Felix Dahn Ebroin. Historischer Roman aus der Völkerwanderung. * Die zweite Serie dieser »Neuen wohlfeilen Gesamtausgabe« in einer Auflage von zwanzigtausend Exemplaren in der Buchdruckerei von Ernst Hedrich Nachfolger in Leipzig gedruckt. Den Einband und die Innentitel zeichnete Erich Gruner in Leipzig. Die Buchbinderarbeiten besorgte H. Fikentscher in Leipzig. (a. 596 n. Chr.).     * »Peiere vurin ie ci wige gerno« (Bayern fuhren stets zu Kampfe gern)                      Annolied. »Chouner volc newart niemêre« (Kühner Volk war niemals)                      Rolandslied.   *   Meinem lieben Freunde Ludwig Mayer-Doß auf Villa Christina Partenkirchen zu eigen.   *   Vorbemerkung Die hier, insbesondere auch die auf S. 312 geschilderten wirtschaftlichen Notstände sind den Quellen entnommen. Begonnen in Königsberg 1884, beendet Gastein 1896. I. Abteilung. Erstes Buch. I In einer Sommernacht des Jahres sechshundertachtunddreißig nach Christus wurden vor den Thoren von Poitiers zwei Kinder geboren. Nahe beisammen standen die beiden Häuser, aber weit von einander ab lagen die Lebensgeschicke der beiden Elternpaare. In Colonnata, der alten Römervilla, der marmorsäulengetragenen, ward Frau Sigrada, der Gemahlin des reichen, vornehmem Geschlecht entstammten Herzogs Leodegast, wie sie in weichen Polstern lag, der Beistand des griechischen Hofarztes, den der Enkel Fredigundens, König Dagobert, ihr schon vor Wochen gesandt hatte. Und ihr Bruder, der machtreiche, prachtreiche, hoch gebildete und kunstverständige Bischof Dedo von Poitiers, aus dem Vorgemach hereingerufen, sobald das Kind zu Lichte war, segnete den Neffen, berührte ihm Stirn und Herz mit den in goldenem Schrein mitgebrachten Gebeinen des heiligen Hilarius von Poitiers und legte ihn dann, in Purpurwindel gewickelt, in den Schrein selbst auf diese geweihten Überbleibsel. Dann sprach er: »Wie ich des Knaben Schirmer auf Erden, soll Sankt Hilarius sein Schutzpatron im Himmel sein. » Non sine Dîs animosus infans «, ›nicht ohne Götterschutz ein mutig Kind‹, würde mein Lebenslehrer, der weise, heitre Schalk von Venusia, sagen. Und der Herr König hat versprochen, ihn aus der Taufe zu heben. So wird es dem Buben nicht fehlen, weder im Himmel noch auf Erden. – Schau nur, Herr Schwager, die kostbare Arbeit an dem Schrein: 's ist eine Truhe aus der alten Römerzeit, an Kunstwert noch reicher als an Goldeswert.« Die stattliche Edelfrau, wohlgepflegt, von jeder Arbeitslast frei, von jeder Kunst des Arztes, von allen Mitteln des Reichtums umhegt, war wenig angegriffen: ja, schöner als zuvor sah sie nun aus, wie die kostbare Ampel von irisierendem Glase ihr sanftes Licht auf das schwellende Pfühl herabgoß, um das emsige Mägde lautlos beschäftigt waren. In der gleichen Stunde lag in der binsenbedachten Knechthütte des Nachbargrundstückes das Weib eines Unfreien dem Tode sehr nah. Der Sturm peitschte den Regen durch die klaffenden Löcher des Daches in das niedere, enge Gelaß: der alte Holzschild, den der Mann da oben angenagelt hatte, konnte nicht einmal das Brettergestell des Bettes völlig schützen, auf dem die abgemagerte und abgearbeitete junge Mutter sich in Qualen wand, ein Ziegenfell ihre Unterlage, des Mannes alter Mantel ihre Decke; ein Kienspan, über dem feuerlosen Herd in die Wand angeschraubt, warf ein flackerndes, rotes Licht in den doch dunkel bleibenden Raum, – mehr Rauchqualm als Licht verbreitend. »Es ist ein Knabe,« sprach der Vater, tonlos. »Weiß nicht, ob das Elend kleiner oder größer, als wenn's ein Mädchen wäre.« – »O sprich nicht so, Ebromut. Es lebt! Und es ist gesund, nicht? O gieb, gieb mir das Kind, daß ich es küsse, mein Glück!« Er reichte ihr das zappelnde Wesen: innig drückte die Mutter es an den jungen Busen. Der Mann trat vor die Thür und sah in den dunkeln Nachthimmel. »Ja, es lebt! Wär's nicht viel barmherziger, du schwarzer Himmel, es wäre tot geboren? Leben: – also elend sein, wie ich es – ward! Nicht war! Ward! Ohne Schuld! Heranwachsen – des Knechtes Sohn – ohne Glück noch Stern! Denn sein Stern ist wohl ein Unstern. Da sieh – plötzlich ein Strahl aus dem Gewölk – rotflammend zuckt es! – Das war kein Blitz: – eine Kugel: ein Himmelszeichen? – Über unserm Dach flog's empor – auf das Dach der Marmorvilla schlägt's. Was mag's bedeuten?« *   II. Vierzehn Jahre später an einem schönen Herbstabend sprang ein starker, freudiger Knabe über die Schwelle des ehemaligen Knechthauses herein: aber er trug das ungeschorne Haar der Freien: lustig flatterten die blonden Locken im Herbstwind und auch der Vater, der an einem Speerschaft schnitzte, trug jetzt langes Haar. »Vater, Mutter!« rief der Sohn mit leuchtenden Augen, »kommt rasch hinaus! Der gute Herr ist wieder da.« Eilfertig legte der Mann die Waffe zur Seite, und die Frau die flachsumwundene Kunkel: beide ließen sich von dem Sohn an den Händen aus der Thüre zerren. Da hielt vor der Hofwehre – stattlich war sie ausgezimmert worden in den letzten Jahren – auf einem schönen und reich gezäumten Maultier ein freundlicher Herr in geistlicher Tracht: in einigem Abstand harrten ein paar Diener. Beide Eltern bemühten sich, dem Fremden bei dem Absteigen behilflich zu sein: er wies sie gütig ab. »Eia,« sprach er, die Leute, dann das Haus hinter ihnen musternd mit seinen guten, seelenvollen Augen, »das sieht ja freilich alles anders, besser aus! Ein Ziegeldach statt der durchlöcherten Binsen. Und ein Nebenbau – ein Stall: da blöken Schafe, da brüllt ein Rind. Und reiche Garben hat euch der Herbst beschert: – säuberlich sind sie geschichtet. Und wie der Bub herangewachsen ist – stark und frisch! Man sieht den Segen Gottes hier am Ort!« »Und wer hat ihn gebracht?« rief Ebromuth. – »Mein Glaube an solchen Segen war sehr schwach geworden ...« – »Welche Sünde!« – »Ja, wenn's einem geht wie mir...!« – »Aber du, o Herr,« sprach die Frau – lieblich war ihre sanfte Stimme –, »hast ihm das Gottvertrauen, den Glauben wieder gegeben. Und uns allen das Glück;« sie küßte die seine, weiche Hand, die am vierten Finger einen kostbaren Ring trug. Er schritt nun in beider Mitte auf das Haus zu: der Knabe sprang voran und riß die Zaunthüre weit auf. »Eia, und wie sauber das alles gehalten ist, Frau Leutrud,« lobte der Gast. »Man erkennt das helle Auge der Hausfrau.« »Leider wird es oft plötzlich trüb,« meinte der Gatte – »wohl vom früheren vielen Weinen.« »Aber jetzt,« lächelte sie, »weine ich nicht mehr – höchstens vor Freude, dich, Herr, zu sehen. Bitte, setze dich hier auf die Hausbank – darf ich etwas ...?« – »Jawohl! Bitte, gebt mir einen Becher Milch! Und von dem trefflichen Roggenbrot, das da von dem Tisch her duftet. Ah, besser als all die Leckerbissen daheim ...« Er stockte. »O viel guter Herr,« rief da der Junge, und die grauen Augen blitzten, »jetzt hättest du dich beinahe verschnappt und verraten, was ich schon solang gern wüßte.« »Ebroin! Frecher Bub!« drohte der Vater. Und die Mutter winkte ihm verstohlen, zu schweigen. »Laßt ihn nur, kann's ihm nicht verdenken,« lächelte der Gast und trank mit Behagen die Milch, welche die Frau eilig gebracht hatte. »Nun ja,« fuhr der, so ermutigt, fort, »die Eltern haben's oft und oft erzählt und ich, selbst hab's ja in den letzten Jahren gesehen, erlebt: – dir danken wir alles. Der Vater, ein freigeborner Mann, war durch den Grafen von Poiters, den Neiding, den elenden Hund ...« Zornfeuer sprühten die Blicke des Knaben. »Nicht, nicht doch!« mahnte die Mutter. »Liebet eure Feinde, spricht der Herr!« schloß der Fremde. »Das kann ich nicht! Nie und nie und nimmermehr! Was soll ich dann den Freunden thun, lieb' ich schon die Feinde?« »Wirst es doch lernen müssen,« meinte der Fremde, ihn aus den Lockenkopf patschend, »sollen wir gute Freunde bleiben. Hab's auch gelernt: – war nicht immer leicht.« »Ah,« fuhr der Knabe grimmig fort und ballte die Faust, wenn ich's gedenke! Frei war der Vater, wie die Vorfahren von je, und hatte ein eignes Gütlein: – klein, doch Allod. Da hat ihn der Graf von Poitiers, Leodebert, des Herzogs, unsres Nachbars Bruder, so oft – ohne Grund! – zum Ding und zum Heere gebannt, bis die ganze Bauwirtschaft zu Grunde ging.« »Ja,« grollte der Vater, »und als ich einmal ausblieb im mutwillig angesagten Ding, weil die volle Ernte zu ersaufen drohte auf dem Feld, lenkt' ich den Bach nicht heute noch ab, da hatte ich das Banngeld verwirkt. Sechzig Solidi! Wie sollt' ich die aufbringen! Da mußt ich denn endlich, knirschend, fluchend Gott und dem König und dem Grafen, nach dessen Willen thun. – Jahrelang hatte er in mich gedrungen und mir dafür jede Schonung verheißen –: des Vaters Erbe, die liebe Scholle, hab' ich ihm übergeben und mich selber – und ach! die da, mein junges Weib – als unfreien Knecht und unfreie Magd!« »Ja, sie treiben's arg, die Seniores,« seufzte der Fremde. »Und sie haben dem Vater das Haar verschoren,« rief der Knabe mit vor Zorn zitternder Stimme, »und haben ihn aus dem Freihaus der Väter in diese – damals gar elende! – Knechthütte gesteckt und haben ihn oft und oft – ich hab's selbst gesehen! – neben der kranken Mutter an der Rinder Statt vor den Pflug gespannt.« »Und mit der Geißel – wie das Zugvieh – peitschte mich, peitschte die zarte Frau der Oberknecht, wenn wir im Ziehen ermatteten. O, ich gedenk' es!« schloß der Mann und hob die Faust. »Nicht, nicht, Lieber!« mahnte die Frau. »Vergiß es!« »Vergessen?« rief der Knabe. »Hei, ich hab's mit angesehn, wie die Mutter unter der Geißel zusammenbrach. Ich sprang herzu und warf dem Hund mit einem Stein ein paar Zähne ein. Da haben sie mich – und den Vater, den unschuldigen! – gegeißelt, daß wir in unserm Blute lagen. Vergess' ich's je, will ich verdammt zur Hölle sein!« Da gab ihm der Fremde einen leichten Backenstreich. »Schweig' mit solch sündhafter Rede. Hat euch der Herr nicht geholfen?« »Der Herr! Welcher Herr?« fragte der Knabe. »Du, – ›der gute Herr‹, wie wir dich nennen. Du kamst des Wegs und hörtest der Mutter stilles Weinen aus der Hütte, die in Not und Jammer auf der Erde lag. Und da ...« »Tratst du herein,« fuhr die Frau fort, »wie ein Bote Gottes und ließest dir von mir all unser Elend erzählen. Und gingst sofort zu dem Herrn Grafen und kauftest uns frei: Mann, Weib und Kind, ...« »Und das Allod zurück,« rief der Mann, »und dies bisherige Knechthäuslein dazu! Und gabst mir Geld, daß ich zunächst ein paar Ziegen und Ackergerät kaufen konnte und ...« – »Dein Fleiß und Frau Leutrudens Wirtlichkeit mehrten bald – unter Gottes Segen! – deine Habe, daß es mir eine Freude war, rief mich mein Amt in die Nähe, euch aufzusuchen. Und an diesem schlimmen Krauskopf –, ›krauses Haar, krauser Sinn!‹ – hab' ich auch meine Freude. Ist ein gescheiter Bub. Hast auch das Lesen und Schreiben nicht vergessen, das ich dir vorig Jahr beigebracht?« »O nein, Herr. Und das Büchlein, das du mir dagelassen mit den Glaubensbekenntnissen und dem Gebet: – ich hab's so oft abgeschrieben – freilich nur mit Kohle auf weiße Schindeln: denn Pergament und Atrament waren bald verbraucht – daß ich's auswendig kann.« »Er hat ein gar gut Gedächtnis,« lobte die Mutter und streichelte ihm die Wange. »Ist da ein alter Schäfer des Herzogs, der weiß viele Geschichten der Vorzeit, von König Chlodovech und von dem Meerwicht, seinem Ahn ...« »Und von Herrn Wotan mit dem Speer,« fiel der Knabe eifrig ein, »und Frau Berahta mit der Spindel und von den Schwanjungfrauen! – die hab' ich alle auch aufgeschrieben – hör' sie gar so gern, lieber als das aus deinem Buch, Herr! Hab' sie auch mit Kohle auf weiße Schindeln geschrieben. Und hab' sie neulich dem Herrnsohn da drüben, dem Leodegar – weißt du, dem Herzogsohn – vorgelesen. Da schalt der mich einen argen Heiden und wollte mir das Geschriebene entreißen und seinem Ohm geben, dem Bischof Dedo, daß er sie verbrenne. Aber,« – und nun blitzten die Augen des Knaben in loderndem Zorn – »ich ließ ihn nicht. Wir sind gleich stark, so ganz gleich, daß bisher im Ringen keiner den andern niederzwang. Jedoch da – vor drei Tagen war's – da kam der Zorn über mich und mit ihm die Zorneskraft wie über den rotbärtigen Donner und ich warf ihn ins Gras, daß ihm die Knochen krachten und ...« »Du bist ein ganz Schlimmer,« schalt der Gast kopfschüttelnd. »Das taugt nicht, gar nicht!« »O wie recht hast du, frommer Herr,« klagte die Mutter, »viel mehr recht als du wissen kannst. Ja, der Zorn, der Jähzorn, der Heißgrimm, – das ist das Arge an dem Buben. Ich muß ihn loben sonst: er ist gar geweckt und eifrig und Gemeines kommt ihm nicht zu Sinn. Und an uns beiden hängt er mit heißer Liebe. Aber der Jähzorn! Wird der gereizt, – zumeist, wann er meint, uns beiden geschieht unrecht ...« »Oder auch einem geringen Mann durch die Seniores,« warf der Vater ein, mit einem Kopfnicken, das eher Billigung als Tadel bedeutete. »Ach, dann kennt er sich nicht mehr! Blindwütend schlägt er dann um sich; den ›Eber‹, den ›schäumenden Eber‹ nennen ihn dann, seines Namens gedenkend, die Buben der Nachbarn.« »Ja,« sprach der Knabe starr vor sich hinschauend, »dann wird's mir ganz rot vor den Augen. Ich möchte schreien und kann nicht. Aber meine Fäuste schlagen dann von selber zu.« »Hätt' ich ihn nicht weggerissen, wie er auf dem geworfenen Herzogsbuben kniete, – er hätt' ihn erwürgt, glaub' ich,« schloß der Vater. – »Ach, es ist wie ein Dämon, von dem der Pfarrer neulich predigte, daß er in die Menschen fährt. Der Dämon des Zornes, fürchte ich, hat Gewalt über seine Seele.« Sehr ernst, bekümmert sprach da der Gast und hob verwarnend den Zeigefinger der Rechten: »Es schmerzt mich, Ebroin, das von dir zu hören. Jähzorn ist eine schwere Sünde vor Gott und blutige Thaten sind seine Früchte. Im Jähzorn ward der erste Totschlag begangen auf Erden! – Und hört, ihr Eltern, laßt mir den Heiden, den alten Schäfer, nicht mehr über die Schwelle ...« »Wird nicht viel helfen,« lachte der Vater, »der Bub läuft ihm immer nach, dem Thiemo, auf der Heide oder jetzt über die Stoppelfelder bei seinen Schafen.« »Und mit des Herzogs Sohn,« mahnte der Fremde, »halt Frieden – das rat' ich dir. Kannst ihn nicht leiden, he?« Ebroin machte ein nachdenklich Gesicht: »Doch! Ich mag ihn gut leiden, recht gut. Es ist ein eigen Ding. Er ist gescheit, der gescheiteste von all uns Buben. Und er hat viel gehört, gelernt – soviel! – von seinen Eltern und zumal von seinem Ohm, dem seinen Bischof. Deshalb geh' ich gern mit ihm. Aber wenn« – und hier ergrimmte er wieder – »wenn der Hochmut, der Stolz, die Herrschgier, die in ihm stecken, das untragbare Befehlen aus ihm hervorbrechen, dann – dann hass ich ihn so heiß ... – ja, ja, erdrosseln könnt' ich ihn mit diesen Fäusten.« Der Gast stand rasch auf: »Genug! Übergenug hab' ich gehört! Es hat zum Beschluß gereift den Plan, den erwägend ich herkam. Ihr Leute, euer Sohn ist hoch und reich begabt: – vor vielen, vielen andern, wie ich schon in den letzten Jahren herausfand: – aber begabt nicht zum Guten nur, auch zum Bösen, zu Zorn, Haß, zu heidnischem Wesen. Hier thut er kein gut mehr! – So hört: ich nehme ihn mit mir.« »Fort von mir?« klagte die Frau schmerzlich. »Ah, Mutter, sei nur ruhig, ich geh' ja nicht von dir!« rief der Knabe und ergriff ihre Hand. »Doch! Du mußt gehen, wenn dein Vater befiehlt. Und nun sollt ihr auch wissen, wohin ich ihn führe. Nach Clermont nehme ich ihn mit – in das Haus des Bischofs: – dort lasse ich ihn erziehen.« »Aber,« staunte der Vater – »Bischof Praejectus – schon viel hört' ich ihn rühmen, er soll so gut und weise sein – aber wird er wollen?« »Er muß,« lächelte der Gast, »wenn ich will. Denn jetzt muß ich es wohl sagen: ich liebe sonst nicht, daß man von solchen meiner Thaten spricht und weiß: ich bin selbst Praejectus von Clermont.« *   III. Der Königshof der Merowinger zu Paris war der alte Kaiserpalast, in dem weiland Julian der Abtrünnige zum Imperator war erhoben worden: noch heute sind seine Spuren wahrzunehmen in dem Garten des Musée de Cluny. Der antike Bau war freilich im Lauf der Jahrhunderte – schon unter Chlodovech – vielfach den Bedürfnissen des germanischen Lebens und eines fränkischen Königshofes angepaßt worden: eine ungleich geräumigere Halle als der römische Speisesaal gewesen, war gewonnen worden, indem man die Mauern anstoßender kleiner, enger Gemächer – römischen Geschmackes – niedergerissen hatte. Auch das Atrium war zu einem weiten Waffenhof ausgedehnt auf Kosten der – gekünstelten – Gartenanlagen, die sich an seine Ostseite gelehnt hatten. Es war etwa vier Jahre später, am Abend eines Frühlingstages: – der Rotdorn blühte und die Lerche sang damals noch über der Seine schwebend und deren mit Korn bestandenen beiden Ufern. Da trieb sich in diesem Hof eine fröhliche Schar von Jünglingen um mit allerlei Spiel und Waffenübung. Es waren fast lauter schöne Menschen: schlanke, edle Gestalten, diese sechzehn bis zwanzigjährigen Wettringer, Wettläufer, Wettspringer, Wettkämpfer, Wettschützen. Der alte Waffenmeister des Königs, Waltarich der Mariskalk, sah, auf der vorletzten Stufe der Marmortreppe sitzend, den Rücken an die oberste gelehnt, einen mächtigen römischen Silberhumpen Weines neben sich, mit zufriedenem Schmunzeln dem lärmenden, freudigen Treiben zu: aber er lobte nie, während bei einem mißlungenen Wurf oder Schuß ein derbes Spottwort flugs von den bärtigen Lippen herunterflog und seinerseits des Ziels nie fehlte. »Nun laßt einmal das Werfen mit der schweren Fráncisca! Ihr seid ja schon ganz müde in den Armen. Könnt ja nichts vertragen, ihr schwächeren Buben unsrer schon schwächeren Söhne. Ah, wenn ich dran denke, was wir für Kerle waren in euren Jahren! Freilich, so bunt geputzt wie die Stieglitze liefen wir nicht herum. Und so viele lateinische Brocken mischten wir nicht in die gute alte Rede der Salier! Aber was führten wir für Streiche!« »Recht nichtsnutzige zuweilen,« lachte einer der Gescholtenen mit auffallend gescheitem, für diese Jugend nur allzuscharf geschnittenem Gesicht. Er wandte sich dabei nach jenem um und rief das spöttisch hinauf. »Wenigstens sagen so die hochehrwürdigen Herrn Bischöfe, eure Altersgenossen von damals.« »Leodegar, mein Söhnchen,« lächelte der Graubart grimmig auf ihn herunter, »du bist doch der frechste Gelbschnabel von euch allen. Aus dir würde mal was, mein' ich, wenn du nicht lange vorher an deiner Unverschämtheit ersticken müßtest. Nun zeig' einmal, daß du noch andres als Bosheiten gelernt hast am Hofe ... –« »Und von dir!« höhnte der Schlanke und ergriff Bogen und Pfeil. »Platz da! Aus dem Weg! Auf welche Scheibe soll ich schießen?« »Auf die drittletzte!« antwortete der Mariskalk. »Die beiden äußersten stehen zu weit für dich.« – »Nein! Ich ziele auf die letzte. Seht ihr: einen Riesen stellt sie dar, der aber nur ein Auge hat, mitten auf der Stirn.« »Ist eine Dummheit. Solche Riesen giebt's gar nicht,« brummte der Alte. – »O doch, du hast nur nie was gelernt, alter Hüne, als saufen und hauen: 's ist Polyphem, der Cyklop. Ohm Dedo hat's oft erzählt daheim. Ei, von allen Helden hat mir der schlaue Odysseus von je am besten gefallen.« – »Schieß' und schwätz' nicht.« »Ich wette, ich treffe mitten ins Auge.« – »Dann darfst du dir was ausbitten. Einen Becher besten Rhäter-Weins, eh?« »Nicht immer trinken. Nein, dann küsse ich Waltrun, deine schöne Tochter.« – »So? Aber rasch! Denn dann dreh' ich dir gleich den Hals um wie einem Krammetsvogel. Schieß!« Die Sehne schwirrte: – der Pfeil flog: – krachend schlug er in das Holz der Scheibe. Ein paar der Gespielen liefen hin: »Ah! Eia!« riefen sie staunend. »Wirklich! Mitten in das kleine Rund des Auges!« »Ich sagt' es ja,« sprach der Schütze stolz, den Bogen ablegend. »Nach diesem Schuß, Bruder,« rief einer der Genossen, ihm auf die Schulter klopfend, »bist du nun auch Bogenkönig ...« »Wie Speerkönig,« bestätigte ein andrer, den die ganz dunkle Farbe von Augen und Haar als Vollblutrömer erwies und dessen Eltern erst kürzlich aus Italien übergesiedelt waren. »Und Schwertkönig,« rief ein dritter. »Ja,« seufzte Leodegar, »Vetter Hektor, aber wer weiß, wie auf lange? Bruder Gairin – nicht wahr? – wir kennen einen: – der war mir schon vor Jahren überlegen oder doch ganz gleich in allen diesen Stücken.« »Ja,« grollte der Befragte, »freilich! Der Sklavensohn, der freche! Und es verlautet ja, er wird demnächst in unsere Schar hier aufgenommen. Der Bischof von Clermont soll ihn selbst zu Hof bringen.« »Was?« rief Hektor unwillig, »der Sohn eines Knechts?« »Neben uns? Unter die Hofknaben?« zürnte Valerius der Römer, »das leiden wir nicht. Sprich, Mariskalk, sag' nein! Das ist ja doch unmöglich!« – »Du junger Fant! Nichts ist unmöglich was ein König will und was ein frommer Bischof wünscht.« »Ah ja,« zürnte Leodegar, mit dem Fuße stampfend, »der Tugendschwätzer von Clermont. Mein Oheim Dedo sagt, er sei gut, aber dumm.« »Ja, so schlau und so bösartig,« meinte der Alte kopfnickend, »wie Herr Dedo von Poitiers und sein – älterer! – Neffe sind nicht viele. – Gott sei Dank. Es wäre zu gefährlich für ehrliche Leute.« »Aber wie kann der Herr König ...?« schalt Gairin, der, dem Bruder ähnlich, doch des geistigen Ausdrucks entbehrte, der an diesem gleich auf den ersten Blick auffiel. »Warum ...?« – »Will's euch wohl sagen. Um euren Hochmut zu dämpfen, will ich's sagen, ihr aufgeblasenen jungen Gockelhähne. Wißt ihr wohl, warum der Herr König euch hier um sich versammelt hält?« »Ei freilich,« meinte Hektor, »weil wir die Söhne der vornehmsten Geschlechter sind.« »Weil er gern was Schönes und Feines um sich sieht,« prahlte Gairin, wohlgefällig an seiner reichen Gewandung herab schauend. – »Gefehlt, du Pfau!« »Nein,« sprach Leodegar nachdenksam, »wohl weil er will, daß wir mit ihm und seinen Hofleuten bekannt, vertraut werden, damit wir später die für jeden taugenden Ämter und Würden erhalten. Und unsere Väter wollen uns hier seine Hofsitte lernen lassen, einflußreiche Gönner für uns gewinnen ...« – »Eitle Laffen seid ihr zwei. Und du, viel kluger Leodegar, hast doch auch den Hauptgrund nicht erklügelt. Wißt ihr, was ihr hier seid, alle dreißig? Gefangene seid ihr!« »Hoho!« so ergrimmte Hektor, der Sohn des Patricius von Marseille – »gefangen?« »Ah bah,« lachte Valerius, »da steht das Hofthor weit offen. Ein Sprung und ich bin im Freien.« – »Wirst nicht weit kommen nach dem Sprung! Versuch's! Entlauf! Der Lanzenreiter dort vor dem Thor hat dich am Schopf, ehe du die Gasse zu Ende kömmst.« Die andern widersprachen laut: – aber Leodegar schwieg betroffen. »Geiseln seid ihr für euerer Vater – wenig sichre! – Treue!« Leodegar furchte die Stirn: die so jugendliche zeigte doch schon tiefe Falten: »So sah ich's nie,« murmelte er vor sich hin. »Hm, allzustark ist dieses Königtum der Franken: den Adel bindet es zu fest. Man müßte ...« Aber laut lachend rief sein Bruder Gairin: »Ah, thörichte Weisheit! Geiseln für die Adelsgeschlechter? So? Warum dann nimmt der Herr König diesen elenden Ebroin unter seine Hofknaben auf? Ist vielleicht auch dessen Vater ein gefährlicher Empörer? Hei, ich hab ihn oft, neben seiner Kuh – der einzigen! – angespannt, am Pflug ziehen sehen durch die magren Schollen seines wenigen Landes.« – »Seines? Nein! Des Landes unsres Ohms, des Grafen Leodebert, bis der biedre Praejectus sie alle drei losgekauft. Und manchmal zog als Kuh ... Frau Leutrud.« – Die Genossen lachten laut. »Das war ein häßlich Wort,« schalt der Mariskalk. »Du hast einen scharfen Verstand, Leodegar, aber eine schärfere Zunge. Und ein böses Herz.« »Jedoch ein gutes Gewissen,« lachte der. »Ein rührend gutes! Ich mag thun was ich will, – es beißt mich nie. Irgend ein Heiliger – wohl mein Schutzherr, Sankt Hilarius von Poitiers – hat ihm einen Beißkorb wie einem gefangnen Wolf angelegt.« Er zog Hektor am Ärmel beiseite und flüsterte: »Gestern – gerade, bevor wir befohlen wurden, dem Capellanus des Palatiums zu beichten, – überraschte ich im engen Schlafgemach die junge Frau des alten Kämmerers Wido: – du, die ist heißblütig! – noch brannte ihr Kuß auf meinen Lippen, noch pochte mir heftig das Herz in der Basilika, aber mit größter Ruhe nahm mein Gewissen die Freisprechung von allen Sünden hin.« – »Doch nur von den gebeichteten! Und du hast...?« – »Ah, man kann doch nicht auch andrer – zumal so schöner Weiber! – Sünden beichten.« »Nun,« wiederholte Gairin, »ist auch Ebroin Geisel für seinen – gefährlichen! – Vater Ebromuth?« »Nein,« erwiderte der Mariskalk trocken, »dich nahm man als Geisel: – dafür bist du gut genug auch bei deiner Dummheit. Den Sohn des geringen Mannes aber nimmt man als hoffnungsreichsten Schüler. Denn Bischof Praejectus schreibt, – ich ließ mir's genau vorlesen! – solche Begabung für alles und jedes – von der Dialektik, Logik und Rhetorik (– weiß übrigens Sankt Martinus, was das für Kunststücke sein mögen! –) bis zum Speerwerfen und Pfeilschießen sei ihm noch nicht vorgekommen.« »Nun, das letzte,« meinte Gairin höhnisch, »können wir dann gleich versuchen. Denn, täuscht mich mein Auge nicht, – er ist freilich groß und stark geworden in diesen Jahren! – da kommt der Sklavensohn gerade aus dem Palatium.« »Jawohl, er ist's,« sprach Leodegar nach einem scharfen Blick. »Jetzt ist er noch viel höher und breitbrüstiger geworden als ich! Er ist's: und der da hinter ihm schreitet, ist Praejectus der Einfältige.« »Hei,« meinte Hektor, »den Ackerknechtbuben wollen wir doch so behandeln, – gleich so aufnehmen! – daß dem Spatzen die Lust vergehen soll sich unter die Edelfalken zu mischen.« Mit spöttischer Miene und einer tiefen Verbeugung tänzelte er den beiden die Stufen des Palatiums langsam Herniederschreitenden entgegen: »Ich grüße dich in Ehrfurcht, geistgewaltiger Herr Bischof von Clermont. Und dich, Sprößling der ländlichen düngerduftenden Scholle, dich, den gerühmten Wunderknaben Ebroin: das heißt in eurer Sprache ›Schweinefreund‹, nicht? Du hast sie wohl häufig gehütet, die herzigen Grunzer? – Dich heiß' ich hoch willkommen hier unter deines – Ungleichen. Man rühmt dich als unerreichbar in allen Dingen. Nun haben wir – deine Bewunderer – gerade im Bogenschießen ein wenig gestümpert: – sieh einmal den Schuß da in das Riesenauge! – den hat der arme Leodegar gethan – von hier aus. Wir ziehen den Pfeil heraus, – dann schieß' du und zeig' uns allen den Meister.« Praejectus legte die Hand auf die Schulter seines hochragenden, kraftstrotzenden Schützlings und flüsterte: »Der Augenblick ist wichtig: – bete zu Sankt Sebastian, dem Patron der Pfeilschützen,« »Es geht auch so,« erwiderte Ebroin ruhig, hob einen vor ihm liegenden Bogen auf und wählte bedächtig aus einem Köcher einen Pfeil. »Warte doch,« rief Gairin, »bis ich Leodegars Pfeil herausgezogen.« »Unnötig,« sprach Ebroin, spannte den Bogen, legte den Pfeil auf die Sehne und zielte. »Was hast du vor?« fragte der Mariskalk, sich vorbeugend. Die Sehne schwirrte – der Pfeil flog. »Ah, was ist das?« rief der Alte aufspringend und, die Hand vor den Augen, scharf spähend: »Er hat den Pfeil Leodegars mitten entzwei geschossen. Dergleichen hab' ich nie gesehen. Junge, wer hat dich das gelehrt?« »Mein Vater, wann er nicht gerade ackern mußte für seinen Leibherrn.« *   IV. Und abermals waren Jahre verstrichen. Von jenem ersten Auftreten an hatte sich der junge Ebroin an dem ganzen Hof eine gar günstige Stellung geschaffen, auch in der Schar der Palastknaben, trotz des Hochmuts, des Neides, der Eifersucht, die gar manche der vornehm Gebornen ihm trugen und zuweilen deutlich zeigten. Zumal seit er einmal einen heimtückischen nächtlichen Überfall erfolgreich abgewehrt hatte, den Gairin, Hektor und dessen Vetter Valerius bei der Heimkehr von der Jagd im Wald auf ihn unternommen: – sie hatten ihn »verhauen« wollen. Und daß er sie nicht bei dem Mariskalk anzeigte, trug ihm Beifall und Lob auch mancher bisheriger Gegner ein. »Wozu?« lachte er, »die tragen ihre Strafe schmerzlich an ihrem Leibe herum.« Doch auch Freunde gewann er unter den vornehmen Jünglingen, so Vanning, den Sohn des Pfalzgrafen Bannbert. Und auch Leodegar verhielt sich nicht offen feindlich gegen ihn, obgleich von jenem Pfeilschuß an die beiden in allen Stücken, in allen Leistungen der Geistesbildung und der Leibesübungen so hart ringende Nebenbuhler waren, daß in fast regelmäßiger Abwechslung bald der eine, bald der andre als »der Erste der Schar« sich erwies: die dritte Stelle nahm keiner von ihnen jemals ein. Der weit über seine Jahre hinaus kluge, weltgewandte und kühlvorsichtige Herzogssohn – diese kalte Berechnung gab ihm zuweilen die Überlegenheit über den immer soviel heißblütigern und oft so jähzornigen Ebroin – erkannte, daß es wichtig, vorteilhaft sei, diesen hervorragendsten unter den künftigen Wettringern um Ehre, Glanz und rasches Aufsteigen nicht zum Feind, eher zum Bundesgenossen wider andere zu haben. »Wenn wir beide zusammenstehen sind wir stärker als all' die andern miteinander,« sprach er einmal eindringlich zu Ebroin. »Ja, ja,« meinte der, »und in vielen Dingen haben wir ja gleiche Neigungen. Solang ich's mit gutem Gewissen kann, steh' ich dir gern zur Seite.« Vanning, ein wackerer, aber schlichter Gesell, aus dessen vollem rotwangigem Gesicht ein paar runde, blaue Augen treuherzig blickten, hatte das Gespräch angehört. »Geh,« rief er Ebroin zu nach des andern Entfernung, »wie kannst du dem falschen Schleicher trauen? Du wirst nicht lang mit ihm halten können. Der ist so selbstisch und treulos wie der Teufel.« »Mag sein. Aber auf meinen Wegen lass' ich mich auch vom Teufel fördern: – wenn's einen giebt, was ich nicht recht glaube! Und das mußt du doch sagen: – er ist der beste Kopf am ganzen Hof. Das zieht mich an. An seinem Geist – – wie an einem Wetzstein – schärfe ich den meinen.« – »Ich mag's aber nicht leiden an dir. Ich bin ...« »Eifersüchtig bist du, guter Bub, wie ein Mädchen,« lachte Ebroin. »Laß gut sein. Ich weiß, dein Herz allein ist mehr wert als der andre vom Scheitel bis zur Sohle.« »Ich hab' dich gern, Ebroin. Und wollte, ich könnte dir's mal zeigen.« – »Die Freude, mein' ich, kann dir schon noch werden! Denn wirr geht's her in diesem Reich der Franken. Schau um dich! Seit König Dagobert gestorben, ist das Reich in zwei Stücke auseinandergebrochen. Austrasien, das ganze Ostland rechts vom Rhein und links davon Elsaß, dann das Moselland bis an die Campania von Reims, endlich alles Land der Uferfranken hat sich von uns – von Neuster und Burgund – gelöst: mehr als der Merowing Sigibert herrscht da drüben in Metz der Hausmeier, der Arnulfinge kräftiges Geschlecht. Bei uns aber in Neuster und Burgund – von Reims gen Westen bis an die Gotenmark und im Norden und Süden bis an beide Meere – waltet an ihres jungen Sohnes Chlodovech, des Zweiten dieses Namens, Statt die Witwe König Dagoberts, Frau Nantechild, als Regentin. Ein Weib: ... – ich will sie nicht schelten, aber man sagt, sie bedürfe stets eines Mannes, der ihren schwankenden Sinn beherrsche. Und wenig Gehorsam wahrlich erweist ihr der Adel, der der Krone trotzt und die geringen Freien mißhandelt. Welche Aufgaben, welche Pflichten für jeden ehrlichen Kerl, der's gut meint mit diesem Staat! Welch hohe Ziele winken hier! Aber auch welche Kämpfe, welche Gefahren sperren die Wege zu diesen Zielen! Wohlan, mich treibt die heiße Liebe zu diesem gequälten, niedergetretenen Volke der geringen Leute, zu diesem Reich: – aber auch die Lust am Kampfe selbst und die Lust, zu herrschen! – mich in die erste Reihe zu werfen dieser Kämpfer. Tief unten, armen Mannes Sohn, fang' ich an – recht hoch will ich hinauf: da wird's ohne manchen Hieb gegen mich nicht abgehen. Und zwei Schilde fangen mehr ab als einer.« – »Ich selbst, meine Brust, soll dein Schild sein, Ebroin!« Kurze Zeit nach diesem Gespräch sollten die ungefähr gleichaltrigen und hinreichend ausgebildeten Jünglinge der Palastschar entlassen werden, jüngeren, neu aufzunehmenden Platz zu machen. Groß war die Freude unter den Scheidenden: denn nach dem ihnen mitgeteilten günstigen Ergebnis dieser Erziehungs- und Probezeit wurde ihnen eine glänzende Laufbahn eröffnet. Sogar der niedrig geborne Ebroin erhielt das Amt eines Vicegrafen und zwar – was ihn am meisten freute – in dem Gau des neustrisch-burgundischen Reiches, der damals allein des Waffenschutzes bedurfte: an der Grenze der räuberischen Wasconen, deren Bekämpfung in den Schlupfwinkeln ihrer Berge schon gar manchem fränkischen Feldherrn übel bekommen war: er sollte dem helmmüden Grenzgrafen von Agen den kriegerischen Teil seiner Amtspflichten abnehmen. Er war sehr glücklich und stolz: sein erstes Wort an den guten, alten Mariskalk, der ihm das verkündete, war: »Aber das darf ich selbst den Eltern schreiben, nicht? Die Mutter hat ja Lesen und Schreiben von mir gelernt. Einstweilen! Mein Weg führt ja später doch über Poitiers.« »Ja, thu's nur! Du bist ein guter Sohn.« Das glänzendste Los war Leodegar gefallen: nicht unverdient, denn er hatte sich, wie gesagt, in all' diesen Jahren neben Ebroin als der erste der Palatiums-Jünglinge behauptet. Aber hinzu trat freilich der Glanz seiner vornehmen Geburt, die Empfehlung seines Oheims, des einflußreichen Bischofs von Poitiers, und vor allem eine Geschmeidigkeit, eine wahrhaft geniale Kunst sich bei allen am Hofe – Weiblein wahrlich nicht minder als Männlein! – einzuschmeicheln: eine Kunst, die er planmäßig betrieb – auch bei minder mächtigen Männern oder weniger schönen Frauen: »Er thut's, um in der Übung zu bleiben,« grollte Vanning. Dabei vermied er in seiner Schmeichelei jede Plumpheit: »Er kitzelt die Leute, ohne daß sie's merken,« schalt der alte Mariskalk. »Er muß – er kann gar nicht mehr anders! – jedem Menschen, mit dem er spricht, das sagen, was er im Augenblick am liebsten hört.« »Ja, ja,« meinte er einmal selbst lachend, als ein Bettler ihm den Schuh küßte – denn auch wohlthätig zu sein konnte sich der reiche Herzogssohn verstatten – »man kann nicht wissen. ›Der Löwe ward von einer schnöden Maus befreit aus dem Netz‹, las Oheim Dedo einmal vor.« So war er denn nach Begabung, Eifer, Verdienst, Empfehlung und äußerster Liebedienerei der Bevorzugteste am Hofe geworden. Die Königin-Regentin, eine schöne, üppige Frau, ließ sich am liebsten von dem schlanken, dunkeläugigen, dunkellockigen und feurig blickenden Jüngling auf das Pferd heben, – zu großem Ärgernis des alten Mariskalk! – und recht oft – häufiger als ihn die Reihe getroffen hätte – erhielt er die Nachtwache vor den Gemächern der rotlockigen Fürstin. Sie hatte ihn auch jetzt zu sich entboten, ihm selbst das ihm zugedachte Amt zu verkünden, während alle andern hierzu vor die Hofbeamten beschieden worden waren. Ebroin saß in seinem Gemach und schrieb einen glückatmenden Brief an seine Mutter: – da stürmte Leodegar herein, erhitzt im dunkelschönen Antlitz, sein Herz pochte so stark, daß er die Hand darauf preßte. Die Erregung des Augenblickes riß ihn ausnahmsweise ganz aus seiner sonstigen Kühle. »Ebroin,« jubelte er, »alter Feind, nein, auch alter Freund, und künftig nur Freund! Vernimm, höre ... mein Glück. Die Königin, – ich komme gerade von ihr – sie hat mich zum Grafen von Paris ernannt und mir den Oberbefehl gegeben über das Heer, das sie demnächst gegen die Wasconen senden wird.« Ebroin erhob sich und reichte ihm die Hand. »Meinen Glückwunsch, Herr Graf von Paris: du fliegst rasch nach oben. Ich gönn' es dir von Herzen. Was aber den Wasconenkrieg angeht ...« – da furchte er die Stirn und preßte die Lippen zusammen, und unheimlich drohend blitzten seine Augen, »da rat' ich dir, dich zu beeilen, sonst findest du nichts mehr zu bekriegen vor. Das ist mein Krieg. Ich bin Vicegraf von Agen – hörst du? – nicht du: ich habe jene Mark zu schützen. Morgen reis' ich. Und ich hoffe, lang' eh' du eintriffst mit deinem großen Heer, bin ich mit kleiner Schar fertig mit den Feinden.« »Ich sollte dir das verbieten,« meinte Leodegar unwillig. »Das versuch' einmal,« lachte Ebroin: aber das Lachen war so grimmig und die Zornader auf seiner Stirn trat plötzlich so hervor, daß der andere erschrak. »Nein, nein,« lenkte er geschmeidig ein, »ich bin heute so glücklich, so stolz. Ich will heute keinen Streit. Ja, ich trag' dir ungemischte Liebe ...« »Früher war sie doch recht stark gemischt mit Haß, mit Verachtung des Sklavensohns.« – »Das war nur Neid, uneingestandne Eifersucht, Aber jetzt ...« – »Da du mich so hoch überflogen hast, findest du dazu keinen Grund mehr.« – »Vielleicht ist's so. Oh ich muß in dieser Stunde meine Gedanken, meine Hoffnungen ausströmen. Kein Ziel scheint mir zu hoch. Im Krieg und Frieden! Feldherrnschaft, Heldentum – – du weißt, diese Rechte ist stark...« – »Fast wie die meine.« – »Und an Wagemut nehm' ich's auf mit jedem im Palatium, im Rat aber nehm' ich es auf mit all den klugen Palatinen, den weisen Bischöfen. Ich will im Vorkampf, stets dem Keil voraus, ein Held werden wie noch keiner war.« – »Werd's und sag's dann. Aber dann sagst du's nicht mehr.« – »Und eine beredte Zunge führ' ich im Munde und rasch faßt mein Geist. Und die Menschen gewinn' ich nach Belieben. Ich raste nicht, bis ich der erste Mann geworden in diesen Reichen Neuster und Burgund.« Er atmete stark. »Hm,« meinte Ebroin, »also Majordomus. – Und dann? Und damit willst du abschließen? Und nur an dich, an deinen Glanz nur denkst du? Wahrlich, ich lasse meine Gedanken höher fliegen! Und weiter!« »Willst du etwa die Merowingen stürzen,« höhnte Leodegar, »und dich selbst zum König machen über Neuster und Burgund?« Unwillig schüttelte der andre die dunkelblonden Locken. »Ich habe – wie du – dem König geschworen . Nein! Aber nicht nur an mich denk' ich! An gar vielen Wunden krankt das Volk, das niedere, im Frankenreich ... ihm muß und soll geholfen werden!« – »Aha, der Sohn des Knechts hat nicht vergessen ...« – »Nein! Und wahrlich, ich will ... Doch das ist's nicht allein. Majordomus willst du werden, aber nur von Neuster und Burgund? An Paris und Orleans denkst du: an weiter nichts? Und Metz? Und ganz Austrasien? Und das Land rechts vom Rhein? An das ganze Frankenreich denkst du nicht?« Leodegar machte große Augen. »Was soll das? Schon seit vielen Jahren ist Auster von Neustro-Burgund getrennt!« – »Ja, leider! Und soll dies Elend, diese Ohnmacht dauern? Seitdem die Arnulfinge zwei Merowingen nacheinander es abgetrotzt haben, daß ein besondrer König in Metz über den Nordosten herrsche, – seitdem ist unsre Macht tief herabgesunken. Schon reißen sich Thüringe, Alamannen, Bajuvaren los von dem Halbkönig zu Metz. Und vor allem: wer soll herrschen im Frankenreich? Jene barbarischen Überrheiner, die nichts können als dreinschlagen, – nicht einmal lesen und schreiben? Oder wir Salfranken, die wir dies ganze stolze Reich weiland zusammen erobert, und die wir den Römern ihre Bildung abgelernt haben, ohne unsre Heldenkraft zu schwächen? Schau auf uns beide! Sind wir nicht den plumpen Ostleuten, die zuweilen am Hof auftauchen, so überlegen wie der feine Wein dem dummen, derben, dicken Bier, das sie saufen? Warum? Weil in unsern Adern auch römisches Blut rinnt. Nicht umsonst waren deines Vaters Mutter und meiner Mutter Vater römischen Abstamms. Wir Neustrier, wir müssen herrschen in dem ganzen wieder hergestellten Frankreich von der Avarengrenze im Osten bis zur Gotenmark im Westen. Und als Haupt der Neustrier ein neustrischer Majordomus, hier in Paris!« Er ging mit großen Schritten in dem Gemach auf und nieder. Überrascht, ja erschrocken sah ihm dabei Leodegar nach: gewaltige Erregung durchströmte den Staunenden; heiß schoß ihm das Blut in das Herz! »Solche Träume, solche Gedanken hegt der Knecht? Solch große Pläne plant er? Und mir – gerade mir! – plaudert er sie aus? Der Schwachkopf! Nie, nie hätte ich an ein solches Ziel gedacht! Und nie hätt' ich's gefunden, weil – verflucht, er hat recht! – weil ich stets nur an meinen Vorteil gedacht. Aber jetzt – Dank dir, du blöder Thor! Du hast's erdacht, – doch ich will's vollenden: du hast den Hort gefunden, – ich will ihn gewinnen. Und das niedere Volk will er heben – auf Kosten natürlich des Adels? Nun warte! – Dem wollen wir doch einen Riegel vorschieben. Nieder in seinen Anfängen schon mit dem tribunus plebis !« »Verstatte,« sprach Ebroin, sich wieder setzend, »daß ich den Brief an meine liebe Mutter zu Ende schreibe!« »Schreibe du nur! – Mich hat die Königin schon wieder in ihr Gemach befohlen, bevor wir die Übertragung der Gebeine des heiligen Amantius begleiten: ich soll dabei – zum letztenmal! – die Hofknaben anführen. Auf Wiedersehen bei dem heiligen Amantius! Grüße deine liebe Mutter recht herzlich! – Warte, du Pöbelverhetzer!« murmelte er leise. Und er eilte hinaus. *   V. Eine Stunde darauf versammelte sich in der Basilika des Apostels Johannes auf dem linken Seine-Ufer der ganze Hof, unter dem Voranschritt der Königin Nantechild, die ihren – wie so oft auch heute – bettlägerigen Sohn vertrat: der nicht weite Raum der alten von mehr als zweihundertjährigem Weihrauch und Fackelqualm geschwärzten Krypta, zu der man von dem Hauptaltar oben in der Nische des Mittelschiffes, der halbkreisförmigen Absis oder Tribuna, auf vielen Steinstufen wie in die düstre Unterwelt hinabstieg, war schon vorher zum großen Teil gefüllt von den Äbten und andern Priestern der Diöcese von Paris: aber auch aus andern Sprengeln beider Reiche waren die Bischöfe zu der heiligen Handlung herbeigeeilt: da fehlte weder Herr Desiderius von Cahors, noch Audoen von Rouen, noch Berachar von Le Mans, noch Sigibrand von Lyon, noch Desideratus von Châlons, noch Bodo von Valence, noch Truchtigisel von Embrun; besonders gefeiert ward aber der alte, ehrwürdige Abt von Remiremont, später von Luxeuil, der silberhaarige Romarich, der lang als Einsiedler gelebt und weithin den Ruf eines Heiligen erlangt hatte: auch stolze und oft recht weltliche Bischöfe beugten sich in Ehrfurcht vor dem hohen sittlichen Wert des schlichten Mönches. Es war ein prachtvoller Maitag: unter dem milden Himmel der Seinestadt stand bereits alles in voller Blüte: schon dufteten stark die Linden in den Gärten des Palastes, in dessen Rainweide und Weißdornbüschen die Mönchgrasmücke, schon damals wie heute noch gar häufig in jenen lieblichen Geländen, ihr wohllautreiches Lied ertönen ließ. Die Wogen des stolzen Flusses kamen in glitzerndem Sonnenschein gezogen: ein warmer wohliger Frühlingshauch durchflutete die Lüfte: der Tag schien bestimmt, zu zeigen, wie freudig, wie köstlich, wie glückverheißend das Leben, die Zukunft entgegenlachte der gesunden kraftstrotzenden Jugend jener Palastknaben, die vor dem Aufbruch zu dem Zuge in dichten Haufen, lachend, singend, lärmend, sich fröhlich neckend in dem Waffenhof sich tummelte: der Mariskalk hatte seine liebe Not, ›die Buben‹ nicht allzuwild werden zu lassen: aber er fand selbst seine Freude an dem Treiben, das er gern geteilt haben würde. »Nur keine Duckmäuser, lieber Wildfänge,« pflegte er zu sagen. »Aus jenen werden immer Kröten, aus diesen manchmal Adler.« Nun aber setzte sich der Zug in Bewegung: bald war die geringe Entfernung zwischen dem Palast und der alten Johanniskirche weiter im Süden des linken Seine-Ufers durchmessen. Schon verkündeten Hornstöße der auf der Freitreppe vor dem Portal der Basilika aufgestellten Krieger das Herannahen der Königin und ihres Hofstaates: der größte Teil der Begleitung blieb draußen auf jenen Stufen des Portikus und in dem Vorhof, – dem Paradisus – andre folgten bis in das Mittelschiff und die Absis, nur die vier obersten Palastbeamten sowie die erlesensten der Hofknaben, geführt von Leodegar, folgten der stolzschreitenden Regentin und ihren Frauen die vielfach ausgetretenen Stufen hinab in die katakombenhafte Krypta, deren schwer wuchtendes Gewölbe von den zahlreichen Fackeln doch nur schwach erhellt war. In der Mitte ihres Estrichs klaffte ein finstrer, viereckiger Schlund. Der gewaltige Stein, der die Wölbung über dem Sarkophag des Heiligen geschlossen hatte, war, nach angestrengtester Arbeit, von vielen Kirchenknechten endlich in die Höhe gebracht und in schräger Stellung auf einem Stemmbalken so hoch aufgerichtet worden, daß darunter durch der schwere Sarkophag von schwarzem pyreneischem Marmor mittels vier darunter durchgeschobenen Seilen nun alsbald herausgehoben werden konnte. Der Königin, einer hochragenden Gestalt, stand der dunkelpurpurfarbene, von massiven goldnen Bienen übersäte Mantel gar vortrefflich: – sie durfte dies Abzeichen merowingischen Königtums tragen, da sie ja an ihres Sohnes Statt die Herrschaft führte. Die schöne Frau wußte das, auch wenn es die flammenden Blicke Leodegars, der zu ihrer Rechten an dem Kopfende der Öffnung stand, ihr nicht deutlich bezeugt hätten. Zu ihrer Linken stand Ebroin, eine Fackel haltend. Der Königin gegenüber – an dem Fußende des Sarkophags – prangte in vollem Ornat Bischof Dedo von Poitiers, dem der alte Bischof von Paris Audobert – er war sich bewußt, minder glänzend zu sprechen – die Feierrede übertragen hatte. Der stattliche Kirchenfürst mit dem feinen, vornehmen Antlitz – das römische Blut verleugnete sich nicht und edles Geschlecht, hohe Begabung und sorgfältige Geistesbildung drückten sich in diesen gewinnenden Zügen aus – schlug die weiten Ärmel der von Goldstickerei strotzenden Dalmatika zurück, breitete segnend die Arme gegen die Königin und ihre Umgebung aus und, nachdem der mystisch ergreifende Gesang der oberhalb der Krypta auf dem »Chore« der Basilika hinter vergoldeten Gittern verborgnen jungen Kleriker und Knaben verhallt war, hob er an: »In Christo Geliebte! Nachdem Sankt Amantius, der glorreich hier leibhaftig in diesem Marmorsarge vor uns liegt, wie anderen Priestern und frommen Laien auch mir Unwürdigem wiederholt im Traum erschienen ist und uns unzweifelhaft verkündet hat, daß er nunmehr genugsam lange Zeit die Segnungen seines heiligen Leibes dieser guten Stadt Paris, in der er gestorben, habe angedeihen lassen, fortan aber da ruhen wolle, wo er die meisten Jahre seines Lebens – unter zahlreichen Wunderzeichen! – in gottgesegnetem Wirken verbracht hat, nämlich in meiner treuen Bischofstadt Poitiers, in der Kirche des heiligen Hilarius ruhen und dort die Posaunen des jüngsten Gerichts erwarten wolle, hat der ehrwürdige Herr Bruder von Paris – unter Verstattung unserer aller tugendreichsten Frau Königin, deren keuscher Lebenswandel ein Vorbild aller Weiber ist, – bewilligt, daß heute die feierliche Erhebung seiner Gebeine behufs Überführung nach Poitiers stattfinde. So erhebt denn unter frommen Gefangen die unschätzbare teure Last.« Auf seinen Wink begann das Psallieren von oben her aufs neue – es wirkte wunderbar, geheimnis-süß, als ob man die unsichtbaren Engel vom Himmel herab singen höre! – und alsbald hatten zwanzig starke Ostiarii und Akoluthen den schweren Sarg aus der Tiefe gefördert und unterhalb der klaffenden Lücke auf den Estrich neben die Königin gestellt, während andere Diener der Kirche sich anschickten, durch gleichzeitig geführte Beilschläge den Stützbalken niederzuschlagen, auf daß der schwere Marmordeckel wieder das Gewölbe schließe. Die Regentin sank auf beide Kniee, küßte, von frommem Schauer durchrieselt, den Deckel des Sarkophags an dem Kopfende, verrichtete ein kurzes, stummes Gebet und wollte sich nun wieder erheben. Ihr langer Mantel, vom Golde der Bienen schwer, war aber an seinem einen Ende in die schwarz gähnende Tiefe gesunken und hatte sich hier an dem Stützbalken, den umschlingend, verfangen: sie konnte ihn nicht sofort lösen. Dienstbeflissen warf sich Leodegar auf ein Knie und zerrte ungestüm an dem Purpur. »Zurück, Leodegar! Der Balken weicht! Der Stein fällt!« schrie Ebroin, ließ die Fackel fallen, und riß den Knieenden, der die verlangenden Augen in langem Blick zu der errötenden Frau aufgeschlagen hatte, zur Seite. Zu spät. Zwar das schwer bedrohte Haupt und den übrigen Leib hatte Ebroin ihm so gerettet, aber die rechte Hand und der rechte Unterarm bis über den Ellbogen hinauf lag mit einem abgerissenen Fetzen des Purpurmantels zerschmettert unter dem tausendpfündigen Stein, Ein gräßlicher Weheschrei: – dann schlug Leodegar ohnmächtig vor Schmerz mit dem Antlitz nieder auf den schwarzen Stein. Die Königin sank ihren Frauen in die Arme. *   VI. Am Morgen des andern Tages saßen an dem Lager des schwer Leidenden sein Oheim, der Bischof, sein Bruder Gairin, Hektor, Valerius und Zacharias, der Leibarzt der Königin. Schweigend, trauernd lauschten sie seinem Stöhnen, das mehr ein Fluchen als ein Jammern war. Beschwichtend, tröstend hob endlich der Arzt an – das Vertrauen erweckende Gesicht des alten Juden machte den Eindruck der Wahrhaftigkeit: – »Fasse dich, mein Sohn! Der Schmerz der Wunde wird bald abnehmen unter der milden Salbe. Und sei gedenk, welch viel größerer Gefahr du – um eines Haares Breite! – entkommen. Als ich den Stein stürzen sah, – dein ungestümer und blinder Eifer hatte den Balken umgerissen – wo du die Augen hattest, weiß Gott der Herr! – glaubte ich, dich mit Haupt, Leib und Leben darunter zerschmettert und begraben. Daß du lebst, – du dankst es Ebroin! Segne ihn!« »Fluch ihm!« schrie der Wunde, sich plötzlich, auf die linke Hand gestützt, erhebend. Wimmernd vor Schmerz sank er wieder auf die Kissen zurück. »Hätt' er mich doch zermalmen lassen! Besser, tausendmal lieber tot als ein elender Krüppel fürs Leben! Verloren die Schwerthand: – damit verloren alles Heldentum, aller Waffenruhm, aller Siegesglanz, alle Hoffnung auf Macht und Ehre. Ah, wär' ich bei Bewußtsein gewesen, Zacharias, als du mir die Hand – den halben Arm dazu! – abschnittst, – ich hätt' es nicht gelitten. Lieber in Schmerzen verendet! Aber nun erwachte ich aus der Ohnmacht, – ein Verstümmelter, ein Krüppel! Sich durchs Leben schleppen, den Männern zur Geringwertung, den Weibern höchstens zum Mitleid. Aber Geduld! Sobald ich wieder schreiten kann, – mein erster Gang von diesem Pfühl der Schmerzen führt in die Seine, wo sie am tiefsten strömt.« Unwillig erhob sich da vom Sitze der Bischof: »› Quae tanta insania, cives ‹, sagt der Mantuaner, ›Welcher Wahnsinn, Mitbürger‹. Das wäre nicht nur eine große Sünde, – es wäre – was schlimmer! – eine große Dummheit. Geht, geht hinaus, ihr andern, ich habe mit meinem Neffen zu reden. Ich habe Worte des Trostes für ihn – geistliche und weltliche. Geht.« Als sie allein waren, hob Leodegar an mit bittrem Tone: »Die geistlichen, die spare dir, Oheim. Sie fruchten nicht bei mir. Ich weiß alles auswendig, was du sagen willst: die unerforschlichen Wege Gottes, die Pflicht demütiger Ergebung, der Verzicht auf die sündhafte Welt – beim Satan! Das ist nichts für mich. Ich will, ich muß genießen, glänzen, herrschen. Kann ich das nicht, mag ich nicht leben.« »Und wer sagt dir, mein armer Junge,« entgegnete der Prälat, ihm die Linke streichelnd, »daß du nicht mehr genießen, glänzen, herrschen kannst? Den geistlichen Trost hab' ich nur der andern wegen gepriesen: weiß ich doch, daß er dich nicht tröstet. Genießen, glänzen, herrschen! Kann das nur der plumpe Tölpel, der mit dem Schwerte zuschlägt? Sieh mich an! › Et mihi sunt vires st mea tela nocent ‹, droht mein Liebling, die sulmonische Nachtigall: auch ich freue mich der Kraft und auch meine Geschosse verwunden. Mich hat – wie du weißt! – ein Gelübde der Eltern vor meiner Geburt dem Priesterstand bestimmt. Wie schalt ich im Anfang, da man mich, von den Jugendgespielen, die zu Hofe gesandt wurden, getrennt, in die Klosterschule Sankt Martins zu Tours schickte! Wie schalt ich weinend und fluchend, – ganz wie du jetzt, – auf jenes einfältige, thörichte Gelübde und auf die abergläubische Dummheit, es zu halten. Bald schalt ich es nicht mehr: – ich dankte ihm. Schau mich an, sag' ich. Nie hab' ich das Schwert geführt, – ganz wie wenn ich einarmig geboren wäre. Wohlan! Glaubst du, es hat mir je gefehlt, vom Jüngling an bis heute, das Genießen und Glänzen, vom Mannesalter an das Herrschen? Wahrlich, viel, viel mehr Genuß, Glanz und Herrschgewalt sind mir, dem Archidiakon, dem Bischof geworden, als hätt' ich, ein Graf, ein Herzog, unter Helm und Schild geschwitzt und geblutet. › Cedunt arma togae ‹, meinte der beredte Tullius: wir können heute sagen: ›die Waffen stehen weit hinter dem Bischofmantel zurück‹. Und meine Reisen nach Rom, Byzanz, Jerusalem, wie bildeten sie mir den Geist! Die Lehren, die Gebote der Kirche? Du befolgst sie, soweit sie dir nützen, du vergißt sie, wo sie dich hemmen würden. Sünde? Bah, die Heiligen verzeihen alles – für fromme Gaben und Stiftungen! Und hast du vergessen, wie oft kluge Bischöfe das Reich der Franken beherrscht haben? Von Herrn Remigius und von Egidius, den großen Bischöfen von Reims, angefangen bis auf unsere Tage: wer hat die gewaltige Brunichildis vernichtet und Chlothachar, Fredigundens Sohn, zum Herrscher über alle drei Reiche gemacht? Der Arnulfinge Stammvater: ein Bischof, Arnulf von Metz. Wer hat einen Sonderkönig für Austrasien erzwungen, aber in dessen Namen allein Austrasien beherrscht? Derselbe Bischof! Wer herrscht jetzt in Wahrheit in jenen Landen? Nicht König Sigibert, nein: Bischof Kunibert von Köln. Und wer beherrscht die Frau Königin Nantechild – sie schickt dir das!« – er küßte ihn zärtlich auf den Mund. »Ein Herzog oder Patricius? Nein! Ich, der Bischof. Wer war es, der dich der schönen Frau zugeführt hat? Ich, der Bischof! Also, verzage nicht, mein Sohn! Was ich in der Stunde deiner Geburt gelobt, – eine Weissagung war's zugleich. Du wirst es weit bringen auf Erden – trotz deines Unfalls. Das Schwert kannst du nicht mehr schwingen: – aber den Bischofsstab mag auch die Linke führen. Und wie oft schon war dieser Stab zugleich – das Königsscepter. Daß dir ein Glied am Leibe gebricht, von diesem Mangel kann die Kirche entbinden! Mut gefaßt, mein Junge! Bei Gott! Laß doch sehen, ob du unter Sankt Hilarius' und meinem Schutz – an deines frühverstorbenen Vaters Statt! – es als Priester nicht weiter bringst im Reiche der Franken als zum Beispiel dieser plumpe Ebroin mit seinen starken Armmuskeln. Genießen, glänzen, herrschen? Ich schwör's dir zu: du sollst's nach deines Herzens Gelüsten! Darum Mut, Leodegar! Zu Großem bist du berufen!« Da stürzten Thränen aus den Augen des Wunden: – aber es waren Thränen des Dankes, der Freude, der Hoffnung. Zweites Buch. I. Und abermals waren viele, viele Jahre vergangen. Da schritt an einem düstern Herbstabend ein stattlicher wettergebräunter Mann in voller Waffnung den schilfreichen Bach entlang, der ein kleines Allod vor den Thoren von Poitiers gen Westen hin begrenzte; sorgsam bemüht stützte und führte er bei jedem Schritt eine Frau, die, vorgebeugt, ängstlich tastend, die Füße setzte. – »Lehne dich fester auf meinen Arm, Mutter. Du strauchelst leicht. Ich meine, die lieben, schönen Augen sind noch schwächer geworden in diesen Jahren.« »Es mag wohl sein,« sprach die Frau, einen Seufzer erstickend. »Du sollst und mußt doch jetzt dich nicht mehr mühen mit Weben, Spinnen und Nähen.« – »Das geht gar nicht mehr recht. – Es kommt wohl von andrem.« – »Vom vielen Weinen?« – »Vielleicht! Wie sie mir eines Tages – auf vier Jagdspeeren – deinen Vater tot brachten, der mich gesund und stark verlassen – ach, es war gar so hart!« – »Und ich war fern in den Bergen der Wasconen!« – »Ich weinte viel, bis ich mich in Gottes Willen ergeben hatte.« – »O Mutter, wie bist du gut! Und wie beneidenswert fromm! Wer glauben könnte wie du!« – »Still, still, Lieber! Man muß glauben.« – »So? Muß man? Wenn man aber nicht kann?« – »Man kann schon, wenn man ernsthaft will. Und daß du wollest und könnest, – darum bete ich ohn' Unterlaß, lieber Sohn.« – »Mutter, du bist eine Heilige. Du gehörst gar nicht in diese Welt!« rief er, blieb stehen und küßte sie zärtlich auf die Stirn. – »Ich meine auch zuweilen: ich gehöre eher in ein Kloster: da könnt' ich noch viel Gutes thun. Ich verstehe gut, Kranke zu pflegen. In der Welt draußen bin ich zu nichts mehr nütz! Dir großem, starkem Mann kann ich nicht mehr wie weiland dem Knaben, war er krank, die fiebernden Schlafe kühlen.« – »O hätt' ich vor Wochen deine liebe Hand auf der Brustwunde gefühlt, die mir der Wasconenpfeil gebracht! Die Hand – diese Hand allein!« – er küßte sie – »hätte – ohne Salbe! – den Schmerz gestillt.« – »Mein Kind, mein großes, tapfres Kind, – das sie den Schrecken der Wasconen nennen! Schon sollen sie in den Heerlagern der Krieger Lieder zu deinem Lobe singen: o wie bin ich stolz auf dich.« – »Gutes Mutterherz, es wird dir wohl thun, zu hören, daß mir nicht die Siegeskränze das Liebste sind, was ich da unten an Garonne und Adour gewonnen habe: es gelang mir Ruhe und Sicherheit herzustellen in den lang und schwer von Räubern heimgesuchten Grenzdörfern: das danken mir freudig die armen Leute dort, ich gewann ihre Liebe, ihr Vertrauen. Ja, auch der Kinder Heizen: sie sahen es mir an, daß ich sie lieb habe, die kleinen Kraußköpfe, und zuletzt liefen sie meinem Rappen entgegen, wann ich durch die Gassen ritt, und reichten mir die weichen Patschhändchen hinauf auf den Sattel.« – »Du bist mein goldener Bub mit dem guten und starken, ob auch recht zornheißen Herzen. Ich will schon beten für dich Tag und Nacht, daß du gut bleibst.« – »Und eine solche Mutter soll ich – fort von mir! – ins Kloster gehen lassen. O nein! Ich bin doch recht allein.« – »Mein Ebroin, nicht eine Mutter brauchtest du zur Gesellin: – eine Frau, eine gute Frau von tiefer Seele und milder Art. Hast du noch nie ...?« – Ebroin zuckte die Achseln: »Hab' noch keine gesehen, die mir gefallen hätte: – die ich mit meiner Mutter vergleichen könnte. Mir ist, ich habe das gar nicht, was zur Weibesliebe gehört! Mich ekelt's an, wie's die andern treiben – am Hofe zu Paris und in den Provinzen, Geistliche ganz wie Laien. Pfui!« »Das ist mein Bub: – rein ist er geblieben bis heute!« rief die Frau glücklich strahlenden Auges und drückte die Rechte, die an seinem Arme lag, auf sein Herz. »Aber wir sind zur Stelle. Das ist die Hütte Thiemos, des alten Schäfers, weiland deines schlimmen Lehrers in allerlei Heidentum,« drohte sie, scherzhaft den Finger hebend. »Er hat mir immer wiederholt in diesen Monaten, wann ich ihn zu pflegen kam, du müssest , müssest noch einmal zu ihm kommen, bevor er sterbe: – denn er ist dem Tode nahe. Er müsse dir sagen, was nur er wisse und was er auch mir nicht vertrauen könne: – mich würde es nur quälen, die Sache zu ordnen seiest du allein berufen. Schreiben kann er ja nicht. – Komm, laß uns eintreten.« Tief mußte der hochgewachsene Ebroin das behelmte Haupt neigen, durch den niedrigen Eingang der Schilfhütte an das Strohbett des Siechen zu gelangen; der erkannte ihn nicht: es war dunkel und der Alte fieberte, »Ah,« sprach der sich halb aufrichtend, »welchen seiner Helden schickt mir Wotan, mich aufzumahnen zur letzten Fahrt? Ach, nicht zu ihm empor – nach dem Strohtod: hinab – nach Hel.« »Mein Sohn ist's, Thiemo,« sprach die Frau und führte den Krug Milch an seine Lippen, den jener ihr getragen. – »Ich bin's, Ebroin, dein Schüler. Aber ach, leider kann ich an Wotan so wenig glauben wie an ...« – er unterdrückte den Schluß mit einem Blick auf die Mutter. »Weißt du noch, wie du mich den ersten Wundsegen gelehrt hast und mir das Heilkraut gewiesen?« – »Ebroin! Ah, ja dich senden mir wahrlich die Götter. Deine Hand! Beide Hände! O daß ich dir's noch sagen darf! – Frau Leutrud – gute, vielgute, – bitte – laß mich mit ihm allein.« Lange, recht lange ward der Mutter die Zeit, die sie vor der Hütte, auf einem Binsenhaufen sitzend, verbrachte. Einmal hatte sie einen lauten Aufschrei ihres Sohnes zu hören vermeint. Dann war es ganz ruhig geworden. Schwermütig klang das leise Rauschen des Baches in dem Schilf des Ufers, die Fledermaus schwirrte dicht über sie hin und von der Heide her klang zuweilen der klagende Ruf des Stoppelvogels. Die Sonne war hinter dem dunkeln Tannenwald schon gesunken, als Ebroin aus der Hütte trat; er trug ein nacktes Schwert in der Hand. Sein offenes, männlich schönes Antlitz war – sie sah's mit Schrecken, mit Grauen – wie versteint, so verfinstert wie der düstere Tannenhag da drüben. »Komm, Mutter!« sprach er mit tonloser Stimme, sie sanft erhebend. »Es ist aus. Morgen früh verbrennen wir ihn – samt seiner Schilfhütte.« – »Er ist tot? Ach, ohne Reue und Buße!« – »Ja. Und ohne die Priester wollen wir ihn darum auch bestatten: in Feuer: – nach der Ahnen Sitte.« – »Was ... was hast du da? Ein Schwert! Thiemos Schwert?« – »Nein. Du kennst es, dies Schwert, so dunkel es schon ist. Sieh den Hirschhorngriff! Hier, schau dir's genau an.« Und er hielt es ihr hart vor die Augen. – »Deines Vaters Schwert! Es galt als verloren. Leer hing die Scheide am Wehrgurt, da sie ihn mir brachten, vom bösen Hirsch zu Tode gestoßen.« »Ja,« sprach Ebroin grimmig, »böse war er, dieser mörderische Hirsch. Aber ich habe Kraft, noch schlimmere Untiere niederzubrechen. Komm, Mutter.« – »Was ... was planest du?« – »Ist es gethan, wirst du's erfahren. O Vater, Vater! Hör's ...!« Und er hob die geballte Faust gegen den dunkelnden Himmel, an welchem die ersten Sterne aufstiegen. *   II. Wenige Wochen darauf tagte zu Saint-Denis, dem reichen Kloster, nicht ganz zwei Stunden nördlich von Paris, eine Anzahl von geistlichen und weltlichen Großen von Neustro-Burgund, um allerlei innere Angelegenheiten des Reiches zu beraten: aber auch Gesandte des australischen Hofes zu Metz wurden erwartet, Mißhelligkeiten über den Lauf der Grenze zwischen Soissons und Reims zu begleichen, die unter beiden Teilreichen ausgebrochen waren. Ebroin, jetzt schon lange Graf von Agen und Domesticus des königlichen Palatiums, traf dort gar manchen der ehemaligen Hofgenossen: seinen treuen Vanning, der ein paar Feldzüge unter seinem Heerbann mitgemacht hatte, Hektor, der dem Vater als Patricius von Marseille gefolgt war, Gairin, nun Graf von Tours. Leodegar wurde noch erwartet. »Du,« meinte Vanning, wie er mit dem Freunde traulich bei einem Kruge Garonneweins beisammen saß, »du, der hat's weit gebracht: – weiter als wir alle. Und rascher! Sein Oheim Dedo hat ihn gar geschwind zum Diakon, darauf bald zum Archidiakon geweiht, man weiß, daß er ihn zum Nachfolger, wenn nicht zu Höherem, bestimmt hat. Das reiche Kloster Sankt Maxentius bei Poitiers beherrscht er als Abt, nächstens soll er das erledigte Bistum Autun erhalten! Nun, du kennst ja seine Künste,« »Und seinen Geist und seinen Eifer!