Joseph Conrad Gaspar Ruiz I Ein Revolutionskrieg reißt so manche absonderliche Gestalten aus der Verborgenheit, die bei geordneten bürgerlichen Verhältnissen das gewöhnliche Los schlichter Leute ist. Gewisse Persönlichkeiten werden berühmt durch ihre Laster und Tugenden, oder einfach durch ihre Taten, die eine zeitweilige Bedeutung haben mögen; und dann vergißt man sie. Nur die Namen einiger weniger Führer überdauern das Ende des bewaffneten Aufruhrs und werden in die Geschichte aufgenommen, so daß sie, aus dem lebenden Gedächtnis der Menschen entschwunden, in Büchern fortleben. Der Name des Generals Santierra hat es zu dieser kalten, papierenen Unsterblichkeit gebracht. Er war ein Südamerikaner aus guter Familie, und die Bücher, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurden, zählten ihn unter die Befreier dieses Erdteils von der drückenden spanischen Herrschaft. Dieser lange Krieg, der auf der einen Seite für die Unabhängigkeit und auf der anderen um die Herrschaft geführt wurde, nahm im Laufe der Jahre und unter den schwankenden Wechselfällen des Geschickes die unerbittliche Wildheit eines Kampfes auf Tod und Leben an. Jedes Gefühl von Barmherzigkeit und Mitleid verschwand in der Hochflut politischer Leidenschaften. Und wie es im Krieg gewöhnlich ist: die Masse des Volkes, die bei dem Ausgang am wenigsten zu gewinnen hatte, die litt am schwersten, an Leib und Leben und der armseligen Habe ihrer namenlosen Angehörigen. General Santierra begann seine Laufbahn als Leutnant in der Patriotenarmee, ausgehoben und befehligt von dem berühmten San Martin, dem späteren Eroberer von Lima und Befreier Perus. Eine große Schlacht war eben an den Ufern des Bio-Bio-Flusses geschlagen worden. Unter den Gefangenen, die man unter den versprengten königlichen Truppen gemacht hatte, befand sich auch ein Soldat mit Namen Gaspar Ruiz. Sein riesenhafter Wuchs und der mächtige Kopf zeichneten ihn vor seinen Mitgefangenen aus. Seine Persönlichkeit war unverkennbar. Einige Monate zuvor war er, nach einem der vielen Scharmützel, die der großen Schlacht vorangingen, in den Reihen der republikanischen Truppen vermißt worden. Und nun, da er, die Waffen in der Hand, auf der Seite der Königlichen ergriffen worden war, konnte er nur das eine Schicksal erwarten, als Deserteur erschossen zu werden. Dennoch war Gaspar Ruiz kein Deserteur; sein Geist war wohl nicht gewandt genug, die Vorteile oder Gefahren des Verrates richtig einzuschätzen. Warum hätte er die Partei wechseln sollen? Man hatte ihn tatsächlich gefangengenommen; er hatte schlechte Behandlung und viele Entbehrungen zu erdulden gehabt. Beide Parteien waren gleich unnachsichtig gegen die Gegner. Es kam ein Tag, da man ihm befahl, zusammen mit einigen andern gefangenen Rebellen im vordersten Glied der königlichen Truppen zu marschieren. Man hatte ihm eine Muskete in die Hand gedrückt; er hatte sie genommen, war marschiert. Er hatte keine Lust gehabt, sich wegen einer Weigerung auf besonders grausame Weise töten zu lassen. Er wußte nichts von Heldentum, doch hatte er die Absicht, bei der ersten Gelegenheit die Muskete wegzuwerfen. Unterdessen hatte er weiter geladen und geschossen, aus Angst, daß ihm irgendein Unteroffizier des Königs von Spanien beim ersten Anzeichen von Widerwillen eine Kugel durch den Kopf jagen würde. Über ihn und einige zwanzig andere solcher Deserteure, die man summarisch zum Tode durch Erschießen verurteilt hatte, war eine Wache gesetzt, von einem Sergeanten befehligt; diesem suchte er nun seinen primitiven Gedankengang klarzumachen. Es war im Viereck des Forts, im Rücken der Batterien, die die Reede von Valparaiso beherrschen. Der Offizier, der ihn identifiziert hatte, war fortgegangen, ohne auf seinen Einspruch zu hören. Sein Schicksal war besiegelt; seine Hände waren ganz fest hinter dem Rücken zusammengebunden; im ganzen Körper hatte er Schmerzen von den vielen Stockschlägen und Kolbenstößen, mit denen man ihn den mühseligen Weg vom Ort seiner Gefangennahme bis zum Festungstor hergetrieben hatte. Diese häufigen Hiebe waren das einzige Zeichen von Aufmerksamkeit, das die Gefangenen von der Eskorte während des viertägigen Marsches durch wasserarmes Gebiet empfangen hatten. Beim Übersetzen über die seltenen Flüsse erlaubte man ihnen, ihren Durst zu stillen, indem man sie hastig, wie die Hunde, schlappern ließ. Abends, wenn sie ganz zerschlagen auf dem steinigen Grund des Rastplatzes niedersanken, warf man ihnen ein paar Fetzen Fleisch zu. Als er, nach einem nächtlichen Gewaltmarsch, am frühen Morgen im Vorhof des Kastells stand, da fühlte Gaspar Ruiz seine Kehle ausgedörrt, und die Zunge lag ihm trocken und schwer im Mund. Und Gaspar Ruiz war nicht nur sehr durstig, es nagte auch ein dumpfer Zorn an ihm, dem er allerdings nicht recht Ausdruck verleihen konnte; denn seine geistigen Fälligkeiten standen in keinem Verhältnis zu seiner Körperkraft. Die übrigen Verurteilten ließen die Köpfe hängen und sahen verstockt zu Boden. Gaspar Ruiz aber wiederholte immerfort: »Warum hätte ich zu den Königlichen überlaufen sollen? Warum hätte ich überlaufen sollen? Sag mir, Estaban!« Er wandte sich an den Sergeanten, der zufällig aus seiner Gegend war. Dieser aber zuckte nur einmal die mageren Schultern und kümmerte sich dann nicht weiter um die tiefe, murmelnde Stimme hinter ihm. Es war in der Tat nicht einzusehen, warum Gaspar Ruiz hätte überlaufen sollen. Seinen Leuten ging es viel zu elend, als daß sie die Nachteile eines Regierungswechsels hätten spüren können. Gaspar Ruiz hatte von sich aus keinen Grund zu wünschen, daß dem König von Spanien die Herrschaft erhalten bliebe. Ebensowenig hatte er sich für den Umsturz begeistert. Er war auf die selbstverständlichste und einfachste Art auf die Seite der Unabhängigkeitspartei gekommen. Eines Morgens war eine Bande Patrioten aufgetaucht, hatte in einem Umsehen, unter dem Rufe ›Viva la Libertad!‹ , seines Vaters Ranch umringt, die Wachhunde erstochen und eine fette Kuh geschlachtet. Ihr Offizier sprach, nach einem langen und erfrischenden Schlaf, mit beredter Begeisterung über die Freiheit. Als sie abends aufbrachen und einige von des Vaters besten Pferden als Ersatz für ihre lahmen Tiere mitnahmen, da zog auch Gaspar Ruiz mit, den der redegewandte Offizier dringend dazu aufgefordert hatte. Kurz darauf kam eine Abteilung; königlicher Truppen, um den Distrikt zu beruhigen, brannte die Ranch nieder und trieb, was von Pferden und Vieh noch da war, fort; die alten Leute, ihrer ganzen irdischen Habe beraubt, blieben unter einem Busch sitzend zurück und konnten zusehen, wie sie mit den unschätzbaren Freuden des Daseins fertig wurden. II Gaspar Ruiz, als Deserteur zum Tode verurteilt, dachte weder an seinen Heimatort noch an seine Eltern, denen er infolge seiner Gutmütigkeit und großen Körperstärke ein guter Sohn gewesen war. Der praktische Wert dieser Eigenschaften für seinen Vater wurde noch durch seine folgsame Veranlagung erhöht. Gaspar Ruiz hatte eine friedliebende Seele. Jetzt aber war er bis zu einer Art stumpfer Empörung gereizt, da er durchaus keine Lust hatte, den Tod eines Verräters zu sterben. Er war kein Verräter. Wieder sagte er zu dem Sergeanten: »Du weißt, ich bin nicht desertiert, Estaban. Du weißt, ich bin mit drei andern unter den Bäumen zurückgeblieben, um den Feind aufzuhalten, während die Patrouille floh!« Leutnant Santierra, fast noch ein Knabe damals und noch nicht an die blutigen Torheiten des Krieges gewöhnt, hatte sich in der Nähe aufgehalten, gleichsam fasziniert durch den Anblick dieser Leute, die nun erschossen werden sollten – ›zum Exempel‹, wie der Commandante gesagt hatte. Der Sergeant wandte sich mit einem überlegenen Lächeln an den jungen Offizier, ohne den Gefangenen auch nur eines Blickes zu würdigen. »Zehn Leute hätten nicht ausgereicht, um ihn gefangenzunehmen, mi teniente . Überdies sind die drei andern nach Dunkelwerden wieder zur Truppe gestoßen. Warum hätte er, unverwundet und der Stärkste von allen, das nicht auch tun sollen?« »Meine Stärke ist gar nichts gegen einen Reiter mit einem Lasso«, protestierte Gaspar Ruiz lebhaft. »Er hat mich eine halbe Meile weit hinter seinem Pferde hergeschleift.« Für diese ausgezeichnete Begründung hatte der Sergeant ein verächtliches Lächeln. Der junge Offizier rannte weg, um den Kommandanten zu suchen. Bald darauf kam der Adjutant vorbei, ein widerborstiger, roher Mensch in einer zerlumpten Uniform, mit ausdruckslosem, gelbem Gesicht und schnarrender Stimme. Von dem erfuhr der Sergeant, daß die Verurteilten nicht vor Sonnenuntergang erschossen werden sollten; daraufhin bat er um die Anweisung, was er bis dahin mit ihnen tun solle. Der Adjutant blickte wütend über den Hof, zeigte dann auf die Tür eines kleinen kerkerartigen Wachzimmers, das Luft und Licht durch ein schwervergittertes Fenster bekam, und sagte: »Treibt die Schufte dahinein!« Der Sergeant faßte den Stock fester, den er kraft seiner Würde trug, und befolgte den Befehl mit Feuereifer. Er schlug Gaspar Ruiz, der sich langsam bewegte, über Kopf und Schulter. Gaspar Ruiz stand einen Augenblick still unter dem Hagel von Hieben, biß sich nachdenklich auf die Lippe, als sei er von einer unerhörten Gedankenarbeit ganz in Anspruch genommen – und folgte dann den andern ohne Hast. Die Tür wurde verschlossen, und der Adjutant nahm den Schlüssel mit sich fort. Am Mittag war die Hitze in dem niedrigen gewölbten Raum, der bis zum Ersticken überfüllt war, unerträglich geworden. Die Gefangenen drängten sich an das Fenster und baten ihre Wächter um einen Schluck Wasser; doch die Soldaten blieben in trägen Stellungen liegen, wo sich hinter den Wällen ein bißchen Schatten fand, während der Posten mit dem Rücken gegen die Tür saß, eine Zigarette rauchte und von Zeit zu Zeit philosophisch die Augenbrauen hochzog. Gaspar Ruiz hatte sich mit unwiderstehlicher Gewalt seinen Weg zum Fenster gebahnt. Seine mächtige Brust brauchte mehr Luft als die andern; sein großes Gesicht ruhte mit dem Kinn auf dem Fenstersims, war eng an die Stäbe gedrückt und schien die übrigen Gesichter zu stützen, die sich der Luft zudrängten. Das stöhnende Flehen war zum verzweifelten Geschrei geworden, und das Toben dieser durstigen Leute zwang einen jungen Offizier, der eben über den Hof ging, zu brüllen, um sich verständlich machen zu können. »Warum gebt ihr den Gefangenen nicht ein wenig Wasser?« Der Sergeant entschuldigte sich mit der Miene gekränkter Unschuld durch die Bemerkung, daß alle diese Leute dazu verurteilt seien, in wenigen Stunden zu sterben. Leutnant Santierra stampfte mit dem Fuß. »Sie sind zum Tode verurteilt, nicht zur Marter«, schrie er. »Gebt ihnen sofort Wasser.« Dieser augenscheinliche Ärger machte auf die Soldaten Eindruck. Sie begannen sich zu rühren, und die Schildwache nahm ihre Muskete auf und stand stramm. Als man aber ein paar Krüge gefunden und am Brunnen gefüllt hatte, da zeigte es sich, daß man sie nicht durch die Eisenstäbe durchreichen konnte, weil diese zu eng standen. In der Hoffnung, ihren Durst löschen zu können, stürmten die Gefangenen ans Fenster, und das Jammern derer, die dabei niedergetreten wurden, klang fürchterlich. Als aber die Soldaten, die die Krüge zum Fenster gehoben hatten, sie nun hilflos wieder auf den Boden stellten, da waren die Aufschreie der Enttäuschung noch gräßlicher zu hören. Die Soldaten der Unabhängigkeitsarmee waren nicht mit Feldflaschen ausgerüstet. Es fand sich eine kleine Zinnschale. Ihre Annäherung an das Fenster verursachte aber einen solchen Aufruhr, ein solches Wut- und Schmerzgebrüll in der undeutlichen Masse von Gliedern hinter den gespannten Gesichtern am Fenster, daß Leutnant Santierra sofort ausrief: »Nein, nein, du mußt die Tür aufmachen, Sergeant!