Steen Steensen Blicher Ausgewählte Novellen – Erster Band Einleitung Steen Steensen Blicher geb. 11. Oktober 1782, † 26. März 1848 Gewisse Schriftsteller werden in ganz besonderem Grade Ausdruck für die Eigenart und besondere Lebensanschauung eines Volkes sein. Die Literatur eines Landes ist wie ein Garten neben einer Reihe anderer Gärten; viele Blumen sind überall vertreten und ähneln einander, aber einige wenige sind charakteristisch für die Stelle, wo sie wachsen. Wollen wir uns einen Eindruck davon schaffen, was im Garten Dänemarks zu sehen ist, so ist Steen Steensen Blichers Name einer von denen, die man sofort wird nennen müssen. Man kann nicht von dänischer Literatur und ihrem besonderen Einsatze sprechen, ohne seinen Namen zu nennen; nicht daß er Dänemark und seine Bedeutung in hohen Tönen gepriesen hätte, nein, vielmehr seiner gedämpften Stimme wegen. Die dänische Heide – die großen unbewohnten Strecken in der Mitte Jütlands – haben auf Steen Steensen Blicher und seine Lebensauffassung entscheidenden Einfluß gehabt. Überall begegnen wir einem eigenen ruhigen Wesen, das die dänische Literatur kennzeichnet. St. St. Blicher spricht nicht große Worte. Es ist charakteristisch für die Jütländer – und Blicher gehörte zu ihnen –, daß sie sich nicht gern direkt über eine Sache äußern. Die jütländische Mundart ist gefüllt mit Umwegen und indirekten Ausdrücken. Die Jütländer haben eine innerliche Freude an ihrer Sprache und lieben es mit den »Worten zu spielen«, nur wegen des Vergnügens sich spaßig auszudrücken. Diese Eigenschaft, Humor und Sittsamkeit sind gepaart mit einem starken Sinn, dem die tiefen Gefühle und starken Spannungen großer Tragödien sehr zugänglich sind. Deswegen ist über St. St. Blicher eine unwiderstehliche Macht, wenn er über bewegte Ereignisse und Schicksale erzählt, eine Macht, die zum Herzen geht, selbst wenn seine Werke in andere Sprache übertragen gelesen werden. Blicher war Sohn eines Bauern, er hatte sich akademische Bildung angeeignet, indem er das Examen zum Theologen machte. Die Veränderung in seiner gesellschaftlichen Stellung entfernte ihn jedoch nicht vom kleinen Manne. Deshalb war er einer der großen Dichter, weil er verstand, daß man das beste nur schaffen kann durch Respekt vor der Denkart und den Gebräuchen des Volkes, einen Respekt, der nie ermüden oder seine lauschende Haltung aufgeben darf. Blicher war ein leidenschaftlicher Jäger, und seine besten Arbeiten hat er auf Wanderungen geformt. Mit der Büchse an der Schulter ging er und machte dort Halt, wo Zeit und Gelegenheit und die stets bereite jütländische Gastfreiheit sich boten. Er hat mit Bauern und mit reisenden Handwerksburschen und Handelsleuten Seite an Seite gesessen, nicht um ihnen als der studierte Geistliche etwas zu lehren, sondern um durch ihre einfachen Weisheiten und heilige Einfalt selbst in das Mysterium des Lebens einzudringen. In seinen besten Novellen läßt Blicher auch die einfache Seele, die er kannte und liebte, selbst sprechen. Er hat nichts zu dem hinzuzufügen, was sie sagen. Er hält sich nicht für klüger als sie es sind. Er weiß zu viel vom Leben um zu meinen, daß alles mit einer geistreichen Bemerkung abgetan werden kann. In seiner Dichtung wird Blicher ein Mensch, dessen Berichte für jeden Bedeutung haben, der das Leben mit dem Wunsche lebt, zu verstehen und zu verzeihen. Er wird zum Pastor, der inmitten der leidenden Menschen geht und keinen andern Rat weiß, als sich schweigend zu ihnen zu setzen und ihnen zuzuhören, während sie sprechen. St. St. Blicher genaß bei Lebzeiten kein besonderes Ansehen. Die damaligen Kritiker fanden nichts Eigentümliches oder Bedeutendes an ihm. Erst das folgende Geschlecht verstand den Dichter zu würdigen, und heute sind sich alle einig, daß er zu den bedeutendsten dänischen Schriftstellern, die gelebt haben, zu zählen ist. Blichers Dichtung besteht aus recht verschiedenartigen Werken. Er hat traurige Sachen, wie auch witzige Erzählungen geschrieben; aber der bleibende Wert dieses Dichters ist die Kunst, so zu erzählen und so zu singen, daß alle mitfolgen können und es treffend und vollkommen zu tun innerhalb der kurzbemessenen Zeit, die das eilende Dasein uns Menschen zur Beschäftigung mit Sagen und Gedichten gönnt. Steen Steensen Blichers Größe liegt in der Sicherheit, mit der er die kurze Form beherrscht. Er hat niemals einen Roman geschrieben, und doch gibt er uns immer alles, was das Thema uns geben kann . Es wird Blicher gehen wie andern Dichtern, das Unwesentliche und weniger Bedeutende wird mit der Zeit wegfallen. Zurückbleibt, was diesem Dichter ewiges Leben sichert, seine Kunst, so zu schreiben, daß man ihn selbst vergißt und von dem Leben bezaubert wird, das man in seinen Schriften trifft. Wenn wir das Buch schließen, so werden wir uns des Mannes erinnern, der uns die gute und schöne Freude bereitete – und beständig werden wir uns zu denen rechnen, die Steen Steensen Blicher lieben. Tagebuch eines Dorfküsters Föulum, den 1. Januar 1708. Gott schenke uns allen ein frohes Neues Jahr und bewahre unsern guten Herrn Sören! Er löschte gestern abend das Licht und Mutter sagte, er lebt nicht mehr bis nächstes Neujahr; aber das hat wohl nichts zu bedeuten. – Es war sonst ein vergnüglicher Abend. Als Herr Sören nach der Mahlzeit seine Kappe abnahm und wie gewöhnlich sagte: »agamus gratias!« zeigte er auf mich, anstatt auf Jens. Es war das erstemal, daß ich unser lateinisches Tischgebet lesen durfte. Heute vor einem Jahr hat Jens es gelesen; aber ich machte große Augen, denn damals verstand ich kein Wort davon, und jetzt kann ich den halben Cornelius. Es ahnt mir so, als sollte ich Pastor in Föulum werden. Ach, wie würden sich meine lieben Eltern freuen, wenn sie den Tag erleben! Und Pfarrers Jens Bischof in Viborg werden könnte, wie sein Vater sagt! Nun, wer kann es wissen? Gott lenkt alles. Sein Wille geschehe! Amen in nomine Jesu! Föulum, den 3. September 1708. Gestern habe ich mit Gottes Gnade mein fünfzehntes Jahr vollendet. Jetzt ist Jens mir im Latein nicht mehr über. Zu Hause bin ich fleißiger als er; ich lerne und er läuft mit Jäger Peer über die Felder. Auf die Weise wird er wohl kaum Bischof werden. Der arme Herr Sören! Er sieht das wohl. Die Tränen treten ihm in die Augen, wenn er bisweilen zu ihm sagt: »Mi fili! Mi fili! Otium est pulvinar diaboli!« – Neujahr fangen wir mit Griechisch an. Herr Sören hat mir ein griechisches Testament gegeben. »Sind das nicht seltsame Krähenfüße? Das ist noch wie ein Schleifstein für deine Augen«, sagte er freundlich zu mir und kniff mich in das Ohr, wie immer, wenn er guter Laune ist. Aber lieber Gott, was wird er sagen, wenn er hört, daß ich schon fließend lesen kann. Föulum, die St. Martini. Es steht faul um Jens. – Herr Sören war so wütend auf ihn, daß er den ganzen Tag mit ihm dänisch sprach. Mit mir sprach er lateinisch. Einmal hörte ich, daß er wie zu sich selbst sagte: »vellen hunc esse filium meum.« Damit meinte er mich. Aber wie jämmerlich auch Jens in seinem Cicero stümperte! Ich weiß wohl, woran das liegt; denn vorgestern, als sein Vater auf Hochzeit in Vinge war, war er mit Jäger Peer im Linduner Wald und da hat – Gott bewahre uns! – ein Wildschwein ihm die Hosen zerrissen. Seiner Mutter log er vor, der Stier aus Tjele hätte es gemacht; aber sie gab ihm eine ordentliche Maulschelle – habeat! Föulum, Calendis Januar 1709. Proh dolor! Herr Sören ist tot! vae me miserum! Als wir uns am Heiligabend zu Tisch gesetzt hatten, legte er den Löffel hin und sah Jens sehr lange wehmütig an – »fregisti cor meum!« sagte er seufzend und ging in die Schlafstube. Ach! er ist nicht mehr aufgestanden. Ich habe ihn seitdem jeden Tag besucht und er gab mir viele gute Ermahnungen und Lehren; aber nun sehe ich ihn nie mehr wieder. Donnerstag habe ich ihn das letztemal gesehen. Nie werde ich vergessen, was er sagte, als er mir eine sehr bewegliche Rede gehalten hatte: »Gott, gib meinem Sohne ein rechtschaffenes Herz!« Er faltete seine mageren Hände und legte sich in das Kissen zurück: »pater, in manus tuas committo spiritum meum! Das waren seine letzten Worte. Als ich sah, daß die Alte die Schürze vor die Augen hielt, lief ich hinaus, gar betrübten Muts. Draußen vor der Tür stand Jens und weinte, »seras dat poenas turpi poenitentia«, dachte ich; aber er fiel mir um den Hals und schluchzte. Gott vergebe ihm seine Wildheit! Sie hat mich am meisten betrübt. Föulum, Pridie Iduum Januarii MDCCIX. Gestern ging mein lieber Vater nach Viborg, um mir einen Mittagstisch zu verschaffen, wenn ich in die Schule komme. Wie sehne ich mich nach der Zeit! Ich lerne ja den ganzen Tag, aber der ist jetzt so kurz, und Mutter sagt, es reicht nicht aus, bei Licht zu lernen. – Ich kann mit dem Brief an Tuticanus nicht zurechtkommen – nein, das war doch anders, als der gute Herr Sören noch lebte! eheu! mortuss est! Es ist ein schrecklicher Winter! Himmel und Erde sind eins: eine Schneewehe liegt bis ans Dach unserer Scheune. Vorige Nacht hat Jens zwei Hasen in unserem Krautgarten geschossen – er hat seinen armen Vater bald vergessen. Aber wenn das Jäger Jens erfährt, dann sieht es schlimm aus. Föulum, Idibus Januarii MDCCIX. Vater ist noch nicht nach Hause gekommen, und das Wetter ist immer noch so schlecht – wenn er sich nur nicht verirrt hat! Drüben an der Scheune geht Jens mit seiner Büchse und ein paar Vögeln in der Hand – er kommt herein. – Er hatte Rebhühner auf Mads Madsens Düngerhaufen geschossen. Er wollte, Mutter sollte sie braten, aber sie wagte es nicht; die Herrschaft könnte es erfahren. Föulum, XVIII Calend. Feb. 1709. Ach, ach, ach! Mein lieber Vater ist erfroren! Der Mann von Kokholm hat ihn in einer Schneewehe gefunden und kam mit ihm angefahren – ich bin so verheult, daß ich nicht aus den Augen sehen kann – Mutter auch – Gott helfe uns beiden! Föulum, den 18ten Februar. Ich hätte Jens beinahe nicht wieder erkannt. Einen grünen Rock hatte er anbekommen und eine grüne Feder am Hut. »Siehst du«, sagte er, »jetzt bin ich ein Jäger! Und was bist du? Ein Schuljunge, ein Lateiner!« – »Ja, Gott helfe uns,« erwiderte ich. »Mit dem Latein ist es vorbei! Ich kann da Pfarrer werden, wo du Bischof bist!« Meine Mutter soll nicht verhungern, wenn ich in Viborg vor den Türen singe. Ich muß zu Hause bleiben und für sie Brot verdienen. – Ach Jens, wäre doch dein Vater noch am Leben!« »Sprechen wir nicht davon!« sagte er. »Ich hätte doch mein Lebtag kein Latein gelernt – zum Teufel mit dem dummen Zeug! Nein, hör mal, du solltest auf den Hof kommen! Da hat man gute Tage und ein herrliches Leben!« »Wie sollte ich das machen?« erwiderte ich. »Wir wollen es mal versuchen!« rief er und lief davon. Er hat doch ein gutes Herz, der Jens; aber wild und verrückt ist er. Vor sechs Wochen haben sie seinen seligen Vater begraben, und vor drei Wochen folgte seine Mutter nach. Aber jetzt ist nichts mehr davon zu verspüren. Die eine Stunde kann er weinen und die andere lachen. Tjele, den 1ten Mai 1709. Nun bin ich also Diener bei der gnädigen Herrschaft. Lebwohl, geistlicher Stand! Lebwohl, Latein! Oh, meine lieben Bücher! Valete plurimum! vendidi libertatem für zwölf Taler. Acht soll meine arme Mutter haben, und der gnädige Herr hat ihr außerdem Deputat versprochen; da wird sie weder hungern noch frieren. Jens hat mir wirklich diese Stellung verschafft. Er hat sehr viel hier auf dem Hof zu sagen. Er ist ein Teufelskerl oder richtiger ein Mädelskerl. Die Wirtschafterin hat ihm ein großes Stück Kuchen zugesteckt; die Meierin schmunzelte ihm so freundlich zu; das Kammermädchen ebenso – ja, selbst eins der gnädigen Fräulein nickte freundlich, als sie an ihm vorbeiging. Es sieht so aus, als ob er Jäger an Stelle Peers wird. Das Schlimmste ist, daß er sich angewöhnt hat zu fluchen, schlimmer als ein Matrose. Tjele, den 12ten Mai 1709. Es geht mir gottlob recht gut! Wir sind sechs Diener für den Herrn, für gnädige Frau, den Junker und die beiden Fräulein. Ich habe Zeit genug zu lernen, und ich versäume auch nicht meine lieben Bücher. Allerdings habe ich keinen Nutzen davon; aber ich kann es doch nicht lassen. Gestern wurden die Bücher des seligen Herrn Sören verkauft. Ich kaufte für zwei Taler, ich bekam so viel, wie ich tragen konnte, darunter einen großen Haufen Ovidius. Eins hat den Titel »ars amoris«, ein anderes »remedium amoris«. Die will ich zuerst lesen; denn ich möchte doch wissen, wovon sie handeln. Einmal hatte ich sie in Herrn Sörens Studierstube gehabt, aber da kam er und nahm sie mir fort und sagte: »abstine Manus! Finger weg! Das ist nichts für dich!« Tjele, den 3ten Juni 1709. Wenn man doch französisch verstünde! Die Herrschaft spricht nichts anderes, wenn sie essen, und ich verstehe kein Wort. Heute sprachen sie von mir; denn sie sahen oft zu mir hin. Einmal hätte ich beinah den Teller fallen lassen; ich stand hinter Fräulein Sophies Stuhl, sie drehte sich um und sah mir gerade ins Gesicht – es ist ein reizendes Fräulein, das Fräulein Sophie! Ich habe eine große Freude, sie anzusehen. Tjele, den 13ten September 1709. Gestern war ein sehr unruhiger Tag. Die Viskumer waren hier und hier war große Jagd. Ich war auch dabei und hatte eine von den Büchsen des gnädigen Herrn bekommen. Zuerst ging es ganz gut, aber dann kam ein Wolf bei mir vorbei. Ich hätte beinahe vor Schreck die Büchse fallen lassen und vergaß ganz zu schießen. Jens stand neben mir und schoß den Wolf. »Du bist ein Rindvieh!« sagte er. »Aber ich will dich nicht verraten!« Gleich darauf kam der gnädige Herr bei mir vorbei. »Du bist ein Tropf, Marteng!« rief er, »du nimmst Schmiergelder.« »Ich bitte alleruntertänigst um Vergebung!« erwiderte ich, »ich bin ganz unschuldig; aber ich habe jedenfalls schlechte Fürsprecher beim gnädigen Herrn gehabt. Ich will mit Gottes Hilfe Ihnen ehrlich und treu dienen!« Da lachte er allergnädigst und sagte: »Du bist ein großer Tropf!« Aber damit war es nicht vorbei. Als die Herrschaften bei Tisch waren, fingen sie wieder vom Wolf an und fragten mich, wieviel er mir gegeben hätte und dergleichen mehr. Ich verstand nicht recht, was sie meinten; aber das konnte ich verstehen, daß sie mich zum besten hatten sowohl auf französisch wie auf dänisch. Und was Fräulein Sophie anging, so lachte sie mir gerade ins Gesicht – das tat mir am meisten weh. Ob ich nicht diese Näselsprache lernen könnte? Sie kann doch nicht schwerer als Latein sein. Tjele, den 2ten Oktober 1709. Es ist nicht unmöglich – das sehe ich schon. Französisch ist nichts anderes als schlechtes Latein. In einer Kiste mit alten Büchern, die ich gekauft habe, war auch ein Metamorphoses auf französisch – das traf sich ausgezeichnet! Das lateinische verstand ich ja schon. Aber eins ist doch wunderlich: wenn ich sie da oben französisch reden höre, scheint mir kein französisches Wort darunter zu sein – über Ovid unterhalten sie sich nicht. Ich will jetzt auch ordentlich schießen lernen. Der gnädige Herr will mich mit auf die Jagd nehmen, aber ich kann es ihm nie recht machen; entweder schimpft oder lacht er – manchmal beides gleichzeitig: ich halte die Büchse verkehrt, ich lade sie falsch, ich ziele falsch und ich schieße falsch. Ich muß es mir von Jens zeigen lassen. »Sieh Jens an«, sagt der gnädige Herr, »das ist ein Jäger! Du trägst die Büchse, als hättest du einen Hobel auf dem Rücken, und wenn du zielst, sieht es aus, als wolltest du hintenüber fallen.« Fräulein Sophie lacht auch über mich – das steht ihr aber gut an – sie hat so reizende Zähne. Tjele, den 7ten November 1709. Gestern habe ich einen Fuchs geschossen; der gnädige Herr nannte mich einen braven Garcong und schenkte mir ein eingelegtes Pulverhorn. Jensens Unterricht hat gut gefruchtet. Es ist schon ganz munter mit der Jägerei. Mit dem Französischen geht es jetzt besser; ich fange an hinter die Aussprache zu kommen. Neulich hörte ich an der Tür zu, wie die Mamsell die Fräulein unterrichtete. Als sie fertig waren und gingen, stahl ich mich dazu, um zu sehen, was für ein Buch sie wohl benutzten. Mein Gott, wie wurde ich erstaunt! Es war gerade eins, das ich auch habe und das L'école du monde heißt. Nun stehe ich jeden Tag mit meinem Buch in der Hand draußen und höre zu – es geht sehr gut. Die französische Sprache ist doch schöner, als ich dachte; Fräulein Sophie läßt es so artig an, wenn sie es spricht. Tjele, den 13ten September 1709. Gestern hat Gott meinen gnädigen Herrn durch meine Hand errettet. Wir hatten Treibjagd im Lindumer Wald. Als wir am Graumoor waren, kommt ein Wildschwein heraus und gerade auf den gnädigen Herrn los. Er schoß und traf es auch ganz richtig; aber es reichte nicht aus, und das Wildschwein geht auf ihn los. Der gnädige Herr war nicht furchtsam; er zieht seinen Hirschfänger und will ihn dem Schwein in die Brust jagen; aber der bricht mitten durch. Nun war guter Rat teuer – all das ging auch im Handumdrehn vor sich, so daß niemand zu Hilfe kommen konnte. Gerade in dem Augenblick, als ich dazu will, sehe ich den gnädigen Herrn auf dem Rücken des Wildschweins, und das mit ihm davon. »Schieß!« ruft er dem Verwalter zu, der links neben ihm stand; aber er wagte es nicht. »Schieß in drei Teufels Namen!« ruft er Jens zu; indem er an ihm vorbeisaust; Jens Büchse versagte jedoch. Nun drehte das Wildschwein ab und gerade an mir vorbei. »Schieß, Morten! Sonst reitet die Sau mit mir zur Hölle!« schrie er. In Gottes Namen, dachte ich, hielt auf sein Hinterteil und traf so glücklich, daß ich dem Tier beide Hinterschenkel zerschoß. Froh wurde ich und froh wurden wir alle, aber am meisten doch der gnädige Herr. »Das war ein Meisterschuß«, sagte er, »und behalte du nun auch die Büchse, die du so gut geführt hast! Und Ihr altes Weib«, sagte er zum Verwalter, »stempelt mir die größte Buche im Walde für seine alte Mutter! Jens soll zu Hause einen besseren Stein in seine Büchse setzen!« Als wir spät abends nach Hause kamen, gab es ein Fragen und Erzählen. Der gnädige Herr klopfte mich auf die Schulter und Fräulein Sophie lächelte mir so freundlich zu, daß mir das Herz im Halse saß. Tjele, den 11ten Januar 1711. Ein plaisantes Wetter! Die Sonne geht so rot auf wie brennende Glut! Es sieht recht curieux aus, wenn sie so durch die weißen Bäume scheint. Und alle die Bäume sehen aus, als wären sie gepudert, und die Zweige hängen rings herum bis auf die Erde. Um den alten Grand Richard ist es eine Schande, ein paar Zweige sind schon geknickt. Akkurat, solches Wetter war es heut vor acht Tagen, als wir mit Schlitten nach Fussingö fuhren und ich hinten auf Fräulein Sophies aufstand. Sie wollte selbst fahren; aber als eine Viertelstunde vergangen war, fing sie an, an den kleinen Fingern zu frieren. »J'ai froid«, sagte sie zu sich selbst. »Soll ich nicht fahren, gnädiges Fräulein?« sagte ich. »Comment!« sagte sie: »Verstehst du französisch?« »Un peu, Mademoiselle!« erwiderte ich. Da drehte sie sich um und sah mir gerade in die Augen. Ich nahm ein Lenkseil in jede Hand und hielt meine beiden Arme um sie. Ich streckte sie weit aus, um ihr nicht zu nah zu kommen; aber jedesmal, wenn der Schlitten schleuderte und ich sie berührte, war es mir, als ob ich einen warmen Ofen berührt hätte. Es kam mir so vor, als ob ich mit ihr durch die Luft flog, und ehe ich es ahnte, waren wir in Fussingö. Wenn sie nicht gerufen hätte: »Tenez, Martin! arrêtez-vous!« wäre ich vorbeigefahren bis nach Randers oder bis ans Ende der Welt. Ob sie heute nicht wieder ausfahren will? Aber da kommt Jens mit der Büchse des gnädigen Herrn, die er gereinigt hat – wir müssen also auf Jagd. Tjele, den 13ten Februar 1710. Ich bin nicht ganz wohl. Mir ist, als läge mir ein schwerer Stein auf der Brust. Das Essen widersteht mir, und des Nachts kann ich nicht schlafen. Letzte Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum: es war mir, als stünde ich hinten auf Fräulein Sophies Schlitten, aber plötzlich saß ich drinnen im Schlitten und sie auf meinen Schoß. Ich hatte meinen rechten Arm um ihren Leib, und sie ihren linken um meinen Hals. Sie beugte sich nieder und küßte mich; aber da erwachte ich. Ach, ich hätte so gern weitergeträumt! – Das war ein schönes Buch, das sie mir gegeben hat; ich divertiere mich damit jeden Abend – wer doch auch einmal so glücklich werden könnte wie der tartarische Prinz! – Je mehr französisch ich lerne, desto besser gefällt es mir; ich vergesse beinahe mein Latein darüber. Tjele, den 13ten März 1710. Gestern, als wir von der Schnepfenjagd nach Hause kamen, sagte der gnädige Herr zu mir: »Ich höre ja, daß du französisch verstehst?« »Ein bißchen, gnädiger Herr!« versetzte ich. »Dann kannst du ja nicht mehr bei Tisch aufwarten; wir können ja in deiner Gegenwart nicht mehr den Mund auftun.« »Ach,« rief ich aus, »der gnädige Herr wird mich doch nicht verstoßen?« »Point du tout«, versetzte er, »du wirst von jetzt an mein valet du chambre sein! Und wenn Junker Kresten nach Paris reist, dann begleitest du ihn – was hältst du davon?« Ich wurde so erregt, daß ich kein Wort sagen konnte, sondern nur seine Hand küßte. Wenn ich mich auch recht sehr freue, so finde ich doch, daß ich nur ungern von hier fort will, und ich glaube wirklich, daß meine Gesundheit seitdem schlechter geworden ist. Tjele, den 1ten Mai 1710. Ach, ich elender Mensch! Nun weiß ich, was mir fehlt. Ovidius hat es mir gesagt, er hat mir meine Krankheit ganz genau beschrieben. Wenn ich nicht fehlgehe, so heißt sie Amor oder Liebe, und die, von der ich charmiert bin, muß ohne Zweifel Fräulein Sophie sein. Ach, ich armer Tropf! Wohin soll das führen? Ich muß seine remedia amoris versuchen! Neulich sah ich sie auf dem Gange stehen und freundlich mit Jens sprechen: das ging mir wie ein Messerstich durch das Herz. Es war mir, als sollte ich ihn vor die Stirn schießen, aber da lief sie mit einem Lächeln an mir vorbei. Mir war zu Mute, als sei ich auf der Treibjagd und ein Wild käme mir in den Schuß. Mein Herz schlägt mir gegen die Rippen, ich kann kaum Atem holen, und meine Augen sind wie festgewachsen auf dem Tier – ah, malheureux, que je suis! Tjele, den 17ten Juni 1710. Wie öde und verdrießlich mir der Hof jetzt vorkommt. Die gnädige Herrschaft ist fort und kommt erst in acht Tagen wieder. Wie soll ich das durchmachen? Zu nichts habe ich Lust. Meine Büchse hängt voller Staub und Rost, und ich habe keine Lust sie zu reinigen. Ich kann nicht verstehn, wie Jens und die andern so froh und lustig sein können; die schwatzen und lachen, daß es in den Wirtschaftsgebäuden einen Widerhall gibt – ich seufzte wie eine Rohrdommel. Ach, Fräulein Sophie! Wenn du doch ein Bauernmädchen wärst oder ich ein Prinz. Tjele, den 28ten Juni 1710. Der Hof liegt vor meinen Augen, neu geweißt und geputzt. Die Bäume im Garten haben eine schöne hellgrüne Couleur bekommen, und alle Leute sehen so sanft aus. – Fräulein Sophie ist wieder nach Haus gekommen; sie kam durch das Tor wie die Sonne durch eine Wolke. Aber dennoch zitterte ich wie Espenlaub. Es ist gut und auch schlimm verliebt zu sein. Tjele, den 4ten Oktober 1710. Eine magnifique Jagd haben wir heut gehabt! Das Hviddinger Holz war mit über dreihundert Treibern umstellt; von Viskum und Fussingö waren sie hier mit allen ihren Hunden. Bei Tagesanbruch waren wir aus Tjele schon da. Es war ganz still in der Luft und ein dichter Nebel bedeckte die ganze Gegend; nur die Spitzen der Feuerhügel konnte man aufragen sehn. In der Ferne konnten wir die stampfenden Fußtritte der Treiber hören und vereinzeltes Hundegebell. »Nun kommen die Viskumer«, sagte der gnädige Herr, »ich kann Chasseur anschlagen hören.« »Da kommen auch die Fussingöer«, sagte Jens, »da bellt Perdrix.« Noch konnten wir vor Nebel nichts sehn, aber als sie näher kamen, hörten wir das Poltern der Wagen, das Schnaufen der Pferde, das Schwatzen und Lachen der Jäger. Nun kam die Sonne vor und der Nebel hob sich. Da wurde es lebendig auf allen Seiten. Die Förster begannen schon die Treiber aufzustellen; man hörte sie flüstern und Schweigen gebieten, und bisweilen traten die Stöcke in Tätigkeit. Aus Westen und Süden kamen die Jäger angefahren und hinter ihnen die Wagen mit den Hunden; ihre Schwänze ringelten sich über den Wagenrand und bisweilen tauchte ein Kopf auf, der auch gleich von den Jägerburschen eins drauf bekam. Nun saß der gnädige Herr selbst ab, in dem langen Tal mitten im Holz. Als er fertig war, stieß er in seine Pfeife und sofort begannen die Hornbläser ein lustiges Stück. Die Hunde wurden losgekoppelt, und es dauerte nicht lange, so schlugen sie an, erst einer, dann zwei, dann die ganze Koppel. Hasen, Füchse und Rehe liefen hin und her auf den bewaldeten Hügeln. Ab und zu fiel ein Schuß und der Knall gab einen Widerhall durch das ganze Tal. Die Treiber konnten wir nicht sehn, wohl aber ihr Zurufen und Schreien hören, wenn ein Reh oder ein Hase durchbrechen wollte. Ich war auf meinem Platz und schoß zwei Füchse und einen Bock vor dem Frühstück. Derweilen wurden die Hunde zusammengerufen und angekoppelt, und die Hornbläser spielten, und als es vorbei war, ging es wieder an. Da hielten mit einemmal zwei Wagen am Ende des Tals mit all den gnädigen Frauen und Fräulein und darunter Fräulein Sophie. Das rettete einen Fuchs; während ich dahin sah, schlüpfte er an mir vorbei. Ein paar Stunden vor Abend war das Holz von Wild gesäubert und die Jagd war zu Ende. Wir bekamen wohl gegen dreißig Stück, und Junker Kresten, der die meisten Füchse geschossen hatte, wurde mit einem Stück auf dem Waldhorn gefeiert. Tjele, den 17ten Dezember 1710. Gestern begleitete ich meine liebe Mutter zu ihrer Ruhestätte. Der neue Pfarrer – Gott lohne es ihm! – ehrte ihr Hinscheiden mit einer Leichenpredigt, die sieben Viertelstunden währte. Sie war mir eine gute und liebe Mutter – der Herr gebe ihr eine selige Auferstehung! Tjele, den 23ten Januar 1711. Ein elender Winter! Noch keine Schlittenbahn! Darauf habe ich seit Martini gewartet, jedoch vergebens. Regen und Wind und trauriges Wetter. Im vorigen Jahr um diese Zeit fuhren wir nach Fussingö. Wenn ich an den Abend denke! Der Mond schien so blank wie ein silberner Teller auf dem blauen Himmel und warf unsre Schatten neben den Weg auf den weißen Schnee. Ich beugte mich manchmal so weit vor, daß mein Schatten mit Fräulein Sophies zusammenstieß; da war es mir, als wären wir beide eins. Ein kalter Wind stand uns gerade entgegen, er wehte ihren süßen Atem zurück – ich verschlang ihn wie Wein – ach, ich Narr! Ich verliebter Narr! Was helfen mir all diese Considerationen? Sonntag reise ich mit Junker Kresten nach Kopenhagen, und da sollen wir den ganzen Sommer bleiben. Ich glaube, bis zum Mai bin ich tot. – Ah, Mademoiselle Sophie! Adieu! Un éternel adieu! Auf See zwischen Samsö und Seeland, den 3ten Februar 1711. Die Sonne geht unter hinter meinem lieben Jütland; ihr Widerschein legt sich über das ruhige Meer wie ein unendlicher Feuerweg. Mir ist es, als grüße sie mich von meiner Heimat – ach, sie ist weit fort, und immer mehr entferne ich mich von ihr. Was mögen sie nun auf Tjele treiben? Mein rechtes Ohr klingt. – Ist das Fräulein Sophie, die jetzt von mir spricht? Ach nein, ich bin ja nur ein armer Diener, wie sollte sie an mich denken? Ebensowenig wie der Schiffer, der auf dem Deck hin und her geht mit übergeschlagenen Armen – er sieht so oft nach Norden aus – was ist da wohl zu sehn? Ein Schwede! sagt er. Gott helfe uns wohl in Gnaden! Kalundborg, den 4ten Februar 1711. Nun weiß ich, was Krieg ist – ich bin in Bataille gewesen, und – der Herre Zebaoth sei gepriesen! – wir behielten den Sieg. Es war so, wie der Schiffer sagte, ein schwedischer Kaper. Morgens, sobald es tagte, sahen wir ihn auf eine halbe Meile Abstand; sie sagten, er mache Jagd auf uns. »Ist da einer unter euch Passaschiers«, sagte der Schiffer, »der Mut und Mannsherz und Lust hat, mit dem schwedischen Gast anzulegen?« »Ich habe ein gutes Gewehr«, versetzte Junker Kresten, »und mein Diener hat eins; wollen wir mal die Jagd versuchen, Morten?« »Wie der Junker befehlen!« sagte ich, lief in die Kajüte, lud unsre Gewehre, brachte sie mit Pulver und Kugeln an Deck. Zwei jütländische Soldaten waren auch heraufgekommen; die hatten jeder ihre Büchse und der Schiffer ein spanisches Gewehr, so lang wie er selbst; der Steuermann und die Matrosen brachten Äxte und Handspaken. »Können wir ihm nicht entkommen, lieber Schiffer?« fragte ich. »Den Teufel können wir«, versetzte er, »du siehst doch, wie er aus allen Kräften auf uns zuhält. Du wirst seine Stücke bald zu hören bekommen; aber wenn du Angst hast, dann geh nach Hause und leg dich in Mutters Truhe.« Damit wälzte sich der Rauch aus dem schwedischen Schiff und gleich darauf hörten wir ein fürchterliches Gebuller und ein Sausen über unsern Köpfen. Es dauerte auch nicht lange, da kam noch ein Knall und noch einer, und die letzte Kugel riß einen Splitter aus unserm Mast. Da wurde mir ganz seltsam zu Mute; mein Herz schlug immer stärker und es sauste und brauste vor meinen Ohren. Als aber der Schwede so dicht herangekommen war, daß wir ihn mit unsern Gewehren erreichen konnten und ich den ersten Schuß getan hatte, da war es, als wäre ich auf Treibjagd. Der Schwede kam immer näher und wir standen gedeckt hinter der Kajüte und feuerten von hinten auf ihn, was wir nur konnten. Da fielen mehrere von seinen Leuten, besonders von des Junkers und meinen Schüssen. »Wenn wir eine Schnepfe schießen können, Morten, können wir wohl auch einen Schweden treffen, wenn er still steht!« sagte er. »Braver Bursche!« rief der Schiffer, »seht ihr den schwedischen Kapitän, der da mit dem großen Säbel hin und her geht? Holt euch den heraus, dann haben wir das Spiel gewonnen!« Da legte ich auf ihn an und drückte ab, und als ich mein Gewehr von der Wange nahm, sah ich, wie er mit der Nase auf das Deck schlug. »Hurra«, rief der Schiffer, und wir andern alle auch; aber der Kaper drehte ab und nahm seinen Kurs wieder auf. Mit der dänischen Flagge am Topp fuhren wir in die Kalundborger Förde ein, stolz und froh; denn nicht ein Mann war verwundet, obwohl die Kugeln über und durch das Schiff gegangen waren. Der Hofmeister, Monsieur Hartmann, war der einzige, der sein Blut zu sehen bekam, und das auf schnurrige Weise: er lag in der Koje des Schiffers und rauchte seine Pfeife, als die Schlacht begann. Kurz darauf ging ich hinunter, um Leinwand für die Kugeln zu holen. »Martine!« sagte er, »quid hoc sibi vult?« Aber bevor ich antworten konnte, fuhr eine Kugel durch das Kajütfenster, nahm die Pfeife mit – die er aus der Koje heraushielt – und das Mundstück riß ihm ein Loch in den Gaumen. Nun sind wir im Hafen und auf trockenem Lande; wie süß die Ruhe nach solchem Lüftchen ist! Kopenhagen, den 2ten Juni 1711. Mein Kopf ist ganz voll von all den schönen Dingen, die ich gesehn und gehört habe. Ich kann es in meinen Gedanken nicht zusammenhalten, denn das eine verjagt das andre, wie die Wolken einander im Wind. Aber das Kurioseste ist doch, daß ich meine Verliebtheit beinahe loswerde. Je länger ich hier bin, desto weniger scheine ich mich nach Fräulein Sophie zu sehnen, und ich möchte beinahe glauben, daß es eben so schöne Mädchen in Kopenhagen gibt. Hätte ich Anmerkungen zu Ovidii remedium amoris zu schreiben, würde ich eine Reise nach der Hauptstadt als eins der besten Mittel gegen diese gefährliche Maladie rekommandieren. Vor Anker vor Kronborg, den 12ten Septbr. 1711. Ach du barmherziger Himmel! Was habe ich erlebt! Welch' Jammer und Elend habe ich mit diesen meinen Augen gesehn! Gott hat uns heimgesucht um unsrer Sünden willen und das Volk mit Beulen geschlagen. Sie fallen wie Fliegen um mich herum, aber ich Unwürdiger wurde errettet vor dem Würger Tod. Ach, mein lieber Junker! Was soll ich sagen, wenn ich heimkomme ohne ihn? Aber ich verließ ihn nicht, ehe er nicht seinen letzten Seufzer ausgehaucht hatte; ich wagte mein Leben für ihn, doch Gott schonte es – sein Name sei gelobt! Wenn ich an diese Schreckenstage denke, ist mein Herz darin zu brechen. Furchtsam und traurig saßen wir von Morgen bis Abend in unsrer einsamen Wohnung, sahen einander an und seufzten. Nur selten sahen wir hinab auf die leeren Straßen, die früher von Menschen wimmelten. Nur eine oder die andre triste figure schlicht sich über das Pflaster wie ein Gespenst; aber hinter den Fenstern sah man Leute sitzen wie Arrestanten, die meisten unbeweglich, als wären es gemalte Porträts. Hörte man dann das hohle Gepolter von den Wagen der Pestträger, wie fuhren da alle von den Fenstern zurück, um nicht den schreckenvollen Anblick zu sehn! Ich sah ihn nur einmal; mich verlangte nicht öfter danach. Da fuhren diese schwarzen Todesengel mit den langen Wagen voller Leichen; durcheinander geworfen wie Vieh lagen sie da. Hinten aus dem Wagen heraus hingen Kopf und Arme einer jungen Frauensperson; die Augen starrten grimm aus dem gelbschwarzen Gesicht, und das lange Haupthaar fegte die Straße. Da erfaßte es den Junker zum erstenmal; er wankte in seine Schlafkammer und streckte sich auf das Todeslager. Ich aber seufzte in meinem Herzen: »Sie sollen in das Grab gelegt werden wie Schafe, der Tod wird sie verzehren; aber Gott wird meine Seele erlösen aus der Gewalt des Grabes, denn er hat sich meiner angenommen, Sela!« Tjele, den 29ten September 1711. Nun bin ich also wieder hier! Als ich durch die Tür schritt, klopfte mein Herz ungefähr so wie an dem Tage, als wir uns mit dem Schweden schlugen. Und als ich zu der gnädigen Herrschaft hineintrat und sie alle in Schwarz sah, da weinte ich wie ein Kind und sie weinten mit. Ich könnte vor Weinen fast nicht sprechen, und bevor ich die affreuse Geschichte beendet hatte, wandte sich der gnädige Herr ab und ging in seine Kammer – Gott tröste sie in seiner Barmherzigkeit, Amen! Tjele, den 8ten Oktober 1711. Heute waren wir zum erstenmal auf Jagd nach meiner Rückkehr. Ach es war nicht wie in früheren Tagen, sie gab nur wenig Satisfaktion. »Morten«, sagte der gnädige Herr mehrmals zu mir, »uns fehlt Junker Kresten«, und dann seufzte er, so daß es mir ins Herz schnitt. Lange vor Abend kamen wir nach Haus mit einem elenden Hasen. Tjele, den 2ten November 1711. Es fängt wieder an auf dem Hofe lebendig zu werden. Wir erwarten hochvornehme Gäste: Seine Exzellenz Herrn Gyldenlöve mit Suite. Er will einige Wochen hier bleiben und sich mit Jagd divertieren. Gestern sprach die gnädige Herrschaft bei Tisch davon: »Er ist von hochköniglichem Geblüt und ein vollkommener Kavalier«, sagte die gnädige Frau und sah dabei Fräulein Sophie an. Sie wurde rot, sah auf ihren Teller und lächelte, aber ich wurde kalt wie Eis am ganzen Körper – ach, ach, ich dachte, ich wäre von meiner üblen Inklination kuriert, aber ich fühle, daß die Krankheit mit größerer Force wiedergekehrt ist. Ich zappele wie ein Rebhuhn im Netz, aber es hilft nichts – ach, wäre ich doch tausend Meilen von hier! Tjele, den 14ten Novbr. 1711. Endlich ist Seine Exzellenz hier arriviert, und zwar mit der allergrößten Pracht und Herrlichkeit: zwanzig Läufer mit hohen silberbeschlagenen Mützen kamen eine halbe Viertelmeile vor ihm in den Hof getrippelt. Sie stellten sich mit ihren langen bunten Stöcken zu beiden Seiten der großen Tür auf. Die gnädige Frau wackelte zu der einen Tür herein und zur andern hinaus; ich habe sie niemals vorher in einer solchen Agilité gesehen. Fräulein Sophie stand im Saal und sah bald in den Spiegel, bald aus dem Fenster. Mich sah sie gar nicht, wenn ich durch das Zimmer ging. Endlich kam er selbst angefahren, mit sechs gelben Pferden vor seinem Wagen, ein schmucker und magnifiquer Herr! Er sah vornehm und auch gnädig aus, aber ich fand, es war etwas Widerliches an ihn. Er lächelte zu mir so ekelsüß und blinzelte mit seinen Augen, als ob er in die Sonne sähe. Er verneigte sich vor jedem der Herrschaften einzeln, aber es sah so aus, als verneigte er sich nur, um sich noch höher aufzurichten. Als er zu Fräulein Sophie kam, trat etwas Blut in sein bleiches Gesicht, und er flüsterte oder lispelte ein langes französisches Kompliment. Bei Tisch wandte er kaum seine Augen von ihr, nicht einmal, wenn er mit andern sprach. Sie schielte bisweilen zu ihm hinüber; aber ich verbrannte meine Hand an den Tellern, so daß sie heute voller Blasen ist. Wenn das doch nur die einzige Stelle wäre, an der es mir wehtut! Tjele, den 20ten Novbr. 1711. Ja! Soviel steht nun fest: daraus wird eine Mariage. Man braucht nur die gnädige Frau zu attendieren. Wenn sie Fräulein Sophie ansieht, legt sie den Kopf zurück wie eine Ente, die den Kropf gefüllt hat, verdreht die Augen und schließt sie dazwischen, als ob sie sofort in Schlaf fallen wollte, und dann schnattert sie: »un cavalier accompli, ma fille! n'est-ce pas vrai? et il Vous aime, c'est trop clair!« Ja, leider, das ist ganz klar; und sie liebt ihn wieder, das ist auch klar. Daß sie nur glücklich werden möge! Tjele, den 4ten Dezember 1711. Bisher hat Seine Exzellenz noch nicht sehr viel von der Jagd profitiert. Zweimal waren wir draußen; aber jedesmal wurde es ihm unterwegs wieder leid. Auf dem Hof ist ein Wild, das ihn wie ein Magnet anzieht. Ach, wäre ich doch in Kopenhagen geblieben! Tjele, den 8ten Dezember 1711. Heute wurde die Mariage deklariert, und heute über acht Tage soll die Hochzeit sein. Wo soll ich mich solange verbergen? Das halte ich nimmer aus. Wenn er seinen Arm um ihren Leib legt, ist es, als steche man mir mit einem Messer ins Herz – – – Du lieber Gott! Ich glaube, Jens ist ebenso daran wie ich. Als ich ihm das von der Mariage erzählte, stieß er seine Büchse auf den Boden, daß der Kolben zersprang, und dann lief er mit dem Stumpf in der Hand davon in die Heide. Ich bin also nicht der einzige Narr in der Welt. Tjele, den 16ten Dezember 1711. Fräulein Sophie hat die Kinderblattern bekommen. Ach, wie zittere ich für ihr Leben! Daß ich doch an ihrer Stelle sterben dürfte; aber ich kann ja diese Krankheit nur einmal bekommen. Ihr herrliches Angesicht ist ganz voller Blasen. Tjele, den 19ten Dezember 1711. Hier herrscht große Trauer und Betrübnis. Fräulein Marie ist tot, und der Herr will sich nicht trösten lassen; wie selbiges vor sich gehen soll. Fräulein Sophie folgt wohl ihrer Schwester: denn es geht ihr sehr schlecht, aber die gnädige Frau spricht nur von ihrem Begräbnis, Seine Exzellenz, ihr Verlobter, schickt sich an fortzugehn. – Glück auf die Reise! – Tjele, den 13ten März 1712. Nun habe ich mich wieder von meinem langen Krankenlager erhoben. Ich glaubte, es würde das letzte werden, und seufzte von Herzen zu meinem Gott um Erlösung. Aber ich soll noch eine Weile in diesem Jammertale wandern – das ist sein Wille – er geschehe! – Es ist mir, als sei ich von den Toten auferstanden, und mich deucht, diese drei Monate Krankheit hätten drei Jahre gewährt. Gestern sah ich sie zum erstenmal, seitdem ich mich legen mußte, und zwar mit guter Contenance; ich möchte fast glauben, daß die Krankheit meine schlimme Verliebtheit mitgenommen hat. Sie war etwas bleich und ich fand, sie sah nicht sehr zufrieden aus. Leider! Sie hat auch keinen sonderlichen Grund dazu. Seine Exzellenz war vergangene Woche hier gewesen, wie ich höre. Er ist wohl ein großer Libertin; ich sah neulich durch die Spalte meiner Tür, daß er das Mädchen der gnädigen Frau anfaßte, und zwar in einer höchst indezenten Weise. Oh, das arme Fräulein! Wäre ich Seine Exzellenz, ich würde sie anbeten wie einen Engel vom Himmel. Tjele, den 13ten März 1712. Seine Exzellenz ist fortgereist und hat seine Braut hier zurückgelassen. Er war ihrer reichlich überdrüssig und – Gott vergebe es mir! – sie seiner, glaube ich, auch. Sie sehnt sich gar nicht nach ihm; denn sie ist ebenso munter und vive wie vorher, ja beinahe mehr, aber dennoch ab und zu ein wenig hoffärtig. Bisweilen spricht sie mit mir wie mit einem Bettler und bisweilen, als wäre ich ihresgleichen. Ich glaube fast, sie will mich zum besten haben – ich Allerärmster! Ich bin immer noch nicht zur Vernunft gekommen; denn sie kann mich froh und betrübt machen, ganz wie sie will. Tjele, den 3ten Juni 1712. Meine Gesundheit bekomme ich nie wieder; die Munterkeit meiner Jugend ist ganz verschwunden. Ich bin schwer und matt in meinem ganzen Wesen, und ich habe zu nichts eine rechte Lust. Ich möchte nicht jagen und ich möchte auch nicht lernen; meine Büchse und mein Ovidius sind beide gleichermaßen verstaubt. Das Französische, das mir früher so plaisant geworden war, mag ich weder lesen noch hören – es ist eine falsche Sprache! Tjele, den 24ten Juni 1712. Ich habe meine Kammer mit Jens getauscht. Er wollte durchaus die meine haben; denn er wollte nicht nach dem Kirchhof hinaus liegen, der Tropf! Da wird er ja doch einmal für immer liegen. Ich bin sehr zufrieden mit dem Tausch, hier kann ich von meinem Fenster die Gräber meiner lieben Eltern sehn – sie sind wohl geborgen – Gott erfreue ihre Seelen im Himmelreich! Da ist auch Herrn Sörens Grab; es wachsen bereits Disteln darauf – die muß ich doch ausroden! Tjele, den 13ten Dezember 1712. Das Mädchen der gnädigen Frau hat einen kleinen Jungen bekommen. Sie hat einen Spitzenkrämer angegeben – aber der ganze Hof weiß wohl, wer der Schuldige ist. Das junge Fräulein hat selbst damit railliert. Ich verstehe nicht, wie sie das konnte; aber sie nimmt das Leben so leicht – ich habe nicht diese Natur. Tjele, den 27ten Februar 1713. Träume ich oder wache ich? Haben mich meine Sinne dupiert oder ist sie wirklich mein gewesen? Ja, sie war mein – ich habe sie mit diesen meinen Armen umschlossen, sie hat an meiner Brust geruht und mein Gesicht mit Küssen bedeckt – mit heißen Küssen – nun will ich gern sterben, so glücklich kann ich nie mehr werden. Doch nein! Was ist mit mir? Was habe ich getan? Ach, ich weis nicht, was ich schreibe – ich fürchte, ich bin wahnsinnig. Tjele, den 5ten März 1713. Laß mich diese doucen Augenblicke in meine Erinnerung zurückrufen! Laß mich recht überdenken, wie glücklich ich war; erst jetzt beginne ich zu erwachen wie aus einem Rausch. – Der Herr war von der Jagd gekommen und Jens war im Walde geblieben, um Eiben auszuheben, die in einem Graben festsaßen. Ich wußte wohl, daß er nicht vor Tag nach Haus kommen würde, und da bekam ich den Einfall, mich in meine alte Kammer zu legen. Ich war gerade eingeschlafen, als ich durch einen Kuß geweckt wurde. Erschrocken erhob ich mich und wollte rufen; da fühlte ich eine weiche Hand auf meinem Mund und einen Arm um meinen Hals und eine süße flüsternde Stimme – Himmel, es war die ihre! – der, die ich nicht nennen darf. Da – da – o, ich Sünder! ich verstockter Sünder! Ich habe meinen Herrn verraten! und ich kann es nicht einmal von Herzen bereuen. Jedesmal, wenn ich Pönitenz tun will, hindert mich eine geheime Freude daran, die meiner Reue spottet. Ich fühle es: ich sehne mich danach, die Missetat zu wiederholen, die ich verfluchen müßte. »Ewig mein!« waren die ersten Worte, die ich hervorbringen konnte; aber da riß sie sich mit einem leichten Schrei aus meinen Armen, und – ich war allein. Die Tür knirschte, und ich setzte mich im Bette auf; ich war im Zweifel, ob das ganze nicht ein Spuk wäre. Ach, weshalb entfloh sie? Weshalb kam sie dann selbst ungerufen, ungelockt? Hat sie mich geliebt, wie ich sie, stumm, innig, brennend? Tjele, den 6ten März 1713. Oh Welt! Welt! Wie falsch bist du! Ehrlichkeit ist ganz verschwunden, Tugend und Ehre zu Boden getreten! Aber warum will ich mich beklagen? Bin ich besser als er? Ist meine Sünde kleiner, weil ich glaube, daß meine Liebe größer ist? Ah, mir wird mein verdienter Lohn, wir sind einander gleich, der eine verrät den andern. Ha! Du falsches Weib! Du Weib des Potiphar! Deshalb schriest und flohst du, als du meine Stimme hörtest. Es war also eine alte Gewohnheit – ein bekannter Weg, als du mein Bett aufsuchtest – nein, Jens' Bett! Alte Liebe, alte Sünde! Während ich dich anbetete, während ich dich mit Ehrfurcht betrachtete wie einen heiligen Engel, hast du mit meinem Dienstgenossen gebuhlt! – Es war Mitternacht. Trunken von süßen Erinnerungen wankte ich im Garten umher. In einem dunklen Gange sah ich sich etwas bewegen – es war mir so, als müßte sie es sein. Mit hastigen Schritten eilte ich dahin – sie war es! Ja, sie war es. Aber wie fand ich sie? Auf Jens' Schoß, die Arme um seinen Hals – rasch fuhren sie auseinander, und ich stand da, als sollte ich in einen Abgrund versinken. Die Sonne traf mich auf derselben Stelle; ich fror – ich bebte wie Espenlaub. Oh du elende, du falsche, du verderbte Welt! Tjele, den 9ten März 1713. Ich habe sie das erstemal seit jener sündenvollen Nacht gesehn. Eine hastige Röte fuhr über ihr Antlitz, sie ließ ihre Augen überall im Zimmer umhergehn, um mich nicht anzusehn. Ich fühlte es, wie mir kalt und warm wurde. In dem Augenblick, als wir allein waren, ging sie rasch an mir vorbei und sagte mit halb geschlossenen Augen: »Silence!« Sie war bereits aus der Tür, ehe ich noch recht den Druck in meiner Hand fühlte. Tjele, den 13ten April 1713. Alles ist entdeckt! Die gnädige Frau, der ganze Hof wissen es, und Mamsell Lapouce hat sie entdeckt und verraten. Das junge Fräulein wollte gern mit ihr raillieren; aber das schrieb sie sich hinters Ohr. Niemand hat es dem listigen Weib anmerken können, daß sie ein Wort dänisch verstand, und deshalb haben sie einmal in ihrer Gegenwart etwas Unvorsichtiges gesagt, was ihr einen Wink gab. Sie hat nun so lange die Spur verfolgt, bis sie sie richtig ausgefunden und im Nest erwischt hatte. Himmel, was gab das für eine Aufregung! Der gnädige Herr lief mit seiner Büchse wie ein Rasender umher, um Jens zu erschießen; aber Jens war bereits auf seinem Pferd und davon. Das junge Fräulein wurde im Eckzimmer eingeschlossen, damit sich der Herr nicht an ihr vergreifen sollte. Ach Himmel, was soll das für ein Ende nehmen? Ich zittere jedesmal, sobald ich seine Stimme höre. Mein Gewissen verdammt mich und macht einen Feigling aus mir. Reue und Furcht haben mich so benommen, daß Liebe und Eifersucht ganz aus meiner Brust verjagt sind. Ach, wäre ich doch fünfzehn Meilen unter der Erde! Tjele, den 14ten April 1713. Jens ist hier gewesen. Er kam in der Nacht in meine Kammer, um zu hören, wie es stand. Er war wie ein Betrunkener, weinte und fluchte durcheinander. »Verrate nicht, daß ich hier gewesen bin«, sagte er, als er ging, »sonst bist du ein Kind des Todes!« Er würde sein Wort halten; ich werde mich hüten. Aber was mag er eigentlich wollen? Er weiß es wohl selbst nicht. Tjele, den 17ten April 1713. Das junge Fräulein ist fort! Heute Nacht ist sie aus einem Fenster echappiert. Jens ist sicher hier gewesen und hat sie geholt; denn einer hat um Mitternacht zwei Personen auf einem Pferd getroffen, aber bei der Dunkelheit konnte er nicht sehn, ob beide Mannsleute gewesen waren. Es war auf dem Viborger Wege, und wir sind alle Mann den ganzen Tag draußen gewesen, um zu suchen. Wir sind zurückgekommen, ohne sie gefunden zu haben. Ich hörte davon, daß sie über die Skerner Brücke gekommen seien; aber ich werde mich hüten, ihnen zu nahe zu kommen. Ach, ach! Die Welt, in der wir leben! Mein armer Herr! Er holt sich gewiß den Tod dabei. Er hat sich gelegt, und kein Mensch darf zu ihm. Tjele, den 20ten April 1713. Heute wurde ich zum gnädigen Herrn gerufen. Ach, du barmherziger Erlöser! Wie bleich und abgezehrt er war! Er lebt nicht mehr lange, das konnte ich deutlich sehn. »Morten«, sagte er, als ich eintrat, »bist du es? Komm her zu mir!« Als ich nur seine Stimme hörte, brach ich in Weinen aus. Früher war es, als spräche er aus einem Faß, und wenn er durch die große Tür rief: »Morten! Komm mit den Hunden!