Alphonse Daudet. Der Nabob. Band 3 Achtzehntes Kapitel Die Jenkins-Perlen Ungefähr eine Woche nach seiner Begegnung mit Moëssard fuhr der Nabob, der seine ohnehin schon mehr als bedenkliche Lage durch diesen Straßenskandal nur noch verschlimmert hatte, an einem Donnerstag, nach der Kammersitzung, zu Mora ins Palais. Seit der fatalen Geschichte war er nicht mehr dort gewesen, und jetzt überlief ihn bei dem Gedanken, dem Herzog gegenüberzutreten, etwas von der Gänsehaut eines Quartaners, der, nach einer Balgerei in der Klasse, zum Herrn Gymnasialdirektor hinaufgeht. Aber die Pein dieser ersten Unterredung ließ sich unmöglich länger hinausschieben, denn schon ging in den Büreaus das Gerücht, daß Le Merquier seinen Prüfungsbericht, ein Meisterwerk hämischer Logik, bereits ausgearbeitet habe und seinen Antrag auf Kassierung der Wahl mit Glanz durchbringen werde, falls nicht der vielvermögende Mora in der Kammer erschiene, um der getreuen Majorität ein Stichwort im entgegengesetzten Sinne zu geben. Die Lage war also ernst genug, um dem armen Nabob Fieberhitze in die Wangen zu treiben, während er, sich in der Spiegelscheibe seines Wagenfensters betrachtend, lächelnde Höflingsmienen einstudierte, um sich auf einen wirkungsvollen Eintritt vorzubereiten, einen jener gemütlich unverschämten Knalleffekte, mit denen er beim Bey sein Glück gemacht hatte und die ihm auch bei der französischen Excellenz durchhalfen; aber er hatte Herzklopfen dabei und jenes charakteristische Frösteln im Rücken, welches allen entscheidenden Schritten voranzugehen pflegt, selbst wenn man ihnen in vergoldeten Karossen entgegenkutschiert. Zu seinem lebhaften Erstaunen wurden vom Thore auf der Wasserseite, wo auch er auszusteigen gedachte, sämtliche Wagen durch den Schweizer nach der Rue de Lille gewiesen, um, wie an den großen Empfangsabenden, den Quai zur Ausfahrt zu benutzen. »Was mag denn los sein?« sagte er, schon etwas verdutzt, zu sich selber; vielleicht ein Konzert bei der Herzogin, ein Wohlthätigkeits-Bazar oder irgend welche Festlichkeit, von der er, wegen des kürzlich gegebenen Aergernisses, ausgeschlossen worden. Noch verdutzter wurde er aber, als er unter einem anhaltenden Geräusch von zugeschlagenen Wagenthüren und dumpf über den Sand hinrollenden Fuhrwerken die Freitreppe hinangestiegen war und in den ungeheuren Vorsaal trat, denn dort stieß er auf eine dichte Menschenmenge, die, anstatt den Eingangsthüren der Gemächer zuzuströmen, sich ganz ängstlich zum Tische des Schweizers hindrängte, wo ein Register auflag, das alle berühmten Namen der Pariser vornehmen Welt in sich aufnahm. Es war, als hätte ein verhängnisvoller Windstoß diese Hallen durchbraust und etwas von ihrer pompösen Ruhe mit sich fortgetragen, Gefahr und Sorgen inmitten all der behaglichen Pracht zurücklassend. »Ist das ein Unglück!« »Ach, geradezu entsetzlich!« »Und so ganz unerwartet!« Mit diesen oder ähnlichen Worten ging man aneinander vorüber. Da zuckte es wie ein Blitz durch Jansoulets Hirn. »Ist der Herzog erkrankt?« fragte er einen der Bedienten. »Er liegt in den letzten Zügen, gnädiger Herr. Er wird die Nacht nicht überleben.« Wenn jetzt die Zimmerdecke eingestürzt wäre, hätte sie den Nabob nicht gründlicher zerschmettern können. Er sah rote Schmetterlinge vor den Augen herumflattern, und wankend ließ er sich auf eine gepolsterte Bank neben dem großen Affenkäfig niedergleiten, dessen Bewohner, durch den allgemeinen Wirrwarr aufgeregt, die Gitterstäbe mit ihren zusammengemergelten Schwänzen oder ihren kleinen langdaumigen Tatzen umklammernd, gruppenweise herumbaumelten und halb neugierig, halb verschüchtert, mit ihren possierlichsten Grimassen zu dem dicken, niedergedonnerten Manne hinübergrinsten, der mit gesenktem Kopfe und stieren Blicken ganz laut vor sich hinsprach: »Verloren – ich bin verloren!« Der Herzog lag wirklich im Sterben. Am Sonntag, nach dem Spazierritt ins Bois de Boulogne, hatte es ihn plötzlich gepackt, ein unerträgliches Brennen in den Eingeweiden, das ihm, wie mit einem rotglühenden Eisen, sein inneres anatomisches Bild nachzeichnete, mit Todeskälte und langen Ohnmachten abwechselnd. Jenkins, der sofort gerufen wurde, war ziemlich wortkarg und verschrieb ein paar schmerzstillende Mittel. Am nächsten Tage kehrten die Schmerzen in verstärktem Maße zurück und darauf folgte wieder, nur noch ausgeprägter, das Froststadium, als ob das aller Widerstandskraft bare Leben in diesen furchtbaren Anfällen entwiche. In der nächsten Umgebung des Kranken war indessen niemand besonders ängstlich geworden. »Der Katzenjammer von Saint-James,« flüsterte man sich im Vorzimmer zu, und Jenkins' schönes Antlitz blieb heiter wie zuvor; er hatte es nicht einmal der Mühe wert gehalten, bei seinen Morgenbesuchen mehr als zwei oder drei Personen gegenüber des Herzogs Unwohlsein zu erwähnen, ganz leichtweg, so daß es kaum beachtet worden war. Mora selber, trotzdem er sich aufs äußerste erschöpft und im Kopfe so öde fühlte, daß er, wie er sich ausdrückte, keinen einzigen Gedanken mehr hinter der Stirn hatte, war weit entfernt, sich der Bedenklichkeit seines Zustandes bewußt zu sein. Erst am dritten Tage, als er beim Aufwachen an seinem Kopfkissen und seinem Schnurrbart Blutspuren bemerkte, schrak er zusammen; dieser elegante Weltmann, dem alles menschliche Elend ein Greuel war, und der es nun in der ihm verhaßtesten Form, als Siechtum, hinterlistig heranschleichen sah, ihm mit schmutziger, entnervender Hand die erste Konzession an den Tod, das Aufgeben seiner selbst, abzulocken. Monpavon, der eben hinter Jenkins eintrat, konnte den bestürzten Blick, mit dem der große Herr die fürchterliche Wahrheit anstarrte, gerade noch wahrnehmen und bemerkte zu gleicher Zeit mit Entsetzen, welche Verwüstung die letzten paar Stunden in Moras abgemagertem Antlitz angerichtet hatten; es war allenthalben zerfurcht von schmerzlichen, über Nacht zum Vorschein gekommenen Falten des Alters und zeigte in jedem seiner Muskeln jene Erschlaffung, die auf ein schweres inneres Leiden hindeutet. Während man dem Weltmanne ein ganzes Arsenal von Toilettenrequisiten ans Bett brachte, deren Krystallflacons und Silberdosen neben der gelblichen Blässe des Kranken grell abstachen, nahm der Marquis den Doktor beiseite: »Hören Sie einmal, Jenkins, der Herzog scheint sehr übel daran zu sein.« »Ich fürchte, ja,« flüsterte der Irländer. »Also heraus mit der Sprache! Was hat er eigentlich?« »Mein Gott, genau das, was er haben wollte!« erwiderte der andre zornig. »In seinen Jahren ist niemand ungestraft jung. Diese Passion wird ihm teuer zu stehen kommen! ...« Und das hämische Gefühl, das die Oberhand in seinem Inneren gewonnen hatte, plötzlich wieder zurückdrängend, drückte er dem alten Edelmanne beide Hände und setzte, tief aufseufzend, in gänzlich verändertem Tone hinzu: »Unser lieber, armer Herzog! ... Freund, Freund, ich bin ganz außer mir! ...« »Seien Sie nicht unvorsichtig, Jenkins,« bemerkte Monpavon sehr kühl, indem er seine Hände losmachte. »Sie laden sich da eine furchtbare Verantwortlichkeit auf den Hals – was? So schlimm steht es um den Herzog ... ps – ps – ps ... und ziehen niemand bei? ... Konsultieren keinen Kollegen?« Der Irländer erhob den Arm, als wollte er sagen: Was hilft uns das? Doch der andre ließ sich's nicht nehmen, daß man Brisset, Jousselin, Bouchereau, kurzum alle Celebritäten zu Rate ziehen müsse. »Aber es wird ihn erschrecken.« »Erschrecken,« versetzte Monvavon und warf sich mit dem Stolz eines alten, zu schanden gerittenen Schlachtengaules in die Brust. »Mein Bester, sie hätten uns sehen sollen, Mora und mich, in den Laufgräben vor Konstantine! ... ps – ps ... Nicht einmal geblinzelt ... Wissen nichts von Furcht ... Avisieren Sie nur gleich die Kollegen! ... Will ihn selber schon in Kenntnis setzen.« Abends fand die Beratung der Aerzte statt – auf des Herzogs ausdrückliches Verlangen ganz im geheimen, denn er schämte sich gewissermaßen seiner Krankheit, dieser Schwäche, die ihn entthronte, ihn den anderen Sterblichen gleichstellte. Wie jene afrikanischen Herrscher, die sich im hintersten Winkel ihres Palastes verbergen, um zu sterben, so hätte auch er alle Welt an ein übernatürliches Verschwinden in den Wolken, an eine Apotheose glauben lassen mögen. Und überdies empfand er eine unüberwindliche Abneigung gegen die Beileidsbezeugungen und die rührselige Teilnahme um sein Siechbett herum, insbesondre gegen alle Thränen, denn sie kamen ihm stets verdächtig vor, und hielt er sie einmal für aufrichtig, so mißfielen sie ihm aus ästhetischen Gründen erst recht. Ueberhaupt war ihm nichts verhaßter als sogenannte Szenen, übertriebene Gefühlsausbrüche und Aufregungen, die das harmonische Gleichgewicht seiner Existenz zu stören drohten. In seiner Umgebung wußte man das und hielt deshalb auch von jeher an der Parole fest, alle die Jammernden und Verzweifelnden fern zu halten, die sich, von einem Ende des Landes bis zum anderen, an Mora wendeten, wie verirrte Wanderer in der Einöde bei Nacht und Wetter an das erleuchtete Fenster eines rettenden Asyls pochen. Nicht daß er hartherzig gegen Unglückliche gewesen wäre, vielleicht fühlte er sich sogar dem Mitleiden zu sehr zugänglich, dem Mitleiden, das er für etwas Untergeordnetes, für eine des Starken unwürdige Schwäche hielt und die er, gerade weil er sie anderen versagte, aus einer gewissen Besorgtheit um die Integrität seiner selbständigen Kraft, für sich in Anspruch zu nehmen sich gescheut hätte. Außer Monpavon und Louis, dem Kammerdiener, erfuhr also kein einziger Bewohner des Palais, was die drei Herren wollten, die so geheimnisvoll zum Staatsminister eingelassen wurden. Selbst die Herzogin wußte von nichts. Von ihrem Manne durch alle Schranken getrennt, welche das politische und gesellschaftliche high-life in solchen Ausnahmsehen zwischen den Gatten aufrichtet, vermutete sie weiter nichts als ein leichtes Unwohlsein, ein zum größten Teil eingebildetes Leiden – und so fern lag ihr jeder Gedanke an eine Katastrophe, daß just im Moment, wo die Aerzte die halbdunkle Haupttreppe hinanstiegen, am andern Ende des Palais, in ihren Privatgemächern, die Lichter zu einem sogenannten Lämmerhüpfen angezündet wurden, eine jener Tanzunterhaltungen für weißgekleidete Backfische, die in den müßigen, neuerungssüchtigen Kreisen von Paris eben Mode zu werden anfingen. Wie alle derartigen Konsultationen war auch diese feierlich und düster. Zwar tragen die heutigen Aerzte keine großen Perücken mehr wie zu Molières Zeiten, aber immer noch hüllen sie sich in die gravitätische Würde von Astrologen und Isispriestern ein und werfen mit kabbalistischen Formeln um sich unter Kopfbewegungen, denen, um komisch zu wirken, nur die spitzige Mütze von dazumal fehlt. Hier verlieh die Umgebung dem Kolloquium einen ganz besonders imposanten Charakter. In dem geräumigen Gemache, das durch die Unbeweglichkeit seines Bewohners verwandelt, fast erweitert erschien, umstanden die ernsten Gesichter das Bett, wo hell beleuchtet auf den weißen Polstern zwischen den purpurroten Gardinen sein Antlitz ruhte, zerklüftet und entfärbt von den Lippen bis hinauf zu den Augen, aber mit Gleichmut übergossen wie mit einem Schleier oder, besser gesagt, wie mit einem Leichentuch. Die Herren besprachen sich leise, warfen sich nur hin und wieder einen verstohlenen Blick, ein lateinisches Wort zu und blieben gelassen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken; doch dies einsilbige, verschlossene Gebaren, das Aerzten und Richtern eigen ist, diese feierliche Außenseite, die Wissenschaft und Justiz herauskehren, um ihre Blößen oder ihre Unfähigkeit zu verdecken, brachte den Herzog nicht im mindesten aus der Fassung. In sitzender Stellung, mit jenem durchgeistigten Blick, in dem die Seele vor ihrem Hinscheiden noch einmal aufzuflackern scheint, unterhielt er sich mit Monpavon ruhig weiter, der, die eigne Erregung niederkämpfend, von dem Freunde eine letzte Lektion in der Bewahrung des äußeren Anstandes nahm und ihm deshalb womöglich noch ruhiger Rede stand, während Louis im Hintergrunde an der Verbindungsthür zu den Gemächern der Herzogin lehnte, wie der Inbegriff des verschwiegenen Lakaientums, dem teilnahmlose Gleichgültigkeit zur Pflicht gemacht wird. Der einzig Unruhige, fieberhaft Aufgeregte war Jenkins. Voll unterthäniger Zuvorkommenheit gegen »seine hochverehrten Kollegen«, wie er die andern mit freundlich gespitzten Lippen titulierte, schlich er um die Beratenden herum, in deren Gespräch er sich nach Kräften hineinzumischen suchte; doch die Kollegen behandelten ihn ablehnend, würdigten ihn kaum einer Antwort, und wenn sie es thaten, so geschah es von oben herab, etwa wie Fagon, der Leibarzt Ludwig XVI., mit irgend einem Quacksalber verkehrt hätte, der an das Krankenlager des Königs gerufen worden wäre. Der alte Bouchereau ganz besonders betrachtete den Erfinder der Jenkins-Perlen mit scheelem Blick. Endlich, nachdem der Patient gründlich untersucht und ausgefragt war, zogen sich die Herren, um unter sich schlüssig zu werden, in einen kleinen ganz mit Lackarbeit ausgetäfelten Nebensalon zurück, dessen farbig leuchtende Decken- und Wandflächen eine Sammlung von chinesischen Sächelchen widerspiegelten, die in ihrer Nichtigkeit einen wunderlichen Gegensatz zu der Tragweite der Verhandlung bildeten. Ein feierlicher Moment – das beklommene Harren des Angeklagten auf den Richterspruch: auf Leben, Begnadigung, Aufschub oder Tod! Mora fuhr indessen kaltblütig ohne alle Effekthascherei fort, sich mit seiner langen weißen Hand, wie er gern zu thun pflegte, den Schnurrbart zu streichen und sich mit Monpavon über den Klub, über das Foyer der Variétés zu unterhalten. Nachdem er sich auch nach den Neuigkeiten aus der Kammer und nach dem Schicksal von Jansoulets Wahl erkundigt hatte, überkam ihn offenbar eine Mattigkeit oder vielleicht auch die Furcht, sein Blick, der immer wieder von jener Portiere gegenüber angezogen wurde, aus welcher ihm demnächst das Urteil gesprochen werden sollte – dieser Blick möchte denn doch die Aufregung verraten, die im Grunde seines Herzens ja vorhanden sein mußte; er lehnte den Kopf in die Kissen zurück, schloß die Augen und öffnete sie erst dann wieder, als die Doktoren mit demselben düsterkalten Gesichtsausdruck wie zuvor hereintraten, das reine Richterkollegium, dem das verhängnisvolle Machtwort des Schicksals auf den Lippen schwebt, jenes letzte Wort, das die Gerichte ohne Grauen aussprechen, das aber von den Aerzten, deren ganzem Können es hohnlacht, geschickt umgangen und nur in Umschreibungen angedeutet wird. »Nun, meine Herren, was spricht die Fakultät?« fragte der Kranke. Hierauf erfolgten in gezwungenem, erkünsteltem Tone einige ermutigende Redensarten nebst nichtssagenden Vorschriften, und dann brachen die drei Gelehrten auf, um jede Mitverantwortung an dieser Katastrophe durch einen schleunigen Abgang im voraus von sich abzuwälzen. Während Monpavon ihnen nachstürzte, blieb Jenkins bei dem Patienten zurück, ganz starr vor Entsetzen über die fürchterlichen Wahrheiten, die er im Verlauf des Konsiliums zu hören bekommen. Wie oft er auch die Hand ans Herz gedrückt und seinen Wahlspruch wiederholt hatte, Bouchereau war schonungslos mit ihm umgegangen und hoffte, obschon der Herzog nicht der erste Patient des Irländers war, der so urplötzlich in sich zusammenbrach, im vorliegenden Falle ganz bestimmt, daß das unselige Ereignis für die vornehme Welt eine heilsame Warnung, für den Polizeipräfekten aber ein triftiger Grund sein werde, den bekannten »Kantharidenhändler« mitsamt einer anrüchigen Ware über den Kanal heimzuspedieren. Der Herzog begriff sofort, daß weder Jenkins noch Louis ihm über das Resultat der Beratung reinen Wein einschenken würden. Er drang also gar nicht besonders in sie, ließ ihre geheuchelte Zuversicht über sich ergehen und gab sich sogar den Anschein, als teilte er sie selber und nähme sogar ihre trostreichen Mitteilungen für bare Münze; aber als Monpavon zurückkam, rief er ihn sofort zu sich ans Bett und sagte, da er sogar durch die Uebertünchung dieser Ruine die Lüge durchschimmern sah: »Nur jetzt keine Faxen! Zwischen dir und mir reine Wahrheit! Wie lautet der Spruch? Ich bin recht übel dran, nicht wahr?« Monpavon schickte seiner Antwort eine inhaltsschwere Pause voran und platzte dann, um nur ja nicht weich zu werden, ganz brutal, ganz cynisch heraus: »Kaputt bist du, mein armer August! ...« Der Herzog empfing dies »Kaputt« mitten ins Gesicht, ohne nur eine Miene zu verziehen, und sagte nichts als: »So!« Mechanisch spielte er mit seinem Schnurrbarte; doch seine Züge blieben regungslos. Er hatte sich sogleich mit seinem Lose abgefunden. Daß ein Unglücklicher, der im Spital stirbt, ohne Heimat, ohne Familie, ohne einen andern Namen als die Nummer über seinem Bett, den Tod wie einen Befreier begrüßt oder ihn als letzte Prüfung hinnimmt; daß ein alter Bauer, der in seiner finsteren, qualmigen Maulwurfshöhle gekrümmt, gebrochen und gelähmt entschläft, ohne Klage von hinnen geht mit einem tröstenden Vorgeschmack jener frischen Erde, die er so oft geackert und gepflügt – das läßt sich begreifen, trotzdem auch unter diesen so mancher, den weiter nichts als das Elend ans Leben fesselt, sich an sein bißchen armseligen Trödel festklammert und hinausschreit: »Ich will nicht sterben!« und zuletzt nur mit zerrissenen, blutenden Nägeln losgezerrt wird. Aber hier, welch ein Unterschied: Wenn man alles hat und alles verliert, welch ein Zusammenbruch! Wie fern schon, wie unwiederbringlich versunken mußten diesem Manne Macht und Ehren und Reichtümer, mußte ihm all der Glanz erscheinen, um dessenwillen er das Dasein geliebt – jetzt in dem ersten Schweigen dieses entsetzlichen Augenblickes, bei den gedämpften Klängen der Tanzmusik in den Gemächern der Herzogin! Es gehörte wahrlich ein ungewöhnlich gestählter Mut dazu, solch einem Schlage so zu widerstehen, und zwar ohne die Mitwirkung des aufgestachelten Ehrgefühles, denn außer dem Freunde, dem Arzte und dem Diener, den drei Vertrauten, vor denen kein Dekorum gewahrt zu werden brauchte, war niemand zugegen; die beiseite gestellten Lichter ließen das Bett im Dunkeln, und der Sterbende hätte sich gegen die Wand kehren und sich ungesehen selber beweinen können.... Aber nein! Er unterlag keiner unnützen Rührung, keiner schwachen Sekunde. Ohne einen Zweig an den Kastanienbäumen des Gartens zu knicken, ohne auch nur eine Blume im großen Treppenhause zu entfärben, lautlos einherwandelnd über die dichten Teppiche, hatte der Tod zur Thür dieses Mächtigen hereingeschaut und ihm gewinkt: »Komm mit!« und der Mächtige hatte kurzweg geantwortet: »Ich bin bereit.« Ein Abgang, wie er sich so recht für den Weltmann ziemt: unerwartet, rasch und taktvoll. Ein Weltmann! Der Ausdruck ist für Mora der einzig bezeichnende. In Maske, Handschuhen und Brustleder – dem atlasüberzogenen weißen Brustleder der Fechtmeister bei einem großen Schaufechten – schritt er durchs Leben, beflissen, seinen Schild blank und fleckenlos zu erhalten, denn diese leuchtende Oberfläche, die ihm jeden Opfers wert schien, wappnete ihn gegen alles. Vom Salon zu einer geräumigeren Bühne übertretend, war er, innerhalb der Grenzen seiner Stegreifpolitik, ein Staatsmann ersten Ranges gewesen, lediglich auf Grund seiner weltmännischen Eigenschaften, seiner Kunst, zuzuhören und zu lächeln, seiner Erfahrung im Umgang mit Menschen und seiner skeptischen Kaltblütigkeit, die ihn auch im letzten Momente nicht verließ. Mit sicherem Blicke wog er die Dauer der ihm vergönnten Frist ab und überschätzte sie nicht: der schwarze Mahner hatte es so eilig, daß er die Thür offen stehen ließ, und der Gemahnte, dem von dort schon der kalte Luftzug des Grabes über die Wangen strich, war nur noch darauf bedacht, die Zeit möglichst auszunutzen und seine Pflichten gegen die Ueberlebenden zu erfüllen; denn ein Sterbender von seiner Stellung darf weder die Getreuen unbelohnt lassen, noch die Freunde in Verlegenheit bringen. Er diktierte also die Liste der Personen, die er zu sehen wünschte und zu denen auch sofort geschickt wurde; dann ließ er seinen Kabinettschef von der Sachlage in Kenntnis setzen. – »Stehen Sie mir denn gut dafür, daß ich morgen früh noch erwachen werde?« sagte er zu Jenkins, der vor Uebermüdung warnte. »Ich verspüre gerade ein Aufflackern von Kraft. Lassen Sie mich sie ausnutzen!« Louis fragte nun, ob er die Herzogin nicht benachrichtigen solle. Der Herzog lauschte, bevor er Antwort gab, eine kleine Weile den Accorden der Tanzmusik, die drüben zu den offnen Fenstern hinausschwirrten und sich wie von unsichtbaren Bogenstrichen getragen, durch die Nacht hinzogen. »Noch nicht,« sagte er dann. »Erst muß ich aufräumen.« Hierauf ließ er sich das Lacktischchen ans Bett bringen, um die Briefe herauszusuchen, die vernichtet werden sollten; da er jedoch fühlte, daß seine Kräfte nachließen, rief er Monpavon zu sich heran, »Verbrenne das alles!« sagte er mit erloschener Stimme. Monpavon trat zum Kamin, in welchem, trotz der schönen Jahreszeit, eine große Flamme emporloderte. »Nein – nicht hier! ... Es würde zu viel werden ... Es könnte jemand dazwischen kommen.« Da nahm Monpavon den zierlichen Schreibtisch und befahl dem Kammerdiener, ihm hinauszuleuchten. Aber Jenkins stürzte herbei: »Bleiben Sie hier, Louis ... der Herzog möchte Sie brauchen!« Damit griff er nach der Lampe, und nun bewegten sich die beiden behutsam vorwärts über den langen Flur und musterten in Wartezimmern und Galerieen die Kamine durch, überall fanden sie aber, hinter einem ganzen Flor von künstlichen Pflanzen, bloß ein Häuflein Asche und so irrten sie denn wie Nachtgespenster immer weiter durch die stillen Räume des ungeheuren Hauses, das nur noch drüben, nach rechts zu, lebendig war, wo die Freude ihr Liedchen sang, gleich einem Vogel unter dem Dache eines Gebäudes, welches mit nächstem einstürzen wird, »Nirgends ist mehr Feuer. Was fangen mir mit all dem Zeug an?« fragten sie einander voller Verlegenheit, zwei Dieben ähnlich, die eine Geldkiste fortschleppen und sie nicht aufbrechen können. Endlich ging Monpavon in seiner Ungeduld auf eine Seitenthür zu, die einzige, welche sie noch nicht geöffnet hatten. »Wenn alle Stränge reißen und wenn wir's nicht verbrennen können, so wollen wir's ertränken. Da, Jenkins, leuchten Sie her!« Und sie traten hinein. Wo hinein? Das hätte nur Saint-Simon sagen können in einem Berichte über den Zusammenbruch solch einer souveränen Existenz und über das Reißaus alles Ceremoniells, aller Würde und Herrlichkeit vor dem Tode, zumal vor einem so plötzlichen Tode. ... Mit seinen zarten, wohlgepflegten Händen hielt der Marquis von Monpavon den Drücker der Wasserleitung, während der andre ihm die zerrissenen Briefe reichte, ganze Bündel von Briefen auf farbigem, parfümiertem Atlaspapier mit Initialen, Wappen, kunstvollen Spruchbändern, mit seinen, eiligen, verschnörkelten, gesudelten, umstrickenden, überredungseifrigen Schriftzügen – und dann wirbelten die leichten Blätter, eins nach dem andern, in dem Strudel herum, der sie quetschte, aufweichte und mit der eignen zarten Tinte besudelte, bis er sie mit dem Gegurgel eines Abzugskanales in die ekle Kloake hinuntergespült hatte. Es waren galante und sonstige intime Korrespondenzen, vom Briefchen der Abenteurerin: »Gestern, Herr Herzog, sah ich Sie durch das Bois de Boulogne reiten,« bis hinauf zu den aristokratischen Vorwürfen der vorletzten Geliebten, den Klagen der Verlassenen und der noch frischen Schrift der jüngsten Geständnisse. Monpavon, der um all diese Geheimnisse wußte, nannte jedesmal einen Namen dazu: »Das ist von der Frau Moor,« oder »Ei! Von Frau von Athis!« Und so wurde der ganze Mischmasch von Wappenkronen und Initialen, von flüchtigen Launen und altgewohnten Beziehungen in diesem Augenblicke durch die Vermischung miteinander gleichmäßig in den Schmutz gezogen, in dem abscheulichen Winkel, beim Schein der Lampe, unter dem Rauschen einer intermittierenden Sündflut von der Tiefe verschlungen. Ein Weg in die Vergessenheit, wie es sich schimpflicher sicherlich nicht wandeln läßt. ... Da hielt Jenkins mitten in dem Zerstörungswerke plötzlich inne. Zwischen seinen Fingern zitterten zwei Briefchen von grauem Atlaspapier. ... »Von wem ist der Brief?« fragte Monpavon, dem die Handschrift unbekannt war, und den die nervöse Verwirrung des Irländers aufmerksam machte. ... »Aber, Doktor, wenn Sie alles lesen wollen, kommen wir nie zu Ende ...« Jenkins, dessen Wangen vor Aufregung gerötet waren, hielt die beiden Briefe in der Hand, von der Begierde beseelt, sie zu behalten, um sie in Gemächlichkeit zu lesen und sich selbst bei der Lektüre derselben zu quälen, vielleicht auch, um aus dieser Korrespondenz sich eine Waffe gegen die unvorsichtige Briefstellerin zu schmieden. Aber die Strenge des Marquis schüchterte ihn ein. Wie sollte er seine Aufmerksamkeit ablenken, wie ihn entfernen? Die Gelegenheit bot sich von selbst. In dieselben Blätter hatte sich auch ein Schriftstück von kleinem Format verloren, welches durch die greisenhafte und zitternde Handschrift die Aufmerksamkeit des Wunderdoktors erregte, der mit naivem Erstaunen ausrief: »Nun, dies hat wenigstens nicht das Ansehen eines Liebesbriefes ... ›Zu Hilfe, Herr Herzog, ich bin verloren. Der Rechnungshof hat von neuem seine Nase in meine Papiere gesteckt. ... ‹« »Was lesen Sie denn da? ...« sagte Monpavon barsch, indem er den Brief seinen Händen entriß. Und plötzlich trat ihm die furchtbare Lage vor Augen, in welche ihn der Tod seines Beschützers versetzte, der in seiner gewöhnlichen Nachlässigkeit so höchst intime Briefe umherliegen ließ. In seinem Kummer hatte er hieran noch gar nicht gedacht. Er erwog bei sich, daß der Herzog, bei allen diesen Vorbereitungen für den Tod, seiner vergessen könne, und indem er es daher Jenkins überließ, die Liebesbriefe allein zu vernichten, eilte er rasch nach dem Schlafzimmer zurück. Im Begriff einzutreten, wurde er von einem Wortwechsel hinter der niedergelassenen Portiere zurückgehalten. Es war die Stimme des Kammerdieners Louis, der, in dem weinerlichen Tone eines Bettlers vor einer Kirchenthür, den Herzog für seine eigne unglückliche Lage mitleidsvoll zu stimmen suchte und um die Erlaubnis bat, einige Goldrollen, die in der Schublade lagen, an sich zu nehmen. Ach, welche heisere, kaum vernehmbare Antwort, der man die Anstrengung des Kranken anmerkte, sich in seinem Bette umzuwenden und seinen Blick von einem schon fast sichtbaren Jenseits abzuwenden: »Ja, meinetwegen. ... Nimm dir nur. ... Aber ums Himmels willen, laß mich schlafen ... laß mich schlafen ...« Schubladen wurden geöffnet und wieder verschlossen, ein kurzer und keuchender Atemzug ließ sich vernehmen. Monpavon hörte nichts mehr und kehrte, ohne einzutreten, um. Die wilde Habgier dieses Bedienten hatte seinem Stolze eine heilsame Lehre gegeben. Lieber alles erdulden, als sich bis zu einem solchen Grade erniedrigen. Dieser Schlaf, nach welchem der Herzog so dringend verlangte, oder vielmehr diese Lethargie dauerte eine ganze Nacht und auch noch den Morgen, nur hin und wieder von halbem Erwachen und heftigen Schmerzen unterbrochen, die durch betäubende Mittel gelindert wurden. Man pflegte den Herzog nicht mehr, man suchte nur ihm seine letzten Augenblicke erträglich zu machen, ihm über die letzte schreckliche Stufe, deren Ueberschreiten so schmerzlich ist, hinwegzuhelfen. Seine Augen hatten sich wieder geöffnet, aber ihre Sehkraft war verdunkelt, und sie nahmen nur unbestimmt die Gestalten wahr, wie der Taucher sie durch die rollenden Wogen schimmern sieht. Am Donnerstag Nachmittag gegen drei Uhr kam der Herzog völlig wieder zum Bewußtsein, und Monpavon, Cardailhac und zwei oder drei andre Vertraute erkennend, lächelte er ihnen zu, indem er seine einzige Sorge mit einem Worte verriet: »Was sagt man in Paris darüber?« Man sprach darüber in sehr verschiedener und widersprechender Weise, aber so viel war gewiß, man sprach nur von ihm, und die seit dem Morgen bekannt gewordene Nachricht, daß der Herzog sich in höchster Lebensgefahr befinde, brachte die Straßen, die Salons, die Cafés, die Ateliers in Aufruhr, belebte die politischen Tagesfragen in den Redaktionen der Zeitungen, in den Klubs und selbst in den Portierlogen und auf den Omnibussen, überall, wo nur die entfalteten Zeitungen diese niederschmetternde Neuigkeit des Tages mit Kommentaren begleiteten. Der Herzog war der glänzendste Typus des Kaiserreiches. Was man von weitem bei einem Gebäude erblickt, das ist nicht sein solides oder wankendes Fundament, die architektonische Masse, sondern das ist der zierliche, vergoldete feingearbeitete Giebel, der zur Befriedigung der Schaulust angebracht ist. Was man in Frankreich und in ganz Europa vom Kaiserreich sah, das war Mora. Mit seinem Falle war auch das Gebäude seiner ganzen Eleganz entkleidet und von einem tiefen und unheilbaren Risse von oben bis unten gespalten. Und wie viele Existenzen wurden in diesen plötzlichen Sturz mitverwickelt, wie viele Vermögen wurden durch das Nachzittern dieses Unglücksfalles in Mitleidenschaft gezogen! Keins aber in einem so hohen Grade, wie dasjenige des starken Mannes, der dort unten unbeweglich neben dem Affenkäfig saß. Für den Nabob war dieser Todesfall sein eigner Tod, der Ruin, das Ende von allem. Dessen war er sich so wohl bewußt, daß er, als er bei seinem Eintritte in das Hotel den hoffnungslosen Zustand des Herzogs erfuhr, weder Bedauern äußerte, noch in andrer Weise sein Beileid zur Schau trug, sondern nur dies eine Wort des menschlichen Egoismus hervorstieß: »Ich bin verloren.« Und dies Wort kam ihm immer wieder auf die Lippen, er wiederholte es maschinenmäßig in plötzlichen Wiederholungen, so oft die ganze Entsetzlichkeit seiner Lage sich ihm vor Augen drängte, ähnlich wie bei den gefährlichen Gewittern in den Gebirgen ein zuckender Blitzstrahl den Abgrund mit all seinen gefahrdrohenden Zacken und Schlünden plötzlich bis auf den Boden erhellt. Diese Hellsichtigkeit, welche gewöhnlich die Katastrophen begleitet, ersparte ihm auch nicht die kleinste Einzelheit. Er sah nun, da Mora nicht mehr für ihn eintreten konnte, die Ungültigkeitserklärung seiner Wahl als gewiß voraus und dann, als Folgen dieser Niederlage, sein Fallissement, sein Elend und noch etwas Schlimmeres, denn, wenn solche unberechenbare Reichtümer einmal zusammenstürzen, dann bleibt an ihren Trümmern stets ein wenig von der Ehrenhaftigkeit eines Mannes haften. Aber, welche Dornen, welche Stacheln, welche grausamen Verletzungen und Wunden, ehe auch nur dies Ziel erreicht war! In acht Tagen waren die Schmalbachschen Wechsel, d. h. achthunderttausend Franken fällig, dann die Schadenersatzforderung von Moëssard, der hunderttausend Franken oder die Autorisation von der Kammer begehrte, den Nabob vor dem Zuchtpolizeigericht zu belangen, und dann ein noch viel unheilvollerer Prozeß, der von den Familien zweier kleiner Märtyrer aus der Bethlehemstiftung gegen die Begründer oder Anstalt angestrengt war, und zu dem allem noch das drohende Gespenst der Territorialkasse mit ihren Verwicklungen. Und dem gegenüber nur ein einziger Hoffnungsstrahl, der von Géry bei dem Bey unternommene Schritt, aber wie unbestimmt, wie chimärisch, wie fernliegend war diese Hoffnung! »Ach, ich bin verloren ... ich bin verloren ...« In dem geräumigen Empfangssalon bemerkte niemand seine Niedergeschlagenheit. Diese Menge von Senatoren, Deputierten, Staatsräten, die gesamte hohe Verwaltung kam und ging um ihn herum, ohne ihn zu sehen, sich in geheimnisvollen Gruppen, mit unruhiger Wichtigthuerei und geheimnisvollem Köpfe zusammenstecken, um die weißen Marmorkamine drängend, die an beiden Enden des Zimmers angebracht waren. So viel betrogener und jäh zu Boden gestürzter Ehrgeiz traf bei diesem Besuche in extremis zusammen, daß neben der eignen Besorgnis alles andre in den Hintergrund trat. In den Gesichtern prägte sich eigentümlicherweise weder Mitleid noch Schmerz, sondern vielmehr eine Art Zorn aus. Alle diese Leute schienen dem Herzog seinen Tod wie eine Fahnenflucht übelzunehmen. Man hörte Aeußerungen, etwa in der Art: »Es ist auch wirklich kein Wunder, bei einer solchen Lebensweise!« Und durch die hohen Bogenfenster zeigten sich die Herren, zwischen den ab und zu fahrenden Equipagen auf dem Hofe, ein kleines Coupé, das draußen hielt und aus dem eine zierlich beschuhte Hand dem Diener, welcher die neuesten Nachrichten brachte, eine eingebogene Karte überreichte. Von Zeit zu Zeit erschien in diesem Gedränge einer der Vertrauten, die der sterbende Herzog zu sich hatte rufen lassen, erteilte einen Befehl und verschwand wieder, indem er den Widerschein seines eignen erschreckten Antlitzes auf zwanzig andern Gesichtern zurückließ. Auch Jenkins zeigte sich auf einen Augenblick, mit gelöster Krawatte, offner Weste und zerknitterten Manschetten, in der Unordnung, wie sie der Schlacht entsprach, die er dort oben einem furchtbaren Gegner lieferte. Er wurde sofort von allen Seiten umringt und mit Fragen bestürmt. In der That, die Affen, die durch den ungewohnten Lärm in Aufregung geraten ihre stumpfe Nase an dem Gitter ihres Käfigs platt drückten und aufmerksam auf alles achteten, was um sie herum vorging, als ob sie Studien über menschliche Gesichter anstellten, hatten in dem irländischen Arzte ein ausgezeichnetes Vorbild. Sein Schmerzensausdruck war vorzüglich, ein schöner männlicher, starker Schmerz, der ihm die Lippen zusammenpreßte und unter dem seine Brust keuchte. »Der Todeskampf hat begonnen,« sagte er mit einer tieftraurigen Miene. ... »Es handelt sich nur noch um Stunden.« Und als Jansoulet sich ihm näherte, sagte er ihm in emphatischem Tone: »Ach, mein Freund, was für ein Mann! ... Welcher Mut. ... Er hat an alles gedacht. Noch eben in diesem Augenblicke sprach er mit mir von Ihnen.« »In der That?« »›Der arme Nabob‹ sagte er, ›wie steht es denn mit seiner Wahl?‹« Das war alles. Kein Wort hatte der Herzog mehr gesagt. Jansoulet ließ das Haupt sinken. Was hatte er auch zu hoffen? War es nicht genug, daß ein Mann, wie Mora, in einem solchen Augenblicke seiner gedacht hatte? ... Er setzte sich wiederum auf die Bank und verfiel aufs neue in diesen Zustand gänzlicher Vernichtung, aus welchem ihn eine tolle Hoffnung momentan aufgerüttelt hatte. Der Saal war, ohne daß er es bemerkte, fast völlig verödet, und er wurde erst inne, daß er der einzige und letzte Besucher sei, als er beim Anbruche des Abends die Bedientensippe sich ganz laut unterhalten hörte: »Ich, ich habe genug verdient, ich brauche nicht mehr zu konditionieren.« »Ich bleibe bei der Herzogin.« Und diese Pläne, diese Entschlüsse, die schon einige Stunden vor dem Hinscheiden gefaßt wurden, sprachen dem edeln Herzoge viel sicherer das Urteil als die Fakultät. Dem Nabob wurde es nun klar, daß es Zeit sei, sich zurückzuziehen, vorher wollte er sich aber in dem bei dem Portier aufliegenden Buche einschreiben. Er näherte sich dem Tische und beugte sich darüber, um besser zu sehen. Die Seite war voll. Man zeigte ihm noch eine unbeschriebene Stelle unter einer kleinen kritzligen Handschrift, wie sie den zu dicken Fingern eigen zu sein pflegt, und als er seinen Namen eingeschrieben hatte, fand er, daß der Name Hemerlingue oberhalb des seinigen stand, diesen zu erdrücken und mit einem hinterlistigen Zuge zu umgarnen schien. Da er abergläubisch war, wie ein richtiger Südfranzose, machte diese Vorbedeutung auf ihn einen niederschmetternden Eindruck, deren Schrecken er mit sich fortnahm. Wo sollte er zu Mittag speisen? ... Im Klub? ... Am Vendomeplatz? ... Immer aufs neue von diesem Todesfalle sprechen hören, der ohnehin auf ihm lastete! ... Er zog es vor, auf gut Glück geradeaus zu gehen, wie es diejenigen zu thun pflegen, die von einem quälenden Gedanken erfüllt sind, dessen sie im Gehen sich zu entledigen hoffen. Es war eine laue, balsamische Abendluft. Der Nabob folgte den Quais, erreichte die Allee von Cours la Reine und gelangte dann in die von seinem Staube geschwängerte und durch Sprengen aufgefrischte Atmosphäre, die für die schönen Abende in Paris so charakteristisch ist. Um diese Stunde war alles wie verödet. Hier und da wurden Lampen für die Konzerte angezündet und leuchteten Gasflammen aus den Gebüschen hervor. Ein Geräusch von Gläsern und Tellern, das aus einem Restaurant drang, gab ihm den Gedanken ein, dort einzutreten. Dieser robuste Plebejer hatte trotz alledem Hunger. Man trug ihm unter einer mit Schlingpflanzen bewachsenen Glasveranda auf; dieselbe lag dem großen Portikus des Industriepalastes gegenüber, woselbst der Herzog in Gegenwart von Tausenden ihn als Abgeordneten begrüßt hatte. Das feine aristokratische Gesicht in dem abendlichen Dunkel der Vorhalle stand ihm vor Augen, während er es gleichzeitig auf dem weißen Trauerkissen erblickte; und plötzlich, als er die Speisekarte, die der Kellner ihm überreicht hatte, ansah, wurde er mit Entsetzen gewahr, daß sie das Datum vom 20. Mai trug.... Also noch war nicht einmal ein Monat seit Eröffnung der Ausstellung verflossen. Er hatte den Eindruck, als müßten seit jener Zeit zehn Jahre vergangen sein. Allmählich aber versetzte ihn die Mahlzeit wieder in eine behagliche Stimmung. Im Korridor hörte er die Kellner miteinander sprechen: »Weiß man etwas von Mora? Es scheint, daß er sehr krank ist ...« »Ach, laß den nur, der wird schon noch einmal davonkommen. ... Das Glück ist ja doch nur für Leute seines Schlages da.« Und die Hoffnung klammert sich so fest im menschlichen Herzen, daß, trotz allem, was Jansoulet gesehen und gehört hatte, diese wenigen Worte unter Beihilfe von einigen Flaschen Burgunder genügten, um seinen Mut wieder zu beleben. Ueberdies, hatte man nicht Menschen, die viel schwerer krank waren, genesen sehen? Die Aerzte übertreiben oft die Krankheit, um ihr Verdienst bei der Bekämpfung derselben zu erhöhen. Wenn ich nun selbst ginge, um mich zu überzeugen. ... Er kehrte voll Illusionen nach dem Hotel zurück, indem er auf einen jener Glücksfälle rechnete, die so oft im Leben ihm zur Seite gestanden hatten. Und in der That, das Aussehen der fürstlichen Wohnung war dazu angethan, ihm Hoffnung einzuflößen, dieselbe hatte das ruhige und in Sicherheit einwiegende Aussehen, wie an einem gewöhnlichen Abend, von der majestätischen und einsamen, hie und da durch Lampen erleuchteten Allee bis zur Freitreppe, an deren Fuße eine große Karosse von altertümlichem Aussehen wartete. In dem gleichfalls friedlichen Vorzimmer brannten zwei große Lampen. Ein Kammerdiener schlief in einer Ecke, der Portier las vor dem Kamine. Derselbe warf dem Ankömmlinge, über seine Brille hinwegsehend, einen Blick zu, ohne ein Wort zu sagen, und Jansoulet wagte auch nicht zu fragen. Ganze Stapel von Zeitungen lagen auf dem Tische und schienen mit ihren Kreuzbändern, mit dem Namen des Herzogs, als unnütz dort hingeworfen zu sein. Der Nabob nahm eine Zeitung und versuchte zu lesen, aber ein schneller und leiser Schritt, ein halblauter Singsang ließ ihn aufblicken, und er gewahrte einen gebückten Greis mit weißen Haaren, dessen Gewand wie eine Altardecke geschmückt war und der, indem er mit großen Schritten sich entfernte, Gebete murmelte, während seine lange rote Soutane auf dem Teppiche nachschleppte. Es war der Erzbischof von Paris in Begleitung zweier Priester. Diese murmelnde Gruppe ging rasch an Jansoulet vorüber, setzte sich in die große Karosse und verschwand, indem sie seine letzte Hoffnung mit sich fortnahm. »Sache der Konvergenz, mein Lieber,« sagte Monpavon, der plötzlich neben ihm auftauchte. ... »Mora ist Epikuräer, auferzogen in den Grundsätzen von Dingsda ... wie heißt es doch? ... des achtzehnten Jahrhunderts.... Aber sehr schlimm für die Massen, wenn ein Mann von seiner Stellung, ps, ps, ps. ... Ach! Er ist unser aller Meister ... ps, ps ... tadellose Haltung.« »Dann ist es also zu Ende?« sagte Jansoulet zu Boden geschmettert. »Es ist keine Hoffnung mehr?« Monpavon machte ihm ein Zeichen, aufzumerken. Ein Wagen rollte dumpf in die Allee am Quai, die Anmeldeglocke ließ plötzlich mehrere Schläge ertönen. Der Marquis zählte mit lauter Stimme: Eins, zwei, drei, vier! ... Beim fünften Schlage erhob er sich: »Nun ist keine Hoffnung mehr. Da kommt Er an!« sagte er, indem er auf einen Aberglauben der Pariser anspielte, wonach ein solcher Besuch des Staatsoberhauptes den Todkranken stets unheilbringend war. Die Lakaien stürzten von allen Seiten herbei, öffneten die Flügelthüren und bildeten Spalier, während der Portier mit seinem Tressenhut salutierend durch Aufschlagen mit seinem Stabe die Ankunft von zwei hohen Persönlichkeiten ankündigte, die Jansoulet nur undeutlich hinter den Livreen zu unterscheiden vermochte, die er aber in einer langen Perspektive von geöffneten Thüren, unter dem Vortritt eines Kammerdieners, der einen Kandelaber in der Hand trug, die große Treppe hinansteigen sah. Die, Dame ging aufrecht und stolz, in ihre schwarze spanische Mantille gehüllt; der Herr langsam und ermüdet aussehend, er hielt sich an dem Geländer, während ein krampfhaftes Seufzen sich seiner etwas eingesunkenen Brust entrang. »Lassen Sie uns gehen, Nabob, es ist hier nichts mehr zu thun,« sagte der alte Geck, indem er Jansoulet beim Arm nahm und mit sich fortzog. Auf der Schwelle stand er still und winkte mit erhobener Hand dem Sterbenden einen letzten Gruß zu: »Leb wohl, Lieb ...