Das Halsband der Königin (Denkwürdigkeiten eines Arztes II) Alexander Dumas. Dritter Band LXI. Die Gefangene. Während dieser geistigen Erregungen der Gräfin, während ihrer Träumerei, ereignete sich eine Scene anderer Art in der Rue Saint-Claude, dem von Jeanne bewohnten Hause gegenüber. Herr von Cagliostro hatte, wie man sich erinnert, in das ehemalige Hotel Balsamo's die flüchtige, von der Policei des Herrn von Crosne verfolgte Oliva einquartirt. Sehr in Angst, hatte Mlle. Oliva mit Freuden die Gelegenheit, zugleich der Policei und Beausire zu entfliehen, angenommen; sie lebte also zurückgezogen, verborgen, zitternd in der geheimnißvollen Wohnung, welche so viele furchtbare Dramen, ach! furchtbarer, als das tragikomische Abenteuer von Mlle. Nicole Legay, beherbergt hatte. Cagliostro hatte jede Fürsorge, jede Zuvorkommenheit für sie gehabt; es kam der jungen Frau süß vor, von diesem vornehmen Herrn beschützt zu werden, der nichts verlangte, aber viel zu hoffen schien. Und was hoffte er? das fragte sich die Klausnerin vergebens. Für Mlle. Oliva war Herr von Cagliostro, der Beausire gebändigt und über die Policeiagenten gesiegt hatte, ein rettender Gott. Er war auch ein sehr verliebter Liebhaber, da er respectirte. Denn die Eitelkeit Oliva's erlaubte ihr nicht, zu glauben, Cagliostro habe eine andere Absicht mit ihr, als sie eines Tages zu seiner Geliebten zu machen. Es ist eine Tugend bei den Frauen, welche keine mehr haben, zu glauben, man könne sie ehrfurchtsvoll lieben. Das Herz ist sehr verwelkt, lehr dürr, sehr todt, das nicht mehr auf die Liebe zählt, und auf die Achtung, welche der Liebe folgt. Oliva baute Luftschlösser in der Tiefe ihrer Behausung in der Rue Saint-Claude, chimärische Schlösser, worin, man muß es gestehen, der arme Beausire selten seinen Platz fand. Wenn sie am Morgen, geschmückt mit allen Annehmlichkeiten, womit Cagliostro ihr Ankleidecabinet ausgestattet hatte, die vornehme Dame spielte und die Nüancen der Rolle von Celimene durchging, lebte sie nur für die Stunde des Tags, zu der Cagliostro zweimal in der Woche kam, um sich zu erkundigen, ob sie das Leben leicht ertrage. In ihrem schönen Salon, inmitten eines wirklichen Luxus und eines verständigen Luxus, gestand dann die kleine Creatur berauscht sich selbst, Alles in ihrem vergangenen Leben sei Täuschung, Irrthum gewesen; im Widerspruch mit der Behauptung des Moralisten, daß die Tugend das Glück macht, sei es das Glück, was unfehlbar die Tugend mache. Leider fehlte es bei der Zusammensetzung dieses Glücks an einem für seine Dauer unerläßlichen Element. Oliva war glücklich, aber Oliva langweilte sich. Bücher, Gemälde, musikalische Instrumente hatten sie nicht hinreichend zerstreut. Die Bücher waren nicht frei genug, oder die, welche es waren, hatte sie zu schnell gelesen. Die Gemälde sind immer dasselbe, wenn man sie einmal angeschaut hat – Oliva urtheilt, und nicht wir – und die musikalischen Instrumente haben nur einen Schrei und nie eine Stimme für die unwissende Hand, die bei ihnen ansucht. Es ist nicht zu leugnen, Oliva langweilte sich bald schrecklich bei ihrem Glück, und oft sehnte sie sich unter Thränen nach jenen guten, kleinen, am Fenster in der Rue Dauphine zugebrachten Morgen zurück, da sie die Straße mit ihren Blicken magnetisirte, so daß alle Vorübergehenden ihre Köpfe erhoben. Und welche liebliche Spaziergänge im Quartier Saint-Germain, als, indem der zierliche Pantoffel auf seinen Absätzen um zwei Zoll einen Fuß von wollüstiger Biegung erhöhte, jeder Schritt der Wandlerin ein Triumph war und den Bewunderern einen kleinen Schrei der Angst, wenn er ausglitschte, oder des Verlangens, wenn sich nach dem Fuß das Bein zeigte, entriß. Das dachte die eingeschlossene Nicole. Allerdings waren die Agenten des Herrn Policei-Lieutenants furchtbare Leute; allerdings hatte das Hospital, wo die Weiber in einer schmutzigen Gefangenschaft ersticken, nicht den Werth der ephemeren und glänzenden Einkerkerung der Rue Saint-Claude. Doch wozu würde es dienen, Frau zu sein und das Recht der Frauen zu haben, wenn man sich nicht zuweilen gegen das Gute empörte, um es in Böses zu verwandeln, oder wenigstens in Träume? Und dann wird bald Alles schwarz für denjenigen, welcher sich langweilt. Nicole bedauerte die Abwesenheit Beausire's, nachdem sie den Verlust ihrer Freiheit beklagt hatte. Gestehen wir, daß nichts in der Welt die Frauen ändert, seit der Zeit, wo die Töchter Judä am Vorabend einer Liebesheirath ihre Jungfrauschaft auf den Bergen beweinten. Wir sind zu einem Tage der Trauer, der Gereiztheit gelangt, an welchem Oliva, seit zwei Wochen jeder Gesellschaft, jedes Anblicks beraubt, in die traurigste Periode des Uebels der Langweile eintrat. Nachdem sie Alles erschöpft, da sie es weder wagte, an's Fenster zu treten, noch auszugehen, fing sie an den Appetit des Magens zu verlieren, aber nicht den der Einbildungskraft, der im Gegentheil in demselben Maße sich verdoppelte, in welchem der andere abnahm. In diesem Augenblick moralischer Aufregung erhielt sie einen an diesem Tage unerwarteten Besuch von Cagliostro. Er trat, wie dieß seine Gewohnheit war, durch die hintere Thüre des Hotel ein, ging durch den neu angelegten Garten in die Höfe und klopfte an die Läden von Oliva's Wohnung. Vier Schläge, in bestimmten Zwischenräumen gethan, waren das verabredete Zeichen, daß die junge Frau die Riegel zurückzog, welche sie als Sicherheit zwischen ihr und einem mit Schlüsseln versehenen Besuch fordern zu müssen geglaubt hatte. Oliva dachte, die Vorsichtsmaßregeln seien nicht unnöthig, um eine Tugend zu bewahren, die sie bei gewissen Gelegenheiten lästig fand. Bei dem von Cagliostro gegebenen Signal öffnete sie die Riegel mit einer Geschwindigkeit, welche für ihr Bedürfniß einer Unterredung zeugte. Lebhaft wie eine Pariser Grisette, eilte sie den Schritten des edlen Kerkermeisters entgegen, ergriff seine Hände, mehr um ihn zu kneipen, als um ihn zu liebkosen, und rief mit einer gereizten, heisern, abgestoßenen Stimme: »Mein Herr, ich langweile mich; erfahren Sie das.« Cagliostro schaute sie mit einer leichten Kopfbewegung an. »Sie langweilen sich,« sagte er, während er die Thüre wieder schloß, »ach! meine Liebe, das ist ein garstiges Uebel.« »Ich mißfalle mir hier. Ich sterbe hier.« »Wahrhaftig!« »Ja, ich habe schlimme Gedanken.« »La! la!« machte der Graf, indem er sie besänftigte, wie man einen Pudel besänftigt; »wenn Sie sich nicht behaglich bei mir fühlen, so grollen Sie mir darum nicht zu sehr. Bewahren Sie all Ihren Zorn für den Herrn Policei-Lieutenant, der Ihr Feind ist.« »Sie bringen mich in Verzweiflung mit ihrer Kaltblütigkeit,« sagte Oliva. »Ein guter Zorn, ein Aufbrausen ist mir lieber, als eine solche Gelassenheit; Sie finden das Mittel, mich zu beruhigen, und das macht mich toll vor Wuth.« »Gestehen Sie, daß Sie ungerecht sind,« erwiderte Cagliostro, indem er sich fern von ihr mit jener Affectation von Achtung oder von Gleichgültigkeit niedersetzte, die ihm so gut bei Oliva gelang. »Sie sprechen sehr nach Ihrem Gefallen, Sie,« sagte Oliva, »Sie gehen, Sie kommen, Sie athmen, Ihr Leben besteht aus einer Anzahl von Vergnügungen, die Sie sich wählen; ich vegetire in dem Raum, den Sie begrenzt haben; ich athme nicht, ich zittere. Ich erkläre Ihnen, mein Herr, daß mir Ihr Beistand unnütz ist, wenn er mich nicht am Sterben hindert.« »Sterben! Sie!« versetzte lächelnd der Graf, »gehen Sie doch!« »Ich sage Ihnen, daß Sie sich sehr schlecht gegen mich benehmen; Sie vergessen, daß ich tief, leidenschaftlich Einen liebe.« »Herrn Beausire?« »Ja, Beausire. Ich liebe ihn, sage ich Ihnen. Ich denke, ich habe es Ihnen nie verborgen. Sie konnten sich nicht einbilden, ich würde meinen theuren Beausire vergessen?« »Ich habe es so wenig gedacht, daß ich Alles aufbot, um Nachricht von ihm zu erhalten, und ich bringe Ihnen welche.« »Ah!« machte Olivia. »Herr von Beausire,« fuhr Cagliostro fort, »ist ein reizender Junge.« »Bei Gott!« rief Oliva, welche nicht sah, wohin man sie führte. »Jung und hübsch.« »Nicht wahr?« »Voll Einbildungkraft.« »Voll Feuer ... Ein wenig brutal gegen mich. Doch ... wer gut liebt, züchtigt gut.« »Sie sprechen goldene Worte. Sie haben ebenso viel Gemüth als Geist, ebenso viel Geist als Schönheit, und ich, der ich das weiß, der ich mich für jede Liebe in der Welt interessire – das ist eine Manie – ich habe daran gedacht, Sie Beausire näher zu bringen.« »Das war vor einem Monat nicht Ihre Idee,« sagte Oliva mit einem gezwungenen Lächeln. »Hören Sie doch, mein liebes Kind, jeder galante Mann, der eine hübsche Person sieht, sucht ihr zu gefallen, wenn er frei ist, wie ich es bin. Sie werden jedoch gestehen, daß wenn ich Ihnen ein Bischen den Hof machte, dieß nicht lange gedauert hat, nicht so?« »Das ist wahr,« erwiderte Oliva in demselben Ton, »höchstens eine Viertelstunde.« »Es war sehr natürlich, daß ich abließ, da ich sah, wie sehr Sie Herrn von Beausire liebten.« »Oh! spotten Sie meiner nicht.« »Nein, auf Ehre; Sie haben mir sehr widerstanden.« »Oh! nicht wahr?« rief Oliva, entzückt, auf frischer That des Widerstandes ertappt worden zu sein. »Ja, gestehen Sie, daß ich widerstanden habe.« »Das war die Folge Ihrer Liebe,« bemerkte Cagliostro phlegmatisch. »Doch die Ihrige,« entgegnete Oliva, »sie war nicht sehr zähe.« »Ich bin weder alt, noch häßlich, noch dumm, noch arm genug, um die Weigerungen oder die Chancen einer Niederlage zu ertragen, Mademoiselle; Sie hätten stets Herrn von Beausire mir vorgezogen, das habe ich gefühlt und ich habe mich gefügt.« »Ah! nein, nein!« rief die Cokette. »Das herrliche Bündniß, das Sie mir vorgeschlagen, Sie wissen wohl, das Recht, mir den Arm zu geben, mich zu besuchen, mir in allen Ehren den Hof zu machen, war das nicht ein kleiner Rest von Hoffnung?« Und indem sie diese Worte sprach, versenkte die Treulose mit ihren zu lange müßig gewesenen Augen den Besuch, der sich in der Falle gefangen hatte. »Ich muß es bekennen,« erwiderte Cagliostro, »Sie sind von einem Scharfsinn, dem nichts widersteht.« Und er stellte sich, als schlüge er die Augen nieder, um nicht von dem doppelten Flammenstrom verzehrt zu werden, der aus den Blicken Oliva's hervorsprang. »Kommen wir auf Beausire zurück,« sagte sie, gereizt durch die Unbeweglichkeit des Grafen; »was macht er, wo ist er, der theure Freund?« Da schaute Cagliostro sie mit einem Reste von Schüchternheit an und erwiderte: »Ich sagte, ich habe Sie mit ihm vereinigen wollen.« »Nein, Sie sagten das nicht,« murmelte sie mit Verachtung; »doch da Sie es mir sagen, so nehme ich es für gesagt an. Fahren Sie fort. Warum haben Sie ihn nicht gebracht? Das wäre liebreich gewesen. Er ist frei, er...« »Weil,« antwortete Cagliostro, ohne sich vor dieser Ironie zu scheuen, »weil Herr vou Beausire, der ist wie Sie, der zu viel Geist besitzt, auch einen kleinen Handel mit der Policei auf den Hals bekommen hat.« »Auch!« rief Oliva erbleichend, denn dießmal erkannte sie das Gepräge der Wahrheit. »Auch,« wiederholte Cagliostro artig. »Was hat er gemacht?« stammelte die junge Frau. »Einen reizenden Schelmenstreich, ein äußerst geistreiches Stückchen, ich nenne das einen drolligen Einfall; aber die verdrießlichen Leute, Herr von Crosne zum Beispiel, Sie wissen, wie schwerfällig er ist, dieser Herr von Crosne; nun! sie nennen das einen Diebstahl.« »Ein Diebstahl!« rief Oliva erschrocken; »mein Gott!« »Ah! ein hübscher Diebstahl! das beweist, wie viel Neigung dieser arme Beausire für schöne Dinge hat.« »Mein Herr ... mein Herr ... er ist verhaftet?« »Nein, doch er ist signalisirt.« »Sie schwören mir, daß er nicht verhaftet ist, daß er keine Gefahr läuft?« »Ich kann Ihnen wohl schwören, daß er nicht verhaftet ist; was aber den zweiten Punkt betrifft, da bekommen Sie mein Wort nicht. Sie fühlen, mein liebes Kind, daß man, wenn man signalisirt ist, verfolgt oder wenigstens aufgesucht wird, und daß Herr von Beausire mit seiner Gestalt, mit seiner Haltung, mit all seinen wohlbekannten Eigenschaften, wenn er sich zeigte, sogleich von den Leithunden des Herrn von Crosne gewittert würde. Bedenken Sie ein wenig, welchen Netzzug Herr von Crosne machen würde ... Sie durch Herrn von Beausire, und Herrn von Beausire durch Sie festnehmen ...« »Oh! ja, ja, er muß sich verbergen! Armer Junge! Ich will mich auch verbergen. Lassen Sie mich aus Frankreich fliehen, mein Herr. Suchen Sie mir diesen Dienst zu leisten; denn sehen Sie, eingeschlossen, erstickt, würde ich hier nicht dem Verlangen widerstehen, eines Tages eine Unvorsichtigkeit zu begehen.« »Was nennen Sie Unvorsichtigkeit, meine Liebe?« »Mich zeigen, mir ein wenig Luft schaffen.« »Uebertreiben Sie nicht, meine Freundin. Sie sind schon ganz bleich, und Sie werden am Ende Ihre schöne Gesundheit verlieren. Herr von Beausire würde Sie nicht mehr lieben. Nein, nehmen Sie so viel Luft, als Sie wollen, machen Sie sich das Vergnügen, einige menschliche Gestalten vorübergehen zu sehen.« »Oh!« rief Oliva, »nun sind Sie gegen mich aufgebracht, und Sie werden mich auch verlassen. Ich bin Ihnen vielleicht beschwerlich?« »Mir! sind Sie toll? Warum sollten Sie mir beschwerlich sein?« sprach der Graf mit einem eisigen Ernst. »Weil ... ein Mann, der Geschmack für eine Frau hat, ein so bedeutender Mann wie Sie, ein so schöner Herr wie Sie, berechtigt ist, in Zorn zu gerathen, sogar Ekel zu bekommen, wenn eine Tolle, wie ich, ihn abweist. Oh! verlassen Sie mich nicht, richten Sie mich nicht zu Grunde, fassen Sie keinen Haß gegen mich, mein Herr!« rief die junge Frau. Und eben so erschrocken, als sie cokett gewesen war, schlang sie ihren Hals um Cagliostro's Hals. »Arme Kleine!« sagte dieser, indem er einen keuschen Kuß auf Oliva's Stirn hauchte, »wie sie bange hat! Haben Sie keine so abscheuliche Meinung von mir, meine Tochter, Sie liefen Gefahr, ich habe Ihnen einen Dienst geleistet; ich hatte Ideen mit Ihnen, ich bin davon zurückgekommen, doch das ist das Ganze. Ich habe Ihnen nicht mehr Haß zu bezeigen, als Sie mir Dankbarkeit zu bieten haben. Ich habe für mich gehandelt, Sie haben für sich gehandelt, wir sind quitt.« »Oh! mein Herr, wie viel Güte, welch ein edelmüthiger Mann sind Sie!« Und Oliva legte zwei Arme statt eines einzigen auf Cagliostro's Schultern. Doch dieser schaute sie mit seiner gewöhnlichen Ruhe an und sprach: »Sie sehen wohl, Oliva, trügen Sie mir jetzt Ihre Liebe an, ich ...« »Nun?« fragte sie ganz roth. »Trügen Sie mir jetzt Ihre anbetungswürdige Person an, ich würde sie zurückweisen, so sehr liebe ich es, nur wahre, reine und von allem Interesse freie Gefühle einzuflößen. Sie haben mich für interessirt gehalten. Sie sind in Abhängigkeit von mir gerathen. Sie halten sich für verbunden; ich möchte glauben, Sie seien mehr dankbar, als gefühlvoll, mehr erschrocken, als verliebt: bleiben wir, wie wir sind. Ich erfülle in dieser Hinsicht Ihren Wunsch. Ich komme allen Ihren zartsinnigen Rücksichten zuvor.« Oliva ließ ihre Arme fallen und entfernte sich einige Schritte beschämt, gedemüthigt, bethört durch diese Großmuth Cagliostro's, worauf sie nicht gerechnet hatte. »Es ist also,« sagte der Graf, »es ist also abgemacht, meine liebe Oliva, Sie werden mich als Freund behalten; Sie werden alles Zutrauen zu mir haben, Sie werden sich meines Hauses, meiner Börse, meines Kredits bedienen, und ...« »Und ich werde mir sagen, es gebe Menschen auf dieser Welt, welche weit erhaben über alle diejenigen sind, die ich kennen gelernt habe.« Oliva sprach diese Worte mit einem Zauber und einer Würde, welche einen Zug in diese eherne Seele eingruben, deren Körper man einst Balsamo nannte. »Jede Frau ist gut,« dachte er, »wenn man in ihr die Saite berührt hat, welche dem Herzen entspricht.« Dann sich Oliva nähernd: »Von diesem Abend an werden Sie den obersten Stock des Hauses bewohnen. Es ist dieß eine Wohnung, bestehend aus drei als Observatorium angebrachten Zimmern, über dem Boulevard und der Rue Saint-Claude. Die Fenster gehen auf Menilmontant und Belleville. Einige Personen werden Sie dort sehen können. Das sind friedliche Nachbarn, fürchten Sie dieselben nicht. Brave Leute ohne Verbindungen, ohne Argwohn über das, was Sie sein dürften. Lassen Sie sich von ihnen sehen, doch ohne daß Sie sich aussetzen, und besonders, ohne daß Sie sich jedem Vorübergehenden zeigen, denn die Rue Saint-Claude wird zuweilen von den Agenten des Herrn von Crosne durchforscht; dort werden Sie wenigstens Sonne haben.« Oliva klatschte freudig in ihre Hände. »Soll ich Sie dahin führen?« fragte Cagliostro. »Diesen Abend?« »Gewiß, diesen Abend. Ist Ihnen das lästig?« Oliva schaute Cagliostro tief an. Eine unbestimmte Hoffnung kehrte in ihr Herz oder vielmehr in ihren eitlen und verdorbenen Kopf zurück. »Gehen wir,« sagte sie. Der Graf nahm im Vorzimmer eine Laterne, öffnete selbst mehrere Thüren, stieg, von Oliva gefolgt, eine Treppe hinauf und gelangte zum dritten Stock in die von ihm bezeichnete Wohnung. Sie fand dieselbe ganz ausgestattet, ganz blühend, ganz wohnlich. »Man sollte glauben, ich wäre hier erwartet worden,« sagte sie. »Nicht Sie,« erwiderte der Graf, »sondern ich, der ich die Aussicht von diesem Pavillon liebe und oft hier schlafe.« Oliva's Blick nahm die falben, blitzenden Tinten an, welche oft die Augensterne der Katzen färben. Ein Wort drängte sich auf ihre Lippen, Cagliostro hielt es durch die Aeußerung zurück: »Es wird Ihnen an nichts fehlen, Ihre Kammerjungfer wird in einer Viertelstunde bei Ihnen sein. Gute Nacht, Mademoiselle.« Und er verschwand, nachdem er eine tiefe, durch ein freundliches Lächeln gemilderte Verbeugung gemacht hatte. Die arme Gefangene sank, bestürzt, vernichtet, auf das in einem zierlichen Alkoven für sie bereit stehende Bett. »Ich begreife durchaus nichts von dem, was mir widerfährt,« murmelte sie, mit den Augen dem wirklich für sie unbegreiflichen Manne folgend. LXII. Das Observatorium. Oliva legte sich nach dem Abgang der Kammerjungfer, welche Cagliostro ihr schickte, zu Bett. Sie schlief wenig, die Gedanken aller Art, welche aus ihrer Unterredung mit dem Grafen entstanden, gaben ihr nur wache Träume, schlaftrunkene Beängstigungen; man ist nicht lange Zeit glücklich, wenn man zu reich und zu ruhig ist, nachdem man zu arm oder zu bewegt gewesen. Oliva beklagte Beausire, sie bewunderte den Grafen, den sie nicht begriff, sie hielt ihn nicht für schüchtern, sie hatte ihn nicht im Verdacht der Unempfindlichkeit. Sie hatte gewaltig bange, von einem Sylphen während ihres Schlafes beunruhigt zu werden, und das geringste Geräusch des Bodens verursachte ihr die jeder Romanheldin, welche in dem Nordthurme schläft, bekannte Aufregung. Mit dem Morgenroth entflohen die Schrecknisse, welche nicht ohne Reiz waren ... Wir, die wir uns nicht fürchten, Herrn Beausire Argwohn einzuflößen, wir können wohl behaupten, daß Nicole die Stunde der vollkommenen Sicherheit nicht ohne einen Rest coketten Aergers erblickte. Eine unübersetzbare Nuance für jeden Pinsel, der nicht Watteau , für jede Feder, die nicht Marivaux oder Crebillon Sohn unterzeichnet hat. Am Tag erlaubte sie sich zu schlafen, sie genoß dann die Wollust, in ihrem duftenden Zimmer die purpurnen Strahlen der aufgehenden Sonne einzusaugen, die Vögel auf der kleinen Terrasse hinlaufen zu sehen, wo ihre Flügel mit lieblichem Geräusch die Blätter der Rosenstöcke und die Blüthen des spanischen Jasmins streiften. Und sie stand sehr spät auf, als zwei bis drei Stunden eines süßen Schlafes auf ihren Augenlidern gelastet hatten, als sie, gewiegt zwischen dem Lärmen der Straße und der weichen Lähmung der Ruhe, sich stark genug fühlte, um wieder die Bewegung zu suchen, zu stark, um müßig liegen zu bleiben. Dann lief sie in allen Winkeln ihrer neuen Wohnung umher, wo der unbegreifliche Sylphe in seiner Unwissenheit nicht einmal eine Fallthüre hatte finden können, um mit einem Flügelschlag um das Bett zu gleiten, und doch hatten die Sylphen in jener Zeit, dem Grafen von Gabalis sei es gedankt, nichts von ihrem unschuldigen Rufe verloren. Oliva erschaute die Reichthümer ihrer Wohnung in der Einfachheit des unvorhergesehenen. Diese Weiberhaushaltung war Anfangs ein Männermobiliar gewesen. Man fand hier Alles, was das Leben theuer machen kann, man fand hier besonders den hellen Tag und die frische Luft, welche die Kerker in Gärten verwandeln würden, wenn je die Luft und das Licht in ein Gefängniß drängen. Die kindliche, das heißt die vollkommene Freude schildern, mit der Oliva auf die Terrasse lief, sich auf die Platten, mitten unter die Blumen und Moose, legte, einer Natter ähnlich, welche aus ihrem Neste kommt, wir würden es sicherlich thun, hätten wir nicht ihr Erstaunen zu malen, so oft ihr eine Bewegung ein neues Schauspiel enthüllte. Anfangs, wie wir gesagt, liegend, um nicht von Außen gesehen zu werden, betrachtete sie durch das Gitter des Balcons die Gipfel der Bäume auf den Boulevards, die Häuser des Quartier Popincourt, einen nebeligen Ocean, dessen ungleiche Wogen sich zu ihrer Rechten aufthürmten. Von Sonne übergossen, das Ohr auf das Geräusch der allerdings etwas spärlich auf dem Boulevard rollenden Wagen gespannt, blieb sie auf diese Art sehr glücklich zwei Stunden lang. Sie frühstückte sogar Chocolade, die ihre Kammerjungfer ihr vorsetzte, und las eine Zeitung, ehe sie daran dachte, auf die Straße zu schauen. Das war ein gefährliches Vergnügen. Die Leithunde des Herrn von Crosne, diese menschlichen Hunde, welche mit weit geöffneten Nasen jagen, konnten sie sehen. Welch ein furchtbares Erwachen nach einem so süßen Schlafe! Doch diese horizontale Lage konnte nicht fortwähren, so gut sie war. Nicole erhob sich auf einen Ellenbogen. Und nun sah sie die Nußbäume von Menilmontant, die großen Bäume des Friedhofs, die Myriaden Häuser von allen Farben, welche am Abhang des Berges von Charonne bis zu den Chaumont-Hügeln unter grünem Gesträuche oder auf gypshaltigen, mit Heidekraut und Disteln bekleideten Abstürzen emporragten. Da und dort auf den Wegen, schmalen am Halse der Bergchen wogenden Bändern, auf den Fußpfaden der Weingärten, auf den weißen Straßen, traten kleine lebende Wesen hervor, Bauern auf ihren Eseln trabend, Kinder über das auszugätende Feld hingebückt, Winzerinnen, die Traube für die Sonne entblößend. Die Ländlichkeit entzückte Nicole, die immer nach der schönen Gegend von Taverney geseufzt hatte, seitdem sie diese Gegend verlassen, um sich nach dem ersehnten Paris zu begeben. Endlich aber war sie des Landes satt, und da sie eine bequeme sichere Stellung in ihren Blumen genommen hatte, da sie zu sehen verstand, ohne daß sie Gefahr lief, gesehen zu werden, so senkte sie ihre Blicke von dem Berge nach dem Thal, vom entfernten Horizont zu den Häusern gegenüber. Ueberall, das heißt in dem Raume, den drei Häuser umfassen können, fand Oliva die Fenster geschlossen oder wenig ansprechend. Hier drei Stockwerke bewohnt von alten Rentiers, welche Käfige außen anhingen oder Katzen innen fütterten; dort vier Stockwerke, von denen nur der Auvergnat, der oberste Bewohner, in Sehweite kam ... die anderen Miethleute schienen abwesend, irgendwohin nach dem Lande verreist. Endlich, ein wenig zur Linken, im dritten Hause, gelbe seidene Vorhänge, Blumen, und gleichsam um dieses Wohlbehagen zu möbliren, ein weicher Lehnstuhl, der am Fenster seinen Träumer oder seine Träumerin zu erwarten schien. Oliva glaubte in diesem Zimmer, dessen schwarze Dunkelheit die Sonne hervorhob, etwas wie einen mit regelmäßigen Bewegungen wandelnden Schatten zu bemerken. Sie beschränkte hierauf ihre Ungeduld, verbarg sich noch besser, als bis jetzt, rief ihre Kammerjungfer und knüpfte mit ihr ein Gespräch an, um Abwechslung in die Vergnügungen der Einsamkeit durch die Gesellschaft eines denkenden und besonders sprechenden Geschöpfes zu bringen. Doch die Kammerjungfer war gegen alle Ueberlieferungen zurückhaltend. Sie wollte wohl ihrer Gebieterin Belleville, Charonne und den Père-Lachaise erklären. Sie sagte die Namen der Kirchen Saint-Ambroise und Saint-Laurent; sie bezeichnete in krummer Linie das Boulevard und seine Neigung zum rechten Ufer der Seine; als aber die Frage auf die Nachbarn fiel, fand die Kammerjungfer kein Wort. Sie kannte dieselben ebenso wenig als ihre Gebieterin. Das helldunkle Zimmer mit den gelben seidenen Vorhängen wurde Oliva nicht erklärt. Nichts über den wandelnden Schatten, nichts über den Lehnstuhl. Hatte Oliva nicht die Befriedigung, ihre Nachbarin zum Voraus zu kennen, so konnte sie sich wenigstens versprechen, ihre Bekanntschaft auf eigene Faust zu machen. Sie schickte also ihre allzu verschwiegene Dienerin weg, um sich ohne Zeugen ihrer Forschung hinzugeben. Die Gelegenheit ließ nicht auf sich warten. Die Nachbarn fingen an ihre Thüren zu öffnen, ihre Siesta nach dem Mahle zu halten, sich zum Spaziergange auf der Place Royale oder auf dem Chemin Vert anzukleiden. Oliva zählte sie. Es waren sechs, gut assortirt in ihrer Unähnlichkeit, wie es sich für Leute geziemt, die sich die Rue Saint-Claude zur Wohnstätte gewählt haben. Oliva brachte einen Theil des Tages damit zu, daß sie ihre Geberden betrachtete und ihre Gewohnheiten studirte. Sie ließ Alle die Revue passiren, mit Ausnahme des erwähnten Schattens, der, ohne sein Gesicht zu zeigen, sich in den Lehnstuhl beim Fenster begraben hatte und in eine unbewegliche Träumerei versunken war. Es war eine Frau. Sie hatte ihren Kopf ihrer Haarkünstlerin überlassen, welche in anderthalb Stunden auf dem Schädel und den Schläfen eines von jenen babylonischen Gebäuden errichtete, in welche Mineralien und Vegetabilien kamen, und worein auch Thiere gekommen wären, hätte sich Leonard darein gemischt und hätte eine Frau jener Zeit eingewilligt, aus ihrem Kopfe eine Arche Noä mit ihren Bewohnern zu machen. Dann als die Frau frisirt, gepudert, weiß an Putz und Spitzen war, quartirte sie sich wieder in ihren Lehnstuhl ein, den Kopf von Kissen getragen, welche hart genug waren, daß dieser Theil das Gleichgewicht des ganzen Körpers hielt und dem Monumente des Haares unberührt zu bleiben gestattete, ohne eine Angst vor Erdbeben, welche die Grundlage erschüttern konnten. Diese unbewegliche Frau glich jenen indischen auf ihre Sitze gekeilten Göttern, denn in Folge der Starrheit des Gedankens rollte das Auge allein in seiner Höhle. Eine Schildwache und ein thätiger Diener verrichteten nach den Bedürfnissen des Körpers oder den Launen des Geistes allein den Dienst des Idols. Oliva bemerkte, wie hübsch diese Dame in ihrer Frisur war, wie sehr ihr Fuß, auf den Rand des Fensters gestellt und in einem kleinen Pantoffel von rosa Atlas geschaukelt, zart und sinnreich war. Sie bewunderte die Rundung des Armes und des Busens, der den Schnürleib und das Morgengewand zurückstieß. Was ihr aber ganz besonders auffiel, das war die Tiefe des stets auf ein unsichtbares, unbestimmtes Ziel gespannten Gedankens, eines so gebieterischen Gedankens, daß er den Leib zu gänzlicher Unbeweglichkeit verurtheilte, daß er ihn durch seinen Willen vernichtete. Diese Frau, welche wir erkannt haben, während Oliva sie nicht zu erkennen vermochte, ahnte nicht, daß man sie sehen konnte. Ihren Fenstern gegenüber hatte sich nie ein Fenster geöffnet. Das Hotel des Herrn von Cagliostro hatte nie, trotz der Blumen, welche Nicole gefunden, trotz der Vögel, die sie hatte fliegen sehen, irgend Jemand sein Geheimniß entdeckt, und abgesehen von den Malern, die es wiederhergestellt, hatte sich nie ein lebendes Wesen am Fenster sehen lassen. Um die Erscheinung zu erklären, welcher Cagliostro's angebliches Wohnen im Pavillon widerspricht, wird ein Wort genügen. Der Graf hatte diese Wohnung am Abend bereiten lassen, als hätte er sie für sich selbst einrichten heißen. Er hatte sich so zu sagen selbst belogen, so gut waren seine Befehle vollzogen worden. Die Dame mit der schönen Frisur blieb also in ihren Gedanken begraben; Oliva bildete sich ein, so träumend, träume die hübsche Person von ihren durchkreuzten Liebschaften. Sympathie in der Schönheit, Sympathie in der Einsamkeit, im Alter, in der Langweile, wie viele Bande, um zwei Seelen mit einander zu verknüpfen, die einander vielleicht in Folge der geheimnißvollen, unwiderstehlichen und unübersetzbaren Combination der Geschicke suchten! Seitdem Oliva diese nachdenkliche Einsiedlerin gesehen hatte, konnte sie ihr Auge nicht mehr von ihr losmachen. Es lag eine Art von moralischer Reinheit in dieser Anziehung der Frau zur Frau. Diese Zartheiten sind gewöhnlicher, als man im Allgemeinen glaubt, unter den unglücklichen Geschöpfen, für welche der Körper der Hauptagent in den Functionen des Lebens geworden ist. Arme Verbannte aus dem geistigen Paradies, sehnen sie sich nach den verlorenen Gärten und den lächelnden Engeln zurück, die sich unter den mystischen Schatten verbergen. Oliva glaubte eine Schwester ihrer Seele in der schönen Klausnerin zu sehen. Sie baute einen Roman ähnlich ihrem eigenen auf, denn sie bildete sich in ihrer Naivetät ein, man könne nicht hübsch, elegant sein und in der Rue Saint-Claude verloren wohnen, ohne ein großes Unglück im Grunde seines Lebens oder eine schwere Bangigkeit im Grunde seines Herzens zu haben. Als sie ihre romantische Fabel gut aus Erz und Diamanten geschmiedet hatte, ließ sich Oliva, wie alle exzeptionellen Naturen, durch ihre Feerei entführen, sie nahm Flügel, um im Raum ihrer Gefährtin entgegen zu eilen, der sie, in ihrer Ungeduld, hätte Flügel wie die ihrigen wachsen sehen mögen. Doch die Dame mit dem Monument rührte sich nicht, sie schien auf ihrem Stuhle zu schlummern. Zwei Stunden waren vergangen, ohne daß sie um einen Grad aus ihrer Linie gewichen war. Oliva war in Verzweiflung. Sie wäre Adonis oder Beausire nicht den vierten Theil so weit entgegengekommen wie der Unbekannten. Der Sache überdrüssig und von der Zärtlichkeit zum Haß übergehend, öffnete und schloß sie zehnmal ihr Fenster; zehnmal scheuchte sie die Vögel aus dem Blätterwerk auf, und machte gefährdende telegraphische Geberden, welche das stumpfste der Werkzeuge des Herrn von Crosne, wenn es über das Boulevard oder am Ende der Rue Saint-Claude gegangen wäre, unfehlbar gesehen und zum Gegenstand einer scharfen Aufmerksamkeit gemacht hätte. Endlich machte Nicole sich selbst weiß, die Dame mit den schönen Flechten habe alle ihre Geberden wohl gesehen, alle ihre Signale wohl begriffen, aber sie verachte dieselben; sie sei eitel oder einfältig; einfältig! mit so feinen, geistreichen Augen, mit einem so beweglichen Fuß, einer so unruhigen Hand! Unmöglich! Eitel, ja; eitel, wie es in dieser Zeit eine Frau vom hohen Adel gegenüber einer Bürgerlichen sein konnte. Oliva, welche in der Physiognomie der jungen Frau alle Merkmale der Aristocratie erkannte, schloß, sie sei hoffärtig und folglich unmöglich zu bewegen. Sie verzichtete. Mit einem reizenden Schmollen den Rücken wendend, setzte sie sich wieder in die Sonne, diesmal in die untergehende Sonne, um in die Gesellschaft ihrer Blumen zurückzukehren, gefälliger Gespielinnen, welche auch adelig, auch zierlich, auch gepudert, auch cokett wie die vornehmsten Damen, sich doch berühren, einathmen lassen und in Wohlgeruch, in Kühle und in bebenden Berührungen den Freundschafts- oder Liebeskuß erwidern. Nicole bedachte nicht, daß diese vermeintlich hochmüthige Dame Jeanne von Valois, Gräfin von La Mothe war, die seit dem vorhergehenden Tag eine Idee suchte. Daß diese Idee zum Zweck hatte, ein Zusammentreffen zwischen Marie Antoinette und dem Cardinal von Rohan zu verhindern. Daß ein noch größeres Interesse heischte, daß der Cardinal, während er die Königin nicht mehr unter vier Augen sah, fest glaubte, er sehe sie noch immer, folglich mit dieser Vision sich begnügte und aufhörte, den wirklichen Anblick zu verlangen. Ernste Gedanken, sehr triftige Entschuldigungen für eine solche Vertieftheit einer jungen Frau, daß sie zwei tödtliche Stunden hindurch den Kopf nicht bewegte. Hätte Nicole dieß Alles gewußt, sie würde sich nicht aus Zorn unter ihre Blumen geflüchtet haben. Sie hätte nicht, indem sie sich hineinsetzte, vom Balcon einen Topf mit Eschwurz gestoßen, der mit einem furchtbaren Lärmen in die öde Straße hinabfiel. Erschrocken schaute Oliva schnell, welchen Schaden sie wohl angerichtet habe. Die in Gedanken versunkene Dame erwachte bei dem Geräusch, sah den Topf auf dem Pflaster und stieg von der Wirkung zur Ursache auf, das heißt ihre Augen stiegen vom Pflaster der Straße zu der Terrasse des Hauses auf. Und sie sah Oliva. Als sie dieselbe sah, stieß sie einen heftigen Schrei aus, einen Schrei des Schreckens, einen Schrei, der mit einer raschen Bewegung ihres ganzen, kurz zuvor noch so steifen und eisigen Körpers endigte. Die Augen Oliva's und dieser Dame begegneten sich endlich, befragten sich, durchdrangen einander. Jeanne rief zuerst: »Die Königin!« Dann murmelte sie, indem sie die Hände und die Stirne faltete, ohne daß sie sich zu rühren wagte, damit die seltsame Erscheinung nicht entfliehen möchte: »Oh! ich suchte ein Mittel, hier ist es.« In diesem Augenblick hörte Oliva Geräusch hinter sich, und sie wandte sich rasch um. Der Graf war in ihrem Zimmer; er hatte die gegenseitige Erkennung bemerkt. »Sie haben sich gesehen!« sagte er. Oliva verließ hastig den Balcon. LXIII. Die zwei Nachbarinnen. Von dem Augenblick an, wo die Frauen sich gesehen hatten, stellte sich Oliva, schon bezaubert durch die Anmuth ihrer Nachbarin, nicht mehr, als verachte sie dieselbe, und indem sie sich vorsichtig unter ihren Blumen umwandte, erwiderte sie mit einem Lächeln jedes Lächeln, das man an sie richtete. Cagliostro hatte bei seinem Besuch nicht unterlassen, ihr die größte Umsicht zu empfehlen. »Besonders halten Sie nicht zur Nachbarschaft,« hatte er gesagt. Dieses Wort war wie ein böser Hagel auf das Haupt Oliva's gefallen, die sich bereits mit den Geberden und Grüßen der Nachbarin beschäftigte. Nicht zur Nachbarschaft halten hieß den Rücken dieser reizenden Frau zuwenden, deren Augen so glänzend und so sanft waren, bei der jede Bewegung eine Verführung enthielt; es hieß auf einen telegraphischen Notenwechsel über den Regen und das schöne Wetter verzichten, es hieß mit einer Freundin brechen. Denn die Einbildungskraft Oliva's lief dergestalt, daß Jeanne bereits ein interessanter und theurer Gegenstand für sie war. Die Duckmäuserin antwortete ihrem Beschützer, sie würde sich wohl hüten, ihm ungehorsam zu sein, und nichts unternehmen, um mit der Nachbarschaft in Verbindung zu treten. Doch er war nicht so bald weggegangen, als sie sich so auf dem Balcon einrichtete, daß sie die ganze Aufmerksamkeit ihrer Nachbarin in Anspruch nahm. Dieser, man kann es wohl glauben, war nichts lieber; denn die ersten Avancen, die man ihr machte, erwiderte sie mit Grüßen und mit Kußhänden. Oliva entsprach nach besten Kräften diesen liebenswürdigen Zuvorkommenheiten; sie bemerkte, daß die Unbekannte das Fenster nicht mehr verließ, und daß sie, immer aufmerksam, um entweder ein Lebewohl zu senden, wenn sie wegging, oder einen guten Morgen, wenn sie zurückkam, alle ihre Liebesfähigkeiten auf den Balcon Oliva's concentrirt zu haben schien. Auf einen solchen Zustand der Dinge mußte rasch ein Annäherungsversuch folgen. Man vernehme, was geschah. Als Cagliostro zwei Tage nachher zu Oliva kam, beklagte er sich über einen Besuch, der im Hotel von einer unbekannten Person gemacht worden sei. »Wie so?« fragte Oliva, ein wenig erröthend. »Ja,« erwiderte der Graf, »eine sehr hübsche, junge, elegante Dame ist erschienen und hat mit einem Bedienten gesprochen, den sie durch ihr beharrliches Läuten herbeigezogen. Sie fragte diesen Menschen, wer die junge Person sein möchte, die den Pavillon des dritten Stockes, Ihre Wohnung, meine Theure, inne hätte. Diese Frau bezeichnete sicherlich Sie. Sie wollte Sie sehen. Sie kennt Sie also; sie hat Absichten auf Sie; Sie sind also entdeckt. Nehmen Sie sich in Acht, die Policei hat weibliche Spione, wie männliche Agenten, und ich sage Ihnen zum Voraus, daß ich es Herrn von Crosne nicht abschlagen kann, Sie herauszugeben, wenn er Sie von mir fordert.« Statt zu erschrecken, erkannte Oliva schnell das Bild ihrer Nachbarin, sie wußte ihr unendlich Dank für ihre Zuvorkommenheit, und entschlossen, ihr dieß durch alle in ihrer Gewalt stehenden Mittel zu beweisen, verstellte sie sich vor dem Grafen. »Sie zittern nicht?« sagte Cagliostro. »Niemand hat mich gesehen,« erwiderte Nicole. »Also wollte man nicht Sie besuchen?« »Ich denke nicht.« »Doch um zu errathen, daß eine Frau in diesem Pavillon ... Ah! nehmen Sie sich in Acht, nehmen Sie sich in Acht.« »Ei! Herr Graf,« entgegnete Oliva, »wie könnte ich fürchten? Hat man mich gesehen, was ich nicht glaube, so wird man mich nicht mehr sehen, und wenn man mich sähe, so wäre es von fern, denn nicht wahr, das Haus ist undurchdringlich?« »Undurchdringlich, ganz richtig,« erwiderte der Graf, »denn wenn man nicht die Mauern erklettert, was nicht sehr bequem ist, oder die Eingangsthüre mit einem Schlüssel, wie der meinige, öffnet, was nicht leicht ist, insofern ich ihn nicht von mir lasse ...« Bei diesen Worten zeigte er den Schlüssel, der ihm zum Eintritt durch die hintere Thüre diente. »Da ich aber,« fuhr er fort, »da ich kein Interesse dabei habe, Sie in's Verderben zu stürzen, so werde ich den Schlüssel Niemand leihen, und da Ihnen kein Vortheil daraus erwüchse, wenn Sie Herrn von Crosne in die Hände fielen, so werden Sie Ihre Mauern nicht erklettern lassen. Sie sind also gewarnt, mein liebes Kind, richten Sie Ihre Sache so ein, wie es Ihnen beliebt.« Oliva ergoß sich in Betheurungen aller Art und beeilte sich, den Grafen zur Thüre hinauszubringen, was ihr nicht schwer wurde, da er nicht auf längerem Bleiben bestand. Am andern Morgen war sie von sechs Uhr an auf dem Balcon; sie athmete die reine Luft der benachbarten Hügel ein und schoß neugierige Blicke nach den geschlossenen Fenstern ihrer artigen Freundin. Diese, die gewöhnlich erst gegen elf Uhr erwachte, zeigte sich, sobald Oliva erschien. Es war sogar, als lauerte sie hinter den Vorhängen auf die Gelegenheit, sich sehen zu lassen. Die zwei Frauen grüßten sich, und Jeanne legte sich vor ihr Fenster hinaus und schaute nach allen Seiten, ob sie Jemand hören könnte. Niemand erschien. Nicht nur die Straße, sondern auch die Fenster der Häuser waren verlassen. Sie hielt nun ihre beiden Hände in Form eines Sprachrohrs vor ihren Mund und sagte mit einer vibrirenden und getragenen Betonung, welche kein Schreien ist, aber weiter geht, als der Schall der Stimme, zu Oliva: »Ich wollte Sie besuchen, Madame.« »St!« machte Oliva, indem sie erschrocken zurückwich. Und sie legte einen Finger auf ihre Lippen. Jeanne tauchte ihrerseits hinter ihre Vorhänge, im Glauben, es sei eine indiscrete Person zugegen; doch sogleich erschien sie wieder, beruhigt durch Nicole's Lächeln. »Man kann Sie also nicht besuchen?« fragte sie. »Leider nein!« antwortete Oliva mit der Geberde. »Warten Sie,« sagte Jeanne. »Kann man Briefe an Sie richten?« »Oh! nein,« rief Oliva erschrocken. Jeanne dachte einige Augenblicke nach. Oliva, um ihr für ihre zarte Theilnahme zu danken, sandte ihr einen reizenden Kuß zu, den Jeanne doppelt zurückgab, worauf sie ihr Fenster schloß und ausging. Oliva sagte sich, ihre Freundin habe ein neues Mittel gefunden, das Schaffen ihrer Einbildungskraft habe sich in ihrem letzten Blicke geoffenbart. Jeanne kehrte in der That nach zwei Stunden zurück; die Sonne strahlte in ihrer ganzen Kraft; das Pflaster der Straße glühte wie der Sand Spaniens während des Fuego. Oliva sah ihre Nachbarin an ihrem Fenster mit einer Armbrust erscheinen. Jeanne bedeutete ihr lachend durch ein Zeichen, sie möge auf die Seite treten. Oliva gehorchte wie ihre Gefährtin lachend, und flüchtete sich hinter ihren Laden. Jeanne zielte sorgfältig und schoß eine kleine bleierne Kugel ab, welche leider, statt über den Balcon zu fliegen, an einer der eisernen Stangen anprallte und auf die Straße fiel. Oliva stieß einen Schrei des Verdrusses aus. Jeanne zuckte zornig die Achseln, suchte einen Moment ihr Wurfgeschoß auf der Straße und verschwand dann auf einige Minuten. Oliva schaute, vorgebeugt, vom Balcon hinab; eine Art von Lumpensammler ging rechts und links suchend vorüber: sah er die Kugel in der Gosse oder sah er sie nicht? Oliva wußte es nicht; sie verbarg sich, um selbst nicht gesehen zu werden. Jeanne's zweiter Versuch war glücklicher. Ihre Armbrust schleuderte getreu über den Balcon in Nicole's Zimmer eine zweite Kugel, um welche ein in folgenden Worten abgefaßtes Billet gewickelt war: »Sie interessiren mich, schönste Dame. Ich finde Sie reizend und liebe Sie schon vom bloßen Sehen. Sie sind also eine Gefangene? Wissen Sie, daß ich einen vergeblichen Versuch gemacht habe Sie zu besuchen? Wird der Zauberer, der Sie mit scharfen Augen bewacht, je mich Ihnen nähern lassen, damit ich Ihnen sagen kann, welche Sympathie ich für ein armes Opfer der Männertyrannei empfinde? »Ich habe, wie Sie, die Einbildungskraft, um meinen Freundschaften zu dienen. Wollen Sie meine Freundin sein? Es scheint, Sie können nicht ausgehen; doch Sie können ohne Zweifel schreiben, und da ich ausgehe, wann ich will, warten Sie, bis ich unter Ihrem Balcon vorüberkomme, und werfen Sie mir Ihre Antwort zu. »Würde das Spiel mit der Armbrust gefährlich und man entdeckte es, so wählen wir ein Mittel, leichter zu correspondiren. Lassen Sie von Ihrem Balcon in der Abenddämmerung einen Knäuel Bindfaden herabhängen; befestigen Sie Ihr Billet daran, ich werde dann das meinige daran knüpfen, das Sie hinaufziehen können, ohne gesehen zu werden. »Bedenken Sie, daß ich, wenn Ihre Augen keine Lügner sind, ein wenig auf die Zuneigung zähle, die Sie mir eingeflößt haben, und daß wir Beide das Weltall besiegen werden, Ihre Freundin.« »P.S. Haben Sie Jemand mein erstes Billet aufheben sehen?« Jeanne unterzeichnete nicht; sie hatte sogar ihre Handschrift gänzlich verstellt. Oliva bebte vor Freude, als sie dieses Billet erhielt. Sie antwortete mit folgenden Zeilen: »Ich liebe Sie, wie Sie mich lieben. Ich bin in der That ein Opfer der Männerbosheit. Doch derjenige, welcher mich hier zurückhält, ist ein Beschützer und kein Tyrann. Er besucht mich insgeheim einmal des Tags. Ich erkläre Ihnen dieß Alles später. Das Heraufziehen des Billets am Ende eines Fadens ist mir lieber, als die Armbrust.« »Ach! nein, ich kann nicht ausgehen; ich bin unter Schloß und Riegel, doch das ist zu meinem Besten. Oh! wie viele Dinge hätte ich Ihnen zu sagen, wäre ich je so glücklich, mit Ihnen zu plaudern! Es gibt so viele Einzelnheiten, die man nicht schreiben kann.« »Ihr erstes Billet ist von Niemand aufgehoben worden außer vielleicht von einem schmutzigen Lumpensammler, der vorüberging, doch solche Leute können nicht lesen, und für sie ist Blei Blei« Ihre Freundin Oliva Legay .« Oliva unterzeichnete unbedenklich. Sie machte der Gräfin das Zeichen des Abwickelns eines Fadens. Sie wartete dann bis der Abend kam, und ließ den Knäuel auf die Straße hinabrollen. Jeaune war unter dem Balcon, ergriff den Faden und nahm das Billet ab, lauter Bewegungen, welche ihre Correspondentin an dem Faden, der als Leiter diente, bemerkte; dann kehrte sie in ihr Haus zurück, um zu lesen. Nach einer halben Stunde knüpfte sie an die beglückende Schnur ein Billet folgenden Inhalts: »Man thut Alles, was man will ... Sie werden nicht unablässig bewacht, da ich Sie immer allein sehe ... Sie müssen also alle Freiheit haben, die Leute zu empfangen, oder vielmehr selbst auszugeben. Wie wird Ihr Haus geschlossen? mit einem Schlüssel? Wer hat diesen Schlüssel? nicht wahr, der Mann, der Sie besucht? Bewacht er diesen Schlüssel so hartnäckig, daß Sie ihn nicht entwenden oder einen Abdruck davon nehmen können? ... Es handelt sich nicht darum, Böses zu thun, sondern Ihnen einige Stunden der Freiheit, süße Spaziergänge am Arm einer Freundin zu verschaffen, die Sie über all Ihr Unglück trösten und Ihnen mehr geben wird, als Sie verloren haben. Es handelt sich sogar, wenn Sie durchaus wollen, um vollständige Freiheit. Wir wollen diesen Gegenstand bei der ersten Zusammenkunft, die wir haben werden, in allen seinen Einzelnheiten verhandeln.« Oliva verschlang dieses Billet. Sie fühlte das Fieber der Unabhängigkeit zu ihrer Wange, die Wollust der verbotenen Frucht zu ihrem Herzen emporsteigen. Sie hatte bemerkt, daß der Graf, so oft er zu ihr eintrat, wobei er ihr bald ein Buch, bald einen Juwel brachte, seine Blendlaterne auf ein Arbeitstischen stellte und seinen Schlüssel aus die Laterne legte. Sie hielt zum Voraus ein Stück geknetetes Wachs bereit, womit sie den Abdruck seines Schlüssels bei dem ersten Besuche Cagliostro's nahm. Dieser wandte nicht ein einziges Mal den Kopf um; während sie diese Operation bewerkstelligte, schaute er auf dem Balcon die neu erschlossenen Blumen an. Oliva konnte also ohne Bangen ihr Vorhaben durchführen. Als der Graf weggegangen war, ließ Oliva in einer Schachtel den Abdruck des Schlüssels hinab, den Jeanne mit einem kleinen Billet empfing. Und schon am andern Tag gegen Mittag schleuderte die Armbrust, ein außerordentlich rasches Beförderungsmittel, das gegen die Korrespondenz mit dem Faden dasselbe war, was der Telegraph gegen den berittenen Curier ist, schleuderte, sagen wir, die Armbrust ein also abgefaßtes Billet: »Meine Theuerste, heute Abend um elf Uhr, wenn der Graf weggegangen sein wird, kommen Sie herab; Sie ziehen die Riegel zurück und befinden sich in den Armen derjenigen, welche sich nennt Ihre zärtliche Freundin.« Oliva bebte vor Freude stärker, als sie es je bei Gilberts zärtlichsten Billeten im Frühling der ersten Liebe und der ersten Rendezvous gethan. Sie ging um elf Uhr hinab, ohne daß sie irgend einen Argwohn bei dem Grafen bemerkt hatte. Sie fand unten Jeanne, die sie zärtlich in die Arme schloß, in einen auf dem Boulevard stehenden Wagen steigen ließ, und ganz betäubt, ganz bebend, ganz berauscht, machte sie mit ihrer Freundin eine Spazierfahrt von zwei Stunden, während welcher Geheimnisse, Küsse, Entwürfe für die Zukunft ohne Unterlaß zwischen den zwei Gefährtinnen ausgetauscht wurden. Jeanne rieth zuerst Oliva, nach Hause zurückzukehren, um keinen Verdacht bei ihrem Beschützer zu erregen. Sie hatte erfahren, daß dieser Beschützer Cagliostro war. Sie fürchtete den erhabenen Geist dieses Mannes und sah nur im tiefsten Geheimniß Sicherheit für ihre Pläne. Oliva hatte sich ohne Rückhalt erschlossen; Beausire, die Policei, sie hatte Alles gestanden. Jeanne gab sich für ein Fräulein aus, das ohne Wissen seiner Familie mit einem Geliebten lebe. Die Eine wußte Alles, die Andere wußte gar nichts; so war die beschworene Freundschaft zwischen diesen zwei Frauen beschaffen. Van diesem Tage an hatten sie weder Die Armbrust, noch den Faden mehr nöthig. Jeanne hatte ihren Schlüssel. Sie ließ Oliva nach ihrer Laune herabkommen. Ein feines Abendbrod, eine geheime Spazierfahrt waren die Köder, an denen sich Oliva immer fangen ließ. »Entdeckt Herr von Cagliostro nichts?« fragte Jeanne zuweilen ängstlich. »Er! wahrhaftig, wenn ich es ihm sagte, er würde es mir nicht glauben wollen,« erwiderte Oliva. Acht Tage machten aus diesen nächtlichen Entweichungen eine Gewohnheit, ein Bedürfniß und mehr noch, ein Vergnügen. Nach Verlauf von acht Tagen fand sich der Name von Jeanne noch viel öfter auf Oliva's Lippen, als je die Namen Gilbert und Beausire. LXIV. Rendezvous. Kaum war Herr von Charny auf seinen Gütern angekommen, kaum hatte er sich nach den ersten Besuchen in seine Wohnung eingeschlossen, als ihm der Arzt verordnete, Niemand mehr zu empfangen und das Zimmer zu hüten, was mit einer solchen Strenge ausgeführt wurde, daß nicht ein einziger Bewohner des Cantons den Helden des Seetreffens mehr erblickte, welches so viel Lärmen durch ganz Frankreich gemacht hatte, während alle junge Mädchen ihn zu sehen suchten, weil er anerkannt tapfer war und man ihn schön nannte. Charny war indessen nicht so krank an Körper, als man glaubte. Er hatte nur ein Uebel im Herzen und im Kopf, und guter Gott! welch ein Uebel ... einen scharfen und unablässigen, unbarmherzigen Schmerz, den Schmerz einer Erinnerung, welcher brannte, ein Sehnsuchtsschmerz, welcher zerriß. Die Liebe ist nur ein Heimweh: der Abwesende beweint ein ideales Paradies, statt ein materielles Vaterland zu beweinen. Herr von Charny hielt es nicht drei Tage aus. Wüthend, alle seine Träume durch die Unmöglichkeit entkräftet, durch den Raum vernichtet zu sehen, ließ er die von uns erwähnte Verordnung des Arztes den ganzen Canton durchlaufen; dann übertrug Olivier die Bewachung seiner Thüren einem erprobten Diener und ritt in der Nacht auf einem sehr sanften und sehr raschen Pferde fort. Nach acht Stunden war er in Versailles, wo er durch die Vermittelung seines Kammerdieners ein kleines Haus hinter, dem Park miethete. Dieses Haus, das seit dem tragischen Tod eines adeligen Jägermeisters, der sich den Hals abgeschnitten, verlassen war, sagte Charny vortrefflich zu, denn er wollte sich hier mehr verbergen, als auf seinen Gütern. Er war anständig ausgestattet, hatte zwei Thüren, von denen die eine auf eine öde Straße, die andere auf die Rundallee des Parkes ging, und von den Fenstern gegen Süden konnte Charny in die Hagenbuchenalleen schauen, denn die Fenster, deren Läden sich umgeben von Weinreben und Epheu öffneten, waren nur Thüren eines, für Jeden, der in den königlichen Park hätte springen wollen, etwas erhabenen Erdgeschosses. Diese damals schon sehr seltene Nachbarschaft war das Privilegium, das man einem Jagdaufseher gegeben hatte, damit er ohne Mühe das Damwild und die Fasanen Seiner Majestät bewachen konnte. Man stellte sich, wenn man nur diese heiter von einem kräftigen Grün umrahmten Fenster sah, den schwermüthigen Jägermeister vor, wie er sich an einem Herbstabend mit den Ellbogen auf das mittlere Fenster stützte, während die Hirschkühe ihre schlanken Beine auf dem dürren Laub krachen ließen und auf dem von Bäumen umschlossenen Rasen unter einem falben Strahl der untergehenden Sonne spielten. Diese Einsamkeit gefiel Charny vor allem Anderen. Ob dieß Liebe für die Landschaft war, werden wir bald sehen. Sobald er eingerichtet, sobald Alles gut verschlossen war und sein Bedienter die ehrerbietige Neugierde der Nachbarschaft getilgt hatte, fing Charny, vergessen wie er vergaß, ein Leben an, das schon in der Idee, Jeden beben machen wird, welcher in seinem Erdenwallen geliebt oder von Liebe sprechen gehört hat. In weniger als vierzehn Tagen kannte er alle Gewohnheiten des Schlosses, wie der Wachen, er kannte die Stunden, zu denen der Vogel aus den Lachen trinkt, zu denen der scheue Damhirsch den scheuen Kopf vorstreckend vorüberzieht. Er wußte die guten Augenblicke der Stille, die Stunden der Spaziergänge der Königin oder ihrer Damen, den Augenblick der Runden; er lebte mit einem Wort von fern mit denjenigen, welche in diesem Trianon, dem Tempel seiner wahnsinnigen Anbetungen, lebten. Da die Jahreszeit schön war, da die milden, duftenden Nächte seinen Augen mehr Freiheit und seiner Seele mehr unbestimmte Träumerei gaben, so brachte er einen Theil derselben unter den Jasminen seines Fensters zu, lauschte auf die entfernten Geräusche, welche vom Palast kamen, und folgte durch die Oeffnungen im Blätterwerk dem Spiel der bis zur Stunde des Schlafengehens in Bewegung gesetzten Lichter. Bald genügte ihm das Fenster nicht mehr. Er war zu entfernt von diesem Geräusch und diesen Lichtern. Sicher, zu dieser Stunde Niemand zu begegnen, nicht Hunden, nicht Wachen, sprang er von seinem Hause auf den Rasen hinab und suchte die köstliche, die gefährliche Wollust, bis an den Saum des Gehölzes zu gehen, auf die Grenze, welche den dichten Schatten vom glänzenden Mondschein trennt, um von da die Silhouetten zu befragen, welche schwarz und bleich hinter den weißen Vorhängen der Konigin hinzogen. Auf diese Art sah er sie alle Tage, ohne daß sie es wußte. Er erkannte sie auf eine Viertelmeile, wenn sie, mit ihren Damen oder mit einem ihr befreundeten Cavalier wandelnd, mit ihrem chinesischen Sonnenschirm spielte, der ihren großen, mit Blumen verzierten Hut beschützte. Kein Gang, keine Haltung konnte ihn täuschen. Er wußte alle Kleider der Königin auswendig und errieth mitten unter den Blättern den großen grünen Ueberwurf mit schwarzen moirirten Bändern, den sie durch eine keusch verführerische Körperbewegung wogen ließ. Und wenn die Erscheinung verschwunden war, wenn der Abend, die Spaziergänger vertreibend, ihm gestattet hatte, bis zu den Statuen des Säulenganges die letzten Schwingungen dieses geliebten Schattens zu belauern, kam Charny zu seinem Fenster zurück, betrachtete von fern durch eine Oeffnung, die er im Walde zu machen gewußt hatte, das glänzende Licht an den Fenstern der Königin, hernach das Verschwinden dieses Lichtes, dann lebte er von der Erinnerung und der Hoffnung, wie er von der Bewegung und der Bewunderung gelebt hatte. Eines Abends, als er nach Hause zurückgekehrt war, als er zwei Stunden mit seinem letzten Lebewohl an die abwesenden Schatten zugebracht hatte, als der von den Sternen fallende Thau seine weißen Perlen auf den Epheublättern zu destilliren anfing, war Charny im Begriff, sein Fenster zu verlassen und sich zu Bette zu begeben; da klirrte das Geräusch eines Schlosses schüchtern an sein Ohr, er kehrte auf seinen Beobachtungsposten zurück und horchte. Die Stunde war vorgerückt, es schlug Mitternacht in den von Versailles entferntesten Kirchspielen. Charny wunderte sich, daß er ein Geräusch hörte, an das er nicht gewöhnt war. Dieses widerspenstige Schloß war das eines Pförtchens vom Park, ungefähr fünf und zwanzig Schritte vom Hause Oliviers, das nie geöffnet wurde, außer etwa an großen Jagdtagen, um die Wildpretkörbe durchzulassen. Charny bemerkte, daß diejenigen, welche öffneten, nicht sprachen; sie schlossen wieder und traten in die Allee, die sich unter den Fenstern seines Hauses vorbeizog. Die Baumstämme und die hängenden Weinreben verkleideten Mauern und Läden stark genug dadurch, daß man sie im Vorübergehen nicht genau erblickte. Ueberdieß bückten die Gehenden ihre Köpfe und beschleunigten ihre Schritte. Charny sah sie verworren im Schatten. Nur erkannte er am Rauschen der flatternden Röcke zwei Frauen, deren seidene Mantillen an den Zweigen hinstreiften. Diese Frauen wurden, indem sie sich um die große, dem Fenster Charny's gegenüber liegende Allee wandten, vom freisten Mondstrahl umhüllt, und Charny hätte beinahe einen Schrei freudigen Erstaunens ausgestoßen, als er die Haltung und den Kopfputz von Marie Antoinette, sowie den untern Theil ihres Gesichtes trotz des düsteren Reflexes vom Hutschild erkannte. Sie hielt eine schöne Rose in der Hand. Mit bebendem Herzen glitt Charny von seinem Fenster herab in den Park. Er lief auf dem Grase, um kein Geräusch zu machen, verbarg sich dabei hinter den dicksten Bäumen, und folgte mit dem Blick den zwei Frauen, welche jede Minute langsamer gingen. Was solle er thun? Die Königin hatte eine Begleiterin; sie lief keine Gefahr. Oh! warum war sie nicht allein! er hätte den Foltern getrotzt, um sich ihr zu nähern und auf den Knieen zu ihr zu lagen: Ich liebe Sie! Oh! warum war sie nicht von einer ungeheuren Gefahr bedroht! er hätte sein Leben hingeworfen, um dieses kostbare Leben zu retten. Während er, tausend tolle Zärtlichkeiten träumend, an dieß Alles dachte, standen die zwei Wandlerinnen plötzlich stille: die Eine, die Kleinere, sagte ein paar Worte zu ihrer Gefährtin und verließ sie. Die Königin blieb allein; man sah die andere Dame ihren Gang gegen ein Ziel beschleunigen, das Charny noch nicht errieth. Die Königin, welche mit ihrem kleinen Fuß auf den Sand klopfte, lehnte sich an einen Baum an und hüllte sich so in ihre Mantille, daß sie sogar den Kopf mit der Caputze bedeckte, welche einen Augenblick zuvor in weiten seidenen Falten auf ihren Schultern wogte. Als Charny sie allein und so träumerisch sah, machte er einen Sprung, als wollte er ihr zu Füßen fallen. Doch er überlegte, daß wenigstens dreißig Schritte ihn von ihr trennten, daß sie ihn, ehe er diese dreißig Schritte zurückgelegt, sehen und, wenn sie ihn nicht erkannte, Angst bekommen, daß sie schreien oder entfliehen würde, daß ihr Geschrei zuerst ihre Gefährtin und dann einige Wachen herbeiziehen müßte; daß man den Park durchsuchen, mindestens den Indiscreten, vielleicht aber auch den Zufluchtsort entdecken würde, und daß es dann um das Geheimniß, um das Glück und die Liebe geschehen wäre. Er wußte sich zurückzuhalten und that wohl daran. Denn kaum hatte er diesen unwiderstehlichen Ausbruch bewältigt, als die Gefährtin der Königin wiedererschien und nicht allein zurückkam. Charny sah zwei Schritte hinter ihr einen Mann von schöner Gestalt, begraben unter einem breiten Hut, verloren unter einem weiten Mantel, gehen. Dieser Mann, der Herrn von Charny vor Haß und Eifersucht zittern machte, schritt nicht wie ein Triumphator einher. Er schwankte, schleppte den Fuß mit Zögern und schien tappend in der Nacht zu gehen, als hätte er nicht die Gefährtin der Königin zur Führerin und die Königin selbst, weiß und aufrecht unter ihrem Baume stehend, zum Ziel gehabt. Sobald er Marie Antoinette erblickte, wurde das Zittern das Charny an ihm bemerkt hatte, nur noch stärker. Der Unbekannte zog seinen Hut ab und fegte damit gleichsam den Boden. Er schritt weiter. Charny sah ihn in den dichten Schatten eintreten; er verbeugte sich tief und zu wiederholten Malen. Charny's Staunen hatte sich indessen in starre Verwunderung verwandelt. Von der Verwunderung sollte er bald zu einer andern Gemüthsbewegung übergehen. Was wollte die Königin im Park zu einer so vorgerückten Stunde? Was wollte dieser Mann? Warum hatte er verborgen gewartet? Warum hatte ihn die Königin durch ihre Begleiterin holen lassen, statt selbst zu ihm zu gehen? Charny hätte beinahe den Kopf verloren. Er erinnerte sich indessen, daß sich die Königin mit geheimnißvoller Politik beschäftigte, daß sie oft Intriguen mit den deutschen Höfen anknüpfte, Verbindungen, auf welche der König eifersüchtig war und die er streng verbot. Vielleicht war dieser mysteriöse Cavalier ein Curier aus Berlin oder Schönbrunn, ein adeliger Herr, der eine geheime Botschaft überbrachte, eine jener deutschen Figuren, wie Ludwig XVI keine mehr in Versailles sehen wollte, seitdem der Kaiser Joseph II. sich erlaubt hatte, in Frankreich einen Cursus der Philosophie und der kritischen Politik zum Nutzen seines Schwagers, des allerchristlichsten Königs, zu halten. Der Eisbinde ähnlich, welche der Arzt auf eine vom Fieber glühende Stirne legt, erquickte diese Idee Olivier, den armen Olivier, gab ihm den Verstand wieder und beschwichtigte das Delirium seines ersten Zornes. Die Königin beobachtete übrigens eine Haltung voll Anstand und sogar voll Würde. Drei Schritte entfernt stehend, unruhig, aufmerksam, lauernd, wie die Freundinnen oder die Duennen bei Watteau'schen parties carées , störte die Begleiterin durch ihre diensteifrige Angst Herrn von Charny in seinem ganz keuschen Visiren. Doch es ist ebenso gefährlich, bei politischen Rendezvous ertappt zu werden, als es beschämend ist, bei Liebesrendezvous ertappt zu werden. Und nichts gleicht mehr einem Verliebten, als ein Verschwörer. Beide haben denselben Mantel, dieselbe Empfindlichkeit des Ohrs, dieselbe Unsicherheit der Beine. Charny hatte nicht viel Zeit, diesen Betrachtungen nachzuhängen. Die Begleiterin verließ ihre Stellung und durchbrach das Gespräch. Der Cavalier machte eine Bewegung, als wollte er sich niederwerfen; er erhielt ohne Zweifel seinen Abschied nach der Audienz. Charny versteckte sich hinter einem dicken Baum. Sicherlich mußte die Gruppe, indem sie sich trennte, theilweise an ihm vorüberkommen. Seinen Athem zurückhalten, die Gnomen und Sylphen bitten, daß sie alle Echos der Erde und des Himmels unterdrücken möchten, dieß war das Einzige, was ihm zu thun übrig blieb. In diesem Augenblick glaubte er einen Gegenstand von heller Nuance an der königlichen Mantille hinabgleiten zu sehen; der Cavalier verbeugte sich lebhaft bis zum Grase, erhob sich dann wieder mit einer ehrfurchtsvollen Bewegung und entfloh, denn die Geschwindigkeit seines Abgangs ließ sich unmöglich anders bezeichnen. Doch er wurde in seinem Laufe von der Begleiterin der Königin aufgehalten, die ihn mit einem kurzen Schrei zurückrief und ihm, als er angehalten hatte, mit halber Stimme das Wort zuwarf: »Warten Siel« Es war ein sehr gehorsamer Kavalier, denn er blieb auf der Stelle stehen und wartete. Charny sah nun die zwei Frauen, Arm in Arm, zwei Schritte von seinem Verstecke vorübergehen; die durch den Rock der Königin bewegte Luft machte die Pflanzenstiele des Rasens beinahe unter Charny's Händen wogen. Er fühlte den Wohlgeruch, den er bei der Königin anzubeten gewohnt war: Eisenkraut und Reseda vermischt – eine doppelte Trunkenheit für seine Sinne und seine Erinnerung. Die Frauen gingen vorüber und verschwanden. Dann, nach einigen Minuten, kam der Unbekannte, um den sich der junge Mann während des ganzen Ganges der Königin bis zur Thüre nicht mehr bekümmert hatte: er küßte mit Leidenschaft, mit Wahnsinn eine ganz frische, balsamische Rose, welche sicherlich diejenige war, deren Schönheit Charny bemerkt hatte, als die Königin in den Park eintrat, und die er so eben den Händen seiner Fürstin hatte entfallen sehen. Eine Rose, ein Kuß auf diese Rose! Handelte es sich um Botschaft und Staatsgeheimnisse? Charny wäre beinahe von Sinnen gekommen. Er war im Begriff, auf diesen Menschen loszustürzen und ihm die Blume zu entreißen, als die Begleiterin der Königin wiedererschien und dem Unbekannten zurief: »Kommen Sie, Monseigneur.« Charny glaubte, ein Prinz von Geblüt sei gegenwärtig, und lehnte sich an einen Baum, um nicht halb todt auf den Rasen zu sinken. Der Unbekannte eilte auf die Seite, woher die Stimme kam, und verschwand mit der Dame. LXV. Die Hand der Königin. Als Charny, von diesem furchtbaren Schlag ganz zermalmt, in seine Wohnung zurückgekehrt war, fand er keine Kräfte mehr gegen das neue Unglück, das ihn traf. So hatte ihn die Vorsehung nach Versailles zurückgeführt, ihm dieses kostbare Versteck gegeben, einzig und allein, um seiner Eifersucht zu dienen und ihn auf die Spur eines Verbrechens zu leiten, das die Königin mit Hintansetzung aller ehelichen Redlichkeit, aller königlichen Würde, aller Liebestreue beging. Es ließ sich nicht bezweifeln, der auf solche Art im Park empfangene Mann war ein neuer Liebhaber. Im Fieber der Nacht, im Delirium seiner Verzweiflung suchte sich Charny vergebens zu überreden, der Mann, der die Rose erhalten, sei ein Botschafter, und die Rose sei nur ein Pfand geheimer Uebereinkunft, bestimmt, einen allzu gefährdenden Brief zu ersetzen. Nichts konnte gegen den Verdacht die Oberhand gewinnen. Es blieb dem armen Olivier nichts mehr übrig, als sein eigenes Benehmen zu prüfen und sich zu fragen, warum er sich in Gegenwart eines solchen Unglücks so durchaus leidend verhalten habe. Mit ein wenig Nachdenken war nichts leichter, als den Instinct zu begreifen, der diese Passivität geboten hatte. In den heftigsten Crisen des Lebens springt die Handlung augenblicklich aus dem Grunde der menschlichen Natur hervor, und dieser Instinct, der den Impuls gegeben hat, ist nichts Anderes, als eine Zusammensetzung der Gewohnheit und der Ueberlegung auf ihren höchsten Grad von Geschwindigkeit und Bequemlichkeit getrieben. Hatte Charny nicht gehandelt, so war dieß der Fall, weil ihn die Angelegenheiten der Fürstin nichts angingen, weil er, seine Neugierde zeigend, seine Liebe zeigte, weil er die Königin compromittirend, sich selbst verneth, und der beiderseitige Verrath eine schlechte Stellung bei Verräthern ist, die man überweisen will. Hatte er nicht gehandelt, so war dieß der Fall, weil er, um einen mit dem königlichen Vertrauen geehrten Mann anzugehen, Gefahr laufen mußte, in einen gehässigen, widerlichen Streit, in eine Art von Hinterhalt zu gerathen, was die Königin nie verziehen hätte. Das Wort Monseigneur, das die gefällige Begleiterin zuletzt hingeschleudert, war ferner gleichsam eine heilsame, wenn auch späte Warnung, welche Charny, indem sie ihm gerade in seiner größten Wuth die Augen öffnete, gerettet hatte. Was wäre aus ihm geworden, wenn er, den Degen gegen diesen Mann in der Hand, ihn hätte Monseigneur nennen hören? Und welches Gewicht bekam nicht sein Fehler, indem er von einer so großen Höhe herabfiel? Dieß waren die Gedanken, welche Charny während der ganzen Nacht und der ersten Hälfte des folgenden Tages in Anspruch nahmen. Sobald die Mittagsstunde geschlagen hatte, war der vorhergehende Tag nichts mehr für ihn. Es blieb nur noch die fieberhafte, verzehrende Erwartung der kommenden Nacht, während welcher vielleicht andere Offenbarungen erscheinen konnten. Mit welcher Bangigkeit stellte sich der arme Charny an das Fenster, das der einzige Aufenthalt, der unüberschreitbare Rahmen seines Lebens geworden war! Betrachtete man ihn unter den Weinranken, hinter den im Laden angebrachten Löchern, denn er befürchtete, sehen zu lassen, daß dieses Haus bewohnt war, betrachtete man ihn in diesem Viereck von Eichenholz und grünem Laubwerk, hätte man nicht glauben sollen, er wäre eines von den alten Porträts, verborgen unter den Vorhängen, welche den Ahnen in den alten Herrenhäusern die fromme Sorge der Familien zuwirft? Der Abend kam und brachte unserem glühenden Späher die düsteren Wünsche und die tollen Gedanken. Die gewöhnlichen Geräusche schienen ihm neue Bedeutungen zu haben. Er erblickte in der Ferne die Königin, welche mit einigen Fackeln, die man ihr vorantrug, über die Freitreppe schritt. Die Haltung der Königin kam ihm nachdenkend, unsicher, ganz bewegt von der Aufregung der Nacht vor. Allmälig erloschen alle Lichter vom Dienste. Der Park füllte sich mit Stillschweigen und Kühle. Sollte man nicht glauben, die Bäume, welche sich bei Tage anstrengen, zu strotzen, um den Blicken zu gefallen und die Vorübergehenden zu liebkosen, arbeiten in der Nacht, wenn Niemand sie sieht und Niemand sie berührt, an her Wiederherstellung ihrer Frische, ihrer Wohlgerüche und ihrer Geschmeidigkeit? Die Bäume und die Pflanzen schlafen in der That wie wir. Charny hatte die Stunde des Rendezvous der Königin wohl behalten. Es schlug Mitternacht. Charny's Herz wäre bald in seiner Brust gebrochen. Er drückte sein Fleisch an das Geländer des Fensters, um die Schläge zu ersticken, welche laut und geräuschvoll wurden. »Bald,« sagte er zu sich selbst, »bald wird die Thüre sich öffnen, werden die Riegel klirren.