auf Opfer, Salier!« – »Opfert solang ihr wollt; aber nach dem Sieg! Dankopfer wären mir als einem Gott viel angenehmer als Bittopfer: Jene setzen eine sehr anständige Empfindung voraus, Bittopfer nur die Selbstsucht des Verlangens und die Hoffnung, den Gott zu bestechen.« – »Das versteh ich nicht«, brummte Vestralp. »Das will ich hoffen! – Also noch einmal –: Macht gut, was noch gutzumachen ist nach euern vielen, vielen Fehlern. Gebt jenes Opfermahl auf, brecht noch in der Nacht auf.« – »Unnötige Sorge!« schloß nun Chnodomar, mit der wuchtigen Rechten winkend. »Junger Freund, ich ließ dich ausreden. Denn du redest klug und sooft ich dir folgte ...« – »Das war selten.« – »Kam Gutes davon. Aber diesmal! – Vernehmet es, Freunde.« Er stand auf, und feierlicher Ernst, gläubige Begeisterung verschönte, veredelte die sonst fast allzuderben Züge des Riesen. »Ich halte den Sieg in der Hand, so fest, so sicher wie dieses Horn, das ich auf Donar, meinen Ahn, erhebe. Vor drei Nächten war's; lange fand ich keinen Schlaf. Merowechs kluge, scharf treibende Worte hatten mich erschüttert. Ich gestand mir: Ja, viel Zeit war vergeudet. Unruhig wälzte ich mich auf meinem Büffelfell. Endlich schlief ich ein. Und siehe: Alsbald erschien mir Donar, mein Ahn – so deutlich, nur viel schöner als sein Holzbild im heiligen Hag –, herrlich leuchtete, wie flüssiges Feuer, sein roter Bart, hoch hob er den Hammer in der mächtigen Faust, und er sprach: Seliger Sohn! Getrost, getreuer! Sicher ist dir der Sieg. So gewiß wirst du siegen, So gewiß wie ich walte in Walhall, Siegvaters Sohn, Und throne in Thrudhvang. So gewiß und wahrhaftig Ich schimmernd hier dir erscheine. Suche du siegessicher ihn selbst in der Schlacht, Den zappeligen Cäsar, das winzige Wichtlein. Räche, du Recke, das Blut des Bruders! Dein schweres Schwert schwinge: – Nie springt dir's, noch splittert's, – Zerschlag ihm den schimmernden Schild: Durch den Harnisch hindurch mit ungeheurem Hiebe Hau ihm ins Herz. Rückwärts rasselt er röchelnd vom Roß, Dir zu reichem Ruhm und Donar, deinem asischen Ahn.« Verzückt schwieg der König; wie verklärt sah sein hellblaues schönes Auge nach oben. Er hob in stummer Andacht des Dankes das Horn empor. Da ergriff unschilderbare Begeisterung auch die andern Könige. Sie sprangen von den Sitzen, hoben die Hörner in die Höhe oder rissen die Schwerter aus den Gürteln oder drückten sich die Hände, drängten sich um Chnodomar und suchten nach seiner riesigen Rechten. Auch Merowech erhob sich: »Nun bleibt es also bei dem Fest. Selbstverständlich! Ich bitte den Oberfeldherrn nur um eine Erlaubnis. Mit meiner Schar – allein – sofort aufbrechen zu dürfen.« – »Wohin?« – »Dem Feind entgegen.« – »Du meinst, er kommt gegen uns?« – »Ja. Wenn er nicht noch törichter ist als wir.« – »Warum?« – »Der junge Cäsar hat keine Wahl: Er muß uns aufsuchen. Und er wird es, wenn ich ihn richtig beurteile.« – »Weißt du, woher er kommt?« – »Ich glaube.« – »Woher?« – »Er kommt geradewegs die alte Römerstraße von Zabern her gegen uns. Ich werde sehen, was sich etwa noch tun läßt. Lebt wohl, ihr Könige. Trinkt nicht länger, als die Frömmigkeit unerläßlich fordert.« Er griff nach Mantel und Speer und ging. »Die Götter! Die Götter!« grollte er, aus dem Zelte tretend. »Diese unnützen Herrschaften! Diese Vielgeschäftigen! Wenn sie sich doch um ihre Dinge kümmern und meine Schlachten mir allein überlassen möchten! Ob wohl auch der junge Philosoph in Zabern in dieser Stunde von seinen Heiligen Erleuchtung erhofft? Möchten sie ihm doch ähnliche Dummheiten anraten und offenbaren wie seine Götter unserem tapfern Herzog! Allein; das ist kaum zu hoffen. Denn jedes Gläubigen Götter gleichen auffallend stets dem Gläubigen selbst. – Jetzt aber aufs Pferd! Entgegen der Entscheidung!« Siebzehntes Kapitel Der Nordgau der Bataver stellte ungefähr elfhundert Speere; außer diesen hatte sich eine Gefolgschaft von achtzig Helmen um den jungen Königssohn geschart, der sie beritten gemacht und auch vielen seiner Heerbannleute Rosse geschenkt hatte. So verfügte er über beinahe dreihundert Reiter, neben etwa neunhundert Fußkämpfern. Sofort nach seinem Abschied von den Königen, noch in der Nacht, zog er mit seiner kleinen Schar aus dem laut lärmenden Lager gen Nordwesten. Es war die letzte Nacht des Vollmonds; am nächsten Tage trat der Neumond ein. Der Jüngling atmete auf, sowie er aus dem tosenden Lager und dessen ungleichen Beleuchtungen – bald rotes Reisigfeuer, unter weißem Qualme grell vorbrechend, daneben die dunklen Schatten der Zweighütten – herausgeritten war in die feierlich schweigende Stille des weiten Blachfeldes, gleichmäßig übergossen von dem bleichen geisterhaften Licht des Mondes. Weit voraus ritt der Königssohn die Legionenstraße gegen Zabern zu. Er war in tiefes Sinnen verloren. »Wie viele hab ich schon ihre Weisheit auskramen hören über jenes bleiche Gestirn! Unsere weisen Frauen, keltische Druidinnen, die Priester der Selene, christliche Kirchengelehrte, chaldäische, ägyptische Sternkundige! Wie viele Lehrsätze oder Märchen! Jeder glaubt an seinen Lieblingswahn. Und noch wohl ihm, glaubt er an einen solchen! Wahrheit aber? »Was ist Wahrheit?« fragte jener vielgescholtene Pilatus. Und doch: Ich weiß noch heute keine klügere Frage. Wahrheit ist aber, daß ich hier reite, mein gut Rößlein unter mir, den raschen Rappen, mein gut Schwert an der Seite. Wahrheit ist, daß ich es heiß liebe, dies törichte, verblendete, undankbare Volk der Franken. Wahrheit ist, daß uns der Römer ans Leben will. Und Wahrheit endlich, daß sich darüber alles in mir aufbäumt: Liebe und Haß und Stolz und Trotz. Und daß mein ganzer Mensch dagegen schreit: »Nein, Römer, du sollst nicht – solang ich atme!« Das ist Wahrheit. Und das ist mir genug. Hui drauf!« Und er gab dem Gaul den Sporn und trabte schärfer an. Nach Mitternacht, gegen Sonnenaufgang, schien der Westwind das Gewölk zusammenballen zu wollen; aber der von der lechzenden Erde erwartete Regen blieb aus. Wohl zuckte es unaufhörlich in der Ferne, im Nordwesten, dort, wo Zabern lag; aber nur ein einziger roter Blitz ward, kurz vor Tagesanbruch, begleitet von einem mächtigen, weit durch die Himmel hinrollenden Donner, der sich des grollenden Mahnens nicht ersättigen zu können schien, so lang war er zu hören. »Habt ihr's gehört?« sprachen die Reiter des Königssohns untereinander. »Das bedeutet was, nicht, o Herr?« fragte ihn der Jüngste des Gefolges, näher an den Führer heranreitend. »Es bedeutet was, wenn Vater Donar redet. Nicht?« Merowech zuckte die Achseln. »Leider redet er so undeutlich. Hast du verstanden, was er sagen wollte?« »Nein. Aber etwas muß es doch bedeuten, wenn es donnert?« – »Gewiß. Daß es geblitzt hat. – Halt, siehst du! Bald war dein Pferd gestolpert über diese Wegwurzel, fiel ich ihm nicht in den Zügel und riß es auf. Siehst du, jung Friedibert, das kommt davon! Achte auf deinen Weg auf Erden, nicht auf das, was hoch über dir am Himmel umher lärmt.« Alsbald ging sie in glühenden Morgenwolken hinter ihm auf, die Sonne des siebzehnten August, blutigrote Strahlen werfend auf das Lager der Alemannen da unten in der Niederung gegen den Rhein. Unwillkürlich kamen bei dem Anblick des leuchtend auftauchenden Sonnenballs dem germanischen Schüler der griechischen Poesie ein paar griechische Verse aus einem jüngeren mystischen Dichter: »O Helios« (sprach er vor sich hin), »du unbesiegter Sonnengott, So rein, so fleckenlos gehst heut du wieder auf! Was magst du alles schauen müssen heute noch? Was mag dein letzter Strahl erspäh'n, wann du sinkst? Vielleicht auch mich, o unbesiegter Sonnengott, Siehst du mit dir hinunter zu den Schatten gehn.« »Horch«, flüsterte einer der nächsten Reiter Friedibert zu. »Der Herr singt Zauberlieder – gewiß Siegessprüche – der Sonne entgegen.« – »Mag sein. Er hat daheim in der Halle Rollen mit krausen Runen; daraus liest er zuweilen. Das klingt dann ähnlich. Aber sonst hält er nicht viel auf Zauber. Ich hab ihn auch noch nie opfern sehn.«   Das vollreife Getreide wogte, die schweren Ähren senkend, im Morgenwind, auf den Feldern zu beiden Seiten der breiten Legionenstraße. Leichte gerippte Morgenwolken zogen von West nach Ost, zartrosa überhaucht; aus einzelnen fernen Gehöften stieg kräuselnd der Rauch. Und die Lerche hob sich trillernd aus dem taufeuchten Korn. Sie war so feierlich, die Landschaft im Morgenlicht! Merowech befahl nun seinen Reitern, ihm in scharfem Trab zu folgen, und dem Fußvolk, so rasch als tunlich nachzurücken. Einen seltsamen Gegensatz zu der friedlichen Stimmung des Gefildes und der Stunde bildete die waffenblitzende Reiterschar, die da rasselnd, klappernd und klirrend dahinsprengte, die Gefolgschaft, lauter erlesene Leute, in bester Ausrüstung dicht hinter dem Gefolgsherrn. Der gleißte nicht in glänzender Waffenpracht, seine eherne dunkle Sturmhaube zierte kein Helmschmuck. Zwei mächtige Rabenflügel, die ihm der Vater beim Abschied daraufgesteckt, hatte er gleich nach dem Abreiten abgelegt. »Ich bin mir mein eigner Wodan«, sprach er dabei. Das lang wallende dunkelblonde Königshaar der Merowinger rollte ihm auf die jugendlichen Schultern. Die glanzlose, vortrefflich gearbeitete Brünne von spanischem Erz war ein Beutestück aus dem Lager Barbatios. Darunter hervor reichte das blaue Wollwams bis an die Knie; der leichte runde Reiterschild wies auf dem Buckel die merowingische Hausmarke, die Rune M über dem aus dem Meer sich hebenden Drachen. Den Speer trug er über den Rücken geschnallt an einem Lederriemen, denn er brauchte jetzt die Rechte; er las, sobald sie bei steigendem Weg aus dem Trab in Schritt übergingen. Er forschte in einer halbverbrannten römischen Straßenkarte, die er in der Asche Straßburgs gefunden. »Kein Zweifel«, sagte er zu sich selbst. »Hier muß er kommen. Ohne Straße, querfeldein, durch Korn und Gestrüpp und Sumpf zieht kein Römerheer. Wenn es nicht muß. Zwei Legionenstraßen hat er zur Verfügung. Die längere, fast siebenundzwanzig römische Meilen, etwa elf Stunden, über Brumat in weitem Ausholen nach Ost. Dann diese kürzere, einundzwanzig römische Meilen, nur wenig mehr als acht Stunden, geradewegs von Nordwest nach Südost. Er muß diese hier wählen. Auf jener würde er Gefahr laufen, von uns in der Flanke gefaßt, von seinem einzigen Rückhalt – Zabern – abgeschnitten zu werden. Also hier ihm entgegen! Und dem Gelände abgewonnen, was sich von Vorteilen noch etwa gewinnen läßt. Ich erinnere mich einer Stelle, dort, hinter der Wasserleitung nach Straßburg ...« Er pfiff hell; da folgte ihm lustig, wie er wieder antrabte, die ganze Schar. Bald war der Musaubach erreicht, den die Legionenstraße in einem Hochbau überschritt. Hier ließ er halten, schickte Boten seinem Fußvolk entgegen und andere bis in das Lager zurück, die dringend zum eilenden Anmarsch treiben sollten. Er selbst flog mit wenigen Begleitern die Höhe hinan, die heute Hürtigheim trägt. Von hier war die Straße nach Zabern, zuerst in ihrer Senkung, dann in ihrem Anstieg bis Küttolsheim, etwa eine Meile weit deutlich zu überschauen. Nichts konnte von Zabern her hier unbemerkt herankommen. Nach längerer Umschau befahl er Friedibert und vier anderen seiner Bestberittenen, hier zu halten, scharf auszuspähen und das erste Auftauchen des Feindes eiligst zu melden. »Ich selbst«, sprach er zu den Spähern, »ich jage zurück zu dem Herzog, ihm zu raten, wie er da unten, hinter uns, die Scharen verteilen möge. Denn da unten, in jenem Gelände« – er deutete weit mit dem Speere – »wird die Schlacht gewonnen oder verloren.« Achtzehntes Kapitel Beim frühesten Morgendämmern hatte Julian in sein Brief-Tagebuch eingetragen: Ich schreibe das zu Zabern, am siebzehnten August, im zwanzigsten Jahre der Herrschaft des Imperators Constantius, unter dem Konsulat des Flavius Constantius Augustus und des Cäsars Flavius Claudius Julianus. O Lysias! Wie groß sind sie, meine Götter! Wie voller Gnade! Und wie sichtbar helfen sie ihrem erkorenen Liebling, der reinen Herzens sie verehrt! Schweren Herzens hatte ich das einsame Lager gesucht: ratlos, sorgenvoll. Aber gegen Morgen, da die Träume am untrüglichsten sind, sah ich deutlich aus Wolken vor mir aufsteigen das ragende Kapitol, wie ich's einst, von dir geführt, voll Ehrfurcht erschaut. Siehe, plötzlich erhob sich von seinem Thron der herrliche Jupiter, den gewaltigen Adler auf der linken Faust, und, die ambrosischen Locken majestätisch gegen mich schüttelnd, hauptnickend, sprach er: »Folge, mein Sohn, meinem Adler. Er kennt den Weg zum Sieg!« Mit diesen Worten schwang er, wie man den Falken abwirft, den mächtigen Vogel hoch durch die Wolken über mich hinweg, dem Feind entgegen in das offne Land. Kreischend flog der Aar; er warf aus dem gewaltigen Griff den zackigen Blitz auf die heranwogenden Helme der Barbaren. Und zugleich – zum Zeichen, daß das mehr als ein eitler Wahn des Traumes – erkrachte hell und laut ein Donnerschlag, ein einziger. Ich fuhr aus dem Schlaf; wirklich! Es donnerte noch nach im Gewölk um Zabern. Dank dir, kapitolinischer Jupiter! Ich glaube dir! Ich folge dir! Auf und dem Feind entgegen! Ist dies mein letzter Brief auf Erden; vorher schrieb ich noch an Helena, an Mutter und Schwester. So nimm, o Lysias, noch mal meinen Dank für dein Erlösungswerk an mir. Bei Sonnenaufgang – etwa um fünf Uhr – führte Julian sein kleines Heer – nur dreizehntausend Mann – aus dem Südtor von Zabern in der Tat auf jene von Merowech erratene Straße. Die Hälfte seiner berittenen Leibwächter schickte er unter Jovian als Vorhut zur Aufklärung voraus. Zu beiden Seiten der Legionen zogen auf der breiten Straße in langer dünner Linie rechts die Panzerreiter und die berittenen numidischen Pfeilschützen, links die batavischen Hilfstruppen. Auf die letzte Legion, die der Primani mit den gewaltigen Wurfmaschinen, folgten, den Schluß bildend, der Troß, die Wagen mit dem Gepäck. Nach mehr als fünfstündigem Marsche machte sich die Hitze des Augusttages stark spürbar bei den schwer gerüsteten Legionären. Es war gegen halb elf Uhr geworden, als das Heer die Hochfläche oberhalb Winzenheim – ungefähr zwei Kilometer vor dem Platze, wo heute Küttolsheim liegt – erreicht hatte. Zu diesen etwa sechzehn Kilometern von Zabern her hatte der langsame Zug mehr als fünf Stunden gebraucht. Hier ließ der Cäsar haltmachen. Er wollte die Seinen auf die Probe stellen, bevor er die Entscheidung suchte, ihre Stimmung prüfen. Bedenklich schien es, die Leute, die schon jetzt sichtlich stark angestrengt waren, nach weiterem Marsch – unter steigender Hitze – an den Feind zu bringen. Erwiesen sie sich als müde, als kampfunlustig, wollte er hierbleiben, Graben ziehen, Lagerwall errichten und entweder morgen mit noch frischen Truppen angreifen oder, so gedeckt, mit Zabern als Aufnahmefeste nah im Rücken, den Anprall der Barbaren abwarten. Noch hatte der Feind, den er vor sich in der Niederung erwarten durfte, seinen Anmarsch nicht bemerkt. Sowie er aber von dieser Höhe in den Quellgrund der Suffel hinabrückte, deckte er seine Linie, auf Meilen weit sichtbar, auf, und führte den sofortigen Zusammenstoß herbei. Vorher wollte er sich also nochmals des Geistes seiner Truppen vergewissern. Er ließ sie einen Halbkreis bilden, die Befehlshaber vortreten und sprach zu ihnen herab von seinem edlen Silberschimmel, der, überdrüssig des Aufenthalts, mit dem Vorderhuf die Erde schlug und vorwärts, vorwärts drängte in schlecht verhaltner Ungeduld – wie sein Reiter. Der machte allerlei geltend, um es widerlegt zu erhalten. Er sprach von dem nahen Mittag, von den schlechten Wegen – neben der Legionenstraße –, die, am Ende des heißen Tages, die Marschmüden in dunkler mondloser Nacht erwarten würden, von dem Wassermangel in dem durch die Sonnenglut aufgerissenen Boden, von dem ungleichen Kampf der Nüchternen gegen Feinde, die ausgeruht, gespeist und getränkt sein würden. Daher schlage er vor, heute hier zu rasten, im Schutz von Graben und Wall und abwechselnden Nachtposten, und, nach Schlaf und Speisung, am nächsten Morgen erst aufzubrechen. Aber die kunstvolle Rede, in welcher der junge Rhetor dem versammelten Heer diesen Vorschlag machte, erreichte nicht ihren Zweck – oder vielleicht gerade? – Ungestüm, lärmend, brausend verlangten sie, vorwärtsgeführt zu werden, sofort zu schlagen. »Führ uns, Cäsar Julian, wir fürchten unter dir nicht die Dämonen der Hölle; denn mit dir ist Christus der Herr.« So rief ein Jüngling mit dunklen Schwärmeraugen und schlug das Kreuz über seiner Schuppenbrünne. Julian merkte sich den Mann. »Wir haben sie noch jedesmal geschlagen, Cäsar, solang ich dir diese Fahne voraustrage«, sprach der alte Voconius und hob das purpurwimpelige Vexillum. »Mit dir ist der Sieg!« – »Mit dir ist der Sieg!« – »Wir brauchen keine Rast, wir wollen den Kampf!« schrien die Tausenden. Da schoß, aufgeschreckt von dem Lärm, ein mächtiger Adler, der bislang vom Sonnendunst verhüllt, unbemerkt hoch oben seine Kreise gezogen, plötzlich mit lautem Kreischen und raschem Schwingenschlag zur Rechten des Heeres pfeilschnell gegen Südosten, gegen die Alemannen hin. »Hört ihr den Adler? Sehet ihr ihn? Der Legionen alten Führer zum Sieg?« rief Julian begeistert. »Heute Nacht im Traume schon sah ich ihn fliegen. Das Omen nehm ich an!« fügte er – unbedacht – hinzu: »Es sei, wie ihr und der Adler gewählt habt! Vorwärts! Die Waffen auf! Zu Pferd! Und wehe den Barbaren!« »Und wehe den Barbaren!« scholl es viel tausendstimmig wider. Sofort ergriffen die Leute die zusammengeschichteten Schilde und Speere, traten in Reih und Glied, oder schwangen sich in die Sättel, und vorwärts ging es nun in rascherem, lebhafterem Schritt als zuvor.   Julian ließ einen Zug Fußvolk der Cornuti an sich vorüberschreiten. Er bemerkte, daß jener junge Christ halblaut vor sich hin sang. Er ritt an ihn heran: »Du singst, mein Freund! Das gefällt mir. Auch die Spartaner zogen singend in die Schlacht.« – »Davon weiß ich nichts, o Herr.« – »Was singst du?« – »Den achtzehnten Psalm. Horch, wie schön er lautet: ›Herzlich lieb hab ich dich, Gott, du meine Stärke. Herr, mein Fels, meine Burg, mein Beschirmer, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Turm meines Heils und mein Schutz.‹« Julian schwieg, eine Weile neben ihm hinreitend, dann begann er: »Ganz wohlgemut also ziehst du in den Kampf. Fürchtest du nicht den Tod?« – »Wie sollte ich, Herr? Christus, mein Erlöser, lebt; so werde auch ich leben. Das ist unser Trost; und falle ich, so rufe ich noch: ›Tod, wo ist dein Stachel?‹ Weiß ich doch gewißlich, daß der Herr Christus wird niedersteigen aus den Wolken und mich wird aufwecken von den Toten, gleichwie er ist auferstanden von den Toten und aufgefahren gen Himmel. Aber diesmal, mein ich«, fuhr er lebhafter fort, »diesmal wird mir nichts geschehen.« – »Und weshalb, mein Freund?« – »Ich glaube, der Engel des Herrn muß mich beschützen, bis ich den Vater freigekauft.« – »Ist er gefangen von den Barbaren?« – »Viel schlimmer, lieber Herr: von dem Steuereintreiber.« Julian seufzte für sich. »Das muß sich der Cäsar sagen lassen.« – »Der Vater konnte die Kopfsteuer – nicht Grundsteuer, denn wir zählen zu den geringen Leuten in Avignon – nicht aufbringen. Da ward er in das Schuldgefängnis des Fiskus geworfen. Ich stand in Arbeit auf einem Weingut der Kirche zu Nimes. Als ich's erfuhr, ließ ich mich anwerben bei den Cornuti. Schon habe ich fast die Schuldsumme beisammen; nur noch der Sold von zwei Monaten fehlt. So lange wird mich der Engel des Herrn beschützen; ist's doch das vierte Gebot, dem ich gehorche. So meinte der gute Presbyter der Kirche, der mir aus seiner Armut ein großes Stück Geld schenkte. Und ...« – »Nun, und?« – »Er schrieb mir auf Pergament einen kräftigen Segen: den Segen des Tobias. Horch, was er besagt: ›Der Engel Raphael sprach – unerkannt – zu dem alten Tobias: »Ich werde deinen Sohn gesund hin- und wieder herführen.« Und der Vater sprach: »Ziehet hin. Gott sei mit euch auf eurem Weg, und der Engel des Herrn geleite euch.« Und weil er vertraute und glaubte, führte er den Sohn ihm heil zurück, Raphael, einer der sieben Engel, die da stehen vor dem Antlitz des Herrn.‹ Auch ich glaube fest an den Herrn: So wird auch mich sein Engel dem Vater unversehrt wiederbringen. Siehst du, hier, unter dem Panzer, auf dem Herzen, trag ich das breite Blatt; so ist meine Brust geborgen vor der Barbaren Speer.« – »Welch frommer Glaube!« sprach Julian gerührt. »Beneidenswert! – Wenn es nur nicht so dumpf wäre. Höre Freund ...! wie heißt du?« – »Renatus.« – »Höre also, Renatus, vertraue immerhin auf deinen Zettel. Aber versäume doch nicht, dich gehörig mit dem Schild zu decken!« Und er sprengte voran, einem Reiter entgegen, der von der Vorhut zurückeilte; es war Jovian. »Sie sind da, die Alemannen! Von der Krone der Höhe da vorn sah ich auf einem sanft ansteigenden Hügel fünf Reiter. Scharf hoben sie sich ab von dem hellen Himmel. Sobald sie unser ansichtig wurden, jagten sie davon, talab, nach Südosten. Wir sprengten nun den Hügel hinauf, und vor uns, zu beiden Seiten der Straße, weit gestreckt nach Nordost und Südwest, sahen wir die Stellungen der Barbaren. Es glänzt das weite Tal von ihren Waffen!« Neunzehntes Kapitel Und so war es. Denn endlich hatten sich, Merowechs wiederholten dringenden Boten nachgebend, die sieben Könige in Bewegung gesetzt und ihre Scharen aus dem Lager bis hierher, zu beiden Seiten der Legionenstraße, geführt, links (westlich) bis zu dem heutigen Ittenheim, rechts (östlich) bis zu dem heutigen Oberhausbergen; sie sperrten also dem Feind den Vormarsch auf der alten Römerstraße. Die Schlacht ward ein Kampf um diese Straße. Vergeblich hatte der Franke den Herzog gebeten, die Vortruppen, die schon weitergeeilt waren, noch bevor der Feind sie erblickte, zurückzurufen, damit eine Überraschung aus dem Hinterhalte nicht vereitelt werde, die er plante. Chnodomar meinte trotzig: »Freiwillig gehen meine Buben nicht zurück; auch wär's ein übles Anzeichen im Angesicht der Feinde. Denn schau hin, nun werden sie voll sichtbar in der Ferne!« Die Könige mit ihren Gefolgschaften – meistens Reitern – und Merowech hielten auf der Mitte der Hochstraße, von hier aus, wo es nötig oder günstig schien, einzugreifen. Ihre ganze übrige Reiterei stellten sie auf den linken – westlichen – Flügel links von der Straße, wo die weiten, sich abflachenden Felder zum Ansprengen einzuladen schienen. Im Mitteltreffen hielten sie durch Fußvolk die Römerstraße und die nächsten Landstreifen dicht besetzt. Der rechte Flügel dehnte sich von der Straße nach rechts östlich gegen Oberhausbergen zu. Hier zog die römische Wasserleitung in hohem Bogen über den tiefen Einschnitt des Musaubachs; dichtes, mannshohes Schilf wucherte da, dem Blick undurchdringbar. Dort traf der Königssohn für sein Fußvolk einige Anordnungen, für die er sich vom Oberfeldherrn freie Hand erbeten hatte. Auf die Hochstraße zurückgekehrt, warf er einen langen besorgten Blick auf die römischen Rückhaltscharen, die da – weit hinten – in sichrer Ferne, dicht gehäuft, drohten. Er schüttelte traurig die Locken. Da durchleuchtete ihn ein Gedanke: Wie die Knaben muß man sie überlisten – zu ihrem eignen Vorteil! Er ritt an Chnodomar und die andern Könige heran und rief ihnen mit spöttischem Munde zu: »Traun, großen Ruhm wird es euch eintragen in den Hallen der Alemannen und ihrer Nachbarn, verlautet es, daß jeder von euch sieben sich nur in den Kampf wagte, gedeckt und beschirmt von seiner ganzen Gefolgschaft, jeder von hundert Schilden! Der Römer kann auch vorsichtig-tapfern Helden ja gar nicht an den Leib. Schämt euch! Selbst ist der Mann. Da seht! Ich halte die Hälfte meiner ganzen Schar – fast ein halbes Tausend – da hinten unter dem Schatten des kleinen Gehölzes gelagert, dort links, neben der Straße. Aber freilich, ich bin nur ein Königssohn, kein König selbst; um mich ist nicht viel schade!« – »Beim Strahle Donars«, wetterte Chnodomar. »Das lassen wir uns nicht sagen von dem Nestling da! Ich – ich lasse auch die Hälfte meiner Gefolgschaft hier zurück!« – »Und ich!« – »Und ich!« – »Und ich!« wiederholten die stolzgemuten Herzen und gaben ihren Leuten zu Roß und zu Fuß die gleichen Befehle. So sammelten sich hinter der germanischen Aufstellung im Schatten einiger Baumgruppen südwestlich der Straße etwa zweitausend Mann. Nicht zufrieden mit diesem Gelingen, bemühte sich Merowech, bei dem Oberfeldherrn weitere Ratschläge durchzusetzen. Allein, er stieß auf unbeugsamen Widerstand. »Begnüge dich mit dem, junger Held«, lachte der Riese, den dichten roten Rauschebart zu beiden Seiten vom Munde streichend, »was du mir abgeschwätzt hast – für – für da drüben«, er deutete mit dem Schwert nach rechts, »dort, hinter der Wasserleitung. Ich hätt auch das nicht getan. Nur dir zuliebe gab ich nach. Du verstehst dich auf römische Kampflisten. Und es mag ja nicht übel sein, solche auch einmal gegen sie zu verwenden. Aber die Hauptsache, die bleibt der Stoß – der Stoß geradeaus – des Keils! Wie der mächtige Wisent, der König des Waldes, daherrennt, erst den Staub aufwerfend mit dem Vorderfuß, dann die Flanken peitschend mit dem buschigen Schweif, und nun den mächtigen Kopf, den wuchtigen Nacken, dessen Mähne kein Pfeil durchdringt, gesenkt und mit feurig rollenden Augen geradeaus stürmt wider den Feind, alles vor sich niederstoßend, und sogar Donars tapfern Freund, den starken Bären, der sich drohend aufrichtet, auf die krummen Hörner ladend und hoch in die Luft schleudernd: So allein kenn ich und lieb ich den Angriff. So hab ich gar oft in offner Schlacht die Römer des Decentius geschlagen, so ohne Widerstand ganz Gallien durchstürmt. Hat ihn uns nicht Wodan selbst, der Siegesgott, gelehrt, den Keilhaufen, den ›Eberrüssel‹ und seinen alldurchdringenden Stoß? Fern sei es, des Gottes altbewährte Weisheit zu vertauschen mit welschem Witz. Was Rückhalt! Was Aufnahme! Wir müssen siegen auf den ersten Anlauf!« Seufzend blickte Merowech immer wieder in die weite Ferne, wo die aufsteigende Bodenwelle erkennen ließ, daß hinter dem ersten und zweiten römischen Treffen, in weitem Abstand, ein drittes, es schien sogar ein viertes, dicht geballt zurückgehalten stand. »Und wenn wir nicht siegen mit dem ersten Anlauf«, sprach er ernst, »dann bleibt nur eins übrig: auf dem Fleck sterben. Denn für nichts hast du gesorgt, o Herzog! Keine Rückzugslinie, keine aufgesparte Nachhut, kein befestigtes Lager! Vielmehr hinter uns der breite, tiefe Rhein, ohne Brücke, ohne Schiffe. So geht die Verzweiflung in die Schlacht.« »Oder die Siegesgewißheit. Sieh, Jüngling, ich weiß es, Furcht hat an deinen Reden nicht teil, aber allzuviel römisch geschulte Vorsicht. Sie ist überflüssig: heute wenigstens! Gedenke meines Traumgesichts! Ich breche mir Bahn bis zu dem Cäsar-Knaben, und dann – ein Hieb mit diesem Schwert! Und der Cäsar und all seine Feldherrnkunst sind verloren.« Der Salier beschied sich zu schweigen. Wie er auf der Straße vorwärts ritt, trieb Friedibert sein Rößlein munter an ihn heran und sah ihm vergnügt in die Augen: »Das hat dir Wodan selber eingeblasen, Herr«, meinte er, und sein offnes Antlitz lachte. »Die werden Augen machen.« »Nicht so vergnügte wie du, hoff ich. Du bist ja heut ganz übermütig, Bub. Schon wie du den Hügel herabflogst und die Feinde meldetest, konntest du kaum sprechen vor eitel Lustbarkeit. Was hast du denn, daß du gar so froh bist?« »Ah, Herr«, lachte der hübsche Jüngling, sich leicht in den Bügeln hebend und den sprossenden Flaumbart streichend. »Ich weiß auch nicht. Mich freut halt mein Leben so! Alles freut mich! Vor allem, daß ich lebe – und so tief die liebe Luft einschnaufen kann: so tief! Dann, daß ich auf diesem guten weißen Rößlein sitze, das mir mein lieber Gefolgsherr geschenkt hat vermöge seiner Milde.« – »Hast dir's wacker verdient, dort vor Köln.« – »Dann aber am meisten: daß ich schon so viel Römerbeute zusammengebracht habe ... Es fehlen mir nur noch zwanzig Solidi ...« – »Woran?« – »Nun, an der Loskaufsumme für Gerlind, das schöne Mädel, die Magd von Mälo dem Sugamber. Ihre Mutter war unfrei: so ist sie's auch. So kann ich sie nicht heimführen. Aber Mälo hat versprochen, sie freizulassen für hundert Solidi. Achtzig hab ich beisammen...« – »Ich schenke dir die zwanzig.« – »Dank, Herr! Werden's gut brauchen können zum Anfang der Hauswirtschaft. Aber ich hole mir heute mehr Beute von erschlagnen Welschen als für zwanzig Solidi.« Merowech warf einen liebewarmen Blick auf ihn. »Nun, treib's nur nicht zu tolldreist. Auch Römerspeere treffen.« – »Bah, aber mich nicht. Heute nicht! Da schau her, lieber Herr«, er schlug das Wams auseinander – eine Brünne hatte er nicht –, da ward ein schmaler Streifen gelben Leders sichtbar mit einigen braun eingebrannten Runen. »Siehst du? Die graue Sudrun, der kleinen Großmutter, ein bergaltes Weib, das noch die starken alten Sprüche kennt, hat mir den Waffensegen da drauf gebrannt: »Spring ab, spitzer Speer, Schwing ab, Schwert! In Frôs Frieden Fährt Friedibert.« Hei, mit diesem starken Zauber über der Brust werd ich dem Cäsar seinen Panzer mit dieser Hand von den Schultern lösen: Er ist reich mit silbernen und goldenen Scheiben geschmückt – ich sah ihn auf den Wällen von Autun.« – »Gut Heil zum Beutegriff! Aber vergiß mir nicht den Rundschwung der Klinge, den ich dich gelehrt. Er wehrt Wurf, Stoß und Hieb.« – »Mich schützen –? Das ist heute Frôs Sache. Ich greife an! Horch, da – fern – im Norden –, die ehernen Töne?« – »Das ist die Tuba Cäsar Julians. Sie kommen.« Zwanzigstes Kapitel Nachdem Julian von jener Höhe aus, die vorher die feindlichen Späher eingenommen, die Aufstellung der Barbaren auf und zu beiden Seiten der Legionenstraße übersehen hatte, erließ er kurz Befehl über die Verteilung seiner Scharen. Sie ergab sich ziemlich von selbst: Festhaltung der Straße in der Mitte durch Fußvolk und einige Reiter, die Masse der Reiterei auf seinen rechten (westlichen) Flügel, der feindlichen Reiterei gegenüber, das Fußvolk in Menge auf seinen linken (östlichen) Flügel, wo das Gelände mehr unterbrochen, unübersichtlich, schien. Jedoch nicht umsonst hatte er eifrig die Geschichte römischer Niederlagen und römischer Siege gegenüber Germanen durchforscht: Er wußte, daß erst Marius die Legionen dem Stoß des germanischen Keils hatte widerstehen gelehrt; er wußte, daß »die Taktik der Reserven« alle Siege der Römer über diese ungestümen Feinde entschieden hatte. Und er handelte danach. Kaltblütig, eine römische Straßenkarte in der Hand, erteilte er den um ihn versammelten Heerführern seine Weisungen; jeder stob davon, sobald er seinen Auftrag erhalten. »Dich, Jovian, bitte ich, heute um mich zu bleiben, mit einer erlesenen Reiterschar. Nimm zu meinen dreihundert Leibwächtern noch dreihundert Panzerreiter. Mit ihnen wollen wir – du oder ich – dahin fliegen, wohin die Not uns ruft. Allgegenwärtig sein auf dem Schlachtfeld – wie der Gott der Galiläer in der ganzen Welt –, das wäre nun das Erwünschte.«   Die Schlacht begann. Es war gegen zwei Uhr mittags. Nach jener Rast auf der Höhe hatten die Römer etwa noch zwei Stunden Wegs zurückgelegt. Auf dem linken römischen Flügel rückte Severus, der unter dem Helm ergraute Magister Militum, an Partherpfeile, sarmatische Wurf-Holzkeulen und germanische Speere gleich gewöhnt, mit dem Fußvolk links seitwärts der Straße auf die feuchte Niederung zu, die damals der Musaubach fast zu einem Sumpfe machte; dichtes, hohes Schilf wucherte hier. Schon waren die ersten Reihen, ohne auf einen Feind zu treffen, an den breiten Bogenpfeilern der römischen Wasserleitung vorbei und in die Anfänge des Schilfes gelangt – nur in der Ferne vor sich erblickten sie Speerspitzen der Feinde –, als plötzlich überall aus dem Schilf und Röhricht batavisches Fußvolk hervorsprang und die Marschkolonne von der linken Flanke und von vorn anfiel unter gellendem Kampfgeschrei. Es war der Hinterhalt, den da, nordöstlich von dem heutigen Dorfe Musau, Merowech gelegt hatte. Der Erfolg war stark: zwar verlor der kampferprobte Alte nicht die Ruhe – unerschrocken befahl er Halt, gebot seinen Leuten, »Schildkröten« zu bilden, das heißt, wie sie gingen und standen, zu zweien, dreien oder mehreren sich, Rücken an Rücken gedrängt, gegenseitig zu decken und unter dem Schilddach die Speere gefällt vorzustrecken. Und der ruhige Befehl ward ruhig ausgeführt. Aber von Vordringen war doch gar keine Rede mehr: auf ängstliche Verteidigung war dieser Flügel angewiesen. Und schon näherten sich die feindlichen Speerspitzen von vorn her. Julian sah's von der hohen Straße aus deutlich. Er befahl Jovian, so rasch als möglich eintausend Mann Schildner aus dem zweiten Treffen zu holen und den Bedrängten als Verstärkung zuzuführen. Er selbst sprengte mit zweihundert seiner Reiter von der Straße herab auf den bedrohten Flügel zu. Dabei geriet er, durch die Zwischenräume des Fußvolks vorjagend bis in die vorderste Reihe, in den dichten Hagel der Pfeile und Wurfspeere der Barbaren. »Wie?« rief er dem vordersten Schildkrötenhäuflein zu. »Jetzt stockt ihr und stutzt? Wer hat so ungeduldig verlangt, sofort an die Barbaren gebracht zu werden? Gerade ihr, ihr keltischen Petulantes! Vor anderen laut schrieet ihr! Jetzt habt ihr euren Wunsch! Nun tut danach.« Als er erkannt war, begrüßte ihn freudiger Zuruf; zugleich hatten seine Reiter die nächsten vereinzelten Feinde über den Haufen geritten: Alsbald führte Jovian die Verstärkung von tausend Mann, in streng geschlossenen Gliedern, vor. Die Barbaren wurden hier langsam zurückgedrängt. Aber nicht weit: Auch sie erhielten Verstärkung vom Rücken. Es kam zum stehenden Gefecht. Merowech wie die Könige hatten diese Dinge ebenfalls auf der hohen Straße von ihren Rossen herunter wahrgenommen. Eben bat jener den Herzog, ihm zu erlauben, mit seinen Reitern den Römern des Severus dort in die rechte Flanke zu brechen, als aus dem ganzen alemannischen Fußvolk auf der Straße und weiterhin nach Osten ein wildes, drohendes Geschrei an sein Ohr schlug. »Ich verstehe nicht! Was wollen sie?« fragte er Chnodomar. – »Etwas sehr Dummes«, antwortete der unwirsch. »Aber wir müssen's tun.« Und, wuchtig in seinen Waffen rasselnd, willfährig, gehorsam, wie ein gescholtener Knabe, sprang er von dem mächtigen Gaul, einem prachtvollen Brandfuchshengst. Und zum äußersten Erstaunen Merowechs folgten alle sechs Könige seinem Beispiel; ebenso die Reiter ihrer Gefolgschaften. »Seid ihr von Sinnen?« rief der Bataver. »Jetzt absteigen? Jetzt – da ...« – »Sei still, und steig auch ab, sollen dir nicht Alemannenspeere unsanft an den Kopf fliegen«, riet Chnodomar. »Die Gemeinfreien – 's ist ihr alt stolz Recht! – verlangen, daß, da die Stunde sehr heiß wird, die Könige und Edeln von den Rossen steigen und – neben den Gemeinfreien – zu Fuß kämpfen. Damit wir nicht etwa rasch entreiten, geht es schief.« – »Und das tut ihr? Und ihr fügt euch?« – »Es ist Ehrenpflicht. König und Edler darf nichts Besseres haben wollen als die Freien.« »Unsinn ist's«, rief Merowech, mit dem Schwert einen Wurfspeer zur Seite schlagend, den ein grollender Alemanne auf den unfolgsamen Reiter geschleudert hatte. »Jetzt brauchen wir die Rosse. Vorwärts, meine Bataver! Links ab! Sprengt ein!« Und an der Spitze seiner Reiter jagte er von der Römerstraße links ab gegen den rechten römischen Flügel, die Schuppenreiter. Denn er hatte sich einstweilen, rechtshin spähend, überzeugt, daß dort, bei der Wasserleitung, die Germanen der Hilfe nicht mehr bedurften: Das Gefecht stand dort. Das Beispiel, das die kleine batavische Schar in ihrem kühnen Einsprengen auf die gesamte römische Reiterei gab, riß unwiderstehlich auch die Masse der alemannischen Reiter fort, den Verwegenen zu folgen. Gemischt mit behenden Fußkämpfern, die sich an die Mähnen der Rosse klammerten, ging es sausend gegen die in Eisen starrenden römischen Panzerreiter. Und unwiderstehlich auch riß der Anblick dieses Reiterangriffs ihres linken Flügels die germanischen Fußkämpfer in der Mitte auf der Straße mit fort: Ohne den Befehl Chnodomars abzuwarten, drang nun das ganze Mitteltreffen, in Keilhaufen geordnet, wider das gerade gegenüberstehende römische Fußvolk her. Hier – in der Mitte – kam es nun zu grimmem, für die Alemannen stark verlustreichem Ringen Mann gegen Mann. Wie stets taten auch diesmal für die Römer in solchem Nahkampfe das Beste ihre meisterhaft ersonnenen und vollendet gearbeiteten Schutzwaffen: der eherne Helm, der ausgezeichnet feste eherne oder stierlederne, rings mit Erz beschlagene Schild, der Panzer aus spanischem Erz; all das zusammen eine kleine Burg für sich, die mit den schlechten Waffen der Barbaren mit alleräußerster Kraftanstrengung kaum zu durchbrechen war: Hinter diesem Schutz focht der Legionär wie hinter einer Befestigung; und während der halbnackte Germane alle Kraft darauf verwenden mußte, mit dem plumpen Hiebschwert von oben her erst jenen ehernen Wall von Helm und Schild zu durchtrümmern, um nur an den Leib des Gegners zu gelangen, verwertete dieser jede Blöße des Angreifers, mit dem kurzen, breiten, mörderischen Römerschwert durch den dünnen Schild von Weidengeflecht hindurch den weißen Leib des blonden Riesen zu treffen. Dicht stiegen auf der trockenen Straße die Staubwolken des heißen Augusttags empor. Um jene Schildmauer zu zerreißen, um Lücken, Ungleichheiten in das feste Gefüge zu bringen, warfen sich manche der germanischen Fußkämpfer auf ein Knie und suchten, unter den feindlichen Schilden hindurchgreifend, den kürzer gewachsenen Römer um die Hüften zu fassen und im Ringkampf durch die überlegne Kraft nach rückwärts zu Boden zu werfen; auch Schild gegen Schild stemmten sie wohl, wie Hirsche oder Böcke sich mit Geweih oder Gehörne zurückzuschieben ringen – aber scharf drang dann der spitze eherne Schildstachel des Legionärs in Arm oder Rippe. Der linke Flügel der Römer, von Julian selbst geführt, gewann jetzt Raum, drang vor, über das Schilf hinaus, den immer erneuten Ansturm ungeordneter Keilhaufen zurückwerfend, mit der überlegnen Wucht der Waffen klirrend eindringend, vorbohrend in den dichten Feind. Einstweilen aber hatte auf dem rechten römischen Flügel der Angriff Merowechs mit seiner kleinen Schar der ihm nachjagenden alemannischen Reiterei die Panzerreiter getroffen. Anfangs richteten sie nichts aus: Ihre leichteren Pferde prallten zurück bei dem Zusammenstoß mit jenen Erzkolossen, die unverwundbar schienen. Allein nun, nach dem ersten Zusammenstoß, gab Merowech mit erhobenem Schild ein Zeichen: Etwa die Hälfte seiner Bataver sprang ab – ihre Rößlein blieben wie angewurzelt stehen –, jetzt drängten sich die Behenden auf der linken, speerlosen Seite der Panzerreiter an deren Rosse, rissen das Kurzschwert aus dem Wehrgurt und stießen es den Gäulen durch das Gefüge der Schuppen von unten nach oben in die Weichen. Rasselnd brachen die Tiere zusammen und begruben die schweren Reiter unter sich, die sich nicht mehr aufraffen konnten, erstickt von der Wucht der eignen Waffen. Fünf, acht, zehn – schon war es das ganze erste Glied –, zwölf der ehernen Ungetüme waren so gestürzt: In die Lücken drangen immer zahlreicher die abgesessenen Bataver. Schon wankte das zweite Glied. Da warf sich Darandanes, hoch den krumm geschweiften Säbel schwingend, grimmig auf den nächsten der Reiter – es war Merowech. Umsonst schleuderte der den Wurfspeer aus nächster Nähe: Mitten auf der Brust prallte er ab von dem undurchdringlichen Panzer; aber, von dem kräftigen Stoß erschüttert, fuhr der Perser zurück, gegen den hohen Rückenbug seines Sattels. Im Augenblick war der Königssohn heran und stieß ihm das Kurzschwert gerade unter dem Kinn, wo das Schuppenhemd endete, in die Kehle. Klirrend, rasselnd in seinen Waffen, stürzte der Sterbende seitlich aus dem Sattel; er blieb im schaufelbreiten Steigbügel hängen, das erschrockene Pferd jagte in wilden Sätzen querfeldein, den Reiter in seiner gold- und silberglänzenden, allbekannten Rüstung dahinschleifend über Stock und Stein. Der Fall des allgeliebten Führers, sein grausiges Geschick erfüllte seine Reiter mit Entsetzen: Mit wildem Geheul warfen sie die Gäule herum und, sinnlos vor Schreck, entscharten sie sich, in wilder Flucht davonjagend in blindem Rennen, größtenteils rückwärts, die berittenen numidischen Bogenschützen, die ihnen gerade hatten zu Hilfe kommen wollen, durchbrechend und mit sich fortreißend. Vier andere Geschwader von ihnen flohen seitwärts, auf die Straße hinauf, und über diese hinweg, auf den linken römischen Flügel los. Auf der Straße ritten sie einen Zug ihres eignen Fußvolkes über den Haufen und jagten weiter auf andre Reihen, auf die »Cornuti« und »Braccati«. Schon wankten auch die unter der Wucht des ehernen Anpralls – sie bildeten den Kern des römischen Mitteltreffens –, lösten sie sich auf, war die Schlacht verloren. Hier, in diesem Augenblick höchster Gefahr, erschien mitten unter seinem Fußvolk auf der Hochstraße – der Cäsar. Er war mit Jovian und seinen zweihundert Reitern aus der Vorderreihe des linken Flügels zurückgeritten, da er diesen unter Severus in langsamem Vordringen sah und seine Beobachtungsstelle im Mitteltreffen wieder einnehmen wollte. Jedoch halbwegs bis zur Straße gelangt, erreichte ihn schon das wilde Geschrei der fliehenden Panzerreiter, der Zornruf des überrittenen Fußvolkes, der Kriegsruf und die hallenden Hörner der verfolgenden Germanen: Schon sprengten ihm auch die vordersten der Flüchtlinge entgegen. »Flieh!« schrien sie ihm zu, »flieh, o Cäsar!« Der nächste, auf den er stieß, war der Träger der Standarte: Die zeigte einen goldnen Drachen mit zwei lang flatternden Purpurwimpeln. »Rette dich«, schrie der Mann, »Darandanes ist gefallen: Alles ist verloren.« – »Nichts ist verloren als dein Mut«, rief Julian, riß ihm die Fahne aus der Hand und jagte, sie hoch schwingend, auf die Straße zu den »Cornuti« und »Braccati«. Hier drohte jetzt die allergrößte Gefahr, denn endlich, nach langem Ringen, hatten nun Chnodomar und das alemannische Fußvolk in der Mitte das erste Treffen des römischen Fußvolkes zwar nicht durchbrechen oder werfen können, aber doch zum langsamen Zurückweichen auf das zweite Treffen, eben diese »Cornuti«, »die Behörnten« – sie trugen kurze Hörnlein auf den Helmen – und »Braccati« – Kelten, mit buntgewürfelten Hosen – gebracht: Gerieten diese jetzt, statt das erste Treffen aufzunehmen, in Auflösung, so war auch die zweite Aufstellung des Cäsars verloren. Aber es gelang ihm, sie beisammenzuhalten. In kurzen feurigen Worten rief er sie auf, auszuhalten. Seien sie doch erprobte Kerntruppen des Heeres; sie sollten, wie so oft, die wankende Schlacht stellen. »Seid ihr doch, ihr Behörnten, selbst meist Germanen: Quaden und Markomannen vom Ister, Sachsen und Friesen von der See. Und ihr, Buntbehoste, tapfre Kelten aus Aremorica, ihr kämpft ja hier für euer eignes Heimatland: dies Gallien. Auf! Laßt die Weichenden hindurch. Hinter eurem Schild und Mut werden sie sich und ihre Ehre wiederfinden: Auf, ihr Germanen in römischem Dienst, stimmt ihn nun an, euren gefürchteten Schildgesang!« Und also geschah's. Jene Scharen, germanische Kraft mit römischer Kriegszucht vereinend, ließen die fliehenden Reiter, darauf das langsam weichende Fußvolk des ersten Treffens hindurchfluten, schlossen sich dann wieder und bildeten ein nur nach hinten offnes Viereck, den Angriff der Germanen von drei Seiten abwehrend. Denn nun warf Merowech von Westen her seine Reiter auf sie, während Chnodomar und die Könige geradeaus von der Straße her anstürmten und sich auch schon anschickten, die römische Mitte von Osten her zu fassen. Aber die tapfern Cornuti auf der Straßenmitte hielten die hohlen Schilde vor den Mund und riefen ihren andringenden germanischen Vettern den germanischen Schlachtgesang entgegen: »Halle, du hohler, Schirmender Schild, Schalle du schrecklich – Schlachtgesang! Mit uns alle Asen von Asgardh! Wodan, du wilder, wüte für uns! Schlage mit Schrecken Freißlich die Feinde – Sende, Siegvater, Deinen Söhnen den Sieg!« Sie waren es schon gewöhnt – seit gar vielen Schlachten –, diese Söldner, daß ihnen auf solches Anrufen, fast ganz ähnlich dem eigenen, der Schildgesang ihrer Feinde entgegenklang. Und also tönte das Kampflied der Alemannen: »Fülle uns völlig, Asischer Ahnherr, Tius, mit trümmerndem Trotz! Lenk uns die Lanze Durch Harnisch und Helm, Brich durch die breiten Brünnen ihr Bahn – Schärfe die Schwerter uns, Spitze die Speere, Send uns den Sieg.« Einundzwanzigstes Kapitel Aber bald verstummte der Gesang der angreifenden Alemannen. Der Zorn, der Grimm erstickte ihnen die Lust dazu; denn abermals fielen sie in dichten Haufen! Hatten sie den weit überlegnen Waffen doch wieder nur die nackte Brust, den Speer, oft ohne Metallspitze nur im Glimmfeuer hart gebrannt, und freilich auch ihr todesfreudiges, blind anstürmendes Heldentum entgegenzuwerfen. Der ungleiche, verlustreiche Kampf reizte ihren Zorn zu furchtbarer, wild aufflammender Wut. Sie übertraf jetzt, was man sonst an Germanen gewohnt war. Ihr langes Haar, nach suebischer Sitte gegen den Wirbel emporgekämmt und in einen Büschel zusammengebunden, schien sich zu sträuben. Immer und immer wieder führten Chnodomar und die Könige, zu Fuß kämpfend an der Spitze des Keils, neue Haufen gegen den Lanzenrechen, der ihnen aus der Schildmauer entgegenstarrte. Unablässig sprengte Merowech mit den Reitern immer wieder von der Westseite her an; wie viele der Rosse auch, getroffen von den mörderischen Pila, welche die zweite und die dritte Reihe der Feinde über ihr erstes Glied hinwegschleuderten, die Böschung der Hochstraße hinab in den Graben und auf das Getreidefeld stürzten. Julian hielt neben Jovian in der Mitte des Vierecks. »So was«, flüsterte er dem Freund ins Ohr, »so was von Wildheit, von Todesmut hatte ich nicht für möglich gehalten. Ich meine, unsere Braccati da vorn erschlaffen. Sie halten es nicht mehr lange aus. Dann ...« »Dann ist's zu Ende. Denn, reite ich auch sofort ab, ich habe nicht mehr Zeit, unsere letzten Treffen heranzuholen.« – »Die Bataver meinst du? Da hinten!« – »Jawohl! Wir würden sie jetzt brauchen. Du hast sie – zum Schutz des Gepäcks – zu weit hinten aufgestellt.« – »Sie sollten – mit der Legion der Primani – der allerletzte Rückhalt sein; für den äußersten Fall, für die letzte Not ...« – »Ich glaube, die kommt eben jetzt. Sie übersehen ja unsere Lage von ihrer erhöhten Stellung aus: O wenn sie doch auf den Einfall kämen, ungerufen herbeizueilen!« – »Ich hab es ihnen aber streng verboten. Sie dürfen nicht.« – »Gib acht, Julian! Sieh dort hin! Links! Da bricht's!« Wirklich, es brach! Die unablässig mit Schwert und Streitaxt geführten Hiebe hatten endlich bei den keltischen Braccati in die erste Reihe der Schilde eine Lücke gerissen. Zwar hatten sie Mannschaften aus dem zweiten Gliede sofort gefüllt, aber auch diese waren alsbald teils verwundet, teils gefallen. Aus dem dritten – letzten – Glied traten nun vier Mann vor. Ein riesenlanger Alemanne, reicher als die meisten gewaffnet, sah's, daß hinter diesen kein viertes Glied mehr stand. Unermüdlich hatte er mit einem Steinhammer Schild auf Schild, Helmkamm auf Helmkamm vor sich niedergehämmert. Jetzt, bei einem neuen furchtbaren Hieb, brach ihm der Schaft in der Faust. Mit einem Fluch warf er das wertlose Holz zur Seite und reckte sich hoch auf: »Ei, Donar und Tius, ist's noch nicht genug? Gleich kann ich nicht mehr! Ich blute schon lang aus beißenden Wunden, weiß nicht, wie vielen! Ich mach ein Ende; ich schwur's – ich halt's! – Gebt Raum, Genossen! Und dann brecht ein, wo ich euch ein Loch mache.« Ruhig, gemessenen Schrittes ging er nun etwas zurück, guten Anlauf zu nehmen. Dann rannte er, völlig waffenlos, mit lautem: »Jetzt habt acht!« auf die Reihe der Braccati los, setzte mit gewaltigem Sprung über die beiden Vordersten im ersten Gliede hinweg, so daß er hinter ihnen zu Boden kam, wandte sich blitzschnell, packte je einen mit dem Arm um die Mitte und warf sich mit ihnen, mit dem Antlitz nach vorn, auf die Erde. Im Augenblick war der Liegende von den Speeren der Nebenmänner durchbohrt. Aber im selben Augenblick waren auch schon mit dem Ruf: »Heil König Agenarich!« zwei, vier, sechs Alemannen in die klaffende Lücke gesprungen und stießen nun seitwärts mit den Kurzschwertern die nächsten nieder. Die Reihe der Braccati war gesprengt. Und zu gleicher Zeit hatte Merowech beim fünften Anreiten von Westen her endlich sein blutendes Roß in die vorderste Reihe der Cornuti getrieben, sie auseinanderzwängend. Wohl fiel sofort das edle Tier, von beiden Seiten von Speeren getroffen; aber wie er aufsprang, rief ihm eine junge Stimme von hinten her zu: »All heil, lieber Herr, hier ein frisch Rößlein.« Und Friedibert schob ihm von seinem Gaul herab eines der vielen reiterlosen Pferde zu. Sofort saß der Königssohn wieder und hieb auf die nun ebenfalls durchbrochne Reihe der Cornuti ein. Noch einmal schlossen die kampfverwetterten Söldner sich zusammen. Hoch hielt Voconius, der Fahnenträger, sein zerfetztes Zeichen; im rechten Arm verwundet, nahm er es in die linke Hand, schwang es in der Luft und rief: »Und doch siegt der Cäsar!« Einer ihrer Befehlshaber, bisher im dritten Gliede stehend, erkannte die hohe Gefahr des Augenblicks. Er raffte Schild und Speer eines vor ihm Sinkenden auf und sprang über ihn hinweg in die vorderste Reihe: »Steht, Cornuti«, rief er, »man stirbt nur einmal.« Da riß ihm ein Wurfspeer den hochgeschweiften Römerhelm mit den Wangendecken vom Kopf. Eine Flut rotblonden Haars floß auf seine Schulter. »Bainobaud! Kinderschlächter! Hab ich dich!« rief Merowech, spornte den Hengst gegen ihn und spaltete ihm mit einem zornigen Streich Haupt, Antlitz, Kinn und Hals. Der fiel; seine Nächstkämpfer wandten sich zur Flucht. Zweiundzwanzigstes Kapitel Nun war das Verderben dem jungen Cäsar sehr, sehr nahe gerückt. Zwar noch in ziemlich leidlicher Ordnung, aber doch ohne Möglichkeit, wieder festen Fuß zu fassen, wichen rascher die Braccati, langsamer auch die Cornuti, die Römerstraße zurück, hart bedrängt von den Germanen, die, nach so furchtbarem Ringen, nun sich der Rache an den Weichenden ersättigen wollten. »Rette dich, Julian«, rief Jovian dem Freunde zu. »Ich halte die Verfolger auf! Der Cäsar darf nicht fallen in Barbarenhand.« – »Das wird er nicht«, erwiderte ruhig Julian, das Schwert ziehend. »Aber noch leb ich; noch hoff ich auf den unbesiegten Sonnengott. Jetzt –«, er wandte die Augen auf die Sonne, die sich gemach zu Golde neigte, »jetzt zeige, daß du, der einzig wahre Gott, lebst und siegst. Schicke – schicke du, o Helios –, es ist zu spät, sie zu rufen! – schicke mir die Bataver.« Kaum hatte er das Wort gehaucht, da erdröhnte weithin das Gefild von dem Jauchzen der hartbedrängten Römer: »Die Bataver! Die Bataver! Mit ihren Königen! Wir sind gerettet! Dank Christus! Dank den Göttern! Die Bataver! Die Bataver!« Und so war es. In dröhnendem Sturmschritt, mit dem lauten germanischen Kampfruf – dem eignen Namen: »Bataver! Bataver!« Mit fliegenden Fahnen kamen diese über viertausend Mann frischer Truppen – erlesne Kernscharen – wie eine Sturmflut von Erz die Legionenstraße herab. Das weichende, halb aufgelöste zweite Treffen der Römer fand hinter ihnen Aufnahme, Sammlung, Rettung. Klirrend, die ehernen Schilde dicht aneinandergedrängt, mit weit vorgehaltnen Speeren, stießen die Bataver auf die nachsetzenden Alemannen. Diese, die gewaltigen Leiber von dem stundenlangen Kämpfen in der glühenden Augustsonne erschöpft, vom hoch aufwirbelnden Staub erstickt, vom brennenden Durste gepeinigt, die meisten bereits verwundet, stockten und stutzten, als sie die unverbrauchte Kraft der germanischen Vettern traf. Einen Augenblick hielten sie noch. Dann, im Gefühl der Ohnmacht – nach solchen Anstrengungen – gegenüber diesen neuen Angreifern, brachen sie in ein wildes dumpfes Geschrei der Verzweiflung aus, wandten sich und – flohen! Das Fußvolk auf der von alemannischen Leichen besäten Straße, die Reiter über die Getreide- und Stoppelfelder westlich der Straße. Merowech, mit fortgerissen, suchte, etwas weiter im Rücken wieder auf die Straße reitend, den Herzog. Er fand ihn und mehrere der Könige, wie sie, immer noch zu Fuß, sich vergeblich dem Schwall der Zurückflutenden entgegenwarfen. »Es ist nicht möglich«, rief der Herzog zu Merowech hinauf, »daß es so zu Ende geht. Mein Traum! Er muß sich erfüllen! Es kann noch nicht alles verloren sein.« – »Ist's auch nicht«, entgegnete der. »Komm! Noch einen Angriff. Den letzten freilich. Weiche noch etwas weiter zurück, wo eure Pferde stehen und die Hälfte eurer Gefolgschaften. Und noch ein paar hundert Mann Fußvolk von mir. Ich hab sie heimlich aufgespart für das Allerletzte. Darum hielt ich auch eure halben Gefolgschaften zurück. Aber nun aufs Pferd! Jetzt werden die gestrengen Gemeinfreien euch wohl gestatten, ihnen voranzureiten: – in den Tod.« – »Das danke dir Wodan, du Prachtbub!« rief der Riese, der nun erst alles begriff. Willig und eilig folgte er dem Jüngling nach hinten. Inzwischen waren die Reiter der Bataver bei Julian und Jovian eingetroffen; allen voran die vier Könige mit ihren Gefolgschaften. Dröhnenden Sturmschritts folgte ihr Fußvolk. »Das war Hilfe im rechten Augenblick«, rief Julian, dem nächsten König die mächtige Faust schüttelnd. »Gerade noch recht hat euch ein Gott herbeigeführt, der stärkste Gott!« »Jawohl, Loge, der Gott des Hasses«, erwiderte Chramn, grimmig den Graubart streichend. »Wo steckt er denn, der schöne Paltar, der junge Held, dessen Klugheit und Tapferkeit die erprobter Könige verdunkeln will? Hei, wir sahen wohl von da oben, daß ihr hart zu ringen hattet in der Stirnseite gegen die Alemannen. Aber ich hätte doch nicht gewagt, gegen deine strengen Befehle, unsere Stellung zu verlassen. Da ersah ich deutlich – der Haß hat helle Augen – unter den Reitern, die immer wieder eure Flanke anfielen, das verhaßte Feldzeichen der Merowinger: den Meerdrachen! Und ja, ich glaubte in dem Führer auf dem Schwarzroß die hochaufgeschossene Gestalt dieses hoffartigen Klüglings zu erkennen. Ich sagte es den Freunden, die stimmten bei: ›Er ist's‹, schrien wir plötzlich alle vier. Und ohne daß ein Befehl dazu gegeben war, stürmten alle, wir Könige voraus, und die Unsern hinter uns, die Straße herab, den Verhaßten zu treffen. Wo ist er nun? Entflohn, der Feigling?« Er hielt die Hand vor die Augen und spähte weithin vor sich. In diesem Augenblick erteilte Julian leise dem neben ihm haltenden Jovian einen Befehl; sofort jagte der, mit nur zwei Reitern der Leibwache, südwestlich von der Straße ab und auf den Flügel des Severus zu. »Beim Speere Wodans«, rief da Chramn und ließ die Hand von den Augen gleiten. »Da kommt er noch mal angeritten, der Merowing!« – »Nun, ihr die Eidverbundnen, alle auf ihn!« schrie Guntchramn. »Er soll nicht lebend vom Fleck!« drohte Truchtbrecht. »Er, der besser sein will als seinesgleichen«, schloß Grimmbrand.   Und jetzt kam er, der letzte, der furchtbarste Stoß, die äußerste Anstrengung der Germanen. Es war fast sieben Uhr, die Sonne sank; fünf Stunden hindurch hatten sie in unablässigem Angriff ihr Bestes versucht. Nun führten Chnodomar, Merowech und die noch unverwundeten übrigen von den sieben Königen jene von dem Bataver künstlich aufgesparte frische Schar und dahinter so viele von den erschöpften, fieberheißen, wunden Flüchtlingen, als sie wieder hatten zum Stehen bringen können, zum letzten Sturm auf die Römer heran. Voran die Führer zu Pferd, dicht hinter ihnen ihr berittenes Gefolge, und die Reiter, die wenigen, die noch übrig waren nach jenen unaufhörlichen Angriffen. Hinter den Reitern, dicht geschlossen, die Keilhaufen des Fußvolks, die frischen Mannschaften vorn, die ermüdeten am Schluß, jeder Keil mit zwei Mann beginnend, dann drei, vier, fünf Mann, zuletzt zwölf oder soviel die Breite der Straße irgend gestattete, in einer Reihe, dahinter ein neuer Keilhaufen, in gleichem Anschwellen nach hinten. Unwiderstehlich – so schien es – brausten die Reiter heran. Aber die Massen des Fußvolks hatten einen allzulangen Weg, einen allzubeschwerlichen, zurückzulegen. Die Leichenhügel sperrten ihre Schritte; langsam nur, obwohl sie liefen, kamen sie vorwärts. Erst lange nach den Reitern erreichten sie den Feind. Merowech und Chnodomar sprengten nebeneinander allen voran. Sobald jenen die Könige der Bataver erblickten, jagten sie alle vier auf ihn los: »Nieder der Merowing!« riefen sie. Zwei ihrer Wurfspeere flogen. Den einen fing Merowech mit dem Schild, den zweiten schlug er mit einem neuen Speer zur Seite, den er gleich darauf dem nächsten Feind zur Rechten in die Brust rannte: es war Chramn; der schrie vor Wut und taumelte vom Gaul. Allein schon schwang auf des Jünglings Schildseite, über seiner Sturmhaube, Guntchramn das kurze Beil. Scharf ersah's Friedibert, der hart hinter dem Herrn hielt; er gab seinem Hengst die Sporen, daß er fast senkrecht stieg, und warf das edle Tier so wuchtig auf den Feind, daß Reiter und Roß zusammenbrachen, sich überschlagend, die Böschung der Straße hinabrollten. »Dank, Friedibert!« rief der Königssohn. Nun waren Truchtbrecht und Grimmbrand heran. Merowech warf dem ersten den Speer gerade in die Stirn, daß er rücklings aus dem Sattel flog; aber der vierte Gegner schlug ihm einen sausenden Schwerthieb durch die zerklirrende Sturmhaube tief in den Schädel, zugleich traf ein Wurfspeer sein Pferd in den Hals. Hoch sprang das Tier. Noch einmal ward des Jünglings hohe schlanke Gestalt weithin sichtbar Feind und Freund; im Abendgolde glänzten nochmals die flatternden goldnen Haare, dann verschwand er spurlos im blutigen Staube, und über ihn ging der Reiterkampf dahin. »Herr, lieber Herr«, rief Friedibert, sprang vom Sattel und wollte dem Gefolgsherrn aufhelfen. Aber ein römischer Fußkämpfer schritt gerade auf ihn zu, weit ausholend mit dem Wurfspeer. Sofort zielte und warf auch Friedibert. Keiner der beiden dachte an Deckung. »Christus siegt!« rief der dunkeläugige Römer. »Frô befreundet mich!« rief der Germane. Beide trafen; lautlos stürzten beide, den Speer des Gegners in der Brust. Mit einem Schrei des Grimms hatte Chnodomar den Freund fallen sehen; rasch warf er sich auf den letzten der vier Bataverkönige. Ein zorniger Schwerthieb, und Helm und Haupt waren ihm gespalten. »Hei, sie schneidet noch, die gute Klinge Donars!« jubelte der Herzog. »Wo ist Julian? Wo steckt der Cäsar-Knabe?« Und mit ungeheuren Hieben alles vor sich niederstreckend, Reiter wie Fußkämpfer, brach er sich Bahn. Der Zauber Donars schien sich zu bewahrheiten: Auf jeden Streich des Schwertes fiel ein Feind. Niemand mochte ihm standhalten; so brach er, von Vestralp, Suomar und Hortari gefolgt, durch die erste, zweite, dritte Reihe der batavischen Söldner. Hinter der dritten hielt Julian, in der Mitte seiner berittnen Leibwächter. Er hob sich hoch in den Bügeln und spähte angestrengt nach links aus, wohin er Jovian entsandt hatte. So merkte er nicht, wie der furchtbare König auf seinem mächtigen Kampfhengst ihm näher und näher drang, bis plötzlich ganz nah an sein Ohr – auf lateinisch – die grimmige Frage schlug: »Wo ist der Knabe Julian?« Der treue Berung hielt den Schild über seinen Herrn, aber ein Wurfspeer brachte sein Pferd zu Fall. Gleichzeitig flogen, von Chnodomar durchspalten, der erste und der zweite von Julians Leibwächtern vom Roß, die ihn von dem Rasenden noch trennten. Der Riese erkannte nun den Cäsar an dem prachtvollen Helm, dessen roter Busch, mit Goldfäden durchflochten, im Abendlichte leuchtete: »Donar schlägt dich!« schrie Chnodomar und schmetterte einen furchtbaren Hieb auf Julian, den dieser, rasch sich wendend, gerade noch mit dem Schild auffing. Da ... da sprang das Schwert Chnodomars klirrend entzwei! Er hielt den Griff mit einer Handbreit von Klinge in der Faust. Unbeschreiblich war das Gefühl, war die Bestürzung, die Betäubung des armen Getäuschten. Er wollte es nicht glauben. Er starrte auf das zerbrochne Schwert; er hielt sich's dicht vor die Augen: »Ah – es ist – es ist unmöglich!« stöhnte er. Im selben Augenblick traf ihn – aus weiter Ferne – eine römische Wurflanze gerade vor die Stirn. Die Spitze zwar bog sich krumm an der ehernen Sturmhaube, die er unter der Mähnenschnur des Auerstieres trug, aber der Stoß auf das Gehirn war so mächtig, daß er den Zügel fallen ließ – nicht aber den nutzlosen Schwertstumpf – und rückwärtstaumelte. Da faßten König Vestralp von rechts, König Suomar von links seine Zügel, rissen den Hengst herum und flüchteten den Wankenden aus dem Getümmel. Dieser Anblick entschied vollends das Geschick des letzten Reiterangriffs und des jetzt erst eintreffenden Fußvolks der Alemannen. Dreiundzwanzigstes Kapitel Übermenschliches hatten sie länger als fünf Stunden geleistet. Aber nun war es zu Ende. Atemlos, mit erschöpfter Kraft, keuchend, lechzend vor Staub und Durst, waren sie, nach allzulangem Sturmlaufen und Sturmschreien, endlich vor dem festgegliederten Viereck der Bataver angelangt. Gegen diese Kernschar führten sie nun ihren verzweifelten Stoß. Grimmig nahmen sie den ungleichen Kampf auch gegen diese ganz frischen Truppen auf; der Rückhalt unverbrauchter Kräfte, die Merowechs einfache List aufgespart, betrug noch nicht zweitausend Speere. Und doch stürmten auch diese Keilhaufen heran, »als wollten sie« – so schreibt, nach Angabe von Augenzeugen, Ammian – »in einem Anfall von Raserei alles Widerstehende vernichten.« Die Römer kannten ihn, diesen »furor teutonicus« . Es war der kampfeswütige Wodan, der Gott ihres eigenen Heldenzorns, den die Germanen in solchen Augenblicken in sich spürten. Hinter den Rossen der Könige und ihrer Gefolgen drängten sich jetzt die Haufen des Fußvolks heran; furchtbar war der Zusammenstoß mit den dichtgeschlossenen Gliedern der Bataver. In brausendem Anlauf, wie in einem Ausfall, dem Fußvolk voran, hatte sich die kleine Reiterschar der Könige mit ihren Gefolgen in todesmutigem, opferreichem Vorstoß in den ersten Rechen von Speeren der Feinde geworfen. Und wirklich hatten sie ihn durchbrochen und auch das zweite Glied noch! Jubelnd folgten die Gemeinfreien den todesstolzen Führern. An solchen Taten erkannte das Volk mit Begeisterung das Mark seiner Könige, das den Göttern entstammte. Sieg jauchzend stürmten sie weiter auf der breiten Straße vor. Aber ach, weit – allzuweit – hatten sie noch mal zu rennen. Mit klugem, kühlem Bedacht hatte Julian die Hauptmacht der Bataver weit – sechs Minuten Weges weit – hinter ihrer ersten Aufstellung zurückgehalten, ihr wildes Vorwärtsdrängen zügelnd. »Bleibt und erwartet sie hier, stehenden Fußes. Werfen sie wirklich eure Vorschar, sollen sie sich elend außer Atem laufen, bis sie an euch gelangen. Und seht da, schon rückt – von dem Gepäck her – unsere letzte Verstärkung heran: die Legion der Primani. Sie führt die schweren Wurfgeschütze mit; über eure Köpfe hinweg sollen ihre Balken auf die Feinde schmettern. Laß sehen, ob der müde Keil auch noch diesen ehernen Turm über den Haufen rennt!« Wirklich traf nun hinter den Batavern, noch unversehrt, die ganze »Legion der Primani« ein, illyrische und norditalische Veteranen, vertraut mit der Bedienung der mörderischen Wurfgeschütze, der »Ballisten« und »Wildesel« und »Skorpione«. Hageldicht sausten aus den hinteren Gliedern im Bogenschuß die balkendicken Wurfgeschosse, dann neben den langen Speeren auch kurze Rohrpfeile mit eisernen Schnäbeln. Kein Geschoß ging da fehl in dem dichtgedrängten Haufen der Germanen, während im Handgemenge Klinge an Klinge schlug, die Panzer unter den Schwert- und Beilhieben klafften. Und auch dies Handgemenge gedieh wieder den Germanen zu furchtbaren Verlusten. Wohl schien es zunächst ein Kampf ebenbürtiger Gegner. Aber waren die Alemannen größer und kräftiger als die »Primani«, so waren diese besser geschult und geübt; waren jene heißgrimmig und ungestüm, so blieben diese kühl und vorsichtig; trotzten jene auf ihre Körperkraft, waren diese an geübtem Verstand überlegen. Gar mancher Alemanne, sank er endlich vor Ermüdung zusammen, schlug noch im Knien auf den Feind los. Aber kaltblütig, wie im Zirkusspiel der wohlgeübte Gladiator dem Gegner sich gewandt entwindet, deckten sich die Legionäre mit dem Schild und durchbohrten blitzschnell den zornhitzigen Germanen mit dem für solchen Nahkampf unvergleichlichen dolchartigen Römerschwert. Wie schon oft und oft der germanische Angriffskeil das erste und auch das zweite römische Treffen noch unwiderstehlich getroffen hatte, dann aber, nach blutigen Einbußen, atemlos und geschwächt an dem weit zurückgehaltenen dritten Treffen der Römer anprallte, dies nicht werfen konnte, sondern hier zum Stehen kam, und, damit seine wirksamste Gewalt verlierend, bald auch im Rücken und in den Flanken von den wieder gesammelten Vordertreffen gefaßt, völlig unfähig, zu schwenken, umzingelt ward, und, ohne die Möglichkeit eines geordneten Rückzugs, ohne Aufnahme durch einen Rückhalt, nur noch auf dem Fleck sterben oder in ordnungsloser Flucht irgendwohin in Verzweiflung ausbrechen konnte. So erging es nun auch diesem letzten Keilstoß. Der wütige Ansturm war gestockt, damit das Gefährlichste von den Römern bestanden. Mit wachsender Siegeszuversicht streckten sie nun jeden vordersten Angreifer nieder; zwar stiegen über die Leichen der Erschlagenen, über die dichte Schicht der Verwundeten hinweg, unerschrocken die nächsten Reihen des Keils; aber längst waren die Vordersten, Kühnsten, Besten gefallen, die Könige verwundet, die edlen Gefolgsherren lagen in dichten Reihen ihrer Gefolgen. Schmerz, Verzweiflung ergriff die Gemeinfreien um die haufenweise hier tot, röchelnd, sterbend liegenden Führer. Das Übersteigen über so viele Helden lähmte sie mit Entsetzen. Sie sahen Merowech, Chnodomar, Ur, Ursicin, Hortari tot oder verwundet stürzen. Und nun ... nun vollends schmetterte in ihrem Rücken der wohlbekannte Ton der römischen Tuba! Jovian hatte im Auftrag des Cäsars die ganze Nachhut des linken römischen Flügels von der Verfolgung der hier langsam weichenden Alemannen abgerufen und führte sie in geschlossenen Reihen von Norden und Westen her dem verzweifelt ringenden Keil in Flanke und Rücken. Da war alles aus! Da kam der Augenblick des rettungslosen Untergangs auch für diesen germanischen Keil. Erschöpft bis aufs äußerste, jeder Hoffnung bar, jeder Führerschaft entratend, stoben sie in blinder, besinnungsloser, zielloser Flucht davon, nach hinten, nach dem Rheine zu – und so in das sichere Verderben! Die Legion der Primani, dieser »eherne Turm«, bisher unbeweglich, setzte sich nun in furchtbare Bewegung, öffnete die Vorderglieder, ließ die Hinterreihen durch, zog sie auch auf beiden Flanken vor, faßte so die Weichenden in breitester Front und überflügelte sie von beiden Seiten. Vom Rücken her fielen Jovianus und Severus die Durcheinanderwogenden an. Endlich hatte sich auch die römische Reiterei von ihrer Bestürzung erholt und hieb, von Julian herbeigerufen, zu beiden Seiten der Straße nach. Wie schwimmende Matrosen eines gescheiterten Schiffes, der Wut der verfolgenden See zu entkommen, flohen die Alemannen nach jeder freien Richtung auseinander. Aber bald sperrten die hoch aufgetürmten Schichten ihrer eigenen Erschlagenen den Fliehenden den Weg. Ohne Widerstand töteten die Verfolger vom Rücken her die vor Schreck Betäubten. War das Schwert krumm gebogen, stießen sie die Barbaren mit ihren eigenen, massenhaft umherliegenden Speeren nieder. Keinem um Gnade Flehenden ward das Leben geschenkt; die Sieger waren von Mordlust, von Rachgier wie berauscht. Die Balken der Wurfgeschütze rissen vielen Flüchtlingen von hinten her die Köpfe ab, daß sie nur noch an der Kehlhaut mit dem Rumpfe zusammenhingen. Hunderte waren auf dem vom Blut der Waffenbrüder schlüpfrigen Boden ausgeglitten und, unverwundet, von den Haufen der über sie Hinstürzenden erstickt. Immer eifriger, jauchzend vor Mordgier, setzten die Römer nach, auf schimmernde Helme und Schilde mit Füßen stampfend und niederstreckend, was sie erreichten, bis die Schneiden erstumpften unter den zahllosen Hieben. Der Cäsar führte selbst die Verfolgung an der Spitze seiner Reiter bis an den Rhein. In diesem suchten die zu Tode Gehetzten letzte Rettung und Zuflucht. Zu vielen Tausenden warfen sie sich hinein; manche gelangten, indem sie sich auf ihre Schilde legten, in schräger Richtung schwimmend, ans rechte Ufer. Aber viel, viel mehr, verwundet, todesmüde, überhitzt, kämpften umsonst gegen die Gewalt des Stroms und wurden von den Fluten verschlungen; andere klammerten sich an rüstigere Schwimmer und zogen sie mit hinunter in den feuchten Tod. Die berittenen numidischen Bogenschützen der Römer aber sprengten eine starke Strecke stromabwärts, stellten sich dann in langer, langer Reihe dicht am Fluß, die Vorderfüße der Gäule im Wasser, auf, und, selbst so sicher wie bei einer Theatervorstellung nach aufgezogenem Vorhang die Zuschauer, schossen sie, wie auf schwimmende Scheiben, auf jeden der wehrlosen Schwimmer, die an ihnen vorbeiglitten, und durchbohrten ihnen den Rücken mit den kaltblütig und ruhig gezielten Pfeilen. Schäumend, gerötet von Blut, staunte der Strom über den ungewohnten Zuwachs. Eine Weile sah Julian dies Scheibenschießen mit an; dann rief er die Reiter ab: »Es ist genug«, sprach er, »für Rache, Ruhm und Rom! Zurück aufs Schlachtfeld! Laßt uns – in frommer Scheu – die Toten begraben; die Feinde wie die Freunde. Nicht sie den Raubvögeln des Himmels überlassen! Das ist ein Greuel vor den ... vor den guten Gewalten!« Vorübergebraust, der Straße entlang von Nordwesten her, waren die Ausgänge des Kampfes. Fliehende und Verfolger hatten sich schon weit gegen Südosten zu hinweggewälzt, entfernt von der Stätte des blutigsten Ringens, da, wo der letzte Angriff Merowechs und des Fußvolks Chnodomars die batavischen Söldner und die Primani getroffen hatte. Haufenweise lagen hier die Erschlagenen, die Schwerverwundeten umher. Der junge Friedibert lehnte sterbend das blonde Haupt auf den Bug seines toten Gauls. Er hielt die linke Hand auf die Wunde gepreßt, aber das Blut quoll doch unablässig zwischen den zuckenden Fingern durch. Es quälte ihn brennender Durst. Er stöhnte vor sich hin: »Oh, nur noch einen Trunk! – Ach aus dem Felsquell, dort, daheim im Moselwald! – Oder einen Schluck Wein! Ich verschmachte.« Da antwortete ihm eine matte Stimme. Gerade ihm gegenüber, mit dem Kopf gen Norden, lag über zwei tote Römer hingestreckt Renatus: »Wenn du trinken willst«, sprach der Christ – »da ... in meiner Lederflasche ist ein Rest Wein. Ich brächte ihn dir ... aber ich ... ich kann mich nicht erheben, ich bin zu schwach.« Friedibert richtete sich ein wenig auf. Er erkannte seinen Gegner. »Du ...? Du bist es? Dein Speer traf scharf! Willst du mir wirklich ...?« – »Komm nur her. Da, unter meinem Rücken hängt die Flasche.« Mit letzter Kraft schob sich Friedibert an ihn heran, holte die runde Flasche hinter dem Rücken des Wunden, der sich etwas in die Höhe hob, hervor, öffnete und setzte an. »Nein«, sprach er wieder absetzend. »Erst du... nur den Rest für mich.« Und er beugte sich über Renatus, legte ihm den linken Arm unter das Haupt, das der nicht erheben konnte, und flößte ihm den Wein in den Mund ein, bis dieser den Kopf todmüde sinken ließ. Dann trank er selbst das übrige, gierig jeden Tropfen schlürfend. »Danke dir, Römer! Das war köstlich! Möge es dir Wodan in Walhall vergelten; ich fahre zu ihm! Siehst du? Dort von der sinkenden Sonne her schwebt es heran wie weißes Nebelgewölk. Das ist ... die Walküre! Oder ist es Gerlind? Ich ... folge ihr.« Und er reckte sich lang; sein Antlitz sank auf des Römers Brust. Ein Blutstrom brach aus dem Mund, er war tot; wie ein Freund umfaßte er dessen Brust mit beiden Armen. Der atmete schwer. Aber noch im Todesröcheln sprach er betend vor sich hin: »Christus lebt. Christus siegt. Liebet eure Feinde, tuet wohl denen, die ... Mein Erlöser, nimm meine Seele, in deine Hände empfehl ... und ach, meinen armen Vater!« Und er starb. Brust an Brust lagen die beiden, im Tode versöhnt.   Aber nicht überall ging es so friedlich zu Ende auf dem Schlachtfeld. Die römischen Troßknechte, großenteils Sklaven, hatten, sobald sie von weitem die Flucht der Feinde wahrgenommen, in hellen Haufen die im Rücken der Primani aufgefahrenen Gepäckwagen verlassen und sich über das Kampfgebiet verstreut, die Toten, Freund und Feind, plündernd, ausraubend, auch wohl gelegentlich einem Verwundeten, der sich nicht berauben lassen wollte, mit raschem Messerstoß den Garaus machend. Sogar bis in die Nähe des Cäsars hin hatte sich solch Raub- und Mordgesindel gewagt; wiederholt hatten seine Leibwächter die Scheusale aufgescheucht bei ihrer Arbeit. Jetzt ritt Julian, nachdem er die letzten fliehenden Feinde in dem Rhein oder in der weiten dunstigen Ferne hatte verschwinden sehen, langsam über das Schlachtfeld zurück. Er hatte befohlen, Zelte aufzuschlagen, um hier zu übernachten. Wie er sich der Stelle näherte, wo auch Friedibert und Renatus lagen, sah er von weitem, wie zwei verdächtige Gestalten sich an den hier massenhaft gehäuften Gefallenen zu schaffen machten. Er glaubte zu sehen, aus der Mitte der am Boden Liegenden fuhr – wie zur Abwehr – ein weißer Arm empor. Mit lautem Zornruf sprengte der Cäsar, gefolgt von Jovian, auf die Gruppe zu; die Plünderer flohen. Julian, nun zur Stelle, hielt den Zügel an. Vor ihm lag, den Kopf auf dem Bug des toten Rosses, ein junger, schöner Germane, das lange blonde Haar vom getrockneten Blut zusammengeklebt. Der Jüngling riß die Augen weit auf; er sah gerade nach Westen in die soeben versinkende Sonne, die ihre letzten Strahlen noch schräg aufwärts warf. Teilnehmend beugte sich der Cäsar über die vornehme Gestalt, die hier zuckte. Aber wie groß war sein Erstaunen, als der Germane, der an ihm vorbei immer in die Sonne blickte – offenbar im Wundfieber –, in griechischer Sprache die Worte sprach: »O Helios, unbesiegter Sonnengott! So nimm mich denn mit dir hinab!« »Was ist das?« rief Julian, sprang vom Pferd und richtete das schwer atmende Haupt sanft empor. »Ein Grieche? Helios – meinen Helios! – ruft er an? Auf, Freund! Helios hat dich gehört! Sein treuester Priester kniet bei dir! Du sollst nicht sterben!« Vierundzwanzigstes Kapitel An Lysias, seinen teuren Lehrer, Flavius Claudius Julianus (den die Seinen »Alemannicus« nennen, was doch nur dem Imperator zukommt. Sieg! Sieg! Io triumpere, mein Lysias! Hier schicke ich dir – neben diesem Brief, gesondert – die genaue Schilderung meines großen Sieges über die Alemannen, den mir – nahe Straßburg – die gnädigen Götter geschenkt haben. Es ist ein Teil meiner Kommentarien; denn ich habe beschlossen, dem göttlichen Julius auch darin nachzueifern, daß ich meine »gallischen Feldzüge« selbst beschreibe. Der Lorbeer des Feldherrn genügt mir bei weitem nicht! Viel, unendlich mehr, reizt mich der des Schriftstellers! Ja, ich bilde mir viel mehr ein auf diese Schilderung meines Sieges als auf den Sieg selbst. Noch in späten Jahrhunderten sollen die Feldherren und die Gelehrten sich um mich streiten, sollen jene mich als Helden, diese als Schriftsteller höher stellen, und die staunende Menschheit soll sagen: »Mancher war groß mit dem Schwert, mancher groß mit dem Griffel; so groß wie Julianus mit beiden war keiner.« Du merkst dieser Sprache lebhafteste Bewegung an. Ja, es ist wahr! Dieser wunderbare Erfolg, den mir handgreiflich die Götter wie verkündet, so verwirklicht haben, erhebt mein ganzes Wesen in nie gekannte Höhen stolzester Zuversicht. Ja, ohne Zweifel weiß ich fortan: Ich bin der erlesene Liebling der Götter, zu Großem ausersehen. Hab ich das doch schon erreicht mit sechsundzwanzig Jahren! Größeres noch würde ich planen und erreichen; nicht nur der Rhein, auch der Tigris harrt seines Befreiers, und – die Götterwelt ihres Erneuerers auf Erden! Aber für immer schließt mich von solch kühnem Aufflug zur höchsten Sonnenhöhe des Ruhmes aus: Constantius und mein Eid der Treue, der furchtbare, den ich niemals brechen werde. Und falls er vor mir sterben sollte – er kränkelt viel, schreibt Philippus –, ist mein Nachfolger schon im geheimen ernannt: Senat, Papst, Episkopat, alle Feldherren aller Heere außerhalb Galliens, die Präsidenten der Provinzen außer Gallien sind bereits im geheimen gewonnen für den neuen Imperator. Philippus konnte den Namen nicht erforschen (man flüstert, es sei ein Verwandter des Eusebius). Also auf den Thron und alles, was sich von ihm aus bis an die Sterne emporbauen läßt, muß ich ja verzichten; Helios weiß, ich habe nie danach getrachtet! Aber was ein bloßer Cäsar erreichen kann, das will und werde ich erreichen, dem Staate zum Heil, und ganz ebenso – (es liegt mir wahrlich nicht minder am Herzen; das vertraue ich aber nur dir) – mir zum unauslöschlichen Nachruhm!   In dem stolzen Gefühl, ja in dem Rausche des errungenen Sieges – des größten, der seit vielen Jahrzehnten über Germanen erfochten worden ist –, ließen sich manche meiner Scharen zu einer Unbedachtheit hinreißen, die mir das Leben kosten konnte, erstickte ich sie nicht rasch im Keime schon. Als die Verfolgung eingestellt war und ich vom Rheine her auf das Schlachtfeld zurückritt, wo ich das Heer den Abendschmaus nehmen und übernachten hieß – (nachdem ich vorsichtig, Frontins Mahnung eingedenk: die Stunden gleich nach dem Siege seien die gefährlichsten, weithin Ketten von Wachtposten gezogen hatte) –, stieß ich auf die wackeren Primani. Diese (nicht barbarischen Söldner), römische Kernscharen, in deren Mitte ich den letzten verzweifelten Anfall des »furor teutonicus« ausgehalten hatte, begrüßten mich mit dem unheilvollen Zuruf »Macte Imperator! Macte Auguste.« Ich erschrak bis ins Mark; viel mehr erschrak ich, als da der rote Riese mich mit seinem furchtbaren Schwertstreich schier vom Gaule schmetterte. Erfährt Constantius durch ein Lüftchen nur einen Hauch von diesen vielen tausend Rufen, so bin ich verloren und Helena und unser Glück und all mein junger Ruhm und seine Zukunftshoffnung. In ungeheucheltem Entsetzen – (das wirkt doch immer mehr als die beste rhetorische Mache) – winkte ich mit beiden Händen hastig den lieben Toren ab und laut rufend – (ja schreiend, auf daß es alle Späher des Constantius hören mußten) – wies ich den Unfug zurück und beteuerte, ich verabscheue solches. Ja, ich schwor, daß ich dergleichen niemals wünschen, hoffen, dulden werde. Ich schwor es – leider – bei »Christus dem Herrn!« – Vergib mir, Helios, unbesiegter Gott! Nun rufen sie mir, wenn ich an ihnen vorüberreite, mit halb verhaltner Stimme zu: »Alemannice!«. Auch das dürfte der Augustus nicht hören. Nur ihm sind solche Siegernamen vorbehalten. Daher heißt er »Gothicus, Sarmaticus, Parthicus, Persicus, obwohl ... nun, Helios, der All-Sehende wird wissen, warum. Ich weiß es nicht.   Einen hochwertvollen Gefangenen haben wir! Jovian hat ihn soeben eingebracht: Chnodomar, den Oberfeldherrn der gegen uns Verbündeten. Der Gewaltige auf seinem roten Hengst war bei seinem letzten Reiterangriff bis zu mir durchgedrungen. Ich fiel fast vom Roß unter der Wucht des auf meinen Schild geführten Streiches; aber Pallas, die Beschildnerin, hat mich gerettet; an ihrer Meduse auf dem Buckel meines Schildes brach des Riesen Schwert. Gleichzeitig ward er, scheint's, verwundet. Seine Gefährten retteten ihn aus dem Getümmel. Sie flüchteten, wie die meisten, dem Rheine zu, sie suchten nach Kähnen. Auf dem Schild den Strom durchschwimmen konnte der Betäubte nicht. Während sie am Ufer hinritten, umsonst nach Schiffen suchend, den sumpfigen Altwassern ausweichend, stürzte sein Pferd auf schlüpfrigem Moorgrund und begrub den wuchtigen Körper im Fall. Er raffte sich auf und eilte nun, an dem Übergang über den Fluß verzweifelnd, die sumpfige Niederung meidend, auf einen nahen, bewaldeten Hügel zu, hier Verborgenheit zu suchen. Allein, im letzten Abendschimmer erkannte die hohe, seine Gefährten überragende Gestalt, in der Verfolgung anderer Haufen, der kluge Jovian. Sofort setzte er dem fliehenden König nach, umstellte das Gehölz mit einer ganzen Kohorte und machte sich auf einen harten Strauß gefaßt. Denn er wußte, die Gefolgen würden Leben und Freiheit ihres königlichen Herrn bis aufs äußerste verteidigen. Aber es kam anders. Nach kurzer Frist, als sich die Unsern anschickten, in das dunkle Waldesinnere zu dringen, trat der König zu Fuß daraus hervor, langsamen Schrittes, das trotzige Haupt auf die Brust gesenkt, ganz ohne Waffen; nur sein Schwert, eine Handbreit hinter dem Griff abgebrochen, hielt er krampfhaft in der Rechten. So schritt er auf Jovianus zu: »Genug!« brachte er mühsam hervor. »Es ist aus! Alles aus! Es gibt keine Götter, es gibt auch keinen Donar. Es ist alles gleich. Führe mich zu dem Cäsar.« Während Jovian noch staunte über diese Sinneswandlung bei dem fürchterlichen Schlacht-Riesen, traten auch die Gefolgen aus dem Waldversteck hervor. Ihr Herr habe ihnen verboten, zu fechten, sie wollten sein Schicksal teilen. Sie legten die Waffen nieder und ließen sich willig binden. Seltsame Leute, diese Germanen, nicht? »Sie nennen's Treue«, sagt Tacitus in ähnlichem Fall von ihnen. Wie groß war mein Erstaunen, als in mein Feldherrnzelt, wo mich meine Befehlshaber glückwünschend umringten, Jovian beim Fackelschein seinen gewaltigen Gefangenen führte! Ich sprach ihn freundlich an, versicherte ihn seines Lebens, wenn ich ihn auch dem Imperator zusenden müsse nach Rom. Bleich, ohne eine Miene zu verziehen, ohne ein Wort hörte er mich an. Endlich betrachtete er noch einmal mit starrem Blick den Schwertstumpf in seiner Faust und warf ihn dann auf den Teppich zu meinen Füßen: »Es ist aus. Alles ist gleich. Es gibt keine Götter, auch Donar ist nicht. – Laßt mich schlafen ... schlafen!« Und mit einer müden Handbewegung griff er an die Stirn, wo ich nun eine mächtige, blutunterlaufene Beule wahrnahm. Er schloß die Augen, als wolle er im Stehen einschlafen. Ich entließ ihn; ich höre, er schläft fast ununterbrochen; wacht er auf, so stöhnt er: »Es ist alles gleich auf Erden; es gibt keine Götter«, wendet sich auf die andere Seite und – schläft weiter; »morbus veternus«, »Schlafsucht«, nannte es achselzuckend Oribasius, den ich zu ihm sandte, ein träumerisches Brüten. In einigen Tagen schick ich ihn, zusammen mit den wertvollsten Stücken aus der Beute, an den Imperator. Sonst haben wir nicht viele Gefangene gemacht. Von den übrigen Königen ist einer gefallen, die fünf andern sind, schwer verwundet, entkommen; keiner wich vom Schlachtfeld, sagen die Gefangenen, solang er den Arm heben konnte; die Unsrigen schwelgten im Schlachten, daß mir graute. Sechstausend tote Feinde haben wir auf dem Schlachtfelde gezählt und fromm bestattet: Unzählbar sind die Haufen, die der Fluß verschlang. Unser Verlust ist erstaunlich gering: in dem fünfstündigen Kampfe nur zweihundertsechsundvierzig Tote – dank unsern undurchdringbaren Schutzwaffen – und etwa neunhundert Verwundete. Fünfundzwanzigstes Kapitel Ich kam einige Tage, ja Wochen nicht zum Schreiben, das heißt an dich, denn an die geliebte Frau (ach, daß ich auch jetzt nicht in ihre Arme fliegen darf!), an den Imperator, an Ammian hatte ich zu schreiben vollauf. Aber nun habe ich dir etwas höchst Wunderbares zu berichten! Denke nur: Auf dem Schlachtfeld habe ich gefunden und gewonnen ein staunenswertes Kleinod: einen Freund! Nicht einen Römer – einen Barbaren! Aber was sage ich? Einen Barbaren, der an Begabung des Geistes nicht nur, der an philosophischer, an religionswissenschaftlicher Bildung die meisten Römer, ja sogar Griechen, übertrifft! Ein philosophierender Germane! Vor kurzem lachte ich noch über die ungeheuerliche Vorstellung. Aber ich lache nicht mehr: Ich staune! Ja, es wird mir seltsam zu Sinn. Ich erfahre so vieles durch meinen lieben Gefangenen über seine Stammgenossen, ihre Wandlungen in den letzten Menschenaltern, über die Gründe ihrer Handlungsweise, über ihre Pläne für die Zukunft, daß ich gar manches von meinen Ansichten über sie, von meinen Würdigungen ihrer Art und ihrer Bedeutung für uns umgestalten muß. Ich habe sie doch – vielleicht! – unterschätzt, diese Barbaren! Du frägst zweifelnd, wer dieser Wundermann sei? Wie er heiße? Ja, schon mit dem Namen beginnt das Wunder. »Merowech« oder »Serapio« heißt er. Mit fünfzehn Jahren gab der Vater, ein Gaukönig der Bataver (entstammt von jenem Claudius Civilis), den Knaben als Geisel Constantin: Der gewann ihn lieb, ließ ihn mit römischen Senatorensöhnen erziehen in aller Philosophie und Mystik und aller Wissenschaft der Galiläer, der Griechen, der Ägypter. Der Jüngling, voll Eifer für diese Dinge, ward (lange vor mir) zu Nikomedia Hörer, vertrauter Schüler des großen Aedesius, des Maximus. Eingeweiht in die heiligen Mysterien am Nil, die ihn lange fesselten, nahm er, zwanzig Jahre alt – Serapis zu Ehren –, den Namen »Serapion« an. Allein dieser merkwürdige Geist (mir ist dergleichen noch nicht vorgekommen, das muß echt germanisch sein!) fühlte sich zuletzt wie nicht durch die Lehre des Galiläers und die kindlichen (vergib!) alten Götter, so auch nicht durch alle Philosophen Griechenlands und nicht durch die Mystik befriedigt: Auch die ägyptischen Geheimlehren warf er zur Seite. Und die letzten Jahre hat er unter unsern Fahnen gefochten, bald gegen Perser und Parther am Tigris, bald gegen Sarmaten und Jazygen am Ister: nur gegen seine Stammgenossen – die Franken – nicht fechten zu müssen, hatte er sich ausbedungen. So lernte er auch römische Kriegführung und Feldherrnschaft: zu unserem schweren Schaden! Denn heimgekehrt zu dem alten Vater riß er seinen Gau (den einzigen von den batavischen) zum Kampfe gegen uns fort und ward neben, ja vor dem kraftvollen, aber plumpen Chnodomar die Seele, der leitende Geist der Kriegführung gegen mich. Schon bei Köln, dann bei Sens, machte er mir gewaltig zu schaffen. Und hätten neulich bei Straßburg die Germanen gesiegt (zweimal sah es ganz danach aus), so wäre das ausschließend sein Verdienst gewesen. Nach der Schlacht konnte ich dem Verwundeten das Leben retten: Mörder wollten ihn töten und berauben. Daß er in der Sprache Homers fiebernde Worte an »Helios« richtete, das hat ihn gerettet. Er ist nun mein Heliodor, mir von Helios geschenkt. Oribasius gelang es, ihn herzustellen. Aber ich selbst pflegte ihn mit liebender Hand – der schöne, kluge Jüngling (er ist aber sieben Jahre älter – und um noch viel mehr Jahre weiser denn ich) zog mich lebhaft an. Und so geschah's, daß in den vielen, vielen Stunden, die ich diese Monate an seinem Lager verbrachte, der Cäsar und der germanische Königssohn eine Freundschaft schlossen – so innig, so schön, so edel durchgeistet, wie sie den Cäsar noch mit Griechen und Römern nie verband. Du bist ja mein Lehrer und so viel älter: So scheidest du, wie ein höheres Wesen, aus der Reihe der Vergleichbaren. Jovian, der Wackere, Gutherzige, erträgt meine neue Freundschaft ohne Eifersucht: Er fühlt, er begreift. Mich verbindet mit diesem germanischen Zweifler der Hang zu Forschung (zu »Grübeleien«, wie Jovian schilt), die er weder teilt noch beneidet. »Was ich dir bin«, meinte er neulich treuherzig, mir die Hand reichend, »kann dir kein andrer sein. Und was dir Serapion ist – nicht Jovian.« So vertragen wir uns alle drei ganz prächtig. Serapion empfindet – nur allzu überschwänglich! – mir gegenüber die Schuld des geretteten Lebens. Oft kommt er darauf zurück! Er verlangt immer und immer wieder, mir zu danken. Neulich nun nahm ich ihn beim Wort. Ich müßte ihn ... (streng genommen: denn er ist, wenn nicht mein vornehmster, mein wichtigster Gefangener), ich müßte ihn wie jenen Chnodomar dem Imperator einsenden. Selbstverständlich tu ich es nicht. Denn entdeckt man dort am Hofe dieses Mannes hervorragende Bedeutung, so hilft ihm meine Fürsprache recht wenig: Sie schadet ihm nur – er verschwindet! Andrerseits kann ich ihn nicht frei zu den Seinen entlassen, wie er wohl wünschte. Denn er selbst räumt ein, dann werde er wieder fortgerissen werden zu dem Kampf gegen uns, den er für notwendig hält, nicht für Übermut seiner Stammgenossen. Wir sannen lange hin und her, wir stritten, wir suchten gemeinsam nach einem Ausweg. Denn diesen Mann von seinem Volke losreißen für immer, ihn ganz zum römischen Waffendienst verpflichten wie viele tausend andrer Germanen – das ist unmöglich: Ich seh es ein. Endlich kam er eines Tages – an dem ersten, da er das Lager verlassen konnte – zu mir und sprach: »Laß uns einen Vertrag schließen. Und dieser Jovian hier« – er brachte ihn mit – »soll dein Bürge sein: Du oder dein Imperator, ihr könntet mich ja töten. Ich bin als kriegsgefangen euer Sklave. Ich schulde dir also etwas für das geschenkte Leben. Wohlan: Ich verspreche, solang du Gallien verteidigst, o Julian, nicht gegen euch zu kämpfen. Ja ich will dir überallhin folgen, dir dienen mit Rat und Schwert – aber nicht gegen Germanen.« »Oho!« sagte ich lächelnd, »du gehst noch weiter als Berung.« – »Versteh mich recht. Es mag die Zeit kommen, da wir Franken wieder mit Alemannen oder Sachsen ringen müssen.« – »Um was?« – »Um Gallien.« – »Nicht übel! Um mein Gallien.« – »Ebendeshalb. – Vor allem muß es euch abgenommen sein; dann mag das Schwert über eure Erbschaft entscheiden! Aber das hat, furcht ich, noch gute Wege. Und – ich schmeichle keinem, auch dir nicht, eitler, lobdurstiger Freund –, aber solange du Gallien verteidigst – ich hab es gelernt! –, ist für die Meinen keine Hoffnung. Ruft jedoch dich – gegen den ich nicht fechten kann, darf, will, der Imperator ab ...« – »Oder der Tod«, fiel ich ein ... – »Dann will ich, muß ich meinem Volke wieder Führer sein auf seinem notwendigen Wege: dem nach Gallien. Schließ ab, o Freund Julian, unter dieser Bedingung. Denn wisse wohl: Unter keiner andern kannst du mich halten. Du hast erklärt, du kannst es nicht verantworten, mich freizugeben: Wohlan, ich gab dir mein Wort, nicht zu entfliehen zu den Meinigen. Aber wenn ich nicht weiß, ich darf dereinst wieder für mein Volk kämpfen, dann kann ich – du weißt, Julian, ich brauche nie leere Worte! – aber dann werd ich das Leben – als dein Gefangener! –, nicht ertragen. Nicht nur die Franken sind frei: auch die Toten.« Und so furchtbar ernst meinte er es (ich sah's den abgrundtiefen hellgrauen Augen an; sonderbare Augen haben sie zuweilen, diese Germanen!) – und so krampfhaft zuckte seine Hand nach dem Griff des Dolches, daß ich im tiefsten Herzen erschrak und, eifrig einschlagend, den Vertrag schloß, wie er ihn verlangte. Jovian war Zeuge und Bürge. »Überschwenglichkeiten«, brummte er. »Ich hätt's nicht getan als Cäsar. Nicht aus Eifersucht red ich so. Aus Vorsicht. Denn das ist der gefährlichste Barbar, den ich je gesehen.« – »Das geb ich zu. Aber was tun? Ihn dem Augustus ausliefern, das verbietet die Freundschaft. Ihn freigeben, das verbietet die Pflicht gegen das Reich. Und auch die Selbstsucht redet mit: Ich kann die teuere Gewohnheit dieses Umgangs nicht aufgeben, dieses von mir und von allen Hellenen und Römern so grundverschiedenen Geistes nicht mehr entraten. Dieser Salier, an Bildung und Wissen und Denkfertigkeit mir gleich, an Lebensreife und Lebenserfahrung mir weit überlegen, an Geist und Begabung mir ebenbürtig (vielleicht in Wahrheit sogar überlegen; aber das einzugestehen sträubt sich die liebe Selbstgefälligkeit doch noch lebhaft!), er zwingt mich durch seine ganz eigenartige Denkweise, durch seinen kühnen Zweifel, der vor den Philosophemen – auch vor denen des unvergleichlichen Plotinus und Maximus! – so wenig die Waffe senkt wie vor Moses oder dem Galiläer oder deinen holden Fabelgöttern –, er nötigt mich, Sätze neu zu prüfen und gegen seinen Widerspruch zu verteidigen, zu beweisen, die mir als längst bewiesen galten, die er aber mit seiner grundstürzenden Bezweiflung erbarmungslos lächelnd über den Haufen wirft. Nein, schon um diesen außerordentlichen Geist dem Dienste meines Gottes zu gewinnen, darf ich ihn nicht aus meiner Nähe lassen. Jovian freilich meint kopfschüttelnd: »An dem verliert ihr beide, dein Gott und du, das Spiel. Ich verstehe dich bloß nicht. Habe auch kein Bedürfnis danach, ich möchte viel lieber etwas glauben können! Der aber versteht und – widerlegt dich.« So seltsame Gespräche führen im Feldlager am barbarisch gewordnen Rhein, den ich erst wieder römisch mache, ein Cäsar, ein gefangener Barbar und ein römischer Kriegstribun. Sechsundzwanzigstes Kapitel Fürchte nicht, o Mann der Götter und der friedlichen Weisheit, ich werde dich ermüden durch gleich ausführliche Berichte über meine auf den großen Tag von Straßburg folgenden Kriegstaten. Den genauen für einen Kriegsmann berechneten Bericht erhält mein wackerer Ammian, für meine Unsterblichkeit zu sorgen: Du sollst nur das Wichtigste vernehmen. Gleich nach dem Sieg entließ ich jene Gesandten, die so hochfertiger Botschaft Träger gewesen. Sie staunten nicht wenig über den eingetretenen Umschwung und schalten nicht leise über meine Verletzung des Völkerrechts! Allein sie kennen den Namen des Gottes nicht, den sie anrufen müßten, mich zu strafen: Mars des Rächers. Und gegen ihre germanischen Götter, deren schrecklich barbarisch klingende Namen sie im Munde führen, schützt mich mein Herr, der unbesiegte Helios. Jene Götter mögen ja leben, aber es sind höchstens Dämonen, dem Lichtgott zum Dienste geordnet. Ich darf nicht (ach ich darf noch immer nicht!) zu Helena fliegen, mir den süßesten Dank (viel wertvoller als den Lorbeer!) zu holen in ihren Armen. Aber dies Eisen des Sieges, das so heiß ist, muß geschmiedet werden. Ich muß über den Rhein! Noch auf dem blutigen Schlachtfeld faßte ich den Entschluß: Vielmehr ich hatte ihn – für den Fall des Siegs – schon vorher gefaßt. Wie der große Cäsar nach Vernichtung Ariovists und seiner Sueben den Glanz und den Schrecken der römischen Waffen über jenen Strom trug, so muß auch sein kleiner (obwohl ich mir einbilde, mein Germanensieg ist nicht geringwertiger als der seine) Namensvetter tun. Freilich, ein bittrer Schmerz drängt sich auf bei dem Vergleich: Er trug die Adler in ein von uns nie betretenes Land. Ich mache einen Besuch in einem Gebiet, das fast drei Jahrhunderte hindurch von uns beherrscht war! Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf (so verwegen sie scheint!), die Herrschaft Roms wieder auszudehnen bis an den alten Limes, den wir erst vor hundert Jahren eingebüßt. Serapio freilich lächelt seltsam bei solchen Reden. Er versprach mir, seinen Zweifel, seinen Widerspruch auch gegen diesen Plan meiner Träume, wie er sagt, eingehend zu begründen. Ich bin gespannt. Aber gespannt bin ich auch, wie es wohl jenseits des gewaltigen Stromes aussehen mag, der breit wie ein See hinflutet. Wer mir in jenem Kloster gesagt hätte, ich würde je den Rhein im Rücken haben!   Ich stehe auf dem rechten Ufer des Rheins. Ich besetzte gleich nach dem Siege Straßburg aufs neue, zog von da auf Mainz und überschritt hier den Strom auf Schiffsbrücken. Es ist vielleicht schmeichelhaft für den Cäsar (und deshalb wohl schreibt er es hier!), aber wenig rühmlich und wenig Zukunftvertrauen erweckend für das Heer und das Reich der Römer, daß ich nicht den Obergang einfach befehlen konnte. Vielmehr meldeten meine Unterführer, der Widerwille meines Heeres gegen den Rheinübergang sei so stark, die Abneigung, die Germanen (trotz des eben erfochtenen Sieges!) drüben in ihren Wäldern aufzusuchen, so heftig, daß ich offne Meuterei zu befürchten habe, beschränke ich mich auf den bloßen Befehl. Und wohlverstanden: Das sind Römer! Denn die batavischen Hilfsscharen verlangten gleich nach der Schlacht, entlassen zu werden. Drei ihrer vier Könige sind gefallen, der vierte, schwer verwundet, führt die Leute heim, die seltsamerweise an dem Siege keine rechte Freude haben. Sie umringten den gefangenen Serapio, wo sie ihn fanden im Lager, und sagten ihm in meiner Gegenwart, sie hätten viel lieber unter ihm als unter ihren Königen gegen ihn gefochten! Jene Könige hätten sie überredet, fortgerissen: In ihrem Fall erblickten sie die Entscheidung der Götter. Wahrlich, ich fürchte, ließe ich Serapio frei, die verwaisten Gaue der Bataver wählten ihn sofort zu ihrem König. Drum soll er hübsch bei mir bleiben. Es ist mir lieber, er schlägt und löst auf meine Beweise und Schlüsse als meine Cornuti und Braccati.   