Alphonse Daudet Fromont junior und Risler senior Zweiter Band Vierzehntes Kapitel. Erklärung. Es war wirklich hohe Zeit, daß der Rächer kam! Haltlos wurde die kleine Frau von den Wirbeln des Pariser Golfstroms fortgerissen. Noch schwamm sie auf den Wassern, von der eignen Leichtigkeit getragen; aber ihre maßlose Verschwendung, der Luxus, mit dem sie sich umgab, ihre Mißachtung auch der kleinsten Gebote des Anstandes, alles verkündete, daß sie dem Untersinken nahe war und die Ehre ihres Gatten, vielleicht auch Vermögen und guten Namen eines angesehnen, durch ihren Wahnsinn zu Grunde gerichteten Handlungshauses mit ins Verderben ziehen werde. Die Umgebung, in welcher sie jetzt lebte, trug noch zu der Beschleunigung ihres Unterganges bei. In Paris, inmitten eines kleinbürgerlichen Stadtviertels, dessen Bosheiten und Klatschereien denen der kleinsten Provinzialstadt gleich kamen, sah sie sich zu einem gewissen Maßhalten gezwungen; in Asnières dagegen, wo ihr Landhaus von den Sommerwohnungen untergeordneter Schauspieler, anrüchiger Liebespaare und beurlaubter Ladendiener umringt war, nahm sie keinerlei Rücksicht mehr. Ohne Ekel atmete sie in dieser Atmosphäre des Lasters, fühlte sich wohl darin und abends in ihrem kleinen Garten erfreute sie sich der Ballmusik, die zu ihr herübertönte. Einmal fiel nachts in einem Nachbarhause ein Pistolenschuß, der die ganze Umgegend mit einer albernen, gemeinen Liebesgeschichte bekannt machte. Fortan träumte Sidonie nur noch von ähnlichen Erlebnissen und sehnte sich nach einem »Abenteuer«. In Sprache und Benehmen ließ sie sich vollständig gehen; wenn sie nicht im kurzen Röckchen, den Spazierstock in der Hand, wie eine Modedame in Trouville oder Houlgate, auf dem Quai von Asnières einherstolzierte, blieb sie den ganzen Tag, wie ihre Nachbarinnen, im losen Morgenkleide, that nicht das geringste, bekümmerte sich nur ganz oberflächlich um ihren Haushalt, in dem sie, ohne etwas davon zu bemerken, wie eine Cocotte bestohlen wurde, und oft unterhielt sie sich stundenlang mit ihrem Dienstmädchen von den seltsamen Nachbarn, an denen sie morgens vorüber geritten war. Nach und nach stieg sie wieder auf ihr früheres Niveau hinab, ja sogar viel tiefer, denn von der wohlhabenden, angesehenen Bürgersfrau, zu der ihre Heirat sie gemacht hatte, sank sie zur bezahlten Maitresse nieder. Die vielen Eisenbahnfahrten mit seltsam aufgeputzten weiblichen Wesen, die ihr Haar à la chien bis auf die Augen herabgekämmt oder à la Genoveva von Brabant im Rücken herunterhängend trugen, brachten sie dazu, es ihnen gleich zu thun. Zwei Monate lang wurde sie sogar zur Blondine, zu Rislers großem Erstaunen, der nicht begriff, wodurch sein Püppchen so verändert aussah. Georges aber, der eigentliche Gatte und Hausherr, freute sich dieser Launen, die ihm in dem einen Weibe gleichsam zehn andre zu eigen gaben. Um Sidonie zu zerstreuen, hatte er sie mit einer Art von Gesellschaft umgeben, ihr einige seiner unverheirateten Freunde, einige Lebemänner aus der Kaufmannswelt zugeführt; Frauen aber nicht... sie haben zu scharfe Augen. Madame Dobson blieb ihre einzige Freundin. Sidonie gab große Diners, veranstaltete Wasserfahrten und Feuerwerke. Rislers Lage wurde von Tag zu Tag lächerlicher, anstößiger. Wenn er abends todmüde und schlecht angezogen nach Hause kam, mußte er schnell in sein Schlafzimmer hinaufgehen, um sich umzukleiden. »Wir haben Tischgäste,« sagte seine Frau; »du mußt dich beeilen.« So setzte er sich denn oft als der letzte zu Tisch, nachdem er rings um die Tafelrunde seinen Gästen die Hand geschüttelt hatte; Freunden seines Compagnons, die er kaum dem Namen nach kannte. Und dann wurde an diesem Tische, wo Georges mit der ruhigen Sicherheit des Herrn, der die Kosten des Hauses bestreitet, seine Bekannten aus dem Klub zu versammeln pflegte, über die Geschäftsangelegenheiten der Fabrik verhandelt. »Dejeuners und Diners im Interesse des Geschäfts«, das war in Rislers Augen vollgültige Erklärung für die beständige Anwesenheit Fromonts junior , für die Wahl der Gäste und für Sidoniens prachtvolle Toiletten, die nur um der Firma willen so geputzt und kokett war. – Georges Fromont brachte die Koketterie seiner Geliebten zur Verzweiflung; zu jeder Stunde des Tages kam er unruhig und mißtrauisch herbei, um sie zu überraschen; dies heuchlerische, bis ins Innerste verderbte Wesen längere Zeit allein zu lassen, schien ihm gefährlich. »Was ist denn das mit deinem Manne?« sagte Vater Gardinois in spöttischem Tone zu seiner Enkelin. »Warum läßt er sich so selten hier sehen?« Claire entschuldigte Georges, aber sein beständiges Wegbleiben fing an, sie zu beunruhigen. Sie weinte beim Empfang der Depeschen und kurzen Billets, die jetzt so oft zur Essensstunde eintrafen: »Erwarte mich heute abend nicht, liebe Claire; ich werde erst morgen oder übermorgen mit dem Abendzuge kommen können.« Traurig saß sie dann bei Tisch seinem leeren Platze gegenüber und, ohne seine Untreue zu ahnen, fühlte sie, daß er sich ihr mehr und mehr entfremdete. Er war so zerstreut, wenn ihn Familienfeste oder andre Veranlassungen im Hause festhielten, so stumm über alles, was ihn beschäftigte. Da Claire nur wenig mit Sidonie verkehrte, blieben ihr die Vorgänge in Asnières unbekannt, aber oft, wenn Georges mit lächelndem Gesicht von ihr forteilte, quälte sie sich in ihrer Einsamkeit mit einem unbestimmten Argwohn, fühlte wie alle, denen Unheil bevorsteht, eine tiefe Leere im Herzen und das unabweisbare Herannahen der Katastrophe. Ihr Gatte war kaum glücklicher als sie, denn mit grausamer Freude schien Sidonie darauf auszugehen, ihm Qualen zu bereiten. Von jedem ließ sie sich den Hof machen, besonders aber von einem gewissen Cazabon, genannt Cazaboni, einem italienischen Tenoristen aus Toulouse, den Madame Dobson bei ihr eingeführt hatte und der nun täglich kam, um beunruhigende Duette mit ihr zu singen. Georges, der sehr eifersüchtig war, kam darum schon nachmittags nach Asnières, vernachlässigte alles darüber und fand, daß Risler seine Frau nicht genug beaufsichtige. Nur ihm selbst gegenüber hätte er blind sein sollen. Ach! wenn er Sidoniens Gatte gewesen wäre, wie fest hätte er sie im Zügel halten wollen! Aber er hatte keine Rechte über sie, und sie versäumte keine Gelegenheit, ihm das bemerklich zu machen. Zuweilen sagte er sich auch mit der Logik, die selbst bei dem Oberflächlichsten hin und wieder zum Durchbruch kommt, daß der Betrüger verdient, betrogen zu werden, und so war, alles in allem genommen, sein Leben ein sehr trauriges. Unablässig lief er bei Juwelieren und Modehändlern umher und mühte sich ab, Geschenke und Ueberraschungen für Sidonie aufzufinden. Er wußte nur zu gut, mit wem er es zu thun hatte... wußte, daß er sie mit Juwelen, wenn auch nicht fesseln, so doch unterhalten konnte, und daß, wenn sie sich eines Tages langweilte ... Aber noch langweilte sie sich nicht; noch hatte sie das Leben, das ihr behagte, und alles Glück, dessen sie fähig war. In ihrer Liebe zu Georges lag keine Spur von Leidenschaft oder Schwärmerei: er war für sie nur ein zweiter Ehemann, jünger und vor allen Dingen reicher als der andre. Um diesen kleinbürgerlichen Charakter ihres unerlaubten Verhältnisses zu vervollständigen, hatte sie ihre Eltern nach Asnières gezogen und sie in einem Häuschen am äußersten Ende des Ortes einquartiert, und der eitle, absichtlich blinde Vater, die zärtliche, wirklich verblendete Mutter gaben ihrem Leben einen Anstrich von Ehrbarkeit, den sie um so mehr festzuhalten suchte, je mehr sie sich vom rechten Wege verlor. So war alles in dem kleinen verderbten Köpfchen, welches mit kalter Ueberlegung an das Laster herantrat, aufs beste geordnet und es hatte den Anschein, als ob sie in ruhigem Gleise dahin leben dürfte, als urplötzlich Franz Risler wieder auftauchte. Sobald sie ihn eintreten sah, wurde ihr klar, daß ihre Ruhe bedroht sei und daß es zwischen ihnen zu etwas Entscheidendem kommen müßte. Ihr Plan war sofort gefaßt... nun handelte sich's um die Ausführung, Der Pavillon, in den sie eingetreten waren, enthielt ein großes rundes Gemach, dessen vier Fenster vier verschiedene Landschaftsbilder zeigten, und das für sommerliche Mittagsruhe eingerichtet war, für heiße Stunden, in denen man vor dem Staube und dem Insektengesumm des Gartens Zuflucht sucht. Ein breiter, sehr niedriger Diwan zog sich rings an den Wänden hin und in der Mitte stand ein kleiner, auch sehr niedriger, lackierter Tisch, den zerlesene Zeitschriften bedeckten. Die Wände waren mit einer neuen Tapete bekleidet, deren Muster – flatternde Vögel zwischen bläulichem Schilf – den Eindruck eines Sommertraumes machte; die herabgelassenen Vorhänge, die Matte des Fußbodens, das dichte Rankenwerk, das die Außenwände des Pavillons bekleidete, gaben dem Gemach eine angenehme Kühle, welche das Rauschen des nahen Stromes und das leise Anschlagen der Wellen am Uferdamm noch erhöhte. Sobald Sidonie eingetreten war, ließ sie sich auf den Diwan sinken, indem sie ihre lange, weiße Schleppe zurückwarf, so daß sie sich in schneeiger Leichtigkeit zu ihren Füßen ausbreitete. Dann saß sie mit hellen Augen und lächelndem Munde, den kleinen mit einer Schleife geschmückten Kopf auf die Seite neigend, erwartungsvoll da. Franz, der sehr bleich war, blieb stehen, sah ringsumher und sagte nach kurzer Pause: »Mein Kompliment, Madame, auf Komfort verstehen Sie sich!« Und schnell, als ob er fürchtete, daß das Gespräch, wenn er so weit ausholte, nicht zum Ziele führen möchte, fügte er hinzu: »Wem verdanken Sie diesen Luxus?... Ihrem Gatten oder Ihrem Liebhaber?« Ohne sich zu regen oder auch nur die Augen zu ihm aufzuschlagen, antwortete sie: »Beiden.« So viel Keckheit brachte ihn außer Fassung. »Sie gestehen also, daß dieser Mann Ihr Geliebter ist?« »Natürlich ... warum sollte ich nicht!« Franz sah sie einen Augenblick schweigend an; sie war, trotz ihrer Ruhe, blaß geworden und ihr gewöhnliches, leichtes Lächeln zitterte nicht mehr um ihre Mundwinkel. Er begann aufs neue: »Hören Sie mich an, Sidonie!« sagte er. »Der Name meines Bruders, dieser Name, den er seiner Frau gegeben hat, ist auch der meinige. Wenn mein Bruder wahnsinnig und blind genug ist, denselben durch Sie entehren zu lassen, so habe ich die Aufgabe, ihn zu schützen. Ich verlange daher, daß Sie Herrn Fromont ankündigen, er möge sich eine andre Geliebte suchen, sich durch eine andre zu Grunde richten lassen. Wenn nicht...« »Wenn nicht?« fragte Sidonie, die, wahrend er sprach, mit ihren Ringen gespielt hatte. »Wenn nicht, so sage ich meinem Bruder, was in seinem Hause vorgeht, und dann werden Sie erstaunen, den Risler, den Sie bisher so sanft und nachgiebig gekannt haben, von wütender Heftigkeit zu finden. Es ist möglich, daß ihm meine Eröffnung den Tod gibt ... vorher aber, darauf können Sie sich verlassen, wird er Sie umbringen.« Sie zuckte die Achseln. »Mich umbringen... mag er doch! was liegt daran?« Sie sagte das mit so tiefschmerzlichem Ausdruck, so völliger Gleichgültigkeit gegen alles, daß Franz sich eines gewissen Mitleids für dies schöne, junge, glückliche Wesen, das mit solcher Ergebung vom Sterben sprach, nicht erwehren konnte. »So groß ist Ihre Liebe?« fragte er in etwas milderem Tone; »so groß ist Ihre Liebe für diesen Fromont, daß Sie eher sterben wollen, als ihm entsagen?« Sie fuhr auf. »Ich diesen Gecken, diesen Waschlappen, dies alberne Mädchen in Männerkleidern lieben? ... Unsinn! ich habe ihn genommen, wie ich jeden andern genommen hätte!« »Aber warum denn?« »Weil ich mußte ... weil ich wahnsinnig war ... weil ich eine verbrecherische Liebe im Herzen trug und noch trage ... eine Liebe, von der ich mich um jeden Preis losmachen will.« Sie war aufgestanden und sprach mit ihm Auge in Auge, Mund an Mund beinahe; ihr ganzer Körper bebte. Eine verbrecherische Liebe? ... Wen liebte sie denn? Franz scheute sich, sie danach zu fragen. Noch ahnte er nichts, aber ihr Blick, ihr Atem verrieten ihm, daß er etwas Entsetzliches hören würde ... und sein Rächeramt verlangte, daß er alles erfuhr. »Wen lieben Sie?« fragte er, und mit dumpfer Stimme gab sie zur Antwort: »Dich ... das weißt du ja!« Und sie war seines Bruders Weib. Seit zwei Jahren hatte er ihrer nur wie einer Schwester gedacht; für ihn glich seines Bruders Frau in nichts mehr seiner ehemaligen Braut und es wäre ihm wie ein Verbrechen erschienen, hätte er in ihrem Angesicht auch nur einen Zug des Wesens wiedergefunden, zu dem er einst so oft gesagt: »Ich liebe dich!« Und nun sagte sie, daß sie ihn liebe! Verwirrt, zerschmettert stand ihr der unglückselige Rächer gegenüber und fand nicht ein Wort der Erwiderung ... Sie sah ihn an und wartete. Es war einer jener Frühlingstage voll Sonnenschein und fieberhafter Erregung, deren Luft von weichem, feuchtem, melancholischem Atem kürzlich gefallenen Regens und süßen Blumendüften schwer ist. In die hohen, halbgeöffneten Fenster des Pavillons drang dieser berauschende Hauch, während aus der Ferne sonntägliche Drehorgeln und Schifferrufe und vom Hause Madame Dobsons zärtlich-schmelzender Gesang herüber klangen: »Ist's möglich, du willst dich vermählen? Geliebte, du bri–i–ichst mir das Herz! ... »Ja, Franz, dich habe ich immer geliebt,« sagte Sidonie; »und diese Liebe, der ich als junges Mädchen entsagte – weiß denn ein junges Mädchen, was das heißen will? – Diese Liebe hat durch nichts in mir ertötet oder auch nur abgeschwächt werden können. – Als ich erfuhr, daß du auch von Désirée, der armen Enterbten, geliebt wurdest, wollte ich, von einer großmütigen Regung bestimmt, ihr Glück begründen, indem ich das meinige zum Opfer brachte – habe dich zurückgestoßen, damit du dich ihr zuwenden solltest. Ach! sobald du fort warst, habe ich eingesehen, daß dies Opfer meine Kraft überstieg. Arme, kleine Désirée – – wie habe ich ihr in der Tiefe meines Herzens gegrollt! und von Stund' an – wirst du es glauben? – habe ich es vermieden, sie zu sehen, mit ihr zusammen zu sein ... ihr Anblick that mir zu weh! ...« »Aber warum, wenn du mich liebst?« fragte Franz mit leiser Stimme, »warum, wenn du mich liebst, hast du meinen Bruder geheiratet?« Sie zuckte nicht mit einer Wimper. »Risler heiraten, hieß dir näher kommen,« antwortete sie; »ich sagte mir selbst: sein Weib habe ich nicht werden können ... so will ich denn wenigstens seine Schwester sein. Auf diese Weise darf ich ihn immer noch etwas lieb haben und wir brauchen uns nicht unser lebenlang fern und fremd zu bleiben. Ach! das sind die kindlichen Träume eines zwanzigjährigen Herzens, deren Nichtigkeit wir nur zu bald durch Erfahrung kennen lernen! Nein, Franz ... ich habe dich weder wie eine Schwester lieben, noch dich vergessen können; das ließ meine Heirat nicht zu. An der Seite eines andern Gatten wäre mir das Vergessen vielleicht gelungen ... neben Risler war es unmöglich! Ohne Unterlaß sprach er von dir, deinen Erfolgen, deiner Zukunft; ›Franz hat dies gesagt ... Franz hat das gethan ... er liebt dich ja so zärtlich, der arme, teure Mann.‹ Das Entsetzlichste für mich aber war, daß dir dein Bruder ähnlich sieht. In eurem Gange, euren Zügen, besonders in eurer Stimme liegt eine gewisse Familienähnlichkeit, so daß ich oft bei seinen Liebkosungen die Augen geschlossen und mir gesagt habe: ›Er ist es ... Franz!‹ Dann aber, als mich dieser verbrecherische Gedanke unablässig verfolgte, mir zur unerträglichen Qual wurde, habe ich mich zu betäuben gesucht, habe diesen Georges Fromont erhört, der mich schon lange verfolgt hat, habe mein Leben umgestaltet, Zerstreuungen, Aufregungen gesucht. Aber in all diesem lustigen Treiben – das schwöre ich dir, Franz! – habe ich nicht aufgehört, an dich zu denken, mich nach dir zu sehnen, und wenn irgend jemand das Recht hat, mich wegen meines Thuns und Lassens zur Verantwortung zu ziehen, so bist du das sicherlich nicht ... denn du hast mich – wenn auch ohne deine Schuld – zu dem gemacht, was ich bin.« Sie schwieg. Franz wagte nicht, die Augen zu ihr aufzuschlagen ... er fand sie zu schön, zu begehrenswert und sie war seines Bruders Weib. Auch zu sprechen wagte er nicht. Der Unglückliche fühlte, daß die alte Leidenschaft aufs neue herrschgewaltig in seinem Herzen erwachte, und daß fortan jeder Blick, jedes Wort, jede seiner Lebensäußerungen Liebe sein würde. Und sie war seines Bruders Weib! »Oh, wie elend, wie elend sind wir beide!« sagte der arme Rächer, indem er neben sie auf den Diwan niedersank. Diese wenigen Worte schon waren eine Feigheit, ein Aufgeben des Widerstandes. Es war, als hätte ihm das Geschick durch seine Grausamkeit die Kraft zur Verteidigung genommen. Sidonie hatte ihre Hand auf die seinige gelegt. »Franz, Franz!« flüsterte sie und dann saßen sie, in glühendem Schweigen aneinander gelehnt, gewiegt durch Madame Dobsons Lied, dessen Melodie in abgerissenen Tönen durch das Buschwerk zu ihnen drang: »Die Liebe zu dir ist mein Leben, Die Liebe zu dir ist mein Schmerz!« Plötzlich erschien Rislers große Gestalt in der Thür. »Hierher, Chèbe, hierher... sie sind im Pavillon!« rief der gute Mann, indem er hereintrat, begleitet von seinen Schwiegereltern, die er herbeigeholt hatte. Nun gab es herzliche Begrüßungen und immer wiederholte Umarmungen, wobei der kleine Chèbe den großen Franz, der ihn um einen ganzen Kopf überragte, mit gönnerhafter Miene betrachtete. »Wie steht's, mein Junge? macht der Kanal von Suez die gewünschten Fortschritte?« Madame Chèbe, für welche Franz noch immer eine Art »künftiger Schwiegersohn« geblieben war, umarmte ihn auf das zärtlichste, während Risler auf der Terrasse seiner Freude wie gewöhnlich in linkischer Weise, mit allerlei Gebärden Ausdruck gab, verschiedene fette Kälber zu schlachten versprach, um die Heimkehr des verlorenen Sohnes zu feiern, und mit einer Stimme, die in allen Nachbargärten hörbar sein mußte, der Gesanglehrerin zurief: »Madame Dobson, Madame Dobson, nichts für ungut! aber was Sie da singen, ist viel zu traurig für heute. Zum Kuckuck mit dem Ausdruck! ... spielen Sie uns 'was Lustiges ... einen Tanz ... ich möchte mit Madame Chèbe 'mal herumwalzen.« »Risler, Risler, sind Sie verrückt... lieber Schwiegersohn ...« »Vorwärts, Mama, immer vorwärts... es geht nicht anders ... hopp ... hopp ...« Dabei zog er seine Schwiegermutter auf den Gartenwegen in einem schwerfälligen, altmodischen sechstaktigen Walzer mit sich fort, und die arme Frau blieb bei jedem Schritte atemlos stehen, um die flatternden Hutbänder und die Spitzen ihres Shawls, des schönen Shawls von Sidoniens Hochzeit, in die gehörige Ordnung zu bringen. Der gute Risler war wie berauscht vor Freude. Für Franz schien der Tag voll unvergeßlicher Qual kein Ende zu nehmen. Spazierfahrt im Wagen, Spazierfahrt im Kahn, Gouter im Grase der Insel des Ravageurs, er mußte jeden Reiz des Aufenthalts von Asnières genießen, und dabei, auf der sonnigen Landstraße wie auf dem schimmernden Strome, mußte er lachen, plaudern, von seiner Reise, von der Landenge von Suez, von den Kanalarbeiten erzählen, die heimlichen Klagen Monsieur Chèbes, der wie immer gegen seine Kinder aufgebracht war, und die Auseinandersetzungen seines Bruders über die Druckmaschine anhören. »Eine rotierende Maschine, lieber Junge!« ... Sidonie überließ sie ihren Unterhaltungen, schien in Gedanken versunken, richtete von Zeit zu Zeit ein Wort oder ein trauriges Lächeln an Madame Dobson und Franz, der sie selbst nicht anzusehen wagte, beobachtete die Bewegungen ihres blau gefütterten Sonnenschirms, das Wallen ihres Kleides. Wie hatte sie sich in den zwei Jahren verändert ... wie schön war sie geworden! Und dann kamen ihm entsetzliche Gedanken. An dem Tage war Rennen in Longchamps; dicht an ihrer Equipage fuhren Wagen vorüber, die von Frauen mit geschminkten, von straffgezogenen Schleiern bedeckten Gesichtern gelenkt wurden. Steif wie Puppen saßen sie da, hielten die große Peitsche gerade in die Höhe und nichts an ihnen schien lebendig zu sein, als die feurigen, auf die Köpfe ihrer Pferde gerichteten Augen. Man sah sich um, wenn sie vorüberfuhren, und alle Blicke folgten ihnen nach, wie mit fortgerissen von der Hast ihrer Fahrt. Diesen Geschöpfen war Sidonie gleich; auch sie hätte in derselben Weise Georges Fromonts Equipage lenken können... denn in Georges' Wagen fuhr Franz spazieren, und Georges' Wein hatte er getrunken, und aller Luxus, dessen man sich in Rislers Häuslichkeit erfreute, kam von Georges. Das war schmachvoll, war empörend... er hätte es seinem Bruder zuschreien mögen ... hatte geradezu die Verpflichtung, es zu thun, war ausdrücklich zu dem Zwecke gekommen ... aber er hatte nicht mehr den Mut dazu. Armer Rächer! Abends nach dem Diner, als sie im Salon beisammen waren, den frische, vom Strom herüberwehende Luft erfüllte, forderte Risler seine Frau zum Singen auf; er wünschte, daß Franz ihre neuen Talente kennen lerne. An das Klavier gelehnt, suchte Sidonie mit schwermütiger Miene die Aufforderung abzulehnen, während Madame Dobson präludierend ihre langen Locken schüttelte. »Ich kann ja nichts... was sollte ich singen?« Endlich gab sie nach. Bleich, ergebungsvoll, wie über den Dingen schwebend, begann sie im zitternden Licht der Kerzen, von denen wie ein Weihrauch der betäubende Duft der Holunderblüten und Hyacinthen auszugehen schien, ein kreolisches Lied zu singen, ein Volkslied der Louisiana, zu dem Madame Dobson die Klavierbegleitung gemacht hatte: »Mamsell Zizi, armes Kind, Liebe, Liebe hat geschwind Ihr den Kopf verdreht.« Während sie die Leiden dieser armen, aus Liebe wahnsinnig gewordenen Mamsell Zizi schilderte, sah auch Sidonie aus, als wäre sie vor Liebe krank. Mit welchem herzzerreißenden Ausdruck, welchem Aufschrei der zum Tode verwundeten Taube sang sie den Kehrreim, dem der kindliche Dialekt der Kolonien eine so süße Schwermut verlieh: »Liebe, Liebe hat geschwind Ihr den Kopf verdreht.« Auch er, der unglückselige Rächer hätte darüber wahnsinnig werden können! Aber nein ... die Sirene hatte ihr Lied falsch gewählt. Bei dem Namen Zizi fühlte sich Franz in ein düsteres Zimmer im Marais versetzt, weit ab von Sidoniens Salon, und das Mitleid seines Herzens zauberte ihm das Bild der kleinen Désirée vor die Seele, die ihn schon so lange geliebt hatte. Bis zu ihrem fünfzehnten Jahre hatte man sie immer Zirée oder Zizi genannt, und sie war ja auch die »kleine Zizi«, das arme Kind des kreolischen Liedes, die verlassene, treue Liebende. Nun mochte Sidonie singen; Franz sah und hörte sie nicht mehr. Er saß auf dem niedrigen Schemel neben dem großen Arbeitstische, wo er so oft die Heimkehr Delobelles erwartet hatte. Dort war Rettung für ihn... nur dort! Zu der Liebe dieses Kindes mußte er flüchten, sich ihr völlig hingeben und bitten: »Nimm mich auf! rette mich!« ... und wer weiß ... sie liebte ihn so innig ... vielleicht war sie im Stande, ihm zu helfen, ihn von seiner verbrecherischen Leidenschaft zu heilen. »Wohin?« fragte ihn Risler, als sein Bruder, sobald der letzte Ton der Begleitung verklungen war, hastig aufstand. »Ich gehe fort... es ist spät.« »Wie... du willst nicht hier bleiben? Dein Zimmer ist bereit.« »Ganz bereit!« fügte Sidonie mit seltsamem Blick hinzu. Er lehnte die Einladung mit einer gewissen Heftigkeit ab. Die Baugesellschaft hatte ihn mit Aufträgen betraut, die seine Anwesenheit in Paris erforderten. Während man ihn noch zu halten suchte, war er bereits im Vorzimmer, eilte im Mondschein durch den Garten und durch das lärmende Treiben von Asnières dem Bahnhofe zu. Als er fort war, ging Risler in sein Schlafzimmer hinauf, während Sidonie und Madame Dobson am offnen Salonfenster stehen blieben. Die Musik des nahen Kasinos schallte zu ihnen herüber, untermischt mit dem »Oho« der Schiffer und dem rhythmischen, an den dumpfen Ton eines Tamburin erinnernden Geräusch des Tanzes. »Ist das ein Störenfried!« sagte Madame Dobson. »Immerhin ... ich habe ihn matt gesetzt,« antwortete Sidonie; »aber in acht nehmen muß ich mich ... er ist sehr eifersüchtig und wird mich scharf bewachen. – So will ich denn an Cazaboni schreiben, daß er in der nächsten Zeit nicht herkommen soll, und du kannst morgen früh Georges benachrichtigen, daß er auf vierzehn Tage nach Savigny gehen muß.« Fünfzehntes Kapitel. »Mamselle Zizi, armes Kind.« Désirée war glückselig. Wie in der alten, schönen Zeit setzte sich Franz auch jetzt wieder Tag für Tag auf den Schemel zu ihren Füßen, aber nicht, um von Sidonie zu sprechen. Sobald sie morgens zu arbeiten anfing, sah sie langsam ihre Thür aufgehen. »Guten Morgen, Mamsell Zizi ...« er nannte sie jetzt immer so, mit ihrem Kindernamen, und es war nicht zu sagen, wie hübsch dies »Mamsell Zizi« klang. Abends warteten sie zusammen auf den »Vater«, und er erzählte ihr so schaurige Geschichten von seinen Reisen, daß sie aus dem Grauen nicht herauskam. »Was ist's denn mit dir? Du bist ja ganz verändert!« sagte Mama Delobelle, voll Erstaunen, sie jetzt so heiter und vor allem so beweglich zu sehen. Denn statt wie bisher, mit der Entsagung einer kleinen Großmutter in ihrem Lehnstuhl auszuharren, stand die kleine Lahme jetzt alle Augenblicke auf, ging mit einer Leichtigkeit, als ob ihr Flügel gewachsen wären, ans Fenster, blieb dort hochaufgerichtet stehen und fragte ihre Mutter im Flüstertone: »Sieht man es auch, wenn ich nicht gehe?« Bisher hatte sich ihre Eitelkeit auf ihr hübsches, kleines Köpfchen beschränkt, jetzt erstreckte sie sich, wie ihr gelöstes, leicht gelocktes Haar, über ihre ganze zierliche Gestalt. Sie war jetzt wirklich sehr, sehr eitel ... das mußte jedermann auffallen. Selbst die Vögel und Käfer hatten ein ganz ungewöhnlich kokettes Aussehen. Ja, Désirée Delobelle war glückselig. Seit einigen Tagen sprach Monsieur Franz davon, sie alle aufs Land hinauszuführen, und da der Vater, der immer so gütig, so großmütig war, nichts dagegen hatte, daß sich Mutter und Tochter ein Erholung gönnten, brachen sie alle vier eines Sonntagmorgens auf. Man kann sich's gar nicht vorstellen, wie schön das Wetter an diesem Tage war. Als Désirée um sechs Uhr früh das Fenster öffnete und durch den Morgennebel die warme, leuchtende Sonne sah, als sie an Bäume, Felder und Wege dachte, an die ganze wundervolle Natur, die sie so lange nicht gesehen und nun am Arme ihres Franz begrüßen sollte, traten ihr Thränen in die Augen. Das Glockengeläut, der Pariser Straßenlärm, der zu ihrem Fenster emporstieg, der Sonntagsputz, die Festfeier der Armut, die selbst von den Wangen der Kohlenträger leuchtet, das ganze Morgenrot dieses ungewöhnlichen Tages wurde von ihr in andächtiger Freude genossen. Am Abend zuvor hatte ihr Franz einen Sonnenschirm gebracht, ein kleines Schirmchen mit Elfenbeingriff; sie selbst hatte sich einen sehr hübschen aber sehr einfachen Anzug zurecht gemacht, wie er für ein armes kleines Wesen paßt, das unbemerkt bleiben möchte; und doch ist es kaum genug, die kleine Lahme reizend zu nennen. Punkt neun Uhr kam Franz mit einem Wagen, den er auf den ganzen Tag genommen hatte, und stieg die Treppen hinauf, um seine Gäste abzuholen. Mademoiselle Zizi ging, sich auf die Rampe stützend, ohne Zaudern ganz allein hinunter; Mama Delobelle, die sie überwachte, kam hinterdrein, und der berühmte Schauspieler, mit dem Ueberrock auf dem Arme, eilte mit dem jungen Manne voran, um den Wagenschlag zu öffnen. O wie herrlich war die Fahrt! wie schön die Gegend, der Strom, die Bäume! Fragt nicht, wohin sie fuhren ... Désirée weiß es nicht. Sie wird euch nur sagen, daß die Sonne an diesem Orte glänzender schien, als anderswo, die Vögel lustiger, die Wälder schattiger waren ... und das ist sicherlich keine Uebertreibung. In ihrer frühen Kindheit hatte sie hin und wieder einen Tag auf dem Lande, in frischer Luft verlebt; später aber wurde sie durch unablässige Arbeit, Armut und das allen Kränklichen eigne Behagen am Stillsitzen in dem alten Pariser Stadtviertel, das sie bewohnte, festgehalten und seine hohen Dächer, seine Fenster mit eisernen Balustraden, seine Fabrikschornsteine, deren neue rote Ziegelmauer sich grell von den altersschwarzen Gebäuden ehemaliger Edelhöfe abheben, bildeten ihren immer gleichen, ihr völlig genügenden Gesichtskreis. Seit langer Zeit hatte Désirée keine andern Blumen gesehen, als die Winden an ihrem Fenster, und keine andern Bäume als die Akazien der Fromontschen Fabrik, die sie aus der Ferne durch Dampf und Rauch erkennen konnte. Darum war ihr Herz von Freude geschwellt, als sie sich wieder einmal im Freien befand. Von neu erwachender Jugendlust belebt, entdeckte sie immer neue Ueberraschungen, die sie mit Händeklatschen, mit leisen Jubelrufen, mit Ausbrüchen kindlichen Entzückens begrüßte, unter denen sie die Unsicherheit ihrer Schritte verbarg. – Von ihrem Gebrechen war wirklich nicht viel zu sehen, auch war Franz beständig in ihrer Nähe, voll Aufmerksamkeit und mit zärtlichen Augen immer bereit, sie zu stützen und ihr beim Ueberschreiten der Gräben die Hand zu reichen. Wie ein Traum ging der herrliche Tag vorüber. Der weite blaue Himmel, der durch die Zweige schimmerte, das Unterholz, das sich in behaglicher Sicherheit zu den Füßen der Bäume schmiegt, wo alle Blumen höher aufsprießen und goldige Moose wie Sonnenstrahlen an den Eichenstämmen glänzen, die plötzlichen Ausblicke auf sonnige Lichtungen, alles, selbst die Ermattung nach dem langen Aufenthalt in freier Luft, bezauberte und beglückte sie. Gegen Abend, als sie vom Waldessaum aus, im ersterbenden Tageslicht, die weißschimmernden, sich durch die Felder schlängelnden Wege, den silbernen Strom und weit in der Ferne, im Einschnitt zwischen zwei Hügeln, ein Durcheinander grauer Dächer, Türme und Kuppeln erblickte, schloß sie dies blühende, von Liebe durchleuchtete, von Frühlingsdüften erfüllte Landschaftsbild in die tiefste Tiefe ihres Herzens, als ob sie dergleichen niemals, niemals wiedersehen sollte. Der Strauß, den die kleine Lahme von diesem Ausfluge mitgebracht hatte, durchduftete ihr Zimmer eine ganze Woche lang. Zu den Hyacinthen, Veilchen und Weißdornblüten gesellten sich darin zahllose Blumen ohne Namen, jene bescheidenen, den Armen aber wohlbekannten Blumen, deren Same, vom Winde verstreut, an allen Wegrändern aufsprießt. Beim Anblick dieser winzigen Blütenkelche in mattem Blau, lebhaftem Rosa, allen jenen feinen Farbentönen, welche die Blumen schon vor unsern Koloristen erfunden haben, machte Désirée in diesen acht Tagen den schönen Spaziergang immer aufs neue. Die Veilchen erinnerten sie an den moosigen Abhang, wo sie dieselben gepflückt und beim Suchen so oft die Hand des Freundes berührt hatte; die großen Wasserblumen hatten am Rande eines noch vom Winterregen nassen Grabens gestanden, und um sie erreichen zu können, war Désirée genötigt, sich fest auf Franz zu stützen. Alle diese Erinnerungen tauchten während der Arbeit in ihr auf, indes im Sonnenschein, der durch das Fenster fiel, die Federn der Kolibris schimmerten. Frühling, Jugend, Gesang und Blumen hatten die düstere Arbeitsstube im fünften Stock völlig verwandelt, und Désirée sagte im vollen Ernst zu Madame Delobelle, indem sie den Duft des Straußes, den ihr der Freund gebunden, immer wieder einatmete: »Hast du wohl bemerkt, Mama, wie gut dies Jahr alle Blumen riechen?« Auch Franz begann denselben Zauber zu empfinden. Nach und nach bemächtigte sich »Mamsell Zizi« seines Herzens und verdrängte selbst die Erinnerung an Sidonie. Wahr ist's, daß der arme Rächer alles aufbot, um dies Ziel zu erreichen. Zu jeder Stunde des Tages war er bei Désirée, an die er sich anschmiegte wie ein Kind. Nicht ein einziges Mal hatte er nach Asnières zurückzukehren gewagt... er fürchtete sich noch zu sehr vor jener Frau. »Komm doch heraus . .. Sidonie verlangt nach dir,« sagte der brave Risler immer wieder, wenn ihn Franz in der Fabrik aufsuchte. Aber der junge Mann blieb fest und schützte allerlei Geschäfte vor, um seinen Besuch von Tag zu Tag hinausschieben zu können. Uebrigens machte das Risler gegenüber durchaus keine Schwierigkeiten, da ihn seine Druckmaschine, deren Herstellung begonnen hatte, mehr als je in Anspruch nahm. Jedesmal, wenn Franz seinen Bruder verließ, erwartete ihn der alte Sigismund in großen wollenen Schreiberärmeln, die Feder hinter dem Ohre und das Federmesser in der Hand, um ihn einige Schritte zu begleiten und ihm vom Stand der Dinge Bericht zu geben. Seit einiger Zeit schien alles besser zu gehen; Monsieur Georges kam täglich in sein Fabrikcomptoir und fuhr jeden Abend nach Savigny; an der Kasse liefen keine Rechnungen ein, selbst die Dame draußen in Asnières schien sich ruhiger zu verhalten. Der Kassierer triumphierte. »Siehst du wohl, Kleiner, wie gut es war, daß ich dir schrieb. Du hast nur zu kommen brauchen, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Und doch,« fügte er in alter Gewohnheit hinzu, »doch glaub' ich noch immer, daß es gar nicht gut steht.« »Sorgen Sie sich nicht, Monsieur Sigismund,« sagte der Rächer; »jetzt bin ich da!« »Und du willst noch nicht fort, nicht wahr, lieber Junge?« »Nein, nein, noch nicht ... ich habe erst noch eine wichtige Angelegenheit zu ordnen.« »Um so besser!« Die wichtige Angelegenheit, von der Franz hier sprach, war seine Heirat mit Désirée Delobelle. Noch hatte er niemand davon gesagt – auch dem jungen Mädchen nicht. Aber Mamsell Zizi schien etwas zu ahnen, denn von Tag zu Tag wurde sie heiterer und hübscher, als ob sie den Augenblick herannahen fühle, für den sie aller ihrer Schönheit und Freude bedürfen würde. An einem Sonntagnachmittage waren sie allein im Atelier. Mama Delobelle war ausgegangen, voller Stolz, sich einmal wieder am Arme ihres großen Mannes zeigen zu dürfen, und hatte Freund Franz ihrer Tochter zur Gesellschaft zurückgelassen. Sorgfältig gekleidet, mit einem gewissen festlichen Ausdruck in seinem ganzen Wesen, hatte Franz ein zugleich schüchternes und entschlossenes, gerührtes und feierliches Aussehen, und schon die Art und Weise, in der sich der niedrige Schemel an den großen Lehnstuhl heranschob, verriet, daß man ihm etwas Wichtiges anvertrauen wollte, und er hatte vielleicht eine leise Ahnung, was es sein werde. Das Gespräch begann mit ganz nichtssagenden Worten, die jeden Augenblick durch lange Pausen unterbrochen wurden – wie man während einer Wanderung immer wieder stehen bleibt, um für den weiteren Weg Atem zu schöpfen. »Wie schön ist das Wetter heute.« «Wunderschön!« »Unser Strauß riecht noch immer gut.« »Sehr gut!« Und bei diesen gleichgültigen Worten lag die Erregung dessen, was kommen sollte, im Ton ihrer Stimmen. Endlich näherte sich der kleine Schemel dem großen Lehnstuhle noch etwas mehr, und indem sich die Blicke und Hände der beiden jungen Leute fanden, sprachen sie leise und langsam ihre Namen aus: »Désirée!« »Franz!« In diesem Augenblick wurde an die Thür geklopft. Es war das leichte Anklopfen mit fein behandschuhtem Finger, der sich bei der leisesten Berührung zu beschmutzen fürchtet. »Herein!« sagte Désirée mit einer Regung des Unmuts, und über die Schwelle trat Sidonie, schön, kokett und freundlich. Sie kam, ihre kleine Zizi zu besuchen, wollte sie im Vorübergehen einmal wieder umarmen; sie hatte sich schon so lange danach gesehnt. Daß Franz hier war, schien sie zu überraschen, und sie gab sich so ganz der Freude hin, einmal wieder mit ihrer alten Freundin plaudern zu können, daß sie ihn kaum beachtete. Nach allerlei Gefühlsausbrüchen, Liebkosungen und langen Gesprächen von vergangenen Zeiten wünschte sie das Flurfenster und die Rislersche Wohnung wiederzusehen ... Es machte ihr so viel Vergnügen, dabei gleichsam ihre ganze Jugendzeit wachzurufen. »Erinnern Sie sich, Franz, wie die Prinzessin Kolibri in Ihr Zimmer kam und ihr Köpfchen unter einem Diadem von Federn hoch aufgerichtet trug?« Franz antwortete nicht; er war zu tief bewegt, um Worte zu finden, denn ein gewisses Etwas sagte ihm, daß diese Frau um seinetwillen – nur um seinetwillen gekommen sei; daß sie ihn wieder haben, ihn verhindern wolle, einer andern zu gehören, und der Unglückselige fühlte, daß ihr dies nur zu leicht gelingen werde. Gleich als er sie eintreten sah, war sein Herz aufs neue gefangen. Désirée hatte von dem allem keine Ahnung; Sidonie sah so freundlich, so unbefangen aus. Ueberdies waren die beiden Bruder und Schwester – von Liebe konnte zwischen ihnen nicht mehr die Rede sein. Dennoch überschlich die kleine Lahme ein Vorgefühl ihres Unglücks, als Sidonie schon auf der Thürschwelle, im Begriff zu gehen, sich nachlässig umwendete und zu ihrem Schwager sagte: »Eben fällt mir ein, Franz, daß mir Risler aufgetragen hat, Sie zum Diner mitzubringen ... der Wagen steht unten ... wir holen Ihren Bruder in der Fabrik ab.