« Nichts störte den Frieden des Gehölzes. Charny wunderte sich dann, daß er zum ersten Mal daran dachte, zwei Tage hinter einander fallen dieselben Ereignisse nicht vor; nichts sei verbindlich in dieser Liebe, außer die Liebe selbst, und diejenigen seien sehr unklug, welche, so starke Gewohnheiten annehmend, nicht zwei Tage hinbringen könnten, ohne sich zu sehen. »Ein gewagtes Geheimniß,« dachte Charny, »wenn sich die Tollheit darein mischt.« Ja, es war eine unbestreitbare Wahrheit, die Königin würde am zweiten Tag die Unvorsichtigkeit vom vorhergehenden nicht wiederholen. Plötzlich klirrten die Riegel und die kleine Thüre wurde geöffnet. Todesblässe überströmte Oliviers Wangen, als er die zwei Damen in der Kleidung der vorhergehenden Nacht erblickte. »Wie muß sie verliebt sein!« murmelte er. Die zwei Damen machten dasselbe Manöver, das sie an Tage vorher gemacht hatten, und gingen rasch unter Charny's Fenstern vorüber. Er sprang wie am vorhergehenden Tage hinab, so bald sie fern genug waren, daß sie ihn nicht mehr hören konnten, und während er hinter jedem ein wenig dicken Baum ging, schwur er sich, klug, stark, unempfindlich zu sein; nicht zu vergessen, daß er der Unterthan war und sie die Königin; er ein Mann, das heißt zur Ehrfurcht verbunden, sie eine Frau, das heißt berechtigt, Rücksichten zu verlangen. Und da er seinem ungestümen, stets zum Ausbruch geneigten Character mißtraute, so warf er seinen Degen hinter einen Holderbusch, der einen Kastanienbaum umgab. Mittlerweile waren die zwei Damen zu demselben Ort wie am Tage zuvor gelangt. Ebenfalls wie am vorhergehenden Tage, erkannte Charny die Königin, und diese umhüllte ihre Stirne mit ihrer Caputze, während die diensteifrige Freundin den Unbekannten, den man Monseigneur nannte, aus seinem Versteck holte. Dieses Versteck, was war es? das fragte sich Charny. Wohl lag in der Richtung, welche die Gefällige nahm, der Saal der Apollo-Bäder, beschützt von den hohen Hagebuchen und dem Schatten seiner marmornen Piaster; doch wie konnte sich der Unbekannte hier verbergen? wo kam er herein? Charny erinnerte sich, daß auf dieser Seite des Parks eine kleine Thüre vorhanden war, ähnlich der, welche die Damen öffneten, um zum Rendezvous zu kommen. Der Unbekannte hatte ohne Zweifel einen Schlüssel zu dieser Thüre. Er schlüpfte hier durch bis zu den Apollo-Bädern und wartete, bis man ihn holte. Alles war auf diese Art festgestellt; dann entfloh Monseigneur durch dieselbe Thüre nach seiner Unterredung mit der Königin. Charny erblickte nach einigen Minuten den Mantel und den Hut, wie er es am Tage vorher gesehen hatte. Dießmal ging der Unbekannte auf die Königin nicht mehr mit der ehrfurchtsvollen Zurückhaltung zu; er kam mit großen Schritten, ohne daß er zu laufen wagte, doch fehlte nicht viel dazu. An ihren großen Baum angelehnt, setzte sich die Königin auf den Mantel, den dieser moderne Raleigh für sie ausbreitete, und während die wachsame Freundin, wie am Tage vorher, lauerte, kniete der verliebte Herr auf das Moos nieder und fing an mit einer leidenschaftlichen Geschwindigkeit zu reden. Einer verliebten Schwermuth preisgegeben, neigte die Königin das Haupt. Charny hörte die Worte des Cavaliers nicht, aber die Melodie. Die Rede hatte das Gepräge der Poesie und Liebe. Jede der Betonungen ließ sich in eine glühende Betheurung übersetzen. Die Königin antwortete nichts. Der Unbekannte verdoppelte indessen die Liebkosung seiner Reden; zuweilen kam es Charny, dem unglückseligen Charny, vor, als sollte das Wort, in jenes harmonische Schauern gehüllt, verständlich werden, und dann wäre er vor Wuth und Eifersucht gestorben. Doch nichts, nichts. In dem Augenblick, wo die Stimme sich aufklärte, zwang eine bezeichnende Geberde der horchenden Begleiterin den leidenschaftlichen Redner, den Klang seiner Elegie zu dämpfen. Die Königin beobachtete ein hartnäckiges Stillschweigen. Bitten auf Bitten häufend, was Charny aus der vibrirenden Melodie seiner Tonbiegungen errieth, erhielt der Andere nur die süße Einwilligung des Stillschweigens, eine ungenügende Gunst für die glühenden Lippen, welche die Liebe zu trinken angefangen haben. Doch plötzlich entschlüpften der Königin ein paar Worte. Man muß es wenigstens glauben. Sehr unterdrückte, sehr erstickte Worte, da der Unbekannte allein sie vernommen hatte; doch kaum hatte er sie vernommen, als er im Uebermaß seines Entzückens, so daß er sich selbst hörbar machte, ausrief: »Dank, o meinen Dank, süße Majestät! Morgen also?« Die Königin verbarg ihr schon so gut verborgenes Gesicht vollends gänzlich. Charny fühlte einen eisigen Schweiß, den Todesschweiß, langsam in schweren Tropfen von seinen Schläfen herabfließen. Der Unbekannte hatte die beiden Hände der Königin gegen sich ausstrecken sehen. Er nahm sie in die seinigen und drückte einen so langen und zärtlichen Kuß darauf, daß Charny während seiner Dauer den Schmerz aller Martern kennen lernte, welche die wilde Menschheit den höllischen Barbareien gestohlen hat. Als dieser Kuß gegeben war, erhob sich die Königin rasch und ergriff den Arm ihrer Gefährtin. Beide entflohen, wie am Tage vorher, an Charny vorüber. Der Unbekannte entfloh ebenfalls, und Charny, der den Boden nicht hatte verlassen können, an den ihn die Lähmung eines unsäglichen Schmerzes gefesselt hielt, vernahm unbestimmt das gleichzeitige Geräusch zweier Thüren, die man wieder schloß. Wir werden es nicht versuchen, die Lage zu schildern, in der sich Charny nach dieser gräßlichen Entdeckung befand. Die Nacht verging für ihn in wüthenden Gängen durch den Park, durch die Alleen, denen er in Verzweiflung ihre strafbare Mitschuld zum Vorwurf machte. Einige Stunden lang wahnsinnig, fand Charny seine Vernunft erst wieder, als er in seinem blinden Lauf an den Degen stieß, den er weggeworfen hatte, um nicht in Versuchung zu gerathen, sich desselben zu bedienen. Diese Klinge, die ihm zwischen die Beine kam und seinen Fall verursachte, rief ihn plötzlich zum Gefühl seiner Stärke wie seiner Würde zurück. Ein Mann, der einen Degen in seiner Faust fühlt, kann, wenn er noch wahnwitzig ist, nur entweder sich selbst oder seinen Beleidiger damit durchbohren; er hat kein Recht mehr, schwach oder furchtsam zu sein. Charny wurde wieder, was er immer war, ein starker Geist, ein kräftiger Körper. Er unterbrach seine wahnsinnigen Läufe, bei denen er an die Bäume anrannte, und ging gerade und schweigsam in die noch von den Tritten der zwei Frauen und des Unbekannten durchfurchte Allee. Er wollte den Platz besuchen, wo die Königin gesessen hatte. Die noch niedergedrückten Moose enthüllten ihm sein Unglück und das Glück eines Andern. Statt zu seufzen, statt die Dünste des Zorns abermals in sein Gehirn aufsteigen zu lassen, dachte Olivier über die Natur dieser verborgenen Liebe und über den Rang der Person nach, die dieselbe einflößte. Er untersuchte die Tritte dieses vornehmen Herrn mit derselben Aufmerksamkeit, womit er bei Untersuchung der Fährte eines wilden Thieres zu Werke gegangen wäre. Er erkannte die Thüre hinter den Apollo-Bädern, Er sah, indem er die Mauerkappe erkletterte, Eindrücke von Pferdehufen und eine Verheerung im Grase. »Er kommt von dort her! Er kommt nicht von Versailles, sondern von Paris,« dachte Olivier. »Er kommt allein, und morgen wird er wieder kommen, da man ihm gesagt hat: Morgen. »Bis dahin will ich schweigend, nicht mehr die Thränen, die meinem Auge entfließen, sondern das Blut, das in Wellen aus meinem Herzen strömt, verschlucken. »Morgen wird der letzte Tag meines Lebens sein, sonst bin ich ein Feigling und habe nie geliebt. »Sachte, sachte,« sprach er, indem er sanft an sein Herz klopfte, wie der Reiter seinem Pferde, das in Hitze geräth, auf den Hals klopft, »Ruhe, Stärke, da die Prüfung noch nicht beendigt ist.« Nach diesen Worten schaute er zum letzten Male umher und wandte die Augen vom Schlosse ab, indem er das Fenster der treulosen Königin beleuchtet zu sehen fürchtete; denn dieses Licht wäre eine Lüge, ein neuer Flecken gewesen. »Bedeutet nicht in der That ein beleuchtetes Fenster ein bewohntes Zimmer? und warum so lügen, wenn man das Recht der Unverschämtheit und der Ehrlosigkeit besitzt, wenn man eine so geringe Entfernung zwischen der verborgenen Schande und dem öffentlichen Aergerniß zurückzulegen hat?« Das Fenster der Königin war erleuchtet. »Glauben zu machen, sie sei zu Hause, während sie in Gesellschaft eines Liebhabers im Parke umherläuft! Wahrhaftig, das ist ganz vergebliche Keuschheit!« sagte Charny, der seine Worte mit einer bittern Ironie abstieß. »Sie ist zu gut, diese Königin, daß sie sich so gegen uns verstellt. Allerdings fürchtet sie vielleicht, ihren Gemahl zu ärgern.« Charny drückte sich nun die Nägel in's Fleisch und schlug mit gemessenen Schritten wieder den Weg nach seinem Hause ein. »Sie haben gesagt: Morgen,« fügte er bei, nachdem er über den Balcon geschritten war. »Ja, morgen! ... für alle Welt, denn morgen werden wir zu vier beim Rendezvous sein, Madame!«   LXVI. Frau und Königin. Der andere Tag brachte dieselben Verlegenheiten, dieselben Leiden herbei. Die Thüre öffnete sich beim letzten Schlage der zwölften Stunde. Die zwei Frauen erschienen. Es war, wie in den arabischen Mährchen, die Beharrlichkeit der Genien, welche den Talismanen zu bestimmter Stunde gehorchten. Charny hatte alle seine Entschlüsse gefaßt; er wollte an diesem Abend den glücklichen Mann erforschen, den die Königin begünstigte. Getreu seinen Gewohnheiten, obgleich diese bei ihm nicht verkörpert waren, schritt er, sich hinter den Bäumen verbergend, weiter; doch als er die Stelle erreicht, wo seit zwei Tagen die Liebenden zusammengetroffen waren, fand er hier Niemand. Die Gefährtin der Königin zog Ihre Majestät gegen die Apollo-Bäder fort. Eine furchtbare Angst, ein ganz neues Leiden schmetterte Charny nieder. In seiner unschuldigen Redlichkeit hatte er sich nicht eingebildet, daß das Verbrechen so weit gehen könnte. Lächelnd und kichernd ging die Königin auf das dunkle Asyl zu, auf dessen Schwelle der unbekannte Herr sie mit offenen Armen erwartete. Sie trat, ebenfalls die Arme ausstreckend, ein. Das eiserne Gitter schloß sich hinter ihr. Die Gefährtin blieb außen und lehnte sich an eine ganz zerbröckelte, von Blätterwerk umgebene Halblaute an. Charny hatte seine Kräfte schlecht berechnet. Sie vermochten einem solchen Schlage nicht zu widerstehen. In dem Augenblick, wo er in seiner Wuth sich auf die Vertraute der Königin stürzen wollte, um sie zu entlarven, zu erkennen, mit Schmähungen zu überhäufen, vielleicht sogar zu erdrosseln, floß das Blut wie ein siedender Strom nach seinen Schläfen, nach seinem Halse und erstickte ihn. Er fiel auf die Moose nieder und röchelte einen Seufzer, welcher eine Stunde lang die Ruhe der vor den Thüren der Apollo-Bäder aufgestellten Schildwache stören sollte. Eine innere Blutung, verursacht durch seine Wunde, die sich wieder geöffnet hatte, erstickte ihn. Charny wurde durch die Kälte des Thaus, durch die Feuchtigkeit der Erde, durch den lebhaften Eindruck seines eigenen Schmerzes in's Leben zurückgerufen. Er erhob sich strauchelnd, erkannte die Oertlichkeit, seine Lage, erinnerte sich und suchte. Die Schildwache war verschwunden, kein Geräusch machte sich hörbar. Es schlug zwei Uhr auf einem Kirchturme von Versailles, und dieß belehrte ihn, daß seine Ohnmacht lange gedauert habe. Ohne allen Zweifel hatte die gräßliche Vision verschwinden müssen: Königin, Liebhaber, Begleiterin hatten Zeit gehabt, zu fliehen. Charny konnte sich hievon überzeugen, indem er über die Mauer schaute und die frischen Spuren des Abgangs eines Reiters erblickte. Diese Spuren und die Brüche einiger Zweige in der Umgegend der Apollo-Bäder bildeten das ganze Beweismittel des armen Charny. Die Nacht war ein langes Delirium. Am Morgen hatte er sich nicht beruhigt. Bleich wie ein Todter, um zehn Jahre gealtert, rief er seinen Kammerdiener und ließ sich in schwarzen Sammet kleiden, wie ein reicher Civilist. Düster, stumm, alle seine Schmerzen verschluckend, ging er nach dem Schlosse Trianon in dem Augenblick, wo die Wache abgelöst worden war, das heißt gegen zehn Uhr. Die Königin trat aus der Capelle, wo sie die Messe gehört hatte. Auf ihrem Wege neigten sich ehrfurchtsvoll die Köpfe und die Degen. Charny sah einige Frauen roth vor Aerger, weil sie fanden, daß die Königin schön war. Schön in der That, mit ihren schönen, auf den Schläfen emporgehaltenen Haaren, ihrem Gesichte mit den zarten Zügen, ihrem lächelnden Munde, ihren ermüdeten, aber von einer sanften Klarheit glänzenden Augen. Plötzlich erblickte sie Charny am Ende der Reihe. Sie erröthete und gab einen Ausruf des Erstaunens von sich. Charny bückte den Kopf nicht. Ei schaute fortwährend diese Königin an, in deren Blick er ein neues Unglück las. Sie kam auf ihn zu und sagte mit strengem Tone: »Ich glaubte, Sie wären auf Ihren Gütern, Herr von Charny?« »Ich bin von dort zurückgekehrt, Madame,« erwiderte er mit kurzem, beinahe unhöflichem Ausdruck. Sie blieb erstaunt stehen, da ihr nie eine Nuance entging. Nach diesem Austausch von Blicken und beinahe feindlichen Worten wandte sie sich gegen die Frauen. »Guten Morgen, Gräfin,« sagte sie freundschaftlich zu Frau von La Mothe. Und sie blinzelte ihr ganz vertraulich mit den Augen zu. Charny bebte. Er schaute aufmerksamer. Unruhig über dieses, eine Absichtlichkeit verrathende Anschauen wandte Frau von La Mothe den Kopf ab. Charny folgte ihr wie ein Verrückter, bis sie ihm noch einmal ihr Gesicht gezeigt hatte. Dann drehte er sich um sie, um ihren Gang zu studiren. Rechts und links grüßend, folgte jedoch die Königin diesem Manöver der beiden Beobachter. »Sollte er den Verstand verloren haben?« dachte sie. »Armer Junge!« Und sie kehrte zu ihm zurück und fragte mit milderem Ton: »Wie befinden Sie sich, Herr von Charny?« »Sehr gut, Madame, doch, Gott sei Dank, minder gut als Eure Majestät.« Und er verbeugte sich auf eine Art, daß er die Königin mehr erschreckte, als er sie in Erstaunen gesetzt hatte. »Dahinter ist Etwas,« sagte die aufmerksame Jeanne. »Wo wohnen Sie denn gegenwärtig?« fuhr die Königin fort. »In Versailles, Madame,« erwiderte Olivier. »Seit wie lange?« »Seit drei Nächten,« sprach der junge Mann, indem er mit dem Blick, mit der Geberde und mit der Stimme einen Nachdruck auf die Worte legte. Die Königin offenbarte keine Bewegung; Jeanne bebte. »Haben Sie mir nicht etwas zu sagen?« fragte die Königin Charny mit einer engelgleichen Sanftmuth. »Oh! Madame,« erwiderte dieser, »ich hätte Eurer Majestät nur zu viel zu sagen.« »Kommen Sie!« sprach Marie Antoinette ungestüm. »Wachen wir,« dachte Jeanne. Die Königin ging mit großen Schritten nach ihren Gemächern. Jedermann folgte ihr nicht minder bewegt. Was Frau von La Mothe providentiell vorkam, war der Umstand, daß Marie Antoinette, um den Anschein zu vermeiden, als suchte sie unter vier Augen zu sein, mehrere Personen aufforderte, ihr zu folgen. Mitten unter diese Personen schlüpfte Jeanne. Die Königin trat in ihr Gemach und entließ Frau von Misery und ihren ganzen Dienst. Es war ein mildes, verschleiertes Wetter; die Sonne durchdrang die Wolken nicht, ließ jedoch ihre Wärme und ihr Licht durch ihre dichte Weiße und blaue Fütterung sickern. Die Königin öffnete das Fenster, das auf eine kleine Terrasse ging; sie setzte sich an ihr mit Briefen überdecktes Arbeitstischchen und wartete. Die Personen, welche ihr gefolgt waren, begriffen allmälig ihren Wunsch, allein zu sein, und entfernten sich. Ungeduldig, vom Zorn verzehrt, zerknitterte Charny seinen Hut zwischen den Händen. »Sprechen Sie! sprechen Sie!« sagte die Königin; »Sie scheinen sehr beunruhigt zu sein, mein Herr?« »Wie werde ich anfangen?« sagte Charny, der laut dachte; »wie werde ich es wagen, die Ehre, die Treue, die Majestät anzuklagen?« »Wie beliebt?« rief Marie Antoinette, indem sie sich lebhaft mit einem flammenden Blick umwandte. »Und dennoch werde ich nur sagen, was ich gesehen habe,« fuhr Charny fort. Die Königin erhob sich und sprach mit kaltem Ton: »Mein Herr, es ist noch zu früh am Morgen, daß ich Sie für betrunken halte; und dennoch nehmen Sie hier eine Haltung an, die sich schlecht für nüchterne Edelleute geziemt!« Sie erwartete, ihn durch diese verächtliche Anrede niedergeschmettert zu sehen. Doch er fuhr unbeweglich fort: »Im Ganzen, was ist eine Königin? ein Weib. Und ich, was bin ich? ein Mann ebensowohl als ein Unterthan.« »Mein Herr!« »Madame, verwirren wir nicht das, was ich Ihnen sagen muß, durch einen Zorn, der auf eine Tollheit auslaufen würde. Ich glaube Ihnen bewiesen zu haben, daß ich Ehrfurcht vor der königlichen Majestät hegte; ich befürchte, bewiesen zu haben, daß ich eine wahnsinnige Liebe für die Person der Königin hegte. Treffen Sie auch Ihre Wahl: auf welche von Beiden, auf die Königin oder die Frau, soll dieser Anbeter die Anklage der Schande oder der Unredlichkeit werfen?« »Herr von Charny!« rief die Königin, indem sie erbleichend auf den jungen Mann zuschritt, »wenn Sie sich nicht sogleich entfernen, so werde ich Sie durch meine Wachen wegjagen lassen.« »Ich will Ihnen also, ehe ich weggejagt werde, sagen, warum Sie eine unwürdige Königin und eine Frau ohne Ehre sind!« rief Charny trunken vor Wuth. »Seit drei Nächten folge ich Ihnen in Ihrem Parke!« Statt sie, wie er hoffte, unter diesem furchtbaren Schlage aufspringen zu sehen, sah Charny nur, daß die Königin das Haupt erhob und sich ihm näherte. »Herr von Charny,« sagte sie, seine Hand ergreifend. »Sie sind in einem Zustand, der mein Mitleid erregt; nehmen Sie sich in Acht, Ihre Augen funkeln, Ihre Hand zittert, Blässe bedeckt Ihre Wangen, all Ihr Blut fließt nach Ihrem Herzen. Sie leiden, soll ich rufen?« »Ich habe Sie gesehen,« wiederholte er kalt, »gesehen mit dem Mann, als Sie ihm die Rose gaben; gesehen mit dem Mann, als er Ihnen die Hände küßte; gesehen, als Sie mit ihm in die Apollo-Bäder eintraten.« Die Königin fuhr mit einer Hand über ihre Stirne, als wollte sie sich versichern, daß sie nicht schlafe. »Herr von Charny,« sprach sie, »setzen Sie sich, denn Sie werden umfallen, wenn ich Sie nicht halte, setzen Sie sich, sage ich Ihnen.« Charny sank in der That in einen Lehnstuhl, die Königin setzte sich zu ihm auf ein Tabouret, nahm seine beiden Hände, schaute ihm bis in den Grund seiner Seele und sprach: »Seien Sie ruhig, beschwichtigen Sie Geist und Herz und wiederholen Sie mir, was Sie so eben gesagt haben.« »Oh! wollen Sie mich tödten!« murmelte der Unglückliche. »Lassen Sie mich Sie befragen. Seit wann sind Sie von Ihren Gütern zurückgekehrt?« »Seit vierzehn Tagen.« »Wo wohnen Sie?« »Im Hause des Jägermeisters, das ich ausdrücklich gemietet habe.« »Ah! ja, das Haus des Selbstmörders, an der Grenze des Parks?« Charny bejahte durch eine Geberde. »Sie sprechen von einer Person, die Sie mit mir gesehen hatten?« »Ich spreche zunächst von Ihnen, die ich gesehen habe.« »Wo dieß?« »Im Parke.« »Zu welcher Stunde, an welchem Tag?« »Um Mitternacht, am Dienstag zum ersten Mal.« »Sie haben mich gesehen?« »Wie ich Sie jetzt sehe, und ich habe auch diejenige gesehen, welche Sie begleitete.« »Es begleitete mich Jemand? Würden Sie diese Person erkennen?« »Vorhin kam es mir vor, als sähe ich sie hier; doch ich will es nicht behaupten. Nur die Haltung ist ähnlich; was das Gesicht betrifft, so verbirgt man es, wenn man solche Verbrechen begeht.« »Gut!« sagte die Königin mit Ruhe; »Sie haben meine Begleiterin nicht erkannt, aber mich ...« »Oh! Sie, Madame, ich habe Sie gesehen ... Wie! sehe ich Sie nicht?« Sie stampfte ängstlich auf den Boden. »Und ... der Gefährte,« sagte sie, »derjenige, welchem ich eine Rose gegeben habe ... denn Sie haben mich eine Rose geben sehen?« »Ja: dieser Kavalier, ich konnte ihn nie erreichen.« »Sie kennen ihn jedoch?« »Man nennt ihn Monseigneur; das ist Alles, was ich weiß.« Die Königin schlug sich mit concentrirter Wuth vor die Stirne und rief: »Fahren Sie fort; am Dienstag habe ich eine Rose gegeben ... und am Mittwoch?« »Am Mittwoch haben Sie Ihre beiden Hände zu küssen gegeben.« »Oh!« murmelte sie, indem sie sich in die Hände biß. »Am Donnerstag endlich, gestern?« »Gestern haben Sie anderthalb Stunden mit diesem Manne in der Apollo-Grotte zugebracht, wo Ihre Begleiterin Sie allein gelassen hatte.« Die Königin stand ungestüm auf. »Und ... Sie ... haben mich ... gesehen?« sagte sie, jede Sylbe abstoßend. Charny hob eine Hand zum Himmel empor, um zu schwören. »Oh! ... er schwört!« rief die Königin ebenfalls von der Wuth fortgerissen« Charny wiederholte feierlich seine anklagende Geberde. »Mich? mich?« sagte die Königin, indem sie sich auf den Busen schlug, »mich haben Sie gesehen?« »Ja, Sie. Am Dienstag trugen Sie Ihr grünes Kleid mit goldmoirirten Streifen; am Mittwoch Ihr Kleid mit blauem und rostfarbigem Astwerk; gestern Ihr braungelbes Kleid, das Sie anhatten, als ich Ihnen zum ersten Mal die Hand küßte. Sie waren es! Sie waren es! Ich sterbe vor Schmerz und Scham, indem ich Ihnen auf mein Leben, auf meine Ehre, auf meinen Gott sage, Sie waren es, Madame! Sie waren es!« Die Königin ging mit großen Schritten auf der Terrasse auf und ab, ohne sich darum zu bekümmern, daß sie ihre seltsame Aufregung ihre Zuschauer sehen ließ, welche sie von unten mit den Augen verschlangen. »Wenn ich einen Eid thäte,« sagte sie ... »wenn ich auch bei meinem Sohne, bei meinem Gott schwüre! ... Ich habe einen Gott, wie Sie! ... Nein, er glaubt mir nicht! ... er würde mir nicht glauben!« Charny neigte das Haupt. »Wahnsinniger!« fügte die Königin bei, indem sie ihm voll Energie die Hand schüttelte und ihn von der Terrasse in ihr Zimmer zog. »Es ist also eine sehr seltene Wollust, die Wollust, eine unschuldige, tadellose Frau anzuklagen; es ist also ein mächtiges Glück, das Glück, eine Königin zu entehren... Glaubst Du mir, wenn ich Dir sage, daß nicht ich es bin, welche Du gesehen hast? glaubst Du, wenn ich auf Christus schwöre, daß ich seit drei Tagen nach neun Uhr nicht mehr ausgegangen bin? Soll ich Dir durch meine Frauen, durch den König, der mich hier gesehen, beweisen lassen, daß ich nicht anderswo sein konnte? Nein ... er glaubt mir nicht! er glaubt mir nicht!« »Ich habe gesehen!« erwiderte Charny kalt. »Oh!« rief plötzlich die Königin, »ich weiß, ich weiß! Ist mir nicht schon öfter diese grausame Verleumdung in's Gesicht geschleudert worden? Hat man mich nicht auf dem Opernball gesehen, wo ich dem ganzen Hof ein Aergerniß gab? Hat man mich nicht bei Mesmer in Extase, den Neugierigen und den Freudenmädchen ein Aergerniß gebend, gesehen? ... Sie wissen es wohl, da Sie sich für mich geschlagen haben!« »Madame, zu jener Zeit habe ich mich geschlagen, weil ich nicht daran glaubte. Heute würde ich mich schlagen, weil ich daran glaube.« Die Königin hob ihre durch die Verzweiflung starren Arme zum Himmel empor, zwei brennende Thränen rollten von ihren Wangen auf ihren Busen! »Mein Gott,« sprach sie, »schicke mir einen Gedanken, der mich rettet. Dieser hier soll mich nicht verachten, o mein Gott!« Charny fühlte sich bis in den Grund des Herzens durch dieses einfache und kräftige Gebet gerührt. Er verbarg seine Augen in beiden Händen. Die Königin dachte einen Augenblick stillschweigend nach, dann sprach sie: »Mein Herr, Sie sind mir eine Genugthuung schuldig. Vernehmen Sie die, welche ich von Ihnen fordere. Drei Nächte hinter einander haben Sie mich in meinem Park in Gesellschaft eines Mannes gesehen. Sie wußten jedoch, daß man schon Mißbrauch von der Aehnlichkeit gemacht, welche irgend eine Frau im Gesicht und im Gang mit mir, der unglücklichen Königin, hat; doch da Sie lieber glauben wollen, ich sei es, welche in der Nacht herumlaufe, da Sie sagen werden, ich sei es, so kehren Sie in den Park zu derselben Stunde zurück, kehren Sie mit mir dahin zurück. Bin ich es, die Sie gestern gesehen, so werden Sie mich nothwendig heute nicht mehr sehen, da ich bei Ihnen sein werde. Ist es eine Andere, warum sollten wir sie mit einander nicht wiedersehen? Und wenn wir sie sehen ... Ah! mein Herr! wie werden Sie all die Leiden bereuen, die Sie mir so eben bereitet haben!« Charny preßte sein Herz mit beiden Händen und erwiderte: »Sie thun zu viel für mich, Madame; ich verdiene den Tod; schmettern Sie mich nicht durch Ihre Güte nieder.« »Oh! ich werde Sie mit Beweisen niederschmettern,« sagte die Königin, »gegen Niemand ein Wort! Diesen Abend um zehn Uhr; erwarten Sie vor der Thüre der Jägermeisterei, was ich, um Sie zu überzeugen, beschlossen haben werde. Gehen Sie, mein Herr, und lassen Sie außen nichts sichtbar werden.« Charny kniete, ohne ein Wort zu sagen, nieder und entfernte sich sodann. Am Ende des zweiten Salons ging er unwillkürlich unter dem Blicke Jeanne's vorüber, die ihn mit den Augen verschlang und sich bereit hielt, auf den ersten Ruf der Königin bei Ihrer Majestät einzutreten. LXVII. Weib und Dämon. Jeanne hatte die Unruhe Charny's, die Besorgniß der Königin, das beiderseitige Verlangen nach einer Besprechung bemerkt. Für eine Frau von der Stärke Jeanne's war dieß mehr als es brauchte, um viele Dinge zu errathen; wir haben nicht nöthig, beizufügen, was schon alle Welt begriffen hat. Nach dem durch Cagliostro zwischen Frau von La Mothe und Oliva veranlaßten Zusammentreffen kann die Comödie der letzten drei Tage der Commentare entbehren. Zu der Königin zurückgekehrt, horchte, beobachtete Jeanne; sie wollte auf dem Gesichte Marie Antoinettens die Beweise dessen erkennen, was sie argwöhnte. Doch die Königin war seit einiger Zeit gewohnt, aller Welt zu mißtrauen. Sie ließ nichts durchschauen. Jeanne war also auf die Muthmaßungen beschränkt. Schon hatte sie einem ihrer Lakaien befohlen, Herrn von Charny zu folgen. Der Diener kam zurück und meldete, Herr von Charny sei an einem Hause am Ende des Parkes in der Nähe der Hagebuchen verschwunden. »Es unterliegt keinem Zweifel mehr,« dachte Jeanne, »dieser Mensch ist ein Verliebter, der Alles gesehen hat.« Sie hörte die Königin zu Frau von Misery sagen: »Ich fühle mich sehr schwach, meine liebe Misery, und ich werde mich heute Abend um acht Uhr zu Bette legen.« Und als die Ehrendame fragend in sie drang, fügte die Königin bei: »Ich werde Niemand empfangen.« »Das ist klar genug,« sagte Jeanne zu sich selbst, »eine Wahnsinnige, die das nicht begreifen würde.« Einer heftigen Gemüthsbewegung in Folge der Scene, die sie mit Charny gehabt, preisgegeben, entließ die Königin bald ihr ganzes Gefolge. Jeanne wünschte sich zum ersten Mal, seitdem sie bei Hofe eingetreten, Glück. »Die Karten sind verwirrt,« sagte sie; »nach Paris! Es ist Zeit, aufzulösen, was ich verwickelt habe.« Und sie fuhr sogleich von Versailles weg. Nach ihrem Hause in der Rue Saint-Claude geführt, fand sie hier ein herrliches Geschenk in Silberzeug, das der Cardinal an demselben Morgen geschickt hatte. Nachdem sie diesem Geschenk, obgleich es werthvoll war, nur einen gleichgültigen Blick gegönnt hatte, schaute sie hinter ihrem Vorhänge nach Oliva, deren Fenster noch nicht geöffnet waren. Oliva schlief ohne Zweifel noch vor Müdigkeit; es herrschte eine sehr große Hitze an diesem Tag. Jeanne fuhr zum Cardinal, den sie strahlend, aufgeblasen, unverschämt vor Freude und Stolz fand; an seinem reichen Schreibtisch, einem Meisterstück von Boule, sitzend, zerriß und schrieb er wieder, ohne müde zu werden, einen Brief, der immer wieder anfing und nie endete. Bei der Meldung seines Kammerdieners rief der Cardinal: »Diese theure Gräfin!« Und er stürzte ihr entgegen. Jeanne empfing die Küsse, mit denen der Prälat ihre Arme und ihre Hände bedeckte. Sie setzte sich bequem, um so gut als möglich das Gespräch auszuhalten. Monseigneur begann mit Betheuerungen seiner Dankbarkeit, denen es nicht an einer aufrichtigen Beredtsamkeit mangelte. Jeanne unterbrach ihn und sagte: »Wissen Sie, daß Sie ein zartfühlender Liebhaber sind, Monseigneur, und daß ich Ihnen danke?« »Warum?« »Nicht wegen des reizenden Geschenkes, das Sie mir diesen Morgen zustellen ließen, sondern weil Sie so vorsichtig waren, es mir nicht in das kleine Haus zu schicken. Wahrhaftig, das ist zartfühlend.« »Bei wem anders kann man von Zartgefühl sprechen als bei Ihnen?« erwiderte der Cardinal. »Sie sind kein glücklicher Mensch,« sagte Jeanne; »Sie sind ein triumphirender Gott.« »Ich gestehe es, und das Glück erschreckt mich; es beengt mich; es macht mir den Anblick der anderen Menschen unerträglich. Ich erinnere mich der heidnischen Fabel von Jupiter der seiner Strahlen müde geworden.« Jeanne lächelte. »Sie kommen von Versailles?« fragte er gierig. »Ja.« »Sie haben sie gesehen?« »Ich ... komme so eben von ihr ...« »Sie hat ... hat... nichts gesagt?« »Ei! was soll sie sagen?« »Verzeihen Sie; es ist nicht mehr Neugierde, es ist Wuth.« »Fragen Sie mich nicht.« »Oh! Gräfin.« »Nein, sage ich Ihnen.« »Wie Sie das ankündigen! man sollte glauben, wenn man Sie sieht, Sie bringen eine schlimme Nachricht.« »Monseigneur, heißen Sie mich nicht sprechen.« »Gräfin! Gräfin ...« Und der Cardinal erbleichte. »Ein zu großes Glück,« sagte er, »gleicht dem Culminationspunkte eines Glücksrades; neben seinem höchsten Punkt ist der Anfang der Abnahme. Doch schonen Sie mich nicht, wenn ein Unglück im Anzug ist; nicht wahr ... es ist nicht so?« »Ich werde das im Gegentheil ein sehr großes Glück nennen» Monseigneur,« erwiderte Jeanne. »Das? ... was denn? ... was wollen Sie damit sagen? welche Sache ist ein Glück?« »Nicht entdeckt worden zu sein,« erwiderte Jeanne trocken. »Oh! ...« rief lächelnd der Cardinal. »Mit Vorsichtsmaßregeln, mit dem Verstande zweier Herzen und eines Geistes ...« »Ein Geist und zwei Herzen, Monseigneur, verhindern die Augen nie, im Blätterwerk zu sehen.« »Man hat gesehen!« rief Herr von Rohan erschrocken. »Ich habe alle Ursache, es zu glauben.« »Dann ... wenn man gesehen hat, hat man auch erkannt?« »Oh! daran denken Sie nicht, Monseigneur; wenn man erkannt hätte, wenn sich dieses Geheimniß in der Gewalt irgend eines Menschen befände, so wäre Jeanne von Valois schon am Ende der Welt, und Sie, Sie müßten todt sein.« »Das ist wahr, Gräfin; mit allem diesem Zögern, mit all diesem absichtlichen Schweigen braten Sie mich am kleinen Feuer. Man hat gesehen, gut ... doch man hat Leute in einem Park spazieren gehen sehen, ist das nicht erlaubt?« »Fragen Sie den König.« »Der König weiß!« »Ich wiederhole Ihnen noch einmal, wenn der König wüßte, wären Sie in der Bastille und ich im Hospital. Doch da ein vermiedenes Unglück so viel werth ist, als zwei verheißene Glücke, so komme ich, um Ihnen zu sagen: versuchen Sie Gott nicht noch einmal.« »Wie beliebt?« rief der Cardinal; »was bedeuten Ihre Worte, theure Gräfin?« »Begreifen Sie dieselben nicht?« »Ich fürchte ...« »Ich hätte bange, wenn Sie mich nicht beruhigten.« »Was muß ich zu diesem Ende thun?« »Nicht mehr nach Versailles gehen.« Der Cardinal machte einen Sprung. »Bei Tage?« sagte er lächelnd. »Zuerst bei Tage, und dann bei Nacht!« Herr von Rohan bebte und ließ die Hand der Gräfin los. »Unmöglich,« sagte er. »Nun ist die Reihe an mir, Ihnen in's Gesicht zu schauen,« sprach sie; »Sie haben, glaube ich, gesagt, unmöglich. Warum unmöglich?« »Weil ich im Herzen eine Liebe habe, die nur mit meinem Leben endigen wird.« »Ich bemerke es,« unterbrach die Gräfin ironisch, »und um schneller zum Resultat zu gelangen, beharren Sie darauf, nach dem Parke zurückzukehren. Ja, wenn Sie dahin zurückkehren, wird Ihre Liebe nur mit Ihrem Leben endigen, und beide werden mit einem Schlage abgeschnitten werden.« »Welche Beängstigungen, Gräfin ... Sie, die gestern noch so muthig waren?« »Ich habe den Muth der Thiere. Ich fürchte nichts, so lange nicht eine Gefahr vorhanden ist.« »Ich, ich habe den Muth meines Geschlechtes. Ich bin nur glücklich in Gegenwart der Gefahr selbst.« »Sehr gut; doch dann erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen ...« »Nichts, Gräfin, nichts!« rief der verliebte Prälat, »das Opfer ist gebracht, der Würfel liegt, den Tod, wenn man will, oder die Liebe! Ich werde nach Versailles zurückkehren.« »Ganz allein?« »Sollten Sie mich verlassen?« erwiderte Herr von Rohan im Tone des Vorwurfs. »Ich zuerst.« »Sie wird kommen.« »Sie täuschen sich, sie wird nicht kommen.« »Haben Sie mir das etwa von ihrer Seite anzukündigen?« fragte zitternd der Cardinal. »Das ist der Streich, den ich seit einer halben Stunde für Sie zu schwächen suchte.« »Sie will mich nicht mehr sehen?« »Nie, und ich selbst habe ihr das gerathen.« »Madame,« sprach der Prälat mit innigem Tone, »es ist schlimm von Ihnen, daß Sie das Messer in ein Herz bohren, welches Sie als so zart kennen.« »Es wäre noch viel schlimmer von mir, Monseigneur, wenn ich zwei tolle Geschöpfe in Ermangelung eines guten Rathes sich in's Verderben stürzen ließe. Ich gebe den Rath, benütze ihn, wer da will.« »Gräfin, Gräfin, eher sterben.« »Das ist Ihre Sache, und es ist leicht.« »Sterben, um zu sterben,« sprach der Cardinal mit dumpfer Stimme, »das Ende des Verdammten ist mir lieber. Gesegnet sei die Hölle, wo ich meine Mitschuldige finden werde.« »Frommer Prälat, Sie blasphemiren,« sagte die Gräfin; »Unterthan, Sie entthronen Ihre Königin! Mann, Sie stürzen eine Frau in's Verderben.« Der Cardinal faßte die Gräfin bei der Hand und rief wie in einem Delirium: »Gestehen Sie. daß sie Ihnen das nicht gesagt hat, und daß sie mich nicht so verleugnen wird?« »Ich spreche zu Ihnen in ihrem Namen.« »Sie verlangt eine Frist?« »Nehmen Sie es, wie Sie wollen, doch beobachten Sie ihren Befehl.« »Der Park ist nicht der einzige Ort, wo man sich sehen kann, es gibt tausend sicherere Orte ... Die Königin ist ja zu Ihnen gekommen?« »Monseigneur, nicht ein Wort mehr; ich trage ein tödtliches Gewicht in mir, das Ihres Geheimnisses. Ich fühle mich nicht stark genug, es lange zu tragen. Was die Indiscretionen, was der Zufall, was die Böswilligkeit Ihrer Feinde nicht thun, werden die Gewissensbisse thun. Sehen Sie, ich weiß, daß sie fähig ist, dem König in einem Augenblick der Verzweiflung Alles zu gestehen.« »Guter Gott! ist es möglich!« rief der Cardinal, »sie würde das thun!« »Wenn Sie sie sähen, sie müßte Ihr Mitleid erregen!« Der Cardinal stand hastig auf. »Was ist zu thun? sagte er. »Man muß ihr den Trost des Stillschweigens geben.« »Sie wird glauben, ich habe sie vergessen.« Jeanne zuckte die Achseln. »Sie wird mich beschuldigen, ich sei ein Feigling.« »Feigling, um sie zu retten, nie!« »Verzeiht eine Frau, daß man sich ihrer Gegenwart beraubt?« »Beurtheilen Sie diese nicht, wie Sie mich beurtheilen würden ...« »Ich halte sie für groß und stark. Ich liebe sie wegen ihres Muthes und ihres edlen Herzens. Sie kann also auf mich zählen, wie ich auf sie zählen werde. Ich will sie ein letztes Mal sehen; sie soll meinen ganzen Gedanken erfahren, und was sie nun, nachdem sie mich angehört hat, entscheiden mag, das werde ich erfüllen, wie ein heiliges Gelübde.« Jeanne stand auf. »Wie es Ihnen beliebt. Gehen Sie, nur werden Sie allein gehen. Ich habe den Schlüssel zum Park in die Seine geworfen, als ich heute zurückkehrte. Sie werden also nach Ihrem Belieben nach Versailles gehen, während ich nach der Schweiz oder nach Holland abreise. Je weiter ich von der Bombe entfernt bin, desto weniger werde ich ihr Zerplatzen fürchten.« »Gräfin, Sie würden mich verlassen! Oh! mein Gott, mit wem würde ich dann von ihr sprechen?« Jeanne erinnerte sich hier der Scenen von Molière; nie hatte ein wahnsinnigerer Valère einer verschmitzteren Dorine bequemere Erwiderungen in den Mund gegeben. »Haben Sie nicht den Park und die Echos?« sagte Jeanne, »Sie werden sie den Namen Amaryllis lehren.« »Gräfin, haben Sie Mitleid. Ich bin in Verzweiflung,« rief der Prälat mit einem aus dem Herzen hervorgegangenen Ausdruck. »Nun wohl!« sprach Jeanne mit der ganz rohen Energie des Wundarztes, der die Amputation eines Gliedes entscheidet; »sind Sie in Verzweiflung, Herr von Rohan, so lassen Sie sich nicht zu Kindereien verleiten, welche gefährlicher sind als Pulver, Pest und Tod! Ist Ihnen so viel an dieser Frau gelegen, so erhalten Sie sich dieselbe, statt sie zu Grunde zu richten, und wenn es Ihnen nicht durchaus an Herz und an Gedächtniß gebricht, wagen Sie es nicht, diejenigen in Ihren Ruin hineinzuziehen, welche Ihnen aus Freundschaft gedient haben. Ich spiele nicht mit dem Feuer. Schwören Sie mir, keinen Schritt zu thun, um die Königin zu sehen. Nur sie zu sehen, hören Sie? ich sage nicht, sie innerhalb vierzehn Tagen von heute an zu sprechen; schwören Sie das, so bleibe ich, und werde Ihnen noch dienen können. Sind Sie entschlossen, Allem zu trotzen, um mein Verbot und das ihrige zu übertreten? ich werde es erfahren, und zehn Minuten nachher reise ich ab! Sie werden sich herausziehen, wie Sie können.« »Das ist gräßlich,« murmelte der Cardinal, »der Sturz ist zerschmetternd; von diesem Glück herabfallen! Oh! ich werde darüber sterben.« »Gehen Sie doch,« flüsterte ihm Jeanne in's Ohr, »Sie liebten ohnedieß nur aus Eitelkeit.« »Heute aus wahrer Liebe,« entgegnete der Cardinal. »So leiden Sie also heute; das ist eine Bedingung des Standes. Auf, Monseigneur, entscheiden Sie sich; bleibe ich hier? bin ich auf dem Wege nach Lausanne?« »Bleiben Sie, Gräfin, aber finden Sie nur ein schmerzstillendes Mittel. Die Wunde ist zu gräßlich.« »Schwören Sie mir, zu gehorchen?« »Bei meinem Worte als Rohan.« »Gut! Ihr schmerzstillendes Mittel ist gefunden. Ich verbiete Ihnen die Zusammenkünfte, aber ich verbiete Ihnen die Briefe nicht.« »Wahrhaftig!« rief der Wahnsinnige, wieder belebt durch diese Hoffnung. »Ich werde schreiben können?« »Versuchen Sie es.« »Und ... sie würde mir antworten?« »Ich werde es versuchen.« Der Cardinal verschlang Jeanne's Hand mit seinen Küssen. Er nannte sie seinen Schutzengel. Er mußte sehr lachen, der Dämon, der im Herzen der Gräfin wohnte. LXVIII. Die Nacht. An demselben Tage, gegen vier Uhr Abends, hielt ein Reiter am Saume des Parks hinter den Apollo-Bädern. Dieser Reiter machte eine Vergnügenspromenade im Schritt; nachdenkend wie Hippolyt, schön wie dieser, ließ seine Hand die Zügel auf dem Halse des Rosses schwanken. Er hielt, wie gesagt, an der Stelle, wo Herr von Rohan seit drei Tagen sein Pferd anhalten ließ. Der Boden war ganz durch das Hufeisen zerstampft, und er sah die jungen Zweige rings um die Eiche abgefressen, an deren Stamm das Thier angebunden gewesen. Der Reiter stieg ab. »Das ist ein sehr verwüsteter Platz,« sagte er. Und er näherte sich der Mauer. »Hier sind die Spuren vom Hinaufsteigen; hier ist eine kürzlich geöffnete Thüre. Das hatte ich mir gedacht. »Man hat nicht den Krieg mit den Indianern der Savannen geführt, ohne sich auf die Spuren von Thieren und Menschen zu verstehen. Seit vierzehn Tagen aber ist Herr von Chancy zurückgekehrt; seit vierzehn Tagen hat sich Herr von Charny nicht gezeigt. Diese Thüre ist es, welche Herr von Charny zu seinem Eintritt in Versailles gewählt hat.« So sprechend seufzte der Reiter geräuschvoll, als risse er sich seine Seele mit diesem Seufzer aus. »Lassen wir dem Nächsten sein Glück,« murmelte er, während er die genannten Spuren auf dem Rasen und den Mauern eine um die andere betrachtete. »Was Gott dem Einen gibt, verweigert er dem Andern. Nicht umsonst macht Gott Glückliche und Unglückliche; sein Wille sei gepriesen. »Man müßte aber einen Beweis haben. Um welchen Preis, durch welches Mittel ihn erlangen? »Oh! nichts ist einfacher. Im Gebüsche, in der Nacht, vermöchte man einen Menschen nicht zu entdecken, und von seinem Versteck aus vermöchte er diejenigen zu sehen, welche hierher kommen. Heute Abend werde ich im Gebüsche sein.« Der Reiter nahm die Zügel seines Pferdes zusammen, stieg langsam auf und verschwand, ohne den Schritt seines Rosses zu beschleunigen, an der Ecke der Mauer. Charny aber hatte sich, den Befehlen der Königin gehorchend, in seiner Wohnung eingeschlossen und erwartete eine Botschaft von ihr. Es wurde Nacht, nichts erschien. Statt am Fenster des Pavillons zu lauern, das auf den Park ging, lauerte Charny in demselben Zimmer an dem Fenster, das auf die kleine Gasse ging. Die Königin hatte gesagt: bei der Thüre der Jägermeisterei; aber Fenster und Thüre in diesem Pavillon, das war nur Eines, nur Erdgeschoß, und die Hauptsache war, daß man Alles sehen konnte, was vorging. Er befragte die tiefe Nacht und hoffte von einer Minute zur andern den Galopp eines Reiters oder den hastigen Schritt eines Läufers zu hören. Es schlug elf Uhr Nachts. Die Königin hatte Charny hintergangen. Sie hatte im ersten Augenblick der Ueberraschung ein Zugeständnis; gemacht. Beschämt hatte sie versprochen, was ihr zu halten nie möglich war, und sie hatte – ein schrecklicher Gedanke – versprochen mit dem Bewußtsein, daß sie nich halten würde. Mit jener Leichtigkeit des Argwohns, welche die heftig verliebten Leute characterisirt, machte es sich Charny schon zum Vorwurf, daß er so leichtgläubig gewesen. »Wie konnte ich,« rief er, »ich, der ich gesehen, Lügen glauben und meine Ueberzeugung, meine Gewißheit einer albernen Hoffnung opfern?« Er entwickelte mit Wuth diesen düsteren Gedanken, als das Geräusch einer Handvoll Sand, die man an das andere Fenster warf, seine Aufmerksamkeit erregte und ihn nach der Seite des Parkes laufen machte. Er sah nun, in einem weiten schwarzen Mantel, unten bei den Hagebuchen des Parkes eine weibliche Gestalt, welche ein bleiches, ängstliches Gesicht gegen ihn erhob. Charny konnte einen Schrei der Freude und zugleich des Bedauerns nicht unterdrücken. Die Frau, die ihn erwartete, die ihn rief, war die Königin! Mit einem Sprunge setzte er zum Fenster hinaus und fiel gerade vor die Königin nieder. »Oh! Sie sind da, mein Herr? Das ist ein Glück!« sagte Marie Antoinette leise und ganz bewegt; »was machten Sie denn?« »Sie! Sie! Madame! ... Sie selbst? ist es möglich?« erwiderte Charny. »Warteten Sie so?« »Ich wartete auf der Seite der Gasse.« »Konnte ich durch die Gasse kommen, während es es einfach ist, durch den Park zu kommen?« »Ich hatte nicht zu hoffen gewagt, daß ich Sie sehen würde. Madame,« sprach Charny mit einem Ausdruck leidenschaftlicher Dankbarkeit. Marie Antoinette unterbrach ihn: »Bleiben wir nicht hier; es ist hier so hell: haben Sie Ihren Degen?« »Ja.« »Gut! ... Wo sagen Sie, daß die Leute hereingekommen seien, die Sie gesehen?« »Durch diese Thüre.« »Und zu welcher Stunde?« »Jedes Mal um Mitternacht.« »Es ist kein Grund vorhanden, daß sie heute Abend nicht auch kommen sollten. Sie haben mit Niemand gesprochen?« »Mit Niemand.« »Gehen wir in's Gebüsch und warten wir.« »Oh! Eure Majestät ...« Die Königin ging voran und machte mit ziemlich raschem Schritt ein Stück Weges in umgekehrter Richtung. »Sie begreifen wohl,« sagte sie plötzlich, als wollte sie dem Gedanken Charny's entgegenkommen, »Sie begreifen, daß ich mir das Vergnügen gemacht habe, die Sache dem Policei-Lieutenant zu erzählen. Seitdem ich mich beklagt, hätte mir Herr von Crosne schon müssen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wenn die Creatur, die meinen Namen usurpirt hat, nachdem sie sich eine Aehnlichkeit mit mir angemaßt, noch nicht verhaftet, wenn dieses ganze Geheimnis; noch nicht aufgeklärt ist, so fühlen Sie wohl, daß zwei Gründe obwalten: entweder die Unfähigkeit des Herrn von Crosne – was nicht der Fall ist – oder seine Genossenschaft mit meinen Feinden. Mir scheint es aber schwierig, daß man sich bei mir, in meinem Parke, die schmähliche Comödie erlauben soll, die Sie mir bezeichnet haben, ohne eines unmittelbaren Beistands oder einer stillschweigenden Genossenschaft sicher zu sein. Darum scheinen mir diejenigen, welche sich dessen schuldig gemacht haben, gefährlich genug zu sein, daß ich mich bei der Sorge, sie zu entlarven, nur auf mich selbst verlasse. Was denken Sie davon?« »Ich bitte Eure Majestät um Erlaubniß den Mund nicht mehr zu öffnen. Ich bin in Verzweiflung; ich habe noch Befürchtungen, und ich habe keinen Verdacht mehr.« »Sie sind wenigstens ein redlicher Mann,« sagte die Königin lebhaft: »Sie wissen die Dinge in's Gesicht zu sagen; das ist ein Verdienst, welches hie und da die Unschuldigen verwunden kann, wenn man sich in Beziehung auf sie täuscht; aber eine Wunde heilt.« »Oh! Madame, es schlägt elf Uhr: ich zittere.« »Versichern Sie sich, ob Niemand hier ist,« sagte die Königin, um ihren Gefährten zu entfernen. Charny gehorchte. Er lief in den Gebüschen umher bis zu den Mauern. »Niemand,« sprach er, als er zurückkam. »Wo ist die Scene vorgefallen, die Sie erzählten?« »Madame, in diesem Augenblick, als ich von meiner Nachforschung zurückkehrte, habe ich einen furchtbaren Stich in's Herz bekommen. Ich erblickte Sie an derselben Stelle, wo ich in den vergangenen Nächten die falsche Königin von Frankreich sah.« »Hier!« rief die Königin, indem sie sich mit Ekel von der Stelle entfernte, die sie einnahm. »Unter diesem Kastanienbaume, ja, Madame.« »Dann bleiben wir nicht hier, mein Herr « sagte Marie Antoinette, »denn wenn sie hierher gekommen sind, so werden sie wieder hierher kommen.« Charny folgte der Königin in eine andere Allee. Sein Herz schlug so stark, daß er das Geräusch der Thüre, die sich öffnen würde, nicht zu hören fürchtete. Schweigsam und stolz wartete sie auf die Erscheinung des lebendigen Beweises ihrer Unschuld. Es schlug Mitternacht. Die Thüre öffnete sich nicht. Es verging eine halbe Stunde, während welcher Marie Antoinette Charny mehr als zehnmal fragte, od die Betrüger sehr pünktlich bei jedem ihrer Rendezvous gewesen seien? Es schlug drei Viertel nach Mitternacht auf Saint-Louis von Versailles. Die Königin stampfte vor Ungeduld mit dem Fuße. »Sie werden sehen, daß sie heute nicht kommen,« sagte sie; »solche Unglücksfälle widerfahren nur mir!« Und während sie diese Worte sprach, schaute sie Charny an, als suchte sie Streit mit ihm, wenn sie in seinen Augen den geringsten Schimmer von Triumph oder Ironie entdeckt hätte. Aber in demselben Maße erbleichend, in welchem sein Verdacht wiederkehrte, beobachtete Charny eine so ernste und schwermüthige Haltung, daß sein Gesicht gewiß in diesem Augenblick der Widerschein der seelenreinen Geduld der Märtyrer und der Engel war. Die Königin nahm ihn beim Arm und führte ihn zu dem Kastanienbaum, unter dem sie ihren ersten Halt gemacht hatten, »Sie sagen,« flüsterte sie, »hier sei es gewesen, wo Sie diese Leute gesehen?« »Hier, auf dieser Stelle, Madame.« »Hier hat die Frau dem Mann eine Rose gegeben?« »Ja, Eure Majestät.« Die Königin war so schwach, so angegriffen von dem langen Verweilen in diesem feuchten Park, daß sie sich an den Stamm des Baumes anlehnte und den Kopf auf ihre Brust sinken ließ. Allmälig bogen sich ihre Beine! er gab ihr den Arm nicht; sie fiel nun mehr auf das Gras und das Moos, als daß sie sich darauf setzte. Er blieb unbeweglich und düster. Sie drückte ihre beiden Hände auf ihr Gesicht, und Charny konnte nicht sehen, wie eine Thräne dieser Königin zwischen ihren langen weißen Fingern herabglitt. Plötzlich erhob sie den Kopf und sprach: »Mein Herr, Sie haben Recht; ich bin verurtheilt. Ich hatte versprochen, heute zu beweisen, daß Sie mich verleumdet; Gott will es nicht; ich beuge mich.« »Madame ...« murmelte Charny. »Ich habe gethan,« fuhr sie fort, »was keine Frau an meiner Stelle gethan hätte. Ich spreche nicht von Königinnen. Oh! mein Herr, was ist eine Königin, wenn sie nicht einmal über ein Herz gebieten kann? Was ist eine Königin, wenn sie nicht einmal die Wertschätzung eines redlichen Mannes erlangt? Oh! mein Herr, helfen Sie mir wenigstens aufstehen, damit ich gehen kann; verachten Sie mich nicht so sehr, daß Sie mir Ihre Hand verweigern.« Charny stürzte wie ein Wahnsinniger auf seine Kniee. »Madame,« sagte er, während er mit seiner Stirne auf die Erde schlug, »nicht wahr, wenn ich nicht ein Unglücklicher wäre, der Sie liebt, Sie würden mir vergeben?« »Sie!« rief die Königin mit einem bittern Gelächter, »Sie! Sie lieben mich, und Sie halten mich für schändlich! ...« »Oh! ... Madame.« »Sie! ... Sie, der Sie ein Gedächtniß haben müßten, Sie beschuldigen mich, ich habe hier eine Rose, dort einen Kuß, dort meine Liebe einem andern Mann geschenkt! ... Mein Herr, keine Lüge, Sie lieben mich nicht!« »Madame, dieses Gespenst war da, dieses Gespenst einer verliebten Königin. Da auch, wo ich bin, war das Gespenst des Geliebten. Reißen Sie mir das Herz aus, da diese zwei höllischen Bilder in meinem heizen leben und es verzehren.« Sie nahm seine Hand und zog ihn mit einer exaltirten Geberde zu sich. »Sie haben gesehen ... Sie haben gehört ... Nicht wahr, ich war es sicherlich?« sprach sie mit erstickter Stimme ... »Oh! ich war es, suchen Sie nichts Anderes. Nun wohl! wenn ich auf eben diesem Platze, unter eben diesem Kastanienbaum sitzend wie ich saß, Sie zu meinen Füßen, wie der Andere war, wenn ich Ihnen die Hände drücke, wenn ich Sie an meine Brust ziehe, wenn ich Sie in meine Arme nehme, wenn ich Ihnen sage: Ich, die ich dieß Alles dem Andern gethan habe, nicht wahr? ich, die ich dasselbe dem Andern gesagt habe, nicht wahr? wenn ich Ihnen sage: Herr von Charny, nur ein einziges Wesen auf der Welt liebte, liebe und werde ich lieben ... und das sind Sie! ... Mein Gott! mein Gott! wird das genügen, um Sie zu überzeugen, daß von keiner Schande die Rede sein kann, wenn man im Herzen, neben dem Blute der Kaiserinnen, das göttliche Feuer einer Liebe wie diese hat?« Charny stieß einen Seufzer aus, ähnlich dem eines Verscheidenden. Die Königin hatte ihn, indem sie so mit ihm sprach, mit ihrem Athem berauscht: er hatte sie sprechen gefühlt, ihre Hand hatte auf seiner Schulter gebrannt, ihre Brust hatte sein Herz versengt, ihr Athem hatte seine Lippen verzehrt. »Lassen Sie mich Gott danken,« flüsterte er. »Oh! wenn ich nicht an Gott dächte, dächte ich zu viel an Sie.« Sie erhob sich langsam; sie heftete auf ihn zwei Augen, deren Thränen die Flammen ertränkten. »Wollen Sie mein Leben?« sagte er ganz verwirrt. Sie schwieg einen Augenblick, ohne daß sie ihn anzuschauen aufhörte. »Geben Sie mir Ihren Arm,« sagte sie, »und führen Sie mich überallhin, wohin die Anderen gegangen sind. Zuerst hier ... hier, wo eine Rose gegeben wurde ...« Sie zog unter ihrem Kleide eine noch von dem Feuer, das ihre Brust versengte, warme Rose hervor und sprach: »Nehmen Siel« Er athmete den balsamischen Duft der Blume ein und verschloß sie in seiner Brust. »Hier,« sagte sie, »hier hat die Andere ihre Hand zum Kusse gegeben.« »Ihre beiden Hände!« sprach Charny schwankend und trunken in dem Augenblick, wo sich sein Gesicht in den brennenden Händen der Königin eingeschlossen fand. »Das ist ein gereinigter Platz,« sagte die Königin mit einem anbetungswürdigen Lächeln» »Sind sie nun nicht in die Apollo-Bäder gegangen?« Charny blieb, als wäre der Himmel auf seinen Kopf gefallen, erstaunt, halb todt stehen. »Das ist ein Ort,« sagte die Königin heiter, »wo ich nie anders, als bei Tage eintrete. Sehen wir mit einander die Thüre, durch welche der Liebhaber der Königin entfloh.« Freudig, leicht, am Arme des glücklichsten Mannes hängend, den Gott je gesegnet, schritt sie, beinahe laufend, über den Rasen hin, der das Gebüsch von der Rundmauer trennte. So kamen sie an die Thüre, vor welcher man die Spuren der Pferdehufe sah. »Es ist hier, außen,« sagte Charny. »Ich habe alle Schlüssel,« erwiderte die Königin. »Oeffnen Sie, Herr von Charny, wir wollen uns unterrichten.« Sie gingen hinaus und bückten sich, um zu sehen; der Mond trat aus einer Wolke hervor, als wollte er sie in ihren Nachforschungen unterstützen. Der weiße Strahl hing sich zärtlich an dem schönen Gesichte der Königin an, die sich horchend und im Gesträuche umherschauend auf Charny's Arm stützte. Als sie wohl überzeugt war, ließ sie Charny zurückkehren, indem sie ihn mit einem sanften Drucke an sich zog. Die Thüre schloß sich wieder hinter ihnen. Es schlug zwei Uhr. »Gute Nacht,« sagte sie. »Kehren Sie in Ihre Wohnung zurück. Morgen.« Sie drückte ihm die Hand und entfernte sich, ohne ein weiteres Wort, rasch unter den Hagebuchen, in der Richtung des Schlosses. Jenseits der Thüre, die sie geschlossen hatten, erhob sich ein Mann mitten aus dem Gesträuche und verschwand unter den Bäumen längs der Straße. Dieser Mann trug das Geheimniß der Königin mit sich fort. LXIX. Der Abschied. Die Königin stand am andern Morgen ganz lächelnd und ganz schön auf, um in die Messe zu gehen. Ihre Wachen hatten Befehl, Jedermann zu ihr kommen zu lassen. Es war ein Sonntag, und Ihre Majestät hatte beim Erwachen gesagt: »Das ist ein schöner Tag; heut ist's eine Freude zu leben.« Sie schien auch mit mehr Vergnügen, als gewöhnlich, den Wohlgeruch ihrer Lieblingsblumen einzuathmen; sie zeigte sich freigebiger in den Geschenken, die sie bewilligte; sie beeiferte sich mehr ihre Seele in die Nahe Gottes zu bringen. Sie hörte die Messe ohne Zerstreuung, und hatte nie ihren majestätischen Kopf so tief gebückt. Während sie mit Inbrunst betete, schaarte sich die Menge, wie an den anderen Sonntagen, auf dem Wege von den Gemächern zur Capelle zusammen, und selbst die Stufen der Treppen waren bedeckt mit Cavalieren und Damen. Unter den letztern glänzte bescheiden, aber elegant gekleidet, Frau von La Mothe. Und in dem doppelten Spalier, das die Edelleute bildeten, sah man rechts Herrn von Charny, dem viele von seinen Freunden zu seiner Genesung, zu seiner Rückkehr und besonders zu seinem strahlenden Gesichte Glück wünschten. Die Gunst ist ein feiner, durchdringender Wohlgeruch, er vertheilt sich mit einer solchen Leichtigkeit in der Luft, daß von den Kennern lange vor der Oeffnung des Räucherpfännchens das Aroma erkannt, festgestellt und geschätzt wird. Olivier war erst seit sechs Stunden der Freund der Königin, aber schon nannte sich Jedermann den Freund Oliviers. Während er alle diese Glückwünsche mit der guten Miene eines wahrhaft seligen Menschen hinnahm und, um ihm mehr Ehre und Freundschaft zu erweisen, die ganze Linke des Spaliers zur Rechten überging, gewahrte Olivier, genöthigt, seine Blicke auf der Gruppe, die ihn umschwärmte, umherlaufen zu lassen, allein sich gegenüber ein Gesicht, dessen düstere Blässe und Unbeweglichkeit ihm mitten unter seiner Berauschung auffiel. Er erkannte Philipp von Taverney, der, in seine Uniform eingezwängt, die Hand am Griffe seines Degens hielt. Seit den Höfllichkeitsbesuchen, die der Letztere im Vorzimmer seines Gegners gemacht, seit der Einsperrung Charny's durch den Doctor Louis hatte keine Berührung zwischen den zwei Nebenbuhlern stattgefunden. Charny, als er Philipp sah, der ihn ruhig, ohne Wohlwollen und ohne Drohung anschaute, begann mit einem Gruße, den ihm Philipp von fern erwiderte. Hierauf sagte Olivier, indem er mit seiner Hand durch die Gruppe schnitt, die ihn umgab: »Verzeihen Sie, meine Herren ... lassen Sie mich eine Pflicht der Höflichkeit erfüllen.« Und er durchschritt den zwischen dem Spaliere rechts und dem Spaliere links liegenden Raum, und ging gerade auf Philipp zu, der sich nicht rührte. »Herr von Taverney,« sagte er, während er noch höflicher, als das erste Mal, grüßte, »ich mußte Ihnen für den Antheil danken, den Sie an meiner Gesundheit zu nehmen die Güte hatten, doch ich bin gestern erst hier angekommen.« Philipp erröthete und schaute ihn an, dann schlug er die Augen nieder. »Nein,« fuhr Charny fort, »ich werde die Ehre haben, Ihnen morgen Ihren Besuch zurückzugeben, und ich hoffe, Sie hegen keinen Groll mehr gegen mich.« »Durchaus nicht, mein Herr,« erwiderte Philipp. Charny war im Begriff, seine Hand auszustrecken, damit Philipp die seinige darauf legte, als die Trommel die Ankunft der Königin verkündigte. »Die Königin kommt, mein Herr,« sprach Philipp langsam, ohne daß er die freundschaftliche Geberde Charny's erwidert hatte. Und er punctirte diese Worte durch eine mehr schwermüthige, als kalte Verbeugung. Ein wenig erstaunt, beeilte sich Charny, zu seinen Freunden im Spalier links zurückzukehren. Philipp seinerseits blieb, als ob er Schildwache stände. Die Königin näherte sich, man sah sie Mehreren zulächeln, Bittschriften nehmen oder abnehmen lassen, denn von fern hatte sie Charny erblickt, und indem sie mit jenem verwegenen Muthe, dem sie bei ihren Freundschaften die Zügel schießen ließ und den ihre Feinde Schamlosigkeit nannten, keinen Blick mehr von ihm Verwandte, sprach sie ganz laut die Worte: »Bitten Sie heute, meine Herren, bitten Sie, ich vermöchte heute nichts abzuschlagen.« Charny war bis in die Tiefe seines Herzens durchdrungen von dem Ausdruck, von dem Sinn dieser Zauberworte. Er bebte vor Wonne, und dieß war sein einziger Dank gegen die Königin. Plötzlich wurde diese ihrer süßen, aber gefährlichen Beschallung durch das Geräusch eines Trittes, durch den Ton einer fremden Stimme entzogen. Der Tritt knarrte zu ihrer Linken auf der Platte, die bewegte aber ernste Stimme sprach: »Madame ...« Die Königin erblickte Philipp; sie vermochte eine erste Bewegung des Erstaunens nicht zu unterdrücken, als sie sich so zwischen diese zwei Männer gestellt sah, deren einen zu sehr und den andern nicht genug zu lieben sie sich vielleicht zum Vorwurf machte. »Sie Herr von Taverney!« rief sie rasch sich fassend; »Sie! Sie haben sich etwas von mir zu erbitten? Oh! sprechen Sie.« »Zehn Minuten Audienz, nach der Muße Eurer Majestät,« antwortete Philipp, indem er sich verbeugte, ohne die strenge Blässe seiner Stirne entwaffnet zu haben. »Auf der Stelle, mein Herr,« erwiderte die Königin, während sie einen verstohlenen Blick auf Charny warf, welchen sie nicht ohne ein unwillkürliches Beben so nahe bei seinem ehemaligen Gegner sehen konnte; »folgen Sie mir.« Und sie ging rascher, als sie den Tritt Philipps hinter dem ihrigen hörte, während Charny an seinem Platz geblieben war. Sie setzte indessen ihre Ernte an Briefen, Eingaben und Bittschriften fort, gab einige Befehle und trat in ihre Gemächer. Eine Viertelstunde nachher wurde Philipp in die Bibliothek gefühlt, wo die Königin am Sonntag empfing. »Ah! Herr von Taverney,« sprach sie mit freudigem Tone, »treten Sie ein und machen Sie mir sogleich ein gutes Gesicht. Ich muß Ihnen gestehen, ich habe eine Unruhe, so oft ein Taverney mich zu sprechen wünscht. Sie sind von schlimmer Vorbedeutung in ihrer Familie. Beruhigen Sie mich geschwind, Herr von Taverney ... und sagen Sie mir, Sie kommen nicht, um mir ein Unglück mitzutheilen.« Noch bleicher nach diesem Eingang, als er es während der Scene mit Charny gewesen war, beschränkte sich Philipp, da er sah, wie wenig Absichtlichkeit die Königin in ihre Sprache legte, darauf, daß er erwiderte: »Madame, ich habe die Ehre, Eure Majestät zu versichern, daß ich ihr dießmal nur eine gute Nachricht bringe.« »Ah! es ist eine Nachricht!« rief die Königin. »Ach! ja, Eure Majestät.« »Oh! mein Gott!« sagte Marie Antoinette, die den heitern Ton wieder annahm, der Philipp so unglücklich machte, »Sie haben gesagt; ach! Ich Arme, die ich bin! würde eine Spanierin ausrufen, Herr von Taverney hat gesagt: ach!« »Madame,« erwiderte Philipp mit ernstem Tone, »zwei Worte werden Eure Majestät so vollständig beruhigen, daß Ihre edle Stirne sich nicht bloß heute nicht bei der Annäherung eines Taverney verschleiern, sondern daß sie sich nie mehr durch die Schuld eines Taverney Maison-Rouge verschleiern wird. Heute noch, Madame, wird der letzte dieser Familie, dem Eure Majestät einige Gunst zu bewilligen die Gnade gehabt hat, verschwinden, um nie mehr an den französischen Hof zurückzukehren.« Alsbald warf die Königin die freudige Miene von sich, die sie als Hilfsmittel gegen die muthmaßlichen Gemüthsbewegungen bei dieser Zusammenkunft angenommen hatte. »Sie gehen!« rief sie. »Ja, Eure Majestät.« »Sie ... auch!« Philipp verbeugte sich und erwiderte: »Meine Schwester hat schon den Kummer gehabt, Eure Majestät zu verlassen; ich, ich war der Königin noch weit unnützer, und ich gehe.« Die Königin setzte sich ganz unruhig bei dem Gedanken, daß Andree ihren lebenslänglichen Abschied am Tage nach einem Zusammensein bei Louis verlangt hatte, wo Herrn von Charny das erste Anzeichen des Gefühles, das man für ihn hegte, zu Theil geworden war. »Seltsam!« murmelte sie träumerisch, und sie fügte kein Wort mehr bei. Philipp blieb wie eine marmorne Bildsäule stehen und wartete auf die Geberde, die ihn entlassen sollte. Die Königin erwachte plötzlich aus ihrer Erstarrung. »Wohin gehen Sie?« fragte sie. »Ich will mich zu Herrn von Lapeyrouse begeben.« »Herr von Lapeyrouse ist in diesem Augenblicke in Neu-Foundland.« »Ich habe alle Anstalten getroffen, um zu ihm zu gelangen.« »Sie wissen, daß man ihm einen gräßlichen Tod geweissagt hat?« »Gräßlich, das weiß ich nicht,« entgegnete Philipp, »doch einen schnellen Tod, das ist mir bekannt.« »Und Sie reisen?« Er lächelte mit einer so edlen und so sanften Schönheit. »Gerade darum will ich Lapeyrouse nachfolgen,« sagte er. Die Königin versank abermals in ihr banges Stillschweigen. Philipp wartete noch einmal ehrfurchtsvoll. Die so edle und so muthige Natur Marie Antoinette's erwachte verwegener, als je. Sie stand auf ... trat auf den jungen Mann zu und sprach zu ihm, indem sie ihre weißen Arme auf ihrer Brust kreuzte: »Warum gehen Sie?« »Weil ich sehr reiselustig bin,« antwortete er mit sanftem Tone. »Aber Sie haben schon die Reise um die Welt gemacht,« entgegnete die Königin, die sich einen Augenblick durch diese heldenmüthige Ruhe bethören ließ. »Die neue Welt, ja, Madame,« fuhr Philipp fort, »doch nicht um die alte und die neue Welt zusammen.« Die Königin machte eine Geberde des Aergers und wiederholte, was sie zu Andree gesagt hatte: »Eisernes Geschlecht, stählerne Herzen, diese Taverney. Ihre Schwester und Sie, Sie sind zwei furchtbare Leute, Freunde, die man am Ende haßt. Sie gehen, nicht um zu reisen, denn Sie sind dessen müde, sondern um mich zu verlassen. Ihre Schwester wurde, wie sie sagte, von der Religion berufen, sie verbirgt ein Feuerherz unter der Asche. Kurz, sie wollte gehen, und sie ist gegangen. Gott mache sie glücklich! Sie, Sie, der Sie glücklich sein könnten, Sie gehen nun auch ... ich sagte Ihnen vorhin, die Taverney bringen mir Unglück!« »Schonen Sie uns, Madame; wenn Eure Majestät die Gnade hätte, besser in unsern Herzen zu suchen, so würde sie eine grenzenlose Ergebenheit darin sehen.« »Hören Sie,« rief die Königin zornig, » Sie sind ein Quäker, Ihre Schwester ist eine Philosophin, unmögliche Geschöpfe; sie stellt sich die Welt wie ein Paradies vor, wo man nur unter der Bedingung Eintritt finde, daß man zu den Heiligen gehöre; Sie halten die Welt für die Hölle, in welche nur die Teufel eintreten; und Sie beide haben die Welt geflohen: der Eine, weil Sie darin das finden, was Sie nicht suchen; die Andere, weil sie nicht darin finden, was Sie suchen. Habe ich Recht? Ei! mein lieber Herr von Taverney, lassen Sie die menschlichen Geschöpfe unvollkommen sein; verlangen Sie von den königlichen Familien nur, daß sie die unvollkommensten der menschlichen Geschlechter seien; seien Sie duldsam oder seien Sie vielmehr nicht selbstsüchtig.« Sie betonte diese Worte mit zu viel Leidenschaft. Philipp war im Vortheil. »Madame,« sagte er, »die Selbstsucht ist eine Tugend, wenn man sich derselben bedient, um die Gegenstände seiner Anbetung noch zu erhöhen.« Marie Antoinette erröthete. »Alles was ich weiß,« sagte sie, »ist, daß ich Andree liebte, und daß sie mich verlassen hat; daß ich große Stücke auf Sie hielt, und daß Sie mich ebenfalls verlassen. Es ist demüthigend für mich, zwei so vollkommene Personen ... ich scherze nicht, mein Herr ... mein Haus verlassen zu sehen.« »Nichts kann eine Person demüthigen, die so erhaben ist, wie Sie,« erwiderte Taverney kalt; »die Beschämung erreicht hohe Stirnen, wie die Ihrige, nicht.« »Ich besinne mich auf's Ernstlichste, was Sie verletzt haben mochte,« fuhr die Königin fort. »Nichts, nichts hat mich verletzt,« erwiderte Philipp lebhaft. »Ihr Grad ist bestätigt worden; Ihr Glück ist im besten Zuge; ich zeichnete Sie aus ...« »Ich wiederhole Eurer Majestät, daß mir nichts bei Hofe mißfällt.« »Und wenn ich Ihnen sagte, Sie sollen bleiben ... und wenn ich es Ihnen befehlen würde? ...« »Ich hätte den Schmerz, Eurer Majestät mit einer Weigerung zu antworten.« Die Königin versenkte sich zum dritten Mal in jene stillschweigende Zurückhaltung, die für ihre Logik das war, was bei dem ermüdeten Fechter die Handlung ist, durch die er seinen Gegner aus der Lage zu bringen sucht. Und da sie aus dieser Ruhe immer durch einen unerwarteten Schlag heraustrat, so sagte sie, indem sie ihren klaren Blick auf Philipp heftete: »Es ist vielleicht Jemand hier, der Ihnen mißfällt? Sie sind argwöhnisch.« »Niemand mißfällt mir.« »Ich glaubte, Sie ständen schlecht ... mit einem Cavalier ... mit Herrn von Charny ... den Sie im Duell verwundet haben ...« sagte die Königin, sich stufenweise belebend. »Und da es einfach ist, daß man die Leute flieht, die man nicht liebt, so werden Sie, sobald Sie die Rückkehr des Herrn von Charny bemerkten, den Hof zu verlassen gewünscht haben.