« Der Sergeant zuckte die Schultern und erklärte, daß er kein Recht hätte, die Tür zu öffnen, selbst wenn er den Schlüssel besäße. Den aber hätte er nicht. Der Garnisonsadjutant verwahrte den Schlüssel. Diese Leute da machten viel unnütze Schererei, da sie ja doch bei Sonnenuntergang unbedingt sterben müßten. Warum man sie nicht gleich morgens früh erschossen habe, könne er nicht verstehen. Leutnant Santierra wandte dem Fenster hartnäckig den Rücken. Auf seine eifrigen Vorstellungen hin hatte der Kommandant die Exekution aufgeschoben. Diese Gunst war ihm gewährt worden mit Rücksicht auf seine Familie und auf die hohe Stellung seines Vaters unter den Führern der Republikanischen Partei. Leutnant Santierra glaubte, daß der Kommandierende General das Fort im Laufe des Nachmittags inspizieren würde, und in seiner Naivität hoffte er, daß seine Fürsprache diesen strengen Mann dazu bestimmen würde, wenigstens einige der Delinquenten zu begnadigen. Die Änderung seiner Gefühle ließ ihn seinen Schritt als eine verfehlte und kindische Einmischung erscheinen. Es war ihm plötzlich klar, daß der General nie seine Bitte auch nur anhören würde. Er konnte diese Leute nicht retten und hatte nur die Verantwortung auf sich geladen für die Leiden, die sich zu der Grausamkeit ihres Schicksals gesellt hatten. »Dann gehe sofort und hole den Schlüssel vom Adjutanten«, sagte Leutnant Santierra. Der Sergeant schüttelte mit schüchternem Lächeln den Kopf, während seine Augen seitwärts auf Gaspar Ruiz' Gesicht gerichtet waren, das unbewegt und schweigsam durch das Fenster starrte, unter einem Haufen anderer wüster, verzerrter Gesichter. »Seine Gnaden der Herr Adjutant de Plaza hält eben Siesta«, murmelte der Sergeant; und selbst gesetzt den Fall, daß er, der Sergeant, sich bei ihm Zutritt verschaffen könnte, so wäre das einzig zu erwartende Ergebnis, daß man ihm die Seele aus dem Leibe prügeln würde, weil er es gewagt hatte, die Ruhe Seiner Gnaden zu stören. Er machte eine entschuldigende Handbewegung, stand stocksteif und blickte bescheiden auf seine braunen Zehen hinunter. Leutnant Santierra bebte vor Entrüstung, zögerte aber doch. Sein hübsches, ovales Gesicht, glatt und weich wie das eines Mädchens, glühte vor Scham über seine Hilflosigkeit. Er fühlte sich gedemütigt. Seine bartlose Oberlippe zitterte; er schien im Begriff, entweder in einen Wutanfall oder in Schmerzenstränen auszubrechen. Fünfzig Jahre später konnte sich der General Santierra, der ehrwürdige Veteran aus den Zeiten der Revolution, noch immer gut an die Gefühle des jungen Leutnants erinnern. Seitdem er das Reiten ganz aufgegeben hatte und sogar das Gehen über die Grenzen seines Gartens hinaus beschwerlich fand, war es dem General die größte Freude, in seinem Hause die Offiziere der fremden Kriegsschiffe zu bewirten, die den Hafen anliefen. Für Engländer, als alte Waffengefährten, hatte er eine Vorliebe. Die englischen Seeleute jeden Ranges nahmen seine Gastfreundschaft mit Neugier an, denn er hatte Lord Cochrane gekannt und an Bord der patriotischen Flotte, unter dem Befehl jenes unvergeßlichen Seehelden, die Blockade und sonstigen Manöver vor Callao mitgemacht – eine der glorreichsten Episoden in den Befreiungskämpfen und ein Ruhmesblatt in der kriegerischen Überlieferung der Engländer. – Er war ein leidlicher Sprachenkenner, dieser greise Veteran der Freiheitsarmee. Eine eigene Art, über seinen langen weißen Bart zu streichen, sooft ihm im Französischen oder Englischen ein Wort fehlte, gab seinen Erinnerungen den Anstrich behäbiger Würde. III »Ja, meine Freunde«, pflegte er zu seinen Gästen zu sagen, »was wollen Sie? Ich war ein junger Mensch von siebzehn Jahren, ohne jede Lebenserfahrung und verdankte meinen Rang lediglich dem feurigen Patriotismus meines Vaters. Gott laß ihn in Frieden ruhen! Ich empfand eine unerhörte Demütigung, nicht so sehr wegen des Ungehorsams dieses Untergebenen, der ja schließlich und endlich für die Gefangenen verantwortlich war; sondern ich litt, weil ich, als der Junge, der ich war, Furcht hatte, selbst zum Adjutanten zu gehen. Ich hatte schon vorher seine rohe und bissige Art kennengelernt. Da er ein ganz gemeiner Mensch war, ohne anderes Verdienst als seinen wilden Mut, so ließ er mich seine Verachtung und Antipathie vom ersten Tag an fühlen, als ich zu dem Bataillon kam, das im Fort in Garnison war. Das war erst vierzehn Tage vorher gewesen. Ich wäre ihm mit dem Degen in der Hand gegenübergetreten. Vor seinem brutalen Spott aber schreckte ich zurück. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich je vorher oder nachher in meinem Leben mich so elend gefühlt hätte. Meine Nerven waren so qualvoll überreizt, daß ich wünschte, der Sergeant möchte tot niederfallen, und die stumpfsinnigen Soldaten, die mich anstarrten, möchten zu Leichnamen werden, und sogar die armseligen Kerle, denen ich durch meine Fürsprache eine Gnadenfrist erwirkt hatte, die sogar wollte ich tot sehen, weil ich ihnen nicht ins Gesicht schauen konnte, ohne mich zu schämen. Eine mörderische Hitze, wie ein Höllengestank, kam aus dem dunklen Loch, in dem sie eingeschlossen waren. Die gehört hatten, was vorging, schrien in heller Verzweiflung auf mich ein. Einer davon, zweifellos verrückt geworden, verlangte unaufhörlich, ich sollte den Soldaten befehlen, durch das Fenster zu schießen. Seine irrsinnige Zungenfertigkeit drehte mir das Herz um, und die Füße waren mir schwer wie Blei. Es war kein höherer Offizier in der Nähe, an den ich mich hätte wenden können. Ich brachte nicht einmal die Entschlußkraft auf, einfach wegzugehen. Ganz betäubt von meinen Gewissensbissen, stand ich mit dem Rücken gegen das Fenster. Sie müssen nicht glauben, daß das lange währte. Wie lange konnte es gewesen sein? Eine Minute? Wenn man es nach den seelischen Leiden messen wollte, dann war es wie hundert Jahre, länger als mein ganzes Leben seither. Nein, gewiß, es dauerte keine Minute. Das heisere Gebrüll der Unglücklichen erstarb ihnen in den trockenen Kehlen, und dann wurde plötzlich eine Stimme laut, eine tiefe Stimme, die leise murmelte. Sie forderte mich auf, mich umzuwenden. Diese Stimme, Señores, kam aus dem Haupte von Gaspar Ruiz. Von seinem Körper konnte ich nichts sehen. Ein paar seiner Mitgefangenen waren auf seine Schultern geklettert. Er trug sie. Seine Augen zwinkerten, ohne mich anzusehen. Dies und die Bewegung seiner Lippen schien alles, dessen er unter seiner übermenschlichen Bürde fähig war. Und als ich mich umwandte, da fragte mich dieser Kopf – der überlebensgroß schien, wie er unter der Menge anderer Köpfe mit dem Kinn auf dem Sims ruhte –, fragte mich, ob ich wirklich entschlossen sei, den Durst der Gefangenen zu stillen. Ich sagte lebhaft: ›Ja, ja‹ und trat ganz nahe an das Fenster heran. Ich war wie ein Kind und wußte nicht, was geschehen würde. Ich hatte nur den Wunsch, in meiner Hilflosigkeit und Reue getröstet zu werden. ›Können Sie, Señor teniente , meine Hände von den Fesseln befreien lassen?‹ fragte mich Gaspar Ruiz' Kopf. Seine Züge drückten weder Angst noch Hoffnung aus; seine schweren Augenlider zwinkerten über seinen Augen, die an mir vorbei gerade in den Hof blickten. Ich antwortete stammelnd, wie in einem bösen Traum: ›Was meinst du, und wie kann ich zu den Fesseln an deinen Händen kommen?‹ ›Ich will versuchen, was ich tun kann‹, sagte er. Und dann bewegte sich endlich dieser große, starr blickende Kopf, und alle die wilden Gesichter, die im Fensterrahmen zusammengedrängt waren, verschwanden im Nu. Er hatte seine Bürde mit einer Bewegung abgeschüttelt, so stark war er. Und er hatte sie nicht nur abgeschüttelt, sondern sich auch aus dem Getümmel frei gemacht, und ich sah ihn nicht mehr. Einen Augenblick lang war überhaupt niemand mehr am Fenster zu sehen. Er war herumgefahren, hatte mit den Schultern und den Füßen herumgestoßen und so für sich freien Raum geschaffen, in der einzig möglichen Art, da ja seine Hände hinter dem Rücken zusammengebunden waren. Endlich wandte er dem Fenster den Rücken und streckte mir durch die Stäbe seine Fäuste entgegen, um deren Gelenke ein fester Strick in vielen Windungen geschlungen war. Seine Hände waren dick geschwollen und sahen mit den knotigen Venen ungeheuer groß und unbeholfen aus. Ich sah seinen gebeugten Rücken. Er war sehr breit. Seine Stimme klang wie das Brummen eines Stieres. ›Schneiden Sie, Señor teniente , schneiden Sie!‹ Ich zog meinen Säbel, dessen unberührte Schneide noch nicht gedient hatte, und sägte die vielen Windungen des Strickes durch. Ich tat dies, ohne mir über das Warum und Wozu klar zu sein, augenscheinlich nur deswegen, weil ich dem Manne vertraute. Der Sergeant tat, als wollte er laut hinausschreien. Doch die Verblüffung raubte ihm die Stimme, und er blieb mit offenem Munde stehen, als sei er jählings verblödet. Ich versorgte den Säbel und wandte mich den Soldaten zu. An die Stelle ihrer gewöhnlichen stumpfen Teilnahmslosigkeit war ein Ausdruck gespannter Erwartung getreten. Ich hörte die Stimme von Gaspar Ruiz innen schreien, die Worte aber konnte ich nicht ganz verstehen. Ich denke mir, daß es den Eindruck seiner Stärke erhöhte, daß er die Hände frei hatte. Damit meine ich den geistigen Eindruck, den außergewöhnliche körperliche Kraft auf unwissende Leute macht; denn in Wirklichkeit war er wohl nicht mehr zu fürchten als vorher, da ja die Gefühllosigkeit seiner Arme und Hände geraume Zeit anhalten mußte. Der Sergeant hatte die Sprache wiedergefunden. ›Bei allen Heiligen‹, schrie er, ›wir werden einen Berittenen mit einem Lasso brauchen, um ihn wieder unschädlich zu machen, wenn er zum Richtplatz geführt werden soll. Nur ein guter Enlazador auf einem guten Pferde kann mit ihm fertig werden. Euer Gnaden belieben da eine sehr dumme Sache gemacht zu haben.‹ Ich hatte nichts zu sagen. Ich war selbst überrascht und fühlte eine kindische Neugier, was wohl geschehen würde. Der Sergeant aber dachte an die Schwierigkeiten, die es machen würde, Gaspar Ruiz zu bändigen, wenn erst der Augenblick, ein Exempel zu statuieren, gekommen sein würde. ›Oder vielleicht‹, fuhr der Sergeant verärgert fort, ›werden wir ihn niederschießen müssen, wenn er herausstürzt, sobald die Tür geöffnet wird.‹ Er wollte sich noch in weiteren Vermutungen über die mögliche Vollstreckung des Urteils ergehen, brach aber mit einem plötzlichen Ausruf ab, riß einem Soldaten die Muskete weg und stand lauernd da, die Augen auf das Fenster gerichtet.« IV »Gaspar Ruiz war auf das Sims geklettert und saß dort, die Füße gegen die dicke Mauer gestützt und die Knie leicht angezogen. Das Fenster war nicht ganz breit genug für die Länge seiner Beine. Ich in meiner Verblüffung glaubte nicht anders, als daß er das Fenster für sich allein haben wollte. Er schien eine bequeme Stellung einzunehmen. Keiner von den Gefangenen wagte ihm nahe zu kommen, nun, da er mit den Händen schlagen konnte. › Por Dios ‹, hörte ich den Sergeanten hinter mir knurren. ›Ich werde ihn jetzt gleich durch den Kopf schießen, dann bin ich die Schererei los. Er ist ja doch verurteilt.