« – »Nun ja! Und sein weites Gewissen! Man muß sagen: seltsam hat sich der Bursch verändert. Schöner ist er nicht geworden, aber unheimlicher in diesen Jahren. Als ich ihn neulich im Palaste traf – häufiger als die Kirchen besucht er ihn! – erkannte ich ihn fast nicht wieder. Hoch ist er in die Höhe geschossen, aber hager, mager, spindeldürr dabei geworden; ganz gelbfahl im Gesicht: in tiefen Höhlen eingesunken liegen ihm die kohlschwarzen Augen, die meist von den streng niedergeschlagenen langen dunkeln Wimpern verdeckt sind: aber zuweilen lassen sie stechende Blicke hervorschießen wie zuckende Schlangen. Von der hohen kahlen Stirn ist das schwarze Haar ganz kurz nach rückwärts geschoren, hell glänzt darin die kreisrunde, weiße Tonsur. Die schmalen Lippen sind stets fest geschlossen: – erbarmungslose Härte liegt auf diesem Mund; aber erhebt er die vor lauter Wohllaut flötende Stimme, – sie ist zum Sprechen wie zum Singen viel geschult! – so schmeichelt sie sich in Ohr und Herz: an den wachsweißen Fingern der wohlgepflegten, feingliedrigen, linken Hand glitzern ihm kostbare Ringe und über der reichen Priesterkleidung – aus den kostbarsten Stoffen! – trägt er, auf der rechten Schulter von einer alten römischen Goldspange gehalten, ein schwarzes Mäntelein von kostbarster Seide, den häßlichen Stummel des rechten Armes zu verhüllen.« – »Nun, du hast ihn dir so genau angesehen, als wolltest du ihn malen!« – »Mit den Augen des Hasses: die sehen heller als die der Liebe.« – »Hassen! Warum hassest du ihn!« »Weiß nicht,« erwiderte Vanning achselzuckend, nachdem er bedächtig einen langen Zug gethan. »Vom ersten Sehen an! Ich mein', aus angeborener Feindschaft der Natur. So etwa wie der treue Hund die falsche Katz!« – »Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber viel, viel des Rühmlichen von ihm gehört. Er hat, erzählte man im Palatium, auch das weltliche Recht, zumal die Lex Romana , so gründlich erforscht, – gleich nach seinem Unfall – daß er sogar von den rechtskundigsten Laien am Pfalzgericht als ein ›schrecklicher Richter‹ gefürchtet wird. Das arg verrottete Kloster des heiligen Maxentius hat er mit eiserner Strenge zur Zucht zurückgeführt, als Archidiakon von Poitiers all' dessen verlorene Güter in schwierigen Rechtshändeln zurückgewonnen. Ich bin ...« – »Verliebt bist du in ihn – immer noch! Wär' dir besser, du wärst in ein schönes Mädel verliebt. Sie gucken dir eifrig nach, reitest du durch die Straßen von Paris auf deinem wasconischen Rapphengst ...« Ebroin schüttelte den Kopf: »Hab' andres, ganz andres zu denken, nichts von Liebe, sondern von ... – Sage, weißt auch du nicht, wohin der Römer Valerius geraten, der lange Zeit Vicegraf von Poitiers war? Niemand kann mir von ihm berichten. Wo mag er stecken?« – »Weit von hier, glücklicherweise! Ist auch ein schlimmer Gesell, wie die Priester. Rasch zur Hand mit dem Dolch. Der Boden ward ihm wohl zu heiß hier zu Lande. Da hat er sich einer Gesandtschaft angeschlossen, die schickte Leodegar in Sachen seines Klosters nach Rom: – ohnehin des Valerius Heimatstadt: – lange Zeit sollen die Boten dort noch zu thun haben.« *   III. Zur gleichen Stunde des Herbsttages – weiße Spinnwebfäden schwebten vor dem sanften Wind durch die Luft und die herrlichen Buchen auf den schönen Hängen der Seine-Ufer färbten sich schon stark mit Rot – ritten von Paris her auf Saint-Denis zu zwei Krieger, deren hellere Farbe an Haar, Haut und Augen und höherer Wuchs sie auf den ersten Blick als Austrasier erkennen ließ. Ganz langsam – im Schritt – ließen sie die gewaltigen Streithengste gehen, außer Hörweite der in weitem Abstand folgenden Begleiter; denn sie waren tief in wichtiges Gespräch versunken. »Nein,« sprach der Jüngere von ihnen, das Haupt schüttelnd, daß die Falkenflügel auf dem Helmdach schwankten, »nicht lieb, wie dir, Vetter Pippin, – leid ist mir dieser Ritt durch das Land und in die Hofpfalz der Neustrier. Deutlich spürt man's den Hochmütigen an: – Blick und Ton verraten es! – sie schauen auf uns herab als auf ›Barbaren‹, etwa wie wir auf Wenden und Avaren. Weil ich nicht lesen und schreiben kann, – du hast es ja gelernt in der Klosterschule zu Stavelot – bespöttelte mich ein bunt gekleideter Patricius: – Hektor, glaub' ich, hieß er. Hätte ihm gern den Höhnemund eingeschlagen.« »Dadurch würdest du ihn schwerlich überzeugt haben, Vetter Martinus!« lächelte der andere, die lichtblonden Locken zurückstreichend, die ihm dicht aus dem Adlerhelme quollen. »Was gehen sie uns überhaupt an, diese halbverwelschten Neustrier? Ich verstehe sie gar nicht, – so viele lateinische Brocken mischen sie in ihre Rede! Nicht ausstehen kann ich die Hochmütigen! Warum suchen wir sie auf, in ihrem eingebildeten Dünkel, in ihrem prahlenden Reichtum, in ihrem üppigen Paris? Hier ward weiland König Dagobert verdorben, der wacker war, solange er zu Metz unter unsrer Ahnherren Arnulf und Pippin Zucht und Aufsicht lebte. Ich meine, der Starke genügt sich selbst! Schau, wie drüben überm Rhein die Herzoge der Thüringe, Alamannen, Bajuvaren sich auf eigne Kraft gestellt haben: – so sollen wir's auch machen!« »So? Und das Reich der Franken fällt dann auseinander, das ruhmvolle Werk, das seit zwei Jahrhunderten unsre Väter mit soviel Kraft und Klugheit aufgebaut haben? Nein, wahrlich, das soll nicht geschehen, kann ich's verhüten! Was uns vereint mit den Neustriern und Burgunden? Nun, ich meine vor allem die heilige Kirche, der Glaube an Christus den Herrn!« Und andächtig schlug er ein Kreuz. »Die drüben überm Rhein, die du nanntest, an der Unstrut, an dem Neckar, an dem Inn, – meiner Treu, mehr Heidnisches steckt noch in ihnen als Christliches! Näher doch stehen uns Uferfranken die andern Franken. Auch du, Vetter, thätest besser, öfter in die Kirche, seltener auf die Jagd zu gehen.« – »Mir bekommt die Waldluft besser als der Weihrauchschmack,« brummte der Hüne, streckte die gewaltigen Glieder und blies in den breiten roten Bart. »Freilich,« fuhr Pippin fort, »allzuviel Welsches, zuviel römische Üppigkeit, Verschlagenheit, auch schon Verweichlichung, hat die Leute in Paris, Orléans, Marseille ergriffen: mit dem vielen Wissen, mit der hohen Reife, darin sie uns überlegen, auch schon die Fäulnis. Aber was folgt daraus? Nicht, daß das Frankenreich zerfallen soll: – es muß beisammen bleiben, schon um der heiligen Kirche willen! – sondern daß« – hier sah er sich vorsichtig um nach den Begleitern und fuhr dann leiser fort – »daß wir, wir Austrasier zu Metz fortab, nicht mehr, – wie lange Zeit geschehen – die Neustrier von Paris aus, das Ganze beherrschen.« – »Eia, Vetter, das gefiele mir wohl, die Hoffärtigen zum Gehorsam unter uns zu beugen. Aber es ist kühn, Vetter, sehr kühn.« »Doch nicht allzukühn!« – und nun blitzten die hellblauen Augen in schönem Feuer – »Nichts ist zu hoch für unser, für der Arnulfingen gotterlesenes Geschlecht, bis zu den Sternen dürfen den Flug wir wagen! So hat unser großer Ahn, der heilige Bischof Arnulf, in seiner Sterbestunde geweissagt, – seinem verklärten Auge hat, bevor es brach, Sankt Petrus, unsres Hauses besondrer Schutzpatron, die Zukunft entschleiert. Ja, nicht bloß über Neuster und Burgund müssen wir Arnulfingen, gestützt auf die frische Kraft der Ostmänner, herrschen: – hei, wär' ich nur erst Majordomus beider Reiche! – die störrigen Bajuvaren, Alamannen, Thüringe zwänge ich wieder zum Gehorsam heran, den heidnischen Friesen und Sachsen ließ ich das Wort des Heils verkünden, und ich würde nicht ruhen, bis ich auch das reiche, schöne Aquitanenland bis an die Gotenmark hin, das sich seit lang dem Neustrier zu Paris entzogen hat, wieder mit dem Reich verbunden hätte. Hohes, Höchstes schwebt mir vor: – zum Heil der Kirche wie des Frankenreichs. Denn die gehören zusammen, wie sich der Himmel über die Erde wölbt! Und mit der Heiligen Hilfe werd' ich es erreichen.« – »Wenn du nicht lange vorher stürzest auf diesem steilen, schwindelnden Pfad. Denk' Orimoalds, unsres Ohms! Glänzend war sein Aufstieg: – blutig war sein Ende.« Pippin schlug ein Kreuz: »Und gerecht war seine Strafe. Er hatte dem Merowing Treue geschworen, als aber König Sigibert gestorben war, da stieß er dessen Knaben Dagobert, der seinem Treuschutz befohlen war, vom Thron – spurlos verschwand das Kind! – und wollte seinen eignen Sohn zum König erheben. Solche Untreue büßte er mit Recht im Tode. Die Austrasier lieferten ihn gefangen dem neustrischen König zu Paris in die Hände. Nein, nein, den Merowingen soll der Königsstab bleiben: – nur das Schwert des Reiches mag für sie führen ein stärkerer Arm.« »Dieser Arm!« rief Martin stolz, auf des Freundes Schulter klopfend. »Und wahrlich, er ist stark genug.« »Nur, wenn Gott ihm Kraft giebt und Sankt Peter,« sprach Pippin demütig, »Denn nur auf Gott und die heilige Kirche hab' ich all' meine Hoffnung gesetzt für dies arme, viel geplagte Reich der Franken – und zumal für unser Haus. Und ich vertraue: Frömmigkeit, demütiger Glaube ist am Ende auch die beste Staatskunst. Wohl weiß ich! es leben in diesem Neuster und Burgund hochbegabte Männer, das Palatium zu Paris wird von Geistlichen und von weltlichen Großen geleitet, die mir, an Geistesgaben weit überlegen, an Heldenschaft nicht nachstehen: aber ich weiß auch: sie sind angefault ... fast alle! – Und die's noch nicht sind, müssen's werden – in solcher Luft und im Ringen mit solchen Nebenbuhlern! Laß doch sehen, ob Arglist, Sünde und gewissenlose Überhebung nicht niederzuschlagen sind wie mit dem Flammenschwerte der Cherubim durch frommes Gottvertrauen und Reinheit des Herzens. In einer Art von Testament hat Sankt Arnulf seinen Nachkommen befohlen, von Geschlecht zu Geschlecht auf Gott zu bauen und sich in Glauben, Worten und Werken aufs innigste zu schließen an seine heilige Kirche, an die ehrwürdigen Bischöfe vor allem und deren Haupt in Rom. Dann, weissagte er, werden wir zwar gar oft im Anfang unsrer Laufbahn straucheln, aber wir sollen nicht verzagen! Ausdauer, zäheste Ausdauer zieme zumeist dem christlichen Helden und durch frommen Glauben und durch ausharrenden Mut würden wir das Herrlichste erreichen. In solchem Vertrauen will ich leben, ringen, straucheln, wieder aufspringen, siegen oder sterben. Amen! Dir, Herr Christus, und dir, Sankt Peter, befehl' ich mich und all' meine Nachkommen.« Und er ließ die Zügel fallen, faltete beide Hände flach in frommem Gebet und hob sie zum Himmel empor. Da trat die sinkende Sonne aus dem Westgewölk hervor und übergoß mit verklärendem Licht die hochragende Heldengestalt auf dem weißen Roß. Mit Staunen, fast mit Ehrfurcht sah es sein Begleiter. »Schau,« rief Pippin, »da winken uns grüßend entgegen die Türme des Klosters von Saint-Denis: wie sie strahlen in rotgoldenem Licht! Sankt Dionysius, – von Stund an nehme ich auch dich an als meinen und meines Hauses besonderen Schutzherrn. Reiche Gaben verheiße ich dir: – würdige uns deiner Gnade für und für.« *   IV. Am Abend des folgenden Tages hatten in der königlichen Villa, die neben den Klostergebäuden zu Saint-Denis stand, die Vertreter von Neuster-Burgund und die von Austrasien die Verhandlungen über die Grenzfragen zu befriedigendem Abschluß gebracht. Für Neuster-Burgund hatte König Chlodovech – Frau Nantechild war vor kurzem gestorben – Leodegar und Ebroin bestellt. Ohne besonderes Amt am Hof hatten die beiden allmählich das Vertrauen des jungen Fürsten mehr als alle andern Palatine gewonnen. Der Priester war ihm von der Mutter noch besonders empfohlen worden. Sie luden nun – nach dem Ende der Beratungen – die beiden austrasischen Gesandten zum Abendschmaus ein, wofür dem Archidiakon von Poitiers die Mönche von Saint-Denis gern ihren schöngeschmückten Speisesaal, ihre Küche und den reichgefüllten Keller zur Verfügung stellten. »Der Wein macht aufrichtig und geschwätzig,« sprach Leodegar zu dem Genossen, während sie die Gäste erwarteten. » › Condita, verax aperit praecordia Liber ‹, ›Verschlossene Herzen erschließt der aufrichtige Weingott‹, pflegt Ohm Dedo aus seinem Lieblingsdichter anzuführen. Laß doch sehen, ob wir diesem plumpen Rotbart da nicht einiges ablocken unter den Bechern.« »Wird wohl nicht viel Wichtiges wissen,« meinte Ebroin. »Es ist der richtige austrasische Barbar: tapfer, kraftvoll, aber der – ohnehin wenige! – Geist ohne Schulung.« – »Gewiß! Aber er ist ja doch der Vetter, der Vertraute des andern. Und dieser Pippin ist nicht ungefährlich. Ob seine Frömmigkeit echt oder geheuchelt ist?« »Sie ist ohne Zweifel echt. Ich sah ihn beten in dem kleinen Oratorium.« – »Und bist du sicher, er hat dir nichts vorge ... betet?« – »Immer voll Mißtrauen!« – » ›Traue niemand, auch dir selber nicht!‹ lehrt Ohm Dedo.« – »Er konnte nicht ahnen, daß ich die Kapelle betreten ...« »Um selbst zu beten?« fragte der Archidiakon schlau. »Wozu diese Fangfrage? – Nein, um ihn zu suchen: zur Fortsetzung der Beratung. Er lag auf den Knieen vor dem Reliquienschrein und betete laut.« »Wofür?« forschte der andere rasch. »Für das Heil des Frankenreichs: – des ganzen, nicht nur Austrasiens, wie er den Heiligen recht deutlich einschärfte.« – »Siehst du? Er will also das Ganze beherrschen! Der Mann ist gefährlich. Von echter Frömmigkeit beseelt, – mag denn sein: – aber zugleich von einem Trachten, von einer Staatskunst, von einem Ehrgeiz, die mehr als Austrasien umspannen! Gewiß weiß Martinus der Bär manches von den Plänen des Fuchses Pippin, von seinen Zwecken und von den bereitgestellten Mitteln. Laß sehn, ob er nicht ausplaudert. Da kommen sie, die hochgewachsenen Herren!« Nun war das reichliche Mahl beendet und die Dienerschar aus dem Saale gewiesen. Leodegar hatte das Vortisch- und Nachtischgebet mit seiner wohlgeschulten, einschmeichelnden Stimme so ergreifend gesprochen, daß es die beiden Austrasier – sogar den minder kirchlich gesinnten Riesen – tief gerührt hatte. Jetzt begann er, den hohen Römerbecher – Julian hatte einst daraus getrunken – voll würzigen Rhoneweines Martinus reichend: »Nun wollen wir, tapfrer Arnulfing, ein jeder das Heil des Gutes trinken, das ihm das Höchste auf Erden. Was ist dein liebster Wunsch?« Der Angeredete hatte schon während des Schmauses nicht selten und nicht kurz getrunken: seine vollen Wangen glühten bereits, wie er den schweren Goldpokal – ein Geschenk Frau Nantechilds an Saint-Denis – zu den Lippen führte, ohne Besinnung rief er sofort: »Mein liebster Wunsch? Daß ein austrasischer Hausmeier hier zu Paris sitze und euch und alle drei Reiche beherrsche! Nicht wahr, Vetter Pippin?« Leodegar warf seinem Nachbar Ebroin einen bedeutsamen Blick zu: er hatte die beiden Gäste sich und Ebroin gegenüber und zwar so gesetzt, daß die Neustrier der durch die Rundbogenfenster voll hereinfallenden Abendsonne den Rücken, die Gäste das Antlitz zukehrten. Der Aufgerufene nahm den Becher aus des Unvorsichtigen Händen und trank schweigend, aber eine Blutwelle stieg ihm in die Schläfe. »Nun, Graf Pippin,« begann Ebroin, gleichsam tröstend, »laß es dich nicht zu sehr verdrießen, daß der Vetter sein – und auch wohl dein – Geheimnis hervorgesprudelt hat. Ich schelte dich nicht um solches Planes willen, ich lobe dich darum. Oder doch für den ersten Teil, wohl den Hauptteil: die Zusammenfassung des ganzen Frankenreiches in einer starken Hand.« »Du sagst es,« antwortete Pippin, die großen blauen Augen voll aufschlagend. »Man sieht dir's an: das ist dein Ernst,« meinte Leodegar. »Ich lüge nie, Archidiakon.« »Ich auch nicht!« rief Martin mit schwerer Stimme. »Und so sag' ich's nun! Bei mir ist's umgekehrt: – was liegt mir viel an Neuster und Burgund? Und was haben wir mit euch seinen Herrn gemein? Meinetwegen bricht alles auseinander: Aquitanien, Neuster, Burgund, unser Ostland in Gallien und die Stämme überm Rhein. Aber, soll doch schon einmal all' das zusammengehören, dann will ich, daß ein Austrasier die Zügel führt, in die ihr – ihr Neunmalklugen – knirschend beißen müßt!« Damit streckte er die beiden starken Arme vor sich auf den runden Tisch von dunkelgrünem Marmor, legte die großmächtigen Hände übereinander und ließ auf diese das weinschwere Haupt sinken; bald atmete er in den tiefen Zügen des Schlafenden. Mit seinem Lächeln auf den schmalen Lippen begann jetzt der Priester: »Dieser Staatsmann wird nun nichts mehr verraten von den geheimen Plänen, die wir etwa noch enthüllen. Wohlan, nützen wir den Augenblick: seien wir offenherzig: – das schönste Gut vertrauender Seelen. ›Kein schöner Glück als ein vertrausam Herz!‹ so sagt ein Dichter. Ich will vorangehen mit dem Beispiel: denn mir ist all' Mißtrauen fremd und verhaßt.« Ebroin furchte die starken Brauen, drückte die Lippen zusammen und blickte unwillig auf ihn. »Die Wiedervereinung der Teilreiche in Einer Hand ist auch mein Wunsch und – ich darf das verraten – auch meines Freundes! Wenigstens vor Jahren war das! Nicht so, mein Ebroin?« Lauernd lag der scharfe Blick der schwarzen Augen auf dem so Überraschten. »Er ist es noch. Ich habe keinen Grund, es zu verbergen,« erwiderte der. »Und ich füge gleich hinzu: begreif' ich auch den Wunsch eines Austrasiers, – eines Arnulfingen zumal, dessen Vorfahren wiederholt sein Land beherrscht haben! – daß dieser Herrscher über das ganze Frankenreich ein Austrasier sei ...« »Ein Arnulfing; versteht sich!« warf Leodegar ein, das Antlitz Pippins scharf musternd, aber diese steten Mienen änderten sich nicht. – »So muß ich doch unserem Gast offen sagen: das ist unmöglich.« »Und warum?« fragte der, ihn ruhig und groß ansehend, – »Weil ...! Ich will annehmen, ein Austrasier – ein einzelner – steht wirklich an Begabung, an Geist den Unsern gleich, –« »Es ist nicht eben wahrscheinlich,« lächelte Leodegar boshaft. »Schwerlich doch erreicht er uns an Bildung, an Schulung dieses Geistes.« – »Wir haben – wie ihr – gelehrte Mönche, Bücher, reiche Klöster ...« – Ebroin zuckte die Achseln: »Glaub' es wohl: reich an geistlichen Büchern, gelehrt in Theologie. Aber Kunde in weltlicher Wissenschaft? In weltlichen Geschäften? Im Schriftwesen? Im Recht? wie zum Beispiel dieser Archidiakon? Schwerlich! Das aber ist nötig heutzutage für des großen Reiches Beherrschung. Und war' all' das auch anders, war's, wie du glaubst oder doch wünschest, – dieser austrasische Majordomus in Paris ... denn um dies Amt allein doch handelt es sich ...« »Auch er denkt nur an den weltlichen Beamten,« so schoß es durch des Archidiakons hohe Stirn. – »Warte, du Thor! Du sollst lernen, daß der Priester den Palast und das Reich beherrschen kann wie die Kirche.« »Er könnte doch nicht sich halten: – nicht ein Jahr, nicht ein halbes!« – »Und warum nicht, Graf von Agen?« – »Weil er, Graf von Trier, ein Feldherr wäre ohne Heer. Nie würden wir Neustrier, nie die Burgunden sich gutwillig dem – vergieb das Wort! – ›barbarischen‹ – so würden sie ihn schelten – Gebieter fügen.« – »Ich glaub's. Drum müßte er sich auf seine ›Barbaren‹ stützen, die Austrasier.« – »Und da eben liegt's. Verzeih: – ich will dich nicht kränken! – aber das ist unmöglich. Sollte wirklich einer von Euch, zum Beispiel deines Vaters Sohn, zu jener steilen, stolzen Höhe aufsteigen können: – du ständest ganz allein. Denn nun und nimmer werdet ihr Ostleute euch aus eurer tapfern, aber dumpfen ›Barbarei‹ – es giebt kein ander Wort dafür! erheben zu jener Bildung, die wir Neustrier und Burgunden seit zwei Jahrhunderten gewonnen, von den Römern – mit deren Blut – geerbt haben. Ich sage es ja nicht, uns zu rühmen oder euch zu schmähen: aber wir sind Italien, wir sind all' dem, was die Römer hier geschaffen und hier gelassen haben, so viel näher in unsrem schönen warmen Land als ihr auf euren magern Schollen und vollends die Überrheiner in ihren feuchtkalten Waldsümpfen. Die Olive grünt uns an der Durance, die Traube glüht uns an Loire und Garonne. Da horch, wie dein Vetter schnarcht! Und das ist doch ein Arnulfing wie du! Saufen, fressen, dreinschlagen – das versteht ihr – auch das letzte! – meisterlich. Aber damit, werter Gast, beherrscht man nicht einen Staat wie das Frankenreich.« »Recht hat er,« dachte Leodegar, »ganz recht. Aber warum den Blondkopf warnen? Laß es ihn doch versuchen und daran zu Grunde gehn.« Lange schwieg Pippin und sah nachdenklich vor sich hin. »Glaubte ich deinen Worten,« hob er nun mit tiefem Ernst an, »du stolzer Neustrier, ich legte heute noch das Schwert ab und träte in das Kloster, das ich zu Echternach errichten will. Denn das rasche Sinken dieses zerrissenen Reiches mit ansehen und es nicht hemmen können, – das ertrüg' ich nicht. Hemmen aber kann es und das Reich retten kann nicht eure angefaulte verweichlichte Überbildung ...« »Herr Graf!« drohte Ebroin zornig. »Retten kann es –mit Gottes Hilfe! und unter guter Führung – nur unsere, der Austrasier, und der so stolz verachteten Überrheiner frische Kraft!« »Das ist ein Wahn,« rief da Leodegar zum erstenmal dazwischen. »Wir Neustrier und Burgunden müssen's machen und müssen dann herrschen im Reich der Franken. Hier meine Hand, Ebroin, der Burgunde reicht sie dem Neustrier zum Bund auf Schutz und Trutz.« »Ja, in diesem Glauben,« rief der, begeistert einschlagend, »wollen wir treu zusammenstehen, Leodegar. In diesem Glauben – frei bekenne ich's vor dem Gast aus dem Nordosten – will ich ringen all' mein Leben lang.« »Und dieser Glaube wird der Irrtum, wird das Unheil deines Lebens sein!« sprach Pippin nachdrucksam, warnend die Hand erhebend. *   V. Nachdem die beiden Austrasier sich verabschiedet hatten – schwer wankte Martin, auf den Vetter gestützt, nach Hause – schritten die beiden neuen Verbündeten Arm in Arm hinaus in die kühle Luft des Herbstabends, in dem wohlgepflegten Klostergarten auf und nieder wandelnd. Das Gespräch, die Entdeckung ihrer vollen Übereinstimmung in den letzten Zielen hatte beide mächtig erregt, zumal den heißblütigen und in Selbstbeherrschung gar wenig geschulten Ebroin. »Leodegar,« hob er an, plötzlich stehen bleibend in dem dunkeln Cypressengang, »Nachbarsohn, alter Spielgenoß und Nebenbuhler, es thut mir Wohl tief im Herzen, daß wir uns so ganz gefunden, auf dem gleichen Weg, zu dem gleichen Ziel für dieses Reich der Franken und sein Wohl.« »Blöder Thor!« dachte der Priester, »als ob das mein Ziel wäre. Und dein Weg? Wir wollen ihn flugs erforschen, dir ihn zu versperren.« – »Sieh, Freund, man hat mich oft vor dir gewarnt. Erst heute wieder ...« – »Er ging mit Vanning bis an den Speisesaal. Warte, du dummer Tropf! Wenn du so gefährlich und geschäftig, soll dich deine Einfalt nicht schützen. Ich schick' ihn aus, Steuern einzuheben bei den Bretonen. Von solchem Auftrag kommt man nicht leicht lebend zurück.« – »Vor deiner abgrundtiefen Falschheit, vor deiner Gewissenlosigkeit, die vor keinem Mittel, keinem Verbrechen zurückscheut...« »Vanning, mach' dein Testament,« lächelte Leodegar in sich hinein. – »Gilt es, deinem maßlosen Ehrgeiz, deiner schrankenlosen Herrschgier zu dienen. Ich habe ja auch vom Knaben an manche Proben erlebt deiner ... nun, sagen wir: Schlauheit.« – »Ja, Freund, ein dummer Verbündeter wäre dir ein schlechter Genoß auf deinem gefährlichen Wege zur Macht.« – »Ich will alles vergessen, will den Warnungen nicht folgen. Hier, vor den unzähligen Sternen, die da schweigend auf uns niederschauen, verspreche ich dir: ich will dir ein treuer Helfer sein an dem gemeinsamen Werk: ein Neustrier oder Burgunde zu Paris Beherrscher des gesamten Reichs.« – »Ich nehme es an! Und zwar ein Neustrier: das heißt du. Denn ich – sieh, auch das ist eine Sicherung für dich vor meiner viel gescholtenen Arglist! – denn ich, der Priester, kann ja nach den Canones niemals das Amt bekleiden, das allein die Herrschgewalt verleiht: den Majordomat. Ich bin schon ganz zufrieden,« flötete die einschmeichelnde Stimme, »gönnst du mir dann – wie jetzt ohne Amt! – ein wenig Einfluß auf das Palatium!« »Ich würde doch des treuesten Helfers, des klügsten Ratgebers nicht entraten wollen – können! Aber wir wollen erst den Bären erlegen, ehe wir sein Fell verteilen. Harte Arbeit wird's geben. Nur durch die Waffen wird Austrasien, werden diese Arnulfingen zum Gehorsam gebracht.« – »Gehorsam?« Und nun klang die Stimme ganz anders. »Nicht leben dürfen sie.« »So blutgierig, Priester des Herrn?« meinte Ebroin. »Wer uns hemmt, fällt,« erwiderte der und stieß den Stab, den er in der Hand hielt, heftig auf den Sand des Gartenpfades. »Wenn du das nicht willst, laß uns scheiden ...sofort.« »Ich werde wollen müssen,« seufzte Ebroin. »O, ich kann auch hart sein – hart – wie dies Schwert. Des Vaters Schwert!« Und fast zärtlich drückte er dessen schlichten Griff. »Aber,« fuhr Leodegar fort und trachtete, trotz des Dunkels, das sie dämmernd umgab, in den Mienen des Genossen zu lesen, »wie denkst du dir – abgesehen vom Krieg mit Austrasien – die Wege, die dich zur Macht führen sollen?« »Nicht um meine Macht handelt es sich,« rief Ebroin unwillig, »um das Heil des Reichs!« – »Wohl, wohl, das ist doch nur eine andere Wortwendung: – eine Redensart!« »Durchaus nicht,« zürnte Ebroin. »Mir ist's nur ums Reich! Nur dieses Ziel kann die Gewalt, ja die vielleicht häufigen, blutigen Gewaltthaten entschuldigen, zu denen wir wohl gezwungen werden. Dächte ich anders, ertappte ich mich auf solcher Selbstsucht, wie du sie bei mir annimmst, – heute noch gäbe ich all' meine Pläne auf!« – »Er belügt sich selbst, der Wirrkopf, der Hitzkopf! Als ob es in der Menschenbrust noch andres geben könnte als Selbstsucht!« dachte der Archidiakon. – »Ich glaube mich von früher zu erinnern,« sprach er nach einigem Besinnen, »du hast – zum Heile des Reichs! – einen gar kühnen Gedanken gefaßt ... Begreiflich bei den Geschicken deiner Eltern, deiner harten Knabenzeit ... Aber nun, gereift, hast du vielleicht die Unmöglichkeit ...?« »Nein, nicht doch!« rief Ebroin so leidenschaftlich, daß der lauernde Beobachter stutzend stehen blieb. »Ah,« dachte er, » das ist also der Trieb, der Drang, der ihn zumeist beherrscht.« »Die Errettung des geringen Volkes,« fuhr Ebroin begeistert fort, »seine Erlösung aus der Knechtschaft, zu der Bischöfe, Äbte, Weltgroße die freien Männer herabgedrückt haben, die Wiederherstellung der alten Rechte und des Wohlstands des Volkes und daher die Zertrümmerung – mit scharfem Schwert! – der Herrschaft dieses selbstischen, zucht- und meister-losen, dieses reichsverderberischen Adels, die Herausgabe des ungeheuren Reichtums an Land und Leuten, den Kirchen und Klöster planmäßig seit zwei Jahrhunderten an sich gebracht: – das ist mein heißester Wunsch, mein liebstes Ziel.« – »So, so! – Es ist sehr hoch gesteckt.« »Ich erreich' es oder gehe unter auf dem Wege dahin.« »Das sollst du, gefährlicher Schwärmer,« grollte Leodegar. – »Es ist ein grundstürzend Beginnen.« – »Jawohl! Aber dieser Grund, auf dem der Adel seine Zwingherrschaft gebaut hat, ist nicht der Boden des Rechts, ist Gewalt und Unrecht. Wohlan denn: Gewalt wider Gewalt: aber Gewalt zum Zwecke des Rechts.« – »Der Sklavensohn will sich am Adel rächen! Na warte!« – »Und,« beteuerte Ebroin, lodernd vor Eifer, »zum Heile des Reichs. Denn nur auf einem starken Stande freier Bauern kann sich auch ein starkes Königtum aus seiner jetzigen Ohnmacht wieder heben.« »Das fehlte gerade noch,« lächelte der geistliche Edeling in sich hinein. – »Der Majordomus, der Führer des Adels, herrscht jetzt an des Schattenkönigs Statt in Palast und Reich. Vom Adel erhoben, vom Adel getragen muß er des Adels Willen thun, der Seniores Vorteile wahren wie gegen das Volk so gegen die Krone.« – »Aber du willst ja selbst Majordomus werden?« – »Ja, jedoch wahrlich nicht, um des Adels Sache zu führen. Nein, als Majordomums befreie ich das Volk und die Krone von der Herrschaft der Seniores. O wie will ich, ein Schwert in der Hand des Staats, diese übermütigen Häupter niederschlagen, beugen sie sich nicht dem Wohl des Ganzen.« – (»Und deiner Willkür, Bauernbub.«) – »Deine Hand nochmal, Leodegar: du wirst mir nicht fehlen, nicht versagen auf meinen steilen Pfaden?« »Ich schwöre:« – und er reckte die Hand empor – »wahrlich, du sollst Leodegar finden auf jedem deiner Wege! Sieh, Freund, schon die Pflichten, die Bande der Dankbarkeit fesseln mich ja unauflöslich an dich. Du hast mir das Leben gerettet! Anfangs – ich gesteh' es – wußte ich dir des nur wenig Dank. Dem Krüppel war das Leben verleidet. Aber bald sollte ich lernen – durch geistlichen Zuspruch! –: auch der Priester kann doch viel Gutes thun auf der Welt. Und auch wohl ein wenig des Guten genießen: denn dein Scharfsinn würde mir doch nicht glauben, daß ich darauf ganz verzichten will. Welches Glück ist es zum Beispiel schon, dir so auf deinen Wegen folgen, helfen zu können! – Aber nun schwöre auch du mir: – volles Vertrauen, aufrichtiges Aufdecken all' deiner geplanten Schritte: – erhebe gleich mir die Hand zu Gott.« –«Ich schwöre nicht. Mein Schwur würde dich nicht stärker sichern als mein Wort. Ich kann nicht glauben an euren Gott.« – »Ich ahnte das schon lange, Unseliger!« – »Sollte der scharfe Grübler Leodegar an all' die dummen Mirakel glauben, die uns in der Capella gelehrt wurden?« »Nun,« lächelte der, »mit Auswahl. Aber nicht um diese Mirakel handelt es sich, sondern ...« – »Du hast recht. Um Tieferes und Höheres. Wohlan: der Eltern grausam Geschick, – des Vaters jähes, unverdientes Ende, – gar viel, was ich selbst erlebt und was uns aus Büchern gelehrt ward, – hat mich überzeugt: es ist nicht wahr, nicht möglich, daß ein allmächtiger und allgütiger Vater da oben über den Wolken die Geschicke der Menschen lenkt: denn unzählige Male siegt das Böse, muß das Gute blutig untergehn. O mein Vater ... ich gedenke dein!« »Also ein Gottesleugner,« dachte der Priester, »das muß man sich merken! – Warum dann aber« ... – forschte er eindringlich, »du glaubst nicht an Himmel und Hölle?« – Ebroin schüttelte den Kopf: »Ich glaube an mich selbst und an mein Schwert.« – »Warum dann aber das Gute thun, obwohl es uns schaden, das Böse meiden, obwohl es uns nützen würde?« – »Oh, Archidiakon! Welch niedrige Gesinnung! Also aus feiger Furcht vor der Hölle, aus schlauer Berechnung auf die Paradiesesfreuden handelst du? Nein! Was Mannesehre, Mannespflicht gebeut, spricht mir vernehmlich, spricht laut gebietend mir eine Stimme in der Brust und der Gedanke in meiner Stirn. Nicht Priester, nicht heil'ges Buch brauch' ich dazu! Ich muß Neidingsthat meiden, Heldenthat thun. Ich kann nicht anders! – Es ist aber spät geworden! Gute Nacht, Bundesgenoß!« Und er enteilte raschen Schrittes in heißer Erregung. Kühl bis ans Herz hinan sah ihm der Archidiakon nach: dann hob er den Zeigefinger drohend in die Nachtluft und sprach leise vor sich hin: »Nun bist du ganz in meiner Hand, starker Ebroin. Ja, du sollst kämpfen: – aber für mich, an Stelle meiner verlornen Rechten. Du sollst Austrasien zum Gehorsam zwingen unter den Mann, der zu Paris das Palatium beherrscht. Aber am Tage nach deinem Siege über jenen Pippin, – oder früher schon, muß es sein: – sollst du fallen, Hochverräter, Volksverhetzer, Gottesleugner.« *   VI. In jener Oktoberwoche ward zu Sankt-Denis der berühmte Jahrmarkt abgehalten, der sich an den Gedenktag des Heiligen, den neunten Oktober, schloß. Da strömten überall her, auch aus weiter Ferne, die Kaufleute zusammen, sicher, zahlreiche Abnehmer versammelt zu finden: Warenhändler, die tauschten oder kauften, Vertreter der reichen, kostbare Dinge für den Schmuck ihrer Basiliken, für den glanzvollen Gottesdienst bedürfenden Bischofskirchen und Klöster, auch viele Weltgroße, welche die in jene Zeit fallende Herbstversammlung im Palatium zu Paris oder in einer der benachbarten königlichen Villen besuchten. Da kamen die Bretonen vom Nordwesten mit ihren kunstvollen Geweben, die Aquitanier, ja sogar die Westgoten von Garonne und Durance mit ihrem schon damals gepriesenen »Provencer«-Öl und ihren dunkeln feurigen Weinen von Toulouse und Narbonne, auch die Überrheiner fanden sich ein: Alamannen, Bayern: jene mit ihren schon seit zwei Jahrhunderten vielgesuchten gelbbraunen Rindern, diese mit ihrem goldgelben Weizen vom Donaugau; die Friesen vom Norden brachten ihre ausgezeichneten Mäntel aus erlesener Wolle, die Sachsen ihre starken Rosse. Aber auch an menschlicher Ware gebrach es nicht. Kriegsgefangne oder durch Schuldknechtschaft in Unfreiheit geratene Männer und Weiber in großer Zahl wurden, Herden gleich, von den – meist jüdischen Händlern – herangetrieben: die Männer, hintereinander, an den Armen zusammengebunden mit starken Seilen auf beiden Seiten der Straße und vorn und hinten quer den Zug schließend, in der Mitte des so gebildeten Vierecks die Frauen und Mädchen; der Händler mit ein paar Wächtern zu Pferd schloß oder führte den Zug: große Hunde umkreisten wie eine Trift Schafe den Haufen mit lautem Gebell, duldeten, anspringend und beißend, nicht, daß einer zurückblieb oder aus der Reihe wich. Ein solcher Sklavenzug näherte sich am Morgen des folgenden Tages von Nordwesten her – von der Straße von Rouen – den ersten Häusern von Saint-Denis. Es war ein rauher Tag: der kalte Herbstwind drang durch die geringe und dünne Gewandung der Unfreien: die Männer schalten und fluchten, die Weiber stöhnten und weinten. Nun gab es einen Aufenthalt: unter den letzten Bäumen des Gehölzes, das die Schar eben durchschritten, stockte es: Frauen und Mädchen drängten sich zu Hauf, waren auch durch die laut tobenden Hunde nicht von der Stelle zu bringen! da brach sich der Herr der meisten in der Herde – ein alter Jude mit spitzem grauem Barte – Bahn: er trieb seinen Esel mit der neunsträngigen Geißel von der Spitze des Zuges, wo er geritten, zurück in die Mitte: unsanft ließ er die in Bleikugeln auslaufenden Stricke auch auf den Köpfen und Rücken der Schreienden tanzen, bis er den dichten Knäuel durchdrungen hatte: »Was treibt ihr da, ihr Bestien? Warum geht's nicht vorwärts? Durch eure Faulheit hab' ich schon den halben Tag des Marktes verpaßt. Gott meiner Väter, du weißt es, wieviel hundert Solidi das ausmacht! Was ist hier los?« »O Herr,« klagte eine ältere Frau, »wir können nicht mehr. Die ganze Nacht hindurch – wie den gestrigen Tag – hast du uns vorwärts getrieben: – nicht einen Augenblick des Schlafes! – Da, diese junge Angelsächsin, das arme zarte Kind, hat's nicht mehr ausgehalten. Da liegt sie, ohnmächtig, zusammengebrochen unter der Tanne – halb tot ...« »Wart', ich will sie auferwecken und wäre sie ganz tot wie jener Lazarus, den euer falscher Messias, der Zimmermannssohn, erweckt hat: 's ist aber nicht wahr!« Und er hob die sausende Geißel. Da fiel ihm sein jüngerer Genosse in den Arm, der sich nun auch herangedrängt hatte. »Gott du gerechter,« rief er, »Manasse, bist du besessen? Die Blonde da ist unser bestes Stück. Hast du vergessen, daß sie zur Hälfte mir gehört? Ach, schmerzlich viele Solidi hab' ich dafür bezahlt im Hafen von Dovera dem alten Levi von Jork. Gott verderb' ihm das Geschäft und die Knochen im Leibe! Grausam hat er gefeilscht und gehandelt. Willst du zerstören durch einen Schlag das süße Fratzengesicht, das uns einbringen soll einen Gewalthaufen Goldes? Das sollst du nicht! So wahr ich bin geheißen Mardochai! Steh' auf, Kleine, in Güte. Oder – noch lieber! – ich trag' dich. Das magst du aber nicht, spröde Jungfrau! Schreist ja schon, wenn ein Mann dich anlangt. Steh' auf.« – »Ich kann nicht!« lispelte da eine holde, wohllautreiche Stimme. »Erbarmen!« Und ein wunderschönes Mädchen – oder noch ein Kind? – mit engelhaft sanften Zügen hob ihm stehend aus ihren Lumpen zwei alabasterweiße Arme entgegen. – »Du sollst aber! So komm! Vorwärts! Ich greife dich, süße Last!« Und grinsend streckte der junge Jude die schmutzigen Hände nach ihrer entblößten Schulter aus. »Zurück, du Hund! Hand von dem Mädchen!« rief's da hinter ihm. Und über den Waldgraben auf die Straße setzte ein Reiter auf hohem weißem Roß, in glänzender Waffenrüstung: er schwang drohend den Schaft des Speers über dem Rücken des angstvoll Emporschauenden. Ein paar berittene Begleiter langten nun auch auf der Straße an. »Armes Kind,« sprach der Führer, sich von dem hohen Roß zu dem Mädchen herabbeugend, das einen Blick tiefsten, innigsten Dankes aus ihren lichtblauen Augen zu ihm emporstrahlen ließ. »Wie kamst du in solche Not? Du bist ja wie vom Himmel herabgestiegen! Wie heißest du?« – »Balthildis.« – »Wo kommst du her?« – »Aus der Insel der Angelsachsen!« – »Geraubt? Dann befrei' ich dich sofort!« Und er hob den Speer. »Geraubt! Gott du gerechter!« »Geraubt! Gott meiner Väter,« riefen die beiden Händler wie mit einer Stimme. »O großmächtiger Herr Graf, –« hob Manasse an, »denn ich kenn euch wohl: ihr seid der Graf Hermengar von Bordeaux und manchen schweren Zoll habt Ihr mir Bettelarmem abgedrückt auf dem Hafendamm der Garonne dort ...« »O grausam tapfrer Herr,« fiel Mardochai – aus vorsichtiger Entfernung! – ein, »sehen wir zwei beiden aus wie Männer, die da rauben die Mädchen?« – »Wir sind Männer des Friedens!« – »Wie alle Söhne Abrahams.« – »Handel und Wandel ist unsere karge Lebsucht.« – »Wai geschrieen, wie werden wir rauben!« – »Mir wird schwach in der Knie, seh' ich von weitem ein eisern Schwert.« – »Nicht geraubt! Ehrlich gekauft haben wir die Blonde im Hafen von Dovera.« – »Für teures, teures, ach teures Geld.« »Ist's wahr, Kleine?« fragte der Reiter, freundlich auf das Mädchen herabschauend und ohne auf die beiden Jammerer weiter zu achten. »Es ist,« klagte diese, das Köpfchen leise senkend, aber ohne das leuchtende Auge von dem Erretter zu lassen. »Mein Vater, ein freier Ceorl von mehr als fünf Hufen, geriet tief in die Schuld eines Juden zu Jork. Der ließ sich den Vater, die Schwester, mich in Knechtschaft zusprechen. Er führte uns nach Dovera. Dort wurden wir auseinander gerissen, – verkauft an drei Käufer.« »Und wir beiden,« fuhr Manasse fort, »wir haben erstanden hier dies weiße Täubchen, Ihr findet Wohlgefallen an der Kleinen? Kein Wunder! Wäre gerade was für so einen schönen, stolzen Herrn.« – »Kauft sie uns ab, wie sie daliegt unterm Tannenbaum!« – »Wir lassen sie billig.« – »Brauchen wir sie nicht noch zu schleppen auf den Markt und dort noch zu füttern.« – »Sie ist Wohl ein süßer Bissen: – seht nur, wie weiß der Nacken,« näselte er süßlich. »Schweig, Hund von einem Juden. Gewiß, sie wäre eine gute Gürtelmaid für meine liebe Ehefrau Friedrun.« Da schoß dunkles, heißes Rot in das bleiche Antlitz des Mädchens: die langen goldnen Wimpern senkten sich: sie sah dem Retter nicht mehr in das wohlgebildete und von edlem, gütigem Ausdruck verschönte Antlitz, das dunkelbraunes Haar, aus dem Helme flutend, umwogte. »Aber ich muß – nach einem Auftrag für den Grafen von Rouen – als Gesandter des Königs schleunig an den Hof der Goten nach Toledo. So kann ich selbst, liebe Kleine, nicht weiter für dich sorgen. Doch sollst du mir wahrlich nicht hier am Wege verschmachten, du holdes Geschöpf ...« Da errötete sie noch viel tiefer und schloß beide Augen. »Und nicht schnöden Gelüsten verfallen. Hier, trink, du Arme« – und er hielt ihr die Feldflasche an den Mund, die er hinter sich auf den Sattel geschnallt trug – »trink.« Und er sprang ab und hob sie auf, seine Haare streiften ihre Stirn. Nun schlug sie die wunderschönen Augen wieder auf, wieder traf ihn der dankbegeisterte Blick. »Dein Heil, o hoher Herr! Und deiner Gattin! Und der heilige Augustinus schütze dein edles Haupt für und für. Und ich will für dich beten jeden Abend und jeden Morgen.« Sie trank lang und gab ihm das Gefäß zurück. »Schad' um diese Knospe!« dachte er. »Welch' rauhe Hand mag sie brechen? – Steig' ab, Manno, hebe die Jungfrau auf deinen Braunen und führe sie – sicher! – bis auf den Markt zu Saint-Denis: – dann reite uns eilig nach. Wir erwarten dich in Rouen. Lebwohl, du viel liebes Kind. Und alle Heiligen mögen dich beschützen.« »Herr,« rief sie ihm nach, »dein werd' ich dankbar denken bis zum letzten Hauch!« – Thränen stürzten aus ihren Augen: sie erhob sich auf die Knie und sah ihm nach. Und als sie ihn so nicht mehr erblicken konnte, stand sie vollends auf und spähte ihm nach, auf die Zehen gereckt, bis die dichten Waldbäume sie auch seine Helmspitze nicht mehr erschauen ließen. *   VII. Am Abend dieses Tages stürmte in Vannings Gemach im Palatium Ebroin, Sein Antlitz glühte, heißes Rot und fahle Blässe wechselten jäh. »Um Gott,« rief Vanning, aufspringend von seinem Abendwein. – »Hilf, Sankt Martin! Ebroin, was ist dir?« – »Vanning, Freund, Bruder! Hilf mir! Steh' mir bei. Es gilt mehr, weit mehr als mein Leben. Gieb mir ...« – »Mein Blut für dich, mein Herzblut!« – »Nein! Geld! Sehr viel Geld, unsinnig viel Geld!« – »Wieviel?« – »Viertausend Solidi.« – »Du rasest! Wofür?« – »Für ein Weib! Was sag' ich? Für einen Seraph! Nein doch, für eine der Elbinnen, der berückend schönen, Wahnsinn des Verlangens entzündenden, von denen der alte Thiemo Wunder erzählte.« – »Und der Muntwalt fordert so hohen Brautschatz?« – »Nichts Muntwalt! Ihr Herr, ihres Leibes Eigentümer ...« – »Ebroin! Eine unfreie Magd!« – »Nein! Sie ist frei geboren! In Schuldknechtschaft verkauft! Ich sah sie – ich sprach sie kurz – vor der Basilika des Heiligen liegt sie – in Lumpen gehüllt – auf den Steinstufen. Ich muß sie haben! Nein doch!« er stampfte mit dem Fuß auf den Estrich. »Nicht das ist's, was mich treibt! – obwohl ich, seit ich sie gesehen, nichts mehr, nichts sehe als ihren holden Reiz, die sanfte Anmut ihrer Züge! Aber nein! Frei kaufen muß ich sie. Erretten vor dem Scheußlichsten!« »Kaufen: – eben für dich!« meinte Vanning, gutmütig lächelnd. »Nein! Bei meiner Treu! Ich lasse sie frei, sowie sie mein. Ich bringe sie zu meiner Mutter. Verflucht sei meine Hand, rühre ich sie an, bis sie sich freiwillig als Braut mir verlobt!« – »Das ist mein Ebroin! Wie heißt sie?« – »Ach, ich vergaß zu fragen, in ihrem Anblick, ihre Not versunken! Aber Eile, Eile drängt. Denke nur, der Freigelassene des Apronius zu Soissons ...« – »Pfui, des alten Wüstlings, des scheußlichen Greises, der in seinen siebzig Jahren sich siebzig Buhlen hält?« – »Hat bereits Hand auf sie gelegt. Heute Nacht noch trifft sein Patronus von Epinay her ein. Der unermeßlich Reiche bezahlt leicht das Doppelte. Mit Mühe setzte ich's bei ihren Verkäufern durch, daß sie bis morgen um die sechste Stunde warten wollen: bring' ich bis dahin das Geld, soll ich die Vorhand haben.« »Aber! Bis morgen Mittag! Diese Summe! Ich – ich habe nicht hundert Solidi hier. Gern wollt' ich – denn ich sehe ja, dich verzehrt die Glut, mehr noch die Angst! – mein ganzes Vatererbe drum verkaufen: – aber das dauert Wochen und reicht noch lange nicht.« – »Und meine arme Scholle noch viel weniger!« – »Geh' doch zu den reichen Kaufleuten auf der Messe hier, den Juden aus Paris, zu Simon, zu Marcus, zu Hamann auf dem Markte.« – »Bin bei allen gewesen. Sie lachten! Wie werden sie denn dem bettelarmen Grafen von Agen, aus dem vielleicht einmal in vielen Jahren was Reicheres werden kann, Geld leihen!« – »Und ... ich rat' es ungern! – dein neuer Freund und Bundesbruder Leodegar? Der hat immer Geld wie Heu: – er selbst, sein Oheim, seine Kirche!« – »Ich war bei ihm – zu allererst! Er ist nicht zu finden – soll im Palatium in Paris sein. Ach, ich sehe keine Hilfe! Ich muß diese Perle zertreten lassen von jenem Scheusal!« Und er warf sich ächzend auf einen Stuhl. Aber gleich sprang er wieder auf. »Nein,« schrie er, »das nicht. Das soll ihr Los nicht sein. Ich dachte daran, sie mit Gewalt zu befreien. Ganz unmöglich! Der Markt ist in beiden Zugängen mit Ketten abgesperrt: der Graf von Paris, Leodegars Nachfolger, der die reichen Marktzölle erhebt und mit seinem Kopfe für den Marktfrieden haftet, hat beide Zugänge mit je hundert Speeren besetzt. Unmöglich also! Aber Apronius soll sie nicht besudeln mit seinen Händen. Ich reite ihm entgegen in den Wald von Epinay, durch den muß er in wenigen Stunden. Ich fordre ihn zum Kampf und schlag' ihn tot.« – »Der wird sich dir stellen! – Und wenn?« entgegnete Vanning. »Und was dann? Dann bist du nicht um einen Solidus reicher und statt des einen Wüstlings kauft sie nach der sechsten Stunde ein andrer. Das hilft dir nicht. Geld mußt du haben.« Da blitzte Ebroins Auge plötzlich auf, unheimlich ward der Ausdruck seiner Züge. »Recht hast du, Freund, Aber einen furchtbaren Rat hast du – ohne es zu ahnen! – in meine Seele geblasen, in mein tobend, rasend, wahnsinnig Gehirn. Tot zu schlagen den Käufer ist nicht nötig! Und hilft nicht! Aber, Vanning, hasse mich, verachte mich – aber sein Geld! – Ich weiß, er führt es mit sich: der Freigelassene prahlte damit – sein Geld nehm' ich ihm ab im finstern Walde, jage hierher zurück und kaufe sie nach Sonnenaufgang frei – mit seinem Gelde!« – »Ebroin! Das ist ...« – »Straßenraub. Ich weiß. Darauf steht Friedlosigkeit, ja das Schwert. Aber Raub entehrt nicht, wie Diebstahl! Ich thu's! Ich muß! Ich kann nicht anders. Leb' wohl, Vanning. Vergiß mich.« »Im Gegenteil,« rief der und griff nach Helm und Schwert. »Ich begleite dich. Der Alte reist doch nicht allein. Du brauchst einen Helfer.« *   VIII. Der Wald von Epinay-sur-Orge war von Untergehölz und Gebüsch so dicht durchwachsen, daß kaum die alte breite Römerstraße, die, von Soissons her nach Paris führend, ihn durchzog, genügend frei gehalten werden mochte. In dieser nebligen Oktobernacht drang der halb volle Mond kaum durch die hohen Wipfel der hart nebeneinander ragenden düstern Ulmen und der breitästigen Eschen: das welke Laub fiel geräuschlos bei jedem leisen Windhauch auf die Helme, auf die Schultern, auf die Pferde der beiden Reiter, die, im dichten Buschicht, hart an dem südlichen Ausgang des schmalen Brückleins über den kleinen Waldbach hielten, der von Osten her seinen Weg in die Seine suchte. Der dicke Nebel verstattete kaum den Blick über die kurze Brücke hin: – was nördlich derselben lag oder daher kam, entzog sich der Wahrnehmung völlig. »Es dauert lang, allzulang!« sprach Ebroin ungeduldig. »Soll ich rechtzeitig eintreffen, haben wir, nachdem es geschehen, mehr als zwei Stunden scharf zu reiten. Laß uns ihnen lieber noch ein Stück entgegentraben, die Sache früher zu vollenden ...« – »Und vor lauter Ungeduld den Platz hier verlassen, den wir weislich gewählt? Nein! Hier, auf der engen Brücke, können sie uns nicht entwischen, kann zumal der den Geldsack trägt, nicht damit ins Land, in den Nebel, in die Nacht hinaus jagen. Auch nützt ihnen in solchem Gedräng am wenigsten die Übermacht, die sie sicher haben werden.« – »Fürchtest du sie, so laß mich allein.« – »Das hab' ich nicht verdient.« – »Verzeih', vergieb! – Ich bin nicht ganz ...« – »Bei Sinnen, seit du sie gesehen. Jawohl! Aber ich begreif's, nachdem auch ich sie im Vorbeireiten erschaut, die rührende, zarte Gestalt, in ihren ärmlichen Fetzen vor der Kirchenthüre knieend und die wunderbaren Augen im Gebet gen Himmel gerichtet. Aus eitel Mitleid schon reut es mich nicht, dir zu helfen.« – »Still! Horch! Ich meine, ich höre Geräusch, dort, jenseit der Brücke.« – »Ja. Aber das sind nicht Hufschläge. Es knackte in den Büschen: – es war wohl ein Wolf, der nächtlich streifend durch das Dickicht brach: – jawohl. Da heult er in der Ferne.« Eine Weile schwiegen beide. – »Aber jetzt! War das nicht ein Lachen?« »Jawohl! Aber die Eule war's, dort, in dem Ulmenwipfel. Da streicht sie ab: der Mond wirft den Schatten ihrer breiten Flügel auf die Straße. – Doch nun, horch auf. Ja, das sind Hufschläge. Zähle! O weh, Freund, das sind gar viele Pferde. Der Vorsichtige hat sich Geleitspeere bezahlt beim Grafen von Paris. Drei – Sechs – Neun – Zwölf.« »Und wären's hundert – drauf!« Und er band das schwarze Tuch, das nur die Augen durch zwei Löcher blicken ließ, über den Ohren fester und riß das Schwert unter dem braunen Mantel hervor; Vanning, ebenfalls verlarvt, that desgleichen; sie hatten die langen Speere nicht mitgenommen zu dem erforderlichen Ringen um das Geld – Mann an Mann. Nun tauchten nördlich der Brücke zahlreiche dunkle Schatten auf; an der Spitze ritten zwei Vollgewaffnete. »Eh, Hartbrand: Wolf und Eule: – was ist das für Angang?« – »Der Wolf, Willfried, rannte gegen uns: – übeler. Die Eule bäumte zur Rechten auf: – guter!« – »So hebt sich's. – Sieh! Da kommt ein Steg, ganz schmal! Wie eine Mausefalle. »Halt,« rief er laut, nach hinten sich wendend, die Hand hoch erhebend. »Schritt! Ganz langsam. Eine Brücke! Langsam sag' ich.« »Langsam,« wiederholte sein Nebenmann und beide drehten sich auf ihren Sätteln mahnend nach rückwärts. Diesen Augenblick benutzten die Freunde: ohne Wort oder Ruf sprengten sie überraschend gegen die beiden Wegführer an: der eine fiel vom Sattel, der andre hielt sich mühsam an der Mähne in der Schwebe: die nächsten beiden Reiter waren unbewaffnete Knechte: schreiend drückten sie sich zu beiden Seiten an das Brückengeländer: nunmehr kam ein Freigelassener: er zückte den Speer gegen Ebroin: Vanning schlug ihm die Waffe aus der Hand, daß sie weit über das Brückengeländer ins Wasser flog. »Apronius!« schrie nun Ebroin den nächsten Reiter auf reich gezäumtem Maultier an, »gieb dein Geld ... Dann geschieht dir nichts! Wo ist der Geldsack!« Und er hob das Schwert gegen sein Antlitz. »O – ah – Erbarmen! – Ich ... ich führe ja kein Geld mit,« rief der Alte, »Friede! Friede!« zog aber zugleich einen langen Dolch aus dem Gürtel. »Hier ist der Sack!« rief Vanning und griff nach einem schweren Lederschlauch, der mit einem Riemen quer über den Rücken eines ledig gehenden Esels gebunden war. Er durchschnitt mit scharfem Hieb den Riemen und riß,– nicht ohne Anstrengung und Zeitverlust – die schwere Last auf den Hals seines Rosses. »Ich hab' ihn! Zurück! Nach Hause!« Aber mittlerweile hatten sich die beiden germanischen Wegführer aufgerafft: beide drangen zu Fuß auf Ebroin ein, der sich ihrer mit Mühe erwehrte. »Halt ihm den Gaul am Zügel, Willfried. Laß ihn nicht von der Stelle.« – »Hab' ihn schon.« Und Ebroin war festgebannt auf der Brücke, auf deren Nordseite nun noch drei gewaffnete Geleitsreiter eintrafen, die vorwärts drängten. Vanning kam dem Freunde zu Hilfe: mit der Zügelhand zugleich den Ledersack auf den Sattel vor sich drückend, rannte er den Mann über den Haufen, der Ebroins Hengst am Zaume hielt. Aber da blitzte im Mondschein etwas über Vannings vorgebeugtem Nacken: es war der Dolch, den Apronius zu tödlichem Stoß über dem Ahnungslosen zückte. »Ah, gieb acht!« schrie Ebroin. Jedoch Vanning konnte nicht wahrnehmen, was ihn von hinten bedrohte: er schien verloren: – da stieß Ebroin dem Alten das Schwert in die Kehle: – lautlos stürzte der aus dem Sattel. »Mord! Mord!« klagten seine Sklaven. »Nieder, du Mörder!« rief der noch aufrecht stehende Germane vorn und schwang die Streitaxt gegen Ebroin. Vanning ersah's und spaltete ihm Sturmhaube und Stirn mit einem sausenden Schwerthieb. »Jetzt aber rasch, rasch davon! Was starrst du vor dich?« rief er Ebroin zu, der auf des toten Greises verzerrtes Antlitz niedersah, das im bleichen Mondlicht von der Erde auf zu ihm emporzudräuen schien. »Zurück! Rasch!« Und er gab dem Pferd Ebroins mit der flachen Klinge einen Schlag auf den Hinterbug – weitaus griff der Rappe; beider Rosse Hufschläge donnerten über die Brücke zurück, bald auf der harten Straße: schon hatte sie der dichte Nebel verschlungen: die Begleiter des sterbenden Römers waren um ihn voll beschäftigt. »Blut! Raub! Mord!« rief Ebroin gegen den schweigenden Himmel hinan. »O du Vielholde! Teuer bist du erkauft!« Zwei Stunden darauf sprengten, von Staub und Schmutz der Straße die Rosse und die Mäntel über und über bedeckt, die raschen Reiter auf den Marktplatz von Saint-Denis. Die beiden Sklavenhändler und ihre lebendige Waare bedeckten noch dicht die Stufen der Basilika; aber der Platz oben auf der Estrade hart vor der Thüre, wo die seine Gestalt der Angelsächsin gekniet hatte, war leer. Ebroin sah's: »Sie wird drinnen – in der Kirche – beten!« sagte er, sich selbst beschwichtigend: denn das Herz drohte ihm zu stocken, »Hier, Jude,« rief er, auf den Ledersack deutend, den Vanning vor sich auf dem Sattel trug. »Hier das Geld – und mehr als du verlangt! Wo ist die Jungfrau?« »Wer weiß, ob sie das noch ist?« grinste der Jüngere, Ebroin hatte nicht verstanden:, er wandte sich an den Alten. »Wo ... wo ist das Mädchen?« – »Wie soll ich wissen? Wo wird sie sein? Wohin sie hat gebracht ihr Herr!« – »Ihr Herr? Du bist ihr Herr.« – »Gewesen. Ist sie doch verkauft!« »Was?« schrie Ebroin, »verkauft. Du Schuft: – noch ist die sechste Stunde nicht voll.« »Mag sein. Aber der Preis, den hat geboten der andre,« fiel Mardochai ein, »der war voll. Hat er doch geboten tausend Solidi mehr als wir verlangten.« Ebroin versagte die Sprache: er starrte lautlos vor sich hin. »Und wer – wer ist der Käufer?« fragte Vanning, sein Pferd dicht herantreibend. »Weiß ich's? Ist mir ganz gleich.« »Wer ... wer ...?« stammelte Ebroin leichenblaß. – »Nu, was soll'n wer's nicht sagen dem jungen Herrn, will er's gar so gern wissen? Vielleicht verkauft sie ihm der andre zurück – das heißt: nach ein paar Wochen. Ist gewesen ein stolzer, stattlicher Herr. In kostbarem schwarzem Gewand: ein schwarzseiden Mantelchen, Hat er nur eine Hand. Und sein Säckelmeister hat ihn genannt: Herr Archidiakon Leodegar.« Da schrie Ebroin laut auf und stürzte besinnungslos vom Pferd auf das Pflaster des Marktes. *   IX. Viele Wochen darauf – der Schnee lag auf den entblätterten Platanen der Gärten zu Paris – saß in einem dunkel verhangenen kleinen Schlafgemach des Palatiums dort am Bett eines Kranken eine sorgsame, angstvolle Pflegerin: sie träufte ihm aus einer flachen Phiole dunkle Tropfen auf die brennenden Lippen. »Dank, Mutter, Dank!« hauchte er, ihre Hand streichelnd. »Dank für all' deine Sorge. Zum zweitenmal schuld' ich dir mein Leben.« – »Gott dem Herrn dankst du die Genesung, mein Ebroin, Ach, als ich vor Monatsfrist über diese Schwelle trat – mit dem treuen Vanning...« – »Wo ist er? Wo ...? Ich will ihm danken!« – »Verschwunden! Spurlos verschwunden ist er, sobald er mich an dieses Bett gebracht hatte. Er kam mir schon unterwegs so seltsam vor – wie nicht recht bei Sinnen. Er stammelte wirre Worte, – schalt sich einen argen Sünder, sprach von Blutschuld, Raub, Reue, Buße ...« »Ah,« seufzte der Kranke tief auf. Auch er – auch seine Seele hab' ich...! Und umsonst, umsonst.« Und er barg das glühende Antlitz in den Kissen. »Was ihn nur so quälen mag?« dachte die Mutter. »Rätselhaft waren die Worte, die er im Fieber raunte Tag und Nacht! – Komm, mein Kind, beruhige dich.« Und sie strich ihm mit einem essiggetränkten Linnentuch über die heiße Stirn. »Du sollst dich nicht aufregen durch die eigenen Gedanken, riet der gute Arzt. Wie mag ein Jude nur so gütevoll sein! Schlafen sollst du oder beten!« »Ja, wer das könnte! Im Schlafen träum' ich alles nochmal. Im Beten fluch' ich Gott und mir und ... ihm.« »Du sollst deine Feinde segnen, nicht ihnen fluchen, Kind. Als ich dich damals im Fieber tobend fand, – Hirnfieber, sagte der alte Zacharias – da schien wenig Hoffnung, daß du ...« – »O wär' ich doch gestorben!« – »Sprich nicht so. Gott hat noch Großes mit dir vor. Sonst hätte er dich nicht wie durch ein Wunder hergestellt. Und du wärst in deinen Sünden dahingefahren – ohne Beichte, ohne...« – »Beichte! Ja, Mutter, du hast recht. Beichten! Das wird mich erleichtern, mehr kühlen, mehr als der Kühltrank des Arztes. Beichten! Aber nicht den Priestern! Dir, liebe Mutter, dir will ich beichten, das schwere Gewissen zu entlasten. Du sollst alles wissen und dann mich ... verdammen, mich verlassen!« »Mein wilder Bub,« sprach sie, seine Wangen liebkosend. »Ja, sprich! Schütte dich aus. Wie weiland der Knabe gethan, wann er mir auf meinem Schos seine kleinen Leiden und Schmerzen, seinen Zorn geklagt über Verunrechtung durch die Seniores, durch Leodegar.« »Leodegar!« schrie der Kranke und fuhr in die Höhe. »Er sei ...! Aber nein, erst soll die Mutter alles hören. Ach, dein Bub ist nicht mehr das wilde, heiße, aber brave Herz, frei von Schuld. Ich bin ...! Ich kann's nicht sagen, was ich geworden bin. Höre! Ganz nahe dein Gesicht, dein Ohr an mein Kopfkissen! Ich kann's nicht laut sagen.« Und die alte Frau schob sich nun eng heran, er umschlang ihren Hals mit beiden Händen und erzählte ihr, – unter vielem Stocken und Seufzen – ohne sich zu schonen, alle Vorgänge jener Nacht und jenes Morgens. Wohl zuckte die fromme Frau zuweilen zusammen vor Grauen, aber sie bezwang ihr Entsetzen, des Kranken zu schonen: auch wich die Entrüstung in dem Mutterherzen gar bald dem Mitleid. »Nun,« schloß er, sie freigebend und erschöpft auf das Lager zurücksinkend, »nun weißt du alles, Mutter. Jetzt schüttle den Staub von deinen Schuhen, verlaß das wohlverdiente Schmerzenslager des Räubers, des Blutbefleckten ...« – »O nein, mein Sohn! Jetzt gehör' ich erst recht an deine Seite, jetzt, da deine Seele mehr leidet als dein armes Gehirn. Unablässig will ich für dich beten. Und daß du dem Priester beichtest, dazu dräng' ich dich nicht, so tief mich dein Unglaube schmerzt: seine Lossprechung würde dich ja nicht trösten und sie würde dem Ungläubigen gar nicht werden. Auch ich, deine Mutter, spreche dich noch nicht frei: noch nicht! Erst sollst du, da dich Gott in seiner Gnade genesen ließ, durch ein wackres Leben zeigen, daß du solche Gnade verdienst: du sollst Gutes thun, Großes verrichten mit den Gaben deines von Gott geschenkten Geistes, Gutes und Großes wirken an diesem deinem Volk der Franken, zumal an den Armen und Elenden, denen deine Eltern und du selbst solang angehört haben, du sollst ein Wohlthäter, ein Erretter werden der Bedrückten. Dann, bist du das geworden, dann wird dich der Segen von Tausenden freisprechen von der Schuld jener raschen That. Und auch deine Mutter, denn die beste Buße ist das Bessermachen.« »Die beste Buße ist das Bessermachen!« rief der Kranke und Thränen weicher Rührung traten in seine Augen, »Ein goldig Wort! Ich will's befolgen. Aber siehst du, Mutter, dein Wunsch, ich möge die Liebe zum Weibe kennen lernen, – ach, er ist mir nicht zum Heil, zum Unheil in Erfüllung gegangen. Und doch! Daß ich sie nur sehen durfte, hat mein ganzes Leben mit Sonnenglanz erfüllt: von dieser Erinnerung will ich zehren bis ans Ende. – Wo mag sie sein? Was mag aus ihr geworden sein? Leodegars Gemahlin! Aber ob er das wollen wird? Ob der Gewaltthätige nicht ...? Er ist Priester. Zwar darf er mit des Bischofs, mit des Papstes Verstattung die Ehe schließen ...« – »Mein armer Sohn! Den Trost muß ich dir nehmen. Er kann nicht die Ehe schließen. Er ist einstweilen Bischof geworden, Bischof von Autun.« »Er steigt rasch,« seufzte Ebroin. »Und ich ...« »Auch du bist gestiegen« – (es reizt ihn wieder das Weltliche, Gott sei Dank! dachte die Mutter). »Schau her: Vanning erzählte, als er dich, den Bewußtlosen, in dies Gemach geschafft, habe er diese Charta vorgefunden. Der König hat dich – der alte Waltharich ist gestorben – zu seinem Mariskalk ernannt. Hier, lies.« Eifrig griff Ebroin nach der Rolle. »Ah, am Tage vor dem Raub, vor der Blutschuld! Und in diesem Amte hätte man mir das Geld geliehen! Grausame Unvernunft des Zufalls! Aber der Mariskalk hat den Heerbefehl über die ganze Reiterei des Palastes. Das ist Macht, Waffengewalt: – das ist der Weg zu höchsten Heldenehren. O Mutter, Mutter! Die erste Freude wieder! Und du, du hast sie verkündet. Sie thut mir wohl, ich fühl's. Die beste Arzenei! Komm, bitte – hilf mir – langsam aus dem Bett. Ich will, ich muß aufstehen, – der Mariskalk muß zu Roß!« *   X. In der gleichen Stunde schritt in das Schreibgemach des Bischofs von Autun dessen Bruder Gairin, der Graf von Tours. Staunend blieb der Eintretende am Eingang stehen, sich in dem weiten Raum umsehend: »Nun, hochehrwürdiger Herr Bruder,« begann er, »meinen Glückwunsch! Glück zu allem, was du in diesen Monaten unserer Trennung geschafft, erreicht, vollendet hast. Auch zu diesen Veränderungen hier im Bischofsbau! Ich kenne ihn ja von früher. Aber welche Pracht, welcher Schmuck, welcher Geschmack, welch' Kunstverständnis! Ich sah's mit Staunen, Schritt für Schritt, von den Thorflügeln, von dem Atrium an, bis hierher in dein Geheimgemach: – das ist die Krone des Ganzen. Römische Reliefs – griechische Vasen! – Was seh' ich? Eine nackte Marmorgöttin! Ei, ei, Herr Bischof!« Langsam erhob sich Leodegar von den purpurfarbenen Kissen des Pfühls, auf dem liegend er gelesen hatte: er ließ eine Urkunde in das kostbare Bronzebecken gleiten, das neben dem Kopfende stand und zahlreiche Pergamente enthielt; sein dunkelrotes Hausgewand aus feinster friesischer Wolle war an Halsöffnung, Ärmeln und Saum reich, aber geschmackvoll, nicht überladen, mit Gold gestickt. Glänzende römische Kameen hielten, in goldene Spangen gefaßt, die weißen Sandalen über dem feinen Knöchel zusammen. Der Bischofsring am vierten Finger seiner Hand trug einen bärtigen Kopf, den er für Sankt Petrus ausgab, aber er wußte, es war ein Poseidon. Alle seine Regungen und das Spiel seiner Mienen waren noch viel mehr als früher berechnet, bemessen, salbungsvoll. Langsam und würdereich war denn auch die leise Bewegung, mit der er dem Bruder die Hand hinhielt, – nicht gar weit sie entgegenreckend: »Willkommen,« sprach er, den zierlich geschnittenen, schmallippigen Mund kaum zu einem Flüstern öffnend, »im Namen des Herrn!