«, dann war es, als ob der Hof einfallen sollte, und Hühner und Enten flogen erschreckt umher. Aber jetzt sprach er so sanft, so matt, daß mein Herz am Brechen war. »Morten«, sagte er, »hast du keine Schnepfen gesehn?« »Nein, gnädiger Herr!« erwiderte ich schluchzend, »ich bin gar nicht draußen gewesen.« »So, nicht?« sagte er: »Ich werde keine mehr schießen!« »Ach doch«, erwiderte ich, »Gott kann noch helfen!« »Nein, Morten«, sagte er, »mit mir ist es bald aus. Ja, wenn ich Kresten noch hätte!« Dabei drückte er zwei Tränen wieder in die hohlen Augen. »Wo ist Vaillant?« fragte er. »Er liegt am Kamin«, erwiderte ich. »Rufe ihn!« sagte er. Der Hund kam und legte seinen Kopf auf die Bettstatt. Der Herr streichelte ihn lange und sah ihn wehmütig an. »Du bist mir ein treuer Diener gewesen«, sagte er, ›du hast mich nicht verlassen. Wenn ich tot bin, sollst du ihn erschießen und unter der großen Esche vor dem Kirchhof begraben; aber triff ihn gut und laß ihn nicht merken, was du vorhast – versprich mir das!‹ ›Ja, gnädiger Herr‹, erwiderte ich. ›Er soll nicht in fremde Hände kommen‹, sagte er, indem er auf das Kissen zurücksank: ›Mein Jagdpferd und meinen Muskedonner (das ist seine Leibbüchse) und mein Gehenk sollst du haben. Aber von Blis darfst du dich niemals trennen; wenn er so alt wird, daß er nicht mehr fressen kann, dann mußt du ihn erschießen.‹ ›Ja, lieber Herr‹, erwiderte ich; ich konnte kaum vor Weinen. ›Und da,‹ sagte er, ›liegt eine Rolle auf dem Tisch, die sollst du haben für deine treuen Dienste. – Geh nun, Morten! Und bete zu Gott für meine sündige Seele!‹ Ich küßte seine Hand, die er mir gereicht hatte, und wankte in meine Kammer hinunter – Oh, Gott schenke ihm ein seliges Ende! Er war mir ein guter und gnädiger Herr! Tjele, den 3ten Mai 1713. Nun ist er denn auch dahingegangen! Nun habe ich keinen Freund mehr auf Erden. – Hier will ich nicht bleiben; ich muß in die Welt hinaus und meine melancholischen Gedanken loswerden. – Armer Vaillant! als ich ihn zum Tode führte. – Nein, solch einen Schuß tue ich mein Lebtag nicht mehr. Als ich die Büchse spannte und er das Knacken hörte, begann er zu wedeln und sich umzusehn, er erwartete ein Wild und dachte am wenigsten daran, daß es ihm selbst galt. Als das Pulver zündete und er sich im Todeskrampf wand, war es, als wollte mir das Herz aus der Brust drängen. O, mein lieber, seliger Herr! Das war der letzte, der schwerste Dienst, den ich dir erwiesen habe. Unter Segel vor Thunö, den 17ten Mai 1713. Zum zweitenmal, vielleicht zum letztenmal, sagte ich dir Lebewohl, mein liebes Heimatland! Leb wohl, du grüner Wald! du braune Heide! Lebt wohl, alle meine Jugendfreuden! Leichter ums Herz war mir, als ich vor zwei Jahren diese wilden Wogen durchfurchte: damals hatte ich meinen guten Herrn, er liegt jetzt im Grabe, mein Junker auch, und sie – die ich gern vergessen wollte – zieht in der weiten Welt umher, Gott weiß wo und wie. Auch ich will das Spiel des Glücks versuchen und mein Brot unter wildfremden Menschen essen. Ja! Mit dem Krieg will ich's versuchen! Der bringt Brot oder Tod! Blis und ich werden einander begleiten; er ist mein letzter Freund auf Erden. Schweden, den 13ten Juni 1716. Hier sitze ich, ein gefangener Mann in fremdem Lande. So weit hat mein Schwert geholfen. Mein Oberst und ich räumten unter den Feinden auf; aber wir waren nur zwei gegen zehn. Ach, mein alter Blis! Du mußtest sterben – hätte ich dir doch folgen können! Stockholm, den 14ten August 1717. So kann es nicht lange weitergehn! Sie haben mich von einer Festung in die andre umhergeschleppt, mich verlockt und bedroht, ich sollte Dienste nehmen; aber lieber wollte ich in einem unterirdischen Gefängnis verhungern, als gegen meinen rechtmäßigen König und Herrn fechten. Noch lieber aber möchte ich meine Freiheit haben. Ich will es versuchen, und entweder sie oder den Tod finden! Norköping, den 3ten Februar 1718. Nun bin ich doch schwedischer Soldat geworden! Solange ich mich auch in acht nahm und in Wäldern und zwischen Felsen verborgen hielt wie ein gehetztes Wild, sie fanden mich doch. Was sollte ich tun? Lieber unter Gottes freiem Himmel zwischen Schwertern und Kanonen als zwischen den vier Wänden eines Gefängnisses! Sie haben mir gelobt, daß ich niemals gegen meine Landsleute kämpfen müßte, sondern nur gegen den Moskowiter – er hat vielleicht die rechte Kugel mit Morten Vinges Namen. Sibirien, den 15ten Mai 1721. Herr, mein Gott! Wie wunderbar sind deine Wege! Viel tausend Meilen von Dänemark entfernt lebe ich hier in einem rauhen und trauervollen Lande. Ich gehe über gefrorene Flüsse und wate im Schnee bis zu den Knien, während daheim Wald und Flur ihr grünes Sommerkleid tragen. Draußen vor meinem alten Kammerfenster steht der Apfelbaum nun in Blüte, der Hänfling zwitschert in der Stachelbeerhecke, der Star sitzt auf der Kirche und bläst sein lustiges Stück und die Lerche singt hoch in den Wolken. Hier heulen Wölfe und Bären, Habichte und Raben schreien in den schwarzen Wäldern. Wie mag wohl diese Wüstenei aufhören? Ach, wie mag mein elendes Leben aufhören? Riga, den 2ten September 1743. Werde ich den Tag noch erleben, an dem ich mein Vaterland wiedersehe? Vierundzwanzig lange trauervolle Jahre, vierundzwanzig Winter habe ich Zobel und Marder in Sibiriens Wälder gejagt! Wie satt des Lebens bin ich lange – lange geworden! Aber ich will geduldig warten, bis mein Herr und Erlöser mich ruft. Er will vielleicht meine müden Glieder in meiner Vätererde zur Ruhe legen – ach, ich sehe die dänische Flagge gehißt, das teure Zeichen des Kreuzes und der Erlösung! Meine Seele, lobe den Herren! Alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen. Falster, den 23ten Oktober 1743. Wieder nahe dem Tode und wieder weit von ihm entfernt! In Sturm und Unwetter näherte ich mich meinem geliebten Heimatlande. Die Wogen zerbrachen unser Schiff und drohten es zu verschlingen; aber der Herr errettete mich, seine Hand erhielt mich – er wird sie auch jetzt nicht von mir ziehn, wenn ich auch arm und halbnackt unter Fremden dahin wandere. Korselidse, den 2ten November 1743. Eine Freistatt habe ich gefunden, einen Schlupfwinkel vor den Stürmen der Welt, einen frommen und edlen Herrn, der mich in sein Brot genommen und versprochen hat, bis an meinen Tod für mich zu sorgen. Nun brauche ich also nicht mehr meine Behausung zu wechseln, bis sie mich zu der letzten hintragen. Korselidse, den 1ten Mai 1744. Wie lieblich ist doch dieses Land! Alles im vollsten Flor! Der Wald grün, und das Feld grün. Blumen überall! In Sibirien ist es noch Winter. Gott sei gedankt für diesen Tausch! Mein Herr mag mich sehr; ich muß oft stundenlang bei ihm sitzen und ihm vom Kriege erzählen und von all den Ländern, die ich durchwandert habe. Und so gern wie er zuhört, so gern will ich reden; es macht mir Freude, mich meiner mannigfachen ausgestandenen Fatalitäten zu erinnern. Korselidse, den 2ten Juli 1744. Oh du barmherziger Vater! War dieser bittere Kelch noch übriggeblieben! Sollten die alten Wunden von neuem aufgerissen werden! Ja, denn es hat dir so gefallen! – Ich habe sie gesehn – sie? Ach nein! Nicht sie! Einen gefallenen Engel habe ich gesehn, eine Gestalt der Finsternis – oft habe ich mir den Tod gewünscht, aber jetzt – jetzt ekelt mich das Leben an – ich kann nicht mehr schreiben. Korselidse, den 8ten August 1744. Nicht zu meinem Pläsir ergreife ich wieder die Feder; aber falls jemand nach meinem Tode dieses Journal vor Augen bekommen sollte, soll er doch sehn, wie die Sünde es ihren Kindern lohnt. Ich ergötze mich an jenem betrüblichen Tage mit einer Promenade in unserm schönen Garten. Als ich an der offenen Zauntür vorbeigehe, steht ein Mann da, dessen Gesicht mir bekannt vorkam, ungeachtet, daß ein schwarzgrauer dichter Bart und ein unheimlicher Blick mich erschreckten. »Bist du auch hier?« sagte er mit einem sonderbaren Grinsen. Der Stock fiel mir aus der Hand, und alle meine Glieder zitterten – es war Jens! »Herr, du mein Gott!« sagte ich. »Muß ich dich hier finden? Wo ist Fräulein Sophie?« Er stieß einen lauten Fluch aus: »Das Fräuleintum hat der Teufel geholt und das gnädige Frauentum auch; aber willst du mein herzliebstes Weib sehn, da liegt sie und jätet. Soffie!« schrie er, »hier ist ein alter Bekannter!« Da wandte sie sich halb um – sie lag auf den Knien, drei Schritt von mir entfernt – sah mich einen Augenblick an und fing dann wieder an zu jäten. Ich bemerkte nicht die geringste Bewegung in ihrem Gesicht! Diesem Gesicht! Diesem früher so anmutigen Gesicht! Wie war es verändert! Bleichgelb, zerfurcht, verdrossen sah es aus, als ob es niemals gelächelt hätte. Eine zerlöcherte Kapuze mit langen Fetzen schwarzer Spitzen machte es noch düsterer. Schmutzige Lumpen von Kleidern, die einst schön und fein gewesen waren, hingen um ihren dicken, mißbildeten Körper. Ich merkte, mir würde gleich übel werden, und keine Träne trat mir in die Augen. Eine Angst, ein Ekel, wie wenn man plötzlich eine Schlange sieht, ergriffen mich. Ich konnte weder sprechen noch mich von der Stelle rühren. Jens weckte mich wieder aus meiner Betäubung. ›Jetzt ist sie ja nicht mehr so hübsch‹, rief er,›wie damals, als sie zu dir ins Bett kroch?‹ Ich schauderte. ›Die Vergoldung ist abgegangen‹, fuhr er fort, ›aber das edle Gemüt besitzt sie noch, hochmütig und malizieuse ist sie immer noch, und das Maulwerk kann sie brauchen. He! gnädige Frau! Rede doch ein bißchen mit uns!‹ Sie schwieg und tat, als hörte sie es nicht, obgleich er laut genug rief. ›Nu will sie wieder nicht‹, sagte er, ›aber wenn wir nach Haus kommen, dann kommt ihr schon das Maul in Gang. – Hast du nicht was für ein Gläschen, Morten? Um der alten Bekanntschaft willen!‹ Ich gab ihm etwas und ging wie im Schlaf auf den Hof zurück. An der Gartentür stand mein Herr. ›Kennst du diese Menschen?‹ fragte er. ›Ach, mein lieber Gott‹, versetzte ich, ›ja, ich habe sie vor vielen Jahren gekannt.‹ ›Es sind schlechte Menschen‹, sagte er, ›sie ist giftig und flucht, und er trinkt wie ein Schwamm. Sie haben ein paar Jahre in einem Haus unten am Strande gewohnt! Er fischt und sie macht Wochenarbeit hier im Garten. Sie soll von feinen Leuten abstammen?‹ Jetzt erst brachen meine Tränen hervor und erleichterten mein beklommenes Herz. Ich erzählte ihm, wer sie war, und sein Entsetzen war ebenso groß wie meine Betrübtheit. Korselidse, den 14ten September 1744. Ich bezweifle, daß ich hier länger bleiben werde. Mein Aufenthalt behagt mir nicht mehr, seitdem ich sie in meiner Nähe weiß und oft nicht vermeiden kann, sie zu sehn. Noch habe ich nicht mit ihr gesprochen; denn ich scheue sie wie einen bösen Geist. Jens verfolgt mich mit einer Zudringlichkeit, die weder mir noch meinem Herrn gefällt. Wenn ich seinen Branntweinsatem rieche, ist es mir, als böte mir einer an Gift zu trinken. Er hat mir ihre Geschichte erzählt – oh, wie schrecklich, ekelhaft ist sie! In Dänemark, in Deutschland sind sie von einer Stadt zur andern umhergezogen – er spielte Laute. Damit fristeten sie das Leben, und wenn es nicht ausreichte, trieb sie noch ein Gewerbe, an das zu denken mir das Herz zerreißt. Schließlich mußte auch das aufhören, und sie wären vor Mangel umgekommen, wenn nicht mein mitleidiger Herr sich ihrer erbarmt hätte – Gott vergebe es mir! Ich könnte mich zurück nach Sibirien wünschen. Korselidse, den 1ten Mai 1745. Gott segne meinen guten, edelmütigen Herrn! Er hat meinen Wunsch verstanden, daß ich meine Tage an meinem Geburtsort beschließen möchte, und hat deshalb – ohne daß ich es wußte – mir eine gute Kondition bei der neuen Herrschaft auf Tjele verschafft. Am Dienstag soll ich mit einem Schiff von Stubbeköbing abfahren – Gott lohne ihm das in Ewigkeit! Auf See zwischen Seeland und Samsö, den 4ten Juni 1745. ``Fürchtet nicht die, die allein den Leib vernichten, fürchtet aber die, die Leib und Seele gleichzeitig verderben!´´ Ich fühle die Kraft dieser Worte des Erlösers. Als ich in meiner Jugend auf diesen Wogen den Kugeln des Schweden gegenüberstand, war es mir besser zumute, als da ich im Garten von Korselidse den gefallenen Engel meiner Jugend sah. Schwerter und Kugeln, Hiebe und Stiche, Wunden und Tod bedeuten nichts gegen den Verlust der Seele, gegen die Verderbnis einer unschuldigen Seele. Hätte ich damals ihren schönen Leib von wilden Tieren zerrissen sehn, es hätte meine Brust nicht so zermalmen können wie jetzt, da ich sie verloren, verdorben, verächtlich, ohne Rettung preisgegeben fand. Wie sie dalag und in der Erde grub, schien es mir, als begrübe sie meine letzte Hoffnung, meinen letzten Rest von Glaube an Ehre und Tugend. Aber ich will sagen, wie der alte Türke, mein Mitgefangener in Sibirien immer sagte mitten im allergrößten Elend: ›Gott ist groß!‹ Ja, und barmherzig! Er kann und will weit mehr tun, als was wir armen Menschen verstehn. Tjele, den 4ten Juli 1745. Endlich bin ich nun in meinen letzten Winterhafen eingelaufen! Mehr als dreißig Jahre bin ich auf dem wilden Meer der Welt umhergetrieben, um dort zu enden, wo ich begonnen habe. Was habe ich vollbracht? Was habe ich gewonnen? Ein Grab – eine Ruhestätte bei meinen Vorfahren. Das ist etwas und nicht einmal so wenig: ich habe Freunde und Bekannte hier über und unter der Erde. Da steht noch der Apfelbaum vor meinem Fenster, er ist auch älter geworden, es ist Wurmfraß in seinem Stamme, der Sturm hat sein Haupt gebeugt und auf seinen Zweigen wächst Moos wie graues Haar auf dem Haupt eines Alten. An der Kirchenmauer sehe ich die große Esche, unter deren Wurzel ich den armen Vaillant begraben habe. So erkenne ich manchen Baum wieder, manchen Hügel mit Heidekraut und selbst die toten Steine, die hier unveränderlich die Jahrtausende hindurch stehn und ein Geschlecht nach dem andern aufwachsen und vergehen sehn. Das Geschlecht, das ich kannte, ist nun auch dahin. Neue Herrschaft, neue Diener – ich bin ein Fremder, ein Ausländer unter ihnen allen. Tjele, den 2ten September 1749. Heute ist es sechsundfünfzig Jahre, seitdem ich das Licht der Welt erblickte! Herr Gott, wo sind diese Jahre geblieben? Diese vielen tausend Tage? Wo sind meine Jugendfreuden? Bei meinen Jugendfreunden. – Zu dieser Jahreszeit genossen wir so recht die Freuden der Jagd. Wie lustig ging es dann zu, wenn wir am Morgen auszogen! Die Jäger riefen und die Hunde bellten und die Pferde stampften ebenso ungeduldig wie wir selbst. Bald suchten wir die Auerhähne auf der Heide heim, bald die wilden Tiere im Walde – mit Spiel und Gesang fuhren wir hin und zurück. Nun ist es hier still wie in einem Kloster, der gnädige Herr macht sich nichts aus der Jagd. Stumm und einsam geht der Jäger davon, und still kommt er zurück. Dies Geschlecht ist traurig wie ich selbst. Tjele, den 12ten Januar 1751. Eine stille, herrliche Winternacht! Alles, was ich gesehen habe, blau oder weiß. Der Mond hat die Sterne verjagt, er will allein leuchten. So herrlich schien er auch einmal vor vielen, vielen Jahren, da ich Fräulein Sophie kutschierte. Meine junge Seele strahlte ebenso hell und lustig wie der Mond, fleckenlos wie der neugefallene Schnee. Nun ist meine Seele dunkel wie die Heide, wenn der Winterschnee fortgetaut ist, und die ihre – wenn sie noch lebt – muß einem sibirischen Tal nach der Überschwemmung gleichen: dunkelgefurcht von Wasserströmen, überall bestreut mit Erhöhungen, Steinen und umgestürzten Bäumen. "Ja, Herr! Herr! Züchtigst du einen mit viel Strafe für seine Missetat, dann tust du es, daß seine elende Gestalt hinschwindet wie eine Motte. Wahrlich, alle Menschen sind Eitelkeit!" Föulum, den 12ten Mai 1753. Sonntags versah ich zum erstenmal mein Amt als Küster von Tjele und Vinge. Der gnädige Herr rief mich an sein Totenbett. Hier wohne ich nun im Hause meines Vaters; aber ich wohne allein hier. Alle meine Jugendfreunde sind längst zur Ruhe gegangen; ich bin noch übrig wie ein abgeschälter Baum auf der Heide. Aber über ein kurzes werde ich zu ihnen versammelt werden und der letzte meines Geschlechtes sein. Diese Blätter werden das einzige Zeichen von mir sein. Sollte jemand – wenn ich einmal tot und dahin bin – sie lesen, dann soll er seufzen und sagen: »Was den Menschen angeht, seine Tage sind wie Gras; wie eine Blume auf dem Felde, so soll er blühen. Wenn das Unwetter darüber fährt, dann ist sie nicht mehr, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr. Aber die Barmherzigkeit des Herren ist von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Der Pfarrer von Torning Drei Meilen südlich von Viborg, in der Gegend, wo Svend Grate ehemals Leben und Reich verlor, liegt der Bauernhof Revl. Alt und zerfallen sind seine niedrigen Gebäude und sehen aus wie mit Moos gedeckt. Ihr armseliges Aussehn wird durch keinen Garten belebt; denn diesen Namen kann man kaum einem kleinen Krautgarten geben, dessen Torfgräben mit dünnen, verkrüppelten Hollunderbüschen gesäumt sind und worüber sich ein alter Ebereschenbaum krümmt, seit seiner Jugend von den scharfen Westwinden zerpeitscht und gebeugt. Nah und fern ist er umgeben von vielen Heidekrauthügeln, zwischen denen graugelbe Moore sich schlingen und fast alle in mannigfachen Buchtungen durcheinander laufen, bald sich verbreiternd und die wellenförmigen Hügel gleichsam zurückdrängend, bald von diesen zu schmalen Verengerungen eingeschnürt. Unbekannte, die hier ihren Weg finden wollen, werden bald in diesem Labyrinth von Mooren verfangen, ganz wie die, die sich ohne die erforderlichen Vorkenntnisse auf das sinnreiche Spiel einlassen, das man »Wasser ziehen« nennt. Erst gegen den Herbst zu bekommt diese düstere einförmige Gegend ein lebhafteres Aussehn; aus den Mooren steckt die erica tetralix ihre blaßroten Blüten heraus und die Hügel erhalten einen violetten Schimmer von dem jetzt erst aufgehenden Heidekraut. Nicht freundlicher ist hier auch die lebende Natur: der Brachvogel sitzt einsam auf seinem Hügelchen und wiederholt den halben Tag lang seine langgezogenen, schwermütigen Flötentöne. Die Moorlerche zwitschert sanft und traurig aus dem Porstbusch – dem einzigen Baum der Wüste. Ein einzelner Auerhahn, von einem umherschleichenden Fuchs aufgescheucht, kreist ein kleines Stückchen weiter, fällt aber gleich wieder und verschwindet in dem dichten Heidekraut. An menschliche Bewohner wird man nur erinnert, wenn ein Hütejunge, umgeben von ein paar mißratenen Schafen, auf seiner Groschenflöte pfeift. Nicht immer waren diese Hügel so öde und nackt. In alter Zeit waren sie dicht bewachsen mit Tannen und Birken, und die Moore waren Seen, bestreut mit zahlreichen Schwärmen allermöglicher Schwimmvögel. Damals lag ungefähr dort, wo jetzt Revl liegt, auf einer Landspitze oder Sandbank im See eine stolze Herrenburg. Ein üppiger Apfelbaumgarten und davor zwei Reihen hoher Tannen umgaben die Burg und verbargen sie vollständig nach der Landseite; erst wenn man über den letzten Hügel kam, erschienen die weißen Schornsteine zwischen den Wipfeln der Tannen. Nach der Seeseite zu, gegen Süden, stand die Burg frei, und vom jenseitigen Ufer sah es aus, als erhöbe sie sich aus dem Wasser. Ihre Bauweise war wie die aller andern Schlösser aus jener Zeit ungestrichenes Eichenfachwerk mit Feldern dunkelroter Ziegelsteine, zwei Stockwerken, das eine über das andre hinausgebaut mit hervorragenden, behauenen Balkenköpfen, vielen langen und schmalen Fenstern mit ganz kleinen Scheiben und Bleieinfassungen. An allen vier Ecken runde, ausgebaute Türme mit Gucklöchern und gerade vor dem Hause ein größerer, dessen Plattform über die Schornsteine hinausragte und mit acht Steinriesen geschmückt war. Zwei solche verteidigten mit erhobenen Holzsäbeln die hohe, gewölbte Holztür. Hinter dem Burghof, zwischen diesem und den Wirtschaftsgebäuden lief ein tiefer breiter Graben, teilweise mit Rohr bestanden, und darüber führte eine Zugbrücke. An jeder Seite der Brücke standen viereckige Steinpfeiler und oben darauf bemerkte man liegende Löwen. Vor den Wirtschaftsgebäuden und dem Garten war ein ebensolcher Graben mit Brücke, als äußerste Befestigung der Burg. Vor vielen Jahren wohnte hier der wohlgeborene und mannhafte Ritter Henrik Sandberg, verheiratet mit der wohlgeborenen und tugendhaften Jungfrau Mette Daae. Ihre Ehe war mit einer einzigen Tochter gesegnet, namens Else, und sie wohlversorgt zu sehen, war der höchste Wunsch der Eltern. Mütter pflegen in solchem Falle nicht nur zu wünschen, sondern auch zu handeln. Frau Mette war nicht untätiger als andre Mütter, sondern hatte ebenso geschickte wie ehrbare Verhandlungen mit dem tapferen und guten Mann, Herrn Mogens Munk auf Ansberg, eingeleitet, so daß der Tag zur Verlobung seines Sohnes Junker Jens mit Jungfrau Else bereits bestimmt war. Er war auch schon gekommen und so gut wie schon vorbei: das verlobte Paar stand vor dem Geistlichen, wie er, geschmückt mit mächtigen Halskrausen, ihre Eltern, die Verwandten und Bekannten in einem Halbkreise hinter ihm. Der Junker sah fest und keck auf die Schulter des Geistlichen und die Jungfrau schüchtern und bescheiden auf ihre Füße hinab. Er begann zu sprechen, seine Stimme war männlich und voll; unwillkürlich verglich die Jungfrau sie mit der dicken, geschwätzigen und nach der Mode der Zeit lispelnden Sprache ihres Bräutigams. Rasch und verstohlen erhob sie ihre Augen zu dem Munde, aus dem diese wohlklingenden Töne kamen, und ein andrer Vergleich begann zwischen dem jugendlich-schönen Antlitz dieses wohlehrwürdigen Mannes und dem Milchgesicht des Junkers; über einer hohen, weißen und glatten Stirn teilte sich das dunkelbraune Haar und fiel in natürlichen Locken auf die Halskrause. Schwarze Brauen wölbten sich über braunen, feurigen Augen. Zwischen der schmalen Unterlippe und der keck aufgeworfenen Oberlippe glänzten Perlenreihen weißer Zähne, und darunter bewegte sich im Eifer der Rede ein zierlicher Spitzbart. Ebenso rasch senkten sich die langen Augenwimpern des Mädchens über die dunkelblauen, mattglänzenden Sterne des errötenden Gesichts. Herr Sören war gezwungen, die niedliche Braut anzusehen; aber je öfter er hinsah, desto verwirrter wurde er, und das erhöhte seine Verwirrung noch mehr. Um es kurz zu machen: gerade als der Geistliche angefangen hatte, etwas zu salbadern, um Zeit zu finden, den verlorenen Faden der Rede wieder aufzunehmen, erbleichte die Jungfrau und begann zu wanken. »Ihr wird schlecht!« rief er, und damit sank sie tatsächlich in die Arme der hinzueilenden Mutter. Ob diese Ohnmacht aus Angst über die Verlegenheit des Geistlichen oder aus Mitleid mit ihm entstanden war, ob sie verstellt war, um ihn zu retten oder sich selbst von der Verbindung mit dem Junker zu befreien, darüber waren die Meinungen geteilt, obgleich sie vielleicht eher hätten einig sein sollen. Wie dem auch sei, es wurde jetzt nichts aus der Trauung, und, da sich Fräulein Else nie gesund genug fühlte, auch später nicht. Hiermit war Junker Jens durchaus nicht zufrieden, besonders da er eine dunkle Ahnung von der Ursache zur Entrückung des Ziels seiner Wünsche hatte. Einige Zeit darauf geschah es, daß er und der Pastor in Viborg an einem öffentlichen Orte zusammentrafen, wo auch andere Adlige und Offiziere zugegen waren. Erhitzt von Wein und heimlichem Ärger begann der Junker auf den Pastor und auf die merkwürdige Einflechtung in seiner Rede zu sticheln. Der ließ ihn lange mit Kälte und ziemlicher Sanftmut abfallen; das machte den Gegner nur dreister und gröber. »Herr Junker«, sagte jener schließlich aufgebracht, »Ihr verlaßt Euch auf den Rock, den ich trage und der, wie Ihr wohl wißt, mich hindert, Euch Anstand zu lehren.« »Ihr verlaßt Euch selbst auf Euren Rock!« versetzte der Junker, »weil er Euch das Recht gibt, ein Poltron zu sein!« »Dem läßt sich abhelfen!« rief der Pastor, indem er den Rock auszog, »da liegt der Geistliche und hier steht der Mann; habt Ihr noch Lust, so kommt nur an, Junker Jens! Ist hier niemand unter den guten Freunden, der mir seinen Degen leihen will?« Ein Offizier gab ihm den seinen und bot sich an, Sekundant zu sein; ein anderer trat auf die Seite des Junkers, und alle vier ritten auf die Heide südlich vor der Stadt hinaus. Herr Sören hatte in seiner Studentenzeit mit dem Degen seinen Mann gestanden und mehrere Male an deutschen Universitäten dreisten Burschen mores gelehrt; er war auch dem Junker gegenüber auf dem Platz. Dieser wurde, je länger, je mehr, durch die Kälte und das sichere Parieren des Gegners erregt. Er machte einen vergeblichen Ausfall nach dem andern; sein Degen glitt immer wieder an dem bereiten Feind vorbei, in dessen Gewalt er sich dauernd befand, der ihn aber edelmütig schonte. Da vereinte er all seine Kunst und Kraft in drei rasch aufeinander folgenden Doppelfinten, deren Ergebnis war, daß er selbst seine Brust in den Degen des Gegenparts rannte. Sein Fall machte dem Zweikampf ein Ende. Die Wunde erschien den Sekundanten so bedenklich, daß sie dem Pastor rieten, sich auf sein Pferd zu setzen und zu fliehen. Das tat er, erreichte binnen einer Stunde sein Haus, raffte in aller Eile sein Geld und die notwendigsten Kleider zusammen und warf sich auf ein anderes, ebenso schnelles Pferd. Bedrückt von Furcht, Reue und Ungewißheit wandte er sich nach Süden. Sein Weg führte an Revl vorbei. Die Sonne war im Begriff unterzugehen, und die hohen Tannen verbreiteten bereits über Hof und Garten Dämmerung. Im Schatten wandelte langsam mit geneigtem Haupt die schöne Maid. Die gefalteten Hände hielten einen Strauß bunter Feldblumen, und wer sie so sah, konnte leicht vermuten, daß sie an einen geliebten Freund dächte, und daß der Ritter, der ihr entgegentrabte, dieser Freund wäre; denn sobald sie ihn erblickte, ließ sie die Blumen aus den Händen fallen und bog tiefer in die Allee ein. »Lebt wohl, edle Jungfrau!« sagte er, ohne sein Pferd anzuhalten, »vergebt, so wird Euch vergeben werden.« Mit der Rechten drückte er den Hut tiefer und stob in sausendem Galopp davon. Verwundert, verwirrt und fast betäubt stierte sie ihm nach, und die Dunkelheit brach ein, ehe sie zum Schloß zurückkehrte. Schnell traf die Schreckensbotschaft ein, daß der Pastor ihren Bräutigam erstochen hatte. Daß die Jungfrau ein unverhohlenes Entsetzen und danach eine ebenso unverhohlene Trauer zeigte, war sehr natürlich; aber der wahre Grund zu diesen Gemütserregungen war für alle ein Geheimnis, mit Ausnahme des trauernden Mädchens selbst. Da jedoch die Eltern dachten, die Trauer gelte Junker Jens, mußten sie diese nicht allein billigen, sondern auch ihre hartnäckige Weigerung, eine andere Verbindung einzugehen. So verrannen ein paar Jahre, in deren Verlauf Frau Mette das Zeitliche segnete, gerade als sie im Begriff stand, die Hand der Tochter zum zweitenmal zu vergeben. Dadurch behielt Jungfrau Else ihre Freiheit; denn der Vater auferlegte niemals einem Menschen einen Zwang, wenn er selbst nur ungestört fischen und jagen konnte. Aber leider blieb beides ihm versagt: die Kriegsdrommete rief ihn aus seiner ländlichen Ruhe und Freude zum Kampf gegen Schwedens Krieger. Er mußte seine liebe Tochter als Oberbefehlshaber des Schlosses zurücklassen, nachdem er ihr vergebens vorgeschlagen hatte, sich zu ihrem alten Onkel, Herrn Tyge auf Kaersholm, zu begeben. In Wahrheit ahnte niemand die unglückliche Wendung, die der Krieg nehmen sollte; denn noch nie hatte der alte Herrensitz der Sandberg einen bewaffneten Schweden gesehen. Zwei Monate nach dem Auszuge des Ritters kamen zwei Diener mit seinem Degen und seiner Standarte heim; beide waren mit schwarzem Flor umwunden und verkündeten den ehrlichen Tod des tapferen dänischen Mannes im unglücklichen Kampfe gegen Dänemarks siegreiche Feinde. Diese waren über die Grenzen des Landes gedrungen und kamen mit jedem Tage näher. Schließlich wehte die erste feindliche Fahne über der Grater Heide, und ein Ritterhaufen zog in blinkenden Rüstungen auf Revl ein. Der Anführer war ein bejahrter Mann von rauhem und wildem Äußeren, dessen erster Blick alle auf dem Hof in Schrecken versetzte, nur nicht dessen jungfräuliche Herrscherin. Mit ruhiger Würde ging sie dem Geharnischten entgegen, entbot ihm und seinen Leuten alles, was das Haus an Speise und Trank vermochte und erbat sich eine Sauvegarde. »Die sollt Ihr haben, mein schönes Fräulein!« versetzte er, »wenn Ihr gut einschenken wollt! Laßt uns erst den Weinkeller besehn!« Gesagt, getan: er besuchte die Weinfässer den ersten wie alle andern Tage, so daß er mit Hilfe seiner Ritter nach Verlauf eines Monats das letzte geleert hatte. Und damit waren auch seine Höflichkeit und seine gute Laune vorbei. Die Sauvegarde mußte jeden Tag mit barem Gelde bezahlt werden. Glücklicherweise dauerte es nicht lange, bis er mitsamt seiner feuchten Sauvegarde den Hof verließ, nachdem er noch Fräulein Elses Kasse recht ernstlich zugesprochen hatte. Kaum war er draußen, als ein Reitergeschwader einzog, geführt von einem jungen, schönen und artigen Adligen. Die Jungfrau ging ihm wie dem vorigen entgegen und brachte ihre Bitten vor. »Dessen bedarf es nicht, meine schöne Dame!« sagte er, »ich sehe ja, daß der Hof bereits eine himmlische Sauvegarde hat.« Sie bedauerte errötend, daß der Vorgänger im Weinkeller reinen Tisch gemacht hatte. »Schadet nichts«, versetzte der galante Krieger, »anstatt um Wein, bitte ich nur um einige Tropfen Nektar.« Aus dieser Einleitung ersieht man schon, wie es die arme Else Sandberg mit ihm getroffen hatte. Doch hielt sie ihn durch ihre kühle Haltung und ihren ernsten Widerstand in den Schranken der Sittlichkeit. Vielleicht hätte der gefährliche Feind zuletzt dennoch gesiegt, wenn er nicht gerade zu rechter Zeit Marschorder erhalten hätte. Darauf kam ein Pole, der sich nichts weiter aus Wein und Küssen machte, aber dafür ein desto größerer Liebhaber der Sache an sich war. Er konnte kein dänisch und auf deutsch nur drei Worte: Geld, Gold, Silber. Die aber wandte er so oft und so nachdrücklich an, daß Jungfrau Else nach wenigen Tagen den Boden ihres Geldschreins sehen konnte. Außerdem hatte er die Angewohnheit, nach jeder Mahlzeit Löffel, Messer, Gabel und Becher an sich zu nehmen. Eines Tages lief die Nachricht ein, daß die Brandenburger in der Nähe seien, und nun fing ein ordentliches Plündern an. Was sich an Gold, Silber und brokatenen Kleidern fand, wurde in eine eisenbeschlagene Kiste gepackt und diese auf einen Wagen gesetzt, der den fortreitenden Polen nachgefahren werden sollte. Kaum hatte er den Hügel östlich des Hofs und des Sees erreicht, als die Brandenburger den westlichen Hügel herunterkamen. Die Bedeckung, die sah, daß sie bald eingeholt werden und die Kiste damit den Feinden in die Hände fallen würde, hob sie vom Wagen und ließ sie den steilen Abhang hinabrollen. Klirrend wälzte sie sich um ihre eigene Achse und grade in den See hinein, der hier sehr tief war. Da liegt sie noch heute, doch nicht mehr von Wasser bedeckt, sondern von Torferde und Heidekraut. Häufig brennt Licht darauf und oft ist nach ihr gegraben worden, doch vergebens; niemand kann die richtige Stelle finden. Denn wenn man sich nähert, verschwindet das Licht, das sich immer nur in geraumem Abstande zeigt. Verzagt und beinah von Sinnen von so vielen Plünderungen und Anfechtungen trat Fräulein Else dem brandenburgischen Offizier mit diesen Worten entgegen: »Lieber Herr! Ihr kommt hier in ein leeres Haus. Speise und Trank, Geld und Geldeswert ist alles Euren Vorgängern zur Beute gefallen. Nur einen Notpfennig und einige Kleinodien meiner seligen Eltern habe ich geborgen; aber ich will Euch gleich zeigen, wo es steht, damit Ihr damit nach Eurem Willen verfahren könnt.« Diese Worte sowie ihre Schönheit machten einen so heftigen Eindruck auf den barschen Krieger, daß er lange nicht zu antworten vermochte. »Fürchtet Euch nicht, edle Jungfrau!« sagte er mit schwacher und fast zitternder Stimme. »Ich komme ja als Freund«, setzte er mit einem besonders zärtlichen langen Blick hinzu, der so sonderbar auf sie wirkte, daß sie erbleichte und ihn plötzlich verließ. Erst nach drei Tagen erhielt er Erlaubnis sie wieder zu sehn – eine Erlaubnis, die darauf jeden Tag erneuert und auf den ganzen Tag ausgedehnt wurde. Um die Geschichte zu Ende zu bringen, können wir berichten, daß sie drei Wochen darauf Mann und Frau waren, und sechs Wochen später, als nun der Friede geschlossen war, fuhren beide miteinander nach Deutschland, und man hat seitdem nie wieder ein Wort von ihnen gehört. Einige Zeit nach ihrer Abreise fand man auf einer Fensterscheibe im Zimmer des Offiziers diese Worte eingeritzt: ›Sören Madsen Lihme, ehemals Pastor in Torning, jetzt Rittmeister in kurbrandenburgischen Diensten.‹ Der Pfarrer von Vejlby Eine Kriminalgeschichte (Aus dem Tagebuch des Hardesvogts Erik Sörensen, nebst zwei Aufzeichnungen des Pastors von Aalsö) A. Erik Sörensens Tagebuch. In Jesu Namen! So bin ich Unwürdiger nun nach Gottes gnädigem Ratschluß und meines gnädigen Herrn Maßnahme zum Hardesvogt und Richter über dieses Volk berufen. Der Richter der großen Welt gebe mir Weisheit, Gerechtigkeit und Segen, mein schweres Amt so zu verwalten! »Eines Jeglichen Gericht kommt vom Herrn.« Sprüche 29, 26. * Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Da ich nun imstande bin, eine Frau zu ernähren, müßte ich mich wohl nach einer Hilfe umsehen. Die Tochter des Pastors von Vejlby hat einen guten Ruf bei all denen, die sie kennen. Sie hat seit dem Tode ihrer seligen Mutter mit viel Verstand und Sparsamkeit das Haus geführt. Und da außer ihr und dem Studenten keine Kinder sind, kann sie ein gutes Stück Geld erwarten, wenn der Alte einmal dahingeht. * Morten Bruus aus Ingvorstrup war heute hier und wollte mir ein fettes Kalb schenken; aber ich erinnerte mich Moses Wort: »Verflucht sei der, der Geschenke nimmt.« – Er ist ein Mensch, der Lust zu Rechtshändeln hat, ein großer Schacher und ein großer Prahler; ich will nichts mit ihm zu schaffen haben, ausgenommen, wenn ich zu Gericht sitze. * Ich bin nun mit Gott im Himmel und sodann mit meinem eigenen Herzen zu Rate gegangen; und will es mich klärlich bedünken, daß Jungfrau Mette Quist der einzige Mensch ist, mit dem ich leben und sterben möchte. Doch will ich in aller Stille noch einige Zeit auf sie achtgeben. Schönheit ist trügerisch und Anmut ein vergänglich Ding. Sonst ist es gewißlich und wahr, sie ist das schönste Weibsbild, das ich mein Lebtag gesehen habe. * Der Morten Bruus ist mir eine recht widerliche Person – ich weiß kaum selbst warum, doch wenn ich ihn sehe, kommt mir etwas wie ein böser Traum in den Sinn, aber so dunkel und undeutlich, daß ich nicht einmal sagen kann, ob ich jemals von ihm geträumt habe. Kann auch sein, es ist so etwas wie eine Ahnung. Er kam gestern hierher, um mir ein Paar Mohrenkopper anzubieten – herrliche Tiere, und für einen Spottpreis! Aber gerade das fiel mir auf: ich weiß, er hat sie für 70 Taler zusammengebracht, und besprungen sind sie unter Brüdern 100 Taler wert. Ist das nicht auch eine gewisse Bestechung? Er hat sicher wieder einen Prozeß vor – ich will seine Mohrenkopper nicht haben. * Heute war ich zu Besuch beim Pastor in Vejlby. Er ist wohl ein gottesfürchtiger und braver Mann, aber gebieterisch und auffahrend. Er duldet keinen Widerspruch, und ein Pfennigfuchser dazu ist er. Es war gerade ein Bauer bei ihm und wollte Nachlaß auf seinen Zehnten haben. Der Mann ist ein Spitzbube; denn seine Abgabe kann nicht zu hoch sein. Aber Herr Sören redete ihn an, daß kein Hund ein Stück Brot von ihm nehmen würde. Und je mehr er schalt, desto heftiger wurde er selbst. Na, mein Gott! Jeder Mensch hat seine Fehler. Er meint doch nichts Böses damit; denn gleich darauf befahl er seiner Tochter, dem Mann ein Butterbrot und ein Glas gutes Bier zu geben. – Sie ist ein gar artiges und schönes Mädchen. Sie grüßte mich so freundlich und ehrbar, daß mein Herz ganz bewegt wurde, und ich nicht im Stande war, ein Wort zu ihr zu sagen. Mein Großknecht hat drei Jahre dort gedient; ich will ihn doch vorsichtig ausforschen, wie sie gegen die Leute ist, und was er sonst vielleicht von ihr wissen mag. Vom Gesinde bekommt man oft die sichersten Nachrichten. * Potztausend! Rasmus, der Großknecht, erzählt mir, daß dieser Morten Bruus einmal vor nicht so langer Zeit auf dem Vejlbyer Pfarrhof angehalten, aber Abschlag bekommen hat. Der Pastor hätte es schon ganz gern gemocht; denn der Mann ist reich. Aber die Tochter wollte auf keinen Fall. Herr Sören soll ihr wohl anfangs schwer zugeredet haben; aber als er dann sah, es war ihr so sehr zuwider, behielt sie doch ihren Willen. Aus Hochmut war es nicht – sagt Rasmus; denn sie ist ebenso demütig wie gut; und sie gibt sehr wohl zu, daß ihr eigener Vater ebenso von Bauern stammt wie der Bruus. – * Nun weiß ich, wozu die Ingvorstruper Mohrenkopper hier in Rasmus dienen sollten: sie sollten den Richter vom geraden Wege der Gerechtigkeit abziehen. Ole Andersens Torfmoos und Weide – die Birne war schon den ganzen Apfel wert. Nein, nein, mein guter Morten! Du kennst nicht Erik Sörensen. »Du sollst mit nichten beugen der Armen Recht.« * Herr Sörensen aus Vejlby war heute vormittag hier auf einen kurzen Besuch. Er hat einen neuen Kutscher, Niels Bruus, Bruder des Mannes auf Ingvorstrup. Selbiger ist offenbar faul und naseweis und hochfahrend dazu. Der Pastor wollte ihn bestraft und ins Loch gesetzt haben, hat aber nicht die erforderlichen Zeugen. Ich riet ihm, er solle sehen, den Kerl loszuwerden und sich mit ihm bis zum Ziehtag durchzuschleppen. Zuerst antwortete er mir etwas unwirsch; aber als er meine Gründe hörte, gab er mir Recht, ja bedankte sich sogar für meine guten Ratschläge. Er ist ein heftiger Mann, aber nicht schwer zur Vernunft zu bringen, wenn er Zeit findet sich zu beruhigen. So schieden wir als gute Freunde. Von Jungfer Mette wurde kein Wort gesprochen. * Ich habe einen sehr angenehmen Tag auf dem Vejlbyer Pfarrhof verbracht. Herr Sören war nicht zu Hause, als ich kam; aber Jungfer Mette empfing mich sehr freundlich. Sie saß und spann, als ich in die Tür trat; und es kam mir vor, als würde sie ganz rot im Gesicht. Es dauerte hübsch lange, bis ich etwas zu sprechen fand. Wenn ich zu Gericht sitze, weiß ich immer, was ich sagen soll; und wenn ich einen Spitzbuben im Verhör habe, suche ich nicht lange nach Quästionen. Aber vor diesem frommen, unschuldigen Kind stand ich so schuldbewußt da wie ein Hühnerdieb. Schließlich kam ich darauf, mit ihr über Ole Andersens Prozeß zu sprechen, um sein Torfmoor und seine Wiese. Aber ich weiß nicht, wie es kam, daß der Diskurs von der Wiese zu Blumen überging. Und so gab ein Wort das andre, von Rosen und Veilchen und Tausendschön, bis sie mich in den Garten nahm, damit ich ihren Blumenflor besehe. So verging die Zeit, bis Herr Sören nach Hause kam; und da ging sie in die Küche und kam nicht eher wieder, als bis sie das Abendessen hereinbrachte. Gerade als sie in die Tür tritt, sagt der Pastor zu mir: »Das wäre wohl auch nicht zu früh, wenn Ihr jetzt auch daran dächtet, in den heiligen Ehestand zu treten.« (Wir hatten uns nämlich über die prächtige Hochzeit unterhalten, die kürzlich auf Högholm gefeiert worden war.) Da wurde Jungfer Mette wieder so rot wie Blut. Ihr Vater lächelte und sagte: »Man kann dir ansehen, meine Tochter, daß du am Herd gestanden hast.« Ich werde die Mahnung des braven Mannes beherzigen; und es wird nicht lange dauern, daß ich in Gottes Namen zu ihm gehen und anhalten werde. Denn ich betrachte die Worte des Vaters als einen verblümten Wink, daß er mich gern zum Schwiegersohn haben möchte. Und die Tochter – warum wurde sie wohl so rot? Ich darf das wohl als ein gutes Zeichen nehmen? * Nun behält also der arme Mann sein Torfmoor und seine Wiese; aber der reiche ist mir gewißlich sehr gram geworden. Bevor das Urteil verlesen wurde, sah er so recht höhnisch zu dem armen Ole Andersen hin. Bei den Worten: »daher wird Rechtens erkannt« sah er sich nach allen Seiten um und grinste so hinterhältig, als ob er seines Sieges ganz gewiß wäre. Und das war er sicher auch; denn ich weiß, er hat verlauten lassen, es wäre ja töricht, der Bettler dächte daran, von ihm zu gewinnen. Das geschah aber trotzdem. Als er das Urteil vernommen hatte, kniff er Augen und Lippen zusammen und wurde im Gesicht so weiß wie die Wand. Aber er bezwang sich und sagte, als er hinausging, zu seinem Widersacher: »Glück zu mit dem Handel, Ole Andersen! Die Torfpfütze wird mich nicht arm machen. Die Invorstruper Ochsen bekommen noch das Heu, das sie fressen können.« Ich hörte ihn draußen lachen und, während er fortritt, einen Knall nach dem andern mit seiner Peitsche geben, so daß es im Walde widerhallte. Es ist doch schwer, Richter zu sein. Bei jedem Erkenntnis, das man abgibt, kann man auf einen Feind mehr rechnen. Ach ja, wenn wir dennoch das Gewissen als Freund behalten könnten! »Ertrage Kummer um des Gewissens willen!« * Der gestrige Tag ist der froheste meines Lebens gewesen; da wurde das Jawort auf dem Vejlbyer Pfarrhof gefeiert. Mein künftiger Schwiegervater sprach über die Worte: »Ich habe meine Magd dir beigelegt.« 1tes Buch Mose 16, 5. Er legte es recht beweglich aus, wie er mir nun seinen liebsten Schatz hier auf Erden übergeben wolle, und daß ich vor allem gut zu ihr sein müsse. (Das will ich, so wahr mir Gott helfe!) Ich hätte nicht geglaubt, daß der ernste, ja fast barsche Mann so weich hätte sein können: die Tränen standen ihm zuletzt in den Augen und seine Lippen bebten, wie wenn einer sich das Weinen verbeißen will. Meine Braut weinte wie ein Kind, namentlich als er von ihrer seligen Mutter zu sprechen begann. Und als er dann die Worte sprach: »Vater und Mutter werden dich verlassen; aber Gott wird bei dir bleiben«, da brach auch ich in Weinen aus – ich dachte an meine eigenen lieben Eltern, die Gott schon seit langem zu sich in die ewigen Behausungen genommen hat, und der doch später so gnädig für mich armes Kind gesorgt hat. Als die Verlobung vorüber war, erhielt ich von meiner süßen Braut den allerersten Kuß. Gott erfreue ihre Seele! Sie liebt mich über die Maßen. Bei Tisch ging es sehr lustig zu. Es waren viele Verwandte der seligen Frau eingeladen, von seiner Seite niemand; denn es sind nur wenige und sehr entfernte und wohnen ganz oben bei Skagen. Es wurde weder an Wein noch an Essen gespart, und nach Tisch wurde tüchtig getanzt, fast bis in den hellen Tag. Der Pastor von Lyngby, der von Aalsö und der von Hyllested waren auch zugegen; dieser wurde so schwer, daß er zu Bett gebracht werden mußte. Mein künftiger Schwiegervater trank auch gewaltig; aber es war ihm gar nicht anzumerken; denn er ist stark wie ein Riese und könnte gut alle Pastoren der Harde unter den Tisch trinken. Ich merkte wohl, daß er auch sein Vergnügen gehabt hätte, wenn es sich bei mir etwas gedreht hätte; aber ich nahm mich in acht – außerdem bin ich auch gar kein Liebhaber starker Getränke. In sechs Wochen soll unsre Hochzeit sein. Gott gebe dazu seinen reichen Segen! * Es ist recht übel, daß mein künftiger Schwiegervater diesen Niels Bruus in seinem Brot haben muß! Er ist ein störrischer Bursche, ein würdiger Bruder zu dem Ingvorstruper. Er sollte seinen Lohn haben und dann die Tür zugeschlagen! Viel besser, als sich die Finger mit solch einem Esel zu beschmieren. – Aber der gute Pastor ist so heftig und eigensinnig; und zwei harte Steine mahlen nicht gut. Er will absolut, daß Niels seinen Dienst abdienen soll; und das wird ja doch nur ein täglicher Ärger. Vor einigen Tagen gab er ihm eine Maulschelle, worauf der Kerl drohte, die würde er noch heimgezahlt bekommen. Aber das war alles unter vier Augen. Ich habe ihn zu mir bestellt und ihn ermahnt und ihm gedroht. Er hat mir so gut wie gar nicht geantwortet – er ist böse. Auch meine Braut hat ihren Vater gebeten, ihn zu entlassen; aber davon wollte er nichts hören. Ich weiß nicht, was werden soll, wenn sie nun zu mir zieht – denn sie erspart dem Alten viel Verdruß und weiß so gut alles auszugleichen. Sie wird mir gewiß eine liebe Hausfrau werden, ›ein Weinstock rings um mein Haus.‹ * Schlecht ist es gegangen, und das war gut: nun ist Niels selbst davongelaufen. Mein lieber Schwiegervater ist so zornig wie ein Deutscher; aber ich freue mich im Stillen darüber, daß er so den schlechten Menschen losgeworden ist. Wahrscheinlich wird der Bruus bei passender Gelegenheit sehen, sich zu revanchieren; aber wir haben ja Recht und Gesetz im Lande, und das Recht tut uns allen genüge. Der Pastor hatte Niels aufgegeben, im Garten draußen etwas umzugraben. Als er hinauskommt und nach ihm sehen will, steht er ganz behaglich da und ruht sich auf seinem Spaten aus und knackt Nüsse, die er da gepflückt hat; aber getan hat er nichts. Der Pastor beginnt ihn auszuschelten, der antwortet kurz, daß er nicht als Gärtner angestellt sei. Worauf er ein Paar Maulschellen bekommt, und darauf wirft er den Spaten fort und schimpft gröblichst zurück. Der Alte geht nun hoch, nimmt den Spaten und versetzt ihm damit ein paar Schläge – das hätte er nicht tun sollen; denn ein Spaten ist eine üble Waffe zum Schlagen, vor allem in Wut und für einen handfesten Mann. Der Schelm läßt sich erst fallen, als wäre er tot; aber als der Pastor Angst bekommt und ihn aufrichtet, springt er selbst über den Zaun und damit in den Wald hinein. So hat mein Schwiegervater selbst mir diese unbehagliche Geschichte erzählt. Meine Braut ist jedoch darüber so beunruhigt: sie fürchtet, er wird sich auf eine oder die andre Weise rächen, dem Vieh Schaden tun, ja vielleicht den Hof anzünden. Mit Gottes Hilfe, das hat keine Not. Nur noch drei Wochen, dann werde ich meine süße Braut als Frau in mein Haus führen. Sie ist bereits hier gewesen und hat alles in Augenschein genommen, draußen wie drinnen. Sie war sehr zufrieden und rühmte unsre Ordnung und Sauberkeit. Das einzige, was sie bedauerte, war, daß sie ihren Vater verlassen sollte; und sicherlich wird er sie vermissen. Doch will ich tun, was ich kann, um ihm seinen Verlust zu ersetzen; ich will mit ihm tauschen und er soll meine eigene gute Muhme Gertrud dafür bekommen. Sie ist eine tüchtige Frau im Hause und für ihr Alter noch recht rüstig. Meine Braut ist ein richtiger Engel; das sagen auch alle Menschen – ich werde sicher ein glückseliger Mann – Gott allein sei die Ehre! * Seltsam genug, wo der Bursche sich versteckt hat! Oder ob er außer Landes gegangen sein sollte? Auf alle Fälle ist es eine ärgerliche Geschichte: es wird allerhand unter den Leuten gemurmelt. Verdächtigungen, nehme ich an, die ihren Ursprung in Ingvorstrup haben. Indessen wäre es schlimm, wenn es meinem Schwiegervater zu Ohren kommen sollte. Hätte er doch lieber meinen Rat befolgt! Der Zorn eines Menschen richtet nichts aus, was für Gott gut ist. Aber ich bin nur ein Laie und darf mich nicht erdreisten, einen Diener am Worte Gottes zurechtzuweisen, wenn er dazu so viel älter ist als ich. Nun, ich will hoffen, daß das Gerede von selbst verschwindet. Morgen komme ich nach Vejlby und werde dort vernehmen, ob er etwas von dem Geschwätz gehört hat. Das neue Armband, das ich vom Goldschmied bekommen habe, ist sehr schön und wird wohl meine herzensliebe Mette erfreuen. Wenn es ihr nur passen wird; denn das Maß wurde so heimlich und in aller Eile mit einem Grashalm genommen. Muhme wird mit dem Bett Ehre einlegen; die Fransen sind besonders schön. * Mein lieber Schwiegervater war ganz niedergeschlagen und üblen Muts – ich habe ihn früher nie so gesehen. Dienstfertige Geister haben ihm leider das dumme Gerücht hinterbracht, das nun ein allgemeines Gerede unter den Leuten der Gegend hier ist. Der Bruus hat geäußert, der Pastor müsse seinen Bruder zur Stelle schaffen, und wenn er ihn aus der Erde graben sollte. Kann sein, er hält sich auf Ingvorstrup verborgen – fort ist er, und niemand hat seitdem etwas von ihm gehört oder gesehen. Meine arme Braut grämt sich allzu sehr; sie wird von Ahnungen und schweren Träumen geplagt. * Gott sehe in Gnade auf uns alle! Ich bin so benommen von Schreck und Betrübnis, daß ich kaum imstande bin, die Feder zu führen. Wohl an hundert Mal ist sie mir aus der Hand gefallen. Mein Herz ist so bedrückt und meine Gedanken so voller Zweifel, daß ich fast nicht weiß, wo ich beginnen soll. Alles scheint mir ganz plötzlich gekommen zu sein, wie ein Donnerschlag. Die Zeit ist für mich aus den Fugen; Abend und Morgen ist eins, der ganze greuliche Tag ein rasches Aufblitzen, das das stolze Haus meiner Wünsche und Hoffnungen bis auf den Grund niedergebrannt hat. Ein ehrwürdiger Mann, der Vater meiner Braut, in Haft und Banden! Und zwar als Mörder und Missetäter! Nur die eine Hoffnung habe ich übrig, daß er doch unschuldig ist. Aber leider! Das ist nur ein Strohhalm für den Schiffbrüchigen. Ein schwerer Verdacht ruht auf ihm – und daß ich, ich Elender, sein Richter sein soll! Und die Tochter, seine Tochter, meine anverlobte Braut! Herr, mein Erlöser! Erbarme dich unser! – Ich vermag nicht weiter. * Gestern den unglücklichen Tag – ungefähr eine, halbe Stunde, ehe die Sonne aufging – kam Morten Bruus hier auf den Hof und hatte mit sich Häusler Jens Larsen aus Vejlby sowie die Witwe des Hirten und deren Tochter ibidem. Morten Bruus sagte mir, er habe den Pastor von Vejlby stark im Verdacht, seinen Bruder erschlagen zu haben. Ich erwiderte ihm, daß ich wohl dasselbe Gerede gehört, aber für eine dumme und boshafte Erfindung angesehen habe, da der Pastor mir selbst versichert habe, der Knecht sei davongelaufen. »Wenn dem so wäre«, sagte er, »daß Niels hätte ausreißen wollen, wäre er zuerst zu mir gekommen und hätte es mich wissen lassen. Aber daß es sich ganz anders verhält, das können diese guten Leute bezeugen, und deshalb bitte ich, daß Ihr sie amtlich vernehmt.