‹ Daraufhin sah ich ihn ärgerlich an. ›Der General hat das Urteil noch nicht bestätigt‹, sagte ich, obgleich ich wohl wußte, daß das nur leere Worte waren. Das Urteil brauchte keine Bestätigung. ›Du hast kein Recht, ihn zu erschießen, außer er macht einen Fluchtversuch‹, fügte ich fest hinzu. ›Aber, sangre de Dios! ‹ brüllte der Sergeant und riß die Muskete an die Schulter. ›Er will ja jetzt ausbrechen, sehen Sie doch!‹ Ich aber schlug den Lauf hoch, als habe Gaspar Ruiz mich behext, und die Kugel flog irgendwo über die Dächer. Der Sergeant stieß das Gewehr auf den Boden und stierte. Er hätte den Soldaten befehlen können, zu schießen, doch er tat es nicht. Und hätte er es getan, so hätten sie ihm gerade damals wohl nicht gehorcht. Gaspar Ruiz saß still, die Füße gegen die dicke Mauer gestützt, seine haarigen Hände um die Eisenstange geklammert. Eine unverfängliche Stellung. Eine Zeitlang geschah gar nichts. Doch plötzlich dämmerte uns, daß er seinen Rücken straffte und die Arme anzog. Seine Lippen waren zusammengekniffen. Dann bemerkten wir, daß die schmiedeeiserne Stange sich unter seinem furchtbaren Druck langsam krümmte. Die Sonne traf voll auf seine zusammengekrümmte reglose Gestalt. Auf seiner Stirn brach der Schweiß in zahllosen Tropfen aus. Während ich es verfolgte, wie die Eisenstange sich krümmte, sah ich unter seinen Fingernägeln ein wenig Blut austreten. Dann ließ er los. Einen Augenblick lang blieb er ganz verkrümmt sitzen, ließ den Kopf hängen und blickte träge in die aufwärtsgekehrten Flächen seiner mächtigen Hände. Fast schien es, als sei er eingeschlafen. Plötzlich aber warf er sich zurück, stemmte die Sohlen seiner nackten Füße gegen die andere Mittelstange und bog auch diese, doch in entgegengesetzter Richtung als die erste. So groß war seine Kraft, daß sie mich in diesem Fall von meinen schmerzlichen Gedanken befreite. Und der Mann schien nichts getan zu haben. Die eine Stellungsänderung ausgenommen, als er seine Füße brauchen wollte – diese hatte uns alle durch ihre Blitzesschnelle überrascht –, habe ich die Erinnerung an absolute Unbeweglichkeit. Doch er hatte die Stäbe sehr weit auseinandergebogen. Nun konnte er hinaus, wenn er wollte. Er ließ aber die Beine noch immer hängen, sah über die Schulter zurück und winkte den Soldaten. ›Reicht das Wasser herauf‹, sagte er. ›Ich will sie der Reihe nach trinken lassen.‹ Man gehorchte ihm. Einen Augenblick erwartete ich, daß Mann und Krug verschwinden, untergehen würden in dem wütenden Ansturm. Ich dachte, sie würden ihn mit den Zähnen herunterreißen. Es gab ein Getümmel. Er aber hielt den Krug am Henkel hoch und wehrte den Anprall nur mit den Füßen ab. Sie flogen bei jedem Stoß zurück, brüllten vor Schmerz; und die Soldaten lachten und sahen auf das Fenster. Alle lachten und hielten sich die Seiten. Nur der Sergeant war düster und mürrisch. Er fürchtete, die Gefangenen würden sich erheben und ausbrechen – was eine schlimme Geschichte gewesen wäre; deswegen aber war keine Angst nötig, und ich stand selbst mit gezogenem Säbel vor dem geöffneten Fenster. Als sie durch Gaspar Ruiz' Kraft hinlänglich zahm gemacht waren, traten sie einer nach dem andern vor, reckten die Hälse und legten die Lippen an den Rand des Kruges, den ihnen der starke Mann von seinen Knien weg zuneigte, mit einem ganz merkwürdigen Ausdruck von Barmherzigkeit, Freundlichkeit und Mitgefühl. Dieses scheinbare Wohlwollen war natürlich nur die Folge seiner ganzen Stellung auf dem Sims und auch der Sorgfalt, mit der er es vermied, das Wasser zu verschütten; denn wenn ein Mann weiter mit seinen Lippen an dem Rand des Kruges klebte, nachdem ihm Gaspar Ruiz gesagt hatte: ›Du hast genug gehabt‹ da war wenig von Zärtlichkeit oder Barmherzigkeit zu merken in dem Fußstoß, der ihn heulend und hilflos weit in das Innere des Gefängnisses schleuderte, wo er noch zwei oder drei andere niederriß, bevor er selbst stürzte. Sie drängten sich wieder und wieder zu ihm; es sah aus, als wollten sie den Brunnen trocken trinken, bevor sie zum Tode gingen; den Soldaten aber machte Gaspar Ruiz' planvolles Vorgehen so viel Spaß, daß sie das Wasser bereitwillig zum Fenster schleppten. Als der Adjutant nach seiner Siesta herauskam, da gab es wegen dieser Geschichte einigen Krach, kann ich Ihnen versichern. Und das Schlimmste dabei war, daß der General, den wir erwartet hatten, an dem Tage gar nicht in die Festung kam.« Die Gäste des Generals Santierra sprachen einstimmig ihr Bedauern darüber aus, daß ein Mann von solcher Körperstärke und Duldsamkeit nicht gerettet worden sei. »Er wurde nicht durch meine Vermittlung gerettet«, sagte der General. »Die Gefangenen wurden eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang zur Hinrichtung geführt. Gaspar Ruiz machte keine Schwierigkeiten, entgegen den Befürchtungen des Sergeanten. Es wurde kein Berittener mit einem Lasso gebraucht, um ihn zu überwältigen, als wäre er ein wilder Stier aus dem campo . Soviel ich weiß, marschierte er mit freien Händen hinaus, zwischen den andern, die gefesselt waren. Ich habe es nicht gesehen. Ich war nicht dabei. Ich war in Arrest gesetzt worden, weil ich mich in die Bewachung der Gefangenen eingemischt hatte. Um die Dämmerstunde, als ich betrübt in meinem Quartier saß, hörte ich drei Salven und dachte, daß ich nie wieder von Gaspar Ruiz hören würde. Er fiel mit den andern. Aber wir hörten trotzdem noch von ihm, obwohl sich der Sergeant brüstete, daß er ihn mit dem Säbel über den Nacken gehauen habe, als er tot oder sterbend unter den Leichen lag. Das habe er getan, sagte er, um ganz sicher die Welt von einem gefährlichen Verbrecher zu befreien. Ich gestehe Ihnen, Señores, daß ich an diesen starken Mann mit einer Art Dankbarkeit und Bewunderung dachte. Er hatte seine Kraft ehrlich benutzt. In seinem Herzen lebte nicht die Wildheit, die seiner Körperkraft entsprochen hätte.« V Gaspar Ruiz, der mühelos die schweren Eisenstäbe des Kerkerfensters ausbiegen konnte, wurde mit den andern zur summarischen Hinrichtung hinausgeführt. ›Nicht jede Kugel trifft!‹ heißt das Sprichwort. Das ganze Verdienst von Sprichwörtern besteht in der treffenden und malerischen Ausdrucksweise. Ihre überzeugende Wirkung erklärt sich aus unserer Überraschung. Mit andern Worten, wir werden durch die Erschütterung überzeugt. Was uns überrascht, ist die Form, nicht der Inhalt. Sprichwörter sind Kunst – billige Kunst; im allgemeinen sind sie nicht wahr; außer sie enthalten platte Banalitäten, wie zum Beispiel das Sprichwort: ›Besser eine Laus am Kraut, als gar kein Fleisch‹ oder ähnliche. Einige Sprichwörter sind einfach blödsinnig, andere unmoralisch. Das eine, das aus dem naiven Gemüt des großen russischen Volkes heraus geboren wurde: ›Der Mensch feuert das Gewehr ab, aber Gott lenkt die Kugel!‹, ist von grauenhafter Frömmigkeit und ein bitteres Widerspiel zu der allgemeinen Auffassung von einem barmherzigen Gott. In der Tat wäre es eine unpassende Beschäftigung für den Beschützer der Armen, Unschuldigen und Hilflosen, die Kugel, sagen wir, in das Herz eines Vaters zu lenken. Gaspar Ruiz war kinderlos, hatte keine Frau, hatte die Liebe nie gekannt. Er hatte wohl kaum je zu einer Frau gesprochen. Seine Mutter ausgenommen und die alte Negerin des Haushalts, deren runzlige Haut aschfarben und deren kümmerlicher Leib vom Alter verkrümmt war. Wenn einige von den Kugeln aus den Musketen, die da auf fünfzehn Schritte abgefeuert wurden, für Gaspar Ruiz' Herz bestimmt waren, dann verfehlten sie alle ihr Ziel. Immerhin nahm eine ein kleines Stück von seinem Ohr weg und eine andere einen Fleischfetzen von seiner Schulter. Eine rote, wolkenlose Sonne senkte sich in den purpurnen Ozean und blickte mit starrem Stolz auf den mächtigen Wall der Kordilleren, die würdigen Zeugen ihres glorreichen Aufganges. Doch es ist kaum anzunehmen, daß sie auch die ameisengroßen Menschlein sah, die sich in törichter und lächerlicher Weise abmühten, zu töten und zu sterben, aus Gründen, die nicht nur an und für sich kindisch, sondern überdies auch nicht ganz verstanden waren. Jedenfalls beleuchtete die Sonne die Rücken des feuernden Pelotons und die Gesichter der Verurteilten. Von diesen waren einige auf die Knie gesunken, andere standen aufrecht, ganz wenige hatten die Köpfe von den erhobenen Flintenläufen abgewendet. Gaspar Ruiz, aufrecht, der größte von allen, ließ seinen ungefügen Kopf hängen. Die tiefstehende Sonne blendete ihn ein wenig, und er fühlte sich schon als toten Mann. Er fiel bei der ersten Salve. Er fiel, weil er überzeugt war, daß er tot sei. Er schlug schwer auf den Boden auf. Der Ruck des Sturzes überraschte ihn. Ich bin offenbar nicht tot, dachte er sich, während er hörte, wie das Peloton auf Kommando neu lud. Da dämmerte in ihm zum erstenmal die Hoffnung auf Rettung. Er blieb mit straffen Gliedern ausgestreckt liegen, unter dem Gewicht von zwei Körpern, die kreuzweise über seinem Rücken niedergebrochen waren. Während die Soldaten eine dritte Salve in den fast reglosen Leichenberg gefeuert hatten, war die Sonne den Blicken entschwunden, und fast unmittelbar nach dem Erlöschen des Ozeans fiel das Dunkel auf die Küsten der jungen Republik. Über dem düstern Tiefland blieben die schneeigen Spitzen der Kordilleren noch lange Zeit in leuchtender Glut. Die Soldaten setzten sich nieder und rauchten, bevor sie zum Fort zurückmarschierten. Der Sergeant schlenderte aus eigenem Antrieb durch die Reihen der Toten, den bloßen Säbel in der Hand. Er war ein gefühlvoller Mann und spähte nach irgendeinem noch so leisen Zucken, in der menschenfreundlichen Absicht, seine Klinge in jeden Leib zu bohren, der noch das geringste Lebenszeichen geben würde. Doch keiner der Körper bot ihm die Gelegenheit, seine Barmherzigkeit zu betätigen. Kein Muskel zuckte unter ihnen. Nicht einmal die mächtigen Muskeln von Gaspar Ruiz, der sich, von dem Blut seiner Nachbarn besudelt, tot stellte und sich bemühte, noch lebloser zu erscheinen als die andern. Er lag mit dem Gesicht nach unten. Der Sergeant erkannte ihn an seiner Gestalt; und da er selbst ein sehr kleiner Mann war, so sah er mit Neid und Verachtung auf die große Kraft, die da niedergestreckt lag. Er hatte gerade diesen Soldaten nie leiden mögen. Von einer dunklen Feindseligkeit geleitet, führte er einen mächtigen Hieb nach dem Hals von Gaspar Ruiz, auch in der vagen Absicht vielleicht, sich des Todes dieses starken Mannes zu versichern, als könnte ein kraftvoller Körper eher den Kugeln widerstehen. Denn der Sergeant zweifelte nicht daran, daß Gaspar Ruiz vielfach getroffen war. Dann ging er weiter und marschierte bald darauf mit seinen Leuten ab; die Leichen wurden den Krähen und Geiern überlassen. Gaspar Ruiz hatte nicht geschrien, obwohl er das Gefühl hatte, daß ihm das Haupt abgeschlagen worden sei, und als die Dunkelheit kam, schüttelte er die Toten ab, deren Gewicht ihn bedrückt hatte, und kroch auf Händen und Füßen über die Ebene fort. Nachdem er, wie ein wundes Tier, an einem seichten Bach viel getrunken hatte, richtete er sich auf und wankte mit leerem Kopf ziellos davon, wie verloren unter den Sternen der klaren Nacht. Ein kleines Haus schien vor ihm aus dem Boden zu wachsen. Er taumelte unter das Vordach und schlug mit den Fäusten an die Tür. Es gab keinen Lichtschimmer. Gaspar Ruiz hätte glauben können, daß die Einwohner geflohen seien, wie die so vieler anderer Häuser in der Nachbarschaft, hätten nicht laute Schmähreden auf sein Klopfen geantwortet. In seinem fieberhaft geschwächten Zustand schien ihm das ärgerliche Kreischen eine Sinnestäuschung, die weitere Fortsetzung des höllischen Traumes, von seiner unerwarteten Verurteilung zum Tode, von dem Durst, den er gelitten hatte, von den Salven, die auf fünfzehn Schritt gegen ihn abgefeuert worden waren, und von dem Streich, der ihm das Haupt vom Rumpf geschlagen hatte. »Öffnet die Tür«, schrie er, »öffnet in Gottes Namen!