Also auf dem rechten Rheinufer! Ein stolzes Gefühl. (Ach wie traurig, daß ein Cäsar darauf stolz sein darf!) Aber nur durch Bitten und Schmeichelreden brachte ich die Truppen dahin, mir zu folgen. Sie entblödeten sich nicht, mir in das Gesicht zu sagen (und sie meinten wohl gar dabei, das müsse mich freuen und ehren!), nur mir, meiner Person zuliebe, weil ich mich ihrer wie ein Bruder annehme, und aus Freude und Stolz auf den großen Sieg, täten sie nach meinem Wunsch. Und auf meine unwillige Entgegnung, meine Erinnerung an ihren Eid, erwiderten sie lachend: »Ach, Eid! Wir wissen gar nicht mehr, bei welchen Göttern wir geschworen haben, ob bei Jupiter und Mars und dem Genius des Imperators oder bei dem Gekreuzigten. Und um viel kleinerer Ursach willen als ein Rheinübergang und ein Zug in die Schrecken der germanischen Wälder hat schon gar manches Heer in der letzten Zeit seinen Feldherrn erschlagen, einen gefügigeren gewählt und ihn wohl auch zum Imperator ausgerufen – was du ja verschmähst.« Da verstummte ich und war froh, daß sie mir überhaupt über den Rhein folgten! Die Gaue der Alemannen, in welche wir zunächst eindrangen, waren äußerst überrascht und erzürnt, daß ich sie feindlich behandle. Sie erklärten mir durch Gesandte, sie hätten sich jenen sieben Königen nicht angeschlossen gehabt. (Wie kann ich das wissen? Soll ich die Verfassungen dieser Barbaren erforschen?) Jetzt habe aber mein Angriff auch die bisher Friedlichen gegen uns entrüstet, und alle Nachbargaue seien zur Abwehr bereit. Ich gestehe, das war bei meiner geringen Macht keine erfreuliche Aussicht. Ich hatte auch nicht viel Erfolg. Zwar drang ich etwa noch vier Stunden landeinwärts vor, ließ auch den Rhein entlang stromaufwärts und stromabwärts zur Nacht auf Booten Streifscharen landen, die alles verheerten und verbrannten. Doch gelang es nicht, die in ihre Wälder entweichenden Barbaren zu erreichen. Im Gegenteil! Beinahe hätten sie mich erwischt! Ich erzähle dir das kleine Abenteuer, das ja gut ablief, weil dir der Hergang zeigen mag, wie so ganz ich die Herzen meiner Leute gewonnen habe: trotz ihrer Zuchtlosigkeit, ihres Ungehorsams. Totschlagen lassen sie sich willig für mich, nur gehorchen wollen sie mir nicht! Ich ritt – es ging gegen die Dämmerung, die Vögel sangen ihr Abendlied – meiner Vorhut ziemlich weit voraus, von wenigen Leibwächtern begleitet, über die Wiese, hart am Saum des Waldes hin. Die nächsten Truppen hinter mir waren germanische Söldner (leider meine besten Leute!), aber auch ein paar Griechen und Römer darunter, eine besondere Schar erlesenen Fußvolks. Plötzlich sprang aus dem dichten Gebüsch, aus dem dunkeln Unterholz des Waldes, ein Rudel der Barbaren und drang mit wildem Ungestüm auf mich ein, aber schweigend, ohne ihr sonst so beliebtes Kampfgebrüll zu erheben, um nicht dadurch meine nächsten Truppen heranzurufen. Ich geriet in heiße Gefahr. Sie hatten mich erkannt oder doch an der reichen Rüstung einen der obersten Führer erraten, und suchten sich unabschüttelbar Bahn zu mir zu brechen durch die Reihen meiner Leibwächter. Schon waren mehrere von diesen gestürzt. Da erkannten meine starke Bedrängnis vier junge Krieger von jener mir von weitem folgenden Schar: Centurionen und Rottenführer: ein Grieche, ein Friese, ein Markomanne und ein Quade. »Das Kleeblatt«, nennt man im Lager die Unzertrennlichen, die jeden Kampf, jede Rast und jedes Gelage zu teilen pflegen. Der flaumbärtige blonde Friese sah's zuerst, rannte den andern voran und sprang an meine Seite: »Zu Hilfe, Gárizo!« schrie er. »Halte ihm den Schild vor, Ekkard! Rasch, Hippokrenikos, nieder den Kecken da links!« – »Komme schon, Sigiboto, mein Bub!« erwiderte Gárizo, der breite Markomanne. – »Bin schon da!« rief der Quade Ekkard. – »Da liegt er schon, der lange Lümmel!« frohlockte der Grieche, die dunkelbraunen Locken schüttelnd. Und noch ein paar Hiebe der Wackeren, und die Feinde flohen in den Wald zurück. »Dank euch, meine Freunde!« rief ich vom Roß herab. »Dank? Dreimal sterben wir für dich!« scholl es zurück. Und ich glaub es ihnen aufs Wort. Ihr ganzer Lohn bestand darin, daß ich sie, als wir nun bald Lager schlugen, zum Nachtmahl in mein Zelt lud und sie aus meinem eignen Becher den feinsten Massiker trinken ließ, den ich mitführte. Ich hätte sie gekränkt durch Geldgeschenke. Aber dieses »Kleeblatts« bin ich nun noch sicherer als zuvor. Siebenundzwanzigstes Kapitel Wie staunte ich, als ich am folgenden Tage die ersten alemannischen Dörfer erreichte! Das sind nicht mehr die rohen Blockhäuser, die Holzhütten aus übereinandergeschichteten Baumstämmen, wie Tacitus und die andern sie schildern: nein, nach römischer Bauweise, aus Stein aufgeführt, neben alten römischen Villen und offenbar nach deren Vorbild zierlich errichtet und ausgeschmückt. Immer mehr setzen sie mich in Verwunderung, diese Barbaren. Sollten sie am Ende doch fähig sein – nicht nur erlesene einzelne wie Serapio – nein, die Menge des Volkes, sich Stücke unsrer Bildung anzueignen? Nicht bloß in unsrem Land, in unsrem Waffendienst, nein, bei sich zu Hause? Das wäre ja wie das Auftauchen einer ganz neuen Welt neben uns! Ich mag's nicht glauben! Ich versuchte, tiefer einzudringen, aber ich ward zurückgewiesen, nicht von einem Heer – von dem Wald der Germanen. Wir gelangten an einem nebelnassen, regnerischen Tage bei grimmiger Kälte, es ist doch ein greulicher Himmel über dieses barbarische Land gespannt! – auf schlechten Wegen vor einen sumpfigen, finsteren Wald. Ich gestehe: Er flößte mir Grauen ein, dieser erste germanische Urwald, den ich zu sehen bekam. Lange hielt ich zaudernd an. Ein paar Gefangene, in jenen Dörfern überrascht, sagten uns, der ganze Wald wimmle von den Kriegern der Barbaren: In unterirdischen Gängen und Höhlen, in vielverzweigten Waldgräben lägen ihre Scharen versteckt, bereit, an günstiger Stelle vorzubrechen. Meine Leute stutzten: Sie wollten mir nicht in den Wald hinein. Mit Mühe bewog ich sie endlich, einzudringen. Aber alsbald fanden wir die wenigen schmalen Pfade, die durch das undurchdringliche Gestrüpp, die seltnen Furten, die durch die abgrundtiefen schwarzen Sumpfwasser führten, gesperrt durch ungeheure Verhacke und Verhaue, bestehend in gewaltigen Stämmen von Eichen, Eschen, Tannen; und oben, in den Wipfeln der umstehenden Bäume, kaum sichtbar im Dunkel des Waldes, nisteten versteckt zahllose Bogen- und Speerschützen, die wie vom Himmel herunter Pfeile und Lanzen auf uns hageln ließen. Ich befahl den Rückzug: Meine Leute wollten nicht weiter hinein in das Undurchschaubare. Als ich es nach der Heimkehr Serapio, der in Mainz zurückgeblieben war, erzählte, lächelte er so eigen und meinte: »Der Wald hat wieder einmal seine Söhne gerettet, wie schon so oft seit den Tagen des großen Cäsar. Es macht dir keine Schande, daß du wichest vor dem Germanenwald – wie er.« Übrigens stellte ich ein altes Kastell Trajans, östlich von Mainz, am linken Ufer des Mainflusses, wieder her, und legte Besatzung hinein. Zum erstenmal wieder seit so langer Zeit eine römische Feste auf dem rechten Ufer des Rheines! Lassen mir mein Gott und mein Imperator noch einige Jahre das Leben und Gallien, so stelle ich all unsre Zwingburgen da drüben wieder her. Nun aber kehrte ich – schon bedeckte Schnee die fernen Höhen – nach Mainz zurück, Serapion ein längst gegebenes Versprechen zu erfüllen. Alsbald nachdem ihn das Wundfieber verlassen, hatte er mit meiner Erlaubnis Boten an seinen greisen Vater, König Nebisgast, nach der batavischen Insel abgesandt, ihm zu berichten, der Sohn lebe und sei in guten Händen. Die Boten kehrten nicht zurück: vielleicht abgefangen von feindlichen Batavern. Da gelobte ich dem Freund, ihn so bald als tunlich selbst in die Heimat, zu dem Vater zu führen. Verlangt es doch auch das Reich, daß ich jenen Teil der Franken kennenlerne und uns dauernd verbinde. So segelte ich denn von Mainz aus mit Serapio und geringer Schar den Rhein hinab, landete auf der Nordspitze des batavischen Eilands und erreichte alsbald den Gau des alten Königs, der keinen Widerstand leisten konnte. Sein Sohn und das Aufgebot seines Gaues waren ja gefangen, gefallen, zersprengt. Er lud mich durch Gesandte in seine Königshalle. Einfach genug ist sie, und nur, weil es die Heimat ist, kann ein Serapio diese braunen, rauchverdunkelten Eichenstämme einem römischen Marmorpalatium vorziehen. Ich hatte den Sohn gebeten, mir eine Freude nicht zu verderben, die ich mir für mein Gemüt ausgesonnen hatte; keine Nachricht über Serapios Geschick war an den alten König gelangt. Als ich nun den Saal des schlichten Gehöfts betrat, ergriff es mich tief in der Seele, wie der alte Mann in silberweißem langem Gelock, wie es ihre Könige tragen, mir entgegentrat, gastfreundlich zwar, die Schale Weins mir reichend, aber in würdevoller, echt königlicher Haltung, das Haupt stolz aufrecht, obwohl das edle Antlitz die Züge tiefer Trauer trug. Ich trank ihm zu, versicherte ihn des Friedens, um den er bat, verlangte aber Geiseln für die Einhaltung des Vertrages: nämlich drei Edelinge seines Gaues. Seufzend erwiderte der Alte, so viele würden wohl noch übrig sein nach ihren blutigen Verlusten, und er werde nach ihnen senden. »Gut«, fuhr ich fort, und es ward mir schwer, gegenüber dem ehrwürdigen Alten die Rolle der Verstellung durchzuführen. »Aber das kann mir nicht genügen. Ich weiß, wer Schuld daran trug, daß dein Gau« (allein unter denen deines Volkes) »gegen uns kämpfte. Du hast einen Sohn, sagt man, einen einzigen. Das soll ein hervorragender Held sein.« Da zuckte es über das alte Gesicht, daß ich beinahe nicht fortfahren konnte. Aber ich nahm mich zusammen und fügte bei: »Jedoch auch sehr gefährlich, unser schlimmster Feind. Den Frieden kann ich nur gewähren, stellt König Nebisgast auch seinen Sohn als Geisel.« Da brach der Greis in wildes Schluchzen aus; er hob die beiden zitternden Hände gegen mich empor und klagte: »O Cäsar Julian – laß ab von dieser Forderung! Ach, die Götter wissen es, ich kann sie nicht erfüllen! Nimm mich gefangen, töte mich! Wohl hatte ich einen Sohn, von Wodans Geist durchweht, edel und stolz und stark und kühn! Ach! Ich habe ihn nicht mehr, meinen Merowech. In jenem grausen Würgen deines Sieges sahen ihn die Seinen blutend vom Rosse stürzen: Er ist gefallen! Schon lange liegt er bestattet auf jenem blutigen Feld.« Da hielt ich mich nicht mehr: Ich faßte des Alten zitternde Hände und rief, selbst in Tränen ausbrechend: »Du irrst, König! Er lebt, dein Sohn! Hier steht er vor der Türe deiner Halle. Schon liegt er an deiner Brust!« Und ich ging hinaus und nahm meine Begleiter mit und ließ sie allein, den Vater und den Sohn. So hat noch nie das Auge eines Menschen mir geleuchtet wie dieses greisen Vaters Blick, als ich nach geraumer Weile wieder eintrat. Serapio mag mich wohl über Gebühr gelobt haben. Beim Abschied versprach ich dem Alten, der Sohn solle, solang ich in Gallien bleibe und unser Vertrag also in Kraft bestehe, jedes Jahr den Vater besuchen dürfen. Ruft mich der Tod oder der Imperator (oder dieser durch jenen) ab, ist Serapio ohnehin frei. Du wirst es kindlich schelten, o Lysias, aber der Augenblick, da ich diesem herrlichen Vater diesen herrlichen Sohn in die Arme führen konnte – er zählt zu den schönsten meines Lebens. Beglücken können – oh, wie herrlich ist's! Darin den Göttern nacheifern, wie schön! Achtundzwanzigstes Kapitel Ich schreibe dies (viele Wochen später) aus Paris. Lutetia Parisiorum heißt das kleine Nest, das, ursprünglich auf eine Insel der Seine beschränkt, allmählich auch auf beiden Ufern des Flusses einige Häuslein, ja auf dem Südufer sogar schon ein paar Straßen, erwachsen sah. Hier, auf dem Südufer, liegt auch das stattliche Palatium, das schon der Vater des großen Constantin erbaut hat mit allem Zubehör von warmen und kalten Bädern, umgeben von einem weiten hainartigen Garten; hart östlich zieht an dem Palast die große Legionenstraße vorbei, die auf zwei schmalen Holzbrücken vom Nordufer über die schmale Insel und auf das Südufer führt. Besonders sicher scheint sich aber der Herrscher nicht gefühlt zu haben in dem neuen Bau, denn er hat ihn mit hohen Mauern umgeben und den einzigen Zugang sowohl in den Vorhof wie in das Palatium selbst mit je einer starken Eisentüre gesperrt. Die Umgebung des Städtleins ist übrigens nicht ganz ohne Reiz. Mannigfach gewunden schlängelt sich der Strom, und ringsum rauschen dichte Wälder. Erbaut sind die Häuser aus einem weichen, leicht gestaltbaren Ton oder Lehm, der dann in der Luft rasch hart werden soll. Ich wählte das unansehnliche schmutzige Nest (andere gallische sind viel reicher!) zum Winterquartier, wegen der Sicherheit gegen Angriffe der Barbaren, die (noch immer!) im Land umherschwärmen. Die hochummauerte Inselfeste ist leicht zu verteidigen, auch mit geringer Mannschaft. Und dann wegen der Lage in der Nähe sowohl der Alemannen als der Franken, um im Frühjahr nach meiner Wahl jene oder diese rasch und überraschend angreifen zu können. Frech sind sie, diese freien Franken, sehr frech! Mitten im Winter wagte ein Haufen von tausend Mann Saliern einen Plünderungszug über Köln und Jülich bis Reims! Auf dem Rückweg von mir verfolgt, warfen sie sich in zwei unserer alten verlassenen Lagerschanzen an der Maas und wehrten sich hier vierundfünfzig Tage, bis sie der Hunger zur Ergebung zwang. Ihre Hoffnung war es gewesen, über den gefrornen Fluß zu entkommen: Aber ich ließ von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang ununterbrochen Kähne auf dem Flusse kreuzen, die Eisbildung zu verhindern. Wohl wollten meine Illyrier diesen seltsamen Dienst weigern, aber als ich selbst in eins der Boote sprang und so lang das Ruder führte, bis mir nach Mitternacht ein Ohr erfror, da schämten sie sich und gehorchten. Was so ein Cäsar nicht alles lernen, ein Philosoph nicht alles verrichten muß! Wer mir in Nikomedia vom Rudern in Eiswasser gesprochen hätte! Aber auch wer mir im Kloster Hagion von dem Glücke gesprochen hätte, das ich jetzt in den Armen meiner Helena finde! O Lysias, du mußt, du mußt endlich zu mir kommen, schon um Zeuge solchen Glücks zu sein. Wie kann ein Mann jemals ein Weib nach dem ersten Weibe lieben? Lieben – das ist Ewigkeit! Das ist eine Gnade, die Aphrodite Urania einmal gewährt und nicht wieder. Hätte ich das unsagbare Unglück, Helena zu überleben – nie könnte ich doch ein ander Weib berühren. Schon der Gedanke daran läßt mich erschauern. Du errätst aus diesen glühenden Worten, daß wir vereinigt sind. Ja, ich habe Freund Serapio den vertrauensreichen Ehrenauftrag erteilt, meine Gattin – mit gehöriger Bedeckung – zu Vienne abzuholen und sicher nach Paris zu geleiten, wo sie in dem kleinen Palatium ganz gut untergebracht ist. Ich ließ den vorgefundenen hübschen Garten – (immergrüne Sträucher, ferner Reben und sogar Feigen, wenn mit Stroh zugedeckt, erfrieren sie hier nicht im Winter) – noch erweitern, ich stellte die verfallene Wasserleitung und die Wärmeleitung für die Bäder her. Mein liebes, nur allzu zartes Weib wird, denk ich, einen Winter in dieser barbarischen Stadt der Pariser doch ohne allzuviel Beschwerden überdauern. Schöne Götterbilder aus Marmor und Erz stehen zahlreich im Garten um uns her. Die fromme Verfolgung hat diesen abgelegenen Seinewinkel noch nicht durchstöbert. Merkwürdig ist, wie meine scheue Frau, die sich vor Männern ängstlich in sich zusammenschließt, für diesen Bataver so offen, so mitteilsam ist. Er erweckt Vertrauen, das ist wahr. Und die Hauptsache ist: Sie hat die Ahnung für das Reine in dem Mann. Ich bin überzeugt, dieser kraftstrotzende Germane mit seinen dreiunddreißig Jahren, von denen er mehr als die Hälfte in dem Pfuhl der Laster, das heißt (abgesehen vom Kloster Hagion) in den größten Städten unseres Reichs verlebt hat, ist so keusch wie ich. Sie fühlt das. Sie hält viel auf ihn. Neulich vor dem Einschlafen sprach sie zu mir: »Nicht wahr, der Franke hat versprochen, nie mehr gegen dich zu kämpfen? Oh, das ist eine große Beruhigung.« »Glaubst du, er ist mir überlegen?« fragte ich, nicht ohne leisen Groll. »Das nicht. Aber er ist soviel ruhiger, in sich geschlossener als du! Du ... du bist – Jovian sagte es gestern – du bist zu geistreich.« Hm, kann man wirklich auch allzu geistreich sein?   O mein Lehrer, was ist die wichtigste, die unentbehrlichste Eigenschaft für einen Cäsar; wenigstens für einen Cäsar des Constantius? Nicht Geist; wahrlich, die geistloseste der Tugenden: die Geduld! Fünf Monate sind nun verstrichen seit jenem heißen Augusttag, daß ich auf irgendein Wort der Anerkennung wartete von dem Imperator; du wirst es verzeihlich finden. Bis heute kam noch keins. Ich mußte aber schon wiederholt – (zu seinem Geburtstag und zum Tag seines Regierungsantritts) – Lobreden auf Constantius verfassen, und bevor ich sie sprechen durfte, die Handschrift einsenden zur Prüfung, ob er auch genug darin gelobt sei. Nein, es sei nicht genug, schrieb mir, sie zurücksendend, ein Hofeunuch, ein echter Professor der Schmeichelkunst. Und er bemerkte am Rande, ich habe ja vergessen, zu rühmen, daß der Augustus niemals öffentlich sich die Nase schneuze, noch ausspucke, und daß er nie vor dem Volk anderswohin als geradeaus blicke, und daß er nie lache, ausgenommen »ein heiliges Lächeln«, über Kirchenbauten. Und dabei schreibt mir Ammian – vorsichtig, in Geheimschrift: »Er ist schrecklicher als Caligula, Domitian und Commodus.« Und den muß ich loben, lobe ich. Ach! Wird es mir zu ekelhaft, schreibe ich mitten hinein in die Rede einige Hexameter aus der Ilias, die sind immer und überall schön! (Vierzehn Tage später) Eine Freude, Lysias, eine Freude, fast so stolz wie der Sieg bei Straßburg selbst! Ammian, der wackere, wünscht mir Glück und schickt mir (in Abschrift wenigstens eines Satzes), was er über mich und meine Siege in sein Geschichtswerk aufnehmen wird: »Nicht aus dem Kriegszelt, aus den stillen Schatten der Akademie plötzlich auf das Schlachtfeld gerissen, hat dieser Jüngling die Germanen niedergeworfen, den Rhein gebändigt und der kampfschnaubenden Könige Blut vergossen oder sie in Ketten geschlagen.« Horch, das klingt wie Tubaton der Weltgeschichte, der Unsterblichkeit! Gierig saug ich's ein ...!   (Zwanzig Tage später) Aber er, der Imperator, mein Schwager, für den ich die Schlacht und Gallien gewann? Noch immer nicht ein Wort! Dankbarkeit ist nicht die Schwäche der Herrscher. Im Gegenteil. Was meldet Philippus vom Hofe? »Das Siegerlein« nennen mich spöttisch die Eunuchen, weil ich nun wirklich, sooft ich ihm schrieb, von Siegen zu melden hatte. Ja viel Ärgeres! Während Constantius in dieser Zeit recht mäßige Erfolge gegen Sarmaten am Ister davontrug; was tat er? In den amtlichen Berichten, die er nach seiner Rückkehr aus dem Palatium zu Mailand in alle Provinzen entsendet – (von Lorbeerzweigen sind die Rollen umwunden, welche die Statthalter in den Provinzhauptstädten öffentlich verlesen müssen!) –, lügt er amtlich. Er habe, Er in Person, ein Heer der Perser am Tigris geschlagen – (er war an jenem Tage zu Byzanz!). Er habe in der vordersten Reihe gefochten, er habe den um Gnade flehenden König der Armenier von seinem Fußfall erhoben. Ja, in unser Lager zu Paris gelangte (durch Versehen) ein Bericht, für andere Heere und Provinzen bestimmt – (ich hätte aber dann die Verbreitung nicht verhindern dürfen bei Todesstrafe, so lächerlich er den Herrscher machte) –: Er, Constantius, habe unsere Aufstellung bei Straßburg geordnet. Er sei unter den Cornuti gestanden, Er habe die Reiter der Barbaren kopfüber in die Flucht geschlagen, Ihm sei am Abend der Schlacht der gefangene Chnodomar vorgeführt worden. Vierzig Tagereisen war Constantius an jenem Abend fern von Chnodomar! Ich kam dazu, wie die Cornuti in den Straßen von Paris und bei ihren Wachtfeuern jenseits der Seine die Primani diese Dinge sich vorlasen, unter solchen Schmähungen auf den »Lügenimperator«, unter solchen Verherrlichungen meiner, daß ich schleunigst den Soldatenmantel über dem Kopf zusammenschlug, davoneilte und die Lügenberichte unter der Hand an mich bringen ließ, sie nach Mailand zurückzuschicken! Schon wieder schlug – vereinzelt – der wahnsinnige, der frevelschwere, der schreckliche Ruf an mein Ohr: »Matce, Juliane Imperator!« Das klingt wie Frohlocken der Furien über Eidbruch. Ach, Constantius ist schwer zu ertragen! Die Provinz Gallien von den Barbaren zu befreien ist mir gelungen. Jetzt muß ich sie aus ihrer tieferen Not erretten, aus ihrer Finanznot. Die Provinzialen verzweifeln. Und nun schickte mir der Augustus seinen Geheimschreiber Gaudentius als »außerordentlichen Oberfinanzverwalter«, um die neugewonnene Provinz neu zu besteuern! Dieser Blutsauger verlangte fortab verdoppelte Kopf- und Grundsteuer! Ich, der Feldherr, warf seine Rechnungen zornig auf den Boden und erklärte – ich, der Feldherr! –, ich brauche gar nicht soviel (Geld und) Soldaten, als er mir aufdrängen wolle. Das ist, glaub ich, neu in der Weltgeschichte. Darauf erhielt ich einen feierlichen Verweis vom Imperator – sein erstes Wort an mich seit Straßburg –, weil ich meine Zuständigkeit überschritten! Doch erreichte ich, daß mir die Provinz Belgica – gleichsam als Versuchsfeld – allein zur Steuererhebung überwiesen ward. Ich setzte die Kopfsteuer von vierundzwanzig auf sieben Goldstücke herab, und die Folge meines gerechten Verfahrens war, daß alle Steuern noch vor der Fälligkeit bezahlt wurden. Die Bürger von Beauvais widmeten mir einen goldnen Rebenkranz. Ich ließ ihn einschmelzen und den Erlös unter jenen Armen verteilen, die früher aus den nun geschlossenen Göttertempeln gespeist wurden. Neunundzwanzigstes Kapitel Ach! Ich bin so glücklich, Lysias! Was bedeutet die undankbare Mißgunst des Imperators gegenüber dem tiefen, herzbeseligenden Glück, das mir seine holde Schwester gewährt. Und der Verkehr mit einem Freunde wie dieser Serapio, mit dem ich alle Fragen der Weltweisheit durchstreiten kann! (Denn allerdings ist er fast in jeder anderer Meinung als ich!) Und das Vertrauen auf einen Freund wie diesen Jovian, auf dessen Pflichttreue ich fast mehr als auf die eigene bauen darf! (Denn er hat mehr Ruhe und Stete, obzwar weniger Begeisterung!) Und dann bleiben doch auch allnächtlich ein paar Stunden für die geliebten Bücher. Maximus und Libanius und Priscus senden mir bis hierher, bis in den Schnee dieser schmutzigen Kelteninsel von Paris, ihre Schriften. Der ganze Tag freilich und ein großer Teil der Nacht geht über den Geschäften, ach den Sorgen des Staates dahin. Aber ich brauche nur zwei Stunden Schlaf, wie auch Essen und Trinken mich nicht beschwert oder aufhält. Während des Mittagmahls – nicht eine halbe Stunde darf es währen – laß ich mir Plotin vorlesen. Aber Plotin löst nicht meine Hauptfrage: Soll ich die beiden unerläßlichen Feldzüge des nächsten Jahres erst beginnen, nachdem ich die Vorräte aus Südgallien bezogen? (Constantius verlangt nur Steuern, sendet aber weder Geld noch Korn!) Dann muß ich warten bis Anfang Juli! Und alle diese Völkerschaften der Alemannen und der Franken haben Zeit, zusammenzulaufen. Oder soll ich losschlagen, ohne die Vorräte abzuwarten? Dann muß ich es daraufhin wagen, das Heer durch Beute in Feindesland zu ernähren, denn auf mehr als zwanzig Tage kann ich dem Mann nicht Mundvorrat aufbürden. Ich schwanke, ich zweifle ...   Heute kam eine andere, ja die Lebensfrage für Gallien, für das ganze Abendland zur Entscheidung. Die Allermeisten – (und zweifellos die Besten!) – meiner Truppen sind germanische und keltische Söldner, dazu kommen Veteranen, eigentlich ausgediente Krieger jeder Abstammung, die für sich, für Weib und Kind, ein Gütchen in Gallien erhalten haben, das ihre Familien und etwa ein Knecht bebauen, während sie noch einige Monate Dienst leisten, aber vom Spätherbst bis Frühsommer zu ihren Penaten entlassen werden. Für fast alle diese Leute lief im vorigen Monat ihre Vertragszeit ab. Ohne sie bin ich wehrlos. Von den sechzehntausend Mann in ganz Gallien – nach neuen Aushebungen –, über die ich jetzt (nach Abzug der Bataver, die ihre Könige verloren haben) gebiete, sind zwölftausend solche Söldner oder freiwillig nach Vertrag noch dienende Veteranen. Wohlan, nun hatten sich alle diese meine Besten: Primani, Cornuti, Braccati, Petulantes, Schildner, alle germanischen und gallischen Söldner verständigt, in neue Dienstverträge nur einzutreten, wenn ich ihnen im Namen des Augustus versprach, daß sie nur zur Verteidigung Galliens verwendet, niemals aber über die Alpen nach Italien oder über die Pyrenäen nach Spanien oder gar in irgendeine entlegenere Provinz geführt werden würden. Das Verlangen ist voll begreiflich und voll begründet. Die Germanen unter ihnen wollen nach Ablauf ihrer Dienstzeit über den Rhein zu ihren Stammesgenossen. Diese Söldner fechten ohne weiteres wie gegen ihre germanischen Volksgenossen überhaupt, so meist auch gegen ihre eignen Stammesgenossen; und das wird ihnen von diesen selbst nicht verdacht. Keineswegs aber wollen sie in unserm Dienst für immer auf- und untergehn; haben sie unter unsern Fahnen Abenteuer, Genuß, Beute, Ruhm genug gewonnen, kehren sie zu den Ihrigen zurück. Nicht für immer wollen sie sich von der Heimat trennen, nicht durch die Alpen, die Meere, die Strudel unserer staatlichen Wirren den Rückweg in den Heimatgau sich versperren lassen. Schon gar mancher Germane ward so, von uns geschult, später ein desto gefährlicherer Führer der Seinen gegen uns. Von jenem Arminius, dem römischen Ritter, an und von Claudius Civilis, bis – unwillkürlich wollte ich schreiben: bis auf Merowech-Serapio, seinen späteren Urenkel. Der aber nicht nur, schon auch andere unvergleichlich Tieferstehende fangen an, in ihren Dienstverträgen den Kampf wenigstens gegen die eignen Stammesgenossen abzulehnen. Wenn das zunimmt ...? Die Kelten unter ihnen wollen ihr Gallien verteidigen, aber nicht verlassen, desgleichen die angesiedelten Veteranen, die ihr Gütlein und ihre Familien gegen die wilden germanischen Einfälle schützen, aber nicht dies Gallien räumen wollen, das ihnen wahre zweite Heimat geworden. Obgleich ich nun gar nicht anders konnte als ja sagen – (denn weder vermochte ich die Leute zu zwingen, zu bleiben, mit viertausend gegen zwölftausend, noch sie zu entbehren) –, versicherte ich mich doch, vorsichtig – (wie mich der Imperator hat werden lassen) – seiner ausdrücklichen urkundlichen Ermächtigung. Vor kurzem traf sie ein, mit dem Reichssiegel gesiegelt. Ich beschied nun die ganze Menge der Ausgedienten – (sofern sie aus den bedrohten Kastellen berufen werden konnten) – hierher nach Paris – (es kamen über zehntausend Mann) – und schloß den neuen Vertrag mit ihnen ab. Ich sage dir, das war eine gar feierliche Handlung, mit allen Formen des Rechts und gar manchen Götterglaubens gefestigt. Weit westlich von meinem kleinen Palatium, aber wie dieses südlich des Flusses, dehnt sich eine beträchtliche Ebene, deren Waldbestand großenteils beseitigt ist, Lehmgruben Platz zu machen. Hierher beschied ich die Scharen, nach ihren Kohorten geordnet. Es war ein heller, warmer Tag im März; schon flogen die ersten Falter. Die Sonne hatte schon seit Wochen den schnell geschmolzenen Boden getrocknet. Hell glitzerte sie an diesem Frühlingsmorgen auf die Waffen der Krieger. Das Herz im Leibe lachte mir; auch auf meiner bleichen Helena Wangen, die mich in offner Sänfte begleitete, riefen die Lenzlust, der Sonnenschein, der prächtige Anblick der mich mit Freudenrufen begrüßenden Scharen, ein flüchtig Rot. Ich ließ die Führer zu mir bescheiden, las ihnen das Schreiben des Augustus vor, zeigte ihnen seine Unterschrift, sein Siegel, ließ es ihnen durch Dolmetscher in das Keltische, dann in die Mundarten der Alemannen, Franken, Thüringer, Quaden, Markomannen, Sachsen und Friesen übersetzen. (Denn diese Germanen verstehen nicht oder nur schlecht untereinander ihre greulichen Mundarten, die wie das Gekrächze von Sumpfvögeln klingen.) Nachdem sie es verstanden (es mußte ihnen dreimal verlesen werden, das feierliche Versprechen, daß sie nie gegen ihren Willen aus Gallien könnten abbefehligt werden), forderte ich sie auf, nun dem Imperator aufs neue den Eid zu leisten, wie jeder wollte, auf ein Jahr oder auf mehrere. Das taten sie denn; ihre Führer sprachen ihnen die Schwurformel vor, und die Leute wiederholten sie auf griechisch, auf lateinisch – (die meisten) –, andere auf keltisch und in jenen unsprechbaren germanischen Sprachen. Sie schworen dann bei Christus, bei Zeus, bei Jupiter, bei den keltischen Göttern Hesus und Teutates und bei den – ganz unmöglich – benannten der Germanen. Das war nun recht lehrreich zu betrachten, und ich flüsterte meiner holden Helena zu: »Was mag Helios empfinden, sieht er und hört er mit an, wie diese Tausende statt nur bei seinem Namen, bei so vielen Dämonen und bei dem Galiläer Eide tun?« Aber es sollte für mich bei solch lehrhafter Betrachtung nicht bleiben. Als die Scharen die Eide geleistet hatten, traten ihre Führer wieder an mich heran, der ich mein Pferd schon wenden wollte. (Denn mich reute die vergeudete – »verschworene« möchte ich sagen; wie »vertrunkene«, »verspielte«, oder ist es doch zu gesucht? – Zeit, und mich rief es zu Plotin und Maximus.) Und sie sprachen ehrerbietig, aber bestimmt: »Wir haben geschworen; nun schwöre du.« Ich stutzte. Aber der Führer der Cornuti – (Bainobauds Nachfolger, ein Franke, Nevitta, ein ausgezeichneter Krieger) – sprach: »Dich kennen wir, o Cäsar. Wenig kennen wir den Imperator Constantius. Ich zweifle nicht gerade an seinem Wort ...« – »Schweig, Unseliger!« rief ich erschrocken. »Aber«, fuhr der Tollkühne fort, »wir wollen dein Wort: des Mannes, den wir kennen. Und da man unserem Worte, das wir Germanen immer halten, nicht geglaubt, uns Eide abverlangt hat, so verlangen auch wir Eide. Denn worttreuer und tapfrer als die Germanen ist kein Volk auf Erden.« (Diese Hochmütlinge! Wie das in den Kerlen steckt, altvererbt! Mir fiel der Bericht des Tacitus ein, nach welchem, fast mit den gleichen Worten, Gesandte der Friesen zu Rom unter Nero sprechen. Mein wackerer Nevitta hat gewiß nie Tacitus gelesen, und er braucht den gleichen Ausdruck wie jene Germanen vor dreihundert Jahren!) So blieb mir nichts übrig, als ihnen den Willen zu tun. Und so schwor ich denn – (wieder einmal!) – bei dem Galiläer und bei Zeus und Jupiter und bei allen verlangten Göttern der Kelten und Germanen. Ja, die Quaden und Markomannen rissen ihre Schwerter heraus, stießen sie mit den Griffen in die Erde und baten, ich möge eine Schwertspitze berühren und dabei schwören. Ich tat's. »Nun bist du«, riefen sie mit sonderbarem Vergnügen, »bist du im Falle des Eidbruches unsern Schwertern verfallen!« Diese Aussicht schien sie lebhaft zu erfreuen; mehr als mich! Darauf kamen Söldner aus dem Sachsen- und Friesenstamme von der Schar der Cornuti und meinten treuherzig – (einer ihrer Führer, Sigiboto, verdolmetschte es mir) –, sie verehrten mich seit dem Tage bei Straßburg so hoch, daß sie mich würdigten, ihr Blutsbruder zu werden; ich solle ihnen, wie sie mir, Blutsbrüderschaft schwören, indem wir unser Blut in Wein mischten und tränken. Ich dankte lebhaft für die Ehre. Welche Frechheit! Welche Überhebung dieser Barbaren! Als ich es entrüstet Serapio, der zu Hause geblieben war, erzählte, zuckte er die Achseln und sprach mit jenem seltsam stolzen Lächeln, dessen Grund ich noch nicht ergründet habe – (»Grund ergründen« ist hübsch, nicht?) –: »Das war ein Fehler, Julian. Du mußtest dir diese stahlharten Männer unlöslich verpflichten durch Eingehen auf ihren dich ehrenden Vorschlag.« – »Aber ...!« rief ich. »Ein Cäsar sein Blut mischen mit unebenbürtigen Barbaren? So meinst du, das ist dein Gedanke. Und dieser Gedanke ist, so hoffe ich – deine Torheit. Und diese deine Torheit, die Unterschätzung unserer Eigenart, ist – vielleicht – euer Verderben und unsere Rettung. Vielleicht, sage ich, denn erst der Ausgang wird es lehren. Wir beide werden's nicht erleben!« Und er verstummte, wie schon so oft, kam das Gespräch auf diese Fragen. Er verbirgt hier schwerwiegende Gedanken. Aber bei nächster Gelegenheit zwinge ich ihn, sie auszusprechen. Dreißigstes Kapitel Erst nach vielen Wochen komme ich wieder zu diesen Blättern. Ich faßte zu Paris von den beiden möglichen Entschlüssen den kühneren; abermals »non sine Dîs animosus infans« . Denn abermals erschien mir – (wie nun schon wiederholt!) – nach endlich gewonnenem Schlaf im Traum der Genius Roms und mahnte zu sofortigem Angriff. Mit Zweifeln war ich eingeschlafen, entschlossen wachte ich auf und befahl den Aufbruch, ohne das Eintreffen der Vorräte abzuwarten. Ich wandte mich zunächst gegen Gaue salischer Franken, die es gewagt hatten, auf altrömischem Boden, in Toxandria, sich niederzulassen, südlich der Waal, östlich der Scheide gegen die Maas hin. In Tongern trafen mich ihre Gesandten, die Frieden beantragten und versprachen, unter der einzigen Bedingung, daß wir sie in ihrer neuen Heimat beließen. Das ist eben das nicht zu Ertragende, das Abzuwehrende! Diese Barbaren beanspruchen, daß wir sie in dem von ihnen besetzten Land als heimatberechtigt anerkennen! Ich behielt diesmal ihre Gesandten nicht gefangen – (gar zu oft darf man den großen Cäsar nicht wiederholen!) –, aber ich hielt sie lange hin, versetzte sie in den Glauben, ich werde nicht weiter von Tongern aus vorrücken, und entließ sie reich beschenkt. Jedoch gleichzeitig, ihren langsamen Schritt überholend, griff ich – zu Schiff und mit der Reiterei – ihre Gaue an, lange bevor die Gesandten zu diesen gelangen konnten, und schlug sie wie ein Donnerkeil im Wettersturm zu Boden. Ich zwang einen Teil der Eingedrungenen, die Chamaven, zur Rückkehr über den Strom. Jedoch nun erlebte ich ein hoch Wunderbares mit den übrigen in unser Land gedrungenen Franken salischen Namens. Als ich auch von ihnen« Räumung unseres Gebietes verlangte, erklärten ihre Gesandten, sie könnten das nicht! Denn nicht freiwillig, gezwungen hätten sie ihre alten Sitze verlassen und sich auf unserem Boden eine neue Heimat gesucht. Sie könnten nicht zurück, sie müßten leben oder sterben, wo sie ständen, sie seien aus ihrem alten Lande verdrängt von anderen Germanen, den dem Sachsenstamm angehörigen Chauken. Die Männer sprachen in so offenbarem Ernst, und ihre Worte erinnerten so lebhaft an manchen Gedanken, den Serapio früher kurz angedeutet hatte, daß ich nicht einfach zur Gewalt greifen wollte – (verzweifelt entschlossen sahen diese Leute aus) –, sondern sie auf meine spätere Entscheidung verwies. Ich wollte Serapio, der, unbewaffnet, mich begleitet, befragen. Am Abend beschied ich ihn und Jovian in mein Zelt zu einer Unterredung. Die ward eine der inhaltsschwersten meines Lebens. Ich begann, nachdem die Sklaven den nie üppigen Schmaus des Cäsars hinausgetragen, ziemlich gereizt gegen Freund Serapio: »Ihr wißt euch soviel, ihr Germanen, mit eurer Treue! Und doch muß ich sagen: Ich kenne in der ganzen Geschichte Roms kein Volk, das uns so unzählige Male die Verträge gebrochen hat wie ihr Germanen.« Da wurde der Ausdruck von Serapios Antlitz noch schärfer, noch ernster als gewöhnlich. Er richtete sich hoch auf und sah mir durchdringend in die Augen. »Ist es doch so!« fuhr ich fort. »Seit Drusus und Germanicus, seit länger als dreihundert Jahren: Immer und immer wieder brecht ihr die so oft errichteten Friedensverträge. Offenbar ist es echt barbarische Abenteuer- und Beutelust, vor allem aber – (denn ich will dich nicht verletzen) – jene Lust am Kampf als solchem, also das ›Heldenhafte‹, wie du's nennst, was euch, nach unzähligen blutigen Erfahrungen, immer und immer wieder über unsere Grenzen und in die Schwerter unserer Legionen treibt. Soll das denn niemals enden? Wenn ich dich heute freiließe, würdest du abermals versuchen, dein Volk zum Kampfe gegen uns fortzureißen?« Serapio schwieg geraume Weile. Dann entgegnete er langsam, fast feierlich: »Cäsar Julian, es ist wohl besser, wir verschieben dies Gespräch.« – »Warum?« – »Weil du vielleicht noch nicht reif bist, die Wahrheit hierüber zu erfassen. Und noch nicht fähig, sie zu ertragen.« – »Germane!« – »Siehst du? Schon wirst du heftig, noch ehe du die Wahrheit gehört hast.« – »Vergib! Meine Ruhe soll dir beweisen, daß ich für deine Wahrheiten reif bin. Sprich!« – »Du willst es, so sei's. Merke dir den Tag, Cäsar. Es sind die Iden des Junimonds.« – »Das trifft sich gut. Ein Freund – Philippus – hat in den Sternen gelesen, die Iden werden für mich wiederholt ein wichtiger Tag sein.« – »Mir ist lieb, daß dieser Jovianus da zuhört. Er ist gerechter, weil er ruhiger als du. Er soll Richter sein zwischen uns. Obwohl ein Römer, ist er nicht ungerecht.« – »Ich danke«, mußte ich lächeln. »Wir sind das größte Rechtsvolk der Welt.« – »Recht und Gerechtigkeit sind oft zweierlei. – Nun, Freund und Cäsar, höre. Ihr Römer seid das großartigste und das scheußlichste Volk der Weltgeschichte.« Ich fuhr auf. Jovian drückte mich leise nieder. »Das großartigste: durch folgestrengstes Streben nach Macht. Das scheußlichste: durch maßlose Selbstsucht hierbei. ›Verteidigung durch den Angriff‹, das ist euer fürchterlicher Grundsatz, der euch über euer Italien hinaus nach Spanien, nach Afrika und Asien, nach Gallien, nach Germanien, nach Britannien geführt hat, als eure müden Adler noch fliegen konnten. Was hat euch zum Kampf mit uns gebracht? – Nicht wir haben euch aufgesucht oder angegriffen! Ihr habt, um Gallien zu erobern, Ariovist aus dem von ihm nach Kriegsrecht gewonnenen Lande vertrieben. Ihr habt, um den Rhein zu verteidigen, unser Land bis zur Elbe unterwerfen wollen. Und ihr hättet's erreicht, kam nicht ein großer Überlister über euch: Armin. Hat doch eurer Größten und Besten einer, Cornelius Tacitus, gesagt: ›Die Götter haben nun einmal den Erdkreis dem Römervolk gegeben, und das Römervolk hat zu entscheiden, wieviel davon andern zu belassen ist.‹ Mit einem solchen Volk gibt es keinen Frieden. Ihr müßt alle Völker unterwerfen, oder es muß den andern gelingen, euch zu zerschlagen.« Er sagte das alles ganz ruhig vor sich hin, als führe er einen mathematischen Beweis, während ich vor Erregung bebte. Nur das Blitzen seiner meergrauen Augen verriet, daß die höchste – (vielleicht die einzige!) – Leidenschaft seines Wesens in ihm loderte, daß er als Vertreter seines Volkes mit dem Vertreter des Erbfeindes stritt. Jovian gelang es, mich in Ruhe zu halten. »Lange nun ist es euch gelungen mit uns, wie mit all eueren Nachbarn in den drei Erdteilen vorher; durch eure Bildung, eure Waffen- und Geldübermacht, vor allem durch eueren Staatsgedanken und dessen großartiger Durchführung. Bald mit edelster Heldenschaft und Aufopferung und bald mit jedem scheußlichsten Mittel der Arglist – ›artes‹ nannte solche Ränke euer Tiberius – habt ihr uns unterworfen oder zum Dienste verlockt. Endlich aber drangen doch Alemannen und Franken bis an, bis über den Rhein, andere Germanen über die Donau. Nun sagst du: ›Unter unaufhörlichen Treubrüchen gegenüber den Verträgen.‹ Ja, es ist wahr. Aber ebensogut könntest du der Meerflut den Vertrag aufzwingen, nicht mehr gegen die Küste zu branden, als den Germanen, in den von euch abgesteckten Grenzen zu bleiben.« »Warum? Seid ihr denn wilde Tiere«, brach ich los, »die auf Raub ausgehen müssen oder verhungern? Das ist es ja eben! Dir barbarische Raubgier, Kampfgier, die euch treibt.« »Nein, Cäsar Julian. Merk es dir, was ich dir heute sage: Die Geschicke unserer beiden Völker hängen davon ab; nicht Abenteuerlust, nicht Raubgier, nicht Kampffreude.« Hier erhob er sich und wandte mir das Antlitz zu mit einem Ausdruck, der ihn dämonisch verschönte: »Uns treibt die mächtigste der Göttinnen: die Not!« So gewaltig war der Eindruck seiner Worte. Wir beiden Römer verstummten und sahen mit einem leisen Grauen zu diesem grimmentschlossenen Mann empor. Einunddreißigstes Kapitel Ich wagte endlich, zweifelnd den Kopf zu schütteln. »Jawohl, die Not«, wiederholte er feierlich. »Mag sein, daß hin und wieder jene Wagelust ein Häuflein von jungen Kriegern, eine Gefolgschaft zu einer Raubfahrt verführt; das ist ein Nichts. Damit erobert man nicht römische Provinzen und wirft nicht eure Weltmacht über Rhein und Donau zurück. Nein, Cäsar Julian, sind es doch von den Kimbern an bis auf unsere Tage wirklich ganze Völker, mit Weibern und Kindern, mit Greisen und Kranken, mit Unfreien und Herden und allem Hausrat auf den rinderbespannten Wagen, die, immer und immer wieder, den von euch aufgezwungenen Vertrag brechend, an und über eure Grenzen fluten: In das seit Jahrhunderten sichere, jedesmal vorauszusehende Verderben. Wähnst du wirklich, nachdem ungezählte Millionen von uns auf den Schlachtfeldern gefallen, auch Weiber und Kinder als Sklaven von euch fortgeschleppt, andere in euern Arenen verblutet oder als Colonen über alle euere Provinzen verstreut worden sind –, glaubst du wirklich, fast Jahr für Jahr wirft bloße Abenteuerlust diese Hunderttausende – auch von Wehrunfähigen! – immer wieder an eure Grenzen, mit der sichersten Aussicht, zu zerschellen, zu versprühen wie die brandende Welle am Fels? Nein, das kann nur die einzige Macht der Welt: die Notwendigkeit!« Ich war sehr ernst geworden, und Jovian suchte meinen Blick mit einem Seufzer. »Aber – welche Notwendigkeit, welche Not?« brachte ich hervor, tief ergriffen von des Mannes Erregung und von dem neuen Einblick in diese Bewegungen. »Hungersnot. Wohl ist das Land weit, das wir bewohnen, und solange die Ahnen als Weidehirten es durchzogen, nährte es die ganze Volkszahl. Wir mußten aber seßhaft werden, seßhaft, nicht wie früher, nur im Vorüberziehen, den Acker bestellen, von der ehernen Mauer eurer Legionen festgehalten an Rhein und Donau. Und nun geschah eine ganz gewaltige Mehrung des Volkes, seit zu dem Ertrag von Viehzucht und Jagd die Kornfrucht trat.« Besorgt sprach Jovian: »Du hast recht; unsere Feldherrn, unsere Schriftsteller staunen, wie nach den blutigsten Verlusten aus euren Wäldern immer und immer wieder neue Tausende hervorquellen.« – »Unheimlich, grauenerregend ist solche Unerschöpflichkeit«, rief ich, nicht ohne leise Furcht. »Woher diese unglaubliche Fruchtbarkeit?« »Sie ist die Folge der Keuschheit unseres Volkes. Spät, mit dreißig Jahren etwa, berührt der Jüngling zuerst ein Weib: sein Eheweib! Daher ist sie unerschöpflich, die keusch gesparte Jugendkraft. Bei euch hat schon Augustus Geldbelohnungen für Eheschließungen und für Zeugung ehelicher Kinder ausgesetzt. Ich fürchte«, spottete er, »ein Kind, das gezeugt wird, aus Berechnung jener Vermögensvorteile – ich fürchte, das empfängt kein Heldenmark.« »Ihr habt aber doch Raum vom Rhein bis an die Mündungen des Ister!« »Wohl: Allein Wald und Sumpf, die fast alles Land rechts vom Rhein bedecken, gewähren der unaufhörlich wachsenden Menge nicht Nahrung, und wir haben weder Kenntnisse noch Geduld, noch Gerät, all das Ödland in Bauland zu verwandeln; so ist's Landnot, die Brotnot, die uns treibt. ›Land, Land, Land, um es zu bebauen!‹ schreien wir seit den Tagen der Kimbern und der Teutonen – vierhundert Jahre lang! – euch zu. ›Dafür wollen wir kämpfen gegen all eure Feinde.‹ Und eure Antwort? ›Eure Brüder, die Teutonen‹, höhnte Marius den Kimbern zu, ›haben schon soviel Land als sie brauchen: ein Grab.‹ Und selbst ein Tacitus sagt achselzuckend: ›Die Erde gehört nun einmal dem Römervolk: seht zu, wo ihr bleibt.‹ Gut denn; wir werden zusehn!« knirschte er grimmig. »Darum, ich wiederhole, gibt es mit euch keinen Frieden, solang solche Hybris euch erfüllt. Darum müssen wir notwendig, wie Welle auf Welle an das Ufer rauscht, über alle aufgezwungenen Verträge hinweg, immer wieder in euere Provinzen brechen, bis wir untergegangen sind oder ihr uns soviel Land einräumt als wir brauchen. Deshalb, o Cäsar, die Rätsel, die du immer nicht lösen konntest; deshalb bebauen Alemannen und Franken die Äcker in Gallien. Nicht ausplündern wollen, besitzen und besiedeln müssen wir's. Deshalb setzen wir uns nicht in die Städte (in denen ihr auch uns, wie in Mausefallen, fangen würdet, wie weiland die Gallier). Denn in den Städten können wir nicht Korn bauen, um davon zu leben; deshalb fandest du uns nicht siedeln in Köln, Straßburg, Zabern. Nicht Räuber – Einwanderer sind wir. Nicht freiwillig, notgedrungen kommen wir zu euch, wie der Schiffbrüchige, den die Welle ans Gestade wirft.« Er schwieg nun. In großen Schritten durchmaß er das Zelt, die gewaltige Bewegung niederkämpfend. Er glühte im Innern, aber außen blieb er fest und ruhig wie Felsgestein. Ich staunte ihn sprachlos an, diesen fränkischen Königssohn. »Und der Ausgang?« fragte Jovian, sehr ernst blickend. »Ist unberechenbar«, erwiderte Serapio. »Viel, sehr viel spricht für euren Sieg: am lautesten unsere Fehler. Solang der batavische Gaukönig lieber dem Römer sich unterwirft als dem batavischen Stammgenossen, solang der Chatte Mainz lieber dem Cäsar gönnt als dem Alemannen, so lange wird es gehen, nun ... wie es bei Straßburg ging! Aber« – er richtete sich hoch auf – »es kann auch anders kommen. Und deshalb, nur deshalb allein leb ich noch, o Freund Julian. Ich lebe von der Hoffnung für mein Volk: die Franken. Die andern gehen mich – noch – nichts an. Stürbe diese Hoffnung in meiner Brust, ich würde es nicht überleben. Sieh, als ich, in der Genesung begriffen unter deiner gütevollen Pflege – die Christen sogar müßten dich loben für diese Feindesliebe –, allmählich dein ganzes hohes Geisteswesen erkannte, auch deine Staatsmannskunst bewundern lernte, wie ich an jenem heißen Augusttag – zu meinem Schaden – deine Feldherrnschaft erprobt hatte, da kam mir einmal – aber es war noch im Wundfieber – der Gedanke: Stirb, Merowech, da drüben hängt ja dein Schwert: stirb. Dieser Cäsar ist zu groß; an ihm muß dein Volk scheitern.« Ich horchte hoch auf – (das weißt du, o Lysias, von dem Lobbegierigen: Lob aus dem Munde dieses Feindes). – Aber er fuhr fort: »Jedoch bald kam die Klarheit. ›Nein‹, sagte ich mir, ›kein einzelner – und sei er noch so geistbegabt – kann den Ausschlag geben in dem weltgeschichtlichen Ringen zweier Völker.‹ Wer ist stärker, frischer, zukunftsreicher? Rom oder das blonde Volk törichter Helden da drüben in den dunklen Wäldern? Ich glaube, wir! So jauchzte mein – selber töricht – Herz frohlockend auf, und ich sprach zu mir: ›Feig wär es, dein Volk aufzugeben, solang es hoffen kann. Der Eid, den der sterbende Claudius Civilis am Hügel seines – meines – großen Ahnherrn Armin seinem Sohne, meinem Namensgenossen, Merowech, abnahm, den wir alle wiederholt haben, von Geschlecht zu Geschlecht; er bindet mich an das Leben, solang mein Volk lebt. Mein Volk, das heißt, der Stolz auf mein Volk hat mich gesund und rein erhalten in der Krankheit und dem Schmutz eurer verpesteten Städte; ich schulde ihm Dank. Und ich liebe sie so heiß, diese einfältigen Helden mit den Riesenleibern und den unberatnen Knabenherzen, die jede Begeisterung fortreißt: bald in den herrlichsten Heldentod, bald in die zweckloseste Dummheit. Ja, viel, viel lieber sind mir meines Volkes Fehler als euere Vorzüge. Mein Volk ist mein alles!‹« Wieder schwiegen wir beide, tief ergriffen. Nicht ohne Neid sah ich auf den Mann, der das so wahrhaftig von sich sagen konnte! »Mein alles«, dachte ich, »ist mir das Römerreich nicht. O nein! Die Götter, das Wissen von den Göttern, mein Ruhm – (ach ja, gar sehr) – und Helena ...« Da riß mich's fort. »Freund«, sprach ich nachdrücklich, »hast du nie ein holdes Weib geliebt?« Er stockte plötzlich in seinem erregten Auf- und Niederwandeln. Er blieb dicht vor mir stehen und kreuzte die Arme über der breiten Brust. Dann begann er: »Man spricht nicht von solchem. Aber, da es zu dem andern gehört, mögt ihr – als die einzigen – es wissen. Ja, vor acht Jahren war's. In Attika. Da blühte eine Jungfrau! Unsagbar schön. So denk ich mir eure Artemis. Auch sie war mir gut, glaub ich. Ihr Vater hätte sie mir nicht verweigert. Ich aber bezwang mein Herz und schwieg – und schied.« »Warum?« fragte Jovian hastig. Dann errötete er. »Ich will kein Mischgeschlecht erzeugen. Sollen wir Germanen allmählich verrömern wie die Gallier? Die Könige wenigstens der Franken sollen nicht Hälblinge sein. – Es tat sehr weh. Ich trug's für mein Volk. – Genug. Ich kann nicht mehr. Ich muß in die Luft – in die Einsamkeit – unter die Sterne ...« Und rasch war er aus dem Zelt verschwunden. Ich aber fand keinen Schlaf in jener Nacht. Eine ganze Welt neuer Sorgen war mir aufgestiegen bei den Worten des Franken. Ist es so, wie er sagt? Sind diese Germanen mehr als staatsunfähige Räuber? Das wäre dann die Hauptfrage unserer Zukunft. Bah, ich kann's, das heißt, ich will's nicht glauben. Sowenig die alten Götter tot sind, so wenig starb der Beruf Roms zur Weltherrschaft. Ein einziger begeisterter Mann könnte die gestürzten Götter, könnte die gehemmte Weltherrschaft Roms wiederherstellen. Weh, daß Constantius der Imperator das nicht kann, und daß Julianus, der Cäsar, das nicht darf! Aber einprägen will ich mir diese Iden des Juni. Und den überwältigenden Eindruck dieses Germanen. Und nie mehr in »griechischer Leichtherzigkeit« die Germanengefahr unterschätzen. – Als Jovian sich verabschiedete, fragte ich ihn: »Würdest du ein geliebtes Weib aus solchen Gründen aufgeben?« Er errötete wieder. Nach einer Weile sprach er fast traurig: »Ich fürchte, nein. Solche Leidenschaft – es ist wie Wahnsinn, aber heiliger – für unser Volk habe ich nicht. Ach, wir sind kein Volk. Wir sind nur ein Reich; aber kaum mehr ein römisches. Dieser sonst so kühle Germane; ich beneide ihn um solche Glut. Mag sie auch Torheit sein und eitle Hoffnung.« O ihr Götter! Hätte ich nur auf ein paar Jahre die Macht in Händen! Ich wollte alles, alles wenden. Ein Mann genügt, auch ein Volk wieder zu schaffen, unter der Gunst der geretteten Götter! Zweiunddreißigstes Kapitel Ach, Jovian hat recht! Wir sind kein »Volk«, kaum noch ein »Reich« von Römern. Meine Scharen, aus allen Völkern der drei Erdteile zusammengewürfelt, fechten wacker, aber sie sind keine »Römer«, kein Volksheer. Sie haben keine Vaterlandsbegeisterung mehr und keine Zucht der Pflicht. Ich weiß, sie lieben mich, weil ich sie zum Siege führe und menschlich behandle; und doch meutern sie schon wieder, wie damals zu Mainz! Voconius und Berung, die des Heeres Vertrauen haben wie das meine, melden: Einen andern Feldherrn hätten die Grollenden jetzt erschlagen; mich mögen sie leiden, deshalb schimpfen sie nur. Aber zum Gehorsam reicht ihre Liebe zu mir nicht aus. Römische Legionen! Und ich heiße »Cäsar«. Oh, vergöttlichter Julius, welche Schmach für deinen Namen! Überzeugt durch die Worte Serapios bewilligte ich den Saliern ihre Bitte, in dem nun einmal von ihnen besetzten Lande wohnen bleiben zu dürfen, selbstverständlich unter Anerkennung der Oberhoheit Roms; ich wollte sie nicht durch ein Nein zu einem Kampfe der Verzweiflung treiben. Auch jene sächsischen Chauken, erfuhr ich, sind nicht aus Mutwillen in die alten Sitze der Salier eingedrungen, sondern wegen Mangel an Land, an Ackerboden, an Korn hat die Volksversammlung beschlossen: Der dritte Teil all ihrer Sippen, durch Runenlosung, also durch der Götter Auswahl bestimmt, müsse, Raum für die andern zu schaffen, auswandern mit Weib und Kind und Habe, und sich, ein heiliger Lenz des Volkes, eine neue Heimat suchen. So wird Serapios Zeugnis über die Landnot bewahrheitet. Um aber die bedrohte Grenze zu sichern, ließ ich drei durch die Barbaren zerstörte Kastelle nahe dem Ufer der Maas wiederherstellen durch Teile meines Heeres, die während dieser Arbeit vom Waffendienst entbunden wurden. Eine dieser neuen Festen – die Erbauung machte schwere Mühe – habe ich zu Ehren des ruhmreichen Helden Herakles »Heraklea« genannt. Ach! Er war ein Halbgott, und eine hehre Göttin, die nicht log, verfolgte ihn. Ich bin nur ein Mensch, und mich verfolgt – Constantius! Und mir trotzen meine eigenen Krieger! Hatten die Leute schon über die Schanzarbeit gemurrt, so gerieten sie in gefährlichste Erregung, als ich ihnen die Hälfte der mitgeführten Mundvorräte abnehmen mußte, um die Besatzungen in den hergestellten Festen zu ernähren. Ich hatte gehofft, wie im Vorjahr das Getreide verwerten zu können, das die Germanen auch hier gar fleißig gebaut haben; aber ich hatte den naßkalten Himmelstrich der Sumpf- und Waldlandschaften hier nicht erwogen. Das Korn stand in Fülle auf den Feldern, aber es war noch nicht reif. So geriet es in einige Verlegenheit, das »leichtherzige Griechlein«. Aber die Undankbaren! Drohend erhoben sie sich gegen mich. Ging ich durch die Gassen des Lagers, schimpften sie mir nach: »Asiate!«, »Griechlein!«, »Dummkopf im Philosophenmantel«. (Letzteres verdroß mich bitter!) »Verhungern läßt uns deine Weisheit.« – »Haben wir doch, seit du in Gallien bist, niemals – gar nie – den längst schuldigen Sold erhalten. Vom Raube müssen wir leben!« Ach, das ist leider wahr! Ich habe kein Geld, und Constantius sendet keins. Was ich unerläßlich brauchte, hab ich den Provinzialen mehr abgebettelt als abgedrungen. Diese Armen dauern mich ja am meisten. Soll ich ihnen abzwingen, was ihnen die Barbaren noch gelassen haben? O Reich der Römer, wie krank bist du, wie arm! Die reichsten Länder der Erde sind dein, und du hast nicht Korn, nicht Geld, deine Bauern hungern wie deine Krieger. Und ich, der ich die Heilmittel für dich kenne, ich darf nicht dein Arzt sein! Ich bin überzeugt, Constantius läßt uns hier absichtlich darben. Er will nicht, daß meine Leute zufrieden seien, an mir mit Liebe hängen. Mein Heer ist das einzige, dem er auch die üblichen Jahresgeschenke nicht gespendet hat. Und jetzt weiß ich auch, weshalb er mir als außerordentlichen Finanzbevollmächtigten jenen Geheimschreiber Gaudentius geschickt hat: mich zu überwachen, daß ich nicht die Liebe des Heeres allzusehr gewinnen könne durch Geschenke. O ihr Götter, ihr wißt es, daß von euch allen den geringsten Verkehr mit mir pflegt Plutos – der des Reichtums! Neulich spürte ich – (ich sah es nicht, denn ein Spiegel zählt weder zu eines Philosophen noch zu eines Feldherrn Hausgerät) – beim Schließen des Panzers am Halse, daß mein Bart allzu lang und wirr gewachsen war in diesen Wochen. Nach einer alten Lagersitte bat ich den längstdienenden Fahnenträger – (es war Voconius) –, mir ihn statt mit dem Schermesser mit dem Dolch abzuschneiden, und dann reichte ich ihm dafür – ebenfalls nach eingewurzelter Feldzugsitte – vor den Waffengenossen die Hand und ein kleines Geldgeschenk. Sofort erklärte Gaudentius, der zugegen war, er müsse solches Buhlen um die Gunst der Krieger und solche Geldvergeudung mißbilligend dem Imperator melden! Die Gunst der Krieger, die mich mit Schimpf Worten verfolgen! Mit Mühe gelang es meinen Bitten, meinen Beschwörungen, sie wieder zu besänftigen. Jene Scheltrufe? Ich tat, als hätte ich sie nicht gehört. (Aber sie ärgerten mich stark.)   Für meine armen Legionen hat man nicht soviel Geld, ihren Sold zu bezahlen. Aber von den Barbaren schimpflich zu erkaufen, was Rom früher von ihnen zu erzwingen stark genug war; dafür sollte mit vollen Händen verschwendet werden. Für die Verpflegung unserer Besatzungen am Rhein sind wir angewiesen auf die Getreidezufuhr aus Britannien, von den Rheinmündungen her. Die Franken sperrten uns diesen Verkehr; sie beherrschten den Strom! Da wollte ihnen Gaudentius zweitausend Pfund Silber – (offenbare Schätzung!) – zahlen für die Erlaubnis unserer Schiffahrt bis in die See. Diesen schmählichen Handel aber vereitelte ich! Ich erzwang unseren Schiffen freie Fahrt. Mit sechshundert Segeln – (meist nur kleinen Frachtschiffen) – fuhr ich den Strom zu Tal, von denen ich vierhundert in den letzten zehn Monaten selbst hatte bauen lassen. (Du siehst, ich habe fleißig geschafft: Helena, den Göttern, Maximus, und meinem Schlaf brach ich an den ihnen gebührenden Stunden ab.) Dazu verwendete ich jenes Silber. Nun habe ich auch die britannische Insel gleichsam wieder entdeckt; wenigstens für Rom war sie seit Jahren wie vom Meere verschlungen; jeder Zusammenhang war uns durch Franken und Sachsen, die den Obergang beherrschten, abgeschnitten. Jetzt kamen zuerst wieder Nachrichten von der Insel zu uns. Aber welche Nachrichten! Klagen der Verzweiflung! Die Römer dort können sich der Einfälle der räuberischen Kelten – der Pikten und Skoten – nicht mehr erwehren, die längst über die gegen sie errichtete Piktenmauer eingebrochen sind. Nicht nur hoch im Norden York, selbst Colchester und sogar London sind bedroht. Ach, an allen Grenzen dieses götterverlassenen Reiches hüpfen die Barbaren über die alten Schutzwehren! Oh, wer überall helfen dürfte: in Amida, in London, wie in Köln. Es reizt mich gar mächtig, dem großen Julius auch darin nachzuahmen, selbst auf jenem Nebeleiland zu landen. Wie schön würde das klingen: »Die Themse wie den Rhein hat Julianus wieder zu römischen Flüssen gemacht.« Allein Jovian hielt mich zurück; er hat recht: »Zuerst das Notwendige, dann das Glänzende«, sagte er. Ich bin in Gallien noch nicht zu entbehren. So schickte ich mit schmerzender Entsagung den Waffenmeister Lupicin mit herulischen Söldnern und zwei römischen Abteilungen von Boulogne nach Dover, vor allem um London Hilfe zu bringen.   Ein blutiges Abenteuer, ein echt germanisches, mitten im Lager des Cäsars! Ja, wer sich Wölfe hält, darf sich nicht wundern, daß sie beißen; wie andere Geschöpfe, so auch die Mitwölfe in ihres Herrn Dienst. Gegen die meist zur Nacht unternommenen Streifzüge der Chauken und der Chamaven waren dem römischen Gebiet schon vor meinem Eintreffen seltsame Verteidiger erstanden; wider jene Räuber »Gegenräuber«. Ein Franke, ein Sugamber, Charietto, hatte früher vielfach an solchen Raubzügen gegen uns sich beteiligt. Dann aber ward er von seinen Stammesgenossen wegen irgendeiner Untat auf Antrag ihres alten Königs Mälo friedlos gelegt und floh als Oberläufer zu uns. Der riesenstarke und listige Räuber rächte sich: Er versteckte sich mit ein paar Raubgesellen, zumal einem Genossen solcher Friedlosigkeit, einem Chamaven, Chercho, in den dichtesten Wäldern, beschlich nachts die Dörfer oder Höfe, oder auch die Lager seiner germanischen Stammesgenossen, schnitt den Schlafenden, auch Weibern und Kindern, die Köpfe ab und brachte sie nach Trier oder Köln, wo er von den römischen Beamten für jeden Kopf einen Solidus erhielt. Ich kann nicht sagen, daß mir diese Art von Kriegsführung sonderlich gefiel. Aber der Krieg und die Not machen hart. Ich nahm die wilde Schar in Dienst – (die Zahl wuchs rasch an) – und verwendete sie, wie der Jäger die Wolfsund Eberhunde, die er in das für Menschen undurchdringliche Dickicht treibt und so die Bestien hier aufstöbern und auf der andern Seite sich entgegenhetzen läßt. So benutzte ich geraume Zeit diese Kerle, aus den ihnen vertrauten Sümpfen und Wäldern die darin verborgenen Germanen von Nordwest her meinen auf der Südwestseite harrenden Kohorten entgegentreiben zu lassen; jenes nächtliche Kopfabschneiden verbot ich ihnen. Eines Morgens waren Charietto und Chercho aus ihrem Zelt verschwunden. Sie kamen nicht zurück. An ihrer Statt erschien Serapio bei mir, leicht am Arme verwundet. »Sie sind tot«, sagte er, »beide. Ich ahnte, daß sie trotz deinem Verbot ihr scheußliches Handwerk fortsetzten. Denn Gaudentius kauft noch immer – heimlich – Germanenköpfe. Ich ging ihnen entgegen in den Wald. – Richtig! Bald kamen sie daher mit vier abgeschnittenen Köpfen, darunter dem eines Weibes. Ich schalt sie Neidinge, mitten unter ihrem Troß, und schlug sie tot. Die andern flohen.« »Höre, Freund«, fuhr ich auf, »wer hat dich zum Richter bestellt über römische Söldner?« – »Söldner? Schützt der Priester des Sonnengotts den Nachtmord?« fragte er dagegen und schritt hinaus.   Aus Rom kommt soeben ins Lager seltsame Kunde. Noch hat der Tag von Straßburg sich nicht gejährt; und der riesige König Chnodomar ist tot! Der Imperator hatte ihn eingebannt zu Rom in den Zelten der Fremden auf dem cälischen Hügel. Der Gefangene ist, schreibt man von dort, nie mehr ganz aufgewacht aus jenem dumpfen Brüten, aus jener Betäubung, in der er mir den Schwertstumpf vor die Füße warf. Er schwieg auf alle Fragen. Nur manchmal stöhnte er tief auf, schüttelte das rote Gelock und seufzte: »Es ist alles nichts! Es ist alles gleich. Es sind keine Götter. Auch Donar ist nicht.« Armer Mann, der nicht an Götter glauben kann! Lieber würde ich sofort sterben. Die Ärzte nannten seine Krankheit »Greisenkrankheit«. Aber er zählte etwa vierzig Lenze. Es war wohl eher schwermütige Verzweiflung.   Wieder eine Reihe Todes- und andere Unrechtsurteile hat Constantius gefällt. Die Furcht für seinen Thron als Mutter und der Haß gegen die alten Götter als Vater erzeugen miteinander in seiner Seele die Verfolgungswut gegen die Befragung der Götterzeichen. Seine überall horchenden Lauscher berichten ihm: Ein Präfekt ließ sich von einem Zeichendeuter erklären, was ein Wiesel bedeutet habe, das ihm über den Weg gelaufen? Der Mann gesteht die Frage und wird geköpft. Ein Tribun befragt einen andern Wahrsager, was der wiederholte Pfiff der Spitzmäuschen ihm verkünde? Der Wahrsager wird gefoltert, der Tribun wird erdrosselt. Ein greiser Kaufherr leidet an der Gicht. Er läßt sich von einem (alten) Weiblein den geschwollenen Zeh besprechen nach einer (noch älteren!) altetruskischen Formel. Der Greis wird gehängt, das Weiblein lebend verbrannt. Warum all das? Weil bei diesen Befragungen auch nach der Zeit des Todes des Augustus und nach dem Namen seines Nachfolgers geforscht werden konnte! Das genügt! Eine Frau, von ihrem Buhlen angestiftet, bezichtigt ihren Ehemann, er verberge heimlich einen Purpurmantel im Hause. Der Mann wird wegen Verdachtes der Empörung hingerichtet; hinterher gesteht das Weib die Lüge. In Perigeux verklagt ein rachsüchtiger Sklave seinen Herrn, er habe sich zwar nicht aus purpurfarbnem Stoff, aber ganz nach dem Schnitt der Chlamys des Augustus einen Mantel fertigen lassen für festliche Gelage, wie sie dort mit reichem Aufwand üblich sind. Dem Aquitanier wird das Leben geschenkt, aber das Vermögen eingezogen. Und ihr duldet das alles im Reich Marc Aurels, ihr unsterblichen Götter? Ein solcher ... Mann darf herrschen über Rom? Neulich nannte er sich selbst – anstatt wie seine Vorgänger etwa: »Meine Hoheit« – vielmehr: »Meine Ewigkeit«, »eternitas mea!« , »Herr der ganzen Erde«. Ist das nicht Hybris, welche die Nemesiaes heraufbeschwört? Ewig! Nicht einmal alle Götter sind ewig, nur der oberste. Aber ich hasse auch die so beliebte Verurteilung, das heißt Ausplünderung von reichen Leuten, unter dem Vorwande des Hochverrates: Constantius schenkt ihnen dann wohl zuweilen das Leben, nimmt ihnen aber alle Lebensmittel. Neulich verklagt bei mir ein solcher Angeber – (Delphidius heißt er) – den reichen Statthalter der Narbonnensis. Da er dem Leugnenden nichts beweisen kann, weise ich die Klage ab. »Ei, aber Cäsar«, ruft er ärgerlich, »wenn es genügt, zu leugnen, wird man keinen mehr verurteilen können.« – »Und wenn es genügt, anzuklagen, wird man keinen mehr freisprechen können«, erwiderte ich und sprang auf von dem Tribunal. Philippus schickt mir da – (als Nachschrift auf einem kleinen Zettel) – eine seltsame Warnung: Er habe (wieder einmal) die Sterne nach meiner Zukunft befragt. Ich solle nie »Phrygia« betreten, dort drohe mir Todesgefahr. Nun, es sieht nicht danach aus, daß ich je vom Rhein an den Mäandros komme. Die Todesgefahr liegt mir hier erheblich näher! Dreiunddreißigstes Kapitel Wieder ein paar Wochen ohne Ruhe zum Schreiben! In starken Märschen – (denn abermals galt es Überraschung!) – eilte ich vom Unterlauf des Rheines bis Mainz und überschritt hier den Strom; drohenden Bewegungen der Alemannen zuvorzukommen und das linke Rheinufer durch Wiederbeherrschung des rechten zu sichern: Dieses ist das einzige sichere Mittel, und – echt cäsarisch! Auch drängt mich noch eine besondere Pflicht über den Rhein zu jenen Alemannenkönigen. Seit Jahren haben sie, während der Wehrlosigkeit unserer Grenzen, zahllose Gefangene aus unsern Villen, Dörfern, Städten fortgeführt; viele waren geschickte Arbeiter in allen Handwerken, die sie als Lehrmeister verwenden. Das soll nicht sein. Das Wenigste, was ein Untertan des Reichs verlangen kann, ist doch, daß er nicht fortgeschleppt wird wie ein Rind von Bären. Und dann – je mehr diese Barbaren lernen, desto gefährlicher werden sie; nicht als Feinde nur; als immer mehr Genuß und Bildung verlangende Nachbarn. So habe ich in diesen Monaten mir möglichst genaue Verzeichnisse aller aus unserem Gebiet gefangenen Fortgeschleppten anfertigen lassen von den Behörden des Orts und den geretteten Familienmitgliedern. Alle müssen mir die Barbaren herausgeben! Ach, in vielen wachen Nächten – (neben Libanius und Maximus) – las ich in diesen schmach- und trauervollen Listen! Und mein glückliches Gedächtnis – (in diesem Fall »unglücklich«) – prägte mir genau die Namen ein, auch wie viele und welche auf jeden der feindlichen Könige fallen. Serapio entließ ich hier auf Besuch zu seinem Vater, unter dem Versprechen, sich in Paris wieder zu stellen, sobald ich dort die Winterquartiere beziehen würde. Mein Vordringen geriet unerwartet ins Stocken: aus unglaublichem Grunde! Der Führer der Vorhut, Severus, ein alter Kriegsmann (noch bei Straßburg hat er sich gut bewährt), verfiel in Furcht; nicht vor den Heeren, aber vor den Wäldern der Germanen. Ich gestehe, sie haben etwas Grauenerregendes, ich dringe auch nicht gern hinein: Helios erscheint wie unmächtig in diesen dunkelgrünen Schatten der dicht ineinandergewachsenen Wipfel. Aber was tut Severus? Er zwingt – (unter Todesdrohungen) – die landeskundigen Wegweiser, die ich ihm mitgegeben und die ihn raschen Schritts ins Innere führten, auszusagen, sie könnten nicht weiter, sie wüßten nicht mehr Weg noch Steg! So erlahmte das Vordringen, bis ich eintraf, den Trug entdeckte, den baumscheuen alten Helden mit einem scharfen Verweis nach Paris sandte – (setz ich ihn ab, schickt mir der Imperator gewiß keinen bessern!) – und nun selbst die Vorhut in die unheimlichen Sumpfwälder führte. Denn die Germanen lieben es, ihr Rodland, das sie durch Axt und Feuer dem Wald abgerungen, das ihre Einödhöfe oder Dörfer und das Korn trägt (sowie die Wiesen des gelichteten Waldes, wo sie ihre Herden weiden), mit einem schwer durchdringlichen Gürtel von Urwald und Ursumpf zu umgeben. In diesem Grenzwald sperren und verteidigen sie jeden Zugang durch Verhack und Verhau; ist aber dieser Landhag durchbrochen, sind sie ziemlich wehrlos. Sowie wir eingedrungen, flohen sie nach Nordosten weiter. Meine Leute, erbittert über die Beschwerden dieser Märsche durch Waldsumpf und Sumpfland, hausten arg mit der Fackel: Saaten und Gehöfte und Dörfer verbrannten sie, einzelne Menschen, die sich verspätet hatten, Greise, Weiber, Kinder, hieben sie ohne Erbarmen nieder, was sie von Vieh erreichen konnten, schlachteten sie – aus Bosheit, um die Barbaren nach Kräften zu schädigen. Ich kann's nicht hindern, kann nicht überall sein. Auf meine Mahnung zur Menschlichkeit antworten sie mit Lachen, die frömmsten, das heißt gebeteifrigsten Galiläer nicht minder als meine sterneanbetenden numidischen Schützen zu Roß. Bellona ist die schrecklichste der Göttinnen! Die furchtbaren Leiden ihrer Gauleute mürbten endlich die harten Herzen der grimmigsten zwei Alemannenkönige, die bei Straßburg gegen uns gefochten und blutend das Feld verlassen hatten: König Suomar und König Hortari erschienen selbst in meinem Lager, baten um Frieden und unterwarfen sich. Prächtige Männer, auch in dieser Lage noch ihrem Stolze nichts vergebend: »Der Ungunst der Götter weichen wir«, sagten sie, »um der Not unseres Volkes willen.« Als ich ihnen – (sie verstehen trefflich Latein) – erwiderte, ihre Götter seien eben nur Dämonen, schwächer als die meinigen (wagte ich zu sagen, obwohl Gaudentius lauernd zur Seite stand), schüttelten sie trotzig die gelben Mähnen, und Suomar rief: »Nichts ist gewaltiger als unsere Götter.« – »Ausgenommen das Schicksal«, schloß Hortari ernst. Seltsam! Ich staunte. Also bei diesen Barbaren im Neckarsumpf die gleiche Vorstellung wie bei Homer; eine Schicksalsnotwendigkeit, mächtiger als der Wille der Götter. Woher mag das kommen? Welche Fragen der Philosophie, der Religionsgeheimnisse drängen sich mir auf mitten im alemannischen Grenzwald! »Und die Götter zürnen uns offenbar«, begann Suomar aufs neue. »Oder das Schicksal hat – gegen Wodans und Tius Wunsch – uns Unsieg zugewogen. Die Nornen woben es so; auch sie weben, wie sie müssen, nicht wie sie wollen. – Was verlangst du, o Cäsar?« Diese Frage riß mich aus meinem religionsphilosophischen Staunen in die Pflicht des Dienstes zurück. Ich befahl: »Ihr habt fortan die Besatzungen zu verpflegen in den von mir erneuerten Kastellen auf dem rechten Ufer, habt in Wagenfuhren Baumstämme und Steine herbeizuschaffen für die Verstärkungsbauten.« Sie nickten schweigend. Ah, das war mir ein Augenblick übermenschlicher Lust. Ich, das Philosophlein Julian, habe diese knirschenden Waldkönige gezwungen – wie Probus, der neun Germanenkönige knien sah vor seinem Zelt –, wie in den größten Tagen Roms, an den Zwingburgen selbst zu bauen, an den Ketten selbst zu schmieden, die ihnen Land und Leute in Fesseln schlagen sollen! Suomar seufzte schwer. Hortari schlug ihm tröstend auf die Schulter: »Es währt nicht lang«, sprach er. Aber so viel Alemannisch hab ich verstehen gelernt. Zornig fuhr ich den Tröster an: »Jetzt schon sinnst du auf Treubruch?« Doch unerschrocken erwiderte der Germane: »Nicht doch. Aber du stirbst, wir sterben; unser Volk stirbt nicht. Stark ist ein Vertrag, stärker ist die Not. So gewiß der Neckar in den Rhein geht und der Rhein ins Meer, so gewiß gewinnen wir wieder, was du uns jetzt abgezwungen.« Der Gedanke, die Unheilsweissagung Serapios! Auch aus dem Munde dieses Barbaren, der nicht lesen, nicht schreiben kann! Also ist das kein Geheimnis Erlesener unter ihnen? Die Ungeschulten, die Rohen glauben an diese ihre sieghafte Zukunft? Schlimm! – Zornig fuhr ich ihn an: »Schlecht steht es dem besiegten Barbaren an, der hier in meinem Zelt um Frieden betteln muß, zu drohen! Warum wähnst du, ihr werdet siegen?« – »Das wähnen wir nicht«, sprach der andere, Suomar. »Das wissen nur die Götter.« – »Oder das Schicksal«, schloß Hortari. »Vielleicht gehen wir unter, vielleicht ihr. Aber Friede wird nicht zwischen uns. Wir gewinnen das Land, das wir brauchen und das ihr uns vorenthaltet, oder wir verhungern.« Wieder dies Wort! Ein Kampf ums Leben; auf Tod und Leben also. Ärgerlich riß ich mich los von diesen bedräuenden Gedanken. »Außer jener ersten Bedingung lege ich euch noch auf: Herausgabe aller Gefangenen, die ihr fortgeführt.« – »Es sind viele, o Cäsar.« – »Ebendeshalb.« – »Die uns Königen gehören, können wir freigeben. Aber die unsern Heermännern als Beute zugefallen ...« »Alle!« herrschte ich sie an. »Und damit ihr's wißt: Es sind 5783!« Sie staunten. Ich winkte Jovian; er zog viele Papyrusrollen aus meiner Schildpattkiste. »Auch ich habe Götter«, rief ich, »und meine Götter zürnen mir nicht und haben kein Schicksal über sich. Wohlan, sie haben mir die Namen aller der Unglücklichen offenbart, die ihr geraubt. Gebt sie heraus.« Betroffen starrten die Barbaren vor sich hin. »Du, Suomar, zum Beispiel«, fuhr ich fort – (auswendig, ohne in die Liste zu blicken, dank meinem guten Gedächtnis) –, »du gibst heraus die Leute, die du aus der Villa des Summus Barbatus zu Altrip geraubt, nicht nur ihn, auch Felicitas, seine junge Gemahlin.« Der Barbar fuhr zusammen. »Deine Götter ...« stammelte er, »wissen viel ...« – »Alles. Und das meiste vertrauen sie mir. Du, Hortari, bringst Forestarius, den Grammaticus, zurück nach Mainz mit Angelica, seiner anmutreichen Tochter. Fort! Und gehorcht.« Vierunddreißigstes Kapitel Ich schreibe nun wieder aus diesem Lehmnest Paris, in dessen Gassen man im Kot versinkt, sobald es geregnet hat. Aber ich habe ihn doch liebgewonnen, diesen stillen Winkel an der Seine! Hab ich doch hier zuerst ungestört und lange mit meinem geliebten Weibe gelebt und erfreue mich dessen nun wieder. Es ist nicht zu sagen, wie glücklich wir sind! Nur ängstigt mich im geheimen ihre allzu zarte Gesundheit. Sie kann sich nicht erholen von den Arzneien jenes Niger. Die Truppen habe ich in ihre gewohnten Winterquartiere verteilt und Jovian abermals nach Italien gesandt mit Anträgen an den Imperator, mit Briefen an die edle Eusebia, an Mutter und Schwester, denen jene durch ihre Güte die Haft erleichtert, in der sie als Geiseln meiner Treue am Hofe festgehalten werden. Nie erfüllt Constantius des treuen Jovianus Liebeswünsche. Und ich, der Bruder, der Cäsar, habe nicht einmal soviel Macht, die Hand der Schwester in die des Freundes zu legen! Allerdings, auch die Mutter würde dem Ungetauften die Tochter nicht geben; hier würde mir ein schmerzlicher Kampf drohen, denn nie würde ich dulden, daß Jovian die Taufe nehme! Ich bin so stolz auf sein altvererbtes unbeflecktes Heidentum! (»Hellenisten« nenne ich lieber die Verehrer der Götter.) Allein, dieser Streit zwischen Mutter und Freund bleibt mir erspart, solange Constantius lebt.   Seinem Worte getreu ist Serapio wieder eingetroffen. Wie lieb ich diesen seltsamen Barbaren, der mit Helena und mir die freien Abendstunden – (die einzigen, die ich der Arbeit entziehe) – in der Ilias liest oder über die Lehren des Maximus oder über die Mysterien des Osiris mit mir streitet. Er hält mit seinen letzten Ansichten über die höchsten Fragen gern zurück, doch verhehlt er nicht; sie widersprechen stark den meinen. Neulich, als ich ihn drängte, mehr zu sagen, lächelte er fein und sprach: »Ich bin erst vierunddreißig Jahre, Julianus. Ich bin noch nicht über alles im reinen mit mir.« Der Spötter! Ich zähle freilich erst siebenundzwanzig! Aber schon seit drei, oder doch seit zwei Jahren, bin ich fertig mit allem! Unumstößlich stehen mir meine Lehren fest. Oh, dürfte ich einmal in einem großen Redekampf vor allem Volk orthodoxer Galiläer – »Athanasianer« werden sie von den Ketzern genannt – Arianer, Semi-Arianer, Donatisten, Juden, und auch dich, o Lysias, mit deinen kindlichen Göttergeschichten widerlegen! Mit Serapio streiten ist dagegen kein Vergnügen; er ist so skeptisch, so kritisch! Er verlangt von mir Beweise für Dinge, die sich mir ganz von selbst verstehen. Jovian ist zurück. Er berichtet Trauriges: Die Tage der herrlichen Eusebia sind gezählt! Philippus hat erklärt, all seine Wissenschaft könne dies zarte Leben nur noch auf kurze Zeit erhalten. Sie weiß es, und sie trägt wie ihre Leiden so die Gewißheit baldigen Todes mit wunderbarer Kraft und Ergebung. Sie betet viel, zusammen mit meiner Mutter. Auch meine Schwester gleitet, wie ich fürchte, wieder tiefer und tiefer hinab von der Höhe, zu der ich sie erhoben hatte durch meine Briefe; herab zu dem Glauben der Mutter, der Freundin. Diese sind ihr nah, sie sprechen, sie wirken durch Blick und Stimme; ich bin fern und muß schreiben! Und habe doch nicht die Zeit, auch noch die Schwester durch lange, häufige Briefe bei dem wahren Gotte festzuhalten. Traurig ist mein Los hierin: Jovian schweigt zu meinen Lehren, Serapio bestreitet sie gründlich, die Mutter ist überzeugte, überfromme, ja leidenschaftliche Galiläerin, die Schwester vielleicht auf dem Weg, es zu werden. Du, o Lysias, schweigst zürnend, weil ich deine Volksgötter nicht anbeten kann. So steh ich ganz allein! Nur Helena, meine geliebte Helena versteht mich ganz und teilt alle meine Ansichten. Freilich meinte neulich mit fröhlichem Lächeln die holde Törin: »Ich fürchte, glaubest du an den Galiläer oder an Teutates oder an Jehovah, ich teilte auch diesen Glauben mit dir.« Nicht sehr philosophisch und nicht gerade ein Beweis für die Stärke meiner Beweise! Aber für die Innigkeit ihrer Liebe, und das ist mehr! O Lysias, klage, weine mit mir: Eusebia, die gütevolle, der ich alles danke: Leben, Freiheit, Helena, Ruhm und Ehre – alles (ausgenommen die Erlösung von der Kirche, die ich dir schulde) –, die edle Frau, sie ist nicht mehr! Ihr Herz war krank, berichtet Philippus, unheilbar krank. Sie schrieb mir durch den treuen Arzt. Sie diktierte ihm das Schreiben wenige Stunden vor ihrem Tode. »Mein Freund! Wenn du diesen Brief – den ersten und den letzten von Eusebia! – erhältst, hat deine Freundin ausgelebt, das will sagen, ausgelitten. Doch nein! Das war ungerecht, undankbar. Nicht ganz freudlos doch war mein Leben: Ich durfte dich und Helena beglücken. Dies, und die Stunden jener Vorträge, die du in dem uns beiden so teuren Athen hieltest, das sind die Freuden meines Lebens gewesen; wahrlich, sie genügen. Es schmerzt mich, daß du von dem Leben nach dem Tod anders denkst als ich, wie ich aus deinen Lehrbriefen an Juliana ersehe. Ich kann dir darin nicht folgen. Aber auch du glaubst ja an die Erinnerung unserer Seelen an dies Erdenleben; auch du glaubst, daß verwandte Seelen sich wieder finden und, nicht mehr getrennt von den Schranken des Erdenlebens, selig sein werden. In diesem Glauben rufe ich dir zu: »Auf selig Wiedersehn, mein Freund Julian.« Was ist es doch, das so ergreifend zu mir spricht aus diesen sehnsuchtsvollen Worten? Sie rührten mich zu Tränen. Ich fragte Helena: »Was ist es, welch zartes Geheimnis, das hier zu mir redet?« Weinend barg sie das schmale Gesicht an meiner Brust. »Ein zartes Geheimnis! Du sagst es, ohne zu wissen, wie wahr du sprichst. Du ahnst es nicht, das Geheimnis, das die Freundin ins Grab mitgenommen. Und ich – ich werde es nie verraten.« Ich versprach ihr, nie danach zu fragen.   In der edlen Imperatrix verlor ich auch meine beste Fürsprache und Verteidigung am Hofe; das vorletzte Band, das mich mit Constantius verknüpft. Nun bleibt, uns zusammenzuhalten, nur noch Helena. Sie aber kann nicht in seinem Palatium meine Sache führen. Seit dem Tode meiner Beschirmerin schlagen, wie ich durch vertraute Boten des Philippus vernehme, meine Feinde, Eusebius und die übrigen Eunuchen, dann Marcellus, Florentius, Barbatio, einen noch viel lauteren, heftigeren Ton der Schmähung wider mich an. Diese Schmeichelkünstler verhöhnen, der Eifersucht und dem Neide des Augustus zu gefallen, auf das frechste all meine Taten, meine Erfolge, ja schon die Häufigkeit meiner Berichte. Und doch wissen sie sehr wohl, daß ich diese vielen Berichte einsenden muß – (über jede Kleinigkeit, wie ein Büttel dem Richter!) – auf strengen Befehl des Imperators, dessen ewig waches Mißtrauen stets von meinen Schritten unterrichtet sein will. »Ekelhaft«, schreien sie in dem Palaste, werde dieses »Siegerlein«, der Affe im Cäsarengewande, der geschwätzige »Maulwurf« – (ich habe noch nie einen Maulwurf plaudern hören!) –, »dieser griechische Schulmeister, dieser Philosoph mit dem langen Ziegenbart, dieser Stubengelehrte, dieser Weichling (ich lasse während dieses strengen Winters – die Seine trägt Lastwagen – nur Helenas Gemächer erwärmen, nicht mein Arbeitszimmer), der jeden seiner Schritte übertreibend ausschmücke mit zierlichen Redensarten. (Ich kann doch meinem Lehrer Libanius keine Schande machen, und nun ja, mein Stil ist mir wertvoller als meine ganze Feldherrnschaft; ein Brief, den ich neulich an die Bürgerschaft meines geliebten Athen schrieb, gilt mir höher als meine Rheinübergänge.) Fünfunddreißigstes Kapitel Der Winter ging dahin unter unablässiger Arbeit. Sie zehrt an mir; ich bin gereizt, aufgeregt. Den Schlaf, den ich so oft mit Gewalt vertrieben, ich finde ihn nun auch nicht mehr für die zwei Stunden, da ich ihn suche. Ich wehrte überall dem übermäßigen Steuerdruck, ich setzte die Kopfsteuer – die Steuer der Armen – stark herab, ich verfolgte die Beamten, die sich durch Erpressungen oder Unterschlagungen bereichert hatten, ich saß selbst zu Gericht und entschied in wichtigen Klagesachen. Aber auch für den nächsten Feldzug sorgte ich wieder vor; denn es ist kein Ende abzusehen mit diesen Germanen! Es ist, als hätten sie sich verabredet, Serapios Worte zu beweisen. Im Mai nahm ich zu Paris Abschied von der geliebten Frau, die, immer lächelnd, versuchte, auch diesmal zu lächeln, mich über Schmerz und Sorge hinwegzutäuschen. Es gelang ihr schlecht; zuletzt warf sie sich in einem Strom von Tränen in meine Arme. Sie wird immer unirdischer! Schon auf Erden streift sie die Leibeshülle ab. Ich ließ Oribasius bei ihr, den weisen Arzt, und Serapio. Der versprach mir, über sie zu wachen. Keiner wacht treuer. Für die Zufuhr der Vorräte aus Britannien hatte ich ja nun gesorgt. In der Tat, zu Ende des Winters trafen die ersten Sendungen von dorther wieder ein. Voraussehend hatte ich in Bonn, in Andernach, in Bingen, in Neuß, dann in Doorenburg, in Kleve, in Xanten die halbzerstörten Mauern wieder ausgeflickt und überall hier Vorratsspeicher angelegt. Die Barbarenkönige der Umgegend schafften nach dem vorjährigen Vertrage auf den eignen Wagen die Steine und das Holz herbei, und die Truppen zeigten besten Willen, bei der sonst unbeliebten Bauarbeit zu helfen. Stämme von mehr als fünfzig Fuß schleppten sie auf den Schultern heran. »Das tun wir dir zuliebe, Cäsar«, riefen sie mir zu, »nicht für den Imperator und nicht aus Pflicht, nicht für Sold, den wir fast nie erhalten.« Nach diesen Sicherungen unternahm ich meinen dritten Rheinübergang; aber nicht von Mainz aus, wie alle meine Feldherrn – auch Jovian – rieten. Warum? Ach, aus einem für die Mannszucht meines Heeres sehr beschämenden Grunde! Unser Erfolg bei dem Eindringen in die feindlichen Gaue setzt voraus, daß die im Vorjahr unterworfenen Könige Suomar und Hortari in unsrem Rücken Frieden halten, den sie bisher treu gewahrt. Nun liegen ihre Gaue gerade gegenüber Mainz. Ich aber – ich kann nicht einstehen für die Mannszucht meiner Scharen! Sie lieben mich, sie vergöttern mich, aber sie gehorchen mir nicht! Gibt es zu plündern, gibt es weißarmige, goldlockige Germaninnen zu rauben, sie tun's vor meinen Augen und lachen meines Zorns. Ich finde nicht genug Gehorsame, die Unbotmäßigen strafen zu können. Und laß ich's auf das Äußerste ankommen, bei aller Liebe schlagen sie mich tot. Sollen die Barbaren Treue gehalten haben und das Heer des Cäsars treulos über sie herfallen? Soll ich diese Könige in meinem Rücken zu ergrimmten Rächern machen? Nein! Weit unterhalb von Mainz setzte ich zur Nacht über den Strom, in vierzig Gondeln – (einst für Lustfahrten der römischen Villae bestimmt; es ist jetzt für Römer keine Lust mehr, hier zu gondeln!), mit nur dreihundert Leichtbewaffneten. Ich gebot, die Ruder einzuziehen und die Nachen treiben zu lassen, um uns nicht durch das Plätschern im Wasser zu verraten, während ich in dem Lager der Hauptmacht auf dem linken Ufer große Feuer anzünden ließ. Der Streich gelang vollständig. Die Barbaren am rechten Ufer behielten aufmerksam die Feuer im Auge, während ich ungehindert mit meiner Streifschar landete. Es war zwei Uhr morgens. Bis zu dieser späten Stunde waren, nach echter Germanensitte, bei den Trinkhörnern bei einem der Uferkönige viele benachbarte Fürsten zusammengeblieben. Auf dem Heimweg stießen die Ahnungslosen – (Wachen hatten sie wieder einmal nicht ausgestellt, Dank Ate!) – auf unsere Schar. Die Könige entkamen durch die Aufopferung ihrer Gefolgen; aber der Schreck vor uns fuhr weithin durch ihr Land. Die zur Verteidigung des Rheines Versammelten flohen auseinander. Nun holte ich auf einer Schiffsbrücke die Hauptmacht nach und zog tief ins Land der Alemannen hinein, sengend und brennend, Getreide und Gehöfte zerstörend, bis zu deren Grenze mit den Burgunden zwischen Jaxt und Kocher, da, wo einst die Marksteine unserer Herrschaft standen. Überbleibsel unserer alten Grenzschutzwehr fand ich noch vor. Ach, und hier umkehren müssen, statt die alten Grenzen herzustellen! Umkehren, weil ich nur Cäsar bin! Es ist bitter. Höre nur und ergrimme gleich mir! Ich erfuhr durch Kundschafter und Gefangene, daß in dieser Gegend nur noch drei Alemannenkönige unbesiegt seien: zwei minder mächtige, Makrian und Hariobaud, dann aber der mächtigste, listigste, gefährlichste von allen – (er stand lange in römischem Dienst in Italien) –: Vadomar, im Südwesten des Alemannenlandes. Diesen Vadomar beschloß ich nun selbstverständlich anzugreifen und mit seiner Unterwerfung mein ganzes Siegeswerk zu krönen. Hatte ich auch ihm in seinem eignen Land den Frieden aufgezwungen, war jeder Widerstand gebrochen. Die Wegweiser waren gewonnen; das Heer hatte Befehl, am andern Morgen aufzubrechen gegen König Vadomar. Am Abend vorher erschienen im Lager Makrian und Hariobaud, um sich unbedingt zu unterwerfen. Und er selbst: Vadomar! Aber durchaus nicht, um sich zu unterwerfen! Im Gegenteil! Er übergab mir – (zu meinem stärksten Staunen) – vertraute, ja vertrauteste Briefe – des Imperators! Ausdrücklich nimmt ihn Constantius in seinen Schutz und ermächtigt ihn, gegen jeden etwa drohenden Angriff des übereifrigen Cäsars Julian durch diesen Brief sich als Freund des Imperators auszuweisen und gegen jede Gefahr zu sichern. Das ist doch von allen bisherigen Stücken und Tücken des feigen, falschen Tyrannen – (ich muß es einmal schreiben) – das äußerste! Aus Eifersucht auf meine Erfolge schließt er heimlich – (hinter meinem Rücken) – Verträge mit dem schlimmsten dieser Könige, die zu bekämpfen er mich ausgesandt! Ich soll nicht siegen, nicht zuviel, nicht völlig siegen! Und so mußte ich diesen Vadomar, einen Meister der Arglist – dem Feuergott der Germanen (ich habe den Namen vergessen) vergleichen sie ihn, seine Freunde und Feinde –, den mußte ich frei und ohne jede Demütigung oder Belastung abziehen lassen, mußte ihm versprechen, mein Heer, das hart an den Marken seines Gaues stand, diesen nicht beschreiten zu lassen! Umkehren mußte ich, statt den Sieg zu vollenden, schimpflich umkehren, vor einem Briefe des Beherrschers des Römerreichs! Mein Zorn ist groß! Mich dem Spotte dieses Barbaren preisgeben! Nie vergeß ich die höhnende Miene, mit der er beim Abschied fragte, ob er den Imperator recht freundlich von mir grüßen dürfe? Er schreibe ihm morgen und werde melden, wie gehorsam ich kehrtgemacht habe. O Constantius, wie haß ich dich ...!   Nachdem ich Endzweck und Abschluß meines Feldzugs vereitelt sah, kehrte ich nach Mainz zurück. Hier fand ich Briefe von Mutter und Schwester, die berichten, wie sie einer schweren Seegefahr entgangen; die fromme Mutter sah dabei den Galiläer leibhaftig auf den empörten Wogen wandeln, die sich unter seinen Füßen glätteten. Der Imperator beabsichtigte, von den ligurischen Häfen aus mit einer kleinen Flotte an meinem Gallien vorbei nach Spanien zu segeln, wo Unruhen ausgebrochen sind, die er selbst dämpfen wollte. Die verzweifelten Bauern schlugen die Steuereintreiber tot und scharten sich zu Räuberbanden zusammen. Schon hatte er Abschied von den Meinen genommen in Mailand und war nach der ligurischen Küste vorausgeeilt, als sie plötzlich durch eilende Boten aufgefordert wurden, ihm zu folgen. Er lade sie ein, die Seereise nach Barcelona mitzumachen, die den leidenden Augen meiner Mutter gut gedeihen werde. Constantius als Augenarzt! Offenbar wollte er sich der Geiseln meiner Treue fest versichert halten; vielleicht weil er nach seinem Aufbruch erst erfuhr, daß ich auf dem Wege zu jenem Vadomar begriffen war und alsbald dessen Freundschaft mit dem Augustus entdecken müsse. Er hat es wohl geahnt, wie mich dieser Verrat erbittern werde. Und er hält mich – (mich, Julian, den Priester des Helios!) – für fähig, jemals Eid und Treue zu brechen! Wie kann er so entehrend von mir denken, so ganz Unmögliches, so Schändliches? Da ließ er sich denn schleunigst seine Geiseln nachkommen. Aber auf der Höhe von Marseille ward das kleine Geschwader in der Nacht von einem furchtbaren Sturm, von widerstreitenden Winden überfallen und völlig zerstreut. Zwei Trieren sanken vor den Augen der Meinigen. Das Schiff des Augustus sahen sie im grellen Scheine zuckender Blitze zurückgetrieben nach Osten, gegen Italien zu, während ihr Steuermann ihr kleines, leckgewordenes Schifflein, dem Versinken nahe, mit letzter Anstrengung noch in den Hafen von Marseille rettete. Ich habe den Göttern, die des Meeres walten, Poseidon und Amphitrite, reiche Dankopfer gelobt. Sobald ich an das Meer gelange, werd ich goldne Kleinode den Fluten darbringen, sie zu den Göttern hinunterzutragen. Wohl wird der Augustus, sowie er erfährt, wohin seine Gäste verschlagen worden, alsbald ihre Rückkehr zu ihm befehlen. Aber er will ja demnächst nach Asien gegen die Perser ziehen. So hat es wohl eine Weile gute Wege. Auch in der gnädigen Errettung der Meinen aus solcher Gefahr sehe ich, dankbar und fromm, die besondere Gunst der Götter. Sechsunddreißigstes Kapitel O nein! O nein! Es ist Wahn, es ist eitel Selbsttäuschung! Ich bin den Waltenden nichts! Wie könnten sie sonst mit so grausamem Wehe mich schlagen! Ach, Lysias, ich bin in die tiefste Seele getroffen. Mein geliebtes Weib, meine Helena, mein Liebstes auf Erden – ist tot! Gestern traf Serapio hier in Mainz ein mit der Trauernachricht aus Paris. Sie schwand dahin wie eine holde Himmelsblüte, die der allzurauhen Luft der Erde nicht gewachsen war. Oh, was hab ich verloren! Alles, alles – ausgenommen die Götter und das Reich. Ihnen werd ich meine Pflicht erfüllen bis ans Ende. Allein die Freude an dieser Erfüllung, die Freude am Leben, die Freude an allem – zumal an mir selbst – ist dahin! Ihr konnte, ihr mußte ich alles vertrauen. Mit jeder Sorge, besonders aber mit jedem Triumph eilte ich zu ihr! Es ist ja wahr – (du hast es schon dem Knaben vorgehalten) –: Ich bin eitel. Eitelkeit ist wohl mein schlimmster Fehler, aber die Götter wissen es: Helenas Lob oder doch ihr stiller Beifall war mir weitaus der liebste Lohn. Viel mehr als der laute Beifall des Heeres, die Lobesbriefe selbst des Maximus und des Libanius beglückte mich das holde Lächeln, der freudige Blick, womit mich bei der Rückkehr aus glücklichem Feldzug im stillen Gemach die Geliebte empfing. Ach, die Welt ward mir kalt und dunkel, seit sie starb! Kampflos, schmerzlos, klaglos erlosch sie, wie eine Ampel, den Göttern geweiht, der die Nahrung, das heilige öl, ausging. Mein Name war der letzte Hauch von ihren Lippen. Serapio fing ihn auf und brachte ihn zu mir. Dieser Barbar! Wie zartsinnig, wie feinfühlig, wie tief fühlig, wie treu mitempfindend hat er mir die Kunde gebracht, die Ausbrüche meines wilden Schmerzes aufgenommen und allmählich leise, leise gemildert. »Erinnere dich«, sprach er ernst nach vielen Stunden, die er mich weinend verbringen ließ, »erinnere dich jetzt des schönen Glaubens, der sie und dich vereint. Kann ich ihn nicht teilen, muß ich ihn euch doch fast neiden. Sobald auch dich der Tod ereilt, werdet ihr, ihr nächstverwandten, liebevereinten Seelen, zusammen mit der Seele eures Heliodor, auf einem schöneren Stern ewig unscheidbar leben, nur immer zu höherer Seligkeit aufsteigend durch immer näheres Empordringen zu der Gegenwart des höchsten Gottes. Ihr seid eins in eurem Gotte. Wahrlich, deine Helena hat ja auch von allen Wesen allein deinen ganzen Gottglauben und Götterglauben geteilt. Gibt es innigere Wesensgemeinschaft? Sie – und du – ihr seid Eins geworden.« Kein Priester aller Religionen, kein Philosoph vermöchte mich mit so tiefem Trost zu trösten, wie dieser germanische Königssohn. Näher als je trat er meinem Herzen. Ich lieb ihn wie einen Bruder. »Bruder!« Ach, das sollte mir Constantius, ihr Bruder sein! Aber wehe; ich fühlte es, der Tod seiner Schwester hat scharf und schnell auch das letzte Band zwischen uns zerrissen. Aus Rücksicht auf sie hatte ich meinen Groll, meinen Haß, meine Verachtung gegen ihn gezügelt! Dieser Zügel barst; ich werfe den zerrissenen fort ... Verfolgt mich doch der Glaubenswahnsinn dieses Mustergaliläers bis in mein Allerheiligstes hinein; bis in meine Liebe, meine Ehe, meinen verzweiflungsvollen Schmerz um die Verlorene, bis in meine Trauer- und Ehrenbezeigung für die Geliebte! Selbstverständlich würde ich, nach dem frommen schönen Brauch unserer Ahnen, den holden Leib den reinen Flammen übergeben und die heilige Asche, schön bekränzt, in schöner Urne an schöner, geweihter Stätte aufbewahrt haben. Allein sehr weise hielten mich Serapion und Jovian von solchem Vorhaben ab. Auf das strengste, bei schwersten Strafen verbietet Constantius das Verbrennen der Leichen. Der Zwangsglaube, der uns auferlegt ist, haftet an ein paar Worten der Bibel, die von »Erde« und »Staub« reden, aus welchen der Mensch gebildet sei, zu welchen er zurückkehren müsse. Wenn nun aber ein Mensch zufällig verbrennt, kann ihn dann der allmächtige Gott nicht auferwecken im Fleische? Und die Kirche selbst? Verbrennt sie nicht lebendige Menschen? Freilich, nur Ketzer! Immerhin, meine Absetzung und Besserung in einem Kloster – (die fürcht ich am meisten!) – wäre die sichere Folge, verletzte ich, der Cäsar, so offen des Imperators Verbot an der Leiche seiner eigenen Schwester. So bleibt mir nur übrig, der teuren Toten, deren Einbalsamierung Serapion, aller ägyptischen Weisheitskünste kundig, angeordnet hat, ohne Verbrennung die würdigste Ruhestätte zu bereiten. Ich kehre nach Paris zurück; es zieht mich heiße Sehnsucht, schmerzheiße, zu der Leiche meines Weibes – ach, all meines Glückes. Was ich nun noch erreiche im Leben – den Ehrgeiz, den Stolz, die Eitelkeit mag es erfreuen –, das Herz bleibt traurig leer, nur von der Erinnerung erfüllt. Ich darf dieser Sehnsucht folgen und zurückkehren: Die Truppen sind schon in die Winterlager entlassen. Ach, wie reizvoll war das Lächeln, mit dem sie mich empfing, kehrte ich aus dem Feldzug sieggekrönt zu ihr zurück! Und jetzt! Erst auf dem Stern unserer Verklärung werd ich dies Lächeln wiedersehn!   In Paris angelangt, eilte ich, sowie ich aus dem Sattel gesprungen war, in die Krypta der Basilika auf der Seineinsel, wo der Priester die Teuere beigesetzt hat. O Lysias, laß mich schweigen von dem Schmerz, der mich durchzuckte, wie ich den gewölbten Deckel von dem dunkelroten Porphyrsarge hob, wie ich, ach, nicht mehr ihr Antlitz – das ganz veränderte der starren Leiche erschaute! Könnten die heißesten Tränen die Toten auf erwecken, sie wandelte wieder neben mir im Lichte des Helios. Jede freie Stunde – ich habe deren nicht viele – verwende ich, darauf zu sinnen, wie ich die geliebten Reste an einem Orte bergen kann und in einer Ausschmückung, die ihr und mir mehr entsprechen. Jetzt muß ich jedesmal mit Lüge und Heuchelei durch mir tiefverhaßte Umgebungen schreiten, zu meinem Heiligtum zu gelangen. Der Ostiarius, der Exorcista, die Subdiakone, die Diakone, der Priester, empfangen mich auf der Freitreppe der Basilika und führen mich, teils mir schmeichelnd, teils mich belauernd und dazwischen durch Gebete näselnd oder Lieder ableiernd, durch die Türe in das Schiff, das von dem süßlichen, mir so tief verhaßten Weihrauchqualm immerdar erfüllt ist. Dann muß ich im Vorüberschreiten vor dem Hauptaltar haltmachen, niederknien und ein paar Knochen des Märtyrers Stephanus, dann ein paar Schritte weiter einer Haarlocke der heiligen Anna meine heuchlerische Verehrung zollen, bevor sie mich durch das schmale Treppenpförtlein auf die Stufen schreiten lassen, die zu meiner Heiligen hinunterführen in das dumpfe, schaurige Gewölbe. So muß ich mir jedesmal den Zutritt zu ihr erkaufen durch den Eingangszoll der häßlichsten Heuchelei. Ich ertrag es nicht länger!   Serapio fand Rat. Dieser feinherzige Barbar merkte, wie ich unter jenen Lügen, unter den abscheulichen Eindrücken litt. Eines Mittags – mild schien die Herbstsonne aus dem wolkenlosen Himmel – wollte er mich zu einem Spazierritt abholen. Erstaunt wies ich auf den Berg von Briefen, von Eingaben jeder Art auf den Tischen um mich her: »Es ist noch nicht Zeit, zu feiern«, sprach ich. »Komm nur mit«, flüsterte er, näher tretend aus der Reihe von Schreibern, denen ich diktierte, während ich selbst die geheimeren Dinge schrieb. »Es wird dich nicht gereuen. Es gilt ihr, ihrer Ruhestätte. Dort kann sie nicht bleiben.