« »Bedenkt Euch wohl!« sage ich, »bedenkt Euch wohl, mein lieber Bruus! und ebenso ihr andern guten Leute, ehe ihr einen ehrlichen und unbescholtenen Geistlichen und Seelsorger beschuldigt! Könnt Ihr nichts beweisen, was ich höchlichst bezweifle, kann es Euch teuer zu stehen kommen!« »Pastor oder nicht Pastor«, rief der Bruus, »es steht geschrieben: Du sollst nicht töten! Es steht auch geschrieben: Die Obrigkeit trägt das Schwert nicht umsonst. Wir haben doch Recht und Gesetz im Lande, und ein Mörder kann seiner Strafe nicht entgehen, und wenn er den Stiftsamtmann zum Schwiegersohn hätte.« Ich tat, als merkte ich die Spitze nicht, und sagte: »Wohlan! Es geschehe, wie Ihr wollt! Was wißt Ihr, Kirsten Madstochter, von dieser Sache, deren Morten Bruus Euren Pastor beschuldigt? Sagt nun die reine Wahrheit, so wie Ihr sie vor dem Richterstuhl des Allwissenden vertreten könnt und die Ihr nachher mit dem Eid des Gesetzes bekräftigen werdet!« Und gab sie da folgende Erklärung: Den Tag, an dem es hieß, Niels Bruus sei vom Pfarrhof entlaufen, war sie etwas über Mittag mit ihrer Tochter Else am Garten des Pastors vorbeigegangen. Als sie ungefähr mitten vor der Steineinfassung sind, die östlich um ihn herumläuft, hören sie jemand Else rufen. Es war Niels Bruus, der hinter der Haselnußhecke stand und nun die Zweige etwas zur Seite beugte und Else fragte, ob sie ein paar Nüsse haben wolle. Sie ließ sich eine Handvoll geben und fragte, was er da mache. Er erwiderte, der Pastor habe ihm zu graben befohlen, aber mit dieser Arbeit habe er es nicht so genau genommen, er pflücke lieber Nüsse. In diesem Augenblick hörten sie, wie eine Tür drinnen im Hause aufgemacht wurde, und Niels sagte: "Paßt auf! Jetzt kriegen wir eine Schimpfpredigt!" Gleich darauf hatten sie gehört – sehen konnten sie es nicht: denn die Einfassung war zu hoch und die Hecke zu dicht – wie sie sich stritten, und blieb der eine nicht dem andern das Wort schuldig. Zum Schluß hatten sie den Pastor rufen hören: »Ich schlage dich, du Hund, daß du tot vor mir liegst!« worauf es zwei oder dreimal klatschte, als ob jemand Maulschellen bekam. Dann hatte Niels den Pastor einen Henkersknecht und einen Spitzbuben gescholten. Darauf hatte der Pastor gar nicht geantwortet. Dagegen aber hörten sie zwei dumpfe Schläge und sahen gleichzeitig, wie das Blatt eines Spatens und ein Stück Schaft zweimal über der Hecke geschwungen wurde; aber wer den Spaten geschwungen hatte, konnten sie wegen der Höhe und Dichtigkeit der Hecke nicht sehen. Dann wurde alles still im Garten; aber sie (die Hirtenwitwe und ihre Tochter) wurden ängstlich und sonderbaren Muts und gingen dann auf das Feld zu dem Vieh. Dieselbe Erklärung wie die Mutter gab auch die Tochter ab. Ich fragte sie, ob sie nicht Niels Bruus hätten aus dem Garten kommen sehen, was sie beide verneinten, obwohl sie sich mehrmals umgesehen hätten. All dies stimmt vollständig mit dem Bericht des Pastors an mich überein; und daß sie den Knecht nicht hatten aus dem Garten kommen sehen, war ganz wahrscheinlich, da er auf der Südseite ebenso nahe zum Walde hatte, wohin er, wie der Pastor sagte, seinen Weg genommen hatte. Ich erklärte nun Morten Bruus, daß das abgegebene Zeugnis nichts für den angeblichen Mord beweise, um so weniger, als der Pastor mir freiwillig die ganze Sache so erzählt habe, wie die Frauen sie jetzt angegeben hätten. Hierzu lächelte er bitter und bat mich nur, auch den dritten Zeugen zu verhören, was ich nun auch tat. Jens Larsen erklärte, daß er eines Abends sehr spät (aber so weit er sich erinnerte, war es nicht derselbe Abend, nachdem Niels Bruus entlaufen war, sondern der nächste) von Tolstrup heimgegangen sei und den gewöhnlichen Fußweg östlich vom Pastorgarten genommen habe. Darin hatte er das Geräusch von einem, der grub, gehört. Im ersten Augenblick war er wohl etwas ängstlich geworden; aber da es heller Mondschein war, wollte er doch einmal nachsehn, wer das war, der im Garten etwas um diese Zeit zu tun habe. Er zog seine Holzschuh aus, kletterte auf die Einzäunung und machte sich mit den Händen ein kleines Guckloch in die Hecke. Hier sah er nun den Pastor in seinem täglichen Schlafrock und mit seiner weißen baumwollenen Nachtmütze auf dem Kopfe stehen und die Erde mit einem Spaten glattmachen; aber etwas andres hatte er nicht gesehen. Da der Pastor sich in diesem Augenblick plötzlich umdrehte, als hätte er jemanden bemerkt, war der Zeuge ängstlich geworden, hatte sich eilig von der Einzäunung heruntergleiten lassen und war ebenso eilig davongelaufen. Obgleich es mir allerdings auffallend war, was der Pastor so spät im Garten vornehmen konnte, fand ich doch noch nichts Besonderes dabei, das den Verdacht des imputierten Mordes wecken konnte, was ich auch dem Kläger mit der ernsten Vermahnung sagte, er solle nicht allein die Beschuldigung zurücknehmen, sondern auch öffentlich das umlaufende Gerücht für unbegründet erklären und gleichzeitig sich jeden Anteils daran enthalten. Darauf antwortete er: »Nicht, bevor ich gesehen habe, was der Pastor in seinem Garten vergraben hat.« »Da«, erwiderte ich, »dürfte es zu spät sein, und Ihr setzt da Eure Ehre und Euer Wohlergehen auf ein gefährliches Spiel.« »Das bin ich meinem Bruder schuldig«, versetzte er, »und ich erwarte von unsrer gesetzlichen Obrigkeit, daß sie mir nicht die Hilfe und den Beistand des Rechts versagt.« Diese Aufforderung war ich gezwungen zu befolgen. Ich ging also, zusammen mit dem Kläger und den Zeugen, nach Vejlby sehr bekümmerten Gemütes, weniger aus Furcht, den genannten Flüchtling im Garten zu finden, als aus Besorgnis über den Schreck und den Ärger, der dem Pastor und meiner Braut dadurch verursacht werden würde. Unterwegs dachte ich nur daran, wie ich den Verleumder die volle Strenge des Gesetzes fühlen lassen würde. Ach, du mein lieber Himmel! Es stand mir die grausamste Entdeckung bevor. Zuerst hatte ich den Pastor beiseite nehmen und ihm damit Zeit geben wollen, sich zu fassen und Herr seiner selbst zu werden; aber Morten Bruus kam mir zuvor. Denn als ich in den Hof fuhr, jagte er auf seinem Pferd an mir vorbei und gerade auf die Tür zu, und als der Pastor sie öffnete, rief er: »Die Leute sagen, Ihr habt meinen Bruder erschlagen und ihn in Eurem Garten vergraben; ich komme hier mit dem Hardesvogt, um nach ihm zu suchen!« Der Pastor wurde durch diese Anrede so verblüfft, daß er nicht ein Wort zu sagen vermochte, bis ich vom Wagen sprang und zu ihm sagte: »Ihr hört also die Beschuldigung, und zwar ohne Umschweife. Ich bin von Amts wegen genötigt, das Ansinnen dieses Mannes zu erfüllen, und erfordert es nun Eure eigene Ehre, daß die Wahrheit an den Tag kommt und der Verleumdung der Mund gestopft wird.« »Das ist aber hart«, sagte er nun, »daß ein Mann meines Standes gezwungen werden soll, eine so grauenhafte Beschuldigung von sich abzuwälzen. Doch kommt nur! Mein Garten und mein ganzes Haus stehen Euch offen!« Wir gingen nun durch das Wohnhaus und in den Garten. Da begegnete uns meine Braut, sie wurde erschrocken, als sie den Bruus sah. Ich flüsterte ihr hastig zu: »Sei nur ruhig, mein Herz! Geh hinein und ängstige dich nicht! Euer Feind geht seinem eigenen Verderben entgegen!« Morten Bruus ging nun voran nach der Ostseite des Gartens bis an die Dornhecke, wir andern hinterdrein zusammen mit den Leuten des Pastors, die er selbst beordert hatte, mit Spaten und Hacken mitzukommen. Der Kläger blieb stehen und sah sich um, bis wir ihn erreicht hatten. Dann wies er auf eine Stelle und sagte: »Das sieht so aus, als wäre hier vor kurzem gegraben worden; hier müssen wir suchen.« »Grabt!« rief der Pastor zornig. Die Leute gruben und der Bruus, der meinte, daß es nicht rasch genug gehe, riß einem den Spaten fort und arbeitete voller Eifer. Als sie ein paar Spatenstiche tief gekommen waren, war der Grund so fest, daß man deutlich sah, hier war vor kurzem nicht gegraben worden – vielleicht seit vielen Jahren nicht. Wir freuten uns alle – bis auf einen – und der Pastor am allermeisten; er begann bereits über seinen Ankläger zu triumphieren und sagte spottend zu ihm: »Habt Ihr etwas gefunden, Ihr Ehrabschneider?« Der antwortete ihm nicht; nachdem er sich aber einen Augenblick bedacht hatte, rief er: »Jens Larsen! Wo habt Ihr den Pastor stehen und graben sehen?« Jens Larsen hatte bisher, während gegraben wurde, mit gefalteten Händen dagestanden und der Arbeit zugesehen. Bei der Anrede des Bruus wachte er auf wie aus einem Traum, sah sich etwas um und zeigte dann auf einen Winkel, etwa drei, vier Faden von der Stelle, an der wir standen. »Da glaube ich, ist es gewesen!« sagte er. »Was sagst du, Jens?« rief der Pastor zornig, »wann habe ich gegraben?« Ohne hierauf Acht zu geben, rief Morten Bruus die Leute in den angegebenen Winkel. Hier lagen ein paar verwelkte Kohlstrünke, Zweige und andres Zeug, das er erst aus dem Wege räumte. Das Graben fing wieder an. Ich stand ganz ruhig und höchst zufrieden da und sprach mit dem Pastor über die Sache und die Strafe, die der Kläger sich zugezogen habe, als einer der Knechte rief: »Jesus! Gott behüte!« Wir sahen dahin – ein Hutkopf war zum Vorschein gekommen. »Hier finden wir schon, nach dem wir suchen!« schrie Bruus, »das ist Nielsens Hut; ich kenne ihn.« Da war es mir, als würde all mein Blut zu Eis; meine ganze Hoffnung war plötzlich zu Boden geschlagen. »Grabt! Grabt!« rief der fürchterliche Bluträcher, indem er sich selbst aus allen Leibeskräften anstrengte. Ich sah auf den Pastor: er war wie eine Leiche, aber seine Augen waren weit aufgerissen und unverwandt auf die schreckensvolle Stelle gerichtet. Wieder ein Schrei: eine Hand streckte sich gleichsam den Grabenden aus der Erde entgegen. »Seht!« rief Bruus, »er greift nach mir. Ja, warte nur, Bruder Niels! Du sollst deine Rache bekommen!« Bald war die ganze Leiche ausgegraben – es war wirklich der Vermißte. Sein Gesicht war nicht mehr ganz zu erkennen, da es in Verwesung überzugehen begonnen hatte und das Nasenbein außerdem zerschlagen und plattgedrückt war; aber seine ganzen Kleider, bis auf das Hemd mit seinem eingenähten Namen, wurden sofort von all den andern Knechten erkannt; sogar ein Bleiring im linken Ohr wurde von allen Umstehenden als Niels Bruuses wiedererkannt, den er seit ein paar Jahren ständig getragen hatte. »Na, Pastor!« rief Morten Bruus, »kommt und legt die Hand auf den Toten, wenn Ihr es wagt!« »Allmächtiger Gott!« seufzte der Pastor und schlug seine Augen nach oben. »Du bist mein Zeuge, daß ich unschuldig bin; geschlagen habe ich ihn, aber doch nicht mehr, als daß er davonlaufen konnte. Geschlagen habe ich ihn; das muß ich nun bitter bereuen. Doch wer ihn begraben hat, das weiß der Allwissende.« »Jens Larsen weiß es auch!« rief der Bruus, »und vielleicht gibt es noch mehr. – Herr Hardesvogt! Ihr werdet wohl auch sein Gesinde verhören; aber zunächst erwarte ich, daß Ihr diesen Wolf im Schafspelz in sicheren Gewahrsam setzt.« Ach, du gerechter Gott! Nun durfte ich nicht länger zweifeln; die Sache war allzu offenkundig. Aber ich war dicht daran, vor Schreck und Abscheu in die Erde zu sinken. Ich wollte gerade dem Pastor sagen, er müsse sich darauf vorbereiten, ins Gefängnis zu gehen, als er selbst mich ansprach – er war bleich und zitterte wie Espenlaub. »Der Schein ist gegen mich;« sagte er, »denn das ist ein Werk des Teufels und seiner Engel! Doch lebt noch einer, der meine Unschuld an den Tag bringen wird – kommt, Herr Hardesvogt! In Fesseln, und Banden will ich darauf warten, was er über mich armen Sünder beschlossen hat. Tröstet meine Tochter! Und denkt daran, sie ist Eure Braut!« Kaum hatte er das gesagt, als ich einen Schrei und einen Fall hinter mir vernahm – es war meine Braut; sie lag dort ohnmächtig an der Erde – Gott gebe, wir hätten beide dagelegen und wären nie mehr erwacht! Ich hob sie auf und nahm sie in meine Arme – ich dachte, sie sei tot; aber der Vater entriß sie mir und trug sie hinein; und gleichzeitig wurde ich wieder zu dem Erschlagenen gerufen, um eine Wunde an seinem Kopf zu besichtigen, die allerdings nicht tief war, aber die Schädeldecke zerbrochen hatte und sichtlich mit einem Spaten oder einem derartigen stumpfen Gerät beigebracht worden war. Darauf gingen wir alle ins Haus. Meine Braut war nun wieder zu sich gekommen. Sie flog mir an den Hals und beschwor mich bei Gott und allem, was mir heilig sei, doch ihren Vater aus dieser großen Not zu erretten, und bat mich dann um unsrer Liebe willen, daß sie ihn ins Gefängnis begleiten dürfe, was ich ihr auch zugestand. Ich folgte ihnen auch bis Grenaa; aber der Herr weiß, wie mir zu Mute war. Keiner von uns sprach ein Wort auf dieser traurigen Reise. Ich trennte mich von ihnen mit einem zerbrochenen Herzen. Die Leiche ist in einen Sarg gelegt, den Jens Larsen bei sich selbst stehen hatte, und morgen wird sie auf dem Vejlbyer Kirchhof ehrlich begraben. Morgen wird das erste Gerichtsverhör abgehalten. Gott stärke mich elenden Menschen! * Gott gebe, daß ich niemals diesen traurigen Posten erhalten hätte, dem ich Tor so eifrig nachstrebte! Es ist ein schweres Amt, Richter zu sein – könnte ich doch mit einem der Kerkerknechte tauschen! Als dieser Diener am Wort mir vor Gericht vorgestellt wurde, von Hand bis Fuß gefesselt, da dachte ich an unsern Herrn, wie er vor Pilati Gericht gestellt wurde. Und es war mir wie lebendig, daß meine Braut – Gott bessere es, sie liegt krank in Grenaa – daß sie zu mir flüsterte: "Befasse dich nicht mit diesem Gerechten!" Ja, Gott gebe, er wäre es! Aber ich entdecke noch nicht die entfernteste Möglichkeit. Die drei ersten Zeugen bekräftigten mit erhobenem Finger ihre ganze Aussage im Verhör, und zwar Wort für Wort; es wurde nichts zurückgenommen und nichts hinzugesetzt. Und auftraten außerdem drei neue Zeugen: die beiden Knechte des Pastors und das Mädchen vom Hof. Die beiden ersten hatten an jenem Tage, als der Mord geschah, in der Gesindestube gesessen und, da das Fenster offen stand, hatten sie deutlich den Pastor und den Ermordeten heftig miteinander schelten hören, und daß der erste gesagt hatte – wie auch die Hirtenwitwe und ihre Tochter angegeben – »ich schlage dich, du Hund, daß du tot vor mir liegst.« Außerdem hatten sie den Pastor zweimal Niels Bruus drohen und herausfordern hören. Sie gaben weiter an, daß der Pastor, wenn er zornig wurde, oft genug mit dem ersten besten, was ihm in die Hände fiel, zuschlug, und daß er so einmal seinen vorigen Knecht mit einer Keule geschlagen habe. Das Mädchen erklärte, daß sie in derselben Nacht, in der Jens Larsen den Pastor im Garten gesehen hatte, wach lag und nicht schlafen konnte, und sie hatte die Tür vom Gange in den Garten knirschen hören, und als sie aufstand und hinaussah, sah sie den Pastor in Schlafrock und Nachtmütze in den Garten gehen. – Was er da tat, hatte sie nicht gesehen; aber eine Stunde darauf ungefähr hörte sie wieder das Geräusch von der Gartentür. Nachdem die Zeugen vernommen waren und ich den unglücklichen Mann befragte, ob er die Tat eingestehen wolle oder was er andernfalls zu seiner Verteidigung zu sagen habe, faltete er seine Hände über der Brust und sagte: »So wahr mir Gott und sein heiliges Wort helfe! Ich will die Wahrheit sprechen. Ich bin mir selbst nichts andrem bewußt, als was ich bereits zuvor bekannt habe. Ich habe den Verstorbenen mit dem Spaten geschlagen, doch nicht mehr, als daß er danach mir aus dem Garten entlaufen konnte; was ihm später zugestoßen oder wie er in meinen Garten zu liegen gekommen ist – das weiß ich nicht. Wenn Jens Larsen und das Mädchen bekunden, daß sie mich nachts in meinem Garten gesehen haben, so lügen sie das entweder oder auch es ist ein Blendwerk der Hölle. Ich elender Mensch habe niemanden zu meiner Verteidigung hier auf Erden, das fühle ich deutlich. Will Er im Himmel schweigen, dann muß ich mich unter seinen unerforschlichen Willen beugen.« Hierauf ließ er sein Haupt und seine Hände sinken und stieß einen tiefen Seufzer aus. Viele der Anwesenden konnten sich nicht des Weinens enthalten. Es entstand ein leises Gemurmel, daß er vielleicht doch unschuldig sei; aber das war ja nur eine Wirkung der Gemütsbewegung und des Mitleids. Auch mein Herz hätte ihn gern freigesprochen; aber das Gefühl darf ja nicht über den Verstand des Richters gebieten; weder Mitleid noch Haß, weder Gunst noch Groll sollen das kleinste Quäntchen in der Schale der Gerechtigkeit wiegen. Meiner Überzeugung nach kann ich nicht anders als folgendermaßen schließen: Der Angeklagte hat Niels Bruus erschlagen, doch kaum mit Vorsatz und Überlegung; wohl weiß ich, daß er die Angewohnheit hatte, die zu bedrohen, auf die er zornig war, daß er es ihnen noch an dem Tage gedenken werde, an dem sie am wenigsten daran dächten; aber es ist mir nicht bekannt, daß er jemandem gegenüber seine Drohungen wahrgemacht hätte. Nun will ein jeder Mensch, wenn es geht, ja gern sein Leben erhalten und seine Ehre retten, und deshalb bleibt er bei seinem Leugnen, solange er vermag. Morten Bruus – das ist ein harter Kerl, böse von Anbeginn und schlimmer noch aus Ingrimm über den Mord des Bruders – fing an von Geräten zu sprechen, die einen verstockten Sünder zum Bekennen zwingen könnten; aber da sei Gott vor, daß ich gegen einen solchen Mann die Folter zu Hilfe nehmen sollte. Und was ist sie wohl anderes als ein Prüfstein für körperliche und geistige Stärke und Schwäche? Der, der die Tortur auszuhalten vermag, und der, der ihr unterliegt – lügen können sie beide. Ein erzwungenes Bekenntnis kann niemals verläßliche Wahrheit sein. Nein, eher würde ich meinen Richterstuhl verlassen und mein saures Amt niederlegen. Ach, meine gute fromme Braut! Sie ist nun für mich verloren, was diese Welt anlangt. Ich habe sie doch so innig geliebt. * Ich habe einen harten Schlag auszustehen gehabt. Als ich noch die schreckliche Sache überdachte, in der zu urteilen mir bevorsteht, springt die Tür auf und die Tochter des Pastors – ich darf sie wohl kaum noch Braut nennen, die vielleicht niemals meine Gattin werden wird – sie stürzt mit aufgelöstem Haar herein, wirft sich mir zu Füßen und umfaßt meine Knie. Ich hob sie in meine Arme auf und wir weinten beide eine gute Weile, bis einer von uns zu Wort kommen konnte. Ich wurde zuerst Herr meiner großen Trübsal und sagte: »Ich weiß, was Ihr wollt, mein Herz! Ich soll Euren Vater befreien. Ja, Gott helfe uns armen Menschen! Ich kann doch nicht. Sagt mir selbst, Herzenskind, glaubt Ihr, daß Euer Vater unschuldig ist?« Sie legte die Hand auf ihre Brust und sagte: »Ich weiß es nicht!« und darauf begann sie wieder ganz bitterlich zu weinen. »Begraben«, sagte sie nun wieder, »hat er ihn doch kaum; aber daß der Knecht im Walde an den Schlägen gestorben ist, die er bekam, das kann schon sein, Gott helfe es!« »Meine Liebe!« sagte ich, »Jens Larsen und das Mädchen haben ihn doch die Nacht auf dem Wege gesehen.« Sie schüttelte langsam den Kopf und versetzte: »Der Böse kann ihre Augen verblendet haben.« »Da sei unser Herr Jesus vor«, sagte ich, »daß er eine solche Macht über Christenmenschen haben könnte!« Nun weinte sie wieder. »Sagt mir aufrichtig«, begann sie nach einer Pause, »sagt mir offen heraus, mein Bräutigam! Wenn Gott keine andre Erleuchtung in dieser Sache schickt, welches Urteil werdet Ihr fällen?« Sie sah mich ängstlich an und ihre Lippen zitterten. »Wenn ich nicht wüßte«, erwiderte ich, »daß ein jeder andere härter sein würde als ich, dann würde ich meinen Platz verlassen, ja mit Freuden mein Amt niederlegen. Das aber darf ich nun nicht verhehlen, da Ihr mich danach fragt: das mildeste Urteil, das Gott und der König verhängt haben, ist doch Leben um Leben.« Jetzt sank sie in die Knie, erhob sich jedoch gleich wieder, wich einige Schritte von mir zurück und rief wie verwirrt: »Wollt Ihr denn meinen Vater morden? Wollt Ihr denn Eure Braut morden? – Seht Ihr den hier?« – sie trat wieder vor und hielt die Hand mit dem Ring mir unter die Augen – »Seht Ihr diesen Verlobungsring? Was sagte mein unglücklicher Vater damals, als Ihr ihn mir an den Finger stecktet? Ich habe meine Magd dir beigelegt! Aber Ihr, Ihr durchbohrt mich!« Ach Gott, jedes Wort, das sie sagte, durchbohrte mich. »Süßestes Kind,« seufzte ich, »sprecht nicht so! Ihr peinigt mein Herz mit glühenden Zangen. Was wollt Ihr, soll ich tun? Den freisprechen, den Gottes und der Menschen Gesetz verdammt?« Sie schwieg und sah zum Himmel. »Eins will ich tun«, fuhr ich fort, »ist es Unrecht, dann rechne Gott mir die Sünde nicht an! Hört nun, liebstes Kind! Geht die Sache hier zu Ende, dann ist sein Leben verloren; ich sehe keine andre Rettung als Flucht. Könnt Ihr hierfür etwas ausfinden, dann will ich meine Augen schließen und schweigen. Seht, ich habe gleich, als Euer Vater verhaftet wurde, an Euren Bruder in Kopenhagen geschrieben und wir können ihn nun jeden Tag erwarten. Sprecht mit ihm und versucht, den Schließer zum Freunde zu gewinnen! Habt Ihr nicht Geld genug, so verfügt über alles, was ich besitze!« Als ich dies gesagt hatte, wurde ihr ganzes Gesicht flammend rot vor Freude; sie fiel mir um den Hals und rief: »Gott lohne Euch diesen Rat! Hätten wir nur meinen Bruder, dann wäre uns geholfen.« »Aber wohin sollen wir?« sagte sie wieder und ließ mich los, »und wenn wir eine Freistatt in fremden Landen finden, dann sehe ich Euch niemals wieder.« Dies sagte sie so kläglich, daß mein Herz zu brechen drohte. »Allerliebste mein!« rief ich, »ich werde Euch finden, wie weit Ihr auch fahrt, und sollten Eure Mittel zu Eurem Unterhalt nicht ausreichen, werden diese meine Hände für uns alle arbeiten; ich habe in meiner Jugend die Axt und den Hobel zu führen gelernt.« Da wurde sie abermals so seelensfroh und küßte mich unzählige Mal. Wir beteten beide von ganzem Herzen zu Gott, daß er doch unser Vorhaben gelingen lassen möge, und so schied sie von mir in freudiger Hoffnung. Auch ich begann das beste zu hoffen. Aber kaum war sie fort, als tausend Zweifel mein Gemüt erfüllten, und all die Schwierigkeiten, die mir vorher überwindbar erschienen, kamen mir nun wie ungeheure Berge vor, die meine schwache Hand niemals zu verrücken vermögen würde. Nein, nein, aus diesem Dunkel und dieser Nacht des Elends kennt nur Er den einzigen Weg, vor dem die schwarze Nacht licht wie der Tag ist! * Wieder zwei neue Zeugen! Sie führen kaum etwas Gutes im Schilde. Denn der Bruus kündigte sie mit einer Miene an, die mir nicht behagte – er hat auch ein Herz wie Kieselstein und dazu voller Gift und Galle. Morgen erscheinen sie vor Gericht; mir ist zu Mute, als wäre ich selbst es, gegen den sie zeugen sollen. – Gott stärke mich! * Es ist vorbei – er hat alles bekannt. Das Gericht tagte und der Gefangene wurde vorgeführt, um die Aussagen der neuen Zeugen zu hören. Sie erklärten, daß sie in der oft erwähnten Nacht den Weg entlang gegangen seien, der quer zwischen dem Wald und dem Garten des Pastors hindurchführt. Da war ein Mensch aus dem Walde mit einem Sack auf der Schulter gekommen und damit ein Stück an ihnen vorbei nach dem Garten gewandert; sein Gesicht konnten sie nicht erkennen, da es durch den Sack verborgen war. Aber als der Mond auf seinen Rücken schien, hatten sie deutlich gesehen, daß er einen langen grünen Rock (seinen Schlafrock nämlich) und eine weiße Nachtmütze trug; die genannte Person verschwand am Gartenzaun. Kaum hatte der erste dieses Zeugnis abgelegt, als der Pastor im Gesicht wie Asche wurde und er konnte knapp mit schwacher Stimme die Worte vorbringen: »Mir wird übel.« Man gab ihm einen Stuhl. Da sagte der Bruus zu den Umstehenden: »Das hat dem Gedächtnis des Pastors aufgeholfen.« Der hörte das nicht, sondern winkte mir und sagte: »Laßt mich in mein Gefängnis zurückführen! Da will ich mit Euch reden.« Es geschah, wie er verlangte. Wir machten uns nach Grenaa auf; der Pastor fuhr mit dem Schließer und dem Stadtknecht, und ich ritt. Als die Gefängnistür geöffnet wurde, stand meine Braut da und machte ihres Vaters Bett; auf einem Stuhl am Kopfende hing der unselige grüne Schlafrock. Meine Braut stieß einen Freudenschrei aus, als sie mich kommen sah; sie glaubte, der Vater sei freigesprochen und ich würde ihn nun selbst aus dem Gefängnis führen. Sie warf, was sie in den Händen hielt, beiseite und hängte sich um seinen Hals. Der alte Mann weinte, so daß die eine Träne nicht die andre erwarten konnte. Er wagte ihr nicht zu sagen, was nun vor Gericht geschehen war, sondern gab ihr einige Aufträge in der Stadt, sie sollte allerhand einkaufen. Bevor sie ging, lief sie zu mir, drückte meine Hand an ihre Brust und flüsterte: »Gute Botschaft?« Um meinen Schmerz und meine Verwirrung zu verbergen, küßte ich sie auf die Stirn und sagte: »Liebe! Später sollt Ihr hören, was vorgefallen ist – weiß noch nicht, ob es von Belang ist – aber holt uns nun, was Euer Vater verlangt.« Sie ging. Ach, ach, welche jämmerliche Veränderung gegen früher, da dieses unschuldige Kind sorglos und froh in der heiteren Pastorswohnung lebte, und nun hier in diesem düsteren Gefängnis mit Sorge und Schmerz, ja mit eitel Angst und Beben. »Setzt Euch, Lieber!« sagte er und setzte sich selbst auf den Bettrand. Er faltete seine Hände im Schoß und stierte lange zu Boden in tiefen Gedanken. Endlich richtete er sich auf und heftete seine Augen auf mich; ich wartete in ängstlichem Schweigen, als ob ich mein eigenes Urteil vernehmen sollte – ja, in gewisser Weise sollte ich das auch. »Ich bin ein großer Sünder!« nahm er das Wort, »wie groß, das weiß Gott; ich selbst weiß es nicht. Er will mich hier strafen, daß ich droben Gnade und Seligkeit erhalten kann. Ihm sei dafür Preis und Ehre!« Nun schien er mehr Ruhe und Stärke zu gewinnen und fuhr fort wie folgt: »Seit meiner Jugend, solange ich mich entsinnen kann, bin ich immer streitsüchtig gewesen, jähzornig und stolz, konnte keinen Widerspruch dulden, sondern war stets bereit, mit dem Schwert zuzuschlagen. Doch habe ich selten die Sonne über meinem Zorn untergehen lassen, auch niemals Haß gegen irgendeinen Menschen genährt. Bereits als halbwüchsiger Junge beging ich in der Hitze eine Tat, die mich oft innig gereut hat und mich noch jedesmal schmerzt, wenn ich daran denke: unser Hofhund, ein frommes Tier, der niemals einem Tier ein Haar krümmte, hatte mein Vesper genommen, das ich auf einen Stuhl von mir gelegt hatte. In meiner Wut trat ich mit meinem Holzschuh so nach dem Hund, daß er unter jämmerlichen Schreien und Qualen starb. Das war nur ein unmündiges Tier, aber doch ein Anzeichen dafür, daß ich mich an Menschen vergreifen würde. »Da ich als Student ins Ausland reiste, ließ ich mich in einen unnötigen Handel mit einem Bursch in Leipzig ein, forderte ihn und stach ihn so gefährlich in die Brust, daß er mit aller Not gerettet werden konnte. Bereits hierfür hätte ich verdient, was ich nun so spät erleiden muß; aber die Strafe fällt nun auch mit zehnfachem Gewicht auf mein sündiges Haupt – ein alter Mann – Geistlicher, Sendbote des Friedens – und Vater! Ach Gott, ach Gott! Da ist die Wunde am tiefsten – –« Er sprang auf und rang seine Hände, so daß es in allen Gelenken knackte. Ich wollte ihm etwas zum Troste sagen, fand aber nichts. Als er sich ein wenig gefaßt hatte, setzte er sich wieder und fuhr fort: »Euch gegenüber, einst mein Freund und nun mein Richter, will ich nun eine Schuld bekennen, die ich ohne jeden Zweifel begangen habe, deren ich mir jedoch nicht vollkommen bewußt bin.« (Ich stutzte und wußte nicht, wo er hinaus wollte, oder ob er mit gutem Bewußtsein sprach; denn ich hatte mich nun auf ein reines und rückhaltloses Geständnis gefaßt gemacht.) »Versteht mich recht und beachtet meine Rede! Daß ich den unglücklichen Knecht mit dem Spaten geschlagen habe, das weiß ich und habe ich offen eingestanden – ob es mit der Fläche oder mit der Schneide war, konnte ich in meiner starken Erbitterung nicht wahrnehmen – daß er dann fiel und fortlief – seht, das ist alles, was ich mit wahrer Gewißheit weiß. Das Übrige – Gott helfe es! – haben ja vier Zeugen gesehen, nämlich, daß ich die Leiche geholt und begraben habe; und das dem wirklich so sein muß, bin ich genötigt zu glauben. Hört meine Gründe: Drei- oder viermal früher in meinem Leben ist es mir widerfahren, daß ich im Schlafe gewandelt bin. Das letztemal – es kann jetzt neun oder zehn Jahre her sein – sollte ich den nächsten Tag einem Manne die Leichenpredigt halten, der auf plötzliche und elende Weise umgekommen war. Ich war verlegen um einen Text, als mir die Worte eines Weisen bei den alten Griechen einfielen: »Preise keinen glücklich, bevor er gestorben ist!« Die Sentenz eines Heiden zum Text einer christlichen Rede zu nehmen, wäre nicht gegangen; aber es war mir so, als ob derselbe Gedanke mit ungefähr denselben Worten sich irgendwo in der Heiligen Schrift fände. Ich suchte und suchte und konnte die Stelle nicht finden. Es war spät, ich war von andrer Arbeit sehr ermüdet, kleidete mich deshalb aus, ging zu Bett und schlief ein. Als ich am Morgen erwache und mich an den Schreibtisch setze, um einen andern Text zu wählen und einen Entwurf der Rede niederzuschreiben, sehe ich zu meinem großen Erstaunen vor mir auf dem Tisch mit großen Buchstaben auf einem Blatt Papier geschrieben: »Preise keinen glücklich, ehe sein Ende gekommen! Sirach, das 11te Kapitel, 34ter Vers.« Aber nicht allein das, auch eine Leichenpredigt, kurz, doch so gut ausgearbeitet wie nur je, – und alles das von meiner eigenen Hand. Im Zimmer war kein Mensch gewesen; denn vor die Tür hatte ich von innen einen Riegel geschoben, da das Schloß ausgeleiert war und von selbst aufspringen konnte, wenn es stürmisch war. Durch das Fenster hatte ebensowenig jemand kommen können; denn es war Winter und der Rahmen am Rand festgefroren. Nun wußte ich, wer die Predigt geschrieben hatte, niemand anders als ich selbst. Damals war es erst ein halbes Jahr her gewesen, daß ich in einem solchen sonderbaren Zustande des Nachts in die Kirche gegangen war und ein Taschentuch geholt hatte, von dem ich mich am Abend entsann, daß ich es bestimmt auf meinem Stuhl hinter dem Altar hatte liegen lassen. Seht Ihr nun, Lieber, als die beiden Zeugen heute vor Gericht Ihre Erklärung abgaben, kam mir plötzlich das mit dem Schlafwandeln in den Sinn, und zugleich entsann ich mich, daß ich an dem Morgen, nachdem die Leiche vergraben worden war, mich darüber gewundert hatte, meinen Schlafrock am Boden bei der Tür liegen zu sehen, da ich ihn doch immer jeden Abend auf einen Stuhl vor mein Bett legte, was mir bis zu diesem Augenblick wieder entfallen war. Das unglückliche Opfer meines unbeherrschten Zorns muß also im Walde tot umgefallen sein und ich muß das in meinem träumenden Zustande gesehen und es dort gesucht haben. Ja, Gott sei mir gnädig, das ist – das muß so sein.« Nun schwieg er, hielt die Hände vor die Augen und weinte bitterlich. Aber ich war äußerst erstaunt und voller Zweifel. Ich hatte immer geglaubt, daß der Ermordete auf der Stelle gestorben und dort begraben worden sei, wo er fiel, obgleich es mir sonderbar vorkam, daß der Pastor am Tage diese Arbeit getan haben sollte, ohne daß es jemand gemerkt, und daß er Geistesgegenwart genug dazu gehabt hätte. Doch – dachte ich nun wieder – die Not hat ihn gezwungen; er hat nur in aller Eile die Leiche oberflächlich bedeckt und sie dann in der Nacht tiefer vergraben. Nun sagen die beiden letzten Zeugen, daß sie ihn einen Sack aus dem Walde hätte tragen sehen; das war mir sogleich höchst auffallend, und flüchtig entstand bei mir der Gedanke, ob nicht dieses Zeugnis in Widerspruch mit den vorigen stehen könnte und damit die Unschuld des Mannes sich aufzuklären begänne. Ach leider, nun stimmt das ganze nur allzu gut, und seine Schuld ist außer jedem Zweifel. Nur die besondere Wendung, die er der Sache gibt, verwundert mich. Daß er die ganze Tat begangen hat, ist sicher; doch ob die letzte und unwesentlichste Hälfte in wachem oder träumendem Zustande ausgeführt ist, das ist das einzige Ungewisse. Die Aussage des Pastors von A bis Z, sein ganzes Auftreten trägt den Stempel der Wahrheit; ja um ihretwillen gibt er bereitwillig sein Leben auf; aber vielleicht kämpft er jetzt darum, etwas von der Ehre zu bewahren? Oder – vielleicht ist er auch hierin der Wahrheit treu? Eine solche Nachtwandlerei ist nicht ohne Exempel, ebensowenig, daß ein Mensch so lange mit einer tötlichen Wunde herumgehen kann. Er ging wiederum einige Male rasch auf und nieder; dann stand er vor mir still und sagte: »Ihr habt nun hier innerhalb der Gefängnismauern mein Bekenntnis angenommen. Ich weiß, daß Euer Mund mich verurteilen muß; was sagt aber Euer Herz?« »Mein Herz!« versetzte ich – ich konnte vor Beklemmung kaum sprechen – »Mein Herz leidet unsäglich und würde gern in diesem Augenblick brechen, wenn es Euch dadurch von einem schrecklichen und entehrenden Tode retten könnte –« (ich wagte nicht das letzte Rettungsmittel, die Flucht, zu nennen). »Das könnt Ihr nicht!« fiel er rasch ein, »mein Leben ist verwirkt, mein Tod ist gerecht und ein warnendes Beispiel für alle Nachkommenden. Doch versprecht mir, daß Ihr nicht die Hand von meiner armen Tochter abziehen wollt – ich hatte einmal daran gedacht, sie Euch beizulegen.« (Hier trocknete er die wieder hervorbrechenden Tränen.) »Diese schöne Hoffnung habe ich selbst zerstört; Ihr könnt nicht das Kind eines Missetäters ehelichen; doch versprecht mir, daß Ihr für sie wie ein zweiter Vater sorgen werdet!« In großer Betrübnis und unter vielen Tränen gab ich ihm meine Hand. »Ihr habt wohl unlängst nichts von meinem Sohn gehört?« nahm er wieder das Wort. »Ich möchte auch hoffen, daß er von diesem ganzen Elend nichts erfährt, bis alles vorbei ist – ich könnte es nicht ertragen, ihn zu sehen.« Hier verbarg er sein Gesicht in den Händen, wandte sich um und lehnte seine Stirn gegen die Wand – er schluchzte wie ein Kind. Es währte etwas, bis er imstande war, zu sprechen. »Nun, Lieber!« sagte er dann, »verlaßt mich jetzt und laßt uns einander nicht früher sehen als im Hause der strengen Gerechtigkeit! Und – erweist mir diese letzte Freundschaft! Laßt es bald geschehn – noch morgen! Ich sehne mich nach dem Tode; denn ich hoffe um Jesu willen, er wird mir ein Eingang zu einem besseren Leben als dem jetzigen sein, das mir jetzt nichts andres zu bieten hat, als Qual und Schrecken – geht, mein lieber, mitleidiger Richter! Laßt mich morgen zum Gericht abholen und schickt noch heute nach Herrn Jens in Aalsö! Er soll mich auf den Tod vorbereiten – Gott sei mit Euch!« Er reichte mir seine Hand mit abgewandtem Gesicht; ich taumelte aus dem Gefängnis – ich war wie betäubt, ja annähernd ohne Bewußtsein. Ich hätte vielleicht gleich nach Hause reiten sollen, ohne mit der Tochter zu sprechen, wäre sie nicht selbst dicht vor dem Gefängnis entgegengekommen. Sie mußte das Todesurteil in meinem Gesicht lesen können; denn sie erbleichte und ergriff meine beiden Arme. Sie sah mich an, als sollte sie um ihr Leben betteln; fragen konnte sie nicht oder wagte sie nicht. »Flieht! Flieht! Und rettet Euern Vater!« war das einzige, was ich herauszubringen vermochte. Ich warf mich auf mein Pferd und war hier zu Hause längst, ehe ich es wußte. – Also – morgen! Das Urteil ist gefallen. Er hörte es mit größerer Standhaftigkeit an als der besaß, der es verlas. Alle Anwesenden, ausgenommen sein hartnäckiger Feind, zeigten auch großes Mitleid; einige flüsterten sogar, es sei streng – ja in der Tat streng! Es scheidet einen Menschen vom Leben und drei außerdem vom Lebensglück und Herzensfrieden. Der barmherzige Gott sei mir ein gnädigerer Richter, als ich Sünder es gegen meinen Mitmenschen sein kann! Sie ist hier gewesen – sie fand mich auf dem Krankenbett – es gibt keine Rettung mehr – er will nicht fliehen. Der Schließer war gewonnen; der Fischer, ein Schwesterkind ihrer seligen Mutter, hatte versprochen, sie nach Schweden zu bringen und hielt sein Segelboot bereit; aber der reuige Sünder war nicht zu überreden. Er will sich nicht dem Schwert der Gerechtigkeit entziehen, in der Hoffnung, sich durch seinen und Jesu Tod eine bessere Gerechtigkeit droben zu gewinnen. Sie verließ mich ebenso trostlos, wie sie gekommen war, doch ohne ein einziges unfreundliches Wort. Gott gnade ihr, der Armen! Wie soll sie den fürchterlichen Tag überstehen? Und hier liege ich, krank an Leib und Seele – kann weder trösten noch helfen – der Sohn ist noch nicht da. Leb wohl! – Leb wohl, du meine verlobte Herzensbraut! Leb wohl für diese elende Welt, bis wir uns einmal in einer besseren treffen! Bald vielleicht; denn ich fühle, daß der Tod mich erfaßt – vielleicht gehe ich dorthin vor dem, den hinzuschicken mein grausames Amt mich zwang. »Lebt wohl, mein Herzensfreund!« sagte sie ja, »ich verlasse Euch ohne Groll! Denn Ihr tatet nur Eure strenge Pflicht; doch nun lebewohl! Denn wir sehen uns niemals wieder.« Sie machte das Zeichen des Friedens über mich – Gott schenke mir doch bald den ewigen Frieden! Gott! Wo soll sie hin? Was hat sie vor? Der Bruder ist nicht gekommen – und morgen – auf dem Rabenberg. * (Hier bricht Hardesvogt Erik Sörensens Tagebuch plötzlich ab; doch zur weiteren Aufklärung und Ergänzung dieser ebenso wahrhaftigen wie schrecklichen Begebenheit führt der damalige Nachbarpfarrer von Aalsö seine schriftliche Aufzeichnung an. Sollte übrigens ein Leser die Echtheit dieser Aktenstücke in Zweifel ziehen, darf er doch nicht mit der Einkleidung das Wesentliche der Geschichte verwerfen, die – leider! – nur allzu wahr ist. Die Sage, die sich in der ganzen Gegend noch immer lebendig erhält, fügt weiter hinzu, daß gerade diese tragische Begebenheit Anlaß gab, daß Delinquentsachen künftig vor allen Instanzen verhandelt wurden; Rechtskundige müssen also wohl den Zeitpunkt dafür festsetzen können.) B. Aufzeichnungen des Aalsöer Pfarrers. Im siebzehnten Jahre meiner Amtszeit trug sich hier in der Nachbarschaft die Begebenheit zu, die alle mit Schreck und Entsetzen erfüllte und unserm geistlichen Stand sehr zu Schimpf und Schande geriet, indem der Pfarrer von Vejlby, der gelahrte Herr Sören Quist, im Zorn seinen Knecht erschlug und ihn darauf des Nachts in seinem Garten begrub. Er wurde nach vorhergegangener gerichtlicher Untersuchung dieser grausamen Tat überführt, sowohl durch das Zeugnis vieler, als auch durch sein eigenes Geständnis und deshalb verurteilt, seinen Hals verwirkt zu haben, welches Urteil in Anwesenheit vieler tausend Menschen hier auf dem Aalsöer Felde exekutiert wurde. Der Hingerichtete, dessen Seelsorger ich früher gewesen war, verlangte von mir, ihn im Gefängnis zu besuchen. Und muß ich der Wahrheit gemäß sagen, daß ich die heiligen Sakramente niemals einem bereiteren, reuigeren und vollgläubigeren Christen erteilt habe. Er erkannte selbst mit inniger Reue, daß er in fleischlicher Sicherheit gewandelt hatte und ein Kind des Zorns gewesen war, daher denn Gott ihn der Sünde und Gemütsverhärtung überantwortet, ihn tief gedemütigt und ihn sehr elend gemacht habe, so daß er durch Christo wieder erhoben werden konnte. Er bewahrte seinen Freimut bis zuletzt und hielt auf der Richtstätte an das umstehende Volk eine Rede voller Kraft und Salbung, die er während seiner letzten Tage im Gefängnis ausgearbeitet und auswendig gelernt hatte. Sie handelte über den Zorn und seine schrecklichen Folgen mit beweglicher Anwendung auf ihn selbst und die grausame Tat, wozu der Zorn ihn verleitet und hingerissen hatte. Die Worte des Textes waren aus dem Buch Klagelieder Jeremiae 2. Kap., Vers 6 genommen: »Er hat in seinem Zorn den Priester schänden lassen.« Darauf entkleidete er sich, verband sich selbst die Augen und kniete mit gefalteten Händen nieder, und als ich die Worte gesprochen hatte: »Sei getrost, lieber Bruder! Heute wirst du mit dem Erlöser im Paradiese sein!« fiel sein Kopf vom Schwert des Henkers. Was ihm den Tod bitter machte, war der Gedanke an seine zwei Kinder, von denen das älteste, der Sohn, abwesend war – wie man glaubte, in Kopenhagen, aber, wie wir später erfuhren, in Lund, weshalb er auch erst denselben Abend eintraf, an dessen Morgen der Vater den Sold der Sünde bezahlt hatte. Die Tochter, die, sich selbst und ihrem Bräutigam zur schwereren Herzensnot, kurz vorher dem Hardesvogt anverlobt worden war, nahm ich aus Barmherzigkeit in mein Haus, wohin sie mehr tot als lebendig früh am Morgen gebracht worden war, nachdem sie von ihrem Vater Abschied genommen hatte, den sie mit töchterlicher Zärtlichkeit im Gefängnis gepflegt hatte. Als ich von dem schwersten Gange meines Lebens zurückkam, fand ich sie ziemlich ruhig und damit beschäftigt, die Leichenkleider des Hingerichteten zurechtzumachen; (denn es war gestattet worden, daß er in christlicher Erde, wenn auch in aller Stille, begraben werden durfte). Sie weinte nicht mehr; aber sie sprach auch nicht. Ich schwieg auch; denn was sollte ich zu ihr sagen? Und war ich nicht selbst von dunklen Gedanken bedrückt? Eine Stunde später kam mein Wagen mit der Leiche und kurz darauf eilte ein junger Mann zu Pferde auf den Hof – es war der Sohn. Er warf sich über den entseelten Körper des Vaters und darauf in die Arme der Schwester; beide Geschwister hielten einander lange umschlungen; aber keins von ihnen konnte ein Wort hervorbringen. Am Nachmittag ließ ich ein Grab gerade vor der Vorkirchentür der Aalsöer Kirche aufwerfen; dort wurden in der stillen Mitternachsstunde die irdischen Überreste des früheren Pastors von Vejlby beigesetzt. Ein Sandstein, auf dem ein Kreuz ausgehauen ist und den ich zuerst für mich selbst hatte anfertigen lassen, bedeckt das Grab und erinnert jeden Kirchgänger an den tiefen Sündenfall des Unglücklichen und die Verderbtheit der menschlichen Natur sowie an die einzige Erlösung der Sünde durch das Kreuz Christi. Am nächsten Morgen waren die beiden vaterlosen Geschwister völlig verschwunden und hat seitdem kein Mensch das geringste von ihnen hören oder erfahren können. Gott mag wissen, in welchem Winkel sie sich selbst vor der Welt verborgen haben. Der Hardesvogt kränkelt beständig und man glaubt nicht, daß er am Leben bleibt. Ich selbst bin sehr benommen von Sorge und Kummer und scheint mir der Tod das höchste Gut für uns allesammen sein zu müssen. Gott handele gegen uns nach seiner Weisheit und Barmherzigkeit! * Herr, wie unerforschlich sind deine Wege! Im achtunddreißigsten Jahr meiner Amtszeit und einundzwanzig Jahr, nachdem mein Nachbarpastor, Herr Sören Quist in Vejlby, angeklagt, verurteilt und hingerichtet worden war, wegen Mordes an seinem Knecht, begab es sich, daß ein Bettler hier auf den Pfarrhof kam. Er war ein ältlicher Mann mit grauem Haar und ging an einer Krücke. Niemand vom Gesinde war gerade anwesend, ich ging deshalb selbst in die Küche, um ihm ein Stück Brot zu geben, und fragte ich ihn da, woher er wäre. Er seufzte und antwortete: »Von nirgendher.« Ich fragte darauf nach seinem Namen; er seufzte wieder, sah sich furchtsam um und sagte: »Sie nannten mich Niels Bruus.« Es durchfuhr mich und ich sagte: »Das ist ein häßlicher Name; so hat auch einer geheißen, der hier vor ungefähr zwanzig Jahren totgeschlagen wurde.« Er seufzte noch tiefer und erwiderte: »Es war leider nicht so, daß ich damals gestorben wäre; es ist mir schlecht bekommen, daß ich außer Landes ging.« Die Haare sträubten sich mir auf dem Kopf und ich begann vor Entsetzen zu zittern. Denn nun schien es mir so, als könnte ich ihn deutlich wiedererkennen; und dazu war es mir, als sähe ich den leibhaftigen Morten Bruus vor mir, auf den ich drei Jahre vorher Erde geworfen hatte. Ich schreckte zurück und schlug ein Kreuz vor mich; ich dachte, es wäre ein Gespenst. Aber er setzte sich auf den Herdsitz und sagte: »Herr Gott, ich höre, mein Bruder Morten ist tot. Ich war in Ingvorstrup; aber der neue Mann jagte mich weg – lebt mein alter Herr, der Pastor von Vejlby, noch?« Nun fiel es wie Schuppen von meinen Augen, und ich ahnte sofort den Zusammenhang in der ganzen grausamen Geschichte; aber ich war so benommen, daß mir die Sprache einige Minuten versagte. »Ja«, sagte er nun und biß gierig in das Brot, »das war alles Mortens Schuld – aber ist der Pastor denn in Ungelegenheiten gekommen?« »Niels! Niels!« rief ich in meines Herzens Schreck und Entsetzen, »du hast eine blutige Sünde auf deinem Gewissen. Um deinetwillen hat der unschuldige Mann sein Leben unter der Hand des Henkers lassen müssen.« Das Brot und der Stock entfielen dem Bettler und selbst wäre er beinahe ins Feuer gestürzt. »Gott vergebe dir, Morten!« stöhnte er, »das habe ich nicht gewollt – Gott vergebe mir meine große Sünde! – aber Ihr wollt mich doch wohl nur erschrecken? – Ich bin nun hierher gewandert, gerade von weither, hinter Hamburg, und habe kein Wort davon gehört. Es hat mich auch sonst keiner gekannt außer dem Pastor, und ich habe mich vor keinem andern offenbart; aber als ich durch Vejlby kam, und fragte, ob der Pastor noch lebte, antworteten sie: »ja.« »Das ist der neue«, sagte ich, »aber nicht der, den Ihr und Euer gottloser Bruder ums Leben gebracht habt.