« Und mit dem reizendsten Lächeln der Welt fügte sie hinzu: »Nicht wahr, du bist bereit, ihn uns zu überlassen, liebe Zizi? .. Sei ohne Sorge... du sollst ihn wieder haben.« Er hatte wirklich den Mut zu gehen, der Undankbare! Ohne Zaudern, ohne sich noch einmal umzusehen, ging er von dannen, von seiner Leidenschaft fortgerissen wie von einer wilden Meeresströmung, und weder an diesem, noch einem der folgenden Tage, überhaupt nie im Leben erfuhr Mamsell Zizi, was ihr der kleine Schemel so Besondres zu sagen gehabt hatte. Sechzehntes Kapitel. Im Wartesaal »Ja, ja, ich liebe Dich! ich liebe Dich mehr als je und für alle Zeit ... wozu noch kämpfen und sich sträuben? Unsre Sünde ist stärker als wir. – Aber ist's denn Sünde, daß wir uns lieben? waren wir nicht füreinander bestimmt und haben wir nicht das Recht, uns wieder zu vereinigen, dem Leben zum Trotz, das uns getrennt hat? ... Komm, komm! es ist beschlossen, wir entfliehen. Morgen abend um zehn Uhr, Lyoner Bahnhof. Ich nehme die Billets und erwarte Dich. Franz.« Seit vier Wochen hoffte Sidonie auf diesen Brief; seit vier Wochen hatte sie alle ihre List, alle ihre Schmeichelkünste aufgeboten, um ihrem Schwager einen schriftlichen Ausbruch seiner Leidenschaft zu entlocken. Es war ihr schwer geworden, dies Ziel zu erreichen; ein junges, ehrliches Herz, wie es Franz besaß, bis zum Verbrechen zu bethören, war nicht leicht, und in diesem eigentümlichen Ringen, wo der wahrhaft Liebende gegen sich selbst ankämpfte, hatte sie sich oft am Ende ihrer Kraft, beinahe entmutigt gefühlt. Oft, wenn sie ihn völlig besiegt glaubte, empörte sich sein gerader Sinn, und er war drauf und dran zu fliehen, sich ihr zu entreißen. So war es denn ein großer Triumph für sie, als ihr eines Morgens dieser Brief gebracht wurde. Eben war Madame Dobson gekommen, ihr die Klagen Georges Fromonts zu übermitteln. Er sehnte sich nach seiner Geliebten und begann sich über diesen Schwager, der eifersüchtiger und anspruchsvoller war als der Ehemann, Gedanken zu machen. »Der arme, liebe Mensch, der arme, liebe Mensch!« sagte die gefühlvolle Amerikanerin. »Wenn du nur sähest, wie unglücklich er ist!« Dabei schüttelte sie ihre Locken, band ihre Notenrollen auf und zog die Briefe des armen, lieben Menschen daraus hervor, die sie sorgfältig zwischen die Blätter ihrer Lieder zu verstecken pflegte. Sie war glückselig, in diese Liebesgeschichte verflochten zu sein und sich in einer Atmosphäre voller Intriguen und Geheimnisse berauschen zu können, die ihren kalten Augen, ihrem nüchternen Blond eine gewisse Wärme zu geben schien. Das Merkwürdigste dabei war, daß diese junge, hübsche Frau, die sich so bereitwillig dazu verstand, zu einer verbotenen Korrespondenz die Hand zu bieten, in ihrem ganzen Leben keinen einzigen Liebesbrief geschrieben oder erhalten hatte. Immer unterwegs zwischen Asnières und Paris, wobei sie irgend eine Liebesbotschaft unter dem Flügel hatte, blieb diese seltsame Brieftaube ihrem Taubenschlage allezeit treu und girrte nur in tugendhaft-berechtigter Weise. Als Sidonie ihr zeigte, was Franz geschrieben hatte, fragte sie: »Was wirst du antworten?« »Ich habe geantwortet ... habe ja gesagt.« »Wie ... mit dem Narren willst du fortgehen?« Sidonie lachte. »Fällt mir gar nicht ein! ich habe nur ja gesagt, damit er mich auf dem Bahnhof erwartet ... das ist alles, was ich beabsichtige. Diese Viertelstunde der Angst hat er reichlich um mich verdient, denn wie hat er mich nun schon seit vier Wochen gepeinigt. Mein ganzes Leben habe ich, diesem Herrn zuliebe, umgestalten müssen; habe keinen Besuch empfangen dürfen, habe mich genötigt gesehen, meine Thür für alle meine Freunde, alle jungen und liebenswürdigen Menschen, für Georges, selbst für dich zu verschließen ... denn du weißt doch, mein Liebchen, daß er auch dich nicht leiden konnte und dich gern, wie alle andern, aus dem Hause gewiesen hätte.« Was Sidonie nicht eingestand, obwohl es sie am meisten gegen Franz erbitterte, war, daß er ihr, indem er sie mit ihrem Manne bedrohte, große Furcht eingeflößt hatte. Von jenem Augenblick an war ihr unbehaglich zu Mute gewesen, denn ihr Leben, ihr liebes Leben, das ihr über alles ging, schien ihr ernstlich in Gefahr zu sein. Diese hellblonden, scheinbar ruhigen Männer, zu denen Risler gehörte, können in eine furchtbare Wut geraten, deren Folgen nicht zu berechnen sind. Sie gleichen jenen farblosen, geruchlosen Sprengstoffen, vor deren Anwendung man zurückschreckt, weil ihre Wirkung unbekannt ist. Der Gedanke, daß ihr Mann eines Tages von ihrer Aufführung unterrichtet werden könnte, erfüllte Sidonie geradezu mit Entsetzen. Aus ihrem früheren Leben in einem armen, volkreichen Stadtviertel tauchten allerlei Erinnerungen an unglückliche Ehen in ihr auf, an die Rache betrogener Ehemänner, an Blut, das die Schande des Ehebruchs bespritzt hatte. Düstere Todesbilder verfolgten sie ... und der Tod, die ewige Ruhe, das Schweigen des Grabes waren ein Schrecken für dies kleine, freudendurstige, von wahnsinniger Lebenslust erfüllte Wesen. Allen diesen Befürchtungen machte der hochwillkommene Brief ein Ende. Nun war es unmöglich, daß Franz sie anklagte; selbst in der Wut über die erfahrene Täuschung konnte er es nicht thun, nachdem er ihr eine solche Waffe in die Hände gegeben. Und selbst wenn er sprach, brauchte Sidonie nur seinen Brief zu zeigen, um Risler zu überzeugen, daß alle seine Anklagen nur Verleumdungen waren. ... Ja, Herr Rächer, jetzt sind Sie gefangen! Eine tolle Freude kam über Sidonie. »Ich lebe auf ... ich lebe auf!« sagte sie zu Madame Dobson. Sie lief durch den Garten, pflückte große Blumensträuße für ihren Salon, öffnete alle Fenster dem Sonnenschein, gab der Köchin, dem Kutscher, dem Gärtner allerlei Befehle. Das Haus sollte schön sein, denn Georges kam wieder, auch veranstaltete sie ein großes Diner für das Ende der Woche. Es war, als ob sie den letzten Monat über fort gewesen wäre, von einer langweiligen, anstrengenden Geschäftsreise heimkehrte und alles in Bewegung setzte, um wieder Lust und Leben um sich zu sehen. Am folgenden Abend waren Sidonie, Risler und Madame Dobson im Salon bei einander. Während Risler ein dickleibiges Buch über Mechanik durchblätterte, begleitete Madame Dobson Sidoniens Gesang. Plötzlich brach diese mitten im Liede in ein lautes Gelächter aus. Es hatte eben zehn Uhr geschlagen. Risler blickte verwundert auf. »Warum lachst du?« »Es ist nichts, mir fiel nur etwas ein,« antwortete Sidonie, indem sie Madame Dobson mit einem Augenblinzeln die Uhr zeigte. Es war die Stunde, des Stelldicheins und Sidonie dachte an die Qualen, mit denen Franz auf sie wartete. Seit der Rückkehr des Boten, der dem jungen Manne Sidoniens in fieberhafter Aufregung erwartetes Ja gebracht hatte, war plötzlich eine große Ruhe über ihn gekommen ... er fühlte sich wie erlöst. Kein Schwanken und Zaudern mehr, kein Ringen zwischen Pflicht und Leidenschaft. Mit aller Vorsicht traf er seine Vorbereitungen, holte seinen Koffer herbei, leerte Schrank und Kommode und lange vor der Zeit, die er zum Abholen des Gepäcks bestimmt hatte, saß er mitten im Zimmer auf einer Kiste, betrachtete die an der Wand befestigte Landkarte, die ihm wie ein Sinnbild seiner Irrfahrten erschien, und verfolgte mit den Augen die geraden Linien der Straßen und die wellenförmige Umgrenzung der Meere. Nicht ein einziges Mal fiel ihm ein, daß an der andern Seite des Flurs um ihn geseufzt und geweint wurde, nicht ein einziges Mal dachte er an die Verzweiflung seines Bruders, an das furchtbare Drama, das sie hinter sich ließen. Dem allem war er weit entrückt, sah sich bereits mit Sidonie in dunkler Kleidung, wie sie zur Flucht und Reise passend ist, auf dem Perron des Bahnhofes ... später am Ufer des blauen Meeres, wo sie eine Zeitlang blieben, um die Verfolger irre zu führen ... und endlich in einem fernen unbekannten Lande, wo sie niemand finden und ihm entreißen konnte. Oder er dachte an den Waggon, in dem sie durch die nächtlichen Gefilde dahin fuhren; ein blasses, zierliches Köpfchen lag neben ihm auf dem Kissen, ein blühender Mund war seinen Lippen nahe und zwei tiefe Augen sahen im sanften Dämmerlicht der Lampe zu ihm auf, während Dampf und Räder sie in wiegender Bewegung forttrugen. Und nun brause und zische, Lokomotive, erschüttere die Erde, röte den Himmel, speie Rauch und Flammen aus, stürze dich in Tunnels, eile über Berge und Ströme, fliege, brenne, berste, aber nimm uns mit, trage uns fort, weit fort vom Leben der Menschen, ihren Gesetzen, ihren Neigungen ... fort aus dem Leben, fort von uns selbst! Zwei Stunden ehe der Billetschalter für den bestimmten Zug geöffnet wurde, befand sich Franz bereits auf dem Lyoner Bahnhof, der in seiner häßlichen Kahlheit, seiner Entfernung vom Mittelpunkt des Pariser Lebens schon eine erste Station der Provinz zu sein scheint. Der junge Mann setzte sich in den dunkelsten Winkel und blieb da regungslos, wie betäubt. In seinem Hirn war um diese Zeit nicht weniger Unruhe und Verwirrung als rings um ihn her. Eine Ueberfülle abgerissener Gedanken, unklarer Erinnerungen, fremdartiger Vorstellungen drängte sich ihm auf. In einer Minute trug ihn sein Gedächtnis in solche Weiten, daß er sich zwei oder dreimal fragen mußte, warum er hier sei und was er erwarte. Aber aus diesen wirren Gedanken stieg Sidoniens Bild wieder auf und überstrahlte sie mit voller Klarheit. Sie wollte kommen! Mechanisch, obwohl die Stunde des Stelldicheins noch nicht erschienen war, suchte er in der sich drängenden, lärmenden Menge nach ihrer eleganten Gestalt und glaubte jeden Augenblick, sie aus dem Gewühl hervortreten zu sehen, das vor ihrer leuchtenden Schönheit ehrfurchtsvoll zurückwich. Nach wiederholtem Ankommen und Abfahren und zahllosen, wie eine Wehklage unter der Wölbung verhallenden Pfiffen trat eine plötzliche Stille auf dem Bahnhofe ein, der nun so verödet war, wie eine Kirche am Wochentage. Der Zehnuhrzug war der nächste, vor demselben ging kein andrer mehr ab. Franz erhob sich. Es war kein Traum mehr, keine in unbegrenzter Zukunftsweite verlorene Chimäre. In einer Viertelstunde, einer halben Stunde spätestens mußte sie da sein. Jetzt begann für ihn die entsetzliche Qual der Erwartung, jene schmerzliche Spannung des Körpers und der Seele, in der das Herz nicht mehr schlägt, der Atem stockt, wie die Gedanken, während Gebärden und Worte unvollendet bleiben und alles harrt, alles wartet. Hundertmal haben uns Dichter die schmerzliche Ungeduld des Liebenden geschildert, der auf jeden heranrollenden Wagen, jeden leichten Schritt auf der Treppe lauscht. Aber viel qualvoller ist's, der Geliebten auf einem Bahnhofe, in einer Wartehalle entgegensehen zu müssen. Die düster brennenden Lampen, die auf dem staubbedeckten Fußboden ohne Widerschein bleiben, die weiten Nischen der vergitterten Fenster, das unablässige Geräusch von Schritten und zufallenden Thüren, das an das Ohr schlägt, die hohen, kahlen Wände, die daran hängenden Plakate: »Vergnügungszug nach Monaco« – »Rundreise durch die Schweiz« – die eigentümliche Atmosphäre voll Reisehast und Unruhe, voll Gleichgültigkeit und Wechsel – alles trägt dazu bei, das Herz zusammenzuschnüren und die Angst zu steigern. Franz ging hin und her, um die ankommenden Wagen zu beobachten. Sie fuhren an der breiten Steintreppe vor; der Schlag wurde geöffnet, geräuschvoll wieder zugeschlagen und aus der draußen herrschenden Dunkelheit traten die Ankommenden in das Licht, das ihnen auf der Thürschwelle entgegenfiel; da waren ruhige und aufgeregte, glückliche und gramvolle Gesichter; Federhüte, von hellen Schleiern umgeben, neben der Haube der Bäuerin; schlaftrunkene Kinder, die an der Hand fortgezogen wurden ... Bei jeder neuen Erscheinung bebte Franz zusammen; er glaubte sie zu sehen, zaudernd, dicht verschleiert, etwas befangen ... wie schnell wäre er an ihre Seite geeilt, sie zu beruhigen und zu schützen. Je mehr sich der Bahnhof füllte, um so schwieriger wurde die Aufgabe des Spähenden. Die Wagen folgten sich ohne Unterbrechung, so daß er von einer Thür zur andern laufen mußte; endlich ging er hinaus, weil er glaubte, dort besser beobachten zu können. Ueberdies war er nicht im stande, mit der Angst, die ihn bedrückte, in der Stickluft der Wartehalle auszuharren. Es war Ende September, das Wetter lau und feucht. Durch den leichten Nebel schimmerten die Wagenlaternen trübe von den abschüssigen Straßen herauf und jede derselben schien, während sie herankam, dem Ungeduldigen zuzuwinken: »Ich bin's ... ich komme!« Aber die Aussteigende war nicht Sidonie und gleichgültig sah er den Wagen, dem er mit hoffnungsvollem Herzen, als ob er mehr als sein Leben in sich schlösse, entgegengeschaut, leicht und leer nach Paris zurückkehren. Die Stunde der Abfahrt nahte. Franz sah nach der Uhr ... es fehlte nur noch eine Viertelstunde. Er erschrak, aber die Glocke des Schalters, der eben geöffnet wurde, rief ihn heran und er stellte sich in die lange Reihe der Billetlösenden. »Zwei Plätze erster Klasse nach Marseille!« forderte er und hatte das Gefühl, damit gewissermaßen von Sidonie Besitz zu ergreifen. Durch Gepäckkarren und verspätete, hastig herbeilaufende Reisende bahnte er sich den Rückweg nach seinem Beobachtungsposten. »Achtung!« riefen ihm die Kutscher zu, aber er hörte sie nicht und blieb mit weitgeöffneten Augen im Bereich der Räder und Pferdehufe stehen. Nur noch fünf Minuten! Es war fast unmöglich, daß sie rechtzeitig kam. Die Leute stürzten in die inneren Säle, die Koffer wurden in den Gepäckwagen geworfen, große Leinwandbündel, Reisetaschen mit Messingbeschlägen, Umhängetaschen und Körbe von den verschiedensten Größen und Formen drängten voller Hast, hin und her gestoßen, derselben Thür zu. Endlich kam sie ... Ja, das mußte sie sein ... eine Dame in Schwarz, schlank und zierlich, von einer kleineren, wahrscheinlich Madame Dobson, begleitet. Aber auf den zweiten Blick erkannte er seinen Irrtum. Es war eine junge Frau, die ihr ähnlich sah, eine elegante Pariserin wie sie, aber mit glückstrahlendem Gesicht. Ein junger Mann gesellte sich zu ihr ... sie machten wohl ihre Hochzeitsreise und die Mutter begleitete sie zur Eisenbahn. Sie gingen an Franz vorbei, wie umhüllt von dem Glücksgefühl, das sie erfüllte. Mit einer Empfindung von Neid und Zorn sah er sie, eng aneinander geschmiegt, durch die Doppelthür verschwinden, als wären sie in dem sie umgebenden Gewühl nur um so inniger vereint. Franz war zu Mute, als hätten ihn die beiden beraubt, als nähmen sie den Platz im Zuge ein, der ihm und Sidonie gehörte. Die wilde Hast der Abfahrt tritt ein; der letzte Glockenschlag ertönt; in das dumpfe Brausen der Lokomotive mischt sich das Geräusch eiliger Schritte, zugeschlagener Thüren und fortfahrender Omnibusse. Und Sidonie kommt nicht ... und Franz wartet noch immer! In diesem Augenblick legt sich eine Hand auf seine Schulter. Großer Gott! Der junge Mann sieht sich um und erblickt Monsieur Gardinois' dicken Kopf in einer Mütze mit Ohrenklappen. »So habe ich mich nicht geirrt ... Sie sind es wirklich, Herr Risler, und reisen, wie es scheint, mit dem Schnellzuge nach Marseille. Auch ich fahre mit dem Zuge, aber nicht so weit.« Er setzt Franz auseinander, daß er den Zug nach Orleans verfehlt hat und nun versuchen will, auf der Lyoner Bahn nach Savigny zu gelangen. Dann spricht er von Risler senior und der Fabrik. »Es scheint seit einiger Zeit mit den Geschäften nicht besonders zu gehen ... durch den Bonardelschen Bankerott haben sie eine Ohrfeige bekommen ... und sie mögen sich nur in acht nehmen, unsre jungen Leute, wie sie die Dinge treiben, können sie in dasselbe Geleis geraten wie die Bonardels. Aber verzeihen Sie ... ich glaube, der Schalter soll geschlossen werden. ... Auf Wiedersehen!« Franz hat die Worte des alten Gardinois kaum gehört; der Bankerott seines Bruders, der Zusammensturz der ganzen Welt, nichts kümmert ihn mehr ... er wartet nur, wartet, wartet ... Plötzlich fällt der Schalter zu, wie eine letzte Schranke vor der Hartnäckigkeit seines Hoffens. Wiederum ist der Bahnhof verödet, die Menschenmenge strömt die Straßen entlang und ein gellender Pfiff, der im nächtlichen Dunkel verhallt, trägt ihm gleichsam einen spöttischen Abschiedsgruß zu. Der Zehnuhrzug ist abgefahren! Er versucht, ruhig zu bleiben und sich die Sachlage zu erklären. Wahrscheinlich hat sie den Zug von Asnières versäumt, aber da sie weiß, daß er sie erwartet, wird sie zu irgend einer andern Stunde im Laufe der Nacht zu ihm kommen. Er muß weiter warten; der Saal ist ja dazu bestimmt. Der Unglückliche setzt sich auf eine Bank; die großen Fenster sind geschlossen und sehen mit der dahinter liegenden Finsternis aus, als wären sie schwarz lackiert. Die schlaftrunkene Bücherverkäuferin ordnet ihren Verkaufsstand. Mechanisch betrachtet Franz die buntscheckigen Bändereihen der Eisenbahnbibliothek, deren Titel er – nach vierstündigem Hiersein – bereits auswendig weiß. Es sind Bücher darunter, die er, wie ihm einfällt, in seinem Zelte in Ismailia oder auf dem Schiffe gelesen hat, mit dem er von Suez zurückgekommen ist, und alle diese unbedeutenden alltäglichen Romane haben für ihn einen Hauch der See oder des Südens an sich. Aber nach einer Weile wird der Bücherstand geschlossen und auch dies Hilfsmittel, sich auf Augenblicke seiner wachsenden Ermüdung, seinem fieberhaften Warten zu entreißen, geht ihm verloren. Auch die Spielzeugbude ist bereits von schützenden Planken eingehegt; die Pfeifen, Schubkarren, Gießkannen, Schaufeln und Rechen, das ganze Spielzeug des kleinen Parisers, der aufs Land geht, wird unsichtbar, und die Verkäuferin, eine kränklich und trübselig aussehende Frau, wickelt sich in ihren alten Mantel, nimmt ihre Kohlenpfanne in die Hand und geht. Alle diese Leute haben ihr Tagewerk vollendet, nachdem sie dasselbe, beharrlich – thatkräftig wie ganz Paris, das seine Laternen erst im Morgengrauen auslöscht – so lange als möglich ausgedehnt. Bei dem Gedanken an lange Nachtarbeit fällt ihm ein wohlbekanntes Zimmer ein, wo auch die Lampe noch um diese Stunde einen mit Kolibris und bunten Käfern beladenen Tisch bescheint. Aber das Bild verschwindet gleich wieder in dem Chaos abgerissener Erinnerungen, die das Fieber der Erwartung in ihm wachruft. Plötzlich kommt ihm zum Bewußtsein, daß er vor Durst beinahe verschmachtet. Das Bahnhofrestaurant ist noch offen; er tritt hinein. Schlafende Nachtkellner liegen auf den Bänken, der Fußboden ist naß vom Gläserspülen. Es dauert eine Ewigkeit, bis er bedient wird, und als er endlich trinken will, fällt ihm ein, daß Sidonie während seiner Abwesenheit gekommen sein und nach ihm suchen könnte. Er springt auf, legt das Geld zu dem vollen Glase auf den Tisch und stürzt davon wie ein Rasender. Sie kommt nicht mehr ... er fühlt es. Der einförmige, gleichmäßige Ton seiner Schritte auf dem Perron des Bahnhofes reizt seine Nerven ... er ist ein Zeugnis seiner Wachsamkeit, seines Mißgeschicks. Was ist denn geschehen? ... Was kann sie zurückgehalten haben? Ist sie krank geworden, oder hat sich schon vor der That ihr Gewissen geregt? ... Aber in diesem Falle hätte sie ihn benachrichtigt, hätte Madame Dobson zu ihm geschickt. Oder hatte sein Bruder den Brief gefunden? Sidonie war so unbesonnen, so leichtsinnig. Während er sich in dieser Weise in Vermutungen verlor, verging die Zeit. Nach und nach traten die Giebel der Gebäude von Mazas aus der Dunkelheit hervor. Was nun beginnen? Er mußte so schnell als möglich nach Asnières gehen, sich erkundigen, Aufschluß zu erlangen suchen. Er hätte schon dort sein mögen. Sobald sein Entschluß gefaßt war, eilte er mit raschen Schritten die Bahnhofsauffahrt hinunter und kam an Soldaten, die mit Tornistern bepackt waren, und an Scharen armer Leute vorüber, die zum Frühzuge eintrafen, dem Zuge des Elends, das zeitig aufstehen muß. Im Morgengrauen durchschritt er Paris, ein düsteres, fröstelndes Paris, in das hin und wieder die Laternen der Polizeiposten ein rotes Licht warfen, während die Schutzmänner paarweise auf und ab patrouillierten, an den Straßenecken stehen blieben und sich forschend umsahen. Vor einer der Polizeiwachen sah er einen Zusammenlauf von allerlei Gesindel, Lumpensammlern und Bauersfrauen. Wahrscheinlich sollte hier vor dem Polizeikommissär irgend ein nächtliches Drama seine Lösung finden. Ach! wenn Franz dies Drama gekannt hätte ... aber er ahnte nichts ... gleichgültig sah er aus der Ferne darauf hin. Aber alle diese häßlichen Eindrücke, das bleiche, müde Morgenlicht, die Gaslaternen am Ufer der Seine, die wie blasse Totenkerzen brannten, die eigne Ermattung nach der schlaflosen Nacht erfüllten ihn mit tiefer Traurigkeit. Als er nach zwei- bis dreistündigem Marsch in Asnières ankam, hatte er das Gefühl des Erwachens. Die Sonne, die in voller Pracht aufgegangen war, überstrahlte Fluß und Ebene. Die Brücke, die Häuser, der Quai, alles war von jener Morgenklarheit umflossen, die dem neuen Tage, der aus nächtlichem Dunkel emporsteigt, etwas Glänzendes, heiter Lächelndes gibt. Von weitem sah Franz das Haus seines Bruders; auch hier war alles wach; die Jalousieen standen offen und Blumen in den Fenstern. Dennoch irrte er eine Zeitlang umher und wagte nicht einzutreten. Plötzlich wurde er vom Ufer aus angerufen. »Sie da, Monsieur Franz, wie früh Sie heute aufgestanden sind ...« Es war Sidoniens Kutscher, der seine Pferde in die Schwemme führte. »Nichts Neues bei Ihnen vorgefallen?« fragte der junge Mann in zitternder Spannung. »Nicht daß ich wüßte, Monsieur Franz.« »Ist mein Bruder zu Hause?« »Nein, der Herr ist über Nacht in der Fabrik geblieben.« »Ist niemand krank geworden?« »Nein, Monsieur Franz; wenigstens habe ich nichts davon gehört.« Nach diesen Worten führte er die Pferde ins Wasser, das ringsumher aufspritzte. Nun entschloß sich Franz, an der Gartenpforte zu klingeln. Die Gartenwege wurden geharkt; das Haus war in Bewegung und trotz der frühen Stunde hörte er Sidoniens Stimme hell und klar, wie das Gezwitscher der Vögel in den Kletterrosen am Hause. Sie sprach mit großer Lebhaftigkeit. Franz näherte sich tief erregt, um zu lauschen. »Nein, keinen Creme ... die kalte Speise genügt, aber sie muß auf Eis gestanden haben und um sieben Uhr fertig sein. Und was nehmen wir als Entree... was meinen Sie?« Sidonie war mit ihrer Köchin in eifriger Beratung über das große Diner, das sie am folgenden Tage geben wollte, und das plötzliche Erscheinen ihres Schwagers störte sie durchaus nicht. »Guten Morgen, Franz«, sagte sie ganz ruhig; »ich stehe gleich zu Diensten ... Wir haben morgen ein großes Diner ... Kunden des Hauses, Geschäftsfreunde ... Sie verzeihen, nicht wahr?« Frisch und lächelnd in ihrem weißen, schleppenden Morgenkleide und zierlichen Spitzenhäubchen, fuhr sie fort, ihren Küchenzettel zu machen, während sie die frische Luft, die von Strom und Wiesen herüberwehte, in vollen Zügen einatmete. In ihrem Antlitz war keine Spur von Kummer oder Unruhe zu entdecken. Ihre glatte Stirn, der reizend verwunderte Ausdruck ihres Blicks, der sie so lange jung erhielt, ihre rosigen, halbgeöffneten Lippen standen in auffallendem Gegensatz zu dem Aussehen des jungen Mannes, den die schlaflose Nacht voll banger Erwartung völlig erschöpft hatte. Während einer langen Viertelstunde mußte Franz, der in einem Winkel des Salons saß, die üblichen Gerichte eines bürgerlichen Diners in hergebrachter Reihenfolge an sich vorüberziehen sehen, von dem kleinen, warmen Pastetchen, der normannischen Scholle und den zahllosen Gewürzen, die zu ihrer Sauce verwendet werden, bis zu den Pfirsichen von Montreuil und den Trauben von Fontainebleau ... nicht ein Zwischengericht wurde ihm geschenkt. Endlich waren sie allein und er konnte sprechen. »Haben Sie meinen Brief etwa nicht erhalten?« fragte er mit dumpfer Stimme. »Gewiß... er ist richtig angekommen.« Sie war aufgestanden, um vor dem Spiegel ein paar kleine Löckchen zu ordnen, die sich mit ihren wallenden Bändern verwirrt hatten, und fuhr, ihr Bild betrachtend, fort: »Gewiß, ich habe Ihren Brief erhalten und bin sehr froh, ihn zu besitzen. Sollten Sie jetzt jemals wieder Lust verspüren, Ihrem Bruder die häßlichen Klatschereien zu hinterbringen, womit Sie mich bedroht haben, so kann ich ihm sofort beweisen, daß nur der Rachedurst einer verbrecherischen Liebe, welche von mir in gebührender Weise zurückgewiesen wurde, zu diesen verleumderischen Angebereien Anlaß gegeben hat. Das lassen Sie sich gesagt sein, mein Bester... und leben Sie wohl!« Strahlend, wie eine Schauspielerin, die einen wirkungsvollen Abgang hat, schritt sie an ihm vorüber und verließ den Salon mit lächelndem Munde, siegesfroh, ohne zornige Erregung. Und er brachte sie nicht um! Siebzehntes Kapitel. Eine »Vermischte Nachricht«. Am Vorabend dieses Unglückstages, wenige Minuten nachdem Franz sein Zimmer in der Rue de Braque heimlich verlassen hatte, kam der berühmte Delobelle tief niedergeschlagen, mit jenem Ausdruck der Enttäuschung und Mutlosigkeit nach Hause, mit dem er unangenehme Ereignisse aufzunehmen pflegte. »Ach, mein Gott, lieber Mann, was ist dir widerfahren?« fragte Mama Delobelle, die trotz zwanzigjährigen Zusammenlebens für die theatralisch-übertriebene Mimik ihres Gatten noch immer empfänglich war. Der alte Komödiant, der niemals versäumte, seinen Aussprüchen ein auf der Bühne gebräuchliches Mienenspiel vorauszuschicken, zog, ehe er antwortete, mit dem Ausdruck des Ekels und Widerwillens die Mundwinkel herab, als ob er soeben etwas Bitteres verschluckt hätte. »Mir ist widerfahren,« sagte er, »daß ich mich aufs neue überzeugen muß, wie undankbar oder egoistisch diese Rislers sind ... jedenfalls sind sie ganz ungebildete Leute. – Wißt ihr, was ich soeben von dem Portier unten im Hause – der mich dabei spöttisch von der Seite ansah – gehört habe? Denkt euch: Franz Risler ist fort... er hat das Haus, möglicherweise auch schon die Stadt verlassen, ohne mir auch nur die Hand zu drücken und mir für die freundliche Aufnahme zu danken, die ihm bei uns zu teil geworden ist. Wie findet ihr das? ... denn nicht wahr, er hat auch euch nicht Lebewohl gesagt ... und doch ist's kaum vier Wochen her, da war er – was ich ihm auch gar nicht zum Vorwurf machen will – täglicher Gast im Hause.« Ein Ausruf der Mama Delobelle verriet ihr Erstaunen und ihre herzliche Betrübnis. Désirée dagegen sagte nicht ein Wort, machte nicht eine Bewegung – immer derselbe kleine Eisblock. Selbst der Messingdraht, den sie eben in den Fingern drehte, blieb in der bisherigen, gleichmäßigen Bewegung. »Und da bildet man sich ein, Freunde zu haben!« fuhr der große Delobelle fort. »Was hat mir der nun wieder vorzuwerfen?« Es war eine seiner fixen Ideen, sich vom Haß der ganzen Welt verfolgt zu glauben. Es gehörte zu seiner Stellung im Leben... er war nun einmal ein Märtyrer der Kunst. Sanft, mit beinahe mütterlicher Zärtlichkeit – es liegt immer etwas Mütterliches in der nachsichtigen, verzeihenden Liebe, die solche große Kinder einflößen – suchte Mama Delobelle ihren Mann zu trösten, überhäufte ihn mit Liebkosungen und fügte seiner Mahlzeit einen Leckerbissen zu. Der arme Mann war übrigens ernstlich betrübt. Durch die Abreise Franz Rislers wurde das Amt eines ewigen Gastgebers, das ehemals dessen älterer Bruder verwaltet hatte, aufs neue erledigt und der Schauspieler gedachte der vielen Annehmlichkeiten, die ihm verloren gingen. Aber zur Seite dieses eigennützigen, oberflächlichen Kummers befand sich ein wahrer, unermeßlicher Schmerz... ein Schmerz von tödlicher Gewalt und die verblendete Mutter erkannte ihn nicht. – Sieh deine Tochter doch nur an, Unglückselige! ihre durchsichtige Blässe, ihre thränenlosen Augen, die mit starrem Glänze vor sich hinschauen, als ob sich die Gedanken wie die Blicke auf ein Etwas richteten, das nur ihnen sichtbar wird. Suche die arme, leidbelastete Seele zu erschließen: befrage dein Kind; bringe die Aermste zum Sprechen, zum Weinen vor allem, damit sie von ihrer erdrückenden Last befreit wird, damit ihre von Thränen verdunkelten Augen nicht mehr im Leeren jenes furchtbare, unbekannte Etwas zu sehen vermögen, an das sie sich so verzweiflungsvoll anklammern. Ach! es gibt Frauen, in denen die Mutter die Gattin ertötet – hier hatte die Mutter der Gattin weichen müssen. Für die Priesterin des Götzen Delobelle, die sich ganz in der Anbetung ihres Abgottes verlor, war ihre Tochter nur auf der Welt, um sich demselben Kultus zu weihen, vor demselben Altare auf den Knieen zu liegen. Sie beide hatten nur die eine Aufgabe im Leben, für den Ruhm des großen Mannes zu arbeiten und ihn über das Verkennen seines Talentes zu trösten. Alles übrige war nicht vorhanden. Niemals hatte Mama Delobelle Désirées plötzliches Erröten gesehen, sobald Franz ins Zimmer trat, niemals darauf geachtet, wie das liebende Mädchen auf den seltsamsten Umwegen immer und immer wieder die Rede auf ihn zu bringen, immer wieder seinen Namen in die Plaudereien zu verflechten wußte, womit sie sich bei der Arbeit unterhielten. Und doch war dies seit Jahren geschehen, seit jenen fernen Tagen, als Franz noch in aller Frühe, wenn Mutter und Tochter ihre Arbeitslampe anzündeten, nach der Ecole Centrale zu gehen pflegte. Auch um jenes träumerische Schweigen hatte sie sich nie gekümmert, in das sich glückliche, vertrauensvolle junge Herzen mit ihren Zutunftshoffnungen versenken; und wenn sie hin und wieder, über Désirsées Verstummen verwundert, flüchtig gefragt hatte: »Was fehlt dir?« so brauchte das junge Mädchen nur zu antworten: »Gar nichts«, um den auf Augenblicke unterbrochenen Gedankengang der Mutter ohne weiteres seiner Lieblingsrichtung wieder zuzulenken. So hatte diese Frau, die im Herzen ihres Mannes zu lesen und jede Falte seiner olympischen, nichtssagenden Stirn zu deuten wußte, für ihre arme Zizi nicht einen Augenblick jener hellsehenden Zärtlichkeit gehabt, durch welche sich auch eine bejahrte, verblühte Mutter so weit verjüngt, daß sie die Freundin ihres Kindes, seine Vertraute und Ratgeberin werden kann. Das ist der verderblichste Einfluß des unbewußten Egoismus eines Mannes wie Delobelle; er zieht auch die Selbstsucht andrer in seiner Umgebung groß. Die Gewohnheit gewisser Familien, alles einer einzigen Persönlichkeit unterzuordnen, hat zur unausbleiblichen Folge, daß Freuden und Schmerzen, welche mit dieser nichts zu thun haben, vollständig übersehen werden. – In welcher Beziehung aber konnte das herbe Liebesleid, das ein junges Mädchenherz mit Thränen füllte, zu dem Ruhme des großen Schauspielers stehen? Und doch war Désirée tief unglücklich! Seit einem Monat etwa, seit jenem Tage, als Sidonie gekommen war, um Franz in ihrem Wagen mitzunehmen, wußte die arme Kleine, daß sie nicht mehr geliebt wurde, und kannte den Namen ihrer Nebenbuhlerin. Sie grollte den beiden nicht, beklagte sie eigentlich nur. – Aber warum war er zurückgekommen? – Warum hatte er so leichtsinnig diese falsche Hoffnung in ihr erweckt? Wie der unglückliche Gefangene sich an die Finsternis seines Kerkers, an die Enge des ihn umschließenden Raumes gewöhnt, seine Zelle aber doppelt traurig, seine Dunkelheit doppelt schwer zu ertragen findet, wenn er für einen Augenblick ins Freie geführt worden ist, so hatte auch das helle Licht, das plötzlich in das Leben des armen Kindes gefallen und ebenso plötzlich wieder verschwunden war, ihr Dasein nur um so finsterer und öder gemacht. Wie viele Thränen hatte sie seitdem im Verborgenen geweint! wie schweres Leid ihren Vögelchen zu klagen gehabt! Denn auch jetzt wieder hatte die Arbeit sie aufrecht erhalten, die angestrengte, unaufhörliche Arbeit, deren Einförmigkeit, mit der Wiederkehr derselben Aufgaben und Handgriffe, auch ihre Gedanken gleichsam in gewissen Schranken hielt. Und wie unter ihren Händen die kleinen toten Vögel einen Anschein des Lebens erhielten, so regten von Zeit zu Zeit auch die erstorbenen Hoffnungen und Wünsche, umweht von einem feineren, durchdringenderen Gift, als das vom Arbeitstische aufsteigende war, in ängstlichem Auferstehungsverlangen die Flügel. Franz war nicht auf immer für sie verloren. Obwohl er nur noch selten kam, wußte sie ihn in der Nähe, hörte ihn kommen und gehen, unruhig im Zimmer auf und nieder schreiten, und konnte zuweilen durch die halbgeöffnete Thür sein geliebtes Profil erblicken, wenn er hastig über den Treppenflur eilte. Er sah nicht glücklich aus . .. welches Glück hatte er überhaupt zu hoffen ... die Frau, die er liebte, war seines Bruders Weib! Bei dem Gedanken aber, daß Franz unglücklich war, konnte das gute Wesen den eignen Kummer beinahe vergessen, um nur den des Freundes mit zu fühlen. Daß er niemals als Liebender zu ihr zurückkehren konnte, wußte sie nur zu gut; aber sie dachte sich, daß er eines Tages, zum Tode verwundet, hereintreten, sich auf den niedrigen Schemel setzen, seinen Kopf auf ihren Schoß legen, ihr seine Leiden klagen und aufschluchzend bitten würde: »Tröste mich!« Von dieser armen Hoffnung nährte sie sich seit drei Wochen schon – sie bedurfte so wenig zum Leben! Doch nun war ihr auch dies wenige genommen! Franz war fort – fort, ohne Abschiedsblick, ohne Lebewohl für sie... Nach dem Verrat des Geliebten den Verrat des Freundes; es war entsetzlich ... Bei den ersten Worten ihres Vaters fühlte sie sich in einen tiefen, dunkeln, eisigkalten Abgrund gestoßen, in dem sie schnell und willenlos versank. Sie wußte, daß sie das Licht nie wiedersehen würde, war dem Ersticken nahe; sie hätte sich sträuben, sich widersetzen, um Hilfe rufen mögen. Aber wen? Daß ihre Mutter sie nicht hören würde, wußte sie. Sidonie! oh, jetzt hatte sie die einstige Freundin erkannt. – Eher hätte sie sich an die kleinen Vögel mit dem glänzenden Gefieder wenden können, deren Augen sie mit so gleichgültiger Heiterkeit ansahen. Das Schrecklichste war die sich ihr augenblicklich aufdrängende Ueberzeugung, daß sie fortan auch in der Arbeit keine Hilfe finden würde ... auch diese hatte ihren wohlthätigen Einfluß verloren; die schlaffen Arme hatten keine Kraft mehr, die müden Hände sanken unthätig, in tiefer Mutlosigkeit nieder. Was hätte sie in ihrem Unglück aufrecht erhalten sollen? Gott! – der sogenannte Himmel? Nicht einmal der Gedanke daran kam ihr. In Paris, besonders in den Arbeitervierteln, sind die Häuser zu hoch, die Straßen zu eng, die Luft ist zu dick, um den Anblick des Himmels zu gestatten; er verschwindet im Rauch der Fabriken, im Dunst, der von den feuchten Dächern aufsteigt. Ueberdies ist das Leben, das die meisten dieser Menschen führen, ein so schweres, daß wenn inmitten ihres Elends der Glaube an eine Vorsehung in ihnen erwachte, sie derselben die Faust zeigen und ihr fluchen würden. Darum gibt es so viele Selbstmorde in Paris. Seine Bevölkerung, die das Beten verlernt hat, ist immer bereit zum Sterben. Der Tod erscheint ihr als das Ende aller ihrer Leiden, er befreit, er tröstet. Er war es, den die kleine Lahme so unverwandt anstarrte. Ihr Entschluß stand augenblicklich fest: sie mußte sterben. Aber wie? Während das gemeine Leben rings um sie her im gewohnten Gleise weiterging, ihre Mutter das Essen zubereitete und der große Mann sich in einem langen Monologe über die Undankbarkeit des Menschengeschlechts aussprach, saß Désirée still in ihrem Sessel und überlegte, welche Todesart sie wählen solle. Da sie fast nie allein war, konnte von dem Kohlenbecken, das man entzündet, nachdem Thüren und Fenster verstopft sind, nicht die Rede sein, und da sie nie aus dem Hause kam, war auch an das Gift nicht zu denken, das beim Droguisten zu haben ist; das kleine Päckchen weißen Pulvers, das man mit Fingerhut und Nadelbüchse tief in die Tasche steckt. Es gab zwar noch den Phosphor der Streichhölzer, den Grünspan alter Kupfermünzen, das offne Fenster, das nach der Straße hinausgeht; aber der Gedanke, ihren Eltern das entsetzliche Schauspiel ihres selbstgewählten Todeskampfes zu geben, oder den Anblick ihrer traurigen Ueberreste, die inmitten eines Volkshaufens aufgehoben wurden, veranlaßte sie, auf diese Hilfsmittel zu verzichten. Nun blieb ihr noch der Strom. Das Wasser kann den Körper so weit forttragen, daß er nicht wieder gefunden wird, so daß der Tod in geheimnisvolles Dunkel gehüllt bleibt. Der Strom... Sie schauderte, wenn sie daran dachte, aber nicht vor dem Bilde der tiefen, dunkeln Flut... die erschreckt ein Pariser Mädchen nicht! Man wirft die Schürze über den Kopf, um nichts zu sehen, und springt hinein... Aber Désiree muhte allein die Treppe hinunter, allein über die Straße gehen, und die Straße beängstigte sie. Während so das arme Kind schon im voraus mit dem Grauen des Todes, der Vernichtung rang und mit verstörtem Blick, in dem der Wahnsinn des Selbstmords aufleuchtete, in den dunkeln Abgrund niederstarrte, begann der große Delobelle sich zu fassen. Seine Deklamationen verloren an Heftigkeit, und da es heute Kohl gab, den er besonders gern aß, wurde er im Verlauf der Mahlzeit immer milder gestimmt, gedachte seiner einstigen Erfolge, des goldnen Kranzes der Abonnenten zu Alençon, und sobald er mit dem Essen fertig war, begab er sich, gebügelt und geschniegelt, mit weißen Manschetten und einem neuen, glänzenden Hundertsousstück in der Tasche, das ihm seine Frau gegeben, damit er sich als flotter Kamerad zu zeigen vermochte, ins Odeon-Theater, wo sein Freund Robricart im ›Misanthrop‹ debütierte. »Ich bin sehr froh,« sagte Mama Delobelle, während sie den Tisch abdeckte, »daß es dem Vater so gut geschmeckt hat. Das hat den armen, lieben Mann etwas getröstet, und sein Theater wird ihn vollends aufheitern... er hat es so nötig...