« Gairin stutzte: dann lachte er: »Na höre, alter Genoß im Dienste von Bacchus und Venus: jetzt, – hier, – mit dem Bruder allein, – brauchst du nicht so feierlich... Komödie zu spielen.« »Ist nicht Komödie gespielt,« entgegnete Leodegar, immer gleich sanft und gleich verhalten. »Es darf nicht Komödie sein, es muß zweite Natur werden. Eben deshalb,« und nun lächelte er mit überlegener Ironie, »muß ich stets in der Übung bleiben.« »Nun, meinetwegen. Mir wär's zu langweilig. Aber mir kann's recht sein, ich muß es ja nicht mitmachen. Ich eile hierher aus meiner Grafschaft, dir zu danken: denn du doch gewiß hast bei dem König durchgesetzt, daß mir – trotz meiner jungen Jahre! – das ehrwürdige Amt des Seniskalk am Hof verliehen wurde? Nicht?« – »Es mag wohl sein!« – »Dann Dank dir, Bruder.« – »Keine Ursach. Hab's nicht um deinetwillen gethan. Aber bitte, setze dich – ich muß dir darüber – und von noch anderem! – vieles sagen. Du bist erschöpft von der Reise. Bevor wir zur Tafel schreiten – ich habe täglich gegen hundert Gäste – eine Erfrischung.« Er trat an die Wand, von dunkelrotem rätischem Marmor getäfelt: da war unter einem neuen silbernen Kreuz ein alter goldener Adler angebracht, der noch den Donnerkeil des Zeus in den Fängen trug: er drückte leise auf den heidnischen Blitzstrahl: – draußen erklang ein silberheller Ton: zwei Akoluten glitten geräuschlos durch eine unsichtbar in die Nebenwand eingefügte Pforte und neigten in stummer Demut die glattgeschornen Häupter. Kaum vernehmbar, so leise, befahl der Bischof: »Den Wein aus den römischen Vignen Sankt Pauli. Und die korinthischen Becher. Und Pfirsiche aus dem Warmhaus des Klostergartens.« So geräuschlos wie sie gekommen, verschwanden die Aufwärter; mit unbegreiflicher Schnelligkeit brachten sie das Befohlene, setzten es auf den Rundtisch von grünem Malachit und glitten hinweg wie schwarze Schatten. Der Wirt winkte dem Gast, sich zu setzen; der bekam so die Marmorstatue voll zu schauen. »Ein entzückendes Weib! Höre, Bruder! Zur Enthaltung verurteilt sein und immer dieses Geschöpf vor sich haben ...« – »Die? Die ist ja von Stein. – Übrigens geloben wir nur Ehelosigkeit.« – »Wo hast du die Statue her?« – »Aus Arles. Dort hatte sie ein dummer Bischof – es giebt auch solche! – zerschlagen wollen, hatte auch schon angefangen – du siehst, die Arme fehlen. Zufällig kam mein Capellanus dazu, verhütete die Vollendung der Barbarei und erbot sich, ›das heidnische Scheusal‹ dem frommen Gottesmann aus den Augen zu schaffen: – der gab sie mit Freuden: – ohne Entgelt! Der Esel! Der verstümmelte Rumpf ist noch mehr wert als alle Kirchen von Arles samt ihren toten Reliquien und lebenden Priestern. Schau, was meine Erholung ist zwischen dem Messelesen und den vielen Rechtshändeln des Bistums«: und er öffnete den Deckel eines prachtvollen antiken Sarkophags, griff hinein und hob einen aus weißem Marmor gemeißelten nackten Frauenarm hervor: »Ich muß doch dem schönen Weib die Arme wieder geben. Desto uneigennütziger von mir, da sie mich nie in diese Arme schließen wird. Oheim Dedo, dem ich ja all' meine Bildung wie in Wissenschaft, so in Kunst und Kunstgewerk verdanke, hat den linken zu ergänzen übernommen. Wollen sehen,« lächelte er, »wer's naturgetreuer machen wird. Freilich, der Ohm hat längere Erfahrungen ...« »Aber der Neffe frischere,« lachte Gairin. »Ei, wie köstlich munden diese Pfirsiche.« – »Ja! Persien hat der Herr gesegnet, obwohl es nicht an ihn glaubt. Im frommen Gallien gedeihen sie nicht so gut. Wie ungerecht von den Heiligen!« »Was ist aber das?« forschte der Seniskalk neugierig. »Eine Art Brettspiel? Allein mit gar verschiedenen Gestalten besetzt. Nie hab' ich das gesehen.« – »Glaub's wohl! Ist noch im Abendlande nicht bekannt. Der Ohm lernte es tief in Asien von einem indischen Fürsten und brachte mir die elfenbeinernen schwarzen und weißen Männlein mit ...« – »Aber da sind auch zwei Weiblein.« – »Die Königinnen! Auf die kommt das meiste an. Der Ohm lehrte mich das Spiel: das königliche oder das mit den Königen heißt es: – 's ist fein, aber schwer. – Jedoch nun zu deinem neuen Amt. Morgen schon gehst du mir nach Paris an den Hof.« »Morgen schon! Ich wollte ...« – »Du willst, was ich will – für uns beide wollen muß. Vernimm! Zwar hab' ich auch nach dem frühen Tod der Königin Nantechild, meiner mütterlichen Gönnerin ...« – »Na höre! Ja so: ... du darfst nicht aus der Übung fallen!« – »Bis vor kurzem den jungen König Chlodovech völlig beherrscht: – ich sollte ja für seine Seele wie für sein Reich sorgen: so hatte sie mir ihn, wie ein heilig Vermächtnis empfehlend, hinterlassen.« »Ihrem Buhlen den Sohn!« lachte Gairin. »Ich habe denn auch für beides gesorgt,« lächelte Leodegar, und diesmal war das sonst so feine Lächeln sehr cynisch. »Seine Königsmacht hab' ich nach Kräften eingeschränkt durch allerlei Zugeständnisse an die heilige Kirche und an den Weltadel ...« »Sehr vernünftig!« unterbrach der Bruder nach einem tiefen Trunk. »Höre du, dein Wein ist stark!« – »Bah, ich bin doch stärker. – Denn hier drohte eine Gefahr, die ich gerade noch zu rechter Zeit entdeckte, sie abwenden zu können. Denke dir nur, dieser heißblütige Ebroin ...« – »Verschling' ihn die Hölle!« »Ja, vielleicht muß sie das einmal ganz geschwind! ... Hat den richtigen Gedanken gefaßt, das ›Heil des Frankenstaats‹ – das ist nämlich sein höchstes Ziel... –« – »Der Thor! Was hat er davon?« – »Verlangt die Stärkung des Königtums. Und zwar zu wessen Vorteil? Zum Besten der kleinen Freien.« – »Natürlich! Der Ackerersohn! Der Knecht!« – »Und woher die Mittel nehmen, Krone und Bauern zu kräftigen?« »Nun?« rief Gairin und hielt vor Staunen den Pfirsich vor dem offenen Mund. »Der Kirche und dem Adel Reichtum und Rechte schmälern!« – »Der Kerl ist ja toll!« – »O nein. Er ist sehr klug. Und hat ganz recht.« »Wie? Was? Hin muß er werden! Ich stech' ihn über den Haufen!« »Ja, ja! Aber erst später. Erst muß er – ich kann's ja nicht,« stöhnte er bitter, an seine rechte Schulter langend, »ich elender Krüppel – erst muß Er mir Austrasien erobern: Er kann's, er ist der Mann dazu: – auch jenen klugen Arnulfingen meistert er, so mein' ich. Dann aber fällt er rasch ...« »Oh,« lachte der Bruder, »und dann herrscht der Bischof von Autun über alle drei Reiche.« – »Nicht unmittelbar – der Bischof kann ja nicht Majordomus werden! Majordomus über das ganze Reich wirst du, Bruder Gairin.« »Ah so!« rief der und riß die Augen auf. »Ich befrage dich dann in allen Dingen.« »Das wird vielleicht nicht schaden,« lächelten die schmalen Lippen. »Aber soweit sind wir noch lange nicht. Vor allem mußt du die Gunst des Königs gewinnen. Deshalb fort mit dir aus dem fernen Tours und an den Hof! Denn – leider! – Der biedre Praejectus hat Macht über ihn gewonnen, hat Ebroin als Mariskalk durchgesetzt: – bestürzt finde ich meinen Einfluß dort seit einiger Zeit schwinden. Der König zieht sich von mir zurück ...« »Das wäre!« rief Gairin erschrocken, »das darf nicht sein.« – »Nein. Und deshalb muß etwas geschehen. Etwas ganz Neues und Entscheidendes. Zwar hatte ich mir den jungen Mann gefügig, zugethan gemacht durch das stärkste Bindemittel, das Jünglinge fesselt.« – »Nun?« – »Ei, das versteht sich doch: durch die Weiber. Er war wie eine Jungfrau, da ich ihn von seiner in Gott ruhenden Mutter geerbt hatte. Nun, das konnte doch nicht so bleiben. Ein Mann, ein Herrscher muß die Welt kennen. Zu der Welt gehören nun aber auch die Weiber ...« – »Ich verstehe.« – »Und das that lange gut. Aber nun versagt's. Das Bürschlein – ein echter Merowing! – ist unersättlich:– er wird's nicht lange treiben, fährt er in solchem Unmaß fort. Sind sie doch, diese Königsknaben, wie die Eintagsfliegen: von Knaben gezeugt, als Knaben schon Gatten, – schon vorher Väter! – siechen sie auch schon als Knaben dahin, kaum das volle Jünglingsalter erreichen sie. Geht das so fort, versiecht alsbald und verwelkt und stirbt rasch dahin das ganze Haus des markstrotzenden Chlodovech. Nun, uns kann's nur willkommen sein: über solche Schwächlinge – und für sie ! – herrschen Bischof und Majordomus. Aber seit einiger Zeit folgt mir mein königlicher Schüler nicht mehr recht: er ist überdrüssig all' der Weiber, die er in seinen Villae über sein ganzes Reich verteilt hat. Er will was andres. So werd' ich ihn denn vermählen.« – »Du, ist das nicht gefährlich? Seine Gemahlin ...« – »Muß mir durchaus ergeben sein: – wie diese meine Hand. Sie muß mir die fehlende Rechte ersetzen.« – »Und wird er ihrer nicht auch bald überdrüssig werden?« – »Sieh, sieh, Brüderlein. Hast zugenommen an Klugheit! Wohl durch Erfahrung? Du hättest recht, wenn nicht ...« Er griff wieder in den Sarkophag, dann aber hielt er inne. »Nun, du stockst?« »Wohl, du magst es wissen. Dein eigener Vorteil verbürgt dein Schweigen: sonst adé Majordomat, Gairine! Höre denn: ich habe ihm eine Königin ausgesucht, die ist so zauber-, elfen-, engelschön, daß kein Mann jemals ihrer müde werden kann.« – »Das wäre ein Wunder.« – »Ja, sie ist aber auch ein Wunder. Schau her!« Und er holte nun aus dem Sarkophag eine ovale Platte von feinstem Lindenholz, auf die ein Mädchenantlitz gemalt war und hielt es ihm überraschend vor die Augen. Der sprang auf: »Gott des Himmels! Lebt dies Geschöpf?« – »Es lebt!« – »Kann man sie erringen? Ich muß sie haben!« – »Du? – Nein!« – »Doch, doch! Ich will! Wer ist ihr Vater, ihr Muntwalt?« – »Sie hat weder Vater noch Muntwalt.« – »Wie so?« – »Sie ist eine Unfreie.« – »Ah! Wer ist ihr Herr?« – »Der dies gemalt hat.« – »Und wer, wer ist das?« – »Ich.« – »Du, Bruder? Du, Glücksmensch! Aber du bist ja Bischof! – Gieb sie mir und nimm all' mein Gut.« »Das wäre schlecht bezahlt für mich,« lächelte Leodegar, »und ein schlechter Tausch für sie.« – »Ich ahne!« – »Ziemlich spät.« – »Sie soll ...?« »Sie soll König Chlodovechs Königin werden und ihn – für mich! – beherrschen. Denn sie ist ebenso klug, wie fromm, wie schön. Und das will viel sagen, nicht?« – »Dagegen ist ja deine Venus nichts! Wie kamst du zu dieser Göttin?« – »Ich kaufte sie.« – »Wo?« – »Auf offenem Markt zu Saint-Denis: eine schuldverknechtete Angelsächsin. Als ich sie knieen sah vor der Kirchthüre, meinte ich, ein Engel Gottes, ein Seraph sei mir Sünder erschienen. Bald kamen mir minder fromme Gedanken. Ich erstand sie ... sehr, sehr teuer.« – »Gleichviel. Du Glücklicher!« Der Bischof schüttelte das kluge Haupt. »Nicht also, wie du wähnst. Schon wollte ich die Hand ausstrecken nach der süßen Frucht ...« – »Nichts hätte mich abgehalten!« »Ja, dich!« meinte der Bruder ziemlich verächtlich, »aber mich durchzuckte rechtzeitig der Gedanke: das ist die Gesuchte! Das ist die richtige Königin von Neuster und Burgund. Führ' ich sie – nicht als meine Buhle! – führ' ich diese Jungfrau dem schwachen König zu, so ist er in meinen Händen für immerdar.« – »Und so hast du sie ...?« – »Vom Marktplatz weg, ungeküßt und unberührt, – ich glaub' auch, ... sie ist maßlos fromm und übertrieben keusch, ... sie hätte sich in die Seine gestürzt nach der ersten Umarmung! in das Nonnenkloster der heiligen Genoveva zu Paris gebracht. Dort malte ich in Gegenwart der Äbtissin ihr Bild. Das soll der König sehen. Dann ...« – »Dann ist er ihr Eigen.« – »Und mein Eigen.« »Bruder,« rief Gairin aufspringend, »du bist ein Meister! Ein Zauberer! Alle Menschen übermeisterst du. Sag', was ist das letzte Geheimnis deiner Allüberlegenheit?« »Kann dir's wohl vertrauen,« schmunzelte der Bischof, »denn du kannst es mir nicht nachmachen. Mein Geheimnis ist: – die alleräußerste Menschenverachtung.« – »Leodegar!« – »Jawohl! Ich habe nicht umsonst Beichte gehört von Männern und Weibern so viele Jahre lang. Da lernt man sie – beide! – kennen und – beide! – verachten. Elende Selbstsucht ist aller Herzen Kern. Fasse sie an ihrer Lieblingsschwäche: – Eitelkeit, Goldgier, Wollust – Herrschsucht – und du beherrschest sie so sicher wie den Käfer, den du am Faden schwirren läßt. Aber zu dieser Verachtung muß ein anderes kommen.« – »Nun?« – »Die äußerste Selbstsucht. Alle folgen diesem Trieb: so thu' auch du: aber nicht im kleinen: – im großen. Kein Mittel darfst du scheuen für deinen Zweck: kein gutes und kein – anderes.« – »Und das Gewissen?« »Mein's schweigt, seit Gott zuließ, daß ich ein Krüppel ward,« sprach Leodegar ingrimmig mit zornfunkelnden Augen. »Nun soll Gott die Folgen tragen. Er ist der Thäter meiner Thaten.« »Das ist Gotteslästerung,« rief Gairin erschrocken aufspringend. »Und die Hölle?« Nun erhob sich auch Leodegar langsam vom Stuhle: »Die Hölle?« Jetzt nahm das stechende Auge den schärfsten Ausdruck an: er preßte die schmalen Lippen entschlossen zusammen und furchte die Stirn, daß es schmerzte. »Die Hölle? Ja, Ebroin glaubt nicht daran: er glaubt, mit dem Tod ist alles aus.« – »Aber du? Der Priester? Der Bischof. Du ...« – »Ich glaube an die Hölle, leider! Aber ich glaube – nein, ich weiß, ich will's glauben!« – rief er mit leisem Erschauern – »man kann die Höllenstrafen ablösen durch Geschenke an die Heiligen. Das – dieser Glaube – ist der Anker, an den ich das Schiff meines Lebens gefestigt habe. Wehe mir, wenn er mir abrisse ... Ich müßte verzweifeln.« Er bebte leise, er erbleichte. Dann nach geraumer Weile, fuhr er fort: »Nun aber komm – die Gäste harren – zur Tafel!« *   XI. Alsbald ging durch die Reiche Neuster und Burgund die erfreuende Kunde, König Chlodovech werde sich mit einer überaus schönen und fast noch mehr frommen Jungfrau vermählen, die bisher in einem Kloster zu Paris als Laienschwester gelebt habe. Erfreuend war die Nachricht, weil man hoffte, eine schöne Gattin werde den tiefgesunkenen, schon als Knabe arg verderbten Jüngling von jenen Ausschweifungen abhalten, die bereits in manches Haus seines Reiches Schmach und Unheil gebracht hatten. Der Tag der Vermählung war gekommen. Am frühen Morgen schon begab sich der Bischof von Autun mit großem Gefolge in das einsam in einer Vorstadt auf dem linken Seine-Ufer belegene Kloster. Er staunte, die kostbaren Königsgewande, die der Bräutigam und er selbst der Braut für den Zug durch die Straßen, für die Trauung und das darauffolgende Hochzeitmahl als Geschenk gesandt hatte, sämtlich in dem Vorsaal zusammengepackt zu finden. »Aber!« fuhr er die greise Äbtissin an, die ihn ehrdienig an der Pforte begrüßt hatte. »Was ist das? Ist die Königin noch nicht angekleidet für das Fest. Es ist hohe Zeit!« »Hochehrwürdiger Herr Bischof,« erwiderte die fromme Frau, »die Jungfrau weigert sich, diese Prunkgewande anzulegen. Sie hat befohlen, sie alle zusammen zu Gunsten der Armen, zum Loskauf von Unfreien, von Schuldgefangenen, zu verwenden.« »Unsinn!« rief Leodegar stirnrunzelnd. »Ich will ihr ...! Führe mich sofort zu ihr.« Er fand sie in ihrer schmalen Zelle in brünstigem Gebet auf den Knieen vor dem Wandmosaik, das in ungefügen Zügen das dornenbekrönte, blutüberströmte Antlitz Christi darstellte; sie trug das Gewand der »Religiosen«: ein weißes Unterkleid, einen grauen Schleier, einen schwarzen Mantel, mit dem sie bei dem Eintritt hier ihre dürftigen Lumpen vertauscht hatte. Sie erhob sich nun, sie wandte sich ihm zu: – Thränen glitten über ihre bleichen Wangen. »Ah, ist das Weib schön!« sprach er zu sich. »Und diesem vertierten König, noch halb Knabe und schon Greis, sie in die Arme geben, – es ist, fürcht' ich, meine aller-, allerschwerste Sünde. Bah, auch sie, auch dies Geschöpf ist nur ein Mittel zum heiligen Zweck. – Was soll das, Kind?« begann er nun, halb mildvaterlich, halb verweisend. »Du verschmähest die Gaben deines königlichen Herrn? Von meinen bescheidenen zu schweigen!« – »Ich danke ihm und dir. Doch einer Magd des höchsten Herrn, die ich sein und bleiben will mein Leben lang, ziemt solche Hoffart nicht. Nie, bis ich sterbe, trag' ich anderes Gewand als dieses. Ich hab's gelobt.« »Das geht nicht,« zürnte Leodegar. »Von dem Gelübde entbind' ich dich.« »Wer entbindet die Seele, die nicht entbunden sein will?« Und so entschlossen sahen nun die sanften blauen Augen auf ihn, daß er stutzte. »Sollte dieses schwache Rohr mir widerstehen wollen?« dachte er. »Das wäre ...! Übrigens ... es wird stark wirken: auf den König, auf alle. Sie tritt gleich in den Glanz einer Heiligen: – dieser Glanz wird auch auf mich fallen. – – So sei es denn!« sprach er. – »Aber nun, mein Kind, bald meine Königin, wiederhole ich dir: vergiß nie, was alles du mir zu danken hast.« »Ich werd' es nie vergessen!« sprach sie feierlich, griff nach seiner Hand und küßte sie. »Das darfst du nie mehr thun,« rief er, die Hand zurückzuckend. »Warum nicht?« »Weil ... weil du nun bald meine Gebieterin! – Du warst meine Leibeigene, ich habe dich beschützt, Leib und Seele, vor Entweihung ...« »Das nun zwar nicht,« entgegnete sie ruhig. »Wie so? Du weißt nicht, was dir drohte, was ein anderer Käufer als ich ...« »Ich weiß alles. Bevor wir auseinandergerissen wurden, hat mein Vater mich und Gunthild, die Schwester, gewarnt vor ... Gewalt. Und ich versprach ihm, – und noch heiliger mir selbst! – zu sterben, eh' ich Gewalt erführe. Sieh her,« und aus dem dichten Gewoge ihres prachtvollen weizenblonden Haares, das im Nacken in einen mächtigen Knoten geschürzt war, zog sie eine kleine, aber sehr scharfe Klinge. »Welche Entschlossenheit in diesem Kind, das nur beten und weinen zu können schien!« dachte er. »Aber ich werde dir danken, solange ich atme, daß deine Güte mir die Sünde des Selbstmords erspart und diese heiligen Räume mir erschlossen hat, in denen ich alle meine Tage zu verbringen gehofft hatte. Ich bat die Äbtissin, mir das Nonnengelübde abzunehmen. Aber du habest das streng verboten, sagte sie. Warum?« – »Aus guten Gründen. Jedoch du, – so abgewandt der Welt, so ganz der frommen Einsamkeit ergeben, – erkläre mir, wie es kam, daß du, während du drei Tage lang, nachdem der König, von mir geführt, dich hier aufgesucht und dich, sofort entzückt, zur Gattin erkoren hatte, dich hartnäckig weigertest, allen meinen Mahnungen und Befehlen trotztest, – plötzlich am vierten Tage freiwillig selbst zu mir sandtest und mir sagen ließest, ja, du willigest ein. Wie kam das?« Wie eine Verklärung zog es nun über das edle, bleiche Antlitz, als sie begann: »Wie das kam? Wohlan, ich will dir's sagen: du, mein Wohlthäter, sollst es erfahren, was ich keiner Seele, nicht einmal den lieben Eltern daheim im teuren Yorkshire vertraut. Die heilige Jungfrau würdigt mich zuweilen, mir im Traume zu erscheinen und mir Gebote zu erteilen.« »Betrügerin oder Närrin?« Diese Frage durchzuckte den seelenkundigen Beichtiger, wie er verblüfft sie anstarrte. Aber sofort, im Anblick dieser, frommste Verzückung strahlenden, gen Himmel aufgeschlagenen Augen, sagte er zu sich selbst: »Nein, hier ist keine Lüge, das ist Wahn! – Und wo und wann und wie ist das zuerst geschehen?« – »Daheim, in dem lieben Gehöft an der schilfigen Ouse. Ich war gerade sechzehn Winter alt geworden. Da warb der Nachbarsohn um mich, Eadbert, ein wackrer, stattlicher Mann, der Wicgerefa in der Shire. Der Vater, hocherfreut, willigte ein; doch in seiner Güte fragte er mich erst: ich sagte nicht nein. Denn ich war mit Eadbert aufgewachsen, mit dem guten: er war mir wie ein Bruder. Alles war beredet, nach drei Nächten sollte der Brautlauf gehalten, dann vom Priester der Segen über uns gesprochen werden. Da, am vierten Abend zuvor, wollte er mich – vor den Eltern – küssen: es wäre der erste Kuß gewesen. Da ergriff's mich mit Entsetzen. Das, das konnte ich nicht! Ich stieß ihn von mir, – ich schrie auf, ich lief in meine Kammer, riegelte mich ein, weinte und betete, betete wie noch nie. Und doch hatte ich von Kind auf mit Lust, mit süßer Wonne des Gebetes genossen. Bischof Angilbert selbst, der große Lehrer unseres Landes, hat mich beten gelehrt. Im Weinen und Beten schlief ich ein. Da plötzlich erwachte ich ... aber wie erschrak ich! Ich lag nicht mehr auf meinem Bett: aufrecht stand ich, hoch aufgerichtet, vor dem engen, schmalen Fenster, durch das der Strahl des Vollmondes auf mein Antlitz fiel: und in dem weißen Mondlicht flutete auf mich zu, von einer silbernen Wolke getragen, die Gestalt der Gottesmutter, den Jesusknaben auf dem Arm: – ganz wie ich sie stundenlang in leuchtenden Farben bunter Steine in der Wand des Domes zu York bewundernd angeschaut: und sie sprach zu mir – und wunderlieblich klang ihre Stimme: – ›Balthildis, mein Liebling, mein Schützling! Du sollst nicht dieses Mannes Gattin werden. Denn einem andern hab' ich dich bestimmt.‹ Und sie verschwand in eitel Glanz und Glorie: ich aber sank bewußtlos nieder. Aus Scham, aus Bescheidenheit – ich wollte nicht sagen, daß mir so hoher Glanz geworden! – verschwieg ich den Eltern die Offenbarung und ließ mich lieber schwer schelten um meinen Wankelmut: Eadbert verließ seinen Hof und zog in die Ferne. Es that mir weh um ihn: doch ich konnte nicht anders.« »Und ist die heilige Jungfrau dir noch sonst erschienen?« »Einmal, als die Händler zu Dovera mich von Vater und Schwester losgerissen und allein auf das Schiff gebracht hatten. Ich war für die Nacht in meiner Koje festgebunden. Aber ich hatte beschlossen, am Morgen, sobald ich auf Deck gelangte, mich in die See zu stürzen. Da kam wieder – wieder schien der Vollmond auf mein Lager! – die Himmelskönigin herabgeschwebt auf eitel Licht und befahl mir, mein Schicksal zu tragen. Und zum drittenmal neulich, – nachdem du mich am Abend spät verlassen ...« »Ich entsinne mich – ich ritt gen Mitternacht nach Hause: – im Vollmondlicht,« nickte er. »Kam die Erscheinung wieder: doch diesmal schien sie fast zu zürnen und strenger klang die holde Stimme, wie sie sprach: ›Was sträubst du dich und weigerst dich, Balthildis? Ich sage dir: du sollst dieses Königs Gattin und Herrscherin in seinem Reiche werden. Denn viel des Guten will ich durch dich wirken und ungezählte Thränen sollst du trocknen; du sollst, die Mutter aller Armen, der Unfreien, der Gefangenen dich erbarmen: – denn du hast solcher Elend selbst gekostet. Gehorche, werde Königin, Balthildis‹ Und ich erwachte und ich sandte dir mein Ja. Ich danke dir, Maria!« So erschütternd war der Eindruck ihres engelschönen Antlitzes in der Verklärung schwärmerischer Verzückung tiefster Frömmigkeit, daß der weltkluge, menschenverachtende Priester lange Zeit keinen andern Gedanken als den staunender Bewunderung fand, wie sie so mit ausgebreiteten Armen und gen Himmel gerichteten Augen vor ihm stand. Endlich raffte er sich auf: »Hm,« dachte er jetzt, »dieser fromme Wahn im Traume kann viel, sehr viel nützen, solang ich – ich allein! – ihre wachen Vorstellungen leite. Aber kehrt sich dieser Glaube einmal gegen mich, – zu brechen ist er nicht. Dann fort mit der Heiligen, wohin die Heiligen gehören: – in das Kloster: – wenn nicht gleich gar in den Himmel. – Ich staune, Herrin, über solcher Wunder Gnade. Ja wahrlich, du bist von Gott zu meiner Königin bestimmt. Ich huldige dir.« Und er sank vor ihr auf beide Kniee und küßte den Saum ihres rauhen Gewandes. *   XII. Der glänzende Zug, der das Brautpaar zur Trauung in die Basilika des Apostels Johannes geleitete, sollte sich von dem Palatium aus in Bewegung setzen. Schon am frühen Morgen des nebeldunstigen Wintertages – die Krähen bäumten scheltend auf den bereiften Ulmen an der Seine auf – scharten sich die Diener in dem geräumigen Hofe, die Vorbereitungen zu treffen: Teppiche wurden auf die Steinstufen des Aufstiegs gespreitet, bunte Decken über die Brüstungen der byzantinisch-romanischen Rundbogen der Galerien gelegt, die man dem alten Cäsarenbau eingefügt hatte; in den Ställen wieherten die Rosse, die für den Tag ihren festlichsten Schmuck angelegt erhielten. Dem Mariskalk Ebroin war die Mutter behilflich, die Waffenrüstung anzulegen: – mit emsigen Händen mühte sich die Schwachsichtige. »Wie gut läßt dir die glänzende Brünne, mein Kind, und auf dem lockigen Haar der stolze Helm mit dem goldenen Eber. Mein Bub wird wohl der schönste sein unter all' den Hunderten im Zuge. Aber deine Mienen passen nicht zu Fest und Freude. Noch immer ...?« – »Noch immer! Und solang ich atmen werde! Keine Möglichkeit, die Spur der Verschwundenen aufzufinden. Sobald ich das Krankenzimmer verlassen konnte ...« »Ja, lange bevor der Arzt es erlaubt hatte,« klagte Frau Leutrud. – »Flog ich nach Autun, den Priester Leodegar zu fragen, was er mit der Jungfrau angefangen habe? Umsonst! Er war nicht in seiner Stadt, er bereiste den Sprengel als Visitator. Man wußte mir nicht zu sagen, wo er weile. Und in Autun noch traf mich der Befehl, schleunigst den Heerbann meiner Grafschaft an die Gotengrenze zu führen, räuberische Einfälle abzuwehren. Erst gestern kam ich hierher zurück. Aber heute, heute wird er mir nicht entgehen, der Herr Bischof von Autun. Er hat ja – in Vertretung des alten Bischofs von Paris – das Königspaar zu trauen. Am Altare – vor dem ganzen Hof! – will ich ihn fragen, zur Rede stellen. Und Vanning? Ich hatte dich gebeten, nach seinem Verbleib zu forschen ...?« Die Mutter schüttelte den Kopf: »Nichts konnte ich erfragen! Auch seine alten Eltern wissen nichts von ihm. Seitdem er mich hierher in dies Gemach geleitet, hat ihn kein Auge mehr gesehen. Wie lang ist das schon! Sprich, liebes Kind, willst du mich noch nicht bald wieder in meine Einsamkeit entlassen, auf unser Gütlein bei Poitiers?« Zärtlich umarmte er die alte Frau: »Nein, Mütterlein, du bleibst fortab bei mir. Gönne mir doch das einzige, was meinem Herzen wohl thut. Feinde ringsum oder doch Selbstlinge oder Gleichgültige: laß mich doch in diese schönen, treuen, so oft schmerzenden Augen schauen. Das thut mir wohl tief in der Seele. Aber nun, bitte, gieb mir den Mantel, den neuen, den blauen, aus der Truhe. Ich muß hinunter. Muß nachsehn, ob die Rosse des Brautpaars richtig aufgezäumt sind.« »Ah ja, du hast ja auch die Braut in den Sattel zu heben. Sie soll wunderschön sein. Nun, ich sehe ja alles deutlich von diesem Fensterbogen aus: – gerade unter mir.« *   XIII. Alsbald schmetterten die Hörner der Palastwache im Innern des Gebäudes: auf flogen die schweren, mit Bronze beschlagenen Doppelthüren des Eingangs und der Festzug setzte sich in Bewegung. Aber der Himmel schien keine Freude an dem Anblick zu haben: die Sonne, die ein wenig durchgedrungen war, trat gerade jetzt hinter finsteres Gewölk: so ward es unheimlich düster und dicht, immer dichter fielen große Schneeflocken geräuschlos durch die völlig windstille dichte Nebelluft senkrecht auf die Häupter der Menschen, als wollten sie ein weißes Leichentuch über alles breiten. Abermals schalten, von den Bäumen schwerfällig abfliegend, die grauen Nebelkrähen, aufgescheucht von dem nun sich bewegenden Zuge. Voran schritten zwölf Hornbläser, ihnen folgten die Hofknaben, schon eine ganz späte Reihe nach Ebroin und dessen Genossen. Hinter ihnen kam der Archicapellanus, gefolgt von den Geistlichen der palatinischen Capella, ein hohes Kreuz ward ihm vorangetragen: Knaben in weißen Gewändern umgaben ihn, sie schwangen an goldenen Ketten durchbrochene Silberkugeln, gefüllt mit stark, ja allzustark duftendem Weihrauch. Andere trugen brennende Wachsfackeln, die aber der Schneefall häufig verlöschte. Nun riefen Trompeten: und es schritten die Stufen hinab die ersten Beamten des Hofes – und zugleich des Reichs: – der Mundschenk, der Truchseß, der Kämmerer, der Mariskalk, der Seniskalk – wenig freundliche Blicke tauschten diese beiden – der Pfalzgraf, der Thesaurarius (der Schatzwalt), der Siegelbewahrer – Referendarius genannt –, der Leibarzt, der Oberjägermeister, der Oberfalkenwart, dann die zahlreichen Domestici und Palatine, die ohne besonderes Amt den Hof erfüllten; es schlossen sich an die Spatharii, die erlesenen Leibwächter des Königs, mit gezückten Schwertern. Nach einem weiten Zwischenraum glitten in kleinen Schritten die Jungfrauen und Dienerinnen der Königin zierlich über die Teppiche der Marmorstufen hin, Töchter der vornehmsten Adelsgeschlechter, reichsten Schmuck von Edelsteinen, Perlen, Gold und Silber auf ihren hellfarbigen Gewanden wohlgefällig zur Schau tragend. Desto auffälliger stach von all' dem Glanz ab die Erscheinung der Braut in ihrer schwarz-weiß-grauen Nonnenkleidung. Tausend Augen waren auf sie gerichtet: aber ihr Antlitz war hinter dem dichten Schleier nicht zu erkennen. Langsam, zögernd, zagend kam sie gegangen, an der linken Hand des Königs, dessen schlaffe, fahle Züge nichts mehr zeigten von der männlichen Schönheit, die das Geschlecht der Merowingen von des ersten Chlodovech Vater an bis herab zu Dagobert ausgezeichnet hatte: matt, lebenssatt sahen diese glanzlosen Augen in die Welt, nur mit Anstrengung hob er die müden, geröteten Lider; der halb geöffnete Mund ließ die Unterlippe hangen, spärlich sproßte der Bart auf dem schwachen Kinn, der goldene Reif, den er statt einer Krone trug, schwankte auf der flachen Stirn: denn auch jeder Schritt des greisen Jünglings schwankte, wie er sich, die Rechte ängstlich auf das Geländer gestützt, die Stufen hinabtastete. Zwei Hofknaben trugen ihm den langen, mit goldenen Bienen übersäten Purpurmantel, unter dessen Last die schmalen, eingesunkenen Schultern zu erliegen schienen. Eine Schar von Lanzenträgern schloß den Zug, der sich, je zwei gegenüberstehend, rechts und links von der Treppe durch den Hof hin und bis zur Hofthüre hinaus aufgestellt hatte, abwartend, bis der König und die Königin an dieser Thür die Rosse bestiegen: denn nur das Brautpaar durfte beritten der Basilika nahen. Nicht ohne Mühe hob Ebroin, von zwei Stratores – Stallmeistern – unterstützt, den zagen Jüngling – er trat auf den Nacken eines Unfreien – in den reich vergoldeten Sattel, dem man vorn und hinten einen so hohen Wulst aufgesetzt hatte, daß der Reiter – wie von einer Zange gehalten – unmöglich fallen konnte. Die Stratores schoben nun die goldenen Sandalen des Reiters in die beiden schaufelbreiten, silbernen Steigbügel, der Kämmerer gab dem so glücklich beritten Gemachten den langen, weißen Königsstab mit der goldenen Kugel am oberen Ende in die Rechte, während die Linke den handbreiten mit Edelsteinen besetzten Zügel von feinstem Leder lässig und schlaff auf den vergoldeten Sattelknauf fallen ließ: der lammfromme Falbe ward links und rechts am Gebiß von den beiden Stratores in langsamstem Schritte geführt, den man dem klugen Tier beigebracht hatte; jetzt strich und glättete der Oberkleiderwart, der Vestiarius, das lange, aber schon gar spärlich dünn gewordene flachsgelbweiße Königshaar über den goldgesäumten Kragen des Mantels sorgfältig zurecht, daß alle Leute das altehrwürdige Abzeichen merowingischen Königtums wahrnehmen konnten: – der letzte Rest alter Ehrenherrlichkeit! Nun wandte sich Ebroin der Königin zu. Er selbst führte ihr den weißen Zelter vor, der mit rotem Leder aufgezäumt war: Mähne und Schweif durchflochten rote Bänder und kleine Glöcklein von silberhellem Ton waren an dem Halse des edeln Tieres angebracht. Er kniete neben dem Rosse nieder, ihr beide Hände hinhaltend, den Fuß daraufzusetzen und sich so in den Sattel zu schwingen, während zwei ihrer Jungfrauen rechts und links die Bügel hielten: denn damals saßen auch die Frauen rittlings zu Roß. Bei dem Versuch, den Fuß auf Ebroins Hände zu stellen, verwickelte sich der Schuh in den langen, dichten Schleier: sie schlug ihn zurück und sah nun, zum Danke sich huldvoll neigend, herab zu ihrem Mariskalk. Aber laut stöhnend sank der auf sein Antlitz: oben in einem der Rundbogen ertönte ein leiser Schrei ... Stöhnen und Schrei verhallten ungehört: denn laut schmetternd setzten jetzt wieder die Trompeten ein: das Brautpaar ritt durch das Thor auf die Straße. Drittes Buch. I. Mehrere Jahre später zog an einem Sommermorgen eine kleine Reiterschar langsam einen steilen Bergeshang der Vogesen hinan. Die Männer hatten in der königlichen Villa Vineola übernachtet, die, dem neustrischen König gehörig, als Einsprengsel auf austrasischem Boden lag und der Villicus hatte sich erboten, sie einen stark abkürzenden, aber, weil vielfach verwachsen, schwer zu findenden Gebirgsweg auf die alte Römerstraße von Straßburg nach Troyes zu führen. Als sie in der einsamsten Waldestiefe angelangt waren, sah der Wegweiser zu dem Führer der Schar, neben dessen Rappen er dahinschritt, hinauf, und sprach: »Herr Majordomus, schau einmal da hinan, auf jenen Bergeskegel zur Rechten: siehst du nichts?« »Jawohl,« entgegnete der Befragte. »Ich sehe dort schon geraume Zeit eine schmale Rauchsäule aufsteigen. Aus der wildesten Wildnis! Wohnt jemand in jener Einsamkeit?« – »Ein Einsiedler. Ein wunderbarer Mann! Gar nicht wie sonst wohl die Priester. Ich glaub', er ist gar keiner, eher ein Kriegsmann. Dort oben hausten früher die Wölfe des Wasgenwalds in Rudeln: er hat sie in seiner Umgebung fast ausgerottet. Ohne Waffe mit einem dicken Knüttel, dringt er in ihr Lagergesteck, in das dichteste Dornicht, wo hinein unsere schärfsten Hunde nicht schlüpfen und erschlägt sie, die Mutter und die Welpe. Und dann betet er wieder stundenlang auf den Knieen. Hab' ihn oft beten hören! Seltsam, er betet auch oft für einen Mann, der ebenso heißt wie du, Herr Majordomus.« »Ebroin?« fragte der und hielt das Roß an. »Ja. Aber du kannst ja nicht gemeint sein.« »Weshalb nicht.« – »Ei, der Wirrkopf – er ist, mein' ich, nicht recht bei Kopfstand! – seufzt dann von Raub, von verfluchtem Gold! Von Blutschuld, welche die Heiligen vergeben sollen.« Ebroin sprang vom Pferd und übergab es einem Gefolgen. »Rasch, Villicus, führe mich zu dem Einsiedler.« Nach geraumer Zeit angestrengten Steigens, wobei Ebroin zuweilen mit dem Schwert das dichtwuchernde Dorngestrüpp aus dem Pfad hauen mußte, oft auf den Speer wie auf einen Bergstock sich stützte, gelangten sie an ein wildes, zerrissenes Felsgeklüft, in dem sich plötzlich eine Höhle aufthat; daneben qualmte ein eben verlöschendes Feuer, von dürrem Reisig und trockenen Blättern genährt; oben, auf der Überwölbung durch den Fels, ragte ein kunstlos geschnitztes Holzkreuz. »Wir sind zur Stelle,« sprach der Villicus; »aber die Höhle ist leer; der Klausner ist nicht darin. Und doch hat er hier vor kurzem sein Frühmahl gehalten: sieh, da liegen die Reste: geröstete Eicheln. Gewiß hat er uns heraufsteigen sehen: – dann versteckt er sich meist. Denn er meidet die Menschen.« – »Warum? Lebt ihr in Feindschaft?« – »O nein! Ist er doch der Wohlthäter all' der Höfe hier. Er hat ja, ich sagte es, die Wölfe ausgerottet, die unsere Herden rissen. Wir tragen ihm reiche Dankesschuld.« – »Wißt ihr, wie er heißt – oder hieß – in der Welt?« »Nein. Er nennt sich nur den Sünder. Sünder,« rief er nun laut, »bist du hier versteckt? Komm hervor! Hier ist ein gar vornehmer Herr, der will dich sprechen.« Aber alles blieb still. Nur ein Rotkehlchen flog, verscheucht, aus einem dichten Hollunderbusch, der leise schwankte. »Nun,« sprach Ebroin, »vielleicht kommt er – wie die Elben – ruft man ihn beim wahren Namen. Vanning, Freund Vanning, komm! Ich bin's, der dich ruft: – dein Ebroin!« Da that sich jener Busch auseinander und auf die beiden zu schritt eine seltsame Gestalt. Barhäuptig, wie barfüßig, das Gesicht von einem wirren Gewoge lange Jahre hindurch nicht mehr geschnittenen, struppigen, braunen Haars und nicht mehr geschorenen Bartes umwogt, die Farbe der Stirn, der Wangen tief gebräunt von der Sonne, die Haut verwittert in Sturm und Regen und Schnee, das einzige Gewand ein Mantel, aus lauter Wolfsfellen zusammengesteckt mit langen Dornen, in der Rechten ein gewaltiger Stock, vielmehr ein junger Eichenstamm: – so schritt der Hochragende auf die Besucher zu; er stutzte, wie er Ebroins näher ansichtig ward und blieb stehen. »Vanning, treue Seele! Mein armer Kerl!« rief Ebroin, ließ den Speer fallen, sprang auf ihn zu und umarmte ihn herzlich. »Ebroin! – Laß, laß mich! Berühre nicht den Sünder – du weißt ...« – »Daß ich schuldig bin an allem – auch an dem, was ich hier – mit Schauder! – sehe. Ach, Billicus, hab' großen Dank, daß du mich hierher geführt. Da! Nimm!« – »Wie, Herr Majordomus« – da fuhr Vanning erstaunt zurück – »ein Goldsolidus? Du hast dich vergriffen.« – »Nein, nein. Dieser Gang ist mir viele tausend Solidi wert. Geh nun, sage den Meinen, sie sollen da unten sich lagern und auf mich warten. Ich habe mit diesem Einsiedler zu reden. *   II. Und lange sollte sie währen, die Unterredung der beiden Freunde, wie sie traulich – aneinander geschmiegt, Schulter an Schulter, wie dereinst als Hofknaben – auf dem grünen Rasen nebeneinander saßen. Ebroin hatte den rechten Arm um den Nacken des Wiedergefundenen geschlungen, der allmählich seine Scheu und Zurückhaltung überwand und immer offener und fließender erzählte. Der Morgentau glitzerte und glänzte auf den bunten Blumen der Waldwiese, lichte, weiße Sommerwolken zogen langsam an dem tiefblauen Himmel hin, der schmale Felsquell rieselte mit leisem Murmeln von dem braunen Sandstein des Felshangs herab in das dunkelgrüne Waldmoos; das Rotkehlchen, neugierig und zutraulich wie sie sind, hüpfte nah und näher heran, das Köpflein seitwärts wendend, und aus der niederern Schicht des Gehölzes drang flötend der metallische Ruf der Walddrossel empor. »Aber welcher Einfall! Welcher Wahn, lieber Herzensbruder!« begann nun Ebroin, ihn noch näher an sich ziehend. »Deine Worte, deine Geschicke, deine Leiden sind ja wahre Keulenschläge auf mein Gewissen, auf mein allein schuldig Haupt. Ich, ich habe dich ja angestiftet oder mit fortgerissen! Um meinetwillen nur, für meine heiße Leidenschaft hast du ja gethan, was du gethan. Mein Leben zu retten hast du jenen Mann erschlagen. Nicht für dich hast du das Geld geraubt ...« – »Da sei Gott vor! Und ich hab' es nicht behalten! Sobald ich dich auf dein Lager gebracht hatte, lief ich mit dem Sack auf die Seinebrücke und warf ihn ins Wasser. War auch thöricht. Hätte das Geld den Heiligen schenken sollen. So belehrte mich denn auch scharf der Priester, zu dem ich von der Brücke hinweg eilte, zu berichten. Deinen Namen: – er wollte den meines Verführers durchaus wissen ...« »Natürlich!« grollte Ebroin. »Nannte ich nicht: denn der that doch nichts zur Sache, nicht? Zur Strafe aber für meine Halsstarrigkeit verweigerte er mir die Freisprechung und legte mir – unter furchtbaren Verwünschungen – die Pflicht auf, meinen Anstifter dem Palastgericht anzugeben. Das könnt' ich nicht!« – »Mein Vanning!« – »Statt dessen legte ich mir selbst die Buße auf, die ich nun all' diese Jahre lang getragen. Die Eltern, den Hof, den Waffendienst floh ich, in diese Einsamkeit verzog ich mich, den Tod durch die wilden Tiere sucht' ich und das Beten zu den Heiligen um Vergebung unterbrach ich nur mit der Austilgung der Wölfe, die der armen Leute einzige Habe – die Schafherden – reißen. – Aber nun erzähle du weiter. Du hast mir berichtet von jener grausamen Überraschung, da du in der Braut des elenden Chlodovech die Geliebte erkanntest. Nun bist du Majordomus, der mächtigste Mann im Reiche! Wie kam das alles?« Tief erseufzte Ebroin, bevor er begann. »Das kam unter bittern Schmerzen! Dem Königspaar sagte der Arzt, der mich aufhob, die Ohnmacht sei ein Rückfall in meine Gehirnkrankheit gewesen. Die wunde Seele geheilt hat mir aber kein Arzt, sondern die gute Mutter.« »Ja, sie ist gut,« sprach Vanning. »Ich habe sie ja tagelang begleitet.« – »Sie beschwichtete mich in meiner Verzweiflung über das Geschick des heißgeliebten Weibes. Sie lehrte mich, den eigenen Wunsch niederkämpfen in dem harten Dienst für das Reich, dessen Krone ja die Geliebte trägt. Die Königin hatte mich erkannt, wie sie den Schleier aufschlug: dankbar gedachte sie, wie ich sie hatte loskaufen und freilassen wollen: – ach, von dem Gefühl, das diese scheinbare Menschenliebe erweckt hatte, ahnte sie ja nichts. Und niemals darf sie's ahnen: sonst verbannt mich die Heilige – denn das ist sie: – sofort aus ihrer Nähe. Sie besuchte schon am folgenden Tage die Mutter, nachdem sie erfahren, daß ich in deren Pflege lag. Und siehe, von Stund' an, im ersten Gespräch fanden sich diese beiden Seelen, einander so ähnlich an Frömmigkeit und Herzensgüte, in innigster Freundschaft: meine Mutter ward ihre Mutter, ihre Beraterin, ihre Trösterin in gar mancher schweren Stunde. Und als die unermüdlich wohlthätige Beschenkerin der Kirchen das Kloster Chelles gegründet hatte, bestellte sie alsbald meine Mutter, ihre Freundin, zur ersten Äbtissin: sie selbst will ja ihre Tage als Nonne in jenen stillen Räumen beschließen: mit Mühe nur halt' ich sie davon ab. Ach, es ist ihr nicht zu verargen, ist ihr die Welt – diese Welt, in der sie leben muß! – verleidet. Zwar hat sie, nachdem sie drei Söhne geboren: Chlothachar, Childerich und Theuderich, von dem übeln Gemahl, der so böse wie siech war, der Tod erlöst, und es gelang mir, den sie als ihr und dem Frankenreiche treu ergeben erkannt und zum Majordomus erhoben hatte, die Großen von Neuster und Burgund zu bewegen, ihr die Regentschaft für ihren unmündigen Knaben Chlothachar, und als dieser bald starb, für den zweiten, Childerich, zu übertragen, die ich ihr nach Kräften führen helfe und erleichtere. Aber doch! Welch' Leben für eine Heilige, deren Seele mehr im Himmel schwebt als auf Erden weilt, welche Aufgabe für ein edles, argloses, vertrausames Weib, in dem bösartigen Getriebe der geistlichen und der weltlichen Großen an diesem durch und durch verfaulten Hof, – Pippin hat recht! – in diesem Wirrsal von Ränken, von jeder Art der Selbstsucht die Leiterin, Mäßigerin, Richterin bleiben zu sollen! Ja wahrlich, die geistlichen Großen – scharf seh' ich ihnen auf die geschmeidigen Finger, und sie vergelten's mit gründlichem Haß! – treiben's zuweilen noch ärger als die weltlichen. Was meinst du, was mich hierher – ins austrasische Elsaß – geführt hat? Eben hab' ich in Straßburg dem Bischof Rothar eine königliche Villa abgenommen, die er auf Grund einer gefälschten Schenkungsurkunde weiland König Childiberts an sich gerissen hatte. Und kurz vorher hab' ich den bitterbösen Bischof Sigibrand von Lyon – er steht in dringendem Verdacht des Hochverrats! – abgesetzt, ohne Konzil oder Pfalzgericht. Die Heilige wird schelten! Aber es mußte sein. Ich darf sagen: ohne diese meine feste und treue Faust hätte sie die Zügel längst aus der Hand verloren und die Geduld aus der Seele, hätte sie längst das Palatium mit der Klosterzelle vertauscht!« »Aber,« fragte Vanning mit einem tiefen Blick in des Freundes Augen, »warum – du liebst sie ja immer noch ...?« – »Bis ans Ende.« – »Warum legst du nicht die zarte Hand der Witwe in diese deine starke – – als ihr Gemahl?« Ebroin sprang auf. »Sie liebt mich ja nicht!« rief er, mit der Hand unter den Helm an die Stirne fahrend. »Sie ist mir dankbar, ja ergeben in treuer Freundschaft. Aber sie liebt mich nicht.« – »Nun, den Merowing hat sie doch sicher nicht geliebt.« – »Nein. Aber, aber« – und hier furchte er grimmig die Brauen und seine Augen sprühten Blitze tödlichen Hasses – »die Mutter meint ...« Er stockte. »In zartester Andeutung habe die Heilige ihr einmal verraten, daß sie einen andern ..! Ah, errat' ich den je, bei meinem Schwert, nicht atmen, nicht eine Stunde mehr leben soll der Mann, der in dem Herzen herrscht, um das ich mich verzehre. Ich schwöre, er soll nicht leben.« »Ebroin!« schalt der Einsiedler und zog ihm die erhobene Faust herab. »Das war ein sündiger Eid, er gilt nicht.« – »Ich werd' ihn halten: – eifriger als alle andern. Indes, ich glaube fest, die Mutter hat sich getäuscht: die Heilige kann gar nicht lieben! Jedenfalls erfüllen sie ganz andere Gedanken: mütterliche Sorgen! Hatte sie sich doch entschließen müssen, sich von ihrem zweiten Knaben, Childerich, zu trennen: die Austrasier – Pippin vor allen – hatten ihn sich zum Sonderkönig erbeten ...« – »Ja, war der Thron zu Metz erledigt?« – »Durch ein Verbrechen! Den Erben des verstorbenen Königs Sigibert, einen zarten Knaben, Dagobert, haben ehrgeizige Männer beseitigt, ermordet oder außer Landes geschafft, vielleicht in ein Kloster, wer weiß, wohin? Seither zerreißen wilde Parteiungen das Land! Pippin erbat sich, endlich Ruhe zu schaffen, einen Merowing: ich selber riet der Widerstrebenden, ihren Sohn zu entsenden: dadurch faßt sie – und hinter ihr stehend fasse ich! – Fuß im Ostreich, das ich heranzwingen muß – so oder so. Sie brachte auch dies Opfer dem Reich, mir vertrauend und folgend. Nun, nach Chlothachars Tod hat der Knabe Childerich seinen Sitz nach Paris verlegt, Neustrien und – dem Namen nach – Austrien beherrschend: in Wahrheit aber waltet in Metz Pippin!« – »Du jedoch herrschest also, scheint es, im Palatium zu Paris. Sag' aber: du sprachst von Ränken am Hof, von ehrgeizigen Bischöfen: – da muß ich doch vor allem fragen: und Leodegar, dein Freund, der falsche Fuchs?« »Dein alter Haß!« lächelte Ebroin. »Dem haben wir unrecht gethan: – oh ich hätte ihn mit Wollust erschlagen damals auf dem Markt zu Samt-Denis! Aber er hat sich völlig gereinigt: nicht aus Leidenschaft hat er die Schöne gekauft – und dürfte ich ihn darum schelten? – Er hatte sie ja wochenlang in seiner Gewalt! Nein, um durch dieses wunderbare Geschöpf den Wüstling zu bessern: also ein frommes und ein sittliches Werk zu thun. Ihm verdankt das Reich diese engelgleiche Königin.« Ungläubig schüttelte Vanning den zottigen Kopf: »Und was ... was sagt er zu deinem raschen Aufstieg? Herr Majordomus, jetzt hast du den Bischof von Autun hoch überholt! Er gönnt dir's, er verzeiht dir's nie!« – »Doch! Er war der erste, der mir Glück wünschte.« – »Der Heuchler! Er konnte es nicht hindern: also war's das Klügste.« – »Und er wußte, daß wir wenigstens Ein gemeinsames Ziel haben: die Unterwerfung Austrasiens – das heißt in Wahrheit Pippins – unter den Herrscher zu Paris.« – »Dieser Herrscher bist aber du, nicht er. Und das erträgt er?« – »Ich gönne ihm weiten Spielraum, ich lasse ihn gewähren in allem, was ich nicht für schädlich halte. Er lebt mehr im Palast der Königin, als zu Autun, Er beherrscht das ganze Kirchenwesen im Reich! Freilich, zwei Dinge sind's, um die wir noch in scharfen Streit kommen können: er will die Kirche, die schon unmäßig reiche und mächtige, zur Vollherrschaft erheben, und er wird scharf bekämpfen, was ich, wie er weiß, plane: die Rettung der Kleinen aus dem Druck der Großen. Diese Kämpfe drohen: – vielleicht schon bald! Und deshalb, Vanning, treuer, tapferer Vanning, darfst du mir nicht Einsiedler bleiben in dem wilden Wasgenwald. Du hast wahrlich genug gebüßt: – für fremde, für meine Schuld. ›Die beste Buße ist das Bessermachen‹, lehrte mich die alte Mutter: damit hat sie meine Verzweiflung geheilt: damit wird sie auch dich wieder erheben zur gesunden Mannheit.« »Die beste Buße ist das Bessermachen,« wiederholte Vanning sinnend. »Ja! Der Einsiedler hat keine Tugend! Tugend ist ein Verhalten zu anderen Menschen, nicht zu Gott. Ich weiß dir ein besser Tagewerk, als Wölfe schlagen. Auch am Hofe zu Paris giebt's Wölfe und Füchse. Sage, Freund, glaubst du daß es dem Frankenreich zum Heile ist, daß ich und nicht Hektor oder Gairin herrschen am Hofe jener Heiligen?« – »Gewiß!« – »Nun, dann hilf mir dazu, daß ich herrschend bleibe. Unzählig sind meine Neider, meine Feinde, sie trachten mir nach der Ehre, nach dem Leben. Komm mit mir, Vanning, mein Bruder, hilf mir! Schütze mich, – du hast's einmal versprochen! – mein bester Schild, vor diesen Pfeilen. Willst du?« »Ich will, mein Ebroin, ich will. Du erlösest mich aus dumpfem Wahn! Ich folge dir.« Und schluchzend warf sich der Treue an seine Brust. *   III. Großes Aufsehen erregte am Hofe zu Paris das plötzliche Wiederauftauchen Vannings, der über die Gründe seines Verschwindens und seine seitherigen Geschicke jede Auskunft verweigerte: die zahlreichen Feinde Ebroins sahen diesem ungern einen so treuen Helfer erstehen. Daß er alsbald das wichtige Amt des Thesaurarius erhielt, verschärfte den Haß durch Neid. Vanning hatte vor dieser Auszeichnung gewarnt, aber Ebroin, in dessen von Liebe nicht befriedigter Seele mit den reifenden Jahren eine gewisse Kampflust, ja eine Freude am Haß, unheimlich überhandnahm, hatte mit grimmigem Lachen gerufen: »Mögen sie mich doch noch mehr hassen, aber auch noch mehr fürchten. Ich kann die schamlose Ausplünderung des Königsschatzes nicht mehr dulden. Wartet nur, ihr geschorenen und ungeschorenen Räuber! Ich will euch die Beute aus den Zähnen reißen! Kampf, Kampf auf Tod und Leben! Solange die Regentin mir vertraut, ist mir nicht bang um den Sieg.« Allein gerade hier setzten die Feinde die Hebel an, den Gewaltigen – und oft recht Gewaltthätigen – zu stürzen. Eines Morgens ließ die Regentin ihren Majordomus in ihr Schreibgemach entbieten: ganz früh: denn zur Hora schon erhob sich die fromme Frau, die erst gegen Mitternacht ihre geistlichen Übungen zu beschließen pflegte. Kürzer und minder freundlich als gewöhnlich ruhte der Blick der sanften blauen Augen auf dem Eintretenden. »Traurige, schlimme, ja blutige Kunde erhielt ich, Majordomus. Warum erfahr' ich von solchen Dingen nicht zuerst durch dich?« – »Weil Leodegars Späher und Boten eifriger und rascher sind als die meinen.« Sie ward ein wenig verwirrt: »Woher weißt du, daß er es war, der ...?« Sie stockte. »Ist nicht eben schwer zu raten. Er hat den Zweck nicht erreicht, den er bei deiner Erhebung auf den Thron anstrebte: deine Gnade hat in weltlichen Dingen mir nicht minder Vertrauen geschenkt, als ihm in geistlichen: er aber will auch im Reich wie in der Kirche herrschen, ja durch die Kirche über das Reich. So trägt er dir eilfertig jede Nachricht zu, die mir bei dir schaden kann. Aber ich baue fest auf dich, o Königin,« schloß er mit innigem Blick. »Du darfst es, Sohn Leutrudens, meiner Freundin. Ich weiß aus ihrem Mund: du meinst es treu mit mir. Ich weiß auch, du meinst es gut – und klug! – mit diesem Reich der Franken. Deshalb, konnte ich jemals deine Wege nicht mehr teilen: – ich ließe dir die Bahn frei und schlüge den Pfad nach dem heißersehnten Kloster ein.« – »O nur das nicht, nicht ... fort von ..!« So ungestüm war der Ausruf, so schmerzerfüllt, – die Königin sah erstaunt auf ihren Majordomus. Der faßte sich rasch: »Denn was wird aus dem Palatium, scheidest du? Du allein – wie ein Engel des Friedens – schreitest abwehrend wie über die Häupter von Drachen dahin, das Unheil beschwörend, zwischen mir und meinen Feinden: scheidest du, so brechen von beiden Seiten die Flammen hervor, die dieses Reich verbrennen können. Bleibe, Königin, o bleibe! Verlässest du mich, – ich stehe nicht ein für meinen Zorn und Haß, für blutige Thaten.« – »Ach, die geschehen ja auch jetzt. Jener unselige Bischof, den du – du ganz allein! – abgesetzt und in ein Kloster gesperrt hast, – er ward hingerichtet.« »Ich weiß.« – »Auf wessen Befehl?« – »Auf den meinen.« – »Entsetzlich! Das Blut eines ...« – »Hochverräters. Ich fing einen Brief auf, in welchem er Pippin den Austrasier auffordert, von Helvetien her in Burgund einzufallen, das schwach verteidigt sei, diese Landschaft dir zu entreißen, ihn zu befreien und wieder zum Bischof zu machen. Ich befahl, ihn zu köpfen. Ebenso seinen Bruder, den edeln Grafen Sigwalt von Lyon. Mich freut, daß es so rasch geschah.« – »O Ebroin ...! Sollte es wahr sein, wessen sie dich zeihen? Du sollst, weil selbst nicht ...« – »Von edler Abkunft, allen Adel hassen, ihn – und damit das Reich – verderben wollen. Glaubst du das von mir, o Königin?« Sie sah ihn nun lang und freundlich an: er erglühte unter diesem Blick. »Nein, mein Freund. Aber auch die Kirche ...« – »Sagt Leodegar, will ich vernichten. Warum? Weil ich nicht alle Wunder glaube, die sie lehrt. Nein, Königin, ich will beide nicht verderben, die unentbehrlich sind: aber unschädlich will ich sie beide machen und beide wieder beugen unter die Krone.« »Schädlich, die heilige Kirche?« »Weißt du, Königin, wie sich der Grund und Boden deines ganzen Reiches verteilt? Du schüttelst das Haupt! Wie solltest du, fromme Beterin! Ich aber sage dir: von ganz Gallien gehört der Kirche ein Viertel, dem Adel ein Viertel, der Krone ein Viertel, ein Achtel liegt öde und nur ein Achtel – hör' es, du Beschützerin der Armen! – ein Achtel nur wird von dem Pflug der Kleinen befahren.« – »Ist's möglich? Aber ich glaub' es. Auch mein Vater drüben zählte ja zu diesen Kleinen, die in Not vergehn.« – »Wie furchtbar die Not, der bittere Mangel die kleinen Häuser heimsucht, – das zeige dir ... ich habe dein keusches Ohr, du Heilige, dein mitleidig Herz bisher damit verschont: aber nun muß ich reden: die Zahl der neugeborenen Kinder nimmt erschreckend ab in deinem Reich: die darbenden Eltern lächeln nicht, sie jammern und verzweifeln und fluchen, wird ihnen Nachwuchs geboren, die Mütter töten die Kinder vor der Geburt oder sie setzen die Neugeborenen aus oder verkaufen sie wie Herdentiere in Knechtschaft ...« »O schweig, schweig!« seufzte die Regentin, und die blassen Wangen erbleichten noch mehr. »In Knechtschaft, sagst du? Ach dies Elend kenn' ich! Welche Frevel! Unter meinem Königstab! Und das verschulden, sagst du ...?« – »Adel und Kirche, die planmäßig – mit Vorbedacht und Ausdauer – ich hab's erlebt an meinen Eltern! – den kleinen Mann so lange bedrücken, bis er Freiheit und Eigentum ihnen dahin giebt.« – »Und giebt es keine Hilfe dawider?« – »Doch! Wenn die Frau Königin Balthildis Mut hat ...« »Den giebt ihr Gott der Herr und die heilige Jungfrau!« rief die schöne Frau mit begeistertem Blick gen Himmel, der sie noch mehr verschönte. »Und mir vertraut ...« »Ich vertraue dir!« – sie ergriff seine Hand, die zuckte dabei. – »Seit heute mehr denn je. Du hast mir dein warmes Herz, dein Mitleid mit dem armen Volk gezeigt.« – »Wohlan, so ermächtige mich, dem nächsten Hoftag den Gesetzvorschlag vorzulegen, den ich in dieser Urkunde aufgesetzt.« – »Es sei ... das heißt ... ich ... werd' ihn prüfen. Aber wenn er hilft ...« – »Er hilft,« – »So sieh ihn als genehmigt an.« – »Dank, hohe Frau. Aber noch eins. Die Bischöfe und der Adel, denen darin ein Opfer – das heißt Herausgabe eines kleinen Teils ihres Raubes – zugemutet wird, werden – ich seh's voraus! – Nein sagen.« – »Weh, was dann thun? Ihren Willen muß man achten!« »Nein, brechen muß man ihn,« sprach er mit dröhnender Stimme. »Brechen! Mit Gewalt. Vielmehr mit Wiederherstellung uralten Rechts, das sie den Kleinen durch List und Gewalt entwunden haben: du weißt, sie erscheinen lange nicht mehr bei den Reichstagen, wie doch ihr gutes Recht war: wissen sie doch, daß ihnen nur das Zusagen übrig bleibt zu dem, was die Großen im voraus beschlossen haben. Verstatte, daß ich zweitausend – gewaffnete – Bauern zu dem nächsten Reichstag lade: – dann wollen wir sehen, wer stärker ist: sie oder die hundert Bischöfe und Seniores.« – »Es sei! Aber – um Gott! – kein Blutvergießen!« – »Kommt nicht dazu: ich gelob' es dir. Die Herren sind klug: sie können Speere zählen! – Und nun, o fromme Frau, nachdem ich vertrauen darf, den leeren Schatz mit jener den Großen wieder zu entreißenden Beute zu füllen, nun kann ich verantworten, dir zu gewähren, was ich neulich – mit schwerem Herzen! – denn dir Nein sagen ist unsagbar schwer! ... verweigern mußte. Du wolltest wieder zehntausend Solidi – zum Loskauf von Schuldgefangenen gewiß –, dein wackerer Thesaurarius hat sie dir geschafft! – Hier, nimm sie, Königin, und wandle wieder auf den Sklavenmarkt, wie so oft, ein lichter Engel der Erlösung.« *   IV. Voll freudigen Dankes gab sich die fromme Frau gar bald wieder dieser von ihr am eifrigsten gepflegten Art der Wohlthätigkeit hin: sie wartete nur den nahen Tag des Marktes zu Saint-Denis ab. An diesem Morgen ritt sie dorthin mit kleinem Gefolge, bestehend aus ein paar Lanzenreitern, ihren Frauen, der Äbtissin von Chelles und deren Sohn, den die Königin besonders eingeladen, sie zu begleiten: zur Belohnung, meinte sie, solle er soviel Freude der Erlösten mitanschauen. Vanning schloß sich an: »Ich muß soviel Geld zu sehr weltlichen Zwecken ausgeben,« meinte er, »daß es mir fromm Verwendetes erst wieder wert machen muß.« Jedes Jahr hatte die Angelsächsin jenen Marktplatz vor der Basilika besucht, jedes Jahr wieder auf der Stelle vor den erzbeschlagenen Thüren gekniet, von der aus Thränen und Gebet hinweg sie Ebroin hatte führen wollen, ein andrer sie geführt hatte. Dicht drängte sich auch heute wieder auf dem weiten Platz das Gewoge der Verkäufer, ihrer menschlichen Ware, – oft neben den brüllenden und blökenden Herdentieren – dann der übrigen Händler, der Käufer und der müßigen Besucher und der neugierigen Beschauer. Vor dem kleinen Reiterzug wichen die Leute wohl zur Seite, aber für die nun zu Fuß der Kirche zu Schreitenden war der Weg nicht gleich frei. Ebroin eilte, während sein Freund bei den Frauen blieb, voran und löste die Haufen mit Wort und Hand. Nun stieg er allein, allen weit voraus, die Stufen hinauf. Plötzlich blieb er stehen mit einem Ausruf des Staunens. Dann sprang er rasch auf die Plattform vor der Kirche, wo ihn die Knäuel der Händler und der Unfreien den Blicken der Nachfolgenden entzogen: er sprach eifrig mit einem der Verkäufer, er beugte sich ... und nun bahnte er sich den Weg zurück auf die erste Stufe: »Frau Königin,« rief er der langsam in ihrem langen Nonnenkleid Heranschreitenden zu, »heute soll vor jener Thüre ein zweifach Dankgebet gen Himmel schweben: – sieh', wen halte ich hier an der Hand? Frei – wie du selbst?« Er warf die gelöste Fessel klirrend zur Erde. »Gunthildis, Schwester!« »Schwester! Balthildis!« scholl's und die beiden, einander so ähnlich wie zwei weiße Rosen, an Einem Ast erblüht, schlossen sich in die Arme. Die Neugefundene trug nur spärlich Gewand, es ließ die schneeigen Schultern bloß: – sie empfand es – nur ein Blick verriet es! – peinlich: da nahm sich der Majordomus den eignen, reich mit Gold gestickten Mantel ab und spreitete ihn sorglich um ihren Nacken. »Dank, mein Erlöser, mein Beschützer!« und bewundernd ließ das Mädchen die Blicke auf dem gebräunten, schönen Männerantlitz ruhen. »Wer, ... Schwester, wer ist das?« Einstweilen hatten die Frauen wieder die Zelter bestiegen und den Rückweg angetreten. Ebroin hob das Mädchen, – es war kleiner und jünger als die Königin – auf seinen Rappen und führte den am Zaum. Man wollte nicht am Abend nach Paris zurückkehren, sondern in der Königsvilla neben dem Kloster übernachten. »Dies?« erwiderte die Königin mit einem dankbaren Blick »das ist mein Majordomus, mein erster und getreuester Diener.« »Der? Ebroin!« lächelte die Befreite. »Den bösen Ebroin!« schelten sie ihn. »Da hörst du's, Majordomus,« drohte Balthildis schalkhaft. »Aber er sieht gar nicht so böse aus, mein Retter und Befreier.« »Wer nennt ihn böse?« begann Vanning. »Die Priester, die er bändigt. Und sie allein schreiben die Chroniken! Ja, wenn die Mäuse Weltgeschichte schreiben, – schwerlich heißt dann Kater Murr der Gütige.« – »Und du – du Schwester! – bist jene Königin Balthildis, die das Volk schon jetzt die Heilige nennt?« – »Welche Sünde!« Die Gepriesene errötete plötzlich sehr stark und schlug, die langen, blonden Wimpern senkend, demütig ein Kreuz. »Ich und eine Heilige!« – »Wie könnt' ich, – trotz des gleichen Namens, – in solchem Glanz die Schwester ahnen! Und es hieß ja, die Königin kam aus einem Nonnenkloster.« – »Wäre sie darin geblieben! – – Aber der Vater? Du verstummst? Du wendest dich ab: ach, ich ahne alles!« »Sein Alter ertrug die Beschwerden der vielen Reisen mit den Händlern nicht lange. – Er blieb am Wege liegen. – Ich drückte ihm die Augen zu: – ein mitleidiger Mönch des nahen Klosters bestattete ihn in geweihter Erde.« – »Du mußt mich an die Stätte führen: – ich erbaue dort eine Basilika.« »Ah,« grollte Ebroin für sich und fragte dann: »Und nicht wahr, hohe Frau, dein Vater war so frei geboren wie der König von Wessex und der Bischof von York?« – »Jawohl! Es war nur der Druck der Zeit ..« »Der Priester, solltest du sagen, Königin, und der landgierigen Thane! Bei denen drüben überm Wasser ganz wie bei uns! Aber wartet, ihr, die ihr mich angeht.« Gunthildis erzählte nun, wie sie lange aus einer Hand in die andere von Sklavenhändlern gewandert sei, da sie keinen Käufer fanden, der den geforderten hohen Preis zahlen wollte. So sei sie denn nun zuletzt auf den stets stark besuchten Markt von Saint-Denis geschleppt worden. »Dank dir, Herr Majordomus! Ich will dich segnen – und loben – all' mein Leben lang. Du hast mich gleich erkannt?« – »Das war nicht eben schwer, Jungfrau, für den, der deiner heiligen Schwester Antlitz – Einmal! – sah. Komm, Freund Vanning, wir wollen die Schwestern ihrem Glück überlassen. Komm! Ich muß noch mit dir die Grundsteuer und die Hafenzölle von Marseille verrechnen!« »Heute Abend noch?« brummte der Schatzwart. »Nun, meinetwegen. Aber dann: zur Feier – deiner Entdeckung! – eine gute Kanne Rhonewein! Mundet doch besser als das Felswasser der Vogesen.« »Du,« meinte Vanning, als er am Ende dieses Abendtrunks, in der Halle der Königsvilla, den letzten Tropfen aus dem letzten Becher schlürfte, »du, – ich weiß was.« »So? Behalt's für dich! Ich weiß schon mehr, als mir lieb ist.« – »Ja, aber dies Eine, das zu wissen für dich recht ... recht fördersam wäre, – das scheinst du nicht zu wissen.« – »Mag wohl sein.« »Weißt du, – zum Beispiel, – daß Gunthildis und Balthildis einander zum Verwechseln ähnlich sind?« – »Ich werde sie niemals verwechseln.« – »So? Ist schade! Denn sieh mal: – es sieht aus wie ein Wunder ...« – »Schweig, Lieber! Ich hab' an den Wundern schon genug, die ich bisher nicht glaube.