« Da begann er die Hände zusammenzuschlagen und zu heulen und sich anzustellen, daß ich wohl merkte, daß er nur ein blindes Werkzeug in der Hand des Teufels gewesen war, ja, ich fing an, noch inniger mit ihm Mitleid zu bekommen. Und nahm ich ihn deshalb mit in meine Studierstube, sprach zu ihm ein paar tröstliche Worte und brachte sein Gemüt so weit zur Ruhe, daß er in stockender Sprache mir alle Dinge in diesem Bösewichtsstück der Hölle erklärte und auslegte. Der Bruder Morten – ein Belialsmann – faßte einen tötlichen Haß gegen Herrn Sören von Vejlby seit der Zeit, als er ihm seine Tochter als Frau verweigert hatte. Sobald daher der Pastor seinen früheren Kutscher entlassen hatte, veranlaßte er seinen Bruder, sich für ihn anstellen zu lassen. »Und paß nun ordentlich auf«, hatte er zu Niels gesagt, »wenn sich die Gelegenheit bietet, werden wir dem schwarzen Mann einen Streich spielen, und das wird nicht dein Schade sein.« Niels, der von Natur steif und störrisch und dazu von Morten aufgehetzt war, kam bald mit seinem Herrn in Zwist, und sobald er die erste Züchtigung erhalten hatte, versäumte er nicht, das auf Ingvorstrup zu vermelden. »Er soll dich nur noch einmal schlagen«, hatte Morten gesagt, »dann soll er das heimgezahlt bekommen; komm gleich zu mir und laß mich das wissen!« Da kam der Streit mit dem Pastor im Garten und er lief darauf ohne Aufenthalt nach Ingvorstrup. Die Brüder trafen sich vor dem Hofe. Niels erzählte das Vorgefallene. »Hat dich jemand auf dem Wege hierher gesehen?« fragte Morten. Niels glaubte, nicht. »Dann wollen wir«, sagte Morten, "ihm einen Schrecken einjagen, den er die ersten vierzehn Tage nicht verwinden wird.« Nun wurde Niels heimlich in den Hof geführt, wo er sich bis zum Abend verborgen hielt. Sobald alle zur Ruhe gegangen waren, gingen beide zusammen zu einer Feldmark, wo zwei Tage vorher die Leiche eines Knechts von Niels Alter, Größe und Aussehn vergraben worden war. (Er hatte auf Invorstrup gedient und sich dort selbst erhängt, wie gemunkelt wurde, aus Verzweiflung über die tyrannische Behandlung und die Drohungen des Bruus, obwohl andre sagten, aus Liebeskummer.) Diese Leiche gruben sie wieder aus, so ungern auch Niels wollte; aber der Bruder zwang ihn – und schleppten ihn heim auf den Hof; denn der war dicht dabei. Nun mußte Niels sich all seiner Kleider entledigen, die der Leiche Stück für Stück wieder angezogen wurden; sogar ein Ohrring wurde mitgenommen. Darauf gab Morten dem Toten einen Hieb mit dem Spaten über das Gesicht und einen in die Schläfe und verwahrte ihn in einem Sack bis zum nächsten Abend. Da trugen sie den Sack nach dem Walde, der dicht bei Vejlby liegt. Niels hatte wohl den Bruder mehrmals gefragt, was er im Sinne habe, und wozu alle diese Anstalten wären; aber der hatte immer geantwortet: »Darum brauchst du dich nicht zu kümmern – das bleibt meine Sache« Im Walde sagt Morten zu ihm: »Jetzt mußt du mir einen gewöhnlichen Rock vom Pastor holen, am besten den langen grünen, mit dem ich ihn am Morgen habe gehen sehen.« Niels antwortete: »Das wage ich nicht; denn die hängen in seiner Schlafstube.« »Dann wage ich es selbst«, sagt der Bruder, »und geh nun deiner Wege und laß dich nie mehr sehen! Hier hast du einen Beutel mit hundert Talern. Die halten wohl solange vor, bis du eine Stellung im Süden gefunden hast, aber weit fort, hörst du! Wo dich niemand kennt. Gib dir einen andern Namen und setz' deinen Fuß nie wieder auf dänischen Boden. Geh in der Nacht und halte dich am Tage im Walde, und hier ist der Essenssack, den ich vom Hof mitgenommen habe; damit kannst du dich ernähren, bis du jenseits der Landesgrenzen unsres Königs kommst. Eil dich nun, und komm nicht wieder her, sofern dir dein Leben lieb ist.« Niels gehorchte und damit trennten sich die Brüder, und sahen einander auch nicht mehr seit diesem Tage. Der Geflüchtete hatte viel Böses in fremden Landen durchzumachen, war als Soldat angeworben worden, hatte viele Jahre gedient und war im Kriege gewesen, wo er seine Gesundheit verloren hatte. Arm, schwach und elend fiel es ihm ein, seinen Geburtsort aufzusuchen und hatte sich unter großer Not und Beschwer hindurchgefochten. So lautete in Kürze der Bericht des fatalen Menschen, über dessen Wahrhaftigkeit ich leider keinen Zweifel hegen konnte. Und es wurde mir also klar, wie mein unglücklicher Mitbruder als Opfer der niedrigsten Bosheit gefallen war, der Verblendung seines Richters und der Zeugen und seiner eigenen leichtgläubigen Einbildungskraft. Ach, was ist doch ein Mensch, daß er sich zum Blutrichter über seinesgleichen aufwerfen darf? Wer darf zu seinem Bruder sagen: Du bist des Todes schuldig? Nur Gott steht die Rache zu; nur der, der das Leben gibt, darf allein den Tod geben. Er belohne dich nun auch droben für den bitteren Märtyrertod, den du hier erleiden mußtest, mit der unendlichen Freude des ewigen Lichts! Ich fühlte mich nicht befugt, den zerknirschten und reuigen Sünder anzugeben, um so weniger, als der Hardesvogt noch lebte, dem gegenüber es eine Grausamkeit wäre, ihn über seinen schrecklichen Irrtum aufzuklären, bevor er dahin gehen wird, wo all das ans Licht kommen wird, das unsern Augen noch verborgen ist. Ich bemühte mich daher weit lieber, dem Zurückgekehrten den Trost der Religion zu spenden, und vermahnte ihn zunächst auf das Ernstlichste, seinen Namen und die ganze Begebenheit vor allen Menschen geheimzuhalten. Ich versprach ihm unter dieser Bedingung Obdach und Pflege bei meinem Bruder, der in einer weit abgelegenen Gegend wohnt. Der nächste Tag war ein Sonntag. Als ich spät abends von meiner Nebenpfarre nach Haus kam, war der Bettler fort; aber ehe es am folgenden Tage Abend wurde, war das Ereignis in der ganzen Nachbarschaft bekannt. Getrieben von seinem unruhigen Gewissen war er nach Rosmus davongeeilt und hatte sich dem Hardesvogt und dem ganzen Gesinde des Hofs als der richtige Niels Bruus vorgestellt. Der Hardesvogt bekam einen Schlagfluß und starb vor Ausgang der Woche, aber Niels Bruus fand man am Dienstag morgen tot vor der Aalsöer Kirchentür liegen, auf dem Grabe des seligen Sören Quist. Der Strumpfwarenhändler Der größte Schmerz auf dieser Welt ist: den verlieren, zu dem man hält. Bisweilen, wenn ich recht weit in die große Ahlheide hinausgewandert bin, wo ich nur das braune Heidekraut um mich und den blauen Himmel über mir hatte; wenn ich fern von den Menschen wanderte und den Denkmälern über ihr Getriebe hernieden, die im Grunde nur Maulwurfshügel sind und die die Zeit oder irgend ein unruhiger Tamerlan einmal der Erde gleichmacht; wenn ich herzensleicht, freiheitsstolz wie der Beduine schwebte, den kein Haus, kein eng begrenztes Feld an die Ebene fesselt, sondern der alles hat, alles besitzt, was er sieht, der – nicht wohnt – sondern sich ergötzt, wo er will; wenn da mein weit umherschweifender Blick am Horizont ein Haus entdeckte und damit unbehaglich auf seinem leichten Fluge aufgehalten wurde; bisweilen entstand da – Gott vergebe mir diesen flüchtigen Gedanken, denn etwas andres war es doch nicht – der Wunsch: wäre doch diese Menschenwohnung nicht vorhanden! Hier wohnen auch Mühsal und Kummer, hier hadern, hier streiten sie auch um mein und dein! – Ach, die glückliche Wüste ist mein und auch dein, gehört allen, gehört keinem! Ein Forstmann soll vorgeschlagen haben, die ganze Kolonieanlage zu zerstören, Wald auf den Feldern der Bewohner und in ihren geschleiften Ortschaften anzulegen; mir hat sich bisweilen der weit unmenschlichere Gedanke aufgedrängt: wenn hier doch noch krautbewachsene Heide wäre, dieselbe wie vor Jahrtausenden, ungestört, ungerodet von Menschenhänden! Doch, wie gesagt, ich meinte das nicht im Ernst. Denn wenn ich ermattet, müde, vor Hitze und Durst schmachtend mit schmerzlicher Sehnsucht an das Zelt des Arabers und seinen Kaffeekessel dachte, da dankte ich Gott dafür, daß ein heidekrautgedecktes Haus – falls nicht in meilenweiter Entfernung – mir Schatten und Erquickung verhieß. Und befand ich mich nun vor einigen Jahren eines stillen warmen Septembertages weit draußen in derselben Heide, die ich in arabischem Sinne die meine nenne. Kein Wind bewegte das rotwerdende Heidekraut; die Luft war schwül und schläfrig. Die fernen Hügel, die den Gesichtskreis begrenzten, schienen gleich Wolken um die ungeheure Ebene zu schwimmen und nahmen viele wunderliche Gestalten von Häusern, Türmen, Schlössern, Menschen und Tieren an, jedoch alle von dunkelm, formlosem Umriß, unbeständig, wechselnd wie Traumbilder: bald verwandelte sich eine Hütte in eine Kirche, diese wieder in eine Pyramide; hier erhob sich eine Turmspitze, dort versank eine andre; ein Mensch wurde zu einem Pferd und dies wiederum zu einem Elefanten; hier schaukelte ein Boot und dort ein Schiff mit gespannten Segeln. Lange vergnügte sich mein Auge an der Betrachtung dieser phantastischen Figuren – ein Panorama, das nur der Seemann und die Bewohner der Wüste zu genießen Gelegenheit haben – als ich schließlich müde und durstig nach einem richtigen Haus unter den vielen falschen zu suchen begann; ich wünschte innig, alle meine prächtigen Feenschlösser gegen eine einzige menschliche Hütte vertauschen zu können. Es gelang mir auch: ich entdeckte bald einen wirklichen Hof ohne Turmspitze und Türme, dessen Umriß deutlicher und schärfer wurde, je näher ich ihm kam, und der, von Torfmieten flankiert, weit größer aussah, als er wirklich war. Seine Bewohner waren mir unbekannt. Ihre Kleidung war ärmlich, ihr Hausgerät dürftig; aber ich wußte, daß der Heidebewohner oft edles Metall in einem ungestrichenen Schrein oder einem elenden Hängeschrank und eine dicke Geldtasche in einem geflickten Wams verwahrt. Als daher mein Blick beim Eintreten auf einen Alkoven fiel, der mit Strümpfen vollgestopft war, vermutete ich ganz richtig, daß ich mich bei einem wohlhabenden Strumpfhändler befand. (In Paranthese gesagt, kenne ich keine armen.) Ein ältlicher, grauhaariger, aber noch kräftiger Mann erhob sich vom Tische und reichte mir die Hand mit den Worten: »Willkommen! – Mit Verlaub zu fragen, wo kommt Ihr her, guter Freund?« Man halte sich nicht über eine so unfeine und zudringliche Frage auf! Der Heidebauer ist ebenso gastfrei, aber noch neugieriger als die schottischen Lairds, und im Grunde kann man es ihm nicht verdenken, daß er gern wissen möchte, wen er bewirtet. Als ich ihm erzählt hatte, wer und woher ich war, rief er seine Frau, die sogleich auftischte, was das Haus vermochte, und nötigte mich mit einer gutherzigen Freundlichkeit zu essen und zu trinken, obwohl mein Hunger und Durst jede Nötigung überflüssig machten. Ich war mitten im Essen und mitten in einem politischen Gespräch mit meinem Wirt, als ein junges und außerordentlich schönes Bauernmädchen eintrat, das ich unfehlbar für ein vor grausamen Eltern und aus einer widerlichen Ehe geflüchtetes, verkleidetes Fräulein erklärt hätte, wenn nicht ihre roten Hände und ihre unverfälschte Bauernsprache mich davon überzeugt hätten, daß keine Travestierung stattgefunden hatte. Sie nickte freundlich, warf einen flüchtigen Blick unter den Tisch, ging hinaus und kam gleich mit einem Teller Milch und Brot wieder, die sie mit den Worten auf die Erde stellte: »Ihr Hund braucht vielleicht auch etwas.« Ich dankte für ihre Aufmerksamkeit; die aber war ganz dem großen Hund gewidmet, dessen Gefräßigkeit bald reinen Tisch machte und der nun auf seine Weise der Geberin dadurch dankte, daß er sich an sie schmiegte. Und da sie etwas ängstlich die Arme erhob, mißverstand Chasseur diese Bewegung, machte adroit und drängte das schreiende Mädchen rückwärts gegen den Alkoven – ich rief den Hund und erklärte ihr seine gute Absicht. Ich würde die Aufmerksamkeit des Lesers nicht auf einen so trivialen Auftritt hingelenkt haben, wenn nicht um die Bemerkung anzubringen, daß den Hübschen alles gut steht; denn wirklich zeigte dieses Bauernmädchen in allem, was sie sagte und tat, eine gewisse natürliche Anmut, die keineswegs auf Rechnung der Koketterie geschrieben werden konnte, falls man nicht gerade einen angeborenen, unbewußten Instinkt so nennen wollte. Als sie die Stube verlassen hatte, fragte ich die Eltern, ob es ihre Tochter sei. Sie bejahten es mit dem Zusatz, daß sie ihr einziges Kind sei. »Die werdet Ihr wohl nicht lange behalten,« sagte ich. »Gott bewahre, wie meinen Sie das?« fragte der Vater; aber ein selbstgefälliges Lächeln zeigte, daß er mich schon verstand. »Ich denke«, erwiderte ich, »daß es ihr kaum an Freiern fehlen wird.« »Hm!« brummte er, »Freier können wir genug bekommen; aber ob sie zu brauchen sind, darüber müßten wir reden. Mit einer Taschenuhr und einer silberbeschlagenen Pfeife zu freien, kann die Sache nicht in Gang bringen; zum Fahren gehört mehr, als Hüh! zu sagen. – Wahrhaftig!« fuhr er fort, wobei er beide Fäuste auf den Tisch stützte und sich vorbeugte, um aus dem niedrigen Fenster zu gucken, »kommt da nicht einer von ihnen – ein Schäferjunge, der eben erst von den Heidehügeln heruntergeklettert ist – hä, einer von den Kumpanen, die mit ein paar Packen Strümpfen im Quersack herumlaufen – dummer Hund! freit um unsre Tochter mit zwei Ochsen und drittehalb Kuh – ja, paß nur auf ihn auf! – Bettler!« Diese ganze Ergießung war nicht an mich gerichtet, sondern an den Ankömmling, auf den sich sein verdüsterter Blick heftete, während dieser auf einem Heidekrautwege auf den Hof wanderte. Er war noch so weit entfernt, daß ich Zeit hatte, meinen Wirt wegen des jungen Menschen zu fragen, und zu erfahren, daß er der Sohn des nächsten Nachbarn sei – der notabene doch über eine halbe Meile entfernt wohnte – daß der Vater nur ein kleines Anwesen besaß, worauf er sogar dem Strumpfhändler zweihundert Taler schuldete, daß der Sohn ein paar Jahre mit Wollwaren herumgezogen sei und endlich gewagt hatte, um die reizende Cecil anzuhalten, aber eine glatte Absage erhalten hatte. Während ich diese Erzählung anhörte, war sie selbst hereingekommen, und ihr besorgter Blick, der sich abwechselnd zwischen dem Vater und dem Wanderer draußen teilte, ließ mich erraten, daß sie nicht der Ansicht des Alten von der Sache sei. – Sobald der junge Krämer zur einen Tür eintrat, ging sie zur andern hinaus, jedoch nicht ohne einen raschen, aber zärtlichen und schmerzlichen Blick. Mein Wirt wandte sich zu dem Eintretenden um, griff mit beiden Händen um die Tischplatte, als brauchte er einen Stützpunkt, und beantwortete das »Gottes Frieden und guten Tag!« des jungen Menschen mit einem trocknen »Willkommen!« Jener blieb erst eine Weile stehen, ließ seine Blicke im Zimmer umherlaufen, zog darauf aus der Innentasche eine Tabakspfeife, aus der Hintertasche einen Beutel, klopfte die Pfeife am Ofen neben sich aus und stopfte von neuem. All das erfolgte langsam und wie in einem abgemessenen Takt, und mein Wirt verblieb immer noch unbeweglich in seiner eingenommenen Stellung. Der Fremde war ein sehr schmucker Bursch, ein echter Sohn unsrer nordischen Natur, die langsam, aber kräftig und dauerhaft treibt: blondhaarig, blauäugig, rotwangig, dessen zartflaumiges Kinn noch kein Rasiermesser berührt hatte, obwohl er sicherlich bereits seine vollen zwanzig Jahre alt war. Er war nach Krämerart vornehmer gekleidet als ein gewöhnlicher Bauer, selbst als der reiche Strumpfhändler, in Rock und weiten Beinkleidern, rotgestreifter Weste und blaugeblümten baumwollenem Halstuch – er war für die schöne Cecilia kein unwürdiger Freier. Mir gefiel er außerdem durch ein sanftes, offenes Antlitz, das von geduldiger Ausdauer zeugte – ein Hauptzug in dem cimbrischen Nationalcharakter. Es währte eine Weile, bis einer von ihnen das Schweigen brechen wollte. Endlich tat doch der Wirt zuerst den Mund auf, langsam, kalt und gleichgültig fragend: »Wo geht die Reise heute hin, Esben?« Der Angeredete antwortete, während er gemächlich Feuer für seine Pfeife schlug und sie unter langen Zügen anzündete: »Heute nicht weiter; aber morgen will ich nach Holstein.« Hierauf entstand wieder eine Pause, in der Esben die Stühle betrachtete und einen wählte, auf den er sich setzte. Inzwischen kamen Mutter und Tochter herein; der junge Krämer nickte ihnen mit einer so vollkommen ruhigen und unveränderten Miene zu, daß ich hätte glauben können, die schöne Cecilia wäre ihm völlig gleichgültig, wenn ich nicht gewußt hätte, daß die Liebe in einer solchen Brust stark sein kann, wie still sie sich auch gibt, daß sie nicht eine Flamme ist, die flackert und sprüht, sondern eine Glut, die gleichmäßig und lange wärmt. Cecilia setzte sich mit einem Seufzer an das unterste Tischende und fing an eifrig zu stricken; die Mutter ließ sich mit einem leisen »Willkommen, Esben!« am Spinnrocken nieder. »Soll das wegen des Geschäfts sein?« nahm der Wirt jetzt das Wort. »Wie es sich trifft«, versetzte der Gast. »Man muß versuchen, was es da im Süden zu verdienen gibt. Mein Wunsch ist übrigens, daß Ihr Euch nicht allzu stark beeilen möchtet, Cecil zu verheiraten, ehe ich zurückkomme und wir sehen werden, wieweit ich Glück habe.« Cecil errötete, starrte aber weiter auf ihre Arbeit. Die Mutter hielt das Spinnrad mit der einen Hand an, legte die andre in den Schoß und sah starr auf den Sprechenden; der Vater aber sagte, indem er sich zu mir umwandte: »Das Gras wächst faul, dabei stirbt der Gaul! Wie kannst du verlangen, daß Cecil auf dich warten soll? Du kannst lange wegbleiben – kann sein, du kommst überhaupt nicht wieder.« »Dann ist das Eure Schuld, Mikkel Kraensen!« fiel Esben ein; »aber das sage ich Euch: wenn Ihr Cecil zu einem andern zwingt, begeht Ihr eine große Sünde gegen sie und gegen mich.« Damit stand er auf, reichte den beiden Alten die Hand und sagte ihnen ein kurzes Lebewohl. Zu seiner Braut sagte er, doch in einem etwas schwächeren und weicheren Tone: »Lebwohl, Cecil! Und Dank für alles Gute! Denk an mich auf das Beste, wenn du magst – Gott sei mit dir! – und mit Euch allen! Lebt wohl!« Er wandte sich zur Tür, steckte Pfeife, Beutel und Feuerzeug ein, ein jedes in die betreffende Tasche, nahm den Stock und wanderte davon, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen. – Der alte Mann lächelte wie bisher; seine Frau stieß ein »Ach, ja!« aus und setzte den Rocken wieder in Gang; aber Träne auf Träne rann über Cecilias Wangen nieder. Ich hätte hier den willkommensten Anlaß gehabt, die Grundsätze zu entwickeln, die Eltern bei der Verheiratung ihrer Kinder leiten sollten. Ich hätte sie daran erinnern können, daß Reichtum zum ehelichen Glück nicht genügt, daß das Herz auch mitsprechen muß, daß Klugheit überall gebietet, mehr auf Rechtschaffenheit, Fleiß und Tüchtigkeit zu sehen, als auf Geld; ich hätte dem Vater seine Härte gegen die einzige Tochter vorhalten können (denn die Mutter schien mindestens neutral zu sein). Aber ich kannte das einfache Volk zu gut, um unnütze Worte an diese Materie zu verlieren; ich wußte, daß Vermögen in diesem Stande über alles geht – und – ob es bei den andern Ständen wesentlich anders ist? Ich kannte ferner die Festigkeit des Bauern in diesem Punkt, die bis zur Hartnäckigkeit geht, und wußte, daß er in Kontroversen dieser Art mit Überlegenen oft einlenkt und tut, als ginge er zu der andern Ansicht über, so daß man versucht wird, ihn für überzeugt und überwunden zu halten, gerade, wenn er unerschütterlich entschieden ist, seinem eigenen Kopf zu folgen. Außerdem ist es noch eine Erwägung, die mir gebietet, nicht unaufgefordert meine Finger zwischen Messer und Wand, zwischen Tür und Angel, zwischen Hammer und Amboß zu stecken, nämlich die: ob nicht Reichtum doch von allen irdischen Gütern das realste ist, von denen notabene, die nach Epiktets Einteilung »nicht in unsrer Macht sind«. Ist Geld nicht genügendes Surrogat für alle sublunarischen Herrlichkeiten? Unverwerflicher Vertreter für Speise und Trank, Kleider und Obdach, für Achtung und Freundschaft, ja selbst für einen gewissen Grad von Liebe? Ist Vermögen nicht schließlich das, was die meisten Genüsse verschafft und die größte Unabhängigkeit? Was die meisten Mängel ersetzt? Ist Armut nicht die Klippe, an der Freundschaft und selbst Liebe oft stranden? – »Wenn die Krippe leer ist, beißen sich die Pferde«, sagt der Bauer; und was sagen die andern, wenn der Liebesrausch verflogen und die Flitterwochen vorbei sind? Allerdings wäre es wünschenswert, daß Amor und Hymen stets miteinander gehen könnten; aber sie möchten doch am liebsten Plutus in ihrer Begleitung haben. Nach einer solchen Auffassung von der Welt, wie sie ist – vernünftiger vielleicht, als von einem Romanschriftsteller manche erwarten und andre wünschen – wird man es konsequent finden, daß ich mich nicht in Esbens und Cecilias Roman einmischte, um so weniger, als dieser seitens des ersten eine sehr vernünftige Spekulation gewesen sein dürfte, weniger auf Schönheit und Herz der Tochter berechnet, als auf den vollgepfropften Alkoven und schweren Hängeschrank des Vaters. Und obwohl ich wohl wußte, daß reine Liebe nicht eine rein poetische Erfindung ist, erkannte ich doch bereits damals, daß es sie öfter in Büchern als außerhalb ihrer gab. – Als nunmehr die schöne Gecilia hinausgegangen war – vermutlich, um ungesehen ihren Gefühlen Ablenkung in einem reicheren Tränenstrom zu verschaffen – warf ich allein die Äußerung hin, es sei schade, daß der junge Bursch nicht wohlhabender sei, da es doch so aussah, daß er ein ordentlicher Mensch sei und es gut mit dem Mädchen meinte. »Wenn,« setzte ich hinzu, »er einmal wieder heimkehren würde mit einem Dutzend guter Geldscheine –« »– und es seine eigenen wären«, fügte der alte Mikkel pfiffig hinzu, »ja, das wäre etwas anderes.« Ich ging wieder hinaus auf die menschenleere und sorglose Heide. Weitab zur Seite sah ich noch Esben und die Rauchwolken seiner Pfeife: so – dachte ich – dampft er seine Sorge und seine Liebe fort. Aber die arme Cecilia? Ich warf noch einen Blick zurück auf den Hof des reichen Strumpfhändlers und sagte zu mir selbst: würde er nicht da liegen, würde es so viel weniger Tränen in der Welt geben. Es vergingen sechs Jahre, ehe ich wieder in diese Gegend der Heide kam; es war ein ebenso stilles, warmes Septemberwetter wie das vorige Mal. Der Durst trieb mich in ein Haus und es traf sich so, daß das des Strumpfhändlers gerade das nächste war. Als ich die einsame Wohnstatt des guten Mikkel Kraensen wiedererkannte, mußte ich zuerst an die schöne Cecilia und ihren Liebsten denken; und die Neugierde, zu erfahren, welchen Ausgang dieses Heideidyll gefunden hatte, trieb mich ebenso stark wie der Durst. Unter diesen Umständen bin ich sehr geneigt, die wirkliche Geschichte vorwegzunehmen; ich stelle meine Vermutungen an, ich stelle mir vor, wie es sein könnte und müßte, und versuche, wie weit mein Besteck mit der Leitung des Schicksals übereinstimmt. Ach, meistens ist der Abtrieb meiner Vermutungen vom rechten Kurs der Ereignisse sehr groß! So auch hier: ich dachte mir Esben und Cecilia als Mann und Frau, sie mit einem Kinde an der Brust, der Großvater mit einem oder zwei größeren auf den Knien, der junge Krämer selbst als ein tätiger und glücklicher Leiter des nun erweiterten Strumpfhandels – aber es kam ganz anders. Als ich in den Vorraum trat, hörte ich eine weiche weibliche Stimme singen, was ich zunächst für ein einschläferndes Wiegenlied hielt; doch war der Ton so schwermütig, daß meine hohe Erwartung bereits erheblich herabgesetzt wurde. Ich blieb stehen und lauschte. Der Inhalt des Liedes war Klage hoffnungsloser Liebe. Der Ausdruck war einfach, aber wahr und rührend; aber mein Gedächtnis behielt nur den am Schluß jedes Verses wiederkehrenden Kehrreim: »Der größte Schmerz in dieser Welt ist: den verlieren, zu dem man hält.« Mit dunklen Ahnungen öffnete ich die Stubentür. Ein großes, starkes Bauernweib von mittleren Jahren, das dabei war, die Spindel zu reinigen, fiel mir zuerst in die Augen; aber nicht sie hatte gesungen. Die Singende wandte den Rücken; sie bewegte sich dabei rasch hin und her und rührte die Hände, als ob sie spann. Die erste erhob sich und bot mir Willkommen; aber ich ging weiter, um der andern ins Gesicht zu sehen. Es war Cecilia, bleich, aber noch schön, bis sie ihren Blick zu mir aufhob: ach, da leuchtete der Wahnsinn aus ihren mattglänzenden Augen, aus dem unbehaglich süßen Lächeln des ganzen Gesichts. Ich bemerkte auch, daß sie keinen Rocken vor sich hatte, sondern daß der, den sie sich einbildete zu treten, aus demselben Stoff sein mußte wie Macbeths Dolch. Sie hörte mit dem Singen wie mit ihrem luftigen Spinnen auf und fragte mich eifrig: »Seid Ihr von Holstein? Habt Ihr Esben gesehen? Kommt er bald?« Ich verstand, wie die Dinge lagen, und antwortete eben so rasch: »Ja, nun läßt er nicht mehr lange warten, ich soll von ihm grüßen.« »Dann muß ich hinaus und ihm entgegengehen!« rief sie froh, sprang von ihrem kleinen Strohstuhl auf und eilte auf die Tür zu. »Warte ein wenig, Cecil!« sagte die andre und legte die Kartätschen zur Seite, »und laß mich mitkommen!« Dabei blinzelte sie mir zu und schüttelte mit dem Kopf – ihr Mienenspiel war überflüssig. »Mutter!« rief sie laut nach der Küchentür, »hier ist jemand. Komm' rein! Denn jetzt gehen wir.« Sie lief der Wahnsinnigen nach, die bereits draußen im Hofe war. Die Alte kam herein; ich erkannte sie nicht wieder, vermutete aber ganz richtig, daß sie die Mutter des unglücklichen Mädchens sein mußte. Sorge und Alter hatten sie wohl auch stark angegriffen. Auch sie erinnerte sich meiner nicht vom vorigen Mal; doch nach einem »Willkommen! Nehmt Platz!« tat sie die gewöhnliche Frage: »Mit Verlaub? Wo kommt Ihr her, guter Freund?« Ich sagte es und erinnerte sie zugleich daran, daß ich vor einigen Jahren hier gewesen wäre. »Herr Gott!« rief sie und schlug die Hände zusammen, »sind Sie das? Bitte schön, setzen Sie sich doch an den Tisch, ich will daweil ein Butterbrot machen – vielleicht sind Sie auch durstig?« Ohne meine Antwort abzuwarten, eilte sie in ein kleines Seitenzimmer und kam bald darauf mit Speise und Trank zurück. Wohl war ich begierig, Näheres über die arme Cecilia zu erfahren; aber ein Vorgefühl von etwas besonders Traurigem dämpfte meine Neugier und hielt mich davon ab, geradezu nach dem zu fragen, was zu hören ich sowohl wünschte als auch fürchtete. »Ist Euer Mann nicht zu Hause?« war meine erste Anrede. »Mein Mann?« sagte sie, »ihn hat der Herr schon lange zu sich genommen; ja, gewiß! Michaeli sind es drei Jahre, daß ich Witwe bin – noch ein Stück, bitte! Und verschmäht es nicht; es ist allerdings nur Bauernessen!« »Vielen Dank!« versetzte ich, »ich bin mehr durstig als hungrig – Euer Mann ist Euch also gestorben ¦– das ist ein großer Verlust, eine große Sorge für Euch – « »Ach ja!« seufzte sie mit tränenerfüllten Augen; »aber das ist nicht die einzige – Herr Gott, haben Sie nicht meine Tochter gesehen?« »Ja,« erwiderte ich, »sie kam mir etwas sonderbar vor – « »Sie ist ganz wahnsinnig,« sagte sie, in Weinen ausbrechend, »wir müssen uns jemanden halten, nur um auf sie aufzupassen, und die Frau kann auch nichts richtiges tun. Sie sollte ja etwas spinnen und stricken, aber das geht nicht vorwärts; denn sie muß mit ihr wohl sechzehn Mal am Tage hinauslaufen, wenn sie an Esben denkt –« »Wo ist Esben?« unterbrach ich. »In Gottes Reich,« erwiderte sie; »danach hatten Sie ja nicht gefragt? Ja, Gott gnade uns! Er starb einen elenden Tod; so etwas von Elend ist noch nicht dagewesen – Sie dürfen aber nicht so ablehnend sein, essen und trinken Sie beim Zuhören! – Ja, wahrlich, ich habe etwas durchgemacht, seitdem Sie das letztemal hier gewesen sind. Die Zeiten sind ja auch schwer: mit den Strümpfen ist es vorbei und wir müssen fremde Leute halten, die sich um alles kümmern müssen.« Da ich merkte, daß ihr Kummer über die Vergangenheit, vermischt mit der Sorge um die Gegenwart, nicht größer war, als daß sie mir ihre unangenehmen Erlebnisse ohne Schaden erzählen konnte, bat ich sie darum. Sie ging auf mein Ansuchen ein und gab mir einen Bericht, den ich – mit Auslassung nicht dazu gehöriger Einschiebsel – wiedergeben werde, so gut ich es vermag, in dem eigenen einfachen und einfältigen Stil der Erzählerin. »Wir und Kjeld Esbensen,« hob sie an, nachdem sie einen Stuhl an den Tisch gestellt, sich darauf gesetzt und ihr Strickzeug zur Hand genommen hatte, »sind Nachbarn gewesen, seitdem ich auf dem Hofe bin. Kjelds Esben und unsre Cecil wurden gute Freunde miteinander, ehe es jemand wußte. Unser Mann war nicht sehr froh darüber und ich auch nicht, denn Esben besaß nicht viel und sein Vater überhaupt nichts. Aber wir dachten immer, das Mädchen hätte klüger sein müssen, als sich mit so einem grünen Jungen herumzuziehen. Er lief ja mit ein paar Strümpfen herum und verdiente ein paar Schillinge; aber wie weit hätte das denn gereicht? Nun kamen sie an und freiten; unser Mann sagte Nein – was ja nicht auffallend war – und damit zog Esben nach Holstein. Wir merkten noch, daß Cecil etwas schwermütig wurde; aber daran kehrten wir uns nicht: »Sie wird ihn schon vergessen,« sagte unser Mann, »wenn der rechte kommt.« Es dauerte auch nicht lange, bis Mads Egelund – ich weiß nichts ob Sie ihn kennen? Er wohnt übrigens ein paar Meilen von hier, – bis er kam und mit einem schuldenfreien Hof und dreitausend Taler auf Zinsen anhielt. Das ließ sich ja ansehen. Mikkel sagte gleich Ja; aber Cecil – leider Gottes! sie sagte Nein. Da wurde mein Mann wütend und setzte ihr den Kopf zurecht. Ich fand ja, er war zu hart; aber mein seliger Mann wollte alles selbst bestimmen und deshalb ging er auch, er und Mads' Vater, zum Pastor und ließen aufbieten. Zwei Sonntage ging es gut; aber den dritten, als er sagte: »Hat jemand etwas dagegen zu sagen?« stand Cecil im Stuhl auf und rief: »Ja, ich! Esben und ich sind drei Mal im Paradies aufgeboten worden!« Ich wollte sie zum Schweigen bringen; aber es war zu spät. Jeder Mensch in der Kirche hatte es gehört und sah auf unsern Stuhl – wir hatten eine rechte Schande auszustehn! – Ich dachte ja noch nicht daran, daß sie den Verstand verloren hätte; aber noch ehe der Pastor von der Kanzel gegangen war, fing sie wieder an etwas von Esben und dem Paradies herzubeten, von Brautkleid und Brautbett und dies und jenes, und das erste war das letzte und das letzte war das erste. – Wir mußten mit ihr aus der Kirche. Mikkel selig schimpfte sie aus und sagte, daß sie Schabernack triebe; ja, Gott bewahre uns vor Schabernack! Es war ihr voller Ernst; verrückt war sie und verrückt ist sie geblieben.« Hier ließ die Erzählerin den Strickstrumpf in den Schoß sinken, nahm das Wollknäuel von der linken Schulter, drehte es ein paar Mal und besah es von allen Seiten. Aber ihre Gedanken waren wo anders; nach einer Pause von einigen Minuten drückte sie das Knäuel gegen beide Augen, hing es wieder an seinen Haken und setzte die Stricknadeln in rasche Bewegung, auf diese Weise den abgerissenen Faden der traurigen Begebenheit wieder zusammenknüpfend. »All ihre Reden liefen darauf hinaus, daß sie tot und ins Paradies gekommen sei und dort Esben heiraten sollte, sobald er auch tot sei; und das wiederholte sie nachts und am hellen Tage. Mikkel selig verstand denn auch, wie das gekommen war: »Das ist Gottes Hand,« sagte er, »seinem Willen kann sich niemand widersetzen.« Aber es ging ihm doch nahe, und ich weiß noch, wieviele Stunden ich in meinem Bett gelegen und geweint habe, wenn all die andern zur Ruhe gegangen waren. Bisweilen kam es mir so vor, es wäre besser gewesen, wenn die beiden jungen Leute zusammengekommen wären. »Kann ja sein,« sagte unser Mann, »aber das hat ja nun nicht sein sollen.« In den ersten paar Monaten war sie gar nicht zu regieren, und wir mußten Schlimmes mit ihr durchmachen; später beruhigte sie sich etwas, redete nur wenig, seufzte aber und weinte immer wieder. Nichts wollte sie tun; denn »im Himmelreich«, sagte sie, »da ist alle Tage Feiertag.« So ging wohl ein halbes Jahr dahin, und es war höchstens doppelt so lange, daß Esben nach Süden gezogen war, und niemand hatte etwas von ihm gehört, weder Gutes noch Schlimmes. Da geschah es eines Tages, gerade als wir hier saßen, Mikkel selig und Cecil und ich, daß Esben in die Tür trat. Er war eben von der Reise gekommen, war nicht einmal zu Hause gewesen und wußte auch nicht, wie es hier stand, bis er seine Augen auf das arme Mädchen richtete; da konnte er ja sehen, daß es nicht ganz richtig war. »Du hast lange gebraucht,« sagte sie, »das Brautbett ist seit Jahr und Tag bereitet gewesen; aber sage mir erst, bist du tot oder lebendig?« »Herr Gott, Cecil,« sagte er, »du kannst doch sehen, daß ich lebendig bin!« »Das ist schade,« erwiderte sie, »denn dann kannst du nicht ins Paradies kommen. Müh' dich zu sterben, sobald du kannst! Denn Mads Egelund lauert nur darauf, daß er zuerst kommen kann.« »Das sieht ja schlimm aus,« sagte er; »Mikkel, Mikkel, Ihr habt ein großes Unrecht an uns getan! Ich habe jetzt wohl an die fünftausend Taler; mein Mutterbruder in Holstein ist unverheiratet gestorben, und ich beerbe ihn.« »Was sagst du da?«, sagte mein Mann, »das war schade, daß wir das nicht etwas früher wußten; aber laß dir Zeit! Das Mädchen kann sich ja wieder erholen.« Esben schüttelte den Kopf und ging zu unsrer Tochter, um ihr die Hand zu geben. »Cecil,« sagte er, »sprich nun vernünftig! Wir sind ja beide lebendig, und wenn du verständig sein wirst, so geben deine Eltern ihre Zustimmung dazu, daß wir einander bekommen.« Aber sie warf beide Hände auf den Rücken und rief: »Weiche von mir! Was habe ich mit dir zu schaffen? Du bist ein Mensch und ich bin ein Engel Gottes!« Da drehte er sich um und begann recht bitterlich zu weinen: »Gott verzeihe Euch, Mikkel Kraensen,« sagte er, »was Ihr an uns zwei sündigen Menschen getan habt!« »Beruhige dich,« sagte mein Mann, »es kann wieder gut werden. Bleibt die Nacht über hier, und laßt uns abwarten, was sie morgen sagt.« Es war Abend und es zog ein schweres Wetter mit Donner und Blitzen auf, das furchtbarste, das ich je erlebt habe – vollständig, als sollte die Welt untergehen. So war auch Esben dafür, bei uns zu bleiben, und sobald das Wetter nachgelassen hatte, legte er sich in der Großstube hin. Wir andern gingen auch zu Bett; aber lange konnte ich durch die Wand hören, wie er seufzte und weinte. Ich glaube auch, er betete zu Gott im Himmel. Schließlich schlief ich auch ein. Cecil schlief in dem Alkoven, gerade Mikkels und meinem hier gegenüber. Es mochte wohl eine Stunde oder etwas mehr über Mitternacht sein, als ich erwachte. Draußen war es stille und der Mond schien in das Fenster. Ich lag da und dachte an das Elend, das uns getroffen hatte; aber ich dachte nicht im geringsten, daß das geschehen war, was ich Euch jetzt erzählen werde. – Es kam mir vor, daß es so ruhig drüben bei Cecil war; ich konnte gar nicht hören, daß sie atmete. Auch von Esben vernahm ich nichts mehr. Mir war es, als ob nicht alles ganz richtig war. Ich schlich mich aus meinem eigenen Bett zu Cecils hin. Ich blickte hinein, ich fühlte nach ihr; aber sie war nicht darin. Nun wurde mir unruhig zu Mute, ich lief in die Küche und machte Licht, und damit ging ich nach der Großstube. Oh, Gott helfe uns in Gnaden! Was mußte ich da sehen? Sie saß in Esbens Bett und hatte seinen Kopf in ihrem Schoß liegen. Doch als ich näher zusah, da war er so bleich wie eine Leiche. Sein Gesicht und die Laken waren rot von Blut. Ich gab einen Schrei von mir und stürzte zu Boden; aber Cecil winkte mir mit der einen Hand und streichelte seine Wange mit der andern. »Still! Still!«, sagte sie, »nun schläft mein Liebster den süßen Schlaf. Sobald ihr seinen Leib begraben habt, tragen die Engel seine Seele ins Paradies, und da wird dann unsre Hochzeit gefeiert mit großer Herrlichkeit und Freude.« – Ach! Ach! Du lieber Gott und Erlöser! Sie hatte ihm den Hals durchschnitten – das blutige Rasiermesser lag auf der Erde vor dem Bett.« Hier verbarg die unglückliche Witwe das Gesicht in ihren Händen und weinte bitterlich, während Entsetzen und Schmerz meine Brust zusammenpreßten. Endlich gewann sie ihre gewohnte Fassung wieder und fuhr fort, wie folgt: »Es wurde ein großes Klagen und Jammern, sowohl hier als auch bei Esbens; aber vollbrachte Tat ist nicht mehr zu ändern. Als sie mit ihm bei seinen Eltern angefahren kamen, – sie dachten er wäre wohl geborgen in Holstein – ja, da gab es ja ein Schreien und Heulen, daß der ganze Hof hätte einstürzen können. Er war ein ehrlicher Bursche und jetzt zu so viel Geld und Reichtum gekommen und mußte doch so elend sterben in seinem jungen Alter, und das von der Hand seiner Liebsten. – Mikkel selig konnte es auch nie verschmerzen; er wurde nie wieder er selbst. Ein paar Monate darauf legte er sich aufs Krankenbett und dann nahm ihn der Herrgott von mir. Denselben Tag, an dem er begraben wurde, fiel Cecil in einen tiefen Schlaf und schlief wahrlich drei Tage und Nächte hintereinander. Als sie erwachte, war ihr Verstand wiedergekommen. Ich saß an ihrem Bett und erwartete, der Herr würde sie hinnehmen. Aber wie sie noch so dalag, tat sie einen tiefen Seufzer, richtete ihre Augen auf mich und sagte: »Was ist vorgegangen? Wo bin ich gewesen? Ich habe einen seltsamen Traum gehabt; mir war, als wäre ich im Himmelreich und Esben bei mir. – Herr Gott, Mutter! Wo ist Esben? Habt ihr nichts von ihm gehört, seitdem er nach Holstein gezogen ist?« Ich wußte nicht recht, was ich antworten sollte. Nein – sagte ich – wir wissen nichts weiter von ihm. Sie seufzte: »Wo ist Vater?« fragte sie dann. »Deinem Vater geht es gut« – erwiderte ich – »ihn hat Gott zu sich genommen.« – Da weinte sie. »Mutter! Ich will ihn sehen!« sagte sie. »Das kannst du nicht, Kind!« – erwiderte ich – »denn er liegt ja in der Erde.« »Gott bewahre uns!« schrie sie, »wie lange habe ich denn geschlafen?« – Hieran merkte ich, daß sie selbst nicht wußte, in welchem Zustand sie gewesen war. »Wenn ihr nicht geweckt habt, Mutter,« sagte sie wieder, »habt Ihr mir keinen Dienst getan! Ich schlief so süß, ich träumte so herrlich. Esben kam jede Nacht und besuchte mich in schimmernd weißen Kleidern und mit einem roten Perlenkranz um seinen Hals!« Hier verfiel die Alte wieder in schwermütige Gedanken und erst nach mehreren tiefen Herzensseufzern setzte sie wieder fort. »Das arme Kind hatte seinen Verstand also wiederbekommen; aber Gott weiß, ob das besser für sie war. Niemals war sie froh, sondern immer still betrübt, sprach nicht, außer wenn sie gefragt wurde, und versah ihre Arbeit stets sehr fleißig. Sie war weder krank noch gesund. Das sprach sich bald hier in der Nachbarschaft herum und etwa ein Vierteljahr später kam Mads Egelund, um zum zweitenmal um sie anzuhalten; aber sie wollte von ihm nichts wissen, um nicht zu wenig und nicht zu viel zu sagen. Als er nun hörte, daß sie ihn durchaus nicht leiden könne, wurde er widersetzig und böse. Ich und die Leute und alle, die hierherkamen, paßten immer genau auf, daß wir nicht das kleinste Wörtchen darüber fallen ließen, sie selbst habe in ihrem Wahnsinn den armen Esben entleibt; und sie dachte wohl auch, daß er entweder tot oder unten im Süden verheiratet wäre. Eines Tages, als Mads nun hier ist und stark in sie drängt, ihm ihr Ja zu geben, und sie da antwortet, daß sie lieber sterben wolle, als ihn zu heiraten, sagt er doch gerade heraus, daß er gar nicht so versessen auf eine wäre, die ihrem Liebsten den Hals abgeschnitten habe. Und damit erzählt er ihr das ganze, wie es sich zugetragen hatte. Ich stand draußen in der Küche und hörte es so halb und halb. Ich werfe das hin, was ich in der Hand habe, laufe 'rein und rufe ihm zu: »Mads! Mads! Gott vergebe Euch! Was macht Ihr da?« Aber es war zu spät; sie saß auf der Bank so blaß wie die Wand, und die Augen standen ihr stier aus dem Kopf. »Was ich tue?« sagte er, »ich sage doch nichts andres, als wahr ist. Es ist besser, sie bekommt es zu wissen, anstatt sie zum Narren zu halten und sie ihr Lebelang auf einen toten Mann warten zu lassen. – Lebwohl und danke schön!« Er ging; aber sie hatte einen Rückfall bekommen und erhält wohl nie mehr ihren Verstand wieder in diesem Leben. Ihr seht selbst, wie sie ist: alle Zeit, wenn sie nicht schläft, singt sie das Lied, das sie selbst gedichtet hat, damals als Esben nach Holstein zog, und bildet sich ein, sie spinnt die Brautlaken. Sonst ist sie ja ruhig – Gottlob! und krümmt keiner Katze ein Haar; aber wir dürfen sie doch nicht außer Augen lassen. Gott sehe sie in Gnaden an und mache bald mit uns beiden ein Ende!« Während sie die letzten Worte sprach, kam die Unglückliche mit ihrer Begleiterin herein. »Nein,« sagte sie, »heute ist er nicht zu sehen; aber morgen haben wir ihn gewiß. Ich muß mich beeilen, wenn ich mit den Laken fertig werden will.« Sie setzte sich rasch auf ihren kleinen Strohstuhl und unter rascher Bewegung von Händen und Füßen stimmte sie wieder ihren Klagesang an. Ein langer Seufzer aus der Tiefe ging jedesmal dem Kehrreim voran: Der größte Schmerz auf dieser Welt ist: von dem sich zu trennen, zu dem man hält. Ihr schönes bleiches Gesicht sank dann auf den Busen herab, Hände und Füße ruhten einen Augenblick; doch bald richtete sie sich schnell wieder auf, stimmte einen andern Vers an und setzte den Gespensterrocken in Gang. In schwermütigen Gedanken wanderte ich zurück; meine Seele hatte die Farbe der Wüste angenommen. Meine Phantasie war allein mit Cecilia beschäftigt und ihrem schrecklichen Geschick. In jedem fernen Luftbilde glaubte ich die Tochter des Strumpfhändlers zu sehen, wie sie saß und spann und sich bewegte und die Arme ausstreckte. Im traurigen Pfeifen des Regenpfeifers, im einförmigen Klagetriller der einsamen Heidelerche hörte ich nur die traurigwahren, von so vielen Tausenden von verwundeten Herzen tiefempfundenen Worte: Der größte Schmerz auf dieser Welt ist: von dem sich zu trennen, zu dem man hält. Der Himmelberg Dänemarks höchsten Berg hatte ich oft gesehen, aber bisher noch nicht bestiegen. Mehrere Male führte mich mein Weg in seine Nähe, aber das Ziel meiner Reisen erlaubte keinen Seitensprung, und ich mußte mich damit begnügen, den dänischen Schwarzwald auf eine halbe Meile Abstand zu betrachten und im Vorbeifahren einen raschen Blick durch die Täler auf den lieblichen See zu werfen, der sich zwischen gras- und laubbekleideten Inseln und tief einschneidenden Landzungen hinwindet. Schließlich aber konnte ich mich von allen Hindernissen losreißen und beschloß den Himmelberg zum einzigen Ziel eines zweitägigen Ausflugs zu machen. Mein Vetter Ludvig, der kürzlich aus der Hauptstadt gekommen war, begleitete mich. * Der Vormittag war klar und warm und versprach uns einen schönen Abend, aber späterhin am Nachmittag bildete sich allmählich im Westen eine Reihe weißlicher Wolken mit feuerfarbenen Rändern. Mein Vetter beachtete sie nicht; ich aber, als kundigerer Wetterprophet, kannte diese Werkstätten des Donners und kündigte ihm an, »daß der Abend nicht dem Morgen gleichen würde.« Wir ritten just in der Richtung, daß wir sie gerade vor uns hatten, und konnten daher ständig merken, wie sie immer höher und höher stiegen, an der Wurzel dunkel wurden und sich wie Schneegebirge über dem Himmelberg auftürmten. Unsre Phantasie zeigte sie uns als Schweizer Alpen, und wir versuchten uns selbst einzubilden, daß wir uns in jenem stolzen Berglande befanden: wir sahen das Schreckhorn und das Wetterhorn und die niemals berührte Jungfrau. In den Tälern der Wolken erkannten wir Eisgletscher, und wenn eine herausragende Knospe sich beugte, sank und mit der übrigen Bergeskette verschmolz, war es eine Lawine, die Häuser und Ortschaften im ewigen Schnee begrub. Noch weiter malten wir uns mit recht kindlicher Lust diese majestätische Alpenszene aus und erheiterten uns so lange mit diesem Selbstbetrug, bis das losbrechende Unwetter uns aus unsern Träumereien weckte. Der Donner polterte hörbarer, heftiger, so daß unsre Einbildungskraft sich vergeblich anstrengte, in diesem Gedonner den Lärm der Schneestürze und der Bergwässer zu hören. Bereits dehnte sich der oberste, dünner gewordene Wolkenrand über unsern Häuptern aus, und der Waldstrich vor uns wurde von dem niederstürzenden Regen wie in einen Nebel eingehüllt. Zu spät ritten wir stark zu, um den nächsten Ort zu erreichen – durchweicht kamen wir nach Alling und suchten Schutz in einem offenen Tor. Der Besitzer des Hofs, ein älterer Bauer, der uns wildfremd war, nahm uns mit altdänischer Gastfreundschaft auf: ließ unsre Pferde in den Stall führen und lud uns selbst in seine warme Stube. Sobald er unsern feuchten Zustand sah, bot er uns an, die Kleider seiner beiden Söhne anzuziehen, während unsre eigenen an dem flammenden Herd trockneten. Begehrlich nahmen wir dieses schöne Angebot an; und in seiner Oberstube – so wurde die gute Stube genannt – vollzogen wir bald diesen erfrischenden Wechsel unter Scherz und Gelächter über unsere unerwartete Verwandlung. Als Bauernknechte im Sonntagsstaat traten wir wieder zu der Familie hinein. Der Wirt freute sich herzlich über die erfolgte Veränderung und rühmte unsre »Gemeinheit«; seine beiden Töchter lächelten, wenn sie zu uns hinschielten: »Die Walküren erröteten, lachend und abgewandt.« Der Kaffeekessel stand bereits auf dem Tisch, umgeben von chinesischen Tassen. Das belebende Getränk, reichlich mit braunem Zucker und unverfälschter Sahne versehen, von einer der schönen Töchter eingeschänkt und angeboten, brachte unser abgekühltes Blut wieder in den schnellsten Umlauf; und da erst fragte der Vater nach Namen, Stellung und Heimat seiner Gäste. Inzwischen war das Gewitter vorübergezogen. Die Sonne lächelte wieder aus dem wolkenlosen Westen. Fern im Osten sauste und polterte es; aber hier war es milde und stille: die Geister des Sturmes hatten ihre feuchten Schwingen zusammengefaltet, und die Regendiamanten glänzten auf Laub und Halm – der Abend sollte doch noch dem Morgen gleichen. »Auf den Berg!« riefen wir einander zu. »Aber ihre Kleider?« fiel der Bauer ein. Wir gingen in die Vorderstube, wo die andre Tochter damit beschäftigt war, sie zu trocknen; aber ach, noch dampften sie, und früher als in einer guten Stunde konnte sie uns nicht versprechen, daß sie brauchbar wären. Doch dann würde es vielleicht zu spät sein, die Aussicht von der Kuppe zu genießen, da der Aufstieg von hier fast ebensoviel Zeit erfordern würde. Was war hier zu tun? Der freundliche Bauer half uns aus der Verlegenheit. »Wenn Sie sich nicht der Kleider der Jungen schämen,« sagte er, »dann können Sie sie ja anbehalten.« »Das ist ein guter Vorschlag!« versetzten wir beide, dankten ihm mit herzlichem Handschlag und baten uns einen Wegweiser aus. »Der werde ich selbst sein!« sagte er und nahm aus der Ecke einen Wacholderstock für jeden von uns. Wir traten ohne weiteres unsre Wanderung an, und zwar noch munterer durch unsere Maskerade gestimmt, besonders beim Vetter, der sich selbst wirklich sehr hübsch fand in dem blauen Wams, reichlich mit großen Silberknöpfen gespickt, den langen Reiterstiefeln an den Beinen und dem hohen Hut auf dem Kopfe. »Ich wünschte nur, daß wir andre Reisende dort oben treffen möchten! Das könnte einen köstlichen Spaß geben.« Der Führer lachte und wandte ein, daß er wohl kaum »Bauernsprache« sprechen könnte. »Jo, det kan hei glöwen,« erwiderte mein Vetter und nun fuhr er fort, zum innigen Vergnügen des guten Peter Andersen, jütländisch zu sprechen. »Ich kan ehm in de Tasch stecken,« rief mein Vetter, der in seiner ausgelassenen Laune Rat für alles wußte. Inzwischen erreichten wir den Fluß – Gudenaa – der hier ziemlich breit ist und einen beinahe unmerklichen Lauf hat, da er eigentlich nur eine Straße ist, der zwei Seen verbindet. – In einem Fährschiff setzten wir über und nun waren wir in einer ganz andern Gegend: hier beginnt das Heidekraut, dessen dunkle Farbe einen völligen Gegensatz zu dem heiteren Grün östlich des Flusses bildet. Noch hatten wir eine gute Viertelmeile zu wandern; und da das Heidekraut, das uns fast bis an die Knie reichte, feucht vom Regen war, hatten wir Anlaß, unsere langen Stiefel zu preisen. Wir erreichten den Wald – den stolzen Buchenwald, der mir hier doppelt schön erschien, weil er auf so dunklem Grunde steht. Durch schräge Täler schlängelte sich der Weg immer aufwärts; aber das dichte Laub benahm uns die Aussicht. Schließlich traten wir wieder aus dem Walde heraus und nun standen wir auf dem Himmelberg. Wenn ich schöne Musik höre oder ein gewinnendes Schauspiel sehe, muß ich stets in Schweigen genießen. Nichts wirkt unangenehmer, störender auf mein Gefühl, als wenn mich jemand auf dies oder jenes aufmerksam machen will. Sobald man zu mir sagt: »Wie schön ist das!