« ... Ja, das war das Entsetzliche: sie mußte allein über die Straße gehen, mußte warten, bis das Gas ausgelöscht war, und dann, wenn die Mutter schlief, leise die Treppe hinuntergehen, die Klingel ziehen, und wenn die Thüre geöffnet war, hinaushuschen, um das schreckliche Paris zu durchwandern, wo man an Männern vorüberkommt, die einem keck ins Gesicht sehen, und an Kaffeehäusern, die in hellem Lichtglanz strahlen. Schon als Kind hatte Désirée die Straßen gefürchtet; wenn sie als kleines Mädchen fortgeschickt wurde, um eine Besorgung zu machen, folgten ihr die Gassenjungen lachend nach und sie wußte kaum, was ihr peinlicher war, das spöttische Nachäffen ihres hinkenden Ganges, in dem sich diese frechen kleinen Burschen gefielen, oder das Bedauern der Vorübergehenden, die den Blick mitleidig abwendeten. Ueberdies fürchtete sie die Wagen, die Omnibusse ... es war weit bis zur Seine, sie zu erreichen eine große Anstrengung... aber es blieb nichts andres übrig. »Ich gehe zu Bett, Töchterchen, und du... willst du noch aufbleiben?« Ohne die Augen von der Arbeit zu erheben, antwortet das Töchterchen, daß es noch aufbleiben, das Dutzend fertigmachen will. »Gute Nacht denn!« sagt Mama Delobelle, deren angegriffene Augen das Lampenlicht nicht lange ertragen können. »Vaters Abendessen steht am Feuer; du siehst wohl einmal danach, ehe du dich niederlegst.« Désirée hat keine Unwahrheit gesagt, sie will das Dutzend fertigmachen, damit es der Vater morgen forttragen kann. Wer das zierliche Köpfchen im Lampenlicht so still über die Arbeit gebeugt sähe, würde nie erraten, von welchen düsteren Gedanken es erfüllt ist. Endlich ist das letzte Vögelchen des Dutzends vollendet, ein wundervolles kleines Geschöpf, dessen Flügel wie in Meerwasser getaucht, wie Saphir glänzen. Sorgsam und zierlich befestigt es Désirée auf den Messingdraht, in der anmutigen Haltung des aufgescheuchten, davonfliegenden Vogels. Oh! wie schnell es davonfliegt, das blaue Vögelchen... wie ungestüm es sein Flügelschlag in die Weite trägt... wir fühlen, daß es sich um die weite, ewige Reise handelt... die Reise ohne Wiederkehr. Die Arbeit ist vollendet, der Tisch aufgeräumt, jeder Seidenfaden sorgsam aufgelesen, jede Stecknadel auf das Kissen gesteckt. Wenn der Vater heimkehrt, wird er unter der halbeingeschraubten Lampe sein Abendessen in der warmen Asche stehen sehen, und dieser unheilvolle Abend wird ihm, durch die Ordnung der Wohnung und die Beachtung aller seiner Eigenheiten so friedlich behaglich erscheinen, wie jeder andre. Leise öffnet Désirée den Schrank, nimmt ein kleines Umschlagetuch heraus, in das sie sich einhüllt... dann geht sie. Wie? nicht ein Blick für ihre Mutter, nicht ein stummes Lebewohl, nicht eine Regung der Wehmut? Nein, nichts von alledem. Mit der erschreckenden Klarheit, welche die Nähe des Todes gibt, hat sie plötzlich erkannt, welcher egoistischen Liebe sie selbst wahrend ihrer Kindheit und Jugend aufgeopfert wurde, und weiß, daß ein zärtliches Wort ihres großen Mannes genügen wird, die Schlafende zu trösten. Fast möchte ihr Désirée zürnen, daß sie nicht erwacht, daß sie ihr Kind fortgehen lassen kann, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken. Wer in der Jugend stirbt, selbst wenn es freiwillig geschieht, wird sich immer dagegen sträuben. Auch Désirée hadert mit ihrem Geschick, während sie aus dem Leben scheidet. Nun ist sie auf den Straßen. Wohin wird sie sich wenden? Ringsum ist es öde; diese tagsüber so belebten Straßen werden abends frühzeitig still; man arbeitet hier zu emsig, um nicht schnell einzuschlafen. Während das Paris der Boulevards noch in voller Bewegung ist und den rosigen Widerschein seines Lichtes, wie den Abglanz einer fernen Feuersbrunst über die ganze Stadt verbreitet, sind hier die Hausthüren geschlossen, die Fenster mit Läden versehen. Von Zeit zu Zeit wird ein Thürklopfer hörbar; oder der Schritt eines Stadtsergeanten, der ungesehen vorbeigeht, oder das Selbstgespräch eines Betrunkenen unterbricht die nächtliche Stille; oder ein Windstoß, der von den benachbarten Quais herüber weht, rüttelt an den Laternenscheiben, an den Stricken eines Kranes, fegt um eine Straßenecke oder erstirbt mit ächzendem Laut in den Ritzen eines Thorweges, In ihr Tuch gewickelt, mit erhobenem Kopfe und trocknen Augen geht Désirée rasch dahin. Ohne den Weg zu kennen, geht sie gerade aus, immer gerade aus. Die engen, düsteren Straßen des Marais, in denen nur hin und wieder ein mattes Gaslicht blinkt, winden und kreuzen sich, so daß sie in ihrem fieberhaften Suchen immer wieder in dieselbe Gegend kommt. Es ist, als ob sie beständig durch irgend etwas vom Flusse fern gehalten würde, obwohl ihr der feuchte Wind seinen Hauch ins Gesicht weht. Das Wasser scheint vor ihr zurückzuweichen, dicke Mauern, hohe Häuser sich zwischen sie und den Tod zu stellen. Aber die lahme Kleine ist tapfer und schreitet auf dem holprigen Pflaster der alten Straßen immer weiter und weiter. Habt ihr jemals am Abend eines Jagdtages ein verwundetes Rebhuhn in einer Furche dahin fliehen sehen? es duckt sich, indem es, den blutenden Flügel nachschleppend, einem Versteck zueilt, in welchem es in Ruhe sterben kann. Der unsichere Gang der kleinen schattenhaften Gestalt, die das Trottoir entlang längs der Mauern hinhuscht, macht ganz denselben Eindruck. Und zu derselben Stunde irrt – fast in demselben Stadtviertel – ein andrer wartend, spähend, verzweifelnd durch die Straßen. Ach! wenn sie sich doch begegneten, sie ihn anredete, den wie vom Fieber Gejagten, ihn nach ihrem Wege fragte: »Verzeihen Sie, Monsieur... wie komme ich nach der Seine?« Er würde sie augenblicklich erkennen. »Wie, Sie sind es, Mamsell Zizi? was haben Sie so spät auf der Straße zu thun?« »Ich will sterben, Franz! die Freude am Leben ist mir durch Sie verloren gegangen.« Dann würde er sie tiefbewegt umfassen, sie an sich drücken, in seinen Armen forttragen und bitten: »Nein, nein, stirb nicht! ich bedarf deiner, um mich zu trösten, mich zu heilen von allem Weh, das jene Frau mir zugefügt hat.« Aber das ist ein Dichtertraum, eine jener Begegnungen, die im wirklichen Leben nicht stattfinden. Es ist ein grausames, ein hartes Leben! Wie oft, wenn nur die geringste Kleinigkeit erforderlich wäre, um ein Menschendasein zu retten, versagt es diese Kleinigkeit... darum sind alle wahren Geschichten so traurig. Straßen und wieder Straßen, dann ein Platz und eine Brücke, deren Gaslaternen sich im dunkeln Wasser spiegeln. Da endlich ist der Strom! im Nebel der milden, feuchten Herbstnacht sieht sie das ihr unbekannte Paris in wirrer, beängstigender Größe vor sich ausgebreitet. .. hier muß sie sterben. Sie fühlt sich so klein, so verlassen, so verloren in der unermeßlichen Weite dieser großen, hellerleuchteten, öden Stadt; ihr ist, als ob sie bereits gestorben wäre. Sie nähert sich dem Quai; plötzlich wird sie durch einen Duft von Blumen, Laub und feuchter Erde einen Augenblick festgehalten. Zu ihren Füßen, auf dem Trottoir dicht am Ufer stehen eine Menge mit Stroh umwickelter Gewächse und zierlicher, in weißes Papier gehüllter Blumentöpfe, die für den Markt des nächsten Morgens bestimmt sind. Schlaftrunken lehnen sich die Verkäuferinnen, in Tücher gewickelt, ein Kohlenbecken unter den Füßen, in ihre Stühle. Da sind Astern in allen Farben, späte Rosen und Reseda erfüllen die Luft mit Wohlgeruch, werfen im blassen Mondenschein einen leichten Schatten um sich her und sind, ihrem heimatlichen Boden entrissen, bereit, den Launen des erwachenden Paris zu dienen. Arme, kleine Désirée! Es ist, als ob ihre ganze Jugend, ihre wenigen Freudentage, ihre verratene Liebe mit den Wohlgerüchen dieses wandernden Gartens an ihr Herz drängen. Langsam geht sie zwischen den Blumen hin; zuweilen schlägt ein Windstoß die höheren Stauden zusammen, daß es klingt wie leises Waldesrauschen und aus den flachen, mit Küchenkräutern gefüllten Körben steigt der Brodem feuchter Erde empor. Sie erinnert sich der Fahrt aufs Land, die sie mit Franz gemacht hat. Der frische Hauch der Natur, den sie damals zum erstenmal geatmet, umweht sie wieder in der Todesstunde. »Entsinnst du dich?« scheint er sie zu fragen, und in Gedanken gibt sie zur Antwort: »Jawohl, ich entsinne mich!« ... die Erinnerung ist nur zu lebendig. Am Ende des wie zu einem Feste geschmückten Quais, an der Treppe, die zum Wasser hinunter führt, bleibt der kleine, leichte Schatten stehen. Gleich darauf erhebt sich den ganzen Quai entlang Lärm und Geschrei. »Schnell einen Kahn ... einen Bootshaken!« Von allen Seiten eilen Schiffer und Stadtsergeanten heran; ein Nachen mit einer Laterne am Bug stößt vom Ufer. Die Blumenhändlerinnen erwachen, und da eine von ihnen gähnend fragt, was geschehen ist, gibt die Kaffeeverkäuferin, die an der Ecke der Brücke kauert, ruhig zur Antwort: »Ein Frauenzimmer ist ins Wasser gesprungen.« Aber der Strom hat das Opfer verschmäht; er hat Mitleid mit so viel Anmut und Güte. – Im Lichte der Laternen, die unten am Ufer hin und her schwanken, bildet sich eine dunkle Gruppe, setzt sich in Bewegung. Désirée ist gerettet – ein Schiffsarbeiter hat sie dem Strome entrissen; Stadtsergeanten tragen sie; Schiffer und Auslader gehen nebenher und aus der Dunkelheit hört man eine heisere Stimme sagen: »Hat mir das Wasserhühnchen Mühe gemacht! . .. schlüpfte mir immer wieder aus den Händen... hat mir offenbar die Rettungsprämie nicht gegönnt!« Nach und nach legt sich die Aufregung; die Neugierigen verschwinden, und während sich die dunkle Gruppe einer Polizeiwache zuwendet, schlafen die Blumenverkäuferinnen wieder ein und auf dem verödeten Quai zittern die Astern im Nachtwinde. Armes Kind! Du glaubtest, es wäre so leicht, sich aus dem Leben fortzustehlen und plötzlich zu verschwinden. Du ahntest nicht, daß der Strom, anstatt dich schnell dem ersehnten Nichts zuzutragen, dich aller Schmach, allem Elend eines verfehlten Selbstmordes überantworten würde. – Zuerst der Polizeiwache, einem abscheulichen Aufenthaltsorte, mit schmutzigen Bänken und staubigem, feuchtem, wie von Straßenschmutz bedecktem Fußboden. Hier mußte Désirée den Rest der Nacht zubringen. Man hatte sie auf ein Feldbett vor dem Ofen gelegt, der aus Mitleid für sie stark geheizt war und in dessen ungesunder Glut ihre schweren, wassergetränkten Kleidungsstücke dampften. Wo befand sie sich? ... Sie vermochte sich darüber keine Rechenschaft zu geben; undeutlich, ohne zu begreifen, wo sie war, sah sie auf Lagerstätten, die der ihrigen glichen, mehrere Männer liegen und hörte an der Hinterthür des Saales zwei eingesperrte Trunkenbolde unter fürchterlichen Flüchen klopfen und herumtappen. In ihrer Nähe kauerte eine in Lumpen gehüllte Frau mit herabhängenden Haaren vor der Ofenthür; aber der Feuerschein war nicht im stande, ihr hageres, blasses Gesicht zu röten. Es war eine Irrsinnige, die man im Laufe der Nacht aufgegriffen hatte, ein armes, unglückliches Geschöpf, das mechanisch den Kopf bewegte und unaufhörlich, fast ohne die Lippen zu regen, vor sich hinmurmelte: »Ja, ja, die Not... das kann ich sagen.... ja, ja die Not, das kann ich sagen...« Diese jämmerliche Klage inmitten des Schnarchens der schlafenden Männer war für Désirée unsäglich qualvoll. Sie schloß die Augen, um dies irre Gesicht nicht mehr zu sehen, in dem sie mit Entsetzen das Bild ihrer eignen Verzweiflung zu erkennen glaubte. Von Zeit zu Zeit wurde die Thür nach der Straße geöffnet; der Wachhabende rief ein paar Namen; zwei Stadtsergeanten gingen hinaus, zwei andre traten herein und warfen sich tief ermüdet auf die Feldbetten, wie Matrosen, die auf Deck ihre Quartierwache gethan haben. Endlich kam der Tag mit seinem kalten, den Kranken so verderblichen Schauern. Auch Désirée erwachte plötzlich aus ihrer Betäubung, richtete sich im Bette auf, warf den Mantel ab, in den man sie gehüllt hatte, und versuchte trotz Fieber und Ermattung aufzustehen, um wieder von sich selbst, von ihrem Willen Besitz zu ergreifen. Sie hatte nur den einen Wunsch, sich den Augen zu entziehen, die sie anstarrten, dem entsetzlichen Orte zu entrinnen, wo selbst der Schlaf so schweren Atem, so unbehagliche Stellungen annahm. »Meine Herren, ich bitte,« sagte sie, am ganzen Körper bebend, »lassen Sie mich nach Haus, zu meiner Mutter.« Wie verhärtet auch die wackeren Leute gegen die vielfachen Schauerscenen des Pariser Lebens sein mochten, dennoch fühlten sie, daß ihnen hier etwas Edleres, Rührenderes gegenüberstand als gewöhnlich. Aber Désirée ohne weiteres zu ihrer Mutter zu bringen, ging nicht an; vorher mußte sie dem Polizeikommissär vorgeführt werden – das war nicht zu umgehen. Aus Mitleid für das arme Mädchen wurde ein Wagen herbeigeholt. Doch nun mußte sie das Haus verlassen und vor der Thür standen eine Menge Menschen, um die kleine Lahme mit ihren nassen, an den Schläfen klebenden Haaren und ihrem dicken Uniformmantel, unter dem sie vor Kälte zitterte, vorübergehen zu sehen. Im Polizeibüreau mußte sie eine dunkle, feuchte Treppe hinaufsteigen, auf der allerlei Galgengesichter an ihr vorüberkamen. Dann erreichte sie eine Flügelthür, die im lebhaften Geschäftsverkehr ohne Aufhören hin und her schlug, ging durch kalte, dunkle Zimmer, auf deren Bänken eine Anzahl schweigender, betäubter, schlaftrunkener Leute saßen: Vagabunden, Diebe, Dirnen; endlich erreichte sie einen Tisch mit einer alten grünen Decke, an dem der Schreiber des Polizeikommissärs saß: hier wurde vorläufig Halt gemacht. Als Désirée eintrat, kam aus dem dunkeln Hintergrunde ein Mann auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. Es war der fürchterliche Mensch, der sie für die übliche Belohnung von fünfundzwanzig Frank gerettet hatte. »Nun, Mütterchen,« sagte er mit cynischem Lachen und einer heiseren, an die Nebelnächte auf dem Flusse erinnernden Stimme, »wie befinden wir uns nach unserm Untertauchen?« Und dann erzählte er den Anwesenden, wie er sie erst so angepackt habe, und dann so , und versicherte, daß sie ohne ihn jetzt auf dem Wege nach Rouen dahinschwimmen müßte. Die Unglückselige war dunkelrot vor Scham und Fieber und so verwirrt, daß es ihr schien, als hätte das Wasser einen Schleier auf ihren Augen und ein Brausen in ihren Ohren zurückgelassen. Endlich wurde sie in ein kleineres Gemach geführt, vor einen feierlich aussehenden Herrn mit einem Orden, den Herrn Polizeikommissär in eigner Person, der eben seinen Kaffee trank und dazu die Gerichtszeitung las. »So, Sie sind es!« sagte er in barschem Ton und tauchte, ohne den Blick zu erheben, ein Stückchen Semmel in die Tasse, worauf der Polizeidiener, der Désirée herein geführt hatte, seinen Rapport zu lesen begann: »Um elf dreiviertel Uhr hat am Quai de la Mégisserie, vor dem Hause Nr. 17 eine gewisse Delobelle, vierundzwanzig Jahre alt, Blumenmacherin, wohnhaft Rue de Braque bei ihren Eltern, einen Selbstmord versucht, indem sie sich in die Seine stürzte; sie ist jedoch durch den Schiffsarbeiter Parcheminet, wohnhaft Rue de la Butte-Chaumont, wohlbehalten aus dem Wasser gezogen worden.« Der Herr Polizeikommissär aß immer weiter und hörte zu mit der ruhigen, gelangweilten Miene eines Mannes, den nichts mehr überraschen kann; dann richtete er einen strengen, prüfenden Blick auf die ›gewisse Delobelle‹ und hielt ihr eine gewaltige Strafrede. Sie hatte sich eines schweren Unrechts, einer großen Feigheit schuldig gemacht. Was hatte sie zu einer so verwerflichen That getrieben? ... warum war sie im Begriff gewesen, einen Selbstmord zu begehen? ... die gewisse Delobelle wurde dringend ermahnt, aufrichtig zu antworten. Aber die gewisse Delobelle ließ sich nicht dazu bewegen; sie hatte die Empfindung, ihre Liebe zu beflecken, wenn sie sich hier zu derselben bekannte. »Ich weiß es nicht... ich weiß es nicht!« gab sie leise und zitternd zur Antwort. Aergerlich und ungeduldig erklärte der Herr Polizeikommissär, daß man sie zu ihren Eltern zurückbringen werde, aber nur unter der Bedingung, daß sie verspräche, dergleichen nie wieder zu thun. »Wollen Sie das versprechen?« »Ja, ja, Monsieur!« »Sie wollen es niemals wieder thun?« »Nein, gewiß nicht... nein, nie wieder!« Trotz dieser Versicherungen schüttelte der Herr Polizeikommissär den Kopf, als ob er nicht an ihre Besserung glaube. Nun ist sie auf der Straße, auf dem Wege nach Haus, nach Verborgenheit und Stille... aber noch ist ihre Qual nicht zu Ende. Der Polizeidiener, der mit ihr im Wagen sitzt, ist gar zu höflich, zu übertrieben freundlich. Sie that, als ob sie ihn nicht verstände, rückte von ihm weg, entzog ihm ihre Hand... welche Pein!... Das Entsetzlichste war jedoch ihre Ankunft in der Rue de Braque, die Aufregung im Hause, die Neugier der Nachbarn. Seit den ersten Morgenstunden wußte das ganze Stadtviertel, daß sie verschwunden war, und es ging das Gerücht, sie wäre mit Franz Risler auf und davon gegangen. In aller Frühe hatte man den großen Delobelle fortstürzen sehen, den Hut verkehrt auf dem Kopfe und mit zerknitterten Manschetten – sicheres Anzeichen einer außergewöhnlichen Gemütsbewegung – und als die Portiersfrau Milch und Weißbrot hinaufgetragen, hatte sie die arme Mama Delobelle in wahnsinniger Angst von einem Zimmer ins andre irren sehen, um irgend ein Wort des Kindes zu finden, irgend eine noch so geringe Spur, die zum Anhalt einer Vermutung werden könnte. Der unglücklichen Mutter war plötzlich, leider zu spät, über das Benehmen ihrer Tochter, das Schweigen derselben bei der Abreise Franz Rislers, ein Licht aufgegangen. »Weine nicht, liebe Frau ... ich bringe sie dir wieder,« hatte der Vater beim Weggehen gesagt, und seit er fortgeeilt war, teils um Nachforschungen anzustellen, teils um ihrem Jammer zu entfliehen, war sie unaufhörlich von der Treppenflur an ihr Stubenfenster, vom Fenster nach dem Treppenflur gegangen. Bei jedem Schritt, der sich draußen hören ließ, riß sie mit klopfendem Herzen die Thür auf, und wenn sie dann wieder in ihrem einsamen Zimmer allein war, dessen Verödung noch durch Désirées leeren, dem Arbeitstische zugewendeten Sessel erhöht wurde, brach sie in einen Strom von Thränen aus. Plötzlich hielt ein Wagen vor dem Hause ... auf der Treppe wurden Stimmen und Schritte laut. »Mama Delobelle, da ist sie ... Ihre Tochter ist wieder da! ...« Ja, es war Désirée, die bleich, halb ohnmächtig, am Arme eines Unbekannten, ohne Hut und Tuch, in einen braunen Kapuzenmantel gehüllt, die Treppe heraufkam. Als sie ihre Mutter erblickte, lächelte sie ihr beinahe einfältig zu. »Erschrick nicht ... es ist nichts ...« suchte sie hervorzustoßen, brach aber plötzlich auf der Treppe zusammen. Nie hätte sich Mama Delobelle für so kräftig gehalten – ihre Tochter emporreißen, auf die Arme nehmen, hineintragen und niederlegen war das Werk eines Augenblickes. Dabei sprach sie ihr zu und überhäufte sie mit Liebkosungen. »Bist du es wirklich? bist du wieder da?... Woher kommst du denn, armes Kind? ... Sag, ist es wahr ... Haft du dir wirklich das Leben nehmen wollen? ... Welches große Herzeleid hattest du denn? ... Und warum hast du es mir verschwiegen?« Beim Anblick ihrer Mutter, die, in Thränen aufgelöst, in wenigen Stunden zur alten Frau geworden war, fühlte sich Désirée von Reue gepackt. Sie erinnerte sich, daß sie fortgegangen war, ohne der Mutter Lebewohl zu sagen, mit dem stillen Vorwurf im Herzen, daß sie nicht von ihr geliebt werde. Nicht geliebt! »Ich wäre dir nachgestorben, das kannst du mir glauben,« sagte die arme Frau. »Wie schrecklich, als ich heute morgen fand, daß dein Bett nicht berührt war... auch in der Arbeitsstube warst du nicht... wie tot bin ich hingefallen ... Bist du jetzt warm? liegst du gut? ... du wirst es nicht wieder thun ... versprich es mir! ... wirst nicht mehr sterben wollen?« Dabei deckte sie ihr Töchterchen fest zu, wärmte ihr die Füße, schloß sie in die Arme, um sie einzuwiegen wie ein Kind. Indessen sah Désirée, die mit geschlossenen Augen im Bette lag, alle Einzelheiten ihres Selbstmordversuches, alles Widrige, Quälende, das sie zu ertragen gehabt, nachdem sie dem Tode entrissen war, aufs neue vor sich auftauchen. In ihrer wachsenden Fieberhitze, in dem schweren Schlafe, der sie allmählich befiel, quälte sie sich abermals mit ihrer traurigen Flucht durch Paris. Tausende von dunklen Straßen dehnten sich vor ihr aus und am Ende einer jeden floß die Seine. Der schreckliche Strom, den sie vergangene Nacht so lange nicht zu finden vermocht hatte, schien sie jetzt zu verfolgen. Sie fühlte sich von seinem Schlamm, seinem Wellenschaum besudelt, und außer stande, sich dem Alpdruck ihrer Erinnerungen zu entziehen, flüsterte das arme Kind der Mutter zu: »Verstecke mich... verstecke mich... ich schäme mich so sehr!« Achtzehntes Kapitel. Sie hat versprochen, es nicht wieder zu thun. Nein, nein, sie thut es nicht wieder – der Herr Polizeikommissär kann ganz ruhig sein – es ist nicht zu fürchten, daß sie dergleichen je wieder versucht. Wie sollte sie es machen, jetzt nur bis an den Fluß zu kommen, da sie nicht mehr im stande ist, das Bett zu verlassen? Wenn sie der Herr Kommissär in diesem Augenblick sehen könnte, würde er ihrem Versprechen nicht länger mißtrauen. Die Todessehnsucht, das Verlangen zu sterben, das an jenem Morgen so deutlich in ihrem blassen Antlitz zu lesen war, ist wohl auch jetzt noch ihrem ganzen Wesen aufgeprägt; aber es ist sanfter, ergebungsvoller geworden. Die »gewisse Delobelle« weiß jetzt, daß sie nur kurze Zeit, sehr kurze Zeit zu warten braucht, um ihre Wünsche erfüllt zu sehen. Die Aerzte behaupten, sie stürbe an einer Lungenentzündung, welche sie sich in jener Nacht durch ihre nasse Kleidung zugezogen habe. Die Aerzte irren sich... sie stirbt nicht an Lungenentzündung. So ist's wohl ihre Liebe, die ihr den Tod gibt?... Nein! Seit jener schrecklichen Nacht wagt sie nicht mehr an Franz zu denken, fühlt sich nicht mehr würdig, zu lieben oder geliebt zu werden. Ihr reines Leben ist nicht mehr fleckenlos, und das ist es, was ihr den Tod gibt. Jeder einzelne Umstand in dem traurigen Drama ist in ihren Augen eine Befleckung. Daß sie in Gegenwart so vieler Männer aus dem Wasser gezogen wurde; daß sie auf der Polizeiwache einschlafen konnte; die gemeinen Lieder, die sie mit angehört; die Wahnsinnige, die sich am Ofen wärmte; alles Lasterhafte, Ungesunde, Herzzerreißende, an das sie auf der Treppe zum Polizeibüreau angestreift; die Verachtung in gewissen Blicken, die Frechheit in andern; die Scherze ihres Retters, die Artigkeiten des Polizisten, die tiefen Verletzungen, die ihr weibliches Zartgefühl erduldet; die Notwendigkeit, ihren Namen zu nennen; selbst ihr Gebrechen, dessen Pein sie in allen Phasen dieses langen Martyriums empfunden und das ihrem Selbstmorde aus Liebesleid den Stempel des Lächerlichen aufgedrückt hat ... Sie stirbt aus Scham – glaubt es nur! in ihren nächtlichen Fieberphantasieen wiederholt sie ohne Aufhören: »Ich schäme mich ... ich schäme mich!« und in ruhigen Augenblicken hüllt sie sich tief in ihre Decke und zieht sie über ihr Gesicht, als ob sie sich zu verbergen, zu begraben suche. Neben Désirées Krankenlager, im Lichtschein des Fensters, sitzt Mama Delobelle mit der Arbeit. Von Zeit zu Zeit blickt sie davon auf und beobachtet die stumme Verzweiflung, die unerklärliche Krankheit ihres Kindes, dann arbeitet sie hastig weiter. – Zu dem Schwersten, das dem Armen auferlegt ist, gehört, daß er sich nicht ungestört seinem Schmerze überlassen darf; er muß unaufhörlich thätig sein, und selbst wenn der Tod den Seinigen nahetritt, den unabweislichen Anforderungen des Lebens zu genügen suchen. Der Reiche kann sich in seinen Schmerz versenken, sich darin einhüllen, davon leben, sein Dasein damit ausfüllen, daß er weint und leidet. Dem Armen bleibt das versagt; er kann und darf es nicht. In meiner Heimat, auf dem Lande, kenne ich eine alte Frau, die in einem Jahre ihre Tochter und ihren Mann verloren hatte, zwei schwere, schnell aufeinanderfolgende Schicksalsschläge. Aber sie hatte einen Sohn zu erziehen, eine Landwirtschaft zu führen. Vom ersten Tagesgrauen mußte sie thätig sein, allem genügen, die verschiedensten Arbeiten auf weit auseinanderliegenden Feldern überwachen. »Die ganze Woche,« sagte mir die trauernde Witwe, »habe ich keinen Augenblick Zeit zum Weinen, aber am Sonntage – am Sonntage hole ich's ein.« Und so war es! während die Kinder draußen spielten oder herumliefen, schloß sie sich ein und brachte den Nachmittag damit zu, daß sie weinend und klagend Mann und Tochter in ihr verödetes Heim zurückrief. Mama Delobelle hatte nicht einmal diese Sonntagsfeier, denn auf ihr lag jetzt die ganze Arbeitslast, und ihren Händen fehlte die seltene Geschicklichkeit, die Désirées zierlichen Fingern eigen war, und die Arzneien kosteten viel, und für nichts in der Welt hätte sie dem Vater irgend eine seiner liebgewordenen Gewohnheiten versagen mögen. Zu jeder Tageszeit, mochte die Kranke im bleichen Morgenlicht die Augen öffnen, oder beim Schein der Lampe, immer sah sie ihre Mutter arbeiten, unermüdlich arbeiten, und wenn die Vorhänge ihres Bettes zugezogen waren, hörte sie das leise, kurze, metallische Klirren der Scheere. Diese anstrengende Thätigkeit der Mutter, ihre Nachtwachen am Lager der Fieberkranken waren eine Qual für Désirée; oft besiegte diese alle andre Pein. »Bitte, gib mir meine Arbeit,« sagte sie dann, indem sie versuchte, sich im Bette aufzurichten. Das war wie ein Lichtstrahl in dem täglich dunkler werdenden Schatten, und Mama Delobelle, die im Wunsch der Kranken ein leises Erwachen der Lebenslust zu sehen glaubte, machte ihr alles bequem und rückte den Tisch heran. Aber die Nadel war zu schwer, die Augen waren zu schwach und jedes Geräusch eines vorüberfahrenden Wagens, jeder andre zu den Fenstern heraufschallende Lärm erinnerte Désirée, daß die Straße, die entsetzliche Straße ganz in der Nähe war. Nein, sie hatte nicht die Kraft, weiter zu leben. Ja, wenn es möglich gewesen wäre, erst zu sterben und dann wieder aufzuleben ... jetzt aber starb sie und versenkte sich mehr und mehr in völliges Entsagen. Hin und wieder sah die Mutter von ihrer Arbeit zu der immer bleicher werdenden Tochter auf: »Fühlst du dich wohl?« »Sehr wohl!« antwortete die Kranke mit einem matten, jammervollen Lächeln, das ihr Antlitz für einen Augenblick erhellte und die traurige Veränderung, die damit vorgegangen, deutlich erkennen ließ, wie ein Sonnenstrahl, der die Wohnung des Armen nicht erheitert, sondern nur ihre Kahlheit und Dürftigkeit bis ins Einzelne beleuchtet. Darauf schwiegen sie beide; die Mutter wagte nicht zu sprechen, weil sie fürchtete, weinen zu müssen, und die Tochter, weil das Fieber sie betäubte und jene unsichtbaren Schleier sie umhüllten, die der Tod mitleidsvoll auf die langsam Dahinsterbenden sinken läßt, um ihre letzte Widerstandskraft zu lähmen und sie sanft, ohne Kampf hinüberzutragen. Der große Delobelle war nie zu Haus, denn seine Lebensweise als unbeschäftigter Komödiant war dieselbe geblieben, obwohl er wußte, daß seine Tochter im Sterben lag – der Arzt hatte es ihm gesagt – und obwohl er tief davon erschüttert wurde, denn im Grunde hatte er sein Kind herzlich lieb. Aber in dieser seltsamen Natur nahmen die wahrsten, aufrichtigsten Gefühle eine falsche, unnatürliche Gestalt an, wie ja auch nichts, was sich auf schiefer Ebene befindet, den Eindruck des Geradestehens machen kann. Delobelle war vor allem darauf bedacht, seinen Schmerz zu zeigen und umherzutragen; von einem Ende des Boulevards zum andern stellte er den unglücklichen Vater dar. Man sah ihn mit rotgeweinten Augen und blassem Gesicht vor den Theatern, in den Kaffeehäusern, wo Schauspieler verkehrten, und es that ihm wohl, gefragt zu werden: »Nun, lieber Alter, wie steht's bei dir zu Hause?« Dann schüttelte er den Kopf mit nervöser Bewegung: sein Mienenspiel verriet, daß er Thränen verschluckte, Verwünschungen zurückdrängte, während er mit zornerfüllten, durchbohrenden Blicken zum Himmel aufsah, wie er zu thun pflegte, wenn er im ›Kinderarzt‹ auftrat. Bei alledem ließ er es aber auch an Freundlichkeiten und zarten Aufmerksamkeiten für seine Tochter nicht fehlen. So hatte er, seit sie krank war, die Gewohnheit angenommen, ihr von seinen Spaziergängen durch Paris Blumen mitzubringen: aber er begnügte sich nicht mit gewöhnlichen Blumen, mit bescheidenen Veilchen, wie sie an jeder Straßenecke für Börsen mit geringem Inhalt blühen. Er wollte in diesen späten, düsteren Herbsttagen Rosen, Nelken, besonders aber weißen Flieder haben, jenen Flieder des Gewächshauses, dessen Blüten, Blätter und Stiele von demselben grünlichen Weiß sind, als hätte sich die Natur in ihrer Eile mit einer Farbe begnügt. »O, es ist zu viel ... zu viel ... ich werd' dich ausschelten müssen!« sagte die kleine Kranke, wenn sie ihn triumphierend, mit seinem Strauß in der Hand eintreten sah; aber sein »Laß doch ... laß doch gut sein« klang so vornehm und er sah dabei so großartig aus, daß sie nicht darauf zurückzukommen wagte. Und doch war es eine bedeutende Ausgabe, und den Lebensunterhalt für alle zu erwerben fiel der Mutter sehr schwer. Aber weit entfernt, sich darüber zu beklagen, fand Mama Delobelle das Verhalten ihres großen Mannes sehr schön. Seine Verachtung des Geldes, seine stolze Sorglosigkeit erfüllten sie mit Bewunderung; mehr als je glaubte sie an das Talent, an die künstlerische Zukunft ihres Gatten. Auch er bewahrte, inmitten aller dieser Ereignisse, ein unerschütterliches Vertrauen. Dennoch war es nahe daran, daß seine Augen sich endlich der Wahrheit öffneten; nahe daran, daß eine kleine, glühende Hand, indem sie sich auf dieses stolze, verblendete Haupt legte, die Einbildungen vernichtete, die es so lange bethört hatten. Das ging folgendermaßen zu: In einer Nacht erwachte Désirée in einem seltsamen Zustande. Am Abend zuvor hatte sie der Arzt zu seiner Verwunderung um vieles kräftiger, ruhiger und ganz ohne Fieber gefunden. Ohne sich den Grund dieser unerwarteten Besserung erklären zu können, war er mit einem tröstlichen: »Wir wollen das Beste hoffen« fortgegangen, indem er auf die Widerstandsfähigkeit der Jugend, auf die Lebenskraft zählte, die oft über alle Anzeichen des Todes den Sieg erringt. – Ein Blick unter Désirées Kopfkissen, wo ein Brief mit dem Poststempel Kairo lag, hätte ihm jedoch das Geheimnis dieser schnellen, glücklichen Veränderung verraten können; vier Seiten mit der Unterschrift »Franz«, in denen er seiner lieben, kleinen Zizi alles beichtete und erklärte. Das war der Brief, den die Kranke ersehnt hatte. Wenn sie ihn selbst zu schreiben gehabt hätte, sie würde keine bessern Worte gefunden haben, ihr Herz zu rühren oder ihre Wunden zu heilen. Franz bereute, bat um Verzeihung, und ohne irgend etwas zu versprechen oder irgend etwas von ihr zu verlangen, erzählte er seiner teueren Freundin alle seine Kämpfe, Gewissensbisse und Leiden. Er war voll bitteren Zornes gegen Sidonie, beschwor Désirée, ihr zu mißtrauen, und mit einer Härte, der seine ehemalige Leidenschaft etwas Hellsehendes und Mitleidsloses gab, schilderte er ihr dies zugleich oberflächliche und verderbte Wesen, sprach von ihrer hellen, kalten, zur Lüge geschaffenen Stimme, aus der nie ein Herzenston hervorklang, weil sie – wie alle, auch die leidenschaftlichsten Lebensäußerungen dieser Pariser Puppe – nur ihrem Kopfe entstammte. Welch ein Unglück, daß dieser Brief nicht um einige Tage früher gekommen war! Jetzt konnten alle diese guten Worte der armen Désirée nicht mehr sein als köstliche Gerichte, die dem vor Hunger Sterbenden zu spät gereicht werden – er atmet ihren Duft, er möchte sie genießen, aber es fehlt ihm die Kraft dazu. – Den ganzen Tag hatte die Kranke den Brief wieder und wieder gelesen, ihn aus dem Umschlag gezogen, liebevoll wieder zusammengefaltet und ihn selbst mit geschlossenen Augen bis in jede Kleinigkeit, bis auf den Poststempel vor sich gesehen. Franz hatte ihrer gedacht! schon das genügte, sie in süße Ruhe zu wiegen, so daß sie endlich einschlummerte, als ob ihr schwaches Haupt von den Armen des Freundes gestützt würde. Plötzlich wachte sie auf und zwar, wie schon gesagt, in einem seltsamen Zustande. Unsägliche Schwäche und Angst durchzitterte ihr ganzes Sein – sie hatte das Gefühl, als hinge ihr Leben nur noch an einem straff gespannten Faden, der gleich zerreißen müsse und dessen nervöses Beben ihren Sinnen übernatürliche Feinheit und Schärfe verlieh. – Es war Nacht; das Zimmer, in dem sie sich befand – man hatte ihr das Schlafgemach der Eltern eingeräumt, weil es größer und luftiger war als ihr Alkoven – lag halb im Dunkeln. An der Decke drehten sich die hellen Punkte, die von der Nachtlampe aufstrahlten, das traurige Gestirn der Kranken, das sie in ihrer Schlaflosigkeit beschäftigt, und die herabgeschraubte, durch den Lichtschirm verdunkelte Lampe, die auf dem Tische stand, beleuchtete nur die umherliegenden Arbeitszuthaten und das Profil der Mama Delobelle, die in ihrem Sessel eingeschlummert war. In dem Kopf der Kranken, den sie jetzt leichter zu heben vermochte als seit langer Zeit, entstand plötzlich ein rasches Hin- und Herfluten von Gedanken und Erinnerungen. Die kleinsten Erlebnisse aus der Kinderzeit, Scenen, die sie damals nicht begriffen, Worte, die sie wie im Traum gehört hatte, kamen ihr wieder in den Sinn. Sie wunderte sich über diesen Zustand, erschrak aber nicht, denn es war ihr unbekannt, daß zuweilen vor der großen Vernichtung im Tode solche Augenblicke der Ueberreizung eintreten, in denen das ganze Sein alle seine Kräfte und Fähigkeiten zu einem letzten, unbewußten Kampfe zusammenrafft. Von ihrem Lager aus sah sie die Eltern, die Mutter ganz in ihrer Nähe, den Vater im Arbeitszimmer, dessen Thür offen stand. Mama Delobelle lag schlafend im Sessel; sie hatte endlich der übermäßigen Ermüdung nachgegeben, und alle Narben und Säbelhiebe, mit denen Alter und Leiden das Antlitz bedecken, wurden jetzt, in dem Sichgehenlassen des Schlafes, mit herzzerreißender Deutlichkeit in zahllosen Falten und Fältchen sichtbar. Tagsüber drücken Arbeit und Willensanstrengung den Zügen gleichsam eine Maske auf, aber die Nacht gibt ihnen den wahren Ausdruck zurück. So waren denn auch in diesem Augenblick die tiefen Runzeln der tapferen Frau, ihre geröteten Lider, ihr dünn gewordenes, an den Schläfen ergrautes Haar, ihre in Arbeitsanstrengung krampfhaft gekrümmten Finger deutlich zu sehen ... und Désirée sah es. Wie sehnte sie sich, stark genug zu sein, um aufzustehen und diese schöne ruhige Stirn zu küssen, die von ihren Runzeln durchfurcht, aber nicht entstellt wurde. Wie im Gegensatz dazu zeigte sich der große Delobelle den Augen seiner Tochter in einer seiner Lieblingsstellungen. Durch die halbgeöffnete Thür sah sie ihn in Dreiviertelswendung vor dem weißgedeckten Tische sitzen, wo er sein Abendessen verzehrte und dabei eine Broschüre durchflog, die er an die Wasserflasche gelehnt hatte. Der große Mann war erst vor kurzem nach Haus gekommen – wahrscheinlich hatte das Geräusch seiner Schritte die Kranke geweckt – und noch ganz erfrischt von seinem Gange und dem Eindruck einer schönen Vorstellung soupierte er allein, ernst und feierlich, die Serviette unter dem Kinn; sein Haar war leicht gebrannt, und er hatte sich in seinen neuen Rock fest eingeknöpft. Zum erstenmal im Leben kam Désirée der Unterschied zwischen ihrer abgehärmten, in ihren alten, verschlissenen Kleidern noch hagerer und elender aussehenden Mutter und ihrem glücklichen, wohlgenährten, müßigen, sorglosen Vater zum Bewußtsein. Mit einem Blick begriff sie die Verschiedenheit dieser beiden Naturen. Der enge Kreis der Gewohnheit, in welchem der Kinder Augen in falschem Lichte sehen lernen, war plötzlich für sie zerstoben und sie beurteilte ihre Eltern von einem andern, ferneren Standpunkt aus. Dies Hellsehen der letzten Stunde war eine neue Qual; was sollte aus den beiden werden, wenn sie nicht mehr da war? Entweder mußte sich ihre Mutter überarbeiten und der Anstrengung erliegen, oder sie wurde arbeitsunfähig, während ihr selbstsüchtiger Gefährte, in Künstlerehrgeiz befangen, sie beide tiefer und tiefer in Armut versinken ließ, den dunkeln Abgrund, dessen Schlund immer breiter wird, je länger man hinabsteigt. Und doch – das hatte er mehr als einmal bewiesen – war er kein böser Mann. Er wurde nur von einer Verblendung beherrscht, die bisher durch nichts zu zerstören gewesen war. Wenn sie nun vor dem Scheiden – ein gewisses Etwas sagte ihr, daß dies bald kommen würde – wenn sie nun vor dem Scheiden die Binde abrisse, die er absichtlich und gewaltsam auf seinen Augen festhielt? Nur eine leichte, liebevolle Hand wie die ihrige durfte wagen, diesen Versuch zu machen. Nur Désirée hatte das Recht, den Vater zu ermahnen: »Verdiene dir dein täglich Brot ... entsage der Bühne ... « Da die Zeit drängte, nahm Désirée Delobelle allen ihren Mut zusammen. »Papa ... Papa!