« – »Wie ein Wunder, daß gerade du die jüngere Schwester entdecken, befreien mußtest, die weder Leodegar gehört, noch einem Gatten, noch schon zu sechs siebentel einem Kloster, sondern ganz sich selbst. Und also dem, der zugreift? Ich meine ... sie ... sie ließe sich gar gern greifen von ... Hast du denn die Augen nicht gesehen, mit denen das schöne Geschöpf an dir ...?« – »Nichts hab' ich gesehen, will ich sehen! Und – Dank für deinen guten Willen! – Aber das hast du dir doch beim schweren Wein von Avignon gar zu ... nun, zu gemütlich ausgesonnen, wie alles in mir und mit diesen beiden Schwestern so hübsch zurechtkommen konnte! Nein, Vanning, bei der Liebe ist das nicht wie bei der Jagd: fehlst du die eine weiße Hinde, fängst du dir ihre ebenso weiße Schwester. Das ist hier ganz anders, lieber Freund! Gute Nacht!« *   V Die Königin wollte früh am andern Morgen sich mit der Äbtissin und der Schwester in ihre geliebte Klosterstiftung Chelles begeben: aber der Majordomus beschwor sie dringend, zu bleiben. »Morgen, Herrin, und in den folgenden Tagen sind wichtige Beschlüsse zu fassen, – die Anträge vorzubereiten für den schon einberufenen Reichstag: – du weißt, ein so verhängnisreicher hat noch nie getagt, seit du die Regentschaft führst. Entschlüpfe mir nicht immer in die Einsamkeit! Das Reich, die Erde bedürfen deiner viel dringender als der Himmel und die Kirche.« »Nun denn,« sprach sie, »erst – wie immer! – die Pflicht, dann die Neigung. Ich bleibe.« Früh am andern Morgen stand Ebroin wieder vor der Königin und seiner Mutter, deren schlichte, fromme Einfalt jene gern als Schild gegen die oft gar zu schlauen und sehr weltlichen Pläne des Sohnes verwendete. Die Menge von Chartae und Pergamenta, die dieser bereits, wohl geordnet, in die weite bronzene Röhre, in der die Archive die Urkunden aufbewahrten, eingefügt hatte, bewies, daß schon ein gut Stück Arbeit hinter ihnen lag. »Nur diese letzte Unterschrift noch!« Er tauchte die Rohrfeder in die Tinte und hielt sie ihr hin. »Was ist es?« – »Eine Bestallung.« – »Gut! Gieb! Du wählst stets den rechten Mann für den rechten Platz.« – »Das wäre ein hohes Lob für den Staatsmann! Sieh, deshalb hab' ich dir den Bischof von Autun – so klug er ist: viel schlauer als ich! – noch nie zu einem Weltamt vorgeschlagen. Er würde seine Kirchen vergessen, versäumen und binnen kurzem das Amt, das er bekleidet, zum herrschenden im Staate machen, und wär's das des Stubenfegers!« Seine Mutter, die an einem feinen Altartuch für das Kloster nähte, mußte lächeln. »Du hast ein böses Zünglein!« »Aber ein gutes Herz,« sprach Balthildis, ihn voll ansehend. Er furchte die Brauen und mied diesen Blick. »Man kann dem Herzen nicht immer folgen,« sprach er achselzuckend. »Das weiße Zeug, Frau Mutter, ist wieder viel zu anstrengend für die armen, lieben Augen. Und du, Frau Königin, dich flehe ich an ...« – »Was willst du so hitzig?« – »Der weise Zacharias klagt über dein Aussehen.« – »Klage ich über mein Befinden?« – »Nein, lieber sterben! Ich kenne dies starke Herz!« – »Es ist vielleicht nicht so stark, wie ... viele meinen.« »Du schläfst zu wenig. Nicht die Staatsgeschäfte, – die unablässigen Gebete, die Büßungen –! Du büßest! Lieber Gott! Wofür? – Die Gänge zu allen Armen und Kranken, ja die Übernahme von Geschäften, die einer Königin unwürdig sind ...« – »Keine Arbeit ist unwürdig: Arbeit ehrt, Herr Majordomus. Darum arbeitest du so viel, weil du unmäßig nach Ehre gehrst.« – »Aber es ist doch ein Unterschied! Neulich, als der erste Schnee gefallen, hast du ihn – ich sah's verhohlen! – mit den eigenen Händen – sie waren viel weißer als ihre weiße Last! – in dem Portikus der Palastkapelle zusammengetragen und entfernt.« »Ja, ja, Frau Königin,« bestätigte die Äbtissin, »in Chelles, in ...« »Auch dort belauern mich Ebroins Späher?« lächelte die Gescholtene. »Da hat sie wirklich schon die Rinder- und Schafställe ausgemistet, sie, die Königin von Neuster und Burgund.« »Frau Äbtissin, ich will dich fragen: wo lag als Kind der König des Himmels und der Erden? Ist doch noch mehr als Neuster und Burgund! In einer Krippe: – in einem Stall! Also laßt mich meinen Gott auf meinen Wegen suchen: – auf deinen, Majordomus, würde ich ihn nicht finden.« – »Aber die Macht würdest du finden, die dir in diesem Reich gebührt. Und eben um dich im eigenen Palast zu stärken durch treue, kluge, wackere Diener, schlag' ich dir« – er hielt ihr die Urkunde hin – »diesen Mann zu deinem Cubicularius vor.« – »Ein wichtig Amt! Die geheimsten Schlüssel führt er. Täglich, ja stündlich hat der Cubicularius Zutritt auch in mein Schlafgemach ...« – »Deshalb wählte ich dir einen verlässigen, getreuen, auch mir ergebenen ...« – »Das genügt. Gieb!« – »Einen Mann, viele Jahre durch den Kriegsdienst in den Westmarken vom Hofe ferngehalten ...« – »Gieb nur! Wie heißt er?« »Herzog Hermengar von Provence.« Da stieß die so sanfte, stille Königin jäh einen schrillen, gellenden, markdurchbohrenden Schrei aus, fuhr auf, als habe sie eine giftige Schlange gebissen, und warf die Feder weit von sich. »Nein! Nein! Niemals. Unmöglich.« Und sie wollte aus dem Saale fliehen. Aber Mutter und Sohn, die sich, tief erschrocken, erhoben, vertraten ihr den Weg, und die Schwester, die der laute Aufschrei aus dem Nebengemach herbeigerufen, fing sie auf in den Armen. *   VI. Ebroin, der vielgewandte, nicht leicht zu erschütternde, fand doch geraume Zeit keine Worte: mit stummem Staunen sah er auf die bleiche Frau, deren zarte Gestalt zitterte und bebte. »Was ist dir, liebe Schwester?« forschte Gunthildis. »Wer hat ihr was zuleide gethan?« fragte sie die Äbtissin. – »Diesmal – zum erstenmal im Leben! – mein Sohn.« – »Er?« – Das Mädchen wandte sich ihm zu mit strahlenden Blicken. »Das ist unmöglich!« Das war wie eine Frage: aber Ebroin schwieg. »Gewiß nicht mit Wissen und Willen,« begann die Äbtissin aufs neue. »Eher würde er sterben! Und sicher,– er wird den Vorschlag fallen lassen, wenn die Frau Königin für so heftige, haßgleiche Abneigung gegen diesen Herzog irgend einen Grund hat. »Und daneben die Gewogenheit,« sprach der Majordomus in einem festen, herben, geschäftlichen Tone, den er nie bisher gegen seine Herrin angeschlagen hatte, »diesen Grund anzugeben. Und ... zu beweisen. Warum, o Königin, hassest du diesen Hochverdienten?« Aber Balthildis, die sich nun von der Brust der Schwester gelöst hatte, schüttelte stumm das Haupt und machte eine ablehnende Handbewegung. »Er muß sie tief, im innersten Kern eines Weibes, getroffen haben,« dachte die alte Frau. »Was mag es sein? Sie vertraut mir sonst alles: ... nie nannte sie seinen Namen.« »Was hat dir der fremde Mann gethan? Du konntest ja nie hassen!« fragte das junge Mädchen. Jedoch Balthildis schwieg und durchmaß in großen Schritten den Saal, offenbar einen Beschluß erwägend. »Ich weiß gar nicht,« hob Ebroin nach langem Nachsinnen an, »wann du mit jenem wackern Helden kannst zusammengestoßen sein. Nicht, solange ich an deinem Hof lebe! Hätte man dir Schlimmes von ihm berichtet, ...« Balthildis blieb dicht vor ihm stehen: »So wär's Verleumdung,« sprach sie ernst. – »Also du kennst seinen Wert? Und doch ..?« »Gleichviel,« bat die Mutter beschwichtigend. »Gewiß wird – bei solchem Widerwillen – mein Sohn einen andern ...« »Nein, Mutter,« erwiderte der scharf und streng, »das wird dein Sohn nicht thun. Herzog Hermengar ist schon von mir benachrichtigt, seine edle, schöne Gemahlin, Frau Friedrun, unter die Frauen deiner Gemächer aufgenommen ...« Balthildis ließ sich schweigend auf den Schreibstuhl gleiten. – »Seine beiden Söhne unter die Hofknaben, Ich kann nicht einen deiner – meiner! – treuesten Anhänger – sie sind nicht zahlreich! – tödlich kränken, in einen bittern Feind verwandeln um ein nichts.« – »Ist mein Wille ein nichts?« – »Wille? Dein Wille hatte stets Gründe. Dieses Nein hat keinen Grund: es ist – vergieb, hohe Frau! – eine Laune. Nenne mir deinen Grund, beweise ihn und Hermengar reist ab ... noch heute.« – »Und wenn nicht?« – »Wird er dein Cubicular.« – »Also du willst – ein echter Majordomus! – den Willen deiner Königin zwingen? Herrschest du im Reich der Franken oder ich?« »O nicht, nicht so hart, Schwester!« bat das Mädchen mit feuchten Augen. »Du herrschest,« sprach der Majordomus, zog das kurze weiße Elfenbeinstäbchen, das Abzeichen seines Amtes, aus dem Wehrgurt, trat an den Tisch und legte es leise darauf. »Berufe Hektor von Marseille oder Gairin zu deinem Majordomus. Herrsche glücklich, Königin.« Er wandte sich zur Thür. »Halt! Du bist dem Reiche notwendig: – ich wahrlich nicht! Deshalb bleibst du und ich gehe. Längst, längst sehne ich mich fort aus dem Getriebe dieses Hofes, dieser hassenden, bald schleichenden, bald tobenden Männer. Das Blut Sigibrands ..! Und nun dies! – Genug! – Ich lege die Regentschaft ab. Mein Sohn Childerich mag unter deiner Leitung herrschen. O, Äbtissin, Mutter, nimm mich auf in den Frieden deines Klosters!« Und sie eilte hinweg, gefolgt von beiden Frauen. Ebroin nahm den Stab wieder an sich. »Hm,« sprach er, ihr nachschauend, »also auch Heilige haben Launen? Ins Kloster? Diesmal scheint's unabwendbar. Still, heißes Herz! Aber, holde Thörin, erst nach meinem Sieg: – denn du mußt ihn mir erkämpfen helfen! Du bist erregt, – du wirst mir entfliehen wollen? Aber ich wache.« In dieser Nacht saß auf der Schwelle der Thür, die in die Frauengemächer des Palastes führte, ein Mann in Eberhelm und dunklem Mantel, den Rücken gegen die Thürpfosten gelehnt. Er schlief nicht. Vor Hahnenkraht ward er abgelöst durch zwei Speerträger. Bald nach Sonnenaufgang ward die nach innen aufgehende Thür geöffnet: die Königin, an der Spitze ihrer Frauen und Mädchen, trat heraus; alle trugen Reisegewande. Die beiden Krieger – Speerträger Ebroins – neigten ehrerdienig die behelmten Häupter, aber sie legten ihre Lanzen quer über die Knie, die Öffnung sperrend. »Was soll das?« sprach die Königin. »Hinweg mit euch! Wer schickt euch?« – »Dein Majordomus.« – »Fort, sag' ich!« – »Wir haben zu bleiben, bis er uns abruft.« »Gefangen? Seine Gefangene! In meinem eignen Palast!« rief sie entrüstet. »Ruft mir sofort meinen Sohn, den König.« – Unmöglich, Herrin!« – »Warum?« – »Auch er ist bewacht!« »Und auf wie lange?« fragte die Äbtissin. – »Nur bis morgen. Morgen haben wir dich in den Reichstag zu geleiten.« *   VII. Leodegar hatte bald eingesehen, daß man von Autun aus nicht die Geschicke von Neuster-Burgund leiten – oder auch nur ständig überwachen – konnte, sondern nur in oder nahe dem Palatium zu Paris. In dem Palatium selbst fand sich nicht Raum für seine weitgehenden Bedürfnisse an Behaglichkeit, ja Glanz, seines von Kunst geschmückten Lebens. So hatte er sich denn in Paris ein stattlich Absteigequartier geschaffen: – nahe dem alten Cäsarenpalast lagen die stolzen Trümmer eines Apollotempels: Julian der Abtrünnige hatte ihn während seiner kurzen Herrschaft erbaut: seit seinem Tode war er geschlossen und – ohne Pflege – verfallen. Der kunstfreudige Prälat kaufte die Baustelle und die Ruinen und erschuf sich hier, mit dem ihn vor den Zeitgenossen auszeichnenden, feingebildeten Kunstsinn und Geschmack, ein prächtig Wohnhaus: ein Hain, einst dem unbesiegten Sonnengott geweiht, jetzt verwildert, schied das Gebäude von der Mauer des Palastgartens. In dies sein Haus hatte Leodegar auf den Morgen vor der Eröffnung des Reichstages seine Freunde und Parteigenossen zu einer Besprechung geladen. Vor den andern war Bischof Dedo eingetroffen von Poitiers und er sprach zunächst allein mit dem Neffen. »Höre,« hob er an, unzufrieden den feingeschnittenen Kopf schüttelnd, »wenig Ruhm hab' ich in der letzten Zeit geerntet an dir als meinem Schüler in der Staatskunst, in der Leitung der Geschäfte in Palast und Hof. Du hast uns alle miteinander, Bischöfe und Adel, die beiden verbündeten Parteien, allmählich unter ein Netz gleiten lassen, das dieser Sklavensohn zwar lange fein gesponnen und behutsam gestellt hat, – wie sagt Cato? ›Fistula dulce canit, volucrem dum decipit auceps‹. ›Lieblich flötet der Vogelfänger, dieweil er das Vögelein einfängt‹ – aber morgen, fürcht' ich, recht unfein und gewaltsam – denn er ist doch vor allem ein Gewaltmensch! – über unsern Häuptern zusammenschlagen lassen wird: – Klapp! Und die Geier des Weltadels wie wir klugen Dompfaffen werden gefangen sein. Zwar, ich muß ja einräumen: der Gedanke, den verstorbenen Merowing durch dieses weißarmige Weib zu beherrschen, war meines Lieblings würdig: – und daß du dabei dich soweit überwandest, nicht vorher an der süßen Frucht zu naschen ...« – »Er hätte die Berührte nicht berührt.« – »Ist wirklich überraschend ...« – »An deinem Neffen, deinem Blut, nicht wahr? Denn das hab' ich nicht gerade in deiner Lehre gelernt. ›Arcades ambo‹. « Der trotz des Alters immer noch schöne Prälat gab ihm einen leichten Backenstreich. »Ich staune, daß du noch scherzen kannst. Unser Spiel steht schlecht. Fuimus Troës! Daß der Merowing so früh sterben, daß dieser Ebroin – vollends! – das unvernünftige Glück haben würde, durch seine halbblinde Mutter die ganz blinde, glaubens-schwärmerische Königin zu beherrschen, – so daß sie ihn zum Majordomus macht – ich fürchtete gar, zu ihrem Geliebten: aber sie hat wohl Weihwasser in den Adern statt des Blutes! Daß der ihr auch noch die Schwester wieder giebt: – das sind lauter Dinge, die nicht vorauszusehen, daher nicht zu wenden waren. Wie sagt Publius der Syrer? ›Contra felicem vix deus vires habet‹ , ›wenn einer einmal 's Glück hat, kämpfen selbst Götter gegen ihn vergebens!‹ Aber, Glück oder nicht, – es bleiben dir nur die Brosamen von Einfluß, die dir der Ackerlümmel von seinem Tische wirft. Es steht schlecht mit uns, verteufelt schlecht, würde ich sagen, zierten nicht so viele Weihen meinen – wie du siehst: – leider schon ziemlich kahlen Scheitel.« – »Nun, die Weihen, Ohm, haben dir wohl die wenigsten Haare gekostet.« – »Laß die Späße! Mir ist schwül. Es steht schlimm für unser Königspiel! Ich hatte es dich doch fein gelehrt.« – »Vielleicht nicht so schlimm, wie du fürchtest. Meine Späher berichten: die weiße Königin und jener brutale Turm, deren einiges Zusammenspiel uns am schärfsten bedrohte, haben gestern einen ganz hübschen Zank gehabt miteinander.« – »Das wäre ...!« – »Sie will ja schon lange gern aus dem Spiele scheiden. Außer mir aber, dem Bischof, ...« – »Läufer sagen sie in Indien.« – »Der sich deinen Lehrling rühmt, ist aber urplötzlich eine neue Figur uns Schwarzen zu Hilfe ins Spiel gesprungen: – ein schwarzer Reitersmann, – der dem feindlichen Herrn Turm und dessen Reiter, – dem wackern Vanning! – den Weiterweg nach allen Seiten abschneiden wird. Und du vergissest: wir Schwarzen thun ja alles nur für unsern König ...« »Natürlich!« lächelte der Bischof. »Leider ist aber dieser unser König – ein echter Brettspielkönig! – von gar geringem Kampfwert.« – »Das sage nicht! Gegen Ende des Spiels – und zumal, wann die weiße Königin aus dem Kampfbrett in ihre Klosterschachtel verschwunden sein wird! – dann kommt der König doch zur Geltung. Mit führerlosen Bauern – noch so vielen! – wird er – neben nur einem Helfer – leicht fertig: von hinten her rollt er sie auf!« – »Aber dieser König, ... sein Turm, das heißt Hausmeier, hält ihn ja stets behütet.« – »Jawohl! Und gestern und heute, wie verlautet, sogar eingesperrt! Allein ich fand doch Mittel, zu verkehren mit dem Königsknaben, der seinen Bewacher und Tyrannen natürlich haßt.« »Wie alt ist Childerich?« – »Noch nicht fünfzehn. Aber ein Merowing! Also lüstern und listig. Er fand insgeheim den Weg zu mir: – und in die Freiheit! Bei Tag wachen stets sechs Augen über ihn. Aber in der Nacht! Schmächtig ist das Bürschlein: – eine Feile – mein Geschenk – half nach: – eine Stange des Gitters am Schlafzimmer, durchfeilt, wich leicht: die fromme Mutter schläft nicht mehr bei ihm, durch ihre nächtlichen Büßungen das Söhnlein nicht zu stören, sondern im Gemach vor dem seinen: den Schlüssel seiner Thüre, die in den Garten führt, birgt sie unter dem Kopfkissen: aber während sie für sein Seelenheil betet, schlüpft mein gelehriger Schüler durch das Gitter in den buschigen Garten, dann über das niedrige Mäuerlein hierher, wo ihn allerlei Freuden erwarten, die mir die junge Seele ganz gefangen geben: starke Weine, Ovids Verse: – seine ›Kunst, zu lieben‹ – und ... nun: anderes.« – »Ich verstehe: – Dux femina mali! Auch dieser Merowingenknabe wird also rasch nacheinander Vater werden, dann Gatte – und bald Sarkophagbewohner in Saint-Denis.« – »Ja, er wellt rasch dahin, bei solchem Unmaß, in solcher Jugend: 's ist beinah Sünde. Aber ich duld' es ja nur. Und –« »Duldest du's nicht, duldet's ein andrer und schnappt ihn dir weg, wie Ebroin seine fromme Mutter dir weggefangen hat. Also keine Gewissensthorheiten, mein Sohn. ›Exeat aula, qui vult esse pius,‹ meint Lucanus mit Recht, ›wer fromm bleiben will, der flieh' aus dem Hof.‹ – Also des jungen Königs bist du sicher?« – »Völlig. Verschwindet die Regentin, beherrscht er das Feld.« – »Das heißt: du herrschest. Brav.« »Ah, vielleicht gelingt schon heute ein Schlag gegen ... Aber da kommen die Freunde. – Willkommen, Hektor! Was thut die schöne Aurelia?« »Leider noch immer den Willen ihrer frommen Muhme, hochehrwürdiger Herr und Trinkgenoß, nicht den meinen.« »Nun, ich will beten, daß sie sich bessere und nach deinem Willen thue! – Hochwillkommen, ehrwürdiger Herr Bruder von Cahors, Ihr, tapfrer Herr Agnebert von Saintes und Ihr, Herr Berachar von Le Mans. Jedoch Ihr, Herr Truchtigifel von Embrun, übertreibt mir nicht die Askese! Auch das ist Eitelkeit und daher Sünde.« »Hört einmal,« rief der so Vermahnte, – sein ganz Gesicht ward jetzt so rot wie sonst nur seine Nase, und unwillig schlug er auf sein rundlich Bäuchlein, – »hört, sehr junger Herr Bruder von Autun, mein bischen Rhonewein und fettes Fasten sind noch lange nicht die dem lieben Gott verhaßtesten Sünden seiner Priester. Ich bin noch aus der guten alten Zeit, da uns – wie meinen Ahnherrn Truchtigisel – den mit dem Speer! – von Soissons die Sünden dick machten: Eure Laster machen Euch mager und hager und gelb und fahl, wie Figura zeigt.« »Deine verfluchte Spitzzunge!« flüsterte der Ohm dem Neffen ins Ohr. Mußt du uns den guten Schwachkopf verärgern? Solche dicke Genossen machen die Laien vertrausam. Verscheuch' ihn nicht.« – Leodegar zuckte die Achseln: »Aber Dummheit hält auf. – Doch wo bleibt er? – Er: – unser schwarzer Reiter? Ah, da naht er! Hochwillkommen, Graf von Toulouse.« Ein echter Sohn des Südens, kohlschwarz an Haar- und Augenfarbe, tief gebräunt Stirn und Wangen, reich gekleidet und gerüstet, eilte über die Schwelle und verneigte sich leicht vor den Bischöfen. »Valerius, geliebter Freund!« Leodegar umarmte ihn, um ihm fragend ins Ohr flüstern zu können. »Er sträubte sich lange,« entgegnete der Römer, »aber deine Dispensation überwand zuletzt sein Gewissen.« – »Triumph! Doch zeige dich nicht zu früh. Erst wenn ich den Finger hebe, – hier diesen! – scheinbar den Bischofring fester anzudrücken. Dann aber gleich! – Ihr Freunde, einen kleinen Imbiß, bevor wir das Schlachtfeld, wollte sagen: den Reichstag, betreten.« *   VIII. Der Reichstag oder der große Hoftag ward, falls er in Paris zusammentrat, in dem geräumigen Saal abgehalten, der aus dem Atrium des alten Cäsarenpalastes war geschaffen worden. In diesen Saal strömten denn nun auch heute auf allen Straßen von Paris – ausgenommen von Norden her – die Bischöfe und die weltlichen Senioren zusammen, die den Hoftag besuchten, was ja an sich jedem freien, unbescholtenen Manne zustand: aber die kleinen Leute waren, sofern sie nicht eine besondere Bitte, eine Rechtssache oder Beschwerde herzwang, schon lange fern geblieben: aus den Gründen; die der Hausmeier der Regentin richtig angegeben hatte. Nur vom Norden her, wo in der Ferne die Seine den Palastraum umsäumte, führten keine Straßen: hier erstreckte sich vielmehr ein sehr weites, von Mauern umhegtes, durch geschlossene Thore vom Fluß abgesperrtes Blachfeld, auf dem die Reiterei des Palastes ihre Reit- und Kampfübungen zu halten pflegte. Mit Erstaunen vermißten die vom Innern des Palastes her den gewöhnlichen Versammlungssaal Betretenden hier den üblichen Schmuck, ferner die Bankreihen, zumal den Thron des Königs oder der Regentin. Auf ihre Fragen hatten die Palastdiener keine Antwort; nur ein besoldeter Späher Leodegars verwies diesen rasch und verstohlen auf drei große Thore, die auf jenen Waffenplatz führten: sie waren fest von außen verschlossen. Die Mitte des Märzmondes war herangekommen: mit Wohlbedacht hatte der Hausmeier die Zeit gewählt, da früher ganz regelmäßig das »Märzfeld«, die Heerschau über das Volksheer, war gehalten worden: er wollte die Erinnerung an die stolzen Rechte wecken, die damals noch die trutzigen Freien hierbei geübt hatten. Es war ein schöner, sonniger Frühlingstag: die Finken schlugen in den Bäumen des anstoßenden Palastgartens und von draußen, vor den Thoren der Stadt, her hörte man das Jubeln der Lerchen in den blauen Lüften. Während sich die harrenden Geistlichen und Weltgroßen – auf die sechste Stunde des Tages waren sie geladen – ihre Fragen und Bemerkungen mitteilten, führte Ebroin in voller Waffenrüstung die Regentin von deren Gemächern her dem Saale zu; ihre Frauen folgten. »O Sohn, was hast du gewagt – gethan!« flüsterte ihm die Mutter zu. »Herr Majordomus, sie zürnte schwer, bis ich ...« klagte Gunthildis. – »Das Notwendige that ich,« erwiderte Ebroin laut, so daß auch die Königin es hören mußte. – »Bitte sie um Verzeihung,« mahnte die Äbtissin leise. – »Nein, Frau Königin,« entgegnete er, dieser voll in die Augen schauend, »denn ich habe nur meine Pflicht gethan. Und ich verlange von dir, daß du mir das glaubest. Ja oder nein?« Er blieb stehen und zog das weiße Stäblein ein wenig aus dem Wehrgurt hervor: »Bei deinem Nein wende ich um, auf dem Fleck, und überlasse dir Reichstag, Reich und – Verantwortung.« Da schlug sie die Augen auf, die ihm heute noch keinen Blick gegönnt hatten, richtete sie fest auf ihn und sprach: »Ja, Majordomus, ich vertraue dir.« »Dank! – Wisse, du wirst den Verhaßten nicht sehen. Ich hab' ihn verschickt. Fern, an den Rhein.« Hoch aufathmend schritt Balthildis rascher vor. Als sie vor der Thüre standen, die aus dem Inneren in den gewöhnlichen Versammlungssaal führte, machte der Majordomus Halt. »Der Graf Amalgar von Orleans! Er steht rechts?« – »Ja.« – »Der Graf Willibad von Bourges! Er steht links?« – »Ja.« Beide traten vor. »Was habt ihr beide mir zu sagen?« Da sprachen die beiden wie aus einem Munde: »Bereit steht alles, meldet Vannings Treue.« – »Das Losungswort! – Nun, Mut, Frau Königin. Getrost! Gott wird dir zur rechten Zeit mehr als tausend Helfer schicken!« – »Ich weiß,« erwiderte sie mit einem frommen Blick nach oben. »Nein,« lachte er übermütig, das schöne Antlitz hell von Siegesstolz verklärt, »nein, nicht aus den Wolken. Aus deinem treuen Frankenvolk! Ist mir lieber. Und ich werde sie dir rufen! Auf mit der Thüre!« Die beiden Flügel flogen auf und die Regentin, zur Rechten Ebroins, stand auf der Balustrade», zu welcher die marmorne Freitreppe emporführte: mit leichtem Neigen des Hauptes dankte sie der ehrfürchtigen Begrüßung der etwa hundert versammelten Männer: die stets noch strahlend schöne, nur allmählich immer schattenhafter verklärte Frau fühlte, daß gar mancher dieser huldigenden Blicke eben ihrer Weibesschöne galt und, anstatt zu sprechen, schlug sie ihren Nonnenschleier vor das Antlitz. Da hob, ihrer Verwirrung zu Hilfe eilend, der Majordomus an: »Ehrwürdige Bischöfe, tapfere Seniores dieses Reiches! Wichtige Beschlüsse, – wichtigere als je zuvor seit Frau Brunichildens Untergang! – habt ihr heute zu fassen. So will es eure Herrin, die Regentin. Und weil dem so ist, soll heute nicht die geringe Zahl der zufällig hier Erschienenen entscheiden, wie das freilich seit geraumer Zeit so eingerissen war. Aber hundert Jahre Unrecht ist keine Stunde Recht und unverjährbar ist des Frankenvolkes Freiheit. In dieser alten Königspfalz ist schon lange zuviel dumpfe Luft und Weihrauchqualm! Auf mit den Thoren! Laßt Luft, frische Luft herein! Und Licht! Und Sonnenschein! Laßt ein die Freiheit und das Volk der Franken!« Und er schwang den kleinen Elfenbeinstab: da schmetterte hinter ihm eine Trompete hell den neustrischen Heeresgruß: zehn andere antworteten von jenseit der geschlossenen Hofthore – wie Frag' und Antwort hatte das geklungen: auf wurden weit – nach außen hin – die drei breiten Thore zugleich gerissen und mit brausenden Heilrufen, die Waffen auf die Schilde schlagend, strömten herein etwa zweitausend fränkische Heerleute, keine Reiter unter ihnen, alle wehrhaft, aber keiner glänzend, alle nur einfach gerüstet. »Gegrüßt, du tapfere Schar der freien Franken,« rief Ebroin, die Linke der Regentin fassend und mit ihr ganz vor auf die Balustrade tretend. »In eurer Königin Namen heiße ich euch willkommen. – Bitte, entschleire dich! Rasch! Nun sprich! Nur Ein Wort!« hauchte er. »Im Namen Gottes und der Heiligen,« sprach sie mit fester Stimme, »seid willkommen. Gedenkt, daß Gott auf euch herniederschaut: darum schützt das Recht, meidet die Gewalt und, wo ihr es auch antrefft, straft schonungslos das Unrecht.« Da begrüßten brausende Huldigungsrufe das wunderschöne Weib, das viele dieser schlichten Landleute zum erstenmal im Leben erschauten. »Das fängt ja hübsch an,« schalt Dedo. »Der Volkstribun hat sich gesagt: ›Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo‹ , ›giebt mir der Adel nicht nach, so empör' ich in Aufruhr den Pöbel‹.« »Das ist ja ein Bauerntanz, kein Reichstag,« murrte Hektor. »Es ist zu Ende,« zagte Gairin. – »Nein, Bruder, jetzt beginnt es erst, das Spiel: Schach Königin und Turm zugleich! – Lauf, Diakonus, jetzt bringe ... Ihn.« Während dessen hatten die Königin, Ebroin und die Frauen den Saal durchschritten und das mittelste der drei Hofthore erreicht, dicht vor welchem der alte Purpurthron der Merowingen auf mehreren Stufen aufgeschlagen war. Vanning stand davor mit gezücktem Schwerte, das er nun vor Balthildis senkte. Sie nahm Platz, das Antlitz nach Süden, dem Saale zugewandt, auf den oberen Stufen daneben ihre Frauen, Ebroin und Vanning zu beiden Ecken der untersten Stufe. Sie nickte dem begeistert zu ihr aufschauenden Majordomus zu. »Das ist die schönste Stunde, der größte Tag meines Lebens!« dachte er in freudigem Stolz, die gepanzerte Faust auf das hochpochende Herz drückend. Und er begann mit lauter, allhin vernehmlicher Stimme, die ihm bis zu Ende nicht versagte und von Siegesbewußtsein getragen schien: »Ihr alle wißt, ihr Franken, vornehm wie gering, daß dieses stolze Reich geschaffen ward von starken Königen, von jenem ersten Chlodovech an. Aber nicht diese wenigen Männer genügten, die Römer und alle andern Nachbarn zu bezwingen: jene Feldherrn bedurften eines Heeres. Das Heer, – es war das Volk der Franken. Das ganze Volk, nicht die Vornehmen, deren es damals noch nicht viele gab. Und die Bischöfe vollends: – gar manchen seh ich dort vom Schwert umgürtet –« »Wie gern stieß ich dir's in den Schlund!« grollte, sich fest darauf stützend, Agnebert, Bischof von Samtes. Er war bis vor kurzem Oberjägermeister gewesen und hatte das Bistum um seiner schönen Jagden willen um schweres Geld durch Dedo erkauft. »Ihnen waren und sind ja die Waffen verboten. Das Volk der Franken aber ... das waren – und sind – die kleinen Männer, die von wenig Hufen, von geringer Habe,» aber von großem Mut und starker Kraft. Dies kleine Volk hat schwer gelitten in den letzten Zeiten: – das wissen alle! – Oder sagt – sagt ihr selbst – berichtigt mich, wenn ich irre. Habt ihr nicht schwer gelitten?« »Ja! Ja! Ja! Untragbar schwer,« brüllten da die Taufende. Und manche hoben drohend die Waffen gegen die Großen, die ihnen gegenüber auf den Stufen des Palastes standen. Viele von diesen erblaßten, andere griffen ans Schwert. »Wenn er sie jetzt – in diesem Augenblick – auf uns hetzt, sind wir verloren!« sprach Dedo, übrigens ganz ruhig. »Sechs solcher Hunde stech' ich aber dabei tot!« knurrte Hektor. »Ich thät's,« sprach Leodegar. »Er thut's nicht.« – »Warum nicht?« – »Wegen des Weibes: aus Schonung für sie. Gieb acht, du wirst es sehen!« »Und wir wissen auch,« schrie eine rauhe Stimme, all' die andern übertönend, »da oben stehen sie, die uns zertreten: die Bischöfe ...« »Nein, die Seniores,« riefen andere. »Das sind die ärgsten. Jetzt haben wir sie: – jetzt schlagt sie tot! Rache!« Aber da schmetterten auf ein Winken Ebroins alle Trompeten draußen und drinnen zusammen: die tobenden Stimmen verstummten. »Nichts von Rache!« sprach der Majordomus. »Recht! Nur Recht wollen wir hier schaffen: altes gutes Recht wieder aufwecken vom Schlafe, neues gutes Recht daneben stellen, so altes Unrecht tilgen, neues verhüten. Wollt ihr das, ihr Männer?« – »Ja, wir wollen's! Heil Ebroin!« – »So hört denn, was eure Königin und ich euch vorschlagen. Ich trage euch alles auf einmal vor: – ihr sollt dann ja oder nein sagen zu dem Ganzen.« »Das ist eine Thorheit,« sprach Dedo aufatmend. »Diese Verzögerung ...« »Kann ihm den Sieg kosten, den er schon in der Faust hatte,« stimmte Leodegar bei. »Zum ersten: der Graf darf nie mehr aus dem Gau stammen, den er als Grafschaft erhalten soll. Sonst ist er dort mächtiger als der König.« – »Nein, nein! Das soll er nicht! Das ist gut!« »Der Elende! Alle müßten wir da weichen!« knirschte Hektor. »Zum zweiten: kein Senior darf aus der Provinz den Hof des Königs besuchen, ohne Verstattung des Majordomus.« »Warum? Das ist doch hart!« schollen einzelne Stimmen. »Er will uns ganz mundtot machen!« schalt Gairin. »Wer von seinem König nicht gekannt wird, der ist tot, schreibt Cassiodor,« citierte Dedo. »Hört ihr's, der Beifall wird schon schwächer?« frohlockte Leodegar. »Den Wert dieses Verbots verstehen die Provinzleute nicht.« – »Zum dritten: zahllose Landschenkungen an die Kirchen sind gefälscht ...« »Lauf, Ostiarius,« befahl Leodegar leise, »jetzt lauf, was du kannst. Schleppe mit zwei Gehilfen die große Urkundenvase herbei aus meinem Schreibgemach, die neben dem Fenster. Lauf! Es gilt die heil'ge Kirche!« Der stob davon! »In jeder Grafschaft werden die Sendboten der Königin – zwei Laien und ein Priester – die Echtheit dieser Urkunden prüfen: werden sie als falsch erfunden, wird das Gut zurückgegeben. Gefällt euch das, ihr Hufner schmaler Hufen?« Ein donnerndes Ja war die Antwort. »Natürlich! Das taugt den Wölfen, die Lämmer zerfleischen,« zürnte Dedo. Aber Berachar, der Bischof von Le Mans, erbleichte: »Mein Vorgänger war, fürcht' ich, allzu ... schreibgewandt. Was werden wir alles hergeben müssen!« »Weiter: Freie, die aus Not sich selbst und ihre Scholle in das Eigentum eines Mächtigen verkauft haben – also Schuldknechte vor allen!« – fügte er bei mit raschem Blick nach rückwärts zu Balthildis hinauf, »sollen wieder frei und ihres Gütleins Eigner sein und nichtig solche Gott verhaßte Geschäfte.« Brausender Jubel stimmte zu: aber ihn beglückte viel inniger Ein Blick aus den sanften blauen Augen. »Nicht übel,« brummte der hagere Bischof Desiderius von Cahors. »Was sie aber als Gegenleistung von uns in ihren Freßwanst geschlagen haben, das wollen sie nicht wieder hergeben.« »Herr Bruder,« entgegnete der gutmütige Truchtigisel von Embrun, »thät's auch nicht, an ihrer Stelle! Gott segne es ihnen! Gönn' ihnen doch, was sie längst verdaut! Leben und leben lassen!« »Und endlich,« hob Ebroin nochmal mit lauterer Stimme an: »Das Größte ...« »Noch mehr?« forschte Dedo. »Für das Volk kann er doch mehr nicht fordern,« meinte der Neffe. »Und wenn für die Krone ...« »Dann ist's ein Fehler: – eine Abschwächung des Endes!« »Unverantwortlich viel Kronland haben seit zwei Jahrhunderten die Könige an die Kirche gespendet: das Reich verarmt: wohlan, ein Drittel alles ehemaligen Kronlandes sollen die Bischöfe und Äbte der Krone zurückgeben.« Da schrieen aber die hundert Geistlichen so laut wie vorher kaum die zweitausend Wehrmänner; oder wenn nicht so laut, doch viel greller und grimmiger: »Raub! Raub! Das ist der reine Kirchenraub! Weh! Sacrilegium!« In den Reihen der Gemeinen blieb es ziemlich still: ja mancher sprach zum Nachbar: »Warum das?« »Mir ist ganz wohl unter Sankt Martin von Tours.« – »Und mir unter Sankt Denis.« – »Wohler als mir wäre unter dem harten Domesticus des Herrn Königs.« Eine peinliche Stille entstand: die Begeisterung hatte den Gipfel überschritten, sie sank rasch. Schnell benutzte das Leodegar: er winkte, machte sein frömmstes Gesicht und sprach: »Ist es auch einem demutvollen Priester des Herrn verstattet, zu sprechen? Oder redet hier nur der Herr Majordomus?« – »Sprich du nur, Herr Bischof,« rief da ein frommer Burgunde aus Autun dicht unter ihm an den Stufen. »Ich kenne dich: – wir alle von Autun kennen dich: – du hast viel Geld unter die Leute gebracht.« Unterdessen hatte Leodegar besorgt hinter sich gesehen. »Ist er endlich da?« flüsterte er. »Jawohl! Wie du befahlst. Da hinten: – hinter den Diakonen geborgen,« antwortete Dedo. »So möchte ich – mit gnädiger Verstattung also des strengen Herrn Majordomus! – fragen, bevor wir abstimmen, ob die hohe Frau Balthildis, die wir alle gleich einer Heiligen verehren ...« – demütig senkte er das Haupt. – Ein beifällig Gemurmel ging durch die Wehrmänner: »Seht,« sprachen die Burgunden zu ihren nächststehenden, » unser Herr! Der ist gar demutvoll. Ja, so sollten alle sein!« »... Mit all' diesen Vorschlägen einverstanden ist. Das wäre ja von höchstem Wert für uns.« »Ich hab's ja schon gesagt,« rief Ebroin ziemlich ungeduldig. »Hast's nicht verstanden, kluger Bischof von Autun?« »Er sollte nicht so grob sein mit unserm Herrn!« meinten ein paar Leute aus dieser Stadt. »So bitte ich dich, Frau Königin, sprich du,« schloß der Hausmeier. »Mit allem einverstanden,« kam es recht zaglich aus dem kleinen Mund. Denn der letzte Antrag war ihr gar nicht lieb gewesen! »Und zwar,« fuhr der Bischof sanft fort, »sprichst du so, heilige Frau, als Religiosa, die wir alle hoch preisen, oder als Regentin?« »Als Regentin, wie sich versteht!« antwortete an ihrer Statt barsch der Majordomus. »Verzeih, gestrenger Herr. Das ist wohl ein kleiner Gedächtnisfehler. Denn – hört es, ihr freien Franken all'! – die heilige Frau, die hier vor euch steht, ist die jüngste Nonne des Klosters zu Chelles: sie hat gestern die Regentschaft niedergelegt. Und seither herrscht im Reiche Neuster und Burgund nicht mehr sie, sondern ihr Sohn, Herr Childerich. Tritt vor, Herr König!« Und er griff zurück und faßte an der Achsel und schob vor sich hin einen schmächtigen Jüngling, der mit den vorgebeugten Schultern unter der Last eines ihm in Eile umgeworfenen Purpurteppichs an des Königsmantels Statt – zusammenzuknicken drohte. Ein lauter Ruf des Staunens flog durch die Versammlung: aber bei den Allermeisten, die den Schwächling zum erstenmal ersahn, war es kein freudig Staunen: bald hob sich ein Murren: die Blicke der Heermänner flogen vergleichend hin und her zwischen dem fahlen Knirps und der schönen Frau und der Erzgestalt des Majordomus. Der, einen Augenblick überrascht, ersah seinen Vorteil schnell. »Jetzt, Frau Königin,« rief er ihr zu, »jetzt wahre dein Mutterrecht und meine Ehre!« Hoheitvoll erhob sich die edle Gestalt vom Throne: alles verstummte, lautlos lauschten die Tausende, wie sie mit starker, ja mit zorniger Stimme sprach: »Wer immer diesen bethörten Knaben – gegen der Mutter Willen! – aus seinem umgitterten Gemach hierher entführt hat: – er ist im Irrtum. Trägt das Kind die Waffen seines Volks? Wer hat es für wehrfähig erklärt? Noch niemand. Hierher, zu deiner Mutter Füßen, du ungeratner Sohn! Ihr aber wißt: wohl wollte ich gestern weichen aus dem Streit des Hofs: aber dieser Mann, der treueste Held im Reich, hat mich die Pflicht gelehrt, noch auszuharren. Schaut hierher, ihr freien Franken, hier steht eure Herrscherin!« Damit griff sie mit der Rechten an den Thron zurück, erhob den langen goldnen Königsstab und schwang den hoch in die Luft, daß er im Frühlingslichte weithin strahlte. »Heil Balthildis, der Regentin!« – »Heil Ebroin!« – »Willst du wohl gut thun, Büblein?« – »Herunter mit dir!« – »Bitte die Mutter um Verzeihung!« – »Willst du wohl?« So scholl's durcheinander. Und so drohend drang der Ruf in des Knaben Ohr, so dicht, so nahe, daß er erschrak und, nach einem hilfesuchenden Blick auf Leodegar, den der nicht zu sehen vorgab, mit schlaffen Knieen die Stufen herabschlich, über den Saal hinglitt und endlich den Thron der Mutter hinanstolperte, wo er zu deren Füßen niederkniete und ihre Hand küßte. Laut jubelten die Heerleute. »Das Spiel ist aus!« sprach Dedo zu dem Neffen. »Der König hat versagt.« »Ja, aber jetzt kommt der Bischof dran,« erwiderte der. »Wo ist die Vase?« – »Hier,« erwiderten die Ostiarii, die soeben keuchend das hohe, schwere Erzgefäß hinter ihm niedergestellt hatten. »Ihr freien Franken,« begann Leodegar aufs neue, »wechselnd ist der Weiber Wille: – ich konnte nicht ahnen, daß die fromme Frau, die gestern schon einen Fuß in das Kloster gesetzt hatte, ...« »Also Horcher auch an jener Thür,« flüsterte Vanning grimmig dem Freunde zu. »Ihn heute wieder in die sündige Welt zurückzieht. Wiefern das gültig ist, wird ein Konzil zu untersuchen haben.« »Ungültig ist's,« riefen mehrere der Bischöfe, ermutigt durch den kühnen Sprecher. »Ich, ein Priester des Herrn, will zu euch nicht als Kriegern sprechen, nur als Christen. Ob die vielen andern Vorschläge dem Reich der Franken frommen oder nicht, – das mögen Weltlinge entscheiden. Ich beeile mich, rasch beizufügen: alles ist wahr, was der gestrenge Herr Majordomus von der Bedrückung der kleinen Freien geklagt hat.« Da ging ein Beifallgemurmel durch die Reihen auch bisher ihm weniger willig Lauschender. Gewandt fuhr er fort: »Nicht nur durch manche Seniores, – leider, leider! auch wohl« – er hob die Arme und blickte gen Himmel – »durch ein paar Genossen im geistlichen Amt« ... – »Nicht du!« riefen die ihm ergebenen Burgunden, die sich allmählich dichter um ihn drängten. »Du hast die Spendehand!« »Du thust den Armen wohl ...« »Na, und Gott vergilt's ihm heute,« schmunzelte sein Ohm Hektor zu. ›Gratis poenitet esse ›probum‹ meint der welterfahrene Naso, ›umsonst mag kein Mensch brav sein‹.« »Daher will ich auch kein Wort sagen gegen alle Vorschläge des gewaltigen Mannes. Nur warnen, warnen, warnen muß ich euch – als Hirt eurer Seelen! – daß ihr die nicht um Einer Sache willen unrettbar und auf ewig stoßet in das Feuer der Hölle.« Dabei reckte sich die hagere Gestalt plötzlich zu ihrer vollen Höhe, die dunkeln und doch so feurigen Augen schossen Blitze: hoch hob er mit seiner einzigen Hand den schwarzen Mantel über dem Haupt empor: – ein Murmeln des Grauens ging durch die Menge: viele bekreuzten, zurücktretend, Stirn und Brust. »Ja, in die Hölle stoßt ihr eure Seelen, raubt ihr den Kirchen, was fromme Könige ihnen geschenkt! Schaut her: dieser eherne Kessel birgt ungezählte solcher Schenkungsurkunden. Wißt ihr, mit welchem Fluch jede, – jede! – den Kirchenräuber, der die Gabe antastet, bedroht? Seht her – ich greife heraus – aufs Ungefähr: ihr, Amtsgenossen, thut das Gleiche.« Und ohne hinzuschauen faßte er rasch zu, hob eine der Pergamentrollen hervor, entfaltete sie und las: »König Dagobert, – dieses Knaben Großvater –, schenkt die Villa und den Wald von Toury im Gau von Orléans dem Kloster Saint-Denis, wo er begraben sein wollte und begraben liegt, und die Urkunde schließt: ›Wer aber aus irgend einem Grund oder Vorwand oder Schein des Rechts oder des Nutzens für den Staat auch nur ein Bäumlein dieses Waldes dem Heiligen entzieht, dessen Seele und aller Seelen, die ihm zustimmen oder doch nicht in den Arm fallen, sollen verflucht sein auf ewig und immerdar und sollen brennen in der siebenten Hölle zusammen mit der Seele Judas Ischariots, des Verräters des Herrn.« Da ging ein Aufschrei des Schreckens, ein Stöhnen des Grauens durch die Menge. Und bevor es verstummt war, begann Dedo aus einer zweiten aufgerafften Urkunde mit dröhnender Stimme zu lesen: »Und wer diese Schenkung König Chlotachars, des ersten dieses Namens, an das Kloster Glanfeuil anficht oder verletzt, den soll vor allem ächten und bannen, wer dann des Frankenreiches Scepter führen wird ...« Da seufzte Frau Balthildis laut. »Christus aber soll für ihn nicht gestorben sein, der Fluch von Nathan und Abiram soll ihn schlagen und der Aussatz soll ihn treffen und ins Gebein wie Naëman den Syrer, ihn und sein ganzes Geschlecht bis zum siebenten Grad ...« »Grauenvoll!« – »Nein!« »Nein!« »Das soll nicht sein!« »Vergieb den bloßen Gedanken daran, o Gott!« rief da die Menge zerknirscht und erschüttert. Und Bischof Verachar von Le Mans las bei Grabesstille: »Wenn jemand die fromme Gabe des Herrn Königs Childibert an das Kloster Sankt Martins zu Tours verletzt, auch nur mit einem Worte sie bestreitet, dann soll die Erde sich klaffend aufthun und ihr feuriger Schlund wie die Rotte Korah ihn und seine Helfer und alle, die ihm nicht wehren, verschlingen bis in den untersten Pfuhl der Hülle zu ewiger Verdammnis.« Abermaliges Entsetzen! Die Reihen der Heermänner, zunächst Ebroin und dem Throne, wichen scheu, mit lärmenden Waffen, weit von ihm hinweg. »Gieb dies eine auf und rette das andere, sonst ist alles verloren,« flüsterte ihm Vanning zu. Aber der eherne Ebroin schien auf einmal noch eherner geworden: er drückte die Rechte so fest auf den harten Hirschhorngriff des väterlichen Schwertes, daß ihn die Finger grimmig schmerzten: »Nein,« knirschte er, »nicht zurück! Keinen Schritt! Alles oder nichts! Sie sollen! Sie müssen!« – »Du rasest.« – »Mag sein. Aber ich siege.« Abermals begann Leodegar: »Geliebte Brüder. Höret mich ...« »Nein,« schrie Ebroin außer sich. »Hört ihn nicht!« Und er hob den Stab. »Blast, Hörner und Trompeten, den Heerruf der Franken!« Aber alles blieb still! Auch die Hornbläser hatten sich aus seiner der Hölle verfallenen Nähe gedrückt: sie sahen nicht mehr auf ihn oder wollten nicht sehen noch hören! Triumphierend bemerkte es Leodegar, und lauter fuhr er fort: »Hört ihr's? Die freveln Klänge schweigen, die den Klageruf der Kirche ersticken sollten. So hat denn der Herr mein Hoffen gerechtfertigt und mein Gebet erhört: noch ist in den Seelen seines frommen Volkes – des zweiten Volkes, das er sich vor allen auserwählt hat! – nicht erloschen die Furcht vor seinen Geboten, die Scheu, die Rechte der heiligen Kirche zu verletzen: noch kann die Gier nach irdischem Gut, der Vorteil des Staates, dieses vergänglichen Übels, das, durch die Sünde und den Teufel entstanden, zugleich mit dem Teufel untergehen wird am jüngsten Tage, nicht in euren Gewissen zurückdrängen die Furcht vor der gerechten Strafe, die dem Kirchenräuber gedroht ist in heiligen Schriften und frommen Pergamenten. Wohl euch, ihr Frommen, daß ihr die Versuchung sieghaft überwunden habt! Wie aber, wäret ihr erlegen, wie geartet wäre der Mann gewesen, dessen Führung ihr gefolgt wäret zu kurzem Besitz und zu ewiger Pein? Kennst du denn wirklich diesen Mann, bethörtes, glanzgeblendet Volk der Franken?« Bei den letzten Worten trat er hart an die Brüstung der Treppe vor dem Palast, auf der er gesprochen, bis ganz vor: und über die Helme und Speere hin ließ er so feindlich drohende Blicke auf Ebroin fliegen, daß dieser selbst stutzte, die Frauen hinter ihm erschrocken gespannt sich vorbeugten und Vanning ihm zurief: »Was jetzt? Was hat er nun noch ausgeheckt?« »Gewiß,« fuhr der langjährige Seelenbeobachter und Seelenleiter fort, geübt, seine Rede der etwa wechselnden Stimmung seiner Hörer augenblicklich anzupassen, »gewiß der Herr Majordomus, – stammt er auch nicht, wie sonst eure Führer pflegten, von edeln Ahnen – ist ein tapfrer Mann! – Sein Schwert ist rasch: – nur allzu rasch manchmal! – sein Entschluß ist kühn: – nur allzu schrankenlos kühn zuweilen! – und gewiß will er das Wohl dieses Reichs – so wie er dies Wohl – weltlich genug! – versteht. Aber neben diesen Tugenden – heidnischen: die heidnische Tugend aber ist nur ein glänzend Laster, lehrt ein heiliger Lehrer – schlummern die Triebe ruchlosen Verbrechens.« Entrüstet hob da die Königin das schöne Haupt und ihre Schwester blickte gar zornig aus den blauen Augen. Auch durch manche Haufen der Heermänner ging ein mißbilligend Grollen. Sofort erkannte der Redner die Gefahr noch längerer, verzögernder Vorbereitung seines Angriffes: er ging daher gleich zur Entscheidung vor: »Ihr zweifelt, wackre Männer? Es macht euch Ehre, daß ihr an eurem Führer stetig haltet. Aber der Zweifel ist ausgeschlossen: ich mach' es kurz, wie ihr es liebt: wie Speeresstoß und Schwertesschlag: dieser Ebroin dort, der höchste Manu in eurem Reich in Krieg und Frieden, der dort am Thron einer Heiligen in deren Glanz sich sonnt: – er ist ein Räuber, ein Totschläger, ein Mörder!« Da erbrauste, plötzlich entfesselt, ungeheurer Aufruhr: ein Speer flog aus der Mitte der Schar gegen den kühnen Ankläger: Hektor sah's und fing ihn mit der Rechten, aber andere Heerleute stürmten mit geballten Fäusten, mit gezückten Waffen gegen die Stufen hin, auf deren oberster der Ankläger stand, furchtlos, dem drohenden Tode trotzend, die scharfen Züge jetzt von edlem Mut verklärt. »Schützt den Bruder!« rief Gairin, den Speer fällend. »Hierher, Hektor, Pfalzgraf Aigulf, Graf Fortunatus, Bischof Agnebert! Fällt die Speere, reiht die Schilde dicht. Ihr Edeln, schützt den Edeling, den Bischof!« Und so geschah's. Der Haufe, der gegen die Stufen empordrang, stieß auf eine eherne Kette, die man nur unter vielem Blutvergießen hätte durchdringen können: die Führerlosen stockten, stauten sich: – schon fluthete die Welle zurück, die Stufen hinab. Die Königin war von ihrem Thron aufgesprungen: sie beugte sich vor: »Sprich, mein Freund! Zertritt diese Lügen.« Jedoch sie sah mit Entsetzen in ein regungslos versteinertes Gesicht, in starre, weit geöffnete Augen: »Äbtissin,« rief sie, erschrocken sich wendend, »was ist deinem Sohn?« Aber Frau Leutrud lag regungslos in Gunthildens Armen. »Vanning,« – fragte endlich der Beschuldigte. »Wem ...?« Er ergriff einen Speer, der am Throne lehnte, und hielt sich daran aufrecht. »Nur jenem Priester.« – »Unseliger! Und alles ... alles?« – »Nicht ... lang nicht alles!« »Seht ihr's?« fuhr der Ankläger in vollem Siegesgefühle fort, »seht ihr ihn wanken, jenen ehernen Mann? Das ist die Macht der Wahrheit, das ist das unwiderstehliche Gewissen! Wäre er unschuldig, wahrlich, – ihr kennt seinen raschen Zorn! – schon hätte mich, den Verleumder, in nie fehlendem Wurf die Lanze durchsaust, an der nun der Bebende sich mühsam hält. ›Beweise!‹ rufen da drei wackere Männer, Gewiß! Wer solche Klage beweislos brächte, wäre ehrlos auf immerdar. Aber – vor der Beweisführung – nur noch ein Wort. Mancher tüchtige, schlichte Mann denkt jetzt in seinem Sinn: ›wie soll das, wie solcher Widerspruch möglich sein? Der Hausmeier ist ein Held, der größte heut' im Volk! Wie kann es geschehen, daß er zugleich ein Verbrecher ward?‹ Wohlan: das konnte geschehen, weil Gott ihn verlassen hat, wie er – zuvor – seinen Herrgott verließ!« Ein Murmeln des Grauens, der Scheu, aber wohl auch des Zweifels ging durch die Reihen. »Ihr glaubt es nicht? Ja, es ist auch gräßlich zu glauben. Aber, es ist wahr! Ihr alle sollt es hören. Sprich, Ebroin, Ebromuths Sohn, ich, ein Priester des Herrn, frage dich hier vor allem Volk, – vor deinem Volk! – sage, glaubst du, daß der Herr Christus, Gottes Sohn und Eins mit Gottvater, dich erlöset hat durch seinen Tod, auferstanden ist von den Todten, aufgefahren gen Himmel, sitzet zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, und daß er von dannen wiederkehren wird in den Wolken, zu richten die Lebendigen und die Todten? Glaubst du das, so sprich hier laut vor allen: »Ja, ja, ich glaube.« Er hielt inne: Totenstille lagerte plötzlich auf der vor kurzem noch so lauten Stätte: tausend Augen waren starr, gespannt, auf den einen Mann gerichtet: die Königin, ihre Schwester beugten sich angstvoll ganz vor zu ihm: – aber die Mutter verhüllte, laut jammernd, das weiße Haupt in ihrem Schleier. Und er, dem all dies hochgespannte Forschen, Harren galt? Er lehnte regungslos, ohne einen Laut, an dem krampfhaft festgehaltenen Speer: scharf blitzten die grauen Augen über die ganze Menge hin und herbe Verachtung der Gefahr, wie des Befragers, schürzte ihm die trotzigen Lippen: aber diese Lippen, – sie blieben stumm. »Hört ihr's? Seht ihr's?« frohlockte der Bischof. »Er muß verstummen! Er weiß, ein Wort kann ihn retten: – aber Gott der Herr schnürt ihm die Kehle zu: – er kann es nicht sprechen, das Wort der Lüge.« Da brach das Grauen der Entrüstung, des Abscheus in einem dumpfen donnerähnlichen Gemurre los: alle, alle, die noch in der Nähe des Angeschuldigten ausgehalten hatten, verzogen sich nunmehr scheu, leise, aber hastig, von ihm wie von einem Verpesteten; nur Vanning blieb, das Haupt von Schuldgefühl gebeugt, mit gesenkten Augen an der anderen Seite des Thrones stehen. Stöhnend, die weißen Hände ringend, sank die Königin an die Lehne ihres Thrones zurück. Leodegar aber fuhr fort: »Den Beweis seiner Gottlosigkeit, seiner Gottesleugnung hat sein Verstummen erbracht. Den Gottesleugner darf man jedes Verbrechens zeihen. Aber ich verklage ihn nicht nur, – ich überführe ihn! Welchen Beweis ich bringe? Wiederum sein eigen Wort. Gichtigen Mund. Und blickenden Schein. Vor Jahren war's – manche werden's gedenken: – denn lauten Lärm machte damals die grause That – da ward in einer Herbstnacht, im Wald von Epinay, auf des Königs offener Heerstraße, im Marktfrieden von Saint-Denis, der reiche alte Römer Apronius von Soissons überfallen durch vermummte Wegelagerer: – so berichteten die überlebenden Begleiter: ermordet ward der Alte, der Geldsack von dem Maultier hinweg geraubt, ein tapfrer Franke, der, in königlichem Auftrag, sichres Geleit gewähren sollte, erschlagen. Gedenkt dessen niemand mehr von euch?« »Ich! Ich! Ich!« riefen Gairin, Hektor, Dedo und viele der Bischöfe und Edeln: aber auch gar manche unter den Heerleuten. »Wohlan, der eine der beiden Verbrecher war – da der Schatzmeister, Graf Vanning dort: – am Thron der Königin wagt der Blutschuldige zu stehn! – Zum Schatzmeister hat ihn sein Freund gemacht, mit Recht, denn Vanning hat in jener Mordnacht im Walde gezeigt, er versteht sich auf den Golderwerb! Vanning also war der eine der beiden Schächer: – er wird nicht leugnen, fragt ihr ihn. Denn, bei Gott, er hat noch ein Stück von Gewissen. Daher ekelte ihn auch nach geschehener That des Raubes: er warf den schweren Goldsack reuig von der Seinebrücke in den Strom: daraus ward er aufgefischt vor zwei Nächten: da seht! Hier liegt der Beweis vor euch! Hierher legt ihn, Diakone, auf die zweite Stufe! In all' der Zeit konnten die Wasser die schwere Beute der Räuber nicht entführen: – Gott befahl den Fluten, den Beweis liegen zu lassen, wo er lag, bis zur Stunde des Gerichts, Seht, wie der festverschlossene Schlauch von Schlamm, von Schilf, von Muscheln überzogen, starrt! Seht, wie da der Schatzmeister auf die Knie gestürzt ist bei dem Anblick! Nun, diese Zerknirschung spricht laut genug. Ich brauche ihn nicht zu fragen! Aber euch frage ich, euch, Bischöfe, Edle, freie Franken: – den einen Thäter kennen wir, wer war der andre?« »Ebroin! Ebroin! Ebroin!« riefen da alle, und all' die tausend Hände, Speere, Schwerter deuteten, all' die empörten Blicke dieser tausend Augen zielten auf den Einen Mann. Der aber hatte sich nun in sich zusammengeschlossen. Während Vanning auf den Knieen lag, das Haupt in beide Hände gestützt, stand er hoch aufrecht, wie aus Erz gegossen, ohne Zittern, fest und gerad', wie der Speer in seiner Hand. »Hilf, heilige Jungfrau, hilf ihm, Herr, mein Gott!' betete die Königin laut, »wenn er schuldlos ist!« »Du mußt ihm helfen, Gott,« rief ihre Schwester, »denn er muß schuldlos sein!« Aber seine Mutter lag gebrochen über ihren Stuhl hingebeugt, ohne ein Wort, ohne Gebet, ohne Thräne. »Ich frage dich, Majordomus von Neuster und Burgund, Graf Ebroin, bist du dieser Thaten unschuldig oder schuldig?« rief der Ankläger über die Köpfe der brausenden Menge hin. »Schuldig,« antwortete der laut und fest. »Allein schuldig. Ich bin der Anstifter! Und ich allein habe den Römer erstochen.« »Hört ihr's?« frohlockte Leodegar. »Nun gedenket daran, ihr freien Männer, wie bei Eröffnung dieser Verhandlung die weise und fromme Frau Königin euch gemahnt hat: schützt das Recht, meidet die Gewalt und, wo immer ihr es antrefft, straft – schonungslos – das Unrecht.« Aber in das aufs neue entfesselte Toben des Unwillens mischten sich doch jetzt auch schon wieder Rufe der Anerkennung für solchen Freimut. Und die gelindere Stimmung nahm nun rasch zu, – Raub und offenes Blutvergießen bei Raub machten ja nicht ehrlos wie Diebstahl und Mord – als Ebroin fortfuhr: »Wisset aber, diese Kunde erfuhr der Bischof durch einen schweren Kirchenfrevel: – durch Verletzung des Beichtgeheimnisses. Denn Vanning – steh auf, sag' ich, laß ab zu jammern! – hat die That nur Einem offenbart, seinem Beichtiger. Und der also hat ...« »Die verfluchten Priester,« scholl da ein vereinzelter Ruf aus dem Haufen. »Die Falschen! Die Treulosen!« wiederholten schon mehrere. Leodegar erkannte die Gefahr: er rief: »Laßt ab von frevler Schmähung der Gesalbten des Herrn. Erst bischöfliche Dispensation, ja Befehlung hat den Widerstrebenden vermocht, den Namen des einen Sünders zu nennen. Den des andern verschwieg er.« »Weil er ihn nicht wußte,« trotzte Ebroin verächtlich. »Er war nicht schwer zu raten,« lachte der Bischof. Einstweilen aber hatte die Königin einen Entschluß in der Seele gereift: die Äbtissin ihrem hoffnungslosen Schmerz überlassend, flüsterte sie der Schwester ein Wort zu: »Gewiß,« rief diese freudig, errötend, »gewiß! Das thu! Es muß ja etwas Edles sein.« »Hört mich, ihr Männer,« sprach Balthildis. »Fern sei es mir, einzugreifen in das Gericht über so schwere Schuld. Aber das Gericht – mit dem Geständnis beider ist es ja fast zu Ende! – nur um die Strafe und um unser Werturteil über die Männer handelt es sich noch. Da aber wiegt doch am allerschwersten, mein' ich, der Zweck, um dessen willen der Raub, der Totschlag geschah. Sprich, mein Majordomus, – denn nimmer will ich glauben, nachdem ich jahrelang deine Uneigennützigkeit erprobt und wie du Gold und Goldeswert nur für die Krone schätzest, für dich selbst verschmähst – nun und nimmer werd' ich glauben, – und spräche so dein eigner Mund! – daß du lediglich für dich, um reich zu werden, des Römers Geld geraubt. Sprich, sprich offen – laut vor allen hier – was war dein Zweck?« »Jawohl!« – »Jawohl!« – »Der Grund!« – »Der Zweck!« »Was trieb dich an?« fragten viele hundert Stimmen. »Jetzt sind wir gerettet,« rief Vanning, an ihn heranspringend. »Sag's! Sag's rasch! Und unsre Ehre ist gerettet. Das ganze Volk betet sie ja an. Sage rasch alles!« – »Unsinniger! Du hast doch das – das! – dem Priester nicht auch gebeichtet?« – »Nein!« – »Nun? Dann ist alles gut.« – »Sag's. Sag's gleich! Oder ich sag's!« »Ich ersteche dich beim ersten Wort.« Er zückte krampfhaft den Speer. »Sollen diese geilen, schmutzigen Hunde von Priestern und diese Wüstlinge von Seniores, sollen diese das keusche Geheimnis meines Herzens entdecken? Sollen sie die Heilige besudeln mit ihrem geifernden Argwohn? Ich höre schon ihr höhnisches ›Aha! Deshalb? Die Liebe ward und wird erwidert‹. Und fragt mich der Schurke von Autun, ob ich's nur aus Menschlichkeit gewollt: – soll ich dann das ›Ja‹ lügen? Niemals! Schweig' oder du bist des Todes.« »Das ist Wahnsinn,« seufzte Vanning und trat von ihm hinweg. »Nun, Majordomus?« fragte die Regentin. »Mich befremdet dein Zögern. Sprich, sag' offen: – ich befehl's: nenne deinen Grund und Zweck des Raubes!« Da wandte ihr der furchtbar Ringende das Antlitz zu und mit dem tiefsten Weh erwiderte er: »Nein! Ich hatte keinen andern Zweck,« Aufs neue brauste jetzt die Entrüstung los: desto furchtbarer, desto schärfer, je arger die Enttäuschung aller derer war, die besser von ihm gedacht. »Unmöglich!« schrie die Königin mit einem Jammerlaut wie ein verwundet Tier des Waldes. Und sie warf sich auf seine Mutter, rüttelte sie an beiden Schultern auf und rief ihr ins Ohr: »Unmöglich! Kennst du den Zweck? Ich bitte dich, – verkünd' ihn mir!« Zwei Worte flüsterte die Greisin: – da riß die Königin die Augen und den Mund weit auf. Und ohnmächtig, lautlos – sie fand keinen Ton mehr – stürzte sie zu Boden. *   IX Ebroin aber rief nun in die gegen ihn herantobende Menge: »Halt! Noch einen Augenblick: – bevor ihr uns richtet, verurteilt. Ihr Franken, die ihr keine Priester seid, wie nennt ihr die That dessen, der einem Mann das Geheimnis abdringt, das dessen tiefster Treue auf die Seele gebunden war: – also bei den Christen das Gebeichtete. He, du Alter, du in deinen weißen Haaren: ich kenn' dich nicht: aber dein Auge blickt treu: wie nennst du solche That?« »Neidingsthat, Ebroin! Und zehnmal schurkischer als ein blutbeträufter Wegraub.« »Wohl denn: diese Neidingsthat, wer hat sie begangen? Der Bischof von Autun? Das war' mir leid. Denn einen Krüppel kann ich nicht kampflich grüßen und erschlagen, eh' ich, mit Recht verurteilt, sterbe.« »Jetzt, Neffe, sieh dich vor,« flüsterte Dedo. »Der Turm da rast noch um sich, eh' er fällt. Wer deckt dich, Bischof?« – »Der schwarze Reiter. Nun wird's höchste Zeit. Ist er endlich da? Ja? Jetzt hilf, Valerius!« Er winkte. Da trat aus der hintersten Reihe der Seniores, in der er sich bisher geborgen, jener schwarzhaarige, schwarzäugige Römer hervor, den reichster Schmuck an Gewand und Brünne auszeichnete. »Ich hab's gethan,« rief er, bis zur äußersten Linie der Treppenbrüstung vortretend. »Ich, Valerius Lupicinus, der Patricius von Toulouse.« »Was? Wer? Wie?« schrie Ebroin und den Speer fallen lassend, stand er, mit drei mächtigen Sätzen vom Thron hinweg in der Mitte des Saales. »Du? – Du warst doch früher Vicegraf von Poitiers?« »Vor Jahren. – Ich rühme mich, daß ich jüngst jenen Beichtpriester – zufällig! – auffand und ihm abrang, was dich und deinen Mordgesellen heute zerschmettert.« »Wie wir darauf kamen?« fiel Leodegar ein. »Höchst einfach! Vannings plötzliches Verschwinden forderte zum Nachspüren auf. Der letzte, der ihn – an jenem Tage noch – gesehen, war dieser edle Römer gewesen: er gab – damals schon! – an, ihn getroffen zu haben in der Basilika des Apostels Johannes, als Valerius von der Beichte kam, während jener, ganz verstört, den Priester zur Beichte zu suchen schien. Diesen Priester wieder aufzufinden war uns aber all' die Zeit her nicht gelungen, bis Valerius ihn vor ein paar Tagen zufällig auf der Straße traf. Das übrige besorgte bischöfliche Dispensation, ja Gebietung.« Ebroin schlug jetzt eine seltsame Lache auf, so daß die Nächsten entsetzt von ihm zurücksprangen: sie meinten, all' die Erregung habe ihm den Verstand genommen. Er hob das Gesicht so steil gen Himmel, daß ihm der Eberhelm rückwärts vom Haupte fiel und auf die Erde rollte: »Hei,« schrie er, »heut', am Tag seines ungerechtesten Gerichts, möchte ich beinahe anfangen, an einen gerechten Gott im Himmel zu glauben, da er heute dich mir schickt, Herr Patricius von Toulouse.« »Er raset, geh!« mahnte den Dedo: denn der furchtbare Ausdruck des jetzt ganz Nahestehenden ward ihm sehr unheimlich. »Nein, bleib! Nur noch kurz! Höre, antworte, lüge so wenig wie ich soeben gelogen. Bist du's, der vor ... vielen ... Jahren – vor Poitiers zur Jagd ritt: – mit fünfzig Gäulen und Hunden und Knechten: – zur Hetzjagd,: – auf Hirsche – hoch zu Roß. Und da trat ein freier Mann, – vor seinem selbstgepflügten Kornfeld – dir entgegen, das Schwert in der Scheide, und verwehrte dir, seine müheschwere Saat niederzustampfen durch Hirsch, Hund, Roß und Knecht. Du aber, was sagtest du?« »Verfluchter Ackerknecht,« sagte ich, »weiche oder verrecke.« »Jawohl, so sagtest du. Und der Mann wich nicht fingerbreit von seinem Recht und seiner Scholle: und du? – Du stießest ihn nieder mit dem Speere. War es so?« – »So war's.« – »Du dachtest, niemand hab's gesehen als deine Knechte. Aber im Graben, versteckt, hinter seiner Herde, lag der alte Hirt: der sah's schaudernd mit an. Wohlan, der Mann, Herr Patricius von Toulouse, war mein Vater.« – »Ich weiß es. Und ich wußte es damals.« »Und ich ...« hier stockte ihm die Stimme – »und ich suchte dich, suchte dich all' diese Jahre.« – »Ich versteckte mich nicht! Ich bin erst kürzlich wieder im Reiche.« – »Und nun find' ich dich. Heute! An diesem Tage, der da richten soll, wie es scheint, über alle alten Frevel. Und obwohl du ein Schurke bist, ein elender Neiding, ein Mörder, so fordr' ich dich doch hier vor mein Schwert, vor dies, meines Vaters Schwert, ich, meines Vaters Sohn.« »Und ich,« antwortete der Patricius, »ich lache dich aus. Ich bin ein Römer, ein Valerius. Meine Ahnen haben vom Tiber aus die Welt regiert, als die deinen noch Kühe stahlen im Erlenbusch der Waal. Ich mit dir kämpfen! Ei, könnte ich mit Einem Speerstoß wie jenen Alten die Vettel, deine Mutter dort, und dich und all' deinesgleichen, du Ackergaul, aus der Welt stoßen: – ich stieße nochmal.« »So stirb!« schrie Ebroin außer sich, sprang vor und stieß ihm das rasch gezückte Schwert in die Gurgel, daß es im Nacken herausdrang. Ein furchtbarer Schrei aus mehr als tausend Kehlen: »Mord! Mord im offnen Ding! Im Königspalast! Mord! Mord! Mord!