«, dann wird es für mich sofort weniger schön. Diese vernehmlichen Ausbrüche der Bewunderung sind für mich wie Güsse kalten Wassers – sie kühlen meine innere Wärme ab. Später, wenn ich unbemerkt kälter geworden bin, tausche ich gerne meine Gedanken und Gefühle mit einem Freunde aus – mit mehreren – habe auch das Bedürfnis, sie aus dem überlasteten Gemüt sozusagen zu entladen. Und darum muß wohl auch der Dichter laut singen: in den süßen Augenblicken der Empfängnis brennt er, aber schweigt; danach muß er sich entleeren, Zunge oder Feder müssen dem vollen Herzen Luft schaffen. Er ist wie eine Wolke, die in der Stille Kräfte des Himmels sammelt, und wenn ihre Zeit gekommen ist, ihren schwellenden Vorrat ausgießt, donnert und blitzt und die erstaunten Felder überströmt. Für mich unglücklich angebracht war also die Diensteifrigkeit unsres Führers, der mit der Geschwätzigkeit eines Cicerone sofort alle die Kirchen, die von diesem Standpunkt aus zu sehen waren, zu bezeichnen und zu benennen anfing, bei jeder ausrufend: »Da sehen Sie!« Ich überließ ihm meinen Vetter zum Unterricht und setzte mich abseits, um zu sehen, ohne genötigt zu sein, zu hören. Wenn Stolberg seinen Homer am besten verdeutscht hat, wirft er die Feder beiseite und ruft mißmutig aus: »Leser! Lerne Griechisch und verbrenne meine Übersetzung!« Was ist eine Naturbeschreibung andres als eine Übersetzung? Selbst die gelungenste steht ebenso tief unter dem Original wie der Himmelberg in Jütland unter dem Himmelberg in Tibet. Darum, geneigter Leser, entschuldige mich, wenn ich dir nicht alles erzähle, was ich hier gesehen habe. Was ich gesehen habe, könnte ich dir vielleicht sagen; aber wie ich gesehen habe? Kaum! – Einzelheiten könnte ich dir eine nach der andern darstellen, aber das Ganze – alles auf einmal? – dazu – »wenn du auch Ohren hast, die Zunge hat nicht Worte.« Meine Feder ist kein Pinsel. Reise! Reise selbst nach dem Himmelberg und sieh! Doch du, der du vielleicht auf dem Gipfel des Brocken oder des Dôle oder des St. Bernhard gestanden hast, lächle nicht, weil ich mit unserm armen kleinen Himmelberg soviel hermache; er ist doch der größte, den ich und die meisten meiner Leser gesehen haben – was für dich klein ist, ist für uns groß. – – – Ich empfand einen Schlag auf meiner Schulter – es war mein Vetter, der hinter mir stand. Er erzählte, daß der Führer vor einer halben Stunde heimgegangen wäre und daß ich eine ganze ohne jede Bewegung und beinahe ohne Lebenszeichen dagesessen hätte, außer daß ich ein paarmal mit den Augen geblinzelt hätte. Er vertraute mir weiter an, daß er sich halbwegs zu langweilen beginne, und daß ich daher endlich mein tiefes Schweigen brechen müsse. »Und was hast du nun eigentlich gesehen?« fügte er hinzu. »Dasselbe wie du,« versetzte ich, »Luft und Erde und Wasser.« »Aber jetzt,« fuhr er fort, »stierst du ganz mechanisch auf die Wildente unten im See. Du bist gewiß mit deinen weitschweifigen Gedanken auf dem Felsen von Dover beim alten Gloster gewesen?« »Ganz recht,« sagte ich, »dieser Fischer in seinem Boot sieht wirklich nicht größer aus –« »Laß ihn ruhig sitzen!« fiel er ein, indem er mir sein Fernglas reichte, »und richte es auf jenes Ufer! Weißt du, daß wir Besuch bekommen?« Ich sah hinüber und erblickte nun ein Boot etwas vom Lande entfernt, das grade hier herüber zu steuern schien; es war voller Menschen und drei gelbe Hüte ließen vermuten, daß Frauenzimmer darunter waren. Mein Vetter schlug vor, wir sollten ihre Ankunft abwarten, obgleich es spät werden würde, bis wir unsre Nachtherberge in Alling erreichen könnten. Das herrliche Wetter entlockte mir leicht eine Zustimmung. Schöner hätten wir es uns auch gar nicht wünschen können; die Sonne war nahe am Untergehen, aber sie schien uns langsamer als gewöhnlich zu sinken – ganz als zögerte sie, um noch länger die Anmut der Erde zu betrachten, ein Werk ihrer allmächtigen Strahlen. Alle Winde waren zur Ruhe; kein Blatt, kein Halm bewegte sich. Der See war ein Spiegel, worin die gegenüber liegende Gegend ihre Felder, Haine und Häuser verdoppelte. In den Tälern gegen Westen stiegen einzelne Rauchsäulen von den zwischen den Bäumen verborgenen Kohlenmeilern und Behausungen auf. Aber so still es in der Luft war, so lebendig war es auf der Erde: Vogelsang im Walde hinter uns und vor uns, die wechselnden Liebestöne der Heidelerchen, die einander aus den Hollunderbüschen antworteten; von dem schilfbewachsenen Seeufer hörte man das Schnattern der Wildenten, das Glucken der Lumme und des Wasserhuhns, und weiter entfernt Ruderschläge von dem heimkehrenden Fischer und seinen Abendpsalm. Selbst von den Feldern drüben hörte man das Brüllen des Viehs, das Bellen der Hofhunde, das Sausen des Mühlbachs und das Klappern des Werks. Nun war die Sonne unter, und der Klang der Betglocken von vielen Kirchen rief den müden Landmann zu Schlaf und Ruhe. Der Abendtau hob sich bereits von allen Wiesen und Wässern und bald verhüllte er den ganzen See. Die fernen Hügel und die Wipfel der Wälder schwammen auf dem Nebel. Aber durch ihn hindurch erklang eine muntere und süß verschmelzende Musik von Blasinstrumenten. Sie näherte sich immer mehr und mußte unfehlbar vom Boote kommen, das wir drüben vom Lande hatten abfahren sehen. Als die Musik schwieg, hörte man deutlich die Unterhaltung der Ankommenden und bald darauf den starken Lärm bei der Landung. Wir erwarteten, daß sie in wenigen Minuten den Berg hinaufkommen würden, merkten jedoch, daß sie sich entfernten; denn schwächer und schwächer erklangen ihre Stimmen und verloren sich schließlich ganz im Walde nach Westen. Wenn es nicht die neumodische Musik gewesen, hätten wir das Ganze gut für ein Feenmärchen oder für einen Zug der Waldelfen – eine Erlkönighochzeit – nehmen können. Die Nacht brach an. Einzelne Sterne glommen matt am blaßblauen Himmel. Im Nordwesten zeigte ein rotes Segment, wo der König des Tages in der Tiefe wanderte und sich dem Pol näherte. Ringsum war es still; nur fern draußen in der Heide erklang das schwermütige Pfeifen des Regenpfeifers und unter uns über den See hin pfiff der Flügelschlag der vorbeiziehenden Wasservögel. »Nach Haus!« rief der Vetter. »Nach Haus!« wiederholte ich; doch kaum hatten wir ein paar Schritte getan, als wir beide gleichzeitig mit einem »Still!« stehen blieben. Südlich von uns an der Seite des Waldes, durch den wir gekommen waren, ertönte plötzlich ein zweistimmiges Tirolerlied. Es ist etwas Unbeschreibliches in diesen Doppeltönen, die das Herz leicht und sänftlich heben und ein Gefühl oder einen Zustand hervorrufen, fast wie der, wenn man im Traume fliegt. Am allerlieblichsten klingt es im Freien und in den Bergen – der Heimat dieser süßen Töne – und jetzt in der stillen Abendstunde, wo es klang, als ob alle die umliegenden Hügel aus dem eben begonnenen Schlummer geweckt würden und froh den Gesang nachlullten – hier war es gegenüber all dem andern menschlichen Gesang, was der der Nachtigall gegen den der übrigen Tagessänger im Walde ist. Der Vetter ergriff meine Hand und preßte sie, als wollte er mich bitten, nicht durch einen Ausruf seinen Ohrenschmaus zu stören. Als der Gesang zu Ende war, seufzte er tief. Verwundert sah ich auf den sonst so heiteren Burschen; es standen Tränen in seinen Augen. Ich schrieb sie der Macht der Musik zu, sogar das leichteste und dreisteste Herz zu erweichen und zu bewegen, und ich sagte ihm das. »Jawohl!« sagte er. »Die menschliche Brust ist ein Resonnanzboden, der, wenn auch unberührt, dennoch Widerhall gibt, wenn gewisse Töne angeschlagen werden.« »Richtig!« wiederholte ich, »wer den rechten anzuschlagen versteht, ist auch sicher, Antwort zu erhalten. Diese Auffassung wird ja offenbar in der Sage vom Taranteltanz angedeutet.« Er seufzte wieder und fuhr fort: »Aber solche Töne müssen doch im Zusammenhang mit gewissen Ereignissen stehen, müssen gewisse Erinnerungen wecken – Ja –« hier nahm er wieder meine Hand und zog mich mit sich nieder auf einen Windbruch – »Ja, mein Freund, dieser Gesang ruft eine Erinnerung wach, die ich vergebens auszulöschen trachte – willst du hören?« »Erzähl nur!« versetzte ich, »ich ahne bereits den Stoff deiner Geschichte.« »Es war ein Abend wie dieser,« begann er, »grade vor zwei Jahren, daß ich mich mit einem meiner Freunde auf einem Ausflug am Esrom-See befand. Wir blieben spät an einer Waldecke sitzen, ehe wir uns zum Heimwege entschließen konnten; solange wurden wir von der Anmut des Ortes und des Abends gefesselt. Wir hatten noch nicht unsern Sitz verlassen, als ein Tiroler Lied – genau dasselbe, das wir jetzt hörten – sehr angenehm unsre Aufmerksamkeit auf sich zog. Es kam von der andern Seite des Sees, näherte sich aber nach und nach. Bald hörten wir das Plätschern der Ruder, die ordentlich Takt zur Musik schlugen, und kurz darauf erblickten wir das Boot, das auf uns zu hielt. Als der Gesang aufhörte, fingen sie draußen einen lauten Spaß an, und der wurde wilder und wilder, je näher sie dem Lande kamen. Nun konnten wir deutlich das kleine Fahrzeug und seine lustige Besatzung sehen. »Zieht die Ruder ein!« rief einer, »ich werde an Land wricken.« Es erfolgte. »Ich weiß eine bequemere Art, euch alle an Land zu bringen,« rief ein andrer, indem er aufsprang und breitbeinig von Rand zu Rand das Boot in eine schaukelnde Bewegung setzte. »Laß das! Laß das!« schrie eine, »Du verrückter Esel, du bringst ja das Schiff zum Kentern!« »Ihr sollt euch den Staub ordentlich abspülen,« versetzte der Tolle und wippte weiter. Man lachte, man fluchte; doch plötzlich mitten im Lärm erscholl eine stärkere Stimme: »Hör auf! Hör auf! Fritz kann nicht schwimmen!« Da war es bereits zu spät: das Boot war voller Wasser und kenterte. Es geschah nur wenige Faden vom Ufer. Alle schwiegen auf einmal; wir hörten nur das Plätschern und Pusten der Schwimmenden; es waren sechs. Doch nun schrie einer: »Fritz, komm her! Nimm mich um den Hals!« Ein andrer: »Fritz! Komm zu mir!« Und mehrere auf einmal: »Fritz! Fritz! Wo bist du?« Unterdessen kam ein Paar an Land und wandte sich, um nach denen zu sehen, die noch draußen schwammen. Der eine zählte laut »drei – vier« und mit dem heftigen Ausruf: »Es fehlt einer!« sprang er wieder hinaus; der andre folgte ihm. Nun konnten auch mein Freund und ich nicht länger müßige Zuschauer bleiben: wir warfen unsre Röcke ab und waren im Nu unter den Suchenden. Daß der Gesuchte unter dem Boot sein mußte, war glaubhaft; wir umringten es daher alle, es lag mit dem Kiel nach oben; die besten Schwimmer tauchten. Vergebens! Er war nicht da. Aber weiter hin zwischen den Rudern bemerkte einer schließlich etwas Dunkles – das war er! Er wurde an Land gebracht – er war leblos. Eifrig – ängstlich versuchte man die gebräuchlichen Mittel; sie schlugen aber niemals an. Man beschloß nun, ihn nach dem nächsten Haus zu tragen; man legte ihn auf zwei, aus dem Boot losgerissene Sitze und setzte sich in Gang. Mechanisch folgten wir beide hinterdrein. Welch trauriger Unterschied zwischen der kürzlichen Lustigkeit und dem darauf erfolgten düsteren Schweigen! Vorher Gesang und Lachen, laute Jugendheiterkeit – jetzt nur der Laut von den raschen Schritten der Leichenträger! Der Zug war noch nicht weit von der Stelle entfernt, als einer der vordersten das Gesicht wandte und sagte: »Wo ist denn Lund?« Wir sahen uns alle um, der unglückliche Leichtfuß – denn das war er – stand dort halb verborgen hinter einem Busch und füllte seine Tasche mit Steinen. »Er will sich ertränken,« erscholl es, »er muß mit uns kommen.« Man machte Halt. Mein Freund und ich boten uns an, zu tragen, während zwei zu dem Verzweifelten hineilten. Wir sechs gingen weiter. Der Weg zu dem Hause, wohin der Ertrunkene gebracht werden sollte, lief durch den Wald. Hier war es bereits so dunkel, daß die beiden vordersten Träger erst in einem Abstand von etwa zehn Schritt zwei weißgekleidete Frauenzimmer entdeckten. »Mein Gott,« sagte er leise, »wenn das Fritzens Braut ist? Er sprach davon, daß sie uns entgegenkommen wollte.« Sie war es. Ich will nicht weitschweifig werden, du kannst dir selbst diesen herzerschütternden Auftritt vorstellen: Erst ihr Entsetzen, uns mit einem ertrunkenen Menschen zu treffen, und dann, als sie erfuhr, daß dieser Unglückliche ihr Teuerstes in der Welt war – denn es ließ sich keinen Augenblick verheimlichen, da sie ihn mit den übrigen zurückerwartete, die sie alle kannte – sie fiel in Ohnmacht. Ihre Begleiterin hielt sie im Falle auf. Was war hier zu tun? Mein Freund und ich ließen die Leiche los, um beiden Damen zu Hilfe zu kommen, während die vier andern ihren Weg zu dem Hause fortsetzten, das nicht sehr weit entfernt war. Ich eilte an den See hinab, um Wasser in meinem Hut zu holen. Wir besprengten ihr das Gesicht – sie kam wieder zu sich. Die Unglückliche! »Wo ist er?« schrie sie, »wo ist er? Er ist nicht tot – ich will zu ihm, ich will« – Sie mühte sich aus allen Kräften, um loszukommen. »Lassen Sie sie los, meine Herren!« sagte ihre Begleiterin, indem sie sie selbst mit dem einen Arm umschlang und mit dem andern ihre Hand gegen ihre Brust preßte; wir ließen sie los. »Dank – Dank für Ihren Beistand!« rief sie. »Bemühen Sie sich nicht; ich kenne den Weg.« Beide eilten davon. Wir blieben stehen und hörten noch lange den heftigen Schmerzensausbruch der einen und das zärtliche Zureden der andern. Wir hatten weder Veranlassung noch Drang zu folgen. Wir gingen zu dem wartenden Wagen zurück, im Gespräch über den jammervollen Vorfall, dessen Zeugen wir so unvermutet geworden waren. Niemanden von all denen kannten wir, erfuhren auch nicht, was später daraus geworden war. Und obgleich wir eine Zeitlang alle Todesanzeigen in der Zeitung genau nachsahen, fanden wir doch kein solch unglückliches Ereignis bekanntgegeben und ebensowenig in einem unsrer Umgangskreise erwähnt. Zuletzt hätten wir gern das Ganze für eine Spukszene genommen, wenn wir nicht selbst unsere Rollen darin gespielt hätten. Jedoch für mich war es hiermit nicht vorbei. Du wirst es wunderlich finden – lächerlich vielleicht – daß ich wirklich in gewisser Weise verliebt war; denn die Liebe hat ja sonst nur einen Weg zum Herzen – die Augen. Zu mir schlich sie sich auf einem Umweg – durch die Ohren. Es war nämlich so dunkel, daß ich nicht das Gesicht der Schönen sah, sondern nur ihre Stimme hörte – ah, eine Stimme! so – süß? das sagt nichts – melodisch? auch nicht. Kurz gesagt: ich kann sie nicht anders beschreiben, als daß sie klang wie ein Ton aus höheren Regionen oder wie die Stimme eines lange entbehrten, eines verschiedenen Freundes oder eines Engels im Traum. Auch ihre Gestalt glich denen, die dem inneren Gesicht des Schlummernden im Traume vorgegaukelt wird, undeutlich, ohne bestimmte Züge und Umriß, und doch im Stande, das Herz in die süßeste Bewegung zu setzen. Hast du dich jemals im Schlaf verliebt, dann wirst du dich ungefähr in meinen Zustand versetzen können. Ich sah sie und sah sie nicht: die schlanke, in Weiß gehüllte Gestalt hatte grade durch ihre Dunkelheit etwas Geisterartiges; und das Gesicht, das sich rasch und mattglänzend unter dem Rande des Strohhuts zeigte und verschwand, war mit dem Schein des Neumonds hinter bleichen Wolken zu vergleichen, wenn er so schwach ist, daß der Wanderer nicht weiß, ob er ihn ›sieht oder nur zu sehen glaubt.‹ Ja, in Wahrheit! Ihre ganze Engelsgestalt kam mir vor wie die Didos, da sie im Elysium an dem noch im Fleische wandelnden Aeneas vorüberschwebte –« »Von wem sprichst du?« unterbrach ich ihn. »Von der Freundin natürlich,« versetzte er, »und nicht um das unglückliche Witwenmädchen – wenn ich sie so nennen darf.« »Was du mir hier erzählst,« sagte ich, »finde ich keineswegs unsinnig: das Halbdunkel erweckt größere Neugierde, heftigere Neigung als das ganz Klare; die Reize, die durch den Schleier schimmern – und du sahst ja durch den der Nacht – werden idealisiert von der Phantasie ausgemalt, die grade im Dunkel am allereifrigsten ist. Und nun dazu deine Stimmung, die plötzliche Abwechslung zwischen der Windstille milder Freuden und den Stürmen des Erschreckens und dem tiefen Wellenschlag der Trauer – in Trauer wie in Freude ist das Herz am schwächsten und am schlechtesten bewacht gegen heimliche Überrumpelung durch den listigen Gott der Liebe. Dein Drama ist also zu Ende?« »Der erste Akt nur,« erwiderte er, »nun kommt der zweite.« Der Sommer ging. Der Winter kam und war fast vorbei, als ich einer Maskerade in einem Klub beiwohnte. Eine Stunde lang hatte ich mich zwischen diesen Karrikaturen getummelt und mich recht gut unterhalten – nicht grade über das gute Spiel von sehr vielen; denn nur einige verstanden es, die angenommene Rolle auch durchzuführen – sondern vermittels einer Idee, die mir gleich eingefallen war und die ich auf alle vorkommenden Charaktermasken anwandte. Ich stellte mir nämlich vor, die Maskerade sei wirkliche Wahrheit und das wirkliche Leben dagegen eine Maskerade. Das natürliche Gesicht des Menschen kam mir wie eine Maske vor, die oft dem wahren Charakter gleicht und ihn oft verbirgt; die gewöhnlichen Trachten schienen mir falsche Kostüme, Rede und Wesen ein szenisches Spiel zu sein. Aber hier, auf der sogenannten Maskerade, zeigt sich der Mensch, wie er ist: der Narr stellt sich ehrlich in seiner Narrentracht dar, schwadroniert offen mit seiner Pritsche und klingelt lustig mit seinen Schellen; der Verschmitzte, Faule, Gierige hängt sich die Mönchskutte über; der Stolze stelzt gravitätisch einher wie ein Grand d'Espagne; der Eitle prunkt mit Band und Sternen, selbsterfundenen, selbstverliehenen, aber grade deshalb desto echteren Zeichen selbstempfundenen Wertes; das wollüstige Weib, das in der großen Maskerade des Lebens sich züchtig in die Tracht der Unschuld hüllt und schüchtern aussieht, entsagend, heilig wie eine Cecilia, sie tritt in der kleinen mit dreistem Wesen und drappiert als Kleopatra auf; die Xantippe schwingt öffentlich das Reis, das sonst nur hinter ihren eigenen verschlossenen Türen zuschlägt, und belustigt das große Publikum mit ihren Gardinenpredigten. Ja, die Aufrichtigkeit, die rückhaltlose Erkenntnis der Wahrheit geht sogar so weit, daß nicht einmal das Tierische beim Menschen sich verbirgt: der Grobian zeigt sich als ein wirklicher Bär, der Hoffärtige, von falschen Winden aufgeblasene, stolziert umher wie ein Truthahn; die dummstolze Dame watschelt wie eine natürliche Gans daher; und sie, der der Mund von morgens bis abends wie eine Pfeffermühle geht, erscheint hier als ein ungeheurer Papagei. Diese Vorstellung wurde so lebhaft, daß ich mir schließlich einbildete, ich befände mich in einer Menagerie und alle die zweibeinigen Wesen, die mich umsprangen, seien Affen, Hunde und andre Wesen, die man in Kleider gesteckt und auf den Hinterbeinen gehen gelehrt hatte. Da wurde ich in sehr angenehmer Weise aus einer nicht sonderlich behaglichen Illusion gerissen: es traten nämlich Hand in Hand zwölf languedocsche Schäfer ein mit ihren Schäferinnen in der schönen Tracht ihres heiteren Heimatlandes. Das Orchester spielte zu einer Française auf und dieser reizende und doch so sittliche Nationaltanz wurde von den drei Quadrillen mit einer so völligen Leichtigkeit und Bestimmtheit ausgeführt, daß all die andern Masken im Saal in schweigender Bewunderung einen dichten Kreis um die schöne Gruppe schlössen. Als der Tanz vorbei war, öffnete sich der Kreis, und Schäfer und Schäferinnen mischten sich unter die übrigen. Eine der letzteren, deren niedliche Figur und anmutigen Bewegungen meine Aufmerksamkeit besonders gewonnen hatten, zog mich nun mit unerklärlicher Macht im Saale hinter sich her, bis ich ihr endlich so nahe kam, daß ich sie anreden konnte. »Schöne Schäferin!« sagte ich auf französisch, »wie ist unser Norden so glücklich geworden, einen Besuch von Ihnen und Ihren schönen Schwestern zu erhalten!« Sie wandte sich rasch zu mir um und schwieg ein paar Sekunden, während der sie ein Paar dunkler Augen starr auf meine heftete. »Mein Herr!« erwiderte sie nun gleichfalls auf französisch, »wir hatten gehört, daß Treue ihre rechte Heimat in diesem Norden habe.« »Aber Sie bringen ja jede ihren Liebhaber mit –« sagte ich. »Weil«, war die Antwort, »wir hofften, daß das Klima einen günstigen Einfluß auf ihre Beständigkeit haben werde.« »Herrliche Blume von den Ufern der Garonne!« fuhr ich fort. »Wer könnte unbeständig gegen Sie sein?« »Der jedenfalls«, versetzte sie, »der mir schmeichelt, ohne mich zu kennen. Sie nennen mich schön und haben doch nicht mein Gesicht gesehen. Sie müssen also die Maske meinen.« »Ihre eigenen Augen sagen es«, wiederholte ich, »sie müssen die Schuld tragen, wenn ich die Unwahrheit sagen sollte –« Hier wurden wir durch den beginnenden Tanz unterbrochen. Ich forderte die Schäferin auf, mit einem Nicken reichte sie mir ihre Hand, wir stellten uns in die Reihe. Jetzt erst begann ich mich recht zu entsinnen, wo ich früher diese süße Stimme gehört hatte, die, wenn auch etwas undeutlich unter der Maske, mir doch so bekannt klang: es war – es konnte keine andre als sie sein, meine Elfe vom Esromer Wald. Doch hierüber mußte ich Gewißheit haben. Es fiel mir schwer zu warten, bis der Tanz vorbei war; kein Tanz ist mir früher oder später so angenehm und so lang gewesen. So werden wir bisweilen in Träumen weit umher geführt von einer Szene auf die andre, hören Gespräche, erleben ganze Geschichten, weit umfassende, wenn auch rhapsodische, und wenn wir dann erwachen und nachrechnen, hat der ganze Traum nur ein paar Minuten gedauert.« »Eine solche Zeit«, fiel ich ein, »würde ich eher schwer als lang nennen. Aber fahre fort! Deine Geschichte ist mir noch nicht zu lang.« Er fuhr fort: »Nach dem Tanz führte ich sie auf ihrem Platz und ließ mich neben ihr nieder. »Es kommt mir vor«, sagte ich auf dänisch, »daß ich früher einmal ihre Stimme gehört habe, nicht an den Ufern der Garonne –« »– Sondern«, nahm sie mir rasch das Wort weg und wandte sich zu mir um, »am Ufer des Estromsees vielleicht?« Eine süße Empfindung hob meine Brust und preßte sie gleichzeitig zusammen; sie war es, die Unsichtbare! Sie hatte damals auch meine Stimme bemerkt, sie in treuer Erinnerung bewahrt.« »Zum zweiten Mal also,« seufzte ich, »begegnen wir uns, ohne einander zu sehen. Das gleicht wirklich einem morgenländischen Märchen; aber desto heftiger sehne ich mich nach dem Augenblick, an dem Sie ihr Gesicht nicht mehr verbergen werden –« Sie lachte etwas – artig, graziös, wie das Mädchen bei dem Schelm Flaccus. »Wenn sie beim Blindekuhspiel kichert tief drinnen im Winkel« – durch die Mundöffnung der Maske sah ich die schimmernden Perlenreihen der Zähne, ich dachte mir Korallenlippen darum, Grübchen in den hellroten Wangen – und ich vergaß ganz, was ich sagen wollte. Sie ergriff das Wort: »Warum sollte ich Ihre Illusion zerstören? Lassen Sie unser Märchen – wie Sie es nennen – bleiben, was es ist! Wenn ein Rätsel gelöst ist, interessiert es nicht mehr. Sobald die Maske fort ist, sehen Sie ein ganz gewöhnliches Mädchengesicht! Jetzt dagegen ist Ihre Einbildungskraft so galant, mich zu einer Fee aus dem Kaukasus oder aus Ginistan zu machen. Lassen Sie mich es bleiben, wenigstens solange, bis der Wächter zwölf ruft und Sie aus dem Traume weckt.« »Nicht alle Träume sind Betrug«, erwiderte ich, »sie enthalten oft wahre Weissagungen.« »Souvent«, sagte sie – wie mir schien gleichgültig und sah nach den Masken hin, als vermißte sie jemanden. Ich fühlte mich etwas gekränkt und bemerkte, daß viele Wahrheiten allerdings derartig seien, daß wir wünschten, sie wären Träume, und daß dies gerade auch der Fall mit dem unglücklichen Ereignis war, das Anlaß zu unsrer ersten Begegnung gegeben hatte. Sie sah wiederum zu mir hin und sagte: »Unglücklich? – Ah, es ist wahr! Sie wissen vermutlich nicht –« Da kam einer der Schäfer angestürzt und riß sie mit sich in die Quadrille, die sich wiederum aufstellte. Ich folgte dem Paar mit den Augen und merkte nicht, daß meine Schwester neben mir stand, bis sie mir einen Schlag mit dem Fächer gab und mich wissen ließ, daß sie nicht engagiert sei. Ich ging mechanisch mit ihr in die Reihe; wir kamen ganz unten zu stehen. Mechanisch rückte ich auf, mechanisch machte ich meine Figuren. Meine Sinne, meine Gedanken waren von dem rätselvollen Wesen gefesselt, das immer näher und näher kam. Nun war es an mir, ihr die Hand in der Kette zu geben; ich drückte die ihre – ich erhielt keine Erwiderung. Beschämt oder betrübt beschloß ich, nicht mehr nach ihr zu sehen; beständig sah ich die Quadrille hinauf. Schließlich begann ich mit meiner Dame zu tanzen; ein Paar nach dem andern verabschiedete sich, gerade wenn wir an ihnen vorbeikamen; die Schäferin war mit ihrem Tänzer eine der ersten. Als die Ecossaise zu Ende war, konnte ich es mir nicht versagen, ringsum nach ihr auszulugen. Sie war nicht mehr im Saale – alle Schäfer und Schäferinnen waren und – blieben fort. Ob sie nun den Ball verlassen oder auch – was wahrscheinlicher war – sich umgekleidet hatten: ich sah sie nicht mehr. Vergebens ließ ich bei Tisch meine Augen nach allen Damen umherschweifen, um möglicherweise zu erraten, wer von ihnen die rechte sei. Es half nichts: da waren viele schöne schwarze Augen und weiße Zähne in Menge; doch welche gehörten ihr? Nur die Stimme würde zu der lebhaft gewünschten Entdeckung leiten; aber ich konnte doch nicht von einer zur andern gehen und sie bitten, mit mir zu sprechen. Kurz gesagt: der zweite Akt meines Dramas war zu Ende –« »Und nun der dritte?« fragte ich neugierig. »Auf dessen Beginn«, versetzte er, »habe ich selbst vergebens Jahr und Tag gewartet.« »Aber«, fragte ich weiter, »kennst du nicht ihren Namen?« »Nein.« »Kanntest auch keinen von den übrigen vielen Schäfern oder Schäferinnen?« »Gewiß«, sagte er, »traf ich später ein paar von den ersten; aber was half mir das? Ich war doch nicht imstande, meine Schäferin so zu bezeichnen, daß sie von den andern unterschieden werden konnte. Sie zählten mir zwölf unbekannte Namen auf, zwischen denen ich wählen konnte – damit kam ich ebenso weit. Für mich ist sie ebenso namenlos wie unsichtbar.« Ich mußte über das traurige Gesicht meines sonst so lustigen Vetters lächeln. »Du lachst über mich,« sagte er, »das habe ich ja vorher gewußt. Sich in ein Mädchen zu verlieben, das man nicht gesehen hat, ist auch ziemlich närrisch. Aber weißt du, sehr stark bin ich das auch nicht. Daß ich vor Liebe sterben oder selbst meine Tage verkürzen sollte, brauchst du nicht zu fürchten: ich fühle nur eine gewisse süße Sehnsucht, gleich der, die zärtlich das Herz durchbebt bei der Erinnerung an entschwundene Freuden.« Die Tiroler waren jetzt so nahe, daß wir sie leise sprechen hörten. Nach ein paar Sekunden Lauschens flüsterte der Vetter mir zu, er kenne einen von ihnen an der Stimme sowie an seinem häufig wiederholten Leibprädikat »ungeheuer«, es sei ein Offizier aus Kopenhagen, gleich darauf traten sie aus dem Walde, drei an der Zahl, alle in Zivil; doch verriet der Schnurrbart des einen seinen militärischen Stand. Der Vetter stieß mich am Arm an und flüsterte wieder: »Das ist er wirklich – wollen sehen, ob er mich erkennt!« Wir standen auf und standen steif da, unsere Hüte in den Händen. Sie grüßten wieder, und der Offizier setzte höflich hinzu: »Bedeckt Euch, Kinder! – Dient Ihr dem König?« »Oh ja!« versetzte der Vetter. »Wollt Ihr Euch ein Trinkgeld verdienen?« wiederholte jener, »und uns behilflich sein, unser Zelt aufzustellen?« »Wie Herr Leutnant befiehlt«, lautete die Antwort. Nun brachten die beiden Burschen Zelt und Stangen an, und auf Befehl des Offiziers gingen wir mit ihnen zurück, um das übrige Zubehör zu holen, sowie Mäntel, Felle, Eßkorb und Flaschenfutter; denn der Wagen, in dem sie von Ry aus gefahren waren, war auf dem offenen Hügel südlich des Waldes stehen geblieben. Das Zelt wurde mit dem Eingang nach Osten errichtet und den Umständen nach gut eingerichtet: ein Baumstamm wurde hineingerollt und diente, mit Fellen belegt, als Bank; ein andrer wurde als Tisch davorgestellt. Die Reisenden brauchten uns nun nicht länger. Der eine bezahlte die Bauernburschen; der Leutnant reichte mir einen Silber-Vierteltaler, den ich doch natürlich nicht annehmen wollte. Er bot ihn meinem Kameraden an, und als dieser ebenso edelmütig war, schwur er hoch und heilig darauf, daß wir sein Flaschenfutter schmecken sollten. Er schenkte ein; der Vetter ergriff den Becher mit einem Lächeln. »Worüber grinst du?« fragte der Offizier. Mein Vetter sagte, indem er an den Mund setzte: »Dein Wohl, Wilhelm!« Der, dem zugetrunken war, trat oder richtiger taumelte ein paar Schritte zurück, seine beiden Reisebegleiter ein paar auf uns zu. Der Vetter trank und brach in Lachen aus, und der Leutnant, der ihn nun endlich erkannte, rief in froher Überraschung aus: »Ludwig! Reitet dich der Böse? Was in Teufels Namen treibst du hier in dieser Verkleidung?« Es kam nun zu einer vollständigen Erklärung. Der Leutnant fand unsern Einfall ungeheuer schön und er mit seinen Reisebegleitern drängten so herzlich darauf, daß wir die Nacht bei ihnen bleiben sollten, daß wir es nicht abschlagen konnten. Der eine Kamerad des Leutnants war ein junger, hübscher und sehr gebildeter Mann und gleichzeitig ungeheuer reich, weshalb er immer der Großhändler genannt wurde, und anders will auch ich ihn nicht nennen. Der andre stellte sich selbst mit diesen Worten vor: »Meine Herren vom achtbaren Bauernstand! Mein Name hier in Jütland ist Farniente, und ich habe das Glück, nichts in der Welt zu sein, höchstens stets ungeheuer vergnügt, was die Weisen dieser Welt Torheit nennen. Gestatten Sie mir nun, Ihnen meine Reisefreunde mit ihrem wirklichen Charakter vorzustellen! Dieser hier ist ein sehr liebenswürdiger und in jeder Beziehung vollkommener Kavalier. Er ist Herr über mehrere Tonnen Gold, für welches Verdienst er von mir zum Kommandeur des Goldenen Vließes erhoben worden ist. Das einzige, was an ihm auszusetzen wäre, ist, daß er nicht ganz richtig im Kopfe ist; denn er hat die fixe Idee, daß er absolut in das Irrenhaus will, von dem ich sprach. – Der andre Herr dort ist ein Mitglied des Ordens der roten Mönche. Er ist der verrückteste von uns dreien; denn er bildet sich fest und bestimmt ein, er sei ein Krieger und großer Held, und nennt sich selbst Leutnant. Er kann im übrigen bald erwarten, Prior in einem der Klöster der Sölvgade zu werden, was er in seiner Sprache nennt: eine Kompagnie zu bekommen." Hier griff der Vorgestellte mit seiner rechten Hand nach seiner linken Hüfte und sagte so barsch wie möglich – doch ohne seine Lachmuskeln bezwingen zu können –: »Herr von Farniente, wissen Sie auch, daß Sie mich ungeheuer beleidigt haben! Wo und wann paßt es Ihnen?« »Hier«, erwiderte der Geforderte, auf das Flaschenfutter weisend, »und im Augenblick.« Nun trat mein Vetter vor und sagte: »Meine Herren! Ehe Sie zu dem blutigen Werke schreiten, lassen Sie auch mich selbst und meinen Kameraden vorstellen, die sich sehr die Ehre ausbitten, Ihre Sekundanten zu sein. Sie, Herr Farniente, sind nichts! Hier« – er wies auf mich – "sehen Sie einen Mann, der alles ist, ebenfalls, versteht sich, in seiner eignen Einbildung. Er glaubt nämlich von sich selbst, daß er ein Poet ist, und solche Leute, wissen Sie, stecken ja ihre Nase in alles. Er hat einen Haufen Altes und Neues gelesen und ein paar Reisen mit dem Fährschiff und dem Dampfschiff zwischen hier und Kopenhagen gemacht, und deshalb ist er nun fest davon überzeugt, daß er die Welt kennt, obgleich er nicht einmal sich selbst kennt und jeder Dummrian ihm heimleuchten kann, wenn er nur versteht, ihm sein eigenes Steckenpferd zwischen die Beine zu stecken. Im übrigen tut er nichts Böses, wenn man ihn bloß reden läßt und schweigt und ihn nicht in seinen Träumereien stört. Sein Name ist übrigens Per Spielmann. – Was meine eigene geringe Person angeht –« »Pausiere etwas!« unterbrach ich, »jetzt fällt es mir zu, dich vorzustellen, Vetter! Denn deine Bescheidenheit wird jedenfalls deine eigenen Vollkommenheiten verbergen. Herr Prokurator Ludwig §§§! Ein blinder Diener der blinden Justitia! Als solcher gedenkt er den Gang der Gerechtigkeit an allen Untergerichten Jütlands zu leiten. Er hat zwei fixe Ideen: die eine, daß er nur gerechte Sachen unternehmen will; die andre, daß alle gerechten Sachen gewonnen werden müssen. Sie sehen folglich ein: pro primo, daß er nicht sehr tief in der Jura steckt, pro secundo, daß er die Welt ebensowenig kennt wie ich, und pro tertio, daß seine Praxis nicht bedeutend werden wird. Von dem Lohn, den ihm seine gnädige Frau gibt, wird er also nicht fett werden; und wenn er kein Privatvermögen hätte, könnte er darauf rechnen, auf öffentliche Kosten unterhalten zu werden.« »Prächtig, meine Herren!« rief der Leutnant, »ich sehe, daß wir hier fünf Ellen von einem Stück sind und daß wir ungeheuer gut aufschließen; lassen Sie uns nun auch Tritt bei der Flasche halten. – Achtung! Angetreten! Eins – zwei! Eins – zwei!« Und dabei stampfte er mit kurzen, raschen Schritten ins Zelt; wir andern in demselben Tempo hinterher. Was wir hier taten, bedarf keiner ausführlichen Erklärung: wir aßen und tranken und waren froh; wir schwatzten und wir sangen zur Abwechselung. Wir kümmerten uns weder um Praeteritum oder Futurum, sondern hielten allein an das glückliche Präsens nach unsers Praeceptors, des verrückten Horaz' Lehre und Exempel. Der Großhändler war der erste, der gegen Mitternacht daran erinnerte, daß ein Schläfchen guttun und bewirken würde, daß wir mit um so größerer Munterkeit die aufgehende Sonne begrüßen könnten. Das fand allgemeine Zustimmung. Aus Fellen und Mänteln wurde rasch ein Gemeinschaftsbett bereitet, auf dem wir fünf fidelen Brüder uns ausstreckten. Vier schliefen bald ein, einer nach dem andern; nur ich blieb wach. Und da ich merkte, daß der Schlaf sich nicht einfinden wollte, erhob ich mich so leise wie möglich und ging aus dem Zelte. Es war ringsum still. Der Himmel war wolkenfrei, aber von seinen Millionen Augen waren nur einzelne offen, und selbst diese blinkten langsam und matt, als kämpften sie mit dem Schlafe; denn jenes strahlende Königslicht, das bald ihr schwaches Glänzen ganz auslöschen sollte, brach bereits im Norden durch. Es ist nicht das Dunkel, noch weniger Sturm oder Unwetter, die die Nacht so feierlich schrecklich machen; es ist ihre tiefe Ruhe, diese Totenstille in der ganzen Natur. Dies: sich selbst wach mitten in einer schlafenden Welt zu wissen, allein lebend in dem ungeheuren Grabgewölbe, allein mit seinen bangen, schwindelnden Gedanken von Tod und Ewigkeit. Wie willkommen ist da jeder Laut, der die unheimliche Einsamkeit unterbricht und an das Wiedererwachen der Schöpfung erinnert, an ihre tägliche Auferstehung zu Leben und Tätigkeit und Freude – ja, auch zu Unruhe und Mühsal! Wie begehrlich fing mein Ohr jeden stärkeren Atemzug der Schlafenden im Zelt auf, das kaum hörbare Brausen des fernen Waldbachs! Wie freundlich, vertraulich klang mir der Mitternachtsschrei des Hahns von der nächsten Hütte, der bald stärker und schwächer hier und da beantwortet wurde. Aber auch diese Freunde verstummten, es entstand wiederum Stille. Doch nicht auf lange: fern hinten im Walde erklangen andre und süßere Töne. Ich lauschte; es war Musik – sie wurde immer vernehmlicher – kam näher – es waren Blasinstrumente – die Hörner von gestern abend. Wie ein milder Regen, der das sinkende, sterbende Blatt belebt und hebt, so tropfen die lebhaften Töne ermunternd, stärkend in die von Sorge und Kümmernissen zusammengepreßte Brust. Herrlicher Triumph für den unablässig wirkenden Geist des Menschen! Der toten Materie Leben einzuhauchen, durch Holz und Metalle die edelste Sprache des Herzens zu sprechen und das harte Erz zu einem Organ für Gedanken und Gefühle zu machen, die die Lippe nicht einmal mit Worten auszudrücken vermag! Mit Recht wird die Musik »Wein der Seele« genannt, doch warum nicht auch »Licht des Herzens«? Für mich ist sie dasselbe wie das Morgenlicht für den nächtlichen Wanderer oder ein Sonnenglitzern durch Winterwolken. Und gesegnet seiest du, seliger Weber, für die Ströme lieblicher Töne, die deiner Brust entströmten, wie ewig unversiegbare Quellen aus dem Busen der Erde, die Menschenkinder zu erfreuen! Lieber wollte ich Urheber nur dieses deines seelenfrohen Marsches sein, als aller seelenvertrocknenden Gedichte Byrons. Das Stück war längst zu Ende; und da ich niemanden mehr hörte, grübelte ich darüber, ob es nicht doch Geistermusik der unsichtbaren Bewohner des Waldes oder Berges gewesen sein könnte, und ob in diesem Fall die Elfchen sie von Weber oder er sie von ihnen gelernt hatte. Da gewahrte ich Licht weithin nach derselben Seite, das sich aber bewegte, verschwand, wiederkam und wieder fortblieb. Ich ging nun ins Zelt, wo die in tieferen Schlaf Versunkenen durch Nase und Gaumen eine andre und weniger angenehme Musik machten. Ich rief: »Meine Herren! – Meine Herren! Wir können bald Besuch erwarten.« Der Vetter erwachte zuerst, setzte sich auf und fragte: »Was gibt es?« »Der Chor von gestern abend«, erwiderte ich, »und ein förmlicher Fackelzug.« Er sprang auf und trat hinaus. Der Leutnant erwachte; ich erzählte ihm das gleiche. Er rüttelte die andern beiden und rief: »Munter! Munter! Nun kommen die Damen!« »Das finde ich schön«, sagte der Großhändler, »sie kommen früher, als sie versprochen haben – Farniente, auf!« »Farniente«, versetzte der Angerufene, »läßt den Damen seinen Gruß vermelden und bittet euch andere, euch zur Hölle zu scheren! Laßt mich schlafen, ihr Nachtvögel!« »Das geht aber nicht«, sagte jener, »denn sie wollen in das Zelt.« Der Leutnant trat wieder ein: »Steh nun hübsch auf, du Siebenschläfer«, sagte er, »im Augenblick sind die lieben Mädchen hier. Sie kommen mit Fackeln und Blasinstrumenten.« »Ich blase den lieben Mädchen selbst einen Marsch«, brummte Farniente, »laß sie warten, bis ich soweit bin – oder koch ihnen Kaffee und bleibt mit eurem Geschwätz draußen – das schmeckt am besten in freier Luft. – Gute Nacht nochmals!« Hiermit warf er sich auf die andre Seite. Wir verließen ihn, um dem Zuge entgegenzugehen, der Vetter und ich hinter den andern, da wir den Neuankömmlingen gegenüber unser Inkognito noch etwas bewahren wollten. Einige hundert Schritte vom Berge im Walde trafen wir auf sie. Es waren sieben an der Zahl, zwei Fackelträger, zwei Hornbläser und drei Frauenzimmer. Von den letzteren waren zwei jung und die dritte etwas älter. Die Hornisten waren kaum ausgewachsene Burschen, die zu der Kopenhagener Reisegesellschaft gehörten, und die Fackelträger waren Söhne des Pfarrers, wo sie ihr Hauptquartier hatte. Das eine junge Mädchen fiel dem Großhändler so liebevoll um den Hals, daß niemand im Zweifel über ihr gegenseitiges Verhältnis sein konnte. Die andre grüßte freundlich; aber zurückhaltend und hielt beständig die dritte ältere, mit der sie leise und fast flüsternd sprach, unter dem Arm. Der Leutnant mischte sich hin und wieder in das Gespräch, das fremde, uns unbekannte Dinge betraf. Die Spielleute setzten sich zuerst wieder in Gang und erfreuten die übrigen durch ein munteres Stück auf ihren Hörnern. Während sie vorbeimarschierten, blieben der Vetter und ich stehen und machten Front gegen sie, jeder auf einer Seite des Weges. Als wir uns wieder zusammengeschlossen hatten, bemerkte ich, daß die eine der jungen Damen – nicht die Braut des Großhändlers – sich oft nach uns umsah, und daß die andre den Leutnant fragte, wer wir wären. »Zwei Landsoldaten von meiner Kompagnie«, erwiderte er, »sie sind hier aus dem nächsten Ort und sind uns beim Aufstellen des Zelts zur Hand gegangen. – Burschen!« sagte er zu uns in einem gebieterischen Tone, »könnt ihr uns Wasser aus dem nächsten Bach und Holz holen, um unsern Kaffee zu kochen? Ich will euch selbst begleiten.« »Das wäre schade Ihretwegen, Herr Leutnant!« antwortete der Vetter auf jütländisch, »wir werden das schon allein besorgen.« Sobald wir zum Zelte gekommen waren, bekam er den Kaffeekessel und lief mit ihm zu einer Quelle; ich begann Heidekraut auf der Nordseite des Berges zu pflücken, und der Leutnant trug es dahin, wo der Kaffee gekocht werden sollte. Während dieser Tätigkeit erzählte er mir, wer die Ankömmlinge waren, woraus ich erfuhr, daß die ältere Dame und die jüngere, die mit ihr ging, beide seine Schwestern waren. Er wollte noch mehr sagen, wurde aber daran verhindert, da sie gerade zu uns kamen und unsere Arbeit betrachten wollten, deren Zweck sie nicht sogleich erfassen konnten: es war nämlich zum erstenmal in ihrem Leben, daß sie aus Heidekraut gekochten Kaffee trinken sollten. Es war indes bereits so hell geworden, daß der Schein der Pechfackeln uns überflüssig erschien und daß wir gern versuchen konnten, unsern Kaffee bei Tageslicht zu trinken. Das Möblement des Zeltes mußte daher herausgeschafft werden, und Farniente konnte infolgedessen den süßen Schlaf nicht länger genießen, als das Bett unter ihm fortgezogen wurde. Bei dieser Störung äußerte er doch gleich sein Unbehagen auf die unzweideutigste Weise, das heißt: mit verschiedenen Flüchen; doch sobald er auf die Beine gekommen war und sich die Augen gerieben hatte, wurde er wieder derselbe lustige Vogel wie vorher. Er eilte zu den Damen, mit fließender Zunge das bekannte Distichon rezitierend: »Quando conveniant Catharina Margreta Sibylla Colloquium faciunt et ab hoc et ab hac et ab illa.« »Das heißt auf dänisch«, fügte er hinzu, »soviel wie: Guten Morgen, meine drei Grazien! Es freut mich, Ihre schönen Gesichter zu sehen und Ihre lieblichen Stimmen zu hören.« »Das ist allzu frei übersetzt, mein Herr!« sagte die älteste von ihnen; »das heißt eigentlich: Holte euch doch der Teufel, ihr drei Glockenspiele! Wenn ihr zusammenkommt, kann man von eurem Geschwätz kein Wort verstehn. – Habt ihr bemerkt,« sagte sie zu den beiden andern, »daß er uns sogar bei Namen nannte?« »Ich habe den deiner Schwester und meinen gehört, aber nicht den deinen«, versetzte die Braut des Großhändlers. »Ah!« wiederholte jene, »Sibylle! Das bin ich – das ist ein Ehrennamen, den er mir gibt.« Farniente lachte, ergriff ihre Hände und sagte: »Meine kluge Sibylle! Meine gelehrte Sibylle! Für diesen Einfall sollen Sie ein Tänzchen in freier Luft haben.« Damit begann er zu walzen und die Hornisten zu blasen, der Großhändler und der Leutnant folgten dem Exempel: jener nahm seine Braut, dieser seine Schwester. Ehe ichs mich versehen hatte, hatte mich mein Vetter um den Leib; und da er Bärenkräfte besitzt, riß er mich, ungeachtet all meines Widerstrebens, mit sich. Einige Male ging es gerade so; aber da holsteinischer Galoppwalzer nicht meine Sache ist, kamen wir schließlich von der geraden Bergfläche ins Heidekraut, und bums! da lagen wir alle beide. Die Spielleute, die es zuerst bemerkten, konnten nicht länger vor Lachen blasen, und nun hörten auch die andern auf zu tanzen, herzlich über unser Mißgeschick lachend. Während wir wieder hinaufkletterten, hörte ich Sibylle – wie ich sie nun nennen will – die Bemerkung machen, daß wir für Bauernburschen ziemlich flink und gar nicht blöde wären. »Das ist die Allmacht der Musik«, rief Farniente; »aber jetzt wollen wir unsern Kaffee haben!« Alle setzten sich in einem Kreise auf die Felle und Mäntel um den Baumstumpf, der während des Tanzes von den Pastorssöhnen als Kaffeetisch gedeckt worden war. »Setzt euch auch, Kinder!« sagte der Leutnant zum Vetter und mir. »Ihr werdet vom Tanzen müde sein.« Wir setzten uns stumm in einigem Abstand vom Kreise. Sibylle schenkte ein; aber sie sowohl wie die beiden andern Damen schielten bisweilen zu uns hin, wie mir vorkam, fast etwas mißtrauisch; doch am häufigsten die jüngste Schwester des Leutnants. Der Vetter flüsterte mir einige Male zu, sie sei ungeheuer hübsch. Da die Herren jeder eine Tasse getrunken hatten, winkte Farniente uns gnädig, indem er sagte: »Kommt, Leute, ihr sollt auch einen Tropfen haben!« Wir standen auf und näherten uns langsam. Sibylle reichte dem Vetter zuerst die Tasse. Er nahm den Hut in die eine Hand und streckte die andre nach der Tasse aus. Als er sie genommen und sich einige Schritte zurückgezogen hatte, sagte Sibylle mit einer halb schelmischen, halb spöttischen Miene auf deutsch: »Dieser Bauer hat sehr zarte Hände; er hat gewiß den Dreschflegel nicht gar zu lange gehandhabt.« »Es scheint so«, sagte ihre Schwester, sichtlich errötend. Hier ließ der Vetter die Tasse fallen und blieb unbeweglich wie einer der Bäume des Waldes stehen, die Augen gleichsam auf ihr festgezaubert, die zuletzt gesprochen hatte. Und je länger er sie anstierte, desto stärker errötete sie und desto verlegener und verwirrter wurde sie. Wir andern alle verfielen in stumme Verwunderung; aber kaum jemand anders als ich ahnte den rechten Zusammenhang. Farniente brach zuerst los, indem er zum Vetter sagte: »Mein Herr! Es ist jetzt Zeit, daß Sie Ihr Inkognito ablegen; denn es sieht so aus, als ob Sie und diese Dame einander schon früher gesehen hätten.« Der Vetter fand nun seine Sprache wieder, trat auf sie zu und sagte: »Wohl habe ich heute das erstemal das Glück genossen, die Lippen zu sehen, deren Stimme zweimal so angenehm vor meinem Ohre geklungen hat. Aber darin kann ich nicht fehlgehen, so tief ist sie in meiner Erinnerung bewahrt – darf ich mir schmeicheln, daß auch meine Stimme nicht ganz von Ihnen vergessen worden ist?« Catharina – so hieß sie – antwortete mit einem Lächeln, in dem wirklich mehr als in ihren Worten lag: »Weder Ihre Stimme noch Ihr Gesicht, obgleich Sie ein Grand d'Espagne letztesmal waren, Sie müssen nämlich wissen, daß die ganze Schäferschar sich vor der Demaskierung umkleidete.« »Das war doch des Teufels!« rief der Leutnant, »alte Bekanntschaften! Neue Maskerade!« »Und nun ein wirkliches Schäferleben!« fiel Farniente ein. »Kommt, ihr Söhne der Natur, und schließt euch an unsern sanften Freundeskreis!« Wir nahmen auf die Einladung hin Platz, und nachdem wir unsre Namen genannt hatten, lenkte der Vetter das Gespräch auf die Vorfälle am Esrom-See und fragte Catharina: »Wie erging es ihrer armen Freundin? Wie fand sie sich in ihr Schicksal?« »Sehr gut – da sitzt sie!« erwiderte sie lächelnd und zeigte auf die Braut des Großhändlers. Der Vetter stutzte und sagte etwas verlegen: »Das war ein trauriges Unglück, aber –« »– nicht ganz so traurig«, fiel der Großhändler ein, »denn der Ertrunkene kam doch wieder ins Leben zurück, und das war nämlich ich!« »Ih!« rief der Vetter, freudig überrascht, »Gott sei Dank! Das war mehr als wir damals hofften – aber der arme Leichtfuß, der das Boot umwarf und sich selbst nachher ertränken wollte?« »Der war ich!« rief Farniente: »und da ich damals auf den Gedanken kam, daß ich einen Hofmeister brauchte, so verheiratete ich mich; und dort« – auf Sibylle weisend – »sitzt sie, die nun mein Boot über die gefährliche See des Lebens steuert.