« Ich sprang auf, folgte ihm in den Hof des Palastes, wo er bereits Argos, meinen Silberschimmel, hatte aufzäumen lassen, und ritt alsbald, seiner Führung folgend, auf dem linken, dem südlichen Ufer flußabwärts aus der Stadt und der Vorstadt, wo nur wenige Lehmhütten der ärmsten Bevölkerung stehen. Bald hatten uns die raschen Rosse weit weg von allen Menschen und deren Spuren getragen, in den stillen Frieden eines dichten Buchenwaldes, der das ganze Ufer des Stromes bedeckt. Prächtig leuchteten die vom Reif braunrot gefärbten Blätter in dem hellen Mittagssonnenlicht. Es war hier so still, so friedlich, so feierlich. Nachdem wir geraume Zeit in den Wald hineingeritten, auf einer wenig befahrenen Bauernstraße, sprang Serapio vom Pferd und führte es am Zaum in einen engen, stark verwachsenen Seitenfußpfad, den ich nicht wahrgenommen hatte. Er bat mich, zu folgen. Nach tausend Schritten etwa endete plötzlich der schmale Pfad in eine kreisförmige Wiesenfläche, von der offenbar ehedem die Bäume entfernt worden waren. Nun hatten sich auf dem vernachlässigten Raum wieder ein paar junge dünne Wildlingstämme erhoben. Den Mittelpunkt der Rundung bildete ein kleiner Tempelbau, ein ländliches Fanum, wie sie in Gallien gar häufig den aus gallischen und römischen Gottheiten gemischten und so neubenannten Göttern und Göttinnen errichtet sind. Dies hier ward durch die außen an dem Gemäuer angebrachten vorspringenden Bilder – den Jünglingskopf in dem Strahlenkranz und den von vier Rossen nach oben getragenen Wagen – als ein Heiligtum des Helios, das heißt des römisch-gallischen Apollo Grannus bezeugt. Es schien ganz verlassen und verödet, das kleine Weihtum; mancher Ziegel war abgebröckelt von den Seitenwänden und lag im hochwuchernden Grase. Gar einsam war es und still, wie es die Waldnymphen lieben. Der Freund aber band unsere Pferde an den nächsten Bäumen fest, trat dann vor die verschlossene Tür und schlug in die Hände, einmal, zweimal. Da ward von innen ein Schlüssel in das verrostete Schloß gesteckt, es knarrten die Angeln der Pforte, sie ward nach außen aufgestoßen, und vor uns stand ein Greis in zerschlissenem, abgetragenem weißen Wollkleid, dessen hin und wieder noch erhaltene verblichene Goldfäden das ehemalige Priestergewand andeuteten. Groß war mein Staunen, als der Alte sprach: »Willkommen, du Sohn und Liebling des Helios! Lang harr ich deiner hier.« – »Wer bist du?« – »Ein Priester des Helios. Und der Gatte jenes Weibes, das sie als wahnsinnig zu Vienne einsperrten, weil sie ein altes Orakel aussprach: daß nämlich ein zweiter Julius Cäsar, eine Wiederkehr des ersten, aber genannt ›Cäsar Julian‹, Gallien zum zweitenmal erobern und dann die Götter herstellen werde. Das Orakel ist altvererbt in meinem Geschlecht. Vor mir erfuhr es die Arme, die sie, nachdem sie dich begrüßt hatte, als von höllischen Dämonen besessen, so lange durch Exorzismen heilten, bis sie tot umfiel.« Ich seufzte tief, fuhr mit der Hand über die Augen; die blieben trocken. Ach, ich kann nicht mehr weinen; das tut am meisten weh. Ich drückte seine Rechte. »Armer«, sprach ich, »aber wie – wie kommst du hierher? Wie lebst du hier?« – »Ich war ehedem Priester in diesem Heiligtum, das die ganze Gegend fromm verehrte; ich hatte noch sechs Genossen. Als die Tempel geschlossen wurden, da ... da haben drei von ihnen die Weihe von Christus-Priestern genommen. Sie lesen jetzt die Messe zu Paris. Ein vierter, der es auch getan hatte, ward vor Reue wahnsinnig und sprang in den Strom da drüben. Zwei jüngere – ach, einer war mein Sohn, der andere mein Neffe – setzten sich zur Wehr, als die Boten des Bischofs und des Präfekten mich an meinem Barte von dem Altare zerrten, den ich mit beiden Armen umfangen hielt und nicht lassen wollte. Der Centurio, ein maurischer Söldling, erschlug sie beide und warf mich aus dem Tempel. Mein armes Weib, das dabei den Imperator schmähte, ward von mir getrennt und nach Vienne geschleppt. Aber die Bauern der Nachbarschaft hingen noch heimlich an dem alten, seit der Zeit der Ahnen ihnen teuern Ort. Sie nahmen mich auf in ihre Lehmhütten, und einer nach dem andern verpflegte mich. Dafür erschließe ich ihnen manchmal heimlich das Heiligtum und bete mit ihnen zu Apollo Grannus. – Tritt ein. Sieh, es ist noch immer schön, trotz der Verwüstung durch den Mauren.« Ich trat ein, klopfenden Herzens; der Alte rührte mich tief. »Aber«, sprach ich, »wenn sie dich ergreifen; der Bischof, die Beamten?« – »Sie sollen zwar nicht hinrichten um des Götterdienstes willen, aber sie würden mich mißhandeln, bis ich sterbe. So gehe ich nur um etwas früher zu Helios empor.« Wir standen nun in dem kleinen achteckigen Raum. Er war ganz leer, ausgeplündert, die Weihgeschenke geraubt, die goldnen und silbernen Ringe, die um die Säulen gereiht gewesen, sichtbar mit Axthieben abgesprengt, den vorspringenden Götterbildern an den Wänden Nasen, Arme, Köpfe abgehackt. Ich bebte vor Zorn! »Das ist ja unschön«, sprach Serapio, »und friedlich. Aber man kann es leicht herstellen. Und seit ich zuerst vor ein paar Tagen auf einem einsamen gedankenvollen Waldritt diese Stätte entdeckt, stand mir der Gedanke fest: Hier, in diesem Frieden seiner Götter, an die er sie – die Schwester des Constantius – zu glauben gelehrt hat – wahrlich ein großes Wunder der Liebe –, hier muß sie ruhen, nicht in jener dunklen, dumpfen Krypta. Aber vollends ergriff mich der Gedanke, als ich dies entdeckte.« Mit diesen Worten ergriff er eine in die Wand eingelassene Eisenstange und stieß sie nach oben. Sofort schlug das gewölbte eherne Dach des kleinen Weihturms zur Seite, und der ganze Innenraum ward erfüllt, durchleuchtet von dem strahlendsten Sonnenlicht. Entzückt, begeistert schaute ich nach oben: »Strahl des Helios, schönstes Licht!« rief ich, des großen Sophokles gedenk. »Ja, Freund meiner Seele, hier soll sie ruhen. Nicht in der Nacht des Galiläergrabes. Hier soll ihr Sarkophag stehen, umflutet, geküßt von unserem Helios! Serapio, mein Bruder, ich danke dir. Wie kannst du so völlig mich, meine Wünsche so ganz verstehen; mehr als alle andern?« – »Vielleicht, weil ich dich liebe, o du törichter Schwärmer Julianus, mehr als alle andern. Lieben aber heißt: verstehen, verstehen nicht mit dem Verstand, mit der Seele.«   Nach dem Palatium zurückgekehrt, erklärte ich den Priestern der Basilika, die Leiche könne wegen der Feuchtigkeit nicht in der Krypta bleiben. Ich habe jenes Waldheiligtum entdeckt, es zu einem christlichen Oratorium bestimmt – (Helios verzeihe mir diese Notlüge) –, befehle aber schon jetzt, vor der Weihung desselben, die Übertragung des Sarkophags. Wie leuchtete der Porphyrsarg der Toten, als ob er das unauslöschliche Leben in seinem Innern bezeugen wolle, wie ihn dort der volle Sonnenguß von oben traf! Aber noch eine große, mein ganzes Herz erfüllende Freude habe ich mir – die letzte Ehre der Geliebten – angetan. Sie verschmähte jeden Schmuck. Die Gattin des Cäsars trug nicht Gold noch Silber noch Perlen noch Edelstein. Sie war so stolz-bescheiden, so vornehm-schlicht. Aber nach dem Sieg bei Straßburg erbeuteten wir in dem verlassenen Lager der Alemannen ein seltsames Geschmeide: eine siebenfache Hals- und Brustkette von jenem Stein, den wir »Elektron« nennen, die Germanen aber »Brennstein«, »Bernstein«, »Meergold«. Das gefiel ihr, »weil«, sagte sie, »mein Gatte, der Germanenbesieger, diesen echt germanischen Schmuck als Siegeszeichen heimgebracht hat.« Und sie legte die siebenreihige Kette von tiefdunkelgoldnem Meergold gern um den weißschimmernden Nacken. Es ist eine gar eigenartige Zusammenstellung: Serapio sagt, auch bei ihnen seien so große, gleichmäßig runde Stücke selten; in der Mitte die größten, nach beiden Seiten der Kettenschnur sich verjüngend. Ich hatte mir vorgenommen, da sie Freude nur an diesem Schmuckstein hatte, ihr ein gleich schönes Diadem für ihre weiße Stirn zu verschaffen. Nach vieler Mühe war mir's gelungen. Teils aus erbeutetem, teils aus erkauftem Schmuck hatte ich während meines letzten Feldzugs eine solche Zahl schöner Kugelstücke des »Meergoldes« zusammengebracht, daß ein geschickter römischer Kunstschmied zu Mainz ein herrliches Diadem von fünf Reihen daraus fertigen konnte. Ach, nicht mehr auf der Lebenden Stirn kann ich es drücken! Aber wunderbar war die Lichtwirkung, die blendende, als ich, nach der Übertragung der Toten in jenes Weihtum, ihr, unter bittern Tränen, die siebenreihige Kette um den Hals schlang und das fünfreihige Diadem drückte, auf das dunkelbraune Haar und auf die Binde von weißer Seide, mit Perlen bestickt. Wie nun durch das aufgestoßene Dach der warme Kuß des Helios auf sie fiel, da leuchtete alles an ihr, als wollte sie sagen: »Im Licht verklärt sehen wir uns wieder.« Jede Stunde, die ich dem Reich abbrechen darf, verbringe ich hier, in diesem meinem höchsten Heiligtum auf Erden. Siebenunddreißigstes Kapitel O weh um das Reich der Römer! O weh um mich! O wär ich nie geboren! Nie Cäsar dieses Reiches geworden! Das Verderben bricht herein! Über das Reich, über Gallien vor allem, mein Gallien – wenn ich gehorche. Und über mich jedenfalls, ob ich gehorche, wie ich soll, muß, aber nicht kann, oder widerstrebe, wie ich nicht soll, nicht darf, und aber ach, auch nicht kann. Völlige Verzweiflung! Kein Ausweg! Untergang Galliens, des ganzen Abendlandes, und – nebenher – auch Untergang des Cäsars Julian! Oh, um einen alemannischen Speer in der Brust! Das ist die Sprache eines Wahnsinnigen, denkst du, o Lysias? Mag sein! In dem fürchterlichsten Widerstreit der Pflichten tritt Verschuldung ein, unvermeidbare Verschuldung. Wohl dem, den vorher Wahnsinn umnachtet: nicht wie Orestes, nachdem er die schicksalsnotwendige Untat begangen hat. Was geschehen ist? Constantius verlangt mein ganzes Heer – oder doch alles, was mein Heer zu einem Heere macht –, aus Gallien hinweg nach Asien gegen die Perser! Es ist wahr! Unsere Grenze, nein, unsere Ehre vor allem fordert dort eine Verstärkung unserer Macht, nachdem Constantius und seine Feldherrn in jenen Landschaften abermals die demütigendsten Niederlagen erlitten haben. Aber das Reich ist weit; zahlreich sind seine Provinzen, in denen ganz unbeschäftigte Heere stehen. Leicht könnte man in Europa, aus Italien, aus Spanien, aus Illyricum, aus Rätien, aus Dalmatien, aus Istrien, aus Griechenland, dann aus ganz Afrika, wo tiefer Friede herrscht, aus Vorder- und Mittelasien, die viel näher der Persergrenze stehenden Heere dorthin ziehen; aber nein, aus Gallien, dem kaum wiedergewonnenen, vom Rhein, dem stets noch stark gefährdeten, hinweg, soll mein Heer gerissen werden. Constantius verlangt die Knochen und die Muskeln aus dem Leibe meiner Scharen: Alle die, ausgedient, nach erneuertem Vertrage dienen, ferner alle germanischen Söldner, also die Heruler, die Sachsen und Friesen, die Markomannen und Quaden, sodann alle gallischen Truppen; also zum Beispiel die Petulates und die Braccati, dann die Schildener, ferner die Cornuti, und außerdem noch aus jeder Legion die dreihundert besten Leute, die sein Gesandter sich aussuchen wird! Das heißt der Zahl nach drei Fünftel, dem Werte nach die Kernkraft meiner Macht! Geschieht dies, so bin ich durchaus unfähig, Gallien zu behaupten. Ich muß den Rhein, die Loire, die Rhone, die Garonne aufgeben und, ohne Hoffnung, versuchen, an den Alpenpässen, die nach Italien führen, die Germanen von Mailand, von Ravenna, von Rom abzuhalten. Gallien – mein Gallien – ist der Rache der nun sofort wieder sieghaften Besiegten preisgegeben. Ich falle, Schwert in der Hand, irgendwo zwischen Rhone und Turin. Helios der Allsehende ist mein Zeuge: Nicht das bewegt mich! Ob ich in Gallien im Siege, ob in Italien auf der Flucht, in der Niederlage, nach Verlust all meines jungen Ruhmes ende, es ist mir – (ich will nicht sagen gleichgültig, denn das wäre gelogen; aber es ist mir) –, wahrlich, nicht die Hauptsache, es ist nicht der Grund der Verzweiflung, die mich ergriffen hat. Rom, Rom, das Reich, Gallien, das ist's! Und nun das Furchtbarste: Ich kann ihm ja gar nicht gehorchen, dem Befehl des Unheils, wie ich soll und muß, wie Pflicht und Ehre und Eid von mir verlangen! Denn – wehe, wehe! – Constantius bricht ja selbst seinen, ja meinen Eid bricht er durch diesen Befehl. Feierlich hat er gerade diesen germanischen und keltischen und den Veteranenscharen versprochen – (und ich Unseliger mußte es beschwören!) –, daß sie nie wider ihren Willen aus Gallien sollten geführt werden. Ich weiß aber gewiß und genau: Nicht tausend, nein, nicht hundert gehen freiwillig. Und nun soll ich sie zwingen? Ich, mit nicht dreitausend gegen vierzehntausend? Und ich, gegen jenen Eid, den Helios, hell vom Himmel scheinend, bezeugt hat? O Lysias, Lehrer meiner Knabenzeit! O Maximus und Aedesius und Libanius, ihr Lehrer meiner Reifung! Hier versagt alles, alles. Glaube und Wissenschaft und göttliche Geheimnisse und menschliche Forschung! In dem unlösbaren Widerstreit von Pflichten verbleibt dem Römer nur das einzige: der Stoß des Römerschwerts ins Römerherz. Auch der Freunde Rat würde nicht frommen, könnte ich ihn einholen; aber Jovian habe ich lange vorher nach Marseille entsandt, Mutter und Schwester zu mir zu geleiten, Serapion in die Heimat. Ich bin ganz allein mit meiner Aufgabe, mit meinem verderbenschwangeren Ehrenbruch vor den Truppen; aber auch die Freunde könnten doch nur raten: »Tue deine Pflicht und stirb darüber!« Leb wohl, Lysias! Habe nochmals Dank für deine Erlösung von dem Erlöser. Das sind die letzten Worte, die ich schreibe. Des Imperators Wille ist unwiderruflich. Er will mich vernichten, er will der Welt, der Weltgeschichte zeigen, daß mein Ruhm, Gallien wiedergewonnen zu haben, eitel Lüge war. Ich soll hier, aller Mittel des Widerstandes beraubt, zugrunde gehen vor den Barbaren; elend, schimpflich besiegt; seine Eifersucht auf meinen Feldherrnlorbeer ist der Grund dieses Befehls. So deutete auch Philippus in einem Papyrusstreiflein an, das ein Bote, in seinem Haar verborgen, mir überbrachte. Es besagt: »Gaudentius und Marcellus, Florentius und Barbatio, die schärfsten Betreiber dieser Beschlüsse, waren deine Ankläger, deine Neider waren die Zeugen, und dein höchster Neider war dein Richter. Der Büttel, der dir die Verurteilung überbringt, ist ein Vetter des Eusebius, des Eunuchen, der wieder uns alle, die am Hof leben – ohne Ausnahme – beherrscht.« Schon, hör ich, sind unbestimmte Gerüchte von der befohlenen Fortschleppung nach Asien unter die Truppen gelangt. Kann ich's doch auch nicht mehr lange verschweigen! So sterbe ich, so verderbe ich unausweichbar. Ich muß dem Imperator gehorchen; das verlangen Ehre, Pflicht, der Eid, die Augen der Mutter! Aber ehe mich die eigenen Krieger um meinen Eidbruch gegen sie ermorden oder die sieghaft verfolgenden Alemannen auf der Flucht erschlagen, eher falle ich in jenem stillen Heiligtum im Buchenwald – unter des Helios Strahl – ins eigene Schwert an ihrem Sarge!   Ein Geheimnis – noch! – ist der Befehl des Imperators vor dem Heere. Ein Notarius und Tribunus brachte mir die versiegelte Urkunde; wehe, wehe, wenn es kein Geheimnis mehr ist. Ich zittere vor der Stunde, nicht um meines Lebens willen, das sicher verloren ist, wenn ich, wie ich muß, Gehorsam verlange, nein, um der Schmach willen, daß abermals ein römisches Heer ohne Zweifel in offene Meuterei ausbrechen wird. Ich beschwor daher den Notarius, wenigstens von den Mannschaften abzustehen, denen der Augustus – (und in seinem Namen ich Unseliger) – noch vor wenigen Monaten feierlich und eidlich zugesichert, sie nicht aus Gallien hinweg zu zwingen. Da ich merkte, daß Eid und Ehre nicht schwer wogen bei dem Vetter des Eusebius – (er zuckte nur die Achseln) –, schärfte ich ein, nie wieder würden sich jene unserem Heere ganz unentbehrlichen Veteranen und Barbaren anwerben lassen, sähen sie sich solchem Wortbruch ausgesetzt. Es sei also diesmal – (»ausnahmsweise«, konnte ich mich nicht enthalten, beizufügen) – sogar für den Imperator und seine Räte auch das einzig Vorteilhafte. Aber da kam ich schön an! »Der Imperator steht wie über dem Gesetz, so über Wort und Eid«, sprach der Höfling stolz. »Sein Wille ist höchstes Gesetz. Ich werde mir demnächst die Leute aussuchen. Denn bei Frühlingsanfang schon sollen sie eingeschifft werden nach Asien, um gegen die Perser und Parther zu ziehen.« Es bleibt mir nichts übrig, als zu gehorchen, das Verderben mit sehenden Augen selbst zum raschen Heranzug gegen mich zu befehligen! Denn nichts anderes unterschrieb ich, als ich die Befehle unterschrieb an alle mir abverlangten Truppenteile, aus ihren Winterlagern sofort aufzubrechen und gegen Süden – auf die cottischen und Seealpen – zu ziehen. Der Zweck des erstaunlichen Marsches – (weit von den Germanen hinweg, auf Italien zu) – wird nicht lange verborgen bleiben.   Richtig! Schon ist es hier in Paris unvertuschbar geworden. Schon ist es durchgesickert! Nun ballen sich die Wolken rasch zusammen. Schreite ich durch die Zeltgassen beider Lager auf den beiden Ufern, begrüßen mich nicht mehr wie sonst fröhliche, wohl auch derb-fröhliche, neckende Zurufe. Eisiges Schweigen waltet bei den Germanen! Aus den keltischen Zelten aber tönt mir wohl ein: »Wort halten« oder Schlimmeres nach in der Dunkelheit. Achtunddreißigstes Kapitel Es bricht! Es kommt! Selbstverständlich zuerst bei den Kelten, den Galliern. Die sind am raschesten mit der Zunge, dem Wort, dem Witz, dem Aufbrausen. Der alte Voconius brachte mir – (mit tiefernster Miene) – bereits in aller Frühe – (ach, ich schlafe jetzt kaum noch eine Stunde) – einen abgerissenen Papyrusfetzen; ein Stück einer Schmähschrift, lateinisch, aber mit zahllosen Gallizismen. Vor dem Fahnengestell der gallischen Petulantes hat man bei Tagesanbruch die Hetzschrift gefunden; in vielen Blättern sei sie auch sonst im nördlichen Lager verstreut worden. Darauf stand geschrieben: »... So werden wir also – gegen den Vertrag – wie Missetäter und Sträflinge an die äußersten Winkel der Erde im unbekannten Morgenland verschleppt. Unsere Weiber und Kinder aber hier im schönen, lieben gallischen Heimatland müssen dann wieder den Alemannen Frondienste tun, aus deren Herrschaft wir sie in mörderischen Schlachten mit unsrem Blut befreit haben.« Was sollte ich tun? Ableugnen, was ich demnächst selbst verkünden, erzwingen muß? Da fiel mir ein, wie leicht diese Gallier durch eine Höflichkeit, durch eine Artigkeit in der Form, durch eine freundliche Zuvorkommenheit im Verkehr zu gewinnen sind. Es ist ja ein wenig kindisch, aber liebenswürdig an dem leichtlebigen Völkchen, das mir viel näher steht als jene bärenhaften Germanen, auf die ich entweder mit Geringschätzung sehe oder (zumal, wenn ich mit Serapio gestritten) auch wohl mit einem leisen Grauen, wie vor der unergründlichen Meeresflut. Also mir kam der Einfall, ihrer Eitelkeit – (»durch ihre Hauptschwäche beherrscht man die Menschen«, lehrtest du im unheiligen »Heiligtum«) – zu schmeicheln, und ich ließ – (noch nicht öffentlich, denn ich schiebe den Aufbruch hinaus) – unter der Hand verbreiten: Sollten Verheiratete aufgeboten werden, so würden sie ihre Frauen und Kinder mitnehmen dürfen, und zwar in den wunderfeinen, großen, zwölfsitzigen Gesellschaftswagen des Staates – (bespannt mit fünf Pferden) –, deren Polster zu diesem Zweck frisch überzogen, deren Wände und Dächer neu rot und gelb würden übermalt werden. Und wirklich! Es half ein wenig! Zumal die Bürger von Paris und deren Frauen ihren gallischen Volksgenossen in eifrigem Geschwätz am Brunnen bewiesen, darin liege eine auszeichnende Höflichkeit, und sie würden – so – selbst ganz gern mitfahren! Aber wohl nicht bis an den Tigris!   Jedoch das Wichtigste ist: Auf welchen Straßen denn sollen die mir abverlangten Truppen, die nördlich und östlich von Paris lagern – (selbstverständlich sind das wegen der Germanengefahr die meisten, entlang dem Rhein) –, auf welchen Straßen sollen sie nach dem Südwesten ziehen? Wohlweislich enthalte ich mich gegenüber einer Maßregel, die ich durchaus verwerfe, nach Kräften jeder Einmischung in die Ausführung. Aber erstaunt war ich doch eine Weile, als der Tribunus und Notarius entschied: »Alle diese Scharen – über neuntausend – sollen über Paris geleitet werden.« Warum? Bei einzelnen ist es ja allerdings der nächste Weg. So für die aus Arras, aus Tournay. Aber für die allermeisten ist es ein Umweg nach Westen, ein überflüssiger. Warum also?   Es ist niederträchtig! Warum? Nur, um mich zu verderben! Oribasius, mein griechischer Arzt, ward in das Haus des Archidiakons berufen, dessen Schwester schwer erkrankt ist. Sie wohnen auf unserer Insel an dem schmalen Steg, der auf das Nordufer des Flusses führt. Der Priester ist nicht mein Gönner; er wittert Heidentum an mir. Die Übertragung Helenas nach jenem Weihtum war ihm nicht angenehm. Während nun der Arzt an dem Bette der Kranken wachte, führten in dem Vorgemach, nur durch den Vorhang getrennt, der Priester und der Notarius eine Unterredung, auf Griechisch und leise; aber trotzdem verstand sie der Treue. Nachdem der Diakon über meine Frömmigkeit wenig günstig ausgesagt, fragte er besorgt, ängstlich, warum man Paris – mein Lager – zum Sammelort all jener Truppen ausgesucht habe? »Wenn sie nun meutern«, meinte er furchtsam, »die Basilika verbrennen, den Cäsar erschlagen?« Da erwiderte der Notarius: »Eben deswegen. Die Basilika baut der Imperator prächtiger wieder auf, seinen Vetter Julianus aber weckt er sicher nicht wieder auf, auch wenn er es könnte. Fallen soll er, dieser gallische Cäsar. Schimpflich fallen, ermordet von demselben Heer, dessen Abgott zu sein seine Eitelkeit prahlte. Gewiß bricht hier der Aufstand aus, wenn neuntausend aufs höchste erbitterte Soldaten sich ihrer Macht bewußt werden. Uns trifft es nicht, heiliger Bruder; du hast ihnen nichts geschworen, und ich? Ei, ich verschwinde rechtzeitig nach Italien!« Also deshalb! Eine mir gegrabene Grube! Unter Tränen berichtete es mir der Gute. Er beschwor mich, zu fliehen. Wohin? Vor mir selbst? Ich habe befohlen, daß alle von Norden und Osten heranziehenden Truppen in Zelten – im Anschluß an mein Lager auf dem rechten Flußufer – untergebracht werden sollen. Sind die letzten eingetroffen, dann werde ich, mit Aufbietung aller Kräfte und Mittel meines Geistes, sie dahin bringen, dem Gebot des Augustus zu gehorchen. Wo nicht, so sterbe ich auf dem Fleck. Ihre Wut wird mir alsdann den Stoß des eigenen Schwerts ersparen. Morgen früh – es sind die Iden des Dezembers – treffen die letzten Scharen ein. Die Sonne versinkt in winterlichem Gewölk; ich sehe ihr Scheiden wohl zum letztenmal. Leb wohl, Helios, leb wohl, Lysias! Neununddreißigstes Kapitel Julian hatte teils richtig, teils unrichtig geahnt. Grau und trüb brach der Dezembermorgen an. Am Abend vorher und noch in der Nacht waren auf allen Legionenstraßen von Westen, von Osten und von Norden her, die plötzlich aus ihren Winterlagern, auch die ausgedienten aus ihren Häusern, von ihren Familien hinweg aufgescheuchten Truppen auf dem Nordufer der Seine eingetroffen, und in rasch errichteten Holzbaracken – die Zelte reichten bei weitem nicht aus – oder gar nur unter dem freien Himmel der Winternacht auf der hartgefrornen Erde untergebracht worden. Vielfach war der völlig unerwartete Marschbefehl auf Ungehorsam gestoßen. Wohin – in dieser Jahreszeit – wollte man sie führen? Gegen die Barbaren? Aber diese drohten doch höchstens vom Rhein her. Und nun nach Paris? War dort der Cäsar bedroht? Dem wollten sie ja gern zu Hilfe eilen! Jedoch das konnten seine Boten nicht geltend machen. Die unablässige Anspornung zur Eile durch die Anführer erbitterte die murrenden Leute noch schärfer: »Mit fliegender Geißel«, schalten sie, »wie Tiere, die man zur Schlachtbank treibt, jagt man uns vorwärts. Wohin? Wozu?« Und nicht nur die Krieger, nein, überall in ganz Gallien, soweit früher die Herrschaft oder die Streifzüge der Barbaren sich erstreckt hatten, wehklagten die Einwohner, die Bauern, die Colonen, die Bürger in den Städten, die sich der wiedergewonnenen Sicherheit erfreut hatten, auf das bitterste. Nun sähen sie Leben, Freiheit, Habe wieder den rachefrohen Barbaren schutzlos preisgegeben. Bei Paris angelangt, erfuhren nun die einzelnen Scharen, sowie sie eintrafen, die Wahrheit, die hier nicht mehr verborgen werden konnte. Und jeder Haufen ward sofort angesteckt, ergriffen von der gärenden Erregung. Die Mitteilung ergrimmte die, welche sie hastig den Waffenbrüdern zuflüsterten, ja schon zuschrien, mit erneutem Zorn, und riß die Neulinge mit fort. Ja manche Reiter warfen sich aufs Roß und jagten auf den finstern Straßen zurück, den Heranziehenden schon unterwegs die empörende Nachricht entgegenzutragen. Die Leute, obwohl übermüdet durch die Eilmärsche, fanden in dieser Nacht keinen Schlaf: Der Lärm, die Erregung stieg von Stunde zu Stunde. Laut erklärten gar viele, sie würden nicht gehorchen. Ergraute Krieger warfen zornig die Waffen auf die Erde. Verwünschungen gegen den Imperator, Drohrufe auch gegen den Cäsar wurden laut. Sobald es hell geworden, sprengte Julian, umgeben von einer kleinen Zahl seiner Leibwächter, aus dem Palatium (dem heutigen Palais des Thermes), die Legionenstraße (die heutige Rue Saint Jacques) hinan in die nördliche Vorstadt und auf das vor ihr liegende, vom Wald entblößte weite Blachfeld, wo die Pariser Ackerbürger ihr Korn bauten, und wo nun die Truppen lagerten. Bei seinem Erscheinen ward er mit Freude, mit Hoffnung, mit Zuversicht begrüßt. Die zornigen Rufe verstummten, einer der abgesessenen Panzerreiter sprang vom kalten Strohlager auf, lief auf ihn zu, und, ihm treuherzig die Hand hinhaltend, rief er mit lauter Stimme: »Nun seid getrost, ihr Waffenbrüder! Da ist er, der Cäsar Julian! Gedenkt ihr noch, wie er uns gerettet hat dort bei Straßburg, da Darandanes gefallen war und wir dachten, alles sei verloren? Getrost, er wird uns auch aus dieser Gefahr erretten.« Gerührt schüttelte ihm Julian die Rechte, aber doch nur gepreßt, verlegen, im Bewußtsein der Unfähigkeit, ihre Wünsche zu erfüllen, antwortete er: »Wackerer Maurus! Du ...« – »Er kennt mich noch!« rief der Mann erfreut. »Gewiß! Du warst ja in der Reihe der Fliehenden der erste, der auf meine Mahnung die Fassung und sich selber wiederfand und kehrtmachte gegen den Feind. Du wirst auch heute wieder vor andern das Rechte finden. Und siehe da, du Garizo, langer Markomanne mit der goldtreuen Seele, du Centurio der Cornuti, was macht der Fuß? Ein schwerer Wagen ging dir drüber – nach dem Sieg? Und du, Hippokrenikos, heißblütiger Fahnenträger der Primani damals? Und du, Sigiboto, blonder Friese, und du, zorngemuter Ekkard, narbenreicher Sohn des Gaugrafen der Quaden, da ist ja das ›Kleeblatt‹ vollständig! Nun willkommen alle vier! Wo so wackere Krieger beisammen sind, muß auch das Wackere geschehen.« Und er ritt weiter. Aber das war den Unzufriedenen doch allzu wenig. Von ihm hatten sie Abhilfe bestimmt erwartet; sollte sie ausbleiben? Die freudigen Zurufe verstummten, in den hinteren Reihen begann das Murren aufs neue. Jedoch nun schlug die Stimmung rasch wieder um, liebten sie ihn doch und hatten sie doch auf ihn alle Hoffnung gesetzt, als er allen Befehlshabern und Anführern gebot, auf das große Viereck in der Mitte des Lagers – das Prätorium – vorzutreten, und als er sie hier alle – mehr als tausend Köpfe – als seine Gäste zu der Hauptmahlzeit – um die sechste Stunde nach Mittag – in das Palatium einlud, indem er beifügte, dort solle jeder freimütig ihm eine Bitte vortragen. Er werde sie gern erfüllen, wenn er könne. Brausender Beifall der Geladenen dankte ihm, aber alsbald auch der Mannschaften, sowie diese seine Worte erfuhren. Sie deuteten das zuversichtlich nach ihren Wünschen, und unter feurigen Nachrufen sprengte er zurück in die Stadt. Freudige Zustimmung, ja begeisterter Jubel kehrte nun in dem Lager ein, in das der Cäsar zahlreiche Fuhren von Wein, Brot und Fleisch als sein »Gastgeschenk« sandte. Hoch ging's nun her um die Fässer. Aus ihren Sturmhauben tranken die Germanen wieder den süffigen Wein, die kleineren Kelten und Römer mit den Ellbogen, auch wohl mit Faustschlag und Speerschaft zurückdrängend und unermüdlich schreiend: »Heil, hoher Held! Jubelt und jauchzet Julian!« – »Oho«, schalt da erbittert ein gallischer Bogenschütze aus Nantes, »ihr groben Germanen! Nun, Garizo, hast du noch immer nicht genug? Aber freilich, in deinen sieben Fuß langen Leib geht Unendliches hinein, bis er voll ist.« Die andern Gallier lachten; sie lachten gar gern über jeden Witz, ob gut, ob schlecht. Langsam, gemächlich – es eilte ihm selten – wandte sich der Lange zu dem Spötter und sprach, tief zu ihm hinunter, bedächtig: »Kleiner, sei still, sonst trag ich dich auf diesem Arm ins Bettchen. Übrigens – da – trink!« – »Mag nichts von dir geschenkt. Und euer Cäsar? Traut ihm nur nicht zuviel! Ich glaub's nicht, daß er uns hilft. Was meinst du, Bojorix?« – »Ich glaub's auch nicht«, rief sein Clangenosse. »Obwohl er uns beeidet hat. Aber bricht er den Eid ... Vetter Mandubrates, beim großen Teutates, mit diesem Speer erstech ich ihn.« – »So nahe kommst du ihm gar nicht hinter seinen Leibwächtern! Doch mein Pfeil! Ich treff die Fledermaus im Schwirreflug. Sollen wir verderben, gegen seinen Schwur – fern vom lieben Heimatgau, fern von den heiligen Misteln auf den Eichen –, bei Hesus und Epona! Er soll nicht leben!« Vierzigstes Kapitel Alle Räume des Palatiums, auch die recht ansehnlichen (heute noch erhaltenen) der Kalt- und Warmbäder waren in Anspruch genommen für Julians zahlreiche Gäste, die zum Teil nach antiker Sitte lagen, zum Teil nach barbarischer saßen an den Speisetischen. Mit bezaubernder Liebenswürdigkeit machte der Cäsar den Wirt. Sie kam ihm vom Herzen. Er wollte alles aufwenden, die erregten Gemüter zu besänftigen, sie seine Versprechungen vergessen oder deren Verletzung verzeihen zu machen, sie im Gehorsam gegen den Willen des Imperators zu erhalten. Es war ihm ein Bedürfnis der Seele, sie zu gewinnen. Und er hatte die Gabe, durch Worte zu gewinnen, durch liebenswürdige, witzige Einfälle, durch ein freundliches Lächeln des feingeschnittenen Mundes. Und er wußte, daß er diese Gabe besaß. Und es freute ihn, sie zu verwerten: heute wie noch nie. Galt es doch, nicht weniger als alles zu retten. Er lag zu Tische mit den obersten Anführern in dem geschmackvoll geschmückten, geräumigen Speisesaal. Der Vater des großen Constantin hatte noch in den Reliefs der Wände aus schönem gelben, numidischen Marmor Göttergestalten geduldet. So sahen denn Bacchus, Demeter, Pomona, Abundantia, weinfrohe Satyren und nicht allzu spröde Nymphen hernieder auf die Gäste, welche an Wodan, an Teutates, an Jupiter, an Zeus, an Osiris, jedoch größtenteils an Christus glaubten. Julians Rede stockte nie; er scherzte, er witzelte, manchmal ein wenig gesucht, so daß es die ungelehrten Feldhauptleute nicht verstanden. Aber sie ließen sich's nicht anmerken und lachten laut, trank er ihnen so freundlich zu. Doch er sprang auch gar oft auf, nahm selbst einem Sklaven die Silberschüssel mit dem Bratfleisch aus der Hand und schob einem bevorzugten Gast einen guten Bissen zu. Ja, zuletzt, kurz bevor die Tische abgetragen wurden, schritt er an jede Tafel heran, sprach mit jedem seiner Gäste, erkundigte sich – er wußte fast aller Namen – nach ihrem Ergehen seit ihrer letzten Begegnung, forderte sie auf, ihre persönlichen Wünsche vorzutragen, und versprach meist schleunige Erfüllung. So schritt er, hoch die efeubekränzte Schale hebend, auf einen Tisch zu, an dem das ›Kleeblatt‹ saß. »Nun, Ekkard, Grafensproß, seit dem letzten Hieb auf den Kopf dort in Toxandria keinen mehr?« – »Hat keiner mehr Raum, mein Feldherr. Aber für dich laß ich ihn mir spalten.« – »Behalt ihn hübsch beisammen; ist besser für uns beide. – Und du, Sigiboto, freier Friese, Urlaub erbatest du, endlich die blonde Braut heimzuführen in eurem Nebelland da im Norden. Schwer miß ich dein tapfer Schwert. Aber ... es eilt wohl sehr?« – »Wüßtest du, wie schön Elna ist, du würdest nicht fragen, mein Herzog.« – »Nun so geh. Und da, bring ihr als Julians Hochzeitsgeschenk hier diesen Ring. Es ist eine schöne Heidengöttin da auf der Gemme, Heras, der Ehegöttin edles Haupt. Stört es dich? Bist du Christ?« – »Heide bin ich vom Wirbel bis zur Sohle. Und deshalb treu. Und ich gehe nicht in Urlaub; jetzt, da du, so scheint es fast, der Treuen alsbald sehr bedürfen wirst.« Julian winkte ihm, zu schweigen, und schritt weiter zu einem Tisch, um welchen ältere Führer römischer Abstammung auf Triklinien lagen. Als aber hier Severus, der Oberste im Befehl nach dem Cäsar, den er gutmütig wieder in Gnaden aufgenommen hatte, sich einfallen ließ, auszusprechen, was sie alle erfüllte, als er anhub: »Du fragst gütevoll nach den Wünschen einzelner, o Cäsar; aber es ist ein Wunsch, ein Verlangen, das uns alle erfüllt, nicht nur uns, die Führer, nein, die Zehntausend, die da draußen ...« Da flüsterte ihm Julian rasch ins Ohr: »Schweig, oder ich schicke dich in einen Wald.« Verblüfft, verschämt verstummte sofort der Wortführer des allgemeinen Wunsches. Julian aber rief mit lauttönender Stimme: »Der allgemeine Wunsch des ganzen Heeres ist (das wollte der Treffliche sagen): Heil dem Imperator Constantius! Heil ihm, Sieg und langes Leben! Und vor allem: treu gehorsame Kriegsleute. Ihr seid entlassen, tapfere Herren und Freunde.« Und rasch war der Wirt spurlos verschwunden in seinen innern Gemächern. Berung, der Alemanne, verriegelte hurtig hinter ihm die Türe; er hatte keine Antwort abgewartet, auch nicht den Heilruf für den Imperator. Dieser Ruf – er blieb aus. Keine Stimme erhob sich. Schweigend, kopfschüttelnd brachen die Gäste auf und gingen oder ritten durch die Winternacht in das Lager. Sklaven des Wirtes und hierzu befehligte Mannschaften leuchteten mit Pechfackeln, deren rotes Licht ein dichter Nebel größtenteils verschlang; auch der Mond vermochte nicht, das graue Gewoge zu durchdringen. Die Anführer waren traurig enttäuscht. Freilich hatte keiner einen bestimmten Ausweg gefunden aus dem unlösbar scheinenden Widerstreit: Keiner hatte Julian einen Rat zu erteilen vermocht. Aber dafür war er ja der Cäsar! Das war seine Sache. Ganz zuversichtlich hatten sie erwartet, er werde bei jenem Mahle eine überraschende Lösung vorschlagen. Wozu sonst hatte er sie geladen? In welchem Sinne sie aufgefordert, »freimütig« zu wünschen? Schweren Herzens näherten sie sich dem Lager Julians und den neu errichteten Zelten und Holzhütten. Da loderten nun zahlreiche Feuer, die Frierenden in dem naßkalten Nebel zu erwärmen; nur glanzlos schimmerten sie durch den grauen Dunst der Nacht. Aber schon eine gute Strecke vor dem Lager fluteten den heimkehrenden Führern aufgeregte Haufen entgegen, ohne Ordnung, durcheinander, gemischt aus allen Kohorten, Geschwadern und Legionen. »Was bringt ihr? Nun, was ist's?« – »Was habt ihr durchgesetzt?« – »Was hat er vorgeschlagen?« – »Wann dürfen wir zurück?« – »Hat er's eingesehen?« – »Habt ihr an seinen Eid gemahnt?« – »Was geschieht?« – »Redet!« Und sie hingen sich an die Pferde der Reiter, sie hielten die zu Fuß gehenden an den Schultern fest, sie leuchteten ihnen, ungeduldig der Antwort, mit brennenden Scheiten in die Gesichter. So wälzte von Süden her sich der Zug der Heimkehrenden und der sie Empfangenden dahin, bei jedem Schritt anschwellend, durch die Porta decumana auf die via media des Lagers. Aus jeder Zeltgasse strömten neue hinzu, in jedem Zelt, auch in jedem Holzverschlag, erwachten die Schläfer bei dem tausendstimmigen Lärm, und unvermeidlich ergoß sich der ganze Haufen auf dem einzigen breiten Wege – der Legionenstraße – in den viereckigen Mittelraum des Lagers, wo die meisten Feuer brannten. Die Antworten der hartbedrängten Führer kamen so verhalten, so knapp, so ausweichend wie möglich, sie fühlten ein furchtbares Gewitter aufsteigen; ein einziges unvorsichtiges Wort konnte es entfesseln. Jeder hütete sich, dies Wort zu sprechen. Allein, nun auf dem großen freien Platz, dem Prätorium des Lagers, angelangt, von der fragenden, schreienden, tobenden Menge umgeben, eingeschlossen, unfähig, sich zu entziehen, gerieten die Armen in die äußerste Not. »Rede«, schrie ein halbbetrunkener Sarmate den bestürzten Severus an und hielt ihn fest am langen grauen Bart. »Sprich! Du bist der nächste nach ihm. Du mußt's wissen! Was geschieht? Rede, oder ...« Und er hob die Eichenkeule. Aber Severus schwieg. Vor dem germanischen Urwald hatte er sich gefürchtet: vor nichts anderem. Er schüttelte schweigend den Kopf. Da sprang, behend wie eine Katze auf eine hohe Leiter, die an einem im Bau begriffenen Haus lehnte, eine kleine bewegliche Gestalt. So hoch wie möglich kletterte der Mann hinan. Auf dieser Erhöhung ward er weithin sichtbar. Bojorix war's, der Aremoricaner. Gellend, kreischend drang seine helle, dünne Keltenstimme durch das dumpfe Gebrause der andern, von denen jeder nur mit sich oder mit seinem Nachbarn schalt. »Hört, Waffenbrüder! Hört mich! Verrat! Verrat! Verrat! Verkauft sind wir für Geld von Julian an Constantius, verkauft und verraten! Glaubt mir, dem Ohrenzeugen! Während ihr hier sofft oder schlieft oder schimpftet, lief ich rasch hinein, flink wie ein Wiesel, in die Stadt, mischte mich unter die Menge der Aufwärter, drang, Schüsseln und Krüge tragend, bis in den Hauptsaal, wo der Verräter tafelte mit den großen, den hohen Heergötzen! Alles hab ich mit angehört. Alles was gesagt wurde, und die Hauptsache, auch was nicht gesagt wurde. Dieser dicke Severus da, beim Belenus! Er ist dumm, aber nicht mit Fleiß ...« Schallendes Gelächter der Gallier unterbrach den Landsmann. »Er tut es nicht aus Bosheit.« Noch lauteres Gelächter der Kelten sollte zeigen, daß sie auch so gescheit und witzeverstehend waren, wie der Kluge da auf der Leiter. »Gleich reiß ich ihn herunter«, drohte leise Garizo, sich nur ein wenig reckend. Aber der Redner fuhr fort, von dem Beifall immer mehr erhitzt, berauscht, über sich selbst hinaus fortgerissen: »Also dieser Gutmann von einem Severus da faßte sich wirklich das Herz und fragte den Cäsar – oh, was tat der schön mit allen! –, ob er nicht den Wunsch unser aller erfüllen werde.« – »Nun, und?« – »Was sagte er?« – »Rasch heraus damit!« – »Was soll geschehen?« – »Nichts soll geschehen. Nichts sagte er! Das eben ist's! Alles bleibt bei dem Befehl des Constantius! Ihm sollten wir gehorchen, mahnte der Eidbrüchige, der Verräter! Geld hat er genommen von Constantius. Viele Millionen Solidi. Verrat, Verrat! Nieder mit dem Verräter!« – »Nieder mit dem Verräter!« wiederholten viele Stimmen der Gallier. Aber nicht alle. Und unter den Germanen, den Römern wurden andere, zornig verneinende Rufe laut. »Der Cäsar ist kein Verräter!« rief eine frische Stimme; das war Ekkard der Grafensohn. »Aber du bist ein gallischer Krähhahn!« drohte Garizo, die geballte Faust erhebend gegen die Leiter. »Dem man den Hals umdrehen muß!« schrie, feuerrot im Gesicht, der hitzige Hippokrenikos und machte Miene, seinen Rat selbst zu befolgen. Jedoch da sprang Sigiboto der Friese auf den nächsten Zechtisch, und, mit dröhnender Stimme den Streit, den Lärm übertönend, rief er: »Halt! Waffenbrüder! Wer den Cäsar Verräter schimpft, ist ein Neiding, ein undankbarer. Habt ihr den Tag von Straßburg schon vergessen? Habt ihr vergessen, wie er Tag und Nacht für uns gesorgt hat, wie für Brüder? Seine Herzensgüte? Seine Freundlichkeit? Wie er diesen Ekkard da, als er verwundet lag in Köln, gepflegt hat mit eigener Hand! Seid doch nicht so töricht! Was kann der Cäsar dafür, daß der Imperator sein Wort nicht hält? Gewiß, Julian beklagt das so bitter, ja bitterer als wir. Aber was kann er machen? Er muß gehorchen! Ist er doch nicht Imperator. Ja, wäre er das! Wie anders stünde alles! Nicht Julian! – Constantius ist unser Feind! Ihm gilt mein Haß!« »Ja, er hat recht! Recht hat er! Constantius allein ist schuld! Nieder, nieder mit Constantius.« »Ja«, fuhr Ekkard fort, zu dem Freund auf den Tisch springend. »Ja, nieder mit Constantius! Aber dies Wort, Freunde, dies Wort kostet uns alle die Köpfe, wenn Constantius Imperator bleibt.« – »Er soll's nicht bleiben! Wir brauchen keinen Imperator!« schrien die germanischen Söldner. »Doch, doch!« mahnte Hippokrenikos, der Römer-Grieche, als dritter auf den Tisch springend. »Das Römerreich braucht einen Imperator. Aber nicht den Feigling Constantius – einen Helden.« – »Und wir haben einen solchen, wir brauchen ihn nicht erst zu suchen«, schloß der lange Garizo, auf die vierte Ecke der langen Tafel steigend. »Schon früher erscholl hier und da der leise Ruf nach ihm: Jetzt aber soll er laut ertönen durch dies ganze Heer, bald durch das ganze Reich: Julianus, nicht mehr Cäsar – nein ...« »Julianus Imperator Augustus!« erscholl's da vieltausendstimmig auf dem Platz weithin; brausend, dröhnend, ohrzerreißend – furchtbar! Alle Leidenschaften: Haß und Liebe, Zorn und Begeisterung, Rachsucht und Dank und die ganze, so lange Tage zurückgedämmte heiße Erregung machte sich, unwiderstehlich ausbrechend, Luft in diesem wilden Schrei, wie Gewitterschwüle im krachenden Donnergebrüll sich entlädt. Denn zugleich übertäubten sie damit das Gefühl der Schuld, der furchtbaren Verantwortung, die Empfindung des Ungeheuern, des Verhängnisvollen, das in dem Ausstoßen dieses Rufes lag. Sie alle waren nun verloren, sie samt ihrem Erkorenen, wenn sie nicht Constantius vernichteten. Auf diesem Hauptplatz des Lagers waren die Fahnen aufgestellt, die Standarten der Reitergeschwader und des Fußvolks – nicht mehr die heidnischen Adler –, das Labarum, das heißt, über dem viereckigen kurzen Fahnentuch ragte statt der Speerspitze des Schaftes ein aus Silber oder Gold gefertigtes Zeichen, das die Anfangsbuchstaben des Namens »Jesus Christus, Sohn Gottes« zusammenfaßte. Manche dieser Feldzeichen trugen auch wohl statt des Labarums oben auf einem Querbrettlein den Kopf des jeweiligen Herrschers in Marmor oder Ton. Jetzt, in diesem Augenblick wild entbrannter Leidenschaften, stürzte ein Fahnenträger der Braccati, ein hitziger Kelte, dem es Bedürfnis war, die innere Erregung in irgendeiner Handlung, wie auf der Bühne, schauspielerisch auszudrücken, auf die Feldzeichen zu, riß eines heraus, so daß alle andern auf die Erde krachten, schwang es im Kreis um seinen Kopf, sprang damit auf das nächste, hochlodernde Wachtfeuer und schmetterte mit mächtigem Streich die auf der Fahne ruhende Büste des Constantius durch die Flammen auf den Grund, daß der Ton in viele Stücke zersprang. Dann hob er das angebrannte Zeichen wieder und schrie: »Nieder! So nieder mit Constantius!« Tobender Beifall wiederholte den Ruf: Nieder! Nieder mit Constantius! »Das zwingt uns vorwärts«, sprach Severus zu seinem Nebenmanne. »Nie verzeiht das des Constantinus Sohn.« Und unaufhörlich wiederholten die Rasenden den Ruf; sie konnten sich dessen gar nicht ersättigen. Plötzlich, nachdem die Tobenden viele Minuten lang immer und immer wieder dasselbe geschrien: »Julianus Imperator Augustus!«, trat Totenstille ein. Sie waren erschöpft, sie holten Atem, sie besannen sich: »Was nun?« Aber nur einen Augenblick; dann brachen sie alle zusammen, die vielen Tausenden, wie auf ein Befehlswort wieder aus in einen einzigen Schrei: »In die Stadt! Ins Palatium! Zu Julian! Der Imperator muß den Purpur nehmen!« Und nun setzte sich die ganze Menge, wie die Meerflut, die einem Windstoß folgen muß, in brausende Bewegung. Die Waffen wurden aus den Zelten, den Hütten geholt, nur wenige Reiter nahmen sich die Zeit, auf die ungesattelten Pferde zu springen, und schreiend, jauchzend, die Waffen schwingend, wogte und flutete das Heer auf der breiten Straße und links und rechts daneben über Stock und Stein nach Süden auf die Stadt zu. Viele stürzten, von den Nachdrängenden nach vorn gestoßen, zu Boden. Ober die Liegenden, Schreienden, Fluchenden hin wälzten sich ohne Halten, ohne Mitleid die Wogen der Nächsten. Nicht ein Mann blieb in dem Lager. Die Befehlshaber waren fast ohne Ausnahme von demselben plötzlichen Rausch der Begeisterung ergriffen wie die Mannschaften. Die sehr wenigen, welche aus dem Gefühl der Treuepflicht gegen Constantius, vielleicht auch aus Neid, aus Eifersucht auf Julian innerlich widerstrebten, wurden so völlig ohne jede Möglichkeit des Widerstehens, des Aufhaltens mit fortgerissen, wie Schneeflocken vom Sturmwind. »Wenn er nun aber nicht will?« fragte Bojorix, mitten im Laufen, atemlos seinen Clanvetter. »Er muß!« antwortete dieser drohend. »Er darf uns nicht im Stiche lassen vor Constantius, nach dem, was geschehen.« – »Wenn er uns nun aber verrät? Wenn er doch nicht annimmt?« – »Er muß, sag ich dir«, sprach Mandubrates, drohend den Langbogen erhebend. »Die Sonne sieht ihn als Imperator oder ... tot.« Einundvierzigstes Kapitel Nach Entlassung seiner Gäste war Julian, hoch erregt, in sein Schreibzimmer geeilt und hatte einen langen, ausführlichen Bericht an den Augustus zu verfassen begonnen, der ihm, ungeachtet seiner gepriesenen Raschheit im Denken und Gewandtheit im Ausdruck, schwere Mühe bereitete und viel Zeit kostete. Gar manchen Papyrusstreifen warf er halb beschrieben zur Seite. Was sollte er schreiben? Die Wahrheit? Daß die Truppen dicht vor der Meuterei standen? Dafür würde er verantwortlich gemacht werden! Oder sollte er ihre Stimmung verschweigen? Dann übernahm er die Schuld eines plötzlichen Losbruches auf dem Marsch. »Die Wahrheit«, schloß er. »Immer die Wahrheit, gebeut der Gott des Lichts. Mag er mich dann absetzen, weil ich die Leute nicht besser erzogen. Ich bin es müde, Unmögliches leisten zu sollen. Mein Gallien ist verloren. Aber ich will's nicht mit ansehen.«   Die Mitternacht war vorüber. Oribasius, der Arzt, wagte in das Schreibgemach zu dringen und seinen Herrn zu bitten, sich endlich zur Ruhe zu begeben: »Du fieberst, o Julian, deine Schläfen glühen, unheimlich glänzen die Augen. Deine Hände sind eiskalt. Ich flehe dich an, suche das Lager auf.« – »Glaubst du, ich kann jetzt schlafen?« lächelte Julian traurig. »Ach, und wenn ich in diesen letzten Nächten auf eine kleine Weile einschlief, dann quälten, dann beängstigten mich, zweifellos von den Göttern gesendet, furchtbare Träume.« – »Eben Fieberphantasien!« »O nein, Oribasius! Inhaltvolle, schicksalsreiche, aber schwer zu deutende Mahnungen, Warnungen, ja Drohungen der Götter. Vernimm, du Vielgetreuer, die Qual, die mir die letzte Nacht ein Traumgesicht gebracht; ich zermartere mein Gehirn unablässig, und ich kann nicht ergrübeln, was es bedeutet. Höre.« Er sprang auf von dem Schreibdiwan, warf die Rohrfeder weg und schritt hastig im Gemach hin und her. »Höre nur. Mir erschien – längst ist er mir vertraut – der Genius Roms! So lebhaft sah ich ihn vor mir im goldenen Helm! Die Linke trug den Fahnenschaft des Adlers, der wie lebend die Schwingen hob und senkte und ungeduldig, wie es schien, zusammenschlug! Aber das schöne Antlitz des Genius war nicht freudig und freundlich mir zulächelnd, so wie er mir zuerst erschien vor meiner Erhebung zum Cäsar, nicht heiter und wohlwollend, so wie er mich in Zabern vorwärts trieb zur Alemannenschlacht. Nein, hoher Ernst, Trauer, ja vorwurfsvoll schmerzlicher Zorn gegen mich lag auf den edlen Zügen, als er drohend die Rechte gegen mich erhob und feierlich mahnend sprach: ›Julianus, du mein auserkorener Liebling! Schon lange weile ich im Vorhof dieses Hauses, gewillt, dich zu erheben über alle Sterblichen empor. Immer hast du mich abgewiesen. Das aber wisse gewiß in des Geistes und Herzens Empfindung: Verschmähst du mich auch diesmal, überhörst du noch einmal meinen Ruf, werd ich dich verlassen auf immerdar. Gedenke der Götter! Gedenke des Reiches! Hörst du nicht meinen Ruf?‹ – Horch, was ist das?« schrie Julian und blieb erschrocken stehen. Denn in diesem Augenblick schmetterte ein Ruf, ein eherner, ein laut tönender Ruf, von draußen her betäubend in beider Ohren. Es war der Ruf der römischen Tuba, die das Alarmzeichen gab. Aber so ungestüm, so alldurchdringend, so rasch näher und näher eilend scholl das Mahnzeichen, wie er's noch nie vernommen. Es scholl ihm wie der Ruf der Weltgeschichte. – Und er war's.   Denn schon wogte und wälzte sich das ganze empörte Heer gegen das Tor des Palastes, und gleichsam als dumpfer Untergrund, aus dem der Ton der hell schmetternden Trompete schwebte, drang jetzt auch schon das wirre Gebrause heran, das Durcheinanderrufen von vielen tausend Stimmen. Als die dunkle Masse, in der nur wenige Fackelträger auftauchten, sich auf der Legionenstraße der Brücke näherte, die von der schmalen Insel auf die Nordseite des Flusses führte, sprengte der Führer der berittenen Leibwächter, denen die Obhut über die Brücke anvertraut war, mit einem Tubabläser der lärmend heranwogenden Menge entgegen: »Halt!« rief er. »Steht! Wer seid ihr? Und was wollt ihr?« – »Den Cäsar! Zum Cäsar wollen wir! Er muß uns hören!« »Was wollt ihr von ihm? Ihn morden?« Er zog das Schwert. »Im Gegenteil!« rief Sigiboto lustig. »Nicht in die Erde hinab, empor wollen wir ihn bringen. Hoch empor!« lachte Ekkard. »Zum Imperator haben wir ihn ausgerufen«, schloß Hippokrenikos. »Hast du vielleicht etwas dagegen?« – »Zum Imperator?« rief der Reiterführer und zog seine Zügel an. »Ei, das ist ja ganz vortrefflich! Jawohl! Heil Julian, dem Imperator! Kommt! Folgt mir nur nach! Ich führe euch zu ihm.« Und er wandte das Roß, befahl dem Tubabläser, Alarm zu blasen, und sprengte rasselnd mit seinem Geschwader über die erste Brücke zurück, dann über die zweite auf das Südufer, auf den Palast zu. Laut jubelnd folgte ihm die tobende Schar. Aber in ihrer Ungeduld konnten die Nachrückenden es nicht erwarten, bis die Vorderen die enge zweite Brücke überschritten hatten, auf der es zu schrecklicher Stauung, zum Ringen mit Faust und Dolch kam. Viele Hintermänner ließen sich die Böschung der Legionenstraße hinuntergleiten an den Spiegel des fest gefrorenen Flusses und eilten über das Eis hin auf beiden Längsseiten der Brücke an das südliche Ufer. An manchen Stellen trug die Eisdecke nicht das Gewicht der Laufenden, Stampfenden, Drängenden, sie brach krachend. Aus dem dunklen Wasser ein Schrei, eine krampfhaft an die Eiszacken gekrallte Hand, ein stilles Versinken und Gurgeln unter dem Eise! Darüber hin, über den entdeckten Spalt, an dem Speerschaft in hohem Satz hinweg, sprangen die Folgenden. So hatten bald die Tausenden das Südufer erreicht und ergossen sich nun von allen Zugängen her, immer schreiend und jauchzend, gegen das ringsummauerte Palatium. Alle Wachen, alle Posten, welche die unaufhaltsame Lawine auf ihrem Wege fand, wurden, willig oder widerwillig, mit fortgetragen. Die andern Tubabläser, da sie den neben dem Tribunen unablässig schmettern hörten, taten es ihm nach an Eifer und Geräusch. So schrien bald zwölf Trompeten den Kriegsruf durch die Nacht, als sollten die Toten auferstehen. Das drang durch den Garten, durch die Mauern, durch die Vorsäle, bis in die innersten Gemächer des Palatiums, bis zu Julian. Auf diese Zeichen hin hatten die Wachen an dem einzigen Tor, ein halbes Dutzend Leibwächter zu Fuß, dieses schleunig von innen zugeworfen und verriegelt. Sie kletterten die Schmaltreppen hinauf, die auf die mit Zinnen bewehrte Mauerkrone führten, und sahen nun mit Staunen und Entsetzen auf die heranwogende, schreiende, brüllende Masse. »Sie wollen ihn morden!« rief Berung, der zuerst hinaufgelangt war. »Ich warne ihn! Er muß fliehen! Sich verstecken!« Rasch hastete er die Stufen wieder hinab. »Das tut er nicht«, meinte Voconius, ihm folgend. »Ich muß anderes sinnen.«   Nun standen die Vordersten vor dem Tor. »Auf, Auf! Aufgemacht! Oder wir erschlagen euch und ihn und alles! Auf mit dem Tor!« Die Wachen, erlesene Männer, taten ihre Schuldigkeit; sie verteidigten ihren Posten und ihren Herrn. Bei dem Schein der Fackeln der Angreifer konnten sie zielen auf die Vordersten, die sich vergeblich mühten, das festgefügte Tor zu sprengen. Die Verteidiger schleuderten die Wurfspeere; ein paar der Aufrührer fielen. Gellendes Wutgeschrei war die Antwort. Die Stimmung der großen Menge schlug um. »Er läßt uns morden! Er will nicht! Er bricht uns den Eid! Nieder mit ihm! Nieder mit Julianus!« So scholl es vorn, da, wo die Toten lagen. Und rasch verbreitete sich das nach hinten: »Er läßt uns morden!« »Blut ist geflossen!« – »Er mordet unsere Brüder!« – »Zwei Tote!« – »Zwanzig!« – »Zweihundert!« – »Er will nicht!« – »Nieder mit Constantius!« – »Nieder mit Julianus!« Dem wütenden Ansturm von vielen Tausenden waren weder die hohen Mauern noch das feste Tor, noch die wenigen Wachen gewachsen. Der Haufe entdeckte in einer Seitenstraße einen schweren Lastwagen mit langer eisenbeschlagener Deichsel. Im Augenblick spannten sich zwölf vor, an die Deichsel sich klammernd, acht schoben an den vier Rädern; mit eiligster Gewalt rammte die Deichsel gegen das Tor; krachend fiel es nach innen. Hinein fluteten die Sieger, brüllend vor Wut, vor Siegeslust! Gleichzeitig – waren sie doch im Erklettern von Wällen geübt – sprangen je drei, vier, fünf Mann, entlang der ganzen Stirnseite der Gartenmauer, einander auf Rücken und Schultern, die obersten erstiegen die Krone, stießen die wenigen Wächter herunter; der Palast war erstürmt! Die Sieger eilten aus dem Garten und dem Vorhof die breiten Marmortreppen hinan in das Atrium. Nichts trennte sie mehr von Julian: ihrem Götzen – oder ihrem Opfer? Zweiundvierzigstes Kapitel Kurz vorher war Berung in das Schreibgemach gedrungen. Er hatte keinen andern Ruf als Drohrufe vernommen: »Rette dich!« schrie er, »flieh, Julianus! Hier, nimm diesen Soldatenmantel. Das Heer hat sich gegen dich empört. Sie wollen dich ermorden. Flieh, verstecke dich – in den Gewölben der Warmbäder.« »Flieh, Herr«, bat Oribasius. »Ist die Hinterpforte noch frei?« – »Sie ist's. Aber eilt! Flieh! Verkleide dich!« Mit einer hoheitsvollen Handbewegung wies der Cäsar den dargereichten Mantel zurück: »Ich bleibe«, sprach er. »Ich will doch sehen, ob sie Hand an mich legen.« Hochaufgerichtet, auch das Schwert, das ihm Berung nun aufdrängen wollte, zurückweisend, ganz waffenlos, ruhig, schritt er aus dem Schreibgemach durch ein paar Gänge in den großen Speisesaal, der etwa fünfhundert Menschen faßte. Als er eintrat, brach gerade der rasende Haufen vom Garten aus zu der entgegengesetzten Türe herein. »Da ist er! Hier!« – »Hier ist er!« – »Haben wir dich?« – »Treuloser, Eidbrüchiger!« – »Unsere Brüder hast du draußen morden lassen!« – »Nieder Constantius!« – »Nieder mit Julianus!« – »Nein! Nein! Nein!« riefen da andere Stimmen, aber viel weiter hinten. »Hoch Julianus! Julianus Imperator Augustus!« Da – als er diesen schicksalsreichen Ruf der Tausenden vernahm –, da erbleichte Julian. Er wankte zurück, er hielt sich mit der einen Hand an einer Hermessäule, die andere legte er auf die Schulter Berungs. »Entsetzlich!« stammelte er, vor sich hinstarrend. »Ich bin verloren.« »Nein! Gerettet bist du«, rief Severus, sich mit Gewalt Bahn brechend. »Gerettet, wenn du annimmst. Verloren, wenn du dich weigerst. Du hast mich gütevoll geschont, nun will ich dir's vergelten! Hör auf mich, Julianus. Erschlagen dich diese Wütenden jetzt nicht, nie verzeiht dir Constantius diese Stunde! Denk an Gallus, an Silvanus! Rette dich – und uns alle. Denn«, flüsterte er, »sie sind wahnsinnig. Erbarme dich unser! Sie zerreißen uns alle! Wir sterben!« – »So stirb, Alter! Hängst du noch so am Leben?« rief Julian laut. »Hast du, habt ihr alle euren Eid vergessen, den ihr Constantius geschworen?« Aber da scholl ihm ein wahres Wutgeheul entgegen: »Eid? Was Eid!« – »Er hat uns sein Wort gebrochen.« – »Er versprach, uns nicht aus Gallien zu führen.« – »Und du?« – »Du hast uns geschworen!« – »Hast du vergessen?« – »Da, schau her, auf dies mein Schwert hast du geschworen!« schrie ein grimmiger Quade. »Kannst du's leugnen?« – »Das Schwert, bei dem du falsch geschworen, soll dich durchbohren!« – »Stirb oder nimm den Purpur.« – »Du – du mußt uns schützen vor der Rache des Tyrannen!« – »Du mußt uns führen gegen Constantius!« – »Den Tod oder den Purpur! Wähle.« Und schon drängten die Vordersten sich an ihn heran. »Tu's nicht! Bleib treu!« warnte ihn da von hinten eine laute Stimme. Unwillig wandte sich Julian; es war Berung, der mit gezogenem Schwert hinter ihm stand. Der Cäsar furchte die Stirn: »Unnötige Mahnung«, zürnte er. Und nun zu den Aufrührern gewendet: »Hört mich, Freunde, Waffenbrüder, auf den ihr oft gesehen und gehört im dunklen, lauten Wettersturm der Schlacht. Verlangt, was möglich ist, nicht das Unmögliche. Befleckt nicht den Glanz so vieler Siege durch Treuebruch! Weckt nicht den Bürgerkrieg! Mäßigt euch in eurem – ich geb's zu – gerechten Zorn!« – »Wir wollen nicht aus Gallien!« scholl es ihm entgegen. Einen Augenblick besann er sich, dann rief er: »Nun gut. Es sei! Euer Wille soll geschehen! Euer Recht soll euch werden. Ich nehm's auf mich bei dem Imperator. Er hat's versprochen, ich hab's beschworen; es muß gehalten werden. Ich weiß, es kostet mich Amt, Ehre, Leben. Aber es sei! Kehrt morgen schon zurück in eure Standlager. Nicht einen Fuß sollt ihr über die Alpen setzen! Ihr sollt in Gallien bleiben.« Nun hoffte Julian, den Sturm beschworen zu haben. Aber er irrte. Eine kurze Weile entstand ein schwüles Schweigen, wie vor dem Losbruch eines zurückkehrenden Hochgewitters. Aber plötzlich entlud es sich aufs neue. »Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!« – »Das ist nicht genug!« – »Jetzt nicht mehr!« – »Jetzt ist's zuwenig!« – »Zu spät!« – »Jetzt hilft's nicht mehr!« – »Wir sind verloren, bleibt Constantius Herr! Er verzeiht nie!« – »Und wir wollen seine Verzeihung nicht!« – »Du bist schuld an allem!« – »Ja du! Du!« – »Nur du hast uns zu neuem Dienstvertrag gebracht.« – »Nur dir haben wir vertraut.« – »Deinem Eid!« – »Du hast uns dahin gebracht, daß wir uns empören mußten!« – »Du mußt uns retten! Du mußt uns führen!« – »Ohne dich sind wir verloren!« – »Und du mit uns; schon vor uns!« – »Du mußt! Hörst du, du mußt, Julianus Imperator!« Und die Vordersten umringten ihn, faßten seine Hände, seine Schultern, zerrten ihn am Gewand. Er wehrte sich nicht. Nur das Haupt schüttelte er, allen sichtbar, und rief laut: »Nein! Niemals! Tötet mich.« »Das soll geschehen«, riefen zwei Stimmen auf einmal. Zu seiner Linken hob der betrunkene Sarmate die Streitkeule von Eichenholz und wollte sie auf sein Haupt schmettern. Berung sah's, fiel dem in den Arm und rang mit ihm. So konnte er nicht hindern, daß von rechts her Bojorix der Gallier seinen kurzen Speer dem Cäsar an die Kehle setzte und schrie: »So stirb!« Julian rührte sich nicht. Die scharfe Spitze ritzte schon die Haut, sein Blut floß; nur die dunklen Augen, voll tiefsten Ausdrucks, richtete er auf den Mörder. Der stutzte, er konnte nicht zustoßen, er ließ den Speer fallen. »Dacht ich's doch«, rief fünf Schritte weiter hinten sein Clanvetter. »Bojorix scheut sein Auge. Aber mich sieht Julianus nicht.« Und er spannte den Langbogen, legte den reiherbeflügelten Rohrpfeil auf die Sehne, zielte und schoß. Berung hatte einstweilen dem Sarmaten die Keule entrissen; er wandte sich, er sah den zielenden Bogen. Schon schwirrte der Pfeil, Berung warf sich vor Julian; das Geschoß traf das Herz des Alemannen: »Tu's nicht, Julian! Bleib treu.« Es war sein letztes Wort; er sank sterbend vor die Füße seines Herrn. Der beugte sich voll Trauer zu ihm nieder, achtlos jeder Gefahr. Aber diese Gefahr war vorüber. Aus dem Inneren des Hauses brach durch die Saaltür eine starke, wohlbewaffnete Schar, geführt von Voconius. Dieser hatte in Eile alle Sklaven und Freigelassenen des Palastes bewaffnet, alle verstreuten, fliehenden Leibwächter an sich gerafft und durch Zufall das »Kleeblatt« getroffen, das, da der Eingang aus dem Garten in den Saal durch Tausende undurchdringbar versperrt war, durch ein Fenster in den einen der Seitengänge geklettert war. »Kommt mit, ihr vier! Helft mir ihn retten, wenn's noch möglich ist«, rief er ihnen zu. »Ihr habt ihn ja auch geliebt.« – »Das will ich meinen, Alter«, rief Hippokrenikos. »Aber es tut ihm niemand was zuleide. Wir wollen ihn ja...« – »Hörst du! Hörst du?« unterbrach der Adlerträger. »Nieder mit Julian! Er sterbe! Tod Julian!« scholl es aus dem Saal. »Vorwärts!« rief Sigiboto und sprang voran. »Zu Hilfe. Zu Hilfe! Hierher, meine Markomannen!« rief Garizo zum Fenster hinaus, dann folgte er den Genossen. Und so kam denn die Hilfe gerade im rechten, im letzten Augenblick. Denn Julians Geistes- und Willenskräfte, mit denen er all die Zeit die Dränger abgehalten hatte, versagten; er fieberte schon lange, jetzt aber schwindelte ihm, er wankte. Nun jedoch warf sich die tapfere Schar mit Schild und Speer zwischen ihn und die Aufrührer. »Was tut ihr hier, Gesindel?« schrie der hitzige Grieche. »Morden wollt ihr ihn, ihr gallischen Hunde?« fuhr der Grafensohn fort. »Habt ihr ihn nicht soeben zu eurem Imperator ausgerufen?« mahnte Sigiboto. »Hat's euch schon wieder gereut? Habt ihr ihn vergessen, euren Ruf ...« – »Julianus Imperator Augustus!« schrie da die ganze Schutzschar, und viele der bisherigen Angreifer stimmten mit ein. Dieser Ruf schreckte den halb Ohnmächtigen empor. »Nein! Nein!« rief er, abwehrend beide Hände flehend gegen die nächsten ausstreckend. »Ja! Gewiß und notwendig! Ja!« antwortete Severus. »Ich rede nicht von dir; du bist verurteilt, du bist ein toter Mann, schreitest du nicht als Imperator aus diesem Saal. Aber sei's um dich! Jedoch Gallien? Soll auch das verloren sein?« – »Mehr als Gallien! Das Abendland! Das Reich! Constantius kann es nicht verteidigen gegen die Barbaren!« rief der Samnite Voconius. »Dich ruft das Reich!« rief, sich vordrängend, Maurus. »Dich rufen die Götter!« mahnte Hippokrenikos. Da taumelte Julian einen Schritt zurück. Er schloß die Augen, denn er sah nichts mehr vor sich als ein purpurnes Rot. Seine Pulse flogen, die Adern an seinen Schläfen pochten zum Springen, heiß schoß ihm das Blut in das Gehirn; er schlug beide Hände vor die Stirne. Und nun erscholl aus der Menge – man konnte nicht wahrnehmen und später nie ermitteln, von wem ausgestoßen – der laute Schrei. »Hörst du denn nicht? Julian? Dich ruft der Genius Roms! Willst du ihm noch nicht folgen?« Da fuhr der Hocherregte auf aus seiner in sich gesunkenen Haltung. Er ließ die Hände von der Stirn gleiten, und mit leuchtendem Blick, der hoch über die lärmende, aber jetzt nicht mehr drohende, Menge in die Ferne drang, rief er. »Mein Traum! Mein Traum! Ja! Ich höre den Ruf. Ja, ich will ihm folgen. Ich rette das Reich und die Götter!« Da brach ein Lärm los wie noch nie zuvor. Die Begeisterung, der Jubel schwoll ins Grenzenlose, die lange, bange Spannung war gelöst, das dumpfe Gefühl, daß die ungeheure Tat die Strafe des Gesetzes herausfordere, ward verscheucht durch die Zuversicht, unter dieser Führung dem Rächer Constantius gewachsen, nein, überlegen zu sein. Entlastet von der Furcht vor Strafe, gehoben von der Hoffnung auf Sieg, auf Lohn, auf die Vorherrschaft im Reiche, jauchzten sie auf, die vielen Tausenden. »Julianus Imperator Augustus! Macte Imperator!« dröhnte es donnernd durch den Saal. Und alle, Führer und Mannschaften, dieselben, die kurz vorher sein Leben bedroht hatten, ebenso wie die Erretter, drängten, stürmten, stürzten auf ihn zu, schüttelten seine Hände, warfen sich vor ihm nieder, umfaßten seine Knie und küßten sie. »Halt!« rief Sigiboto. »Wir Germanen zuerst, zumeist haben ihn gekoren; wir wollen ihn auch auf Germanenart zu unserem Herzog erheben.« – »Jawohl! Jawohl! Heil unserm Herzog!« – »Hebt ihn auf den Schild!« – »Wo ist ein Schild?« »Hier«, rief Garizo, »der meine. Der ist sehr lang und sehr fest«, und er kniete nieder, den flachen Schild mit beiden Armen über dem Stiernacken haltend. Augenblicklich war Julian von Ekkard und Sigiboto auf diese ebene Fläche gestellt. Langsam erhob sich mit seiner Last der riesenstarke Markomanne, sechs andere Germanen stellten sich, stützend und hebend, darunter, und so trugen sie ihn, mit frohlockendem Geschrei, durch den Saal. »Ein Schwert! Gebt ihm ein Schwert!« Zugleich reichten ihm Sigiboto sein Scramasachs, Hippokrenikos aber sein römisches Schwert dar. Julian wies die Germanenwaffe ab, ergriff die römische, führte sie an die Lippen und küßte sie. Mit donnerndem Jubel begrüßten das die Römer und Griechen, die es wahrgenommen. »Recht so«, rief nun Maurus der Panzerreiter, dem Schweratmenden zu, der nach dem dritten Umzug von dem Schild herabgesprungen war. »Den Germanen ward ihr Lohn, sie haben ihn verdient; aber römischer Imperator bist du, nun nimm auch die Abzeichen römischer Herrschergewalt: das Diadem!« »Jawohl, das Diadem! Das Diadem!« – »Jawohl, schon um Constantius zu zeigen, daß es uns bitterer Ernst ist«, sprach Severus. Und Voconius flüsterte er zu: »Und um ihn unwiderruflich von Constantius zu scheiden, an uns zu binden.« »Dessen bedarf es nicht«, erwiderte der Alte. »Er weicht nicht zurück.« Aber Julianus erhob mahnend die Hand und schüttelte den Kopf: »Ein Diadem! Ich habe keines. Ich habe niemals eines besessen. Denn die – die guten Gewalten wissen es: Ich habe nie an Empörung gedacht.« – »Wir glauben's! Aber du mußt das Diadem tragen!« – »Hat nicht«, fragte ein Gallier, »deine Gattin ein Stirnband oder ein Halsband gehabt? Ich meine, ich sah an ihrem Nacken eine schöne Bernsteinkette ...« Unwillig, schmerzlich getroffen, furchte Julian die Stirn: »Es schmückt die Tote. Weh, wer die frevlerische Hand an sie legt.« – »So nimm das hier!« rief Maurus. »Ein prachtvoller Pferdeschmuck, mit Gold und Silber geziert! Es wäre ein trefflich Diadem.« – »Was ein Tier geschmückt, soll meine Stirn nicht berühren.« – »Aber du mußt gekrönt sein! Wir wollen dich sehen im Diadem«, schrien sie. Da nahm Voconius die Ehrenkette von goldenen und silbernen Scheiben von seiner eigenen Brust: »Hier, Imperator! Du gabst mir als Fahnenträger der Cornuti dies stolze Ehrenzeichen am Abend nach der Straßburger Schlacht, es ist mein höchster Stolz und Lohn. Mich dünkt, das Ehrenzeichen eines römischen Fahnenträgers ...« – »Ist«, schloß Julian, »ein würdiges Diadem für einen römischen Imperator. Gib her die Kette. Sie ist ein Zeichen des Heldentums. Wohlan, nicht in dem Zeichen des Constantinus, nicht im Kreuz der Galiläer; in diesem Zeichen werd ich siegen!« Und er nahm die Kette aus der Hand des Alten und schlang sie sich diademartig um Stirn und Haupt. »Macte Juliane Imperator Auguste!« dröhnte es noch einmal durch den Saal. Da wankte der bleiche Mann mit dem abenteuerlichen Diadem aus dem Stegreif; er sank in die Arme des besorgten Arztes; die Sinne vergingen ihm. »Oh«, hauchte er noch. »Meine Mutter! Wie vorwurfsvoll ... ihre Augen ...! Siehst du das, Freund Oribasius? Siehst du sie nicht? – Mutter, du bist ja in Sicherheit, in meinem Gallien. Ich konnte nicht anders! Ich mußte! Rom ... die Götter ... und der Ruhm!« Ohnmächtig trugen sie den hoch Fiebernden auf sein Lager. Drittes Buch / Der Imperator Erstes Kapitel An Lysias, den geliebten Lehrer seiner Jugend, Flavius Claudius Julianus Imperator Augustus. In meinem letzten Schreiben, o mein Teurer, habe ich dir die wunderbaren Geschicke berichtet, die, sichtbarlich von den Göttern gewirkt, deinen dankbaren Schüler aus dem Abgrund dunkelster Gefahr auf die Sonnenhöhe der Herrschaft erhoben. Seit jenen beiden Anfällen, deren Zeuge du im Kloster und in Rom warst, ergreifen mich bei hoher Erregung leicht solche Betäubungen oder Krämpfe. Als ich aus jener tiefen Ohnmacht erwachte, als ich an dem lebensgefährlichen Purpurmantel, den die Treuen über meine fiebernden Glieder gespreitet, erkannte, daß ich diese Dinge nicht geträumt, wirklich erlebt hatte, da sprang ich auf, warf Fieberanfall und jede Anwandlung von Schwäche von mir und sprach zu Helios empor: »Ich muß beginnen; nun will ich's vollenden.« Ich schlug den Purpur um die Schultern und schloß: »Ich mußte ihn annehmen, nun will ich ihn verteidigen und verdienen. Mein Rechtsbruch ist ein gemeiner Frevel, scheitere ich, eine weltgeschichtliche Großtat, wenn ich siege.« Aber doch auch andere Stimmungen, Anwandlungen von Gewissensvorwürfen, von Zweifel, von Reue, blieben nicht aus! Die nächsten zwei, drei Tage hielt ich mich unsichtbar für die Krieger, in dem Inneren des Palastes. Meine Zeit nahmen stark in Anspruch Opfer und Befragungen der Götter, die heimlich geschehen mußten, die Priester und die Gemeinden der Galiläer nicht auf die Seite des Constantius zu treiben. Dann aber waren auch Schreiben zu entwerfen an Constantius, nach Marseille, an dich, an andere Freunde und Vertraute. Und endlich empfand ich doch zuweilen noch eine gewisse zarte Scheu – wie soll ich sagen? – des Gewissens oder des Anstands, mich in den Abzeichen der Herrscherschaft öffentlich zu zeigen. Denn zuweilen fühlte ich meine Handlung als ein leises Unrecht, weil vielleicht doch nicht so ganz nur um der Sache willen begangen, wie ich mir selbst vorgetäuscht hatte. Sollte nicht doch auch ein wenig Eitelkeit, Selbstsucht meinen Entschluß mit bestimmt haben? Verscheuchte ich mit Gewalt diese Selbstanklagen – umsonst; sie kehrten immer wieder. Und so war es mir unmöglich, die Ehrenzeichen der angemaßten Würde jetzt schon vor meinen – mitschuldigen – Erhebern anzulegen! Die Bürden der ergriffnen Macht wollte ich gern tragen; nicht aber, mit ihren Würden mich prahlend schmücken. Allein diese Unsichtbarkeit ihres Imperators fiel allmählich den Kriegern auf; zuerst Verstimmung, Unzufriedenheit, Murren, zuletzt Argwohn. Befürchtungen für mein Leben bemächtigten sich der unbeschäftigten Massen in dem lärmenden Lager, und als ein erfindungseifriger Gallier, vom Wein erhitzt, in der Zeltschänke seiner leichtblütigen Stammesgenossen, der »Celtä Petulantes«, schrie: »Ei was, ihr Dummköpfe, die ihr seid! Warum haben wir ihn seit drei Tagen nicht gesehen, unsern Imperator? Armer Junge! Ermordet von den Spähern des Constantius liegt er im Palast«, da war kein Halten mehr. Vergebens suchten Römer und Germanen die aufflackernde Hitze der Gallier zu dämpfen. Mit wüstem Geschrei von Mord und Verrat lärmten sie abermals, die Waffen schwingend, unter dem Ruf: »Zum Palast! Zum Palast!« aus dem Lager in die Stadt, erzwangen sich (nicht ohne Blutvergießen!) den Weg zu mir und beruhigten sich erst, als ich in dem Vorgarten ihnen lebendig (und sie auch recht lebendig scheltend!) entgegentrat. So schwer ich in jenen Augenblicken furchtbarster Entscheidung die Freunde – Serapion und Jovian – vermißt hatte, nun war mir's lieb, daß sie damals fehlten. Nur die Notwendigkeit meiner innersten Eigenart konnte mich leiten, nicht fremder Rat. Sobald das Gerücht des Ungeheueren sie erreicht hatte (und rasch fliegt Fama in dem Lande der redebedürftigen Kelten!), eilten beide zu mir. Zuerst traf Jovianus aus Marseille ein. Er legte sein immer ernsthaftes Gesicht in noch ernstere Falten als gewöhnlich (er scheint mir überhaupt verändert nach monatelangem Verweilen bei Mutter und Schwester) und sprach: »Freuen kann ich mich nicht. Der Cäsar Julian stand mir höher. Du hast aber wohl nicht anders handeln können. Ich diene dem Reich der Römer, indem ich dir diene.« – »Und die Mutter, die Schwester? Was sagten sie?« – »Die Mutter weinte viel.« – »Das soll sie ja nicht!« Er zuckte die Achseln. »Sie mußte. Du mußtest den Eid brechen. Sie mußte – und muß – weinen.« – »Und die Schwester? Warum hast du nicht beide mitgebracht?« Er schien die zweite Frage zu überhören. »Juliana betet viel – für dich.« – »Zu wem betet sie? Doch nicht wieder zu dem Galiläer? Ich hatte sie (so hoffte ich!) für Helios gewonnen.« – »Sie opfert heimlich dem Helios und betet zu dem Gott der Christen öffentlich in der Basilika.« – »Bald befrei ich sie von diesem Zwang«, drohte ich. »Zwang? Ich fand sie am Abend – allein – im Gebet – das Kreuz in der Hand.« – »Meine Juliana! Ich muß nur erst einiges Dringendere tun. Dann reiß ich diese Seele zu mir empor.« Am Tage darauf traf Serapion ein. Mit dem schärfsten Blick seiner grauen Augen sah er mich an, als er sprach: »Deine Tat ist gut für das Reich, schlimm für dich!« – »Warum?« – »Du brachst die Treue.« »Das Wort des sterbenden Berung!« fuhr ich ihn an. »Ist denn die Treue das Höchste?« – »Ja.« – »Und euer Arminius? War das Germanentreue?« – »Nein, Römertreue war das, Imperator. Nachdem ihr uns, wie alle Völker, die ihr erreichen konntet, überwältigt und überlistet, kam in meinem großen Ahn – ich sagt es schon – ein größerer Überlister über euch. Vergeltung hat Arminius geübt. Der Geist, den, wie sie glauben, Wodan den Germanen gab, während doch sie ihren Geist diesem Gebilde gegeben haben. Aus Notwehr für sein Volk brach er Recht und Treue. Das ist groß. Nun merk auf mich, du junger Imperator. Hast du Constantius die Treue gebrochen nur um des Reiches willen ...?« – »Nicht, um mein Leben zu retten! Die Gefahr war vorüber.« – »Ich weiß. Aber hat nicht doch die stärkste Macht in dir ...? Jedoch ... lassen wir das jetzt! Vielleicht führt eine andre Stunde uns darauf zurück. Ich halte mein Wort dir gegenüber noch über unsern Vertrag hinaus. Nur dem Cäsar hatte ich's gegeben. Ich diene auch dem Imperator Julian; nur nicht gegen mein Volk!« – »Dem Reich der Römer hältst du Frieden?« Also suchte ich ihn zu verstricken. Unwillig schüttelte er das Haupt: »Julian, auch als Imperator, werde ich nicht bekämpfen. So unser Treuevertrag. Dem Reich der Römer schuld ich nichts. Spiele nicht weiter mit der Treue, Imperator! Dieser Jovian ist Zeuge – und Bürge – unsres Vertrages.«   Die ersten Früchte meiner neuen Herrschaft sind nicht süß! Die Mutter weint – warum weint sie? Ist sie doch in Sicherheit! Nie hätte ich sie der Rache des Constantius ausgesetzt! Nun aber erkenne ich den Hauch meiner Götter auch in dem Sturme, der die Meinen aus seiner Gewalt in meinen Schutz geführt hat ... Die Schwester betet zu verhaßtem Gotte ... Die Freunde haben mehr verhaltnen Vorwurf als Lob für mich. O Helena, wie fehlst du jetzt! Ich floh an ihren Sarg am ersten Tage meiner Herrschaft und weinte, weinte bitterlich. Du aber, o Lysias (des bin ich sicher!), du hast auf die Kunde hin den Göttern frohlockend den Hausaltar bekränzt! Die Hoffnungen, ach nein, nur die Träume, die kühnsten, die ich in Macellum, in Athen hegte und liebte, ich mache sie glorreich wahr. Warte nur noch kurze Zeit, bis ich die dringendste Kriegsarbeit getan, bis ich aus diesen um mich her brandenden Wogen ans Land geschwommen. Dann rufe ich dich zu mir, mein Lysias! Dann sollst du es sein (keinem als dir gebührt dieser höchste Ehrenlohn), mit dessen Rat ich die Götter herstelle und die Galiläer zwar wahrlich nicht unterdrücken, nicht verfolgen will (der oberste Gott sieht in mein Herz!), aber bändigen. Sie sollen unter meinem Zepter Übles nicht leiden, aber auch, beim Helios, nicht mehr tun. Allein vorher noch, ehe ich den Galiläer angreife, muß ich mich des Constantius erwehren. Der Kampf zwischen uns beiden wird zugleich ein Götterurteil sein: Constantius oder Julian, Golgatha oder der Olymp – wer ist stärker? In Constantius fordere ich den Galiläer zum Kampfe heraus. Jedoch noch darf ich nicht offen hervortreten. Die elende Heuchelei, die der Glaubenszwang auferlegt – noch muß ich sie fortführen. Ich kann in meiner Schwäche (siebzehntausend Helme gegen die ganze römische Welt) nicht auch noch die Bischöfe gegen mich unter die Waffen bringen. O Lysias, es tut weh! Wohin schwand die kristallhelle Unschuld, die ungebrochene Wahrhaftigkeit meiner Jugend! Verstellung, Lüge, Heuchelei – seit du in jenem Klostergarten mich vom Baume der Erkenntnis kosten ließest –, sie endeten nicht mehr. Und jetzt – »Treuebruch«, wie diese derben Germanen schelten. Das Schicksal reißt mich fort von Schuld zu Schuld. Das Fatum? Oder meine Eigenart? Oder die Götter? Und doch ist's unschuldige Schuld. Ich mußte, ich muß – fürs Reich. Denn wehe dem Tag und Fluch der Stunde, da ich mir sagen müßte, daß ich's nicht bloß ums Reich, für Rom getan und die Götter. Nein, nein! Das wäre die innerste Vernichtung. Und um der Welt, um mir vor allem zu beweisen (denn manchmal erbebt mir das Herz in quälendem Zweifel!), daß ich nur aus Pflicht gegen den Staat gehandelt, hab ich nun meine nächsten Entschlüsse gefaßt. Nachdem die Entscheidung gefallen war über die Zukunft des Reiches und über mein Haupt, rief ich meine Feldherren zusammen zu einem Kriegsrat. Da empfahlen sie alle, einstimmig, ich solle hier alles liegen lassen, wie es liegt, so rasch als möglich Constantius angreifen und unschädlich machen. Er sei nicht gerüstet; fast ohne Truppen stehe er in Italien. Ich solle ihm nicht Zeit lassen, nach dem östlichen Morgenland zu entfliehen, wo die ganze Stärke seiner Heere versammelt stehe, die er dann (statt gegen die Perser) gegen mich mit erdrückender Übermacht heranführen werde. Ich ließ sie ausreden, alle. Dann erwiderte ich: »Ohne Zweifel ist das der beste Rat für Julian, aber nicht für das Reich. Die Wohlfahrt des Reiches erheischt, daß ich vorerst hier alles nach Kräften ordne, bevor ich Gallien – auf unabsehbare Zeit – verlasse. Die Weltgeschichte soll nicht sagen: ›Julian hat den kaum wiedergewonnenen Rhein den Barbaren preisgegeben, um sein Haupt zu retten, seinen persönlichen Feind leichter zu besiegen.‹ Erst das Imperium, dann der Imperator.« Auch gebe ich die Hoffnung noch nicht völlig auf (obzwar sie schwach ist), durch äußerstes Entgegenkommen, durch demütige Nachgiebigkeit Constantius so weit zu versöhnen (oder doch einzuschüchtern durch meine Heeresstärke), daß der Bürgerkrieg vermieden wird, daß er den Schwager, den Vetter, der das Blut der Flavier, der Constantier, mit ihm teilt, als Imperator, wenigstens in dem Gebiet – Gallien – anerkennt, das ich bisher, nachdem ich es den Barbaren entrissen, als Cäsar beherrscht habe. Ähnlich, wie er früher mit seinen Brüdern das Gesamtreich, nach Provinzen gegliedert, geteilt hatte. Freilich: Jovian schüttelt dazu bedenklich den Kopf, den nüchternen, hellen, und nennt jene Hoffnung eine Torheit meines Gemüts. »Wo ist dein Bruder Gallus?« fragt er. »Seine Schuld war nicht größer als die deine. Ich bin überzeugt, Constantius hat dir auf die erste Nachricht sofort das gleiche Schicksal zugeschworen. Jeden Tag, den du zögerst, benützt er, seine Heere, seine Rüstungen zu verstärken. Und sollte er auch, den Waffenkampf zu meiden, zum Schein auf deine Vorschläge eingehen: Wage dich nie in seine Nähe anders als in Mitte eines überlegnen Heeres.« Er mag wohl recht haben, der Treue. Zweites Kapitel Gleichwohl versuche ich den Weg der Verständigung. Ich schrieb ihm einen wahrheitsgetreuen Bericht des Geschehenen. So aufrichtig, daß ich, als Imperator, nur da fortfuhr, wo ich in jener Nacht als Cäsar zu schreiben aufgehört hatte, aufgeschreckt vom Ruf des Gottes durch die Tuba. Ich hob hervor, daß ich erst nach wiederholter Bedrohung mit dem Tode nachgegeben (daß ich den Purpur nahm, nicht um mich, um das Reich zu retten, kann ich ihm doch nicht sagen!). Ich bat ihn, sich in die mir abgedrungnen Tatsachen zu finden. Ich wolle mich auf Gallien und Britannien beschränken, er solle auch für diese Provinzen alle obersten Beamten ernennen! Ich versprach ferner, ihm für den Perserkrieg aus meinen Provinzen an Truppen zu schicken, was irgend möglich sei, und hierin fortzufahren, solange ich lebe. Nur jene Scharen, denen er und ich versprochen und geeidet, in Gallien bleiben zu dürfen, seien weder freiwillig noch gezwungen in ferne Lande zu verschicken. Ich selbst müsse für untunlich erklären, durch deren Entfernung das kaum gewonnene Land rettungslos den Barbaren preiszugeben. Und bescheiden unterzeichnete ich mich nur als »Cäsar«. Wüßten es die Meinen, mein Leben wäre wiederum bedroht. O Lüge! Unwahrheit nach allen Seiten! Lüge! Gegen meinen rechtmäßigen Herrn, wie gegen die vertrauenden Herzen, die alles auf mich gesetzt haben. Ist das die Verstrickung, die Folge der Schuld des ersten Schrittes vom geraden Pfad der Pflicht hinweg? Aber nein doch! Ich habe ja nur um der Pflicht willen die Pflicht verletzt! Bevor die Entscheidung des Constantius eintrifft, ist es meine Pflicht (oh, wie klammere ich mich so gern an dieses Wort), meine Provinz so stark gegen die Barbaren zu sichern, daß ich sie nötigenfalls mit gutem Gewissen verlassen kann, muß ich denn doch ausziehen – zu dem Kampf um die Welt! Noch einmal trag ich – zum viertenmal! – meine Waffen über den Rhein! Die Barbaren sollen den Eindruck bekommen, daß sie vor mir nie sicher sind, hab ich auch noch so viele andere Sorgen! Vorher entließ ich Serapion abermals in die Heimat, langen Abschied (für immer vielleicht) zu nehmen von dem greisen Vater, falls ich gegen Constantius in den Osten ziehen muß. Der Treue will mich begleiten. »Das ist dein gefährlichster Weg«, sprach er, »für dich und deine Ehre!« Als er im Sattel saß, sprach er zu mir vom Gaul herunter: »Welch seltsame Verkettung der Dinge!« Germanen waren es zu allererst und zu allermeist, die in jener Dezembernacht über den Thron des Römerreichs verfügten. Und zwar zu deinen Gunsten! Des Helden, der ihnen seit undenklicher Zeit den stärksten Widerstand geleistet hat. Wird je ein Nachfolger ähnliches leisten? Ich hoffe nein! Ich hoffe, du, Julianus, bist der letzte Römer! Und dich rufen nach Asien Constantius, Perser und Parther ab. Und du bist es, der die alten Götter erneuern will? So würden Zeus und Apollon den Germanen ihre Wiederaufrichtung verdanken – wäre sie nicht unmöglich.« Der Trotzige! Er ist wie starres Eis! Jedoch der Strahl des Helios schmelzt auch das stärkste Eis. Ich ersehne die Stunde, da ich auch im Wettringen der Geister, wie dort bei Straßburg mit dem Schwert, diesen Germanen bezwinge. Schon im März überfiel ich die Chattuaren auf beiden Ufern des Unterrheins, südlich vom Einfluß der Lippe – ohne Kriegserklärung (mit dem Völkerrecht kann man es wirklich nicht allzu genau nehmen, will man etwas Erkleckliches ausrichten). Rasch zwang ich sie, um Frieden zu bitten, den ich gern gewährte. Sie mußten versprechen, nie mehr weiter westlich vorzudringen. »Sie versprechen's«, meinte Jovian achselzuckend. »Aber hat Serapio recht, so brechen sie ihr Wort so notwendig, wie du das deine brachst.« Liebenswürdig ist das nicht von meinem künftigen Schwager. Denn jetzt wird er's wohl werden: von allen Sterblichen hat dies Liebespaar den zweifellosesten Vorteil von meiner Erhebung. Ich warte auf sein Werben. Ich warte schon seit Monaten. Ich kann ihm doch die schöne Juliana – die Schwester eines römischen Imperators – nicht antragen! Oder sollte sie ihn abgewiesen haben? Er ist so viel ernster, trauriger. Und sollte nun doch voll frohester Hoffnung sein! Ich versteh ihn manchmal nicht mehr recht. Aus dem Lande der Chattuaren zog ich langsam stromaufwärts bis Basel, überall zum Abschied die Befestigungen und Besatzungen verstärkend und vermehrend, so den Rhein sichernd, falls ich ihn nie wiedersehen sollte, und ging dann über Besançon nach Vienne. Hier erwarte ich, auf das äußerste gespannt, die Antwort des Constantius. Jeder Tag der Zögerung mindert meine Aussicht, zu siegen. Denn diese hatte auf der Überraschung beruht. Er aber, er wartet, wartet und – rüstet. Er antwortet nicht. Wie lang noch soll ich harren? Bis er, vollgerüstet, mit erdrückender Übermacht die Kräfte des ganzen Reiches gegen Gallien heranführt? Ich weiß gar nicht, wo er zur Stunde weilt. Ach, manchmal beschleicht mich die Hoffnung (Traumgesichte bestärken sie mir), das Eingreifen des schweigsamsten der Götter, des Thanatos, erspart dem Reiche den Bürgerkrieg. Neulich sah ich im Traum einen offnen Sarg, aus dem der Purpurmantel niederwallte. Da ich ihn sah, war es wohl nicht mein Sarg. Oder doch vielleicht?   Noch immer keine Antwort! Ich aber kann Gallien nicht verlassen, sie mir zu erzwingen. Denn neue Germanenstürme drohen! Derselbe Alemannenkönig Vadomar, vor dem ich im Vorjahr mit einer Verbeugung umkehren mußte, weil er mir die Schutzbriefe seines Freundes Constantius vorwies, hat, in schnödem Bruch des mir gelobten Friedens, die Grenzgebiete Rätiens am Oberrhein überfallen und verheert. Derselbe arglistige Barbar, der mir nach der Erhebung zum Imperator schmeichlerische Briefe schrieb, in denen er midi »Augustus«, »seinen Herrn«, »einen Gott« nannte! Seine Raubscharen lockten, gerade während die Briefe an mich abgingen, unsere Grenzwacht bei Säckingen am Oberrhein in einen Hinterhalt und hieben die unvorsichtigen (hitzige Petulantes-Gallier, samt ihrem unvorsichtigen Führer) nieder. Eine Schlappe darf nicht mein letztes Erlebnis in Gallien sein. Ich muß noch einmal über den Rhein. Sie müssen Furcht lernen. Drittes Kapitel Wahrlich, die Götter sind gegen Constantius – sind für mich, auch Hermes, der Gott der Wege. Einer meiner besten Germanenführer, Sigiboto, ein blonder Friese, hält des Nachts Wacht am Oberrhein südlich von Basel, wo mancherlei Steige und Pfade nach Italien sich abzweigen. Er hört ein (freilich nur leises) Geplätscher im Fluß, das er auf Otter oder Biber oder nächtliche Raubfische zurückführt. Aber der Raubfisch landet. Mein Friese springt zu und ergreift einen Menschen, der sofort einen langen Streifen Papyrus zu verschlingen bemüht ist. Sigiboto reißt ihm die Hälfte aus den Zähnen und schickt den Gefangenen und seinen Papyrus an mich. Siehe da. Der Raubfisch erweist sich als ein zu Vadomar entlaufener Römer aus Avenches (er entlief vor Gaudentius, dem Steuereintreiber; was ich ihm nicht verdenken kann), der des Königs Geheimschreiber war. Und aus dem Papyrus erhellt (o Schmach und Schande!), daß Constantius, der an mich nicht schreibt, daß er – oh, es ist empörend! (daher mich, den empörten »Empörer« stark entschuldigend), abermals, wie gegen die Anmaßer Magnentius und Decentius, so gegen mich die Barbaren ins Land ruft, dieser Augustus! Mag Gallien, mag das Abendland wieder Tummelplatz oder Beute der Germanen werden. Wenn nur ich erliege, wenn nur ich, von den Barbaren bedrängt, hier festgehalten werde, nicht ihm entgegenziehen kann, bis er hier erscheinen und im Bunde mit seinen Freunden im Bärenfell mich vernichten kann. Er aber kann dann die Helfer nicht mehr ausschaffen, die er hereingerufen. Das haben wir erlebt. Der Papyrusfetzen enthielt ein Stück der Antwort des Alemannenkönigs auf ein Schreiben des Constantius. Es lautet: »... so werde ich also, deinem letzten Auftrag gemäß, nicht ablassen, die Grenzen Galliens zu beunruhigen, auf daß der berühmte Wiedereroberer dieses Landes es unmöglich verlassen kann, ohne vor aller Welt die Verlogenheit dieser Prahlerei aufzudecken. Ich sende zunächst nur Raubscharen aus, die ich leicht verleugnen kann, bis ich einen neuen Bund von Königen zustande gebracht habe. Dann aber zahlen wir ihm den Tag von Straßburg heim und besetzen dauernd das gallische Land. Zwar hast du mir schon, wie weiland Chnodomar, die Abtretung alles vor mir zu besetzenden Gebietes versprochen, aber ich bitte doch, mir die feierliche Bestätigung zu schicken. Dafür hoff ich dir bald den philosophischen Kopf dieses deines Cäsars zu senden, den du schlecht gezogen hast. Ich werde die Zucht nachholen. Als ich ihn sah, saß er zu Pferd. Er sah aus wie ein Äffchen auf hohem Kamele ...» Ich gestehe, dies letzte hat midi verdrossen, bitter geärgert! Warum? Vielleicht, weil wirklich die Reitkunst nicht meine vollkommenste Fertigkeit ist. Wie kommt aber der Germane dazu, jene beiden Tiere zu kennen? Freilich, er hat in unserm Dienst in Afrika gefochten. Warte, Barbar, der Affe wird sich rächen! Er beißt und kratzt. – Ich plane etwas.   Triumph! Es ist gelungen! Wir haben ihn, den witzigen, scharfblickenden König. Nun lernt er bei uns reiten: den Kerkerschemel. Ich sandte meinem klugen Sigiboto Befehl, von der Ergreifung jenes Boten streng zu schweigen und ein versiegeltes Schreiben von mir sofort zu öffnen, sobald der König Vadomar wieder einmal auf dem linken Ufer antreffe. Denn dieser kecke Barbar lehnte jede Verantwortung für die Streifereien jener Scharen ab (die seien nicht von seinem Gau oder seien von ihm selbst verbannte Räuber!) und verkehrte ganz unbefangen mit unsern Grenzwachen. So kam er denn bald wieder – mit nur einem Ruderer – über den Rhein gefahren zu Sigiboto, Waffen (gute römische Waffen) einzukaufen gegen Geld, das seine Leute gewiß kurz vorher bei uns geraubt hatten. Sigiboto erinnerte sich sofort meines versiegelten Schreibens, lud ihn, nach beendetem Handel, zu Tisch, öffnete einstweilen meinen Befehl, den er im Zelte liegen hatte, und – vollführte ihn ebenso rasch, indem er den König ergriff und für meinen Gefangenen erklärte. Gefangener eines Affen zu sein muß einen Germanenkönig schmerzen! Alsbald ward er mir vorgeführt in Basel, wohin midi der Lärm jener Grenzkämpfe gerufen. Ich war ihm wenig gewogen. Aber ich muß sagen, dieser Barbar hat meinen Zorn entwaffnet durch seine unglaubliche – Schlauheit. Der Rothaarige hat eine solche Ähnlichkeit mit einem Fuchs (du hast doch schon bemerkt, daß Menschen manchmal Tieren mehr ähneln als Menschen?): die lang vorgestreckte Nase, das zurückgezogene Kinn, die listigen, blitzenden gelben Augen, der steife kurze Bart und die unerschöpfliche Fülle von Lügen und Ränken jeder Art – die Schlagfertigkeit seiner Antworten entwaffneten mich. Er war doch wahrlich in übler Lage, als er in seinen Ketten vor mir stand und ich ihn ansprach. »Ei, sieh nun den Fuchs in den Händen des Affen.« Leicht zuckte es um seine Mundwinkel, als wollte er sagen: »Also das weiß er auch?« Aber ohne Bestürzung und ohne Besinnen erwiderte er: »Es ist ein Lob, einen Menschen einen Affen zu nennen.« – »Wieso?« – »Der Affe berauscht sich nie zweimal im selben Getränk. Aber der Mensch immer wieder im Wein.« »Ich nicht.« – »Aber im Ruhm! Dem Getränk, das unersättlichen Durst weckt. Du, o Imperator Augustus, bist ein Trunkenbold des Ruhms.« Soll ich einen Kopf abschlagen, der solche Einfälle hat? Es wäre doch schade! Ich bin nicht blutdürstig wie der fromme Constantius. Ich mußte lächeln. Mit drohendem Finger entließ ich den Rotkopf. Ich werde ihn jenseits der Pyrenäen irgendwo einbannen, weit genug weg von seinem Rhein, um ihn ungefährlich zu machen! Er ist geistreich, dieser Germane. Wie mannigfaltig doch sind sie geartet: Berung – Chnodomar – Serapion – und nun dieser Fuchs Vadomar! Und wir begehen den Irrtum, sie alle, wie etwa die Glieder einer Herde Rinder oder eines Rudels Wölfe, einen gleich dem andern zu rechnen. Steckt wirklich Zukunft in ihnen? Nein doch, es paßt mir gar nicht in meine Hoffnungen. Aber dieser reichsverräterische Imperator! Wir fanden einen Brief von ihm in Vadomars Wehrgurt eingenäht. Abermals hat er (in denselben Ausdrücken – er hat sie wörtlich abgeschrieben aus der Urkunde für Chnodomar: wie geistlos!) auch diesem Barbarenkönig feierlich zugesagt, er solle alles Land in Gallien zu eigen behalten dürfen, das er mir werde abnehmen können! Diesen Brief des Constantius hab ich in zahlreichen Abschriften aus Gallien nach Illyricum, Pannonien, Thrakien, Makedonien vorausgeschickt. Er hat gar viele Leser zum Abfall von dem Verfasser bewogen! Um den Schrecken zu verwerten, den die Gefangennehmung des kühnen Ränkeschmieds unter seinen Gauleuten verbreitet, entschloß ich mich, zum fünftenmal den Strom zu überschreiten. Ich nahm nur schwache Scharen germanischer und gallischer Söldner mit; in dunkler Nacht stiegen wir in die schwankenden Kähne, stießen auf geringen Widerstand und zwangen den Bestürzten das Versprechen ab, fortab unverbrüchlich Gallien in Ruhe zu lassen – sonst falle der Kopf ihres Königs. Zum Glück wissen die Barbaren nicht, wie ganz unmöglich mir es wäre, diese Drohung zu erfüllen. Ist es dem Germanenkönig zu verdenken, daß er, die reichsverderberischen Aufforderungen des Constantius befolgend, seine raub- und kampfbegierige Jugend auf römisches Grenzland losläßt, im geheimen Einverständnis mit dem Imperator selbst?   O dieser Imperator! Jetzt endlich (gestern!) traf seine Antwort ein – aus Cäsarea in Kappadokien. Hier erst erreichten ihn meine Gesandten. Er war stets vor ihnen weiter östlich gewichen, und viele Wochen hielt er sie hin, ehe er ihnen zuerst mündlich, dann endlich schriftlich Bescheid gab, den sie mir nun überbrachten. In heftigstem Zorn (obwohl einstweilen Monate verronnen waren, seit er die erste Nachricht erhalten) wies er sie ab und alle meine Vorschläge. Wenn mir mein Leben lieb sei, solle ich sofort die dünkelhafte Anmaßung niederlegen und mich in den Schranken meiner Cäsarenwürde halten. Auch soll ich mich so bald als möglich (mit nur sechs Begleitern!) in seinem Lager stellen und verantworten. Das ist's. Die scheinbare Mäßigung, daß er mir die Cäsarenwürde beläßt, beruht nur darauf, daß er erst die persische Gefahr abwehren muß. Zöge er gleich wider mich, würde ihm Großkönig Sapor auf dem Fuße folgen bis Byzanz. Und so soll ich in seine Gewalt gelockt werden! Gewiß hat er bei der ersten Nachricht beschlossen, mich Gallus nachzusenden. So zwingt er mich, ihn aufzusuchen; aber an der Spitze meines Heeres. Gallien darf ich jetzt getrost sich selbst überlassen. Ich berief nun gestern – es ist Anfang Mai – alle hier in Paris versammelten Truppen, hielt eine große Heerschau ab, verlas zuletzt die Antwort des Constantius, ließ meine Gesandten mündlich berichten, was sie am Hof erlebt, und erklärte mich bereit, dem Befehle gehorsam, wieder in die Cäsarenwürde herabzutreten. Aber brausend, ja, schon wieder drohend, scholl mir aus aller Mund der Ruf entgegen: »Nein, Juliane Imperator Auguste! Nach der Wahl des Heeres, der Provinz und bald des Reichs.« Bisher trug ich nur eine Art Spielkrone, wie der Schiedsrichter bei einem Ringkampf; erst von jetzt ab trag ich ein Diadem. Ein paar Heerführer, die in schöner Treue an dem Imperator, der sie eingesetzt, festhalten, entließ ich ungefährdet, jeden in seine Heimat. Einen von ihnen, der allzukühn vor den Cornuti redete, wollten die Ergrimmten erschlagen; nur mit Mühe rettete ich ihn, indem ich ihn vor ihren Augen unter meinen eigenen Kriegsmantel zog. Dem elenden Florentius, dem Präfekten von Gallien, der mir als Cäsar jeden ergreifbaren Knüttel in den Weg geschleudert, mir als Imperator bei Constantius, zu dem er gleich aus Lyon flüchtete, die schlimmsten Verbrechen vorgeworfen hat, schickte ich Weib, Kinder und Habe aus meiner Gewalt und aus Gallien nach. Vor dem Aufbruch von Paris noch ein überraschender Besuch: Johannes, der Mönch, taucht plötzlich auf. Er erfährt in Rom, wohin er wieder aus Jerusalem zurückgekehrt war (welcher Unsinn, sein Leben lang zwischen zwei Gräbern hin und her zu pendeln!), das Geschehene, eilt sofort ohne Aufenthalt – immer barfuß – über die Alpen, dringt bis zu mir in das Palatium, wirft sich mir zu Füßen und fleht mich an, den Purpur von mir zu schleudern, zur Rettung meiner Seele, zu bereuen und zu büßen. Ich gestehe, ich ward ein wenig heftig. »Ich habe keine Zeit. Ich muß leider vorher das Reich retten, guter Johannes«, erwiderte ich. Ganz unglücklich sucht er jetzt die Meinen auf in Marseille. Die Mutter ist so leidend, daß sie nicht reisen kann, schreibt Juliana. Ich wollte beide mit mir führen in den Feldzug. Aber sie sind am Ende sicherer in meinem Gallien als in des Constantius Asien.   Bevor ich aufbreche, werde ich der Kriegsgöttin Bellona Opfer bringen und ihren Willen erforschen – heimlich noch: Ich darf nicht vor meinem Abzug die Bischöfe und andere Priester hier gegen mich aufreizen. Sie würden mir die vielen Galiläer in meinem Heer irre machen. Bisher gereichte mir zum Heile, daß Constantius ihnen als Arianer verhaßt ist. Daß ich nicht Arianer bin, das hab ich ihnen wiederholt feierlich geschworen! Es ist kein Falscheid. Aber ich mußte neulich noch dem Gottesdienst am Epiphaniasfest in der Basilika beiwohnen. Ach ist es ein gutes Werk, was so viel Heuchelei von mir verlangt? Fürs Reich, für die Götter der Wahrheit – heucheln?   Heute drohte ein kleiner Unfall, der auf dem Feld der Übungen vor den Toren mich betraf, die Keltä Petulantes zu entmutigen, Neugeworbne, die ich selbst die Schilde gebrauchen lehrte. Wie ich mit rascher Bewegung den Schild vor das Haupt schwinge, reißen die angenieteten Bänder, die Schildscheibe fällt zur Erde, und nur das Band um den Oberarm und der Schildgriff haften mir am Arm und in der Hand. Erschrocken stutzten die Neulinge, ich aber rief: »Ein gutes Zeichen, fest halte ich, was ich habe.« Man muß die Zeichen nur günstig deuten, dann wirken sie günstig.   