« Nun kam's zu kurzem Kampf. Mit den Bischöfen und Seniores wären Ebroin und die Seinen wohl fertig geworden. Deren ersten Ansturm wehrten sie ab. Aber die Bauern, die kleinen Leute, die der Hausmeier selbst herbeigerufen! Sie gaben den Ausschlag. Nachdem der Anlauf der etwa achtzig Seniores, der sich zuallererst über die Stufen herab von vorn auf die Verurteilten warf, abgeschlagen war, stürzten sich, bevor die Sieger sich retten konnten, vom Rücken und von beiden Seiten her, die gewaffneten Bauern – Ebroin selbst hatte ihnen eingeschärft, ihre besten Waffen mitzubringen! – mit solcher Wucht auf die kleine Schar, die dem Gottesleugner und Totschläger zur Seite blieb, daß jeder Widerstand sofort erdrückt war. Gar schnell waren Ebroin, Vanning, die beiden Grafen von Orleans und Bourges und die wenigen, die ihnen sonst beistehen wollten, – nicht ein halbes Hundert! – überwältigt, entwaffnet, gebunden. Nun wurden Ebroin und Vanning in die Kerker des Palastes, die unterirdischen Gewölbe, die in der römischen Zeit der Wasserleitung und Heizung gedient, gebracht, während man die noch immer ohnmächtige Königin in ihre Frauengemächer trug. *   X. Auf dem vor kurzem noch so lärmenden Waffen- und Dingplatz trat nun alsbald Stille ein. Aber nicht auf lange: die Sieger beeilten sich, das Eisen der den Gestürzten feindlichen Stimmung zu schmieden, solange es noch so glutheiß war. » Fervet opus ,« schmunzelte der Bischof von Poitiers. Der auch des weltlichen Rechts, zumal des Strafrechts und des Strafverfahrens, besonders kundige Leodegar übernahm sofort die Leitung der nun einzuschlagenden Schritte: ohne amtliche Stellung, nur je nach Bedarf und Befragung in dem Verfahren bald den Ankläger, bald den Richter beratend, fördernd, antreibend. Es ward Anklage erhoben wider beide Freunde wegen Wegelagerung, Raub, Bruch des Straßen- und Marktfriedens sowie des königlichen Geleits und wegen Totschlags: die Anklage auf Mord ließ man fallen auf Rat Leodegars: »Das andere langt schon,« meinte er, »für den wackern Vanning.« Gegen den Majordomus ward außerdem geklagt nicht nur wegen Totschlags im offnen Ding, Bruch des Ding- und Palastfriedens, auch wegen Untreue, › infidelitas ‹: das will sagen Hochverrat gegen die Königin-Regentin. Die staunte freilich, als sie das vernahm! Aber gerade diesen Gedanken hatte Leodegar glänzend durchgeführt: »Solche Thaten, wie sie der kühne Majordomus versucht, werden benannt nach dem Erfolg.« »Jawohl!« bekräftigte Dedo. »Wie sagt Juvenal? › Ille crucem sceleris pretium tulit, hic diadema ‹. ›Für dieselbe That erhält der eine den Galgen, der andre die Krone‹.« Sein Neffe aber fuhr fort: »Der Verwegene wollte mit Gewalt Bischöfe und Adel unter den Willen der plötzlich hereinbrechenden Heerleute zwingen: gelang es, war's eine glorreiche Rettung des Staates. Da es scheiterte, war's ein Verbrechen, ein Versuch, das Recht unter Gewalt zu beugen. Die Zustimmung der bethörten, willenlosen Königin ist Schein: gerade gegen ihr Königsrecht hat er gefrevelt. Auf infidelitas steht der Tod und Einziehung der Güter; Vanning, den Gehilfen, trifft auch hierfür die gleiche Schuld und Strafe.« Das waren die Gedankengänge, auf denen der überlegene, dialektisch geschulte Scharfsinn des Theologen und des im Rechte viel bewanderten Kirchenfürsten die andern ihm zu folgen geistig zwang: die meisten folgten ihm nur allzugern. Das Pfalzgericht trat nach einer Stunde in dem alten – kleinen – Versammlungssaal zusammen; den Vorsitz übernahm, dem Gesetze gemäß, da die Regentin sich nicht vom Lager erheben konnte und der Majordomus selbst der Angeklagte war, der Pfalzgraf Aigulf. Die Anklage erhob, von Leodegar genau unterwiesen, der Seniskalk Gairin. Das Pfalzgericht bestand aus fünfzehn Bischöfen und zehn weltlichen Großen: sofort stellte der Richter die Umfrage und einstimmig fanden die Urteiler Urteil nach dem Antrag des Anklägers. »Ich wünsche dir Glück, Herr Neffe,« sprach Dedo, als das Ding gelöst war. »Das war ein ganzer, voller Sieg.« »Und fast ohne Verlust. Denn es ist nicht schade um den schwarzen Reiter, der dabei fiel.« – »Warum nicht?« Leodegar zuckte die Achseln. »Er war schwer leitbar, fing an, selbständig zu werden. Jetzt wird ihm keiner mehr widersprechen, was er nicht vertrug. Und er mir nicht mehr, was ich nicht liebe.« – »Versäume nur nicht, den Sieg auszunützen. Beider Tod? Hm?« »Ja,« zweifelte der Neffe, »das hängt nicht von mir ab. Sie wird beide begnadigen.« – »Dann komm rasch zuvor! Sie liegen – gefesselt! – im Kerker. Sie könnten ja leicht bei der Überwältigung tief – tödlich! – verwundet worden sein.« »Arger Versucher!« schalt der Neffe lächelnd. »Dieser Gedanke, meinst du, er kam mir nicht, wie der Starke endlich gebändigt, – wie ein Bär hatte er gerungen! – auf das Antlitz niedergeworfen, vor mir lag? Kein Auge hätte es gesehen, wenn ihn diese kleine Klinge ...« er zog einen ebenso zierlichen und kostbaren, wie gefährlich geschliffenen Dolch, der an einer Feder völlig in eine Ebenholzröhre zurückzuschieben war, aus dem Futter seines Ärmels. »Aber nein! Er mag – ungefährlich gemacht – leben: – irgendwo – eingesperrt – nur uns verfügbar.« – »Verfügbar – gegen wen?« Leodegar sah sich um: oben, auf der Treppenbrüstung, stand eine Gruppe von Seniores. Leise flüsterte er, mit dem Kopfe dorthin nickend: »Gegen die da!« – »Unsere Helfer?« – »Den Weltadel. Nicht immer folgt er mir gefügig. Sie wollen mehr an Macht, an Land als ihnen zukommt oder doch wir entbehren mögen: gegen die ist ein unvergleichlich Rüstzeug – Ebroin. Droh' ich mit dem, thun sie mir alles. Mit einem toten Majordomus aber kann ich nicht drohen.« – »Höre, Neffe, du hast mich überholt in der Staatskunst. Bitte, nimm nun fortab du mich in deine Schule.« »Ich lerne noch täglich! Und heute hab' ich viel, viel gelernt. Hei, wie freut es mich, daß gerade seine eigenen Standesgenossen, daß die kleinen Leute ihn verlassen haben, die er gegen uns hierher aufgeboten hatte. Wir wenigen allein hätten ihn und seine Freunde nicht bewältigt. Das konnten nur die zwei Tausend, die er selbst herbei entbot. Das ist der Spaß dabei! Ja, wer sich auf das Volk verläßt ...« »Der ist verlassen. Ei, musterhaft hast du die frommen Seelen heute hin- und hergelenkt: – wie ein Reiter wohlgeschulte Rosse.« »Ja,« lachte Leodegar, »sie fürchten – zum Glück für uns! – doch die Hölle mehr als sie das Frankenreich lieben. Und gerade die, für die er alles that, sie zu befreien, sie haben ihm heut' die starken Arme auf den Rücken gebunden. Es giebt, scheint's, Ohm, nichts, was undankbarer ist, als ein Volk.« – »Doch, Neffe!« – »Was?« – »Ein König.« – »Nun aber haben wir noch die Entscheidung der Königin abzuwarten. Gieb acht, in mehr als einem Punkt wird sie entscheiden.« *   XI. Während dieser schlummerlosen Nacht rangen die drei Freundinnen mit bitteren Schmerzen, mit schweren Entschlüssen. Die hohe Aufregung, das Verzweifelte der eigenen Lage und der Geschicke Ebroins hatte in der ersten Stunde, in der die Königin zu sich gekommen und von den späteren, blutigen Geschehnissen unterrichtet war, in rascher Wallung, in einem Ansturm niedergerissen all' jene Schranken des scheuen Schweigens, die bisher unter ihnen mit der Herzenskeuschheit junger Frauen, mit der weisen und zarten Zurückhaltung einer alten, leides- und lebenserfahrenen Mutter waren eingehalten worden. Ungleich näher als der Schwester, der in diesen langen, wichtigen Jahren reifender Seelengestaltung von ihr getrennten, stand Frau Balthildis der Äbtissin, der sie all' diese Zeit als ihrer nächsten Vertrauten ihre himmlischen und irdischen Sorgen, all' ihre Geheimnisse – mit Ausnahme des Geheimsten – ans treue Herz, an die gleich fromme Seele gelegt hatte. So war es denn auch Frau Leutrud allein, welche die Regentin zunächst an ihr Lager berief zur Ausschüttung, dann zur Klärung der Gedanken, und zur Reifung der Beschlüsse. »O Mutter,« klagte sie, »hättest du mir doch auf meine verzweiflungsvolle Frage nur die eine Antwort gegeben! Nur die: ›um dich loszukaufen, zu befreien‹. Jubelnd hätt' ich diesen edeln Zweck laut verkündet und seine Sache ...« – »Wäre nicht besser, deine Ehre aber, dem Name verloren gewesen.« – »Ist das Gewissen rein, was liegt dann an weltlicher Ehre, am irdischen Namen?« – »Einer Königin! O Balthildis! Nicht einer von den Tausenden – ach, ich ja selber nicht! – würde geglaubt haben, ein Jüngling, wie er war, wolle ein Geschöpf, ein Weib wie du warst – und bist! – freikaufen lediglich aus christlichem Erbarmen.« »Ich – ich hätte es geglaubt.« »Ja, du: die Heilige! Sofort hätte der Geifer der Verleumdung dich und ihn und euer Zusammenstehen all' diese Jahre her besudelt, ohne Möglichkeit der Abwehr. Wer hätte euch geglaubt? Ich fühlte, ich wußte, daß Ebroin solche Reden am allermeisten scheute: – er hätte es nicht überlebt, diese seine Liebe – das große, unendlich traurige, aber auch unendlich teuere und heilige Geschick seines Lebens! – und dich in den Kot gezogen zu sehen. Jedoch nicht aus Berechnung, – dadurch dich zum Schweigen zu zwingen! – wahrlich, nicht solcher Überlegung war ich fähig in jener Stunde!. – Hab' ich dir gleich das Ganze zugeraunt: ›weil er dich, die Heißgeliebte, loskaufen wollte‹. – Ach nein! –Das Herz riß mich dahin, das arme, zuckende Herz, das all' diese Jahre her des geliebten Sohnes großes Schicksal, schweres Geheimnis tragen, schweigend mit tragen mußte in deiner Nähe, während du allen Himmelsglanz deiner herrlichen Seele vor mir ausstrahltest und ich mir nach jedem Gespräch mit dir schmerzlich sagte: ›welche Perle, welch' Heiligtum liegt hier verborgen und kein Mensch, kein Mannesauge soll sich je dieses Anblicks, dieses Glanzes freuen. Das hat Gott der Herr sich selbst und mir, seiner unwürdigen Magd, vorbehalten‹.« »Jetzt aber weißt du, fromme Mutter,« klagte Balthildis und sie drückte die Hand vor die Augen, »jetzt endlich hab' ich dir gebeichtet, welch' schwarzer Fleck deine ›Perle‹ entstellt, welche Todsünde deine ›Heilige‹ mit sich umherträgt im unreinen Herzen seit ... seit all' den Jahren.« – »Du übertreibst, meine arme Tochter. Du hast ja diesen Hermengar ...« »O schweige, schweige! Bitte, nenne den Namen nicht!« Rote Glut schoß in die wachsbleichen, blutleeren Wangen. »Ja, es ist wahr. Ich habe ihn ... seit jenem ersten Begegnen im Walde ... nie mehr gesehn. Oder doch einmal nur, ganz von weitem, – wo er mich nicht sah: – später davon! Gesprochen nur jenes Eine Mal. Ach, es hat genügt – fürs Leben.« »Beinah' unfaßlich,« sprach die Alte kopfschüttelnd und das weiße Haar mit beiden Händen unter den Schleier streichend.– »Unfaßlich? Dein Ebroin rief einmal – mit einem Blick, den ich ach! jetzt verstehe – ›Die Liebe,‹ (o, daß ich das sündhafte Wort ausspreche!) ›die Liebe schlägt ein und zündet wie der Blitz. Ich hab's erlebt, Frau Königin‹, sprach er.« »Ach ja, er hatte es erlebt!« seufzte die Mutter. »Und bedenke! Sechzehn Winter zahlte ich: in tiefster Not lag ich des Leibes und der Seele, wochenlang von den Meinen getrennt, ohne Hoffnung, sie jemals wiederzusehen, von den rohen, nur an Gold denkenden Händlern und ihren gierigen, schmierigen Händen bald betastet, bald umhergestoßen wie ein Warenballen, vor Hunger, zumal aber vor Durst dem Verschmachten nahe, mit den wunden, blutenden Füßen zusammengesunken unter jener Tanne: – oft hab' ich sie seither besucht und das Zeichen Christi darein geschnitten und es unter Thränen geküßt! – nur noch das Eine wünschend: ›sterben, nicht mehr erwachen, nicht mehr zurück unter diese grausamen Menschen‹ – voll verzweifelt: – und da, in dieser höchsten Not, neigt sich zu mir von hohem Roß herab ein Männerantlitz: – ah so wunder-, wunder-, wunderschön! O weh! vergieb, vergieb, vergieb, mein blutiger Heiland! Ich will's ja nie mehr denken, nie mehr das Bild mir zaubern vor die geschlossenen Augen! O ich büße ja. Du siehst!« Und damit drückte sie den Stachelgürtel fester an, den sie um die schmalen Hüften trug. »Und eine Stimme, so stark und doch so wohllautreich wie des Hifthorns hellfreudiger Ruf, schlägt weckend, grüßend, tröstend an mein Ohr. Und er selbst, der Hohe, in der Pracht seines Waffenschmucks, hebt mich, als wär' ich ein Rohr, mit dem linken Arm allein empor, legt mich höher, bequemer und flößt mir den Labetrank ein, mit den schönen goldbraunen Augen, – ah, wehe mir! Maria, vergieb, ich will sie nie mehr vor mich hinträumen! – mit den Blicken liebevoll verfolgend, wie jeder Tropfe mich erquickt und stärkt. Und mit den gütevollsten Worten sorgt er für mich, soweit er irgend kann: – ohne ihn wär' ich wie ein wundes Reh verendet dort unter der Tanne von Saint-Denis. – »So haben denn ihm zu danken die unzähligen Armen, die später die Königin Balthildis aufgerichtet hat aus der Verzweiflung, wie damals er die Magd Balthildis. Sieh, meine Tochter, das muß dir doch wohl thun im innersten Gemüt. Er ist der Thäter deiner guten Thaten.« Da brach die Heilige in strömende Thränen aus: – aber es waren erquickende Thränen zarter Rührung – sie faßte mit beiden Händen das weiße Haupt der Alten und küßte es: »Danke! Du weißt zu trösten!« – »Ja, denn ich weiß auch, was Frauenliebe ist. Mein Ebromuth! Erschlagen! Bis jetzt hatte mir's der treue Sohn verschwiegen.« »Ja, er ist treu,« sprach die Regentin, »ich weiß es jetzt erst ganz, wie treu. Aber ach, auch mein thöricht Herz ist so treu geartet: – treu in Sünde. Denn Sünde, Sünde, Sünde war und ist das höchste Weihtum meiner Seele, diese Liebe zu...« »Ei, lieb Töchterlein, das ... das wird doch wohl so schlimm nicht sein. Mein Ebromuth: – ich mußte mir in diesen ratlosen Stunden stets vergegenwärtigen, was Er uns raten würde. Er ist freilich gar arg viel weltlich gesonnen gewesen: – so etwa wie sein Sohn. Er würde ...« sie stockte. »Nun, was würde er raten?« »Wohl gemerkt: nicht ich rate das – darf es raten, die Äbtissin. Aber mein lieber Mann« – hier glänzte die warme Liebe hell und verjüngend über das Gesicht der Greisin hin – »der würde sagen ...« – »Nun was?« »›Das ist all' recht weichlich Weiberwesen‹, würd' er schelten. ›Und ist krank. Die Frau Königin ist Witwe. Mein tapferer Sohn ist unvermählt, er ist nicht schuldlos, aber schuldig geworden nur um der Frau Königin willen. Er liegt im Kerker, dem Tode geweiht: böse Menschen lauern auf sein Blut. Wohlan, die Frau Königin hole ihn hervor aus seinem Gewölbe – sie hat ja die Schlüssel! – und reiche ihm die Hand am Altar und so ist allen geholfen.‹ So spricht Ebromuth, nicht ich,« schloß sie mit einem lieblichen Lächeln harmloser Verschmitztheit. Aber ernst abwehrend schüttelte die Königin das Haupt: »Und zu der Sünde der ersten liebelosen Ehe fügte ich die zweite? All' die Jahre her war ich des Merowing Gemahlin, trug mit Schaudern seine Küsse, gebar ihm Kinder, und all' die Weile... O Gott, o heilige Jungfrau, welche Schmach! All' die Weile trug ich das Bild des fremden Mannes, des Braunlockigen, im heißen Herzen, des Mannes, der eines andern Weibes Gemahl, Vater ihrer Kinder war. O Jesus, Jesus, und all' ihr Heiligen!« Und sie krallte die Nägel der durchscheinenden Finger in die Decke des Bettes. »Verstehst du jetzt,« fuhr sie dann fort, »die Gewissensqual, die all' diese Jahre eure falsche, unkeusche, eine heimliche Sünde wie eine verborgene Schlange am Busen nährende ›Heilige‹ verzehrte? Ich eine Heilige! Während ich mich Tag und Nacht sehnte, daß doch nur einmal noch im Leben wieder Er mir den Becher reiche, der Wind Seine Locke an meine Wange schmiege! O, ich betete am Altar hingegossen: ›führe uns nicht in Versuchung‹, und dabei sehnte ich mich: ›ach käm' er jetzt um die Ecke des Altars geschritten‹.« »Aber du hast ihn ja gemieden, nie ihn herbeigerufen.« »Das fehlte noch am äußersten der Schuld! Einmal stand ich im Rundbogen des Mittelfensters hier im Palast: neben meinem, nun neben ... dem Merowing. Trompeten schmetterten von fern: ein Reiterzug kam langsam heran: viel Volkes strömte ihm entgegen. Da sprach der König: ›das ist Herzog Hermengar; er kommt zurück als Sieger über die Westgoten. Da springt er vom Gaul: – er umarmt die schöne Frau, die beiden Söhne, die sich ihm entgegenwerfen. Schau!‹ Ich wandte mich ab. ›Schau hin!‹ mahnte er. ›Ich will's. Du sollst ihn kennen. Schau!‹ Ich sah hin: sah ihn an ihrer Brust. O Jesus, Jesus Maria! Wie gern wär' ich vom Fenster herabgesprungen. Seitdem trag' ich den Stachelgürtel, seitdem hab' ich an Fasten, an Büßen, an niedrigster Mägdearbeit ...« – »Ja leider, leider.« – »Das Äußerste auf mich genommen, meine Gedanken zu ersticken. Und doch! mein Leben war all' die Jahre Ehebruch. Denn sein war meine Seele und mein geheimes Sehnen.« – »Unselige! Beruhige dich. Laß uns abbrechen!« – »Und dein Gatte riete mir, in neuer Ehe neue Schuld zu üben? Deines Sohnes Ring sollte ich an der Hand, die Fessel des andern aber an der Seele tragen? Wieder dem einen den Leib geben, dem andern das Sehnen? Und meine arme junge Schwester, das süße Ding, die sollte, die geheime Liebe im Herzen ... – denn das hast du doch längst gesehen?« Seufzend bejahte die Mutter. »Neben dem Manne hingehn, der ihrer Schwester Gemahl? Auch dieses reine Kind in Schuld, in geheime, sündige Gedanken verstrickt? Nein, Mutter! Besser mit scharfem Schnitt die giftige Wunde ausgeschnitten. Meine arme Schwester: – was wird ihr Los?« »Das deine: – das Kloster,« – hauchte da eine liebliche Stimme und Gunthildis trat aus dem langwallenden, dunkelroten Vorhang, der den Eingang in das Schlafgemach verhüllte. »Ich vernahm – ohne es zu wollen, ich sprach euch an, ihr hörtet nicht! – euer Gespräch: ach, es hat mir das ganze Weh des Frauentums enthüllt! Schwester im Blut: – auch deine Schwester im Schmerz laß mich sein.« Und sie glitt an dem Bette nieder und drückte das schmale blonde Köpfchen auf die gefalteten Hände der Heiligen. Am andern Morgen ward dem überraschten Palatium verkündet: »Die Regentin hat die beiden Verurteilten dahin begnadigt, daß ihnen die Todesstrafe erlassen ist: sie werden in zwei verschiedenen Klöstern – Ebroin in Luxeuil, Vanning in Rebais – ihre Tage beschließen. Als Nachfolger Ebroins im Majordomat ist bestellt Herzog Hermengar. Das ist der Königin letzte Regierungsthat: fortab wird der junge Childerich, der heute noch die Schwertleite empfängt, unter Hermengars Leitung herrschen. Die Königin und ihre Schwester sind als Nonnen in das Kloster Chelles getreten: die Äbtissin hat sie bereits dorthin gebracht.« II. Abteilung. Erstes Buch. I. Jahre waren ins Land gegangen. Heißer Sommer lagerte auf den schattenlosen Plätzen von Paris. Da finden wir in dem Bau Leodegars in dieser Stadt den Hausherrn in eifrigem Gespräche wandelnd mit Hektor, dem Patricius von Marseille. »Komm,« hatte der Prälat nach Aufhebung der reich besetzten, reicher noch geschmückten Tafel dem Gastfreund zugerufen, »komm, laß uns da unten im immerfrischen Grün wandeln, lustwandeln. Ja, lustwandeln,« wiederholte er behaglich, die wohlgepflegte Hand in der dunkelbraunen Marmorschale spülend, die ihm, duftenden warmen Wassers gefüllt, ein schön gewandeter junger Diener hinhielt. »Denn es ist eine Lust, all' der Dinge zu gedenken, die sich nun gestaltet haben in Neuster und Burgund. Und eine Lust auch ist es für den Bauherrn und den Gärtner, dem Freunde zu zeigen, was er da unten alles gebaut, wiederbelebt, geschaffen, gepflanzt hat. Oft muß ich's mit Behagen denken: wie würde sich jener Abtrünnige – Julian! – wundern und ärgern, müßte er mit ansehen, was ich aus seinem Phöbostempel geschaffen. Er rühmte, daß hier an der Seine Lorbeer und Myrte überwintern um seine Götterbilder her: – nun grünt der Lorbeer, glänzt der Marmor mir ! Einem Bischof der Kirche, die er vernichtet zu haben wähnte! Der arme Narr von einem Asketen. – Hast du den aufwartenden Knaben bemerkt, seinen Wuchs? Ein wahrer Ganymed! Aber du hast nur Augen für die schöne Aurelia. Komm nun in den Garten, er wird dir gefallen.« »Ich begreife,« entgegnete der Gast, wie er staunend, bewundernd von dem Speisesaal aus durch eine Reihe von reich und edel geschmückten Gemächern an romanisch-byzantinischen Rundbogen der seltensten Marmorarten vorüber endlich über eine zu beiden Seiten von antiken Götterstatuen bewachte Freitreppe in den parkähnlichen Garten gelangte, »ich begreife, mit welchem Stolz der Bauherr – wie du treffend sagst, – den Umbau betrachtet und herzeigt den stolzen Neubau, den er im Reich der Franken so glänzend durchgeführt hat wie an diesem Haus und Garten. Aber bitte, berichte mir von den Neubauten im Staate Genaueres. Du gedenkst: unmittelbar von jenem Hoftag hinweg, von dem Schlachtfeld sozusagen deines großen Sieges, hast du mich nach Byzanz geschickt, die längst rückständigen Geldzahlungen einzuheischen, die wir für Waffenhilfe gegen Goten und Langobarden zu fordern haben! Soeben erst in Marseille eingetroffen ...« »Leider mit leeren Händen,« seufzte der Bischof. (Sieh diese neue Lilienart: feuergelb! Papst Vitalian sandte mir die Zwiebeln aus Monte Casino. Nicht geschenkt. Ich mußte ihm dafür die beiden Daumen der heiligen Consortia schicken. Ach, hätte die Gute doch vier Daumen gehabt!) »Leider sag' ich. Denn so glänzend alles im Reiche bestellt ist, – mit dem Gelde hapert es hart. Kein Wunder! Die eine Hand, die mir geblieben, ist eine Verschwendehand, die Erwerbehand hab' ich, so scheint's, verloren. Und ich muß viel, viel mehr ausgeben als ich habe. Wie ich das mache? Davon zuletzt! Es ist nicht hübsch. – Frage, so kommen wir am raschesten ins klare.« »Ich staune über mancherlei. Unter Majordomus Hermengar reise ich ab: – ich komme wieder und finde als Majordomus ...« »Niemanden!« lächelte der Prälat. »Ja, siehst du, das kam so. Dieser Herzog Hermengar, den uns die Heilige – sie soll jetzt bei Mondlicht unaufhörlich Gesichte haben! – als Abschiedsgeschenk vermacht hatte, ist ein vortrefflicher Kriegsmann, überhaupt ein ganz vortrefflicher Mann, aber das Gegenteil von einem Staatsmann. Der verhält sich zur Staatskunst wie der Nordsturm zum Flötenblasen. In den ersten paar Wochen hatten ihn Oheim Dedo – du, der versteht sich auf seine Nadelstiche! – und ... nun ein anderer dermaßen verärgert, indem wir immer ›ja‹ sagten und ›nein‹ thaten, daß er uns alsbald eines Morgens, glutroten Kopfes, das vielbeneidete Elfenbeinstäbchen des Majordomats vor die Füße warf und sich wieder den Heerbefehl an der Gotengrenze erbat. Den gaben wir ihm gern, aber jenes Stäblein ...« »Nun?« forschte Hektor eifrig. »Ja,« lächelte Leodegar, »das Stäblein schlag' dir aus dem Sinne, du Helmumflatterter. Das Stäblein ließen wir liegen, wo es fiel und wehe der Hand, die es ergreifen wollte.« – »Warum nahmst du's nicht selber auf?« »Ein Bischof! An weltliche Dinge rühren? Und zumal so vor aller Welt? O der Sünde! Nein, es geht auch ohne Majordomus. Ich heiße ganz bescheiden: ›Leiter des Palastes‹: › rector palatii ‹: und leite in der Stille Reich, Palast, König und Kirche.« – »Und dieser König: wie läßt er sich an?« Leodegar zuckte die Achseln: »Er ist ein Merowing! Das sagt alles. Das heißt doch aber nur: er ist ein Merowing im sechsten Grad von Chlodovech, ein Merowing des untergehenden Geschlechts. Er ist daher schlau, verschmitzt, falsch wie nur ein echter Merowing, – ein Sprößling Chlodovechs! – sein kann. Daneben dumm bis zum Blödsinn wo irgend der Glaube, wollte sagen der Aberglaube, ins Spiel kommt. Wollüstig, gewaltthätig, recht- und ruchlos, rachsüchtig, bösartig: – aber feig, wo er auf Kraft trifft. So ist der Knabe Childerich.« – »Er folgt dir doch unbedingt?« »Bis jetzt – ja. Ich möcht' es ihm auch raten,« drohte der Bischof finster. »Es giebt gar viele Klöster noch außer Luxeuil und noch mancher Merowingensproß steht zur Verfügung, muß ich diesen einmal scheren lassen: zum Beispiel sein jüngerer Bruder Theuderich. Noch hält es: – aber es könnte brechen. Zum Glücke sieht er nichts von allerlei Schatten im Reiche, die der Glanz meiner Herrschaft wirft, ah werfen muß. Aber höre weiter. Du mußt doch erfahren, wie wir das Ergebnis jenes Siegestages festgelegt, gesichert, ja gesiegelt – buchstäblich gesiegelt! – haben für alle Zeiten. Der Sieg ward erfochten von zwei Verbündeten: den Bischöfen und dem Weltadel: billigerweise mußte die Siegesbeute unter sie geteilt werden. Die Beute aber ist der Staat. So hab' ich denn auf dem nächsten Hoftag eine Reihe von Gesetzen beschließen lassen, die sind ... nun, die sind nicht übel,« schmunzelte er. »Man sagt, der Vater dieser Gesetze sei kein schlechter Jurist ...« – »Ein gefürchteter, sagt man.« – »Nun, du wirst sie im einzelnen kennen lernen: zum Beispiel, der Graf muß aus dem Gau sein, dessen Graf er werden will, seine Amtslehen müssen in diesem Gaue liegen.« »Nicht schlecht,« lachte der Patricius und strich das nach Römerart glatt geschorene Kinn. »So vererbt sich das Amt mit den Gütern und wir werden Könige im kleinen, denen in ihren kleinen Königreichen der König im großen nichts zu sagen hat.« »Ja, ja,« meinte der Bischof fast verdrießlich, »so treibt ihr's, ihr Herrn Seniores. Schon klagt man über die zahllosen Gewaltherrn in ganz Neuster und Burgund.« – »Wer klagt? Doch nicht ihr Bischöfe?« »Bewahre! Wir suchen's euch nachzuthun. Auch in der Erblichkeit,« lachte er cynisch. »Nein: aber die kleinen Freien, die Bauern! Sind sie einmal aufgestört, kommen sie nicht wieder zur Ruhe mit Klagen und Anklagen und Begehren.« Hektor stampfte mit dem Fuß: »Winseln diese Hunde immer noch?« – »Sie bellen sogar! Zum Glück hab' ich ihnen einen Maulkorb angelegt, – daß sie nicht mehr beißen können. Und das ist gut. Denn viele sind wuttoll vor ... nun ja, vor Verzweiflung. Ein Majordomus wie dieser Ebroin und sie zerfleischen uns.« »Wann nun aber einmal ein Majordomus wiederkommt?« Die Frage klang besorgt. »So lange ich lebe, kommt keiner mehr. Kehrt aber doch einmal einer wieder, nun, ich hab' ihn durch jene neuen Gesetze gefesselt für alle Zeit. Nicht mehr der König ernennt, der Adel wählt ihn.« – »Gut.« – »Jedesmal aus einem anderen Geschlecht.« – »Sehr gut.« – »Der Adel wählt ihn nur auf Zeit.« – »Noch besser.« – »Er setzt ihn beliebig ab.« – »Am besten.« – »Jedes Adelsgeschlecht – der Reihe nach – soll also einmal daran kommen.« – »Vortrefflich! So wird das ein Schattenamt – neben einem Schattenkönig. In Wahrheit herrscht...« »Ihr: – der Adel,« lächelte Leodegar verbindlich. »Höre,« forschte der Edeling, plötzlich stehen bleibend. »Doch gewiß nicht wir – der Adel – allein? Ihr Bischöfe habt euch sicher nicht vergessen bei der Teilung der Beute. Was hast du für euch...?« »Komm,« erwiderte der Wirt schmunzelnd, »speereschüttelnder Hektor, Stolz der Troer und des Frankenadels, versuche diese köstliche Erdbeere,« er bückte sich und holte die große, gelbrötliche Frucht unter den breiten dunkelgrünen Blättern hervor. »Eine neue Art: der Abt des Johannesklosters in Monza in Italia sandte sie mir. Süß wie Aurelias Kuß, nicht? So! – Nun, daß ich lediglich für euch, gar nicht für uns gesorgt, – das würde mir ja dein heller Scharfsinn doch nicht glauben. Also: ein paar kleine Sicherungen mußte ich freilich wohl für die heilige Kirche aussinnen. Ich glaube, es gelang. Du wirst das alles lesen. Denn ich habe das ganze Gesetz: – ›das Gesetz von Autun‹ – dort hielt ich den Reichstag ab – nenn' ich es – zusammenschreiben lassen auf ein Pergament: das hab' ich, wie vom König, von allen Bischöfen des Reichs, von allen Senioren beschwören, von allen Bischöfen aber auch noch segnen und weihen lassen, und neben dem großen Königssiegel hab' ich sechs der kostbarsten Reliquien in Silberkapseln an golddurchwirkten Schnüren daran aufgehängt: – ich sage dir, die sechs Kapseln sind sechs Kunstwerke: Hab' ich doch selbst die aufgepreßten Zierraten gezeichnet, freilich nach heidnischen Mustern, die ich in diesem alten Phöbostempel fand. Hat ein Vermögen gekostet: – etwa zehn Bauernhöfe wert! Tiefes hochheilige Weihtum, jetzt den Reliquien selbst an Würde gleich, hängt an goldenen Ketten, an sicherster Stätte: in der Basilika zu Autun über den Gräbern der heiligen Märtyrer. Wehe der Hand, die daran rühren wollte, Patricius, und sei sie noch so edlem Blut entsprossen.« Hier traf der Blick der stechenden schwarzen Augen so drohend, daß der Laie sich erschrocken bekreuzte: »Ja, der wäre der Hölle verfallen!« brachte er zagend hervor. Zufrieden mit dem erzielten Eindruck, fuhr der Leiter des Palastes fort: »Solange sie keinen Führer finden unter den Großen, sind sie nun ungefährlich, die Kleinen. Wenigstens solange ich lebe. Und was nach mir kommt: – was kümmert's mich? Was ist mir dieses Reich der Franken? – Die Scholle, auf die mich der Zufall der Geburt gesetzt. Die heilige Kirche bindet sich nicht an die Gliederung der Völker: – warum soll ich es thun?« »Jedoch,« meinte der Römer, »der Staat ...« »Ist des Teufels, wie die Kirche des Herrn. Komm' du mir nicht mit den Heiden, ... ausgenommen,« sprach er und strich wohlgefällig mit der flachen Hand über die Hüfte eines Eros, der aus dem dunkeln Grün einer Lorbeerhecke die weißen Marmorglieder hob, »mit ihrer Schönheit. Ihr Staat aber ...? Weißt du, was Sankt Augustinus lehrt? Nur so viel Recht und Berechtigung haben Gesetz und Staat, als die lex aeterna , das heißt die Lehre der Kirche, ihnen zuteilt. Es kann also nie einen Widerstreit zwischen Staat und Kirche geben, wie dieser plumpe Hermengar behauptete, da er mir die Befreiung der Kirchen von der Grundsteuer nicht bewilligen wollte: denn wo der Staat mit der Kirche in Streit gerät, da ist er ja an sich schon im Unrecht.« – »Diese Befreiung der Kirche von der Landsteuer, – du hast sie durchgesetzt?« – »Ich sollte meinen! Herr Hermengar spaltet wieder Gotenhelme, dafür taugt er, nicht Rechtsbegriffe, dafür tauge ich. – Aber freilich, auch dies hat viel bös Blut gemacht. Und wahr ist es: unter den unaufhörlichen Spenden an Kirchen und Adel ist der Königsschatz, den Vanning gefüllt hatte, aufs neue geleert, das Fehlende – die Kosten meines Hofhaltes, meiner Bauten, meiner Kunstliebe überhaupt, die Bestechungsgelder an die Großen in fremden Landen, zu Metz, Byzanz, Pavia, Toledo, – all' das muß eingebracht werden durch die Steuern und Fronden der Kleinen. Mein Schatzmeister, Bruder Gairinus, hat sie verdreifacht, verfünffacht. Es langt nicht! Die Bauern können's nicht mehr. Sie laufen lieber in die Wälder, lassen den Pflug auf dem Acker stehen, der ihnen doch nichts trägt, sie rotten sich dort zusammen in Räuberbanden ...« »Das ist ja,« meinte Hektor erschrocken, »wie zu den Zeiten der alten Ahnen, wie in dem Aufruhr der Bacauden.« Leodegar zuckte die Achseln: »Kann's nicht ändern. Bischöfe und Seniores verlangen mit Recht ihren Beuteteil. Und ich: – nun, knausern hab' ich nicht gelernt, du auch nicht! Mögen sie hungern, wir müssen üppig schmausen! Das Volk? 's, ist gar kein Rechtsbegriff: – und was ist des ›Volkes‹ Wert? Der Thor, Ebroin, er hat's erprobt. Das Volk, dem er – wirklich! – ich weiß es aus seinem Munde: nicht Lüge, nur Wahn ist es von ihm! – helfen wollte – hat ihn mir in die Hand und in den Kerker geliefert. Nieder, was in die Niederung gehört! Aber da bringt Ganymed den Nachtrunk: bester Räter aus dem Castrum Rametzanum, dort an der Etsch – schon Augustus trank ihn gern–! Ein Heilô den Seniores und der Kirche, dem Adel des Geblütes und des Geistes! Sie sind von Gott dem Herrn sichtbarlich berufen zu herrschen, zu glänzen ...« »Und zu genießen, wie du zu sagen liebst, denn das ist deine Dreieinigkeit!« schloß Hektor, ihm Bescheid trinkend: »Du selbst zugleich ein Edeling und ein Priester höchsten Ranges. – Und so werde ich denn keine Fehlbitte thun an meinen hohen Verbündeten. Es handelt sich nämlich um Aurelia ...« Leodegar blieb stehen, hob die Augenbrauen ein wenig und blies leise vor sich hin: »Puh! Schon aus? Das letzte war doch, daß du sie der frommen Muhme entführtest. Auf Frauenraub steht Exkommunikation und – nach deinem römischen Recht – der Tod. Ich habe das Verfahren auf Kirchenbann auf deinen Wunsch niedergeschlagen, habe sogar – was verboten! – die Ehe zwischen dem Entführer und der Entführten verstattet: – und jetzt soll wohl die Ehe angefochten werden? Ich hörte so was von einer jüngeren Schwester? Ja? Ei, das geht etwas rasch! Die Gemeinde von Marseille wird ein Ärgernis nehmen: – aber das ist sie an dir gewohnt. – Nun, es wird sich wohl ein kanonischer Rechtsgrund austüfteln lassen.« – »Nicht doch! Nicht das! Und was die Schwester betrifft – Aureliana heißt sie – so ist Aurelia ... nun, sagen wir: nachsichtig.« »Ja, ja, man kann den Frauen die Eifersucht nicht früh genug abgewöhnen. Sie ist ja Sünde! Schließlich – sieh hier an der besonnten Südwand die beiden Aprikosen an Einem Zweig: du hast recht: man soll nicht trennen, was Gott verbunden!« Und er pflückte beide und verzehrte sie, mit Wohlbehagen ihre Süße schlürfend, eine nach der andern. »Aber nun höre,« hob Hektor wieder an. »Die fromme Muhme – der Satan brenne sie für ihre Frömmigkeit! – hat in ihrem Testament zwar ihre beiden Nichten zu einzigen Erbinnen eingesetzt ...« Nun blieb der Bischof abermals stehen und lachte ihm ins Gesicht: »Na, höre, mehr kannst du doch eigentlich nicht verlangen. Du hast beide hübsche Mädchen und beider Geld ... was ... was willst du denn nun noch?« – »Ah, die dumme Gans hat – als sie starb, kam's zu Tage! – ein Drittel ihres unermeßlichen Vermögens den Armen der Kirche ihres Geburtsortes vermacht.« – »Ei, Freundchen, gönne ihnen das Drittel.« – »Um keinen Preis! Bedenke, hunderttausend Solidi!« – »Und zweimalhunderttausend – plus der beiden schönen Weiber – hast du: ist dir das nicht genug?« – »Nein.« – »Nun, dich ehrt deine Offenheit. Ohm Dedo würde seinen Martial anführen: Fortuna multis dat nimis, satis nulli , das Glück giebt vielen zuviel, genug keinem!« Der Geburtsort ist ...?« – »Clermont.« Abermals hemmte Leodegar rasch den Wandelschritt. »Oh ... Oh ...« pfiff er leise vor sich hin. »Praejectus also, mein alter Widersacher, ist zuständig zur Klage? Ei, das reizt mich.« – »Herrlich!« »Das heißt,« der Bischof begann, kopfschüttelnd, aufs neue zu wandeln, ... »die Sache hat ihre Dornen! Zwar gerade die seine Rechtsfrage würde mich anziehen. Man müßte,« er grübelte vor sich hin, »man müßte die alte wurmstichige falcidische Quart aus dem römischen Recht... was verstehen unsere Richter viel davon? Große lateinische Brocken machen ihnen gewaltigen Eindruck. – Allein es wäre wieder Wasser – Vollwasser! – auf die Mühle der Unzufriedenen. Wieder eine ›Beraubung‹ (– unrichtig: zum Raub gehört Gewalt! –) der kleinen Freien zu Gunsten des Weltadels, würden sie schreien. Und wenn dies Geschrei immer wieder zu den Ohren des Königs dringt ...« – »Ich denke, er folgt dir?« – »Ja, ja. Doch scheint er in der letzten Zeit manchmal des Vormundes müde, so freien Spielraum ich ihm lasse für seine ... Freuden. Mitten durch seine Liederlichkeiten dringt manchmal ein anderer Ton: – ich weiß, woher der klingt!« – »Woher?« – »Aus Chelles. Die Heilige und die alte Betschwester Leutrud schreiben ihm fromme Briefe, bisher unschädliche: ich lese sie ja alle heimlich vor ihm: aber in dem letzten haben sie ihm von der Not der Freien vorgejammert, die im ganzen Reiche unter dem Steuerdruck seufzen! Ja, und – denke nur! – am Schlusse hieß es: ›erwäge, daß dem Königtum der Adel über die Krone zu wachsen droht, wählend deine einzige wahre Stütze gerade gegen diesen Adel jene verzweifelnden kleinen Freien sind‹.« – »Bei Sankt Martin! Das ist nicht mehr Frömmigkeit, nicht mehr Weibergewäsch, das ist ...« – »Staatskunst. Seine – Ebroins! – Staatskunst! Ich kenne sie inwendig und diese Weiblein haben sie auswendig gelernt. Denke nur, das Königsbürschlein stellte mich ordentlich zur Rede und verlangte meine Meinung über diesen Satz.« – »Nun, du wirst ihn ...« – »Ich hab' ihn nur an die zweitausend Bauern erinnert, mit denen jener Hochverräter den Willen des Hoftages brechen wollte. Ich hab' ihn erinnert, wie dieser Bauerntrotz sich schon gegen seinen großen Ahn, den ersten Chlodovech, erdreistete: – die Geschichte jenes Kruges von Soissons, – ein frecher Heermann zerschlug ihn, als ihn der König über seinen Beuteteil hinaus verlangte – sie blieb ihm nicht erspart, das magst du glauben. Nun, das half für diesmal. Aber auf wie lange wirkt's? Mischt sich freilich mein alter Feind Praejectus ein, dann erheischt es die Selbsterhaltung ... Was ist's, was meldest du, Akoluth?« Der reichte unter tiefer Verneigung auf flacher goldener Schale ein kleines Pergament hin. »Ein Breve? Vom König? Du verstattest, daß ich lese: ... ›Begieb dich sofort zu mir und lade durch Eilboten den Patricius Hektor von Marseille. Er ist schwer verklagt – auch du bist mit bezichtigt – durch den ehrwürdigen Bischof von Clermont.‹« Beide zuckten zusammen. »Gut,« sprach Leodegar, sofort gefaßt. »Das ist ein Trompetenstoß: er ruft zum Kampf. Komm, tapfrer Hektor! Hier gilt's mehr als jene paar Solidi: das wird der Kampf auf Tod und Leben.« *   II. Mehrere Tage waren hingegangen über die Verhandlungen, die zwischen dem Kläger Praejectus einerseits, dem Beklagten Hektor und dessen Rechtsbeistand Leodegar andrerseits vor dem König waren geführt worden. Nach Vernehmung von Zeugen, Verlesung und Vergleichung von Urkunden war auf den dritten Dienstag nach Pfingsten abermals ein Gerichtstag in dem Palatium zu Paris anberaumt worden: – in weitgestreckter Frist, den Parteien Zeit zu lassen, noch andere Beweismittel beizuschaffen. Ein geschäftiges Mühen von abreitenden und einsprengenden Boten aus dem Königspalast, dem Hause Leodegars, dem Kloster des Iren Columba, in dem Praejectus abgestiegen war, ließ erkennen, wie eifrig der wichtige Handel betrieben wurde. Denn in der That, nicht mehr bloß um jenes fromme Vermächtnis handelte es sich. Die festgesetzte Stunde war lange verstrichen, die Urteiler, die Parteien und ihre Begleiter harrten schon ungeduldig auf den breiten Stufen der Freitreppen, die zu dem Palast hinaufführten, die Sommersonne, brannte heiß auf diesen Marmor und die Bänke der Urteiler, als endlich die Vorhänge rauschten, die in das Innere führten und unter Voranschritt des Pfalzgrafen der Merowing erschien. Schleifenden Ganges kam er geschlichen: er versank und verschwand in dem für Erwachsene bemessenen Königsmantel, den die goldgestickten Bienen allzulastend beschwerten. Mit einem müden Nicken des Kopfes erwiderte er die ehrdienigen Grüße der Versammelten: es war ihm sichtlich eine Mühe, die schweren Lider der Augen aufzuschlagen:! die Jahre unüberwachten, ungezügelten Lebens hatten offenbar in der Zerstörung dieses jungen Lebens starke Fortschritte gemacht. Wie er die paar Stufen des mit Purpur ausgeschlagenen, von einem Purpurbaldachin gegen die Sonnenstrahlen überdachten Thrones hinanstieg, strauchelte er über das lange Schwert, – das unnütze! –das ihm vom breiten, goldgestickten Wehrgurt niederhing: er wäre gefallen, hätte nicht Leodegar, hinzuspringend, ihn mit seinem Einen Arm gehalten, ja den schon Gleitenden wieder aufgerichtet. Ein finstrer Blick ward sein Dank: »Höchst überflüssiger Eifer, rector palatii ,« sprach der Knabe. »Voreilig! Zur Schau getragen! Der Enkel Chlodovechs bedarf nicht der Stütze auf seiner Ahnen Thron. – Entschuldige,« fuhr er in ganz anderem Tone fort, »ehrwürdiger und teurer Herr Bischof von Clermont, daß ich dich warten ließ. Mein Arzt hat verboten, mich zu wecken. Da ich des Nachts nicht Schlaf finde, muß ich lang in den Tag hinein ... O, schiebt mir ein Kissen hinter den Rücken: – er schmerzt. Nun, beginne oder vielmehr fahre fort in deiner Klage, Praejectus.« Die vielen Jahre hatten das Haar des Bischofs völlig mit Silber überhaucht, seine Haltung war nun die eines alten Mannes: aber die großen, durchdringenden blauen Augen hatten ihren hellen Glanz behalten und die Stimme ihren kräftigen Wohlklang. »Herr König, der Fürsprech des Beklagten hat zuletzt vorgebracht, auch wenn das von ihm angefochtene Testament der Domna Benigna zu Recht bestände, – kraft Eurer Herrschergewalt hättet Ihr zu verhüten, daß soviel Geld den nächsten Erbinnen entzogen und den Armen zugewendet werde.« »Jawohl,« rief Leodegar. »Wie sagt die Lex Romana ? › princeps legibus solutus ‹ das heißt: der Herr König steht über Gesetz und Recht und: ›regis voluntas ...‹ oder, was dasselbe ›salus publica suprema lex esto‹ des Königs Wille (der stets gleich ist mit dem öffentlichen Wohl) ist oberste Richtschnur des Handelns.« Das schien dem Knaben da oben auf seinem Purpursitz gar wohl zu gefallen: freundlich nickte er jetzt dem Unterbrecher zu. »Mit Urlaub, Herr König, das war niemals Recht im Volk der freien Franken,« sprach da der Pfalzgraf Bodilo, Aigulfs Nachfolger, »und solche Rechtsbelehrung muß ich schelten.« »Bist du gefragt?« zischte der König und ballte die dünnen Finger um den Drachenknopf der rechten Armlehne. »Nein! Aber meines Amtes ist's, ungefragt den richtigen Gang des Rechts vor dem Hofgericht zu überwachen: und ich wache schärfer als Aigulf.« Der bleiche Jüngling drückte die Augen zu: »Warte nur: Hähne, die zu laut krähen, krähen nicht lange,« murmelte er aus halbgeschlossenem Munde. »Ich aber sage dir, Herr König,« fuhr Praejectus fort, »du sollst ein König sein nicht nur für die Großen und Reichen, vorab ein Schirmer und Schützer der Kleinen und Armen, die sich selbst nicht schützen können: das gelobtest du in deinem Königseid und das sollst du halten oder wehe deiner Seele nach dem Tode!« Der Kranke zuckte zusammen. »Die Not der Kleinen in deinem Reich ist aber himmelschreiend! Die Bauern um Clermont, um Rouen, um Poitiers, um Tours, um Orleans haben's nicht mehr ertragen. Sie haben zu den Waffen gegriffen!« »Aufruhr? Infidelitas!?« rief der bleiche König und fuhr empor. »Ich darf's nicht entschuldigen, aber ich muß es begreifen,« schloß der Kläger. »Bah,« rief Hektor, ans Schwert schlagend. »Ich sprenge diese Haufen von Knüttel- und Sichelträgern mit meinen siebzig Vasallenreitern allein auseinander.« Da winkte Praejectus und aus den ihn verdeckenden Priestern seiner Begleitung trat ein stattlicher Krieger in voller Waffenrüstung hervor. »Herzog Hermengar!« rief der König erstaunt. »Du hier? Du solltest ja die Feinde an der Gotenmark zurückwerfen!« – »Sie sind geworfen. Aber schleunig rief mich von dem Siegesfeld bei Nimes zurück der Hilfeschrei deines Schatzmeisters ...« »Was ist mit meinem Bruder?« forschte Leodegar bestürzt. »Geschlagen ist er, aufs Haupt geschlagen von den verzweifelten Bauern, die er in ihren Wäldern bei Orléans aufsuchte, sie selbst als Schuldknechte zu greifen, nachdem er ihnen das letzte Rind, den Pflug und das elende Bett genommen. Schwer verwundet liegt er zu Orléans: mit Mühe rettete ich die noch Übrigen seiner Schar. Schaff' Hilfe, Herr König, oder diese Flammen schlagen über dir zusammen.« »So übel hat man mich bisher beraten?« grollte der und sah drohend auf den Leiter des Palastes.« »Und in solcher Zeit will man den Armen von Clermont entreißen, was ihnen frommer Sinn gespendet hat?« rief der Bischof. »Gemach,« entgegnete Leodegar unerschüttert: » ›Justitia fundamentum regnorum‹ . Auf gerechtem Gericht ruht alles Königtum. Die beiden Nichten sind die nächsten, die einzigen Familienerben: ihnen gehört die ganze Erbschaft: – denn jenes Testament oder doch das zugefügte Vermächtnis ist – falsch.« »Falsch? Falsch?« ging es da mit staunendem Gemurmel durch den Umstand. »Gieb acht, was du sagst,« warnte der Pfalzgraf. »Auf diesem Wort, kannst du es nicht beweisen, steht ...« »Ehrlosigkeit, ich weiß,« entgegnete der Fürsprech. »Ich schelte die Urkunde falsch mit meinem Schwert,« rief Hektor. »Kampflich steh' ich für die Schelte ein.« »Wo ist das Pergament?« fragte der König. »Hier,« sprachen Kläger und Beklagter zugleich. Und beide reichten ihm je ein Exemplar der Urkunde auf den Thron, sie auf seinen Schos legend. »Seht nur genau hin, Herr König! In beiden Exemplaren – Praejectus vertraute mir das seine auf kurze Zeit an – ist die Zeile, die das Vermächtnis enthält, mit andrem Atrament – jüngerem – geschrieben oder doch übermalt.« »Unmöglich!« rief Praejectus. »Das hab' ich vorher nie wahrgenommen.« »Doch ist es so,« sprach der König. »Sieh her: ... dies ist doch dein Exemplar? Das mit dem Bischofkreuz gezeichnete?« – »Jawohl. Eben erst gab mir's Leodegars Tabellio zurück: ich zog es noch nicht aus der hölzernen Hohlrolle. Was ... was sehen meine Augen? Wirklich ... das ist andre Tinte ...« »Und ebenso in unsrem,« sprach Leodegar mit dem Finger auf die Zeile deutend. »Schau nur her, Kläger.« Aber Praejectus starrte noch immer auf das Pergament ... »Das ... das war früher nicht. Das ist ... Zauberei. Oder« – nun richtete er plötzlich die leuchtenden Augen auf den Bischof von Autun »oder ... Schlimmeres.« »Was soll das heißen?« rief der laut. Aber die Entrüstung schien gemacht und er senkte dabei die schwarzen Wimpern. »Ich ... ich wage nicht ... noch nicht,« fuhr der Ehrwürdige fort, seine Stimme bebte ... »gegen einen Bruder im hohen Amt ... Aber ich begreife nicht ...« Da sprach Bodilo, der Pfalzgraf: »Mit Gunst, Herr König: beide Urkunden sind nur Abschriften: beglaubigte zwar, aber doch nur Abschriften. Wo ist die Urschrift?« »Verloren, leider verloren!« erwiderte Leodegar achselzuckend. »Ja, verloren,« wiederholte Praejectus. »So muß auch ich annehmen. Zwar fand ich in dem Nachlaß der frommen Frau – all' ihre Urkunden hatte sie vor ihrem Tode mir versiegelt zur Aufbewahrung übersandt – einen schmalen Pergamentstreifen, – hier ist er, Herr König, – aus dem offenbar geschrieben stand, wo die Urschrift – zur sichern Behütung – hinterlegt war: ›in Kloster ...‹ hieß es: allein der Name des Klosters ist abgerissen: ich fand nur einen kleinen Fetzen, die Buchstaben darauf waren unleserlich. Ich sandte nun umher an alle Klöster, um Clermont, um Marseille ... vergeblich.« »Nun, unmöglich,« höhnte Hektor, »können wir warten, bis alle Klöster des Frankenreichs ihre modernden Urkunden durchstöbert haben. Herr König, ich heische ein Urteil des Hofgerichts.« Da eilte ein Geistlicher des Praejectus in den Palast und flüsterte ihm ins Ohr: hochauf horchte der. »Jawohl,« fuhr Hektors Fürsprech fort, »die beiden allein vorgelegten Abschriften sind gefälscht: es liegt also kein Testament vor und jede der beiden Nichten erbt die Hälfte. Ich heische das Urteil des Pfalzgerichts.« »Rasch, rasch,« rief Praejectus dazwischen. »Herein, herein mit ihr.« »Was unterbrichst du die Verhandlung?« grollte der König, dem das lange Sitzen verleidet war. »Herr König,« warf der Pfalzgraf ein, »noch ist der Beweis in vollem Schreitegang. Laß den Kläger gewähren. Welch' neue Beweismittel bringst du noch vor?« »Eine Urkunde,« rief der, »und eine Zeugin. Platz! Platz! Gebt Raum dort an der Thür: Platz für die Königin Balthildis.« *   III. »Was will die Nonne wieder in der Welt?« grollte Hektor leise. »Wer hat ihr verstattet, ihr Kloster zu verlassen?« zürnte Leodegar laut. »Es steht unter dem Bischof von Paris. Ich werde den fragen, ob er ...« »Nicht weiter, Rektor,« entgegnete der König. »Ich habe es vor sieben Tagen unmittelbar unter die Krone gestellt. Willkommen, heilige Frau Mutter! Was führt dich hierher?« Erschöpft sank die Frau auf eine Polsterbank, die ihr die Geistlichen des Praejectus hinschoben: man sah an ihrem langen weißen Nonnengewand die Spuren hastigen Rittes über schmutzige Wege. »Was mich – gegen meinen Willen! – aus der Stille des Klosters hierher führt? Die Pflicht, mein Sohn, die Pflicht, für die Wahrheit, für die bedrohten Armen Zeugnis abzugeben. Sobald der Bote dieses ehrwürdigen Dieners Gottes dort mit seiner Frage mich erreichte: – er meldete, heute schon falle hier die Entscheidung! – raffte ich mich auf, holte die mir anvertraute Urkunde aus dem Altarschrein, wo wir sie verwahren, und eilte – mit Verstattung der Frau Äbtissin – so rasch mich das Maultier tragen konnte, hierher, ohne Rast, ohne den Zügel zu ziehen. Hier ist die Urschrift des Testaments meiner alten Freundin Benigna. Und nun erfüll' ich zugleich die Bitte der Sterbenden: sie beschied mich an ihr Lager, sie beschwor mich, mit aller meiner Macht dafür einzustehen, – ich war damals noch Regentin dieses Reiches! – daß das Drittel ihres Vermögens, wie sie es in dieser siebenfach versiegelten Urkunde – seht hin, die Siegel sind unverletzt! – bestimmt habe, doch auch gewiß den Armen von Clermont zukomme: denn sie fürchte alles von dem Patricius Hektor. Ich leistete ihr den Eid, den sie verlangte, und stehe jetzt hier, ihn zu erfüllen. Schirme das Recht, mein König und mein Sohn.« Da durchdrang gewaltige Aufregung das Pfalzgericht: Leodegar erbleichte, Hektor griff trotzig ans Schwert. Mit zitternden Händen zerschnitt der König mit dem Kurzschwert, das ihm der Pfalzgraf reichte, die Verschnürung, die, unter den Siegeln hinlaufend, das Pergament zusammenhielt, entfaltete es und las: ... »den dritten Teil aber meines Nachlasses vermache ich den Armen der Kirche zu Clermont unter Verwaltung des hochehrwürdigen Bischofs dort und ich bedrohe mit dem Fluche der ewigen Verdammnis Hektor, den Gatten meiner Nichte, und jeden sonst, der diese fromme Zuwendung anficht und jeden seiner Helfershelfer bei solchem Frevel und den Herrn König ...« – erschrocken schlug der ein Kreuz. »Und den Pfalzgrafen und das ganze Pfalzgericht, das dieses Recht der Armen brechen wollte. Und dieses Vermächtnis hab' ich auch in die beiden Abschriften dieses Testaments genau eintragen lassen, die ich für den Bischof von Clermont und für meine Nichte Aurelia heute habe schreiben lassen. Diese Urschrift aber habe ich, wie ich in einer Schedula in meiner Urkundenvase verzeichnet habe, in dem Kloster Chelles unter der Obhut meiner gnädigen Gönnerin, der Frau Königin Balthildis, hinterlegt, deren Treue und Frömmigkeit ich die genaue Ausrichtung empfehle. Gott gnade meiner Seele in Ewigkeit. Amen!« Tiefes, eisiges Schweigen folgte auf diese Verlesung, die der König in wachsender Erregung zu Ende führte. »Herr Rektor des Palastes,« rief er nun aufspringend, mit einer Schnellkraft, die überraschte, »und du, Patricius, was sagt ihr hierzu?« Und drohend hob er die Urkunde empor: sie knisterte in seiner vor Zorn bebenden Hand. Hektor fand kein Wort; finster sah er zu Boden. Leodegar aber hatte sich gefaßt: er warf das schwarze Haupt trotzig in den Nacken und sprach: »Ich verlange, daß man augenblicklich den Schuldigen verhafte, meinen Geheimschreiber Dessavus. Aber rasch! Denn er verlangte dringend Urlaub: – im Gefühl wohl der Gefahr. Vielleicht ist er schon entflohen.« »Du aber sollst uns nicht entfliehen, Fälscher,« schrie der König außer sich »und nicht dein Geselle. Auf, Lanzenträger, ergreift beide und führt sie in die Kerker des Palastes – in dasselbe Loch,« grinste er, »wohin ihr damals Ebroin gebracht habt. Denn, – wie hat er doch gesagt, der gelehrte Bischof? – ›Justitia fundamentum regnorum‹ . *   IV. In dem düsteren unterirdischen Gewölbe der alten römischen Wasserheizung, in das nur durch eine schmale Ritze im Gemäuer einiges Dämmern drang, gab sich Hektor dumpfer Verzweiflung hin. Unablässig durchmaß er mit hastigen Schritten den engen Raum, seufzend, stöhnend, fluchend. »Ah,« rief er, jede Waffe haben sie mir abgenommen. Sonst hätte ich ein Ende gemacht. Aber diese Mauern sind hart genug: – ich werde mir den Schädel daran einrennen.« »Das wirst du bleiben lassen,« meinte sein Schicksalsgenosse gleichmütig, sich in einem Winkel des achteckigen Raumes niederlassend und den Rücken an die Wand lehnend. »Es würde deine Seele reuen, sähe sie – vom Fegefeuer aus – mich alsbald aus dieser Finsternis wieder zu Licht und Glanz aufsteigen.« – »Fegefeuer! Ach nein! Arger Bischof! Dein schlimmer Rat, dem ich – wie immer – allzuwillig folgte ...« – »Bitte: der eigenen Geldgier bist du gefolgt. Ich mahnte, den Armen jenes Scherflein zu gönnen.« – »Hat mein Leben in Gefahr, meine Ehre in Schmach, meine Seele in die Hölle – fürcht' ich – gebracht.« – »Die Hölle! Ihr dummen Laien! Ihr wollt durchaus nicht begreifen, daß Sankt Petrus, der die Macht hat, zu lösen, nicht unerbittlich ist. Ich habe längst im Leben für die Heiligen soviel gespendet und in meinem Testament für meinen Todesfall bestimmt, daß ich sicher bin, ich habe mich von der Hölle losgekauft, ich mag nun noch beginnen, was ich will. Ohne diese Überzeugung« – ein Schauer durchschüttelte ihn – »müßt' ich freilich verzagen, verzweifeln, vergehen vor Angst! – Also mit der Hölle hat das gute Wege. Und dieser Aufenthalt hier ist allerdings keine luftige Sommerlust wie die auf unsern schönen Villen. Aber er wird nicht lange dauern.« »Woher weißt du ...?« – »Genug, ich weiß. Und sind wir erst wieder frei und da oben im Licht, dann –« er sprang plötzlich auf und ballte die Faust, »dann – wehe unsern Feinden! Praejectus! Nichts ist dir geschenkt! Und die Heilige, wenn sie nicht bald stirbt, – nicht ganz geschwind! – kommt mir in ein Kloster, dessen Schlüssel ich führe.« – »Aber die Urkundenfälschung?« – »Hat natürlich mein Schreiber verübt: – und der ist schon seit vorgestern über die Berge nach Italien. So können sie ihn nicht auf der Folter fragen. Wir aber sind eben von ihm getäuscht worden.« – »Wird der König das glauben?« Leodegar stampfte mit dem Fuß. »Der Abgrund verschlingt den Knaben Childerich, bevor er uns weiter schaden kann. Dies Gebilde, das Werkzeug meiner Hand, es sträubt sich gegen mich? Hei, fort mit der Mischung von elender Mannesschwäche und knabenhaftem Trotz.« »Du willst ihn ...?« – »Stürzen will ich ihn! In ein Kloster mit dem Undankbaren!« – »Wahrlich, dein kühnes Planen ist erstaunlich. Du liegst hier im Kerker und schickst andere ins Kloster.« – »Ich habe seinen Nachfolger schon bereit.« – »Wer ... wen? Aber wie müßig, solches zu bereden!« – »Meinst du? Ich aber sage dir: zwar noch die Mitternacht, aber nicht die Morgenröte mehr findet uns hinter dieser Eisenthüre.« *   V. Und also geschah's. Bald nach Mitternacht ward draußen auf dem mit Granitquadern belegten Gange vor dem Achteck des Gewölbes, das als Kerker diente, ein leiser Schritt vernehmbar, den nur die schlummerlos und eifrig Harrenden hören konnten: bald ward ein Schlüssel angesteckt: er knarrte nicht: – er war in Öl getaucht: – geräuschlos öffnete sich das Schloß, geräuschlos ging die schwere Pforte nach außen auf, eine Hand griff herein und zog den zunächst Stehenden über die Schwelle: es war Leodegar. Hektor zögerte, zu folgen: »Wohin? Es kann ein Mordbote des Königs sein!« »Schweig, bei allen Heiligen!« flüsterte der Bischof zurück. »Schweig! Gieb mir die Hand. So! Nun bücke dich. Die Wasserleitung ist niedrig.« Nach zwanzig vorsichtig getasteten Schritten standen sie abermals vor einer Thüre: diese war bereits angelehnt, ihr Führer stieß sie auf: da leuchteten von dem dunkeln Himmel die Sterne auf sie herab: tief sogen sie die weiche Luft der Sommernacht ein, die sie nun statt der dumpfen, feucht moderigen in den ewig triefenden Wassergewölben begrüßte. Eine zweite Gestalt trat hinter den dichten, dunkeln Ligusterbüschen hervor: nun erkannte Hektor, daß sie außerhalb der Mauer des Schloßgartens angelangt waren: ein Pferd wieherte, eine Waffe klirrte: er fühlte, wie ihm ein Wehrgehänge mit einem Schwert umgegürtet ward. Bald saßen die Flüchtlinge auf zwei raschen Rossen und stoben die große Straße hinab, die gegen den Strom hin führte – ohne Laut: die Hufe waren mit Stroh umflochten. Wo die Straße an den Fluß stieß, lag am Ufer ein Nachen: der Ferge empfing sie schweigend: vorsichtig wurden die Gäule, dann die Reiter eingeschifft, bald schossen sie stromabwärts dahin. Als die Sonne über die Höhen von Saint Quen emporstieg, waren sie schon lang in Sicherheit und trabten was die Pferde laufen konnten auf der guten alten Römerstraße in der Richtung nach Rouen gen Nordwest. »Höre,« rief Hektor, nun seine Neugier nicht mehr zügelnd, »wären wir unschuldig, – ich glaubte an Wunder ... So aber ...! Erkläre dieses ... Unerklärliche!« – »Sehr einfach. Schon seit Jahren war ich darauf gefaßt, einmal bei einem Umschwung des Glücksrades in jene Tiefen geschleudert zu werden. Oder vielleicht einen Freund daraus befreien zu wollen. Oder auch etwa einen dort in Untersuchung gehaltenen Feind rasch verstummen lassen zu müssen. Der Kerkerwart und seine beiden Söhne beichteten mir einen Raubmord, den sie gemeinsam an einem Gefangenen verübt hatten. Ich sprach sie los unter der Bedingung, daß sie mich, käme ich je dorthin, erlösten in der ersten Nacht. Sie hielten Wort. Die fromme Menge aber wird in unserer wunderhaften Befreiung einen Beweis unserer Unschuld sehen. Schon gar mancher Engel des Herrn, der Gefangenen die Kerkerthüre erschloß, trug wohl statt der Flügel – die richtigen Schlüssel. Aber horch! Von dort – aus dem Gehölz her – zur Linken der Straße – tönen Stimmen: – da tritt ein Mann – schon sind es zwei, vier – aus dem Dickicht vor den Waldeingang: – sie haben uns gesehen: sie rufen uns an.« »Wer mag das sein?« sprach Hektor und griff ans Schwert. »Sollen wir halten?« »Laß sehen!« sprach der Bischof sich vorbeugend. »Gewaffnet sind sie: – wohl Wachen oder Späher...? Jetzt tauchen noch mehrere auf. Aber es sind keine Reiter darunter. Ich meine, wir jagen mitten durch sie hin.« »Ja,« so stimmte Hektor bei, sich umwendend, »denn da von rückwärts, wo wir herkommen, taucht ebenfalls ein Haufe aus dem Waldessaum auf: Waffen blitzen dort im Morgenlicht.« »Also vorwärts. Und durch!« rief der Bischof und beide sprengten, was die müden Gäule noch laufen konnten, gerade aus auf der Straße, die durch den Wald vor ihnen führte. Aber nun ward plötzlich dieser Wald lebendig. Aus jedem Busche, hinter jedem Baum und Strauch hervor, auf beiden Seiten der Straße sprangen Männer, schlecht gewaffnet, aber gewaffnet, ohne Helm, Brünne und Schild, jedoch mit Knütteln, Sensen, Sicheln, Dreschflegeln bewehrt, und – was hier gefährlicher war! – mit Bogen und Pfeil. »Halt! Steht! Halt, in des heiligen Hungers Namen!« schrie es den beiden Reitern entgegen und – bald – nach. Die trieben die Rosse mit lautem Zuruf an. Sie kamen aber nicht weit. Ein Pfeil traf Hektors Pferd, ein mächtiger Stein das des Bischofs: beide Tiere stürzten. Im Augenblick waren sie umringt von dem tobenden Haufen. Beide Flüchtlinge ergriff eisiger Schreck bei dem Anblick. Denn nicht Menschen, – böse Dämonen schienen es, die einen höllischen Tanz um sie aufführten: Weiber unter die Männer gemischt und gräßlicher, grimmiger anzuschaun als diese: alle in Lumpen gehüllt, Haar und Bart verwildert, barhäuptig, bararmig, barfüßig, die Gesichter vom Hunger, vom Elend, vom Haß abgemagert, entstellt, angefressen; die tief eingesunkenen Augen glänzend im Glanz des Fiebers, die hageren Finger wie Krallen gegen die Ergriffenen ausgestreckt; ein teuflisches Gejohle und Gehöhn, nicht Worte einer Sprache, schlugen an ihr Ohr. Gleich die ersten Männer und ein Weib, die sie erreichten und ihre kostbaren Gewände wahrnahmen, schwangen ohne weiteres die breiten Gürtelmesser über sie: – das Weib hob drohend eine Spindel, deren eherne Spitze, scharf zugefeilt, blitzte. Da gebot eine rauhe Stimme von rückwärts: »Halt! Laß, Nachtfahre! Brüder, laßt noch! Erst sehen, wer die bunten Vögel sind.« »Laß sie mich am Spieße braten!« gellte das Weib. »Lebend sind sie vielleicht mehr wert als tot. Wer seid ihr?« rief der Führer, ein baumstarker, vierschrötiger Kerl, der, die ungeschlachten Glieder im übrigen von ungegerbten Fellen mangelhaft verdeckt, um die Schulter wie eine Schärpe einen reich mit Gold gestickten schmalen Purpurstreifen geschlungen hatte, in dessen Knoten eine lange krumme Sichel baumelte; in der Rechten trug er eine dreispitzige Mistgabel. »Sprecht, wer seid ihr, feine Herren?« »Schweig!« warnte Leodegar. Aber es war zu spät. »Elender,« schrie Hektor den Führer an und zog das Schwert, »wie kommst du zu diesem Purpur? Ich erkenne ihn an den goldenen Buchstaben. Das ist ...« »Das war das Banner des Schatzmeisters Gairin ... Mit dieser Faust riß ich's seinem Bandalar aus der Hand. Aber ich habe zu fragen, – nicht du. Wer seid ihr? Redet oder ...« Und drohend hob er die blutgefärbte Gabel. »Wir sind eure Freunde,« hob Leodegar an: »denn ihr tragt diese Waffen doch gegen den König? Wohlan, wir sind Gefangene, soeben ihm entsprungen. Schützt uns: – er ist unser Feind wie der eure.« Aber nun hatte der andere Haufe, von hinten, von Südosten heraneilend, die Stelle erreicht. »Zu rechter Zeit zusammengetroffen, Blutigel,« rief dessen Führer, ein buckliger kleiner Knirps, ein Kelte aus Aremorica, von brandrotem Haar den dicken Kopf umstarrt. »Wie versprochen! Jetzt geht's gemeinsam auf Rouen. Aber wen habt ihr da?« »Wir wissen's noch nicht, Brandhahn. Der da ist ein Priester: ... seht die Verscherung.« Da warf sich der Rotkopf vor Leodegar auf beide Kniee, ließ die scharfgeschliffene Sense, die er auf der Schulter trug ins Gras fallen und flehte weinerlich: »Deinen Segen, heiliger Vater, deinen Segen, bevor ich dich vielleicht abwürgen muß.« »Hui,« rief da ein Dritter der Neuangekommenen, den Dreschflegel hebend, »aber der andre da, der mit dem Schwert, – ei, das ist Hektor von Marseille! – Ich kenn' ihn! Er hat sich meinen alten Vater als Schuldknecht eingefangen.« »Was? Hektor? Der Patricius?« schrie da eine heisere Stimme. Und aus dem hintersten Haufen sprang, von Ruß über und über bedeckt, barhäuptig und barbeinig bis ans Knie, herzu ein riesenlanger Köhler. Sein struppiges schwarzes Haar war, eine Wunde zu bergen, um den runden Kopf mit einem roten Lappen zusammengebunden. »Hund! Wo hast du meine Schwester hingeschleppt?« Und er schwang den wuchtigen Schürbaum hoch in der Luft und zerschmetterte dem laut Aufschreienden den Schädel. Sein Blut spritzte in Leodegars Gesicht. »Brav, Reißewolf! Nun nieder auch der Priester!