« Philipp antwortete nicht. Die Königin, die sich in Beziehung auf diesen so redlichen, so wackern Mann täuschte, glaubte es mit einem gewöhnlichen Eifersüchtigen zu thun zu haben. Sie setzte ihm ohne Schonung zu. »Sie wissen erst seit heute, daß Herr von Charny zurückgekommen ist,« fuhr sie fort. »Ich sage, seit heute! und heute verlangen Sie Ihren Abschied von mir?« Philipp wurde mehr bleifarbig, als bleich. So angegriffen, so mit Füßen getreten, erhob er sich grausam. »Madame,« sagte er, »es ist wahr, ich weiß die Rückkehr des Herrn von Charny erst seit heute; nur ist es länger, als Eure Majestät denkt, denn ich habe Herrn von Charny gegen zwei Uhr Morgens an der Parkthüre getroffen, welche mit den Apollo-Bädern in Verbindung steht.« Die Königin erbleichte ebenfalls, und nachdem sie mit einer Bewunderung, gemischt mit Schrecken, die vollkommene Höflichkeit betrachtet hatte, die der Edelmann in seinem Zorne behielt, murmelte sie mit erloschener Stimme: »Gut, mein Herr, gehen Sie, ich halte Sie nicht zurück.« Philipp verbeugte sich zum letzten Mal und ging mit langsamem Schritte weg. Die Königin fiel, wie vom Blitze getroffen, in einen Lehnstuhl und rief: »Frankreich, du Land der edlen Herzen!«   LXX. Die Eifersucht des Cardinals. Indessen hatte der Cardinal drei Nächte aufeinander folgen sehen, die sehr verschieden von denen waren, welche seine Einbildungskraft ihm unaufhörlich von Neuem vorführte. Keine Nachricht von irgend Jemand, keine Hoffnung auf einen Besuch. Diese Todesstille nach der Aufregung der Leidenschaft war die Dunkelheit eines Kellers nach dem heitern Sonnenlicht. Der Cardinal schmeichelte sich Anfangs mit der Hoffnung, seine Geliebte, ein Weib, bevor sie Königin war, wolle erproben, welcher Natur die Liebe sei, die man ihr bezeigte, und ob sie nach der Prüfung, wie vor derselben gefalle. Ein ganz männliches Gefühl, dessen Materialismus eine zweischneidige Waffe wurde, die den Cardinal sehr schmerzlich verwundete, wenn sie sich gegen ihn kehrte. Als er nichts kommen sah und nichts hörte als das Stillschweigen, wie Herr Delille sagt, da fürchtete der Unglückliche in der That, diese Prüfung sei für ihn selbst ungünstig gewesen. Hievon rührte eine Angst, eine Bangigkeit her, von der man sich keinen Begriff machen kann, wenn man nicht an den allgemeinen Nervenschmerzen gelitten hat, die jede nach dem Gehirn ausmündende Fiber zu einer Feuerschlange machen, die sich durch ihren eigenen Willen krümmt oder abspannt. Dieses Mißbehagen wurde dem Cardinal unerträglich; er schickte zehnmal an einem halben Tage in die Wohnung der Frau von La Mothe, zehnmal nach Versailles. Der zehnte Eilbote brachte ihm endlich Jeanne, welche dort Charny und die Königin bewachte und sich innerlich zu dieser Ungeduld des Cardinals, der sie bald den günstigen Erfolg ihres Unternehmens zu verdanken haben sollte, Glück wünschte. Sobald der Cardinal sie erblickte, brach er los. »Wie!« rief er, »Sie leben mit dieser Ruhe! Wie! Sie wissen, daß ich auf der Folter bin, und Sie, die Sie sich meine Freundin nennen, lassen diese Folter bis zum Tode gehen!« »Ei, Monseigneur,« erwiderte Jeanne, »Geduld, wenn's beliebt. Was ich in Versailles fern von Ihnen that, ist viel nützlicher, als was Sie hier in Ihrer Sehnsucht nach mir thaten.« »Man ist nicht in diesem Grade grausam,« sagte Seine Eminenz, besänftigt durch die Hoffnung, Nachrichten zu erhalten. »Sprechen Sie, was sagt man, was thut man dort?« »Die Abwesenheit ist ein schmerzliches Uebel, mag man nun in Paris oder in Versailles daran leiden.« »Das entzückt mich, und ich danke Ihnen dafür; aber ...« »Aber?« »Beweise!« »Oh! guter Gott,« rief Jeanne, »was sagen Sie da, Monseigneur! Beweise! ... Sind Sie bei Troste, Monseigneur, daß Sie von einer Frau Beweise für ihre Fehler verlangen?« »Ich verlange keine Urkunde für einen Proceß, Gräfin; ich verlange ein Liebespfand.« »Mir scheint,« erwiderte sie, nachdem sie Seine Eminenz auf eine gewisse Weise angeschaut hatte, »Sie werden sehr anspruchsvoll, wo nicht sehr vergeßlich.« »Oh! ich weiß, was Sie mir sagen wollen ... ich weiß, daß ich mich für sehr befriedigt ... für sehr geehrt halten müßte; doch beurtheilen Sie mein Herz nach dem Ihrigen,, Gräfin ... Wie nähmen Sie es auf, wenn Sie so, nachdem Sie den Anschein der Gunst genossen, auf die Seite geworfen würden?« »Sie haben, glaube ich, gesagt, den Anschein?« erwiderte Jeanne mit demselben spöttischen Tone. »Oh! es ist gewiß, Sie können mich ungestraft schlagen, Gräfin, es ist wahr, nichts berechtigt mich zu einer Klage; doch ich beklage mich ...« »Monseigneur, ich kann nicht für Ihre Unzufriedenheit verantwortlich sein, wenn sie nur unstichhaltige oder gar keine Gründe hat.« »Gräfin, Sie behandeln mich schlecht.« »Monseigneur, ich wiederhole Ihre Worte. Ich folge Ihrer Erörterung.« »Inspiriren Sie sich durch sich selbst, statt mir meine Tollheiten vorzuwerfen: helfen Sie mir, statt mich zu martern.« »Ich kann Ihnen nicht helfen, wo ich nichts zu thun sehe.« »Sie sehen nichts zu thun?« sagte der Cardinal, indem er auf jedes Wort einen Nachdruck legte. »Nichts.« »Wohl! Madame,« rief Herr von Rohan voll Heftigkeit, »es sagt vielleicht nicht Jedermann, was Sie sagen.« »Ach! Monseigneur, nun sind wir bis zum Zorn gelangt und wir verstehen uns nicht mehr. Eure Eminenz wird mir verzeihen, wenn ich ihr dieß bemerke.« »Zum Zorn! ja ... Ihr böser Wille treibt mich dazu, Gräfin.« »Und Sie berechnen nicht, ob dieß Ungerechtigkeit ist?« »Oh! nein! Wenn Sie mir nicht mehr dienen, so ist dieß der Fall, weil Sie es nicht mehr anders machen können, das sehe ich wohl.« »Sie beurtheilen mich gut; warum klagen Sie mich dann an?« »Weil Sie mir die ganze Wahrheit sagen müßten, Madame.« »Die Wahrheit! ich habe Ihnen diejenige gesagt, welche ich weiß.« »Sie sagen mir nicht, daß die Königin eine Treulose, eine Cokette ist, daß sie die Leute anreizt sie anzubeten und sie hernach der Verzweiflung überantwortet.« Jeanne schaute ihn mit erstaunter Miene an. »Erklären Sie sich,« sagte sie zitternd, nicht vor Angst, sondern vor Freude. Sie hatte in der That in der Eifersucht des Cardinals einen Ausgang erblickt, den ihr die Umstände vielleicht nicht gegeben hätten, um aus einer so schwierigen Lage herauszukommen. »Gestehen Sie mir,« fuhr der Cardinal fort, der mehr mit seiner Leidenschaft rechnete, »gestehen Sie mir, ich bitte Sie, daß die Königin sich weigert, mich zu sehen.« »Ich sage das nicht, Monseigneur.« »Gestehen Sie, daß sie, wenn sie mich nicht mit ihrem vollen Willen zurückstößt, was ich immer noch hoffe, mich aus dem Besitze setzt und fern von sich hält, um nicht irgend einen andern Liebhaber zu beunruhigen, bei dem meine Huldigungen Verdacht erregt haben.« »Ah! Monseigneur,« rief Jeanne mit einem so honigsüßen Tone, daß sie noch viel mehr errathen ließ, als sie verbergen wollte. »Hören Sie mich,« sagte der Cardinal, »als ich Ihre Majestät zum letzten Male sah, glaubte ich im Gebüsche gehen zu hören.« »Tollheit!« »Und ich werde Alles sagen, was ich muthmaße.« »Sagen Sie nicht ein Wort mehr, Monseigneur, Sie beleidigen die Königin, und überdieß, wenn es wahr wäre, wenn sie so unglücklich wäre, daß sie die Ueberwachung eines Liebhabers befürchten müßte, was ich nicht glaube, wären Sie ungerecht genug, ihr ein Verbrechen aus der Vergangenheit zu machen, die sie Ihnen zum Opfer bringt?« »Die Vergangenheit! die Vergangenheit! Das ist ein großes Wort; aber es fällt, Gräfin, wenn diese Vergangenheit noch die Gegenwart ist und die Zukunft sein soll!« »Pfui! Monseigneur; Sie sprechen mit mir, als sprächen Sie mit einem Mäkler, dem Sie vorwerfen würden, er habe Sie zu einem schlechten Geschäfte veranlaßt. Ihr Argwohn, Monseigneur, ist so verletzend für die Königin, daß er es am Ende auch für mich wird.« »Dann, Gräfin, beweisen Sie mir ...« »Ah! Monseigneur, wenn Sie dieses Wort wiederholen, so nehme ich die Beleidigung auf meine Rechnung.« »Kurz! ... liebt sie mich ein wenig?« »Da gibt es etwas ganz Einfaches, Monseigneur,« sagte Jeanne, indem sie auf den Tisch des Cardinals und auf das darauf stehende Schreibzeug deutete. »Setzen Sie sich dorthin und fragen Sie die Königin selbst.« Der Cardinal ergriff voll Entzücken Jeanne's Hand und rief: »Sie werden ihr das Billet zustellen?« »Wenn ich es ihr nicht zustellte, wer würde es denn sonst übernehmen?« »Und ... Sie versprechen mir eine Antwort?« »Wenn Sie keine Antwort bekämen, wie würden Sie erfahren, woran Sie sich zu halten haben?« »Oh! so ist es gut, Gräfin, so liebe ich Sie.« »Nicht wahr?« sagte sie mit ihrem feinen Lächeln. Er setzte sich, nahm die Feder und fing einen Brief an. Herr von Rohan hatte eine beredte Feder, einen leichten Brief; doch er zerriß zehn Blätter, ehe er sich selbst gefiel. »Wenn Sie immer so fortmachen, werden Sie nie zum Ziele kommen,« sagte Jeanne. »Sehen Sie, Gräfin, ich mißtraue meiner Zärtlichkeit; sie überströmt unwillkürlich und würde vielleicht die Königin ermüden.« »Ah!« versetzte Jeanne mit Ironie, »wenn Sie ihr als Politiker schreiben, so wird sie Ihnen mit einem diplomatischen Billet antworten. Das ist Ihre Sache.« »Sie haben Recht, und Sie sind eine ächte Frau nach Geist und Herz. Hören Sie, Gräfin, warum sollten wir ein Geheimniß vor Ihnen haben, da Sie das unsere besitzen?« Sie lächelte. »Es ist wahr,« sagte sie, »Sie haben mir wenig zu verbergen.« »Lesen Sie über meine Schulter, lesen Sie so schnell, als ich schreiben werde; denn mein Herz brennt, meine Feder wird das Papier verzehren.« Er schrieb in der That; er schrieb einen Brief so glühend, so toll, so voll von Liebesvorwürfen und gefährlichen Betheuerungen, daß, als er geendet hatte, Jeanne, die seinen Gedanken bis zur Unterschrift folgte, zu sich selbst sagte: »Er hat geschrieben, was ich ihm nicht zu dictiren gewagt hätte.« Der Cardinal überlas sein Billet und fragte dann Jeanne: »Ist es so gut?« »Wenn die Königin Sie liebt,« erwiderte die Verrätherin, »so werden Sie sie morgen sehen; nun aber verhalten Sie sich ruhig.« »Bis morgen, ja.« »Ich verlange nicht mehr, Monseigneur.« Sie nahm das versiegelte Billet, ließ sich von Monseigneur auf die Augen küssen, und kehrte gegen Abend nach Hause zurück. Ausgekleidet, erfrischt, fing sie hier an nachzudenken. Die Lage war so, wie sie sich dieselbe seit ihrem ersten Auftreten versprochen hatte. Noch zwei Schritte, und sie war am Ziel. Wen von beiden war es besser zum Schilde zu wählen: die Königin oder den Cardinal? Dieser Brief des Cardinals versetzte ihn in die Unmöglichkeit, je Frau von La Mothe anzuklagen, wenn sie ihn nöthigen würde, die für das Halsband schuldige Summe zurückzubezahlen. Angenommen, der Cardinal und die Königin würden sich sehen, um sich zu verständigen, wie sollten sie es wagen, Frau von La Mothe, die Verwahrerin eines so ärgerlichen Geheimnisses, zu Grunde zu richten? Die Königin würde keinen Lärmen machen und an den Haß des Cardinals glauben, der Cardinal würde an die Coketterie der Königin glauben, doch die Debatte, wenn eine entstände, würde bei geschlossenen Thüren stattfinden, und beim ersten Argwohn würde Frau von La Mothe diesen Vorwand ergreifen, um sich mit der schönen Summe von anderthalb Millionen aus dem Vaterlande zu verbannen. Der Cardinal würde wohl wissen, daß Jeanne diese Brillanten genommen, die Königin würde es wohl errathen; doch wozu sollte es ihnen nützen, eine Angelegenheit ruchbar zu machen, welche so eng mit der des Parks und der Apollo- Bäder in Verbindung gebracht war? Nur genügte ein einziger Brief nicht, um dieses ganze Vertheidigungssystem festzustellen; der Cardinal hatte gute Federn, er würde sieben- bis achtmal schreiben. Was die Königin betrifft, wer weiß, ob sie nicht mit Herrn von Charny Waffen für Jeanne von La Mothe schmiedete? So viele Wirrsale und Umwege liefen im schlimmsten Fall auf eine Flucht aus, und Jeanne vergegenwärtigte sich zum Voraus die ganze Stufenfolge. Zuerst Verfall des Termins, Anzeige der Juweliere. Die Königin ging gerade zu Herrn von Rohan. Wie? Durch die Vermittlung Jeanne's, das war unvermeidlich. Jeanne benachrichtigte den Cardinal und forderte ihn auf, zu bezahlen. Weigerte er sich ... Drohung, die Briefe zu veröffentlichen; er bezahlte. Nach geleisteter Bezahlung keine Gefahr mehr. Was den öffentlichen Lärm betrifft, so blieb noch die Intriguenfrage auszubeuten. In diesem Punkt vollkommene Befriedigung. Die Ehre einer Königin und eines Kirchenfürsten um den Preis von anderthalb Millionen, das war noch zu wohlfeil. Jeanne glaubte sicher zu sein, sie würde drei Millionen bekommen, wenn sie wollte. Und warum war Jeanne ihrer Sache in Beziehung auf die Intriguenfrage so sicher? Weil der Cardinal der Ueberzeugung lebte, er habe drei Nächte hinter einander die Königin in den Gebüschen von Versailles gesehen ... und weil keine Macht der Erde dem Cardinal beweisen würde, er habe sich getäuscht ... Weil ein einziger Beweis des Betrugs übrig blieb, ein lebendiger, unverwerflicher Beweis, den aber Jeanne aus der Debatte zu entfernen im Begriff stand. Bei diesem Punkt ihres Nachsinnens angelangt, trat Jeanne an's Fenster und erblickte Oliva, die ganz unruhig, ganz neugierig auf ihrem Balcon stand. »Jetzt haben wir beide miteinander zu schaffen,« dachte Jeanne, indem sie ihre Gefährtin zärtlich grüßte ... Die Gräfin machte Oliva das verabredete Zeichen, daß sie am Abend herabkomme. Ganz freudig über diese officielle Mittheilung kehrte Oliva in ihr Zimmer zurück, und Jeanne versank wieder in ihr Nachdenken. Was Werkzeug zerbrechen, wenn es nicht mehr dienen kann, das ist die Gewohnheit aller Intriganten; nur scheitert die Mehrzahl derselben, entweder weil sie dieses Werkzeug so zerbrechen, daß es einen Seufzer ausstößt, der das Geheimniß verräth, oder weil sie es unvollständig genug zerbrechen, daß es noch Andern zu dienen vermag. Jeanne dachte, die lebenslustige kleine Oliva würde sich nicht zerbrechen lassen, ohne einen Seufzer von sich zu geben. Man mußte nothwendig für sie eine Fabel ersinnen, die sie zur Flucht bestimmte, und eine andere, die ihr sehr gern zu fliehen gestattete. Die Schwierigkeiten erhoben sich auf jedem Schritt; doch gewisse Geister finden ein eben so großes Vergnügen daran, die Schwierigkeiten aufzulösen, als andere, die Rosen mit Füßen zu treten. So entzückt Oliva über die Gesellschaft ihrer neuen Freundin war, war sie es doch nur beziehungsweise, das heißt, insofern sie diese Verbindung durch die Scheiben ihres Gefängnisses erschaute, fand sie dieselbe kostbar. Noch die aufrichtige Nicole verbarg ihrer Freundin nicht, der lichte Tag, die Spazierfahrten im hellen Sonnenschein, kurz alle die Wirklichkeiten des Lebens wären ihr lieber gewesen, als die nächtlichen Promenaden und das erdichtete Königthum. Jeanne, ihre Liebkosungen und ihre Vertraulichkeit waren für sie nur ein halbes Leben; die Wirklichkeit des Lebens waren Geld und Beausire. Jeanne, welche diese Theorie gründlich studirt hatte, gelobte sich, dieselbe bei der ersten Gelegenheit anzuwenden. Indem sie sich zusammenfaßte, gab sie als Thema ihrer Unterredung mit Nicole die Nothwendigkeit, den Beweis der strafbaren im Park von Versailles begangenen Betrügereien ganz und gar verschwinden zu machen. Die Nacht brach ein, Oliva kam herab. Jeanne erwartete sie vor der Thüre. Beide gingen wieder die Rue Saint-Claude bis zu dem verödeten Boulevard hinauf, wo sie ihren Wagen erreichten, den sie, um besser mit einander sprechen zu können, im Schritt auf dem Wege fahren ließen, welcher sich kreisförmig nach Vincennes zieht. Nicole war wohl eingehüllt in ein einfaches Kleid und in eine weite Caputze; Jeanne war als Grisette gekleidet, und Niemand vermochte sie zu erkennen. Man hätte zu diesem Behuf überdieß in den Wagen tauchen müssen, und die Policei allein war hiezu befugt. Nichts aber hatte bis jetzt Verdacht bei der Policei erweckt. Dabei trug dieser Wagen, statt nur glatt zu sein, an seinen Füllungen das Wappen der Valois, eine beachtenswerthe Schildwache, deren Verbot zu durchbrechen oder zu überschreiten die Gewaltthat eines Agenten nie gewagt hätte. Oliva fing damit an, daß sie Jeanne mit Küssen bedeckte, und diese erwiderte dieselben mit Wucher. »Oh! was habe ich mich gelangweilt,« sagte Oliva, »ich suchte Sie, ich rief nach Ihnen.« »Unmöglich, meine Freundin, ich konnte Sie unmöglich besuchen, ich wäre eine zu große Gefahr gelaufen und hätte Sie auch einer solchen preisgegeben.« »Wie dieß?« fragte Nicole erstaunt. »Eine furchtbare Gefahr, meine Kleine, worüber ich noch zittere.« »Oh! erzählen Sie mir das geschwind.« »Sie wissen, daß Sie hier viele Feinde haben?« »Leider, ja!« »Und daß Sie, um sich zu zerstreuen, auszugehen wünschten?« »Wozu Sie mir so freundschaftlich verholfen haben.« »Sie wissen auch, daß ich Ihnen von jenem Mundschenk sprach, der etwas verrückt, aber sehr angenehm und in die Königin verliebt ist, welcher Sie ein wenig gleichen.« »Ja, ich weiß das.« »Ich hatte die Schwäche, Ihnen eine unschuldige Unterhaltung vorzuschlagen, die darin bestand, daß wir uns über den armen Jungen lustig machen und ihn so mystificiren wollten, daß er an eine Laune der Königin für ihn glauben sollte.« »Ach! ja,« seufzte Oliva, »Ich erinnere Sie nicht an die zwei ersten Promenaden, die wir bei Nacht im Garten von Versailles in Gesellschaft dieses armen Jungen machten.« Oliva seufzte abermals. »In diesen zwei Nächten spielten Sie Ihre kleine Rolle so gut, daß unser Verliebter die Sache im Ernste nahm.« »Das war vielleicht schlimm,« sagte Oliva leise; »denn in der That, wir täuschten ihn, und er verdient es nicht; es ist ein reizender Cavalier.« »Nicht wahr?« »Oh! ja.« »Doch! warten Sie, hierin liegt das Schlimme nicht. Daß Sie ihm eine Rose geschenkt haben, daß Sie sich Majestät nennen ließen ... daß Sie ihm Ihre Hand zum Küssen gaben, das sind muthwillige Streiche ... Aber ... meine kleine Oliva, es scheint, das ist noch nicht Alles.« Oliva erröthete so sehr, daß Jeanne ohne die tiefe Nacht es hätte bemerken müssen. Als gescheidtes Weib schaute sie allerdings den Weg und nicht ihre Gefährtin an. »Wie ...« stammelte Nicole, »in welcher Hinsicht ... ist das noch nicht Alles?« »Es fand eine dritte Zusammenkunft statt,« erwiderte Jeanne. »Ja,« sagte Oliva zögernd; »Sie wissen es, da Sie dabei waren.« »Verzeihen Sie, liebe Freundin, ich war, wie immer, in der Entfernung und lauerte, oder gab mir den Anschein, als lauerte ich, um Ihrer Rolle mehr Wahrheit zu verleihen. Ich habe also weder gehört, noch gesehen, was in jener Grotte vorgegangen ist. Ich weiß nur das, was Sie mir davon erzählt haben. Sie erzählten mir aber, als Sie zurückkamen, Sie seien spazieren gegangen, Sie haben geplaudert, und die Rosen und die Handküsse haben ihr Spiel fortgesetzt. Ich, meine Kleine, glaube Alles, was man mir sagt.« »Nun denn! ... aber ...« machte Oliva zitternd. »Nun denn! meine Liebenswürdigste, es scheint, unser Narr sagt mehr, als ihm die vorgebliche Königin bewilligt hat.« »Was?« »Berauscht, betäubt, verwirrt, rühmte er sich, wie es scheint, von der Königin einen unverwerflichen Beweis getheilter Liebe erhalten zu haben. Dieser arme Teufel ist entschieden ein Narr.« »Mein Gott! mein Gott!« murmelte Oliva. »Es ist ein Narr, schon weil er lügt, nicht wahr?« »Gewiß,« stammelte Oliva. »Sie hätten sich nicht einer so furchtbaren Gefahr aussetzen sollen, ohne es mir zu sagen, meine liebe Kleine.« Oliva schauerte vom Scheitel bis zu den Zehen. »Welche Wahrscheinlichkeit hat es,« fuhr die furchtbare Freundin fort, »daß Sie, die Herrn Beausire liebt und mich als ihre Gefährtin besitzt, daß Sie, eine Dame, welcher der Graf von Cagliostro den Hof macht, dessen Bemühungen Sie zurückweisen, daß Sie aus Laune diesem Narren das Recht geben ... zu ... sagen ... Nein, er hat den Kopf verloren, das lasse ich mir nicht nehmen.« »Nun!« rief Nicole, »was für eine Gefahr ist dabei? sprechen Sie.« »Bemerken Sie wohl, wir haben es mit einem Narren zu thun, der nichts fürchtet und nichts schont. So lange es sich nur um eine geschenkte Rose, um einen Handkuß handelte, da war nichts zu sagen; eine Königin hat Rosen in ihrem Park, sie hat Hände zur Verfügung aller ihrer Unterthanen; doch wenn es wahr wäre, daß bei der dritten Zusammenkunft ... Ach! ich lache nicht mehr, seitdem ich diese Idee habe.« Oliva fühlte, wie sich ihre Zähne aus Angst an einander preßten. »Was wird dann geschehen, meine gute Freundin?« fragte sie. »Es wird vor Allem geschehen, daß Sie nicht die Königin sind, wenigstens nicht, daß ich wüßte.« »Nein.« »Und daß, da Sie die Eigenschaft Ihrer Majestät usurpirt haben, um eine Leichtfertigkeit dieser Art zu begehen...« »Nun?« »Nun, das nennt man Majestätsbeleidigung. Man führt die Leute sehr weit mit diesem Wort.« Oliva verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. »Im Ganzen,« fuhr Jeanne fort, »da Sie nicht das gethan haben, womit er sich brüstet, so werden Sie damit davon kommen, daß Sie es beweisen. Die zwei vorhergehenden Leichtfertigkeiten werden mit zwei bis vier Jahren Gefängniß und mit der Verbannung bestraft.« »Gefängniß! Verbannung!« rief Oliva bestürzt. »Das ist kein Unglück, das sich nicht wieder gut machen ließe; aber ich will immerhin meine Vorsichtsmaßregeln nehmen und mich sicher stellen.« »Wie! Sie würden auch beunruhigt?« »Bei Gott! wird dieser Wahnsinnige nicht auch mich sogleich angeben? Oh! meine arme Oliva, diese Mystification wird uns theuer zu stehen kommen.« Oliva zerfloß in Thränen. »Und ich, ich,« sagte sie, »die ich nicht einen Augenblick ruhig sein kann! Oh! wüthender Geist! Oh! Dämon! Sehen Sie, ich bin besessen. Nach diesem Unglück werde ich mir noch ein anderes zuziehen.« »Verzweifeln Sie nicht, suchen Sie nur das Aufsehen zu vermeiden.« »Oh! wie werde ich mich bei meinem Beschützer einsperren! Wenn ich ihm Alles sagen würde?« »Ein schöner Gedanke! Ein Mann, der Sie ätzt, während er Ihnen seine Liebe verbirgt; ein Mann, der nur ein Wort von Ihnen erwartet, um Sie anzubeten ... einem solchen Mann wollen Sie gestehen, Sie haben diese Unvorsichtigkeit mit einem Andern begangen! Ich sage Unvorsichtigkeit, bemerken Sie das wohl... abgesehen davon, daß er argwöhnen wird.« »Mein Gott! Sie haben Recht.« »Mehr noch: das Gerücht von dieser Sache wird sich verbreiten, die Nachforschungen der Beamten werden Bedenklichkeiten bei Ihrem Beschützer erregen. Wer weiß, ob er Sie nicht, um sich bei Hofe angenehm zu machen, ausliefern wird?« »Oh!« »Nehmen Sie an, er jage Sie ganz einfach weg, was wird dann aus Ihnen werden?« »Ich weiß, daß ich verloren bin.« »Und Herr Beausire, wenn er dieß erfährt?« sagte Jeanne langsam, die Wirkung dieses letzten Streiches studirend. Oliva sprang auf. Mit einem heftigen Stoß zerstörte sie das ganze Gebäude ihrer Frisur. »Er wird mich umbringen. Oh! nein, ich werde mich selbst tödten.« Dann wandte sie sich gegen Jeanne um und sagte ganz in Verzweiflung: »Sie können mich nicht retten, nein, da Sie selbst verloren sind.« »Ich habe,« erwiderte Jeanne, »tief in der Picardie ein Gütchen, einen Pachthof. Wenn man, ohne gesehen zu werden, diesen Zufluchtsort, ehe der Lärm ausbricht, erreichen könnte, so bliebe vielleicht noch eine Möglichkeit.« »Aber dieser Narr, er kennt Sie, er wird Sie wohl auffinden.« »Oh! wenn Sie weggegangen, wenn Sie verborgen, wenn Sie unfindbar wären, würde ich den Narren nicht mehr fürchten. Ich würde laut zu ihm sagen: ›Sie sind ein Narr, da Sie solche Dinge behaupten, beweisen Sie dieselben,‹« was ihm unmöglich wäre; und ganz leise würde ich zu ihm sagen: ›Sie sind ein Schurke!‹« »Ich werde abreisen, wann und wie es Ihnen beliebt,« sprach Oliva. »Ich glaube, das ist vernünftig,« erwiderte Jeanne. »Soll ich sogleich gehen?« »Nein, warten Sie, bis ich alle Anstalten für einen günstigen Erfolg getroffen habe. Verbergen Sie sich, zeigen Sie sich nicht, nicht einmal mir. Verkleiden Sie sich sogar, wenn Sie in Ihren Spiegel schauen.« »Ja, ja, zählen Sie auf mich, theure Freundin.« »Und um anzufangen, kehren wir nach Hause zurück: wir haben einander nichts mehr zu sagen.« »Kehren wir zurück. Wie viel Zeit brauchen Sie zu Ihren Vorbereitungen?« »Ich weiß es nicht; doch merken Sie wohl auf Eines: von jetzt an bis zum Tag Ihrer Abreise werde ich mich nicht mehr an meinem Fenster zeigen. Wenn Sie mich daran sehen, so rechnen Sie darauf, daß Ihre Abreise noch an demselben Tag stattfinden soll.« »Ja; ich danke, meine liebe Freundin.« Sie kehrten langsam nach der Rue Saint-Claude zurück: Oliva wagte es nicht mehr, mit Jeanne zu sprechen, Jeanne war zu tief in Gedanken versunken, um mit Oliva zu sprechen. Als sie an Ort und Stelle waren, umarmten sie sich: Oliva bat ihre Freundin demüthig um Verzeihung für alles Unglück, das sie durch ihre Unbesonnenheit verursacht habe. »Ich bin Weib, und keine Weiberschwäche ist mir fremd,« sprach Frau von La Mothe, den römischen Dichter parodirend.   LXXI. Die Flucht. Was Oliva versprochen hatte, hielt sie. Was Jeanne versprochen hatte, that sie. Schon am folgenden Tag hatte Nicole ihr Dasein vor Jedermann verborgen, Niemand konnte errathen, daß sie in dem Hause der Rue Saint-Claude wohnte. Sie war beständig hinter einem Vorhang oder Windschirm verborgen, sie hielt ihre Fenster verhängt, den Sonnenstrahlen zum Trotz, welche dieselben freudig angriffen. Jeanne, die ihrerseits alle Anstalten traf, da sie wußte, daß der kommende Tag den Verfall der ersten Zahlung von fünfmal hunderttausend Livres herbeiführen mußte – Jeanne richtete sich so ein, daß sie für den Augenblick, wo die Bombe platzen würde, keine greifbare Stelle hinter sich ließ. Dieser furchtbare Augenblick war das letzte Ziel ihrer Beobachtungen. Sie hatte die Alternative einer leichten Flucht weise berechnet, doch diese Flucht war die bestimmteste Anklage. Bleiben, unbeweglich bleiben, wie der Duellant unter dem Streiche des Gegners; bleiben mit der Möglichkeit zu fallen, aber auch seinen Gegner zu tödten: das war der Entschluß der Gräfin. Darum zeigte sie sich schon am Tag nach ihrer Zusammenkunft mit Oliva gegen zwei Uhr an ihrem Fenster, um der falschen Königin zu bezeichnen, daß sie am Abend das Weite zu suchen habe. Die Freude und zugleich den Schrecken Oliva's zu schildern, wäre nicht möglich, die Nothwendigkeit zu fliehen bedeutete Gefahr; die Möglichkeit zu fliehen bedeutete Rettung. Sie sandte Jeanne einen beredten Kuß zu und traf dann ihre Vorbereitungen, wobei sie in ihr Päckchen Einiges von den kostbaren Effecten ihres Beschützers legte. Jeanne verschwand, nachdem sie das Signal gegeben hatte, aus ihrer Wohnung, um sich mit Aufsuchung des Wagens zu beschäftigen, den man mit dem theuren Geschicke von Mlle. Nicole betrauen konnte. Und dieß war dann Alles – Alles, was der neugierigste Beobachter unter den gewöhnlich bezeichnenden Merkmalen des Einverständnisses der zwei Freundinnen hätte entwirren können. Geschlossene Vorhänge, geschlossene Fenster, spät umherirrendes Licht. Hernach irgend ein Streifen und Rauschen, einige geheimnißvolle Geräusche, einige Umwerfungen, worauf Schatten und Stillschweigen folgten. Es schlug elf Uhr auf St.-Paul, und der Wind des Flusses trug die düster abgemessenen Schläge bis nach der Rue Saint- Claude, als Jeanne in die Rue Saint-Louis mit einem Postwagen kam, der mit vier kräftigen Pferden bespannt war. Ein auf dem Bocke sitzender, in einen Mantel gehüllter Mann bezeichnete dem Postillon die Adresse. Jeanne zog diesen Mann am Saume seines Mantels und ließ ihn an der Ecke der Rue du Roi doré halten. Der Mann sprach mit seiner Gebieterin. »Der Wagen bleibe hier, mein lieber Herr Reteaux,« sagte Jeanne, »eine halbe Stunde wird genügen. Ich werde Jemand hierher führen, der einsteigen wird, und Sie lassen, indem Sle doppelte Trinkgelder bezahlen, nach meinem kleinen Hause in Amiens fahren.« »Ja, Frau Gräfin.« »Dort übergeben Sie diese Person meinem Meier Fontaine, welcher weiß, was er zu thun hat.« »Ja, Madame.« »Ich vergaß ... Sie sind bewaffnet, mein lieber Herr Reteaux?« »Ja, Madame.« »Diese Dame ist von einem Narren bedroht ... Man wird sie vielleicht unter Weges festnehmen wollen ...« »Was soll ich dann thun?« »Sie werden auf Jeden, der Sie in ihrer Fahrt aufhalten will, Feuer geben.« »Gut, Madame.« »Sie haben zwanzig Louisd'or Belohnung für das Bewußte von mir verlangt, ich gebe hundert dafür und bezahle die Reise, die Sie nach England machen werden, wo Sie mich vor Ablauf von drei Monaten zu erwarten haben.« »Gut Madame.« »Hier sind die hundert Louisd'or. Ich sehe Sie ohne Zweifel nicht mehr, denn Sie werden wohl daran thun, Saint- Valery zu erreichen und sich sogleich nach England einzuschiffen.« »Zählen Sie auf mich.« »Es ist Ihretwegen.« »Es ist unsertwegen,« sagte Herr Reteaux, der Gräfin die Hand küssend. »Ich warte also.« »Und ich werde Ihnen die Dame zuschicken.« Reteaux stieg in die Chaise statt Jeanne's, und diese eilte leichten Fußes in die Rue Saint-Claude und stieg die Treppe ihres Hauses hinauf. Alles schlief in diesem unschuldigen Quartier. Jeanne zündete selbst die Kerze an, deren Emporhaltung über den Balcon für Oliva das Signal zum Hinabgehen sein sollte. »Das Mädchen ist vorsichtig,« sagte die Gräfin zu sich selbst, als sie das Fenster dunkel sah. Jeanne hob und senkte dreimal ihre Kerze. »Nichts. Aber es kam ihr vor, als hörte sie etwas wie einen Seufzer oder ein ja, unmerklich unter dem Blätterwerk des Fensters hervor in die Luft geschleudert. »Sie wird ohne Zweifel hinabgehen, ohne zuvor etwas anzuzünden,« sagte Jeanne zu sich; »das ist kein Uebel.« Und sie ging selbst auf die Straße hinab. Die Thüre wurde nicht geöffnet. Olivia hatte sich ohne Zweifel mit einigen lästigen Päcken beschwert. »Das einfältige Ding!« sagte die Gräfin murrend; »wie viel Zeit geht wegen einiger Fetzen verloren!« Nichts kam. Jeanne ging bis zur Thüre gegenüber. Nichts. Sie hielt ihr Ohr an die breitköpfigen eisernen Nägel und horchte. So verging eine Viertelstunde; es schlug halb zwölf Uhr. Jeanne schritt bis zum Boulevard, um von ferne zu sehen, ob sich die Fenster erleuchteten. Es kam ihr vor, als sähe sie eine sanfte Zelle in dem leeren Raum der Blätter unter den doppelten Vorhängen hin- und hergehen. »Mein Gott! was macht sie! was macht sie! die kleine Elende! Sie hat vielleicht das Signal nicht gesehen.« »Auf! Muth, wir wollen wieder hinaufgehen.« Und sie stieg in der That wieder in ihre Wohnung hinauf, um noch einmal den Telegraphen ihrer Kerzen spielen zu lassen. Kein Zeichen antwortete auf die ihrigen. »Ah!« sagte Jeanne zu sich selbst, während sie voll Wuth ihre Manchetten zerknitterte, »die Gaunerin muß krank sein und sich nicht rühren können. Oh! was ist daran gelegen? lebendig oder todt, wird sie heute Abend abreisen.« Sie ging abermals mit der Hast einer verfolgten Löwin die Treppe hinab. Sie hielt in ihrer Hand den Schlüssel, der so oft Oliva die nächtliche Freiheit verschafft hatte. Im Augenblick, wo sie diesen Schlüssel in das Schloß des Hauses stecken wollte, hielt sie inne. »Wenn Jemand oben bei ihr wäre?« dachte die Gräfin. »Unmöglich, ich werde die Stimmen hören, und es wird noch Zeit sein, wieder herabzugehen. Wenn ich Jemand auf der Treppe begegnete ... Oh!« Bei dieser gefährlichen Annahme wäre sie beinahe zurückgewichen. Das Geräusch des Stampfens ihrer Pferde auf das schallende Pflaster bestimmte sie. »Ohne Gefahr nichts Großes,« sagte Jeanne. »Mit Kühnheit nie Gefahr!« Und sie drehte den Schlüssel in dem schwerfälligen Schloß und öffnete die Thüre. Jeanne kannte die Oertlichkeiten; ihr Verstand würde ihr dieselben geoffenbart haben, selbst wenn sie sich nicht, als sie jeden Abend auf Oliva wartete, genau darüber unterrichtet hätte. Die Treppe war links, Jeanne eilte auf die Treppe. Kein Geräusch, kein Licht, Niemand. So kam sie auf den Treppenabsatz der Wohnung Nicole's. Hier, unter der Thüre, sah man einen beleuchteten Streifen; hier, hinter der Thüre, hörte man das Geräusch eines hastigen Schrittes. Keuchend, aber ihren Athem erstickend, horchte Jeanne. Man sprach nicht. Oliva war also allein, sie ging, sie räumte ohne Zweifel zusammen. Sie war also nicht krank und es handelte sich nur um eine Verzögerung. Jeanne kratzte sachte an dem Holze der Thüre. »Oliva! Oliva!« sagte sie; »Freundin, liebe Freundin!« Die Schritte näherten sich auf dem Teppich. »Oeffnen Sie! öffnen Sie!« sagte Jeanne hastig. Die Thüre wurde geöffnet, eine Lichtfluth überströmte Jeanne, und diese stand einem Mann gegenüber, der einen dreiarmigen Leuchter in der Hand hielt. Sie stieß einen furchtbaren Schrei aus und verbarg ihr Gesicht. »Olivia!« sagte dieser Mann. »Sind Sie es nicht?« Und er hob sachte den Ueberwurf der Gräfin auf. »Die Frau Gräfin von La Mothe!« rief er im Tone eines bewunderungswürdig natürlichen Erstaunens. »Herr von Cagliostro!« murmelte Jeanne wankend und einer Ohnmacht nahe. Unter all den Gefahren, welche Jeanne hatte voraussetzen können, war diese ihr nie vor die Augen getreten. Sie schien auf den ersten Blick nicht sehr furchtbar; aber wenn man ein wenig nachdachte, wenn man die düstere Miene und die tiefe Verstellung dieses seltsamen Mannes ein wenig beobachtete, mußte die Gefahr schrecklich erscheinen. Jeanne hätte bald den Kopf verloren, sie wich zurück und hatte große Lust, sich die Treppe hinab zu stürzen. Cagliostro reichte ihr artig die Hand und lud sie ein, sich zu setzen. »Welchem Umstande habe ich die Ehre Ihres Besuches zu verdanken, Madame?« sagte er mit sicherer Stimme. »Mein Herr ...« stammelte die Intrigantin, die ihre Augen nicht von denen des Grafen losmachen konnte, »ich kam ... ich suchte ...« »Erlauben Sie, Madame, daß ich klingle, um diejenigen meiner Leute zu bestrafen, welche die Unschicklichkeit gehabt haben, eine Frau von Ihrem Rang allein eintreten zu lassen.« Jeanne zitterte und hielt den Grafen bei der Hand zurück. »Sie müssen,« fuhr dieser unstörbar fort, »Sie müssen zu diesem Tölpel von einem Deutschen gerathen sein, der mein Portier ist und sich betrinkt. Er wird Sie nicht erkannt und seine Thüre, ohne etwas zu thun, ohne etwas zu sagen, geöffnet haben, und dann wird er wohl wieder eingeschlafen sein.« »Ich bitte, schelten Sie ihn nicht,« erwiderte die Gräfin, welche die Falle nicht ahnte, etwas weniger beklommen. »Nicht wahr, er hat geöffnet, Madame?« »Ich glaube, ja ... Aber Sie haben mir versprochen, ihn nicht zu schelten.« »Ich werde mein Wort halten,« erwiderte lächelnd der Graf. »Doch wollen Sie nun die Gute haben, sich zu erklären.« Sobald einmal die Sache so stand, sobald man Jeanne nicht mehr im Verdacht hatte, daß sie selbst die Thüre geöffnet, konnte sie über die Veranlassung ihres Besuchs lügen, was sie zu thun auch nicht ermangelte. »Ich kam,« sagte sie sehr rasch, »ich kam, um Sie über gewisse Gerüchte um Rath zu fragen, die im Umlauf sind.« »Welche Gerüchte, Madame?« »Ich bitte, bedrängen Sie mich nicht,« erwiderte Jeanne, sich zierend, »mein Schritt ist sehr zarter Natur.« »Suche! suche!« dachte Cagliostro; »ich habe gefunden.« »Sie sind ein Freund Seiner Eminenz des Herrn Cardinals von Rohan,« sprach Jeanne. »Ah! ah! nicht schlecht.« dachte Cagliostro. »Geh bis an's Ende des Fadens, den ich in der Hand habe«. Doch weiter, das verbiete ich Dir.« »Ich stehe in der That ziemlich gut mit Seiner Eminenz,« sprach er. »Und ich,« fuhr Jeanne fort, »ich wollte mich bei Ihnen erkundigen über ...« »Ueber?« fragte Cagliostro mit einer Färbung von Ironie. »Ich habe Ihnen gesagt, meine Stellung sei sehr zarter Natur, mein Herr, machen Sie keinen Mißbrauch davon. Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, daß mir Herr von Rohan einige Zuneigung bezeigt, und ich wollte wissen, bis auf welchen Grad ich darauf zählen kann, daß ... Ah! mein Herr, Sie lesen, wie man sagt, in der dichtesten Finsterniß der Geister und der Herzen.« »Noch ein wenig Helle, Madame, damit ich besser in bei Finsterniß Ihres Herzens und Ihres Geistes zu lesen vermag.« »Mein Herr! man sagt, Seine Eminenz liebe anderswo ... Seine Eminenz liebe hohen Ortes ... Man sagt sogar ...« Hier heftete Cagliostro auf Jeanne, welche beinahe rückwärts gefallen wäre, einen Blick voll von Blitzen. »Madame,« sagte er, »ich lese in der That in der Finsterniß; aber um gut zu lesen, muß ich unterstützt werden. Wollen Sie auf folgende Fragen antworten: »Wie kommt es, daß Sie mich hier aufgesucht haben? Ich wohne nicht hier.« Jeanne bebte. »Wie sind Sie hier hereingekommen? Denn es gibt weder einen Portier noch einen Bedienten in diesem Theil des Hotels. Und wenn Sie nicht mich suchten, wen suchten Sie dann? Sie antworten mir nicht?« sagte Cagliostro zu der zitternden Gräfin; »ich will also Ihren Verstand unterstützen. Sie sind mit einem Schlüssel hereingekommen, den ich hier in Ihrer Tasche fühle. Sie wollten hier eine junge Frau aufsuchen, die ich aus reiner Gutmüthigkeit bei mir verbarg.« Jeanne schwankte wie ein entwurzelter Baum. »Und wenn dem so wäre?« sprach sie ganz leise, »welches Verbrechen hatte ich begangen? Ist es einer Frau nicht erlaubt, eine andere Frau zu besuchen? Haben Sie die Güte, sie zu rufen, sie wird Ihnen sagen, ob unsere Freundschaft nicht eingestanden werden darf ...« »Madame,« unterbrach Cagliostro, »Sie sagen mir das, weil Sie wohl wissen, daß sie nicht mehr hier ist.« »Daß sie nicht mehr hier ist! ... rief Jeanne erschrocken, Oliva ist nicht mehr hier?« »Oh!« versetzte Cagliostro, »Sie wissen vielleicht nicht, daß sie abgereist ist, während Sie doch zur Entführung geholfen haben?« »Zur Entführung! ich!« rief Jeanne, die wieder Hoffnung faßte. »Man hat sie entführt, und Sie beschuldigen mich?« »Ich thue mehr, ich überweise Sie,« sprach Cagliostro. »Beweisen Sie!« rief die Gräfin unverschämt. Cagliostro nahm ein Papier vom Tisch und zeigte es ihr: »Mein Herr und edler Gönner,« sagte das an Cagliostro gerichtete Billet, »verzeihen Sie mir, daß ich Sie verlasse; doch vor Allem liebte ich Herrn Beausire; er kommt, er entführt mich, ich folge ihm. Leben Sie wohl. Empfangen Sie den Ausdruck meiner Dankbarkeit.« »Beausire! ...« sagte Jeanne wie versteinert, »Beausire ... Er wußte ja Oliva's Adresse nicht.« »Oh! doch, Madame,« erwiderte Cagliostro, indem er ihr ein zweites Papier zeigte, das er aus seiner Tasche zog; »sehen Sie, ich habe dieses Papier auf der Treppe aufgehoben, als ich hierherkam, um meinen täglichen Besuch zu machen. Dieses Papier wird Herrn Beausire aus der Tasche gefallen sein.« Die Gräfin las bebend: »Herr von Beausire wird Mademoiselle Oliva in der Rue Saint-Claude, an der Ecke des Boulevard, finden. Er wird sie finden und auf der Stelle wegführen. Es ist Zeit.« »Oh!« machte die Gräfin, das Papier zerknitternd. »Und er hat sie weggeführt,« sprach Cagliostro kalt. »Aber wer hat dieses Billet geschrieben?« »Sie augenscheinlich, Sie, die aufrichtige Freundin Oliva's.« »Aber wie ist er hier hereingekommen?« rief Hanne, indem sie voll Wuth den unempfindlichen Grafen anschaute. »Kann man nicht mit Ihrem Schlüssel eintreten?« fragte Cagliostro. »Da ich ihn habe, hat ihn Herr Beausire nicht.« »Wenn man einen Schlüssel hat, kann man auch zwei haben,« erwiderte Cagliostro, der Gräfin in's Gesicht schauend. »Sie haben da überweisende Stücke,« erwiderte langsam die Gräfin, »während ich nur Verdacht habe.« »Oh! ich habe auch einen Verdacht, und zwar einen solchen, der so viel werth ist, als der Ihrige, Madame.« So sprechend, entließ er sie mit einer unmerklichen Geberde. Sie zögerte nicht hinabzugehen, doch diese verödete Treppe entlang, die, als sie heraufgegangen, finster gewesen war, fand sie zwanzig Kerzen angezündet und zwanzig Bedienten aufgestellt, vor denen Cagliostro sie laut und zu wiederholten Malen Frau Gräfin von La Mothe nannte. Sie trat aus dem Hause, Wuth und Rache schnaubend, wie der Basilisk Feuer und Gift schnaubt.   LXXII. Der Brief und der Empfangschein. Am folgenden Tage war die letzte Frist der von der Königin selbst den Juwelieren Böhmer und Bossange bestimmten Bezahlung. Da das Schreiben Ihrer Majestät Vorsicht empfahl, so warteten sie, bis ihnen die fünfmal hunderttausend Livres gebracht würden. Und da bei allen Kaufleuten, so reich sie auch sein mögen, der Einzug von fünfmal hunderttausend Livres eine wichtige Sache ist, so hielten die Associés einen Empfangsschein von der schönsten Handschrift des Hauses bereit. Der Schein blieb unnütz: Niemand kam, um ihn gegen die fünfmal hunderttausend Livres auszutauschen. Die Nacht verging für die Juweliere sehr qualvoll in der Erwartung eines beinahe unwahrscheinlichen Boten. Doch die Königin hatte so außerordentliche Ideen; sie mußte sich verbergen: ihr Bote würde vielleicht erst nach Mitternacht kommen. Die Morgenröthe des andern Tages enttäuschte Böhmer und Bossange in ihren Chimären. Böhmer faßte seinen Entschluß, und begab sich nach Versailles in einem Wagen, in dessen Hintergrund sein Associé auf ihn wartete. Er verlangte bei der Königin eingeführt zu werden. Man antwortete ihm, wenn er nicht einen Audienzbrief habe, könne es nicht sein. Erstaunt, unruhig, beharrte er auf seinem Verlangen, und da er seine Leute kannte, da er das Talent hatte, da und dort in den Vorzimmern einen kleinen, für ihn unnützen Stein anzubringen, so begünstigte man ihn so, daß man ihn auf den Weg Ihrer Majestät stellte, wenn sie von ihrem Spaziergange in Trianon zurückkommen würde. Noch ganz bebend von ihrer Zusammenkunft mit Charny, wo sie die Liebhaberin gespielt hatte, ohne die Geliebte zu werden, kehrte Marie Antoinette wirklich voll Vergnügen und Freude in's Schloß zurück, als sie das ein wenig zerknirschte, jedoch ehrfurchtsvolle Gesicht Böhmers erblickte. Sie lächelte ihm zu, was er auf die glücklichste Weise deutete, und er wagte es, um einen Augenblick Audienz zu bitten; die Königin bewilligte ihm dieß auf zwei Uhr, das heißt, nach ihrem Mittagsmahle. Er überbrachte diese vortreffliche Kunde Bossange; dieser wartete auf ihn in einem Wagen; an einem Flusse leidend, hatte er ihrer Majestät kein unfreundliches Gesicht zeigen wollen. »Es ist kein Zweifel,« sagten sie zu einander, indem sie sich die geringsten Geberden, die kleinsten Worte Marie Antoinette's auslegten, »es unterliegt keinem Zweifel, Ihre Majestät hat in ihrer Schublade die Summe, die sie gestern noch nicht bekommen konnte; sie hat gesagt, um zwei Uhr, weil sie um zwei Uhr allein sein wird.« Und sie fragten sich, wie die Cameraden in der Fabel, ob sie die Summe in Billets, in Gold, oder in Silber wegbringen würden. Es schlug zwei Uhr, der Juwelier war an seinem Posten, man führte ihn in's Boudoir Ihrer Majestät ein. »Was haben Sie wieder, Böhmer?« fragte die Königin, sobald sie ihn von fern erblickte, »wollen Sie mir von Juwelen sprechen? Sie wissen, Sie haben Unglück.« Böhmer glaubte, es sei irgend Jemand verborgen, die Königin fürchte gehört zu werden. Er nahm also eine Miene des Einverständnisses an und erwiderte umherschauend: »Ja, Madame.« »Was suchen Sie da?« sagte die Königin erstaunt. Ein wenig bedrückt durch diese Verstellung, antwortete er nichts. »Dasselbe Geheimniß wie neulich; ein Geschmeide zu verkaufen,« fuhr die Königin fort; »ein unvergleichliches Stück? Oh! erschrecken Sie nicht so; es ist Niemand hier, der uns hören könnte.« »Dann ...« murmelte Böhmer. »Nun, dann! was?« »Dann darf ich Ihrer Majestät sagen ... »Sagen Sie geschwind, mein lieber Böhmer.« Der Juwelier näherte sich mit einem anmuthigen Lächeln und sprach, seine etwas gelben, aber ganz wohlwollenden Zähne zeigend: »Ich darf Ihrer Majestät sagen, daß die Königin uns gestern vergessen hat.« »Vergessen! worin?« fragte die Königin erstaunt. »Darin; daß gestern der ... Termin war ...« »Der Termin? ... welcher Termin?« »Oh! ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, wenn ich mir erlaube ... Ich weiß Wohl, daß es eine Unbescheidenheit ist. Vielleicht ist die Königin nicht vorbereitet. Das wäre ein großes Unglück, aber ... -« »Ah! Böhmer, ich begreife kein Wort von Allem, was Sie mir da sagen. Erklären Sie sich doch, mein Lieber.« »Eure Majestät hat es aus dem Gedächtniß verloren, das ist inmitten so vieler Sorgen und Geschäfte ganz natürlich.« »Was habe ich aus dem Gedächtnis verloren?« »Es war gestern der erste Termin der Bezahlung des Halsbandes,« antwortete Böhmer schüchtern. »Sie haben also Ihr Halsband verkauft?« »Nun ja, freilich ...« versetzte Böhmer, der die Königin ganz erstaunt anschaute, »ich glaube es wohl.« »Und diejenigen, an welche Sie es verkauft, haben Sie nicht bezahlt, mein armer Böhmer; das ist schlimm. Diese Leute müssen es machen, wie ich es gemacht habe; wenn sie das Halsband nicht kaufen können, so müssen Sie es Ihnen zurückgeben und Ihnen die Abschlagszahlung überlassen.« »Wie beliebt?« stammelte der Juwelier, welcher schwankte, dem unvorsichtigen Reisenden ähnlich, der einen Sonnenstich auf den Kopf bekommen. »Was erweist mir Ihre Majestät die Ehre zu sagen?« »Mein armer Böhmer, ich sage, wenn Ihnen zehn Käufer Ihr Halsband zurückgeben, wie ich es Ihnen zurückgegeben habe, das heißt, indem sie Ihnen zweimal hunderttausend Livres Reukauf lassen, so haben Sie zwei Millionen nebst dem Halsband.« »Eure Majestät ...« rief Böhmer, von Schweiß triefend, »Eure Majestät sagt wohl, sie habe mir das Halsband zurückgegeben?« »Ja wohl, ich sage das,« erwiderte die Königin ganz ruhig. »Was haben Sie?« »Wie!« fuhr der Juwelier fort. »Eure Majestät leugnet, das Halsband gekauft zu haben?« »Ah! was für eine Komödie spielen wir da?« sprach die Königin mit strengem Tone. »Hat dieses verdammte Halsband die Bestimmung, daß immer Jemand den Kopf darüber verlieren muß?« »Aber versetzte Böhmer, an allen seinen Gliedern zitternd, »mir schien, als hätte ich aus dem Munde Eurer Majestät selbst gehört, Sie haben es mir zurückgegeben . Eure Majestät hat gesagt, das Diamanthalsband zurückgegeben. « Die Königin schaute Böhmer mit gekreuzten Armen an und sprach: »Zum Glück habe ich hier etwas, womit ich Ihr Gedächtnis auffrischen kann, denn Sie sind ein sehr vergeßlicher Mensch, Herr Böhmer, um Ihnen nichts Unangenehmeres zu sagen.« Sie ging gerade auf einen Arbeitstisch zu, zog ein Papier heraus, öffnete es, durchflog es und reichte es dann langsam dem unglücklichen Böhmer. »Der Styl ist ziemlich klar, wie mir scheint,« sagte sie. Und sie setzte sich, um den Juwelier, während er las, besser anzuschauen. Das Gesicht des Mannes drückte zuerst gänzliche Ungläubigkeit und dann stufenweise den furchtbarsten Schrecken aus »Nun!« sagte die Königin, »Sie erkennen diesen Schein, der in so guter Form bezeugt, daß Sie das Halsband zurückerhalten; und wenn Sie nicht auch vergessen haben, daß Sie Böhmer heißen ...« »Aber, Madame,« stammelte Böhmer, zugleich vor Wuth und Angst erstickend, »ich habe diesen Schein nicht unterzeichnet.« Die Königin wich, den Juwelier mit ihren flammenden Augen niederschmetternd, zurück und rief: »Sie leugnen!« »Durchaus ... Ich habe, und müßte ich für die Freiheit meiner Sprache das Leben lassen, das Halsband nie zurückerhalten, diesen Schein nie unterzeichnet. Wäre der Block hier, stände der Henker hier, ich würde abermals wiederholen: nein, Eure Majestät, dieser Empfangsschein ist nicht von mir.« »Mein Herr,« sagte die Königin leicht erbleichend, dann habe ich Sie also betrogen, dann habe ich also Ihr Halsband?« Böhmer suchte in seinem Portefeuille und zog ein Papier heraus, das er ebenfalls der Königin überreichte. »Madame,« sagte er mit ehrerbietiger, aber vor Aufregung bebender Stimme; »ich glaube nicht, daß Eure Majestät, wenn sie mir das Halsband hätte zurückgeben wollen, diese Schuldurkunde hier geschrieben haben würde.« »Ei! was für ein Fetzen ist denn das?« rief die Königin. »Ich habe das nicht geschrieben! Ist das meine Handschrift?« »Es ist unterzeichnet,« entgegnete Böhmer vernichtet. » Marie Antoinette von Frankreich ... Sie sind verrückt! bin ich von Frankreich ? Bin ich nicht Erzherzogin von Österreich? Ist es nicht albern, daß ich das geschrieben haben soll? Gehen Sie doch, Herr Böhmer, die Falle ist zu plump, sagen Sie das Ihren Fälschern.« »Meinen Fälschern ...« stammelte der Juwelier, der beinahe in Ohnmacht fiel, als er diese Worte hörte. »Eure Majestät hat mich, Böhmer, im Verdacht?« »Sie haben wohl mich, Marie Antoinette, im Verdacht?« versetzte Marie Antoinette voll Stolz. »Aber diese Schrift,« entgegnete abermals der Juwelier, auf das Papier deutend, das sie immer noch in ihren Händen hielt. »Und dieser Empfangschein?« sagte sie, auf das Papier deutend, das er nicht von sich gelassen hatte. Böhmer war genöthigt, sich auf einen Lehnstuhl zu stützen; der Boden wirbelte unter ihm. Er athmete die Luft in großen Wogen ein, und die Purpurfarbe des Schlagflusses ersetzte die Leichenblässe der Ohnmacht. »Geben Sie mir meinen Schein zurück,« sagte die Königin, »ich halte ihn für gut, und nehmen Sie Ihre Schrift, unterzeichnet Antoinette von Frankreich; der Staatsanwalt wird Ihnen sagen, was das werth ist.« Und sie warf ihm die Verschreibung zu, nachdem sie ihm den Schein aus den Händen gerissen hatte; dann wandte sie sich um, ging in ein anstoßendes Zimmer und überließ der Etikette zuwider den Unglücklichen, der gar keinen Gedanken mehr hatte und in einen Lehnstuhl sank, sich selbst. Nach einigen Minuten jedoch, in denen er sich wieder ein wenig erholte, stürzte er ganz betäubt aus dem Gemach und suchte Bossange auf, dem er das Abenteuer so erzählte, daß er selbst bei seinem Associé in Verdacht gerieth. Doch er widerholte so gut und so oft seine Aussage, daß Bossange anfing, seine Perücke auszureißen, während Böhmer seine Haare ausriß, was für die Vorübergehenden, die ihren Blick in den Wagen tauchten, zugleich das schmerzlichste und komischste Schauspiel war. Da man jedoch nicht einen ganzen Tag im Wagen zubringen kann, da man, nachdem man sich Haare oder Perücke ausgerissen, die Hirnschale findet, und da unter der Hirnschale Gedanken sind oder sein sollen, so fanden die zwei Juweliere für gut, sich zu verbünden, um wo immer möglich die Thüre der Königin zu sprengen und etwas einer Erklärung Aehnliches zu erlangen. Sie gingen nach dem Schlosse in einem Zustand, daß sie Mitleid erregen mußten, als ihnen einer der Officianten der Königin begegnete, der den Einen oder Andern von ihnen zu berufen hatte. Man denke sich ihre Freude und den Eifer, mit dem sie gehorchten. Sie wurden ohne Verzug eingeführt. LXXIII. König kann ich nicht, Prinz mag ich nicht, Rohan bin ich. Die Königin schien ungeduldig zu warten; sie rief daher, sobald sie die Juweliere erblickte: »Ah! hier ist Herr Bossange; Sie haben Verstärkung genommen, Böhmer, desto besser.« Böhmer hatte nichts zu sagen; er dachte viel. Das Beste, was man in einem solchen Falle thun kann, ist daß man mit Geberden zu Werke geht; Böhmer warf sich Marie Antoinette zu Füßen. Die Geberde war ausdrucksvoll. Bossange ahmte ihn als sein Associé nach. »Meine Herren,« sprach die Königin, »ich bin nun ruhig und werde mich nicht mehr ärgern. Es ist mir überdieß ein Gedanke gekommen, der meine Gefühle in Beziehung auf Sie ändert. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir, Sie und ich bei dieser Angelegenheit durch ein kleines Geheimniß hintergangen worden sind ... welches kein Geheimniß mehr für mich ist.« »Ah! Madame,« rief Böhmer, begeistert durch diese Worte der Königin, »Sie haben mich also nicht mehr im Verdacht, daß ich ... Oh! es ist abscheulich auszusprechen, das Wort Fälscher ...« »Es ist eben so hart für mich, dasselbe zu hören, als für Sie, es auszusprechen,« erwiderte die Königin, »nein, ich habe Sie nicht mehr im Verdacht.« »Eure Majestät hat aber Jemand im Verdacht?« »Beantworten Sie mir meine Fragen. Sie sagen, Sie haben die Diamanten nicht mehr?« »Wir haben sie nicht mehr,« antworteten gleichzeitig die Juweliere. »Es ha! für Sie keinen Werth, zu erfahren, wem ich das Geschmeide für Sie übergeben habe, das ist meine Sache ... Haben Sie ... die Frau Gräfin von La Mothe nicht gesehen?« »Verzeihen Sie, Madame, wir haben sie gesehen.« »Und sie hat Ihnen nichts ... in meinem Auftrage übergeben?« »Nein, Madame, die Frau Gräfin hat uns nur gesagt: »»Warten Sie.«« »Wer ha! Ihnen aber die Verschreibung von mir überbracht?« »Die Verschreibung? ...« erwiderte Böhmer; »das Papier, das Eure Majestät in den Händen gehabt hat, ist uns in der Nacht von einem unbekannten Boten überbracht worden.« Und er zeigte die falsche Schrift. »Ah! ah! rief die Königin, »gut; Sie sehen, daß die Schrift nicht unmittelbar von mir kommt.« Sie läutete; ein Bedienter erschien. »Man lasse die Frau Gräfin von La Mothe zu mir rufen,« sprach die Königin ruhig. »Und,« fuhr sie dann mit derselben Ruhe fort, »Sie haben Niemand gesehen, Sie haben Herrn von Rohan nicht gesehen?« »Herrn von Rohan? Doch, Madame, er hat uns besucht und sich erkundigt ...« »Sehr gut; gehen wir nicht weiter; sobald der Herr Cardinal von Rohan abermals bei dieser Angelegenheit betheiligt ist, hätten Sie Unrecht, zu verzweifeln. Ich errathe. Als Frau von La Mothe die Worte: Warten Sie! zu Ihnen sagte, wollte sie ... Nein, ich errathe nichts, ich will nichts errathen ... Suchen Sie nur den Cardinal auf und erzählen Sie ihm, was Sie mir gesagt haben; verlieren Sie keine Zeit und fügen Sie bei, ich wisse Alles.« Wiederbelebt durch diese kleine Flamme der Hoffnung, wechselten die Juweliere unter einander einen minder ängstlichen Blick. Bossange allein, der sein Wort anbringen wollte, wagte es, leise zu sagen, die Königin habe jedoch einen falschen Empfangschein in ihren Händen, und eine Fälschung sei ein Verbrechen. Marie Antoinette faltete die Stirne und erwiderte: »Es ist wahr, wenn Sie das Halsband nicht zurückerhalten haben, so bildet diese Schrift eine Fälschung. Doch um die Fälschung nachzuweisen, ist es unerläßlich, daß ich Sie mit der Person confrontire, die ich beauftragt habe, Ihnen die Diamanten zurückzugeben.« »Wann Eure Majestät will,« rief Bossange; »wir scheuen das Licht nicht, wir sind ehrliche Handelsleute.« »Dann holen Sie das Licht beim Herrn Cardinal, der allein kann Ihnen in dieser ganzen Sache Aufklärung geben.« »Und Eure Majestät erlaubt uns, ihr die Antwort zu überbringen?« fragte Böhmer. »Ich werde vor Ihnen unterrichtet sein,« erwiderte die Königin, »und ich werde Sie aus dieser Verlegenheit ziehen. Gehen Sie.« Sie entließ die Juweliere, und als sie weggegangen waren, gab sie sich ihrer ganzen Unruhe hin und schickte Eilboten auf Eilboten an Frau von La Mothe. Wir werden ihr nicht in allen ihren Nachforschungen und in allen Vermuthungen folgen, wir verlassen sie im Gegentheil, um rascher mit den Juwelieren der so sehr ersehnten Wahrheit entgegenzulaufen. Der Cardinal war zu Hause und las mit einer unbeschreiblichen Wuth ein Briefchen, das ihm Frau von La Mothe so eben, wie sie sagte, von Versailles geschickt hatte. Der Brief war hart und benahm dem Cardinal jede Hoffnung; er fordert: ihn auf, an nichts mehr zu denken; er verbot ihm, vertraulich in Versailles wieder zu erscheinen; er appellirt an seine Biederkeit, daß er unmöglich gewordene Verbindungen nicht wieder anzuknüpfen suche. Der Prinz schäumte, während er diesen Brief noch einmal las; er buchstabirte die Charactere einen um den andern; er schien von dem Papier Rechenschaft über die Härten zu verlangen, womit eine grausame Hand ihn niederdrückt. »Cokette, launenhaft, treulos!« rief er in seiner Verzweiflung, »oh! ich werde mich rächen!« Er häufte sodann alle Armseligkeiten auf, welche die schwachen Herzen in ihren Liebesschmerzen erleichtern, aber sie nicht von der Liebe selbst heilen. »Hier,« sagte er, »hier sind vier Briefe, die sie mir geschrieben hat, und von denen der eine immer ungerechter ist, als der andere. Sie hat mich aus Laune genommen! Das ist eine Demüthigung, die ich ihr kaum verzeihen würde, wenn sie mich nicht einer neuen Laune opferte.« Und der getäuschte Unglückliche las abermals mit der Inbrunst der Hoffnung all diese Briefe, deren Strenge mit unbarmherziger Kunst stufenweise sich gesteigert hatte. Der letzte war ein Meisterwerk barbarischer Grausamkeit; das Herz des armen Kardinals ward davon gleichsam durchlöchert, und dennoch liebte er in einem Grade, daß er aus Widerspruchsgeist eine Freude daran fand diese nach der Angabe der Frau von La Mothe aus Versailles überbrachten kalten Unbarmherzigkeiten einmal um's andere wieder zu lesen. In diesem Augenblick erschienen die Juweliere in seinem Hotel. Er war sehr erstaunt, daß sie, trotz des Verbots, so hartnäckig Einlaß bei ihm begehrten. Dreimal jagte er seinen Kammerdiener hinaus, der zum vierten Mal seinen Angriff mit der Aeußerung erneuerte, die Herren Böhmer und Bossange haben erklärt, sie würden nur weggehen, wenn man sie durch Gewalt dazu zwänge. »Was soll das bedeuten?« dachte der Cardinal. »Sie mögen eintreten.« »Sie traten ein. Die verstörten Gesichter zeugten von dem heftigen Kampf, den sie moralisch und körperlich auszustehen gehabt hatten. Waren die Unglücklichen bei einem der Kämpfe Sieger geblieben, so hatten sie dagegen in dem andern eine Niederlage erlitten. Nie waren mehr aus dem Geleise gebrachte Köpfe berufen gewesen, vor einem Kirchenfürsten zu functioniren. »Vor Allem,« rief der Cardinal, als er sie sah, »was soll diese Brutalität, meine Herren Juweliere? ist man Ihnen etwas schuldig?« Der Ton dieses Eingangs verwandelte die zwei Associés vor Schrecken in Eis. »Fangen die Scenen von dort wieder an?« sagte Böhmer schielend zu seinem Verbündeten. »Oh! nein, nein,« erwiderte der Letztere, indem er seine Perücke mit einer sehr kriegerischen Bewegung zurechtrichtete, »ich, meinerseits, bin auf alle Stürme gefaßt.« Und er machte einen fast drohenden Schritt, während der klügere Böhmer zurückblieb. Der Cardinal hielt sie für Narren und sagte es ihnen unumwunden. »Monseigneur,« sprach Böhmer in seiner Verzweiflung, jede Sylbe mit einem Seufzer zerhackend, »Gerechtigkeit! Barmherzigkeit! verschonen Sie uns mit Ihrer Wuth und zwingen Sie uns nicht, die Achtung gegen den größten, erhabensten Fürsten zu verletzen.« »Meine Herren,« sagte der Cardinal, »entweder sind Sie keine Narren, und dann wird man Sie zum Fenster hinauswerfen, oder Sie sind Narren, und dann wirft man Sie ganz einfach vor die Thüre. Wählen Sie.« »Monseigneur, wir sind keine Narren, wir sind bestohlen!« »Was geht das mich an? ich bin nicht Policeilieutenant.« »Aber Sie haben das Halsband in Ihren Händen gehabt, Monseigneur,« entgegnete Böhmer schluchzend. »Sie werden gerichtliche Aussage machen. Sie werden ...« »Ich habe das Halsband gehabt?« versetzte der Prinz. »Das Halsband ist also gestohlen worden?« »Ja, Monseigneur.« »Nun! was sagt die Königin?« rief der Cardinal mit einer Bewegung lebhafter Theilnahme. »Die Königin hat uns zu Ihnen geschickt, Monseigneur.« »Das ist sehr liebenswürdig von Ihrer Majestät. Doch was kann ich hiebei machen, meine armen Leute?« »Sie vermögen Alles, Monseigneur; Sie können sagen, was man damit gethan hat.« »Ich?« »Gewiß.« »Mein lieber Herr Böhmer. Sie könnten diese Sprache gegen mich führen, wenn ich bei der Räuberbande wäre, die der Königin das Halsband gestohlen hat.« »Nicht der Königin ist das Halsband gestohlen worden.« »Mein Gott! wem denn?« »Die Königin leugnet es in ihrem Besitze gehabt zu haben.« »Wie! sie leugnet?« sagte zögernd der Cardinal; »Sie haben doch eine Handschrift von ihr?« »Sie sagt, die Handschrift sei falsch.« »Ah! meine Herren, Sie verlieren den Kopf!« rief der Cardinal. »Ist es wahr?« sagte Böhmer zu Bossange, und dieser antwortete mit einer dreifachen Beipflichtung. »Die Königin,« sprach der Cardinal, »die Königin hat geleugnet, weil Jemand bei ihr war, als Sie mit ihr sprachen.« »Niemand, Monseigneur, doch das ist noch nicht Alles.« »Was denn noch?« »Die Königin hat nicht nur geleugnet, sie hat nicht nur behauptet, die Verschreibung sei falsch; sondern sie hat uns auch einen Schein von uns gezeigt, in dem bezeugt wird, daß wir das Halsband zurückgenommen haben.« »Einen Schein von Ihnen? ... Und dieser Schein?« »Ist falsch, wie der andere; Sie wissen das wohl, Herr Cardinal.« »Falsch ... Zwei Fälschungen ... Und Sie sagen, ich wisse das wohl?« »Sicherlich, da Sie gekommen sind, um uns in dem zu bestätigen, was uns Frau von La Mothe gesagt hatte; denn Sie, Sie wußten, daß wir das Halsband wirklich verkauft hatten, und daß es in den Händen der Königin war.« »Ahl ah!« sagte der Cardinal, während er mit einer Hand über seine Stirn fuhr, »das sind, wie mir scheint, sehr ernste Dinge. Verständigen wir uns ein wenig. Meine Operationen mit Ihnen waren folgende.« »Gut, Monseigneur.« »Zuerst durch mich für Rechnung Ihrer Majestät gemachter Ankauf eines Halsbandes, auf welches ich Ihnen zweimal hundert und fünfzigtausend Livres bezahlt habe.« »Das ist wahr, Monseigneur.« »Dann von der Königin unmittelbar unterschriebener Verkauf, Sie haben mir das wenigstens gesagt, mit Terminen von ihr selbst und auf die Verantwortlichkeit ihrer Unterschrift?« »Ihrer Unterschrift ... Sie sagen, es sei die Unterschrift der Königin, nicht wahr, Monseigneur?« »Zeigen Sie sie mir!« »Hier ist sie.« Die Juweliere zogen die Verschreibung aus ihrem Portefeuille. Der Cardinal warf einen Blick darauf. »Ei! Sie sind Kinder!« rief er. » Marie Antoinette von Frankreich ... Ist die Königin nicht eine Tochter des Hauses Österreich? Sie sind betrogen: die Schrift und die Unterzeichnung, Alles ist falsch!« »Aber Frau von La Mothe muß den Fälscher und den Dieb kennen,« riefen die Juweliere ganz außer sich. Die Wahrheit dieser Behauptung wirkte schlagend auf den Cardinal. »Rufen wir Frau von La Mothe,« sagte er sehr beunruhigt. Und er läutete, wie es die Königin gethan hatte. Seine Leute stürzten fort, um Jeanne zu verfolgen, deren Wagen noch nicht fern sein konnte» Die Herren Böhmer und Bossange kauerten sich indessen, wie Hasen in's Lager, in die Versprechungen der Königin und wiederholten: »Wo ist das Halsband? wo ist das Halsband?« »Sie werden mich taub machen,« sagte der Cardinal sehr ärgerlich. »Weiß ich, wo Ihr Halsband ist? Ich habe es selbst der Königin übergeben, mehr weiß ich nicht.« »Das Halsband, wenn wir kein Geld bekommen! das Halsband!« wiederholten die zwei Kaufleute. »Meine Herren, das geht mich nichts an,« schrie der Cardinal außer sich und nahe daran, seine zwei Gläubiger aus der Thüre zu werfen. »Frau von La Mothe, die Frau Gräfin,« schrieen Böhmer und Bossange, heiser durch ihr verzweifeltes Gejammer, »sie ist es, die uns zu Grunde gerichtet hat.« »Frau von La Mothe ist von einer Redlichkeit, welche zu verdächtigen ich Ihnen verbiete, wenn Sie nicht in meinem Hause krumm und lahm geschlagen werden wollen.« »Ein Schuldiger ist doch da,« entgegnete Böhmer mit kläglichem Tone, »diese zwei Fälschungen sind von Jemand gemacht worden.« »Etwa von mir?« rief Herr von Rohan hoffärtig. »Monseigneur, das wollen wir gewiß nicht sagen.« »Nun also?« »Monseigneur, um Gottes willen eine Erklärung.« »Warten Sie, bis ich selbst eine habe.« »Aber, Monseigneur, was sollen wir der Königin antworten? denn Ihre Majestät schreit ebenso laut gegen uns.« »Und was sagt sie?« »Die Königin sagt, Sie oder Frau von La Mothe haben das Halsband, nicht sie.« »Wohl denn!« sprach der Cardinal, bleich vor Scham und Zorn, »sagen Sie der Königin, daß ... Nein, sagen Sie ihr nichts ... Genug des Aergernisses. Doch morgen ... morgen, hören Sie, halte ich das Amt in der Capelle von Versailles; kommen Sie, Sie werden sehen, wie ich mich der Königin nähere, wie ich sie frage, ob sie das Halsband nicht in ihrem Besitze habe, und Sie werden dann hören, was sie antwortet! leugnet sie mir gegenüber, dann, meine Herren, bin ich Rohan, und ich werde bezahlen!« Und nach diesen Worten, die er mit einer Größe sprach, wovon die einfache Prosa keinen Begriff geben kann, entließ der Prinz die zwei Kaufleute, und diese gingen rückwärts, sich mit den Ellenbogen berührend, hinaus. »Morgen also,« stammelte Böhmer noch, »nicht wahr, Monseigneur?« »Morgen Vormittag um elf Uhr in der Kapelle von Versailles,« antwortete der Cardinal« LXXIV. Fechtkunst und Diplomatie. Am andern Tag gegen zehn Uhr kam ein Wagen mit dem Wappen des Herrn von Breteuil in Versailles an. Diejenigen von unsern Lesern, welche sich der Geschichte Balsamo's und Gilberts erinnern, werden nicht vergessen haben, daß Herr von Breteuil, ein Nebenbuhler und persönlicher Feind des Herrn von Rohan, seit langer Zeit auf jede Gelegenheit lauerte, um seinem Gegner einen tödtlichen Schlag beizubringen. Die Diplomatie ist der Fechtkunst in der Hinsicht sehr überlegen, daß bei letzterer Wissenschaft ein Gegenstoß in einer Secunde gegeben sein muß, während die Diplomaten fünfzehn Jahre und mehr, wenn es sein muß, haben, um den Stoß, den sie zurückgeben, zu combiniren und so tödtlich als möglich zu machen. Herr von Breteuil hatte den König eine Stunde vorher um eine Audienz bitten lassen, und er fand Seine Majestät, als sie sich gerade ankleiden ließ, um zur Messe zu gehen. »Ein herrliches Wetter!« sagte Ludwig XVI. ganz heiter, als der Diplomat in sein Cabinet eintrat, »ein wahres Mariae- Himmelfahrts-Wetter; sehen Sie, es ist keine Wolke mehr zu sehen.« »Sire, bedaure unendlich, daß ich Ihrer Ruhe eine Wolke bringen muß,« erwiderte der Minister. »Oh!« rief der König, dessen heitere Miene sich verdüsterte, »der Tag fängt schlimm an; was gibt es?« »Sire, ich bin sehr in Verlegenheit, wie ich Ihnen das erzählen soll, um so mehr, als es nicht zum Geschäftskreise meines Ministeriums gehört. Es ist eine Art von Diebstahl, und das wäre Sache des Policei-Lieutenants.« »Ein Diebstahl! ... Sie sind Siegelbewahrer, und die Diebe begegnen am Ende immer der Justiz.« »Wohl, Sire, vernehmen Sie, wie sich die Sache verhält: Eure Majestät hat wohl von einem Diamantenhalsband sprechen hören?« »Das von Herrn Böhmer?« »Ja, Sire.« »Das, welches die Königin ausgeschlagen hat?« »Ganz richtig.