Gut fiel das Opfer aus. Die Göttin verheißt mir Sieg. Ja, aus dem einen Stierzeichen bei der Opferung erkannte der Opferer, es werde gar nicht zum Kampfe mit Constantius kommen, es floß fast gar kein Blut. O wenn es mir doch erspart bliebe, gegen Helenas Bruder das Schwert zu ziehen! Gerät er in meine Hände, kein Haar soll ihm gekrümmt werden. Ich schwor es an dem Sarge der Geliebten, von dem ich gestern den tränenvollen Abschied nahm. Dem Schutz aller Götter hab ich sie scheidend anempfohlen. Werde ich jemals die friedvolle, ihnen geweihte Stätte wieder schauen? Ich habe beschlossen, meine gesamte Macht – nach Abzug der in Gallien zurückgelassenen Besatzungen – in drei Scharen zu gliedern: Zwei kleinere sollen, die eine über den Mont Cenis, die andere südlich des Bodensees über Bregenz, in Italien eindringen und den Senat in Rom für mich gewinnen. Die dritte, die Hauptmacht, führ ich selbst durch den Schwarzwald auf der alten Legionenstraße nördlich der Donau nach Pannonien, von da nach Byzanz und von da nach Asien, dem Kampf um die Weltherrschaft entgegen. Und alle großen Götter ziehn mit mir! Viertes Kapitel An den Iden des Mai des Jahres dreihunderteinundsechzig überschritt Julian in der Tat mit seiner Hauptmacht bei Basel den Rhein, zog, von den eingeschüchterten Alemannen nicht belästigt, durch den Schwarzwald nach Rottweil (Arae Flaviae), dann auf dem nördlichen Ufer der Donau hinab auf Passau und Wien. Er flog in Eilmärschen dahin, als gehe es sofort dem Feind entgegen! Als oberhalb Wiens eine Stelle erreicht war, wo der Strom sicher zu befahren schien, schiffte er sich auf hier vorgefundenen Kähnen mit Serapion und dreitausend Mann ein, während er etwa zwanzigtausend unter Jovian auf der Heerstraße nach Sirmium (heute Sirmisch oder Mitrowitz) folgen ließ. Er ward auf der Fahrt wenig bemerkt, da er, gewähltere Speise nicht verlangend, mit der Kost seiner Krieger zufrieden, die Städte und Kastelle am Ufer nicht aufsuchte, sondern, weit ausbeugend, nach Kräften vermied. Die finstre Nacht, der abnehmende Mond begünstigten die Heimlichkeit. »So schoß er mit Blitzesschnelle wie ein feuriger Pfeil seinem Schicksalsziele zu«, schrieb bald darauf der wackere Ammianus Marcellinus. Schon am Abend des elften Tages erreichte er Bononia (jetzt Bonostar), nur sieben Stunden oberhalb von Sirmium. Seinem Sterne vertrauend, beschloß er einen Handstreich auf diese starke Feste, obwohl seine Hauptmacht weit zurück war. Noch in derselben Nacht sandte er eine rasche Schar germanischer Reiter unter Sigiboto dem Friesen voraus, die verwegen in die Stadt eindrangen, den Feldherrn des Constantius, den trotzigen Lucilianus, in seinem Bett zum Gefangenen machten und Julian zuführten. Mit Staunen entdeckte der Überraschte die geringe Zahl der Angreifer. Da ihm Julian gestattete, nach römischer Sitte seinen Purpur zu küssen, fühlte er sich seines Lebens sicher und sprach hochfahrend: »Allzuverwegen, Unvorsichtiger, wagst du dich mit so schwachen Kräften in solche Gefahren.« »Spare deine Warnung für Constantius«, erwiderte Julian. »Überließ ich dir den Saum meines Purpurs, wollte ich dir dadurch nur die Angst nehmen, nicht, dich zu meinem Ratgeber ernennen. Und du siehst sie eben nicht, die ungezählten Helfer, die über meinem Haupt in den Lüften schweben. Auf, allzumal, zu Pferd! Aurora findet uns bereits in Sirmium.« Und wirklich gelang der tollkühne Streich! Sowie sich die kleine Schar der weitgestreckten Vorstadt näherte, öffneten sich die Tore der Festung. Besatzung und Bürgerschaft zogen entgegen mit Fackeln, Kränzen und Blumengewinden und begrüßten Julian als Augustus. »Noch ist kein Tropfen Blutes geflossen«, jubelte der, »und schon ist die Hauptstadt von Pannonien mein.« Und dies unerhörte Glück blieb ihm treu. Nun zeigte sich, wie bitter verhaßt die Regierung des Constantius und seiner Eunuchen gewesen war: Überall empfing man Julian »wie ein glückbringend Gestirn«. Auf die bloße Nachricht von seiner Annäherung flohen die beiden Konsuln dieses Jahres, der Präfectus Prätorio Taurus und der Präfekt von Gallien, jener Florentius, den freilich das böse Gewissen scheuchen mochte, ohne an Widerstand zu denken, mit stets gewechselten Postpferden Hals über Kopf über die Julischen Alpen auf und davon nach Italien. Aber auch aus Italien, aus Rom, flüchteten diese zur Verteidigung Berufenen, sobald die erste Heerschar Julians den Po überschritten hatte. Rom und ganz Italien, sogar Sizilien, fiel widerstandslos dem kühnen Angreifer zu; eine Wiedererhebung in seinem Rücken, in Aquileja, ward bald unterdrückt. Julian selbst eilte unaufhaltsam weiter. Von Sirmium aus, wo er das Eintreffen seiner Hauptmacht erwartete, zog er gen Süden, bemächtigte sich durch den weit nach Osten vorausgeschickten kühnen Franken Nevitta der wichtigen Pässe von Succi an der Grenze Niedermösiens und Thrakiens (jetzt Serbiens und Rumeliens, zwischen Sofia und Philippopel) zwischen Hämus (Balkan) und Rhodopegebirge (heute Despotodag), von wo er einerseits Dakien, andererseits Thrakien überschaute. Die Bewachung dieser wichtigen Stellung vertraute er jenem Franken, dem hierbei eine hübsche Kriegslist glückte. Den einzigen Weg zu der schwer zugänglichen Paßhöhe von Succi sperrte vollständig das Castellum des Mars Defensor; der Befehlshaber schickte eine Kohorte der Besatzung – isaurische Söldner in deren eigenartiger Waffentracht: Spitzhelme, Langschilde, Beile statt der Speere – auf Kundschaft gegen die andringenden Vorscharen aus. Nevitta überraschte diese unvorsichtigen Späher in ihrem Nachtlager so völlig, daß sie sich ohne Widerstand ergaben. Er steckte nun sich und zweihundert seiner Germanen in die isaurischen Waffen, zog, im noch halbdunkeln Morgendämmern, vor die Tore des Kastells, Einlaß verlangend und sichere Nachricht von dem Feind verheißend. Er ward ohne Bedenken eingelassen, und das Kastell und der wichtige Paß waren ohne Blutvergießen gewonnen. Von da flog Julian vorwärts, südlich nach Naissus (Nissaz in Serbien). Erst hier machte er Halt, um, vor weiterem Vordringen nach Thrakien in den Osten hinein, Erkundigungen über den Gegner einzuziehen, von dem man nur wirre, widerstreitende Gerüchte vernommen hatte. Eines Abends lud hier der Imperator die beiden Freunde, Jovian, den er zum Magister Militum ernannt, und Serapio, der jedes römische Amt abgelehnt hatte, in sein Gemach. Sie fanden ihn in freudigster Stimmung. »Hast du schon wieder, ohne das Schwert zu ziehen, eine Feste gewonnen?« fragte Serapio. »Zwei!« lachte Julianus. »Ich habe zwei Briefe geschrieben, die mehr wert sind als zwei Siege.« – »Was für Briefe?« fragte Serapio. »Zwei Rechtfertigungsschreiben ...« – »Das war allerdings schwer«, sprach Jovian ernsthaft. »Nach seinen bisherigen Erfolgen«, lächelte Serapio, »ist es schon erheblich leichter geworden. Und ist erst Constantius vernichtet, dann wird es so leicht sein, daß es gar nicht mehr nötig ist.« – »Spötter! Ich sage dir: Dieser Brief da an die Bürger meiner geliebten Stadt Athen wird noch bewundert werden, wenn mancher meiner Siege vergessen ist. Da, lest. Oder nein, ich werde euch vorlesen. Das bringt die Feinheiten besser zur Geltung.« Als er zu Ende war, sprachen beide Hörer ihren Beifall aus. »Das ist gut«, meinte Jovianus bedächtig, »ohne Schonung der Gegner, aber auch ohne Schmähung – wahrheitsgetreu.« – »Ruhig und maßvoll«, schloß Serapio. Ungeduldig warf Julian den Papyrus fort. »Ach, ihr Toren! Nicht um den Inhalt handelt es sich mir. Zumeist doch um die Form. Und die ist ... nun, ein Meisterstück.« Jovian sprach: »Mir ist es um den Inhalt, um deine Rechtfertigung.« Heftig entgegnete der Briefschreiber: »Unleidlich! Du siehst ja doch jeden Tag an meinen Erfolgen, daß die Götter mir beistehen! Wie könnte ich im Unrecht sein?« Serapio erwiderte kopfschüttelnd: »Wie gefährlich ist doch auch dein Aberglaube! Nicht minder als der der Christen. Hast du bei Straßburg gesiegt, weil du im Rechte warst? Nein, durch deine klug gesparten Verstärkungen und durch des guten Chnodomar Verranntheit und blindes Vertrauen auf seinen Aberglauben.« »Freund«, meinte Julian, »über all diese Fragen müssen wir einmal grunderschöpfend verhandeln. Jetzt hört meinen zweiten Erlaß, den an den Senat zu Rom.« Und er begann vorzulesen; im Verlauf ward er immer rascher, hastiger, heftiger, leidenschaftlicher. Seine Augen funkelten, seine Nasenflügel zuckten, seine Worte überstürzten sich; am Schluß außer Atem sprang er auf und rief: »Nun, ist das nicht herrlich? Hab ich's ihnen nicht beiden tüchtig gegeben, Constantius und auch dem großen Constantin?« – »Schicke das nicht nach Rom, ich bitte dich«, sprach Jovian. »Und warum nicht?« fragte der Verletzte gereizt. »Es sind Wendungen darin, deren sich Libanius selbst berühmen dürfte!« – »Es ist eine Wendung darin, die sehr mißfällt. Denn du wendest dich darin ab vom Recht und ins Unrecht. Statt dich zu rechtfertigen ...« Julian biß die Zähne zusammen. »Spielst du nicht nur den Ankläger – nein, auch gleich den Richter deines Feindes. Laß doch das Urteil über euch beide dem Senat, der Mitwelt, der Nachwelt!« – »Und du, Serapio, du schweigst. Was denkst du?« fragte der Verstimmte. »Ich denke, wie ungerecht dein Vorwurf gegen Constantius ist.« – »Wie? Der, daß er massenhaft Barbaren, zumal auch Germanen, in alle höchsten Ämter des Staates für Krieg und Verwaltung eingeschoben hat?« – »O Julian, und was tust du? Gallien hast du Dagalaif dem Salier und Gomo dem Uferfranken anvertraut, hier den Paß von Succi – deine wichtigste Stellung – dem Chamaven Nevitta als Magister Equitum, der Alemanne Agilo und Immo der Juthunge haben dir Aquileja wieder erobert, der Markomanne Garizo, Sigiboto der Friese, Ekkard der Quade sind ganz wie Hippokrenikos zu Tribuni deiner Leibwächter befördert, und daß ich nicht auch Magister Equitum bin, ist nicht dein Verdienst. Constantin hat uns sowenig freiwillig gerufen wie du. Wir sind euch schon längst unentbehrlich in Krieg und Frieden. Darüber würde ich nachdenken, wäre ich Imperator dieses Reiches, nicht darüber, ob Helios im siebenten oder im neunten Himmel wohnt. Solange ihr stark genug wart, unsere Kräfte für euch zu verbrauchen, ohne den Staat auf uns zu bauen, solange ihr uns verrömern konntet, war es ein ganz schlaues Geschäft; tausend Germanen, die ihr an der Grenze aufnahmt in euren Dienst, waren tausend Feinde weniger und tausend Schirmer mehr. Aber seid ihr dazu noch stark genug?« »Jawohl! Und werden's ewig bleiben.« »Dieser Hochmut wenigstens, diese Verblendung – mögen sie euch bleiben! Aber freilich, auch wenn ihr die Gefahr erkennen würdet, ihr könnt gar nicht mehr anders handeln. Nur deshalb deck ich sie dir auf.« Unwillig fuhr Julian auf: »Also glaubst du wirklich, das Römerreich wird jemals euch Germanen unterliegen?« Der Gefragte zuckte die Achseln: »Das, o Freund, würden nur die Götter wissen, wenn es welche gäbe. Verdient hättet ihr's wirklich schon lang. Aber – und damit stehen wir wieder am Anfang dieses Gesprächs – nicht Recht und Tugend entscheiden den Ausgang solcher Kämpfe.« – »Sondern was ...?« forschte Jovian. – »Sondern eine von uns unübersehbare Vielheit von weit zurückliegenden großen und kleinen Ursachen, die wir alle zusammenfassen in dem abkürzenden Ausdruck: die Notwendigkeit.« – »Das ist trostlos«, meinte Jovian. »Gottlos ist es!« schalt Julianus. »Wenigstens götterlos. Aber lassen wir's für heute. Eure Ausrufe zeigen, ihr seid noch immer nicht hart genug gehämmert durch das Leben und nicht furchtlos genug gegenüber der unerbittlichen Wahrheit, um meine Sätze zu ertragen. Kommt, es ist schwül in dem engen Gemach. Und Freund Julians Schläfen glühen, teils vor Vaterfreuden an seinen Briefen, teils vor Unwillen gegen mich. Komm noch hinaus in die kühle Nachtluft. Es wird dir guttun!« »Ja«, sprach Julian, sich erhebend, »gehen wir! Wandeln wir durch die Gassen des Lagers vor der Stadt, wieder einmal unerkannt die Gespräche der Leute am Wachfeuer zu belauschen.« »Er weiß, sie loben ihn meist«, meinte Jovian, sich ebenfalls verhüllend. »Nur deshalb tut er's ja«, lächelte Serapio, beiden folgend. Da wandte sich Julian rasch um und reichte ihm die Hand: »Nun ja, es ist wahr, ich höre mich gern loben. Aber sprich, kann ich nicht auch herbe Wahrheit ertragen?« – »Ja, Freund Julian, denn du bist nicht kleinen Geistes. Sonst wär ich nicht hier«, antwortete der Germane, fest die gebotene Rechte drückend. Fünftes Kapitel Alsbald schritten die drei Freunde durch die engen Lagergassen, in welchen zu so später Nachtstunde nur wenige Leute mehr zu finden waren; die meisten schliefen bereits in ihren Zelten. Aus einem derselben aber in einem abgelegenen Winkel der Via Quintana schimmerte noch Licht durch die Öffnungen der Zeltvorhänge von gröbstem Segeltuch, und als die drei Männer leise näher schlichen, vernahmen sie mehrere Stimmen. Lebhaft wurde da drinnen gestritten in der allgemeinen Sprache des Lagers, dem Vulgär-Latein. Vorsichtig lugten die Lauscher hinein. Da saßen auf dem dichten Stroh einige Männer in eifrigem Gespräch. Von der Spitze der Zeltstange in der Mitte hing an einem Lederriemen eine matt glimmende Ampel herab, die spärlich den engen Raum erhellte. Deutlich übersahen aber doch die Späher die Streitenden. Es waren vier Krieger der Cornuti. »Es ist, wie ich euch sage«, begann aufs neue der eine von ihnen, den der runde Schädel, die dunkle Farbe von Haar, Haut und Augen als Sproß Italiens kennzeichneten. »Er ist ein Sohn Appollons. In Gestalt eines goldnen Gusses von Sonnenstrahlen nahte der Gott Frau Irenen, als diese einsam am Meeresstrande dahinwandelte, und sie gebar ihm unsern Imperator. Deshalb ja verehrt er mehr denn alle andern Götter den unbesiegten Sonnengott Apoll. Deshalb gewährt ihm dieser Sieg in allen Schlachten, wie ihr's ja miterlebt, Glück auf allen seinen Wegen und den leuchtenden Blick, der ihm die Seelen der Menschen gewinnt.« Der Mann zu seiner Linken machte mit leisem Grauen das Zeichen des Kreuzes über der bleichen Stirn und dem Panzer: »Die Heiligen mögen uns behüten! Welch frevle Rede! Da wär er ja ein Sohn des übeln Höllendämons. Der Bischof meiner Vaterstadt Antiochia hat es gepredigt, ich hab es selbst gehört, Apollon ist Lucifer, der Bringer des Lichts und alles Unheils. Glaubte ich das, heute noch verließ ich seine Fahnen. Was sagst du dazu, Simon? Bist ja ein scharfer Kopf, ein halber Gelehrter!« Der Angeredete schmunzelte wohlgefällig und rieb die scharf gebogene Nase: »Nu, ist's meine Schuld, daß ich nicht bin geworden ein Ganzer? Gar fleißig lernte ich bei dem Rabbi zu Gazza! Auswendig hatte ich gelernt die Hälfte von seinen Rollen, die hebräischen und die griechischen aus Alexandria! War es meine Schuld, daß kamen auf einmal in der Nacht die römischen Kriegsknechte auf der Suche nach einem jüdischen Mann, der sollte gelästert haben den – nu ihr wißt schon – ich nenn ihn nicht gern – den von Golgatha – fanden ihn nicht, und verbrannten in ihrem großen Zorn die Schule und alle Bücher, auch die ich noch nicht hatte gelesen! Und weil ich die guten Rollen hatte wollen schützen vor ihrer Wut, schlugen sie mich – grausam schlugen sie mich – und rissen mich mit sich fort, gebunden, vor ihren Kriegsobersten. Der lachte und sagte: ›Wähle, Jud! Kopf ab, weil du hast trotzen wollen dem Imperator (Gott du gerechter, wer bin ich, zu trotzen dem großmächtigen Imperator?) oder – du hast ja starke, gesunde Knochen – diene dem Imperator mit dem Speer. Wähle.‹ Wie heißt wählen? Nu, ich wählte! Den grauslichen Speer hab ich gewählt! Und so bin ich denn geblieben a halber Gelehrter und geworden a halber Held.« »Nun, so sage, was hältst du von des Cäsars göttlicher Abkunft?« wiederholte der Christ. »Was ich dervon halt? Was werd ich dervon halten! Nix halt ich dervon.« – »Da hörst du's, Torquatus! Da hast du's mit deinem Apollo!« »Frohlocke nix, Christophore!« unterbrach der Jude. »Denn warum halt ich nix dervon? Weil es arge Gotteslästerung ist und arger Greuel vor dem Herrn, von Gott zu sagen, daß er zeuge wie ein Mann oder wie ein Stier. Und weil, weil nur ein Gott ist, nicht zwölf! Aber auch nicht drei! Und weil Gott der Herr nicht hat einen Sohn, sei er nun gezeugt durch einen Sonnenstrahl, Torquate, oder, Christophore, durch einen Taubenvogel. – Nicht! Nicht mich schlagen, Torquate! Gewalt! Gewalt! Schläge sind nicht Gründe. Hilf mir doch, Sigbrand, hilf, Sachse, du langer.« Da warf der vierte, der bisher geschwiegen hatte, die mächtige Sturmhaube aus Büffelleder, aus welcher er soeben einen ganzen Strom Rotwein geschluckt hatte, zu Boden, wischte sich den feuerroten Bart und hielt den gewaltigen nackten Arm über den Juden: »Laßt mir den Klugen in Ruhe. Zwei gegen einen? Schämt euch. Er hat recht in dem einen. Das mit dem Sonnenstrahl und das mit dem Tauberich, das ist dumm. Will ein Gott sich einen Sohn zeugen, hei, da tut er es selbst, braucht dazu keinen Sonnenstrahl und kein Federgeflügel. Was verziehst du das Maul, Jude? Was zuckst du?« – »Wehe, weh geschrien! Was redest du da von einem Gott und einen Sohn zeugen?« – »Wie, du Hund?« schrie der Riese und packte seinen Schützling am spitzigen Bart. »Ist Sassenot vielleicht nicht Wodans Sohn? Sag nein, trau dir! Und dein kluges Hirn spritzt im Zelt umher.« – »Ja, ja doch! Wie wird er nicht sein, was du so laut sagst? Und so deutlich! Ich kenn ihn nit, den Sassenochs! Er soll sein was de willst! Da! Nu hab ich auch nur noch den halben Bart zu der halben Gelehrtheit.« – »Haltet Friede!« sprach Christophoros. »Nicht mit Gewalt soll man aufzwingen den Glauben, der von selbst kommen muß. So spricht Julianus unser Imperator. Er schützt Christen und Heiden wider Verfolgung.« – »Jawohl«, grollte Torquatus. »Hätten doch auch eure Bischöfe hiernach getan seit Constantin! Aber verbrannt haben sie unter Constantius unsere Haine, sobald ...« – »Sobald man die Bischöfe selbst nicht mehr verbrannt hat«, schloß der Jude. »Nu, etwas muß doch immer brennen bei euch anderen, euch Gewaltmenschen.« »Überzeugen soll man die Ungläubigen«, begann Christophoros aufs neue. »Kommt, laßt jeden von uns von seinem Gott die stärksten Zeichen der Macht erzählen, die er weiß; und wessen Gott die größten Kräfte bewiesen hat, an den sollen auch die andern glauben. Fang an, Sigbrand.« – »Fällt mir gar nicht ein!« erwiderte dieser, die schon halb leer getrunkene Amphora neigend, die am Eck des Zeltes lehnte, und sich wieder die Sturmhaube füllend. »Schwatzt ihr nur! Seid ihr zu Ende, werd ich entscheiden. Ich weiß doch im voraus, wessen Gott der stärkste ist.« – »Nu, welcher ist es?« forschte neugierig der Jude. – »Der meine, Wodan.« »Und warum, wenn man darf fragen?« spöttelte Simon. »Warum? Weil ich euch alle drei miteinander aus diesem Zelte werfe, wenn ihr den nicht als den stärksten anerkennt. Er ist stärker als eure Götter, weil ich stärker bin als ihr. Und ich bin stärker als ihr, weil ich sein Enkel bin, wessen Enkel immer ihr sein mögt.« Er sprang auf und machte Miene, das Zelt zu verlassen. Hurtig eilten draußen die drei Lauscher hinweg. »Nun«, lachte Serapio, als sie außer Hörweite waren, »ich habe schon manches Religionsgespräch mit angehört, in Mailand, in Rom, in Jerusalem, in Memphis. Aber bei keinem Priester hab ich solche Logik gefunden! Und einen so schlagenden Beweisgrund. Diesen Sigbrand merk ich mir, ich nenn ihn fortab ›den Theologen‹. Gute Nacht! Schlaft beide wohl. Und leitet eure Schlüsse aus dem Gehörten.« »Wohin noch so spät?« fragte Jovian. Aber Serapio war schon im Dunkel verschwunden. »Laß den!« erwiderte Julianus. »Es ist seine Art so. Stundenlang wandelt er nachts einsam und schaut in die Sterne.« Sechstes Kapitel An seinen geliebten Lehrer Lysias, den Oberpriester des Apollo, Senator zu Byzanz, Patricius und Comes Consistorianus, Julianus Imperator Augustus, unbefleckt von Blut! O mein Teurer! Wie hast du doch so ganz die Wahrheit aus deinen Sternen gelesen, als du dem Knaben Julianus verkündetest, er sei ein vor allen bevorzugter Liebling der Götter! Ich schreibe dir dies aus Byzanz, ich schreibe dir als der einzige Imperator des Römerreichs, anerkannt in allen drei Erdteilen, von allen Heeren, in allen Provinzen. Constantius ist tot, und nicht ein Tropfen Blutes floß dabei! Ah, was ich in meinen kühnsten Wünschen kaum zu hoffen, was ich zu den Göttern kaum im Gebet zu flüstern mich unterfangen – »unblutiger Sieg« –, sie haben mir's in überschwänglicher Vollkommenheit gewährt. Eine Priesterin der Athene zu Sirmium hatte mir »unbefleckten Sieg« verheißen; aber ich hatte die Erfüllung des Spruches in vollstem Sinne zu hoffen nicht gewagt. (Seit ich Gallien verlassen, bring ich den Göttern offen Opfer dar. Ach, wie wohl tut solche Erlösung von der Heuchelei!) Ich schrieb dir, wie ich nach kurzem Verweilen von Naissus aufbrach, den Gegner in Asien aufzusuchen. Aber schon auf dem Weg an die Grenze Thrakiens flog mir das unverhoffte Glück wie auf Flügeln der Iris entgegen! Unsere Vorhut stieß auf einen Reiterzug, der mich aufsuchte. Brausendes Jubeln aller Scharen, durch welche diese Boten mir entgegenkamen, verkündete im voraus eine große Freude; aber nie hätte ich die Wirklichkeit solches Glückes geahnt. Es waren zwei Comites des Constantius, seine vornehmsten Feldherren, Theolaif und Aligild (Germanen, wie leider auch fast alle meine besten Anführer!), die, an der Spitze der Ersten des Heeres und des Hofes meines Gegners mir entgegeneilten. Sobald sie meiner ansichtig geworden, sprangen sie ab, warfen sich vor und neben meinem Roß auf die Knie, faßten meine Hände und riefen mir zu: »Juliane Auguste Imperator, durch des Himmels Fügung einziger Beherrscher des Römerreichs! Unser armer Herr Constantius ist nicht mehr. Und unser ganzes Heer, sein Hof, sein Lager, alle Provinzen, die er beherrschte, haben in einstimmiger Wahl dich, den letzten der Constantier, den Helden, der Gallien dem Reiche wiedergewann, als Imperator anerkannt, zum Nachfolger des Constantius gewählt.« Ich war so erschüttert, daß ich fast vom Pferde geglitten wäre. Geraume Zeit bedurfte ich, bis ich mich genug gesammelt hatte, näheren Bericht zu vernehmen. Constantius war an die persische Grenze gezogen – endlich – wiedergutzumachen, was er und seine Feldherren hier länger als zwei Jahrzehnte hindurch vernachlässigt, verschuldet hatten. Haben doch die Feinde dort solche Fortschritte gemacht, daß meine nächste Sorge dem Tigris, nicht dem Rheine wird gelten müssen. Sapor, der Perserkönig, war, kurz bevor Constantius zu Edessa von meiner Erhebung erfuhr, zurückgewichen; aber wahrlich nicht vor Constantius, sondern dringend abgerufen durch Einfälle der wilden Massageten in seine Ostprovinzen. So konnte mein Gegner, des Angriffs der Perser entledigt, daran denken, mich zu vernichten. Zu diesem Zweck abermals unsere ganze Grenze dort zu entblößen, besann er sich keinen Augenblick. Er zog alle Streitkräfte in jenen Landschaften an sich, kehrte Persern und Parthern den Rücken und eilte mir entgegen. In Hierapolis, auf dem Wege nach Antiochia, forderte er in großer Truppenschau die Seinen auf, den undankbaren Empörer abzufangen »wie einen Eber auf lustiger Jagd«. Denn er sprach immer nur von »fröhlichem Jagen auf das Cäsarlein«! Von meinen bescheidenen Vorschlägen und Bitten ließ er nichts verlauten. Er brannte vor Begier, mich zu verderben; hastig sandte er die Reiter und (auf Wagen!) leichtes Fußvolk voran. Aber böse Vorzeichen und schwere Träume quälten ihn schon zu Antiochia – gerade zu derselben Zeit, da meine Götter mich wiederholt im Traum des Sieges versicherten. (Ein solches Zusammentreffen genügt doch allein schon, das Dasein der Götter zu beweisen! Serapio zuckte dazu freilich lächelnd die Achseln.) Ach leider können oder wollen die Götter nicht jede böse Tat verhüten! So haben sie auch geschehen lassen, daß wir beide, o Lysias, durch häßliche Grausamkeit einen teuren Freund verloren haben, unsern Philippus! Die Gesandten erzählten: Schon bei der Nachricht von meiner Erhebung habe Constantius den Sternkundigen unter wütendem Zornausbruch verhaften lassen, und schon damals hätte er ihn getötet, aber der Mutige (er soll ihm geweissagt haben, der Cäsar Julian werde Gallien nicht mehr verlassen) erwiderte ihm: »Wart es doch ab. Julian ist noch in Gallien.« Als jedoch nun die Kunde eintraf von meinem Vordringen bis an den Ister, von dem Falle Sirmiums, da sprach Constantius, von dem Ober-Eunuchen gehetzt, das Todesurteil aus über den klugen Mann, der ihm aus den Sternen vorgelogen habe. Lächelnd ließ ihm Philippus sagen: »Die Sterne haben nicht gelogen und nicht Philippus; nicht der ›Cäsar‹, der ›Imperator‹ Julian hat Gallien verlassen. Unrecht also tust du, mich zu strafen; aber dafür bist du der Imperator. Als letzte Gnade erbitte ich mir, der ich dich aus so mancher Todeskrankheit gerettet habe, mir die Todesart selbst wählen zu dürfen.« Das bewilligte ihm Constantius, obwohl Eusebius dringend verlangte, vorher dem armen Buckligen auf der Folter seine wirksamsten Heilmittel auszufragen. Als Rache sandte der Arzt ihm eine Phiole mit dem Zettel: »Das tötet rasch und schmerzlos. Ich wählte dies Gift und schenke dir den Rest. Verwahr ihn wohl, du brauchst ihn bald, sagen die niemals lügenden Sterne. ›Euthanasia‹, leichter Tod, ist den Sterblichen das zweithöchste Gut! Das höchste ist, gar nicht geboren zu sein. Ich gehe ein zum Frieden – das heißt zu ›Irene‹.« Er starb zu Antiochia, das Wort »Irene« auf den Lippen. Irene ... es ist auch der Name meiner Mutter; sie waren befreundet von Jugend auf. Tief dankbar, gerührt gedenke ich des treuen Freundes. Nach diesem Mord – so berichteten mir die beiden wackern Germanen mit wahrem Abscheu – beriet Constantius gar oft mit Eusebius und seinen neuen Ärzten (darunter Niger), in welcher Weise er mich, nachdem ich gefangen, am langsamsten und qualvollsten den Tod erleiden lassen könne. Denn daß er mich überwinden werde (wie bisher freilich alle inneren Feinde), daran zweifelte er nicht. »Aber Zeus«, sagt Sophokles, »liebt nicht den Sprecher großer Worte.« Denn des Philippus Weissagung sollte sich rasch erfüllen an Eusebius. Alsbald nach dem Aufbruch aus Antiochia – Ende Oktober – erkrankte Constantius zu Tarsus in Kilikien. Reuevoll rief er jetzt nach dem Arzt, dem Helfer! Mit Anstrengung schleppte er sich noch nach dem nur wenige Meilen entfernten Mopsukrene am Fuße des Taurus, starb aber hier alsbald – am fünften Oktober – an einem hitzigen Fieber unter den Tröstungen eines arianischen Bischofs. Vierundvierzig Jahre hat er gelebt (das dünkt mich schon ein hohes Alter!), vierundzwanzig Jahre hat er geherrscht! Und was hat er getan in all der Zeit für die Unsterblichkeit? Alexandros hatte mit dreißig Jahren die Welt erobert. Ich habe bis dahin noch drei ganze Jahre vor mir. Die Welt werde ich nun zwar nicht erobern in dieser Frist, aber das Reich erneuern und die Götter! Nun entstand unsagbare Verwirrung in dem führerlosen Heer; alsbald erscholl das Gerücht, der Perserkönig, der schnell jene massagetischen Räuberscharen verscheucht, habe bereits Nachricht von der Verwaisung des römischen Ostreichs und schon rücke der Gefürchtete in Eilmärschen an die Grenze. Was nun tun? Ausgezogen war das Heer des Constantius, mich zu vernichten, in seinem Dienst. Er war nicht mehr. Für wen sollten sie jetzt gegen mich kämpfen? Oder sollten sie umkehren und erst den äußeren Feind abwehren. Aber unter wessen Führung? Die Wahl eines Nachfolgers des Constantius war unvermeidlich. Da entfaltete Eusebius die ganze Kunst seiner Ränke. Himmel, Erde und Hölle setzte er in Bewegung, vor allem die Stimmen von mir abzulenken, die sich gleich von Anfang zahlreich erhoben. Er wollte seinen Vetter durchsetzen, jenen Barbatio, dem angeblich der Verstorbene den Purpur bestimmt habe. Doch war keine Aufzeichnung hierüber zu finden. Und man hatte wohl genug am Hof und im Heer von seiner und der andern Eunuchen Vorherrschaft seit so vielen Jahren. Die Feldherren beriefen eine allgemeine Versammlung der Truppen, und kaum hatte der Comes Gomohar (wieder ein Germane!) meinen Namen genannt, als plötzlich das ganze Heer jubelnd in den Zuruf ausbrach: »Julianus Imperator Augustus!« Wie damals zu Paris! Wer erkennt hier nicht dankbar, fromm, in ehrfurchtsvoller Scheu, das Walten der Götter, die den weiten Himmel bewohnen, der sich von Gallien bis nach Kilikien dehnt? Zwar soll auch der heilige Geist der Galiläer solch einmütige, plötzlich ausbrechende Begeisterung bewirken; aber er wäre doch ein allzuwenig scharfblickender Geist, hätte er mich vorgeschlagen! Da nun aber Eusebius, trotzig und herrschaftsgewohnt, nicht nachgeben wollte, vielmehr in die heftigsten Schmähungen gegen mich ausbrach, ergrimmten die Leute gegen den langverhaßten Eunuchen, verfolgten den Fliehenden bis an sein Haus und drohten ihm qualvollen Tod. Als sie die Tür aufbrachen, trank er aus des Philippus Phiole und starb sofort. Das Heer jedoch beschloß vor allem, dem drohenden Bürgerkrieg zuvorzukommen, stehenzubleiben, wo es stand, um nicht zu weit von der Persergrenze sich zu entfernen, mir aber durch jene Gesandtschaft seine Huldigung zu überbringen. Von nun an verwandelte sich meine Heerfahrt gegen Byzanz in einen Triumphzug! In allen Städten und Dörfern auf meinem Weg über Philippopel, Hadrianopel, Perinthus ward ich mit Jubel begrüßt; auf bekränzten Schiffen fuhren sie mir auf dem Hebrus entgegen. Aus Byzanz aber strömten mir Tausende (viele kannten mich von meinem früheren Aufenthalt daselbst) bis nach Perinth entgegen (das sind über fünf Stunden!) und holten mich unter nicht endendem Jubel in die Hauptstadt ein. Das war an den Iden des Dezembers im zweiten Jahre meines Imperiums. Meine erste Pflicht galt der gebührenden Bestattung meines toten Feindes, Vetters, Schwagers (o wie wird sich Helena in ihrer Verklärung freuen, daß ich nicht das Schwert mit ihm kreuzen mußte!). Feierlich ließ ich die Leiche durch meinen Magister Militum Jovianus aus jener ersten Ruhestätte abholen; in ehrenvollstem Geleit ward sie zu Byzanz bestattet in der Basilika der Arianer. Ich selbst, im Privatgewand, in Trauerkleidung, schritt als der erste Leidtragende hinter seinem Sarg; und die Tränen, die ich dabei vergoß, waren nicht geheuchelt: Galten sie auch nicht dem Toten – sie flössen um der Menschheit allgemeines Weh! Und ach, um Helena!   Nun aber ward dem Toten sein Recht – nun soll im vollen Maß ihr Recht den Lebendigen werden! Was eines Menschen, eines Herrschers Wille, Liebe, Kraft, Begeisterung leisten kann, sein Volk zu beglücken, das soll geschehen – allen Göttern gelob ich's. Und ich fühl's, sie werden mir beistehen. Aber auch du steh mir bei, mein geliebter Lehrer! Komm, eile, fliege (jetzt können die Verehrer der alten Götter wieder sicher reisen durch das ganze Reich der Römer!), komm sofort zu mir nach Byzanz; du mußt mir helfen bei dem schwierigen Werk, die Götter zu erneuern, ohne irgend die Galiläer zu verfolgen, denn niemals werd ich solches dulden. Edler Sinn, der selbst unterdrückt war, wird nie unterdrücken: Er kennt das Unrecht und den Schmerz. Wohl weiß ich (schmerzlich hab ich's aus deinem Schweigen wie aus deinen spärlichen, kurzen Briefen gefühlt!), uns trennen immer noch die alten Abweichungen in der Auffassung der Götter. Aber ich hoffe und vertraue, nein, ich weiß gewiß – du wirst mich verstehen lernen, du wirst meine Lehren selbst annehmen und sie mir verbreiten helfen über den römischen Weltkreis. Du wirst vor allem die so äußerst schwierigen Maßregeln in Behandlung der Galiläer mir raten, vorschlagen und – nach meiner Genehmigung – ins Werk setzen. Du aber wirst mir auch die erfreulichere Hilfe leisten, die Tempel der Götter wieder zu erschließen, die verlassenen Altäre zu bekränzen, den Olympiern wieder aus duftender Schale zu sprengen! Schon seh ich den Tag, da ich hinter dir (wie damals!) den steilen Pfad zum Kapitol hinaufsteige, gefolgt von den vestalischen Jungfrauen, und dem Jupiter des Kapitols das erste Opfer bringe. Das ist der Lohn, mein Lysias, den ich dir zugedacht: Ich kenne keinen höheren, wie ich selbst nicht den imperatorischen Purpur für meine höchste Ehre halte, sondern daß ich Pontifex Maximus meinem Reiche bin und Archon des Orakels des didymäischen Apoll. Zum obersten Priester deines Gottes, des Apollo von Heliopolis, zum Patricius, zum Senator meiner zweiten Hauptstadt und zum Gliede meines geheimen Rates, zum Comes Consistorianus, ernenne ich dich hiermit zugleich. Aber was bedeutet das gegen den Titel: »Lysias und Julian, die beiden Erneuerer der Götter!« Ich schließe, trunken vor Seligkeit. Siebentes Kapitel Als Lysias in seinem Schreibgemach zu Hermopolis in Ägypten diesen Brief gelesen hatte, warf er ihn grimmig zur Seite und sprang auf mit einem Fluch. »Beim Tartarus! Es ist unglaublich! Die Undankbarkeit, die Vermessenheit, die Torheit dieses Knaben im Purpur! Alles und jedes verdankt er mir. Das erloschne Leben hab ich dem fiebernden Schwächling zweimal mit sorgender Hand erhalten! Versunken lag er in den dumpfesten, schmählichsten Aberwitz des Christenwahns: Ich allein hab ihn emporgehoben zu den Göttern aus dem blöden Kirchenglauben des Johannes; einen Knecht, ein hoffnungsloses Opfer jenes Abtes, hab ich ihn aus dem Kloster, wo er geistig wie leiblich gefangen saß, befreit. Ich brachte ihm Homer, Hesiod, die Götter, ich lehrte ihn die Laster der heuchlerischen Christenpriester durchschauen, ich brachte ihm Rom und das Kapitol, ich brachte ihm das Schöne, das Gute, das Wahre! Ewige Sterne, untrügende, haben's mir verkündet, daß meines einzigen geliebten Kindes Los unscheidbar mit dem seinigen verknüpft ist, daß eine Helena seine Gattin wird und Herrscherin im Römerreich, daß mir, dem Sprößling der alten Könige und Priester Ägyptens, der Pharaonen und der Ptolemäer, von ihm die königliche Statthalterschaft über mein altes Heimatland verliehen werden wird. Und er? Was tut er? Bei erster Gelegenheit vergafft er sich in eine Fremde, so daß ich mein Kind schleunig aus seinen Augen flüchte, bis diese Torheit verflogen wäre. Mein Kind, mein armes, gehorsames, vertrausames Kind, das blind dem Wort des Vaters glaubt und seiner Weissagung, das jede andere Neigung als die zu dem Sternenbestimmten als Frevel ansehen würde, mein Kind, das aus lauter Glaube und Gehorsam zu ihm, den sie nie gesprochen, eine seelenverzehrende Sehnsucht erfaßt! Er aber, nachdem ihn beispielloses, unerhörtes Glück aus allen Gefahren gerettet hat, er beharrt auf der Liebe zu jenem Eindringling in den Willen der Sterne, zu jener falschen Helena. O wie ich sie hasse noch im Grabe! Und sowie er meiner Hand entschlüpft, mißbraucht er die Freiheit des Gedankens – ich allein habe ihn denken gelehrt – in Athen, in Byzanz, in Nikomedia sich mit fremder, falscher götterleugnender Weisheit vollzupfropfen. Ja, er verspottet als Gebilde des Volksglaubens meine, unsere Götter, die Griechenland und Rom schön, groß und glücklich gemacht haben. Er braut sich ein Wolkengespinst aus Religion und wüster, mystischer Philosophie zusammen, der Lästerer, der Götterleugner, und diese ergrübelten Lügen sollen dem armen Volke die lebendigen Götter ersetzen! Und da ihn nun wirklich die Götter, die großmütigen, auf den von den Sternen ihm zugesagten Thron der Welt erhoben haben, nun will er mich nicht nur abspeisen mit ein paar hohlen Amtstiteln: Oberpriester des ägyptischen Apoll! Mich hat – wie alle meine Ahnen – längst der Gott selbst dazu bestellt! Nein, er tut mir die unerhörte Schmach an, ich soll ihm helfen an der wahren, der Volksgötter, Stelle seine Hirngespinste zu verkünden. Und die Christen – anstatt endlich sie der gerechten Rache der Götter und ihrer Priester preiszugeben –, ich soll ihm helfen, sie zu schützen, sie zu seinen Traumgöttern bekehren! Das ist die maßloseste Überhebung seiner Eitelkeit. Das ist Hybris. Aber der Hybris folgt auf dem Fuße die Nemesis. Und wie ich's ihm vor Jahren verkündet, durch seine Eitelkeit, in deren Unmaß er mich beleidigt, durch seine Eitelkeit werd ich ihn beherrschen. Warte, du philosophischer Götterleugner! Ich folge deinem Ruf! Aber anders als du denkst! Als deinen Knecht rufst du mich, als dein Beherrscher komme ich.« Er warf sich, erschöpft von dem zornigen Ausbruch, schwer atmend, keuchend auf das Ruhebett. Die glühenden Leidenschaften, das durch Jahre fortgesetzte vergebliche Sehnen und Harren auf Geschicke, die er von den Sternen fordern mußte und die ausblieben, sich in ihr Gegenteil verkehrten, all das hatte den Mann rasch und stark altern lassen; die immer scharfen Züge trugen jetzt einen dämonischen, bösartigen Ausdruck verhaltnen Hasses und ringenden Ehrgeizes. Er hatte so laut mit sich gesprochen, daß seine Tochter, besorgt, auf leisen Sohlen, aus dem Nebengemach herbeieilte. Mit Bestürzung gewahrte sie die wilde Erregung in dem Gesicht, im ganzen Leibe des Vaters. Ängstlich beugte sie sich über ihn: »Was ist dir, lieber Vater? Welcher Zorn? Gewiß trägt die Schuld wieder jener Brief, den dir ein Sklave von ihm ... ein Sklave des Imperators brachte. Auch die früheren aus Gallien erzürnten dich so oft! Was ist's? Nur selten teiltest du mir daraus mit von meinem ...«, hier lächelte sie unsäglich traurig, »von meinem ›Bräutigam‹, wie deine Sterne sagen. Ich sollte ihnen grollen, den Leuchtenden. Ihren fernsehenden Vorspiegelungen hast du, habe ich selbst mein Leben geopfert. Aber, mein Väterchen, ich will dir's nur gestehen: Ich bin ihnen dankbar. Denn haben sie mir auch ihn nicht gegeben, den allein du mich schon als Kind lieben gelehrt – bevor ich ihn gesehen – und den ich wirklich allein tief in dem törichten Herzen trage, ich verdanke ihnen wenigstens, daß du mir nie einen andern Freier aufgedrängt hast. Und so bin ich schon ganz zufrieden«, lächelte sie anmutig. »Den Sternen gehorchen und dir und damit zugleich des Herzens sehnendem törichtem Wunsche – welch harmonisch, glücklich Leben!« Und sie sank neben ihn auf das Lager, ein paar Tränen in den dunklen, langbewimperten Augen. Zärtlich strich er mit der Hand über ihr Haar: »Meine Helena! Ein Opfer der Sterne? Und meines Glaubens an sie? Und seines... sternenwidrigen, götterwidrigen Tuns? Nein, so soll's, so darf's nicht enden. Laß mich nur erst in Byzanz sein.« – »Was schreibt er... der Imperator?« verbesserte sie verschämt, »darf man's wissen?« Sorgfältig verbarg er den Brief in seinem Gewand: »Er schreibt – ja... er schreibt... er fühle sich so einsam als Witwer; er könne nicht unvermählt bleiben. Er müsse die Leere in seinem Herzen ausfüllen durch die Liebe zu einem andern Weibe, zu einer zweiten Helena ...« »O mein Vater!« hauchte das Mädchen, über und über errötend, und ein seliges Hoffen leuchtete aus den sonst so traurigen Augen. »So sollten deine Sterne doch ...?« »Gewiß. Sie lügen nie. Du holdes Geschöpf, sah er dich jetzt, verschönt, verklärt durch diesen Hauch der Hoffnung – er könnte solchem Reiz nicht widerstehen. Ich reise zu ihm nach Byzanz; er beruft mich zu wichtigen Ämtern. Dort werde ich ihn prüfen – seine Stimmung, werde erforschen, ob es schon an der Zeit, dich ihm zu zeigen. Und sobald ich die Stunde für gekommen erachte, ruf ich dich, mein Kind, zu Glück und Glanz. Leb wohl! Ich breche heute noch auf.« Er küßte sie auf die Stirn und entließ sie. »Hm«, sprach er, ihr nachblickend. »Es wäre jetzt wohl noch zu früh. Erst muß ich seine Seele wieder ganz beherrschen. Und ergründen, ob die ›unsterbliche‹ Liebe zu der ersten Helena wirklich noch lebt. Die Sterne können Recht behalten, trotz alldem für seine zweite Ehe. Sie können? Nein, sie müssen! Und, beim großen Osiris von Memphis, sie sollen!« Achtes Kapitel Einstweilen hatte der jugendliche Herrscher zu Byzanz begonnen, auf allen Gebieten des Staatslebens jene rastlose, treibende, säubernde, heilende Tätigkeit zu entfalten, die das begeisterte Lob seiner Anhänger weckte, aber auch seine Widersacher zu widerstrebendem Staunen zwang. Vor allem nötigten ihn zahllose Anklagen von Unterdrückten und Mißhandelten gegen die Werkzeuge der Regierung des Eusebius und der übrigen Hof-Eunuchen einen Gerichtshof einzusetzen, zur Untersuchung und Entscheidung dieser Beschuldigungen. Er verlegte ihn aus den Einflüssen der Hauptstadt hinweg in das nahe Chalkedon. Unter den sechs Gliedern waren zwei Germanen: Agilo der Alemanne und Nevitta der Franke; letzteren hatte der Augustus schon vorher zu einem der beiden Konsuln des folgenden Jahres ernannt. Ernst blickte Jovian in die Liste: »Soll denn Serapio recht behalten? Ein Germane Konsul, zwei Germanen Glieder des Staatsgerichtshofs?« Ärgerlich erwiderte Julian: »Kann ich dafür, daß sie es mehr als andere verdienen?« – »Und wie? Barbatio, ein erbitterter Feind von dir, ein Freund der Angeklagten, ist auch unter deren Richtern?« Julian nickte: »Man soll nicht sagen, ich habe nur meine Freunde zu meiner Feinde Richtern bestellt. – Was ist das?« Er nahm einem Freigelassenen eine Rolle ab, öffnete und las: »Großer Imperator! Einer deiner giftigsten Gegner, nach Eusebius leicht der schlimmste, der Präfekt Florentius, ist dir entwischt. Gern verrat ich dir – und ohne Belohnung zu verlangen – sein Versteck. Er ist verborgen in der Basilika des heiligen ...« »Was tust du, Julian?« fragte Jovian erstaunt. »Ich zerreiße die Anzeige, damit ich nie der Versuchung erliege, nach dem Ort zu spüren. Aber höre, teile Nevitta mit, ich verlange, daß auch gegen Eusebius die Anklage erhoben werde.« – »Der ist ja lange begraben!« – »Gleichviel. Es muß ausgesprochen werden, ob er des Todes schuldig war oder nicht. Man soll nicht flüstern, nur aus Furcht vor mir, nicht vor der Gerechtigkeit, hab er zum Gift gegriffen!« Der Staatsgerichtshof verurteilte achtzig Angeklagte – »eine vielköpfige Hydra« hatte sie Julian genannt – zum Tode, drei, darunter Eusebius, zum Flammentod. Julian begnadigte alle bis auf Eusebius, jene beiden andern und den Anstifter des in seinem Rücken in Aquileja ausgebrochenen Aufstandes, der zum Tod durch das Schwert verurteilt war. Man drang damals von vielen Seiten, auch aus achtbaren Gründen, in den neuen Imperator, es nicht bei Bestrafung der höfischen Bösewichter bewenden zu lassen, auch in den Provinzen die Hauptträger der gestürzten Herrschaft, die weit überwiegend eine Mißherrschaft gewesen, zugleich seine eigenen heftigsten Widersacher, zu beseitigen. Aber der Augustus erwiderte: »Durch die Gnade der Götter ward mir erspart, in der Schlacht römisches Blut zu vergießen, soll ich es nun auf dem Blutgerüste tun?« Er wies alle Anklagen dieser Art zurück bis auf drei: Jener Gaudentius, der Geheimschreiber, dann ein Sohn des Marcellus und der Statthalter von Afrika, welche noch nach Julians Einzug in Byzanz diese Provinz gegen ihn hatten empören wollen, wurden hingerichtet. Zwei Tribüne, wegen gleicher Versuche zum Tode verurteilt, wurden zur Verbannung begnadigt. Auch gegen die Falschmünzer und die schamlose Mißbrauchung der Post des Staats durch geistliche und weltliche Große zu Privatreisen mußte eingeschritten, die verödeten Senate der Städte mußten wieder von Kurialen gefüllt werden. Übrigens wußte er am rechten Fleck auch seine witzigen Einfälle, seinen Humor zur Erledigung der Regierungsplagen zu verwerten. War da ein Haufen von ein paar hundert Ägyptern nach Byzanz gekommen, sich zu beschweren über zuviel bezahlte Steuern: Diese Nil-Leute waren berüchtigt im ganzen Reich als die ungebärdigsten Dränger und Bittsteller, selbst bei völlig unbegründeten Ansprüchen. Auch diesmal erwiesen sich ihre Beschwerden als nichtig: Aber sie vollführten in und vor dem Palast schrillsten Lärm, »wie kreischende Krähen« – sagt ein Ohrenzeuge –, und ließen den Imperator und seine Räte schlechterdings zu keiner Arbeit kommen, bis sie befriedigt seien. Gewalt wollte Julian nicht brauchen: So trat er denn zu ihnen hinaus auf die Freitreppe vor dem Palast und hielt ihnen eine wunderschöne Rede, schließend mit der gnädigen Verkündung, sie würden sofort von seinen Schiffen unentgeltlich nach Chalkedon über den Bosporus geschafft, dort sollten sie das Weitere erwarten. Unter lauten Danksagungen stiegen die Ägypter geschmeichelt in die schönen Trieren, und sobald der letzte Mann gelandet war, erging ein Edikt, das jeden Schiffer mit dem Tode bedrohte, der einen dieser Ägypter wieder herüberfahre! So blieb den Gefoppten nichts übrig, als, nachdem sie lange vergeblich auf Bescheid gewartet hatten, wieder nach Hause zu reisen an den heiligen Nil. Gleichzeitig säuberte und verringerte Julian den Hofhalt, der so maßlos verschwenderisch eingerichtet war, daß nach vollendeter Minderung nicht weniger als ein Fünftel aller Reichssteuern von dem sparsamen Imperator erlassen werden konnte. Man schätzte die Zahl der von ihm entlassenen Köche und Speiseanrichter auf eintausend, ebenso viele Haarkünstler, Schänken aber noch mehr; dazu vertrieb er alle Eunuchen, die Spürhunde der Majestätsbeleidigungen, alle Winkeljuristen und Angeber, die sich in den Vorhallen der Paläste Umtrieben und jeden Besucher des Hofes aufhetzten, mit der Frage, ob er nicht einen Prozeß zu führen oder einen Feind strafrechtlich zu verfolgen habe? Ihr Einfluß bei Eusebius hatte den Sieg ihrer Klienten oder ihrer Anklagen verbürgt. Wohl segneten ihn dafür die Millionen der unter der Steuerlast versinkenden Provinzialen; aber die Entlassenen bildeten eine boshafte Widerspruchsgenossenschaft. »Keine Kunst!« meinte der Oberkoch. »Er weiß ja gar nicht, was speisen ist. Fasten, und dann – aus lauter Zerstreutheit – hastig ein paar Stücke Fleisch verschlingen, gleichviel, wie sie schmecken. Auch sah ich ihn schon trocken Brot essen, den elenden Heuchler, was man gar nicht kann.« – »Vom Weine versteht er so wenig«, grollte der Oberkellermeister, »daß er es nicht einmal merkte, als ich ihm statt des gewöhnlich von mir gefälschten zu seinem Geburtstag ausnahmsweise einmal echten gönnte. Ein solcher Mann kann nicht Imperator sein.« Eines Tages bestellte Julian den Hofbarbier, da sein ungepflegter Bart sogar den wohlgesinnten Byzantinern auffiel – dieser Haarschmuck sollte ihm in Antiochia noch viel Verdruß bereiten! Herein stolzierte alsbald ein vornehmer Herr in prunkenden Gewanden. »Ei«, rief der Herrscher ganz erstaunt, »einen Barbier hab ich bestellt – ein Patricius erscheint. Sag einmal, Gönner meines Bartes, was zahlt dir denn der Staat jährlich für dein Handwerk?« – »Kunst, Imperator.« – »Wieso, Kunst?« – »Nun, ist Barbieren etwa keine Kunst? Versuch es einmal, Auguste!« – »Ich bin geschlagen! Aber sage, wieviel beziehst du an Gehalt?« – »Täglich zwanzig Tagesverpflegungen, nach meiner Wahl in Speisen und Wein oder in Geld; täglich ebenso viele Pferdeverpflegungen und jährlich zweiundfünfzig Pfund Silber, außer den Gebühren, wenn ich wirklich einmal einen Bart abnehme.« »Lieber«, lächelte Julian, »geh aus dem Palast und komm nie wieder. Brauchst du aber einmal einen Barbier, so laß mich dir empfohlen sein: Ich tu es billiger. Führe diesen großen Herrn hinaus, Oribasius, und Voconius soll kommen und mir (wie bei den Chamaven!) mit dem Schwert den Bart abschneiden!« – »Meine Kunst«, schalt der Haarpfleger nun in allen Weinschänken, »ist an dem verloren. Seine Haare, da, wo sie sein sollten, fallen aus, vor unsinniger Kopfarbeit. Und da, wo sie nicht sein sollten, am Kinn, wachsen sie so wirr, wie bei einem christlichen Büßer oder einem heidnischen Philosophen oder einem Ziegenbock, was für die Unreinlichkeit auf dasselbe hinauskommt. Es sollte mich nicht wundern, liefen nächstens Bewohner in seinem Haargestrüpp herum, das er auch um die Gurgel herum wachsen läßt. Und ein solches Scheusal will ein Liebling der Götter sein! Aber die Rache des Himmels wird nicht ausbleiben. Geiz und Selbstsucht, das sind seine Tugenden. Weil Er nicht ißt und trinkt wie ein rechtschaffener Mensch, sollen andere hungern und dürsten! Es gibt keine göttliche Vorsehung mehr auf Erden. Die christliche ist abgeschafft und die olympische ist noch nicht wiedereingesetzt. Constantius ließ sein Haar täglich dreimal künstlerisch darstellen – und der? Es ist gottlos, wie er's treibt! Das kann nicht lange währen. Ich eröffne jetzt eine öffentliche Badehalle, und jeder Gast erhält unentgeltlich von mir ein Sturzbad von Wahrheiten über den göttergeliebten Bocksbart.« Neuntes Kapitel Julian hatte die schwierigen, umfassenden Gesetzentwürfe über die Behandlung der Christen und die Wiedereinführung des Götterdienstes, des »Hellenismus«, wie er den geläuterten Götterglauben amtlich nannte, mit Lysias zusammen beraten wollen. Absichtlich ließ sich der Schlaue lang erwarten: Die Sehnsucht nach ihm sollte wachsen, seine Unentbehrlichkeit sich schmerzlich aufdrängen. Aber er war diesmal allzuschlau; oder vielmehr zog er Julians feurige Ungeduld nicht in Rechnung. Erfüllte doch nichts mehr als dies des jungen Herrschers Geist! Jeder Tag der Säumnis schien ihm ein Undank gegen die Götter. Und da nun sein Berater immer noch nicht kam, da beriet er sich selbst. Als Lysias endlich eintraf, legte ihm Julian die fertigen Entwürfe vor; zornig erkannte der Priester seinen Fehler. Vor dem Entschluß hätte der ehemalige Schüler sich manches von ihm sagen lassen, jetzt an dem Beschlossenen Erhebliches ändern, das widersprach seiner sehr hohen Meinung von sich selbst. So mußte sich Lysias widerstrebend, knirschend, fügen in alles, wovon ihm das meiste verhaßt war in tiefster Seele. Als er Einwendungen gegen Hauptsachen vorzubringen wagte, merkte er mit Schrecken, daß diese langen Jahre aus dem Knaben einen Mann, aus dem Schüler einen sich überlegen erachtenden Gelehrten und vor allem einen an widerspruchslosen Gehorsam gewöhnten Cäsar und Imperator gemacht hatten. In stummer, ohnmächtiger Wut ging er an dem ersten Abend dieser Besprechungen zurück in seine Wohnung bei den Bädern Constantins. »Unabänderlich«, grollte er, »unabänderlich sind – so hat er geprahlt – der Götterleugner im Purpur, diese meine Beschlüsse.« – So? Laß sehen, ob sie nicht – in der Ausführung – zu ändern sind, nach der Götter und meinem Willen. Die Vollstreckung hat er mir vertraut, und allgegenwärtig ist er nicht in seinem Reich. Sollen diese gottlosen Christen jeder Strafe für das Vergangene entgehen? Nein, ihr großen Götter, ich hab's geschworen, euch zu rächen, und ich halte meinen Schwur, sei's mit, sei's gegen seinen Willen. Und mein Ägypten – ich legt es ihm so nah, mich als seinen Vertreter in allen göttlichen und in allen staatlichen Dingen hinzusenden... er wich aus! Er wollte nicht verstehen. Aber er soll! Ich will ihm dort am Nil bei dem Völklein, das ich kenne und beherrsche wie mich selbst, ich will ihm dort einen Sturm anblasen, daß er mich bei Isis und Osiris bitten soll, hinzueilen und das Toben zu beschwören. Und dann erfüllt sich doch an mir noch das Wort der Sterne: »Ägyptens königlicher Priester.«   Bald nach seiner Ankunft ward Lysias abermals, wegen einer Besprechung über die neuen Maßregeln, in den Palast berufen. Hierbei ward er zum erstenmal in das Schreibgemach des Herrschers geführt, auf dessen Erscheinen er zu warten hatte. Julian fand den Priester ganz versunken in dem Anstarren einer weißen Marmorbüste, die oberhalb des Ruhebettes an der Wand angebracht war. »Wer ... wer? O sprich, Herr! Wen stellt dieses Bildnis dar? Ist es eine erfundene ...?« »O nein«, seufzte der Witwer. »Es ist das wohlgelungene, das sprechend ähnliche Bild meines geliebten Weibes. Kurz vor ihrem Tode...« – »Zu Paris, nicht wahr?« – »Von geschickter Hand eines Freigelassenen aus Rom geschaffen. Ich sah noch niemals solche Ähnlichkeit.« – »Ich... ich... auch nicht!« stammelte Lysias, in brütendes Sinnen versunken. »Was sprichst du da? Du hast sie ja nie gesehen.« – »Nein, freilich nicht. Vergib! Aber ... ich kenne ... eine andere ... ein Mädchen, das ihr ... das dieser Büste zum Verwechseln gleicht.« – »Dann möge sie mein Auge niemals schauen! Es wäre mir zu schmerzlich! Unertragbar war es.« Betroffen, bestürzt sah ihn der Priester an. »Wer weiß«, flüsterte er dann vor sich hin. »Die Zeit ändert manches.« »Hier kommen schon durch das Atrium«, sprach Julian, »die Freunde, die ich mit zu unsern Beratungen ziehen werde.« – »Welche Freunde?« – »Nun, selbstverständlich Jovian und Serapio.« Mit schlecht verhohlenem Mißmut vernahm es der Priester: »Wozu, Julian? Einst – im Kloster, in Rom, in Macellum – genügten wir beide.« »Gewiß«, lächelte dieser, »dort war ein Schüler und ein Lehrer. Hier ist ein Herrscher und ein Berater, warum nicht deren drei? Und ich habe meine besonderen Gründe. Du und ich – allzu einseitig eifern wir für die Götter –, wenn wir sie auch sehr verschieden denken! Leider noch, bis ich dich ganz bekehrt habe!« Lysias schloß die Augen, deren grimmigen Ausdruck zu verbergen. »Serapion aber ist unbefangen gegen alle Arten von Glauben; und Jovian, nun, er ist – vermöge seiner nüchternen Gerechtigkeit – der Anwalt der Galiläer.« – »Er ist doch ungetauft?« – »Gewiß! Das will ich meinen! Aber er haßt doch nicht alles Galiläische wie du – und wie ... im tiefsten Vertrauen«, lächelte er, »sei's gesagt, das meiste davon – der Imperator Julianus hasset. Siehe, da sind die Freunde! Willkommen, Serapio. Hast du Nachricht aus der Heimat?« – »Mein Vater leidet unter dem Alter, meldet Mälo, der treue Nachbar. Entlaß mich bald. Was kann ich dir hier in Byzanz – im tiefen Frieden – nützen?« »Die Last der Arbeit erdrückt mich nahezu, ich muß getreue Helfer haben; und geschickte. Zwar bin ich jetzt so weit, daß ich den Ersten anhören, dem Zweiten antworten, zugleich dem Dritten schreiben, an den Vierten und Fünften ein Schreiben diktieren kann. Aber ach, wie langsam schreiben die Schreiber! ›Den Blitz‹ schelten und rühmen mich Feinde und Freunde. Meine Diener müssen jeden andern Tag völlig ruhen, sie können nicht Schritt halten mit dem Flug meiner Arbeit; darum müssen die Freunde mir beispringen. Du mir im Frieden helfen? Mehr als du ahnst. Auch ruft vielleicht schon bald der Perser uns ins Feld, gegen den zu kämpfen du dich ja nicht weigerst. Und du, Jovian? Hast du Antwort auf den Brief, den ich dir an die Meinen nach Marseille auftrug? Wann kommen sie?« »Sie zögern immer noch. Die edle Mutter scheut die Reise und den Lärm des Hofs. Ihre Augen...« – »Ich lade sie demnächst dringend noch mal. Nun nehmt Platz auf den Polstern dort und laßt uns beginnen. Also ich bitte euch, die Punkte, wie ich sie aus dieser Zusammenstellung euch vortrage, kurz aufzuzeichnen und die Ausarbeitung der Vorschläge unter euch zu verteilen. Meine Grundgedanken sind hierbei: durchaus nicht – wahrlich – will ich etwa meine Lehre allen meinen Untertanen aufzwingen. Ich ehre jeden Gott, der eines Volkes ist! Jeder Volksgott duldet die andern neben sich. Aber der Gott der Christen ist unduldsam, er will der Alleinige sein. Ja, mehr noch, alle Götter, die Hellas schön und Rom ganz groß gemacht haben – böse Dämonen, Teufel sollen sie sein. Und alle gläubigen Heiden, wie mein Lysias dort, und alle ungläubigen Zweifler, wie dieser Serapio hier, sollen auf ewig zu höllischen Qualen verdammt sein. Aber mehr, mehr noch! Diese Lehre ist im höchsten Maße staatsfeindlich, die ganze Menschheit, durch die Erbsünde verderbt, soll sich von der Erde reuig abwenden, nicht hier ist ihre Heimat; Arbeit ist eine Strafe, eine Folge des Sündenfluches, ebenso aber sind Recht und Staat nur notwendige Folgen des Sündenfalls, Krücken, die der Kranke braucht, der Genesene verächtlich wegwirft. So hat ein Papst mich belehrt! Uns aber sind Recht und Staat notwendige Güter der Vernunft, nicht notwendige Übel. Wie kann der Galiläer ein Herz haben für den durchteufelten Staat, da ja des Menschen Sohn doch demnächst niedersteigen wird – er wird jetzt schon dreihundert Jahre erwartet – aus den Wolken, dem ganzen sündhaften Heidenstaat ein Ende mit Schrecken zu bereiten, zugleich mit dem Teufel! Diese Lehre ist – mehr noch als staatsfeindlich – staatsverächtlich. Ich bekämpfe sie als Schildhalter des Staates. Gewiß werd ich sie nie mit Gewalt verfolgen, aber mit aller Kunst, mit allen Mitteln des Geistes bekämpfen. Nicht Haß, Mitleid verdienen diese Armen, denen das Herrlichste: Staat, Philosophie, Kunst nur gefährliche Versuchungen sind. Daher zuerst und vor allem ein Edikt, das volle Duldung aller Bekenntnisse verheißt, aller, ohne Ausnahme.« »Auch unsittlicher Übungen?« fragte Lysias. »Es gibt Sekten der Christen, die sich selbst verstümmeln, um sich die Erbsünde auszutreiben.« – »Ja«, entgegnete Serapio. »Es gibt aber auch Tempel der Aphrodite, der Astarte, der Isis – jawohl, Lysias, auch der Isis – wie der Kybele, in welchen die Preisgebung der Jungfrauen zum Gottesdienst gehört.« Lysias wollte heftig antworten, jedoch Julian unterbrach: »Gemach! Selbstverständlich straft das Recht eine Tat, die ein Verbrechen ist nach weltlichem Recht, auch dann, wenn der Beweggrund ein Irrglaube ist.« – »Und wenn die Christen sich weigern«, fragte Lysias; – »sie haben's schon zuweilen getan – im Kriege Blut zu vergießen?« – »So werde ich sie zwingen. Denn dies Muß ist staatsnotwendig.« – »Und wenn sie sich – wie von jeher – weigern, dem Genius des Imperators zu opfern?« fuhr Lysias fort. »So wird Julian sie hoffentlich nicht zwingen!« rief Jovian. »Gewiß nicht! Denn das ist nichts weniger als staatsnotwendig. Im Gegenteil, abgeschafft wird die Verehrung des Imperators als eines fast göttlichen Wesens, eines »Numen«, wie der fromme Constantius noch sie hingenommen hat. Ich weiß zu gut, wie wenig »göttlich«, wie traurig menschlich ich bin. Aber haltet mich nicht auf mit solchen Querfragen. Weiter! Die jenen Priestern von meinen beiden Vorgängern gewährten besonderen Vorrechte und die ihnen aus der Staatskasse bezahlten Geldbezüge hören auf. Die Hellenisten bezahlen die Kosten ihres Gottesdienstes selbst und allein, ich will die Galiläer nicht von gleicher Frömmigkeit abhalten. Und zudem ist ja der Armut und Niedrigkeit das Himmelreich verheißen; wohlan, ich will sie nicht davon aussperren, indem ich sie reich und ansehnlich mache. Ferner, die Galiläer haben herauszugeben alles Tempelgut, Liegenschaften, Gebäude, Gelder, Weihgeschenke und Gerät von Gold und Silber, die sie unter Constantius mit Gewalt an sich gerissen oder bei diesem Herrscher erschlichen haben, sie müssen allen Schaden ersetzen, den sie durch Zerstörung von Tempeln und Hainen und Götterbildern in diesen angerichtet haben; die Strafe für die Tempelschändung sei ihnen erlassen. Aber schon jener Ersatz wird ihnen teuer zu stehen kommen, den Bischöfen! Hat doch schon Constantin das Gold und Silber, das er zur Erbauung dieser seiner Hauptstadt brauchte, zum großen Teil dadurch gewonnen, daß er in ganz Griechenland und Asien die goldenen und silbernen Götterbilder aus den Tempeln und Hainen reißen und einschmelzen ließ. Schadet ihnen nicht, den Rundlichen, von unserem Raube Gemästeten, werden sie ein bißchen magerer und ärmer. Im Gegenteil. Die Reichen kommen ja, wie gesagt, nur mit solchen Schwierigkeiten durch die Himmelspforte wie die Kamele durch ein Nadelöhr. (Was ich mir für das Nadelöhr, also das Himmelreich, noch unbehaglicher vorstelle als für die reichen Kamele! Ich erleichtere ihnen also den Eintritt!) Du, Lysias, schreibe zum Beispiel den durch Hungersnot bedrängten Galiläern von Pessinus, ich wolle ihnen gern helfen, ihnen Vorräte aus meinen Speichern schicken. Aber vorher müssen sie die große Göttermutter versöhnen, deren Erzbild, von mir im Winter errichtet, einige galiläische Glaubenswütriche umgestürzt haben im Frühling, der darauffolgende Mißwachs des Sommers ist ohne Zweifel die von Kybele gesendete Strafe. Erst wenn die zürnende Göttin wieder versöhnt ist, helfe ich den Leuten dort; denn, wie sagt Homer in der Odyssee? ›Denn ein frevelndes Tun ist's, solchen gütig zu helfen, welche in Feindschaft und Haß zu den seligen Göttern entbrannt sind!‹ Auch alle galiläischen Sekten – ›Ketzer‹ nennen sie die Rechtgläubigen – haben gleiche Rechte mit diesen; alle Kirchen, die ihnen Constantius zugunsten seiner Lieblinge, der Arianer, weggenommen, werden ihnen zurückgegeben, alle von Constantius verbannten, eingekerkerten Bischöfe und Priester der Rechtgläubigen sowie der nicht arianischen Ketzer werden befreit und zurückberufen auf ihre Bischofsstühle.« »Aber nicht Athanasius!« rief erschrocken Lysias. Staunend wandte sich Julian zu ihm. »Warum der eine nicht? Fürchtest du ihn?« – »Ich fürchte nur die Schuld der Götterlosigkeit. Aber dieser Mann! Laß dich warnen, Imperator. Ich kenne ihn, er ist gefährlich, er ist – bisher – unüberwindlich gewesen. Ruf ihn nicht in Amt und Würde und in seine große Macht zurück – in meinem Ägypten!« »So ist er schuldig?« – »Das ... das will ich nicht sagen. Aber...« – »Dann gibt's kein Aber.« – »Nicht du hast ihn verbannt, es ist also nicht deine Schuld; aber laß es dabei.« – »Damit es meine Schuld werde? Nein! Er komme nur! Womöglich auch... nach Byzanz!« – »Niemals. Du weißt nicht, was du tust.« – »Doch! Ich lade ihn zum Geisterkampf und der unbesiegte Sonnengott wird auch diesen Gefürchteten besiegen. Weiter. Auch die Juden sollen unbekümmert ihrem Jehovah dienen. Ich habe die schweren Anklagen, welche die Galiläer wider sie erheben, geprüft und sie meistens unbegründet gefunden; ungerechte Steuern, mit denen man sie belastet hatte, hebe ich auf ... Ja, mit diesen Hebräern hab ich etwas ganz Besonderes vor.« Er blätterte in seinen Aufschreibungen und lächelte vor sich hin, erfreut über seinen Vorsatz. »Sie sind zerstreut über die Erde, seit Titus Jerusalem zerstört hat und den Tempel. Wohlan, ich will sie wieder zu einem Volke machen. Dann werden sie viele ihrer Fehler ablegen und viele ihrer Vorzüge entfalten. Aus allen Provinzen des Reiches sollen sie zurückwandern nach Palästina, die Armen von ihnen auf meine Kosten, ja sie sollen wieder ein Volk sein neben anderen Völkern. Und«, fuhr er leuchtenden Auges fort, »hat nicht der Galiläer geweissagt, der Tempel solle nie mehr wieder hergestellt werden? Wohlan, ich werd ihn Lügen strafen, aufbauen sollen die Juden ihren Tempel zu Jerusalem; unter meinem Schutz. Und damit das Werk gewiß aufs eifrigste gefördert wird, habe ich die Leitung des Ganzen einem frommen und geschickten Juden aus ihrem Priesterstamme der Leviten, Simon Alypius, übertragen, einem gar kundigen Baumeister und treuerprobten Mann; unsern Freund Simon – ihr erinnert euch an den halben Gelehrten und halben Helden von Naissus? – hab ich ihm als Beschützer beigestellt. Steht der Tempel herrlich wieder da, dann ist diese Weissagung widerlegt, wie längst schon die andre, daß noch bevor das Geschlecht ausgestorben, das die Kreuzigung sah, des Menschen Sohn wiederkehre in den Wolken, zu richten die Lebendigen und die Toten.« »Das hat er so, so nicht ganz gesagt«, meinte Jovian. »Doch«, widersprach Serapio, »er hat es gesagt!« – »Ja«, schloß Julian, »Matthäus XVI, 28 steht es: ›Wahrlich ich sage euch, es stehen hier etliche, die werden des Todes nicht sterben bevor sie gesehen haben werden des Menschen Sohn kommend in seiner Königsmacht.‹ Und ähnlich Marcus XIII, 26 und 30.« »Das geht auf die Zerstörung von Jerusalem«, wandte Jovian ein. »So sagen die Apologeten«, lächelte Julian. »Aber da kam doch nicht der Sohn Jehovahs, sondern der Sohn Vespasians.« »Oder es geht auf Johannes, der nicht starb, sondern entrückt ist bis zum Jüngsten Tage.« Julian staunte: »Woher auf einmal, o Jovian ...? Aber es heißt ›etliche‹, nicht ›einer‹.« Jovian verstummte, doch er schüttelte seufzend das Haupt. Aber der Imperator fuhr fort: »Das ist dein erstes Amtsgeschäft, Lysias. Du verfassest diese Aufforderung an alle Juden des Reiches, läßt sie anschlagen an die Tore meiner Paläste, an ihre Synagogen, auch – hörst du – an alle Tore der Kirchen.« – »Das ist boshaft«, sprach Serapion. »Und es reizt zwecklos«, warnte Jovian. »Ja freilich«, brach Lysias los, »und diese Lämmlein darf man nicht reizen, auch wenn sie dreißig Jahre wie Wölfe gewütet haben.« – »Haben sie nicht getan«, entgegnete Jovian. »Nur Constantius und ein paar Bischöfe...« – »Schlag's nur an«, lachte Julian. »Sie werden sich ärgern. Aber wie sagt der Spruch: ›Es ist notwendig, daß Ärgernis in die Welt kommt‹.« – »Aber wehe dem«, fiel Jovian ein, »durch den da Ärgernis in die Welt kommt.« – »Ei, ich staune immer mehr! So bibelfest? Seit wann? Der Briefwechsel mit Marseille ist wohl lebhaft? Aber noch mehr, Lysias, du versammelst morgen schon die Hebräer hier in Byzanz (es sind ihrer viele!), verkündest ihnen meinen Willen, meinen Aufruf bei Trompetenschall, daß alles Volk herbeiläuft, hörst du? Um die zehnte Stunde, wenn die Leute aus den Bädern kommen, und geleitest ihre Lehrer und Ältesten zu mir hierher in den Palast. Ich schenke ihnen die Hälfte der Baukosten. Aber weiter. Auch vom Feinde muß man lernen. So verhaßt mir vieles, das meiste an dem Galiläertum, es ist nicht zu leugnen; sie haben auch gute, nützliche, heilsame Einrichtungen, freilich nicht erfunden! Denn auch ihr berühmter Satz, auf den sie sich soviel zugute tun, von der Feindesliebe, von der Nächstenliebe, von der Pflicht des Mitleids, sie haben ihn wahrlich nicht zuerst gedacht und geübt. Wie sagt doch schon der göttliche Homer? ›Nahet ein Fremdling sich, auch ein Ärmerer, meinem Gehege, Gerne nehm ich ihn auf: denn den armen Gast wie den reichen, – Beide sendet sie Zeus ...‹ Wir haben Witwen- und Waisen- und Armen- und Kranken-Stiftungen, ungezählte, von frommen Heiden, guten Bürgern ihrer Vaterstädte, errichtet. Aber die Nazarener tun viel darin in Worten, auch in Werken; wohlan, tun wir es ihnen nach. Sie haben gar viele Seelen gewonnen durch wohltätige Werke und Einrichtungen. So durch die Fürsorge für Fremde; schon habe ich nun ebenfalls solche Xenodochien errichten lassen, in welchen auch Galiläer und Juden unentgeltlich zu verpflegen sind, denn das tun die Galiläer auch unsern Glaubensgenossen. 30 000 Scheffel Weizen und 60 000 Sextarien Wein habe ich jährlich bloß für die Provinz Galatien hierzu angewiesen. Und auch wir wollen sorgen für Kranke, ja auch für Tote, um deren Bestattung sich niemand kümmern will. Aber auch einen ehrbaren, keuschen Lebenswandel der Priester verlange ich, wie ihn die Geistlichen der Galiläer alle führen sollen und viele wirklich führen; so schrieb ich jüngst an Arsacius, den Pontifex für Galatia, er solle seinen Priestern den Besuch der Schauspiele und der Wirtshäuser untersagen. Hierbei ist auch aus der Kirchenzucht der Bischöfe manches herüberzunehmen. So habe ich jüngst über einen Priester des Poseidon, der sich mit einem Weibe vergangen hat, als sein Pontifex maximus eine dreimonatliche Enthebung von jeder priesterlichen Verrichtung ausgesprochen und werde dies auch für die Priester des Hellenismus zur Regel machen. Jedoch mit dem Hochmut und mit der Hoffart der Bischöfe sollen unsere Priester nicht auftreten; verboten hab ich ausdrücklich, daß ihnen, auch den Oberpriestern, bei ihrer Ankunft in einer Stadt die Beamten feierlich entgegenziehen und daß sie sich von unseren Kriegern in die Tempel geleiten lassen. Ferner: Die Klöster der Feinde wirken zwar sehr schädlich (ich hab's erfahren!), aber jedenfalls sehr stark, zumal in den mit ihnen verbundenen Erziehungsanstalten für das heranwachsende Geschlecht. Hier wird der falsche Glaube planmäßig und geschickt gelehrt. Wohlan, machen wir's nach! Ich werde hier in Byzanz und in jeder größeren Stadt des Reiches, in Verbindung mit einem Tempel, solche Erziehungsschulen für den Unterricht im Hellenismus ins Leben rufen; und zwar nicht nur für Kinder, auch für Jünglinge und Jungfrauen, welche von Philosophen und von Priesterinnen in die tieferen Geheimnisse unseres Glaubens, in die sinnbildliche Bedeutung der Mythen eingeführt werden sollen. Mir schwebt vor, zum Beispiel ein Mädchen wie meine Schwester (die mir wieder bedenklich von den Tempeln hinweg zu den Gräbern, das heißt den Kirchen, zu neigen scheint!) in einer solchen Anstalt in der Wahrheit festigen zu lassen. Was meinst du dazu, du, ihr Freund, Jovian?« »Ich glaube, sie würde sich nicht wohl fühlen in einer solchen Bekehrungsanstalt, sowenig wie du im Kloster.« »Das darf man nicht vergleichen! Aber weiter. Galiläer dürfen an den Hochschulen und den andern öffentlichen Lehranstalten nicht Lehrer sein. Denn sie lehren, was mit dem Zweck und mit dem Strafrecht des Staates unvereinbar ist. Räuber und Ohrfeigenausteiler dürfen nicht ermutigt werden durch die Einschärfung, daß man jenem zu dem geraubten Mantel das Wams, diesem nach der geschlagenen rechten die linke Wange darzureichen habe. Dabei kann kein Staat bestehen!« »Wer mich schlägt, den schlag ich wieder«, nickte der Germane, »und müßt ich darum stracks zur Hölle fahren.« »Galiläer dürfen auch nicht mehr als Schüler oder als Lehrer an den öffentlichen Anstalten Unterricht nehmen und Forschungen betreiben in Grammatik, Rhetorik, Philosophie, Dialektik, Logik. Wollen sie die Götter Homers und Hesiods für Teufel halten, so sollen sie auch nicht ihrer Schönheit froh werden, sondern sich begnügen, in ihren Basiliken immer und immer wieder Matthäus und Lukas auszulegen und mit Johannes, Petrus aber mit Paulus in Übereinstimmung zu bringen. Nach ihrer eigenen Lehre ist das Himmelreich nur derer, die da arm an Geist und einfältigen Herzens sind. Ich sorge also für ihr Seelenheil, indem ich sie vor höherer Bildung schütze. Die Logik vollends könnte ihnen das Glauben zuweilen erschweren. Wie schreibt Paulus an die Korinther (im ersten Brief, ich meine, im ersten Kapitel, im 19. Vers)? ›Oh, ich bin bibelfester als mancher Bischof!‹« »Ja«, unterbrach Jovian, »auch der Teufel beruft sich auf die Bibel, sagen die Christen.« »›Ich will umbringen‹, heißt es dort, ›die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen‹, und im folgenden: ›Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zu Schande machet.‹ Und wie heißt es bei Matthäus V, 3? ›Selig sind, die da arm sind am Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich‹. Wir wollen sie also beileibe nicht am Geiste bereichern und damit des Himmelreichs berauben. Ihr Paulus hat ihnen verboten, von Opferfleisch zu kosten. Er hätte ihnen auch verbieten sollen, an der Literatur der Griechen zu naschen. Die ist für ihren Glauben viel gefährlicher. In allen Stücken ferner will ich die altrömischen Gesetze und Einrichtungen aufrechterhalten wissen, denn die Götter haben sie geschaffen, sonst hätten sie sich nicht so trefflich bewähren und die Größe Roms begründen können.« »Solche Erneuerung des Altrömischen«, wandte Serapion ein, »hat schon vor zweihundert Jahren dein Vorgänger im Purpur, Hadrian, versucht. Hat es gefruchtet? Nein! Denn er konnte nur die alten Gesetze, nicht die alten Römer wieder lebendig machen.« »Aber die großen Götter können die jetzigen Römer mit dem alten Geist erfüllen.« – »Wir wollen's abwarten«, schloß Serapion ruhig. »Ferner. Selbstverständlich kann ich nicht plötzlich der vielen Galiläer entraten, die im Heer und als Richter hohe Stellen einnehmen. Allein in Zukunft werden sie nur noch ausnahmsweise zugelassen; verbietet ihnen doch ihre Lehre, das Schwert des Kriegers oder des Richters zu führen.« – »Das ist nicht wahr«, entgegnete Jovian laut. »Doch!« – »Wer Blut vergießt ...« – »Das will nur sagen ...« – »Ah bah! Es kann so gedeutet werden, das genügt!« – »Aber«, sprach Lysias ungeduldig, »das soll nun alles sein? Wo bleibt die Rache, die Strafe für die Frevel, welche die Christen all diese Jahre gegen uns verübt haben? Du verlangst nur Herausgabe des Entrissenen, aber Wiedervergeltung, Strafe, Rache, davon wollen deine Edikte schweigen?« »Kein Wort von Rache! Auch Strafe nur in den ärgsten Frevelfällen! Hierüber wie über die Wiederherausgabe muß, von Fall zu Fall, in jeder Provinz in jeder Stadt, Untersuchung gepflogen, dann, nach sorgfältiger Prüfung, entschieden werden. Dies Amt ...« »Gib mir, Julian!« rief Lysias leidenschaftlich, mit wild funkelnden Augen. Warnend sah Serapion auf den Herrscher. Jovian, der ihm zunächst lag, wagte heimlich, bittend, die Hand auf seine Schulter zu legen. Doch Julian schüttelte schon mit seinem Lächeln die dunklen Locken: »Im ganzen Reich? Du allein? Das wäre wohl der Arbeit allzuviel.« »Nun denn, für ein paar Provinzen. Für Ägypten vor allem, mein Heimatland! Ich heische das, es ist meine erste Bitte, Julian, als Lohn für meine Lehren im Kloster Hagion.« – »Nun gut! Es sei: Ägypten, auch Kilikien und andere Provinzen des Orients.« – »Nicht auch einige des Abendlandes? Gallien?« Allein Julian fuhr fort: »Jenes Kloster war auch auf altem Tempelgrund erbaut, aber du brauchst es nicht in den Kreis deiner Untersuchungen zu ziehen.« – »Weshalb? Die Zucht dort... das heißt, die Unzucht...« – »Es ist der Erde gleichgemacht und an seiner Stelle wird ein Tempel der Vesta errichtet. Es war mein erster Befehl aus Byzanz. Abt Konon ist tot. Weißt du, wer jetzt Abt war? Theodoretos!« sprach Julian schaudernd. »In der Wasserleitungsgrube wurden sie (wie damals!) auf frischer Tat ergriffen. Sie sind in die Bergwerke von Sardinien verurteilt. Widernatürliche Enthaltung predigen sie, und jedes widernatürliche Laster ist die Folge. Scheußlich ist sie, jene heilige Fleischabtötung. Wartet, ihr Schandbuben! Keusch ist das Licht, keusch ist der Mensch, der ihm dient. Drum hört weiter! Du, Serapio, das ist deine Sache (schon Tacitus rühmt euch um eure Reinheit) du entwirfst mir ein Edikt gegen die Hetären. Was die Bischöfe lehren, aber oft selbst verletzen, der Imperator wird's erzwingen mit dem Schwerte des Rechts. Und nun vernehmt zum Schluß!« sprach er, einen Papyrus vom Tische nehmend, »diese Ansprache an Galiläer und Hellenisten, die ich euch jetzt verlese, wird morgen in allen Städten meines Reiches auf dem Marktplatz angeschlagen. Die Galiläer hassen das Menschengeschlecht und das Leben! Während doch schon der Stagirite gelehrt hat, daß der Mensch ein notwendig auf den Staat, die Gemeinschaft angewiesenes Geschöpf ist, fliehen die Galiläer aus Stadt und Staat in die Wüste. Sie suchen den Martyrtod, sie geißeln sich, sie stellen sich nackt auf Säulen in Sonnenbrand, in Wintereis. Und daran soll nun Gott Freude finden! Aber andrerseits: Von den Feinden, auch von den Galiläern, muß man lernen, was sie Gutes haben. Gleichgültig, nachlässig im Opfern gegen die Götter sind auch jetzt noch die Hellenisten, nachdem sie doch wieder opfern dürfen, ja sollen. Wie beschämen uns die Galiläer, die da lieber sterben für ihren Glauben, als daß sie – das heißt die Juden-Christen – etwa Schweinefleisch oder Ersticktes äßen! Ferner: Wir Diener der Götter dürfen nicht den Galiläern den Ruhm lassen, allein Menschenliebe zu üben; wie die Götter die Menschen, sollen wir alle unsere Mitmenschen lieben, fördern, unterstützen. Wie die gnädigen Götter unser Leben nicht nur notdürftig fristen, sie, die uns Häuser, Kleider, Waffen, Geräte zu bilden gelehrt, uns Wein und öl und Gold und Silber gegeben (dessen die Tiere entbehren), so wollen auch wir Reichen den armen Mitmenschen spenden, an deren Armut nicht die milden Götter, nur die Habgier der Menschen und ihre harten Gesetze schuld sind. Ach, ließen die Götter einmal Gold regnen, die Reichen stellten alle Schalen auf und stießen die Darbenden zurück! Wir aber wollen unablässig Almosen spenden; wie Helios unablässig uns allen sein Licht. Ja, auch unsern Feinden müssen wir helfen, die Gefangenen in den Kerkern aufsuchen, jeden Fremden aufnehmen und verpflegen, auch den Ärmsten, auch ihn sendet uns ja Zeus Xenios! Dürfen wir uns seinem Altare nahen, nachdem wir dem Fremdling unser Haus verschlossen? Sind wir Menschen doch alle Brüder, alle vom Blute des Zeus entstammt. Denn als der Gott die Welt erschuf – so lehren hohe uralte Mysterien –, verletzte er sich an den Händen, Tropfen seines Blutes fielen zur Erde, und aus diesen Tropfen erwuchsen ein Mann und ein Weib: die Stammeltern aller Menschen. Deshalb ist es Pflicht, die Götter zu ehren, gegen alle Menschen wohlwollend, keusch und mäßig an Leib und Seele zu leben. An der reinen Seele des Menschen aber ergötzen sich die Götter, wie ein altes Orakel sagt, nicht minder als an der Pracht des Olympos. Welche Liebe der Götter zu dem Menschengeschlecht! Die Bilder der Götter aber beten wir nicht an, wie uns die Galiläer vorwerfen, sondern wir verehren die leiblosen Götter in ihren leibhaftigen Bildern. Freilich ist es nicht ein Bedürfnis der Götter, Opfer und Gebete zu empfangen, aber frommen Gemütern ist es Bedürfnis, Opfer und Gebete darzubringen. Die Bilder der Götter sind uns nicht Götter, aber auch nicht bloß Erz und Stein; sie sind uns heilig, weil eben Bilder der Götter. Haben doch auch die Götter selbst ihre Bilder geschaffen: die Gestirne, die nach dem Gesetz einer weisen Notwendigkeit ewig den unendlichen Himmel durchwandeln. Daher sollen wir die Tempel, Altäre, Bilder, auch die Priester der Götter ehren. Aber der Priester muß solche Verehrung verdienen, sonst werde er der Priesterschaft – wie ein unwürdiger Beamter des Amtes – entkleidet. Der Priester muß heilig leben in Werken und in Worten. Er soll gewisse Bücher gar nicht lesen, wie die des Archilochos, des Hyponaktes, dann unzüchtige Komödien und Liebeslieder. Pythagoras, Platon, Aristoteles, die Stoiker sollen sie lesen, nicht Epikur, nicht Mythen, sondern deren Hymnen an die Götter. Zweimal im Tage wenigstens sollen sie Gebete verrichten, morgens und abends, und die vorgeschriebene Zahl (in Rom sind es dreißig) von Tagen und Nächten im Jahre im Tempel und in Reinigungen vollbringen, ohne jede andere Beschäftigung. An den anderen Tagen sollen sie (aber nur mit Maß!) an dem gewöhnlichen Leben teilnehmen, im Tempel reich gekleidet, um der Götter, auf der Straße schlicht bekleidet, um der Bescheidenheit willen, nicht, wie die Bischöfe des Galiläers (dessen Reich doch nicht von dieser Welt sein soll), in Pracht und in Prunk der Gewandung! Kein Priester darf ein bedenklich Theater besuchen oder die Rennbahn! Und nur barmherzige, gegen die Armen gütige Menschen sollen als Priester angenommen werden! Geringe aber nicht minder als (wie bisher fast allein) vornehm geborene: Wer die Götter ehrt und den Leidenden hilft, der ist zum Priester geboren! Laßt euch nicht durch die Galiläer beschämen, die Liebesmahle den Armen bereiten und viele dadurch an sich locken; bei uns sei jedes Mahl ein Liebesmahl! Ich speise nie ohne so viele Hungernde, als sich melden, meine Schüsseln teilen zu wollen, es tut mir leid für die Armen, daß es der Gerichte nur wenige sind! Ein Wichtiges endlich ist bei dem Götterdienst Gesang und Musik. Vergessen, verwildert ist deren Pflege in diesen Jahrzehnten. Die Lyra schwieg, Spinnweben zogen über den Mund der Flöte. Wohlan, ich habe den Präfekten von Ägypten in Alexandria angewiesen, stimmbegabte Jünglinge und des Saitenspiels Beflissene aufzuspüren, in der Tonkunst ausbilden zu lassen; ihren Bedarf an Kleidern, Brot, öl, Wein hat teils die Stadt und teils der Staat zu liefern. Stumm lag die Erde, seitdem die Götter vertrieben waren, wieder erklingen, ertönen soll sie von Dank und von Lob den Wiedergekehrten!« Zehntes Kapitel Mit ganz besonderem Eifer gab sich der »Erneuerer der Götter« der Erneuerung des Schönen hin, das von jeher mit der Verehrung der Olympier und von da aus über das gesamte Leben der Hellenen und der Römer so viel Schimmer verbreitet hatte. Die künstlerisch angelegte Seele Julians – mit allen Fehlern dieses Vorzugs reich behaftet – fühlte sich von dem Christentum, abgesehen von dem Inhalt der Lehre, abgestoßen durch das düstere, freudlose, ja der schönen Form Feindliche in der Gestaltung des Gottesdienstes »der Gräber«, wie er grollte. Noch gab es keine eigenartige christliche Kunst, die Gotteshäuser, die »Basiliken«, waren ja ursprünglich zu weltlichen Zwecken bestimmt gewesen, und weder von christlicher Tonkunst noch von christlicher Malerei konnte damals die Rede sein; am wenigsten aber von christlicher Bildhauerei, die ja von dieser Religion – schon wegen der naheliegenden Versuchung zur Darstellung des Nackten, das heißt des durch die Erbsünde verteufelten Fleisches – geraume Zeit streng abgewiesen und verworfen ward. Der Künstler in Julian empfand von den mancherlei Unbilden, die unter Constantius dem Heidentum von der bei Hofe begünstigten Lehre zugefügt wurden, am bittersten, daß gar oft christliche Eiferer aus Glaubenswut, aus todfeindlichem Haß gegen das Schöne, aus Furcht vor dem verführerisch schönen Sinnlichen, oft aber auch ganz einfach aus Habsucht, aus Raubgier die schönsten Kunstwerke der Antike, Bildsäulen der Götter und Göttinnen, Reliefs, Mosaiken, Gemälde, zumal aber zahllose Gebilde des Kunsthandwerks, die Darstellungen aus dem Götterglauben darwiesen, doch auch wohl ohne solche fromme Beweggründe oder Vorwände zerschlagen, verbrannt, ihres Schmucks von Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen entkleidet hatten. Mit unnachsichtiger Strenge ließ der Wiederhersteller der Schönheit diesen entführten Tempelschätzen nachspüren und sie auf Kosten der Schädiger oder Räuber wiederherstellen und an die Weihstätten zurückschaffen. Aber das meiste blieb doch unwiederbringlich zerstört oder verloren. Mit Seufzen sah der Herrscher bei dem Wandeln durch die Straßen und die Umgebung von Byzanz, wie in allen Städten, die er in diesen Jahren von Paris, von Wien bis an den Bosporus hin durchzog, in gar vielen Tempeln, die er wieder öffnen ließ, die Nischen oder die Fußgestelle der Götterbilder leer, ihres schönen Inhalts, ihrer ehrwürdigen Lasten beraubt, die Altäre zertrümmert, auch die Säulen durch Beilhiebe beschädigt. Ebenso vermißte er in den Hainen, in den öffentlichen Bädern, in den Gärten der Gymnasien der Städte, gar oft den Schmuck der Kunstwerke, deren Zerstörung oder Entführung manche Spuren oder die Klagen der zurückkehrenden Götterpriester bezeugten. Tief griff der Freund der Götter, der Kunst und der Künstler in den Säckel des Staates, auch auf dessen Kosten diese Lücken auszufüllen, diese Verluste zu ersetzen. Die starken Einsparungen, die er an der verschwenderischen Hofhaltung erzwang, erleichterten diese Ausgaben. Allein der feinsinnige Kunstverständige hatte noch bitterer über anderes zu klagen: über den Mangel an Künstlern. Hätte ihm nicht sein leidenschaftlicher Wahn in der Hauptfrage, dem tragischen Hauptkampfe seines Lebens, den sonst so scharfen Blick verfinstert, er hätte die innere Unmöglichkeit der Göttererneuerung auch daraus schon erkennen müssen, daß jetzt, bei aller Begünstigung durch den Herrscher, bei aller Anspornung durch Ehren und Gold, sich nirgends echtes Künstlertum in den Dienst der Olympier und des Imperators stellte. Die Götter waren tot. Und tot der fromme, der begeisterte Sinn, der ihnen in der Kunst gedient hatte. Stümper, Nachahmer, Übertreiber in Menge drängten sich zu den lockenden, reichbezahlten Aufträgen – dieses Kunstgesindel ward bald ebenso frech und goldgierig, wie das von seinen Freunden mit Recht gescholtene der »Philosophen« und »Rhetoren« –, aber echte Künstler blieben aus. In trüber Stimmung hatte Julian wieder einmal in seiner »Kunsthalle«, einem Säulengang des Palastes, gemustert, was jene Afterkunst in Ausführung seiner letzten Aufträge da eingeliefert hatte, als sein Blick zuletzt auf eine Bildsäule fiel, die sich, bescheiden, in einer Ecke verbergen zu wollen schien. Es war eine herrliche Venusstatue. Julian trat bewundernd, bald entzückt, näher. Da entdeckte er unter dem Fußgestell halb hervorragend einen schmalen Streifen Papyrus. Neugierig zog er ihn heraus und las: »Ihrem Erretter die gerettete Venus von Arles!« – »Artemidor!« rief er voller Freude. »Ja, wahrlich! Freilich, es ist nur eine Nachbildung der hohen Göttin. Aber wie wunderschön! – Artemidor! Überall hab ich nach ihm forschen lassen, mir zu helfen bei jedem Werk für die Schönheit. Nirgends war er zu finden! Wo mag er nur stecken?« »Hier«, antwortete eine liebenswürdige Stimme, und hinter dem dunkelgelben Vorhang der Säulenhalle trat der junge schöne Korinther hervor. Julian eilte auf ihn zu und faßte ihn an beiden Händen. »Hab ich dich endlich! Warum kommst du so spät zu mir?« – »Die Kunst soll zu den Herrschern nicht mit leeren Händen kommen – und noch weniger der Künstler. Wir müssen geben – ihr – mit Dank – empfangen. Es ist besser, daß ihr Fürsten undankbar seid, als daß wir Künstler aufdringsam scheinen. Ich ward nicht früher fertig. Mußte ich doch aus der Ferne – nach den damals flüchtig aufgezeichneten Maßen – arbeiten. Es ist nur eine Nachahmung. Allein ich meine: Wer nicht Vollendetes neu schaffen kann, soll lieber, als Stümperhaftes schaffen, Vollendetes vollendet nachbilden. So müssen Epigonen sich bescheiden. Ich schenke dir die schöne Göttin, Herr.« Und der Jüngling neigte sich anmutig und stolz und wandte sich zum Gehen. Aber Julian hatte ihn schon am Mantel gehascht; dabei sah er, daß dieser Mantel und das Gewand darunter recht alt und traurig abgetragen waren. »Halt, Freundchen! Weh dem, dem die Götter erscheinen und der sie sich entgleiten läßt. Du bleibst fortab hübsch bei mir, bis dich der Gott ... welcher ist dein besonderer Schützer?« – »Phöbos Apollo.« – »Bis unser Gott dich abholt. Ich habe unabsehbare Arbeit für dich! Ich kann nur die Herrschaft, du sollst die Schönheit der Götter erneuern. Ungezählte leere Tempel harren der Ausfüllung, trauernde Fußgestelle der Wiederkehr der schönen Last. Wie ich Heermeister habe, sollst du mein Kunstmeister sein, mein ›magister artium‹ neben den ›magistri militum‹. Auf! Schaffe selbst, bilde nach! Suche überall nach den entführten Göttern – bis in den Krypten der Basiliken! Nach den verstümmelten Göttinnen, denen sie, diese unreinen Priester, die Sklaven ihrer unterdrückten Begierden, die stolzen, keuschen Brüste abgeschlagen haben; aus Furcht vor ihren eignen Sinnen, aus bösem Bewußtsein ihrer durch ›Fleischabtötung‹ wahnsinnig gewordnen, befleckten Phantasie. Und stelle du sie her in ihrer jungfräulichen Reinheit, ihrer fraulichen Weibesherrlichkeit! Vollmacht geb ich dir, unbeschränkte Vollmacht, das Reich des Schönen auf der Erde wiederaufzubauen. Kaufe, enteigne, mit einer Hand, die aus dem Vollen schöpft! Zu dem Wahren und dem Starken füge sich das Schöne! Bekränzt soll mir das Schwert des Römers von dem Kranz hellenischer Anmut sein! Sprich! Was forderst du zuerst – wie viele hunderttausend Solidi? Aber, du selbst, du siehst elend, darbend aus! Ich erfuhr doch... man sagte, du bist der Sohn des reichsten Kaufherrn zu Korinth ...« – »Ich war's. Aber ...« – »Nun, aber?« – »Der Vater ... er ist sehr fromm ...! Der Bischof von Korinth ist sein Bruder; der will jenen Reichtum für seine Kirche sichern.« – »Nun, was ist's?« – »Der Vater hat ... mich verstoßen und enterbt.« – »Warum?« – »Weil ich nicht von den schönen Göttern lassen kann. Und ich kann's doch nicht! Lieber verhungern. Ja, lieber seinen Fluch ertragen.« Tränen traten in die dunklen Augen des Jünglings; er wankte. »Vergib die Schwäche. Es ist nur ... der Mangel. Ich hatte vorgestern die letzte Münze den Lastträgern bezahlt, dir die Göttin in dein Haus zu bringen.« Da fing Julian den Sinkenden in den Armen auf. »Getrost, Artemidor! Hat dich dein Vater um der Götter willen verstoßen, nehm ich dich um der Götter willen an als Sohn. Komm mit mir. In die Bäder des Palastes! Und dann zum Abendschmaus in dem göttergeschmückten Saal. Dort – unter ihren Augen – wollen wir planen, die entgötterten Tempel und Haine wieder zu erfüllen mit sieghafter Schöne. Dir, geliebter Sohn, übergebe ich – als meinem Statthalter für das Schöne – mein ganzes Reich – vom Rheine bis zum Nil, von den fernsten Atropatenen bis in Britanniens Nebelgestade. All dies Unermeßliche, das ich einst nicht fassen konnte, zu denken, es ward nun mein, es zu beglücken! Noch ist es entstellt, aber du sollst es mir wieder schmücken!« Elftes Kapitel Julian stand auf dem Höhepunkt des Glanzes seiner Herrschaft. Das dankbare Volk von Byzanz vergötterte ihn. Sowie er sich auf den Straßen zeigte, begrüßte ihn jubelnder Zuruf: »Heil dir, o Julianus! Du hast die vertriebenen Götter, mit ihnen die Freude, das Glück, die Lebenswonne wieder zurückgeführt auf die Erde!« Die grollenden Christen hatten die Stadt, die Nähe des Hofes verlassen oder doch ihren Unmut zu verbergen gelernt; die Berichte der Beamten aus allen Provinzen meldeten, oft wohl beschönigend und begründete Beschwerden vertuschend, begeisterte Zustimmung der Provinzialen zu den Maßregeln des Herrschers; von allen Grenzen, zumal auch von der germanischen an Rhein und Donau, berichteten die Befehlshaber völlige Ruhe: Die Barbaren, eingeschüchtert durch Julians Siege und glücklichen Stern, wagten keine Einfälle; sogar aus Persien verlautete, der Großkönig habe eine Gesandtschaft mit sehr friedlichen Vorschlägen abgeschickt. In diesen Tagen trafen auch, auf Einladung ihres Schülers, Maximus und Libanius aus Nikomedia ein, wurden von ihm auf das herzlichste und ehrerbietigste empfangen und in jeder Weise ausgezeichnet. Da hielt denn Libanius öffentlich auf dem weiten, säulengeschmückten Platze vor dem wiederhergestellten Tempel des Zeus Soter vor einer ungezählten Volksmenge eine glänzende Lobrede auf den Herrscher, von der dieser, in Festgewand gekleidet, aber auf einer Schülerbank – nicht auf dem Throne – der Rednerbühne gegenübersitzend, gierig jedes Wort einsog. Es war ein recht langer Genuß! Nach der Abreise des Philosophen und des Rhetors hatte Julian Serapio und Jovian – wie fast jeden Abend – zu dem bescheidenen Nachtmahl in den Palast geladen. Sie mußten warten, bis seine etruskischen Priester die Zeichen des »Abendopfers« ihm geheim gedeutet hatten. Die beiden lehnten an dem Bogenfenster des mit Götterbildern reich geschmückten Speisesaales, das einen herrlichen Blick über den blau flutenden Bosporus und das asiatische Ufer drüben mit seinen vielen, aus Lorbeeren und Myrten lauschenden, weißsäuligen Villen gewährte. »Er ist sehr heiter heute«, sprach Jovian. »Er erzählte mir ganz stolz ... es freute ihn offenbar fast wie ein Sieg über die Perser ... von seinem Büchlein ›über die Cäsaren‹, an dem er diese Nächte durch gefeilt.« – »Es ist wirklich geistreich«, unterbrach Serapio, »ganz im Stile Lucians. Ja, wenn er spotten kann, dann ist ihm wohl.« »Wohler als denen, die sein Spott trifft«, meinte der gutmütige Jovian. »Aber auch ergreifend ist es durch seinen heiligen Ernst, mit welchem er vor allen Imperatoren den Preis zuerteilt. Mark Aurel, dem Philosophen im Purpur, weil dieser als seinen Lebenszweck bezeichnete, nicht Genuß, Ruhm, Macht zu gewinnen – nur, den Göttern nachzueifern. Und wie Herakles, sagt er, haben ihm selbst die Götter die Arbeit auferlegt, die Erde von allem Unrecht zu säubern. Und dann wieder zwar ziemlich boshaft, aber auch wahrhaft geistvoll ist seine Beurteilung von Constantin und Constantius, der alle Frevel und Verwandtenmorde abzuwaschen verstanden durch ›ein gewisses Wasser‹ – das der Taufe.« – »Das gefällt mir nicht«, sprach Jovian kopfschüttelnd. »Man soll nicht verspotten, was andern heilig ist.« – »Aber auch nicht zerschlagen und verbrennen, wie die frommen Christen den schönen Heiligtümern der ›Hellenisten‹ taten und so gern wieder tun möchten, litte es Julian.« Er frohlockte: »Denke nur: Zehn Abschriften hatte der Buchhändler neben den Gärten der Faustina – weg sind sie! Alle zehn in drei Tagen gekauft. Und die Käufer haben nicht einmal ihre Namen bekanntgegeben, so daß der Verdacht der Gunstbuhlerei ausgeschlossen ist.« – »Es ist wirklich erstaunlich«, erwiderte Jovian, »was er, neben der unermüdlichen Sorge für das Reich im Krieg und Frieden alles fertigbringt. Ich bekäme den Schreibkrampf. Sechs lange Reden oder Abhandlungen seit wir hier sind!« – »Ja, und einzelne davon, wie die Rede über die Imperatrix Eusebia, voll tiefsten Gemütes, andere, wie die Abhandlung über die Göttermutter und die über die Kyniker – er hat beide in einer Nacht geschrieben –, voll Geist und Schwung.« – »Und dann die begeisterte Rede an König Helios!« – »Mir gefiel am besten davon das rührende Gebet am Schluß – es enthält den ganzen Julian: ›Laß mich, o Helios, nur so lange leben als es dir gefällt, mir frommt und diesem Reich der Römer nützt. Gewähre mir ein reines Leben, wachsende Erkenntnis, gotterfüllten Sinn und einen sanften Tod, aus dem hinweg ich zu dir aufschweben möge, ewig in deinem Lichte bei dir zu wohnen.‹« – »Und dann die Unmasse von Briefen, die er täglich schreibt und zugleich diktiert.« – »Darin tut er zuviel. Ich werd's ihm einmal sagen.« – »Ich begreife nicht«, wiederholte Jovian, »woher er die Stunden des Tages nimmt.« – »Ei, er hat die Nacht dazu genommen und gedrittelt; vier Stunden gehören, wie der ganze Tag, der Arbeit für den Staat, vier dem Schlaf und vier der Wissenschaft.« – »Er bringt Hermes, dem Erwecker und Wacherhalter, häufig Opfer, auf daß er ihn vor dem Schlaf beschütze.« – »Das einzig Gute an dem Schlaf«, sagte er neulich, »sind die von den Göttern gesendeten Träume.« – »Du träumst«, erwiderte ich ihm, »oft wachend, wenn du zu denken wähnst.« – »Aber still – er kommt.« Nach dem Abtragen der Speisen – nur über die Rede des Libanius war bei Tisch gesprochen worden – begann Serapio, der an der Tafel saß, nicht lag, wie die beiden Römer, mit feinem Lächeln: »Du hast heute, Imperator, des Lobes arg viel gehört. Vier Stunden lang! Länger als die längste Christenpredigt! Zum Teil geistreich vorgetragen, zum größeren Teil dick aufgetragen; allzu dick, wie Schminke auf den Wangen einer alternden Buhlerin. Du hast es ausgehalten, alle vier Stunden lang. Ich bewundere dich. Ich meinte einige Male, nun wird er aber aufspringen, der Augustus, und wird rufen: ›Halt ein! Ich ersticke vor Weihrauch!‹ Aber nein. Du bliebst ruhig sitzen, und bei jeder neuen Übertreibung lächeltest du aufs neue den Schmeichler an. Doch nein: ›Schmeichler‹ ist ungerecht, versteht man darunter bewußte Unwahrheit. Libanius glaubt, was er sagt. Das ist mir gleichgültig. Aber auch du glaubst, was Libanius sagt. Und das, o Julian, das ist mir nicht gleichgültig. Denn es steigert ins Maßlose deinen schlimmsten Fehler.« – »Die Eitelkeit«, sprach Julian ganz kleinlaut. »Ja, ich weiß. Ich weiß es schon lange!« – »Ich möchte dir helfen, dich warnen, nicht dich heilen, das ist undenkbar – aber einigermaßen dich mäßigen. Ich danke dir so viel – ich mache nicht viel Lärm mit meinen Gefühlen, dazu sind sie zu tiefgründig –, das Leben dank ich dir und noch eins: die Kenntnis des glänzendsten Geistes der Zeit – des deinen.« – »Hat dich Libanius angesteckt?« spottete Julian, aber doch sehr angenehm berührt; denn der Germane lobte ihn nie. »Ohne Sorge! Du wirst dich bald überzeugen, daß mir die germanische Grobheit nicht angekränkelt ist durch deinen Griechen. Denn ich bitte um die Erlaubnis, jetzt, in dieser Stunde – nur vor dir und vor diesem treuen Jovian –, auch eine Rede über den Imperator Julian halten zu dürfen; aber nicht eine Lobrede, sondern – als bittres Gegengift wider jenen, bis zum Ekel süßlichen Honig – eine Tadelrede.« – »Ausgezeichnet!« rief Julian und klatschte Beifall. »Gut, daß du vorher schon klatschtest – nachher tust du's vielleicht nicht mehr«, meinte Jovian. – »Oh, ich kann viel vertragen.« – »An Lob, ja, das wissen wir. Ob auch an Tadel, das wird sich jetzt erweisen.« – »Fang nur an. Du Magister Militum, fülle den Becher dem Franken und setz ihm jenen Rosenkranz dort auf, der dem Redner gebührt.« – »Lieber nicht«, sagte der verständige Jovian einschränkend. »Ein Rosenkranz paßt nicht auf den Germanenkopf.« – »Wir nehmen also an«, begann Serapio sehr ruhig, »du bist gestorben!« »Oho! Eine verfluchte Annahme! Fern sei das Omen!« lachte Julian. »Es eilt mir nicht!« – »Libanius hat dir die übliche Schmeichel-, wollte sagen Leichenrede, gehalten, und nun wird ein Unbefangener von dem neuen Imperator beauftragt, eine Gegenrede zu halten. Der Mann übernimmt das recht gern und beginnt: ›Über die Fehler und Schwächen des verewigten Imperators Julian.‹« – »Vortrefflich!« lachte Julian, sich behaglich auf der Kline zurechtlegend. »So werde ich, wie jener alte König von Ägypten, der sich totstellte, meine eigne Leichenrede hören.« – »Ja«, meinte Serapio. »Hoffentlich nicht mit der gleichen Wirkung.« – »Wieso?« – »Rampsinit sprang aus den Leichentüchern, bevor der freigemute Redner bis zur Hälfte gelangt war, und ließ ihn flugs enthaupten.« – »Hei, das Ganze stimmt mich so heiter ... ich tränke noch einen Becher, hätte ich nicht den kleinen schon geleert, den einzig ich mir täglich gestatte. Beginne!« Und Serapio trank und hob an: »Bis zum Überdruß hat uns der Lobredner Julians Tugenden gepriesen. Kürzer nicht, auch nicht schwerer, aber unerfreulicher ist meine Aufgabe. Ich kannte nie einen Geist, so glänzend, wie der Julians war ...« – »Der Tote bedankt sich!