« rief sie leise. Auf den ersten Anruf seiner Tochter eilte der große Mann herbei. Im Ambigutheater hatte an jenem Abend eine erste Vorstellung stattgefunden, aus welcher er entzückt, begeistert nach Hause gekommen war. Die strahlenden Kronleuchter, der Beifall, die Gespräche in den Gängen, alle die aufregenden Eindrücke, die seiner Thorheit immer neue Nahrung zuführten, hatten ihn mehr als je in seiner Verblendung bestärkt. Hoch aufgerichtet, mit heiterem Gesicht, die Lampe in der Hand und eine Kamelie im Knopfloch, trat er in das Krankenzimmer. »Guten Abend, Zizi! ... schläfst du denn nicht?« Seine Worte hatten einen fröhlichen Klang, der in dieser traurigen Umgebung seltsam wirkte. Désirée winkte ihm schweigend zu, indem sie auf die schlafende Mutter deutete: »Bitte, stelle deine Lampe hin, ich habe mit dir zu sprechen.« Der Ton ihrer tiefbewegten Stimme überraschte ihn und ebenso das Aussehen ihrer Augen, die weitgeöffnet, mit durchdringendem Blick zu ihm aufschauten. Mit einer gewissen Befangenheit, seine Kamelie in der Hand, um sie der Tochter zu überreichen, und einem Knarren seiner neuen Stiefel, das er sehr vornehm fand, trat er heran. Seine Haltung hatte etwas Verlegenes, vielleicht infolge des Gegensatzes zwischen dem hellerleuchteten, geräuschvollen Theater, das er eben verlassen hatte, und der engen Krankenstube, wo die gedämpften Töne, das verdunkelte Licht von einer Fieberatmosphäre umhüllt schienen. »Was hast du denn, Lämmchen? ... fühlst du dich kränker als sonst?« Eine Bewegung des kleinen, blassen Köpfchens antwortete, daß sie sich in der That kränker fühle und daß er nahe, ganz nahe herankommen müsse, um sie verstehen zu können. Und dann, als er sich über ihr Kopfkissen beugte, legte sie die brennende Hand auf den Arm des großen Mannes und flüsterte ihm leise ins Ohr, daß es ihr schlecht, sehr schlecht gehe und daß sie von ihrem baldigen Ende überzeugt sei. »Dann, lieber Vater, bleibst du mit der Mutter allein zurück ... zittere doch nicht so ... du wußtest ja, daß es so kommen würde, sehr bald so kommen würde ... vorher möchte ich dir aber sagen ,. . möchte dich darauf aufmerksam machen, daß ich fürchte, Mama wird, wenn ich nicht mehr bin, außer stande sein, das Hauswesen zu erhalten. Sieh nur, wie blaß und angegriffen sie ist.« Der Schauspieler betrachtete seine »Heilige« und schien aufs höchste überrascht, sie so elend zu finden. Aber er tröstete sich mit der egoistischen Bemerkung: »Sie ist nie besonders kräftig gewesen.« Diese Worte und vor allem der Ton, in dem sie gesprochen wurden, empörten Désirée und bestärkten sie in ihrem Vorhaben. Ohne Mitleid für die Illusionen des Schauspielers fuhr sie fort: »Was wollt ihr beide anfangen, wenn ich nicht mehr bin? ... Ich weiß, daß du allerlei schöne Hoffnungen hast, aber sie wollen gar nicht in Erfüllung gehen. Die Glücksfälle, die du schon so lange erwartest, können auch jetzt noch ausbleiben ... was willst du inzwischen beginnen? ... Glaube mir, lieber Vater, ich will dir nicht weh thun, aber es scheint mir, daß in deinem Alter, klug wie du bist ... daß es, meine ich, ein Leichtes sein würde ... Herr Risler senior , davon bin ich überzeugt, wäre gern bereit ...« Sie sprach langsam, mit Anstrengung, suchte die Worte und unterbrach ihre Sätze durch Pausen, in denen sie auf eine Bewegung, einen Ausruf ihres Vaters wartete. Aber der Schauspieler begriff nicht, was sie wollte. Mit seinen großen, runden Augen sah er sie an, hörte, was sie ihm sagte, hatte das unklare Bewußtsein, daß sich in dieser reinen, unerbittlichen Kinderseele eine Anklage gegen ihn erhob, wußte jedoch nicht, was es sein könnte. »Ich glaube, du thätest wohl«, sing Désirée schüchtern wieder an, »du thätest wohl zu verzichten...« »Was? ... Wie? ...« Sie verstummte, als sie den Eindruck ihrer Worte sah. Das bewegliche Gesicht des alten Komödianten hatte sich mit dem Ausdruck tiefer Verzweiflung geradezu verzerrt, und Thränen, echte Thränen, die er nicht einmal, wie es auf der Bühne hergebracht ist, mit der Hand zu verbergen suchte, traten – ohne Herabzufließen – in seine Augen, so groß war die Angst, die ihm die Kehle zusammenschnürte. Der Unglückliche begann zu verstehen. ... Von den beiden, deren Bewunderung ihm treu geblieben war, wandte sich die eine von ihm ab ... seine Tochter glaubte nicht mehr an ihn! Es war nicht möglich ... er mußte falsch gehört, falsch verstanden haben. Was war es, worauf er verzichten sollte? was? ... was? Aber der stummen Bitte seines um Gnade flehenden Blickes gegenüber hatte Désirée nicht den Mut zu vollenden. Ueberdies war die Lebenskraft des armen Kindes erschöpft. Zwei oder dreimal flüsterte sie noch »Zu verzichten . .. zu verzichten . ..« dann sank ihr Köpfchen auf das Kissen zurück und sie starb, ohne ihm offenbart zu haben, in welcher Weise er verzichten sollte. Die gewisse Delobelle ist tot, Herr Polizeikommissär! Ich sagte Ihnen ja, daß sie es nicht wieder thun würde. Diesmal hat ihr der Tod Mühe und Weg erspart ... er ist selbst gekommen, sie abzuholen, und nun – ungläubiger Mann – bürgen Ihnen vier fest vernagelte Tannenbretter für das Versprechen des Kindes. Sie hatte ihr Wort darauf gegeben, es nicht wieder zu thun – das wird sie halten. Die kleine Lahme ist tot! Das ganze Stadtviertel des Francs-Bourgeois gerät über diese Nachricht in Bewegung. Nicht als ob Désirée allgemein bekannt und beliebt gewesen wäre; sie ging ja nicht aus, und selten nur war das blasse Gesicht der kleinen Klausnerin mit den dunkel umränderten, von unermüdlicher Arbeit zeugenden Augen am Fenster zu sehen gewesen. Aber wenn die Tochter des berühmten Delobelle begraben wurde, mußten viele Schauspieler zusammenkommen und Paris schwärmt für diese Menschenklasse: es ist ihm eine Wonne, die Götzen des Abends im hellen Tageslicht auf der Straße zu sehen, ihr wahres Antlitz, befreit vom trügerischen Zauberschein der Bühne, kennen zu lernen. Darum war, als am Begräbnismorgen mit lauten Hammerschlägen weiße Trauerdraperieen an der Thür des Sterbehauses angenagelt wurden, das Trottoir der Rue de Braque mit Neugierigen voll gedrängt. Die Schauspieler, diese Gerechtigkeit muß man ihnen widerfahren lassen, sind gut gegeneinander. Wenigstens veranlaßt sie ein kameradschaftliches Band und Herkommen, sich bei jeder öffentlichen Kundgebung ihrer Standeszusammengehörigkeit, Bällen, Konzerten, Gastmählern und Begräbnissen zu beteiligen. Obwohl der große Delobelle der Bühne langst nicht mehr angehörte, und sein Name schon über fünfzehn Jahre lang aus den Theaterberichten verschwunden war, genügte die kurze Notiz einer untergeordneten Theaterzeitung: »Herr Delobelle, früher erster Heldenspieler an den Theatern von Metz und Alenyon, hat das Unglück gehabt u.s.w. Das Begräbnis findet statt u.s.w.«, um die Schauspieler von allen Enden der Stadt und der Vorstädte in Scharen herbeizurufen. Groß oder klein, unbekannt oder berühmt – sie waren alle da! Diejenigen, welche mit Delobelle in der Provinz gespielt, sowie die, welche ihm nur in den Theatercafés begegnet waren; er gehörte für sie zu den immer wieder auftauchenden Gesichtern, die sie mit keinem bestimmten Namen in Verbindung zu bringen wußten, und sie zählten ihn einfach dem Kreise zu, in dem er sich bewegte. Selbst durchreisende Schauspieler und solche, die aus der Provinz gekommen waren, um in Paris einen Direktor, ein Engagement zu suchen, hatten sich eingestellt. Und alle diese Unbekannten und Berühmten, Pariser und Provinzialen, waren von dem Wunsche beseelt, in den Zeitungsberichten über das Begräbnis genannt zu werden. Diesen von Eitelkeit erfüllten Wesen ist jede Art öffentlicher Erwähnung hochwillkommen, und so groß ist ihre Besorgnis, bei dem Publikum in Vergessenheit zu geraten, daß, wenn sie sich nicht zeigen können, das Verlangen in ihnen erwacht, wenigstens besprochen zu werden, und daß sie alles aufbieten, um nicht aus der rasch wechselnden Reihe der Pariser Tagesberühmtheiten zu verschwinden. Von neun Uhr an wartete die ganze, kleinbürgerliche Bevölkerung des Marais – der in Wahrheit eine klatschsüchtige Provinzialstadt ist – an den Fenstern, den Thüren, auf der Straße – auf das Erscheinen der Komödianten. Arbeiter spähten durch die staubigen Scheiben der Werkstätten, Pfahlbürger durch zugezogene Gardinen, Köchinnen warteten mit dem Marktkorbe am Arm, Lehrjungen mit Paketen auf dem Kopfe. Endlich kamen sie; zu Fuß oder zu Wagen, einzeln oder truppweise. Man erkannte sie an ihren glattrasierten Gesichtern mit dem bläulichen Schimmer an Kinn und Wangen, an ihrem unnatürlichen Mienenspiel, das bald zu pathetisch, bald erzwungen einfach war, an ihren konventionellen Gebärden und vor allem an dem übertriebenen Ausdruck ihrer Empfindung, der ihnen auf der Bühne zur Gewohnheit wird. Es war interessant zu beobachten, auf wie viele verschiedene Arten die wackeren Leute ihre Gefühle bei diesem traurigen Anlaß zum Ausdruck brachten. Jeder von ihnen betrat den kleinen, dunkeln, gepflasterten Hof des Sterbehauses, als ob er eine Bühne wäre, und jedes Auftreten war, je nach dem Rollenfach des Künstlers, ein andres. Die großen Heldenspieler erschienen mit düsterer Miene und gerunzelten Brauen, wischten mit der Spitze des behandschuhten Fingers eine unaufhaltsame Thräne ab, seufzten, blickten zum Himmel empor und blieben mitten auf der Bühne, das heißt im Hofe stehen und drückten den Hut an die Hüfte, während sie, um ihren Schmerz zu bemeistern, ein leises »sei still, mein Herz, sei still!« mit dem linken Fuße stampften. Die Komiker dagegen »machten« in Einfachheit. Sie begrüßten sich mit gutmütig-jämmerlicher Miene, nannten sich gegenseitig »alter Junge« und tauschten wehmütige Händedrücke aus, indes die zitternden Wangen, die herabgezogenen Augen und Mundwinkel den Ausdruck ihrer Rührung zur Possenhaftigkeit erniedrigten. Sie alle waren geziert und dennoch aufrichtig. Sobald sie eingetreten waren, teilten sich die Herren in zwei Gruppen. Die Künstler von Ruf und Ansehen blickten verächtlich auf die unbekannten, ärmlichen Robricarts nieder, deren Neid die Verachtung der Großen mit allerlei hämischen Bemerkungen vergalt. »Haben Sie schon bemerkt, wie der und der gealtert hat? ... wie übel er aussieht? ... er wird es nicht mehr lange machen können.« Zwischen diesen beiden Gruppen ging der große Delobelle, sorgfältig in Schwarz gekleidet, mit schwarzen Handschuhen, verweinten Augen und zusammengepreßten Lippen hin und wieder und schüttelte bald diesem, bald jenem schweigend die Hand. Dem armen Menschen war das Herz von Thränen schwer, und doch hatte ihn das nicht gehindert, sich für diese Feierlichkeit frisieren und die Haare brennen zu lassen. Eine seltsame Natur! Niemand, der in seiner Seele zu lesen vermochte, hätte sagen können, wo der wirkliche Schmerz sich von der theatralischen Darstellung desselben trennte, so sehr flossen sie ineinander. – Unter den Schauspielern zeigten sich aber auch einige unsrer alten Bekannten. Monsieur Chèbe, der wichtiger that als je und mit großem Eifer die beliebtesten Schauspieler umkreiste, während seine Frau oben bei der armen Mutter war. Sidonie hatte nicht kommen können, aber Risler senior war da, fast ebenso betrübt wie der Vater, der gute Risler, der treue Freund bis ans Grab, der alle Kosten der traurigen Feierlichkeit bezahlt hatte. Darum waren die Trauerkutschen so prächtig, die Draperieen der Thür mit Silberfransen besetzt, der Katafalk mit weißen Rosen und Veilchen bestreut. Dies im Kerzenlicht schimmernde Weiß, diese zitternden, mit Weihwasser besprengten Blumen im dunkeln, elenden Hausgange der Rue de Braque waren gleichsam ein Abbild des Geschickes der armen Verstorbenen, die immer nur unter Thränen gelächelt hatte. Langsam, Schritt für Schritt, bewegte sich der Zug durch die gewundenen Straßen, Voran ging der leise schluchzende Delobelle, fast ebenso ergriffen über sich selbst, den armen Vater, der sein Kind begraben muhte, als über den Tod der Tochter. Im tiefsten Grunde seines aufrichtigen Schmerzes lag die alte, persönliche Eitelkeit wie ein Stein im Bache, den die vorüberrauschenden Wellen nicht von der Stelle bewegen. Die Pracht des Begräbnisses, der lange, schwarze Zug, der den Straßenverkehr hemmte, die drapierten Trauerkutschen, das Rislersche Coupé, das Sidonie in eitler Prahlerei geschickt hatte, das alles schmeichelte ihm, versetzte ihn inmitten seiner Betrübnis in wohlthuende Aufregung. Endlich konnte er sich nicht mehr beherrschen; er neigte sich Robricart zu, der neben ihm ging: »Hast du es wohl bemerkt?« »Was denn?« Und indem sich der unglückliche Vater die Augen trocknete, flüsterte er mit einem gewissen Stolz: »Es sind zwei herrschaftliche Equipagen dabei.« Arme, gute, einfache kleine Zizi, dies eitle Schaugepränge, dies feierliche Trauergefolge war nicht für dich gemacht! Gut, daß oben am Fenster der Arbeitsstube Mutter Delobelle hinter den zugezogenen Vorhängen stand. Sie hatte sich nicht daran hindern lassen, ihre Kleine fortfahren zu sehen. »Gott befohlen ... Gott befohlen!« flüsterte die Mutter vor sich hin, indem sie unbewußt, halb greisenhaft, halb irrsinnig mit der Hand winkte. Und so leise dies »Gott befohlen!« geflüstert war, Désirée hat es hören müssen. Neunzehntes Kapitel. Das Märchen vom kleinen blauen Manne. Ihr mögt es halten, wie ihr wollt, was mich betrifft, so glaube ich fest an das kleine blaue Männchen, obwohl ich es nie mit Augen gesehen habe. Ein mir befreundeter Dichter aber, dem ich volles Vertrauen schenke, hat mir oft erzählt, wie er mit dem seltsamen Kobold bekannt geworden ist. Es geschah unter folgenden Umständen. In einer schwachen Stunde hatte sich mein Freund dazu verleiten lassen, seinem Schneider einen Wechsel auszustellen, hatte sich – wie es phantasievollen Menschen zu geschehen pflegt – durch seine Namensunterschrift von seiner Schuld befreit gefühlt und den Wechsel vollständig vergessen. – Da geschah es, daß plötzlich, mitten in der Nacht, unser Dichter durch ein fremdartiges Geräusch aus dem Schlafe geschreckt wurde. Es kam vom Kamin her, und im ersten Augenblick glaubte mein Freund, daß es durch einen frierenden Sperling, der die Wärme der verglühenden Asche aufsuche, oder durch eine vom Winde bewegte Wetterfahne hervorgebracht werde. Dann aber wurde es deutlicher, so daß er das Klirren eines Geldsackes unterschied, das vom Rasseln einer Kette begleitet war, und gleichzeitig hörte er eine seine Stimme, scharf wie der Pfiff einer fernen Lokomotive und hell wie ein Hahnenschrei, die ihm vom Dache herab zurief: »Verfalltag! Verfalltag!« »Großer Gott, mein Wechsel!« sagte der arme Junge zu sich selbst, dem es nun plötzlich einfiel, daß er in acht Tagen seinen Schneider bezahlen müsse, und bis zum Morgengrauen warf er sich hin und her, suchte den Schlaf in allen Ecken seines Bettes, fand aber nichts als den Gedanken an das verruchte Papier mit seiner Namensunterschrift. In der nächsten, der übernächsten und jeder folgenden Nacht wurde er zu derselben Stunde, in derselben Weise geweckt. Immer wieder klirrten die Thaler, rasselten die Ketten, während ihm die seine Stimme höhnisch »Verfalltag, Verfalltag!« zurief. Das Schrecklichste war, daß dieser Zuruf um so schärfer und boshafter klang, je näher der unheilvolle Tag herankam. Es war, als ob er mit Pfändung und Vorladung drohe. Unglücklicher Dichter! nicht genug, daß er den ganzen Tag in der Stadt umherlief, um das Geld aufzutreiben, auch die Ruhe seiner Nächte, der stärkende Schlaf wurden ihm durch diese spukhafte Stimme geraubt. Wer war dieser boshafte Geist, der sich's zum Vergnügen machte, ihn zu quälen? Darüber wollte er ins klare kommen. Als es wieder Nacht wurde, ging er nicht zu Bett, verlöschte nur das Licht, öffnete das Fenster und wartete. Daß mein Freund, in seiner Eigenschaft als lyrischer Dichter, sehr hoch, geradezu unter dem Dache wohnte, braucht nicht erst gesagt zu werden. Stundenlang sah er nichts, als das malerische Bild zusammengedrängter, gegeneinander geneigter Dächer, die nach allen Richtungen von Straßen, wie von tiefen Abgründen durchschnitten wurden, während ihnen zahllose Schornsteine und vielgestaltige, vom Monde beschienene Giebel ein wunderliches Ansehen gaben. Ueber dem dunkeln, schlafenden Paris bildeten sie gleichsam eine zweite, luftige Stadt, die zwischen der finsteren, öden Tiefe und dem blendenden Mondlicht zu schweben schien. Mein Freund wartete – wartete lange. Endlich, zwischen zwei und drei Uhr morgens, als sich die ins Dunkel der Nacht aufragenden Türme einmal wieder den Verlauf der Stunden zugerufen hatten, lief in seiner Nähe ein leichter Fuß über Ziegel und Schieferplatten und eine scharfe, dünne Stimme rief das widerwärtige: »Verfalltag, Verfalltag!« in den Schornstein seines Kamines. Rasch beugte sich der Dichter aus dem Fenster und erblickte den abscheulichen kleinen Kobold, den Quälgeist der Menschen, der auch ihn seit acht Tagen um den Schlaf betrogen hatte. Wie groß er war, wußte mein Freund nicht genau zu sagen; das Mondlicht spielt uns allerlei Streiche, indem es alle Körper und ihre Schatten gespenstisch ausdehnt; aber er sah, daß dies seltsame Teufelchen den Anzug eines Pariser Börsendieners trug: einen blauen Rock mit silbernen Knöpfen und Tressen an den Aermeln, dazu einen Claquehut und unter dem Arme eine lederne Mappe, die beinahe so groß war wie er selbst. Der Schlüssel dazu hing an einer langen Kette, die bei jedem Schritt des Kleinen ebenso wahnsinnig rasselte, wie der Geldsack, den er in der andern Hand hielt und unablässig schüttelte. So hat mein Freund das kleine blaue Männchen gesehen, während es in einem Streiflicht des Mondes vorüberhuschte, denn es schien sehr eilig zu sein, sehr viel zu thun zu haben, sprang mit einem Satz über die Straßen und lief auf dem Dachfirst von einem Schornstein zum andern. Er hat eine große Kundschaft, der verwünschte kleine Kerl. Es gibt so viele Kaufleute in Paris, so viele, die des Ultimo gedenken müssen, so viele Unglückliche die einen Wechsel unterschrieben, oder ihr »acceptiert« querüber geschrieben haben. Allen diesen Leuten schrie der kleine blaue Mann im Vorüberlaufen seinen Warnungsruf zu. Er ließ ihn über Fabriken erschallen, die jetzt stumm und dunkel waren; über den prächtigen, von stillen Gärten umgebenen Wohnhäusern reicher Börsenmänner; über Häusern von fünf und sechs Stockwerken, über den ungleichen, verschobenen, winkeligen Dächern der Armenviertel. »Verfalltag! Verfalltag!« Von einem Ende der Stadt bis zum andern klang die helle, durchdringende, mitleidslose Stimme durch die kristallene Luft der kalten Mondnacht; überall, wo der Kleine vorüberkam, verscheuchte sie den Schlaf, weckte die Sorge, bedrückte die Gedanken, die müden Augen und ließ in zahllosen Pariser Häusern, in allen ihren Stockwerken dumpfes Unbehagen, fröstelnde Schlaflosigkeit zurück. Mögt ihr von diesem Märchen halten was ihr wollt, jedenfalls kann ich euch – um den Bericht meines Freundes zu bekräftigen – die Versicherung geben, daß Sigismund Planus, der alte Kassierer des Hauses Fromont junior und Risler senior einmal mitten in der Nacht – es war gegen Ende Januar – in seinem Häuschen zu Montrouge, durch dieselbe boshafte Stimme, dasselbe Kettengerassel aufgeschreckt wurde und denselben widerwärtigen Zuruf: »Verfalltag, Verfalltag!« zu hören bekam. »Es ist ja wahr!« dachte der wackere Mann, indem er sich im Bette aufrichtete; »übermorgen ist Ultimo, und ich bin im stande zu schlafen!« Es handelte sich in der That um eine bedeutende Summe. Auf zwei Tratten mußten hunderttausend Franken gezahlt werden und das in einem Augenblicke, in dem die Kasse des Hauses Fromont, zum erstenmal seit dreißig Jahren, völlig leer war. Was sollte geschehen? Vergeblich hatte Sigismund wiederholt den Versuch gemacht, mit Fromont junior darüber zu sprechen. Der junge Mann schien die schwere Verantwortlichkeit der Geschäfte zu fliehen; in fieberhafter Hast durchschritt er die Comptoire, ohne zu sehen und zu hören, und auf die ängstlichen Fragen des Kassierers antwortete er, indem er an seinem feinen Schnurrbart kaute: »Gut, gut, lieber Planus! Sorgen Sie nicht... ich werde Rat schaffen.« Dabei sah er jedoch aus, als ob er mit ganz andern Dingen beschäftigt und in Gedanken tausend Meilen weit wäre. In der Fabrik, wo sein Verhältnis mit Madame Risler allgemein bekannt war, ging das Gerücht, Sidonie betrüge ihn und mache ihn sehr unglücklich, und in der That beschäftigten ihn die Thorheiten seiner Geliebten viel mehr, als die Sorgen seines Kassierers. Risler aber ließ sich gar nicht sehen; er brachte seine Tage in einer Bodenkammer zu, wo er die geheimnisvolle Anfertigung seiner Druckmaschine überwachte, die niemals fertig wurde. Durch diese Gleichgültigkeit der Prinzipale und diesen gänzlichen Mangel an Aufsicht, war in der Fabrik nach und nach alles in Unordnung geraten. Arbeiter und Commis gönnten sich Zeit, kamen spät und gingen früh wieder fort, ohne sich an die alte Glocke zu kehren, welche – nachdem sie so lange zur Arbeit geläutet hatte, jetzt zur Sturmglocke geworden schien, die den Verfall einläutete. Es wurden zwar noch immer Geschäfte gemacht, denn ein angesehenes Handlungshaus geht scheinbar eine ganze Weile im alten Geleise fort. Aber welche Unordnung, welche Verwirrung lagen unter dieser scheinbaren Wohlfahrt verborgen. Sigismund wußte das besser als irgend jemand, und darum hatte ihn der Warnungsruf des blauen Männchens so ungestüm aus dem Schlafe geschreckt. Er zündete sein Licht an, als ob ihm das helfen könnte, aus den trüben, quälenden Gedanken, die sich in seinen Kopf drängten und verwirrten, zur Klarheit zu gelangen, saß aufrecht im Bett und grübelte. Wie sollten diese hunderttausend Franken herbeigeschafft werden? – Selbstverständlich betrugen die Außenstände der Firma mehr als diese Summe. Eine Anzahl alter Rechnungen lag unbezahlt bei den Kunden; die Prochassons und andre schuldeten einen Rest; aber welche Demütigung, diese Posten plötzlich einzuziehen! Im Großhandel ist das nicht üblich ... nur ein Krämer darf dergleichen thun. Und doch war es immerhin besser als ein Protest. Oh! wenn er sich's vorstellte, wie der Bankbote mit zuversichtlicher Miene ankam, an den Schalter trat, die Wechsel auf den Zahltisch legte und er – Sigismund Planus – dem Manne sagen mußte: »Nehmen Sie die Tratten wieder mit, ich habe kein Geld, sie einzulösen,« Nein, nein, das war nicht möglich! Jede andre Demütigung war dieser vorzuziehen. »Es bleibt nichts andres übrig ... morgen muß ich die Runde machen,« seufzte der arme Kassierer. Und während er sich in seinen Sorgen umherwarf und kein Auge schließen konnte, setzte das blaue Männchen seine Wanderung fort und schüttelte Geldsack und Kette auch über einer Dachstube des Boulevard Beaumarchais, die nach Désirées Tode der berühmte Delobelle mit seiner Frau bezogen hatte. »Verfalltag, Verfalltag!« Ach! die kleine Lahme hatte sich in ihren Ahnungen nicht geirrt. Nachdem sie geschieden war, hatte Mama Delobelle nicht lange mehr in »Vögeln und Käfern« arbeiten können. Ihre Augen wurden durch das viele Weinen vollends zu Grunde gerichtet, und ihre alten Hände zitterten zu sehr, um den Kolibris die rechte Frische wiederzugeben; so sehr sie sich abmühte, die kleinen Geschöpfe behielten ein elendes, jämmerliches Ansehen. – Als sie auf diese Beschäftigung verzichten mußte, begann die gute Frau zu nähen, besserte Spitzen und Stickereien aus und sank nach und nach zur gewöhnlichen Arbeiterin herab. Ihr Verdienst, der immer kleiner wurde, genügte jedoch kaum, um die unentbehrlichsten Ausgaben für den Haushalt zu bestreiten, und Delobelle, den seine traurige Stellung als Schauspieler in partibus zu unaufhörlichen Ausgaben veranlaßte, sah sich genötigt, Schulden zu machen. Er war seinem Schneider, seinem Schuhmacher, seinem Wäschelieferanten schuldig; was ihn aber am meisten quälte, waren die ausgezeichneten Déjeuners, die er zur Zeit seiner Schauspieldirektion auf dem Boulevard zu sich genommen hatte. Die Rechnung darüber belief sich auf zweihundertundfünfzig Franken, welche Ende Januar zu zahlen waren; auf längere Stundung durfte er nicht hoffen, und so ging ihm bei dem Warnungsruf des blauen Männchens ein Schauder der Angst durch alle Glieder... Nur ein Tag noch bis zur Zahlung! nur ein Tag noch, um diese zweihundertundfünfzig Franken aufzutreiben! Gelang es ihm nicht, sie herbeizuschaffen, so kam alles, was sie besaßen, unter den Hammer. Ihre dürftigen Möbel – immer dieselben, seit sie ihren Hausstand begründet hatten – die ihnen aber, so unbequem und unzulänglich sie waren, durch tausend, selbst mit ihren Schäden verknüpfte Erinnerungen, lieb und wert geworden; der lange Arbeitstisch, der den Vögeln und Käfern gedient und an dessen Ecke Delobelle seit zwanzig Jahren sein Abendbrot verzehrt hatte; Zizis großer Lehnstuhl, den die Eltern nie ohne Thränen ansehen konnten, weil er etwas von der Geliebten, ihren Bewegungen, ihrer Haltung, wenn sie sich träumend und arbeitend darin zurückgelehnt, festgehalten zu haben schien – alles wurde verkauft. Es war sicherlich der Tod der armen Mutter, wenn sie alle diese teueren Andenken verschwinden sah. Bei diesem Gedanken warf sich der unglückliche Komödiant, dessen dickhäutiger Egoismus ihn doch nicht immer vor Gewissensbissen zu schützen vermochte, in seinem Bette hin und her, seufzte tief und hatte dabei unablässig das bleiche Gesichtchen seiner Désirée vor Augen und den flehenden Blick, den sie im Sterben auf ihn gerichtet, während sie ihn bat: »zu verzichten ... zu verzichten!« – Was war es denn, worauf er verzichten sollte? ... Sie war gestorben, ohne das aussprechen zu können, aber Delobelle ahnte, was sie gemeint hatte, und in seine bisher so unerschütterliche Zuversicht hatte sich ein gewisser Zweifel, eine gewisse Unruhe eingedrängt, die sich in dieser schrecklichen Nacht mit seinen Geldsorgen vereinigten, ihn auf das grausamste zu quälen. »Verfalltag, Verfalltag!« Diesmal rief der kleine blaue Mann seine unheildrohende Mahnung in den Kamin des kleinen Herrn Chèbe. Herr Chèbe hatte sich nämlich seit einiger Zeit in bedeutende Geschäfte eingelassen, Geschäfte die er »stehenden Fußes« betrieb und die außerordentlich unbestimmter Natur waren, aber sehr viel Geld verschlangen. Zu wiederholtenmalen hatten sich Sidonie und Risler genötigt gesehen, die Schulden des Vaters zu bezahlen, hatten das jedesmal unter der ausdrücklichen Bedingung gethan, daß er sich ferner ruhig verhalte und keine weiteren Geschäfte mache. Aber diese kleinen Schiffbrüche waren ihm unentbehrlich, erhielten ihm Frische und Lebensmut. Wenn Monsieur Chèbe kein Geld hatte, gab er seine Unterschrift, mit welcher er überhaupt einen beklagenswerten Mißbrauch trieb, indem er jederzeit auf den Gewinn des Unternehmens rechnete, um seinen Verpflichtungen nachzukommen. Das Schlimme war nur, daß sich dieser Gewinn niemals einstellte, während die unterschriebenen Wechsel, nachdem sie monatelang ganz Paris durchwandert hatten, mit verzweifelter Pünktlichkeit, geschwärzt von zahllosen, unterwegs gesammelten Hieroglyphen zu Monsieur Chèbe zurückkamen. Die Summe, die er Ende Januar zu zahlen hatte, war besonders groß, und als er das blaue Männchen vorüberkommen hörte, fiel ihm plötzlich ein, daß er nicht einen Sou besaß, um seinen Verbindlichkeiten gerecht zu werden. Es war zum Rasendwerden! ... Er mußte sich abermals vor diesem Risler demütigen, sich der Gefahr einer Zurückweisung aussetzen, gestehen, daß er sein Wort gebrochen habe. Die Angst des armen Teufels, während er diese Möglichkeiten überdachte, wurde noch verstärkt durch das nächtliche Dunkel, das dem Auge keine Beschäftigung, dem Geist keine Zerstreuung bietet, während der liegende Zustand des Körpers, der diesem völlige Ruhe zu teil werden läßt, die Seele um so widerstandsloser allen Schrecken und Sorgen preisgibt. Wieder und wieder zündete Monsieur Chèbe seine Lampe an, nahm seine Zeitung zur Hand und versuchte – wenn auch vergeblich – sie zu lesen, zum großen Mißvergnügen seiner guten Frau, die sich, um nicht den Lichtschein zu sehen, leise stöhnend der Wand zukehrte. Inzwischen war das teuflische blaue Männchen, voll Freude an der eignen Bosheit, hohnlachend weitergeeilt, um Geldsack und Kette anderswo klirren zu lassen. Jetzt befand es sich in der Rue des Vieilles Haudriettes, über einem großen Fabrikgebäude, dessen Fenster bis auf ein einziges hinten im Garten, finster waren. Trotz der späten Nachtstunde war Georges Fromont noch nicht zu Bett gegangen. Er saß am Kamin, hatte den Kopf in die Hände gelegt und befand sich in jenem Zustande tiefer, starrer Versunkenheit, der rettungslosem Unglück eigen ist. Er dachte an Sidonie, die abscheuliche Sidonie, welche zu dieser Stunde in der oberen Etage ruhig schlief, während er um ihretwillen in Gefahr kam, den Verstand zu verlieren. Sie war ihm untreu – das konnte er nicht länger bezweifeln – war ihm untreu um des toulousischen Tenoristen willen, jenes Cazabon, genannt Cazaboni, den Madame Dobson bei ihr eingeführt hatte. Wiederholt hatte Georges flehentlich gebeten, Sidonie möge diesen Menschen nicht mehr empfangen, aber sie beachtete das nicht im mindesten und hatte noch heute, als sie von dem Balle gesprochen, den sie nächstens geben wollte, mit aller Entschiedenheit erklärt, daß sie sich nicht daran hindern lassen werde, ihren Tenoristen einzuladen. »Er ist also dein Geliebter!« hatte Georges zornig ausgerufen und ihr dabei fest in die Augen gesehen. Sie hatte nicht nein gesagt, nicht einmal den Blick abgewendet, ihm aber ganz ruhig, mit ihrem boshaft-feinen Lächeln die Erklärung gegeben, daß sie keinem Menschen das Recht zugestehe, ihr Thun und Lassen zu beurteilen oder gar einzuengen; daß sie frei sei und bleiben wolle und sich weder durch ihn, noch durch Risler tyrannisieren lassen werde. Eine volle Stunde hatten sie so mit zugezogenen Vorhängen nebeneinander im Wagen gesessen, sich gestritten, beschimpft, beinahe geschlagen. Und diesem Weibe hatte er alles aufgeopfert, sein Vermögen, seine Ehre, selbst die reizende Claire, die mit ihrem Kindchen in der Nebenstube schlief – ein volles Lebensglück, nach dem er nur die Hand auszustrecken brauchte, das er aber um dieser Elenden willen verschmähte! ... Und nun hatte sie ihm gestanden, daß sie ihn nicht mehr liebe, sondern einen andern ... und er, der Erbärmliche sehnte sich doch nach ihr! ... welchen Zaubertrank hatte sie ihm denn eingeflößt? Von tiefer Empörung durchglüht, hatte sich Georges Fromont seinem Sessel entrissen, ging mit fieberhafter Hast im Zimmer auf und nieder, und seine Schritte ertönten in der Stille des Hauses wie die der verkörperten Schlaflosigkeit. Sie schlief da oben ... schlief mit dem Vorrecht ihrer herz- und gewissenlosen Natur ... oder dachte sie vielleicht an ihren Cazaboni? Als ihm dies durch den Sinn ging, erfaßte ihn ein wahnsinniges Verlangen, die Treppe hinaufzugehen, Risler zu wecken, ihm alles zu sagen und sich mit Sidonie ins Verderben zu stürzen. Der betrogene Gatte war auch gar zu einfältig! warum beaufsichtigte er sie nicht besser? War sie doch hübsch und schlecht genug, um jede Vorsichtsmaßregel zu rechtfertigen. Und während er sich mit diesen ebenso peinlichen als unfruchtbaren Grübeleien quälte, ertönte plötzlich durch das Windgeräusch der Warnungsruf des blauen Männchens: »Verfalltag! ... Verfalltag!« Der Unglückliche! in seiner Wut hatte er nicht mehr daran gedacht, und doch sah er diesem schrecklichen letzten Januar schon lange sorgenvoll entgegen. Wie oft hatte er, in der Zwischenzeit von einem Stelldichein zum andern, wenn sein Geist, auf Augenblicke von Sidonie losgelöst, sich dem Geschäfte zuwendete, schon zu sich selbst gesagt: »an dem Tage bricht alles zusammen!« Aber wie alle, die im Wahnsinn eines Rausches dahinleben, hatte er sich feige eingeredet, daß es zu spät sei, um noch irgend etwas gut zu machen, und immer schneller und eifriger eilte er auf dem Wege des Verderbens dahin, um zu vergessen, um sich zu betäuben. Jetzt aber gelang ihm das nicht mehr. Mit unerbittlicher Deutlichkeit, im vollen Umfange stand ihm sein Unglück vor Augen, und das Antlitz des alten Planus stieg vor ihm auf, ernst und streng, wie aus Holz geschnitten, ohne jeden mildernden Ausdruck, und die hellen Augen des deutschen Schweizers, die ihn seit einiger Zeit mit so durchdringendem Blick verfolgten, sahen ihn an. Nein, nein, er hatte sie nicht, die notwendigen hunderttausend Franken und wußte nicht, wie er sie herbeischaffen sollte. Um den verschwenderischen Launen seiner Geliebten genügen zu können, hatte er seit einem halben Jahre viel und hoch gespielt und bedeutende Summen verloren. Dazu kam noch der Bankerott eines Bankiers, eine jammervolle Inventur ... er hatte nichts mehr als die Fabrik ... aber in welchem Zustande. Wohin sollte er sich wenden? was sollte er beginnen? Bisher waren ihm seine Verhältnisse wie ein Chaos erschienen, wie ein Wirbelsturm, in dem er nichts deutlich zu erkennen vermochte, dessen Dunkelheit ihm aber noch eine Hoffnung ließ; in diesem Augenblick zeigte sich ihm jedoch alles in erschreckender Klarheit: leere Kassen, geschlossene Thüren, Proteste, Bankerott, das nur sah er, wohin er sich auch wenden mochte, und zu alledem kam noch Sidoniens Verrat. Der Unglückliche, der nicht wußte, woran er sich in diesem allgemeinen Schiffbruch klammern sollte, brach plötzlich in einen Angstschrei, ein Aufschluchzen aus, als ob er eine Vorsehung zu Hilfe rufen wolle. »Georges, Georges, ich bin es ... was fehlt dir?« Seine Frau stand vor ihm – seine Frau, die ihn jetzt allnächtlich erwartete und seiner Rückkehr aus dem Klub, wo er ihrer Meinung nach seine Abende zubrachte, angstvoll entgegenharrte. Claire, die ihren Gatten von Tag zu Tag düsterer werden sah, war der Meinung, daß er schwere Geldsorgen haben müsse, wahrscheinlich infolge großer Spielverluste. Daß er spielte, hatte sie erfahren, und obwohl er sie vernachlässigte, sorgte sie sich um ihn, wünschte seine Vertraute zu sein und Gelegenheit zu finden, sich liebevoll und großmütig zu beweisen. In dieser Nacht hatte sie ihn sehr spät noch in seinem Zimmer auf und ab schreiten hören, und da ihre Kleine heftig hustete und unaufhörlicher Pflege bedurfte, hatte sie ihre Sorge zwischen den Leiden des Kindes und denen des Gatten geteilt. In schmerzlicher Erregung lauschte sie auf jedes Geräusch. Es war eine der kummervollen, liebereichen Nachtwachen, in denen das Weib alles aufbietet, was es an Mut besitzt, um seinen vielseitigen Pflichten zu genügen. Endlich war die Kleine eingeschlafen, und als Claire den Gatten weinen hörte, war sie herbeigeeilt. Als er sie dastehen sah, so teilnehmend, so bewegt, so schön, kam ein tiefes Gefühl der Reue über ihn. Ja, sie war seine Gefährtin, seine Freundin ... wie hatte er sie verlassen können? Er legte den Kopf an ihre Schulter und weinte lange, lange, ohne Worte zu finden, und es war gut, daß er nicht zu sprechen vermochte, denn er hätte ihr alles gestanden – alles. Der Unglückliche fühlte das Bedürfnis, sich auszusprechen, das unwiderstehliche Verlangen, sich anzuklagen, um Verzeihung zu bitten, die erdrückende Last, die auf seinem Gewissen lag, zu erleichtern. Claire ersparte ihm jedes Geständnis. »Du hast gespielt, nicht wahr? ... hast verloren ... viel verloren?« Er nickte bejahend, und als er endlich zu sprechen vermochte, sagte er ihr, daß er schon übermorgen hunderttausend Franken zu zahlen habe und nicht wisse, wie er sie sich verschaffen solle. Sie machte ihm keinen Vorwurf, denn sie war eine der Frauen, welche dem Unheil gegenüber nur auf Abhilfe bedacht sind. Im Innersten ihres Herzens segnete sie sogar das Mißgeschick, das ihn wieder zu ihr führte und nach der langen Trennung zwischen ihnen beiden zu einem neuen Bande werden konnte. Einen Augenblick versank sie in Nachdenken, dann sagte sie mit einer Anstrengung, die bewies, wie schwer ihr der Entschluß geworden war: »Noch ist nichts verloren ... ich werde morgen nach Savigny gehen, das Geld vom Großvater zu erbitten.