« schrillte das Weib. »Hilf mir doch, Raubrabe, trauter Buhle!« Auf diese Mahnung trat ein hübscher Bursche vor und zückte den Dolch gegen Leodegar. »Alles, was du willst, süß' Schätzlein!« lachte er. »Halt! Nein, Nachtfahrt! Zurück, Raubrabe, du zärtlicher Bräutigam! Nicht doch!« gebot der Schwarzkopf, »Er sagt, er sei dem König entsprungen. Fesselt ihn! Aber fest! Die Arme, auch die Fußknöchel bindet ihm zusammen. Und werft ihn auf meinen Leiterwagen. Und schickt ihn dem König zurück nach Paris. Der zahlt wohl hohen Preis für ihn. Und jetzt vorwärts, ihr Brüder in Sankt Hungers Orden, vorwärts gegen Rouen!« Zweites Buch. I. Auf der grünen Insel des heiligen Patricius lag, in tiefstem Frieden, weltentrückt, das Kloster des Apostels Markus mit seinen edeln, romanischen, würde- und weihevollen Formen. Die Sonne sank über dem fernen Wald im Westen und vergoldete mit ihren letzten Strahlen wie den roten, den Römern entlehnten Ziegelbau der Kirche, der nun im warmen Lichte erglühte, so die weiß bekalkten Mauern, die den Klostergarten umhegten; die Zinnen waren von wucherndem Epheu wie überschüttet: Tausende von Bienen trugen aus den gelblichen Blüten heim: ihr Summen glich einem leisen, langen, andauernden Gebet. Und zu beten, in Gebet versunken zu liegen schienen Himmel und Erde und Meer und die ganze Natur. Im abendlichen Blau glänzten, zart rosa angehaucht, zahllose kleine Wölkchen, alle im Halbrund, zierlichen handgroßen Muscheln vergleichbar: auf der glatten, ebenso blauen Meeresflut dort unten an der Küste zogen sie, genau gespiegelt, ein zweites Mal dahin. Kaum wahrnehmbar rauschte die letzte leise Welle der ebbenden See an den weißen Sand des vielzerklüfteten Gestades. Ein langer Zug von Silbermöwen strich langsam, mit feierlichem, seltnem, langaushaltendem Flügelschlag, den Saum des Ufers entlang auf ein sanft wogendes Schilficht zu, dort auf schmalem Werder zu übernachten. Die blumigen Sommerwiesen, von roten Feldnelken, gelben Butterblumen, blauen Glocken dicht übersät, schimmerten im Abendlicht; die müden Falter flogen langsam über die sanft nickenden Halme hin: auch sie suchten beim Sinken der Sonne die Ruhe. Aus dem dunkeln Wald gemischten Schlages, – Tannen und Buchen, – der im Westen das friedliche Bild abschloß, drang feierlich flötend das wohllautreiche Abendlied der Amsel. Auch der schmale Bach, der zuerst die Gartenmauern des Klosters umgürtete und dann in sanftem Gefälle zu Thale rann, schien langsamer als am Tage zu fließen: es eilte ihm nicht, das schöne Gelände zu verlassen: ohne rippelnde Wellen, eben floß er dahin: nur zuweilen hüpfte aus der glatten Flut ein Asch oder eine Forelle, nach einer der zahllosen Mücken schnappend, die im Sonnenschein über dem Wasser hin ihren geflügelten Reigen tanzten. Und der tiefe Friede, die Stille des Abends ward auch nicht gestört durch das seltne und leise Silbergetön, das ein paar weiße Schafe hören ließen, die einer kleinen Herde führend voranschritten: die Tiere stiegen gemächlich, immer wieder haltend und wählerisch aus den dicht sprießenden Blumen den Wegerich, die Weißgarbe, die jüngsten Kleeblätter rupfend, den sanften Wiesenhang hinan, der, den Bach entlang, aus dem Thalgrund gegen die Pforte in der Gartenmauer auf der Hügelkrone hin sich erhob. Hinter den willig schreitenden Tieren, deren kostbare Wolle, musterhaft sauber gehalten, in hellstem Weiß leuchtete, schritt die junge Hirtin, ein Kind von kaum sechzehn Jahren; die schmalen Füßlein trugen keine Schuhe: das einzige Gewand, ein Linnenrock, hellblau wie die Blüte des Flachses, reichte kaum bis an die feinen Knöchel: um die noch kindlichen Hüften hielt das Kleid ein geknoteter Gürtel von weißer Wolle zusammen und auf der linken Schulter festigte den Überwurf ein kleiner Zweig vom Rotdorn, dem die schmale weißrote Blüte belassen war; das braune Haar flutete, gelöst, vom unbedeckten Haupt in breitem Strom über den Rücken hin bis auf den Gürtel; in der Rechten hielt sie die schwanke Haselgerte, deren sie kaum je bedurfte; die Linke ruhte auf dem breiten Kopf des prachtvollen hochschreitenden Schäferhundes, dessen zottiges, dunkelgelbes Fell jetzt in der Sonne wie Gold leuchtete, wie er bedächtig, – wie nachdenksam – neben der Kleinen dahinschritt, zuweilen mit den klugen treuen Augen ihren Blick suchend. Wie sie so langsam wandelnd daher kam, das schmale Gesichtchen durchleuchtet von zwei fast allzugroßen, hellbraunen Augen, die in bläulichem feuchtem Weiß schwammen, glich sie mehr als einem Menschenkinde jenen überirdisch schönen Feenmädchen, von denen ihres Volkes Sage so hold zu flüstern weiß. Denn irisch waren die Worte, die sie leise summend vor sich hinsang: »Liebe Sonne, Sinkesonne Sei gegrüßt mir noch einmal! Ach wie früh schon mußt du scheiden! Denn dein Wagen hat gewendet Und der Kuckuck ruft nicht mehr. Rasch verglüht die Morgenröte, Früh verglüht der Tau im Grase, Früh im Moose welkt das Veilchen, Bald verblaßt der Regenbogen Und der schöne Abendstern. Rasch vorüber zieht der Frühling, Rasch vorüber flieht die Freude: Früh muß sterben, was da hold ist, Holdes Mädchen, freud'ger Knabe, – Wartet nur, bald sterbt auch ihr.« . Wehmutvoll verhallte der letzte Ton des kurzen, melodischen Liedes: auch die rasch verklingende Schwingung seiner Schlußlaute schien die trauervolle Klage des Inhalts zu bestätigen. Horch, da ward die schmale, bisher halb geöffnete Pforte, die von dem Weideanger in den ummauerten Hof und Garten des Klosters führte, von innen völlig nach außen gestoßen und auf der Schwelle erschien die Gestalt eines Knaben – oder war es schon ein Jüngling? – der, mit einer kleinen, dreieckigen Harfe sich begleitend, dem eben verhallten Liede in gleicher Sprache antwortete: »Klage nicht, o holde Karin, Daß die Sonne und der Frühling Und das Veilchen und die Freude Und der Regenbogen müssen Frühe scheiden: – und auch du! Denn das ist der Reiz des Schönen Und das ist der Anmut Zauber: Hartes, Häßliches, Gemeines Dauert wie der Stein der Straße: Doch der Rose Duft verfliegt. Aber nicht verloren ist er: Daß er einmal hat geduftet, Ist für immer unentreißbar Und in Gottes ew'gem Atem Atmet er unsterblich fort. Also, holde Karin, werden Ungeschieden auch wir beide Atmen fort in Gottes Atem Und wenn hier wir früh verwehen, – Holde Karin, freue dich. Hier ist Elend, Nacht und Sünde, Dort ist Wonne, Licht und Unschuld: Und je früher hier wir scheiden, Desto früher sinken beide Dort wir an des Vaters Brust.« Der Jüngling trat nun über die Schwelle heraus ins Freie: da küßte der Vollguß der sinkenden Sonne sein lichtblondes, lang wallendes, aber ungelöst ganz schlichtes Haar, das in einer ungebrochenen Welle auf die jugendlichen Schultern flutete: die Kutte, die er trug, von schimmerndstem Weiß, war offenbar aus der Wolle jener Herde gefertigt. Er hielt die Hand vor die Augen, das blendende Licht des Sonnenunterganges auszuschließen. Da eilte der mächtige Hund Hirtin und Herde voraus in großen Sätzen, sprang an dem Jüngling hinauf und legte ihm die starken Pranken auf die Brust. »Ryan, treuer Gesell!« sprach er, ihm über den Rücken streichend. Nun lief der zu den Schafen zurück und half, sie rings umkreisend und freudig bellend, die kleine Herde durch die Pforte in den Hofraum treiben und in den hier geöffnet stehenden Pferch. Ein ganz junges Lämmlein trug das Kind auf dem Arm hinein und stellte es neben die blökend rufende Mutter. Nun reichte der Jüngling dem Mädchen die Hand: »Der Herr segne dein Kommen wie dein Gehen, Karin. Mein Gebet begleitet dich überallhin, über Berg und Thal, durch Wald und Heide.« – »Und meine Gedanken bleiben bei dir zurück wohin ich gehe.« »Komm, laß uns draußen ruhen, vor der Mauerthüre, auf dem weichen Moos, und die Sonne vollends zu Golde gehen sehen. Ryan, so! Lege dich nur zu meinen, – zu unsern Füßen!« »Gern! Es ist gar schön hier, still und friedlich: – als wäre dies Stück Welt, dieser Anger und der Wald, herausgehoben aus der Erde ...« – »Und wir zwei beide lebten allein darauf! Etwa wie auf dem Abendstern, der dort aus den Dämmerwolken grüßt.« – »Schau, Freund Innocens, was ich dir mitgebracht und wie ich all überall deiner gedacht habe: – bei jedem Schritt: auf der feuchten Wiese am Bach, auf der sonnigen, trockenen Heide und im schattigen Walde.« Sie griff in ihre weite Hirtentasche von geflochtenem, weißem Bast, die sie am Gürtel trug, und holte daraus einen Blumenkranz hervor, der in allen Farben leuchtete: vom tief satten Goldgelb des Ginsters bis zum hellblauen Wildrittersporn und zum veilchenblauen Nachtschatten, von dem purpurnen Fingerhut bis zu der weißen Seerose, die am Ufer hin auf dem Teich des nahen Waldes schwamm. Sie hielt ihm das Gewinde vor die staunenden Augen, dann drückte sie es ihm mit leichtem Schwung auf die blonden Haare. Nun schlug sie in die Hände: »Ei, Innocens, wie ein König siehst du aus!« Da erschrak der Jüngling, und hastig nahm er den Kranz ab: »O laß ... laß, Liebe! Nicht dies Wort.« – »Und weshalb nicht? Und warum verschmähst du meinen Schmuck?« – »Weil... weil... nun, du magst es wissen. Der Bischof-Abt hat mir nicht Schweigen auferlegt. Weil ich – ach, leider, leider! – ein Königssohn bin, ja ein entthronter König!« »O, wie traurig!« rief die Kleine, aufspringend, »Da darf ich nicht mehr wie mit einem Bruder mit dir ...! Aber wie selbstisch von mir!« Und sofort warf sie sich auf beide Kniee vor ihm nieder – sehr erstaunt betrachtete der verständige Ryan dies ungewohnte Gebühren! Als sie nun aber vollends die Hände zusammenlegte, in der uralten Form der Huldigung, und ihm zurief: »Ich huldige dir, Herr König«, da stimmte er mit lautem Bellen freudig bei. »Nicht, nicht doch!« mahnte Innocens, und drückte das Kind wieder auf seinen Sitz zurück. »Still, Ryan!« – »Mich wundert's aber gar nicht! Du kamst mir stets anders vor als andere, als die Väter und Brüder im Kloster. Und König welches Reiches? Etwa gar von Ávãlon, dem Feenreich?« Und mit leisem, aber süßem Schauer des Aberglaubens sah sie zu ihm auf. »Nein, nein. Im Osten – weit von uns, fern über der See – liegt ein großes Land: – Austrasien heißt's: – das ist mein Königreich!« – »Und seit wann weißt du das?« – »Seit heute früh. Bei Tagesanbruch – ich lauschte durch das offene Fenster meiner Zelle dem silbernen Geläut deiner abziehenden Lämmer – trat Wilfrid, der große Bischof-Abt, an mein Bett, sprach mit mir den Morgensegen und hob darauf an: ›Es ist nun die Zeit gekommen, mein Innocens, da du reif und verständig genug bist, zu vernehmen und zu verwerten, was du und wer du bist. Heute vor zwölf Jahren war's, daß dich, den Schlummernden, ein mächtig Seeschiff an unsere Küste brachte, dort unten, siehst du, in der Lough-Bucht. In einem Langschild trugen sie den Schlafenden uns herauf. Das eine runde Ärmchen hing heraus: – auf dem andern ruhte, in dem dichten Geflechte des gelben Haars, das rosige Gesicht. Franken waren's, die dich brachten, Männer aus dem Ostland, wo Berge ragen und Ströme fließen, deren Namen ich damals noch nie gehört hatte. Unter ihnen war ein frommer Priester, Romarich, den ich vor Jahren in der heiligen Stadt am Tiber kennen gelernt hatte, an den Gräbern der Apostelfürsten: das gemeinsame Gebet an solcher Stätte hatte uns befreundet. Der erzählte denn, – und die Krieger, die ihn begleiteten, bestätigten es: – in jenem fernen Ostreich der Merowingen sei ein frommer König, Sigibert, zu Sterben gekommen: da habe er seinen einzigen Sohn, einen zarten Knaben, der Treue seines Hausmeiers, Grimoald, empfohlen: der habe geeidet auf den Heiligen, das Kind auf des Vaters Thron zu erheben und auf diesem Thron zu halten mit stark schützender Hand. Aber nach des Königs Tod habe der eidbrüchige Mann, rasch seinen eigenen Knaben, Childibert, auf den Königstuhl geschwungen, in dessen Namen zu herrschen; den echten Erben aber habe er morden wollen‹.« »O Gott, kann solche Sünde sein auf dieser schönen Erde?« rief das Mädchen und sah gen Himmel auf und Thränen füllten ihre Augen. »›Schon sei der Dolch über dem Kinde gezückt gewesen, da habe Romarich sich zu des Gewaltherrn Füßen geworfen und habe ihn angefleht, des unschuldigen Blutes zu schonen: er wolle den echten Erben in ein Kloster bringen, so weltentrückt, so fern dem Reich der Franken, daß weder der Knabe, noch sonst ein Mensch auf Erden daran je denken könne, zurückzukehren oder zurückzuholen auf jenen Thron. Und der Tyrann gab nach. Und der Priester führte den Geretteten davon – hierher zu mir: denn du bist jener Knabe, bist Dagobert, des Franken-Ostreichs Erbe‹.« »Ich grüße dich, ich grüße dich, Herr König!« rief das schöne Mädchen und küßte ihm wiederholt die Rechte. Und Ryan leckte ihm die Linke, die im Grase lag. »›Und deshalb‹ – fuhr der ehrwürdige Abt fort, – ›deshalb hab' ich dich zwar hier im Kloster, wie einen Klosterknaben, wie einen künftigen Priester erzogen, aber niemals dir, so oft, so heiß du darum batest, das volle Klostergelübde abgenommen oder irgend eine Weihe zugedacht‹.« – »Warum nicht?« – »So forschte auch ich. Wilfrid aber gab Bescheid: ›weil wir Gottes Willen nicht vorgreifen dürfen, der dich vielleicht zu großen Dingen ausersehen hat. Denn wisse: übel gedieh dem Treubrecher die That: die wackeren Franken jenes Ostlands, die der Arge mit List und Gewalt überrumpelt hatte, ermannten sich alsbald, erhoben sich gegen ihn, lieferten ihn gefangen dem Merowing, der zu Paris das Westreich beherrscht, zur Todesstrafe aus und hätten zornig auch seinen Knaben getötet, hätte nicht Romarich, der dich gerettet, auch dessen Leben gewahrt. – Er erinnerte, daß der nun gestürzte Grimoald ja auch dein geschont habe: so flüchtete er auch diesen Unschuldigen in ein Kloster – in Welschland am Po. Allein Frieden und Ruhe ist doch nicht eingekehrt in dem unseligen Ostreich der Franken: blutige Kriege mit dem Westreich, zwischen den rasch wechselnden Knaben auf jenen Thronen, Empörungen und Fehden der Großen lassen es nicht gedeihen: es ist, als ob der Fluch des Herrn so lang auf dem Lande laste, bis die Schuld gesühnt ist, die durch des rechten Erben Verstoßung darauf geladen ist. Und deshalb hab' ich in den letzten Zeiten erst recht nicht nachgegeben deinem dringenden Bitten, dir die Gelübde abzunehmen: nur das erste, unerläßliche für alle im Kloster, das des Gehorsams gegen mich, mußt' ich dir auferlegen. Und wohl mir, heil mir, daß ich also verfuhr. Gott hat mich dabei erleuchtet. Denn wisse: was ich jahrelang geahnt – gehofft: – es ist geschehen. Was ich lang in dieses Klosters Stille geträumt, das hat nun draußen in der Welt die Gedanken der Großen, der Mächtigen ergriffen in beiden Reichen der Franken. Jener Priester hat jüngst, bevor er die Welt für immer verließ und Abt eines Klosters ward, frommen Bischöfen und wackeren Palatinen zu Metz – das ist deines Reiches Hauptstadt und Hauptfeste – entdeckt, wo du in Verborgenheit bisher gelebt. Und nun senden mir wohlmeinende Männer Boten und Briefe, – immer häufiger, – und rufen dich auf deinen angestammten Thron. Ein ehrwürdiger Bischof aus dem Westreich, Praejectus, tapfere Krieger aus dem Ostreich haben sich verbunden, den bösen Wirren dort ein gottgefällig Ende zu setzen, indem sie, das alte Unrecht sühnend, dich, den alle Frevel dieser Jahre dort nicht beflecken konnten, den Reinen, auf den Thron erheben, der ihm längst gebührte‹. So sprach Wilfrid der Abt und Bischof – ich aber warf mich auf die Kniee vor ihm und beschwor ihn unter heißen Thränen, mich doch nicht zu verstoßen, mich doch nicht aus dem heiligen, seligen Frieden dieses Klosters, aus der Unschuld dieses Lebens hinauszutreiben in eine Welt, von der ich ja nichts, gar nichts weiß, als daß ungezählte Leidenschaften, Laster, Frevel sie beherrschen. Er aber schüttelte das weiße Haupt, ging hinaus und überließ mich meinem Weh. Nie war er doch so grausam gegen mich!« Er erhob sich seufzend. Da sprang die Jungfrau auf und mit leuchtenden Augen rief sie: »Recht hat er, recht, bei allen Heiligen! Längst sagte mir das Herz: Dein Freund ist was anderes, Höheres, zu Höherem berufen als all' die anderen hier. O Dagobert, mein Stolz, bedenke, welcher Beruf: das Unrecht sühnen, das Recht herstellen, der Retter, der Erlöser seines ganzen Volkes werden! Du mußt! Du darfst nicht anders! Ich grüße dich, mein König und mein Held.« Und abermals wollte sie auf die Kniee vor ihm sinken, aber er fing die schlanke, noch so kindliche Gestalt auf in seinen Armen und drückte sie an die Brust. Freudig und laut bellte Ryan und sprang an beiden hinan: – er hatte das noch nie gesehen: doch sichtlich gefiel's ihm. Da thaten sich die wieder halb zugefallenen Flügel der Mauerthüre weit auf und hervor traten zwei Männer, die unvermerkt das Gespräch und dessen Abschluß mit angehört und angesehen hatten: der ehrwürdige Bischof-Abt Wilfrid, dessen Haar so silberweiß war wie die Wolle seiner Kutte, und neben ihm eine stattliche Kriegergestalt in voller Waffenrüstung, einen weißen Stab, von einer goldenen Kugel gekrönt, in der Rechten. »Amen,« sprach der Abt, die Hand auf die Häupter des jungen Paares legend, das, überrascht, aber ohne Bestürzung oder Beschämung, vor ihm stehen blieb. »Aus dieses Kindes Mund sprach Gottes Wille. Er geschehe auf den Thronen wie an den Herzen.« Der Krieger aber sank auf das linke Knie vor dem Jüngling und sprach: »Ich grüße dich, Herr König von Austrasien, im Namen deines treuen Volkes. Gestorben ist der Merowing, den wir zuletzt, nicht wissend, daß und wo du lebtest, auf den Thron zu Metz gesetzt hatten: der Königsstuhl steht leer, er harrt des rechten Erben: ich aber komme, ich vor allen andern, dich darauf zu führen um meines Gesippen Grimoald Schuld zu sühnen: denn wisse: ich bin sein Neffe Pippin. Eben landete mein Schiff dort in der Bucht: es liegt bereit, dich zurückzuführen in das Reich, das Erbe deiner Väter. Hier nimm ihn hin, den Königsstab der Franken.« Er erhob sich. Aber heftig wehrte der Jüngling ab: »O nein! O nein! Ich bitte, ich flehe euch an! Schonet mein! Reißt mich nicht aus Frieden und Stille in den bösen Kampf, in den Lärm der wilden Welt. Ich bin ihr nicht gewachsen. Ich sehe schon Blut – Blut – gezückte Waffen! – O nein! Ihr treibt mich ins sichere Verderben. Und fort von hier? Und fort von ihr, von dieser? Die ich bis heute nur wie eine Schwester zu lieben wähnte, – die ich aber – ich fühlt' es jetzt, als sich unsere Lippen fanden im ersten Kuß! – die ich heiß liebe als meiner Seele andere Hälfte: – als meine Braut. Und ich fühl's, ich seh's: – auch sie ...! Wie? Diese Liebe, – kaum entdeckt, – soll ich lassen? Nein. O nein!« Und zärtlich drückte er, mit beiden Armen sie umfassend, die vor Weh und Wonne Bebende an seine Brust. Der Abt aber sprach: »Was ihr beiden Kinder jetzt entdeckt, – ich hab' es wachsen, blühen sehen all' die Jahre her. Sieh, König Dagobert, auch deshalb verbot ich dir die andern Gelübde. Kraft deines Gelübdes des Gehorsams aber fordere ich, befehle ich, daß du diesen Stab ergreifst.« Zögernd gehorchte der Jüngling. »Und Karin ...? fragte er, sie enge an sich ziehend. »Führst du als deine Königin mit nach Metz,« rief Pippin. »Noch keine schönre hat die Mosel je abgespiegelt.« »Ja,« schloß der Abt »und daß ihr's alle wißt in jenem fernen Land und sie auch nach ihrem Blute gebührend würdigt: von königlichem Abstamm ist auch sie: – und ähnlich wie Dagoberts ihr Los. In Wales, auf der großen Insel der Britannen, trug ihr Vater Llewellyn, trugen ihre Ahnen Krone. Die wilden Sachsen eroberten das Land: ihr Vater, all' ihre Gesippen fielen im Kampf, die Mutter ward von treuen Männern übers Meer hierher geflüchtet: hier genas sie dieses Kindes und starb. Allverlassen, allverwaist wuchs in unserm Schutz das Königskind heran in einer Hirtin Demut: nun aber hat ihr Gott, hat ihr die Liebe die Krone auf das junge Haupt gedrückt.« *   II. Tief in den Buchen und Tannen des Wasgenwaldes, verborgen in grüner Wildniseinsamkeit, lag das Kloster Luxeuil, die Stiftung des feurigen Eiferers Columba. In einer rauhen Herbstnacht jagte der Wind die dichten Nebelmassen von draußen über die hohen Mauern bis in den geräumigen Klosterhof, wo die in düstrem Rot glimmenden Pechfackeln auf ihren hohen eisernen Ständern in der Nässe fast zu verloschen drohten. Obgleich die Mitternacht vorüber war, brannte noch Licht in einzelnen Zellen: manche der Mönche lagen noch dem Gebet oder dem Lesen in frommen Büchern ob. Die schmale Pforte einer solchen Zelle auf einem der hochgewölbten Steingänge ward von außen behutsam geöffnet und der Abt trat über die Schwelle, ein alter, ehrwürdiger Mann, aus dessen faltenreichen Zügen schwere Lebenserfahrung nicht minder als gottesfürchtige Ergebung sprach. Das graue Haupt schüttelnd blieb er am Eingange stehen. Der einsame Insasse des schmalen Gelasses hemmte plötzlich den raschen, hastigen Schritt, mit dem er den engen Raum durchmaß und hielt hart vor seinem Besucher. »O Vater Romarich! Noch immer nicht zur Ruhe? Bei deinen hohen Jahren! Und bald ruft dich schon wieder die Hora. Du solltest schlafen!« »Wie kann ich schlafen, Bruder Renuntiatus, ...« Der Angeredete machte eine unwillige Bewegung. »Wenn ich unter meiner Zelle stundenlang in der Stille der Nacht deinen rastlosen, ruhelosen Schritt über diese Quadern hin vernehme! Du hast und findest, ja du suchst gar nicht den Frieden, mein Renuntiatus ...« »Nenne mich nicht so,« rief der andere, mit dem Fuße stampfend, »Ebroin heiß ich, Ebromuths Sohn, und so will ich heißen und bleiben, leben und sterben. Jenen Namen – er ist eine Lüge! – hat man mir aufgezwungen wie dies ganze unleidliche, unerträgliche Leben hier im Kloster: das heißt – für mich – im Kerker. Wahrlich, längst hätt' ich mich aus dieser seelenzermürbenden Gefangenschaft befreit: – ein Sturz vom Klosterdach in den Hof zerschmettert mit dem gequälten Gehirn zugleich die darin tobenden Gedanken ...« Der Alte schlug ein Kreuz vor Entsetzen: »Welcher Frevel! Welche Sünde gegen deinen Schöpfer!« – »Hielte mich nicht Eins zurück.« – »Mein Sohn, du hättest längst den Rat befolgen sollen, den ich dir – mit dem weislich gewählten Klosternamen! – erteilt habe, bald nach deinem Eintritt in diese friedlichen Hallen. Du hättest dich aus unserem Gefangenen in unseren Genossen verwandeln, du hättest das Mönchsgelübde ablegen, der Welt und ihrer Eitelkeit entsagen sollen für immerdar. Dann hättest du Friede gefunden in dieser Zelle, in der du nun herumrasest wie ein gefangenes Raubtier.« Grell auf lachte Ebroin. »Gut, dies Gleichnis! Besser gewählt als jener Name! Ja, ja: ich sah einmal am Hofe des Knaben, der mich hier eingesperrt hält, einen mächtigen Bären aus den Ardennen. Das arme Tier hatten sie in einen vergitterten Käfig gezwängt, in dem es sich gerade wenden konnte. Unaufhörlich, Nacht wie Tag, wandte es sich, trippelte die drei Schritt, die es machen konnte, riß verzweifelt an dem Eisengitter, und wandte sich wieder und trippelte wieder und riß wieder:..., der böse Königsbube stand dabei und hielt sich den Bauch vor Lachen über die ohnmächtige Wut, den Freiheitsdrang des starken Geschöpfes, das ihn mit einem Druck der Pranke zerquetschen konnte: und er schlug zuweilen hinein mit schwanker Gerte. Nach sechs Nächten verendete das prachtvolle Tier in Raserei. O, länger als der Bär, scheint's, hält der Mensch solche Qualen aus.« – »Du Armer! Ich habe dir mehr Freiheit gewährt, als ...« – »Als du darfst, ich weiß. Ich darf wie im Hof, so im Klostergarten umherlaufen, ganz wie jener Bär: – aber überall ragen unersteiglich, glatt senkrecht die hohen düstern Mauern auf. Ah, nur eines hält mich noch am Leben!« – »Unseliger, ich weiß es: die Rachsucht!« »Ja, ja, ja!« schrie der Gepeinigte tobend, »ich leugne's nicht. Wehe, wehe meinen Feinden, meinen Quälern allen, die mich all' diese Tage meiner besten Manneskraft hier eingesperrt halten, während draußen das Leben freudig weiter flutet. Ach neulich drang des Hifthorns fröhlicher Klang in dieses schweigende Grab: – draußen folgte die laute Jagd dem flüchtigen Hirsch. Und ich? – Oh ich lag auf meiner Binsenmatte da und las das tiefverhaßte Buch des heiligen Augustinus.« – »Ich darf dir stets nur je eines geben ...« – »Da weinte ich. Vor Sehnsucht. Oder vor Wut. Wehe, führ' ich einst wieder ein Schwert in meiner Faust, wehe allen, die an mir und an diesem Frankenvolke freveln! In Strömen will ich ihr Blut vergießen.« – »Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr.« – »Nein, Alter! Diese Rache ist mein . Zittert, bebt vor Ebroin dem Rächer! Aber nicht der Rächer nur, – der Retter Ebroin lechzt nach Freiheit, Macht, nach dem schützenden wie strafenden Schwert. Bis in diese Einsamkeit dringt zuweilen durch Flüchtlinge, die Asyl suchen, durch Brüder, die du an den König, an die Heilige im Kloster entsendest, warnende Nachricht von dem Unheil, das allüberall dies Reich zerfleischt. Nicht nur Leodegars und seiner Mitschuldigen Druck und Gewalt gegen die Freien, – auch des knabenhaften Bösewichts, des Königs, Übelthaten, die Fehden der Großen untereinander, das Aufkommen von Gewaltherren in allen Provinzen von Neuster und Burgund: – all' das hat die kleinen Leute zur Verzweiflung getrieben. Ich sehe, ich höre das Vaterland zertreten und ich liege hier, wie ein treuer Hofhund an die Kette gefesselt, indessen Räuber und Mordbrenner das Haus plündern und zerstören! O, zuweilen fürcht' ich, wahnsinnig zu werden. Ich sehe dann nichts mehr vor den Augen als Blut, Blut, rotes Blut!« – »Bei allen Heiligen, Bruder! Dann – in solchen Augenblicken – nimm deine Zuflucht zum Gebet.« Schrill lachte der Gequälte: »Beten? Hei, zu wem soll ich beten? Leer ist der Himmel. Wie soll ich glauben an einen Gott, der solchen Frevel, solches Unrecht triumphieren läßt? Und solchen Undank! Das, das traf am allerschwersten, daß die Geringen, deren Errettung ich all' mein Leben geweiht, daß die Bauern, die ich zu ihrer Befreiung hergerufen, von ein paar heuchlerischen Worten bethört, sich gegen mich wandten, mich niederzwangen, in Fesseln schlugen. Damals ist, frommer Romarich, etwas gerissen in mir: das Beste an mir: – das Band, das mich in Herzensgüte an die Menschen gebunden hatte. Ich bin verwandelt: – fürchterlich verwandelt, mir selbst oft unheimlich! Früher konnte ich, statt an Gott, an meine Macht und Stärke glauben: – ah, wie dein Gott hat meine Stärke mich verlassen. Hier lieg' ich, in ohnmächtiger müßiger Wut mich verzehrend ...! Aber wartet! Bei allen Schrecken der Hölle! Komm' ich jemals frei, – jedes Mittel, das zur Rache und zum Siege frommt, sei willkommen. Seit sie mich von meiner frommen Mutter und von jener Heiligen gerissen, haben mich alle guten Gewalten verlassen: böse Geister sind in mich gefahren! Und gerne, könnt' ich nur an ihn glauben, schloß' ich, um den Preis der Rache, Bündnis mit dem Satan!« Und in wildem Weh warf er sich auf das Antlitz nieder auf die morsche Schilfmatte der Zelle. »Du rasch schon, Unglücklicher! Ich bete, daß ...« »Horch, was war das?« rief Ebroin jäh aufspringend. »Ein Hornruf vor dem Außenthor! Auf der großen Straße! Das ist der Ruf der königlichen Lanzenreiter. Ah, wie lange hört' ich ihn nicht mehr!« »Und nun,« forschte Romarich, »man schlägt mit Waffen an das eherne Thor – was kann so spät noch ...?« Der schmale Mauerritz, der das Fenster der Zelle ersetzte, verstattete nicht den Blick auf das große Hofthor. Doch hörte man nun, wie es geräuschvoll geöffnet wurde: die rostigen Angeln knarrten, die schweren Riegel klirrten, die langen Thorketten rasselten zur Erde. Fackelglanz schien den düstern Hof zu erhellen: die Huftritte von mehreren Rossen hallten auf dem Steinpflaster, Waffen klirrten, rauhe Stimmen – nicht der Mönche! – wurden vernehmbar. Schon näherten sich Schritte auf dem Klostergang der Zelle: die Thüre ward aufgerissen: im Geleit des Pförtners und des Propstes wurden zwei Lanzenreiter des Palastes sichtbar, die den Abt ehrfürchtig begrüßten: »Du bist Romarich, so sagten die Mönche. Und das ist der tapfre Ebroin ... wir kennen ihn! Nun, Ebroin, wir bringen dir Gesellschaft: der Herr König hat befohlen, daß dieser Gefangene hier – hinter uns – deine Zelle teile: ›der Fuchs mit dem Bären‹, gebot er lachend dir zu sagen: es ist Leodegar, einst Bischof von Autun.« Drittes Buch. I. Einige Wochen darauf wandelten die beiden Gefangenen in tiefem Gespräch in dem großen Garten, der sich an der Rückseite des Klosters hinzog. Das rauhe Herbstwetter war sonnigen Tagen gewichen: um die Mittagsstunde flogen Bienen und Falter, aus der Erstarrung durch die freundliche Wärme in das Leben zurückgerufen, auf die letzten noch blühenden Blumen: Astern und Herbstzeitlosen. »Und so hat also,« begann Leodegar, an einer Biegung der säuberlich mit gelbem Sand bestreuten Gartenwege Halt machend, »jener boshafte Bube das Gegenteil von dem erreicht, was seine arge, giftige Absicht war: er wollte jedem von uns die Gefangenschaft noch bitterer vergällen durch die engste Gesellung mit dem andern: und was hat er erzielt? Unter den alten Freunden, die kurze Feindschaft – auf beiden Seiten verschuldet! – entzweit hatte, hat er die frühere Eintracht wiederhergestellt. – Verweile, Freund: da droht eine Biene zu ertrinken in dem Becken des Springbrunnens. – Ich kann kein Tier leiden sehn.« Und der Bischof kniete nieder und hob nicht ohne Mühe mit seiner einen Hand die halbtote Imme auf einen sonnenbeschienenen Grashalm. »Nun wirst du dich rasch erholen, Geschöpflein,« lächelte er, aufstehend. Ebroin hatte ihm aufmerksam zugesehen, mit verwunderten Augen. Nun schritten sie weiter. »Hierher, in die Sonne. Nicht, Freund?« fragte der Priester. »Nicht allzurasch, nicht allzuoft,« grollte Ebroin, die Brauen furchend – tiefe Falten hatten sich ihm in der Gefangenschaft senkrecht zwischen die Augen gegraben – »das Wort Freundschaft über die glatte Zunge gleiten lassen. Entweih' es nicht! Soweit sind wir nicht und kommen nie mehr dahin! Es fehlt ...« – »Was fehlt dir denn noch immer? Die Geschichte meines Sturzes hab' ich dir – ohne jede Verschweigung! – erzählt: habe auch eingeräumt, daß ich nicht ohne Schuld dabei bin. Ach ja, wohl allzueifrig hab' ich vor meinem Geheimschreiber, diesem nur zu fingerfertigen Ravennaten, den Wunsch ausgesprochen, Hektors – des Armen, auf der Heerstraße liegt er erschlagen! – Streitsache gewinnen, das feindselige Testament unschädlich machen zu können. Da hat er denn, uns beide täuschend, zu jener Fälschung gegriffen. Ach, es war von je mein Fehler, daß ich meinen Freunden zu rücksichtslos diente.« – »Wohl eher, daß du deinen Feinden zu rücksichtslos an die Gurgel griffst. Aber ich will verdammt sein, hier zu verrotten, mach ich's in Zukunft nicht ebenso.« Und so gefährlich blitzte sein graues Auge, daß der Bischof fast ängstlich auf ihn sah. »Aber,« fuhr Ebroin fort, »nachdem du auf der Flucht gefangen warst, doch von Räubern: – wie kam es, daß du in die Hände des Königs ...?« – »Der elende Merowing ließ sich wirklich auf Verhandlungen, auf einen Tauschhandel ein mit den Mördern und Mordbrennern und Aufrührern, die Hektor erschlagen und mich gefangen hatten. Er schickte ihnen soviel Solidi, als sie für mich verlangten, entgegen. Und dann? Nun, du weißt ja, wie's in solchen Fällen gemacht wird am Hof. Erst rief man ein sogenanntes Konzil zusammen: – von allen Bischöfen, die mich haßten, fürchteten, beneideten: – Praejectus hatte den Vorsitz! – die entsetzten mich des Bistums. Dann traten dieselben Bischöfe mit einem Dutzend Seniores zusammen – das nannte man ein Hofgericht: – sie verurteilten mich – wie dich – zum Tode und der hochherzige König begnadigte mich zu lebenslänglicher Einsperrung – mit dir zusammen. Und da bin ich nun, ein Opfer der knabenhaften Laune.« – »Was du dem Merowing gefehlt, hast du nicht mir gefehlt. Aber all' deine Wortkünste können mich doch wahrlich nie vergessen machen, daß du es warst, der mich hierher gebracht hat. Und in welcher Weise, mit welchen Mitteln, mit welchen Schändlichkeiten!« Wieder blieb der Bischof stehen und legte die Hand auf Ebroins Schulter: »Mit scharfen Mitteln, – ich geb' es zu: – aber in offenem Kampf und nicht mit Brechung, – unter Wahrung unserer Vereinbarung. Erinnere dich! Nach jener Verhandlung mit den Austrasiern haben wir beschlossen, beide als Verbündete danach zu trachten, daß der Merowing zu Paris auch wieder über Austrasien herrsche: dies, unser gemeinsames Ziel hab' ich nie aus den Augen verloren, es mit dir, wie du, angestrebt.« – »Das ist wahr! Jedoch ...« »Deine andern Pläne aber, die du mir enthüllt, die Kirche und den Adel einzudämmen, auf deren Kosten die kleinen Leute zu heben: – nun, ich meine, du hast jetzt erfahren, was die wert sind! – die hab' ich nie gebilligt, vielmehr offen verworfen. Und wie du nun, – gesteh's: mit gröbstem Rechtsbruch, mit wilder Gewalt! – Bischöfe und Seniores durch die Bauernlümmel zu deinem Willen zwingen wolltest, da hab' ich das bekämpft mit allen Mitteln – scharf, – aber ohne Treubruch und Vertrauensbruch. Hättest du mir jenen Raubmord anvertraut , – nie hätt' ich ihn verraten! Ich erfuhr ihn ohne deinen Willen! So dürft' ich ihn verwerten! Es war ein Kampf zwischen uns nicht nur um die Macht, – nein: um das Heil des Staates, wie es jeder versteht. Darfst du mich schelten, weil ich's anders verstehe und weil ich gesiegt?« Aber Ebroin entgegnete grimmig: »Glatt und glimpflich weißt du's zu wenden. Und dennoch: ich sage dir, hätte ich, als sie dich neulich nachts in meine Zelle brachten, ein Schwert zur Hand gehabt, – ich hätte dich beim ersten Anblick erschlagen.« »Wahrscheinlich,« meinte der Bedrohte, achselzuckend. »Den Wehrlosen, den Krüppel! Es wäre dein dritter Mord gewesen.« »Schweig von Mord, sag' ich dir,« schrie Ebroin wild. »Es ist nur der Jähzorn, der unbändige, der mich vom Knaben an reitet wie der Nachtmar. Noch hab' ich mit Vorbedacht keinen getötet. Aber mir ist, ich könnte leicht dahin kommen. Die Rache, der erneute Kampf um die Macht ...« – »Hier aber, in diesen Mauern, wirst du weder zu Rache noch zu Kampf noch zu Macht gelangen. Und deshalb wiederhole ich meinen Vorschlag: Freundschaft ...« – »Nie mehr im Leben! Ich hasse dich, ich verachte dich!« – »Nun, dann nicht Freundschaft, aber Bündnis, Bündnis zu gemeinsamem Zweck.« »Wie damals!« lachte Ebroin bitter. »Und in Fesseln ließest du den Verbündeten schlagen.« – »Nein, nicht den Verbündeten: – den unbändigen Bekämpfer all' meiner Strebungen. Jetzt aber müssen wir beide vor allem entrinnen aus dem Käfig, in den uns dieser Lotterbube gesteckt hat, und, sind wir frei, ihm die Macht nehmen, das Reich vollends zu verderben. Dann müssen wir den Glanz Neuster-Burgunds wiederherstellen und Austrasien zurückgewinnen. Willst du das oder willst du's nicht?« – »Du weißt sehr gut, daß ich's will. Und wie ich des Satans Hilfe nicht verschmähen würde um Freiheit, Rache und des Staates Heil, – so schlag' ich auch deine Hilfe nicht aus, so wenig ich dir jemals wieder traue, dir und deinen falschen Augen.« Da richtete Leodegar diese Augen voll auf ihn und sprach: »So möge sie mir der Henker ausreißen, breche ich dir jemals den neu geschlossenen Bund. Gott hat's gehört! – Also wir streben die Freiheit an mit allen Mitteln ...« – »Auch mit dem Blut unserer Wächter? Gut. Aber nicht Romarichs: der war mir wie ein Vater! Bietet sich einem von uns die Möglichkeit der Flucht, – er flieht nicht allein, nur mit dem andern: er läßt nie den Genossen in diesen Mauern zurück.« »Gewiß,« nickte Leodegar. »In Freiheit und Macht gelangt, enthält sich jeder jedes Schrittes der Gewalt gegen die Gesippen, die Getreuen, die Angehörigen des andern: er schützt sie wie die eigenen.« – »Selbstverständlich.« – »Keiner trachtet nach der alleinigen Herrschaft, dem andern wird er die volle Gleichmacht wahren.« »Sicherlich.« – »Gemeinsam wird von uns beiden Neuster-Burgund aus dem lodernden Verderben gerettet, gemeinsam Austrasien zurückerkämpft. Das sollst du mir alles beschwören.« – »Ich beschwöre es.« Und er reckte sofort die Hand hoch in die Luft. »Nein, nein, Bischof. So leicht geht dir das nicht hin. Mich bindet mein schlichtes Wort wie euch der Eid bei eurem Gott. Aber auch den Eid muß man dir, Treuloser, noch schwerer brechbar machen ... wohlan, du sollst mir schwören bei den dir heiligsten Dingen ...« – »Beim Reich der Franken!« – »Bah, bah! Was gilt dir das? Nein, bei den Reliquien der dir heiligsten Heiligen.« Unwillig stockte im Schreiten Leodegars Fuß. Verdrießlich meinte er: »Wozu das?« – »Ich sagte es doch! So weltklug du bist, – die Furcht vor den Heiligen, das heißt vor der Hölle ...« – »Nenne sie nicht! Es ist ein furchtbar Wort!« Und er schauderte. »Siehst du, wie du erbebst? Diese Furcht vor der Hölle ist dir doch von Kindheit an in den tiefsten, innersten Winkel deiner Seele hineingepredigt worden. Und wenn irgend etwas im Himmel und auf Erden, scheuest du solche heilige Knochen, Haare und Gewande. Der gute Abt hat deren gar viele von den allerschönsten: – darauf sollst du mir eiden.« *   II. Und also geschah's. Am folgenden Tag trafen in der Krypta der Klosterbasilika die beiden nun wieder verbündeten Feinde zusammen. Waren die katakombenhaften Untergewölbe selbst größerer Kirchen unheimlich düster, so steigerte sich der Eindruck in den so viel engeren Raumverhältnissen des kleinen Gebäudes: in ein Grab glaubte man auf der schmalen Steintreppe hinabzusteigen. Der Altar mit seinen drei Stufen füllte den größten Teil des Vierecks aus: die beiden qualmenden Pechfackeln an den Seiten verbreiteten mehr Dunst als Licht. Auf dem Altar, dessen Mittelstück ein Mosaik bildete, den guten Hirten mit dem Lamm darstellend, stand, fast dessen ganze Fläche bedeckend, ein Reliquienschrein: ein länglicher Sarkophag aus schwarzem Marmor, mit silbernen Schließstangen und reichem Goldgespäng verwahrt zugleich und geschmückt: ein kostbares Geschenk des Stifters, Sankt Columbas, kostbarer freilich noch nach dem Glauben der Zeit durch seinen wunderwirkenden Inhalt seltenster Überbleibsel. Daß das neue Bündnis auch gegen den schlimmen Königsknaben eine scharfe Spitze richtete, sollte dessen treuer Unterthan, der Abt, nicht erfahren: Ebroin setzte daher eine Urkunde auf über all' die vereinbarten Dinge, die beide unterschrieben, und die nun bei dem Schwur auf den Reliquienschrein gelegt ward. Zur bestimmten Stunde trafen der Abt und Ebroin in der Krypta ein. Sie fanden Leodegar bereits in brünstigem Gebet auf dem Altare knieend, mit beiden Armen über den Schrein hingestreckt, dessen Deckel er bei dem Eintritt der beiden gerade mit Küssen bedeckte. »Du siehst, wie ernst er es nimmt,« flüsterte der fromme Romarich. »Dein Mißtrauen thut ihm unrecht. Ich freue mich, daß ihr euch so feierlich wieder im Sinne Christi versöhnt.« Aber Ebroin schüttelte das Haupt und sprach laut zu dem Bischof, der sich nun erhoben hatte: »Höre also, Leodegar: du wirst nun beschwören, was wir vertragen und in diesem Pergament unterschrieben haben:« – damit rollte er es auseinander und spreitete es über den goldstrotzenden Deckel des Schreins – »du wirst mir schwören bei den dir heiligen Überbleibseln, die in dieser Truhe liegen, und deren Verzeichnis dir der Abt nun verlesen wird.« Da nahm Romarich einen langen Papyrusstreifen aus einem in die Wand eingelassenen Schranke, küßte ihn ehrfurchtsvoll und hob an zu lesen: »In diesem von Papst Bonifacius dem Vierten Sankt Columba und von ihm dem Heiligtum überwiesenen teuren Schrein, dessen Innenholz aus Cedern des Libanon geschnitzt ist, werden verwahrt als kostbarstes Eigen dieses Klosters und dem Schutze des Höchsten empfohlen: ein Nagel von dem Kreuze des Herrn Christus, ein Glied von den Ketten des Apostels Petrus, der kleine Finger der rechten Hand des Apostels Lukas, der Gürtel der Märtyrerin Sancta Afra zu Augsburg, ein Nagelschnitzel des großen Lehrers Athanasius, ein Eckzahn des heiligen Martin von Tours, eine Rohrfeder Sankt Augustins, ein Splitter aus dem Bischofstab von Sankt Avitus, und ein Streifen aus dem Schleier der heiligen Königin Chlotilde: zuletzt aber haben wir auch eine silberfarbene Locke aus dem Haar unseres heiligen Stifters, des großen Columba, darauf gelegt, der selig unter den Seligen auf uns herniederschaut.« »Wohlan,« fuhr Ebroin fort, zu Leodegar gewendet, »nun erhebe die Hand und sprich mir nach: ›Alles, was ich in dieser Vertragsurkunde Ebroin, Ebromuths Sohn, versprochen, schwöre ich hiermit, treulich zu erfüllen: sonst treffe mich der Fluch, der da lautet ...‹ bitte, frommer Abt, verlies ihn: – du hast ihn ja ausgesucht unter den vielen alten Formeln.« Und Romarich zog einen Zettel aus dem Kuttengürtel und las, und seine Stimme erbebte vor Grauen: »Und verletze ich, was ich nun beschworen habe, auch nur im kleinsten Stücke, so soll Wahnsinn toben in meinem Gehirn, meine Augen soll mir ausreißen der Henker und sie hinwerfen zum Fraße der Raben, vertrocknen soll mir die Kehle, wie dem, der in der Wüste verschmachtet, mein Herz verzehre ein fressendes Feuer, meine Beine treffe die Lähmung, mein Todesröcheln soll währen sieben Tage und sieben Nächte, meine Seele aber, für die Christus nicht soll gestorben sein, soll der Teufel Ahitofel entführen, sowie sie aus des Sterbenden Munde fährt mit dem letzten Hauch, und im tiefsten Pfuhl der Hölle soll sie ewig die Qualen erleiden der Verdammten.« Ein leises Frösteln rieselte – kaum merkbar – durch des Bischofs Glieder bei den letzten Worten. »Ich will ...« stammelte er. »Halt! Noch nicht. Solltest du vielleicht hoffen, – denn viele von euch leben dieses schnöden Wahns! – durch Gold und Gaben die Strafe der himmlischen Zeugen deines Schwures ablösen zu können, ...« Leodegar senkte rasch die langen Wimpern vor dem bohrenden Blick des andern. »So nenn' ich dir einen Rächer, dem kaufst du seine Rache nicht ab: der heißt Ebroin, Ebromuths Sohn.« So laut rief er dies, daß die Wände und Wölbungen des sonst so stillen Gemachs erdröhnten und beide Hörer erschraken. »Ich sage dir: brichst du auch diesmal mir die Treue und deinen Eid nur im kleinsten, so werd' ich dich töten, grausam, unter Qualen töten, wo immer ich dich greife. Ich schwör's bei meines Vaters Blut: – so wahr ich den gerächt habe vor deinen Augen.« – »Ebroin,« mahnte der Abt. »Du tobest und schäumest wie ...« – »Ein Eber! Ja! So haben sie schon den Knaben genannt! Hütet euch vor seinen Waffen! – Schwöre jetzt, Bischof!« Und befehlend wies er auf den Schrein, der, von der Urkunde bedeckt, auf dem Altare stand. Leodegar kniete nieder, legte die Hand auf Pergament und Schrein und sprach laut und fest: – er hatte seine Erregung offenbar bemeistert: »Ich schwöre den Schwur, wie ihn Ebroin gestabt hat, und werde ihn halten, so wahr dieser Schrein die Heiligtümer birgt, die der fromme Abt verlesen.« »So! – Nun ist er gebunden, falls Furcht vor Himmel, Hölle – und mir ihn irgend binden mag!« rief Ebroin. »Jetzt steh auf. Und komm' mit hinauf. Ich kann sie nicht mehr atmen, die modernde Grabesluft.« »Sogleich!« entgegnete Leodegar. »Ich folge euch auf dem Fuße. Verstatte nur, daß ich – nach diesem furchtbaren Eide – mich beruhige im Gebet.« Und wieder sank er auf den Altar. Die beiden hörten ihn laut beten, wie sie die feuchten Marmorstufen hinanschritten. *   III. Zwei Monate – die letzten des Jahres – waren ins Land gegangen seit jenem Eid in der Krypta. Eintönig, inhaltlos waren sie verlaufen in dem stillen Kloster; Ebroin verzehrte sich immer schärfer in Ungeduld, in fiebernder Sehnsucht nach Freiheit. Viel ruhiger schien der Bischof sein Los zu tragen. Nachrichten aus der Welt, dem Hofe, gelangten selten und spärlich in diese Einsamkeit; doch verlautete, der Aufstand der »kleinen Leute« sei noch immer nicht unterdrückt. Der König werde immer verhaßter, auch seinen eignen Großen, da er wiederholt Feldherren, die sich hatten von den Empörern schlagen lassen, mit dem Tode bestraft hatte. Grimmig seufzte Ebroin bei solchen Berichten: »Und ich? – Ich sitze hier müßig unter den Mönchen!« Einige Tage nach Eintreffen der letzten dieser Berichte fehlte Leodegar bei dem Frühmahl. Bei der Hora war er noch zugegen gewesen: von der Kapelle aus hatte ihn der Abt die Treppe hinabschreiten sehen, die zu seiner und Ebroins Zelle führte; freilich zweigte diese in einer schmalen Nebenstiege nach dem Garten ab. Als man in diesem suchte, fand man bald in dem tiefen und weichen Schnee die Spuren seiner Sandalen eingedrückt: sie führten an eine Ecke der hohen Mauer; oben, von der Zinne derselben, hing eine schwanke Strickleiter herab. Ebroin, der, voll heiß auflodernden Argwohns, die Spurfolge geführt hatte, kletterte rasch hinauf: – oben angelangt brach er in einen wilden Schrei aus: »Entflohen! Allein! Ohne mich!« »Was siehst du? Sprich!« rief der Abt hinauf. »Hier, vor der Mauer, sind die Eindrücke der Hufe von zwei Pferden, nein, dreien. Und die Fußtritte von Männern, schwer beschuhten neben den Sandalen des Schurken. Hier lehnte – man sieht's im Schnee! – eine Leiter: – sie ist entfernt. Er hat mich verraten! Er ist allein entflohen. Gleichviel! Ich springe nach auf Tod und Leben!« Zu spät! Ein starker Haufe der gewaffneten Klosterknechte, die den Verschwundenen gleichzeitig vor den Mauern gesucht hatten, war zur Stelle. Er wäre in ihre gezückten Lanzen gesprungen. So stieg er die Strickleiter wieder in den Garten hinab, bebend vor Wut. Allen voran flog er in die Zelle zurück, hier unter den Sachen des Flüchtlings eine Andeutung zu finden, eine Vorbereitung des Plans. Aber nichts fand sich als in den dicken Rollen einer Psalmenübersetzung ein Rohrpfeil, wie man sich deren bediente, Nachrichten über Mauern zu schießen: daran haftete noch, halbverbrannt, ein schmaler Fetzen eines Papyrosstreifens, auf dem, trotz der Verkohlung, noch die Worte lesbar waren »Hora« ... »Nordecke«. »Er ist befreit worden, hat sich befreien lassen – allein! – Mich hat er nicht mitgenommen,« knirschte Ebroin. »Der erste Eidbruch! Wann hör' ich vom zweiten? O könnt' ich ihn sechsmal töten!« *   IV. Eine Woche später verbarg die aufgehende Januarsonne ein dichter Nebel, der auch die große Heerstraße zwischen dem Klosterthor und dem nahen Urwalde dicht verhüllte. Völlig überrascht daher wurden die Klosterpförtner, die von außen mehrere Klafter Holz auf Schlitten in das weitgeöffnete Thor schoben, als auf einmal, wie die siegend empor gestiegene Sonne den Nebel zerstreute, gleichzeitig aus dem Gehölz eine stattliche Kriegerschar hervorbrach, die mit lautem Waffenruf die paar Knechte über den Haufen rannte und ohne Widerstand in den Klosterhof drang, hier hellen Hornruf erhebend. Zu spät zur Abwehr eilten nun der Abt und einige Mönche herbei. »Fürchtet euch nicht, fromme Brüder,« rief der glänzend gerüstete Führer. »Wir thun euch nichts zu leide. Wir suchen nur Ebroin! Gebt ihn heraus!« »Nimmermehr! Mit meinem Leben schütz' ich ihn!« rief Romarich, beide Arme ausbreitend und so dem Gepanzerten den Zugang aus dem Hof zu der Innenthüre verwehrend. »Ebroin!« rief der nochmal. »Wo steckst du?« »Hier ist Ebroin,« antwortete der und sprang, einen eisernen Feuerschürhaken schwingend, die Treppe herab und – an dem Abt vorbei – in den Hof. »Und teuer wird er sein Leben verkaufen.« Aber bei dem Anblick des Führers ließ er die ungefüge Waffe fallen: »Vanning!« rief er frohlockend, »Vanning, Vielgetreuer! Du bist's? Was bringst du?« »Die Freiheit! Und die Rache! – Komm, frommer Abt, kommt, ihr Mönche, herein ins Haus! Ins Refektorium: – Womöglich zu einem guten Schluck warmen Weines! Ritt durch die Nacht, durch Eis und Schnee war kalt.« Alsbald saßen und lagen Krieger und Mönche, bunt durcheinander gemischt, in dem geräumigen Speisesaal des Klosters, auf dessen breiter Herdstelle gewaltige Scheite von Buchenholz ein mächtig Feuer unterhielten und eine wohlige Wärme verbreiteten. »Ei,« sprach Vanning, den kostbaren Pokal nach einem vollen Zuge auf die lange Tafel niedersetzend, »mir scheint, ich muß ganz von vorn anfangen. Ihr wißt rein von gar nichts, hier in eurem verschneiten Bergwald. Also hört! König Childerich ist tot, ermordet!« »O des Frevels!« rief Romarich und bekreuzte sich. »Sein Thron ist leer?« forschte Ebroin eifrig. »Ja, wie man's nimmt. Leer oder allzustark besetzt.« »Ermordet! Von wem?« fragte der Abt. »Erschlagen vielmehr, in gerechter Blutrache. Von den Söhnen des Pfalzgrafen Bodilo! Der Merowing hatte schon lang einen Groll wider den freimütigen Mann: als er nun von den Aufständischen bei Rouen geschlagen ward, ließ ihn der böse Bube zuerst aufs Blut geißeln ...« »Einen freien Franken!« rief Ebroin. »Und dann hinrichten. Ein paar Tage darauf, als der König jagte im Walde von Livie – zwischen Chelles und Sanit-Denis, – fielen die beiden Söhne des Getöteten über ihn her und schlugen ihn tot.« »Arme Heilige!« sprach Ebroin zu sich selbst. »Aber recht so! Blutrache für den Vater ist des Sohnes höchste Pflicht.« »Kein Schad um ihn,« meinte Vanning. »Aber wer sollte sein Nachfolger werden? Nun grenzenlose Verwirrung im Palast, in Neuster und Burgund. Alles ging und geht drunter und drüber! Zwei, drei Merowingenknaben wurden genannt, ja auch ein neu erhöhter, Dagobert, drüben in Austrasien. Ein Führer nur fehlte: ... Ebroin! Wie viele Stimmen riefen nach dir! – der saß hier gefangen. Desgleichen Leodegar, der Giftwurm. O was habt ihr ihn losgelassen!« – »Wir doch wahrlich nicht! Er ist entflohn,« riefen die Mönche. »So? Er verbreitet, ein Engel des Herrn sei Abt Romarich erschienen und habe befohlen, ihn frei zu geben: so habe der ihn gesegnet und entlassen.« – »Auch ich, ich will ihn segnen,« sprach Ebroin und ballte die Faust. »Erst haben! Sein Bruder Gairin hat – gleich nach des Königs Tod – ein Heer gesammelt und versprochen, in wenigen Tagen den rector palatii wieder in Paris einzusetzen.« »Also Gairin hat ihn entführt!« rief Ebroin. – »Und er hielt Wort. Mächtig und prächtig herrscht der Schurke in Paris über Neuster und Burgund, seine Anhänger fürstlich belohnend, die deinen aber blutig verfolgend: Dutzende hat er hingerichtet und ihre Güter eingezogen!« »Ich komme!« sprach Ebroin, – »Ja, komm', um zu rächen: – auch das Leben deines ältesten Freundes.« – »Praejectus! Sein Silberhaar ...?« – »Es hat die Mordboten nicht abgehalten, die der unversöhnliche Leodegar nach Clermont entsandte. Am Altare haben sie ihn erstochen.« – »Mein Schützer, mein zweiter Vater! Ich gelobe: wie meines leiblichen Vaters Blut will ich das seine rächen an dem Eidbrüchigen! Bei seinen höchsten Heiligtümern hat er mir geschworen. Du warst Zeuge, Romarich! Was sagst du dazu?« Der faßte wehklagend mit beiden Händen nach seinem grauen Haupt: »Weh! Die Reliquien sind entweiht, geschändet durch seinen Meineid.« »Aber,« fuhr Vanning fort, »doch nicht unbestritten, nicht ungeteilt ist seine Herrschaft. In Neuster haben sich andere Große aufgethan, auch in seinem eigenen Burgund folgen ihm nicht alle Grafen; der mächtige Herzog Hermengar hat sich noch nicht für ihn erklärt, der steht mit starker Macht zu Troyes. Mein Abt ist dir vielmehr als Leodegar geneigt: ›wäre Ebroin nur frei,‹ meinte er, ›dann wüßte ich, wem folgen!‹ Wohlan,« rief ich, »laß mich aus diesen Thoren und ich hole ihn heraus, den Retter von uns allen. So kam ich frei, raffte eine Handvoll Leute, alte Vasallen und Grundholden meines Hauses, zusammen – unser Stammsitz bei Meaux liegt ja nahe dem Kloster Rebais! – und da bin ich. Und bald bist du nun da, wohin du gehörst: – am Steuerruder dieses führerlosen Schiffes. Noch einen tüchtigen Trunk – Herr Abt, dein Wein ist gut! – und dann zu Roß.« »Ja,« rief Ebroin, aufspringend. »Zu Roß! Und wehe meinen Feinden!« *   V. Es war hohe Zeit gewesen, daß der Gefangene aus dem Kloster und in schützende Bedeckung gelangt war. Denn schon gleich nach dem Ausritt aus dem Thor in den nahen Wald traf er mit seiner Schar auf einen Reiterzug, der bei seinem Anblick rasch die Gäule herumwarf und entfloh. Ein paar Eingeholte gestanden, daß Leodegar sie entsendet habe, mit dem Auftrag, Ebroin lebend oder tot in seine Hände zu liefern. Der Befreite warf sich mit seiner treuen Schar zunächst nach der nahen Stadt Jussey, deren Grafen er sich befreundet wußte. Hier fand er bereitwillige Aufnahme: von hier aus gewann er den Anschluß mehrerer benachbarter Gaue, wie Langres und Chaumont. Gleichwohl erwies sich seine Waffenmacht zunächst zu gering, um sofort, wie sein heißes Herz ungestüm begehrte, den Hauptstoß auszuführen, Leodegar und den König, in dessen Namen der zu herrschen vorgab, aufzusuchen, jenen zu vernichten, diesen in seine Gewalt zu bringen. Denn Vanning hatte nicht zuviel gesagt mit den Worten, daß alles im Frankenreich drunter und drüber gehe. Von Austrasien her verlautete, daß das Land auf die Nachricht von Childerichs Tod sich von den neustrischen Merowingen wieder ganz losgesagt und den lang verschollenen Sohn Sigiberts auf den Thron zu Metz erhoben habe. Ebroin aber mußte sich bei diesem Wirrwarr vorerst in Gebiete wenden, wo er sicher war, zahlreiche Anhänger zu finden. So zog er denn gen Nordosten an die Grenze von Austrasien, um so, unabhängig von Auster wie von Neuster-Burgund, aus jener Landschaft – vorläufig! – ein viertes Teilreich zu bilden. Leodegar aber war nach einigem Schwanken zu dem Entschlusse gekommen, das Kind Theuderich, den jüngsten – letzten! – Sohn Balthildens, der Mutter und dem Kloster Chelles zu entführen, um an seiner Statt zu herrschen; er weilte mit ihm in Paris. Damals schrieb ein Zeitgenoß: »Überall kriechen jetzt, unter Leodegars Herrschaft, die Bösewichter aus ihren Verstecken hervor, wie die Sonne im Frühling die giftigen Schlangen aus ihren Löchern lockt. Solche Wirren durchtoben das Reich, daß man den Antichrist erwartet, dessen Erscheinen dem Untergang der Welt vorhergeht.« Am Himmel aber stand ein Schweifstern, der den Geängsteten Wechsel der Könige, Blutbad im Volke bedeutete. Allein Ebroin war doch noch zu schwach gegenüber den Streitkräften, die Leodegar zur Verfügung standen, zumal in Burgund, in der Umgebung seines Bischofsitzes Autun, wo die Vasallen und Grundholden des Bistums, überaus zahlreich, ihrem freigebig spendenden glanzvollen Kirchenfürsten eifrig ergeben waren. Da ward der Majordomus von der Not, von dem Bedürfnis zu einem Schritte gedrängt, den ihm die längst gehegten Herzenswünsche und staatsmännischen Pläne ohnehin gleich warm empfahlen. Die Rettung der ärmeren Freien vor dem Versinken in Knechtschaft eines geistlichen oder weltlichen Großen, – die Erhebung der wirtschaftlich Versinkenden hatte ja dem Sohn Ebromuths all' diese Jahre her als eines seiner höchsten Ziele vorgeschwebt. Nun erfuhr er, sobald er die Klostermauern hinter sich gelassen, daß in ganz Neuster und Burgund jene gewaltige Bewegung dieser bisher so schwer Bedrückten sich noch immer wilder gesteigert hatte. So scharf Ebroin ihre Ausschreitungen verwarf, – er mußte doch einen berechtigenden Grund der ganzen Erregung anerkennen, die sich aus den Urtiefen des Volkes mit der Unwiderstehlichkeit einer Naturkraft, einem Vulkane gleich, erhob. »Was wollen,« sagte er dem bedenklichen Vanning, »diese Armen, – freilich auf den Wegen unsinniger Zerstörung, rachewütiger Gewaltthat, – anderes erreichen, als was ich selbst durch fürsorgliche Mittel der Gesetzgebung, durch weise Maßregeln von jeher hatte erzielen wollen?« Diese schlecht gewaffneten, schlecht geführten, vereinzelten Haufen hatten gleichwohl, wie der Majordomus alsbald erfuhr, gar oft die schwachen Heerbannaufgebote der Königsgrafen überwältigt: was mußte sich mit diesen Männern, denen die Verzweiflung ihre Kräfte lieh, ausrichten lassen, faßte sie eine, starke Hand zusammen, leitete sie bewährte Feldherrnschaft! In der That: mit diesen vielen Tausenden, die bis jetzt in allen Landschaften von Neuster und Burgund vereinzelt umhertobten, wußte sich Ebroin weit überlegen allem, was Leodegar an Waffenmacht aufbringen mochte. So faßte er seinen großen, folgenreichen, schicksalschweren Entschluß: er stellte sich selbst an die Spitze dieses Aufstandes: – schon um dessen Ausufern einzudämmen – er schuf sich ein Heer aus den Empörern. Zu Jucey schon entwarf er einen Aufruf, den er, von den Mönchen zu Luxeuil in vielen hundert Exemplaren abgeschrieben, durch so viele Boten, als er beritten machen konnte, in alle Gaue von Neuster und Burgund entsendete. In flammenden Worten, mit der ganzen Wucht aufrichtigster Überzeugung und selbsterlebter Erfahrung forderte er alle Unzufriedenen, alle Bedrängten und Bedrückten, alle mit List oder Gewalt um Freiheit oder Eigentum Gebrachten, alle, die kein Recht gefunden hatten gegen Bischöfe, Äbte, Seniores, auf, sich zusammenzuthun zu einem großen Bund der »Kleinleute«: er versprach, an ihrer Spitze, mit Waffengewalt den vielverhaßten Rector Palatii, den recht eigentlichen Vertreter des Doppeldrucks der Bischöfe und des Adels, mit seinem ganzen Anhang zu stürzen, ja blutig zu bestrafen, den jungen König aus dieser Gefangenschaft zu befreien und, nach dem Sieg, auf einem großen Reichstag durch weise und milde Gesetze die Ursachen jener Herabdrückung der Kleinleute für alle Zukunft wegzuschneiden. Dabei ermahnte er freilich zugleich, sich jeder Eigenmacht und Selbsthilfe, also jener bisher geübten Gewaltthaten zu enthalten, die er wie gemeine Verbrechen mit dem Tode bestrafen werde, vielmehr, ohne weitere Gewalt als die zur Abwehr der Angriffe der Bischöflichen erforderlich, sich, auf bestimmte Sammelplätze zusammenzuziehen, die er für jede Provinz genau bezeichnete. Als Vanning den Entwurf gelesen hatte, sprach er kopfschüttelnd: »Du, höre, das ist ein gefährlich Spiel! Die wilde Meute, die du da aufrufst, wird den Fuchs ohne Zweifel zerreißen: – ob sie aber dann sich von dem Jäger wieder an die Koppel wird legen lassen?« »Dafür laß dies Schwert sorgen!« erwiderte der Majordomus. *   VI. Und der Erfolg gab ihm – zunächst – rasch und glänzend recht. Überall, wohin der Aufruf kam, wirkte er wie ein Blitzstrahl, der auf Brandstoff trifft: er zündete augenblicklich, unwiderstehlich, unlöschbar. Überall ward der »Bund der Kleinleute« gebildet: vielmehr, er bildete sich von selbst: die bisher verstreut umherziehenden Haufen schlossen und flossen in größeren Massen zusammen, und mit erstaunendem Gehorsam eilten sie auf die ihnen bezeichneten, mit Feldherrnkunst gewählten Sammelorte zu: so bildeten sich bald kleine Heere von Austrasien ab durch ganz Neustrien gen Nordwesten bis an die See, bei Langres, bei Châlons sur Marne, bei Laon und fern im Nordwesten bei Rouen. Diese Stadt hatten die gefürchteten Banden des Blutigels, des Brandhahns, des Reißewolfs genommen, und sie stießen hier zu Ebroin, der von Südosten aus bis hierher quer durch das ganze Land, Paris einstweilen südlich liegen lassend, gezogen war. Wenig richteten gegen diese entfesselten elementaren Gewalten die Maßregeln aus, die Leodegar und seine Heerführer tastend, unsicher trafen: ihre dünnen Scharen konnten nirgend das offene Feld halten gegen die wie brandende Meeresflut heranwogenden Massen der rachegrimmigen Empörer: sie mußten in die festen Städte weichen und sich dort belagern lassen. Aber selbst in Paris fühlte sich Leodegar nicht mehr sicher: denn Ebroin zog nun drohend heran. Schon stand er in Beauvais: der Bischof verlegte eilig den Hofhalt des Knaben Theuderich und die Regierung in das feste Autun, den Hauptplatz seiner Macht. Vorher aber plante er von Paris aus noch einen Handstreich auf Meaux, das sich früh Vanning angeschlossen hatte. Ebroin erfuhr den Anschlag durch einen Späher: – auch hierin war er dem Gegner überlegen, da die ganze Landbevölkerung, auch die nicht die Waffen erhoben hatte, auf seiner Seite stand. Ganz nahe lag das Kloster Chelles: der Sohn bangte um die Mutter in jenen Mauern: vielleicht hatte es der Rector Palatii mehr auf dies Kloster als auf die Thore von Meaux abgesehen. Denn daß ihn der Eid von Luxeuil abhalten werde von den Gesippen seines Eid-Bruders, war ja nicht mehr zu erwarten. Ebroin entsandte daher rasch Vanning mit einem starken Geschwader erlesener Reiter – von seinen Heerbannmännern, – nicht Kleinleute, deren man doch nicht so sicher wie jener war – jener Strafschar entgegen zu eilen und das Kloster zu schützen. Tiefe Trauer lag auf des Treuen Antlitz, als er nach mehreren Tagen, seinen Reitern voraus eilend, nach Beauvais zurückgekehrt, in Ebroins Zelt trat. »Du bringst ein Unglück!« schrie der ausspringend und im Ungestüm den Feldschemel umstoßend, darauf er gesessen. – »Ja, ein großes. Ich erfuhr alles durch Gefangene, die wir auf der Verfolgung machten. Ich kam zu spät. Am Tag vorher hatte Gairin das Kloster überfallen und deine Mutter gefangen – als Geisel für dich – fortgeschleppt.« – »Ah, meine Mutter! In der Gewalt dieses ...« – »Sie ist es nicht mehr.« – »Befreit?« jubelte Ebroin. »Wo, wo ist sie? In Sicherheit?« – »Ja, in Sicherheit! Fasse dich, Ebroin: – sie ist im Himmel.« – »Tot?« schrie der Sohn auf und wankte vorwärts, den Freund an beiden Schultern fassend. »Gemordet?« »Leodegar, zu dem sie nach Antun gebracht ward, bedrohte sie mit der Folter ...« – »Ah, er soll nicht leben. Glied für Glied soll er mir ...« – »Wenn sie dich nicht in einem Briefe, den er ihr vorschrieb, zur Unterwerfung auffordre: darin ward auch die Folterung der Mutter angedroht ...« »O zehnmal möcht' ich ihn erwürgen!« – »Die tapfre greise Frau weigerte sich, den Brief zu unterschreiben. Und um dir jede Rücksicht abzunehmen, die du für sie – sie wußte es! – hegen würdest ...« – »O meine Mutter!« – »Beschloß sie, durch die Flucht sich jeder Gewalt zu entziehen. Glücklich war sie in der Nacht – ganz allein – bis an den reißenden Arroux gelangt. Aber hier verfehlte sie – ihre Augen waren zu schwach ...