« Die Bewegung und der Ton waren tadellos, aber seine Stimme zitterte etwas. Der Klub in der Rue Royale, dessen Spielpartieen bekannt sind, sah selten eine so entsetzliche, wie an diesem Abend. Obgleich schon um elf Uhr begonnen, dauerte sie doch bis fünf Uhr morgens. Enorme Summen rollten auf der grünen Tischplatte umher, indem sie fortwährend ihren Herrn wechselten, sich hier aufhäuften, dann wieder in alle Winde zerstoben und schließlich sich wieder in einer Hand vereinigten. Ganze Vermögen wurden in dieser Partie verschlungen, bei deren Beendigung der Nabob, welcher dieses Spiel angeregt hatte, um in den Wechselfällen des blinden Zufalls sein eignes Entsetzen zu vergessen, nach wunderbaren Kontrasten und Schicksalssprüngen, bei denen sich einem Neulinge die Haare gesträubt hatten, sich mit einem Gewinne von fünfmalhunderttausend Franken zurückzog. Am folgenden Tage sprach man auf den Boulevards von fünf Millionen, und alle Welt schrie Zeter über den Skandal, besonders der »Messager«, der zu dreiviertel mit einem Artikel gefüllt war, der auf gewisse Abenteurer gemünzt war, die in den Klubs geduldet würden und die Ursache des Ruins ehrenwerter Familien seien. Aber ach, was Jansoulet gewonnen hatte, war kaum für den ersten der Schwalbachschen Wechsel ausreichend.... Während dieser wahnwitzigen Partie, deren unfreiwillige Ursache und gleichsam Seele Mora gewesen war, wurde sein Name nicht ein einziges Mal ausgesprochen. Weder Cardailhac noch Jenkins erschienen. Monpavon, der angegriffener war, als er sich den Anschein geben wollte, hatte sich zu Bett legen müssen. So war man ohne alle Nachrichten. Ist er tot? fragte Jansoulet sich beim Verlassen des Klubs, und ihn wandelte die Lust an, sich selbst zu überzeugen, ehe er seinen Heimweg antrat. Es war nun nicht mehr die Hoffnung, die ihm den Antrieb gab, sondern eine krankhafte und nervöse Neugier, wie sie nach einem großen Feuer die unglücklichen obdachlosen Abgebrannten nach den Ruinen ihrer früheren Wohnstätte zurücktreibt. Obgleich es noch sehr früh am Morgen war, so war das Hotel doch wie für eine feierliche Ausfahrt weit geöffnet. Auf den Kaminen brannten noch immer qualmend die Lampen. Der Nabob erstieg inmitten dieser unerklärlichen Verlassenheit die Treppe bis zum ersten Stock, wo er endlich eine ihm bekannte Stimme, diejenige Cardailhacs, der Namen diktierte, und das Kratzen von Federn auf Papier vernahm. Der Mann, der so geschickt die Festlichkeiten für den Bey in Szene gesetzt hatte, organisierte mit derselben Hingebung das feierliche Leichenbegängnis des Herzogs von Mora. Und welche rastlose Thätigkeit! Der Herzog war erst am Abend gestorben, und seit dem Morgen waren schon zehntausend Briefe gedruckt und alles im Hause, was eine Feder zu führen vermochte, war damit beschäftigt, Adressen zu schreiben. Ohne diese improvisierten Büreaus zu durchschreiten, gelangte Jansoulet nach dem sonst so belebten Wartesalon, dessen Lehnsessel heute sämtlich unbesetzt waren. In der Mitte lagen auf einem Tische der Hut, der Stock und die Handschuhe des Herzogs, die stets für plötzliche Ausgänge bereit waren, um ihm selbst die Mühe eines Befehls zu ersparen. Die geschweifte Form des Hutes erinnerte an den Schnurrbart des Trägers, die hellen Handschuhe schienen im Begriffe zu stehen, das elastische und kräftige chinesische Rohr zu ergreifen: das Ganze atmete Leben, als ob der Herzog sofort erscheinen, die Hand im Plaudern nach diesen Gegenständen ausstrecken und ausgehen müßte. Aber nein, der Herzog sollte nicht mehr ausgehen ... Jansoulet brauchte sich nur der halbgeöffneten Thüre zu nähern, um auf dem erhöht stehenden Bette – immer auf der Estrade, selbst im Tode noch – eine starre, stolze Gestalt liegen zu sehen, ein unbewegliches und gealtertes Profil, das durch den in einer Nacht gewachsenen grauen Bart wie umgewandelt war. Das Haupt an das Kopfkissen gelehnt, in die weißen Vorhänge niedergesunken, kniete eine Dame, deren blonde Haare aufgelöst herabwallten, als ob sie unter der Schere ewiger Witwenschaft zu fallen sich bereit machen wollten; außerdem waren noch ein Priester und eine Nonne da, die in dieser Atmosphäre einer Totenwache, in der die Ermüdung schlafloser Nächte und das Flüstern von Gebeten miteinander abwechseln, sich zusammengefunden hatten. Dieses Zimmer, der Schauplatz so vielen Ehrgeizes, so vieler Hoffnungen und getäuschter Erwartungen, es war nunmehr ganz der Ruhe des Todes geweiht. Kein Laut, kein Seufzer. Nur in der Richtung des Pont de la Concorde übertönte trotz der frühen Morgenstunde der gellende Ton einer Klarinette das Rollen der ersten Wagen, aber der angreifende Spott dieses Instrumentes ging nunmehr spurlos an demjenigen verloren, der nun kalt und bleich dort schlief und dem entsetzten Nabob das Spiegelbild seines eignen Schicksals vor Augen führte. Andre als Jansoulet haben dieses Sterbezimmer noch trauriger gesehen, mit weit offenen Fenstern, dem Nachtwind preisgegeben, der ungehindert vom Garten hereinblies. Auf einem Schrägen eine Gestalt, der Leichnam, den man eben einbalsamiert hatte. Die Schädelhöhle mit einem Schwamm ausgefüllt, das Hirn in einem Becken. Das Gewicht dieses staatsmännischen Gehirns war wirklich erstaunlich. Es wog ... es wog ... die Zeitungen haben die Ziffer seinerzeit gebracht. Aber wer weiß sie heute noch? Neunzehntes Kapitel. Das Leichenbegängnis. »Weine nicht, meine liebe Fee, du raubst mir damit den Rest meines Mutes. Bedenke doch, du wirst viel glücklicher sein, wenn dein abscheulicher Dämon dich nicht mehr quält ... du kehrst ruhig nach Fontainebleau zurück und fütterst deine Hühner. ... Die zehntausend Franken, die wir von Brahim erhalten haben, werden für deine dortige Einrichtung genügen, ... Und dann, bin ich erst einmal drüben, so brauchst du dich nicht zu sorgen, ich werde dir dann Geld schicken. Da der Bey einmal in meine Bildhauerei vernarrt ist, so kannst du dir denken, werde ich ihn auch gehörig dafür bezahlen lassen. ... Ich werde reich, schwer reich zurückkehren.... Wer weiß? Vielleicht sogar als Sultanin.« »Jawohl du magst Sultanin werden ... aber ich, ich werde dann gestorben sein und dich nie wiedersehen.« Und die ganz verzweifelte gute Cremnitz drückte sich in eine Ecke des Wagens, um ihre Thränen zu verbergen. Felicia verließ Paris. Sie versuchte dem Zustande der entsetzlichen Traurigkeit, des unheildrohenden Ueberdrusses zu entfliehen, in welchen sie der Tod des Herzogs versetzt hatte. Welch niederschmetternder Schlag für dies stolze Mädchen! Die Langeweile, der Verdruß hatte sie diesem Mann in die Arme geworfen; Stolz, Scham, alles hatte sie ihm geopfert, und nun nahm er alles mit sich fort, ließ sie für ihre Lebenszeit entehrt zurück, als Witwe ohne Thränen, ohne Trauer, ohne Ehre. Zwei oder drei Besuche in Saint-James, einige Abende im Hintergrunde einer Loge eines kleinen Theaters, hinter dem Gitter, wo sich die verbotene und ehrlose Lust verbirgt, das waren die einzigen Erinnerungen, die ihr diese vierzehntägige Liaison zurückließ, dieser Fehltritt ohne Liebe, in welchem ihr Stolz nicht einmal die Genugthuung eines großartigen Skandals gefunden hatte. Ein zweckloser und unauslöschlicher Schmutzfleck, wie er einer Frau anhaftet, die unverständigerweise mitten in den Rinnstein fallt, und die das ironische Mitleid der Vorübergehenden abhält, sich aus dieser Lage zu erheben. Einen Augenblick dachte sie an Selbstmord, dann aber hielt sie der Gedanke, daß man diesen Schritt einer Verzweiflung des Herzens zuschreiben könnte, von diesem Vorhaben ab. Sie stellte sich in Gedanken die sentimentale Rührung in den Salons, die traurige Figur vor, die ihre angebliche Liebe unter den unzähligen Eroberungen des Herzogs spielen würde, und die Veilchen, welche die Ritter der Presse, von der Sorte Moßstard, auf ihr so nahe bei dem andern geschaufeltes Grab streuen würden. Was ihr erübrigte, war nur eine Reise, aber eine Reise so weit, daß selbst die Gedanken dadurch die Heimat wechselten. Leider fehlte zu diesem Vorhaben das Geld. Dann aber erinnerte sie sich, daß am Tage nach ihrem großen Erfolge in der Ausstellung der alte Brahim-Ben sie aufgesucht und ihr im Namen seines Fürsten die verlockendsten Anerbietungen für Arbeiten gemacht hatte, die sie in Tunis ausführen sollte. Sie hatte damals abgelehnt, ohne sich durch orientalische Bezahlung, eine splendide Gastfreundschaft, den schönsten Hof mit Spitzenarkaden als Atelier verlocken zu lassen. Aber nun wollte sie gerne. Sie brauchte nur eine Andeutung zu machen, und der Handel war abgeschlossen. Nach einem Depeschenwechsel, einem eiligen Zusammenpacken der Einrichtung und nachdem das Haus abgeschlossen, machte sie sich auf den Weg nach dem Bahnhofe, als handelte es sich um eine Abwesenheit von acht Tagen, wobei sie selbst am meisten über ihren raschen Entschluß erstaunt war, während die abenteuerliche und künstlerische Seite ihrer Natur sich mit der Hoffnung auf ein neues Leben unter einem andern Himmel schmeichelte. Die Lustjacht des Beys sollte sie in Genua erwarten, und in der Droschke, die sie fuhr, die Augen schließend, sah sie schon im voraus die weißen Felsen eines italienischen Hafens, der ein schillerndes Meer einschließt, einen Ort, wo die Sonne schon mit orientalischer Glut leuchtet. Und gerade an diesem Tage war Paris eine Schmutzlache, grau in grau, von den ununterbrochenen Regengüssen überschwemmt, die eigens für Paris geschaffen zu sein scheinen, als ob sie aus dem Flusse, aus dem Rauche, dem Atem dieses Pariser Ungeheuers, in Wolken zusammengeballt, aufgestiegen wären, um von den Dächern, den Traufen, den zahllosen Fenstern der Mansarden wieder herabzurieseln. Felicia war nur darauf bedacht, dies traurige Paris zu fliehen, und ihre fieberhafte Ungeduld maß die Schuld dem Kutscher bei, der nicht vorwärts kam, den beiden Droschkengäulen, dem unentwirrbaren Knäuel von Wagen und Omnibussen, die bis an die Zugänge zum Pont de la Concorde zurückgestaut waren. »Vorwärts, Kutscher, fahren Sie doch besser!« »Ich kann nicht, Madame, ... es ist wegen des Leichenbegängnisses.« Felicia streckte den Kopf zum Wagenschlage hinaus, um ihn sofort entsetzt zurückzuziehen. Sie hatte ein Spalier von Soldaten erblickt, die mit gesenktem Gewehre marschierten, eine Wolke von Hüten, die beim Vorbeiziehen eines unendlichen Zuges über den Köpfen gehalten wurden. Es war das Leichenbegängnis des Herzogs. »Halten Sie hier nicht still.... Machen Sie einen Umweg!« rief Felicia dem Kutscher zu. Der Wagen machte mit Mühe kehrt, als ob er sich mit Bedauern dem herrlichen Schauspiele entzöge, auf welches Paris seit vier Tagen wartete, fuhr in die Allee zurück, bog in die Rue Montaigne ein und gelangte in dem bekannten Zaudertrabe griesgrämiger Droschkengäule durch den Boulevard Malesherbes nach der Madeleine. Hier war das Menschengewoge noch stärker und gedrängter. Ein feiner Regen rieselte herab, die Kirchenfenster waren erleuchtet, unter der schwarzen Draperie, hinter welcher selbst die griechische Architektur der Kirche fast verschwand, ertönten dumpf die Trauergesänge hervor. Im Innern des Gebäudes, wo die Seelenmesse gelesen werden sollte, drängte sich schon die Menge Kopf an Kopf, während der unermeßliche Leichenzug sich noch in der Rue Royale bis nach den Brücken hinbewegte, eine einzige lange schwarze Linie, welche auf diese Weise den Verstorbenen mit dem Gebäude des gesetzgebenden Körpers in Verbindung brachte, dessen Schwelle sein Fuß so oft überschritten hatte. Jenseits der Madeleine war die Fahrstraße der Boulevards ganz frei, offengehalten durch zwei Reihen von Soldaten, welche mit Gewehr bei Fuß die Neugierigen auf den dichtgefüllten Trottoirs in Schranken hielten. Alle Läden waren geschlossen und die Balkons trotz des Regens von Menschen überfüllt, die mit übergebeugtem Körper in der Richtung nach der Kirche blickten, wie bei dem Vorbeipassieren der Fastnachtochsen, oder bei der Heimkehr siegreicher Truppen. Das nach Augenweide lechzende Paris benutzt dazu jede sich bietende Gelegenheit, sei es ein Bürgerkrieg oder das Leichenbegängnis eines Staatsmannes.... Der Wagen mußte noch einmal umkehren, machte nochmals einen Umweg, und man mag sich die schlechte Laune des Kutschers und seiner Pferde vorstellen, die alle drei von Pariser Blut und verdrießlich waren, daß ihnen eine so schöne Schaustellung entging. Nun begann eine planlose Fahrt durch die Straßen, die still und verlassen waren, da das ganze Getriebe der Hauptstadt sich nach der großen Pulsader des Boulevard gedrängt hatte! ein unsinniges Herumkutschieren eines auf Zeit engagierten Wagens, der die entgegengesetzten Punkte des Faubourg St. Martin, des Faubourg St. Denis berührt, um dann wieder nach dem Mittelpunkte zurückzufahren und schließlich am Ende dieser Umwege und Irrfahrten stets wieder auf dasselbe Hindernis zu stoßen, auf dieselbe Anhäufung von Menschen, eine Abteilung des schwarzen Gefolges, das am Ende einer Straße auftaucht und sich unter dem herabströmenden Regen, bei dem Klange der gedämpften Trommeln langsam vorwärts schiebt. Welche Qual für Felicia! Ihr Fehltritt und ihre Gewissensbisse waren es, die in diesem feierlichen Aufzuge, diesem Leichenkondukte, dieser öffentlichen Trauer, die sich selbst in den dunklen Wolken widerspiegelte, ihren Weg durch Paris nahmen, und der Stolz des Mädchens bäumte sich auf gegen diesen Schimpf, den diese Umgebung ihr anthat, der sie aus dem Hintergründe des Wagens aufscheuchte, in welchem sie sich mit geschlossenen Augen wie vernichtet zurückgelehnt hatte, während die alte Cremnitz, als sie Felicia so aufgeregt sah, dies ihrem Kummer zuschrieb und sich bemühte, sie zu trösten. Sie selbst weinte über ihre bevorstehende Trennung und, sich gleichfalls in die Ecke zurücklehnend, gab sie den ganzen Wagenschlag dem großen arabischen Windhunde preis, der seinen Kopf mit der Spürnase in die Luft hinausstreckte und seine beiden Pfoten in gebietender Stellung, wie ein Wappentier, aufstützte. Endlich, nach vielen endlosen Umwegen, hielt der Wagen plötzlich an, machte dann noch mit vieler Mühe einige Schritte, inmitten lauter Ausrufe und beleidigender Aeußerungen vorwärts, wurde dann hin und her gestoßen, halb in die Höhe gehoben, so daß das Gepäck auf dem Verdeck fast das Gleichgewicht verloren hätte, und stand dann, von allen Seiten eingeengt und festgehalten, baumstill, wie verankert. »Um Gottes Willen! Was für eine Menschenmenge!« murmelte die alte Cremnitz entsetzt. Felicia erwachte aus ihrem dumpfen Hinbrüten, »Wo sind mir denn?« Unter dem grauen Regenhimmel hatte sich auf einem unermeßlichen Platze ein wahres Menschenmeer zusammengestaut, das aus allen dort einmündenden Straßen Zuflüsse erhielt und inmitten des Platzes um eine hohe Bronzesäule herum, welche dieses Gewoge wie der gigantische Mast eines Wracks beherrschte, zum Stillstand gekommen war. Reiterschwadronen, den Säbel in der Faust, Artilleriekolonnen zogen inmitten des freigelassenen Raumes vorüber, ein ganzer kriegerischer Apparat, der dessen wartete, der alsbald erscheinen sollte, als ob es den Versuch gälte, sich mit stürmender Hand seiner wiederum zu bemächtigen, ihn dem furchtbaren Feinde, der ihn forttrug, wieder abzujagen. Aber ach! Alle Kavallerieangriffe, alle Kanonaden wären hierzu nicht im stände gewesen. Der nur zu sicher gefesselte, mit einer dreifachen Mauer von Eichenholz, Metall und Samt vor dem Kugelregen geschützte Gefangene wurde fortgeführt und durfte von diesen Soldaten seine Befreiung nicht erhoffen. »Vorwärts, ich will hier nicht bleiben ...,« sagte Felicia wütend, indem sie den durchnäßten Mantel des Kutschers erfaßte. Bei dem Gedanken an den Alp, der sie verfolgte und den sie in diesem aus der Ferne ertönenden, von Minute zu Minute näherkommenden dumpfen Rollen kommen zu hören meinte, wurde sie von einer wahnwitzigen Angst ergriffen. Aber bei der ersten Umdrehung der Räder begann das Geschrei und Toben von neuem. Der Kutscher hatte sich in der Meinung, daß man ihm gestatten würde, über den Platz zu fahren, mit großer Mühe bis zu den ersten Reihen der Menge durchgearbeitet, die sich jetzt hinter ihm schloß und ihm die Durchfahrt verwehrte. Es war keine Möglichkeit, zurückzuweichen, noch vorwärts zu dringen. Man mußte wohl oder übel stehen bleiben, diese Pöbel- und Branntweinatmosphare einatmen, diese neugierigen, durch die Erwartung eines außergewöhnlichen Schauspieles so erregten Blicke ertragen, die sich auf die schöne Reisende hefteten, welche mit so wenig Gepäck und einem Hunde von dieser Größe als Beschützer sich auf den Weg machte. Die alte Cremnitz hatte eine entsetzliche Angst; Felicia dagegen dachte nur an eins, und das war der Gedanke, daß er vor ihr vorbeipassieren werde, daß sie in erster Reihe ihn erwartete. Plötzlich erscholl ein lauter Ruf: »Da kommt er!« und darauf entstand auf dem ganzen Platze nach drei langen Stunden ungeduldiger Erwartung ein allgemeines Stillschweigen, Er kam. Der erste Gedanke Felicias war, die Vorhänge an ihrer Seite, an welcher der, Zug vorbeipassierte, niederzulassen. Aber als sie das dumpfe Rollen der Trommeln in nächster Nähe vernahm, erfaßte sie ein unbändiger Zorn darüber, dem ihr aufgedrungenen Schauspiele nicht entfliehen zu können, und vielleicht auch von der widerlichen Neugier rings um sie herum angesteckt, zog sie die Vorhänge plötzlich in die Höhe und ihr leidenschaftliches, bleiches Antlitz aus dem Wagenschlage hinausbeugend, sagte sie: »Du willst es. ... Nun wohl, ich sehe dich an!« Das Leichenbegängnis war so prächtig, wie man es nur sehen konnte: die letzten Ehren wurden in ihrem ganzen nichtigen Gepränge erwiesen, das ebenso geräuschvoll und hohl war, wie die taktmäßige Begleitung der umflorten Trommeln. Zunächst die weißen Gewänder der Geistlichkeit, die in dem Trauergefolge der ersten fünf Karossen schimmerten, dann, von sechs schwarzen Rossen gezogen, wahren Rossen des Erebus, so schwarz, so schwerfällig wie die Fluten desselben, nahte der Leichenwagen, mit Federbüschen, Fransen, Silberstickereien und heraldischen Kronen verziert, welche über kolossalen M prangten, dem ominösen Initial, das ebensogut »Mors«, den Tod, den herzoglichen Tod mit der achteckigen Krone bedeuten konnte. So viele Baldachine, so viele schwere Draperien verbargen das nackte Gestell des Leichenwagens, daß derselbe bei jedem Schritte von oben bis unten erzitterte und hin und her schwankte, als würde er von der Majestät des Toten erdrückt. Auf dem Sarge lagen der Degen, der Staatsfrack, der gestickte Hut, ein Paradestück, das niemals gebraucht worden war, alles von Gold und Perlmutter unter den Draperien und inmitten der frischen Blumen erglänzend, die trotz des griesgrämigen Himmels das Frühjahr verkündeten. Zehn Schritte hinter dem Wagen folgte die Dienerschaft des herzoglichen Hauses und nach ihr, in achtunggebietender Isolierung, ein Offizier im Mantel, der die Ehrenzeichen trug, eine wahre Ausstellung aller Orden der ganzen Welt, Kreuze und buntfarbige Bändchen, die auf dem mit silbernen Fransen geschmückten schwarzen Samtkissen kaum Platz fanden. Unmittelbar darauf folgte der Zeremonienmeister und hinter ihm das Bureau des gesetzgebenden Körpers, ein Dutzend durch das Los erkorene Deputierte und unter ihnen, durch seine Gestalt hervorragend, der Nabob in seinem offiziellen Galaanzuge, als ob das ironische Schicksal dem Abgeordneten auf Probe einen Vorgeschmack aller Freuden des parlamentarischen Lebens hätte geben wollen. Die dem Trauerzuge folgenden Freunde des Verstorbenen bildeten nur eine verhältmäßig kleine Gruppe, ganz besonders dazu angethan, die Oberflächlichkeit und Hohlheit der Existenz dieses Mannes aus der großen Gesellschaft an den Tag zu legen, dessen vertrauter Umgang sich auf einen dreimal fallit erklärten Theaterdirektor, einen durch Wucher reich gewordenen Gemäldehändler, einen anrüchigen Edelmann und einige Lebemänner und Pflastertreter der Boulevards ohne Namen beschränkte. Bis dahin ging alle Welt zu Fuße und mit entblößtem Haupte, kaum daß sich in der parlamentarischen Gruppe einige seidene Käppchen scheu hervorgewagt hatten, als man den volkreichen Stadtteilen sich näherte. Nunmehr begann das Wagengefolge. Bei dem Tode eines berühmten Soldaten ist es hergebracht, im Trauerzuge des Helden auch das Lieblingspferd, sein Schlachtross mitzuführen, das seine mutige Gangart dem gemessenen Schritte des Trauergefolges anpassen muß. Hier vertrat die Stelle eines solchen Siegesgefährten das große, auf achtfachen Federn ruhende Coupé des Herzogs, das ihn so oft in die politischen und andre Versammlungen gefahren hatte, die Fenster schwarz verhängt, die Laternen mit langem, bis auf die Erde nachschleifendem Flore verhüllt. Diese verschleierten Laternen waren eine neue Art der Trauer, der äußerste Schick, und es geziemte in der That diesem vollendeten Weltmanne, den Parisern, die zu seinem Leichenbegängnisse wie zu einem Wettrennen von Longchamps herbeigeströmt waren, eine letzte Lektion in der Eleganz zu geben. Dann folgten noch drei Ceremonienmeister und sodann der gleichgültige offizielle Pomp, ein Pomp, der immer derselbe ist für Heiraten, Todesfälle, Taufen, Parlamentseröffnungen oder Empfänge von Fürstlichkeiten, eine unabsehbare Reihe von glänzenden Galawagen mit großen Spiegelscheiben, und weithin schimmernden goldstrotzenden Livreen, die inmitten der staunenden Volksmenge ihren Durchzug hielten, welcher sie die Kindermärchen, das Gespann im Aschenbrödel, ins Gedächtnis riefen und Oh und Ah der Bewunderung entlockten, wie sie bei Feuerwerken mit den Raketen in die Luft zu steigen pflegen. Bei solcher Gelegenheit pflegt dann in der Menge auch nicht ein gefälliger Stadtsergeant oder ein unterrichteter Pflastertreter zu fehlen, der diese öffentlichen Schaustellungen aus dem Grunde kennt und mit lauter Stimme die Herrschaften in den mit ihrer vorschriftsmäßigen Eskorte von Dragonern, Kürassieren oder Stadtgardisten vorbeipassierenden Wagen beim Namen nennt. Zuerst die Vertreter des Kaisers, der Kaiserin, des ganzen kaiserlichen Hauses, darauf, in einer klüglich ausgetüftelten Rangordnung, deren Mißachtung die schwersten Konflikte hätte zur Folge gehabt haben können, die Mitglieder des Geheimen Rates, die Marschälle, die Admirale, der Großkanzler der Ehrenlegion, darauf der Senat, der gesetzgebende Körper, die gesamte hohe Justiz und Universität, deren Kostüme, Hermelinmäntel und Kopfbedeckungen einen in das alte Paris zurückversetzte, in die Zeit jenes veralteten, überlebten Gepränges, das in unser nüchternes Zeitalter der Bluse und des schwarzen Rockes nicht mehr passen will. Um nicht denken zu müssen, heftete Felicia ihre Blicke freiwillig auf diesen eintönigen Zug mit seiner ermüdenden Länge; und allmählich überkam sie eine Art Stumpfsinn, wie sie ihn wohl empfunden hatte, wenn sie an einem Regentage in irgend einem langweiligen Salon ein koloriertes Album, eine Geschichte der Kostüme aller Zeiten durchblätterte. Und solchen kolorierten Figuren glichen in der That alle diese Persönlichkeiten, die man im Profil sah, wie sie sich hinter den großen Spiegelscheiben unbeweglich aufrecht hielten und ganz vorne auf den Kissen saßen, damit ja ihre Goldstickereien, Palmetten, Galons und Litzen voll zur Geltung kämen, wahre Gliederpuppen zur Belustigung der Menge, der sie sich mit gleichgültiger und gelangweilter Miene darboten. Gleichgültigkeit! ... Das war so recht der hervorstechende Zug dieses Leichenbegängnisses. Diese fühlte man überall heraus, auf den Gesichtern und in den Herzen, ebensowohl unter den offiziellen Leidtragenden, von denen die meisten den Herzog nur von Ansehen gekannt hatten, als unter dem Gefolge, das zu Fuße zwischen dem Leichenwagen und seinem Coups einherging, unter seinen intimen Freunden und seiner Hausdienerschaft. Gleichgültig und selbst freudig bewegt erschien der dicke Vicepräsident des Senatsrats, der mit seiner derben Faust, mit der er gewohnt war auf die Tribüne zu hämmern, die Schnüre des Baldachins fest umschlossen hielt und gleichsam mitzuziehen schien, als habe er's noch eiliger als die Pferde, den Gegner seit zwanzig Jahren, den unablässigen Rivalen, der allen seinen ehrgeizigen Bestrebungen in den Weg getreten war, sechs Fuß unter die Erde zu bringen. Die drei andern Würdenträger gingen nicht mit demselben Ungestüm eines Füllens einher, aber die langen Schnüre zitterten in ihren ermüdeten oder zerstreuten Händen mit einer bemerkenswerten Haltlosigkeit. Gleichgültig war auch die Dienerschaft, die der Herzog nie anders als »Dingsda« bezeichnet, und die er in Wirklichkeit auch nur als Sache behandelt hatte. Gleichgültig war auch Louis, für den der heutige Tag der letzte Tag der Knechtschaft war, der, ein freigelassener Sklave, reich genug war, um das Lösegeld zu bezahlen. Die eisige Kälte erstreckte sich selbst auf die Vertrauten, obwohl einige von diesen dem Herzog sehr zugethan waren. Aber Cardailhac war zu sehr von der Anordnung und Ueberwachung des Zuges in Anspruch genommen, um sich der geringsten Rührung, ein Gefühl, das übrigens auch nicht in seiner Natur lag, zu überlassen. Der alte Monpavon, der bis in das Innerste ergriffen war, würde jegliches Zeichen einer Bewegung als einen beklagenswerten und seines erhabenen Freundes unwürdigen Mangel an Haltung betrachtet haben. Seine Augen blieben trocken und ebenso leuchtend, wie je zuvor, umsomehr, als die Unternehmer der Leichenkondukte die Thränen für tiefe Trauer in Silber auf schwarzes Tuch gestickt, ohnehin mitliefern. Einer ganz hinten unter den Deputirten weinte gleichwohl, aber dieser eine war naiverweise über sich selbst in solche Rührung geraten. Dem armen Nabob, der durch die Musik und den ganzen Trauerzug so bewegt war, kam es so vor, als ob er sein ganzes Glück, alle seine Hoffnungen auf Ruhm und Ehre heute begrübe. Im Grunde war dies auch Gleichgültigkeit, nur in andrer Art. Beim Publikum überwog die Befriedigung über ein schönes Schauspiel, die Freude, aus einem Wochentage einen Festtag zu machen, jedes andre Gefühl. Beim Zuge durch die Boulevards hätten die Zuschauer auf den Balkons fast Beifall geklatscht, hier in den volkreichen Stadtteilen gab sich die Unehrerbietigkeit in noch rücksichtsloserer Weise kund. Kalauer und fade Witzeleien über den Toten und seine Abenteuer, die ganz Paris kannte, spöttische Bemerkungen über die großen Hüte der Rabbiner, das Aussehen der Weisen im Staatsrat, flogen inmitten des Trommelgewirbels hin und her. Mit den Füßen in der Gosse, in Bluse und Hausrock, die Mütze aus Gewohnheit abgezogen, sah das Elend, die erzwungene Arbeit, der blaue Montag und der Streik mit hämischem Lächeln diesen Bewohner einer höheren Sphäre, diesen glänzenden Herzog, aller seiner Ehren entkleidet, vorbeiziehen, ihn, der vielleicht nie in seinem Leben in dieses äußerste Ende der Stadt gekommen war. Aber so ist es. Um dorthin zu gelangen, wohin alle Welt geht, muß man denselben Weg einschlagen, zunächst durch die Vorstadt St. Antoine, dann die Rue de la Roquette und schließlich bis zu dem großen Thor der Steuereinnehmerei, das weit geöffnet ins Unendliche führt. Und wahrlich, es thut wohl, zu denken, daß große Herren, wie Mora, Herzöge und Minister, alle denselben Weg zu demselben Ziele einschlagen müssen. Diese Gleichheit im Tode entschädigt für manche Ungerechtigkeiten im Leben. Wenn man sich morgens vom Lager erhebt und sich sagen kann: Es ist alles gleich, der alte Mora so gut wie die andern hat doch daran müssen! ... scheint einem das Brot weniger teuer, der Wein besser und das Werkzeug minder schwer. Der Zug, der einen mehr ermüdenden als feierlichen Eindruck machte, wollte kein Ende nehmen. Jetzt waren es Liedertafeln, Deputationen der Armee, der Marine, Offiziere aller Gattungen, die sich herdenweise vor einer langen Reihe von leeren Wagen drängten, von Trauerkutschen und herrschaftlichen Equipagen, die, um der Etikette zu genügen, sich eingefunden hatten, dann kamen Truppenabteilungen, und in dieser schmutzigen Vorstadt, dieser langen Rue de la Roquette, die ohnehin, soweit das Auge reichte, von Menschen wimmelte, marschierte eine ganze Armee auf, Infanterie, Dragoner, Ulanen, Artilleristen, schwere Geschütze, die bereit waren, ihre Stimme ertönen zu lassen, und die, so sehr sie auch das Pflaster und die Fensterscheiben erschütterten, doch das Wirbeln der Tambours nicht zu übertäuben vermochten, dies unheimliche Wirbeln, das Felicia an die Leichenfeierlichkeiten bei großen afrikanischen Negerstämmen erinnerte, wo Taufende von Schlachtopfern die Seele eines verstorbenen Häuptlings begleiten, damit sie nicht allein in das Reich der Geister eingehe, und sie stellte sich vor, daß vielleicht das ganze pomphafte und unermeßliche Gefolge in der geräumigen Grube, die sie alle würde umschließen können, verschwinden möchte. ... »Jetzt und zur Stunde unsres Scheidens. Also geschehe es,« murmelte die alte Cremnitz, während der Wagen über den nunmehr gelichteten Platz schwankte, auf dem die vergoldete Statue der Freiheit sich hoch in den Aether zu schwingen schien, und dieses Gebet der alten Tänzerin war vielleicht das einzige von Herzen kommende und aufrichtige Gefühl, das bei dem Durchzuge des unabsehbaren Trauerzuges Ausdruck gefunden hatte. Die Leichenreden sind zu Ende, drei lange Reden, ebenso eisig wie das Gewölbe, in welches der Tote soeben hinuntergesenkt worden ist, drei offizielle Deklamationen, die den Rednern hauptsächlich Gelegenheit gegeben haben, ihre unwandelbare Hingebung an die Interessen der Dynastie zum Ausdruck zu bringen. Fünfzehnmal haben die Kanonen die zahlreichen Echos des Kirchhofes wachgerufen und die Kränze von Perlen und Immortellen und die leichten Weihgeschenke ex voto, die an den Ecken der Grabgeländer aufgehängt sind, erzittern lassen. Und während eine rötliche Wolke, mit einem Gerüche von Pulverdampf über die Stätte der Toten dahinschwebte und sich allmählich mit dem Rauche aus den Werkstätten in dem benachbarten plebejischen Stadtteil vermischt, zerstreut sich auch die zahllose Versammlung über die abschüssigen Wege und die aus dem Grün hervorschimmernden Treppenstufen. Rote und schwarze Roben, blaue und grüne Fräcke, goldene Troddeln und zierliche Degen, deren man sich beim Gehen sorgfältig versichert, beeilen sich, nach den Wagen zurückzugelangen. Man tauscht tiefe Verbeugungen aus, lächelt einander diskret zu, während die Trauerkarossen im Galopp die Alleen hinunterjagen, eine ganze Reihe von schwarzen Kutschern, mit vorgebeugtem Rücken, quer aufgesetzten Dreimastern und im Winde flatternden Mantelkragen. Der allgemeine Eindruck ist die Erlösung von einer langen und ermüdenden Schaustellung, ein berechtigter Eifer, das Amts- und Galakleid abzulegen, das Degengehenk abzuknöpfen, der Ringkragen und Aufschläge sich zu entledigen, die Gesichter, denen gleichfalls Zwang angethan war, wieder zu glätten. Der dicke und schwerfällige Hemerlingue, der mühsam seine fetten Beine nachschleifte, eilte nach dem Ausgange, indem er die vielfachen Anerbietungen, die ihm von andern gemacht wurden, in ihren Wagen zu steigen, ablehnte, weil er sich wohl bewußt war, daß nur sein eigner Wagen für seine plumpe Gestalt Raum bot. »Baron, Baron, hierher.... Hier ist ein Platz für Sie.« »Nein, ich danke. Ich will gehen, um meinen steifen Gliedern etwas Bewegung zu verschaffen.« Um diesen Anerbietungen, die ihm auf die Dauer lästig fielen, sich zu entziehen, schlug der Baron eine fast ganz leere Querallee ein, die freilich fast allzusehr von Menschen entblößt war, denn kaum hatte er dieselbe betreten, als ihn auch schon sein Entschluß gereute. Seit er auf dem Kirchhofe war, hatte er nur eine Besorgnis empfunden, und diese bestand darin, mit Jansoulet zusammenzutreffen, dessen Heftigkeit er kannte, und dem es wohl zuzutrauen war, daß er die Majestät des Ortes vergessen und auf dem offenen Père-Lachaise den Skandal von der Rue Royale aufs neue aufführen werde. Zwei- oder dreimal hatte er wahrend der Trauerceremonie den dicken Kopf seines einstmaligen Genossen aus der Masse gleichgültiger Gestalten, von denen das Gefolge wimmelte, auftauchen und sich nach ihm mit dem Wunsche einer Begegnung umblicken sehen. Selbst noch dort unten, in der großen Allee, würden im Falle eines unglücklichen Zusammentreffens Menschen zur Hand gewesen sein, während hier ... ihn schauderte. ... Und diese Besorgnis beschleunigte seinen kurzen Schritt, trotz der Atemnot, mit der er zu kämpfen hatte; aber vergeblich. Als er sich ängstlich umsah, ob ihm jemand folge, erblickte er die hohen und breiten Schultern des Nabob am Eingange der Allee. In dem engen Gewirre der Gräber, die so nahe bei einander gedrängt lagen, daß man kaum Platz zum Niederknieen fand, war für den Asthmatiker an ein Entrinnen nicht zu denken. Der lehmige und aufgeweichte Boden gab unter seinen Füßen nach, und so entschloß sich der Baron, den Unbefangenen zu spielen, in der Hoffnung, daß der andre ihn nicht erkennen werde. Aber eine heisere und mächtige Stimme rief hinter ihm: »Lazarus!« Der reichgewordene Kaufmann hieß nämlich Lazarus. Er antwortete nicht, versuchte vielmehr eine Gruppe von Offizieren zu erreichen, die er in der Ferne erblickte. »Lazarus! He, Lazarus!« Ganz wie in alten Zeiten auf dem Quai von Marseille. ... Er war, unter dem Einflüsse einer alten Gewohnheit, schon im Begriffe, stillzustehen, jedoch nun überkam ihn plötzlich mit einem schrecklichen Angstgefühl, das an Paroxysmus streifte, die Erinnerung an seine Schändlichkeiten, an alles Ueble, was er dem Nabob gethan hatte und noch zu thun vorhatte, als plötzlich eine eiserne Hand sich schwer auf seine Schultern legte. Der Angstschweiß brach dem Feigling aus und seine Glieder schlotterten, sein Gesicht wurde noch gelber als zuvor, seine Augen blinzelten in der Erwartung des furchtbaren Schlages, auf den er gefaßt war, während seine dicken Arme sich unwillkürlich erhoben, um denselben abzuwehren. »O, sei ohne Sorge. ... Ich werde dir kein Leides thun,« sagte Jansoulet mit trauriger Stimme.... »Ich mochte dich nur bitten, daß du auch mir ferner kein Leid mehr zufügst.« Der Nabob hielt inne, um Luft zu schöpfen. Der vor Staunen über diese verblüffende Gefühlsregung sprachlose Bankier riß seine runden Eulenaugen weit auf. »Höre mich an, Lazarus; in diesem Kriege, den wir nun schon so lange Zeit miteinander führen, hast du dich als der Stärkere erwiesen. Ich liege am Boden.... Meine Schultern haben die Erde berührt. Sei nunmehr edelmütig, schone deines alten Genossen, Nicht wahr, du läßt Gnade walten, Gnade. ...« An diesem gebrochenen Südländer, der durch die Trauerceremonie weich geworden war, zitterte alles. Hemerlingue seinerseits war freilich nicht viel gefaßter. Die Trauermusik, das offene Grab, die Leichenreden, der Kanonendonner und die eindringliche Philosophie des unvermeidlichen Todes, alles dies zusammengenommen hatte den dicken Baron bis ins Innerste ergriffen. Die Stimme seines alten Kameraden that das übrige, um das, was in diesem Fettklumpen noch menschlich war, wachzurufen. Sein alter Genosse! Es war seit zehn Jahren, seit ihrer Entzweiung, zum erstenmale, daß er ihm so nahe gegenüberstand. Was für Erinnerungen riefen ihm diese sonnverbrannten Züge, diese starken Schultern wach, die so wenig für den gestickten Frack geschaffen waren! Die dünne und durchlöcherte Wolldecke, in welche beide sich gehüllt hatten, um auf der Sinaibrücke zu schlafen, die brüderlich geteilte Mahlzeit, die gemeinschaftlichen Ausflüge in die ausgedörrte Umgegend von Marseille, auf denen sie große Zwiebeln mitnahmen, die sie am Rande eines Grabens verzehrten, die Träume, die Pläne, die zusammengesparten Sous und, als das Glück ihnen zu lächeln begann, die Tollheiten, die sie zusammen ausgeführt hatten, die kleinen gemütlichen Soupers, bei denen man sich, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, alles anvertraut hatte. Wie in aller Welt kann man sich nur entzweien, wenn man sich so genau kennt, wenn man wie Zwillinge miteinander gelebt hat, von derselben dürren und derben Amme großgesaugt, dem Elend, dessen bittre Milch und rauhe Liebkosungen man brüderlich geteilt. Solche Gedanken schössen dem Baron mit Blitzesschnelle durch den Kopf. Fast unwillkürlich ließ er seine schwere Hand in die ausgestreckte Rechte des Nabob fallen. Etwas wie ein tierischer Instinkt, das stärker war als ihr Haß, regte sich in ihnen, und diese beiden Männer, welche seit zehn Jahren darnach getrachtet hatten, einander zu Grunde zu richten und sich gegenseitig die Ehre abzuschneiden, begannen offen und herzlich miteinander zu plaudern. Wenn Freunde sich wiederfinden und die ersten Aufwallungen vorüber sind, so pflegt eine Pause einzutreten, als ob man sich nichts mehr zu erzählen hätte, während im Gegenteil die Ueberfülle von Dingen und das plötzliche Andrängen derselben es ist, was die Mitteilung verhindert. Die beiden Genossen waren eben in diesem Stadium: aber Jansoulet, der befürchtete, daß ihm der Bankier, entschlüpfen, daß er der guten Regung, die er eben in ihm wachgerufen hatte, Widerstand leisten könne, drückte den Arm seines alten Freundes recht derb und sagte: »Du bist doch nicht pressiert, nicht wahr? ... Wir können uns, wenn es dir recht ist, ein wenig hier ergehen. ... Es regnet nicht mehr, es ist wieder ganz schön ... und ich fühle mich zwanzig Jahre jünger.« »Allerdings, es thut einem wohl ... nur kann ich nicht lange marschieren ... meine Beine sind etwas schwerfällig. ...« »Ach ja, deine armen Beine ... aber sieh, dort unten ist eine Bank. Wir wollen uns dort setzen, stütze dich auf mich, Alterchen.« Und nun geleitete ihn der Nabob mit brüderlicher Fürsorge zu einer dieser Bänke, welche hier und da zwischen den Gräbern zerstreut stehen, auf denen die untröstlichen Hinterbliebenen, die den Kirchhof zu ihrem Spaziergang und täglichen Aufenthalte erkoren haben, sich ausruhen. Er machte es dem Bankier dort bequem, blickte ihn zärtlich an, bedauerte ihn wegen seiner Körperschwäche und, infolge einer an solchem Orte ganz natürlichen Ideenverbindung, kamen sie schließlich auf ihre Gesundheit und das herannahende Alter zu sprechen. Der eine war wassersüchtig, der andre vollblütig. Alle beide brauchten die Jenkins-Perlen, eine gefährliche Arznei, wie der so rasch dahingeraffte Mora bekundete, »Mein armer Herzog!« sagte Jansoulet. »Ein großer Verlust für das Land,« äußerte der Bankier mit überzeugter Miene. Und der Nabob fügte naiv hinzu: »Für mich besonders, grade für mich, denn wenn er gelebt hätte. ... Ach! Dir lächelt das Glück; ja, du hast Glück.« Da er aber befürchten mochte, daß er seinem Freunde wehe gethan, so setzte er rasch hinzu: »Aber du bist auch sehr klug, sehr klug.« Der Baron blickte ihn an und zwinkerte dabei so wunderlich mit den Augen, daß seine schwarzen Wimpern fast ganz in dem gelben Fett verschwanden, »Nein,« sagte er, »nicht ich bin so klug ... Marie ist es,« »Marie?« »Ja, die Baronin. Seit ihrer Taufe hat sie ihren Namen Jamina mit Marie vertauscht. Das ist eine Frau, sage ich dir, die kennt Paris und das Bankgeschäft besser als ich. Sie leitet alles im Hause.« »Du bist sehr glücklich,« sagte Jansoulet mit einem Seufzer. Seine traurige Miene verriet zur Genüge, was dem Fräulein Afchin abging. Nach einer Pause nahm der Baron wieder das Wort: »Marie, wie du weißt, ist dir nicht gewogen. ... Sie wird nicht erfreut sein, wenn sie erfährt, daß wir uns gesprochen haben.« Er runzelte seine dicken Augenbrauen, als ob ihm ihre Aussöhnung, bei dem Gedanken an die eheliche Szene, die dieselbe zur Folge haben würde, leid thäte. Jansoulet stammelte: »Ich habe ihr doch nichts gethan. ...« »Doch, doch, ihr habt euch nicht hübsch gegen sie betragen. Denkt nur an den Schimpf, den ihr bei unsrer Brautvisite ihr angethan habt. ... Deine Frau ließ uns sagen, daß sie den Besuch einer früheren Sklavin nicht annehmen könne. Als ob unsre Freundschaft nicht über einem solchen Vorurteil stehen müßte. Frauen vergessen solche Dinge nicht.« »Aber ich kann doch nichts dafür, Alterchen! Du weiß ja, wie stolz diese Afchins sind.« Er war weiß Gott nicht stolz, der arme Mann. Er machte eine so klägliche, flehende Gebärde gegenüber der gerunzelten Stirn seines Freundes, daß dieser Mitleid mit ihm empfand. In der That der Kirchhof stimmte den Baron weich. »Höre mich an, Bernard, es gibt nur ein Mittel.... Wenn du willst, daß wir wieder Kameraden seien, wie in alten Zeiten, daß dieser Händedruck, den wir heute miteinander ausgetauscht haben, nicht verloren sei, so gilt es, meine Frau zu bewegen, daß sie sich mit euch aussöhnt.... Ohne dies läßt sich nichts erreichen.... Als Fräulein Afchin uns die Thüre gewiesen, Haft du sie gewähren lassen, nicht wahr? Ebenso würde es bei mir sein, wenn Marie mir bei der Heimkehr sagte: »Ich will nichts davon wissen, daß ihr euch vertragt.« ... Alle meine Einwendungen würden mich nicht verhindern, dich über Bord zu werfen; denn der häusliche Friede geht eben allem andern vor.« »Aber wie soll ich denn das anstellen?