« »Eine Zurückweisung, die mir ein schönes Schiff eingetragen hat, den Suffren ,« sagte der König, sich die Hände reibend. »Nun, Sire,« sprach der Baron von Breteuil, unempfindlich für alles Schlimme, was er zu thun im Begriffe war, »dieses Halsband ist gestohlen worden.« »Ah! das ist ein Unglück!« rief der König. »Es war theuer, doch die Diamanten sind kennbar. Wenn man sie zerschnitte, würde man die Frucht des Diebstahls verlieren. Man wird sie ganz lassen, und die Policei wird sie wieder auffinden ...« »Sire,« unterbrach der Baron von Breteuil, »das ist kein gewöhnlicher Diebstahl. Es vermischen sich damit Gerüchte.« »Gerüchte? wie soll ich das verstehen?« »Sire, man behauptet, die Königin habe das Halsband behalten.« »Wie, behalten? In meiner Gegenwart hat sie es ausgeschlagen, ohne es nur anschauen zu wollen. Albernheiten, Tollheiten, Baron; die Königin hat das Halsband nicht behalten.« »Sire, ich habe mich nicht des geeigneten Wortes bedient: die Verleumdungen sind stets so blind in Beziehung auf Fürsten, daß der Ausdruck für königliche Ohren zu verletzend ist. Das Wort behalten ...« »Ah! Herr von Breteuil,« sprach der König mit einem Lächeln, »man wird doch wohl nicht behaupten, die Königin habe das Halsband gestohlen?« »Nein,« erwiderte lebhaft Herr von Breteuil, »man sagt, die Königin habe den von ihr abgebrochenen Handel wieder aufgenommen; man sagt, und ich brauche Eurer Majestät nicht zu wiederholen, wie sehr meine Ehrfurcht und meine Ergebenheit diese schändlichen Muthmaßungen verachten, man sagt, die Juweliere besitzen von Ihrer Majestät der Königin einen Schein, in welchem bezeugt sei, daß sie das Halsband behalte.« Der König erbleichte. »Man sagt das?« wiederholte er. »Was sagt man nicht? Doch im Ganzen setzt mich das in Erstaunen. Hatte die Königin das Halsband unter der Hand gekauft, so würde ich es nicht tadeln. Die Königin ist ein Weib, das Halsband war ein seltenes, wunderbares Stück. Die Königin kann, Gott sei Dank, anderthalb Millionen für ihre Toilette ausgeben, wenn sie es wollte. Ich werde es billigen, und sie wird nur darin Unrecht gehabt haben, daß sie mir ihren Wunsch verschwiegen. Doch es geziemt sich nicht für den König, sich in diese Sache zu mischen; sie geht den Mann an. Der Mann wird seine Frau tadeln, wenn er will oder wenn er kann; ich erkenne Niemand das Recht zu, dazwischen zu treten, nicht einmal mit einer üblen Nachrede.« Der Baron verbeugte sich vor diesen so edlen und so kräftigen Worten des Königs. Aber Ludwig XVI. Festigkeit war eitel Schein. Einen Augenblick, nachdem er sie gezeigt, wurde er schwankend, unruhig. »Und dann,« fuhr er fort, »was sprechen Sie von einem Diebstahl? ... Wenn ein Diebstahl stattgefunden hätte, so wäre daß Halsband, Wie mir scheint, nicht in den Händen der Königin. Wir wollen logisch sein!« »Eure Majestät hat mich durch Ihren Zorn eiskalt gemacht, und ich konnte nicht vollenden ...« »Oh! mein Zorn! ... ich zornig! ... Was das betrifft, Baron ... Baron!« Und der gute König lachte geräuschvoll. »Fahren Sie fort und sagen Sie mir Alles; sagen Sie mir sogar, die Königin habe das Halsband an Juden verkauft. Arme Frau, sie braucht oft Geld, und ich gebe ihr nicht immer.« »Das wollte ich gerade Eurer Majestät zu sagen die Ehre haben. Die Königin hatte vor zwei Monaten durch Herrn von Calonne fünfmal hunderttausend Livres fordern lassen, und Eure Majestät hat sich geweigert, zu unterzeichnen.« »Das ist wahr.« »Wohl, Sire, dieses Geld sollte, wie man sagt , dazu dienen, das erste Quartal der von der Königin beim Ankauf des Halsbandes unterzeichneten Termine zu bezahlen. Da die Königin kein Geld hatte, so weigerte sie sich, zu bezahlen.« »Nun?« fragte der König, allmälig interessirt, wie es geschieht, wenn auf den Zweifel ein Anfang von Wahrscheinlichkeit folgt. »Sire, hier fängt die Geschichte an, die mir mein Eifer Eurer Majestät zu erzählen befiehlt.« »Wie! Sie sagen, die Geschichte fange hier an: mein Gott! was ist es denn?« rief der König, seine Verlegenheit vor den Augen des Barons verrathend, der von da an im Vortheil blieb. »Sire, man sagt, die Königin habe sich an Jemand gewendet, um Geld zu bekommen.« »An wen? an einen Juden, nicht wahr?« »Nein, Sire, nicht an einen Juden.« »Ei, mein Gott! Sie sagen mir das mit einer seltsamen Miene, Breteuil. Oh! gut, ich errathe; eine auswärtige Intrigue: die Königin hat das Geld von ihrem Bruder, von ihrer Familie verlangt? Oesterreich steckt dahinter?« Man weiß, wie empfindlich der König in Betreff des Wiener Hofes war. »Das wäre besser,« erwiderte Herr von Breteuil. »Wie! das wäre besser? Aber von wem hat denn die Königin Geld verlangen können?« »Sire, ich wage es nicht ...« »Sie setzen mich in Erstaunen, mein Herr,« sprach der König, indem er das Haupt erhob und wieder seinen königlichen Ton annahm: »Sprechen Sie auf der Stelle, wenn's beliebt, und nennen Sie mir den Geldleiher.« »Herr von Rohan, Sire.« »Wie! Sie erröthen nicht, mir Herrn von Rohan, den ruinirtesten Mann dieses Königreichs, zu nennen!« »Sire ...« sagte Herr von Breteuil, die Augen niederschlagend. »Das ist eine Miene, die mir mißfällt,« fügte der König bei, »und Sie werden sich sogleich erklären, mein Herr Siegelbewahrer.« »Nein, Sire; um keinen Preis der Welt; denn nichts würde mich zwingen, ein die Ehre meines Königs und meiner Souveränin bloßstellendes Wort von meinen Lippen fallen zu lassen.« Der König faltete die Stirne. »Wir steigen sehr tief hinab, Herr von Breteuil; diese Policeimeldung ist ganz geschwängert von den Dünsten des Pfuhls, von dem sie ausgeht.« »Sire, jede Verleumdung dünstet tödtliche Miasmen aus, und darum müssen die Könige die Luft rein machen, und zwar durch große Mittel, wenn nicht ihre Ehre durch diese Gifte, selbst auf dem Throne, umgebracht werden soll.« »Herr von Rohan,« murmelte der König; »welche Wahrscheinlichkeit! ... Der Cardinal läßt also sagen? ...« »Sire, Eure Majestät wird sich überzeugen, daß Herr von Rohan Unterredungen mit den Juwelieren Böhmer und Bossange gehabt hat, daß die Sache des Ankaufs von ihm geordnet worden ist, daß er die Zahlungsbedingungen angenommen und festgestellt hat.« »Wahrhaftig!« rief der König, ganz bebend vor Zorn und Eifersucht. »Es ist dieß eine Thatsache, welche daß kleinste Verhör erweisen wird. Ich mache mich hiezu gegen Eure Majestät anheischig.« »Sie sagen, Sie machen sich hiezu anheischig?« »Ohne Rückhalt, unter meiner Verantwortlichkeit, Sire.« Der König ging rasch in seinem Cabinet ans und ab. »Das sind furchtbare Dinge,« sagte er; »ja, doch in dem Allem sehe ich den Diebstahl noch nicht.« »Sire, die Juweliere haben, wie sie behaupten, einen von der Königin unterzeichneten Schein erhalten, und das Halsband muß in den Händen der Königin sein.« »Ah!« rief der König in einem Ausbruch der Hoffnung; »sie leugnet! Sie sehen wohl, daß sie leugnet, Breteuil.« »Ei! Sire, habe ich je Eure Majestät glauben lassen, ich wisse nicht, daß die Königin unschuldig ist? Sollte ich so beklagenswerth sein, daß Eure Majestät nicht sähe, welche Ehrfurcht und Liebe für die reinste der Frauen in meinem Herzen wohnt?« »Sie klagen also nur Herrn von Rohan an?« »Sire, der Anschein räth ...« »Eine schwere Anschuldigung, Baron.« »Welche vielleicht vor einer Untersuchung fallen wird; doch die Untersuchung ist unerläßlich. Bedenken Sie doch, Sire, daß die Königin das Halsband nicht zu haben behauptet; daß die Juweliere es an die Königin verkauft zu haben behaupten; daß sich das Halsband nicht wiederfindet, und daß das Wort Diebstahl vom Volk zwischen dem Namen Rohan und dem geheiligten Namen der Königin ausgesprochen worden ist.« »Es ist wahr, es ist wahr,« sagte der König ganz verwirrt; »Sie haben Recht, Breteuil, diese ganze Sache muß aufgeklärt werden.« »Durchaus, Sire.« »Mein Gott! was geht dort in der Gallerie vor? ist das nicht Herr von Rohan, der sich in die Capelle begibt?« »Sire, Herr von Rohan kann sich noch nicht in die Capelle begeben. Es ist noch nicht elf Uhr; und dann hätte Herr von Rohan, der heute das Amt hält, sein priesterliches Gewand an. Er ist es nicht, der dort geht. Eure Majestät hat noch über eine halbe Stunde zu verfügen.« »Was soll ich dann thun? mit ihm sprechen? ihn kommen lassen?« »Nein, Sire; erlauben Sie mir, Eurer Majestät einen Rath zu geben; machen Sie die Sache nicht ruchbar, ehe Sie mit Ihrer Majestät der Königin gesprochen haben.« »Ja, sie wird mir die Wahrheit sagen.« »Zweifeln wir nicht einen Augenblick daran, Sire.« »Hören Sie, Baron, kommen Sie hierher und sagen Sie mir unverholen, ohne Milderung, jede Thatsache, jede Deutung.« »Ich habe Alles in diesem Portefeuille auseinandergesetzt, mit den Beweisen zur Bekräftigung.« »An's Geschäft also; warten Sie, daß ich die Thüre meines Cabinets schließen lasse; ich hatte diesen Morgen zwei Audienzen, ich werde sie verschieben.« Der König gab seine Befehle, setzte sich dann wieder und warf einen letzten Blick durch das Fenster. »Dießmal,« sagte er, »ist es gewiß der Cardinal, schauen Sie.« Herr von Breteuil stand auf, trat an's Fenster und erblickte Herrn von Rohan, der im großen Gewande eines Cardinals und Erzbischofs sich nach dem Gemach wandte, das für ihn bestimmt war, so oft er ein feierliches Amt in Versailles hielt. »Endlich ist er da !« rief der König sich erhebend. »Desto besser,« sagte Herr von Breteuil, »die Erklärung wird keinen langen Aufschub erleiden.« Und er begann den König mit allem Eifer eines Mannes zu unterweisen, der einen Andern zu Grunde richten will. Eine höllische Kunst hatte in seinem Portefeuille Alles zusammengestellt, was den Cardinal erdrücken konnte. Der König sah wohl die Beweise für die Schuld des Herrn von Rohan sich häufen, aber er verzweifelte, daß er nicht so schnell die Beweise für die Unschuld der Königin kommen sah. Er ertrug ungeduldig seit einer Viertelstunde diese Marter, als plötzlich Rufe in der anstoßenden Gallerie ertönten. Der König horchte, Herr von Breteuil unterbrach sich im Lesen. Ein Officier kratzte an der Thüre des Cabinets. »Was gibt es?« fragte der König, bei dem seit der Mittheilung des Herrn von Breteuil alle Nerven in Bewegung gesetzt waren. Der Officier trat ein. »Sire, Ihre Majestät die Königin bittet Eure Majestät, zu ihr kommen zu wollen.« »Es gibt etwas Neues,« sprach der König erbleichend. »Vielleicht,« sagte Breteuil. »Ich gehe zur Königin!« rief der König. »Erwarten Sie mich hier, Herr von Breteuil.« »Wir stehen der Entwicklung nahe,« murmelte Herr von Breteuil. LXXV. Edelmann, Cardinal und Königin. In der Stunde, wo Herr von Breteuil beim König erschienen war, hatte Herr von Charny, bleich, bewegt, sich eine Audienz bei der Königin erbitten lassen. Diese kleidete sich an; sie sah durch das Fenster ihres Boudoir, das auf die Terrasse ging, Charny, der demüthig eingeführt zu werden verlangte. Marie Antoinette ertheilte Befehl, ihn eintreten zu lassen, als er kaum sein Gesuch ausgesprochen hatte. Denn sie gab dem Bedürfnisse ihres Herzens nach; denn sie sagte sich mit einem edlen Stolz, eine reine und unkörperliche Liebe, wie die seinige, habe das Eintrittsrecht zu jeder Stunde selbst in den Palast der Königinnen. Charny trat ein, berührte zitternd die Hand, die ihm die Königin reichte, und sprach mit erstickter Stimme: »Ah! Madame, welch ein Unglück!« »Was haben Sie denn?« rief die Königin erbleichend, als sie ihren Freund so bleich sah. »Madame, wissen Sie, was ich so eben erfahren habe? wissen Sie, was man sagt? wissen Sie, was der König vielleicht weiß, oder was er morgen erfahren wird?« Sie schauderte beim Gedanken an die Nacht keuscher Wonne, wo vielleicht ein eifersüchtiges, feindseliges Auge sie mit Charny im Park von Versailles gesehen hatte. »Sagen Sie Alles, ich bin stark,« erwiderte sie, eine Hand auf ihr Herz drückend. »Madame, man sagt, Sie haben ein Halsband von Böhmer und Bossange gekauft.« »Ich habe es zurückgegeben,« entgegnete rasch Marie Antoinette. »Hören Sie, man sagt, Sie haben es nur scheinbar zurückgegeben. Sie haben es bezahlen zu können geglaubt, der König habe Sie dadurch daran verhindert, daß er es verweigert, eine Anweisung des Herrn von Calonne zu unterzeichnen; dann haben Sie sich an Jemand gewendet, um Geld zu finden, und dieser Jemand sei Ihr Geliebter.« »Sie!« rief die Königin mit einer Bewegung erhabenen Vertrauens. »Sie! mein Herr? he! lassen Sie diejenigen reden, welche das sagen. Die im Titel eines Geliebten liegenden Injurie kann ihnen nicht so angenehm sein, als der Freundestitel eine süße, fortan zwischen uns Beiden geheiligte Wahrheit ist.« Charny hielt, ganz verwirrt durch die männliche und fruchtbare Beredtsamteit, welche aus der wahren Liebe entströmt, wie der wesentliche Wohlgeruch aus dem Herzen jeder edelmüthigen Frau, inne. Doch der Zwischenraum, den er zwischen die Worte der Königin und eine Erwiderung von ihm setzte, verdoppelte die Bangigkeit Marie Antoinettes, und sie rief: »Wovon wollen Sie sprechen, Herr von Charny? Die Verleumdung hat eine Sprache, die ich nie verstehe; haben Sie dieselbe verstanden?« »Madame, wollen Sie mir eine ununterbrochene Aufmerksamkeit schenken, denn die Sache ist sehr ernster Natur. Gestern ging ich mit meinem Oheim, Herrn von Suffren, zu den Hofjuwelieren Böhmer und Bossange; mein Oheim hatte nämlich Diamanten von Indien mitgebracht und wollte sie schätzen lassen. Man sprach von Allem und von Allen. Die Juweliere erzählten dem Herrn Bailli eine abscheuliche Geschichte mit den Commentaren der Feinde Eurer Majestät. Madame, ich bin in Verzweiflung; haben Sie das Halsband gekauft, so sagen Sie es mir; haben Sie es nicht bezahlt, so sagen Sie es mir auch. Aber lassen Sie mich nicht glauben, Herr von Rohan habe es bezahlt.« »Herr von Rohan!« rief die Königin. »Ja, Herr von Rohan, der Mann, welcher für den Liebhaber der Königin gilt; der Mann, von welchem die Königin Geld entlehnt; der Mann, den ein Unglücklicher, welchen man Herrn von Charny nennt, im Parke von Versailles der Königin zulächeln, vor der Königin niederknieen, der Königin die Hand küssen sah; der Mann ...« »Mein Herr,« rief Marie Antoinette, »glauben Sie, wenn ich nicht mehr da bin, so geschieht dieß, weil Sie mich nicht lieben, wenn ich da bin.« »Oh!« erwiderte der junge Mann, »es waltet eine dringliche Gefahr ob; ich komme weder um Offenherzigkeit, noch um Muth von Ihnen zu fordern; ich komme, um einen Dienst von Ihnen zu erflehen.« »Sagen Sie mir vor Allem, welche Gefahr dieß ist.« »Welche Gefahr! Madame, ein Wahnsinniger ist der, welcher sie nicht erräth. Indem der Cardinal sich für die Königin verbürgt, indem er für die Königin bezahlt, richtet er sie zu Grunde. Ich spreche hier nicht von dem tödtlichen Mißvergnügen, das Herrn von Charny ein Vertrauen, wie das, welches Herr von Rohan Ihnen einflößt, verursachen kann. Nein. An solchen Schmerzen stirbt man, aber man beklagt sich nicht darüber.« »Sie sind verrückt!« entgegnete Marie Antoinette zornig. »Ich bin nicht verrückt, Madame, aber Sie sind unglücklich,, Sie sind verloren. Ich habe Sie im Park gesehen ... Ich sagte es Ihnen wohl. Ich hatte mich nicht getäuscht. Heute ist die gräßliche, die tödtliche Wahrheit an's Tageslicht gekommen ... Herr von Rohan rühmt sich vielleicht ...« Die Königin ergriff Charny beim Arm und wiederholte mit unaussprechlicher Bangigkeit: »Wahnsinniger! Wahnsinniger! glauben Sie an den Haß, glauben Sie an Schatten, glauben Sie an das Unmögliche; aber in des Himmels Namen! nach dem was ich Ihnen gesagt habe, glauben Sie nicht, ich sei schuldig!... Schuldig! Dieses Wort würde mich in einen Haufen glühender Kohlen springen machen. Schuldig ... mit ... Ich, die ich nie an Sie gedacht habe, ohne Gott zu bitten, er möge mir diesen einzigen Gedanken verzeihen, den ich ein Verbrechen nannte. Oh! Herr von Charny, wenn Sie nicht wollen, daß ich heute verloren, morgen todt bin, sagen Sie mir, Sie beargwöhnen mich nicht, oder fliehen Sie so weit, daß Sie nicht einmal das Geräusch meines Sturzes im Augenblick meines Todes hören.« Olivier rang voll Angst die Hände und rief: »Hören Sie mich an, wenn ich Ihnen einen wirksamen Dienst leisten soll.« »Ein Dienst von Ihnen!« rief die Königin, »von Ihnen, der Sie grausamer sind, als meine Feinde; ... denn meine Feinde schuldigen mich nur an, während Sie Verdacht gegen mich hegen! Ein Dienst von Seiten des Mannes, der mich verachtet, nie ... mein Herr! nie! ...« Olivier näherte sich der Königin, nahm ihre Hand in die seinige und sprach: »Sie werden wohl sehen, daß ich kein Mann bin, der seufzt und weint; die Augenblicke sind kostbar; diesen Abend wäre es zu spät, um zu thun, was uns zu thun übrig bleibt. Wollen Sie mich von der Verzweiflung retten, indem Sie sich selbst von der Schande retten?« »Mein Herr! ...« »Oh! im Angesicht des Todes werde ich meine Worte nicht mehr ängstlich abwägen. Wenn Sie mich nicht hören, sage ich Ihnen, so sind wir heute Abend Beide gestorben, Sie aus Scham, ich, weil ich Sie habe sterben sehen.« »Mein Herr!« »Gerade auf den Feind los, Madame, wie in unseren Schlachten! gerade der Gefahr entgegen! gerade in den Tod! Gehen wir mit einander, ich als der unbekannte, aber muthige Soldat. Sie mit der Majestät, mit der Stärke in das dichteste Kampfgewühl. Unterliegen Sie, wohl, dann werden Sie nicht allein sein. Hören Sie, Madame, sehen Sie in mir einen Bruder ... Sie brauchen vielleicht ... Geld, um ... das Halsband zu bezahlen?« »Ich?« »Leugnen Sie es nicht.« »Ich sage Ihnen ...« »Sagen Sie nicht, dah Sie das Halsband nicht haben.« »Ich schwöre Ihnen ...« »Schwören Sie nicht, wenn Sie wollen, daß ich Sie noch liebe.« »Olivier!« »Es bleibt Ihnen ein Mittel, zugleich Ihre Ehre und meine Liebe zu retten. Das Halsband kostet sechszehnmal hunderttausend Livres, Sie haben zweimal hundert und fünfzigtausend bezahlt; hier sind anderthalb Millionen, nehmen Sie dieselben.« »Was ist das?« »Schauen Sie nicht, nehmen und bezahlen Sie.« »Ihre Güter verkauft! Olivier! Ihre Güter von mir erkauft und berichtigt! Sie berauben sich um meinetwillen! Sie sind ein gutes und edles Herz, und ich werde bei einer solchen Liebe nicht mehr um die Geständnisse feilschen. Olivier, ich liebe Sie!« »Nehmen Sie an?« »Nein; doch ich liebe Sie.« »Herr von Rohan wird also bezahlen? Bedenken Sie wohl, Madame, das ist keine Großmuth mehr von Ihrer Seite, sondern eine Grausamkeit, die mich zu Boden drückt. Sie nehmen vom Cardinal an?« »Ich! gehen Sie doch, Herr von Charny! Ich bin die Königin, und wenn ich meinen Unterthanen Liebe oder Vermögen gebe, so nehme ich doch nie an.« »Was werden Sie denn thun?« »Sie sollen mir mein Benehmen vorschreiben. Was sagen Sie, daß Herr von Rohan denkt?« »Er denkt, Sie seien seine Geliebte.« »Sie sind hart, Olivier ...« »Ich spreche, wie man im Angesicht des Todes spricht.« »Was sagen Sie, daß die Juweliere denken?« »Da die Königin nicht bezahlen könne, so werde Herr von Rohan bezahlen.« »Was sagen Sie, daß man im Publikum in Betreff des Halsbandes denkt?« »Daß Sie es haben, daß Sie es verborgen haben, daß Sie es erst zugestehen werden, wenn es entweder vom Cardinal aus Liebe für Sie, oder vom König aus Furcht vor dem Aergerniß bezahlt sei.« »Gut; und Sie, Charny, Ihrerseits, ich schaue Ihnen in's Gesicht und frage Sie: Was halten Sie von den Scenen, die Sie im Parke von Versailles gesehen?« »Madame, ich glaube, daß Sie Ihre Unschuld zu beweisen nöthig haben,« erwiderte energisch der würdige Edelmann. Die Königin wischte sich den Schweiß ab, der von ihrer Stirne floß. »Der Prinz Louis, Cardinal von Rohan, Großalmosenier von Frankreich!« rief die Stimme eines Huissier im Vorgemach, »Er!« murmelte Charny. »Sie sind nach Wünschen bedient,« sagte die Königin. »Sie wollen ihn empfangen?« »Ich war im Begriff, ihn rufen zu lassen.« »Aber ich ...« »Treten Sie in mein Boudoir und lassen Sie die Thüre ein wenig offen, um gut zu hören.« »Madame!« »Gehen Sie geschwind, der Cardinal kommt.« Sie schob Herrn von Charny in das Zimmer, das sie ihm bezeichnet hatte, zog die Thüre so viel als nöthig an und ließ den Cardinal eintreten. Herr von Rohan erschien auf der Schwelle des Gemaches; er war glänzend in seiner priesterlichen Tracht. Hinter ihm, in einer gewissen Entfernung, erblickte man ein zahlreiches Gefolge, dessen Kleider glänzten, wie das ihres Gebieters. Unter diesen gebückten Leuten konnte man die Herren Böhmer und Bossange wahrnehmen, die in ihren Galakleidern etwas verlegen aussahen. Die Königin ging dem Cardinal entgegen und versuchte dabei ein Lächeln, das jedoch bald auf ihren Lippen erstarb. Louis von Rohan war ernst, sogar traurig. Er hatte die Ruhe des muthigen Mannes, der kämpfen soll, die unmerkliche Drohung des Priesters, der zu verzeihen haben kann. Die Königin bezeichnete ihm durch die Geberde ein Tabouret; der Cardinal blieb stehen. »Madame«, sagte er, nachdem er sich sichtbar zitternd verbeugt, »ich hatte mehrere wichtige Dinge Eurer Majestät mitzutheilen, die es sich zur Aufgabe macht, mir auszuweichen.« »Ich!« entgegnete die Königin, »ich weiche Ihnen so wenig aus, Herr Cardinal, daß ich im Begriff war, Sie rufen zu lassen.« Der Cardinal warf einen Blick nach dem Boudoir und fragte dann mit leiser Stimme: »Bin ich allein mit Eurer Majestät? habe ich das Recht, mit voller Freiheit zu sprechen?« »In voller Freiheit, Herr Cardinal; thun Sie sich keinen Zwang an, wir sind allein.« Und ihre Stimme schien ihre Worte dem im anstoßenden Zimmer verborgenen Edelmann zusenden zu wollen. Sie freute sich voll Stolz über ihren Muth und die Gewißheit, welche der ohne Zweifel sehr aufmerksame Charny gleich bei den ersten Worten bekommen würde. Der Cardinal faßte seinen Entschluß. Er rückte das Tabouret zum Lehnstuhl der Königin, um sich so fern als möglich von der Doppelthüre zu befinden. »Das sind viele Vorbereitungen,« rief die Königin, Heiterkeit heuchelnd. »Dieß geschieht, weil ...« sagte der Cardinal. »Weil ...?« wiederholte die Königin. »Wird der König nicht kommen?« fragte Herr von Rohan. »Fürchten Sie sich weder vor dem König, noch vor irgend Jemand,« erwiderte lebhaft Marie Antoinette. »Oh! nur vor Ihnen habe ich bange,« versetzte der Cardinal mit bewegter Stimme. »Ein Grund mehr, ich bin nicht sehr furchtbar; sprechen Sie in wenigen Worten, sprechen Sie mit lauter und vernehmlicher Stimme, ich liebe die Offenherzigkeit, und wenn Sie mich schonen, werde ich glauben, Sie seien kein Mann von Ehre. Oh! keine Geberden mehr: man hat mir gesagt, Sie haben Beschwerden gegen mich. Sprechen Sie, ich liebe den Krieg, ich bin von einem Blut, das nicht erschrickt! Sie auch, ich weiß es wohl. Was haben Sie mir vorzuwerfen?« Der Cardinal stieß einen Seufzer aus und stand auf, als wollte er die Luft des Zimmers in größerem Umfang einsaugen.   LXXVI. Erklärungen. Die Königin und der Cardinal befanden sich erwähnter Maßen einander von Angesicht zu Angesicht gegenüber, Charny konnte im Cabinet auch das geringste Wort der Sprechenden hören, und die auf beiden Seiten ungeduldig erwarteten Erklärungen sollten endlich beginnen. »Madame,« sagte der Cardinal, sich verbeugend, »Sie wissen, was in Beziehung auf unser Halsband vorgeht!« »Nein, mein Herr, ich weiß es nicht, und es ist mir lieb, wenn ich es von Ihnen erfahre.« »Warum beschränkt mich Eure Majestät seit langer Zeit darauf, daß ich mich ihr nur durch Vermittlung mittheilen kann? Warum läßt sie es zu keiner Erklärung kommen, wenn sie einen Grund des Hasses gegen mich hat?« »Ich weiß nicht, was Sie hiemit sagen wollen, Herr Cardinal, und ich habe keinen Grund, Sie zu hassen. Doch das ist, glaube ich, nicht der Gegenstand unserer Unterredung. Wollen Sie mir also über das unglückliche Halsband eine bestimmte Auskunft geben, und vor Allem ... wo ist Frau von La Mothe?« »Ich war im Begriff, dieß Eure Majestät zu fragen.« »Verzeihen Sie, wenn Jemand wissen kann, wo Frau von La Mothe ist, so sind Sie es, Herr Cardinal, glaube ich.« »Ich. Madame, aus welchem Grunde?« »Oh! ich bin nicht hier um Bekenntnisse entgegenzunehmen, Herr Cardinal, ich muß Frau von La Mothe nothwendig sprechen, ich habe sie rufen lassen, man hat sie zehnmal in ihrem Hause gesucht, sie hat nicht geantwortet. Dieses Verschwinden ist seltsam, das werden Sie zugestehen.« »Ich wundere mich auch über dieses Verschwinden, Madame, denn ich habe Frau von La Mothe bitten lassen, zu mir zu kommen; sie hat mir eben so wenig geantwortet, als Eurer Majestät.« »Dann lassen wir die Gräfin, mein Herr, und sprechen wir von uns selbst.« »Oh! nein, Madame, sprechen wir zuerst von ihr, denn gewisse Worte Eurer Majestät haben einen schmerzlichen Verdacht bei mir erregt: mir scheint, Eure Majestät warf mir emsige Bewerbungen um die Gunst der Gräfin vor.« »Ich habe Ihnen noch gar nichts vorgeworfen, mein Herr, doch Geduld.« »Oh! Madame, ein solcher Verdacht würde mir alle Empfindlichkeiten Ihrer Seele erklären, und dann würde ich, während ich verzweifeln müßte, die bis daher unfaßliche Strenge begreifen, die Sie mir gegenüber gebraucht haben.« Hier ist es wo wir aufhören, uns zu verstehen,« sprach die Königin; »Sie sind von einer undurchdringlichen Dunkelheit, und damit wir uns nicht mehr im Nebel verlieren, verlange ich Erläuterungen von Ihnen. Zur Sache! zur Sache!« »Madame!« rief der Cardinal, indem er die Hände faltete und sich der Königin näherte, »haben Sie die Gnade, das Gespräch nicht zu wechseln: zwei Worte mehr über den Gegenstand,, den wir so eben verhandelten, und wir hätten uns verständigt.« »In der That, mein Herr, Sie sprechen eine Sprache, die ich nicht verstehe; ich bitte, lassen Sie uns zum Französischen zurückkehren. Wo ist das Halsband, das ich den Juwelieren zurückgegeben habe?« »Das Halsband, das Sie zurückgegeben haben?« rief Herr von Rohan. »Ja, was haben Sie damit gemacht?« »Ich! ei ich weiß nicht, Madame ...« »Hören Sie, Eines ist da ganz einfach ... Frau von La Mothe hat das Halsband genommen, sie hat es in meinem Namen zurückgegeben. Die Juweliere behaupten, sie haben es nicht zurückerhalten. Ich habe in meinen Händen einen Empfangschein, der das Gegentheil beweist; die Juweliere sagen, der Schein sei falsch. Frau von La Mothe könnte mit einem Worte Alles aufklären ... sie findet sich nicht; nun denn! lassen Sie mich Muthmaßungen an die Stelle dunkler Thatsachen setzen: Frau von La Mothe hat das Halsband zurückgeben wollen. Sie, dessen ohne Zweifel wohlwollende Manie es immer war, mich zum Ankauf des Halsbandes zu veranlassen, Sie, der Sie es mir brachten, mit dem Anerbieten, für mich zu bezahlen, einem Anerbieten ...« »Das Eure Majestät sehr hart ausgeschlagen hat,« fiel der Cardinal mit einem Seufzer ein. »Nun wohl! ja, Sie beharrten bei der fixen Idee, daß ich im Besitze des Halsbandes bleiben sollte, und werden es den Juwelieren nicht zurückgegeben haben, in der Absicht, es mir bei irgend einer Gelegenheit wieder in die Hand zu spielen. Frau von La Mothe war schwach, während sie mein Widerstreben, die Unmöglichkeit, in der ich mich in Betreff des Bezahlens befand, und meinen unerschütterlichen Entschluß, das Halsband mir nicht ohne Geld zu erwerben, kannte; Frau von La Mothe hat aus Eifer für mich mit Ihnen conspirirt, und heute fürchtet sie meinen Zorn und zeigt sich nicht. Ist es so? habe ich die Sache mitten in der Finsternis wiederaufgebaut? sagen Sie ja. Lassen Sie mich Ihnen diesen Leichtsinn, diesen Ungehorsam gegen meine förmlichen Befehle vorwerfen, Sie werden mit einem Verweise davon kommen, und Alles ist dann abgethan. Ich thue mehr, ich verspreche Ihnen Verzeihung für Frau von La Mothe, sie trete aus ihrer Reue hervor. Doch ich bitte, Klarheit, mein Herr, ich will nicht, daß in diesem Augenblick ein Schatten über meinem Leben schwebe, ich will das nicht, hören Sie wohl!« Die Königin hatte diese Worte mit einer solchen Lebhaftigkeit gesprochen, sie hatte sie so kräftig betont, daß der Cardinal sie weder unterbrechen konnte noch wollte; aber sobald sie aufgehört, sagte er, einen Seufzer unterdrückend: »Madame, ich will alle Ihre Muthmaßungen erwidern. Nein, ich beharrte nicht bei der Idee, Sie müßten das Halsband bekommen, in Betracht, daß ich der festen Ueberzeugung lebte, es sei in Ihren Händen. Nein, ich habe durchaus nicht mit Frau von La Mothe in Betreff dieses Halsbands conspirirt; nein, ich habe es ebenso wenig als die Juweliere es haben, als wie Sie sagen, Sie selbst es haben.« »Das ist nicht möglich,« rief die Königin ganz erstaunt: »Sie haben das Halsband nicht?« »Nein, Madame.« »Sie haben Frau von La Mothe nicht gerathen, sich fern zu halten?« »Nein, Madame.« »Sie verbergen sie nicht?« »Nein. Madame.« »Sie wissen nicht, was aus ihr geworden ist?« »Ebenso wenig als Sie, Madame.« »Aber wie erklären Sie sich dann das, was geschieht?« »Madame, ich bin genöthigt, zu gestehen, daß ich es mir nicht erklären kann. Ueberdieß ist das nicht das erste Mal, daß ich mich bei der Königin beklage, nicht von ihr verstanden worden zu sein.« »Wann ist dieß schon vorgekommen? Ich erinnere mich nicht.« »Madame, haben Sie die Gnade, in Gedanken noch einmal meine Briefe zu durchlesen.« »Ihre Briefe!« rief die Königin erstaunt. »Sie haben mir geschrieben?« »Zu selten Madame, für Alles, was ich im Herzen hatte.« Die Königin erhob sich und sprach: »Mir scheint, wir täuschen uns Beide; endigen wir rasch diesen Scherz. Was sprechen Sie von Briefen, und was haben Sie auf dem Herzen oder im Herzen, ich weiß nicht genau, wie Sie das so eben gesagt haben?« »Mein Gott! Madame, ich habe mich vielleicht hinreißen lassen, das Geheimniß meiner Seele zu laut auszusprechen.« »Welches Geheimniß? Sind Sie denn bei gesundem Verstand, Herr Cardinal?« »Madame!« »Oh! lassen wir die Ausflüchte ... Sie sprechen wie ein Mensch, der mir eine Falle stellen oder mich vor Zeugen in Verwirrung bringen will.« »Ich schwöre Ihnen, Madame, daß ich nichts gesagt habe ... Horcht wirklich Jemand?« »Nein, mein Herr, tausendmal nein, es ist Niemand da... erklären Sie sich also, jedoch vollständig, und wenn Sie im Besitze Ihrer Vernunft sind, beweisen Sie es.« »Oh! Madame, warum ist Frau von La Mothe nicht da? Sie, unsere Freundin, würde mir, wenn nicht die Zuneigung, doch das Gedächtniß Eurer Majestät wiedererwecken helfen.« » Unsere Freundin? meine Zuneigung? mein Gedächtniß? Ich falle aus den Wolken.« »Ah! Madame, ich bitte Sie,« rief der Cardinal, empört durch den scharfen Ton der Königin, »schonen Sie mich. Es steht Ihnen frei, nicht mehr zu lieben, aber beleidigen Sie nicht.« »Ah! mein Gott!« rief die Königin erbleichend, »ah! mein Gott! was sagt dieser Mann!« »Sehr gut! fuhr Herr von Rohan fort, der immer lebhafter wurde, je mehr sein Zorn aufsprudelte; »sehr gut! Madame, ich glaube discret und zurückhaltend genug gewesen zu sein, daß Sie mich nicht mißhandeln sollten; ich werfe Ihnen auch nur unbedeutende Benachtheiligungen vor. Ich begehe das Unrecht, daß ich mich wiederhole, denn ich hätte wissen sollen, daß, wenn eine Königin gesagt hat: ich will nicht mehr, dieß ein ebenso gebieterisches Gesetz ist, als wenn eine Frau gesagt hat: ich will!« Die Königin stieß einen heftigen Schrei aus, faßte den Cardinal bei seinem Spitzenärmel und rief mit zitternder Stimme: »Sprechen Sie geschwind, mein Herr. Ich habe gesagt: Ich will nicht mehr ; und ich hatte gesagt: Ich will . Wem habe ich das Eine, wem habe ich das Andere gesagt?« »Mir Beides.« »Ihnen?« »Vergessen Sie, daß Sie das Eine gesagt, ich werde nicht vergessen, daß Sie das Andere gesagt haben.« »Sie sind ein Elender, Herr von Rohan, Sie sind ein Lügner.« »Ich!« »Sie sind ein Verräther, Sie beleidigen die Königin.« »Und Sie, Sie sind eine Frau ohne Herz, eine Königin ohne Treue.« »Unglücklicher!« »Sie haben mich stufenweise dazu gebracht, daß ich eine tolle Liebe für Sie faßte. Sie ließen mich Hoffnungen nähren ...« »Hoffnungen! Mein Gott! Bin ich eine Wahnsinnige? Ist er ein Ruchloser?« »Hätte ich es je gewagt, mir die nächtlichen Audienzen von Ihnen zu erbitten, die Sie mir bewilligten?« Die Königin gab ein Wuthgeschrei von sich, worauf ein Kreischen im Nebenzimmer antwortete. »Würde ich,« fuhr Herr von Rohan fort, »würde ich es gewagt haben, allein in den Park von Versailles zu kommen, hätten Sie nicht Frau von La Mothe zu mir geschickt?« »Mein Gott!« »Hatte ich es gewagt, den Schlüssel zu stehlen, der die Thüre der Jägermeisterei öffnet?« »Mein Gott!« »Hätte ich es gewagt, Sie zu bitten, mir diese Rose hier zu bringen? Eine angebetete Rose! eine verfluchte Rose! eine unter meinen Küssen verdorrte, versengte Rose!« »Mein Gott!« »Hätte ich Sie genöthigt, am andern Tag herabzukommen und mir Ihre beiden Hände zu geben, deren Duft unablässig mein Gehirn verzehrt und mich wahnsinnig machte? Sie haben Recht mit Ihren Vorwürfen!« »Oh! genug! genug!« »Hatte ich es endlich in meinem wüthendsten Stolze gewagt, mir jene dritte Nacht mit dem weißen Himmel, mit dem süßen Schweigen, mit der treulosen Liebe zu träumen?« »Mein Herr! mein Herr!« rief die Königin vor dem Cardinal zurückweichend, »Sie blasphemieren!« »Mein Gott! sprach der Cardinal, die Augen zum Himmel aufschlagend, »Du weißt, ob ich, um fortwährend von dieser betrügerischen Frau geliebt zu werden, meine Güter, meine Freiheit, mein Leben hingegeben hätte!« »Mein Herr, wenn Sie dieß Alles behalten wollen, so werden Sie hier auf der Stelle sagen, daß Sie mich zu Grunde zu richten suchen; daß Sie alle diese Abscheulichkeiten erfunden haben; daß Sie nicht in der Nacht nach Versailles gekommen sind ...« »Ich bin gekommen,« erwiderte hochherzig der Cardinal. »Sie sind ein Mann des Todes, wenn Sie diese Sprache behaupten.« »Ein Rohan lügt nicht. Ich bin gekommen.« »Herr von Rohan, Herr von Rohan, im Namen des Himmels, sagen Sie, Sie haben mich nicht im Parke gesehen ...« »Ich werde sterben, wenn es sein muß, wie Sie mich so eben bedrohten; aber ich habe nur Sie im Parke von Versailles gesehen, wohin mich Frau von La Mothe führte.« »Noch ein Mal!« rief die Königin leichenbleich und zitternd »nehmen Sie zurück?« »Nein!« »Zum zweiten Male, sagen Sie, Sie haben diese Schändlichkeit gegen mich angezettelt!« »Nein!« »Zum zweiten Male, Herr von Rohan, gestehen Sie zu, daß man Sie selbst getäuscht haben kann, daß dieß Alles eine Verleumdung, ein Traum, die Unmöglichkeit, ich weiß nicht was war? aber gestehen Sie, daß ich unschuldig bin, daß ich es sein kann?« »Nein.« Die Königin erhob sich furchtbar und feierlich und sprach: »Sie werden es also mit der Gerechtigkeit des Königs zu thun haben, da Sie die Gerechtigkeit Gottes verwerfen.« Der Cardinal verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen. Die Königin läutete so heftig, daß mehrere von ihren Frauen zugleich eintraten. »Man melde seiner Majestät, ich bitte ihn, er möge mir die Ehre erweisen, zu mir zu kommen,« sprach sie, indem sie sich die Lippen trocknete. Der Befehl wurde sogleich vollzogen. Zu Allem entschlossen, blieb der Cardinal unerschrocken in einer Ecke des Zimmers. Marie Antoinette ging zehnmal zu der Thüre des Boudoir, ohne einzutreten, als ob sie ihre Vernunft, nachdem sie dieselbe verloren, zehnmal vor dieser Thüre wiederfände. Es waren nicht zehn Minuten in diesem furchtbaren Scenenwechsel vergangen, als der König, die Hand in seinem Spitzenjabot, auf der Schwelle erschien. Man sah immer noch in der Tiefe der Gruppe außen die angstvollen Mienen von Böhmer und Bossange, die den Sturm witterten. LXXVII. Die Verhaftung. Kaum erschien der König auf der Schwelle des Cabinets, als ihn die Königin mit einer außerordentlichen Geläufigkeit anrief. »Sire,« sagte sie, »der Herr Cardinal von Rohan hier sagt ganz unglaubliche Dinge; wollen Sie ihn bitten, Ihnen dieselben zu wiederholen.« Bei diesen unerwarteten Worten, bei dieser plötzlichen Anrede erbleichte der Cardinal. Die Lage war in der That so seltsam, daß der Prälat zu begreifen aufhörte. Konnte er, der angebliche Liebhaber, seinem König wiederholen, konnte er, der ehrerbietige Unterhan, erklären, welche Rechte er auf die Königin und auf die Frau zu haben glaubte? Doch der König wandte sich an den Cardinal, der in seine Betrachtungen versunken war, und sagte: »Nicht wahr, in Betreff eines gewissen Halsbands, mein Herr, haben Sie mir unglaubliche Dinge zu sagen und habe ich unglaubliche Dinge zu hören? Sprechen Sie also!« Herr von Rohan faßte auf der Stelle seinen Entschluß; von zwei Schwierigkeiten wollte er die geringste wählen, von zwei Angriffen wollte er den für den König und die Königin ehrenvollsten über sich nehmen, und sollte man ihn unkluger Weise in die zweite Gefahr versetzen, nun denn! dann wollte er wie ein muthiger Mann, wie ein beherzter Ritter daraus hervorgehen. »In Betreff des Halsbands, ja, Sire,« murmelte er. »Aber, mein Herr,« sagte der König, »Sie haben also das Halsband gekauft?« »Nein ...« »Ja oder nein?« rief Marie Antoinette. Der Cardinal schaute die Königin an und antwortete nicht. »Ja oder nein?« wiederholte sie. »Die Wahrheit, mein Herr, die Wahrheit; man verlangt von Ihnen nichts Anderes.« Herr von Rohan wandte den Kopf ab und erwiderte nichts. »Da Herr von Rohan nicht antworten will, antworten Sie, Madame,« sprach der König, »Sie müssen etwas von dem Allem wissen. Haben Sie dieses Halsband gekauft, ja oder nein?« »Nein!« sagte die Königin mit Kraft. Herr von Rohan bebte. »Das ist das Wort einer Königin!« rief feierlich der König; »haben Sie wohl darauf Acht, Herr Cardinal.« Herr von Rohan lieh ein Lächeln der Verachtung über seine Lippen gleiten. »Sie sagen nichts!« rief der König. »Worüber klagt man mich an?« »Die Juweliere sagen, sie haben ein Halsband verkauft, an Sie oder an die Königin. Sie zeigen einen Schein von Ihrer Majestät.« »Der Schein ist falsch!« sprach die Königin. »Die Juweliere,« fuhr der König fort, »behaupten, in Ermanglung der Königin sei Ihnen Bürgschaft durch Verbindlichkeiten geleistet worden, die Sie übernommen haben, Herr Cardinal.« »Ich weigere mich nicht, zu bezahlen,« sprach der Cardinal. »Es muß dieß die Wahrheit sein, da die Königin es sagen läßt,« Und ein zweiter Blick, noch verachtender als der erste, schloß seinen Satz und seinen Gedanken. Die Königin schauderte. Diese Verachtung des Kardinals war für sie keine Beleidigung, da sie dieselbe nicht verdiente, sondern sie mußte die Rache eines ehrlichen Mannes sein, und darüber erschrak sie. »Mein Herr Cardinal,« sagte der König, »es bleibt nichtsdestoweniger in dieser Sache eine Fälschung, welche die Unterschrift der Königin von Frankreich gefährdet hat.« »Eine andere Fälschung!« rief die Königin, »und kann diese einem Edelmann beigemessen werden? Diese behauptet, die Juweliere haben das Halsband zurückerhalten.« »Es steht der Königin frei, mir die beiden Fälschungen zuzuschreiben,« sprach Herr von Rohan mit demselben Ton; »ob man eine gemacht, ob man zwei fabricirt hat, worin liegt der Unterschied?« Die Königin wäre vor Entrüstung beinahe losgebrochen, der König hielt sie durch eine Geberde zurück. »Nehmen Sie sich in Acht,« sagte er zu dem Cardinal, »Sie erschweren Ihre Lage, mein Herr. Ich sage, rechtfertigen Sie sich, und Sie geben sich die Miene eines Anklägers.« Der Cardinal dachte einen Augenblick nach; dann schien er unter der Wucht der geheimnißvollen Verleumdung, die seine Ehre zusammenpreßte, zu erliegen und rief: »Mich rechtfertigen ... unmöglich!« »Mein Herr, es sind Leute da, welche sagen, es sei ihnen ein Halsband gestohlen worden; indem Sie sich anheischig machen, zu bezahlen, gestehen Sie zu, daß Sie schuldig ...« »Wer wird es glauben?« versetzte der Cardinal mit stolzer Verachtung. G »Dann, mein Herr, wenn Sie nicht annehmen, daß man dies glaube, wird man also glauben ...« Und ein Beben des Zorns verstörte das gewöhnlich so freundliche Gesicht des Königs. »Sire,« erwiderte der Cardinal, »ich weiß nichts von dem was man sagt; ich weiß nichts von dem, was geschieht; ich kann nur versichern, daß ich das Halsband nicht gehabt habe; ich weiß nur, daß die Diamanten in der Gewalt von Jemand sind, der sich nennen sollte, der es nicht will, und der mich nöthigt, ihm das Wort der Schrift zu sagen: Das Böse falle auf das Haupt dessen, der es begangen hat.« Bei diesen Worten machte die Königin eine Bewegung, um den Arm des Königs zu nehmen. Doch dieser sagte zu ihr: »Die Streitigkeit findet zwischen Ihnen und ihm statt. Ich frage Sie zum letzten Male: haben Sie das Halsband?« »Nein! bei der Ehre meiner Mutter! beim Leben meines Sohnes!« antwortete Marie Antoinette. Voll Freude nach dieser Erklärung wandte sich der König gegen den Cardinal und sprach: »Dann ist es eine Angelegenheit zwischen den Gerichten und Ihnen, mein Herr ... wenn Sie es nicht etwa vorziehen, es meiner Gnade anheimzustellen.« »Die Gnade der Könige ist für die Schuldigen gemacht, Sire,« antwortete der Cardinal, » ich ziehe die Gerechtigkeit der Menschen vor.« »Sie wollen nichts gestehen?« »Ich habe nichts zu sagen.« »Aber, mein Herr!« rief die Königin, »Ihr Schweigen läßt meine Ehre im Spiel!« Der Cardinal schwieg. »Wohl denn!« fuhr die Königin fort, »ich werde nicht schweigen; dieses Stillschweigen verletzt mich; es zeigt eine Großmuth, die ich nicht haben will. Erfahren Sie, Sir«, daß das ganze Verbrechen des Herrn Cardinals nicht im Verkaufen ober Stehlen des Halsbands besteht.« Herr von Rohan erhob das Haupt und erbleichte. »Was soll das bedeuten?« fragte der König unruhig. »Madame! ...« murmelte der Cardinal erschrocken. »Oh! keine Rücksicht, keine Furcht, keine Schwäche wird mir den Mund verschließen, ich habe hier in meinem Herzen Beweggründe, die mich veranlassen würden, meine Unschuld auf einem öffentlichen Platz auszurufen.« »Ihre Unschuld!« entgegnete der König« »Wer wäre vermessen oder schändlich genug, Eure Majestät zu nöthigen, dieses Wort auszusprechen!« »Ich flehe Sie an, Madame,« sagte der Cardinal. »Ah! Sie fangen an zu zittern. Ich hatte also richtig errathen, Ihre Complotte lieben die Dunkelheit! Ich liebe das Tageslicht! Sire, fordern Sie den Herrn Cardinal auf, Ihnen zu sagen, was er mir so eben auf diesem Platze gesagt hat.« »Madame! Madame!« rief Herr von Rohan, »nehmen Sie sich in Acht, Sie überschreiten die Grenzen!« »Wie beliebt?« entgegnete der König voll Stolz. »Wer spricht so mit bei Königin? Ich selbst nicht einmal.« »Das ist es gerade,« sagte Marie Antoinette. »Der Herr Cardinal spricht so zur Königin, weil er das Recht dazu zu haben glaubt.« »Sie, mein Herr!« murmelte der König, der leichenbleich geworden. »Er!« rief die Königin mit Verachtung, »er!« »Der Herr Cardinal hat wohl Beweise?« fragte der König, indem er einen Schritt auf den Prinzen zutrat. »Herr von Rohan hat Briefe, wie er behauptet!« sprach die Königin. »Sprechen Sie, mein Herr!« rief der König. »Die Briefe!« rief die Königin voll Heftigkeit. »Die Briefe!« Der Cardinal fuhr mit der Hand über seine durch den Schweiß eiskalte Stirne und schien Gott zu fragen, wie er seinem Geschöpfe so viel Falschheit und Frechheit habe geben können. Doch er schwieg. »Oh! das ist noch nicht Alles!« fuhr die Königin fort, die sich allmälig gerade unter dem Einfluß seiner Großmuth belebte. »Der Herr Cardinal hat Rendezvous erhalten.« »Madame, haben Sie Mitleid!« rief der König. »Haben Sie Scham!« sagte der Cardinal. »Kurz, mein Herr,« sprach die Königin, »wenn Sie nicht der elendeste aller Menschen sind, wenn Sie etwas auf dieser Welt für heilig halten ... Sie haben Beweise, liefern Sie dieselben.« Herr von Rohan erhob langsam das Haupt und erwiderte: »Nein, Madame, ich habe keine.« »Sie werden nicht dieses Verbrechen den andern beifügen,« fuhr die Königin fort. »Sie werden nicht Schmach um Schmach auf mich häufen. Sie haben einen Helfershelfer, einen Genossen, einen Zeugen bei dem Allem, nennen Sie ihn oder sie.« »Wer ist es denn?« fragte der König. »Frau von La Mothe, Sire,« antwortete die Königin. »Oh!« sprach der König, als er sah, daß seine vorgefaßte Meinung gegen Jeanne sich endlich rechtfertigte; »oh! so ist es. Nun denn! man sehe diese Frau, man befrage sie.« »Oh! ja wohl!« rief die Königin, »sie ist verschwunden. Fragen Sie diesen Herrn, was er mit ihr gemacht hat. Er hatte ein zu großes Interesse dabei, daß sie nicht mehr in der Sache betheiligt war.« »Andere, die ein noch größeres Interesse dabei hatten als ich, werden sie haben verschwinden lassen,« erwiderte der Cardinal. »Aber, mein Herr,« sagte die Königin voll Wuth, »da Sie unschuldig sind, helfen Sie uns die Schuldigen finden.« Doch der Cardinal, nachdem er einen letzten Bück geschleudert, drehte den Rücken und kreuzte die Arme. »Mein Herr,« sprach der beleidigte König, Sie werden sich in die Bastille begeben.« »So gekleidet?« entgegnete er; »in meinem priesterlichen Gewande? vor dem ganzen Hofe? Wollen Sie bedenken, Sire, das Aergerniß ist ungeheuer. Es wird nur um so schwerer für das Haupt sein, auf welches es einst fällt.« »Ich will es so,« sprach der König sehr aufgeregt. »Das ist ein ungerechter Scherz, den Sie vor der Zeit einen Prälaten ausstehen lassen, Sire, und die Folter vor der Anklage ist nicht gesetzlich.« »Es muß so sein,« sprach der König, indem er die Thüre des Gemachs öffnete, um mit den Augen Jemand zu suchen, dem er seinen Befehl ertheilen könnte. Herr von Breteuil war da, seine gierigen Augen hatten in der Exaltation der Königin, in der Aufregung des Königs, in bei Haltung des Cardinals den Untergang eines Feindes errathen. Der König hatte nicht so bald leise mit ihm zu sprechen aufgehört, als der Siegelbewahrer, sich die Functionen des Capitäns der Garde anmaßend, mit einer donnernde Stimme, welche bis in den Hintergrund der Gallerien wiederhallte, ausrief: »Verhaftet den Herrn Cardinal!« Herr von Rohan bebte. Das Gemurmel, das er unter den Gewölben hörte, die Bewegung der Höflinge, das rasche Erscheinen der Leibwachen gaben dieser Scene einen Charakter finsterer Vorbedeutung. Der Cardinal ging an der Königin vorbei, ohne sie zu grüßen, was das Blut der stolzen Fürstin kochen machte. Er verbeugte sich sehr demüthig vor dem König und nahm, als er an Herrn von Breteuil vorüberkam, einen so geschickt nuancirten Ausdruck des Mitleids an, daß der Baron glauben mußte, er habe sich nicht genug gerächt. Ein Lieutenant von der Leibwache trat schüchtern auf den Cardinal zu und schien von ihm die Bestätigung des Befehls zu fordern, den er gehört hatte. »Ja, mein Herr,« sagte Herr von Rohan, »ja, ich bin verhaftet.« »Sie werden den Herrn in sein Zimmer führen und erwarten, was ich während der Messe beschließe,« sprach der König unter einer Todesstille. Der König blieb, bei geöffneten Thüren, allein bei der Königin, während der Cardinal, dem der Lieutenant von der Leibwache, den Hut in der Hand, voranschritt, sich langsam durch die Gallerie entfernte. »Madame,« sprach der König keuchend, denn er hatte nur mit großer Mühe an sich gehalten, »Sie wissen, daß dich auf ein öffentliches Urtheil, das heißt, auf ein Aergerniß hinausläuft, unter dem die Ehre der Schuldigen fallen wird.« »Meinen Dank!« rief die Königin, voll Innigkeit dem König die Hände drückend; »Sie haben das einzige Mittel, mich zu rechtfertigen, gewählt.« »Sie danken mir!« »Von ganzer Seele. Sie haben als König gehandelt, ich als Königin; glauben Sie mir!« »Es ist gut,« erwiderte der König, von der lebhaftesten Freude erfüllt. »Wir werden endlich Genugthuung für alle diese Gemeinheiten erhalten. Ist ein für allemal die Schlange durch Sie und durch mich zertreten, dann werden wir hoffentlich ruhig leben.« Er küßte die Königin auf die Stirne und kehrte in seine Gemächer zurück. Am Ende der Gallerte hatte Herr von Rohan Böhmer und Bossange gefunden, die einander halb ohnmächtig in den Armen lagen. Dann, einige Schritte davon, erblickte der Cardinal seinen Läufer, der, erschrocken über dieses Unglück, auf einen Blick seines Herrn lauerte. »Mein Herr,« sagte der Cardinal zu dem Officier, der ihn führte, »wenn ich den ganzen Tag hier zubringe, werde ich viele Menschen in Unruhe versetzen; kann ich nicht meinem Hause verkündigen, daß ich verhaftet bin?« »Oh! Monseigneur, unter der Voraussetzung, daß Niemand Sie steht,« erwiderte der junge Officier. Der Cardinal dankte, dann sprach er ein paar Worte deutsch mit seinem Läufer und schrieb einige Zeilen auf ein Blatt Papier, das er aus seinem Meßbuche riß. Und hinter dem Officier, welcher lauerte, um nicht überrascht zu werden, rollte der Cardinal das Blatt zusammen und ließ es fallen. »Ich folge Ihnen, mein Herr,« sagte er zu dem Officier. Sie verschwanden in der That Beide. Der Läufer warf sich auf das Papier, wie ein Geier auf seine Beute, eilte aus dem Schlosse, schwang sich auf sein Pferd und entfloh gegen Paris. Der Cardinal konnte ihn durch eines von den Fenstern der Treppe, die er mit seinem Führer hinabstieg, auf den Felder sehen. »Sie stürzt mich in's Verderben,« murmelte er, »ich rette Sie! Für Sie, mein König, handle ich; um Deinetwillen, mem Gott, der Du den Beleidigern zu verzeihen befiehlst, um Deinetwillen vergebe ich den Andern ... Vergib mir!« LXXVIII. Die Protocolle. Kaum war der König ganz glücklich in sein Gemach zurückgekehrt, kaum hatte er den Befehl, Herrn von Rohan in die Bastille zu führen, unterzeichnet, als der Graf von Provence erschien, der bei seinem Eintritt in das Cabinet Herrn von Breteuil Zeichen machte, die dieser, trotz seiner Ehrfurcht und seines guten Willens, nicht verstehen konnte. Doch nicht an den Siegelbewahrer waren diese Zeichen gerichtet; der Prinz vervielfältigte sie, in der Absicht, die Aufmerksamkeit des Königs, der, während er seinen Befehl abfaßte, in den Spiegel sah, auf sich zu ziehen. Der Prinz verfehlte seinen Zweck nicht, der König erblickte die Zeichen und fragte seinen Bruder, nachdem er Herrn von Breteuil weggeschickt hatte: »Warum machten Sie Herrn von Breteuil Zeichen?« »Oh! Sire ...« »Diese Lebhaftigkeit der Geberden, diese geschäftige Miene haben etwas zu bedeuten?« »Allerdings, aber...« »Es steht Ihnen frei, nicht zu sprechen, mein Bruder,« versetzte der König mit einer gereizten Miene. »Sire, ich habe so eben die Verhaftung des Herrn Cardinals von Rohan erfahren.« »Nun! in welcher Hinsicht, mein Bruder, kann diese Nachricht eine solche Aufregung bei Ihnen verursachen? Scheint Ihnen Herr von Rohan nicht schuldig? Habe ich Unrecht, selbst den Mächtigen zu schlagen?« »Unrecht? nein, mein Bruder, Sie haben nicht Unrecht. Das ist es nicht, was ich sagen will.« »Ich hätte mich sehr gewundert, Herr Graf von Provence, wenn Sie den Proceß gegen die Königin einen Menschen gewinnen liehen, der sie zu entehren sucht. Ich bin so eben bei der Königin gewesen, mein Bruder, ein Wort von ihr hat genügt ...« »Oh! Sire, Gott soll mich behüten, daß ich die Königin anklage, das wissen Sie wohl. Ihre Majestät... meine Schwägerin hat keinen ergebeneren Freund, als mich. Wie oft ist es mir im Gegentheil geschehen, daß ich sie vertheidigt habe, und zwar, es sei dich ohne Vorwurf gesagt, sogar gegen Siel« »Wahrhaftig, mein Bruder, klagt man sie denn so oft an!« »Ich habe Unglück, Sire; Sie packen mich bei jedem von meinen Worten ... Ich wollte nur sagen, die Königin selbst würde mir nicht glauben, wenn ich an ihrer Unschuld zu zweifeln schiene.« »So gratuliren Sie mir zu der Demüthigung, die ich den Cardinal erdulden lasse, zu dem Proceß, der daraus hervorgehen muß, zu dem Aergerniß, das all den Verleumdungen ein Ziel stecken soll, die man sich gegen eine einfache Frau von Hofe nicht erlauben würde, während Jeder sich zum Echo derselben zu machen wagt, weil die Königin, wie Sie sagen, über all diesen Erbärmlichkeiten steht.« »Ja, Sire, ich billige ganz und gar das Benehmen Eurer Majestät, und ich sage, in Betreff des Halsbandes gehe Alles auf's Beste.« »Bei Gott! mein Bruder, nichts kann klarer sein. Sieht man nicht von hier Herrn von Rohan sich der vertrauten Freundschaft der Königin rühmen, in ihrem Namen einen Handel für Diamanten abschließen, die sie ausgeschlagen, und sagen lassen, diese Diamanten seien von der Königin oder bei der Königin genommen worden ... das ist ganz abscheulich und, wie sie bemerkte: Was würde man sagen, wenn ich Herrn von Rohan zum Theilnehmer bei diesem geheimnißvollen Handel hätte?« »Sire!« »Und dann wissen Sie nicht, mein Bruder, daß nie eine Verläumdung auf halbem Weg stehen geblieben ist, daß die Leichtfertigkeit des Herrn von Rohan die Königin compromittirt, daß die Erzählung dieser Leichtfertigkeiten sie entehrt?« »Oh! ja, mein Bruder, ja, Sie haben sehr Recht gehabt, was die Angelegenheit mit dem Halsbande betrifft.« »Nun!« fragte der König erstaunt, »gibt es noch eine andere Angelegenheit?« »Sire ... die Königin mußte Ihnen sagen ...« »Was denn?« »Sire ... Sie wollen mich in Verlegenheit bringen, die Königin muß Ihnen nothwendig gesagt haben ...« »Was denn, mein Herr? was denn?« »Sire ...« »Ah! die Prahlereien des Herrn von Rohan? sein absichtliches Schweigen, der vorgebliche Briefwechsel?« »Nein, Sire, nein.« »Was also? die Unterredungen, welche die Königin Herrn von Rohan in der fraglichen Halsbandsache bewilligt haben soll?« »Nein, Sire, das ist es nicht.« »Ich weiß nur so viel,« sprach der König, »daß ich zu der Königin ein unbegrenztes Vertrauen habe, welches sie durch den Adel ihres Characters verdient. Es war ihr leicht, zu bezahlen oder schwatzen zu lassen; die Königin, die diese Geheimnisse, welche zu Aergernissen wurden, plötzlich im Laufe aufhielt, hat mir bewiesen, daß sie an mich appellire, ehe sie an das ganze Publikum appelliren würde. Mich hat die Königin rufen lassen, mir wollte sie die Sorge, ihre Ehre zu rächen, anvertrauen. Sie hat mich zum Beichtiger, zum Richter genommen, die Königin hat mir folglich Alles gesagt.« »Nun wohl,« erwiderte der Graf von Provence, minder verlegen, als er es hätte sein sollen, weil er fühlte, daß die Ueberzeugung des Königs weniger fest war, als er zur Schau stellen wollte, »Sie machen abermals meiner Freundschaft, meiner Ehrfurcht vor der Königin, meiner Schwägerin, den Proceß; wenn Sie gegen mich mit dieser Empfindlichkeit Verfahren, so werde ich Ihnen nichts mehr sagen, denn während ich vertheidige, muß ich fürchten, für einen Feind oder einen Ankläger gehalten zu werden. Und dennoch setzen Sie, wie sehr Sie sich in dieser Hinsicht gegen die Logik verfehlen. Die Bekenntnisse der Königin haben Sie schon dahin geführt, daß Sie eine Wahrheit finden, die meine Schwägerin vertheidigt. Warum wollten Sie nicht, daß man in Ihren Augen andere Klarheiten glänzen ließe, die noch viel mehr geeignet wären, die ganze Unschuld unserer Königin zu offenbaren?« »Mein Bruder,« erwiderte der König verlegen, »Sie beginnen immer mit Umschweifen und Krümmungen, in denen ich mich verliere.« »Oratorische Vorsichtsmaßregeln, mein Bruder, in Ermangelung von Wärme. Ach! ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, es ist das ein Erziehungsfehler bei mir. Cicero hat mich verdorben.« »Mein Bruder, Cicero ist immer nur dann trübe, wenn er eine schlimme Sache vertheidigt; Sie haben eine gute, seien Sie um Gottes willen klar.« »Wenn Sie mich in meiner Sprechweise critisieren, so verurtheilen Sie mich zum Stillschweigen.« »Ah! ja, irritabile genus rhetorum, das sogleich in Hitze geräth,« rief der König, bethört durch dieses verschmitzte Wesen des Grafen von Provence, »zur Sache, Advocat, zur Sache! was wissen Sie mehr, als mir die Königin gesagt hat?« »Mein Gott! Sire, Nichts und Alles. Erörtern wir zuerst das, was die Königin gesagt hat.« »Die Königin hat mir gesagt, sie besitze das Halsband nicht.« »Gut.« »Sie hat mir gesagt, sie habe den Schein der Juweliere nicht unterzeichnet.« »Gut.« »Sie hat mir gesagt, Alles was sich auf eine Verabredung mit Herrn von Rohan beziehe, sei eine von ihren Feinden erfundene Unwahrheit.« »Sehr gut, Sire.« »Sie behauptet endlich, nie habe sie Herrn von Rohan das Recht gegeben, zu glauben, er sei mehr als einer ihrer Unterthanen, mehr als ein Gleichgültiger, mehr als ein Unbekannter.« »Ah! ... sie hat das gesagt?« »Und zwar mit einem Tone, der keine Erwiderung zuließ, denn der Cardinal hat nichts erwidert.« »Somit, Sire, da der Cardinal nichts erwiderte, bekennt er sich als Lügner, und durch diesen Widerruf gibt er anderen Gerüchten Recht, welche über gewisse von der Königin gewissen Personen zugestandene Bevorzugungen im Umlauf sind.« »Ei, mein Gott! was denn noch?« rief der König entmuthigt. »Etwas ganz Albernes, wie Sie sehen werden. Sobald erwiesen ist, daß Herr von Rohan nicht mit der Königin spazieren gegangen ...« »Wie!« sprach der König, »man sagt, Herr von Rohan sei mit der Königin spazieren gegangen ...« »Was durch die Königin selbst, Sire, und durch den Widerruf des Herrn von Rohan vollkommen Lügen gestraft worden ist; doch sobald sich dieß erwiesen hat, mußte man, wie Sie wohl begreifen, zu erforschen suchen – die Bosheit hat sich dessen auch nicht enthalten – wie es komme, daß die Königin bei Nacht im Parke von Versailles spazieren gegangen.« »Bei Nacht! im Parke von Versailles! ... die Königin? ...« »Und mit wem sie spazieren gegangen,« fuhr kalt der Graf von Provence fort. »Mit wem? ...« murmelte der König. »Gewiß ... sind nicht Aller Augen auf das gerichtet, was eine Königin thut? sind diese Augen, die der Glanz des Tages oder der Glanz der Majestät nie blendet, nicht noch viel scharfsichtiger, wenn es sich darum handelt, in der Nacht zu sehen?«! »Aber, mein Bruder, nehmen Sie sich in Acht. Sie sagen da schändliche Dinge.« »Sire, ich wiederhole, und ich wiederhole mit einer solchen Entrüstung, daß ich ganz gewiß Eure Majestät zur Entdeckung der Wahrheit antreiben werde.« »Wie, mein Herr! man sagt, die Königin sei bei Nacht in Gesellschaft ... im Parke von Versailles spazieren gegangen!« »Nicht in Gesellschaft, Sire, sondern mit einer einzigen Person ... Oh! wenn man sagte, in Gesellschaft , dann Ware es nicht der Mühe werth, daß wir darauf achteten.« Der König brach plötzlich los: »Sie werden mir beweisen, was Sie wiederholen, und zu diesem Ende beweisen Sie, was man gesagt hat.« »Oh! das ist allzu leicht,« erwiderte Herr von Provence. »Es sind vier Zeugnisse da: das erste ist das meines Jagdcapitäns, der die Königin zwei Tage, oder vielmehr zwei Nächte hintereinander aus dem Parke von Versailles durch die Thüre der Jägermeisterei herausgehen sah; hier ist der Beweis, er ist mit seiner Unterschrift versehen, lesen Sie.« Der König nahm zitternd das Papier, las es und gab es dann seinem Bruder zurück. »Sie werden ein noch interessanteres Schreiben sehen, Sire: es ist von dem Nachtwächter, der in Trianon aufgestellt ist. Er erklärt, die Nacht sei gut gewesen, ein Schutz sei gefallen, ohne Zweifel von Wildschützen im Walde von Satory: in den Parken sei es ruhig geblieben, ausgenommen an dem Tag, an welchem die Königin mit einem Cavalier, dem sie den Arm gegeben, spazieren gegangen. Sehen Sie, das Protocoll ist ausführlich.« Der König las abermals, schauerte und ließ seine Arme an seinem Leib herabfallen. »Der dritte Zeuge,« fuhr unstörbar der Herr Graf von Provence fort, »ist ein Portier vom Ostthor. Dieser Mann hat die Königin gesehen und erkannt, in dem Augenblick, wo sie durch die Thüre der Jägermeisterei herauskam. Er sagt, wie die Königin gekleidet gewesen, sehen Sie, Sire; er sagt auch, von fern habe er den Cavalier, der Ihre Majestät gerade verlassen, nicht zu erkennen vermocht, doch seiner Haltung nach habe es ihm geschienen, es sei ein Officier gewesen. Dieses Protocoll ist unterzeichnet. Er fügt etwas Interessantes bei, nämlich, die Anwesenheit der Königin könne nicht in Zweifel gezogen werden, weil Ihre Majestät von Frau von La Mothe, einer Freundin der Königin, begleitet gewesen sei.« »Einer Freundin der Königin!« rief wüthend der König. »Ja, es steht hier so, Freundin der Königin!« »Seien Sie deßhalb einem ehrlichen Diener nicht böse, Sire, er kann nur eines Uebermaßes von Eifer beschuldigt werden, er ist beauftragt zu hüten, und er hütet, zu wachen, und er wacht. »Der letzte Bericht,« fuhr der Graf von Provence fort, »scheint mir der klarste von Allen. Er ist vom Schlossermeister, welcher den Auftrag hat, nachzusehen, ob alle Thüren und Thore, nachdem man Retraite geschlagen, gut geschlossen seien. Dieser Mann, Eure Majestät kennt ihn, bezeugt, er habe die Königin mit einem Cavalier in die Apollo-Bäder eintreten gesehen.« Bleich und seinen Groll erstickend riß der König dem Grafen das Papier aus den Händen und las es. Herr von Provence fuhr nichtsdestoweniger während dieses Lesens fort: »Es ist wahr, Frau von La Mothe war außen, etwa zwanzig Schritte von den Bädern entfernt, und die Königin blieb nur ungefähr eine halbe Stunde im Saale.« »Aber der Name des Cavaliers!« rief der König. »Sire, er ist in dem Berichte nicht genannt, und Eure Majestät muß sich zu diesem Behuf die Mühe nehmen, ein letztes Certificat, das ich hier habe, zu durchgehen; es ist von einem Forstwart, der hinter der Ringmauer bei den Apollo-Bädern auf dem Anstand war.« »Datirt vom andern Tag,« sagte der König. »Ja, Sire, und er hat die Königin aus dem Park durch die kleine Thüre hervorkommen und hinausschauen sehen; sie war am Arme des Herrn von Charny.« »Am Arme des Herrn von Charny!« rief der König, halb wahnsinnig vor Zorn und Scham, »gut ... gut. Warten Sie hier auf mich, Graf, wir werden endlich die Wahrheit erfahren.« Und der König stürzte aus seinem Cabinet. LXXIX. Eine letzte Anschuldigung. In dem Augenblick, wo der König das Zimmer der Königin verlassen hatte, lief diese nach dem Boudoir, wo Herr von Charny Alles zu hören im Stande gewesen. Sie öffnete die Thüre, kehrte sogleich wieder zurück und schloß die ihres Gemachs. Dann fiel sie, als wäre sie zu schwach, solchen Stößen zu widerstehen, in einen Lehnstuhl und erwartete stillschweigend, was Herr von Charny, ihr furchtbarster Richter, über sie beschließen würde. Doch sie wartete nicht lange, der Graf kam trauriger und bleicher, als er je gewesen, aus dem Nebenzimmer heraus. »Nun?« sagte sie. »Madame,« erwiderte er, »Sie sehen, daß Alles unserer Freundschaft entgegentritt. Wenn es nicht meine Ueberzeugung ist, was Sie verletzt, so wird es fortan das öffentliche Gerücht sein; bei dem Aergerniß, das heute geschehen, ist keine Ruhe mehr für mich, kein Waffenstillstand mehr für Sie. Erbitterter nach dieser ersten Wunde, die sie Ihnen beigebracht haben, werden die Feinde auf Sie niederstürzen, um Ihr Blut zu trinken, wie die Mücken bei einer verwundeten Gazelle.« »Sie suchen sehr lange ein natürliches Wort und können keines finden,« sagte schwermüthig die Königin. »Ich glaubte Eurer Majestät nie Anlaß gegeben zu haben, einen Verdacht gegen meine Offenherzigkeit zu hegen; ist sie zuweilen losgebrochen, so geschah es mit zu viel Härte, und ich bitte deßhalb um Verzeihung.« »Was ich also gemacht habe,« versetzte die Königin sehr bewegt, »dieser Lärm, dieser gefährliche Angriff gegen einen der vornehmsten Herren des Reiches, die Thatsache, daß ich meine Feindschaft mit der Kirche erklärt, meinen Ruf den Leidenschaften des Parlaments ausgesetzt habe, dieß Alles genügt Ihnen nicht. Ich spreche nicht von dem für immer erschütterten Vertrauen des Königs, Sie dürfen sich nicht darum bekümmern, nicht wahr? Der König! was ist das ... ein Gatte!« Und sie lächelte mit einer solchen Bitterkeit, daß die Thränen ihren Augen entstürzten. »Oh!« rief Charny, »Sie sind die edelste, die hochherzigste der Frauen. Wenn ich Ihnen nicht auf der Stelle antworte, wie mich mein Herz dazu zwingt, so ist dieß der Fall, weil ich mich Allem untergeordnet fühle, und ich dieses erhabene Herz nicht dadurch, daß ich einen Platz darin verlange, zu entheiligen wage.« »Herr von Charny, Sie halten mich für schuldig?« »Madame! ...« »Herr von Charny, Sie haben den Worten des Cardinals Glauben geschenkt?« »Madame!« »Herr von Charny, ich fordere Sie auf, mir zu sagen, welchen Eindruck die Haltung des Herrn von Rohan auf Sie gemacht hat?« »Ich muß sagen, Madame, Herr von Rohan ist weder ein Wahnsinniger gewesen, wie Sie es ihm vorgeworfen, noch ein schwacher Mensch, wie man dieß glauben könnte: er ist ein überzeugter Mann, er ist ein Mann, der Sie liebte, der Sie noch liebt und in diesem Augenblick das Opfer eines Irrthums ist, der ihn zum Untergang führen wird, und Sie ...« »Mich?« »Sie zu einer unvermeidlichen Schmach.« »Mein Gott! vor mir erhebt sich ein drohendes Gespenst, jenes verhaßte Weib, Frau von La Mothe, welche verschwunden ist, als ihre Zeugschaft uns Alles, Ruhe, Ehre, Sicherheit für die Zukunft wiedergeben konnte.« »Diese Frau ist der böse Genius Ihrer Person, sie ist die Geißel des Königreiches; diese Frau, die Sie unkluger Weise zur Theilnahme an Ihren Geheimnissen und leider vielleicht auch an Ihrer innigen Vertraulichkeit zugelassen haben ...« »Meine Geheimnisse, meine Vertraulichkeit, ah! mein Herr, ich bitte Sie!« rief die Königin. »Madame, der Cardinal hat klar genug gesagt und klar genug bewiesen, daß Sie mit ihm Verabredungen in Bezug auf den Ankauf des Halsbandes getroffen hatten.« »Ah! ... Sie kommen hierauf zurück, Herr von Charny,« sagte die Königin erröthend. »Verzeihen Sie, Sie sehen wohl, ich bin unwürdig, berufen zu sein, Ihre Gedanken zu kennen. Ich suche zu mildern und ich reize auf.« »Hören Sie, mein Herr,« sprach die Königin, zu einem mit Stolz gemischten Zorne zurückkehrend, »was der König glaubt, kann alle Welt glauben; ich werde gegen meine Freunde nicht gefälliger sein als gegen meinen Gemahl. Mir scheint, ein Mann kann eine Frau nicht gern sehen, wenn er nicht Achtung vor ihr hegt. Ich spreche nicht in Beziehung auf Sie,« unterbrach sie sich lebhaft; »ich bin kein Weib, ich bin eine Königin, Sie sind für mich kein Mann, sondern ein Richter.