« Er hätte nie gewagt, sie dazu aufzufordern, hätte wohl kaum an dies Auskunftsmittel gedacht. Sie war so stolz und der alte Gardinois so hartherzig! Jedenfalls brachte sie mit diesem Schritt ihrem Gatten ein großes Opfer, gab ihm einen großen Beweis ihrer Liebe. Es wurde ihm plötzlich warm ums Herz, und das Frohgefühl überstandener Gefahr kam über ihn. Claire erschien ihm wie ein überirdisches Wesen, das die Gabe besaß, Frieden und Freude zu spenden, wie jene andre Wahnsinn und Verderben über ihn brachte. – Gern hätte er die Kniee gebeugt vor diesem schönen Antlitz, das von dem herrlichen, schwarzen, für die Nacht zusammengewundenen Haar wie von einem bläulichen Heiligenschein umrahmt wurde, und dessen regelmäßig-strenge Züge ein Ausdruck holder Zärtlichkeit mildernd überstrahlte. »Claire, Claire, wie gut du bist!« Ohne zu antworten, führte sie ihn an die Wiege ihres Kindes. »Küsse die Kleine,« bat sie leise; aber als sie beide, von dem Musselinvorhange umwallt, nebeneinanderstanden und sich über das Köpfchen des schlafenden Kindes beugten, dessen Atem, so gleichmäßig er jetzt war, die überstandene Anstrengung des Hustens verriet, scheute sich Georges, sein Töchterchen zu wecken und küßte statt seiner die Mutter mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit. Sicherlich war es das erste Mal, daß die Erscheinung des blauen Männchens eine derartige Wirkung hervorbrachte. Gewöhnlich trennt der abscheuliche Gnom überall, wo er sich zeigt, Hände und Herzen, lenkt die Seele von ihren teuersten Neigungen ab und erfüllt sie mit den tausendfachen Sorgen, die jedesmal erwachen, wenn das Klirren seiner Kette und sein düsterer Mahnungsruf: »Verfalltag! Verfalltag!« über den Dächern erschallt. Zwanzigstes Kapitel. Enthüllungen. »Sieh da, Sigismund! – Wie geht's, Vater Sigismund?... Was macht das Geschäft?... Alles im rechten Gange bei Ihnen?« Der alte Kassierer lächelte gutmütig, drückte dem Prinzipal, seiner Frau, seinem Bruder die Hand und sah sich während der Begrüßungen neugierig um. Er befand sich im Faubourg Saint-Antoine, in der Tapetenfabrik der kleinen Prochassons, deren Konkurrenz bedenklich zu werden anfing. Es waren ehemalige Commis des Hauses Fromont, die sich auf eigne Rechnung im bescheidensten Maßstabe etabliert hatten, nach und nach aber eine gewisse Bedeutung zu gewinnen wußten. Der Onkel Fromont hatte sie längere Zeit mit seinem Kredit sowohl, wie mit barem Gelde unterstützt; die Beziehungen zwischen den beiden Firmen waren daher von freundlichster Art geblieben, und die Fromonts hatten ein Guthaben von zehn- bis fünfzehntausend Franken nicht eingezogen, da sie das Geld bei den Prochassons in sicheren Händen wußten. Der Anblick der Fabrik war in der That Vertrauen einflößend. Stolze Rauchwolken stiegen aus den Schornsteinen empor; das dumpfe Getön der Arbeit verriet, daß die Werkstätten gefüllt und in voller Thätigkeit waren; die Gebäude zeigten sich gut eingerichtet, die Fenster waren hell, alles machte den Eindruck der Rührigkeit, Heiterkeit und Ordnung, und hinter dem Gitter der Kassenstube saß die Frau des einen Bruders, einfach gekleidet, mit glatt gescheitelten Haaren, einen Ausdruck Achtung gebietenden Ernstes in dem jungen Gesicht, ganz vertieft in lange Zahlenreihen. Der alte Sigismund dachte voll Bitterkeit an den Unterschied zwischen dem einst so reichen Hause Fromont, das nur noch von seinem alten Rufe zehrte, und dem wachsenden Wohlstande dieses kaum gegründeten Geschäfts. Seine spürenden Blicke drangen in alle Winkel, um irgendwo einen Mangel, etwas Tadelnswertes zu entdecken, und daß er nichts dergleichen zu finden vermochte, schnürte ihm das Herz zusammen und gab seinem Lächeln etwas Falsches und Unsicheres. Was ihn am meisten in Verlegenheit brachte, war die Frage, wie er es machen solle, das Geld für seinen Prinzipal einzufordern, ohne den traurigen Zustand seiner Kasse zu verraten. Der arme Mann suchte eine sorglose, heitere Miene zu erzwingen; aber der Anblick derselben war beängstigend ... Die Geschäfte gingen gut ... sehr gut ... Der Zufall hatte ihn in diese Stadtgegend geführt, und er war auf den Gedanken gekommen, einmal vorzusprechen... begreiflicherweise, denn nicht wahr? es ist immer angenehm, alte Freunde wieder zu sehen. Aber alle diese Vorreden und immer weitere Umschweife brachten ihn nicht ans Ziel; im Gegenteil, sie entfernten ihn von seinem Vorhaben, und da er in den Augen seiner Zuhörer eine gewisse Verwunderung zu bemerken glaubte, kam er vollends in Verwirrung, stotterte, verlor den Kopf, griff als letztes Auskunftsmittel zu seinem Hute, that als ob er gehen wolle, kehrte an der Thür jedoch wieder um. »Uebrigens da ich einmal hier bin...« Dabei blinzelte er leicht mit den Augen, was seiner Meinung nach schlau und neckisch aussehen sollte, aber nur herzzerreißend war. »Da ich einmal hier bin, könnten wir unsre alte Rechnung ins klare bringen.« Die beiden Brüder und die junge Frau an der Kasse sahen sich untereinander an, als ob sie ihn nicht verstanden. »Eine Rechnung? welche Rechnung denn?« Dabei lachten alle drei laut auf, wie über einen etwas gewagten Scherz des alten Kassierers. – Ist er komisch, der Vater Planus! Auch er lachte, so wenig ihm danach zu Mut war, um es den andern gleich zu thun. Endlich kam es zur Erklärung. Fromont Junior war vor einem halben Jahre selbst gekommen, um das Geld, das die Prochassons noch in Händen hatten, in Empfang zu nehmen. Sigismunds Kniee wankten; dennoch hatte er die Kraft zu antworten: »Freilich, freilich, ich besinne mich ... Sigismund Planus wird alt, das ist nicht zu leugnen... Es geht abwärts mit mir, liebe Kinder, es geht abwärts ...« Darauf ging der wackere Mann, indem er sich die Augen trocknete, denen, wohl infolge des herzlichen Lachens, dicke Thränen entquollen. Die jungen Leute sahen sich hinter seinem Rücken kopfschüttelnd an, sie hatten alles erraten. Die Erschütterung des Kassierers war so tief, daß er sich, nachdem er das Haus verlassen hatte, auf eine Bank setzen mußte. Darum also nahm Georges kein Geld aus der Kasse! er zog seine Außenstände ein... denn was bei den Prochassons geschehen war, konnte sich auch bei andern Schuldnern wiederholt haben. So war es denn überflüssig, sich weiteren Demütigungen auszusetzen! ... aber der Verfalltag ... der Verfalltag! ... Der Gedanke daran gab Planus neue Kräfte: er trocknete sich die schweißbedeckte Stirn und machte sich wieder auf den Weg, um noch bei einem andern Kunden in der Vorstadt einen Versuch zu machen. Diesmal ging er jedoch vorsichtiger zu Werk. Von der Schwelle aus rief er, ohne wirklich einzutreten, dem Kassierer zu: »Guten Tag, Papa So und so ... ich möchte um eine kleine Auskunft bitten.« Er hielt die Thür halb geöffnet, seine Hand umschloß die Klinke mit krampfhaftem Griff. »Wann haben wir unsre letzte Rechnung abgeschlossen? ich habe vergessen den Posten einzutragen,« Es war lange, sehr lange her, daß ihre letzte Rechnung bezahlt wurde. Die Quittung Fromont juniors trug das Datum September – es war also fünf Monate her. Die Thür wurde heftig geschlossen. Nummer zwei! und sicherlich verhielt es sich überall ebenso. »Oh, Monsieur Schorsch... Monsieur Schorsch!« murmelte der arme Sigismund, und während er mit gebeugtem Rücken und zitternden Knieen seine Wanderschaft fortsetzte, fuhr Madame Fromont junior dicht an ihm vorbei, in der Richtung des Bahnhofes von Orleans. Aber Claire sah den alten Planus ebensowenig, wie sie kurz zuvor, als sie ihr Haus verließ, den langen Ueberzieher Monsieur Chèbes und den Cylinderhut des berühmten Delobelle bemerkt hatte; auch diese beiden waren Märtyrer des Verfalltages und bogen fast gleichzeitig um die Ecke der Rue des Vieilles Haudriettes, um auf die Fabrik und Rislers Börse zuzusteuern. Die junge Frau war durch den Schritt, den sie zu thun hatte, zu sehr in Anspruch genommen, um auf die Straße hinaus zu sehen. Es war in der That eine schwierige, geradezu erschreckende Aufgabe! Sollte sie doch hunderttausend Franken von dem alten Gardinois erbitten, einem Manne, der sich rühmte, nie im Leben auch nur einen Sou geliehen oder verborgt zu haben, und bei jeder Gelegenheit erzählte, daß er die vierzig Franken, die er sich einst zur Bezahlung einer Hose von seinem Vater geben lassen mußte, in kleinen Raten zurück erstattet habe. Nicht nur andern Menschen, auch seinen Kindern gegenüber hielt der alte Gardinois an den Lehren der Habgier fest, die der Erdboden, welcher sich denen, die ihn beackern, hart und oft sehr undankbar beweist, allen Bauern einflößt. Solange er selbst noch lebte, sollte von seinem ungeheuren Vermögen nichts auf seine Kinder übergehen. »Sie bekommen alles, was ich habe, wenn ich tot bin,« sagte er oft. Von diesem Grundsatz ausgehend, hatte er seiner Tochter, Claires Mutter, als sie heiratete, keine Mitgift gegeben, konnte später aber seinem Schwiegersohne nie verzeihen, daß sich derselbe ohne seine Beihilfe ein beträchtliches Vermögen erwarb; denn zu den Eigenheiten dieses ebenso eiteln wie selbstsüchtigen Charakters gehörte das Verlangen, daß jedermann seiner Hilfe bedürfe und sich vor seinem Gelde beuge. Wenn sich die Fromonts in seiner Gegenwart des guten Fortgangs ihrer Geschäfte freuten, leuchteten seine kleinen, blauen, pfiffigen Augen spöttisch auf, sein übliches: »Es ist noch nicht aller Tage Abend!« wurde in einem Tone gesprochen, der Schauder einflößte, und oft, wenn er den Park von Savigny, die Alleen, die blauen Schieferdächer des Schlosses, die roten Backsteinmauern der Stallungen, die Teiche, den Fluß im goldigen Glorienschein eines schönen Sonnenunterganges glänzen sah, warf der seltsame Emporkömmling einen Blick in die Runde und sagte in seiner Kinder Gegenwart: »Was mich einigermaßen über mein Sterben zu trösten vermag, ist, daß niemand in der Familie reich genug sein wird, dies Schloß zu behalten, dessen Unterhaltungskosten jährlich fünfzigtausend Franken betragen,« Und doch hätte der alte Gardinois seiner Enkelin jene großväterliche Zärtlichkeit beweisen mögen, die sich auch in den vertrocknetsten Herzen geltend macht; aber von klein auf empfand Claire einen unüberwindlichen Widerwillen gegen die Härte und prahlerische Selbstsucht des alten Bauern. Wenn aber Familienglieder von verschiedenem Bildungsgrade nicht durch das Band der Zuneigung aneinandergeknüpft werden, wird die Antipathie zwischen ihnen durch tausend Kleinigkeiten genährt. Als Claire Georges Fromont heiratete, hatte der alte Bursche zu ihrer Mutter gesagt: »Wenn deine Tochter will, soll sie ein fürstliches Hochzeitsgeschenk von mir haben: aber darum bitten muß sie mich.« Claire wollte nicht bitten, und so hatte sie nichts bekommen. Welche Qual nun, drei Jahre später von der damals zurückgewiesenen Großmut hunderttausend Franken zu erbitten, sich zu demütigen, endlose Predigten anzuhören, alberne Spöttereien, gewürzt durch grobe Bauernspäße, durch Aussprüche jener nüchternen, unerbittlichen Volksweisheit, deren plumper Ton verletzt, wie ein Schimpfwort aus dem Munde eines Untergebenen. Arme Claire! auch ihr Gatte, ihr Vater wurden mit ihr gedemütigt. Sie mußte den Mißerfolg des einen, den Zusammensturz des Hauses, das der andre gegründet hatte und worauf er so stolz gewesen war, eingestehen. Aus dem Gedanken, daß sie alles, was ihr auf Erden das Liebste war, zu verteidigen haben würde, entsprang gleichzeitig ihre Kraft und ihre Schwäche. Es war elf Uhr, als sie in Savigny ankam. Da niemand von ihrem Besuch unterrichtet war, fand sie keinen Wagen am Bahnhofe und mußte den Weg zu Fuß zurücklegen. Der Tag war bitter kalt, der Weg hart und trocken. Der Nordwind strich ungehemmt über die kahlen Felder, über den Strom und drang ohne Widerstand durch die entlaubten Baume und Gebüsche. Unter niedrig hängendem Gewölk zeigte sich das Schloß mit den weit gedehnten Mauern und Hecken, die es von den angrenzenden Feldmarken trennen. Die Schieferdächer waren dunkel, wie der Himmel, den sie widerspiegeln, und der herrliche Sommeraufenthalt, den der Winter starr und stumm gemacht, der kein Blatt mehr am Baume, keine Taube auf dem Dache hatte, schien von allem früheren Leben nichts bewahrt zu haben als das feuchte Erschauern seiner Gewässer, das klagende Rauschen der hohen Pappeln, die sich gegeneinander neigten und die Elsternnester in ihren Wipfeln hin und her wiegten. Von weitem schon machte die Heimat ihrer Kinderjahre einen düsteren, unfreundlichen Eindruck auf die junge Frau; ihr war, als hatte Savigny jetzt auch für sie das vornehm-kalte Gesicht, mit dem es den Wanderer ansah, der auf der Landstraße daran vorüberkam und an den Eisenstäben seines Gitters stehenblieb. Auch leblose Dinge können grausam aussehen. Aber nein, es war keine Grausamkeit, denn das verödete Aussehen Savignys schien ihr zu sagen: »Geh . .. tritt nicht herein,« und wäre Claire der Mahnung gefolgt, hätte sie die Unterredung mit dem Großvater aufgegeben, wäre sie schnell nach Paris zurückgekehrt, so hätte sie die Ruhe ihres Lebens gerettet. – Leider verstand das arme Kind die Warnung nicht, und schon kam der große Neufundländer, der sie erkannt hatte, durch das dürre Laub in mächtigen Sätzen heran und stand schnaubend an der Eingangsthür. »Guten Morgen, Françoise, wo ist Großpapa?« sagte die junge Frau, als die Gärtnerin demütig, falsch und zitternd, wie alle Dienstleute des Schlosses unter den Augen der Herrschaft waren, herbeikam, um sie einzulassen. Großpapa war in seinem Bureau, einem kleinen vom Hauptgebäude getrennten Pavillon, wo er tagelang in Mappen, Schubfächern und großen Rechnungsbüchern mit grünem Rücken umherstöberte, erfüllt von einer Art Leidenschaft für büreaukratisches Gebahren – eine Nachwirkung seiner früheren Unwissenheit und des überwältigenden Eindrucks, den ihm in seiner Jugend das Arbeitszimmer des Dorfnotars gemacht hatte. In diesem Augenblick befand er sich dort in Gesellschaft seines Feldhüters, einer Art ländlichen Spions und besoldeten Angebers, der ihn von allem unterrichten mußte, was in der Umgegend geschah und gesagt wurde. Er war ein Günstling seines Herrn, hieß Fouinat und hatte den platten Kopf, das verschmitzte, blutgierige Aussehen seines Namensvetters. Als der Alte seine Enkelin trotz ihrer Pelze bleich und zitternd eintreten sah, begriff er, daß etwas Besondres, Ungewöhnliches geschehen sein müsse, gab Fouinat ein Zeichen, und dieser verschwand, indem er sich aus der halbgeöffneten Thür schob, als ob er in die Mauer hineinschlüpfte. »Na, Kleine, was ist denn los? siehst ja ganz verblustert aus!« sagte der Großvater, der hinter seinem ungeheuren Schreibtische sitzen blieb. Das Wort »verblustert« bedeutete in seiner Redeweise verwirrt, außer Fassung, niedergeschlagen und paßte durchaus auf den Zustand, in dem sich Claire befand. Ihr schnelles Gehen durch die Kälte, die Anstrengung, die sie gemacht hatte, um sich zum Herkommen zu entschließen, hatten ihren Zügen einen fremdartigen Ausdruck gegeben. Ohne vom Großvater dazu aufgefordert zu sein, setzte sie sich, nachdem sie den alten Herrn umarmt hatte, an das Kamin, in dem große Holzscheite, trockenes Moos und die im Park zusammengelesenen Tannenzapfen fröhlich knisternd verbrannten. Sie nahm sich nicht einmal Zeit, den Reif abzuschütteln, der von ihrem Schleier tropfte und begann – ihrem Vorsatz getreu – sogleich den Zweck ihres Besuchs zu erklären, ehe die Atmosphäre von Furcht und Scheu, die den Großvater umgab und ihn zu einer Art Schreckensgott machte, ihre Wirkung auf sie auszuüben vermochte. Es gehörte Mut dazu, vor dem scharfen Blick, der sich von ihren ersten Worten an mit dem Ausdruck boshafter Freude auf sie richtete, vor dem harten Munde, dessen Lippen sich wie in beabsichtigtem Schweigen fest zusammenpreßten und jeder Herzensregung Trotz zu bieten schienen, nicht zu stocken und in Verwirrung zu geraten. Aber in einem Zuge ging sie bis zu Ende, war ehrfurchtsvoll ohne sich zu demütigen, verbarg ihre Erregung und gewann in der Wahrhaftigkeit ihres Berichts eine gewisse Festigkeit der Stimme und des Ausdrucks. Wer die beiden einander gegenüber gesehen – ihn kalt und ruhig in seinem Lehnstuhl ausgestreckt, die Hände in den Taschen seiner grauen, wollenen Jacke, sie ängstlich bemüht, das rechte Wort zu finden, als ob jedem derselben die Macht gegeben wäre, sie zu verurteilen oder frei zu sprechen – hätte sicher nicht geahnt, daß er hier Enkelin und Großvater vor sich habe, sondern eine Angeklagte in Gegenwart des Untersuchungsrichters zu erblicken geglaubt. Seine einzige Empfindung war die der Freude, des Stolzes über den Triumph, den er feierte. – So waren sie denn endlich besiegt, diese hochnäsigen Fromonts und bedurften des alten Gardinois! Die Eitelkeit, seine Hauptleidenschaft, wurde gegen seinen Willen in seiner ganzen Haltung sichtbar. Als Claire zu Ende gekommen war, nahm er das Wort, begann, wie sich's von selbst verstand mit: »Ich habe es ja gewußt... habe alles vorhergesagt... war überzeugt, daß es zum schlimmen Ende kommen müsse...« fuhr eine Weile in demselben harten, verletzenden Tone fort, um mit der Erklärung zu schließen, daß er in Anbetracht seiner, der ganzen Familie bekannten Grundsätze nicht einen Sou herleihen werde. Claire begann von ihrem Kinde zu sprechen, von dem Namen ihres Gatten, welcher auch der ihres Vaters gewesen, und den der Bankerott zu entehren drohe. Der Alte blieb kalt und ungerührt wie zuvor und benutzte ihre Demütigung, um sie noch tiefer zu beugen. Er gehörte zu dem Schlage jener würdigen Bauern, die den zu Boden gefallenen Gegner nie verlassen, ohne ihm die Nägel ihrer Schuhe ins Gesicht gedrückt zu haben. »Alles, was ich dir sagen kann, Kleine, ist, daß euch Savigny offen steht. Dein Mann soll nur herkommen... ich brauche einen Schreiber. Für zwölfhundert Franken jährlich und außerdem Wohnung und Kost für die ganze Familie soll er meine Papiere in Ordnung halten. Sag' ihm das in meinem Namen und macht, daß ihr herkommt.« Entrüstet stand sie auf; als sein Kind hatte sie sich an ihn gewendet, und er nahm sie auf wie eine Bettlerin! Gott sei Dank, so weit waren sie noch nicht. »Glaubst du wirklich?« fragte Monsieur Gardinois, und seine Augen blinzelten sie boshaft an. Bebend, ohne zu antworten, wendete sich Claire der Thür zu; mit einer Gebärde hielt sie der Alte zurück. »Nimm dich in acht... du weißt nicht, was du ausschlägst. In deinem Interesse, das laß dir gesagt sein, habe ich dir angeboten, deinen Mann hierher kommen zu lassen. Du hast keine Ahnung von dem Leben, das er dort in Paris führt, kannst sie nicht haben, sonst wärst du nicht gekommen, mein Geld zu erbitten, damit es denselben Weg geht, den das deinige gegangen ist... Ich aber weiß Bescheid um das Thun und Treiben deines Herrn Gemahls, denn ich habe meine Aufpasser in Paris und Asnières ebensogut wie in Savigny: ich weiß, wie der Bursche seine Tage und seine Nächte zubringt, und will nicht, daß meine Thaler die Orte kennen lernen, die er aufsucht... sie sind nicht anständig genug für ehrlich erworbenes Geld.« Mit verwunderten, angstvoll geöffneten Augen sah ihn Claire an; sie fühlte, daß in diesem Augenblick durch die elende Hinterthür der Klatscherei ein großes Unheil in ihr Leben drang. Hohnlachend fuhr der Alte fort: »Echte Raubtierzähne hat sie ... diese kleine Sidonie ...« »Sidonie!« »Nun ja, da ich den Namen einmal gesagt habe ... Uebrigens hättest du ihn ja früher oder später erfahren müssen ... Es ist sogar merkwürdig, daß du alle die Zeit her ... aber ihr Weiber seid so eitel ... daß man euch untreu sein könnte, will euch nicht in den Kopf ... Es ist nun einmal so! ... Sidonie hat alles weggeschnappt, was er besaß, und ihr Mann ist damit einverstanden gewesen.« Und ohne jedes Erbarmen erzählte er der jungen Frau, woher das Geld für das Landhaus in Asnières, für Wagen und Pferde gekommen war und wie sie das hübsche Nest in der Avenue Gabriel eingerichtet hatten. Er wußte alles, beschrieb alles bis in jede Einzelheit. Es war unverkennbar, daß er seiner Leidenschaft zum Spionieren bei dieser Gelegenheit volle Genüge gethan hatte. Vielleicht hätte man auch als Untergrund zu dem allem eine stille Wut gegen seine kleine Chèbe, den Aerger einer greisenhaften, niemals eingestandenen Verliebtheit entdecken können. Claire hörte ihm wortlos zu, mit dem schönen Lächeln des Unglaubens. Dies Lächeln ärgerte den Alten und stachelte ihn zu neuer Bosheit auf. »So, du glaubst mir nicht ... du willst Beweise haben!« Und er gab ihr Beweise, häufte einen über den andern und bohrte sie ihr wie Dolchstöße ins Herz. Sie brauchte nur zu Darches zu gehen, dem Juwelier in der Rue de la Paix. Dort hatte Georges vor etwa vierzehn Tagen ein Diamantenhalsband für dreißigtausend Franken gekauft. Es war Sidoniens Neujahrsgeschenk. Für dreißigtausend Franken Diamanten, während der Bankerott vor der Thür stand! Er hätte den ganzen Tag so fortreden können, ohne von Claire unterbrochen zu werden. Sie fühlte, daß bei der geringsten Anstrengung die Thränen, die ihr in den Augen standen, fließen würden, und sie wollte lächeln, bis ans Ende lächeln, die teure, tapfere Frau. Von Zeit zu Zeit aber warf sie einen Blick auf die Landstraße, denn sie sehnte sich, fortzugehen, um der boshaften Stimme zu entfliehen, die sie so mitleidslos peinigte. Endlich hielt er inne; er hatte alles gesagt. Sie verbeugte sich und ging nach der Thür. »Du gehst ... warum so eilig?« fragte der Großvater, indem er sie hinaus begleitete. Im stillen schämte er sich seiner Grausamkeit. »Willst du nicht mit mir frühstücken?« Sie schüttelte den Kopf, sprechen konnte sie nicht. »Warte wenigstens, bis angespannt ist ... ich lasse dich nach dem Bahnhofe fahren ...« Nein, wieder nein. Dabei ging sie weiter, und der Alte folgte ihr auf den Fersen. Stolz und aufrecht durchschritt sie den Hof, der für sie an Kindheitserinnerungen so reich war, ohne sich nur einmal umzusehen. Und doch, wie mancher Nachhall ihres fröhlichen Lachens, wie mancher Sonnenstrahl ihrer Jugendjahre war am kleinsten Sandkorn dieses Hofes haften geblieben. Ihr Baum, ihre Lieblingsbank standen noch auf dem alten Flecke – sie hatte nicht einen Blick dafür, auch nicht für die Fasanen im Vogelhause, nicht einmal für Kiß, den großen Hund, der ihr sanftmütig folgte, um eine Liebkosung in Empfang zu nehmen, die ihm nicht zu teil wurde. Als Kind des Hauses war sie eingetreten, als eine Fremde ging sie fort, belastet mit quälenden Sorgen, die jede Erinnerung an vergangene, ruhig glückliche Tage nur noch drückender gemacht hätten. »Lebe wohl, Großvater!« »Lebe wohl!« Dabei fiel die Thür erbarmungslos hinter ihr zu, und sobald sie draußen war, eilte sie schnell, immer schneller von dannen; es war beinahe ein Laufen zu nennen. Sie ging nicht fort, sie flüchtete. Plötzlich, als sie das Ende der Umfassungsmauer erreicht hatte, erblickte sie die kleine grüne, von Geißblatt und Glycinien umrankte Pforte mit dem Briefkasten des Schlosses. Unwillkürlich blieb sie stehen, gepackt von einer jener Erinnerungen, die uns in Stunden der Entscheidung mit überraschender Klarheit auch die kleinsten Vorkommnisse zurückrufen, welche mit den Leiden oder Freuden der Gegenwart irgendwie zusammenhängen. Kam es von dem plötzlich aufleuchtenden, schräg einfallenden rosigen Sonnenschein, der die weite Ebene an diesem Winternachmittag überflutete, wie im August beim Sonnenuntergang? oder kam es von dem tiefen Schweigen rings umher, das nur durch ein leises, harmonisches Getön, das zu allen Jahreszeiten fast gleichartige Atmen der Natur unterbrochen wurde? Gewiß ist, daß sie sich plötzlich selbst erblickte, wie sie vor drei Jahren gewesen war, als sie hier an derselben Stelle, in denselben Kasten einen Brief gesteckt, der Sidonie einlud, auf vier Wochen zu ihr nach Savigny zu kommen. Ein gewisses Etwas sagte ihr, daß mit jenem Augenblick das Unheil ihres Lebens begonnen habe. »Wenn ich geahnt hätte ... wenn ich geahnt hatte!« murmelte sie, und ihr war, als fühle sie wieder die Glätte des Briefumschlags, den ihre Finger in den Kasten gleiten ließen. Dann erinnerte sie sich, welch ein argloses, hoffnungsvolles, glückliches Kind sie damals gewesen war, und in ihrer sonst so sanften Seele wallte eine bittere Empörung gegen die Ungerechtigkeiten des Lebens auf. »Weshalb denn?« fragte sie sich selbst: »was habe ich verschuldet?« Plötzlich klang es in ihr: »Nein, es ist nicht wahr ... nicht möglich! man hat mich belogen!« und während sie den Weg zum Bahnhofe verfolgte, suchte sich die Unglückliche zu überreden, zu beruhigen, aber es gelang ihr nicht. Eine halberkannte Wahrheit gleicht der verschleierten Sonne, die dem Auge weher thut, als die glühendsten Strahlen. In dem Halbdunkel, das ihr Unglück umgab, sah die unglückliche Frau viel klarer, als sie wollte. Jetzt verstand sie, jetzt erklärte sie sich alles Auffallende in der Lebensweise und dem Benehmen ihres Mannes. Seine häufige Abwesenheit, seine Unruhe, seine Verlegenheit an gewissen Tagen und den Eifer, mit welchem er ihr zuweilen bei der Heimkehr über sein Thun und Treiben Rechenschaft gegeben und Namen genannt hatte, als ob er Beweise beibringen wolle, die niemand von ihm verlangte. Aus alledem ergab sich ihr die Gewißheit seines Vergehens, und doch sträubte sie sich, daran zu glauben, wollte erst in Paris dem Zweifel ein Ende machen. Sie war allein in dem kleinen melancholischen Bahnhofe, den zur Winterszeit nur selten ein Reisender betritt; aber während sie dasaß, den Zug erwartete und gedankenlos in das öde Gärtchen des Bahnhofinspektors hinaussah und auf die kahlen Ranken der Kletterpflanzen, die von den Barrieren der Bahn herabhingen, fühlte sie plötzlich einen warmen, feuchten Hauch auf ihrer Wange. Ihr Freund Kiß war ihr nachgegangen und suchte sie durch Wedeln, durch halbe Sprünge, durch demütige Freudenbezeigungen, die mit dem Ausstrecken seines prächtigen weißen Pelzes zu ihren Füßen, auf die kalten Steine des Wartsaales endeten, an ihre schönen Spiele von ehemals zu erinnern. Bei diesen Liebkosungen, die eine so schüchterne, treue Anhänglichkeit verrieten, brachen die Thränen, die sie schon lange zurückhielt, gewaltsam hervor; aber plötzlich schämte sie sich ihrer Schwäche, stand auf, wies den Hund zurück, mitleidslos, mit Hand und Wort, indem sie ihm von weitem das Haus zeigte und dabei strenger aussah, als es der arme Kiß je von ihr erfahren. Dann trocknete sie hastig Augen und Hände, denn der Pariser Zug kam heran, und sie wußte, daß sie in wenigen Minuten ihres ganzen Mutes bedürfen werde. Sobald Claire den Waggon verlassen hatte, fuhr sie nach der Rue de la Paix, zu dem Juwelier, von dem, wie ihr Großvater behauptete, Georges das Diamantenhalsband gekauft hatte. Wenn sich dies als wahr herausstellte, mußte sie auch alles Uebrige glauben – aber ihre Furcht, darüber Gewißheit zu erlangen, war so groß, daß sie, an das Ziel gelangt, vor dem prächtigen Schaufenster stehen blieb und nicht einzutreten wagte. Um eine gewisse Haltung zu gewinnen, gab sie sich den Anschein, als betrachte sie die Schmuckgegenstände, die auf dem Samt der Kästchen zur Schau lagen. Wer sie beobachtet hätte, während sie sich in ihrer einfachen Eleganz all den funkelnden Zierlichkeiten zuneigte, würde sie weit eher für eine glückliche Frau gehalten haben, im Begriff, sich irgend ein Geschmeide auszusuchen, als für eine schmerzerfüllte, unruhevolle Seele, die dem Unglück ihres Lebens nachspürte. Es war drei Uhr nachmittags – die Stunde, in welcher zur Winterszeit die Rue de la Paix einen wahrhaft blendenden Anblick gewährt. Zwischen dem kurzen Morgen und der früh hereinbrechenden Nacht drängt sich das Leben dieser glänzenden Stadtviertel zusammen. Unaufhörlich rollen die Wagen vorüber, wogen auf den Trottoirs Eitelkeit und Gefallsucht auf und nieder, streifen sich Seide und Pelzwerk. Um Paris, die Stadt des Teufels, im vollen Glanze zu sehen, muß man sein Leben und Treiben zur Winterszeit beobachten, unter niedrigem, mit Schneegewölk bedecktem Himmel. Die Natur ist sozusagen von diesem Bilde ausgeschlossen. Kein Wind, kein Sonnenschein, nur eben Licht genug, um auch die leisesten Farbentöne zur vollen Geltung zu bringen, von dem rötlichen Grau der Denkmäler bis zu den Schmelzperlen, die am Gewände der Frauen schimmern. Dazu glänzen die Theaterzettel, die Konzertanzeigen, als wären sie schon vom Lampenlicht der Rampe angestrahlt. Die Läden sind überfüllt; es sieht aus, als wären alle diese hin und her wogenden Menschen mit den Vorbereitungen unaufhörlicher Feste beschäftigt. Wenn sich aber irgend ein Schmerz inmitten dieses Lärmens und Treibens befindet, wird er um vieles schwerer und qualvoller. Auch Claire erlitt fünf Minuten lang ein Martyrium, das schlimmer war als der Tod. Draußen, auf der Landstraße von Savigny, in der Oede der weitgedehnten Feldmarken schien sich ihre Verzweiflung in der frisch bewegten Luft zu verlieren und leichter zu werden; hier wurde sie davon zu Boden gedrückt. Die Stimmen, die an ihr Ohr schlugen, das Geräusch der Schritte, das unwillkürliche Anstreifen der Vorübergehenden – alles verschärfte ihre Pein. Endlich trat sie in den Laden. »Jawohl, Madame... es ist ganz richtig . .. Monsieur Fromont ... ein Halsband von Diamanten und Rosetten, Wir können Ihnen ganz dasselbe für fünfundzwanzigtausend Franken anfertigen.« Fünftausend Franken weniger, als er gezahlt hatte! »Besten Dank, Monsieur«, sagte Claire, »ich will es mir überlegen.« In einem Spiegel, der gegenüber hing, erblickte sie ihre dunkel umränderten Augen, ihr leichenblasses Gesicht; sie erschrak, eilte hinaus und nahm sich straff zusammen, um nicht zu Boden zu fallen. Sie hatte nur ein Verlangen: den Straßen und dem Straßenlärm zu entfliehen, um allein, ganz allein zu sein und sich in den Wust herzzerreißender Gedanken und schwarzer Vorstellungen zu versenken, die ihre Seele bis in die innerste Tiefe erfüllten. O, der Schändliche, der Elende. Und sie hatte ihn noch in der vergangenen Nacht getröstet, in den Armen gehalten! Plötzlich, ohne zu wissen, wie sie dahin gekommen war, befand sie sich im Hofe der Fabrik. Welchen Weg hatte sie eingeschlagen? war sie zu Fuß gekommen oder gefahren? Sie konnte sich nicht darauf besinnen, hatte sich unbewußt, wie im Traume, zurechtgefunden, aber als sie die Freitreppe ihres Hauses erreichte, wurde das Gefühl der Wirklichkeit scharf und schneidend wieder in ihr wach. Risler war eben damit beschäftigt, große Blumenkübel für das glänzende Fest, das seine Frau heute abend geben wollte, hinauf schaffen zu lassen. Mit seiner gewöhnlichen Ruhe gab er den Arbeitern seine Anweisungen und hielt die Zweige in die Höhe, die in Gefahr kamen, abgebrochen zu werden. »Nicht so ... geht aus dem Wege ... nehmt den Teppich in acht!« Die Atmosphäre der Freuden und Festlichkeiten, welche sie vorhin schon mit Ekel erfüllt hatte, verfolgte sie bis in ihr eignes Haus. Das war zu viel der Ironie, dagegen lehnte sie sich auf, und während Risler sie freundlich und ehrfurchtsvoll wie immer begrüßte, bekam ihr Gesicht einen Ausdruck tiefen Widerwillens, und sie schritt stumm an ihm vorüber, ohne die Bestürzung zu beobachten, mit welcher er seine treuen Augen weit aufriß. Von diesem Augenblick an war ihr Entschluß gefaßt. Der Zorn, der gerechte, ehrliche Zorn war es, der ihre Handlungsweise bestimmte. Sobald sie eingetreten war und die frischen Wangen des Kindes geküßt hatte, eilte sie nach dem Zimmer der Mutter. »Geschwind, Mama, ziehe dich an ... wir gehen fort... gehen fort ...« Die alte Dame erhob sich langsam von ihrem Lehnstuhl; sie war eben damit beschäftigt, ihre Uhrkette zu reinigen, indem sie mit unendlicher Sorgfalt in jedes Glied derselben eine Nadel bohrte. Claire unterdrückte eine Regung der Ungeduld. »Schnell, schnell ... packe deine Sachen ...« Ihre Stimme bebte; das Zimmer der armen Geisteskranken, das in der Sauberkeit glänzte, die bei der alten Frau nach und nach zur Manie geworden war, erschien ihr fürchterlich. Sie befand sich in einem jener verhängnisvollen Augenblicke, in denen uns mit dem Schwinden einer Illusion auch alle andern verloren gehen und das ganze Elend des Menschendaseins uns klar vor Augen steht. Zum erstenmal empfand sie die tiefe Vereinsamung, in der sie zwischen ihrer halbwahnsinnigen Mutter, ihrem ungetreuen Gatten, ihrem kleinen Kinde dahinlebte: aber das bestärkte sie noch in ihrem Entschlusse. In der nächsten Minute war das ganze Haus mit den Vorbereitungen zu dieser eiligen, unerwarteten Abreise beschäftigt. Claire trieb die verwirrten Dienstleute an, half ihre Mutter ankleiden und das Kind, das über alle diese Unruhe fröhlich lachte. Sie wollte fort, ehe Georges zurückkam, er sollte die Wiege leer, das Haus verödet finden. Wohin sie gehen wollte, wußte sie noch nicht; vielleicht zu ihrer Tante nach Orleans, vielleicht nach Savigny – das Ziel war gleichgültig, nur fort, fort aus dieser Umgebung von Verrat und Lüge. Sie war in ihrem Schlafzimmer mit dem Packen eines Koffers beschäftigt; – eine herzzerreißende Aufgabe; denn jeder Gegenstand, den sie in die Hand nahm, erweckte in ihr eine Welt von Gedanken und Erinnerungen. Es liegt so viel von uns selbst in den Dingen, deren wir uns bedienen! Hin und wieder wurde Claire durch den Duft eines Riechkißchens, das Muster einer Spitze bis zu Thränen gerührt. – Plötzlich hörte sie im Salon, dessen Thür halb geöffnet war, einen schweren Tritt, dann ließ sich ein leises Husten hören, als ob sich jemand bemerklich machen wollte. Sie glaubte, daß es Risler sei, denn nur er hatte die Erlaubnis, so ohne weiteres bei ihr einzutreten. Der Gedanke, dies heuchlerische Gesicht, dies lügnerische Lächeln wiederzusehen, war ihr so unerträglich, daß sie mit dem Ausruf: »Ich bin für niemand zu sprechen!« nach der Thür stürzte, um sie zu schließen. Die Thür leistete jedoch Widerstand, und der dicke Kopf Sigismunds erschien in der Oeffnung. »Ich bin's, Madame,« sagte er leise; »ich komme, um das Geld zu holen.« »Welches Geld?« fragte Claire; sie hatte vergessen, warum sie nach Savigny gegangen war. »Leise ... ich meine die Deckung für die Zahlungen, die ich morgen zu machen habe. Monsieur Georges hat mir beim Fortgehen gesagt, daß Sie mir die Summe einhändigen würden.« »Ach ja ... das ist wahr! ... die hunderttausend Franken ... aber ich habe sie nicht, lieber Herr Planus ... ich habe nichts!« »Dann,« erwiderte der Kassierer in seltsamem Tone und als ob er mit sich selber spräche, »dann sind wir bankerott.« Mit diesen Worten ging er langsam hinaus. Bankerott! ... Erschreckt, vernichtet setzte sie sich nieder. Seit mehreren Stunden hatte sie über dem Zusammensturz ihres persönliches Glückes den Zusammensturz des Hauses vergessen ... nun kam die Erinnerung wieder. Ihr Mann war also wirklich zu Grunde gerichtet! Wenn er binnen kurzem heimkehrte, erfuhr er sein Unglück und erfuhr gleichzeitig, daß ihn seine Frau, sein Kind verlassen hatten, daß er in seinem Elend allein war. Allein, er ... dies schwache, weiche Wesen, das nur weinen, klagen und dem Leben die Faust zeigen konnte wie ein Kind. Was sollte aus dem Unglücklichen werden? Trotz seines Verbrechens hatte sie Mitleid mit ihm. Und dann kam sie auf den Gedanken, daß er glauben könnte, sie wäre dem Bankerott, dem Elend entflohen. Georges sagte sich vielleicht: »Wenn ich reich wäre, hätte sie mir verziehen!« Sollte sie ihm diesen Zweifel lassen? Für Claires stolze, edle Seele war das genug, ihren Entschluß zu ändern. In einem Augenblick hatte sie allen Ekel, alle Empörung überwunden, und wie von plötzlichem Licht überstrahlt, erkannte sie deutlich, was ihre Pflicht war. Als ihr gemeldet wurde, daß die Kleine fertig angezogen und das Gepäck bereit sei, war ihr neuer Entschluß gefaßt. »Es ist unnötig,« gab sie sanft zur Antwort, »wir reisen nicht.