« fragte der Nabob erschrocken. »Ich will es dir sagen.... Die Baronin hat jeden Sonnabend offenes Haus, komm übermorgen mit deiner Frau und mache ihr einen Besuch. Von der Vergangenheit soll nicht die Rede sein, die Damen werden von Kleidern und Putz reden, werden sprechen, worüber Damen zu sprechen pflegen, Und damit wird die Sache erledigt sein. Wir werden wieder Freunde wie in alten Zeiten werden, und da du einmal in der Tinte sitzst, nun wohl, so wird man dir helfen.« »Glaubst du? Ich sitze aber furchtbar tief darin,« sagte der andre, den Kopf schüttelnd. Von neuem verschwanden die listigen Augen des Barons in seinem aufgedunsenen Gesicht, wie zwei Fliegen in der Butter. »Ja, allerdings. ... Ich habe hohe Trümpfe ausgespielt. Du bist ein geriebener Fuchs.... Der Plan mit den fünfzehn Millionen, die du dem Bey geliehen, war nicht übel erdacht. ... Wahrlich! Du bist nicht blöde; nur hältst du deine Karten schlecht. Man kann dir ins Spiel sehen.« Bis dahin hatten die beiden, unwillkürlich durch das feierliche Schweigen der Totenstadt beeinflußt, leise miteinander gesprochen, aber allmählich wurde der Ton der Unterhaltung lebhafter, trotz der Umgebung, welche die Nichtigkeit des menschlichen Lebens auf alle diese mit Daten und Ziffern angefüllten Grabsteine geschrieben hatte, gerade als ob es sich beim Tod nur um die Zeit oder die Auflösung eines Rechenexempels handle. Hemerlingue weidete sich an der Demut seines Freundes, gab ihm Ratschläge bezüglich seiner geschäftlichen Transaktionen, die er vom Grunde aus zu kennen schien. Nach seiner Meinung mußte der Nabob sich noch sehr gut aus der Schlinge ziehen können. Alles hinge von der Bestätigung der Wahl ab, vom richtigen Ausspielen dieser einen Karte. Aber Jansoulet hatte kein Vertrauen mehr. Mora verloren, alles verloren! »Du hast wohl deinen Mora verloren, aber mich dafür wiedergewonnen. Das gleicht sich aus,« sagte der Bankier ruhig. »Nein, siehst du, es ist unmöglich. ... Es ist zu spät.., Le Merquier hat seinen Bericht schon fertig und derselbe soll, nach allem, was man hört, furchtbar sein.« »Nun wohl, hat er wirklich seinen Bericht schon fertig, so muß er eben, einen weniger ungünstigen machen.« »Wie meinst du das?« Der Baron sah ihn erstaunt an. »Na hör mal, du scheinst wirklich abzunehmen. ... Du zahlst nur einhundert-, zweihundert- oder wenn es nötig ist, selbst dreihunderttausend Franken. ...« »Aber bedenke doch nur! ... Le Merquier, dieser unbestechliche Mensch... »Mein Gewissen«, wie man ihn nennt. ...« Bei diesen Worten brach Hemerlingue in ein so lautes Lachen aus, daß es im Innern der nächsten Grabkapellen nachtönte, die an einen so großen Mangel an Ehrerbietung wenig gewöhnt waren. »»Mein Gewissen« und ein unbestechlicher Mensch.... Das ist wahrlich zum Lachen ... du scheinst wahrhaftig nicht zu wissen, daß dies Gewissen mein Eigentum ist, und daß ...« Er hielt inne und sah sich, durch ein Geräusch etwas beunruhigt, um. »Höre nur ...« Es war nur das Echo seines eignen Lachens, das von den Grabgewölben widerhallte, gerade als ob der Gedanke an ein »Gewissen« Le Merquiers selbst die Toten erheiterte. »Wie wäre es, wenn wir ein bißchen gingen,« sagte der Baron, »es fängt an etwas kühl zu werden auf dieser Bank.« Und während sie beide zusammen zwischen den Gräbern einhergingen, erklärte er ihm mit der Miene einer gewissen pedantischen Überlegenheit, daß in Frankreich die Bestechlichkeit, nur unter etwas milderen Formen, dieselbe Rolle spiele, wie im Orient. Nur mache man hier etwas mehr Umschweife, Man bediene sich eines Deckmantels. »Hier handelt es sich z. B. um Le Merquier, nicht wahr? ... Statt ihm dein Geld in einer großen Börse auf einmal zu geben, wie im Orient, trifft man mit ihm ein Arrangement. Dieser Mensch ist ein Freund von Gemälden, er schachert immer mit Schwalbach, der sich seiner bedient, um die katholische Kundschaft für sich auszubeuten. ... Nun wohl, man bietet ihm ein Gemälde, ein Andenken zum Aufhängen in seinem Kabinett an. Die Hauptsache ist nur, daß man den Preis unter der Hand anzudeuten versteht.... Das übrige macht sich von selbst. Ich werde dich zu ihm führen und dir zeigen, wie es gehandhabt wird.« Und der Banquier, der über das bodenlose Erstaunen des Nabob sich amüsierte, der seinerseits, um ihm zu schmeicheln, seine Verwunderung noch übertrieb und ihn mit aufgerissenen Augen anstarrte, verbreitete sich nunmehr des weiteren über die von ihm erteilte Lektion, indem er einen förmlichen Kursus über Pariser und weltliche Philosophie zum besten gab. »Siehst du, Kamerad, worauf es in Paris hauptsächlich ankommt, das ist, den Schein zu wahren. Nur auf den Schein kommt es an, auf nichts andres. Du, du legst zu wenig Wert darauf. Du spazierst in diesem Paris herum, mit offener Weste, erzählst allen Leuten in der gemütlichsten, offenherzigsten Weise den genauen Stand deiner Angelegenheiten ... du läßt dich hier gehen, wie in den Bazars von Tunis. Und das ist der Grund, mein lieber Bernard, daß du zu Falle gekommen bist.« Der Bankier blieb einen Augenblick stehen, um Atem zu schöpfen, denn er konnte nicht mehr. Er hatte heute in einer Stunde mehr gesprochen, als sonst in einem ganzen Jahre. Und die beiden bemerkten nun erst, daß sie im Eifer der Unterhaltung zufällig wiederum in die Nähe des Moraschen Familiengrabes gekommen waren, das sich oben auf einer freiliegenden Anhöhe befand, von der man, über Tausende dichtgedrängter Dächer hinweg, Montmartre und die Buttes Chaumont wellenförmig auftauchen sah. Mit dem Hügel des Père-Lachaise erschienen diese Erhebungen wirklich wie die drei sich in gleicher Entfernung folgenden Wellen, aus denen sich jede Flutbewegung des Meeres zusammensetzt. Zwischen den Abdachungen der Hügel tauchten schon hie und da Lichter auf, die in dem Abendrot der Dämmerung das Ansehen von Schiffslaternen hatten, Schornsteine stiegen kerzengerade in die Luft, wie die Masten oder Schlote von Dampfschiffen,, aus denen der Rauch sich emporwälzt. Der Himmel hatte sich ringsum aufgehellt, wie dies häufig am Abende von Regentagen der Fall zu sein pflegt, und an dem unermeßlichen, in roten Tinten schimmernden Horizont zeichneten sich die vier ernsten allegorischen Figuren des Moraschen Erbbegräbnisses, die in dem schwindenden Lichte ins Groteske wuchsen, scharf ab. Von den Grabreden, von den offiziellen Beileidsbezeigungen war nichts mehr übrig geblieben. Nur der zertretene Boden ringsum und Maurer, welche beschäftigt waren, den Kalk von der Eingangsschwelle abzuwaschen, erinnerten an die soeben stattgefundene Beerdigung. Plötzlich schloß sich die Pforte des herzoglichen Gewölbes mit dem ganzen schweren Gewichte ihrer Erzflügel. Der bisherige Staatsminister blieb von nun an allein, ganz allein in dem Dunkel der in dem Gewölbe herrschenden Nacht, das noch finsterer war, als die Abenddämmerung, die nunmehr von dem unteren Ende des Kirchhofes aufsteigend, die Alleen, die Stufen, das Fundament der Säulen, die Pyramiden und Grabmonumente bedeckte und nur noch die Spitzen nicht erreicht hatte. Kirchhofsarbeiter mit ihren Werkzeugen schritten vorüber. Trauernde Hinterbliebene, die nur mit Bedauern ihren Thränen und den Gebeten entsagten, schlüpften verstohlen wie Nachtvögel die Gebüsche entlang, während am Ausgange des Pere Lachaise Stimmen laut wurden, die die Schließung des Kirchhofes kundgaben. Das Tagewerk des Kirchhofes war vollbracht. Die Stadt der Toten, der Natur zurückgegeben, wurde wiederum ein unermeßlicher Wald, dessen Richtwege durch Kreuze bezeichnet sind. In einer Senkung am Ende des Kirchhofes erglänzten Lichter in dem Hause eines Kirchhofwärters. Laßt uns gehen, sagten die beiden Genossen, denen allmählich die Abenddämmerung, die hier kühler war als sonst, empfindlich wurde. Ehe sie sich aber entfernten, zeigte Hemerlingue, der seinen früheren Gedanken noch immer nachhing, auf das Grabmal, das an den vier Ecken mit Draperien umgeben war und auf dem die Figuren mit erhobenen Händen standen. »Sieh, das war einer, der sich darauf verstand, den Schein zu wahren.« Jansoulet, der den Arm des Barons ergriffen hatte, um ihm beim Herabsteigen behilflich zu sein, erwiderte in seinem schrecklichen gascognischen Accent: »Ja, weiß Gott.... Aber du vermagst mehr als alle ...« Hemerlingue widersprach nicht, sondern sagte nur: »Meiner Frau bin ich dafür zu Dank verpflichtet. ... Ich lege es dir daher nochmals ans Herz, mit ihr deinen Frieden zu machen; denn sonst ...« »O! Sei nur unbesorgt.... Wir werden uns Sonnabend einstellen; aber nicht wahr, du führst mich bei Le Merquier ein?« Und während die beiden Figuren, die eine groß und vierschrötig, die andere plump und klein, in dem Seitenwege des großen Labyrinths verschwanden, während Jansoulets Stimme, der seinen Freund mit den Worten. »Hier Alterchen, stütze dich nur auf mich« geleitete, allmählich erstarb, beleuchtete ein letzter Strahl der untergehenden Sonne hinter ihnen auf einer Anhöhe eine ausdrucksvolle und kolossale Büste mit einer mächtigen Stirn unter langen, wallenden Haaren, mit gewaltigen ironischen Lippen. Es war Balzac, der den beiden nachblickte ... Zwanzigstes Kapitel. Die Baronin Hemerlingue. Ganz am Ende des langen Gewölbes, unter welchem sich die Bureaus von Hemerlingue und Sohn befanden, einer Art dunklen Tunnels, den der alte Joyeuse zehn Jahre hindurch mit seiner träumerischen Einbildungskraft erhellt hatte, führte eine monumentale Treppe mit einem Geländer von kunstvoller Schmiedearbeit, eine Treppe aus dem alten Paris, zur Linken nach den Empfangzimmern der Baronin, die gerade über der Kasse auf den Hof gingen, so daß in der schönen Jahreszeit, wenn alle Fenster offen standen, das Geklimper von Goldstücken, das Geräusch umgestürzter Haufen von Silbermünzen auf den Zähltischen, nur teilweise durch die schweren Fenstervorhänge gedämpft, die geflüsterte Konversation des weltlichen Katholizismus in kaufmännischer Weise begleitete. Das war es eben, was diesem fremdartigen Salon und der nicht minder fremdartigen Dame des Hauses einen so eigentümlichen Charakter aufprägte, eine Mischung von Weihrauch und Börsenoperationen, sowie raffinierter Weltlust, grundverschiedene Elemente, die sich fortwährend kreuzten und begegneten, aber gleichwohl getrennt blieben, ebenso wie die Seine das adlige katholische Stadtviertel, unter dessen Auspizien die Aufsehen erregende Bekehrung der Orientalin vor sich gegangen war, von dem kaufmännischen Quartiere trennte, in welchem Hemerlingue lebte, und wo seine geschäftlichen Beziehungen wurzelten. Die in Paris ziemlich zahlreiche orientalische Gesellschaft, die sich zum großen Teil aus deutschen Juden, Bankiers oder Kommissionären zusammensetzt, die, nachdem sie kolossale Reichtümer im Orient zusammengerafft haben, ihren Handel, um nicht aus der Uebung zu kommen, hier fortsetzen, war an den Empfangsabenden der Baronin regelmäßig anzutreffen. Auf der Durchreise befindliche Tunesier versäumten nie, die Frau des großen, vom Glücke begünstigten Bankiers aufzusuchen, und der alte Oberst Brahim, der Geschäftsträger des Beys, mit seinen schlaffen Mundwinkeln und seinen geröteten Augen, verfehlte nie, jeden Sonnabend sein Schläfchen in der Ecke des nämlichen Diwans abzuhalten. »Ihr Salon riecht etwas nach Knoblauch, mein Töchterchen,« sagte die alte Prinzessin Dions lächelnd zu der nunmehrigen Marie, die Herr Le Merquier und sie über die Taufe gehalten hatten; aber die Gegenwart dieser zahlreichen Ketzer, Juden und Muselmänner und selbst Renegaten, dieser dicken, kupferfarbigen, aufgeputzten und mit Gold und Geschmeide überladenen Damen, verhinderte das Faubourg Saint Germain gleichwohl nicht, diese junge Neubekehrte, das Spielzeug dieser edlen Damen, diese folgsame und gelehrige Puppe, die man überall zur Schau stellte und spazieren führte, und von der man sich rührende Züge kindlicher Gläubigkeit erzählte, die durch den Kontrast mit ihrer Vergangenheit besonders pikant waren, zu besuchen, mit Aufmerksamkeiten zu überhäufen, und zu überwachen. Vielleicht schlummerte im Grunde des Herzens dieser liebenswürdigen Beschützerinnen die Hoffnung, in dieser orientalischen Gesellschaft eine neue Bekehrung ins Werk zu setzen, die Gelegenheit zu finden, die aristokratische chapellee des Missions durch das erhebende Schauspiel einer Taufe von Erwachsenen wiederum bis auf den letzten Platz zu füllen. Diese Taufen, die einen in die erste Zeit des Christentums an die Ufer des Jordans zurückversetzen, und denen alsbald die erste Kommunion, die Erneuerung des Taufbundes, die Firmelung folgt, lauter Gelegenheiten für die Patin, das Patenkind zu begleiten, die junge Seele zu hüten, Zeugin der naiven Kundgebungen des neuen Glaubens zu sein und vor allem auch die Toiletten nach Maßgabe der Bedeutung der verschiedenen Ceremonien zu wählen und zur Schau zu stellen! Aber es kommt nicht alle Tage vor, daß ein großer Finanzbaron eine armenische Sklavin mitbringt, die er zu seiner Gemahlin erhoben hat. Sklavin! Das war eben der dunkle Fleck in der Vergangenheit dieser Orientalin, die vor Jahren auf dem Bazar von Adrianopel für Rechnung des Kaisers von Marokko angekauft und bei dem Tode des Kaisers und der Auflösung seines Harems an den jungen Bey Ahmed verkauft worden war. Als sie dies neue Serail verließ, hatte Hemerlingue sie geheiratet, aber ohne ihr in die dortigen Kreise Aufnahme verschaffen zu können, wo keine Frau, Maurin, Türkin oder Europäerin, sich dazu versteht, eine frühere Sklavin als gleichberechtigt zu behandeln, und zwar infolge eines Vorurteiles, das einigermaßen demjenigen gleicht, wonach die Kreolin von der noch so sehr verkappten Quadronin himmelweit geschieden ist. Es herrscht dort in dieser Beziehung eine unüberwindliche Abneigung, die sich für das junge Ehepaar Hemerlingue selbst in Paris fühlbar machte, wo die Fremdenkolonieen sich in kleine Gruppen zusammenthun, die von Empfindlichkeiten und lokalen Traditionen überfließen. Auf diese Weise verlebte Jamina zwei oder drei Jahre in einer völligen Vereinsamung, deren kleine Gehässigkeiten und Mußestunden sie trefflich für sich auszunutzen wußte, denn sie war eine ehrgeizige Frau und von einer wunderbaren Willensstärke und eben solchem Eigensinn. Sie lernte die französische Sprache von Grund aus, gab für immer ihren gestickten Ueberwürfen und ihren rosaseidenen Beinkleidern den Abschied, wußte Gang und Haltung den europäischen Toiletten und den langen Schleppkleidern anzupassen und zeigte eines Abends in der Oper den erstaunten Parisern die freilich noch etwas fremdartige aber ebenso schöne und elegante, als seltene Erscheinung einer dekolletierten Türkin. Dem Opfer der Tracht folgte das Opfer des Religionsbekenntnisses auf dem Fuße. Schon lange hatte Madame Hemerlingue den mohammedanischen Gebräuchen entsagt, als Meister Le Merquier, der Vertraute des Hauses und ihre Cicerone in Paris, ihr plausibel zu machen wußte, daß eine feierliche Bekehrung der Baronin alle Thüren derjenigen Pariser Gesellschaft öffnen werde, zu welcher der Zutritt um so schwieriger zu werden scheint, je mehr die Gesellschaft ringsum sich demokratisiert. Wenn erst einmal das Faubourg Saint Germain erobert sei, so werde die übrige Gesellschaft von selbst nachfolgen. Und in der That, als man erfuhr, daß nach der das größte Aufsehen erregenden Taufe die ersten Namen Frankreichs nicht verschmähten, bei den Sonnabendsempfängen der Baronin Hemerlingue zu erscheinen, vergaßen auch die Damen Guggenheim, Fürnberg, Caraiscaki, Maurice Trott, lauter Gemahlinnen von Millionären aus der Levante, die auf den Märkten in Tunis berühmt waren, ihre Vorurteile und buhlten um die Gunst, bei der früheren Sklavin eingeführt zu werden. Nur allein Madame Jansoulet, die kürzlich mit dem ganzen Ballast von orientalischen Vorurteilen, die ihren Geist ebenso völlig umnebelten, wie ihr Nargileh, ihre Straußeneier und andre tunesische Spielereien ihren Haushalt beschwerten, in Paris angekommen war, protestierte gegen das, was sie eine Ungehörigkeit, eine Feigheit nannte, und erklärte, daß sie nie einen Fuß in die Wohnung »dieser Person« setzen würde. Infolgedessen machte sich auch bei den Damen Guggenheim, Caraiscaki und ihresgleichen eine kleine rückläufige Bewegung bemerklich, wie es in Paris jedesmal der Fall ist, wenn um eine ungewöhnliche Erscheinung, die im Begriffe steht, festen Fuß zu fassen, irgend ein hartnäckiger Widerstand Desertion und Abfall unter den bereits gewonnenen Anhängern veranlaßt. Man hatte sich schon zu weit vorgewagt, um sich zurückzuziehen, aber man ließ den Wert seines Wohlwollens, das Opfer seiner Vorurteile doch mehr durchblicken, und die Baronin Marie fühlte nur zu gut diese kleine Schwenkung heraus, die sich oft nur in dem gnädigen Tone der Levantinerinnen bemerklich machte, die sie mit einer Art herablassender Geringschätzung »mein liebes Kind ... meine liebe Kleine« anredeten. Seit diesem Augenblicke kannte ihr Haß gegen Jansoulet keine Grenzen mehr, es war ein wilder Haß, wie er in den Serails heimisch ist, dessen Schlußakt Erdrosselung und heimliches Ertränken zu sein pflegt, Maßregeln, die zwar in Paris etwas schwieriger ausführbar sind, als an den Ufern des Sees El Baheira, zu deren Verwirklichung sie aber nichtsdestoweniger den mit einer Schlinge versehenen starken Sack bereithielt. – Wenn man diese Erbitterung kennt, so mag man sich unschwer vorstellen, welche Ueberraschung, welche Aufregung in der fremdländischen Kolonie entstand, als es ruchbar wurde, daß die dicke Afchin – so hieß sie nämlich bei den Damen dieser Gesellschaft – nicht allein eingewilligt habe, die Baronin zu besuchen, sondern, daß sie sogar derselben an ihrem nächsten Empfangsabende den Antrittsbesuch machen werde. Natürlich wollten weder die Fürnberg noch die Trott bei einer solch wichtigen Veranlassung fehlen. Die Baronin that ihrerseits alles mögliche, um diese feierliche Versöhnung recht auffällig zu machen, sie schrieb Briefe, machte Besuche und tummelte sich so sehr, daß, obgleich die Saison schon sehr vorgeschritten war, Madame Jansoulet, wenn sie gegen vier Uhr bei dem Hotel im Faubourg St. Honoré vorgefahren wäre, vor dem hohen gewölbten Thore neben der unscheinbaren olivengrünen Livree der Prinzessin von Dions und neben vielen echten adligen Wappen die in die Augen fallenden und anspruchsvollen Wappenbilder, die bunten Räder einer Menge Equipagen der Finanzwelt und die großen, gepuderten Lakaien der Familie Caraiscati hätte sehen können. Oben in den Empfangszimmern befand sich eine ebenso wunderlich zusammengewürfelte und prächtige Versammlung. Es war ein fortwährendes Hin- und Herwogen, auf den Teppichen der beiden ersten Salons, ein Rauschen von seidenen Kleidern bis zu dem Boudoir, wo die Baronin sich aufhielt, die ihre Aufmerksamkeiten und Liebenswürdigkeiten gleichmäßig zwischen den beiden strenge geschiedenen Parteien teilte; auf der einen Seite dunkle Toiletten von bescheidenem Aussehen, von einem nur für geübte Blicke erkennbaren seinen Geschmacke, auf der andern Seite ein vorlauter Frühling mit grellen Farben, üppige Büsten mit Diamanten übersät und mit flatternden Schärpen, Exportmoden, die für ein wärmeres Klima und ein Leben mit schreiendem Luxus bestimmt schienen. Auf der einen Seite ein auffälliges Fächerspiel, auf der andern Seite zurückhaltende, flüsternde Konversation. Herren hatten sich nur wenige eingefunden, einige wenige wohlerzogene, schweigsame junge Leute in unbeweglicher Haltung, die den Knopf ihrer Spazierstöcke an den Mund gedrückt hielten; zwei oder drei Gestalten von Lieferanten, die sich hinter dem breiten Rücken ihrer Ehegesponste verschanzt hatten, die mit zusammengesteckten Köpfen sich unterhielten, als ob sie geschmuggelte Waren feil böten; in der Ecke sah man dann noch einen orthodoxen armenischen Bischof mit einem schönen Patriarchenbart und in einem violetten Mantel. Die Baronin war bald hier, bald dort, um den Verkehr dieser verschiedenen Gesellschaftsschichten zu vermitteln und ihren Salon bis zu der denkwürdigen Zusammenkunft gefüllt zu erhalten. Sie machte es möglich, sich mit zehn verschiedenen Personen auf einmal zu unterhalten, ihr harmonisches und weiches Organ auf den den Orientalen eigentümlichen Tonfall stimmend, zeigte sich verführerisch und einschmeichelnd, von gleicher Geschmeidigkeit des Wesens wie des Wuchses und mußte sich, wie es sich für eine Dame von Welt schickt, über alle Gegenstände zu unterhalten; in einem Atemzuge sprach sie über die Mode und eine Bußpredigt, über Theater und Wohlthätigkeitsbazars, über die Schneiderin und ihren Beichtvater. Ein großer persönlicher Liebreiz kam zu dieser der Dame des Hauses eignen Kunst hinzu, eine Kunst, die sich auch in ihrem ganz dunklen und sehr einfachen Anzüge ausprägte, der ihre nonnenhafte Blässe, jene Augen einer Houri, ihre glänzenden geflochtenen Haare, welche sich oberhalb der schmalen und reinen Stirn teilten, zu voller Wirkung kommen ließ. Ihr Mund war fast zu klein, hatte aber gerade dadurch den Reiz des Geheimnisvollen, indem er vor den Neugierigen die ganze bewegte und mannigfache Vergangenheit der früheren Serailbewohnerin zu bewahren schien, deren Alter man nicht zu schätzen vermochte, die selbst nicht einmal den Tag ihrer Geburt kannte und sich nicht erinnerte, je ein Kind gewesen zu sein. Es ist offenbar, daß wenn die absolute Macht des Bösen, die bei Frauen selten angetroffen wird, weil ihre Natur sie den verschiedensten Einflüssen zugängig macht, in irgend einem Herzen Wurzel fassen konnte, es vorzugsweise in dem einer Sklavin der Fall sein mußte, die, wenn auch mit Widerstreben dem Laster und den niedrigen Eigenschaften Konzessionen zu machen gewohnt war, aber nichtsdestoweniger Geduld und Selbstbeherrschung zu üben im stände war, wie alle diejenigen, welchen die Gewohnheit, verschleiert zu gehen, es erleichtert, die Unwahrheit zu sagen, ohne Scham zu empfinden oder Entdeckung befürchten zu müssen. In diesem Augenblicke hätte niemand ahnen können, welche Angst ihr Inneres durchwühlte, wie sie so zu den Füßen der Prinzessin kniete, dieser alten gutmütigen und einfachen Dame, von der die Fürnberg stets zu sagen pflegte: »Wenn das eine Prinzessin vorstellen will, dann! ...« »Ach, liebstes Patchen, Sie gehen doch noch nicht fort?« sagte die Baronin, indem sie die alte Dame mit Schmeichelworten, Liebkosungen und Zärtlichkeiten überhäufte, ohne sie natürlich merken zu lassen, daß ihr vor allem daran lag, sie bis zur Ankunft der Jansoulets zurückzuhalten, um sie zur Zeugin ihres Triumphes zu machen. »Die Sache ist nur,« sagte die alte Dame, indem sie auf den in ehrfurchtgebietender schweigsamer Haltung in seiner Ecke sitzenden armenischen Bischof, der seinen betroddelten Hut auf den Knieen hielt, deutete, »ich habe es übernommen, diese gute Eminenz nach dem Bazar Grand Saint Christophe zu geleiten, um daselbst Medaillen einzukaufen, und er würde ohne meinen Beistand nicht damit zurechtkommen.« »Ach, ich bitte Sie doch, ... Sie müssen.... Nur noch einige Minuten.« Die Baronin warf bei diesen Worten einen verstohlenen Blick auf eine prachtvolle, in der Ecke des Salons stehende Stutzuhr. Es hatte schon fünf Uhr geschlagen, und die dicke Afchin erschien noch immer nicht. Die Levantinerinnen singen bereits hinter ihren Fächern zu lächeln an. Zum Glück begann man nun gerade den Thee zu servieren, spanische Weine und eine Menge von wohlschmeckenden türkischen Backwaren aufzutragen, wie man sie nur in dem Hemerlingueschen Hause kannte, und deren Rezepte die frühere Harembewohnerin mitgebracht hatte, Rezepte, die in den Harems ebenso von einer Generation zur andern überliefert werden, wie gewisse Geheimnisse in der Bereitung von seinem Gebäck in unsern Klöstern. Der alte Hemerlingue, der Sonnabends von Zeit zu Zeit sein Comptoir zu verlassen pflegte, um die Damen zu begrüßen, trank in der Nähe des Buffetts ein Glas Madeira und plauderte mit Maurice Trott, dem ehemaligen Badediener Said Paschas, als seine stets sanfte und liebenswürdige Gemahlin an ihn herantrat. Er wußte nur zu gut, welcher Ingrimm unter dieser scheinbar ruhigen Oberfläche glimmte, und fragte leise und furchtsam: »Noch niemand da?« »Nein.... Siehst du nun wohl, welchem ungeheuren Schimpfe du mich ausgesetzt hast?« Sie lächelte sanft, mit ihren halb niedergeschlagenen Augen, indem sie mit der Spitze ihres Fingers eine Kuchenkrume aus dem langen schwarzen Barte ihres Mannes entfernte, aber ihre kleinen, durchsichtigen Nasenflügel erzitterten mit einer unheilvollen Beredsamkeit. »Sie wird schon kommen ...« sagte der Bankier mit vollem Munde. »Ich halte mich fest überzeugt, daß sie kommen wird. ...« Das Rauschen eines seidenen Kleides, das Nachschleifen einer Schleppe, das sich aus dem anstoßenden Zimmer vernehmen ließ, veranlaßte die Baronin, sich rasch umzublicken. Zur großen Freude der dicken Orientalinnen, die von ihrer Ecke aus alles beobachteten, war die eintretende Dame nicht diejenige, auf deren Ankunft man gerechnet hatte. Die große blonde, elegante Erscheinung, mit den müden Gesichtszügen, der untadelhaften Toilette, diese Erscheinung, die in jeder Beziehung würdig war, einen so berühmten Namen wie denjenigen des Doktor Jenkins zu tragen, glich allerdings niemand weniger als der geborenen Afchin, Seit zwei oder drei Monaten hatte sich die schöne Frau Jenkins freilich sehr verändert und war sehr gealtert. Es gibt in dem Leben einer Frau, die lange jugendlich geblieben ist, bei der Jahre vergangen sind, ohne eine Runzel im Gesichte zu hinterlassen, eine Periode, wo diese Jahre auf einmal und in schroffer Weise ihre Spuren in das Gesicht zeichnen. Man pflegt bei dem Anblicke einer solchen Dame dann nicht zu sagen: »O, wie schön ist sie!« sondern »O, wie schön muß sie gewesen sein!« Und diese grausame Art, von der Vergangenheit zu reden, dasjenige in unabsehbare Ferne zu rücken, was gestern noch eine mit Händen zu greifende Thatsache war, bezeichnet den Beginn des Alters und des Rückganges und verwandelt alle Triumphe in wehmütige Erinnerungen. Mochte es nun die Enttäuschung darüber sein, an Stelle der Madame Jansoulet die Frau des Arztes eintreten zu sehen, oder übte der Mißkredit, welchen der Tod des Herzogs von Mora dem Modearzte eingetragen hatte, seine Rückwirkung auch auf diejenige, welche seinen Namen trug? Bei dem kühlen Empfange, welchen die Baronin der Frau Jenkins zu teil werden ließ, wirkte vielleicht ein wenig von beiden Ursachen mit. Sie bewillkommte die Eintretende in kaum merklicher Weise, tauschte einige flüchtige Worte mit ihr aus und wandte sich dann zu der übrigen edlen Gesellschaft, die nach Herzenslust an den Kuchen knusperte. Der Salon hatte sich mittlerweile unter dem Einflusse der spanischen Weine belebt. Man flüsterte nicht mehr, sondern man plauderte. Die Lampen, die inzwischen angezündet waren, verbreiteten einen hellen Schimmer über die Gesellschaft, mahnten aber zugleich daran, daß das Ende derselben bereits nahe sei, wie sich denn auch einige Personen, die sich für das große Ereignis nicht besonders interessierten, bereits zum Fortgehen anschickten. Und immer noch erschienen die Jansoulets nicht! Plötzlich ließ sich ein fester und eiliger Schritt vernehmen. Der Nabob erschien ganz allein, eingezwängt in seinen schwarzen Rock, mit modischer Krawatte und zierlich behandschuht, aber mit entstellten Gesichtszügen, verstörtem Blicke und noch vor Aufregung über den furchtbaren Auftritt, den er eben gehabt hatte, zitternd. Am Morgen hatte er den Kammerfrauen Auftrag erteilt, ihre Herrin bis drei Uhr anzukleiden, wie er dies jedesmal zu thun pflegte, wenn er von der Levantinerin sich begleiten ließ und wenn er es für notwendig erachtete, diese indolente Person aus ihrer Ruhe aufzuscheuchen, sie, die zu träge war, um selbst irgend eine Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, und andre für sich denken, beschließen und handeln ließ und im übrigen, wenn sie nur erst einmal in Bewegung gebracht war, willig hinging, wohin man es wünschte. Auf diese ihre Nachgiebigkeit rechnete der Nabob, um sie zu Hemerlingue zu bringen. Aber als er nun nach dem Frühstücke, auf das prächtigste gekleidet und im Begriffe, im Schweiße seines Angesichtes die Hände in seine Handschuhe zu zwängen, anfragen ließ, ob Madame bald bereit sei, wurde ihm erwidert, daß Madame heute nicht ausgehen werde. Der Fall war ernst und zwar so ernst, daß Jansoulet, alle Bestellungen durch Kammerdiener und Kammerfrauen beiseite lassend, die sonst in ihren ehelichen Beziehungen die Vermittelung besorgten, im Fluge die Treppe hinausstürzte und wie ein heftiger Windstoß in die üppig ausgestatteten Gemächer der Levantinerin fuhr. Madame war noch im Bette, bekleidet mit einer großen, offnen zweifarbigen, seidenen Tunika, welche die Mauren Djebba nennen, auf dem Kopfe eine kleine goldgestickte Mütze, unter der ihr schönes, schwarzes Haar herausfloß, ihr volles Gesicht halb bedeckend, das von den Nachwirkungen des soeben genossenen Mahles noch gerötet war. Die Äermel ihrer Djebba ließen zwei enorme, unförmliche Arme sehen, die mit Armbändern und langen Ketten überladen waren, an denen eine Unmasse kleiner Spiegel, roter Rosenkränze, Riechfläschchen, Miniaturpfeifen und Cigarettenetuis baumelten, das ganze kindliche Brimborium einer maurischen Schönen bei ihrem Lever. Das Gemach, in welchem eine nach Opium duftende, betäubende Atmosphäre herrschte, zeigte dieselbe Unordnung, Negerinnen kamen und gingen, trugen bedächtig das Kaffeegeschirr ihrer Herrin ab, während die Lieblingsgazelle den Grund einer Tasse ausleckte, die sie schließlich mit ihrer zierlichen Schnauze umwarf. Auf dem Fußende des Bettes saß in rührender Vertraulichkeit der dunkle Cabassu und las mit lauter Stimme seiner Herrin ein Drama in Versen vor, das nächstens von Cardailhac aufgeführt werden sollte. Die Levantinerin war über diese Lektüre ganz starr und verdutzt. »Mein Bester,« sagte sie in ihrem breiten flamländischen Accent zu Jansoulet, »ich begreife gar nicht, was unserm Direktor einfällt. ... Ich bin gerade im Begriffe, dies Stück, »die Revolte« betitelt, zu lesen, dessen Aufführung er sich in den Kopf gesetzt hat.... Aber das ist zum Davonlaufen. Das ist doch in seinem Leben keine Komödie.« »Ich schere mich den Teufel um das Theater,« erwiderte Jansoulet, der trotz seines Respektes vor der geborenen Afchin wütend war. »Was! Sie sind« noch nicht angekleidet? ... Hat man Ihnen denn nicht bestellt, daß wir ausgehen?« Man hatte es ihr allerdings gesagt, aber sie hatte sich nun einmal daran gemacht, dies langweilige Stück zu lesen, und sie erwiderte daher in ihrer schläfrigen Weise: »Wir können ja morgen ausgehen.« »Morgen, das ist unmöglich.... Man erwartet uns gerade heute.... Es ist ein Besuch von der allergrößten Wichtigkeit.« »Bei wem denn?« Jansoulet zögerte einen Augenblick und sagte dann: »Bei Hemerlingue.« Sie bückte ihn mit ihren großen Augen an, weil sie überzeugt war, daß er sich über sie lustig machen wolle. Und nun erzählte er ihr seine Begegnung mit dem Baron bei dem Leichenbegängnisse Moras und das bei dieser Gelegenheit zwischen ihnen getroffene Uebereinkommen. »Gehen Sie hin, wenn es Ihnen Vergnügen macht,« erwiderte sie kühl; »aber Sie müßten mich schlecht kennen, wenn Sie glaubten, daß ich, eine geborene Afchin, je meinen Fuß in die Wohnung dieser Sklavin setzen würde,« Cabassu, der voraussehen mochte, welche Wendung diese Unterhaltung nehmen würde, hatte sich vorsichtigerweise mit seinem Manuskripte der »Revolte« unterm Arm aus dem Staube gemacht und war in das anstoßende Zimmer gegangen. »Nun wohl,« sagte der Nabob zu seiner Frau, »ich sehe, daß Sie die furchtbare Lage, in der ich mich befinde, nicht kennen.... Hören Sie also. ...« Ohne in seiner souveränen, dem Orientalen eignen Verachtung der dienenden Klasse Rücksicht auf die Kammerfrauen und die Negerinnen zu nehmen, begann nun der Nabob ein Bild seiner namenlosen Verlegenheit zu entwerfen, schilderte auf der einen Seite die Beschlagnahme seines Vermögens im Orient, auf der andern Seite die Abschneidung seines hiesigen Kredits, führte aus, wie seine ganze Existenz von der Entscheidung der Kammer abhänge, hob den Einfluß hervor, den die Familie Hemerlingue auf den mit der Berichterstattung betrauten Advokaten zu üben im stände sei, und wie in diesem Augenblicke alle Eigenliebe so dringlichen Interessen zum Opfer gebracht werden müsse. Von dem Wunsche getrieben, sie zu überzeugen und fortzureißen, sprach Jansoulet mit großer Wärme. Sie aber antwortete lediglich, als ob es sich um irgend einen gleichgültigen Spaziergang handelte, der sie zu sehr ermüden würde: »Ich werde nicht gehen.« Er aber erwiderte, vor Aufregung zitternd: »Aber, bedenken Sie doch, es ist ja unmöglich, so etwas zu sagen. Es handelt sich um mein Vermögen, um die Zukunft unsrer Kinder, um den Namen, den Sie tragen. Alles steht bei diesem Schritte auf dem Spiele.« Er hätte in dieser Weise noch stundenlang weiter reden können und würde immer, an demselben entschlossenen und unerschütterlichen Eigensinn abgeprallt sein: »Eine geborene Afchin dürfe bei einer Sklavin keinen Besuch machen.« »Nun wohl, Madame,« sagte er aufbrausend, »diese Sklavin ist mehr wert, als Sie. ... Durch ihre Klugheit hat sie das Vermögen ihres Mannes verzehnfacht, während Sie im Gegenteil...« Seit den zwölf Jahren, die sie miteinander verheiratet waren, wagte Jansoulet zum erstenmal seiner Frau die Stirn zu bieten. Möchte er sich nun dieses Majestätsverbrechens schämen, oder leuchtete es ihm ein, daß ein solches Gebaren eine unausfüllbare Kluft zwischen ihnen graben würde? Genug, er änderte sofort seinen Ton, kniete vor dem Bette nieder und sagte mit dem Ausdrucke liebevoller Zärtlichkeit, wie man ihn Kindern gegenüber anschlägt, um sie zur Vernunft zu bringen: »Meine liebe kleine Martha, ich bitte dich darum ... stehe auf und kleide dich an. ... Ich ersuche dich darum in deinem eignen Interesse, es handelt sich um deinen Luxus, um dein Wohlbefinden.... Was würde aus dir werden, wenn, infolge einer Laune, infolge eines närrischen Einfalles, mir ins Elend gestürzt würden?« Das Wort »Elend« hatte für die Levantinerin gar keinen faßbaren Sinn. Man konnte mit ihr davon reden wie etwa mit ganz kleinen Kindern vom Tode. Sie wurde nicht dadurch gerührt, weil sie die Bedeutung dieses Wortes nicht kannte. Uebrigens hatte sie sich auch durchaus in den Kopf gesetzt, in ihrer Djebba im Bette liegen zu bleiben, und, um ihrem Entschlüsse den gehörigen Nachdruck zu geben, zündete sie sich eine neue Cigarette an derjenigen an, die sie eben ausgeraucht hatte. Und wahrend der arme Nabob seine »süße kleine Frau« mit Entschuldigungen und Bitten und Flehen überhäufte, ihr ein Perlendiadem, hundertmal schöner als ihr gegenwärtiges, versprach, wenn sie nur mitgehen wolle, blickte sie ruhig dem zur Decke aufsteigenden einschläfernden Rauche nach und hüllte sich gleichsam, wie in eine Wolke unerschütterlicher Gemütsruhe, in denselben ein. Endlich aber ließ Jansoulet, gegenüber einer solchen Weigerung, gegenüber diesem hartnäckigen Stillschweigen, gegenüber dieser Stirn, der man den Widerstand eines verbohrten Eigensinnes ansah, seinem Zorne die Zügel schießen, erhob sich zu seiner vollen Höhe und sagte: »Gut denn, ich verlange es. ...« Sich dann zu den Negerinnen wendend, befahl er: »Kleidet auf der Stelle eure Herrin an. ...« Und der ungeschlachte Geselle, der er im Grunde doch war, dieser Sohn eines Nagelschmieds, der in dieser Krisis, welche ihn bis ins Innerste erregte, sich selbst wiederfand, riß mit einer brutalen und verächtlichen Gebärde die Bettdecke zur Seite, so daß die unzähligen Spielereien, welche auf derselben lagen, zur Erde fielen, und nötigte die Levantinerin, trotzdem sie nur halb angekleidet war, aufzustehen, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die für diese wohlbeleibte Person erstaunlich war. Sie brüllte bei diesem ihr zugefügten Schimpfe, zog die Falten ihres Ueberwurfes an ihrer Brust zusammen, setzte ihre kleine Haube quer auf ihre unordentlich umherflatternden Haare und begann ihren Mann mit Schmähungen zu überhäufen, »Niemals, hörst du wohl, niemals ... Eher würde ich mich zu dieser ... hinschleifen lassen!« Die gemeinsten Schimpfworte flossen stromweise von ihren schwerfälligen Lippen, wie aus der Mündung einer Abzugsröhre. Jansoulet hätte sich in eine der schmutzigen Hafenkneipen von Marseille versetzt wähnen können, als Zeuge eines Zankes zwischen einem der leichtfertigen Mädchen und ihrem Galan, oder zu einem Wortgefechte zwischen Genuesern, Maltesern und Provençalen, die sich auf dem Quai in der Nähe der Getreideabladestellen herumtreiben und sich inmitten des aufwirbelnden Staubes nach Leibeskräften Schimpfworte an den Kopf werfen. Es war so recht eine Levantinerin aus einer Hafenstadt, ein verzogenes, verwahrlostes Kind, die abends von ihrer Terrasse oder von ihrer Gondel aus die Matrosen in allen Zungen sich hat beschimpfen hören und alle diese Schimpfworte sorglich in ihrem Gedächtnisse aufbewahrt hat. Der Unglückliche war vor Entsetzen starr über alles, was er mit anhören mußte, über die schäumende, sich wie toll gebärdende Person, die immer kreischte: »Nein, ich werde nicht gehen ... nein, ich werde nicht gehen.« Und das war die Mutter seiner Kinder, das war eine geborene Afchin! Da wandelte ihn plötzlich, bei dem Gedanken, daß sein Schicksal in den Händen dieser Frau lag, daß sie lediglich sich anzukleiden brauchte, um ihn zu retten, und daß die Zeit verrinne und daß es bald zu spät sein werde, die Lust zu einem Verbrechen an und verzerrte sein ganzes Gesicht. Er ging mit erhobenen Händen und mit einem so furchtbaren Gesichtsausdruck auf sie zu, daß die entsetzte Frau nach der Thür stürzte, aus welcher vorher der Masseur hinausgegangen war, und »Aristides« rief. Bei diesem Rufe, bei dieser Stimme, bei dieser Vertraulichkeit seiner Frau mit einem untergeordneten Diener hielt Jansoulet inne, sein Zorn war verraucht, und mit einer Gebärde des Ekels stürzte er hinaus, die Thür hinter sich zuschlagend, noch mehr beeifert, dem Unglück und der Schande zu entfliehen, die er in seinem Hause ahnte, als bei Hemerlingue die Hilfe zu suchen, die ihm dort versprochen war. Eine Viertelstunde später erschien er bei Hemerlingue, warf beim Eintreten dem Bankier einen trostlosen Blick zu und näherte sich dann der Baronin, indem er eine wohleinstudierte Phrase, die er am Abende seines eignen Balles so oft gehört hatte, stammelte.... »Seine Frau sei sehr unwohl.... Habe unendlich bedauert, nicht kommen zu können.« Die Baronin ließ ihm kaum Zeit, seinen Satz zu Ende zu bringen, erhob sich langsam, in ihrem enganliegenden Kleide einer Schlange vergleichbar, und sagte nur, ohne ihn anzusehen: »Ich wußte es ja ... ich wußte es ja,« dann entfernte sie sich und war für ihn nicht mehr vorhanden. Der Nabob versuchte, sich seinem Freunde Hemerlingue zu nähern, aber dieser schien in eine Unterhaltung mit Maurice Trott sehr vertieft zu sein. Er setzte sich darauf neben Frau Jenkins, deren Isolierung der seinigen gleichkam. Aber während er mit dieser armen Frau plauderte, die ebenso sorgenvoll aussah, wie er selbst es war, sah er die Baronin die Honneurs des Hauses machen, das sich so außerordentlich komfortabel ausnahm gegenüber seinen großen, von Gold strotzenden Hallen. Man brach auf. Madame Hemerlingue begleitete einige der Damen bis zur Thür, reichte der alten Prinzessin die Wange zum Kusse, verbeugte sich unter dem Segen des armenischen Bischofs, lächelte den jungen Stutzern zum Abschiede freundlich zu, fand überhaupt für jeden mit einer tadellosen Sicherheit die ihm zukommende Abschiedsbegrüßung; und der unglückliche Nabob konnte nicht umhin, diese orientalische Sklavin, welche so völlig Pariserin geworden war und sich mit so vieler Anmut inmitten der distinguiertesten Gesellschaft der Welt zu bewegen wußte, mit jenem andern Frauenzimmer zu vergleichen, die, eine Europäerin von Geburt, durch den Orient erschlafft, durch türkischen Tabak verdummt und durch die Faulheit fett geworden war. Sein Ehrgeiz, sein Stolz als Ehegatte waren gekränkt und vernichtet durch diese Verbindung, deren Gefahr und furchtbare Leere er jetzt erst recht erkannte, ein letzter grausamer Schlag des Schicksals, der ihm selbst den Trost eines häuslichen Glückes gegenüber den öffentlichen Mißerfolgen raubte. Allmählich leerte sich der Salon mehr und mehr. Die Levantinerinnen verschwanden, eine nach der andern, jedesmal an dem von ihnen eingenommenen Platze eine ungeheure Lücke hinterlassend. Madame Jenkins hatte sich gleichfalls entfernt, es waren nur etwa zwei oder drei Damen, die Jansoulet nicht kannte, zurückgeblieben, und hinter diesen schien sich die Herrin vom Hause vor ihm zu verstecken. Aber Hemerlingue war wenigstens frei, und der Nabob ging auf ihn in dem Augenblicke zu, als sich derselbe gerade nach seinem, in demselben Stocke, gegenüber dem Salon belegenen Bureaus fortstehlen wollte. Janfoulet ging mit ihm hinaus, indem er in seiner Verlegenheit es sogar übersah, sich von der Baronin zu verabschieden. Als der dicke Hemerlingue sich erst einmal auf dem zum Vorzimmer umgewandelten Flure befand, nahm er, der sich unter den Augen seiner Frau sehr kühl und zurückhaltend benommen hatte, eine etwas freundschaftlichere Miene an, »Es ist recht fatal, daß Madame Janfoulet nicht hat kommen wollen,« sagte er mit leiser Stimme, als ob er fürchtete, daß man ihn hören könne. Janfoulet antwortete ihm mit einer Gebärde trostloser Verzweiflung und Ohnmacht. »Sehr fatal ... sehr fatal ...