« Charny verbeugte sich so tief, daß die Königin die Genugthuung und die Demüthigung dieses getreuen Unterthans hinreichend finden mußte. Plötzlich sprach sie: »Ich hatte Ihnen gerathen, auf Ihren Gütern zu bleiben; das war ein weiser Plan. Fern vom Hofe, dem Ihre Gewohnheiten, Ihre Biederkeit, Ihre Unerfahrenheit, erlauben Sie mir dieß zu sagen, widersprechen, fern vom Hofe hätten Sie die Personen, die ihre Rolle auf diesem Theater spielen, besser gewürdigt. Man muß die optische Täuschung wahren, Herr von Charny, man muß seine Schminke und seine hohen Absätze vor der Menge festhalten. Eine zu rasch zur Herablassung geneigte Königin, habe ich es vernachlässigt, bei denjenigen, welche mich liebten, das blendende Zauberwerk des Königthums zu unterhalten. Ah! Herr von Charny, die Glorie, welche eine Krone um die Stirne der Königinnen zeichnet, überhebt sie der Keuschheit, der Sanftmuth, des Geistes und des Herzens besonders. Man ist Königin, mein Herr, man herrscht es, sich Liebe zu erwerben?« »Ich vermöchte Ihnen nicht zu sagen, Madame, wie weh mir die Strenge Eurer Majestät thut,« erwiderte Charny sehr bewegt. »Ich konnte vergessen, daß Sie meine Königin waren, doch lassen Sie mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich nie vergessen habe, Sie seien die erste der Frauen, welche würdig meiner Achtung und meiner ...« »Vollenden Sie nicht, ich bettle nicht. Ja, ich habe es gesagt, eine Abwesenheit ist für Sie nothwendig. Es sagt mir etwas, Ihr Name werde am Ende bei dem Allem ausgesprochen werden.« »Madame, unmöglich!« »Sie sagen, unmöglich! Ei! denken Sie doch an die Macht derjenigen, welche seit sechs Monaten mit meiner Ruhe, meinem Leben spielen. Sagten Sie nicht, der Herr Cardinal sei überzeugt , er handle in Folge eines Irrthums , in den man ihn versenkt? Diejenigen, welche solche Ueberzeugungen bewerkstelligen, diejenigen, welche solche Irrthümer veranlassen, sind stark genug, Ihnen zu beweisen, Sie seien ein unredlicher Unterthan für den König und für mich ein schmählicher Freund. Diejenigen, welche so glücklich das Falsche ersinnen, entdecken sehr leicht die Wahrheit! Verlieren Sie keine Zeit, die Gefahr ist ernst; ziehen Sie sich auf Ihre Güter zurück, fliehen Sie das Aergerniß, das aus dem Kampfe entspringen muß, den man mit mir beginnen wird; mein Geschick soll Sie nicht fortreißen, Ihre Laufbahn soll nicht verloren gehe«. Ich, die ich, Gott sei Dank, die Unschuld und die Stärke habe; ich, die ich keine Flecken an meinem Leben habe; ich, die ich entschlossen bin, nöthigenfalls meine Brust zu öffnen, um meinen Feinden die Reinheit meines Herzens zu zeigen; ich werde widerstehen. Für Sie wäre hier der Ruin, die Verleumdung, der Kerker vielleicht. Tragen Sie dieses so hochherzig gebotene Geld wieder fort; nehmen Sie die Versicherung mit sich, daß keine der edelmüthigen Regungen Ihrer Seele mir entgangen ist; daß keiner Ihrer Zweifel mich verletzte, keines Ihrer Leiden mich kalt gelassen hat; reisen Sie ab und suchen Sie anderswo, was Ihnen die Königin von Frankreich nicht mehr geben kann: den Glauben, die Hoffnung, das Glück. Von jetzt an, bis Paris die Verhaftung des Cardinals weiß, bis das Parlament zusammenberufen ist, bis die Zeugschaften beigebracht sind, rechne ich ungefähr vierzehn Tage. Reisen Sie! Ihr Oheim hat zwei Schiffe in Cheerbourg und in Nantes bereit liegen; wählen Sie; aber entfernen Sie sich von mir. Ich bringe Unglück; entfernen Sie sich von mir. Ich hing nur an einer einzigen Sache in dieser Welt, und da sie mir entgeht, so fühle ich mich verloren.« Nach diesen Worten stand die Königin auf und schien Charny die Entlassung zu geben, welche die Audienzen endigt. Er näherte sich ihr eben so ehrfurchtsvoll, aber rascher, und sprach mit bebender Stimme: »Eure Majestät hat mir so eben meine Pflicht vorgeschrieben. Nicht auf meinen Gütern, nicht außerhalb Frankreichs ist die Gefahr; in Versailles werden Sie beargwöhnt, in Paris gerichtet. Es ist von Gewicht, Madame, daß jeder Verdacht verschwinde, daß jeder Spruch eine Rechtfertigung sei, und da Sie keinen redlicheren Zeugen, keine entschlossenere Stütze zu haben vermöchten, so bleibe ich. Diejenigen, welche so viele Dinge wissen, Madame, werden Sie sagen. Aber wir werden wenigstens das für Leute von Herz unschätzbare Glück haben, unsere Feinde von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Sie mögen zittern vor der Majestät einer unschuldigen Königin und vor dem Muthe eines Mannes, der besser ist, als sie. Ja, ich bleibe, Madame, und glauben Sie, Eure Majestät hat nicht nöthig, mir länger ihre Gedanken zu verbergen; sie weiß wohl, daß ich nicht fliehe; sie weiß wohl, daß ich nichts fürchte; sie weiß auch wohl, daß sie, um mich nicht mehr zu sehen, nicht nöthig hat, mich in die Verbannung zu schicken. Oh! Madame, von fern verstehen sich die Herzen, von fern sind die Aufathmungen glühender, als von der Nähe. Sie wollen, daß ich reise, um Ihretwillen, nicht meinetwegen; seien Sie unbesorgt; nahe genug, um Ihnen beizustehen, um Sie zu vertheidigen, werde ich doch nicht im Stande sein, Sie zu beleidigen oder Ihnen zu schaden. Nicht wahr, Sie haben mich nicht gesehen, als ich acht Tage lang hundert Klafter von Ihnen entfernt wohnte, jede Ihrer Geberden belauerte, Ihre Schritte bewachte und in Ihrem Leben lebte? Nun wohl! es wird dießmal ebenso sein, denn ich kann Ihren Willen nicht vollziehen, ich kann nicht reisen! Ueberdieß ... was ist Ihnen daran gelegen? Werden Sie an mich denken?« Sie machte eine Bewegung, welche sie von dem jungen Manne entfernte, und erwiderte: »Wie es Ihnen beliebt ... Doch Sie haben mich begriffen, Sie sollen sich nie in meinem Worte täuschen, ich bin keine Cokette, Herr von Charny; sagen was sie denkt, denken was sie sagt, das ist das Privilegium einer wahren Königin! ich bin so. Eines Tags, mein Herr, habe ich Sie unter Allen auserwählt. Irgend etwas zog mein Herz zu Ihnen hin. Ich dürstete nach einer starken und reinen Freundschaft, ich habe Sie dieß wohl sehen lassen, nicht wahr? Heute ist es nicht mehr ebenso, ich denke nicht mehr, was ich dachte. Ihre Seele ist keine Schwester der meinigen mehr. Ich sage Ihnen ebenso offenherzig: schonen wir einander.« »Es ist gut, Madame,« sprach Charny, »nie glaubte ich, Sie haben mich erwählt, nie glaubte ich ... Ah! Madame, ich widerstehe dem Gedanken nicht, Sie zu verlieren. »Madame ich bin trunken vor Eifersucht und Angst. Madame, ich werde es nicht ertragen, daß Sie mir ihr Herz entziehen, es gehört mir, Sie haben es mir geschenkt, nur mit meinem Leben wird man es mir nehmen. Seien Sie Weib, seien Sie gut, mißbrauchen Sie meine Schwäche nicht, denn Sie haben mir so eben meine Zweifel vorgeworfen und schmettern mich in diesem Augenblick mit den Ihrigen nieder.« »Kinderherz, Weiberherz ... ich soll auf Sie zählen! ... Was für schöne Vertheidiger sind wir für einander! Schwach! oh! ja, Sie sind es; und ich, ach! ich bin nicht stärker als Sie.« »Ich würde Sie nicht lieben, wären Sie anders, als Sie sind.« »Wie!« rief sie mit einem lebhaften, leidenschaftlichen Ausdruck, »diese verfluchte Königin, diese verlorene Königin, diese Frau, über welche ein Parlament richten, welche die öffentliche Meinung verurtheilen und ein König, ihr Gatte, vielleicht fortjagen wird, diese Frau findet ein Herz, das sie liebt!« »Einen Diener, der sie verehrt und ihr alles Blut seines Herzens für eine Thräne bietet, die sie so eben vergoß.« »Diese Frau,« rief die Königin »ist gesegnet, sie ist stolz, sie ist die erste der Frauen, sie ist die glücklichste von allen, diese Frau ist zu glücklich, Herr von Charny, ich weiß nicht, wie diese Frau sich beklagen konnte, verzeihen Sie ihr.« Charny fiel zu den Füßen der Königin und küßte sie in einem religiösen Liebesentzücken. In diesem Augenblick öffnete sich die Thüre des geheimen Ganges, und der König blieb zitternd und wie vom Blitze getroffen auf der Schwelle stehen. Er hatte den Mann, den Herr von Provence anschuldigte, zu den Füßen der Königin überrascht. LXXX. Die Brautbewerbung. Die Königin und Charny wechselten einen so entsetzten Blick, daß ihr grausamster Feind in diesem Augenblick Mitleid mit ihnen gehabt hätte. Charny erhob sich langsam und verbeugte sich vor dem König mit tiefer Ehrfurcht. Man sah das Herz Ludwigs XVI. heftig unter den Spitzen seines Jabot schlagen. »Oh!« sagte er mit dumpfer Stimme ... »Herr von Charny!« Der Graf antwortete nur durch eine neue Verbeugung. Die Königin fühlte, daß sie nicht sprechen konnte, und daß sie verloren war. Der König fuhr mit einer unglaublichen Maßhaltung fort: »Herr von Charny, es ist nichts weniger als ehrenvoll für einen Edelmann, auf dem Verbrechen des Diebstahls ertappt zu werden.« »Diebstahl!« murmelte Charny. »Diebstahl!« wiederholte die Königin, welche noch an ihren Ohren die furchtbaren Anschuldigungen in Betreff des Halsbands zischen zu hören glaubte und vermuthete, der Graf sollte befleckt werden, wie sie. »Ja,« sprach der König, »vor der Frau eines Andern niederknieen, ist ein Diebstahl; und wenn diese Frau eine Königin ist, mein Herr, so nennt man dieß Majestätsverbrechen; ich werde Ihnen das durch meinen Siegelbewahrer sagen lassen.« Der Graf wollte sprechen, er wollte seine Unschuld betheuern, doch, ungeduldig in ihrer Großmuth, wollte es die Königin nicht dulden, daß man den Mann, den sie liebte, einer Schändlichkeit beschuldige; sie kam ihm zu Hilfe und sagte rasch: »Sire, Sie sind, wie mir scheint, auf einem Wege schlimmer Verdachte und ungünstiger Muthmaßungen; diese Verdachte, diese vorgefaßten Meinungen treffen falsch, das muß ich Ihnen bemerken. Ich sehe, daß die Ehrfurcht die Zunge des Grafen fesselt; doch ich, die ich sein Herz aus dem Grunde kenne, werde ihn nicht anklagen lassen, ohne ihn zu vertheidigen.« Hier hielt sie inne. erschöpft durch ihre Aufregung, erschrocken über die Lüge, die sie zu finden genöthigt sein sollte, verwirrt endlich, weil sie dieselbe nicht fand. Doch dieses Zögern, das ihr, dem stolzen Geiste der Königin, selbst verhaßt vorkam, war ganz einfach die Rettung der Frau. In diesen gräßlichen Treffen, wo häufig um die Ehre das Leben derjenigen, welche man ertappt, gespielt wird, genügt eine gewonnene Minute, um zu retten, wie eine verlorene Secunde genügt hatte, um in's Verderben zu stürzen. Einzig und allein durch den Instinkt hatte die Königin die Gelegenheit des Aufschubs ergriffen; sie hatte den Verdacht des Königs plötzlich im Laufe aufgehalten; sie hatte seinen Geist irre geleitet und den des Grafen befestigt. Diese entscheidenden Minuten haben rasche Flügel, auf denen die Ueberzeugung eines Eifersüchtigen so fern weggetragen wird, daß sie sich beinahe nie wieder einfindet, wenn nicht der Schutzdämon der Liebesneidischen sie auf den seinigen zurückträgt. »Werden Sie mir zufällig sagen,« erwiderte Ludwig XVI., der von der Rolle des Königs in die Rolle des beängstigten Gatten fiel, »werden Sie mir sagen, ich habe Herrn von Charny nicht vor Ihnen knieen sehen, Madame? Um aber niederzuknieen, ohne aufgehoben zu werden, muß ...« »Muß, mein Herr!« sprach die Königin mit strengem Tone, »muß ein Unterthan der Königin von Frankreich eine Gnade von dieser zu erbitten haben ... Das ist, glaube ich, ein Fall, der ziemlich häufig bei Hofe vorkommt.« »Eine Gnade von Ihnen erbitten!« rief der König. »Und zwar eine Gnade, die ich nicht bewilligen konnte,« fuhr die Königin fort, »sonst wäre Herr von Charny nicht so dringlich gewesen, das schwöre ich Ihnen, und ich hätte ihn sehr rasch mit der Freude aufgehoben, einem Edelmann, den ich ganz besonders hoch schätze, seinen Wunsch zu bewilligen.« Charny athmete. Das Auge des Königs war unentschieden geworden; seine Stirne entwaffnete sich allmälig von der ungewöhnlichen Drohung, welche diese Ueberraschung zu ihr aufsteigen gemacht hatte. Mittlerweile besann sich Marie Antoinette, besann sich mit der Wuth, zu einer Lüge genöthigt zu sein, mit dem Schmerz, nichts Wahrscheinliches zu finden. Indem sie sich unfähig bekannt, dem Grafen die Gnade zu bewilligen, um die er nachsuchte, hatte sie die Neugierde des Königs in Fesseln zu schlagen geglaubt; sie hatte geglaubt, das Verhör würde hiebei stehen bleiben. Sie täuschte sich; jede andere Frau hätte weniger Starrheit und mehr Geschicklichkeit an den Tag gelegt, aber für sie war es eine gräßliche Marter, vor dem Mann, den sie liebte, zu lügen. Sich unter dem elenden und falschen Lichte des Comödienbetrugs zeigen, hieß all diese Falschheiten, all diese Ränke, all diese Manöver der Intrigue des Parks durch eine ihrer Schändlichkeit entsprechende Entwicklung schließen; es hieß beinahe sich strafbar zeigen; es war schlimmer als der Tod. Sie zögerte noch; sie würde ihr Leben gegeben haben, hätte Charny die Lüge gefunden; doch er, der redliche Edelmann, konnte es nicht, er dachte nicht einmal daran. Er fürchtete in seinem Zartgefühle zu sehr, auch nur einige Geneigtheit zur Vertheidigung der Königin zu verrathen. Was wir hier in vielen, in zu vielen Zeilen vielleicht, obgleich die Lage furchtbar ist, schreiben, eine halbe Minute genügte für die drei Personen dieser Scene, es zu fühlen und auszudrücken. Marie Antoinette wartete, an den Lippen des Königs hängend, auf die Frage, welche endlich vortrat. »Sprechen Sie, Madame, sagen Sie, welche Gnade es ist, die Herr von Charny vergebens nachgesucht und die ihn veranlaßt hat, daß er vor Ihnen niederkniete?« Und als wollte er die Härte dieser argwöhnischen Frage mildern, fügte der König bei: »Ich bin vielleicht glücklicher, als Sie, Madame, und Herr von Charny wird nicht nöthig haben, vor mir niederzuknieen.« »Sire, ich habe Ihnen schon gesagt, Herr von Charny verlange eine unmögliche Sache.« »Nennen Sie mir dieselbe wenigstens.« »Was kann man auf den Knieen erbitten?« sagte die Königin zu sich selbst ... »was kann man von mir erflehen, was zu bewilligen unmöglich ist? ... oh! mein Gott!« »Ich warte,« sprach der König. »Sire, die Bitte des Herrn von Charny ist ein Familiengeheimniß.« »Es gibt keine Geheimnisse für mich, für den König, für ihn, der Herr seines Reiches, Familienvater und interessirt ist bei der Ehre, bei der Sicherheit aller seiner Unterthanen, die seine Kinder sind, selbst,« fügte Ludwig mit einer furchtbaren Würde bei, »selbst wenn diese entarteten Kinder die Ehre und die Sicherheit ihres Vaters antasten.« Die Königin sprang unter dieser drohenden Gefahr auf. »Herr von Charny!« rief sie, mit verstörtem Geist und zitternder Hand, »Herr von Charny wollte von mir verlangen ...« »Was denn, Madame?« »Eine Erlaubniß;, um zu heirathen.« »Wahrhaftig!« rief der König, zuerst beruhigt; dann aber sogleich wieder in seine eifersüchtige Bangigkeit zurücksinkend, sagte er, ohne zu bemerken, wie sehr die arme Frau in Folge ihrer Erklärung litt und wie bleich Charny durch das Leiden der Königin war: »Nun! in wiefern ist es denn unmöglich, daß Herr von Charny heirathet? Ist er nicht von gutem Adel? Hat er nicht ein schönes Vermögen? Ist er nicht tapfer und schön? Wahrhaftig, um ihm den Zutritt in einer Familie zu verweigern und ihn auszuschlagen, muß eine Dame Prinzessin von Geblüt oder verheirathet sein; ich sehe nur diese zwei Gründe, welche eine Unmöglichkeit denkbar machen. Sagen Sie mir also den Namen der Frau, Madame, welche Herr von Charny gern heirathen möchte, und ist sie weder in dem einen, noch in dem andern Fall, so stehe ich dafür, daß ich die Schwierigkeiten besiegen werde ... um Ihnen zu gefallen.« Hingezogen durch die immer mehr wachsende Gefahr, fortgerissen durch die Folge ihrer ersten Lüge, sprach die Königin mit Kraft: »Nein, mein Herr, nein es gibt Schwierigkeiten, die Sie nicht besiegen können. Die, welche uns in Anspruch nimmt, ist von dieser Art ...« »Ein Grund mehr, daß ich erfahre, was dem König unmöglich ist,« fiel Ludwig XVI. mit dumpfem Zorn ein. Charny schaute die Königin an; sie schien dem Wanken nahe. Er hätte einen Schritt gegen sie gemacht, der König hielt ihn durch seine Unbeweglichkeit zurück ... Mit welchem Recht hätte er, der nichts für diese Frau war, seine Hand und seinen Beistand derjenigen angeboten, die ihr König und ihr Gatte verließ? »Welches ist die Macht, gegen die der König keine Wirksamkeit hat?« fragte sie sich. »Mein Gott! noch diese Idee, diese Hülfe!« Plötzlich durchzuckte ein Lichtstrahl ihren Geist. »Ah! Gott selbst schickt mir diese Hilfe,« murmelte sie. »Diejenigen, welche Gott gehören, können ihm nicht genommen werden, nicht einmal durch den König.« »Dann erhob sie das Haupt und sprach zu Ludwig XVI.: »Sire, diejenige, welche Herr von Charny gern heirathen möchte, ist in einem Kloster.« »Ah!« rief der König, »das ist ein Grund; es ist in der That schwierig, Gott sein Gut zu nehmen, um es den Menschen zu geben. Aber es ist seltsam, daß Herr von Charny so schnell diese Liebe gefaßt hat: nie hat Jemand mit mir davon gesprochen, nicht einmal sein Oheim, der Alles von mir erlangen kann. Wer ist die Frau, die Sie lieben, Herr von Charny? sagen Sie es mir, ich bitte Sie.« Die Königin fühlte einen stechenden Schmerz. Sie sollte einen Namen aus Oliviers Munde kommen hören, sie sollte die Qual dieser Liebe erdulden, und wer weiß, ob nicht Charny einen einst geliebten Namen, eine noch blutende Erinnerung an die Vergangenheit, oder einen Namen, der der Keim einer Liebe, eine unbestimmte Hoffnung auf die Zukunft war, zu nennen im Begriff stand? Um diesen furchtbaren Schlag nicht zu empfangen, kam Marie Antoinette zuvor und rief plötzlich: »Sire, Sie kennen diejenige, welche Herr von Charny zu heirathen verlangt, es ist ... es ist Fräulein Andree von Taverney.« Charny gab einen Schrei von sich und verbarg sein Gesicht in beiden Händen. Die Königin drückte ihre Hand an ihr Herz und wäre beinahe ohnmächtig in ihren Lehnstuhl gefallen. »Fräulein von Taverney,« wiederholte der König, »Fräulein von Taverney, die sich nach Saint-Denis zurückgezogen hat?« »Ja, Sire,« antwortete die Königin mit schwachem Tone. »Sie hat aber noch nicht das Gelübde abgelegt, so viel ich weiß?« »Doch sie muß es thun.« »Wir werden dabei eine Bedingung stellen,« sagte der König. »Warum sollte sie übrigens das Gelübde ablegen?« fügte er mit einem letzten Sauerteig von Mißtrauen bei. »Sie ist arm ... Sie haben nur ihren Vater bereichert,« sprach Marie Antoinette mit hartem Tone. »Das ist ein Unrecht, das ich wieder gut machen werde. Herr von Charny liebt sie ...« Die Königin bebte und warf Charny einen gierigen Blick zu, als wollte sie ihn anflehen, daß er leugne. Charny schaute Marie Antoinette starr an und antwortete nicht. »Wohl!« sagte der König, der dieses Stillschweigen für eine ehrfurchtsvolle Beistimmung nahm, »und ohne Zweifel liebt Fräulein von Taverney Herrn von Charny? Ich werde Fräulein von Taverney aussteuern; ich gebe ihr die fünfmal hunderttausend Livres, die ich eines Tages für Sie Herrn von Calonne abschlagen mußte. Danken Sie der Königin, Herr von Charny, daß sie die Güte gehabt hat, mir diese Sache zu erzählen und so das Glück Ihres Lebens zu sichern.« Charny machte einen Schritt vorwärts und verbeugte sich wie eine bleiche Bildsäule, der Gott durch ein Wunder einen Augenblick das Leben gegeben hätte. »Oh! das ist wohl der Mühe werth, daß Sie noch einmal niederknieen,« sagte der König mit jener leichten Nuance von plattem Spott, der zu oft bei ihm den traditionellen Adel seiner Ahnen verminderte. Die Königin bebte und reichte mit einer freiwilligen Bewegung dem jungen Mann ihre beiden Hände. Er kniete vor ihr nieder und drückte auf diese schönen eiskalten Hände einen Kuß, in dem er seine Seele aushauchen zu dürfen Gott anflehte. »Auf!« sprach der König, »überlassen wir nun der Königin die Sorge für ihre Angelegenheiten, kommen Sie, mein Herr, kommen Sie.« Und er ging sehr rasch voran, so daß sich Charny auf der Schwelle umdrehen und den unaussprechlichen Schmerz dieses ewigen Abschieds sehen konnte, den ihm die Augen der Königin zusandten. Die Thüre schloß sich wieder zwischen ihnen, eine fortan unübersteigliche Schranke für unschuldige Liebe. LXXXI. Saint-Denis. Die Königin war allein und in Verzweiflung. So viele Schläge trafen sie zugleich, daß sie nicht mehr wußte, von welcher Seite der heftigste Schmerz kam. Nachdem sie eine Stunde in diesem Zustand des Zweifels und der Niedergeschlagenheit geblieben war, sagte sie sich, es sei Zeit, einen Ausgang zu suchen. Die Gefahr wuchs. Stolz auf einen über falschen Anschein davon getragenen Sieg, würde sich der König beeilen, das Gerücht zu verbreiten. Es könnte geschehen, daß dieses Gerücht auswärts so aufgenommen würde, daß der ganze Vortheil des begangenen Betrugs verloren ginge. Dieser Betrug, ach! wie sehr machte sich ihn die Königin zum Vorwurf! wie gern hätte sie das entflogene Wort wieder zurückgenommen, wie gern hätte sie selbst Andree das chimärische Glück entzogen, das diese vielleicht ausschlagen würde! Hier erhob sich in der That eine andere Schwierigkeit. Der Name Andree hatte Alles vor dem König gerettet. Aber wer konnte für diesen launenhaften, unabhängigen, eigenwilligen Geist stehen, den man Fräulein von Taverney nannte? wer konnte darauf zählen, daß diese stolze Person sich ihrer Freiheit, ihrer Zukunft zu Gunsten einer Königin entäußern würde, welche wenige Tage zuvor als Feindin von ihr geschieden war? Was würde dann geschehen? weigerte sich Andree, und dieß war wahrscheinlich, so stürzte das ganze Lügengerüste ein. Die Königin wurde eine Intrigantin von mittelmäßigem Geiste, Charny ein flacher Cicisbeo, und in eine Anklage verwandelt, nahm die Verleumdung die Verhältnisse eines unzweifelhaften Ehebruchs an. Marie Antoinette fühlte, wie ihr Verstand bei diesen Betrachtungen sich verwirrte; sie hätte beinahe der Möglichkeit derselben nachgegeben; sie senkte ihren brennenden Kopf in ihre Hände und wartete. Wem sich anvertrauen? Wer war denn die Freundin der Königin? Frau von Lamballe? Oh! die reine Vernunft, die kalte, unbeugsame Vernunft! Warum diese jungfräuliche Einbildungskraft versuchen, welche überdieß die Hofdamen nicht verstehen würden? Waren diese nicht knechtische Schmeichlerinnen der Wohlfahrt, zitternd bei dem Hauche der Ungnade, vielleicht geneigt, eine Lection ihrer Königin zu geben, während sie eines Beistands bedurfte? Es blieb nur Fräulein von Tavernen selbst. Das war ein Diamantherz, dessen Beschlüsse das Glas zerschneiden konnten, dessen unbesiegbare Festigkeit, dessen tiefe Reinheit aber allein mit den großen Schmerzen einer Königin zu sympathisiren vermochten. Marie Antoinette würde also Andree aufsuchen. Sie würde derselben ihr Unglück auseinandersetzen und sie anflehen, sie möge sich aufopfern. Ohne Zweifel würde sich Andree weigern, denn sie gehörte nicht zu denjenigen, welche sich Unterwürfigkeit einflößen lassen; doch allmälig durch ihre Bitten besänftigt, würde sie nachgeben. Wer weiß übrigens, ob man nicht einen Aufschub bewirken könnte? ob der Konig nicht, beschwichtigt durch die scheinbare Einwilligung der beiden Verlobten, am Ende vergäße? Eine Reise würde dann Alles in's Reine bringen. Charny und Andree könnten sich auf einige Zeit, bis die Hyder der Verleumdung keinen Hunger mehr hätte, entfernen und hernach aussprengen, sie haben sich gültig ihr Wort zurückgegeben, dann würde Niemand errathen, daß dieses Heirathsproject ein Spiel gewesen. So wäre die Freiheit von Fräulein von Taverney nicht gefährdet worden; Charny würde die seinige ebenso wenig verlieren. Es gäbe für die Königin nicht mehr den gräßlichen Gewissensbiß, zwei Existenzen der Selbstsucht ihrer Ehre geopfert zu haben, und doch wäre diese Ehre, welche die Ehre ihres Gemahls und ihrer Kinder in sich schloß, nicht angegriffen: sie würde sie unbefleckt an die zukünftige Königin von Frankreich übertragen. Dieß waren ihre Betrachtungen. So glaubte sie Alles zum Voraus ausgeglichen zu haben, Wohlanstand und Privatinteressen. Man mußte wohl mit dieser Festigkeit der Logik in Gegenwart einer so furchtbaren Gefahr calculiren. Man mußte sich wohl mit allen Beweisstücken gegen eine Gegnerin bewaffnen, welche so schwer zu bekämpfen war, wie Fräulein von Taverney, wenn sie auf ihren Stolz und nicht auf ihr Herz hörte. Als sie vorbereitet war, entschloß sie sich, auszugehen. Wie gern hätte sie Charny ermahnt, keinen falschen Schritt zu machen! aber sie wurde davon durch die Idee abgehalten, daß ohne Zweifel Spione sie belauerten; Alles werde auf ihrer Seite in einem solchen Augenblick schlecht ausgelegt; und sie hatte den geraden Sinn, die Ergebenheit und Entschlossenheit Charny's genugsam erprobt, um überzeugt zu sein, er würde Alles gutheißen, was sie zu thun für geeignet erachtete. Es wurde drei Uhr. Mittagsmahl in großer Ceremonie, Vorstellungen, Besuche. Die Königin empfing alle Welt mit einem heitern Gesicht und einer Freundlichkeit, die ihrem wohlbekannten Stolze nichts benahm. Sie war sogar bemüht, gegen diejenigen, welche sie als ihre Feinde betrachtete, eine Festigkeit zu zeigen, die gewöhnlich den Schuldigen wenig ansteht. Nie war der Andrang so groß bei Hofe gewesen; nie hatte die Neugierde so tief in den Zügen einer in Gefahr schwebenden Königin gewühlt. Marie Antoinette bot Allem Trotz, schmetterte ihre Feinde nieder, berauschte ihre Freunde, verwandelte die Gleichgültigen in Eifrige, die Giftigen in Enthusiasten, und erschien so schön und so groß, daß der König hierüber öffentlich seine Glückwünsche gegen sie aussprach. Dann, als Alles wohl beendigt war, legte sie ihr erzwungenes Lächeln nieder und kehrte zu ihren Erinnerungen, das heißt zu ihrem Schmerz, allein, ganz allein in der Welt, zurück; sie wechselte ihre Toilette, nahm einen grauen Hut mit blauen Bändern und Blumen, ein Kleid von mauergrauer Seide, stieg in ihren Wagen und ließ sich, ohne Leibwachen, nur mit einer einzigen Dame nach Saint-Denis führen. Es war die Stunde, wo die Nonnen, in ihre Zellen zurückgekehrt, vom bescheidenen Geräusch des klösterlichen Speisesaals zum Stillschweigen der Mediationen übergingen, denen sie sich vor dem Abendgebet Hingaben. Die Königin ließ Fräulein Andree von Taverney in's Sprachzimmer rufen. Knieend, in ihr Nachtgewand von weißer Wolle gehüllt, betrachtete Andree aus ihren Fenstern den Mond, der hinter den großen Linden aufging, und in dieser Poesie der beginnenden Nacht fand sie das Thema zu all den inbrünstigen, leidenschaftlichen Gebeten, die sie zur Erleichterung ihrer Seele an Gott sandte. Sie trank mit langen Zügen den unheilbaren Schmerz der freiwilligen Abwesenheit. Diese Marter ist nur starken Seelen bekannt: sie ist zugleich eine Qual und ein Vergnügen. Sie gleicht, was das Leiden betrifft, allen gewöhnlichen Schmerzen. Sie läuft auf eine Wollust aus, welche nur diejenigen fühlen können, die das Glück dem Stolz zu opfern wissen. Andree hatte aus freien Stücken den Hof verlassen; aus freien Stücken hatte sie mit Allem gebrochen, was ihre Liebe unterhalten konnte. Stolz wie Cleopatra, hatte sie nicht einmal die Idee ertragen können, Herr von Charny habe an eine andere Frau gedacht, und wäre diese Frau die Königin selbst. Kein Beweis für sie von dieser für eine Andere glühenden Liebe. Sicherlich hatte die eifersüchtige Andree aus diesem Beweise die ganze Überzeugung gezogen, die ein Herz bluten machen kann. Hatte sie aber nicht Herrn von Charny gleichgültig an ihr vorübergehen sehen? Hatte sie nicht die Königin im Verdacht gehabt, sie nehme für sich, freilich unschuldig, die Huldigungen Charny's in Anspruch, den sie so sehr bevorzugte? Wozu sollte es fortan nützen, in Versailles zu bleiben? Um Complimente zu erbetteln? um die Nachlese mit lächelnden Mienen zu halten? um von Zeit zu Zeit mit einem angebotenen Arm. mit einer berührten Hand abgespeist zu werden, wenn die Königin auf der Promenade ihr die Artigkeiten Charny's leihen würde, weil die Königin in diesem Augenblick nicht im Stande war, sie für sich zu behalten? Nein, keine feige Schwäche, kein Vergleich für diese stoische Seele. Das Leben mit der Liebe und der Bevorzugung, das Kloster mit der Liebe und dem verwundeten Stolz. »Nie! nie!« wiederholte sich die stolze Andree, »derjenige welchen ich im Schatten liebe, ist für mich nur eine Wolke, ein Porträt, eine Erinnerung; dieser verletzt mich nie, er lächelt immer mir zu, er lächelt nur mir zu.« Darum hatte sie so viele Nächte in Schmerzen, aber frei zugebracht; darum zog Andree, glücklich zu weinen, wenn sie sich schwach fand, zu verfluchen, wenn sie sich exaltirte, die freiwillige Abwesenheit, welche ihr die Unversehrtheit ihrer Liebe und ihrer Würde ließ, der Fähigkeit vor, einen Mann wiederzusehen, den sie haßte, weil sie gezwungen war, ihn zu lieben. Und überdieß bereiteten diese stummen Beschauungen der reinen Liebe, diese göttlichen Entzückungen des einsamen Traumes der unbändigen Andree weit mehr Lebensfreude als die leuchtenden Feste in Versailles, die Nothwendigkeit, sich vor Nebenbuhlerinnen zu beugen, und die Furcht, das in ihrem Heizen eingeschlossene Geheimniß an das Tageslicht entschlüpfen zu lassen. Am Abend des St. Ludwigstages suchte also die Königin Andree in Saint-Denis auf, und sie fand sie träumerisch. Man meldete Andree wirklich, die Königin sei soeben angekommen, das Capitel empfange sie im großen Sprachzimmer, und Ihre Majestät habe nach dem ersten Komplimente gefragt, ob man Fräulein von Taverney sprechen könnte. Eine seltsame Erscheinung! es bedurfte für Andree, ein durch die Liebe erweichtes Herz, nicht mehr, daß sie diesem Wohlgeruch entgegensprang, der von Versailles zu ihr kam, einem Wohlgeruch, den sie am Tage vorher verflucht, einem Wohlgeruch, der in demselben Maße kostbarer wurde, in dem er sich mehr entfernte, kostbar wie Alles, was sich verdunstet, wie Alles, was sich vergißt, kostbar wie die Liebe. »Die Königin!« murmelte Andree, »die Königin in Saint- Denis! Die Königin, die mich ruft!« »Geschwind, beeilen Sie sich,« erwiderte man ihr. Sie beeilte sich in der That, sie warf auf ihre Schultern die lange Mante der Nonnen, befestigte um ihren weiten Rock den wollenen Gürtel, und folgte, ohne einen Blick in ihren kleinen Spiegel zu thun, der Pförtnerin, welche sie geholt hatte. Doch kaum hatte sie hundert Schritte gemacht, als sie sich gedemüthigt fühlte, daß sie so viel Freuden empfunden. »Warum,« sagte sie, »warum hat mein Herz gebebt? In welcher Hinsicht berührt es Andree von Taverney, daß die Königin von Frankreich das Kloster Saint-Denis besucht? Ist es Stolz, was ich empfinde? Die Königin ist nicht meinetwegen hier. Ist es Glück? ich liebe die Königin nicht mehr. Ruhig doch, schlimme Nonne, die weder Gott noch der Welt gehört; sei wenigstens bemüht, Dir selbst zu gehören.« Andree schalt sich so, während sie die große Treppe hinabging, und Herrin ihres Willens, tilgte sie auf ihren Wangen die flüchtige Rede der Hast, mäßigte die Raschheit ihrer Bewegungen. Doch um hiezu zu gelangen, brauchte sie mehr Zeit, die letzten sechs Stufen vollends hinabzugehen, als sie zu den dreißig ersten gebraucht hatte. Als sie hinter den Chor zum Ceremonien-Sprachzimmer kam, in welchem der Glanz der Kronleuchter und der Wachskerzen unter den geschäftigen Händen einiger Laienschwestern zunahm, war Andree kalt und bleich. Als sie ihren Namen von der Pförtnerin aussprechen hörte, als sie Marie Antoinette auf dem äbtlichen Stuhle sitzen sah, während zu ihrer Seite die edelsten Stirnen sich beeiferten und beugten, wurde Andree von einem Herzklopfen erfaßt, das ihren Gang mehrere Secunden hemmte. »Ah! kommen Sie doch, daß ich mit Ihnen reden kann, mein Fräulein,« sagte die Königin halb lächelnd. Andree näherte sich und beugte den Kopf. »Sie erlauben, Madame,« sprach die Königin, sich gegen die Superiorin umwendend. Diese antwortete durch eine Verneigung und verließ das Sprachzimmer, gefolgt von allen ihren Nonnen. Die Königin blieb allein mit Andree, deren Herz so gewaltig schlug, daß man es ohne das langsamere Geräusch der Unruhe einer alten Uhr hätte hören können. LXXXII. Ein todtes Herz. Die Königin begann das Gespräch, das war in Ordnung. »Ah! mein Fräulein, wissen Sie, daß Sie als Nonne einen seltsamen Eindruck auf mich machen?« Andree antwortete nicht. »Eine alte Gefährtin,« fuhr die Königin fort, »schon für die Welt, in der wir Andere noch leben, verloren zu sehen, ist wie ein ernster Rath, den uns das Grab gibt. Sind Sie nicht meiner Ansicht, mein Fräulein?« »Madame,« erwiderte Andree, »wer würde sich erlauben, Eurer Majestät Rathschläge zu geben? Der Tod selbst wird die Königin nicht eher, als an dem Tage benachrichtigen, wo er sie abholt. In der That, wie sollte er es anders machen?« »Warum?« »Madame, weil eine Königin durch die Natur ihrer Erhabenheit dazu bestimmt ist, in dieser Welt nur die unvermeidlichen Notwendigkeiten zu erdulden. Alles was ihr Leben verbessern kann, hat sie; Alles was bei Anderen ihre Laufbahn verschönern helfen kann, nimmt eine Königin Anderen.« Die Königin machte eine Bewegung des Erstaunens. »Und das ist ein Recht,« fügte Andree hastig bei; »die Andern sind für eine Königin eine Schaar von Unterthanen, deren Leben, Ehre und Güter den Fürsten gehören. Leben, Ehre und Güter, moralische oder materielle, sind also das Eigenthum der Königinnen.« »Das sind Lehren, die mich in Erstaunen setzen,« sprach Marie Antoinette langsam. »Sie machen aus einer Souveränin in diesem Land irgend eine Wehrwölfin der Mährchen, die das Vermögen und das Glück einfacher Bürger verschlingt. Bin ich diese Frau, Andree? Haben Sie sich im Ernste über mich zu beklagen gehabt, als Sie bei Hofe waren?« »Eure Majestät hatte die Güte, diese Frage an mich zu richten, als ich sie verließ,« erwiderte Andree; »ich antwortete, wie heute: Nein, Madame.« »Aber oft,« fuhr die Königin fort, »verletzt uns ein Verdruß, der nicht persönlich ist. Habe ich einem der Ihrigen geschadet und folglich die harten Worte verdient, die Sie soeben zu mir gesprochen? Andree, die Einsamkeit, die Sie sich gewählt, ist ein Asyl gegen alle schlimmen Leidenschaften der Welt. Gott lehrt uns Sanftmuth, Mäßigung, Vergessen der Beleidigungen, Tugenden, deren reinstes Muster er ist. Muß ich, während ich als Freundin herbeieile, Vorwürfe oder die verschleierte Leidenschaftlichkeit einer unversöhnlichen Feindin treffen?« Andree schlug die Augen auf, erstaunt über diese Leutseligkeit, an welche Marie Antoinette ihre Diener nicht gewöhnt hatte. Sie war hochmüthig und schroff, wenn sie auf Widerstand stieß. Die Worte, welche Andree gesprochen, anzuhören, ohne sich zu erhitzen, war eine Anstrengung der Geduld und der Freundschaft, welche die heißblütige Einsiedlerin merkbar rührte. »Eure Majestät weiß wohl, daß die Taverney nicht ihre Feinde sein können,« sagte sie leiser. »Ich begreife,« sprach die Königin; »Sie verzeihen mir nicht, daß ich kalt gegen Ihren Bruder war, und er selbst klagt mich vielleicht des Leichtsinns, der Launenhaftigkeit sogar an.« »Mein Bruder ist ein zu ehrerbietiger Unterthan, um die Königin anzuklagen,« entgegnete Andree, die ihre Starrheit zu behaupten sich bemühte. Die Königin sah wohl, daß sie sich verdächtig machen würde, wenn sie die Dosis Honig, welche den Cerberus bändigen sollte, vermehrte. Sie hielt mitten in ihren Zuvorkommenheiten inne und sagte: »Es ist immerhin gewiß, daß ich, als ich nach Saint-Denis kam, um mit Madame zu sprechen, Sie sehen und Ihnen die Versicherung geben wollte, ich sei von nahe wie von fern Ihre Freundin.« Andree fühlte diese Nuance; sie befürchtete, diejenige, welche ihr schmeichelte, beleidigt zu haben; sie befürchtete noch viel mehr, ihre schmerzliche Wunde vor dem stets hellsehenden Auge einer Frau enthüllt zu haben. »Eure Majestät überschüttet mich mit Ehre und Freude,« sagte sie traurig. »Sprechen Sie nicht so, Andree,« erwiderte die Königin, indem sie ihr die Hand drückte; »Sie zerreißen mir das Herz. Wie! es soll nicht gesagt werden, eine elende Königin könne eine Freundin haben, könne über eine Seele verfügen, könne mit Vertrauen ihre Augen auf reizenden Augen, wie die Ihrigen, ruhen lassen, ohne im Grunde dieser Augen Interesse oder Groll zu vermuthen! Ja, ja, Andree, beneiden Sie diese Königinnen, diese Herrinnen der Güter, der Ehre und des Lebens Aller. Oh! ja, sie sind Königinnen! oh! ja, sie besitzen das Gold und das Blut ihrer Völker, doch das Herz! nie! nie! Sie können es nicht nehmen, und man muß es ihnen schenken.« »Ich versichere Sie, Madame,« sprach Andree, erschüttert durch diese warme Anrede, »ich habe Eure Majestät so sehr geliebt, als ich je in dieser Welt lieben werde.« So sprechend erröthete sie und neigte das Haupt. »Sie ... haben mich ... geliebt!« rief die Königin, diese Worte auffangend, »Sie lieben mich nicht mehr?« »Oh! Madame!« »Ich verlange nichts von Ihnen, Andree ... Verflucht sei das Kloster, das so schnell die Erinnerung in gewissen Herzen vertilgt!« »Klagen Sie mein Herz nicht an,« rief Andree lebhaft »es ist todt!« »Ihr Herz ist todt! Sie Andree, wie können Sie bei Ihrer Jugend und Schönheit sagen, Ihr Herz sei todt! Ah! spielen Sie nicht mit diesen unseligen Worten! Das Herz ist nicht todt bei derjenigen, welche dieses Lächeln, diese Schönheit bewahrt; sagen Sie das nicht, Andree.« »Ich wiederhole Ihnen, Madame, nichts bei Hofe, nichts in der Welt ist mehr für mich. Hier lebe ich wie das Gras und die Pflanze; ich habe Freuden, die nur ich allein verstehe; darum habe ich, als ich Sie vorhin glänzend und fürstlich wiederfand, ich, die schüchterne und dunkle Nonne, nicht sogleich begriffen: meine Augen haben sich, geblendet durch Ihren Glanz, geschlossen; ich flehe Sie an, mir zu verzeihen: es ist kein sehr großes Verbrechen, dieses Vergessen der stolzen Eitelkeiten der Welt; mein Beichtvater wünscht mir jeden Tag Glück hiezu; ich flehe Sie an, seien Sie nicht strenger, als er.« »Wie! Sie gefallen sich im Kloster?« »Ich umfasse mit Wonne das Leben der Einsamkeit.« »Es ist nichts mehr da, was Sie gebieterisch zu den Freuden der Welt hinzieht?« »Nichts.« »Mein Gott!« dachte voll Angst die Königin, »sollte ich scheitern?« Und ein tödtlicher Schauer durchlief ihre Adern. »Wir wollen sie in Versuchung führen,« sagte sie zu sich selbst; »scheitert dieses Mittel, so nehme ich meine Zuflucht zu den Bitten. Oh! sie zu diesem Ende bitten, sie bitten, Herrn von Charny anzunehmen ... gütiger Himmel! muß ich so unglücklich sein!« »Andree,« sagte Marie Antoinette, ihre Aufregung beherrschend, »Sie haben Ihre Zufriedenheit in Worten ausgesprochen, die mir die Hoffnung rauben, welche ich gefaßt hatte.« »Welche Hoffnung, Madame?« »Sprechen wir nicht mehr davon, wenn Sie entschieden sind, wie Sie soeben geschienen haben ... Ach! das war für mich ein Schatten von Vergnügen, er ist entflohen! Ist nicht Alles ein Schatten für mich? Denken wir nicht mehr daran.« »Ah! Madame, gerade weil Sie hieraus eine Befriedigung ziehen sollen, sprechen Sie.« »Wozu soll es nützen? Sie haben sich von der Welt zurückgezogen, nicht wahr?« »Ja, Madame.« »Sehr gern?« »Oh! ganz mit meinem freien Willen.« »Und Sie wünschen sich Glück zu dem, was Sie gethan?« »Mehr als je.« »Sie sehen wohl, daß es überflüssig ist, mich sprechen zu lassen. Gott ist jedoch mein Zeuge, daß ich einen Augenblick glaubte, ich würde Sie glücklich machen.« »Mich?« »Ja, Sie Undankbare, die Sie mich anklagten! Doch heute haben Sie andere Freuden erschaut, Sie kennen besser als ich Ihren Geschmack und Beruf. Ich verzichte ...« »Ah! Madame, erweisen Sie mir die Ehre, mir etwas Näheres zu sagen.« »Oh! das ist sehr einfach, ich wollte sie an den Hof zurückführen.« »Oh!« rief Andree mit einem Lächeln voll Bitterkeit, »ich! an den Hof zurückkehren ... mein Gott! ... nein! nein! Madame, nie, so schwer es mich ankommt, ungehorsam gegen Eure Majestät zu sein.« Die Königin schauerte, ihr Herz füllte sich mit einem unaussprechlichen Schmerz; sie scheiterte, das mächtige Fahrzeug, an einem Atom von Granit. »Sie schlagen es aus?« murmelte sie. Und um ihre Angst zu verbergen, verschloß sie ihr Gesicht in ihren Händen. Andree hielt sie für niedergebeugt, sie warf sich vor ihr auf die Kniee, als wollte sie durch ihre Ehrfurcht die Wunde lindern, die sie der Freundschaft oder dem Stolze geschlagen. »Madame,« sagte sie, »was hätten Sie aus mir gemacht, aus einer so traurigen, nichtsbedeutenden, armen, ja verfluchten Person, die jeder flieht, weil ich nicht einmal den Frauen die gewöhnliche Unruhe der Rivalitäten, den Männern die gewöhnliche Sympathie der Verschiedenheit der Geschlechter einzuflößen gewußt habe ... Ah! Madame und theure Gebieterin, lassen Sie diese Nonne, sie wird nicht einmal mehr von Gott angenommen, der sie für noch zu mangelhaft hält, während er doch die Schwachen an Körper und Herz aufnimmt. Ueberlassen Sie mich meinem Elend, meiner Vereinzelung: lassen Sie mich.« »Ah!« erwiderte die Königin aufschauend, »der Stand, den ich Ihnen vorschlagen wollte, bietet allen Demüthigungen, über die Sie sich beklagen, Trotz! Die Heirath, um die es sich handelt, würde Sie zu einer der vornehmsten Frauen Frankreichs machen.« »Eine Heirath!« stammelte Andree erstaunt. »Sie schlagen es aus,« sprach die Königin, immer mehr entmuthigt. »Oh! ja, ich schlage es aus!« Da ging die Königin in den Ton der Bitte über und sagte: »Andree ...« »Ich schlage es aus, Madame, ich schlage es aus! Marie Antoinette bereitete sich nun mit einer ungeheuren Herzensangst vor, das Flehen zu beginnen. Andree warf sich quer durch in dem Augenblick, wo sie unentschlossen, zitternd, verwirrt aufstand, ohne auch nur das erste Wort ihrer Rede festzuhalten. »Madame,« sagte sie, die Königin an ihrem Kleide zurückhaltend, denn sie glaubte sie weggehen zu sehen, »haben Sie die hohe Gnade, mir den Mann zu nennen, der mich zur Gefährtin annehmen würde; ich habe so sehr in meinem Leben durch die Demüthigung gelitten, daß der Name dieses edelmüthigen Mannes ...« Und sie lächelte mit einer stechenden Ironie und fuhr dann fort: »Der Balsam sein wird, den ich fortan auf alle Wunden meines Stolzes legen werde.« Die Königin zögerte, doch es war für sie eine Nothwendigkeit, die Sache bis zum Ende zu treiben. »Herr von Charny,« sprach sie mit traurigem, gleichgültigem Tone. »Herr von Charny!« rief Andree mit einem furchtbaren Ausbruch, »Herr Olivier von Charny!« »Herr Olivier, ja,« erwiderte die Königin, indem sie das Mädchen ganz verwunderungsvoll anschaute. »Der Neffe des Herrn von Suffren?« fuhr Andree fort, deren Wangen sich mit Purpur übergossen, deren Augen glänzten wie Sterne. »Der Neffe des Herrn von Suffren,« antwortete die Königin, immer mehr ergriffen von der Veränderung, die in Andree's Zügen vorging. »Wie, Madame, mit Herrn Olivier wollen Sie mich verheirathen?« »Mit ihm selbst.« »Und ... er willigt ein?« »Er bittet um Ihre Hand.« »Oh! ich gebe sie ihm, ich gebe sie ihm,« rief Andree entzückt, toll. »Mich hat er also geliebt! ... mich liebt er, wie ich ihn liebte?« Die Königin wich leichenbleich und zitternd mit einem dumpfen Seufzer zurück; sie war nahe daran, vernichtet in einen Lehnstuhl zu fallen, während die wahnsinnige Andree ihre Kniee, ihr Kleid küßte und abwechselnd ihre Hände mit Thränen befeuchtete und mit glühenden Küssen versengte. »Wann gehen wir?« sagte sie endlich, als sie auf die erstickten Schreie und die Seufzer Worte folgen lassen konnte. »Kommen Sie,« murmelte die Königin, welche ihr Leben entfliehen fühlte und ihre Ehre retten wollte, ehe sie starb. Sie stand auf, stützte sich auf Andree, deren brennende Lippen ihre eiskalten Wangen suchten, und während das Mädchen Anstalten zu ihrer Abreise traf, sprach die unglückliche Fürstin, die Frau, welche das Leben und die Ehre von dreißig Millionen Unterthanen besaß, unter Schluchzen: »Mein Gott! ist es nun genug der Leiden für ein einziges Herz!« »Und dennoch muß ich Dir danken, mein Gott!« fügte sie bei; »denn Du rettest meine Kinder vor der Schande, Du gibst mir das Recht, unter meinem königlichen Mantel zu sterben! ...«   LXXXIII. Worin es sich erklärt, warum der Baron fett wurde. Während die Königin über das Schicksal des Fräuleins von Taverney in Saint-Denis entschied, beschleunigte Philipp, auf den Tod betrübt über Alles was er erfahren und entdeckt hatte, die Vorkehrungen zu seiner Abreise. Ein Soldat, der in der Welt umherzulaufen gewohnt ist, braucht nie lange, um zu packen und seinen Reisemantel anzuziehen. Aber Philipp hatte mächtigere Beweggründe, als jeder Andere, um sich rasch von Versailles zu entfernen; er wollte nicht Zeuge der wahrscheinlichen und nahe bevorstehenden Schande der Königin, seiner einzigen Leidenschaft, sein. Man sah ihn daher eifriger als je beschäftigt, seine Pferde satteln zu lassen, seine Gewehre zu laden, in einem Mantelsack das Vertrauteste zusammenzuhäufen, was er besaß, um das Leben der Gewohnheit fortzuführen, und als er dieß Alles beendigt, ließ er Herrn von Taverney, Vater, melden, er habe mit ihm zu sprechen. Der kleine Greis kam von Versailles zurück; er schüttelte nach besten Kräften seine mageren Waden, die einen rundlichen Bauch trugen. Der Baron wurde seit drei bis vier Monaten fett, was ihm einen Stolz verlieh, der sich leicht begreifen läßt, wenn man bedenkt, daß die große Rundung des Leibes bei ihm das Merkmal einer vollkommenen Zufriedenheit sein mußte. Die vollkommene Zufriedenheit Taverney's ist ein Wort, das mancherlei Sinn in sich schließt. Der Baron kam also ganz heiter von seiner Promenade nach dem Schloß zurück. Er hatte am Abend seinen Theil an dem Scandal des Tages genommen. Er hatte Herrn von Breteuil gegen Herrn von Rohan zugelächelt; Herrn von Soubise und Herrn von Guémenée gegen Herrn von Breteuil; Herrn von Provence gegen die Königin; Herrn von Artois gegen Herrn von Provence; er hatte hundert Personen gegen hundert zugelächelt, und nicht einer einzigen für Jemand. Er hatte seine Vorräthe an Bosheiten und kleinen Schändlichkeiten eingesammelt und kehrte ganz glücklich mit dem vollen Korbe zurück. Als er von seinem Bedienten erfuhr, sein Sohn wünsche ihn zu sprechen, durchschritt er, statt auf Philipps Besuch zu warten, einen ganzen Ruheplatz, um den Reisenden aufzusuchen. Er trat, ohne sich melden zu lassen, in das Zimmer ein, das von jener Unordnung voll war, welche einer Abreise vorhergeht. Philipp erwartete keine Ausbrüche von Empfindsamkeit, wenn sein Vater seine Abreise erfahren würde, aber er erwartete auch keine allzu große Gleichgültigkeit. In der That, Andree hatte schon das väterliche Haus verlassen, das war eine Existenz weniger, die er quälen konnte; der Baron mußte die Leere fühlen, und wenn diese Leere durch die Abwesenheit des letzten Märtyrers vollständig gemacht wurde, konnte der Baron, den Kindern ähnlich, denen man ihren Hund und ihren Vogel nimmt, wohl wimmern, und wäre es nur aus Selbstsucht. Aber Philipp war sehr erstaunt, als er den Baron mit einem jubelnden Gelächter ausrufen hörte: »Ah! mein Gott! er reist ...« Philipp hielt inne und schaute seinen Vater ganz verwundert an. »Ich war dessen sicher,« fuhr der Baron fort!, »ich hätte darauf gewettet. Gut gespielt, Philipp, gut gespielt.« »Wie beliebt, mein Herr,« sagte der junge Mann, »ich bitte, was ist gut gespielt?« Der Greis trällerte auf einem Beine hüpfend und seinen zunehmenden Bauch mit beiden Händen haltend. Er blinzelte zu gleicher Zeit Philipp angestrengt mit den Augen zu, damit dieser seinen Kammerdiener entließe. Philipp begriff dieß und gehorchte. Der Baron schob Champagne hinaus und schloß die Thüre hinter seinen Fersen. Dann kehrte er zu seinem Sohn Zurück und sagte mit leiser Stimme: »Bewunderungswürdig! bewunderungswürdig!« »Sie spenden mir viel Lob, mein Herr, ohne daß ich weiß, wodurch ich es verdient habe,« erwiderte Philipp mit kaltem Tone. »Ah! ah! ah!« rief der Greis, sich auf den Hüften wiegend. »Wenn nicht etwa diese Heiterkeit durch meine Abreise verursacht wird, die Sie von mir befreit, mein Herr.« »Oh! oh! oh! ...« lachte der alte Baron aus einer andern Tonart. »La! la! ärgere Dich nicht vor mir, es ist nicht der Mühe werth, Du weißt wohl, daß ich mich nicht von Dir bethören lasse ... Ah! ah! ah!« Philipp kreuzte die Arme und fragte sich, ob dieser Greis nicht verrückt würde. »Bethören, wodurch?« fragte er. »Durch Deine Abreise, bei Gott! bildest Du Dir etwa ein, ich glaube an Deine Abreise?« »Sie glauben nicht daran?« »Ich wiederhole Dir, Champagne ist nicht mehr hier, ärgere Dich nicht mehr; überdies; gestehe ich, daß Du keinen andern Entschluß zu fassen hattest, und Du fassest ihn, das ist gut.« »Mein Herr, Sie setzen mich dermaßen in Erstaunen ...« »Ja, es ist ziemlich wunderbar, daß ich dieß errathen habe; aber was willst Du, Philipp? es gibt keinen Menschen, der neugieriger ist, als ich, und wenn ich neugierig bin, suche ich; es gibt keinen Menschen, der glücklicher im Finden ist, als ich, wenn ich suche; ich habe also gefunden, daß Du Dir den Anschein gibst, als wolltest Du abreisen, und ich wünsche Dir Glück hiezu.« »Ich gebe mir den Anschein?« rief Philipp ärgerlich. Der Greis näherte sich ihm, berührte die Brust des jungen Mannes mit seinen Fingern, welche so knochig waren wie die eines Todtengerippes, und sprach immer vertraulicher: »Bei meinem Ehrenwort, ich bin fest überzeugt, ohne dieses Auskunftsmittel war Alles entdeckt. Du greifst die Sache zur rechten Zeit an. Höre, morgen wäre es zu spät gewesen. Geh geschwind, mein Sohn, geh geschwind.« »Mein Herr,« sprach Philipp mit eisigem Tone, »ich betheure Ihnen, daß ich nicht ein Wort, nicht ein einziges Wort von Allem dem, was Sie mir zu sagen mich beehren, verstehe.« »Wo wirst Du Deine Pferde verbergen?« fuhr der Greis fort, ohne unmittelbar zu antworten; »Du hast eine Stute, welche sehr leicht zu erkennen ist; nimm Dich in Acht, daß man sie nicht hier sieht, während man glauben wird, Du seist ... Ah! wohin reisest Du dem Anschein nach?« »Ich gehe nach Taverney Maison-Rouge, mein Herr.« »Gut ... sehr gut ... Du stellst Dich, als gingest Du nach Maison-Rouge ... Niemand wird sich hierüber Klarheit verschaffen ... Oh! sehr gut. Doch sei vorsichtig; es sind sehr viele Augen auf euch Beide gerichtet.« »Auf uns Beide! ... Wen meinen Sie denn?« »Sie ist ungestüm, siehst Du,« fuhr der Greis fort. »Sie hat Ausbrüche des Zorns, durch welche sie Alles zu Grunde zu richten im Stande ist. Nimm Dich in Acht, sei vernünftiger als sie.« »Ah! in der That,« lief Philipp mit einem dumpfen Zorn, »ich denke, Sie belustigen sich auf meine Kosten, was nicht liebreich ist, das schwöre ich Ihnen, was nicht gut ist, denn Sie setzen mich, betrübt und gereizt wie ich bin, der Unannehmlichkeit aus, die Achtung gegen Sie zu verletzen.« »Ah! ja wohl, die Achtung; ich spreche Dich davon frei, Du bist groß genug, um unsere Angelegenheiten zu betreiben, und Du entledigst Dich derselben so gut, daß Du mir Achtung einflößest. Du bist der Geronte, ich bin der Etourdi; gib mir eine Adresse, an welche ich Dir eine Nachricht zukommen lassen kann, im Fall sich etwas Dringendes ereignet.« »Nach Taverney, mein Herr,« sprach Philipp im Glauben, der Greis kehre endlich zu seinem gesunden Verstande zurück. »Ei! Du gibst mir eine schöne Adresse! ... nach Taverney, auf achtzig Meilen. Du bildest Dir ein, wenn ich Dir einen wichtigen, dringenden Rath zukommen zu lassen habe, werde ich mich damit belustigen, daß ich Couriere auf der Landstraße nach Taverney der Wahrscheinlichkeit wegen umbringe? Ich sage nicht, Du sollst mir die Adresse von Deinem Hause im Park geben, weil man meinen Emissären dahin folgen oder meine Livreen erkennen könnte, aber wähle eine dritte Adresse, in der Entfernung von einer Viertelstunde; Du hast Einbildungskraft... was Teufels, hat man für seine Liebschaft gethan, was Du gethan hast, so ist man ein Mann von Mitteln.« »Ein Haus im Park, Liebschaft, Einbildungskraft! Mein Herr, wir spielen Räthsel, nur behalten Sie die Schlüssel für sich.« »Ich kenne kein schrofferes und verschlossenes Thier, als Du bist,« rief der Vater voll Aerger, »ich kenne keines, dessen Zurückhaltung verletzender ist. Sollte man nicht glauben, Du habest bange, von mir verrathen zu werden? Das wäre seltsam!« »Mein Herr!« rief Philipp außer sich. »Es ist gut! es ist gut! behalte Deine Geheimnisse für Dich; behalte das Geheimniß der von Dir gemietheten alten Jägermeistern für Dich.« »Ich habe die Jägermeisterei gemiethet? ich!« »Behalte das Geheimniß Deiner nächtlichen Spaziergänge, die Du zwischen zwei anbetungswürdigen Freundinnen gemacht hast.« »Ich!... ich bin spazieren gegangen?« murmelte Philipp erbleichend. »Bewahre das Geheimniß der honigsüßen unter den Blumen und dem Thau gewechselten Küsse.« »Mein Herr,« brüllte Philipp, trunken vor wüthender Eifersucht, »mein Herr, werden Sie schweigen?« »Es ist gut, sage ich Dir noch einmal. Alles was Du gethan, habe ich erfahren. Du hast nur bezweifelt, daß ich es wüßte. Alle Teufel! das müßte Dir Vertrauen geben. Dein inniges Verhältniß mit der Königin, Deine begünstigten Unternehmungen, Deine Ausflüge in die Apollo-Bäder, mein Gott! das bringt uns Allen Leben und Glück. Habe also nicht bange vor mir, Philipp ... Vertraue Dich mir an.« »Mein Herr, Sie sind Entsetzen erregend,« rief Philipp, indem er sein Gesicht in seine Hände verbarg. Es war allerdings ein Entsetzen, was der unglückliche Philipp gegen den Mann empfand, der seine Wunden entblöste und, nicht zufrieden sie entblöst zu haben, sie vergrößerte und mit einer Art von Wuth auseinanderriß. Es war Entsetzen, was er gegen den Mann empfand, der ihm das ganze Glück eines Andern zuschrieb und ihn, im Glauben, er liebkose, mit dem Glück eines Andern geißelte. Alles was der Vater erfahren, Alles was er errathen hatte, Alles was die Böswilligen auf Rechnung des Herrn von Rohan. die besser Unterrichteten auf Rechnung des Herrn von Charny setzten, berichtete der Baron seinem Sohn. Für ihn war es Philipp, den die Königin liebte und allmälig im Schatten auf die höchsten Stufen des Günstlingthums emporhob. Daher die Zufriedenheit, welche seit einigen Wochen den Bauch des Herrn von Taverney rundete. Als Philipp diesen neuen Sumpf von Schändlichkeit entdeckt hatte, schauderte er, da er sich durch das einzige Wesen darein versenkt sah, das mit ihm gemeinschaftliche Sache für die Ehre hatte machen müssen; doch der Schlag war so heftig gewesen, daß er betäubt, stumm blieb, wahrend der Baron eifriger als je schwatzte. »Siehst Du, Du hast da ein Meisterstück gemacht,« sagte er, »Du hast alle Welt von der Fährte abgebracht. Diesen Abend sagten mir fünfzig Augen: Es ist Rohan. Hundert sagten mir: Es ist Charny! Zweihundert sagten mir: Es ist Rohan und Charny! Nicht ein einziges hat mir gesagt: Es ist Taverney. Ich wiederhole Dir, Du hast ein Meisterstück gemacht, und es ist das Wenigste, daß ich Dir mein Kompliment hierüber ausspreche... Uebrigens gereicht es Dir wie ihr zur Ehre, mein Lieber. Ihr, weil sie Dich genommen hat, Dir, weil Du sie festhältst.« In dem Augenblick, wo Philipp, durch diesen letzten Zug wüthend gemacht, mit einem verzehrenden, Sturm verkündenden Blick den unbarmherzigen Greis niederschmetterte, vernahm man das Rasseln eines Wagens im Hof des Hotels, und gewisse Geräusche, ein gewisses Hin- und Hergehen von seltsamem Charakter lenkten die Aufmerksamkeit nach Außen. Man hörte Champagne rufen. »Das Fräulein! es ist das Fräulein!« Und mehrere Stimmen wiederholten: »Das Fräulein!« »Wie, das Fräulein?« fragte Taverney, »welches Fräulein ist da?« »Es ist meine Schwester,« murmelte Philipp, als er Andree erkannte, die aus dem durch das Licht des Portier beleuchteten Wagen stieg. »Deine Schwester!« wiederholte der Greis ... »Andree ... ist es möglich?« Champagne trat ein, um zu bestätigen, was Philipp angekündigt hatte. »Gnädiger Herr,« sagte er zu Philipp, »das Fräulein, Ihre Schwester, ist im Boudoir neben dem großen Salon: sie erwartet den gnädigen Herrn, um mit ihm zu sprechen.« »Gehen wir ihr entgegen,« rief der Greis. »Mit mir will sie sprechen,« erwiderte Philipp, sich vor dem Greise verbeugend; ich werde zuerst gehen, wenn Sie mir erlauben.« In demselben Augenblick fuhr ein zweiter Wagen geräuschvoll in den Hof. »Wer Teufels kommt noch!« murmelte der Baron, »das ist eine Stunde der Abenteuer.« »Der Graf Olivier von Charny!« rief die mächtige Stimme des Portier den Bedienten zu. »Führen Sie den Grafen in den Salon,« sagte Philipp zu Champagne, »der Herr Baron wird ihn empfangen ... ich gehe in das Boudoir, um mit meiner Schwester zu sprechen.« Die zwei Männer stiegen langsam die Treppe hinab. »Was will der Graf hier?« fragte sich Philipp. »Warum ist Andree hierhergekommen?« dachte der Baron. LXXXIV. Der Vater und die Braut. Der Salon des Hauses lag im Erdgeschoß; zu seiner Linken war das Boudoir, mit einem Ausgang auf die Treppe, welche nach der Wohnung Andree's führte. Zu seiner Rechten war ein anderer Salon, durch den man in den großen eintrat. Philipp kam zuerst in das Boudoir, wo ihn seine Schwester erwartete. Er hatte in der Flur seine Schritte verdoppelt, um früher in den Armen dieser theuren Gefährtin zu sein. Sobald er die Doppelthüre des Salons geöffnet hatte, nahm ihn Andree beim Halse und umarmte ihn mit einer freudigen Miene, an welche dieser traurige Liebende, dieser unglückliche Bruder seit langer Zeit nicht mehr gewöhnt war. »Gütiger Himmel! was begegnet Dir denn?« fragte der junge Mann Andree. »Etwas Glückliches! ... oh! etwas sehr Glückliches, mein Bruder!« »Und Du kommst zurück, um es mir mitzutheilen?« »Ich komme für immer zurück!« sagte sie mit einem Entzücken des Glücks, das aus ihrem Ausruf einen schallenden Schrei machte. »Leise, Schwesterchen, leise.« sagte Philipp; »das Täfelwerk dieses Hauses ist nicht an die Freude gewöhnt, und dann ist dort, oder wird sogleich dort in dem Salon Jemand sein, der Dich hören könnte.« »Jemand, wer denn?« fragte Andree. »Horche,« erwiderte Philipp. »Der Herr Graf von Charny,« meldete der Lakai, Olivier aus dem kleinen Saale in den großen einführend. »Er! er!« lief Andre«, ihre Liebkosungen bei ihrem Bruder verdoppelnd. »Oh! ich weiß wohl, was er hier will.« »Du weißt es?« »Ich weiß es so gut, daß ich die Unordnung in meinem Anzug wahrnehme, und daß ich, da ich den Augenblick vorhersehe, wo ich ebenfalls in den Salon werde eintreten müssen, um dort mit meinen Ohren zu hören, was Herr von Charny zu sagen beabsichtigt ...« »Sprichst Du im Ernste, meine liebe Andree?« »Höre, höre, Philipp, und laß mich in mein Zimmer hinaufgehen. Die Königin hat mich ein wenig schnell zurückgeführt; ich will mein Klosternegligee gegen ein Gewand ... gegen ein Brautgewand vertauschen.« Und nach diesen Worten, die sie leise und in Begleitung eines freudigen Kusses zu Philipp sprach, verschwand Andree leicht und brausend auf der Treppe, die nach ihrer Wohnung führte. Philipp blieb allein, legte seine Wange an die Thüre, welche das Boudoir mit dem Salon verband, und horchte. Der Graf von Charny war eingetreten. Er ging langsam auf und ab und schien mehr nachzusinnen, als zu warten. Herr von Taverney Vater trat ebenfalls ein und begrüßte den Grafen mit ausgezeichneter, wenn auch gezwungener Höflichkeit. »Welchem Umstand,« sagte er, »verdanke ich die Ehre dieses unerwarteten Besuches, Herr Graf? in jedem Fall glauben Sie mir, daß ich im höchsten Grade darüber erfreut bin.« »Ich komme, wie Sie sehen, in Ceremonie, mein Herr, und ich bitte Sie, mich zu entschuldigen, wenn ich meinen Oheim, den Herrn Bailli von Suffren, nicht mitgebracht habe, wie ich es hätte thun sollen.« »Wie!« stammelte der Baron, »ich entschuldige Sie, mein lieber Herr von Charny.« »Ich weiß, es wäre dieß der Schicklichkeit gemäß gewesen, bei der Bitte, die ich Ihnen vorzutragen im Begriff bin.« »Eine Bitte?« »Ich habe die Ehre,« sprach Charny mit einer Stimme, welche seine Aufregung beherrschte, »ich habe die Ehre, um die Hand von Fräulein Andree von Taverney, Ihrer Tochter, zu bitten.« Der Baron machte gleichsam einen Sprung in seinem Lehnstuhl. Er riß funkelnd die Augen auf, welche jedes von den Worten, die der Graf von Charny gesprochen, zu verschlingen schienen. »Meine Tochter!« murmelte er, »Sie verlangen Andree von mir zur Frau?« »Ja, Herr Baron; wenn nicht etwa Fräulein von Taverney einen Widerwillen gegen diese Verbindung hegt.« »Ah!« dachte der Greis, »steht Philipp schon so hoch in der Gunst, daß einer seiner Nebenbuhler diese durch eine Heirath mit seiner Schwester ausbeuten will? Meiner Treu, das ist auch nicht schlecht gespielt, Herr von Charny.« Und mit einem Lächeln erwiderte er laut: »Dieses Gesuch ist so ehrenvoll für unser Haus, Herr Graf, daß ich ihm, was mich betrifft, mit großer Freude entspreche, und da mir daran gelegen ist, daß Sie eine vollständige Einwilligung von hier mitnehmen, so werde ich meine Tochter benachrichtigen lassen ...« »Mein Herr,« unterbrach ihn der Graf mit kaltem Tone, »Sie machen sich eine unnöthige Mühe. Die Königin hat die Gnade gehabt, Fräulein von Taverney hierüber zu befragen, und die Antwort des Fräuleins ist günstig für mich gewesen.« »Ah!« rief der Baron, immer mehr erstaunt, »die Königin ist es ...« »Die sich zu diesem Behufe nach Saint-Denis begeben hat, ja, mein Herr,« Der Baron stand auf und sprach: »Herr Graf, ich habe Sie nur noch von den Verhältnissen des Fräuleins von Taverney in Kenntniß zu setzen. Ich habe hier oben die Urkunden vom Vermögen ihrer Mutter. Sie heirathen kein reiches Mädchen, Herr Graf, und ehe Sie abschließen ...« »Unnöthig, Herr Baron,« unterbrach ihn Charny trocken. »Ich bin reich für Zwei, und Fräulein von Taverney gehört nicht zu den Frauen, um die man handelt. Doch es ist für mich unerläßlich, die Frage, die Sie für Ihre Rechnung behandeln wollten, für die meinige zu behandeln.« Er hatte kaum diese Worte gesprochen, als sich die Thüre des Boudoir öffnete und Philipp bleich, verstört, eine Hand in seiner Weste, die andere krampfhaft geschlossen, erschien. Charny begrüßte ihn ceremoniös und empfing einen ähnlichen Gruß. »Mein Herr,« sprach Philipp, »mein Vater hatte Recht. Ihnen eine Unterredung über die Familienrechnungen vorzuschlagen; wir haben Ihnen Beide Aufklärungen zu geben. Während der Herr Baron in sein Zimmer hinauf geht, um die Papiere zu holen, von denen er sprach, werde ich die Ehre haben, die Frage mit Ihnen mehr im Einzelnen zu verhandeln.« Und mit einem Blicke unabweisbarer Autorität schickte Philipp den Baron weg. der sich mit großem Mißbehagen entfernte, da er einen Querstrich vorhersah. Philipp begleitete den Baron bis an die Ausgangsthüre des kleinen Salons, um sicher zu sein, daß dieses Zimmer leer blieb. Er schaute auch in das Boudoir, kreuzte, nachdem er sich überzeugt hatte, daß er von Niemand gehört werden konnte, als vom Grafen, diesem gegenüber die Arme und sprach: »Herr Graf, wie kommt es, daß Sie es wagen, die Hand meiner Schwester zu verlangen?« Olivier wich zurück und erröthete. Philipp aber fuhr fort: »Etwa, um besser Ihre Liebschaft mit der Frau zu verbergen, welche Sie verfolgen, mit der Frau, die Sie liebt? Damit man, wenn man Sie verheirathet sieht, nicht sagen könne, Sie haben eine Geliebte?« »Wahrhaftig, mein Herr ...« stammelte Charny schwankend, niedergeschmettert. »Etwa,« fügte Philipp bei, damit Sie als Gatte einer Frau, welche zu jeder Stunde in der Nähe Ihrer Geliebten kommen wird, bessere Gelegenheit haben, diese angebetete Geliebte zu sehen?« »Mein Herr, Sie überschreiten die Grenzen.« »Es geschieht vielleicht, und ich glaube das eher,« fuhr Philipp näher tretend fort, »es geschieht ohne Zweifel, damit ich, Ihr Schwager geworden, nicht enthülle, was ich von Ihren früheren Liebesgeschäften weiß?« »Was Sie wissen?« rief Charny erschrocken, »nehmen Sie sich in Acht, nehmen Sie sich in Acht!« »Ja,« sagte Philipp, sich belebend, »das von Ihnen gemiethete Haus des Jägermeisters; Ihre geheimnißvollen Spaziergange im Parke von Versailles ... in der Nacht... Ihre Händedrücke... Ihre Seufzer, und besonders jener zärtliche Austausch von Blicken an der kleinen Thüre des Parks ...« »Mein Herr, im Namen des Himmels ... mein Herr, Sie wissen nichts, sagen Sie, daß Sie nichts wissen.« »Ich weiß nichts?« rief Philipp mit einer blutigen Ironie. »Wie sollte ich nichts wissen, ich, der ich im Gesträuche vor der Thüre der Apollo-Bäder verborgen war, als Sie mit der Königin am Arm heraustraten?« Charny machte zwei Schritte, wie ein Mensch, der auf den Tod getroffen ist und eine Stütze um sich her sucht. Philipp schaute ihn mit einem finstern Stillschweigen an. Er ließ ihn leiden, er ließ ihn durch diese vorübergehende Marter die Stunden unaussprechlicher Wonne sühnen, die er ihm zum Vorwurf machte. Charny erhob sich von seinem Zusammensinken und sprach zu Philipp: »Nun wohl, mein Herr, selbst nach dem, was Sie mir gesagt haben, bitte ich Sie um die Hand des Fräuleins von Taverney. Wäre ich nur ein feiger Berechner, wie Sie dieß vor einem Augenblick vermutheten; heirathete ich meinetwegen, so wäre ich so erbärmlich, daß ich vor dem Mann, der mein Geheimniß und das der Königin in seiner Gewalt hält, bange hätte. Aber die Königin muß gerettet werden, das muß geschehen.« »In welcher Beziehung ist die Königin verloren?« sagte Philipp. »Weil Herr von Taverney, sie den Arm des Herrn von Charny drücken und vom Glück feuchte Augen zum Himmel aufschlagen sah? In welcher Hinsicht ist sie verloren? weil ich weiß, daß sie Sie liebt? Oh! das ist kein Grund, meine Schwester zu opfern, mein Herr, und ich werde sie nicht opfern lassen.« »Mein Herr,« erwiderte Olivier, »wissen Sie, warum die Königin verloren ist, wenn diese Heirath nicht zu Stande kommt? Weil diesen Morgen, während man Herrn von Rohan verhaftete, der König mich auf den Knieen vor der Königin überrascht hat.« »Mein Gott!« »Und von ihrem eifersüchtigen Gemahl befragt, hat die Königin geantwortet, ich sei vor ihr niedergekniet, um mir die Hand Ihrer Schwester zu erbitten. Darum, mein Herr, ist die Königin, wenn ich Ihre Schwester nicht heirathe, verloren. Begreifen Sie nun?