« – »Ach ja! Die geliebten Augen!« – »Den schmalen Steg. Sie irrte lange ratlos am Ufer auf und ab. Da kam Leodegar, kamen die Verfolger mit Fackeln nachgesprengt. Endlich fand sie nun zwar die Brücke: – sie gelangte hinüber: aber Leodegar befahl ...« – »Was? Was befahl er?« – »Seinen Bogenschützen ... Gairin that den ersten Schuß! – Sie fiel, von Pfeilen durchbohrt.« – »Sie hat sich geopfert für mich! O Mutter, Mutter! Treu bis zum Tod! Aber Geduld! Du sollst fürchterlich gerächt werden. Wir brechen auf, sofort. Laß die Trompeten durch das Lager schmettern! Auf! Nach Autun!« *   VII. Ohne Rast riß der Rächer seine Scharen mit sich fort: willig, ohne Murren über die ihnen zugemuteten Gewaltmärsche folgten sie ihm: es war, als habe er all' den Tausenden sein Ungestüm, seinen Haß, seinen Racheeifer eingeflößt. Und die zahlreichen Kleinleute wenigstens, die den weitaus stärksten Teil seiner Heeresmacht bildeten, waren nicht nur von der Kampflust beseelt, wie sie in gewöhnlichen Kriegen die Franken erfüllte: – sie brannten in der wilden Leidenschaft, in der Wut, die in Bürgerkriegen die Waffen schärft. Und es war ja nicht ein Kampf politischer Parteien um Macht und Herrschaft im Staat, – es war das verzweifelte Emporringen der Geknechteten aus wirtschaftlichem Untergang, das sich Aufbäumen gegen die gehaßten Bedrücker, die, viele Menschenalter lang in Reichtum und Genuß schwelgend, jede Willkür gegen die Schwachen geübt, jedem Laster auf deren Kosten gefrönt hatten: – nicht Waffenkampf, – blutige Vergeltung suchten diese »Knüttelträger« und »Sensenschwinger«, wie der Adel sie höhnte: an der erschlagenen Reichen Statt wollten nun sie in Müßiggang schwelgen und prassen in dem den Räubern abgejagten Raube. Diesem Ansturm, den kluge Feldherrnschaft leitete, widerstand nichts. Aber freilich: sogar dem geliebten und gefürchteten Führer gelang es oft nur mit Mühe, – oder auch gar nicht! – die von ihm entfesselten Leidenschaften von wilden Verbrechen abzuhalten. So war der Zug in geflügelter Eile bis an die Aisne und die Oise, bis in die Nähe von Compiegne gelangt. Ebroin erkundschaftete, daß der einzige Übergang über den hier sehr reißenden Strom, die Brücke von Pont Saint Maixence, abgebrochen und das südliche Ufer von der weitaus stärksten Macht, die ihm bisher entgegengetreten war, unter Gairins Befehl besetzt war: eine leichte, den Sieg sichernde Aufgabe schien die Verteidigung der hier steil abfallenden Ufer gegen einen Angreifer, der ein so gewaltiges Hindernis, wie der Strom es bildete, erst zu nehmen, dann aus der Tiefe bergan zu stürmen und, wenn abgeschlagen, auf der Flucht in dem Strom ein breites und tiefes Grab im Rücken gähnen hatte. Herzog Hermengar, der sich – nach einigem Zögern – Ebroin angeschlossen, zumal nachdem der aufrichtig Gottesfürchtige von dem schnöden Bruch des auf die höchsten Heiligtümer geschworenen Eides vernommen, und Vanning rieten daher, als man spät Abends sich der Brückenstelle bis auf ein Paar Stunden genähert hatte, Halt zu machen und am andern Morgen durch Streifscharen, flußabwärts und flußaufwärts, nach Furten zu suchen, um dann an unbewachten Stellen den Übergang zu bewerkstelligen. Aber Ebroin schüttelte das Haupt, auf dessen Helmdach der eherne Eber die gewaltigen Hauer senkte: »Nicht doch! Ich gedenke Fredigundens. Ihrem Beispiel folg' ich.« Der fromme Hermengar schlug ein Kreuz: »Die üble Walandine! Folge nicht ihrer blutigen Spur!« – »Ja, sanfter Herzog ich muß. Es ist wahr: Ich sehe oft nur noch Blut vor den Augen. Dann rauscht es wie Wellen mir in den Ohren. Ich habe schon soviel vergossen: – zurück kann ich nicht mehr. Vorwärts! – Ans Ziel: – durch noch mehr Blut.« »Aber was hat Fredigundis ...?« unterbrach Vanning, der diese düstern und blutigen Gedanken des Freundes mit Besorgnis immer häufiger wiederkehren sah und ablenken wollte. – »Die? Sie hat einmal in ähnlicher Lage gesprochen: ›wen du noch in der Nacht erschlagen kannst, erschlag' nicht erst am Morgen‹.« »Ein grauenhafter Spruch!« meinte Hermengar. »Ihr Weg ging über lauter Frevel,« warnte Vanning, – »Gewiß! Aber wohin führte er? Ans Ziel! Zum Siege! Sie starb friedlich, in ihrem Bett, als Besiegerin all' ihrer Feinde: – ihre große, edle Gegnerin, die hehre Frau Brunichildis, erlag grausamstem Geschick. Es geht nicht ohne Blut und Gewalt, Freund Vanning, will man wankende Reiche retten. Und auch nicht ohne Verbrechen, wie es scheint! Wie lange triumphierte Leodegar! Noch trotzt er uns: warum? Weil er kein Mittel, das da half, verschmähte. Wohlan, ich lerne von ihm. Übrigens heute Nacht gilt es ja nur raschere Entscheidung, kein Verbrechen. Da drüben steht der Feind in Masse geschart: lassen wir ihn uns nicht mehr entweichen! Jetzt drei Stunden Rast! Aber um Mitternacht stehen wir am Fluß! Jeder Führer, der zu spät eintrifft, – hängt. Verkündet's im Lager.« Solch' kräftig Zureden half! Um Mitternacht standen alle seine Haufen in langer Reihe hart an dem Nordufer der Oise, bei dem stehengebliebenen ersten Joch der Brücke: die beiden Flügel seiner Aufstellung ragten links – östlich – und rechts – westlich – darüber hinaus. Ebroin hatte sich den Befehl über das Mitteltreffen vorbehalten: er führte hier die Reiter, deren Gäule in erster Reihe schwimmen sollten. Herzog Hermengar und sein älterer Sohn Hermenfried sollten den rechten, Vanning und der jüngere Herzogssohn Hermenvech den linken Flügel befehligen. Der Majordomus war in dem Zelte des Herzogs zugegen, als die beiden Söhne – stattliche schöne Jünglinge – mit sorglichster Liebe darüber wachten, daß der Vater auf das Sicherste gerüstet, auf das Schärfste gewaffnet sei. »Wie neid' ich dir,« sprach der jüngere zum älteren Sohn, »daß du an des Vaters Seite fechten, über sein Leben wachen darfst.« Freundlich lächelnd nickte Ebroin mit dem Haupte, dann sprach er sehr ernst: »Das gefällt mir, solche Liebe der Söhne! So hing ich an meinem armen Vater! So mag denn auch der jüngere Sohn den Vater in den Kampf begleiten. Vanning wird auch allein fertig.« *   VIII. Der meisterhaft geplante Anschlag gelang vollständig. In tiefster Stille war der Anzug aller Scharen an dem Ufer erfolgt: keine Waffe hatte geklirrt, ja kein Pferd hatte gewiehert: – die klugen Tiere schienen zu merken, daß es sich um ein Geheimes handle. Die Frühlingsnacht war mondlos und sternenlos. Kein Lagerfeuer durfte angemacht, keine Fackel entzündet werden: schwarzes Dunkel deckte das Nordufer, das in der ganzen Ausdehnung von Weidengebüsch und – vom Wasser her – von hohem Schilf bestanden war, während drüben, im Süden, zahlreiche Fackeln und Wachtfeuer die Laubhütten des feindlichen Lagers und dessen Insassen deutlich zeigten. Kein lauter Befehlsruf ertönte: geräuschlos glitt, allen voran, Ebroins Rappe in die leise gurgelnde Flut: – ebenso folgten seine Reiter und diesen – in einigem Abstand – zuerst watend, dann schwimmend das Fußvolk. So gelangte alles an das Südufer, ohne daß die Wachen der Annäherung gewahr geworden waren. Erst als die Pferde wieder trockenen Grund unter den Hufen fühlten, schnaubten sie laut das eingeschluckte Wasser aus: – einige wieherten: nun wurden die Feinde merksam, die Wachen riefen laut den Waffenschrei, einige rannten die Wiesenhügel hinunter, dem verdächtigen Geräusch entgegen: – sie kehrten nicht zurück! Und bevor die Überraschten oben auf dem Höhenzug sich aus ihren weit verstreuten Laubzelten geschart und gestellt hatten, waren die Reiter Ebroins auf der Gipfelfläche angelangt: ohne Mühe ritten sie die vereinzelt, noch ungeordnet, aus den Lagergassen Herbeiströmenden über den Haufen. So kam es auf Seite der Feinde gar nicht zur Bildung einer Schlachtreihe: bevor sie sich stellen mochten, waren sie überflutet und flohen nun aus dem preisgegebenen Lager landeinwärts nach Süden, in der Richtung auf Autun. Groß war die Zahl ihrer Toten: denn die grimmen Kleinleute machten keine Gefangenen: zumal Ebroin erklärt hatte, die in dem Bürgerkriege gefangenen Landsleute sollten nicht der Verknechtung unterliegen: eine Verordnung, die mit lautem Murren war vernommen worden! – so stachen denn die Bauern mit ihren breiten Messern erbarmungslos auch die Verwundeten nieder und die, welche die Waffen weggeworfen hatten. Den Majordomus überkam ein Grauen, als er im blutigroten Licht der Wachtfeuer diese Wirkung seiner so menschenfreundlich gemeinten Verfügung wahrnahm: »Viel Blut! Immer mehr!« sprach er zu Vanning, als sie, von der Verfolgung zurückgekehrt, durch das eroberte Lager ritten, neben den Haufen der Erstochenen – Abgeschlachteten! – hin. »Du hast recht: – ich habe unheimliche Bundesgenossen: Blutigel und Brandhahn, Reißewolf und Raubrabe und Frau Nachtfare – meine Helfer und Freunde! Aber ich halte sie fest in der Hand.« Gering war der Verlust der Sieger; unter den Verwundeten waren aber die beiden Söhne Hermengars. Ebroin bemerkte es, wie er sich nach Sonnenaufgang zum Frühmahl niedersetzte: in dem reich geschmückten Zelte Gairins – der entkommen war – ließ er sich und seinen Feldherren das für den Flüchtling bestimmt Gewesene auftragen. »Ja,« sprach der Herzog freudig, beider Söhne Nacken umschlingend, »ich dank' ihnen das Leben. Mein Gaul stürzte, ich lag hilflos darunter, mehrere Feinde sprangen zu: da holten mich die beiden hervor und fingen einstweilen die mir zugedachten Hiebe auf. Sind wackre Buben.« »Ja, das sind sie,« sprach Ebroin. »Drum ernenn' ich den älteren zum Grafen von Amiens und den jüngeren zum Oberfalkenwart. Aber auf daß sie stets ein mahnend Andenken daran führen, welcher That sie solche Ehrung danken, da – nehmt!« Er griff neben seinem Sitz zur Erde, wo die kostbarsten Stücke der Waffenbeute aufgehäuft lagen. »Hier, Hermenfred, ein Schwert: – eine edle westgotische Klinge! – und da, Hermenvech, eine treffliche bretonische Streitaxt. Schwingt sie für euren Vater! Wahrlich, nicht umsonst haben unsre Ahnen die Blutrache für die Gesippen der Pflichten heiligste genannt. Daran haltet fest und laßt euch nicht beirren durch die Lehre der Bischöfe von der allverzeihenden Nächstenliebe! Schmach und Wehe dem Sohne, der seinen Vater ungesühnt liegen ließe! Ich bin gewiß, ihr würdet, wie ich an jenem Valerius gethan, das Blut eures Vaters blutig rächen. Darauf trink ich euch diesen vollen Becher zu!« *   IX. Das eine nächtliche Treffen entschied den ganzen Feldzug: die Streitmacht Gairins war zersprengt: nirgend mehr wagte sie, das offene Feld zu halten: seine Flüchtlinge warfen sich zerstreut in die festen Städte. Ebroin hielt sich mit deren Belagerung nicht auf. Ohne Rast setzte er seinen Stoß in das Innere des Landes fort. Er erfuhr, daß sich Gairin mit dem noch beisammengebliebenen Rest seines Heeres nach Antun gewendet habe, wo Leodegar die alten Befestigungen mächtig verstärkt hatte: auf diese burgundische Bischofstadt zog jetzt der Sieger, der Rächer, in eiligen Märschen. »Ja, ja, es eilt! sag ich euch,« erwiderte er den Kleinleuten, die sich lieber in Plünderung des durchzogenen Landes verweilt hätten und jetzt schon gar oft bei seinen Befehlen murrten. »Es eilt! Denn – begreift ihr's denn nicht? – unsere ganze Jagd gilt einem gar edeln Wilde: nicht dem Giftwurm Leodegar, – der wird seiner Strafe nicht entgehen! – nein, dem Königsknaben, in dessen Namen er zu herrschen vorgiebt.« »Ah was,« schrie der schwarze Rädelsführer, den die Seinen den Reißewolf nannten – er war ein Aquitanier und hieß Gallus – »verstehe schon. Aber wozu brauchen wir überhaupt einen König? Wir sind selbst Könige!« »Oder, brauchen wir einen,« meinte der rothaarige Brandhahn, der Kelte aus Aremorica, seine blitzende Sense lupfend, »so soll Ebroin die Krone tragen. Nieder mit dem Knaben!« »Schweigt,« zürnte der Majordomus. »Wollt ihr den Bürgerkrieg verewigen? So gut wie ich, können dreißig andre nach dem Königstabe greifen. Soll der Austrasier Dagobert, der Mönch-König, da drüben in Metz, – mit vollem Recht! – die Erbschaft der Merowingen für sich verlangen dürfen? Nein: nicht um ihn zu morden – habt ihr noch nicht genug des Bluts gesehen, ihr Wölfe? – oder ihn abzusetzen muß ich ihn haben, nicht als meinen Gefangenen – nein, als meinen Herrn und König, um kraft seines Rechts zu herrschen – wie bisher Leodegar. Wohlan, noch weilt – sicher erfuhr ich's – der Knabe in Autun: – wer weiß, wohin sie ihn rasch flüchten und vor uns verstecken, lassen wir ihnen Zeit dazu?« *   X. So eilte denn der brausende Zug, das leere Paris westlich liegen lassend, gen Süd-Süd-Ost über Meaux, Troyes, Dijon, bis er im Monat Juni vor den Thoren von Autun anlangte. Sofort umschloß Ebroin die Stadt auf allen Seiten – auch auf dem Fluß Arroux durch Wachtschiffe – so eng, daß an ein Entschlüpfen des jungen Fürsten oder seiner Bewacher nicht zu denken war. Binnen kurzer Frist hatte der kriegskundige Belagerer so zahlreiche und so mächtige Sturmwerkzeuge hergestellt, daß der Gewaltangriff demnächst erfolgen konnte. Nicht mit ungeteilter Freude doch sah Ebroin dem Augenblick entgegen, da er den Befehl zum Sturm geben sollte: am Erfolge zweifelte er nicht, aber er scheute das abermalige massenhafte Blutvergießen im Kampf und noch mehr die zügellose Mord- und Raubgier seiner ›Kleinleute‹, wann diese sich – nach dem Sieg – über die volkreiche und güterreiche Stadt ergießen würden. Trotzten sie offen seinem Verbot, so war er mit seinen Heerbannleuten kaum stark genug, sie im Zaum zu halten oder – nach dem Verbrechen – zu strafen. So war ihm ganz willkommen, daß kurz vor dem zum Sturm ausersehenen Tage in seinem Lager ein Vermittler erschien, den er am wenigsten zurückweisen konnte: der fromme Abt Romarich. Der hatte, aufgeschreckt durch die Nachrichten von dem wilden Bürgerkrieg, die stillen Mauern seines Luxeuils verlassen und ritt nun auf seinem Eselein in die Nordgasse des lärmenden Lagers ein. Alsbald vor den Majordomus geleitet, bewirkte er bei diesem, daß er die belagerte Stadt betreten und mit den dortigen Führern der Stadt verhandeln durfte. Das Ergebnis dieser Verhandlung war, daß eine Unterredung zwischen Ebroin und Dedo von Poitiers in dem Ostthor stattfinden solle, in welcher die Bedingungen der Übergabe der Stadt zu vertragen waren. Mit Leodegar und Gairin zu verhandeln, lehnte Ebroin rundweg ab: »die will ich nur als Gefangene und mit dem Henker wiedersehen,« hatte er drohend gesprochen. Zur beredeten Stunde – hell glänzte der Sommersonnenschein auf die Helme und Schilde – ritt aus dem Lager ein kleiner Zug auf das in die mächtigen Steinquadern gefügte Thor und machte vor dem breiten Graben Halt: ein Hornstoß meldete ihn an: bald antwortete der Trompetenruf der Wächter oben auf der Zinne: schwerfällig drehten sich die starken, erzbeschlagenen Flügel in den Angeln: und der Bischof von Poitiers, in vollem Ornat, trat auf die Zugbrücke, die nun knarrend von oben herniederrasselte, den Graben überspannend. Ebroin blieb unbeweglich stehen, unerachtet der weichen Handbewegung des Prälaten, die ihn einlud, auf jenen schmalen eisernen Steg der Hängebrücke zu treten. Auf die wiederholte stille Aufforderung sprach Ebroin, den Eberhelm schüttelnd: »Nein, man sieht sich vor mit eidbrüchigen Verrätern.« »Verwünscht,« murmelte Dedo. »Wer hat ihm den Anschlag ...? Aber warte, es giebt einen Magneten, der ihn doch heran zwingt.« Er bequemte sich nun, gefolgt von einigen seiner Geistlichen, dem Majordomus entgegenzuschreiten. »Bevor wir verhandeln,« hob er an mit seiner wohllautreichen, viel geübten Stimme – »warn' ich dich, mein Sohn...« – »Ich bin nicht dein Sohn, sondern Ebromuths, den dein Gesippe gemordet hat.« – »Ich warne dich, weiter zu gehn in Freveln, weiter zu waten in Blut. Quousque tandem ...? Du bist...« – »Nicht gekommen, eine Predigt zu hören, sondern Eure Ergebung zu fordern.« – »Du hast dich verfehlt – ich schweige von den Geboten der Kirche! – gegen das wichtigste Gesetz des Reichs!« – »Das wäre?« – »Dieses hier: das heilige Gesetz von Autun!« antwortete der Bischof und zog aus den Falten seines Mantels ein mächtig Pergament, das er sofort entrollte und Ebroin entgegenhielt. »Erkennst du hier das Siegel des Königs? Es ist das Gesetz, das alle Glieder des Hoftags zu Autun beschworen haben: es gebietet, – von anderem zu schweigen! – daß Bischof Leodegar von Autun, solang er lebt, als Rector Palatii unbedingten Gehorsam zu fordern hat von allen Unterthanen: aber nicht nur beschworen von allen ward die Urkunde, – gesegnet, geheiligt und geweiht ward sie von vierzehn Bischöfen und – sieh her! ... mit den heiligsten Reliquien ist sie – zum sichersten Schutz ihrer Geltung – behängt. Schau her, diese Heiligtümer! Sieben an der Zahl! Sprich, was ist auf dieses Pergament deine Antwort?« Und majestätisch trat der Bischof einen Schritt vor und hielt ihm die breite, viereckige Urkunde ausgestrafft vor Augen. »Dies,« schrie Ebroin, riß blitzschnell seines Vaters Schwert heraus und zerhieb das Pergament mit einem sausenden Streich in zwei Hälften, die der Bischof laut aufschreiend fallen ließ. »Sacrilegium! Sacrilegium!« rief er: und seine Geistlichen wiederholten kreischend den Ruf. »Null ist und nichtig,« sprach Ebroin, das Schwert einsteckend, »der der Krone abgezwungene Fetzen. Ja, lest sie nur auf und küßt sie, die Urkunde! Erlistet ist sie und erzwungen! Hab' ich sie je beschworen? Und Ihr, wie könnt Ihr noch von Eiden reden, ohne vor Scham in die Erde zu sinken? Dein Neffe, der greise Frauen mordet, hat geschworen bei den allerheiligsten Reliquien und ...« »Vergebung,« scholl da eine wohlbekannte Stimme aus dem Hintergrunde und, halb verdeckt von den Geistlichen, ward jenseit der Zugbrücke sichtbar die Gestalt Leodegars. »Du hier? Du sollst nicht lebend ...!« schrie Ebroin außer sich und wollte auf die Brücke und über sie vorstürzen. Aber Vanning sprang neben ihn, umfaßte ihn mit beiden Armen und hielt ihn mit Gewalt fest: »Halt! Noch ein Schritt und sie schnellen dich mit der Brücke in die Höhe: – schau, die Knechte dort oben faßten schon die Seilwinden.« »Auch das scheitert,« grollte Dedo finster. » Hostis habet muros, ruit alta a culmine Troja! « Leodegar aber rief: »Du thust mir unrecht mit diesem Vorwurf.« Da sprach Romarich, lebhaft bewegt an Ebroins Seite tretend, drohend hob er den Zeigefinger der Rechten: »Wie, du entarteter Sohn der Kirche, hast du nicht bei all' jenen Heiligen und Heiligtümern ...?« »Ich schwur,« unterbrach Leodegar, »gar viele Dinge, so wahr der Schrein jene Heiligtümer berge. Wohlan: er barg sie nicht.« – »Ruchloser Lügner! Ich habe sie selbst hineingelegt.« – »Wohl: aber ich habe sie alle säuberlich wieder herausgenommen und unter dem Altarteppich geborgen, bevor Ihr die Krypta betratet. Allein sorge nicht, wo sie verblieben: als ihr hinauf gestiegen, legte ich sie alle wieder sorgfältig hinein: – nicht eines fehlt dir, o Romarich. – Mich aber band jener Eid nicht.« Da brachen viele unter den Geistlichen um ihn her in laute Rufe des Unwillens, des Abscheus aus: die Krieger Ebroins aber hoben wildschreiend die Waffen und waren kaum abzuhalten, auf die Brücke zu stürmen. »Hört ihr's?« sprach Ebroin, nachdem der Lärm sich gelegt, »das ist der Wert der Heiligtümer und der Eide dieser Priester! – Genug der Worte, des Hohns! Hört mich: in drei Stunden ergiebt sich die Stadt mit dem König und allen, die sonst darinnen sind, in meine Hand ... Wenn nicht, erstürm' ich sie und gebe Stadt und alles Leben darinnen meinen Kleinleuten preis. Nun wählt.« *   XI. Geraume Zeit vor Ablauf der vorgestreckten Frist thaten sich die festen Thore der alten Keltenstadt auf und psallierende Mönche und Priester in großer Zahl, zu langem Zuge gereiht, schickten sich an, ins Freie zu schreiten. Aber noch innerhalb der Thorschwellen wurden sie angehalten. Der Sieger besorgte, in solcher Verkleidung möchte mancher der Führer entwischen. Vielmehr befahl er, daß niemand die Stadt verlassen dürfe, bis er es verstatte. In geschlossenem Zuge, nur von seinen Heerbannmännern umgeben – die blutgierigen Kleinleute wurden, zu ihrem lauten Schelten, vor den Thoren aufgestellt – zog Ebroin auf den weiten Platz vor dem Bischofhaus, das Leodegar so kunstsinnig und verschwenderisch neu gebaut und ausgeschmückt hatte. – Hier war auf der obersten Stufe ein hoher Thron errichtet: darauf saß ein schöner, blasser Knabe, zu beiden Seiten von einem Priester und von dem Grafen der Stadt gehalten, daß er nicht falle: – denn das rasch emporgezimmerte Gerüst von dünnen Latten, mit Purpur verhangen, wankte und wackelte unter den ehernen Schritten der die Stufen hinausdrängenden Heermänner. Nun eilte auch Ebroin raschen Ganges hinan, ließ sich vor dem verschüchterten Kinde auf beide Kniee nieder und legte die gefalteten Hände in die des Knaben, die dieser offen auf seinem purpurbemantelten Schose hielt. »Ich huldige dir, mein König Theuderich, du Sohn Balthildens, meiner hohen Herrin, deren Züge du trägst. Ich schwöre dir Treue als dein Unterthan: ich will dich, dein Reich, dein Recht, deine Wohlfahrt wider alle Feinde schirmen, schützen und fördern, wie ich schon gethan habe all' diese Zeit, als du noch böser Menschen Gefangener warst. Du aber nimm mich nun an als den Majordomus deines Palastes.« »Gern thu' ich das,« sprach das Kind mit weicher, wohllautender Stimme, das engelhafte Haupt vorwärts neigend, daß seine langen lichten Locken auf den gebeugten Eberhelm wallten. »Ich kenne dich ja von meiner frohen Zeit zu Paris her. Du gefällst mir viel besser als der schwarze Bischof und sein grober Bruder. Und die liebe Mutter hat mir oft gesagt, als ich noch bei ihr im Kloster spielen durfte, bevor mich die garstigen Leute von ihren Knieen hinweg auf den Thron risse: ›Ebroin‹, – hat sie gesagt – ›ist der zweitbeste der Männer‹..« »Und der erstbeste?« fragte der in Flüsterton, hastig aufspringend, mit weit geöffneten Augen, »Das sagte sie nie. Sie meinte gewiß den Vater.« Ebroin nickte befriedigt: er stellte sich nun dem Thron zur Rechten und, auf sein langes Schwert gestützt, rief er dem da unten sich drängenden Volke zugewendet: »Nun rat' ich in Güte, ihr Bürger von Autun, liefert die Führer der Empörung aus, alle! Sonst laß ich meine Kleinleute in eure Häuser: die finden sie dort gewiß: aber auch noch viel anderes.« »Der Drohung bedurfte es nicht,« sprach da eine demutvolle Stimme von dem nun sich öffnenden Thore des Bischofshauses her und siehe, im langen härenen Bußgewand, barhäuptig und barfüßig, die Hände in Fesseln geschlagen, schritten auf den Thron zu Leodegar, Dedo, Gairin und zwölf Bischöfe, – darunter Berachar von Le Mans und Agnebert von Saintes – und weltliche Große, Sie warfen sich vor dem Thron auf die Kniee und Leodegar begann: »Blutvergießen, Brand und Raub fern zu halten von dieser guten Stadt, die ich solang in Glück und Frieden geleitet, habe ich dem Herrn König geraten, die Forderungen des Majordomus zu erfüllen. Nachdem ich all' mein Vermögen den Heiligen geschenkt, werfe ich mich hier mit meinem Bruder, meinem Ohm und meinen Freunden zu den Füßen des Herrn Königs nieder und bitte um Gnade für mich und alle diese hier, falls wir – wider Wissen und Willen! – in irgend einem Stücke uns verfehlt haben sollten.« Unschlüssig, verlegen sah der Knabe im Purpur bald auf Leodegar, bald auf Ebroin: er wollte die kleine Hand dem Knieenden herabreichen. Aber rasch trat Ebroin dazwischen und rief: »Halt! Gnade? Gnade giebt es nur nach gefälltem Urteil. Die Strafe muß ausgesprochen sein: – dann mag der König sie erlassen oder mildern oder vollstrecken lassen. Ergreift sie, alle fünfzehn, meine Lanzenträger, und führt sie in die Kerker: – getrennt, einzeln. Stellt je zwei Wachen vor jede Kerkerthür: entwischt einer, sterben die zwei Wachen. Ich scheue die Heiligen: sie verstehn sich allzugut aus Riegel und Schlösser! Die Verbrechen sind zu Ende: nun beginnt das Strafgericht.« *   XII. Das Strafgericht ward ein Blutgericht. Nachdem ein Konzil von vielen neustrischen und burgundischen Bischöfen die neu angeschuldigten Bischöfe ihrer geistlichen Würden entsetzt und Leodegars frühere Absetzung bestätigt hatte, verurteilte sie und ihre weltlichen Mitschuldigen das Pfalzgericht – unter dem Vorsitz Ebroins – wegen ›infidelitas‹ gegen den König sämtlich zum Tode und zur Einziehung ihrer Güter: bei Leodegar und Gairin ward auch wegen Ermordung des Bischofs Praejectus und der geraubten Äbtissin von Chelles die Todesstrafe ausgesprochen. Die etwaige Begnadigung oder andernfalls die Art der Vollstreckung der Strafe ward dem Ermessen »des Königs« überlassen. Es lief doch ein Schauer des Grauens durch die Reihen der in Krieg und Frieden an viel Blut gewöhnten Palatine dieses Reiches, als Ebroin an dem drei Tage darauf gehaltenen Hoftage neben den leeren Thron trat und, nach Vorführung der Gefangenen, mit eherner Stimme verkündete: »Der Herr König hat – auf meinen Rat! – allen Verurteilten seine Gnade versagt. Die weltlichen Seniores werden gehängt: nur Gairin, der Frauenmörder, wird – nach altem Frankenrecht – gesteinigt. Die ehemaligen Bischöfe werden – in Ehrung ihrer früheren Würden – nicht gehängt, sondern geköpft: aber Leodegar, der bei dem Lichte seiner Augen einen Meineid schwur, sollen vor der Hinrichtung an dem Grabmal der gemordeten Äbtissin von Chelles, das ihr dort, wo sie starb, an dem Ufer des Arroux errichtet ward, die falschen Augen ausgestochen werden.« – Ein greller Aufschrei – Leodegar stürzte rücklings nieder. »Das geschieht: den Verbrechern zu gerechter Strafe, den andern zu wirksamer Mahnung. Denn – bei meinem Schwert! – ich schaffe diesem Reich der Franken wieder Einheit, Friede, Glanz und Größe und müßt' ich bis ans Knie im Blute waten seiner Feinde.« Alle vernahmen die grause Entscheidung in tiefem Schweigen: in frommer, auch wohl reuiger Ergebung. Nur Bischof Dedo sprach mit lauter Stimme: »Bah, was ist's weiter? Wir haben heiteren Geistes gelebt, laßt uns heiteren Geistes – eleganter! –sterben: das Leben war lang, der Tod wird kurz sein. Die alten Römer hatten recht: ›facilis descensus Averni!‹ Wir haben viel von ihrem Blut geerbt: laßt uns ein wenig auch von ihrem Geist bewähren.« *   XIII. Der Kerker Leodegars lag tief unter der Erde, tiefer noch als der Kanal des Arroux, der, hier durch die Stadt geleitet, das unheimliche Gurgeln und Rauschen seiner Wellen durch die dicken Mauern dringen ließ. Viele hohe Stufen führten von dem Erdgeschoß der Hochburg in den immer feuchten Quadergang, auf den die Tropfen vom niedern, drückenden Gewölbe her langsam, aber unablässig, eintönig niederschlugen. Hier waltete Tag und Nacht das gleiche Grabesdunkel: kein Strahl des Sonnenlichtes drang je hierher. Jetzt war in die Öse der eisernen Zellenpforte ein Kienspan gezwängt, dessen düster rotes Licht stets zu erlöschen drohte in der feuchten Moderluft. Zwei Speerleute hielten Wache vor der Pforte; die Lanzen auf der Schulter gingen sie, einander kreuzend, in dem langen Gange, der an die Treppe führte, auf und nieder. Als hoch über ihren Häuptern die eiserne Fallthür rasselnd aufgehoben ward, die den Zugang zu der Steintreppe verdeckte, machten beide Halt und spähten scharf nach oben! »Aufgepaßt, Benniko, Bennos Sohn, da kommt was.« – »Oder wer! Aber weit kommt er nicht, Freund Beling, ist's ein unrichtiger.« – »Ja, es gilt unser Leben, mahnte Graf Vanning, wenn der Bösewicht entspringt!« – »Nun, ein Mensch, ein sterblicher, dringt nicht durch unsre Lanzen.« – »Und durch die verschlossene Thür.« – »Aber etwa ein Unhold? Der schwarze Priester soll viel schwarzen Zauber wissen, Geister bannen ...« – »Bah, den Geist möcht' ich sehen, den hier dieser Speer nicht abhält.« – »Da tastet sich's langsam die Stufen herab.« – »Es ist nur Ein Schritt. – Halt. Wer naht?« – »Ein Priester des Herrn.« – »Wohin?« – »In den Kerker. Zu Leodegar.« – »Wer schickt dich?« – »Der Majordomus. Hier sein Siegelring als Wahrzeichen.« – »Ja, das war verabredet, Benniko. Aber der Ring allein ...« – »Führt dich nicht hinein. Du brauchst noch ...« – »Den Schlüssel zu dem Kettenschloß, den Ebroin abzog.« – »Und an seinem Wehrgurt trägt.« »Hier ist er,« sprach der Besucher. – »Wohl! Schließ auf.« Und ein Mann in Mönchsgewand glitt an den beiden vorbei und öffnete – nach einiger Mühung – das Schloß der Kette, welche die Pforte von außen kreuzweis überspannte. Nun holten Benniko und Beling je einen Schlüssel aus ihrer Brünne hervor und schlossen zwei Schlösser auf, welche die Thüre an die rechte Mauerseite festigten: der Mönch trat über die Schwelle; sogleich wurden beide Schlösser wieder von außen gesperrt. »Wer bist du?« rief eine bebende, von Angst erstickte Stimme dem Eintretenden entgegen, dessen Umrisse einen Augenblick, von dem Kienspan draußen durch die halbgeöffnete Pforte her beleuchtet, sichtbar geworden. »Und was bringst du? Die Freiheit? Oder den Tod? Oder – o weh, o! – die spitzen Eisen in die Augen? Wer bist du?« – »Romarich.« »O, also die Freiheit,« jauchzte der Gefangene. »Du versprachst mir ...« »Ich that alles, was ich konnte. Vergeblich! Fasse dich, Leodegar, schließ ab mit dem Himmel: du mußt sterben.« – »Aber ich will doch nicht! Ich will nicht! ... Und die Blendung? Meine Augen ...?« – »Nichts hab' ich erreicht, Ebroin wies mich ab: ›ich habs geschworen,‹ sprach er. ›Und ich – ich halte meine Schwüre!‹« – »Grausamer, kommst du nur, das mir zu verkünden?« – »O nein, ich komme, mein armer, tief gefallner Sohn, deine Seele aufzurichten, dich vorzubereiten auf den letzten Gang, den Todesgang. Viele deiner Sünden, deiner Frevelthaten kenn' ich ...« »Aber lang' nicht alle,« meinte der Gefangene: und es klang wie Hohn. – »Wohl, es mögen viele und schwere sein. Aber die Barmherzigkeit Gottes ist unendlich. Wenn du dich vor ihm demütigst...« »Ich mag nicht! Ich kann's nicht! Laß du das Jenseit nur meine Sorge sein. Rette mir das Leben, die Augen! Das allein hat Wert für mich. Hörst du?« und er faßte an seiner Kutte und riß heftig daran, »Schaff' mich hinaus aus diesem Grabe in Licht und Leben. Ich will noch lange leben, ... will ...! Wie war es doch, was mir Ohm Dedo verheißen? Herrschen, glänzen, genießen! Hörst du? Ich will nicht sterben!« schrie er, daß das Gewölbe wiederhallte. – »Unseliger! Laß doch von diesem nichtigen Begehr nach dem vergänglichen irdischen Dasein. Versöhne den Himmel, beichte mir ...« »Nein!« rief der zornig. »Laß das, befehl' ich. Den Himmel hab' ich mir längst gesichert.« – »Wodurch?« – »Durch ungezählte Gaben an die Heiligen. Sieh, deshalb hab' ich ihnen – vor der Gefangenschaft, für alle Fälle! – mein ganzes Vermögen ... Sie müßten schmählich undankbar sein, ließen sie mich im Stich.« »Wahnsinniger! Darauf baust du deine Hoffnung, ja deinen Trotz? Deshalb verschmähst du meinen Zuspruch? So wisse denn: Gott läßt sich nicht spotten und die Heiligen lassen sich nicht bestechen. Alles, was du zu solchem Zweck gethan, geschenkt, geopfert, ist nichtig.« »Weh mir, sprächst du wahr!« schrie Leodegar und fuhr erbebend zurück. »Gott will ein reuig Herz, keine Opfer. Bereue!« »Ah, ah,« stöhnte der Verzagende. »Ich .. ich wollte ja gern ..., aber ich kann nicht. Ja, daß mich meine Thaten hierher – in den Tod! – geführt, ... das thut mir freilich leid.« »Das ist nicht Reue! Zerknirscht vor Gott mußt du rufen: ›wehe, weh über meine Sünde‹.« – »Wehe, weh ... mir, mir! – – Ich kann's nicht. Es wäre Lüge, also wieder Sünde: und Gott – er ist ja allwissend! – würde es ja doch gleich merken! Ich kann nicht bereuen. Aber höre nur, was alles ich der Kirche geschenkt ... viele Centner sind's an Gold allein und Silber und ganze große Landgüter und ...« – »Schweig davon! Du lästerst, wenn du Gott erkaufen willst. Bereue oder ich verlasse dich.« Und er klopfte an die eiserne Pforte: die Wächter draußen drehten die Schlösser auf, »So verlasse mich! Ich fluche dir und deinem ohnmächtigen Trost: – ich fluche der Lehre, die mich bethört hat, daß ich meine Schätze vergeudete, statt sie zu genießen. Ich fluche der Welt, in der ein dummer Stein mich zum Krüppel schlug und zum Schleicher machte, mich, – der ich ein Held war oder werden wollte, wie jener eherne Ebroin! Ich fluche Gott, der jenen Stein nicht hemmte, der diese Welt so geschaffen ... – hörst du? Ich fluche Gott, der mich verkrüppelte: er – er allein ist der Thäter meiner Thaten! Ich fluche Gott!« »Macht auf, macht auf!« rief der Mönch in schauderndem Entsetzen und hastete durch die rasch aufgerissene Thür hinaus. »Ja, hör's nur,« schrie der Gefangene, mit der Faust an die Eisenpforte donnernd, »ich fluche deinem Gott der Liebe, dieser Lüge, und ich verfluche dich und mich selbst. Ah! Die Hölle? Ewig? Ewig in Qualen? Verzweiflung! Verzweiflung! Das ist schon die Hölle!« Und er brach stöhnend auf der Schwelle zusammen. Viertes Buch. I. Einige Wochen darauf saßen Vanning, Hermengar und dessen Sühne in der Halle des Palatiums zu Paris beim Abendtrunk beisammen: es war zugleich ein Abschiedstrunk: denn am folgenden Morgen sollten die vier Gäste des Majordomus in wichtigen Sendungen ausziehen. Er ward noch erwartet mit Weisungen, die er ihnen mündlich und schriftlich mitgeben wollte. Ungern ließ der treue Vanning ihn allein: er wußte daß er sich ungezählte Feinde gemacht hatte, die ihm – mit Unrecht oder Recht – Haß trugen: und in jenen Tagen war der Haß nie weit entfernt vom Mord. Dazu kam, daß der Freund beklagte, den Gewaltigen nun nicht wie bisher von mancher allzuraschen, allzuharten Handlung abhalten zu können. Er sprach darüber offen zu Hermengar. »Seit die Heilige den Hof mit dem Kloster vertauscht hat, ist sein guter Engel von ihm gewichen,« klagte er. »Aber du standest ihm auch jetzt – ein treuer Warner – zur Seite.« – »Ach, meine beste Rede wirkt nicht wie ein Blick aus ihren sanften Augen that. Konnt' ich es verhindern, daß er all' diese Zeit her, seit seinem Sieg, furchtbar streng und blutig – alle fünfzehn hat er hingerichtet! – bis an die äußerste Grenze gerechter, aber schärfster Strafe – und wohl auch darüber hinaus! – die Herrschaft geübt hat in Neuster und Burgund?« Bei diesen Worten trat der Majordomus ein. Er hatte sich stark verändert in diesen Monaten: seine Züge hatten eine Schärfe, sein Blick ein finster Drohendes angenommen, das früher fehlte: wieder noch tiefer hatte sich die Stirnfalte zwischen den Augen eingefurcht, herber waren die bärtigen Lippen geschlossen. Nach kurzem Gruß ließ er sich neben seinen Gästen nieder, mehrere gesiegelte und offene Schreiben auf den Schenktisch werfend. »Ihr reitet morgen bei Tagesanbruch! Euer Werk eilt. Drum wollt' ich euch heut' abend noch Winke geben, die ich der Schrift nicht anvertrauen mag. – Ich habe in diesen Monaten im Innern des Reiches viel Arbeit gethan, harte Arbeit.« »Ja, harte für dich ... und für andere,« sprach Vanning, »blutige.« Ebroin furchte die Stirn: »Mit Honig, Freund, leimt man nicht den zerbrochenen Staat. – Nun aber fliegt mein Blick über unsre Grenzen hinaus: nun gilt es, zu erwahren, ob ich das Recht dazu hatte, die Macht in diesem Halbreich an mich zu reißen – mit eiserner Faust –: die Probe liegt darin, ob ich die zerstückten Fetzen des einstigen Gesamtreichs wieder zu einem Ganzen machen kann. Das ist's, was ich schon vor Jahren mit Pippin erörtert habe und mit jenem Schurken:« – hier funkelte sein Auge – »die Unterwerfung Austrasiens unter den neustrischen Königsstab.« »Die Austrasier freilich,« wandte Vanning ein, »sind recht andrer Meinung.« »Jawohl,« rief Ebroin lachend. »Ein Auerstier wie dieser Martinus, der will überhaupt von uns ›Weichlingen‹ nichts wissen: – Weichling ist ihm jeder, der lesen und schreiben und – denken kann und sich nicht jede Nacht in Met oder Bier – wie schauderhaft! – bezecht.« »Aber Pippin, der ...,« meinte Hermenfred. »Der will freilich, was ich will,« sprach Ebroin ernst, »aber umgekehrt: wohl ein einzig Reich, aber Austrasien soll uns unterwerfen. Die Gedanken fliegen ihm hoch: – allzuhoch. Man muß dem Arnulfingen-Aar die Schwingen knicken. Es darf kein König herrschen mehr in Metz neben dem in Paris.« »Das heißt: neben dem Majordomus in Paris,« lächelte Vanning. »Und dies große Werk vorzubereiten,« fuhr Ebroin mit leuchtenden Augen fort, »dazu hab' ich euch ersehen: – deshalb sollt ihr morgen reiten. Die Arbeit ist leichter als sie aussieht! Ich habe seit langer Zeit meine Späher, meine geheimen Anhänger da drüben: so bin ich über die Leute und die Dinge an Mosel und Rhein und Main und Lahn und Donau und Inn nicht gar viel schlechter unterrichtet als über die an Seine und Loire. Ich weiß gewiß, der starke Einfluß Pippins ist andern mächtigen Adelsgeschlechtern der Uferfranken keineswegs wohlgefällig; ich weiß, der aus der Fremde plötzlich herbeigeholte junge König ist gar vielen dieser stolzen Häuser, die selbst nach dem Throne trachteten, höchst unerwünscht gekommen. So könnte's vielleicht nicht schwer sein, den mönchischen Knaben da drüben so einzuschüchtern, daß er freiwillig seinem neustrischen Vetter zu Paris auch den Königstuhl zu Metz räumt und froh ist, in den Frieden seiner heiligen Insel zurückzufliehen. Wollen ihn aber die Arnulfingen, die ihn erhoben, darauf erhalten, – wohlan, so laßt uns dieses unbequem emporstrebende Geschlecht samt seinem Schützling hinwegfegen durch Gewalt der Waffen.« »Seit zwanzig Jahren kriegserfahren und sieggekrönt darfst du dir das ohne Überhebung zutrauen,« sprach Hermengar. »Wohl,« meinte Vanning, »aber diese Ostleute, zumal die Überrheiner, sind bärenhaft tapfer und auch volkreich ...« »Gewiß,« nickte Ebroin, »deshalb muß die Staatskunst dem Angriff der Kriegskunst vorarbeiten, wie unsre Ahnen sich etwa in ihrem Wotan den listigen Planer und den stürmischen Helden vereint dachten: – der war gar nicht übel! Könnt' ich nur an ihn glauben; ich hätte mich längst mit meinem Blut ihm zum Wahlsohn geweiht! – Man muß die Macht der Austrasier im Innern schwächen, teilen, zersplittern, bevor der hitzige, heißblütige Anfall der Unsern sie trifft. Hört mich zu Ende. Längst haben sich, in der Zeit der Schwäche und des innern Haders der Könige zu Paris und Metz, jene Stämme östlich des Rheins vom Reiche gelöst, die früher den Merowingen gehorcht hatten: die Thüringe an der Unstrut, die Alamannen am Neckar, die Bajuvaren an der Donau: ihre Herzoge grollen Pippin, weil der – wie freilich seine Pflicht! – sie wieder heranzuzwingen trachtet. Leicht sind sie zu gewinnen, in derselben Zeit von Norden, von Südwesten und von Südosten her in Austrasien einzudringen, während wir von Westen her auf den Rhein, den Main, die Lahn stoßen. Auch die Friesen und Sachsen, geärgert durch die Priester, die unablässig von Austrasien aus in ihre Gaue wandern und ihnen die alten Götter nehmen wollen, wie die austrasischen Grafen die alte Freiheit, kann man Pippin von Norden und Nordwesten her auf den Nacken hetzen, daß er zu thun bekommt an allen Ecken.« »Du bist ein Feldherr, wahrlich!« rief der junge Hermenfred begeistert. »Dann können,« meinte Hermenvech, »die Austrasier, von allen Seiten angegriffen, uns nur dünne Reihen entgegenführen: bei meinem Schwert, die renn' ich über den Haufen!« »Aber,« wandte der fromme Hermengar ein, das Haupt schüttelnd, »Sachsen und Friesen: – das sind arge Heiden! Mit diesen willst du gegen gute Christen dich verbünden?« »Mit dem Dämon der Hölle, lieber Herzog, wenn's zum Siege führt,« lachte Ebroin. »Leider ist er ein Wahn, wie Wotan: sonst hätt' ich ihn schon in der Haft zu Luxeuil zu Hilfe beschworen.« Hermengar schlug ein Kreuz über die Brünne und warf den Söhnen mißbilligende Blicke zu, »Jedoch,« wandte Vanning bedächtig ein, »erwäge, was du thust. Nu willst das ganze Frankenreich, wie es vor etwa sechzig Jahren bestand, in seiner Macht, in seinem Umfang wieder herstellen ...« »Das werd' ich! Oder drüber fallen,« rief Ebroin und stieß die Fingerknöchel der geballten Faust auf den Tisch. »Und fängst damit an, jene Herzoge der Thüringe, Alamannen, Bajuvaren, die uns damals dienten, noch mächtiger werden zu lassen?« »Ja,« rief Ebroin und überlegener Geist sprühte aus den blitzenden Augen, »damit fang' ich an, aber damit end' ich nicht. Laß doch diese drei Barbarenstämme, uns zu entlasten, einen Plünderzug bis an den Main machen: was schadet's viel? Sobald ich zu Metz herrsche wie zu Paris und Orleans, falle ich mit dem Heerbann der drei Reiche über die überraschten, niemals einigen, plumpen, schwerfälligen Waldleute her und unterwerfe die Gaue. – Und ihre drei Herzoge und Herzogsgeschlechter? In drei Klöster mit ihnen! Wozu sind die vielen Klöster da? Es soll kein Fürst mehr in der Mitte stehen zwischen dem Frankenkönig und jenen Stämmen.« »Ebroin, du bist ...« rief Hermenvech. »Eben Ebroin, unser aller Meister,« sprach Vanning und faßte seine Hand. »Und doch ein so freudloser Mann!« raunte der ihm leise zu. – – »Hier nun eure Vollmachten und Briefe. Du, Hermengar, gehst mir zu dem Baier Theodo, dem Agilolfing, zu Regensburg, zu dem Stolzesten der Vornehmste. Du, Vanning zu dem Alamannen Gotfrid in Augsburg, ihr beiden Hermengaringe zu dem Thüring Radwin, Radulfs Sohn, in seiner Holzburg an der Unstrut; zu den Sachsen und Friesen schick' ich ein paar ihrer heidnischen Seeräuberhäuptlinge, die ich vor kurzem in ihren Raubschiffen auf der Schelde gefangen: ich gebe ihnen die Freiheit, – wie gut nun, daß ich sie nicht gleich henkte, wie ich vorhatte, an den Rahen ihrer Masten! – reiche Geschenke und die Aufforderung an ihre Stammesgenossen mit, auf meinen Wink zu Wasser und zu Land bis Utrecht und Köln raubfrohe Heerfahrt zu thun: Pippin, den sie fürchten, werde alsdann ganz wo anders zu schaffen haben! Was meint ihr wohl, ob diese Wilden sich's zweimal sagen lassen?« »Schad' um die Kirchen dort zu Lande,« seufzte Hermengar. »Bah,« lachte Ebroin, »die Mönche haben ihnen auch viele Tempel und Haine verbrannt. Das hebt sich. Und übrigens von Metz aus werd' ich den Raubfahrern gar bald die Wege verbauen: – nicht mit Kirchen und Klöstern! – mit festen Markwehren und Grenzburgen.« »Aber,« mahnte Vanning, »die minder wichtigen Aufgaben hast du verteilt, wen aber sendest du...?« »Jawohl,« fragte der Herzog, »an König Dagobert?« »Das,« antwortete der Majordomus, indem er lächelnd seinen Bart strich und sich erhob, »das ist mein Geheimnis. Hei, keiner von euch würde mir dazu taugen.« Aber das Lächeln war nicht schön und unheimlich glänzten dabei die grauen Augen. *   II. Während die vier Gäste sich, des frühen Aufbruchs am folgenden Morgen gedenk, zur Ruhe begaben, schritt Ebroin noch lange sinnend in seinem Schreibgemach auf und nieder. Oberhalb des Tisches, auf dem alte römische Straßenkarten von Gallia, Belgien und Germania, Pergamente und Papyrosrollen gehäuft lagen, befand sich an der Wand, an einer Schnur aufgehangen und jetzt von einer Schwebe-Ampel mit sanftem Lichte bestrahlt, ein längliches Mosaik: es stellte eine Heilige dar, Sankta Lintrudis, und der Künstler, ungeschickt und ungefüg im übrigen, hatte Eine Wirkung voll erzielt: er hatte seiner Heiligen die Züge Balthildens geben wollen und das war ihm trefflich gelungen. Der Majordomus hatte das Bild dem Kloster der Heiligen zu Châlons-sur-Marne teuer abgetauscht: feine reiche Billa Latiniacum im Gau von Embrun – mit hundert Knechten und Mägden – hatte er dafür gegeben. Vor diesem Bilde machte er jetzt in seinem unsteten Hin- und Herschreiten Halt: schmerzlich war der Ausdruck der sonst so adlerhaft blickenden Augen, wie er sinnend hinaufsah und seufzend sprach: »Schöne Heilige, leblose, fühllose, steinerne! So wenig wie dies Steinbild ahnst du, Urbild im fernen Kloster, wie soviel von allem, was ich litt und leide, was ich that und thue und plane, nur um dich, für dich gelitten und gethan ist. Ist es doch dein Sohn, den ich zum mächtigsten Herrscher des Abendlandes machen will. Für dich – um dich hab' ich das erste Verbrechen begangen, das erste Blut frevelhaft vergossen. Dein Bild hat mir tröstend vorgeschwebt, ein heller Stern, als alle meine andern Sterne erloschen schienen in finstrer Nacht, bei dem herzverbrennenden, herzkränkenden, herzabstoßenden Abfall meiner Bauern, in der verzehrenden Pein meiner Klosterhaft. Dein Bild begeistert mich in heißer Schlacht und reißt mich durch Schwerter und Speere zum Sieg dahin: – zu deines Namens Ehre thu' ich des Guten viel: – und auch Wohl manches, was du nicht billigen würdest. – Sie und des Reiches Heil sind mir in Eins verschmolzen. Und dabei ist mir dies schöne Weib so fern gerückt, als lebte es auf dem Monde. Nicht durch Kloster, Schleier und Gelübde ist sie von mir getrennt: – hei, jauchzend durchbräche ich sie alle drei und zerdrückte das holde Geschöpf mit heiß lodernder Glut in diesen Armen! Nein! Durch ihre liebeleere Kälte. Ah, nie hat sie geliebt! Auch nicht ihren elenden Gatten. Sie kann gar nicht lieben! Sie ist von Stein, wie dies Gebild. Ah, hätte sie je geliebt, liebte sie einen Sterblichen, ich riß' ihm vor Heißwut das zuckende Herz aus der Brust. Aber das ist mein einziger, – mein armer! – Trost: sie liebt keinen Mann auf Erden, nur ihren geträumten Gott im Himmel!« Da ward er aus seinem Sinnen geweckt durch leises Pochen an einer geheimen Thür, die unmerkbar in das Marmorgetäfel der Wand eingefügt war: dreimal in zwei gleichen Zwischenräumen, ward das Klopfen hörbar. »Ja, ja,« sprach der Einsame, »das ist die Welt, die mich ruft – aus dem Himmel. Die Welt? Die Erde?... Vielleicht noch Tieferes, Finstreres, Ärgeres, Verhülle dein Antlitz, Heilige.« Er trat dicht an die Thür und drückte auf einen dunklen Stein in dem Marmor: geräuschlos sprang die schmale Pforte nach innen auf und herein schlich auf den Zehen eine dunkle, riesenhohe Gestalt: – dunkel war die schlichte, bäuerische Kleidung, dunkel Haar und Haut und Bart und die seltsam funkelnden Augen: er bückte den Kopf tiefer als bei Freien üblich, ja er wollte sich auf die Knie werfen. Unwillig hemmte ihn Ebroin: »Du hast noch immer das Wesen eines Knechts an dir, Gallus! Warst doch frei geboren! Und bist wieder frei.« »Sie währte lange, Herr, die Unfreiheit, die Schuldknechtschaft. Und der Vogt des Herrn Patricius peitschte so arg, unterließ man die gewünschte Demut!« – »Unterlasse sie aber fortab, diese Sklaventugend: – zumal auf der Sendung, die ich dir jetzt übertrage. Du kennst unsern Vertrag: du warst der allerersten einer, welche die Kleinleute zu den Waffen riefen: – noch vor mir, ohne mich, also in offenem Aufruhr. Du hast auf offener Heerstraße des Reichs den Patricius Hektor erschlagen ...« – »Herr, er war dein Feind wie meiner. Auch du tötest – man weiß es! – deine Feinde, wo du sie triffst. Und jenen flüchtigen Bischof half ich doch auch einfangen und ...« »Manche blut'ge That: Raub, Brand hat später diese Verdienste ausgetilgt, wenn's solche waren. Nicht umsonst heißest du im ganzen Land der Reißewolf! Du hast, nachdem ich euren Bund geschaffen, das Leben zweimal verwirkt: ich hab' dir's zweimal geschenkt, weil, ...« »Weil du mich gut brauchen kannst, Herr,« grinste der, die weißen Zähne zeigend. »Ich bin dein bester Dolch.« – »Frech bist du, Gallus. Und ich schwöre bei ... an welchen Heiligen glaubst du am frömmsten? Das heißt, welchen fürchtest du am ärgsten?« »Sankt Martin zu Tours,« stammelte der Schwarze und faltete erschrocken die Hände. – »Also: ich schwöre bei Sankt Martin von Tours: bei dem geringsten Vergehen gegen meine Banne hängst du am nächsten Baum. – Nun gieb acht! Morgen reist als mein offenkundiger Gesandter an den Hof nach Metz der fromme Bischof Landolen von Bienne.« Gallus machte ein verschmitztes Gesicht und blies leise vor sich hin. – »Was soll's, Bursche?« –Je nun, Herr: ist's ein schwierig Geschäft?« – »Warum?« – »Man sagt, der fromme Mann weiß besser im Himmel und in den Kirchen Bescheid als auf Erden und in den Palatien.« – »Schweig! Der Bischof ist nur zum Prunke mein Gesandter: – er übergiebt ein Schreiben von mir an den Knaben Dagobert, das kann jeder! Mein wirklicher Gesandter nach Austrasien aber – bist du.« »Ich? O Herr. Ich Knecht?« – »Frei bist du ja, Schuft, freigekauft von mir, sowenig du's verdienst.« – »Was soll ich dem Herrn König dort sagen? Er wird mich gar nicht anhören!« – »Sagen? Nichts dem König: – viel, sehr viel, alles dem Volke dort. Höre. Meine Forderung, den Thron von Metz zu räumen, wird ohne Zweifel abgewiesen: dann giebt es Krieg.« – »Hussa! Hei! Das ist gut. Es ist ohnehin so langweilig jetzt hier zu Lande.« – »In diesem Krieg muß das Volk – das heißt müssen die Kleinleute – abfallen von dem Mönch-König.« – »Ah so! Ich fange an, zu verstehen.« – »In Austrasien sind die Leiden, die Bedrängnisse der Geringen zwar nicht gerade ganz so hart wie sie hier im Lande waren...« – »Bis du sie – alle! – getilgt,« flötete der Schwarze süßlich; er wollte ihm die Hand küssen. – »Laß! Laß das Lecken den Hunden! – Aber jedenfalls arg genug, so daß sie sich gern erheben werden.« »Zumal wenn ihnen einer zuredet!« lachte der Reißewolf: es war ein Lachen, bei dem Ebroin graute, »Und das will ich, das, bei Sankt Martin, kann ich.« – »Ich weiß es: – wie kein anderer, wie der Satan!« »O nenne den nicht!« rief Gallus und schlug hastig zwei Kreuze. – »Du könntest – ich hab's erfahren! – die Engel im Himmel zum Aufruhr wider den Herrgott treiben! – Also ich zähle auf dich: sobald ich unsern Heerbann aufrufe, rotten sich dort – bei Metz, vor allem – die Kleinleute zusammen und schlagen los.« – »Sie sollen's! – Herr: dürfen sie im Anfang – nur im Anfang! – auch ein wenig – nur ein klein bischen! – brennen und plündern und...?« – er machte die Bewegung des Erstechens. Ebroin zog die Brauen zusammen, aber er schwieg. »Nur im Anfang! – Es wäre doch gut. Sie folgen mir dann rascher, lieber.« Der Majordomus stampfte mit dem Fuß: »Warum fragst du mich? Ich will von nichts wissen! Thu', was du nicht lassen kannst...« – »Ei! Hab' verstanden!« Und er machte einen Kratzfuß. – »Bin ich zufrieden, geb' ich dir zehntausend Solidi und Martia, die dralle Magd, aus meiner Villa Calma, um die du mich neulich batest.« – »Du wirst zufrieden sein, mehr als zufrieden!« – »Höre noch eins: die Hauptsache! Unserm König Theuderich steht nichts entgegen als jener Mönch Dagobert. Mit ihm fällt das Reich Austrasia. Sorge dafür, daß dieser König...« – »Nun?« Wieder stampfte der Ungeduldige – heftiger diesmal! – mit dem Fuße. »Tölpel! Hab' ich dich, um mich auszufragen oder um mich zu verstehen? Jener Knabe darf nicht etwa durch die Flucht ins Innere seines Landes, über den Rhein, sich meinen Waffen entziehen. Da dürft' ich ihm nachlaufen: – jahrelang! Ich muß ihn haben – verstehst du? Lebend oder... Nun, wenn ihn seine empörten Unterthanen totschlügen, – es wäre auch kein Unglück!« »Herr,« fiel der Reißewolf, diesmal ohne Besinnen, ein, »er soll nicht ins Innere seines Landes entfliehn, verlaß dich auf mich!« – »Geh.« Er wies gebieterisch auf die Geheimpforte. Mit vielem Bücken glitt der Riese hinaus. Da, als die Thüre einschnappte, fiel das Mosaikbild von der Wand: es zersprang auf dem Marmorestrich in viele, viele Stücke. »Ein böses Zeichen,« sprach Ebroin, finster auf die Splitter herniederschauend. »Die Heilige zürnt. Aber es muß sein!« *   III. In dem Palatium zu Metz, dem alten Bau, der sich an der Stelle der ursprünglich keltischen Feste auf dem rechten Ufer der Mosel auf steiler Hochfläche erhob, lag vor den sieben Marmorstufen, die zu dem Eingang des Mittelsaales führten, ein weiter Hof, auch hier, wie der zu Paris, den Waffenübungen der Hofknaben dienend, die – wie an der Seine – in beträchtlicher Zahl das Königshaus belebten. Aber während zu Paris das Vulgärlatein und die dunkelhaarigen Römer oder stark romanisierten Neustrier und Burgunden des Südens überwogen, hörte man die zahlreichen Blondköpfe hier an der Mosel fast nur die markige Sprache der Unterfranken reden. In dieser Sprache stellte auch seine vielen, lebhaften Fragen ein auffallend schöner Knabe von etwa vierzehn Jahren, dem die goldgelben Haare in kurzkrausen Locken das wohlgebildete Haupt dicht umstanden. Die blauen Augen blitzten, als er sie wieder zu dem stattlichen Krieger aufschlug, an dessen Hand er dahinschritt, während wie die Knaben so die geistlichen und weltlichen Großen, die sich allmählich von der tiefer liegenden Stadt her zahlreich hier zusammenfanden, mit ehrdienigem Gruße den beiden Wandelnden auswichen. Da schritt vom Hofthor her ein neuer Ankömmling, voll gewaffnet, auf sie zu. Der Knabe sprang ihm entgegen: »Willkommen, Oheim Martinus. Du kommst gerade recht, mir die Schwertleite zu geben: – in ein paar Tagen soll's geschehen.« – »Ei, Karlchen,« sprach der Oheim, ihm zunickend, »was bist du groß und stark geworden in diesen Monaten! Gegrüßt, Vetter Pippin! Wie geht's Frau Albhaid, der viel Schönen?« »Gut,« erwiderte Pippin. »Und du sprichst wahr: sie ist immer noch das schönste Weib Austrasiens.« »Ja, meine Mutter!« lachte der Knabe stolz. »Wie die ist sonst gar kein Mensch auf Erden. Die sollte unter Krone gehn statt der ...« »Wirst du schweigen?« schalt Pippin. – »Es ist wohlgethan, ist hohe Zeit, Vetter, daß du dich endlich wieder einmal zeigst im Palatium. Dringend entbot ich dich zum heut'gen Tage.« »Ah,« meinte der Hüne, über den breiten roten Bart streichend, »ich tauge nicht für den Hof: ich gehöre in den Eichwald um unsern alten Stammhof an der Maas, in deren Sümpfen die Elche noch in Rudeln gehn und der Wisent dem Jäger den Hag verbieten möchte. Geradewegs komm' ich von daher und der Jagd.« – »Ohm, Ohm, du mußt mich mitnehmen! Der Wisent, sagst du..? Mit welcher Waffe fällst du ihn?« – »Ja, mein Hämmerlein ... wahrhaftig, der Bub' trägt immer im Gurt die kleine Streitaxt, die ich ihm schenkte.« »Und er hat gelernt, sie gut zu werfen,« sprach der Vater, die Hand auf den Krauskopf legend. »Komm, Karl, zeig's dem Ohm. Sieh, dort, am andern Ende des Hofes, pickt ein Sperling an der Strohschütte vor der Stallthür. Getraust du dich...?« Schon flog der zierliche Streithammer schwirrend durch die Luft, in hohen Sätzen sprang der Werfer nach, schon brachte er den toten Vogel am Fittich in der linken Hand zurück, die Waffe in der rechten wägend. »Gut, Hämmerlein. Ja, nun sollst du bald das Schwert empfahn und mir den Wisent fällen helfen. – Aber nun sprich, Vetter! Weshalb mußte ich durchaus zu diesem Hoftag herbei?« – »Weil er Wichtiges zu entscheiden haben wird. Du weißt, der junge König hatte gar bald nach seiner Ankunft alle Herzen gewonnen...« – »Jawohl, Und nicht zum mindesten durch seine Frau Königin, das kindjunge Weib. Einer Elbin acht' ich sie ähnlich. Frau Berthgundis daheim in der Halle ward ganz zornig, so hoch pries ich die Holdselige.« – »Und er hat auch bisher gar gut und weise gewaltet...« »Weil er immer that, was der Vater sagte,« meinte der Knabe lachend, wofür er von diesem einen Schlag – aber nicht einen allzuharten, – auf den Mund erhielt. »Seine echte Frömmigkeit gewinnt ihm die Bischöfe, die Äbte. Er verschenkt mit vollen Händen Königsland an sie...« »Vater,« unterbrach der junge Karl, stehen bleibend, »darf ich was fragen?« – »Ja, wenn's nicht frech ist, wie gewöhnlich.« – »Nein, nein, im Ernst, Ist's nicht allzuviel, was der Herr König so der eignen Macht entzieht? Rieselt er noch lange fort, dieser unaufhörliche Regen von Gaben an Land und Leuten, – ja, was bleibt dann noch dem Reich?« – »Das war nicht frech gefragt, mein Bub'. Und auch nicht dumm. Aber an die Herren Bischöfe mußt du nicht solche Fragen thun.« – »Bah, ich fürchte sie nicht, die Geschornen,« »Der Bub' gefällt mir,« lachte der Ohm. »Ja, du, noch ein halber Heide, in deinen Wisentwäldern hast du sie nicht kennen gelernt. Ich aber kenne sie und scheue ihre Macht: – Wie auf Erden, so im Himmel« – schloß er andächtig, »Also die Kirche,« fuhr er fort, »hat der Herr König wohl für sich: – aber gar manche der weltlichen Seniores grollen ihm, weil, ... nun, weil nicht gerade sie ihn aus dem Kloster geholt haben...« – »Sondern der Vater. Und weil deshalb der König ihm folgt, dem er den Königstab dankt, nicht ihnen.« »Er hat nicht unrecht, der Bub'. Nun kommt dazu, daß jener Ebroin...« – »Du, Ohm, das ist ein großer Held, sagt der Vater. Aber, nicht wahr, der Vater ist ein noch viel größerer? Und du bist viel, viel stärker, nicht?« »Ich glaube,« lachte der Riese und bog die gewaltigen Armmuskeln. »Ich fasse den Stier am Horn und beug' ihm den Nacken.« »Schwerlich aber,« seufzte Pippin, »jenem blutigen Eber der Neustrier. Der hat – durch Gold und allerlei Ränke – viele Seniores hier im Lande mir und dem König abspenstig gemacht und unsere Nachbarn in Aufgang, Mittag und Mitternacht ringsum aufgehetzt. Des Jünglings Thron steht nicht gar fest. Und nun haben auch die geringen Leute, bedrückt von den Seniores, angesteckt von der Wut der wildempörten ›Kleinleute‹ dort im Westen, angefangen, gegen den König und gegen die Seniores zu murren.« »Ei, sie haben Ursach', mein' ich, Vater, nicht? Du sagst ja selber, auch bei uns thun sich in gar vielen Gauen kleine Gewaltherren auf – ›Tyranni‹, sagt mein Lehrer Hluthardt, der fromme Mönch, – die dem Herrn König über die Krone wachsen. Hei, wäre ich nur Herr an des sanften Dagobert Statt – ich wollte sie niederhämmern – so!« Und er führte einen sausenden Streich durch die Luft auf den dicken Ast einer der mächtigen Eichen, die in dem Hofe, schattenspendend, ihre Zweige spreiteten, – glatt durchhauen stürzte das harte Holz. »Der wird einmal nicht ganz übel,« lachte der Ohm. »So muß es unser junger König nun entweder mit den Großen verderben oder mit den Kleinen: – beides ist gefährlich. Und heute gilt es, dem Gesandten des Neustriers Bescheid erteilen auf das Schreiben, das er überbringt.« – »Was enthält's?« Pippin zuckte die Achseln: »Niemand weiß es. Aber es kommt von Ebroin...« »So bringt es nichts Gutes,« grollte Martinus. »Lauf nun, Karlchen, zu den übrigen bösen Buben des Hofes: da drüben, auf der untersten Stufe stehen sie, links und rechts. Und du, Vetter, komm mit mir hinauf: – neben den Thron: – dort ist unser, der Arnulfinge Platz. Hörst du den Hornruf? Der Herr König naht.« *   IV. Und alsbald nahm auf dem Thron vor der Palastthüre auf der obersten Treppenstufe die jugendliche Gestalt Dagoberts Platz. Er schien in der kurzen Zeit seiner Herrschaft rasch gereift: sein Flaumbart war dichter geworden: aber die Stirne war nicht mehr wolkenlos und statt des Ausdrucks heiterer gottvertrauender Frömmigkeit hatten sich die Schatten der Sorge dunkel über diese sanften Züge gebreitet. Auf seinen Wink ward der Gesandte und dessen zahlreiches, aus Geistlichen und Laien bestehendes Gefolge, die in dem gastlichen Hause des Bischofs Chlodulf von Metz – der war Pippins Vaterbruder – Aufnahme gefunden, abgeholt und in den Hof geführt, wo die geringeren Begleiter nahe dem Eingang stehen blieben, »Du, Blutigel,« flüsterte da einer aus diesen, ein schwarzhaariger Riese, der als Pfeilschütz gekleidet war, seinem Waffengenossen zu, »der junge König ist zu dünn für seinen breiten Thron.« – »Ja, Reißewolf; und auf seinem Gesicht liegt was ... so was zum Tode Trauriges.« – »Ja, ja! Ich seh's den Menschen an, die bald sterben. Der wird nicht alt, fürcht' ich.« Einstweilen hatte der Bischof von Vienne, ein ehrwürdiger Greis mit sanften Zügen, geleitet von seinem Metzer Amtsgenossen und Wirt, die oberste Stufe erstiegen. Er verneigte sich tief vor dem König, der huldvoll nickte, überreichte seine Vollmachturkunde dem neben dem Throne stehenden Pfalzgrafen, holte ein anderes Schreiben aus seinem Gürtel, zeigte dem Referendar links vom Throne das unversehrte Siegel, erbrach es, entfaltete die Rolle und las: »Dagobert, dem Sohne Sigiberts, dem Mönch aus Irland, Theuderich, Chlodovechs Sohn, König von Neuster, Burgund und Auster.« Da ging ein zorniges Murren durch die Reihen: aber der König winkte mit der Hand, zu schweigen. »Da dir zweifellos bekannt ist, daß das Reich der Franken durch die Teilherrschaft zweier Könige lange Zeit schwer gelitten hat und noch leidet, da nach zweifellosem, göttlichem und menschlichem Recht die Herrschaft wie über Neuster und Burgund so über Auster mir gebührt,...« »Maßlos frech ist dieser Ebroin!« schrie da eine laute Stimme dazwischen und Pippin hatte schwere Mühe, den Vetter zu bändigen. »Da du überdies – wie sicher verlautet – in der Einsamkeit jenes fern im Weltmeer schwimmenden Eilandklosters ein Mönchsgelübde abgelegt und aller weltlichen Macht und Herrlichkeit entsagt hast für immerdar,...« »Eine grobe Lüge,« donnerte Martinus. »So fordere ich dich im Namen Gottes und unter Zustimmung aller Bischöfe und Seniores unserer Reiche auf, den. Thron zu räumen, der dir nicht gebührt, und uns den Königstab für Auster abzutreten.« Hier tönte abermals Gemurmel durch die Bänke der Bischöfe und Äbte; aber auch manche der Weltgroßen grollten vernehmlich, während andere sich verlegen still verhielten. »Das müssen wir dem Eberfreund berichten, jenes Brummen und dies Schweigen,« flüsterte Gallus seinem Genossen zu. »Dann magst du unversehrt und frei in dein Kloster zurückkehren, das der Mönch nie hätte verlassen sollen. Weigerst du dich aber, den angemaßten Platz zu räumen, so sollst du wissen, daß wir mit dem nie besiegten Heere von Neustrien und Burgund in dein Land brechen und uns aus dem Palast zu Metz Königstab und Königschatz von Austrasien holen werden. Den unwiderstehlichem Ansturm unserer Tapfern, deine Feldherren kennen ihn, – wenn auch du noch nie unsere oder andere Waffen geschaut hast.« – Sowie der Bischof zu Ende gelesen, sprang Martinus vor und schrie: »Herr König, laß mich an deiner Statt diesen welschen Prahlhänsen antworten.« Jedoch Dagobert winkte ihm, zu schweigen, erhob sich würdevoll vom Thron und sprach mit fester Stimme: »Herr Bischof, ich beklage euch, daß ihr der Träger so frevelhafter Botschaft werden mußtet. Kehrt heim und meldet denen, die euch gesandt haben: ›Dagobert, Sigiberts Sohn, vertrauend auf sein gutes Recht und Gott, wird als König siegen oder sterben‹.