« unterbrach der Gepriesene, sich verneigend. »Aber auch nie einen bedeutenden Mann, der mit so vielen kleinen und großen Fehlern und Schwächen behaftet war.« – »Ein vielversprechender Anfang!« – »Sie aufzuzählen, würden zwei Tage nicht reichen ...« – »Bitte! Soviel Zeit mußt du nicht auf den Verblichenen verwenden, er verdient es nicht.« – »Nur die ärgsten Dinge greif ich heraus. Ich schweige also von jener unendlichen Eitelkeit – sonst könnte ich überhaupt niemals enden. Aber der Verewigte neigte auch sehr stark zum Gekünstelten, zum Gesuchten.« – »Zum Beispiel? würde der Tote fragen, wenn er das hörte«, unterbrach Julian. »Zum Beispiel hält da der neuernannte Jahreskonsul – ein Germane –, Nevitta, seinen feierlichen Einzug in die Kurie des Senats. Wer folgt dem Wagen, zu Fuß, durch die sehr schmutzigen Straßen? Der Imperator! Noch mehr. Der Konsul hat an diesem Tage nach alter Sitte einige Sklaven freizulassen. Durch ein Versehen werden sie statt dessen dem Augustus vorgeführt, der sie freiläßt. Auf den Irrtum aufmerksam gemacht, straft er sich selbst um diesen Eingriff in jenes Amt um zehn Pfund Gold.« – »Das ist ganz altrömisch! Katonisch, würde der Tote erwidern, wenn er reden könnte.« – »Das eben ist die Künstelei. Er war – und alle seine Zeitgenossen sind – nichts weniger als altrömisch. Sie spielen Altrömer, sie sind es nicht. Ferner: Alles konnte er, nur nicht schweigen. Wie er zu viele Briefe schrieb, so redete er zu viele Reden. Ein Herrscher aber soll gar nicht reden, sondern handeln. Ich will es nicht an Constantius loben, daß er nie in den Senat ging, dort zu sprechen; er wußte, er konnte nicht sprechen. Aber Julian wußte – leider –, daß er reden konnte, und er, der so schlimm von den langen Reden der Christenpriester sprach, er redete unablässig: Im Senat und überall. Er fing immer an: ›Nur wenige Worte!‹, dann folgten Regengüsse von Worten wie zur Zeit der Arche Noahs! Weiter! Er hungerte nach Lob wie Vitellius nach Fraß. Auch ein Verschwender war er.« »Das ist stark!« unterbrach der Tote. »Sein Magen und sein Schneider warfen ihm oft vor, er sei ein Geizhals.« »War er auch: In Speise und Gewandung! Aber ein Verschwender war er in dem Ankauf von Büchern. Stirbt da ein Bischof, der des Hochverrats recht stark verdächtig. Constantius hätte seinen ganzen Nachlaß – zumal auch den Weinkeller – eingezogen. Was tut der Büchernarr? Er beläßt alles den Erben, und die Bücherei kauft er zu dem geforderten Preise – er war nicht zu niedrig!« – »Es waren wertvolle Verteidigungen der Lehre des Galiläers darunter«, murrte der Selige entschuldigend. »Er kaufte sie, um sie zu widerlegen.« »Also auch Zeit wie Geld verschwendet!« schalt der Ankläger. »Abergläubisch war er – ärger als Hadrian. Alles, was geschah oder nicht geschah, hatte etwas zu bedeuten! Unablässig opferte er, aus den Opferzeichen den Willen der Götter zu erforschen. Da seine etruskischen Auguren ihn belehrt hatten, daß zumal das Blut weißer Vögel die Zukunft sicher verkünde, erschrak bei seinem Anblick in den Straßen von Byzanz jede Gans; und alle Möwen sind kreischend ausgewandert aus dem Römerreich. Ja, er zahlte einmal drei Pfund Gold für einen nie gesehenen weißen Vogel, den ihm einer seiner keltischen Petulantes brachte. Aber bevor der Vogel weissagen konnte, fiel Regen auf ihn – siehe, es war ein angestrichener Spatz. Und so hat er auch unter den Menschen gar manchen Spatzen für einen Weissager gehalten! Auch andern als den größten Göttern opferte er unablässig und unmäßig: Pan, Hekate, auch der ägyptischen Isis. Er bildete sich fest ein, wiederholt seien ihm Götter leibhaft erschienen und der Genius habe dabei einmal sein Haar gestreichelt.« – »Er hat's getan«, sprach Julian, still und ernst zu sich selbst – unhörbar für den Germanen, »dort, vor Straßburg.« – »Um nicht auf dem Weg zu den Tempeln bei den unaufhörlichen Opfern zuviel Zeit zu verlieren, hat er sich in diesem seinem Palaste selbst den größten, schönsten Raum zu einem Tempel des Helios umgebaut und geweiht. Und hier zu opfern ist täglich seine erste Verrichtung nach dem Erwachen! Aber er durfte die heiligen Götter als seine Hausgenossen neben sich wohnen lassen: Denn – das muß auch der Tadelredner rühmen – unter seinem Dache geschah Unkeusches nie.« Da drückte ihm Julian schweigend die Hand. »Aber weiter! Der Verewigte gab in maßloser Schwäche seiner Vorliebe nach für die Philosophen oder alles, was sich so nannte. Neulich führte er den Vorsitz in einer wichtigen Senatssitzung. Da wird ihm gemeldet, der Philosoph Crispus, ein Schüler des Maximus, sei aus Asien eingetroffen. Aufspringt der Augustus so hastig, daß sich ihm der Purpur zusammenschnürt, läuft durch die Kurie, durch das Vorzimmer, umarmt draußen auf den Stufen vor dem gaffenden Volk den Philosophen, dessen Bart freilich fast ebenso vernachlässigt war wie der des Imperators. Und zahllos sind sie, die Schmeichler und Schmarotzer, die sich als ›Philosophen‹ an ihn hängen. Die Köche und Haarkünstler hat er verjagt – diese Schwätzer hat er hereingeführt. Er mußte zuletzt die Haarkünstler zurückrufen, sich der Bärte seiner Philosophen zu erwehren.« – »Höre du, nicht lügen!« mahnte der Verstorbene. – »Ein weiterer Fehler war, mit jener Künstelei zusammenhängend, daß er schauspielerte.« – »Das ist grob«, meinte Julian. »Aber wahr«, seufzte Jovianus. – »Gewiß handelte und redete er nicht lediglich, um den Beifall der Augen- und Ohrenzeugen zu gewinnen – im Gegenteil, er hat oft mutig der Meinung, der Neigung der Menge getrotzt. Allein bei der aus ganz edlen Beweggründen begangenen Handlung schielte er doch immer, wie ein mittelmäßiger Schauspieler, in das Publikum hinein, ob es seiner schönen Handlungsweise, seiner gewählten Redeweise auch wohl mit beifälligem Verständnis folge? Das war ihm so zur Natur geworden; er wußte es gar nicht mehr, daß er so tat. Wie Gewohnheitslügner nicht mehr wissen, daß sie lügen.« – »Ja«, seufzte Julian, ganz eingeschüchtert. »Er schauspielerte. Aber nicht schlecht, meine ich. Wie?« – »Doch! Denn er übertrieb; er war zuletzt manieriert. So schrieb er viele Briefe, nur um darin mit einer bei den Haaren herbeigezogenen Gelehrsamkeit zu prunken. Er schrieb überhaupt viel zuviel Briefe.« – »Hat er die hierauf verwendete Zeit den Staatsgeschäften entzogen?« fragte der Selige ganz demütig. »Nein, aber dem Schlaf, den er widernatürlich verkürzte. Ach, er wäre so viel gesünder, kräftiger gewesen, hätte er dem Gotte Hypnos mehr geopfert. Aber an den hat er so wenig geglaubt; und an dessen Sohn, den Traumgott, so blind! Neulich erhascht er so einen Vorwand, hundert Feigen schickte er – durch die Post des Staates – an seinen geliebten Maximus.« – »Mir scheint, du warst eifersüchtig«, warf der Tote ein. »Oder du ißt selbst gern Feigen. Gedulde dich, du sollst auch deren erhalten, er schickt sie dir herab aus der Verklärung!« – »Aber dann, bitte, ohne die Anführungen von Homer, Herodot, Pindar, Aristophanes, Aristoteles, Hippokrates, Simonides und Theophrast und ohne den unausstehlichen Schlußsatz. Ich war zugegen, als er diesen Brief zugleich mit vier anderen fünf Schreibern diktierte; denn er liebte es, auch hierin prahlerisch Julius Cäsar nachzuahmen. Den Schluß hab ich mir aufgeschrieben, er lautet: ›Hat dieser Brief (nach deinem Urteil) die Mittelmäßigkeit erreicht (diese Wendung ist von übelriechend eitler Verlogenheit), so mag er, auf dein Lob gestützt, andern mitgeteilt werden (das heißt: Laß ihn hundertmal abschreiben!). Bedarf er aber noch einer bessernden Hand – welche wäre geschickter als die deine, ihn so auszuschmücken, daß man sich sein erfreue?‹ Wenn das nicht vor lauter ›Geschmack‹ abgeschmackt ist, so kann ich nicht schmecken.« Der Begrabene hob, abwinkend, die Rechte. »Genug! Du kannst das kaum überbieten. Schließen wir damit! Das war echt germanisch, deutlich. Ich meine, ich fühle Chnodomars Schwertschlag noch einmal! Mehr kann ich – auf einmal – nicht vertragen. Du hast gesiegt, Germane!« »Dies Omen nehm ich an. Aber bitte, ich bin noch nicht zu Ende! Gerade von den Germanen noch ein Wort. Denn endlich, sein Hauptfehler war: Er hat das Reich den Germanen ausgeliefert.« – »Oho!« rief der Tote und sprang in die Höhe. »Das ist frech.« – »Zwar schlug er sie wiederholt im Felde. Aber massenhaft nahm er sie in die höchsten Ämter für Krieg und Frieden auf. Sehr folgewidrig! Denn er unterschätzte sie gewaltig, seiner lehrhaften Denkweise nach. Für starke Tiere erachtete er sie nur, und doch vertraute er ihnen in der Wirklichkeit die wichtigsten Stellen, sogar das ehrwürdige Konsulat, an. Ja, was hat er noch getan? Denselben Alemannenkönig Vadomar, ›den Fuchs‹, wie er ihn nannte und den er fing, indem er ihn ›überfuchste‹ (würde der geschmacklos wortekünstelnde Verewigte gesagt haben) ...« – »Ja, ja, das wäre so in seiner Art gewesen«, schmunzelte der Verschiedene. »Und der sich allerdings im römischen Dienst in Spanien ausgezeichnet, als klug und tapfer erwiesen hatte – diesen germanischen Fuchs hat er zum Statthalter der ganzen Provinz Phönike in Afrika gemacht.« – »Wo er sich ebenfalls vortrefflich bewährte, würde der arme Verblichene hier einschalten, könnte er sich verteidigen«, sprach Julian. »Der hat wahrlich die blondzottigen Barbaren nicht zu seinem Vergnügen in hohe Ämter gebracht.« – »Nein, weil er mußte, weil sie tapferer, verlässiger und oft sogar klüger waren als seine Römer. Drum hätte er jene Unterschätzung ablegen müssen. Das tat er aber nicht, warum? Aus eigensinniger, griechisch-römischer Überhebung. Und doch war er wieder so grenzenlos, so freventlich schwach gegen das Germanische...« – »Ei, ei! Wieso?« – »Daß er einem Germanen, der es wagte, ihm an einem Tage, da ihn griechisches Lob fast berauscht hatte, schonungslos, ja absichtlich und bewußt übertreibende Tadelworte zu sagen, den trotzigen Kopf nicht abschlagen ließ, so sagt man wenigstens«, schloß Serapio, sich erhebend. »Nein, sondern diesen Kopf mit beiden Händen umfaßte und dankbar küßte«, rief Julian und tat nach seinen Worten. Zwölftes Kapitel Mit sehr verschiedenartigen Empfindungen nahmen die Hauptstadt und das Reich die Nachricht auf, daß der Herrscher eine allgemeine Kirchenversammlung nach Byzanz berufen habe, auf der Bischöfe und Priester der katholischen Kirche wie aller christlichen Sekten, aber auch Lehrer der Juden erscheinen und ihre Lehrmeinungen in einem Religionsgespräch vertreten sollten. Der Imperator selbst behielt sich Vorsitz und Leitung vor, um, wie er verkünden ließ, die Freiheit jeder Meinung, den unparteilichen Gang der Verhandlungen zu sichern. Am meisten erstaunt waren über diesen Beschluß Julians nächste Freunde, Jovian und Serapio; Lysias hatte schon lange die Hauptstadt verlassen und seine Amtstätigkeit, zunächst in den Provinzen Pontus und Bithynien, begonnen. Bei dem Lustwandeln in dem Haine der Artemis vor dem Westtore der Stadt blieb Serapio plötzlich stehen und fragte: »Warum tust du das, o Julian?« – »Was?« – »Das mit den vielen Geistlichen.« – »Ja«, unterstützte Jovianus lebhaft die Frage. »Warum? Denn an Erfolg glaubst du ja doch nicht!« Mit feinem Lächeln antwortete der Schalk: »Und warum nicht? Irgendein Erfolg wird schon herauskommen! Aber, bitte, beschleunigt eure Schritte. Die Arbeit ruft mich in den Palast zurück. Unter all den vielen Dingen, daran es mir gebricht, steht obenan die Zeit.« – »Desto mehr wundert mich«, sprach Serapio grob, »daß du sie so vergeudest.« – »Denn der Tag dieses Konzils ist ein verlorener«, schloß Jovian. »Wer weiß! Ich gebe doch die Hoffnung nicht auf.« – »O du arger Spötter«, schalt Serapio. »Nicht gerade, daß sie sich gegenseitig bekehren (oder – was fast noch erwünschter wäre – gegenseitig auffressen); aber ein versöhnlicheres, friedlicheres Verhalten untereinander ist doch vielleicht die Folge.« »Das glaubst du selbst nicht!« zweifelte Serapio. »Sieh nur, wie er den Kopf zur Seite zieht und, scheinbar den Bart streichend, den lächelnden Mund mit der Hand verbirgt«, zweifelte Jovian. »Ei, sie sollen hier Duldung lernen und Nächstenliebe.« – »Die Katholiken von den Ketzern?« fragte Jovian. »Oder umgekehrt?« zweifelte der Franke. »Beides wird schwerhalten!« – »Nein, sondern alle von uns Hellenisten. Und übrigens: Wenn das Gegenteil erreicht werden sollte, wenn die alten Feinde, stehen sie sich nun alle gegenüber und hört jeder die verhaßte Lehre des andern, in tobenden Streitzorn ausbrechen, heißer als je zuvor...« – »Nun dann?« – »Ja, was dann?« forschte Serapio. »Denn das wird doch höchstwahrscheinlich geschehen!« – »Dann ist's erst recht gut«, lachte Julian nun laut auf. »Dann beweist sie sich wieder einmal, die vielgepriesene Liebe, Milde, Einigkeit der Kirche vor den Augen der ganzen Welt; und ganz besonders vor den meinen. Diesen Augen aber – ist ihnen bei dem vielen Verdruß, den ihnen die Galiläer tagtäglich bereiten, nicht auch einmal eine kleine Freude durch die Galiläer zu gönnen?«   An dem bestimmten Tag eröffnete der Augustus die Versammlung, zu der in heiligem Eifer die frommen Väter aller Bekenntnisse, auch Vertreter des Judentums, in so großer Menge aus allen Provinzen des Reiches zusammengeströmt waren, daß keine Basilika sie aufzunehmen vermochte. So war von vornherein das Anstößige ausgeschlossen, daß der »hellenistische« Imperator in einem christlichen Gotteshaus den Vorsitz einnahm. Und auch die Frömmsten konnten nicht dawider eifern, daß aus dem Grund solch zwingender Not die Beratungen in ein weltliches Gebäude verlegt wurden; man wählte den weitesten Raum, der in der Hauptstadt zu finden war: die Säulenhalle des vom großen Constantin erbauten Gymnasiums. Zartfühlig ließ Julian aus dem Haus und dem umgebenden schönen Hain für diesen Tag die Götterbilder entfernen, die Artemidor auch hier bereits wieder aufgestellt hatte. »Ich bin der Wirt, ich darf nicht unwirtlich scheinen«, sprach er, »nicht meine ohnehin so leicht reizbaren Gäste verletzen.« Bis auf den letzten Platz waren die Stühle und Bänke besetzt, die, in sieben Reihen hintereinander aufgestellt, einen Halbkreis bildeten, geöffnet gegen den purpurbehangenen Thron, den der Herrscher, gekleidet in die volle Festgewandung des Imperators, nun feierlichen Ganges bestieg. Zu Füßen des auf mehreren Stufen erhöhten Sitzes nahmen die ersten weltlichen Würdenträger Platz. Eine Schar von Kriegern – meist blondhaarige, Julian selbst hatte sie ausgesucht – stand in vollen Waffen, befehligt von Sigiboto und Sigibrand, hinter dem Thron; und draußen, vor dem nun geschlossenen Eingang, in dem weiten Garten, waren zweitausend weitere unter Garizo und Ekkard aufgestellt. Lange musterte Julian die Versammlung schweigend – manch hochehrwürdige Gestalt, manch edles, vergeistigtes Antlitz erschaute er; aber auch viele Eiferer, deren Züge, von Glaubenshaß und Verfolgungswut, von Rachgier und von andern üblen Leidenschaften entstellt, durchaus nicht Frieden atmeten oder ankündeten. Endlich hob der Imperator an: »Ehrwürdige, fromme, ja vielleicht zum Teil schon heilige Väter der Kirche, Häupter der verschiedenen Lehrmeinungen, auch ihr, o weise Lehrer der Juden! Ich heiße euch alle willkommen. Ich habe euch hier versammelt, euch Gelegenheit zu geben, eure Glaubenssätze vorzutragen und zu vertreten. Ich wünsche, aber ich wage (nach früheren Erfahrungen) freilich nicht stark zu hoffen«, hier spielte, kaum merklich, ein Lächeln um den feinen Mund, »daß aus euren Verhandlungen, wenn auch nicht Versöhnung, doch gegenseitige Duldung hervorgehen möge. Bevor ihr beginnt, möchte ich euch (als Mahnung) ein paar Sätze vorlesen, die sich in einer eben veröffentlichten Geschichte unserer Tage finden. Ihr Verfasser ist der ausgezeichnete Grieche Ammianus Marcellinus, dessen Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit noch niemand bezweifelt hat. Seine Worte sind vielleicht geeignet, jenen geistigen Stolz ein ganz klein wenig zu dämpfen, den manche Zeitgenossen euch, heilige Bischöfe (gewiß mit Unrecht), vorwerfen. Ein wenig Demut ist gewiß uns allen (auch mir gebricht es leider daran) zu wünschen. Und wo die Demut fehlt, da ist so recht am Platz: die Demütigung. Ammianus also schreibt – gib die Rolle, bitte, Serapio: ›Nicht reißende Bestien, nicht Raubtiere zerfleischen sich untereinander mit solcher Wut wie die Christen verschiedner Bekenntnisse. Hätte Mark Aurel unsere Tage erlebt, nicht von den zanksüchtigen Juden in Ägypten, von den sich zerreißenden Christen hätte er sein berühmtes Wort gesprochen: O Markomannen, Quaden und Sarmaten, endlich habe ich noch ärgere Wüteriche gefunden als ihr seid.‹ Ferner: ›Papst Liberius und Papst Felix der Zweite streiten schon lange miteinander um den römischen Bischofstuhl; da wurden neulich in der Basilika des Sicinius, wo sich die römische Christenschaft zum frommen Gottesdienst zu versammeln pflegt, an einem Tage hundertundsiebenunddreißig Menschen erschlagen.‹ Aber das ist ja nur ein kleines Vorfrühstück des Glaubenseifers gewesen! Stattlich war seine Hauptfestmahlzeit hier, in der Stadt Constantins; das erste Blut, das die neue Hauptstadt befleckte, von Gläubigen aus Gläubigen um des Glaubens willen ward es vergossen: ›Vor kurzem lieferten sich die beiden Bischöfe von Byzanz, Paulus der katholische, und Makedonius der arianische, eine regelrechte Schlacht in diesen Straßen. Auf dem Platz vor der Bischofskirche allein lagen dreitausendeinhundertfünfzig Tote. Der Magister Equitum Hermogenes, der Frieden stiften wollte, ward von den Katholischen aus seinem brennenden Palast an den Füßen durch die Straßen geschleift und die Leiche auf das scheußlichste (sehr unanständig) verstümmelt. Aber als später die Arianer gesiegt hatten, erfanden sie eine hölzerne Hebelmaschine, mit der sie den gefangenen Katholiken die Zähne des geschlossenen Mundes aufbrachen, und nun die arianisch geweihte Hostie ihnen in den Schlund hinabzwängten. Katholischen Jungfrauen verbrannten sie die Brüste mit glühenden Eisenschalen oder quetschten sie ab mit scharfen Brettern.‹ Weiter: ›Die Arianer in Edessa sind vor drei Monaten über andere Galiläer, die Valentinianer, hergefallen und haben mit Mord und Brand gegen sie gewütet.‹ (Der Statthalter beantragte die in den Gesetzen gedrohte Todesstrafe gegen die Überführten; aber ich halte alle glaubenswütigen Galiläer für nicht ganz zurechnungsfähig und habe sie begnadigt. Nur ihr Vermögen ward eingezogen, die Verletzten zu entschädigen.) ›Bald darauf hat die katholische Sekte der Novatianer in Paphlagonien viertausend römische Legionäre erschlagen.‹ Ihr werdet nun vielleicht zugeben, heilige Väter, der Staat muß doch ein wenig den Kopf schütteln über eine Religion der Liebe, welche so befremdliche Früchte zeitigt. So sagt Ammianus nicht zuviel mit den Worten: ›Der Haß der Christen untereinander übersteigt die Wut reißender Bestien gegen den Menschen.‹ Aber er ist ›Hellenist‹, werdet ihr sagen. Wohl, so führe ich ein Wort eines eurer Bischöfe an, jenes liebenswürdigen Gregor von Nazianz (um dessen Beifall ich mit so geringem Erfolg ringe); er sagt (alle Grazien standen an seiner Wiege und daneben der Engel der Nächstenliebe) in seiner jüngsten Schrift (ich studiere so gern seine an Kraftworten reiche Sprache, ohne sie doch erreichen zu können): ›Das Königreich des Himmels (das ist nämlich die Kirche) ist durch Zwietracht in ein Chaos, in einen nächtlichen Orkan, ja sogar in die Hölle selbst umgewandelt.‹ Dieser Freund der Wahrheit hat auch in einer Predigt behauptet (es ist die dritte in seiner jüngst veröffentlichten Sammlung; ich habe sie mir sofort – wegen der starken Nachfrage – gekauft, obwohl sie ziemlich teuer ist, da meine galiläischen Untertanen jeder Lehrmeinung so was gern lesen), ich, Julianus, pflege ziemlich häufig Knaben und Mädchen zu schlachten, aus ihrem Blut die Zukunft zu erforschen; die Leichen lasse ich dann – wie ich erfuhr – in die Flüsse versenken. (Warum ich ihn nicht bestrafe, diese Schriften nicht unterdrücke, fragen meine Freunde. O nein, ich freue mich darüber, daß ein Feind von uns Hellenisten, trotz hoher Weihen, so lügt, so haßt und so verleumdet!) Übrigens – Gerechtigkeit vor allem! Die Rechtgläubigen treiben es nicht ärger als die Arianer und die andern Ketzer; man kann homoiusios sagen oder homousios, und gleich streitsüchtig, blutdürstig und verfolgungswütig sein. Zu vielen Tausenden habt ihr euch gegenseitig geschlachtet! Aber hören wir weiter unsern trefflichen Ammian: ›Es gibt‹, sagt er, ›ausgezeichnete Bischöfe in den Provinzen; aber in Rom und in andern Großstädten bieten sie die ganze Kraft ihrer Lungen nur zum Zanken auf. Sie sammeln sich Schätze aus den Spenden alter Weiblein, zeigen sich nur in prachtvollen Gewanden, die aller Augen auf sich ziehen, und ihre schwelgerischen Gastmahle überbieten die Tafeln der Könige.‹ Und ein frommer Kirchenvater – Eusebius von Cäsarea – klagt, daß ›unaussprechliche Heuchelei und Verstellung es unter den Christen zum höchsten Grade der Bosheit gebracht haben‹; so schreibt er wörtlich. (Es sind euer überhaupt ein bißchen viele: Achtzehnhundert Bischöfe zählt man in meinem Reich.) ›Diese achtzehnhundert haben‹, berichtet Ammian, ›behufs ihrer Verständigung, in zweiundzwanzig Jahren neunzehn Kirchenversammlungen gehalten.‹ Verständigt habt ihr euch, wie es scheinen will, dabei nicht erheblich, wohl aber, klagt Ammian, durch das Hin- und Herfahren die ganze Post des Staates zugrunde gerichtet. Also (offen bekenn ich's, und ihr wißt es ja von mir) ich kann euch nicht so recht lieben und auch euch nicht glauben! Aber wie könnt ihr mir aus meinem Unglauben einen Vorwurf machen, da ihr selbst lehrt, den Glauben kann man weder erlernen noch erzwingen; er ist eine freie Gnade, die am Menschenherzen Gott wirkt, der von Ewigkeit her im voraus weiß (also unabänderlich vorherbestimmt hat), welche Seelen er so begnadigen wird. Ich zähle offenbar nicht zu den Begünstigten, bin also im voraus von Ewigkeit her zur Hölle verurteilt gewesen, bevor ich geboren ward, bevor ich in die Möglichkeit kam, eure Lehre anzunehmen oder zu verwerfen. Das ist doch nicht hübsch von eurem Gott! Vernehmt zum Schluß noch, was ich neulich den Bostrenern geschrieben habe, es gilt euch allen: ›Wieviel besser als Constantius behandle ich die Priester und Bischöfe der Galiläer. Er hat sie in Scharen verbannt, Athanasianer und andere (so daß in Samosata, in Kyzikus, in Paphlagonien, Bithynien, Galatien gar keiner mehr zu finden war), hat eure Kirchengüter eingezogen; ich habe allen die Rückkehr gestattet, allen die Güter zurückgegeben. Ja, den wackeren Bischof Aëtius von Ephesus hier, der sich um den Frieden zwischen den Seinen und den Hellenisten bemüht, hab ich längst als meinen Gast hierher geladen. Nur laß ich euch nicht, wie das früher geschah, untereinander und gegen uns Götterverehrer wüten. Gerade darüber aber toben viele von euch, frevelnd gegen die Götter und gegen unsere Gesetze. Sowenig zwing ich einen Galiläer an unsere Altäre, daß ich vielmehr von jedem, der zu den Göttern zurückkehren will, vorher Buße, Entsühnung fordere; Reinigung an Leib und Seele, die er durch den Abfall – zu den Gräbern – befleckt hat vor den hochheiligen Göttern. Aber viele Bischöfe, die nun seit Jahrzehnten geherrscht haben, wollen nicht aufhören zu herrschen, Gericht zu halten, alten Weiblein Testamente zu diktieren, Erbschaften an sich zu reißen. Gar häufig hetzen sie das dumme Volk und lassen es mit Steinen werfen auf unsere Götterbilder. Und doch ermahne ich immer wieder und wieder: Vergeltet nicht den Galiläern Gewalt mit Gewalt! Nicht Haß, Mitleid verdienen sie, belehren muß man sie, nicht verfolgen.‹ Beginnt nun eure Verhandlungen. Diese unmittelbar zu leiten, steht mir nicht zu. Ich übertrage dies Geschäft dem den Jahren nach ältesten unter den Anwesenden; es ist, wie festgestellt ward, Aëtius, der ehrwürdige Bischof der Katholiken von Ephesus.« Sofort erhob sich ein dumpfes, grollendes Murren auf den Bänken aller Andersgläubigen. »Ruhe, meine Lieblinge!« bat Julian. »Einer muß es nun doch wohl sein. Und bei jeder Wahl hätte der Rangstreit kein Ende genommen. Übrigens bleibe ich hier, in eurer Mitte, und sollte (was ich aber durchaus nicht annehme) der greise Aëtius nicht mit voller Unparteilichkeit seines Amtes walten, so werde ich selbst eingreifen. Ich – von dem ihr wisset, daß ich all euren abweichenden Lehrmeinungen mit gleicher – nun sagen wir, mit gleicher Unvoreingenommenheit gegenüberstehe. Mit Schmerz vermisse ich aber manch teures Haupt. So meinen gütigen Gönner, meinen Mitschüler einst zu Athen, den vorbelobten sanftmütigen Bischof Gregor von Nazianz, der in seiner jüngsten Schrift bewiesen hat, ich trage neun lebendige Teufel im Leibe. Schade, daß er nicht kam! Es hätte mich doch so lebhaft angezogen, deren richtige Namen zu erfahren; und wo im Leibe mir jeder einzelne sitzt. Auch sind leider ausgeblieben (wohl zu stark miteinander selbst beschäftigt) die beiden heiligen Bischöfe, die sich, wie vorher beklagt, seit nunmehr sechs Jahren um den heiligen Stuhl von Rom recht lebhafte Straßengefechte liefern: Felix der Zweite und zumal der demutvolle Liberius, den ich an eine frühere Begegnung, eine (selbstverständlich nur für mich selbst) lehrreiche Unterhaltung über die Grenze von Kirchen- und von Staatsgewalt sowie über Urkundeneinführung würde gern erinnert haben. Ich behalte mir vor, bei meinem längst geplanten Besuch bei ihm in Rom darauf zurückzukommen. Ich höre übrigens mit Bedauern, ihr Katholiken, daß Papst Liberius aus Menschenfurcht in der letzten Zeit des Constantius diesem zuliebe von dem katholischen Glaubensbekenntnis (dem von Nicäa, dem athanasianischen) abgefallen ist und sich einer arianischen Sekte zugewendet hat. Ist er, der Irrgläubige, nun doch noch Haupt der rechtgläubigen Kirche? Aber das ist eure Sache! Verzeiht, ich bitte, die Frage. Allein auch ihn, den eben genannten, den berühmten Athanasius von Alexandria (ja, ihr Arianer, brummt nicht! ›Berühmt‹ ist er doch jedenfalls und von Alexandria ist er auch; nämlich das heißt: bald zu Alexandria, bald von euch vertrieben – also von Alexandria weg), auch Athanasius also nicht hier zu sehen, bedaure ich lebhaft. Um so tiefer beklage ich das, als ich beschlossen habe, zur Grundlage eurer Verhandlungen zu machen...«, hier hielt er eine Weile inne und fuhr dann, als alle mit größter Spannung an seinem Munde hingen, mit erhobener Stimme fort, »das von ihm verfaßte und nach ihm benannte Glaubensbekenntnis: Das Athanasianum von Nicäa.« Da brach's los. Tobender, höllischer Lärm und wildes, wüstes, ohrenzerreißendes Geschrei. Mit Ausnahme der Katholiken und der Juden sprangen alle Anwesenden von ihren Sitzen, sprachen, riefen, zischten, schrien, brüllten zugleich gegen die Reihen der Katholiken hin, wütend und drohend auch gegen den Thron des Imperators. Der verzog keine Miene; ruhig sah er in den brodelnden, schäumenden, häßlichen Kessel hinab; nur ein Lächeln konnte er nicht ganz unterdrücken. Der Vorsitzende, Aerius, der wackere Bischof von Ephesus, bemühte sich vergebens, die Ordnung wiederherzustellen: Alle sprachen, schrien, mit den Händen dem Gegner bis nah an die Nase fuchtelnd. Ja, aus den Reihen der heißblütigen Afrikaner flogen schon die Papyrusrollen als Wurfgeschosse gegen die Köpfe der katholischen Amtsgenossen, auf welchen die heiligen Schriften verzeichnet standen. Ein Neues Testament streifte mit scharfer Kante das Ohr des noch jugendlichen Bischofs Fortunatian von Aquileja; er blutete stark. Lange hatte Julian von seinem erhöhten Thron herunter dem ausgebrochenen Wirrwarr zugesehen, ohne sich einzumischen: Er hatte sie recht lange gewähren lassen! Jetzt aber, als der verwundete Bischof auf den Werfer, Adherbal von Ruspe, mit geballten Fäusten losfuhr, gab er Sigiboto und Ekkard einen Wink. Die sprangen dazwischen und rissen die bereits Raufenden auseinander; zugleich hob der Imperator den rechten Zeigefinger. Da schmetterte von dem hohen Bogengang oberhalb der Säulen herab der eherne Klang der römischen Tuba, das fromme, aber lebhafte Gespräch übertönend. Alle verstummten und sahen erschrocken nach oben; totenstill ward's in der weiten Halle. Nun erhob sich Julian vom Thron und sprach: »Nein, ihr frommen Herren, beruhigt euch. Es ist noch nicht die Posaune des Weltgerichts; freilich war es kein Wunder, brach es strafend über euch herein. Vergeblich bat ich euch, als ihr so ... nun, sagen wir, so angeregt, so eifrig wurdet: ›Hört auf mich! Selbst trotzige Alemannen und wilde Franken haben auf mich gehört.‹ Ihr nicht! Ihr gehorcht nicht meinem Wort. So muß euch die Tuba mahnen. Haltet doch Frieden, ihr Herren! ›Kindlein, liebet euch doch untereinander‹ (mahnt der Lieblingsjünger eures Gottes), statt euch die Ohren blutig zu werfen. ›Friede sei auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen‹, so sangen ehemals die Engelein. Muß ich euch Bibelsprüche lehren, ich, der von neun Dämonen Besessene? Für heute muß ich's wohl aufgeben, euch zu versöhnen. Fast besorge ich, ihr werdet auch morgen, ja noch einige Jahrhunderte so weiterstreiten. Streitet mit Gründen, aber, ich bitte sehr, nur die feineren Fragen entscheidet mit Fäusten. Und die heiligen Schriften wirken doch nur innerlich, nicht äußerlich angewendet. Eure Gewissen sind frei, eure Lehren sind mir unantastbar; wer aber den Frieden meines Reiches bricht, der wird lernen: ›Irret euch nicht, auch der Staat läßt sich nicht spotten!‹ Und da ich eurer Sanftmut nicht ganz trauen darf – nach dem eben Erlebten – kann ich euch nicht unbehütet auf die Straßen von Byzanz entlassen; leicht könnte dort der heilige Eifer neu erwachen. Deshalb (Serapio, rufe die befohlenen Germanen dort vor, die anderen stehen draußen bereit!) wird jeder von euch in seine Herberge geleitet von je zwei heidnischen Alemannen, Franken, Friesen, Sachsen, Quaden, Markomannen – die werden gewiß nicht Partei ergreifen für Athanasius oder für Arius! Dir, Sachse Sigibrand (ich kenne deine Theologie – heute ward sie beinahe hier angewandt), dir anbefehl ich den heiligen Bischof von Ruspe da. Aber sei auf deiner Hut, Kriegshauptmann! Er ist ein streitbarer Herr, er wirft gar kräftig.« Der rotblonde Riese in seinem Wisentfell trat vor und legte nur leicht die Hand auf des Afrikaners Schulter; der knickte zusammen. »So führe mir, Serapio, die frommen Priester durch die Straßen von Byzanz, jeden mit einer Ehrenwache von zwei Heiden. Sonst könnte euer Ansehen leiden bei dem Volk, sähe es euch werfen, schlagen und raufen auf den Gassen! Friede sei mit euch!« Dreizehntes Kapitel An dem Abend des Tages dieses aufgeregten Religionsgespräches hatte Julian wieder die beiden Freunde zu Gaste bei seinem Nachtmahl. Der Imperator verweilte mit Behagen bei den Erinnerungen an den Vormittag; auch Serapio lachte, als er erzählte, wie er nur mit Mühe auf den Straßen die kampflustigen Seelenhirten habe auseinanderhalten können durch die quergehaltenen Speerschäfte seiner Germanen. »Aber du scheinst wieder einmal nicht ganz zufrieden, gestrenger Magister Militum, mit deinem Imperator«, hob dieser an. »Woran hab ich's heute wieder fehlen lassen?« – »Nicht an Bosheit, o Augustus«, erwiderte Jovian, »an Spitzen und Witzen, die nicht bessern, die reizen und keine Wirkung haben als die...« – »Ihn selbst zu erfreuen«, schloß Serapio, »den Verstorbenen.« – »O weh«, klagte Julian, »wird heute die üble Nach-Rede (hübsch diese Doppelbedeutung, nicht?) fortgesetzt?« – »Nein! Denn, o gerechter Aristides-Jovian, du hast zwar darin recht, daß seine boshaften Witze nur ihn erfreuen. Jedoch das ist auch schon etwas. Schaden können sie ihm bei den Frommen doch nicht weiter; die können ihn nicht mehr tiefer in den Höllenpfuhl hineinverfluchen als sie ihn schon hineingebetet haben. Und zur Empörung sind die Guten unter ihnen zu gewissenhaft, die Bösen zu ohnmächtig. Dabei ist aber jede solche Bosheit eine sehr wohltätige Ableitung für unsren Julian: Besser, er verspottet sie als griechischer Rhetor, denn er verfolgt sie als Imperator. Ich bring es dir, Julian. Mögest du den Christen nie was Schlimmeres antun als deine heutigen schlechten und hie und da (aber selten) guten Witze. Ich besorge jedoch...« – »Was? Du wirst mir doch nicht Verfolgungsabsichten zutrauen?« – »Dir nicht! Aber deinen Werkzeugen, die nicht immer vorsichtig gewählt sind. Dieser Lysias ...« – »Ich weiß«, sprach Julian bekümmert, »du und Jovian, ihr seid ihm tief abgeneigt. Ich kann nicht leugnen – leider –, daß ich ihn im Laufe dieser Jahre verändert finde; nicht zu seinem Vorteil. Wilde Leidenschaften, ungezügelte, reißen ihn dahin. Er ist keine apollinisch geklärte Seele. Aber ihr könnt ja beide nicht ermessen, wie tief ich ihm zu Dank verpflichtet bin! Ich konnte ihm die Bitte um jenes Amt nicht abschlagen – ich hatte es ihm längst vorher bestimmt« – »Es laufen aber schon Klagen ein«, sprach Jovian, »aus mehreren der ihm anvertrauten Provinzen. Die Christen ...« – »Ja, das glaube ich! Sie waren so lange Hammer, daß es ihnen schwerfällt, dies nicht mehr zu sein.« – »Sondern Amboß zu werden«, meinte Jovian. »Das sollen sie nicht. Werden die Klagen zu Anklagen, so laß ich auch meines Lehrers Fehler nicht hingehen.« – »Auf deinen heutigen Sieg über die Christenbischöfe und -priester«, begann Jovian aufs neue, »darfst du dir aber nicht viel zugute tun. Sie kamen ja gar nicht zu Wort.« – »Was? Ich höre sie noch schreien.« – »Arglist hast du jenes Bekenntnis als Apfel der Zwietracht in ihre Mitte geworfen.« – »Und jedes andere hätte ebenso gewirkt. Das Arianische würde die Katholiken gereizt haben wie das rote Tuch den Stier.« – »Daß sie dir auf deine boshafte Eröffnungsrede nicht erwiderten, ist begreiflich.« – »Ja«, lächelte Serapio, »in Gegenwart des Katers wagen die Mäuse nicht, recht laut zu piepsen. Sie schwiegen – unter der Furcht des Herrn.« – »Das soll ja der Weisheit Anfang sein«, spottete dieser. »Nur des Herrn Julian«, verbesserte Jovian, »nicht des himmlischen Herrn. War auch manch ehrlicher, wackerer Mann unter den heute Versammelten – es fehlte einer, der dir geistig gewachsen war.« – »Oder gar überlegen«, schloß Serapio. »Sollte es das geben?« fragte Julian in gutmütiger Selbstverspottung. Aber sehr ernst blickte Serapio, als er bedächtig erwiderte: »Ich fürchte, ja.« – »Und wer?« forschte der Imperator, nun auch ernst geworden. »Wer ist das?« – »Nun eben: Athanasius.« – »Immer dieser Name! Kennst du ihn denn? Sahst du ihn?« – »Ja, ich kenne seine Schriften – ich las sie, als ich im Perserkrieg pfeilwund lag, viele Wochen lang, zu Amida. Ich kenne auch das meiste von seinen Kämpfen; sie erfüllten gerade damals, als ich im Orient weilte, die ganze römische Welt, zumal das Morgenland. Bisher waren alle seine Kämpfe mit den Ketzern, aber auch mit der Staatsgewalt, Siege!« »Ja, mit Constantius«, höhnte Julian. »Und ich hab ihn – damals auf dem Rückweg, in Ephesus – gesehen, eine Predigt von ihm gehört; der Mann ist unvergleichlich und unerreicht. Seine Erscheinung schon, dies von Geist und Tugend verklärte Antlitz, sein ganzes Wesen! Und mehr noch als in seinem Denken – in seinem Willen wurzelt seine Kraft, in seinem Charakter seine Größe: Er ist sittlich noch mehr ein Held als geistig. Ich nannte dich, Julian, den glänzendsten Geist der Zeit, du bist es; aber der größte Geist und der größte Mann der Zeit heißt Athanasius.« – »Hm, dann wundert mich«, spöttelte jener, »daß er dich nicht bekehrt hat zu seinem Glauben.« – »Das ist unmöglich. Die Weltanschauung eines Mannes, der kein Schallrohr ist, muß erlebt, sie kann nicht gelehrt werden.« Julian hatte einstweilen eine kleine Anwandlung von gekränkter Eitelkeit wacker überwunden. Nicht mehr gereizt, mit überlegener Selbstbelächelung fuhr er nun fort: »Du siehst also wirklich diesen Unbezwungenen, diesen dreizehnten Apostel, wie sie ihn nennen, als auch mir überlegen an? Strafe muß sein! Für diese Majestätsbeleidigung meiner vielgescholtnen Eitelkeit verurteile ich dich dazu, mir genauen Bericht zu erstatten nicht nur über die früheren, dir, wie du sagst, bekannten Kämpfe dieses ›Unsterblichen‹, nein, zumal auch über die neuen Wirren, die vor kurzem in Alexandria ausgebrochen sind, wenn nicht durch ihn verschuldet, doch durch ihn veranlaßt. Artemius, der Dux jener Provinz, erhebt die schwersten Anschuldigungen gegen ihn. Du sollst sie prüfen.« – »Ich? Warum ich, der Barbar, der Gottlose?« – »Ebendeswegen! Du bist der Unbefangenste von uns allen, kannst es sein. Soll ich einen Rechtgläubigen prüfen lassen? Er spricht ihn frei! Einen Arianer? Er verurteilt ihn! Soll ich selbst prüfen? Ich traue meiner eignen Unparteilichkeit nicht! Denn ich will es nur gestehen: Als ich die schweren Anklagen des Dux las, da freute sich etwas tief in meinem Innersten und flüsterte mir zu: ›Wäre doch nur der zehnte Teil begründet! Es würde ausreichen, diesen, wie es scheint, wirklich gefährlichen Feind der Götter mit vollem Recht für immer unschädlich zu machen; nicht hinrichten, wie Artemius dringend verlangt, aber irgendwo, recht weit von seinem Bischofsitz, lebenslänglich einsperren – es wäre sehr erwünscht.‹ Sobald ich mich bei diesem geheimen Wunsch ertappt hatte, beschloß ich, nicht selbst hier zu untersuchen. Ich überweise den Mann seinem (wie wir eben hörten) warmen Bewunderer. Kann ich mehr tun? Und dann schelten die Galiläer auf meine Parteilichkeit wider sie! Und dieser heitre Gregor, Bischof von Nazianz (das ist doch ein ausgesuchtes Scheusal!), beklagt sich in seiner jüngsten Schmähschrift gegen mich, in den gröbsten Schimpfreden, deren die Sprache Pindars fähig ist, daß ich den rechten Glauben nicht mit Gewalt, nur durch List und Künste bekämpfe. Als sie aber Diokletian (ohne alle Künste) köpfen ließ, da wars ihnen auch nicht recht. Was ist ihnen denn recht?« »Das will ich dir sagen«, erwiderte Serapio, »wenn du's – auch noch heute – noch immer nicht begriffen hast. Recht ist ihnen nur, daß sie die Andersdenkenden, nach Auswahl, bald mit List und Kunst, bald mit dem Henkerbeil bekehren dürfen. Denn – merk es dir – die Kirche ist nicht frei, wenn sie nicht herrscht.« – »Ei«, meinte Julian, »das ist allerdings merkenswert. Eine anziehende Fassung des Begriffs Freiheit!« – »Gerade deshalb«, mahnte Jovian, »um diese dumpf Wütenden zu beschämen, mußt du, o Träger der römischen Gerechtigkeit, auch den Schein der Unterdrückung Andersgesinnter vermeiden.« – »Aber das tu ich ja aus allen Kräften! Ach, wie tief beklag ich es, daß mich von so vielen meiner Untertanen eine solche Kluft im Glauben trennt. Deshalb, um die Kluft mit dem Friedensbogen der Iris zu überbrücken (ein hübsches Bild, nicht?), hab ich in diesen Monaten eine Verteidigungsschrift gegen die Galiläer verfaßt, und zweitens – in den dem Schlaf abgesparten Stunden um Mitternacht – eine Zusammenstellung meiner eignen Lehre, meines Wissens und Glaubens von den Göttern, jener Sätze, die mir Wahrheit sind und die, so hoffe ich zuversichtlich, bald allen meinen Untertanen Wahrheit werden. Ich habe beide hier: Dieser Papyrus enthält meine Lehre, jener dort die Widerlegung der Galiläer.« Ernst begann Serapio: »Laß die Streitschrift liegen, sie ist für mich überflüssig.« – »Und«, sprach Jovian, »für die Christen wird sie wirkungslos bleiben.« – »Aber deine eigne Lehre – nun also abgeschlossen –, die teile uns mit«, bat Serapio. »Nur Bruchstücke kennen wir davon. Laß uns endlich vernehmen, was den Christen das Kreuz, den Juden den Sinai, Lysias seine Volksgötter ersetzen soll. Und nicht bloß Lysias, allen, die noch nicht Christen sind, also dem ganzen Heere, das du aufzubieten hast gegen die Kirche. Bitte, beginne! Es wird – nach dem Tag bei Straßburg – die wichtigste Erfahrung meines Lebens. Damals hast du gesiegt ...« – »Und siegen werd ich heute! Hilf dazu, unbesiegter Helios!« rief Julian leuchtenden Auges, ergriff den einen Papyrus und begann, teils zu lesen, teils frei vorzutragen. Aufmerksam lauschten die beiden Freunde. Vierzehntes Kapitel »Ich schicke voraus, wie ich die Mythen des Volksglaubens auffasse. Ich verwerfe sie nicht als unsinnig, wie so viele Philosophen, aber ich lege ihnen ganz andern Sinn bei, als sie auf den ersten Blick zu haben scheinen. Ich dringe durch ihre dichterische, phantastische, oft befremdliche Schale in ihren geheimen Kern. Sie sind nicht wörtlich zu nehmen; es sind nur Sinnbilder. Ich greife ein Beispiel heraus, den Mythos von Kybele und Atys. Nicht einmal nur ist geschehen, was hier erzählt wird, es geschieht fortwährend: Unablässig ist Atys der Gehilfe der Göttermutter, das heißt der gebärenden Natur, unablässig verlangt er nach Vereinigung mit ihr, unablässig setzt Verstümmelung dem Übermaß seines Begehrens ein Ziel. Und ähnlich steht es mit allen Mythen.« – »Seltsam nur«, warf Serapio ein, »daß so viel Unsinniges über diese verborgnen Weisheiten gehäuft ist.« »Das haben die Götter selbst den alten Priestern eingegeben.« – »Weshalb?« – »Um durch das Widersinnige der äußeren Geschichte die Denkfähigen anzuspornen, in die innere Bedeutung einzudringen, während die Einfältigen sich an der dichterischen Einkleidung vergnügen und begnügen.« – »Verschmitzte Götter«, meinte der Ungläubige. »Nun aber beginne«, mahnte Jovian. »Was ich meinen Völkern bringe, ist weder Religion noch Philosophie; es ist höher als beide, es ist klarer als der Glaube, wärmer als das Wissen: Es ist ›Mysto-Sophie‹, Geheim-Weisheit, wie sie ähnlich seit tausend Jahren alle Mysterien suchten, aber nicht fanden. Höret nun und erfasset mit dem Glauben, was der Begriff, mit dem Begriff, was der Glaube ablehnt. Schön gegliedert senkt sich das Göttliche von seiner höchsten Sphäre herab bis zu der Körperwelt, die uns umgibt. Das oberste (erstens!) ist die Idee, die eine, ewige. Aus ihr entströmt (zweitens!) eine ganze Welt von Ideen – jene Ideen, die Plato gelehrt. Hier walten die Götter des Geistes, unkörperlich, unveränderlich, unsichtbar. Diese senkt sich herab (drittens!) in die Welt des Sichtbaren, beherrscht von sichtbaren Göttern, das heißt von den Sternen und von den unzählbaren Göttern, Halbgöttern, Nymphen, Satyrn der Völker. Diese sichtbaren Götter haben die Welt, wie sie ist, geschaffen, indem sie die Ideen (oben ›Nummer zwei!‹ las er ab) dem Weltstoff, der Materie einprägten. Die uns umgebende Körperwelt ist das vergängliche Nachbild des unvergänglichen Urbilds der Ideen. Beide Welten aber (›Nummer zwei und Nummer drei‹) zusammen sind ein beseeltes Wesen voll Seele und Bewußtsein. Beide beherrscht als Haupt und Leiter Gott Helios, der unbesiegte, der in der Sonne sein leuchtend Abbild hat. Er vermittelt beide Welten. Aber er selbst ist ein doppelter. Als der große Gott Helios ist er (erstens!) der oberste der Götter, er hat die Herrlichkeit des nur Guten; er teilt durch seine ewige Tochter Pallas Athene, Pronoia, die Vordenkende, allen Einzelgöttern ihre Kräfte zu: Zeus die Kraft, Äskulap die Heilkunst, Apollo die Schönheit. Zugleich aber ist der große allgemeine Helios (zweitens!) auch der Einzelgott Helios am sichtbaren Himmel, sein eignes Abbild! Sein Licht verleiht die Gabe, zu sehen und gesehen zu werden. Er erhält das Leben des Alls durch den Wechsel von Tag und Nacht und den ganzen Kosmos durch den von ihm geordneten Kreislauf der Planeten um ihn selbst als ihren König. So geht alles Gute, unmittelbar oder mittelbar, von ihm aus. Deshalb, weil stets das Gute das Schlechte überwindet ...« Hier seufzte Serapio leise. »... ist er der Unbesiegte, Unbesiegbare. Er erhält alles Leben. Er weckt die Verstorbenen auf, zur Verklärung auf einem helleren Stern, dem Lichtgott näher, zu ewiger, nie endender Vervollkommnung. Die Laster des Erdenlebens werden hinweggeläutert – das ist die einzige Strafe nach dem Tode: die notgedrungene Besserung. Die einzelnen Volksgötter aber, Zeus und Jupiter und Osiris und Teutates, sind Untergötter, von welchen, nach ihrer Eigenart, die einzelnen Völker geschaffen sind: Daher gleicht Zeus dem Hellenen, Osiris dem Ägypter, Teutates dem Gallier. Der Mensch jedoch soll stets durch die Einzelgötter hindurch dem obersten ihm im Gedanken erreichbaren Gott Helios dienen; er soll sich durchläutern, durchsonnen, dem Sonnengott selber ähnlich werden!« Erschöpft, atemlos hielt der Redner inne. Müde warf er die Papyrusrolle zur Seite und sank auf das Ruhebett. Fünfzehntes Kapitel Tiefe, lange, in ihrer Dauer peinlich wirkende Stille folgte auf den Vortrag. Julian barg die glühende Stirn in beiden Händen, sein Herz klopfte gewaltig. Lang lag er so – für seine Ungeduld, seine Erregung allzulang währte das eisige Schweigen seiner Hörer. Endlich sprang er leidenschaftlich auf: »Menschen«, rief er, »Freunde, ich habe euch (euch zuerst, euch allein!) mein Innerstes, mein Bestes, ja mein alles gegeben (die Frucht des Grübelns von sieben Jahren!), und ihr – ihr habt kein Wort darauf? Ich bitte euch, ich flehe euch an, redet! Nur nicht dies starre Schweigen! Sprich, Jovian, mein Jovian, was hast du mir darauf zu sagen?« Tief aufseufzte der Treue, dann sprach er kopfschüttelnd, traurig: »Vergib mir. Du weißt ja, ich bin kein Gelehrter. Ich – ich hab es nicht verstanden!« – »Nicht verstanden? Was mir, wie ich voraussetzte, bald jeder Bauer hinter dem Pfluge, jeder Winzer mit der Hippe verstehen soll? Aber du, mein Grübler, mein Zweifler, Serapio, was sagst du?« Jedoch Serapio schwieg und schloß die Augen; auch er seufzte. »Antwort will ich, Germane!« rief Julian ungeduldig. »Was – was hast du mir darauf zu sagen?« Da sah der Gefragte auf mit ernstem Blick, und nach langem Zögern sprach er: »Armer Freund!« »Was soll das heißen?« rief Julian, außer sich, mit pochenden Schläfen. »Das soll heißen...« Der Franke sprang auf: »O Julian! Freund! Freund meiner Seele! Du bist verloren. Du und all dein Trachten.« – »Was fällt dir ein?« »O zürne nicht, daß ich die Wahrheit sage. Das Ganze, o Julian, ist dein eigenstes Hirngespinst. Aber auch nur dir eigen! Dichtung, Philosophie, Mystik und – Aberglaube. Kunstvoll und glänzend zusammengesponnen. Es schimmert wie in Tau und Sonnenschein ein Spinngewebe. Aber es verträgt wie dieses nicht die leiseste Berührung! Du bist und wirst bleiben dein einziger Bekehrter. Du bist zugleich dein Oberpriester und deine ganze Gemeinde. Den Philosophen muß deine mystische Phantastik abstoßen, den frommen Heiden deine Verflüchtigung der altgeliebten Götter in bloße Symbole, den Juden, den Christen schon deine Vielgötterei, während doch der Begriff der Gottheit die Mehrzahl ausschließt. Was also bringst du? Wissenschaft? Von Beweisen hast du nicht die Spur eines Schattens eines Scheins! Religion? O Freund, soll die Mutter, deren Kind in toddrohendem Fieber liegt, zu deiner ›Idee‹ beten oder zu Gott ›Helios Nummer Eins‹ oder zu ›Helios Nummer Zwei‹? Soll der Blinde diesem deinem Helios danken? Welches deiner Götter-Symbole hat ein Ohr, ein Herz für Hoffnung, Wunsch und Furcht? Und damit willst du das Christentum und das Heidentum ersetzen? Armer Freund! Du bist verloren!« Abermals entstand ein langes, banges, schmerzliches Schweigen. Tief, nicht in seiner Eitelkeit, diesmal in seinem edelsten Kern, war Julian getroffen. Er ging an das Fenster, sah zu dem dunklen Nachthimmel empor und zerdrückte eine Träne in den Augen. »Ganz allein – auf Erden! Nur Helena ... dort ... auf jenem Stern.« Sechzehntes Kapitel Die Freunde begriffen seine Enttäuschung; sie schonten, sie ehrten seinen Schmerz. Schweigend, kopfschüttelnd tauschten sie ernste Blicke. Nach geraumer Weile erhob sich Serapio und trat zu ihm, der an der Fenstersäule lehnte. Er legte ihm sanft die Hand auf die Schulter und sprach leise: »Vergib, Julian! Ich war zu derb; bin ich doch ein Barbar! Und dann bedenk, ich kann mich ja irren – irren über die Wahrheit deiner Gedanken. Und über ihren Erfolg bei den Menschen!« Da wandte sich Julian rasch, ergriff seine beiden Hände und sah ihm in die Augen: »Hab Dank, Freund. Du bist gut. Du meinst es gut mit deiner Aufrichtigkeit. Und deine letzten Worte bestätigen, was ich mir in diesen wehebittern Augenblicken sagte: ›Unfehlbar ist auch er nicht, der germanische Zweifler. Und ich kann, ja ich werde dennoch recht behalten!‹ Ach! Nicht um meinetwillen, nicht zum Triumphe meines Geistes! Es muß sein: Soll das Römerreich nicht untergehn, muß es sein. Das Römerreich in meinem, im alten großen Sinn, und diese galiläische Staatsverachtung – sie sind unvereinbar.« »Gewiß!« bestätigte Serapio. »Und wäret ihr noch die kerngesunden Römer eurer Vorzeit, diese Lehre, die das Jenseits dem Diesseits, das Beten dem Erobern und Beherrschen vorzieht, wäre nie bei euch mächtig geworden. Wie sagt Achilleus? ›Lieber auf Erden der ärmste Pflugknecht als nach dem Tode König über alle Schatten sein.‹ Aber ihr seid krank, krank bis ins tiefste Mark. Das Übermaß des Genusses hat euch den Magen verdorben, daher verlangtet ihr nach Fasten und nach bitterer Arznei, daher sucht ihr in der Lehre vom Kreuz die Heilung. Daher auch – wer hat zuerst gierig nach jenen Tröstungen gegriffen? Die Frauen, die Sklaven, die Armen, die Bedrängten und die im Gewissen schwer Beladenen. Müde, reuige Ausschweiflinge werden oft – ihre Bekenntnisse beweisen es – die eifrigsten Christen! Und wahrlich, wer darf leugnen, daß für Kranke bittre Arznei heilsam sein kann!« »Aber ich will uns gesund machen! Erstehen soll die alte Römerart, und was sie bei verdorbenen Säften begehrte und aufnahm – bei gesunden soll sie's von sich stoßen. Doch nun genug von mir und meinen Gedanken. Die deinen möchte ich endlich kennenlernen, Serapio-Merowech, du staunenswertes Doppelwesen.« – »Nicht wahr?« lächelte der, »Kentaurengleich! Halb Roß, halb Mann. Auf einem barbarischen Germanenleib ein hellenisch-römisch geschulter Kopf!« – »Du«, sprach Julianus freundlich, »hast dies Bild gebraucht, nicht ich.« – »Ja, aber«, sprach Jovianus in seiner ruhigen, langsamen Redeweise, »ich staune doch schon lang über unsern Freund, diesen batavischen Königssohn. Er ist mir unheimlich. Ein Barbar, der vorgestern Platon anführte! Ein Germane, der gestern uns die Mysterien Ägyptens verkündete! Ein Bataver, der vorhin im Gespräch mit einem Bischof Sankt Paul durch Aristoteles bekämpfte! Ei, wenn die Salfranken anfangen, zu philosophieren, so muß am Ende ich auch noch nachlernen. Aber ich tu's doch nicht. Ich möchte – schon einmal sagt ich's – viel lieber etwas glauben können, so recht von Herzen glauben wie deine Mutter, die hohe Frau, Julian. Du bist ein unerhörtes Wunder, Franke!« »Doch ganz und gar nicht! Seit vier Jahrhunderten sind viele Tausende – ja weit mehr – von uns freiwillig oder gezwungen in euren Heerdienst, eure Staatsverwaltung nicht nur, in eure ganze Bildung eingetreten, haben sie eure beiden Sprachen gelernt, eure Wissenschaften studiert. Nur fanden sie dann freilich nicht immer, wie es mir – zu meinem Heil – gelang, den Weg zu den Ihrigen zurück. Bei mir trat noch das Besondere hinzu, daß ich so früh zu euch kam. In bildungsfähigster Jugend. Und so lange blieb! Fünfzehn Jahre.« »Und wohl auch, daß du für jene Fragen der Weltweisheit und des Götterglaubens mehr als andere Anlage und Eifer...« – »Ja sogar brennende Gier mitbrachtest«, unterbrach Julian. – »Und endlich, daß zufällig Constantius Wohlgefallen gerade an dieser meiner Lernbegierde fand. Er überwies mich zwölf Jahre in allen Hauptstätten christlicher, heidnischer, philosophischer Bildung den berühmtesten Lehrern. Zuletzt wollte mich Constantius freilich taufen lassen auf seinen Arianismus! Allein ich entzog mich und eilte zurück in unsre Wälder. Hier aber traf ich zum zweitenmal einen Mann, dessen scharfe, kühne, stolze Gedanken schon dem Fünfzehnjährigen – kurz vor dem Abschied aus dem Vaterhaus – die Fesseln des Aberglaubens zerfeilt hatten. Von unsern germanischen Stammgenossen im fernsten Norden, jenseits des suebischen Meeres, kam ein wagemutiger Seefahrer, ein Königssohn aus dem Lande der Suionen, den Rhein heraufgesegelt auf seinem Drachenschiff. Einen schöneren Mann habe ich nie gesehen. Das fand wohl auch Mergundis, meine holde Schwester. Er blieb den ganzen Herbst und Winter in unserer Halle. Als der Lenzwind ihm die Segel schwellte, führte er die Schwester als seine Gattin mit fort ins Nordland. Dieser Jarl Swan war der kühnste Mann im Schlagen und Denken. In den vielen, vielen Tagen und Nächten, die ich, der Knabe, seinen mächtigen Worten lauschte, zerrannen mir die hehren und die schönen Gestalten unserer Götter und Göttinnen in eitel Luft. Der Überlegene gewann mich ganz für seine befreienden Gedanken. Jarl Swan glaubte weder an die Asen noch an Christus, dessen Lehre er auf seinen langen Fahrten an euren Küsten kennengelernt, sondern, wie er kurz sagte, ›an sich selbst, sein Schwert und die Notwendigkeit‹. So kam ich in eure Welt hinein: Schon als Knabe befreit von dem holden Reiz, dem lieblichen Zauber des Aberglaubens – aber auch des Glaubens! Sonst hätte doch wohl die Lehre der Kirche oder eines eurer Mysterien oder auch eine eurer Philosophien sich der empfänglichen, suchenden Seele bemächtigt. Nun aber hatte ich denken gelernt; mitleidlos, rücksichtslos denken, jede süße Selbsttäuschung durchbohrend, wie ein Messer eine Papyrusrolle. Und so allein ward es möglich, daß ich mir, unabhängig von allen Religionen, fast auch von allen Philosophemen, die ich kennenlernte, eine eigne Weltanschauung aufgebaut habe, die wenigstens den einen Vorzug hat: den, daß sie mich ganz befriedigt. Und welche Wonne war es, welche Freude des Geistes, als nun – kurz bevor Julian in Gallien erschien – das schöne Paar aus dem Nordland zu Besuch kam, den alten Vater noch einmal zu sehen, und als ich, ein gereifter Mann, meinem Befreier, meinem Schwager Swan sagen konnte: ›Ja, du hast recht. Was ohne Hilfe griechischer, römischer, christlicher Bücher dein kühnes Denken dort in deinem fernen Eisland gefunden hat – all meine jahrelange Forschung hat es nur tiefer und tiefer begründet und von allen Seiten her bestätigt.‹ »Wohlan denn«, nahm Julian das Wort, »verkünde sie uns endlich, diese Weltanschauung, die du uns bisher so hartnäckig verschlossen gehalten hast. Sieh, Freund, ich hab euch die letzten Gedanken meines Geistes anvertraut, hab ich nicht damit ein Recht auf das gleiche erworben? Es hat mich tief geschmerzt, daß ihr beide – meine Liebsten – so ganz und gar verwerft, was ich mit soviel Anstrengung ergrübelt habe. Aber dieser Schmerz, er muß verwunden werden. Die Zukunft wird entscheiden, ob meine Lehre wirklich nur mein Hirngespinst, unbefriedigend für Geist und Gemüt der andern ist; ich halte fest an meiner Überzeugung. Aber mächtig verlangt es mich nun (das mußt du einsehen!), die deine kennenzulernen, sie an der meinen zu messen. Bitte, sprich.« »Ja, du hast ein Recht darauf«, erwiderte Serapio. »Und dein Recht – es soll dir werden. Obwohl...! Ich weiß es, du und dieser gute Jovianus da, ihr werdet wenig Freude daran haben. Ja, euch entsetzen an den grausamen Ergebnissen. Ich mache es kurz. Satz für Satz zu beweisen, es würde mehr Stunden erheischen, als diese Nacht uns noch gewährt, so viele Stunden als ich Jahre brauchte, um diese Überzeugung nicht zu erlernen – eine solche ist nur ein windig Gedankengespinst –, nein, sie zu erleben. Denn die Probe über die Lehre des Philosophen ist sein Leben: Ihre befriedigende, tröstende Kraft in den furchtbarsten Prüfungen. Diese Probe – meine ›Philosophie‹ (wenn ihr es so nennen wollt!) hat sie bestanden. Ich sag euch am Schlusse, wann und wie. Also! Die Welt ist. Sie ist nicht bloß ein Schein, wie eure Skeptiker und Sophisten lehren. Da sie aber ist, ist sie ewig. Das heißt: anfanglos, endlos. Und hier stehen wir schon an der Grenze unseres Denkvermögens. Wir müssen die Ewigkeit denken und können sie doch nicht denken. Also, wir werden die Welt nie begreifen. Aber solange Menschen denken, werden sie die Wahrheit suchen. Sie müssen. Sie müssen sie suchen im Gemüt, im Glauben. Das heißt: die Religionen sind notwendig; sie enthalten alle die eine Wahrheit, daß das Ewige ist. Und sie enthalten daneben alle Irrtum. Die Menschen müssen aber auch das Ewige suchen im Begriff. Das heißt: Die Philosophen sind notwendig; auch sie enthalten alle jenes Wahre. Und alle daneben Irrtum. Viele Religionen und viele Philosophien stellen einen Gott als Schöpfer des Seins auf. Unmöglich! Denn er ist ja selbst: Er kann doch nicht sein eigener Schöpfer sein. Andere Religionen – so die meiner Stammgenossen – und andere Philosophien lassen Gott oder Götter erst aus dem ewigen Urstoff erwachsen. Ebenso unmöglich! Denn das ewige Sein bleibt auch hierbei unbegreiflich. Jenes ewige Sein ist selbst das, was die Leute Gott nennen oder vielmehr, das ewige Gesetz dieses ewigen Seins ist Gott. Nicht ein alter Mann über den Wolken. Oder zwölf Herren und Frauen und Jungfräulein auf dem Olymp oder in Asgardh. Welche Gotteslästerung, Gott nach dem Bilde der Menschlein hier – auf diesem winzigen Teil des Alls – zu gestalten! Aber freilich, überall haben die Menschen ihre Götter nach ihrem eigenen Bilde geschaffen: Zeus ist ein ins Übermenschliche hinein verherrlichter Hellene, Wodan ein solcher von den Unsern. Tief verhaßt ist mir die unwürdige Vermenschlichung der Götter, gerade weil ich ›fromm‹ bin! Das heißt: von tiefster Ehrfurcht für das Göttliche erfüllt. Und seht, die Religionen sogar stellen ein Schicksal auf, ein Gesetz, das hoch über dem Willen und der Kraft auch der Götter thront. Denn – gebt acht – du fragtest mich einmal verwundert, o Julian, wie es zugehe, daß meine Volksgenossen, Alemannenkönige, die doch sicher nie Homer gelesen, ganz ähnlich wie Homer über den Göttern ein unpersönlich Schicksal herrschend glauben? Das geht so zu, bei uns wie bei euch. Die Phantasie muß eine Vielheit von Göttern gestalten; sie verträgt es nicht, daß eine Gestalt des Krieges und der Ernte, des Winters und des Sommers, der Geburt und des Todes walte. Auch Christen und Juden, die auf eure Vielgötterei so stolz herabschauen, stellen zwischen Gott und den Menschen wenigstens Viertelgötter: Erzengel, Engel, Seraphim, Cherubim. Bald werden auch die Heiligen Achtelgötter werden; nicht der Kirche, aber dem Volk. Ferner fordert das menschliche Herz ein Gottesherz, an das es im Gebete sein Fürchten und Hoffen legen mag und sein Schuldbewußtsein. Die Menschen kennen aber kein anderes bewußtes Wesen als den Menschen. Deshalb gestalten alle Völker überall und immer ihre Götter nach dem Bilde des Menschen, nach dem eignen Bilde. Von der Vermenschlichung unscheidbar ist aber die Verschuldung; alle Leidenschaften der Menschen tragen sie in ihre Götter hinein: Liebe und Haß, Rache, Eifersucht, Zorn. So sprechen Juden und Christen von ihrem zornigen, eifersüchtigen Gott, von Vatermord und Ehebruch Jupiters zu schweigen. Aber diese zahlreichen und arg vermenschlichten Götter befriedigen nicht mehr das Menschenherz und den Menschengeist – sie empören beide. Der Krieger betet um Krieg zu Ares, der Landmann um Friede zu Demeter – welche Gottheit wird siegen? Der Gatte, der ein Mädchen verderben will, betet zu Aphrodite, die Ehefrau um die Treue des Gatten zu Hera – wer wird siegen? Nun versucht man, Zeus, Jupiter, Wodan, als den Alleinmächtigen und als heiligen Gott, als ›Allvater‹ hinzustellen. Ach, er findet keinen Glauben. Wenn Frau Hera Zeus in Liebesseligkeit einschläfern und während seines Mittagsschläfchens allerlei Unfug anstellen kann, was hilft seine Obmacht? Und soll man von Zeus dem Stier, dem Schwan, dem Goldregen Schutz der Keuschheit, der Ehe erhoffen? ›Fort darum mit all den vielen von Leidenschaften hin und her getriebenen Götter‹, ruft das Bedürfnis nach Einheit, nach gesetzlicher Notwendigkeit, das des Philosophen; ›fort mit den schuldigen Göttern‹, schreit das Sittliche, das Gewissen im Menschen. Und so wird über die vielen Götter das eine bewußtlose Schicksal gestellt: die Heimarmene, das Fatum, die Urdh. Lieber ihm, lieber der blinden Notwendigkeit sich unterwerfen, als zwölf einander widerstreitenden, schuldvollen Göttern und Göttinnen! Allein – es hilft auch nicht auf die Länge. So unabweisbar drängt die Phantasie in der Religion – deren mächtigste Helferin und verderblichste Veranstalterin – zur Vielheit und zur Vermenschlichung des Göttlichen, daß die kaum gewonnene eine unpersönliche Notwendigkeit des Schicksals alsbald wieder vervielfältigt und verpersönlicht wird in drei Parzen oder drei Nornen. Bei uns Germanen aber ist in leisem Beginn eine wunderbare Lehre – viel zu tief und zu heldenhaft großartig, als daß sie bei euch hätte entstehen mögen. Ihr Hellenen und Römer behaltet eure vielen liederlichen Götter und (ausgenommen wenige) desgleichen Göttinnen in alle Ewigkeit, so daß sich ernste, philosophische, sittlich strenge Männer schon bald ein halb Jahrtausend lang vom Glauben des Volkes abwenden. Wir Germanen aber – mein Schwager brachte aus dem Nordland die Anfänge dieser noch geheimen Lehre –, wir haben all unsere Götter und Göttinnen zum Tode verurteilt, weil die schuldig gewordenen unserem sittlichen Ernst nicht mehr genügen. ›Götterdämmerung‹ nennen sie das im Norden. Es ist eine großartige Tat! Denn wir verurteilen darin ja uns selbst; nein, viel mehr als uns selbst, unsere Wunsch- und Traumbilder, unsere Selbstverherrlichung. Denn was sind Wodan und Donar und Paltar und Frigg und Freia anders als wir selbst? Ich sagte es schon – ins große gemalt und verherrlicht. Ich sag euch, wer mit solcher Liebe und mit solchem Ernst wie ich seines Volkes Götter erfaßt hat, mit so glühender Begeisterung, und sie dennoch zuletzt als holde Traumbilder fallenlassen mußte, den können auch die Geheimnisse des Serapis, die Wunder Moses und des Jungfrauensohnes und auch, o Julian, dein Helios – dieser Hälbling von Mystik und Philosophie – nicht mehr gewinnen. Diese bunten Spiele der Einbildungskraft, sollen sie dem quälenden Drang des Menschen nach dem Wissen, nach dem Begreifen von Gott und Welt genügen? Unmöglich! Bei den Völkern und bei allen einzelnen von uns, die solcher Entfaltung fähig sind, wird die Religion so notwendig ersetzt oder doch ergänzt durch die Philosophie, wie auf die Blüte, wenn sie nicht verkümmert, die Frucht folgt. Aber neben dem Wissen bleibt die Ahnung für jenen, ach nur allzugroßen Rest des Göttlichen, den auch der Wissende nie, niemals erreichen wird. Und wehe dem, der solcher Ahnung spottet! Er ist seicht, und die ewigen Sterne finden nicht Tiefe genug in ihm, sich darin zu spiegeln. Wenn nun aber alle Religionen und alle Philosophen Gott nicht zu fassen vermögen, warum ihn suchen? Weil wir müssen. Gott selbst werden wir nie begreifen, wohl aber Stücke seines Waltens im Rauschen des Waldes wie der Schlacht. Und diese Stücke müssen wir gierig suchen: Der kleinste Splitter genügt, uns in frommem Schauer der Ehrfurcht das unausdrückbar Erhabene Gottes ahnen zu lassen. Und wie waltet Gott? Durch Gesetze, durch Notwendigkeiten, die sich so unvermeidlich vollziehen, wie der Donner dem Blitz folgt, wie der Schleuderstein endlich zur Erde fällt. Daher ist auch die Freiheit des Menschen nicht Willkür, sondern Notwendigkeit. Frei sein! Was ist's? Es ist, seine Eigenart darleben können. Unfrei sein, in ihr gehemmt werden. Die geträumte Freiheit – als reine Willkür – unterbricht die ununterbrochene Kette von Ursache und Wirkung durch das Wunder. ›Also‹, höre ich schon deine Pontifices wie die Bischöfe gegen mich eifern, ›also gibt es keinen Unterschied von Gut und Bös. Also frönen wir doch lustig allen Lüsten und Lastern. Denn ohne Zweifel leugnest du auch das Leben nach dem Tode, die Belohnung und Bestrafung. Und dein Gott – dein sogenannter (jeder nennt nämlich den Gott des andern den ›sogenannten‹) – leitet, ist er ein starres Gesetz, auch wohl nicht mit Weisheit und Gerechtigkeit die Welt? Das ist ja zum Verzweifeln.‹ Gemach! Die Pfütze muß stinken, die Rose muß duften, aber wir meiden doch jene und lieben diese. Und wir töten den Wolf, obwohl wir wissen, daß er unsere Schafe zerreißen muß. Der Mensch muß das Gute tun um der Pflicht willen, um der Vernunft willen; das Böse ist widervernünftig. Es führt unvermeidlich zum Wahnsinn, zur Vernichtung der Menschheit. Aber freilich wechseln die Auffassungen der Völker und Zeiten von Gut und Bös wie die von Schön und Häßlich. Uns ist Blutrache Pflicht, den Christen ist sie Sünde. Der Einsiedler hat keine Tugend, sage ich, denn Tugend setzt Leben mit andern voraus; den Christen gilt der fromme Einsiedler als gar gewaltig tugendsam. Wer aber das Gute tut aus Berechnung auf den Lohn im Elysium oder im Himmel, handelt nicht sittlich, sondern höchst unsittlich. Und die Seele? Sie ist an ihren eigensten Leib gebunden; meine Seele kann nicht in Julians Leib stecken. Deshalb lehren die Christen ganz folgerichtig die Auferstehung des Fleisches. Es ist nur nicht jedem gegeben, daran zu glauben. Die Gier nach dem ›ewigen Leben‹ ist egoistisch; die Unsterblichkeit ist die Tochter des Selbsterhaltungstriebes und der Todesfurcht. Der Leib aber ist dem Tode verfallen; und – hast du je der zerschlagnen Lyra Stimme wieder gehört? Und was Philosophen und Priester bis zur Ermüdung untereinander streiten, ob Gott, wie sie sagen, ›persönlich‹ oder ›unpersönlich‹ sei, das ist für mich ganz sinnlos. Wie dürfen wir Menschlein hier auf Erden den Unterschied, den wir zwischen uns und Tieren, Pflanzen, Steinen aufstellen, in jenes unausdenkbar Erhabene hineintragen, das wir Gott nennen? Aber freilich, wir haben ja sogar den Unterschied von Mann und Weib in das Göttliche verlegt! Auch du, Julian, mit Helios und Pallas Athene! Gewiß ist Gott nicht ›Stoff‹ – ›Hyle‹, sagt Aristoteles –, aber ist er um deswillen ›Geist‹ nach dem Bilde des Menschen? Und nun erhebt mir nur auch kein Gejammer weiter über die Trostlosigkeit solcher Lehren! Nicht das Erwünschte, das Wahre gilt es zu suchen. Und, ist es denn wahr, daß auf Erden stets das Gute siegt? Hat Gott nicht zugelassen, daß euer Römervolk etwa ein Jahrtausend lang alle andern Völker mit jedem Mittel der Gewalt und List geknechtet hat? Was hatte dein Vater verbrochen, Julian, was die andern Opfer jener blutigen Mainacht? Gestern trug man zu deinem Oribasius ein reizendes Kind, das unter den furchtbarsten Qualen im Sterben lag; eine Schlange hatte es gebissen, da es für die Mutter Blumen pflückte. Wo blieb da der Schutzengel, der ungesehen kein Haar von unserm Haupte fallen läßt? Heute ward ein armes Geschöpf von sechzehn Jahren vor deinen Richter gestellt wegen Kindesmord. Das unschuldige Mädchen war, da es im Walde Reisig sammelte, von einem Räuber vergewaltigt worden. Und die Engel ließen es zu! Ja, sie ließen sogar das Gräßliche zu, daß sie von dem verabscheuten Unhold ein Kind empfangen und in Schmerzen gebären mußte, ganz ebenso wie ein Eheweib von dem geliebten Gemahl. In Verzweiflung hierüber hat sie das Neugeborene erwürgt. Wohl hast du sie begnadigt, aber Gott hatte keine Gnade für sie gehabt. Sie hat doch das Scheußlichste erdulden und neun Monate fort schleppen müssen. Und unversehrt lebt der Schurke und freut sich der geraubten Lust. Wo ist da die gerecht waltende Vorsehung? Wollen wir die Wahrheit nicht sehen? Dann laßt uns das Denken aufgeben. Wohlweislich verlegen daher die Christen die ausgleichende Gerechtigkeit in das Jenseits und nennen die Wege Gottes ›unerforschlich‹. Letzteres ist ungefähr dasselbe, was ich sage. Nur mit einem Unterschied. Ich habe erkannt, daß das Glück der Menschen durchaus nicht der Zweck der Welt ist, sonst wäre sie ein höchst mißlungenes Stümperwerk. Sondern es will sich ein ewiger Wille vollenden. Ihm dient der Trotz wie der Gehorsam. Ihm muß das Böse, ihm will das Gute dienen.« »Das ist ja aber trostlos!« unterbrach Jovian, tief aufatmend. »Keine Unsterblichkeit, keine Freiheit, kein Gott, wenigstens keiner mit einem fühlenden Herzen, keine Hoffnung, daß das Gute siegen müsse, kein Vater im Himmel, zu dem man im Schmerz beten, dem man Wunsch und Furcht vortragen kann! Merowedi, warum lebst du dann?« »Weil ich das Gute tun, das Wahre suchen, das Schöne genießen kann, will, muß. Weil es – trotz allem Weh – des Lebens lohnt. Weil mir Gott seine ganze große, herrlich schöne Welt geschenkt hat, darin meine Eigenart darzuleben. Das tu ich gern. Mit Freude tu ich's. Mich freut es, meinem alten Vater helfen, meinem Volke, meinen Freunden dienen zu können. Es beglückt mich, das Wackere zu tun. Ich lebe nicht für mich, ich lebe für die Meinen. Aber nicht für die Menschheit, die ist ein hohler Schall! Der Mensch dient der Menschheit, indem er seinem Volke dient. Einen Menschen im allgemeinen hab ich noch nicht gesehen. So will ich leben, so will ich sterben: furchtlos und treu. Du fragtest mich neulich, Julian, ob ich, ein Freund, ein Schüler des Philippus, denn nicht wenigstens an die Weissagungen, die Bedeutung der Sterne glaube? Ja, jener edle und weise Mann wollte mich für diesen poesievollen, schönen Wahn gewinnen. Allein er mußte verstummen, als ich ihm vorhielt, daß von zwei Zwillingsbrüdern, in derselben Minute, also mit dem gleichen Horoskop für beide, geboren, der eine ein Leben voll Tugend und Unglück, der andere ein Leben voll von Lastern und von Glück geführt habe. Ihr seht, meine Lehre ist alleräußerste Entsagung: Der Verzicht auf Glück und Lohn, im und nach dem Leben. Die Pflicht erfüllen, um der Pflicht willen. Ich bin nicht euer Herakles; aber gleich ihm hab ich in der Jugend schon zwei Schlangen erwürgt: den Aberglauben und die Todesfurcht. Und sagt nicht: ›Der hat jetzt gut reden. Trifft ihn der Augenblick des Schmerzes, der Gefahr, klammert er sich doch an irgendeinen Trost.‹ Nein, meine Freunde. Ich sagte euch schon einmal: Ich liebte ein herrliches Geschöpf. Das höchste Glück, das mir im Leben gewinkt hatte, ich schlug es aus, um der Pflicht, um meines Volkes willen. Es tat weh. Aber nicht einen Augenblick hab ich geschwankt. Und als ich dort – bei Straßburg – vom Rosse stürzte – die Wunde schmerzte sehr –, ich dachte im nächsten Augenblick zu sterben, mein ganzes Leben zog da wie im Fluge noch einmal durch meine Gedanken. Da sagte ich mir: ›Und es war doch schön. Und es reut mich nicht. Und obwohl ich jetzt der Vernichtung anheimfalle, für ewig – ich sterbe für mein Volk, so sterb ich gern. Ich bin so zufrieden mit meinem Lose, als glaubte ich daran, die Walküre trägt mich jetzt in Walhalls ewige Wonnen.‹ Ich bin kein Dichter. Obwohl mir nachts, wenn ich, einsam wandelnd, in die Sterne schaue, Gedanken kommen, die mir von selbst bald zu Stabreimen, bald zu lateinischen Versen werden. So hab ich mir neulich nachts meine Gedanken kurz zusammengefaßt in diese schlichten Zeilen: ›Entsage ganz, so bist du frei von Schmerzen! Zerbrich der Selbstsucht schnöde Zwingherrschaft, Begreif das Notwend'ge, und sei frei. Dem Gott, dem Ew'gen, diene treu und stark. Dem Ganzen opfre dich, dem du gehörst. Das höchste Gut des Mannes ist sein Volk, Ihm sollst du leben, sollst du sterben auch! So wird der Friede ziehn in deine Seele: Wunschlos versöhnst der Welt du dich und Gott, Und lebst und stirbst, ein jeder Zoll ein Held.‹ Tief bewegt, heiß erregt sprang nun der sonst so streng Verhaltene auf. »Verzeiht, ihr Freunde! Allzuviel hab ich euch vorgeredet von Merowech, Nebisgasts Sohn. Aber ihr habt's gewollt. Ihr werdet fortab nicht mehr zu leiden haben unter meiner Geschwätzigkeit. Und du, Julian, nochmals, vergib! Wir wissen doch alle nichts von Gott, wir suchen ihn im Umhertasten, im Dämmerdunkel – warum sollst du nicht ebensogut das Richtige ertastet haben wie ich? Und so sag ich zum Abschied – denn bald schon graut der Morgen –, Götterglauben ist kindlich. Gott leugnen ist Wahnsinn. Gott suchen ist alles.« Er schritt rasch zur Türe hinaus. Tief ergriffen blieben die beiden andern zurück. Nach geraumer Weile sprach Jovian, sich erhebend: »Das ist gewaltig. Aber eiskalt. Ich könnt es nicht ertragen. Dabei würd ich verzweifeln. Nein, ich muß glauben können, muß zu einem Gotte flehen, reden können, von Herz zu Herz, wie von Mensch zu Mensch. Lieber an jedes Wunder glauben, als diese, diese – wie soll ich sagen –, diese abgrundtiefe Entsagung!« »Ja«, bestätigte Julian, sich langsam aufrichtend, »es ist wirklich allzu trostlos. Es ist übermenschlich, wie des Galiläers Lehre widermenschlich ist. Das Menschliche aber brauchen wir Hellenen und Römer. Weißt du, Freund Jovian, was des Germanen Lehre ist? Barbarisch ist sie, wie das ganze Volk. In dem endlosen Winter Germaniens, unter Eis und Schnee und dem grauen, alle Freude verfinsternden Nebel, mag solch grausam Grübeln erwachsen; unerleidlich ist es für uns Kinder einer freundlicheren Sonne. Phöbos Apollo, Helios, unbesiegter, wir können nicht dein entraten! Verscheuche mir mit deinen Strahlen morgen beim Erwachen das düstere germanische Nebelgewölk aus dem Nordland. Wir wollen zu schlafen versuchen, Jovian, und lächelnd träumen von dem Schönen.« Siebzehntes Kapitel Die Fragen der Wissenschaft und des Glaubens wurden aber nun in den Gedanken des Herrschers in der letzten Zeit seines Aufenthalts zu Byzanz zurückgedrängt durch ganz andere Sorgen. Was ihn schon bald nach seinem Eintreffen in der Hauptstadt des Morgenlandes zumeist beschäftigte und was ihn nun allmählich nötigte, von dort aufzubrechen, das war der immer mehr unvermeidlich scheinende Perserkrieg. Er berief nun seine Feldherren in seinen Palast zu Byzanz und forderte Jovian auf, vor diesem Kriegsrat den ihm längst übertragenen Bericht über die große Frage zu erstatten. »Denn«, sagte er bei Eröffnung der Beratung, »falls mir die Götter nicht gestatten, den Feldzug lebend zu vollenden, ist es mein Wille, daß Jovianus ihn zu Ende führe; er soll mein Nachfolger – auch hierin – sein. Beginne, Magister Militum.« Nun berichtete Jovianus: »Ich erinnere kurz an die Vorgeschichte des bevorstehenden Feldzugs. Der König der Könige, ›der Genoß der Sterne‹ – wie er sich nennt –, Sapor, der Sohn des Hormisda, herrscht gewaltig schon viele Jahre über die unermeßlichen Länderstrecken dort im fernen Osten, die das alte Perserreich allmählich unterworfen oder zur Waffenhilfe gezwungen hat. Dieser Herrscher ward gekrönt, noch bevor er geboren war. Als sein Vater gestorben, versicherten die Magier, das Kind, das seine Witwe demnächst gebären werde, sei ein Knabe, das hatten sie in den Sternen gelesen. Die Königin ward in vollem Herrscherstaat auf einem Purpurwagen, den zahme Löwen zogen, in die Mitte der Heeresversammlung gefahren; die Magier legten des Verstorbenen mit Perlen und Edelsteinen übersätes Diadem auf ihren Leib, und alle Satrapen und Feldherren und die Könige und Fürsten der unterworfenen Reiche und die vielen Zehntausende von Kriegern knieten nieder und leisteten ihrem noch ungeborenen Herrn den Schwur der Treue. Und ein großer Herrscher ward Sapor! Fast noch ein Knabe, züchtigte und unterwarf er die räuberischen Araber der Wüste, an seiner Südgrenze, und eroberte bald darauf sein Nachbarland im Norden, Armenien, das Reich der Arsakiden, das uns lang ein treuer Bundesgenosse gewesen war. Nun wandte sich der Großkönig unmittelbar gegen unsere Grenzlande selbst. Von seiner stolzen Hauptstadt Ktesiphon am Euphrat bis vor die Tore von Antiochia trug er jahre-, jahrzehntelang seine Waffen! Vergebens versuchte Constantius, ihn zurückzudämmen; in neun blutigen Schlachten wurden die Legionen jedesmal geschlagen, am schwersten bei Singara, wo Constantius selbst sie befehligte! In einem maßlos hochmütigen Schreiben – in Purpurseide war es eingeschlagen und mit Goldtinte geschrieben – verlangte nun ›des Mondes und der Sonne Bruder‹ als Nachfolger des Darius Hystaspes alles römische Land in Asien und auch in Europa bis zum Flusse Strymon in Makedonien ...« »Warte«, unterbrach Julian zornig, »über den Tigris, über den Indus, bis an den Ganges will ich dich jagen, Großkönig der Prahler.« »Aus besonderer Gnade wolle er sich jedoch mit der Abtretung von ganz Armenien und Mesopotamien begnügen. Das war doch auch Constantius zu stark. Aber alsbald erschien Sapor im Feld, an der Spitze von Hunderttausenden, gefolgt von zwanzig dienenden Königen des Morgenlandes. Er erstürmte unsere stärkste Feste in jenen Landen – Amida –, dann auch Singara und Bezabde, und führte fünf römische Legionen kriegsgefangen mit sich fort ins fernste Parthien. Vergebens rückte nun Constantius selbst heran, Bezabde wiederzugewinnen: Nach langer Belagerung mußte er schimpflich abziehn und bis Antiochia zurückweichen. Nach diesen Erfolgen haben die Perser von ihren neu errungenen Gebieten aus nicht nur im Norden bis nach Bithynien gestreift, nein, selbst Antiochia, die üppige Hauptstadt Syriens, einmal überrascht und geplündert; ja im Süden haben sie ihre Parther-Rosse gegenüber von Byzanz in den Wassern der Propontis gebadet und gedroht, das nächstemal auf unsern eignen Schiffen überzusetzen und die Stadt des großen Constantinus zu erobern. Das ist der Stand der Dinge, den Constantius bei seinem Tod unserem Imperator hinterließ.« »Er ist demütigend genug«, rief Julian. »Wohlan, wir zahlen's heim! Alexander hat gezeigt, wie weit auch in das Morgenland ein Heldenwille dringen mag. Wie? Aus dem fernsten Süden, aus Afrika von den Mauren, aus dem Norden von den Bosporanen, aus dem Morgenlande von Armeniern, Diven und Serer-Diven, ja aus Indien und aus der Insel Taprobane, die an dem äußersten Ostrande der Erde im Meere leuchten soll, wie ein Demant, sind Gesandte bei mir eingetroffen, dem Reich der Römer verehrungsvolle Grüße, mir reiche Geschenke darzubringen – und altrömische Provinzen sollen Jahr für Jahr von den parthischen Reitern durchflogen werden? Nein, bei Mars dem Rächer! Zwar schickte Sapor auf die Nachricht, daß Constantius einen – andersgearteten – Nachfolger erhalten habe, eine Gesandtschaft, die Friedensverhandlungen anknüpfen sollte. Aber ich ließ diesem Erben des Cyrus und des Xerxes sagen, Gesandte und Briefe seien überflüssig, da ich demnächst selbst eintreffen werde in seinem Palast zu Ktesiphon.« »Nun«, mäßigte Jovian, »ist Sapor im Wege des Vertrages dahin zu bringen ...« Aber heftig sprang Julianus auf: »Nein, Magister Militum! Nichts von Verträgen, nichts von Obereinkunft! Erst ein Sieg, ein glänzender, erst die volle Demütigung des Großsprechers; dann mag ihm – nach seinen Bitten um Frieden – gewährt werden, daß er unter Geiselstellung gelobe, unsere durch meine Siege vorgeschobene Grenze nie wieder zu verletzen! O meine Freunde! In meinem Alter hatte der Makedone schon Persien bezwungen; sollen Römer den Griechen nachstehen? Und nicht allzuweit möchte ich selbst zurückstehen hinter des Philippos Sohn! Wilde Alemannen und Franken haben wir geschlagen am Rhein; sollen wir nicht diese weichen Morgenlandleute bezwingen? Mir fehlt der Bukephalos und der Glaube, des Zeus Ammon Sohn zu sein. Aber unbesiegte Götter schweben auch um meinen Helm. ›Julianus Persicus Parthicus‹ – nicht übel würde es lauten, dünkt mich. Erhebt euch, Waffen-, bald wieder Siegesgenossen. Wehe dir, Asia, der Adler Roms fliegt gegen dich heran! Alle Götter, die bei Marathon und Salamis, am Granikus und zu Arbela die Scharen der Hellenen zum Siege geführt, sie werden auch mit uns sein.« Mit allen gegen eine Stimme ward der Krieg gegen Persien beschlossen: Julians glühende Begeisterung riß alle mit fort. Nur Jovian hatte verlangt, vorher noch einmal den Weg der Verhandlung mit Sapor zu betreten. Er ward überstimmt; scheidend sprach er zu dem Imperator: »Ich wünsche dir Glück zu diesem, deinem ersten Sieg im Perserkrieg. Und Glück zu den weiteren! Du wirst es brauchen! Freund! Du weißt wohl kaum – ich hab es ausgerechnet –, wie weit der Weg nach Ktesiphon ist. Und der Rückweg wäre weiter als der Angriffsweg.« »Es gibt für mich keinen Rückzug aus diesem Kriege.« »Möge dies Wort kein Omen sein!« Achtzehntes Kapitel Am Abend des Beschlusses des Perserkrieges sprach Julian zu den beiden Freunden: »Unser Weg an die persische Grenze führt über Antiochia, die erste Stadt von Syrien. Dort will, dort muß ich lange Zeit verweilen, die Verwaltung des ganzen Morgenlandes zu ordnen, auch die Rüstungen, näher der Grenze, zu betreiben.« – »Antiochia?« warnte Serapio nachdenklich. »Ich kenne die Stadt. Ich weilte dort einmal ein Dreivierteljahr. Wenig werdet ihr, du und das Völklein der Antiochener, euch befreunden. Wähle anders!« – »Unmöglich! Dort laufen, wie alle Straßen der Landschaften, so alle Fäden der Verwaltung zusammen.« – »Hm«, meinte Jovian, »schlecht werdet ihr euch vertragen. Man sagt – ich las es jüngst –, die Antiochener jagen jeder Lustbarkeit nach, faul sind sie, schaulustig, wohllebig, prachtgierig, leichtsinnig, geschwätzig, weichlich, wollüstig.« – »Mag alles sein«, sprach Julian. »Ja, ich glaube, es ist so. Und daneben sind sie die frömmsten Galiläer. Desto notwendiger ist es, daß ich dort erscheine, ihnen die Tugend zu bringen und die Götter! Und wie freue ich mich, dort meinen Liebling wiederzufinden ...« – »Artemidor!« rief Serapio. »Ja, das ist der liebenswürdigste und schönste aller Hellenen, dem schlanken Hermes des Praxiteles vergleichbar, den ich jüngst bewunderte.« – »Und als Künstler erreicht ihn keiner, auch nicht Georgios von Milet, obwohl dieser neulich einen Alexandras, der zu Roß einen Löwen erlegt, auf einer Gemme dargestellt hat, nicht größer als der Nagel meines Daumens. Ich bezahlte einen hohen Preis dafür.« »Das, o Julian«, erwiderte Serapio, »scheint mir nur ein Kunststück, kein Kunstwerk. Ich würde dem Milesier als Kaufpreis nur eine einen Daumennagel schwere Goldmünze gereicht haben. Ich sah Artemidor lange nicht mehr in dem Palast. Wo ist er?« »In Daphne bei Antiochia; und, wie er schreibt, in eifrigster Arbeit. Ich habe jenes altberühmte Heiligtum des Apollo, das in traurigen Verfall geraten sein soll, wiederherzustellen beschlossen und meinem geliebten Wahlsohn das Amt übertragen, auch dort das Häßliche zu ersetzen durch das Schöne und den Sieg des göttlichen Lichts.«   Nachdem Julian noch in umsichtiger Weise für die Grenzwehr Thrakiens gegen die gotischen Völker an der Donau Sorge getragen, verließ er – an den Iden des Mai – Byzanz und verlegte seine Hofhaltung nach Antiochia. Die Monate, die er zu Byzanz verbracht hatte, sollten die einzige glückliche, unbewölkte Zeit seiner kurzen Herrschaft sein. Auf seinen abergläubischen Sinn blieb es nicht ohne Eindruck, daß von dem Augenblick an, da er aus dem Palast am Bosporus aufbrach, eine ganze Reihe von unheilverkündenden Zeichen sich an seine Fersen heftete. Bei dem Ritt nach dem Hafen stolperte Argos, sein weißer Hengst, und stürzte auf beide Vorderfüße nieder; er mußte ein anderes Pferd besteigen. »Ein böses Omen! Nie kehrt er zurück!« raunten die Leute um ihn her, zwar vorsichtig, leise; aber seine üble Neigung, stets auf die Urteile der Menge, auf deren kleinste Äußerung über ihn zu achten, hatte sein Ohr geschärft in langer Übung. Er verstand jedes Wort. Er erschrak. Die Auslegung des Zeichens war ja zweifellos richtig! Bei der kurzen Überfahrt aus dem Hafen von Byzanz nach Chalkedon setzte sich auf den purpurbewimpelten Mast seines Eilschiffs laut krächzend ein Rabe und war durch all den Lärm der vielen Menschen lange Zeit nicht zu verscheuchen. Julian erbleichte, als er wieder aus dem Geflüster der Ruderer die Worte verstand: »Der Totenvogel! Der Imperator stirbt.« Serapio bemerkte den finstern Eindruck auf den Freund: »Abergläubischer Philosoph!« tröstete er. »Uns Germanen ist Wodans Vogel glücklicher Anfang. Nimm an, es gilt mir.« – »Nicht doch, stets dem Obersten an Bord gilt das Omen!« erwiderte Julian ernsthaft. »O Freund, schelte mir nie wieder über den Aberglauben der Christen!« Aber ungleich tiefer traf ihn – nicht nur als ein Anzeichen des Unheils, als ein Unheil selbst – etwas anderes. Sein Weg nach Antiochia führte über Nikomedia. Er freute sich innig, diese Stadt wieder aufzusuchen, das erinnerungsreiche Vaterhaus, vor allem aber Maximus wiederzusehen, den geliebten Lehrer. »Lysias hat mich«, pflegte er zu sagen, »aus dem galiläischen Grab auf die Oberfläche der Erde, Maximus aber von der Erde in den höchsten Himmel zu den Göttern gehoben.« Er sandte Boten voraus, in dem Elternhause selbst Wohnung für den Imperator zu besorgen, Maximus Ehrengeschenke, darunter einen Becher in Gestalt eines goldenen Schiffes, zu überbringen und die Bitte, in jenem Hause bei ihm zu wohnen, damit er von seinem Gespräch möglichst viel genieße. Schon auf der Reise von Byzanz nach Nikomedia erhielt er die Nachricht von Erdstößen, die sowohl in der Hauptstadt als in manchen Städten Kleinasiens einigen, nicht erheblichen, Schaden angerichtet hatten. Fast schwerer wog ihm das hierin liegende üble Vorzeichen für den eben beschlossenen Krieg. Als sich aber im Abendrot der Zug des Augustus den Toren von Nikomedia näherte, sprengten Boten und einige Bürger der Stadt ihm eilfertig entgegen, und ihr Führer, ein Priester der Athena, sprach: »O Herr, ziehe den Zügel an! Wende dein Roß! Reite nicht ein in die trauernde Stadt, daß nicht Trümmer und Tod ihre schwarzen Schatten auf deinen Weg werfen.« »Was ist geschehen?« fragte Julian bestürzt. »Kann ich nicht in meinem Elternhause den Göttern opfern?« – »Nein, o Herr! Dein Elternhaus, es ist nicht mehr. Ein Erdbeben – heute morgen. Alle andern Gebäude stehen unbeschädigt; jenes ... es liegt in Trümmern, auch der neu von dir errichtete Hausaltar.« Schmerz zuckte über Julians bleiches Antlitz. »Wehe! Ein trauriges Vorzeichen! – So werd ich bei Maximus wohnen. Wie nahm er die Geschenke auf?! – »O Herr, zürne mir nicht! Die Geschenke ... dort die Sklaven bringen sie zurück. Maximus ist ...« – »Was ist mit meinem Lehrer?« – »Tot ist er. Der einzige unter allen Einwohnern! Erschlagen von ...« »Von wem?« fuhr Julian zornig auf. »Von den Galiläern? Schon einmal bedrohten sie sein Leben! Wehe ihnen! Erschlagen von wem?« – »Von dem Altar deines Hauses, den du Apollo neu errichtet hast. Maximus stand davor, ihn für deinen Einzug zu schmücken, zu bekränzen, das erste Opfer darzubringen, umgeben von deinem Gesinde. Da kam der Erdstoß; der hohe Marmorstein schlug um, ihn allein hat er getroffen.« – »Er! Er selbst ward das erste Opfer«, stöhnte Julian in bitterem Weh. »O Maximus! Und für mich! Um meinetwillen!« Er stieg vom Pferd, warf sich in das Gras neben der Straße und weinte laut. Die Freunde und Oribasius, der Arzt, hatten Mühe, ihn zu beruhigen, ihn wieder in den Sattel zu bringen. »Eusebia – Helena –Philippus – Maximus!« seufzte er. »Sie scheinen mich nachzuziehen!« Und er befahl, die Stadt Nikomedia zu umgehen. »Es ist unheimlich«, flüsterte Jovian Serapio zu. »Das andere – Roß und Rabe –, das ist nichts. Aber es scheint doch fast, als ob Christus wirklich auferstanden sei und hoch vom Himmel herab den Götterdienst und die Götterdiener sichtbar strafe.« – »Auch du, Jovian? Halte dir deinen hellen Kopf nüchtern und frei von jedem Aberglauben! Hörst du, von jedem! Mir ist, unser Freund wird klarer Köpfe um sich bedürfen. Er ist überreizt. Wer weiß, was ihm Antiochia bringt an Aufregungen. Perserpfeile, Reiterangriffe möchte ich ihm viel lieber wünschen.« Zunächst brachte ihm nun schon jeder Aufenthalt unterwegs, zumal in den größeren Städten wie Nicäa, Ankyra, Archelais, Tyana, Faustinopolis, Pylä, Tarsus und Ägä zahlreiche Ärgernisse. Bereits hier vernahm er gar viel von den Klagen der Christen über Verfolgung, über grausame Handhabung seiner neuen Gesetze, Klagen, die ihm alsbald in Antiochia hoch über dem Haupte zusammenschlagen sollten. Es zeigte sich, daß die mit der Ausführung betrauten Beamten, die man nicht wohl aus Christen oder Christenfreunden hatte wählen können, geschürt von den »hellenistischen« Priestern, arge Willkür und Rachsucht walten ließen. Der junge Herrscher sah seine bestgemeinten Beschlüsse mißbraucht, seine Gerechtigkeit für alle, in Bedrückung der Christen verkehrt. Das verbitterte ihn, erfüllte ihn mit Mißmut. Andererseits reizten christliche Eiferer durch blindes Toben auch gegen seine gerechten Anordnungen seinen Zorn. Aber immer noch siegte wieder in ihm die angeborene Güte des Herzens, der edle Schwung der Seele, die begeisterte Liebe zu dem Reich. Und auch die griechische »Leichterregbarkeit« kam ihm dabei zu Hilfe. Ein paar freundliche Eindrücke verscheuchten rasch wieder jenes Gewölk und riefen in ihm den etwas spielerischen Witz zurück, an dem er sich gern ergötzte. In Ankyra trat der Arespriester der Stadt an ihn mit der aufdringlichen Anklage auf Hochverrat gegen den Präfekten von Galatien heran, der in den bangen Tagen nach des Constantius Tod und vor dem Übertritt seines Heeres zu Julian nach dem Diadem getrachtet habe. Als Beweis führte er an, der Präfekt habe sich bereits einen Purpurmantel angeschafft. »Du weißt, o Imperator, das ist durch ein Gesetz des Constantius mit dem Tode bedroht!« »Ich weiß, o Vortrefflicher. Aber ich, als Philosoph, bin nicht so eifersüchtig auf die vornehmste Gewandung. Der arme Präfekt! Nun hat er sich vergeblich in Unkosten gestürzt und wahrscheinlich keine vollständige Purpurtracht. Oh, da, in jener Area liegen, glaube ich, ein Paar Purpursandalen. Bitte, bringe sie ihm mit meiner Entschuldigung, daß ich ihm zuvorgekommen bin. Ich tue es nie wieder.« In Ägä baten die vereinten Rhetoren, er möge einen Tag länger verweilen, eine Lobrede auf ihn anzuhören, die sie gemeinschaftlich verfaßt hatten. »Soviel Mühe macht es, mich zu loben«, lächelte er, »daß sich vier an die Arbeit machen müssen?! Nein, ihr Schweißbeladenen, ich lasse mich nur loben von denen, die auch den Mut haben, mich zu tadeln. Mein Lobredner heißt Serapio: dort steht er.« In Hierapolis ward ihm der bisherige Präsidialis in Ketten vorgeführt. Er war beschuldigt, durch Zeugen überführt und durch seine eigene Handschrift, daß er auf die erste Nachricht von Julians Erhebung zu Paris von Constantius sich als besonderes Gnadengeschenk für die treue Stadt Hierapolis das Haupt des Empörers erbeten habe. Zitternd, mit schlotternden Knien, stand der Mann vor ihm. »Ein schlechter Geschmack«, meinte Julian. »Ich würde mir etwas Schöneres erbitten. Übrigens, ich habe ja seinen Wunsch erfüllt und meinen Kopf selbst in diese Stadt getragen.« – »Aber, o Herr, deine Genugtuung ...?« – »Soll ich etwa seinen Kopf nehmen? Er ist auch nicht schön! Löst ihm die Ketten!« In Cyrus erhoben zahlreiche Provinzialen bürgerliche und Strafklagen wider den ehemaligen Präfekten Thalassius und ließen dabei verlauten, daß dieser Mann ganz besonders den unglücklichen Gallus in die Hände seiner Henker gespielt habe. »Ich weiß es«, erwiderte Julian, »und ich hasse den Mann. Schweigt mit euren Klagen, bis er mir genug getan, den er am schwersten verletzt hat. Ich aber begnadige ihn. Man soll nicht sagen, daß nur die Galiläer ihren Feinden verzeihen. Nun klagt bei andern Richtern, nicht bei mir.« In Antiochia, wo er Mitte Juni eintraf, hielt er ganz regelmäßig Gerichtssitzungen ab. Man pries die Gerechtigkeit seiner Entscheidungen. Man sagte, die Göttin der Gerechtigkeit, Adrasteia, längst wegen der Frevel der Menschen von der Erde in den Himmel geflüchtet, sei unter dem Schilde Julians wieder herabgestiegen in das Reich der Römer. Die Leute lobten zumal die Mühe, die er sich gab, die Streitenden zu gütlichem Vergleich zu bringen. Doch fiel es auf, daß er sorgfältig bei jedem Rechtshandel, auch bei solchem, der mit der Religion gar nichts zu tun hatte, nach dem Bekenntnis von Kläger und Beklagten fragte und deren Antworten hierüber in einer besonderen Liste vermerkte. »Warum tust du das?« forschte Jovian, in die lange Rolle blickend. »Jedes Vierteljahr werde ich feststellen und durch öffentlichen Anschlag bekanntmachen, welche Religionspartei die meisten Vergleiche aufweist. Bis jetzt sind die unversöhnlichsten die Juden: ›Auge um Auge, Zahn um Zahn.‹ Dann kommen die Feindeliebhaber, die sanften Galiläer, welche die Güter dieser Welt verachten; sie zanken und wuchern mit den Juden um die Wette. Die versöhnlichsten sind die sündigen Hellenisten. Solche Ergebnisse erfreuen mein Herz, ich kann's nicht leugnen, zumal dies Antiochia ja als eine Hochburg der Galiläer gilt.« Das sollte aber die einzige Freude sein, die er in Antiochia erlebte. Als ein abermaliges unheilbedeutendes Vorzeichen mußte ihm schon die Art seines Empfanges in dieser Stadt gelten. Wie sich sein Reisezug der nordwestlichen Vorstadt näherte, schollen ihm dumpfe Klagetöne, unterbrochen von schrillen Schmerzensrufen, entgegen, statt der fröhlichen, festlichen Einholung, mit der ihn die andern Städte begrüßt hatten. Er erschrak, und seine Züge verfinsterten sich noch mehr, als seine zurückeilenden Vorreiter berichteten, die Stadt begehe an diesem Tag ein Fest der tiefsten Trauer. Der Tod des Adonis, des jugendlichen Lieblings der Aphrodite, werde heute hier begangen. »Ja, ja«, sprach er kopfnickend, »die Lieblinge der Götter sterben früh.« Neunzehntes Kapitel Jede Stunde der knapp bemessenen Muße, die der vielbedrängte Imperator der Arbeit und den Sorgen abgewinnen konnte, verbrachte er an der Stätte, die er zu einem großen, den Göttern geweihten Kunstwerk zu gestalten beschlossen hatte: in dem Tempel und Hain zu Daphne, nicht ganz zwei Stunden östlich von der Stadt. Gleich am Tage seiner Ankunft war er hinausgeeilt, hatte den geliebten Bildhauer in die Arme geschlossen und ihm seine begeisterte Bewunderung ausgesprochen, ob all der Werke der Schönheit, die sein Wahlsohn in diesen Monaten hier geschaffen hatte. »O Herr«, rief der Jüngling, strahlend vor Glück über den Beifall seines Gebieters, »welche Wonne ist es, jetzt zu leben, unter dir zu leben, für dich und für die Herstellung der Schönheit, der heiteren Lebensfreude, welche die Gräberverehrer hinweg zu den Göttern vertrieben hatten! In gar vielen Städten deines Reiches hab ich schon in deinem Sinn geschafft. Überall, auf allen Straßen und Strömen wie auf der See, sieht man in Wagen und Schiffen die geraubten oder geflüchteten Götterbilder von Marmor oder Metall in die verwaisten Tempel und Haine zurückkehren. Überall erheben sich wiederaufgebaute Altäre, man sieht allerorten Opferfeuer, Weihen, Reigen bekränzter Jünglinge und Jungfrauen, die bei dem sanften Ton der Flöten in den heiligen Hainen sich zu fliehen suchen, endlich zu finden scheinen, zu gemeinsamer Anbetung der Götter. Aber hier hatte ich nicht ganz leichte Arbeit. Und nicht ganz ungefährliche.« »Wer hat es gewagt, Hand an dich zu legen?« brauste Julianus auf. »Aber was frage ich! Selbstverständlich die Galiläer. Du wurdest angefallen?« – »Nur zweimal«, lachte der junge Künstler, »und nur einmal ein wenig geritzt.« – »Erzähle! Berichte! Während du mich umherführst in dem Tempel, in den Nebengebäuden, in dem Garten, in dem Haine. Ist mir doch alles neu; nie weilte ich hier.« – »Wenn du gestattest, beginnen wir mit dem Hain, beschauen dann die weiten Gärten und schließen unsere Wanderung ab in dem Tempel.« Und indem er nun den Ankömmling mit klug gewählter Steigerung der Eindrücke in den großartigen Anlagen vom Einfachen zu immer Schönerem geleitete, erzählte Artemidor: »Du weißt, schon die Nachfolger Alexanders haben dieses Heiligtum gegründet, das über sechs Jahrhunderte dem Dienste Phöbos Apollos geweiht war. Die Wahl des Ortes war nicht Willkür, denn die fromme Sage will, daß in diesem Walde die holde Daphne, von Apollos heißem Werben verfolgt, auf ihr Flehen von Vesta in den Lorbeerbaum verwandelt wurde. Es ist so schön, das zu glauben.« Julian lächelte wehmütig: »Und wieviel schöner noch, die Bedeutung zu begreifen! Vernimm! Ewig schmückt sich der Gott mit dem Laub der verwandelten Geliebten, denn, ist auch das Glück der Liebe verloren, ewig, immergrünend, ist der Liebe Gedächtnis und die Liebe selbst. Aber das begreift nur, wer eine Helena verloren hat. – Sprich weiter. Doch nein! Verweile noch! Sieh! Wie wunderschön ist dieser Reichtum an Quellen, kristallhellen Wassers voll! Und daher, trotz der argen Dürre dieses Sommers, dieser köstliche grüne Rasen! Und dort die herrliche Gruppe von Zypressen, von Platanen! Was glänzt dort so weiß aus dem dunklen Lorbeer des Hintergrunds?« – »Tritt näher! Es ist eine Daphne, die ich hier gearbeitet; dir zur Überraschung. Sieh, dieser uralte, mächtige Lorbeerstamm soll der Baum ihrer Verwandlung sein; er ist längst hohl ...« – »Ah, ich verstehe! Wie sinnig! Von den Sohlen aufwärts bis zu den Hüften läßt du sie schon verwandelt sein, aber aus dem Hohlstamm ragen der schlanke Leib der Jungfrau, die zarten Brüste und das holde keusche Antlitz. Wie fein erdacht! Ich danke dir, mein Liebling. – Horch, welch entzückender Gesang der Vögel in jenem Myrtengebüsch!