« Ein doppeltes Geräusch unterbrach hier Olivier: ein Schrei und ein Seufzer; der eine kam aus dem kleinen Salon, der andere aus dem Boudoir. Olivier lief zum Seufzer; er sah in dem Boudoir Andree von Taverney, weiß gekleidet wie eine Braut. Sie hatte Alles gehört und war in Ohnmacht gefallen. Philipp lief zum Schrei in den kleinen Salon. Er erblickte den Leib des Barons von Taverney, den diese Offenbarung der Liebe der Königin für Charny auf den Ruin aller seiner Hoffnungen niedergeschmettert hatte. Vom Schlage getroffen, hatte der Baron den letzten Seufzer von sich gegeben. Die Weissagung Cagliostro's war in Erfüllung gegangen. Philipp begriff Alles, selbst die Schmach dieses Todes, verließ stillschweigend den Leichnam und kehrte in den Salon zu Charny zurück, der dieses kalte, leblose schöne Mädchen, zitternd und ohne daß er es zu berühren wagte, betrachtete. Die zwei offenen Thüren ließen die zwei Körper erblicken, welche gleichsam symmetrisch an dem Orte lagen, wo der Schlag dieser Enthüllung sie getroffen hatte. Die Augen angeschwollen, das Herz kochend, hatte Philipp den Muth, das Wort zu nehmen und zu Herrn von Charny zu sagen: »Der Herr Baron von Taverney ist so eben gestorben. Nach ihm bin ich das Haupt der Familie. Wenn Fräulein von Taverney wieder zum Leben kommt, so gebe ich sie Ihnen zur Frau.« Charny schaute den Leichnam des Barons mit Entsetzen, den Körper Andree's mit Verzweiflung an. Philipp riß sich die Haare mit beiden Händen aus, und schleuderte zum Himmel einen Ausruf, der das Herz Gottes auf seinem ewigen Thron bewegen mußte. »Graf von Charny,« sagte er, nachdem er den Sturm in seinem Innern beschwichtigt hatte, »ich übernehme diese Verbindlichkeit im Namen meiner Schwester, die mich nicht hört: sie wird ihr Glück unserer Königin geben, und ich werde vielleicht eines Tags glücklich genug sein, für sie mein Leben hinzugeben. Gott befohlen, Herr von Charny; Gott befohlen, mein Schwager.« Nach diesen Worten grüßte er Olivier, der nicht wußte, wie er sich entfernen sollte, ohne an einem der Opfer vorbeizukommen; er hob Andree auf, erwärmte sie in seinen Armen und machte so den Weg für den Grafen frei, worauf dieser durch das Boudoir verschwand. LXXXV. Nach dem Drachen die Natter. Es ist Zeit für uns, daß wir zu den Personen unserer Geschichte zurückkehren, welche die Notwendigkeit und die Intrigue sowohl, als die historische Wahrheit auf den zweiten Plan verwiesen haben. Oliva schickte sich an, für Rechnung Jeanne's zu fliehen, als Beausire, der nach der Wiedererlangung Nicole's keuchte, durch eine anonyme Nachricht in Kenntniß gesetzt, sich bis in ihre Arme geleitet sah und sie von Cagliostro entführte, während Herr Reteau von Billette vergebens in der Rue du Roi-Doré wartete. Um das glückliche Liebespaar, das zu entdecken Herr von Crosne ein so großes Interesse hatte, wieder aufzufinden, ließ Frau von La Mothe alle ihre vertrauten Leute in's Feld ziehen. Sie wollte lieber, wie man leicht begreift, selbst über ihrem Geheimniß wachen, als es den Händen Anderer überlassen, und zur guten Durchführung der Angelegenheit, die sie vorbereitete, war es unerläßlich, daß Nicole nicht aufgefunden werden konnte. Unbeschreiblich war ihre Angst, als jeder von ihren Emissären bei seiner Rückkehr ihr meldete, die Nachforschungen seien vergeblich gewesen. Dabei erhielt sie in ihrem Versteck Befehl auf Befehl, vor der Königin zu erscheinen und über ihr Benehmen in Beziehung auf das Halsband Rede zu stehen. Verschleiert, reiste sie nächtlicher Weile nach Bar-sur-Aube ab, wo sie ein Absteigequartier hatte, und als sie auf Umwegen unerkannt dort anlangte, nahm sie sich Zeit, ihre Lage unter ihrem wahren Lichte in's Auge zu fassen. Sie gewann so zwei bis drei Tage, nur mit sich allein, und sie gab sich die Zeit und mit der Zeit die Stärke, durch eine solide innere Befestigung das Gebäude ihrer Verleumdungen zu behaupten. Zwei Tage der Einsamkeit waren für diese tiefe Seele der Kampf, nach dessen Beendigung Körper und Geist gebändigt sein müßten, nach dem das gehorsame Gewissen sich nicht mehr, ein gefährliches Werkzeug, gegen die Schuldige umkehren würde, nach dem das Blut die Gewohnheit angenommen hätte, um das Herz zu kreisen, ohne je zum Gesicht aufzusteigen, um hier die Scham oder die Ueberraschung zu verrathen. Der König und die Königin erfuhren ihren Aufenthalt in Bar-sur-Aube erst in dem Augenblick, wo sie schon zum Kriegführen vorbereitet war. Sie schickte einen eigenen Boten ab, um sie zu holen. Da erfuhr sie die Verhaftung des Cardinals. Jede Andere als sie wäre durch diese kräftige Offensive niedergeschmettert worden; doch Jeanne hatte nichts mehr zu schonen. Was war eine Freiheitsfrage in der Wagschale gegen Fragen über Leben und Tod, die sich jeden Tag darin anhäuften? Als sie die Einkerkerung des Kardinals und den Lärm erfuhr, den die Königin gemacht hatte, berechnete sie kalt: »Die Königin hat ihre Schiffe verbrannt, sie kann unmöglich die Vergangenheit zurücknehmen. Indem sie sich weigert, sich mit dem Cardinal zu vergleichen und die Juweliere zu bezahlen, spielt sie quitt oder doppelt. Das beweist, daß sie ohne mich rechnet und nicht vermuthet, welche Kräfte ich zu meiner Verfügung habe.« Aus diesen Stücken war die Rüstung gemacht, welche Jeanne trug, als ein Mann, halb Gefreiter, halb Bote, Plötzlich vor ihr erschien und ihr ankündigte, er sei beauftragt, sie an den Hof zurückzubringen . Der Bote, welcher beauftragt war, sie an den Hof zurückzubringen, wollte sie unmittelbar zum König führen; doch mit jener uns bekannten Gewandtheit sagte Jeanne: »Mein Herr, nicht wahr, Sie lieben die Königin?« »Zweifeln Sie daran, Frau Gräfin?« erwiderte der Bote. »Nun wohl! im Namen dieser redlichen Liebe und der Ehrfurcht, welche Sie für die Königin hegen, beschwöre ich Sie, mich zuerst zu der Königin zu führen.« Der Officier wollte Einwendungen machen. »Sie wissen sicherlich besser als ich, um was es sich handelt,« sprach die Gräfin. »Sie werden daher begreifen, daß eine geheime Unterredung der Königin mit mir unerläßlich ist.« Ganz zusammengeknetet von den verleumderischen Ideen, welche die Luft von Versailles seit mehreren Monaten verpesteten, glaubte der Bote, der Königin wirklich einen Dienst zu leisten, wenn er Frau von La Mothe zu ihr führte, ehe er sie dem König zeigte. Man denke sich den Hochmuth, das stolze Bewußtsein der Königin, als sie diesem Dämon gegenüber stand, den sie noch nicht kannte, dessen schändlichen, treulosen Einfluß auf ihre Angelegenheiten sie aber wohl muthmaßte. Man denke sich Marie Antoinette, eine noch trostlose Wittwe ihrer Liebe, die dem Aergerniß unterlegen war, Marie Antoinette niedergeschmettert durch die Beleidigung einer Anklage, die sie nicht widerlegen konnte; man denke sich Marie Antoinette endlich, wie sie sich nach so vielen Leiden anschickte, den Fuß auf den Kopf der Schlange zu setzen; welche sie gebissen hatte. Die erhabenste Verachtung, der schlecht bewältigte Zorn, der Haß der Frau gegen die Frau, das Gefühl eines unvergleichlichen Uebergewichts der Lage, dieß waren die Waffen einer der Gegnerinnen. Ein Herz voll von Geheimnissen, ein Geist voll von Ideen, die Verzweiflung als letzte Triebfeder, dieß war die zweite Person des Kampfes. Die Königin begann damit, daß sie als Zeugen zwei von ihren Frauen, mit gesenkten Augen, geschlossenen Lippen und langsamer feierlicher Vernetzung, eintreten ließ. Frau von La Mothe sagte, sobald sie die zwei Frauen erblickte, zu sich selbst: »Gut, das sind zwei Zeugen, die man sogleich wegschicken wird.« »Ah! endlich sind Sie da, Madame!« rief die Königin, »man findet Sie endlich!« Jeanne verneigte sich zum zweiten Mal. »Sie verbergen sich also?« fragte die Königin voll Ungeduld. »Mich verbergen, Madame! nein, Madame,« erwiderte Jeanne mit einer sanften, kaum tonenden Stimme, als ob die durch die königliche Majestät hervorgebrachte Gemüthsbewegung allein ihren gewöhnlichen Klang dämpfte; »wenn ich mich verborgen hätte, so würde man mich nicht gefunden haben.« »Sie sind aber doch davon gelaufen? Nennen Sie das, wie es ihnen beliebt.« »Das heißt, ich habe Paris verlassen, ja, Madame.« »Ohne meine Erlaubniß?« »Ich befürchtete, Ihre Majestät würde mir den kleinen Urlaub nicht bewilligen, dessen ich bedurfte, um meine Angelegenheiten in Bar-sur-Aube zu ordnen, wo ich mich seit sechs Tagen aufhielt, ich muß es sagen, glaubte ich nicht, Eurer Majestät so nothwendig zu sein, daß ich genöthigt wäre, Sie wegen einer Abwesenheit von acht Tagen in Kenntniß zu setzen.« »Sie haben Recht, Madame; warum haben Sie eine Verweigerung des Urlaubs von mir gefürchtet? Welchen Urlaub haben Sie von mir zu verlangen? Welchen Urlaub habe ich Ihnen zu bewilligen? Nehmen Sie eine Stelle hier ein?« Es lag zu viel Verachtung in diesen letzten Worten. Verletzt, aber ihr Blut zurückhaltend, wie die von einem Pfeil verwundete Tigerkatze, erwiderte Jeanne demüthig: »Madame, es ist wahr, ich habe keine Stelle bei Hofe, doch Eure Majestät beehrte mich mit einem so kostbaren Vertrauen, daß ich mich viel mehr bei ihr durch die Dankbarkeit gebunden glaubte, als Andere es durch die Pflicht sind.« Jeanne hatte lange gesucht, sie hatte das Wort Vertrauen gefunden und legte einen Nachdruck darauf. »Dieses Vertrauen,« wiederholte die Königin mit noch niederschmetternderer Verachtung, als bei ihrer ersten Anrede, »wir werden die Rechnung darüber sogleich in Ordnung bringen. Haben Sie den König gesehen?« »Nein, Madame.« »Sie werden ihn sehen. Jeanne verbeugte sich und erwiderte: »Das wirb eine große Ehre für mich sein.« Die Königin suchte ein wenig Ruhe, um ihre Fragen mit Vortheil zu beginnen. Jeanne benützte diese Frist und sagte: »Aber, mein Gott! Madame! wie streng zeigt sich Eure Majestät gegen mich! Ich zittere ganz.« »Sie sind noch nicht beim Ende!« rief die Königin voll Ungestüm, »wissen Sie, daß Herr von Rohan in der Bastille ist?« »Man hat es mir gesagt, Madame.« »Sie errathen wohl, warum?« Jeanne schaute die Königin fest an, wandte sich dann gegen die Frauen, deren Gegenwart sie zu beengen schien, und erwiderte: »Ich weiß es nicht, Madame.« »Sie wissen jedoch, daß Sie uns von einem Halsband gesprochen haben, nicht wahr?« »Von einem Diamantenhalsband; ja, Madame.« »Und daß Sie mir von Seiten des Cardinals ein Abkommen vorgeschlagen haben, um das Halsband zu bezahlen?« »Das ist wahr, Madame.« »Habe ich das Abkommen angenommen oder ausgeschlagen?« »Eure Majestät hat es ausgeschlagen.« »Ah!« machte die Königin mit einer Mischung von Zufriedenheit und Erstaunen. »Ihre Majestät hat sogar eine Abschlagszahlung von zweimal hunderttausend Livres gegeben,« fügte Jeanne bei. »Gut ... und hernach?« »Hernach hat Ihre Majestät, da sie nicht bezahlen konnte, weil Herr von Calonne ihr das Geld verweigerte, das Etui den Juwelieren Böhmer und Bossange zurückgeschickt.« »Durch wen zurückgeschickt?« »Durch mich.« »Und Sie, was haben Sie gethan?« »Ich,« erwiderte langsam Jeanne, die das ganze Gewicht der Worte fühlte, welche sie auszusprechen im Begriffe war, »ich habe die Diamanten dem Herrn Cardinal gegeben.« »Dem Herrn Cardinal!« rief die Königin, »und warum, wenn's beliebt, statt sie den Juwelieren zuzustellen?« »Madame, weil ich Herrn von Rohan, der sich für diese Sache, die Eurer Majestät gefiel, interessirte, verletzt hätte, wenn ich ihm nicht die Gelegenheit bot, sie selbst zu beendigen.« »Aber wie kommt es, daß Sie einen Empfangsschein von den Juwelieren erhalten haben?« »Herr von Rohan hat mir denselben übergeben.« »Doch der Brief, den Sie dem Juwelier, als von meiner Hand kommend, eingehändigt haben sollen?« »Herr von Rohan bat mich, ihn zu bestellen.« »Herr von Rohan hat sich also überall und immer in diese Sache gemischt?« rief die Königin. »Ich weiß weder, was Eure Majestät hiemit sagen will, noch in was Herr von Rohan sich gemischt hat,« erwiderte Jeanne mit zerstreuter Miene. »Ich sage, der Empfangschein der Juweliere sei falsch!« »Falsch!« rief Jeanne voll Unschuld, »oh! Madame!« »Ich sage, die vorgebliche Verschreibung für das Halsband, welche ich unterzeichnet haben soll, sei falsch.« »Oh!« rief Jeanne, scheinbar noch mehr erstaunt, als das erste Mal. »Ich sage endlich,« fuhr die Königin fort, »es sei nothwendig, Sie mit Herrn von Rohan zu confrontiren, damit wir Aufklärung über diese ganze Sache erhalten.« »Confrontiren! Warum ist es nothwendig, Madame, mich mit dem Herrn Cardinal zu confrontiren?« »Er selbst hat es verlangt.« »Er?« »Er suchte Sie überall.« »Madame, das ist unmöglich.« »Er wollte Ihnen, wie er sagte, beweisen, daß Sie ihn hintergangen haben.« »Oh! Madame, zu diesem Ende verlange ich die Confrontation.« »Sie wird stattfinden, Madame, das dürfen Sie glauben. Sie leugnen also, zu wissen, wo das Halsband ist?« »Wie sollte ich es wissen?« »Sie leugnen, den Herrn Cardinal bei gewissen Intriguen unterstützt zu haben?« »Eure Majestät hat jedes Recht, ihre Ungnade auf mich zu werfen, aber keines, mich zu beleidigen. Ich bin eine Valois, Madame.« »Der Herr Kardinal hat vor dem König Verleumdungen behauptet, die er gebührend zu begründen hofft.« »Ich verstehe nicht.« »Der Cardinal hat erklärt, er habe mir geschrieben.« Jeanne schaute der Königin in's Gesicht und antwortete nichts. »Hören Sie mich?« sagte die Königin. »Ich höre, ja, Eure Majestät.« »Und was antworten Sie?« »Ich werde antworten, wenn man mich mit dem Herrn Cardinal confrontirt hat.« »Bis dahin, wenn Sie die Wahrheit wissen, helfen Sie uns.« »Die Wahrheit ist, daß Eure Majestät mich ohne Anlaß erniedrigt und ohne Grund mißhandelt.« »Das ist keine Antwort.« »Ich werde hier keine andere geben, Madame.« Jeanne schaute die zwei Frauen noch einmal an. Die Königin begriff, aber sie gab nicht nach. Die Neugierde konnte nicht die Oberhand über die menschliche Achtung gewinnen. In den Halbsagereien Jeanne's, in ihrer zugleich demüthigen und frechen Haltung drang die Dreistigkeit durch, welche aus einem erlangten Geheimnisse entspringt. Dieses Geheimniß hatte die Königin vielleicht durch Milde erkaufen können. Aber sie wies ein solches Mittel als ihrer unwürdig von sich. »Herr von Rohan ist in die Bastille gebracht worden, weil er zu viel sprechen wollte,« sagte Marie Antoinette: »nehmen Sie sich in Acht, Madame, daß Sie nicht dasselbe Schicksal erfahren, weil Sie nichts sprechen wollen.« Jeanne preßte ihre Nägel in ihre Hände, aber sie lächelte. »Was kümmert sich ein reines Gewissen um die Verfolgung?« sagte sie; »wird die Bastille mich eines Verbrechens überweisen, das ich nicht begangen habe?« Die Königin schaute Jeanne mit zornigem Auge an und rief: »Werden Sie sprechen, Madame?« »Ich habe nichts zu sagen, Madame, außer Ihnen.« »Nun! sprechen Sie etwa nicht mit mir?« »Nicht mit Ihnen allein.« »Ah! steht es so?« rief die Königin, »Sie wollen verschlossene Thüren. Sie fürchten das Aergerniß des öffentlichen Geständnisses, nachdem Sie mir das Aergerniß des öffentlichen Verdachtes auferlegt hatten.« Jeanne richtete sich auf und erwiderte: »Sprechen wir nicht mehr davon; was ich gethan, habe ich für Sie gethan.« »Welche Frechheit!« »Ich unterwerfe mich in Ehrfurcht den Beleidigungen meiner Königin,« sagte Jeanne, ohne die Farbe zu wechseln. »Sie werden diesen Abend in der Bastille schlafen, Frau von La Mothe.« »Es sei, Madame. Doch ehe ich mich schlafen lege, werde ich meiner Gewohnheit gemäß zu Gott beten, er möge Eurer Majestät die Ehre und die Freude erhalten,« erwiderte die Angeklagte. Die Königin stand wüthend auf, ging in das anstoßende Zimmer und schlug voll Heftigkeit die Thüren zu. »Nachdem ich den Drachen besiegt habe, werde ich wohl die Natter zertreten,« sagte sie. »Ich kann ihr Spiel auswendig, und ich glaube, daß ich gewonnen habe,« dachte Jeanne.   LXXXVI. Wie es kam, daß Herr von Beausire, während er den Hasen jaget, selbst von den Agenten des Herrn von Crosne gejagt wurde. Frau von La Mothe wurde nach dem Willen der Königin eingesperrt. Kein Ersatz konnte angenehmer für den König sein, der diese Frau instinktartig haßte. Der Proceß über das Halsband wurde mit all der Wuth instruirt, womit zu Grunde gerichtete Kaufleute, die sich aus der Verlegenheit zu ziehen hoffen, Angeklagte, die der Anklage entgehen wollen, und volksthümliche Richter zu Werke gehen können, welche in den Händen die Ehre oder das Leben einer Königin haben, abgesehen von der Eitelkeit oder dem Parteigeist. Es war nur ein Schrei durch ganz Frankreich. An den Nuancen dieses Schreies vermochte die Königin ihre Parteigänger oder ihre Feinde zu erkennen und zu zählen. Herr von Rohan verlangte seit seiner Einsperrung dringend, mit Frau von La Mothe confrontirt zu werden. Diese Befriedigung wurde ihm gewährt. Der Prinz lebte in der Bastille wie ein vornehmer Herr in einem Hause, das er gemiethet. Außer der Freiheit wurde ihm auf sein Verlangen Alles bewilligt. Der Proceß hatte im Anfang geringfügige Verhältnisse angenommen, wenn man den Stand der angeschuldigten Personen in's Auge faßt. Man wunderte sich, wie ein Rohan des Diebstahls angeklagt werden konnte. Die Officiere und der Gouverneur der Bastille bezeigten auch dem Cardinal jede Ehrfurcht, jede dem Unglück schuldige Achtung. Für sie war er kein Angeklagter, sondern ein in Ungnade Gefallener. Das wurde noch ganz anders, als es sich im Publicum verbreitete, Herr von Rohan falle als Opfer von Hofintriguen. Es war nicht mehr Sympathie für den Prinzen, sondern Begeisterung. Und Herr von Rohan, einer der Ersten unter den Edlen des Reiches, begriff nicht, daß ihm die Liebe des Volks einzig und allein dadurch zukam, daß er durch Edleres als er verfolgt wurde. Herr von Rohan, das letzte Opfer des Despotismus, war factisch einer der ersten Revolutionäre von Frankreich. Seine Unterredung mit Frau von La Mothe ward durch einen merkwürdigen Umstand bezeichnet. Der Gräfin, der man, so oft es sich um die Königin handelte, leise zu sprechen gestattete, gelang es, zum Cardinal zu sagen: »Entfernen Sie Jedermann und ich werde Ihnen die Aufklärungen geben, die Sie haben wollen.« Da verlangte Herr von Rohan allein zu sein und leise zu fragen. Man verweigerte es ihm, aber man ließ seinen Consulenten sich mit der Gräfin besprechen. Was das Halsband betrifft, so erwiderte sie, sie wisse nicht, was daraus geworden, aber man hätte es wohl ihr geben können. Und als der Consulent, betäubt von der Frechheit dieser Frau, darüber aufschrie, fragte sie ihn, ob der Dienst, den sie der Königin und dem Cardinal geleistet, nicht eine Million werth sei. Der Advocat wiederholte diese Worte dem Cardinal. Dieser erbleichte, neigte das Haupt und errieth, daß er in die Schlinge dieser höllischen Vogelfängerin gerathen war. Doch wenn er schon daran dachte, den Lärm dieser Angelegenheit, welcher die Königin zu Grunde richtete, zu ersticken, so trieben ihn seine Freunde an, die Feindseligkeiten nicht zu unterbrechen. Man wandte ihm ein, seine Ehre sei im Spiel; es handle sich um einen Diebstahl; ohne einen Spruch des Parlaments wäre die Unschuld nicht erwiesen. Um aber diese Unschuld zu beweisen, mußte man die Beziehungen des Cardinals zu der Königin und folglich das Verbrechen dieser Letzteren beweisen. Bei dieser Betrachtung erwiderte Jeanne, sie würde die Königin eben so wenig anklagen, als den Cardinal; wenn man sie aber beharrlich für das Halsband verantwortlich mache, so würde sie thun, was sie nicht thun wollte, das heißt, sie würde beweisen, daß die Königin und der Cardinal ein Interesse dabei haben, sie der Lüge zu beschuldigen. Als man diese Schlüsse dem Cardinal mittheilte, bezeigte der Prinz seine ganze Verachtung gegen diejenige, welche davon sprach, ihn opfern zu wollen. Er fügte bei, er begreife bis auf einen gewissen Grad das Benehmen Jeanne's, aber er begreife das der Königin durchaus nicht. Der Königin überbracht und mit Commentaren versehen, erzürnten diese Worte Marie Antoinette dermaßen, daß sie von ihrem Sitz auffuhr. Sie wollte dann, daß ein besonderes Verhör auf die geheimnißvollen Theile dieses Processes gelenkt werden sollte. Der große Beschwerdepunkt der nächtlichen Zusammenkünfte erschien nun enthüllt im breitesten Lichte vor den Verleumdern und Neuigkeitskrämern. Da sah sich aber die unglückliche Königin schwer bedroht ... Jeanne behauptete, das, wovon man ihr sprach, nicht zu kennen, und zwar vor den Leuten der Königin; doch den Leuten des Cardinals gegenüber war sie nicht so discret, und sie wiederholte immer: »Man lasse mich in Ruhe, sonst werde ich sprechen.« Diese Halbsagereien, diese Bescheidenheiten hatten ihr die Stellung einer Heldin gegeben und verwirrten den Proceß dergestalt, daß die muthigsten Actenklauber beim Studium der Beweisstücke erbebten und daß kein Instructionsrichter es wagte, die Verhöre der Gräfin fortzusetzen. War der Cardinal schwächer, war er offenherziger? gestand er einem Freunde, was er sein Liebesgeheimniß nannte? Man weiß es nicht; man darf es nicht glauben. Denn der Prinz war ein edles, ein sehr ergebenes Herz. Aber so loyal er auch in seinem Stillschweigen gewesen war, so verbreitete sich doch das Gerücht von seiner Unterredung mit der Königin. Alles, was der Graf von Provence gesagt, Alles, was Charny und Philipp erfahren oder gesehen hatten, alle diese Heimlichkeiten, welche für jeden Andern, als einen Prätendenten, wie der Bruder des Königs, oder für Liebesnebenbuhler, wie Philipp und Charny, unverständlich blieben, dieses ganze Geheimniß der so sehr verleumdeten und so keuschen Liebesangelegenheit verdunstete wie ein Wohlgeruch und verlor, zerschmolzen in der gemeinen Atmosphäre, das herrliche Aroma seines Ursprungs. Man kann sich denken, ob die Königin warme Vertheidiger, ob Herr von Rohan eifrige Streiter fand. Die Frage war nicht mehr: Hat die Königin das Diamanten-Halsband gestohlen, oder hat sie es nicht gestohlen? Eine doch an und für sich genugsam entehrende Frage; aber das genügt nicht einmal. Die Frage war: Hat die Königin das Halsband durch Jemand stehlen lassen, der in das Geheimniß ihrer ehebrecherischen Liebschaft eingedrungen war? So hatte Frau von La Mothe die Schwierigkeit zu drehen gewußt. So fand sich die Königin auf einem Wege eingeschlossen, der keinen andern Ausgang hatte als die Schande. Sie ließ sich niederschlagen; sie beschloß zu kämpfen; der König unterstützte sie. Das Ministerium unterstützte sie auch und zwar mit allen seinen Kräften. Die Königin erinnerte sich, daß Herr von Rohan ein ehrlicher Mann und unfähig war, eine Frau zu Grunde zu richten. Sie erinnerte sich seiner Sicherheit, als er schwur, zu den Rendezvous in Versailles zugelassen worden zu sein. Sie schloß daraus, der Cardinal sei nicht ihr unmittelbarer Feind, und er habe wie sie nur ein Interesse der Ehre bei der Frage. Man lenkte von da an den Proceß mit aller Anstrengung gegen die Gräfin; und man suchte auf's Eifrigste die Spuren des verlorenen Halsbands. Der Debatte über die Beschuldigung ehebrecherischer Schwäche anwohnend, warf die Königin auf Jeanne die niederschmetternde Anklage des Betrugs und des Diebstahls zurück. Alles sprach gegen die Gräfin, die Vorgänge in ihrem früheren Leben, ihre erste Armuth, ihre seltsame Erhebung; der Adel nahm diese Zufallsprinzessin nicht an, das Volk konnte sie nicht als sein Eigenthum zurückfordern; das Volt haßt instinctartig die Abenteurer, es verzeiht ihnen nicht einmal den glücklichen Erfolg. Jeanne bemerkte, daß sie einen falschen Weg eingeschlagen hatte, und daß die Königin, indem sie sich der Anklage unterzog, indem sie der Furcht vor dem Lärmen nicht wich, den Cardinal aufforderte, sie nachzuahmen: daß diese zwei redlichen Personen am Ende sich verständigen und das Licht finden würden, und daß, selbst wenn sie unterlägen, dieß in einem so furchtbaren Sturze geschehen müßte, daß sie, die arme kleine Valois, diese Prinzessin einer gestohlenen Million, die sie nicht einmal mehr bei der Hand hatte, um ihre Richter zu bestechen, unter sich zermalmten. Man war so weit, als eine neue Episode eintrat, die das Angesicht der Dinge veränderte. Herr von Beausire und Mademoiselle Oliva lebten glücklich und reich in einem Landhause, als eines Tages der gnädige Herr, der Madame allein gelassen hatte, um auf die Jagd zu gehen, in die Gesellschaft zweier Agenten gerieth, welche Herr von Crosne über ganz Frankreich aussandte, um eine Entwicklung dieser Intrigue zu erlangen. Die zwei Liebenden wußten nichts von dem, was in Paris vorging; sie dachten um an sich selbst. Mademoiselle Oliva wurde fett wie ein Wiesel auf einem Speicher, und Herr von Beausire hatte, mit dem Glück, jene unruhige Neugierde verloren, die das unterscheidende Merkmal der Raubvögel wie der Raubmenschen bildet, den Charakter, welchen die Natur den Einen und den Andern für ihre Erhaltung gegeben hat. Beausire war, wie gesagt, an diesem Tage auf die Hasenjagd gegangen. Er stieß auf einen Flug Rebhühner, was ihn veranlaßte, quer über eine Straße zu gehen. So fand er, etwas Anderes suchend, als er hätte suchen sollen, das was er nicht suchte. Auch die Agenten suchten Oliva, und sie fanden Beausire. Das sind die gewöhnlichen Launen der Jagd. Einer von diesen Spürhunden war ein Mensch von Geist. Als er ihn erkannt hatte, machte er, statt ihn ohne alles Weitere zu verhaften, was nichts eingetragen haben würde, folgenden Entwurf mit seinem Gefährten: »Beausire jagt, er ist also ziemlich reich und ziemlich frei; er hat vielleicht fünf oder sechs Louisd'or in seiner Tasche, aber er kann möglicher Weise drei bis vierhundert Louisd'or in seiner Behausung haben: dringen wir dort ein und setzen wir ihn auf Lösegeld. Nach Paris zurückgebracht, wird uns Beausire nur hundert Livres eintragen, wie jeder gewöhnliche Fang; man wird uns noch ausschelten, daß wir das Gefängniß wegen einer unbedeutenden Person überfüllt haben. Machen wir aus Beausire eine persönliche Speculation.« Sie fingen an, Rebhühner zu jagen wie Herr Beausire, Hasen wie Herr Beausire, und indem sie den Hund aufmunterten, wenn es dem Hasen galt, und durch den Klee trieben, wenn es dem Rebhuhn galt, verließen sie ihren Mann nicht um eine Sohle. Als Beaustre die Fremden sah, die sich in die Jagd mischten war er Anfangs sehr erstaunt, dann sehr zornig. Er war eifersüchtig auf sein Wildpret geworden, wie jeder gute Strohjunker; er war aber auch argwöhnisch in Betreff neuer Bekanntschaften. Statt diese Jünger, die ihm der Zufall gab, selbst zu befragen, ging er gerade auf einen Feldschützen zu, den er auf der Ebene fand, und beauftragte ihn, die Herren zu fragen, warum sie auf diesem Gute jagten. Der Feldschütz erwiderte, er kenne die Herren nicht als in der Gegend zu Hause, und fügte bei, es sei sein Wunsch, sie in ihrer Jagd zu unterbrechen, was er auch that. Doch die zwei Fremden erwiderten, sie jagen mit ihrem Freunde, dem Herrn dort. So bezeichneten sie Beausire. Der Feldschütze führte sie zu ihm, trotz alles Verdrusses, den diese Confrontation dem edlen Jäger bereitete. »Herr von Linville,« sagte er, »diese Herren behaupten, sie jagen mit Ihnen.« »Mit mir!« rief Beausire aufgebracht; »ah! ja wohl.« »Wie!« sagte einer von den Agenten leise zu ihm, »Sie heißen also auch Herr von Linville, mein lieber Beausire?« Beausire bebte; er hatte seinen Namen in dieser Gegend so gut verborgen. Er schaute den Agenten, dann dessen Gefährten betreten an, glaubte unbestimmt diese Gesichter zu erkennen, und entließ, um die Dinge nicht zu verschlimmern, den Feldschützen mit der Bemerkung, er nehme die Jagd dieser Herren auf sich. »Sie kennen sie also?« fragte der Feldschütze. »Ja, wir haben uns erkannt,« erwiderte einer der Agenten. Beausire fand sich nun, sehr verlegen, wie er mit ihnen sprechen sollte, ohne sich zu gefährden, den zwei Jägern gegenüber. »Bieten Sie uns ein Frühstück an, Beausire,« sagte der Gewandtere von den beiden Agenten; »in Ihrem Hause.« »In meinem Hause! aber ...« rief Beausire. »Sie werden nicht so unhöflich gegen uns sein, Beausire ...« Beausire hatte den Kopf verloren, er ließ sich mehr führen, als er führte. Die Agenten, sobald sie das kleine Haus erblickten, lobten seine Eleganz, seine Lage, die Bäume, die Aussicht, wie es Leute von Geschmack thun mußten, und Beausire hatte auch in der That einen reizenden Ort gewählt, um sein Liebesnest darein zu setzen. Es war ein Thal mit vielen Baumgruppen und von einem Flüßchen durchschnitten; das Haus erhob sich auf einer Anhöhe gegen Osten. Ein Schilderhaus, eine Art von Glockenthurm ohne Glocke, diente Beausire als Observatorium, um die Gegend au Tagen des Spleen zu überschauen, wenn seine rosigen Ideen verwelkten und er in jedem über seinen Pflug gebückten Ackersmann einen Alguazil erblickte. Nur auf einer Seite war dieses Gebäude lachend und sichtbar, auf der andern verschwand es unter den Baumgruppen und den Erhöhungen des Terrain. »Wie gut ist man da innen verborgen!« sagte einer der Agenten mit Bewunderung zu ihm. Beausire bebte bei dem Scherz und trat zuerst in sein Haus, unter dem Gebell der Hofhunde. Die Agenten folgten ihm mit vielen Ceremonien. LXXXVII. Die Turteltauben werden in den Käfig gebracht. Mit seinem Eintritt durch die Hofthüre hatte Beausire seine Idee; er wollte Lärm genug erregen, um Oliva aufmerksam zu machen, daß sie auf ihrer Hut sein sollte. Ohne etwas von der Halsband-Angelegenheit zu wissen, wußte Beausire genug vom Opernball und der Mesmer'schen Kufe, daß er bange hatte, Oliva Fremden zu zeigen. Er handelte vernünftig, denn die junge Frau, welche leichtfertige Romane auf dem Sopha ihres kleinen Salons las, hörte die Hunde bellen, schaute in den Hof und sah Beausire mit Begleitern, was sie abhielt, ihm wie gewöhnlich entgegen zu gehen. Zum Unglück waren diese zwei Turteltauben nicht außer dem Bereich der Geiersklauen. Man mußte das Frühstück bestellen, und ein ungeschickter Diener – die Leute vom Lande find keine Frontins – fragte zwei- ober dreimal, ob er die Befehle von Madame einholen sollte. Bei diesem Wort spitzten die Spürhunde die Ohren. Sie verspotteten Beausire angemessen über diese verborgene Dame, deren Gesellschaft für einen Einsiedler die Würze aller Glückseligkeit sei, welche die Einsamkeit und das Geld verleihen. Beausire ließ sich verspotten, aber er zeigte Oliva nicht. Man trug ein reichliches Mal auf, dem die Agenten Ehre anthaten. Man trank viel und brachte oft die Gesundheit der abwesenden Dame aus. Beim Nachtisch hatten sich die Köpfe erhitzt, die Herren von der Policei dachten, es wäre unmenschlich, die Folter dieses Wirthes noch mehr zu verlängern, und brachten das Gespräch geschickt darauf, welches Vergnügen es guten Herzen gewähre, alte Bekannte wiederzufinden. Worauf Beausire, während er ein Fläschchen mit Liqueur von den Inseln entpfropfte, die zwei Unbekannten fragte, an welchem Orte und unter welchen Umständen er mit ihnen zusammengetroffen sei. »Wir waren,« sagte der eine von ihnen, »wir waren die Freunde eines Ihrer Verbündeten zur Zeit eines kleinen Geschäftes, das Sie auf Theilung mit mehreren machten, des Geschäftes mit der portugiesischen Gesandtschaft.« Beausire erbleichte. Wenn solche Angelegenheiten berührt werden, glaubt man immer ein Strickende in den Falten seines Halsbandes zu fühlen. »Ah! wahrhaftig,« sagte er, zitternd vor Verlegenheit, »und Sie kommen und verlangen von mir für Ihren Freund...« »In der That, das ist eine Idee,« sprach der Alguazil leise zu seinem Cameraden, »die Einführung hat so ein ehrlicheres Aussehen. Eine Wiedererstattung im Namen eines abwesenden Freundes fordern, das ist moralisch.« »Mehr noch. Damit sind alle Rechte auf das Uebrige vorbehalten,« erwiderte der Freund des Moralischen mit einem süßsauren Lächeln, das Beausire vom Scheitel bis zu den Zehen beben machte. »Also?« sagte er. »Mein lieber Herr Beausire, es wäre uns also angenehm, wenn Sie einem von uns den Theil unseres Freundes zurückgeben würden. Ich glaube, so etwa zehntausend Livres.« »Wenigstens, denn man spricht nicht von den Interessen,« sagte der Camerad Positiv. »Meine Herren,« erwiderte Beausire, dem die Festigkeit dieser Forderung die Kehle zusammenschnürte, »man hat nicht zehntausend Livres bei sich auf dem Lande.« »Das versteht sich, lieber Herr, und wir fordern nur das Mögliche. Wie viel können Sie sogleich geben?« »Ich habe fünfzig bis sechzig Louisd'or, nicht mehr.« »Wir fangen damit an, daß wir sie nehmen, und werden Ihnen für Ihre Höflichkeit danken.« »Ah!« dachte Beausire, entzückt über ihre Bereitwilligkeit, »sie sind von sehr guter Beschaffenheit. Sollten sie etwa so sehr bange vor mir haben, als ich vor ihnen habe? Versuchen wir es.« Und er überlegte sich, daß diese Herren, sollten sie sehr laut schreien, es nur dahin brächten, daß sie sich als Mitschuldige von ihm bekennen würden, und daß dieß für die Provinzbehörden eine schlechte Empfehlung wäre. Beausire schloß, diese Leute würden sich zufrieden erklären und ein vollkommenes Stillschweigen beobachten. In seinem unvorsichtigen Vertrauen ging er so weit, daß er es bereute, ihnen nicht dreißig Louisd'or statt sechzig angeboten zu haben; aber er gelobte sich, nachdem er die Summe gegeben, sich sehr rasch dieser Leute zu entledigen. Er machte die Rechnung ohne seine Gäste, diese befanden sich sehr wohl bei ihm; sie genossen jene selige Zufriedenheit, welche eine angenehme Verdauung verschafft; sie waren gut für den Augenblick, weil ein bösartiges Auftreten sie angestrengt hätte. »Es ist ein reizender Freund, dieser Beausire,« sagte Positiv zu seinem Cameraden. »Sechzig Louisd'or, die er uns gibt, sind lieblich zu nehmen.« »Ich will sie ihnen sogleich geben,« rief der Wirth erschrocken, als er seine Gäste in bacchische Vertraulichkeiten ausbrechen sah. »Es hat keine Eile,« erwiderten die zwei Freunde. »Doch, doch, mein Gewissen wird erst dann frei sein, wenn ich Sie bezahlt habe. Man ist delicat, oder man ist es nicht.« Und er wollte sie verlassen, um das Geld zu holen. Doch diese Herren hatten Gerichtsdienergewohnheiten, eingewurzelte Gewohnheiten, die man schwer verliert, wenn man sie einmal angenommen hat. Diese Herren wußten sich nicht von ihrer Beute zu trennen, wenn sie dieselbe einmal in den Händen hielten. So läßt der gute Jagdhund sein verwundetes Feldhuhn nur los, um es dem Jäger zu übergeben. Der gute Gerichtsdiener ist derjenige, welcher, wenn einmal der Fang gemacht ist, diesen weder mit dem Finger, noch mit dem Auge mehr verläßt. Er weiß zu genau, wie launenhaft das Schicksal gegen die Jäger ist und wie sehr das, was man nicht mehr festhält, sich entfernt. Mit einem bewunderungswürdigen Einklang riefen alle Beide, so sehr sie betäubt waren: »Herr Beausire! mein lieber Beausire!« Und sie hielten ihn am Flügel seines grünen Tuchrockes zurück. »Was gibt es?« fragte Beausire. »Haben Sie die Güte, verlassen Sie uns nicht,« erwiderten sie, während sie ihn zum Niedersitzen nöthigten. »Aber wie soll ich Ihnen denn das Geld geben, wenn Sie mich nicht hinaufgehen lassen?« »Wir werden Sie begleiten,« antwortete Positiv mit einer erschrecklichen Zärtlichkeit. »Es ist ... es ist das Zimmer meiner Frau,« entgegnete Beausire. Dieses Wort, das er als eine Einwendung betrachtete, der nicht widersprochen werden konnte, war für die Sbirren der Funke, der das Feuer an das Pulver legte. Ihre brütende Unzufriedenheit – ein Gerichtsdiener ist immer über etwas unzufrieden – nahm eine Form, einen Körper, eine Ursache an. »Ah!« rief der Erste von den Agenten, »warum verbergen Sie uns Ihre Frau?« »Ja, sind wir nicht präsentabel?« sagte der Zweite. »Wenn Sie wüßten, was man für Sie gethan hat, wären Sie artiger,« sprach der Erste. »Und Sie würden uns Alles geben, was wir verlangen,« fügte keck der Zweite bei. »Ah! Sie stimmen einen sehr hohen Ton an, meine Herren,« sagte Beausire. »Wir wollen Deine Frau sehen,« erwiderte der Sbirre Positiv. »Und ich, ich erkläre Ihnen, daß ich Sie hinauswerfen werde,« entgegnete Beausire, auf ihre Betrunkenheit pochend. Sie antworteten ihm mit einem schallenden Gelächter, das ihn hätte klug machen müssen. Er trug dem keine Rechnung, wurde hartnäckig und rief: »Nun sollt Ihr auch nicht einmal das Geld bekommen, das ich Euch versprochen habe, und Ihr werdet Euch aus dem Staube machen.« Sie lachten noch furchtbarer, als das erste Mal. Zitternd vor Zorn, sprach Beausire mit erstickte Stimme: »Ich begreife Euch, Ihr werdet Lärm machen und sprechen; doch wenn Ihr sprecht, stürzt Ihr Euch in's Verderben, wie mich.« Sie lachten fortwährend unter sich, der Spaß kam ihnen trefflich vor. Das war ihre einzige Antwort. Beausire glaubte sie durch einen Kraftstreich zu erschrecken und stürzte nach der Treppe, nicht wie ein Mensch, der Louisd'or, sondern wie ein Wüthender, der eine Waffe holen will. Die Sbirren standen vom Tische auf, liefen, ihrem Grundsatz getreu, Beausire nach und legten ihre breiten Hände an ihn. Dieser schrie, eine Thüre öffnete sich, und eine Frau erschien ängstlich, erschrocken auf der Schwelle der Zimmer des ersten Stockes. Als sie diese Frau sahen, ließen sie Beausire los und stießen auch einen Schrei aus, doch einen Schrei der Freude, des Triumphs, wilder Exaltation. Sie hatten diejenige getroffen, welche so sehr der Königin von Frankreich glich. Beausire glaubte sie einen Augenblick durch die Erscheinung einer Frau entwaffnet, aber er war bald grausam enttäuscht. Der Positiv näherte sich Mlle. Oliva und sprach mit einem, in Rücksicht auf die Aehnlichkeit, zu wenig höflichen Ton: »Ah! ah! ich verhafte Sie.« »Sie verhaften!« rief Beausire; »und warum?« »Weil uns Herr von Crosne den Befehl gegeben hat,« erwiderte der andere Agent, »und weil wir im Dienste des Herrn von Crosne sind.« Hätte der Blitz zwischen dem Liebespaare eingeschlagen, es wäre weniger darüber erschrocken, als über diese Erklärung. »So ist es wenn man sich nicht artig benimmt,« sagte der Positiv zu Beausire. »Du hast Recht, Legrigneux; denn wenn Beausire artig gewesen wäre, hätte er uns Madame gezeigt, und wir hätten Madame mit allem Anstand festgenommen.« Beausire drückte seinen Kopf in seine Hände. Er dachte nicht einmal daran, daß seine zwei Dienstboten, ein männlicher und ein weiblicher, diese Scene, welche mitten auf den Stufen vorging, unten von der Treppe hörten. Er hatte eine Idee; sie lächelte ihn an; sie erfrischte ihn sogleich. »Ihr seid gekommen, um mich zu verhaften?« sagte er zu den Agenten. »Nein, das ist Zufall,« antworteten sie naiver Weise. »Gleichviel. Ihr konntet mich verhaften und für sechzig Louisd'or ließet ihr mich in Freiheit.« »Oh! nein, es war unsere Absicht, noch sechzig zu verlangen.« »Und wir haben nur ein Wort,« fuhr der Andere fort; »für hundert und zwanzig Louisd'or lassen wir Sie auch frei.« »Aber ... Madame?« fragte Beausire zitternd. »Ah! Madame ... das ist etwas Anderes,« antwortete der Positiv. »Madame ist zweihundert werth, nicht wahr?« sagte Beausire hastig. Die Agenten fingen wieder das furchtbare Gelächter an, das Beausire dießmal leider begriff. »Dreihundert ...« sagte er, »vierhundert ... tausend Louisd'or ... Ich gebe Euch tausend Louisd'or, aber Ihr werdet sie frei lassen.« Beausire's Augen funkelten, während er so sprach: »Ihr antwortet nicht,« sagte er; »Ihr wißt, daß ich Geld habe, und Ihr wollt mich bezahlen lassen. Das ist nur zu billig. Ich gebe zweitausend Louisd'or, acht und vierzig tausend Livres, ein Vermögen für euch Beide, aber laßt ihr die Freiheit.« »Du liebst sie also sehr, diese Frau?« fragte der Positiv. Nun war die Reihe zu lachen an Beausire, und dieses höhnische Gelächter war so erschrecklich, es malte so scharf die verzweifelte Liebe, die dieses verwelkte Herz verzehrte, daß die zwei Sbirren bange davor bekamen und sich entschlossen, Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, um den Ausbruch der Verzweiflung zu vermeiden, die man in dem irren Auge Beausire's las. Sie nahmen jeder ein Paar Pistolen aus der Tasche, hielten sie Beausire auf die Brust, und einer von ihnen sagte: »Nicht für hunderttausend Thaler würden wir diese Frau zurückgeben. Herr von Rohan bezahlt uns fünfmal hunderttausend Livres und die Königin eine Million.« Beausire schlug die Augen zum Himmel mit einem Ausdruck auf, der jedes andere Thier, als einen Alguazil, erweicht hatte. »Gehen wir,« sagte der Positiv. »Sie müssen ein Wägelchen, irgend etwas Rollendes hier haben: lassen Sie dieses Gefährt für Madame anspannen; wir sind ihr das wohl schuldig.« »Und da wir gute Teufel sind, so wollen wir keinen Mißbrauch von unserer Gewalt machen. Man nimmt Sie der Form wegen auch mit; unter Wegs wenden wir die Augen ab, Sie springen vom Gefährt herab, und wir bemerken es erst, wenn Sie tausend Schritte Vorsprung haben. Ist das ein gutes Benehmen, wie?« Beausire antwortete nur: »Wohin sie geht, werde ich gehen. Ich verlasse sie nie in diesem Leben.« »Oh! weder in diesem, noch in dem andern!« fügte Oliva eiskalt vor Schrecken bei. »Desto besser!« sprach der Positiv, »je mehr man Herrn von Crosne Gefangene zuführt, desto mehr lacht er.« Eine Viertelstunde nachher fuhr der Wagen mit dem gefangenen Liebespaar und seinen Begleitern vom Hause ab. LXXXVIII. Herr von Crosne. Man kann sich denken, welche Wirkung dieser Fang auf Herrn von Crosne hervorbrachte. Die Agenten erhielten wahrscheinlich die Million nicht, auf die sie hofften, doch man hat allen Grund, anzunehmen, daß sie befriedigt wurden. Als der Policei-Lieutenant die Hände zum Zeichen der Zufriedenheit sich wohl gerieben hatte, begab er sich nach Versailles in einem Wagen, dem ein anderer hermetisch verschlossener Wagen folgte. Es war am Morgen nach dem Tag, an welchem der Positiv und sein Freund Nicole in die Hände des Policeichefs übergeben hatten. Herr von Crosne ließ seine zwei Wagen in Trianon einfahren, stieg aus dem, welchen er inne hatte, und übergab den andern der Obhut seines ersten Schreibers. Er ließ sich zur Königin führen, von der er sich sogleich eine Audienz in Trianon erbeten hatte. Die Königin, welche seit einem Monat Wohl darauf bedacht war, nichts zu vernachlässigen, was von Seiten der Policei kam, entsprach sogleich der Bitte des Ministers; sie begab sich schon am Morgen in ihr Lieblingshaus, und zwar mit kleiner Begleitung, falls Geheimhaltung nöthig wäre. Sobald Herr von Crosne bei ihr eingeführt war, erkannte sie an seiner strahlenden Miene, daß die Nachrichten gut waren. Die arme Frau! seit geraumer Zeit sah sie um sich her nur düstere und zurückhaltende Gesichter. Ein Klopfen der Freude, das erste seit dreißig Tagen, bewegte ihr durch so viele tiefe Erschütterungen verwundetes Herz. Der Beamte, nachdem er ihr die Hand geküßt, sprach: »Madame, hat Ihre Majestät in Trianon ein Zimmer, wo sie, ohne selbst gesehen zu werden, sehen kann, was vorgeht?« »Ich habe meine Bibliothek,« antwortete die Königin; »hinter den Verschlagen habe ich Löcher in meinem Imbißsalon machen lassen. Und zuweilen, während ich vesperte, belustigte ich mich mit Frau von Lamballe und Fräulein von Taverney, als ich sie hatte, damit, daß ich die komischen Grimassen des Abbé Vermond betrachtete, wenn er auf ein Pamphlet stieß, worin von ihm die Rede war.« »Sehr gut, Madame. Ich habe nun unten einen Wagen, den ich in das Schloß einfahren lassen möchte, ohne daß der Inhalt dieses Wagens von irgend Jemand, außer Eurer Majestät, gesehen würde.« »Das geht ganz leicht,« erwiderte die Königin; »wo ist Ihr Wagen?« »Im ersten Hof, Madame.« Die Königin läutete; es kam Jemand, um ihre Befehle in Empfang zu nehmen. »Lassen Sie den Wagen, den Ihnen Herr von Crosne bezeichnen wird, in die große Vorhalle einfahren,« sprach Marie Antoinette, »schließen Sie die beiden Thüren derselben, so daß es finster darin ist, und Niemand sehe vor mir die Curiositäten, die mir Herr von Crosne bringt.« Der Befehl wurde vollzogen. Man wußte die Launen der Königin viel mehr zu respektiren, als ihre Befehle. Der Wagen fuhr unter das Gewölbe bei der Wohnung der Garden und ergoß seinen Inhalt in die düstere Vorhalle. »Madame,« sprach Herr von Crosne, »wollen Sie nun mit mir in Ihren Imbißsalon kommen und Befehl geben, daß man meinen Schreiber mit dem, was er in die Bibliothek bringen wird, eintreten läßt.« Zehn Minuten nachher spähte die Königin bebend hinter ihren Fenstern. Sie sah in die Bibliothek eine verschleierte Gestalt eintreten; der Schreiber nahm ihr den Schleier ab, und die Königin stieß, als sie dieselbe erkannte, einen Schrei des Schreckens aus. Es war Oliva, und zwar in einem der Costüme, welche Marie Antoinette am meisten liebte. Sie hatte ein grünes Kleid mit breiten schwarzmoirirten Schleifen, die hohe Frisur, welche die Königin bevorzugte, Ringe den ihrigen ähnlich, Pantoffeln von grünem Atlas mit ungeheuren Absätzen: es war Marie Antoinette selbst, abgesehen vom Blute der Cäsaren, welches durch die bewegliche plebejische Flüssigkeit aller Wollüste des Herrn Beausire ersetzt wurde. Die Königin glaubte sich in einem entgegengesetzten Spiegel zu sehen; sie verschlang mit den Augen diese Erscheinung. »Was sagt Eure Majestät von dieser Aehnlichkeit?« fragte nun Herr von Crosne triumphirend über die Wirkung, die er hervorgebracht hatte. »Ich sage ... ich sage, mein Herr,« stammelte die Königin ganz verwirrt ... »Ah! Olivier,« dachte sie, »warum sind Sie nicht da?« »Was will Eure Majestät?« Nichts, mein Herr, nichts, außer daß der König wohl erfahre ...« »Und daß Herr von Provence sehe, nicht wahr, Madame?« »Ah! meinen Dank, Herr von Crosne, meinen Dank ... Doch was wird man mit dieser Frau machen?« »Schreibt man dieser Frau Alles zu, was geschehen ist?« fragte Herr von Crosne. »Sie haben wohl die Fäden dieses Complotts?« »Ungefähr, Madame.« »Und Herr von Rohan?« »Herr von Rohan weiß noch nichts.« »Oh!« rief die Königin, ihr Gesicht in ihren Händen verbergend, »diese Frau, mein Herr, das sehe ich wohl, ist der ganze Irrthum des Cardinals.« »Es mag sein, Madame, doch wenn es der Irrthum des Cardinals ist, so ist es das Verbrechen eines Andern.« »Suchen Sie, mein Herr. Sie haben die Ehre des Hauses Frankreich in Ihren Händen.« »Und glauben Sie mir, Madame, sie ist wohl versorgt,« erwiderte Herr von Crosne. »Der Proceß?« fragte die Königin. »Ist im Gange. Ueberall leugnet man; doch ich erwarte den günstigen Augenblick, um das Ueberführungsmittel, das sie in Ihrer Bibliothek haben, in's Feld zu stellen.« »Und Frau von La Mothe?« »Sie weiß nicht, daß ich dieses Mädchen gefunden, und bezüchtigt Cagliostro, er habe dem Cardinal den Kopf erhitzt, bis er den Verstand verloren.« »Und Herr von Cagliostro?« »Herr von Cagliostro, den ich befragen ließ, hat mir versprochen, mich noch diesen Morgen zu besuchen.« »Das ist ein gefährlicher Mann.« »Er wird ein nützlicher Mann sein. Von einer Schlange wie Frau von La Mothe gestochen, wird er das Gift verschlucken und uns Gegengift geben.« »Sie hoffen auf Offenbarungen?« »Ich bin fest davon überzeugt.« »Wie so, mein Herr? oh! sagen Sie mir Alles, was mich beruhigen kann.« »Vernehmen Sie meine Gründe, Madame: Frau von La Mothe wohnte in der Rue Saint-Claude ...« »Ich weiß es, ich weiß es,« erwiderte die Königin erröthend. »Ja, Eure Majestät erwies dieser Frau die Ehre, wohlthätig gegen sie zu sein.« »Sie hat mich gut dafür belohnt, nicht wahr? ... Sie wohnte also in der Rue Samt-Claude?« »Und Herr von Cagliostro wohnt gerade gegenüber.« »Und Sie vermuthen?« »Daß, wenn ein Geheimniß für die Eine oder für den Andern von diesen beiden Nachbarn stattgefunden hat, dieses Geheimniß der Einen wie dem Andern gehören muß ... Doch verzeihen Sie, Madame, es ist bald die Stunde, zu der ich in Paris Herrn von Cagliostro erwarte, und um nichts in der Welt möchte ich diese Erklärungen verzögern.« »Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie, und seien Sie noch einmal meiner Dankbarkeit versichert.« »Endlich,« rief sie ganz in Thränen, als Herr von Crosne weggegangen war, »endlich beginnt meine Rechtfertigung. Ich werde meinen Triumph auf allen Gesichtern lesen. Das des einzigen Freundes, welchem ich so gerne beweisen möchte, daß ich unschuldig bin, dieses allein werde ich nicht sehen!« Mittlerweile flog Herr von Crosne nach Paris und kam nach Hause, wo ihn Herr von Cagliostro erwartete. Dieser wußte Alles seit dem vorhergehenden Tag. Er ging zu Beausire, dessen Zufluchtsort er kannte, um ihn anzutreiben, Frankreich zu verlassen, als er ihn auf der Straße zwischen den zwei Agenten im Wagen erblickte. Oliva war ganz beschämt und ganz in Thränen zerfließend im Hintergrund verborgen. Beausire sah den Grafen, der sich in seiner Postchaise mit ihnen kreuzte, und erkannte ihn. Der Gedanke, dieser geheimnißvolle und mächtige Herr könnte ihm von einigem Nutzen sein, änderte plötzlich seinen Entschluß, Oliva nie zu verlassen. Er wiederholte den Agenten den Vorschlag einer Entweichung, die sie ihm gemacht. Sie nahmen hundert Louisd'or an und ließen ihn frei, trotz der Thränen Nicole's. Beausire umarmte indessen seine Geliebte und sagte ihr in's Ohr: »Hoffe ... ich will an Deiner Rettung arbeiten.« Und er enteilte mit kräftigen Schritten in der Richtung der Straße, welche Cagliostro verfolgte. Dieser hatte schon angehalten; er brauchte Beausire nicht mehr zu suchen, da Beausire zurückkam. Es war ihm dienlich, auf Beausire zu warten, wenn dieser zuweilen sich nachlaufen machte. Cagliostro wartete also seit einer halben Stunde an der Biegung der Straße, als er den unglücklichen Liebhaber bleich, athemlos, halb todt ankommen sah. Beim Anblick des stehenden Wagens stieß Beausire den Freudenschrei des Schiffbrüchigen aus, der ein Brett berührt, »Was gibt es, mein Junge?« sagte der Graf indem er ihm zu sich einsteigen half. Beausire erzählte ihm seine ganze klägliche Geschichte; Cagliostro hörte ihn stillschweigend an und sprach dann: »Sie ist verloren.« »Wie so?« rief Beausire. Cagliostro erzählte Beausire, was er nicht wußte, nämlich die Intrigue der Rue Saint-Claude und die von Versailles, Beausire wäre beinahe in Ohnmacht gefallen. »Retten Sie sie.« sprach er im Wagen auf die Kniee sinkend, »und ich gebe sie Ihnen, wenn Sie Oliva immer noch lieben.« »Mein Freund.« entgegnete Cagliostro, »Sie sind in einem Irrthume begriffen. Ich habe Mademoiselle Oliva nie geliebt; ich hatte nur Einen Zweck, nemlich, sie dem ausschweifenden Leben zu entziehen, welches Sie mit ihr führten.« »Aber ...« versetzte Beausire erstaunt. »Sie wundern sich hierüber? Erfahren Sie, daß ich einer von den Vorstehern einer Gesellschaft für sittliche Reform bin, deren Zweck es ist, dem Laster Alles zu entreißen, was Aussichten auf Heilung bieten kann. Ich hätte Oliva geheilt, indem ich sie Ihnen wegnahm, und darum habe ich sie Ihnen weggenommen. Sie sage, ob sie von meinem Munde ein Wort der Galanterie gehört hat; sie sage, ob meine Dienste nicht immer uneigennützig gewesen sind!« »Ein Grund mehr, mein Herr, retten Sie sie!« »Ich will es wohl versuchen; doch das hängt von Ihnen ab.« »Verlangen Sie mein Leben von mir.« »Ich werde nicht so viel verlangen. Kehren Sie mit mir nach Paris zurück, und wenn Sie Punkt für Punkt meine Vorschriften befolgen, so werden wir vielleicht Ihre Geliebte retten. Ich stelle hiebei nur eine Bedingung.« »Welche, mein Herr?« »Ich werde sie Ihnen sagen, wenn wir in mein Haus in Paris zurückkommen.« »Oh! ich unterschreibe zum Voraus; doch sie wiedersehen! sie wiedersehen!« »Daran denke ich gerade; ehe zwei Stunden vergehen, werden Sie Oliva wiedersehen.« »Und sie umarmen?« »Ich zähle darauf; mehr noch, Sie werden ihr sagen, was ich Ihnen zu sagen beabsichtige.« Cagliostro schlug mit Beausire wieder den Weg nach Paris ein. Zwei Stunden nachher, es war dich am Abend, hatte er den Wagen der Agenten eingeholt. Und eine Stunde später erkaufte sich Beaufire um fünfzig Louisd'or von den beiden Agenten das Recht, Nicole zu umarmen und ihr die Aufträge des Grafen zuzuflüstern. Die Agenten bewunderten diese leidenschaftliche Liebe. Sie versprachen sich so etwa fünfzig Louisd'or auf jeder Poststation. Beausire erschien jedoch nicht mehr, und die Chaise Cagliostro's führte ihn rasch nach Paris, wo sich so viele Ereignisse vorbereiteten. Dieß mußten wir dem Leser nothwendig mittheilen, ehe wir ihm Herrn von Cagliostro im Gespräche mit Herrn von Crosne zeigen. Nun aber können wir ihn in das Cabinet des Policei-Lieutenants einführen.   Herr von Crosne wußte von Cagliostro Alles, was ein gewandter Policei-Lieutenant von einem in Frankreich wohnenden Mann wissen kann, und das will nicht wenig sagen. Er kannte alle seine früheren Namen, er kannte alle seine Geheimnisse als Alchymist, als Magnetiseur und als Wahrsager, er kannte die Ansprüche, die er auf Allgegenwart, auf fortwährende Wiedergeburt machte, und betrachtete ihn als einen vornehmen Charlatan. Herr von Crosne war ein starker Geist, mit allen Mitteln seines Amtes vertraut, bei Hofe wohl angeschrieben, gleichgültig gegen die Gunst, die sich nicht mit seinem Stolz vertrug, ein Mann, auf den nicht Jeder, der da wollte, Einfluß zu üben vermochte. Diesem konnte Cagliostro nicht, wie Herrn von Rohan, noch vom hermetischen Ofen heiße Louisd'or anbieten; diesem hätte Cagliostro nicht das Ende einer Pistole geboten, wie Balsamo Herrn von Sartines; von diesem hatte Balsamo nicht mehr eine Lorenza zurückzufordern, sondern Cagliostro hatte Rechenschaft abzulegen. Darum hatte der Graf, statt die Ereignisse abzuwarten, sich von dem Beamten eine Audienz erbitten zu müssen geglaubt. Herr von Crosne fühlte den Vortheil seiner Stellung, Cagliostro fühlte das Peinliche der seinigen und war bemüht, sich daraus zu befreien. Bei dieser offen gespielten Schachpartie fand ein Einsatz statt, den einer von den Spielern nicht muthmaßte, und dieser Spieler war nicht Herr von Crosne. Dieser kannte, wie gesagt, von Cagliostro nur den Charlatan, der Adept war ihm ganz unbekannt. An den Steinen, welche die Philosophie auf dem Wege der Monarchie aussäte, haben sich so viele Leute nur deßhalb gestoßen, weil sie dieselben nicht sahen. Herr von Crosne erwartete von Herrn von Cagliostro Enthüllungen über das Halsband, über die Händel von Frau von La Mothe; hierin lag sein Nachtheil. Doch er hatte das Recht, zu befragen, zu verhören, einzukerkern, und dieß war seine Überlegenheit. Er empfing den Grafen wie ein Mann, der sein Gewicht fühlt, aber der es nicht an Höflichkeit gegen irgend Jemand fehlen lassen will, nicht einmal gegen einen Emporkömmling. Cagliostro bewachte sich. Er wollte nur vornehmer Herr bleiben, seine einzige Schwäche, von der er glaubte, er müsse sie vermuthen lassen. »Mein Herr, sagte der Policei-Lieutenant zu ihm, »Sie haben sich eine Audienz von mir erbeten. Ich komme ausdrücklich von Versailles, um sie Ihnen zu geben.« »Mein Herr, ich dachte, Sie hätten ein Interesse, mich über das, was vorgeht, zu befragen, und als ein Mann, der Ihr ganzes Verdienst und die ganze Bedeutung Ihrer Functionen kennt, bin ich zu Ihnen gekommen.« »Sie befragen?« versetzte der Beamte, Erstaunen heuchelnd, »worüber denn? und in welcher Eigenschaft?« »Mein Herr,« sprach Herr Cagliostro gerade heraus, »Sie beschäftigen sich sehr viel mit Frau von La Mothe und dem Verschwinden des Halsbands.« »Sollten Sie es gefunden haben?« fragte Herr von Crosne beinahe spöttisch. »Nein,« antwortete der Graf mit ernstem Tone. »Aber wenn ich es nicht gefunden habe, so weiß ich doch wenigstens, daß Frau von La Mothe in der Rue Saint-Claude wohnte.« »Ihnen gegenüber, mein Herr, das wußte ich auch.« »Dann wissen Sie, was Frau von La Mothe machte, mein Herr ... Sprechen wir nicht mehr davon.« »Im Gegentheil,« erwiderte Herr von Crosne mit gleichgültiger Miene, »sprechen wir noch mehr davon.« »Oh! das hatte nur Salz in Beziehung auf die kleine Oliva; doch da Sie Alles über Frau von La Mothe wissen, so werde ich Ihnen nichts mehr mitzutheilen haben.« Bei dem Namen Oliva bebte Herr von Crosne. »Was sagen Sie von Oliva?« fragte er. »Wer ist das, Oliva?« »Sie wissen es nicht? Ah! mein Herr, ich würde mich wundern, wenn ich Sie hierüber zu belehren hätte. Stellen Sie sich ein sehr hübsches Mädchen vor, einen Wuchs ... blaue Augen, das Eirund des vollkommenen Gesichts; hören Sie, eine Art von Schönheit, welche an die Ihrer Majestät der Königin erinnert.« »Ah! ah!« machte Herr von Crosne, »nun?« »Dieses Mädchen lebte schlecht, und das war mir betrübt; sie hatte einst bei einem alten Freunde von mir, bei Herrn von Taverney, gedient.« »Bei dem Baron, der kürzlich gestorben ist?« »Ganz richtig, ja, der kürzlich gestorben ist. Sie war überdieß in Diensten bei einem gelehrten Mann gewesen, den Sie nicht kennen, Herr Policei-Lieutenant, und der ... Doch ich bemerke, daß ich auf Abschweifungen gerathe, und daß ich Sie zu belästigen anfange.« »Mein Herr, ich bitte Sie im Gegentheil, wollen Sie fortfahren. Diese Oliva, sagten Sie?« »Lebte schlecht, wie ich Ihnen zu bemerken die Ehre hatte. Sie lebte unter einer großen Dürftigkeit mit einem gewissen Burschen, ihrem Liebhaber, der sie schlug und bestahl: einer von Ihren gewöhnlichen Galgenvögeln, mein Herr, den Sie nicht kennen müssen ...« »Ein gewisser Beausire vielleicht,« erwiderte der Beamte, glücklich, wohlunterrichtet zu erscheinen. »Ah! Sie kennen ihn, das ist erstaunlich,« sprach Cagliostro mit Bewunderung; »sehr gut, mein Herr, Sie sind noch mehr Wahrsager, als ich. Eines Tags nun, als Beausire die Arme mehr geschlagen und bestohlen hatte, als gewöhnlich, flüchtete sie sich zu mir und bat mich um meinen Schutz. Ich bin gut, ich gab ihr irgend einen Winkel in einem meiner Hotels.« »Bei Ihnen! ... Sie war bei Ihnen?« rief der Beamte erstaunt. »Allerdings,« erwiderte Cagliostro, ebenfalls Erstaunen heuchelnd, »warum sollte ich sie nicht bei mir aufgenommen haben? ich bin Junggeselle.« Und er lachte mit einer so geschickten Treuherzigkeit, daß Herr von Crosne völlig in's Garn ging. »Bei Ihnen!« wiederholte er; »darum haben also meine Agenten so sehr gesucht, um sie zu finden.« »Wie gesucht!« rief Cagliostro. »Man suchte die Kleine? hat sie denn etwas gethan, was ich nicht wüßte?« »Nein, mein Herr, nein; ich beschwöre Sie, fahren Sie fort.« »Oh! mein Gott! ich bin zu Ende. Ich quartierte sie bei mir ein, das ist das Ganze.« »Nein, mein Herr Graf, das ist nicht das Ganze, da Sie vorhin den Namen Oliva mit dem Namen der Frau von La Mothe zu verbinden schienen.« »Ah! wegen der Nachbarschaft.« »Es ist noch etwas Anderes, Herr Graf ... Sie haben nicht umsonst gesagt, Frau von La Mothe und Mlle. Oliva seien Nachbarinnen gewesen.« »Oh! das bezieht sich auf einen Umstand, dessen Mittheilung unnütz wäre. Man muß nicht dem ersten Beamten des Königreichs Hirngespinste eines müßigen Rentier erzählen.« »Sie interessiren mich, mein Herr, und zwar mehr als Sie glauben; denn diese Oliva, von der Sie sagen, Sie haben sie bei sich aufgenommen, habe ich in der Provinz gefunden.« »Sie haben sie gefunden?« »Mit Herrn von Beausire!« »Ich vermuthete es,« rief Cagliostro. »Sie war mit Beausire? Ah! sehr gut, sehr gut! Ich muß Frau von La Mothe Abbitte thun.« »Wie? was wollen Sie damit sagen?« fragte Herr von Crosne. »Ich sage, mein Herr, nachdem ich einen Augenblick Frau von La Mothe im Verdachte gehabt, lasse ich ihr vollständige Genugthuung widerfahren.« »Im Verdacht! worüber?« »Guter Gott! Sie hören also geduldig all dieses Geschwätz an? Nun denn! so erfahren Sie, daß in dem Augenblick, wo ich Hoffnung hatte, diese Oliva zu bessern, sie zur Arbeit und zur Rechtschaffenheit zurückzuleiten ... ich beschäftige mich mit der Sittlichkeit ... Jemand gekommen ist und sie mir entführt hat.« »Sie Ihnen entführt! aus Ihrem Hause?« »Aus meinem Hause.« »Das ist seltsam.« »Nicht wahr? Und ich hätte mich darauf verdammen lassen, daß es Frau von La Mothe gewesen sei. An welchen Fäden hängen die Urtheile der Welt!« Herr von Crosne näherte sich Cagliostro und sprach: »Ich bitte Sie, erklären Sie sich umständlicher.« »Oh! mein Herr, nun, da Sie Oliva mit Beausire gefunden haben, wird mich nichts mehr auf den Gedanken an Frau von La Mothe, an ihre Bestrebungen, an ihre Zeichen, an ihre Correspondenzen bringen.« »Mit Oliva?« »Ja wohl.« »Frau von La Mothe und Oliva waren im Einverständniß?« »Vollkommen.« »Sie sahen sich?« »Frau von La Mothe hatte Mittel gefunden, sie jede Nacht ausgehen zu lassen.« »Jede Nacht! sind Sie dessen sicher?« »So sicher, als ein Mensch dessen, was er gehört hat, sein kann.« »Oh! mein Herr, Sie sagen mir da Dinge, die ich mit tausend Livres für jedes Wort bezahlen würde. Welches Glück für mich, daß Sie Gold machen!« »Ich mache keines mehr, mein Herr, es war zu theuer.« »Doch Sie sind der Freund des Herrn von Rohan?« »Ich glaube es.« »Aber Sie müssen wissen, wie viel dieses Intriguenelement, das man Frau von La Mothe nennt, Antheil au seiner ärgerlichen Angelegenheit hat?« »Nein, ich will das nicht wissen.« »Doch, Sie wissen vielleicht die Folgen der Spaziergänge, welche Oliva und Frau von La Mothe mit einander gemacht haben?« »Mein Herr, es gibt Dinge, welche der kluge Mann immer nicht zu wissen suchen muß,« erwiderte Cagliostro spruchreich. »Ich werde nur noch die Ehre haben, Sie Eines zu fragen,« sagte lebhaft Herr von Crosne. Haben Sie Beweise, daß Frau von La Mothe mit Oliva correspondirte?« »Hundert.« »Welche?« »Billete von Frau von La Mothe, die sie zu Oliva mit einer Armbrust schleuderte, welche man ohne Zweifel in ihrer Wohnung finden wird. Um ein Stück Blei gewickelt, haben mehrere von diesen Billeten das Ziel nicht erreicht. Sie fielen auf die Straße, wo einige von meinen Leuten oder von mir aufgehoben wurden.« »Mein Herr, würden Sie dieselben dem Gerichte überliefern?« »Oh! sie sind von einer solchen Unschuld, daß ich mir kein Bedenken daraus machte, und daß ich deßhalb keinen Vorwurf von Seiten der Frau von La Mothe zu verdienen glaubte.« »Und ... die Beweise des Einverständnisses, der Rendezvous?« »Tausend.« »Ich bitte Sie, geben Sie mir einen einzigen.« »Den besten. Es scheint, daß es Frau von La Mothe leicht war, in mein Haus einzutreten, um Oliva zu besuchen, denn ich habe sie dort an demselben Tage gesehen, an dem die junge Frau verschwand.« »An demselben Tage?« »Alle meine Leute haben sie gesehen, wie ich.« »Ah! ... und was wollte sie, wenn Oliva verschwunden war?« »Das fragte ich mich auch sogleich, und ich konnte es mir nicht erklären. Ich hatte Frau von La Mothe aus einer Postchaise aussteigen sehen, welche in der Rue du Noi-Doré wartete. Meine Leute hatten diesen Wagen lange auf derselben Stelle halten sehen, und mein Gedanke, ich muß es gestehen, war, Frau von La Mothe wolle sich Oliva beigesellen.« »Sie ließen gewähren?« »Warum nicht? Es ist eine mildherzige und vom Schicksal begünstigte Dame, diese Frau von La Mothe. Sie wird bei Hofe empfangen. Warum sollte ich sie verhindert haben, mich von Oliva zu befreien? Ich hätte Unrecht gehabt, wie Sie sehen, da ein Anderer sie mir entführte, um sie abermals zu verderben.« »Ah!« sagte Herr von Crosne tief nachsinnend, »Mlle. Oliva war bei Ihnen einquartiert?« »Ja, mein Herr.« »Ah! Mlle. Oliva und Frau von La Mothe kannten sich, sahen sich und gingen mit einander aus?« »Ja, mein Herr.« »Ah! Frau von La Mothe ist am Tag der Entführung Oliva's bei Ihnen gesehen worden?« »Ja, mein Herr.« »Ah! Sie dachten, die Gräfin habe sich das Mädchen beigesellen wollen?« »Was sollte ich Anderes denken?« »Aber was hat Frau von La Mothe gesagt, als sie Oliva nicht mehr bei Ihnen fand?« »Sie kam mir sehr beunruhigt vor.« »Sie vermuthen, dieser Beausire habe sie entführt?« »Ich vermuthe es einzig und allein, weil Sie mir sagen, daß er sie wirklich entführt habe, sonst würde ich nichts vermuthen. Dieser Mensch wußte Oliva's Wohnung nicht, wer kann sie ihm genannt haben?« »Oliva selbst.« »Ich glaube nicht, denn statt sich von ihm aus meinem Hause entführen zu lassen, wäre sie selbst von mir zu ihm entflohen, und ich bitte Sie, zu glauben, daß er nicht in mein Hotel hereingekommen wäre, hätte ihm nicht Frau von La Mothe einen Schlüssel zustellen lassen.« »Sie hatte einen Schlüssel?« »Es läßt sich nicht daran zweifeln.« »Bitte, an welchem Tage entführte man sie?« fragte Herr von Crosne, plötzlich erleuchtet durch die Fackel, die ihm Cagliostro so geschickt reichte. »Oh! mein Herr, darin werde ich mich nicht täuschen, es war gerade am Tag vor dem Ludwigsfest.« »So ist es!« rief der Policei-Lieutenant, »so ist es! mein Herr, Sie haben dem Staat einen ausgezeichneten Dienst geleistet.« »Das macht mich sehr glücklich.« »Und Sie werden den gebührenden Dank dafür erhalten.« »Vor Allem durch mein Gewissen,« sagte der Graf. Herr von Crosne verbeugte sich. »Darf ich auf die Niederlegung der Beweise, von denen Sie sprechen, hoffen?« sagte er noch. »Mein Herr, ich gehorche den Gerichten in allen Dingen.« »Wohl, mein Herr, ich nehme Sie bei Ihrem Wort; auf die Ehre, Sie wiederzusehen!« Und er entließ Cagliostro. Während dieser wegging, sagte er: »Ah! Gräfin, ah! Natter, Du wolltest mich anklagen; ich glaube, Du hast auf die Feile gebissen; gib Acht auf Deine Zähne.«   LXXXIX. Herr von Breteuil. Während Herr von Crosne diese Unterredung mit Cagliostro hatte, erschien Herr von Breteuil in der Bastille im Auftrage des Königs, um Herrn von Rohan zu befragen. Die Zusammenkunft zwischen diesen zwei Feinden drohte stürmisch zu werden. Herr von Breteuil kannte aber den Stolz des Herrn von Rohan; er hatte ihm eine Rache abgewonnen, welche furchtbar genug war, daß er sich fortan an ein höfliches Verfahren halten konnte. Er war mehr als höflich. Herr von Rohan weigerte sich, zu antworten. Der Siegelbewahrer blieb beharrlich; doch Herr von Rohan erklärte, er werde sich auf die Maßregeln verlassen, welche das Parlament und seine Richter beschlößen. Herr von Breteuil mußte sich vor dem unerschütterlichen Willen des Angeklagten zurückziehen. Er ließ Frau von La Mothe zu sich rufen, welche eben mit der Abfassung ihrer Denkwürdigkeiten beschäftigt war; sie gehorchte voll Eifer. Herr von Breteuil erklärte ihr unumwunden ihre Lage, die sie besser als irgend Jemand kannte. Sie antwortete, sie habe Beweise von ihrer Unschuld, die sie liefern werde, wenn es nöthig sei. Herr von Breteuil bemerkte ihr, nichts könne dringlicher sein. Jeanne gab jetzt die ganze Fabel preis, welche sie zusammengesetzt hatte: es waren immer dieselben Insinuationen gegen alle Welt, dieselbe Behauptung, die Fälschungen, die man ihr zum Vorwurf mache, rühren, sie wisse nicht, woher. Sie erklärte auch, da das Parlament die Sache in die Hände genommen, so werde sie nichts absolut Wahres mehr, außer in Gegenwart des Cardinals und nach den Anschuldigungen, die er gegen sie erhebe, sprechen. Herr von Breteuil sagte ihr sodann, der Cardinal lasse Alles auf ihr lasten. »Alles?