« Eine wütende Stimme krächzte ihm entgegen: »Kommt herein, dieses Haus gehört euch. Das ganze Land gehört euch. Kommt und nehmt es euch.« »Um Gottes Barmherzigkeit willen«, murmelte Gaspar Ruiz. »Gehört nicht das ganze Land euch Patrioten?« kreischte die Stimme auf der andern Seite der Tür weiter. »Bist du kein Patriot?« Gaspar Ruiz wußte es nicht. »Ich bin ein Verwundeter«, sagte er apathisch. Innen wurde alles still. Gaspar Ruiz gab die Hoffnung auf, eingelassen zu werden, und legte sich unter dem Vordach gerade vor der Tür nieder. Es war ihm völlig gleichgültig, was mit ihm geschehen würde. Sein ganzes Bewußtsein schien in seinem Nacken konzentriert, wo er einen wütenden Schmerz empfand. Seine Gleichgültigkeit gegen sein Geschick war echt. Der Tag brach an, als er aus einem fiebrigen Halbschlummer erwachte. Die Tür, an die er im Dunkeln gepocht hatte, stand nun weit offen, und ein Mädchen lehnte an den Pfosten und stützte sich mit den ausgebreiteten Armen. Er lag auf dem Rücken und starrte zu ihr empor. Ihr Gesicht war bleich, und ihre Augen waren ganz dunkel. Ihr hängendes Haar schien schwarz wie Ebenholz gegen die weißen Wangen. Ihre Lippen waren voll und rot. Hinter ihr sah er einen anderen Kopf, mit langen grauen Haaren und einem dünnen Gesicht mit einem Paar ängstlich gefalteter Hände unter dem Kinn. VI »Ich kannte die Leute vom Sehen«, pflegte General Santierra seinen Gästen beim Abendtisch zu erzählen. »Ich meine die Leute, bei denen Gaspar Ruiz Aufnahme fand. Der Vater war ein alter Spanier, der ehemals begütert gewesen und durch die Revolution ruiniert worden war – seine Ländereien, sein Landhaus, sein Geld, alles, was er in der Welt sein Eigen nannte, war durch Proklamation konfisziert worden, denn er war ein bitterer Feind unserer Unabhängigkeit. Nachdem er einst eine einflußreiche und ehrenvolle Stellung im Rate des Vizekönigs eingenommen hatte, war er nun zu noch geringerer Bedeutung herabgesunken als seine eigenen Negersklaven, die durch unsere glorreiche Revolution frei geworden waren. Er hatte nicht einmal die Mittel, aus dem Lande zu fliehen, was andere Spanier getan hatten. Während er so, zugrunde gerichtet und heimatlos, herumwanderte, mit nichts als mit seinem Leben beladen, das ihm durch die Milde der provisorischen Regierung erhalten geblieben war, da mag er vielleicht unter dem morschen Dach der alten Hütte untergekrochen sein. Es war ein einsamer Ort. Nicht einmal ein Hund schien dazu zu gehören. Obwohl zwar das Dach Löcher hatte, als hätten ein oder zwei Kanonenkugeln durchgeschlagen, waren doch die Holzläden stark und die ganze Zeit über dicht geschlossen. Mein Weg führte mich häufig an der elenden Ranch vorbei. Ich ritt fast jeden Abend vom Fort zur Stadt, um vor dem Haus einer Dame zu seufzen, die ich liebte – damals. Wenn man jung ist, Sie verstehen ... Sie war eine gute Patriotin, das können Sie sich denken. Caballeros, glauben Sie mir oder nicht, die politischen Leidenschaften gingen so hoch in jenen Tagen, daß ich mir nicht vorstellen kann, wie mich die Reize einer Frau von royalistischer Gesinnung hätten anziehen können ...« Ein Murmeln heiterer Ungläubigkeit rings um den Tisch unterbrach den General. Er streichelte unterdessen ernst seinen weißen Bart. »Señores«, fuhr er fort, »ein Royalist war ein Untier für unsere überspannten Gefühle. Das sage ich Ihnen, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, als hätte ich auch nur die leiseste Zärtlichkeit für die Tochter jenes Royalisten empfunden. Überdies war ja auch, wie Sie wissen, mein Herz anderweitig vergeben. Ich konnte nur nicht umhin, sie zeitweilig zu bemerken, wenn sie bei offener Haustür in der Vorhalle stand. Sie müssen wissen, daß dieser alte Royalist so verrückt war, wie ein Mann es nur sein kann. Sein politisches Mißgeschick, sein völliger Niedergang und Ruin hatten seinen Geist verwirrt. Um seine Verachtung für alles zu beweisen, was wir Patrioten tun konnten, lachte er prahlerisch zu seiner Gefangennahme, zu der Einziehung seiner Güter, der Einäscherung seiner Häuser und zu dem Elend, zu dem er und die beiden Frauen verdammt waren. Diese Gewohnheit, zu lachen, hatte sich in ihm so festgesetzt, daß er laut zu lachen und zu schreien begann, sooft er einen Fremden zu Gesicht bekam. So äußerte sich seine Verrücktheit. Ich natürlich verachtete das Lärmen dieses Irren aus dem Gefühl von Überlegenheit heraus, das der Erfolg unserer Sache uns Amerikanern einflößte. Ich glaube, ich verachtete ihn wirklich, weil er ein alter Kastilier war, ein geborener Spanier und ein Royalist. Das waren ja gewiß keine Gründe, auf einen Mann herabzusehen; doch jahrhundertelang hatten geborene Spanier uns Amerikanern ihre Verachtung gezeigt, obgleich wir von ebenso guter Abstammung waren wie sie – nur weil wir Kolonisten waren, wie sie es nannten. Wir waren gedemütigt worden und hatten unsere soziale Minderwertigkeit zu fühlen bekommen. Nun war die Reihe an uns. Es war ganz in Ordnung, wenn wir Patrioten nun dieselben Anschauungen betätigten; und da ich ein junger Patriot war und der Sohn eines Patrioten, so verachtete ich den alten Spanier, und da ich ihn verachtete, so überhörte ich natürlich seine Schmähreden, obwohl sie mir zuwider waren. Andere wären vielleicht nicht so nachsichtig gewesen. Er pflegte mit einem lauten Aufschrei zu beginnen. ›Ich sehe einen Patrioten. Wieder einer!‹ Lange bevor ich an das Haus kam. Der Ton seiner sinnlosen Schimpfereien, in die sich Lachausbrüche mischten, war bald durchdringend schrill, bald tiefernst. Das Ganze war völlig verrückt. Doch ich hielt es für unvereinbar mit meiner Würde, mein Pferd anzuhalten oder auch nur nach dem Hause hinzusehen, gerade als kümmerte mich das Geschrei des Mannes im Hausflur weniger als das Bellen eines Köters. Ich ritt immer mit dem Ausdruck hochmütiger Gleichgültigkeit vorbei. Das war zweifellos äußerst würdig; ich hätte aber besser daran getan, die Augen offenzuhalten. Ein Soldat sollte sich im Kriege niemals dienstfrei fühlen, und besonders nicht in einem Revolutionskrieg, wenn der Feind nicht vor der Tür, sondern im eigenen Hause ist. Zu solchen Zeiten arten die leidenschaftlichen Überzeugungen bis zum blinden Haß aus und nehmen vielen Männern die Begriffe von Ehre und Menschlichkeit und manchen Frauen alle Furcht und Scheu. Diese letzteren werden, wenn sie erst einmal die Schüchternheit und Zurückhaltung ihres Geschlechtes von sich geworfen haben, durch die Lebhaftigkeit ihres Geistes und die Wut ihrer unerbittlichen Rachgier gefährlicher als bewaffnete Riesen.« Die Stimme des Generals klang lauter, doch seine große Hand streichelte den weißen Bart zweimal mit dem Anschein würdiger Ruhe. » Si , Señores! Frauen sind ebensowohl imstande, die Höhen von Ergebung zu erklimmen, die uns Männern unerreichbar sind, wie auch in die tiefsten Tiefen einer Erniedrigung hinabzusteigen, die unsern männlichen Vorurteilen unverständlich ist. Ich spreche von Ausnahmen unter den Frauen, Sie verstehen ...« Hier warf einer der Gäste ein, daß er noch nie eine Frau getroffen habe, die nicht imstande gewesen wäre, sich ganz unerhört zu entfalten, sobald nur ihre Gefühle durch irgendwelche Umstände stark geweckt waren. »Diese Art von überlegener Rücksichtslosigkeit, die sie vor uns voraus haben«, schloß er, »macht sie zur reizvolleren Hälfte der Menschheit.« Der General, der die Unterbrechung ernst hinnahm, nickte höfliche Zustimmung. » Si! Si! Unter Umständen ... gewiß. Sie können auf ganz unerwartete Weise unerhörtes Unheil anrichten, denn wer hätte sich einfallen lassen, daß ein junges Mädchen, die Tochter eines ruinierten Royalisten, der sein Leben nur der Verachtung seiner Feinde dankte, daß dieses Mädchen also die Macht haben sollte, Tod und Verwüstung über zwei blühende Provinzen zu bringen und den Führern der Revolution noch im Augenblick des Erfolges ernstliche Sorge zu bereiten!« Er machte eine Pause, um das Wunderbare ganz auf uns wirken zu lassen. »Tod und Verwüstung«, murmelte jemand überrascht. »Ganz unfaßbar.« Der alte General warf einen raschen Blick in die Richtung, aus der das Murmeln kam, und fuhr fort: »Ja, das heißt Krieg – Unglück. Doch die Mittel, durch die sie sich die Möglichkeit verschaffte, dieses Gemetzel an der Südgrenze anzurichten, scheinen mir, der ich sie gekannt und gesprochen habe, noch viel unfaßbarer. Diese eine Erfahrung hat einen schrecklichen Eindruck in mir hinterlassen, den mein späteres Leben, über fünfzig Jahre, nicht verwischen konnte«. Er blickte umher, als wollte er sich unserer Aufmerksamkeit versichern, änderte den Ton und erzählte weiter: »Ich bin, wie Sie wissen, ein Republikaner, der Sohn eines Befreiers«, erklärte er. »Meine unvergleichliche Mutter – Gott laß sie in Frieden ruhen – war Französin, die Tochter eines glühenden Republikaners. Als Knabe schon habe ich für die Freiheit gekämpft; ich habe immer an die Gleichheit der Menschen geglaubt; und daß sie alle Brüder sind, das scheint mir noch viel sicherer. Sehen Sie sich die wilde Feindseligkeit an, die sie in ihren Zwistigkeiten entfalten; und was in der Welt ist so unerbittlich feindselig wie ein Bruderzwist?« Der vollkommene Mangel an Zynismus schaltete jeden Gedanken daran aus, diese Ansichten über die Verbrüderung der Menschheit zu belächeln. Im Gegenteil, in dem Ton klang die natürliche Melancholie eines im Grunde mildherzigen Mannes mit, der aus Beruf, Überzeugung und Notwendigkeit an Szenen voll blutiger Grausamkeit teilgenommen hatte. Der General hatte viel mörderischen Bruderstreit gesehen. »Gewiß, kein Zweifel, daß sie Brüder sind«, beharrte er. »Alle Männer sind Brüder und wissen daher viel zuviel voneinander, aber –« und dabei begannen in dem alten silberweißen Patriotenkopf die schwarzen Augen lustig zu zwinkern, »wenn wir alle Brüder sind, so sind nicht alle Frauen unsere Schwestern.« Man hörte einen der jüngeren Gäste halblaut seine Befriedigung hierüber ausdrücken. Doch der General fuhr mit neuem Ernst fort: »Sie sind so verschieden! Das Märchen von dem König, der ein Bettelmädchen erwählte, um den Thron mit ihr zu teilen, mag ganz hübsch sein, soweit es die Anschauungen von uns Männern über uns selbst und die Liebe betrifft. Doch daß ein junges Mädchen, berühmt wegen ihrer königlichen Schönheit und noch kurz zuvor die unbestrittene, bewunderte Herrin auf allen Bällen im Palast des Vizekönigs, daß die einem Guasso, einem ganz gemeinen Bauern, ihre Hand geben sollte, das ist mit unsern Begriffen von Frauen und ihrer Liebe unvereinbar. Doch muß man sagen, daß es in ihrem Falle der Wahnsinn des Hasses, nicht der Liebe war.