« – »Ja, die Nachtigallen! Unzählige haben von jeher diesen buschreichen und quellenreichen Hain zum Lieblingssitz erkoren.« – »Und hier ... was flutet so berauschend von dorther durch die weiche Abendluft? Welch süßer Duft?« – »Es ist der Rosenwald der Aphrodite! Geduld! Wir schreiten darauf zu. Ich fand eine schöne Bronzestatue der Göttin, versteckt unter altem Gerümpel, wohl geflüchtet vor den Christen, denn sie ist nackt. Siehst du, hier steht sie, hier, unter den Rosen.« – »O wie herrlich! Nein, nicht nackt ist die keusche Göttin, denn ihre Schönheit deckt sie zu. – Und da drüben! Der mächtige Wasserfall, der dort von dunkelgrünen moosigen Felsen niederschäumt! Und unten faßt eine schöne Nymphe die ganze Flut zusammen in silberner Amphora. Aus der fließt die gebändigte Kraft sanft dahin als starke Quelle.« – »Es ist der Kastalische Quell.« – »O laß mich niederknien, die heißen Schläfen kühlen mit dem heiligen Naß.« – »Ja, heilig! Weissagung spendet der Quell. Aus einem Lorbeerblatt, das er unter frommem Gebet hineingetaucht, las Hadrian seine künftige Größe. Aber ach, auch dies Orakel ist verstummt. Constantius hatte bei Todesstrafe verboten, es zu befragen.« – »Ich werd es wieder reden machen! Siege über die Perser soll es mir verkünden.« – »Nun, bitte, komme diese Marmorstufen neben dem Wasserfall empor. Sieh, hier weithin schaust du nichts als Wald. Vier Stunden hat er im Umfang! Er ist die Zuflucht in der Glut des heißen Sommers. Er gewährt auch süßes, sicheres Versteck den Liebenden, die noch das Geheimnis suchen müssen«, schloß der schöne Jüngling errötend. »Und Daphnes Geschick«, lächelte Julian, »mag die Mädchen warnen, allzu spröde die heiße Werbung abzuweisen! – O wie herrlich! Rings, so weit ich sehe, nur wogende dunkelgrüne Wipfel!« – »Bloß dort, rechts – bitte wende das Haupt –, habe ich durch den allzu verwilderten Wald – denn seit bald dreißig Jahren nahm sich keine Hand mehr dieser Stätte an – einen Ausblick schneiden lassen. Schau hin!« – »Ah, was ist das? Welch glänzende Gebäude! Welch schimmervolle Bahn! Hohe Götterbilder stehen zu beiden Seiten.« – »Es ist ein Stadion, eine Rennbahn, ein Ringplatz für Roß und Wagen und jeden Raum, dessen Olympische Spiele bedürfen. Schon seit Augustus war das Recht, solche hier zu halten, von Antiochia dem heiligen Elis für die Dauer von neunzig Olympiaden abgekauft worden. Ein Wohltäter, ein reicher Bürger der damals noch fromm göttergläubigen Stadt, Sosibius, hat fünfzehn Talente Gold gestiftet für die jährliche Feier. Aus dem so reich mir von dir gewährtem Gold habe ich Wagen und wunderherrliche Rosse aus Spanien und Parthien angekauft. Lange haben diese schönen Spiele ruhen müssen. Der Bischof hat sie verboten und das Geld für die Kirchen verwendet. Aber dieses Jahr wollen wir sie erneuern. Wenn im Herbst der Tag des großen Apollofestes wiederkehrt, dann sollen mit dem alten Glanz, den Göttern zu Ehren, die Olympischen Spiele, ganz wie zu Elis, vor deinen Augen sich vollziehen.« Julian umarmte den Jüngling mit Freudentränen der Rührung in den Augen. »Herrlich! O wie ich dich liebe! Wie so ganz du mich verstehst!« – »Aber nun, o Herr, laß uns allmählich aus Wald, Hain und Garten die Schritte zu dem Tempel lenken. Der Abend dunkelt schon herauf. Wir haben uns über eine Stunde weit von dem Heiligtum entfernt.« – »Wie verflog mir die Zeit! Aber sieh! Was ist das dort? Mitten in dem schönen Rasen ... die vielen Flecken schwarzer Erde?« – »O mein Vater, schreite rasch vorbei! Richte nicht die leuchtenden Augen darauf! Komm, laß uns einbiegen in diesen Gang von Oliven. Ach, es reichte die Zeit nicht mehr, jede Spur des Häßlichen vor deinem Eintreffen hinwegzuwischen, konnte doch erst vor kurzem der letzte Widerstand des Bischofs gebrochen werden! Der Götterfeind Constantius schritt gleich bei Antritt seiner Herrschaft auch gegen dieses Heiligtum ein. Die Spiele, die Opfer, die Aufzüge, die Weihen, die Orakel wurden verboten, seine Schergen bewachten den geschlossenen Tempel, nachdem sie ihn geplündert, und die Zugänge zu dem Quell Kastalia. Kein Götterdiener durfte die Stätte mehr betreten. Sie verödete, der Hain verwilderte, die Gelder, die der Staat oder die Stadt für Daphne jährlich gezahlt hatten, wurden der Kirche zugewendet. Auch muß leider gesagt werden, daß die Antiochener, ganz dem Galiläer zugewandt, den Ort nicht mehr besuchten, bis etwas geschah ... ein Greuel vor den seligen Göttern!« »Ich ahne! Nicht ohne Grund nenne ich jenen Glauben den Gräberdienst. Anstatt das Vergängliche am Menschen durch die reine Flamme verzehren zu lassen, schaufeln sie überall tiefe Löcher in die heilige Erde, entweihend ihren mütterlichen Schoß, und überallhin, auch in unsere Tempel und Haine, tragen sie ihre ekeln Gräber, Moder, Fäulnis, Verwesung dorthin bringend, wo einst schöne Menschen freudig schöne Götter ehrten. Es ist ein mir ganz besonders verhaßter Greuel und Frevel.« »Er geschah auch hier. Die Knochen eines Bischofs von Antiochia, Babylas, der unter Decius im Kerker gestorben sein soll für seinen Glauben, diese schafften die Galiläer zuerst in feierlichem Aufzug hierher, begruben sie, gerade gegenüber dem Eingang in den Haupttempel ...« – »Wehe, die Götter zu verscheuchen, ihren Dienst zu verunreinigen!« – »Ja, ihn unmöglich zu machen, solange der Greuel währte. Entsetzt flohen die letzten Priester, die letzten Frommen, die sich noch in der Nähe aufgehalten hatten, den entweihten Ort. Alsbald erbaute der Bischof eine Basilika über den alten Gebeinen, und nun drängten sich alle Christen in der Stadt, in der Umgebung dazu, hier in der Nähe ihres Märtyrers bestattet zu werden. Der Hain der Freuden ward ein Gräberfeld.« Julian verhüllte, von Schmerz ergriffen, das Haupt mit dem Mantel. »Viele Mühe kostete es mich, trotz der unbeschränkten Vollmacht, die du mir gegeben hast, den Widerstand der Priester zu brechen. Endlich setzte ich es durch, daß sie – auf deine Kosten! – die Grabkirche abbrachen und die heiligen und die andern Knochen wieder ausgruben und – abermals in feierlichem Aufzug – in die Stadt und die dortigen Basiliken zurückbrachten. Noch konnte ich aber nicht alle Spuren der Ausgrabungen tilgen. Nun sieh, wir stehen vor dem Tempel. Schau hin, wie der Gott im Scheiden sein Haus und dich, seinen liebsten Priester, zugleich mit seinem goldigsten Strahl begrüßt. Sei willkommen, Herr, in des Gottes und in deinem Hause.« Damit führte er ihn die Marmorstufen des herrlichen Tempels hinan. Die sechzehn korinthischen Säulen des Peristyls, aus prachtvoll gelbem numidischem Marmor, waren mit handbreiten Bändern von Gold und Silber umfaßt, frommen Weihgeschenken alter und jüngster Zeit. Auch ihre Kapitelle zeigten Vergoldung. Die ehernen Doppeltüren trugen kunstvoll getriebene Reliefs, und als der Jüngling sie aufstieß, drang aus dem innersten Raum der ebenfalls geöffneten Cella eine solche Flut strahlenden Lichtes dem eintretenden Herrscher entgegen, daß der, mit einem Ausruf frommen Staunens, geblendet die Augen schloß und erst nach einer Weile weiterschritt. Das Licht strömte aus von einer weit überlebensgroßen Statue Apolls aus glänzendstem weißem Marmor, der, das schöne Haupt leicht vorgebeugt, aus goldener Schale einen Segensguß auf die Erde auszugießen schien; und gerade aus dieser Schale strahlte die blendende Fülle des Lichts. Das gewaltige Bild füllte die ganze Mitte der halbrunden Cella, deren Wände, aus den erlesensten bunten Steinarten zusammengefügt, in allen Farben schimmerten. Blitzende Edelsteine und schillernde Perlen, rings über das Gestein der Wände verstreut, mehrten das unwiderstehliche Licht. Von dem Schauer tiefster Andacht ergriffen, sank Julian auf die Knie mit dem Ausruf: »O nimm meine ganze Seele hin, Phöbos Apollo!« Und er betete lange zu dem Gott empor, beide Arme hoch zu ihm erhebend. Zwanzigstes Kapitel Nur hier in Daphne, nicht in Antiochia, sollte der junge Augustus Erfreuliches erleben in den neun Monaten seines Aufenthalts an dem Orontes; vielmehr ward diese Zeit die bitterste seiner Herrschaft. Aus mannigfaltigen Gründen war sein Verhältnis zu den Antiochenern gleich von Anfang an ein ungünstiges, ja zuletzt ein höchst feindliches, aus Gründen, die sich scheinbar – aber auch eben nur scheinbar – widersprachen. Antiochia war damals zugleich eine der eifrigst christlichen und eine der allerliederlichsten Städte des Reiches, etwa wie Rom im Zeitalter der Borgia oder Paris im siebzehnten Jahrhundert; hat man doch Antiochia geradezu »das antike Paris« genannt. Der Widerspruch erklärt sich einfach aus dem höchst Äußerlichen des dort geübten Christentums. So verstieß Julian zugleich gegen die beiden herrschenden Eigenartigkeiten des bigotten und vergnügungstollen, lustüppigen und glaubenseifrigen Völkleins. Er spürte alsbald den scharfen Gegensatz der Leutchen zu seiner Art heraus. Er wußte ihn nicht genau zu zergliedern. Aber Jovian erinnerte ihn, wie vor kurzem ein würdiger Römer alten Schlages aus Tibur bei Rom sein Amt als Präfekt hier niedergelegt habe: »Wegen Unbegreiflichkeit seiner Amtspflichtigen.« Seit der Imperator zu Byzanz sich offen zu dem Götterglauben bekannt, die heidnischen Tempel wieder geöffnet, gar manche den Christen ungünstige Maßregel getroffen hatte, die dann in der Ausführung, gegen seinen Willen, von heidnischen Eiferern, zumal eben Priestern, freventlich mißbraucht wurden, war er selbstverständlich und mit Recht verdächtig, ja verhaßt geworden den frommgläubigen Christen, aber auch der schon damals viel größeren Zahl von Scheinchristen, das heißt den vielen, die, aus irgendeinem Grund äußerer Vorteile, seit dreißig Jahren in die Kirche eingetreten waren. Von dem weitaus größten Teil der Antiochener ward daher schon der Ankömmling mit Mißtrauen, Furcht und Haß empfangen. Es gab hier nur ziemlich wenige Heiden; auch jenes Adonisfest war unter Constantius in ein Erntefest umgewandelt worden, wobei man dann freilich sehr unpassend die einmal überlieferten Trauerchöre beibehalten hatte. Und als nun gerade in den ersten Wochen seines Aufenthalts immer zahlreicher aus allen Provinzen des Reiches berechtigte und unberechtigte Klagen über die Verfolgung der Christen einliefen, da machten die Antiochener den Augustus ohne weiteres, ohne Unterscheidung des Begründeten von dem Erfundenen oder doch arg Übertriebenen, ohne Trennung des von ihm Gewollten und des gegen seinen Willen Gefrevelten, verantwortlich in leidenschaftlicher Hitze, mit einer Geschwätzigkeit und Erfindungsgabe des Hasses, aber auch mit einem geistreichen Witz und einer Freude an treffendem Spott, die man ja auch an den Parisern mit ebensoviel Recht tadelt wie lobt. Andererseits aber fühlten sich diese frommen Eiferer in ihrem hier seit Jahrhunderten herrschenden üppigen, ungezügelten Genußleben auf das empfindlichste verletzt durch diesen Jüngling von einunddreißig Jahren, der den Philosophen spielte, den Asketen wie nur irgendein christlicher Mönch, der, obwohl unverheiratet, sie gar nicht sah, die verführerischsten Weiber der wegen ihrer Frauenschöne gepriesenen Stadt; kamen sie ihm auch noch so empfänglich, ja zuvorkommend, entgegen, woran sie es wahrlich nicht fehlen ließen. Er ließ die schönste Hetäre der Stadt, die üppige Laura, die sich in sein Schlafzimmer geschlichen hatte, in ein fernes Nonnenkloster sperren – denn sie war Christin und eine eifrige, häufigen Ablasses bedürftige Kirchenbesucherin – und verbot ihr bei Todesstrafe, Antiochia jemals wieder zu betreten. Da ward der Haß ihrer Freunde – und sie hatte deren nicht wenige – groß gegen diesen Gefühllosen, diesen Heuchler, der wahrscheinlich der beneidenswerten Versuchung nur deshalb widerstanden hatte, weil er, durch frühere Ausschweifungen erschöpft, vor der Zeit ein Greis geworden war! So legten sich die Frommen in einleuchtender Begründung jenes auffallende Benehmen zurecht. Sein ganzes Auftreten, seine Lebensweise schien ein fortwährender stiller Vorwurf zu sein gegen das leichtlebige, genußfrohe Völklein, das Aphroditen und Bacchus, wenn auch nicht mehr öffentlich in deren Tempeln, nicht minder eifrig in den verschwiegenen Häusern diente. Aber es blieb bei diesem stummen Gegensatz nicht stehen. Julian erließ, angeekelt durch die Sittenlosigkeit Antiochias, eine Reihe strenger Verordnungen, die sich zum Teil ausdrücklich gegen die Bewohner »der Lasterstadt der Galiläer« wandten. Diese Bezeichnung machte Julian unsägliches Vergnügen; er rieb sich lächelnd die Hände, als er sie dem vertrauten Schreiber vorgesagt hatte. Das war Jovian, der ihn vergebens bat, den Ausdruck zu tilgen: »Es wird großes Ärgernis erregen«, warnte er. »Ei was, sie ärgern mich unaufhörlich, Tag und Nacht; es freut mich, sie auch einmal ein wenig zu ärgern, die gottseligen Dirnenbeschützer.« – »Nun, du ärgerst sie auch weidlich!« meinte Serapio hinzutretend. »Sie ärgern sich, und sie spotten über die unaufhörlichen Opfer, die du den Göttern – schon um der Opferzeichen willen – darbringst. Sie meinen, kehrst du siegreich aus Persien zurück, wird nach deinen Dankopfern im ganzen Reich ein ungeheurer Viehmangel ausbrechen.« Julian lachte: »Nicht übel! Ich möchte ihnen antworten: »Ich opfere in den Tempeln Tiere – ihr opfert Menschen in den Klöstern.« Jedoch auch zu des Herrschers empfindlichen Ohren selbst drangen die wenig ehrerbietigen Bemerkungen der zungenfrechen Menge. Einmal schritt er, in feierlichem Aufzug, in der Tracht des Pontifex Maximus, aus dem Palatium nach dem von ihm wiedereröffneten Tempel des Ares. Der Zug wurde aufgehalten durch einen der voranfahrenden Wagen, der, allzuschwer beladen mit Opfergaben, in der Straße niederbrach und nicht sofort beseitigt werden konnte. Da liefen die Antiochener, geärgert durch den Opferdienst, in hellen Haufen zusammen, stauten sich zu beiden Seiten der Priester, die allein – ohne die treuen Leibwächter – den Augustus begleiteten, und ließen nun ihre Bemerkungen so laut werden, daß er sie hören mußte. »So kurz das Männlein selbst, so lang sind seine gespreizten Schritte! Schau nur, wie's daherstelzt, wie ein Reiher.« – »Nein, dem Zwerg Cercops gleich, der Otos und Ephialtes, die Giganten, spielt.« – »Hei, der lange Bart des Kynikers gleicht einem Walde.« – »Ich glaube, dieser Wald ist auch nicht unbewohnt.« – »Wieso? Wer wohnt darin?« – »Kleine Tierlein!« – »Er ißt nur deshalb so wenig, weil er stets fürchten muß, auf seinen Bart zu beißen.« – »Deshalb küßt er auch kein Weib! Sein Mund dränge ja nicht durch den Bart!« – »Ja, die struppige Mähne ist das einzige, was er mit dem Löwen gemeinsam hat!« – »Freilich, er geht nicht in die Arena, weil die Zottelbestien dort ihn für ihresgleichen halten würden.« – »Sein Haupthaar ist verwildert wie Dorngestrüpp.« – »Seine Nägel abzuschneiden hat der Philosoph keine Zeit.« – »Und seine Finger sind gefleckt, wie einer Schlange Haut, von nie wieder abgewaschener Tinte, ehrwürdig vor Alter.« – »Er ist affektiert.« – »Er spielt Komödie.« – »Aber schlechte.« – »Er lügt. Er lügt den Helden wie den Philosophen.« – »Den Helden! Das Männlein da! Der Zwerg! Ich bin gewiß, er hat nie einen Germanen im Kampf gesehen.« – »Der eitle Prahler!« – »Der Schmalbrüstling!« – »Die Spitznase!« – »Der Gottlose!« – »Der Gottesleugner!« – Ganz rot vor Zorn war das sonst so bleiche Gesicht Julians geworden unter dem sich von rechts nach links kreuzenden Geschwirr solcher Redepfeile, als endlich eine Schar der Cornuti erschien und ihrem Herrn freie Bahn brach. Aber er vergaß es ihnen nicht, den Kecken. Einundzwanzigstes Kapitel Ungleich ernster als solcher Ärger beschäftigte den Herrscher, neben der unablässig betriebenen Kriegsrüstung, die Flut von Klagen, von Anklagen der Christen in allen Provinzen seines Reiches gegen Unterdrückung und Verfolgung durch seine »hellenistischen« Beamten und Priester; ein Schrei, der vielhundertstimmig hier an sein Ohr schlug. Und mit bitterem Schmerz mußte er wahrnehmen, daß die zahlreichsten und heftigsten Anklagen sich in jenen Provinzen erhoben, für die er zur Durchführung seiner Maßregeln den Nächstbefreundeten bestellt hatte: Lysias! Mit kühner Überschreitung seiner Vollmacht war der Oberpriester des Apollo aus Byzanz vor allem nach Gallien geeilt. Zu Paris erhoben die Christenpriester die heftigsten und wie es schien, vollbegründeten Klagen über seine Gewalttätigkeit. Von da und von Italien aus war er nach kurzem, aber ebenfalls bitter beklagtem Eingreifen in den Provinzen Dalmatien, Thrakien, Pontus, Galatien, Kappadokien, Syrien, in sein geliebtes Heimatland am Nil gereist, wo er die Erweisung königlicher Ehren verlangte. »Als Vertreter des Augustus«, wie er das später entschuldigte. Bald nach seinem Eintreffen brach ein wütender Aufstand der Heiden zunächst gegen den arianischen Bischof Gregor aus, der grausam gemordet ward. Aber auch mit dem katholischen Erzbischof Athanasius suchte er alsbald herausfordernd Händel. Die erdrückende Menge solcher Anklagen zwang den Imperator, mit schwerem Herzen Untersuchung gegen seinen geliebten Lehrer einzuleiten. Er übertrug die Prüfung der übrigen Beschwerden Jovian; gerade weil dieser in dem letzten Jahr mehr und mehr als Verteidiger der Galiläer gegen Julians Abneigung aufgetreten war, wie dieser nicht ohne leisen Schmerz bemerkte. Die Händel mit Athanasius aber überwies er Serapio, der ohnehin schon mit einem Bericht über diesen Vorkämpfer der Katholiken betraut war. Aber wiederholt hatte der Franke um Aufschub gebeten. »Weshalb? Alle Urkunden, alle Aufzeichnungen über den Alexandriner stehen dir ja aus den Archiven des Staates zur Verfügung.« – »Gewiß! Aber die Gestalt des Mannes stieg und steigt mir aus alledem so hoch empor, je mehr ich über ihn erforsche, daß ich fast den Maßstab verliere für solche Größe. Er darf doch nicht seinem Richter unerreichbar über den Kopf wachsen. Gedulde dich noch! Dieser Athanasius ist entweder einer der ärgsten Heuchler und Ränkeschurken, oder er ist einer der allergrößten Menschen – an Willenskraft und Geist –, die je gelebt haben. Ich möchte dir wünschen, o Freund, ich käme zu dem ersten Ergebnis. Aber ich glaub es täglich weniger. Geduld noch, kurze Zeit.« – »Wohl denn! Jedoch bevor Lysias, den ich hierher vorgeladen, eintrifft, muß ich ausreichend unterrichtet sein.« Ungeduldig drang Julian in beide Freunde, ihre Arbeit abzuschließen.   Ehe wenige Tage darauf die Berichterstattung der Beauftragten begann, wandte sich der Herrscher lebhaft an Jovian: »Sage doch, Freund, was ist mit meiner Mutter, meiner Schwester? Wiederholt hab ich sie dringend eingeladen nach Byzanz, seit wie lange hab ich sie nicht mehr gesehen! Immer hieß es, die Mutter sei zu schwach, zu reisen. Wann hast du – denn dir hab ich all meine Briefe an beide diktiert – zuletzt Nachricht von ihnen erhalten?« »Soeben. Ich wollte dir gerade den Brief deiner Schwester vorlegen. Sie ist – gemäß deinem Wunsche, der zuletzt Befehl geworden war – aufgebrochen von Marseille und auf dem Wege nach Byzanz. »Wohl, wohl. Dort soll sie in das von mir gegründete Heiligtum eintreten, das ich der Juno Pronuba geweiht habe, und von den Priesterinnen daselbst tiefer in den Hellenismus eingeweiht werden; denn diese Seele ist mein. Ich lasse sie dem Galiläer nicht! Aber die Mutter? Sie begleitet sie doch?« »Nein, Julian; sie...« Jovian stockte. »Hält sie noch immer ihre Gesundheit zurück? Ihre Augen wohl...?« – »Nicht doch. Aber...« – »Nun, was aber?« – »Sie ist schon abgereist. Nicht nach Byzanz. Nein. Von Johannes begleitet nach Rom. Und von da nach Jerusalem.« – »Nach Rom? Nach Jerusalem? Was tut sie dort?« – »Nun, was man dort tut: beten. Sie... sie ist... ich wollte dich bei deinen vielen bitteren Erfahrungen nicht auch noch in diese tauchen, vor der Zeit. Aber sie ist – mit deinen Maßregeln – mit allem, was du seit Straßburg getan, nicht einverstanden.« – »Ja freilich wohl!« seufzte Julian schwer. »Und so ist sie – um für dein Seelenheil zu beten, um ein Gelübde zu erfüllen – aufgebrochen, an die Gräber der Apostelfürsten und an das Grab des... ihres... Erlösers zu pilgern.« – »O Mutter, Mutter! Auch du! Aber ich konnte es ja wissen! Und das erfahre ich jetzt erst?« – »Soeben erst, wie ich dir sagte, erfuhr ich's ja selbst.« – »Und dieser vielgeschäftige Johannes! Wie ein Eichhörnchen huscht er hin und her! Was hat er immer durch die Provinzen zu eilen?« – »Sei nicht undankbar, Julian. Du weißt, er pilgert stets zwischen Rom und Jerusalem. Und ich meine, du verdankst ihm gar viel, diesem hin- und hereilenden Mönch.« »Ah, Mutter, Schwester – auch nicht auf meiner Seite! Sowenig wie die Freunde! Aber Juliana soll, muß mir gewonnen werden! Ich meine«, er sah dem Freund innig in die Augen, »auch du hast keine Freude daran, verfällt dies schöne Geschöpf dem Galiläer?« Jovian schlug die Wimpern nieder. Er errötete stark. »Man muß seiner Überzeugung folgen, Julian. Auch ohne Grübeln, der Herzensüberzeugung.« Erstaunt sah der Imperator auf den Freund. Aber er unterdrückte einen unwilligen Ausruf und mahnte, sich auf dem Ruhebette lagernd: »Wohlan! Beginnt mit euren Berichten. Erst du, Jovian, mit den allgemeinen Klagen der Galiläer wegen meiner ›Verfolgungen‹. (Hört es, all ihr Götter!) Dann du, Serapio, über diesen Athanasius, der wirklich ›unsterblich‹ zu sein scheint, so lange verfolgt er nun schon Constantin, Constantius und Julian.« »Die Klagen der Christen sind Legion«, begann Jovian, auf eine hohe und weite Urne deutend, die Schreibsklaven auf seinen Wink hereintrugen und vor ihm niederstellten. »Ich habe heute nur die gegen Lysias erhobenen mitgebracht: Sieh diesen hohen Haufen! Er hat es – so will es scheinen – am ärgsten getrieben oder treiben lassen. Aber auch andere deiner Beamten und Priester haben deine Aufträge und ihre Amtsgewalt auf das schlimmste mißbraucht; so arg, daß eine allgemeine Gärung unter den Christen aller Provinzen brütet. Es würde mich nicht wundern, bräche hier und da offene Empörung aus ...« – »Sie sollen's wagen!« rief Julian. »Ich gestehe«, fuhr Jovian innerlich tiefbewegt fort, »nichts hat mich den Christen und ihrer Lehre näherbringen können als der Auftrag, den du mir vor Monaten gabst, die Beobachtung ihres Verhaltens unter hartem, grausamem Druck. Ihre Überzeugungstreue, ihre Langmut, ihre Feindesliebe sind erstaunlich. Das sind nicht mehr die zanksüchtigen, herrschgierigen Bischöfe und Priester der Zeiten des Constantius.« »Ja, ja«, warf Serapio ein. »Die verfolgte Kirche war immer großartiger als die verfolgende.« Unwillig mahnte Julian: »Ich ein Verfolger! Beende deinen Lobgesang und beginne deinen Bericht.« – »Am meisten wird Mißbrauch getrieben mit deinem Gebot der Rückgabe des Landes, das unter Constantius den Tempeln oft entrissen worden ist, um Kirchen darauf zu bauen, und überhaupt diesen Tempeln und ihren Priestern den zugefügten Schaden zu ersetzen.« »So?« brauste der Imperator auf. »Soll das vielleicht nicht geschehen? Mit Axt und Beil, an der Spitze ihrer Gläubigen, sind Bischöfe in wütendem Anlauf in die säulentragenden Tempel gedrungen und haben die Bilder der Götter zerschlagen, die Tempelschätze wurden meist dabei geraubt. Sollen die Brandstifter, die Tempelschänder, die Räuber ihren Raub behalten, sich ihrer Gewalttaten erfreuen? Nein, bei Phöbos Apollo!« »Wohl. Aber nun reißen die ›Hellenisten‹ ganz genauso die Basiliken nieder, die an der Stelle der zerstörten Tempel oder doch auf Tempelland errichtet wurden. Und wie wüten dabei deine Priester!« – »Sind es nicht mehr die deinigen?« Aber Jovian überhörte – so schien es – die Frage und fuhr fort: »In allen Städten, die Lysias besuchte, forderte er die Christen auf, die Leichen zu entfernen, die sie seit zwei Jahrzehnten in den Hainen der Tempel bestattet hatten.« – »Mit Recht! Denn das war frevle Tempelschändung, Entweihung der Heiligtümer, ein Greuel den schönen Göttern!« – »Aber Imperator! Tausende von Gräbern sind's, in gutem Glauben, mit Ermächtigung von Constantius, errichtet. Erklärten nun die Christen, sie könnten das nicht oder doch nicht sogleich, was tat dein Stellvertreter? Er selbst stürmte, mit Schaufel und Karren, rasende Haufen anführend, in diese Friedhöfe, riß die Gräber auf, warf die Knochen auf die Karren und ließ sie abladen ins Wasser oder auf die Abfallstätten. So geschah's in Gaza und in Askalon, in Cäsarea wie in Hierapolis und an vielen anderen Orten. Widersetzten sich die Christen, so entbrannte sofort der Straßenkampf. Weiber mit ihren Spindeln, Köche mit ihren Bratspießen durchbohrten die halbtoten Christen, die Heidenpriester schleiften deren Leichen durch die Straßen, schlürften in wahnsinnigem Aberglauben das frische Blut gemordeter Jungfrauen, ja in Gaza mischten sie die zerhackten Fleischfetzen erschlagener Christen mit Gerste und warfen sie den Schweinen zum Fraße vor; in Masuma haben die Priester der Bellona einen Diakon an dem Altar ihrer Göttin geschlachtet und mit seinem Blut ihre Speerspitzen bestrichen.« – »Und Lysias?« fragte Julian entrüstet. »Lysias hat überall diese Wut entzündet, hat nirgends etwas getan, sie zu löschen. Er stand dabei, er ließ es geschehen, obwohl er nach deiner Vollmacht überall die Krieger aufbieten darf. Diese selbst, oft barbarische Söldner, weder Christen noch ›Hellenisten‹, schritten von sich aus ein und schafften Ruhe. Aber weiter. Die Bischöfe können oft beim besten Willen nicht die ungeheuren Summen aufbringen, die Lysias als Schadenersatz verlangt. Dann geht die Vollstreckung in die Person, in den Leib des Schuldners, hat Lysias erklärt.« – »So besagt das Gesetz der Römer«, sprach Julian achselzuckend. »Ja, aber was hat Lysias getan zu Arethusa in Syrien?« – »Ah ja«, rief der Imperator zornig, »ich denke daran! Da war es, daß Bischof Marcus mit eigener Hand mit dem Spaten ein wunderschönes Marmorbild der Demeter zerschlug und in ihren Tempel und Hain die Brandfackel warf. Lebt er noch, der Frevler?« – »Durch ein Wunder. Denn da er die von ihm verlangte Million nicht zahlen konnte, warf sich Lysias mit einer wütenden Rotte auf den alten Mann, ließ ihn furchtbar geißeln, den Bart ausreißen und setzte ihn zwischen Himmel und Erde, in einem Netz auf hohen Stangen, nackt, mit Honig überstrichen, den Glutstrahlen der syrischen Sonne und den Stichen der Insekten aus.« – »Das hat mein Lehrer nicht getan.« – »Nein, aber tun lassen. Er stand dabei, nachdem er die Geißelung selbst befohlen hatte. Jetzt streiten sich Katholiken und Halbarianer um die Ehre, diesen Märtyrer für sich in Anspruch zu nehmen.« – »Fürchte die Märtyrer!« warnte Serapio, »mehr als Perser und Parther!« – »Durch solch Scheußliches gereizt, rühmt sich nun freilich Marcus und alles Christenvolk im Lande laut jener Tempelzerstörung.« – »Da siehst du's.« – »Sollen solche Leidenschaften, solch wahnsinniges Wüten dein Volk zerspalten? Halt ein, Julianus! Du bist nicht der Imperator der ›Hellenisten‹ nur, sondern der aller Römer. Auch den Christen schuldest du Schutz und Recht.« – »Denk nach, Julian! Kann dieser Lysias sein Amt behalten?« fragte Serapio. »Nein«, sprach Julian ernst, »gewiß nicht! Und solche Dinge geschehen unter meinem Zepter! Große Götter, warum ließet ihr das zu?« – »Ich wäre noch lange nicht zu Ende«, sprach Jovian, die Papyrusrollen in die Urne zusammenwerfend. »Aber ich meine, es langt. Begreifst du nun, o Julian, daß sich in diesen Wochen mein Herz von deinem ›Hellenismus‹ ab- und den Christen zugewendet hat?« Julian schwieg. Finster sah er vor sich nieder. »Es ist hart«, seufzte er endlich, »schlägt das Streben nach höchster Gerechtigkeit zu höchster Ungerechtigkeit aus! Serapio, nun berichte du über jenen Athanasius.« Zweiundzwanzigstes Kapitel »Mit Athanasius beginne ich«, hob dieser an, »mit Lysias muß auch ich schließen. Du befahlst, dir in Kürze zusammenzufassen, was jener gewaltige Priester unter deinen Vorgängern getan und gelitten. Vor vielen Jahrzehnten war's. Da wandelte der fromme Bischof Alexander von Alexandria am Gestade des Meeres. Er sah einige Knaben, die dort spielten; sie spielten ›Priester‹. Einer unter ihnen nahm an einem Kleineren die Handlung der Taufe vor, so richtig, so genau nach allen Vorschriften der Kirche – er tauchte das Kind ein wenig im Meer unter –, zugleich aber mit so weihevoller Begeisterung, mit so tief aus dem Innersten quellender Frömmigkeit, seine Taufrede war so gedankenreich, daß der Bischof, nachdem er mit Staunen hinzugetreten war und erfuhr, daß jener Kleinere bis dahin ungetauft gewesen, feierlich erklärte, er sei nun gültig getauft durch diesen wunderbaren Knaben. Dazu ist ja Priesterschaft nicht erforderlich, nur der heilige fromme Wille. Und den habe der junge Täufer im höchsten Maße bestätigt. Der Bischof nahm den vom Geiste Gottes erfüllten Knaben mit sich; er hieß Athanasius. Bald war dieser Diakon. Auf dem Konzil zu Nicäa war der jugendliche Diakon der Vertreter seines Bischofs und der Hauptbekämpfer der Irrlehre des Arios. Er war die Seele dieser großen, wichtigsten Kirchenversammlung, der Verfasser ihres Glaubensbekenntnisses. Bald darauf bestieg er – ein Jüngling noch – als Nachfolger Alexanders den erzbischöflichen Stuhl von Alexandria. Und nun hat er über dreißig Jahre hindurch, in unablässigen Kämpfen, unter den grausamsten Verfolgungen, für dies, für das katholische Bekenntnis gelitten und gestritten gegen Constantin, gegen Constantius, gegen dich, gegen die Arianer und ungezählte andere Ketzer. Wahrlich, das Christentum – es ist Athanasius; der katholische Glaube, in ihm ist er verkörpert. Constantin hat den Standhaften verfolgt, er sollte einen arianischen Bischof erschlagen haben. Athanasius stellte ihn frisch und gesund vor seine Richter! Ein erbärmliches Konzil zu Tyrus setzt ihn ab. Er wirft sich in eine Barke, segelt nach Byzanz, fällt dem gewaltigen, allgefürchteten Constantin, wie der auf der Straße reitet, in die Zügel, zwingt ihn so, ihn anzuhören. Die Panzerreiter des Imperators weigern sich, Hand zu legen an den Wehrlosen, dessen Rede sie kaum verstehen, dessen Auge sie aber bändigt. Er muß freigesprochen werden. Gleich darauf verbannt ihn Constantin wegen neuer Anklagen auf Hochverrat aufs neue, diesmal nach Trier. Unter Constantius nach Alexandrien zurückgekehrt, soll er auf dessen Befehl, da der Imperator nun für die Arianer gewonnen ist, getötet werden. Gegen die Kirche des heiligen Theonas, wo der Erzbischof nächtlichen Gottesdienst hält, stürmt Syrianus, der Dux von Ägypten, mit zwei Kohorten heran. Vergebens beschwören den Bedrohten seine Priester, seine Gemeinde, zu fliehen. Unerschrocken fährt er fort, am Altare Psalmen zu singen. Die Krieger erbrechen die verschlossenen Türen, sie dringen ein, mit wildem Geschrei; ihre Rüstungen schimmern in dem Glänze der Altarleuchter. Die Frommen werfen sich ihnen entgegen, sie opfern sich für ihren geliebten Bischof, sie lassen sich schlachten; und wie durch ein Wunder ist der Bedrohte entrückt.« – »Ich kenne diese Wunder«, spottete Julian. »Aber solche Treue kennst du nicht – denn du kennst nicht die Germanen –, wie Bischof und Gemeinde sich nun gegenseitig hielten. Zum Tode verurteilt wird er selbst, zum Tode auch jeder, der ihn verbirgt. Aber sechs Jahre trotzt der Kühne jeder Gefahr. Er verschwindet zuweilen in der Wüste, unter den Einsiedlern der Thebais, in Felsen und Höhlen. Vergebens setzte Constantius hohe Preise auf seinen Kopf, vergebens schrieb er sogar an die Häuptlinge der Äthiopier, ihm in ihren Wüsten in der Jagd nach einem Priester beizustehen, gegen den ein Heer von Beamten, Häschern, Kriegern aufgeboten ward. Zu Dutzenden ließen sich die Mönche töten, aber das Geheimnis seines Verstecks, in einer trockenen Wüstenzisterne, verrieten sie nicht. Jedoch er taucht immer wieder auf, mitten in Alexandria, wenn die Not der Kirche ruft! Vor den Augen der Henker; sie können ihn nicht fassen! Unzähligemale tritt er dem Tod entgegen; zwanzig Jahre verbringt er in verschiedenen Verbannungen. Die andern vermag Constantius auf der Synode zu Rimini durch Kerker, Kälte, Hunger, Todesdrohung zum Abfall von ihrer Überzeugung zu bringen, auch der römische Bischof verleugnet zuletzt den katholischen Glauben; auch Liberius nennt aus Menschenfurcht Christus nur ›gottähnlich‹. Nicht so Athanasius. Viermal darum von Constantius, dem »Bischof der Bischöfe«, vertrieben, kehrt er viermal als Sieger zurück, im Triumph eingeholt von seiner treuen Gemeinde. Mit Wort und Schrift und Tat hat er, ein wehrloser Greis, den bluttriefenden Constantius, den grausamen Herrn der Erde und so vieler Legionen, überwunden, den ersten Herrscher eines Staates, den die Kirche besiegt hat; wer wird der zweite, wer der letzte sein? Offen hat er ihn den Antichrist genannt und den Imperator – ihn und all seine irrgläubigen Bischöfe – sittlich und geistig gedemütigt vor aller Welt. Die Kirche hat gelehrtere Gelehrte, aber keinen größeren Mann. Nicht sein Wissen; sein Wille, sein Charakter macht ihn allsiegreich, und er hat in vierzigjährigen Kämpfen und Mühen der Seelsorge solche Kenntnis des menschlichen Herzens erlangt, daß er voraussagen kann, wie Feinde und Freunde handeln werden. Weissagung nennen das seine Frommen. Zu Fuß – am Pilgerstab, nicht in vergoldeten Prunkwagen, von sechs Rossen gezogen, wie seine Amtsgenossen – wandert der greise Metropolit von Alexandria Jahr für Jahr durch die Diözesen seiner hundert Bischöfe, von den Mündungen des Nil bis an die Zelte der Äthiopier, die vorgeschriebene Prüfung vorzunehmen. Da ist kein Krüppel an der Straße, den er nicht anspricht, beschenkt, tröstet, kein frommer Einsiedler der Wüste, vor dem nicht dieser größte Fürst der Kirche demütig das weiße Haupt zur Erde neigt; das Haupt, das zwei Imperatoren nicht zu beugen vermochten. Und mit diesem Manne nun beginnt dein Stellvertreter Lysias einen vom Zaun gebrochenen Streit! Im Purpur und mit goldenem Zepter schreitet er in die Tempel, von allen Ägyptern angestaunt und bejubelt als ihr geborener Führer. Ich unterdrücke den sehr gerechten Argwohn, daß Lysias es war, der heimlich den Haß der ›Hellenisten‹ gegen den arianischen Bischof Gregor, den Kappadoker, so lange schürte, bis ...« »Ei«, unterbrach Julian heftig, »den brauchte er nicht mehr schüren. Der Elende! Mit Schlangenbissen hat er sie gepeinigt, schreibt mir Ammianus Marcellinus, das bischöfliche Amt hat er zu elender Angeberei bei Constantius mißbraucht. Er riet schmeichlerisch diesem Habsüchtigen, alle Häuser der Stadt als fiskalisches Eigen einzuziehen, da ja »sein Vorgänger in der Regierung« – Alexander der Große! – die ganze Stadt aus Staatsmitteln erbaut habe, vor sechs Jahrhunderten! Wucher und Gewalttat wechselten ab bei diesem Musterbischof.« »Wohl! Mußten aber deshalb die ›Hellenisten‹ ihn und zwei Freunde mit den Füßen zertreten und halbtot mit Kamelen an das Meer schleifen und dort verbrennen? Wie sagt euer gedankentiefster Dichter Lucretius? »Solchen Frevel vermag nur die Religion zu befehlen.«« – »Das war«, lächelte Julian, »eine beneidenswert glückliche Anführung eines beneidenswert glücklichen Verses.« Jedoch Serapio fuhr fort. »Du aber, anstatt die Frevler zu strafen, begnügst dich, in einem deiner Briefe – wie du sie so gern schreibst – die ›Hellenisten‹ zu Alexandria zu ermahnen, daß sie von »Hellenen« stammen und daher auch »hellenische« Sitten bewahren sollen. Was würdest du wohl mit christlichen Mördern eines apollinischen Pontifex angefangen haben? Statt dessen glaubst du den völlig unbewiesenen Anklagen, die der wütende Lysias gegen Athanasius schleudert.« – »So? Völlig unbewiesen?« zürnte Julian. »So höre, du plötzlich so eifrig gewordener Galiläerbeschützer.« Er zog eine Anzahl von Rollen aus einer vor ihm stehenden Area. »Diese Berichte habe ich erst heute aus Alexandria erhalten. Vernimm! Dein Athanasius ward bei seiner Wiederkehr in Alexandria mit einem Jubelrausch aufgenommen. Jungfrauen, Greise rangen mit den Jünglingen um die Ehre, seine von Kränzen überhüllte goldene Sänfte tragen zu dürfen. So dankt man meiner Gerechtigkeit! »Es ist ein Triumphzug, dieser Einzug«, jubelten die Frommen. »Der Triumphator ist unser Bischof.« Und man triumphiert nur über einen vollbesiegten Feind. Wer ist das? Der Staat.« »Ohne Zweifel«, erwiderte Serapio. »Der Staat war im Unrecht, als er jenen Mann verbannte. Er ward mit Recht geschlagen. Mit Recht triumphieren die Kirche und das katholische Volk. Warum muß man auch bei euch bald katholisch, bald arianisch, bald heidnisch sein, um Vollbürgerrecht zu haben? Geschieht euch ganz recht! Warum mischt ihr Toren Staat und Glauben durcheinander wie der Bäcker Milch und Mehl? Ich opfere nie daheim, und niemand zwingt mich, zu opfern; niemand fragt mich, was ich glaube. Aber freilich, wir sind nur Barbaren!« »Ich habe«, rief Julian heftig, »allgemeine Duldung verkündet. Aber Verbrechen, aus Religion begangen, werde ich bestrafen.« »Ist es ein Verbrechen, sich von Jungfrauen in bekränzter Sänfte tragen zu lassen?« »Franke, reize mich nicht! – Dein Athanasius wird ferner beschuldigt, an jenen Mordtaten beteiligt zu sein.« – »Das ist erlogen.« – »Er hat sie nicht gehindert.« – »Auch du nicht.« – »Weiter! Er hat alsbald nach jenem Schaugepränge seines Triumphzugs eine Kirchenversammlung seiner hundert Bischöfe nach Alexandria berufen.« – »Das ist sein Recht.« – »Das sind allgemeine Heeresmusterungen der Priestermacht.« – »Auch du musterst ja dein Heer.« – »Bedenkliche Beschlüsse sollen dort gefaßt worden sein. Ihre Ausführung zu verhindern, werd ich ihn wieder aus Ägypten verbannen. Ich schrieb bereits dem Präfekten.« Er ergriff einen Papyrus und las: »Beim großen Serapis! Ist dieser schlimmste Feind der Götter nicht vor den Kaienden des Dezember aus Alexandria und ganz Ägypten verbannt, zahlst du, o Ecdicius, hundert Pfund Gold.« – »Dieser Bischof bewirkt es, daß man alle Götter geringschätzt. Soll er doch abermals ein ganzes Häuflein vornehmer Frauen, bisher Verehrerinnen der Hera, zur Taufe beschwätzt haben. Ich verlange Gehorsam gegen das Gesetz des Staates vor allem und von allen, auch von Bischöfen. Athanasius hat diese Gehorsamspflicht verletzt. Aus Alexandria verbannt von Constantius, ist er sofort nach des Constantius Tod dorthin zurückgekehrt. Er hat nicht einmal meine Verfügung abgewartet, die bereits ergangen war, ihm die Rückkehr gestattend.« Jovianus wandte ein: »Er glaubte wohl, gerade nachdem ein Feind seines Glaubens den Thron bestiegen, dürfe der Hirt der Herde nicht fehlen.« Jedoch zornig fuhr der Herrscher fort: »Den Bürgern aber von Alexandria hab ich geschrieben, sie sollten sich schämen, also an Athanasius und an dem Galiläertum zu hängen. Eine Stadt, von einem Halbgott gegründet, dem Gott Serapis und der Göttin Isis geweiht! ›Euren Ahnen‹, schrieb ich, ›haben sie Sklavenfron geleistet, jene Hebräer, deren Sproß ihr nun als einem Gotte dient, Helios und Selene verschmähend, denen ihr alles verdankt.‹ – Ich will ihn vernichten, diesen Athanasius!« – »Julian! Heißest du Constantius?« mahnte Serapio, »willst du dieses Schwächlings Unrecht und Niederlagen durch jenen Mann wiederholen? Hüte dich! Ich warne dich!« – »Nein, nein denn! Aber fort muß er mir wenigstens aus Alexandria, von dem Hauptsitz seiner Macht. Wie schaff ich ihn fort ohne Rechtsbruch? Ei, ich hab's! Ich lade ihn vor mein Angesicht, sich zu rechtfertigen wegen all dieser Anklagen, da muß er folgen; und ich lade ihn erst, nachdem ich aufgebrochen bin gegen die Perser. Dann muß er mir nachreisen, immer nachreisen bis in den äußersten Osten! Hui, ich will ihn reisen machen, diesen jüngsten Apostel, weiter als die alten gereist sind. Ist das nicht ein guter Witz? Lacht doch, Freunde!« – »Ich lache nicht über Athanasius«, sprach Jovianus ernst. »Und dir, furcht ich, werden noch die Witze über ihn vergehen«, warnte Serapio. »Ich bat so dringend: Meide den Kampf mit diesem Mann.« – »Aber woher deine Begeisterung, Bataver, für diesen Ägypter? Warum verehrst du ihn so tief?« – »Ich verehre höchstes Heldentum, wo ich es finde, ob in der Brünne, ob im Priesterkleid. Nicht nur wer dreinschlägt, ist ein Held.« – »Der erste, den du fürchtest, Germane.« – »Das Fürchten hab ich wirklich noch nicht gelernt.« – »Er greift mich an in den Beschlüssen jener Kirchenversammlung. Ich verteidige mich nur!« – »So sprachen von jeher alle Unterdrücker. Von Julius Cäsar gegen Ariovist, bis auf Julian gegen die Germanen und gegen Athanasius.« – »Wohlan, die Germanen ... ich habe sie unterworfen.« – »O nein. Nur geschlagen.« – »Ich werd auch diesen unterwerfen, oder untergehen.« – »Oder untergehen; du hast's gesagt! Athanasius ist das Christentum, ist die Kirche, aber in ihrer Größe, ohne ihre Flecken und Schwächen. Hüte dich, mein Freund Julian.« Jedoch unwillig sprang dieser auf: »Genug! Genug! Ich brenne jetzt darauf, diesen Unsterblichen geistig zu töten. Ich lade ihn sofort, den tief Verhaßten. Das ganze Gift des Galiläertums steckt in dieser einen Schlange; ich werde sie zertreten.« Dreiundzwanzigstes Kapitel Schon am nächsten Tage, noch ehe die Vorladung an ihn abgegangen war, traf zu Antiochia Lysias ein. Er kam höchst unerwartet. Er erklärte, er sei nur herbeigeeilt, neue schwere Beschwerden wider Athanasius zu erheben. Die Wahrheit jedoch war, daß er den Anklagen bei dem Imperator zuvorkommen wollte, die ihm die Beamten in ganz Ägypten angedroht hatten, da er nicht bloß in allen Städten ähnliche Erhebungen der Heiden gegen die Christen aller Bekenntnisse, wie in Alexandria gegen die Arianer, herbeizuführen trachtete, sondern das tief eingewurzelte Ansehen seines Hauses in dem alten Nillande dazu mißbrauchte, Huldigungen und Ehrenbezeigungen entgegenzunehmen, wie sie nur dem Landesherrn gebührten. »Er spielt den Pharao und den Obermagier zugleich, als königlicher Priester tritt er auf«, hatte der Präfekt von Ägypten bereits an den Augustus berichtet. Vergebens versuchte Lysias sich durch die Macht seiner Rede, gestützt auf das warme Dankesgefühl seines Schülers, zu rechtfertigen. Er verstummte zuletzt unter der Last von Anklagen, von Beweisen, die Jovian sorgfältig gesammelt und klargestellt hatte. Als Julian ihn unwillig fragte, warum in aller Welt er denn – ohne jede Vollmacht – gleich zuerst in das ferne Gallien geeilt sei, schwieg und erblaßte er. Aber auch gegen alle übrigen Beschwerden fand er keine genügende Verteidigung, so daß der Herrscher ihm zuletzt – schmerzlich bewegt – erklärte, wie schwer sein Vertrauen durch ihn getäuscht sei. »Überall, wohin du den Fuß setztest, hast du mir zu meinen alten Hassern neue erweckt, die (ach, mit Recht) mich den Verfolger nennen können. Ich kann den Mann nicht strafen, dem ich soviel verdanke, aber jenes wichtigste Amt, meine Stellvertretung, kann ich dir nicht belassen. In den Provinzen darf deine Rachgier gegen die Galiläer nicht weiter wüten. Bleibe fortab an meinem Hof und lerne nur meinem Willen, nicht deinen Leidenschaften zu dienen. Nach Ägypten vollends kehrst du nie zurück. Ich selbst bin Pharao am Nil.« Lysias schied mit einem giftigen Blick. »Warte«, sprach er, »Verleugner der Götter, du sollst erleben, daß nicht nur die Christen für ihre Heiligtümer kämpfen können.« Die nicht große Zahl von Heiden in Antiochia hatte sich in der langen Zeit des Aufenthalts des Heidenbeschützers durch Zuzug aus der Nachbarschaft erheblich vermehrt; freilich waren es nicht gerade immer erfreuliche Gäste. Gar viele drängten sich jetzt als eifrige »Hellenisten« an den Hof, seitdem dies Bekenntnis eine Empfehlung war, Gunst, Ehren, Ämter, Geld unter solchem Anschein leicht zu gewinnen. Auch die prachtvollen Feste, die Opfer, die Schmause, die Julian, zumal in dem nahen Daphne, veranstaltete, zogen viele Leute, weniger der Andacht als des Vergnügens willen, an. In den nächsten Tagen sollte in dem Zeustempel einer Vorstadt, in der nicht viele anständige Leute wohnten, der Jahrestag gefeiert werden, an welchem, der Sage nach, Zeus in Stiergestalt die schöne Europa entführt und sich mit ihr vermählt hatte. Sehr ausgelassene, ja stark anstößige Gebräuche hatten sich an das Fest geknüpft, bei welchem als Stiere gekleidete Männer und überhaupt recht wenig bekleidete Weiber in der Vorstadt Umzüge hielten, bedenkliche Tänze aufführten und zuletzt, in dem halbdunklen Tempel, bei berauschender Musik – dem Schlagen des Tympanon – und bei berauschendem Wein die wilde Feier beschlossen. Julian erfuhr durch den ernsten Jovian von diesen bevorstehenden Dingen. Er verbot das Fest für jetzt und für immer. Alsbald zeigte sich gärende Unzufriedenheit unter den Heiden jenes übelbeleumdeten Stadtteils; die Verkäufer von Blumen, Kränzen, Gewinden, von Wein und Lebensmitteln, die Musiker, die Tänzer, meist Sklaven und Freigelassene, schalten über die Vereitelung ihrer Gewinnaussichten, die festlustigen Weiber schürten. Auf den Rat des Lysias, der all diese Tage in jenen Gassen sich umhergetrieben hatte, wählte die Vorstadt eine Abordnung, die bei dem Augustus die Zurücknahme des Verbotes erbitten sollte. Das wenig ehrerbietig vorgetragene Gesuch – Lysias war nicht der Sprecher, nur der Begleiter der Bittsteller – ward ungnädig abgewiesen, und da die draußen vor dem Palaste harrende Menge den Bescheid, den ihre Abgeordneten zurückbrachten, mit lautem Murren aufnahm, eilte der Imperator selbst in die Säulenhalle vor dem Tor des Palatiums und rief laut in die Menge hinein: »Schämt euch, ihr Bürger von Antiochia! Schämt euch eures Verlangens! Wie könnt ihr überhaupt an solche, der heiligen Götter unwürdige Geschichten glauben?« – »Beruhigt euch, ihr Gläubigen«, rief Lysias arglistig. »Der Augustus will ja nicht etwa leugnen, daß Zeus in Stiergestalt sich mit Europa vermählt hat. Nicht wahr, o Herr, daran zweifelst du ja nicht?« Unwillig rief Julian überlaut: »Nein, solchen Unsinn glaub ich nicht. Und kein Verständiger glaubt ihn.« Da erscholl ein Schrei der Wut, der Entrüstung aus den vielen Hunderten. »Hört ihr's?« – »Der Götterleugner!« – »Habt ihr's vernommen?« – »Unsinn nennt er den großen Zeus Tauros!« – »Er kann nicht mehr Pontifex Maximus sein.« – »Er kann nicht Imperator bleiben!« – »Nieder mit ihm!« – »Nieder mit dem Beschimpfer der Götter!« – »Rache! Wir wollen ihn glauben lehren!« Und sie verliefen sich zwar, da sie unbewaffnet gekommen waren, aber mit wilden Drohungen, bald wiederzukehren. Triumphierenden Blickes folgte Lysias dem Erstaunten in das Palatium. »Du siehst, wohin es führt, mir zu widerstreiten. Jetzt hast du auch die Göttergläubigen dir verfeindet! Sprich, auf wen willst du dich stützen gegen den Haß der Christen? Niemand steht mehr an deiner Seite, wenn dir nicht etwa aus dem Jenseits der Geist des Maximus hilft, den der strafende Gott erschlagen, da er auch anders glauben wollte als das Volk!« »Ich bitte dich, schelte morgen weiter, heut abend lasse mich arbeiten. Soeben sind Berichte eingelangt von zwei Aufständen ...« – »Wo? Wessen?« fragte Lysias gespannt. »Diesmal – zur Abwechslung – von Galiläern. Deine Maßregeln in Perinthus haben die dortigen zu solcher Wut getrieben, daß sie – (zum zweitenmal) – den Tempel der Kybele, der Göttermutter, zerstört haben. Und in Cäsarea haben sie – (in gleicher Erbitterung gegen dich) – das Heiligtum der Fortuna in Brand gesteckt. Das sind die Früchte deiner ... Horch! Was ist das?« Im selben Augenblick erscholl draußen vor den Toren des Palastes wildes Geschrei. Waffen klirrten, in das Atrium drang der rote Schein von Fackeln und Bränden. Julian sprang auf und eilte hinaus. Da sah er, wie die Heiden, die Bewohner der Vorstadt, geführt von ihren Abgeordneten, mit Beilen, mit Spaten und brennenden Scheiten die Stufen des Palastes hinaufstürmten unter dem wüsten Geschrei: »Nieder Julian! Nieder der Götterleugner! Nieder der Gottlose!« Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund, als er die Worte verstanden hatte. »Auch das noch! Und das tun mir die Meinen an! O Schmerz, Schande und Schmach!« »Du erkennst«, sprach Lysias drohend, »wohin du treibst ohne meine Lehren, gegen meinen Rat!« – »Vergießt kein Blut! Drängt sie nur mit den Speerschäften zurück!« rief Julian seinen Leibwächtern zu, die nun, schnell gesammelt, aus dem Vorhof des Palastes den Aufrührern sich entgegenwarfen. »Es sind arme, betörte Menschen. Kein Blut! Hört ihr?« Und so geschah's. Mit leichter Mühe und ohne die blanke Waffe zu brauchen, zerstreuten die Lanzenträger das zusammengelaufene Volk. Aber Julian seufzte tief, schmerzlich auf und bedeckte beide Augen mit der Hand. Grollend schied Lysias aus dem Palast. »So geht es nicht. Mein Einfluß schwindet immer stärker, statt zu wachsen. Das ist bedenklich. So muß denn also das letzte, das kühnste Mittel gewagt werden.« Vierundzwanzigstes Kapitel Viel schwerer als die Unzufriedenheit der weniger zahlreichen Heiden wog aber, daß die Stimmung der Christen zu Antiochia gegen Julian immer feindlicher wurde. Es erfolgten auch hier einige Zeit nach seiner Ankunft wiederholt Erdstöße, die mehrere Gebäude der Stadt niederlegten und ein paar Einwohner töteten. Alsbald predigte über diese »Wunder und Zeichen des Herrn«, wie er es nannte, in der Hauptbasilika der Stadt – der des Ignatius –, ein unbekannter, glaubenswütiger Mönch. Er fand großen Zulauf; auch das Geheimnis, mit dem er sich umgab, zog an, vor allem aber die Glut seines maßlosen Hasses. »Seht ihr denn nicht«, mahnte er, »im Herrn Geliebte, wie die Erde sich weigert, den Fuß des Gottlosen zu tragen? Wohin er wandert, da erbebt sie vor Entrüstung. Sie bäumt sich dagegen auf, die Sohle dieses Verruchten zu verspüren, der nicht bloß von Dämonen besessen, der selbst ein Dämon ist, wie längst das Volk in Nikomedia raunt, das allerlei Grauenhaftes von seiner Zeugung, seiner Geburt zu erzählen weiß. Eine bluttriefende Verfolgung – wie Diokletian – will er verhängen über alle Gläubigen. Weh uns, kehrt er lebend, siegreich aus dem Perserkrieg zurück! Und nicht nur mit Gewalt unterdrücken, durch alle Künste der Verführung gewinnen will er eure Seelen für die Hölle. Deshalb hat er in dem gottverhaßten Daphne den Apollotempel, den heiliger Eifer unter Constantius zerstört hatte, erneuert, was sag ich, prächtiger als je errichtet und mit allen Anlockungen für die Sinne umgeben; er, der sonst den Freudenverächter heuchelt. Allein, seine Tage sind gezählt! Seine und die jenes Tempels der Sünden, des Götzendienstes! Auch geringster Werkzeuge kann sich der Allmächtige bedienen, den Koloß mit den tönernen Füßen zu stürzen, und er legt seinen Blitz in die rächende Hand auch des niedrigsten unter seinen Knechten.« Die Antiochener vergaßen bei diesen Worten, daß sie in der Kirche gesprochen wurden. Fortgerissen von wildem Haß, aufgestachelt von der rasenden Leidenschaft des Priesters, dem der Schaum vor den Mund trat, klatschten sie wütend Beifall, wie im Theater, und schreiend mit den Armen fuchtelnd, ergossen sie sich aus den Türen und über die Vortreppe der Basilika herab auf das Forum, hier ihre Zustimmung, ihre Freude, ihren Haß gegen den Gottlosen austobend. Dieser Hauptplatz der Stadt, ehemals Merkur geweiht und mit einer Herme geschmückt, war unter Constantius dem Heiligen Geiste gewidmet, eine Büste des Herrschers war auf den Sockel der Herme gestellt worden. Die ängstlichen Senatoren der Stadt hatten am Tage vor dem Eintreffen Julians das Bild des toten durch eine Büste des lebenden Herrschers ersetzt, schon damals unter lautem Murren der christlichen Eiferer. Auf diese Herme entlud sich jetzt die Wut der Kirchgänger. Im Augenblick war die Büste des Verhaßten angespien, besudelt, zerschlagen, mit den Füßen zu Staub getreten. »Nieder mit Julian! Nieder der Götzendiener! Der Gottlose! Der Dämon!« In hellem Aufruhr, obwohl unbewaffnet, wälzte sich der Schwärm der Männer, denen Weiber und Kinder schreiend folgten, von dem Forum hinweg gegen Süden nach dem Palatium, in dem Vorsatz, irgendwie dort ihren heißen Zorn zu kühlen. Horch! Ein Hornstoß! Das war kein römisches Zeichen. Barbarisch scholl es, grauenerregend! Die Antiochener hatten dergleichen noch nie gehört. Auch die Hitzigsten stockten, hemmten den wilden Lauf, blickten erschrocken in die breite Seitengasse, die hier einmündete. Da erschraken sie noch mehr! »Barbaren! Wilde! Barbaren! Germanen über uns!« kreischten sie und stoben nach allen Seiten auseinander. Die hintersten Reihen rannten Kinder und Weiber über den Haufen, in wilder Flucht stampften sie über die Ächzenden, Fluchenden hin. Es war die neue Leibwache Julians, die er in den letzten Wochen fast ausschließlich aus Germanen in seinem Sold, Angehörigen aller Stämme, zusammengestellt hatte. »Die Treuen«, »Fideles«, hatte er sie genannt. Diese, etwa tausend Helme, zogen soeben aus ihrem Lager westlich vor den Toren zum erstenmal in die Stadt, unter dem Schall ihrer heimischen Hörner. Prachtvolle wilde und hochgewachsene Kriegergestalten in ihrer stammtümlichen Tracht und Bewaffnung! An der Spitze schritten Garizo, Sigiboto, Ekkard und Sigibrand der Sachse, der, zu des Mannes lebhaftem Erstaunen, von Julian unter dem Ehrennamen »der Theologos« zum Centurio befördert worden war. Diese Schar bog jetzt in die von den flüchtigen Frommen geräumte Straße ein und zog auf das Palatium, mit dem schlichten Lagerlied, das vor kurzem bei ihren Wachfeuern, aus dem Stegreif gefunden, entstanden war: »Jubelt und jauchzt ihm, Dem jungen Julianus, Dem herrlichen Helden, Dem mildhändigen Herzog! Folgt ihm, ihr Freien, Durch Flammen und Fluten, Prahlende Parther Und prunkende Perser Prächtig zu prügeln. Heil ihm, dem Helden, Dem Günstling der großen, Der gabengütigen Götter! Zu reichem Ruhm Erhöhet ihn Eru! Walvater weist ihm Zum Siege die Wege, Der waltende Wodan. Wir aber wollen ihm freudig folgen Von Schlachtfeld zu Schlachtfeld. Jubelt und jauchzt ihm, Tapfer und bis zum Tode getreu, Dem jungen Julianus!« Als dem Imperator das Geschehene gemeldet wurde, fragte er nach dem Namen jenes Predigers, und als er erfuhr, man habe nun ermittelt, er heiße Theodoretos, befahl er, eifrig nach ihm zu fahnden. Aber der Mönch war spurlos verschwunden. Im übrigen lachte Julian und sprach: »Mich freut, daß sie jene Büste auf der Herme zerschlagen haben, sie war allzu ähnlich, das heißt, sehr häßlich. Ruft mir Artemidor, den Bildhauer. Er soll – (auf Kosten dieser treuen Stadt) – zwölf Büsten von mir schaffen, aber stark verschönerte, mit der Binde und den Strahlen des Apollopriesters. Diese werden auf den Hauptplätzen – vor jeder der zwölf Basiliken – aufgestellt, neben jeder eine Wache aus meinen Germanen.« »Herr«, meinte sein Quästor, »wir brauchen unglaublich viel Geld für die Kriegsrüstungen. Antiochia ist so reich! Willst du nicht für jene freche Verletzung deiner Majestät dieser mißvergnügten Bürgerschaft ein kleines Strafgeld ...« – »Nein«, lächelte Julian. »Aber der fromme Senat wird jedem Germanen, solange sie hier lagern, täglich einen Sextar guten Weines liefern. Und Sigibrand, dem Theologen, immer zwei.« Am Tage darauf ward in das Atrium des Palastes, um einen Stein gebunden, ein Papyrus geworfen, der eine unflätige Verspottung der Leibesgestalt des Imperators enthielt; zumal sein »ekelhafter Bocksbart« ward darin geschmäht. Sofort verfaßte der Gescholtene eine Gegenschrift: »Der Bartfeind«, und ließ sich durch die Mahnungen der Freunde, doch nicht zum Kampf mit ungenannten Sudelschreibern zu deren Tiefe hinabzusteigen, nicht von der Veröffentlichung abhalten; in zahlreichen Abschriften mußten sie die Buchhändler in den Bädern feilbieten. Es waren ihm darin einige Witze, die er – mit zweifelhaftem Recht – für gut hielt, gekommen, und er mußte sie an den Mann bringen um jeden Preis. Kopfschüttelnd lasen Jovian und Serapion das seltsame Machwerk. »Es ist wahr«, meinte dieser, »geistreich sind zuweilen die Wendungen, in denen er scheinbar sich selbst, in Wahrheit die Antiochener verspottet.« – »Und wie er ihr Schwärmen für die ›Freiheit‹ geißelt!« – »Ja, Freiheit! So rufen von jeher alle, die andere zu ihrer Weise zwingen wollen!« – »Daß sie ihren Ehefrauen die Freiheit zur Unzucht, ihren Kindern die Freiheit zur Ungezogenheit, sich selbst aber die Freiheit zum Ungehorsam gegen die Gesetze zuerkennen.« – »Wie hübsch ist der Satz: ›In dieser guten, frommen und liederlichen Stadt gibt es mehr Schauspieler als Zuschauer. Wäre die Stadt eine Insel, ich nähme sie für die der Phäaken: ... wo Jünglinge lieben und Greise Warme Bäder und buntes Gewand und gepolsterte Kissen, Ewiglich dreht sich am Herde der Spieß und es dampfen die Schüsseln. (Nur eine Jungfrau sah ich nicht von Nausikaas Keuschheit!)‹« »Und ich trink ihm einen Becher zu für sein schönes Wort in diesem Büchlein: ›Die Germanen wissen nicht zu schmeicheln, sondern freimütig und einfach zu leben dort im hercynischen Wald, alle nach dem gleichen Recht.‹ Soviel hat er nun doch schon lernen müssen; vom Leben mit uns, nicht aus Tacitus, dem er ja nicht glauben wollte! Aber doch, wie mag er sich mit diesem Gezücht von Frömmlern und Lüstlingen herumbalgen!« – »Wie er die Zeit dazu findet«, staunte jener. »Er stahl sie wieder dem Schlaf.« – »Und daneben arbeitet er an den Kriegsplänen bis nach Mitternacht.« – »Mich wundert mehr«, schloß Serapio, »wo er die lustige Laune dazu findet. Es sieht nicht lustig aus in Antiochia! Und nicht in eurem ganzen Reich.« – »Ja«, seufzte Jovian, »er erzwingt sich die Laune.« – »Und so ist auch diese Schrift; meist erzwungenes Lachen.«   An einem Morgen, ganz früh, weckte Julian wieder einmal seinen Kämmerer. »Hörst du die Hähne krähen?« lächelte er. »Wenn diese Vögel so früh aufstehen, können wir's auch.« – »Du vergißt, Herr«, sprach Oribasius, hinzutretend, »daß der kluge Hahn nicht bis spät nach Mitternacht Öl verbrennt, wie ... andere Leute.« – »Da! Nimm diesen Ring für die gute Antwort! Gib mir hurtig einen Mantel. Ich eile zu Serapio.« Bei dem Eintreten des Imperators in dessen Gemach fuhr der Franke erstaunt auf von emsiger Arbeit. Er verglich auf einer der besten Karten der staatlichen Sammlungen die Übergänge und Heerwege, die vom Niederrhein ab in das Innere Galliens führten. Auf die Namen Xanten und Duysborg (zwischen Löwen und Brüssel) hatte er eben die Schenkel des bronzenen Zirkels gesteckt gehabt, die Entfernungen vom Rhein auf den verschiedenen Straßen abmessend. Julian sah's. »Ah«, sprach er lächelnd, »Erzfeind des Römerreichs! Du mißt schon die Wege aus für den Fall meines Todes. Ich darf dir's – nach unserem Vertrage – nicht verwehren und verdenken! Aber eine kleine Weile möchte ich noch leben, um den Kampf aufzunehmen und auszukämpfen mit deinem großen Schützling. Da! Lies! Heute nach Mitternacht brachte ein Eilbote diesen Brief aus Alexandria: seine Antwort. Ich flog zu dir. Aus dem Schlafe hätt ich dich geweckt. Aber du schläfst so knapp wie ich, du arbeitest für ...« – »Für mein Volk. Wie du für das deine«, erwiderte der Franke ruhig, nahm ihm die kurze Rolle ab und las: »Deiner Einladung gemäß werde ich bei dir erscheinen. Ich bringe einen Anwalt mit. Einen noch stärkeren werde ich bei dir finden, der midi siegen und dich erliegen lassen wird. Athanasius, durch die Gnade Gottes Metropolit zu Alexandria.« – »Nun, was sagst du zu diesem Brief? Zu diesem Priesterhochmut? Zu dieser Kürze? Statt sich zu entschuldigen, gibt er mir Rätsel zu raten auf. Kannst du sie lösen?« – »Nein. Aber ich ahne keine dir günstige Lösung.« – »Oh, laß ihn nur kommen! Ich sehne ihn herbei. Das wird ein Zweikampf zwischen Helios und dem Galiläer.« – »Ein Kampf der Geister, mehr aber noch der Charaktere«, schloß Serapio. »Wehe dem Besiegten!«   Einstweilen hatte sich das Verhältnis der Antiochener zu ihrem hohen Gast zu offener, haßvoller Feindschaft gestaltet. Eines Morgens fand Julian in dem Garten des Palastes einen mit einem Pfeil über die Mauer geschossenen Zettel. Auf diesem stand: »Wir sehnen uns nach Ch. und C.« »Nach Christus und Constantius!« deutete Julian. »O wenn sie doch, diese Antiodiener, jener zu sich in den Himmel oder dieser zu sich in die Hölle holen wollte – nur fort aus meinem Reich!« Aber es blieb nicht mehr bei boshaften Witzen und kleinen Plänkeleien auf beiden Seiten. Es ward bitterer Ernst. Die lang andauernde Dürre, welche die Ernte auf den Feldern verbrannt hatte, führte Teuerung, zuletzt wahre Hungersnot und, in derem Gefolge, bösartige Seuchen herbei. Zumal die Vorstädte, wo die kleinen Leute, die Krämer und Handwerker, wohnten, wurden von einer Krankheit heimgesucht, die Tausende hinwegraffte. Der Hunger rief rote Flecken auf der Haut, hohes Fieber, Delirien, raschen Verfall der Kräfte hervor, und jede Berührung der Erkrankten steckte an. Julian blieb nicht verborgen, daß in allen Kirchen diese »sieben Plagen« als die Strafen des Herrn für den Gottlosen gepredigt wurden. »Es sind nur vier«, spottete er: »Erdbeben, Dürre, Hunger, Seuche. Aber mit der Rechenkunst stehen die Frommen ohnedies nicht gut. Nur sonderbar, daß der Engel des Herrn die Seinen trifft und mich, seinen Feind, verschont.« Gleichwohl war er unermüdlich bestrebt, die Not des armen Volkes zu lindern. Er befahl, sehr zum Verdruß seines Quästors und seiner Feldherren, aus den für den Perserkrieg angesammelten Vorräten, die entlang der Legionenstraßen in den Städten und Kastellen von Byzanz bis an den Euphrat aufgehäuft lagen, gewaltige Mengen herbeizuschaffen und unentgeltlich unter die Armen zu verteilen und den Vermögenderen zu niedrigen Preisen zu verkaufen. Aber diese Maßregel, die ihm später von seinem darbenden Heere nicht mit Unrecht zu schwerem Vorwurf gemacht werden sollte, wirkte auch in Antiochia ungünstig. Die Reichen, deren Frömmigkeit weder Wuchereifer noch Genußgier ausschloß, kauften unter allerlei Verdunkelungen jene Vorräte in Massen auf, noch bevor sie an die Tore der Vorstädte gelangten, verpraßten sie in den altgewohnten üppigen Gelagen und verkauften das übrige zu Hungerpreisen an die Armen. Ja, die »Gesellschaft der Tafelfreunde« beschwerte sich bitter bei dem Herrscher, daß er zwar für Brot, Fleisch, Wein und Öl gesorgt habe, aber nicht für Meeräschen und gemästete Ortolane. »Ich wollte fast«, rief da Julian, »dies Völklein würde von den Persern belagert und lernte Ratten als Leckerbissen schätzen.« Er ließ aus Chalkis, Hierapolis und Ägypten vierhunderttausend Maß Weizen kommen, dann fünftausend, weiter siebentausend, endlich zehntausend Scheffel und schenkte all dies der Stadt. Dann setzte er den Preis für das Maß Getreide um ein volles Drittel zwangsweise herab, so daß fünfzehn Maß Weizen nur einen Goldsolidus kosteten. Dreitausend Joch Ackerland des Fiskus schenkte er der Stadt, ohne irgendwelche Bedingungen daran zu knüpfen. Als alle Verbote und Warnungen nichts fruchteten, zog der Erzürnte die Stadtverwaltung, die Decurionen – größtenteils selbst die Schuldigen –, zu strenger Verantwortung. Durch ihren Trotz gereizt, entsetzte er sie alle und berief andere, die es nicht besser machen wollten oder konnten. So im Stich gelassen von der erbitterten, verstockten Bürgerschaft – die Absetzung der Senatoren empörte diese, die einflußreichsten Geschlechter der Stadt, die sie von jeher beherrscht hatten, auf das schärfste –, griff Julian zu dem alten, höchst verderblichen Mittel römischer Finanzkünste, das zuletzt noch Diokletian zu schwerstem Schaden des Reiches durchgeführt hatte: Er setzte Höchstpreise für jede Art von Lebensmitteln fest, welche die Verkäufer bei schwerster Strafe – sogar die Todesstrafe konnte verhängt werden – nicht überschreiten durften. Das hatte selbstverständlich zur Folge, daß sofort alle Zufuhr ausblieb. Kein Händler, der nicht mußte, unterwarf sich jenem Zwange. Die Kaufleute, die sich eben angeschickt hatten, aus berechtigter Gewinnabsicht gewaltige Vorräte auf allen Landstraßen zu Wagen, dann zu Schiff von der See her und auch von Seleucia den Fluß Orontes herauf auf der Bergfahrt in die darbende Stadt zu schaffen, sofort kehrten sie um, sobald die Zwangspreise des Imperators bekannt wurden. Diese Nachricht steigerte auf das äußerste die Wut der Hungernden gegen den »Gottlosen«, der offenbar aus Rache, weil sie treu an ihrem Glauben hingen und seine Eitelkeit oft gekränkt hatten durch ihren überlegenen Witz, absichtlich jene rettenden Wagen und Schiffe verscheucht und die Antiochener mit Bosheit dem Hungertode preisgegeben habe. Wiederholt rotteten sich die Verzweifelnden auf den Straßen zusammen. Nachts wurden Angriffe auf den Palast unternommen. Grimmig, schonungslos wiesen »die Getreuen«, ihrerseits erbittert über den Undank der Stadt und die eigene schwere Bemühung in unablässigem Wachtdienst, diese Versuche zurück. So sah Julian am folgenden Morgen vom Fenster seines Schlafgemaches aus breite Blutlachen auf dem Platz vor seinem Hause: »Bürgerblut!« seufzte er. »Das erste, das um meinetwillen vergossen wird.« Er rief die zorngemuten Germanen von ihrem Posten ab, ersetzte sie durch Byzantiner und gebot diesen, nur im äußersten Notfall die Waffen zu gebrauchen.   Eines Abends kam Serapio von einem Ritt durch die Stadt, den er an der Spitze einer Schar der »Getreuen« unternommen hatte, mit tiefernstem und besorgtem Antlitz zurück. »Was hast du?« fragte der Imperator erstaunt. »Freund Julian, eine Bitte.« »Es ist deine erste. Sie ist gewährt.« – »Sie gilt nicht mir. Ich komme aus den volkreichsten Straßen zurück. Die Not steigt. Mit ihr die Verzweiflung. Und der tödliche Haß gegen dich. Nicht nur die Blicke, schon auch das Geflüster, ja die uns zum Trotz ausgestoßenen lauten Rufe drohen dir den Tod. Dein Leben ist gefährdet.« – »Mein Leben schützt Phöbos Apollo!« – »Ach, bei allen Göttern, die es nicht gibt, verlaß dich doch nicht allein darauf! Nimm hier diesen Panzer. Aus bestem norischem Erz. Ich hab ihn dir sorgfältig ausgewählt unter all meinen Waffen. Trag ihn unter der Tunika, solang du in dieser Stadt von ungezählten frommen Hassern lebst.« – »Ich fürchte sie nicht.« – »Ich weiß. Aber ich fürchte für dich. Sieh, dies war meine Bitte. Du wirst sie gewähren.« – »Ich versprach's. Ich muß also. – Nur einmal im Leben«, seufzte er, »brach ich mein Wort. Ich weiß noch immer nicht, ob ich damit Recht getan.« – »Jedenfalls ist's nicht zu ändern. Und das möglichst Gute aus dem einmal Gegebenen gestalten, das ist meine Weisheit. Ich schnalle dir gleich selbst den Panzer an.« Fünfundzwanzigstes Kapitel Einstweilen war der Tag nahe herangekommen – die Iden des Oktober –, an dem, uraltem Brauche gemäß, von jeher das große Apollofest zu Daphne abgehalten worden war. Nachdem das Verbot des Constantius es über zwei Jahrzehnte verhindert hatte, sollte es jetzt in früher nie erreichter Pracht gefeiert werden, war es doch ein Fest des Sieges der aus der Vertreibung wiedergekehrten Götter, und das sollte sichtbar werden vor Freund und Feind, die es beide als einen Triumph der Olympier und Julians empfanden. Der Priester Apollos hatte den »Dienst der Gräber« verscheucht, die selig lachenden Götter hatte Julianus zurückgeführt in ihre Tempel und Haine. Die Vorbereitung und die ganze Leitung des Festes ward dem jungen, begeisterten Bildhauer überwiesen, den Priester und Priesterinnen eifrig unterstützten. Von nah und fern waren fromme – oder doch vergnügungslustige, prachtfreudige – Heiden, Männer und Weiber, herzugeströmt in die grollende Stadt, die jedoch ihren Zorn gegenüber dem täglich sich verstärkenden Heere zurückhalten mußte. Artemidor hatte, nach Schluß der Olympischen Spiele, die den Anfang des Festes bilden sollten, und nach Verteilung der reichen Siegespreise durch den Augustus, ein großartiges Opferfest angeordnet, an welchem dieser und dann jeder seiner Gäste – denn ohne Einschränkung der Zahl waren alle Verehrer des Sonnengottes geladen – sich nach Belieben beteiligen sollte. Als Krönung des Ganzen war ein Festspiel bestimmt, von Julian selbst gedichtet, die Werbung Apolls um Daphne darstellend, deren Flucht in diesen Hain, die Einholung durch den glühenden Verfolger und ihre Verwandlung in den Lorbeerstamm. Julian hatte dem errötenden Jüngling befohlen: »Du, du mußt den schönsten der Götter darstellen; er selbst hat dich mir zu diesem Zweck zugesandt; wo fände ich einen ihm Ähnlicheren? Und die schönste Jungfrau in Kleinasien, die schon seit Wochen zu dem Feste hierhergereist ist, die vielgefeierte Erigone von Ankyra ... nun, nun, verbrenne nur nicht vor noch heißerem Erröten! Du kennst sie gut. Wiederholt sah ich dich mit ihrem Vater, mit ihr selbst im Tempel opfern; sie wird deine Daphne sein. Aber besorge nichts! Dein Vater Julian wird verhüten, daß die Liebeswerbung dieses Apoll scheitert! Hinter dem Lorbeerbaum werde ich die unverwandelte Daphne-Erigone hervorholen und vor allem Volke die schönste Jungfrau dem schönsten Jüngling meines Reiches in die Arme führen. Ein Sinnbild soll mir euer Liebesbund sein. Diese Ehe wird den Sieg des Schönen, der Freude des Lebens und des Liebesglücks für alle Göttergläubigen beweisen. Nein! Bange nicht! Ich hab es bei ihrem Vater schon erkundet. Kein Befehl, den ein Imperator erlassen hat, ist je so freudig erfüllt worden, als die goldlockige Erigone diesem meinem Gebot Gehorsam leisten wird.« – »O mein Vater Julian! Wie gut, wie groß bist du! Wahrlich, wenn es göttlich ist, Menschen zu beglücken, beglücken zu wollen, zu beglücken verstehen, dann bist du ein ...« – »O schweig! Keine Lästerung. Daß uns die Erinnyen nicht strafen! Ich bin ein armer, vielgequälter Mensch mit einem wohlwollenden – (das ist wahr) –, aber auch mit einem allzu hitzigen Herzen!«   Der Vorabend des Festes war gekommen. Nicht ein Oktobertag unseres Himmelsstrichs war es gewesen; warm, trocken, von goldnen Sonnenstrahlen durchleuchtet. Helios schien in der Tat an diesem seinem Ehrentag, der Nacht, der Kälte gegenüber, als der unbesiegte Gott erscheinen zu wollen. Zu vielen Tausenden waren bereits die Gäste in das große Dorf Daphne geströmt, das im Laufe der Jahrhunderte stadtähnlich um die heiligen Gebäude – über zwanzig an der Zahl – herangewachsen war. Die Leute hatten sich dort Nachtlager verschafft, um am folgenden Morgen rechtzeitig die besten Plätze zu gewinnen. Alle, Priester, Priesterinnen und die bei den Spielen, Aufzügen und dem Fest sonst Mitwirkenden, mit ihren Gewändern, Geräten, Opfergaben, die Wagen und Rosse für die Rennen, all das war schon draußen eingetroffen und untergebracht, die schöne Erigone mit anderen Jungfrauen in den unmittelbar an die Cella stoßenden Tempelgemächern. Denn schon bei dem ersten Sonnenstrahl des folgenden Morgens sollte der Imperator das wiedererstandene Fest eröffnen. Spät war's in der Nacht. Niemand wachte mehr in dem Palatium als Julian, der in einem jüngst erschienenen Buche des Philosophen Priscus, des Lieblingsschülers des Maximus, über die Unsterblichkeit der Seele las, nachdem er soeben des Curtius Bericht über die Perserkriege Alexanders zur Seite gelegt hatte. Still war's geworden in dem weitläufigen Gebäude. Gegen Mitternacht hatte sich ein sehr heftiger Westwind erhoben, der an den Holzläden der Fensteröffnungen rüttelte. Bloß den eintönigen Schritt der Wachen, den Säulengang auf und nieder, vernahm der nächtliche Grübler. Er ergriff jetzt einen neuen Papyrus, lächelte glücklich vor sich hin und schrieb: »Erst gestern gelang es mir, dich wahrhaft musischen Jüngling durch ein deiner würdiges Geschenk – (ein sinniges, wie ich hoffe!) – zu belohnen. Gold, Schätze dem Künstler zu schenken, es ist überflüssig, unfein; nachdem ich jede Sorge, die ja auch unschön ist und unschön den freien Flug der Phantasie hemmt, von deinen Schultern gestreift habe. Aber wie dich erfreuen, ohne dir mit plumpem Gelde die Schwingen zu beschweren? Lang dachte ich darüber nach. Da fand ich's! In Bithynien liegt mir ein beträchtliches Gütlein – ich erstand es gestern wieder von dem Käufer (um den doppelten Preis!) –, dem Vater meiner Mutter hatte es gehört. Constantius zog es ein. Der Fiskus verkaufte es. Ich sah es früher auf der Reise von Macellum nach Athen. Es ist wunderschön, ein Kleinod, ganz für einen Dichter in Lied oder in Stein geschaffen! Es liegt eine Stunde entfernt vom Meer, daher stört dort die Stille des Orts kein zudringlicher Kaufmann, kein geschwätziger Seefahrer. Und doch entbehrt der Wohnsitz nicht der Gaben des Meergottes; nicht des frischgefangenen Fisches, den du wie aus den Wellen geschöpft erhältst, nicht des köstlichen Salzhauchs der See. Und schreitest du von der Villa aus durch schattige Olivengänge auf die Krone des nahen Hügels hinan, so erschaust du die blaue Propontis und, darin schwimmend, die reizvoll lächelnden Inseln. Da magst du liegen auf dem Rasen des Hügels, in dichtem Thymian, bienenumsummt, während die duftige Winde – ›Convolvulus‹ nennt sie der Römer – um jeden Baum die zarten Kelche schlingt. Hebst du das Auge, vom Lesen ermüdet, so labt es der Weitblick auf die lichtblaue See mit den weißen, den schimmernden Segeln. Um das säulentragende Haus zieht sich ein Gärtlein, von rieselnden Quellen gefeuchtet. Eines vor allem aber schmücket den Ort, der deshalb ›Rosarium› heißt. Nur dort gedeiht eine Art von Reben, die ›Rosenrebe‹! Sie wuchert wie Unkraut um jeglichen Pfahl! Es duften die Blätter, es duftet schon am Geranke die Traube allherrlich nach Rosen; nach Rosen der Saft, in die Kelter gepreßt, nach Rosen noch viel stärker der Most und der Wein in der Amphora. Nie kostete ich an Duft und an Geschmack so viel der Rosen-Lieblichkeit! Und nur dort – auf den wenigen Morgen – will er gedeihen, dieser Rosenwein. Ein Tempelchen steht in der Mitte des Gartens, Aphrodite geweiht, ein wahres Heiligtum des Rosendufts. Sieh, mein Liebling, dies Gut, mein ›Rosarium‹, schenk ich dir zur Hochzeit! Dort, in dem Rosentempel Aphroditens, sollst du mit Erigone den Thalamos beschreiten und...« Erschrocken hielt der Schreibende inne, denn plötzlich stockten jene regelmäßigen Schritte der Wachen, und gleich darauf schlug an des Aufhorchenden Ohr der schrille, gellende Schrei: »Feuer! Feuer! Zu Hilfe!« Julian sprang empor, stieß den Holzladen des Schlafgemachs auf und fuhr entsetzt zurück, denn der ganze Himmel schien in Flammen zu stehen, solche Lohe lag gerade ihm gegenüber vor der Stadt. Mitten in der allgemeinen Helle stiegen zuweilen einzelne Feuersäulen von schärfer erglühendem Rot empor, gefolgt von den dunklen Schatten mächtiger Qualmwolken. »Das ist im Osten, nahe bei ... Dort liegt Daphne!« sprach Julian mit leisem Grauen. Und schon ward es auf dem weiten Platz vor dem Palaste lebendig. Der wiederholte Ruf der Wachen hatte die Schläfer in den nächsten Häusern geweckt, sie taumelten, noch schlaftrunken, aus den Türen, mit wirren Fragen, mit Schreckensrufen. Jetzt jagte, von der Richtung des Brandes her, ein einzelner Reiter auf den Palast zu. »Hilfe!« schrie er, »Hilfe! Weckt den Augustus! Wo ist er?« – »Hier«, sprach Julian, der schon unten und vor ihm stand. »Was brennt?« – »Daphne! – Ganz Daphne steht in Flammen! Im Tempel brach es aus. Schon lodern alle Gebäude. Helft! Rettet!« – »Das ist die Strafe Christi«, scholl es aus der Menge. »Weh den Götzendienern!« Julian war erbleicht, der Herzschlag drohte ihm zu stocken, aber dieser Ruf gab ihm die Kraft des Zorns wieder. »Weh den Brandstiftern, wehe den Galiläern!« gab er zurück. »Mein Pferd! Mein Pferd! – Du bist's, Serapio? Was hast du da unter dem Mantel?« – »Deinen Panzer! Komm sofort in den Palast, bis das Pferd gebracht ist. Du mußt ihn anlegen, in dieser Nacht!« – »Dank! – Tausend Reiter sollen aufsitzen und zu Hilfe eilen! Und tausend Mann Fußvolk sollen folgen. – Jovian, du bleibst und hältst Stadt und Palast in Hut.« Gleich darauf sprengte der Imperator an der Spitze einiger Leibwächter zum Osttore hinaus, auf der breiten Heerstraße nach Daphne zu, dessen lodernde Flammen, hoch über den Wipfeln der Bäume emporschlagend, alsbald den Weg taghell beleuchteten. In kurzer Frist jagten die Reitergeschwader ihm nach. Sechsundzwanzigstes Kapitel In dem Dorfe Daphne angelangt, fanden die Helfer unsägliche Verwirrung. Viele Tausende von Menschen, Einwohner, Festgäste, Priester, Tempeldiener, Wagenlenker und Ringkämpfer der Olympischen Spiele. Männer, Weiber, Kinder, alles wogte ratlos, hilflos durcheinander. Denn alle erkannten die Ohnmacht der Menschenhand gegenüber dem entfesselten Element. »Was brennt?« wiederholte Julian, aus dem Sattel springend. »Alles, o Herr!« antwortete ein greiser Priester und raufte sein weißes Haar. »Alles! Der Tempel! Die Tempelhäuser! Das Dorf! Der Garten! Der Hain! Der Wald! Das Stadion! Alles! Der Westwind hat vom Tempel aus die Flammen überall hingetragen.« – »Wo ist Artemidor?« – »Man sah ihn zuletzt da oben vor dem Tempel.« – »Den Tempel allein rettet! Rasch! Bildet eine Kette! Mann an Mann! Zurück, Weiber! Holt Gefäße, Amphoren, Eimer aus den Häusern! Ordnet euch, ihr Männer, von hier bis an den Bach zur Rechten! Und ihr bis an den Teich zur Linken! Meine Leibwächter zunächst am Feuer! So! Reicht euch von Hand zu Hand das Wasser!« – »Halt, Herr, spring zur Seite!« rief Hippokrenikos, ihn an der Schulter fortziehend. »Was war das?« – »Die Pferde! Die Rennpferde aus dem Stadion! Sie haben sich losgerissen! Da! Da jagen sie geradewegs in das Feuer, in das brennende Haus!« – »Oh, die herrlichen Tiere! Helft ihnen doch!« rief Ekkard. »Laßt sie! Laßt alles brennen! Nur den Tempel rettet! Folgt mir! In den Tempel!« – »Herr, das ist unmöglich. Die Hitze ist zu groß!« – »Und der Rauch!« – »Und die stürzenden Dachbalken!« – »Unmöglich!« – »Es muß möglich sein! Folgt mir, ihr meine Germanen! Mir nach! Wir retten den Gott!« Während sich die mutige Schar nur mühsam Bahn brach durch die tatenlose, zwecklos hin und her wogende Menge, die zwischen dem Dorf und dem Tempelhügel sich gestaut hatte, erfuhr sie im Vordringen aus dem Gerede des Volkes, wie der Brand entstanden war, oder doch, was die Leute davon meinten. Von dem Innersten des Tempels selbst, von der Cella, schien das Feuer ausgegangen. Reichste Nahrung hatte es hier gefunden in den Vorhängen, den Wandteppichen des Innenraums, und besonders draußen in den zahlreichen, für die Zuschauer aufgeschlagenen Gerüsten aus trockenem Tannenholz, die mit Decken und Tüchern behangen, geschmückt und verhüllt, von dem Innern des Tempels, den Hügel herab zu allen Nebengebäuden bis in das Dorf und durch den Garten bis in das Stadion führten. Der heftige Westwind hatte die Flammen, sowie sie aus den offenen Fenstern des Tempels schlugen, unaufhaltsam die ununterbrochene Reihe von dünnen Latten, von Wolle und Brettern entlang gejagt, nach Osten zu, in die Häuser des Tempels, des Dorfes und darüber hinaus in den entlaubten, von der Sommerhitze getrockneten Wald. Hier flutete das Wasser in Fülle, aber es hatte gefehlt an Eimern, an Händen, an Ordnung in dem führerlosen Haufen der Einheimischen und der Fremden. Denn Artemidor war bei dem ersten Feuerschein im Innern des Tempels verschwunden und nach den Aussagen aller nicht mehr zum Vorschein gekommen. Endlich hatten Julian und seine Schar den Hügel erstiegen und die weit offenstehende Flügeltüre des Tempels erreicht. Furchtbare Glut und erstickender Qualm schlugen ihnen daraus entgegen. Die Mutigsten bebten zurück; der alte Voconius rief zurücktaumelnd: »Das ist die Hölle der Christen!« – »Auch aus der Hölle hol ich den Gott! Mir nach!« Und durch Rauch und Brand sprang Julian voran über die Schwelle. Da blieb keiner zurück, alle folgten. Mit größter Anstrengung gelangten sie bis in die Cella. Hier begrüßte sie, anscheinend unversehrt und hoch über Qualm und Glut hinausragend, das Bild des schönen Gottes. »Helft! Faßt alle an! Wir tragen den Gott hinaus. Es muß sein!« Damit trat Julian an das Gestell heran. Sein Fuß stieß an einen Menschenleib. Er bückte sich. »Artemidor!« rief er und riß den vom Rauch Halberstickten auf, der mit beiden Armen die Füße des Gottes umklammert hatte, sein Haar war versengt, sein Gesicht schwarz vom Rauch. »Tragt ihn an die Luft! Lehnt ihn an das Fenster dort! – Und ihr andern faßt alle mit an! Ah, was seh ich! Das hat das Feuer nicht getan! Ein Beilhieb hat des Gottes rechten Arm, hat die Hand mit der Schale glatt vom Leibe geschlagen! Da liegt sie! Hebt dies Beweisstück auf! Die Galiläer! – Faßt mit an, alle!« Einstweilen hatte sich der Betäubte unter dem kühlen Windhauch erholt. Er blickte, noch halb bewußtlos, um sich; er sah, wie es den vereinten Kräften der dreißig Männer gelungen war, die Bildsäule von dem Fußgestell zu heben und sie langsam, Schritt um Schritt, dem Ausgang entgegenzutragen. »Der Gott ist gerettet!« sprach er vor sich hin. »Dort steht Julian selbst ... Jetzt darf ich ... ins Freie.« Da schlug aus dem an die Cella stoßenden Wohngemach ein leises Wimmern an sein Ohr. »Was ist das?« rief er. »O Entsetzen! Hier ... hier schlief Erigone. – Wehe!« Und er riß den Riegel von der Seitentür, öffnete und sprang in den bei diesem Luftzug hoch aufflammenden Raum. Einstweilen hatten Julian und die übrigen Träger der viele Zentner schweren Bildsäule die unteren Stufen vor dem Tempel erreicht, wo die Hitze nicht mehr das Verweilen unmöglich machte. »Halt!« keuchte Julian, der das Haupt der Statue gefaßt hatte. »Ich kann nicht mehr. Legt nieder! Hier ist der Gott vorläufig in Sicherheit.« Die Erschöpften ließen nun langsam ihre Last sinken. Da drängte schon, fern der Gefahr, die dichte Menge der Gaffenden wieder heran. Der Schreck, die Furcht wichen hier bereits wieder anderen Stimmungen. Es erschollen feindliche, drohende Rufe: »Laßt ihn nicht durch! Seht! Da kniet er neben seinem Götzen. Der ist ja verstümmelt, so ist's recht! Laßt ihn nicht fort.« – »Er verbrenne samt seinem Dämon.« Und drohend wogten die Haufen heran. Serapio zog das Schwert; da wichen sie ein wenig zurück. In diesem Augenblick ertönte von der Türe des Tempels ein lauter Schrei: »Zu Hilfe! Hilf, mein Vater Julian! Ich kann nicht mehr!« In dem Eingang zwischen den beiden Flügeltüren ward, in Rauch und Flammen, die Gestalt Artemidors sichtbar, der ein weißgekleidetes Weib auf dem rechten Arm trug und mit der Linken sich nach vorne tastete, vom Flammenschein geblendet, den Weg durch den dichten Qualm nicht mehr erkennend. Julian wandte sich. Sigiboto, Ekkard, Sigibrand wollten, dem Wankenden entgegen, die Stufen hinanspringen. Da! Ein Schlag, furchtbar, donnergleich: Der riesige Querbalken über der Eingangstür, längst von den Flammen durchfressen, stürzte laut krachend herunter; er zerschmetterte den Jüngling und seine schöne Last. Funken und Flammen und prasselnde Lohe schlugen hoch empor und erfüllten undurchdringbar, selbst für den Blick, die ganze Öffnung des Tempels. »O Artemidor, mein Sohn!« wehklagte Julian verzweiflungsvoll. »Und die Braut! Und mein Schönheitstraum! Alles, alles dahin!« Und er hob, unverwandt nach der flammenden Pforte blickend, verzweiflungsvoll beide Arme gegen den Himmel. In diesem Augenblick sprang aus dem dichten Haufen des wieder herandrängenden Volkes eine vermummte dunkle Gestalt, ein Mensch mit Zügen, die, von allen Leidenschaften verzerrt, in dem rotflackernden Schein der Flammen wahnsinnig, vielmehr teuflisch aussahen; und mit dem gellenden Schrei: »Das schickt dir Kloster Hagion«, führte er mit aller Macht einen Dolchstoß gegen das Herz Julians. Die scharfe Klinge durchschnitt das Tuch von Mantel und Tunika, aber sie brach an dem guten Panzer. Und schon lag der Mörder am Boden, schwer von Serapios blitzendem Schwert getroffen, der auf seiner Brust kniete. Nun trat auch Julian heran und beugte sich über den Sterbenden: »Ich kenne ihn nicht.« »Aber ich ... ich kenne dich: Dämon des Abgrunds! Lucifer ... Höllengeist! Der du, wie du alles Heilige auf Erden zerstören willst, das heilige Kloster zerstört hast! – Ich entsprang deinen Schergen! Die Heiligen erschienen mir, Verzeihung verhießen sie all meinen Sünden, ach, der vielen im Kloster! Wenn ich diesen Götzenhain verbrenne und dich zurücksende zur Hölle, aus der du aufgestiegen! Fluch dir, Fluch – Lucifer! Nehmt ihn statt meiner, ihr Teufel.« Mit letzter, ohnmächtiger Anstrengung warf er den Dolchstumpf gegen Julian. Dann röchelte er schwer und war tot. »Wer war das?« forschten viele Stimmen zugleich aus der Menge. Julian schlug den Mantel des Toten zurück, dessen Kapuze das Haupt bedeckte. Ein weißgraues Mönchsgewand ward darunter sichtbar, im Gürtelstrick stak links ein Kruzifix, rechts ein kurzes Handbeil. »Wer war das?« wiederholte Serapion. Julian wies auf die Tonsur des Toten. »Ein Priester des Herrn«, sprach er scharf und laut zu den Antiochenern hin, »des Gottes der Liebe, ein Mönch, Theodoretos. Und ein Lustknabe war er gewesen früher, von andern Priestern des Herrn an Leib und Seele geschändet und verdorben.« – »Werft den Greuel vor den keuschen Göttern auf den Schindanger«, rief Sigiboto herantretend und ihn mit dem Fuße zur Seite stoßend. »Nein!« gebot Julian. »Begrabt den Armen ehrbar. Nicht er hat seine Scheußlichkeit verschuldet. Unnatur muß Unnatur, muß Laster und Verbrechen gebären. Er hat sich offenbar in dem Tempel einschließen lassen und ihn angezündet. Seine Hand – sein Beil – hat den schönen Gott verstümmelt!« Da bahnte sich durch die Leibwächter mit wilden Rufen ein Mann in der Tracht der Apollopriester den Weg. Er faßte ungestüm Julians Arm; er fand keine Worte vor Erregung. »Du bist's, Lysias! Wie du aussiehst! Was willst du?« – »Was ich will? – Ich und die geschändeten Götter? Rache! Rache an den Christen! Willst du sie nun noch schonen? Strafe sie alle! Denn alle sind sie schuldig.« – »Nicht doch, Lysias! Der Haß verblendet dich, du rast! Nur die Kirche ist schuldig! Und die Kirche, in welcher dieser Irre wochenlang die Tat vorverkündet, angepriesen hat, die Hauptkirche von Antiochia, sie wird geschlossen.« Drohendes Murren scholl aus den Volkshaufen. »Und sie bleibt geschlossen, bis auf Kosten der Galiläergemeinde der Stadt, dieser Tempel, dieser Hain, alle zerstörten Götterbilder wiederhergestellt sind. – Ach, den Toten, der so viel des Herrlichen hier geschaffen hat, ihn kann nichts mir wiedergeben. Holt, sobald es sicher geschehen kann, das Paar – (o mein symbolisch Brautpaar!) – aus dem Schutt. Die Verbrennung der Reste werd ich selbst leiten. Leb wohl, mein schöner Sohn, mein Liebling! Wir sehen uns wieder auf einem Sterne, der das Häßliche nicht kennt. – Ihr aber, meine Germanen, ihr haltet abwechselnd hier Wache, um wenigstens die Trümmer des Heiligtums vor Schändung und Durchplünderung durch die Galiläer zu bewahren. – Du behältst recht, Serapio: Wieder einmal hat auf Erden das Scheußliche gesiegt. Oh, wer schon entschweben dürfte in die reinen Sterne!« Der Befehl Julians, das Zerstörte wiederherzustellen, blieb unausgeführt. Nie wieder ist Daphne, das schöne Heiligtum der Schönheit, aus den Flammen jener Nacht erstanden. Den »Erneuerer der Götter« riß alsbald sein Schicksal weiter, fort aus der knirschenden Stadt, tief nach Asien und in den Perserkrieg hinein.   Siebenundzwanzigstes Kapitel Nur notgedrungen verbrachte der Imperator die Wintermonate noch am Orontes; die Jahreszeit verbot den Aufbruch. Auch waren die umfassenden Rüstungen noch nicht vollendet, die der vorsichtige Feldherr für unerläßlich hielt. Sie zum Abschluß zu bringen, war er den ganzen Winter über unablässig bemüht. Schon vor dem Brande von Daphne war Jovian entsendet worden, die im Westen und Norden von Antiochia gelagerten Truppen zu besichtigen und allmählich heranzuführen. Auf seine aus Gallien mitgeführten Scharen konnte er sich stolz verlassen, aber die viel größeren Massen der Heere des Constantius, die ja ganz regelmäßig von den Persern geschlagen worden waren, mußten erst wieder mit kriegerischem Geist und mit Selbstvertrauen erfüllt werden. Unablässig mühte sich Julian in den neun Monaten seines Aufenthalts zu Antiochia mit dieser schweren Aufgabe. Er lehrte sie auch gar eifrig wieder beten zu den alten Siegesgöttern Roms, wie er selbst Ares, Ennyo, Bellona, Eris, Deimos und Phobos häufig opferte. So eifrig der kriegsbegierige Feldherr diesen Pflichten oblag, den Freunden entging es nicht, daß seine Seele, die schon seit dem Verluste der geliebten Frau viel von ihrer Freudigkeit eingebüßt hatte, mehr und mehr von Schwermut verdüstert ward. Die Schrecknisse jener Brandnacht, der Tod des geliebten Künstlers schienen nur der scharf zugespitzte Ausdruck des Scheiterns all seiner Bestrebungen, Hoffnungen, Wünsche. Versöhnung, Duldung aller Bekenntnisse hatte er in seinem Reich einführen wollen, und er mußte es erleben, daß nicht nur unter den christlichen Bekenntnissen die alten Gegensätze fortdauerten, daß der noch schärfere zwischen Hellenisten und Galiläern neu aufgerissen ward, daß man durchaus nicht mit Unrecht die Regierung des Imperators der Unterdrückung der Kirche beschuldigte, wenn auch er selbst eine solche keineswegs wollte. Dazu kam, daß er gegenüber dem voll begreiflichen Haß und Widerstand der Christen sich auf keine Gegenmacht stützen konnte. Die nicht christlich Gesinnten waren entweder in diesen Fragen völlig gleichgültig oder, wenn sie glaubten, glaubten sie, der Überlieferung der Väter, der Lehre der Dichter und der Pontifices gemäß, an die alten Volksgötter, die der symbolisierende Philosoph nicht minder verwarf, als er sich von Jehovah oder Christus abwandte. Er stand mit seinem philosophisch-mystischen Hellenismus ganz allein. Nur ein halbes Dutzend Menschen – ein paar Philosophen, Schüler des Maximus – teilten seine Anschauungen. Scharf bemerkte der lauernde Blick Lysias dieses stets sich steigernde Gefühl schmerzlicher Vereinsamung. Als Julian einmal in später Nachtstunde, tief aufseufzend, sich in dem Lesegemach erhob, sein einsames Lager zu suchen, sprach der Priester: »Du bist so traurig, o Freund! Woran hast du gedacht diese letzte halbe Stunde? Deine Augen sahen über die Straßenkarte von Persien hinaus ins Leere! Meine Fragen hörtest du nicht! Woran – oder besser wohl – an wen hast du gedacht?« Er drückte ihm warm die Hand. »Du hast's getroffen, o Lysias. Wieder einmal, wie in alten Tagen (das heißt: in jungen), da du durch alle Schleier hindurch in meine Seele sahst. Weißt du noch, wie du damals in Macellum mir an den Augen meine Liebesgedanken absahst? Oh, es tut wohl, wieder einmal so tief von dir verstanden zu sein! Zu meinem Schmerz ist das anders geworden. Laß uns, o Lysias, das uns Trennende vergessen, laß uns doch wieder Herzvertraute sein. Ich vertraute dir so gern.« Seine Stimme erbebte vor Rührung. »Du hast's erraten! Ich dachte an sie, an Helena! Die Verlorene! Seither ist nicht nur mein Lager vereinsamt, auch mein Herz.« – »Du solltest eben nicht einsam bleiben«, meinte Lysias mit scharf spähendem Blick. Aber Julian gab darauf gar keine Antwort. »O wer mir die Tote wieder auferwecken könnte!« – »Nun«, erwiderte Lysias laut und fest, »das ist nicht unmöglich.« So zuversichtlich war das gesprochen; Julian wandte sich mit staunenden Augen zu ihm. »Was sagst du?« – »Die Wahrheit, wie immer. – Du weißt doch genug von altägyptischer Mystik und Magie, um dich zu erinnern, daß es einen besonderen Zweig solchen Zaubers gibt ...« – »Jawohl, die Nekromantik. Ich weiß! Ist es doch schon von Homer bezeugt, daß die Schatten – (durch Blut beschworen) – erscheinen und sprechen. Aber Odysseus wie Herakles stiegen dazu in den Hades hinab ...« – »Jedoch zu Hadrian stiegen in Memphis die Schatten aus dem Orkus empor und beantworteten seine Fragen.« – »Auch das weiß ich. Allein diese Kunst – (meinte Maximus) – ist erloschen, ausgestorben in ihren letzten Kennern: ägyptischen Priestern zu Heliopolis.« – »Meinte er? Nun, er meinte gar viel. Wenn ich dir nun aber sage: Nein! Die Kunst ist nicht erloschen. In einem Manne lebt sie noch, der sie von dem letzten jener Magier übernommen hat.« – »Wär's möglich? Wirklich! Und wer? Wo ist dieser Mann?« – »Er steht vor dir.« – »Lysias!« rief Julian tief erschüttert. »Und das sagst du mir jetzt erst? Nach Monaten! O Lysias, wolltest du nicht fühlen, wie tief du mich schon lang beglücken konntest? Doch ich kann es noch gar nicht denken! Warum hast du mir nicht vertraut, wie früher!« – »Ach, mein Julian, weil du mir nicht mehr vertrautest wie früher. Sollte ich meine heiligsten Geheimnisse deinem Unglauben, deiner Abweisung, vielleicht gar dem Spotte jenes gottesleugnerischen Franken aussetzen, dem gar nichts heilig ist? Oder deines Jovianus, den ich jüngst in eine Christenkirche schleichen sah? Nein, das Geheimste durfte nicht entweiht werden.« – »O vergib, vergib! Ich bitte dich! Verzeih, wenn ich dich je gekränkt. Vergiß es! Sei großmütig. Verweigere mir nicht um dessentwillen ...« – »Gewiß nicht«, sprach Lysias, »mein geliebter Schüler.« – »Und du könntest – du wolltest wirklich! – diesen geliebten Schatten, meine Helena, aufrufen aus ihrem fernen Grabe zu Paris, aus meinem höchsten Herzensheiligtum? Du kannst – du willst?« – »Ich kann und ich will.« – »Und es bereitet ihr keine Qual?« – »O nein«, lächelte Lysias seltsam. »Und ich werde sie ansprechen dürfen? Sie wird mir antworten?« – »Gewiß. Aber nur auf ganz kurze Zeit, auf wenige Augenblicke, sonst würde sie allerdings leiden.« – »O Lysias, Retter, noch einmal Erlöser meiner Seele aus tiefer Nacht der Schmerzen. Aber wann, wann kann es geschehen?« – »Noch nicht zu bald. Die Sterne müssen günstig stehen; wart es ab in Geduld. Rechtzeitig werd ich dir die Stunde sagen.« – »Oh, mich verzehrt die Ungeduld. Aber ich folge dir; ganz und gar vertrau ich deiner Kunst und Weisheit. Ja, da du es nun doch geahnt, erraten hast, ich gesteh es: Die Sehnsucht nach Helena verzehrt mich. Die Trauer um sie beschattet meine Seele. Ach, nur einmal sie wieder schauen! Erfüllst du mir diesen heißesten Herzenswunsch, alles, alles was du begehrst, soll dann geschehen, mein größter Wohltäter!« Und er umarmte den Priester, küßte ihn auf die Stirn und eilte hinaus. Lange sah der ihm nach. »Triumph!« sprach er endlich. »Bitter war die lange Erwartung, die Enttäuschung. Aber süß ist der Sieg. Und schrankenlos will ich ihn verwerten. Ganz Ägypten muß er mir gewähren!« Achtundzwanzigstes Kapitel Mit Ungeduld, mit fieberhafter Spannung zuletzt hatte der Feldherr zu Ende des Winters die Nachricht seiner vorausgesandten Boten erwartet, über den Zustand der Wege. Endlich trafen die Meldungen ein, daß Eis und Schnee geschmolzen und daß auch der Schmutz der Schneeschmelze von der Sonne so weit aufgetrocknet sei, daß Mann und Roß und Wagen und die schweren Belagerungswerkzeuge – ein Lieblingsmittel von Julians Kriegsführung – ohne allzuviel Gefahr der Stockung sich auf den Straßen nach Osten bewegen konnten. Mit Jubel begrüßte Julian diese Nachrichten; reich beschenkte er die Überbringer. So früh wie irgend möglich, am vierten März des Jahres dreihundertdreiundsechzig, brach er von Antiochia mit seinen Leibwächtern und andern hier in großer Zahl versammelten Scharen auf, nachdem schon vorher leichtere Truppen des Heeres an verschiedenen Stellen – mittels Brücken und Schiffen – den Euphrat überschritten hatten. Die Anerbietungen zahlreicher Nachbarvölker in allen drei Erdteilen, Hilfstruppen zu stellen, hatte Julian mit den Worten zurückgewiesen: »Rom hilft seinen Freunden, bedarf nicht der Hilfe seiner Freunde.« Als Serapio diesen Satz gelesen hatte, auf den der Verfasser sich sehr viel zugute tat, legte er den Papyrus säuberlich auf den Citrustisch und fragte: »Weißt du, gelehrter Imperator, wie man diesen Satz nennt?« – »Was?« fragte Julian bestürzt, »fehlt vielleicht irgend etwas an dem Geschmack des Ausdrucks?« – »Nichts am Ausdruck. Aber an der Wahrheit. Das ist ein ...« – »Nun, was?« – »Ein Anachronismus von dreihundert Jahren.«   Nur Tiranes, der Arsakide, der König von Armenien, im halben Untertanverhältnis zu Rom – »Vasall« würde man ihn im Mittelalter genannt haben – ward aufgefordert, ein starkes Hilfsheer zu stellen und über dessen Verwendung weitere Befehle zu erwarten. Die Mitwirkung dieses Reiches war bei seiner Lage im Rücken und an der linken Flanke des in Persien eindringenden Heeres, wie allbekannt, ganz unentbehrlich, und am sichersten glaubte der Feldherr sich vor etwaigen feindlichen Bewegungen des armenischen Heeres zu schützen, führte er es in seinem eigenen Lager mit sich fort. Die unterwürfigsten Erklärungen kamen als Antwort aus Kärana, der armenischen Hauptstadt. Als Serapion einige Zeit später durch das Lager wandelte, die neuen Ankömmlinge, die Jovian herangeführt, musternd, traf er auf eine Schar offenbar germanischer Söldner – das bezeugten Wuchs, Auge, Haar, Haut und Bewaffnung –, deren Mundart er nicht verstand. Erst durch einen Dolmetsch erfuhr er ihren Stamm und Namen. »Ei«, sprach er zu Julian, »es scheint doch, Rom kann nicht allein auf eigenen Füßen stehen. Du hast ja außer den älteren Söldnern auch noch andere Germanen angeworben: Goten!