« »Heil König Dagobert!« Dieser Ruf erscholl nun doch fast aus aller Munde: auch derer, die vor kurzem noch geschwankt und geschwiegen hatten; die männlich feste Antwort hatte überrascht und erfreut. Gallus aber raunte seinem Gesellen zu: »Jetzt stirbt er noch viel früher als ich vorhin meinte! Fort! Aufs Land hinaus! Die Armen sollen's jetzt erst lernen, wie schlecht es ihnen bisher in diesem Reich ergangen ist und geht.« – »Ja, wir wollen's ihnen schon sagen! Und auch, wie wir es bei uns daheim abgestellt haben.« – »Ja, auch das sollen sie von uns lernen!« *   V. Mit der Raschheit, die Ebroin eigen war, übrigens die »raschen Franken« im Süden und Westen Galliens, wo keltisch-römisches Blut sich dem germanischen so stark gemischt hatte, überhaupt von den schwerfälligeren Ostleuten, zumal auf dem rechten Rheinufer, auszeichnete, hatte der Majordomus von Neuster und Burgund den Heerbann beider Reiche aufgeboten und über den Sammelplatz Paris mit Windeseile dem Feind entgegengeworfen. Das war ihm stark erleichtert, da er ja die Antwort des Austrasters vorausgesehen und deshalb gleich bei, ja schon vor Abschickung seiner Gesandten sämtliche Vorbereitungen für den Feldzug getroffen hatte. Alles war geglückt und glückte. Friesen und Sachsen hatten bereits Raubzüge unternommen, die jene zu Wasser bis Nimwegen, diese zu Land über Köln hinaus bis gen Aachen hin führten; die dortigen Gauleute der Austrasier wurden zur Verteidigung des eigenen Herdes daheim festgehalten. Die Thüringe bedrohten – für sich allein handelnd – von Osten, von der Werra her die Gegenden an der Lahn, so daß die hessischen Aufgebote König Dagoberts zur Deckung ihrer Marken meist zu Hause blieben. Hermengar und Vanning war es sogar gelungen, ein Waffen-Bündnis zwischen dem Agilolfing zu Regensburg und dem Schwabenherzog – den beiden nur so selten gemeinschaftlich handelnden Nachbarn – zu stande zu bringen, infolge dessen bajuvarische und alamannische Scharen sich von Ost und Süd her gegen die austrasische Grenze an Altmühl und Main in Bewegung setzten; auch diese Gebiete durfte man nicht unbeschützt lassen. Endlich verlautete alsbald allerlei von Unruhen unter der ärmeren Landbevölkerung in Dagoberts Reich, die, seit die Kriegserklärung bekannt geworden, sich immer drohender gestaltet und gerade in der nächsten Umgebung von Metz gefährlich gesteigert hatte; um deswillen konnte man jene Gegenden nicht ganz von Kriegern entblößen. So war es nur ein schwaches Heer, das Pippin und Martinus – ungeachtet eifrigster Mühung – aufzubringen und dem Feind entgegenzuführen vermochten. Die politischen Verhältnisse wie strategische Erwägungen brachten es mit sich, daß der Zusammenstoß der beiden Heere nördlich von Paris erfolgen mußte: das Ziel der Neustrier war Metz, das Ziel der Austrasier Paris: jene wollten dort Dagobert, diese hier wenigstens Ebroin vernichten, wenn nicht auch seinen König Theuderich absetzen. Die Champagne, seit langer Zeit zwischen Auster und Neuster schwankend, – am liebsten hätte sie sich ganz unabhängig gemacht! – war jedoch in der jüngsten Zeit für und von Ebroin gewonnen worden: so konnten die Austrasier nicht den nächsten Weg nach Paris – über Châlons-sur-Marne – einschlagen; da aber das feste Laon von seinem Grafen noch für Dagobert gehalten ward, wollten die Austrasier, so weit nördlich ausbiegend, von dieser Stadt aus über Soissons auf Paris vordringen, während Ebroin ebenso notwendig ihnen Laon, diesen wichtigen Stützpunkt, zu entreißen trachten mußte, um nach dem Siege für den Zug auf Metz sich den Rücken frei und sicher zu wissen. So mußten die einander suchenden Heere zwischen Laon und Soissons zusammentreffen: und also geschah's auch, nachdem die Austrasier die starken Wälle von Laon verlassen und die alte Römerstraße nach dem Süden eingeschlagen hatten. Martinus hatte, seinem Ungestüm entsprechend, vom König den Befehl über die Vorhut erbeten und erhalten. Er brannte vor Begier, die »welschen Prahler«, die Maulhelden, die eiteln, überklugen Weichlinge samt ihrem blutbefleckten Führer durch einen wisent-haften Ansturm über den Haufen zu stürzen. Und ganz heimlich im Herzen hatte er sich vorgenommen, diese, wie er wähnte, leichte Aufgabe, allein zu vollenden, bevor noch Pippin die Hauptmacht herangeführt haben würde, geschweige der junge König von Metz her, wie geplant war, die Nachhut, die erst jetzt aus verspäteten Nachzüglern oder fernher aus den von Osten herankommenden Heerhaufen gebildet werden sollte. Ohne Rast trieb der Hüne, auf seinem mächtigen Brandfuchs an der Spitze der vordersten Reiter einherjagend, seine dünnen Haufen mit sich vorwärts gen Süden: es waren die Neustrien und Burgund zunächst siedelnden Wehrmänner: die Alamannen des Elsaß und die Unterfranken um die Mosel, während Pippin, etwa einen halben Tagemarsch weiter zurück, die Unterfranken von der Ems, vom Niederrhein, und die – etwa verfügbaren – Hessen heranführte. Da nun auch Ebroin seine starken Massen eilig entgegenbrachte, drängte Alles zu rascher Entscheidung. Der Ort des Zusammenstoßes war Lufao, heute Laffaux, auf der Straße südlich von Laon über Soissons nach Paris, genauer etwas südlich unterhalb Laffaux, zwischen Margival und Nanteuil-la-Fosse. Martinus hatte am Tage vorher von Laon aus Urcel erreicht und dort für die Nacht gelagert, Ebroin am gleichen Morgen vorher den Seinen nur den Weg von Soissons bis Margival und Laffaux zugemutet und sie am Ziel den ganzen Tag und die Nacht über rasten lassen. Dem Reisenden, der heute mit einem Blick für solche Dinge die Gegend durchwandert, drängt sich die Beobachtung auf, wie günstig die Verteidigungsstellung im Südwesten auf den Höhen von Margival ist, während ein von Nordosten kommender Angreifer die Hügel von Nanteuil verlassen, das Thal durchqueren und nun jene steilen Erhebungen erklimmen muß. Ebroin selbst hatte die Spähreiter geführt, die, im Dunkel der Nacht, durch Waldpfade von Landessöhnen geleitet, weit über das bei Margival und Laffaux bezogene Lager hinaus auf mehreren Straßen, gegen Urcel und gegen Rethel, vorgetrabt waren. Um Mitternacht kehrte er freudig zu den Seinen zurück mit zwei Gefangenen – tolldreisten Alamannen, die sich unvorsichtig zu weit vorgewagt hatten – und mit wichtigster Erkundung. »Ich meine,« rief er schon vom Gaule herab, bevor er absprang, seinen Führern zu, »ich meine, wir haben sie, die tapfern Barbaren des Ostens! Wenn nicht Sankt Martin von Tours ein Wunder thut, sie zu retten, was wenig wahrscheinlich: der Heilige ist gut neustrisch gesinnt und der, rote, der lange Martin hat weniger mit seinem Namenspatron als mit Donar gemein. Kommt ins Zelt, dort vernehmt meinen Schlachtplan und den sicheren Sieg.« In freudigster kriegerischer Erregung eilte er voran. »So mag ich ihn leiden,« schmunzelte Vanning. »Viel besser, als wenn er grübelt und vor sich hinbrütet,« – »Ja,« schloß Herzog Hermengar, »und dann plötzlich auffährt, ausbricht, unberechenbar in voller Wut. Das Werk seines Lebens war doch wohl allzuschwer, die Last zu drückend, des Blutes zu viel: – ich hätte nimmermehr solches auf mich genommen! – ich meine, es hat auch ihn geschädigt.« – »Aber nicht am Heldentum, nicht an der Feldherrnschaft: – das wirst du sehen!« *   VI. Und der Erfolg des nächsten Tages gab dem Treuen recht. Ebroin hatte seine Mitte, erlesene Scharen – Salfranken von der Schelde, alte Bataver – auf dem steilen unbewaldeten Höhenzuge aufgestellt, der sich, von der steil gen Süden ansteigenden Römerstraße durchbrochen, quer von Ost nach Westen zog. Hier, in der ersten Reihe, hielt Ebroin, selbst weithin sichtbar auf seinem hohen Rapphengst, dicht vor dem neustrischen Königsbanner, das immer noch, wie vor Chlodovechs Taufe, den heidnischen Meerdrachen, aus Gold gewirkt, im wasserblauen Felde führte: Hermenfrid war es anvertraut. »Hier,« sprach Ebroin, »geschieht der erste, hitzigste Stoß der Ostleute: gerade hierher führt die Römerstraße, auf welcher der rote Stier heranschnaubt. Salische Männer, ihr bleibt mir wie angewurzelt stehen, laßt euch nicht verlocken, auf sie zu Thal zu stoßen! Laßt sie nur Kraft und Atem verbrauchen, bis sie halbwegs nach oben gekeucht sind: dann aber, sobald sie die tiefen Kies- und Sandbrüche hinter sich haben die sich überall von unserer Reihe den Hügel entlang hinziehen, dann drauf los und werft die Ungestümen in jene Tiefen, folgt ihnen aber nicht: es wird dort schon für sie gesorgt! Denn du, Herzog Hermengar, stehst mit der ganzen aquitanischen Reiterei auf unserem linken westlichen Flügel bei Laffaux, dort, wo das ebene Wiesengelände zum Ansprengen gerade einladet; sobald du unsere Mitte verfolgend vorbrechen siehst, reitest du gegen der Feinde rechte Flanke an: sie ist die schwächste – ich hab's erkundet: – ich vertraue, du wirfst die rasch zersprengten seitwärts, auf ihre weichende Mitte, und...« »Und der Tag ist unser!« frohlockte Vanning. »Noch nicht, Freund: denn noch fehlt dein Stück Arbeit dabei, auf unserer rechten Flanke im Osten bei Margival und Vauveny: – ein gar wichtiges. Denn wir müssen auch für den klugen Meister Pippinus ein kräftig Tränklein brauen.« – »Pippin? Du erfuhrst ja, er sei noch weit zurück?« meinte der junge Hermenvech. »Er war's noch gestern Abend. Aber ich trau' ihm nicht. Er kennt seinen wilden Stier. Er wird – so gut wie ich! – erraten, daß der sofort losstürmt, sowie er ein rotes Tuch – das ist meines Vaters Sohn! – erblickt. Ich fürchte, in solcher Sorge hat Pippin seinen Chatten, Hama-Leuten und Emsmännern keine Ruhe gegönnt: er ist die Nacht über vorwärts geeilt, in die Schlacht einzugreifen, bevor der Tollkopf sie vollends verloren hat. Nun, Freund Vanning, giebt es aber noch eine andere Straße von Norden hierher. Da, schau, auf dieser alten Karte der Römer für die gallischen Straßen – ist doch hübsch von ihnen, daß sie uns die hinterlassen haben: im Cäsarenpalast zu Paris fand ich gar viele; die da tragt die Inschrift: » Julianus Imperator « – wer das wohl war? – Da steht der Weg verzeichnet: – östlich von dem Anmarsch des Martinus' – auf diesem wird Pippin – ja er muß, es ist sein nächster Weg! – von Rethel her, im Osten von Laon – über Trucy, Jouy und Sancy – heraneilen, zu retten, was zu retten ist, die Schlacht zu stellen, vielleicht zu wenden: denn er ist ein guter Kriegsmann und seine Schar ist die Hauptmacht, Nun, Vanning, du sorgst dafür, daß er gar nicht oder mit arg gelichteten Reihen auf der Walstatt erscheint.« »Gut, ich eile ihm also entgegen.« »Das laßt du hübsch bleiben! Sieh, hier führt sein Weg und zwar auf der rechten – also seiner Leute schildlosen Seite – an jenem dichten Wald – voll Unterholzes – hin; Pippins böser Dämon hat diese Büsche hier wachsen lassen: da hinein, Vanning, mit allen unseren Pfeilschützen aus Armorica, aus Wasconien, aus dem Poitou und der Touraine: das ist ein Hinterhalt ohnegleichen! Ihr bleibt ganz ruhig, bis sie auf halbe Pfeilschußweite an euch vorüberziehen; dann haltet auf den Leib unterhalb der Brünne oder auf den schutzlosen Schwertarm: wenn ihr nicht zielt wie die Blinden, müssen sie fallen wie unter dem Hagel der Hafer. Dann – aber erst, wenn ihr dreimal geschossen! – werft die Bogen weg, zieht die Schwerter und streckt mir alles nieder, was noch steht.« »Heil Ebroin, Heil dir und Sieg!« riefen die beiden Jünglinge, Und auch die reifen Männer faßten bewegt seine Hände. *   VII. Und wie geplant, so geschah's. Am späten Vormittag des folgenden Tages erblickte Martinus, mit seinen Reitern den Kamm der Hügel im Norden erreichend, über das Thal hin, auf dem Höhenzuge gegenüber, die Schlachtreihe der Feinde. Aber er täuschte sich über deren Ausdehnung nach Osten: der dichte Wald verdeckte ihm Ebroins rechten Flügel: so hielt er den östlichen Teil von Ebroins Mitte bereits für dessen äußerste Stellung im Osten, ein volles Drittel der Gegner blieb ihm unermittelt: jenen Wald durch vorstoßende Späher erforschen zu lassen, kam ihm nicht in den ungestümen, vertrauenseligen Sinn. Er hielt, die blendende Mittagsonne auszuschließen, die Hand vor die Augen unter das Dach des Helmes, den zwei mächtige Wisenthörner schmückten, und nach kurzer Ausschau gegen den Saum jenes Gehölzes hin, rief er, frohgemut sich auf den Bügeln hebend: »Hei, meine Buben, es sind ihrer ja viel weniger, als der Vetter meinte. Rasch drauf und kurze Arbeit mit den Südlingen, daß die andern gar nichts mehr zu thun finden. Mit denen werden wir leicht allein fertig! Drauf!« Und er jagte mit seinen Reitern weit voran, das Fußvolk konnte so rasch nicht folgen. Unbeweglich hielten die wohlgeschulten Krieger Ebroins oben auf der kahlen Höhe in der Mitte seiner Stellung, sie ließen die Reiter – deren Gäule ermatteten bei dem steilen Aufwärtsklimmen – und die erste und zweite Schar des Fußvolks bis über jene Kiesgruben hinandringen. »Jetzt!« befahl Ebroin. Und blitzend und klirrend ergossen sich, plötzlich lebendig geworden, die bisher starren Erzreihen auf die erschöpften, schwitzenden, keuchenden Stürmer. Da ersah Martinus den verhaßten Feind. »Ah, dort – dort – auf dem Rappen! – ist er, Platz! Laßt mich durch! Den Tag entscheidet Ein Hammerstreich. Laß sehn, ob sein schlauer Kopf den ausholt.« Und mit dem vollen Ansprengen des gewaltigen Rothengstes allein durchbrach er, ohne Schlag zu schlagen, die nächsten feindlichen Fußkämpfer und erreichte Ebroin. Zu furchtbarem, allzerschmetterndem Streich hoch aushebend schwang er den Steinhammer, den, von frühen Ahnen ererbt, der Hüne nicht gegen eine neuere, bessere Waffe vertauschen wollte. »Stirb, Natter!« schrie er. »Sieh dich vor! Sie beißt!« rief Ebroin entgegen und, das Roß an des Feindes rechter Seite vorbeispornend, stieß er ihm die schmale gotische Klinge in die klaffende, ungeschützte Achselhöhle des hocherhobenen Armes. Wohl sauste da der wuchtige Hammer, aber neben das Ziel: und er entfiel dann der sich lösenden Faust: der Reiter stürzte sterbend nach links aus dem Sattel. Des Führers Fall entsetzte die Alamannen: sie wandten die Gäule zur Flucht, ritten dabei ihr eigenes Fußvolk über den Haufen und stürzten, in dichte Knäuel geballt, mit diesen Speerleuten zusammen in die tiefen Kiesgruben, an denen vorbei sie hinaufgekommen. Die Fußkämpfer der Sieger begnügten sich, diese Wehrlosen von oben herab mit Wurfspeeren zu erlegen, während Ebroin mit seinen Reitern die noch vom Thal aufsteigenden Moselleute zersprengte: diese waren schon dadurch widerstandsunfähig geworden, daß gleichzeitig ihr eigener rechter Flügel, durch Hermengars Reiterangriff entschart, in Auflösung in ihre Reihen geworfen ward. Allein Flucht und Verfolgung fanden bald ein Ende: links von dem weichenden Heer, auf der breiten Straße, die von Nordosten, von Rethel herführte, zeigten sich die Reiter, dicht hinter diesen aufschließend auch die ersten Haufen des Fußvolks Pippins in raschester Annäherung. »Jetzt, Vanning, thue deine Schuldigkeit, sonst giebt's eine zweite Schlacht,« sprach Ebroin, sich hoch im Sattel hebend und auf jene vorwärtsdrängenden Reihen im Osten blickend, die nun gerade den Waldsaum erreicht hatten, an dem sie vorüber mußten. »O könnt' ich jeden Pfeil dort zielen mit dieser Hand! Die Schwalbe im Fluge entgeht mir nicht! Auf, Hermenfred, eile zu deinem Vater da drüben: – er soll mit all' den Seinen nach rechts schwenken und mir folgen, dem neuen Feind entgegen.« Jedoch es kam nicht zu weiterem, ernstem Kampf. Sobald der ganze Zug Pippins sich mit der Strecke des Waldsaumes deckte, flog plötzlich auf seine rechte Seite ein solches Gewölk von Pfeilen, daß man das Schwirren der Sehnen weit, weithin vernahm. In dichten Haufen, Mann auf Mann und Gaul auf Gaul, wie sie geschritten, wie sie geritten, fielen sie, so daß nach der Schlacht die Sieger Mühe hatten, die Gefallenen voneinander zu lösen! durch sie hindurchzuschreiten, war, ohne solche Lösung, unmöglich. Am meisten litten die Reiter: sie boten das breiteste Ziel. An ihrer Spitze sank auch Pippin von seinem weißen Roß: er hatte einen Pfeilschuß in den Schwertarm und einen schlimmeren unter dem Wehrgurt erhalten: mit Mühe zogen ihn die Seinen unter dem toten Gaul hervor und flüchteten den Schwerwunden in Sicherheit. Das ging nicht leicht: und nicht ohne Aufopferung manches treuen Gefolgen. Denn Ebroin hatte mit lautem Freudeschrei ihn fallen, dann mit knirschendem Zorn davontragen sehen: »Nach!« rief er. »Nach! Nach!« Und grimmig spornte er den Rappen. »Alle hierher! Alle auf Pippin! Sein Tod erspart uns alles weitere: – mit ihm fällt Austrasien heute noch in unsere Hand.« Allein aller blutiger Eifer der Verfolger blieb vergeblich: Pippin ward weder gefangen noch getötet: der Sieger mußte sich damit begnügen durch den Angriff seiner drei nun vereinten Scharen auch dies zweite Heer mit starken Verlusten vollends zu werfen und zum Rückzug nach Austrasien zu zwingen. *   VIII. An dem Tage, da die Schlacht bei Laffaux verloren und gewonnen ward, hatte König Dagobert seine Vorbereitungen vollendet. So viele Mannschaften, als überhaupt noch – nach Deckung der rings bedrohten Grenzen – zur Abwehr der Neustro-Burgunden verwendet werden konnten und nun dem Heere Pippins nachgeführt werden sollten, waren jetzt allmählich an dem ihnen bezeichneten Sammelplatz – Metz – eingetroffen und lagerten, soweit sie in der alten Feste der Mediomatriker nicht Unterkunft fanden, vor den Thoren auf dem linken Ufer der Mosel, des Aufbruchs gen Nordwesten gewärtig. Das junge Ehepaar saß in dem hochgelegenen Castrum, im Schlafgemach, dessen Rundbogenfenster den herrlichen Ausblick über das Thal der vielfach geschlungenen Mosel gewährte, die im Strahl der sinkenden Herbstsonne wie ein Silbergürtel glänzte. Die Gatten lehnten sich über die breite, mit weichen Teppichen behängte Mauerbrüstung und sahen hinaus gen Westen, wo ein düsterer Tannenwald den Ausblick abschloß; die zarte Frau hatte den Arm um seinen Nacken geschlungen. Zu Füßen des breiten Ehebettes, im Hintergrunde des Gemachs, lag der treue Ryan, das mächtige Haupt auf die beiden vorgestreckten Pfoten gestreckt, aber die klugen Augen stets merksam auf die Herrin gerichtet. Der junge Herrscher war soeben von einer letzten Musterung aus dem Lager vor den Westthoren in das Palatium zurück; wenig freudig sah sein schönes Antlitz; umsonst bemühte er sich, das vor seiner Königin zu verbergen. »Wir hatten noch nie ein Geheimes vor einander,« sprach sie und zog ihm sanft die Hand hinweg, mit der er Stirn und Augen bedeckte. »Laß uns nicht damit beginnen bei unserer ersten Trennung. Es gelänge dir ja doch nicht! Tief seh' ich dir durch die Augen in die Seele. Du sorgst um den Sieg, um das Heer, Es sind wohl zu wenig Helme?« »Es ist nicht das,« seufzte Dagobert. »Aber es fehlt am besten: an der rechten Freudigkeit, an dem guten Willen, der allein den Sieg verbürgt. Wohl sind sie gekommen die Männer von Köln, von Trier, von Mainz und Worms, von Main und Saale: aber widerwillig, nicht gern. Noch war die alte Pflicht, dem Merowing Heerfolge zu leisten, stark genug: aber sollte ich...« – »Sterben? Warum? An Siechtum? In der Blüte der Jugend? Und in der Schlacht wird dein Schutzengel dich schirmen. Und mein Gebet!« Und sie umschlang seine Rechte mit ihren beiden weißen kindlichen Händen. »Dann, mein' ich, liefen alle auseinander, jeder den eigenen Herd zu schützen, und, so vereinzelt, alle unterzugehen. Ja, auch mir selbst ins Angesicht wagt sich aus vielen Reihen ein böswilliger, drohender Geist hervor.« »Wie? Diesem Antlitz gegenüber?« Und sie strich ihm zärtlich die Locken aus den edlen Schläfen zurück. »Ja,« lächelte er, »die derben Kölner sind mir nicht so hold gesinnt wie Karin. Du hast davon gehört: schon lange gärt es draußen in den Gauen, in den armen Hütten der geringen Hufner. Sendlinge – fremde – schleichen von Gehöft zu Gehöft: sie halten den Darbenden vor, wie Bischof, Abt und Senior – und der König zu Metz vor allem! – im Überfluß schwelgen und prassen, während ihnen der Fronbote des Grafen das letzte Rind vom Pfluge und den Pflug selbst, den alten, vielgeflickten, pfändet für Dingwette oder Heerbannbuße. Das dringt nun alles aus den Gauen in das Heer mit den Wehrleuten, die aus jenen niedrigen Schilfhütten und morschen Lehmwänden hierher zusammenströmen. Und hier klagt dann einer dem andern seine Not, und einer schürt so und hetzt den andern. So riefen sie mir denn heut' auch zu, – eben jetzt! – da ich ihre Waffen prüfte und ob die Köcher der Pfeile voll – die Leute von dem Rhöngebirge – dem ›Hungerbühl‹ – waren's und von der rauhen Eifel: – ›ja, Herr König, die Köcher sind voll, aber die Magen sind leer.‹ – ›Und leer das Säcklein für Brot und Speck.‹ – ›Wir ziehen aus, für dich zu sterben: derweilen greifen deine Büttel auf unsere schmale Scholle daheim.‹ – ›Und kommen wir lebend nach Hause, sitzt ein anderer unter unserem Dach.‹ – ›Und Weib und Kind sind verdorben.‹ – ›An die daheim denken wir, nicht an deinen Sieg und Thron und Ruhm.‹ – ›Ich denk' an meinen alten Vater, der hungert jetzt am kalten Herde.‹ So riefen sie mir – um die Wette – zu!« »O laß ab,« seufzte die bleiche Frau; große Thränen glitten langsam über die schmalen Wangen. »Und du kannst nicht helfen?« »Könnt' ich's, hätt' ich's nicht längst gethan? Wie soll ich, der Eine, in Einem Jahre, bessern, was ungezählte Könige vor mir verschuldet oder doch nicht verhütet haben seit Chlodovech, unserem Ahn? Und wenn ich thäte, wie die Armen, Bethörten, verlangen, wenn ich den Kirchen und den Seniores ihren Besitz entrisse – wie jener blutige Eber da drüben täglich thut – und ihn den Armen zuteilte, wär' es minder Unrecht? Wem nehmen? Welcher Besitz stammt von Raub oder List? Wer soll das heute noch untersuchen – nach zweihundert Jahren? Und wem geben? Wer ist bedürftig –bedürftig durch fremde, nicht durch eigene Schuld? O wehe mir: ich sehe die Not des armen Volkes: – sie ist da, wirklich da, in schrecklicher, stummer Aufdringlichkeit: – denn die Besten klagen nicht! – Ich schaue das zehrende Verderben im Lande, und ich sehe kein Mittel der Rettung. Und wenn ich nun wirklich sieghaft hierher zurückkehre, – soll ich mich freuen, dasselbe unheilbare Elend wiederzufinden? O wehe, o Fluch dem Tage, da sie mich mit jenem gleißenden, goldenen Königsstab aus dem stillen Frieden unseres Klosters lockten und ich dich aus der grünen Einsamkeit deiner Schäfertrift mit mir davon riß. O hätt' ich nie der Merowingen Königsthron bestiegen! Mir ist, es lastet ein alter Fluch darauf seit jener blutigen Fredigundis Tagen, meiner schrecklichen Ahnfrau. Und dich, du Reine, frei von der Erbschuld meines Hauses, hab' ich mit herein in diesen Fluch gezogen. Vergieb! Aus großer Lieb' ist das geschehn.« Und er umschlang das braune Köpflein und küßte sie auf die Stirn. Sie aber küßte ihn herzhaft auf den Mund und sprach: »Und wär' es so, – so wär's ein selig Los, mit dir Fluch und Untergang zu teilen! Und wäre dieser Tag unser letzter – wahrlich, mich reute meiner Liebe nicht! Und um nichts und mit keinem andern Weibe tausche ich –. Gedenkst du nicht mehr all' der seligen Stunden, seit – noch im Kloster – Abt Wilfrid uns verband? Ja: lieben, Freund, ›lieben ist Ewigkeit!‹ So sang uns einst ein weißbärtiger Harfenschläger am Sunwendfeuer. Er hatte recht. – Und die süße Hoffnung,« flüsterte sie, schämig das Haupt an seiner Brust bergend, »die mir unter dem Herzen keimt, – dein Kind! – ist das nicht Glück, unsagbar Glück? Laß uns den Abend – den letzten! – noch so verbringen, wie deine Königspflicht erheischt: – ich meine nicht die Waffenpflicht: – genug hast du der obgelegen all' diese Wochen! – ich meine die schönere Pflicht, zu schützen und zu schirmen die Schutzbedürftigen und Armen. Da drüben, jenseit des großen Königsforstes, gegen Norden nach der Villa Thiodos hin, weiß ich gar arme und gar wackre Leute wohnen. – Ich sprach jüngst in der Hütte, der zerfallenen, ein, durstig von dem Staub der Straße: ich fand die junge Hausfrau – die junge Mutter! – in Thränen: ich hatte um einen Trunk Milch gebeten: –sie wies auf das schreiende Kind, das sie in den mageren Armen hielt: ›Milch?‹ rief sie klagend. ›Ach! Unsre letzte Ziege nahm der Fronknecht – und mir versagt die elende Brust den Trunk für diesen Säugling, der nichts zu saugen findet. O, läg' er tot und ich dabei! Mein Mann? In Metz! In der Schuldzelle hält ihn der Vicegraf.‹ Ich gab der Armen die Silberspange von der Schulter weg, ich löste hier den Schuldknecht aus. Komm, laß uns zu den guten Leuten! Wir wollen sehen, wie's ihnen nun ergeht. Und weiter helfen, thut es not. Komm, Lieber!« Und sie erhob sich. Tief ergriffen sprang er rasch auf und umschloß die zarte Gestalt mit beiden Armen. »Ja, du hast recht, du Holde, Süße, Gute! Ich folge dir. Laß uns den Dürftigen helfen. Mich deucht, Gott wohlgefälliger beschließ' ich so den letzten Tag, als betete ich viele Stunden in der Basilika auf den Knieen. Ich lasse deinen Zelter satteln: – sein sanfter, gleicher Schritt kann dir nicht schaden: auch führ' ich ihn am Zaum. Und welche deiner Hofmaide...?« – »O keine! Laß uns diese letzten Stunden allein verbringen.« – »Wohl! Auch brauch' ich keinen Reitknecht für das eine Tier. Ryan, komm mit: – es geht ins Freie. Komm!« Freudig bellend und mit dem mächtigen Schweife wedelnd sprang das schöne Tier an dem Herrn hinauf. *   IX. Blutrot war die Sonne hinter den düstern Tannenwipfeln des Westens gesunken: glanzlos schwamm die matte Scheibe in dem grauen Meere dichten Nebels, der, von der Mosel und ihren Sümpfen aufgestiegen, nun das ganze Thal erfüllte und mit kalter Nässe sich an Pflanzen, Tiere und Menschen heftete. Schon dunkelte der Herbstabend stark. Zumal in dem dichten Urwald, durch den nur ein schmaler Reitpfad geschnitten war, schlossen die dicken Tannen- und Eschenstämme fast jeden Strahl des sinkenden Tages aus. Da tauchten an der Beuge des Pfades von Norden nach Osten – nach der Stadt zu – in der Ferne schattenhafte Umrisse auf: ein kleines Pferd, darauf eine Frauengestalt, daneben schreitend ein Mann, voraus springend ein großer Hund. Wo der Weg thalabwärts gen Metz zu sich in einen Engpaß senkte, von beiden Seiten überhöht durch dicht bebuschte Hügel, ward nun etwas lebendig in dem Gesträuch. Eine Amsel, die in dem nächsten Rainweidenbusch gesessen, flog, aufgescheucht von der plötzlichen Bewegung in den Zweigen, erschrocken ihren lauten Warnruf schmetternd, über den Weg hin auf die andere Seite des Waldes. Ein Mann – riesenlang – streckte, vorsichtig spähend, den unbedeckten, schwarzstruppigen Kopf aus den hohen Hagebuchen und lugte aus. »Sie sind's!« flüsterte er dann nach rückwärts. »Sie kommen zurück.« »Bebilo, der Thorwart, ein treu eifriger Genosse des Bundes, hat's uns also richtig gemeldet,« antwortete ein tiefer im Busch Versteckter. »Und wirklich: kein Gefolge! Sie sind allein.« – »Hier ist's günstig: sie können nicht ausbiegen ...« Ein leiser Pfiff: – da raschelte es auch auf der linken Seite in dem Buschicht der Haselstauden. Einstweilen kam der Zelter näher: sein helles Weiß war das einzig Lichte in dem düstern Nebeldunkel. »Rascher, Lichtelb,« mahnte Dagobert, dem Tier auf den Hinterbug klopfend. »Wenn dir der schnellere schritt genehm? Die kalten Nebel fallen so naß auf dich hernieder. Dein Mantel trieft.« »Ja! Und es dunkelt rasch,« sprach Karin. »Aber welche Freude sahen wir doch in der armen Hütte! Dies Bild durchleuchtet mir den finstern Wald. Die junge Mutter! Wie freudig sie ihr gedeihend Kind an die volle Brust legte! Welch heiliger Anblick! Mir kamen Thränen der Rührung.« – »Und der Mann! Frei von Schulden und Sorgen! Wie er dir dankte!« – »Nein, dir! Denn du schenktest ihm ja alles Gold aus deiner Gürteltasche. Und dazu ein Roß und sechs Rinder aus der Villa Thiodos, deines Freigelassenen. Diese Erinnerung wird mich stets erfüllen, denk' ich an dich in der Ferne. Und zum Dank für solches Wohlthun wird dich ein Engel Gottes schützen vor jeder Gefahr, jedem drohenden Eisen!« »Nun, Ryan, was hast du?« fragte Dagobert. »Sieh nur den Hund! Er steht, den Kopf hoch aufgerichtet, auf der Straße und bellt wie wütend in die Büsche. Ryan, komm! Hierher.« Aber das so gehorsame Tier gehorchte nicht: es bellte drohend, bald nach rechts, bald nach links. Nun war das Paar heran: da sprangen von links und rechts je zwei Männer von den Strauchhöhen auf den Weg herab. »Halt!« rief der vorderste. »Wir haben mit dir zu reden.« – »Wer seid ihr?« – »Das ist gleich. Geringe Leute! Wir wissen aber, wer du bist, Herr König Dagobert.« »Halte die Bestie von Hund fest,« forderte der zweite, »daß deine Unterthanen zu dir sprechen können, ohne zerrissen zu werden.« Dagobert zog das Tier am Halshaar zurück mit der Linken, mit der Rechten faßte er den Griff des Schwertes: »Was wollt ihr?« fragte er. – »Das wirst du gleich hören.« – »Allerlei.« »Höre du,« flüsterte der dritte dem vierten zu, »ich mag nicht. Ich thu's nicht. Was kann er am Ende dafür?« »Ja,« erwiderte der vierte. »Und vollends vor der jungen Frau! Sie ist noch ein Kind. Ich sah sie heute Mittag ganz nah, in der Kirche. Sie ist schön wie...« »Schweigt dahinten,« befahl der zweite, sich drohend wendend, »oder!...« Und er zog nun aus dem Mantel eine Axt. »Wer nicht mitthut,« rief der vorderste zurück, »den trifft kein Lohnteil. Sondern das!« Und damit riß er eine krumme Sichel aus dem Gürtel. »Was wollt ihr?« wiederholte der König und zog nun das Schwert. – »Dagobert, Lieber! Nicht du führe den ersten Streich! Steig aufs Roß und flieh. Nur du bist ja bedroht.« »Glaubst du, Kleine?« schrie der erste^ Gallus war's, der Reißewolf. »Thu ihr nichts! – Wie ist sie so treu!« mahnte der vierte. »Was wir wollen?« begann der zweite wieder. »Leben wollen wir, nicht Hungers sterben. Kurz: ich bin das Bundeshaupt der Kleinleute deines Reiches, wo die Armen ebenso verrecken vor Not wie...« »Bisher in meiner Heimat Neustrien,« unterbrach Gallus. »Aber dort habe ich es gebessert, ich und mein Freund Ebroin, der dich grüßen läßt und dir das schickt...« Und er hob die Axt zum Streich. »Und das dir, Püppchen!« schrie der zweite. Und hob die scharfe Sichel gegen die Königin. Aber mit wütendem Bellen fuhr ihm Ryan an die Gurgel: er zerbiß sie: röchelnd fiel der Mörder. »Bestie!« schrie Gallus und spaltete mit der Axt dem treuen Tier den Schädel. Da traf ihn des Königs Schwert in den Arm: er ließ die Waffe fallen. »Drauf, drauf!« kreischte er, außer sich vor Schmerz und Wut. »Drauf, sag' ich. Wollt ihr ihn siegen lassen: – entfliehen? König, die beiden sind Maurus und Hatto und wohnen in Remilly. So! Jetzt laßt ihn entkommen, daß er euch rädern läßt?« Das wirkte. Beide Männer sprangen zugleich vor und schwangen zwei Kurzschwerter gegen Dagobert: den zur Rechten traf er zum Tode, aber der zweite stieß ihm gleichzeitig die Klinge ins Herz. »Schont der Frau!« stöhnte er noch. »Sie trägt ein Kind.« – »Dagobert! Ich will nicht leben!« »Sollst auch nicht, armes Täubchen!« höhnte Gallus und hob mit der Linken die Axt vom Boden auf. »Laß sie!« mahnte der noch übrige. »Du hörst ja: sie geht mit Kinde.« – »Eben deshalb. Soll sein Sohn ihn rächen? Wer den Wolf schlug, schlag' auch den Welp.« Und ein sausender Streich der Axt: – die weiße Stirn ward blutigrot: lautlos sank sie aus dem Sattel, einer geknickten Blume vergleichbar. »Scheußlich!« schrie der andre. »Ich kann's nicht sehen! Sie war so schön! Ich will nichts von dem Blutgeld!« Und schaudernd floh er in eiligen Sprüngen querwaldein. Hinter ihm schlugen die nassen Büsche zusammen. »Desto besser!« sprach Gallus. »Behalt' ich alles allein. Denn die beiden Kerle« – er stieß mit dem Fuß an die Körper – »sind tot. Mausetot! Und – laß doch sehn! was trägt so ein Königspaar bei sich? Schmuck der Frau? – Der würde mich verraten. Aber Geld?« Er griff in das Ledertäschlein, das Dagobert von dem Wehrgurt niederhing. »Puh, leer! Ganz leer! Ein schäbiger König Habenichts! Jetzt rasch heim, zum Majordomus. Er wird zufrieden sein! Das war ganze Arbeit. Er, sie und der Königserbe.« *   X. Noch auf dem Schlachtfelde von Laffaux hatte Ebroin mit der an ihm gefürchteten, rastlos vorwärts ans Ziel treibenden Thatkraft beschlossen, die Verfolgung sofort bis zur vollen Vernichtung des feindlichen Widerstandes fortzusetzen. Aber der Sieger sollte verhindert werden, diesen seinen richtigen Gedanken auszuführen. Gerade wie er mit der Vorbereitung fertig war, seine gesamte Heeresmacht angreifend über die Grenze von Austrasien zu führen – Laon ergab sich am nächsten Tag, Metz sogar hoffte er in raschem Anlauf nehmen zu können –, trafen schlimme Nachrichten aus dem Westen und Süden, von Neuster und Burgund, im Lager ein. Die Ausschreitungen des Bundes der Kleinleute waren doch keineswegs durch des Majordomus Maßregeln gedämpft. Nach Niederwerfung seiner inneren Feinde durch diese Bundesgenossen, hatte er freilich gar schnell der entfesselten, wilden Kraft, die er zu Hilfe gerufen, wieder Zügel und Zaum anlegen wollen: er hatte die Aufständischen aufgefordert, die Waffen niederzulegen, nicht mehr Bischöfe, Äbte und Seniores mit Feuer und Schwert zu bekämpfen, sondern die Forderungen der Abhilfe, der Erleichterung ihrer Lasten, des Schutzes gegen Willkür, im einzelnen aufgezeichnet, vorzubringen auf jenem großen allgemeinen Reichstag, den er demnächst zusammenberufen wollte und der alle gerechten Verlangen durch umfassende Gesetze gewähren sollte. Manche der wilden Haufen verliefen sich auf diese Zusagen hin, die ihnen seine Sendboten zutrugen. Andre aber – und gerade die zuchtlosesten! – dachten nicht daran, sich damit zu begnügen: ihnen gefiel das monatelang getriebene Räuberleben viel zu sehr, um es freiwillig aufzugeben: in Rache, in Haß und auch in einfacher Lust an Raub, Totschlag, Brand, Gewalt jeder Art wüteteten sie fort und verjagten oder erschlugen gleich gar die abmahnenden Boten des Majordomus. So mußte dieser sich entschließen, die Eroberung Austrasiens, die in diesen Tagen, zumal seit der Nachricht von dem Tode des jungen Königs und dem darauf erfolgten Auseinanderlaufen seines bei Metz versammelten Heeres, leicht durchzuführen schien, aufzuschieben und vor allem Ordnung und Ruhe im eignen Lande herzustellen. Schwer fiel es ihm auf die Seele, daß er nun neben dem königlichen Heerbann gegen seine bisherigen – arg verwilderten – Bundesgesellen auch deren eigne Standesgenossen, deren Haufen er bei sich unter seinen Fahnen hielt, zum Kampf führen mußte: oft stiegen ihm Zweifel auf, ob sie ihm dazu Folge leisten würden? Denn Ungehorsam, Zuchtlosigkeit, Unbotmäßigkeit, die Neigung zu jeder Gewaltthat gegen die Reichen auch im eigenen Lande hatten sich sogar unter diesen Scharen vor seinen Augen gar schlimm spürbar gemacht. Unablässig drohten sie, seiner ehernen Faust zu entschlüpfen und unter der Leitung ihrer eigenen selbstgewählten und ihnen soviel näherstehenden Führer – zumal des Blutigels, des Brandhahns und des Reißewolfs – ihren wilden Leidenschaften wie früher zu fröhnen. Nur die Furcht vor Ebroins Strenge, vor seinen ihm treu ergebenen Lanzenträgern zumal, hielt sie in knirschendem Gehorsam. Da wurde gemeldet, daß sogar in der Umgegend von Paris wüste Banden aufgetreten, daß die reichen und wehrlosen Klöster dort – wie Saint-Denis und Chelles – bedroht seien. Ebroin schickte sofort Herzog Hermengar mit einer Reiterschar voraus, diese Haufen, die sich zumal bei Meaux angesammelt hatten, zu zerstreuen; er folgte mit der Hauptmacht schleunig nach. Mit Befriedigung fand er wie Saint-Denis so Chelles unversehrt: er schlug Lager in dem Walde zwischen diesem Kloster und der Stadt Paris; in diese wagte er nur die verlässigen Heermänner zu verlegen, die Kleinleute – er fürchtete ihre Plünderungsgelüste – behielt er nebst einem schwachen Häuflein seiner Lanzenträger bei sich vor den Mauern der Hauptstadt-, er selbst fand Unterkunft in einer königlichen Villa nahe bei Chelles, da, wo später das »kleine Kloster« Montreuil (»Monasteriolum«) entstand. Am nächsten Tag schon wollte er das Heer weit gen Nordwesten führen, wo die Unruhen sich die Seine entlang ausdehnten. Vorher begab er sich, solch schwerer Sorgen voll, in das Kloster, sich von Balthildis zu verabschieden: auf geraume Zeit, wie er fürchtete. Sie empfing ihn im Beisein ihrer Schwester: wie innig und wie traurig deren Blicke an ihm hingen, entging ihm diesmal wie bei jeder früheren Begegnung. »Es ist hart,« seufzte die Königin, »die Waffen gegen die eignen Freunde zu wenden, gegen diese Bethörten, die böse Dämonen entkettet und aufgehetzt haben.« »Königin,« sprach der Majordomus, »du weißt nicht, wie scharf dies Wort mich trifft.« Und er gedachte jenes seines ersten Aufrufs in lodernden Zornesworten – zu Freiheit, zu Rache! »Muß es denn sein?« fragte Gunthildis schüchtern. »Es muß! Höret nur, was mir gestern alles gemeldet wurde: die wilden Banden der Touraine haben das Kloster der heiligen Maria bei Beauvais in Brand gesteckt und geplündert, den Bischof von Rouen haben sie – mit vielen seiner Geistlichen – am Altare gemordet, den Grafen von Bayeux in offener Schlacht geschlagen, sie leisten meinen Heerbannleuten blutigen Widerstand, ja, ganz in der Nähe hier bei Meaux sollen sie vor kurzem einen Herzog ...« Da eilte Vanning in das Gemach und rief: »Ja, ja, es ist richtig! Es war Herzog Hermengar!« Da erbleichte die Königin: sie wankte, sie griff nach der Lehne des hinter ihr stehenden Stuhles: »Es war ...?« stammelte sie. »Er war ? – So ist Herzog Hermengar ... tot?« »So ist's,« sprach Vanning traurig. »Er fiel mit vielen Wunden.« »O Gott! Weh mir!« schrie Balthildis und stürzte ohnmächtig in den Stuhl. Die Schwester kniete neben ihr nieder: »O was hast du gethan!« rief sie Vanning zu. Sprachlos vor Staunen, wie geblendet und zugleich gelähmt von plötzlichem, grell erhellendem Blitzstrahl hatte Ebroin das mit angesehen – mit weit aufgerissenen Augen: jetzt erst fand er das Wort zu einer stammelnden Frage: »Was, ... was ist das? Was bedeutet dieses wilde Weh? Was ...?« »Was?« rief die Schwester ausbrechend in einen Strom von Thränen. »O du blinder, blinder Mann, der nichts sieht als Macht und Ruhm. Was das bedeutet? Das bedeutet, daß sie diesen Hermengar geliebt hat mit der ganzen Macht ihrer Seele, all' diese Jahre lang.« Ebroin stöhnte: er taumelte gegen die Thüre. Da ward diese aufgerissen, ein Lanzenträger eilte herein und meldete: »Nein, Graf Vanning. Es war ein falsch Gerücht: ein andrer Feldherr fiel. Herzog Hermengar lebt: – eben steigt er die Treppe herauf.« »Er lebt?« schrie Ebroin. »Ah, beim Satan! Er soll nicht leben! Sterben soll er – ihr Geliebter!« Und er riß das Schwert heraus, stürmte aus dem Saal und stieß es dem ahnungslos nun auf der obersten Stufe Auftauchenden mit solcher Wucht in den Hals, daß der lautlos die ganze Treppe rücklings hinunterstürzte: rasselnd klirrten seine Waffen auf den Marmorstufen. Tot hoben ihn unten die entsetzten Wachen auf. Ebroin starrte ihm nach: dann eilte er, das bluttriefende Schwert in der Hand, in das Gemach der Königin zurück: an der Schwelle blieb er stehen. Balthildis hatte sich soeben wieder aufgerichtet; mit großen, angsterfüllten Augen sah sie umher. »Es war ein Irrtum,« tröstete die Schwester, ihr die Schläfen streichend, »er ist nicht gefallen in der Schlacht.« »O Barmherzigkeit Gottes, Dank!« betete sie, gen Himmel blickend. »Nein,« sprach da eine Stimme, die sie nicht erkannte, so grabeshohl klang sie, bis Ebroin wiederholte: »nein, danke nicht! Er lebte eben noch, aber er sollte mir nicht leben. Erstochen hab' ich ihn, mit dieser Hand, ihn, der all' diese Jahre her der geheime Buhle deiner Seele war!« »Ermordet?« schrie die Königin sich hoch aus, richtend, »von dir? So sei verflucht vom Wirbel bis zur Sohle.« Und sie ballte die Faust und trat drohend einen Schritt gegen ihn vor. Entsetzt brach er auf die Kniee nieder, der Helm fiel ihm vom Haupt... Sie hob die Hand wie zum Schlage gegen sein Antlitz: – aber plötzlich sank sie, abermals ohnmächtig, in die Arme der Schwester. *   XI. Ein paar Tage darauf trafen sich gegen Abend in dem Wald, der düster – es war nun später Herbst und die entblätterten Bäume starrten traurig in die grauen Wolken– sich um das Lager und die Villa hinzog, vier Männer. Von zwei Seiten her schlichen sie – je zwei – durch das dichte Gebüsch, den offenen Weg meidend, auf den die sinkende Sonne, durch die dunkeln Tannenzweige hin ein unheimliches Rot ergoß: Sonne, Himmel, Erde, – alles schien wie in Blut zu schwimmen. Behutsam reckten die zwei, die etwas früher angelangt waren, ihre Waffen winkend aus dem Gebüsch, sie gleich wieder zurückziehend: die beiden jetzt Herankommenden hatten das Zeichen verstanden; mit ein paar Sprüngen kreuzten sie den offenen Waldpfad und standen nun bei den Harrenden in dem dichten Strauchwerk. »Leise, vorsichtig, Graf Hermenfred,« flüsterte einer der Ankömmlinge. »Ich meine, man ist uns auf der Spur. Dieser Vanning, wachbar für seinen Herrn wie ein Schäferhund, läßt uns kaum aus den Augen.« »Ein Glück, Herr Oberfalkenwart Hermenvech,« fügte der andre ebenso leise bei, »daß der Eber ganz verstört ist seit seiner letzten Blutthat.« »Seiner scheußlichsten,« knirschte der eine der beiden Jünglinge. »Sie soll nicht zwei Nächte noch ungerächt bleiben, oder ich sterbe!« drohte der zweite. »Wir sind ja eben erst eingetroffen: sag' an, was treibt er, Gallus?« – »Irres Zeug, Herr Graf! Er wird vielmehr umgetrieben! Seine Schärfe, seine Klugheit, seine rasche Thatenfreude sind von ihm gewichen. Er wankt ziellos bald durch die Gassen des Lagers, bald durch den Wald, stehenbleibend, mit sich selber redend ...« »Ja, ich sah ihn einmal – das hat man noch nie bei dem schäumenden Eber bemerkt! – in die neue Basilika bei dem Kloster treten, aus deren geöffneter Thür frommer, süßer Gesang psallierender Nonnen erklang.« – »Aber freilich, gleich stürzte er wieder – ganz hastig – hinaus und lief wie fliehend in anderer Richtung fort. Bald traten aus der Kirche die Frau Königin und ihre Schwester.« – »Man sagt, die Königin habe, als sie den Mord erfahren, laut geschrieen und getobt und habe Ebroin, dem Blutmenschen, geflucht.«–»Der aber habe laut flehend die ganze Nacht auf der Schwelle vor ihrer verschlossenen Thüre gelegen.« – »Da habe ihm endlich am Morgen die Schwester die Hand herausgereicht und verkündet: die Heilige nehme in christlicher Vergebung ihren Fluch zurück.« – »Aber sie werde nie des Mörders Antlitz wiederschauen, überhaupt keines Mannes Antlitz mehr.«– »Sie hab's geschworen.« –»Und das Gleiche ihre junge Schwester.« – »Und beide würden das Kloster niemals wieder verlassen.« – »Jener Fluch aber, obwohl zurückgenommen, soll ihm den Geist ganz verstört haben. Ich hörte ihn in seinem Schlafgemach – ich hatte vor dem Vorhang zu warten – Zwiegespräch halten: – ich dachte, mit Vanning: aber als ich eingelassen ward, da war er ganz allein: – ›Verflucht, verflucht von ihr!‹ hat er stets wiederholt.« – »Ja, er ist ganz verwandelt, wie irrsinnig ist er.« »Mag sein, daß endlich das Gewissen in dem Bluthund sich regt. Wie viele Morde belasten seine Seele!« sprach Hermenfred. »Wohl mahnte mich mein Beichtiger, die Rache Gott zu überlassen und den Gewissensqualen: – aber nein! Mit eigner Hand muß ich die Blutrache vollenden,« knirschte mit verhaltener Wut sein Bruder. »Deshalb, Gallus, haben wir's auch nicht euch überlassen. – Nicht der hohe Lohn, den ihr verlangtet, hat uns abgeschreckt...« – »Wir zahlen euch, dir und dem Brandhahn hier, das Gleiche, führt ihr uns nur so zu ihm, daß wir's mit eignen Händen vollführen mögen.« – »Aber sagt: – dürfen wir euch auch vertrauen? So gut ihr jetzt euren Feldherrn verratet, so gut könntet ihr uns in seine Gewalt liefern wollen.« – »Ja, er hat doch wahrlich, so grausam er Adel und Bischöfe verfolgte, an euch Kleinen des Guten viel gethan.« »Das dank' ihm der Teufel,« schrie Gallus, der Reißewolf. »Er hat's ja nicht um unsertwillen gethan,« meinte der Rothaarige. »Er brauchte eben unsre Knittel, unsre Sensen gegen seine Feinde.« – »Hätt' er's ehrlich mit uns gemeint, hätt' er viel weiter gehen müssen gegen die Großen.« – »Aber all' unsere Verlangen danach – wir wollten den Klöstern und den Seniores alles nehmen! – hat er trotzig abgeschlagen.« – »Und unsern besten Genossen, den Blutigel...« – »Hat er schmählich hängen lassen.« – »Hängen zwischen zwei tote Hunde.« – »Und warum? Wegen einer Beute! Er hat ein paar Klosterkelche genommen.« – »Und meinen Vetter hat er gevierteilt. Warum? Nur weil er eine Nonne auf dem Altar zu Beauvais – ... nun, sagen wir: etwas stark geküßt hatte.« »Kleinigkeiten! Unser ganzer Haufe bat für die beiden, wir zwei voran. Ich erinnerte ihn, wie ich weiland seinem Hauptfeind Hektor das Gehirn verspritzt hatte.« – »Und ich mahnte, wie der Blutigel in der Erstürmung der Höhen an der Oise einen tödlichen Streich von des Blutigen eigenem Haupt gewehrt.« – »Half alles nichts! ›Der Dieb, der Altarschänder hängen!‹ hieß es.« – »Und sie hingen.« – »Und die gute Nachtfahre, die liebherzige, hat er erdrosseln lassen, weil sie einer gefangenen schönen Herzogstochter die Nase abschnitt. Warum? Nur aus gerechter Eifersucht! Der Raubrabe, ihr Schatz, hatte sich in das glatte Lärvchen ganz vergafft!« – »Hat der Grausame uns doch schon gezwungen, mit seinen Lanzenträgern zusammen gegen unsre eignen Brüder zu fechten, die ein paar Villen bei Meaux ausgebrannt hatten. Damals haben wir ihm Rache geschworen. Da thun wir nicht mehr mit.« – »So war's nicht gemeint, daß wir ihm helfen sollten, die Reichen beschützen.« – »Ganz anders lautete sein flammender Ruf zur Rache.« – »Er ist ein Verräter!« – »Drum fort mit ihm!« – »Ist er gefallen, – dann ist der letzte Schild zerschlagen, der die Kirchen und Klöster und die Schatzkammern der Seniores schützt!« »Dann,« lachte der Brandhahn, »dann wird erst recht flott geplündert.« Bedeutungsvolle, besorgte Blicke tauschten die beiden vornehmen Seniores. »Gleichviel,« flüsterte Hermenfred dem Bruder ins Ohr, »wir haben keine andere Wahl: auch er nahm seine Helfer wo er sie fand.« – »Also, es gilt! Ihr erhaltet die verlangte Summe, sobald ihr uns dazu verholfen.« – »Und wann könnt ihr das?« – »Heute Nacht noch.« – »Um Mitternacht werden die beiden Wachen vor seiner Villa – bis dahin haben sie seine Lanzenträger – abgelöst von zwei aus unsern Bundesleuten.« – »Diese zwei werden wir sein.« – »Auch wir werden – statt unsrer Sicheln und Äxte – Lanzen tragen.« – »Das täuscht in der Nacht weithin.« – »Das andre ist leicht.« – »Er schläft allein?« – »Immer.« – »Aber jetzt: – auseinander!« – »Also vorsichtig!« – »Erst ihr nach rechts...« – »Dann wir nach links.« – »So. Still! Rasch!« *   XII. Spät am Abend dieses Tages saßen Ebroin und Vanning in dem Speisesaal im Erdgeschosse der Königsvilla bei ihrem freudlosen Nachtmahl. Die Fenster waren geöffnet: so sah man von innen die Schatten der beiden Wachen, die draußen im Licht des Vollmonds, die langen Lanzen auf den Schultern, auf und nieder gingen. Man erblickte ihre langgestreckten Schatten an den Wänden der gegenüberliegenden Häuser, durch die herbstlichen Nebel vergrößert und man hörte den gleichmäßigen, eintönigen Schall ihrer Schritte. Die beiden Freunde waren allein: Ebroin hatte die Diener zum Schlafen in das Hintergebäude entlassen, nachdem sie die Tafel abgeräumt; nur der hohe bronzene Weinkrug und die beiden altrömischen Silberbecher standen noch auf dem Tisch, auf welchem eine Hängeampel von mattem Opal, von der steingetäfelten Decke herabschwebend, weniger Licht verbreitete, als der voll durch das Fenster hereinflutende Mond. Geraume Zeit hatte Schweigen geherrscht in dem weiten, aber niedrigen Raum. Ebroin hatte den gefüllten Becher, den ihm der Freund wiederholt hingeschoben, zur Seite gerückt, den Ellbogen auf den Tisch gestützt und in die offene Hand das mächtige Haupt, das in der letzten Zeit merklich ergraut war. »Trink, Freund!« mahnte Vanning. »Oder sprich doch! Nicht dies Schweigen und in dich Hineingrübeln! Was denkst du nur jetzt wieder?« »Immer dasselbe. Immer das Alte. Es ist zum wahnsinnig werden! Stets das eine muß ich denken: – oder vielmehr die eine Kette von Gedanken – Glied in Glied gefügt – unlösbar – und stets das Gleiche!« – »Und das ist?« – »Sie! – Wie sie, diese Heilige, ein Segen für alle andern Menschen, nur für mich zum Fluche lebt, zur Ursache all' meiner Verschuldung geworden ist! Wie schuldlos, freudig floß mein Leben hin, großer, edler Pläne voll für meines Volkes Heil und die eigne Ehre, – bis ich auf jenem Strohlager vor der Kirche zu Saint-Denis die rührende Gestalt erblickte. Fluch, Fluch dem Tag und der Stunde...! Und doch: – nein! Dank und Segen über ihr geliebtes Haupt! Aber um sie hab' ich das erste Blut in Raub und Totschlag vergossen, um sie zuerst mich mit Schuld befleckt. Und einmal vom Blut berauscht... schritt ich weiter darin, immer weiter! Valerius! Und Leodegar und Gairin und andere!« »Haben's die Hunde nicht verdient?« rief Vanning und that einen kräftigen Trunk. »Gewiß! – Aber ich hatte Wollust in der Rache, in der grausamen Tötung. Und wie viele Häupter ihrer Freunde rollten, den ihrigen nach, in den Sand! Waren alle schuldig? Und dann: – ich habe den Brand, den die Kleinleute entzündet, nicht gedämpft, wie ich gleich zu Anfang gekonnt, gesollt; ich habe diese Flammen geschürt und auf meine Feinde geschleudert, bis die Gluten stark genug wurden, weit über diese hinaus – gegen meinen Willen! – zu wüten; nun schlagen sie mir drohend über dem Haupt zusammen. Ach, seit meine eignen Schützlinge mich damals verraten, mich, der sie befreien wollte, in Ketten geworfen, hat ein böses Gift mein einst so gesundes, so unschuldig Blut verderbt. Menschenhaß, Rache, Zorn, Wut: – es sind üble Gesellen und Gehilfen! Wie der Reißewolf und der Blutigel und die Nachtfahrt! – Und sie weichen nicht mehr aus meinen Gedanken am Tag und von meinem Traum und Pfühl des Nachts! Wohl kamen nochmal schöne Tage: die Ufer der Oise bei Compiegne und der Tannenbühl bei Laffaux! Aber jener unschuldige Königsknabe und sein Weib, – fällt nicht auch ihr Tod schwer in die Wagschale meiner Schuld? Das hatt' ich freilich nicht gewollt – oder doch nicht so gewollt; aber Ähnliches doch wohl! Und nun das Letzte, Ärgste! Der Dämon des Jähzorns, den ich gebändigt gewähnt hatte durch jahrelange Zucht, – er reißt sich plötzlich los – und wieder ist sie es, die Geliebte, die Heilige meiner Seele, um welche ich die letzte ach! wie die erste Blutschuld auf mich lade: ein wackrer Mann, oft mein Kampfgenosse in Krieg und Rat, er fällt, ein Opfer meiner unsinnigen Wut. O viel würdiger war er ihrer Liebe!« »Ja, es ist ein schweres Unheil,« seufzte Vanning. »Aber du mußt es tragen, darfst nicht zusammenbrechen wie ein schuldbewußter Knabe. Auf dir ruht dieses Reich der Franken. Du mußt den Brand des Bürgerkriegs ersticken, du mußt jenen Pippin vollends unschädlich machen...« – »Pippin! Der Beneidenswerte! Der Mann ohne Falsch und Fehle, ohne Schuld und Makel! Und ich? Mir fluchen die Weiber, die Kinder im eigenen Land! Gestern hat mich aufs tiefste erschüttert – niedergestürzt – ein Kind! Du weißt, ich habe sie stets so gern gehabt. In Wasconien – in meiner guten Zeit! – liefen mir die Schwarzköpflein auf der Straße entgegen, so freundlich lachte ich sie an. Gestern gehe ich über den Platz an der Basilika: ein Rudel Kinder spielt auf den Stufen: ich gehe auf sie zu, ich reiche dem kleinsten Mädchen die Hand, das will einschlagen: – da reißt es die ältere Schwester heftig hinweg und ruft: ›Nicht! nicht! Lauft davon! Das ist ja der Bluteber: – Ebroin!‹ ›Ebroin, der Mörder!‹ schreit eine zweite. ›Ebroin! Der Gottverfluchte!‹ kreischen die andern und stieben auseinander wie die Tauben vor dem Habicht. O das hat weh gethan!« Und er legte beide Arme vor sich auf den Tisch und das schwere Haupt darüber. »Bah, die Priester haben dir das Volk verhetzt.« »Wehe, daß sie Ursache haben! Ich forschte nach: – ich ließ die Mutter des einen Kindes ermitteln. Ach, die Kleinleute haben ihr Haus verbrannt, ihren Gatten gemordet. Und der Vater des zweiten? Ein Freund Gairins: – hingerichtet – nur, weil er ein Freund Gairins! Ah, all' das drückt mir Hirn und Herz zusammen, wie mit ehernen Gewichten.« Seufzend stand Vanning auf: »Du bist krank, Freund.« »Ja, an der Seele. Unheilbar!« erwiderte Ebroin, sich ebenfalls erhebend. »Das darf nicht sein! Du mußt gesund sein und schaffen für das Reich. – Höre, die Söhne des ... nun, des Verstorbenen – eben Hermengars – sind eingetroffen in Paris, ja in dem Lager.« – »Sie wurden ja lang erwartet.« – »Wohl, aber ... jetzt? Hüte dich! Du weißt das Blut des Vaters zu rächen...« – »Ist des Sohnes Pflicht. Wem sagst du das?« »Drum eben! Sieh' dich vor! Mir ist, ich sah sie heute gegen Abend in einer dunkeln Gasse des Lagers beisammen stehen mit den Führern der Kleinleute, die ...« – »Sind mir freilich nicht mehr gewogen.« – »Deshalb Vorsicht!« – »Ei, soll ich, auf meine alten Tage, anfangen, mich zu fürchten?« – » Biete den Hermengaringen Sühne:... das Wergeld...« – »Sie nehmen's nicht. Haben recht. Ich nähm's auch nicht. Aber ich will ihnen Kampf antragen, allen beiden zugleich: das können sie füglich annehmen und dann ... Gute Nacht! Ich bin müde, denkensmüde, lebensmüde. Ich will versuchen zu schlafen.« – »Wo? In dem Gemach, – da hinter diesem offenen Saal?« – »Aber Vanning! Da draußen – siehst du die zwei Speere aus dem Nebel ragen? – wachen zwei meiner Lanzenträger. Und der beste Riegel ist mein Schwert: – es lehnt an meinem Bettpfosten. Gute Nacht.« Und er zog die Hängeampel an ihrer Doppelschnur herab und blies das Licht aus. »Und überdies – die Königin ließ mir durch ihre Schwester sagen: sie bete jede Nacht für mich. Ist das nicht, wie wenn ein Engel Gottes Wache hielte an meinem Lager? Ach, aber freilich! Sie betet nur für meine arme Seele im Jenseits, nach dem Tode. Und es giebt weder einen Engel noch einen Gott im Himmel. Sonst wäre mein Haupt nicht so schwer belastet. Schlaf wohl!« Und schweren, langsamen Schrittes ging er in das Schlafgemach und ließ die Vorhänge in der Thür hinter sich zusammenrauschen. Vanning sah ihm traurig nach: »Er ist geknickt! Ist er gebrochen? Ah, ich hoffe, nicht. Allein man muß für ihn wachen. Er ist allzu sorglos!« Er bog sich zum Fenster durch den vom Mond durchlichteten Nebel hinaus auf die Straße. »Zwar die Lanzenträger ... ich kenne sie beide – Benniko und Beling – ... sind treue Männer. Aber es kann doch nicht schaden.« Geräuschlos warf er seinen langen dunkeln Mantel dicht vor die Schwelle des Schlafgemachs, gürtete den Wehrgurt ab, zog die Klinge, legte sie neben sich auf die Schwelle, das Haupt auf den Mantel und schlief bald ein. Auch daß da jenseit der Vorhänge Ebroin im Fiebertraum abgerissene Worte sprach, störte ihn nicht. Bald nach Mitternacht huschten von der Straße her die Eingangstufen hinauf zwei Männer; die beiden Wachen auf der obersten Stufe, links und rechts von der Thüre, rührten sich nicht, als jene die angelehnte Pforte erreicht hatten. »Nur keine Furcht,« flüsterte der eine Lanzenträger. »Sein Schwertgriff ist mit der Scheide an den Bettpfahl festgeschnürt,« fügte der zweite bei. Zwei leise Schritte: die Ankömmlinge standen in dem Saal, den das Mondlicht ganz erfüllte. »Halt! Es liegt ein Mann auf der Schwelle.« – »Er schläft.« Und beide zückten die Waffen, der eine ein gotisch Schwert, der andre eine bretonische Streitaxt. »Nein, er schläft nicht!« schrie Vanning aufspringend. »Flieh, Ebroin! Mörder! Rette dich! Zu Hilfe, Wachen!« Er stieß den einen der Angreifer – den mit der Streitaxt – nieder: aber im selben Augenblick durchbohrte ihm der andere das Herz und sprang durch die Vorhänge in das Schlafgemach. Wohl mühte sich Ebroin, durch den Schrei Vannings jäh geweckt, mit aller Kraft, aber doch vergeblich, das siebenfach mit dem Griff an den Bettpfahl gebundene Schwert loszumachen oder die Klinge zu ziehen: und während dieser verzweifelten Anstrengung traf ihn ein Stoß in den rechten Arm: aber er ließ nun das Schwert, ergriff mit der Linken den vor dem Bette stehenden schweren Fußschemel von Eichenholz, wehrte mit diesem die Stiche des Angreifers ab und schmetterte zuweilen wuchtige Hiebe auf dessen Haupt und Arm. »Horch, du! Der wehrt sich,« flüsterte der Brandhahn draußen. »Das dauert zu lang,« grollte der Reißewolf. »Kommt er durch, sind wir Wächter verloren.« – »Rasch! Hinein!« Beide stürmten in das Haus mit geschwungenen Speeren – über Vannings Leiche – in das Schlafgemach. Ein Lanzenstich lähmte Ebroins linken Arm, er ließ den Schemel fallen. Nun stieß Hermenfred zu: »Das schickt dir mein Vater,« rief er. »Und das das Volk der Franken!« sprach der Brandhahn. »Und das der Stand der Kleinleute!« flüsterte der Reißewolf. Das traf ins Herz. »O Balthildis!« stöhnte er noch und stürzte rücklings tot auf das Lager. *   XIII. Sorgenvoll saß auf der obersten Stufe der Freitreppe seines Landhauses Victoriaca an der Mosel bei Trier Graf Pippin und sah dem Gleiten des Flusses im Abendscheine zu. Noch immer trug er den Schwertarm in der Binde; die Wunde schien noch zu schmerzen: denn zuweilen langte er mit der Linken darauf. Neben ihm stand sein Oheim, der Bischof Chlodulf von Metz, der ihm die Hand auf die Schulter legte und wohl eben ermutigend zugesprochen hatte. »Gewiß,« erwiderte Pippin, »du hast recht. Und weit weise ich von mir alle Verzagtheit. Mein erster Anlauf ist mißglückt, meine erste Schlacht ward eine Niederlage: aber das entmutigt mich nicht. Wir Arnulfingen sind ein zäh' Geschlecht: auch unsern Ahnen mißlangen die ersten Schritte, allein Ausdauer fühlte sie zum Sieg.« »Und Gottvertrauen,« mahnte der Bischof. »Ja, volles Gottvertrauen! Nicht eine Stunde könnte ich leben ohne das. Gott ist allwissend: so weiß er auch, daß ich nichts für mich begehre, nur das Wohl dieses armen, kampfzerrissenen Frankenreichs suche.« – »Und auch dessen Heil nur mit reinen Mitteln, auf gerechten Wegen...« – »Die Gott wohlgefällig sind wie der Zweck. Das ist es, siehst du, was mich oft staunen macht bei den Geschicken meines Nebenbuhlers, – meines Überwinders! – dieses gewaltigen Ebroin: wohl glaub' ich – weiß ich! – von ihm, daß auch er des Reiches Heil anstrebt: – wie er es eben sich vorstellt! – Aber er schreitet zu seinen Zielen auf blutigen Wegen, mit freveln Mitteln: und siehe da, der Himmel, der mich hemmt auf meinen gerechten Pfaden, – ihm wirft er Kranz auf Kranz auf den Helm. Ach, wie lange noch? Ich gestehe, nur ungern, zögernd, greife ich gegen ihn nochmals zu den Waffen, das Werk meines Lebens durchzukämpfen: die Vereinung des ganzen Frankenreiches unter austrasischer Herrschaft: solang jener böse, aber eherne Held das Schwert schwingt, das uns so schwer getroffen hat dort bei Laffaux, ist's ein harter Entschluß! Und wir sind in den gleichen Jahren: – leicht mag geschehn, daß er mich überlebt. Und wer ist dann der Erbe meiner Macht, meiner Gedanken? Ein Knabe!« »Ergieb dich in Geduld in die Fügungen des Herrn. Wie leicht mag er jenen blutigen Eber fällen in der Vollblüte seiner Kraft und seiner Sünden! Und dein Knabe, Karl, – mir ist, in ihm hat Gott unser Haus und unser ganzes Volk gesegnet: so kühn, so rasch und bei so jungen Jahren – kaum sechzehn – schon so klug. Sieh, da kommt er – von der Metzer Straße her – in den Hof gesprengt auf seinem weißen Rößlein! Wie ihm das goldne Haar das junge Haupt umfliegt! Ei, wie eilig hat er's gehabt! Wie seine roten Wangen glühn! Schon eilt er die Stufen herauf.« »Vater,« rief der schöne Knabe atemlos, schon auf der untersten Stufe. »Vater, ich heische Botenlohn. Ich bringe frohe, große Kunde.« Hier mußte er innehalten, der Atem versagte ihm. »Was ist geschehn?« – »Was bringst du?« So fragten Vater und Großohm zugleich. »Tot liegt Ebroin, der grimme Eber! Zuverlässige Boten meldeten's nach Metz.« – »Tot?« – »Gestorben?« – »Erschlagen: von Bluträchern, von den Söhnen Hermengars, und verraten von seinen eigenen Kleinleuten. Sie sind ohne Führer da drüben, völlig uneins. Zwei, drei Hausmeier bekämpfen sich um das Erbe der Macht!« »Ebroin tot?« rief Pippin, aufspringend von dem Stuhl. »Das ist der Ruf des Herrn! Auf, Oheim, rasch, Karl, versammelt alle Reiter dieses Hofes: sie sollen als meine Boten davonjagen. Aufbieten sollen sie den Heerbann von ganz Austrasien! Die Stunde kam! Wir ziehn zu Feld! Nun gilt's, das Frankenreich emporzuziehn durch diese Hand.« »Vater, Vater, aber ich darf diesmal mit!« »Ja,« lächelte der, »du und dein Hämmerlein, – ihr dürft fortan immer mit!« – »Hei, dann geht's besser, du sollst sehn, als bei Laffaux.« »Du aber, Bischof,« fuhr Pippin feierlich fort, »ich bitte dich: du segne dies, mein Schwert.« Und er kniete nieder, zog das Schwert und hielt die nackte Klinge vor sich hin. »Ich segne und ich weihe diese Waffe! Ich segne sie mit Sieg: höre mich, Gott: so wahr Pippin, der Selbstsucht bar, nur das Heil des Frankenreiches sucht, so sicher sende ihm den Sieg.« »Amen!« sprach Pippin aufspringend und das Schwert in die Scheide stoßend. »Ich falle oder ich vereine wieder die hadernden Reiche.« »Und wohin, Vater?« fragte der junge Karl, »wohin sollen die Heerbanne ziehen, die Aufgebote eilen? Wohin zielt dein Stoß?« Pippin sann eine Weile. »Nach Tertri. Denn ich vernahm zuletzt, König Theuderich und sein Hof lagert bei Tertri. Den Königsknaben muß ich haben, in seinem Namen zu herrschen: aus seinem geschlagnen Heere greif' ich ihn heraus. Auf, Karl, mein Sohn! Laß die Hörner schmettern. Auf! Nach Tertri geht der Zug! Und der Herr Christus zieht mit uns!«