« Nachdem er diese Entschuldigung in ritterlichem Gerechtigkeitssinn vorgebracht hatte, schwieg der General eine Zeitlang. »Ich ritt fast täglich an dem Haus vorbei«, hob er wieder an, »und dies ging darinnen vor. Wie es aber geschah, das wird wohl kein Männerverstand erfassen können. Ihre Verzweiflung muß grenzenlos gewesen sein, und Gaspar Ruiz war ein gelehriger Bursche. Er war ein gehorsamer Soldat gewesen. Seine Körperkraft war wie ein ungeheurer Stein, der auf dem Boden liegt und auf die Hand wartet, die ihn da- oder dorthin schleudern soll. Es ist klar, daß er den Leuten, die ihm das so nötige Obdach gaben, seine Geschichte erzählt haben muß; und er brauchte dringend Beistand. Seine Wunde war nicht gefährlich, doch sein Leben war verwirkt. Da der alte Royalist ganz in seinem lachenden Irrsinn befangen war, so richteten die beiden Frauen dem Verwundeten in einem der Schuppen unter den Obstbäumen hinter dem Haus ein Versteck her. Dieser Unterschlupf, reichlich frisches Wasser, während er im Fieber lag, und ein paar mitleidige Worte waren alles, was sie zu geben hatten. Ich vermute, er bekam auch seinen Anteil an der Nahrung. Soviel davon da war. Es kann nur wenig gewesen sein. Eine Handvoll geröstetes Korn, vielleicht ein Bohnengericht oder ein Stück Brot mit ein paar Feigen. Zu solcher Armut waren diese stolzen und ehemals reichen Leute herabgesunken.« VII General Santierra hatte mit seiner Vermutung bezüglich des Beistandes recht, der Gaspar Ruiz, dem Bauern und Bauernsohn, von der royalistischen Familie gewährt worden war, deren Tochter die Tür ihres kümmerlichen Heims vor seinem völligen Elend geöffnet hatte. Ihre finstere Entschlossenheit gab ihr die Herrschaft über den Irrsinn des Vaters und die sprachlose Verwirrung der Mutter. Sie hatte den fremden Mann auf der Schwelle gefragt: »Wer hat dich verwundet?« »Die Soldaten, Señora«, hatte Gaspar Ruiz mit schwacher Stimme geantwortet. »Patrioten?« » Si .« »Warum?« »Deserteur«, keuchte er und lehnte sich an die Mauer, während ihre schwarzen Augen forschend auf ihm ruhten. »Man ließ mich für tot da oben liegen.« Sie führte ihn durch das Haus zu einer kleinen Hütte aus Lehm und Schilf, ganz verborgen in dem hohen Gras des verwilderten Obstgartens. Er sank auf einen Haufen Maisstroh in einem Winkel und seufzte tief. »Hier wird dich niemand suchen«, sagte sie und blickte auf ihn herunter. »Niemand kommt in unsere Nähe. Auch uns hat man für tot liegenlassen – hier.« Er drehte sich verlegen auf dem schmutzigen Strohhaufen, und der Schmerz in seinem Nacken erpreßte ihm fiebriges Stöhnen. »Ich will es Estaban eines Tages schon zeigen, daß ich noch lebe«, murmelte er. Er nahm ihre Pflege schweigend an, und die vielen Schmerzenstage gingen vorüber. Ihr Erscheinen in der Hütte brachte ihm Erleichterung und verknüpfte sich mit den Fieberträumen von Engeln, die sein Lager besuchten; denn Gaspar Ruiz war in die Wunderlehre seiner Religion eingeweiht und hatte sogar von dem Priester seines Dorfes ein wenig Schreiben und Lesen gelernt. Er erwartete sie mit Ungeduld und sah sie mit wildem Schmerz aus der dunklen Hütte hinaustreten und im blendenden Sonnenschein verschwinden. Während er dalag und sich so ganz schwach fühlte, machte er die Entdeckung, daß er sich ihr Bild ungemein deutlich vergegenwärtigen konnte, wenn er nur die Augen schloß. Und diese neu entdeckte Fähigkeit versüßte ihm die langen einsamen Stunden seiner Genesung. Später, als seine Kräfte wieder zurückzukehren begannen, kroch er um die Dämmerstunde zum Hause und saß auf der Schwelle der Gartentür. In einem der Zimmer schritt der verrückte Vater auf und ab, führte murmelnde Selbstgespräche und lachte zwischendurch plötzlich auf. Am Gange saß die Mutter auf einem Stuhl, seufzte und stöhnte. Die Tochter, in rauher abgetragener Kleidung, das weiße, magere Gesicht halb verborgen unter einer groben Manta, stand gegen den Türpfosten gelehnt. Gaspar Ruiz hielt die Ellbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände gestützt und sprach leise zu den beiden Frauen. Das gemeinsame Elend der Geächteten hätte ein Unterstreichen der sozialen Unterschiede als blutigen Hohn erscheinen lassen. Gaspar Ruiz in seiner Einfalt verstand das. Durch seine Gefangenschaft unter den Royalisten war er in der Lage, ihnen Nachricht zu geben von Leuten, die sie kannten. Er beschrieb ihr Aussehen; und wenn er die Geschichte der Schlacht erzählte, in der er abermals gefangengenommen worden war, da bejammerten die beiden Frauen die Niederlage ihrer Partei und den Ruin ihrer geheimen Hoffnungen. Sein Gefühl drängte ihn nach keiner der beiden Seiten. Doch er empfand eine tiefe Ergebenheit für das junge Mädchen. In dem Bestreben, sich ihrer Herablassung würdig zu erweisen, rühmte er sich ein wenig seiner Körperkraft. Er hatte nichts sonst, dessen er sich hätte rühmen können. Ebendieser Eigenschaft wegen behandelten ihn seine Kameraden ganz mit der Ehrerbietung, erklärte er, als wäre er ein Sergeant gewesen, im Lager sowohl wie auch im Felde. »Ich konnte immer so viele ich nur wollte dazu bewegen, mir überallhin zu folgen, Señorita. Eigentlich hätte man mich zum Offizier machen müssen, denn ich kann lesen und schreiben.« Hinter ihm seufzte die schweigsame alte Dame von Zeit zu Zeit schwer auf; der Vater murmelte irr vor sich hin und durchmaß die sala ; und Gaspar Ruiz erhob dann und wann die Augen und blickte die Tochter dieser Leute an. In seinem Blick lag Neugier, weil sie lebte, und doch auch jenes Gefühl von Vertrautheit und Ehrfurcht, mit dem er in Kirchen die unbeseelten und machtvollen Statuen der Heiligen betrachtet hatte, deren Fürsprache man in Gefahren und Nöten erfleht. Und seine Not war groß. Er konnte sich nicht immer und ewig in einem Obstgarten verborgen halten. Er wußte auch sehr gut, daß er keinen halben Tag weit in irgendeiner Richtung gehen konnte, ohne von einer der Kavalleriepatrouillen, die das ganze Land durchstreiften, aufgegriffen und in ein oder das andere Lager gebracht zu werden, wo die Patriotenarmee, die Peru befreien sollte, versammelt war. Dort würde man ihn dann als Gaspar Ruiz – der zu den Royalisten desertiert war – erkennen und diesmal zweifellos ganz gründlich erschießen. Auf der ganzen Welt schien für den unschuldigen Gaspar Ruiz nirgends ein Platz zu sein. Bei diesem Gedanken ergab sich seine einfache Seele einer düsteren Verbitterung, schwarz wie die Nacht. Sie hatten ihn mit Gewalt zum Soldaten gemacht. Er hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt, Soldat zu sein. Und er war ein guter Soldat gewesen, ebenso wie er ein guter Sohn gewesen war, wegen seiner Folgsamkeit und Stärke. Doch nun hatte er für beides keine Verwendung. Man hatte ihn von seinen Eltern weggenommen, und er konnte auch nicht länger Soldat sein – kein guter Soldat wenigstens. Niemand würde seine Erklärungen anhören wollen. Was für eine Ungerechtigkeit das war! Welche Ungerechtigkeit! Und mit betrübtem Murmeln brachte er die Geschichte seiner ersten und zweiten Gefangennahme zum zwanzigstenmal vor. Dann erhob er den Blick zu dem schweigenden Mädchen im Türrahmen und sagte wohl mit einem tiefen Seufzer: » Si , Señorita, die Ungerechtigkeit hat den armen Atem in meiner Brust ganz wertlos gemacht. Für mich und alle andern. Mir ist es gleich, wer mir ihn raubt.« Eines Abends, als er so dem Kummer seiner wunden Seele Ausdruck gab, ließ sie sich zu der Bemerkung herbei, daß sie, wenn sie ein Mann wäre, kein Leben für wertlos erachten wolle, das noch die Möglichkeit der Rache in sich schlösse. Sie schien zu sich selbst zu sprechen. Ihre Stimme klang leise. Er trank die zarten, verträumten Laute mit dem Gefühl unerhörter Entzückung ein, als durchwärmten sie seine Brust wie ein Schluck edlen Weins. »Es ist wahr, Señorita«, sagte er und wandte langsam sein Gesicht dem ihren zu. »Da ist Estaban, dem ich zeigen muß, daß ich doch nicht tot bin.« Das Murmeln des irren Vaters hatte langsam aufgehört; die seufzende Mutter hatte sich in irgendeines der leeren Zimmer zurückgezogen. Innen und ringsum war alles gleich still, im taghellen Mondlicht, das über dem verwilderten Garten und seinen tintigen Schatten lag. Gaspar Ruiz sah, daß Doña Erminias schwarze Augen auf ihn gerichtet waren. »Ach, der Sergeant!« murmelte sie geringschätzig. »Warum? Er hat mich mit dem Säbel verwundet«, widersprach er, verblüfft durch die Verachtung, die ihr bleiches Gesicht auszudrücken schien. Sie duckte ihn mit dem Blick. Die Macht ihres Willens, verstanden zu werden, war so groß, daß sie in ihm die Fähigkeit weckte, unausgesprochene Dinge zu erfassen. »Was erwarten Sie sonst von mir?« rief er, als sei er plötzlich zur Verzweiflung getrieben. »Kann ich denn mehr tun? Bin ich ein General mit einer Armee hinter mir? – Armer Sünder, der ich bin, daß auch Sie mich noch verachten müssen.« VIII »Señores«, erzählte der General seinen Gästen, »obwohl meine Gedanken sich damals mit Liebe beschäftigten und dementsprechend erfreulich waren, so berührte mich der Anblick jenes Hauses stets unangenehm, besonders im Mondlicht, in dem die geschlossenen Fensterläden und der Anschein einsamer Verwahrlosung besonders düster wirkten. Dennoch nahm ich auch weiter den Reitweg daran vorbei, weil er viel kürzer war. Der verrückte Royalist heulte und lachte mir jeden Abend entgegen, bis er genug hatte. Doch nach einer Zeit hörte er auf, am Weg zu erscheinen, als habe ihn meine Gleichgültigkeit ermüdet. Wie sie ihn dazu brachten, das sein zu lassen, weiß ich nicht. Jedenfalls hätte es mit Gaspar Ruiz im Hause ein leichtes sein müssen, ihn mit Gewalt zurückzuhalten. Es war nun ein Punkt ihrer Taktik, drinnen im Haus alles zu vermeiden, was mich hätte reizen können; wenigstens stellte ich es mir so vor. Obgleich ich im Banne des strahlendsten Augenpaares von ganz Chile stand, bemerkte ich doch nach einer Woche oder so die Abwesenheit des alten Mannes. Noch einige Tage gingen vorüber. Ich begann zu glauben, daß vielleicht diese Royalisten sonstwohin ausgewandert seien. Als ich aber eines Abends der Stadt zueilte, da sah ich wieder jemand im Torwege. Es war nicht der Irre; es war das Mädchen. Sie hielt eine der Holzsäulen umfaßt und stand schlank und bleich da, die großen Augen von Entbehrung und Kummer tief eingesunken. Ich sah sie scharf an, und sie begegnete mit einem merkwürdig forschenden Blick meinen Augen. Dann, als ich den Kopf wandte, nachdem ich schon vorbeigeritten war, schien sie ihren ganzen Mut zusammenzunehmen und winkte mich ganz eindeutig zurück. Ich gehorchte, Señores, fast ohne zu denken, so groß war meine Verwunderung. Die wuchs noch, als ich hörte, was sie mir zu sagen hatte. Sie begann damit, daß sie mir für meine Nachsicht gegen die Schwäche ihres Vaters dankte, so daß ich mich vor mir selbst schämte. Ich hatte Verachtung zeigen wollen, nicht Nachsicht! Jedes Wort muß ihr die Lippen versengt haben, doch sie verlor nicht einen Augenblick lang die liebenswürdige, melancholische Würde, die mir gegen meinen Willen Respekt einflößte. Señores, wir sind keine Gegner für Frauen. Doch ich konnte kaum meinen Ohren trauen, als sie ihre Erzählung begann. ›Die Vorsehung‹, schloß sie, ›schien das Leben dieses Soldaten gerettet zu haben, dem Unrecht geschehen war und der nun auf meine Ehre als Caballero und auf mein Mitgefühl mit seinem Leid baute.