« – »Nun ja«, meinte Julian hochmütig. »Ich habe ja auch Elefanten gemietet, die ich brauche, und die mir Italien nicht gewährt.« Serapio schwieg eine Weile. Dann sprach er scharf: »Mir ist, diese gotischen Elefanten werden euch noch einmal die Zähne weisen.« – »Vergib, Freund!« rief Julian warm. »Ich wollte dich nicht kränken. Du kennst meine üble Neigung zum Witz. Ich... ich habe mir's schon stark abgewöhnt, euch Germanen zu unterschätzen.« – »Bitte!« lachte Serapio versöhnt und gutmütig, »fahret nur alle in der Unterschätzung fort. Desto sicherer werden wir euch überwinden!«   Der Imperator brachte unmittelbar vor dem Auszug gegen die Perser Ares und Bellona ein Opfer dar. Als bei seinem Abschied von dem von ihm erneuerten Arestempel der älteste Priester ihm die Schale des Scheidetrunkes darreichte mit den Worten: »Auf Wiedersehen in deinem vierten Jahreskonsulat« – Julian war zum dritten Male Konsul –, da stürzte der Greis plötzlich, vom Schlage getroffen, tot nieder, und der rote Wein besprengte wie Blut des Feldherrn Brust. Das unglückliche Vorzeichen erschütterte Julian am meisten von allen, die es mit ansahen. Er führte gleich darauf das Heer aus der Stadt in der Richtung gegen den Euphrat. Da fand er an dem »Tor des Morgenlandes« den von ihm neuernannten Senat von Antiochia aufgestellt, der um die Ehre bat, ihm bis an die Grenze des Stadtgebiets das Geleit geben zu dürfen. Julian nickte und ritt schweigend in der Mitte der festlich gekleideten Decurionen. Er hatte ihnen vor dem Aufbruch einen als sehr scharf gefürchteten Präfekten, Alexander, eingesetzt und lächelnd gemeint: »Der Mann hat nicht gerade besonders diese Präfektur, aber die Antiochener haben gerade besonders diesen Präfekten verdient.« Die Heerstraße führte an Daphne vorbei. Als die rauchgeschwärzten Trümmer, die eingestürzten Dächer, die in der Mitte geborstenen Säulen auf dem Hügel von fern sichtbar wurden, zog Julian die Zügel und sprach, mit der Hand auf die Zerstörung deutend: »Halt, ihr Kurialen von Antiochia! Hier wollen wir Abschied nehmen. Ihr versichert mich eurer Treue, eures Eifers; wohlan, wenn ihr meiner gedenkt, so erinnert euch, bei welchem Anblick wir auseinandergingen. Dort bewährt euren Eifer.« Und als daraufhin die Kurialen – in wenig aufrichtiger Wärme – ihn baten, er möge doch nach seiner Rückkehr von dem Feldzug wieder in ihrer Stadt dauernden Aufenthalt nehmen, erwiderte er: »Nein! Aus Persien zurückgekehrt, werd ich in Tarsus ruhen.« – Es sollte sich erfüllen, aber anders als er es gemeint hatte.   Das Heer, mit welchem der Kühne auszog, »Asien« zu erobern, war nicht stark, es zählte nur fünfundsechzigtausend Helme. Aber es waren ausgewählt gute, kampferprobte Mannschaften. Die Kernscharen bildeten – neben Italiern und Illyrern – Germanen und Gallier, zum Teil neu angeworben, zum großen Teil aber die nämlichen Söldner und Ausgedienten, die sich lieber empört hatten, als daß sie für Constantius nach Asien gezogen wären. Dem geliebten Feldherrn, den sie sich zum Herrscher erzwungen hatten, folgten sie gern aus der Heimat; sie hatten ihn nach Byzanz geführt, sie wollten ihn freudig begleiten bis ans Ende der Welt. Die Wege waren noch immer sehr schlecht, aber die zur Prüfung Ausgesandten wußten, daß die Ungeduld des Feldherrn günstige Berichte wünschte, und so hatten sie denn günstig berichtet. Gleich die drei ersten Tagesmärsche von Antiochia über Litarbe im Gebiet von Chalkis nach Beröa, bald über steile Höhen, bald durch Sumpfland, waren höchst beschwerlich. Die losen Steine der gepflasterten Legionenstraßen waren nur durch Sand zusammengehalten; laut schalt Julian über die von seinem Vorgänger verschuldete Vernachlässigung des wichtigsten Heerweges an den Euphrat. In Beröa beschränkte sich der eifrig christliche Senat auf das Unerläßlichste an Ehrenerweisungen. Mit eisigem Schweigen nahmen die Decurionen die Ansprache des Imperators auf. Lysias drängte, sie zu bestrafen. Aber Julian lachte: »Nein, statt der Antwort, die mir die Stadt schuldig blieb, soll sie jedem meiner Legionäre einen Sextarius Weines verabreichen. Das ist weniger trockene Leistung.« Umgekehrt verdroß den guten Geschmack des »Hellenisten« das Übermaß von Huldigung und der zur Schau getragene Eifer des Götterdienstes in der kleinen Stadt Batnä, etwa vier Stunden nördlich von Hierapolis. Nach übertriebenen Opfern für Zeus und Apollo hielten gemietete Rhetoren, die man aus den größeren Nachbarstädten hatte kommen lassen, lange und maßlose Schmeichelreden auf den »göttlichen Julian«. Ungeduldig unterbrach der den dritten Redner: »Ich bin besorgt, daß ich sterbe, bevor du all meine Tugenden erschöpft hast. Ihr Kurialen von Batnä, zur Strafe dafür, daß mich euer kleines Nest so lange aufgehalten hat, verabreicht ihr jedem meiner Legionäre einen Sextarius Wein.« Hierapolis, auf dem Westufer des Euphrat, war als Sammelort bestimmt für alle Teile des großen Heeres. Zu seinem bitteren Verdruß mußte der Feldherr, der am fünften Mai schon anlangte, hier geraume Zeit auf das Eintreffen aller andern Führer warten; keinem hatte es so geeilt wie ihm. »Nicht eure Straßen waren schlechter, eure Schritte waren langsamer als die meinen«, erwiderte er auf ihre Entschuldigungen. »Nur, daß ich hier einen Philosophen fand, einen Schüler des Maximus, meinen alten Studiengenossen Priscus, nur das rettet euch vor Strafe. Er hat mir all diese Tage über die Tugend der Geduld vorgetragen. Priscus, du begleitest mich ins Feld; ich ahne, ich werde deiner Vorträge noch oft bedürfen.« Schon lange vor dem Eintreffen Julians war die Schiffsbrücke fertiggestellt, mit der er sechs Stunden (vier »Parasangen«) östlich von der Stadt den mächtigen Strom hatte überdecken lassen. Ohne Unfall ward der Übergang vollzogen. Doch galt es Julian als übles Zeichen, daß zweimal rasch erbaute Baracken einstürzten und jedesmal etwa fünfzig seiner Krieger töteten oder verwundeten. »Nicht schlechte Zeichen, schlechte Baumeister begleiten dich«, meinte Serapio. »Schaff dir bessere Omina durch bessere Zimmerleute.« Ungesäumt führte Julian das Heer weiter nach Carrhä, östlich des Flusses Scirtus, zweiunddreißig Stunden von Hierapolis. »Carrhä!« riefen die Oberpriester Julians erschrocken. »Von hier aus willst du angreifen? Man denkt bei dem Namen nur an die furchtbarste Niederlage der Römer – unter Crassus! – durch die Parther!« – »Eben deshalb!« lächelte Julian. »Man soll fortab bei diesem Namen an etwas anderes denken!« Während Julian in dem uralten Tempel der in diesen Landschaften hochverehrten Mondgöttin Selene ein feierliches Opfer brachte, das mehrere Tage in Anspruch nahm – er opferte hintereinander auch Jupiter, Fortuna, Demeter, dem syrischen Zeus Philius und dem Zeus Cassius –, verbarg er unter solchem Schaugepränge, unbemerkt, wichtige Entscheidungen. Denn, wie in seinen Feldzügen gegen die Germanen, wandte er auch diesmal mit Vorliebe die Überraschung an. Sorgfältig hielt er wieder vor den nächsten Freunden seine Pläne so lange geheim, bis die notwendig gewordene Entscheidung – der Beginn der Ausführung – die Aufdeckung unvermeidbar machte. So hatte er auch diesmal bis zur Stunde die Richtung seines Angriffsstoßes völlig ungewiß gelassen; niemand im ganzen Heere wußte, ob die persischen Landschaften nördlich, am Tigris, oder die südlichen, am Unterlauf des Euphrat, sein Ziel bildeten. »Darauf beruht zum großen Teil der Perser Glück im Kriege«, sprach Julian, »daß ihre Feldherren dem Gott des Schweigens sich weihen müssen und nur der König seinen Kriegsplan kennt. Auch er – schweigt.« Hier, in Carrhä, erwarteten aber die Heerführer bestimmt, seine Absicht durchschauen zu können, denn gerade hier gabelten sich die beiden großen Straßen: nach Norden durch die Provinz Adiabene gegen den Tigris, und nach Süden, nach Assyrien, gegen den Euphrat. Groß war daher ihr Erstaunen, als der Undurchdringbare statt dessen eine Heeresabteilung von dreißigtausend Mann weder nach Norden noch nach Süden, sondern geradeaus nach Osten entsandte. Nisibis bezeichnete er dem Anführer Sebastianus, früher Dux von Ägypten, als Ziel. Hier sollte er die Grenzen sichern und zumal verschleiern. Die gefürchteten parthischen Reiter sollten diesen Gürtel nicht durchbrechen und die Bewegungen Julians erkunden können. In Nisibis sollte er weitere Befehle abwarten. War diese Schar als Vorhut zu betrachten, so ergab sich die Tigrislinie, also der Norden, als die gewählte Richtung des Angriffs. So legten Freund und Feind allgemein den Sinn jenes Befehls aus: auch der Feind. Nämlich ein paar Kundschafter des Großkönigs, die als Kaufleute verkleidet das vor der Stadt lagernde Heer aufgesucht und, wie sie wähnten, unentdeckt wieder verlassen hatten. Aber ein Zufall – die Gunst der Götter, sagte Julian – hatte den blonden Serapio, dem niemand die Kenntnis des Ägyptischen zutraute, ein in dieser Sprache geführtes Geflüster der beiden Späher belauschen lassen. Er meldete das Vernommene dem Feldherrn und riet, die beiden zu verhaften. Aber mit feinem Lächeln erwiderte der: »Also sie haben es herausgebracht? Sie wissen es, daß ich den Tigris bedrohe? Laß sie nur laufen und König Sapor warnen.« – »So geht es an den Euphrat«, dachte der Germane, aber er sagte es nicht. Er war denn auch der einzige, den es nicht überraschte, als Julian bei dem Aufbruch von Carrhä statt nach Osten oder Norden nach Süden abschwenkte. Zwei Tage zog das Heer durch die öde, baumlose Ebene zwischen Carrhä und Davana. Am dritten Tage erreichte es Kallinikum am östlichen Euphratufer. Ohne Rast trieb der Feldherr seine Scharen vorwärts, entlang dem vielfach gewundenen Strom, bis er nach mehreren Tagesmärschen, im ganzen von vierzig Stunden, Anfang April in Circesium anlangte, der äußersten Feste der Römer an dieser Grenze. Es war erst der dreißigste Tag seit dem Aufbruche von Antiochia. Hier in Circesium musterte der Imperator auch die mächtige Flotte, die einstweilen den Euphrat herabgesegelt war. Er zählte fünfzig wohlgerüstete Kriegsschiffe, fünfzig Flachboote, die zu Schiffsbrücken, aber auch zum Angriff, zum Landen der Bemannung der tiefgehenden Trieren verwendet werden konnten, und nicht weniger als eintausend Lastschiffe, die dem Heere unermeßliche Vorräte von Lebensmitteln, von Waffen und Kriegsgerät jeder Art und von schweren Belagerungsgeschützen nachführten. Fürsorglich hatte Julian gewaltige Massen von Zwieback herstellen und, um den Durst in den heißen Ebenen Asiens zu löschen, tausende von Schläuchen mit Weinessig füllen lassen. Er trank von jetzt ab nur Wasser mit solchem Essig gemischt. Wein mitzuführen verbot er. »Wollt ihr Wein«, so sprach er zu dem durstigen sächsischen Theologen, »so nehmt ihn dem Großkönig und seinen Persern ab. Mein Heerlager ist kein Weinkeller.« Und so ließ er eine gewaltige Karawane von Händlern, welche Wein und andere Genußmittel dem Heere nachführen wollten, mit Gewalt zurücktreiben. Die volkreiche und starke Feste Circesium, mit zahlreichen Göttertempeln und -hainen geschmückt, auch Sitz eines Bischofs, bot den gegen Persien ziehenden Römern die letzten Eindrücke römischen Lebens, römischer Bildung. Julian sah hier in den ersten Tagen Serapion in eifrigem Gespräch mit ihm unbekannten Männern, die Haar und Auge und Waffentracht als Germanen bezeugten. »Wer sind die Leute?« fragte er. »Boten aus der fernen Heimat. Sie bringen wichtige Kunde. Freund Mälo ist gestorben; seine goldlockige Tochter, sein einziges Kind, die holde Rigunthis, bedarf des Schutzes ...« – »Das heißt wohl, des Gemahls?« lächelte Julian. »Ihre Sugambern haben nun meinen Vater zum König gekoren, ebenso drei unserer Gaue. Mein lieber Vater ruft, ich soll den Königsstab aus seinen müden Händen nehmen.« – »Und die schöne Rigunthis wohl dazu? – Erst ausdienen, dann freien. Ich gebe dir noch nicht Urlaub. Du wirst den Feldherrn, den Freund nicht an dem Tage gerade verlassen, da die Gefahren des Feldzuges beginnen!« Da reichte ihm der Franke die Hand und sprach: »Ich will noch bleiben. Aber nicht mehr lange.« Hieher hatte Julian die Ausführung eines lange gehegten Lieblingsgedankens verlegt, den er früher nicht hatte verwirklichen können, aber jetzt hier gekrönt sehen wollte, bevor er in das Ungewisse, in die Gefahren feindlichen Landes drang. Neunundzwanzigstes Kapitel Denn nicht nur die Perser hatten den Imperator in diesen letzten Zeiten beschäftigt. Serapio, dessen Auge wie kaum ein anderes in der Seele des Freundes zu lesen verstand, beobachtete, daß in all der ernsten Gedankenarbeit und der Schwermut des Witwers zuweilen ein mattes Lächeln Julians bleiche Züge belebte, wenn sein Blick auf Jovian, diesem unbemerkt, verweilte; er nickte dann wohl leise vor sich hin mit dem Ausdruck geheimer Befriedigung. Einmal erlaubte sich der Franke, in beider Gegenwart seine Wahrnehmung auszusprechen: »Gib acht, Jovian«, meinte er, »dir steht irgend etwas bevor. Eine Überraschung. Eine Freude. So – mit diesem Glanz der Augen – sieht der Tyrann nur auf Menschen, die er zu beglücken gedenkt.« Julian horchte hoch auf und sah gespannt auf den Magister Militum. »So ist mir wohl der Befehl über die Reiter der Vorhut zugedacht«, sprach Jovian ruhig. »Das wäre mir die größte Freude.« – »O du Heuchler«, lächelte Julian, ihn auf die Schulter schlagend. »Nur Perserhelme also schauest du, wenn du mit geschlossenen Augen, aber wachend, vor dich hin seufzest nachts auf dem Feldbett unseres Zeltes? Glaub ihm nicht, Bataver! Phöbos Apollo, der Allsehende, deckt mir noch ganz andere Geheimnisse auf als des Perserkönigs Kriegspläne.« Und beide Freunde bemerkten, daß der Imperator geheime Boten in den Westen, nach Europa sandte, geheime Nachrichten von dort empfing, die offenbar mit dem Feldzug und mit der Reichsregierung nichts zu tun hatten. Der Aufenthalt in Circesium dauerte geraume Zeit. Auf geheimen Befehl des Imperators war in dem abgeschlossenen Hain um den Palast her schon viele Tage emsig gearbeitet worden. Nur Vertraute hatten Zutritt. In diesen Hain beschied auf den folgenden Morgen Julian Jovianus, Serapion und alle Vornehmen des Hofes und des Heeres, sowie die Priester der auch hier in großer Zahl neu errichteten Altäre. Alsbald trat aus einer geräumigen Grotte des Götterhaines – der Juno Pronuba war er geweiht – der Augustus, nicht im Philosophen- oder im Kriegergewand; im Purpur und im imperatorischen Schmuck führte er an der Hand eine schlanke Jungfrau, deren Züge der weiße Brautschleier völlig verhüllte. Ein reiches Gefolge von vornehmen Frauen und Mädchen der Stadt, vor allem aber von Priesterinnen gebildet, schritt dicht dahinter. Zu ihren süßen Gesängen erscholl aus den bergenden Gebüschen der zärtliche Ton der Flöten. Serapio hatte einstweilen Jovian vor das auf dem Altar lodernde Feuer geschoben. Julian trat mit der Verschleierten vor den Altar und begann mit seinem liebenswürdigen Lächeln: »Gott Helios, der Alldurchschauer, begnadet zuweilen mich, seinen Priester und treuesten Verehrer, mit einem leichten Strahle seines durchdringenden Auges. So hab ich mit Freuden schon lang ein zartes Geheimnis entdeckt, das sich in zwei jungen Herzen schämig vor dem Lichte, vor sich selbst verbarg. Früher, bis die Götter in unblutigem Entscheiden ihren Schützling (und, wenn es gestattet ist zu sagen, ihren Schützer) Julian auf den Thron erhoben, standen der Erfüllung dieses Sehnens unübersteigliche Schranken entgegen. Die Schranken sind gefallen durch die Götter und Julian. Freund Jovian, hier entschleiere ich vor dir und diesen Zeugen das Geheimnis deines Herzens: Sieh hier, Juliana, meine schöne Schwester, steht vor dir. Hier, nimm sie hin. Längst hab ich eure Neigung entdeckt, das war leichter als ein Alemannensieg. Es ist mir dieser Bund nicht nur eine warme Herzensfreude, er ist mir, wie alles, was für mich Wert haben soll im Leben, ein heiliges Sinnbild. Die geliebte Schwester war – durch aller Einflüsse (höchst verehrungswürdige!) – fast schon für die finsteren, weltfeindlichen Lehren des Galiläers, für die Gräber zurückgewonnen gewesen von den Tempeln hinweg, aber meinen Briefen gelang es, und noch mehr wohl der Liebe zu diesem Jovianus da – (der nie das freie, stolze Römerhaupt dem bekreuzten Wasser in der Taufe gebeugt hatte) –, sie wieder für das Leben und die Freude zu gewinnen. Das junge Paar, der Bräutigam, der den Göttern nie ungetreu geworden, die Braut, Aphroditen zurückgewonnen, sollen den Ehebund im Sinne von Zeus und Hera erneuern. Daher steht hier vor euch der Altar des Zeus des Herdes und der Juno Pronuba, festlich bekränzt. Ergreift beide gemeinsam jene goldene Schale voll indischen Weihrauchs, opfert Hymen und allen großen Göttern und seid glücklich vermählt.« Brausender Beifallsjubel der Priester, der Priesterinnen, des ganzen Volkes fiel hier ein. Ein Priester des Zeus, eine Priesterin der Hera zusammen reichten dem Brautpaar die duftende Schale. Aber, unabhängig voneinander, gleichzeitig, stießen Jovian und Juliana das Gefäß von sich, daß der kostbare Staub auf den Rasen flog, und Juliana sprach: »Vergib, hoher Bruder, ich kann nicht opfern! – Reuig bin ich zu Christus zurückgekehrt.« Und Jovianus rief: »Verzeih, o Imperator, ich darf nicht opfern, denn ich bin Christ. Gestern ward ich getauft.« Dumpfes, staunendes, grollendes Gemurmel scholl durch die Menge. Julian ward bleich bis in die Lippen, vor Schmerz und Zorn: »Heimlich! Hinter meinem Rücken! Beide! Und solcher Schmach setzt ihr mich – (nein, die Götter!) – aus vor allem Volk?« – »Ich bin erst heute nacht gelandet, wie du weißt, o Bruder. Ich habe dich noch nicht sprechen können. Deine Güte führte mich überraschend vor diesen Altar ...« – »Und wer hat dich bekehrt?« – »Die Mutter, Johannes, und des Geliebten Briefe.« – »Johannes – der Schleicher! Ich seh ihn geschäftig hin und her laufen! Und du, mein Freund, mein Pollux, weshalb hast du deinen Kastor verlassen? Wer hat dich mir entrissen?« – »Der Geliebten Briefe und das viele, viele Ernste, was ich in diesen Jahren ertragen mußte. Der Verzicht auf sie, auf alles Glück der Erde, und zumal die Erfahrungen dieser letzten Monate, die Verfolgung der Christen, die ich durchforschen mußte, all das hat mich zum Christen gemacht.« – »Wahnsinnige!« rief Julian in tiefem Schmerz, aber auch in heftigem Zorn. »Und ihr konntet nicht einmal«, flüsterte er knirschend, »mir solche öffentliche Beschämung zu ersparen, ein paar Körner Weihrauch opfern?« – »Die Wahrheit verleugnen, die Überzeugung?« rief Jovian. »Lügen?« fragte die Jungfrau. »Scheintaten um der Menschen willen?« zürnte jener. »Nein, o Bruder! Nicht also lehrt die Schrift.« Julian biß sich auf die Lippen. Nach einer Weile sprach er laut: »Ihr Senatoren von Circesium, ihr Feldherren, edle Matronen und Jungfrauen, Priester und Priesterinnen ihr der tief gekränkten Götter! Ihr glaubt nun wohl, mein tief verwundetes Herz werde jetzt diese beiden Verblendeten zur Strafe trennen, obwohl«, lachte er bitter, »der Glaube sie ja jetzt sowenig trennt wie nach meiner Absicht. Aber nein! Ich bin kein Galiläerpriester, der die Herzen verschmachten läßt, wenn er nur seinen Glauben siegen sieht. Schwester, geliebte, schöne, für immer verlorene Schwester, teurer Freund Jovian, ihr habt mich so tief ins Herz getroffen wie kein Mensch vor euch! Aber ich liebe euch noch immer treu, ihr Betörten. Wohlan denn«, er atmete tief, »es wird mir nicht leicht. Aber ... schreitet von dem verschmähten Altare Hymens fort in die nächste Basilika, schließt dort euren Ehebund nach dem Gebrauch der Kirche und laßt euch trauen von dem Bischof. Mich – meine Anwesenheit – braucht ihr ja nicht dazu.« – »Vergib, o Bruder! Du bist sehr – sehr gut. Aber ... ich kann nicht.« – »Liebst du mich nicht mehr, Juliana?« fragte traurig Jovian. »Von ganzer Seele. Aber ... ich kann nicht.« – »Und weshalb nicht?« grollte der Imperator. »Die Mutter – Johannes ... sie drangen in mich. Deine Grausamkeit gegen die Christen ... deine Verfolgung des Glaubens ...« – »O hört es, ihr Götter!« »Haben dein Seelenheil auf das furchtbarste gefährdet. Du bist verloren für ewig, rettet dich nicht die Fürbitte der Heiligen, fromme Tat und Gebet und Gelübde der Menschen! Und so ... so habe ich – wie die Mutter, deine Seele zu erlösen, nach Rom und nach Jerusalem gepilgert ist – so habe ich, um deiner Seele willen, das Gelübde der Ehelosigkeit geleistet.« – »Irrsinniger Glaube!« schrie Julianus außer sich. Und auch Jovianus seufzte: »O Juliana, das ist ... sehr hart!« Der Imperator suchte sich zu fassen. Er kämpfte schwer mit sich. »Das«, brachte er hervor, »das ist zuviel. Zu heiß brennt diese Wunde. Seit Helenas Tod hat nichts – hat auch nicht der Brand von Daphne – so geschmerzt. Du, geliebte Mutter! – Jovian! – Die Schwester eine Nonne! Treulos abgefallen all meine Liebsten! – Aber nein! Das werde ich nicht dulden! Juliana, dein Gelübde. Ich zerreiß es. Du selbst wirst es zurücknehmen!« – »Das hoffe nicht!« sprach Juliana, sich hoch aufrichtend. »Niemals. Denn wisse: Ich wäre doch vielleicht deinen Lockungen verfallen geblieben, sie sind sehr herzbetörend, und ich hab dich lieb, großer Bruder, und auch ... ihn. Aber da sandte mir Gott, der Herr, den Gewaltigsten seiner Boten! Wer einmal dessen Wort von Christus gelauscht hat, der läßt von Christus nimmermehr.« Die Zornfalte furchte tief des Imperators bleiche Stirn, als er, böser Ahnungen voll, mit heiserer Stimme forschte: »Und wer ... wer ist dieser neue Apostel? Doch nicht ... nur nicht er?« Er sah grimmig auf die Schwester. Aber diese sprach, die schönen dunklen Augen voll aufschlagend, ohne Furcht: »Du ahnst richtig: Athanasius!« – »Ah!« rief Julian, »bei allen Schrecken des Tartarus! Dieser Mann ist ein großer Frevler. Er raubt mir Mutter, Schwester, Freund. Die Mutter verschwindet plötzlich aus Jerusalem auf lange Zeit! Endlich melden meine Boten, die sie in meinem ganzen Reiche suchen: In Gewissensangst entfloh sie aus Jerusalem nach Ägypten zu Athanasius und hält sich dort verborgen.« – »Und von da reiste der Große, der Unermüdliche, um der Angst der Mutter für mich abzuhelfen, um meine geringe Seele zu retten, bis zu mir in die Nähe von Byzanz, an jenen mir tief verhaßten Ort ...« – »Er hat dich dort gesehen, gesprochen? Er hat es gewagt – (jedem Galiläerpriester, der sich in eine meiner Priesterinnenschulen begibt, droht schwerste Strafe!) –, einzudringen in die den Göttern geweihten Räume? Und eben dort, unter den Augen der Göttinnen Aphrodite und Hera und ihrer Priesterinnen, dort hat er ...« – »Meine junge Seele zurückerobert für Christus den Herrn. Er sagte, er tauche in die trübe, grundschmutzige See, eine Perle zu retten vor Befleckung. Mir graut vor diesen Festen der Aphrodite!« – »So? Graut dir? Warte, du sollst ...« – »Ahntest du, o reiner Bruder, was, unter dem Anschein heiliger Weihen, die Priester dort mit den Priesterinnen treiben! In einer unterirdischen Höhle – nachts – kommen sie zusammen ...« Julian erblaßte. »Schweig vor dem Volk! Wehe, wehe«, sprach er leise zu Serapion. »Auch hier Dinge wie bei Abt Konon und Theodoret? Und – o ihr heiligen Götter! Unter meiner Herrschaft konnte solches geschehen! Ich, ich habe«, sprach er laut, »Mißbräuche abzustellen, nicht der kecke Priester. – Er soll der gesetzlichen Strafe nicht entgehen, der mir an heiliger Stätte die Schwester geraubt. Ich lud ihn längst – wegen anderer Frevel – zur Verantwortung, aber er ist nicht vor mir erschienen und doch längst verschwunden aus Alexandria, niemand weiß, wohin. Sein böses Gewissen scheut seinen Richter.« – »Du irrst. Schon morgen hoff ich ihn wiederzusehen.« »Wo?« – »Hier. Er reist dir schon lange nach aus Ägypten. Er schrieb zuletzt aus Thapsakus, die Stunde sei gekommen, die Wolken ballen sich zusammen um dein Haupt; bald werde er hier eintreffen. O teurer, teurer Bruder, von dem mein sündig Herz noch immer nicht lassen kann – höre auf mein Flehen.« Sie trat ganze nahe und flüsterte: »Laß dich nicht öffentlich – nicht vor dem Volk! – ein auf einen Streit, auf einen Kampf der Geister mit diesem Mann. Ich weiß – ich hab es oft gedacht, als ich deine Briefe, deine Reden las –, du bist der stärkste Geist unserer Tage, stärker als alle, aber – bei Gott – nicht so stark wie dieser Mann; denn ihn erfüllt der heilige Geist Gottes.« – »So? So meinst du?« Furchtbar, drohend stieg ein Gewitter des Zorns auf in Julian. »Laß ab«, mahnte Jovian leise die Geliebte. »Schweig, hohe Jungfrau«, warnte ebenso Serapio. »Du reizest ihn immer heftiger.« Aber begeistert für den Erretter ihrer Seele, besorgt um den Bruder, sprach das schöne Mädchen immer eifriger und mit leuchtenden Augen: »Sprich im geheimen mit ihm! – Verantworte dich! Laß dich belehren! – Aber wag es nicht – ich bitte! –, dich öffentlich mit ihm zu messen. Du bist rettungslos vor allem Volk verloren! Er schlägt dich, wie du die Alemannen schlugst.« – »Ah, ah, ah! Das ist zuviel«, rief er, in wilde Wut ausbrechend, »von der einst so zärtlich geliebten Schwester! Abscheulich! – Nein, bei dem Gott des siegenden Lichtes – nun erst recht! – Aber«, so schloß er finster, »du, Entartete, du sollst ihn nie mehr schauen, den heißverehrten Betörer, nie mehr seine Stimme hören. – Ihr Matronen, ihr Priesterinnen der Hera, herbei! Werft die Kränze, die bräutlichen Fackeln weg! Ergreift diese Verführte und geleitet sie augenblicklich in die Weiheschule der Vestalinnen, die ich hier erneuert habe. Ich kenne sie genau, ich habe sie erst gestern geprüft ... sie ist streng, aber sittenrein. Dort bleibt sie, unter schärfster Zucht und Aufsicht der Vestalinnen, bis die Götter ihr betörtes Herz erweicht haben.« – »Mein Imperator«, rief Jovianus, heftig vortretend, »Julian – das wirst du nicht ...« Blitzschnell fuhr der herum und herrschte ihn an: »Schweig, Galiläer! Wie lauten sie doch, eure scheinheiligen Heuchlerworte? »Jedermann sei Untertan der Obrigkeit.« Ich bin ihre Obrigkeit und die deine, Magister Militum. – Führt die Törin fort! Rasch aus meinen Augen! – Ihr aber, Domestici des Palastes, ladet auf morgen das ganze Heer und Volk, Männer und Frauen, zumal die Großen des Palastes und des Lagers, die galiläischen Bischöfe und Priester – hört ihr? Vergeßt mir keinen unter diesen! Dann alle Priester und Priesterinnen der Götter, um die Stunde des Sonnenuntergangs, in meinen Palast im Platanenhain vor der Stadt. Alle, soweit Platz ist, sollen meine willkommenen Zeugen sein, Zeugen bei dem großen Geisteskampf; nicht zwischen dem Menschen Julian und dem Menschen Athanasius, o nein, zwischen dem Gott der Galiläer und den wahren Göttern. Das ist ein Kampf, wichtiger als mit Germanen und Persern, denn nicht um die Beherrschung der Erde geht es hier, nein, um die Krone der Welt des Geistes! Phöbos Helios, der du da eben leuchtend durch die Wolken brichst – (ich nehme das Omen an!) –, du wirst, die Finsternis durchbrechend, siegen. – Fehle nicht, Galiläer Jovian! Auch dich ersieg ich mir zurück. – Komm, Serapio, stütze mich. Bis zum Zusammenbrechen haben mich Entrüstung und bittere Herzenskränkung erregt. Du, Germane, bliebst mir treu. Morgen: ... der größte Sieg der Götter und ... Julians.« Dreißigstes Kapitel Auf das tiefste hatte das soeben Erlebte das weiche, reizbare Gemüt Julians erschüttert. Er war tief getroffen worden in seinen edelsten Zügen, aber auch in seinen Schwächen. Es war ihm ein Bedürfnis, nachdem er sich erst in der Einsamkeit seinem Gefühle hingegeben – viele Tränen hatte er geweint um die beiden »Verlorenen« –, sich auch einem andern Herzen auszuschütten. Er ließ Serapio rufen und wandelte, auf seinen Arm gelehnt – denn er war stark erschöpft – in dem Schatten des Platanenhaines bei seinem Palatium langsam auf und nieder, das eben Erlebte und das Bevorstehende durchsprechend. »Ah, und die Mutter«, klagte er, plötzlich haltmachend. »Ich habe sie ja all diese Zeit nicht gesehen. Sobald meine ›Galiläerverfolgung‹ begann, weigerte sie sich, mit Juliana an meinen Hof zu kommen. Sie schrieb mir nur ein paar verzweifelte Briefe, und als diese nichts fruchteten, verstummte sie völlig, ja sie war verschwunden. Erst vor kurzem erfuhr ich, wo sie weilte. In Rom, in Jerusalem und dann bei ›Ihm‹, wie die Galiläer den Alexandriner anbetend nennen. Und dieser Johannes! Lysias hatte doch recht, als er mich vom Knaben auf vor dem warnte. Er ist ein ›Heiliger‹ – (auf gut griechisch: ein Narr!) – und eine gute Seele. Ja, ich glaube, er würde für mich Scheusal noch immer in den Tod gehen. Aber ein Schleicher ist er doch! Er half ganz ruhig der Mutter, den Sohn betrügen; oder doch, ihm zu dessen schlimmstem Feind entlaufen. Aber, erwisch ich ihn, sorg ich dafür, daß Frau Irenen dieser stets bereite Stab für ihre Wanderfahrten abgenommen wird für immerdar. – Und Jovian! Auch er ist nicht ganz mein! Nicht – o laß mich's wiederholen, es tut dem wunden Herzen wohl! – nicht so wie du, mein Serapio. Du bist mir treu.« – »Solang du lebst. Und solang ich lebe«, sprach der andere, den Arm des Wankenden kräftig in die Höhe hebend. »Aber eins lebt länger als du und ich.« – »Gewiß, der Gott«, sprach Julian, sich auf ihn stützend und zu dem Hochgewachsenen emporblickend. »Du weißt, Julian, ich habe keine Götter. Darum erleb ich solche Wandlungen nicht wie der wackere Jovian. Aber von Geschlecht zu Geschlecht, von Civilis herab, haben wir's geschworen und gehalten ...« – »Nun, was also lebt länger als wir beide?« – »Mein Volk, die Franken. Ihm vor allem gehört mein Glaube, meine Treue.« – »Ich verstehe! Nun – nach unserem Vertrag –, falle ich, darfst du wieder gegen Rom kämpfen, wenn es dich freuen wird.« – »Ich würde müssen. – Und es würde mich auch freuen. – Aber, o Freund, Perser und Parther haben mehr als einen Pfeil, so sagt man. Einer für dich, einer für mich löst unsern Vertrag. Erwarten wir das Ende. – Zunächst jedoch gilt es, diesen Athanasius zu bekämpfen. Ich bin gespannt darauf. Gestatte, aber zürne nicht der Bitte: Ich weiß, du brauchst keinen Kampfeshelfer und du hast mehr Dialektik in deinen Fingerenden, als dein ziemlich schweigsamer Freund. Allein, solltest du im langen Redekampf ermatten – du bist stark angegriffen –, gestatte mir, dem Barbaren, eine kurze Frage zu richten an diesen größten der Christen.« – »Gern! Nach meinem Sieg, denn ich werde nicht ermatten!« rief er, siegesgewiß, mit leuchtenden Augen. »Ich bin in Sorge, dieser Heilige läßt sich mit dir auf Dialektik, auf Logik gar nicht ein.« – »Wie kann er? Mit seiner seltsamen Logik I = 3?« – »Spotte nicht! Leichtherziges Griechlein! Bist du schon wieder obenauf?« – »Ja, ich schnelle immer leicht wieder empor, ward die drückende Last abgenommen, dem Zweig der edlen Olive vergleichbar. Danke dir, du Treuer, du hast mir wohlgetan. Leb wohl. Ich will nun ruhen.« – »Wenn nur nicht Athanasius ...«, rief Serapio noch dem Enteilenden nach. Aber hier brach der Treue ab. »Nein, nicht Julian – vielleicht unnütz – erschrecken, ihn bestürzt machen. Allein, geht jener kluge Priester auf ... auf jene Geschichte ein, vor allem Volk ... dann wird es ihm hart gemacht, zu siegen, dem lieben Imperator der – Wortkunst. Da hilft ihm keine Rhetorik darüber weg. Was dann? Aber ich fürchte, wir kommen gar nicht so weit im Streit um die Lehre. – Nun gehe ich zu dem andern armen Freunde, dem wackeren Christen Jovian. Wird er sich freuen, wenn ich ihm vertraue, daß Julian ihn – trotz des bißchen Taufwassers – noch immer so innig treu liebt, so innig, wie ich's soeben Julian umgekehrt von dem Magister Militum beteuert habe. Seltsam ist's! Ich laufe emsig zwischen beiden hin und her, dem Eingottgläubigen und dem Vielgöttergläubigen, dem Eichhörnlein Ratawiskr vergleichbar, aber nicht Zwietracht, sondern Eintracht stiftend zwischen guten, törichten Männern. Meine Gottlosigkeit muß den Christen und den Heiden versöhnen.« Einunddreißigstes Kapitel Am folgenden Morgen war die ganze Christengemeinde von Circesium, unter Führung ihres Bischofs, an den Hafen des Euphrat geströmt, wo der große Ägypter; den Strom herabsegelnd, erwartet wurde. Aber auch viele Heiden hatten sich dem Zug angeschlossen, aus Neugier, jedoch auch häufig von dem Verlangen getrieben, den unbesiegten Vorkämpfer der Rechtgläubigen zu begrüßen, dessen Ruhm seit Jahrzehnten das ganze Morgenland erfüllte. In feierlichem Geleit wurden der Gelandete und sein kleines Gefolge in das Haus des Bischofs geführt, das all die folgenden Stunden umlagert blieb von dichten Haufen der Gläubigen, die immer und immer wieder verlangten, das ehrwürdige Antlitz des weisen Seelenhirten zu schauen, der nicht ermüdete, ihnen unablässig Segen zu spenden. Schon lange vor der bestimmten Stunde – vor Sonnenuntergang – wogte dann das Volk ebenso auf den großen freien Platz vor dem Palatium in dem Platanenhain. Kein Platz blieb frei, von dem aus irgendein Blick dringen konnte in den großen, nach außen offenen Thronsaal des Marmorgebäudes, der, ein gewaltiges Halbrund, viele Hunderte von Menschen bergen konnte auf den halbkreisförmigen Bänken, die gegenüber dem im Mittelgrund errichteten purpurbehangenen Thron aufgestellt waren. Diese Bänke waren bis auf den letzten Platz besetzt von den gestern durch den Imperator Geladenen, während die Massen des Volks von den Bäumen des Haines an bis zu der obersten Stufe der Freitreppe vor den offenen Bogen und Säulen des Palastes Kopf an Kopf sich drängten. Als die sinkende Sonne den Horizont erreicht hatte, öffneten sich die Flügeltüren in dem Hintergrund des Saales, und herein schritt, vom Geschmetter der Trompeten begrüßt, der Augustus in der ganzen Pracht der Gewandung des Pontifex Maximus. Ein goldener Strahlenkranz starrte von dem Diadem aus um sein Haupt; das bis auf die goldenen Sandalen wallende Gewand von weißer Seide, mit Purpur gesäumt, war, wie der handbreite Goldgürtel, mit Edelsteinen und Perlen übersät. Ein schwerer Purpurmantel floß über Schulter und Rücken, und in der Hand hielt er den langen goldenen Herrscherstab, gekrönt mit goldener Kugel, dem Sinnbild des beherrschten Erdkreises. Hinter ihm schritten die Vornehmsten seiner Feldherren und Beamten, die Angesehensten der Priester und Priesterinnen, die Senatoren der Stadt, und wurden von den Domestici an die ihnen vorbehaltenen Plätze geleitet. Der Imperator schritt die sechs hohen Stufen hinan, die zu dem Throne führten und ließ sich nieder. Er wollte soeben die Verhandlungen eröffnen, als aus der Innentüre des Palastes hastig ein Domesticus eintrat und meldete: »Dringende Nachrichten, Herr, Eilboten. Sie sagen, du mußt es gleich ...« Der Imperator winkte. Da holte der Domesticus aus dem Innern des Palastes drei über und über von Reisestaub bedeckte Männer mit langen Bärten. Ängstlich, verstört sahen sie zu ihm auf, die Arme demütig über der Brust kreuzend. »Wer seid ihr? Juden, so will es scheinen! Woher kommt ihr?« – »Aus Jerusalem, Herr!« – »Also von meinem Tempelbau. Er muß schon stark fortgeschritten sein. Wie steht es mit dem Tempel?« – »Ach, Herr, und Wehe! Siebenfach Wehe! Der Tempel, dieser dein Bau ...« – »Nun, was ist damit?« – »Eingestürzt ist er, der ganze Bau.« – »Das wolle Phöbos nicht!« rief Julian tief erschrocken. »O Herr! Ein Erdbeben ...« – »Nun gut! Aber nach dem Erdbeben habt ihr doch wieder aufgebaut?« – »Nein, o Herr! Wir konnten nicht!« – »Was? Ihr Feiglinge!« – »Nein, Herr! Wir waren nicht feige, wir gaben so leicht nicht nach! Ein glaubenseifriger Mann und dein treuer Knecht war unser Baumeister, Simon Alypius, der Levit. Er führte immer wieder die verzagenden Sklaven auf die rauchende Baustätte; er legte selbst Hand an, die Trümmer wegzuschaffen. Schon vom Feuer versengt an Mantel und Bart, drang er zum viertenmal vor, er allein, nur Simon, der Kriegsknecht, den du ihm mitgegeben hast, folgte ihm pflichtgetreu. Da tat sich die Erde auf unter seinen Füßen – unterirdischer Donnerschall –, und der Abgrund hat ihn, den Wehe schreienden, samt Simon lebendig verschlungen. Da stoben alle seine Werkleute in Entsetzen davon. Um keinen Preis legt dir noch jemand Hand an diesen Bau! Es ist der Fluch des Galiläers! Er hat sich erfüllt. Viele Hunderte unserer Glaubensgenossen haben sich, überzeugt durch diese Wunder, taufen lassen. Alle aber, auch wir, die wir den Glauben unserer Väter behielten, alle die Tausenden von uns, die du dort versammelt hattest, uns um den Tempel wieder anzusiedeln, mit Grauen, mit Furcht vor dem Galiläer sind wir auseinandergestoben und haben uns wieder zerstreut über alle Länder der Erde. Und so verstreut – kein Volk mehr – werden wir nun bleiben, ach, fürcht ich, immerdar! Wir mußten dir's eilig melden, dich warnen! Erneuere nicht den Versuch! Viele hundert Leichen liegen unter den Trümmern.« Tief erschütterte die Botschaft den ohnehin Hocherregten. Die zahlreichen Christen in der Versammlung nickten einander bedeutsam zu. Ein dumpfes Gemurmel des Grauens lief durch die Reihen. Julian, der auf seinem Thron in sich zusammengesunken war und leichenblaß vor sich hinstarrte, beugte sich zu Serapio: »Das Omen ... der Fluch des Galiläers ist erfüllt!« Da flüsterte Serapio beschwichtigend: »Und was ist nun weiter? Hat denn nicht gleichzeitig die Erde auch anderwärts gebebt? Laß die Erde beben! Du darfst nicht beben. Jetzt am wenigsten! Athanasius wartet.« Allein Julian war von diesem Eindruck aus dem Gleichgewicht geworfen, er hatte völlig die ruhige Sammlung verloren, die er sich – nach einer schlaflosen, bösen Nacht – mit Mühe errungen; er war zerrüttet in seinem Denken, fieberhaft erregt. Seine Hand zitterte, wie er nun mit dem Herrscherstab ein Zeichen gab. Zweiunddreißigstes Kapitel Da richteten sich die vielen tausend Augen auf die schmale Seitentüre des Saales zur Linken des Thrones, die sich nun geräuschlos auftat, und herein schritt, unter atemlosem Schweigen der Versammelten, eine hochragende, eine majestätische Gestalt, die den Kriegern, die an der Türe Wache hielten, bis an die Helmkämme reichte. Ein langer weißer Bart wallte, in zwei breite Wogen geteilt, bis auf den dreimal geknoteten Strick, der das dunkelbraune härene Gewand – die Tracht der ägyptischen Wüstenpriester – zusammenhielt. Das gewaltige Antlitz, von großartigem, aber doch mildem, von edelstem Ausdruck, war gerade auf den bleichen Imperator gerichtet. Der Blick der hellblauen Augen schien bis in den Quellgrund der Seele zu dringen. So stand der gewaltige Greis vor dem Thron, ohne das Haupt zu beugen, barhäuptig, barfuß, in der Tracht eines sündigen Büßers; aber vor der Hoheit dieser Erscheinung versank der Imperator und sein Purpurthron und alle Pracht seiner Großen in nichts. Alle fühlten, dieser Mann ist unerreichbar groß. Lange hatte Julian den Blick jener Augen ertragen, aber plötzlich zuckte er zusammen und schloß sie wie verwirrt. Nach einer Weile erst schlug er sie wieder auf und hob an: »Metropolit von Alexandria, du bist angeklagt bei mir ...« – »Du bist nicht mein Richter, Flavius Claudius Julianus«, unterbrach Athanasius mit klarer, lauter Stimme; sie durchdrang den ganzen Saal, drang weit hinaus zu den Tausenden draußen auf dem Platz, und doch ward sie ohne jede Anstrengung gebraucht. »Mein Gericht ist nur ein allgemeines Konzil der Kirche. Nicht als Angeklagter, als Ankläger steh ich hier. Du bist durch den Taufbund der Kirche erworben; als dein Seelenhirte sprech ich zu dir.« Julian machte eine unwillig ablehnende Bewegung, er wollte aufspringen, aber er beherrschte sich und sprach: »Wohlan, ich will dich reden lassen, Athanasius. Man soll nicht sagen, du habest nicht voll Gehör gefunden. Rede denn, soviel du willst. Aber dann ... dann rede ich.« Und Athanasius begann mit überwältigender Macht der Rede: »Nicht in Worten mit dir zu streiten bin ich hergekommen. Unser Streit wird nicht durch Worte, durch die Weltgeschichte wird er entschieden. Ich scheue sie nicht, deine dialektischen Fechtkünste, ich kenne sie und verachte sie. Ich frage nur: Wer und was hat dich, als du fast noch ein Knabe warst, zum Abfall vom Glauben bewogen? Ein Priester, der, eidbrüchig, jahrzehntelang sich als eifrigen Christen ausgab, während er die Kirche insgeheim auf das grimmigste bekämpfte. Ist das sittlich? Ist das nicht ebenso Heuchelei, wie die mancher unserer Mönche, die er dir aufgedeckt haben soll? Nicht ebenso unsittlich, wie ein wurmstichiger Papst, der später abfiel vom Glauben? Gewiß sind viele unserer Priester arge Sünder. Daß die Kirche gleichwohl noch besteht, trotz der Fäulnis so vieler ihrer Glieder, gerade das beweist ihre göttliche Gründung und Erhaltung durch Wunder. Aber nicht deine Vernunft will ich überzeugen von dem, was über aller Vernunft ist. Nein, o Julianus, nicht deinen Geist: dein Gewissen ruf ich an!« »Meine Ahnung!« sprach Serapio plötzlich hochernst, zu sich selbst. »Jetzt, Julian, nimm dich zusammen.« »Das ist der Anwalt, den ich hier vorfinde; bald stelle ich den mitgebrachten dir vor Augen. Dein Gewissen will ich aufwecken, nicht deine Schlüsse widerlegen; deine unsterbliche Seele will ich retten. Deshalb bin ich hierher gereist, ein alter Mann, so weit her, mitten durch alle Verfolgungen meiner alten Feinde, der Ketzer, und meiner neuen, deiner Schmeichler. Ich komme, dich zu fragen: Mit welchem Recht kannst du es wagen – du! – gerade du, der du so schwer gefrevelt, auch schon bevor du Christus verfolgtest, in diesem Reiche der Römer solche Verwüstung anzurichten, einen Glauben zu verbreiten, den andern zu verfolgen? Wie kannst du das wagen, Cäsar Julian?« »Imperator Augustus heiß ich und bin ich, Vermessener«, rief nun Julian, der wechselnd glutrot und leichenblaß geworden war. »Du heißest so: du bist es nicht! Du bist der vor Gott dem Herrn tief verworfene Sünder, der die meineidige Hand – siehst du, wie du erbleichst bei diesem Worte, dem Donnerworte Meineid! – ausgestreckt hat nach dem Diadem seines Herrn: eines bösen Herrn, aber seines Herrn nach Gottes Recht und der Menschen! Du bist der treubrüchige, der pflicht- und ehrvergessene Mann, der dort zu Paris von einem Haufen wahnsinniger Barbaren, fahnenflüchtiger, eidvergessener Soldaten, sich mit einer Panzerkette zum Imperator krönen ließ. Dir und den Deinen flögen die Köpfe vor die Füße, ging es nach dem Rechte. Du bist kein Imperator, und du kannst es nie werden, seit Constantius starb, ohne dich anzuerkennen. Und am Jüngsten Tage wird der Weltenrichter sprechen: ›Meineidiger Cäsar Julian – schon um deines ungeheuren Treubruchs willen –, fahr zur Hölle!‹« Julian hatte während dieser furchtbaren Worte starke Wandlungen durchgemacht. Frühere Aufwallungen des Zorns hatte er rasch niedergekämpft, aber das Wort »Meineid« war ihm ins Mark gefahren und hatte ihn aufgejagt wie ein Feuerpfeil. Er war vom Thron aufgesprungen, er hatte den Kühnen unterbrechen wollen, aber als Serapio nun wiederholt versuchte, den fürchterlichen und mitreißenden Redner zu hemmen, winkte er ihm, ihn seine Anklagerede vollenden zu lassen. Jetzt schwieg Athanasius und bohrte die wie Diamanten blitzenden Augen so tief in die seines Gegners, daß dieser verwirrt, wie bei seinem ersten Anblick, die langen, dunklen Wimpern senkte, freilich nur ganz kurz. Aber kalter Schweiß perlte ihm auf der Stirn, als er nun heiser begann, mit tonloser, mühsam die Worte bildender Stimme: »Ein anderer – (auch ein Galiläer!) – würde dir vielleicht einwenden, Priester: ›Es war Notwehr, Notstand; ich hatte nur die Wahl, zu sterben oder den Eid zu brechen. Not kennt kein Gebot!‹ Und dieser mein Einwand wäre...« – »Lüge.« Julian fuhr hoch, vom Thron empor; auch alle andern staunten. – »Was ... was soll das heißen?« »Daß du nicht aus Todesfurcht gehandelt hast. Im Gegenteil. Du sprachst dein ›Nein‹ zum drittenmal, als schon zwei Waffen dein Leben bedroht hatten.« – »Wie?« schrie nun Julian außer sich, und unwillkürlich fuhr ihm die Faust an den Gürtel, wo aber heute das Schwert fehlte. »Das weißt du, Priester? Du weißt, daß ich meine Treue mit meinem Leben besiegelt habe, daß ich eine halbe Stunde lang dem Tod ins Auge sah mit meinem ›Nein‹? Und daß ich erst, als alle Gefahr vorüber, die Krieger gewähren ließ? Das weißt du, daß nicht Todesfurcht mich bestimmt hat, und dennoch wagst du, mich zu verdammen?« »Gerade deshalb. Gabst du nach aus Todesangst, so war's eine läßliche Sünde. Bist du doch kein Christ. Tausende von Christen haben sogar unter den Zangen der Folterer, aus Angst vor dem Tode, nicht standgehalten; das schwache Fleisch gab nach, nicht alle sind zu Märtyrern gefestigt. Gott der Herr wird sie gelind bestrafen, wie ich dich entschuldigen würde, hättest du aus Todesangst gefehlt und dann deine Schuld durch Reue, Buße, Besserung gesühnt.« Jetzt glaubte Julian den Sieg gewonnen zu haben in diesem Gedankenkampf, der ihm furchtbar viel schwerer geworden, als je einer zuvor. Jetzt richtete er sich hoch auf und, stolz herabblickend auf den Greis zu den Füßen seines Thrones, rief er mit wiedergefundener Kraft der Überzeugung und der Stimme: »Hört es, ihr Freunde, hört, ihr Römer all: Das also ist's! Das ist die hohe Sittlichkeit des Galiläers! Also aus Feigheit, aus elender Todesfurcht den Eid brechen, das ist läßlich, das liegt in der Schwäche der erbsündigen Natur, das hätte er begriffen und verziehen. Daß aber ein Römer, ein Feldherr und – (ich darf es sagen) – ein Held, nachdem er dem Tode getrotzt, aus andern Gründen sich entschließt, den Eid zu brechen, das kann er nicht verstehen noch verzeihen, der Priester. Selbstverständlich! Ist er doch kein Mann, sondern ein Wundertäter, kein Römer, sondern ein Galiläer. Vernimm es also, wußtest du es nicht bisher: Es gibt ein Vaterland, es gibt ein Reich der Römer! Dies ist des Römers höchstes Gut auf Erden. Das Römerreich zu retten – (das verloren war, wenigstens im ganzen Abendland, ganz Gallien an die Barbaren verloren, gab ich die Legionen her) –, das Römerreich zu retten, ja und, allerdings auch – (das war aber erst mein zweiter Gedanke) –, um die alten Götter wiederherzustellen, bracht ich des Mannes höchstes Opfer dar, das seiner Ehre, brach meinen Eid und rettete das Reich.« Erschöpft hielt Julianus inne. »Und mit dieser elenden Ausflucht hast du dein Gewissen beschwichtigen können? Deine Götter! Waren sie also auf dich angewiesen, auf deinen Eidbruch? Bedürfen sie deiner Hilfe, nicht du der ihren? So schwach sind sie? Das glaubst du selbst nicht! Eine Ausrede vor dir selbst, eine Selbsttäuschung war diese deine ›Pflicht‹ gegen die Götter. Und dein Eidbruch? Hat er denn deinen Göttern genützt? Nicht eine Seele hast du für deine Göttergespinste gewonnen! Und alles, was du künstlich in diesen Jahren aufgebaut, in kurzer Zeit wird es wieder spurlos verschwunden sein; wie du selbst! Nicht berühme ich mich Unwürdigen, den Geist der Weissagung zu haben; dir aber sage ich, du bleicher Mann im Purpur, wahrlich, wahrlich, wie eine Wolke wirst du vorübergehen.« »Eine Wolke birgt manchmal Blitz und Donner. Hüte dich, Bischof von Alexandria.« »Nicht die Pforten der Hölle werden sie überwältigen, geschweige ein witzelnder Rhetor. Aber das Reich, sagst du! Dich rief das Reich. Ich frage dein Gewissen: Wie? Ist das deine Sittenlehre? Heiligt dir der Zweck das Mittel, das Wohl des Vaterlands, rechtfertigt es den Eidbruch? Wahrlich, nicht nur die Kirche, auch fromme Heiden – denn es gibt solche, die ich hoch achte – verwerfen solche Frevellehre mit Abscheu. Aber du, du bist ja gar kein frommer Heide! Sondern auf eines läuft alles bei dir hinaus: Das Genie – das heißt Julian! – steht über den Gesetzen der Sittlichkeit, wie sie gewöhnliche Sterbliche verpflichten. Siehst du, wie du zuckst? Das traf wie das Wort ›Meineid‹! Denn es ist die Wahrheit! Solche Überhebung aber ist der frevelhafte Gipfel sündhafter Selbstsucht! Jeden andern hättest du verurteilt, der den Eid der Treue brach, du selbst wolltest ihn wacker halten, auch unter höchster Todesgefahr – ich lob es –, bis dir plötzlich einfiel: Ei, ich bin ja Julian, der Geistreiche, der Unvergleichliche, der Liebling der Götter, bin ja nicht jener Magnentius oder Silvanus, den ich verurteilte, oder mein eigener Bruder, dessen Tun ich scharf verwarf. Ich darf tun, was kein andrer dürfte. Ein frommer Heide hätte gesagt: ›Mögen das Reich die Götter retten, sie können es, wenn sie wollen; ich rette meine Treue, mein Gewissen. Mein Leben für das Reich, aber nicht meine Ehre.‹ – Du aber, du sahst vor allem dies Menschlein da, diesen Julian, der Diadem und Purpurmantel trug; du sahst nur dein Bild im letzten Grund deiner Seele. Das war dein erster Gedanke.« Da fuhr Julian zusammen. Er wankte, er griff nach der Lehne des Throns. »Die einfache Mannespflicht band dich nicht genug, für Julian mußte Besonderes gelten. Du sahst in jener Stunde der Gefahren wie in einen dunklen, langen schmalen Gang: Da, am Ende des Dunkels tauchte dir plötzlich strahlend auf deine eigene Gestalt im Purpur, und du vergaßest rasch alles und griffst rasch nach dem Purpur. Und du brachst deinen Eid!« fuhr der Furchtbare unerbittlich, einen Schritt näher tretend, fort: »Nicht aus menschlich verzeihlicher Todesangst, aber auch nicht – vor allem – wie du dir vorlügst, aus Liebe zu dem Reich und deinen Göttern, sondern weil du – eben du! –, der herrliche Julianus, der Retter sein solltest. Hätte ein anderer damals, das Reich zu retten, sich empört, du hättest deinen Eid gehalten und ihn bekämpft für Constantius. Aber du! Dich wähnst du berufen zu allem Höchsten. Diesem Rufe – dem Tubaruf der Ruhmsucht – folgst du, auch wenn er zum Verbrechen lockt. Du bist treulos, ehrlos, meineidig, eidbrüchig geworden, o Julian, nicht um Roms, nicht um der Götter willen, sondern aus dem tiefsten Kern deines Wesens heraus, und der ist – grenzenlose Eitelkeit.« Da stöhnte Julian ganz leise, er wollte sich ermannen, aber er brach in sich zusammen. Schwer sank ihm das Haupt vornüber auf die Brust, dabei fiel das goldene Diadem von seiner Stirn und klirrte, dreimal auf den Stufen des Thrones aufschlagend, zuletzt mit hellem Schall auf den Marmorestrich. Jovian bückte sich rasch, hob es auf und reichte es ihm hin; der aber wies es mit der Hand zurück: »Behalt es einstweilen, Jovian! Es war ein Omen«, flüsterte er mit schwacher Stimme. »Auf, Imperator!« mahnte Serapio leise, ihn an der Schulter emporrichtend, »ermanne dich. Und straf den Priester Lügen.« »Ich kann nicht, Freund! – Ach, er spricht wahr! – Ich sah – zuerst – gemäß meinem Traum – mich, mich selbst, mein Haupt mit dem Diadem! Ja das ... das hat mich entschieden.« Ein dumpfes Gemurmel ging durch die Reihen: »Seht, er wankt! Er schweigt; er muß verstummen; er fühlt sich schuldig.« Diese Worte drangen bis zu Serapio und Jovian. Beide fuhren auf. Und jener begann: »Nicht also, Römer! Ihr seht es ja, der Imperator ist plötzlich erkrankt.« – »Kein Wunder«, fuhr Jovianus fort. »In dem gerechten Zorn über solche Beschuldigung.« – »Wie willst du denn alles wissen und abwägen«, sprach Serapio, »du seelenkundiger Priester? Hat er dir Beichte darüber abgelegt? Wie schwer in jenem Entschluß die Sorge für das Reich, wie schwer die Rücksicht auf den eigenen Ruhm – nicht auf das Leben – wog? Freilich gehört dazu nicht bloß die Erkenntnis: ›Gallien, das Abendland ist verloren, geb ich nach.‹ – (Glaub es nur, Priester, glaubt es, ihr römischen Männer, mir, dem Franken, ich verstehe mich darauf: Gallien war verloren, verloren an mein Volk, hätte Julianus nachgegeben!) Sondern dazu mußte das Selbstvertrauen treten: ›Und ich bin der einzige, der es retten kann.‹ – Wohlan, hat er es nicht – für diesmal noch – gerettet? Der Erfolg hat ihn gerechtfertigt.« – »Jawohl«, fiel Jovianus ein. »Seine Schuld – war Schuld dabei –, ist solcher Heldenehrgeiz Schuld: sie ist gesühnt. Das Urteil Gottes hat entschieden; sonst hätte ich ihm nicht gedient. Gott hat in seiner Tat kein Verbrechen gesehen.« – »Glaubst du?« fragte Athanasius drohend. »Nein, junger Krieger, Gott hat anders, hat gegen den Meineidigen entschieden. Er hatte ja Gott einen Bürgen gestellt, eine Geisel für seinen Eid. Wohlan, Gott hat für ihn, den Hauptschuldner, die Strafe noch aufgespart – auf kurze, kurze Zeit! Gott hat sich an den Bürgen gehalten. Hast du vergessen, unseliger Sohn, als du nach dem blutigen Purpur griffest, wie dein Treueid gelautet hatte? So ganz hat dich die eitle Gier hingerissen, daß du alles vergaßest – auch die eigene Mutter?« Julian fuhr auf, beide Arme kurz erhebend. »Du schwurst Treue bei den Augen deiner Mutter. Brächst du die Treue, solle sie erblinden. Wohlan, sie ist erblindet. Und diesen Anwalt habe ich mitgebracht.« Bei diesen Worten rauschte der Vorhang des Seitengemaches, und von einem Mönchlein geführt, tastete eine hohe Gestalt in grauem Büßerkleid, eine immer noch schöne Greisin, auf langen schwarzen Stab gelehnt, sich in den Saal. »Mutter! Mutter!« schrie Julian außer sich, stürzte die Stufen des Thrones hinab und eilte, beide Hände vorgestreckt, auf sie zu. »Zurück! Hinweg von mir. Rühr mich nicht an, Julian Apostata! Du bist nicht mehr mein Kind, du Ausgestoßener! Um deines Eidbruches willen hat mich Gott geblendet! Und welchen Frevel ludest du, nachdem du dich in deinen frevelhaften Purpur gehüllt, noch auf dies Haupt! Du Verleugner Christi, deines Herrn, du, abtrünnig von Gott und den Heiligen im Himmel, abtrünnig von Eid und Treuepflicht auf Erden, abtrünnig von Mutter und Schwester, ein Verfolgter der Gerechten, ein Förderer aller heidnischen Greuel, Julian Apostata, nimm von deiner Mutter, der geblendeten ...« – »Halt, Frau«, rief gebieterisch Athanasius, ihren drohend erhobenen Arm herunterreißend. »Nicht also. Nicht ihn zu verfluchen, führt ich dich hierher. Ausstoßen mußte ihn – mit schwerem Herzen – seine geistliche Mutter, die Kirche, bis er sich gebessert. Du aber, Weib, das ihn geboren, du sollst ihn nicht verfluchen, retten sollst du ihn, ihm seine arme Seele zurückreißen von der Schwelle der Verdammnis. Deshalb – nicht um hier ein Schauspiel aufzuführen –, aus Erbarmen mit seiner unsterblichen Seele, hab ich dich hierher gebracht. Versuche, was du vermagst über deinen unglücklichen, irregeleiteten Sohn, alte, bejammernswerte Frau.« Julian war inzwischen von seinen beiden Freunden wieder die Stufen auf den Thron hinauf geleitet worden. »Meine Mutter!« stöhnte er, »Blind! Geblendet ... aber nicht von Constantius. Die wunderbaren Augen erloschen! Seht, wie sie nun so bleiern aussehen! Wie sie ins Leere stieren! Mich, ach, mich suchen sie.« »Es sei«, begann die Greisin. »Auch das noch! Ich will's – für ihn – versuchen. Führe mich, führe mich näher zu ihm hin, Johannes. Wo ... wo sitzt er auf dem angemaßten Thron? – Mein liebes Söhnlein, gedenkst du noch der ersten Jahre, der Jahre der Kindheit; vor jener Mordnacht? Du warst mein Liebling von den dreien. Und du, du konntest nicht einschlafen, hatte dich die Mutter nicht gesegnet. Zum Abschied küßtest du mir immer beide Augen. O Julian – glaube mir –, du findest von heute an keine Stunde ruhigen Schlummers mehr, bevor dich die Mutter wieder gesegnet hat. Oh, wieviel lieber segnet als verflucht sie! O mein Sohn, mein Sohn, rette deine Seele! Noch ist's nicht zu spät. Dieser heilige Mann sagt, Gottes Barmherzigkeit ist so unendlich, daß sie auch dir – auch jetzt noch! – verzeihen kann. Ich verlange nicht, daß du diesen Purpur ablegst, der dir ja so teuer scheint, teurer als der Mutter Augenlicht. Behalt ihn! Kannst du doch nur auf dem Thron gutmachen, was du auf dem Thron angerichtet. Sprich nur einmal hier vor mir: ›Herr, mein Gott im Himmel, vergib mir meine große Schuld um Jesu Christi willen, deines Sohnes, der auch für mich zu Golgatha am Kreuze litt und starb.‹« »Mutter – Mutter –, alles was du willst, nur nicht das Unmögliche. Ich kann nicht glauben an den Christengott.« »So? Du kannst nicht?« rief die Greisin, plötzlich wieder in den vorigen Zorn zurückfallend. »Du kannst noch immer nicht? Und hat er denn nicht vor deinen Augen seine Wundermacht bewährt an meinen Augen? Nicht vom vielen Weinen, wie Philippus warnte, sind sie erloschen – (nur um deine Sündenschuld, deine Greuel, hab ich freilich geweint tage- und nächtelang all diese Zeit, und auch so, daher, wären sie um deine Schuld erloschen) –, nein, Gott der Herr hat sie ausgelöscht um deines Eidbruches willen. Du schwurst bei ihrem Glanz, du brachst den Schwur: ihr Glanz erlosch. Und du willst noch nicht glauben?« – »Ich kann nicht, Mutter!« – »Du kannst nicht? Nicht nach diesem greifbaren Wunder? Ah, so ist es denn wahr, das Fürchterliche, das Grauenhafte, das im Volk der Gläubigen über dich geflüstert wird, so laut, daß es sogar bis zu mir, der unseligen Mutter, drang?« Sie riß sich plötzlich los von des Johannes Arm, machte ein paar Schritte in der Richtung, woher seine Stimme scholl, stand jetzt dicht vor dem Thron und hob drohend den schwarzen Stab. Ihre Züge verzerrten sich so furchtbar, ihre Lippen zuckten so krampfhaft, daß alle Anwesenden sich entsetzten: »Ein Gott spricht aus ihr!« murmelten gar viele. »Was, Mutter, was für ein Gerede?« »Kein Gerede! Oh, ich fühl es jetzt – fühl es mit Schaudern in dem Leibe, der dich getragen hat –, wie es sich in mir windet! Es ist wahr, wahr! Oh, ich Unselige! Hör es, Athanasius, du Frommer, hört es, all ihr tapferen und weisen Männer des Römerreichs! Wohl hat ihn dieser Leib geboren – aber sein Vater war nicht mein edler Gatte Julius.« Ein Ruf des Grauens dröhnte durch den Saal. Julian sprang auf: »Mutter! – Mutter! – Schände nicht dich selbst!« Aber diese fuhr fort: »Nein ... in meines Gatten Gestalt ... umfing mich ... im Dunkel der Nacht ... ein anderer: Satanas, der König der Hölle, hat mir diesen Dämon gezeugt. Diene ihm nicht, du Volk von Rom, du dienst in ihm der Hölle!« Da schrillten zwei ungeheure Schreie durch die weite Halle. Die Mutter brach in ein lautschallendes, nicht endendes Lachen aus, schlug um sich mit Händen und Füßen, Schaum trat ihr vor den Mund. Athanasius sprang hinzu: »Sie ist von Dämonen besessen. Tobsucht nennen's die Ärzte. Hinweg mit ihr.« Gleichzeitig aber war Julian emporgeschnellt vom Stuhle mit einem gräßlichen Schrei. Er warf das Haupt in den Nacken, ballte die beiden Fäuste, schlug nieder vor dem Thron und rollte in Zuckungen und Verzerrungen die Stufen hinab. Die Freunde, die Höflinge bemühten sich um ihn, sein Arzt Oribasius beugte sich über ihn: »Es ist ein Krampfanfall«, sprach der. »Es faßt ihn manchmal so. Tragt ihn zu Bett.« Einstweilen hatte sich der weite Marmorsaal geleert und auch der Platz vor dem Palaste. Mit allen Zeichen des Entsetzens, schreiend, weinend, händeringend, untereinander und mit den nächsten redend, verkündeten die Zeugen die grauenhaften Geschicke des Sohnes und der Mutter. Dieser Tag hatte viele Wurzeln der Liebe zu Julian ausgerissen in dem Herzen seines Volkes. Und er selbst hat sich im Innersten nie mehr ganz erholt von diesem Donnerstreich. Dreiunddreißigstes Kapitel Nachdem Serapio den Freund in den Händen des Arztes und der Diener sah, wandte er sich und schaute Athanasius nach, der, umwogt von den Christen, denen sich erschüttert gar viele Heiden anschlossen, von dem Bischof in dessen Haus geleitet wurde. »Sein Zug ist ein Triumphzug, ohne Zweifel«, sprach der Germane zu sich selbst. »Hm«, grollte er, »soll dieser Vorkämpfer der Kirche denn mit so ganz unbestrittenem Siege, so ganz unverwundet aus dem Streitfelde ziehen? Nein, das soll er nicht.« Er eilte dem Bischof nach, schloß sich dem großen Haufen der Frommen an, die sich an des Greises Schritte hefteten, sein Gewand zu küssen trachteten, sich vor ihm auf die Knie warfen und um seinen Segen baten, den er abermals, ohne müde zu werden, unablässig spendete. Der starke Franke drängte sich durch die Menge und schaffte ihm Raum, so daß er die Türe des Bischofshauses leichter erreichen konnte. »Ich danke dir, mein Sohn«, sprach die herzbezwingende Stimme. »Du bist von dem blonden Volk der Germanen, nicht? Ich sah viele von euch zu Trier. Wartet nur, auch in eure dunklen Wälder wird die Botschaft des Heils dringen, auch ihr werdet glauben. Denn es wird ein Hirt und eine Herde sein, so steht es in der Heiligen Schrift.« »Ich habe starke Zweifel. – Darf ich eine Frage stellen?« – »Gern, mein Sohn.« – »Wie kommt es wohl, daß die letzten Worte eures Gottes am Kreuze lauteten: ›Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‹ Oder gar, wie es in dem Evangelium des Petrus heißt: ›Warum hast du mich zu Schanden werden lassen?‹« Ohne Besinnen erwiderte der Bischof: »Bedenke, lieber Sohn, daß in diesem Augenblick der Herr die Sündenlast der ganzen Menschheit trug. Wie furchtbar mußte er die Sündenschuld empfinden!« – »Ohne je eine Sünde begangen zu haben?« – »Gewiß.« – »Genügt dir, großer Athanasius, diese Erklärung?« – »Vollauf, denn es gibt keine andere.« – »Vielleicht doch! Und ist er wiedergekehrt, wie er verhieß, vor einem Menschenalter nach seinem Tode? – Ich, o Athanasius, werde nicht mit geweidet werden in jener großen Herde.«   Schwer war der Schlag, vielmehr die Reihe von Schlägen, die den Erneuerer der Götter hier in Circesium getroffen. Sein heller Geist hatte sich einen Augenblick verdüstert unter dem Abfall, dem Fluch, dem grausen Geschick seiner Nächsten, unter der zemalmenden Verurteilung durch diesen in den tiefsten Seelengrund schauenden Priester. Der Glaube an seinen Stern, an die besondere Gunst der Götter war tief erschüttert. Aber die Jugendkraft des Zweiunddreißigjährigen überwand doch noch einmal die harte Anfechtung. Im Frieden der Muße zu Byzanz hätte vielleicht der Schmerz um das Verlorene, der Zweifel im Gewissen, das verzagende Grübeln gesiegt, aber das erste, was den Zusammengebrochenen aus seiner ohnmachtähnlichen Betäubung weckte, das war der Trompetenschall eines Reitergeschwaders, das an seinem Palast vorbeizog. »Die Tuba!« rief er und sprang von dem Lager auf. »Die Tuba ruft mich, wie damals zu Paris. Das Heer verlangt nach seinem Feldherrn. Es soll ihn nicht vergebens rufen.« Und so war es das Mächtigste und zugleich das Edelste, was in dieser Seele Gewalt hatte: die Begeisterung für das Vaterland, für den römischen Ruhm, die römische Heldenschaft war es, was den Schwergetroffenen noch einmal aufrichtete. Die Fülle kriegerischer Arbeit, der Ernst kriegerischer Pflichten ließ ihm gar nicht Zeit, seinem Schmerz, seinem Zorn, seinen Zweifeln, seiner Demütigung sich hinzugeben. Athanasius ward nach Alexandria entlassen, die Untersuchung wegen der früher erhobenen Anklagen eingestellt, der Antrag des Lysias, wegen des Auftretens in Circesium gegen ihn die Klage wegen » laesa majestas « zu erheben, heftig abgewiesen. Freilich hätte schon die Nichtanerkennung der Imperatorschaft ein Todesurteil gerechtfertigt. Aber statt dessen empfing der Metropolit von Ägypten auf seine Bitte die Erlaubnis, die Mutter Julians mit in seine Krankenstiftung nach Alexandria nehmen zu dürfen, da sie unter allen Menschen nur ihn erkannte und die Heilung durch seine Einwirkung noch am meisten Wahrscheinlichkeit versprach. Juliana ward auf des zürnenden Herrschers Befehl in eine jener von ihm gegründeten oder erneuerten Pflanzschulen für Priesterinnen gebracht, in einen Tempel der Vestalinnen zu Kale, einer Vorstadt von Circesium, dessen Vestadienst unter Leitung einer ehrwürdigen Matrone, Kallixena, schon lange hohen Ruhm genoß. Julian hatte sich für die Betörte ein Probejahr erbeten. Blieb sie nach Ablauf dieser Frist, unerachtet der günstigsten Einwirkungen des »Hellenismus«, standhaft bei dem neuen Glauben Jovians, so hatte die zärtliche Liebe des Bruders bereits beschlossen, das eigensinnige Paar gleichwohl zu vereinen; das Gelübde der Ehelosigkeit wollte er durch einen Machtspruch aufheben. Nur kurzer Frist hatte es bedurft, bis Julians Herzensgüte über seinen Zorn und Serapios Fürsprache über die Verherzungen des Lysias auch hierin den Sieg davongetragen hatten. Aber die Schwester noch einmal zu sehen, wie sie bat, das konnte sich der Tiefverwundete noch nicht abgewinnen. Auch die Bitte des Johannes, die kranke Mutter nach Alexandria begleiten zu dürfen, ward kurzweg abgeschlagen. Der Augustus war heftig erbittert über das vielgeschäftige Mönchlein, dessen Hin- und Herwandern zwischen dem Gewaltigen von Alexandria, Mutter, Schwester und Jovian er einen großen Teil der Schuld an deren Abfall und an dem ganzen Unglück zuschrieb. So ward Johannes auf Julians Befehl in dem zu Circesium befindlichen Kloster eingebannt auf Lebenszeit. »Er soll mir nicht mehr hin und her huschen, dieser Apostel des Unheils«, grollte der Imperator. Vierunddreißigstes Kapitel Nach wenigen Tagen hatte sich der Erschütterte so weit erholt, daß er das Heer weiterzuführen vermochte, nun in Feindesland. Denn die Grenze zwischen dem Römerreich und dem Persischen bildete der Fluß Chaboras oder Araxes, der hier, bei Circesium, von Norden her in den Euphrat mündet. Alter römischer Kriegsbrauch verlangte bei dem Überschreiten der Grenze ein Geldgeschenk und eine Ansprache des Feldherrn an das Heer. Julian spendete freigiebig jedem Krieger einhundertdreißig Silberstücke, war aber auch nicht der Mann, solche Gelegenheit zu einer Rede zu versäumen. Er ritt mit seinem Gefolge die Reihen der auf dem römischen Ufer aufgestellten Krieger entlang, hielt dann an der Brücke, brachte hier den Grenzgöttern Roms ein Opfer dar und redete den zu ihm berufenen Führern eine Rede, von welcher die Wahrheit der Empfindung, die Glut der Begeisterung die sonst von ihm so übertriebene Künstelei fernhielt. Er sprach von dem alten Ruhm der römischen Adler, die er gleich von Anfang an Stelle des constantinischen Labarum den Legionen wiedergegeben habe, von der uralten Feindschaft der Parther, von dem neuerlichen Obermut der Perser. Er schloß mit den Worten: »Sieg und Beute kann ich euch nicht versprechen, beide gewähren nur die unsterblichen Götter, die den Himmel, den weiten, bewohnen. Aber als ihr Vorkämpfer zieh ich in diesen Krieg. Und eines sollt ihr wissen: Heute, bei dem ersten Strahl des Morgenlichts, hab ich ein Gelübde getan wie die großen Ahnen, Curius, Mucius, Decius. Ich habe mich selbst den Göttern als Opfer dargebracht für den Sieg Roms; sie sollen Rom den Sieg geben und dafür mein Leben nehmen. Denn das sollt ihr erkennen in des Geistes und Herzens Empfindung: Nur als Sieger oder als Leiche führt ihr Julian aus Persien zurück. Nun folgt mir, ihr Männer und Helden, in den Sieg oder in den Tod!« Damit sprengte er, allen voran, bei schmetterndem Trompetenschall über die Brücke. Da ward der Jubel groß unter seinen Treuen, zumal den Germanen und den Kelten. Hoch hoben sie die Schilde grüßend über die Helmkämme und riefen: »Nichts fürchten wir unter einem Feldherrn, der auch im Kampf und im Ertragen mehr leistet als wir selbst.« Mit begeistertem Zuruf folgte ihm das Heer. Sowie der letzte Mann auf persischem Boden stand, befahl der Feldherr: »Halt! Kehrt!« Vor den Augen des ganzen Heeres stand die Brücke in Flammen. »Ihr seht, meine Freunde, die Flucht ist euch abgeschnitten. Ihr müßt vorwärts, müßt siegen. Nach hinten weichen führt euch in das Grab dieser Wellen.« Jedoch hatte der Vorsichtige, schon um den Nachschub von Kriegern und Vorräten zu sichern, die Besatzung von Circesium auf zehntausend Mann erhöht und die Befestigungen verstärkt. Eine Stunde nach diesen Vorgängen erreichte ihn, durch Eilboten aus Circesium nachgesandt, auf dem Marsch ein siebenfach versiegeltes Schreiben aus Rom. Er hatte die sibyllinischen Bücher im dortigen Tempel der Vesta über das gegen die Perser geplante Unternehmen befragen lassen. Jetzt erst kam die Antwort, sie lautete: »Er möge ja dieses Jahr die Grenze seines Reiches nicht überschreiten!« Er erbleichte, dann zerriß er den Papyrus in ganz kleine Stücke und streute ihm in den Wind, auf daß niemand im Heere von der Warnung vernehmen sollte. Von dem Überschreiten der Grenze an hielt das Heer genau die von dem Feldherrn vorgeschriebene Zugordnung ein. Bisher zwar hatte man keinen Feind gesehen, aber jetzt war jeden Augenblick der Überfall der gefürchteten parthischen Reiter zu erwarten, die den Legionen in den besten Zeiten Roms so manche blutige Niederlage beigebracht hatten. Vor allem trug der Feldherr dafür Sorge, daß nicht, wie in früheren Fällen, die Schwerbeweglichkeit des Zuges, zumal die Hemmung durch die Gepäckwagen, den Legionen verderblich werden konnte. Er ließ die einzelnen Abteilungen solche Zwischenräume halten, daß die Länge des ganzen Zuges, der doch nur fünfunddreißigtausend Helme zählte, zehn römische Meilen – vier Stunden – betrug. Die Mitte bildete der Kern des Fußvolks unter dem alten Severus, auf dem rechten Flügel befehligte der Franke Nevitta eine Heersäule von mehreren Legionen, die, entlang dem Euphrat, meist in Augenweite von der zu Tal segelnden Flotte, zog. Den linken, meistbedrohten Flügel bildete Reiterei, größtenteils Germanen, unter Serapio. Die Nachhut befehligte der Alemanne Dagalaif. Das Gepäck ward unter sehr starker Bedeckung nachgeführt; denn für dieses war, abgesehen von dem Heere der Perser, ganz besonders die Raubsucht der arabischen Reiterhorden aus den benachbarten Wüsten und der Sapor unterworfenen oder verbündeten Sarazenen zu fürchten. Hier, bei dem Gepäck, ward auch die große und mannigfaltige Menge verschiedenartiger Belagerungswerkzeuge mitgeführt, auf die der Feldherr für diesen Krieg ganz besonderen Wert legte. Der Unermüdliche hatte in mancher Nachtstunde, wenn er sich in Maximus müde geforscht, durch Abwechslung Erholung suchend, über allerlei Verbesserungen der althergebrachten Geschütze und Geschosse nachgesonnen. Und einzelne der von ihm eingeführten Neuerungen an Ballist, Skorpion oder »Wildesel« (Onager) und an Widder, Katapult und »Hämmerlein« (malleolus) – eine Art von hohlen Brandpfeilen – wurden von den römischen Heeren dauernd beibehalten, noch lange nach dem Tode des sinnreichen Erfinders. Jovian erhielt seinem Wunsche gemäß die ehrenvolle, aber höchst gefährliche Aufgabe, mit einer Schar von fünfzehnhundert Reitern – zum Teil Germanen, denen Fußkämpfer beigemischt waren – den Aufklärungs- und Sicherungsdienst für das ganze Heer zu übernehmen, das heißt also, unausgesetzt die Vorhut zu bilden, jedoch auch die linke Flanke – (die rechte deckte der Euphrat und die Flotte) – und die Nachhut in weiten Ringen zu umkreisen und jedes verdächtige Zeichen pfeilschnell zu melden. Das war in einem Feldzug in Asien – gegen parteiische und arabische Reiter – wichtiger und schwieriger als bei Kriegführung gegen irgendwelche andere Feinde. Julians von der alten Imperatorensitte hergebrachte Stelle im Zuge wäre die sicherste von allen gewesen, die an der Spitze des Fußvolks in der Mitte. Allein sein Feuereifer duldete ihn hier nie lang. Vielmehr begab er sich an der Spitze seiner berittenen Leibwächter bald an die Spitze, bald an den Schluß, auch wohl an die Flanken des Zuges, wo immer sein Eingreifen erwünscht schien. Von Circesium an führte der Weg nach Südosten auf dem linken Euphratufer stromabwärts durch eine weite, unfruchtbare, dürre Ebene, einen Teil der arabischen Wüste, worin nur Horden zeltender Araber – »Arabes scenitae« – schweiften. Das Land war durchaus flach, so flach wie der Spiegel eines Meeres. Fast nur Wermutbüsche bedeckten den sandigen Boden, aber auch anderes Strauchwerk, das etwas kärglich gedieh, nahm von dem starken Salzgehalt des Grundes einen bitteren, scharfen Geschmack an. In der baumlosen Ode trieben sich bloß Antilopen und Wildesel herum; oft sah man in der Ferne am Saume des Horizonts seltsame Gestalten sturmgeschwind dahinjagen wie fliehendes Gewölk; es waren eilige Trappen und pfeilschnell laufende Strauße. Durch Androhung schwerster Strafen nur vermochte der Feldherr die Jagdlust seiner Germanen zu zügeln, die gar oft Reih und Glied verließen, um solch nie gesehenes abenteuerliches Wild zu verfolgen. Ja, als nach zwei Tagesmärschen bei der von den Einwohnern fast völlig verlassenen Stadt Dura Rudel aufgescheuchter Hirsche sich auf der Flucht vor den Verfolgern in den Euphrat warfen, ließen sich Bataver und Friesen nicht abhalten, nachschwimmend die raschen und starken Tiere einzuholen und sie dem Feldherrn lebend als Geschenk zu bringen. Die wenigen in Dura Zurückgebliebenen zogen den Feinden mit Palmzweigen in den Händen entgegen, und für den Imperator brachten sie ein befremdliches Ehrengeschenk: einen furchtbaren Löwen, die Pranken mit dicken Tauen gefesselt. Nachdem Julian mit seinen Feldherren das Ungeheuer angestaunt hatte, befahl er, auf die Bitten des »Kleeblatts« und Sigibrands, des Theologen, vor einer Reihe seiner Germanen die Seile zu durchschneiden. Es geschah. Der Löwe erhob das entfesselte Haupt von der Erde, begann ein furchtbares Gebrüll, sträubte die Mähne, peitschte die Flanken mit dem Schweif, kauerte sich nieder und sprang dann in gewaltigem Satz gegen die Krieger. Augenblicklich brach er, von ihren fünf Wurfspeeren durchbohrt, tot zur Erde. Die etruskischen Zeichendeuter Julians liefen erschrocken herbei – zu spät wollten sie warnen. Denn das Zeichen bedeute: »Ein großer Herrscher, der angreife, werde fallen.« – »Bah«, meinte Julian, »Sapor griff zuerst an, ich verteidige mich nur durch den Angriff.« Serapio aber lachte. »Schade, daß ich nicht aber- oder göttergläubisch bin.« – »Weshalb?« – »Ich könnte das Zeichen so deuten: Germanen, die treu zusammenstehen, bezwingen den stärksten Feind.«   Auch der folgende Tag, der siebente April, brachte dem vorrückenden Heere ein »Göttervorzeichen«. Gegen Sonnenuntergang nahte auf raschen Schwingen des Westwinds ein heftiges, kurzes Gewitter. Der einzige Blitz streifte, ohne ihn zu schädigen, einen Troßknecht, der zwei Pferde aus der Tränke führte. Der Mann hieß Jovianus. Daß das Omen nicht dem Troßbuben gelte, sondern dem Magister Militum und daß es für ihn eine Erhöhung durch die Gunst der Götter bedeute, darüber waren alle Haruspices im Lager einig. Im übrigen stritten sie, ob es für Julians Kriegszug ein »Warnblitz« oder ein »Zustimmungsblitz« sei. Sein Freund Jovianus sprach mißbilligend: »Es beweist nur, wie Christi Gnade waltet.« – »Und ich meine«, schloß Serapio, »es beweist, daß nicht alle Blitzschläge töten.«   So abergläubisch der Mystiker auf alle Zeichen und Omina achtete, zuweilen überwog doch seine Freude am Witz, zumal, wenn es galt, die Seinen vor Entmutigung zu schützen. Bei dem Aufbruch von Dura mußte ihm ein anderes Pferd vorgeführt werden. Der treue »Argos«, Eusebias Geschenk, bedurfte nach der Überanstrengung dieser Tage für einige Zeit der Schonung. Als nun der stattliche Brandscheckhengst vorgeführt ward, ein Beutestück von Dura, reich aufgezäumt, mit goldenen Zierscheiben und mit Edelsteinen und Perlen an Zügel, Sattel und Bügeln geschmückt, fragte Julian, wie man das schöne Tier genannt habe? »Persia«, antwortete Hippokrenikos, der es am Zaume hielt. Sowie aber der Imperator heranschritt, aufzusteigen, scheute das Pferd vor einer blitzenden Waffe, riß sich los, rannte ein paar Schritte dahin, stürzte und schlug, zitternd vor Schreck, um sich, Gold und Edelsteine weithin verstreuend. »Ein böses Zeichen«, murmelten die Römer. »Nein, gar nicht!« lachte Julian. »Ihr seht ja, zitternd liegt mir die gestürzte Persia zu Füßen, all ihre Schätze verlierend.« In der folgenden Nacht ward das ruhende Heer von einem Stoßsturm aus Nordosten überfallen, der den losen Sand der Wüste haushoch aufwirbelte und gar viele der schweren Lederzelte auf die Schläfer niederwarf. Fünfunddreißigstes Kapitel Endlich erreichte man, vier Tage nach dem Aufbruch von Dura – näher am Euphrat –, wieder fruchtbares Land. Die Stadt Anatha, auf einer Insel des mächtigen Stroms gelegen, durch Befestigungen auch auf dem linken Ufer geschützt, machte Miene, den Weiterzug des Heeres zu sperren. Allein als die Kriegsschiffe drohend heranbrausten, erschraken die assyrischen und arabischen Bewohner und baten, indem sie als Zeichen der Unterwerfung einen bekränzten Stier übersendeten, um Schonung. Hier wurden Römer befreit, die vor vielen Jahrzehnten in Gefangenschaft geraten waren. Sie dankten Julian und Mars, dem Befreier. Erst jetzt, bei dem tieferen Eindringen in den Südosten, stieß das Heer auf Widerstand. Die Perser wollten wenigstens ihre reiche Provinz Assyria verteidigen. Denn die List Julians war vollständig gelungen. Der Großkönig hatte, getäuscht durch seine getäuschten Kundschafter, all seine ungezählten Scharen gegen Norden, an den Tigris, entsendet, den allein er gefährdet glaubte. So war es gekommen, daß die Römer ohne Schwertschlag so tief in sein Reich eindringen konnten bis hundertzwanzig Stunden von Circesium. Die Verteidiger machten sich im freien Feld erst spürbar bei der alten Wallmauer von Makeprakta, die weiland die Könige der Assyrer zum Schutz ihrer Grenzlande gegen die Einfälle der Meder errichtet hatten; sie lag längst in Trümmer und war für das Heer Julians kein Hindernis. Durch Eilboten hatte Sapor seine nach Norden entsendeten Heere zum größten Teil zurückbefohlen. Nun endlich waren der persische Kronfeldherr, »der Surenas«, und Malek Uodosakes, der Emir der Araber des Stammes Ghasan, an dem Euphrat eingetroffen. Jedoch wagten sie, trotz ihrer starken Übermacht, keine Schlacht. Sie begnügten sich, den Zug des Römerheeres überall mit ihren ungezählten leichten Reitern zu umschwärmen, wie die Geier der Wüste den einsamen Wanderer, jeden Zurückgebliebenen abzufangen, auch gelegentlich eine kleine Abteilung anzufallen. Als bei einem solchen Anlaß durch Fahrlässigkeit und Feigheit drei Geschwader thessalischer Reiter eine arge Schlappe bezogen – sie ließen sich von den parteiischen berittenen Bogenschützen des Surenas überfallen und eine Standarte abnehmen –, da ließ Julian, der auf die Meldung hin selbst, von der Tafel aufspringend, herbeigejagt war, die Angreifer zu vertreiben, die ganze Strenge altrömischen Kriegsrechts walten. Die beiden schuldigen Tribuni wurden aus dem Heere ausgestoßen, zehn der feigsten Reiter hingerichtet, alle aber, nachdem man ihnen die Pferde und die Speere abgenommen, zur Strafe zu dem beschwerlichen und unrühmlichen Troßdienst bei dem Gepäck verurteilt.   Kleinere Städte, wie Thilutha und Achaichala, und unbedeutende Burgen ließ der Zug als ungefährlich an dem Weg liegen, andere Städte, wie Baraxmalcha, Diakira, Pazogardana, fand man geräumt und verlassen. Wirksamer noch als ihre parteiischen und sarazenischen Reiter riefen die Feinde gegen die Eindringlinge ihre Ströme zu Hilfe. Sie durchstachen bei der Annäherung der Römer die Deiche, welche die zahlreichen Kanäle zwischen Euphrat und Tigris verbanden und deren Bewässerung das Land seine überschwengliche Fruchtbarkeit verdankte, so daß Weizen und Gerste hier das dreihundertfache der Aussaat trugen. Jetzt verwandelten die Assyrer ihr reiches Land in einen See. Die Wasser der Kanäle überfluteten alle Straßen und machten sie ungangbar; wiederholt drang nachts die plötzlich bewirkte Überschwemmung in das römische Lager, Mann und Roß ertränkend. Allein Julians findiger Geist und die unermüdliche Anhänglichkeit der ihm blind vertrauenden Legionen überwanden alle Schwierigkeiten. Zu vielen Tausenden wurden die herrlichen Palmen gefällt, die den Reichtum wie den Schmuck der Landschaft bildeten, zählten doch die dankbaren Assyrer der Verwendung dreihundertfünfundsechzig auf – »so viele als Tage im Jahr« –, zu denen Stamm, Zweige, Blätter, Saft und Frucht der »göttlichen« Palme ihnen dienten. Ganze Wälder dieser Bäume wurden nun gefällt, um die unterbrochenen Straßen auszuflicken, die Dämme zu ersetzen, kleinere Kanäle zu überbrücken, Flöße zusammenzufügen, auf denen breitere Wasserläufe überschritten wurden. Julians Erfindung war es, das Schwimmen dieses Gezimmers durch luftgefüllte Schweinsblasen und Schläuche auch bei schwerer Belastung zu sichern. Er selbst schwang so eifrig Axt und Schaufel, daß die des Schreibrohres gewohnte Hand bald schmerzende Schwielen trug. Sein Purpur bleichte, so oft ward er bei der Arbeit, Seite an Seite mit seinen Kriegern, von dem spritzenden Wasser durchnäßt.   Eine Erholung schien es den Legionen, als sie, nach Überwindung dieser Schwierigkeiten, endlich Kriegsarbeit zu tun bekamen. Den Weg nach Ktesiphon, der Hauptstadt des Großkönigs, sperrte, etwa zwanzig Stunden weiter euphrataufwärts, die starke Feste Piri-Sabor, die zweite Stadt des Landes, groß, gut verteidigt durch eine hohe Doppelmauer und einen Arm des Stromes. Mutig wehrten sich der Satrap Mamesses und die Besatzung. Aber ein neuer, von Julian erfundener Sturmbock zerschmetterte schon am zweiten Tage der Belagerung mit einem von dem Erfinder selbst gezielten Stoß eine Mauerecke. Durch die Breschen drangen die »Cornuti«, von Jovian geführt, in die Stadt und trieben die Verteidiger in die Hochburg hinter der zweiten Umwallung. Sofort begann der Angriff auf diese. Anfangs wurden die Römer durch die Geschosse hoch von der Mauer her stark gelichtet, ein paar ihrer Katapulte und Ballisten durch Felsstücke zertrümmert, andere durch Feuerpfeile in Brand geschossen. Jedoch am Abend des Tages nahte sich, langsam geschoben, aber unaufhaltsam näherdringend, den erschreckenden Verteidigern ein nie gesehenes Ungeheuer: eine »Helepolis«, »Städtebezwingerin«, eine ebenfalls von dem Philosöphlein erheblich vervollkommnete Erfindung. Auf gewaltigen Rädern, von vielen Hunderten von Kriegern gezogen, ein Kriegsturm, dessen oberstes Stockwerk die Wallkrone überhöhte. Julian stand auf dieser obersten Brüstung, er erteilte, nach unten rufend, die Befehle. Da ward der Tollkühne zu Boden geschleudert von einem Gewölk von Geschossen und schweren Steinen, aber sofort sprang er, stark blutend, wieder auf. Und als er mit eigener Hand das Seil durchhieb, das bis dahin die Zugbrücke zurückgespannt gehalten hatte, diese Brücke dröhnend niederschlug und der Imperator, allen voran, festen Schrittes auf die Mauerkrone trat, da verließ die Perser der Mut, sie warfen die Waffen weg und baten um Gnade, die Julian dem tapferen Satrapen und den noch übrigen dritthalbtausend Verteidigern gern gewährte. Allein nachdem der reiche Vorrat an Getreide, Waffen, kostbarem Gerät unter die Sieger verteilt, anderes für den Weiterzug aufgespart, das Überflüssige in den Euphrat geworfen war, schleuderte Julian selbst die Fackel in die Stadt: »Amida ist gerächt!« rief er. »Ich hatte es dem Genius Roms gelobt. Der erste Sieg über die Perser! Was werden meine lieben Antiochener sich freuen!« Altrömische Kriegssitte immer gern erneuernd, überreichte er vor dem versammelten Heere Jovian eine Mauerkrone, weil er, auf Leitern stürmend, der erste auf dem Walle von Hoch-Piri-Sabor gewesen war. Und als die Krieger ihn drängten, auch sich selbst diese Ehre zuzuteilen als dem Vordersten auf der Fallbrücke, lehnte er das ab, indem er lächelte: »Ich bin nur von oben her auf den Wall gelangt!«   Bei dem Nachtmahl lachte Serapio: »Denk nur, Pontifex Maximus, auch dein Theologe, der Sachse, ist vom heiligen Geist erfüllt; wenigsten von dem der Enthaltsamkeit und der Einfalt. Sieh nur, er schenkt dir diese herrlichen Perlen.« Dabei schüttete er zwei Hände voll der wertvollsten Perlen auf den Tisch. »Das ist ja ein Vermögen«, staunte Jovianus. »Jawohl, Sigibrand fand in einem halb verbrannten Hause – wohl das eines Schmuckhändlers – einen sehr schönen, wasserdichten Ledersack. Er warf seinen zerrissenen Brotbeutel von Segeltuch fort und füllte den erbeuteten mit Brot und Fleisch, indem er den Inhalt, »runde Steinchen, Kinderspielzeug«, meinte er, durchs Fenster auf die Straße warf, wo ich vorüberging. Meine Belehrung schlug er in den Wind. »Bring sie dem gütigen Feldherrn«, rief er, »ich mag nichts Überflüssiges tragen bei solcher Hitze!« – »Wir wollen sie für den Mann verwahren«, schloß Julian. »Nicht alle Theologen sind so uneigennützig.«   Allein noch war der Weg nach Ktesiphon nicht frei. Etwa fünfzehn Wegstunden weiter stromabwärts erhob sich zum Schutz der Hauptstadt eine zweite Festung: Mazamalcha. Ebenfalls eine Doppelmauer von Ziegeln und Erdpech, ein tiefer Graben und sechzehn starke Türme verteidigten die Burg. Sie konnte nicht unbezwungen im Rücken bleiben, sollte Ktesiphon angegriffen werden. Julian übernahm selbst die Leitung der Belagerung, während er Jovian mit einer starken Schar aussandte, bis gegen Ktesiphon und den Tigris hinzustreben und Überraschung durch ein Entsatzheer zu verhüten. Bei dem ersten Ritt, welchen der Feldherr unternahm, die äußerste Befestigungslinie zu erkunden, drohte ihm abermals – wie vorher auf dem Kriegsturm – haarscharf der Tod. Zwei vornehme Perser, die, aus Piri-Sabor entkommen, ihn kannten, hatten bei Ormuzd geschworen, ihr Leben zu opfern, diesen unaufhaltbaren Feind des Großkönigs zu erlegen. Wie nun der Imperator gespannt nach vorne spähte, die Höhe des Walles abschätzend, sprengten sie plötzlich aus der Pforte eines Seitenturmes mit geschwungenen Krummsäbeln auf ihn los. Beide Hiebe zugleich fing er geschickt mit dem runden Reiterschild und stieß mit dem Schwerte den einen Angreifer vom Roß, während der andere von Nevittas Speere fiel. »Dank dir, Freund!« sprach Julian, ihm die Hand reichend. »Seltsam, daß Zeus Soter zu meiner Errettung sich so gern der Germanen bedient!« Während nun in den nächsten Tagen scheinbar nur die Belagerungsmaschinen die Wälle bedrohten, ließ der Erfindungsreiche in den dunklen Nachtstunden einen Minengang graben. Serapio, Nevitta und Dagalaif erboten sich, das schwierige Werk zu übernehmen, und vollendeten es vortrefflich zum Staunen der Römer. »Nicht nur Bären, auch Maulwürfe können sie sein, diese Barbaren«, sprach Julian verwundert. Unter dem Festungsgraben durch war die Ziegelmauer dahinter erreicht und an einer schmalen Stelle durchbrochen worden. Serapio führte als der Vorderste die drei erlesenen Kohorten – fünfzehnhundert Mann –, die um Mitternacht, einer hinter dem andern, geräuschlos in die lange dunkle Röhre tauchten. Nicht ohne Bangen sah Julian ihre Helme im Schoß der Erde verschwinden, denn bei der raschen Arbeit hatten weder die Stützbalken noch die Luftlöcher überall in genügender Zahl angebracht werden können. Aber unverschüttet, unerstickt, unentdeckt gelangte die kühne Schar durch den engen Gang. Schon spürte Serapio den Atem der freien Luft. Er arbeitete sich aus dem schmalen Loch empor; er stand in der Stadt, hinter dem Wall! Er berührte stumm seinen nächsten Hintermann, Voconius, dieser seinen Folger, und so ging es zurück bis zu dem Eingang der Mine. Jetzt gab Julian, an der Außenmündung gespannt harrend, das Zeichen. Die Trompeten schmetterten rings um die Festung her, mit Fackeln brachen die Römer schreiend aus ihrem Lager, ein allgemeiner Sturm sollte mit seinem Lärm die Verteidiger ablenken von der wahren Gefahr. Mit stolzem Gleichmut sah der Befehlshaber der Feste, der Satrap Nabdates, von den Zinnen auf diesen verfrühten Sturmlauf herab; er steckte den krummen Säbel ein, ließ sich eine Lyra bringen und sang höhnend auf die Römer herab: »Groß ist, groß ist Julianus, Aller Mäuslein größte Maus! Aber größer doch ist Sapor, Aller weißen Elefanten Weißester und heiligster. Eher wird Julian, das Mäuslein, Stürmen Ormuzds Sternenfeste, Die sich hoch am Himmel hinwölbt, Als den Wall von Mazamalcha.« Es war sein letztes Wort. Denn im selben Augenblick hieb ihn Serapio nieder. Der war mit einem Teil der Seinen von der Straße in einen der leeren Türme gedrungen, deren Verteidiger alle auf der Mauer standen, leise die Schmaltreppe hinaufgeeilt und nun aus dem Turmtor auf den Wall gelangt. Zugleich hatte Voconius das nächste Stadttor von innen aufgestoßen und die Stürmer hereingerufen. Da war es aus mit Mazamalcha. Die Feste ward der Erde gleichgemacht und sofort, aus den noch rauchenden Trümmern hinweg, riß der Unermüdliche sein Heer vorwärts nach Ktesiphon, dem so heißersehnten Ziel. Wie der Imperator bei dem Aufbruch über die Brandstätte auf das Südtor zuritt, glaubte er, aus einem der halb verbrannten Häuser ein leises Wimmern zu vernehmen. Augenblicklich war er aus dem Sattel, schon stand er in dem vordersten Wohnraum des Häusleins. Da lag über den mit Asche bedeckten Herd hingestreckt ein schöner Knabe von etwa zehn Jahren, das Antlitz und die braunlockigen Haare von Rauch und Kohlen geschwärzt; er umfaßte mit beiden Armen die Trümmer des herabgestürzten Herdgottes. Julian richtete den Klagenden auf und sprach ihn auf persisch an. Aber der Knabe gab durch Zeichen zu verstehen, daß er stumm sei, nicht antworten könne. »Wo sind deine Eltern?« fragte der Imperator. Weinend deutete das Kind: »Tot! Verschwunden!« – »Wie heißt du, Armer?« Da wandte sich der Kleine zu der von Asche bedeckten Herdplatte und schrieb auf diese mit dem Zeigefinger in lateinischer Sprache: »Infortunatus nannte mich Stummen die Mutter, eine gefangene Römerin.« – »Nun«, rief Julianus, freundlich über des Knaben Locken streichend: »Diesen traurigen Namen will ich nach Kräften widerlegen. Ihr Freunde«, sprach er zu den jetzt Eintretenden gewendet, »als meinen Anteil an der Beute von Mazamalcha verlange ich nur diesen armen Knaben. Komm, Infortunatus, gib mir die Hand. Du teilst fortab mein Zelt! Du sollst nicht ganz Infortunatus bleiben.«   Auf dem Wege nach der Hauptstadt des Perserreiches trafen die Vordringenden an den Ufern des Tigris eine Reihe jener mit jedem Reiz geschmückten Gärten – der »Paradiese« –, die dieses Volk mit altgepriesener Kunst anzulegen verstand. Bunte Blumenbeete, in allen Farben strahlend – die Teppichgärtnerei hat hier ihre Heimat –, Schattenhaine, plätschernde Springbrunnen überall. In besonderen Jagdgehegen des Großkönigs wurden Elefanten, Löwen, Tiger, Panther, Leoparden, Bären, Wildeber in Menge gehalten. Julian ließ hier der Jagdlust seiner Germanen freien Lauf, und das »Kleeblatt« sowie Serapio erschienen am ersten Abend bei den Lagerfeuern, ganz unkenntlich in den Fellen der erlegten Ungetüme; der »Theologe« schwitzte unter der Last von zwei Löwenfellen, die er von dem Tigris an die Weser seinen beiden Buben mitzubringen bei Sassenot gelobte. Auch Julian erlegte dort – mit vier Lanzenwürfen – einen mächtigen Löwen, dessen Fell er fortab statt des Kriegsmantels über sein einfaches Lager – eine Schüttung Schilf – spreitete.   Der Feldherr wußte aus der Geschichte früherer Perserkriege, ja auch noch aus den Niederlagen seines Vorgängers, daß wiederholt die Pferde der römischen Reiterei vor dem Anblick, dem Trompeten – man sagte, auch vor dem Geruch – der Elefanten gescheut und in unaufhaltsamer Flucht das eigene Fußvolk niedergerannt hatten. Er beschloß, die Tiere an den Anblick und das Anhören jener Ungetüme zu gewöhnen, indem er selbst, seinen Reitern zum Vorbild, unermüdlich viele Dutzende von Pferden, trotz ihres heftigsten Sträubens, einigen erbeuteten und eingekauften Elefanten entgegenführte, nicht ohne wiederholt von den entsetzt Steigenden, sich Bäumenden, Davonrasenden abgeworfen zu werden. »Welche Beschäftigung für einen Philosophen!« lachte er, sich die schmerzenden Schenkel reibend. »Wie damals das Stangenspringen zu Vienne!« »Seltsam geht er doch um mit seinen Göttern, der Pontifex Maximus«, sprach Serapio lachend zu Jovian. »Wieso?« – »Er hat für den letzten Sieg Ares zehn untadelige Stiere geopfert; einer riß sich los, ward mit Mühe eingefangen und erwies nun, wohl weil sich das arme Vieh – mit Recht! – lebhaft geärgert hatte, ungünstige Zeichen an Leber und Galle. Was tut der fromme Opferer? Ganz unwillig erklärt er Vater Zeus, er werde fortab dessen Sohn Ares nie mehr opfern! Er verklagt den Gott bei dem Vater! Das ist ganz ähnlich wie bei uns daheim ein Alemannenkönig ein Holzbild des Schwertgottes ins Feuer geworfen hat, als er, nach vielen Opfern um Sieg, gleichwohl geschlagen nach Hause kam. Aber jener Gaukönig Eburgrimm gab sich wenigstens nicht für einen Philosophen!«   Damals erfüllte der Name Julians die Perser mit solchem Schrecken, daß er von ihren Malern dargestellt wurde als ein rasender Löwe, aus dessen aufgerissenem Rachen ein allverzehrender Feuerstrom sprühte. Aber diese seltsam gemischte Seele, dieser kriegerische Stürmer hatte doch gar nichts von einem reißenden Tier. Nicht einmal von einem begehrlichen Menschen! Drei Sommerpaläste des Großkönigs waren auf dem Wege von Mazamalcha nach Ktesiphon angetroffen worden. Aus dem ersten hatten die zahlreichen Weiber und Mädchen nicht mehr flüchten können, die hier die Frauenhäuser Sapors füllten. Dreißig von ihnen wurden gefangen. Lysias suchte Julian am Abend in seinem Zelt auf; er fand ihn, eine Schrift des Maximus auf den Knien. Aber er las nicht, sein Blick ruhte auf einer kleinen Zeichnung, die stellte ein zartes Frauenantlitz mit wunderbar feingeschnittenem Profile dar. Der Witwer hatte selbst diese Nachbildung der Büste zu Paris gefertigt. »So schöne Beute«, begann Lysias, »hat wohl kaum ein Eroberer gemacht, seit deinem Vorbild Alexandras, hier, in denselben Landen. Ich habe im Leben nicht so reizvolle Mädchen gesehen als deine Braccati heute gefangen. Ich bin ein alter Mann, aber sogar mich durchzuckte der Anblick.« – »Ich hörte davon«, erwiderte Julian und seufzte. »Willst du sie nicht wenigstens einmal sehen?« fragte Lysias lauernd. »Nein. Wozu? Man soll sie schonen; sie sollen, wenn sie es wünschen, zu den Vestalinnen nach Circesium entlassen werden!« – »Du lebst so einsam! Entbehrst du denn nichts? Mit zweiunddreißig Jahren!« – »O ja. Rufe mir doch endlich – du hast es schon vor länger als einem Monat versprochen! – das Schattenbild dieser ... dieser da ... zurück! – Nur auf einen Augenblick!« – »Geduld, bald kommt die Zeit. Ich muß die Gegenstellung von Venus und Jupiter am Himmel abwarten!«   Alsbald rückte nun das Römerheer gegen die Hauptstadt Sapors heran, das »schätzereiche Ktesiphon«, die Winterresidenz der Sassaniden auf dem Nordufer des Tigris. Sie war eine starke Festung, südlich durch den Strom, nördlich durch Sümpfe, östlich und westlich durch hohe, feste Mauern geschützt. Auf dem Südufer – gerade gegenüber – lag die Zwillingsstadt Seleukia, die alte Kolonie der Seleukiden, in der Sprache der Assyrer »Koche« genannt. Noch gar manches Hindernis aber trennte die Angreifer von ihren Zielen. Zunächst stieß das Landheer auf diese ebenfalls sehr starke Festung Koche, vor der es im Süden festgehalten war. Dann mußte es, um Ktesiphon auch von Norden wirksam einschließen zu können, den reißenden Tigris überschreiten, und endlich schien es geradezu unmöglich, die zur Beherrschung des Tigris unentbehrliche Flotte aus dem Euphrat, auf welchem sie herangeschwommen war, in jenen Strom zu schaffen. Denn der einzige Verbindungsweg zwischen beiden Flüssen, Nahar-Malcha, der »königliche Kanal«, zog unterhalb der Schwesterstädte. Und ganz undenkbar war es, die Flotte, unter dem Widerstand beider Festungen, den Tigris zu Berg zu schaffen; so konnten also Landheer und Flotte, durch die Schwesterburgen getrennt, einander nicht unterstützen. Ratlos standen Severus und die alten Berufssoldaten vor der Schwierigkeit. Aber das Philosöphlein fand Rat. Der Mystiker und Grübler ließ sich eines Nachts in dem Lager vor Koche, nach Verabschiedung des »ratlosen Kriegsrats«, wie er den Freunden lächelnd nachrief, von Oribasius, der jetzt auch die mitgeführten Bücher unter seiner Aufsicht hielt, die Geschichtsschreiber aussuchen, die den Feldzug seines großen Vorgängers Trajan wider die Perser behandelten. Er glaubte sich einer Angabe zu erinnern. »Richtig«, rief er nach langem mitternächtigem Suchen in Marius Maximus. »Nun werden wir die Leutchen da drüben erstaunen.« Am andern Morgen ließ er durch seine Reiter einige Bauern aus den Dörfern stromaufwärts aufgreifen und vorführen. Er hatte während dieser Monate so viel von der Landessprache gelernt, daß er sie selbst – ohne Dolmetsch – vernehmen konnte. Reich beschenkt entließ er die Erschrockenen. »Es ist, wie ich gedacht. Nun an die Arbeit! – Das halbe Heer greift wieder zur Schaufel, die andere Hälfte steht in Waffen bereit.