« Einundzwanzigstes Kapitel. Verfalltag. Die große Turmuhr der Kirche von Saint-Gervais schlug ein Uhr. Die Nacht war so kalt, daß der Schnee, der in seinen Kristallen niederfiel, das Straßenpflaster mit einer weißen, krachenden Decke überzog. In seinen Mantel gehüllt ging Risler raschen Schrittes durch den verödeten Marais. Er kam aus seiner Brauerei und war von Herzen vergnügt, der wackere Risler! Denn in Gesellschaft seiner getreuen Schuldner, Chèbe und Delobelle, hatte er seinen ersten freien Abend festlich begangen, das Ende der langen Haft, die er sich auferlegt, um die Herstellung seiner Druckmaschine zu überwachen, und in deren Verlauf er alle Mühen, Zweifel, Freuden und Enttäuschungen des Erfinders durchgekostet hatte. Es hatte lange, sehr lange gedauert; noch im letzten Augenblick hatte er einen Fehler entdeckt, neue Pläne zeichnen, neue Berechnungen machen müssen. Heute endlich hatte man die Maschine probieren können, und alles war nach Wunsch gegangen. Der wackere Risler strahlte vor Glück! er hatte das Gefühl, eine alte Schuld abzutragen, indem er dem Hause Fromont die Vorteile einer Erfindung zukommen ließ, welche Arbeit und Arbeitsstunden verminderte, den Ertrag vermehrte und dem Namen der Firma neue Ehre machte. Sein Schritt hatte einen stolzen Klang, war gleichsam der Ausdruck seiner glücklichen Gedanken. Wie schön waren seine Pläne, seine Hoffnungen! Jetzt war er im stande, das Schweizerhäuschen in Asnières – das Sidonie ein elendes Nest zu nennen begann – durch ein schönes Landgut, zehn bis fünfzehn Meilen von Paris, zu ersetzen, konnte die Jahresrente seines Schwiegervaters erhöhen und Delobelle, dessen arme Frau sich tot arbeitete, häufiger unterstützen. Vor allem konnte er seinen Bruder Franz zurückkommen lassen und damit seinen Lieblingswunsch erfüllen. Unablässig dachte er an den armen Jungen, der, in ein ungesundes Klima verbannt, der Willkür tyrannischer Vorgesetzter preisgegeben war, die ihren Beamten Urlaub gaben, um sie ohne Erklärung zurückzurufen. Dem guten Risler lag die plötzliche, unbegreifliche Abreise seines Bruders noch immer schwer auf dem Herzen, und das flüchtige Auftauchen des jungen Mannes, das Risler kaum erlaubt hatte, sich seiner zu erfreuen, hatte doch alle Erinnerungen an ihr früheres herzliches Zusammenleben erweckt und gekräftigt. Er rechnete darauf, wenn seine Maschine erst im rechten Gange war, auch für Franz innerhalb der Fabrik ein Plätzchen zu finden, wo er sich nützlich machen und sich eine Zukunft gründen konnte. – Wie immer dachte Risler auch jetzt nur an das Glück der andern; sein einziges, selbstsüchtiges Verlangen war, jedermann in seiner Umgebung zufrieden lächeln zu sehen. Eiligen Schrittes kam er an die Ecke der Rue des Vieilles Haudriettes; eine lange Wagenreihe stand vor der Fabrik, und im Lichte der Wagenlaternen sah er die schattenhaften Gestalten der Kutscher, welche sich in den Ecken und Winkeln, die der alte Herrensitz trotz des Trottoirs bewahrt hatte, gegen den Schneefall zu schützen suchten und die stille, öde Stadtgegend ungewöhnlich belebten. »Sieh da, bei uns ist Ball!« dachte der wackere Mann und erinnerte sich, daß Sidonie eine große musikalische Soiree mit Tanz veranstaltet hatte, deren Besuch sie ihm gütig erlassen, weil sie wußte, »daß er immer beschäftigt sei«. Das Festgetön, das zu ihm herüberklang, paßte so schön zu seinen Plänen, zu seinen Träumen von großherzigem Reichtum, daß es seine Freude, seinen Stolz noch erhöhte. Mit einer gewissen Feierlichkeit öffnete er das große, der Gäste wegen nur angelehnte Thor und sah im Hintergründe, am Ende des Gartens, den ganzen zweiten Stock des Wohnhauses glänzend erleuchtet. Schattenhafte Gestalten schwebten hinter den leicht bewegten Fenstervorhängen hin und wider, die Musik, die nur in dumpfen Tönen bald leise, bald lauter hörbar wurde, schien das Auf- und Abwogen dieser flüchtigen Erscheinungen zu begleiten. Es wurde getanzt. Kurze Zeit verweilte Rislers Blick auf dem Schattenbilde des Balles, dann erkannte er in einem Nebenzimmer des Salons Sidoniens Profil. Sie stand hochaufgerichtet da, im faltenreichen Gewände, in der Haltung einer hübschen Frau, die sich im Spiegel beschaut. Ein kleinerer Schatten hinter ihr, wahrscheinlich Madame Dobson, ordnete etwas an dem Bande, das sie um den Hals trug, dessen lange Enden auf die wallende Schleppe niederfielen. Das alles war nur undeutlich zu sehen, aber die Anmut der hübschen Frau ließ sich auch in diesen kaum angedeuteten Umrissen erkennen, und lange blieb Risler in Bewunderung versunken stehen. Einen auffallenden Gegensatz zu diesen heiteren Bildern zeigte der untere Stock. Hier war alles dunkel, nur durch die lila Vorhänge des Schlafzimmers fiel matter Lampenschein. Risler bemerkte das, und da die kleine Fromont vor einigen Tagen unwohl gewesen war, wurde er unruhig, um so mehr, da er sich der seltsamen Aufregung erinnerte, in der Madame Georges heute nachmittag an ihm vorübergegangen; er kehrte um und begab sich nach der Portierloge des Vater Achilles, um sich bei ihm nach dem Befinden des Kindes zu erkundigen. Hier war große Gesellschaft; am Ofen wärmte sich, von Pfeifenqualm umhüllt, eine Anzahl von Kutschern; sie lachten und scherzten, verstummten aber, sobald Risler eintrat, und sahen ihn neugierig, spöttisch, forschend an. Wahrscheinlich war eben von ihm die Rede gewesen. »Ist die kleine Fromont wieder krank geworden?« fragte er. »Nein, nicht das Kind, der Herr ist krank.« »Monsieur Georges?« »Jawohl. Als er heute abend nach Haus kam, ist er plötzlich unwohl geworden; ich habe schnell den Arzt geholt... aber der sagte, es hätte nichts zu bedeuten und dem Herrn wäre nichts weiter nötig als Ruhe.« Und während Risler die Thür wieder zumachte, fügte Vater Achilles mit jener halb furchtsamen, halb frechen Dienstbotenunverschämtheit, die gleichzeitig gehört und nicht gehört sein möchte, hinzu: »Ja, im ersten Stock ist man nicht so pläsierlich gestimmt wie im zweiten« – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Als Fromont junior abends nach Haus gekommen war, hatte er seine Frau so verändert gefunden, so tief niedergeschlagen, daß er sofort begriff, es müsse etwas Schlimmes vorgefallen sein. Er hatte sich jedoch seit zwei Jahren so sehr an die Straflosigkeit seines Verrats gewöhnt, daß ihm nicht einen Augenblick einfiel, seine Frau könne von seiner Untreue unterrichtet sein, und Claire, die ihn nicht ganz zu Boden werfen wollte, war großmütig genug, nur von Savigny zu sprechen. »Großpapa hat sich auf nichts eingelassen,« sagte sie. Der Unglückliche wurde sehr bleich. »Ich bin verloren... ich bin verloren!« wiederholte er zwei-, dreimal in fieberhafter Aufregung, und was er in der letzten Zeit erduldet, seine schlaflosen Nächte, eine fürchterliche Scene, die er kürzlich mit Sidonie gehabt, um sie zu verhindern, am Vorabend seines Bankerotts ein Fest zu geben, die Weigerung des alten Gardinois, alles stürmte auf ihn ein und verursachte einen schweren Krampfanfall. Claire fühlte Mitleid mit ihm, ließ ihn zu Bett bringen und setzte sich an sein Lager. Sie versuchte, ihn zu beruhigen, ihm Mut einzusprechen: aber ihre Stimme hatte den warmen Ton nicht mehr, der allein zu besänftigen, zu überzeugen vermag. In ihren Bewegungen, in der Art und Weise, wie sie dem Kranken das Kopfkissen zurechtlegte oder ihm einen kühlenden Trank bereitete, lag etwas Gleichgültiges, seltsam Fremdes. »Ich habe dich ins Elend gestürzt!« sagte er wieder und wieder, als ob er diese Kälte, die ihn bedrückte, zu erschüttern wünschte. Aber ihre Antwort war nur eine stolz-verächtliche Gebärde. Ach! wenn er nichts andres gegen sie verschuldet hätte! ... Nach und nach aber beruhigten sich seine Nerven; das Fieber wurde milder und er schlief ein. Sie blieb bei ihm. »Es ist meine Pflicht!« sagte sie zu sich selbst. Ihre Pflicht! Dahin also war sie gekommen einem Wesen gegenüber, das sie mit blinden Augen, aus voller Seele, in der Hoffnung auf ein langes, glückliches Zusammenleben geliebt hatte. In diesem Augenblick begann Sidoniens Ball. Die Decken zitterten, denn um den Tanz zu erleichtern, hatte Madame Risler die Teppiche aus den Zimmern entfernen lassen. Hin und wieder wurden auch abgerissene Gesangslaute hörbar und ein lautes, wiederholtes Händeklatschen, das auf zahlreiche Gäste, auf gefüllte Räume schließen ließ. Claire versank in Gedanken; sie verlor sich nicht in Sehnsucht oder unfruchtbare Klagen. Sie wußte, wie unerbittlich das Leben ist und daß es sich durch kein Flehen, keinen Jammer in der traurigen Folgerichtigkeit seines Ganges beirren läßt. Sie fragte nicht, wie es möglich gewesen, daß dieser Mann sie so lange täuschen, um einer Laune willen das Glück und die Ehre seines Lebens aufs Spiel setzen konnte. Es war einmal geschehen, und alles Nachdenken vermochte nichts daran zu ändern, nichts davon auszulöschen. – Was sie beschäftigte war die Zukunft. Ein neues Dasein lag vor ihren Blicken, ein strenges, düsteres Leben voll Arbeit und Entbehrung; aber anstatt sie zu erschrecken, gab ihr das Elend wieder Kraft und Mut. Der Gedanke, daß sie, um sparen zu können, zu einer Ortsveränderung gezwungen sein würden, daß Georges und vielleicht sie selbst angestrengt arbeiten müßten, trug eine gewisse Thatkraft in die dumpfe Niedergeschlagenheit ihrer Verzweiflung. Welche große geistige Verantwortung hatte sie den drei Kindern: ihrer Mutter, ihrem Töchterchen, ihrem Gatten gegenüber zu tragen! Das Gefühl dieser Verantwortung half ihr, dem Schmerz über ihr eignes Unglück, der Rührung über die verlorene Liebe zu widerstehen und je mehr sie, in dem Gedanken an die schwachen Wesen, die sie beschützen mußte, sich selbst vergaß, um so klarer wurde ihr die Bedeutung des Wortes »Opfermut«, eine leere Redensart im Munde des Unbeteiligten, ein schwerwiegender Ausdruck, wenn er zum Gesetz des Lebens wird. Das war es, was die arme Frau in diesen traurigen Nachtstunden durchdachte, Stunden voll Leid und Thränen, in deren Verlauf sie sich zu ihrem schweren Kampfe rüstete. Das war es, was die kleine, bescheidene Lampe beleuchtete, die Risler von unten gesehen hatte, als wäre sie von den Kronleuchtern des Balles herabgefallen. Durch die Antwort des Vater Achilles war der wackere Mann beruhigt, wollte sich, ohne in den Festlärm zu geraten, der ihm sehr unbequem war, in sein Schlafzimmer zurückziehen und benutzte, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, die kleine Hintertreppe, die auch mit dem Bureau des Kassierers in Verbindung stand. Er betrat die fensterreichen Werkstätten, die das vom Schnee zurückstrahlende Mondlicht taghell erleuchtete und die von der heißen, mit Talg- und Firnißgeruch getränkten Stickluft der Tagesarbeit erfüllt waren. Gerüste, auf denen trocknende Tapeten hingen, bildeten lange, leise knisternde Gänge, überall lagen Werkzeuge verstreut, hingen Arbeitskittel für die Aufgaben des folgenden Tages in Bereitschaft. Nie ging Risler ohne Freude an dem allem vorüber. Plötzlich bemerkte er am Ende dieser langen Reihe verödeter Räume, daß in Sigismunds Bureau noch Licht brannte. Um ein Uhr morgens arbeitete der alte Kassierer noch? Das war etwas Ungewöhnliches. Rislers erste Regung war, wieder umzukehren, denn seitdem die unerklärliche Spannung zwischen ihm und Sigismund herrschte und dieser sich ihm gegenüber in stumme Kälte zurückzog, hatte er jedes Zusammentreffen zu vermeiden gesucht. In gekränkter Freundschaft war er der Erklärung ausgewichen; sein Stolz verbot ihm, Planus zu fragen, warum er ihm böse sei. Heute aber fühlte Risler ein solches Verlangen nach herzlicher Aussprache und vertraulichem Verkehr, und die Gelegenheit zum ungestörten Beisammensein mit dem alten Freunde war so günstig, daß er sie nicht versäumen mochte, sondern beherzt in das Comptoir eintrat. Der Kassierer saß unbeweglich zwischen Haufen von Papieren und großen aufgeschlagenen Rechnungsbüchern, von denen einige zu Boden gefallen waren. Als sein Prinzipal geräuschvoll eintrat, blickte er nicht einmal auf, denn er hatte Rislers Schritt erkannt. Dieser, etwas verschüchtert, zauderte einen Augenblick, dann ging er, getrieben durch eine jener geheimnisvollen Kräfte, die in uns liegen und uns allem Widerstreben zum Trotz in die Bahn unsres Schicksals lenken, geradeswegs auf den Gitterverschlag zu. »Sigismund!« sagte er mit ernstem Ton. Der Alte erhob den Kopf und zeigte ein krampfhaft verzerrtes Gesicht, an dem zwei große Thränen niederrannen, die ersten vielleicht, welche dieser Zahlenmensch in seinem Leben vergossen hatte. »Du weinst, mein Alter? ... was fehlt dir?« Dabei streckte der gute Risler tief gerührt dem Freunde die Hand entgegen: dieser aber zog die seinige hastig zurück. Dies Zurückziehen war ein so heftiges, unwillkürliches, daß sich Rislers Weichheit sofort in Entrüstung verwandelte. Mit finsterm Gesicht richtete er sich auf. »Ich biete dir die Hand, Sigismund Planus.« sagte er. »Und ich gebe dir die meinige nicht!« antwortete Planus, indem er sich erhob. Es entstand eine furchtbare Pause. Aus dem oberen Stock erklangen die gedämpften Töne des Orchesters und das Geräusch des Balles, das rohe, widerwärtige Krachen des Fußbodens, der im Rhythmus des Tanzes erzittert. »Warum weigerst du dich, mir die Hand zu geben?« fragte Risler ganz einfach, während das Metallgitter, an das er sich klammerte, leise klirrte. Sigismund stand ihm gegenüber und stützte sich mit beiden Händen so fest auf den Schreibtisch, als ob er seinen Worten dadurch noch größeren Nachdruck geben wollte. »Warum? ... Weil Sie die Firma zu Grunde gerichtet haben; weil nach Verlauf weniger Stunden da, wo Sie jetzt stehen, ein Bote der Bank hunderttausend Franken von mir verlangen wird, während ich, durch Ihre Schuld, nicht einen Sou in der Kasse habe... deshalb!« Risler war wie niedergedonnert. »Ich soll das Haus zu Grunde gerichtet haben? Ich, ich?« »Schlimmer als das, Monsieur! Sie haben es durch Ihre Frau zu Grunde richten lassen und Ihre Maßregeln getroffen, so daß Sie durch unsern Ruin und Ihre Schande für alle Zukunft gesichert sind. Oh, ich durchschaue Ihr Spiel, das versichere ich Sie! Das Geld, das Ihre Frau dem unglücklichen Fromont entlockt hat, die Diamanten, das Haus in Asnières und alles übrige ist das persönliche Eigentum derselben, gegen alle Katastrophen geschützt, und so werden Sie jetzt im stande sein, sich von den Geschäften zurückzuziehen...« »Oh... Oh!« stieß Risler mit erlöschender oder vielmehr erstickter Stimme hervor; er fand keine Worte, um das Uebermaß der auf ihn einstürmenden Gedanken auszudrücken. Stammelnd riß er das Gitter so heftig an sich, daß er ein Stück davon abbrach: er schwankte, fiel zu Boden und blieb regungslos, wortlos liegen. Das einzige, was noch in ihm lebte, war der Wille, nicht zu sterben, ehe er sich gerechtfertigt hatte... und dieser Wille mußte ein sehr starker sein: denn während seine Schläfen unter dem heftigen Blutandrange hämmerten, sein Gesicht blau wurde, seine Ohren lautes Brausen erfüllte und seine verschleierten Augen sich bereits dem furchtbaren Unbekannten zuzuwenden schienen, sagte er sich mit unverständlicher Stimme – der Stimme des Schiffbrüchigen, dem in Wind- und Wellentosen das Wasser in den Mund dringt –: »Ich muß leben... ich muß leben!« Als er wieder zum Bewußtsein kam, saß er auf dem Diwan, den die Arbeiter am Zahltage zu benutzen pflegten. Sein Mantel lag auf dem Fußboden, seine Halsbinde war gelöst, sein Hemd über der Brust durch Sigismunds Federmesser aufgeschnitten. Zum Glück hatte er sich beim Zerbrechen des Gitters die Hände verletzt, und der dadurch entstehende Blutverlust war so heftig, daß er ihn vor einem Schlaganfall bewahrte. Als er die Augen aufschlug, sah er den alten Sigismund und Madame Georges, die der Kassierer in seiner Not herbeigerufen hatte, an seiner Seite, und sobald er sprechen konnte, wandte er sich an sie: »Ist es wahr, Madame Schorsch?« fragte er mit erstickter Stimme, »ist es wahr, was man mir eben gesagt hat?« Sie konnte sich nicht entschließen, ihn zu täuschen, und wendete den Blick von ihm ab. »Also wirklich!« fuhr der Unglückliche fort: »das Haus ist zu Grunde gerichtet und ich bin schuld ...« »Nein, Risler ... nein, lieber Freund ... Sie nicht...« »Meine Frau ... nicht wahr? O, es ist entsetzlich!... So habe ich Ihnen meine Schuld der Dankbarkeit bezahlt; aber Sie, Madame Schorsch, Sie haben doch nicht geglaubt, daß ich an dieser Niederträchtigkeit Anteil haben könnte?« »Nein, lieber Freund, beruhigen Sie sich ... ich weiß, Sie sind der rechtschaffenste Mann auf Erden.« Er sah sie einen Augenblick an; seine Lippen bebten und er faltete die Hände; denn alle Gefühlsäußerungen dieser einfachen Natur hatten etwas Kindliches. »Oh, Madame Schorsch, Madame Schorsch,« murmelte er, »wenn ich bedenke, daß ich Sie zu Grunde gerichtet habe...« Trotz des furchtbaren Schlages, den er empfangen und der besonders sein Herz, seine Liebe für Sidonie getroffen hatte, wollte Risler jetzt nur den finanziellen Untergang des Fromontschen Hauses ins Auge fassen, den er durch die Verblendung für sein Weib verschuldet. Plötzlich richtete er sich gewaltsam auf. »Nichts da ... ich darf nicht weich werden ... ich habe meine Rechnung in Ordnung zu bringen ...« Madame Fromont erschrak. »Risler, Risler, was haben Sie vor?« Sie fürchtete, daß er zu Georges hinaufgehen wolle. Er verstand sie und sagte mit einem stolzen, verächtlichen Lächeln: »Beruhigen Sie sich... Monsieur Schorsch mag ungestört weiter schlafen; ich habe jetzt eine dringlichere Aufgabe als die, meine beleidigte Gattenehre zu retten. Bitte, warten Sie hier auf mich... ich komme wieder.« Mit diesen Worten stürzte er die kleine Treppe hinauf, und Claire, die seinem Versprechen vertraute, blieb mit Planus zurück. Es war einer jener Momente banger Erwartung, welche durch die Ueberfülle herandrängender Befürchtungen so lang erscheinen. Nach einigen Augenblicken wurden auf der engen, dunkeln Treppe eilige Schritte und das Rauschen von Seidenstoffen hörbar. Zuerst erschien Sidonie im glänzenden Ballanzuge. Sie war so bleich, daß die Edelsteine, die auf ihrer weißen Haut schimmerten, lebensvoller aussahen als sie selbst und den kalten Marmor einer Bildsäule zu schmücken schienen. Atemlos vom Tanz, vom schnellen Herabsteigen der Treppe, bebend vor Angst und Aufregung stand sie da, und ihre Bänder, Falbeln und Blumen, ihr ganzer modisch-reicher Putz hing zitternd an ihr nieder. Risler kam hinter ihr her, beladen mit Schmuckkästchen und Papieren. Als er oben angekommen war, hatte er sich sofort auf Sidoniens Sekretär gestürzt, alles herausgerissen, was derselbe an Wertsachen enthielt: Juwelen, Staatspapiere, den Kaufkontrakt des Landhauses in Asnières, und dann von der Schwelle des Zimmers mit lauter Stimme in das Tanzgewühl hineingerufen: »Madame Risler!« Sie war sogleich herbeigeeilt, ohne daß die Gäste, die gerade im vollen Festgenuß schwelgten, irgend etwas von diesem flüchtigen Auftritt bemerkt hatten. Als sie ihren Mann vor dem Sekretär erblickte, die Schubladen erbrochen, offen, zum Teil mit den tausend Nichtigkeiten, die sie enthielten, auf dem Fußboden liegen sah, begriff Sidonie, daß etwas Furchtbares geschehen werde. »Komm schnell,« sagte Risler: »ich weiß alles.« Sie wollte ihre unschuldige, stolze Miene annehmen, aber er packte ihren Arm mit solcher Heftigkeit, daß sie an die Worte ihres Schwagers Franz erinnert wurde: »Es ist möglich, daß er daran stirbt, aber vorher wird er Sie umbringen« – und da sie sich vor dem Tode fürchtete, ließ sie sich ohne Widerstand fortziehen und hatte nicht einmal den Mut, zu lügen. »Wohin gehen wir?« fragte sie mit leiser Stimme. Risler gab keine Antwort; sie fand noch Zeit, mit der Sorgfalt für sich selbst, die sie nie verließ, einen Tüllshawl über ihre nackten Schultern zu werfen, dann riß er sie oder stieß sie vielmehr auf die Treppe nach der Kasse und folgte ihr auf dem Fuße, damit seine Beute ihm nicht etwa entschlüpfen könne. »Da sind wir,« sagte er, als sie eintraten! »wir haben gestohlen und müssen unsern Raub zurückgeben ... Da, Planus, das läßt sich zu Gelde machen.« Dabei legte er alle die glänzenden Dinge, mit denen er beladen war, weiblichen Schmuck, kostbare Putzgegenstände und Wertpapiere, auf den Arbeitstisch des Kassierers. Dann wendete er sich zu seiner Frau: »Gib deine Juwelen her... rasch, rasch!« Sie ging langsam dabei zu Werke, öffnete zögernd Ohrgehänge und Armbänder, vor allem aber das prächtige Schloß ihres Diamantenhalsbandes, auf dem der Anfangsbuchstabe ihres Namens, ein glitzerndes S wie eine schlafende Schlange in einem goldenen Ringe lag. Risler, dem es zu lange dauerte, riß ungestüm die seinen Glieder entzwei, und die glänzende Pracht ächzte unter seinen Händen, als ob sie gezüchtigt würde. »Jetzt komme ich!« sagte er dann. »Auch ich muß alles hergeben, was ich habe. Da ist mein Taschenbuch . .. was habe ich denn noch? ... was habe ich denn noch?« Mit fieberhafter Hast suchte er an sich herum. »So, da ist meine Uhr... mit der Kette wird sie an tausend Franken einbringen... da meine Ringe... auch mein Trauring ... alles gehört der Kasse ... alles! ... Wir haben heute morgen hunderttausend Franken zu zahlen; sobald es Tag wird, müssen wir uns auf den Weg, machen, müssen verkaufen, liquidieren ... Ich kenne jemand, der das Haus in Asnières zu haben wünscht ... damit werden wir schnell zu stande kommen.« Er allein sprach und handelte; Planus und Madame Georges sahen schweigend zu, und Sidonie schien völlig willenlos und bewußtlos zu sein. Fröstelnd schauerte sie unter dem kalten Luftzuge zusammen, der in das nach dem Garten führende, wegen Rislers Ohnmacht geöffnete Pförtchen drang, zog mechanisch ihren Tüllshawl fester um die Schultern und starrte, ohne zu denken, vor sich hin. Hörte sie wenigstens die Musik ihres Balles, die in ruhigen Momenten wie in grausamer Ironie herabtönte und mit dem dumpfen Geräusch des Tanzes verschmolz, unter dem die Decke erzitterte? Plötzlich wurde sie durch den Griff einer eisernen Hand ihrer Betäubung entrissen. Ihr Mann packte ihren Arm und führte sie vor die Frau seines Associés. »Auf die Kniee!« befahl er. Claire trat abwehrend zurück. »Nein, nein, Risler... lassen Sie das...« »Es muß sein!« sagte der unerbittliche Risler, »Schadenersatz, Genugthuung!... auf die Kniee, Elende!« mit unwiderstehlicher Gewalt schleuderte er Sidonie zu Claires Füßen nieder, und während er sie noch immer am Arme festhielt, befahl er: »Du wirst mir Wort für Wort nachsprechen, was ich dir vorsage... Madame...« Halbtot vor Angst wiederholte Sidonie: »Madame...« »Ein ganzes Leben der Demut und Reue...« »Ein ganzes Leben der De... Nein, nein, ich kann es nicht!« schrie sie auf, sprang empor wie ein scheues Wild, entriß sich den Händen ihres Mannes und eilte durch die offene Pforte, welche sie seit dem Beginn dieser qualvollen Scene mächtig angelockt hatte, in Nacht und Freiheit hinaus und lief durch den wirbelnden Schnee, durch den Wind, der ihre nackten Schultern peitschte, unaufhaltsam von dannen. »Haltet sie!.. haltet sie!.. Risler, Planus, um aller Barmherzigkeit willen... so darf sie nicht fort!« Planus wendete sich der Thür zu, aber Risler hielt ihn fest. »Ich verbiete dir, dich zu rühren... hörst du wohl!... Verzeihen Sie, Madame Schorsch, aber wir haben wichtigere Dinge zu thun... von Madame Risler kann nicht die Rede sein... wir haben die Ehre des Hauses Fromont zu retten... darauf allein kommt es jetzt an, nur darum habe ich mich zu kümmern... Schnell, Planus, an deinen Schreibtisch, daß wir einen Ueberschlag machen...« Planus streckte ihm die Hand entgegen. »Du bist ein wackerer Mann, Risler! Verzeih mir, daß ich dich beargwöhnt habe.« Risler that, als ob er die Worte nicht gehört hätte. »Es sind also hunderttausend Franken zu zahlen... wie aber ist dein Kassenbestand?« Mit ernster Sammlung setzte er sich in den Gitterverschlag, durchblätterte die Rechnungsbücher, zählte die Rentenbriefe, öffnete die Schmuckkästchen und schätzte mit dem Beistande Sigismunds, dessen Vater Juwelier gewesen war, alle die Kleinodien und Edelsteine ab, die er – ohne ihren Wert zu ahnen – an seiner Frau bewundert hatte. Während dieser Zeit stand Claire zitternd am Fenster und sah in den kleinen Garten hinaus, wo die wirbelnden Flocken Sidoniens Fußspuren bereits verwischten, als ob sie andeuten wollten, daß die Flucht der Enteilenden keine Hoffnung auf Wiederkehr zulasse. Oben aber wurde noch immer getanzt. Man glaubte, die Herrin des Hauses sei mit den Vorbereitungen zum Souper beschäftigt, während sie mit bloßem Kopfe, kaum im stande den lauten Ausbruch ihrer Wut, ihres Schmerzes zu unterdrücken, in die Nacht hinausflüchtete. Wohin hatte sie sich gewendet? Wie eine Wahnsinnige war sie fortgestürzt, hatte den Garten, die Höfe der Fabrik und die dunkle Wölbung des Thores durcheilt, in dem sich der eisige Wind mit Klagetönen verfing. Vater Achilles erkannte sie nicht... es waren in dieser Nacht so viele, weißverhüllte Gestalten vorübergehuscht. Zuerst hatte die junge Frau beabsichtigt, sich zu dem Tenoristen Cazaboni zu begeben, den sie denn doch nicht einzuladen gewagt. Aber er wohnte in Montmartre... das war zu weit entfernt für den Anzug, den sie trug, und überdies war es unsicher, ob sie ihn zu Hause fand. Auch ihre Eltern hätten ihr sicherlich Zuflucht gewährt, aber sie glaubte bereits die Klagen der Mutter und die harten Strafreden des Vaters zu hören. Endlich dachte sie an Delobelle – ihren guten, alten Delobelle. Bei dem Zusammensturz ihrer Herrlichkeit erinnerte sie sich, daß er ihr den ersten Unterricht im Anstand und feinen Benehmen gegeben, sie tanzen gelehrt, sich über ihr anmutiges Wesen gefreut und damit in ihr das Bewußtsein ihrer Reize geweckt hatte, noch ehe sie von irgend jemand ein Wort darüber gehört. Ein gewisses Etwas sagte ihr, daß dieser Ausgestoßene ihr allen andern gegenüber recht geben werde. So stieg sie denn in einen der vor dem Thore haltenden Wagen und fuhr nach dem Boulevard Beaumarchais, wo der Schauspieler wohnte. Mama Delobelle hatte seit einiger Zeit begonnen, für ein Exportgeschäft Strohhüte zu nähen – der traurigste Erwerb, den man sich denken kann, denn mit zwölfstündiger Arbeit verdiente sie höchstens zwei Franken fünfzig Centimes. Delobelle aber wurde in demselben Maße fetter, als seine arme »Heilige« abmagerte. Eben hatte er eine kräftig duftende Käsesuppe entdeckt, welche in der warmen Asche für ihn bereit stand, als er hastig an die Thür klopfen hörte. Der Schauspieler erschrak – er hatte diesen Abend im Theater Beaumarchais ein Schauerstück gesehen, das selbst den illustrierten Theaterzettel mit Blut zu bespritzen schien, und erbebte, als zu dieser ungewohnten Stunde Einlaß begehrt wurde. »Wer ist da?« rief er mit einer gewissen Aengstlichkeit. »Ich bin's ... Sidonie . .. lassen Sie mich schnell herein!« Fröstelnd trat sie ins Zimmer, warf ihren Tüllshawl ab, trat an den Ofen, in dem das Feuer dem Erlöschen nahe war, und begann sogleich dem Zorn, der ihr seit einer Stunde die Kehle zusammenschnürte, in heftigen Worten Luft zu machen. Und während sie mit halblauter Stimme – um Mama Delobelle nicht zu wecken, die im Nebenzimmer schlief – von der Scene in der Fabrik erzählte, machte die Kostbarkeit ihres Ballanzuges in diesem armseligen fünften Stockwerk, das leuchtende Weiß ihres zerdrückten Gewandes zwischen dem Haufen grober Hüte und den umherliegenden Strohabfällen den vollen Eindruck eines erschütternden Dramas, einer jener gewaltsamen Katastrophen, durch welche Rang, Vermögen und Empfindungen einen plötzlichen Wechsel erfahren. »Nie gehe ich wieder in jenes Haus zurück ... das ist auf immer aus, ich bin frei, ganz frei.« »Wer kann dich aber deinem Manne verraten haben?« fragte der Schauspieler. »Franz, davon bin ich fest überzeugt. Keinem andern hätte Risler geglaubt; gestern abend ist ein Brief aus Aegypten angekommen... Wie hat er mich in Gegenwart dieser Frau behandelt.,. hat mich gezwungen, vor ihr niederzuknieen... Aber ich werde mich rächen! ich habe glücklicherweise vor dem Fortgehen noch etwas mitgenommen, was mir dazu helfen soll.« Und ihr Lächeln von ehemals schlängelte sich wieder um die blassen Lippen. Der alte Komödiant hörte ihr mit lebhaftem Interesse zu. Trotz seines Mitleids mit Risler, dem armen Teufel, und selbst mit Sidonie, die er in seiner Theatersprache als »schöne Sünderin« bezeichnete, konnte er sich nicht enthalten, den ganzen Vorgang vom rein dramatischen Standpunkt zu betrachten, und brach schließlich, von seiner Manie beherrscht, in die Worte aus! »Welche prachtvolle Situation für einen fünften Akt!« Sidonie hörte ihn nicht; mit irgend einem boshaften Gedanken beschäftigt, dem sie Beifall zulächelte, streckte sie ihre durchbrochenen Strümpfe, ihre feinen, vom Schnee durchnäßten Schuhe dem Feuer zu, um sie zu trocknen. »Was willst du nun aber anfangen?« fragte Delobelle. nach einer Pause. »Bis zum Morgen hier bleiben ... mich ausruhen ... das weitere wird sich finden.« »Leider kann ich dir kein Bett geben, armes Kind . .. Mama Delobelle schläft schon. ..« »Sorgen Sie sich nicht um mich, lieber Delobelle. Ich schlafe dort in dem Lehnstuhle... Umstände will ich Ihnen nicht machen.« Der Schauspieler seufzte. »Der Lehnstuhl ... ach! es war der unsrer guten Zizi. Auch sie hat manche Nacht darin zugebracht, wenn die Arbeit drängte. – Ja, ja, die Toten haben es jedenfalls am besten!« Solchen tröstenden und selbstsüchtigen Gemeinplatz hatte er jederzeit zur Verfügung, und sobald er sich diesmal damit beruhigt hatte, sagte er sich mit tiefem Erschrecken, daß seine Suppe dem Erkalten nahe sei. Sidonie bemerkte seine Aufregung. »Sie wollten aber zu Abend essen; lassen Sie sich nicht stören!« »Du hast recht ... ich wollte eben anfangen. – Auch das gehört zu unserm Beruf, zu dem harten Leben, das unsereins zu führen hat ... denn ich harre tapfer aus, liebes Kind ... habe nicht verzichtet ... werde nun und nimmermehr verzichten!« Was von Désirées Seele in dieser elenden Umgebung zurückgeblieben war, in der sie zwanzig Jahre lang gelebt hatte, mußte bei dieser Versicherung in Schmerz erbeben: er wollte nun und nimmermehr verzichten! Delobelle fuhr fort: »Die Leute mögen übrigens sagen, was sie wollen, es ist und bleibt doch der schönste Beruf der Welt. Man ist frei, von niemand abhängig, gehört ganz dem Ruhme und dem Publikum. Was ich an deiner Stelle thun würde, weiß ich ganz genau. Zum Teufel auch, du bist nicht dazu gemacht, ein kleinbürgerliches Leben zu führen... du bedarfst einer Künstlerezistenz... bedarfst des Erfolges, der Aufregungen, des Wechsels...« Während er so sprach, band er sich die Serviette um den Hals und füllte sich einen großen Teller Suppe auf. »Ganz abgesehen davon, daß deine Erfolge als hübsche Frau deinen Erfolgen als Künstlerin zu Hilfe kommen würden. Weißt du was? nimm ein paar Deklamationsstunden. Mit deiner Stimme, deinem Verstande, deinen äußeren Mitteln hast du eine glänzende Zukunft vor dir.« Und als ob er sie sofort in die Freuden des »Berufes« einweihen wolle, fügte er hinzu: »Aber da fällt mir ein, du hast wohl noch nicht zu Abend gegessen? Gemütsbewegungen höhlen den Magen aus ... setze dich, nimm den Teller ... du hast gewiß seit langer Zeit keine Käsesuppe gegessen!« Er durchwühlte den Schrank, um ein Besteck und eine Serviette für sie zu finden, und sie half ihm dabei, setzte sich ihm gegenüber und konnte über seine mühevollen Vorbereitungen schon wieder ein wenig lachen. Sie sah nicht mehr ganz so blaß aus, und in ihren Augen lag ein heller Glanz, der teils von den kürzlich vergossenen Thränen, teils von der Heiterkeit des Augenblicks herrührte. Sie war die geborene Komödiantin! Ihr Lebensglück war zerstört, Familie, Vermögen auf immer verloren; nackt und bloß war sie aus dem Hause geworfen, hatte jede Demütigung, jeden Schimpf erduldet. Das alles hinderte sie aber nicht, mit großem Appetit zu Abend zu essen und auf alle Scherze Delobelles über ihren wahren Beruf und ihre künftigen Erfolge einzugehen. Sie fühlte sich leicht und glücklich, auf dem Wege in ihre wirkliche Heimat, in ihr wirkliches Leben, das der Zigeuner. – Was stand ihr noch bevor? aus wie vielen Höhen und Tiefen konnte ihr neues, unberechenbares, wechselvolles Dasein bestehen? – Daran dachte sie, während sie in Désirées großem Lehnstuhl einschlummert«: aber auch an ihre Rache dachte sie – an ihre liebe, süße Rache, die sie fertig in ihrer Hand hielt und die eben so schwer als sicher treffen mußte. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Der neue Commis des Hauses Fromont Es war heller Tag, als Fromont junior erwachte. Zwischen dem Drama, das sich unter ihm abspielte, und dem Feste, das über ihm erklang, hatte er in jenem tiefen Schlafe gelegen, der dem Verbrecher in der Nacht vor der Hinrichtung, dem besiegten Feldherrn nach der verlorenen Schlacht zu teil wird – einen Schlaf, aus dem man nie zu erwachen wünscht; der uns, durch das Schwinden jedes Bewußtseins, zum voraus mit dem Tode vertraut macht. Das grelle Licht, das durch die Fenstervorhänge drang, und das der dichte Schnee, der den Garten und die umliegenden Dächer bedeckte, noch verstärkte, rief ihn in die Wirklichkeit zurück. Wie ein Schlag ging es durch sein ganzes Wesen, und schon ehe er etwas denken konnte, überkam ihn jenes unbestimmte, bange Gefühl, das halbvergessenes Unglück in uns zurückläßt. Der gewohnte Lärm der Fabrik, das Schnauben und Stampfen der Maschinen, war bereits im vollen Gange. Die Welt existierte also noch! – Nach und nach wachte auch das Bewußtsein seiner Verpflichtungen in ihm auf. »Heute ist der Tag,« sagte er zu sich selbst und wendete sich unwillkürlich dem dunkeln Hintergrunde des Alkovens wieder zu, als ob er aufs neue einzuschlafen wünsche. Die Glocke der Fabrik ertönte, dann andre Glocken in der Nachbarschaft, dann das Mittagsgeläute. »Zwölf Uhr schon ... so lange habe ich geschlafen!« Mit leisen Gewissensbissen, gleichzeitig aber mit einem Gefühl der Erleichterung sagte er sich selbst, daß das Drama der Zahlungseinstellung ohne ihn vorübergegangen sei. Was hatten die andern angefangen? warum hatten sie ihn nicht gerufen? Er stand auf, schlug die Vorhänge zurück und erblickte Risler und Planus, die im Garten miteinander sprachen; die beiden – die sich so lange vermieden hatten. Was mochte geschehen sein? – Als er fertig war und hinuntergehen wollte, fand er Claire an seiner Thür. »Du darfst nicht ausgehen,« sagte sie. »Warum nicht?« »Bitte, bleib' da ... ich werde dir alles erklären,« »Aber was ist denn geschehen? ... Ist jemand von der Bank hier gewesen?« »Ja, es ist jemand hier gewesen ... die Tratten sind bezahlt.« »Bezahlt?« »Ja, Risler hat das Geld herbeigeschafft. Seine Frau muß prachtvollen Schmuck gehabt haben – ein Diamantenhalsband allein ist für zwanzigtausend Franken verkauft; auch das Landhaus in Asnières mit der ganzen Einrichtung hat er verkauft, und da die gerichtlichen Formalitäten einige Zeit in Anspruch nahmen, haben Planus und seine Schwester die Summe vorgeschossen.« Sie wendete sich ab, während sie das sagte, und er senkte das Haupt, um ihrem Blick nicht zu begegnen. »Risler ist ein rechtschaffener Mann,« fuhr sie fort, »und sobald er hörte, woher der Luxus seiner Frau gekommen war...« »Wie,« rief Georges erschreckt, »er weiß?« »Alles!« antwortete Claire mit gedämpfter Stimme. Der Unglückliche erblaßte. »Und ... und du?« stammelte er. »Ich? ich wußte alles ... früher als Risler – gestern – erinnerst du dich – als ich aus Savigny zurückkam, sagte ich dir, daß ich dort Schreckliches gehört hätte und gern zehn Jahre meines Lebens darum hingäbe, diese Fahrt ungeschehen zu machen.« »Claire!« Eine heiße Regung der Zärtlichkeit kam über ihn; er näherte sich seiner Frau, aber ihr Gesicht war so kalt, so voll trauriger Entschlossenheit, ihre Verzweiflung sprach sich mit so unerbittlicher Kälte in ihrem ganzen Wesen aus, daß er nicht wagte, sie – wie sein Verlangen war – ans Herz zu ziehen, und nur leise bat: »Vergib! ... vergib!« »Du findest mich gewiß sehr ruhig, sehr gefaßt,« sagte die tapfere Frau; »aber alle meine Thränen habe ich schon gestern geweint. Du glaubtest wahrscheinlich, sie flössen um unsre Geldverluste . .. das war ein Irrtum. Wenn man jung und kräftig ist, wie wir beide, ist solche Feigheit nicht erlaubt; wir sind gegen das Elend gewappnet und sind im stande, ihm Trotz zu bieten. Was ich beweinte, war unser vernichtetes Glück und deine Thorheit, die dich deiner einzigen, wahren Freundin beraubt hat...« Sie war schön, während sie so sprach, schöner, als es Sidonie je gewesen, denn der reine Glanz, der sie umfloß, stammte aus wolkenloser Himmelshöhe, indes die unregelmäßigen Züge jener andern ihren frechen, pikanten Reiz dem trüben Licht einer kleinen Theaterrampe zu verdanken schienen. Die frühere kühle Unbeweglichkeit in Claires Antlitz war jetzt von Zweifeln, von Schmerzen, von allen Qualen der Leidenschaft belebt und durchgeistigt, und wie ein Goldbarren erst seinen vollen Wert erhält, wenn er dem Stempel der Münze unterworfen worden ist, so hatte auch dies schöne Frauenangesicht durch den Stempel des Leidens einen unvertilgbaren Eindruck erhalten, der seiner Schönheit die Vollendung gab. Georges sah sie voll Bewunderung an. Durch alles, was zwischen ihnen lag, erschien sie ihm lebensvoller, weiblicher, anbetungswürdiger als je. Reue, Verzweiflung, Scham drangen ihm mit dieser neuen Liebe ins Herz, und er wollte niederknieen. »Nein, nein, steh' auf!