« versetzte Jeanne, »selbst den Diebstahl?« »Selbst den Diebstahl!« »Wollen Sie dem Herrn Cardinal erwidern,« sagte Jeanne mit kaltem Tone, »ich lasse ihn ermahnen, nicht länger ein so schlechtes Vertheidigungssystem zu behaupten.« Und dieß war Alles. Doch Herr von Breteuil fühlte sich nicht befriedigt. Er brauchte einige geheime Einzelheiten. Er brauchte für seine Logik den Ausspruch der Ursachen, welche den Cardinal zu so großen Verwegenheiten gegen die Königin, die Königin zu einem solchen Zorn gegen den Cardinal geführt hatten. Er brauchte die Erläuterungen aller vom Herrn Grafen von Provence gesammelten und in den Zustand öffentlicher Gerüchte übergegangenen Protocolle. Der Siegelbewahrer war ein Mann von Geist, er verstand es, auf den Character einer Frau zu wirken; er versprach Frau von La Mothe Alles, wenn sie unumwunden Jemand bezüchtigte. »Nehmen Sie sich in Acht,« sprach er zu ihr, »indem Sie nichts sagen, bezüchtigen Sie die Königin; nehmen Sie sich in Acht, wenn Sie hiebei beharren, werden Sie als der Majestätsbeleidigung schuldig verurtheilt; das ist die Schande, das ist der Strang.« »Ich klage die Königin nicht an,« erwiderte Jeanne, »doch warum klagt man mich an?« »So bezüchtigen Sie Jemand,« sprach der unbeugsame Breteuil; »Sie haben nur dieses Mittel, um sich frei zu machen.« Sie verschloß sich in ein kluges Stillschweigen, und diese erste Zusammenkunft zwischen ihr und dem Siegelbewahrer hatte kein Resultat. Indessen verbreitete sich das Gerücht, es haben sich Beweise erhoben; die Diamanten seien in England verkauft worden, wo man Herrn Reteau von Billette durch die Agenten des Herrn von Vergennes verhaftete. Der erste Sturm, den Jeanne auszuhalten hatte, war furchtbar. Mit Reteau confrontirt, den sie für ihren Verbündeten bis zum Tod halten mußte, hörte sie diesen zu ihrem Schrecken ganz demüthig gestehen, er sei ein Fälscher, er habe einen Empfangschein für die Diamanten, einen Schuldbrief der Königin geschrieben und zugleich die Unterschrift der Juweliere und Ihrer Majestät gefälscht. Befragt, aus welchem Beweggründe er diese Verbrechen begangen, antwortete er, es sei auf das Verlangen von Frau von La Mothe geschehen. Verwirrt, wüthend, vertheidigte sie sich wie eine Löwin; sie behauptete, Herrn Reteau von Villette nie gesehen, nie gekannt zu haben. Doch hier erhielt sie zwei harte Stöße; zwei Zeugnisse schmetterten sie nieder. Das erste kam von einem durch Herrn von Crosne aufgefundenen Fiakerkutscher, welcher erklärte, er habe an dem von Reteau bezeichneten Tag und zu der von ihm genannten Stunde eine so gekleidete Dame nach der Rue Montmartre geführt. Diese Dame, welche sich mit so vielen Geheimnissen umgab, die der Kutscher im Quartier Marais aufgenommen, wer konnte sie anders sein als Frau von La Mothe, die in der Rue Saint-Claude wohnte? Und was die Vertraulichkeit betrifft, welche zwischen diesen zwei Schuldgenossen bestand, wie ließ sie sich leugnen, wenn ein Zeuge behauptete, er habe am Tag vor dem Ludwigsfeste auf dem Bock einer Postchaise, aus der Frau von La Mothe ausgestiegen, Herrn Reteau von Villette gesehen, welcher an seinem bleichen, ängstlichen Gesichte kenntlich gewesen? Der Zeuge war einer der ersten Diener des Herrn von Cagliostro. Dieser Name machte Jeanne aufspringen und trieb sie zum Aeußersten. Sie verbreitete sich in Anklagen gegen Cagliostro, von dem sie erklärte, er habe durch seine Hexereien und Zaubermittel den Geist des Cardinals von Rohan geblendet und diesem dadurch strafbare Gedanken gegen die königliche Majestät eingegeben. Dieß war der erste Ring von der Kette der Anklage auf Ehebruch. Herr von Rohan vertheidigte sich, indem er Cagliostro vertheidigte. Er leugnete Alles, was Beziehung auf die Königin hatte. Er leugnete so hartnäckig, daß Jeanne, außer sich, zum ersten Mal die Bezüchtigung einer wahnsinnigen Liebe des Cardinals für die Königin aussprach. Herr von Cagliostro verlangte sogleich eingesperrt zu werden, was er auch erhielt, um für seine Unschuld gegen Jedermann zu bürgen. Ankläger und Richter entflammten sich, wie dieß geschieht, bei dem ersten Hauche der Wahrheit, und die öffentliche Meinung nahm unmittelbar für den Cardinal und für Cagliostro gegen die Königin Partei. Da geschah es, daß diese unglückliche Fürstin, um ihre Beharrlichkeit in Verfolgung des Processes begreiflich zu machen, die an den König über die nächtlichen Spaziergänge erstatteten Berichte veröffentlichen ließ, und, hierüber an Herrn von Crosne appellirend, diesen aufforderte, zu erklären, was er wußte. Geschickt berechnet, fiel der Schlag auf Jeanne, und hätte sie beinahe auf immer vernichtet. Der Verhörrichter forderte in vollem Instructionsrath Herrn von Rohan auf, zu erklären, was er von den Promenaden in den Gärten von Versailles wisse. Der Cardinal erwiderte, er verstehe nicht zu lügen und berufe sich auf das Zeugniß der Frau von La Mothe. Diese leugnete, daß je Promenaden mit ihrer Theilnahme oder ihrem Wissen vorgekommen seien. Sie erklärte die Protocolle und Berichte, welche aussagten, sie sei in den Gärten in Gesellschaft der Königin oder des Cardinals erschienen, für eitel Lügen. Diese Erklärung sprach die Unschuld der Königin aus, wenn es möglich gewesen wäre, an die Worte einer des Diebstahls und der Fälschung bezüchtigten Frau zu glauben. Doch von dieser Seite kommend, schien die Rechtfertigung ein Act der Gefälligkeit zu sein, und die Königin ertrug es nicht, auf diese Weise gerechtfertigt zu werden. Als Jeanne am Stärksten schrie, sie sei nie nächtlicher Weise im Garten von Versailles erschienen, und nie habe sie etwas von den Privatangelegenheiten der Königin und des Cardinals gesehen oder erfahren, da erschien Oliva, ein lebendiges Zeugniß, das die Meinung veränderte und das ganze Gerüste der von der Gräfin aufgehäuften Lügen zerstörte. Wie wurde sie nicht unter den Trümmern begraben, wie erhob sie sich wieder gehässiger und schrecklicher als je? Wir erklären uns diese Erscheinung nur durch ihren Willen, wir erklären uns dieselbe nur durch den unseligen Einfluß, der sich an Marie Antoinette anhing. Oliva mit dem Cardinal confrontirt, welch ein furchtbarer Schlag! Herr von Rohan bemerkte endlich, daß er auf eine schändliche Weise betrogen worden war; dieser Mann voll Zartgefühl und voll edler Leidenschaften mußte entdecken, daß eine Abenteurerin in Verbindung mit einer Spitzbübin ihn dahin gebracht, daß er ganz laut die Königin von Frankreich verachtet hatte, eine Frau, die er liebte und die nicht schuldig war! Die Wirkung dieser Erscheinung auf Herrn von Rohan wäre, wenn wir wollten, die dramatischste und gewichtigste Scene dieser Angelegenheit, würden wir nicht, indem wir uns der Geschichte näherten, in den Koth, in das Blut und das Entsetzen fallen. Als Herr von Rohan Oliva, diese Königin von der Straßenecke, sah und sich der Rose, des Händedrucks und der Apollo- Bäder erinnerte, da erbleichte er, und er hätte all sein Blut zu den Füßen von Marie Antoinette vergossen, würde er sie in diesem Augenblick an der Seite der Andern gesehen haben. Welche Verzeihungen, welche Gewissensbisse sprangen aus seiner Seele hervor, um mit seinen Thränen hinzugehen und die letzten Stufen dieses Thrones zu reinigen, wo er eines Tages seine Geringschätzung nebst der Sehnsucht einer verachteten Liebe ergossen hatte! Doch auch dieser Trost war ihm versagt; doch er konnte die Identität Oliva's nicht annehmen, ohne zu gestehen, er liebe die wahre Königin; doch das Geständniß seines Irrthums selbst war eine Anschuldigung, eine Befleckung. Er ließ Jeanne Alles leugnen und schwieg. Und als Herr von Breteuil mit Herrn von Crosne Jeanne nöthigen wollte, sich weiter zu erklären, sprach sie: »Das beste Mittel, zu beweisen, daß die Königin nicht in der Nacht im Parke spazieren gegangen, ist, eine Frau zu zeigen, die der Königin gleicht und behauptet, sie sei im Park gewesen. Man zeigt sie; es ist gut.« Diese schändliche Insinuation hatte günstigen Erfolg, sie entkräftete noch einmal die Wahrheit. Als aber Oliva in ihrer treuherzigen Angst alle Einzelheiten angab und alle Beweise lieferte, als sie nichts ausließ, als sie es dahin brachte, daß man ihr viel mehr glaubte, als der Gräfin, da nahm Jeanne ihre Zuflucht zu einem verzweifelten Mittel: sie gestand. Sie gestand, sie habe den Cardinal nach Versailles geführt, Seine Eminenz habe um jeden Preis die Königin sehen und ihr die Versicherung seiner ehrfurchtsvollen Zuneigung geben wollen; sie gestand, weil sie hinter sich eine ganze Partei fühlte, die sie nicht hatte, wenn sie beim Leugnen verblieb; sie gestand, weil sie, indem sie die Königin anschuldigte, alle Feinde der Königin, und ihre Zahl war groß, zum Beistand für sich gewann. Da wechselten zum zehnten Mal die Rollen in diesem höllischen Proceß: der Cardinal spielte die eines Bethörten, Oliva die einer gemeinen Dirne ohne Poesie und ohne Verstand, Jeanne die einer Intrigantin; sie konnte sich keine bessere wählen. Doch um diesen niederträchtigen Plan gelingen zu machen, mußte die Königin auch eine Rolle darin spielen: man gab ihr die gehässigste, die verworfenste, wodurch die königliche Würde am meisten an den Pranger gestellt wurde, die Rolle einer unbesonnenen Cokette, einer Grisette, welche Mystificationen anzettelt. Marie Antoinette wurde Dorimene, wie sie mit Frosine gegen Herrn Jourdain, den Cardinal, sich verschwört. Jeanne erklärte, diese Promenaden haben mit dem Gutheißen von Marie Antoinette stattgefunden, welche hinter einer Hagenbuche sich halb todt gelacht habe, all sie die leidenschaftlichen Reden des verliebten Herrn von Rohan gehört. Diese letzte Verschanzung wählte die Diebin, welche nicht mehr wußte, wo sie ihren Diebstahl verbergen sollte; dieß war der königliche Mantel, gemacht aus der Ehre von Maria Theresia und Maria Leczinska. Die Königin erlag dieser letzten Anschuldigung, denn sie konnte ihre Falschheit nicht beweisen, sie konnte sie nicht beweisen, weil Jeanne, auf das Aeußerste getrieben, erklärte, sie würde alle von Herrn von Rohan an die Königin geschriebenen Liebesbriefe veröffentlichen, und weil sie in der That diese von wahnsinniger Liebe glühenden Briefe besaß. Sie konnte es nicht, weil Mademoiselle Oliva, welche von Jeanne in den Part geführt worden zu sein behauptete, keinen Beweis hatte, daß Jemand hinter den Hagebuchen gehorcht oder nicht gehorcht. Endlich konnte die Königin ihre Unschuld nicht beweisen, weil zu viele Personen ein Interesse hatten, diese schändlichen Lügen für die Wahrheit zu nehmen. XC. Eine letzte Hoffnung. Bei der Wendung, welche Jeanne der Sache gegeben hatte, wurde es, wie man sieht, unmöglich, die Wahrheit zu entdecken. Auf eine unverwerfliche Weise durch zwanzig von glaubwürdigen Personen herrührende Zeugschaften des Diamanten-Diebstahls überwiesen, konnte sich Jeanne nicht entschließen, für eine gemeine Diebin zu gelten. Sie bedurfte der Schande von irgend Jemand an der Seite der ihrigen. Sie überredete sich, der Lärm von dem Scandal in Versailles werde ihr eigenes Verbrechen so vollständig übertäuben, daß im Fall einer Verurtheilung der Spruch hauptsächlich die Königin treffen müßte. Ihre Berechnung war gescheitert. Die Königin, indem sie offen die Debatte über die doppelte Ungelegenheit annahm, der Cardinal, indem er sich seinem Verhör, den Richtern und dem Scandal unterzog, raubten ihrer Feindin die Glorie der Unschuld, die sie mit allen ihren heuchlerischen Zurückhaltungen zu vergolden sich gefallen hatte. Aber eine seltsame Erscheinung! Das Publicum sollte vor seinen Augen einen Proceß sich entrollen sehen, in dem Niemand unschuldig wäre, selbst nicht diejenigen, welche die Gerichte freisprechen würden. Nach zahllosen Confrontationen, in denen der Cardinal beständig ruhig und artig blieb, selbst gegen Jeanne, während diese sich heftig und bösartig gegen Alle geberdete, war die öffentliche Meinung im Allgemeinen und die der Richter in's Besondere unwiderruflich festgestellt. Alle Zwischenfälle waren beinahe unmöglich geworden, alle Offenbarungen waren erschöpft. Jeanne bemerkte, daß sie keine Wirkung auf ihre Richter hervorgebracht hatte. Sie faßte in der Stille des Kerkers alle ihre Kräfte, alle ihre Hoffnungen zusammen. Von Allem, was Herrn Breteuil umgab oder ihm diente, kam Jeanne der Rath zu, die Königin zu schonen und den Cardinal mitleidslos im Stich zu lassen. Von Allem, was mit dem Cardinal in Berührung stand, einer mächtigen Familie, für die volksthümliche Sache parteiischen Richtern, einer an Mitteln fruchtbaren Geistlichkeit, kam Frau von La Mothe der Rath zu, die volle Wahrheit zu sagen, die Intriguen des Hofes zu entlarven und den Lärm auf einen Grad zu treiben, daß daraus eine für die gekrönten Häupter tödtliche Betäubung erfolgte. Diese Partei suchte Jeanne einzuschüchtern, sie stellte ihr abermals vor, was sie nur zu gut wußte, nämlich, daß die Mehrzahl der Richter sich auf die Seite des Cardinals neige, daß sie ohne Nutzen in dem Kampf scheitern und in Stücke gehen werbe, und man fügte bei, halb verloren, wie sie sei, wäre es besser für sie, sich wegen der Sache der Diamanten verurtheilen zu lassen, als Verbrechen der Majestätsbeleidigung aufzurühren, einen blutigen, im Grunde der Feudalgesetzbücher eingeschlafenen Schlamm, den man nie an die Oberfläche eines Processes rufe, ohne auch zugleich den Tod aufsteigen zu machen. Diese Partei schien ihres Sieges gewiß. Sie war es. Die Begeisterung des Volks gab sich mit dieser zu Gunsten des Cardinals kund. Die Männer bewunderten seine Geduld und die Frauen seine Discretion. Die Männer waren darüber entrüstet, daß man ihn so schändlich hintergangen; die Frauen wollten es nicht glauben. Oliva, obgleich sie lebte, existirte für eine Anzahl Leute mit ihrer Aehnlichkeit und ihren Geständnissen gar nicht, oder wenn sie existirte, so hatte die Königin sie ausdrücklich für diesen Umstand erfunden. Jeanne überlegte dieß Alles. Ihre Advocaten selbst verließen sie, ihre Richter verhehlten ihren Widerwillen nicht; die Rohan belasteten sie kräftig; die öffentliche Meinung verachtete sie. Sie beschloß einen letzten Schlag zu thun, um ihren Richtern Unruhe, den Freunden des Kardinals Angst einzuflößen, und den öffentlichen Haß gegen Marie Antoinette noch mehr aufzustacheln. Ihr Mittel in Beziehung auf den Hof sollte folgendes sein: Glauben machen, sie habe fortwährend die Königin geschont, und sie würde Alles entschleiern, wenn man sie auf das Aeußerste triebe. In Beziehung auf den Cardinal mußte sie glauben machen, sie behaupte ihr Stillschweigen nur, um seine Zartheit nachzuahmen; doch sobald er spräche, würde sie, durch dieses Beispiel ihrer Pflicht entbunden, auch sprechen, und alle Beide würden zugleich ihre Unschuld und die Wahrheit enthüllen. Das war wirklich nur ein Inbegriff ihres Benehmens während der Instruction des Processes. Doch ist es nicht zu leugnen, alle bekannte Gerüchte lassen sich durch neue Würze verjüngen. Man vernehme, was die Gräfin ersann, um ihre zwei Stratageme aufzufrischen. Sie schrieb an die Königin einen Brief, dessen Ausdrücke allein seinen Character und seine Tragweite enthüllen können: »Madame, »Was meine Lage auch Peinliches und Hartes hat, es ist mir doch nicht eine Klage entschlüpft. Alle Winkelzüge und Schleichwege, deren man sich bedient, um mir Geständnisse zu erpressen, haben nur dazu beigetragen, mich zu bestärken in dem Entschluß, meine Gebieterin nicht bloßzustellen . »So sehr ich aber überzeugt bin, daß meine Beharrlichkeit und meine Verschwiegenheit mir die Mittel erleichtern müssen, der Verlegenheit zu entkommen, in der ich mich befinde, so bekenne ich doch, daß die Anstrengungen der Familie des Sclaven (so nannte die Königin den Cardinal in den Tagen ihrer Versöhnung) mich befürchten lassen, daß ich ihr Opfer werde. »Eine lange Haft, Confrontationen, welche kein Ende nehmen, die Scham und die Verzweiflung, daß ich mich eines Verbrechens bezüchtigt sehe, dessen ich nicht schuldig bin, haben meinen Muth geschwächt, und ich habe bange, meine Standhaftigkeit könnte so vielen gleichzeitigen Schlägen erliegen. »Madame könnte dieser unglücklichen Angelegenheit mit einem einzigen Wort ein Ziel setzen durch die Vermittlung des Herrn von Breteuil, der ihr in den Augen des Ministers (des Königs) die Wendung zu geben im Stande ist, die ihm sein Verstand einflüstern wird, ohne daß Madame auf irgend eine Weise bloßgestellt ist. Die Furcht, ich dürfte genöthigt sein, Alles zu enthüllen , veranlaßt mich zu dem Schritt, den ich heute in der Ueberzeugung thue, Madame werde die Beweggründe berücksichtigen, die mich zwingen, meine Zuflucht hiezu zu nehmen, und sie werde Befehle geben, mich der schmerzlichen Lage zu entziehen, in der ich mich befinde. »Ich bin mit tiefer Ehrfurcht Eurer Majestät unterthänigste Dienerin, Gräfin Valois von La Mothe .« Jeanne hatte, wie man sieht, Alles berechnet. Entweder würde der Brief an die Königin gelangen und sie durch die Beharrlichkeit, die er nach so vielen Querzügen verrieth, erschrecken, und dann würde sich die Königin, die des Kampfes müde sein müßte, entschließen, der Sache durch die Freilassung Jeanne's ein Ende zu machen, da ihre Haft und ihr Proceß zu nichts geführt hatten. Oder, was noch viel wahrscheinlicher und durch das Ende des Briefes selbst dargethan ist, Jeanne zahlte in keiner Hinsicht auf den Brief, und das ist leicht zu erweisen: denn so in den Proceß hinein versetzt, konnte die Königin nichts aufhalten, ohne sich selbst zu verurtheilen. Es ist also augenscheinlich, daß Jeanne nie darauf gerechnet hatte, der Brief würde der Königin übergeben werden. Sie wußte, daß alle ihre Wächter dem Gouverneur der Bastille, das heißt Herrn von Breteuil ergeben waren. Sie wußte, daß alle Welt in Frankreich aus der Halsband-Sache eine ganz politische Speculation machte, was seit den Parlamenten des Herrn von Maupeou nicht mehr geschehen. Es war gewiß, daß der Bote, den sie mit diesem Briefe beauftragte, wenn er ihn nicht dem Gouverneur gab, ihn für sich oder für die Richter von seiner Meinung behalten würde. Sie hatte endlich Alles so eingerichtet, daß dieser Brief, in irgend welche Hände fallend, darin einen Sauerteig von Haß, Verachtung und Unehrerbietigkeit gegen die Königin niederlegte. Zu gleicher Zeit, da sie diesen Brief an die Königin schrieb, faßte sie einen anderen an den Cardinal ab: »Ich kann nicht begreifen, Monseigneur, warum Sie sich hartnäckig weigern, klar zu sprechen. Mir scheint, Sie können nichts Besseres thun, als unseren Richtern ein unbegrenztes Vertrauen gewähren: unser Loos würde sich glücklicher gestalten. Ich meines Theils bin entschlossen, zu schweigen, wenn Sie mir nicht beistehen wollen. Doch warum sprechen Sie nicht? Erklären Sie alle Umstände dieser geheimnißvollen Angelegenheit, und ich schwöre Ihnen, daß ich Alles bestätige, was Sie behaupten werden, bedenken Sie wohl, Herr Cardinal, wenn ich es auf mich nehme, zuerst zu sprechen, und Sie in Abrede ziehen, was ich sagen dürfte, so bin ich verloren, so werde ich der Rache derjenigen nicht entgehen, welche uns aufopfern will. »Doch Sie haben nichts Aehnliches von meiner Seite zu befürchten, meine Ergebenheit ist Ihnen bekannt. Sollte sie unversöhnlich sein, so wäre Ihre Sache immer die meinige; ich würde Alles opfern, um Sie den Wirkungen ihres Hasses zu entziehen, oder unsere Ungnade wäre eine gemeinschaftliche. »N.S. Ich habe einen Brief an sie geschrieben, der sie hoffentlich bestimmen wird, wenn nicht die Wahrheit zu sagen, doch wenigstens uns nicht zu erdrücken, da wir uns kein anderes Verbrechen vorzuwerfen haben, als unsern Irrthum oder unser Stillschweigen.« Diesen künstlichen Brief übergab sie dem Cardinal bei ihrer letzten Confrontation im großen Sprachzimmer der Bastille, und man sah den Cardinal einer solchen Frechheit gegenüber erröthen. erbleichen, beben. Er ging hinaus, um Athem zu schöpfen. Den Brief an die Königin übergab die Gräfin in demselben Augenblick dem Abbé Lekel, Almosenier der Bastille, der den Cardinal in's Sprachzimmer begleitet hatte und den Interessen der Rohan ergeben war. »Mein Herr,« sagte sie zu ihm, »Sie können, indem Sie diesen Auftrag vollziehen, eine Aenderung im Schicksal des Herrn von Rohan und in dem meinigen herbeiführen. Nehmen Sie Kenntniß von dem, was er enthält. Sie sind ein durch seine Pflichten zur Verschwiegenheit verbundener Mann. Sie werden sehen, daß ich an der einzigen Thüre angeklopft habe, wo wir, der Cardinal und ich, Hilfe suchen können. Der Almosenier weigerte sich. »Sie sehen keinen andern Geistlichen als mich,« erwiderte er, »Ihre Majestät wird glauben, Sie haben meinen Rathschlägen gemäß geschrieben, und Sie haben mir alles gestanden; ich kann mich nicht selbst ins Verderben stürzen.« »Nun wohl!« sprach Jeanne, am Gelingen ihrer List verzweifelnd, während sie jedoch den Cardinal durch die Einschüchterung zwingen wollte, »sagen Sie dem Herrn Cardinal, es bleibe mir ein Mittel, meine Unschuld zu beweisen, nemlich wenn ich die Briefe lesen lasse, die er an die Königin geschrieben hat. Es widerstrebte mir, von diesem Mittel Gebrauch zu machen; doch in unserem gemeinschaftlichen Interesse werde ich mich hiezu entschließen.« Und als sie den Almosenier über diese Drohung erschrocken sah, versuchte sie es zum letzten Mal, ihm ihren furchtbaren Brief an die Königin in die Hand zu schieben. »Nimmt er den Brief,« sagte sie zu sich selbst, »so bin ich gerettet, weil ich ihn dann in voller Sitzung frage, was er damit gemacht, ob er ihn der Königin übergeben und sie aufgefordert habe, darauf zu antworten; hat er ihn nicht übergeben, so ist die Königin verloren; das Zögern der Rohan wird ihr Verbrechen und meine Unschuld bewiesen haben.« Doch kaum hatte der Abbé Lekel den Brief in den Händen, so gab er ihr denselben zurück, als ob er ihn brennte. »Bedenken Sie wohl, daß sie keine Gefahr laufen,« sagte Jeanne bleich vor Zorn, »ich habe den Brief der Königin in einem Umschlag unter der Adresse der Frau von Misert verborgen.« »Ein Grund mehr!« rief der Abbé, »zwei Personen würden das Geheimiß erfahren. Ein doppeltes Motiv des Unwillens für die Königin. Nein, nein, ich thue es nicht.« Und er stieß dis Finger der Gräfin zurück. »Bemerken Sie wohl,« sagte sie, »Sie treiben mich so weit, daß ich von den Briefen des Herrn von Rohan Gebrauch mache.« »Gut,« erwiderte der Abbé, »machen sie davon Gebrauch, Madame.« »Aber,« sprach Jeanne zitternd vor Wuth, »da ich Ihnen erkläre, daß der Beweis eines geheimen Briefwechsels mit Ihrer Majestät den Kopf des Cardinals auf einem Schaffot fallen macht, steht es Ihnen frei, zu sagen: Gut! ... Ich werde Sie gewarnt haben.« Die Thüre öffnete sich wieder, der Cardinal erschien stolz und zornmüthig auf der Schwelle und rief: »Lassen Sie das Haupt eines Rohan auf einem Schaffot fallen, Madame, es wird nicht das erste Mal sein, daß die Bastille dieses Schauspiel gesehen hat. Doch da dem so ist, erkläre ich Ihnen, daß ich dem Schaffot, auf das mein Kopf rollt, nichts zum Vorwurf machen werde, wenn ich nur das Gerüste sehe, auf dem man Sie als Diebin und Fälscherin brandmarken wird. Kommen Sie, Abbé, kommen Sie.« Nach diesen niederschmetternden Worten wandte er Jeanne den Rücken zu, ging mit dem Almosenier hinaus und überließ diese Unglückliche, welche keine Bewegung machen konnte, ohne immer tiefer in den Koth zu gerathen, in dem sie bald ganz versinken sollte, ihrer Wuth und Verzweiflung. XCI. Die Taufe des kleinen Beausire. Frau von La Mothe hatte sich in allen ihren Berechnungen geirrt. Cagliostro irrte sich in keiner. Kaum in der Bastille, bemerkte er, daß ihm der Vorwand gegeben war, endlich offen auf den Untergang dieser Monarchie hinzuwirken, die er seit so vielen Jahren durch Illuminismus und verborgene Arbeiten untergrub. Sicher, in nichts überwiesen zu werden, zu der für seine Absichten günstigsten Entwickelung gelangt, hielt er gewissenhaft sein Versprechen gegen alle Welt. Er bereitete die Materialien zu dem von London datirten berüchtigten Brief vor, der einen Monat nach der Epoche, die wir erreicht haben, erschien und der erste Stoß des Sturmbocks gegen die alten Mauern der Bastille war, die erste Feindseligkeit der Revolution, der erste materielle Angriff, der dem vom 14. Juli 1789 vorherging. In diesem Brief, worin Cagliostro, nachdem er König, Königin, Cardinal, öffentliche Agioteurs zu Grunde gerichtet hatte, Herrn von Breteuil, der Personification der ministeriellen Tyrannei, das Verderben bereitete, drückte sich unser Zerstörer also aus: »Ja, ich wiederhole es frei, nachdem ich es als Gefangener gesagt habe, es gibt kein Verbrechen, das nicht durch sechs Monate in der Bastille abgebüßt wird. Es fragte mich Jemand, ob ich je nach Frankreich zurückkehren werde? Sicherlich, antwortete ich, unter der Bedingung, daß die Bastille eine öffentliche Promenade geworden ist. Möge es Gottes Wille sein! Ihr habt Alles, was man braucht, um glücklich zu sein, Ihr Franzosen: einen fruchtbaren Boden, ein mildes Klima, ein gutes Herz, eine allerliebste Heiterkeit, Genie und Anmuth; Ihr seid zu Allem brauchbar, ohne Gleichen in der Kunst zu gefallen, ohne Meister in den andern Künsten; es fehlt Euch, meine Freunde, nur ein kleiner Punkt, nemlich die Gewißheit in Eurem eigenen Bette zu schlafen, wenn Ihr Euch in Nichts vergangen habt.« Cagliostro hatte sein Wort auch Oliva gehalten. Diese war ihrerseits gewissenhaft treu. Es entschlüpfte ihr kein Wort, das ihren Gönner bloßstellte. Ihre Geständnisse waren nur für Frau von La Mothe verderblich und stellten auf eine unumwundene und unverwerfliche Weise ihre unschuldige Theilnahme an einer Mystification heraus, bei der es, nach ihrer Aussage, auf einen unbekannten Cavalier abgesehen war, den man ihr unter dem Namen Louis bezeichnet hatte. Während der Zeit, die für die Gefangenen unter Schloß und Riegel und in den Verhören verlaufen war, hatte Oliva ihren theuren Beausire nicht wieder gesehen, sie war jedoch nicht ganz von ihm verlassen, und sie besaß, wie man sehen wird, von ihrem Geliebten ein Andenken, daß sich Dido wünschte, als sie träumend sprach: »Ach! wenn es mir vergönnt wäre, auf meinem Schooße einen kleinen Ascan spielen zu sehen!« Im Monat Mai des Jahres 1776 wartete ein Mann mitten unter den Armen auf den Stufen des Portals in der Rue Saint-Antoine. Er war unruhig, keuchend, und schaute, ohne die Augen abwenden zu können, nach der Bastille. In seine Nähe stellte sich ein Mann mit langem Bart, einer von den deutschen Dienern Cagliostro's, derjenige, welchen der Graf als Kämmerer bei seinen geheimnißvollen Aufnahmen im alten Hause der Rue Saint-Claude benützte. Dieser Mann hemmte die stürmische Ungeduld Beausire's und sagte leise zu ihm: »Warten Sie, warten Sie, sie werden kommen.« »Ah!« rief der unruhige Mann, »Sie sind es!« Und da das sie werden kommen , wie es scheint, den unruhigen Mann nicht befriedigte, da dieses mehr als vernünftig zu gesticuliren fortfuhr, sagte ihm der Deutsche in's Ohr: »Herr Beausire, Sie machen so viel Lärm, daß uns die Policei sehen wird. Mein Herr versprach Ihnen Nachrichten, ich gebe Ihnen.« »Geben Sie, geben Sie, mein Freund.« »Leise ... Mutter und Kind befinden sich wohl.« »Oh! oh!« rief Beausire in unbeschreiblichem Entzücken, »sie ist entbunden! sie ist gerettet!« »Ja, mein Herr; doch ich bitte, treten Sie auf die Seite.« »Von einem Mädchen?« »Nein, mein Herr, von einem Knaben.« »Desto besser! Oh! mein Freund, wie glücklich bin ich, wie glücklich bin ich! Danken Sie Ihrem Herrn, sagen Sie ihm, mein Leben, Alles, was ich habe, gehöre ihm.« »Ja, Herr Beausire, ja, ich werde ihm das sagen, wenn ich ihn sehe.« »Mein Freund, warum sagten Sie mir vorhin ... Doch nehmen Sie diese zwei Louisd'or.« »Ich nehme nur von meinem Herrn an.« »Oh! verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht beleidigen.« »Ich glaube es. Doch Sie sagten mir? ...« »Ah! ich fragte Sie, warum Sie vorhin ausgerufen: »»Sie werden kommen!«« Wer wird kommen, wenn's beliebt?« »Ich meinte den Wundarzt der Bastille und Frau Chopin, die Hebamme, welche Mlle. Oliva entbunden haben.« »Sie werden hierher kommen? Warum?« »Um das Kind taufen zu lassen.« »Ich werde mein Kind sehen!« rief Beausire, indem er wie ein Verzückter in die Höhe sprang. »Sie sagen, ich werde den Sohn Oliva's sehen? hier, sogleich?« »Hier, sogleich; doch ich bitte Sie inständig, mäßigen Sie sich; sonst werden die Agenten des Herrn von Crosne, die ich unter den Lumpen dieser Bettler verborgen errathe, Sie entdecken und wittern, daß Sie mit den Gefangenen der Bastille in Verbindung gestanden sind. Sie stürzen sich selbst in's Verderben und gefährden meinen Herrn.« »Oh!« rief Beausire mit der Religion der Ehrfurcht und Dankbarkeit, »eher sterben, als eine Sylbe aussprechen, welche meinem Wohlthäter schaden könnte. Ich werde ersticken, wenn es sein muß, aber ich sage nichts mehr. Sie kommen nicht! ...« »Geduld!« Beausire näherte sich dem Deutschen und fragte, die Hände faltend: »Ist sie ein wenig glücklich dort?« »Vollkommen glücklich,« erwiderte der Andere. »Oh! hier kommt ein Fiaker.« »Ja, ja.« »Er hält an.« »Ich sehe Weißes, Spitzen ...« »Das Taufzeug des Kindes.« »Guter Gott!« rief Beausire. Und er war genöthigt, sich an eine Säule anzulehnen, um nicht zu wanken, als er aus dem Fiaker die Hebamme, den Wundarzt und einen Schließer der Bastille aussteigen sah, der bei dieser Veranlassung als Zeuge diente. Als diese drei Personen vorübergingen, geriethen die Bettler in Bewegung und näselten ihre Forderungen. Man sah nun seltsamer Weise den Pathen und die Pathin diese Elenden mit dem Ellenbogen stoßen und weiter schreiten, während ein Fremder, vor Freude weinend, seine Münze und seine Thaler unter sie vertheilte. Als dann der kleine Zug in der Kirche eingetreten war, trat Beausire hinter ihnen mit den Priestern und den Neugierigen ein und suchte sich den besten Platz in der Sacristei aus, wo das Sacrament der Taufe vollzogen werden sollte. Sobald der Priester die Hebamme und den Wundarzt erkannte, welche schon mehrere Male unter ähnlichen Umständen seine Dienste in Anspruch genommen hatten, nickte er ihnen freundlich lächelnd zu. Beausire grüßte und lächelte mit dem Priester. Die Thüre schloß sich, der Priester nahm seine Feder und fing an in sein Register die sacramentlichen Phrasen zu schreiben, welche den Act der Einregistrirung bilden. Als er nach dem Namen und Vornamen des Kindes fragte, antwortete der Wundarzt: »Es ist ein Knabe, mehr weiß ich nicht.« Und ein Gelächter punktirte diese Erklärung, was Beaustre nicht sehr ehrerbietig vorkam. »Es hat doch einen Namen und wäre es der irgend eines Heiligen.« »Ja, es war der Wille der Demoiselle, daß es den Namen Toussaint Alle Heiligen. bekommen solle.« »Dann hat es den aller Heiligen!« sagte der Priester lachend über sein Wortspiel, was die Sacristei mit neuer Heiterkeit erfüllte. Beausire fing an die Geduld zu verlieren, doch der weise Einfluß des Deutschen hielt ihn noch zurück. Er bewältigte sich. »Nun,« sagte der Priester, »mit diesem Vornamen, mit allen Heiligen als Patronen, kann man eines Vaters entbehren. Schreiben wir: »»Es ist uns heute ein Kind männlichen Geschlechts, geboren gestern in der Bastille, vorgewiesen worden; Sohn von Nicole Oliva Legay und von ... Vater unbekannt.««« Beausire sprang wüthend an die Seite des Priesters, packte ihn beim Faustgelenke und rief: »Toussaint hat einen Vater, wie er eine Mutter hat. Er hat einen zärtlichen Vater, der sein Blut nicht verleugnen wird. Ich bitte Sie, schreiben Sie, daß Toussaint, gestern geboren von Nicole Oliva Legay, der Sohn von dem hier gegenwärtigen Jean Baptiste Toussaint von Beausire ist!« Man denke sich das Erstaunen des Priesters, des Pathen und der Pathin. Die Feder entfiel den Händen des Ersten, das Kind wäre beinahe aus den Händen der Hebamme gefallen. Beausire empfing es in den seinigen, bedeckte es mit gierigen Küssen und ließ auf die Stirne des armen Kleinen die erste Taufe, die heiligste in dieser Welt nach der, welche von Gott kommt, die Taufe der väterlichen Thränen fallen. Obgleich an dramatische Scenen gewöhnt und trotz des den wahren Voltairianern dieser Zeit anklebenden Skepticismus, waren die Anwesenden gerührt. Der Priester allein behauptete seine Kaltblütigkeit und zog die Vaterschaft in Zweifel. Vielleicht ärgerte es ihn, daß er seine Schreibereien wieder anfangen mußte. Doch Beausire errieth die Schwierigkeit; er legte auf den Taufstein drei Louisd'or, welche viel besser, als seine Thränen, sein Vaterrecht begründeten und seine Glaubwürdigkeit an's Licht stellten. Der Priester verbeugte sich, hob die zwei und siebenzig Livres auf und durchstrich die zwei Sätze, die er spottend in sein Register eingeschrieben hatte. »Nur, mein Herr,« sagte er, »nur, da die Erklärung des Herrn Wundarztes der Bastille und der Frau Chopin eine förmliche gewesen ist, werden Sie die Güte haben, selbst zu schreiben und zu beurkunden, daß Sie sich als Vater dieses Kindes erklären.« »Ich!« rief Beausire, in der höchsten Freude, »ich würde mit meinem Blute schreiben.« Und er ergriff die Feder voll Begeisterung. »Nehmen Sie sich in Acht,« sagte ganz leise der Schließer Guyon, der seine Rolle als bedenklicher Mann nicht vergessen hatte, zu ihm: »Ich glaube, mein lieber Herr, Ihr Name klingt schlecht an gewissen Orten; es ist gefährlich, ihn in die öffentlichen Register einzuschreiben mit einem Datum, das zugleich den Beweis von Ihrer Gegenwart und von Ihrem Umgang mit einer Angeklagten gibt.« »Ich danke für Ihren Rath, Freund,« erwiderte Beausire mit Stolz; »er ist der eines redlichen Mannes und wohl die zwei Louisd'or werth, die ich Ihnen anbiete. Doch den Sohn meiner Frau verleugnen ...« »Sie ist Ihre Frau?« rief der Wundarzt. »Gesetzlich?« rief der Priester. »Gott schenke ihr die Freiheit,« erwiderte Beausire zitternd vor Vergnügen, »und am andern Tag wird Nicole Legay von Beausire heißen, wie ihr Sohn und ich.« »Mittlerweile setzen Sie sich einer Gefahr aus,« wiederholte der Schließer, »ich glaube, daß man Sie sucht.« »Ich werde Sie nicht verrathen,« sagte der Wundarzt. »Ich auch nicht,« sprach die Hebamme. »Ich ebenso wenig,« rief der Priester. »Und wenn man mich verriethe,« fuhr Beausire mit der Begeisterung der Märtyrer fort, »ich werde dulden bis zum Rade, um mich des Trostes zu erfreuen, meinen Sohn anzuerkennen.« »Wenn er gerädert würde,« sagte Herr Guyon, der sich auf eine Gegenansicht etwas zu Gut that, ganz leise zur Hebamme, »so geschähe es nicht, weil er sich als Vater des kleinen Toussaint bekannt hat.« Nach diesem Scherz, der Frau Chopin lächeln machte, wurde nach den Formen zu der Einregistrirung und zu der Anerkennung des kleinen Beausire geschritten. Beausire schrieb seine Erklärung in herrlichen, aber ein wenig geschwätzigen Phrasen, wie es die Berichte von jeder That sind, auf welche der Autor stolz ist. Er überlas sie, punktirte sie, unterzeichnete mit einem Namenszug und ließ von den vier anwesenden Personen unterzeichnen; dann, nachdem er Alles noch einmal gelesen und bestätigt hatte, küßte er seinen gebührender Maßen getauften Sohn, schob ihm zehn Louisd'or unter das Tauftuch, hing ihm einen Ring an den Hals, ein Geschenk, das für die Wöchnerin bestimmt war, und öffnete, stolz wie Xenophon bei seinem berühmten Rückzug, die Thüre der Sacristei, entschlossen, nicht die geringste List zu gebrauchen, nicht die kleinste Vorsichtsmaßregel zu nehmen, um den Sbirren zu entgehen, sollte er solche finden, welche entartet genug wären, ihn in diesem Augenblick festnehmen zu wollen. Die Gruppen der Bettler hatten die Kirche nicht verlassen; hätte Beausire sie mit festeren Augen anschauen können, so hatte er vielleicht den berüchtigten Positiv, den Urheber seines Unglücks unter ihnen erkannt, doch nichts rührte sich. Die neue Austheilung, welche Beausire machte, wurde mit maßlosen: »Vergelt's Gott!« aufgenommen, und der glückliche Vater ging von Saint-Paul mit allem Anschein eines verehrten, auserkorenen, gesegneten, von allen Armen des Kirchspiels umschmeichelten Ehrenmanns weg. Die Taufzeugen entfernten sich ebenfalls und kehrten, ganz verwundert über dieses Abenteuer, zu dem Fiaker zurück. Beausire belauerte sie von der Ecke der Rue Culture-Sainte- Catherine, sah sie in den Wagen steigen, warf seinem Sohn ein paar bebende Küsse zu, und als sein Herz sich völlig ergossen hatte, als der Fiaker aus seinen Augen verschwunden war, dachte er, er dürfe weder Gott, noch die Policei mehr versuchen, und wandte sich nach einem Zufluchtsort, der nur ihm allein, Cagliostro und Herrn von Crosne bekannt war. Das heißt, Herr von Crosne hatte sein Wort auch gehalten und Beausire nicht beunruhigen lassen. Als das Kind in die Bastille zurückkam und Frau Chopin Oliva so viele erstaunliche Abenteuer mitgetheilt hatte, steckte diese an ihren dicksten Finger den Ring von Beausire, fing auch an zu weinen, küßte ihr Kind, für das man schon eine Amme suchte, und sagte: »Nein, Herr Gilbert, ein Schüler von Herrn Rousseau, behauptete einst, eine gute Mutter müsse ihr Kind selbst stillen, ich werbe meinen Sohn stillen; ich will wenigstens eine gute Mutter sein.« XCII. Das Schemelchen. Nach langen Debatten war endlich der Tag gekommen, wo der Spruch des Parlamentshofes durch die Anträge des Generalanwalts hervorgerufen werden sollte. Die Angeklagten waren mit Ausnahme des Herrn von Rohan in die Conciergerie gebracht worden, um dem Sitzungssaale, der um sieben Uhr jeden Morgen geöffnet wurde, näher zu sein. Vor den Richtern, bei denen der erste Präsident d'Aligre den Vorsitz führte, war die Haltung der Angeklagten beständig dieselbe geblieben, wie während der Instruction. Oliva treuherzig und schüchtern; Cagliostro ruhig, erhaben und zuweilen strahlend in jenem mystischen Glänze, mit dem sich so gern umgab. Villette verlegen, niedrig und weinend. Jeanne unverschämt, das Auge funkelnd, immer drohend, und giftig. Der Cardinal einfach, träumerisch und in eine Erschlaffung versunken. Jeanne hatte sehr schnell die Gewohnheiten der Conciergerie angenommen und durch ihre honigsüßen Schmeicheleien und ihre kleinen Geheimnisse sich die Gewogenheit der Concierge des Palastes, ihres Mannes und ihres Sohnes errungen. Auf diese Art hatte sie sich das Leben angenehmer und die Verbindungen leichter gemacht. Der Affe braucht immer mehr Platz als der Hund, der Intrigant mehr als der ruhige Geist. Die Debatten lehrten Frankreich nichts Neues. Es war immer dasselbe von der einen oder der andern der zwei Personen, die man anschuldigte und die sich gegenseitig anschuldigten, auf frechste Weise gestohlene Halsband. Zwischen diesen beiden entscheiden, wer der Dieb, dieß war der ganze Proceß. Der Geist, der die Franzosen immer zu Extremen führt und sie namentlich zu jener Zeit dazu führte, hatte einen andern Proceß auf den ersten gepropft. Es handelte sich darum, ob die Königin Recht gehabt, daß sie den Cardinal hatte verhaften lassen und ihn vermessener Unhöflichkeiten bezüchtigte. Für Jeden, der in Frankreich über Politik raisonnirte, bildete dieser Anhang bei dem Proceß die wahre Sache. Hatte Herr von Rohan der Königin sagen zu können geglaubt, was er ihr gesagt? hatte er in ihrem Namen handeln können, wie er es gethan? war er der geheime Agent von Marie Antoinette gewesen, ein Agent, den man verleumdet hatte, sobald die Sache Aufsehen gemacht? Mit einem Wort, hatte bei diesem Zwischenfall der begünstigte Cardinal in gutem Glauben, als ein inniger Vertrauter, der Königin gegenüber gehandelt? Hatte er in gutem Glauben gehandelt, so war die Königin also schuldig aller jener Vertraulichkeiten, selbst der unschuldigen, welche sie geleugnet, die aber, den Insinuationen der Frau von La Mothe zufolge, wirklich bestanden hatten. Und dann, als Gesammtsumme in den Augen der Meinung, welche nichts schont, sind Vertraulichkeiten unschuldig, die man vor seinem Gatten, seinen Ministern und seinen Unterthanen abzuleugnen genöthigt ist? Dieß ist der Proceß, den die Antrage des Generalanwalts nunmehr zu seinem Ziele, zu seiner Moral führen sollten. Der Generalanwalt nahm das Wort. Er war das Organ des Hofes, er sprach im Namen der mißkannten, beleidigten königlichen Würde. Er plaidirte für das ungeheure Princip der königlichen Unverletzlichkeit. Der Generalanwalt ging in den für gewisse Angeklagte wirklichen Proceß ein; er faßte den Nebenproceß in Beziehung auf den Cardinal fest an. Er konnte nicht zugeben, daß die Königin in der Halsbandgeschichte auch nur ein einziges Unrecht auf sich nehmen sollte. Hatte sie keines, so fielen folglich alle auf das Haupt des Cardinals Er trug unbeugsam an: Auf Verurteilung Villette's zu den Galeeren. Auf die Verurtheilung Jeanne's zur Brandmarkung, zum Staubbesen und zu lebenslänglicher Einsperrung im Hospital. Auf Lossprechung Cagliostro's. Auf einfache Instanzentbindung für Oliva. Beim Cardinal aber, daß er zum Geständnis einer beleidigenden Vermessenheit gegen die königliche Majestät gezwungen, nach diesem Geständniß aus der Gegenwart des Königs und der Königin verbannt, und endlich aller seiner Stellen und Würden entsetzt werden sollte. Dieses Requisitorium hatte bei den Richtern Unentschiedenheit und bei den Angeklagten Schrecken zur Folge. Der königliche Wille erklärte sich darin so mächtig, daß, wenn man ein Vierteljahrhundert früher gelebt hätte, zur Zeit, da die Parlamente ihr Joch abzuschütteln und ihre Prärogative zurückzufordern angefangen hatten, diese Anträge des Staatsanwalts durch den Eifer und die Achtung der Richter für das noch verehrte Princip der Unfehlbarkeit des Thrones überschritten worden wären. Doch nur vierzehn Räthe traten völlig der Meinung des Generalprocurators bei, und von da an herrschte eine Spaltung in der Versammlung. Man schritt zum letzten Verhör, eine beinahe unnütze Förmlichkeit bei solchen Angeklagten, da es den Zweck hatte, Geständnisse vor dem Spruch hervorzurufen, und da weder Friede noch Waffenstillstand von den erbitterten Gegnern zu erlangen war, welche schon seit so geraumer Zeit kämpften. Es war weniger ihre eigene Freisprechung, was sie forderten, als die Verurteilung ihrer Gegenpartei. Dem Gebrauche gemäß hatte der Angeklagte vor seinen Richtern auf einem hölzernen Stühlchen sitzend zu erscheinen, auf einem demüthigen, niedrigen, schmählichen, durch die Berührung der Angeklagten, welche von diesem Sitze aus nach dem Schaffot gegangen waren, entehrten Schemel. Dahin setzte sich der Fälscher Villette, der mit seinen Thränen und seinen Gebeten um Gnade flehte. Er erklärte, was man schon weiß, nämlich, er sei schuldig der Fälschung, schuldig der Genossenschaft mit Jeanne von La Mothe. Er bezeugte, seine Reue, seine Gewissensbisse seien schon für ihn eine Strafe, welche die Richter zu entwaffnen im Stande sein sollte. Dieser interessirte Niemand. Er war und erschien nur als ein Spitzbube. Vom Gerichtshof entlassen, kehrte er flennend in seine Zelle in der Conciergerie zurück. Nach ihm erschien am Eingange des Saales Frau von La Mothe, geführt von dem Gerichtsschreiber Fremyn. Sie trug eine Mantille und ein Oberkleid von Linon-batiste, hatte eine Haube von Gaze ohne Bänder; eine Art von weißer Gaze; ihre Haare ohne Puder. Ihre Erscheinung machte einen lebhaften Eindruck auf die Versammlung. Schon hatte sie die erste der Beschimpfungen, welche ihr vorbehalten waren, auszuhalten gehabt: man hatte sie über die kleine Treppe gehen lassen, wie die gemeinen Verbrecher. Die Hitze des Saales, das Geräusch der Gespräche, die Bewegung der Köpfe, welche in allen Richtungen wogten, fingen an sie zu beunruhigen; ihre Augen schwankten einen Moment, als wollten sie sich an die Spiegelung von diesem ganzen Gesammtwesen gewöhnen. Nun führte derselbe Gerichtsschreiber, der sie bei der Hand hielt, sie ziemlich rasch zu dem im Mittelpunkte des Halbkreises stehenden Schemelchen, das jenem kleinen unheimlichen Blocke glich, der sich auf den Schaffoten erhebt. Bei dem Anblick dieses entehrenden Sitzes, den man für sie bestimmte, für sie, die stolz darauf war, sich Valois zu nennen und in ihren Händen das Geschick einer Königin von Frankreich zu halten, erbleichte Jeanne von La Mothe und warf einen zornigen Blick umher, als wollte sie die Richter einschüchtern, die sich diese Beschimpfung erlaubten; doch da sie überall nur festen Willen und Neugierde statt des Mitleids oder der Barmherzigkeit traf, so drängte sie ihre wüthende Entrüstung in ihr Inneres zurück und setzte sich nieder, um nicht das Aussehen zu haben, als fiele sie auf den Schemel. Man bemerkte in den Verhören, daß sie ihren Antworten all die Unbestimmtheit gab, aus der die Gegner der Königin am meisten Nutzen zur Vertheidigung ihrer Sache hätten ziehen können. Sie drückte nichts scharf aus, als die Versicherungen ihrer Unschuld, und nöthigte den Präsidenten, eine Frage an sie über die Existenz der Briefe zu richten, von denen sie behauptete, sie seien vom Cardinal an die Königin geschrieben worden, so wie auch derer, welche die Königin an den Cardinal geschrieben haben sollte. Jeanne fing damit an, daß sie betheuerte, es sei ihr inniger Wunsch, die Königin nicht bloßzustellen, und fügte dann bei, Niemand könne diese Frage besser beantworten als der Cardinal. »Fordern Sie ihn auf,« sprach sie, »diese Briefe oder die Abschriften davon zu produciren, damit man sie vorlesen und Ihre Neugierde befriedigen kann. Ich für meine Person kann nicht behaupten, ob diese Briefe vom Cardinal an die Königin, oder von der Königin an den Cardinal geschrieben sind; ich finde diese zu frei und zu vertraulich von einer Fürstin an einen Unterthan; ich finde jene zu unehrerbietig als von einem Unterthan an eine Königin gerichtet.« Das tiefe, furchtbare Stillschweigen, welches auf diesen Angriff folgte, mußte Jeanne beweisen, daß sie nur ihren Feinden Abscheu, ihren Parteigängern Schrecken, ihren unparteiischen Richtern Mißtrauen eingeflößt hatte. Sie verließ indessen den Schemel mit der süßen Hoffnung, der Cardinal würde nach ihr darauf sitzen. Diese Rache genügte ihr so zu sagen. Wie wurde ihr aber, als sie sich umwandte, um zum letzten Mal diesen Stuhl der Schmach zu betrachten, auf den sie einen Rohan nach ihr niederzusitzen zwang, als sie den Schemel nicht mehr sah, den auf Befehl des Parlamentshofes die Gerichtsdiener weggeschafft und durch einen Lehnstuhl ersetzt hatten! Ein Gebrüll der Wuth entströmte ihrer Brust; sie sprang aus dem Saal und biß sich mit einer wahren Raserei in die Hände. Ihre Strafe begann. Der Cardinal kam langsam herbei, er war aus einem Wagen gestiegen, man hatte das große Thor für ihn geöffnet. Zwei Gerichtsdiener und zwei Gerichtsschreiber begleiteten ihn; der Gouverneur der Bastille ging an seiner Seite. Bei seinem Eintritt erhob sich ein langes Gemurmel des Mitgefühls und der Achtung von den Bänken des Parlamentshofes. Es wurde durch einen mächtigen Zuruf von Außen erwidert. Das war das Volk, das den Angeklagten begrüßte und seinen Richtern empfahl. Der Prinz Louis war bleich und sehr bewegt. In einem langen Galakleid erschien er mit der Ehrfurcht und der Unterwürfigkeit, welche ein Angeklagter den Richtern schuldig ist, deren Gerichtsbarkeit er annimmt und anruft. Man bezeichnete dem Cardinal, dessen Augen den Umkreis geschaut hatten, einen Lehnstuhl, und nachdem der Präsident ihn begrüßt und ein ermuthigendes Wort zu ihm gesprochen hatte, bat ihn der ganze Hof mit einem Wohlwollen, das die Blässe und die Gemüthserschütterung des Angeklagten verdoppelte, er möchte sich setzen. Als er das Wort nahm, erregten seine zitternde, von Seufzern gehemmte Stimme, seine getrübten Augen, seine demüthige Haltung ein tiefes Mitleid bei den Versammelten. Er erklärte sich langsam, bewegte sich mehr in Entschuldigungen, als in Beweisen, in Bitten, als in Schlußketten, und als er, der beredte Mann, plötzlich inne hielt, brachte er durch diese Lähmung seines Geistes und seines Muthes eine mächtigere Wirkung hervor, als alle Vertheidigungsreden und Beweisführungen. Dann erschien Oliva; das arme Mädchen fand wieder den Schemel. Viele Leute bebten, als sie dieses lebendige Ebenbild der Königin auf dem Sitze der Schande sahen, den Jeanne von La Mothe eingenommen hatte; dieses Gespenst von Marie Antoinette, der Königin von Frankreich, auf dem Schemel der Diebinnen und Fälscherinnen erschreckte die eifrigsten Verfolger der Monarchie. Doch das Schauspiel lockte auch Mehrere an, wie daß Blut, das man den Tiger kosten läßt. Man sagte sich überall, die arme Oliva habe soeben in der Kanzlei ihr Kind verlassen, das sie stillte, und als die Thüre sich geöffnet, hatte auch das Gewimmer des Sohnes von Herrn Beausire schmerzlich zu Gunsten seiner Mutter plaidirt. Nach Oliva erschien Cagliostro, der am Mindesten Schuldige von Allen. Man hieß ihn nicht sitzen, obgleich man den Lehnstuhl in der Nähe des Schemels beibehalten hatte. Der Parlamentshof hatte eine Furcht vor der Vertheidigungsrede von Cagliostro. Ein Anschein von Verhör, abgeschnitten durch das: » es ist gut! « des Präsidenten d'Aligre, entsprach den Bedürfnissen der Formalitäten. Und nun verkündigte der Parlamentshof, die Debatten seien geschlossen und die Berathung beginne. Die Menge verlief sich langsam in den Straßen und auf den Quais, mit dem Vorsätze, in der Nacht wiederzukommen, um das Urtheil zu hören, das, wie man sagte, bald ausgesprochen werden sollte. XCIII. Von einem Gitter und einem Abbé. Nach Beendigung der Debatten, nach dem Wiederhall des Verhöres und den Erschütterungen des Schemels wurden alle Gefangenen für diese Nacht in der Conciergerie einquartirt. Die Menge stellte sich, wie gesagt, am Abend in stillschweigenden, obgleich belebten Gruppen auf dem Platze vor dem Palast auf, um frisch die Kunde von dem Spruch zu erhalten, sobald er gefällt wäre. In Paris sind seltsamer Weise die großen Geheimnisse gerade diejenigen, welche die Menge kennt, ehe sie in ihrer ganzen Entwickelung an's Licht gekommen sind. Die Menge wartete also, mit Anis gewürztes Süßholzwasser schlürfend, dessen Hauptbestandtheil ihre wandernden Lieferanten unter dem ersten Bogen des Pont au Change fanden. Es war heiß. Die Juniwolken rollten schwerfällig übereinander wie dicke Rauchwirbel. Der Himmel glänzte am Horizont in bleichen, zuckenden Feuern. Während der Cardinal, welchem die Gunst, auf den Verbindungsterrassen zwischen den Thürmen spazieren zu gehen, bewilligt worden war, sich mit Cagliostro über den wahrscheinlichen Erfolg ihrer gegenseitigen Vertheidigung unterhielt; während Oliva in ihrer Zelle ihr kleines Kind liebkoste und in ihren Armen wiegte; während Reteau, mit trockenen Augen und an seinen Nägeln kauend, in Gedanken die ihm von Herrn von Crosne versprochenen Thaler zählte und sie als Gesammtsumme den Monaten der Gefangenschaft, die ihm das Parlament versprach, gegenüberstellte, versuchte es Jeanne, welche sich in die Stube der Concierge, Frau Hubert, zurückgezogen hatte, ihren brennenden Geist mit einigem Geräusch, einiger Bewegung zu zerstreuen. Diese Stube war sehr hoch bis zu ihrer Decke, weit und geräumig wie ein Saal, geplattet wie eine Gallerie, und am Quai durch ein gewölbtes Fenster erleuchtet. Die kleinen Scheiben dieses Fensters fingen den größten Theil des Lichtes auf, und, als ob man selbst in diesem Zimmer, das freie Menschen bewohnten, die Freiheit hätte erschrecken müssen, verdoppelte ein ungeheures, eisernes, außen unmittelbar an den Scheiben angebrachtes Gitter die Dunkelheit durch die Durchkreuzung der Stangen und der bleiernen Streifen, mit denen jede Glasraute eingerahmt war. Das durch dieses Doppelsieb gedämpfte Licht war gleichsam gemildert für das Auge der Gefangenen. Es hatte nichts, um diejenigen zu verletzen, welche nicht heraus konnten. Es gibt in allen Dingen, selbst in den schlimmen, die der Mensch gemacht hat, wenn die Zeit, diese Wiederherstellen« des Gleichgewichts zwischen dem Menschen und Gott, darüber gegangen ist, es gibt Harmonien, welche mildern und einen Uebergang vom Schmerz zum Lächeln gestatten. In dieser Stube lebte Frau von La Mothe, seitdem sie in der Conciergerie eingesperrt war, in Gesellschaft der Concierge, ihres Sohnes und ihres Mannes. Sie hatte sich bei diesen Leuten beliebt gemacht; sie hatte Mittel gefunden, ihnen zu beweisen, daß die Königin im höchsten Grad strafbar sei. Es müsse ein Tag kommen, wo in derselben Stube eine andere Concierge, von Mitleid ergriffen bei dem Unglück einer Gefangenen, diese für unschuldig halten würde, weil sie dieselbe geduldig und gut sehe, und diese Gefangene werde die Königin sein. Frau von La Mothe vergaß also – sie selbst sagte es – in Gesellschaft dieser Concierge und ihrer Bekannten ihre schwermüthigen Gedanken und bezahlte durch ihre gute Laune die Gefälligkeiten, die man gegen sie hatte. Als Jeanne am Schließungstag der Sitzungen zu den guten Leuten zurückkam, fand sie dieselben sorgenvoll und verlegen. Keine Nuance war dieser schlauen Frau gleichgültig; sie hoffte bei einem Nichts, sie beunruhigte sich über Alles. Vergebens versuchte sie Frau Hubert die Wahrheit zu entreißen, sie und die Ihrigen verschlossen sich in nichtssagende Allgemeinheiten. An diesem Tag erblickte Jeanne an einer Ecke des Kamins einen Abbé, der von Zeit zu Zeit ein Tischgenosse des Hauses war. Es war ein ehemaliger Secretär vom Hofmeister des Grafen von Provence. Ein Mann von einfachen Manieren, satyrisch mit Maßhaltung, mit Allem, was den Hof betraf, wohl vertraut, war er, nachdem er geraume Zeit vom Hause der Frau Hubert weggeblieben, seit der Ankunft der Frau von La Mothe in der Conciergerie wieder ein fleißiger Gast geworden. Es waren auch ein paar höhere Beamte des Palastes da; mau schaute Frau von La Mothe viel an; man sprach wenig. Sie ergriff heiter die Initiative und sagte: »Ich bin fest überzeugt, man spricht lauter da oben, als wir hier sprechen.« Ein schwaches Gemurmel der Beistimmung, vom Concierge und seiner Frau herrührend, erwiderte allein diese Herausforderung. »Oben?« versetzte der Abbé, den Unwissenden spielend. »Wo dieß, Frau Gräfin?« »In dem Saale, wo meine Richter sich berathen,« antwortete Jeanne. »Oh! ja, ja,« sagte der Abbé. Und das frühere Stillschweigen trat wieder ein. »Ich glaube, meine heutige Haltung hat eine gute Wirkung hervorgebracht?« fragte sie. »Sie müssen das wissen, nicht wahr?« »Ja, Madame,« antwortete schüchtern der Concierge. Und er stand auf, als wollte er das Gespräch abbrechen. »Was ist Ihre Meinung. Herr Abbé?« sage Jeanne. »Gewinnt meine Angelegenheit nicht ein gutes Ansehen? Man spricht keinen Beweis aus.« »Es ist wahr, Madame, Sie haben auch viel zu hoffen,« erwiderte der Abbé. »Nicht wahr?« rief sie. »Bedenken Sie jedoch,« fügte der Abbé bei, »daß der König ...« »Nun! was wird der König thun?« fragte Jeanne voll Heftigkeit. »Ei! Madame, der König kann nicht wollen, daß man ihn Lügen straft.« »Er würde also Herrn von Rohan verurtheilen lassen... das ist unmöglich.« »Es ist allerdings schwierig,« antwortete man von allen Seiten. »Und wer in dieser Sache Herr von Rohan sagt, sagt auch Gräfin von La Mothe,« fügte sie eiligst bei. »Nein, nein, Sie machen sich eine Illusion, Madame,« entgegnete der Abbé. »Ein Angeklagter wird freigesprochen werden. Ich denke, Sie werden es sein, und hoffe es sogar. Doch es wird nur Einer sein. Der König braucht einen Schuldigen, was sollte sonst aus der Königin werden?« »Das ist wahr,« sprach Jeanne, beleidigt, daß man ihr selbst bei einer nur geheuchelten Hoffnung widersprach. »Der König braucht einen Schuldigen. Nun! dann ist Herr von Rohan eben so gut dazu als ich.« Ein für die Gräfin schreckliches Stillschweigen trat nach diesen Worten ein. Der Abbé unterbrach es zuerst. Madame,« sagte er, »der König hegt keinen Groll, und ist sein erster Zorn befriedigt, so wird er nicht mehr an die Vergangenheit denken.« »Was nennen Sie denn einen befriedigten Zorn?« fragte Jeanne ironisch. »Nero hatte seine Zornanfälle, wie Titus die seinigen hatte.« »Irgend eine Verurtheilung,« antwortete hastig der Abbé, »das ist eine Befriedigung.« »Irgend eine ... mein Herr!« rief Jeanne, »welch ein abscheuliches Wort! ... Es ist zu unbestimmt. Irgend eine... das heißt Alles sagen.« »Oh! ich spreche nur von einer Einsperrung in ein Kloster,« erwiderte kalt der Abbé; »das ist nach den Gerüchten, die im Umlaufe sind, der Gedanke, dem der König in Beziehung auf Sie am liebsten beigetreten sein soll.« Jeanne schaute diesen Mann mit einem Schrecken an, der alsbald der wüthendsten Exaltation Platz machte. »Einschließung in ein Kloster!« sagte sie; »das heißt ein langsamer, durch die Einzelnheiten schmählicher Tod; ein grausamer Tod, der als ein Act der Milde erscheinen wird. Die Einschließung in das Inpace In pace war in den Klöstern das Einsperren auf Lebenszeit nicht wahr? Die Qualen des Hungers, der Kälte und der Züchtigungen! Nein, genug der Strafen, genug der Schmach, genug des Unglücks für die Unschuld, während die Schuldige frei, mächtig und geehrt ist. Den Tod auf der Stelle, aber den Tod, den ich mir gewählt haben werde. Den freien Willen, mich dafür zu bestrafen, daß ich auf dieser Welt geboren bin.« Und ohne auf Vorstellungen und Bitten zu hören, ohne es zu dulden, daß man sie aufhielt, stieß sie den Concierge zurück, warf den Abbé nieder, schob Frau Hubert auf die Seite und lief nach einem Anrichttisch, um ein Messer zu suchen. Den drei Personen gelang es, sie von dieser Seite abzubringen; doch sie nahm ihren Ansatz wie ein Pantherthier, das die Jäger beunruhigt, aber nicht erschreckt haben, stieß ein Gebrülle des Zorns aus, das zu geräuschvoll war, um natürlich zu sein, stürzte in ein an die Stube stoßendes Cabinet, hob eine ungeheure Vase von Fayence auf, worin ein ärmlicher Rosenstock vegetirte, und schlug sich damit zu wiederholten Malen an den Kopf. Die Vase zerbrach, ein Stück davon blieb in der Hand dieser Furie; man sah das Blut auf ihrer Stirne durch die Ritze der Haut stießen, die sich gespalten hatte. Die Concierge warf sich weinend in ihre Arme. Man setzte sie in einen Lehnstuhl und begoß sie mit Riechwasser und Essig. Sie war nach gräßlichen Konvulsionen ohnmächtig geworden. Als sie wieder zu sich kam, dachte der Abbé, sie ersticke. »Seht,« sagte er, »dieses Gitterwerk fängt das Licht und die Luft auf. Ist es nicht möglich, die arme Frau athmen zu lassen?« Alles vergessend, lief nun Frau Hubert an einen Schrank, der beim Kamin stand, zog einen Schlüssel heraus, welcher ihr zum Oeffnen dieses Gitters diente, und sogleich strömten Luft und Leben in Wogen in die Stube. »Ah!« rief der Abbé, »ich wußte nicht, daß sich dieses Gitter mit Hilfe eines Schlüssels öffnen läßt. Mein Gott! warum solche Vorsichtsmaßregeln!« »Es ist der Befehl,« erwiderte die Concierge. »Ja, ich verstehe,« sagte der Abbé mit einer markirten Absichtlichkeit, »dieses Fenster ist nur ungefähr sieben Fuß vom Boden und geht auf den Quai. Wollten Gefangene aus dem Innern der Conciergerie durch Ihre Stube entweichen, so fänden sie die Freiheit, ohne auf einen Schließer oder eine Schildwache zu stoßen. »Ganz richtig,« erwiderte der Concierge. Der Abbé bemerkte aus dem Augenwinkel, daß Frau von La Mothe gehörig verstanden, daß sie sogar gebebt und sogleich, nachdem sie die Worte des Abbé aufgefaßt, die Augen zu dem nur mit einem messingenen Knopf verschlossenen Schrank aufgeschlagen hatte, in welchem die Concierge den Schlüssel des Gitters verwahrte. Das war genug für ihn. Seine Gegenwart schien von keinem Nutzen mehr zu sein, und er nahm Abschied. Er kehrte jedoch noch einmal um, wie die Theaterpersonen, die sich einen falschen Abgang machen, und sagte: »Wie viel Leute sind auf dem Platz! Die ganze Menge drängt sich mit solchem Ungestüm nach dem Palaste zu, daß nicht eine Seele mehr auf dem Quai ist.« Der Concierge beugte sich hinaus. »Es ist wahr,« bestätigte er. »Denkt man nicht,« fuhr der Abbé fort, als ob Frau von La Mothe ihn nicht hören könnte, – und sie hörte ihn sehr gut, – »glaubt man nicht, der Spruch werde in der Nacht gefällt werden? Nein, nicht wahr?« »Ich denke nicht, daß das Urtheil vor morgen früh gesprochen wird,« sagte der Concierge. »Nun wohl!« fügte der Abbé bei, »seien Sie bemüht, diese arme Frau von La Mothe ein wenig ruhen zu lassen. Nach so vielen Erschütterungen muß sie der Ruhe bedürfen.« »Wir werden uns in unser Zimmer zurückziehen und Madame hier in dem Lehnstuhl lassen,« sagte der brave Concierge zu seiner Frau, »wenn sie sich nicht etwa zu Bette legen will.« Jeanne erhob sich und begegnete dem Auge des Abbé, der auf ihre Antwort lauerte. Sie stellte sich, als entschliefe sie wieder. Da verschwand der Abbé, und der Concierge und seine Frau gingen auch weg, nachdem sie das Gitter wieder geschlossen und den Schlüssel an seinen Platz gelegt hatten. Sobald Jeanne allein war, öffnete sie die Augen. »Der Abbé räth mir, zu fliehen,« dachte sie. »Kann man mir klarer sowohl die Notwendigkeit der Flucht, als das Mittel hiezu bezeichnen? Man bedroht mich schon vor dem Richterspruch mit einer Verurteilung; das kann nur ein Freund thun, der mich antreibt, meine Freiheit zu suchen, nicht ein Barbar, der mich beleidigt. »Um zu fliehen, brauche ich nur einen Schritt zu machen; ich öffne den Schrank, dann dieses Gitter, und bin auf dem verödeten Quai. »Verödet, ja! ... Niemand; der Mond selbst verbirgt sich in den Wolken. »Fliehen! ... Oh! die Freiheit! Das Glück, meine Reichthümer wiederzufinden ... das Glück, meinen Feinden zu vergelten, was sie mir gethan haben!« Sie stürzte nach dem Schrank und ergriff den Schlüssel. Schon näherte sie sich dem Schlosse des Gitters. Plötzlich glaubte sie auf der schwarzen Linie der Brüstung der Brücke eine schwarze Gestalt zu sehen, welche die eintönige Regelmäßigkeit unterbrach. »Ein Mann ist dort im Schatten!« sagte sie; »der Abbé vielleicht: er wacht über meiner Flucht; er wartet, um mir Beistand zu leisten. Ja, doch wenn es eine Falle wäre, wenn ich, auf den Quai hinabgestiegen, ergriffen, auf der That der Entweichung ertappt würde? ... Die Entweichung, das ist das Geständnis; des Verbrechens, wenigstens das Zugeständniß der Furcht! Wer entweicht, flieht vor seinem Gewissen ... Woher kommt dieser Mensch? ... Er scheint mit Herrn von Provence in Verbindung zu stehen ... Wer sagt mir, daß er nicht ein Emissär der Königin oder der Rohan ist? ... Wie theuer würde man auf dieser Seite einen falschen Schritt von mir bezahlen ... Ja, es lauert Jemand dort! »Mich ein paar Stunden vor dem Spruch fliehen lassen? Konnte man das nicht früher, wenn man mir wirklich dienen wollte? Mein Gott! wer weiß, ob meinen Feinden nicht schon die Kunde von meiner im Rathe der Richter beschlossenen Freisprechung zugekommen ist? wer weiß, ob man nicht diesen für die Königin furchtbaren Schlag mit einem Beweise oder einem Geständniß meiner Schuld pariren will? Geständniß und Beweis lägen in meiner Flucht. Ich werde bleiben!« Von diesem Augenblick an war Jeanne überzeugt, sie sei einer Falle entgangen. Sie lächelte, richtete ihren schlauen, kühnen Kopf auf, ging mit sicherem Schritt auf den kleinen Schrank am Kamin zu und legte den Schlüssel des Gitters wieder hinein. Dann setzte sie sich in den Lehnstuhl zwischen dem Licht und dem Fenster, und beobachtete von ferne, während sie sich schlafend stellte, den Schatten des lauernden Mannes, der, ohne Zweifel des Wartens müde, endlich aufstand und mit dem ersten Schimmer der Morgendämmerung, um halb drei Uhr, als das Auge das Wasser des Flusses zu unterscheiden anfing, verschwand.   XCIV. Der Spruch. Am Morgen, als alle Geräusche wieder erwachten, als Paris wieder Leben annahm und einen neuen Ring an den Kettenring des vorhergehenden Tages befestigte, hoffte die Gräfin, die Kunde von einer Freisprechung würde plötzlich mit der Freude und den Glückwünschen ihrer Freunde in ihr Gefängniß dringen. Hatte sie Freunde? Ach! das Vermögen, der Credit bleiben nie ohne Gefolge, und Jeanne war doch reich und mächtig geworden; sie hatte empfangen, sie hatte gegeben, ohne sich auch nur den alltäglichen Freund gemacht zu haben, der am Tag nach einem Unglück verbrennen muß, was er den vorhergehenden Tag beschmeichelt hat. Aber nach ihrem Triumph, den sie erwartete, würde Jeanne Parteigänger und Anhänger, sie würde Bewunderer und Neider haben. Vergebens erwartete sie diese geschäftige Woge von Leuten mit freudigen Gesichtern in die Stube der Conciergerie Hubert eindringen zu sehen. Von der Unbeweglichkeit einer überzeugten und kummerlosen Person ging Jeanne, dieß war die Abschüssigkeit ihres Characters, zu einer maßlosen Unruhe über. Und da man sich nicht immer verstellen kann, so nahm sie sich nicht einmal bei ihren Wächtern die Mühe, ihre Eindrücke zu verbergen. Es war ihr nicht gestattet hinauszugehen, um sich zu erkundigen, aber sie hielt ihren Kopf an ein Guckfenster, und hier horchte sie angstvoll, keuchend, auf die Geräusche des benachbarten Platzes, auf die Geräusche, die sich in einem verworrenen Gemurmel auflösten, nachdem sie die Mauern des alten St. Ludwigspalastes durchdrungen hatten. Jeanne hörte sodann nicht einen Lärmen, sondern einen wahren Ausbruch von Bravos, von Schreien, von stampfenden Füßen und klatschenden Händen, etwas ganz Ungewöhnliches, Brausendes, was sie erschreckte, denn sie hatte nicht das Bewußtsein, daß man ihr so viel Sympathie bezeuge. Diese lärmenden Salven wiederholten sich zweimal und machten Geräuschen anderer Art Platz. Es kam ihr vor, als wäre es auch ein Beifall, doch ein ruhiger Beifall, der ebenso rasch starb, als er geboren war. Bald wurden die Vorübergehenden auf dem Quai zahlreicher, als ob sich die Gruppen des Platzes auflösten und im Einzelnen ihre zerstreuten Massen abschickten. »Ein herrlicher Tag für den Cardinal,« sagte ein Schreiber des Generalanwalts, auf dem Pflaster der Brüstung hüpfend. Und er warf einen Stein in den Fluß mit jener Geschicklichkeit des jungen Parisers, der dieser von der Schleuder der Alten entlehnten Leibesübung gar manchen Tag seines Lebens gewidmet hat. »Für den Cardinal,« wiederholte Jeanne. »Es ist also Nachricht da, daß der Cardinal freigesprochen ist?