« Julian hatte sich richtig erinnert, daß Trajan bei seiner Belagerung von Ktesiphon einen Kanal vom Euphrat in den Tigris oberhalb der beiden Städte gezogen hatte. Dieser lag seit langem verschüttet und versandet, aber durch die Arbeit von dreißigtausend Händen, unter Julians unermüdlicher Anspornung und Mitwirkung, ward der Wasserlauf in wenigen Tagen wieder befahrbar gemacht. Und zum Entsetzen der Perser und Assyrer auf den Wällen der Festen rauschte die Römerflotte triumphierend auf dem erneuerten Kanal vom Euphrat in den hoch aufschäumenden Tigris. Julian stand in vollem Schmuck und Gewand des Imperators am Bugspriet der vordersten Triere und brachte, unter einem Hagel von Perserpfeilen, den beiden Stromgöttern einen Weiheguß aus goldener Schale dar, die er, von ihm selbst gedichtete griechische Verse sprechend, schließlich in die Fluten des Tigris warf. Sechsunddreißigstes Kapitel Heer und Flotte waren nun oberhalb der Zwillingsburgen vereint. Jetzt galt es aber, das Landheer auf das nordöstliche Ufer des Tigris zu schaffen. Auch diese Aufgabe schien unlösbar. Denn nun war endlich ein Perserheer, ein ungeheures, eingetroffen, entschlossen, nicht so sehr Ktesiphon zu entsetzen als vielmehr der Einschließung zuvorzukommen, indem es den Römern bereits das Überschreiten des Tigris verwehrte. Der Übergang mußte also durch Gefecht erzwungen werden; das aber schien unmöglich. Der Strom ist hier sehr breit und sehr reißend, die Nordostufer, von schlüpfrigem Lehm, fallen steil, fast senkrecht ab; die ganze Linie war in wochenlanger Arbeit durch starke Schanzen gekrönt worden. Und auf und hinter diesen Schanzen standen einhundertsechzigtausend Perser, erlesene Bogenschützen aus Karduchia, Panzerreiter, ein Wald von Speeren des Fußvolks und hundertachtzehn Kriegselefanten, die, sagt ein Zeitgenosse, ein Feld voll Gerste oder voll Legionen mit gleicher Ruhe und Verläßlichkeit zerstampften. Ein Brückenschlag angesichts solcher Abwehr war ausgeschlossen, ebenso eine Landung der tiefgehenden Kriegstrieren an den flachen Ufern. Niemand wußte Rat; auch Julian schien diesmal betreten. Er schalt über die schlechte Verpackung der Vorräte auf den Flachbooten und befahl, achtzig solche zu entlasten, den Zustand des ausgeladenen Getreides zu prüfen. Zugleich hielt er vor den Mauern von Koche, die Aufmerksamkeit der Feinde abzulenken, glänzende kriegerische Spiele, auch einen Schwerttanz seiner Germanen, zum Staunen der Asiaten. Am Abend lud er alle Befehlshaber in sein Zelt zur Tafel, und als er sie eine Stunde vor Mitternacht entließ, eröffnete er ihnen, daß um Mitternacht das Heer den Strom überschreiten werde. Schreck befiel die Kühnsten; Severus, Jovian wagten zu mahnen. Aber Julian sprach: »Sieg und Rettung liegen in dieser Stunde. Jeder Aufschub verstärkt den Feind! Vorwärts! Stellt eure Scharen!« Eine Fackel, um Mitternacht in hohem Bogenschuß in den Strom geworfen, gab das Zeichen. Fünf jener Flachboote, besetzt von Legionären, stießen ab; in lautloser Stille stand das Römerheer unter dem Schutz der Nacht dicht an dem Strom. Plötzlich flammte drüben auf dem Nordufer ein gewaltiges Feuer auf, und lautes Geschrei drang herüber. Julian erschrak bis ins tiefste Herz. Er begriff recht wohl, seine kühnen Schifflein waren vom Feind entdeckt und mit Feuerpfeilen in Brand gesteckt worden. Aber rasch faßte er sich und rief: »Seht das Zeichen, das ich den Unsern befahl! Sie sind gelandet, haben die Uferhöhe erklommen. Nach! Alle nach!« Sofort rauschten alle Schiffe in die Flut, auch die zur Landung nicht bestimmten. Denn der Widerstand von so viel tausend Kielen sollte die Gewalt der Strömung brechen für alle – und sie brachen diese auch! Die flachergehenden Boote erreichten das Nordostufer noch gerade recht, um ihre verwegenen Vorläufer herauszuhauen. Zwar war das Erklimmen der steilen Ufer in der schweren Rüstung, in einem Hagel von Wurfspeeren, Pfeilen, Feuerbränden und Steinen ein hartes Stück Arbeit, aber das leichte Fußvolk der Germanen, geführt von Julian selbst, erkletterte zuerst den Höhenrand und hielt da oben das mörderische Gefecht so lange, bis die Massen, zuletzt auch die schweren Legionäre der Jovianer und der Herculianer, nachdrangen und nun das ganze Römerheer enggeschlossen, Mann an Mann, in eherner Reihe auf die Feinde traf. Diesem Anprall hielten Perser und Parther, Araber und Assyrer nicht stand. Zumal als ihre Elefanten, scheu geworden durch die ihnen entgegengeschleuderten Feuerbrände, kehrtmachten, ihre Führer abwarfen und nun die Reihen des eigenen Fußvolks, laut trompetend, mit wild geschwungenen Rüsseln niederstampften. Da war's zu Ende. Nur wenige der Elefantenhüter behielten bei der Wut ihrer Tiere die Ruhe und den Mut, die Weisung auszuführen, die sie alle für diesen Fall erhalten hatten, dem wild rasenden Elefanten den scharfen Lenkstachel in den obersten Rückenwirbel zu stoßen, wodurch das riesige Untier sofort getötet werden kann. In wilder Flucht entschart, jagten die vielen Zehntausende, der Surenas zuerst und dann der Emir der Ghasaniden, das Ufer entlang stromabwärts. Bis vor die Tore von Ktesiphon hieben sie nach, die verfolgenden Reiter des Siegers Julian. Siebenunddreißigstes Kapitel Herrlich dufteten viele Tausende von Blumen in dem Garten des Königshauses in Susa, der ältesten Residenz des Perserkönigs. Herrlich sangen Hunderte von Nachtigallen in den Blütenbüschen; lieblich plätscherten, in eintönigem Falle, Kühlung durch die abendliche Sommerluft verbreitend, zwanzig Springbrunnen. Bunte Vögel wiegten ihr schillerndes Gefieder in goldnen Reifen, die an seidenen Schnüren von den Palmwipfeln niederhingen; hinter versilberten Gittern schritten die gefangenen Könige der Wüste, Löwen und Tiger, auf und nieder, so völlig gezähmt, daß die Löwen willig den Siegeswagen ihres Gebieters durch die lärmenden Straßen der Königsstadt zogen, die Tiger sich zum Schemel seiner Füße machten. Aus dem Frauenhause neben dem marmornen Gartensaal klangen liebliche Stimmen junger Weiber, die zu Flöte und Schalmei zärtliche Weisen sangen; köstlich duftender Palmwein, in hohem schlankem Goldpokal, stand, von Eis gekühlt, in dem bauchigen Becken auf dem Pardelfell neben den Seidenpolstern des Großkönigs, und doch zeigte Sapors mächtiges Antlitz keine Spur von Freude oder nur von Befriedigung. Der Herrscher pflegte sonst, nach dem Anstandsgesetz des Morgenlandes, keinerlei Empfindung in den starren unbeweglichen Zügen zu verraten, die aus weißgelblichem Marmor gemeißelt schienen. Aber heute gab sich der Großkönig rückhaltlos dem Ausdruck von Schmerz und Sorge hin, obwohl mehrere seiner Feldherren und Kronräte und viele Boten aus dem Heerlager um ihn her standen. Als der zuletzt gekommene Meldeläufer seinen Bericht beendet hatte, hob der König, in einer langsamen steifen Bewegung, beide Arme und das Haupt gerade in die Höhe und verharrte eine Weile stumm in dieser Haltung. Dann nahm er langsam die hohe, nach oben spitz zulaufende Persermütze von weißer Seide, die von Rubinen, Smaragden und Saphiren übersät war, ab und setzte sie weit von sich zur Erde. Nun fing er an, langsam die Perlen und Edelsteine, die feinen Goldkettlein, die durch sein ergrauendes Haar geschlungen waren und in den mächtigen, breiten, die ganze Brust bis auf den Goldgürtel bedeckenden silberweißen Bart, eine nach der andern auszulösen und auf dem Boden um sich her zu verstreuen. Zuletzt erhob er sich von dem weichen Diwan, auf dem er in steif aufrechter Haltung gesessen, und legte sich, ohne ein Wort zu sprechen, aber mit dem Ausdruck tiefsten Grames, auf dem nackten, kalten Marmorboden auf den Rücken, beide Arme rechts und links weit ausgestreckt. Bei diesem Anblick brachen die Großen um ihn her in lautes Wehgeschrei aus. Sie warfen sich auf die Knie und riefen alle – bis auf einen – dreimal: »Ormuzd, Ormuzd, Ormuzd! Rette! Hilf! Räche! Dein Sohn liegt in Verzweiflung hingestreckt. Ormuzd, rette, hilf, räche! Rette den Saan-Saon, den König der Könige, den Piroses, den Sieger im Kampfe.« Nun sprangen sie alle auf, hoben ehrfürchtig den Herrscher vom Boden und setzten ihn wieder auf den Diwan. »Beherrscher des Weltalls«, begann jetzt der Älteste der Satrapen, Iparna von Kuschan, »du hast uns gezeigt durch deine Gebärden, du liegst in dem tiefsten Abgrund des Grams. Von dir gelegt hast du die Abzeichen deiner Königschaft. Wer von deinen Knechten nun nicht den letzten Blutstropfen einsetzt, dich wieder zu den Sternen zu erheben, die deine Brüder sind, der ist ein Hund, und seine Mutter war eine Dirne. Du bist ja noch lange nicht, nein, niemals wirst du am Ende deiner Macht sein! Wer zählt die Namen aller deiner Reiche auf? Wahrlich, mehr Völker hast du als dein Feind Legionen: Perser und Parther, Blemyer, Araber und Sarazenen, Assyrer, Meder und Susianer, Chaldäer, Carmanier und Hyrcanier, Margianer, Baktrianer, Sogdianer, Saken, Seren, Skythen, Essedonen und Gedrosen, Paropanisaden, Drangianer, Arachosen und Chioniten, Eusener und Gelonen! Schon wogen auf dein Gebot alle Wellen dieses Meeres von Völkern heran! Und wir, deine Satrapen, die wir das Zeichen deiner Verzweiflung gesehen, wir schwören, dich aufzurichten oder zu sterben.« Kaum merklich nickte Sapor mit dem majestätisch starren Haupte, als er sprach: »Da liegen, auf der Erde verstreut, in den Schmutz geworfen, die Zeichen der Gottessohnschaft. Hier bleiben sie liegen. Nicht eher leg ich sie wieder an, bis die Schmach gesühnt, der heilige Boden von der Fußsohle des Fremdlings befreit ist. Schon hab ich ein Opfer von drei Zentnern Weihrauch und Myrrhen gelobt, ich verdoppel es, Ormuzd, hörst du mich. Nun vernehmt meine Befehle. Ihr wißt, wie dieser Sohn des Abgrunds, Chulchianosch, ein Sendling Ahrimans, unaufhaltsam bis an die Königsstadt der Sonne vorgedrungen ist. Unsere stärksten Festen hat er gebrochen, mit frevlerischer Hand den Lauf der heiligen Ströme abgelenkt, mein größtes Heer geschlagen; hart bedrängt ist Ktesiphon, die Sonnenburg, so meldet der letzte Bote. Der Surenas, der sich schlagen ließ, der Ghasanide, der mit ihm aus der Schlachtreihe floh –, die weißen Elefanten Ormuzds haben sie zerstampft auf mein Gebot. Wer von euch, meine Feldherren, hat Lust, sein Nachfolger zu werden? Wird er geschlagen, die Elefanten stehen stets bereit. Ich hab's beeidet.« Sofort riefen gleichzeitig die beiden jüngsten der Versammelten, zwei schöne Jünglinge, Sapor sehr ähnlich, von etwa zwanzig und fünfundzwanzig Jahren: »Ich, Vater, dein Sohn Varanes.« – »Ich, dein Sohn Varahanes.« Wohlgefällig sah der König aus seinen großen runden, feierlichen Augen, deren Brauen mit glänzendschwarzem Kohlenstaub gefärbt waren, auf die beiden: »Meine Söhne? Die Hoffnung der Zukunft? Nein!« Da neigte ein anderer der Satrapen, ein kraftvoller Mann von etwa vierzig Jahren – er allein hatte nicht zu Ormuzd gebetet – das Haupt bis fast zur Erde und begann: »O König der Könige. Ich bin bereit.« – »Du, tapferer und weiser Merenas? Du bist kein Perser, Satrap von Hathra, du bist Armenier.« – »Und wir Armenier gelten für treulos, ich weiß. Ich werde unsern Leumund bessern.« – »Du bist aber auch – wie die meisten eures Volkes – Christ. Sahak, dein älterer Bruder, ist der Bischof der armenischen Hauptstadt.« – »Ebendeswegen! Glaubst du, ein Christ wird jenem Bluthund den Sieg wünschen, dem Auswürfling der Hölle, der die heilige Kirche noch viel scheußlicher verwüstet als er dein Reich verheert? Glaube meinem Haß! Mein Bruder, der Bischof von Kárana, hat den großen Kirchenfluch schon öffentlich über den Apóstata verkündet. Er wird sicher seinen König, den frommen Tirânes, gegen jenen ...! Doch davon später. Oh, warst du je mit meinen Diensten zufrieden, vergönne es mir – mir vor allen –, diesen Dämon des Abgrunds zu verderben. Gib mir meinen Jüngern Bruder Nohordates zum Gehilfen, der ist listiger Anschläge reich! Gib mir unbeschränkte Vollmacht, Frieden zu schließen, oder den Feind – mit jedem Mittel – zu verderben. Und ich befreie dein Land oder ich suche selbst die weißen Elefanten auf in ihrem Tempelhause zu Ekbatana. Mein Weib, meine Kinder laß ich dir als Geiseln.« »Merenas«, sprach Sapor, »ich glaube dir. Doch sag mir offen, warum drängst du dich, in der Fülle des Glanzes lebend, zu diesem Wagnis, das dich leicht unter die Füße der Elefanten führen kann?« »Das will ich dir deutlich sagen, Herr. Ich bin dein treuer Knecht und würde für dich in der Schlacht sterben ohne Besinnen. Aber um dessentwillen würde ich doch den Tod nicht so herausfordernd suchen, wie ich es jetzt tue. Jedoch ich bin ein frommer Christ, und mein Bruder, der Bischof, hat verkündet: Wer diesen Abtrünnigen vernichtet, der wird im Himmelreich sitzen zunächst den Aposteln.« »Wohl«, sprach Sapor regungslos. »Sitze du im Himmel, wo du willst, wenn du nur auf Erden mir zu Füßen sitzest. Ormuzd und ich haben es gehört: Sieg mit dir oder die Elefanten über dir. Hier! Nimm meinen goldenen Siegelring! Du sollst allen Persern, Parthern und Armeniern als mein Schwert gewordener Wille gelten. Fort! Siege – oder stirb, Surenas!« Achtunddreißigstes Kapitel Sobald der Imperator vor Ktesiphon erschienen war, erforschte er – doch wieder! – durch ein Ares, dem Städtebezwinger, gebrachtes Opfer die Zukunft. Die Opferzeichen fielen unglückverheißend aus. Sie hatten recht. Denn die Schlacht, der Sieg am Tigris sollte den höchsten Gipfel der Erfolge bilden, die Julian seit seiner Erhebung aus Todesgefahr zum Cäsar in ununterbrochenem, wunderbarem Emporsteigen erreicht hatte, von Mailand bis nach Ktesiphon. Unermeßlich war die Beute gewesen, welche die Sieger in dem eroberten Lager vor der Stadt gemacht hatten: Waffen und Sattelschmuck jeder Art, von Gold und Silber und Edelsteinen funkelnd, herrliche Rosse parthischer Zucht, Streitwagen mit vergoldeten Rädern, Tische und Bettgestelle von gediegenem Silber. Der Feldherr verteilte alles unter seinen Führern und Mannschaften. Für sich nahm er nur eine »Schiffskrone« in Anspruch – einen schlichten Reif aus Palmholz –, weil er den Gedanken des Angriffs mittels der Flachschiffe gefaßt und siegreich durchgeführt habe. Vor dem versammelten Heer und vor den Wällen der Stadt ließ er sich die Holzkrone von Jovian aufsetzen; mit Staunen sahen's die Perser auf den Zinnen. Die Einschließung von Ktesiphon und Seleukia-Koche begann. Die Bezwingung der Doppelfeste stellte harte Arbeit in Aussicht. Aber Julian dachte schon viel weiter, immer weiter! Als Jovian und Serapio von der heißen Jahreszeit sprachen, die nun bald den Nordländern jede Mühe noch erschweren werde in diesem Morgenland, lachte er: »Die heiße Jahreszeit? Ja, die wird allerdings noch viel heißer sein in dem Lande, wo sie uns treffen wird. Längst nicht mehr hier! In Indien! Ja, ja! Von dem bezwungenen Ktesiphon geht's geradewegs in den äußersten Osten.« Kopfschüttelnd sprach Jovian, als sie den Augustus verlassen hatten: »Das hat vor ihm kein Römer gewagt, selbst Trajan nicht, der zog von hier nach Süden, die großen Stromstraßen hinab. Aber nicht nach Osten! In das Ungemessene, fast nie Betretene.« – »Nur einer hat's vor ihm in sieghaften Waffen betreten und durchzogen: jener Alexandras.« – »Ja, der ›Göttersohn‹, wie er sich nannte.« – »Und glaubte. Daß Julian von sich das nicht glaubt – zu Ehren seiner unglücklichen Mutter –, das allein unterscheidet unsern Freund in seinem Selbstgefühl von jenem andern ›Götterlieblinge‹. Denn – hast du es nicht bemerkt? –, er spielt jetzt, seit dem Aufbruch gegen die Perser, Alexandros.« – »Ach, Freund, ja. Aber nicht für andere, nicht aus Trug.« – »O nein, er spielt ihn für sich selbst. Er hat nie für andere geschauspielert. Aber so oft, so lang, so überzeugt für sich selbst; er weiß es gar nicht mehr, wenn er es tut. Jetzt ist es, wie früher gegen uns Germanen Cäsar, so gegen die Perser der große Makedone, der dämonisch von ihm Besitz genommen hat. Er ist – sich selbst – jetzt Alexander, wie er sich damals Cäsar war. Er hat den Alexanderwahn. Das ist die Macht, die ihn jetzt ganz beherrscht.« – »Ach ja! Das wird entscheidungsvoll«, seufzte Jovian, »für zwei Völker: Römer und Perser.« – »Für drei.« – »Wieso?« – »Auch für die Germanen am Rhein.« – »Meinst du?« forschte Jovianus ernst, plötzlich stehenbleibend. »Ja, ich meine. – Aber, heute noch in Frieden: Gute Nacht, Jovianus.« Allein nun verdunkelte sich der Himmel für den so siegessicheren Imperator. Denn während das Heer, froh der erfochtenen Siege, voll Vertrauen auf den erfolggekrönten Führer, verschwenderisch schwelgend in dem Überfluß von erbeuteten und mitgeführten Vorräten, in freudigster Stimmung und Hoffnung sich wiegte, schickte der Feldherr Boten über Boten nach Norden aus, gegen Nisibis. Ja, er selbst ritt, von Ungeduld, von Hast getrieben, gar oft allein auf der Straße nach jener Richtung aus, den sehnlich erwarteten Nachrichten entgegen. Eines Tages traf er hier auch wirklich auf einige Reiter, denen er sofort ihre Briefe aus den Händen riß. Er las sie sogleich, auf der Straße, im Sattel, fuhr erbleichend zusammen und jagte spornstreichs in das Lager zurück. Hier wies er die Freunde, die seine Verstörung bemerkten, mit einer Handbewegung ab und verbrachte den Abend und die Nacht durchwachend, allein in seinem Zelt, wohin ihm Oribasius alle Straßenkarten von diesen Landschaften bringen mußte. Am anderen Morgen beschied er die Führer zu sich. Sie fanden ihn mehr angegriffen als eine durchwachte Nacht allein bewirken konnte; hatte er doch schon gar manche bei den Büchern verbracht. Matt, klanglos tönte seine Stimme, als er begann: »Die Belagerung von Ktesiphon ist aufgehoben. Der Feldzug ist gescheitert. Das Heer tritt den Rückzug an.« »Das wolle Gott nicht!« rief Jovian erschrocken. »Die Götter haben es leider schon gewollt«, erwiderte Julian bitter. »Was ist geschehen? Was zwingt dich?« fragten die Feldherren durcheinander. »Verrat. Höllischer Verrat. Selbstverständlich die Galiläer! Hier. Lest diese Briefe! Ich fing sie gestern auf der Straße ab. Die Armenier – ihr König Tiranes –, sie sind doch gar fromme Christgläubige, haben uns verraten. Mein ganzer Plan beruhte darauf, auch diesmal ›zangengleich‹, von zwei Seiten, von Westen und von Norden, den Feind zu fassen. Hier sollte sich das Heer des Sebastianus von Norden, von Nisibis, kommend, sich mit uns vereinen, verstärkt durch zwanzigtausend Mann Fußvolk und viertausend Reiter der Armenier, die mir König Tiranes versprochen hat. Wohlan, der fromme Schurke von einem König hat mich verraten. Als eifrigster Galiläer, ein Freund des Constantius, der ihm Olympias, eine Verwandte, vermählte, hat er sich wohl von Anfang an nur widerstrebend mir angeschlossen, von Anfang an mit der Absicht des Verrats den Bundesvertrag mit mir vereinbart, jene Hilfsscharen mir zugesichert. Vor kurzem soll nun, schreibt Sebastianus, bei Tiranes ein vornehmer Armenier im Dienste Sapors, ebenfalls ein Christ, eingetroffen sein, der, unterstützt von dem Bischof von Kárana, dem König meine Vernichtung als ein Gott höchst wohlgefälliges Werk darwies. Sie drangen durch, gegen Treue und Ehre – wie schon so oft! –, die Priester des Galiläers! O wie ich sie jetzt erst hasse! Tiranes gebot seinem Heer, auf dem Marsche zu Sebastianus haltzumachen und erklärte, mir, dem Ungläubigen, dem Apostaten, dem schlimmsten Feind Gottes und seiner heiligen Kirche, schulde niemand Treue. Gottesleugnern zu helfen sei Frevel! Er habe Frieden und Freundschaft geschlossen mit Sapor, und sein Heer werde, wenn es gezwungen wird, sich am Krieg zu beteiligen, nicht für, sondern gegen mich kämpfen. Mit vollem Recht schreibt Sebastianus, daß er unter diesen Umständen seine Stellungen im Norden nicht verlassen, nicht zu uns stoßen könne. Ich kann aber auch nicht hier stehenbleiben, geschweige noch tiefer in das Perserreich vordringen. Von meinen einunddreißigtausend Mann, mit denen ich aus Circesium abzog, habe ich viertausend verloren. Mit siebenundzwanzigtausend Speeren kann ich diese weitgestreckte Doppelstadt nicht einschließen; ich zählte so fest auf Sebastianus, auf die Verstärkung von vierundfünfzigtausend Mann! Noch weniger kann ich, diese beiden Festungen unbezwungen im Rücken, den drei Heeren entgegenziehen, die Sapor aus allen Provinzen seines Reiches, bis aus Skythien und Indien her, unter einem neuen Surenas und zweien seiner Söhne gegen uns ausschickt. Wir müssen zurück! Wie dieses Wort schmerzt, das weiß nur der unbesiegte Gott. Ich bin schon besiegt, nicht in einer Schlacht, nein, für den ganzen Feldzug; er ist verloren. Ich bin besiegt, ja, aber nicht durch weisere Feldherrnschaft oder kühnere Heldenschaft, ich bin besiegt durch scheußlichen Verrat der Galiläer. Oh, ich werd's ihnen gedenken! Ein milder Feind war ich ihnen bisher, aber wenn kraft dieses Glaubens Heer und Reich verraten und mit Vernichtung bedroht werden, dann erheischt die Pflicht des Imperators, die Selbsterhaltung dieses Reiches, ein anderes. Wehe den Galiläern! Wir brechen morgen auf, aber nicht nach Circesium zurück; nein, gegen diese höllenfalschen Christusdiener in Armenien! Ich zermalme ihren König. Ihren Bischof von Kárana häng ich auf am Hochaltar seiner eigenen Kirche. Dann – nächstes Jahr (wenn das vernichtete Armenien uns nicht mehr verraten kann!) –, dann ziehen wir wiederum auf Ktesiphon. Ihr seid entlassen. Geht! – Auch ihr, Jovian und Serapion. Ich muß jetzt allein sein! In einer Stunde schickt mir Lysias. Mit dem will ich die Bestrafung der Galiläer in Armenien beraten. Er – er ist jetzt mein Mann.«   Mit triumphierender Miene verließ nach geraumer Zeit Lysias das Zelt des Imperators. »Jetzt ist er mein!« murmelte er vor sich hin. »Nun fehlt nur noch ...« Er stieß auf Jovian und Serapio, die schon lang wieder um Gehör gebeten hatten. Mit feindlichem Blick schritt er an ihnen vorüber. Endlich wurden die Harrenden vorgelassen. Sie fanden den Augustus in heißester Erregung. »Freund!« begann Jovian beschwichtigend. »Verzage nicht! Der Himmel hat dich nicht verlassen. Vernimm: Zur rechten Stunde schickt er dir das Erwünschte, was er dir – jetzt – senden kann...« – »Einen ehrenvollen, ruhmreichen Frieden«, schloß Serapio. »Nimm ihn an und rette Heer und Reich und Ehre«, mahnte Jovian. »Eine Gesandtschaft Sapors traf ein ... schon vor Stunden...« – »Aber du konntest dich ja von Lysias gar nicht trennen!« – »Der Großkönig bietet dir Ersatz aller Schäden, die er je deinem Reiche zugefügt und ...« – »Er will Amida auf seine Kosten wieder aufbauen ...« – »Vergütung aller Kosten auch dieses Krieges ...« – »Herausgabe aller in früheren Feldzügen gefangenen Römer und ...« – »Eine gewaltige, eine überraschend große Abtretung seiner Westlandschaften zur Sicherung deiner Grenzen für alle Zukunft.« – »Er bietet dir endlich seine Freundschaft und Waffenhilfe an wider alle deine Feinde.« – »Und in Anerkennung, daß du ihn besiegt hast, hundert Kränze von goldenen Palmen.« – »Du siehst, die Ehre und der Vorteil des Reiches sind so voll gewahrt ...« – »Wie du nur irgend wünschen konntest.« – »Was kannst du denn noch mehr erreichen wollen?« – »Willst du wirklich Indien erobern?« Mit gefurchter Stirn schritt Julian im Zelt auf und nieder. »Rache will ich! Den Großprahler aller Prahler gedemütigt sehen!« »Er ist's, denk ich, genug«, meinte Serapion. »Erwäge doch! Noch ahnen die Feinde nichts davon, daß du den Rückzug schon beschlossen hast ...« – »Einen Rückzug, der viel, viel gefährlicher wird als der Angriffszug bis hierher war ...« – »Erraten sie, entdecken sie deine Lage hier – die Gesandten wissen noch nichts von dem Abfall der Armenier –, nie wieder erhältst du so günstige Bedingungen!« – »Bedenke, kommt es auf dem Rückzug wieder zum Kampfe, hast du die Armenier vorn und die verfolgenden Parther im Rücken.« – »Und verfolgende Parther sind«, sprach Serapion, »ich hab's erprobt, gefährlicher noch als anstürmende Germanen.« – »Nimm diesen Frieden an!« Aber eigenwillig, kopfschüttelnd fragte Julian: »Es ward noch für einen andern Perser Gehör von mir verlangt. Wer ist's?« – »Ein Überläufer, ein Satrap, der, von Sapor gekränkt, mit stattlichem Gefolge zu dir flieht, racheschnaubend, und dir – selbstverständlich – weiß Gott wie wichtige Hilfe verheißend, wie alle Überläufer. Hör ihn nicht!« – »Der ist mir von den Göttern gesendet –, nicht die Friedensbotschaft! – Der Gott der Rache steht mir jetzt am nächsten! Man soll ihn sofort hereinführen! Von ihm werden wir ja genau erfahren, wie's an dem Hof zu Susa steht, warum Sapor so friedenseifrig ist. Bleibt nur, ihr sollt Zeugen sein. Ich ahne! Ihr werdet erkennen: mit vollem Recht verwerf ich diesen Frieden.« Alsbald erschien vor Julian ein reichgekleideter Perser, der sich sofort vor ihm zur Erde warf. »Steh auf, Gastfreund. Was führt dich her?« – »Die Rache.« – »Es ist nicht schön, seinen Herrscher zu verlassen.« – »Ich habe keinen Herrscher verlassen –, einen Mörder und den Schänder meiner Ehre!« Und die dunklen Augen funkelten in dem männlich schönen Antlitz, seine Faust ballte sich um den perlenbesetzten Griff des krummen Dolches in dem breiten Goldgürtel. »Was hat dir Sapor zuleid getan?« »Ich hatte ein Weib«, brachte er stöhnend, keuchend aus tiefer Brust hervor, »ein schönes, treues, heißgeliebtes Weib. Nur dies eine Weib! Sie war eine Griechin, zart und jung. Helena war ihr Name.« Julians Lippe zuckte. »Während ich des Scheusals Schlachten schlug – mein Blut floß für ihn bei Piri-Sabor! –, wollte er die Keusche verführen, und als sie ihn von sich stieß, hat er sie geschändet. Sie überlebte die Schmach nicht. Diesen Dolch stieß sie sich in die Brust. Ahriman soll mein Herz zerfleischen durch alle Ewigkeit, stoß ich dieselbe Klinge nicht in des Untiers Schlund. Deshalb steh ich hier. Hilf mir dazu. Ich kann auch dir viel helfen.« »Hört ihr's, ihr Zweifler, ihr Lober des Großkönigs? Soll ich mit einem solchen Tyrannen, einem solchen Giermenschen, Freundschaft schließen? Bricht er so die Treue seinen Treuesten, wird er sie mir halten? Sei mir willkommen, Perser. Ich nehme dich gern auf, Rächer deiner Ehre. Sprich: Sapor bietet mir einen Frieden, der – an sich – nicht unangenehm wäre, wenn ... Was lächelst du so grimmig? Was soll das heißen?« – »Das soll heißen: Ich staune, daß Chulchianosch, dessen Weisheit gepriesen wird vom Niedergang zum Aufgang, nicht dies Gespinst durchschaut. Sapor bietet den Frieden zum Schein; er will dich durch Verhandlungen sicher machen, hier, vor Ktesiphon, festhalten, bis seine drei neuen Heere heran sind. Er hat bei Ormuzds Haupt geschworen, niemals Frieden mit dir zu schließen, er hat geschworen, dir den Bart mit eigener Hand auszureißen und dich gepfählt aufzustecken auf dem Walle von Ekbatana. Seine Seele soll in unreines Getier fahren, läßt er dich lebend aus seinem Reich entkommen.« »Hört ihr's? Das ist des Großkönigs Friedensliebe! Welches Glück, daß Pallas Athene Pronoia mir diesen Warner schickte! Fort mit der Gesandtschaft! Ich will sie gar nicht sehen! Und nächstes Jahr kehr ich zurück und erobere ganz Indien bis an das Meer, das da das Ende der Erde ist.« Hoch horchte der Perser auf. »Wie?« forschte er, »vernahm ich recht? Zurückkehren, sagtest du? Du willst also nicht jetzt...?« Seine Augen funkelten seltsam. »So muß ich meine Rache verschieben?« – »Wie ich die meine. Tröste dich. Wir holen's gründlich nach!« – »Aber was willst du jetzt tun?« – »Umkehren. Ich will nicht, ich muß.« – »Weshalb?« – »Die Armenier haben mich verraten.« Der Perser strich sich über den langen Bart. »Hm, das weiß noch niemand am Hofe des Tyrannen«, sprach er bedächtig. »Früh genug wird er's erfahren, fürcht ich. Und dann haben wir die Hetze der Verfolger hinter uns. Aber auch dafür werden die Götter, die dich mir als Warner gesendet, Rat wissen. Nur eine Sorge quält mich: die Vorräte, die Flotte! Verlaßt mich jetzt. Ich muß mich sammeln. Ich werde noch dem Traumgott opfern. Er soll mir – (wie schon so oft vor schwersten Entschlüssen) – das Richtige offenbaren. Jovianus, sorge für beste Unterbringung unseres Gastes, unseres neuen Freundes. Du, Perser, mußt mir morgen noch viel berichten. Ich vergaß ganz, zu fragen... Wie heißt du?« »Nohordates.« »Nun, nochmals willkommen, Nohordates.« Neununddreißigstes Kapitel Am anderen Morgen erhob sich Julian – gegen seine Gewohnheit – spät vom Lager. Er hatte – nach dem Opfer für Oneiros – erst in den Morgenstunden Schlaf gefunden, der dann von Träumen bunt durchwoben war. Darauf hatte er wieder stundenlang allein die Karten, besonders den Lauf der beiden großen Ströme, durchforscht, endlich den Perser zu sich beschieden. Nach langer Beratung mit diesem befahl er alle Heerführer in sein Zelt. Sie fanden ihn abermals verstört, entstellt durch innere Erregung, durch innere Kämpfe. Der Perser stand neben ihm, die langen schwarzen Wimpern niedergeschlagen und unaufhörlich, aber ganz langsam sich über den breiten Bart streichend. »Ihr wißt, meine Waffenbrüder«, begann der Augustus, mit einem müden, trüben Lächeln auf dem zuckenden Mund, »ich pflege nur mit meinen Göttern Kriegsrat zu halten, nicht mit meinen Feldherren. Diese erfahren nur meine fertigen Beschlüsse. So auch jetzt. Diese Nacht offenbarten mir die Götter im Traume das Notwendige. Alle Vorräte und die ganze Flotte –, sie werden hier verbrannt.« Ein Ruf, nein, ein Schrei des Staunens, des Schreckens, der Mißbilligung entrang sich aller Munde. Nur der Perser schwieg, er wußte offenbar schon um den Beschluß. »Mein Imperator«, begann der alte Severus, das ist...« – »Beschlossen. Also getan.« – »Über zweihundert Stunden weit«, sprach Jovian warnend, »haben wir, mit unendlicher Mühe, mit vielem Schweiß und Blut, Schiffe und Vorräte von Antiodiia bis Ktesiphon geschleppt...« – »Gut also, daß wir sie nicht nochmal schleppen müssen. Mit Mühe fuhren sie zu Tal, zu Berg den Tigris, den Euphrat hinauf, sind sie gar nicht zu fahren. Kein Schiff geht über Ktesiphon stromaufwärts über Wehre, Stromschnellen und Wasserfälle: Weder Segel noch Ruder noch angestemmte Schultern und gestraffte Seile leisten das. Sollen wir unsere Flotte dem neuen Surenas schenken, sie kampflos, als Beute stromabwärts zu führen? Und fehlen die Schiffe, wer soll die Lasten der Vorräte tragen? Für sechzigtausend hab ich mitgeführt – fünfundzwanzigtausend habe ich. Sollen diese, bepackt wie Lasttiere, zugleich die Parther abwehren? Unmöglich!« »Je die Hälfte ...« warf Serapion ein, »muß tragen, die andere fechten.« Aber eigenwillig fuhr der Feldherr fort: »Ganz unmöglich. Aber, meint ihr, wovon wir leben sollen? Ei, mag nun der Krieg den Krieg ernähren. Reich und fruchtbar sind die Landschaften, durch die unser Rückzug führt. Ich weiß es aus den Büchern, und Freund Nohordates hier hat es bestätigt.« Tief verneigte sich der Perser und sprach: »Es ist die Wahrheit.« – »Ja«, entgegnete Severus, »ich weiß es auch. Ich durchzog das Land einst im Frieden als Gesandter. Aber die Einwohner werden im Krieg ...« – »Entweder gutwillig verkaufen oder gezwungen hergeben, was wir brauchen. Daß sie es haben, steht fest. Und fest steht mein Entschluß. Den besten landeskundigen Führer gewannen wir an unserem Freunde hier. Er versprach mir, unsere Vorhut nach Corduene zu leiten. Nun, was zögert ihr? Was habt ihr noch auf dem Herzen?« »Herr, das Heer! Wie wird es diesen Beschluß – diese ungeheure Brandstiftung – aufnehmen?« wagte Severus zu fragen. »Ich fürchte, sie werden murren«, meinte Nevitta. »So werde ich ihnen selbst den Beschluß eröffnen. Wie ich selbst die erste Fackel in das erste Schiff, in den ersten Getreidewagen werfen werde. Und verkünden auch werd ich ihnen, was meinen Entschluß entschied: meinen Traum von heute nacht! Der Traumgott, dem ich geopfert habe, zeigte mir in den Morgenstunden den Gott Hephaistos in flammender Lohe. ›Dieser‹, erscholl eine Stimme, ›wird dein Helfer sein.‹ Und als ich dem bärtigen Gott ins Antlitz sah; die Züge dieses Persers wies er auf. Mit Schwanken über den Brand, mit Zweifeln auch an dem Überläufer war ich eingeschlafen. Der göttergesandte Traum hat – (wie in Zabern damals) – mein Schwanken, meine Zweifel überwunden. Blind vertraute ich allem, was die Götter sandten: dem Traum, dem Brandbeschluß und dem Satrapen als Wegführer. Geht nun! Ruft das Heer zusammen! In einer Stunde steht hier alles in Flammen und wir ziehen ab, nach Norden, nach Armenien, die treulosen Galiläer zu bestrafen.« Mit schwerem Herzen verabschiedeten sich die Führer von Julian, der nur den Perser bei sich im Zelt zurückbehielt, mit ihm über die Straßen des Rückzugs Rat zu pflegen, und Lysias zu sich beschied, ein großes Opfer für Hephaistos vorzubereiten. »Das größte Opfer für Hephaistos«, sprach Serapio zu Jovian, »sind unsere Flotte, unser Getreide und unsere Rettung. Er ist wie mit Blindheit geschlagen! Ach, gegen seine ›Götter‹ kämpft seine Weisheit vergebens!« Die kunstvolle Rede, in welcher der Augustus dem versammelten Heer jenen verhängnisvollen Beschluß verkündete und zu begründen versuchte, ward mit eisigem Schweigen, mit stets steigendem Staunen, mit Besorgnis, zuletzt mit laut murrendem Unwillen angehört. Und, als gegen Abend, nach vollendetem Opfer für den Feuergott, von Julians eigener Hand entzündet, die mächtige Kriegsflotte und die auf den Lastschiffen sowie in dem Lager aufgehäuften vielen tausend Wagen, Kisten und Säcke voll Getreide in Flammen aufgingen – ein schauerlich prachtvoller Anblick –, da begrüßten ihn die Perser auf den Wällen von Ktesiphon mit Jubel. Sie sagten, Ormuzd habe Stolz, Macht und Hoffnung der Feinde durch himmlisches Feuer von oben zerstört. Die Römer aber wurden von Furcht, von Entsetzen über das selbstzerstörerische Tun ihres Feldherrn ergriffen: »Er ist von Dämonen besessen«, flüsterten die Christen unter ihnen. »Es ist die Strafe seiner Abtrünnigkeit, seines Eidbruches. Die Weissagung des großen Athanasius erfüllte sich. Er raset gegen sich selbst.« Und eine Wandlung, eine Verdüsterung des Geistes war allerdings in Julian eingetreten seit jenem Tage zu Circesium. Schwermut und Übererregung wechselten rasch in ihm ab, und der gesteigerte Haß gegen die Christen erhöhte merklich den Einfluß des Lysias. Nachdem die Flammen und der Fluß die stolze Flotte und das Korn des Heeres zerstört hatten – viele Stunden hatten sie dazu gebraucht –, traten die Römer (sechzig Tage, nachdem sie die Persergrenze überschritten hatten, gewiß, dieses Reich zu erobern), in tiefster Niedergeschlagenheit den Rückzug an, unter dem Jubel, dem Hohn der Feinde auf den Zinnen. Wie schnitt es Julian in die Seele! Er sprengte eilig davon an die Spitze der Vorhut, um dieses gellende Jauchzen nicht mehr hören zu müssen. Mit seltsam grimmigem Gesicht erbat sich Jovian die berittenen germanischen Leibwächter und eilte mit ihnen in die äußerste Nachhut, die das geringe, mitgeführte Gepäck bewachte. Es bestand aus zwölf kleinen Nachen, die auf Jovians Bitte, von der Fackel verschont, auf Wagen mitgeführt wurden, um bei Überschreitung von Flüssen als Schiffbrücken verwendet zu werden und aus dem Mundvorrat für nur zwanzig Tage. In dieser Frist hoffte Julian, sicher das Gebiet von Corduene zu erreichen, dessen Häuptlinge die Oberhoheit seines Reiches anerkannten. Richtig hatte Jovian vorausgesetzt, der Übermut der Perser in Ktesiphon werde sich die Genugtuung einer Verfolgung nicht versagen können. Und in der Tat brach alsbald aus den Toren der Feste eine siegessichere, bunt zusammengesetzte Schar von Kriegern und Bürgern, die Abziehenden zu bedrängen, Beute zu machen unter ihrem Troß. Es bekam ihnen schlecht. Sausend fuhren die germanischen Reiter auf die Zuversichtlichen los und jagten sie unter grimmigen Streichen in ihre Stadt zurück. »Schade, Herr«, meinte Sigibrand, der Sachse, als er, zu dem Imperator zurückreitend, sein blutiges Schwert an einer eroberten Perserfahne abwischte. »Schade, daß du nicht dabei warst. Hättest deinen Theologen einmal mit Erfolg predigen sehen.« – »Jawohl«, bestätigte Sigiboto. »Die Kerle haben unsern Zorn abgelten müssen.« – »Den wir eigentlich auf dich haben, Auguste«, fuhr Hippokrenikos fort. »Von wegen der grausigen Verbrennerei der schönen Schiffe und des Brotes«, schalt Ekkard. »Und sogar Wein, sagt man, war auf den Schiffen. Aber natürlich, du weißt nicht, was Durst ist«, klagte Garizo. Julianus lachte, aber es war nicht das alte, unbefangen überzeugte Lachen, mit dem er früher die kecken Scherzreden seiner Lieblinge aufgenommen hatte; es lag Gewölk auf seiner Stirn und wich nie mehr.   Seine Hoffnung, das Heer durch die Erträgnisse der zu durchziehenden Gegenden ernähren zu lassen, schlug gänzlich fehl. Gleich an dem ersten Tage des Rückzugs durch die bisher unbetretenen Landschaften fand das Römerheer den Volkswiderstand in der furchtbarsten Gestaltung vor sich: Lang ehe ihre vorsprengenden Reiter ein Haus, ein Dorf, eine offene Stadt erreichten, loderten Flammen vor ihnen auf; die Einwohner verschütteten die Zisternen, zerstörten jede Unterkunft, verbrannten wie ihre Holzhäuser, so das in diesem Himmelsstrich bereits reife Korn auf den Feldern – es war Juni –, trieben die Herden vor sich her und flüchteten in die nächsten Burgen oder befestigten Städte. Kam nun das Heer heran, so fand es Brandstätten, wo es Obdach und Unterhalt erwartet hatte. So mußte der Legionär vom ersten Tag an von dem mitgeführten Mundvorrat zehren. Schon war es der zehnte Tag; noch lange war die Grenze von Corduene nicht erreicht, und die Hälfte der Lebensmittel war verzehrt. Am Abend dieses Tages sprach Serapio zu Jovian, als sie miteinander die Lagerwachen verteilten: »Wir ziehen auf schlimmen Wegen.« – »Sie führen nicht zum Sieg! Kaum zur Errettung.« – »Julian hat wieder einmal – wie gegen uns Germanen – die Kraft, wie soll ich sagen? – die Seele des Volkes unterschätzt, das er bekämpft. Denn mir ist oft, ein Volk hat eine Seele wie ein Mensch, sie ist seine Eigenart. Diese Perser haben die Kraft unbesiegbaren Hasses. Die erbarmungslose Verwüstung des eigenen Landes durch die Bebauer des Bodens, die uns mit Vernichtung bedroht...« – »Die kann kein Befehl des fernen Großkönigs und seiner Satrapen erzwingen, die Leute tun's von selbst.« – »Ja! Sie hassen euch mehr als den Tod.« – »Erst jetzt – vor zehn Tagen – hat Julian seinen Feldzug verdorben.« – »Nicht als Feldherr!« – »Als Staatsmann.« – »Er mußte Sapors Friedensantrag annehmen. Ich bin gewiß, der war ernst gemeint.« – »Aber der Alexanderwahn verblendet ihn. Er glaubt, er muß Indien erobern! Darüber kann er aber Antiochia verlieren.«   Am frühen Morgen des elften Tages trat in das Zelt des Feldherrn der grauhaarige Severus, eine zerlesene Straßenkarte in der Hand, begleitet von den andern ersten Führern. Er fand Julian, das gerötete Gesicht ebenfalls über eine Karte gebeugt. »Das ist ein gutes Zeichen, Jovian«, flüsterte er im Eintreten. »Er zweifelt selbst! – Verzeih, Herr, unsere Eilfertigkeit. Aber es eilt wirklich. Sieh, ich bin der einzige, der von früher her die Landschaft kennt. Diese Karte ist mangelhaft und mein Gedächtnis auch. Aber wenn nicht beide stark trügen – die Straßen hierzulande kenn ich nicht gerade genau –, sind wir zehn Tage lang ...« – »Statt nach Norden, nach Corduene, stets nach Osten gezogen«, rief Julian aufspringend und mit der Faust auf den Tisch schlagend. »Das ist auch mein Ergebnis. Ich rief den Perser her ... Nun, Oribasius, wo ist er?« – »Entflohen, o Herr«, erwiderte der hereinstürzend, Schrecken im Antlitz. »Was?« – »Wie?« – »Entflohen!« – »Der Verräter.« – »Ich warnte treu!« sprach Jovian. »Ich jag ihm nach«, rief Serapio, »und bring dir seinen falschen Kopf.« – »Bleib, Franke«, mahnte der Arzt, »du holst ihn nicht mehr ein. Schon um Mitternacht verließ er – mit all den Seinen – das Lager, gegen Südosten davonjagend, mit geheimen Befehlen des Imperators.« »Gelogen«, sprach der; er war sehr bleich geworden. »Die Wachen ließen ihn ziehen. Denn er zeigte eine Weisung des Imperators, ihn frei ein- und ausreiten zu lassen. In seinem Zelt lag dieser Zettel – in einem Buch –, in dem Neuen Testament.« Julian nahm und las laut: »Wehe dir, Apóstata! Dem Abtrünnigen die Treue brechen ist Gott wohlgefällig. Zur Hölle schickt dich bald Christus, der Herr.« – »So sah ich recht!« zürnte Serapio. »Mir war, neulich, als die Christen in unserem Heer ihren Abendgottesdienst hielten, schlug er im Vorüberschreiten rasch ein Kreuz auf Stirn und Brust.« – »Wie gefallen dir deine Galiläer, Jovian?« fragte Julian bitter. »Wer hat dir«, fragte der mutig entgegen, »den Schurken empfohlen? Oneiros, Pallas Athene Pronoia und deine anderen Götter.« – »Streiten wir nicht!« schloß Julian. »Retten wir das Heer. Also: Links schwenkt ab! Nach Norden endlich! Nicht nach Osten mehr!« – »Und unterdessen«, grollte Jovian, »sind zehn kostbare Tage Zeit, Vorrat und Kraft verloren! Aber vorwärts!« Vierzigstes Kapitel Solange die Römer, dem tückischen Wegweiser vertrauend, die falsche Richtung nach Osten verfolgt hatten, die sie immer tiefer in das Perserreich und in das sichere Verderben führte, hatten sich nur in Flanken und Rücken Reiterschwärme gezeigt, die, ohne den Feind im Vordringen auf seinem Irrweg aufzuhalten, ihn bloß beobachtend in weiter Ferne umkreisten. Sowie aber die richtige, die rettende Straße nach Norden eingeschlagen war, zogen sich von allen drei Seiten die Verfolger nah und näher heran. Ja, schon am folgenden Tage wirbelten auch in der Stirnseite jene dichten Staubwolken auf, welche die Annäherung der gefürchteten parthischen Bogenschützen andeuteten und zugleich verhüllten, die in jeder denkbaren Lage auf ihren windschnellen und wunderbar abgerichteten Rossen, sitzend, liegend, stehend, im Angriff und auch in wirklicher oder verstellter Flucht die nie fehlenden Rohrpfeile entsandten. Anfangs täuschten sich die Römer die Hoffnung vor, es seien ihnen befreundete Bewohner von Corduene, die ihnen entgegenzögen, oder auch ein Rudel aufgescheuchter Wildesel. Und Ekkard, der eifrige Jäger, konnte sich, trotz des Verbots, nicht enthalten, dem flüchtigen Wilde nachzueilen. Aber sehr bald sprengte er – noch viel rascheren Laufes – zurück, zog einen Pfeil aus seiner Schulter und lachte: »Mir scheint, diesmal war der Jäger der Esel!« Von jetzt verging kein Tag, kein halber Tag mehr ohne Gefecht. Hinter dem Schleier der Geschwader wurden nun auf allen vier Seiten auch dichte Reihen persischen Fußvolks sichtbar; die Römer waren offenbar umzingelt. Jeder Schritt nach Norden mußte erkämpft werden; man erfuhr von den – wenigen – Gefangenen, daß zwei Söhne Sapors, der neue Surenas, Merenas, und dessen Bruder die vier feindlichen Heere befehligten. Die Allgegenwart dieser raschen und übermächtigen Feinde nötigte die Römer, nach dem beschwerlichen Tagemarsch, jeden Abend, mit Zeitverlust und Anstrengung, ein befestigtes Lager zu schlagen, hinter Graben und Wall sich gegen das Heranfliegen der parthischen und arabischen Geschwader zu sichern. Einmal aber fehlte nur recht wenig, daß ein solcher plötzlicher Überfall gelang. Nach Sonnenuntergang erreichte der todmüde Zug ein Dorf, Maronga. Es war verlassen, zum Teil verbrannt, kein Körnlein Brot in den Häusern zu finden, die Zisterne verschüttet, all das wie gewöhnlich. Aber die noch stehenden Häuser schienen immerhin Deckung genug zu gewähren, die mühevolle Schaufelarbeit in dem lockeren Sand überflüssig zu machen. Jedoch in der Nacht erfolgte ein Oberfall, den Merenas selbst leitete. Schon waren nicht nur arabische Wüstenreiter, auch Fußvolk und sogar Elefanten in die Straßen der Ortschaft eingedrungen. Nur mit äußerster Anstrengung gelang es Julian, die Feinde aus den brennenden Häusern wieder zu vertreiben. Seine gewaltigen Verluste zeigten ihm, daß mit dem neuen Surenas eine viel schärfere Kriegführung über die Feinde gekommen war; auch wurden die weichenden Römer offenbar nicht mehr so gefürchtet wie weiland die vorwärtsdringenden. Und bei diesen selbst machten sich die schädlichen Einwirkungen eines Rückzuges spürbar, so begeistert das Heer an dem geliebten Führer hing. Bei dem Aufbruch aus dem leichtbedeckten Maronga fiel es einer Abteilung der keltischen Petulantes plötzlich ein, von dem Imperator ein Geldgeschenk für ihre Leistung zu verlangen. Lärmend umringten sie ihn, wie er zu Pferde steigen wollte, und hielten ihm scheltend vor, daß sie seit den lumpigen hundert Silberlingen, die er aus der Beute von Mazamalcha jedem Krieger gespendet, kein Geschenk mehr erhalten hätten. Das verdroß schwer das römische Gefühl in Julian. Traurig erwiderte er ihnen: »Reichtümer verlangt ihr? Nehmt sie nächstes Jahr dem Großkönig ab, der hat sie, nicht ich, der ich nichts besitze, was ich nicht mit euch teile. Ich bin so arm, wie weiland Fabricius. Ich glaubte, euch zu ehren, indem ich ganz wie einer von euch lebte. Wollt ihr aber andere Führung, ihr braucht euch nicht mit Aufruhr zu beflecken! Ihr habt der tüchtigen Feldherrn außer mir genug; ich sag es mit Stolz und mit Freude! So wählt euch einen von diesen. Wählt Jovianus zum Imperator. Gern trete ich als Centurio in die Reihen der Schildener ein und lebe und sterbe als einfacher Kriegsmann.« Da schämten sie sich stark und baten ihn um Vergebung. Aber die unsäglichen Leiden dieses Rückzugs kehrten Tag für Tag wieder. Es ging gegen Ende Juni. Die ungewohnte Hitze in den baumlosen, schattenlosen Steppen ward für die unter ihren schweren Rüstungen keuchenden Söhne Germaniens, Galliens, Illyricums, ja, auch für die Italiker unerträglich. Mancher tapfere Franke und Alemanne, der allen Pfeilen der Perser getrotzt, brach jetzt, von den Pfeilen der Mittagssonne getroffen, am Wege tot zusammen. Die Luft war von Wolken lästiger Mücken erfüllt, deren Stichwunden sich in Hitze und Staub meist entzündeten; auch giftige Insekten fehlten nicht. Die Leichen zu bestatten nahm man sich nicht mehr Zeit. Und so kennzeichneten den Zug des weichenden Heeres links und rechts vom Wege tote Menschen und Pferde, in tiefem Sande steckengebliebene Karren, bis allmählich der Wind alles mit dem gelben Staubsand der Steppe fußhoch zudeckte. Oben aber, in den Lüften, aus der nahen Wüste durch den Leichengeruch angezogen, folgten ungezählte Aasgeier, kreischend nach Fraß. Wie eine Wolke des Unheils verfinsterten sie zuweilen über dem traurigen Zuge die Sonne; mit Grauen sahen dann die hastig, hastig Weitereilenden empor. Sie wußten, welche Art von Bestattung ihrer wartete, ihnen drohte, sanken sie hier in die stacheligen niedrigen Kräuter am Weg, um nie mehr aufzustehen. Auch auf diesem beschwerlichen Zug aber ließ Julian nicht ab, unter den Lasten und schweren Sorgen der Feldherrnschaft, sich mit seinen philosophischen, religiösen, mystischen Forschungen zu beschäftigen. Priscus, sein »Lagerphilosoph«, wie er ihn scherzend genannt hatte, der Lieblingsschüler des Adesius und Mitarbeiter des schmerzlich beklagten Maximus, mußte auf seinem Maultier stets neben Argos, dem weißen Kriegshengst des Imperators, einherreiten; und unter der glühenden Mittagshitze, die auf der öden Steppe brütete, mit lechzender Zunge, stellte dieser an den schweißtriefenden Weisen unablässig Fragen, zumal aus der vielbestrittenen vieldeutigen Lehre des gemeinschaftlichen Meisters über die Unsterblichkeit der Seele. Allein, schrecklicher noch als die Partherpfeile, schwerer als die Mittagshitze bedrohte das schwer leidende Heer der Hunger. Die für zwanzig Tage berechneten Vorräte gingen rasch zu Ende, und noch immer war die ersehnte Grenze von Corduene nicht erreicht! Längst hatte Julian die Wagen mit Brot und getrocknetem Fleisch bei Tag und besonders bei Nacht durch verläßliche Krieger bewachen lassen müssen. Nicht gegen die Perser, gegen Diebstahl und Raub der eigenen hungernden Scharen, denen schon nach den verlorenen ersten zehn Tagen der Tagesteil auf die Hälfte herabgemindert war. Nur das täglich sich steigernde Zusammenschmelzen der Kopfzahl ermöglichte die karge Ernährung der noch Weiterstapfenden. Der Imperator begnügte sich mit einem Viertelteil. Und dieses teilte er redlich mit seinem kleinen Schützling, dem Knaben Infortunatus, für den er außerdem den achten Teil einer Tagesnahrung in Anspruch nahm. Der Knabe hing an ihm mit der Dankbarkeit eines geretteten und liebevoll gepflegten jungen Tierleins. Alle entbehrlichen Pferde waren längst geschlachtet. Das Fleisch wurde nicht frisch verzehrt, sondern an den Lagerfeuern gedörrt und dann in kleinste Stücke zerschnitten, sorgfältig verwahrt, mitgeführt. Eine ähnliche, nur noch viel todesgefährlichere Plage als die Mücken bereitete in diesen Gegenden die unerhörte Zahl giftiger Schlangen, von der Art der Sandviper, die in dem heißen Boden ganz besonders zu gedeihen schienen und deren Biß bei der großen Hitze gar vielen der Unvorsichtigen, wenn sie, ermüdet, sich in dem Nachtlager der Sandalen entledigt hatten, raschen, qualvollen Tod brachte. Eines Abends betrat der Feldherr mit dem Perserknaben das eben für ihn auf freiem Feld errichtete Zelt; ein Teppich bedeckte den glutheißen Boden. Er legte die Beinschienen ab und warf sie neben sich. Da raschelte etwas zischend unter dem Teppich hervor. Eine Viper schoß, sich halb aufrichtend, gegen seine Wade; schnell fuhr der Knabe mit dem nackten Arm dazwischen und ergriff die Schlange. Augenblicklich war sein Arm umringelt und gebissen. Er streifte sie ab und zertrat ihren Kopf, und er nickte lächelnd dem erschrockenen Freunde zu, der jetzt erst die Gefahr erkannte und eilig die Wunde aussog. Aber alsbald begannen, trotz des Oribasius Heilversuchen, die tödlichen Zuckungen. Bevor der Knabe die dankenden Augen schloß – unverwandt hielt er sie auf seinen Herrn gerichtet –, malte er mit zitternden Fingern in den Sand der Steppe die Worte: »Für dich!« Nun nicht mehr Infortunatus ... Fortunatus! Unter Tränen setzte der Imperator selbst den Scheiterhaufen, aus Zeltstangen und Steppengestrüpp geschichtet, in Brand, der den kleinen Leib verzehrte. »Maximus ... Artemidor ... Infortunatus! Ich habe kein Glück mit meinen Schützlingen«, sprach er traurig im Hinwegschreiten. »Oder vielmehr: Mein Schutz bringt ihnen Unglück.« Dazu kam bei dem Feldherrn noch die furchtbar quälende Sorge, ob er denn jetzt wenigstens den richtigen, den nächsten Weg eingeschlagen habe, da man auch nicht eines einzigen Einwohners mehr habhaft geworden war, fehlte es durchaus an Wegweisern, und Straßenkarten versagten in dieser Wüstenei. Einundvierzigstes Kapitel Endlich erblickte die Vorhut des verzweifelten Heeres im fernen Nordwesten – denn nun bog die Straße aus der Steppe nach links ab –, die hohen Türme einer größeren Stadt, und Sigiboto brachte die heißersehnte Kunde zurück, man stehe vor Sambara, der äußersten Grenzstadt von Corduene. Die meist »hellenistischen«, nur zum Teil christlichen Bewohner hatten die halbverschmachteten Reiter der Vorhut freundlich aufgenommen und bewirtet. Wie ein vom Alpdruck Erlöster atmete Julian hoch auf! So hatten ihm die Götter doch den richtigen Weg gewiesen! Es war die Stadt, in welche er schon vor Ktesiphon, durch Eilboten, die er zurück nach Circesium entsandt hatte, auf den Rat des Lysias, der früher lange Zeit hier in dem Tempel des Apollo-Mithras die Mysterien dieses Gottes erforscht hatte, alle Nachrichten aus seinem Reiche zu schicken befohlen hatte. Hier hoffte er, danach weitere Beschlüsse fassen zu können. Auch Lysias zeigte sich hocherfreut: »Ich muß dir den Mithrasdienst in des Gottes Tempel selbst erklären. Dazu brauch ich einige Zeit, alles vorzubereiten. Du wirst hier wohl dem Heer ein paar Rasttage gönnen?« Julian nickte, er erkannte die Notwendigkeit einer Erholung seiner völlig erschöpften Scharen. »Lang aber«, schloß er, »darf die Rast nicht währen. Die Perserheere haben geschwenkt wie wir. Das, welches bisher vor uns zog, das des Merenas, ist wie von der Erde verschwunden. Ich bin gewiß, den Surenas bald wieder, gerade vor mir, zu finden, jetzt auf dem Wege nach Westen.« Der Imperator war schmerzlich enttäuscht, die hier erwarteten Nachrichten nicht vorzufinden. Wohl aber waren für Lysias aus Circesium, wie er voll Freude meldete, in dem Mithrastempel, in dem Hain einer abgelegenen Vorstadt, wohin er sie bestellt hatte, Boten mit Briefen und allerlei Sendungen eingetroffen. Er selbst hatte als apollinischer Oberpriester bei den Priestern dort, seinen alten Freunden, gute Aufnahme gefunden. Er lud den Augustus in ihrem Namen ein, ebendort zu wohnen, aber dieser zog es vor, in der Mitte der Stadt bei seinen Truppen zu bleiben.   Früh am andern Morgen trafen die erwarteten Nachrichten von Sebastianus ein. Aber, ach, die bestürzende Meldung, daß er den auf Befehl des Imperators begonnenen Marsch von Nisibis Julian entgegen nach Süden nicht weiter fortsetzen könne, sondern nach Westen in die Heimat zurückziehen müsse, da die Armenier, verstärkt durch persische Satrapen, mit großer Übermacht nun gegen ihn selbst zum Angriff vorgingen. So war auch diese Hoffnung Julians gescheitert! Er hatte jene dreißigtausend Mann heranziehen und, so verstärkt, die treulosen Galiläer in Armenien sofort züchtigen wollen. Nun mußte der schleunige Rückzug in die Heimat fortgesetzt werden! Kaum war diese Kunde den herbeigerufenen Freunden Jovian und Serapio mitgeteilt, als ein neuer Bote gemeldet wurde. Schon eilte er in das Gemach – er trug Trauergewand – und warf sich, laut klagend, dem Imperator zu Füßen. »Steh auf! Wer bist du?« – »O Herr«, sprach der, »ich bin ein Tempelsklave von Circesium. Zürne nicht dem Bringer trauervoller Botschaft. Ich komme aus Kale.« – »Nun, so sprich! Was ist mit Kale?« – »Es ist nicht mehr! Der Blitz schlug ein. Es liegt in Asche.« – »Oh, das wird die Schwester erschreckt haben. Man baut es nächstes Jahr schöner wieder auf – aus Perserbeute. Wohin hat die Priesterin, wohin meine Schwester sich einstweilen begeben? Doch wohl nach Circesium? Nun, du blickst so unheilkündend. Gab es Tote?« – »Nur eine.« – »Wer ... wer ist es?« – »O Herr, deine Schwester. Es war zur Nacht. Der Blitz schlug in ihr Schlafgemach. Von dort brach der Brand aus.« Da taumelte Julian mit schrillem Aufschrei in Serapios Arme. Jovianus sank wortlos, totenbleich auf das Ruhebett. Eine furchtbare Stille entstand. Endlich raffte sich Julianus auf, er wollte sich an Jovians Brust werfen. Mit strenger Armbewegung wies der ihn zurück. »Wie ...? wie starb sie?« forschte Oribasius, der Arzt. »Sofort. Der Blitz traf sie, als sie ihr Nachtgebet sprach.« – »Woher weiß man das?« fragte Serapio. »Herr, man fand die schöne Leiche – nur die Stirne war vom Strahl durchbohrt –, ein Kruzifix in der Hand.« – »O Juliana! Sie starb im Gebet zu dem Galiläer!« – »Ja«, sprach Jovian, in bitterstem Weh erzitterte seine Stimme. »Und gewiß im Gebet für dich – für ihren Mörder!« – »Jovian!« schrie der Gequälte. »Du ... du hast sie dorthin verbannt, dort gefangengehalten. Du allein trägst die Schuld an ihrem Tod.« Und er stürmte hinweg aus dem Gemach. »Wen nun zuerst trösten?« sprach Serapion ernst. »Und welchen Gott darum verklagen? Zeus, der mit seinem Blitz die Christin erschlagen, oder Christus, der sie nicht gerettet hat? Und welchen unter den Menschen? Athanasius, der sie bekehrt hat? Julian, der sie dorthin geschickt hat? Oder wohl richtiger keinen Gott und keinen Menschen, sondern nur den Blitz, der aus der Wolke fuhr, nicht, wie er wollte, wie er mußte. Arme Freunde, alle beide, mit euren Göttern!«   Nach einigen Stunden suchte Jovianus, von dem Germanen geführt, den Imperator auf. »Vergib«, sagte er ruhig, mit rotgeweinten Augen. »Ich war ein schlechter Freund, Serapio hat recht, und ein schlechter Christ. Aber sieh, Julian, ich habe sie sehr geliebt. So sehr! Der Schmerz macht ungerecht. Du trägst nicht schuld, daß es dort geblitzt hat.« »Aber daß sie dort war!« sprach Julian in Tränen. »Vergib, mein Bruder! Ich bin schwer gestraft für schuldige und unschuldige Schuld. Ach, ich wollte euch ja vermählen nach einem kurzen Jahr. Jovian, vergib mir! Vergib mir um des Reiches willen: Wir wollen, Hellenist und Galiläer, zusammenstehen als Römer. Hilf mir! Verlaß mich nicht!« – »Gewiß nicht«, sprach Jovian, ihn umarmend. »Ich habe ihr beim Abschied versprochen, nie, niemals von dir zu lassen.« Bald nachdem die Freunde ihn verlassen, erschien bei dem Trauernden Lysias. Er hatte ihre Entfernung abgewartet. Er küßte den Weinenden voll Teilnahme. »Ach«, sprach der, mit einer Hand langsam über die Stirne streichend, »es wird allmählich zuviel: Eusebia, Helena, Maximus, Artemidor, Daphne, Mutter, Schwester, Freund! – Ich habe«, lächelte er traurig, »bald nichts mehr zu verlieren als den Glauben an die Götter und an dich. Und dann noch – das Leben. Jenes wäre unertragbar. Dies, ach, wie erwünscht. Denn ich bin einsam! O Helena! Wann, wann endlich?« – »Mein geliebter Sohn«, sprach Lysias feierlich, »sieh, in deinem tiefsten Schmerze senden dir die Götter mich – und Trost!« – »Trost!« seufzte der Traurige. »Den gibt es nicht!« – »Doch! Heute – gerade heute – Julian, erfüll ich mein Versprechen. Noch heute sollst du Helena sehen.« Julian fuhr auf, er erbleichte: »O Lysias, Lysias! Was sagst du da? O bei allen Göttern, wecke mir nicht eitle Hoffnung. Es wäre zu grausam. Ich könnt es nicht ertragen. Heute noch?« – »Heute erreichen Jupiter und Venus den Stand, auf den ich wartete all diese Zeit. Diese Nacht, sobald die Sterne am Himmel stehn!« – »O Lysias! Ich faß es kaum. Ich soll sie sehen? Sprechen? Hören?« – »Du sollst sie sehen, sprechen, hören.« – »Und wo?« – »Im Mithrastempel. Drei Stunden vor Mitternacht. Du ... aber ganz allein!« – »Freilich! Freilich! – Oh, wie soll ich's erwarten.«   Nach einem Rundgang durch das Lager in der Dämmerstunde des langen Junitages sprach Julian, die beiden Freunde verabschiedend: »Das Nachtmahl müßt ihr heute ohne mich teilen. Lysias ... er hat mich für den Abend eingeladen.« – »Lysias?« fragte Serapio. »Wohin?« – »In sein eigenstes Heim, in den alten Tempel des Mithras, dessen Oberpriester er ja ist. Ein wundersam geheimnisvolles Gebäude! Er will mir dort – allein – einige Dinge zeigen, die nur er zu zeigen vermag.« – »Der Tempel liegt aber vor der Stadt. In dichtem Hain. Die parthischen Reiter haben sich schon wieder gezeigt. Sie streifen keck bis an die Wälle!« warnte Jovian. »Willst du wirklich allein ...?« forschte der Franke. »Es war des Priesters Bedingung. Soll ich mein Wort brechen aus Furcht vor den Parthern?« – »Nein«, sprach Serapio, sich verabschiedend, »das sollst du nicht.« – »Nein«, wiederholte Jovianus ernst, »geh nur! Leb wohl!« Vor Julians Haustüre blieben beide – wie auf Verabredung – stehen. »Er darf nicht allein da hinaus in der Nacht«, sprach Serapio. »Um so weniger, als ich heute im Morgendämmer, an dem unheimlichen Gemäuer vorbeireitend, innerhalb der Mauern – oder vielmehr unterirdisch – ein seltsames Pochen und leise verhaltenes Hämmern hörte. Ich glaube zwar nicht, daß die Parther ...« – »Nein, aber ich traue diesem Priester nicht.« – »Er will ihn nicht morden. Aber er braut etwas ...« – »Er zeigt, seit wir hier sind, ein so seltsames Gebahren ...« – »Bald triumphierend ...« – »Bald hastig erregt ...« – »Und immer wieder verschwindet er in jenem Tempel.« – »Wir müssen wachen über den Vielgequälten.« – »Den arglos Vertrauenden!« – »Ich hole dich ab, sobald es dunkel geworden ist.« Zweiundvierzigstes Kapitel Die ersten Sterne gingen strahlend auf. Da saß auf einer Marmorbank in dem dichtverwachsenen Garten des alten Mithrastempels eine weiße Mädchengestalt, die Lyra im Arm. Träumerisch, schwärmerisch sah sie gegen den Himmel, und leise sang sie mit lieblicher Stimme: »Oben hoch durch die Himmel hin Zieht melodisch der Rhythmengang Unerforschlicher Sterne, die Unsre Schickungen lenken. Sagt, ihr Schweigenden, hat der Gott Außer leuchtendem Strahlenglanz Euch ein sanftes Gefühl verliehn, Ähnlich suchenden Herzen? Hört ihr unserer Wünsche Drang, Unsrer scheuen Gebete Hauch? Ahnt ihr wohl, was die Sehnsucht ist Seufzend suchender Seelen? Oder waltet ihr mitleidlos. Selbst notwendig, ihr folgend blind, Eurer Meistrin Notwendigkeit, Zwingend, selber gezwungen? Ach, mein Leben, ihr führt es nicht In harmonischem Rhythmengang Eurem ähnlich, zum Goldakkord Sel'gen Friedens – ihr ...« »Brich ab! Schweig!« sprach leise, aber barsch eine gebietende Stimme. »Ich befahl dir, jedes Aufsehen, jedes Geräusch zu vermeiden. Wenn du so schön singst und Lyra spielst wie kein Geschöpf auf Erden«, sprach Lysias, nun mit sanfter Hand ihren dunkelbraunen Scheitel streichelnd, »lockst du unberufene Lauscher an. Komm, geliebtes Kind, Stern meiner Augen! Heute kam der Tag. Es ist die Verbindung der Gestirne, die ich so lang ersehnt. Venus und Jupiter und der Stern, den Philippus schon bei Julians Geburt »Julianicus« genannt hat. Heute nacht oder nie! Wie viele Mühe machte es, dich sicher hierher zu schaffen und unbemerkt zu verbergen! Ein Glück, daß du doch nur von dem nahen Kappadokien, wo ich dich verlassen, aufzubrechen hattest. Es gelang so wunderbar nur durch der Götter Gunst. Heute nacht wirst du ihn wiedersehen, deinen sternenbestimmten Bräutigam.« »Vater, Vater«, rief das Mädchen entzückt und erschrocken zugleich. »O Wonne und o Weh! Mir sagte jüngst ein Traum: ›Wenn du ihn wiedersiehst, dann wirst du sterben‹, ... ach vielleicht vor Freude!« »Still, gehorche mir, heute wie immer. Halte dich ganz ruhig. Sprich nicht! Ich spreche für dich! Was du auch hören und sehen wirst, bleib unbeweglich stehen in dem Gewand und in dem Schmuck, den ich dir anlegen werde.« – »Aber Vater, ich begreife nicht ...!« – »Das sollst du noch nicht, kannst du noch nicht. Aber danken wirst du dem Vater, ist alles vorüber und der Sterne Weissagung in einigen Tagen voll erfüllt.«   Zur bestimmten Stunde stand Julian, in seinen braunen Kriegsmantel gehüllt, vor dem Gitter, das den Tempelhain umhegte. Wie er den Blick auf das über das Buschwerk ragende Gebäude richtete, flog ihm gerade entgegen und hoch über sein Haupt hin ein leuchtender Meteor, einer roten Kugel vergleichbar, und erlosch hinter ihm im Dunkel. Sinnend blickte er zurück. »Was bedeutet das Zeichen?« fragte er sich selbst. »Einen Glückstrupp? Oder eine Warnung, nicht einzutreten? Oder ein Bild meines eigenen Geschickes? Mein feuriger Flug – glänzend hoch ... aber kurz von Dauer? Gleichviel. Dem Schicksal entgegen und – Helena!« Mit diesen Gedanken schritt er rasch den schmalen Weg durch die dunklen Gebüsche dahin. Schon hatte er die Pforte des Tempels erreicht. Sie war geöffnet und blieb offen, denn Julian wollte in den ganz finsteren Raum wenigstens das Licht der Sterne dringen lassen, wie er sich nach vorne tastete. Da sprach, ihm gegenüber aus dem Dunkel, des Lysias Stimme: »Willkommen bei den Göttern, Pontifex Maximus. Hier, fasse meine Hand. Noch drei Schritte. Halt! Hier laß dich nieder, auf diesen Steinsitz. Und nun gedulde dich kurze Zeit. Nimm den Helm ab. Hier, diesen Kranz setze auf das Haupt; aus neun heiligen Kräutern ist er gewunden. Er schützt vor den Dämonen, die zuweilen mit aufsteigen aus der Tiefe des Orkus. Und nun, rühre dich um keinen Preis von dieser Stelle, ist dir dein Leben lieb und des teuren Schattens Friede im Hades!« Erschaudernd ließ sich Julianus nieder; er fühlte, wie nun Lysias seine Hand losließ; gegen das Innere des Tempelhalbrunds hin verhallten des Priesters Schritte. Da war es dem einsam Harrenden, als ob hinter ihm – von der Türe her – ein leises Geflüster hörbar werde. Er wandte sich, alles still, es war nichts wahrzunehmen als die breiten dunklen Massen der altassyrischen Säulen, die das niedere Dach trugen. Plötzlich schloß Julian die angestrengten Augen; blendendes Licht traf sie von vorn. Dies grelle Licht erhellte in weißbläulichem Glänze nur eine schmale, kaum mannsbreite Nische, die in die gegenüberliegende Wand eingefügt war, rechts von dem nun ebenfalls sichtbar werdenden Altar. Neben der Nische wallte, von dem Lichtstrahl, der wie aus einer engen Röhre strömend, nur geradeaus blitzte, kaum beleuchtet, ein schwerer dunkelroter Vorhang bis zur Erde, mit seinen Randfalten noch den Mosaikboden breit verhüllend. Nur mit Mühe konnte Julian in das scharf blendende Licht blicken. Nun füllte sich allmählich die ganze Nische mit einem sehr stark duftenden weißlichen Nebelrauch, und jetzt – mächtig pochte dem Lauscher das Herz vor Grauen und vor heißem Erwarten! –, jetzt ward in dem Gewölk, zuerst nur schwach erkennbar, aber rasch immer bestimmter in ihren Umrissen hervortretend, eine Frauengestalt sichtbar. Das dunkelbraune Haar bekrönte wie ein Diadem eine Binde von feinster weißer Seide, mit Perlen bestickt. Nun verzogen sich auch vor dem Antlitz der Erscheinung die dichtesten Rauchwolken und – o Wonne und Grauen! – ja, ohne Zweifel, das waren Helenas holde Züge! Das waren die seelenvollen braunen Augen; nur noch viel bleicher als im Leben erschienen diese zarten, schmalen Wangen. Und hätte der Verzückte noch zweifeln können, da schimmerte ja vor seinen Augen auf ihrem Haupte die fünfreihige, an ihrem Halse die siebenfache Bernsteinkette, der wohlbekannte Schmuck, den er selbst der Leiche angelegt in dem fernen Grab dort an der Seine. Julian fand kein Wort. Die Stimme versagte ihm, seine Lippen zuckten, unbeweglich wie ein Marmorbild stand der schöne Schatten. Unter dem über die Schultern flutenden, vorn halboffenen Purpurmantel ward das prachtvolle, bis auf die Schuhe herab mit Edelsteinen und Perlen bestickte Gewand von Goldstoff und weißer Seide sichtbar. Endlich flüsterte Julian: »O Helena, geliebter Schatten! Seh' ich dich wieder? O sprich – ich darf dich ja nicht in die Arme schließen – aber sprich! Laß mich nur einmal noch die süße Stimme hören. Oh, ich bin so einsam! So qualvoll sind meine Nächte! Das Glück ist von mir gewichen! O sprich! – Hast du kein Wort für mich? Was kann, was soll ich tun, mein trauriges einsames Leben erträglich zu machen? Was soll mich trösten?« Da ertönte eine Antwort, und der Schatten öffnete doch nicht den Mund! Eine unnatürliche, nicht eine Menschenstimme sprach, langsam, in Grabeston; so hatte der Geliebten Stimme im Leben nie geklungen: »Dich soll trösten, mein Julian, eine zweite Ehegemahlin, eine andere Helena.« »Betrug!« schrie Julian außer sich, auffahrend von dem Sitz. »Das Gegenteil ließ sie mich beschwören.« Er wollte auf die Erscheinung losstürzen; aber er wankte, wie eine Ohnmacht wandelte es ihn an. Da sah er hinter den breiten Säulen in seinem Rücken zwei Männer hervorspringen, der eine faßte die Erscheinung an dem Mantel und riß sie aus der Nische, der andere drang durch den Vorhang und zerrte einen Mann heraus, der sich, einen Dolch in der Faust, wütend wehrte und seinem Angreifer die Klinge in den linken Arm stieß. Der ließ ihn los, zog das Schwert und stieß ihn nieder. »Da«, rief Serapio, das Schwert einsteckend, »da liegt der Lügenpriester.« – »Fluch!« schrie der, den Dolch fallen lassend. »Fluch allen Sternen und allen Göttern! Sie halten nicht Wort!« Einstweilen hatte Jovian die zitternde Tochter losgelassen, sich zu Julian wendend, der hilflos an einer Säule lehnte. Sobald Helena frei war, raffte sie blitzschnell den Dolch ihres Vaters auf: »Betrug? – Und ich! Ich! – Ich sollte ihn betrügen? Ach, ich hab's schon getan. Das ist der Tod.« Und sie stieß sich den Dolch bis an das Heft in die Brust und brach zusammen. Jovian führte den wankenden Freund an die beiden Leichen. Der bückte sich, griff nach der Bernsteinkette und stöhnte: »Lysias, der Priester der Götter...! Mein Lehrer ... ein Betrüger! Er hat das Grab der Geliebten erbrochen und geschändet! Und die Götter haben es geduldet? Ah! Zuviel!« Und bewußtlos sank er in die Arme der Freunde. Dreiundvierzigstes Kapitel Als sich nach zwei Tagen Julian von dem Lager erhob, auf das jene Erschütterung ihn geworfen hatte, war er ein verwandelter Mann. Die Hoffnung seines Lebens war geknickt, er hatte verzichtet auf alle irdischen Wünsche, nur die Verklärung seiner unsterblichen Seele schwebte ihm noch vor als Ziel. Nicht an seinen Göttern war er irre geworden, aber die Götter hatten ihn verlassen, es war sein Irrtum gewesen, sich für den auserkorenen Liebling Apolls zu halten. Die Götter hatten sich erzürnt für immerdar abgewandt von diesem Reich der entarteten Römer. Die Olympier überließen sie dem Galiläer, zu dem sie abgefallen waren. »So wird er denn auch mich besiegen, dieser Zauberer aus Nazareth. Wohlan, ich will es ihm leicht machen. Die nächste Schlacht soll es entscheiden.« Mit solchen Gedanken, mit diesem Entschluß erhob sich der Schwergetroffene am Abend des zweiten Tages. Die Freunde bemerkten die Mattigkeit im Ausdruck seines sonst so lebhaft bewegten Gesichts. Er vernahm es fast mit Gleichgültigkeit, was sie über ihre weiteren Wahrnehmungen in jenem Tempel berichteten. Lysias hatte keine Mitschuldigen gehabt. Das ganze Gebäude, das sie sofort durchforschten, war leer. Als Oberpriester hatte er die Priester und Tempelsklaven für diese Nacht aus dem Heiligtum in die Nebengebäude verwiesen und alle Veranstaltungen in dem ihm altvertrauten Raum allein getroffen. Serapio hatte den ihm wohlbekannten Bernsteinschmuck von der Leiche des armen Opfers der Sterne gelöst. Julian aber befahl, ihn samt dem Purpurmantel und Seidengewand mit den beiden Toten zu verbrennen. Der Schmuck war durch Grabraub entweiht in seinen Augen.   Für den folgenden Tag war die Fortsetzung des gefahrvollen Rückzugs – aber nun nach Westen – beschlossen. Der müde gewordene Mann erstaunte kaum noch, als er bei seinem Erwachen an diesem Morgen vor seinem Lager einen alten Mönch in braunem Gewande sitzen sah. »Johannes«, sprach er matt. »Du hier? Gegen mein Gebot? Ich hatte dich ja eingebannt in jenem Kloster.« – »Vergib, o Herr! Es litt mich nicht mehr dort, als ich erfuhr...« – »So weißt du schon? Sag es nur, daß ich Julianas Tod verschuldet habe.« – »Nicht doch! Eine Fügung des Herrn, der diese Seele früh zu sich rief. Nein, eine andere Nachricht bring ich dir, traurig zwar, aber doch versöhnlich! Deshalb, weil sie versöhnlich ist, eilte ich, sie dir zu bringen.« – »Du weinst? Das gilt meiner Mutter! Sie ist ...« – »Heimgegangen! Der Tochter gefolgt. Der Kunst der Ärzte in Alexandria, aber gewiß mehr noch dem Gebet des frommen Athanasius ...« – »Natürlich!« sagte Julian, die Brauen furchend. »Ist es gelungen, sie vom Irrsinn zu heilen. Sie ist wieder völlig zu klarem Bewußtsein gekommen, und Athanasius ...« – »Genug von ihm!« – »Nein, das mußt du noch von ihm hören! Seinen gütevollen und mächtigen Worten ist es geglückt, sie dir zu versöhnen. Sie hat dir, sterbend, vergeben, und statt jenes Fluches, den sie ihm Wahnsinn sprach, schickt dir die Mutter, die Christin, ihren Segen.« »O Mutter, Mutter, habe Dank! Und Dank auch du, Vielgetreuer! Und deshalb hast du, allein, unbeschützt, die vielen hundert Meilen durchwandert, barfuß, nur den Stab in der Hand?« »Ja, der Herr war mein Geleit. Ich hoffte, diese Stunde noch zu erleben, dir dieses Wort noch zu künden. Nun will ich gern sterben. Ich habe deine Mutter und dich, o Julianus, sehr geliebt, sehr! All mein Leben lang.« – »Und ich hatte dich zornig bestraft! Und du, du wagst dein Leben, mich mit einem Wort des Friedens zu erlaben! Was, was ist das?« – »Das ist Christentum, mein lieber Sohn. Ich sagte es dir schon vor vielen Jahren!«   Alsbald zog nun – es war am Morgen des sechsundzwanzigsten Juni – das zusammengeschmolzene, aber durch die Ruhe und Erholung von vier Tagen erkräftigte Heer aus Sambara weiter der Heimat zu. »Herr«, rief Oribasius, als er des Feldherrn ansichtig ward, der ohne Helm, Harnisch und Schild, in einem Gewand von weißer Seide, weithin leuchtend – denn auch den dunklen Kriegsmantel hatte er abgelegt –, auf seinem weißen Rosse saß. »Herr, wo sind Panzer, Helm und Schild?« – »Dort.« Er wies mit der Hand in die nächste Straße. »Wo?« – »Im Arestempel. Als Weihgeschenke am Altare aufgehängt. Ich werde sie nie mehr tragen.« – »Bei den Göttern!« – »Ja! Eben bei den Göttern liegt mein Schutz. Wenn sie mich schützen wollen. Das sollen sie nun zeigen.« – »Der Feind soll uns den Rückweg verlegt haben, ganz nahe vor der Stadt.« – »Er hat ihn verlegt.« – »Und du reitest in die Schlacht ohne Waffen?« – »Nicht doch! Hier, mein Schwert. Es ist noch das von Straßburg.« Und er ritt ab zu seinen Leibwächtern. »Sieh da, das Kleeblatt«, lächelte er trüb. »Seid ihr noch vollzählig?« »Ja«, erwiderte Sigiboto, »sogar vermehrt haben wir uns. Sigibrand ist uns zugewachsen. Aber doch nur mit Mühe sind wir noch da. Wir haben alle was davongetragen. Hippokrenikos hat einen giftigen Mückenstich am Hals, Ekkard einen Partherpfeil im Arm, ich einen Lanzenwurf im Schenkel, der arme Gorizo ist durch Hunger und Durst auf die Hälfte zusammengeschrumpft – schau nur hin, wie ihm der Panzer schlottert –, und Sigibrand behauptet, er sehe seit seinem Sonnenstich nichts mehr vor sich als gefüllte Weinkrüge, die nicht da sind. Aber dreinschlagen können wir noch alle fünf. Du sollst es sehen.« Julian grüßte freundlich und ritt weiter. »Wie glücklich, diese Menschen«, sagte er zu Priscus, der auf seinem Maultier langsam herantrabte. »Das sind die weisesten Lagerphilosophen! Ohne Zweifel, ohne Fragen an die Götter, ohne Pflicht, als dreinzuhauen – (ihre liebste Freude, diese Pflicht) – und – ohne Schuld ...!« Er kam nun an das schmale Westtor des Städtleins. Er zog den Zügel, sein Roß anhaltend, um seine Reitervorhut voransprengen zu lassen. Da bemerkte er neben einer christlichen Kapelle die Werkstatt eines Zimmermanns, der offenbar ein eifriger Christ war, denn er hatte nicht nur eine Menge von Holzkreuzen, an sein Häuslein gelehnt, zum Verkauf ausgestellt, er machte auch, sobald er des Imperators ansichtig ward, das Zeichen des Kreuzes auf Stirn und Brust und wandte sich hastig ab. »Du kennst mich also, Freund?« lächelte Julian. »Ich bin Christi Freund, nicht der deine.« – »Nun, du bist offen, das gefällt mir. – Dein Gott ist ja dein Zunftgenosse. Was mag er wohl in dieser Stunde zimmern, der Zimmermannssohn?« »Einen Sarg für dich, denn du wirst ihn bald brauchen.« Julian nickte dem Manne zu: »Du hast mehr recht als du ahnst.« Vierundvierzigstes Kapitel Wenige Stunden westlich von Sambara, nah einem dichten Wald mit starkem Unterholz, ward die Hauptstraße, die nach Westen führte, von einer andern von Süd nach Nord geschnitten. Diese Kreuzung hatten die vier Perserheere zum Ort ihrer Vereinigung ausersehen. Hier sollte der kleinen Römerschar der Rückzug abgeschnitten werden. Die weiten ebenen Flächen rings neben den Straßen und hinter dem Wäldchen luden die parthischen Geschwader verlockend zum Reiterkampf. Und auch für den Wald war kluge Verwertung ersonnen. Auf ihren prachtvollen Rossen, arabischen Rapphengsten, in Scharlach und Gold gesattelt und gezäumt, ritten Varanes und Varahanes, die beiden Königssöhne, an ihren Geschwadern auf und nieder, ordneten sie und sprengten dann an den goldhelmigen Surenas und dessen Bruder heran. »Das Verdienst dieses Tages und des Untergangs jenes feuerspeienden Löwen«, rief Varanes, der ältere der Brüder, »gebührt dir, Surenas! Meisterhaft hast du alles geplant.« – »Doch nicht!« erwiderte der Oberfeldherr. »Denn nicht ich konnte Chulchanosch abhalten, den Frieden anzunehmen, den dein hoher Vater – in einer schwachen Stunde – mit vollstem Ernst dem tatsächlich schon Besiegten angeboten hatte. Dann war er gerettet und sein Ruhm. Und nicht ich habe den Betörten zehn Tage lang in die Irre gegen Osten geführt. Diese zehn Tage haben ihn vollends entwaffnet. Heute gilt es nur, mühelos zu ernten, was mein Bruder, der Kluge, gesät.« – »Du hast recht«, sprach Varahanes. »Ich schenke dir, o Nohordates, die Jahresschatzung von Baktrien, meiner Satrapie.« »Und ich schenke ihm«, lachte Varanes, »was mehr gilt als ganz Baktrien: das schönste Weib meines Frauenhauses, Leila mit den Gazellenaugen.« – »Behaltet Baktrien und Leila, Fürsten«, schloß der Gerühmte. »Ich bitte mir ein andres aus.« – »Du sollst es haben«, riefen beide Prinzen. »Den Kopf des Apostaten! – Ich habe ihn, gefüllt mit geschmolzenem Gold, dem Schutzheiligen von Armenien gelobt. Mein Bruder, der Bischof von Kárana, hat mir auf dies Gelübde hin den sichern Tod des Abtrünnigen verheißen.« Varanes zuckte die Achseln: »Der Himmel und mein Vater haben mancherlei Kostgänger: Verehrer des einzig wahren Gottes Ormuzd, dann Juden, Christen, Hellenisten, sternanbetende Araber. Wir lassen jedem seine Freude. Mir ist nun zum Beispiel der süße Kopf Leilas lieber als der häßliche – sagt man – des feuerspeienden Löwen. Aber du sollst ihn haben. Nur gönne mir die Wollust, ihn mit dieser krummen Klinge abzuhauen.« – »Halt!« rief der Oberfeldherr. »Schaut hin! Nach Osten! Dort! Staub wirbelt auf. Da kommen sie, die Römer. Nun seid der Verabredung eingedenk!«   Und die Römer zogen alsbald heran. Vor dem Wald lagen ein paar elende Lehmhütten armenischer Ziegenhirten. Die Bewohner waren in die Stadt geflüchtet vor dem herandrohenden Zusammenstoß der beiden Heere; nur ein alter Mann mit einem Klumpfuß humpelte noch der Vorhut des Imperators entgegen. Wie er an Julian selbst vorbeikam, rief der ihn an – durch einen Dolmetsch aus Sambara – und meinte: »Die kleine Siedlung da hat wohl gar keinen Namen?« – »O doch«, gab der Alte zurück. »Sie hat einen schönen Namen.« – »Wie heißt sie?« forschte Julian. »Phrygia. – Und ich heiße Charon«, antwortete der Alte und hinkte weiter. Der Feldherr sah ihm nach. »Phrygia! – Das sollte ich ja meiden«, lächelte er wehmütig vor sich hin. »Und Charon? – Jetzt fehlt nur noch der Styx! Vorwärts! Dort stehen die Perser! Drauf!« Grimmig, doch kurz war der Zusammenstoß. Julian hatte den Angriff erwartet und gut vorgesorgt. Seine kleine, aber tapfere und nun ausgeruhte Schar ließ den Zorn über die letzten qualvollen Wochen die Feinde fürchterlich entgelten. »Bisher nur Sonnenglut, Schlangen, Mücken, Sand und Hunger, jetzt endlich wieder Helme, die man schroten kann. Welcher Fortschritt!« rief Sigiboto seelenvergnügt. Statt den Angriff abzuwarten, führte Julian sein Heer selbst zum Angriff vor. Wie erstaunte er aber, als dicht neben ihm die schmächtige Gestalt des greisen Mönches auf seinem Klepper auftauchte. »Wohin, wohin, Johannes?« fragte er. »Mit dir, überallhin mit dir.« Auf den ersten Anlauf der Römer warfen die parthischen Reiter die Gäule herum und flohen. Sie hielten gar nicht stand. Ihre beiden Flügel stoben rechts und links in alle Winde davon. Die Mitte, medisches Fußvolk, wich langsam in den dichten Wald. Jauchzend drangen die Verfolger nach, hier geführt von Julian, während Jovian und Serapio den beiden fliehenden Flanken nachjagten. Auch der Wald ward kaum verteidigt; alsbald hatte der Imperator, allen voran, das schmale Gehölz durchritten. Jetzt sprengte er aus dem Westrande desselben ins Freie – und erschrak! Es war ein böser Hinterhalt, in den er durch die »Partherflucht« gefallen war. Nur ein kleiner Teil der Feinde hatte sich vor dem Walde gezeigt und sofort – scheinbar – schlagen lassen. Aber hier, hinter dem dichten Buschwerk, standen vor ihm und auf beiden Seiten ungeheure Massen von Persern, die mit lautem Siegesgeschrei das schwache Häuflein anfielen. Der Kampf war zu ungleich; nur die berittenen Leibwächter hatten ihrem feurig voranjagenden Herrn folgen können. Sie fielen in furchtbarer Geschwindigkeit, Mann für Mann, unter einem Hagel von Pfeilen und Wurflanzen. Der greise Mönch Johannes, der sein Rößlein dicht neben Julianus hielt, stürzte zu Boden, sein Pferd lag tot, schon drangen die Perser zum Nahkampf heran. Weithin leuchtete in dem hellen Sonnenschein der weißgekleidete Reiter auf dem weißen Roß und – statt des Helmes – das goldfunkelnde Diadem auf dem dunklen Gelock. »Halt! Schießt nicht. Ich muß ihn haben«, rief Nohordates und sprengte gegen Julian heran, dessen Pferd an mehr als einer Stelle rotes Blut aus Pfeilwunden verlor. »Nein, ich!« rief, ihm dicht nachjagend, der Surenas und spornte den wuchtigen Hengst gegen Julian. Nun erkannte der den falschen Wegweiser: »Ah, du bist's, Verräter?« rief er, schlug des Feindes eingelegte lange Lanze zur Seite und stieß ihm das Schwert in die Gurgel. Der Surenas sah den Bruder fallen, er war nun dicht heran. »Das schickt dir Jesus Christus!« schrie er und schleuderte den Wurfspeer. Der traf. Die weiche Seide ohne Widerstand durchschneidend, drang er in Julians Brust. »Du hast gesiegt, Galiläer!« rief er und sank nach hinten vom Pferde, das im selben Augenblick unter ihm zusammenbrach. »Fangt ihn lebendig!« schrie der Surenas. »Tötet ihn nicht! Ich bring ihn unserem Herrn in einem goldenen Vogelkäfig.« Und nun entbrannte um den Imperator, der bewußtlos unter Argos, seinem toten Rosse, lag, der heiße Kampf. Er war lang und blutig. Die treuen Leibwächter, die von den Pferden gesprungen waren und mit ihren Schilden, mit ihren Leibern zuletzt den geliebten Herrn deckten, sie stürzten Helm für Helm unter den Streichen der hundertfachen Obermacht. Wohl schmetterten gar laut, angstvoll um Hilfe rufend, ihre Trompeten. Aber ach, weit und breit war nichts zu sehen von den beiden römischen Flanken, die unter Jovian und Serapio die verstellte Flucht der Feinde verfolgten. Voconius, schwer getroffen, hielt den Adler der Leibwächter mit letzter Kraft aufrecht empor. Als er, gespickt von Wurflanzen, zusammenbrach, nahm ihm Sigiboto die Fahne aus der Hand und schwang sie hoch empor. Das war das letzte, was Julianus sah, die Sinne vergingen ihm. So erfuhr er nicht mehr, daß die Gefahr nun rasch noch wuchs und wuchs. Der Surenas hatte sich, obwohl von Ekkards Speer verwundet, vorgedrängt durch das Kleeblatt, hatte Julian für einen Augenblick erreicht und hieb nach ihm mit dem haarscharfen krummen Persersäbel. Kein Krieger sah im Augenblick die Gefahr. Der tödliche Streich traf, aber nicht Julian, sondern eine braune Mönchskutte und ein kleines greisenhaftes Männlein darin, das sich im letzten Augenblick vor den Betäubten geworfen hatte. Nun bemerkte Sigibrand, der Sachse, den nahen Feind. Er stach das Streitroß des Surenas nieder. Aber, aber! Unzählig drängten neue Perser heran. »Ein frisches Pferd für den Feldherrn!« schrie Hippokrenikos, dessen eigener Gaul längst gefallen war. »Wir müssen ihn auf den Sattel binden und mit ihm zurückjagen«, mahnte Ekkard. »Hier ist mein Pferd!« rief Garizo abspringend. »Und nun, Kleeblatt, vor den Herrn, bis ihn die andern festgebunden und zurückgebracht haben!« schrie Sigiboto. »Haltet aus. Hierher zu mir, Sachse! Mein Schild ist hin!« Und wirklich gelang es, den Bewußtlosen auf dem Pferde festzuschnallen und, Schritt für Schritt, in den Wald zurückzuführen. Aber alle, fast alle Leibwächter, die diesen Rückzug deckten, fielen. Und auch die wenigen von ihnen, die noch in den Wald zurückgelangten, hätten den Verwundeten nicht retten können vor der Gefangennahme durch die wütend nachdrängenden Perser, hätten nicht endlich Jovian und Serapio die schreiend um Hilfe rufenden Trompeten der verzweifelt ringenden Leibwächter vernommen. Sie ließen sofort von den Flüchtlingen ab, sprengten von beiden Flanken gegen den Saum des Waldes zurück, und die Kunde, daß der Imperator gefallen sei, entflammte ihre Scharen zu solchem Zorn, daß sie wie ein rächendes Gewitter die Perser vor sich niederwarfen. Die früher verstellte Flucht ward nun zu blutiger Wahrheit. Serapio langte zuerst in dem Wald bei dem kleinen Geleit des Verwundeten an. Gerade zur rechten Zeit und nicht, ohne hart getroffen, sein eigenes Blut zu vergießen, hieb er den bereits Verlorenen heraus. Hier fiel, tapfer kämpfend, von des Franken Schwert der Surenas. Aber hier im Walde sanken auch vor Serapios Augen die allerletzten Leibwächter. Der Sieg der Römer war vollkommen. Mit eigener Hand verband den wankenden Freund Jovianus, dann übernahm er die Leitung der abermaligen Verfolgung. Grimmig rächte das Heer den Fall des geliebten Führers. Bis in die Nacht hinein währte die hitzige Jagd.   In sein mitgeführtes Zelt zurückgebracht, fand der Verwundete das Bewußtsein wieder. Bei dem ersten Ton der Tuba der Verfolger, der an sein Ohr drang, wollte er aufspringen, laut rief er nach seinen Waffen, seinem Roß. Aber bei dem Versuch, sich aufzurichten, sank er in die Arme des Oribasius zurück. Da erkannte er, daß er sterben müsse. Er sagte es dem Arzt lächelnden Mundes. »Weine nicht! Mißgönne mir doch nicht, in höherem Lichte zu wandeln, mit Helena, mit Maximus, mit Eusebia, mit den versöhnten Meinen, denn auf jenem Sterne kennt man nicht Groll noch Vorwurf. Nun aber, da es gewiß ist, daß ich scheide – vor allem: die Sorge für das verwaiste Reich! In mir erlischt der Constantier waffengewaltiges und einst so männerreiches Geschlecht. Das Reich – das Heer auf seinem gefahrenumdräuten Rückzug –, bedarf eines tapferen Kriegers, eines Feldherrn, und – ich seh' es ein –: eines Galiläers!« – »Du siehst es ein?« fragte Oribasius erstaunt, ja bestürzt. Denn er, der Schüler des Philippus, war kein Freund der Kirche. »Ja, mein Treuer. Nicht sehe ich ein – (wahrhaftig nicht!) –, daß der Galiläer recht hat. Seine Lehre hat dem Reiche der Römer schwer geschadet und muß der Menschheit schaden, wohin sie gelangt, denn sie ist widermenschlich und krank. Also, er hat nicht die Wahrheit für sich: aber den Sieg. Das hab ich schon lang erkannt oder doch gefühlt, bevor ich es, vom Pferde stürzend, ausrief. Mutter, Schwester, Freund, Volk, alles hat mir der Galiläer genommen. Mein Lehrer, der Verkünder der alten Götter, erwies sich als ein gaukelnder Betrüger. Meine Lehre, meine Götter – nicht eine einzige Menschenseele hat sie wirklich angenommen. Denn die Elenden, die mir zuliebe heuchelten – (wie andere dem Constantius zuliebe!) –, die zählen nicht.« »Doch: eine Seele.« »Helena! – Serapio hat recht, von Philosophie kann kein Volk leben, auch von der meinen nicht und von meinen gedankenhaften Göttern. Es verlangt das Brot und den Wein des Glaubens. Nun spendet ihnen die Kirche ja Brot und Wein und – Glauben! So stand ich ganz allein. Gegen mich zwei Welten, die alten Götter und der neue Gott. Erobern kann man die Welt, nicht überzeugen. Ich hab's erkannt... seit... seit Circesium ... seit Ktesiphon. Und darum wollt ich weichen von dem Kampfplatz, auf dem der Galiläer so zweifellos und unbedingt gesiegt hat, gesiegt hatte, ach lange bevor dieser Wurfspieß flog.« »O Herr! Du hast den Tod gesucht. Das ist unrecht. ›Man soll Gott nicht versuchen‹, sprach der Mönch Johannes, als er dich ohne Schutzwaffen in den Kampf reiten sah. Ich mußte ihm ein Pferd verschaffen. Er – das Männlein – wollte dich beschützen! Und er hat's getan, berichten sie. Er starb, um dich zu retten!« – »O Johannes! Soll mich auch dieser Galiläer überwinden!« – »Du hast den Tod gesucht«, wiederholte der Arzt vorwurfsvoll. »Doch nicht! Nur die Entscheidung der Götter, ob sie mich schützen wollten. Nun, sie haben's recht deutlich gezeigt«, er griff zuckend vor Schmerz nach der Wunde, »daß sie das nicht wollten. Freilich, ich darf nicht klagen, sie verkündeten mir's vorher.« – »Wie? Wodurch?« – »Abermals durch einen Traum – (den letzten) –, den sie mir gesandt. Nicht mehr Glück und Sieg verheißend – (wie in den schönen Zeiten von Mailand und von Straßburg!) –, nein, trauervoll, den Tod mir kündend, erschien mir diese Nacht der Genius Roms, zum letztenmal! Ein grauschwarzer Trauerschleier verhüllte sein Haupt, ein schwarzes Tuch sein goldenes Horn der Fülle, und dreimal mit der Hand mir Abschied winkend wich er rückwärtsschreitend weiter – immer weiter, von mir – und war verschwunden. Und wieder rief sofort die Tuba mich aus dem Schlaf – zum letztenmal! Da wüßt ich es: Die Götter haben mich verlassen, haben mich und das Reich dem Galiläer preisgegeben. Und so ... so muß denn mein Nachfolger ein Galiläer sein. Aber ein maßvoller, der nun nicht die armen Hellenisten verfolgt, die unter meinem Schutz in den alten Glauben zurückgefallen waren. Auch dafür ist der Beste – Jovian. Ich glaube nicht, das Recht zu haben, ihn dem Reich der Römer durch letztwillige Verfügung aufzudrängen, es würde ihm auch schaden bei den Galiläern. Aber ich wünsche, rate, empfehle ihn. Da! Nimm diesen meinen Siegelring, falls ich den Freund nicht mehr sehe. Damit übergeb ich ihm – nach meinem Wunsch – das Reich.«   Er beschied nun seinen Geheimschreiber und diktierte ihm, über sein Privatvermögen verfügend, seinen Letzten Willen. »Ein römischer Bürger«, lächelte er, »ein richtiger, stirbt nicht ohne Testament, bleibt ihm durch die Gnade der Götter dazu die Zeit. Und es kann ja – nach dem Recht der Römer – für Krieger im Felde ganz formlos geschehen. Ich war doch ein Stück von einem Krieger, nicht, Oribasius? Und wir kommen frisch aus der Schlacht!«   Währenddessen erschienen, von der Verfolgung zurückkehrend, tief erschüttert von der Trauerkunde, Jovian, Severus, Nevitta, Dagalaif und andere Führer. Sie traten in stummem Schmerz an das Lager von Schilf mit der blutüberströmten Löwendecke. Lächelnd streckte er ihnen beide Hände entgegen: »Gesiegt! Ich vernahm es schon! Gesiegt wieder einmal! Zum letzten Male freilich! Nicht wahr, mein Jovian, es ist ein großer Sieg?« »Viel größer als der bei Straßburg!« »Der größte Sieg«, ergänzte der alte Severus, »den je römische Waffen über Perser und Parther erfochten. Viele Tausende der Feinde bedecken den blutigen Boden jenes Waldes und die weiten Gefilde dahinter im Norden und Süden, darunter Nahordates!« – »Ja, das weiß ich!« rief Julian mit leuchtenden Augen. »Auch der Surenas selbst – ihn traf Serapio – und, auf der Flucht eingeholt und erschlagen von Nevitta und Dagalaif, die beiden Königssöhne Varanes und Varahanes und sechsundvierzig Satrapen und Vornehme.« »Ah! Das tut wohl, im Siege darf ich sterben! So ist mir ein Tod gelungen, wie ich ihn schon so lang erstrebte. Wo ist – (er allein fehlt!) –, wo ist Serapion?« – »Er liegt«, meldete Jovian, »verwundet in seinem Zelt. Er fing mit seinem Schild drei Wurfspeere auf, die dir galten. Der eine drang ihm durch den Schild in die Schulter. Der Arzt gebot ... aber trotz des Verbotes, da ist er doch!« Sehr bleich, den Schmerz verbeißend, der sich nur manchmal durch ein Zucken durch den ganzen Körper und sein verzerrtes Gesicht verriet, trat der Germane langsam heran. »Julian!« sprach er. »Mein geliebter Freund!« – »Tapferer Franke, jetzt sind wir quitt für Straßburg. – Nein, du tatst viel mehr für mich als ich damals für dich: Dein Blut floß für mich.« – »Mein Herzblut gab ich, dich zu retten.« – »Sieh, wie warm! Im Leben – nie sprach er so. Man muß erst sterben, um diesen felsharten Germanen ihr verborgenes Gefühl abzuzwingen. – Wo ... ist das Kleeblatt? Mir ist, ich sah sie dicht bei mir – bei jener einsamen Palme – hinter dem Walde. Wo ... wo sind sie geblieben?« Eine kleine Pause entstand. Endlich sprach Serapio: »Dort! – Dort sind sie geblieben ... bei der Palme, alle vier. Alle. Auch der Tod hat das Kleeblatt nicht zu trennen vermocht. Sie deckten dich mit ihren Leibern, bis sie dich auf einem andern Roß geborgen hatten. Sie fielen dabei alle!« – »Bis zum Tode getreu«, sprach Julian gerührt, mit den Tränen kämpfend. »Auch der tapferste aller Theologen liegt dort, Sigibrand! Er hat sich ganz zerhacken lassen von persischen Schwertern, dich vor der Gefangenschaft zu schützen. Und von deinen sechshundert Germanen, die noch lebten, sind fünfhundertfünfzig gefallen. Siehst du, Julian, du fragtest einmal danach: das ist Germanentreue!« Da konnte Julian die Tränen nicht mehr zurückhalten, er reichte Serapio die Rechte hin. »Vergib. Ich hab euch vielfach unrecht getan, euch unterschätzt. Ihr ... ihr seid doch unsre ... besten Feinde. Kein übler Witz, nicht?« lächelte er schmerzlich. »Ach, nun kann ich nicht mehr, Priscus ... Wo ist Priscus, mein Lagerphilosoph?« – »Hier, Herr«, sprach eine von Tränen erstickte Stimme. »Was klagst und jammerst du, Freund? Als ob ich mein Leben so schlimm geführt hätte, daß mich die Strafen des Tartarus erwarten! Ich meine doch, ich habe mir – (durch Leiden und Taten) – das Emporsteigen zu einem schöneren, den Göttern näheren Sterne und zu seliger Verklärung verdient!« – »Er tröstet uns!« sprach Priscus der Philosoph. »Wahrlich, dieses Zelt gemahnt mich an den Kerker des Sokrates, und dieses Sterben an des Sokrates letzte Worte!« – »Nun kann ich nicht mehr dich vollends widerlegen! Deine Auslegung jener Stelle des Maximus – (zweites Buch, fünftes Kapitel) – über die Unsterblichkeit ist falsch. Nicht auf alle Planeten werden die Seelen verteilt, so zum Beispiel nicht die Krieger nur auf den Mars. Und Gatten, die sich bis ans Ende treu geliebt, kommen beide in den Stern der Hera. Nun werde ich nächstens erleben – (und kann dir's doch nicht schreiben, von der Hera herunter, so gern ich es auch täte) –, daß ich recht hatte und du unrecht. Das ist bitter. Und auch meine Schrift gegen des Galiläers Lehre bleibt nun unvollendet, abgebrochen in der Mitte, gescheitert, wie mein werktätiger Kampf gegen ihn! Es ist heute ein schöner, glücklicher Tag gewesen, einer der freudigsten meines Lebens. Ich möchte heute noch sterben – am Siegestag –, vor Mitternacht. Sieh, auch dieser letzte Wunsch wird mir von den Göttern erfüllt. Die Sanduhr dort hat noch lange bis zur Mitternacht zu rinnen, und ich – ich fühl es –, ich ... scheide. Lebt wohl, ihr Freunde! Leb wohl, du Reich der Römer! Für dich hab ich gekämpft, geirrt, gelebt, für dich sterb ich jetzt! Nehmt meine Seele auf, ihr großen Götter. O Helena, bald ...! Helios – nur ich bin besiegt, nicht du –, du rufst – ich höre ... Dein Priester kommt freudig zu dir.« Und er atmete noch einmal tief auf und starb, ein Lächeln umsäumte seine Lippen. Schöner als im Leben, da es selten volle Ruhe gefunden hatte von wechselnden Erregungen, schöner war nun – im Tode – sein Antlitz. Keine Spur von Schmerz entstellte es; der Friede einer mit Gott, mit sich selbst und mit der Welt versöhnten Seele lag darauf. Tief ergriffen umstanden die Freunde, die Waffengenossen die Leiche. Über manches bärtige Angesicht rann eine Zähre. Jovianus faßte die Hand des Toten: »Leb wohl, Julian! Die Kirche hast du bekämpft – dein Vaterland hast du gerettet. Friede sei mit dir!« »Ein großer Geist«, schloß Serapio, die andere Hand ergreifend, »und eine edle Seele. Von manchem Wahn betört, doch nie von Unschönem. Das Gemeine hatte keinen Teil an dir. Abtrünnig von der Kirche, nicht von Gott! Der Frömmsten einer, welche je gelebt. Du größter Feind und liebster Freund: Julian – leb wohl!«   Dem letzten Wunsche des geliebten Toten gemäß ward Jovian von dem Heer einstimmig zum Imperator ausgerufen. Gleich darauf trat Serapio, voll gerüstet und reisefertig, in das Zelt mit dem Purpurwimpel. Erstaunt fragte Jovian: »Was sehe ich? Deine Wunde ...?« – »Muß unterwegs heilen.« – »Wie? Du kommst ...?« – »Abschied von dir zu nehmen. Ich gehe.« – »Wohin?« – »In die Heimat.« – »Ich verstehe! – Der Imperator dieses Reiches sollte dich nicht ziehen lassen, den gefährlichsten aller Feinde.« »Der Imperator dieses Reiches ist derselbe Jovian, der sich verbürgt hat für jenen Vertrag, der mir die freie Rückkehr sichert. Die Bedingung ist erfüllt. Tot liegt der edle Julian.« – »Genug. Ich halte sein Wort und das meine. Aber warum eilst du so? Wir geleiten in langsamem Zuge die teure Leiche in die Heimat. Willst du nicht mit uns den Toten ehren?« – »Die Lebenden gehen vor. Mich ruft mein Volk, mein greiser Vater dringend. Es eilt.« – »Nun denn, so geh. Reich mir noch mal die Freundeshand. Denn bald – ich kenne dich und deine Pläne! –, bald kreuzen wir die Schwerter dort!« – »Ja. – Auf Wiedersehn, freundlicher Feind, am Rhein! Ich führe mein Volk über den Strom ins Herz von Gallien, oder ich falle, Schwert in der Hand.« – »Und ich werd es dir wehren, oder ich falle, Schwert in der Hand. Leb wohl, Freund Serapio.« – »Merowech heiß ich fortab allein. Leb wohl, Freund Imperator. Auf Wiedersehn im Feld der Schlacht.«   Aber die beiden Männer sollten sich nicht wiedersehen. Jovianus setzte den Rückzug fort, barg seines großen Freundes Asche in einem würdigen Grabmal zu Tarsus und starb bald darauf, bevor er Europa wieder betreten hatte, zu Dadastana in Bithynien ganz plötzlich nachts in seinem Zelt an einer jähen Krankheit. Merowech aber hat, als König der Bataver und der Sugambern, sein Volk über den Rhein geführt. Er war der erste König der Salier in dem schönen Lande, das längst nicht mehr nach den Galliern, das nach den tapfern Franken heißt. Zu Duysborg – zwischen Löwen und Brüssel – errichtete er den Königssitz seiner vier Gaue. Von da aus haben seine und der goldlockigen Rigunthis Söhne und Nachkommen allmählich das ganze Land bis an die Pyrenäen erobert. Länger als zwei Jahrhunderte haben sie das Frankenreich beherrscht.