« sagte Claire. »Wenn du wüßtest, woran du mich erinnerst ... welch lügenhaftes, haßerfülltes Gesicht ich diese Nacht zu meinen Füßen gesehen habe.« »Ich ... ich lüge nicht!« rief Georges mit stillem Beben. »Claire, ich beschwöre dich im Namen unsres Kindes . ..« In diesem Augenblicke wurde an die Thür geklopft. »Steh auf! Du siehst, das Leben macht seine Ansprüche an uns,« sagte sie leise, mit bitterem Lächeln; dann erkundigte sie sich, was man von ihnen wolle. Risler schickte: er ließ den Herrn bitten, in das Büreau herunterzukommen. »Es ist gut,« gab sie zur Antwort; »sagen Sie nur, es würde gleich geschehen.« Georges wendete sich der Thür zu, aber sie hielt ihn zurück. »Nein, laß mich gehen; es ist besser, wenn er dich noch nicht sieht.« »Aber ich dächte ...« »Bleib hier ... ich bestehe darauf. Du weißt nicht, in welchem Zustande von Zorn und Erbitterung sich der Unglückliche befindet, den ihr beide betrogen habt. Wenn du gesehen hättest, wie er diese Nacht seine Frau an den Armen packte ... sie zu Boden schleuderte...« Bei diesen Worten sah sie ihm fest in die Augen; in ihrem Verlangen nach Wahrheit vergaß sie jede Rücksicht gegen sich selbst. Aber Georges verriet keinerlei Gemütsbewegung und erwiderte einfach: »Mein Leben gehört diesem Manne.« »Es gehört auch mir, und ich will nicht, daß du hinuntergehst. Es hat im Hause meines Vaters bereits genug Skandal gegeben. Bedenke doch nur, daß die ganze Fabrik von allem was geschehen ist, genau Bescheid weiß. Wir werden beobachtet, belauscht; die Werkmeister haben mit aller Strenge auftreten müssen, um die Leute bei ihrer Arbeit festzuhalten und alle diese neugierigen Augen zu zwingen, sich ihrem Tagewerk zuzuwenden.« »Man wird glauben, ich versteckte mich...« »Und wenn man das glaubte! Aber so sind die Männer ... vor dem größten Verbrechen scheuen sie nicht zurück ... sie betrügen ihr Weib, ihren Freund, während der Gedanke, daß man sie für Feiglinge halten könnte, ihnen ganz unerträglich scheint. Uebrigens höre noch eins: Sidonie ist fort ... fort für immer, und wenn du jetzt gehst, so muß ich annehmen, daß du sie aufsuchen willst.« »Gut, ich bleibe,« sagte Georges; »ich werde alles thun, was du verlangst.« Claire begab sich in das Bureau des alten Kassierers; Risler senior war da und schritt, die Hände auf dem Rücken, ruhig auf und nieder. Wer ihn so gesehen, hätte nimmermehr geahnt, welche Stürme seit gestern über ihn hingegangen. Der alte Planus aber strahlte; er hatte von alledem nichts im Auge, als den glücklich überstandenen Zahltag, die gerettete Ehre der Firma. Als Madame Fromont erschien, lächelte ihr Risler wehmütig zu und schüttelte den Kopf. »Ich dachte mir schon, daß Sie an seiner Statt kommen würden,« sagte er; »aber mit Ihnen habe ich nichts zu thun ... muß unbedingt mit Georges sprechen. Heute morgen sind wir im stande gewesen, unsern Verbindlichkeiten nachzukommen ... das Schlimmste ist somit überstanden, indessen bleibt noch manches übrig, das wir miteinander zu besprechen haben.« »Risler, lieber Freund, ich bitte Sie inständig, warten Sie noch ein wenig . ..« »Warum denn, Madame Schorsch? wir dürfen wirklich keinen Augenblick verlieren. Aber ich weiß schon: Sie fürchten, daß ich mich durch meinen Zorn hinreißen lasse ... beruhigen Sie sich und beruhigen Sie Ihren Mann! Sie wissen, was ich Ihnen gesagt habe: Die Ehre des Hauses Fromont steht mir noch höher als meine eigne; da jene durch meine Schuld in Gefahr gekommen ist, muß ich vor allen Dingen das Unrecht gut machen, das ich gethan oder doch zugelassen habe.« »Sie sind edel und großmütig gegen uns, lieber Risler, das weiß ich.« »O Madame, wenn Sie alles mit angesehen hätten ... er ist ein Heiliger!« sagte der gute Planus, der nicht den Mut hatte, mit dem Freunde zu sprechen, und ihm auf diese Weise seine Reue zeigen wollte. »Aber fürchten Sie nicht? ... menschliche Kraft hat ihre Grenzen. .. wenn Sie dem Manne gegenüber stehen, der Ihnen so viel Böses gethan hat ...« Risler ergriff ihre Hände und sah ihr mit dem Ausdruck tiefer Bewunderung in die Augen. »Edles Geschöpf! Sie sprechen nur von dem Bösen, das mir widerfahren ist... wissen Sie denn nicht, daß ich ihn ebenso sehr, um des Verrates willen, hasse, den er an Ihnen begangen hat? In diesem Augenblicke ist jedoch für mich von alledem nicht die Rede. Ich bin nur ein Kaufmann, der sich mit seinem Associs über das Wohl des Hauses zu verständigen hat. Lassen sie ihn also ohne jede Besorgnis herkommen, und wenn Sie meiner Heftigkeit mißtrauen, so hören Sie unsre Unterredung mit an. Wenn ich die Tochter meines alten Herrn vor Augen habe, werde ich mich sicherlich meines Wortes und meiner Pflicht erinnern.« »Ich glaube Ihnen, lieber Freund,« sagte Claire und ging hinauf, ihren Mann zu holen. Der erste Augenblick des Zusammentreffens war entsetzlich. Georges trat bleich, bewegt, gedemütigt heran und hätte tausendmal lieber der Pistole dieses Mannes auf zwanzig Schritt Entfernung gegenüber gestanden. Jetzt aber mußte er ihm als ein Schuldbeladener begegnen, den die Strafe noch nicht ereilt hat, und mußte seine Aufregung soweit bemeistern, daß er zur ruhigen Besprechung von Geschäftsinteressen fähig war. Risler sah ihn nicht an; er fuhr fort mit großen Schritten auf und ab zu gehen und begann: »Unser Haus hat eine schwere Krisis zu überstehen. Heute ist es uns möglich gewesen, unsern Verpflichtungen nachzukommen, aber weitere Zahlungen stehen uns bevor. – Meine unglückselige Erfindung hat mich seit langer Zeit von dem Geschäft fern gehalten, jetzt aber bin ich frei und kann mich wieder ganz den Interessen des Hauses widmen. Auch Sie müssen das wieder thun... auch Sie! Unsre Arbeiter und Commis sind nur zu sehr dem Beispiel der Prinzipale gefolgt, so daß jetzt große Unordnung und Lässigkeit herrschen. Heute morgen hat zum erstenmal seit Jahresfrist die Arbeit zur bestimmten Stunde angefangen. Ich zähle darauf, daß Sie das alles wieder ins rechte Gleis bringen werden. Was mich betrifft, so kehre ich zu meinen Zeichnungen zurück. Unsre Muster sind veraltet... für die neuen Maschinen müssen neue Muster herbeigeschafft werden. In meine Erfindung setze ich große Hoffnungen ... Meine Versuche damit sind über alle Erwartung gelungen, und ich bin überzeugt, daß wir in dieser Druckmaschine das sichere Mittel besitzen, unserm Geschäft einen neuen Aufschwung zu geben. Ich habe Ihnen das nicht früher gesagt, weil ich Sie überraschen wollte... wir wollen uns aber dergleichen nie wieder bereiten . .. nicht wahr, Georges?« Dabei war seine Stimme von so herzzerreißender Ironie, daß Claire zitternd einen Ausbruch seines Zornes erwartete; aber in einfach-ruhigem Tone fuhr er fort: »Ja, ich glaube, versichern zu dürfen, daß nach Verlauf eines halben Jahres die Rislersche Druckmaschine herrliche Resultate ergeben wird. Dies halbe Jahr wird jedoch schwer zu überstehen sein. Wir müssen uns einschränken, unsre Ausgaben vermindern, sparen wo wir irgend können. Wir beschäftigten fünf Zeichner – von jetzt an werden wir nur noch zwei haben; die drei andern werde ich, wenn ich meine Nächte zu Hilfe nehme, ersetzen können. Ueberdies verzichte ich von heute ab auf meine Einnahme als Associé; ich werde wie ehemals meinen Gehalt als Werkmeister beziehen, weiter nichts.« Fromont junior wollte ihm antworten, aber mit einer Handbewegung hielt ihn Claire zurück und Risler fuhr fort: »Ihr Associé, Georges, bin ich nicht mehr. Von Stund an werde ich wieder der Angestellte Ihres Hauses, der ich immer hätte bleiben sollen. Von Stund an ist unsre Firma aufgelöst ... ich will es so – verstehen Sie mich recht; ich will es! Wir bleiben in dem eben bezeichneten Verhältnis zu einander, bis der Tag gekommen ist, wo das Haus wieder fest steht, wie ehemals, und wo es mir vergönnt sein wird ... aber was ich dann zu thun gedenke, geht niemand an, als mich selbst. Das war es, was ich Ihnen zu sagen hatte, Georges. Sie müssen sich mit allem Eifer um die Fabrik bekümmern, müssen sich zeigen, müssen die Gegenwart des Herrn wieder fühlbar machen; wenn Sie das thun, so glaube ich, daß von dem Unheil, das uns betroffen, das eine oder andre wieder gut zu machen ist.« Während der Pause, die jetzt eintrat, wurde im Garten Räderrollen hörbar und zwei große Möbelwagen hielten an der Freitreppe. Verzeihen Sie,« sagte Risler; »ich muß mich einen Augenblick entfernen ... Die Wagen des Hotel des Ventes sind da, um mein Mobiliar abzuholen.« »Wie? Sie wollen auch Ihre Möbel verkaufen?« fragte Madame Fromont. »Gewiß! bis zum letzten Stücke... ich gebe sie der Firma wieder, der sie gehören.« »Unmöglich!« rief Georges; »das kann ich nicht zugeben.« Mit einer Bewegung des Unwillens sah sich Risler nach ihm um. »Was sagen Sie? was dürfen Sie nicht zugeben?« Claire wendete sich zu ihm mit stehender Gebärde. »Sie haben recht... Sie haben recht,« murmelte er und eilte hinaus, um der Versuchung, sein Herz endlich zu erleichtern, aus dem Wege zu gehen. Das zweite Stockwerk war verödet; die schon in aller Frühe abgelohnte Dienerschaft hatte die Wohnung in der vollen Unordnung des Morgens nach einem Feste zurückgelassen. Dazu kam noch der eigentümliche Anblick, der Orten anhaftet, wo sich irgend ein Drama zugetragen und die nun gleichsam in Erwartung schweben zwischen dem, was geschehen ist und noch geschehen wird. Die offnen Thüren, die in Winkeln aufgehäuften Teppiche, die Präsentierteller mit Gläsern, die Vorbereitungen zum Souper, die gedeckte, unberührte Tafel, der Staub des Balles, der auf den Möbeln lag, der gemischte Geruch von Punsch, welken Blumen, Puder – alle diese Einzelheiten bedrückten Risler, sobald er eintrat. Im Salon, wo ein wüstes Durcheinander herrschte, stand der Flügel offen, und der Galopp aus »Orpheus in der Unterwelt« lag aufgeschlagen auf dem Notenpulte. Die glänzenden Tapeten, von denen diese Unordnung umrahmt war, die umgefallenen, gleichsam erschreckten Stühle gaben dem Raum das Aussehen eines Schiffssalons nach einer angstvollen Sturmnacht, in welcher inmitten eines Festes der Angstruf erschallt, daß das Fahrzeug ein Leck erhalten, und daß von allen Seiten das Wasser hereindringt. Man fing an, die Möbel hinunter zu schaffen. Risler sah den Arbeitern mit einer so gleichgültigen Miene zu, als ob er sich in einem fremden Hause befände. All der Glanz, der ihn bisher so stolz und glücklich gemacht, flößte ihm jetzt unüberwindlichen Ekel ein; aber eigentümlich bewegt fühlte er sich, als er das Schlafzimmer seiner Frau betrat. Es war ein großes Gemach, dessen Wände von blauem Atlas und weißen Spitzen bekleidet waren – das echte Nest einer Cocotte. Hier und da lagen zerrissene Tüllfalbeln, zerknitterte Bandschleifen und künstliche Blumen; die Kerzen des Ankleidespiegels waren vollständig niedergebrannt und hatten die gläsernen Lichtmanschetten zersprengt. Das Bett aber mit seinen schweren, zurückgeschlagenen Vorhängen und seiner blauen, spitzenbesetzten Decke war inmitten dieses Wirrwars unberührt geblieben und schien das Lager einer Toten zu sein – ein Paradebett, in dem niemand mehr schlafen sollte. Rislers erste Regung, als er eintrat, war ein wilder Zorn. Er hätte sich auf alle diese Dinge stürzen, sie zerreißen, zertrümmern, zerschmettern mögen. Denn nichts gibt ein treueres Abbild von dem Wesen einer Frau als ihr Schlafgemach; selbst wenn sie abwesend ist, lächelt uns ihr Gesicht aus den Spiegeln entgegen, in denen sie sich so oft beschaut: etwas von ihr selbst, von ihrem Lieblingsparfüm haftet an allem, was sie berührt hat; ihre Haltung läßt sich an den Kissen des Diwans erkennen und ihr Kommen und Gehen vom Spiegel zum Waschtisch ist auf dem Muster des Teppichs zu sehen. Was hier jedoch vor allem an Sidonie erinnerte, war eine mit Nippsachen beladene Etagere, unbedeutende Chinoiserieen, mikroskopische Fächer, ein Puppenservice, vergoldete Schuhe, Schäfer und Schäferinnen, die sich gegenüberstanden und kalte, glänzende Porzellanblicke wechselten. Diese Etagere war Sidoniens Seele; ihre alltäglichen, kleinlichen, eitlen, leeren Gedanken glichen diesem nichtigen Tand. Hätte Risler, als er sie diese Nacht in seinen Händen hielt, ihren kleinen, zerbrechlichen Kopf zerschmettert, sicherlich wären statt des Hirnes eine Anzahl solcher Nippsachen herausgefallen. Während der unglückliche Mann inmitten des Hämmerns, des Kommens und Gehens der Arbeiter sich in schwermütige Betrachtungen verlor, ließen sich hinter ihm kurze, halb zögernde, halb zudringliche Schritte hören und Monsieur Chèbe, der kleine Monsieur Chèbe erschien, rot, atemlos, glühend vor Aufregung. Wie immer setzte er sich auch jetzt seinem Schwiegersohn gegenüber auf das hohe Pferd. »Was hat das zu bedeuten? ... Was muß ich hören? ... Wollen Sie denn ausziehen?« »Ausziehen? nein, Monsieur Chèbe ... ich verkaufe.« Der kleine Mann schnellte in die Höhe wie ein verbrühter Karpfen. »Verkaufen? . .. was denn?« »Alles!« antwortete Risler mit tonloser Stimme, ohne ihn auch nur anzusehen. »Aber lieber Schwiegersohn ... so nehmen Sie doch Vernunft an! Du lieber Gott, ich will Sidoniens Benehmen ... übrigens weiß ich nichts, gar nichts ... habe nie etwas hören wollen! ... Erlauben Sie nur, daß ich Sie an das erinnere, was Sie Ihrer eignen Würde schuldig sind. Zum Teufel auch! – seine schmutzige Wäsche wäscht man doch im Familienkreise, gibt sich nicht, wie Sie seit heute früh gethan, den spöttischen Blicken der Leute preis. Sehen Sie doch nur, wie sie aus allen Fenstern der Fabrik neugierig herausschauen! Und unter dem Thorwege erst ... Sie sind wahrhaftig die Fabel des ganzen Stadtviertels! »Um so besser! Da die Schande eine öffentliche war, muß es auch die Sühne sein.« Rislers scheinbare Ruhe, seine Gleichgültigkeit gegen alle guten Lehren versetzten Monsieur Chèbe in zornige Ungeduld. Er zog andre Saiten auf und begann mit seinem Schwiegersohne in dem ernsten, befehlenden Tone zu reden, der Kindern und Narren gegenüber angestimmt wird. »Nun wohl! so lassen Sie sich sagen, daß Sie nicht berechtigt sind, hier etwas fortzuschaffen. Ich widersetze mich diesem Verfahren mit meiner ganzen Manneskraft, meiner ganzen väterlichen Autorität. Glauben Sie etwa, ich würde Ihnen gestatten, mein Kind auf das Stroh zu werfen? ... Nein, durchaus nicht! ... durchaus nicht! ... Es sind der Thorheiten genug geschehen ... auch nicht ein Stück weiter wird hier fortgeschafft.« Dabei machte Monsieur Chèbe die Thür zu und pflanzte sich in heldenhafter Haltung davor auf. Zum Kuckuck auch! sein eignes Interesse war gefährdet. Lag erst, wie er gesagt hatte, seine Tochter auf Stroh, so kam auch er in Gefahr, nicht mehr auf Federn zu schlafen. Wie er so dastand als zürnender Vater, war er prächtig anzuschauen, aber leider nicht für lange Zeit. Zwei Hände, zwei Schraubstöcke bemächtigten sich seiner Handgelenke, und plötzlich befand er sich mitten im Zimmer, so daß die Thür für die Arbeiter frei blieb. »Chèbe, mein Junge, hören Sie mich aufmerksam an!« sagte Risler, indem er sich zu ihm niederbeugte. »Meine Geduld ist zu Ende ... seit heute morgen gebe ich mir unsägliche Mühe, mich zu beherrschen, aber es bedarf nur einer Kleinigkeit, meinen Zorn zum Ausbruch zu bringen, und wehe dem, der davon betroffen wird! Ich bin ganz der Mann dazu, einen umzubringen ... also machen Sie, daß Sie fortkommen ... schnell!« Er sagte das mit einem solchen Nachdruck, und die Art und Weise, mit welcher er seinen Schwiegervater schüttelte, war so beredt, daß dieser sofort zur Einsicht kam und sogar einige Entschuldigungen stammelte. Sicherlich war Risler zu seiner Handlungsweise berechtigt; alle rechtschaffenen Leute mußten auf seiner Seite stehen. ... Dabei zog sich Monsieur Chèbe rücklings nach der Thür zurück, und als er dort angelangt war, erlaubte er sich die schüchterne Frage, ob die kleine Jahresrente der Mutter Chèbe auch ferner ausgezahlt würde. »Jawohl,« antwortete Risler; »aber überschreiten Sie dieselbe nie, denn meine Stellung hier ist nicht mehr wie bisher ... ich bin nicht mehr Teilhaber der Firma.« Monsieur Chèbe machte große, verwunderte Augen und sein Gesicht nahm jenen blödsinnigen Ausdruck an, der viele Leute zu dem Glauben brachte, daß der Unfall, der ihm widerfahren – Sie wissen, dem Herzog von Orleans war dasselbe begegnet – nicht von ihm erfunden sei. – Uebrigens erlaubte er sich nicht die leiseste Bemerkung. Sein Schwiegersohn war ja geradezu wie umgewechselt! ... konnte diese Tigerkatze, deren Haare sich bei jedem Worte sträubten und die sich bereit erklärte, einen Menschen umzubringen, konnte sie wirklich Risler sein? Der kleine Mann zog sich eilig zurück, fand jedoch am Fuße der Treppe seine Haltung wieder und ging im Siegerschritt über den Hof. Nachdem alle Zimmer ausgeräumt waren und Risler sie noch einmal durchwandert hatte, schloß er die Wohnung ab und ging mit dem Schlüssel in die Kassenstube, um ihn Madame Fromont einzuhändigen. »Sie können die Wohnung vermieten,« sagte er; »auch das ist wieder eine Zubuße für das Geschäft.« »Und Sie, lieber Freund?« »Ich? – meine Ansprüche sind nicht groß: ein Feldbett in einer der Mansardenstuben, das ist für den Commis genug. Denn – lassen Sie mich das wiederholen – fortan bin ich Nur noch Ihr Commis ... und ein guter Commis werde ich sein, fleißig und zuverlässig, über den Sie nicht zu klagen haben werden – das versichere ich Sie!« Georges, der mit Planus Rechnungen durchsah, wurde von diesen Worten des unglücklichen Mannes so ergriffen, daß er hastig aufstand und fortging; er war dem Aufschluchzen nahe. Auch Claire war tief gerührt, und auf den neuen Commis des Hauses Fromont zutretend, sagte sie: »Risler, ich danke Ihnen im Namen meines Vaters.« »An ihn habe ich die ganze Zeit gedacht«, gab er einfach zur Antwort. In diesem Augenblick trat der Vater Achilles herein und brachte die Morgenpost. Risler nahm den Haufen Briefe, öffnete einen nach dem andern und reichte die gelesenen Planus zu. »Da ist eine Bestellung aus Lyon. ... Warum hat man versäumt, nach Saint-Etienne zu schreiben?« Mit aller Willenskraft versenkte er sich in die Einzelheiten der Geschäfte, und sein dringendes Verlangen nach Ruhe und Vergessenheit gab ihm eine seltene Schärfe und Klarheit des Urteils. Plötzlich erblickte er zwischen den großen, mit Firmenstempeln versehenen Briefen, deren Form und Papier kaufmännisches Herkommen und hastige Beförderung verrieten, einen kleinen, zierlichen, sorgsam versiegelten Brief, der sich so verräterisch zwischen die andern eingeschlichen, daß er ihn anfangs nicht bemerkt hatte. Die feine, schlanke, feste Handschrift erkannte er sogleich. »An Herrn Risler – zu eignen Händen« – das hatte Sidonie geschrieben. Wieder stieg das Gefühl in ihm auf, das er oben in ihrem Schlafzimmer gehabt hatte. Seine ganze Liebe, der ganze Zorn des betrogenen Ehemannes überfluteten sein Herz und erfüllten ihn mit der Entrüstung, die zum Mörder machen kann. Was hatte sie ihm zu schreiben? welche neue Lüge hatte sie ersonnen? ... Er war im Begriff, den Brief zu öffnen, besann sich aber eines andern, denn er sagte sich selbst, daß ihn das Lesen dieser Zuschrift seiner mühsam behaupteten Kraft berauben könnte, und wendete sich an den Kassierer. »Sigismund, lieber Alter,« flüsterte er; »willst du mir einen Gefallen thun?« »Natürlich!« rief der wackere Mann, ganz entzückt, daß der Freund wieder in dem vertraulichen Ton von ehedem mit ihm sprach. »Sieh her, da ist ein Brief an mich, den ich jetzt nicht lesen möchte. Ich bin überzeugt, daß er mich um Leben und Denken bringen würde. Du hebst ihn mir auf, nicht wahr? und auch das noch.« Dabei zag er ein sorgsam verschnürtes Päckchen aus der Tasche und reichte es Planus durch das Gitter zu. »Dies ist alles, was mir von der Vergangenheit und von dem Weibe geblieben. ... Ich will sie nicht wiedersehen und nichts, was mich an sie erinnern könnte, bis ich meine Aufgabe hier im Hause zu Ende und zwar gut zu Ende geführt habe. Dazu – das wirst du begreifen – bedarf ich meines ganzen Kopfes. – Den Chèbes wirst du ihre kleine Jahresrente zukommen lassen ... und wenn sie um etwas bitten sollte, thust du, was nötig ist, sagst mir aber nichts davon.... Und was ich dir gegeben habe, hebst du mir sorgfältig auf, bis ich es zurückverlange.« Planus schloß Brief und Päckchen in ein Geheimfach seines Sekretärs, das allerlei Wertpapiere enthielt, wahrend Risler zu der Durchsicht der Handelskorrespondenz zurückkehrte. Aber wieder und wieder sah er bei seiner Beschäftigung die zierlichen Schriftzüge vor Augen, die jene kleine, feine Hand geschrieben, welche er so oft, so warm ans Herz gedrückt hatte. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Im Café chantant Es war ein seltener Diener von großer Gewissenhaftigkeit, den das Haus Fromont in seinem neuen Commis gewonnen hatte. Tag für Tag war seine Lampe die erste, welche die Fenster der Fabrik erhellte, und die letzte, die verlöscht wurde. Man hatte ihm oben, unter dem Dache, eine kleine Stube eingerichtet, die ganz der Trappistenzelle glich, welche er früher mit Franz bewohnt hatte, und deren Einrichtung aus einem eisernen Feldbett und einem Tische von rohem Tannenholz bestand, über dem das Bild seines Bruders hing. Auch das alte, thätige, regelmäßige, einsame Leben von damals hatte er wieder aufgenommen. Er arbeitete unablässig und ließ seine Mahlzeiten aus dem kleinen Milchladen an der Straßenecke holen, aber ach! Jugend und Hoffnung waren auf immer dahin und damit auch der Reiz aller dieser Erinnerungen entschwunden. Ein Glück nur, daß ihm Franz und Madame Schorsch geblieben waren – die einzigen Wesen, an die er ohne Bitterkeit denken konnte. Madame Schorsch war immer für ihn da, immer darauf bedacht, ihn zu pflegen und zu trösten, und Franz schrieb häufig, ohne jemals Sidoniens Namen zu erwähnen. Risler glaubte, daß er von irgend einer Seite von dem Geschehenen unterrichtet sei und aus Schonung jede Anspielung darauf vermeide. »Wenn ich ihn nur erst zurückrufen könnte!« – Der Fabrik den alten Glanz zu geben und den Bruder heimkehren zu lassen, das war sein Traum, sein einziges Bestreben. Inzwischen flossen seine Tage in immer gleicher Weise dahin, im geräuschvollen Treiben des Geschäftslebens und der herzbeklemmenden Einsamkeit seines Kummers. Jeden Morgen ging er hinunter, um die Arbeitssäle zu durchwandern, in denen die Achtung, die er allgemein einflößte, und sein ernstes, strenges Wesen die auf kurze Zeit gestörte Ordnung wiederhergestellt hatten. Anfangs hatte man viel geschwatzt und Sidoniens Verschwinden verschiedene Deutungen gegeben. Die einen sagten, sie sei mit einem Geliebten entflohen, die andern, Risler habe sie fortgejagt. Was aber allen Vermutungen widersprach, war das Verhältnis der beiden Associés, die so einfach wie früher miteinander verkehrten. Zuweilen freilich, wenn sie im Comptoir allein waren, fuhr Risler plötzlich zusammen, eine Vision des an ihm verübten Verrats stieg vor ihm auf und er sagte sich selbst, wie tausendfach ihn die Augen, die er da vor sich sah, der Mund, das ganze Antlitz belogen hatten. Dann kam wohl ein leidenschaftliches Verlangen über ihn, den Elenden an der Gurgel zu packen und mitleidslos zu erwürgen; aber der Gedanke an Madame Schorsch hielt ihn immer wieder davon zurück. Sollte er weniger Mut beweisen als diese junge Frau? – Weder Claire, noch Fromont, noch irgend ein andrer ahnten, was in ihm vorging. Die einzige Veränderung in seinem Wesen war eine gewisse Härte und Unbeugsamkeit, die er früher nicht besessen hatte. Für die Arbeiter war Risler senior zur Respektsperson geworden, und auch diejenigen unter ihnen, die sich nicht vor seinem in einer Nacht ergrauten Haar, seinen eingefallenen, gealterten Zügen beugten, zitterten vor dem eigentümlichen Blick seiner Augen, die an den schwarzblauen Glanz einer Stahlklinge erinnerten. Er, der sonst im Verkehr mit den Arbeitern sanft und freundlich gewesen war, zeigte sich jetzt bei der geringsten Versäumnis oder Unordnung von unerbittlicher Strenge. Es war, als ob er damit eine frühere, blinde und verderbliche Nachsicht wieder gut machen wolle. Gewiß, der neue Commis des Hauses Fromont war ein wunderbar treuer Diener. Ihm war es zu verdanken, daß die alte Glocke der Fabrik, trotz ihrer klanglosen, zitternden Stimme, bald wieder ihre frühere Gewalt ausübte, und während er alles leitete und überwachte, gönnte er sich selbst nicht die mindeste Erholung. Mäßig wie ein Lehrbursche ließ er durch den alten Planus drei Viertel seines Gehalts dem Chèbeschen Ehepaar zukommen, fragte aber nie nach ihrem Ergehen. Pünktlich am letzten jedes Monats erschien der kleine Mann, um die geringe Summe in Empfang zu nehmen, und war dabei dem alten Sigismund gegenüber so steif und herablassend, wie sich's für einen Rentenbesitzer gebührt. Madame Chèbe hatte versucht, bis zu ihrem Schwiegersohn zu gelangen, den sie beklagte und von Herzen liebte; aber sobald die Palmen ihres türkischen Shawls am Hofthor sichtbar wurden, ergriff der Gatte Sidoniens die Flucht. Der Mut, mit dem er sich so tapfer wappnete, war im Grunde doch nur äußerliche Festigkeit. Der Gedanke an seine Frau verließ ihn keinen Augenblick. Was war aus ihr geworden? was fing sie an? – Er machte Planus beinahe einen Vorwurf daraus, daß dieser ihm nichts von ihr berichtete. Der Brief besonders kam ihm nicht aus dem Sinn, der Brief, den zu lesen er sich versagt hatte. Unablässig mußte er daran denken – ach! wenn er nur den Mut gehabt hatte – wie gern würde er Sigismund darum gebeten haben. Eines Tages wurde die Versuchung zu stark. Der alte Kassierer war zum Frühstück fortgegangen und hatte, gegen seine Gewohnheit, den Schreibtischschlüssel stecken lassen. Risler konnte nicht widerstehen; er öffnete die Schublade, suchte, kramte in den Papieren – der Brief lag nicht mehr da; wahrscheinlich hatte ihn Sigismund – vielleicht in der Voraussicht schwacher Augenblicke – noch sorgfältiger verwahrt. Im Grunde war Risler auch mit seinem Mißerfolg nicht unzufrieden; er fühlte nur zu gut, daß ihn das Auffinden des Briefes der thatkräftigen Resignation beraubt hätte, in welcher er so mühevoll verharrte. Die Woche hindurch ging es noch leidlich; das Dasein war erträglich, denn den ganzen Tag füllten die tausend Aufgaben für die Interessen des Hauses, und wenn die Nacht hereinbrach, fiel Risler bewußtlos vor Ermüdung auf sein Lager. Der Sonntag dagegen war endlos und qualvoll für ihn. Die Stille in den Höfen, den verödeten Arbeitssälen gab seinen Gedanken einen weiten Spielraum. Er versuchte zu arbeiten, aber die Anfeuerung, die gemeinsamer Thätigkeit entquillt, fehlte ihm. Er allein sollte in dieser weitläufigen Arbeitsstätte, deren Atem sogar stillstand, fleißig sein! – Die vorgeschobenen Riegel, die herabgelassenen Rouleaux, die laute Stimme des Vater Achilles, der im menschenleeren Hofe mit seinem Hunde spielte, alles sprach von Ruhe und Einsamkeit, das ganze Stadtviertel machte denselben Eindruck; in den Straßen, wo nur selten ein Vorübergehender sichtbar wurde, hatte das Glockengeläut, das zur Vesper rief, einen melancholischen Klang, und wenn hin und wieder, wie ein fernes Echo des Pariser Treibens, Räderrollen, Leierkastentöne oder das Glöckchen einer Kuchenverkäuferin in die Stille herüberschallte, schien dieselbe dadurch nur um so tiefer zu werden. Risler entwarf neue Zusammenstellungen von Blumen und Blättern, aber während er den Bleistift arbeiten ließ, schweiften seine Gedanken, die hierbei nicht völlig in Anspruch genommen waren, in die Weite, suchten das verlorene Glück, riefen unvergeßliche Katastrophen wach, ließen ihn sein ganzes Martyrium noch einmal erleben und – kehrten sie endlich zu dem armen Nachtwandler zurück, der noch immer an seinem Zeichenbrette saß, so fragten sie: »was hast du in unsrer Abwesenheit gethan?« – Ach, er hatte nichts zu stande gebracht. O, diese langen, traurigen, qualvollen Sonntage! Wir dürfen auch nicht vergessen, daß seine Seele von der frommen Vorliebe des Volkes für den geheiligten Feiertag erfüllt war, für die vierundzwanzigstündige Ruhe, die dem Arbeiter Kraft und Mut zurückgibt. Wenn er ausgegangen wäre, hätte er beim Anblick eines von Weib und Kind begleiteten Arbeiters vielleicht laut aufschluchzen müssen, aber seine klösterliche Abgeschiedenheit bereitete ihm andre Qualen, erfüllte ihn mit der Verzweiflung, den bitteren Seelenkämpfen des Einsiedlers, wenn der Gott, dem er sich geweiht hat, sein Opfer nicht anzuerkennen scheint. Der Gott Rislers aber war die Arbeit, und da er nun auch in ihr weder Ruhe noch Heiterkeit wiederfand, verlor er den Glauben an sie und war nahe daran, ihr zu fluchen. Zuweilen wurde in diesen Stunden voll bitteren Kampfes die Thür des Zeichensaales leise geöffnet und Claire Fromont trat herein. Die Einsamkeit des unglücklichen Mannes in diesen langen Sonntagnachmittagen ging ihr zu Herzen, und sie kam, ihm mit ihrer Kleinen Gesellschaft zu leisten; wußte sie doch aus Erfahrung, wie besänftigend der Verkehr mit Kindern zu wirken vermag. Die Kleine, die jetzt allein gehen konnte, entwand sich den Armen der Mutter, um zu dem Freunde zu laufen. Risler hörte ihre kurzen, eiligen Schritte, fühlte ihren leichten Atem hinter sich und hatte davon augenblicklich einen beruhigenden, erfrischenden Eindruck. Sie schlang ihm so freundlich die runden Aermchen um den Hals, lachte ihm so fröhlich und unbefangen zu und küßte ihn mit dem lieblichen Munde, der noch keine Lüge gesagt hatte. Claire Fromont, die noch an der Thür stand, sah die beiden lächelnd an. »Risler, lieber Freund,« sagte sie herzlich, »kommen Sie mit in den Garten; Sie überarbeiten sich, werden sich krank machen.« »Nein, nein, Madame Schorsch; die Arbeit allein ist's, die mich aufrecht erhält ... sie hindert mich am Denken und Grübeln.« Nach langer Pause begann sie aufs neue: »Mein guter, lieber Risler, nehmen Sie sich zusammen, suchen Sie zu vergessen ...« – Er schüttelte den Kopf. »Vergessen . .. kann man das? – Es gibt Dinge, die über unsre Kräfte gehen. Man kann vergeben, aber man vergißt nicht.« Fast immer gelang es dem Kinde, ihn in den Garten hinunter zu locken. Mochte er Lust haben oder nicht, die Kleine bestand darauf, daß er ihr helfen müsse, mit Sand oder mit dem Balle zu spielen. Aber nur zu bald bemerkte sie, wie ungeschickt und gleichgültig ihr Spielgefährte war, und dann begnügte sie sich damit, ruhig an seiner Seite zwischen den Buchsbaumeinfassungen der Beete hin und her zu gehen und die Hand des Freundes festzuhalten. Nach wenigen Augenblicken hatte Risler dann zwar kein Bewußtsein von ihrer Gegenwart, aber ohne daß er darauf achtete, übte die kleine, warme Hand, die in der seinigen lag, einen magnetischen Einfluß auf ihn aus und linderte die Pein seines verwundeten Herzens. »Man kann vergeben, aber man vergißt nicht!« Auch die arme Claire wußte das, denn trotz ihres mutigen Wollens, trotz ihres tiefen Pflichtgefühls hatte sie nicht vergessen. Für sie wie für Risler wurde die Umgebung, in der sie lebte, zur beständigen Erinnerung an ihr Unglück; mitleidslos rissen die Gegenstände um sie her alle Wunden wieder auf, wenn sie eben vernarben wollten. Die Treppe, der Garten, der Hof, alle die Zeugen und stummen Mitschuldigen des Ehebruchs hatten an gewissen Tagen ein geradezu unerbittliches Aussehen. Selbst die Beflissenheit, mit der ihr Georges peinliche Erinnerungen fernzuhalten suchte, sein ängstliches Bemühen, sie abends nicht allein zu lassen und ihr von seinen Ausgängen Rechenschaft zu geben, alles mahnte sie aufs neue an seinen Verrat. Mehr als einmal war sie im Begriff, ihn um Gnade zu bitten, ihm zu sagen: »Thue nicht zu viel!« – Aber ihr Glaube an ihn war vernichtet, und die furchtbare Qual des Priesters, der dem Zweifel anheim gefallen ist und dennoch seinem Gelübde treu zu bleiben trachtet, verriet sich auch in ihrem bittern Lächeln, in ihrer stillen, klaglosen Freundlichkeit. Georges war sehr unglücklich. Jetzt liebte er seine Frau; die Größe ihres Wesens hatte ihn besiegt. Seine Liebe war mit Bewunderung gemischt, und – warum sollten wir es nicht gestehen – Claires Herzenskummer ersetzte in den Augen ihres Mannes jenen Mangel an Koketterie, den er ihr in der Stille vorgeworfen hatte. Er gehörte zu der Klasse von Männern, denen es wohlthut, Eroberungen zu machen, Widerstand zu besiegen. Die kalte, launenhafte Sidonie hatte dieser Herzensverirrung Genüge gethan. Nachdem sie sich heute in der zärtlichsten Weise von ihm getrennt hatte, fand er sie morgen gleichgültig und zerstreut, und diese Notwendigkeit, sie immer aufs neue zu fesseln, trat für ihn an die Stelle wirklicher Leidenschaft. Ein stilles Liebesglück wurde ihm langweilig, wie dem Seemann eine sturmlose Fahrt. Nun aber war seine Ehe dem Schiffbruch nah gewesen, und noch immer war nicht alle Gefahr vorüber. Er wußte, daß Claire sich von ihm abgewendet hatte, daß ihr Herz ganz dem Kinde gehörte und daß dieses fortan das einzige Bindemittel zwischen ihnen war. Diese Entfremdung ließ sie ihm schöner und begehrenswerter erscheinen als je, und er bot alle seine Liebenswürdigkeit auf, sie wiederzugewinnen. Er fühlte, daß es eine schwere Aufgabe sei und daß er es mit einem ungewöhnlichen Wesen zu thun habe, aber er verzweifelte nicht; denn zuweilen leuchtete in der Tiefe ihrer sanften, scheinbar gleichgültigen Augen, beim Anblick der Mühe, die er sich gab, ein stiller Glanz auf, der ihm sagte, daß er hoffen dürfe. An Sidonie dachte er nicht mehr, und diese plötzliche, seelische Trennung hat durchaus nichts Ueberraschendes. Diese zwei oberflächlichen Wesen besaßen nichts, was sie fest aneinanderketten konnte. Georges war nur dann zu einer dauernden Empfindung fähig, wenn dieselbe beständig neue Anregung erhielt, und überdies war Sidonie nicht im stände, eine große, nachhaltige Neigung einzuflößen. Es war eben nur das Liebesverhältnis einer Dirne und eines Lebemannes, das auf Eitelkeit und Selbstliebe gegründet ist, weder Hingebung noch Treue einflößt und zuweilen zu tragischen Katastrophen, zu Duellen und Selbstmorden führt; eine Art Neigung, die gewöhnlich überwunden und ohne Narben geheilt wird. Hätte Georges Sidonie wiedergesehen, so wäre er vielleicht aufs neue in ihren Bann geraten, aber der Windstoß, der sie fortgetrieben hatte, war so plötzlich hereingebrochen und hatte sie so weit entführt, daß keine Rückkehr möglich war. Jedenfalls aber empfand er es als Erleichterung, daß er nicht mehr zu lügen und zu heucheln brauchte, und sein neues Leben voll Arbeit und Entbehrungen mit der Aussicht auf ein fernes, ersehntes Ziel erschreckte ihn nicht – ein wahres Glück! denn zur Rettung des Hauses hatten beide Associés ihren ganzen Fleiß, ihre ganze Willenskraft aufzubieten. Von verschiedenen Seiten hatte das arme Handelshaus einen Leck erhalten, der das Wasser eindringen ließ, und Vater Planus verbrachte manche schlaflose Nacht, die vom Alpdruck bevorstehender Zahltage und der Erscheinung des blauen Männchens heimgesucht wurde. Durch große Sparsamkeit gelang es jedoch, allen Verpflichtungen nachzukommen. Nach kurzer Zeit waren in der Fabrik vier Rislersche Druckmaschinen in Thätigkeit, und der gesamte Tapetenhandel begann darauf aufmerksam zu werden. In Lyon, Caen, Rixheim, den bedeutendsten Mittelpunkten dieses Industriezweiges, entstand eine große Aufregung über die neue rotierende Maschine, und eines schönen Tages erschienen die Prochassons und boten dreimalhunderttausend Franken für einen Anteil am Patente. »Was sollen wir thun?« fragte Fromont junior den Erfinder. – Risler zuckte die Achseln mit gleichgültiger Miene. »Das haben Sie zu entscheiden ... ich habe nichts damit zu thun ... bin nur Ihr Commis.« Diese Antwort, so ruhig und ohne Zorn sie gegeben war, dämpfte Georges' unbesonnene Freude und erinnerte ihn einmal wieder an den Ernst seiner Lage, den er nur zu oft außer acht ließ. – Als Risler dann aber mit seiner lieben Madame Schorsch allein war, gab er ihr den Rat, auf das Anerbieten der Prochassons nicht einzugehen. »Warten Sie ... übereilen Sie nichts ... in einiger Zeit werden Sie besser verkaufen...