« wiederholte der andre schnaufend und in den Taschen nach seinem Schlüssel suchend. »Aber, nicht wahr, Alterchen,« sagte der Nabob, seine Hand ergreifend, »das ist kein Grund, weil unsre Frauen sich nicht vertragen. ... Das soll uns nicht hindern, gute Kameraden zu sein.... Nicht wahr? Das war neulich doch eine gemütliche kleine Unterhaltung....« »Allerdings ...« erwiderte der Baron, indem er sich freimachte und die Thür geräuschlos öffnete, durch die man sein Arbeitskabinett erblickte, in welchem eine einsame Lampe vor dem enormen leeren Lehnsessel brannte.... »Lebe wohl, ich muß dich für heute verlassen, um meine Post zu besorgen.« »Aber, sage mir doch, Lieber,« versuchte der arme Nabob noch einmal das Wort zu nehmen, indem er, um in seinem alten Kameraden alle guten Erinnerungen, die neulich in ihm wach geworden waren, aufzufrischen, in scherzhafter Weise sich ihres gemeinsamen heimischen Patois bediente, ... »Mit unserm Besuch bei Le Merquier bleibt's doch beim Ausgemachten.... Du weißt ja, wegen des Gemäldes, das wir ihm anbieten wollen, ... Welcher Tag paßt dir?« »Ach so, Le Merquier. ... Es ist ja wahr... , Nun gut, an einem der nächsten Tage. ... Ich werde dir noch schreiben. ...« »Kann ich mich darauf verlassen? Du weißt, die Sache ist dringlich.« »Jawohl, ich schreibe dir.... Adieu.« Und damit warf der dicke Mann eilig die Thür hinter sich zu, als wäre er besorgt, daß seine Frau darüber hinzukommen könnte. Zwei Tage darauf erhielt der Nabob ein Billet von Hemerlingue, das infolge seiner Krähenfüße und der mehr oder minder kaufmännischen Abkürzungen, hinter welchen der ehemalige Kneipwirt seinen gänzlichen Mangel an Orthographie verbarg, kaum zu entziffern war. »M. lieb. alt. Kam. Ich kann keinesfalls D. zu Le Merq. begl. Zu sehr beschftgt augenblickl. Uebrigens sprecht Ihr Euch auch beß allein aus. Du wirst erwartet. Geh' nur unbesorgt. R. Cassette, jeden Morgen 8–10. Herzlich Dein Hem.« Darunter war als Nachschrift in zierlicher und hübscherer Handschrift sehr deutlich geschrieben: »Wenn irgend thunlich, ein religiöses Gemälde!« Was war von diesem Briefe zu halten? War daraus eine gute Absicht oder eine höfliche Ausflucht zu entnehmen? Wie dem auch sei, längeres Zaudern war nicht mehr zulässig. Die Zeit drängte. Jansoulet nahm daher einen mutigen Anlauf, denn er hatte einen gewaltigen Respekt vor Le Merquier, und begab sich eines Morgens zu demselben. Unser wunderbares Paris macht in seiner Bevölkerung, in seinem Aussehen den Eindruck einer Musterkarte der ganzen Welt. Man findet in dem Stadtteil Marais enge Straßen, mit alten, gemalten Thüren, mit vorspringenden Giebeln und phantastisch verzierten Ballonen, die an das alte Heidelberg erinnern. Die Vorstadt St. Honoré, in der Umgebung der russischen Kirche, mit ihren weißen Minarets und vergoldeten Kuppeln erinnert an einen Stadtteil von Moskau. Auf dem Montmartre kenne ich eine malerische und verlassene Gegend, die ganz und gar Algier gleicht. Kleine und niedrige Einzelwohnhäuser mit blanken Messingschildchen an den Thüren und eignem Garten reihen sich in englischer Manier zwischen Neuilly und den Champs Elysées, während die Umgebung von St. Sulpice, die Rue Féron und die Rue Cassette, die friedlich im Schatten der hohen Kirchtürme daliegen und mit ihrem holperigen Steinpflaster, mit den Klopfern an den Thüren, direkt aus einer frommen Provinzstadt zu stammen scheinen, z.B. Tours oder Orleans, in der Gegend der Kathedrale und des bischöflichen Palastes, wo hohe Bäume, die über die Mauer ragen, sich beim Klange der Glocken und der Responsorien wiegen. In dieser Gegend, in der Nachbarschaft des katholischen Klubs, dessen Ehrenpräsident er soeben geworden, wohnte Herr Le Merquier, der Advokat und Abgeordnete von Lyon, der Sachwalter aller großen Klöster von Frankreich, der von Hemerlingue, infolge einer für diesen dicken Mann sehr tiefsinnigen Berechnung, mit der Wahrnehmung der Interessen seines Hauses betraut war. Als Janfoulet gegen neun Uhr bei diesem altertümlichen Hause anlangte, dessen Parterre von einer kirchlichen Buchhandlung eingenommen war, die in einem Geruche von Weihrauch und Pergamentpapier, auf welchem die heiligen Legenden gedruckt zu werden pflegen, hinzudämmern schien, und die große, wie in einem Kloster mit Kalk geweißte Treppe hinaufstieg, fühlte er sich von einer katholischen und provinzialen Atmosphäre angeweht und es lebten die Erinnerungen seiner Vergangenheit, die noch frischen, unberührten Eindrücke seiner Kindheit wieder in ihm auf, Eindrücke, die der Sohn der Françoise seit seiner Ankunft in Paris zu verleugnen weder Zeit noch Gelegenheit gehabt hatte. Die weltliche Heuchelei und Scheinheiligkeit hatte ihm gegenüber alle ihre Gestalten, alle ihre Masken abgenommen, nur nicht diejenige religiöser Unschuld. Auch widerstrebte es ihm, an die Käuflichkeit eines Menschen zu glauben, der in einer solchen Umgebung lebte. Nachdem Janfoulet in das Vorzimmer des Advokaten eingetreten war, ein geräumiges Gemach mit Musselinegardinen, die wie ein Chorhemd steif gestärkt waren, und das als einzigen Schmuck eine große und schöne Kopie des toten Christus von Tintoretto aufwies, verwandelte sich seine Unschlüssigkeit und seine Besorgnis mit Entrüstung in Ueberzeugung. Es war unmöglich! Man hatte ihn über Le Merquier falsch berichtet. Es lag da gewiß eine verwegene Verleumdung zu Grunde, wie Paris sie nur zu gern verbreitet; oder vielleicht hatte man ihm nur eine jener hinterlistigen Fallen gestellt, über die er seit sechs Monaten fortwährend gestrauchelt war. Nein, diese verkörperte Gewissenhaftigkeit, deren Ruf selbst in der Kammer anerkannt war, diese würdige und ernste Persönlichkeit konnte unmöglich mit diesen dickbäuchigen Paschas, mit ihren lose geschürzten Gürteln, mit ihren weiten, für die Aufnahme von Geldbörsen wie gemachten Aermeln, auf eine Stufe gestellt werden. Es hieße nichts andres, als sich einer schmählichen Zurückweisung, dem nur zu gerechtfertigten Zorne einer verkannten Rechtlichkeit aussetzen, wollte man hier solche Mittel wie Bestechung anwenden. Der Nabob sagte sich alles dies, während er auf der eichenen Bank saß, die rings an der Wand herumlief und von Priestergewändern aus Serge und grobem Tuche glänzend gescheuert war. Trotz der frühen Morgenstunde warteten bereits mehrere Personen außer ihm. Ein Dominikaner, eine asketische und würdige Gestalt, die mit großen Schritten auf und ab ging, zwei barmherzige Schwestern, fast vergraben in ihren weißen Hauben, die den Rosenkranz ableierten und daran die Zeit ihres Wartens abmaßen; Priester aus der Diözese von Lyon, die an der Form ihrer Hüte kenntlich waren, und dann noch eine ganze Anzahl andrer Leute, mit gesammelten und ernsten Mienen, die vor dem großen schwarzen Tische in der Mitte des Zimmers Platz genommen hatten und einige der erbaulichen Journale »Das Echo aus dem Fegefeuer« und »Der Rosenstock der Jungfrau Maria« durchblätterten, welche den Abonnenten auf einen Jahrgang als Prämie päpstliche Indulgenz und Nachlaß künftiger Strafen gewähren. Einige Worte, die mit leiser Stimme gewechselt wurden, ein unterdrücktes Hüsteln, das kaum hörbare Geflüster des Gebetes der barmherzigen Schwestern riefen in Jansoulet in unbestimmten und fernen Umrissen die Erinnerung an Stunden des Wartens in einem Winkel seiner Dorfkirche, in der Nähe des Beichtstuhles, zur Zeit der großen Kirchenfeste, wach. Endlich kam die Reihe einzutreten an ihn, und wenn er vorher an Herrn Le Merquier noch hätte zweifeln können, so zweifelte er nun nicht mehr, als er das geräumige, einfache, würdige und allerdings etwas besser als das Vorzimmer ausgestattete Gemach erblickte, in welchem der Advokat die Strenge seiner Grundsätze und seiner eignen dürren, hageren und engbrüstigen Persönlichkeit zum Ausdruck gebracht hatte, einer gebeugten Gestalt, die stets in einen Rock mit zu kurzen Aermeln gezwängt war, aus welchen zwei schwarze, viereckige und flache Handgelenke hervorragten, die wie chinesische Tuschstücke mit hieroglyphenartigem Geäder aussahen. In den erdfahlen Zügen des klerikalen Abgeordneten war eine gewisse Lebhaftigkeit, die auf Rechnung seines zweideutigen Blickes zu setzen war, der bald undurchdringlich hinter seinen Brillengläsern erglänzte, oft aber lebhaft, mißtrauisch und finster über die Brille hinweglugte. Nach einer Begrüßung, die fast herzlich zu nennen war, im Vergleiche zu dem kühlen Gruße, den die beiden Kollegen in der Kammer auszutauschen pflegten, nach einem: »Ich erwartete Sie bereits,« eine Aeußerung, welche einer gewissen Absichtlichkeit nicht zu entbehren schien, wies der Advokat auf einen Sessel in der Nähe seines Schreibtisches, bedeutete dem scheinheilig dastehenden, ganz schwarz gekleideten Bedienten, nur zu erscheinen, wenn man ihm klingeln würde, ordnete einige zerstreut umherliegende Papiere und dann stützte er, mit übergeschlagenen Beinen und ganz in seinen Sessel zurückgelehnt, mit der Sammlung eines Mannes, der bereit ist, zuzuhören, und ganz Ohr sein will, sein Kinn in die Hand und verharrte in dieser Stellung, die Augen auf eine grüne Gardine gerichtet, die ihm gegenüber bis auf den Fußboden herabfiel. Der Augenblick war entscheidend, die Situation peinlich. Aber Jansoulet zögerte nicht. Es war eine der Einbildungen des armen Nabob, sich auf Menschen ebensogut zu verstehen, wie der Herzog. Und dieser feine Instinkt, der, wie er sagte, ihn nie betrogen, hatte ihm geweissagt, daß er sich in diesem Augenblicke einer starren und durch nichts zu erschütternden Rechtlichkeit, einer felsenfesten Gewissenhaftigkeit gegenüber befinde. »Mein Gewissen!« Der Nabob änderte deshalb plötzlich seine Taktik, warf alle Ränke und Kniffe, die für seine freie und offne Natur ebenso viele Fallstricke waren, beiseite und führte gegenüber diesem rechtschaffenen Manne eine Sprache, wie derselbe sie verstehen mußte. »Mein lieber Kollege, ich bitte Sie, nicht darüber zu erstaunen,« – seine Stimme zitterte etwas, wurde aber im guten Glauben an seine Sache wieder fester – »daß ich Sie hier aufgesucht habe, anstatt einfach mich vor der dritten Kommission zu verantworten. Die Aufklärungen, die ich Ihnen zu geben habe, sind so heikler und verantwortlicher Natur, daß es mir nicht möglich gewesen sein würde, sie an einem öffentlichen Orte und vor meinen Kollegen zu erteilen.« Herr Le Merquier blickte mit erschreckter Miene über seine Brille hinweg auf die Gardine. Offenbar nahm die Unterredung eine unvorhergesehene Wendung. »Den Hauptpunkt der Frage berühre ich nicht,« nahm der Nabob aufs neue das Wort, »Ihr Bericht ist, wie ich überzeugt bin, unparteiisch und ehrlich, wie Ihr Gewissen denselben Ihnen hat eingeben müssen. Nur sind über meine Person abscheuliche Verdächtigungen im Umlauf, auf welche ich nicht geantwortet habe, und die vielleicht die Meinung der Kommission zu meinen Ungunsten beeinflußt haben. Und hierüber möchte ich gerade mit Ihnen reden. Ich kenne das Vertrauen, Herr Le Merquier, mit welchem Ihre Kollegen Sie beehren, und weiß auch, daß, sobald ich Sie überzeugt habe, ein Wort von Ihnen genügen wird, mich nicht zu zwingen, mein ganzes Elend vor der Gesamtheit zu entrollen ... Sie kennen die Anschuldigung. Ich rede zunächst von der entsetzlichsten und schamlosesten. Es sind der Verdächtigungen so viele, daß man darin irre werden kann ... Meine Feinde haben Namen, Daten und Adressen genannt ... Nun wohl, ich bringe Ihnen hier die Beweise meiner Unschuld. Ich lege sie Ihnen vor, Ihnen allein, denn ich habe meine gewichtigen Gründe, diese Angelegenheit geheim zu halten.« Er zeigte darauf dem Advokaten eine Bescheinigung des Konsulates in Tunis, daß er in zwanzig Jahren das Land nur zweimal verlassen habe, einmal, um seinen sterbenden Vater in Bourg St. Andéol zu besuchen, das zweite Mal, um mit dem Bey einen dreitägigen Besuch in seinem Schlosse St. Romans zu machen. »Wie kommt es nun, daß ich, mit einem so wichtigen Beweisstück in der Hand, meine Beleidiger nicht vor die Schranken des Gerichtes gefordert habe, um sie Lügen zu strafen und niederzuschmettern? ... Ach, mein Herr, es gibt Rücksichten auf die Familie, die geradezu grausam sind. ... Ich habe einen Bruder gehabt, ein armes, schwaches und verzogenes Geschöpf, der sich lange in dem Kote von Paris gewälzt und seinen Verstand und seine Ehre daselbst zurückgelassen hat.... Ist er es, der bis zu dieser Stufe der Entehrung hinabgestiegen ist, auf die meine Feinde mich, statt seiner, hingestellt haben? ... Ich habe nicht gewagt, mich davon zu überzeugen. ... Aber, was ich bestimmt behaupten kann, ist, daß mein armer Vater, der mehr davon mußte, als irgend jemand im Hause, mir bei seinem Tode leise zugeflüstert hat: ›Bernard, mein Aeltester hat mich getötet. ... Ich sterbe vor Scham, mein Sohn‹.« Er machte eine Pause, um seiner Bewegung Herr zu werden, und fuhr dann fort: »Mein Vater ist gestorben, Herr Le Merquier, aber meine Mutter lebt noch, und es ist ihrethalben, um ihrer Ruhe willen, daß ich vor dem öffentlichen Aufsehen, das meine Ehrenrettung machen würde, zurückgescheut habe und noch zurückscheue. Mit einem Worte, bis jetzt haben die Schmähungen, welche mich getroffen haben, sie nicht erreicht. Diese Art Verdächtigungen dringen nicht über einen gewissen Kreis von Zeitungsschreibern hinaus, von denen meine Mutter tausend Meilen entfernt wohnt.... Aber die Gerichte, ein Prozeß, das würde nichts andres heißen, als unser Unglück von einem Ende Frankreichs bis zum andern auszuposaunen, das hieße nichts andres, als die Artikel des ›Messager‹ in allen Zeitungen, selbst in denjenigen der Heimat meiner Mutter zu widerholen. Die Verdächtigung, meine Verteidigung, ihre beiden Kinder mit einem und demselben Schlage mit Schande bedeckt, der Name – der einzige Stolz der alten Bäuerin – auf immer mit Schmutz beworfen ... das würde zu viel für sie sein. Das wäre genug, um sie zu töten. Und wahrlich, es scheint mir schon genug zu sein mit einem. ... Das ist der Grund, weshalb ich den Mut gehabt habe, zu schweigen, den Versuch zu machen, ob ich durch mein Stillschweigen meine Feinde nicht würde ermüden können. Aber gegenüber der Kammer bedarf ich jemand, der für mich eintritt. Ich will der Kammer das Recht benehmen, mich aus entehrenden Gründen auszustoßen, und da dieselbe Sie zum Berichterstatter erwählt hat, so bin ich zu Ihnen gekommen, wie zu meinem Beichtvater, zu einem Priester, indem ich Sie bitte, von der Unterredung, selbst nicht im Interesse meiner Sache, irgend etwas verlauten zu lassen. ... Ich erbitte von Ihnen, mein lieber Kollege, nichts als absolute Diskretion; was das übrige anlangt, so appelliere ich an Ihren Gerechtigkeitssinn und Ihre Loyalität.« Der Nabob erhob sich, um zu gehen, aber Le Merquier rührte sich nicht, indem er die grüne Gardine vor sich musterte, als ob er in derselben eine Eingebung für seine Antwort suchte. ... Endlich sagte er: »Was Sie wünschen, wird geschehen, mein lieber Kollege. Das Geheimnis wird unter uns bleiben. ... Sie haben mir nichts gesagt, ich habe nichts gehört.« Der Nabob, noch ganz entflammt von seiner feurigen Rede, die – nach seiner Meinung – eine herzliche Erwiderung, einen kräftigen Händedruck verdient hatte, wurde von einem eigentümlich unbehaglichen Gefühle ergriffen. Diese Kälte, dieser abwesende Blick berührte ihn so peinlich, daß er schon mit dem linkischen Gruße eines Ueberlästigen auf die Thür zuging. Aber der andre hielt ihn zurück. »Warten Sie doch, mein lieber Kollege. ... Wie eilig haben Sie es fortzugehen.... Gedulden Sie sich doch, bitte, noch einige Minuten. ... Es gewährt mir ein besondres Vergnügen, mich mit einem Manne, wie Sie es sind, zu unterhalten; um so mehr, als wir mehr als einen Berührungspunkt haben. ... Unser Freund Hemerlingue hat mir gesagt, daß auch Sie sich viel mit Gemälden beschäftigen.« Jansoulet erbebte. Die beiden Worte: Hemerlingue ... Gemälde ... die so plötzlich und in demselben Satze ausgesprochen wurden, riefen alle seine Zweifel und Verlegenheiten wieder wach. Nichtsdestoweniger kapitulierte er noch nicht, sondern ließ Le Merquier ein Wort nach dem andern aussprechen, um seinerseits das Terrain für seine fernere Angriffsweise zu sondieren. Man habe ihm viel von der Galerie seines ehrenwerten Freundes gesprochen. ... Ob es wohl unbescheiden wäre, um die Vergünstigung des Zutrittes zu bitten. »Im Gegenteil! Ich würde mich nur zu sehr geehrt fühlen,« sagte der Nabob, der an seiner empfindlichsten Stelle – weil sie die kostspieligste war – bei seiner Eitelkeit gekitzelt wurde, und indem er um sich blickend die Wände des Zimmers musterte, sagte er mit Kennerton: »Sie aber haben auch einige ausgezeichnete Stücke. ...« »Ach,« erwiderte der andre bescheiden, »nur einige unbedeutende Gemälde. ... Die Malerei ist heute so teuer, es ist eine Liebhaberei, die sehr schwer zu befriedigen ist, eine wahre Luxuspassion. ... Eine Nabobpassion,« sagte er lächelnd mit einem verstohlenen Blick über seine Brille hinweg. Beide waren sie vorsichtige Spieler, nur Jansoulet fühlte sich in dieser neuen Lage nicht ganz sicher, da es nun galt, sich vorzusehen, während er sich nur auf verwegene Streiche verstand. »Wenn ich bedenke, daß ich zehn Jahre gebraucht habe, um diese Wände auszuschmücken, und daß mir doch noch dies ganze Feld auszufüllen erübrigt –« In der That, an dem auffallendsten Teile der hohen Wand zeigte sich noch eine freie Stelle oder vielmehr ein frei gemachter Raum, denn ein großer vergoldeter Nagel dicht unter dem Gesims zeigte noch die sichtbare fast plumpe Spur des Fallstricks, den man dem armen Nabob gelegt hatte, der dumm genug war, sich darin fangen zu lassen. »Mein lieber Herr Le Merquier,« sagte er, in seinem gewinnenden und gutmütigen Ton, »ich habe gerade eine heilige Jungfrau von Tintoretto, die diesen Raum ausfüllen würde« In den Augen des Advokaten, die hinter ihrer glitzernden Schutzdecke verborgen lauerten, war nichts zu sehen. »Erlauben Sie mir, das Gemälde dort, Ihrem Schreibtisch gegenüber, aufzuhängen, das wird Ihnen Veranlassung geben, hin und wieder meiner zu gedenken. ...« »Und die Strenge in meinem Berichte zu mildern, nicht wahr, mein Herr?« schrie Le Merquier aufspringend mit furchtbarer Stimme, indem er die Hand auf die Glocke legte. »Ich habe manche Schamlosigkeiten in meinem Leben gesehen, aber niemals eine derartige. Ein solches Anerbieten mir zu machen und in meinem Hause! ...« »Aber mein lieber Kollege, ich schwöre Ihnen –« »Geleiten Sie den Herrn hinaus,« sagte der Advokat zu dem eintretenden Bedienten, und von der Mitte seines Zimmers aus, dessen Thür offen stehen blieb, vor dem ganzen Wartezimmer, in welchem die Paternostergebete verstummten, verfolgte er Jansoulet, der stammelnd dem Ausgange zueilte, mit den niederschmetternden Worten: »Es ist die Ehre der ganzen Kammer, mein Herr, die Sie soeben in meiner Person beschimpft haben. ... Meine Kollegen werden noch heute hiervon Mitteilung erhalten, und wenn diese Beschwerde zu den andern sich gesellt, so werden Sie zu Ihrem Schrecken erfahren, daß Paris nicht der Orient ist, und daß man hier nicht, wie dort, einen schmählichen Schacher mit dem menschlichen Gewissen treibt.« Und nun, nachdem er den Sünder aus dem Tempel gejagt hatte, schloß der redliche Mann die Thür, und indem er sich der geheimen grünen Gardine näherte, sagte er mit einem süßlichen Tone, in welchen er aus seinem erheuchelten Zorne überging: »War's recht so, Baronin Marie?« Einundzwanzigstes Kapitel. Die Kammersitzung. An diesem Morgen war ausnahmsweise kein großes Dejeuner in dem Hause Nr. 12 am Vendomeplatze gewesen. Auch hätte man um ein Uhr die wohlgenährte Person des Herrn Barreau am Eingange zur Vorhalle in ihrer ganzen Majestät sich breit machen sehen können, inmitten von vier oder fünf Küchenjungen mit ihren weißen Mützen und etwa ebenso vielen Stallburschen in schottischen Kappen, eine imposante Gruppe, die dem luxuriösen Hause das Ansehen eines Hotels gab, dessen Dienerschaft einen freien Moment, wo keine Gäste ankommen, wahrnimmt, um etwas Luft zu schöpfen. Was diese Aehnlichkeit vollständig machte, war eine Droschke, die vor dem Thore hielt, und ein Kutscher, der im Begriffe stand, einen altertümlichen ledernen Koffer vom Verdeck des Wagens herabzuholen, während eine ältliche hagere Frau, den Kopf in ein gelbes Tuch verhüllt und einen grünen Shawl um die Schultern, leichtfüßig auf das Trottoir sprang und mit einem Korbe unterm Arme nach der Hausnummer blickend sich der Bedientensippe mit der Anfrage näherte, ob hier wohl Herr Bernard Jansoulet wohne. »Ja allerdings,« antwortete man ihr, ... »Aber er ist nicht zu Hause.« »Das macht nichts,« erwiderte die Alte. Sie wandte sich darauf wieder zu dem Kutscher, ließ den Koffer in die Vorhalle setzen, bezahlte die Fahrt und steckte dann sofort ihre Börse mit einer Handbewegung in die Tasche, die genugsam das Mißtrauen der Provinzlerin gegenüber den Gefahren der Hauptstadt kennzeichnete. Seit Jansoulet Abgeordneter in Korsika geworden war, hatten die Bedienten so viele ausländische und fremdartige Gestalten bei ihm ihr Absteigequartier nehmen sehen, daß sie über diese Frau mit dem sonnverbrannten Teint und den wie Kohlen glühenden Augen nicht übermäßig erstaunten, dieselbe vielmehr für eine echte, direkt aus ihrer Heimat angelangte Korsikanerin hielten, die sich von den andern Insulanern nur durch ihr sicheres Auftreten und ihre ruhigeren Manieren unterschied. »Wie, der Herr ist nicht zu Hause? ...« sagte sie mit einer Betonung, die mehr für eine Anrede an Leute vom Lande, als an eine unverschämte Bedientenclique eines großen Pariser Hauses paßte. »Nein, der Herr ist nicht zu Hause.« »Und die Kinder?« »Die haben Stunde.... Die können Sie auch nicht sehen.« »Und die Frau vom Hause?« »Die schläft..., Man darf sie nicht vor drei Uhr stören.« Daß man so lange im Bette liegen bleiben könne, schien die gute Frau in Erstaunen zu setzen; aber der sichere Instinkt, der, in Ermangelung der Erziehung, die bevorzugten Naturen leitet, verhinderte sie, vor der Dienerschaft irgend eine Bemerkung fallen zu lassen, und sie sprach deshalb den Wunsch aus, Paul von Gérn zu sehen. »Der ist auf Reisen....« »Und Jean Baptiste Bompain, wo ist der?« »In der Sitzung, mit dem Herrn....« Sie runzelte die Stirn und sagte: »Nun, dann schaffen Sie immerhin meinen Koffer hinauf,« Und sie fügte dann, mit einem kleinen malitiösen Lächeln, mit einem gewissen Stolze, durch den sie sich für die unverschämten Blicke, die auf sie geheftet waren, entschädigte, hinzu: »Ich bin die Mutter,« Die Küchenjungen und Stallburschen machten nunmehr ehrerbietig Platz und Herr Barreau sagte, seine Mütze ziehend: »Ich dachte mir gleich, daß ich Madame schon irgendwo gesehen haben müsse.« »Das habe ich mir auch gedacht, mein Junge,« erwiderte die alte Frau Jansoulet, der die Erinnerung an die verunglückten Festlichkeiten für den Ben einen Stich ins Herz gab. Mein Junge! ... und das zu Herrn Barreau, zu einem Manne von seiner Würde... Das allein genügte, um sie in den Augen der um sie versammelten Leute sehr hoch zu stellen. Ach, die Großthuerei und der Glanz imponierten der mutigen alten Frau wenig. Sie gehörte nicht zu den Müttern aus der komischen Oper, die über jeden glänzenden Flitterstaat außer sich geraten. Als sie hinter ihrem Koffer die große Treppe hinanstieg, da verhinderten sie weder die Blumenetageren, die auf allen Treppenabsätzen standen, noch die von Bronzefiguren getragenen Kandelaber, zu bemerken, daß auf dem Geländer der Staub fingerdick lag, und daß der Treppenläufer an einigen Stellen Löcher hatte. Man führte sie in die Zimmer der zweiten Etage, welche für die Levantinerin und die Kinder bestimmt waren, und dort, in einem Zimmer, welches zur Aufbewahrung von Wäsche diente und das, da man deutlich Kinderstimmen vernahm, dem Schulzimmer unmittelbar benachbart sein mußte, erwartete sie ganz allein, mit ihrem Korbe auf dem Schöße, die Rückkunft ihres Bernard, vielleicht auch das Erwachen ihrer Schwiegertochter oder die große Freude, ihre Enkel zu umarmen. Nichts konnte ihr besser eine Vorstellung von der Unordnung geben, die in einem Haushalte herrscht, welcher der Dienerschaft überlassen ist, und in welchem die Aufsicht und die vorsorgliche Thätigkeit der Hausfrau fehlt, als das, was sie rings um sich herum wahrnahm. In großen offenstehenden Schränken war das Leinenzeug durcheinander in unregelmäßigen Haufen, die umstürzen wollten, aufgestapelt, Battisttücher und sächsisches Tischzeug waren ganz zerknüllt und hastig hineingestopft; die Schlösser schlossen nicht, weil irgend eine Stickerei sich dazwischen geklemmt hatte, die zu entfernen niemand sich die Mühe gab. Dennoch gingen genug Dienerinnen in dieser Leinwandkammer aus und ein, Negerinnen mit ihren gelben Kopftüchern, die in der Eile aus den Schränken eine Serviette, eine Schürze herausrissen, trampelten über diese herumgestreuten häuslichen Schätze hinweg, schleiften mit ihren Plattfüßen Spitzenrüschen von einem Schlepprock herum, die eine Kammerjungfer abgetrennt und liegen gelassen, während sie den Fingerhut dahin, die Schere dorthin geworfen hatte, wie eine Arbeit, die man jeden Augenblick wieder aufnehmen will. Die Mutter des Millionärs Jansoulet, welche immer noch eine halbbäuerliche Handwerkerfrau geblieben war, fühlte sich hier in ihrem Respekt, in ihrer Zärtlichkeit, dem liebevollen Entzücken, das ein von unten bis oben gefüllter Leinenschrank einer Provinzialin einflößt, schmerzlich berührt, ein Leinenschrank, der so manche Erinnerung an die Vergangenheit und ihre Armut enthält, dessen Inhalt man allmählich vermehrt und verfeinert, der die erste Sorge des wachsenden Wohlstandes, das erste Zeichen der Behäbigkeit eines Hauses zu sein pflegt. Sie gehörte zu denen, die noch vom Morgen bis zum Abend am Spinnrocken sitzen, und wenn sich die Hausfrau in ihr empörte, so hätte die Spinnerin blutige Thränen über diese Entweihung weinen mögen. Schließlich vermochte sie nicht mehr an sich zu halten, sie erhob sich, gab ihre beobachtende und zuwartende Stellung auf und machte sich eifrig daran, die prachtvolle Wäsche sorgsam aufzusammeln, zu glätten und in gleichmäßige Stöße zu schichten, wie sie dies auf ihren Rasenplätzen in St. Romans bei den großen Waschfesten zu thun gewohnt war, bei denen zwanzig Arbeiterinnen beschäftigt waren, wo die Körbe von schneeweißer Wäsche überflossen und das zum Trocknen aufgehängte Zeug auf den Leinen im Morgenwinde flatterte. Sie war mit einem solchen Feuereifer bei dieser Arbeit, daß sie ihre Reise nach Paris, ja fast den Ort, wo sie sich befand, darüber vergaß, als ein wohlbeleibter, vierschrötiger und bärtiger Mann, in Lackstiefeln und einem Samtjackett, das einen Stiernacken umschloß, in das Wäschezimmer trat. »Ei! ... Cabassu. ...« »Was, Sie sind hier, Frau Françoise. ... Das nenne ich eine Ueberraschung,« sagte der Masseur, indem er seine großen Augen aufriß. »Freilich, mein wackerer Cabassu, ich bin's. Eben komme ich an. ... Und wie du siehst, habe ich mich schon an die Arbeit gemacht! Es that mir in der Seele weh, diese Wirtschaft hier zu sehen.« »Dann sind Sie wohl eigens wegen der Kammersitzung gekommen?« »Welche Kammersitzung?« »Nun, die große Sitzung des gesetzgebenden Körpers, ... Heute soll ja. ...« »Nein, wahrhaftig nicht. Was geht denn das mich an! Ich würde von solchen Sachen doch nichts verstehen.... Nein, ich bin nur gekommen, weil ich das dringende Verlangen fühlte, meine kleinen Jansoulets zu sehen, und weil ich anfing, unruhig zu werden. Ich habe nun schon so oft geschrieben, ohne Antwort erhalten zu haben. Ich fürchtete deshalb, daß etwa eins der Kinder krank sei, daß Bernards Geschäfte schlecht gingen und was ich sonst noch für trübe Gedanken hatte. Ich hatte mit einem Worte die schwärzesten Vorahnungen, und deshalb habe ich mich auf die Reise gemacht! ... Es geht ihnen allen aber gut, wie ich höre, nicht wahr? ...« »Ja, allerdings, Frau Françoise. ... Sie befinden sich alle, Gott sei Dank, wohl.« »Und Bernard? ... Wie geht es mit seinen Geschäften? ... Geht es nach Wunsch? ...« »Ach, Sie wissen wohl, jeder hat sein Päckchen im Leben zu tragen , . . aber alles in allem hat er, glaube ich, keine Ursache, unzufrieden zu sein... . Doch da fällt mir ein, Sie müssen ja Hunger haben. ... Ich werde Ihnen gleich etwas auftragen lassen.« Cabassu, der sich hier viel mehr zu Hause und viel gemütlicher fühlte, als die alte Mutter, wollte klingeln, sie hielt ihn aber zurück, indem sie sagte: »Nein, nein, ich bedarf gar nichts, ich habe noch von meinen Reisevorräten.« Und nun legte sie auf den Rand des Tisches zwei Feigen und eine Brotschnitte, die sie aus ihrem Korbe hervorgeholt hatte, und sagte dann während des Essens: »Nun, und dir, Kleiner, wie geht es denn mit deinen Geschäften? ... Seit du zum letztenmal in unserm Dorfe warst, hast du dich nicht übel herausgeputzt. ... Was für feine Wäsche und Kleider du trägst! ... Was betreibst du denn?« »Ich bin Professor der Massage,« erwiderte Aristides mit Würde. »Du, Professor?« sagte die Alte mit ehrfurchtsvollem Staunen, aber sie wagte nicht, ihn zu fragen, worin er denn eigentlich unterrichte, und Cabassu, den diese Fragen ein wenig in Verlegenheit setzten, ging rasch zu einem andern Gesprächsthema über. »Wie wäre es, wenn ich die Kinder holte. ... Hat man ihnen denn nicht gesagt, daß ihre Großmutter da ist?« »Ich habe es nicht gewollt, daß man sie bei ihrer Arbeit störe. ... Aber ich glaube, ihre Stunde ist jetzt beendigt. Horch nur!« Man hörte hinter der Thür die trippelnde Ungeduld von Schülern, deren Stunde zu Ende geht und die die Zeit nicht abwarten können, wo sie in die freie Luft hinauskommen. Und die Alte genoß mit Behagen diesen ungestümen Lärm, der ihre mütterliche Sehnsucht verdoppelte, und sie doch verhinderte, irgend etwas zu unternehmen, deren Befriedigung zu beschleunigen. Endlich that sich die Thür auf. Zuerst erschien der Lehrer, ein Abbé mit spitzer Nase und vorstehenden Backenknochen, derselbe, den wir bei den großen Dejeuners schon haben kennen lernen. Dieser ehrgeizige Vikar hatte sich mit seinem Bischof überworfen und seine Diözese, in der er bisher amtiert hatte, verlassen, und war nun in der prekären Stellung eines stellenlosen Theologen – auch der Klerus hat sein Zigeunertum – froh daran, die kürzlich aus dem College Bourdaloue entlassenen Jansouletschen Kinder unterrichten zu dürfen. Mit der feierlichen, anmaßenden, vom Bewußtsein der Verantwortlichkeit zeugenden Miene, wie sie den hohen Prälaten eigen gewesen sein muß, die mit der Erziehung der Dauphins von Frankreich betraut waren, schritt er den drei kleinen, wohlfrisierten und feinbehandschuhten Bürschchen voran, die mit ihren länglichen Hüten, kurzen Jäckchen, den Lederränzchen auf dem Rücken und den langen roten Strümpfchen, die bis über die Mitte ihrer kleinen, mageren Beine gingen, genau so aussahen, wie ein Velocipedist, der im Begriffe steht, in den Sattel zu steigen. »Meine lieben Kinder,« sagte Cabassu, der Vertraute des Hauses, »dies ist Frau Jansoulet, eure Großmutter, die eigens nach Paris gekommen ist, um euch zu sehen.« Die Kinder, die wie die Orgelpfeifen dastanden, waren sehr erstaunt und betrachteten das faltige alte Gesicht in der gelben Spitzenhaube, sowie den fremdartigen Anzug, der von einer ihnen unbekannten Einfachheit war. Und nicht minder groß war das Erstaunen ihrer Großmutter, ein Erstaunen, das nur dadurch noch einen bittern Beigeschmack erhielt, daß dieselbe gegenüber diesen kleinen verwöhnten und hochmütigen Bürschchen ein Unbehagen empfand, wie etwa gegenüber den Marquis, Grafen und Präfekten, die ihr Sohn auf dem bekannten Ausfluge nach Saint Romans ihr gebracht hatte. Auf die Aufforderung ihres Lehrers, »ihre ehrwürdige Großmutter« zu begrüßen, kamen die Knaben nacheinander heran, um ihr mit kurzem Arme ein zierliches Patschhändchen zu geben, wie sie es in den Dachkammern der Armen zu thun gewohnt gewesen, und in der That mochte ihnen diese gute Frau mit dem erdfahlen Gesichte und dem reinlichen aber mehr als einfachen Anzuge ihre Armenbesuche aus der Zeit ihres Aufenthaltes in dem Collége Bourdaloue ins Gedächtnis zurückrufen. Die Knaben fühlten zwischen sich und der alten Frau dasselbe unbekannte Etwas, dieselbe Kluft, die durch keine Erinnerung, kein Wort ihrer Eltern jemals ausgefüllt worden war. Der Abbé wurde dieser unbehaglichen Stimmung alsbald inne und gab, um dieselbe zu zerstreuen, eine in dem Brusttöne und mit so salbungsvollen Gebärden vorgetragene Anrede zum besten, wie sie denjenigen eigen sind, die stets von einer Kanzel herab zu sprechen glauben. »Wohlan, Madame, so ist denn nun der Tag gekommen, der große Tag, an welchem Herr Jansoulet seine Feinde niederschmettern wird. Confundantur hostes mei, quia injuste iniquitatem fecerunt in me , weil sie mich ungerecht verfolgt haben.« Die Alte verneigte sich andächtig vor dem Kirchenlatein, das sie soeben vernommen hatte; aber ihre Gesichtszüge zeigten bei dem Gedanken an Feinde und Verfolgungen einen Ausdruck gespannter Unruhe. »Die Feinde sind mächtig und zahlreich, hochverehrte Frau, aber wir fürchten uns nicht über die Maßen. Lassen Sie uns Vertrauen setzen in die Ratschlüsse des Himmels und in die Gerechtigkeit unsrer Sache. Gott, der Herr, ist mit uns, und unsre Sache wird nicht Zu schänden werden. In medio ejus non commovebitur. « Ein riesenhafter Neger in einer goldgestickten Livree unterbrach diese Rede durch die Meldung, daß die Velocipede für die tägliche Uebungsfahrt auf der Terrasse der Tuilerien bereit seien. Ehe sie fortgingen, schüttelten die Kinder noch in förmlicher Weise die faltige und schwielige Hand ihrer Großmutter, die ihnen verwundert und mit gepreßtem Heizen nachsah, als plötzlich, von einem unwillkürlichen und bewunderswerten Impulse getrieben, der jüngste Knabe, der schon bei der Thür stand, sich lebhaft umwandte und, den großen Neger zur Seite stoßend, sich mit dem Kopfe voraus, wie ein kleiner Büffel, in den Schoß der alten Mutter Jansoulet warf, sie umarmte und ihr seine glatte, von Locken umrahmte Stirn zum Kusse bot, mit der lieblichen Anmut eines Kindes, das seine Liebkosungen wie eine Blume anbietet. Es mochte wohl sein, daß dieser Jüngste, der dem warmen Neste und den Knieen, die ihn geschaukelt, und der Amme, die ihn mit ihren Liedern in den Schlaf gelullt, noch am nächsten stand, den wohlthuenden Eindruck mütterlicher Fürsorge empfunden hatte, deren die Levantinerin ihn ganz entwöhnt hatte. Die alte Großmutter erbebte bei dieser instinktiven herzlichen Liebkosung auf das freudigste und sagte, indem sie den kleinen seidenweichen Kopf, der sie so sehr an einen andern erinnerte, in ihre Hände nahm: »Ach, mein Kleiner ... mein Kleiner ...« und dabei umarmte sie das Kind nach Herzenslust. Der Knabe aber riß sich bald los und lief, ohne ein Wort zu sprechen, davon, die Haare von heißen Thränen benetzt. Als die alte Mutter, welcher dieser warme Gruß unsäglich wohlgethan hatte, mit Cabassu allein geblieben war, bat sie ihn um einige Aufklärungen in betreff der Worte des Geistlichen. Also ihr Sohn hatte viele Feinde. »Ja,« sagte Cabassu, »in seiner Stellung darf das nicht wundernehmen.« »Aber, was in aller Welt ist es denn mit diesem großen Tage, mit dieser Sitzung, von der alle Leute sprechen?« »Je nun ... heute soll es sich entscheiden, ob Bernard Abgeordneter sein wird oder nicht.« »Wie? ... Ist er es denn noch nicht? ... Und ich, die ich das überall zu Hause erzählt und in Saint Romans schon vor einem halben Monate illuminiert habe.... Dann hat man mich somit zu einer Täuschung verleitet.« Der Heilgymnastiker hatte viele Mühe, der Alten die parlamentarischen Formalitäten in betreff der Gültigerklärung einer Wahl auseinanderzusetzen. Sie hörte, indem sie das Leinenzimmer mit eiligen Schritten durchmaß, nur mit halbem Ohre zu. »Also dort ist mein Bernard in diesem Augenblick?« »Ja, Madame.« »Dürfen denn auch Damen diesen Sitzungen beiwohnen? Warum ist denn seine Frau nicht dort? ... Es handelt sich doch schließlich für ihn um eine wichtige Angelegenheit. Und an einem solchen Tage, wie heute, muß er das Bedürfnis fühlen, alle, die er liebt, um sich zu wissen.... Höre, mein Junge, du könntest mich dorthin geleiten. ... Ist es weit von hier?« »Nein, ganz nahebei. Nur wird die Sitzung schon ihren Anfang genommen haben, und dann,« fügte er mit etwas verlegener Stimme hinzu, »ist es jetzt gerade die Zeit, wo Madame Jansoulet meiner bedarf.« »Ach so! Du unterrichtest sie in dieser Kunst, deren Professor du bist. Wie nanntest du sie doch?« »Die Massage. ... Das stammt noch aus dem Altertum. Aber, da klingelt es gerade. Es wird nach mir geschickt. Soll ich melden, daß Sie hier sind?« »Nein, nein, ich möchte lieber gleich dorthin gehen.« »Aber Sie haben ja keine Eintrittskarte.« »Nun gut, dann werde ich sagen, daß ich die Mutter Jansoulets und daß ich gekommen bin, um das Urteil meines Sohnes zu vernehmen.« Die arme Mutter, sie wußte nicht, wie wahr sie sprach. »Aber, warten Sie doch einen Augenblick, Madame Françoise. Ich will Ihnen wenigstens jemand mitgeben, der Sie dorthin geleitet.« »Ach, du weißt doch, mit dem Bedientenvolke habe ich mich nie verstanden. Ich habe ja meine Zunge, um zu sprechen. Es sind überall Leute auf den Straßen. Ich werde den Weg schon allein finden.« Cabassu machte noch einen letzten Versuch, ohne indessen seine Gedanken völlig erraten zu lassen, und sagte: »Seien Sie auf Ihrer Hut. Seine Feinde in der Kammer werden gegen ihn donnern. Sie werden Dinge zu hören bekommen, die Ihnen peinlich sein müssen.« O, welcher Mutterstolz, welches gläubige Vertrauen lag in ihrem Lächeln, als sie antwortete: »Weiß ich selbst denn nicht besser als die dort allesamt, was mein Kind wert ist? Gibt es wohl irgend etwas, wodurch meine Meinung über meinen Sohn irre geleitet werden könnte? Wahrhaftig, ich müßte ja von dem schwärzesten Undank beseelt sein. Sei's denn!« Und ihre Haube fürchterlich schüttelnd, machte sie sich auf den Weg. Aufrecht, mit erhobenem Haupte und entschlossenen Schritten ging die alte Frau davon, die Arkaden entlang, wie man es ihr bezeichnet hatte. Sie war anfangs durch das fortwährende Rollen der Wagen verwirrt, um so mehr als sie auf ihrem Gange ihre treue Begleiterin, die Spindel, vermißte, welche sie seit fünfzig Jahren nicht verlassen hatte. Der Gedanke an Feindschaften, Verfolgungen, an die geheimnisvollen Worte des Geistlichen und an das, was Cabassu ihr vorgehalten hatte, versetzten sie in Aufregung und Schrecken, Sie fand darin eine Bestätigung ihrer Vorahnungen, von denen sie erfüllt war, als sie sich ihren Gewohnheiten, ihren Pflichten, der Sorge für das Schloß und der Pflege ihres Kranken entzog, Uebrigens war es eine wunderbare Erscheinung, daß die alte Jansoulet, seit das Schicksal ihren Sohn und sie selbst mit Gold überschüttet, sich noch immer nicht daran gewöhnt hatte und stets darauf gefaßt war, diese Herrlichkeiten plötzlich verschwinden zu sehen.... Wer vermochte zu sagen, ob nicht der Zusammensturz jetzt gerade beginne? ... Und plötzlich, unter diesen düsteren Ahnungen, umspielte bei der Erinnerung an die ihr soeben erwiesene kindliche Zärtlichkeit, bei dem Gedanken an den kleinen Knaben, der sein Gesicht in ihrem groben Zwillichrocke vergraben hatte, ein freundliches Lächeln ihre welken Lippen, und voll Entzücken murmelte sie in ihrer heimischen Mundart: »O, über diesen Kleinen, und doch ...« Und nun stand sie auf einem herrlichen weiten Platze, auf welchem zwei Springbrunnen ihre mächtigen Wasserstrahlen emporsandten, die in Silberstäubchen wieder herabfielen; dann gelangte sie an die große steinerne Brücke und am Ende derselben an ein viereckiges, vorn mit Statuen geschmücktes Gebäude. Vor dem Gitter desselben waren Wagen aufgefahren, Leute gingen ein und aus und Polizeidiener standen haufenweise in der Nähe desselben. Dorthin hatte man sie gewiesen. Die Alte aber durchschritt getrost die Menge und gelangte bis zu einer hohen Glasthür. »Ihre Karte, gute Frau?« Aber die gute Frau hatte keine Karte, sondern sagte einem der Saaldiener mit den roten Aufschlägen, die den Eingang bewachten, ganz ruhig: »Ich bin die Mutter Bernard Jansoulets. ... Ich wollte in die Sitzung meines Jungen.« Und allerdings betraf diese Sitzung ihren Jungen, denn in der Menge, die die Thüren belagerte, die die Korridors, den Saal, die Tribünen, das ganze Gebäude erfüllte, war es immer dieser selbe Name, der unter Lächeln und unter allerlei kleinen Anekdoten geflüstert wurde. Man machte sich auf einen großen Skandal, auf furchtbare Enthüllungen des Berichterstatters gefaßt, die ohne Zweifel irgend einen gewaltthätigen Akt des in die Enge getriebenen Barbaren zur Folge haben würden, und man drängte sich herbei wie zu einer ersten Vorstellung oder zu der Verhandlung einer cause célèbre. Die alte Mutter hätte in diesem Menschengedränge sich nicht Geltung verschaffen können, wenn nicht der Goldregen, den der Nabob überall, wo er ging, hatte herabströmen lassen, und der seine Spuren kennzeichnete, ihr die Pfade geebnet hätte. Sie folgte daher in diesem Wirrsal von Korridoren, auf- und zugeschlagenen Thüren, leeren und hallenden Sälen einem dienstthuenden Saaldiener und erblickte beim Durchschreiten eines Ganges einen kleinen Mann mit gebräunter Gesichtsfarbe, der heftig herumfuchtelnd der Dienerschaft des Hauses zurief: »Sagen Sie Herrn Jansoulet, daß ich es bin, der Maire von Sarlazaccio, der seinetwegen zu fünf Monat Gefängnis verurteilt ist. Das verdiente wohl eine Eintrittskarte für die Sitzung, beim Teufel!