« * Es war Tag geworden. Langsam rollte sich im Nordosten der dunkle Vorhang der Nacht auf. Heller und heller wurde das Blau des Himmels. Die Lerchen sangen ihren tausendstimmigen Morgenchor. Die Vögel des Waldes begannen mit einzelnen kurzen Flötentönen ihre Kehlen zu stimmen. Durch die Täler rollten die weichen Nebelwogen hinab und legten sich wie eine Decke über den See. Ich sah über ihn hin nach Osten mit einem Gefühl – stelle ich mir vor – wie das des Greises, wenn er über Mühsal und Kümmernis des Lebens hinschaut auf die Morgenröte der Ewigkeit. Die Sonne ging auf. – Keine Schilderung hier! Schau und bete an in der Freude deiner Seele! Solche Freude ist Anbetung! Nur dies noch zum Beschluß. Niemals hat wohl das große Licht des Tages bei seinem Aufgang einen Kreis froherer Menschen auf dem Gipfel des Himmelberges erblickt; und von allen ihnen noch keinen glücklicheren als Ludwig und seine wiedergefundene Schäferin, deren Angesichter im Morgenglanz der Liebe strahlten. – Nun, ein halbes Jahr später, sind sie vereint für dieses Leben und für das, das wir erwarten. Die Weihnachtsferien Aus den Erinnerungen eines alten Schulmanns 1. Schneegestöber. Mit dreißig Jahren erhielt ich das Rektorat in einer jütländischen Kleinstadt. Ich trat mein Amt zu Ostern an, und doch war ich zu Weihnachten noch nicht verheiratet – nicht einmal verlobt. Es würde mir schwer genug fallen, ein solches Wunder zu erklären, das um so größer war, als ich nicht allein die ernsten Musen verehrte, sondern gleichzeitig ein eifriger Opferpriester in den Tempeln ihrer heiteren Schwestern Thalia, Terpsichore und Euterpe war. Ohne Mythologie: ich war erste Violine in allen Konzerten, erster Liebhaber auf unserm Privattheater, und es war die allgemeine Auffassung unter allen jungen Damen der Stadt, daß es nur die richtige Art mit Figaro und Molinasco war, wenn der Rektor sie aufführte. Weihnachten stand vor der Tür. Ich hatte mich auf ein paar Wochen otium gefreut, da ich während dieser Zeit gedachte, meine Doktordisputation »über die gesellschaftlichen Vergnügungen der Alten« zu vollenden. Aber unerwartet wurde ich eingeladen, an denen der Neueren teilzunehmen. Kammerrat Hansen (ich gebe ihm diesen Namen, weil ihn so viele tragen, und ich ein Hasser des mystischen bin, das das Lesen so unangenehm stört), der einen Sohn in der Schule hatte, kam, um ihn abzuholen und drang mit so gutmütiger Heftigkeit in mich, ihnen Gesellschaft zu leisten, daß ich schließlich unter der Bedingung einwilligte, nach Haus befördert zu werden, sobald ich es wünschte. Für den möglichen Fall, daß mir die Zeit bisweilen zu lang werden könnte, versah ich mich mit einer Duodezausgabe des alten Gellert. Sobald ich eingewilligt hatte, sagte der Kammerrat: »Könnten wir nicht vielleicht auch den Konrektor mitlocken?« »Und alle Lehrer, Vater!« fügte der Sohn hinzu. Dieser Einfall wurde sofort ins Werk gesetzt; und da ich auf Wunsch meine bona officia anwandte, erhielten wir von allen ein Ja, ausgenommen vom Tertialehrer, der sich nicht wohl befand. Aber bevor ich meine Erzählung von unserm Ausflug nach Ulvedal beginne, glaube ich, einen Schattenriß dieser meiner Mitlehrer geben zu müssen, die alle unverheiratet waren, wie ich selbst, aber im übrigen einander in nichts glichen. Der Konrektor war verheiratet gewesen; doch nun seit vielen Jahren Witwer und kinderlos, lebte er ziemlich still mit einer alten Schwester, die seinen kleinen Haushalt führte. Er war ein Mann von gesunden und guten Grundsätzen, entschiedenem Charakter und festem Willen, ernst und doch freundlich in seinem Wesen, ein ausgezeichneter Schulmann als Lehrer wie als Erzieher und durchaus gründlich in den Wissenschaften, die er über ein Viertel Jahrhundert vorgetragen hatte, nämlich Latein und Griechisch. Die klassischen Schriftsteller dieser Sprachen waren seine liebsten Umgangsfreunde, vor allem Horaz, den er auswendig kannte und bei allen Gelegenheiten zitierte. In seinem einförmigen Leben fand nur die eine Abwechslung statt, daß er jeden Sonntagabend Toccategli mit dem Quintalehrer spielte. Auch hier verwandte er seine eigene antike Terminologie. Die Ecke zum Beispiel nannte er ständig Principilus, Gehen hieß hiberna, und wenn er schlug, vergaß er niemals zu sagen: »jacta est alea, ich gehe über den Rubikon.« Sein nun erwähnter Gegner beim Brettspiel, den wir hernach Quintus nennen wollen, war, als ich ihn kennen lernte, im Alter des Konrektors – ein Mann von fünfzig, groß, vierschrötig und mit einer eisernen Konstitution begabt. Sein Gesicht war im Verhältnis zum Körper groß, farblos und barsch, ohne den geringsten Ausdruck irgendeiner Gemütsbewegung – nicht einmal von Zorn. Es gibt ein Sprichwort: »daß man Leuten nicht hinter die Zähne sehen kann«. Aber bei ihm konnte man nicht einmal so weit sehn; denn die große Oberlippe hing immer über die Unterlippe herab – sogar wenn er aß – und niemand hatte ihn je lächeln gesehen. Wenn er lachte, dann hörte man nur einzelne hohle Stöße oder Dröhnlaute, die nicht die geringste Veränderung in seinem ernsten Aussehen hervorriefen. Er wurde nur von einer – ich kann nicht sagen: Leidenschaft – aber Neigung beherrscht, Geld zu sammeln, weshalb er auch nicht übers Herz bringen konnte, sich satt zu essen, höchstens am Tische andrer, wo er denn auch tüchtig einhieb. Doch benutzte er auch den Mund fleißig bei Tisch, so ließ er ihn doch zu allen andern Zeiten ruhen, Niemals sprach er jemanden zuerst an; er hielt sich nur an das Antworten, und auch hierbei stets im Geschmack der Lakonier. Nur in der Schule wandte er seine außerordentlich kraftvollen Sprechorgane an. Er war kein schlechter Lehrer; nur hatte er eine eigene Manier, die er so genau wie ein Ritual befolgte. Für die Bücher, die er auslegte, hatte er nämlich eine doppelte Übersetzung, eine gebundene und eine freie, und ich kann nicht leugnen, daß die letztere oft bis zur Zügellosigkeit stieg. Die verschlagenen Jungen taten oft, als entsännen sie sich nicht seiner Travestierung (seine freie Übersetzung war am liebsten rein jütländisch), um ihn selbst sie vorbringen zu lassen. Wenn dann die ganze Klasse zu lachen begann, wurde er keineswegs wütend, sondern sekundierte wohl noch mit einem hohlen »hö, hö, hö!« Sie hätten ihn wirklich ganz gut leiden können, wenn er bloß weniger geizig gewesen wäre. Wenn die Quintaner nach den Ferien von Hause kamen, mußten sie sich deswegen stets bei ihm melden; aber der, der mit leeren Händen kam, wurde nicht gut aufgenommen. »Hast du mir sonst nichts von deiner Mutter zu bestellen?« fragte er, wenn der Schüler nicht selbst sich daran erinnert hatte. »Nein!« »Hat sie dir gar keine Butter mitgegeben?« »Nein!« »Keinen Käse?« »Nein!« »Auch keine Kücken?« »Nein!« »Scher dich deiner Wege, du dummer Kerl!« brummte er. »Ich kann dich nicht vor Augen haben.« Dieser sein Geiz war um so niedriger, als er meist die Naturalien verkaufte, die er geschenkt bekam, und nur, das aufaß, was niedrig im Marktpreise stand. Seine Kleidung entsprach seiner Lebensweise: die alltägliche bestand in einem braungelben Einspännerfrack, dito Kniehosen und langen steifen Stiefeln – von seiner Weste sah man ebenso wenig wie von seinen Zähnen. Sein schwarzes Halstuch spielte etwas ins Braunrote und seine Zopfperrücke ins Rotgelbe; denn sie bekam nur zu den drei großen Festen Puder und die beiden Male im Jahr, wenn er kommunizierte, bei welcher Gelegenheit auch seine uralten schwarzen Kleider für einen Tag hervorkamen. Quartus war fast in jeder Beziehung der Gegensatz zu Quintus. Klein, schwächlich und beweglich hatte er noch in seinem vierzigsten Jahr viel von der Artigkeit unsrer jüngeren Tage übrig und dem Bestreben, den Damen zu gefallen, obwohl er in dieser Beziehung stets unglücklich gewesen zu sein schien. Jedenfalls war er niemals mit einem Mägdelein auch nur bis zum Brautschemel gekommen. Da Venus ihm so ungünstig war, hatte er sich in die Dienste des Gottes begeben, der so manchen unglücklichen Liebhaber und Ehemann tröstet. Doch war er zu der Zeit, als ich ihn kennen lernte, noch nicht völlig verfallen, sondern trank nur so im kleinen. Die Schüler, die schneller als alle andern die Fehler und Schwächen eines Lehrers entdecken, waren auch hier die ersten, die des guten Quartus' häufigen Libationen für Vater Evan bemerkt hatten, wenn er während der Unterrichtsstunden sich mehrfach in seinem Zimmer zu schaffen machte, bald wegen eines Taschentuches, bald wegen eines Buchs und dergleichen mehr. Eine andre Schwäche, die manche benutzten, um sich über ihn zu belustigen, war die, daß er sich gern seines früheren, noch nicht ganz aufgegebenen Glücks bei Damen rühmte, weshalb er auch das ganze Geschlecht über einen Kamm schor. Da diese seine Grille kein Geheimnis war, kann man sich wohl vorstellen, daß er nicht allein unter Mannsleuten, sondern auch in Damengesellschaft zum Spott wurde. Die schelmischen Mädchen bemühten sich dann, durch eine unter solchen Umständen ganz unschuldige Koketterie ihn noch mehr in seiner Einbildung von seiner eigenen Unwiderstehlichkeit zu bestärken. Über Tertius kann ich mich kurz fassen. Er war einer von diesen Dutzendmenschen, denen Selbständigkeit oder eigener Charakter fehlt und die deshalb, wie gewiss Tiere, die Farbe ihrer nächsten Umgebung annehmen. Er war – nach dem Urteil der Welt – »ein guter Mensch«, weil er nichts Böses tat, weil er sich so weit wie möglich nach allen richtete, weil er nie jemandem widersprach und weil er alles mitmachte, und zwar alles mittelmäßig – oder höchstens ziemlich gut. Er war ein ziemlich guter Lehrer, ein mittelmäßiger Musikus, tanzte ziemlich gut und spielte mittelmäßig L'hombre. Er war in meinem Alter, obwohl sein ausgeglichenes, leidenschaftsloses Wesen ihn manchen älter erscheinen ließ, welche Vermutung außerdem durch sein dunkles Haar und seinen starken Bart bestärkt wurde. So kennt der Leser nun wohl ziemlich gut die gelehrte Gesellschaft, die sich entschlossen hatte, Weihnachten auf Ulvedal zu verbringen: Ich, weil ich nicht den herzlich gemeinten Überredungen eines gastfreien Mannes widerstehen konnte, der Konrektor, weil er nicht den meinen widerstehen konnte, Quintus, weil er erwartete, auf andrer Kosten gut zu leben, Quartus, weil er gute Getränke und Damengesellschaft erwartete, und Tertius, weil – alle wir andern hinaus wollten. Es wurde fast Abend, bis wir abfuhren. Im Schlitten des Kammerrats, der nur zwei Personen faßte, saßen er und ich; er selbst kutschierte, sein Sohn saß hinten auf. Der Schlitten, der uns folgte, führte die vier andern Lehrer. Es war den ganzen Tag stilles, graues Wetter gewesen; doch bei unsrer Abfahrt aus der Stadt begann sich ein Südostwind zu erheben und den losen Schnee aufzuwirbeln, der wie ein feiner Rauch auf dem Grabenrand des Weges dampfte. Aber der Kammerrat hoffte, die zwei Meilen bis Ulvedal ohne Hindernisse zu erreichen, da die Pferde kräftig und der Weg ihm wohlbekannt war. Wir hielten uns ordentlich daran, aber bald fing es auch an, von oben unter beständig zunehmendem Wind zu schneien; und kaum waren wir eine halbe Meile weit gekommen, als Himmel und Erde in eins übergingen – alles war weiß, oben und unten. Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich mich auf ödem Lande in einem recht ernsten Schneetreiben befand. Ungewohnt der Beschwerden und der Gefahr demnach belustigte ich mich über das Unwetter, wie das Kind über eine Feuersbrunst, wie Ossians Carthon, da er von der Zerstörung seiner väterlichen Burg erzählt. »Die Rauchwirbel«, sagt er, »erfreuten mein Auge; ich wußte nicht, warum die Weiber weinten.« Auch mich freuten diese Schneewirbel, die uns in eine dichte Wolke einhüllten; ebensowenig verstand ich eine Zeitlang, warum der heitere Kammerrat so ernst und wortkarg geworden war. Jedoch später am Abend, da mit unsrer Verfassung wirklich nicht zu spaßen war, fühlte ich selbst in meiner Furcht eine gewisse geheime – vielleicht darf ich sagen: romantische Lust, die oft der Gefahr entspringt, wenn diese nicht gerade mit unvermeidlichem Untergang droht. Ich stellte mir vor, ich sei auf dem Meere in einem rasenden Sturm. Die Fahrt glich ziemlich einer Seefahrt; der Schlitten schlingerte, tauchte auf und nieder wie ein Schiff zwischen empörten Wogen, und seine Spur verlor sich ebenso schnell. Hier, dachte ich, haben wir doch einen fünften »unaufspürbaren Weg«, der mit Recht dem »Weg des Adlers in der Luft – dem Weg der Schlange in den Bergen – dem Weg des Schiffes durch das Meer – und dem Weg eines Mannes zu einem Weibe –« hinzugefügt werden kann. Aber wie hätte Salomon auf den »Weg des Schlittens im Schneegestöber« verfallen sollen? Wir mochten nun wohl anderthalb Stunden unterwegs sein und hätten also mit der raschen Fahrt bald das Ziel erreichen müssen, als der Kammerrat hielt, um sich mit seinem Kutscher über den Weg zu beraten. Auf den Zuruf des Herrn fuhr dieser dicht neben uns hin und bejahte die Äußerung des Herrn, ob es nicht falsch sei. Auf den darauf folgenden Vorwurf antwortete er, daß er sich auf seinem Herrn verlassen hätte. Da, wo wir standen, war Lee und vor uns konnten wir durch den Schneedampf etwas Dunkles wie einen Hügel oder ein Haus erblicken. Der Kutscher wurde dahin geschickt, um diesen Gegenstand zu untersuchen. Wir Passagiere nahmen diesen Vorfall noch ziemlich leicht. Der Konrektor war der erste, der das Gespräch damit eröffnete, daß er ein paar lateinische Verse von Ovid deklamierte, die den Winter am Schwarzen Meer beschreiben, wozu Quartus bemerkte, daß der Dichter kaum die Kälte stärker als er gefühlt haben könnte, und daß ein Ofen oder etwas andres Warmes sehr wünschenswert seien. Der Schüler verstand sogleich seine Absicht, sprang an den Schlitten und nahm dort eine Flasche mit Spiritus heraus, aus der wir alle, bis auf den Konrektor, einen Schluck nahmen. Inzwischen kam der Kutscher zurück und berichtete, daß wir uns am Rande eines Waldes befanden – dessen Namen ich mich nicht erinnere – eine Viertelmeile von Ulvedal, und daß er bald nach Haus finden würde. Er fuhr mit seinem Schlitten voran. Nach und nach hörte es auf, von oben zu schneien. Der Wind schien sich gelegt zu haben; wir hörten nur ein dumpf es Sausen in dem vermeintlichen Wald. Und da wir außerdem vollständigen Schutz durch ihn hatten, waren wir guten Muts in der Hoffnung, bald unter ein gastliches Dach zu kommen. Diese Hoffnung sollte sich nicht so bald erfüllen: wir fuhren und fuhren, aber es kam kein Ulvedal. Nach einer Fahrt von gut einer halben Stunde über einen ziemlich unebenen Boden, wobei wir oft nah daran waren, umzuwerfen, hielt der Kutscher mit der tröstlichen Erklärung, daß er nicht wüßte, wo er war. Das Abenteuer, das bisher um seiner Neuheit willen mich belustigt hatte, fing nun an etwas bedenklich zu werden. Der Kammerrat fluchte auf seinen Kutscher, der Kutscher auf seine Pferde; aber mein Konrektor tröstete uns mit einem: »Sodales! et haec olim meminisse juvabis« und der arme Tertius tröstete sich selbst mit noch einem Schluck aus der Flasche. In diesem Augenblick entdeckte der Kutscher die Spur eines Schlittens vor uns. Wir beschlossen, sie zu verfolgen, in der sicheren Erwartung, in kurzer Zeit irgendeine menschliche Wohnung zu erreichen. – Wir fuhren und fuhren, und siehe, je länger, desto gebahnter wurde der Weg! Wir fuhren wieder in froher Verwunderung; aber – noch sahen wir weder Haus noch Ortschaft; es war unbegreiflich. Schließlich erblickten wir etwas Schwarzes vor uns. Der Kutscher geht dahin und sieht, daß es eine seiner eigenen Pferdedecken ist. Es ergab sich also, daß wir über eine Stunde in unsrer eigenen Spur herumgefahren waren, und daß wir eben da waren, wo wir vor einer Stunde halt gemacht hatten. Es war kein Spaß mehr, der Kammerrat fing an, sich selbst auszuschelten, uns zu bedauern und uns Entschuldigungen zu machen, während der Kutscher wieder rekognoszierte. Er kam bald zurück und erfreute uns nun mit der sicheren Mitteilung, daß wir nicht weit von Häusern wären, da er ein Licht entdeckt hatte, das ganz bestimmt, versicherte er, kein Irrlicht sei. Er stieg auf und wandte dorthin; der Schlitten hinterher. Wir glitten nun auf einem breiten und geraden Wege dahin auf das Licht zu, das sich bald teilte und, wie wir sahen, aus zwei Fenstern schien. Der Herr und der Kutscher erschöpften sich in Vermutungen darüber, wo sie wohl sein könnten, da lebende Einzäunungen auf beiden Seiten des Weges zu stehen schienen. Nun hielten die Pferde gerade dicht vor dem Hause; das Licht daran bewegte sich rasch und verschwand; doch fast im gleichen Augenblick wurde eine Tür mit großem Lärm geöffnet und aus ihr klang es barsch: »Wer da?« »Irrfahrer,« antwortete der Kammerrat, »seien Sie so gut und sagen Sie uns, wo wir sind.« »Gott bewahre, Herr Kammerrat!« tönte es zurück, »warum kommen Sie durch den Garten?« »Was für einen Garten?« fragte dieser. »Ihr Garten, Ihren eigenen Garten!« lautete die Antwort. Und so ergab sich denn, daß wir auf einer Schneewehe über die Gartenmauer einen breiten Weg entlanggekommen waren, der von Hagebuchenhecken eingefaßt war, und nun vor der Gartenzimmertür hielten. Unter Scherz und Gelächter eilten wir in das Haus, wo wir vom Verwalter empfangen wurden – der, der uns zuerst angerufen hatte – von seiner Frau und zwei Töchtern, die auf uns mit einem ordentlichen Abendessen warteten. Und wahrlich, wir brauchten nicht genötigt zu werden: eine Gans und ein Hase ließen nichts andres als das Gerippe übrig. Besonders wurde die Gänsebrust unter Quintus' Händen und Zähnen so gut wie skelettiert, so daß der jüngste Sohn des Hauses sie als ohne weitere Behandlung als Springgans verwendbar erklärte. Da die Wirtin sich nicht auf so viel Gäste eingerichtet hatte, und vor allem nicht auf einen so gefräßigen wie Quintus, mußte kalte Küche das Fehlende ersetzen. Als die Essenslust aber schließlich gestillt war, begann sie erst nach der Ursache unsres langen Ausbleibens und unsrer seltsamen Ankunft durch den Garten zu fragen; aber der Schlaf fand sich so rasch nach der Mahlzeit ein, daß niemand antwortete, ausgenommen der Konrektor, der in einem näselnden und schleppenden Tone antwortete: »Infandum, regina, jubes renovare dolorem.« Frau Hansen machte große Augen zu diesen lateinischen Versen, aber ihr Mann, der studiert war, sagte lachend: »Das heißt auf dänisch so viel wie: wir sehnen uns alle nach dem Bett, morgen werden wir dir das ganze erzählen.« Quintus stieß ein paar hohle Lachtöne aus und erklärte das für eine freie, aber gelungene Übersetzung, worauf er sich erhob; wir andern ebenfalls. Eine Viertelstunde später lag ich in Schlaf und Eiderdaunen begraben. 2. Treibjagd. Als ich am nächsten Morgen meine Augen öffnete, fielen sie gerade auf unsern heiteren Wirt, der vor meinem Bett in einem grünen, mit Pelzwerk eingefaßten Rock, einer Pelzmütze auf dem Kopf und mit Wasserstiefeln bis über die Knie stand. »Mein Sohn hat mir erzählt,« sagte er, »daß Sie Jäger sind; ich habe deshalb Anstalten zu einer richtigen Treibjagd getroffen. Das Wetter kann nicht besser sein; aber der Tag ist kurz. Sie müssen daher entschuldigen, daß ich Sie aufstöre.« »Au! Ich fürchte, ich wecke den alten Mann«, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort und wandte sich gegen das andre Bett, worin der Konrektor lag. Der aber war schon wach; er schlug den Vorhang zur Seite und sagte: »Leporem venator ut alta sectetur in nive – mane surgit.« Der Kammerrat lachte und, nachdem er mich noch einmal an die Wichtigkeit, die Zeit wahrzunehmen, erinnert hatte, machte er dem Diener Platz, der mit Tee und Kaffee kam. Es dauerte nicht lange, bis ich vollständig für die Jagd angekleidet mich mit der übrigen Gesellschaft am Frühstückstisch vereinigte, wo ich von meinen Mitlehrern nur den der Tertia vorfand – der alles mitmachte. Alle andern waren mir unbekannt; doch ich erfuhr bald, daß es hier Offiziere und Pastoren, Gutsbesitzer und Bauern, ja sogar einen Küster gab, der sich außerdem als Zielscheibe der Gesellschaft erwies, obgleich er doch verschiedenen durch seine oft beißenden Antworten eins auswischte. Mein Nebenmann, ein wohlgenährter Pferdehändler und Freisasse, sagte mit einem Blick auf das Pulvermaß in meinem Knopfloch: »Ich dachte nicht, daß die gelehrten –« (es war die Redeweise dieses hochvornehmen Mannes, daß er fast nie eine Periode vollendete). Der Küster, der sich dadurch verletzt fühlte, antwortete für mich: »Ich habe auch Latein gelernt und denke doch, ich kann einen Büchsenlauf entlang sein, versteht Er!« »Hm!« sagte der Händler mit einem spöttischen Lächeln, »wenn ein Hase so groß wie ein Ochse wird, wie so –« Der Küster, der besser als ich die Bedeutung dieser Figur kannte, erwiderte ebenso spöttisch: »Er hat wohl nie einen Neverkuk bekommen? Kann Er sich erinnern, als Er an der hohlen Eiche in Schlaf fiel und Reineke das Hinterbein über seinen Stiefeln hochhielt – weiß Er noch?« Hier brach der ganze Tisch in Lachen aus; der Gezüchtigte machte gute Miene und lachte selbst mit. – In diesem Tone verlief das Gespräch, bis der Jagdherr hereinkam und uns verkündete, daß die Treiber versammelt seien. Indem wir gingen, kamen Quintus und Quartus und setzten sich an den leeren Tisch. Der Konrektor kam auch, doch nicht um zu essen; er hatte seinen Reisemantel an, eine Nachtmütze unter dem Hut und einen Stock in der Hand. »Gott bewahre!« riefen mehrere von uns wie aus einem Munde, »wo wollen Sie hin?« »Auf Jagd!« erwiderte er und stieß den Stock auf den Boden mit einer Miene, als wenn er in der Schule den Schülern »Pax!« zurief, »das ist das erstemal in meinem Leben, das wird wohl auch das letzte. Domine confrater!« sagte er zu mir, »ich will Ihnen folgen, Ihre seltsamen Taten sehen und Sie durch meine Rede entflammen.« Das rief ein allgemeines Gelächter hervor; aber der Kammerrat sagte doch: »Sprechen Sie nur nicht so laut, daß der Feind es hört!« Und darauf stiegen wir in die angespannten Schlitten und glitten fegend nach dem Walde dahin, wo die Jagd beginnen sollte. Es war einer der Wintertage, der, obwohl in völligem Gegensatz zu dem lächelnden Sommer, in meinen Augen eine feierliche, eine – wenn ich mich richtig ausdrücken soll – eine herzstärkende Schönheit hat. Ein stiller Schneefall hatte später in der Nacht die Erde, Wald und Feld in das reinste Weiß gekleidet. Einzelne Baumstämme, die Wände von ein paar fernen Bauernhäusern waren die einzigen schwarzen Flecken in dem unendlichen Schneemeer, das ringsum mit dem Himmel verschmolz. Der Himmel war klar und völlig wolkenrein, aber Farben, glänzend, lebend, die kein Irdischer nachahmt, silberweiß, blaßrot, rotgelb, rotblau, purpurrot – oder wie wir in der armen Sprache sie zu beschreiben versuchen – schmolzen zusammen, wechselten, trieben unablässig und doch unmerklich, je nachdem das Tageslicht im Südosten stand. Im Westen hoch saß der Mond mit einem kleinen Einschnitt in seiner bleichen Scheibe: er schien zögernd mit der Sonne um die Herrschaft des Lichts kämpfen zu wollen. Nahebei blinkte nur noch der Stern, der stets die Königin der Nacht begleitet und der letzte ist, der der des Tages weicht. Doch da diese in ihrer blendenden Schönheit aufstieg, flammend, funkelnd, aus dem weißen Wintermeer, vor sich her den Morgenglanz weithin, hoch am Himmelsbogen jagend, da ihr Flammenblick wie ein belebendes Lächeln auf die kalte und bleiche Erde fiel, die nun wie eine Braut beim Nahen des Bräutigams errötete, da die Silberzweige der Bäume im Morgenlicht glänzten, die Reiffunken in der klaren Luft knisterten und wie Diamanten auf den schneebedeckten Feldern funkelten – doch wo gäbe es wohl den Sterblichen, der Worte für die süßeste, reinste aller Freuden besitzt? Wir haben ja nur ein Organ für die Freude wie für die Trauer – die Träne. Die Schlitten hielten am Rande des Waldes. In aller Stille stiegen wir aus. Der Kammerrat, der selbst absetzte, wies uns unter Flüstern und Hinweisen mit der Hand unsre Plätze in einem langen, tiefen Tal an. Mein Konrektor blieb bei mir, mußte sich aber darein finden, Platz hinter dem Baum zu nehmen, vor dem ich mich aufstellte. Ich ermahnte ihn noch einmal, sich beim Anblick des heraustretenden Wildes ruhig zu verhalten, und wartete mit der Büchse an der Hüfte auf das Signal zum Beginn der Jagd. Nach einer Viertelstunde ertönte kurz vor mir rechts ein Knall, dann einer links und der dritte in der Mitte, und darauf Klappern und Klopfen gegen die Baumstämme, gleichzeitig mit den Rufen des anführenden Jägers und der nächstkommandierenden Förster. – Bald zeigte sich ein stattlicher Kronhirsch ganz oben auf dem gegenüberliegenden Hügel. Er blieb ein paar Augenblicke stehen, sah sich um und bewegte die Ohren, und darauf sprang er in kurzem Galopp gerade auf mich zu. In zehn Schritte Abstand blieb er wieder stehen und drehte den Kopf. Ich hielt auf seinen Hals und drückte ab – er fiel. Der Konrektor steckte den Kopf zu mir vor und fragte, was denn wäre. Ich zeigte auf den Hirsch, der in den letzten Zuckungen lag. »Macte virtute esto!« rief mein Sekundant triumphierend. Ich bat ihn inständig, seine Freude und seine Stimme zu dämpfen, und lud wieder. Der Hügel vor mir stieg gleichmäßig an und war ziemlich baumlos, so daß ich den ganzen Schießplan vom obersten bis zum untersten Ende des Tales übersehen konnte. Es war ein hübscher Anblick für den Jäger, wie das Wild, je weiter die Treiber vordrangen, springend, humpelnd oder schleichend hierher kam, Rehe, Hasen und Füchse, die letzteren vorsichtig nach einem sicheren Durchschlupf spähend und jene planlos hierhin und dorthin irrend, bald zurückfahrend und bald in ihrer blinden Angst dicht an den Schützen vorbeilaufend, alles unter lebhaftem Schießen – bald treffend, bald fehlend. Der Konrektor konnte sich nicht halten, mir zuzuflüstern, wenn er etwas sah: »Ecce! Ecce!« Worauf ich wiederum mit halber Stimme flüsterte: »Tace! Tace!« Noch war mir nichts in passende Schußweite gekommen. Ein Fuchs war lange am obersten Kamm des Hügels auf und ab gelaufen. Schließlich verschwand er auf der andern Seite. Bald verkündeten die wilden Schreie der Treiber, daß er versuchte sich zwischen ihnen hindurchzuschleichen; aber kurz darauf rannte er hinab auf meinen zweiten Seitenmann rechts zu. Dieser trat unbesonnen ein paar Schritt vor und legte an. Der Fuchs drehte sich wie der Wind – die Büchse knallte – vorbei! Nun setzte er den Lauf seitwärts fort, vorbei an meinem Nebenmann – er schoß – auch vorbei! Mit heimlicher Freude über diese Fehlschüsse erwartete ich nun, die Reihe würde an mich kommen, aber ach, allzu früh äußerte mein Hintermann dieselbe Erwartung mit einem allzu hörbaren: »Jam ad triarios venit res.« Wups, machte Reineke wieder eine Wendung und rettete sich rückwärts zwischen meinen beiden Nebenmännern, die, ärgerlich über sich selbst, lange Hälse nach dem Schelm machten. Ich selbst konnte nicht ein kummervolles: »Oh, pfui doch!« unterdrücken. Aber ich mußte doch schließlich über die Entschuldigung meines Kollega lachen: »Ich glaubte profecto nicht, daß er Latein verstand.« Nun wurde abgerufen. Die Jäger versammelten sich um den gefällten König des Waldes; und mit Stolz teilte ich ihre Freude über diesen glücklichen Schuß; denn ein großer Hirsch war auf der Ulvedaler Jagd eine große Seltenheit. Hierüber vergaß man die Fehler meines Seitenmannes und die Flausen des armen Konrektors. Ja, das übrige erlegte Kleinwild wurde kaum beachtet. Die zweite Jagd war mager; aber in der dritten war ich so glücklich, drei Füchse zu schießen, wofür ich die bewundernden Glückwünsche der ganzen Gesellschaft einheimste. Aber am schmeichelhaftesten war mir doch die Äußerung des Ritterguts-Jägers zu ein paar andern: »Das ist ein ganz verfluchter Rektor; der könnte überall Förster werden.« Der erste Wald war abgetrieben, und als wir uns auf den Weg nach dem zweiten machen wollten, kam Kammerrat Hansens große Familie uns entgegen. Da waren beide Jungfern Hansen, da war Quartus und da war Quintus, und – wie in einer sehr natürlichen Verbindung – Flaschenfutter und Eßkorb. Die schelmischen Mädchen, die von ihrem Bruder über die Lieblingssünden seines Lehrers unterrichtet waren, ließen ihm jedoch einen Wink geben, daß es eine unabänderliche Sitte auf Ulvedal sei, nie etwas früher zu genießen, wenn Jagd war, als am Abend nach Heimkehr der Jäger. So lockte der Essenskorb den einen, die Flaschen wie die Mädchen den andern. Dieser machte seinem Amt als Ausschänker Ehre, saß aber selbst auch nicht mit trockenem Munde da; denn der Kammerrat erinnerte ihn wiederholt daran, daß er nicht sich selbst vergessen dürfe. »Habe ich wirklich nicht selbst getrunken?« fragte er jedesmal ganz verwundert und leerte mit einem entschlossenen »Dann also!« den Silberbecher. Quintus aß für sie beide. Ihr, die ihr diese meine erste und einzige Liebesgeschichte lest, vergebt mir die Geschwätzigkeit, womit ich mich bei so vielen kleinen Zügen in diesen meinen glücklichen Jugendtagen aufhalte. Jeder von ihnen ist erwähnenswert für mich; selbst die unbedeutendsten würde ich ungern in diesem ländlichen Winterstück vermissen, das sich noch so oft auf dem fernen Hintergrunde der Vergangenheit darstellt, meine Erinnerung anzieht und fesselt, mein altes, von schweren Sorgen danach so hart geprüftes Herz belebt und verjüngt. Lieber Leser! Ich habe niemand anders, zu dem ich sagen kann: »Kannst du dich dessen erinnern? und kannst du dich dessen erinnern?« Sie sind fort – alle die, die damals mit mir das frohe Weihnachtsfest teilten. Ich bin allein unter einem jüngeren Geschlecht, und deshalb weilen meine Gedanken so oft und so lange bei dem Entschwundenen. Nachdem unsre schönen Marketenderinnen uns diese Erfrischung hatten zuteil werden lassen, kehrten sie mit einem leichten Essenskorb und leeren Flaschen zurück. Der Konrektor, der nun von der Jagd genug bekommen hatte, folgte ihnen; wir andern kamen erst nach, als die Sonne ihre kurze und niedrige Bahn vollendet hatte und die großen Sterne an dem vielfarbigen Himmelsgewölbe zum Vorschein kamen. »Otium est pulvinar amoris«, sagte der Konrektor warnend zu den Schülern, wenn er ihnen eine Stelle im vierten Buch der Aeneis auslegte, wo der fromme Schelm Aeneas Dido in der Grotte begegnet, und er erklärte stets otium mit: »gute Tage und Mangel an bestimmter, ständiger Arbeit«. Hier fand ich die Richtigkeit seiner Maxime. Vorher hatte ich wirklich nie Zeit oder Ruhe gehabt, mich zu verlieben. Die hübschen Mädchengesichter waren wie Bilder in der magischen Laterne an mir vorübergeglitten. Hatte ich mir einmal Zeit genommen, meinen Blick auf einen ausgezeichneten Gegenstand in dem glänzenden Panorama der Hauptstadt zu heften, – die ernsten Musen hatten doch immer ihren gehorsamen Sohn auf die Kollegien und Bibliotheken, die Lukubrationen und Unterrichtsstunden verwiesen. Es gehört otium dazu, zu lieben, und das fehlte mir nun nicht auf Ulvedal. Auch waren da Mädchen genug; aber die eine kam für mich der andern in den Weg. Es ging mir wie dem Berauschten, der mitten auf dem Markte mit dem Hausschlüssel in der Hand dastand und nach den unablässig herumsegelnden Häusern stach. Die hübschesten von allen denen, die ich sah, waren zweifellos die beiden Töchter des Kammerrats selbst; aber sie waren beide gleich hübsch; so daß ich nie wußte, welcher ich den Vorzug geben sollte, wenn sie nebeneinander standen. Und waren sie nicht zusammen, schien mir die Anwesende ihn stets zu beanspruchen. Ob es nun von diesem Gleichgewicht in meiner geteilten Neigung oder davon kam, daß die jungen Mädchen im Grunde nicht mehr oder weniger als Alltagsfrauenzimmer mit glatter Oberfläche, aber ohne tieferen Grund waren – genug, ich konnte mir von der einen die Kaffeetasse reichen lassen, ohne einen elektrischen Schlag in den Fingern zu verspüren, und beim L'hombre-Tisch mit den andern scherzen, ohne mich zu verspielen. Selbst die Küsse, die mir bei den Weihnachtsspielen so reichlich zufielen, verursachten in meinem Herzen nicht jene süße Beklemmung, von der die Dichter so oft sprechen. – Niemand wird also daran zweifeln, daß ich nach der Ermattung des Tages und der Lustigkeit des Abends so fest schlief, als ob es gar keine Liebe gäbe. 3. Unruhige Nacht. Gern hätte ich bis in den hellen Tag geschlafen; aber es wurde nichts daraus: höchstens drei Stunden war ich fort. Da wurde ich durch ein starkes Getöse an unserer Kammertür geweckt, und darauf erfolgte ein derber Fluch, ein mehrstimmiges Gelächter und dazwischen Zischen und Rufen zur Ordnung und Ruhe. Endlich ging die Tür richtig auf, und ein Mädchen kam herein, Licht in der Hand und Reisemäntel auf dem Arm. Hinter ihr kamen vier Männer – drei junge und ein älterer – mit Pelzen, Polsterkissen, Sofakissen und dito Rollen beladen, woraus ich schloß, daß ein gemeinsames Bett für diese lustigen Brüder gemacht werden sollte, die eben angekommen sein mußten und sich selbst keine Unruhe machen wollten. »Wer liegt hier?« flüsterte einer dem Mädchen zu, während sie alle auf den Zehen ihr folgten. »Das sind die beiden vornehmsten Lehrer«, erwiderte sie, indem sie eine Tür in der Tapete öffnete. »Das konnte ich merken,« sagte ein andrer, »hier roch es so lateinisch.« Und damit ging die ganze Schar hinein in das geöffnete Hinterzimmer. Das Mädchen kam gleich wieder zurück und überließ die Herren sich selbst. Nun wollte ich mich wieder dem Schlaf überlassen, aber vergebens! Zuerst verursachten die drinnen einen unendlichen Lärm, indem sie einander die Stiefel abzogen, wobei bald der eine, bald der andre auf die Erde polterte, was auch nicht ohne Gelächter abging. Und als sie endlich zum Liegen gekommen waren, fing der Lärm von neuem an, indem man sich – wie ich hören konnte – um Mäntel und Felle balgte, was schließlich ein allgemeines Bombardement mit Sofarollen veranlaßte, was wiederum einen Bums nach dem andern an der Bretterwand gab. Schließlich schloß man Waffenstillstand. Ich war bereits wieder nahe daran einzuschlafen, als ein schmetterndes Hahnenkrähn draußen auf dem Gang ertönte. Ein Kichern im Hinterzimmer ließ mich vermuten, wer den lebenden Wecker in unsre Nähe gebracht hatte. Dabei blieb es aber nicht: der Hahn hatte seine Fanfar zum zweiten Male begonnen, als er durch einen Lärm von ganz andrer Beschaffenheit unterbrochen wurde, der ihn wahrscheinlich noch stärker erschreckte als mich; denn er stieß einen schneidenden Schrei aus. Es klang, als kämen mehrere wohlbeschlagene Pferde die Treppe heraufgaloppiert, die zum Korridor führte. Das war zu toll. Mein Nachbar, der bisher nach der ungewohnten Anstrengung des Tages süß geschlafen hatte, erwachte endlich, setzte sich auf, lauschte und murmelte zu sich selbst: »Lemures nocturnaque spectra!« Ich antwortete nichts, weil ich wartete, was daraus werden sollte. Aber der Spektakel hörte auf; es folgte eine tiefe Stille darauf, die doch bald unterbrochen wurde, indem der eine Verrückte mit hohler und zitternder Stimme deklamierte: »Und immer weiter, hop hop hop, Gehts fort im donnernden Galopp –« weiter kam er nicht; denn mit einem donnernden Stoß sprang die Tür angelweit auf, und mitten in der Öffnung erschien – ein Zwerg mit langem weißem Bart. Mir wurde nicht recht behaglich, dem Konrektor ebenfalls nicht: »Schläfst du?« flüsterte er. Ich verneinte, doch in demselben Augenblick löste sich das Rätsel: das Männlein meckerte – es war – ein Ziegenbock. Wie ich später hörte, ging der Betreffende frei umher, wo es ihm behagte, und mußte diese Nacht mit den Fremden, die wirklich hieran ganz unschuldig waren, in den Korridor gelangt sein. Furcht geht oft, wenn ihre natürliche Ursache entdeckt ist, in Gereiztheit über. So erging es auch mir. Ich sprang auf und ergriff Mads an einem Horn; und da ich noch glaubte, daß das auch ein Streich der vier Spektakelmacher sei, schob ich ihn gegen ihre offene Tür, öffnete sie und stieß ihn hinein, worauf ich wieder zumachte. Dann ging ich zum Konrektor, erzählte ihm ganz leise alles, was vorgefallen war, während er geschlafen hatte, und legte mich wieder hin. Nun hatte ich es noch schlimmer gemacht; denn wenn die Burschen sich vorher mit weichen Gegenständen geschlagen hatten, ergriffen sie nun den Bock und schoben ihn zueinander hinüber, von einer Seite der Kammer auf die andre, zur unendlichen Belustigung für sich selbst, doch weniger für den ehrwürdigen Herrn Mads, der halb aus Angst, halb aus Gereiztheit, mit seiner schönsten Stimme in den Lachchor einstimmte. Doch auf die Dauer wird man jeder Sache überdrüssig. Einer von ihnen schlug schließlich vor, daß man dem Bock einen Mantel geben und ihn darauf zur Ruhe einladen sollte. Da darauf alles vollkommen ruhig wurde, mußte ich glauben, daß er das Angebot angenommen hatte. »Tandem!« seufzte ich und legte mich zurecht; aber mit meinem Schlaf war es vorbei. Ich war nun einmal allzu munter geworden. Wohl eine halbe Stunde lag ich da und wartete vergebens: da ertönte ein langer, tiefer Seufzer von dem andern Bett. Ich sah hinüber, und da der Mond nun so hoch am Himmel stand, daß er das Zimmer ziemlich erleuchtete, sah ich meinen Nachbarn halb im Bette aufgerichtet, die eine Hand an der Bettquaste und den Kopf auf der andern. »Ist Ihnen nicht wohl?« fragte ich. »O ja,« versetzte er wieder seufzend, »es sind nur alte Erinnerungen.« Nach einer Pause sagte er auf lateinisch – welche Sprache er ebenso gut und gern sprach wie dänisch: »Lieber Freund! Sie wissen wohl, ich bin Witwer und kinderlos; aber wissen Sie, wie ich es wurde?« »Nein!« »Wollen Sie es hören?« »Ja! – Wenn«, fügte ich hinzu, »es nur nicht Ihre Herzenswunden aufreißen wird?« »Ach!« sagte er, »meine Herzenswunden schließen sich doch nicht mehr in dieser Welt – sie können es nicht und sollen es nicht – sie sind für mich Gottes offene Briefe auf eine fröhliche Wiedervereinigung mit denen, nach denen ich seufze. – Als ich das große Philologicum gemacht hatte, machte ich eine Reise nach den norddeutschen Universitäten. In Kiel sah ich meine selige Frau. Wir begannen einander zu lieben; und als ich das Jahr darauf mein jetziges Amt bekommen hatte, reiste ich dorthin, um Hochzeit zu halten.« Hier schwieg er, drückte seine Augen gegen das Betttuch und fuhr fort: »Fünf Jahre lebten wir zusammen – mein Freund, es gab kein böses Wort zwischen uns in diesen fünf Jahren – entsinnen Sie sich des letzten Kapitels aus den Sprüchen Salomos? Da haben Sie ihre Beschreibung. Ja, sie tat mir Liebes und kein Leides mein Leben lang!« Hier sank er auf das Kissen zurück und weinte, aber nicht lange; wieder erhob er sich und sagte: »Mein Schwiegervater war Kaufmann – ein innig guter Mann; er war gebrechlicher Gesundheit, brustschwach. Nach Verlauf der fünf glückseligen Jahre kam ein Brief von seiner Frau, seine Tage wären gezählt, er habe nur noch den Wunsch vor seinem Tode, seine einzige Tochter zu sehen – sie hatten noch einen Sohn, der aber kurz vor dem Vater gestorben war. – Sie wollte davon – sie mußte wohl auch; aber es war mir nicht möglich, sie weiter als bis nach Kolding zu begleiten. Da trennten wir uns. Da sah ich sie zum letzten Male, doch nicht sie allein. Unser einziges Kind, einen gesegneten Jungen, vier Jahre alt, hatten wir mit dorthin genommen, doch ohne daran zu denken, daß er weiter sollte. Aber als er nun Abschied von der Mutter nehmen sollte, da wurde es Klage und Jammergesang, und der eine konnte nicht von dem andern lassen, und das Ende war, daß sie beide miteinander fuhren, und ich allein nach Hause reiste. – Mein guter Mann, wissen Sie, was das heißt: zu warten? Dann wissen Sie nicht, wie langsam die Zeit vergehen kann. Den Tag nach meiner Heimkehr lief ich selbst zur Post, denn ich hatte ausgerechnet, daß sie mir aus Flensburg geschrieben haben könnte. Aber da war kein Brief. Doch beruhigte ich mich; denn ich zweifelte nicht daran, am nächsten Posttag einen zu erhalten. Er kam auch nicht. Ich war dahin geflogen, aber ich schlich zurück. Nun begannen die Tage länger zu werden, die Nächte ebenso. Ich schwankte zwischen Hoffnung und Furcht, zwischen Glaube und Zweifel; eine Möglichkeit nach der andern nahm ich an und verwarf ich. Den folgenden Posttag auch nichts. Nun wurden die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Tagen. Ich hatte weder Ruhe noch Rast. Ich ging in meiner öden Kammer auf und ab. Ich ging von Zimmer zu Zimmer im ganzen Hause wie einer, der sucht und weiß nicht, wonach. Ich sah auf die Sonne; sie stand still. Ich sah auf die Uhr – wäre der Pendel nicht gewesen, ich hätte auch geglaubt, daß sie in Unordnung war. Bald warf ich mich auf mein Lager, bald ging ich mit raschen Schritten hierhin und dorthin, als könnte ich dadurch die bleischwere Zeit vorwärtsschieben. Ein Monat hatte sich dahingeschleppt; es war mir, als hätte ich mich vor einem Jahr von Frau und Kind getrennt. Ich konnte es nicht länger aushalten. Ich reiste – Tag und Nacht. Ich kam nach Kolding und wußte nicht, wie ich dahin gekommen war. Ich kam nach Hadersleben. Der Gastwirt, der mich von meinen früheren Reisen kannte, fragte mich, ob ich nun hinunter wollte und meine Frau holen, und erzählte, als sie vor einem Monat mit ihrer Tochter hier gewesen sei, hätte gerade ein Schiff nach Kiel segelfertig gelegen. Da sei sie an Bord gegangen, um Wagenmiete zu sparen; und da der Wind gut war, hoffte sie, das Ziel der Reise um so schneller zu erreichen. Bei dieser Nachricht lief mir ein kalter Schauer über den ganzen Körper; ich war kaum imstande, den Wagen zu bestellen. Ich kam nach Kiel – in das Haus meines Schwiegervaters – er war eine Leiche – seine Frau lag auf den Tod, und meine – von ihr konnte niemand etwas sagen.« Er schwieg, aber ein tiefer Seufzer sagte mir das übrige. »Herr Gott!« sagte ich, »das Schiff muß untergegangen sein.« »Ohne jeden Zweifel,« erwiderte er, in einem ruhigen und ergebenen Tone, »der Schiffer war in Kiel zu Hause, der Wirt in Hadersleben hatte seinen Namen nennen hören, ich erinnerte mich dessen – ich tat mich dort nach ihm um – seine Witwe trug bereits Trauer um ihn. Ein andrer Schiffer hatte die Nachricht gebracht, daß er in einem Sturm gekentert und mit Mann und Maus gesunken war.« Hier legte der alte Mann sich wieder hin und faltete die Hände über der Brust. Diese traurige Geschichte machte einen so tiefen Eindruck auf mein Gemüt, daß mir meine Einbildungskraft keine Ruhe ließ, sondern mich von einer Jammerszene zur andern führte, von der leeren Wohnung des Witwers bis zum Leichenzimmer in Kiel, zu der unglücklichen Frau auf dem sinkenden Wrack, wie sie verzweifelt das Kind an ihren Busen preßt und den Himmel um Rettung anruft, bis die Wogen ihre Stimme ersticken und sich über beiden schließen – mir wurde schließlich so benommen, daß ich mich gern aus dem Bett erhoben hätte, um die furchtbare Vorstellung loszuwerden. Ich setzte mich wirklich auf und sah zu dem beklagenswerten Manne hin – er schlief! »Gott sei gelobt!« seufzte ich mit leichterem Herzen, »der uns Linderung und Trost selbst für die schwersten Sorgen schenkt. Er läßt die heilende Zeit hingleiten über sie alle; sie gleicht aus, streicht aus und verdeckt, wie das Meer diejenigen, die es in seinen tiefen Schoß hinabholt.« – Nun genoß ich endlich eine Stunde Schlummers. Als ich erwachte, kam mir die Erzählung wohl gleich wieder ins Bewußtsein; aber es kam mir jetzt vor, als sei das Ereignis viel älter geworden, als hätte ich es bereits vor längerer Zeit gehört, und seelenstark stand ich auf, um einige Bemerkungen über die Jagdvergnügungen der alten Römer niederzuschreiben. Während ich schlummerte, war Feuer im Ofen gemacht worden und die Kammer bereits warm. Ich zündete Licht an, setzte mich und schrieb und war gerade fertig geworden, als der Diener kam und meldete, daß der Tee bereitstände. Die Uhr schlug sieben. Ich ging hinunter und fand die ganze Familie auf; und nun kamen die Gäste, der eine nach dem andern, zuletzt mein Konrektor. – Unter den ersten Fragen war wie gewöhnlich: wie wir geschlafen hätten. Ohne Umschweif erzählte ich die Begebenheiten der Nacht und fragte natürlich, wer meine munteren Nachbarn wohl wären. Niemand wußte es bestimmt; man riet auf den und jenen. Denn die Schelme hatten dem Mädchen urverrückte Namen angegeben, deren sie sich nicht erinnern konnte. Als wir davon sprachen, kamen drei von ihnen – – die jungen nämlich. Als der vorderste in die Tür trat, rief der Kammerrat mit einem ordentlichen Trumpf: »Das dachte ich mir gleich!« und lief ihnen entgegen. Aber er und all die andern brachen gleichzeitig in ein krampfartiges Lachen aus; denn wen hatte er neben sich? Den Ziegenbock! Mit der Perrücke und dem schäbigen Hut des Küsters auf dem Kopfe. Das eine Vorderbein lag auf dem Arme des Spaßvogels und nun trippelte er ganz hübsch auf den Hinterbeinen vorwärts. »Hier«, sagte er, »stelle ich Ihnen meinen Konterbunal, den wohlehrwürdigen Herrn Mads Bock, priveligierten Schlafstörer auf Ulvedal sowie Vizegärtner ebenda vor, als auch cum spe successus beim Küster von Ulstrup adjungiert.« Was ist es doch für eine gesegnete Gabe, diese geschwätzige Munterkeit, die sich wie ein elektrischer Schlag allen mitteilt und selbst den Betrübten zwingt, mit Tränen in den Augen zu lachen! Die lichte Seite an allen Dingen hervorzuheben, jede Freude im Fluge zu ergreifen, mit Witz zu spaßen und zu scherzen, ohne jemanden zu verletzen! Der Hardesvogt – trotz seines jugendlichen Aussehns war er ein Mann in den Vierzigern – besaß in hohem Maße dieses glückliche Talent und wurde deshalb mit Recht als die Seele aller Gesellschaften betrachtet. Unsere erhielt nun erst durch seine Ankunft rechtes Leben; und es kam mir wirklich vor, als hätten wir ihn bisher vermißt. Die beiden andern waren schöne Jünglinge, mit einem Teil seiner Laune und seiner ganzen Gutmütigkeit begabt. Als nun endlich eine Pause im Lachen entstand, erinnerten wir uns des vierten Mitreisenden. Keiner von den dreien kannte ihn weiter, als daß er Kaufmann sei und Andersen hieße. Er war auf sie im Gasthof in Vejle gestoßen; und da er sich sogleich als ein gebildeter und sehr angenehmer Mann erwies, hatten sie kein Bedenken gehabt, ihm einen Platz in ihrem Wagen anzubieten, da er gerade denselben Weg wollte. In diesem Augenblick trat er ein; und nachdem er auf seinen Wunsch Wirt und Wirtin vorgestellt worden war, sagte er mit dem Anstand eines Weltmannes: »Wenn Entschuldigungen meine Aufdringlichkeit entschuldigen könnten oder wenn ich glaubte, daß sie verlangt würden, würde ich sie gern vorbringen; aber diese Genien haben gelobt, für mich einzutreten« – Hier wurde er durch das herzliche Willkommen des liebenswürdigen Ehepaares unterbrochen, und noch ehe er sich mit uns andern bekanntgemacht hatte, fuhr er fort: »Ich bin Kaufmann – in meiner Jugend Seemann – und komme vom Kap, um meine Heimat zu besuchen, die ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen habe; doch hauptsächlich, um meinen einzigen Bruder zu sehen, von dem ich in der ganzen Zeit gar nichts gehört habe. Er wohnt hier in der nächsten Stadt und ist Konrektor –« Hier wandten sich alle Blicke zu diesem; bleich und zitternd saß er da und vermochte nicht, sich zu erheben, kaum die Worte hervorzubringen: »Christian, bist du es?