‹ ›Unrecht geschehen‹, bemerkte ich kalt. ›Nun, das ist auch meine Ansicht: und Sie haben einen Feind Ihrer Sache beherbergt.‹ ›Es war ein armer Christenmensch, der im Namen Gottes an unserer Tür um Hilfe flehte, Señor‹, gab sie einfach zurück. Ich begann sie zu bewundern. ›Wo ist er jetzt?‹ fragte ich förmlich. Doch diese Frage wollte sie nicht beantworten. Mit unglaublichem Takt und einem fast feindseligen Zartgefühl brachte sie es fertig, mich an den fehlgeschlagenen Versuch zu erinnern, den Gefangenen im Wachtzimmer das Leben zu retten, – ohne doch dabei meine Eitelkeit zu verletzen. Sie kannte natürlich die ganze Geschichte. Gaspar Ruiz, sagte sie, ließe mich inständig bitten, ihm zu General San Martin persönlich freies Geleit zu verschaffen. Er habe dem Oberbefehlshaber eine wichtige Mitteilung zu machen. Por Dios , Señores, das alles ließ sie mich schlucken und gab dabei vor, dem armen Mann nur als Sprachrohr zu dienen. Als ein Opfer der Ungerechtigkeit erwarte er, sagte sie, bei mir ebensoviel Großmut zu finden wie bei der Royalistenfamilie, die ihm Zuflucht gewährt hatte. Ha! das war gut und geschickt gesprochen, zu einem blutjungen Kerl, wie ich es war. Ich fand sie erhaben. O weh! sie war nur unversöhnlich. Schließlich ritt ich davon, ganz begeistert für die Sache, und verlangte nicht einmal Gaspar Ruiz zu sehen, von dem ich bestimmt annahm, daß er im Hause sei. Bei ruhiger Überlegung begann ich aber Schwierigkeiten zu sehen, denen zu begegnen ich allein mich nicht imstande fühlte. Es war nicht leicht, einem Oberbefehlshaber mit einer solchen Geschichte zu kommen. Ich fürchtete einen Fehlschlag. Schließlich hielt ich es für besser, die ganze Sache meinem Divisionsgeneral Robles vorzulegen, der ein Freund meiner Familie war und mich erst kürzlich zu seinem Adjutanten ernannt hatte. Er nahm mir die Angelegenheit ohne alle Umstände sofort aus der Hand. ›Im Haus! Natürlich ist er im Haus‹, sagte er geringschätzig. ›Sie hätten mit gezogenem Säbel hineingehen und ihn zur Übergabe auffordern sollen, anstatt im Torweg mit dem Royalistenmädel zu schwatzen. Die Leute hätte man schon längst dort herausjagen sollen. Wer weiß, wie viele Spione sie kerzengerade in der Mitte unserer Lager schon beherbergt haben. Freies Geleit zum Oberbefehlshaber! Die Frechheit von dem Kerl! Ha, ha! Jetzt werden wir ihn also heute nacht hopp nehmen, und dann wollen wir schon herausbringen, was er zu sagen hat, das so verdammt wichtig wäre. Ha, ha, ha! General Robles – Friede seiner Seele – war ein kurzer, dicker Mann mit runden, starren Augen, polternd und jovial. Als er meine Betrübnis sah, fügte er hinzu: ›Kommen Sie, kommen Sie, Chico. Ich verspreche Ihnen sein Leben, wenn er keinen Widerstand leistet. Und das steht nicht zu erwarten. Wir werden einen guten Soldaten nicht zugrunde richten, wenn es sich vermeiden läßt. Ich sage Ihnen was! Ich bin neugierig, Ihren starken Mann zu sehen. Unter einem General tut er's nicht, der Picaro. Gut. Er soll einen General haben und mit ihm sprechen. Ha, ha! Ich will bei der Aushebung selbst dabeisein, und Sie kommen natürlich mit.‹ Und in derselben Nacht noch wurde es ausgeführt. Früh am Abend wurden das Haus und der Obstgarten unauffällig umstellt. Später verließen der General und ich einen Ball, den wir in der Stadt besucht hatten, und ritten im leichten Galopp hinaus. Kurz vor dem Hause hielten wir an. Eine berittene Ordonnanz hielt uns die Pferde. Ein leiser Pfiff warnte die Leute, die rings um die Schlucht auf Posten waren, und wir schritten behutsam dem Torweg zu. Das verrammelte Haus im Mondschein schien leer. Der General pochte an die Tür. Nach einer Weile fragte eine Frauenstimme von innen, wer da sei. Mein Vorgesetzter stieß mich hart an. Ich schnappte nach Luft. ›Ich bin's, Leutnant Santierra‹, stotterte ich hervor, als würgte mich etwas. ›Öffnen Sie die Tür.‹ Sie öffnete sich langsam. Das Mädchen, eine dünne Kerze in der Hand, begann allmählich vor uns zurückzuweichen, als sie einen zweiten Mann neben mir sah. Ihr unbewegtes weißes Gesicht sah geisterhaft aus. Ich folgte hinter General Robles. Ihre Augen waren auf die meinen gerichtet. Ich machte eine Gebärde der Hilflosigkeit hinter dem Rücken meines Vorgesetzten und versuchte zur selben Zeit meinem Gesicht einen beruhigenden Ausdruck zu geben. Keiner von uns dreien brachte einen Laut hervor. Wir befanden uns in einem Raum mit kahlen Wänden und Boden. Ein ungefüger Tisch und ein paar Stühle standen darin, sonst nichts. Eine alte Frau mit gelöstem grauem Haar rang die Hände, als wir auftauchten. Ein lautes Lachen gellte gespenstisch durch das leere Haus. Daraufhin versuchte die alte Frau an uns vorbeizukommen. ›Niemand verläßt das Zimmer!‹ sagte General Robles zu mir. Ich schlug die Tür zu, hörte die Klinke einschnappen, und das Lachen war nur mehr schwach vernehmbar. Bevor in dem Zimmer noch ein weiteres Wort gesprochen werden konnte, hörte ich zu meiner Verblüffung entfernten Donner. Ich hatte in das Haus den Eindruck einer wunderbar klaren Mondnacht mitgenommen, ohne einen Wolkenfleck am Himmel. Ich konnte meinen Ohren nicht trauen. Da ich ganz jung meiner Erziehung wegen weggeschickt worden war, so war mir das meistgefürchtete Naturphänomen meiner Heimat nicht vertraut. Ich sah zu meinem unsagbaren Erstaunen den Ausdruck von Entsetzen in den Augen meines Chefs. Plötzlich fühlte ich Schwindel. Der General taumelte schwer gegen mich; das Mädchen schien inmitten des Zimmers zu wanken, das Licht fiel ihr aus der Hand und ging aus; ein gellender Schrei ›Misericordia!‹ der alten Frau fuhr mir durch die Ohren. In der pechschwarzen Finsternis hörte ich, wie der Mörtel von den Wänden abbröckelte und auf den Boden fiel. Ein Glück, daß keine Decke da war. Während ich mich an die Türklinke klammerte, hörte ich, wie über meinem Kopf das Scharren der Dachziegel aufhörte. Der Stoß war vorbei. ›Hinaus aus dem Haus! Die Tür! Fliehen Sie, Santierra, fliehen Sie!‹ heulte der General. Sie müssen wissen, Señores, in unserem Lande schämen sich selbst die Tapfersten nicht der Furcht, die bei einem Erdbeben den Leuten bis in die Knochen fährt. Man gewöhnt sich nie daran. Je öfter man es erlebt, desto stärker wirkt der namenlose Schreck. Es war mein erstes Erdbeben, und ich war der Ruhigste von allen. Ich erkannte, daß der Krach draußen von dem Torweg herrührte, dessen Holzpfeiler und Ziegelvordach eingestürzt waren. Der nächste Stoß würde wahrscheinlich das Haus zerstören. Das donnerähnliche Tosen nahte wieder. Der General raste rings um das Zimmer, vielleicht um die Tür zu finden. Er machte einen Lärm, als versuche er an den Wänden hochzuklettern, und ich hörte ihn deutlich den Namen mehrerer Heiligen anrufen. ›Hinaus, hinaus, Santierra!‹ brüllte er. Die Stimme des Mädchens war die einzige, die ich nicht hörte. ›General!‹ schrie ich. ›Ich kann die Tür nicht rühren. Wir müssen eingeschlossen sein.‹ Ich erkannte seine Stimme nicht wieder in dem Durcheinander von verzweifelten Flüchen, die er ausstieß. Señores, ich kenne viele Leute in meinem Lande, besonders in den stark von Erdbeben heimgesuchten Provinzen, die bei geschlossenen Türen weder essen noch schlafen noch beten oder sich auch nur zum Kartenspiel niedersetzen. Die Gefahr liegt nicht im Zeitverlust, sondern die Verschiebung der Wände kann es bewirken, daß eine Tür überhaupt nicht mehr aufzubringen ist. Das war es, was auch uns geschehen war. Wir waren gefangen und hatten von niemand Hilfe zu erwarten. Es gibt keinen Mann in meinem Lande, der in ein Haus gehen würde, wenn die Erde wankt. Es gab auch nie einen – mit einer einzigen Ausnahme: Gaspar Ruiz. Er war aus irgendeinem Schlupfwinkel, in dem er sich draußen verkrochen hatte, herausgekommen und war über die Balken des zerstörten Vordaches geklettert. Durch das furchtbare unterirdische Grollen der nahenden Verwüstung hörte ich eine mächtige Stimme das Wort ›Erminia‹ brüllen, mit der Lunge eines Riesen. Ein Erdbeben verwischt gründlich alle Rangunterschiede. Ich nahm meine ganze Entschlußkraft zusammen, um die Schrecken des Augenblicks zu überwinden und schrie zurück: ›Sie ist hier‹. Ein Brüllen wie von einem wütenden wilden Tier antwortete mir, während mein Kopf wirbelte, mein Mut sank und mir der Angstschweiß wie Regen über die Brauen lief. Er hatte die Kraft, einen der schweren Pfosten des Vordaches aufzunehmen. Er hielt ihn unter dem Arm wie eine Lanze, doch mit beiden Händen, rannte damit wütend gegen das wankende Haus, mit der Gewalt eines Sturmbocks, sprengte die Tür auf und stürzte ungestüm über unsere hingestreckten Leiber herein. Der General und ich rafften uns auf und sprangen hinaus, ohne uns einmal umzusehen, bis wir über der Straße waren. Dann hielten wir uns aneinander und sahen zu, wie das Haus plötzlich zu einem Haufen formlosen Gerümpels zusammensank, hinter dem Rücken eines Mannes, der auf uns zuschritt, die leblose Gestalt einer Frau in den Armen. Ihr langes schwarzes Haar hing fast bis zu seinen Füßen herab. Er legte sie ehrfürchtig auf den schwankenden Boden, und das Mondlicht fiel auf ihre geschlossenen Augen. Señores, wir saßen mit Mühe auf. Unsere Pferde bäumten sich wie verrückt und wurden nur mit Mühe von Soldaten gehalten, die von allen Seiten herbeigelaufen waren. Niemand dachte damals daran, Gaspar Ruiz gefangenzunehmen. In den Augen von Menschen und Tieren loderte wilde Furcht. Mein General näherte sich Gaspar Ruiz, der regungslos wie eine Statue über dem Mädchen stand. Er ließ sich bei den Schultern rütteln, ohne die Augen von ihrem Gesicht zu lassen. ›Que guape!‹ brüllte ihm der General ins Ohr. ›Du bist ein mordsbraver Kerl, du hast mein Leben gerettet. Ich bin General Robles, komm morgen in mein Quartier, wenn Gott es uns in Gnade vergönnt, einen neuen Tag zu sehen.‹ Er rührte sich nicht – als wäre er taub, gefühllos, unempfindlich. Wir ritten der Stadt zu und waren ganz beschäftigt mit unseren Verwandten, unseren Freunden, an deren Schicksal wir kaum zu denken wagten. Die Soldaten rannten neben unseren Pferden her. Alles war vergessen angesichts der ungeheuren Katastrophe, die über ein ganzes Land hereingebrochen war.« Gaspar Ruiz sah das Mädchen die Augen öffnen. Das Aufschlagen ihrer Augenlider schien ihn aus seinem Traum zu wecken. Sie waren allein; das entsetzte und verzweifelte Schreien der heimatlos gewordenen Leute füllte die Ebenen der weitgestreckten Küste und drang wie ein Flüstern in ihre Einsamkeit. Sie erhob sich und sandte furchtsame Blicke nach allen Seiten. »Was ist?« rief sie halblaut aus und starrte ihm ins Gesicht. »Wo bin ich?« Er beugte traurig und wortlos den Kopf. »... Wer seid Ihr?« Er kniete langsam vor ihr nieder und berührte den Saum ihres groben schwarzen Rockes. »Euer Sklave!« jagte er. Da erblickte sie den Haufen Gerümpel, der einst das Haus gewesen war, ganz verschwommen in einer Staubwolke. »Ah!« schrie sie auf und preßte die Hand an die Stirn. »Dort hab ich Euch herausgetragen«, flüsterte er zu ihren Füßen. »Und sie?