« Fünf Monate Gefängnis und für ihren Sohn. ... Warum denn das? ... Im höchsten Grade beunruhigt und mit summenden Ohren gelangte die Alte endlich auf einen Flur, wo verschiedene Überschriften: »Tribüne des Senats, des diplomatischen Corps, der Abgeordneten« über kleinen Thüren angebracht waren, ähnlich wie bei Fremdenzimmern eines Hotels oder Theaterlogen. Sie trat ein, ohne vorläufig mehr zu sehen, als vier oder fünf Reihen von Bänken, die mit Leuten dicht besetzt waren, sodann ihr gegenüber, ziemlich weit weg und jenseits eines großen hellen Raumes, andre ebenso angefüllte Tribünen, Dann lehnte sie sich in aufrechter Stellung an die Umfassungsmauer, noch ganz geblendet, betäubt und erstaunt über ihre eigne Anwesenheit in diesem Raume. Ein warmer Luftstrom, der ihr entgegenkam, ein Durcheinander von lauten Stimmen zog sie nach dem vorderen Teile der Tribüne, nach dem offnen Raume dort unten, wo sie ihren Sohn vermutete. Ach, wie gern hätte sie ihn gesehen. ... Und indem sie sich noch dünner machte und die wie ihre Spindel spitzen, harten Ellbogen gebrauchte, drängte sie sich zwischen die Wand und die Bänke, ohne sich um das Aergernis, das sie erregte, und die verächtlichen Aeußerungen der geschmückten Damen zu kümmern, deren Spitzen und Frühlingsputz sie zerknitterte, denn die Versammlung war durchaus elegant und aus der besten Gesellschaft. Die alte Jansoulet erkannte sogar an seinem steifen Vorhemd, an seiner aristokratischen Nase den schönen Marquis, ihren Gast von St. Romans, der den Namen eines Luxusvogels so mit Recht trug; er freilich blickte sie nicht an. Nachdem sie so einige Reihen vorwärts gekommen war, wurde sie an dem Weiterdringen durch einen vor ihr sitzenden Mann gehindert, dessen enormer Rücken ein Weiterkommen unmöglich machte. Glücklicherweise konnte sie aber von hier aus, wenn sie sich etwas vornüber beugte, den ganzen Saal übersehen. Und die Stufen im Halbkreise, auf denen sich die Abgeordneten drängten, der grüne Anstrich der Wände, der erhöhte Sitz im Hintergrunde, welcher von einem kahlköpfigen Manne mit strenger Amtsmiene eingenommen war, machten auf sie, unter dem von oben einfallenden nüchternen und kalten Lichte, den Eindruck einer Klasse, in welcher der Unterricht beginnen soll, und dem das Geplauder und das Hin- und Herlaufen der Schüler, ehe sie ihren Platz einnehmen, vorangeht. Ein Umstand war ihr auffällig: daß nämlich die Blicke sämtlich unverwandt nach der einen Seite gerichtet waren und denselben Anziehungspunkt suchten! und als sie nun diesem Strome der Neugier folgte, der die gesamte Versammlung, ebensowohl im Saale wie auf den Tribünen beherrschte, sah sie, was alle so unausgesetzt anblickten: es war ihr Sohn! In der Heimat der Janfoulets findet man noch in einigen Kirchen im Hintergrunde des Chores zur Hälfte in die Krypta eingelassen einen kleinen steinernen Verschlag, wo es den Aussätzigen gestattet ist, der Messe beizuwohnen und in welchem die neugierige und furchtsame Menge die dunklen Umrisse der Unglücklichen sehen kann, die wie wilde Tiere an den in der Mauer angebrachten Oeffnungen kauern. Die alte Sonderzeichen Françoise erinnerte sich sehr gut, in ihrem Heimatsdorfe einen solchen Aussätzigen, den Schrecken ihrer Kindheit, gesehen zu haben, wie er von dem Hintergrunde seines Steinkäfigs aus, in Dunkelheit und Abscheu vergraben, der Messe beiwohnte.... Als sie ihren Sohn allein, fern von den andern, den Kopf in den Händen, dasitzen sah, kam ihr diese Erinnerung wieder in den Sinn. Man könnte ihn für den Aussätzigen halten, dachte die alte Bäuerin. Und in der That erschien dieser arme Nabob, auf dem seine vom Orient mitgebrachten Millionen in diesem Augenblicke gleich einer schrecklichen und fremdartigen Krankheit lasteten, wie ein solcher Aussätziger. Zufälligerweise war die Bank, auf welcher Janfoulet seinen Platz gewählt hatte, infolge von Beurlaubungen oder kürzlich eingetretenen Todesfällen durch mehrfache Lücken gelichtet, und während die andern Abgeordneten miteinander sprachen, sich zulächelten und sich Zeichen machten, blieb er allein und schweigsam der Beobachtung der ganzen Kammer preisgegeben, einer, wie die Mutter Janfoulets leicht bemerkte und bitter empfand, übelwollenden und ironischen Aufmerksamkeit. Wie sollte sie ihn wissen lassen, daß sie da, daß sie ihm nahe sei, daß ein treues Herz nicht fern von dem seinigen schlage? Der Nabob vermied es, seinen Blick nach dieser Tribüne zu richten, man hätte glauben mögen, daß sie ihm feindlich gesinnt sei, daß er befürchte, dort Unerfreuliches wahrzunehmen. ... Plötzlich fuhr bei dem Klange einer Glocke, der von der Präsidententribüne ertönte, die ganze Versammlung zusammen, alle Köpfe beugten sich mit dem starren Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit vor. Ein hagerer Mann mit einer Brille stand plötzlich aufrecht unter all den sitzenden Personen, was allein ihm schon eine gewisse Autorität verlieh, und sagte, indem er ein Aktenbündel, das er in seiner Hand hielt, öffnete: »Meine Herren, im Namen Ihrer dritten Kommission habe ich bei Ihnen den Antrag zu stellen, die Wahl im zweiten Wahlkreise des Departements der Insel Korsika für ungültig zu erklären.« In dem allgemeinen Stillschweigen, das diesen Worten folgte, welche die Mutter Jansoulet nicht verstanden hatte, begann der dicke Mann vor ihr sich heftig zu räuspern, und plötzlich kehrte sich in der ersten Reihe der Tribüne ein reizendes Frauengesicht zu ihm um und wechselte ein schnelles Zeichen des Einverständnisses und der Befriedigung mit ihm. Die bleiche Stirn, die schmalen Lippen, die zu schwarzen Augenbrauen in der hellen Umrahmung des Hutes machten auf die gute Alte, ohne daß sie wußte warum, den peinlichen Eindruck des ersten Blitzes beim Ausbruche eines Gewitters, nach welchem man ängstlich den Donner erwartet. Le Merquier las seinen Bericht vor. Die langsame, näselnde, eintönige Stimme, der schleifende und weiche Lyoneser Accent bildeten einen eigentümlichen Gegensatz zu der vernichtenden Klarheit seines Referates, das er, der hagere Advokat, mit einer wiegenden Bewegung des Kopfes und der Schultern vortrug, die fast etwas Tierisches hatte. Voran ging eine kurze Uebersicht der Wahlunregelmäßigkeiten. Niemals sei das allgemeine Stimmrecht so barbarisch und rücksichtslos mit Füßen getreten worden. In Sarlazaccio, wo der Gegner Jansoulets ihn zu überflügeln gedroht habe, sei die Urne in der der Eröffnung vorangehenden Nacht zertrümmert worden. Dasselbe habe sich in Lévie, in Saint André, in Avabessa ereignet. Und die Maires selbst seien es gewesen, welche diese Schändlichkeit begangen haben; dieselben haben die Urnen in ihre Wohnungen mitgenommen, die Siegel erbrochen und unter dem Schutze ihrer Amtsgewalt die Stimmzettel zerrissen. Nirgends Achtung vor dem Gesetz, überall Betrug, Intrigue und selbst Gewaltthätigkeit. In Calcatoggio hat sich ein bewaffneter Mensch während der ganzen Wahlzeit am Fenster eines der Mairie gegenüberliegenden Wirtshauses mit der Flinte in der Hand aufgestellt, und so oft ein Parteigänger von Sélachini, dem Gegenkandidaten Jansoulets, auf dem Platze erschien, hat dieser Mensch das Gewehr angelegt und gedroht: »Wenn du hineingehst, schieße ich dich nieder!« Wenn man übrigens sehe, wie Polizeikommissare, Friedensrichter, beeidigte Messer und Wäger keinen Anstand genommen hätten, sich zu Wahlagenten herzugeben und die von den kleinen lokalen, oft so mächtigen Einflüssen abhängige Bevölkerung zu terrorisieren und mit sich fortzureißen, sei das nicht schon eine hinlängliche Probe einer unerhörten Zügellosigkeit? Ja, selbst Priester und ehrwürdige Pfarrer haben sich durch ihren Eifer für die Armenbüchse und für die Unterstützung ihrer notleidenden Kirche hinreißen lassen, förmliche Missionspredigten zu gunsten der Wahl Jansoulets zu halten. Aber ein noch mächtigerer, wenn auch nicht minder ehrwürdiger Einfluß sei für die gute Sache geltend gemacht worden, der Einfluß der Banditen. Ja, meine Herren, der Banditen, ich scherze nicht. Und nun verbreitete sich der Redner in großen Zügen über den korsischen Brigantaggio im allgemeinen und die Familie Piedigriggio insbesondre. ... Die Kammer hörte mit einer gewissen Besorgnis aufmerksam zu. Im Grunde war es doch ein offizieller Kandidat, dessen Handlungsweise so gebrandmarkt wurde, und dann waren diese eigentümlichen Wahlmanöver in jenem privilegierten Lande, der Wiege der kaiserlichen Familie, heimisch, einem Lande, das so eng mit den Geschicken der Dynastie verknüpft war, daß ein Angriff auf Korsika nichts weniger als einen Angriff auf den Souverän zu bedeuten schien. Aber als man sah, daß an dem Regierungstische der neue Staatsminister, der Nachfolger und Feind Moras, höchst erfreut über diese Niederlage zu sein schien, die einer Kreatur des Verstorbenen widerfuhr, als man ein wohlwollendes, freundliches Lächeln bei dem grausamen Spott Le Merquiers wahrzunehmen glaubte, da verschwand sofort alles Unbehagen, und das Lächeln von der Ministerbank, das sich auf dreihundert Gesichtern widerspiegelte, steigerte sich alsbald zu einem kaum verhaltenen Lachen, zu dem Lachen einer Menge, die unter der Herrschaft einer beliebigen Zuchtrute steht, und das auf den geringsten Wink des Meisters losbricht. Auf den Tribünen, die für gewöhnlich nicht mit so abenteuerlichen Schilderungen belustigt werden, und die diese Räubergeschichten wie ein wirklicher Roman amüsierten, herrschte allgemeine Freude; ein strahlendes Entzücken sprach aus den Gesichtern der Damen, die glücklich waren, hübsch erscheinen zu dürfen, ohne gegen die feierliche Würde des Ortes zu verstoßen. Man sah den Blumenschmuck heller Hütchen in zitternder Bewegung und rundliche Arme mit goldenen Spangen sich auf die Brüstung stützen, um besser zu hören. Der ernste Le Merquier hatte die Sitzung durch dies Spektakelstück erheitert, wie man bei Wohlthätigkeitskonzerten ein komisches Lied einzustreuen sich erlaubt, um auch den Barbaren in der Musik eine kleine Freude zu machen. Kaltblütig und ohne sich durch seinen Erfolg beirren zu lassen, fuhr er mit seiner Grabesstimme, die durchdringend war wie ein Lyoneser Regen, in seinem Berichte fort: »Nun, meine Herren, liegt natürlich die Frage nahe, wie es kommt, daß ein Fremder, ein Provençale, der aus dem Orient heimkehrt, der die Interessen und die Bedürfnisse dieser Insel nicht kennt, auf der man ihn vor der Wahl nie gesehen hat, ein Mann, welcher der wahre Typus dessen ist, was die Korsikaner in verächtlicher Weise einen Kontinentalen nennen, wie ein solcher Mann einen so großen Enthusiasmus, eine bis zum Verbrechen, ja selbst bis zur Schändung der heiligsten Güter gesteigerte Opferfreudigkeit hat erregen können. Wir haben dafür seinen Reichtum verantwortlich zu machen, sein elendes Gold, das er den Wählern vor die Füße geworfen, ja selbst mit Gewalt in die Taschen praktiziert hat, und zwar mit einem schamlosen Cynismus, von dem wir tausend Beispiele haben.« Und nun folgte eine unabsehbare Reihe von Denunziationen: »Ich, der Endesunterzeichnete, Croce (Anton) bescheinige, um der Wahrheit die Ehre zu geben, daß der Polizeikommissär in Nardi eines Abends zu uns gekommen ist und mir gesagt hat: 'Höre, Croce (Anton) – ich schwöre dir bei dem Lichte dieser Lampe, daß du morgen fünfzig Franken erhältst, wenn du für Jansoulet stimmst.'« ... Und ein andrer: »Ich Unterzeichneter Lavezzie (Jakob Alphonse) erkläre hierdurch, daß ich mit Verachtung siebzehn Franken zurückgewiesen habe, die mir der Maire von Pozzo-Negro anbot, falls ich gegen meinen Vetter Sebastian stimmen würde.« Es ist anzunehmen, daß für drei Franken mehr Lavezzi (Jakob Alphonse) seinen Abscheu schweigend hinuntergewürgt haben würde. Aber die Kammer kümmerte sich um solche kleinliche Tüfteleien nicht. Die hohe Versammlung, diese unbestechliche Kammer, war von Entrüstung erfüllt. Sie murrte, sie bewegte sich unruhig auf den rotsamtnen weichen Kissen hin und her, sie stieß Ausrufe aus; man hörte Ohos der Entrüstung, man sah entsetzte Blicke, staunend hochgezogene Augenbrauen, heftiges Auffahren oder entmutigtes Zusammensinken, wie der Anblick menschlicher Entwürdigung es häufig zur Folge hat. Und dabei bemerke man wohl, daß die meisten der Abgeordneten sich derselben Wahlmanöver bedient hatten, daß sich unter ihnen Leute befanden, welche jene berüchtigten Schmausereien unter freiem Himmel veranstaltet hatten, bei denen wie bei einer Kirmes mit Fahnen und Bändern geschmückte Kälber im Triumphe herumgeführt wurden. Und gerade diese waren es, welche lauter schrieen, als die andern, die sich voller Wut nach der einsamen Bank wendeten, auf welcher der arme Aussätzige unbeweglich, den Kopf in beide Hände gestützt, zuhörte. Dennoch ließ sich, inmitten des allgemeinen Getümmels eine Stimme zu seinen Gunsten vernehmen, aber es war eine dünne, ungeübte Stimme, es waren nicht sowohl Worte als ein teilnahmsvolles Stammeln, aus welchem man undeutlich heraushörte: »Große Dienste, die der korsischen Bevölkerung geleistet worden sind.... Bedeutende Unternehmungen.... Territorialkasse...« Derjenige, der diese Worte stammelte, war ein ganz kleiner Mensch mit weißen Gamaschen, mit einem Albinokopf, auf welchem wenige Haare in einzelnen Büscheln sich emporsträubten. Aber die Unterbrechung dieses ungeschickten Freundes war nur dazu angethan, Herrn Le Merquier einen raschen und natürlichen Uebergang an die Hand zu geben. Ein widerwärtiges Lächeln verzerrte seinen schlaffen Mund. »Der ehrenwerte Herr Sarigue spricht uns von der Territorialkasse, wir werden ihm darauf Rede stehen.« Die Paganettische Höhle schien Herrn Le Merquier in der That sehr genau bekannt zu sein. In einigen scharfen und lebendigen Umrissen ließ er auf diesen Abgrund ein helles Licht fallen, zeigte alle Fallstricke, alle Untiefen und Fußangeln, wie es wohl ein Führer zu thun pflegt, der mit seiner Fackel in die Schrecknisse eines früheren geheimen Gefängnisses hineinleuchtet. Er sprach dann von den sogenannten Marmorbrüchen, von den auf dem Papiere stehenden Eisenbahnen, von den chimärischen Dampfschiffen, die in ihrem eignen Rauche aufgegangen waren. Der abscheuliche wüste Fleck in Taverna wurde so wenig übergangen, wie das alte genuesische Turmgemäuer, das der Dampfschifffahrtslinie als Bureau diente. Was aber die Kammer am meisten erheiterte, war die Erzählung von einer Feierlichkeit, die von dem Direktor aus Anlaß des ersten Spatenstiches zu einem Tunnel durch den Monte Rotondo veranstaltet worden war, einer Riesenarbeit, die stets Projekt geblieben und von Jahr zu Jahr vertagt worden war, die Millionen an Geld und Tausende von Händen beanspruchte und die mit großem Pompe acht Tage vor der Wahl in Angriff genommen worden war. Der Bericht schilderte die Sache in einer äußerst komischen Weise, wie der erste Spatenstich von dem Wahlkandidaten in den mit hundertjährigen Wäldern bedeckten Berg gethan worden, sodann die Einweihungsrede des Präfekten, die feierliche Einsegnung unter Entfaltung der Reichspaniere und unter Hochrufen auf Bernard Jansoulet, wie sich dann zweihundert Arbeiter sofort ans Werk gemacht und während einer Woche Tag und Nacht gearbeitet hatten, um, sobald die Wahl stattgefunden, die Trümmer des gesprengten Felsens rings um die wie zum Hohne ausgebrochene Höhlung liegen zu lassen, die auf diese Weise eine Zufluchtsstätte mehr für die Strolche der Umgegend bildete.... Der Streich war gelungen. Nachdem die Territorialkasse so lange Zeit den Aktionären das Geld abgeschwindelt hatte, wurde sie dieses Mal dazu gebraucht, um die Stimmen der Wähler zu fälschen. »Nun, meine Herren, nur noch ein letztes Detail, mit dem ich füglich hätte beginnen können, um Ihnen die schmachvolle Beschreibung dieser Wahlposse zu ersparen. Ich habe vernommen, daß gerade eine gerichtliche Untersuchung gegen das korsikanische Unternehmen eingeleitet ist, und daß eine gründliche, sachverständige Prüfung der Bücher dieser Gesellschaft sehr wahrscheinlicherweise einen jener finanziellen Skandale zu Tage fördern wird, wie sie leider in unsrer Zeit nur zu häufig vorkommen, in den ein Mitglied der Kammer verwickelt zu sehen Sie aber im Interesse der Respektabilität dieses hohen Hauses nicht wünschen werden.« Nach dieser unerwarteten Enthüllung hielt der Berichterstatter einen Augenblick inne, machte eine Kunstpause, wie ein routinierter Schauspieler, und in dem feierlichen Schweigen, das plötzlich sich der Versammlung bemächtigt hatte, hörte man eine Thür gehen. Es war der Gouverneur Paganetti, der bleichen Antlitzes, mit runden Augen und gespitztem Munde, wie Pierrot, wenn er einen derben Pritschenschlag gewärtigt, rasch die Tribüne verließ. Monpavon, der unbeweglich sitzen blieb, dehnte nur seinen Brustlatz, und der Dicke schnaubte heftig hinter den Blumen des weißen Hütchens seiner Frau. Die Mutter Jansoulet blickte auf ihren Sohn. »Ich habe von der Achtung gesprochen, die man der Kammer schuldet, meine Herren, lassen Sie mich dieses Thema weiter beleuchten...« Jetzt las Le Merquier nicht mehr ab. Nach dem Berichterstatter kam nun der Redner oder vielmehr der strenge Richter an die Reihe. Die Gesichtszüge schienen erstorben, der Blick war verschleiert, nichts lebte und bewegte sich an seinem langen Körper, als sein rechter Arm, dieser lange, knochige Arm, der in zu kurzen Aermeln steckte und wie ein Richtschwert automatenartig niederfiel, indem er am Ende jeden Satzes die grausame und unerbittliche Bewegung des Köpfens nachahmte. Und in der That war es auch eine förmliche Hinrichtung, der man beiwohnte. Der Redner führte aus, er wolle gern die schlimmen Gerüchte über den dunklen Ursprung dieses kolossalen, in fremden Ländern, fern von jeder Kontrolle erworbenen Vermögens auf sich beruhen lassen; aber in dem Leben des Kandidaten seien gewisse zweifelhafte Punkte der Aufklärung bedürftig.... Er zauderte, schien seine Worte zu wägen, da es ihm aber nicht möglich war, eine direkte Anschuldigung zu erheben, sagte er: »Ich will unsre Verhandlung nicht herabwürdigen.... Sie wissen, was ich meine, und namentlich auch, auf welche schmachvollen Gerüchte – ich wollte, ich könnte sagen, Verleumdungen – ich anspiele; aber die Wahrheit zwingt mich, die Erklärung abzugeben, daß, als Herr Jansoulet vor Ihre dritte Kommission beschieden, als ihm Gelegenheit gegeben war, die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen niederzuschmettern, seine Aufklärungen so unbestimmt ausgefallen sind, daß, so sehr wir auch von seiner Unschuld überzeugt geblieben sind, unsre ängstliche Fürsorge für Ihre Ehre uns genötigt hat, eine Kandidatur zurückzuweisen, die mit einem solchen Verdachte behaftet war. Nein, dieser Mann darf nicht in Ihrer Mitte seinen Sitz einnehmen. Was hätte er übrigens auch auf diesem Platze zu thun?... Seit langer Zeit im Orient heimisch, hat er die Gesetze, die Sitten, die Gebräuche seiner Heimat verachten gelernt. Er bekennt sich zum Faustrecht, zu Züchtigungen auf offner Straße, er stützt sich auf die rohe Gewalt und, was noch weit schlimmer ist, er glaubt an die Käuflichkeit, an die Niedrigkeit und Verderbtheit der ganzen menschlichen Rasse. Er ist ein Handelsmann, der sich einbildet, alles kaufen zu können, wenn man nur den rechten Preis bietet; die Stimmen der Wähler, ja, selbst das Gewissen seiner Kollegen...« Es war sehenswert, mit welch naiver Bewunderung die guten dicken, behäbigen Deputierten diesem Asketen zuhörten, diesem Manne aus einem andern Zeitalter, der wie ein heiliger Hieronymus in die gesetzgebende Versammlung des zweiten Kaiserreiches trat, um mit seiner von Entrüstung durchglühten Beredsamkeit den frechen Luxus pflichtvergessener Blutsauger niederzudonnern. Wie gut begriff man jetzt seinen Beinamen »Mein Gewissen«! Auf den Tribünen wuchs die Begeisterung mehr und mehr. Holde Frauenköpfe beugten sich vor, um seiner ansichtig zu werden, um jedes Wort von seinen Lippen zu trinken. Ein Beifallsgeflüster durchlief die Reihen, und die vielfarbigen Blumen neigten sich wie ein im Winde wogendes Kornfeld. Eine Frauenstimme rief sogar ganz laut mit etwas ausländischem Accent: »Bravo... bravo...« Und die Mutter? Aufrecht und unbeweglich saß sie da, gespannt, etwas von dieser Tribünenberedsamkeit, von diesen geheimnisvollen Anspielungen zu verstehen; sie war in der Lage der Taubstummen, die nur aus der Bewegung der Lippen, aus dem Gesichtsausdruck erraten, was vor ihnen gesprochen wird. Freilich brauchte sie nur ihren Sohn und Le Merquier anzusehen, um zu wissen, wie übel dieser jenem mitspielte, welche perfiden und gehässigen Anschuldigungen aus dieser langen Rede auf den Unglücklichen herabhagelten, den man für eingeschlafen hätte halten können, hätte man nicht gesehen, wie seine breiten Schultern erbebten und wie er mit den vor das Gesicht gepreßten Händen sein Haar zerwühlte. Ach, hätte sie von ihrem Platze aus ihm zurufen können: »Sei ohne Furcht, mein Sohn. Wenn sie auch alle dich verachten, deine Mutter liebt dich. Komm nur zu mir.... Was brauchen wir diese Menschen... ?« Und einen Augenblick hätte sie wirklich glauben können, daß das, was sie im Grunde ihres Herzens ihm zurief, durch ein wunderbares Fluidum bis zu ihm gedrungen sei. Er erhob sich und schüttelte seinen kraushaarigen Kopf, sein Gesicht war dunkelrot und seine kindliche dicke Unterlippe zitterte von verhaltenem Weinen. Aber, statt seinen Platz zu verlassen, klammerte er sich im Gegenteil daran fest, indem seine dicken Finger sich in das Holz seines Pultes krallten. Der andre hatte geendigt, und nun war an ihm die Reihe zu antworten. »Hohes Haus,« sagte er.... Aber alsbald hielt er inne, durch den heiseren, dumpfen und ordinären Klang seiner Stimme, die er selbst zum erstenmal öffentlich hörte, in Schrecken gesetzt. Während dieser Pause rang er, mit zuckendem Gesicht vergeblich nach Worten suchend, von neuem um Kraft zu seiner Verteidigung. Und war die Angst des armen Mannes schon ergreifend, so spiegelte die Mutter dort oben, wie sie sich atemlos vorbeugte und in nervöser Erregung die Lippen bewegte, um ihm die Worte suchen zu helfen, den Ausdruck seiner eignen Qual nur allzu deutlich wider. Obgleich er sie nicht sehen konnte, weil er dieser Tribüne, die er absichtlich vermied, den Rücken gedreht hatte, so gaben doch schließlich der mütterliche Atem, der feurige Magnetismus ihrer schwarzen Augen ihm das Leben zurück, und plötzlich waren seine Zunge und seine Glieder aus der Erstarrung gelöst, »Vor allem erkläre ich, daß ich nicht beabsichtige, meine Wahl zu verteidigen. ... Wenn Sie glauben, daß die Wahlgebräuche in Korsika nicht stets dieselben gewesen sind, wenn Sie dafürhalten, daß alle die begangenen Unregelmäßigkeiten dem bestechlichen Einflüsse meines Goldes und nicht dem ungesitteten und leidenschaftlichen Temperamente der Bevölkerung zuzuschreiben sind, nun wohl, dann kassieren Sie meine Wahl, dann wird Gerechtigkeit geübt sein und ich werde nicht murren. Aber es handelt sich hier um etwas ganz andres als meine Wahl, hier liegen Anschuldigungen vor, die meine Ehre angreifen, ja, sie geradezu aufs Spiel setzen, und hierauf allein werde ich antworten,« Seine Stimme, obwohl noch immer etwas gebrochen und verschleiert, wurde allmählich fester und ließ den rührenden Ton vernehmen, wie er solchen Organen zur Verfügung steht, deren ursprüngliche Sprödigkeit sich mit der Zeit verloren hat. Rasch erzählte er sein Leben, seit dem Beginn seiner Laufbahn, seiner Abreise nach dem Orient. Man hätte dabei an eine dieser alten Erzählungen aus dem achtzehnten Jahrhundert denken können, in denen von Korsaren die Rede ist, die die Meere durchkreuzen, von Beys und verwegenen gebräunten Provençalen, die schließlich immer dazu gelangen, eine Sultanin zu heiraten und »den Turban zu nehmen«, wie der alte Marseiller Ausdruck lautet. »Ich,« sagte der Nabob mit seinem Kinderlächeln, »ich habe, um reich zu werden, nicht nötig gehabt, den Turban zu nehmen, ich habe mich begnügt, in diese Länder der Trägheit und der Gleichgültigkeit den Thätigkeitstrieb und die Gewandtheit eines Südfranzosen mitzubringen, und ich bin in einigen Jahren dahin gelangt, eins jener Vermögen aufzuhäufen, wie man sie nur in diesen heißen Ländern erwirbt, wo alles gigantisch, unverhältnismäßig ist und rasch der Blüte entgegenreift, wo Blumen in einer Nacht erblühen und aus einem Baume ein ganzer Wald wird. Die Entschuldigung für solche Reichtümer liegt in der Art ihrer Anwendung und ich glaube behaupten zu dürfen, daß niemals ein Günstling des Glückes im höheren Grade bemüht gewesen ist, Verzeihung für seinen Reichtum zu erlangen. Nur ist mir dies nicht geglückt.« Nein, allerdings, das war ihm nicht geglückt. ... Für so viel unsinnig hinausgeworfenes Geld hatte er nur Verachtung oder Haß geerntet. ... Haß! Wer durfte sich rühmen, mehr Haß aufgewühlt zu haben, als er, den man mit einem Baggerschiff vergleichen könnte, dessen Körbe den morastigen Boden aufrühren. ... Er war zu reich und das genügte, um ihm alle Laster, alle Verbrechen anzudichten, um ihn zum Zielpunkte anonymer Drohbriefe, grausamer und unermüdlicher Feindschaft zu machen. »Ach,« rief der arme Nabob, indem er die Hände rang, »ich habe das Elend kennen gelernt, ich habe Leib an Leib mit ihm gerungen, und wahrlich, es ist ein harter Kampf, ich schwüre es Ihnen, Aber gegen den Reichtum zu kämpfen, sein Glück, seine Ehre, seine Ruhe hinter Goldhaufen zu verteidigen, die über einen zusammenstürzen, einen unter sich begraben, das, meine Herren, ist noch schrecklicher und widerwärtiger. Niemals, selbst nicht in den trübsten Tagen meiner Armut, habe ich den Kummer, die Sorgen und die schlaflosen Nächte gehabt, durch die der Reichtum mich gemartert hat, dieser furchtbare Reichtum, den ich hasse und der mich ums Leben bringt. Man nennt mich in Paris den Nabob. ... Man sollte mich nicht Nabob nennen, sondern Paria, einen Paria der Gesellschaft, der seine Arme weit, weit ausstreckt nach einer Gesellschaft, die nichts von ihm wissen will. ...« So, trocken wiedergegeben, mögen diese Worte kalt erscheinen, aber dort, vor dieser Versammlung trug die Verteidigung dieses Mannes den Stempel einer beredten und ergreifenden Wahrheit, einer Aufrichtigkeit, die, aus dem Munde dieses bäuerischen Gesellen, dieses Emporkömmlings ohne Schliff und Bildung, mit seiner Matrosenstimme und den Manieren eines Packträgers, anfangs in Erstaunen setzte, dann aber gerade durch das, was in diesen Worten Ungeschliffenes, Wildes und allem parlamentarischen Herkommen Widersprechendes lag, die Zuhörer in seltsamer Weise rührte. Schon waren auf den Bänken, die sonst nur den eintönigen und langweiligen Platzregen ministerieller Ergüsse zu vernehmen gewohnt waren, einzelne Beifallsbezeigungen laut geworden. – Aber bei diesem Aufschrei der Wut und Verzweiflung, die der Unglückliche gegen den Reichtum schleuderte, der ihn in dem Strome seines Geldes fortriß und zu ertränken drohte, mit dem er hilferufend rang, erhob sich die Kammer unter lauten Beifallsbezeigungen, Hände wurden ausgestreckt, wie um dem unglücklichen Nabob die Beweise von Hochachtung darzubringen, nach denen ihn so dringend verlangte, und um ihn gleichzeitig aus seinem Schiffbruche zu erretten. Jansoulet wurde dieser Stimmung alsbald inne, und durch diese Zeichen von Teilnahme ermuntert, nahm er erhobenen Hauptes und festen Blickes von neuem das Wort: »Man hat Ihnen gesagt, meine Herren, daß ich nicht würdig sei, in Ihrer Mitte meinen Platz einzunehmen. Und derjenige, der dies ausgesprochen hat, war in der That der letzte, von dem ich auf diese Aeußerung gefaßt sein durfte, denn er allem kennt das schmerzliche Geheimnis meines Lebens; er allein konnte für mich eintreten, mich rechtfertigen, Sie überzeugen. Er hat es nicht thun wollen. Nun wohl! Ich, ich werde es versuchen, so viel Ueberwindung es mich auch kostet. Auf das schmählichste vor dem ganzen Lande angeschwärzt, bin ich diese öffentliche Rechtfertigung mir selbst, bin sie meinen Kindern schuldig und ich bin entschlossen, sie zu unternehmen.« Infolge einer lebhaften Bewegung wendete der Nabob zufällig seinen Blick nach der Tribüne, wo er sich von seinen Feinden beobachtet wußte, und plötzlich hielt er entsetzt inne. Eben dort, gerade ihm gegenüber, hinter dem kleinen, boshaften, blassen Gesichte der Baronin war seine Mutter, seine Mutter, die er zweihundert Meilen von diesem furchtbaren Schauspiel entfernt wähnte, sie sah, an die Wand gelehnt, ihn an, wendete ihm ihr in Thränen schwimmendes, aber nichtsdestoweniger strahlendes Gesicht zu. Denn es war in der That ein wahrer und wirklicher Erfolg und es bedurfte nur weniger Worte, um ihn in einen Triumph umzuwandeln. »Sprechen Sie ... sprechen Sie ...« rief man ihm von allen Seiten zu, um ihn zu beruhigen und aufzumuntern. Aber Jansoulet sprach nicht. Und er hätte doch nur wenig zu seiner Verteidigung zu sagen nötig gehabt: »Die Verleumdung hat absichtlich zwei Namen miteinander verwechselt. Ich heiße Bernard Jansoulet. Der andre nannte sich Louis Jansoulet.« Mehr wäre nicht nötig gewesen. Aber auch dies war zu viel in Gegenwart seiner Mutter, die die Entehrung des ältesten Sohnes nicht kannte. Es war zu viel für den Respekt und die Solidarität der Familie. Er meinte, die Stimme seines alten Vaters zu vernehmen: »Ich sterbe vor Scham, mein Sohn.« Würde sie, die Mutter, nicht auch sterben, wenn er spräche? ... Er erwiderte das mütterliche Lächeln mit einem hehren Blick der Entsagung und sagte dann mit dumpfer Stimme und mit einem Ausdrucke der Verzweiflung: »Verzeihen Sie, meine Herren, diese Aufklärung geht wahrlich über meine Kräfte. ... Befehlen Sie eine Untersuchung über meinen ganzen Lebenslauf, der für alle offen zu Tage liegt, damit ein jeder sich selbst über meine Handlungsweise vergewissern kann. ... Und ich schwöre Ihnen, daß Sie nichts finden werden, was mich verhindern könnte, inmitten der Vertreter dieses Landes meinen Platz einzunehmen.« Das Erstaunen und die Enttäuschung über diese Niederlage, die allen als der plötzliche Zusammenbruch einer in die Enge getriebenen Frechheit erschien, waren ungeheuer. Dann entstand auf den Bänken einen Augenblick eine Bewegung, das Geräusch einer Abstimmung durch Aufstehen und Sitzenbleiben, ein Vorgang, den der Nabob bei dem Zwielicht, das durch das Glasdach fiel, nur undeutlich wahrnahm, wie etwa der Verurteilte oben vom Schaffot die unruhige Menschenmenge erblickt. Dann verkündete nach einer Pause, die in der Erwartung der wichtigen Minute wie ein Jahrhundert erschien, der Präsident unter allgemeinem Schweigen und als ob es sich um die gleichgültigste Sache der Welt handle! »Die Wahl des Herrn Bernard Jansoulet ist ungültig,« Niemals wurde über das Leben eines Menschen mit weniger Feierlichkeit und Geräusch der Stab gebrochen. Die Mutter Jansoulet, hoch oben auf ihrer Tribüne, verstand von allen diesen Vorgängen nichts, sie sah nur, daß die Bänke sich allmählich leerten, daß die Leute sich erhoben und fortgingen. Bald blieben neben ihr nur der dicke Mann und die Dame im weißen Hute, die sich über die Brüstung beugten und nach der Seite, wo Jansoulet saß, hinstarrten, der gleichfalls aufzubrechen schien, denn er packte mit gefaßter Miene dicke Aktenbündel in eine große Mappe. Nachdem er seine Papiere geordnet, erhob er sich und verließ seinen Platz. Ach! Das Leben in der Oeffentlichkeit legt oft recht grausame Prüfungen auf. Langsam und schwerfällig, inmitten der auf ihn von der ganzen Versammlung gerichteten Blicke mußte er nunmehr diese Stufen herabsteigen, die er mit Aufwendung von so vieler Mühe und so vielem Gelde erklommen hatte und von denen ihn nun ein unerbittliches Geschick hinabstürzte. Das war es, worauf die Hemerlingues warteten, die mit ihren Blicken bis zur letzten Staffel diesen herzzerreißenden und entwürdigenden Ausgang verfolgten, welcher dem Abgeordneten, dessen Wahl für ungültig erklärt worden, immerhin ein wenig von der Schmach und dem Aufsehen einer Ausstoßung anhängt. Sobald dann der Nabob verschwunden war, sahen sie sich mit einem verständnisvollen Lächeln an und verließen die Tribüne, ohne daß die alte Frau, die durch ein unbewußtes Gefühl vor der stummen Feindseligkeit dieser beiden Geschöpfe gewarnt sein mochte, gewagt hätte, sie um Aufklärung zu bitten. Allein geblieben, widmete sie alle ihre Aufmerksamkeit einer neuen Verhandlung, in die man nun eingetreten war, völlig überzeugt, daß es sich noch immer um ihren Sohn handle. Man sprach von Wahlen, von Abstimmungen, und die arme Mutter würde mit gespannter Aufmerksamkeit bis zum letzten Augenblicke dem Berichte über die Wahl des Herrn Sarigue zugehört haben, wenn der dienstthuende Saaldiener, der sie eingelassen hatte, ihr nicht mitgeteilt hätte, daß die Angelegenheit nun beendigt sei und daß sie gut daran thun würde, sich nun zu entfernen. Sie schien sehr erstaunt zu sein. »Wirklich ... ist es zu Ende? ...« sagte die alte Frau, indem sie sich, wie es schien, mit Bedauern erhob, und dann fragte sie ganz schüchtern: »Hat er ... hat er gesiegt?« Diese Frage war so naiv, so rührend, daß selbst die Saaldiener keine Neigung verspürten, darüber zu lachen. »Leider nein, Madame. Herr Jansoulet hat nicht gesiegt. Warum hat er auch, als er im besten Zuge war, innegehalten? Wenn es wahr ist, daß er niemals vorher nach Paris gekommen ist und daß ein andrer Jansoulet das gethan hat, dessen man ihn beschuldigt, warum hat er es nicht ausgesprochen?« Die alte Mutter war sehr bleich geworden und stützte sich auf das Treppengeländer. Sie hatte alles verstanden. Die plötzliche Pause Bernards, als er sie gesehen, das Opfer, das er ihr in seinem Blicke dargebracht hatte, als er sie ansah wie ein Tier, das man zur Schlachtbank führt, das alles kam ihr wieder in den Sinn. Gleichzeitig gedachte sie der Schande, die der älteste Sohn, der Liebling, über sie gebracht, und des Unglückes ihres jüngsten Sohnes, ein zweischneidiger Schmerz, der ihr Mutterherz durchbohrte, nach welcher Seite sie sich auch wendete. Ja, ja, ihretwegen hatte er nicht sprechen wollen. Aber ein solches Opfer würde sie nie annehmen. Er mußte sofort zurückkehren und den Abgeordneten die nötige Aufklärung geben. »Mein Sohn? Wo ist mein Sohn?« »Unten, in seinem Wagen. Er hat mich gerade geschickt, Sie zu holen.« Sie stürzte dem Saaldiener voraus, ging raschen Schrittes, indem sie laut sprach und auf ihrem Wege gegen kleine, schwarze und bärtige Männer anstieß, die in den Korridoren gestikulierten. Nachdem sie das Vorzimmer durchschritten, kam sie in einen großen runden Saal, wo ehrerbietig herumstehende Lakaien eine lebende, von Gold strotzende Wanddekoration bildeten. Von dort aus sah man durch die Glasthüren das Umfassungsgitter, eine Menschenmenge und unter andern Wagen auch die wartende Karosse des Nabob. Die Bäuerin erkannte beim Durchschreiten der Menge ihren korpulenten Nachbar auf der Tribüne in Gesellschaft des erdfahlen Mannes mit der Brille, der gegen ihren Sohn gedonnert hatte und nun von allen Seiten Glückwünsche und Händedrücke für seine Rede empfing. Bei dem Namen Jansoulet, der unter spöttischem und höhnischem, selbstzufriedenem Lachen ausgesprochen wurde, mäßigte sie ihre raschen Schritte, Ein hübscher, weibisch aussehender Bursche sagte: »Nun, er hat doch in keiner Beziehung nachweisen können, in welchem Punkte unsre Anschuldigungen falsch seien,« Als die Alte dies hörte, brach sie sich gewaltsam durch die Menge Bahn und sagte, indem sie sich Moëssard gegenüber hinstellte: »Was er nicht gesagt hat, das will ich Ihnen sagen. Ich bin seine Mutter und es ist meine Pflicht, zu reden.« Sie unterbrach sich, um Le Merquier, der Miene machte, sich davonzuschleichen, beim Aermel festzuhalten. »Vor allen Dingen Sie, Sie böser Mann, Sie sollen mich hören. ... Was haben Sie gegen meinen Sohn? Sie scheinen nicht zu wissen, wer er ist? Warten Sie einen Augenblick, ich werde es Ihnen sagen.« Darauf wendete sie sich wieder zu dem Journalisten: »Ich hatte zwei Söhne, mein Herr. ...« Aber Moëssard war schon fort. Sie kehrte dann wieder zu Le Merquier zurück. »Zwei Söhne, mein Herr.« Auch Le Merquier war verschwunden. »O! Hören Sie mich an, nur einer möge mich anhören, bitte,« sagte die alte Mutter, indem sie ihre Hände rang und fortwährend sprach, um Zuhörer um sich zu sammeln und zurückzuhalten. Aber alle flohen, zerstreuten sich und verschwanden, Abgeordnete, Reporter, unbekannte und spöttische Gesichter, denen sie durchaus ihre Geschichte erzählen wollte, ohne sich um die Gleichgültigkeit zu kümmern, auf die ihr Kummer und ihre Freude, ihr Stolz und ihre mütterliche Liebe stieß, der sie begeisterte Worte verlieh. Und während sie sich so abmühte, der Verzweiflung nahe, mit verschobener Haube, komisch und erhaben zugleich wie alle Naturmenschen im vollen bewegten Leben der Civilisation, und für die Ehrenhaftigkeit ihres Sohnes und die Ungerechtigkeit der Menschen selbst die Livreebedienten zu Zeugen aufrief, deren verächtliche Gleichgültigkeit sie schmerzlicher empfand als alles andre, erschien plötzlich Jansoulet, der über ihr Ausbleiben unruhig geworden war, an ihrer Seite. »Nimm meinen Arm, Mutter.... Hier ist deines Bleibens nicht.« Er sagte das sehr laut, in einem so ruhigen und bestimmten Tone, daß alles Lachen aufhörte und daß die alte Frau, der durch diese Begegnung plötzlich ihre ganze Zornesaufwallung geschwunden war, zwischen zwei in achtungsvollem Schweigen verharrenden Menschenreihen das Palais verlassen konnte. Ein herrliches Paar, bei welchem die Millionen des Sohnes die ländliche Erscheinung der Mutter verklärten, wie die Lumpen einer Heiligen, die in einem goldnen Schrein ruhen. Beide verschwanden in dem herrlichen Sonnenlichte, das draußen erglänzte, in dem Schimmer der von Gold strotzenden Karosse, eine schauerliche Ironie gegenüber dem furchtbaren Unglück, eine ergreifende Verkörperung des schrecklichen Elendes der Reichen. Beide saßen auf dem Rücksitze, denn sie fürchteten, gesehen zu werden, und sprachen anfangs nicht miteinander. Sobald sich aber der Wagen in Bewegung gesetzt hatte und hinter ihnen die traurige Schädelstätte entschwand, auf welcher der Nabob seine Ehre am Galgen zurückgelassen hatte, da lehnte er, im Gefühl seiner völligen Erschöpfung, seinen Kopf gegen die Schulter der Mutter, verbarg ihn in den Falten ihres grünen Shawls, und nun, während heiße Thränen seinen Augen entströmten und sein ganzer Körper von konvulsivischem Schluchzen erbebte, fand er den Notschrei seiner Kindheit, den Klageruf der Zeit, da er noch ganz klein war, wieder: »Mama. ... Mama. ...« Zweiundzwanzigstes Kapitel Pariser Trauerspiele Ach, kurz ist die Zeit, Die der Liebe geweiht! Ein Augenblick kaum, Nicht mehr als ein Traum ... In dem Halbdunkel eines großen Salons, der durch die Fülle von Blumen, die weißen Bezüge über den seidenen Möbeln, die verhängten Kronleuchter, niedergelassenen Gardinen und offnen Fenster schon den Sommer ankündigte, saß Madame Jenkins am Piano und spielte das neueste Opus des damaligen Modekomponisten vom Blatte, Klangvolle Accorde begleiten schöne Worte, ein melancholisches Lied, mit unregelmäßigem Tempo, das eigens für den schwermütigen Schmelz ihrer Stimme und ihren gepeinigten Seelenzustand geschrieben zu sein scheint. »Gar rasch ist entrückt. Was hoch uns beglückt,« seufzt die arme Frau, die bei dem Tone ihres Klageliedes selbst tief ergriffen ist. Und während die Töne in dem sonst so stillen Hofe verklingen, wo eine Fontäne inmitten eines Gebüsches von Rhododendren sprudelt, hält die Sängerin plötzlich inne, den angeschlagenen Accord ausklingen lassend, die Augen auf die Noten gerichtet, während der Blick weit, weit wegschweift. ... Der Doktor ist von Hause abwesend. Die Wahrnehmung seines Berufes und die Pflege seiner eignen Gesundheit hält ihn auf einige Tage von Paris fern, und wie es in der Einsamkeit zu gehen pflegt, haben die Gedanken der schönen Madame Jenkins jene trübe Färbung, diese grüblerische Richtung eingeschlagen, die bisweilen solch vorübergehende Trennungen auch für die einträchtigsten Ehen gefährlich macht. ... Freilich, einträchtig waren sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Sie sahen sich nur in den Stunden der Mahlzeiten vor den Dienstboten, sprachen kaum miteinander, wenn nicht etwa er, der Mann mit den salbungsvollen Manieren, sich zu irgend einer brutalen und unverbindlichen Bemerkung über ihren Sohn, ihr Alter, dessen Spuren sich schließlich doch bemerklich machten, oder über ein Kleid, das seinen Beifall nicht hatte, hinreißen ließ. Sie blieb stets heiter und sanft, erstickte ihre Thronen, ließ alles über sich ergehen, that, als ob sie es nicht verstünde. Nicht, als ob sie ihn trotz aller grausamen und verächtlichen Behandlung nicht dennoch liebte; aber es war eben die Geschichte, wie sie der Kutscher Joë zu erzählen pflegte, »von einer alten Schachtel, die darauf versessen war, sich zu verheiraten«. Bisher hatte ein schreckliches Hindernis, das Leben der gesetzmäßigen Gattin, ihre entehrende Lage verlängert. Nun, da dies Hindernis nicht mehr vorhanden war, wollte sie dieser Komödie ein Ende machen, teils wegen André, der eines Tages mit Recht seine Mutter verachten durfte, teils wegen der Welt, die seit zehn Jahren getäuscht wurde und mit der sie stets nur mit Herzklopfen in Berührung kam, indem sie sich mit Schaudern den Empfang vergegenwärtigte, der ihr an dem Tage nach Enthüllung der Wahrheit zu teil werden würde. Auf ihre Anspielungen, auf ihr flehentliches Bitten hatte Jenkins anfangs mit Phrasen und feierlichen Gebärden geantwortet: »Du wirst doch an meiner Ehrenhaftigkeit keinen Zweifel haben? ... Ist unsre Verbindung nicht etwa ein geheiligtes Band?