« Die Brüder sanken einander in die Arme. Die Überraschung meines edlen Freundes war um so größer und freudiger, als er bereits seit vielen Jahren den Bruder für tot gehalten hatte, da seit seiner ersten Ausreise nach China keine andre Nachricht von ihm eingelaufen war, als daß er in dem ungesunden Batavia verblieben sei. Sein ständiges Schweigen hatte seinen Grund zunächst im Leichtsinn der Jugend und dann in dem Entschluß nur etwas von sich hören zu lassen, wenn er als reicher Mann zurückkehrte, was nun der Fall war. 4. Die Komtesse. Der Hardesvogt spielte besonders gut Violine und hatte auf gut Glück einen ganzen Schrank Musikalien mitgebracht. Sechs andre handhabten verschiedene Instrumente; aber leider gab es keine auf Ulvedal, ausgenommen eine alte Flöte des Kammerrats. Doch hiergegen fand sich bald Rat: ein Wagen fuhr in die Stadt, um den Stadtmusikanten mit seinem Vorrat zu holen. Indes langweilten wir uns durchaus nicht. Nach einem ordentlichen Frühstück, bei welchem der Küster und sein gehörntes Substitut reichlich Gelegenheit zu Scherz und Spiel gaben, ergriff der Hardesvogt sein Instrument und spielte einen Walzer, der bald die meisten mit sich riß; und da nicht Damen genug vorhanden waren, mußten auch Männer miteinander tanzen. Die wiedergefundenen Brüder saßen lächelnd beieinander und sahen zu. Sie ließen kaum ihre Hände los, und der ältere – ich meine den Konrektor, der fünfzehn oder sechszehn Jahre voraus hatte – sorgte sich besonders um den jüngeren mit einer Ängstlichkeit, als müßte er fürchten, ihn zu verlieren – wie ein jungverheirateter Mann, sagte der Hardesvogt, um seine junge Frau. Verlor er den Kaufmann einen Augenblick aus dem Gesicht, fragte er unruhig: »Wo ist Christian geblieben? Habt Ihr nicht Christian gesehen?« und suchte, bis er ihn fand. Eine Kurzweil löste die andre ab, der lustige Jurist war die Seele davon. Er bekam sogar ein paarmal das Kunststück fertig, Quintus so heftig zum Lachen zu bringen, daß man seine Zähne sah. Der Tag war vorbei, ehe wir es uns versahen, der Abend ebenso. Sogar die Damen hatten sich soweit in diesen Wirbel der Munterkeit hineinreißen lassen, daß sie, als es Schlafenszeit geworden war, erst jetzt daran dachten, daß für einen eine Lagerstätte fehlte. Wohl boten sich genug an, sie wollten auf Stühlen liegen, das aber wurde nicht angenommen. Die eine Dame flüsterte der Mutter etwas zu, die aber schüttelte den Kopf und erwiderte hierauf, wovon ich nur die Worte hörte: »– sie so spät zu stören –« »Das ist ja gar nicht nötig«, sagte nun der Kammerrat: »es steht ja ein Bett in der schwarzen Stube; der Hauptschlüssel paßt dazu – morgen können wir uns entschuldigen.« »Die schwarze Stube?« fragten beide Mädchen mit großen Augen; »wen willst du denn da schlafen lassen, Vater?« »Ih –« versetzte er lächelnd, »den Küster zum Beispiel.« »Nee, hol mich der Deibel, wenn ich das täte?« rief dieser entschieden, »dann gehe ich lieber nach Hause.« Nun wurde ich neugierig, wie auch all die andern, die früher nicht auf dem Gut gewesen waren. »Was ist denn mit der schwarzen Stube?« erklangen mit einemmal mehrere Stimmen. »Nichts weiter«, sagte der Kammerrat etwas höhnisch, »als daß es dort spukt. Man sagt, daß ein armes Fräulein, das zu Schaden gekommen war, in alter Zeit dort lebendig eingemauert wurde. Na, einen Ausweg müssen wir ja finden – wollen Sie das Los ziehen, meine Herren? Oder – wenn niemand allein liegen will, können es ja auch zwei sein – ich bin auch bereit –« »Keineswegs!« riefen wir, »Sie dürfen doch nicht aus ihrem eigenen Bett vertrieben werden!« »Dann ziehen wir«, sagte der Hardesvogt; »doch der, der das Los bekommt, muß bestimmt allein bei dem Fräulein liegen.« Wir zogen, ich wurde der Auserwählte und empfing die Glückwünsche der Versammlung; der Küster aber setzte ein richtig wütendes Gesicht auf und sagte: »Ich will doch, hol mich der Deibel nicht mit ihm tauschen, und wenn ich dafür ganz Ulvedal bekommen sollte.« Das berüchtigte Zimmer lag ganz entfernt in einem andern Flügel des Burghofs, und um dorthin zu gelangen, mußte ich durch verschiedene andre Zimmer, außerdem über einen langen steinbelegten Gang, Treppauf und Treppab. Der Diener öffnete, zündete ein mitgebrachtes Licht an und entfernte sich mit der Hoflaterne, nachdem er einen raschen und scheuen Blick in eine bestimmte Ecke der Stube geworfen hatte. Sie führte mit gutem Recht ihren warnenden Beinamen: Decke und Wände waren gestrichen, aber mit so dunklen Farben, daß das ganze wie ein wahres Nachtstück wirkte. Selbst der Vorhang um das große Himmelbett war aus einer Art schwarzbraunem altmodischem Seidenzeug oder Damast. Ehe ich da hineinkroch, machte ich mit dem Licht in der Hand einen Rundgang. Als ich an die Ecke kam, in die das Auge des Dieners so mißtrauisch hingeblickt hatte, entdeckte ich gleich ein Bild, das mich nur zu lebendig an die vorhin berührte Sage erinnerte. Es stellte eine junge Frau mit einem schönen, aber totenbleichen Antlitz und niedergeschlagenen Augen dar. Ihr Leib war in eine Nonnentracht gehüllt und in den gefalteten Händen hielt sie Kruzifix und Rosenkranz. Dieses Gemälde befand sich dicht bei der Ecke; und auf der andern Seite davon stand ein Mann, der mit Recht den Namen der Rote trug; denn alles an ihm war rot, angefangen vom Haar und Bart bis zu den engen Beinkleidern und den langen Schnabelschuhen. Sein düsterer, blutdürstiger Blick war starr auf die Dame ihm schräg gegenüber gerichtet. Ich hörte später, dies solle der Vater des von ihm selbst verurteilten, eingemauerten Mädchens sein. Es war mir bis zu dieser Nacht unerklärlich, weshalb der, der nicht an Spuk glaubt, ihn dennoch fürchten kann. Aber, da ich mich plötzlich selbst auf einer gewissen Furcht ertappte, gelangte ich zu der Überzeugung, daß eine solche Furcht, in unsrer ebenso unbegreiflichen geistigen Natur begründet, eine der Ritzen im Vorhang des Todes ist, durch die die Seele die Unsterblichkeit erblickt. Und seitdem ist mir die Gespensterfurcht niemals ein Gegenstand des Scherzes gewesen – noch weniger des Spottes; viel eher habe ich sie als eine heilige, schön dunkle Offenbarung aus der Welt der Geister betrachtet. Ich konnte nicht schlafen. Meine Augen fielen oft zu, öffneten sich aber wieder, um nach dem düsteren Winkel hinüberzusehen, in dem der Mond das leichenblasse Gesicht beleuchtete. Schließlich war es mir, als hörte ich dort einen schwachen Laut, wie von einem musikalischen Instrument. Ich hielt meinen Atem an – hörte nichts. Kurz darauf kam der Laut wieder. Nun erhob ich den Kopf vom Kissen – es war kein Selbstbetrug; aber die Töne so fein und so entfernt, daß es nicht möglich war, zu unterscheiden, ob sie von einem Instrument oder aus einer menschlichen Brust kamen. Ein leichter Schauder verbreitete sich von meinem Scheitel über meinen ganzen Körper hinab. War es Geistergesang aus dem Innern der Mauern? Der Todespsalm der Unglücklichen? – Es hielt an. Meine Nerven zitterten mit einem seltsamen Kribbeln, und Beklommenheit bedrückte meine Brust. Ich erhob mich ganz und stierte starr auf das Bild, mit stillem Entsetzen wartend, jeden Augenblick etwas zu sehen. Das Gesicht bewegte sich – hob sich – sank – wurde größer – kleiner – die Angst stieg. Doch hatte die Vernunft nicht so vollständig ihre Wirkungskraft verloren, daß sie mich noch mit der Erklärung beruhigen konnte, diese scheinbaren Bewegungen seien dem Monde zuzuschreiben, je nachdem er hinter einer Wolke verschwand oder wieder hervortrat. Neue Stille. Ich begann freier zu atmen, ruhiger zu denken, zu überlegen. Ich faßte einen raschen Entschluß: stand auf, warf mich in die Kleider, ging zu einem Fenster, und es kam mir wirklich so vor, als ob ich mir bei dem klaren, freundlichen Mond Trost und Ermunterung holte. Ich teilte meinen Blick zwischen ihm und der fürchterlichen Ecke. Aber was nun weiter? Sollte ich hier bis zum Tage stehen bleiben? Oder – ich sah hinaus: es ging tief hinab; ich mußte mich im zweiten oder dritten Stockwerk befinden. Sollte ich zurückflüchten? Den langen dunklen Weg, den ich gekommen war? Das ganze Haus aufwecken? Mich selbst dem Gelächter, dem Spott, der Verachtung preisgeben? Aus dieser Ungewißheit wurde ich wieder durch den Klang der rätselhaften Töne gerissen, die nicht aus jenem Winkel kamen, wie es mir vorhin vorgekommen war, sondern von der entgegengesetzten Seite. Ich wagte mich dorthin, legte mein Ohr an die Wand – Gesang war es, den ich hörte – eine weiche weibliche Stimme. Die Besinnung kehrte zurück; aber die Verwunderung nahm zu: Wer konnte hier singen? So spät? – Ich ließ meine Uhr repetieren – es war halb eins – mitten in der allergefährlichsten Geisterstunde! – Ich lehnte mich an die Wand – sie gab nach – eine Tapetentür ging langsam auf, in einen sehr großen Saal hinein. An seinem andern Ende zeigte sich ein Lichtstreifen, der einen Schein weit über den Boden warf. Von dort kamen die Töne. – Jetzt schwiegen sie; doch gleich darauf sprach jemand und ein andrer antwortete. Die Neugier trieb mich – auf Katzenpfoten schlich ich mich dahin, um zu sehen, wer von den Damen so unvermutet in meine Nähe gekommen war, um die Nacht durchzuquinkelieren. Ich sah durch das Schlüsselloch – beinahe wäre ich vor Entsetzen umgesunken; denn da saß sie selbst, die Eingemauerte, in ihrer schwarzen Tracht und mit dem schönen, bleichen Antlitz. Sie saß von der Seite und hatte ein Papier vor sich liegen, worauf sie zu zeichnen schien. An demselben Tisch saß mit dem Rücken zu mir noch ein Frauenzimmer, von der ich nur den schönen Umriß des Kopfes und des Oberkörpers sehen konnte, da sie selbst das vor ihr stehende Licht verdeckte. Ich war festgenagelt an meinen Posten. Nun beugte die letztere den Kopf, um die Zeichnung zu betrachten. »Diese Blume«, sagte sie auf französisch und mit der reinsten Aussprache, »ist dir außerordentlich gelungen.« »Du meinst das Tausendschön«, erwiderte jene in derselben Sprache: »es ist eine meiner liebsten Blumen. Sie tat einen tiefen Seufzer, sah mit einem zärtlichen Lächeln auf die Zeichnung und ließ den Pinsel ruhen. Die mit dem Rücken zu mir seufzte gleichfalls, hob den Kopf wieder und begann zu nähen, wie ihre Armbewegungen andeuteten. – Nach einer Pause, in der sie wieder einige Striche gemacht hatte, sagte die Malerin langsam und wehmütig: »Sie ist die letzte Blume des Jahres.« Und den Blick – ich könnte sagen – mitleidig auf die Blume gerichtet, sang sie mit jener weichen, schmelzenden Stimme, die mich vorhin so heftig erschreckt hatte, folgende französische Elegie, die ich hier habe in unsrer eigenen Sprache wiederzugeben versucht habe: Weshalb zauderst du noch immer? Sommerszeit ist nicht mehr dein. Über welker Felder Schimmer lächelst du allein. Willst du mir den Lenz beschwören, der mit deinen Schwestern schwand? Wieder wecken Sehnsuchtszähren, die ich einst gekannt? Alte Bilder, die mit grauer Schwermut drückten meinen Sinn? Glaubst, ich weiß es nicht mit Trauer, daß mein Sommer ist dahin? Hier schwieg sie, lehnte sich gegen den Stuhlrücken zurück und faltete die Hände im Schoß; eine große Träne rollte über ihre lilienweiße Wange herab. Da schob ihre Gesellschafterin das Nähzeug von sich, ergriff ihre eine Hand, drückte sie zwischen ihren beiden an den Busen und sang in lauterem, kräftigerem Tone und rascherem Tempo: Will nicht an den Lenz gemahnen, nicht den Sommer, der dahin! Doch noch einmal sollst du ahnen Freude deinem Sinn. Traure nicht um Lenzesfreuden! Auch der Herbst kennt seinen Blust; Tränen selbst, die wir vergeuden, sind nicht ohne Lust. Ihre eigene Stimme schmolz bei den letzten Worten in stilles Weinen dahin. Sie stand auf, sank vor der Sitzenden auf die Knie, umarmte sie und legte ihre Wange auf ihren Arm. Diese legte segnend ihre andre Hand auf die Schläfe der Trösterin. Ich weiß nicht, welches wehmütige Mitgefühl so unwillkürlich mein ganzes Wesen durchdrang, so daß meine Augen voll Tränen standen, obwohl diese Trauernden mir ebenso unbekannt waren wie die Ursache ihres tiefen Kummers. Es gab einen Laut im Panel dicht neben mir. Die Sitzende sah sich danach um. Ich fürchtete, es würde ihnen einfallen, in dem Saal nachzusehen; deshalb ging ich mit langen Schritten und schneller, als ich gekommen war, auf bloßen Strümpfen in meine schwarze Stube zurück. Hier suchte ich wieder mein Bett auf; doch die unruhigste Neugierde wirkte, gerade so wie vorher die Angst, gegen den Schlaf. Wer in aller Welt konnten sie doch sein, diese merkwürdigen Menschen – unbekannt den Leuten vom Hause! – Und niemand hatte ihrer auch nur mit einem Wort erwähnt! – Ich wurde schließlich so verwirrt; ja annähernd verstört durch dieses vergebliche Forschen und Raten, daß ich mir bald eingebildet hätte, ich wäre Zuschauer einer Geisterszene gewesen und die beiden unerklärlichen Wesen gehörten einem vergangenen Jahrhundert an. Die Ähnlichkeit der einen mit dem Bilde – ihre ungewöhnliche Tracht – diese fremde, früher beim Adel gebräuchliche Sprache – alles stimmte zu der Sage. Endlich schlief ich ein und schlief bis in den ersten Morgenschimmer. Ungeduldig kleidete ich mich an und eilte in die allgemeine Versammlungsstube hinunter. »Wie haben Sie geschlafen? Haben Sie etwas gemerkt? Haben Sie etwas gehört? Haben Sie etwas gesehen?« So ertönte es von allen Seiten; und es dauerte lange, bis ich auch dazu kam, zu fragen: »Schläft denn jemand in diesem Flügel? Wer wohnt da? Was sind das für Damen?« Der Kammerrat lachte: »Haben Sie die Damen besucht oder die Damen Sie?« Nun erzählte ich das ganze Abenteuer. Die meisten begannen zu lachen, und der Wirt rief: »Unser Rektor hat sich zum Satan richtig bei der Komtesse einschleichen wollen –« »Was für eine Komtesse?« fiel ich verwundert ein. »Ih! Komtesse R..., die die Zimmer drüben gemietet hat. Ihre Vorfahren haben den Hof hier besessen – Gott weiß, wie lange; aber der Vater hat ihn wie das Gut verkauft.« »Aber wer ist denn Alice?« fragte ich weiter. »Hm! Das ist nicht so leicht gesagt«, lautete die Antwort; »das ist Alice oder Else, wie die andern sie hier nennen. Sie soll eine Art Französin für die Komtesse sein. Sie ist mit ihr vom Ausland hierher gekommen.« Nun wußte ich so viel; aber es war nur geeignet, meine Neugierde noch mehr anzustacheln. Eine Komtesse und eine Französin sind ohne weiteres nicht dafür geeignet; aber diese! So hochgebildet – wie sie sich mir ja deutlich in jenen Augenblicken zeigten – reich an Kenntnissen, an Gefühl, und doch in einer solchen Zurückgezogenheit mit ihren sicherlich großen und interessanten Geheimnissen lebend! Ich fuhr fort zu fragen und erhielt stückweis nachstehende, einigermaßen befriedigende Aufklärungen, die mir sogar mit derselben Gleichgültigkeit gegeben wurden, mit der Leute, die stets in einer schönen Gegend wohnen, die Fragen eines Fremden nach den verschiedenen Punkten beantworten, die bei der Aussicht seinen Blick anziehen. Die Komtesse mochte zwischen dreißig und vierzig sein, hatte die meiste Zeit bei Verwandten im südlichen Frankreich verbracht und auf Ulvedal nur etwas über vier Jahre gewohnt. Sie lebte sehr still, sah keine Gäste bei sich und ging auch nicht aus, ausgenommen einmal monatlich zur Kirche. Der Kammerrat besuchte sie und die Mamsell, nach vorausgegangener Ansage, regelmäßig am ersten Sonntag jeden Vierteljahres zum Tee und lud sie zu sich den folgenden ein. Doch alles ohne sonderliches Vergnügen für die Partner, da sie dänisch mit einiger Schwierigkeit sprach. Sie tat viel im stillen wohl, kleidete jedes Neujahr zwei arme Kinder ein, verteilte zu Weihnachten Lebensmittel und dergleichen; und der Küster rühmte sie, weil sie an den Feiertagen durch ihren Diener ihm einen Speziestaler spendete. Mit der Mamsell war er noch weit mehr zufrieden, da sie viele Kinder – doch nur von Armen – in die Kirche trug, wobei sie ihn mit einem Reichstaler bedachte. Im übrigen war beider Wesen etwas steif, abgemessen und vornehm, was der Kammerrat jedoch gutmütigerweise auf Rechnung der Sprache setzte. Ich bat nun den Kammerrat, bei der Komtesse gemeldet zu werden, um ihr persönlich meinen Dank für das Nachtquartier auszusprechen. Er ließ den Diener sogleich hinübergehen, versicherte mir aber gleichzeitig, sie würde meinen Besuch nicht annehmen. Dieser kam bald zurück und brachte wirklich den Bescheid, die Komtesse bäte um Entschuldigung, daß sie den Herrn Rektor nicht sehen könne, da sie sich unpäßlich befand; aber es wäre ihr im übrigen lieb, wenn er auch künftig ihr Zimmer benutzen wolle. »Da haben wir nun die ganze Nacht gelegen und kein Deckbett gehabt«, rief mein lachlustiger Wirt und schlug ein herzliches Gelächter auf; »wir wollen die L'hombre-Tische aufstellen lassen.« 5. Alice. Ich habe öfter bemerkt, sowohl bei mir als auch bei andern, daß ein einzelnes Ereignis, es sei groß, wichtig, traurig, ja fürchterlich, uns nicht annähernd so leicht aus der Fassung bringt – auch nicht einmal aus der Stimmung – wie mehrere verschiedene, von denen jedes einzeln ganz unbedeutend sein mag und die im ganzen von viel geringerem Gewicht sind als jenes. Man kann einem einzigen schweren Schlag widerstehen, unterliegt aber mehreren leichten. So ging es mir hier: erst reute es mich, daß die Rätsel der Nacht eine so rasche und klare Auflösung gefunden hatten, dann ärgerte ich mich darüber, daß die erhaltenen Aufklärungen über die beiden interessanten Figuren in diesem Nachtstück sie noch rätselhafter als vorher gemacht hatten; und schließlich kränkte mich die Gleichgültigkeit, womit die Leute im Hause von ihnen sprachen. Diese sanken in meinem Urteil zu unbedeutenden Alltagsmenschen hinab; ihre Heiterkeit kam mir schal vor, ihr Witz fade und ihre Vergnügungen platt. Ich wurde ganz verstimmt und spielte meinen L'hombre in einer Laune, ungefähr so, als wenn ich einen Aufsatz korrigiere, der von grammatikalischen Schnitzern wimmelt. Die Ankunft des Stadtmusikanten wirkte daher auf mich wie ein Reizmittel auf den Asthenischen; aber es war eben so sehr er selbst wie seine Musik. Beide standen in völliger Opposition zueinander. Ich will mich deutlicher ausdrücken. Er war ein Mann mit häßlichem, barschem Gesicht, einem rauhen und scharfkantigen Wesen, kurz angebunden, mürrisch in seinem ganzen Umgange. Und doch war die lieblichste aller Künste ihm alles und alles andre – nichts. Musik war sein Stolz – ich möchte nicht sagen: seine Freude; denn nie sah er finsterer aus, als gerade bei der Aufführung seiner schönsten Stücke. Er liebte die Kunst (wie ein Tyrann seine Frau, sagte der Hardesvogt), aber keinen Menschen unter der Sonne; jeden, der nicht Musik verstand, verachtete er. Wer ihn nun kannte und ihn so nahm, wie er war, den belustigte er auf zwiefache Weise: einmal durch seine Kunst und dann durch seine üble Laune. Der Hardesvogt kannte ihn: auf der Treppe stehend, die Violine unter dem Kinn, empfing er Apollos Priester – nicht mit Verbeugung oder mündlichem Gruß – sondern, indem er die Musik zu den Worten: »Sei willkommen!« in Heibergs »Einzug« spielte und variierte. Diese sinnreiche Galanterie wurde sofort verstanden und aufgenommen; der Musikant nickte und sagte: »Das ist die rechte Art zu sprechen.« »Ja, gewiß!« versetzte der Schelm mit ernstem Pathos, »die Kunst kulminiert nicht, ehe sie nicht vollkommen die Sprechorgane des Mundes ersetzt.« »Werft nun die Beten zusammen!« rief der Kammerrat, da unser Kapellmeister – wie ihn der Hardesvogt nannte – eintrat. Der bedächtige Tertius übernahm diese Arbeit. Und nun ging es über die göttliche Kunst her: Instrumente wurden ausgepackt, geprüft, gestimmt. Notenpulte wurden aufgestellt, Noten herausgelegt. Und alles mit einem Eifer, einer Emsigkeit und einem Ernst, als ob es galt, für das Wohl der Welt zu schaffen. Die Wirtin zeigte sich zweimal in der Tür des Konzertsaals und fragte, ob die Herren nicht Zeit fänden zu essen, erhielt aber nur kurze und unbestimmte Antworten. Schließlich kam der Mann mit einer Hundepeitsche in der Hand und trieb uns zu Tisch. Es war äußerst spaßig, Fiedler (den Kapellmeister) und den Hardesvogt anzusehen, während sie ihre gegenseitigen musikalischen Schätze musterten: Hände und Augen in dauernder Bewegung, abgerissene Ausrufe wie »gut, prächtig! das müssen wir haben! nett! extra!« und so weiter. Aber zum Schluß kam Fiedler mit einer funkelnagelneuen Komposition, die er mit einer ordentlich bissigen Fratze dem Hardesvogt gerade unter die Nase hielt und die diesem ein A...h! entrang, das durch mehrere Takte ging und smorzando endete. »Das ist was für ihn!« rief der Kammerrat. »Das glaube ich schon«, sagte Fiedler, »das ist ein neues Quartett für vier Violinen.« »Wie sollen wir das bekommen?« fragte jener in traurigem und fast weinendem Tone. »Das werden wir schon«, versetzte der andre: »Sie und ich und der Assessor und der Herr Rektor. Er kann; das weiß ich.« »Bravo!« schrie der Hardesvogt und verbeugte sich süß lächelnd vor mir, – »aber was liegt da?« »Hm!« erwiderte Fiedler, »das können wir nicht gebrauchen – man hat es mir mit dem übrigen geschickt – eine große italienische Arie mit Begleitung von Violine, Violoncel, Fagott und Hoboe. Die Instrumente haben wir; aber wo ist das Solo?« »Es wäre möglich, daß Alice das könnte«, nahm die eine Jungfer Hansen das Wort; »sie singt mehrere solcher gräßlich langen Dinger – ich will es ihr gern zeigen –« »Tun Sie das, beste Jungfer!« rief der Hardesvogt. Aber Fiedler sagte mit verächtlicher Miene: »Pah! – Wollen wir das Quartett probieren?« Es ging, doch nicht ohne etliche kleine Fehler, bei denen der Stadtmusikant knurrte oder auf den Boden stampfte. Viele von der Gesellschaft, die Musik nicht verstanden oder liebten, schlichen sich nach und nach fort und begannen ein anderes Spiel – ich meine Karten oder Würfel. Und so blieben wir Kunstbeflissene mit einigen wenigen Zuhörern und Zuhörerinnen uns selbst und unserm Ohrenschmaus überlassen. Es war Abend geworden. Wir waren bei einer Symphonie, als ich in einer Pause ein Frauenzimmer sehe, das ich vorher nicht bemerkt hatte. Sie stand neben Jungfer Hansen gerade an der Tür und hörte mit niedergeschlagenen Augen zu. In der Hand hielt sie eine Rolle Papier – es mußte sie sein – Alice! Aber trotz meiner hochgespannten Neugier konnte ich ihr nur einen flüchtigen Blick schenken; denn die Musik riß mich mit sich. – Die Symphonie war zu Ende. Sie trat vor, langsam, bescheiden, aber nicht schüchtern. »Pah!« sagte ich bei mir selbst, da ich sie nun näher betrachtete, »hübsche Figur, aber kein besonderes Gesicht – so kalt, so leblos!« Ihre Augen sah ich noch nicht, erst viel später; denn sie waren fast zur Hälfte von den Augenwimpern bedeckt, und sie richtete sie auf niemanden, sie glitt nur ganz flüchtig über die hin, mit denen sie sprach. Sie trat zu uns, entfaltete die Rolle und sagte mit einer gezwungenen Aussprache, die ihre französische Herkunft verriet: »Ich kenne den Soprano und abe ihn gesungen früher, mit Assistance von Ihnen, meine Erren! –« Wer nun große Augen machte, das waren wir alle Erren, doch niemand größere als unser Kapellmeister; sein Gesicht wurde noch einmal so lang wie sonst. Er stierte sie an, als verstünde er nicht recht, was sie sagte. »Wer führt an?« fragte sie mit einem flüchtigen Blick im Kreise. – »Ich – ich!« erwiderte er rasch, wies ihr mit einer Verbeugung einen Platz vor seinem eigenen Notenständer an, holte die begleitenden Stimmen heraus und verteilte sie mit außergewöhnlicher Behendigkeit. Ich erhielt keine – womit ich recht zufrieden war – und stellte mich unter die Zuhörer. Sie sah sich um. Fiedler nickte seinen Mitspielenden zu und wies mit der Bogenspitze auf die Noten; sie nahm ihre in beide Hände – sie waren wirklich hübsch – stellte den rechten Fuß vor, – der war niedlich –, klappte dreimal mit dem Zeh und – Als ich vergangenes Jahr Roat auftreten sah, als er da mit der Balancierstange – einer richtigen Schiffsraae – in den Händen dastand, sich mit dem Rücken gegen das Gestell hin und her wiegte, rasch auf das Tau trat und den Fuß zurückschnellen ließ, als zweifelte er an seiner Stärke – da fühlte ich eine Beklemmung, eine ängstliche Unruhe: »Will er? Darf er? Kann er? Wenn er selbst ängstlich wird, schwindelt – wenn das Tau reißt –« Aber als dann die Musik einfiel, als er mit Kraft und Sicherheit über diese schmale Brücke zwischen Leben und Tod lief – da wurde meine Brust leichter, da fühlte ich, mit ihm hatte es keine Gefahr. So fühlte ich auch hier eine gewisse Bedrücktheit, als ich das junge Mädchen mit einer so äußerst schwierigen Aufgabe vor sich unter so vielen scharfen Kennern sah. Aber sobald sie intonierte, und zwar mit der Sicherheit, Kraft und Fülle einer Virtuosa, als ihre Silberstimme mich wie ein elektrischer Schlag durchfuhr, da fühlte ich, und zwar mit einer Art süßen Schreckens, wie sicher sie ihrer Sache war. Jetzt erst wagte ich, richtig den Mund zu betrachten, der so herrliche Töne aussandte. Aber er war nicht schön – man sollte überhaupt nie eine Sängerin sehen oder sie müßte maskiert sein; was haben die Augen mit ihr zu tun? Die meinen wandte ich auch ab und genoß nun ein Entzücken, das nicht früher unterbrochen wurde als der Gesang; die Instrumente hatte ich gar nicht gehört. Mit einer leichten Verbeugung gab sie ihr Blatt dem erstaunten Kapellmeister zurück; mit niedergeschlagenen Augen und einem schwachen Lächeln nahm sie die von allen Seiten einströmenden Danksagungen entgegen und ging darauf zur Hausmutter, bei der sie sich setzte, als Zuhörerin auf eine neue Nummer wartend – Als diese vorbei war, wurde sie aufgefordert, die Gesellschaft abermals durch ihr ausgezeichnetes Talent zu erfreuen, wozu sie sich ohne die geringste Ziererei bereit zeigte; aber unglücklicherweise hatten weder sie noch wir eine Begleitung außer dem Pianoforte. Ich wagte ein da Capo der Arie vorzuschlagen, aber davon bat sie verschont zu bleiben: »Ich nicht lieben da Capo,« erwiderte sie, »zweites Mal man macht nicht so gut – aber – ich mich nicht ausdrück auf dänisch –« »Wollen Sie nicht französisch sprechen, Mademoiselle!« nahm ich das Wort in dieser Sprache; »ich glaube fast, Ihre Gedanken erraten zu können.« Nun hörte ihre Verlegenheit und das Gezwungene in ihrem Wesen auf, das sicherlich allein seinen Grund in dem Zwange hatte, den ihr die Sprache auferlegte; mit französischer Lebhaftigkeit sagte sie: »Man sollte niemals Wiederholungen verlangen, weder von Musikstücken, Spiel auf der Bühne oder Deklamation. So bald danach gelingt es nicht so gut wie das erstemal; kann nie mit derselben Wärme gegeben, auch nicht aufgenommen werden, und Künstler wie Zuhörer verlieren beide.« »Ich kann Ihnen nur recht geben – wenn es auch meinem eigenen Vorteil widerstrebt –« erwiderte ich, »jedoch mit Einschränkung. Ihre Behauptung könnte sogar logisch bewiesen werden; denn lassen Sie uns nur sechzehn encores der Reihe nach vorstellen, da würde ja das vollendetste Meisterstück verlieren – wenigstens seine Frische; und verliert es das sechzehnte Mal, dann verliert es auch das fünfzehnte, und so weiter bis hinauf zum zweiten. Aber gibt es nicht trotzdem Ausnahmen? Kompositionen, die niemals verlieren? Die in hohem und noch höherem Alter stets die jugendliche Frische bewahren?« »Bewahren?« wiederholte sie. »Ich würde eher sagen: erneuern, und diese Fähigkeit, sich erneuern zu können, ist gerade das Kennzeichen der Früchte, die es ertragen, aufbewahrt zu werden. Aber meine Meinung geht ja nur dahin, daß sie in Zwischenräumen genossen werden müssen. Ein naschhaftes Kind, das seine Begierde nicht beherrschen kann, übernimmt sich leicht an Süßigkeiten und ißt sich sie über; deshalb halten vernünftige Eltern es zurück, damit es wenig und lange genießen kann.« Das letztere sagte sie mit einem heiteren Lächeln, das – doch nur auf einen Augenblick – ihr Gesicht veränderte und einen Schimmer von innerem Leben zeigte, das ihm sonst fehlte. – Ich wurde in dieser Unterhaltung unterbrochen, da man mich zum Orchester rief, und als die Nummer vorbei war, vermißte ich Alice. Sie war plötzlich zu ihrer Komtesse geholt worden. Wie es junge Herren gern tun, begannen wir nun die Fortgegangene zu rezensieren; und sie hatte kein besseres Schicksal als ein neues Gedicht vor ästhetischen Kunstrichtern: alle finden sie Fehler, aber nicht alle dieselben; was der eine rühmt, tadelt der andre, und wollte der Verfasser in einer neuen Ausgabe jede Berichtigung und Ausstellung befolgen, würde es ihm mit seinem Buche gehen, wie es der Fabel nach jenem ältlichen Mann mit seinem Kopfe ging, aus dem eine junge Liebhaberin die grauen Haare und eine ältere die schwarzen auszog, so daß der folgsame arme Kerl zum Schluß gar keins behielt, sondern ganz kahl unter ihnen saß. Aber viele scharfe Urteile sind nicht immer ein schlechtes Zeichen; sie zeigen, daß man Fehler sucht. In zwei Punkten waren jedoch alle einig: sie sang göttlich und sie hatte – einen großen Mund! Das letzte mußte ich selbst – wenn auch ungern, zugeben. Aber in der Tat! Keiner hatte sie richtig gesehen. Mitten im Abendessen kam sie wieder. Die aufmerksame Wirtin überließ ihr ihren Stuhl neben mir mit der Äußerung, daß die beiden Französischen einander am besten unterhalten würden. Dies traf zu; denn niemals früher hatte ich bei einem Frauenzimmer einen so feinen Anstand vereint mit einem so tiefen Gefühl gefunden; und doch wechselte sie mit eigentümlicher Leichtigkeit das Thema, so oft ich ein neues vorbrachte. Wie gern hätte ich sie selbst zu einem gemacht! Aber auf geradem Wege ging das ja nicht, und Umwege führten auch nicht zum Ziel, da sie beständig auswich oder sogar mit einem geschickten Sprung ganz zurückkehrte. – Schade – dachte ich – daß der Mund, der so schön spricht, es nicht selbst ist! Ich erfuhr nicht mehr, als ich schon vorher vermutet hatte: daß die Komtesse ihre Wohltäterin und einzige Freundin war. 6. Weihnachtsball. Man wird es natürlich finden, daß ich mein letztes Nachtlager behielt, und ebenso, daß ich eine ganze Stunde an der Tapetentür lauschte. Doch vergebens; ich hörte nicht das geringste von dem Unerklärlichen. Schließlich vertrieben Schlaf und Kälte mich von meinem Lauschposten ins Bett. Nach einer ununterbrochenen und erquickenden Ruhe erwachte ich erst bei Tagesanbruch. Ich kleidete mich an und ging zum Fenster. – Es war Tauwetter. Graue Regenwolken trieben eilend und niedrig über den Wald hin – den dunklen Wald, der kürzlich zur Weihnacht geschmückt im prächtigsten Silberbrokat des Winters dagestanden hatte. So – dachte ich – legt die junge Frau ihren Brautstaat und prangenden Kopfschmuck ab und begnügt sich bescheiden mit Alltagskleidern und dem eigenen Haar. Der Südwestwind heulte in den undichten Fensterrahmen und schwenkte das Schilfdach im Burggraben mit unaufhörlichem Sausen und Rasseln. Ich wurde wehmütig gestimmt; es war, als ob die niedrig hängenden Wolken mein Gemüt niederdrückten und meine Brust einschnürten. Ich dachte mit Schwermut an meine edle Nachbarin, den letzten verwelkenden Sproß eines ehmals mächtigen und blühenden Stammes. Bald ist auch sie verschwunden aus den Hallen ihrer Vorfahren, die bereits von einem fremden und üppig heranblühenden Geschlecht bewohnt werden. Unwillkürlich seufzte ich mit dem blinden Sänger der Hellenen: »Das Geschlecht der Menschen ist wie Laub, der Wind wirbelt es in den Staub; diese Wälder vergehn, andre läßt Frühjahr erstehn.« Es war mir damals völlig unerklärlich, warum meine »Tauwetterlaune«, wie der Hardesvogt sie nannte, sich nicht den ganzen geschlagenen Tag vertreiben ließ. Ich nahm an allem teil, aber nur halb, und es passierte mir mehrmals, wenn jemand von der Gesellschaft oder ich selbst meine Gedanken vermißte, daß ich sie dann oben bei der Komtesse oder in ihrem Zimmer fand. Wir hatten vieles vor: wir musizierten, spielten Billard, Karten, Federball; und zum Schluß warfen wir uns mit Schneebällen. Kurz gesagt: wir unterhielten uns auf alle mögliche Weise; aber ich war und blieb gebunden – ich wußte nicht, wovon. Diese ganze Torheit sollte mit Tanz enden. Einige Damen – an denen Mangel war – wurden dazu geholt. Kurz ehe der Ball beginnen sollte, fiel einem der Herren Alice ein. »Sie ist unvergleichlich im Gesang«, sagte er, »und wenn sie nur halb so gut tanzt –« »– Sie tanzt überhaupt nicht«, fiel die älteste Jungfer Hansen ein, »jedenfalls haben wir sie nie tanzen sehen; eingeladen ist sie zwei-, dreimal gewesen, hat sich aber immer entschuldigt.« »Wollen wir es nicht noch einmal versuchen?« sagte der Hardesvogt, »wer kann wissen – wenn zum Beispiel – der Rektor sie einlüde? Er hat sich heute abend so äußerst behaglich mit ihr unterhalten, und es sah so aus, als ob sie das Thema noch nicht erschöpft hätten – schreiben Sie ihr ein Billet.« – Ich tat es. Die Antwort kam mündlich und sofort: Sie würde die Ehre haben. Ich befand mich gerade in einem freundschaftlichen Streit mit ein paar andern Tänzern, wer den ersten Tanz anführen sollte, als Alice eintrat. Amor und alle Grazien! Es war sie und doch nicht sie; ich sah und sah: es war nicht jene dunkelgekleidete, dunkle, kalte, beinahe steife Französin, es war Therpsichore selbst, leicht wie ein Zephir und mild wie der Morgenstern. Ein schneeweißes Ballkleid umschloß in dichten Falten den reizendsten Körper und nur bis zu den Knöcheln reichend ließ es die niedlichsten Füße, die auf altgriechische Art mit rosenroten Seidenbändern umwunden waren, dem Beschauer frei. Ein himmelblauer Schleier verhüllte den Busen und eine einzige Lilie – ein Werk der Kunst – schmückte die dunkelbraunen Haarflechten auf ihrem Scheitel. Doch das Antlitz vor allem! Welche seltsame Verwandlung war mit ihm geschehen! Wo war der große Mund geblieben? Wie sie mir mit einigen Dankesworten entgegenlächelte, da ich vortrat, um sie zu begrüßen und aufzufordern, hätte ich ihn gern noch größer wünschen können, um noch mehr von den schönsten Zähnen zu sehen, die jemals zwischen zwei Purpurlippen hervorgeleuchtet haben. Und die Augen! Auch diese öffneten mir nun zum erstenmal ihren dunkelblauen Himmel und zeigten mir mit einem Strahl, welcher Geist dahinter wohnte. Was ist Schönheit anders, als das Hindurchleuchten einer schönen Seele? Jeder einzelne Teil des Gesichts kann schön sein, das ganze regelmäßig: doch fehlt der Glanz des Geistes, hat sie keinen größeren Wert als Pygmalions Galathea, bevor die Götter seine Gebete erhörten und ihr einen schenkten; es weckt Bewunderung, aber keine Liebe. Es war gut, daß die Musik in diesem Augenblick anhob; denn meine Überraschung war so heftig, doch gleichzeitig so süß, daß ich den Tanz, mich selbst und alles andere um mich her vergessen haben würde. Junger Leser! Schöne Leserin! Nun wißt ihr bereits, was ich damals dennoch nicht bemerkte: daß der Gott der Liebe mich mit seinem sichersten Pfeil getroffen hatte. Wie konnte ich mir auch denken, daß die, die mir beim ersten Zusammentreffen so gleichgültig war, mir danach plötzlich so teuer werden sollte? Ich hatte mir immer vorgestellt, daß die Liebe notwendigerweise auf den ersten Blick beginnen müsse. Oder war sie wirklich gleich da? Lag sie bisher im Schlaf und wurde sie nur geweckt, wie wenn wir träumen und erst beim Erwachen wissen, daß wir geträumt haben? Ich merkte nicht, wie es um mich stand, ehe Alice fort war. Gegen Mitternacht verließ sie den Ball, um sich zu ihrer einsamen Freundin zu begeben. Da war es für mich, als ob die Lichte schläfrig brannten, die Musik matter erklang und der Tanz schwerer ging, als ob sie das halbe Leben, Licht und Freude mit sich fortgenommen hätte. Ich konnte mich selbst nicht länger über den Zustand meines Herzens täuschen. – Diese wichtige Entdeckung sollte mich auf der Gesellschaft in die Einsamkeit vertrieben haben, hätte ich nicht gefürchtet, mich selbst zu verraten – ich, der, solange sie dem Balle beiwohnte, nicht den Boden verlassen hatte. Aber noch entsinne ich mich genau, wie schwer mir der Zwang zu stehen kam: anstatt daß ich wie vorher mit Leidenschaft getanzt hatte, tanzte ich jetzt mit Leiden; meine vorige ungebetene Heiterkeit war einer mühseligen und unglücklichen Witzhascherei gewichen. In den Atempausen ging ich von Zimmer zu Zimmer, besah die Spielenden, ohne zu wissen, was sie spielten, mischte mich in ihr Gespräch, ohne zu wissen, was es betraf. Ohne weitere Beschreibung: ich führte mich auf wie ein Verliebter. Solange getanzt wurde, ging es noch gerade. Aber da weniger Damen als Hüte da waren und unter den ersten ein paar schlechte Tänzerinnen, mit denen man, wie es in der Dorfsprache heißt, Frondienst tun mußte, schlugen die letzteren eine Veränderung vor – Weihnachtsspiele. Nun war ich noch schlimmer gestellt. Ich mußte Pfand auf Pfand geben: bald waren alle meine Taschen geleert. Und als nun die Pfänder eingelöst werden sollten! Wie tief war nicht der Brunnen! Wie hart der breite Stein! Wie schwer der polnische Kirchgang. Ich hing, ich beichtete wahrhaftig wie ein Sünder, und alle die Küsse, die ich bekam und gab, schmeckten teils wie Essig und teils wie Wasser. Aber auf dem Mokierstuhle erwartete mich doch die härteste Prüfung. Der arme Tertius sollte mir die Bemerkungen der Gesellschaft verkünden, was er auch mit gewissenhafter Genauigkeit und dem größten Ernst tat. Ich fürchtete mich und saß wie auf Nadeln. Verschiedene dunkle Andeutungen hatte ich mit gekünstelter Ruhe hinuntergeschluckt: doch eine störte sie völlig: »Und einige« – schloß er – »wundern sich darüber, daß der Herr Rektor so seltsam geworden ist, seitdem seine Dame fortgegangen ist.« »Der soll sitzen!« rief ich und sprang vom Stuhl auf. Die Männer lachten, die Frauenzimmer grinsten. Der Schuldige war nicht zu finden. Tertius gab die jüngste Jungfer Hansen an; aber sie lehnte durchaus die Beschuldigung ab. »Wenn Sie es nicht waren, so war es Ihre Schwester!« sagte er. Sie leugnete ebenso hartnäckig. Das Ende war, daß er selbst sitzen mußte, und ich keine Genugtuung erhielt. Das Spiel hat seine Unterhaltsamkeit verloren – man gähnte – man sprach vom Bett. Ich sehnte mich danach, um ungestört an sie denken zu können, die in so seltsamer Weise die bisher uneinnehmbare Festung meines Herzens eingenommen hatte. Ich ging den ganzen Abend durch, von ihrem glänzenden Auftreten bis zum letzten lieblichen Gruß, mit dem sie verschwand. Ich wiederholte jedes ihrer Worte. Ich tanzte alle unsere Tänze wieder; und erst jetzt verstand ich, worin ihre Meisterschaft auch hinsichtlich dieser Fertigkeit bestand: nicht allein in der Schönheit, sondern auch in der Leichtigkeit aller ihrer Bewegungen. Ohne die geringste Anstrengung führte sie die damals gebräuchlichen Armtouren aus; Arme und Füße bewegten sich wie durch eine verborgene Maschinerie in unerschütterlichem Takt, während der schöne Körper zwischen den anderen Tanzenden schwebte, ebenso wie der Schwan aufrecht und ruhig zwischen den wogenden Wellen dahinsegelt. Ich ließ meine Einbildungskraft mir aufs neue ihre Mienen, Lächeln, und Blick einprägen, als wir einander trafen, als wir miteinander sprachen, ob sie nicht mehr als bloße Artigkeit enthielten: es schien so – aber – hier ergriff mich plötzlich der Gedanke: wie war sie gegen die andern jungen Leute: – hm, das wußte ich nicht! Nur das hatte ich doch bemerkt, daß der Bruder des Konrektors sie mehrere Male betrachtet hatte, jedoch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, und daß sie ebenso ihn von der Seite forschend betrachtet hatte. Er war allerdings ein Mann von Jahren, jedoch von jüngerem, noch männlichem und kräftigem Aussehen. Sein Haar und sein Backenbart spielten mehr ins Graue als ins Schwarze, entstellte jedoch nicht die Schönheit seines sonnenverbrannten Gesichts, das von einem Paar heiterer hellblauer Augen belebt wurde. Seine Gestalt war athletisch und seine Haltung wie die eines Kriegers. – Doch hierüber beruhigte ich mich bald, um so leichter, als ich ihn aus Herzens Grunde schnarchen hörte. Er und der Bruder – die Unzertrennlichen – hatten nämlich mein früheres Bett bekommen und ich ein anderes in derselben schwarzen Stube, da die zuletzt gekommenen Damen den Aufenthaltsraum auf das äußerste eingeschränkt hatten. Ich erwachte erst ziemlich spät an dem kurzen Wintertag auf. Ich sah nach dem andern Bett hinüber – es war leer. Ich drehte mich zum Fenster: die Sonne schien herein. Ich stand auf. Als ich angekleidet war, um hinunterzugehen und die Hand bereits auf dem Drücker hatte, ertönte ein taktmäßiges Knirschen in dem großen Saal – ob sie das war? dachte ich, schlich mich an die wohlbekannte Tür und lauschte so vorsichtig daran, daß ich mit dem einen Auge hineinsehen konnte. Es war sie! Sie war im Morgenkleid; aber ein Umschlagetuch bedeckte Hals und Busen – nicht einmal der Tag durfte sie sehen. Sie war damit beschäftigt, in einer Kommode ihren hübsch zusammengelegten Ballstaat zu verwahren, und als sie damit fertig war, zog sie eine andere Schublade heraus, nahm etwas in die Hand, das ich nicht sehen konnte, doch wovon eine große Litze von Seide oder Haar herabhing. Lange betrachtete sie es mit tiefer Wehmut, seufzte, drückte es mit beiden Händen an die Brust, küßte es und wandte die tränenvollen Augen dahin, wo die Sterblichen Trost für den Schmerz hier unten suchen. Darauf legte sie das Hervorgeholte wieder fort, trocknete ihre Augen und verließ den Saal mit ruhigem Gesicht und leichtem Gang. Was konnte es sein? Ein Bild! Vermutlich; aber von wem? Einem Liebhaber? – Es fiel mir schwer aufs Herz – vielleicht von einer Mutter? – das erleichterte wieder. Doch wer war sie selbst da? Eine Emigrantin? Von hohem Stande – allzu hoch! Das verriet ja ihre vollkommene Bildung. – »Gewißheit!« sagte ich fest entschlossen zu mir selbst und vertauschte meine Einsamkeit mit dem munteren Lärm der Gesellschaft. 7. Die Seiltänzerin. Der Tag verging, ohne daß ich mit mir selbst ins Reine damit gekommen war, auf welche Weise ich mich Alice gegenüber erklären wollte; doch da ich mich nun einmal entschieden hatte, daß ich es wollte, konnte ich auch ohne merkliche Zerstreuung an den verschiedenen Munterkeiten der Gesellschaft teilnehmen, die doch jetzt so wenig Anziehendes für mich hatten, daß ich nicht imstande bin, mich ihrer zu erinnern, noch weniger sie zu beschreiben. Es war Heiligabend. – Den folgenden Feiertag ging ich in die Kirche, begleitet von wenigen, worunter die beiden Brüder, Alice war da, das wußte ich, die Komtesse aber nicht, da sie sich nicht wohl befand. Während des ganzen Gottesdienstes sah das andächtige Mädchen nur auf den Geistlichen und das Buch: das erfreute mich. Erst als wir gleichzeitig aus dem Kirchenstuhl traten, trafen sich unsere Augen. Sie errötete und grüßte freundlich; aber miteinander sprachen wir nicht – mir fehlte es an Mut dazu. »Morgen!« dachte ich. Es wurde wieder Morgen. – Die Brüder hatten, wie die Tage vorher, das Zimmer verlassen. Ich stand auf – ich stand eine volle Stunde, lauschte, sah in den Saal – nein! sie war da nicht. Mehrere Male ging ich an die Kammertür und kehrte wieder um. Mein Entschluß wankte, mein Mut sank. – Da ertönte schließlich das wohlbekannte Knirschen. »Jetzt oder nie!« sagte ich halblaut und ging hinein. Sie war an der Kommode beschäftigt, aber wie sie jemanden vernahm, drehte sie sich rasch zu mir um; ich sah, daß sie sich erschreckte – die Farbe wechselte, und damit stieg mein Mut aufs neue: der erste Schritt war überstanden. Ich blieb in ehrerbietiger Entfernung stehen und sagte: »Mademoiselle!« – Doch mehr sagte ich nicht, weil ich nicht recht wußte, was ich sagen wollte. – »Monsieur!« versetzte sie, jedoch nicht mehr. Ich wurde verzagt, beklommen, in meine eigene ratlose Ängstlichkeit verstrickt. Da entdeckte ich plötzlich einen Ausweg. »Ich habe gehört,« sagte ich rasch, »daß die Komtesse sich nicht wohl befindet.« »Heute geht es ihr etwas besser.« »Das freut mich.« Wieder eine Pause. Meine peinliche Verlegenheit stieg mit jedem Pulsschlag – sie war nicht auszuhalten. Wie ein geschwollener Strom den Damm durchbricht, so ergossen sich meine eng eingesperrten Gefühle in einen Strom von Worten – welchen? – das weiß ich nicht; doch an soviel erinnere ich mich, daß die Farbe Alices Wangen und der Glanz ihre Augen verließ, und daß sie sich mit der einen Hand auf die Kommode stützte. Der Boden brannte mir unter den Füßen. »Mein Herr!« begann sie mit klarer und fester Stimme; doch kam es mir vor, als sei diese Festigkeit gekünstelt, »mein Herr! Ihr ehrenvoller Antrag ist von solcher Beschaffenheit, daß er mich zu einem aufrichtigen Geständnis verpflichtet –« (das ist echt französischer Stil! dachte ich): »ich bin an Komtesse R... durch solche Bande gebunden, die nichts in der Welt zu lösen vermag. Sie ist mein alles – und ich – ihr letzter Trost – der letzte Faden, der sie mit dem Leben verknüpft.« »Sie sehen –« setzte sie schleunigst hinzu – »daß ich Ihr sehr ehrenhaftes Vertrauen schattiere, indem ich ein Verhältnis berühre, das sonst dem Blick der Welt sich nicht darbietet.« Meine Augen hatte ich, während sie sprach, niedergeschlagen wie ein Sünder vor dem Richter. Nun erhob ich ihn wieder, und gleichzeitig senkte sich der ihre; aber zwei große Tränen quollen unter den langen Wimpern hervor. Mir kamen Mut und Sprache wieder. »Das Verhältnis«, sagte ich, »in dem Sie zur Komtesse stehen – ich ehre es – wie wenig ich auch davon kenne – aber – gestatten Sie mir nur die eine Frage: – wenn dieses Verhältnis nun nicht bestünde? –« Hier warf sie einen flüchtigen Blick auf mich, zog ihre Handschuhe an und erwiderte mit anscheinender Kälte: »Es ist aber – und –« Sie sah sich um wie jemand, der eine Gelegenheit sucht, um zu entschlüpfen. »Alice,« sagte ich mit zunehmender Dreistigkeit, »ich kenne Sie nur unter diesem Namen, und mit ihm rede ich Sie an, wenn Sie es wollen, zum letzten Male. Ich bin kein leichtsinniger Jüngling; als Mann, als ehrlicher Mann und nach ernsthafter Prüfung meines Herzens sage ich frei und offen: es gehört Ihnen – rein und ungeteilt. Doch – wenn in dem Ihren kein Gefühl für mich sprechen sollte –« Sie sah mich mit einem schmerzlichen Blick an, in dem ich einen Schimmer von Zärtlichkeit zu erblicken glaubte. Ich ergriff ihre Hand, die sie mir nicht entzog. »Alice,« fuhr ich fort, »wenn ich Ihnen nicht ganz gleichgültig bin – nur ein Wort, ein einziges tröstendes Wort! Ich kann warten, will geduldig warten, bis das Verhältnis, das Sie soeben erwähnten, sich vielleicht ändern könnte, ohne daß es gelöst wird.« Sie zog ihre Hand sanft zurück, hielt die andere ein paar Sekunden vor die Augen, preßte die Lippen zusammen, um ein ausbrechendes Weinen zu unterdrücken, und zeigte dann auf einen Stuhl neben mir. Mechanisch setzte ich mich; sie sank auf einen andern oder richtiger sie fiel darauf – Ein paar Augenblicke saß sie in innerem Kampfe da; rasch wogte der Busen, die Augenlider bewegten sich hin und her; schließlich brachen ihre Worte mit einem zitternden Seufzer heraus. »Ehe Sie zum zweiten Mal meine Antwort auf die wichtige Frage wünschen, die Sie mir zu stellen beliebt haben,« – sagte sie mit Fassung – »müssen Sie mehr von mir, meinem Schicksal und meiner Stellung wissen, als das wenige, das Sie bisher wußten. Doch zuerst, falls Sie die gleiche Hochachtung für mich haben wie ich für Sie, bitte ich Sie um die Zusage, daß Sie, wenn meine Geschichte zu Ende ist, warten, bis ich selbst unaufgefordert auf Ihre allzu artige Äußerung antworte.