« fragte sie in einem tiefen Seufzer. Er erhob sich, faßte ihren Arm und führte sie behutsam zu der unförmigen Ruine, die halb unter einem Erdrutsch verschüttet war. »Kommt horchen«, sagte er. Der klare Mond sah sie über den Haufen von Steinen, Balken und Ziegeln klettern, der ein Grab war. Sie preßten das Ohr an die Spalten und lauschten auf ein Stöhnen. Endlich meinte er: »Sie sind rasch gestorben. Ihr seid allein.« Sie setzte sich auf ein abgebrochenes Balkenende und legte einen Arm über ihr Gesicht. Er wartete, näherte dann seine Lippen ihrem Ohr und flüsterte: »Wir wollen fortgehen.« »Niemals – nie fort von hier«, schrie sie auf und warf die Arme hoch. Er beugte sich über sie, ihre erhobenen Arme fielen auf seine Schultern, er zog sie hoch und begann zu gehen, den Blick starr geradeaus gerichtet. »Was tut Ihr?« fragte sie schwach. »Ich entfliehe meinen Feinden«, antwortete er, ohne seine leichte Bürde anzublicken. »Mit mir«, seufzte sie hilflos. »Niemals ohne Euch«, gab er zurück. »Ihr seid meine Stärke.« Er preßte sie eng an sich. Sein Gesicht war ernst und seine Schritte waren fest. Die Brände, die in den Ruinen der zerstörten Dörfer ausbrachen, überstrahlten die Ebene mit rotem Feuerschein; und die fernen Wehklagen, die Schreie » Misericordia! Misericordia! « klangen ihm verzweiflungsvoll in die Ohren. Er schritt vorwärts, feierlich und beherrscht, als trüge er ein kostbares und zerbrechliches Heiligtum. Dann und wann zitterte die Erde unter seinen Füßen. IX Mit mechanisch sorgsamen Bewegungen und zerstreutem Ausdruck zündete sich General Santierra eine dicke und lange Zigarre an. »Es vergingen mehrere Stunden, bevor wir eine Patrouille zu der Schlucht zurücksenden konnten«, sagte er zu seinen Gästen. »Wir hatten ein Drittel der Stadt eingestürzt gefunden, das übrige durchschüttert und die Einwohner, reiche und arme, waren durch das allgemeine Unglück gleicherweise in Aufregung geraten. Der gemachten Zuversicht der einen widersprach die Verzweiflung anderer. In der allgemeinen Verwirrung tauchten ein paar kühne Diebe auf, ohne Furcht vor Gott und den Menschen, und wurden denen gefährlich, die aus dem Einsturz ihrer Häuser ein paar Wertsachen gerettet hatten. Bei jedem Erdstoß schrien diese Schufte › Misericordia ‹, lauter als die andern, schlugen sich mit der einen Hand auf die Brust, beraubten mit der andern irgendwelche Unglücklichen und scheuten selbst vor Mord nicht zurück. Die Division des Generals Robles hatte vollauf damit zu tun, die zerstörten Stadtviertel vor den Räubereien dieser Unmenschen zu schützen. Mich nahm meine Pflicht als Ordonnanzoffizier in Anspruch, und so konnte ich mich erst um die Morgenstunde davon überzeugen, daß meine eigene Familie in Sicherheit war. Meine Mutter und meine Schwester hatten aus dem Ballsaal, wo ich sie früh am Abend verlassen hatte, das nackte Leben gerettet. Ich sehe noch diese beiden prachtvollen jungen Frauen vor mir – Gott laß sie in Frieden ruhen –, als wäre es heute gewesen, wie sie, bleich, aber tätig, im Garten unseres zerstörten Hauses einigen unserer armen Nachbarn beistanden, in ihren zerfetzten Ballkleidern und den Staub eingestürzter Wände im Haar. Meine Mutter hatte die Seele einer Stoikerin in ihrem zarten Körper. Halb bedeckt mit einem kostbaren Schal, lag sie auf einer Gartenbank zur Seite eines Zierbrunnens, dessen Fontäne in dieser Nacht für immer zu spielen aufgehört hatte. Ich hatte kaum Zeit gefunden, sie alle in blinder Freude zu umarmen, als schon mein Chef daherkam und mich mit ein paar Soldaten zur Schlucht hinausschickte, um meinen starken Mann, wie er ihn nannte, und das bleiche Mädel einzubringen. Doch es war niemand da, den wir hätten einbringen können. Ein Erdrutsch hatte die Ruinen des Hauses verschüttet; das Ganze glich einem großen Erdhügel; nur da und dort sahen ein paar Balkenenden heraus – sonst nichts. So war dem Leid des alten Royalistenpaares ein Ende gemacht. Ein ungeheueres und ungeweihtes Grab hatte sie lebend verschlungen samt ihrem hartnäckigen Widerstand gegen den Willen eines Volkes, das frei sein wollte. Und ihre Tochter war fort. Daß Gaspar Ruiz sie fortgeführt hatte, verstand ich sehr wohl. Da der Fall aber nicht vorgesehen war, so hatte ich keinen Befehl, sie zu verfolgen; und außerdem hatte ich auch keine Lust dazu. Ich hatte das Zutrauen zu meinen Einmischungen verloren. Sie waren nie von Erfolg begleitet gewesen und hatten oft sogar den Schein gegen sich gehabt. Er war fort. Gut. Laß ihn gehen. Und hatte das Royalistenmädel mitgenommen. Nichts besser als das. Vaya con Dios . Es war nicht der Augenblick, sich wegen eines Deserteurs aufzuregen, der mit oder ohne Recht hätte tot sein sollen, und wegen des Mädchens, für das es besser gewesen, wenn es nie geboren worden wäre. So marschierte ich mit meinen Leuten zur Stadt zurück. Nach einigen Tagen war die Ordnung wiederhergestellt, und die ersten Familien, einschließlich meiner eigenen, reisten nach Santiago. Dort hatten wir ein schönes Haus. Zur gleichen Zeit bezog die Division Robles neue Kantonnements in der Nähe der Hauptstadt. Dieser Wechsel paßte mir ausgezeichnet wegen meiner häuslichen und verliebten Gefühle. Eines Nachts wurde ich ziemlich spät zu meinem Chef gerufen. Ich fand General Robles in seinem Quartier, ganz bequem, ohne Uniform; er trank reinen Brandy aus einem großen Glas – als Vorsichtsmaßregel, wie er sagte, gegen die Schlaflosigkeit, die ihm die Moskitostiche verursachten. Er war ein guter Soldat und lehrte mich die Kunst und Praxis des Krieges. Gott war sicher seiner Seele gnädig; denn seine Beweggründe waren nie anders als patriotisch, wenn er auch jähzornig war. Den Gebrauch von Moskitonetzen hielt er für weibisch, schandbar, eines Soldaten unwürdig. Ich bemerkte auf den ersten Blick, daß sein schon sehr rotes Gesicht den Ausdruck bester Laune zeigte. ›Ah ha! Señor tenienta ‹, schrie er laut, als ich an der Tür salutierte. ›Passen Sie auf! Ihr starker Mann ist wieder aufgetaucht!‹ Er reichte mir einen zusammengefalteten Brief, der an den ›Oberbefehlshaber der republikanischen Armeen‹ adressiert war. ›Das‹, fuhr General Robles mit seiner lauten Stimme fort, ›wurde von einem Buben einem Posten beim Hauptquartier in die Hand gedrückt, während der Kerl dastand und wohl an sein Mädel dachte, – denn bevor er noch seine fünf Sinne beisammen hatte, war der Junge unter den Marktleuten verschwunden, und er schwört, daß er ihn nicht wiedererkennen könnte, und wenn's seinen Kopf gälte.‹ Mein Chef sagte mir weiter, daß der Soldat den Brief dem Sergeanten gegeben und daß er endlich den Weg zu unserem Generalissimus gefunden hatte. Seine Exzellenz hatten geruht, mit eigenen Augen davon Kenntnis zu nehmen. Hierauf hatte er die Angelegenheit General Robles anvertraut. An den Brief, Señores, kann ich mich jetzt nicht mehr wörtlich erinnern. Ich sah die Unterschrift: Gaspar Ruiz. Er war ein kühner Bursche. Er hatte sich aus einem Weltaufruhr heraus eine Seele gerettet, und nun war es diese Seele, die ihm diesen Brief eingab. Der Ton war ziemlich selbstbewußt. Ich erinnere mich, daß er mir damals den Eindruck von Adel und Würde machte. Es war ganz zweifellos ihr Brief. Heute schaudere ich bei dem Gedanken an die abgrundtiefe Zweideutigkeit. Gaspar Ruiz beklagte sich über die Ungerechtigkeit, deren Opfer er gewesen war. Er erinnerte an seine früher bewährte Treue und an seinen Mut. Nachdem er durch das wunderbare Eingreifen der Vorsehung vom Tode errettet worden sei, bleibe ihm nur der Gedanke, seine Ehre reinzuwaschen. Das, schrieb er, könne er nicht hoffen, in der Truppe zu erreichen, als Verrufener, an dem noch immer ein Verdacht hafte. Er habe die Möglichkeit, einen offensichtlichen Beweis seiner Treue zu erbringen. Und er schloß mit dem Vorschlag, der Oberbefehlshaber möge ihm um Mitternacht auf der Plaza vor der Münze eine Zusammenkunft bewilligen. Das Zeichen sollte ein dreimaliges Feuerschlagen mit Stahl und Stein sein. Das war nicht zu auffallend und doch deutlich genug zum Erkennen. San Martin, der große Befreier, liebte Männer von Kühnheit und Mut. Außerdem war er gerecht und mitleidig. Ich sagte ihm alles, was ich von des Mannes Geschichte wußte, und erhielt den Befehl, ihn in der bestimmten Nacht zu begleiten. Die Zeichen wurden richtig ausgetauscht. Es war Mitternacht, und die ganze Stadt lag dunkel und schweigend da. Die verhüllten Gestalten der beiden kamen im Mittelpunkt der weiten Plaza zusammen; ich hielt mich diskret abseits und lauschte eine Stunde oder mehr ihren murmelnden Stimmen. Dann winkte mir der General, näher zu kommen, und als ich das tat, hörte ich, wie San Martin, der gegen hoch und niedrig gleich höflich war, Gaspar Ruiz für diese Nacht die Gastfreundschaft des Hauptquartiers anbot. Doch der Soldat lehnte ab mit dem Bemerken, daß er dieser Ehre nicht würdig sei, bevor er irgend etwas getan habe. ›Euer Exzellenz kann nicht einen gemeinen Deserteur zu Gast haben,‹ meinte er mit leisem Lachen, trat zurück und verschwand langsam in der Nacht. Der Oberbefehlshaber sagte zu mir, während wir weggingen: ›Er hatte jemand bei sich, unser Freund Ruiz. Ich sah einen Augenblick lang zwei Gestalten. Es war ein unauffälliger Kumpan.‹ Auch ich hatte gesehen, wie sich eine zweite Gestalt zu Gaspar Ruiz gesellte, anscheinend ein kleiner Kerl, in einem Poncho und einem großen Hut. Und ich dachte noch in dummem Staunen darüber nach, wen er wohl in sein Vertrauen gezogen haben mochte. Ich hätte mir wohl denken können, daß es niemand sonst gewesen sein konnte als dieses Unglücksmädel. Wo er sie versteckt hielt, das weiß ich nicht. Er hatte – das wurde nachher bekannt – einen Onkel, den Bruder seiner Mutter, einen kleinen Krämer, in Santiago. Vielleicht fand sie dort Nahrung und Obdach. Doch was immer sie auch fand, es war armselig genug, um ihren Stolz zur Verzweiflung zu bringen und ihren Ärger und Haß lebendig zu erhalten. Sicher ist, daß sie ihn bei dem Handstreich begleitete, den er zunächst auf sich genommen hatte. Es handelte sich um nichts weniger als um die Zerstörung eines Magazins voll Kriegsmaterial, das die spanischen Behörden im Süden heimlich angelegt hatten, in einer Stadt namens Linares. Man hatte Gaspar Ruiz nur einen kleinen Trupp anvertraut. Doch sie zeigten sich des Vertrauens würdig, das San Martin in sie gesetzt hatte. Die Jahreszeit war nicht günstig. Sie mußten hochgehende Flüsse durchschwimmen. Es scheint, daß sie Tag und Nacht durchgaloppierten, um vor der Nachricht ihres Einfalls einen Vorsprung zu erhalten, kerzengerade auf die Stadt los, ungefähr hundert Meilen in Feindesland, bis sie endlich bei Tagesanbruch mit dem Säbel in der Hand einrückten und die kleine Garnison überraschten. Diese floh ohne standzuhalten und ließ die meisten ihrer Offiziere in Gaspar Ruiz' Händen. Eine große Pulverexplosion räumte mit den Magazinen auf, die die Plünderer sofort in Brand gesetzt hatten. In weniger als sechs Stunden ritten sie schon in dem gleichen verrückten Tempo zurück, ohne einen Mann verloren zu haben. Wenn es auch gute Leute waren, so gelingt so ein Streich doch nicht ohne eine noch bessere Führung. Ich war eben im Hauptquartier beim Abendessen, als Gaspar Ruiz selbst die Nachricht von seinem Erfolg brachte. Und es war ein böser Schlag für die königlichen Truppen. Zum Beweis entfaltete er vor uns die Flagge der Garnison. Er nahm sie unter seinem Poncho heraus und warf sie auf den Tisch. Der Mann war umgewandelt. Aus seinem Gesicht sprach Triumph und etwas wie Drohung. Er stand hinter General San Martins Stuhl und sah uns alle stolz an. Er hatte eine runde blaue Kappe, mit Silberborten verbrämt, auf dem Kopf, und wir alle konnten auf dem Ansatz seines sonnverbrannten Nackens eine breite weiße Narbe sehen. Irgend jemand fragte ihn, was er mit den gefangenen spanischen Offizieren getan habe. Er zuckte verächtlich die Schultern: ›Komische Frage! In einem Kleinkrieg lädt man sich doch nicht Gefangene auf den Hals. Ich ließ sie laufen – und hier sind ihre Säbelquasten.