« Er pflegte dann auch die Schwierigkeit hervorzuheben, einen Schritt von dieser Bedeutung geheim zu halten. Und schließlich hatte er sich in ein gehässiges Schweigen eingehüllt, das nur mit verletzenden Zornesausbrüchen und giftigen Bemerkungen abwechselte. Der Tod des Herzogs, die Niederlage, die seine wahnsinnige Eitelkeit erlitten, hatten dem häuslichen Frieden den letzten Stoß gegeben, denn das Unglück, welches so häufig dazu dient, die Herzen, die sich verstehen, einander enger zu verbinden, bringt die Uneinigkeit erst recht zum völligen Ausbruche. Und in der That war es ein wirkliches Mißgeschick, das ihn betroffen. Der Siegeslauf der Jenkins-Perlen war auf einmal gehemmt, die Stellung des fremden, marktschreierischen Arztes war durch den bewährten Dr. Bouchereau in dem Journale der Akademie nur zu deutlich gekennzeichnet, die Lebemänner sahen sich einander entsetzt an, noch blässer infolge ihres Schreckens als infolge des Genusses der Arsenikalien, und schon vermochte der Irländer sehr wohl die niederschmetternden Wirkungen dieser Wetterwendigkeit zu spüren, wodurch die Pariser Modenarrheiten so gefährlich werden. Deswegen hatte Jenkins es vermutlich für angezeigt gehalten, auf eine Zeitlang zu verschwinden, es der Dame vom Hause überlassend, die Salons, soweit sie ihnen noch offen standen, zu besuchen, um der öffentlichen Meinung den Puls zu fühlen und sie etwas in Respekt zu halten. Es war dies eine schwere Aufgabe für die arme Frau, die überall einen kühlen Empfang fand, als wollte man sie sich etwas vom Leibe halten, wie es ihr bei Hemerlingue begegnet war. Aber sie beklagte sich nicht, da sie hoffte, auf diese Weise sich die Ehe zu verdienen und zwischen sich und ihm als letztes Auskunftsmittel das schmerzliche Band des Mitleids, der gemeinsam getragenen Prüfungen zu knüpfen, Und da sie wußte, daß sie in der Gesellschaft gesucht war wegen ihres Talentes, wegen der künstlerischen Zerstreuung, die sie den intimeren Zusammenkünften verlieh, da sie stets bereit war, ihre langen Handschuhe und ihren Fächer abzulegen, um irgend einem Bruchstücke ihres reichhaltigen Repertoires zu präludieren, so musizierte sie fortwährend und benutzte die Nachmittage, die neuen Musikstücke durchzuspielen, indem sie sich mit Vorliebe mit den ernsten und schwierigen Stücken, mit dieser modernen Musik beschäftigte, die sich nicht mehr daran genügen läßt, eine Kunst zu sein, sondern die eine Wissenschaft geworden ist, die viel mehr unsrer nervösen Erregung, unsrer Unruhe entspricht, als unserm Gefühle zusagt. Ein Augenblick kaum. Nicht mehr als ein Traum, Gar bald ist entrückt, Was hoch uns beglückt. Ein greller Lichtstrahl drang plötzlich in das Zimmer und gleichzeitig trat die Kammerjungfer ein, die ihrer Herrin eine Karte überbrachte: Heurteux, Kommissionär. Der Herr sei unten und bestehe darauf, Madame zu sprechen. »Haben Sie ihm nicht mitgeteilt, daß der Herr Doktor verreist ist?« Es war ihm gesagt worden, aber er verlangte Madame zu sprechen. »Mich?« Von Besorgnis ergriffen, betrachtete Madame Jenkins die grobe, zerknitterte Karte mit dem gänzlich unbekannten Namen Heurteux. Was mag das für eine Bewandtnis haben? »Gut, ich lasse bitten.« Der Kommissionär Heurteux, der aus dem hellen Lichte in das Halbdunkel des Salons eintrat, blinzelte mit den Augen und suchte sich zu orientieren. Madame Jenkins dagegen erkannte sehr deutlich die aus hartem Holze geschnitzte Gestalt mit dem ergrauenden Backenbarte, dem vorspringenden Kinne, eins dieser Raubtiere, die man in der Nähe der Gerichtshöfe herumlungern sieht, die erst mit fünfzig Jahren zur Welt gekommen zu sein scheinen und stets einen herben und gierigen Gesichtsausdruck zur Schau und eine Ledermappe unter dem Arme herumtragen. Er setzte sich auf die Kante eines Stuhles, welchen Madame Jenkins ihm angewiesen hatte, sah sich um, um sich zu überzeugen, daß die Kammerjungfer hinausgegangen sei, und öffnete dann bedächtig seine Mappe, als ob er ein Papier darin suche. Als er keine Miene machte, das Wort zu nehmen, sagte Madame Jenkins in etwas ungeduldigem Tone: »Mein Herr, ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß mein Mann abwesend ist und daß ich über seine geschäftlichen Angelegenheiten durchaus nicht unterrichtet bin.« Der Kommissionär antwortete, ohne eine Miene zu verziehen und fortwährend in seinen Papieren kramend: »Es ist mir um so mehr bekannt, Madame, daß Herr Jenkins« – er legte auf die Worte ›Herr Jenkins‹ einen besondern Nachdruck – »nicht zu Hause ist, da ich in seinem Auftrage hierherkomme.« Sie sah ihn entsetzt an: »In seinem Auftrag?« »Ja, allerdings, Madame. ... Die Verhältnisse des Doktors – Sie werden dies ohne Zweifel wissen – sind im Augenblicke etwas prekär. Unglückliche Fondsspekulationen an der Börse, der Zusammenbruch eines großen finanziellen Unternehmens, bei welchem er sich mit seinem Gelde beteiligt hatte, die bethlehemitische Stiftung, die für ihn allein eine zu drückende Last ist, alle diese Widerwärtigkeiten auf einmal haben ihn gezwungen, einen heroischen Entschluß zu fassen. Er verkauft sein Haus, seine Pferde, alles, was er besitzt, und hat mir zu diesem Behufe Vollmacht erteilt. ...« Endlich hatte der Kommissionär gefunden, was er suchte, es war eins jener gestempelten Aktenstücke, die meist von Klauseln und Vorbehalten wimmeln, hinter welchen mit Hilfe des starren Gesetzesbuchstaben so oft Nichtsnutzigkeit und Lügen ihre Zuflucht finden. Madame Jenkins war im Begriffe zu sagen: »Aber ich war ja da, ich würde alle seine Wünsche und Anordnungen auf das genaueste erfüllt haben« ... als sie plötzlich an dem kecken Benehmen ihres Besuchers, an seinem sicheren, fast frechen Auftreten merkte, daß sie selbst auch in diesem Krach, in diesem Verkaufe des kostspieligen Hauses, dieser unnützen Reichtümer einbegriffen sei und daß ihr Aufbruch das Signal zum Verkaufe sein würde.« Sie erhob sich plötzlich. Der Kommissionär dagegen blieb sitzen und fuhr fort: »Was mir noch zu sagen erübrigt, Madame« – ach! sie mußte es nur zu gut, sie hätte es ihm diktieren können – »ist so peinlich, so heikel, ... Herr Jenkins verläßt Paris auf lange Zeit, und da er Anstand nimmt, Sie den Zufällen und Abenteuern der neuen Laufbahn, die er einschlägt, auszusetzen, Sie auch nicht von einem Sohne, den Sie lieben, trennen möchte, und in dessen Interesse es auch vielleicht besser sein würde ...« Madame Jenkins hörte und sah nichts mehr, und während der Kommissionär seine weitschweifigen Phrasen herleierte, glaubte sie, der Verzweiflung, fast dem Wahnsinne preisgegeben, die sie hartnäckig in diesem furchtbaren Zusammenbruche verfolgende Melodie zu vernehmen, wie in den Augen eines Ertrunkenen das letzte Bild zurückbleibt: »Da kehrte plötzlich ihr ganzer Stolz wieder.« Ach, bald ist entrückt, Was hoch uns beglückt ... »Kommen wir zu Ende, mein Herr. Alle Ihre Umschweife und Phrasen sind nur eine Beleidigung mehr. Der langen Rede kurzer Sinn ist, man jagt mich fort, setzt mich auf die Straße wie eine Magd.« »Aber Madame, Madame. ... Die Verhältnisse sind grausam genug, lassen Sie uns sie nicht noch durch Worte verbittern. Bei dem notgedrungenen Wechsel der Laufbahn seines Lebens trennt sich Herr Jenkins von Ihnen, aber er thut dies, den Tod im Herzen, und die Vorschläge, die ich Ihnen zu übermitteln beauftragt bin, mögen die Gefühle, die er für Sie hegt, bekunden.... Zunächst, was Mobiliar und Toilettengegenstände betrifft, so bin ich beauftragt, Ihnen ganz anheimzugeben....« »Genug! ...« sagte Madame Jenkins. Sie stürzte nach der Glocke: »Ich gehe aus. ... Geschwind meinen Hut, meinen Mantel, einerlei welchen. ... Ich habe es sehr eilig.« Und während man ihr brachte, was sie verlangte, sagte sie: »Alles, was hier ist, gehört Herrn Jenkins. Er möge frei darüber verfügen. Ich will nichts von ihm haben ... bemühen Sie sich nicht ... es ist zwecklos.« Der Kommissionär drang nicht weiter in sie. Da er seinen Auftrag erfüllt hatte, so ging ihn das übrige nichts an. Ruhig und als ob nichts geschehen wäre, setzte sie ihren Hut vor dem Spiegel sorglich auf, während die Kammerjungfer den Schleier befestigte und an den Schultern die Falten des Mantels ordnete. Dann blickte sie einen Augenblick um sich, ob sie auch nichts Kostbares vergessen hätte. ... Nein, nichts, denn die Briefe ihres Sohnes, von denen sie sich nie trennte, hatte sie in der Tasche. »Befehlen Madame nicht, daß angespannt wird?« »Nein.« Und sie ging fort. Es war etwa fünf Uhr. Gerade in diesem Augenblicke schritt Bernard Jansoulet mit seiner Mutter am Arme durch das Gitterthor des Parlamentsgebäudes; aber, so herzzerreißend auch das Trauerspiel war, das sich eben dort abgespielt hatte, dasjenige, das so plötzlich, so unvorhergesehen, ohne die mindeste Feierlichkeit, so zwischen den vier Wänden sich ereignet hatte und wie in Paris dergleichen täglich vorkommen, war doch noch ergreifender. Das Wetter war herrlich. Die breiten und schnurgeraden Straßen der vornehmen Quartiere erglänzten in dem Lichte der sich zum Untergang neigenden Sonne, die Fenster waren meistens geöffnet, auf den Balkons standen Blumen und in der Richtung nach den Boulevards sah man grüne Rasenflächen, die wohltätig gegen die harten Umrisse der Steine abstachen. Nach dieser Richtung hin eilte Madame Jenkins, ohne in ihrer schmerzlichen Bestürzung sich ihres Zieles recht bewußt zu sein. Welch furchtbarer Sturz! Vor fünf Minuten noch reich und im Besitze aller Vorteile eines Lebens in der großen Gesellschaft und nun – nichts! Nicht einmal ein schützendes Dach für die Nacht, selbst nicht einmal einen Namen. Nur die Straße blieb ihr. Wohin sollte sie gehen? Was sollte aus ihr werden? Anfangs hatte sie an ihren Sohn gedacht. Aber ihm ihren Fehltritt einzugestehen, vor ihrem Sohne, der sie verehrte, zu erröten, in seiner Gegenwart zu weinen, indem sie sich gleichzeitig dadurch des Anspruches auf Tröstung beraubte, das ging über ihre Kräfte. ... Nein, für sie gab es nur noch den Tod. ... Lieber sterben, durch ihr völliges Verschwinden der Schande entfliehen, dieses letzte Auskunftsmittel in verzweifelter Lage. ... Aber wo sterben? ... Und wie? ... Es gibt so viele Arten, freiwillig aus der Welt zu gehen! ... Und im Gehen erwog sie sie alle der Reihe nach. Rings um sie her strömte alles von Leben über; was Paris im Winter fehlt, das ist diese Entfaltung seines Luxus auf offner Straße, diese Eleganz, die zu dieser Tageszeit und in dieser Saison rings um die Madeleine und den Blumenmarkt zu Tage tritt und zwar nur innerhalb der kurzen Frist der Rosenblüte. Auf dem breiten Trottoir, wo die Toiletten so recht zur Geltung kommen, empfand man annähernd das Vergnügen, wie bei den Begegnungen im Salon, die Spaziergänger kannten sich meistens untereinander, lächelten sich zu und wünschten einander mit halblauter Stimme »Guten Tag«. Und nun mäßigte auch Madame Jenkins, der es plötzlich zum Bewußtsein kam, daß sie mit verstörtem Gesichte blindlings und ganz in Gedanken dahineilte, ihren Schritt, spazierte langsam weiter und hielt von Zeit zu Zeit vor einem Schaufenster still. Diese buntfarbigen, duftigen Stoffe erinnerten sämtlich an Reisen, an den Aufenthalt auf dem Lande; hier leichte Schleppen, die sich für den feinen Sand der Parks eigneten, dort Damenhüte mit Gazeschleiern zum Schutze gegen die Sonne am Seestrande, Fächer, Sonnenschirme und Gürteltäschchen. Ihre starren Augen hefteten sich auf diesen Flitterstaat, ohne ihn gleichwohl zu sehen; aber in dem undeutlichen, blassen Spiegelbilde der Scheiben erblickte sie sich selbst, wie sie auf einem Bette in einem Hotel garni unbeweglich ausgestreckt lag, von einem narkotischen Mittel in bleiernen Schlaf versenkt, oder dort unten, außerhalb der Stadt, den Schlamm unter einem Kahne aufwühlend. Welches von beiden war wünschenswerter? Sie zauderte, überlegte, verglich; dann, nachdem sie ihren Entschluß gefaßt hatte, ging sie rasch, mit der entschlossenen Bewegung einer Dame, die sich den verführerischen Lockungen der Ladenauslagen mit Bedauern entzieht, davon. Da grüßte sie aus der Ferne der Marquis von Monpavon, der munter tänzelnd, eine Blume im Knopfloch, daherkam, mit jenem verbindlichen Hutabziehen, das der Eitelkeit der Damen so schmeichelt, diesem Gruß vom äußersten Schick, bei welchem die Kopfbedeckung hoch über dem erhobenen Haupte gehalten wird. Sie dankte ihm mit dem niedlichen Gruße der Pariserin, der in einem kaum merklichen Beugen der Taille und in einem Lächeln der Augen besteht; und niemand, der diesen Austausch von Höflichkeiten der seinen Welt inmitten dieser festlichen Frühjahrsstimmung gesehen hätte, würde es für möglich gehalten haben, daß derselbe unheilvolle Gedanke diese beiden Spaziergänger beschäftigte, die sich zufällig auf derselben Straße trafen, die sie nach entgegengesetzter Richtung verfolgten, trotzdem sie demselben Ziele zuschritten. Die Prophezeiung des Kammerdieners des Herzogs von Mora in Beziehung auf den Marquis war eingetroffen: »Wir können sterben, unsre einflußreiche Stellung verlieren, dann wird man Rechenschaft von Ihnen verlangen und das wird schrecklich sein.« Ja, in der That, es war schrecklich. Mit großer Mühe hatte der Generaleinnehmer eine letzte Frist von vierzehn Tagen erhalten, um den Fiskus schadlos zu halten, indem er sein letztes Auskunftsmittel darin erblickte, daß, wenn die Wahl Jansoulets für gültig erklärt und er wieder in den Besitz seiner Millionen gesetzt worden, dieser ihm nochmals zu Hilfe kommen werde. Die Entscheidung der Kammer hatte ihm auch diese letzte Hoffnung geraubt. Sobald der Marquis diese Entscheidung erfahren hatte, kehrte er sehr gefaßt nach dem Klub zurück, ging dann in sein Zimmer, woselbst ihn Francis in großer Unruhe erwartete, um ihm ein wichtiges Aktenstück einzuhändigen, das im Laufe des Tages angekommen war. Es enthielt eine Vorladung für den Herrn Louis Marie Agénor von Monpavon, am folgenden Tage in dem Geschäftszimmer des Untersuchungsrichters zu erscheinen. Ob wohl diese Vorladung den Verwaltungsrat der Territorialbank oder den früheren Generaleinnehmer mit seinem Kassendefekt betraf? Jedenfalls deutete die schroffe Form der gerichtlichen Vorladung anstatt einer höflichen Einladung genugsam den Ernst der Sache und einen festen Entschluß der Behörde an. Gegenüber einer solchen seit geraumer Zeit erwarteten und vorausgesehenen Maßregel hatte der alte Geck im voraus eine Entscheidung getroffen. Ein Monpavon vor dem Zuchtpolizeigericht, ein Monpavon im Gefängnis von Mazas! ... Nimmermehr. ... Er brachte seine Sachen in Ordnung, zerriß Papiere, leerte sorgfältig seine Taschen, in welche er nur einige Fläschchen gleiten ließ, die er vorher von seinem Toilettentische fortgenommen hatte, alles mit solcher Ruhe und Natürlichkeit, daß, als er im Fortgehen zu Francis sagte: »Gehe baden ... diese Teufelskammer ... infernalischer Staub ...« dieser ihm aufs Wort glaubte. Uebrigens sprach der Marquis auch gar nicht die Unwahrheit. Der lange und aufregende Aufenthalt in dem Staube der Tribüne hatte ihm ebenso zugesetzt wie zwei Nächte im Eisenbahnwagen, und sein Entschluß zu sterben, verknüpfte sich mit dem Wunsche, ein erquickendes Bad zu nehmen, und so gedachte der alte Sybarit, in einer Badewanne einzuschlafen, wie Dingsda, pst ... pst ... pst ... und andre berühmte Persönlichkeiten des Altertums. Man muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß keiner dieser Stoiker dem Tode mit mehr Kaltblütigkeit entgegengegangen ist als er. Sein Knopfloch außer mit der Ordensrosette mit einer weißen Kamelie geschmückt, welche ihm die hübsche Bouquetverkäuferin des Klubs im Vorbeigehen gegeben hatte, ging der Marquis leichten Fußes den Boulevard des Capucines hinauf, als der Anblick von Madame Jenkins einen Augenblick seine Heiterkeit trübte. Er fand das Aussehen dieser Dame so jugendlich, ihre Augen so feurig und sie selbst überhaupt so pikant, daß er einen Augenblick stillstand, um sie zu betrachten. Schlank und schön mit ihrem langen schwarzen Gazekleide, in ihrer enganschließenden Spitzenmantille, über welche das Bouquet an ihrem Hute eine Guirlande von herbstlich gefärbten Blättern fallen ließ, entfernte sich Madame Jenkins und verschwand unter andern nicht minder eleganten Damen in einer duftigen Atmosphäre; und der Gedanke, daß seine Augen sich für immer diesem herrlichen Anblick, an welchem er als Kenner so rechten Gefallen fand, schließen würden, trübte die Heiterkeit des ehemaligen Elegants etwas und veranlaßte ihn, seinen Schritt zu mäßigen. Aber gleich darauf gab ihm eine andre Begegnung seinen ganzen Mut zurück. Ein schäbiges, scheues, durch die Tageshelle geblendetes Geschöpf ging quer über den Boulevard; es war dies der alte Marestang, ehemaliger Senator und Minister, der durch ein Schwindelunternehmen so schwer kompromittiert morden war, daß er trotz seines Alters, der von ihm geleisteten Dienste und des durch einen solchen Prozeß bewirkten Skandals zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt und von der Liste des Ordens der Ehrenlegion, zu deren Großwürdenträgern er gehört hatte, gestrichen worden war. Dieses skandalöse Ereignis hatte bereits vor geraumer Zeit stattgefunden und der arme Teufel, dem ein Teil seiner Strafzeit auf dem Gnadenwege erlassen worden, kam gerade völlig ratlos aus dem Gefängnis, ohne zu wissen, wohin er sich wenden sollte, da er gar nichts behalten hatte, um seine unglückliche Lage wenigstens äußerlich besser zu gestalten. Am Rande des Trottoirs stehend, wartete er gesenkten Hauptes, bis die Fahrstraße, die augenblicklich mit Wagen überfüllt war, ihm den Uebergang gestatten würde, welch unfreiwilliger Aufenthalt an einer der lebhaftesten Straßen, inmitten der Spaziergänger und dieser Masse von offnen Wagen, in denen ihm bekannte Personen saßen, ihn sehr zu genieren schien. Als Monpavon an ihm vorbeiging, bemerkte er seinen schüchternen, unruhigen Blick, der einen Gruß zu erflehen und doch zu vermeiden schien. Bei dem Gedanken, daß er eines Tages sich ebenso zu demütigen haben werde, fuhr er empört zusammen. »Aber nein! ... Ist das denn denkbar?« ... Und sich hoch aufrichtend, seine Hemdbrust dehnend, setzte er seinen Weg mit neu befestigtem Entschlusse fort. Herr von Monpavon geht in den Tod. Er schreitet diesem Ziele entgegen durch die lange Reihe der Boulevards, die nach der Madeleine zu wie im Feuer stehen, dieser Boulevards, auf deren elastischem Asphalt er nun zum letztenmal mit stolzem Haupte und mit den Händen auf dem Rücken einherschlendert. Er hat Zeit genug, nichts drängt ihn, er kann das Rendezvous selbst bestimmen. Jeden Augenblick lächelt er, sendet mit den Spitzen seiner Finger einen gnädigen Gruß oder zieht den Hut in der beschriebenen hoch eleganten Weise. Alles entzückt ihn, selbst das Geräusch der Sprengwagen, das Aufziehen der Markisen vor den Kaffeehäusern, die sich bis in die Mitte des Trottoirs ausgebreitet haben. Der nahe Tod verleiht ihm das zarte Empfinden eines Genesenden, macht ihn empfänglich für alle Feinheiten, für die heimliche Poesie eines schönen Sommertages im Strudel des Pariser Lebens, eines schönen Sommertages, der für ihn der letzte ist und den er bis in die Nacht ausdehnen möchte. Darum wohl geht er an dem luxuriösen Badeetablissement, wo er sonst regelmäßig sein Bad zu nehmen pflegt, vorbei, auch bei den chinesischen Bädern hält er nicht still. Er ist hier zu bekannt. Ganz Paris würde noch am selbigen Abend sein Schicksal kennen. Das würde in den Klubs, in den Salons einen widerwärtigen Skandal erregen, es würden häßliche Gerüchte über seinen Tod in Umlauf gesetzt werden; und der alte Lüstling, der Mann des guten Tones, möchte doch vor allen Dingen sich diese Schande ersparen und sich lieber ins Leere stürzen, in der Namenlosigkeit eines Selbstmörders untergehen, ähnlich den Soldaten, die man an dem Tage nach der Schlacht, wenn sie weder gefallen, noch verwundet sind, noch leben, einfach als Vermißte bezeichnet. Das ist auch der Grund, weshalb er sorglich darauf Bedacht genommen hat, nichts bei sich zu behalten, was zu seiner Rekognoszierung führen, was den polizeilichen Nachforschungen als Anhalt dienen könnte, deshalb hat er auch in diesem ungeheuren Paris den äußersten und entlegensten Umkreis aufgesucht, wo ihn das schreckliche, aber vor Nachforschungen sicherstellende Massengrab erwartet. Seit Monpavon unterwegs ist, hat sich das Aussehen der Boulevards bereits geändert. Die Menschenmenge ist dichter geworden, sie macht einen lebhafteren und geschäftigeren Eindruck, die Häuser sind minder groß und mit Firmenschildern bedeckt. Hinter der Porte St. Martin und der Porte St. Denis, zwischen denen das Gewimmel der Vorstädte noch so recht sich geltend macht, nimmt die Stadt mehr und mehr einen provinziellen Charakter an. Der alte Geck kennt hier niemand mehr und kann sich rühmen, von niemand gekannt zu sein. Die Ladeninhaber, welche ihn neugierig betrachten, mit seiner blendenden Wäsche, seinem modernen Rock, seiner geschniegelten Taille, halten ihn für irgend einen berühmten Schauspieler, der vor Beginn der Vorstellung eine kleine Gesundheitspromenade auf den alten Boulevards macht, welche die Zeugen seiner ersten Triumphe gewesen sind. ... Der Wind frischt auf, die Abenddämmerung hüllt die Ferne in unbestimmtes Dunkel, und während auf dem langen bereits zurückgelegten Wege Lichter erglänzen, verfinstert sich die Straße von jetzt an mehr und mehr. Aehnlich ist es mit der Vergangenheit, deren Glanz dem entgegenstrahlt, der mit Wehmut darauf zurückblickt.... Monpavon ist zu Mute, als ob er in die dunkle Nacht hinausträte, ihn fröstelt ein wenig, aber er wird nicht schwach, er geht mit erhobenem Haupte und stramm gespannter Hemdbrust weiter. Herr von Monpavon geht in den Tod. Jetzt dringt er in dies Wirrsal von geräuschvollen Straßen ein, wo der Lärm der Omnibusse in dem Getöse der unzähligen Handwerkerverrichtungen des Arbeiterviertels untergeht, wo der Rauch aus den Fabrikschloten sich mit der Fieberhitze einer ganzen Bevölkerung vermengt, die gegen den Hunger kämpft. Die Luft erzittert, die Rinnsteine verbreiten eine üble Ausdünstung, die Häuser erbeben bei dem Vorbeifahren der Lastwagen, schwere Karren stoßen gegen die Prellsteine der engen Straßen. Plötzlich steht der Marquis still, er hat gefunden, was er suchte. Zwischen der schmutzigen Verkaufsstelle eines Kohlenhändlers und der Werkstatt eines Mobilienverpackers, in welcher die gegen die Wand gelehnten tannenen Bretter ihm einen Schauer einjagen, befindet sich ein Hofthor, über welchem auf einer ein blasses Licht ausstrahlenden Laterne das Wort »Bäder« geschrieben steht. Der Marquis tritt ein, überschreitet einen kleinen verwitterten Garten, in welchem aus einer Art Grotte Wasser hervorsickert. Das ist so recht der Ungklückswinkel, den er gesucht hatte. Wer würde je glauben wollen, daß der Marquis von Monpavon hierher gekommen sei, um sich den Hals abzuschneiden? Das Haus steht am Ende des Gartens, ein niedriger Bau mit grünen Jalousieen und einer Glasthür, mit dem trügerischen Anstriche einer Villa, den alle derartigen Häuser haben. ... Er verlangt ein Bad, durchschreitet den engen Korridor, und während man das Bad zubereitet und er das Geräusch des zuströmenden Wassers hinter sich vernimmt, raucht er seine Cigarre am Fenster, betrachtet die kümmerlichen Syringen im Garten und die hohe Mauer, die denselben rings umgibt. Zur Seite befindet sich ein großer Hof, der Hof einer Pompierskaserne, mit Turngeräten, deren Gerüste und Masten, die nur undeutlich über die Mauer ragen, wie Galgen aussehen. Ein Trompetensignal ertönt im Hofe, und dieses Signal führt den Marquis in Gedanken dreißig Jahre zurück, ruft ihm seine Kriegszüge in Algier, die hohen Wälle von Konstantine, den Eintritt Moras ins Regiment, die Zweikämpfe und die verschwiegenen Rendezvous ins Gedächtnis zurück, ... Ach, wie hatte sein Leben doch so herrlich begonnen. Wie schade, daß diese verdammten Karten... . Pst ... pst ... pst.... Aber, schließlich ist es doch auch schön, bis zuletzt den Anstand bewahrt zu haben. ... »Mein Herr,« sagte der eintretende Aufwärter, »Ihr Bad ist bereit.« – – – In diesem Augenblicke trat Madame Jenkins bleich und atemlos in das Atelier ihres Sohnes, wohin sie ein Instinkt, der stärker war als ihr Wille, getrieben hatte, das Bedürfnis, ihren Sohn ans Herz zu drücken, ehe sie in den Tod ging. Nachdem sie mit dem ihr von ihrem Sohne gegebenen zweiten Schlüssel die Thür geöffnet hatte, empfand sie nichtsdestoweniger einen Trost darin, daß er noch nicht nach Hause zurückgekehrt war, daß sie Zeit hatte, ihre Aufregung zu bemeistern, die ohnehin durch den weiten, einer reichen, bequemen Dame ungewohnten Weg erhöht worden war. Es war niemand im Zimmer. Aber auf dem Tische lag ein kleiner Zettel, den er stets beim Fortgehen hinterließ, damit seine Mutter, deren Besuche infolge der Tyrannei Jenkins' stets kürzer und seltener wurden, wisse, wo er sei, ob sie ihn erwarten oder aufsuchen könne. Diese beiden Wesen hatten nie aufgehört, sich zärtlich und innig zu lieben, trotz der grausamen Schicksale, durch die sie sich genötigt gesehen hatten, das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn mit den Vorsichtsmaßregeln und der Heimlichkeit einer andern Liebe zu bemänteln. »Ich bin auf der Probe meines Stückes,« besagte heute der kleine Zettel, »und werde gegen sieben Uhr nach Hause zurückkehren.« Diese Aufmerksamkeit ihres Sohnes, den sie seit drei Wochen nicht aufgesucht hatte und der nichtsdestoweniger sie unermüdlich erwartete, rührte die Mutter so sehr zu Thränen, daß sie ihre Fassung völlig verlor. Es war ihr, als ob sie in eine andre Welt eingetreten sei. Es war so hell, so ruhig in dem kleinen Zimmer, dessen Fenster noch von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet wurden; es erschien, wie alle Mansarden, wie aus dem Himmel ausgeschnitten, mit seinen kahlen Wänden, deren einzigen Schmuck nur das große Bild der Mutter an dem Ehrenplatze bildete, während den Tisch gleichfalls dasselbe Bild in vergoldetem Rahmen schmückte. Ja, in der That, diese kleine, unscheinbare Räumlichkeit, die noch lange hell blieb, wenn schon ganz Paris in Dunkel gehüllt war, machte trotz der Dürftigkeit der wenigen darin befindlichen Möbel, die noch dazu über zwei Zimmer verteilt waren, trotz der ordinären Kattunüberzüge und trotz des ärmlichen Kammes mit den beiden großen Hyazinthenbouquets, wie sie in den Straßen auf Karren feilgeboten werden, auf Madame Jenkins einen überwältigenden Eindruck. Was hätte sie an der Seite ihres Sohnes André für ein arbeitsames und würdiges Leben führen können! Und in einem Augenblicke, mit der Geschwindigkeit eines Traumes installierte sie ihr Bett in der einen, ihr Pianino in der andern Ecke, sah sich im Geiste Musikunterricht erteilen und für die Häuslichkeit sorgen, zu der sie zu ihrem Teile an Wohlbehäbigkeit und unverdrossener Heiterkeit beisteuerte. Wie war es nur möglich, daß sie diese ihre Pflicht, den Stolz ihres Witwentums so hatte verkennen können? Welche Blindheit, welche unwürdige Schwäche hatte sie geleitet? ... Allerdings, dieser Fehltritt war groß, aber man mußte doch auch ihr leicht bestimmbares und hingebendes Naturell, die Gewandtheit und Schurkerei ihres Mitschuldigen mildernd in Betracht ziehen, der allezeit die Heirat im Munde geführt und sie geflissentlich darüber in Unkenntnis gelassen hatte, daß er selbst nicht mehr frei sei, und der, als er endlich die Wahrheit einzugestehen gezwungen gewesen war, ein solches Bild seines freudenlosen Lebens, seiner Verzweiflung, seiner Liebe entworfen hatte, daß das arme Geschöpf, das in den Augen der Welt sich ohnehin so völlig gebunden hatte und sich zu einem jener heroischen Entschlüsse nicht aufzuraffen vermochte, die allein aus einer falschen Lage zu befreien vermögen, schließlich nachgegeben und diese zweideutige Existenz, die so glänzend und so erbärmlich zugleich war und so völlig auf einem Lügengewebe beruhte, das nun schon zehn Jahre dauerte, auf sich genommen hatte. Zehn Jahre der berauschendsten Erfolge und der unsäglichsten Beängstigungen, zehn Jahre, in denen sie jedesmal, so oft sie sang, zwischen zwei Strophen die Besorgnis hegte, ihr Geheimnis verraten zu sehen, zehn Jahre, in denen das geringste Wort über unregelmäßige Ehen sie wie eine Anspielung kränkte, in denen der Ausdruck ihres Gesichtes sich bis zu der Miene sanfter Unterwürfigkeit verflüchtigt hatte, wie sie eine Schuldige zur Schau trägt, die um Gnade fleht. Hierzu kam noch, daß die Gewißheit, eines Tages verlassen zu werden, ihr selbst diese trügerischen Freuden vergällt und ihr den Luxus zuwider gemacht hatten. Und wie viele Angst, welche in der Stille getragenen Leiden, wie viele unablässige Kränkungen hatte sie bis zu dieser letzten, der schrecklichsten von allen, zu erdulden gehabt! Während sie in der Frische der Abendluft und in der friedlichen Stille des verlassenen Hauses ihr trauriges Leben Revue passieren läßt, ertönt herzliches Lachen und die laute Fröhlichkeit glücklicher Jugend aus dem unteren Stockwerke herauf; sie erinnert sich der vertraulichen Mitteilungen ihres Sohnes André, seines letzten Briefes, in welchem er ihr die große Neuigkeit mitteilt, sie bemüht sich, unter diesen hellen, ihr fremden Stimmen diejenige ihrer Tochter Elise, der Braut ihres Sohnes, die sie nicht kennt und die sie nie kennen lernen soll, zu erraten. Dieser Gedanke erhöht noch das Unglück ihrer letzten Augenblicke und überhäuft sie mit so vielen Gewissensbissen und Selbstvorwürfen, daß sie trotz ihres ernstlichen Willens, standhaft zu bleiben, weint und fortwährend weint. Die Nacht bricht allmählich ein. Dunkle Schatten legen sich auf die Fenster. Die Dächer drängen sich in Haufen zusammen, wie die Soldaten zum Angriffe. Dumpf verkünden die Kirchtürme einander die Zeit, während die Schwalben um ein verborgenes Nest herumflattern und der Wind die Abfälle auf dem benachbarten Holzlager aufwühlt. Heute abend weht der Wind mit einem klagenden Tone, er weht von der Flußseite, als ob er die unglückliche Frau daran erinnern wolle, daß sie dorthin ihre Schritte zu lenken habe. ... Ach, es fröstelt sie schon im voraus unter ihrer Spitzenmantille. ... Warum ist sie auch hierher gekommen, um von neuem Geschmack an einem Leben zu finden, das für sie unmöglich ist nach dem Geständnis, das sie abzulegen genötigt ist? ... Rasche Schritte lassen sich auf der Treppe hören – es ist André, Er singt, er ist vergnügt und vor allem, er ist sehr eilig, denn man erwartet ihn bei Joyeuse zu Tische. Rasch, ein wenig Licht, damit der Verliebte sich schön machen kann. Aber, schon während er die Streichhölzer anreibt, merkt er, daß jemand im Atelier ist, ein beweglicher Schatten unter den unbeweglichen, »Wer ist da?« Es antwortet ihm etwas, wie ein ersticktes Lachen oder ein Seufzer. Er glaubt, daß es seine kleinen Nachbarinnen sind, er vermutet einen lustigen Streich der »Kinder«. Er tritt näher. Zwei Hände, zwei Arme drücken ihn an sich, umfassen ihn, »Ich bin es ...« Und mit fieberhafter Stimme, mit überstürzender Hast, durch die sie Festigkeit zu gewinnen sucht, erzählt sie ihm, daß sie im Begriff stehe, eine lange Reise zu unternehmen, und daß sie, bevor sie reise ... »Eine Reise. ... Und wohin gehst du denn?« »Ach, ich weiß es nicht. ... Wir gehen weit, weit von hier, Geschäfte halber, die er in seiner Heimat hat.« »Wie? Du wirst zur Aufführung meines Stückes nicht hier sein? ... Und diese findet doch schon in drei Tagen statt. ... Und dann gleich nachher unsre Hochzeit. ... Wahrhaftig, er kann dich doch nicht hindern, meiner Hochzeit beizuwohnen!« Sie entschuldigt sich, erfindet Vorwände, aber ihre in Fieberhitze brennenden Hände, die in denen ihres Sohnes ruhen, ihre, so gänzlich veränderte Stimme lassen André ahnen, daß seine Mutter nicht die Wahrheit spricht. Er will Licht anzünden, sie hindert ihn daran. »Nein, nein, es ist nicht nötig. Es ist besser so. ... Uebrigens habe ich noch so viele Reisevorbereitungen zu treffen, daß ich jetzt gehen muß.« Beide sind aufgestanden, bereit, voneinander Abschied zu nehmen, aber André will sie nicht ziehen lassen, ehe sie ihm nicht gestanden hat, was sie bedrückt, welche traurige Sorge dieses schöne Gesicht in Falten gelegt hat, dessen Augen – oder ist es nur eine Wirkung der Abenddämmerung? – in einem unheimlichen Glänze leuchten. »Nein, nichts ... nichts; ich versichere dich.... Nur der Gedanke, nicht an deinem Glücke, an deinen Triumphen teilnehmen zu können. ... Uebrigens weißt du ja, wie ich dich liebe, du zweifelst doch nicht an deiner Mutter, nicht wahr? Bei mir ist nie ein Tag vergangen, ohne daß ich nicht deiner gedacht hätte. ... Möge es bei dir ebenso sein, bewahre mir deine Liebe. ... Und nun, küsse mich, damit ich mich rasch entferne. ... Ich habe schon zu lange gezögert.« Noch eine Minute, und sie würde nicht mehr die Kraft gehabt haben, das zu vollenden, was ihr noch zu thun erübrigte, Sie stürzte fort. »Nein, nein, du sollst nicht fortgehen. ... Ich fühle, daß in deinem Leben etwas Außerordentliches vorgeht, das du mir verschweigst. ... Ich bin überzeugt, du hast einen großen Kummer. Dieser Mensch wird dir irgend eine Schändlichkeit angethan haben. ...« »Nein, nein, ... Laß mich gehen ... laß mich gehen. ...« Aber André hielt sie im Gegenteil zurück und zwar sehr energisch. »Nun wohlan, sage mir, was gibt es? Sprich doch! ...« Und dann sagte er ganz leise und in zutraulichem Tone, indem er sich zu ihr herabbeugte: »Nicht wahr, er hat dich verlassen?« Die Unglückliche erbebt und wehrt ab. »Frage mich nicht ... ich will nichts sagen ... lebe wohl. ...« Er aber sagte, indem er sie an sein Herz preßte: »Was könntest du mir sagen, was ich nicht ohnehin schon weiß, arme Mutter? ... Du hast also nicht verstanden, warum ich vor sechs Monaten davongegangen bin. ...« »Du weißt also? ...« »Alles. ... Und was dir heute begegnet ist, ich habe es seit langer Zeit bereits geahnt und herbeigesehnt. ...« »Ach, ich Unglückliche, ich Unglückliche, warum bin ich gekommen!« »Weil hier dein Platz ist, weil du mir zehn Jahre einer Mutter schuldig bist. ... Du siehst also wohl ein, daß ich dich bei mir behalten muß.« Er sagte dies, indem er vor einem Diwan niederkniete, auf welchen sie, von Thränen überwältigt, und mit einem letzten schmerzlichen Aufschrei ihres verwundeten Stolzes hingesunken war. So weinte sie lange Zeit, ihren Sohn zu ihren Füßen. Aber die Familie Joyeuse, die darüber beunruhigt ist, daß André nicht in ihrer Mitte erscheint, kommt scharenweise, um ihn zu holen. Es ist ein förmlicher kleiner Ueberfall von unschuldigen Gesichtern, in strahlender Fröhlichkeit, wallenden Locken und bescheidenen Kleidern, und über der ganzen Gruppe erglänzt die alte gute Lampe mit ihrem großen Lichtschirme, die Herr Joyeuse feierlich und steif, wie ein Kandelaber, emporhält. Alle stehen vor dieser bleichen und traurigen Dame erstaunt still, die sie gerührt mit ihrer lächelnden Anmut anschaut und namentlich Elise ins Auge faßt, die ein wenig hinter den andern steht und deren etwas beschämte Haltung bei diesem indiskreten Besuche sie als die Braut kennzeichnet. »Elise, umarme unsre Mutter und sprich ihr unsern Dank aus. Sie will fernerhin bei ihren Kindern wohnen.« Und nun wird sie von allen diesen liebevollen Armen umschlungen und an diese vier kleinen weiblichen Herzen gepreßt, denen so lange schon die Stütze der Mutter fehlt, und somit ist sie unerwartet in den traulichen, von der Familienlampe beschienenen Kreis eingeführt, der etwas erweitert ist, damit sie ihren Platz dort einnehmen, ihre Augen trocknen und ihr Gemüt an dieser kräftigen Flamme stärken und erwärmen kann, die in diesem kleinen Künstleratelier über den Dächern, mit ruhigem Scheine brennt, in diesem Zimmer, in welchem noch soeben unheilvolle Stürme rasten, die nunmehr der Vergessenheit anheimfallen. Derjenige, der dort unten in seiner blutigen Badewanne röchelt, er hat sie nie gekannt, diese heilige Flamme. Egoistisch und hartherzig hat er bis an sein Ende gelebt, seine Hemdbrust über einen Schwulst von Eitelkeit aufblähend. Und doch war diese Eitelkeit noch das beste an ihm, denn sie war es, die ihn bis zuletzt aufrecht erhalten hat, die ihm noch im Todesröcheln die Zähne zusammengepreßt. In dem verwitterten Gärtchen tröpfelt das Wasser traurig in sein Becken. Der Trompeter der Pompiers bläst das Lichterlöschsignal. »Sieh doch nach auf Nr. 7,« sagt die Herrin vom Hause, »der wird ja gar nicht fertig mit seinem Bade.« Der Aufwärter geht hin und stößt einen Schrei des furchtbarsten Entsetzens aus! »Ach Madame, er ist tot, ... aber das ist ja gar nicht derselbe. ...« Man eilte hinzu, und in der That niemand vermag den feinen Mann, der eben erst eingetreten war, in dieser entstellten Leiche wiederzuerkennen, deren Kopf über den Rand der Badewanne hängt, während die Schminke mit Blut vermischt herabläuft und die Glieder welk und schlaff hingestreckt sind, als ob die bis zu Ende gespielte Rolle sie erschöpft und den Komödianten getötet hätte. Zwei Schnitte mit dem Rasiermesser, und alle diese trügerische Herrlichkeit hat sich in dies namenlose Schreckensbild aufgelöst, in die formlose und ekle Masse, in welcher der Marquis Louis Marie Agénor de Monvavon, der Mann der Eleganz, bis zur Unkenntlichkeit entstellt daliegt. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Tagebuch eines Büreaudieners. – Letzte Blätter. Hastig und mit zitternder Feder schreibe ich hier die schrecklichen Begebenheiten nieder, deren Spielball ich seit einigen Tagen gewesen bin. Diesmal ist es um die Territorialbank und um alle meine ehrgeizigen Träume geschehen. ... Wechselproteste, Arreste, Haussuchungen seitens der Polizei, alle unsre Geschäftsbücher in den Händen des Untersuchungsrichters, der Gouverneur auf der Flucht, unser Verwaltungsratsmitglied Bois-Landry in Mazas, unser Verwaltungsratsmitglied Monpavon verschwunden. Meine Gedanken verwirren sich inmitten dieser Katastrophen. ... Immer muß ich mir sagen: Wäre ich der weisen Stimme der Vernunft gefolgt, dann würde ich schon seit einem halben Jahre mit der Pflege meines kleinen Weingartens beschäftigt sein; keine Sorge würde meine Ruhe gestört haben, mein Auge hätte sich geweidet an den unter der schönen burgundischen Sonne im Goldglanze schwellenden Trauben, meine Hand hätte nach einem sanften Regen die kleinen grauen, als Frikassee so herrlich schmeckenden Schnecken von den Reben abgelesen. Meine Ersparnisse würden mir die Mittel verschafft haben, auf der am Ende des Gartens liegenden Höhe – die mir so lebhaft vor Augen steht – ein Landhaus aus Backsteinen mit schöner Aussicht, gleich dem des Herrn Chalmette, zu bauen, wo der Schlag der Wachteln aus den angrenzenden Weinbergen mich bei meiner Nachmittagsruhe entzückt hätte. Aber es sollte nicht sein! Täuschende Bilder verwirrten ohne Unterlaß meinen Geist. Die Sucht, reich zu werden, trieb mich zur Spekulation, in die Bankunternehmung und ließ mich mein Schicksal an den Triumphwagen des Helden des Tages knüpfen. Da bin ich denn wieder angekommen bei den trübsten Seiten meiner Lebensgeschichte; ich bin Büreaudiener eines zusammenstürzenden Geschäftes, gezwungen, einer Schar von Gläubigern, von vor Wut rasenden Aktionären Rede zu stehen, die meine grauen Haare mit schnödestem Schimpf bedecken und mich für den Sturz des Nabob und die Flucht des Gouverneurs verantwortlich machen möchten. Als ob nicht auch ich durch den Verlust der vier im Geschäft nutzlos verbrachten Jahre und meiner dem verruchten Paganetti von Portoveccchio auf Treu' und Glauben vorgeschossenen siebentausend Franken auf das schwerste betroffen wäre! Aber es stand im Buche der Vorsehung geschrieben, daß ich den Becher der Erniedrigungen und Kränkungen bis auf die Neige leeren sollte. Haben sie mich nicht dem Untersuchungsrichter vorgeführt, mich, Passajou, den vormaligen Universitätspedellen mit seinem akademischen Verdienstbande für dreißig Jahre treuen Dienstes? Ach! Als ich die große, breite Treppe des Justizpalastes hinanstieg und kein Geländer fand, an das ich mich hätte halten können, schwindelte es mir im Kopfe, und meine Beine versagten ihren Dienst. Dort hatte ich Muße zum Nachdenken, als ich die Säle durchschritt, in welchen es von Advokaten und Richtern wimmelte und hinter deren großen grünen Thüren man das imponierende Geräusch der Verhandlungen vernimmt, und dort oben vor den Bureaus der Untersuchungsrichter, wo ich stundenlang auf einer Bank saß, das aus dem Gefängnis verschleppte Ungeziefer mir an den Beinen aufsteigen fühlte und Banditen, Gauner, auch Mädchen in St. Lazarusmützen mit Polizeisoldaten plaudern und lachen hörte, und wo der Schall der Kolbenstöße in den Gängen, sowie das dumpfe Rollen der Zellenwagen in mein Ohr drang. Damals lernte ich die Gefahr der Paganettischen combinazione verstehen, und daß mit dem Gerichte nicht zu spaßen sei. Nun gereichte es mir zwar zur Beruhigung, daß ich niemals an den Beratschlagungen der Territorialbank teilgenommen und folglich mit dem Schacher und den Schwindeleien nichts zu schaffen hatte, dennoch – wer erklärt mir dies! – fühlte ich mich im Verhörzimmer vor dem Richter in seinem Samtbarett, der mich über den Tisch hinüber musterte, in einem Grade erschüttert und außer Fassung, daß ich mich trotz meiner Unschuld in der That versucht fühlte, ein Bekenntnis abzulegen. Was ich bekennen wollte, weiß ich zwar noch jetzt nicht. Aber das ist die Folge davon, wenn man mit der Justiz in Berührung kommt. Man denke nur, dieser Teufelskerl fixierte mich fünf Minuten lang unaufhörlich und blätterte dabei, ohne zu sprechen, in einer mit dicken Buchstaben überladenen Schrift, die mir bekannt vorkam, fuhr dann plötzlich auf und sagte mit einer Stimme, in welcher sich Strenge mit Spott mischte: »Nun, Herr Passajou ... ist es schon lange her, daß mir das »Abladerstückchen« ausgeübt haben?