« Ich versprach es. »Was meine Geburt und meine Herkunft angeht,« sagte sie, »so bin ich mir selbst eben so unbekannt wie Ihnen. Ich kenne weder Vater noch Mutter; einsam, ohne Verwandte und Freunde, bin ich auf den Schauplatz des Lebens hinausgestoßen. – Und an einen wirklichen Schauplatz knüpfen sich meine frühesten Erfahrungen; ja, mein Herr! Ich habe meine Kindheit mit Seiltänzern, Springern und Kunstreitern verbracht –« Ich fühlte, es durchfuhr mich wie ein kalter Schauer; und ich bemerkte, daß sie mir einen Seitenblick zuwarf. »Meine geringe Fertigkeit im Tanz – habe ich unter Tränen und Peitschenschlägen erworben. Oft wünschte ich – ach! ich konnte nicht zu Gott beten; denn ich kannte ihn nicht – ich wünschte, das Tau möge reißen und ich durch einen zerschmetternden Fall ein Ende meiner Leiden finden. Selbst wagte ich mich nicht hinabzuwerfen; denn ich fürchtete die Peitsche mehr als den Tod. Oft, wenn Klatschen und Bravorufe auf mich niederregneten und ich mit über die Brust gekreuzten Armen mich vor dem jubelnden Publikum verbeugte, rollten die bittersten Tränen über meine mageren, geschminkten Wangen herab. Ich hätte zweifellos einmal Gelegenheit gefunden, meinem elenden Dasein ein sicheres Ende zu machen, wenn nicht die für mich so günstige Änderung eingetreten wäre, daß ein paar reisende Musici sich irgendwo unserer Bande angeschlossen hätten. Einer von ihnen, ein Römer von Geburt, entdeckte meine Gesangbegabung und übernahm es, sie auszubilden. Da ich hierdurch doppelt dazu beitragen konnte, die Kasse des Direktors zu füllen, erlaubte er mir gern, den Unterricht des Römers zu genießen, und ich genoß ihn mit doppelter Lust; denn einmal liebte ich Gesang – den Dolmetsch der Freude und der Sorge in der Menschenbrust –; und dann war ich so lange vor den Mißhandlungen des Direktors und seiner Frau sicher, und drittens konnte ich mich bei meinem gutherzigen Lehrer mit Makkaroni satt essen. Ich machte gute Fortschritte, doch zu meinem eigenen Schaden; denn vorher hatte ich nichts weiter gebraucht, als zu tanzen und voltigieren, nun mußte ich auch öffentlich singen. Und da ich dies unter Zwang und mit Furcht tat, war ich nicht immer so glücklich, den Beifall der Zuschauer zu ernten: und da bekam ich armes Geschöpf Prügel als Abendessen.« Hier seufzte sie schmerzlich und trocknete ein paar herabrollende Tränen; auch die meinen rannen bei der Vorstellung von der grausamen Behandlung dieses Engels. Ich fühlte mich so beklommen, daß ich kein Wort hervorbringen konnte. »Aber«, fuhr sie fort, »Gott erbarmte sich des elternlosen Geschöpfes und befreite mich aus den Händen dieser Barbaren. Wir befanden uns gerade in Livorno, um uns von dort nach England einzuschiffen. Bei der letzten Vorstellung hatte ich meine Sache so schlecht gemacht, daß ich die härteste Strafe zu erwarten hatte. In meiner großen Angst beschloß ich nun, den Vorsatz auszuführen, an dem ich bisher immer gehindert worden war. Noch ehe die Vorstellung vorüber war, schlich ich mich fort und lief aus allen Kräften zum Hafen und stürzte mich ins Wasser. Es war in der Abenddämmerung; aber einige Seeleute, von deren Schiff ich hinabsprang, hatten mich gesehen. Sofort warf sich einer hinab, ergriff mich und brachte mich unbeschädigt auf Deck. Kaum war dies geschehen, als mein Tyrann mit einem andern von der Bande, der meine Flucht bald bemerkt haben mußte, angestürzt kam und meine Auslieferung verlangte. Ich schrie und warf mich vor meinen Retter nieder. Ich umschlang seine Beine. ›Rette mich! Behalte mich! Töte mich!‹ rief ich mit meiner letzten ersterbenden Kraft – das Bewußtsein verließ mich. Als ich erwachte, befand ich mich entkleidet in einem Bett, in einem hübschen Zimmer liegend, das ein für mich ganz fremdes Aussehen hatte. Ein freundlicher Mann in blauen Kleidern saß bei mir, und als er sah, daß ich die Augen aufschlug, streichelte er meine Wangen und sprach so lieb zu mir, daß ich seine Hände ergriff und sie mit Küssen bedeckte. ›Bleibe ich bei dir? Ist Roletti fort? Wirst du mich vor ihm schützen? Wirst du mich behalten?‹ so rief ich und streckte ihm meine zitternden Hände entgegen. Er küßte mich auf die Stirn und gab mir die tröstlichsten Versicherungen, daß ich in vollkommener Sicherheit wäre; er hatte mich losgekauft und ich hätte von dem schlimmen Roletti nichts mehr zu fürchten.« Alices Augen schimmerten, sie streckte ihre Hände aus, als stände er noch vor ihr, und sagte: »Gott segne dich, Erretter meiner Seele, wo du auch seiest! In dieser Welt oder in einer besseren! – Da! –« Mit dem Antlitz einer Madonna wandte sie ihre Augen dort hinauf, wo sie ihm einmal danken würde. Ihre Hände falteten sich und sanken in ihren Schoß. Ich glaubte, sie hätte meine Anwesenheit vergessen. Doch nicht lange; sie fuhr wieder fort: »Es war derselbe, der mich aus dem Wasser gezogen hatte. Er führte ein Handelsschiff, aber noch jetzt in diesem Augenblick weiß ich nicht, ob er ein Engländer oder von einem andern nördlichen Volke war; denn seine Muttersprache verstand ich nicht. Doch seine letzte Wohltat an mir war ebenso groß wie seine erste. Gleich am nächsten Tage kaufte er mir ordentliche Kleider, nahm mich mit nach einer Villa in der Nähe von Livorno und stellte mich einigen der dort wohnenden Damen vor, deren jüngste mich mit besonderer Güte aufnahm; und als ich ihr das traurige Bruchstück meines kurzen Lebenslaufs erzählt hatte, fragte sie, ob ich bei ihr bleiben wollte. Sie können sich wohl vorstellen, daß ich mich zu Anfang weigerte, mich von dem Kapitän zu trennen. Doch bald überzeugten beide mich davon, daß es nicht anders ging. Ich blieb. Er reiste. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Diese Dame ist meine Erzieherin. Ich mochte damals zehn oder elf Jahre gewesen sein, hatte jedoch weder lesen noch schreiben gelernt; Religion war mir vollständig fremd. Sie unterrichtete mich selbst in allem, und so holte ich bald das Versäumte ein, ebensosehr aus Liebe zu ihr wie aus eigener Lust am Lernen. Ja, mein Herr! Gott hatte sie als Mutter für die Waise bestellt. Und diese meine zweite Mutter ist – Sie erraten es bereits – die Komtesse hier – und –« Hier erhob sie sich – »Nun kennen Sie, Herr Rektor, die Stärke und die Heiligkeit eines Bandes, das aufzulösen Sie gewiß zu edel sind!« Auch ich erhob mich, küßte in stummer Ehrfurcht ihre Hand, was sie mir nicht versagte, und kehrte auf mein Zimmer zurück. Ich fühlte nun allzu gut, daß ich auf die schöne Alice verzichten und meine Leidenschaft bekämpfen mußte, und daß der erste Schritt hierzu meine baldige Heimreise war. Trotzdem würde eine allzu plötzliche Aufsehen erweckt und das Geheimnis meines Herzens verraten haben, das die Umgebung zu ahnen begonnen hatte. Außerdem war die Hälfte der Ferien noch übrig. Ich mußte also einen triftigen Vorwand finden, um nicht den vielen Artigkeiten und der herzlichen Gastfreundschaft der braven Ulvedaler gegenüber undankbar zu erscheinen. Diesen fand ich leicht und beraumte nun die Abreise für den nächstfolgenden Tag an. Unsern besten Handlungen fehlt doch immer die Einheit. Sie entspringen alle mehreren Beweggründen, von denen einige wiederum nicht ganz rein sind. So entsprang dieser mein Entschluß nicht allein der Achtung vor dem gegenseitigen Verhältnis der beiden Damen, sondern ebensosehr einer Art von Klugheit – einer gewissen Politik des Herzens, die mir zuflüsterte, daß ich mich hierdurch in Alices Gunst befestigen würde. Vielleicht sogar, daß hierunter etwas männlicher Stolz lag und dieser wiederum mit einem gewissen Zusatz von dem gemischt, was die Franzosen dépit amoureux nennen. Und außer dem allem, darf ich wohl bestimmt behaupten, glomm nicht eine schwache Hoffnung auf den Besitz Alices noch in meiner innersten Herzenskammer. 8. Der Schiffskapitän. In der folgenden Nacht erwachte ich zufällig mitten im Schlaf und wurde unbeabsichtigter Zuhörer eines Gesprächs, dessen Inhalt allzu tief in diese ganze Geschichte eingreift, als daß ich nicht meine Leser damit bekanntmachen sollte. Die Brüder, die jedenfalls glaubten, daß ich immer schlief, gingen ihre wichtigsten Lebensereignisse durch. Der ältere muß bei meinem Erwachen seine Erzählung beendet haben; denn ich hörte, daß er nun sagte: »So war die Führung der unerforschlichen Vorsehung mit mir, lieber Bruder! Erzähle du mir nun aufrichtig, wie es zugegangen ist, daß es dir bei einem so reichen Segen Gottes nie in den Sinn gekommen ist, zu heiraten!« »Das ist bald gesagt«, versetzte der jüngere, »weil ich an keiner Gefallen hatte, eine ausgenommen, und sie konnte ich nicht bekommen.« »Doch diese eine!« sagte der Konrektor. »Wer war sie? Weshalb bekamt ihr einander nicht? Laß mich alles miteinander wissen!« »Gewiß, wenn du es denn willst", erwiderte der Bruder. »Ich war von einer Kreuzfahrt vor den Kurilen zurückgekommen und lag bei Peter-Pauls-Hafen auf Kamschatka, als Order von der Admiralität einlief, ich sollte unverzüglich nach der Nordwestküste von Amerika hinübergehn, dort einige Vermessungen vornehmen und dann den nächsten Weg – um Kap Horn nämlich und durch das Mittelmeer – nach einem Hafen im Schwarzen Meer, um meine Berichte abzuliefern. Auf dieser Tour mußte ich einer Havarie wegen einen Mittelmeerhafen anlaufen, und es traf sich gerade, daß dort –« »Vergiß nicht, was du sagen wolltest!« fiel der Konrektor ein. »Wann war das? Wie lange ist es her?« »Warte mal!« versetzte der Seemann, »vor zwölf Jahren. – Nun traf es sich also, daß an diesem Platz ein paar vornehme reisende Russen waren; und sie kamen zu mir an Bord und ich kam zu ihnen wieder, und es ging lustig zu mit Bällen und Amüsements eine ganze Zeit lang. – Auf einem solchen Picknick wurde ich von der Fregatte übersegelt, die ich meine, und bekam eine Schamfilung am Herzen, die ich lange Zeiten nicht verwand.« »Aha!« unterbrach der Schulmann, »du hattest dich verliebt – nicht wahr?« »Jawohl«, versetzte der Bruder, »und das war nicht so merkwürdig; denn es war der schönste Segler – mußt du wissen – den ich mein Lebtag gesehen habe. Ich gab Signale; doch sie beantwortete sie nicht, oder sie verstand sie nicht. Da lief ich sie langseits dicht auf und preite sie – in aller Höflichkeit. Und dann unterhielten wir uns und dann tanzten wir und –« »War das ein italienisches Frauenzimmer?« fiel der ältere wieder ein, »und wie hieß sie?« »Sie war keine Italienerin«, erwiderte der jüngere, »doch in Frankreich geboren und hieß Roseau. Doch der Name tut nichts zur Sache. – Um es kurz zu machen: wir kamen einmal zusammen und zwei Male und mehrere Male; und schließlich kam es mir so auf die Zunge, daß ich rein heraus auf gut dänisch sagte: »Mademoiselle! Je vous aime.« »Gut!« sagte der Konrektor, »und sie?« »Sie sagte nichts«, fuhr der andre fort, »denn sie lag in meinen Armen und sah aus, als wollte sie das Zeitliche segnen. Und da gab ich ihr einen Kuß, und sie gab mir einen wieder, und es wurden viele Küsse und sie hätten beinahe nicht aufgehört. Und schließlich schwuren wir hoch und heilig –« »Was? Sie auch?« fragte mein Konrektor. »Nun ja, wir schworen oder gelobten einander mit Hand und Mund, daß wir einander liebhaben wollten, solange der Wind des Lebens in unsre Segel blies.« »Das war ein schönes Gelöbnis«, sagte der Schulmann, »aber warum wurde es nicht erfüllt?« »Das kam so!« versetzte der Seemann. »Unter den Russen dort am Platze war ein Graf, der auch Marie gern mochte, und als er merkte, daß ich ihm die Luv abgewonnen hatte, setzte er alle Lappen bei, um mich zu halten. Und da das nicht half –« »Warte einen Augenblick!« fiel jener wieder ein, »was willst du damit sagen, mit »Lappen« und alledem?« »Ich meine nur«, versetzte dieser, »daß er mich mit Komplimenten und Goldschmuck, Diamanten und Perlen und derartigem Zeug ausstechen wollte. Doch da er nun trotzdem absacken mußte, wurde er grob, wir gerieten aneinander, und wir kamen dazu, uns zu duellieren –« »Pfui doch, Bruder Christian!« brummte der Konrektor, »du hast dich duelliert? Das ist ein barbarischer Brauch.« »Das mag schon sein«, sagte der Seebär, »aber es ist nun einmal Brauch, und man muß ihn befolgen. Es ging noch gut ab; er bekam eine Kugel in den Rumpf und mußte ein Vierteljahr auflegen, um sich kalfatern zu lassen –« »Er starb doch nicht?« »Nein! Aber er war aus einer großen Familie und hatte mächtige Freunde und ich wurde solange gefoppt und chikaniert, daß ich meinen Abschied nehmen mußte. Und das war mein Glück, weißt du.« »Doch das Mädchen?« »Das Mädchen! – Ja, siehst du, da er selbst sie nicht bekommen konnte, so veranlaßte er ein paar gute Freunde, mich bei ihr und ihrer Familie zu verdächtigen, als wäre ich ein liederlicher Hund, der an jedem Platz, wohin er kam, eine Liebste hatte. Nun mußte es sich so treffen, daß ich ihr bei dieser Gelegenheit einen lebendigen Beweis meiner Liebe geschenkt hatte –« »Was«, fuhr der Alte heftig auf, »Christian! War es so weit gekommen? Gott vergebe dir! Hattest du sie geschwängert?« Der Bruder lachte. »Du irrst dich, so war das nicht gemeint – das werde ich dir später erzählen. Genug: sie glaubte dem Geschwätz – schrieb an mich, »so und so, und deshalb wollte sie abdrehen und ich könnte meinen Kurs steuern, wohin ich wollte«. Ich lief gleich ein, um die Sache aufzuklären; aber sie hatte bereits gelichtet, zusammen mit ihrem ganzen Geschwader. Ich habe sie seitdem nicht gesehen.« »Warum hast du ihr nicht geschrieben? Sie nicht aufgesucht?« fragte jener. »Ja, wo denn?« fragte der Seemann. »Ich kannte ja nicht einmal den Namen ihrer Heimat. – Es war vorbei, und damit war weiter nichts zu tun.« Hier entstand ein kurzes Schweigen, nach dem der Konrektor zuerst wieder fortfuhr: »Es ist wahr, der Umstand, den du berührtest, machte ihr den Kopf so kraus –« »Richtig! Das ging so zu. Eines Abends, als ich –« Hier befiel mich unglücklicherweise ein Niesen, das die Unterhaltung ganz abbrach. Der Konrektor sagte: »Prosit!« und der Bruder murmelte ihm zu: »Ein ander Mal.« 9. Schluß. »Niemand weiß – wenn die Sonne aufgeht – wie sie untergehen wird«, ist eins der Sprichwörter des Ulstruper Küsters, womit er sich fast das Ansehen eines Wahrsagers erworben hat; und das ist ziemlich einfach, denn im Grunde ist es nichts andres als eine Weissagung, die weit öfter zutrifft, als fehlschlägt. Dieser Gedankenspruch, den der Hardesvogt in den Rang der sieben Weisen Griechenlands erhob, der zeitungsbelesene Pferdehändler über Staatsrat Syrachs »Es kann nicht so bleiben« und der Küster selbst etwas unter den des weisen Syrach stellte: »Preise niemanden glücklich, ehe nicht sein Ende gekommen« – dieser Gedankenspruch, den er auch an dem für die Abreise bestimmten Tag anbrachte, da ein dicker, schwarzgrauer Taunebel den Himmel verbarg und die Erde verhüllte, hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingeprägt, indem nämlich die physische Bedeutung, in der das Orakel gegeben wurde, eine moralische, unerwartete und frohe Auflösung erhielt – was alles in diesem Kapitel genauer erhellt werden soll. Während wir alle drei noch am Morgen im Bette lagen und sprachen, schlug der Kapitän vor, wir sollten der Komtesse persönlich für die Benutzung ihres Zimmers danken. Ich erzählte ihm, wie ich höflich abgewiesen wurde, stimmte aber zu, daß wir um Audienz bei ihrer Gnaden ansuchten. Wir taten es, und wider Erwarten wurde sie uns gewährt. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich zuerst und allein ging – wurde ich vielleicht unwillkürlich von einer gewissen heimlichen Hoffnung getrieben? Amor ist ein Sophist; und was schlimmer ist: er spielt mit seinen Gefangenen wie die Katze mit der Maus. Alice war nicht zugegen; doch daß sie trotzdem über mich günstig zu der Komtesse gesprochen hatte, konnte ich aus der besonders freundlichen Aufnahme entnehmen, die ich bei dieser wackren Dame fand. Sie war von feiner, einnehmender Gestalt, und ihr Gesicht besaß noch viel von dem, das vor einigen Jahren sie zu einer ausgezeichneten Schönheit gemacht hatte. Ihre Rede war, wie sich vermuten ließ, geistvoll und lebhaft; und ohne Zurückhaltung ließ sie sich in ein höchst lobendes Gespräch über die schönen Künste und ihre Schätze in la bella Italia ein. Es zog sich sehr in die Länge, und ich fand es an der Zeit abzubrechen. Ich hatte mich bereits erhoben, um Abschied zu nehmen, als der Diener den Kapitän meldete und dieser eingelassen wurde. Er trug zu meinem Erstaunen holländische Seeoffiziersuniform und einen russischen Orden auf der Brust. Weit höher aber stieg meine Verwunderung, als er steif wie eine Ordonnanz dicht an der Tür oder auf der Schwelle selbst stehen blieb, mit einem Gesicht, worin sich etwas höchst Seltsames widerspiegelte – etwas, das unwillkürlich meine Augen von ihm auf den Gegenstand seine Aufmerksamkeit lenkte. Da stand die Komtesse – ein ähnlicher Spiegel – doch ihr Erstaunen schien mit einem Freudenschimmer vermischt; auch kam sie zuerst zu Worte: »Wenn ich nicht irre«, stammelte sie leise und mit bewegter Brust – »habe ich früher einmal –« Mit einer tiefen Verbeugung gab und bestätigte er die Antwort. »Es ist viele Jahre her!« fuhr sie fort, und ihre Augen sanken zu Boden. »Elf!« sagte er und sah ebenfalls vor sich nieder. Eine Weile schwiegen nun beide. Da drängten sich Tränen unter ihren Lidern hervor; sie blickte auf, legte die eine Hand unter den Busen – streckte die andre aus und warf einen verwirrten, unruhigen Blick auf mich. – Ich fühlte sogleich, daß ein Dritter hier überflüssig war. Mit einer tiefen Verbeugung zog ich mich zurück und stahl mich hinter dem Kapitän aus dem Zimmer. Ich eilte, den Konrektor aufzusuchen, um ihm die nicht mehr zweifelhafte Auflösung jenes Geheimnisses mitzuteilen, dessen Mitwisser ich in der Nacht geworden war. Ich stürzte – unbegreiflich für alle, denen ich begegnete – von Stube zu Stube, Treppauf und Treppab. Schließlich fand ich ihn in unserm gemeinsamen Schlafzimmer. Fast atemlos stieß ich aus: »Er hat sie – sie ist hier – sie ist es – kann nicht anders sein –« »– Wer denn nur, humanissime?« sagte er verwundert. »Wer anders«, versetzte ich, »als sie in Livorno – sie, Sie wissen doch –« Ich hatte den Namen vergessen. »Helfe mir Gott!« seufzte er mit gefalteten Händen, »liebster Herr Kollega, wie verhält sich das? Insanis aut versus facis?« »Oh nein, nein!« rief ich, »es ist, wie ich Ihnen sage. Kommen Sie, kommen Sie! –« Ich ergriff seine Hand – »Sie sollen selbst sehen – es ist sie – die Komtesse –« Ich zog ihn mit mir in den Saal; doch hier hielt er mich zurück, blieb stehen und sagte: »Warten Sie, mein Lieber. Ich muß mich etwas sammeln – sie – in Livorno – von der er heute nacht erzählte – haben Sie es gehört?« »Etwas davon«, versetzte ich; »ich erwachte zufällig gegen Schluß der Geschichte.« »Aber was sagen Sie?« rief er aus und schlug die Arme übereinander, indem er mich mit großen Augen anstarrte, »dieses französische Mädchen – hm – Rüseau – Rousseau – oder wie hieß sie nun – und die Komtesse? –« »– Ist ein und dieselbe Person!« versicherte ich. »Sie werden sehen – sie leistet ihm sicherlich Abbitte für ihren unbegründeten Verdacht – kommen Sie!« Noch wollte er nicht von der Stelle; der Zweifel gewann wieder Oberhand, er stemmte die Fäuste in die Seite und sah mich mit einem Lächeln an, das ungefähr so viel sagen wollte wie: »Du hast irgendeinen Scherz vor.« – In diesem Augenblick hörten wir die Komtesse sagen: »Wenn Sie meine liebe Alice recht betrachten wollen, werden Sie selbst leicht die große Ähnlichkeit in Ihren Gesichtszügen entdecken können, die der Verdächtigung Nachdruck gab. Ich war bereits zwei Tagereisen von Livorno entfernt, als sie mir den Irrtum benahm; und als ich wieder dorthin kam, waren sie fort.« »Per deum optimum maximum!« rief der Konrektor, »ita se habet res.« Und damit lief er mir voran zu den Glücklichen hinein. Nun erst wurde ich mir der süßen Hoffnung auf Alices Besitz vollkommen bewußt, und mit klopfendem Herzen ging auch ich hinein. – Die Versöhnung zwischen den Wiedergefundenen war vollbracht. Alle drei standen Hand in Hand, und eine Freude, wie wir sie uns bei den Seligen vorstellen, strahlte in ihren Gesichtern. »Bruder!« rief der Kapitän und fiel mit ausbrechenden Tränen dem Bruder um den Hals. Ich näherte mich Alice. Sie errötete in lieblicher Verwirrung. Ehe ich nun zum zweiten Male freite, las ich ihre Antwort ab, und das hob meinen Mut. »Edle Alice!« sagte ich, »ist das Hindernis nun aus dem Wege geräumt? Und darf ich hoffen?« Mit einem engelgleichen Lächeln erwiderte sie: »Da sind meine Eltern!« Beide hatten meinen Antrag gehört, und die Komtesse sagte gleichzeitig und ergriff Alices Hand: »Sie liebt Sie, Herr Rektor! Und sie ist Ihrer wert. Bereits vor zwei Tagen merkte ich etwas, sehe aber jetzt erst, was es zu bedeuten hatte« – sie legte ihre Hand in die meine, »nehmen Sie sie! Und lieben Sie sie, wie sie es verdient.« Gott weiß, wie die Zeit verging; aber es war Mittag, bis Kammerrats und alle die übrigen erfuhren, was inzwischen vorgegangen war. – Es herrschte allgemeine Freude, und diesen Tag dachte man nicht mehr an Reisen. Bei Tisch wurde die doppelte Verbindung feierlich mit den nötigen Zutrünken, Trompetenstößen und Gesängen begangen, unter denen sich einer, stehenden Fußes von dem lächerlichen Küster gedichtet, durch seinen altmodischen Zuschnitt und seine unverblümten Andeutungen auf die erwarteten Opfer auszeichnete. Jeder war auf seine Weise lustig; doch niemand mehr als der alte Konrektor. Er konnte nicht einmal ruhig auf seinem Stuhl sitzen, und ging bald zu dem einen, bald zu dem andern und deklamierte lateinische Verse, gelehrte wie ungelehrte. Es ging sogar soweit, daß er »Gaudeamus igitur!« anstimmte. Als es gesungen war, sagte er zum Bruder: »Christian, dieser Tag ist der schönste meines Lebens; nichts in der Welt könnte mich froher machen, als ich nun bin.« – »Darauf sollst du nicht schwören!« versetzte der Kapitän mit einer ganz seltsamen Miene und flüsterte darauf seiner Braut etwas zu. Beide standen auf und gingen mit dem Diener des Kapitäns hinaus, der den Tag vorher mit den Sachen seines Herrn angekommen war, bei Tisch mit Aufwarten geholfen und soeben etwas zu ihm gesagt hatte, das ihn plötzlich ganz ernst gestimmt hatte. Sie kamen nicht zurück, und nun wurde ich hinausgerufen. – Als ich das Zimmer betrat, in dem sich die drei befanden, wandte sich der Kapitän zu mir, ein großes Seidentuch in der einen Hand haltend und ein Stück beschriebenes Papier in der andern. »Es scheint ein Licht aufzugehen«, sagte er mit tiefsinniger Miene, »doch was es uns sehen läßt, erscheint mir so seltsam, daß ich fürchte, es könnte ein Irrlicht sein. Sehen Sie, mein Diener hier – Sie können an seiner Wahrheitsliebe nicht zweifeln, er ist mehrere Jahre bei mir gewesen – Sie kennen doch Alices Geschichte, so weit nämlich sie selbst und wir beide (er wies auf die Komtesse) sie kennen?« Ich bejahte. – »Wohlan«, fuhr er fort, »mein Diener behauptet auch, sie zu kennen, ja, daß er sie länger gekannt habe als wir andern und daß er ihre Spur bis an die Gestade der Ostsee zurückverfolgen kann. – Als ein armer und verwandtenloser Junge ließ er sich bei Rolettis Truppe als Aufseher anwerben, und als er größer wurde, als Maschinist. Er erzählt, er und ein Springer seien, als sie vor einigen zwanzig Jahren Vorstellungen in Rostock gegeben hatten, eines Tages aus der Stadt hinaus und an das Meer gegangen, um Strandvögel zu schießen. Da sehen sie etwas dunkles an Land getrieben kommen. Sie gehen hin, um es in Empfang zu nehmen, und entdecken, daß es ein Schiffsroof ist. Sobald sie es ganz auf den Strand gezogen hatten, untersuchten sie es und fanden darin ein erwachsenes Frauenzimmer und ein kleines Mädchen mit einem Tuch zusammengebunden – eben das, das ich hier habe. Das erste war tot und blieb tot und wurde auf dem nächsten Dorfkirchhof begraben. Aber in dem Kind war noch Leben, und es blieb am Leben. Sie nahmen es mit sich, und Roletti, der sah, daß es hübsch und wohlgebildet war, eignete es sich an, um es zu equilibristischen Künsten abzurichten. Und das ist eben unsre liebe Alice.« »Darauf will ich einen Eid ablegen«, fiel der Diener ein. »Ich war noch bei dem Mann, als sie in Livorno ins Wasser sprang, und erkannte sie gleich wieder, als ich sie hier sah.« »All das weiß ich auch«, fuhr der Kapitän fort, »aber nun weiter!« »Hier ist das Tuch, mit dem sie aneinander gebunden waren«, sagte der Diener; »das nahm ich an mich und habe es seitdem aufbewahrt. Und dieser Brief lag auf der Brust der Toten; ich trocknete ihn gleichfalls mit dem Gedanken, daß er vielleicht einmal von Nutzen sein könnte.« Der Brief war unvollendet und lautete folgendermaßen: »Mein geliebter Mann! Wir sind in Seenot, der Schiffer fürchtet, daß wir nicht gerettet werden können. Ist es denn der Wille des Himmels, daß ich und unser Kind so weit von dir, mein Teuerster ...« Mehr stand nicht da. Wahrscheinlich ist das Schiff in diesem Augenblick zerschellt und gesunken. »Woher wußtet Ihr, daß das Kind Alice hieß?« fragte nun die Komtesse. »Soviel konnte es selbst sprechen«, erwiderte der Diener; »allerdings kommt es mir vor, daß es Else und nicht Alice war; aber so nannten Roletti und die andern sie.« »Hat sie denn niemand gefragt«, fuhr die Komtesse fort, »wer ihre Eltern waren, woher sie stammte und dergleichen?« »Oh doch!« erwiderte er, »aber sie konnte keine Erklärung geben; ihr Vater hieß Vater und ihre Mutter Mutter und von dem Ort, an dem sie wohnten, wußte sie keinen andern Namen als »zu Hause«.« Bisher hatte ich mit zunehmender Aufmerksamkeit gelauscht; doch nun schien mir der Zweifel vor der freudigen Gewißheit weichen zu müssen. »Herr Kapitän!« rief ich, »es kann nicht anders sein: meine geliebte Alice muß Ihre Brudertochter sein.« »Ich bin dicht daran, es zu glauben«, versetzte er, »doch ganz entschieden ist das nicht – wissen Sie auch, wie er Frau und Kind verloren hat?« »Er hat es mir hier auf Ulvedal erzählt – auch die Zeitangabe stimmt –« »– Aber«, unterbrach der Kapitän, »es ist doch sonderbar, daß Alice selbst sich nicht an ihre Kindheit erinnern konnte, sie war doch an vier Jahre –« »– Es war alles nur wie Träume für sie«, sagte die Komtesse, »und das Gepräge dieser dunklen Schrift verwischte sich allmählich. Sie entsann sich ihrer Eltern, doch nicht, wie sie aussahen; sie erinnerte sich, daß sie in einer großen Stadt mit vielen roten Häusern wohnten, aber nicht, wie sie hieß; daß sie auf einem großen Wasser gefahren war, aber nicht, woher das Schiff gekommen war. Und ihre Muttersprache muß sie unter den Gauklern völlig vergessen haben; denn dänisch verstand sie kein Wort.« »Sind denn keine Buchstaben in dem Shawl?« sagte der Kapitän. »Zwei«, versetzte der Diener; und wirklich sahen wir in der einen Ecke ein A und ein E. – »Wie hieß die Frau Ihres Bruders?« fragte ich eifrig. »Das sagte er mir nicht«, erwiderte er; »aber hier ist der zuverlässige Schlüssel dazu.« Inzwischen war man vom Tisch aufgestanden, ohne länger auf uns zu warten. Der Konrektor suchte seinen Bruder, Alice mich. Er kam zuerst und gerade in dem Augenblick, als der Bruder das Tuch mit den angeführten Worten hochhielt. »Wo zum Teufel steckt ihr jungen Menschen?« rief er, »was für Pläne schmiedet ihr hier?« Ich war unbedacht genug und wollte ihm unvorbereitet das ganze erzählen; aber der besonnene Seekrieger ergriff meine Hand und sagte: »Nicht so hitzig, mein Freund! Lassen Sie mich allein am Ruder stehen!« Er trat nun dicht an den Bruder heran und redete ihn folgendermaßen an: »Es ist eine Notwendigkeit – ich bitte dich, das zu bemerken! – daß ich deine Heiterkeit trübe und ernste Erinnerungen wecke – wie hieß deine selige Frau?« Der Konrektor machte große Augen und sagte: »Mein Gott, warum fragst du mich jetzt danach? – Sie hieß Adolphine Ewers.« In diesem Augenblick fiel sein Auge auf das Tuch und es schien, als finge er an, es wiederzuerkennen, und gleichzeitig kam Alice hinzu. Ich fiel ihr um den Hals, der Kapitän dem Bruder, doch die Komtesse rief: »Aber sanft doch! Und bringt sie nicht um!« Ich war von Freude berauscht; nichts vermochte sie aufzuhalten: wenige Augenblicke danach lagen Vater und Tochter einander in den Armen. Die drei Feiertagsabende Eine jütländische Räubergeschichte Osterabend. Falls du, lieber Leser, jemals auf »Snabeshöj« gewesen wärest, wo in alter Zeit das Landsting abgehalten wurde, dann hättest du von dort aus etwas südlich einen kleinen abgelegenen Weiler, der Uannet heißt. Hier wohnen und haben wohl immer nur Bauern gewohnt. Hier wohnte auch einmal vor mehreren hundert Jahren ein Mann, der Ib hieß. Wie seine Frau hieß, habe ich niemals ermitteln können; doch soviel weiß ich, daß sie eine einzige Tochter hatten, die Maren hieß. Und für gewöhnlich nannte man sie Ma-Ibs. Sie soll hübsch und schlank gewesen sein, diese Weibsperson, und wo sie sich zeigte, da schauten die jungen Burschen hinter ihr her. Aber sie schaute nach keinem andern als nach Sejer. Er war auch einziger Sohn, und sein Vater wohnte auch in Uannet. Nun will ich erzählen, wie einmal, und zwar am Ostersonnabend gerade, ein Mann zu Ibs kam. Er war wie ein Bauer gekleidet, im übrigen wohlgestaltet, straff und stramm und sah aus, als könnte er gegen die Dreißig sein. Keiner bei Ibs kannte ihn, aber er sagte selbst: er sei ein Kohlenbrenner, habe kürzlich seines Vaters Hof in Pacht bekommen und wolle nun nach Norden, um Kohlen zu verhandeln. Silberknöpfe hatte er an Rock und Weste, so daß leicht zu sehen war, er war kein Bettelkumpan. Nun gaben sie ihm Speise und Trank, und unterdessen brachte er das Gespräch auf das eine und das andre. So sagte er denn auch zu Ib, und lächelte etwas dabei: »Meine Mutter wird alt und ich muß wohl bald »eine ins Haus« haben; könntet Ihr nicht eine tüchtige Frauensperson aufspüren? Das mit dem Geld ist gleichgültig; denn damit kommen wir schon aus. Aber sie muß ein paar Hände ordentlich zum Anfassen haben – und zu alt dürfte sie auch nicht sein.« Ib war stumpfsinnig; er kratzte sich nur hinterm Ohr und sagte: »Hm, so eine wächst nicht alle Tage hier auf den Heidehügeln« – er schaute zu der Tochter hin und lachte kurz. Aber die Tochter konnte diese Rede nicht leiden und machte sich draußen etwas zu schaffen. Als der Mann nun gehen wollte, fragten sie ihn, wie er heiße. »Wahrlich«, versetzte er, »meinen Vater nennt man Ole Ohnebrot, und ich werde wohl ebenso heißen.« Damit ging er; aber als er ein Stück vom Hofe war, trifft er Ma-Ibs, die bei Sejeres gewesen war, und da sagt er zu ihr: »Das hilft doch nichts, langes Gerede zu machen; deinetwegen bin ich von Hause gekommen. Zu Pfingsten komme ich wieder, und inzwischen kannst du dirs überlegen. Nun sage ich Lebwohl!« Ma-Ibs war nicht froh über diesen Freier. Als sie nach Haus gekommen war, setzte sie sich vor das unterste Tischende, legte ihre Hände miteinander in den Schoß und seufzte recht von Herzen. »Was soll das bedeuten?« sagte der Vater. »Er sagt mir nicht zu, dieser Kohlenbrenner hier oder was er ist,« versetzte sie. – »Kann denn nie etwas daraus werden, daß ich und Sejer zusammenkommen?« »Ja, worauf hin denn?« sagte der Alte. Und damit war diese Rede aus. Vater und Tochter hatten beide die Stricknadeln ergriffen. Kurz darauf kam Sejer herein. »Gottsabend!« sagt er. »Danke«, sagen sie. »Jetzt gehe ich auf den Hof hin«, sagt er, »und rede mit dem Mann; denn das hat keinen Zweck mehr, darum Gewäsch zu machen –« »Das bleibt eins wie das andre« – sagt Ib – »der Mann hat seinen Zorn auf dich, und du wirst zu den Soldaten müssen.« »Das kann schon so kommen«, sagt Sejer, »aber nun wollen wir mal eine Probe machen.« Damit ging er. Wie er nun nach Aunsbjerg kommt und durch das Tor eingeht, trifft er den Mann selber – und er hieß übrigens Jörgen Marsviin. »Kommst du nun wieder wegen deiner Pacht?« – sagt er – Das kann dir nichts helfen – das habe ich dir schon so oft gesagt.« »Ja aber, Herr!« sagt Sejer, »ich bitte doch so demütig.« Da sah der Herr ihn böse an, zog die Augenbrauen herab und Falten über die Stirn; und keiner würde sich etwas andres gedacht haben, als daß er augenblicklich auf ihn stürzen und ihm eins versetzen wolle. Aber er wurde sogar anderen Sinnes und sah etwas sanfter aus und sagt: »Hör mal, da sind doch diese Räuber, die solange die Leute geplündert und totgeschlagen haben, und die ihre Grube hier irgendwo in der Alheide haben sollen. Kannst du die mir ausfindig machen und sie mir binden, dann sollst du nicht einen Schilling für den Pachtbrief geben, und du sollst Ma-Ibs haben und außerdem noch einen Wagen und zwei Pferde hier von Ausnbjerg. Nun kennst du meine Meinung.« »Daß Gott mir gnädig sei!« sagte Sejer und schlich sich ordentlich gedrückt davon. Er aß den Abend nichts, und Ma-Ibs hatte es auch »nicht besser«. Und es war ein elender Feiertagsabend für sie beide. Pfingstabend. Verging so die Zeit, wie sie konnte, von Ostern bis Pfingsten, und mit den beiden jungen Menschen stand es noch immer beim Alten. Sie waren nicht ganz verzagt; denn sie setzten ihre Hoffnung auf die Zukunft und den, der über sie bestimmt. Pfingstsonnabend ging Sejers hinüber zu Ibs – wie er so oft tat, kann ich mir denken –, um zu hören, ob sie nächsten Nachmittag, wenn sie aus der Sörslever Kirche gekommen waren, mit in den Aunsbjerger Wald durfte. Es war nämlich eine alte Sitte in der Gegend – und ist es noch, möchte ich glauben – daß sie sich am ersten Feiertag im Grünen versammeln und sich am Tanz belustigen. Den Sonnabend, von dem wir nun sprechen, da Sejer zu seiner Liebsten hinüberkommt, stand sie da und hatte sich bereits geschmückt. »Guten Tag, Maren!« sagt er, »was gibts denn, daß du so fein heute bist?« »Ich habe vor«, sagt sie, »zu der gnädigen Frau hinaufzugehen und sehen, ob sie nicht ein gutes Wort für uns beim Herrn einlegen wollte.« »Hm«, sagt er, »das könnte ja glücken. Ich will mit dir gehen und draußen warten, während du drin bist.« Sie gingen. Als sie nun auf den Hof ging, setzte er sich auf einen Stein an der Einfahrt. Und kam da ein Waldwagen mit einem großen Eichstamm angefahren, der zum Sägegraben sollte. Aber die Pferde waren klein und abgetrieben und gerade vor dem Tor ging es überhaupt nicht mehr weiter. Der Mann – es war ein Bauer, der diese Fronarbeit bekommen hatte – hieb auf die Mähren ein; aber die konnten den Wagen nicht fortbekommen. Da kam der Waldhüter dazu und schalt, und der Verwalter, und zuletzt der ehrbare und wohlgeborene Jörgen Marsviin. Und sie schimpften alle miteinander auf den Bauern, daß er mit solchen Schindmähren fronen gekommen war – ich glaube, es waren die besten, die er besaß. Sejer sitzt da und besieht sich das; und schließlich grinst er zu all dem Gelärm, das sie da vollführen. Das sah der Herr, und da sagt er: »Was sitzt du da und grinst?« »Ich glaube«, sagt er, »das Gespann ist nicht schwerer, als daß ich es alleine ziehen könnte.« »He! Spann aus!« ruft der Gutsbesitzer dem Fuhrmann zu. Und da das getan war, sagt er zu Sejer: »Faß du nun an! Und kannst du den Wagen ziehen, so gebe ich dir, was darauf liegt; aber kannst du es nicht, dann kommst du hinauf und kannst auf dem Holzpferd reiten.« Da begann der Bursch sich zu entschuldigen und sagte, daß das nur Spaß von ihm war. Aber der Herr sagte zu ihm, er werde ihm schon abgewöhnen, in seiner Gegenwart zu spaßen, und eins von beiden müßte er nun. »Jaja«, sagte Sejer, »muß ich, dann muß ich.« Damit ging er zu dem Wagen, nahm die Deichsel ab und faßte die Querhölzer, beugte sich vor und zog – und der Wagen ging gut mit; aber seine Holzschuhe gingen in Stücke, so fest war er auf den Boden getreten. »Du bist kein Duckmäuser«, sagte der Gutsbesitzer – und er selbst war das auch nicht; denn man erzählt noch jetzt von ihm, daß, wenn er aus dem Tor ritt, er sich an einem Eisenring des Türhammers festhalten und mit den Beinen sein Pferd von der Erde heben konnte – »Nimm nun den Baumstamm und sieh selbst zu, wie du ihn heim bekommst! Und was die Pacht betrifft, so wollen wir abwarten.« Wer jetzt froh wurde, das war Sejer. Und er bedankte sich und rollte den Baumstamm herab und setzte sich darauf und sah zum Tor hinein nach seiner Maren. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie kam. Aber sie sah aus wie das reine Elend. »Gott Gnade uns elenden Menschen«, sagte sie – sie konnte kaum vor Weinen. – »Wir können einander nie bekommen.« »Das ist ja eine schlimme Rede, mit der du da kommst«, sagt Sejer; »der Mann hat es mir halbwegs hier draußen gelobt – was ist mit ihm geschehen?« »Die gnädige Frau hatte es auch«, sagt sie, »aber jetzt wirst du hören, wie es mir ergangen ist. Da ich die Treppe hinauf und in den schmalen Gang gekommen war, der da ist, kommt ein Großer mir entgegen und er sieht mich wohl auch – ich konnte nicht an ihm vorbei, denn er war zuerst gekommen – und da sagt er: »Du bist« – wie er fluchen konnte – »das schönste Mädchen oder die schönste Frau, was du nun bist, die ich hierzulande gesehen habe. – Sage mal, willst du mich gern haben?« – »Nein«, sage ich, »das darf ich nicht.« – »Wenn du willst«, sagt er, »dann darfst du auch. – Ich bin Baron – nun weiß ich nicht, wie er sich nannte – »komm nur heut abend hierher, dann wird mein Diener schon aufpassen und dich zu mir weisen.« – »Nein«, sage ich, »das ist Sünde – und ich habe auch einen Liebsten, und ihn darf ich nicht zum Narren halten.« – Da nahm er eine Handvoll Geld heraus und zeigte es mir; aber ich schlich mich um ihn herum und zur gnädigen Frau hinein. Sie war sehr gnädig zu mir, und der Herr kam dazu, und es sah so aus, als wollte er mich erhören. Aber da kommt dieser Herr Baron und steht da und lauert, und dann sagt er: »Ist das ein anständiger Kerl, den sie haben will, dann darf er sie nicht nehmen. Denn sie ist ein liederliches Ding; ich sah sie hier draußen im Gange stehen und mit einem der Diener liebtun.« Wie der Schuft mich so verleumdet hatte, schalten der Graf und die gnädige Frau mich aus und befahlen mir, ich sollte mich packen und ihnen nie wieder vor die Augen kommen.« »Herr Gott, Maren«, sagte Sejer, »sollst du nichts andres für deine Tugend und deine Treue gegen mich haben, du Ärmste! Aber – unser Herr lebt noch! Wir wollen nicht traurig sein; es ahnt mir so, daß wir einander doch noch bekommen sollen – und wenn es so viele Herren und Frauen gäbe, wie es Blätter im Aunsbjerger Wald gibt.« – Ma-Ibs seufzte, als ob ihr Herz brechen sollte, aber sagte nichts. Er sprach nicht viel, bis sie nach Uannet gekommen waren und sich trennen sollten, jeder nach Haus; da sagt sie: »Gutnacht, Sejer, und danke für heute!« »Danke dir auch, Maren!« sagt er, »es geht dir schlecht genug um meinetwillen. Ich fürchte, ich kann dir das niemals entgelten. – Unser Herr wird es!« – »Willst du morgen zum Tanz in den Wald?« fragte er das Mädchen. »Willst du?« fragte er wieder. »Nein«, sagte sie, »ich habe keine Lust.« »Ich auch nicht«, sagte er. »Dann wünsche ich Gutnacht!« sagte sie und gab ihm die Hand. »Und ich dir auch!« erwiderte er; und damit trennten sie sich. Aber es war noch mehr Schlimmes übrig für die arme Maren, ehe sie zur Ruhe kommen durfte. Als sie hineinkam, da saß er da, der Kohlenbrenner Ole Ohnebrot. »Kommst du jetzt, mein kleines Mädel!« sagt er. »Hast du es dir überlegt?« »Was?« sagt sie. »Hast du das denn vergessen?« sagt er, »das ist doch nicht länger her, als seit Ostern – doch deswegen, daß du zu mir ziehen solltest. Und sieh mal hier! Damit du nicht glaubst, ich freie mit Dünnbier und trocken Brot, da will ich dir dies hier als Verlobungsgeschenk geben.« – Damit holte er eine gewichtige Silberhalskette mit einem daran hängenden Herz aus demselben Metall hervor. – »Hättest du sie gekannt, die sie getragen hat, als sie noch lebte, dann würdest du sie nicht eine Lumpenliese geschimpft haben!« Bei diesen Worten machte er dem Vater eine so seltsame Miene, daß die Tochter von einer heimlichen Angst ergriffen wurde. Der Alte stutzte und wußte nicht, ob er seinen eigenen Augen trauen sollte; keiner von ihnen sprach ein Wort. »Na, willst du sie haben?« wiederholte Ole. »Nein«, stammelte das Mädchen hervor und wollte hinaus, um Trost bei ihrem Liebsten zu suchen. Aber der fürchterliche Freier ergriff sie beim Arm mit der einen Hand und mit der andern den Schmuck verwahrend, sagte er: »Komme ich zum dritten Mal, will ich kein Nein haben.« Und ohne weiter Abschied zu nehmen, ergriff er Mütze und Stock und ging seiner Wege. »Jetzt kommt der Knecht mit den Kühen«, sagte Ib und setzte sich auf den Dreifuß. Ma-Ibs ging hinaus, um zu melken; aber sie sang nicht, wie sonst bei dieser Arbeit. Sejer schwemmte seines Vaters Pferde; aber er pfiff nicht, wie sonst. Das war auch ein elender Feiertagsabend für die beiden. Heiligabend. Es war Naßwetter, da ein alter Bettler platschend nach Uannet kam, um in Gottes Namen um eine Kleinigkeit zu bitten. Er kam auch zu Ibs hinein. Sie ließen ihn neben der Küchentür sitzen, »er würde etwas zu beißen bekommen« und etwas in den Sack. Da er es bekommen hatte, fing er an zu klagen: es wäre so spät und so kalt für ihn, den Abend noch weiterzukommen, und bat die Leute um Nachtherberge. Die sagten Ja dazu und verwiesen ihn an den Ofen, da war es warm, vom Backen her. Der Bettler kroch hinein, und da lag er. Es ging gegen Abend. Sie hatten ihre süße Grütze gegessen und was sie sonst hinterher bekamen, und die Gäule hatten ihre letzte Ration bekommen und die Saaltür war abgesperrt und sie hatten einen Weihnachtspsalm gesungen, wie sie immer taten, und machten sich bereit, zur Ruhe zu kommen. Aber hört nun, was der Bettler nun machte: er kroch aus dem Ofen und hob die Stange von der Außentür und nahm den Haken ab, und kaum hatte er das getan, so kamen noch fünf gesiebte Kerle. Und die in die Stube und der Bettler mit ihnen; und nun konnte er ebenso fest auftreten wie sie. Und nun muß ich sagen, das waren die Räuber, die der Aunsbjerger wollte, daß Sejer sie finden und binden sollte; und der Bettler, das war der Vater von den andern fünf. Es sah schlimm aus für die armen Leute bei Ibs. Der Mann und seine alte Mutter und seine Tochter, sie wurden so vertattert; denn sie dachten, ihr Leben wäre nun aus; kaum konnten sie sich fassen, darum zu flehen. Der größte und älteste von den jungen Räubern – und das war gerade er, der Kohlenbrenner – er führte das Wort und sagte: »Tischt erst mal auf, was ihr habt! Dann können wir nachher über das andre sprechen.« Ma-Ibs griff nach der Türklinke; aber der Räuber sagte: »Bleib du nur hier, und laß die Alte da etwas für uns besorgen! Denn sonst könnte es dir leicht einfallen, wegzulaufen. Und wir möchten doch gleich etwas von dir haben und uns belustigen, wenn wir gegessen und getrunken haben.« Das Mädchen sank auf einem Stuhl nieder und war nicht weit davon, vor Entsetzen ohnmächtig zu werden. Ib saß auf dem Bett und legte seine Hände ineinander und bat zum Herrgott, der Macht hat zu befreien, wen er will. Die alte Frau setzte alles auf den Tisch, was sie an Speise und Trank hatten; und es war eigentlich merkwürdig, daß sie es konnte. Aber nun hört nur weiter. Ib hatte einen Hütejungen, er lag in einem Klappbett hinter dem Ofen und hörte das alles hier. Da nimmt er ganz still ein Paar Strümpfe und ein Paar Hosen an, und hinaus mit der alten Frau, als sie einmal das Licht anzünden ging, das einer der Räuber aus Versehen gelöscht hatte. Und er hinüber auf den andern Hof und zu Sejer hinein und erzählt ihm, wie es bei ihnen zu Haus stand. Sejer überlegte nicht lange: »Nimm das mausohrige Pferd von unsern«, sagt er, »und gleich los nach Aunsbjerg und sage ihnen, wie es hier steht und daß sie schnell hier herunterkommen; dann können sie vielleicht noch alle Räuber fangen, ehe sie wieder fort sind.« Der Junge hinaus und aufs Pferd und davon. Sejer nahm einen Schwengel in die Hand und eilte hinüber zu Ibs. Da saßen alle die sechs Strolche auf der einen Bank mit dem Rücken gegen die Fenster. »Was bist du für ein Kerl«, riefen sie ihm zu, »du willst wohl deinen Wanst eingerissen haben!« Damit erhoben sie sich und wollten ihn fassen. Aber er kam ihnen zuvor und faßte die Platte und wälzte den Eichentisch auf sie und klemmt sie mit dem Rand gegen die Wand. »Nun will ich mal sehen, ob ich eure Wänste klemmen kann«, sagte er, und während er sie mit der einen Hand festhielt, schwang er den Schwengel und drohte, er würde jedem den Arm brechen, der sich rührte. Der Älteste versuchte doch, den Tisch wieder zurückzuschieben; aber er bekam gleich so eins über den Arm, daß er nur noch an ihm hing. Nun saßen sie alle still wie die Mäuse und baten Sejer nur, er möchte doch nicht so fest klemmen. Ib hatte nun auch wieder Mut gefaßt und eine Zimmeraxt ergriffen, mit der er sich an Sejers eine Seite stellt; und seine Liebste stand an der andern mit der Feuerzange. So standen nun die Sachen, und es war auf keiner Seite angenehm. Die Räuber wurden von Furcht über das Ende dieser Klammer gepeinigt, da sie nicht ausfinden konnten, was Sejer vorhatte, oder wie bald das entschieden werden sollte – das machte die Pein nur noch ärger. Ib und seine Tochter schwebten in derselben Ungewißheit; denn Sejer konnte ja nicht ausposaunen, was oder wen er erwartete. Und glaubt mir, das war ein langes Warten für ihn; wenn die vom Gut zu lange warteten oder gar nicht kamen – der Junge konnte ja unterwegs gestürzt sein – was dann? Endlich kam der Aunsbjerger mit sieben, acht Knechten, und er war nicht der letzte, als die Tür aufging. Aber da saßen sie: Still war es in der Stube, und trotzdem draußen Mondschein war, konnten sie drinnen nichts deutlich sehen; denn das Licht war ja mit dem Tisch zusammen umgeworfen. Da rief Sejer: »Wo haben wir die Lichttorfstücke? Steckt ein paar davon am Schornsteinfeuer an!« »Da liegen welche auf dem Herd,« rief die alte Frau. Man zündete sie an und es wurde hell. »Könnt ihr sehen, Herr? Nun habe ich sie gefunden und gebunden – sozusagen. Wollt ihr sie besser verschnürt haben, da hängt das Zaumseil in der Ecke, wie ich sehe.« Das nahmen sie und zerteilten es in ebenso viele Stücke wie Räuber da waren. Und dann zogen sie hinter der Tischplatte hervor, einen nach dem andern, und banden ihnen die Hände auf dem Rücken und schnürten ihnen auch die Beine zusammen und warfen sie in eine Reihe auf den Boden. – Nun begann der Gutsbesitzer sie zu fragen: woher sie waren, wo sie ihre Grube hatten, ob sie mehr waren, und dergleichen mehr. Aber er konnte auch nicht ein halbes Wort aus ihnen herausbringen. Da drohte er ihnen mit grausamen Foltern. – Da sagte der alte Räuber – nicht zu ihm, sondern zu seinen Söhnen: »Laßt ihn nur machen, was er will! Denn jetzt hat er die Macht. Aber ebenso wie er gegen uns ist, so soll es ihm und den Seinen ergehen; die drei daheim auf dem Berg werden ihn nicht vergessen und nicht die guten Leute in Uannet. Und jetzt haltet ihr den Mund, bis das Halsband ihn aufmacht!« Mit dieser Drohung hatten sie nichts gewonnen; denn als die Feiertage vorüber waren, ließ Jörgen Marsviin sie auf die Folter legen, erst den alten und dann die jungen. Sie hielten alle die Presse aus, nur nicht der jüngste. Er bekannte alle ihre Untaten, und auch, wo die Höhle war. Denselben Tag wurde diese nun aufgesucht, und da ergriffen sie das Räuberweib und die beiden Söhne, die auch gehenkt wurden, zusammen mit den andern sechs. In der Höhle fand man einen großen Haufen Silber und Gold, und darunter einen Ring; er wurde als dem Herrn gehörig erkannt, dessen lügenhafte Aussagen Ma-Ibs so großen Nachteil gebracht hatten. Nun bekam sie ihren Lohn; der Herr richtete selbst ihre und Sejers Hochzeit aus und tat ihnen alles, was er vorher gelobt hatte, und gab ihnen nicht wenig von den guten Dingen, die in der Räuberbehausung gefunden worden waren. – Stark-Sejer (wie seitdem sein Spitzname war) lebte mit seiner Frau viele, viele Jahre. Und alle ihre Kinder und ihre wiederum behielten den Spitznamen. Aber nun ist der wohl ausgestorben, ebenso wie der adlige Name und das Geschlecht des starken Herren. Aber der Heiligabend, von dem ich hier erzählt habe, endete doch froh, sowohl auf Aunsbjerg, als noch mehr in Uannet.