« Er sprach immer nur von ihnen, wenn von dieser Angelegenheit die Rede war, obwohl er den größten und ruhmreichsten Anteil daran hatte. Es war nicht zu verkennen, daß er sich schon im voraus von ihrer Zukunft lossagte. Indessen häuften sich die Bestellungen; die Güte der Tapeten und ihr infolge der leichten Herstellung sehr ermäßigter Preis machten jede Konkurrenz unmöglich. Bald war nicht mehr daran zu zweifeln, daß der Firma eine glänzende Zukunft bevorstand. Die Fabrik hatte ihr früheres, blühendes Aussehen wieder gewonnen; es summte darin wie in einem Bienenstocke; alle Räumlichkeiten waren in Anspruch genommen, hunderte von Arbeitern beschäftigt. Vater Planus hatte nicht mehr Zeit, die Augen aufzuheben; vom Garten aus war er zu sehen, wie er über seine großen Rechnungsbücher gebeugt, in langen, schön geschriebenen Zahlenreihen den Ertrag der Druckmaschine eintrug. Auch Risler arbeitete ohne Rast und Ruh. Der zurückkehrende Wohlstand änderte nichts in seiner einsamen Lebensweise; nach wie vor mußte das Geräusch seiner Druckmaschine zu dem höchsten Dachfenster des Wohnhauses aufsteigen, wenn es ihn erreichen sollte, und er war nicht weniger mäßig, nicht weniger schweigsam als bisher. Eines Tages aber wurde in der Fabrik bekannt, daß ein Exemplar der Druckmaschine auf der großen Ausstellung zu Manchester mit der goldnen Medaille gekrönt worden sei und damit gleichsam die offizielle Beglaubigung ihres Wertes erhalten habe. Madame Georges rief Risler zur Frühstückszeit in den Garten, um ihm diese gute Nachricht selbst zu verkünden. Ein Lächeln des Stolzes überstrahlte sein verdüstertes, gealtertes Gesicht; die Eitelkeit des Erfinders, das Bewußtsein des Erfolges, besonders die Zuversicht, das Unheil, welches seine Frau über die Firma gebracht hatte, in glänzender Weise wieder gut gemacht zu haben, gewährten ihm einen Augenblick echten Glückes; er drückte Claires Hände und murmelte wie in guten alten Tagen: »Ich bin so glücklich ... so glücklich!« Und doch – welch' ein andrer Klang lag in den Worten! kein Schwung, keine Hoffnung, nur die Befriedigung über eine wohlgelöste Aufgabe – weiter nichts! Die Glocke läutete zur Wiederaufnahme der Arbeit, und wie jeden andern Tag kehrte auch heute Risler zu seinen Zeichnungen zurück. Nach kurzer Zeit kam er jedoch wieder herunter; die Nachricht hatte ihn doch tiefer berührt, als er zeigen wollte. Er irrte im Garten umher, kam wiederholt am Kassenfenster vorüber und lächelte dem Vater Planus durch das Gitter wehmütig zu. »Was hat er nur?« fragte sich der Alte. »Was kann er von mir wollen?« Endlich, als der Abend gekommen und Planus im Begriff war, das Comptoir zu schließen, faßte sich Risler das Herz hineinzutreten und ihn anzureden: »Planus, lieber Alter, ich möchte ... « Er zögerte einen Augenblick. »Ich möchte dich bitten, mir den Brief zu geben ... du erinnerst dich? ... den kleinen Brief und das Päckchen ... « Ueberrascht sah ihn Sigismund an; in seiner Harmlosigkeit hatte er sich eingebildet, Risler dächte nicht mehr an Sidonie, hätte sie vollständig vergessen. »Wie... du wolltest? ...« »Nun ja ... ich glaube, daß ich es redlich verdient habe und daß ich auch einmal an mich selbst denken darf, nachdem ich so lange Zeit nur an andre gedacht.« »Du hast recht!« antwortete Planus. »Höre denn, was wir thun wollen. Den Brief und das Päckchen habe ich zu Haus, in Montrouge. Wir könnten nun im Palais Royal zusammen essen, wie in der guten, alten Zeit –, weißt du noch? – ich bin Gastgeber und wir feiern deine Medaille mit einer Flasche Gesiegeltem ... etwas Feinem. Dann gehst du mit mir nach Montrouge, ich übergebe dir deine Siebensachen, und wenn es zu spät für dich wird, nach Haus zurückzukehren, gibt dir Mademoiselle Planus, meine Schwester, ein Bett, und du schläfst bei uns. – Es wohnt sich gut da draußen ... wie auf dem Lande. Morgen früh um sieben Uhr fahren wir mit dem ersten Omnibus nach der Fabrik ... Komm, Landsmann, mache mir die Freude! Sonst muß ich glauben, daß du deinem alten Sigismund noch immer böse bist ... « Risler willigte ein; es lag ihm nichts daran, seine Medaille zu feiern, wohl aber ein paar Stunden früher in den Besitz des kleinen Briefes zu kommen, den zu lesen er so redlich verdient hatte. Er mußte sich ankleiden: das war ein Ereignis, denn seit einem halben Jahre trug er beständig seine Arbeitsjacke. Die ganze Fabrik geriet in Aufregung und Madame Fromont wurde sofort benachrichtigt: »Madame ... Madame ... Monsieur Risler geht aus!« Claire sah ihm vom Fenster aus nach, und seine große, vom Kummer gebeugte Gestalt, die sich schwer auf Sigismunds Arm stützte, machte ihr einen tiefen, seltsamen, unvergeßlichen Eindruck. – Auf der Straße wurde Risler von allen Seiten mit Interesse gegrüßt; jedes freundliche »Guten Tag« erwärmte ihm das Herz – er bedurfte des Wohlwollens; aber der Wagenlärm betäubte ihn. »Mir schwindelt der Kopf,« sagte er zu seinem Freunde. »Stütze dich fest auf, lieber Alter ... ängstige dich nicht!« Dabei richtete sich der wackere Planus straff in die Höhe und zog seinen Freund mit dem kindlich-fanatischen Stolz durch die Straßen, mit der ein Bauer der südlichen Provinzen das Bild des Ortsheiligen trägt. Sie erreichten das Palais Royal. Der Garten war mit Menschen angefüllt, die der Musik wegen gekommen waren. Im Staub und im Lärm der Stühle suchte jeder einen Platz zu erobern, die Freunde aber traten rasch in das Restaurant, um dem Gewühl zu entgehen. Sie setzten sich in einen der großen Säle im ersten Stock, von wo aus die grünen Bäume, die Spaziergänger und der Wasserstrahl des Springbrunnens zwischen den Blumenbeeten des traurigen Gartens zu sehen sind. Für Sigismund war dieser Saal der Inbegriff aller Pracht; überall Vergoldungen, um die Spiegel, am Kronleuchter, selbst auf der gepreßten Papiertapete. Auch die weiße Serviette, das Brötchen, die Speisekarte des Diners zu festem Preise entzückten ihn. »Hier ist's gut, nicht wahr?« wiederholte er immer wieder, und bei jeder neuen Schüssel seines Festmahls zu zwei Franken fünfzig Centimes brach er in Lobeserhebungen aus und füllte halb mit Gewalt seinem Freunde den Teller. »Davon mußt du essen; das schmeckt gut.« Obwohl Risler sich bemühte, dem Mahle Ehre zu erweisen, schien er zerstreut zu sein und sah beständig aus dem Fenster. »Weißt du noch, Sigismund?« fragte er nach einer Pause. Der alte Kassierer, dessen Gedanken beständig weit in die Vergangenheit, bis zu Rislers Eintritt in die Fabrik zurückgingen, erwiderte: »Natürlich weiß ich's noch! ... Das erste Mal, daß wir im Palais Royal zusammen gegessen haben, war im Februar 46, in dem Jahre, als die neuen Walzen in der Fabrik eingeführt wurden.« Risler schüttelte den Kopf. »Nein, nein, ich spreche von einem Tage vor drei Jahren; dort drüben haben wir damals gespeist,« Dabei zeigte er ihm die großen Fenster des Véfourschen Saales, die von der untergehenden Sonne wie von den Kronleuchtern eines Hochzeitsmahles beglänzt wurden. »Ja, ja, das ist wahr!« murmelte Sigismund in einer gewissen Verlegenheit. Welch ein unglückseliger Einfall, den Freund an einen Ort zu führen, der so peinliche Erinnerungen in ihm erwecken mußte! Risler, der des Freundes Stimmung nicht trüben wollte, erhob plötzlich sein Glas. »Auf deine Gesundheit, alter Kamerad!« Er suchte dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, aber gleich darauf brachte er es wieder auf das frühere Thema. Leise, als ob er sich seiner Worte schäme, fragte er den alten Planus: »Hast du sie wiedergesehen?« »Deine Frau? ... Nein, niemals!« »Hat sie auch nicht geschrieben?« »Nein, nie wieder.« »Aber du mußt doch etwas von ihr wissen? Was hat sie in diesem halben Jahre angefangen? ... Ist sie bei ihren Eltern?« »Nein.« Risler erblaßte. Er hatte sich der Hoffnung hingegeben, daß Sidonie zu ihrer Mutter zurückkehren und arbeiten würde, wie er es that, um zu büßen und zu vergessen. Er hatte sich oft gesagt, daß die Gestaltung seines künftigen Lebens, wenn er erst wieder berechtigt wäre, an sich selbst zu denken, von den Nachrichten abhängen würde, die er über sie erhielt, und in einer fernen Zeit, deren Bild etwas von der Unbestimmtheit eines Traumes hatte, sah er sich mit ihr und ihren Eltern in irgend ein unbekanntes Land geflüchtet, wo ihn nichts an seine frühere Schmach erinnern konnte. Es war noch kein fester Plan, aber es lag als stille Hoffnung im Grunde seines Herzens, wie das Sehnen, das jeden Menschen antreibt, nach Glück zu streben. »Ist sie in Paris?« fragte er abermals nach kurzem Nachdenken. »Nein; vor einem Vierteljahre ist sie fortgegangen – man weiß nicht wohin.« Planus fügte nicht hinzu, daß sie mit ihrem Cazaboni fortgegangen war, dessen Namen sie angenommen hatte, und daß die beiden in den Provinzstädten auftraten; daß ihre Mutter tief betrübt war, sie nicht mehr sehen wollte und nur hin und wieder durch Delobelle Nachricht von ihr erhielt. Dies alles glaubte Sigismund verschweigen zu müssen, und nachdem er gesagt hatte, daß sie Paris verlassen habe, verstummte er. Risler wagte nicht, ihn weiter zu befragen. Während sich die beiden in verlegenem Schweigen gegenüber saßen, begann die Militärmusik unter den Bäumen des Gartens mit einer italienischen Opernouverture, einem jener heiteren Tonstücke, welche gleichsam für den freien Himmel und öffentliche Spaziergänge geschaffen sind, und deren heitere Klänge sich mit dem Zirpen der Schwalben und dem perlenden Geplätscher des Springbrunnens vereinigen. Die rauschenden Blechinstrumente bilden einen erfrischenden Gegensatz zu den stillen, schwülen Sommertagen, die in Paris so ermüdend wirken, und sind das einzige, was die Aufmerksamkeit fesselt. Das ferne Rollen der Wagen, der Kinderlärm, die Schritte der Spaziergänger werden von diesen belebenden Tonwellen verschlungen, und sie sind dem Pariser ebenso unentbehrlich, wie das tägliche Besprengen seiner Promenaden. Es ist, als ob die müden Blumen, die staubbedeckten Bäume, die von der Hitze matt und bleich gewordenen Gesichter, alles Leid, alles Elend der großen Stadt, das traurig, in sich zusammengesunken auf den Bänken ringsumher ausruht, davon erfrischt und gekräftigt würde – wie die Luft, die von den fröhlichen Klängen erfüllt ist, neues Leben zu gewinnen scheint. Auch dem armen Risler war, als ob die Spannung seiner Nerven nachließe. »Wie wohl es thut, ein bißchen Musik zu hören!« sagte er mit glänzenden Augen, und mit leiserer Stimme fügte er hinzu: »Mein Herz ist schwer, alter Freund ... wenn du wüßtest ... « Schweigend, mit aufgestütztem Ellbogen saßen sie am Fenster, während ihnen der Kaffee serviert wurde. Endlich verstummte die Musik; der Garten wurde leer; das Tageslicht stieg von den Ecken der Gebäude zu den Dächern empor und sandte seine letzten Strahlen den Fenstern der Mansardenstuben, während die Schwalben, die sich auf den Dachrinnen aneinanderschmiegten, den scheidenden Tag mit einem letzten Gezwitscher begrüßten. »Sag an, was wollen wir jetzt thun?« fragte Planus, als sie das Restaurant verließen. »Was du willst ... « Ganz in der Nähe, in einem ersten Stock der Rue Montpensier befand sich ein Café chantant, dem viele Menschen zuströmten. »Wollen wir hinaufgehen?« fragte Planus, der die Schwermut seines Freundes um jeden Preis zu besiegen wünschte: »das Bier ist ausgezeichnet.« Risler ließ sich bereden; er hatte seit einem halben Jahre kein Bier getrunken. Sie betraten ein ehemaliges, in einen Konzertsaal verwandeltes Restaurant. Man hatte die Zwischenwände dreier großer, zusammenhängender Zimmer weggenommen, deren Decke nun von vergoldeten Säulen getragen wurde, die im maurischen Stile mit Rot und Hellblau, kleinen Halbmonden und Turbanen dekoriert waren. Trotz der frühen Stunde waren die Räume überfüllt, und schon auf der Schwelle hatte man den Eindruck des Erstickens, wenn man die von Menschen umringten Tische sah und im Hintergrunde, von den Säulen halb verborgen, die Menge weißgekleideter Frauengestalten, die sich auf dem Podium zusammendrängten. Es wurde den beiden Freunden schwer, einen Platz zu finden; endlich setzten sie sich hinter eine Säule, welche ihnen die Hälfte des Podiums verbarg. In diesem Augenblick stand vorn auf demselben ein schöner Herr in schwarzem Frack und gelben Glacéhandschuhen, mit wohl frisiertem und pomadisiertem Haar, der mit tremolierender Stimme fang: »Ihr goldbemähnten Löwen, nun mäßigt eure Wut! Zurück von meiner Herde, ich halte treue Hu–u–ut!« Das Publikum – kleine Kaufleute des Stadtviertels mit Frauen und Töchtern – schien entzückt zu sein, besonders der weibliche Teil der Versammlung. War er doch so recht das Ideal aller Ladenträumereien, dieser prächtige Schäfer der Wüste, der die Löwen mit solcher Entschlossenheit anredete und seine Herde im Gesellschaftsanzuge weidete. Trotz ihrer kleinbürgerlichen Manieren, ihres bescheidenen Anzuges und ihres herkömmlichen Ladenmädchen-Lächelns, bissen alle diese Damen auf den Gefühlsköder an und warfen dem Sänger schmachtende Blicke zu. Komisch war es, wie ihr Blick sich änderte, wie verächtlich und beinahe drohend er wurde, wenn er auf den Gatten fiel, den armen Gatten, der seiner Frau gegenüber saß und ruhig ein Glas Bier trank. »Du wärst freilich nicht im stande, den Löwen trotzend, treue Hut zu halten und noch dazu im Frack und mit gelben Handschuhen ...« Und das Auge des Ehemannes schien zu antworten: »Nun ja ... der ist ein Prachtkerl.« Risler und Planus, welche für ein derartiges Heldentum wenig Empfindung hatten, tranken ruhig ihr Bier, ohne sonderlich auf die Musik zu achten; als aber das Lied zu Ende war, rief der alte Kassierer inmitten des Klatschens und Bravoschreiens: »Wie sonderbar ... es kam mir vor, aber nein, ich irre mich nicht ... er ist es wirklich ... Delobelle!« Er war es in der That, der große Schauspieler, den er vorn in der ersten Reihe, dicht am Podium entdeckt hatte. Sein ergrauender Kopf war in dreiviertel Profil zu sehen; nachlässig lehnte er an einer der Säulen, hielt den Hut in der Hand und war in Großgala wie zu einer ersten Vorstellung, das heißt, er prangte in blendend weißer Wäsche, leicht gebranntem Haar, schwarzem Frack, und trug wie ein Ordensband eine rote Kamelie im Knopfloch. Von Zeit zu Zeit warf er einen überlegenen Blick auf die Menge, meist aber wandte er sich mit liebenswürdigem, ermunterndem Lächeln und stummem Applaudieren dem Podium zu und irgend einer Persönlichkeit, die Planus von seinem Platze aus nicht zu sehen vermochte. Die Anwesenheit des berühmten Delobelle in einem Café chantant hatte an und für sich nichts Auffallendes, da der Künstler jeden Abend außer dem Hause zu verleben pflegte. Dennoch fühlte sich der alte Kassierer beunruhigt, besonders als er in der ersten Zuschauerreihe auch den blauen Kapothut und die stählernen Augen der gefühlvollen Gesangslehrerin, Madame Dobson, erblickte. Inmitten des Tabaksqualms und der lärmenden Menge machte die Anwesenheit dieser beiden Gesichter auf Sigismund den Eindruck eines bösen Traumes. Er fürchtete für seinen Freund, ohne eigentlich zu wissen was und warum, und fühlte das lebhafte Verlangen, ihn fortzuführen. »Komm Risler, laß uns gehen ... man erstickt in dieser Hitze.« Im Augenblick, als sie aufstanden – Risler war es völlig einerlei, ob sie gingen oder blieben – begann das Orchester, das aus einem Klavier und mehreren Violinen bestand, ein eigenartiges Vorspiel, und eine gewisse neugierige Aufregung wurde bemerklich; von allen Seiten ertönte der Ruf: »Ruhe! ... Ruhe! ... sitzen bleiben!« Die beiden Freunde mußten ihre Plätze wieder einnehmen. Auch Risler begann unruhig zu werden. »Die Melodie ist mir bekannt,« sagte er zu sich selbst: »wo kann ich sie gehört haben?« Ein donnernder Applaus und ein Ausruf Sigismunds veranlaßten ihn, sich umzusehen. »Komm, komm, wir wollen fort!« sagte der Kassierer und machte den Versuch, ihn fortzuziehen, aber es war zu spät! Risler hatte seine Frau bereits gesehen, die oben an den Rand des Podiums trat und sich mit dem Lächeln einer Tänzerin verbeugte. Sie trug ein weißes Kleid, wie in jener Ballnacht, aber ihr Anzug war nicht so kostbar wie damals, und ihre Haltung wie ihr Wesen trugen den Stempel einer herausfordernden Keckheit. Ihr Gewand schien im Begriff, von den Schultern herabzugleiten, das Haar flatterte wie ein blonder Nebel um Stirn und Augen, und um den Hals schlang sich ein Halsband von Perlen, die viel zu dick waren, um echt zu sein. Delobelle hatte recht, sie bedurfte des Zigeunerlebens. Ihre Schönheit hatte in demselben einen sorglos kecken Ausdruck angenommen, der ihr etwas Eigentümliches gab, sie gleichsam als Typus der davongelaufenen, allen Zufälligkeiten des Lebens preisgegebenen Frau erscheinen ließ, die von Stufe zu Stufe bis in den tiefsten Schlund der Pariser Hölle hinabsinken muß und durch keine Macht der Erde in Sonnenlicht und reine Luft zurückgeführt werden kann. Wie wohl schien sie sich in ihrem Komödiantentum zu fühlen! mit welcher Sicherheit trat sie vorn auf das Podium! Hätte sie den drohenden, verzweiflungsvollen Blick gesehen, der aus dem Saale, hinter einer Säule hervor auf sie gerichtet war, ihr Lächeln hätte gewiß nicht diese freche Ruhe bewahrt, ihre Stimme gewiß nicht in so zärtlich schmachtenden Tönen das einzige Lied zu singen vermocht, das ihr Madame Dobson jemals beibringen konnte: »Mamsell Zizi, armes Kind, Liebe, Liebe hat geschwind Ihr den Kopf verdreht!« Trotz aller Anstrengungen des alten Kassierers war Risler aufgestanden. »Sitzen bleiben! ... Sitzen bleiben!« rief man ihm zu. Der Unglückliche hörte nichts ... er sah nur sein Weib. »Liebe, Liebe hat geschwind Ihr den Kopf verdreht!« wiederholte Sidonie mit kokettem Ausdruck. Einen Augenblick fragte sich Risler, ob er nicht auf das Podium stürzen und sie erdrosseln solle. – Ihm war, als sähe er Blut vor den Augen. Plötzlich aber erfaßten ihn Scham und Ekel. Er stürzte fort, indem er Tische und Stühle umwarf, und die Verwünschungen der bestürzten, erbosten Kleinbürger schallten hinter ihm her. Vierundzwanzigstes Kapitel. Sidoniens Rache Niemals in den zwanzig Jahren, die sie nun schon in Montrouge verlebt hatten, war Sigismund Planus so lange ausgeblieben, ohne seine Schwester davon zu benachrichtigen. Mademoiselle Planus befand sich daher in großer Sorge. Da sie mit dem Bruder ein Herz und eine Seele war und alle seine Interessen teilte, hatte sie auch monatelang die Sorgen und Befürchtungen des alten Kassierers so treulich mitgetragen, daß ihr davon eine große Erregbarkeit und Aengstlichkeit zurückgeblieben waren. Sobald Sigismund sich im geringsten verspätete, dachte sie: »Wenn nur um Gottes willen in der Fabrik nichts passiert ist!« Darum saß denn auch Mademoiselle Planus diesen Abend, nachdem das Geflügel im Hühnerstall eingesperrt und das Mittagessen unberührt abgetragen war, aufgeregt wartend in ihrer kleinen Wohnstube. Endlich, gegen elf Uhr, wurde geklingelt; aber es war ein schüchterner, wehmütiger Ton, der nicht von Sigismunds kräftigem Handgriff herzurühren schien. »Bist du's, Monsieur Planus?« fragte das alte Fräulein von der Freitreppe aus. Er war es; aber er kam nicht allein... ein großer Mann, dessen Gestalt vor Alter gebeugt war, und der beim Eintreten mit langsam-matter Stimme guten Abend sagte, begleitete ihn. Nun erst erkannte Mademoiselle Planus ihren Freund Risler, den sie zuletzt bei der Neujahrsgratulation gesehen hatte, also mehrere Wochen vor den unglücklichen Vorgängen in der Fabrik. Sie war bei seinem Anblick kaum im stande einen Ausruf der Teilnahme zu unterdrücken, aber das ernste Schweigen der beiden Männer sagte ihr, daß auch sie schweigen müsse. »Mademoiselle Planus, liebe Schwester, du wirst die Güte haben, mein Bett frisch zu überziehen. Unser Freund Risler will uns die Ehre erzeigen, diese Nacht bei uns zu schlafen.« Die alte Dame beeilte sich, das Schlafzimmer mit beinah zärtlicher Sorgfalt instandzusetzen, denn außer »Monsieur Planus, meinem Bruder« war Risler, wie wir wissen, der Einzige, den sie von der allgemeinen Verurteilung des Männergeschlechtes ausnahm. Beim Verlassen des Café chantant hatte sich Sidoniens Gatte in einer entsetzlichen Aufregung befunden; sein ganzer Körper bebte, während er am Arme des Freundes hinschritt, und vom Abholen des Päckchens in Montrouge war nicht mehr die Rede. »Geh, laß mich!« sagte er zu Sigismund Planus; »ich muß allein sein!« Aber Planus fand es unmöglich, ihn seiner Verzweiflung zu überlassen. Ohne daß es Risler bemerkte, führte er ihn aus der Nähe der Fabrik hinweg, und der Instinkt seines Herzens sagte dem alten Kassierer, von welchem Thema er mit seinem Freunde sprechen müsse. Während des ganzen Weges hatte er ihm unablässig von Franz erzählt, seinem kleinen Franz, der ihm so herzlich gut war. Ja, das war Liebe – wirkliche, treue Liebe! von einem Herzen wie dies ist kein Verrat zu fürchten ... Während ihm Planus so zuredete, hatten sie das geräuschvolle Centrum der Stadt verlassen, gingen die Quais entlang, kamen am Jardin des Plantes vorüber und durchwanderten das Faubourg Saint Marceau. Risler ließ sich fortziehen; die Worte des Freundes thaten ihm so wohl! Sie kamen in die Nähe der Bièvre, an deren Ufer Lohgerbereien mit großen Trockengerüsten liegen, welche zwischen ihrem Gitterwerk regelmäßige Streifen des dunkelblauen Himmels sehen lassen. Dann gingen sie über die weitgedehnte Ebene von Montsouris, ein wüstes Gebiet, das der heiße Atem der Pariser Arbeit versengt, wie der Hauch eines Drachen, dessen feuerspeiender Schlund im weiten Umkreis jede Vegetation zu Grunde richtet. Von Montsouris bis zu den Festungswerken von Montrouge ist nur ein Schritt, und als sie einmal dort waren, fiel es Planus nicht schwer, seinen Freund zum weiteren Mitgehen zu bestimmen. Er dachte mit Recht, daß der Anblick seiner friedlichen Häuslichkeit, des freundlichen, innigen Verhältnisses zwischen ihm und seiner Schwester, dem Herzen des Gequälten einen Vorgeschmack des Glückes geben würde, das ihm im Zusammenleben mit seinem geliebten Franz bevorstand. Und sie waren wirklich kaum eingetreten, als sich der wohlthätige Einfluß des stillen, kleinen Hauses schon bemerkbar machte. »Ja, ja, du hast recht, alter Freund!« sagte Risler, während er mit großen Schritten in dem niedrigen Eßzimmer auf und ab ging; »ich darf mich um diese Frau nicht mehr grämen, nicht mehr an sie denken ... sie muß von nun an tot für mich sein. Ich habe nichts mehr auf Erden als meinen Franz. Ob ich ihn wieder herkommen lasse, oder ob ich zu ihm gehe, weiß ich noch nicht – jedenfalls aber werden wir wieder zusammen sein. Ich habe mich immer so sehr nach einem Sohne gesehnt; er soll mein Sohn sein, einen andern wünsche ich mir gar nicht. Wenn ich bedenke, daß ich ernstlich an den Tod gedacht habe! ... Nichts mehr davon ... jene Frau würde sich ja nur darüber freuen! ... Im Gegenteil, ich will leben ... mit meinem Franz und für ihn allein.« »Bravo!« rief Sigismund; »so wollte ich dich haben.« In diesem Augenblick erschien Mademoiselle Planus, um zu sagen, daß das Zimmer bereit sei. Risler entschuldigte sich, daß er sie belästigt habe. »Sie leben hier so glücklich, so behaglich miteinander ... es ist unrecht, Ihnen mit meiner Traurigkeit beschwerlich zu fallen.« »Lieber Freund, du kannst dir ja, sobald du nur willst, ein eben solches Glück schaffen,« antwortete der wackere Sigismund mit strahlendem Gesicht. »Ich habe meine Schwester, du hast deinen Bruder ... was fehlt uns noch?« Ein schwaches Lächeln glitt über Rislers Züge; im Geiste sah er sich schon mit Franz in einem ebenso stillen, quäkerhaft einfachen Häuschen, wie dieses war, Vater Planus hatte jedenfalls einen glücklichen Einfall gehabt. »Komm, lege dich nieder,« sagte er mit triumphierender Miene: »ich will dich in dein Zimmer führen.« Es war das Schlafzimmer Sigismunds, ein großes, einfach möbliertes Gemach im Erdgeschoß, mit Kattunvorhängen an Bett und Fenstern und kleinen Teppichvorlagen vor jedem Stuhle auf dem blankgebohnten Backsteinfußboden. Selbst die alte Madame Fromont hätte an der Ordnung und Reinlichkeit des Zimmers nichts auszusetzen vermocht. Auf einem Bücherbrette standen ein »Handbuch für Fischer«, ein »Koch- und Wirtschaftsbuch für Hausfrauen auf dem Lande« und Barèmes »Hilfsbuch beim Rechnen«; das waren die gesamten geistigen Schätze der Wohnung. Vater Planus sah mit stolzer Befriedigung umher; alles stand auf dem richtigen Platze. Das Glas Wasser auf dem Tische von Nußbaumholz, der Rasierkasten auf dem Waschtische. »Du siehst, Risler, es ist alles da ... übrigens, wenn dir irgend etwas fehlen sollte ... die Schlüssel stecken überall ... du brauchst nur aufzuschließen. Und sieh nur, welche schöne Aussicht wir haben... In diesem Augenblick ist es freilich etwas dunkel; aber morgen früh beim Aufstehen wirst du dich davon überzeugen ... es ist geradezu herrlich.« Er öffnete das Fenster; eben begannen schwere Regentropfen zu fallen, und die Blitze, die hin und wieder das Dunkel zerrissen, zeigten die weitgedehnte Linie der Böschungen, die regelmäßig verteilten Telegraphenstangen, ab und zu das Thor einer Kasematte und von Zeit zu Zeit verriet der schwere Schritt einer Patrouille, das Klirren eines Gewehres, das Rasseln eines Säbels, daß man sich hier inmitten der Festungswerke befand. Sie bildeten die von Planus gepriesene Aussicht – eine der traurigsten, die sich denken läßt. »Nun sage ich dir gute Nacht ... schlaf recht wohl.« Aber im Augenblick, als der alte Kassierer hinausgehen wollte, rief ihn sein Freund zurück. »Sigismund!« »Zu Befehl!« sagte der wackere Mann, indem er wartend stehen blieb. Risler errötete flüchtig, bewegte die Lippen, als ob er etwas sagen wollte, aber mit großer Anstrengung bezwang er sich wieder. »Nein, nein, nichts mehr! Gute Nacht, lieber, alter Freund.« Im Eßzimmer saßen Bruder und Schwester noch lange bei einander und unterhielten sich mit leiser Stimme. Planus schilderte den entsetzlichen Vorgang dieses Abends – die Begegnung mit Sidonie, und man kann sich leicht denken, wie oft die Ausrufungen: »Oh, die Weiber!« – »Oh, die Männer!« zu hören waren. Endlich, nachdem noch der Schlüssel der kleinen Gartenthür abgezogen war, stieg Mademoiselle Planus in ihr Schlafgemach hinauf, wahrend sich Sigismund so gut es eben ging, in einem Nebenstübchen einrichtete. Mitten in der Nacht wurde der Kassierer plötzlich durch seine Schwester geweckt, die ihm halblaut, mit dem Ausdruck des Schreckens zurief: »Monsieur Planus ... lieber Bruder!« »Was gibt's denn?« »Hast du nichts gehört?« »Nein! ... was denn?« »Es war fürchterlich... wie ein schwerer Seufzer, ein Stöhnen ... aber so schwer, so traurig! ... Es kam von unten, aus deinem Zimmer...« Sie horchten; der Regen fiel in Strömen auf das welke Laub mit jenem eigentümlichen Rauschen, das ein Gefühl der Oede und Verlassenheit durchschauert. »Es war der Wind!« sagte Planus. »Nein, nein! der war es nicht ... still, horch nur!« Durch das Tosen des Unwetters stieg ein Klagelaut empor ... ein Schluchzen, dem sich ein halbartikulierter Name entrang: »Franz! Franz!« Es war unheimlich, jammervoll. Als der gekreuzigte Christus den verzweifelten Angstschrei: » Eli, eli, lama asabthani « zum schweigenden Himmel emporsandte, mußten die Umstehenden etwas von der abergläubischen Furcht empfinden, die sich plötzlich der lauschenden alten Dame bemächtigte. »Wir wird bange,« flüsterte sie; »wenn du einmal nachsähest ...« »Nein, nein! es ist besser, ihn in Ruhe zu lassen ... Er denkt an seinen Bruder ... Armer Mensch! ... Der Gedanke kann ihn am besten aufrichten.« Damit schlief der alte Kassierer wieder ein. Am nächsten Morgen erwachte er wie gewöhnlich, als in den benachbarten Forts die Reveille geschlagen wurde; denn das kleine, von Kasernen umringte Haus richtete seinen Tageslauf nach den Militärsignalen ein. Die Schwester, die bereits aufgestanden war, fütterte die Hühner; als sie Sigismund erblickte, kam sie hastig auf ihn zu. »Es ist sonderbar,« sagte sie; »in Rislers Zimmer ist kein Geräusch zu hören, obwohl das Fenster weit offen steht.« Verwundert ging Sigismund an die Thür des Freundes und klopfte an, »Risler! Risler!« Sein Ton verriet eine gewisse Aengstlichkeit. »Risler, bist du da? schläfst du noch?« Keine Antwort. Er öffnete die Thür. Es war kalt im Zimmer ... Die Feuchtigkeit der Nacht mußte hineingedrungen sein. Bei dem ersten Blick auf das Bett sagte sich Planus: »Er hat sich nicht niedergelegt,« denn die Decke war unberührt und allerlei Einzelheiten ließen auf eine Nachtwache voll schmerzlicher Erregung schließen; die rauchende Lampe, deren Auslöschen vergessen, die Wasserflasche, die im Fieberdurst der Schlaflosigkeit geleert war. Was den Kassierer jedoch am meisten erschreckte, war, die Kommodeschublade, in welcher er den Brief und das Päckchen des Freundes verwahrt hatte, weit geöffnet zu finden. Der Brief lag nicht mehr da: das gleichfalls geöffnete Päckchen enthielt eine Photographie, das Bild Sidoniens als fünfzehnjähriges Mädchen. In ihrem hoch herauf gehenden Kleidchen, mit ihrem in der Mitte gescheitelten Kraushaar, in der linkischen Haltung eines halberwachsenen Kindes hatte die ehemalige kleine Chèbe, das Lehrmädchen der Mademoiselle Le Mire, nur geringe Aehnlichkeit mit der jetzigen Sidonie; gerade darum aber hatte Risler das Bildchen aufbewahrt, nicht als Erinnerung an seine Frau, sondern an die »Kleine«. Sigismund war tief bestürzt. »Ich bin schuld...« sagte er zu sich selbst; »ich hätte den Schlüssel abziehen sollen. Aber wie konnte ich ahnen, daß er noch immer an sie dachte. . . Wie oft hat er mir zugeschworen, daß diese Frau nicht mehr für ihn existiere.« In diesem Augenblick trat Mademoiselle Planus mit aufgeregtem Gesicht ins Zimmer. »Risler ist fort!« stieß sie hervor. »Fort? war denn die Gartenthür nicht zugeschlossen?« »Er ist über die Mauer geklettert; die Spuren sind deutlich zu erkennen.« Ratlos sahen sie sich an. »Der Brief... der Brief hat ihn fortgetrieben,« dachte Planus. Sicherlich hatte er aus dem Schreiben seiner Frau etwas Unerwartetes erfahren, und um seine Gastfreunde nicht zu stören, war er wie ein Dieb aus dem Fenster gestiegen. Warum aber? zu welchem Zwecke? »Glaube mir, liebe Schwester,« sagte der arme Planus, indem er sich in großer Hast fertig ankleidete, »glaube mir, das nichtswürdige Weib hat ihm wieder irgend einen Streich gespielt.« Und als ihn das alte Fräulein zu beruhigen suchte, kam der wackere Mann immer wieder auf seinen Lieblingsausdruck zurück. »Gut steht's gar nicht!« wiederholte er, und sobald er fertig war, eilte er hinaus. Auf dem durch den Regen der Nacht förmlich durchweichten Erdreich ließen sich Rislers Schritte bis zur Pforte des kleinen Gartens verfolgen. Er mußte schon vor Tagesanbruch gegangen sein, denn den Gemüsebeeten und Blumenrabatten waren in ungleichmäßigen Zwischenräumen tiefe Fußstapfen eingedrückt. An der Mauer im Hintergrunde ließen sich weiße Abschürfungen erkennen, und vom Rande derselben waren einige Steinchen herunter gefallen. Die Geschwister traten auf die Straße hinaus; hier war es aber nicht mehr möglich, seine Spuren zu verfolgen; nur daß er sich der Orleaner Chaussee zugewendet hatte, war noch erkennbar. »Vielleicht ist's eine Thorheit, daß wir uns ängstigen,« wagte Mademoiselle Planus zu bemerken. »Möglicherweise ist er einfach in die Fabrik gegangen.« Sigismund schüttelte den Kopf; wenn er gesagt hätte, was er dachte! »Geh hinein, liebe Schwester; ich werde mich nach ihm umsehen ...« Und der alte »Gar nicht gut« eilte fort wie ein Sturmwind, und seine weiße Mähne sträubte sich noch mehr als sonst. Um diese Stunde war ein reger Verkehr auf der Vorstadtsstraße, ein Kommen und Gehen von Soldaten, Gemüsehändlern, aufziehenden Wachen, Offizierspferden, die spazieren geführt wurden, Marketendern mit ihren Karren, all das Leben und Treiben, das morgens die Forts umdrängt. Planus ging mit großen Schritten durch das Gewühl, plötzlich aber blieb er stehen. Zur Linken, am Fuß der Böschung, vor einem kleinen, viereckigen Gebäude, auf dessen weiß getünchter Wand in großen, schwarzen Buchstaben zu lesen ist: »Stadtbezirk Paris, Eingang der Steinbrüche« bemerkte er einen Auflauf von Soldaten, Zollwächtern, Landstreichern und Leuten in schmutzigen, verschlissenen Arbeitskitteln. Unwillkürlich trat der Alte heran. Auf der steinernen Stufe eines Ausfallthors mit eisernem Gitter saß ein Zollwächter, der mit lebhaften Gebärden etwas zu erklären schien. »Hier, auf demselben Platze, wo Ihr mich seht, hat er es gethan ... hat sich im Sitzen erhängt, indem er den Strick fest zugezogen ... so ... so! Und es muß ihm mit dem Sterben bitter ernst gewesen sein, denn in seiner Tasche hat man ein Rasiermesser gefunden; wenn ihm der Strick gerissen wäre, hätte er das zu Hilfe genommen.« »Armer Teufel!« sagte eine Stimme aus der Menge, und eine zweite, zitternde, vor Aufregung halb erstickte, fragte schüchtern: »Hat man auch nachgesehen, ob er wirklich tot ist?« Die Leute lachten und sahen Planus an. »Freilich ist er's, alter Gimpel!« antwortete der Zollwächter. »Ich sagte ja schon, daß er ganz blau war, als wir ihn heute in der Frühe losgemacht und in die Jägerkaserne getragen haben.« Die Kaserne lag ganz in der Nähe, und doch fiel es Sigismund schwer, sich bis dorthin zu schleppen. Umsonst sagte er sich selbst, daß in Paris und besonders in dieser Stadtgegend häufig Selbstmorde vorkommen, daß nicht ein Tag vergeht, an dem nicht längs der weit ausgedehnten Festungswerke, wie an den Ufern eines milden Meeres, irgend ein Leichnam gefunden würde – das schreckliche Vorgefühl, das ihm seit dem frühen Morgen das Herz zusammenschnürte, ließ sich nicht bannen. »Sie möchten den Erhängten sehen?« sagte der wachthabende Unteroffizier am Kasernenthor: »dort hinein ... da ist er.« Man hatte den Toten in einer Art Schuppen auf einen schmalen Tisch gelegt. Der Kavalleristenmantel, der ihn vollständig bedeckte, fiel in den schweren, starren Falten eines Bahrtuches um ihn her. Eine Gruppe von Offizieren und einige Soldaten in Leinwandhosen standen in geringer Entfernung, sprachen mit gedämpfter Stimme wie in der Kirche und auf einem Fensterbrett schrieb ein Feldwebel den Rapport über den Todesfall. Sigismund trat zu ihm. »Darf ich den Toten sehen?« fragte er leise. »Gewiß.« Er ging heran, zauderte einen Augenblick, faßte sich dann ein Herz, schlug den Mantel zurück und enthüllte ein gedunsenes Gesicht, einen großen, starren Körper, dessen Kleider vom Regen getränkt waren. »Sie hat dich also doch noch umgebracht, alter Kamerad!« murmelte Planus, indem er schluchzend in die Kniee sank. Die Offiziere waren neugierig näher getreten, um den Toten zu sehen, der jetzt unbedeckt dalag. »Sehen Sie doch, Sergeant,« sagte einer von ihnen, »seine Hand ist geschlossen, als ob er etwas festhielte.« »Ja, wirklich!« antwortete der Sergeant, indem er noch näher herantrat. »Das kommt im Todeskampfe häufig vor ... Wissen Sie noch bei Solferino? Da hielt der Kommandant Bordy das Medaillonbildchen seines Töchterchens in der Hand, und es war kaum möglich, es ihm wegzunehmen.« Während er das sagte, versuchte er, die arme, krampfhaft geballte Totenhand zu öffnen. »Sehen Sie ... diesen Brief hat er so fest gehalten ...« sagte er und schickte sich an, das Blatt zu lesen, aber einer der Offiziere nahm es ihm aus den Händen, um es Sigismund zu reichen, der noch immer auf den Knieen lag. »Nehmen Sie es hin, Monsieur ... vielleicht ist es ein letzter Wunsch ...« Sigismund Planus stand auf; da es in dem Raum ziemlich dunkel war, trat er schwankenden Schrittes an das Fenster und las mit von Thränen verdunkelten Augen: »Ja, ja, ich liebe Dich ... liebe Dich mehr als je und auf immer ... Warum sollten wir kämpfen und uns sträuben? Unsre Sünde ist stärker, als unsre Willenskraft – – – – – – – – – – – – – – – – – – –« Es war der Brief, den Franz vor einem Jahre an seine Schwägerin geschrieben und den Sidonie am Tage nach der Katastrophe ihrem Manne geschickt hatte, um sich gleichzeitig an beiden zu rächen. Den Verrat seiner Frau hätte Risler zu überleben vermocht; der Verrat seines Bruders gab ihm den Tod. Als Planus den Zusammenhang begriff, fühlte er sich wie vernichtet. Mit dem Briefe in der Hand stand er da und blickte mechanisch zu dem weit geöffneten Fenster hinaus. Es schlug sechs Uhr. In der Ferne, über der Stadt Paris, von der, obwohl sie nicht zu sehen war, ein dumpfes Getöne herüberklang, erhob sich schwer und langsam ein heißer Brodem, dessen Rand, wie der Pulverdampf eines Schlachtfeldes, mit Schwarz und Rot umsäumt war. Nach und nach tauchten Kirchtürme, weiße Giebel, eine goldne Kuppel aus dem Nebel empor und leuchteten auf im Morgenglanz des Erwachens. Dann begannen die tausend Fabrikschornsteine, die sich über das Dächergewirr erheben, ihren keuchenden, vom Winde getragenen Atem auszustoßen, wie ein Riesendampfer im Augenblick der Abfahrt ... Das Leben des Tages trat in sein Recht. Vorwärts, Maschine! und wehe jedem, der unterwegs liegen bleibt. Ein wilder Zorn stieg plötzlich in dem alten Planus auf. »Oh, du Nichtswürdige! du Nichtswürdige!« rief er und ballte die Faust, und es blieb ungewiß, ob er das Weib oder die Stadt gemeint hatte. Ende.