« Die Erinnerung an dieses kleine Vergehen, woran ich mich in den Tagen der Not beteiligt hatte, war mir bereits entschwunden, so daß ich anfangs nicht verstand, was er sagen wollte; aber einige Worte des Richters gaben mir den Beweis, wie sehr er in der Geschichte unsrer Bank bewandert war; dieser schreckliche Mann wußte alles bis auf die kleinsten Details, bis auf die geheimsten Dinge. Wer in aller Welt hatte ihn nur so gut informieren können? Dabei sprach er kurz und trocken, und als ich mir erlaubte, zur Aufklärung des Thatbestandes einige scharfsinnige Bemerkungen zu machen, nahm er eine hochmütige Miene an und stieß die Worte heraus: »Behalten Sie Ihr Geschwätz für sich«, eine Aeußerung, durch welche ich mich im Hinblick auf mein Alter und meinen Ruf eines Schönredners um so mehr verletzt fühlen mußte, als wir nicht allein in seinem Kabinett waren. Neben mir saß nämlich ein Gerichtsschreiber, welcher meine Aussage niederschrieb, und hinter mir vernahm ich ein Geräusch, das vom Umblättern dickleibiger Aktenstücke herzurühren schien. Der Richter fragte mich in jeder Hinsicht über den Nabob aus und forschte namentlich nach der Zeit, in welcher dieser seine Einschüsse gemacht, und nach der Art unsrer Buchführung: dann wandte er sich plötzlich an jemand, den ich nicht sehen konnte, mit den Worten: »Herr Sachverständiger, legen Sie das Kassabuch vor.« Ein kleiner Mann in weißer Krawatte brachte das große Buch und legte es auf den Tisch. Es war kein andrer als Herr Joyeuse, der ehemalige Kassierer bei Hemerlingue und Sohn – aber ich hatte kaum Zeit, ihn zu begrüßen, »Wer hat das gethan?« fragte mich der Richter, indem er das erwähnte Hauptbuch öffnete und auf eine Stelle hindeutete, wo ein Blatt ausgerissen war. »Sprechen Sie nicht die Unwahrheit. Nun?« Ich log nicht, denn ich wußte von nichts, da ich mich niemals um die Buchführung bekümmert hatte. Doch glaubte ich erwähnen zu müssen, daß der Sekretär des Nabob, Herr von Géry, oft des Abends in unsre Bureaus gekommen sei und sich stundenlang ganz allein mit den Büchern eingeschlossen habe. Hierüber ereiferte sich der kleine Papa Joyeuse und sagte mit gerötetem Gesicht: »Herr Untersuchungsrichter, man spricht Ihnen da ungewaschenes Zeug vor. Herr von Géry ist gerade der junge Mann, über den ich schon mit Ihnen gesprochen habe. Derselbe kam als einfacher Revisor in die Territorialbank und nahm sich des armen Jansoulet mit einem solchen Interesse an, daß man unmöglich ihm die Beseitigung der für die Einzahlungen des Nabob erteilten Quittungen, die Beweise seines blinden Vertrauens und seiner unantastbaren Ehrenhaftigkeit, zur Last legen kann. ... Uebrigens ist Herr von Géry, welcher lange in Tunis zurückgehalten wurde, jetzt auf der Rückreise begriffen und wird binnen kurzem jede erforderliche Aufklärung geben können.« Ich merkte, daß mein Eifer mir zu schaden begann. »Nehmen Sie sich in acht, Passajou,« sagte der Richter in strengem Tone, »Sie stehen bis jetzt nur als Zeuge hier, sollten Sie aber versuchen, das Gericht irrezuführen, so könnte es Ihnen leicht passieren, als Angeklagter figurieren zu müssen. ...« (Man sah es dem Ungeheuer an, daß es nach Erfüllung dieser Drohung Verlangen trug! ...) »Ueberlegen Sie also wohl – wer hat dies Blatt vernichtet?« Nun fiel mir gerade zur rechten Zeit ein, daß unser Gouverneur einige Tage vor seiner Abreise von Paris die Geschäftsbücher durch mich hatte in seine Wohnung bringen lassen, wo sie bis zum andern Tage geblieben waren. Der Gerichtsschreiber nahm diese meine Aussage zu Protokoll, und hierauf entließ mich der Richter mit einer Handbewegung und mit dem Bemerken, ich habe mich für künftige Vernehmungen bereit zu halten. Als ich schon die Thür erreicht, rief er mir noch zu: »Hier, Herr Passajou, nehmen Sie dies mit; ich brauche es nicht mehr.« Mit diesen Worten überreichte er mir die Schriftstücke, welche er während des Verhörs eingesehen hatte. – Man denke sich meine Verwirrung, als ich auf dem Umschlage das Wort »Tagebuch« in meiner eignen schönsten Frakturschrift erblickte. Ich selbst hatte der Justiz Waffen, wertvolle Nachrichten geliefert und war durch den plötzlichen Eintritt unsrer Katastrophe gehindert worden, dieselben der Razzia zu entziehen, welche die Polizei in unsern Bureaus abgehalten hatte. Zu Hause angekommen, war mein erster Gedanke, diese verräterischen Papiere in Stücke zu reißen; dann überlegte ich aber und fand, nachdem ich mich vergewissert hatte, daß in diesem Tagebuche durchaus nichts Kompromittierendes für mich enthalten sei, es möge richtiger sein, anstatt dasselbe zu zerstören, eine Fortsetzung hinzuzufügen, in der sicheren Erwartung, daß ich, sei es heute oder morgen, Nutzen davon ziehen würde. Ich dachte nämlich so: Es gibt in Paris viele Romanschreiber, welche nichts Neues erfinden können und sich folglich an die Wiedergabe wirklich vorgekommener Geschichten halten müssen, solche Schriftsteller werden sicher mit Vergnügen ein kleines Heft Enthüllungen kaufen. Und dies soll zugleich das Mittel sein, um mich an dieser Bande der höheren Gaunerei, deren Mitglied ich zu meiner Schande und zu meinem Unglück habe sein müssen, zu rächen. Ueberhaupt bedarf ich der Beschäftigung in meinen Mußestunden. Seitdem die Justiz ihren Fuß in unser Bureau gesetzt hat, liegt dasselbe vollständig verödet da; es gibt dort nichts mehr zu thun, als höchstens Vorladungen in allen Farben aufzustapeln. Ich habe mich wieder an die Schreibereien der Unterköchin, Mamsell Seraphine, gemacht, die mir dafür kleine Speisevorräte zusteckt, welche ich in der wieder zu einem Speiseschranke degradierten Kasse aufbewahre. Auch die Frau des Gouverneurs ist mir sehr gewogen und füllt mir die Taschen bei jedem Besuche, den ich ihr in der großen Wohnung an der Chaussee d'Antin abstatte. Dort hat sich übrigens nichts geändert. Derselbe Luxus, derselbe Komfort; hinzugekommen ist nur ein kleines drei Monate altes Baby, das siebente Kind, mit einer hübschen Amme, deren normannische Haube die Spaziergänger des Bois de Boulogne in Verwunderung setzt. Es scheint fast, daß Leute, welche gewohnt sind, auf der Bahn des Glückes dahinzufliegen, sich nur allmählich zu einem langsamen Tempo bequemen und schwer in Stillstand zu bringen sind. Der Bandit Paganetti hatte übrigens das Unglück kommen sehen und sein Vermögen auf den Namen seiner Gattin überschreiben lassen. Damit wird es wohl zusammenhängen, daß seine Gattin in ihrem italienischen Kauderwelsch ihm unerschütterliche Bewunderung zollt. Er freilich flieht und versteckt sich, sie aber bleibt dabei, daß ihr Gemahl ein kleiner St. Johannes von Unschuld, ein Opfer seines guten Herzens und seiner Leichtgläubigkeit sei. Man muß sie nur einmal reden hören: »Sie, Herr Passajou, Sie kennen ihn, Sie kennen sein zartes Gewissen. ... Was mich betrifft, so wahr ein Gott lebt, wenn mein Mann, wie man ihm vorwirft, sich hätte Schurkereien zu schulden kommen lassen, ich selbst – Sie verstehen mich – mit eigner Hand würde ich ihm die Pistole in die Hand gedrückt und gerufen haben: Da, Tschecco, blase dir das Lebenslicht aus!« Daß diese kleine Korsin handeln könnte, wie sie spricht, das merkt man wahrlich an der Art, wie sie ihr Stumpfnäschen in die Höhe zieht, und an dem Blick ihrer Pechkugeln vergleichbaren schwarzen und runden Augen. Dieser verdammte Gouverneur muß teufelmäßig geschickt sein, daß er selbst seine Frau an der Nase herumführt und in seinem eignen Hause die Komödie fortspielt, wo doch die besten Spieler die Maske fallen lassen! ... Alle diese Leute lassen sich's indessen gut schmecken, Bois-Landry, der im Gefängnis sitzt, läßt sich das Essen aus dem Café Anglais kommen, nur Onkel Passajou muß mit den Brosamen fürlieb nehmen, die von der Herren Tische fallen. Aber was hilft das Klagen, es gibt noch mehr Unglückliche; da ist ja der Musje Francis, den ich heute morgen mager, blaß, in schandbarer Wäsche zur Territorialbank gehen und nach alter Gewohnheit an seinen zerknitterten Manschetten zupfen sah. Ich war gerade damit beschäftigt, mir eine nette Schnitte Speck am Kamin des Verwaltungsratszimmers zu rösten, und hatte mein Couvert auf eine Ecke des Tisches mit eingelegter Arbeit gelegt, wobei ich mich eines Zeitungsbogens als Tischtuch bediente. Ich lud den genannten Kammerdiener Monpavons ein, an meiner frugalen Mahlzeit teilzunehmen; aber weil man bei einem Marquis gedient hat, bildet sich das ein, auch zum Adel zu gehören, und er dankte mir mit einer Würde, die lächerlich erschien, wenn man seine hohlen Backen ansah. Er brachte das Gespräch auf seinen Herrn, über den er noch immer ohne Nachricht sei, erzählte auch, daß man ihn aus dem Klubhause in der Rue Royale fortgeschickt habe und daß dort alle Briefschaften versiegelt worden, sowie daß ein Haufen von Gläubigern wie ein Heuschreckenschwarm über den spärlichen Nachlaß seines Herrn hergefallen sei. »So kommt's, daß ich mich ein wenig in der Klemme befinde,« bemerkte Herr Francis schließlich. Richtig übersetzt bedeutete dieser Nachsatz, daß er keinen Heller mehr in der Tasche habe, daß er sein Nachtquartier schon zwei Tage lang auf den Bänken des Boulevard aufgeschlagen und dabei, fortwährend von den Stadtsergeanten gestört und zum Aufstehen genötigt, den Trunkenbold hatte spielen müssen, um ein andres Unterkommen zu erlangen. Etwas zu essen zu bekommen war ihm, wie ich glaube, schon längst nicht mehr gelungen, denn er schaute auf das Essen mit so gierigen Augen, daß es einem ordentlich wehthat, und als es mir endlich gelang, ihm ein Stück gebratenen Speckes nebst einem Glase Wein aufzunötigen, fiel er wie ein Wolf darüber her. Alsbald stieg ihm der Wein zu Kopfe, und nun begann er, ohne sich beim Schlingen stören zu lassen, zu schwatzen. ... »Ihr müßt wissen, Papa Passajou,« sagte er zwischen zwei Bissen, »ich weiß, wo er ist ... ich habe ihn gesehen ...« Er blinzelte verschmitzt mit den Augen, während ich ihn ganz erstaunt ansah. »Wer ist es denn, den Sie gesehen haben, Herr Francis?« »Den Marquis, meinen Herrn. ... Da unten in dem weißen Häuschen hinter Notre-Dame.« (Er brachte das Wort »Morgue« nicht über seine Lippen, weil es gar zu garstig klingt.) »Ich war ganz sicher, daß ich ihn dort finden würde,« fuhr er fort, »und ich ging am nächsten Tage sofort hin. Er war da; aber ich versichere Sie, vorzüglich unkenntlich gemacht. Man mußte schon sein Kammerdiener sein, um ihn zu erkennen. Ganz graue Haare, keine Zähne, seine Runzeln ungeschminkt, kurz seine fünfundsechzig Jahre, mit denen er sich sonst so gut abzufinden gewußt hatte. Da lag er auf der Marmorplatte, über welche aus dem darüber angebrachten Hahne Wasser herabrieselte; ich glaubte ihn vor seinem Toilettentische zu sehen.« »Und Sie sagten nichts?« »Nein. Ich kannte ja seit langer Zeit seine Ansichten in dieser Beziehung, ich ließ ihn nach seinem Gefallen still fortgehen, sich französisch empfehlen. Einerlei! Aber ein Stückchen Brot hätte er mir doch noch vorher geben können, nachdem ich ihm zwanzig Jahre gedient habe.« Bei diesen Worten schlug er plötzlich mit der Faust auf den Tisch und sagte mit wütender Gebärde: »Wenn ich mir vorstelle, daß es nur an mir gelegen hätte, an Louis' Stelle bei Mora anstatt bei Monpavon in Dienst zu treten. ... Ist das doch ein Glückspilz, dieser Louis! Hat beim Tode seines Herzogs mit Tausenden um sich werfen können! ... Und der Nachlaß erst; Hemden zu Hunderten, ein Schlafrock von Fuchspelz, mehr als zwanzigtausend Franken wert. ... Dann auch dieser Noël, dieser Knecht Ruprecht, hat sich der seinen Beutel zu füllen gewußt! Der griff schnell zu, meiner Seel', denn er wußte, daß es bald ein Ende nehmen würde. Jetzt gibt es auf dem Vendomeplatze nichts mehr zu grapsen, die alte Mutter macht den Gendarmen, und dirigiert alles. St. Romans wird verkauft, die schönen Bilder gleichfalls, das halbe Haus wird vermietet. Ein kompletter Krach!« Ich gestehe gern, daß ich meiner Schadenfreude freien Lauf ließ. Hat doch der erbärmliche Jansoulet all unser Unglück verschuldet. Ein Mann, der immer mit seinem Reichtume groß that. Das Publikum ließ sich dadurch ködern wie ein Fisch, der Schuppen in einer Reuse glänzen sieht. ... Er hat Millionen verloren, das gebe ich zu, aber durfte er sich deshalb anstellen, als ob er noch ebenso viele übrig habe? ... Den Bois-Landry haben sie festgenommen; aber eigentlich hätte man ihn einsperren sollen. So würde es auch gekommen sein, wenn wir einen andern Sachverständigen gehabt hätten. ... Ueberhaupt braucht man, wie ich zu Francis sagte, diesen Parvenü von Jansoulet nur anzusehen, um zu wissen, mit wem man es zu thun hat. Was für ein hochmütiges Banditengesicht!« »Und wie gemein!« fügte der alte Kammerdiener hinzu. »Nicht die geringste Moral.« »Keine Spur von Haltung! ... Nun, jetzt geht er denn übers Meer, Jenkins hinterher und mit ihnen viele andre,« »Wie, der Doktor auch? Ach! Das ist doch schlimm! ... Ein so gewandter und liebenswürdiger Mann!« »Ja, gewiß, der muß auch fort, samt seinen Pferden, Wagen und seinem ganzen Mobiliar.... Der Hof des Hauses hängt voll von Anzeigen und drinnen schallt es an den leeren Wänden, als ob der Tod dort seinen Einzug gehalten hätte. ... Das Schloß von Nanterre ist schon zum Verkauf ausgeboten. Ein halb Dutzend der Bethlehemkinder-, welche dort noch übrig geblieben waren, hat man in eine Droschke gepackt. ... Das nenne ich einen Krach, Papa Passajou – ich sage Ihnen, einen Krach, dessen Ende wir beiden Alten wohl kaum erleben werden; aber es wird gründlich aufgeräumt werden. Alles ist faul und alles muß hin sein!« Ganz unheimlich war es mir, den alten mageren, lahmen, mit Schmutz bedeckten Burschen aus zahnlosem Munde und vollem Halse seine Jeremiade: »Das ist ein Krach!« schreien zu hören. Als ich so vor ihm stand, bemächtigte sich meiner Furcht und Scham und ein großes Verlangen, mich seiner zu entledigen; in meinem Inneren rief es fort und fort: »Ach! ... Mein Weingütchen von Montbars...« Gleiches Datum. – Große Neuigkeit. Madame Paganetti brachte mir heute nachmittag mit geheimnisvoller Miene einen Brief des Gouverneurs. Er ist in London und im Begriff, dort ein großartiges Geschäft zu eröffnen. Prächtige Büreaus in dem schönsten Stadtviertel. Er bietet mir an, wieder bei ihm einzutreten »und schätzt sich glücklich, so den Schaden, der mich betroffen habe, wieder gut zu machen«. Ich bekomme das Doppelte meines Gehaltes bei der Territorialbank, freie Wohnung, freie Feuerung, fünf Aktien im neuen Geschäft und vollständigen Ersatz meines früheren Verlustes. Ich bedarf nur noch eines kleinen Vorschusses zu meinem Reisegelde und zur Bezahlung einiger vorlauter Gläubiger. Hurra! Mein Glück ist gemacht. Noch heute schreibe ich an den Notar von Montbars, er solle eine Hypothek auf meinen Weinberg für mich aufnehmen. Vierundzwanzigstes Kapitel. In Bordighera. Paul von Géry kehrte, wie Herr Joyeuse vor dem Untersuchungsrichter angegeben, nach dreiwöchentlicher Abwesenheit von Tunis zurück. Es waren drei endlose Wochen, in welchen er sich hatte abmühen müssen inmitten von Intriguen und Komplotten, welche der mächtige Haß der Hemerlingues listigerweise angezettelt hatte, in welchen er von Thür zu Thür, von einem Ministerium zum andern hatte irren müssen, durch die weite Residenz des Bardo, die in derselben wilden mit Feldschlangen gespickten Umfassungsmauer alle Ressorts des Staatsdienstes einschloß, so daß sie wie die Ställe und der Harem unter der persönlichen Aufsicht des Herrn standen. Gleich bei seiner Ankunft daselbst hatte Paul erfahren, daß der Gerichtshof im Begriffe stand, den Prozeß gegen Jansoulet heimlich einzuleiten, einen lächerlichen im voraus verlorenen Scheinprozeß; und die Schließung der Comptoirs des Nabob am Marine-Quai, die Versiegelung seiner Geldschränke, die Beschlagnahme seiner Schiffe und eine um seine Paläste gestellte Wache von Polizeisoldaten kündigten schon eine Art von bürgerlichem Tode an, eine förmliche Beerbung, zu welcher nur noch die Teilung der Beute fehlte. Es war nicht ein einziger Verteidiger, nicht ein Freund unter der gierigen Meute; selbst die fränkische Kolonie schien an dem Sturze eines Höflings, welcher so lange alle zur Gunst führenden Wege für sich in Anspruch genommen und dadurch andern den Zugang versperrt hatte, eine gewisse Genugthuung zu empfinden. Es war nicht daran zu denken, dem Bey, die Beute zu entreißen, es sei denn durch einen glänzenden Triumph vor der Deputiertenkammer. Nur einige Trümmer konnte Géry noch zu retten hoffen, und auch die nur durch rasches Handeln, denn er mußte gewärtig sein, heute oder morgen die vollständige Niederlage seines Freundes zu erfahren. Er ging daher schnell ans Werk und beschleunigte seine Maßregeln mit einer Rührigkeit, in welcher er sich durch nichts beirren ließ, weder durch die orientalische Schönthuerei, jene raffinierte und süßliche Höflichkeit, worunter sich Roheit und Sittenlosigkeit verstecken, noch durch das scheinheilige gleichmütige Lächeln, noch auch durch jene Verbeugungen mit gekreuzten Armen, womit der göttliche Fatalismus angerufen wird, wenn die menschliche Lüge versagt. Seine Kaltblütigkeit kam diesem gleichsam abgekühlten Südfranzosen, in welchem sich die Ueberschwenglichkeit seiner Landsleute sozusagen verdichtet hatte, dabei nicht minder zu statten, als seine vollständige Kenntnis der französischen Gesetze, von welchen der tunesische Codex nur ein entstellter Abklatsch ist. Durch große Gewandtheit und Umsicht brachte er es, ungeachtet der Intriguen des im Bardo sehr einflußreichen Hemerlingue Sohn dahin, daß das von dem Nabob einige Monate vorher dargeliehene Geld von der Konfiskation ausgeschlossen und daß von fünfzehn Millionen zehn der mohammedanischen Raubgier entrissen wurden. Gerade am Morgen des Tages, an welchem ihm diese Summe ausbezahlt werden sollte, empfing er eine Depesche von Paris mit der Nachricht der Ungültigkeitserklärung. Er eilte sogleich in den Palast, um dort vor dieser Nachricht anzulangen, begegnete – seine zehn Millionen in Wechseln auf Marseille wohlverwahrt in der Brieftasche – auf dem Rückwege von der Residenz dem Wagen des Hemerlingue Sohn mit seinen dahinjagenden drei Maultieren. Das magere Eulengesicht strahlte. Géry sah ein, daß, wenn er nur noch einige Stunden länger in Tunis verweilte, seine Wechsel Gefahr liefen, konfisziert zu werden; er belegte darum rasch einen Platz auf dem italienischen Postboote, welches andern Tages nach Genua abgehen sollte, blieb die Nacht an Bord und gewann erst seine Ruhe wieder, als er das weiße am gleichnamigen Meerbusen stufenweise aufsteigende Tunis und die Felsen des Kaps von Karthago hinter sich verschwinden sah. Bei der Einfahrt in den Hafen von Genua fuhr der Dampfer an einer großen Jacht vorbei, auf welcher die tunesische Flagge zwischen kleinen Wimpeln wehte. Géry erschrak heftig, hielt sich einen Augenblick lang für verfolgt und fürchtete, beim Landen wie ein gemeiner Beutelschneider mit der italienischen Polizei in Konflikt zu kommen. Aber nein, die Jacht schwang ruhig am Anker, während die Matrosen damit beschäftigt waren, die Brücke zu reinigen und die rote Galione am Bug neu zu bemalen, als ob man den Besuch einer hohen Person erwartete. Paul war nicht neugierig, in Erfahrung zu bringen, wer diese Person sei, durcheilte vielmehr die Marmorstadt und trat die Rückreise auf der Eisenbahn an, welche der Küste folgend von Genua nach Marseille führt, ein wunderbar schöner Weg, bei welchem das Dunkel der Tunnels mit dem Anblicke des blendenden blauen Meeres abwechselt, der aber auch vermöge seiner Enge leicht Gelegenheit zu Unfällen bietet. Als der Zug in Savona hielt, teilte man den Reisenden mit, daß sie nicht weiter reisen könnten, da eine jener kleinen Brücken, welche über die in das Meer sich ergießenden Gebirgsströme gebaut sind, wahrend der Nacht eingestürzt sei. Man mußte auf den Ingenieur und die Arbeiter, welche telegraphisch herbeordert waren, warten und vielleicht einen halben Tag verweilen. Es war früh morgens. Die italienische Stadt war beim Erwachen in jene verschleierte Morgenröte eingehüllt, welche dort eine große Tageshitze verkündet. Wahrend die Reisenden sich zerstreuten und teils in den Hotels ein Unterkommen suchten, teils sich in den Kaffeehäusern niederließen, andre auch in der Stadt umherschweiften, sann Géry, verstimmt über den Aufenthalt, auf ein Mittel, diese zehn Stunden nicht zu verlieren. Er dachte an den armen Jansoulet, dem das Geld, das er mitbrachte, vielleicht Ehre und Leben retten würde, an seine teure Aline, deren Andenken ihn während seiner Reise nicht einen einzigen Tag verlassen hatte, so wenig wie das Porträt, welches sie ihm gegeben. So kam er auf die Idee, eins jener vierspännigen »Calesinos« zu mieten, welche von Genua nach Nizza längs der Riviera fahren, eine herrliche Tour, deren Genuß sich Fremde, Hochzeitsreisende und solche, welche in Monaco mit Glück gespielt haben, häufig gestatten. Der Kutscher garantierte für zeitige Ankunft in Nizza; aber sollte er auch nur wenig früher anlangen, als wenn er den Abgang des Zuges erwartete, die Ungeduld des Reisenden empfand immerhin den Trost, nicht auf dem Platze umhertrippeln zu müssen und das Bewußtsein zu haben, daß sich mit jeder Drehung der Räder der Raum verkleinere, der ihn von dem Gegenstande seiner Sehnsucht trennte. Ach, es ist eine unvergleichliche Wonne, an einem schönen Junimorgen im Alter unsres Freundes Paul, das Herz voll Liebe, wie das seinige war, mit einem Viergespanne auf der weißen Straße der Riviera dahinzufliegen. Zur Linken, unter einem hundert Fuß tiefen Abgrunde, das Meer, das von seinen runden Buchten bis hinaus in die duftige Ferne, wo das Blau des Meeres und des Himmels verschwimmen, mit Wellenschäfchen bedeckt ist, und auf demselben gleich entfalteten Schwingen rote oder weiße Segel, die feinen Umrisse von Dampfschiffen, die wie zum Lebewohl ein Rauchwölkchen zurücksenden, dann auf den Strandflächen, die bei den Biegungen des Weges sichtbar werden, Fischer, anscheinend nicht größer als Felsamseln in ihrer einem Neste gleichenden Barke. Nun senkt sich die Straße und geht an einem Abhänge beständig neben Felsen und fast senkrecht aufsteigenden Vorgebirgen dahin. Dort dringt der frische Wind aus den Wogen ein und saust in die tausend Schellen des Gespannes, wogegen zur Rechten auf der Gebirgsseite Fichten aufragen und grüne Eichen mit ihren wunderlich geformten Wurzeln, die aus dem dürren Boden hervordringen, sowie Oelbäume, die terrassenförmig sich hinaufziehen bis an eine breite weiße kieselsteinige Schlucht mit grünem Rande, ein ausgetrocknetes Strombett, das jetzt schwerbeladene Maultiere, den Huf fest zwischen das Steingeschiebe gestemmt, erklimmen, und wo sich eine Wäscherin über eine mikroskopische Pfütze beugt, ein paar übriggebliebene Tropfen der großen Winterüberschmemmung. Von Zeit zu Zeit fährt man durch die Straße eines Dorfes oder vielmehr eines durch den Sonnenbrand gerösteten Städtchens von ehrwürdigem Alter, mit eng gepreßten und durch düstere Arkaden verbundenen Häusern, durch ein Gewirr von abschüssigen Gassen, in welchen man stellenweise ganze Haufen mit Strahlenkränzen geschmückte Kinder, Körbe mit glänzenden Früchten oder eine Frau erblickt, die mit dem Kruge auf dem Kopfe oder dem Spinnrocken im Arme das holperige Pflaster niedersteigt. Dann wieder an einer Straßenecke – das bläuliche Flimmern der Wogen und die unendliche Ferne. ... Aber mit dem vorschreitenden Tage sandte die am Himmel aufsteigende Sonne über das Meer, aus dessen Nebel sie hervorgegangen, Taufende von Strahlen, die wie Pfeile ins Wasser fielen und einen blendenden Reflex erzeugten, der durch den hellen Glanz der Felsen und des Bodens, sowie durch einen wahrhaft afrikanischen Sirokko, welcher den Straßenstaub in dichten Massen aufwirbelte, verdoppelt wurde. Man gelangte zu den heißesten, am meisten geschützt liegenden Teilen der Riviera ... in eine wahrhaft exotische Temperatur, die auf freiem Felde Dattelbäume, Kaktus und großblätterige Aloen treibt. Als Géry die hoch aufgeschossenen Stengel dieser phantastischen Vegetation in die weißglühende Luft ragen sah und den die Augen blendenden Staub wie Schnee unter den Rädern knarren horte, glaubte er, die Augen halb geschlossen und geblendet durch diesen bleischweren Mittag, noch einmal jene ermüdende Tour von Tunis zum Bardo zu machen, welche er so oft inmitten dieses eigentümlichen Durcheinanders von levantinischen Karossen mit glänzenden Livreen, von langhälsigen »Meahris« mit hängenden Lippen, von mit Decken behangenen Maultieren, von kleinen Eseln, Arabern in Lumpen, halbnackten Negern und Beamten in großer Uniform mit ihrem Ehrengeleite, zurückgelegt hatte. Sollte er denn dort unten, wo der Weg sich neben den Palmengärten hinzieht, den wunderlichen Kolossalbau des Palastes des Bey, mit seinen dicht vergitterten Fenstern, feinen Marmorportalen und feinen in lebhaften Farben schillernden, zierlich behauenen Holzbalken wiederfinden? ... Es war jedoch nicht der Bardo, sondern das freundliche Bordighera, welches, wie alle am Litorale liegenden Ortschaften, in zwei Teile geteilt ist, nämlich in die sich am Strande ausbreitende »Marine« und in die obere Stadt, beide durch einen Wald von unbeweglichen Palmen mit langem, dünnem Stamme und breiten Kronen verbunden, grünen Raketen vergleichbar, die den blauen Himmel mit ihren tausend regelmäßigen Wedeln durchschneiden. Hier in Bordighera wurde der Reisende durch die unerträgliche Hitze und gänzliche Erschöpfung der Pferde zu kurzem Verweilen in einem der an der Straße liegenden großen Hotels genötigt, welche diesem Städtchen mit der wunderbar geschützten Lage vom Monat November an den kosmopolitischen Charakter einer mit allem Luxus ausgestatteten Winterstation der vornehmen Welt verleihen. In gegenwärtiger Jahreszeit gab es indessen an der »Marine« von Bordighera nur Fischer, und auch diese ließen sich jetzt nicht sehen. Die Villen und Gasthäuser mit ihren geschlossenen Fensterläden und Jalousieen erschienen wie ausgestorben. Im Hotel führte man ihn durch lange, kühle und stille Korridore in einen großen nach Norden gelegenen Saal, welcher zu einer jener Familienwohnungen zu gehören schien, wie sie während der Saison im ganzen vermietet werden, und der durch leichte Thüren mit andern Zimmern in Verbindung stand. Es fehlten weder die weißen Vorhänge, noch der Teppich, dieses Stückchen Komfort, das die Engländer selbst auf der Reise nicht entbehren können, und trat man an die Fenster, welche der Wirt weit öffnete, um den Durchreisenden zu einem längeren Aufenthalte zu verlocken, so erblickte man vor sich die blendend schöne Berglandschaft. Seltsam war der Eindruck der Ruhe, den dieses große, verlassene Hotel machte, wo sich weder Kellner noch Koch noch Diener sehen ließ. Das eigentliche Dienstpersonal langte ja erst mit dem Eintritt der kühlen Jahreszeit an; mittlerweile war die Küche einem Sudelkoche vom Lande anvertraut, der nur stoffato und risotto zu bereiten verstand, die Aufwartung aber hatten zwei Stallknechte, die man zur Essenszeit in Kellnerfräcke und weiße Krawatten steckte. Glücklicherweise bedurfte Géry zur Erholung nur eines kurzen Aufenthaltes, um seine von Wind und Staub ermüdeten Augen zu erfrischen und seine Stirn von dem Reife zu befreien, den der Sonnenbrand um dieselbe gelegt hatte und der ihn schmerzte wie der Druck eines Helmes. Er hatte sich auf einen Diwan gestreckt und bewunderte die Landschaft, welche bis an sein Fenster mit dem verschiedenen Grün der Oliven- und Orangenbäume in bald helleren, bald dunkleren Terrassen niederzusteigen schien. Dazwischen glänzten weiße Landhäuser, unter andern das des Bankiers Moritz Trott, dessen Gärten sich bis unter die Fenster des Hotels erstreckten, und welches an der Schnörkelfülle seiner Bauart und an der Höhe seiner Palmen kenntlich war. Hier weilte seit einigen Monaten ein berühmter Künstler, der Bildhauer Bréhat, der sich im letzten Stadium der Schwindsucht befand, und dem nur die ihm gewährte fürstliche Gastfreundschaft noch das Leben fristete. Diese Nachbarschaft eines berühmten Sterbenden, auf welche der Wirt sehr stolz war und die er am liebsten seinen Gästen mit auf die Rechnung gesetzt hätte, lenkten Gérys Gedanken auf Felicia Ruys; hatte er doch den Namen Bréhat so oft mit Bewunderung in ihrem Atelier nennen hören. Lebhaft stand es vor ihm das schöne Gesicht mit den zarten Linien, das er zum letztenmal mit flüchtigem Blicke im Bois de Boulogne an Moras Schulter gelehnt gesehen hatte. Was mochte nach dem Verluste dieser Stütze aus dem unglücklichen Mädchen geworden sein? Ob wohl die gemachte traurige Erfahrung ihr für die Zukunft eine Lehre gewesen? Und war es nicht ein sonderbares Zusammentreffen, daß während seine Gedanken bei Felicia weilten, ihm gegenüber auf einem Abhange des benachbarten Gartens ein weißer Windhund mit großen Sprüngen über einen grünen Platz jagte? Wie glich doch dieser Hund völlig Kadour! Ganz dasselbe kurze Haar, dieselbe seine, rosige Schnauze. – So bannten die mannigfaltigen Bilder, bald trauriger, bald lieblicher Art Pauls Blick an das vor ihm geöffnete Fenster. Es mochte wohl die lachende Natur, das Hochgebirge, an dessen Hängen und Schluchten Schattenbilder langsam dahinzogen, zu den Wanderungen seiner Gedanken beitragen. Immer mannigfaltiger wurde das Bild. Unter den Reihen der mit goldner Frucht beladenen Orangen- und Citronenbäume breiteten sich in regelmäßigen Beeten Felder von Veilchen aus und darüber hin rieselte das Wasser zwischen weißglänzendem Gestein und üppigem Grün. Ein köstlicher Wohlgeruch von in der Sonne getrockneten Veilchen stieg zu ihm auf, der sinnberückende, unwiderstehliche Duft eines Boudoirs, der ihm weibliche Gaukelbilder vorzauberte, er sah Aline, Felicia durch die feenhafte Landschaft gleiten, durch das duftige Blau dieses himmlischen Tages, als ob die Düfte des reichen Blumenflors sichtbare Gestalt gewonnen hätten.... Plötzlich ein Geräusch, wie das Gehen einer Thür – er öffnete die Augen wieder. ... Es mußte jemand in das anstoßende Zimmer eingetreten sein. Er hörte deutlich das Streifen eines Kleides an der dünnen Scheidewand, dann das Umschlagen der Blätter eines Buches, das indes nicht viel Interesse erwecken mochte, denn man vernahm einen langen, in ein lautes Gähnen übergehenden Seufzer. Schlief, träumte er noch? Hatte er nicht soeben das Geheul des »Schakals in der Wüste« vernommen, das so gut zur schweren Luft da draußen stimmte? ... Er horchte weiter.... Nein! ... Alles still. Dann schlief er wieder ein; nun aber sammelten sich alle wirren Bilder, die ihn umgaukelten, in einen wirklichen – einen herrlichen Traum: Er war mit Aline auf seiner Hochzeitsreise. Welch ein reizendes Weibchen. Nur auf ihn blickten ihre hellen, liebevollen, treuen Augen. Hier in diesem Saal an der andern Seite des Tisches saß das süße Mädchen in ihrem weißen Morgenkleide, dessen feine Spitzen einen lieblichen Veilchenduft ausströmten. Sie frühstückten zusammen. Das war so recht das Frühstück einer Hochzeitsreise, ein Morgenimbiß, im Angesicht des azurblauen Meeres, unter einem durchsichtigen Himmel, der sich in dem Glase, aus dem die Glücklichen trinken, widerspiegelt, ein Bild ihrer glücklichen Zukunft. Ach! Wie herrlich war es, welch ein göttlicher Strahl fiel verjüngend in das Herz des glücklichen Paares. Aber plötzlich, mitten unter den Zärtlichkeitsergüssen, mitten im Taumel der Liebe verfinsterte sich Alines Antlitz. Ihre Augen füllten sich mit Thränen. Sie sprach zu ihm: »Felicia ist hier. ... Du liebst mich jetzt nicht mehr. ...« Er aber erwiderte lachend: »Felicia hier, was fällt dir ein!« – »Ja, ja,« sprach sie, »dort ist sie,« und deutete mit zitternder Hand auf das anstoßende Zimmer, aus dem jetzt Hundegebell und dazwischen Felicias Stimme ertönte. »Kadour, hierher Kadour!« rief sie in einem dumpfen, gepreßten Tone, wie jemand, in dessen Zufluchtsort man rücksichtslos eindringt. Géry fuhr wild aus dem Schlafe auf. Da stand er nun mitten in dem öden Zimmer vor dem leeren Tische, der enttäuschte Verliebte, und starrte durch das Fenster in das von demselben umrahmte Gebirgsbild. Die Hügel schienen sich auf ihn herabzusenken, sein schöner Liebestraum war entflohen. Aber in dem angrenzenden Zimmer hörte er jetzt doch in Wirklichkeit Hundegebell und ein ungeduldiges Pochen an die Thür. Er verstand die Worte: »Oeffnen Sie, ich bin es. ... Jenkins.« Paul fuhr in erschrockenem Staunen von seinem Diwan in die Höhe. Jenkins hier? ... Wie in aller Welt kam der hierher? ... An wen mochte er diese Worte gerichtet haben? Wessen Stimme mochte ihm wohl antworten? ... Es erfolgte keine Antwort; aber leise Schritte bewegten sich nach der Thür und ein knirschendes Oeffnen des Riegels ließ sich hören. »Endlich finde ich Sie,« sagte der Irländer und trat ein. In der That, hätte er sich nicht selbst genannt, nimmer würde Paul durch die trennende Wand hindurch an dem rauhen, brutalen Ton der Stimme den Doktor mit seinen süßlichen Manieren wiedererkannt haben. »Endlich,« sagte derselbe, »treffe ich Sie an nach achttägigem Suchen und unsinnigem Umherjagen zwischen Genua und Nizza... . Ich wußte, daß Sie nicht abgefahren sein konnten, da die Jacht immer noch ruhig auf der Reede lag. ... Ich war im Begriffe, alle Wirtshäuser am Litorale zu durchsuchen, als ich mich Bréhats erinnerte. ... Nun dachte ich mir sogleich, Sie hätten ihn beim Vorbeireisen begrüßen wollen. Von ihm komme ich her. ... Er hat mir gesagt, daß Sie hier sind.« Aber, an wen denn wandte er sich mit seiner Rede? Wie sonderbar, daß ihm gegenüber ein hartnäckiges Schweigen beobachtet wurde. Nun endlich drang eine schöne, tiefe Stimme, an welcher Paul Felicia erkannte, durch die schwere, heiße Luft des Nachmittags: »Nun ja! Jenkins, ich bin es. ... Was haben Sie mir zu sagen?« Und durch die Wand sah Paul den verächtlichen Zug um den Mund, den Ausdruck des Ekels. »Ich bin gekommen,« sagte Jenkins, »um Sie an der Abfahrt, an dieser Handlung des Wahnsinns zu hindern.« »Was nennen Sie Wahnsinn? Doch nicht die Arbeit, die mich in Tunis erwartet. Die Pflicht ruft mich dorthin.« »Sie denken ja nicht daran, mein liebes Kind. ...« »Genug dieser väterlichen Ermahnungen, Jenkins! Man weiß ja, was dahinter steckt. Sprechen Sie nur mit mir so, wie Sie eben sprachen. Sie gefallen mir noch besser in der Gestalt eines Bullenbeißers als in der eines Schoßhundes. Ich fürchte ihn weniger.« »Nun wohl! So sage ich Ihnen denn, daß es bei Ihrer Jugend und Schönheit eine Tollheit sein würde, wenn Sie ganz allein dorthin reisten.« »Bin ich denn nicht immer allein? Wünschen Sie etwa, Konstanze, in ihrem hohen Alter, sollte mich begleiten?« »Oder ich!« »Sie, Jenkins?« ... Diese Worte sprach sie mit ironischem Lächeln. »Denken Sie an Paris! ... Ihre Kunden! ... Die Gesellschaft ihres Cagliostro berauben! ... Nie und nimmermehr! ...« »Dennoch bin ich entschlossen, Ihnen überallhin zu folgen, wohin Sie auch gehen mögen,« sagte Jenkins in bestimmtem Tone. Es trat dann eine Pause in der Unterhaltung ein, in welcher Paul mit sich zu Rate ging, ob es auch seiner würdig sei, diesem Streite, welcher schreckliche Enthüllungen erwarten ließ, als geheimer Zeuge beizuwohnen, aber eine unbezähmbare Neugier gewann die Oberhand und bannte ihn an seinen Platz.... Schien es doch, als ob das lockende Rätsel, das ihn so lange auf die Folter gespannt und ihn noch immer mit einem Ende seines geheimnisvollen Schleiers gefangen hielt, sich nun lösen und das unglückliche oder entartete Mädchen, das sich unter der Maske der Künstlerin barg, in seiner wahren Gestalt enthüllen werde. Er blieb daher mit verhaltenem Atem unbeweglich stehen. Des Horchens bedurfte es übrigens nicht; denn die beiden, die im Hotel allein zu sein glaubten, thaten sich in ihren leidenschaftlichen Aeußerungen keinen Zwang an. »Was verlangen Sie denn eigentlich von mir? ...« fragte nun Felicia. »Ich will Sie! ...« »Jenkins!« »Ja, ja!« sagte er, »ich weiß es wohl; Sie haben mir verboten, solche Sprache je vor Ihnen zu führen; aber haben doch andre Leute auch so mit Ihnen gesprochen, und zwar noch. ...« Mit zwei heftigen Schritten stand sie dicht vor dem Apostel und schleuderte ihm ihre atemlose Verachtung mit den Worten in sein breites, sinnliches Gesicht: »Und wenn es so wäre, Elender! Wenn ich dem Ekel und der Langeweile hatte unterliegen müssen, wenn mein Stolz gebrochen wäre, steht es Ihnen zu, davon zu reden? ... Trügen Sie nicht etwa die Schuld, sind Sie es nicht etwa gewesen, der meine Jugend geknickt, mir mein Leben verbittert hat?« Zur Antwort erfolgten nur drei Worte, aber Worte, welche von innerer Glut diktiert waren und mit Hinreißung gesprochen wurden; sie rollten vor Paul von Gérys entsetzten Blicken den Vorhang auf, welcher mit dem heuchlerischen Scheine väterlicher Bevormundung ein Attentat verdeckt hatte, wogegen das junge Mädchen bei Tag und bei Nacht mit allen Geisteskräften hatte kämpfen müssen. Von dieser Qual im frühen Alter stammte der unheilbare Trübsinn, der Ekel über ein kaum begonnenes Leben und jener scharfe Zug um den Mund, in den sich ihr Lächeln verwandelt hatte. »Ich liebte Sie, ... ich liebe Sie, ... Die Leidenschaft reißt alles mit sich fort,« sprach Jenkins dumpf. »Nun! Wenn es Ihnen Freude macht, so lieben Sie mich immerhin. Ich aber hasse Sie und nicht allein des Leides wegen, das Sie mir zugefügt, nicht allein, weil Sie in mir den frommen Glauben, die Energie des Lebens ertötet haben, sondern weil mir in Ihnen das Verdammungswürdigste, das Widerwärtigste, was die Sonne bescheint, entgegentritt: die verkörperte Scheinheiligkeit und Lüge, die sich vor der Welt unter erborgten Kleidern verbirgt und die mich mit ihren Fratzen, mit ihren niedrigen, unsauberen Kunstgriffen in dem Grade anwiderte, daß ich mein Heil in der Flucht und Verbannung suchte, daß ich lieber in die Sklaverei gehen, als Ihren Anblick länger ertragen würde. Diese Verstellungsgabe gemeinster Art ist es, edler Jenkins, die in mir den größten Abscheu erregt hat. Unsre französische Heuchelei gibt sich in höflichem Lächeln kund, man kann sich vor ihr in acht nehmen; aber Ihrem aus England importierten warmen Händedruck, der den täuschenden Schein der Ehrlichkeit borgt, war es vorbehalten, die Welt zu täuschen und uns alle zu hintergehen. Sagt nicht jedermann: »Der gute, der brave« der ehrliche Jenkins! Aber ich, ich habe Sie erkannt, Ehrenmann! Prahlt nur mit Eurem Wahlspruch, der so frech auf Euren Briefen, Siegeln, Manschettenknöpfen und auf dem Wagenschlage prangt, ich sehe immerfort den Schurken in Ihnen, der aus jeder Falte seiner Vermummung herauslugt.« Zischend stieß sie die Worte zwischen den mit dem Ausdrucke unsäglicher Wildheit zusammengepreßten Zähnen hervor, und Paul erwartete, daß solche Schmähungen Jenkins zu einem Ausbruche der Wut reizen würden. Aber er hatte sich geirrt. Es schien vielmehr, daß der Haß und die Verachtung des geliebten Mädchens in ihm mehr Schmerz als Zorn erregten; denn er antwortete nur leise, wehmütig, wie aus zerrissenem Herzen: »Ach! Sie sind grausam. ... Wenn Sie wüßten, wie sehr Sie mich kränken. ... Sie nennen mich scheinheilig, Sie haben recht; aber bedenken Sie – man wird nicht so geboren.... Der Druck des Lebens zwingt uns erst, es zu werden. Wenn man bei widrigem Winde vorwärts strebt, muß man lavieren. Das habe ich gethan. ... Klagen Sie das Geschick an, das mich so jammervoll in das Leben treten ließ, und räumen Sie ein, daß wenigstens etwas in mir niemals ein bloßer Schein gewesen ist: meine leidenschaftliche Liebe zu Ihnen! ... Nichts konnte diese zurückdrängen, weder die Zeichen Ihrer Verachtung, noch Ihre Beleidigungen, ja nicht einmal die Sprache Ihrer Augen, die ich so viele Jahre lang vergebens um ein Lächeln angefleht. ... Und diese Liebe gibt mir selbst nach dem, was ich soeben hören mußte, noch Kraft genug, Ihnen auszusprechen, warum ich jetzt vor Ihnen stehe. ... Hören Sie! Sie haben mir eines Tages vertraulich mitgeteilt, daß Sie eines Gatten bedürften, eines Mannes, der Ihnen bei Ihrer Arbeit zur Seite stehen und die arme schon über die Maßen erschöpfte Cremnitz von diesem Amte befreien würde. So lauteten Ihre eignen Worte, die mir damals einen Stich ins Herz gaben, weil ich nicht frei war. Jetzt ist alles anders geworden. Wollen Sie mich zum Manne nehmen, Felicia?