« Ein Tropfen Galle, ein Tropfen Schweiß fiel von Jeanne's Stirne. Sie kehrte hastig in die Stube zurück und fragte Frau Hubert: »Madame, Madame, was höre ich sagen: was ist ein Glück für den Cardinal? Ich bitte, was ist denn ein Glück?« »Ich weiß es nicht,« erwiderte diese. Jeanne schaute ihr scharf in's Gesicht und fügte bei: »Haben Sie die Güte, Ihren Mann zu fragen.« Die Concierge gehorchte aus Gefälligkeit, und Hubert antwortete von Außen: »Ich weiß es nicht!« Ungeduldig, bebend, blieb sie einen Augenblick mitten im Zimmer stehen und rief: »Was meinten die Vorübergehenden mit ihren Worten? man täuscht sich nicht in solchen Orakeln. Sie sprachen sicherlich vom Proceß.« »Vielleicht,« erwiderte die mildherzige Hubert, »vielleicht wollten sie nur sagen, wenn Herr von Rohan freigesprochen worden, so werde dieß ein schöner Tag für ihn sein.« »Sie glauben, man werde ihn freisprechen?« rief Jeanne, ihre Finger krampfhaft zusammenpressend. »Das kann wohl geschehen.« »Aber ich?« »Oh Sie, Madame ... Sie wie er; warum Sie nicht?« »Eine seltsame Voraussetzung,« murmelte Jeanne. Und sie stellte sich wieder an die Scheiben. »Madame,« sprach der Concierge, »Sie haben Unrecht auf solche Art Aufregungen zu suchen, die Ihnen unverständlich von Außen zukommen. Glauben Sie mir, bleiben Sie ruhig, bis Ihr Consulent oder Herr Fremyn kommen, um Ihnen vorzulesen ...« »Den Spruch ... Nein! nein!« Und sie horchte. Eine Frau ging mit ihren Freundinnen vorüber. Sie hatten Festhauben auf und große Sträuße in den Händen. Der Geruch dieser Rosen stieg wie ein kostbarer Balsam zu Jeanne empor, welche Alles von unten einathmete. »Er soll meinen Strauß haben,« rief diese Frau, »und noch hundert andere, der liebe Mann! oh! wenn ich kann, werde ich ihn küssen.« »Und ich auch,« sagte eine Gefährtin. »Er muß mich küssen,« sprach eine Dritte. »Wen meinen sie?« dachte Jeanne. »Ah! er ist ein sehr schöner Mann. Du bist keine Kostverächterin,« fügte eine letzte Freundin hinzu. Und Alles ging vorbei. »Abermals dieser Cardinal! immer er!« murmelte Jeanne. »Er ist freigesprochen, er ist freigesprochen!« Und sie sprach diese Worte mit solcher Entmuthigung und zugleich Sicherheit, daß der Concierge und seine Frau, um keinen Sturm wie am vorhergehenden Tag mehr zu veranlassen, gleichzeitig ihr zuriefen: »Ei! Madame, warum sollte denn dieser arme Mann nicht losgesprochen und in Freiheit gesetzt werden?« Jeanne fühlte den Schlag, sie fühlte besonders die Veränderung ihrer Wirthe, und sagte, da sie nichts von ihrer Sympathie verlieren wollte: »Oh! Sie verstehen mich nicht. Ach! halten Sie mich für so neidisch oder für so boshaft, daß ich meinem Unglücksgefährten das Schlimme wünsche? mein Gott! er werde freigesprochen, der Herr Cardinal; oh ja, er werde freigesprochen. Aber endlich möchte ich doch erfahren ... Glauben Sie mir, meine Freunde, es ist die Ungeduld, die mich so macht.« Hubert und seine Frau schauten einander an, als wollten sie die Tragweite dessen, was sie zu sagen im Begriffe waren, ermessen. Ein fahler Blitz, der unwillkürlich aus den Augen Jeanne's hervorsprang, hielt sie zurück, als sie eben den Entschluß faßten. »Sie sagen mir nichts?« rief sie, ihren Fehler wahrnehmend. »Wir wissen nichts,« erwiderten sie leise. In diesem Augenblick rief ein Befehl Hubert aus seiner Wohnung. Die Concierage, welche mit Jeanne allein blieb, suchte sie zu zerstreuen; es war vergebens, alle Sinne der Gefangenen, ihr ganzer Verstand waren außen durch die Geräusche, durch die Athemzüge in Anspruch genommen, die sie mit einer durch das Fieber verzehnfachten Empfänglichkeit auffaßte. Plötzlich entstand ein gewaltiger Lärm, eine mächtige Bewegung auf dem Platz. Die Menge strömte bis auf die Brücke, bis auf den Quai zurück, und dieß mit so starken, so oft wiederholten Schreien, daß Jeanne auf ihrem Beobachtungsposten darüber bebte. Diese Schreie hörten nicht auf: sie waren an einen offenen Wagen gerichtet, dessen Pferde, weniger durch die Hand des Kutschers als durch die Menge zurückgehalten, kaum im Schritte gingen. Die Menge bedrängte, umschloß sie und trug am Ende Pferde, Wagen und zwei Personen, welche darin saßen, auf ihren Schultern und Armen. In den großen Strahlen der Sonne, unter einem Blumenregen, unter einem Gewölbe von Blätterwerk, das tausend Hände über ihren Köpfen bewegten, erkannte die Gräfin diese zwei Männer, welche die begeisterte Menge berauschten. Bleich über seinen Triumph, erschrocken über seine Volksthümlichkeit, blieb der Eine ernst, betäubt, zitternd. Frauen stiegen bis auf die Felgen seiner Räder, rissen seine Hände an sich, um sie mit Küssen zu verzehren, und machten sich mit heftigen Stößen die Spitzen seiner Manchetten streitig, die sie mit den frischesten und seltensten Blumen bezahlt hatten. Andere noch Glücklichere waren mit den Lakaien hinten auf den Wagen gestiegen; sie entfernten unmerklich die Hindernisse, die ihrer Liebe im Weg waren, nahmen den Kopf des vergötterten Mannes, drückten einen ehrfurchtsvollen und zugleich sinnlichen Kuß darauf und machten dann neuen Glücklichen Platz. Dieser angebetete Mann war der Cardinal von Rohan. Frisch, freudig, funkelnd, erhielt der Zweite einen minder lebhaften, aber verhältnißmäßig eben so schmeichelhaften Empfang. Man belohnte ihn mit Freudenschreien und Vivats; die Frauen theilten sich in den Cardinal, die Männer riefen: »Es lebe Cagliostro!« Diese Trunkenheit brauchte eine halbe Stunde, um über den Pont-au-Change zu gelangen, und Jeanne bemerkte die Triumphatoren bis zum Gipfelpunkt derselben. Sie verlor nicht den kleinsten Umstand. Diese Kundgebung des öffentlichen Enthusiasmus für die Opfer der Königin, denn so nannte man sie, gewährte Jeanne einen Augenblick der Freude. Doch plötzlich sagte sie: »Wie! sie sind schon frei; schon sind für sie die Förmlichkeiten erfüllt, und ich, ich weiß nichts; warum sagt man mir nichts?« Ein Schauer erfaßte sie. Sie hatte neben sich Frau Hubert gefühlt, welche, stillschweigend, aufmerksam auf Alles was vorging, doch begriffen haben mußte und dennoch keine Erklärung gab. Jeanne wollte eine unerläßlich gewordene Erklärung hervorrufen, als ein neuer Lärm ihre Aufmerksamkeit gegen den Pont-au-Change zog. Ein Fiaker, umgeben von Leuten, fuhr ebenfalls den Abhang der Brücke hinauf. In diesem Fiaker erkannte Jeanne, lächelnd und ihr Kind dem Volke zeigend, Oliva, welche auch wegfuhr, frei und toll vor Freude über die etwas ungebundenen Scherze, über die dem frischen appetitlichen Mädchen zugesandten Küsse. Das war allerdings plumper Weihrauch, doch mehr als genügend für Mlle. Oliva, dieser Weihrauch, den die Menge als letzte Würze des glänzenden, dem Cardinal gebotenen Festes ihr zusandte. Mitten auf der Brücke wartete eine Postchaise. Herr Beausire verbarg sich darin hinter einem seiner Freunde, der allein sich der öffentlichen Bewunderung zu offenbaren wagte. Er machte Oliva ein Zeichen, und diese stieg mitten unter einem Geschrei, das sich ein wenig in Gezische verwandelt hatte, ein. Aber was ist für gewisse Schauspieler das Zischen, wenn man sie mit Wurfgeschossen bearbeiten und von bei Bühne jagen konnte? Als Oliva in die Chaise gestiegen war, fiel sie in die Arme Beausire's, der sie zum Ersticken wie eine Beute an sich drückte, eine ganze Wegstunde weit nicht mehr losließ, sie mit Thränen und Küssen überströmte und nicht athmete bis Saint-Denis, wo man die Pferde wechselte, ohne von der Policei belästigt worden zu sein. Als Jeanne alle diese Leute frei, glücklich, gefeiert sah, fragte sie sich, warum sie allein keine Nachrichten erhalte. »Aber ich! ich!« rief sie, »in Folge welcher ausgesuchten Grausamkeit eröffnet man mir nicht den Spruch, der mich betrifft?« »Beruhigen Sie sich, Madame,« sprach Hubert eintretend, »beruhigen Sie sich.« »Es ist nicht möglich, daß Sie nichts wissen,« erwiderte Jeanne; Sie wissen! Sie wissen! unterrichten Sie mich.« »Madame ...« »Wenn Sie kein Barbar sind, unterrichten Sie mich, Sie sehen, wie sehr ich leide.« »Madame, es ist uns niederen Officianten des Gefängnisses verboten, die Sprüche zu offenbaren, deren Lesung den Greffiers der Höfe zukommt.« »Es lautet also so gräßlich, daß Sie es nicht wagen,« rief Jeanne in einem Ausbruch von Wuth, der dem Concierge bange machte und ihn die Erneuerung der Scenen vom vorhergehenden Tag ahnen ließ. »Nein,« sagte er, »beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich!« »Sprechen Sie doch.« »Werden Sie geduldig sein und mich nicht bloßstellen?« »Ich gelobe es Ihnen, ich schwöre es Ihnen, reden Sie.« »Nun wohl: der Cardinal ist freigesprochen.« »Ich weiß es.« »Herr von Cagliostro freigesprochen.« »Ich weiß es! ich weiß es!« »Alle. Oliva von der Anklage entbunden.« »Weiter! weiter!« »Herr Reteau von Villette ist verurtheilt ...« Jeanne bebte. »Zu den Galeeren! ...« »Und ich! und ich?« rief sie vor Wuth mit den Füßen stampfend. »Geduld, Madame, Geduld. Ist es das, was Sie versprochen haben?« »Ich bin geduldig; reden Sie! Ich?« »Zur Verbannung,« sprach mit schwacher Stimme der Concierge, die Augen abwendend. Ein Blitz der Freude glänzte in den Augen der Gräfin, ein Blitz, der so schnell erlosch, als er erschienen war. Dann stellte sie sich, als fiele sie mit einem gewaltigen Schrei in Ohnmacht, und stürzte rückwärts in die Arme ihrer Wirthin. »Was wäre geschehen, wenn ich ihr die Wahrheit gesagt hätte?« flüsterte Hubert seiner Frau in's Ohr. »Die Verbannung,« dachte Jeanne, einen Nervenanfall heuchelnd, »das ist die Freiheit, das ist der Reichthum, das ist die Rache, das ist, was ich geträumt ... Ich habe gewonnen!« XCV. Die Execution. Jeanne erwartete immer, daß der vom Concierge versprochene Gerichtsschreiber käme, um ihr den gegen sie gefällten Spruch vorzulesen. Da sie die Bangigkeiten des Zweifels nicht mehr hatte und kaum die der Vergleichung, das heißt des Stolzes behielt, sagte sie in der That zu sich selbst: »Was kann mir, einem, sollte ich meinen, gediegenen Geist daran liegen, daß Herr von Rohan minder schuldig erachtet worden ist, als ich? »Bin ich es, über die man die Strafe eines Fehlers verhängt? Nein. Wäre ich gebührender Maßen von aller Welt als Valois anerkannt worden, hätte ich, wie dieß beim Herrn Cardinal der Fall war, ein ganzes Spalier von Prinzen und Herzogen, welche durch ihre Haltung, durch ihren Flor am Degen, durch ihre Trauerbinden flehten, am Wege aufgestellt gehabt, ich glaube nicht, daß man der armen Gräfin von La Mothe etwas verweigert haben würde, und sicherlich hätte man, in Voraussetzung dieser vornehmen Supplit, der Abkömmlingin der Valois die Schmach des Schemels erspart. »Doch warum sich mit dieser ganzen Vergangenheit beschäftigen, welche todt ist? Sie ist nun beendigt, diese große Angelegenheit meines Lebens. Auf eine zweideutige Weise in die Welt gestellt, der Gefahr ausgefetzt, vom ersten von oben kommenden Hauch niedergeworfen zu werden, vegetirte ich bloß, ich kehrte vielleicht zu dem ursprünglichen Elend zurück, das die schmerzliche Lehrzeit meines Lebens war. Nun nichts Aehnliches mehr. »Verbannt, ich bin verbannt! das heißt, ich habe das Recht, meine Million in meiner Casse mitzunehmen, unter den Pomeranzenbäumen von Sevilla oder von Agrigent im Winter, in Deutschland oder England im Sommer zu leben; das heißt, jung, schon, berühmt und im Stande, meinen Proceß selbst zu erklären, wird mich nichts abhalten, zu leben, wie es mir beliebt, sei es mit meinem Mann, wenn er wie ich verbannt ist, und ich ihn frei weiß, sei es mit den Freunden, welche das Glück und die Jugend immer geben! »Und,« fügte Jeanne in ihre glühenden Gedanken verloren bei, »man komme dann und sage mir, mir, der Verurtheilten, mir, der Verbannten, mir, der armen Gedemüthigten, ich sei nicht reicher als die Königin, ich sei nicht geehrter als die Königin, ich sei nicht vollständiger freigesprochen als die Königin; denn es handelte sich bei ihr nur um eine Verurtheilung. Dem Löwen ist nichts am Erdenwurm gelegen. Es handelte sich darum, Herrn von Rohan zu verurtheilen, und Herr von Rohan ist freigesprochen. »Wie werden sie sich nun benehmen, um mir den Spruch mitzutheilen, und wie, um mich aus dem Königreich zu führen? Werden sie sich an einer Frau dadurch rächen, daß sie sie dem strengsten Vollzuge der Strafe unterwerfen? Werden sie mich den Schützen übergeben, um mich an die Gränze zu führen? Wird man mir öffentlich sagen: Unwürdige! der König verbannt Sie aus seinem Reiche? Nein, meine Herren sind gutmüthig,« sprach sie lächelnd; »sie grollen mir nicht mehr. Sie grollen nur dem guten Pariser Volk, das unter ihren Balconen brüllt: Es lebe der Herr Cardinal! es lebe Cagliostro! es lebe das Parlament! Das ist ihr wahrer Feind: das Volk. Oh! ja, es ist ihr unmittelbarer Feind, da ich auf die moralische Unterstützung der öffentlichen Meinung rechnete ... und da es mir gelungen ist!« Jeanne war so weit, sie machte im Stillen ihre kleinen Vorbereitungen und ordnete mit sich ihre Rechnungen. Sie beschäftigte sich schon mit der Unterbringung ihrer Diamanten, mit ihrer Niederlassung in England, man war im Sommer, als plötzlich die Erinnerung an Reteau von Billette, nicht ihr Herz, sondern ihren Geist durchzuckte. »Armer Junge,« sagte sie mit einem boshaften Lächeln, »er hat für Alle bezahlt. Es bedarf also für die Sühnungen immer einer niederträchtigen Seele im philosophischen Sinn, und so oft dergleichen Notwendigkeiten entstehen, erhebt sich der Sündenbock von der Erde, mit dem Streich, der ihn vernichten wird. »Armer, gebrechlich«, elender Reteau, er bezahlt heute seine Pamphlete gegen die Königin, seine Federverschwörungen, und Gott, der Jedem seinen Theil in der Welt zurechnet, hat ihm wohl eine Existenz von Stockprügeln, von zeitweisen Louisd'ors, von Hinterhalten, von Verstecken mit einer Endentwicklung von Galeeren zugedacht. So geht es der Verschmitztheit statt des Verstandes, der Arglist statt der Bosheit, dem Geiste des Angriffs ohne die Ausdauer und die Stärke. Wie viele böse, schädliche Wesen gibt es in der Schöpfung von der giftigen Milbe an bis zum Scorpion, dem ersten der kleinen Wesen, das sich bei den Menschen gefürchtet macht. Alle diese ärmlichen Geschöpfe wollen schaden, aber sie haben nicht die Ehre des Kampfes; man zertritt sie.« Und Jeanne begrub mit diesem bequemen Wortschwall ihren Genossen Reteau, fest entschlossen, sich nach dem Bagno zu erkundigen, wo der Elende eingeschlossen wäre, um auf ihrer Reise nicht dahin zu gerathen, um nicht einem Unglücklichen die Demüthigung anzuthun, ihm das Glück einer alten Bekannten zu zeigen. Jeanne hatte ein gutes Herz. Sie nahm heiter ihr Mahl mit dem Concierge und seiner Frau ein. Diese aber hatten ihre Heiterkeit gänzlich vergessen; sie gaben sich nicht einmal die Mühe, ihre Beklemmung gänzlich zu verbergen. Jeanne schrieb ihre Kälte der Verurtheilung zu, deren Gegenstand sie war. Sie machte ihnen eine Bemerkung darüber. Sie antworteten, nichts sei so schmerzlich für sie, als der Anblick der Personen nach einem gefällten Urtheil. Jeanne war im Grunde ihres Herzens so glücklich, es that ihr so wehe, ihre Freude verbergen zu müssen, daß ihr die Gelegenheit, allein, frei mit ihren Gedanken zu bleiben, nur sehr angenehm sein konnte. Sie gedachte sich nach dem Mittagessen auf ihr Zimmer zurückführen zu lassen. Wie staunte sie, als der Concierge Hubert beim Nachtisch das Wort nahm und mit einer gezwungenen Feierlichkeit, die seinen Reden sonst durchaus fremd war, zu ihr sprach: »Madame, wir haben den Befehl, die Personen, über deren Schicksal das Parlament entschieden, nicht in der Kerkermeisterei, zu behalten.« »Gut,« dachte Jeanne, »er kommt meinen Wünschen entgegen.« Und sie stand auf und erwiderte: »Ich möchte Sie nicht zu einer Uebertretung Ihrer Vorschriften veranlassen ... Da» hieße die Güte, die Sie für mich gehabt haben, schlecht erkennen ... Ich kehre also in mein Zimmer zurück.« Sie schaute das Ehepaar an, um die Wirkung ihrer Worte zu beobachten. Hubert drehte einen Schlüssel in seinen Fingern hin und her. Die Concierge wandte ihren Kopf ab, als wollte sie eine neue Bewegung ihres Gemüths verbergen. »Aber wohin wird man denn kommen, um mir den Spruch zu verlesen, und wann wird man kommen?« fragte die Gräfin. »Man wartet vielleicht, bis Madame in ihrem Zimmer ist,« antwortete Hubert hastig. »Er entfernt mich entschieden,« dachte Jeanne. Und ein unbestimmtes Gefühl der Bangigkeit machte sie beben, doch kaum in ihrem Herzen erschienen, verdunstete es wieder. Jeanne stieg die drei Stufen hinauf, welche von dieser Stube in den Gang der Kanzlei führten. Als Frau Hubert die Gräfin weggehen sah, eilte sie auf sie zu und ergriff ihre Hände, nicht mit Ehrfurcht, nicht mit wahrer Freundschaft, nicht mit jener Empfindungsfülle, die für beide Theile gleich ehrenvoll ist, sondern mit einem Erguß tiefen Mitleids, welcher der verständigen Jeanne, ihr, die Alles bemerkte, nicht entging. Dießmal war der Eindruck so scharf, daß Jeanne sich gestand, der Schrecken erfasse sie; doch der Schrecken wurde abgeschüttelt, wie sie die Bangigkeit abgeschüttelt hatte, und aus der bis an den Rand mit Freude und Hoffnung erfüllten Seele vertrieben. Jeanne wollte sich von Frau Hubert die Ursache ihres Mitleids erklären lassen; sie öffnete den Mund und stieg wieder zwei Stufen herab, um eine Frage, so entschieden und kräftig wie ihr Geist, zu stellen. Doch sie hatte keine Zeit dazu. Hubert nahm sie, weniger höflich als lebhaft, bei der Hand und öffnete die Thüre. Die Gräfin sah sich im Gange. Acht Schützen von der Vogtei warteten hier. Worauf warteten sie? das fragte sich Jeanne, als sie dieselben erblickte. Doch die Thüre des Concierge war schon wieder geschlossen. Vor den Schützen stand einer der gewöhnlichen Gefängnißschließer, derjenige, welcher die Gräfin jeden Abend in ihr Zimmer zurückführte. Dieser Mensch schritt der Gräfin voran, als wollte er ihr den Weg zeigen. »Ich gehe in mein Zimmer zurück?« sagte die Gräfin mit dem Tone einer Frau, welche dessen, was sie sagt, gern sicher scheinen möchte, aber zweifelt. »Ja, Madame,« erwiderte der Schließer. Jeanne faßte das eiserne Geländer an und stieg hinter dem Mann hinauf. Sie hörte die Schützen, welche einige Schritte von ihr entfernt zischelten, aber sich nicht von der Stelle rührten. Beruhigt, ließ sie sich in ihr Zimmer einsperren und dankte sogar freundlich dem Schließer. Dieser entfernte sich. Jeanne sah sich nicht so bald frei und allein, als ihre Freude ausschweifend hervorbrach, eine Freude, welche zu lange durch die Larve geknebelt gewesen war, unter der sie heuchlerisch ihr Gesicht beim Concierge verborgen hatte. Dieses Zimmer der Conciergerie war ihr Behältniß, das Behältnis; eines einen Augenblick durch die Menschen gefesselten wilden Thieres, das durch eine Laune Gottes abermals in den freien Raum der Welt versetzt werden sollte. Und in seiner Höhle oder in seinem Behältniß, wenn es finstere Nacht ist, wenn kein Geräusch dem gefangenen Thiere die Wachsamkeit seiner Hüter verkündigt, wenn sein seiner Geruch keine Spur in der Umgegend erkennt, beginnen dann die Sprünge dieser wilden Natur. Es reckt seine Glieder, um sie für die Bewegungen der erwarteten Unabhängigkeit geschmeidig zu machen. Dann hat es Schreie, dann hat es Aufschwingungen und Extasen, welche das Auge des Menschen nie erlauert. Bei Jeanne war es so. Plötzlich hörte sie in ihrer Flur gehen; sie hörte die Schlüssel am Bunde des Schließers klirren; sie hörte das massenhafte Schloß berühren. »Was will man von mir?« dachte sie, indem sie sich stumm und aufmerksam erhob. »Was gibt es, Jean?« fragte die Gräfin mit sanftem, gleichgültigem Tone. »Madame wolle mir folgen,« erwiderte er. »Wohin?« »Hinab.« »Wie? hinab ...« »In die Kanzlei.« »Ich bitte, warum?« »Madame ...« Jeanne ging auf diesen Mann zu, welcher zögerte, und sah am Ende der Flur die Schützen der Vogtei, welche sie zuerst unten getroffen hatte. »Sagen Sie mir doch, was man in der Kanzlei von mir will?« rief sie bewegt. »Madame, Herr Voillot, Ihr Vertheidiger, möchte Sie gern sprechen.« »In der Kanzlei? Warum nicht hier, da er mehrere Male die Erlaubnis; gehabt hat, hierher zu kommen?« »Madame, Herr Voillot hat Briefe von Versailles erhalten, und er will Ihnen Kenntniß davon geben.« Jeanne bemerkte nicht, wie unlogisch diese Antwort war. Ein einziges Wort fiel ihr auf: Briefe von Versailles, Briefe vom Hof ohne Zweifel, vom Vertheidiger selbst überbracht. Sollte die Königin beim König nach Verkündigung des Spruches vermittelt haben? Sollte ... Doch wozu Muthmaßungen? hatte man Zeit dazu, war das nöthig, wenn man in zwei Minuten die Lösung des Räthsels finden konnte? Ueberdieß wurde der Schließer dringlich; er schüttelte seine Schlüssel wie ein Mensch, der in Ermangelung guter Gründe einen Befehl entgegenhält. »Warten Sie ein wenig auf mich,« sagte Jeanne, »Sie sehen, daß ich mich schon ausgekleidet hatte, um ein wenig zu ruhen; ich bin in den letzten Tagen so müde geworden.« »Ich werde warten, Madame, aber bedenken Sie, daß Herr Voillot Eile hat.« Jeanne schloß ihre Thüre, zog ein etwas frischeres Kleid an, nahm eine Mantille und ordnete rasch ihre Haare. Sie brauchte keine fünf Minuten zu diesen Vorbereitungen. Ihr Herz sagte ihr, Herr Voillot bringe den Befehl, auf der Stelle abzugehen, und das Mittel, Frankreich auf eine zugleich discrete und bequeme Weise zu durchreisen. Ja, die Königin mußte dafür gesorgt haben, daß ihre Feindin so bald als möglich weggeführt wurde. Die Königin mußte, nachdem man den Spruch gefällt, sich's angelegen sein lassen, diese Feindin so wenig als möglich zu reizen, denn ist der Panther in Fesseln gefährlich, wie muß man ihn erst fürchten, wenn er frei ist? In diesen glücklichen Gedanken gewiegt, ging oder flog vielmehr Jeanne hinter dem Schließer her, der sie die kleine Treppe hinabgehen ließ, auf der man sie schon in den Sitzungssaal geführt hatte. Doch statt bis zu diesem Saale zu gehen, statt sich links zu wenden, um in die Kanzlei einzutreten, wandte sich der Schließer nach einer kleinen Thüre rechts. »Wohin gehen Sie denn?« fragte Jeanne, »die Kanzlei ist dort.« »Kommen Sie, kommen Sie, Madame,« sagte mit honigsüßem Tone der Schließer, »hier erwartet Sie Herr Voillot.« Er trat zuerst ein und zog die Gefangene nach, welche geräuschvoll die äußeren Riegel dieser dicken Thüre hinter ihr schließen hörte. Erstaunt, doch ohne noch etwas in der Finsterniß zu sehen, wagte es Jeanne nicht mehr, ihren Wächter zu fragen. Sie machte ein paar Schritte und blieb dann stehen. Ein bläuliches Licht verlieh der Stube, in der sie sich befand, das Aussehen vom Innern eines Grabes. Die Helle drang oben von einem alterthümlichen Gitterwerk durch Spinnengewebe und eine hundertfache Lage uralten Staubes ein, und nur einige bleiche Strahlen gaben den Wänden ein wenig von ihrem Wiederschein. Jeanne fühlte plötzlich die Kälte, sie fühlte die Feuchtigkeit des Kerkers; sie errieth etwas Entsetzliches an den flammenden Augen des Schließers. Indessen sah sie noch nichts, als diesen Mann; er allein mit der Gefangenen nahm in diesem Augenblick das Innere dieser vier Wände ein, welche ganz mit Grün überzogen waren von dem Wasser, das sie überall ausschwitzten, ganz schimmelig vom Durchzug einer Luft, welche die Sonne nie erwärmt hatte. »Mein Herr,« sagte sie nun, den Eindruck des Schreckens beherrschend, der sie schauern machte, »was thun wir Beide hier?« Wo ist Herr Voillot, zu welchem Sie mich zu führen versprochen haben?« Der Schließer antwortete nicht: er wandte sich um, als wollte er nachschauen, ob die Thüre, durch die sie eingetreten waren, fest geschlossen sei. Jeanne folgte dieser Bewegung voll Angst. Es kam ihr der Gedanke, sie habe es, wie in den schwärzlichen Romanen jener Zeit, mit einem jener Kerkermeister zu thun, welche, in wilder Liebe für ihre eingekerkerten Frauen entbrannt, an dem Tage, wo ihnen ihre Beule durch die offene Thüre ihres Käfigs entgehen soll, sich zu Tyrannen der schönen Gefangenen machen und ihnen Freiheit gegen Liebe antragen. Jeanne war stark, sie fürchtete sich nicht vor Ueberfällen, sie hatte nicht die Schamhaftigkeit der Seele. Ihre Einbildungskraft kämpfte mit Vortheil gegen die sophistischen Launen der Herren Crebillon Sohn und Louvet. Sie ging mit lächelndem Auge gerade auf den Schließer zu und sagte: »Mein Herr, was verlangen Sie von mir? Haben Sie mir etwas zu sagen? Die Zeit einer Gefangenen, wenn sie der Freiheit nahe steht, ist kostbar. Sie scheinen, um mit mir zu sprechen, einen sehr unheimlichen Ort der Zusammenkunft gewählt zu haben.« Der Schließer antwortete nicht, weil er nicht begriff. Er setzte sich an die Ecke des niedrigen Kamins und wartete. »Ich frage Sie noch einmal: was machen wir?« sagte sie. Sie fürchtete, es mit einem Narren zu thun zu haben. »Wir warten auf Herrn Voillot.« Den Kopf schüttelnd entgegnete Jeanne: »Sie werden mir zugestehen, daß Herr Voillot, wenn er mir Briefe von Versailles mitzutheilen hat, seine Zeit und sein Audienzzimmer schlecht wählte. Herr Voillot kann mich unmöglich hier warten lassen. Es ist etwas Anderes.« Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als eine Thüre, die sie nicht bemerkt hatte, ihr gegenüber sich öffnete. Es war eine von den runden Fallthüren, wahren Monumenten von Holz und Eisen, welche, wenn sie sich in dem Hintergrund, den sie verbargen, öffnen, ein kabbalistisches Rund ausschneiden, in dessen Mittelpunkt Mensch oder Landschaft durch Zauberei lebendig zu sein scheinen. Hinter dieser Thüre waren in der That Stufen, die sich in einen schlecht beleuchteten Corridor voll Wind und Kühle senkten, und jenseits dieses Korridors sah Jeanne in einem einzigen Augenblick so schnell wie der Blitz, indem sie sich auf die Zehen erhob, eine Art von öffentlichem Platz, wo ein Haufe von Männern und Weibern mit funkelnden Augen wartete. Doch wir wiederholen, es war dieß für Jeanne mehr eine Vision, als ein Anblick; sie hatte nicht einmal Zeit, sich Rechenschaft davon zu geben. Vor ihr, auf einem Plan, der viel näher war, als der erwähnte Platz, erschienen drei Personen, die letzte Stufe heraufsteigend. Hinter diesen Personen, ohne Zweifel von den unteren Stufen, erhoben sich vier Bajonette, weiß und scharf, unheimlichen Kerzen ähnlich, welche diese Scene hätten beleuchten wollen. Doch die runde Thüre schloß sich wieder. Die drei Männer traten allein in den Kerker ein, in dem sich Jeanne befand. Diese ging von einem Erstaunen zum andern, oder vielmehr von der Unruhe zum Schrecken über. Den Schließer, den sie einen Augenblick zuvor fürchtete, suchte sie nun auf, um seinen Schutz gegen die Unbekannten anzusprechen. Der Schließer lehnte sich an die Wand des Kerkers an und zeigte durch diese Bewegung, daß er passiver Zuschauer dessen, was geschehen sollte, bleiben wolle und müsse. Jeanne wurde angeredet, ehe ihr der Gedanke, das Wort zu nehmen, gekommen war. Einer von den drei Männern, der jüngste, fing an. Er war schwarz gekleidet, hatte seinen Hut auf dem Kopf und drehte in seiner Hand Papiere hin und her, die gleich der Skytala der Alten geschlossen waren. »Madame,« sagte der Unbekannte, »Sie sind Jeanne von Saint-Remy von Valois, Gattin von Marie Antoine Nicolas Grafen von La Mothe?« »Ja, mein Herr,« erwiderte Jeanne. »Sie sind geboren in Fontette am 22. Juli 1756?« »Ja, mein Herr.« »Sie wohnen in Paris in der Rue Neuve-Saint-Gilles?« »Ja, mein Herr ... Doch wozu richten Sie alle diese Fragen an mich?« »Madame, es thut mir leid, daß Sie mich nicht erkennen: ich bin der Gerichtsschreiber des Hofes.« »Ich erkenne Sie.« »Dann kann ich meine Functionen in meiner Eigenschaft, die Sie anerkannt haben, vollziehen.« »Ich bitte einen Augenblick ... Wollen Sie mir sagen, wozu Ihre Functionen Sie verpflichten?« »Ihnen den Spruch vorzulesen, der in der Sitzung vom 31. Mai 1786 gegen Sie gefällt worden ist.« Jeanne bebte. Sie ließ einen Blick voll Bangigkeit und Mißtrauen umherlaufen. Nicht ohne Grund setzen wir das Wort Mißtrauen, das als das minder starke erscheinen dürfte, zuletzt. Jeanne schauerte von einer unsäglichen Angst; sie ließ ein in der Finsternis; furchtbares Augenpaar stammen, um Acht zu geben. »Sie sind der Kanzleischreiber Breton,« sagte sie; »doch wer sind diese beide Herren, Ihre Gehülfen?« Der Gerichtsschreiber wollte antworten, als der Schließer, seinem Worte zuvorkommend, auf ihn zueilte und ihm die von einer Angst oder einem beredten Mitleid erfüllten Worte zuflüsterte: »Sagen Sie es ihr nicht.« Jeanne hörte dieß; sie schaute die zwei Männer aufmerksamer an, als sie bis dahin gethan hatte. Sie wunderte sich, als sie den eisengrauen Rock und die eisernen Knöpfe des Einen, das behaarte Wamms und die Pelzmütze des Andern sah; die seltsame Schürze, welche die Brust des Letzteren bedeckte, erregte Jeanne's Aufmerksamkeit; diese Schürze schien an verschiedenen Stellen verbrannt, an andern mit Blut und mit Oel befleckt. Sie wich zurück. Es war, als böge sie sich, um einen kräftigen Ansatz zu nehmen. Der Gerichtsschreiber näherte sich ihr und sprach: »Knieen Sie nieder, Madame.« »Ich, niederknieen!« rief Jeanne; »niederknieen! ich! ... ich, eine Valois, niederknieen!« »So lautet der Befehl, Madame,« sprach der Gerichtsschreiber sich verbeugend. »Aber, mein Herr,« entgegnete Jeanne mit einem unseligen Lächeln, »was fällt Ihnen ein? ich muß Sie also das Gesetz lehren? Man kniet nur nieder, um öffentliche Abbitte zu thun!« »Nun, Madame?« »Nun! mein Herr, man thut nur Abbitte in Folge eines Spruchs, der zu einer entehrenden Strafe verurtheilt. Die Verbannung ist, so viel ich weiß, keine entehrende Strafe im französischen Gesetz.« »Madame, ich habe Ihnen nicht gesagt, Sie seien zur Verbannung verurtheilt,« sprach der Gerichtsschreiber mit tiefer Traurigkeit. »Nun!« rief Jeanne ausbrechend, »wozu bin ich beim verurtheilt?« »Das werden Sie erfahren, wenn Sie den Spruch anhören, und um ihn anzuhören, wollen Sie für's Erste niederknieen.« »Nie, nie!« »Madame, das ist der erste Artikel meiner Instruktionen.« »Nie, nie, sage ich Ihnen.« »Madame, es ist geschrieben, wenn die Verurtheilte sich weigere niederzuknieen ...« »Nun?« »So werde man sie mit Gewalt dazu zwingen.« »Gewalt! gegen eine Frau!« »Eine Frau darf eben so wenig als ein Mann der dem König und der Gerechtigkeit schuldigen Achtung ermangeln.« »Und der Königin! nicht wahr?« rief Jeanne wüthend, »denn ich erkenne wohl hierin die Hand eines feindseligen Weibes.« »Sie haben Unrecht, die Königin anzuklagen, Madame. Ihre Majestät hat keinen Antheil an der Abfassung der Parlamentssprüche. Auf, Madame, ersparen Sie uns die Nothwendigkeit, Gewalt zu brauchen; auf die Kniee!« »Nie! nie! nie!« Der Gerichtsschreiber rollte sein Papier zusammen und zog aus seiner weiten Tasche ein sehr dickes, das er in Voraussicht dessen, was jetzt geschah, in Reserve hielt. Und er las den vom Generalanwalt an die öffentliche Gewalt erlassenen Befehl, die widerspänstige Angeklagte zum Niederknieen zu zwingen, um der Gerechtigkeit Genüge zu leisten. Jeanne stemmte sich in eine Ecke des Gefängnisses und forderte mit ihren Blicken die öffentliche Gewalt heraus, welche sie in den Bajonetten zu erblicken geglaubt hatte, die sich aus der Treppe vor der Thüre erhoben. Doch der Gerichtsschreiber ließ diese Thüre nicht öffnen, er machte den erwähnten zwei Männern ein Zeichen, und diese näherten sich ruhig, wie jene untersetzten, unerschütterlichen Kriegsmaschinen, mit denen man eine Mauer bei Belagerungen angreift. Ein Arm jedes dieser Männer packte Jeanne unter der Schulter und zog sie mitten in den Saal, trotz ihres Geschreis, trotz ihres Brüllens. Der Gerichtsschreiber setzte sich unempfindlich und wartete. Jeanne sah nicht, daß sie, um sich so schleppen zu lassen, zu drei Vierteln hatte niederknieen müssen. Ein Wort des Gerichtsschreibers machte sie darauf aufmerksam. »Es ist gut so,« sagte er. Sogleich spannte sich die Feder ab, Jeanne sprang zwei Fuß vom Boden in den Armen der Männer, die sie hielten. »Es ist ganz unnütz, daß Sie so schreien,« sagte der Gerichtsschreiber, »denn man hört Sie außen nicht, und dann werden Sie das Urtheil nicht hören, das ich Ihnen jetzt vorlesen muß.« »Erlauben Sie, daß ich stehend höre, und ich werde stillschweigend zuhorchen,« rief Jeanne keuchend. »Sobald die Schuldige zum Staupbesen verurtheilt wird,« sprach der Gerichtsschreiber, »ist die Strafe entehrend und zieht die Kniebeugung nach sich.« »Zum Staupbesen!« brüllte Jeanne. »Zum Staupbesen! Ah! Elender! Zum Staupbesen, sagen Sie? ...« Und diese Schreie wurden so gewaltig, daß sie den Schließer, den Gerichtsschreiber und die zwei Gehülfen betäubten, und daß diese Leute den Kopf verloren und gleich Betrunkenen die Materie durch die Materie bändigen zu wollen anfingen. Da warfen sie sich auf Jeanne und suchten sie niederzuziehen, doch sie widerstand siegreich. Sie wollten sie die Kniee biegen machen, aber sie stemmte ihre Muskeln an wie stählerne Klingen. Sie blieb in der Luft in den Händen dieser Männer schweben und bewegte ihre Hände und ihre Füße so, daß sie ihnen grausame Wunden beibrachte. Sie theilten sich in die Arbeit; einer von ihnen hielt ihr die Füße wie in einem Schraubstock; die zwei Andern hoben sie an den Faustgelenken auf und riefen dem Gerichtsschreiber zu: »Lesen Sie, lesen Sie immerhin Ihren Spruch, Herr Gerichtsschreiber, sonst werden wir mit dieser Wüthenden nie zu Ende kommen!« »Nie werde ich einen Spruch lesen lassen, der mich zur Ehrlosigkeit verurtheilt,« rief Jeanne, sich mit einer übermenschlichen Stärke sträubend. Und sie verband die That mit der Drohung und übertäubte die Stimme des Gerichtsschreibers durch ein so gellendes Gebrüll und Geschrei, daß sie kein Wort von dem Vorgelesenen hörte. Nach beendigter Lesung legte er seine Papiere wieder zusammen und steckte sie in seine Tasche. Als Jeanne glaubte, er habe geendigt, schwieg sie und suchte wieder Kraft zu sammeln, um diesen Männern abermals zu trotzen. Sie ließ aus das Gebrülle ein Gelächter folgen, das noch wilder war. »Und,« sprach der Gerichtsschreiber, indem er gelassen mit der herkömmlichen Formel schloß, »und der Spruch wird aus dem Executionsplatz im Justizhof vollzogen werden!« »Oeffentlich!« brüllte die Unglückliche ... »Oh!« »Meister von Paris, ich überantworte Euch dieses Weib,« vollendete der Gerichtsschreiber, indem er sich an den Mann mit der ledernen Schürze wandte. »Wer ist dieser Mann?« fragte Jeanne in einem letzten Paroxismus der Angst und Wuth. »Der Henker,« antwortete der Gerichtsschreiber, wahrend er seine Manchetten zurecht richtete, mit einer Verbeugung. Kaum hatte der Gerichtsschreiber dieses Wort gesprochen, als sich die zwei Henker der Gräfin bemächtigten und sie aufhoben, um sie nach der Gallerie zu tragen, welche sie bemerkt hatte. Wir müssen darauf verzichten, die Art zu schildern, wie sie sich zur Wehr setzte. Diese Frau, welche im gewöhnlichen Leben über eine Schramme in Ohnmacht fiel, ertrug beinahe gegen eine Stunde die Mißhandlungen und Schläge der beiden Henker; sie wurde bis zur äußeren Thüre geschleppt, ohne daß sie einen Augenblick aufgehört hatte, das gräßlichste Geschrei auszustoßen. Jenseits dieser Pforte, wo die versammelten Soldaten die Menge im Zaum hielten, erschien plötzlich der kleine Hof, genannt der Justizhof, mit den zwei- bis dreitausend Zuschauern, welche die Neugierde seit den Vorbereitungen und der Errichtung des Schaffots herbeigelockt hatte. Auf einer ungefähr acht Fuß hohen Estrade erhob sich ein schwarzer Pfahl, mit eisernen Ringen versehen und überragt von einer Schrift, welche der Gerichtsschreiber, ohne Zweifel auf Befehl, unleserlich zu machen bemüht gewesen war. Diese Estrade hatte kein Geländer, man stieg auf einer Leiter ebenfalls ohne Geländer zu ihr hinauf. Die einzige Einfassung, die man hier bemerkte, waren die Bajonette der Schützen. Sie schlossen den Zugang wie ein Gitter mit glänzenden Spitzen. Als die Menge sah, daß die Thüren des Palastes sich öffneten, und daß die Commissäre mit ihren Stäbchen kamen, daß der Gerichtsschreiber mit seinen Papieren in der Hand herbeischritt, fing sie ihre wellenförmige Bewegung an, welche ihr Ähnlichkeit mit dem Meere verleiht. Bon allen Seiten erschollen die Rufe: »Hier kommt sie! hier kommt sie!« mit nicht sehr ehrenvollen Beiwörtern für die Verurtheilte, und da und dort mit nicht sehr freundlichen Bemerkungen für die Richter. Denn Jeanne hatte Recht, sie hatte sich seit ihrer Verurtheilung eine Partei gemacht. Leute, die sie zwei Monate vorher verachteten, hatten sie wieder in Ehren eingesetzt, seitdem sie sich als Gegnerin der Königin aufgeworfen. Herr von Crosne hatte Alles vorhergesehen. Die ersten Reihen dieses Schauspielsaales waren von einem Parterre besetzt, das denjenigen ergeben war, welche die Kosten des Schauspiels bezahlten. Man bemerkte hier, neben breitschultrigen Agenten, die eifrigsten Anhängerinnen des Cardinals von Rohan. Man hatte Mittel gefunden, für die Königin die gegen sie erweckten Leidenschaften des Zorns zu benützen. Diejenigen sogar, welche Herrn von Rohan aus Antipathie gegen Marie Antoinette so stark Beifall zugeklatscht hatten, zischten oder pfiffen Frau von La Mothe aus, welche so unklug gewesen war, ihre Sache von der des Cardinals abzusondern. Folge hievon war, daß bei ihrer Erscheinung auf dem kleinen Platze die wüthenden Schreie: » Nieder mit La Mothe! Hol die Fälscherin ,« die Mehrzahl bildeten und ben kräftigsten Lippen entströmten. Es geschah auch, daß diejenigen, welche ihr Mitleid für Jeanne oder ihre Entrüstung gegen den Spruch, der sie traf, auszudrücken versuchten, von den Damen der Halle für Feinde des Cardinals, von den Agenten für Feinde der Königin gehalten und in dieser doppelten Eigenschaft von den beiden Geschlechtern mißhandelt wurden, welche bei der Erniedrigung von Frau von La Mothe interessirt waren. Jeanne war mit ihren Kräften zu Ende, aber noch nicht mit ihrer Wuth; sie hörte auf zu schreien, weil sich ihre Schreie in der Gesammtheit der Geräusche und des Kampfes verloren. Doch mit ihrer scharfen, vibrirenden, metallischen Stimme schleuderte sie ein paar Worte unter die Menge, welche wie durch einen Zauber alles Gemurmel zum Schweigen brachten. »Wißt Ihr, wer ich bin!« sagte sie, »wißt Ihr, daß ich vom Blute Eurer Könige bin? Wißt Ihr, daß man in mir nicht eine Schuldige, sondern eine Nebenbuhlerin schlägt? Nicht nur eine Nebenbuhlerin, sondern eine Genossin!« Hier wurde sie zu rechter Zeit durch das Geschrei der verständigsten Agenten des Herrn von Crosne unterbrochen. Aber sie hatte, wenn nicht die Theilnahme, doch wenigstens die Neugierde erregt, und die Neugierde des Volks ist ein Durst, der gestillt werden will. »Ja,« wiederholte sie. »eine Genossin! Man bestraft in mir diejenige, welche genau eingeweiht war in die Geheimnisse von ...« »Nehmen Sie sich in Acht,« sagte ihr der Gerichtsschreiber in's Ohr. Sie wandte sich um, der Henker hielt eine Peitsche in der Hand. Bei diesem Anblick vergaß Jeanne ihre Rede, ihren Haß, ihren Wunsch, die Menge für sich zu gewinnen; sie sah nur noch die Schande, sie fürchtete nur noch den Schmerz. »Gnade! Gnade!« rief sie mit einer herzzerreißender Stimme. Ein ungeheures Gezische übertönte ihr Flehen. Jeanne klammerte sich, vom Schwindel ergriffen, an die Kniee des Henkers an. und es gelang ihr, seine Hand zu fassen. Doch er hob den andern Arm auf und ließ die Peitsche weich auf die Schultern der Gräfin fallen. Da ereignete sich etwas Unerhörtes; diese Frau, welche der körperliche Schmerz vielleicht niedergeworfen, geschmeidig gemacht, gezähmt hätte, erhob sich, als sie sah, daß man sie schonte; sie stürzte sich auf den Andern, auf den Gehülfen, und suchte ihn auf den Boden zu schleudern, um sich vom Schaffot herab auf den Platz zu werfen. Plötzlich wich sie zurück. Dieser Mann hielt in der Hand ein geröthetes Eisen, das er so eben aus glühenden Kohlen gezogen hatte. Er hob dieses Eisen auf, und die verzehrende Hitze, die es ausströmte, machte Jeanne unter einem wilden Gebrülle zurückspringen. »Gebrandmarkt!« rief sie, »gebrandmarkt!« Alles Volk antwortete auf ihren Schrei durch einen nicht minder furchtbaren Schrei. »Ja! ja!« brüllten dreitausend Stimmen. »Zu Hilfe!« stöhnte Jeanne ganz verwirrt, indem sie die Stricke, mit welchen man ihre Hände gebunden hatte, zu zerreißen suchte. Zu gleicher Zeit schlitzte der Henker das Kleid der Gräfin, da er es nicht öffnen konnte, auf, und während er mit zitternder Hand den zerfetzten Stoff auf die Seite schob, suchte er das glühende Eisen zu nehmen, das sein Gehülfe ihm darbot. Doch Jeanne stürzte sich auf diesen Mann, und machte ihn beständig zurückweichen, denn er wagte es nicht, sie zu berühren, so daß der Henker, daran verzweifelnd, daß er das unselige Werkzeug nehmen könnte, zu horchen anfing, ob sich in den Reihen der Menge eine Verfluchung gegen ihn erhebe. Die Eitelkeit hatte sich seiner bemächtigt. Die Menge begann die kräftige Vertheidigung dieser Frau zu bewundern und bebte von dumpfer Ungeduld; der Gerichtsschreiber war die Leiter hinabgestiegen; die Soldaten betrachteten dieses Schauspiel: es herrschte eine Unordnung, eine Verwirrung, die einen bedrohlichen Anblick bot. »Macht ein Ende!« rief eine Stimme, welche aus der ersten Reihe der Menschen hervorkam. Eine gebieterische Stimme, die der Henker ohne Zweifel erkannte, denn mit einem kräftigen Ansatz warf er Jeanne zurück, drückte sie nieder, und bog mit seiner linken Hand ihren Kopf auf die Seite. Sie erhob sich glühender als das Eisen, mit dem sie bedroht war, und rief mit einer Stimme, welche den ganzen Tumult des Platzes, alle Verwünschungen der ungeschickten Henker beherrschte: »Feige Franzosen, Ihr vertheidigt mich nicht, Ihr laßt mich martern!« »Schweigen Sie!« lief der Gerichtsschreiber. »Schweigen Sie!« rief der erste Commissär. »Ich, schweigen! ... Ah! ja wohl!« schrie Jeanne, »was wird man mir thun? ... Ja, wenn ich diese Schmach erdulde, ist es meine Schuld ...« »Ah! ah! ah!« rief die Menge, die sich im Sinn dieses Bekenntnisses täuschte. »Schweigen Sie!« wiederholte der Gerichtsschreiber. »Ja, meine Schuld,« fuhr Jeanne sich krümmend fort, »denn wenn ich hätte sprechen wollen ...« »Schweigen Sie!« schrieen Gerichtsschreiber, Commissäre und Henker. »Wenn ich Alles hätte sagen wollen, was ich über die Königin weiß ... nun, ich wäre gehenkt, aber nicht entehrt worden.« Sie konnte nicht mehr sprechen, denn der Commissär sprang auf das Schaffot, gefolgt von Agenten, welche die Elende knebelten und sie ganz zuckend, ganz gequetscht, das Gesicht angeschwollen, bleifarbig, blutend, den zwei Henkern übergaben, von denen der eine sein Opfer abermals niederbog; zu gleicher Zeit ergriff er das Eisen, das ihm sein Gehülfe zu reichen vermochte. Doch Jeanne benützte wie eine Natter die Unzulänglichkeit dieser Hand, die ihr Genick preßte; sie sprang zum letzten Mal auf, wandte sich mit einer wüthenden Freude um, und bot dem Henker, indem sie ihn mit einem herausfordernden Auge anschaute, ihre Brust, so daß das unselige Werkzeug, das sich auf ihre Schulter senkte, sie am rechten Busen traf und seine rauchende, verzehrende Furche in das lebendige Fleisch eindrückte. was dem Opfer, trotz des Knebels, ein Gebrülle entriß, dem keine Intonation gleichkommt, welche die menschliche Stimme hervorzubringen vermag. Jeanne sank unter ihrer Schmach zusammen. Sie war besiegt. Ihre Lippen ließen keinen Ton mehr entschlüpfen, ihre Glieder hatten kein Beben mehr; dießmal war sie wirklich ohnmächtig. Der Henker trug sie, gleichsam auf seiner Schulter entzweigebogen, fort und stieg unsicheren Tritts die Leiter der Schande mit ihr hinab. Das Volk, mochte es nun den Vorgang billigen oder bestürzt sein, war ebenfalls verstummt, verlief sich aber durch die vier Ausgänge des Platzes erst, nachdem es hinter Jeanne die Thüren der Conciergerie hatte schließen, nachdem es das Schaffot langsam, Stück für Stück, hatte zerstören sehen, nachdem es sich versichert hatte, daß es keinen Epilog bei dem furchtbaren Drama gab, womit das Parlament ihm eine Vorstellung gegeben. Die Agenten überwachten Alles bis auf die letzten Eindrücke der Anwesenden; ihre ersten Einschärfungen wurden so klar ausgesprochen, daß es Tollheit gewesen wäre, ihrer mit Knütteln und Handschellen bewaffneten Logik irgend eine Einwendung entgegenzusetzen. Die Einwendung, wenn eine vorkam, war gelassen und ganz innerlich. Allmälig nahm der Platz seine gewöhnliche Ruhe wieder an. Nur hatten am Ende der Brücke, als der ganze Haufe sich zerstreut, zwei Männer, junge und bedächtliche Männer, welche sich ebenfalls entfernten, folgendes Gespräch mit einander: »Ist es wirklich Frau von La Mothe, die der Henker gebrandmarkt hat, Glauben Sie es, Maximilian?« »Man sagt es, doch ich glaube es nicht,« erwiderte der Größere von den zwei Sprechenden. »Nicht wahr, Sie sind der Meinung, daß sie es nicht sei? sagte der Andere, ein kleiner Mann mit gemeinem Gesicht, mit einem Auge rund und leuchtend wie das der Nachtvögel, mit kurzem, schmierigem Haar, »nicht wahr, es ist nicht Frau von La Mothe, die man gebrandmarkt hat? Die Stützen dieser Tyrannen haben ihre Mitschuldige verschont. Sie haben, um Marie Antoinette von der Anklage zu entlasten, eine Mlle. Oliva gefunden, die sich als prostituirt bekannte; sie werden auch eine falsche Frau von La Mothe haben finden können, die sich als Betrügerin bekannte. Sie werden mir sagen, es sei da die Brandmarkung ... Bah! Comödie, wofür sich der Henker und das Opfer haben bezahlen lassen, das ist nur theurer!« Der Begleiter dieses Mannes horchte, den Kopf wiegend. Er lächelte, ohne zu antworten. »Warum antworten Sie nicht?« fragte der häßliche kleine Mann; »billigen Sie meine Ansicht nicht?« »Es will viel heißen, wenn man sich am Busen brandmarken läßt,« erwiderte er; »die Comödie, von der Sie sprechen, scheint mir nicht erwiesen. Sie sind mehr Arzt als ich, und Sie hätten das verbrannte Fleisch riechen müssen. Ich gestehe, ein unangenehmes Andenken.« »Eine Geldsache, habe ich Ihnen gesagt: man bezahlt eine Verurtheilte, welche wegen irgend einer andern Sache gebrandmarkt würde, man bezahlt sie dafür, daß sie drei bis vier pomphafte Phrasen sagt, dann knebelt man sie, wenn sie im Begriff ist, zu verzichten ...« »La, la, la!« rief phlegmatisch derjenige, welchen man Maximilian genannt hatte, »ich werde Ihnen nicht auf diesen Boden folgen, er ist nicht solid.« »Hm!« sprach der Andere, »dann werden Sie es machen, wie die übrigen Maulaffen, Sie werden am Ende sagen, Sie haben Frau von La Mothe brandmarken sehen. Das sind so Ihre Launen. Vorhin drückten Sie sich nicht so aus, denn Sie sagten positiv: »Ich glaube nicht, daß es Frau von La Mothe ist, die man gebrandmarkt hat.« »Nein, ich glaube es noch nicht,« erwiderte lächelnd der junge Mann, »doch es ist auch keine von jenen Verurtheilten, die Sie nennen.« »Wer ist es denn? Sprechen Sie, wer ist die Person, die man hier auf dem Platze statt der Frau von La Mothe gebrandmarkt hat?« »Es ist die Königin!« sagte der junge Mann mit scharfem Tone zu seinem unheimlichen Gefährten, und er punktirte diese Worte mit einem unerklärbaren Lächeln. Der Andere wich laut lachend und diesem Scherze Beifall klatschend zurück, dann schaute er umher und rief: »Adieu, Robespierre.« »Adieu, Marat,« erwiderte der Andere. Und sie trennten sich. XCVI. Die Hochzeit. Am Tage dieser Execution, gegen Mittag, kam der König aus seinem Cabinet in Versailles, und man sah ihn Herrn von Provence mit den hart ausgesprochenen Worte entlassen: »Mein Herr, ich wohne heute einer Hochzeitmesse bei. Sprechen Sie mir nicht von Ehe und schlechter Ehe; das wäre ein schlimmes Vorzeichen für die Verlobten, die ich liebe und beschützen werde.« Der Graf von Provence faltete lächelnd die Stirne, verbeugte sich tief vor seinem Bruder und kehrte in seine Gemächer zurück. Seinen Weg mitten unter den in den Gallerien zerstreuten Höflingen verfolgend, lächelte der König dem Einen zu und schaute den Andern stolz an, je nachdem er sie in der Angelegenheit, worin das Parlament sein Urtheil gefällt, ihm günstig oder ungünstig gesehen hatte. Er kam bis in den viereckigen Salon, in welchem die Königin ganz geschmückt im Kreise ihrer Ehrendamen und ihrer Edelleute verweilte. Bleich unter ihrer Schminke, hörte Marie Antoniette mit einer geheuchelten Aufmerksamkeit auf die freundlichen Fragen, welche Frau von Lamballe und Frau von Calonne über ihre Gesundheit an sie richteten. Doch oft schaute sie verstohlen nach der Thüre, suchend wie eine Frau, die vor Verlangen zu sehen brennt, und sich abwendend, wie eine, die gesehen zu haben zittert. »Der König!« lief einer der Huissiers. Und in einer Woge von Spitzen; Stickereien und Licht sah sie Ludwig XVI. eintreten, dessen erster Blick von der Schwelle des Salons aus auf sie gerichtet war. Die Königin stand auf und machte drei Schritte gegen den König, der ihr liebreich die Hand küßte. »Sie sind heute schön, Madame, wunderschön.« sagte er. Sie lächelte traurig und suchte noch einmal mit irrem Auge unter der Menge den unbekannten Punkt, von dem wir gesagt, sie suche ihn. »Unsere jungen Verlobten sind nicht da?« fragte der König. »Mir scheint, die Mittagsstunde wird sogleich schlagen.« »Sire,« erwiderte die Königin mit einer so heftigen Anstrengung, daß ihre Schminke aufsprang und stellenweise abfiel »Herr von Charny ist allein angekommen; er wartet in der Gallerie, bis Eure Majestät ihm einzutreten befiehlt.« »Charny!« rief der König, ohne das ausdrucksvolle Stillschweigen zu bemerken, das auf die Worte der Königin gefolgt war, »Charny ist da? er komme! er komme!« Einige Edelleute machten sich von der Gruppe los, um Herrn von Charny entgegenzugehen. Die Königin drückte ihre Finger nervig an ihr Herz und setzte sich wieder, der Thüre den Rücken zuwendend. »Es ist wahrhaftig Mittag,« wiederholte der König, »die Braut müßte da sein.« Als der König dieß sagte, erschien Charny am Eingang des Salons; er hörte die letzten Worte des Königs und erwiderte sogleich: »Eure Majestät wolle die unwillkürliche Zögerung von Fräulein von Taverney entschuldigen; seit dem Tode ihres Vaters hat sie das Bett nicht verlassen. Heute steht sie zum ersten Mal auf, und sie hätte schon den Befehlen des Königs entsprochen, wäre sie nicht von einer Ohnmacht befallen worden.« »Die Theure liebte ihren Vater so sehr,« sprach der König laut; »doch da sie einen guten Gatten findet, so dürfen wir hoffen, daß sie sich trösten wird.« Die Königin horchte, oder hörte vielmehr, ohne eine Bewegung zu machen. Jeder, der ihr mit den Augen gefolgt wäre, so lange Charny sprach, hätte sehen können, wie ihr Blut, gleich einem sich senkenden Niveau, von ihrer Stirne in ihr Herz sich zurückzog. Als der König wahrnahm, wie der herbeiströmende Adel und die Geistlichkeit den Salon füllten, erhob er plötzlich das Haupt und sprach: »Herr von Breteuil, haben Sie den Verbannungsbefehl für Cagliostro ausgefertigt?« »Ja, Sire,« erwiderte demüthig der Minister. Der Athem eines schlafenden Vogels hätte die Stille der Versammlung gestört. »Und diese La Mothe, welche sich von Valois nennt,« fuhr der König mit starker Stimme fort, »hat man sie gebrandmarkt?« »In diesem Augenblick muß es geschehen sein,« erwiderte der Siegelbewahrer. Das Auge der Königin funkelte. Ein billigendes Gemurmel durchkreiste den Saal. »Es wird den Herrn Cardinal ärgern, wenn er erfährt, daß man seine Genossin gebrandmarkt hat,« sprach Ludwig XVI. mit einer zähen Strenge, die man vor dieser Angelegenheit nie an ihm wahrgenommen hatte. Und nach diesem Worte Genossin , gegen einen Angeklagten gebraucht, den das Parlament freigesprochen, nach diesem Worte, welches den Götzen der Pariser brandmarkte, nach diesem Worte, das einen der ersten Kirchenfürsten, einen der ersten französischen Prinzen als Dieb und Fälscher verdammte, ließ der König, als hätte er der Geistlichkeit, dem Adel, den Parlamenten, dem Volke eine feierliche Herausforderung zugesandt, um die Ehre seiner Frau zu behaupten, ein Auge umherlaufen, flammend von jenem Zorn und jener Majestät, wie Niemand in Frankeich sie empfunden, seitdem die Augen Ludwigs XIV. sich zum ewigen Schlummer geschlossen hatten. Kein Gemurmel, kein Wort der Beipflichtung wurde dieser Rache zu Theil, die der König an Allen nahm, welche zur Entehrung der Monarchie conspirirt hatten. Dann näherte er sich der Königin, und diese reichte ihm ihre beiden Hände mit dem Erguß tiefer Dankbarkeit. In demselben Augenblick erschienen am Ende der Gallerie Fräulein von Taverney, weiß von Gewändern, wie eine Braut, weiß von Angesicht, wie ein Gespenst, und Philipp von Taverney, der ihr seine Hand gab. Andree kam mit raschen Schritten, unruhigen Blicken, keuchendem Busen herbei: sie sah und hörte nicht; die Hand ihres Bruders verlieh ihr die Stärke, den Muth und gab ihr die Richtung. Die Menge der Höflinge lächelte, als die Braut vorüberkam. Alle Frauen nahmen Platz hinter der Königin, alle Männer stellten sich hinter den König. Der Bailli von Suffren, der Olivier von Charny an der Hand hielt, kam Andree und ihrem Bruder entgegen, begrüßte sie und vermischte sich dann mit der Gruppe der Freunde und Verwandten. Philipp schritt weiter, ohne daß sein Auge dem von Olivier begegnet war, ohne daß der Druck seiner Finger Andree benachrichtigt hatte, daß sie ihren Kopf erheben müsse. Als er vor den König gelangt war, drückte er seiner Schwester die Hand, und diese öffnete, wie eine galvanisirte Todte, ihre großen Augen und sah Ludwig XVI., der ihr voll Güte zulächelte. Sie verbeugte sich unter dem allgemeinen Gemurmel der Anwesenden, welche ihrer Schönheit Beifall spendeten. »Mein Fräulein,« sprach der König, indem er sie bei der Hand nahm, »Sie mußten das Ende Ihrer Trauer abwarten, um Herrn von Charny zu heirathen; hätte ich Sie nicht ersucht, die Heirath zu beschleunigen, würde Ihnen Ihr zukünftiger Gatte, trotz seiner Ungeduld, vielleicht noch einen Monat Aufschub gestattet haben; doch Sie leiden, wie ich höre, und das ist mir sehr leid; aber ich muß mir das Glück guter Edelleute sichern, die mir dienen wie Herr von Charny; hätten Sie ihn nicht heute geheirathet, so wohnte ich Ihrer Hochzeit nicht bei, da ich morgen mit der Königin eine Reise durch Frankreich antrete. So aber werde ich das Vergnügen haben, Ihren Heirathsvertrag heute zu unterzeichnen und Sie in meiner Capelle getraut zu sehen. Begrüßen Sie die Königin, mein Fräulein, und danken Sie ihr, denn Ihre Majestät ist sehr gut gegen Sie.« Zu gleicher Zeit führte er selbst Andree zu Marie Antoinette. Diese hatte sich erhoben; ihre Kniee zitterten, ihre Hände waren eiskalt. Sie wagte es nicht, die Augen aufzuschlagen, und sah nur etwas Weißes, was sich ihr näherte und sich vor ihr verneigte. Das war das Hochzeitkleid Andree's. Der König gab sogleich die Hand der Braut Philipp zurück, reichte die seinige Marie Antoinette und sprach mit lauter Stimme: »In die Capelle, meine Herren!« Diese ganze Menge ging stillschweigend hinter Ihren Majestäten, um ihre Plätze zu nehmen. Die Messe begann alsbald. Die Konigin hörte sie, auf ihr Betpult gebeugt, den Kopf in ihren Händen begraben, an. Sie betete mit ihrer ganzen Seele, mit allen ihren Kräften; sie sandte zum Himmel so glühende Gelübde empor, daß der Hauch ihrer Lippen die Spuren ihrer Thränen verzehrte. Bleich und schön, die Last aller Blicke auf sich fühlend, war Herr von Charny ruhig und muthig, wie er es an seinem Bord gewesen, inmitten der Flammenwirbel und Orkane der englischen Geschütze. Das Auge auf seine Schwester geheftet, die er beben und wanken sah, schien Philipp bereit, dieser den Beistand eines Wortes, einer Geberde des Trostes oder der Freundschaft zu leisten. Doch Andree verleugnete sich nicht;, sie blieb, den Kopf erhoben, jede Minute an ihrem Fläschchen mit Salzen riechend, sterbend und schwankend wie die Flamme einer Wachskerze, aber aufrecht und beharrlich lebend durch die Stärke ihres Willens. Sie richtete keine Gebete an den Himmel, sie that keine Gelübde für die Zukunft, sie hatte nichts zu hoffen, nichts zu fürchten; sie war nichts für die Menschen, nichts für Gott. Als der Priester sprach, als die Glocke ertönte, als um sie her das göttliche Mysterium in Erfüllung ging, da sagte sie zu sich selbst: »Bi« ich auch eine Christin? Bin ich ein Wesen wie die anderen, ein Geschöpf den anderen ähnlich? Hast Du mich für das Mitleid gemacht. Du, den man den erhabenen, unumschränkten Gott, den Gebieter aller Dinge nennt? Du, den man vorzugsweise gerecht nennt, und der Du mich immer bestraft hast, ohne daß ich je gesündigt? Du, den man den Gott des Friedens und der Liebe nennt, und dem ich es verdanke, daß ich in der Bangigkeit, im Zorn, in der blutigen Rache lebe? Du, dem ich es verdanke, daß ich den einzigen Mann, den ich geliebt hatte, zum tödtlichsten Feind habe? »Nein,« fuhr sie fort, »nein, die Dinge dieser Welt und die Gesetze Gottes gehen mich nichts an. Ohne Zweifel bin ich schon vor meiner Geburt verflucht gewesen und nach derselben außer das Gesetz gestellt worden.« Dann zu ihrer schmerzlichen Vergangenheit zurückkehrend murmelte sie: »Seltsam! seltsam! Es ist hier in meiner Nähe ein Mann, dessen Name, wenn er nur ausgesprochen wurde, mich vor Glück sterben machte. Hätte mich dieser Mann um meiner selbst willen verlangt, ich wäre genöthigt gewesen, mich zu seinen Füßen zu wälzen und ihn wegen meines Fehlers von Einst, wegen Deines Fehlers, mein Gott, um Verzeihung zu bitten! Und der Mann, den ich anbetete, würde mich vielleicht zurückgestoßen haben. Heute heirathet mich dieser Mann, und er wird mich auf beiden Knieen um Verzeihung bitten. Seltsam! oh! ja, sehr seltsam!« In diesem Augenblick traf die Stimme des Priesters an ihr Ohr. Sie sprach: »Jacques Olivier von Charny, nehmen Sie Marie Andree von Taverney zur Gattin?« »Ja,« antwortete mit fester Stimme Olivier. »Und Sie, Marie Andree von Taverney, nehmen Sie Jacques Olivier von Charny zum Gatten?« »Ja,« antwortete Andree mit einer beinahe wilden Betonung, welche die Königin schaudern und mehr als eine Frau in der Versammlung beben machte. Dann steckte Charny den goldenen Ring an den Finger seiner Frau, und dieser Ring glitt daran zurück, ohne daß Andree die Hand, die ihr denselben bot, gefühlt hatte. Bald stand der König auf. Die Messe war beendigt. Alle Höflinge begrüßten in der Gallerie das neue Ehepaar. Herr von Suffren nahm, als er zurückkehrte, die Hand seiner Nichte und versprach ihr im Namen Oliviers alles Glück, das sie verdiente. Andree dankte dem Bailli, ohne sich einen Augenblick zu entrunzeln, und bat nur ihren Oheim, sie rasch zum König zu führen, um ihm danken zu können, denn sie fühlte sich schwach. Zu gleicher Zeit überströmte eine furchtbare Blässe ihr Gesicht. Der Bailli durchschritt den großen Salon und führte Andree zum König. Dieser küßte sie auf die Stirne und sprach: »Frau Gräfin, gehen Sie zur Königin; Ihre Majestät will Ihnen Ihr Hochzeitgeschenk geben.« Nach diesen Worten, die er für äußerst liebreich hielt, zog sich der König, gefolgt vom ganzen Hofe, zurück und ließ die Neuvermählte verwirrt, in Verzweiflung, am Arm Philipps. »Oh!« murmelte sie, »das ist zu viel, das ist zu viel, Philipp! Mir schien doch, ich habe genug erduldet.« »Muth,« sagte Philipp leise, noch diese Prüfung, meine Schwester.« »Nein, nein!« erwiderte Andree, »ich vermag es nicht. Die Kräfte eines Weibes sind begrenzt; vielleicht werde ich thun, was man von mir verlangt; doch bedenke, Philipp, wenn sie mit mir spricht, wenn sie mich beglückwünscht, so werde ich sterben.« »Du wirst sterben, wenn es sein muß, meine theure Schwester,« sagte bei junge Mann, »und dann wirst Du glücklicher sein als ich, denn wie gern wäre ich todt!« Er sprach diese Worte mit einem so düstern und so schmerzlichen Ausdruck, daß Andree, als würde sie von einem Stachel zerrissen, vorwärts stürzte und zur Königin drang. Olivier sah sie vorübergehen; er trat an die Wand zurück, um nicht ihr Kleid zu streifen. Er blieb allein im Salon mit Philipp, neigte das Haupt, wie sein Schwager, und erwartete den Ausgang der Unterredung, welche die Königin mit Andree haben sollte. Diese fand Marie Antoinette in ihrem großen Cabinet. Trotz der Jahreszeit, im Monat Juni, hatte sich die Königin Feuer anzünden lassen; sie saß in ihrem Lehnstuhl, den Kopf zurückgeworfen, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet wie eine Todte. Sie bebte vor Kälte. Frau von Misery, welche Andree eingeführt hatte, zog die Thürvorhänge zu, schloß die Thüre und verließ das Gemach. Zitternd vor Aufregung und Zorn, zitternd auch vor Schwäche, wartete Andree mit niedergeschlagenen Augen, daß ein Wort zu ihrem Herzen käme; sie wartete auf die Stimme der Königin, wie der Verurtheilte auf das Beil wartet, das sein Leben durchschneiden soll. Hätte Marie Antoinette den Mund in diesem Augenblick geöffnet, Andree würde, gelähmt wie sie war, unterlegen sein, bevor sie begriffen oder geantwortet. Eine Minute, ein Jahrhundert dieses gräßlichen Leidens verging, ehe die Königin eine Bewegung gemacht hatte. Endlich stand sie auf, indem sie ihre Hände auf die Arme ihres Lehnstuhles stützte, und nahm von ihrem Tisch ein Papier, das ihre wankenden Finger mehrere Male entschlüpfen ließen. Dann schritt sie wie ein Schatten, ohne daß man ein anderes Geräusch, als das Streifen ihres Kleides auf dem Teppich hörte, die Arme gegen Andree ausgestreckt, auf diese zu und überreichte ihr das Papier, ohne ein Wort zu sprechen. Zwischen diesen beiden Herzen war das Wort überflüssig: die Königin hatte nicht nöthig, das Verständnis Andree's hervorzurufen; Andree konnte keinen Augenblick an der Seelengröße Marie Antoinette's zweifeln. Jede Andere hätte vermuthet, die Königin werde ihr ein reiches Leibgedinge, die Urkunde einer Güterschenkung oder das Patent einer Stelle bei Hof bieten. Andree errieth, daß das Papier etwas Anderes enthielt. Sie nahm es und las, ohne sich von der Stelle zu rühren, auf der sie stand. »Andree,« hatte die Königin geschrieben, »Sie haben mich gerettet. Meine Ehre kommt mir von Ihnen zu, mein Leben gehört Ihnen. Im Namen dieser Ehre, die Sie so viel kostet, schwöre ich Ihnen, daß Sie mich Ihre Schwester nennen können. Versuchen Sie es, Sie werden mich nicht erröthen sehen. »Ich lege diese Schrift in Ihre Hände; es ist das Pfand meiner Dankbarkeit; es ist die Mitgift, die ich Ihnen schenke. »Ihr Herz ist das edelste aller Herzen; es wird mir Dank wissen für das Geschenk, das ich Ihnen biete. »Unterz.: Marie Antoinette von Oesterreich Lothringen. « Andree schaute ihrerseits die Königin an. Sie sah ihre Augen mit Thränen befeuchtet, sie sah sie, den Kopf zurückgeworfen, auf eine Antwort warten. Sie durchschritt langsam das Zimmer, verbrannte an dem beinahe erloschenen Feuer das Billet der Königin, verbeugte sich tief, ohne ein Wort zu sprechen, und verließ das Cabinet. Marie Antoinette machte einen Schritt, um sie aufzuhalten oder ihr zu folgen; aber die unbeugsame Gräfin, welche die Thüre offen ließ, kehrte wieder zu ihrem Bruder in den anstoßenden Salon zurück. Philipp rief Charny, nahm seine Hand und legte sie in die Hand Andree's, während die Königin auf der Schwelle des Cabinets, hinter dem Thürvorhang, den sie mit dem Arm auf die Seite schob, dieser schmerzlichen Scene beiwohnte. Charny ging wie der Bräutigam des Todes, den seine leichenbleiche Braut wegführt; er ging und schaute rückwärts nach dem blassen Gesichte Marie Antoinette's, die ihn Schritt für Schritt auf immer verschwinden sah. Sie glaubte es wenigstens. Vor dem Thore des Schlosses warteten zwei Reisewagen. Andree stieg in den ersten. Als Charny sich anschickte, ihr zu folgen, sagte die neue Gräfin: »Mein Herr, Sie reisen, glaube ich, nach der Picardie ab.« »Ja, Madame,« erwiderte Charny. »Und ich, ich reise nach der Gegend, wo meine Mutter gestorben ist, Herr Graf. Gott befohlen!« Charny verbeugte sich, ohne zu antworten. Die Pferde führten Andree allein fort. »Bleiben Sie bei mir, um mir anzukündigen, daß Sie mein Feind sind?« sagte nun Olivier zu Philipp. »Nein, Herr Graf,« erwiderte dieser; »Sie sind nicht mein Feind, da Sie mein Schwager sind.« Olivier reichte ihm die Hand, stieg in einen zweiten Wagen und fuhr ebenfalls weg. Philipp, der allein geblieben, rang einen Augenblick mit der Bangigkeit der Verzweiflung die Hände und sprach dann mit erstickter Stimme: Mein Gott, behältst Du denen, welche ihre Pflicht auf Erden thun, ein wenig Freude im Himmel vor? Freude,« wiederholte er verdüstert, indem er zum letzten Mal nach dem Schlosse schaute, »ich spreche von Freude! ... Wozu! ... Diejenigen allein dürfen auf ein anderes Leben hoffen, welche dort oben die Herzen, die sie liebten, finden werden. Niemand liebt mich hienieden, ich habe nicht einmal, wie sie, die Wonne, den Tod zu wünschen!« Dann warf er einen Blick ohne Galle, einen sanften Vorwurf des Christen, dessen Glauben wankte, zum Himmel empor, und nun verschwand er wie Andree, wie Charny, im letzten Wirbel des Sturmes, der einen Thron entwurzelt und dabei so viel Ehre und so viel Liebe zermalmt hatte!