« »Und Ihre Frau?« rief das junge Mädchen laut, während Paul in Gedanken die gleiche Frage aufwarf. »Meine Frau ist tot.« »Tot? ... Madame Jenkins? ... Ist es wahr?« »Diejenige, von welcher ich spreche, haben Sie nicht gekannt. Die andre war nicht meine Frau. Als ich mit dieser in Verbindung trat, hatte ich schon eine Frau in Irland – – – schon seit Jahren. Es war eine schreckliche Ehe, mir aufgedrungen, mit dem Stricke am Halse. Liebe Felicia, in meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre stand ich vor folgender Wahl: Das Schuldgefängnis oder – Fräulein Strang! Letztere war eine alte gichtische Jungfer, mit einer Kupfernase, aber die Schwester eines Wucherers, welcher mir zur Ermöglichung meines medizinischen Studiums fünfhundert Pfund dargeliehen hatte. ... Ich zog das Gefängnis vor; indessen je näher die Zeit heranrückte, je mehr sank mein Mut, und so heiratete ich doch Fräulein Strang, welche mir als Mitgift – meinen quittierten Schuldschein zubrachte. Nun stellen Sie sich mein Leben vor inmitten jener beiden Ungeheuer, die sich gegenseitig anbeteten. Eine im Gefühl ihrer Bedeutungslosigkeit eifersüchtige Frau. Der Bruder immer auf der Lauer, mir überall nachspürend. Ich würde entflohen sein; aber es gab etwas, das mich zurückhielt. ... Der Wucherer hatte den Ruf eines schwerreichen Mannes. Ich wollte wenigstens die Früchte meiner feigen Handlungsweise ernten. ... Sie sehen, ich verschweige nichts. – Schwer wurde ich übrigens bestraft. Der alte Strang starb insolvent, er hatte sein Vermögen durch Spiel zerrüttet, ohne daß man eine Ahnung davon hatte. ... Nun gab mir der Rheumatismus meiner Frau den Vorwand, sie in einem Krankenhause unterzubringen, und ich selbst zog dann nach Frankreich. ... Jetzt galt es, im Kampfe mit dem Elend mir eine neue Existenz zu schaffen. Dabei stand mir Lebenserfahrung, Haß und Verachtung gegen die Menschen, sowie der Umstand zur Seite, daß ich das Gefühl der Freiheit wiedererlangt hatte; denn ich ahnte damals noch nicht, daß jene furchtbare Sklavenfessel der Ehe mir auch noch in der Ferne mein Fortkommen erschweren würde. ... Glücklicherweise ist die Fessel jetzt zerrissen und ich bin erlöst.« »Ja, Jenkins, Sie mögen erlöst sein. ... Aber warum lassen Sie es sich jetzt nicht angelegen sein, das arme Wesen, welches vor unser aller Augen so lange in Demut und Ergebung die Genossin Ihres Lebens war, zu Ihrer Frau zu machen?« »O,« sagte er in einer Anwandlung von Aufrichtigkeit, »von meinen zwei Ketten zog ich, glaube ich, die andre noch vor, die mir wenigstens die Freiheit offner Gleichgültigkeit oder Feindseligkeit ließ. Aber die fürchterliche Komödie ehelicher Liebe, eines dauerhaften Glückes, während ich längst nur Sie liebte, nur an Sie dachte. ... Auf der ganzen Welt gibt es keine größere Qual. ... Wenn ich nach mir urteile, muß die Unglückliche im Augenblicke der Trennung vor Erleichterung einen Freudenschrei ausgestoßen haben. Das war der einzige Abschiedsgruß, auf den ich hoffte. ...« »Was zwang Sie denn zu dieser Verstellung?« »Paris, die gesellschaftlichen Kreise, die Welt. ... Wir waren in der öffentlichen Meinung Eheleute und waren durch diese Meinung aneinander gebunden. ...« »Und sind Sie es denn jetzt nicht mehr?« »Jetzt,« sagte Jenkins, »gibt es nur eins, das alles andre in den Hintergrund drängt – die Angst, Sie zu verlieren, Sie nicht mehr sehen zu können. Ach! Als ich Ihre Flucht erfuhr, als ich über Ihrer Thür: ›Zu vermieten‹ angeschrieben sah, fühlte ich, daß es jetzt mit der Verstellung vorbei sei, daß mir nur eins übrig bliebe, abzureisen und so schnell wie möglich hinter meinem Glücke herzujagen, das Sie mit sich fortgenommen hatten. Sie verließen Paris, ich that dasselbe; in Ihrem Hause verkaufte man alles, in dem meinigen ist man im Begriff es ebenso zu machen.« »Und sie?« ... begann Felicia wieder mit einem Seufzer, »Ihre tadellose, ehrenhafte, nie beargwöhnte Gefährtin, wohin wird sie gehen? Was wird sie anfangen? ... Und Sie wagen, mir ihren Platz anzubieten. ... Ich soll mir einen Platz hinterrücks stehlen, und in welcher Hölle! ... Vortrefflich! aber was wird dann aus der bekannten Devise! Guter Jenkins, Tugendspiegel Jenkins, was sollen wir damit machen? – ›Das Gute ohne Hoffnung‹, Verehrtester!« Auf das Hohngelächter, welches diese Worte begleitete und welches ihm wie ein Peitschenhieb das Gesicht hätte röten müssen, antwortete der Elende mit keuchender Stimme: »Genug ... genug ... schonen Sie meiner. Es ist zu schrecklich. Rührt Sie nicht meine Liebe, die Ihnen alles opfert, Glück, Ehre, Achtung? Gönnen Sie mir doch einen Blick. ... Wie schwer es mir auch wurde, um Ihretwillen werf' ich die Maske weg und stehe jetzt vor Ihnen und vor den Augen aller als ein entlarvter Heuchler. ...« Man hörte, wie zwei Kniee auf den Fußboden niedersanken. Stotternd, außer sich vor Liebesschmerz und kraftlos lag er vor ihr, bettelte sie um das Jawort, um die Erlaubnis an, ihr überallhin als ihr Beschützer folgen zu dürfen; dann verließ ihn die Sprache und verlor sich in ein leidenschaftliches Schluchzen so voll tiefer Empfindung, so herzzerreißend, daß es jeden hätte rühren müssen, zumal in dieser herrlichen Natur, in dieser dufterfüllten, erschlaffenden Wärme. Aber Felicia ließ sich nicht erweichen, sondern fuhr in herrischem Tone fort: »Laßt uns zu Ende kommen, Jenkins. Was Sie verlangen, ist unmöglich. ... Wir haben nichts voreinander zu verbergen und nach Ihren Geständnissen, die sie mir eben gemacht, will ich Ihnen, so sehr sich mein Stolz dagegen aufbäumt, auch eins ablegen, wie es Ihre Liebestollheit verdient. ... Hören Sie! Ich war Moras Geliebte!« Dies war für Paul kein Geheimnis, doch klang ihm die schöne klare Stimme, die aus gepreßter Brust das schreckliche Bekenntnis durch die berauschende Luft trug, so trostlos, daß sie ihm das Herz zusammenschnürte und ihm die Thronen in die Augen traten. »Ich wußte es,« begann nun Jenkins wieder mit dumpfer Stimme; »ich habe die Briefe bei mir, welche Sie ihm schrieben. ...« »Meine Briefe?« »Ja, Ihre Briefe, nehmen Sie sie zurück. Ich habe sie so oft gelesen und wieder gelesen, daß ich sie auswendig weiß. O, wie weh das thut, wenn man liebt. ... Aber ich habe noch größere Qual erdulden müssen. Wenn ich bedenke, daß ich es bin. ...« Hier hielt er plötzlich inne, seine Stimme stockte.... Dann faßte er sich wieder und sagte: »Ich war es, der zu Ihrer Glut den Brennstoff liefern, der den erkalteten Liebhaber mit frischem Jugendfeuer in Ihre Arme liefern mußte. ... Und wahrlich, nicht wenig Perlen hat er verschlungen. ... Mochte ich auch nein sagen, er wollte immer mehr. ... Da packte mich endlich die Wut und es rief in mir: Elender, du willst brennen, nun wohl – so verbrenne denn. ...« Paul fuhr schaudernd auf. Sollte er denn der Mitwisser eines Verbrechens werden? Jedoch die Schande, mehr davon zu hören, wurde ihm erspart, denn ein starkes, diesmal seiner eignen Thür geltendes Klopfen und die Worte: »He, Signor Francese« brachten die Meldung, daß der »Calesino« bereit stehe. In dem Zimmer nebenan ward es jetzt still, dann hörte man ein Flüstern. ... Es mußte jemand da sein, und zwar ganz in ihrer Nähe, der sie belauschte. ... Paul von Géry stürzte hastig hinaus; er sehnte sich aus diesem Hotelzimmer fortzukommen, um nicht der Last so vieler Schändlichkeiten, die sich ihm hier enthüllten, zu unterliegen. Als die Postkutsche sich in Bewegung setzte, sah Géry zwischen den weißen Vorhängen, welche im Süden gewöhnlich an allen Fenstern flattern,, ein blasses Gesicht mit antiker Haartracht und großen feurigen Augen, die ihm verstohlen nachblickten. Aber ein einziger Blick auf Alines Bild verbannte schnell diese berückende Erscheinung, und für immer von seiner früheren Liebe geheilt reiste er bis zum Abend durch ein Zauberland in Begleitung der hübschen jungen Frau, die ihm beim Frühstück erschienen und die in den Falten ihres bescheidenen Kleides den Duft aller Veilchen von Bordighera mit sich trug. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die erste Aufführung der »Revolte«. »Auf die Szene zum ersten Akt!« Diese laute Mahnung des Regisseurs unten an der Treppe dringt bis in die Korridore, die von dem Geräusch auf und zu geschlagener Thüren, von eiligen Schritten, von verzweifelten Rufen nach dem Friseur und nach den Ankleiderinnen widerhallen, und mittlerweile erscheinen auf den Treppenabsätzen der verschiedenen Etagen alle Personen, die im ersten Akte der »Revolte« beschäftigt sind, langsam und majestätisch, den Kopf in steifer Haltung, um nur ja nichts an ihrem Aufputze in Unordnung zu bringen. Sie tragen alle moderne und elegante Ballkleidung, man hört das Knarren von neuem Schuhzeug, das Rauschen von seidenen Schleppen, das Klirren von Armspangen, die bei dem Zuknüpfen der Handschuhe zurückgeschoben werden. Das ganze Völkchen erscheint im höchsten Grade aufgeregt und blaß unter der Schminke, und über die wie Atlas schimmernden, sorgfältig mit Bleiweiß geschmückten Schultern geht ein leichter Schauer. Gesprochen wird wenig, die Zunge scheint am Gaumen zu kleben. Selbst diejenigen, die sich am sichersten fühlen, haben, trotzdem sie ein Lächeln zu affektieren suchen, in ihren Augen und in ihrer Stimme einen Ausdruck von Zerstreutheit, eben jenes Lampenfieber, das eins der mächtigsten Anziehungsmittel des Schauspielerberufs und seinen ewig jungen Reiz ausmacht. Auf der Bühne gingen Maschinisten und Hilfsarbeiter geschäftig hin und her, sich drängend und stoßend – denn noch herrschte die dämmerige Beleuchtung der Lampen der Soffitten, die sich beim Aufgehen des Vorhangs plötzlich in das glänzendhelle Licht der Rampe verwandelt – während Cardailhac in schwarzer Kleidung mit weißer Halsbinde, den Hut verwegen auf einem Ohre, einen letzten prüfenden Blick auf die Aufstellung der Dekorationen wirft, die Arbeiter antreibt und der prächtig gekleideten, vor übermütigem Stolz strahlenden Naiven Schmeicheleien sagt. Kein Mensch würde vermuten, daß ihn schwere Sorgen bedrücken. Auch er ist in den Fall des Nabob verwickelt, der auch sein Unternehmen zu verschlingen droht; auf das Stück von heute abend hat er seine letzte Hoffnung gesetzt. Hat dasselbe keinen Erfolg, so wird er sich genötigt sehen, die prachtvollen Dekorationen und die herrlichen Stoffe zu hundert Franken den Meter unbezahlt zu lassen, und dann würde ihn das vierte Fallissement erwarten. Aber, nur getrost, unser Direktor hat Vertrauen. Der Erfolg ist der Jugend hold, und dieser unbekannte Autor, dessen Name zum erstenmal auf den Plakaten prangt, flößt diesem abergläubischen Spieler Vertrauen ein. André Maranne ist seiner Sache freilich nicht so sicher. Je näher der Beginn der Vorstellung rückt, desto mehr verliert er das Zutrauen in sein Werk, und geradezu entsetzt ist er, als er durch die Oeffnung in dem Vorhänge wie durch das Glas eines Stereoskopes in den Zuschauerraum blickt. Das Haus ist, trotz des vorgeschrittenen Frühjahrs und der Vorliebe der guten Gesellschaft für eine verfrühte Villeggiatur bis zur obersten Galerie gefüllt. Cardailhac, der ein geschworener Feind der Natur und des Lebens auf dem Lande ist und dessen Bemühungen stets darauf gerichtet sind, die Pariser so lange als möglich in Paris zurückzuhalten, hat ein ausverkauftes Haus, wie mitten im Winter, zu erzielen verstanden. Es war ein Gewimmel von fünfzehnhundert Köpfen unter dem Kronleuchter – alle in den verschiedensten Stellungen – aufrecht, übergebeugt und nach rückwärts gewendet, einige in den dunkeln Ecken kaum wahrnehmbar, andre hell beleuchtet, da die Thüren der Logen noch offen standen und die hellen Wände der Korridore das Licht zurückstrahlten. – – Das Publikum war dasselbe, wie bei allen ersten Aufführungen, dieser Ueberall und Nirgends, der im Sturme die besten Plätze in Beschlag nimmt, wenn sie ihm nicht durch Protektion oder irgend eine amtliche Funktion zufallen. Im Parkett sah man in weit ausgeschnittenen Westen die Mitglieder von Klubs mit weithin leuchtenden Glatzen, breiten Scheiteln zwischen sparsam gesäten Haaren, mit hellen Handschuhen und erhobenen Operngläsern. Auf den Galerieen war ein Mischmasch von Leuten und Toiletten, alle bekannte Namen, die bei feierlichen Gelegenheiten dieser Art stets anzutreffen sind, und dann dieses unbehagliche Durcheinander, welches eine ehrbare Frau mit ihrem zurückhaltenden, keuschen Lächeln unmittelbar neben eine Phryne mit feurigen Blicken und geschminkten Wangen placiert. Da sieht man weiße und rosarote Hüte, Diamanten und unechten Schmuck. Oben in den Logen dasselbe Durcheinander: Schauspieler und Dirnen, Minister, Botschafter, berühmte Autoren und Kritiker, die mit gerunzelter Stirn sich in ihre Sessel zurücklehnen und das kühle Selbstbewußtsein von Richtern zur Schau tragen, die keiner Beeinflussung zugänglich sind. Die Vorderplätze sind vom Lichte grell beleuchtet und von bekannten Finanzbaronen in Beschlag genommen, neben ihnen ihre Damen mit weit ausgeschnittenen Kleidern und entblößten Armen, die von Geschmeide blitzen wie die Königin von Saba, als sie bei dem Könige der Juden zu Besuch war. Auf der linken Seite lenkt eine große vollständig leere Loge, die im Hintergrunde von einer maurischen Laterne erleuchtet ist, durch ihre bizarre Dekoration die Aufmerksamkeit auf sich. Ueber der ganzen Versammlung schwebt ein seiner Staub, das Geflimmer des Gases, dessen Geruch der unzertrennliche Begleiter aller Pariser Vergnügungen ist, und dessen Zischen in kurzen Absätzen, wie das Atemholen eines Schwindsüchtigen, das Spiel der entfalteten Fächer begleitet. Und nun dieser Ausdruck von Langeweile, von dumpfer Langeweile, die Langeweile derselben Gesichter, die stets auf denselben Platzen in ihrer gesuchten oder nachlässigen Haltung zu sehen sind, jenes Einerlei der Gesellschaft, das schließlich Paris zu einem noch kleinlicheren Klatschnest macht, als selbst einen Ort in der Provinz. Maranne bemerkte diese unlustige Haltung, diese überdrüssige Laune des Publikums sehr wohl, und indem er sich erinnerte, daß von dem Erfolg seines Stückes seine ganze Hoffnung auf eine bessere Zukunft abhing, fragte er sich mit beängstigtem Herzen, wie er es anzustellen habe, um diesen Tausenden seine Gedanken nahe zu bringen, wie er es möglich machen könne, dieselben ihrer Zerstreutheit zu entreißen und in dieser Menge eine einheitliche Idee zu wecken, die diese gleichgültigen Blicke zu fesseln vermöchte. Unwillkürlich suchte er nach befreundeten Gesichtern, nach einer Loge, in welcher sich die Familie Joyeuse befand: Elise und die kleinen Mädchen vorn, Aline und ihr Vater in der zweiten Reihe, es war ein reizendes Familienbild, das sich ausnahm wie ein frisches Rosenbouquet unter künstlichen Blumen. Und während das übrige Publikum mit verächtlicher Miene zu fragen schien: Was sind denn das da für Leute? hatte der Dichter sein Schicksal in diese kleinen zierlichen Hände gelegt, die für die festliche Gelegenheit neu beschuht waren, und die mit Vergnügen sofort das Signal zu Beifallsbezeugungen gegeben haben würden. Platz auf der Bühne! ... Maranne hat nur die Zeit, sich rasch in eine Coulisse zu flüchten, und plötzlich hört er ganz in der Ferne die ersten Worte seiner Dichtung, die wie ein Schwarm scheuer Vögel unter dem Schweigen des großen Saales emporsteigen. Ein schrecklicher Moment. Wohin sollte er gehen, was sollte aus ihm werden? Sollte er da, gegen ein Versatzstück gelehnt, mit gespanntem Ohr und mit beklommenem Herzen stehen bleiben? Sollte er, der selbst so sehr der Ermutigung bedurfte, die Schauspieler ermuntern? Nein, lieber noch wollte er der Gefahr ins Gesicht sehen. Und nun schlich er leise durch eine kleine Thür, die mit dem Korridor, der nach den Logen führte, in Verbindung stand, nach einer Loge, die er sich behutsam öffnen ließ. »Pst! ... ich bin's.« ... Es sitzt dort jemand im Schatten, eine Dame, die ganz Paris kennt und die sich verbirgt. André setzt sich neben diese Dame, und, dicht aneinander geschmiegt, wohnen Mutter und Sohn, von niemand gesehen, der Vorstellung bei. Anfangs herrschte ein allgemeines Erstaunen im Publikum. Das Théatre des Nouveautés, das mitten auf den Boulevards lag und dessen Freitreppe sich im hellen Lampenlicht zwischen den Restaurants und seinen Klubhäusern stattlich präsentierte, dies Theater, welches man in kleiner Gesellschaft nach einem seinen Mittagessen bis zum Beginne des Soupers zu besuchen pflegte, um einen oder zwei Akte irgend eines gleichgültigen Stückes anzusehen, war unter der Leitung seines verschlagenen Direktors eins der besuchtesten Theater in Paris geworden. Es kultivierte nicht gerade ausschließlich ein oder das andre Genre, sondern nahm alle nebeneinander in das Repertoire auf, von der Zauberoperette, welche die Frauen entkleidet, bis zu dem großen modernen Drama, welches unsre Sitten dekolletiert. Cardailhac hielt vor allem darauf, seinen Titel als Direktor des »Théatre des Nouveautés« zu rechtfertigen, und seit die Millionen des Nabob seinem Unternehmen zu Hilfe gekommen waren, hatte er es sich in den Kopf gesetzt, den Bummlern der Boulevards die verblüffendsten Überraschungen zu bereiten. Diejenige des heutigen Abends übertraf jedoch alle: Das Stück war in Versen geschrieben – und anständig. Ein sittliches Stück! Der alte Schlauberger hatte begriffen, daß es an der Zeit sei, einen solchen Coup auszuführen, und er hatte ihn ausgeführt. Auf das Erstaunen in den ersten Minuten, auf einige enttäuschte Ausrufe hier und da in den Logen: »Ach, was! Das Stück ist ja in Versen geschrieben ...« begann der Reiz des erbaulichen und moralischen Stückes seine Wirkung auf das Haus zu üben, gerade als hätte man seine verbrauchte Luft durch eine erfrischende Essenz, durch ein nach bergentsprossenem Thymian duftendes Lebenselixier neu belebt. »Ach! Wie wohl einem das thut, wie das erfrischt!« So lautete der allgemeine Ausruf, Zeichen von Zufriedenheit und Wohlbehagen begleiteten jeden Vers, Auch der dicke Hemerlingue, der in seiner Parkettloge wie in einem mit Atlas ausgeschlagenen Troge keuchend saß, fühlte sich wohlthuend angeregt. Ebenso fühlte sich die lange Susanne Bloch, die á l'antique frisiert war, und deren Locken über ihr goldnes Diadem herausquollen; völlig befriedigt und erfrischt fühlte sich auch Amy Férat, die neben ihr saß und wie eine Neuvermählte ganz in Weiß gekleidet war und Orangenzweige in ihren á la chien frisierten Haaren trug! Es waren im Theater eine Menge der verschiedenartigsten Geschöpfe versammelt, einige sehr stark, von einer Korpulenz, wie sie die Folge eines müßiggängerischen Lebenswandels zu sein pflegt, mit Doppelkinn und dummem Gesichtsausdruck, andre wiederum, trotz der Schminke, fast grünlich anzusehen, als ob sie in eine Kupferlösung getaucht wären, die man im Handel als »Pariser Grün« bezeichnet. Diese letzteren runzligen und verwelkten Gestalten suchten sich thunlichst im Hintergründe ihrer Logen zu verbergen und ließen nur einen Teil eines weißen Armes oder eine noch wohlerhaltene Schulter blicken. Dann waren da auch noch einige entnervte spindeldürre Pflastertreter, die man derzeit als »petit orevés« bezeichnet, mit langen Hälsen und herabhängenden Lippen, die sich kaum aufrecht erhalten, kaum ein Wort zusammenhängend sprechen konnten. Und alle diese Leute brachen in denselben Ausruf aus: »Das Stück ist wirklich gut. Es thut einem ordentlich wohl. ...« Der schöne Mossard murmelte dieselbe Phrase wie einen Refrain unter seinem kleinen blonden Schnurrbart, während seine königliche Freundin in der ersten Vorderloge diese Worte in ihre barbarische Muttersprache übersetzte; in der That, es war für alle diese Leute eine Erholung; freilich sagten sie nicht dabei, von welchem Ekel erregenden Geschäfte, von welcher selbst auferlegten Arbeit unnützer Müßiggänger. Das einstimmige Gemurmel des Wohlwollens fing an dem Theater den Charakter eines erfolgreichen Abends zu verleihen. Der Erfolg schien förmlich in der Luft zu liegen, die Gesichter der Darsteller nahmen einen zuversichtlichen Ausdruck an, die Schauspielerinnen erschienen durch die Rückwirkung des Enthusiasmus, der ermunternden Blicke und der Bravorufe wie verschönt. André, der sich dicht an seine Mutter geschmiegt hatte, erbebte im Gefühle eines ihm bisher unbekannten Vergnügens, dieser stolzen Freude, die man empfindet, wenn es einem gelingt, die Menge hinzureißen, und wäre es auch nur wie ein Bänkelsänger in einem Hofe in der Vorstadt, der diese Wirkung mit einem patriotischen Refrain und einigen Bravourtönen erzielt. Auf einmal entstand ein lautes, fast tumultuarisches Geflüster. Man lächelte spöttisch und schien in großer Aufregung. Was mochte nur der Grund sein? André, der sich nach der Seite der Schauspieler wandte, die ebenso erstaunt zu sein schienen, wie er selbst, sah alle Gläser auf die bis dahin leer gewesene Vorderloge gerichtet, in welcher gerade jetzt jemand, der soeben eingetreten war, sich niederließ, die Ellbogen auf die mit Samt überzogene Brüstung aufstützte, sein Opernglas aus dem Futterale nahm und nun in unheimlicher Verlassenheit dasaß. Der Nabob war in zehn Tagen um zwanzig Jahre gealtert. Die heißblütigen südländischen Naturen, wie sie, voll von Begeisterung, unwiderstehlich alles um sich herum in Flammen setzen, sinken auch um so rascher und hilfloser als andre in sich zusammen. Seit der Kassation seiner Wahl hatte der unglückliche Nabob sich in sein Zimmer eingeschlossen und die Rouleaux niedergelassen, um nicht einmal mehr das Licht des Tages zu erblicken, noch die Schwelle zu überschreiten, jenseits weichet ihn das Leben, die von ihm eingegangenen Verbindlichkeiten, die von ihm gemachten Zusagen und eine Unmasse von Vorladungen und Wechselprotesten erwarteten. Die Levantinerin, die an dem Ruin des Hauses lediglich keinen Anteil nahm, war in Begleitung ihres Masseurs und ihrer Negerinnen ins Bad gereist, und Bompain – der Mann mit dem Fes – der durch diese zahllosen Geldanforderungen völlig außer Fassung geraten war, konnte kaum zu seinem unglücklichen Herrn gelangen, der, auf dem Diwan liegend, sich jedesmal nach der Wand drehte, sobald man ihm von Geschäften sprach. Die alte Mutter war die einzige, die trotz ihrer beschränkten Kenntnisse dem Unheile die Stirn bot, mit den rechtlichen Grundsätzen einer Bauersfrau, die wohl weiß, was ein gestempeltes Papier und eine eigenhändige Unterschrift für eine Bedeutung hat, und die die Ehrenhaftigkeit für die größte Tugend der Welt hält, Ihre gelbe Haube war auf allen Stockwerken des Hauses sichtbar, wie sie Rechnungen revidierte, den Haushalt überwachte und weder auf Ausrufe des Entsetzens, noch auf ihr widerfahrende Demütigungen achtete. Zu jeder Stunde des Tages sah man die gute Frau auf dem Vendomeplatz mit großen Schritten einhergehen, dabei gestikulierte sie, sprach mit sich selbst und rief laut aus: »Nun gut, ich gehe zum Gerichtsvollzieher.« Und niemals pflog sie mit ihrem Sohne Rat, als wenn dies ganz unumgänglich nötig war, und auch dann nur mit einer leisen und kurzen Anfrage, bei der sie selbst vermied, ihn anzusehen. Erst einer Depesche Gérys aus Marseille, worin er anzeigte, daß er mit zehn Millionen unterwegs sei, war es gelungen, Jansoulet aus seiner Erstarrung zu erwecken. Zehn Millionen, das hieß: Vermeidung des Fallissements, die Möglichkeit, wieder emporzukommen und ein neues Leben zu beginnen. Und nun raffte sich unser Nabob, freudetrunken und von Hoffnung beseelt, aus seiner tiefen Niedergeschlagenheit wieder auf. Er ließ die Fenster öffnen und sich die Zeitungen bringen. Welch prächtige Gelegenheit bot ihm nun die erste Aufführung der »Revolte«, sich den Parisern zu zeigen, die ihn bereits untergegangen glaubten, aufs neue durch die weit geöffnete Thür feiner Loge des Théâtre des Nouveautés in den großen Strudel seinen Einzug zu halten! Die Mutter, die von einer unbestimmten Ahnung beherrscht wurde, bemühte sich freilich nach Kräften, ihn von diesem Plane zurückzuhalten. Sie hatte vor diesem Paris jetzt eine heilige Scheu. Am liebsten hätte sie ihren Sohn nach einem unbekannten Winkel im südlichen Frankreich mit sich fortgenommen, um ihn dort zugleich mit dem älteren Bruder, den ja auch dieses Paris krank gemacht hatte, zu pflegen. Aber schließlich war er doch der Herr. Es war keine Möglichkeit, sich dem Willen dieses durch den Reichtum verwöhnten Menschen zu widersetzen. Sie war ihm bei seiner Toilette behilflich, machte ihn schön, wie sie lächelnd sagte, und sah ihn nicht ohne einen gewissen Stolz neugeboren und erhobenen Hauptes Abschied nehmen, nachdem er die furchtbare Niedergeschlagenheit, unter welcher er in den letzten Tagen gelitten, fast völlig überwunden hatte.... Jansoulet wurde bei seiner Ankunft im Theater alsbald der Aufregung inne, die seine Anwesenheit im Publikum verursachte. Die gewöhnlichen neugierigen Ovationen pflegte er sonst, ohne dadurch im geringsten sich geniert zu fühlen, mit seinem breiten und gutmütigen Lächeln zu erwidern, dieses Mal aber war die Kundgebung eine übelwollende, fast gereizte. »Wie! ... Er ist da? ...« »Wahrhaftig, er ist's.« »Nun, dazu gehört denn doch eine Unverschämtheit!« Diese und ähnliche Aeußerungen wurden im Parkett laut. Infolge der stillen Zurückgezogenheit, in welcher der Nabob seit einigen Tagen gelebt hatte, war er nämlich in Unkenntnis über die öffentliche Erbitterung gegen seine Person geblieben, hatte er keine Kunde von den Predigten und Jeremiaden erhalten, welche die Zeitungen über den verderblichen Einfluß seines Vermögens gebracht hatten, auf den Effekt gemachte Artikel voll heuchlerischer Phrasen, durch welche sich die öffentliche Meinung von Zeit zu Zeit für die Nachsicht, die sie den Schuldigen angedeihen läßt, an den Unschuldigen schadlos hält. Dieser Empfang war für den Nabob eine arge Widerwärtigkeit, die ihn anfangs mehr mit Kummer als mit Zorn erfüllte. Er war sehr aufgeregt, suchte aber seine Bewegung hinter seinem Opernglase zu verbergen, indem er scheinbar den Vorgängen auf der Bühne die größte Aufmerksamkeit schenkte. Aber er konnte dadurch der skandalösen Neugier, deren Opfer er nun einmal war, nicht entgehen. Seine Ohren sausten, seine Schläfen pochten und er sah in seinem Glase vielfarbige Ringe erscheinen – die ersten Anzeichen einer Gehirnkongestion. Als nach dem Aktschlusse der Vorhang gefallen war, verblieb der Nabob anfangs noch in seiner unbeweglichen Verlegenheitsstellung; aber das immer lauter werdende Gemurmel, das jetzt nicht mehr durch den Dialog auf der Bühne in Schranken gehalten wurde, und die rücksichtslose Neugier einiger Personen, die selbst den Platz wechselten, um ihn besser zu sehen, zwangen ihn, seine Loge zu verlassen und sich in den Korridor zu stürzen, wie ein wildes Tier, das der Arena im Cirkus zu entrinnen sucht. In dem schmalen und niedrigen Rundgange der Korridore des Theaters traf er auf eine gedrängte Menge von Stutzern, Journalisten, Damen mit und ohne Hut, die, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, handwerksmäßig lachten. Aus den offnen Logen drangen Bruchstücke der Unterhaltung in abgerissenen Sätzen hervor: »Ein vorzügliches Stück ... so frisch ... und ganz anständig. ...« »Aber dieser Nabob! ... Welche Unverschämtheit!« »Ja, wahrhaftig, ein solches Stück thut einem wohl. ... Man fühlt sich ordentlich besser danach ...« »Weshalb, in aller Welt, mag man ihn noch nicht arretiert haben? ...« »Der Verfasser soll ein noch ganz junger Mann sein. ... Es ist seine Erstlingsarbeit. ...« »Was, Bois-Landry ist in Mazas! Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Seine Frau sitzt doch hier uns gegenüber im ersten Rang, dort die Dame mit dem neuen Hute. ...« »Ja, was beweist denn das? ... Sie betreibt nur ihr Handwerk, das darin besteht, Neuigkeiten der Mode in Schwung zu bringen. ... Und wahrlich, dieser Hut ist sehr hübsch ... er hat die Farben des Siegers vom letzten Pferderennen.« »Und Jenkins? Was wird aus Jenkins?« »Der ist in Tunis mit Felicia. ... Der alte Brahim hat sie beide dort gesehen. ... Es scheint, daß der Bey sich jetzt wirklich auch für die Jenkins-Perlen hat ködern lassen.« »Das wäre! ...« Aus der Ferne hörte man sanfte Stimmen flüstern. »Geh doch hin zu ihm, Vater, geh doch nur. ... Sieh, wie allein er ist, der arme Mann.« »Aber, meine lieben Kinder, ich kenne ihn ja gar nicht.« »Ach, das ist einerlei. Grüße ihn wenigstens, nur damit er sieht, daß er nicht vollständig und von allen verlassen ist. ...« Alsbald stürzte ein kleiner alter, rot aussehender Herr in weißer Halsbinde auf den Nabob zu und begrüßte ihn, indem er seinen Hut tief vor ihm abzog. Und mit welcher dankbaren Erkenntlichkeit, mit welchem Lächeln, mit welch liebenswürdigem Eifer wurde dieser einzige Gruß erwidert, dieser Gruß eines Mannes, den Jansoulet nicht kannte, den er nie gesehen, und der dennoch so erheblich auf sein Geschick eingewirkt hatte; denn ohne Vater Joyeuse würde der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Territorialbank wahrscheinlich das Schicksal des Marquis Bois-Landry geteilt haben. So kommt es, daß in dem Wirrsal unsrer modernen Gesellschaft, in dem Gewebe von Interessen, ehrgeizigen Bestrebungen, von angenommenen und erwiderten Freundschaftsdiensten alle Welt durch geheime Fäden miteinander in Verbindung steht, das Leben der hohen Gesellschaft mit der bescheidensten Existenz auf der untersten Stufe. Und dies erklärt auch die Buntscheckigkeit, die Kompliziertheit dieser Sittenstudie, das Zusammenlaufen so vieler Fäden, aus denen ein Schriftsteller, dem es um Wahrheit zu thun ist, sein Drama zusammenweben muß. Den Blick ziellos ins Leere gerichtet, zwecklos herumirrend, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, hatte der Nabob zehn Minuten lang alle jene Kundgebungen eines furchtbaren Scherbengerichtes der Pariser Bevölkerung zu erdulden, unter welcher er weder verwandtschaftliche noch andre Stützen von Belang besaß. Und die offen zur Schau getragene Mißachtung dieser Menge isolierte ihn in weit höherem Grade, als der Respekt einen Herrscher auf Reisen isoliert. Vor Verlegenheit und Scham schwankte er und man hörte jemand sehr laut sagen: »Er ist betrunken ...« und alles, was dem armen Manne übrig blieb, war, sich wiederum in dem Räume hinter seiner Loge einzuschließen. Für gewöhnlich war dieser kleine Zufluchtsort in den Zwischenakten voll von Börsenleuten und Journalisten. Man lachte, rauchte und machte einen Heidenlärm; auch der Direktor pflegte dann dort seine Gönner zu begrüßen. Heute abend aber war niemand da. Und die Abwesenheit Cardailhacs, der für Erfolg oder Mißlingen eine so feine Nase hatte, gab unserm Jansoulet den besten Maßstab für die Tiefe seines Falles. »Was in aller Welt habe ich ihnen gethan? Warum läßt Paris mich so im Stich?« Also fragte er sich in seiner Einsamkeit, die durch das Geräusch ringsum, durch das Geklirr der Schlüssel an den Logenthüren und die vielfachen Ausrufe einer Menge, die dem Schauspiele mit Behagen folgte, noch fühlbarer wurde. Und auf einmal brachte ihm der noch so frische Luxus seiner Umgebung, die maurische Laterne, die sich in bizarren Umrissen von den glänzenden Seidenstoffen der Diwans und der Tapeten abhob, den Tag seiner Ankunft in Paris in Erinnerung. ... Sechs Monate! ... Nur sechs Monate waren seitdem verflossen! Und alles war vernichtet und zu Grunde gegangen in diesen sechs Monaten! ... Er verfiel allmählich in eine Art Erstarrung, aus welcher ihn erst Beifallsbezeugungen und enthusiastische Bravorufe herausrissen. Die »Revolte« hatte in der That einen außerordentlichen Erfolg. Man war gerade bei den Kraftstellen und einigen satirischen Ausfällen angelangt. Und diese ätzenden Ergüsse, die zwar etwas emphatisch klangen, aber doch durch einen wohlthuenden Hauch jugendlicher Aufrichtigkeit gemildert wurden, rissen nach den idyllischen Ergüssen der ersten Akte vollends alle Herzen hin. Auch Jansoulet wollte diesen Worten lauschen und dem Spiele auf der Bühne folgen. Alles in allem genommen gehörte das Theater doch ihm. Sein Platz in der Vorderloge kostete ihm mehr als eine Million; daß er dieselbe benutzte, war wohl das wenigste, was er beanspruchen durfte. Und nun saß er von neuem vorne in seiner Loge. Im Hause herrschte eine drückende Schwüle, die von den rastlosen Fächern mit ihren blitzenden Reflexen nur bewegt, nicht beseitigt wurde. Man horchte mit gespannter Aufmerksamkeit auf eine entrüstete und stolze Deklamation gegen die Schwindler und Abenteurer, die zur damaligen Zeit sehr zahlreich waren und die, nachdem sie die entlegensten Winkel abgeklopft hatten, um einsame Wanderer auszubeuteln, nun die offene Straße unsicher machten. Freilich hatte Maranne, als er diese schönen Verse schrieb, an alle andren eher als an den Nabob gedacht. Aber das Publikum fand darin eine Anspielung, und während eine dreifache Beifallssalve am Schlüsse dieser Tirade erdröhnte, wendeten sich alle Köpfe mit einer entrüsteten, geradezu beleidigenden Bewegung nach der linken Vorderloge. ... Der Unglückliche wurde so in seinem eignen Theater an den Pranger gestellt! Und noch dazu an einen Pranger, der ihm so viel Geld kostete! ... Diesmal versuchte er es nicht, sich dem beleidigenden Schimpfe zu entziehen, er stellte sich mit gekreuzten Armen entschlossen aufrecht hin und bot der Menge, die ihn anstarrte, Trotz, diesen Hunderten von spöttischen Gesichtern, die nach ihm blickten, diesem tugendstolzen Paris, das ihn als Sündenbock benutzte und ihn fortjagte, nachdem es ihn mit allen seinen Schandthaten beladen hatte. Und wahrlich, es war eine niedliche Gesellschaft für eine solche Kundgebung! Gegenüber die Loge eines bankerotten Bankiers, in der die Frau und ihr Liebhaber vorne beisammen saßen, während der Ehemann, eine wahre Null, sich im Schatten des Hintergrundes hielt. Zur Seite saß ein Trio, wie man es häufig antrifft, eine Mutter, die, nur ihre eigne Neigung befragend, um aus ihrem Liebhaber einen Schwiegersohn zu machen, ihre Tochter verheiratet hat. Ferner ein Paar ohne Trauschein, Mädchen mit glänzenden Diamantschnüren gleich Hundehalsbändern um Hals und Arme, die auf diese Weise den Preis ihrer Schande zur Schau trugen und sich mit Bonbons in fast tierischer Weise vollstopften, weil sie wissen, daß dies tierische Wesen an einem Frauenzimmer denjenigen gefällt, die es unterhalten. Und dann ganze Gruppen weibischer Stutzer, mit offnen Halskragen, gemalten Augenbrauen und gestickten Vorhemden, Schönthuer, wie zur Zeit Agrippas, die sich untereinander »Mein Herz ... Meine Liebe ...« nannten. Alle Skandale, alle Schändlichkeiten, verkaufte oder käufliche Gewissen waren hier vertreten, das Laster eines Zeitalters ohne Größe, ohne Originalität, das nur die Verschrobenheit andrer Epochen nachzuahmen versuchte und eine Herzogin, die Frau eines Ministers hervorbrachte, die in einem verrufenen Tanzlokale mit den schamlosesten Tänzerinnen wetteiferte. Und das waren die Leute, welche den Nabob von sich stießen, die ihm zuriefen: »Fort mit dir ... du bist ein Unwürdiger ...« »Ich ein Unwürdiger! ... Und doch bin ich hundertmal besser als ihr alle, ihr Elenden. ... Ihr macht mir meine Millionen zum Vorwurfe! Und wer hat mir denn geholfen, sie aufzuzehren? ... Du, mein ehemaliger Gefährte, du Feigling und Verräter, der du in der Ecke deiner Vorderloge deinen dicken Wanst verbirgst. Ich habe mit meinem Vermögen dein Glück gemacht, zur Zeit wo wir als Brüder miteinander teilten.... Du, Marquis mit deinem erdfahlen Antlitze, ich habe hunderttausend Franken für dich im Klub bezahlt, damit man dich nicht mit Schimpf und Schande ausstoße. ... Dich, Dirne, habe ich mit Diamanten bedeckt, um die Meinung zu erwecken, als ob du meine Geliebte seiest, weil dies in unsren Kreisen einen guten Eindruck macht, ohne daß ich jedoch je von dir einen Gegendienst verlangt hätte. ... Und du, schamloser Zeitungsschreiber, du glaubst, daß ich dich nicht hoch genug bezahlt habe, und daher deine Insulten. ... Ja, ja, Canaillen, seht mich nur an. ... Ich bin stolz. ... Ich bin besser als ihr. ...« Alles, was der Unglückliche so bei sich selbst sprach, in einem Zornanfalle, den das Erbeben seiner dicken, blassen Lippen verriet, würde er vielleicht laut in das tiefe Schweigen hinausgeschrieen und die ihn beleidigende Menge seinerseits vielleicht insultiert haben. Wer weiß? Vielleicht würde er sogar mitten in die Menge gesprungen sein, um einen umzubringen, ja, bei Gott, einen umzubringen, als er plötzlich einen leisen Schlag auf seiner Schulter fühlte und ein offnes freimütiges Gesicht mit blondem Haar erblickte, zwei Hände, die sich ihm entgegenstreckten, und die er, wie ein Ertrinkender, krampfhaft ergriff. »Ach! Mein Lieber ... mein Lieber ...« stammelte der arme Mann. Aber er hatte nicht die Kraft, mehr zu sagen. Diese sanfte Regung, die ihn mitten in seinem Zorne anwandelte, löste seine Wut in einem Strom von Thränen, von Blut und durch Schluchzen erstickten Worten. Sein Gesicht wurde violett. Er machte ein Zeichen: »Führen Sie mich fort.« Und kaum hatte er stolpernd, auf den Arm Gérys gestützt, die Schwelle des Zimmers überschritten, als er im Korridor niederstürzte. »Bravo! Bravo!« tönte es bei einer Kraftstelle aus dem Theater, und man hörte ein Beifallsklatschen und enthusiastisches Trampeln mit den Füßen, während der schwere leblose Körper, den einige Maschinisten mit Mühe in die Höhe gehoben hatten, durch die glänzenden Coulissen getragen wurde, welche von Neugierigen, die eifrig dem Spiele auf der Bühne zuschauten, umstanden wurden und den Transport dieses hilflosen Opfers, das wie eine Jagdbeute dahergebracht wurde, kaum bemerkten. Man legte den Unglücklichen auf ein Sofa in der Requisitenkammer, während Géry mit einem Arzte und zwei Theaterarbeitern sich bemühten, ihm Hilfe zu leisten. Cardailhac, der durch das Schauspiel sehr in Anspruch genommen war, hatte versprochen, »gleich nach dem fünften Akte« sich nach seinem Befinden erkundigen zu wollen. Aderlaß über Aderlaß, Schröpfköpfe, Senfpflaster, nichts von allen diesen bei Schlaganfällen gebräuchlichen Mitteln brachte auch nur das geringste Lebenszeichen zum Vorschein. Eine Erstarrung des ganzen Organismus zeigte sich schon als Vorbote des Todes, und noch dazu ereignete sich dies an dem unheimlichsten Orte der Welt, in einem von einer Laterne matt erleuchteten Chaos, in welchem der Flitterkram früher gespielter Stücke mit Staub bedeckt durcheinander lagerte, vergoldete Möbel, Vorhänge mit glänzenden Fransen, Karossen, Spieltische, unbrauchbar gewordene Treppen und Treppengeländer, und dazwischen wieder Tauwerk, Winden und eine Masse andrer außer Gebrauch gesetzter, zerbrochener und beschädigter Theaterinventarstücke. Da lag nun Bernard Jansoulet ausgestreckt, inmitten dieser verwahrlosten Gegenstände, sein Hemd auf der Brust aufgeschnitten, zugleich blutig und bleich, das Bild eines Mannes, der im Leben Schiffbruch gelitten und mit den traurigen Ueberresten seines erkünstelten Luxus zerschunden und zerschlagen durch den Pariser Wirbelwind an die Küste geworfen ist. Paul betrachtet dies alles traurig und mit gebrochenem Herzen, das Gesicht mit der Stumpfnase, das in seiner Leblosigkeit den zugleich zornigen und gutmütigen Ausdruck eines harmlosen Geschöpfes zur Schau trug, das den Versuch gemacht hat, sich zu wehren, ehe es hingestreckt wurde, und doch nicht die Zeit gehabt hat, zu beißen. Er warf sich seine Ohnmacht vor, dem Nabob wirksam zur Hilfe zu kommen. Wo blieb nun der schöne Plan, Jansoulet durch die Untiefen des Lebens sicher zu geleiten, ihn vor Fallstricken zu bewahren? Alles, was er hatte thun können, war, ihm einige Millionen zu retten, und überdies kamen diese zu spät. Man hatte die Fenster nach dem Balkon geöffnet, der auf den Boulevard ging, wo das volle lichterfüllte, geräuschvolle Leben wogte. Das Theater war von einem Kranze von Gaslaternen umgeben, von einem Lichtmeer, welches den dunklen Hintergrund, auf dem man einzelne Lichtpunkte wie Sternschnuppen am Nachthimmel sich bewegen sah, noch dunkler erscheinen ließ. Das Stück war zu Ende. Das Publikum verließ das Haus. Die dunkle Menge, die sich auf den Treppen drängte, zerstreute sich auf den hellen Trottoirs, um durch die Stadt die Neuigkeit des großen Erfolges und den Namen eines Unbekannten zu verbreiten, der morgen triumphieren und ein berühmter Mann sein sollte. Es war ein herrlicher Abend, die Fenster der Restaurants waren glänzend beleuchtet und ganze Reihen von verspäteten Equipagen belebten die Straßen. Dieser festliche Tumult, den der arme Nabob so gerne gehabt hatte und der zu der betäubenden Art seiner Existenz so recht harmonierte, brachte auf eine Sekunde das Leben in ihm zurück. Seine Lippen bewegten sich, seine weit geöffneten Augen, die auf Géry gerichtet waren, nahmen vor dem Tode noch einmal einen schmerzlichen, flehenden und empörten Ausdruck an, gerade als ob sie jenen als Zeugen einer der größten und grausamsten Ungerechtigkeiten aufrufen wollten, die Paris je begangen hat. Ende.