‹ Er warf ein Bündel davon auf den Tisch über die Fahne. Dann sagte General Robles, mit dem ich gekommen war, mit seiner lauten, polternden Stimme. ›Tatest du das! Dann, mein guter Freund, weißt du noch nicht, wie ein Krieg wie der unsere geführt sein will. Du hättest es anders machen müssen – so!‹ Und er fuhr mit der Kante seiner Hand über die eigene Kehle. Ach ja, Señores! es war leider nur zu wahr, daß auf beiden Seiten dieser Kampf, der im Grunde so heldenhaft war, durch Grausamkeiten geschändet wurde. In dem Gemurmel, das sich bei General Robles' Worten erhob, klang durchaus nicht einstimmiger Widerspruch mit. Doch der vornehme und tapfere San Martin lobte die menschliche Tat und wies Ruiz einen Platz zu seiner Rechten an. Dann erhob er sich mit einem vollen Glas in der Hand und schlug einen Toast vor: ›Caballeros und Waffengefährten, wir wollen auf das Wohl das Kapitäns Gaspar Ruiz trinken!‹ Und als wir unsere Gläser geleert hatten, fuhr der Oberbefehlshaber fort: ›Ich beabsichtige, ihm die Bewachung unserer Südgrenze anzuvertrauen, während wir fortgehen, um unsere Brüder in Peru zu befreien. Die Feinde konnten nicht verhindern, daß er ihnen mitten im eigenen Land eine schwere Schlappe beibrachte; um so besser wird er es verstehen, die friedliche Bevölkerung zu schützen, die wir hinter uns lassen, um unserer heiligen Aufgabe nachzugehen.‹ Und er umarmte den schweigsamen Gaspar Ruiz an seiner Seite. Später, als wir uns alle vom Tisch erhoben, näherte ich mich dem letzternannten Offizier der Armee mit meinen Glückwünschen. ›Und, Kapitän Ruiz‹, fügte ich hinzu, ›vielleicht möchten Sie einem Mann, der immer an die Fleckenlosigkeit Ihres Charakters geglaubt hat, verraten, was in jener Nacht aus Doña Erminia wurde?‹ Bei dieser freundlichen Frage änderte sich sein Gesicht. Er sah mich unter den dichten Brauen mit dem scheuen stumpfen Blick eines Guasso an – eines Bauern. › Señor tenienta ‹, sagte er steif und augenscheinlich gedrückt, ›fragen Sie nicht nach der Señorita, denn ich denke lieber nicht an sie, während ich unter Ihnen bin.‹ Dabei sah er mit gerunzelter Stirn durch den Raum voller rauchender und plaudernder Offiziere. Natürlich drang ich nicht weiter in ihn. Das, Señores, waren die letzten Worte, die ich für lange, lange Zeit von ihm hören sollte. Gleich am nächsten Tag brachen wir zu unserm kühnen Zug nach Peru auf und hörten von Gaspar Ruiz' Taten nur mitten zwischen unsern eigenen Kämpfen. Er war zum Militärgouverneur unserer Südprovinz ernannt worden. Er sammelte eine Partida. Doch seine Milde gegen die unterworfenen Feinde mißfiel dem Zivilgouverneur, der ein förmlicher, unbequemer Herr voller Mißtrauen war. Er sandte an die Oberste Statthalterei Berichte ein, die Gaspar Ruiz feindlich waren; einer davon ging dahin, daß er öffentlich mit großem Pomp eine Frau von königstreuer Gesinnung geheiratet habe. Zwischen diesen beiden Männern von so ganz verschiedenem Charakter konnten Zwistigkeiten nicht ausbleiben. Schließlich begann sich der Zivilgouverneur über seine Untätigkeit zu beklagen und auf Verrat anzuspielen, der ja, wie er schrieb, bei einem Mann von solchem Vorleben nicht überraschend wäre. Gaspar Ruiz hörte davon. Seine Wut loderte auf, und die Frau an seiner Seite wußte sie wohl mit den rechten Worten zu schüren. Ich weiß nicht, ob wirklich der Oberste Statthalter Befehl gab, ihn gefangenzusetzen – worüber er sich später beschwerte. Sicher scheint es, daß der Zivilgouverneur mit seinen Offizieren zu intrigieren begann und daß Gaspar Ruiz dahinterkam. Eines Abends, als der Gouverneur eine Tertulia gab, erschien Gaspar Ruiz in der Stadt, von sechs Leuten gefolgt, auf die er sich verlassen konnte, ritt vor die Tür des Gouverneursgebäudes und betrat die Sala bewaffnet, den Hut auf dem Kopf. Als der Gouverneur ihm unwillig entgegentrat, da faßte er den kümmerlichen Mann um den Leib, trug ihn aus der Mitte der Geladenen fort wie ein Kind und warf ihn über die Außentreppe auf die Straße hinunter. Ein ärgerlicher Stoß von Gaspar Ruiz genügte, um aus einem Riesen das Leben herauszubeuteln; doch zum Überfluß feuerten Gaspar Ruiz' Reiter noch ihre Pistolen auf den Leib des Gouverneurs ab, der leblos am Fuß der Treppe lag.« X »Nach diesem Akt der Gerechtigkeit, wie er es nannte, überschritt Ruiz den Rio Blanco, von dem größeren Teile seiner Schar gefolgt, und verschanzte sich auf einem Hügel. Eine Kompanie regulärer Truppen, die blindlings gegen ihn ausgeschickt worden war, wurde umzingelt und fast bis zum letzten Mann vernichtet. Andere Expeditionen, obwohl besser geleitet, blieben in gleicherweise erfolglos. Es war zur Zeit dieser blutigen Scharmützel, daß sein Weib erstmals an seiner Seite zu Pferde erschien. Stolz und zuversichtlich gemacht durch seine Erfolge, stürmte Ruiz nicht länger an der Spitze seiner Partida vor, sondern blieb wie ein General, der die Bewegungen einer Armee leitet, im Rücken der Truppe auf irgendeinem Hügel, gut beritten und reglos, und sandte seine Befehle aus. Sie wurde zu wiederholten Malen an seiner Seite gesehen und wurde vielfach für einen Mann gehalten. Es gab damals viel Gerede über einen blaßgesichtigen Anführer, dem die Niederlagen unserer Truppen zugeschrieben wurden. Sie ritt wie eine Indianerfrau im Herrensattel und trug einen breitrandigen Männerhut und einen dunklen Poncho. Später, in den Tagen ihres höchsten Erfolges, war dieser Poncho mit Gold gestickt, und sie trug dann auch den Säbel des armen Don Antonio de Leyva. Dieser alte chilenische Offizier hatte das Unglück gehabt, mit seiner kleinen Schar umzingelt zu werden; dann war ihm die Munition ausgegangen, und er hatte von den Händen der Arauko-Indianer, der Verbündeten und Hilfstruppen von Gaspar Ruiz, den Tod gefunden. Das war die fatale Episode, die noch lange nachher unter dem Namen ›Das Massaker vom Eiland‹ in Erinnerung blieb. Das Schwert des unglücklichen Offiziers wurde ihr von Peneleo, dem Häuptling der Araukaner, geschenkt; denn auf diese Indianer wirkte ihr Anblick, die tödliche Blässe ihres Antlitzes, der scheinbar kein Wetter etwas anhaben konnte, und ihre ruhige Gleichgültigkeit im Feuer so mächtig, daß sie sie für ein übernatürliches Wesen oder doch wenigstens für eine Zauberin hielten. Durch diesen Aberglauben wurde der persönliche Einfluß und die Macht von Gaspar Ruiz über diese unwissenden Leute wesentlich erhöht. Sie muß ihre Rache voll ausgekostet haben an dem Tage, als sie den Säbel des Don Antonio de Leyva anlegte. Er war immer an ihrer Seite, außer wenn sie Frauenkleidung anzog – nicht, daß sie ihn je hätte gebrauchen können oder wollen; aber sie liebte es, ihn an ihrer Seite zu fühlen, als eine stete, symbolische Erinnerung an die schmähliche Niederlage der republikanischen Waffen. Sie war unersättlich. Und dann gibt es ja auf dem Pfade, auf den sie Gaspal Ruiz gebracht hatte, kein Einhalten. Entronnene Gefangene – und es gab nicht viele davon – erzählten oft, wie sie es mit wenigen geflüsterten Worten fertigbrachte, seinen Gesichtsausdruck zu verändern und seinen heißen Zorn wieder anzufachen. Sie erzählten, wie er nach jedem Scharmützel, nach jedem Handstreich, nach jedem erfolgreichen Streifzug nahe zu ihr ritt und ihr ins Gesicht sah, dessen hoheitsvolle Ruhe ewig gleich blieb. Ihre Umarmung, Señores, muß kalt gewesen sein wie die einer Statue. Er versuchte ihr eisiges Herz in einem Strom heißen Blutes zu schmelzen. Ein paar englischen Offizieren, die ihn zu jener Zeit besuchten, fiel seine eigenartige Verblendung auf.« General Santierra schwieg einen Augenblick, als er sah, wie sich unter seinen Zuhörern Überraschung und Neugierde zeigten. »Jawohl – englische Marineoffiziere«, wiederholte er. »Ruiz hatte eingewilligt, sie zu empfangen, um wegen der Freilassung einiger Gefangenen ihrer Nationalität zu verhandeln. In dem Gebiet, das er beherrschte, von der Meeresküste bis zu den Kordilleren, lag eine Bai, in der die Schiffe jener Zeit, nach der Fahrt um das Kap Horn, anzulegen pflegten, um Holz und Wasser einzunehmen. Da hatte er die Besatzung an Land gelockt und zunächst die Walfischfängerbrigg ›Hersalia‹ und später noch zwei weitere Schiffe überrumpelt und gekapert, ein englisches und ein amerikanisches. Damals ging das Gerücht, daß er daran dachte, sich eine eigene Flotte zu schaffen. Doch das war natürlich unmöglich. Er bemannte jedoch die Brigg mit einem Teil ihrer eigenen Besatzung, schickte einen Offizier und eine beträchtliche Schar seiner eigenen Leute an Bord und sandte sie zu dem spanischen Gouverneur der Insel Chiloé mit einem Bericht über seine Taten und der Bitte um Beistand in dem Krieg gegen die Rebellen. Der Gouverneur konnte nicht viel für ihn tun: schickte ihm aber, als Antwort, zwei leichte Feldgeschütze, einen schmeichelhaften Brief mit der Ernennung zum Obersten der königlichen Truppen und eine spanische Flagge. Diese wurde mit großem Pomp an seinem Haus mitten im Araukoland gehißt. Damals mag sein Weib wohl ihrem Guassogemahl mit einer weniger hochmütigen Zurückhaltung zugelächelt haben. Der rangälteste Offizier des englischen Geschwaders an unserer Küste machte unserer Regierung wegen dieser Kapereien Vorwürfe. Doch Gaspar Ruiz lehnte es ab, mit uns zu verhandeln. Dann fuhr eine englische Fregatte nach der Bai, und der Kapitän, der Doktor und zwei Schiffsleutnants reisten mit freiem Geleit ins Innere. Sie wurden gut aufgenommen und waren drei Tage lang die Gäste des Bandenführers. In seiner Residenz herrschte ein gewisser barbarisch kriegerischer Prunk. Die Einrichtung stammte aus den Plünderungen der Grenzstädte. Als sie zum ersten Male in die Sala geführt wurden, sahen sie sein Weib auf einem Ruhelager (sie befand sich damals nicht wohl), zu dessen Füßen Gaspar Ruiz saß. Sein Hut lag auf dem Boden, und seine Hände ruhten auf dem Säbelgriff. Während dieser ersten Unterredung nahm er die Hände keinen Augenblick lang vom Säbelgriff; nur einmal ordnete er mit zärtlichen, behutsamen Bewegungen die Decken über ihr. Sie bemerkten, daß er, wenn er sprach, die Augen mit einer Art erwartungsvoller, atemloser Spannung auf sie richtete und augenscheinlich die Welt und sich selbst vergaß. Im Verlaufe des Banketts, dem sie auf ihr Lager zurückgelehnt beiwohnte, brach er in heftige Klagen über die Behandlung aus, die er erfahren hatte. Nach General San Martins Abreise war er von Spionen umgeben, von den Zivilbeamten verleumdet, seine Dienste waren nicht anerkannt und seine Freiheit und sogar sein Leben von der chilenischen Regierung bedroht worden. Er stand vom Tisch auf, donnerte Verwünschungen, während er wild den Raum durchmaß; dann setzte er sich auf das Lager zu Füßen seines Weibes, mit schwer arbeitender Brust, die Augen auf den Boden gerichtet. Sie lag auf dem Rücken, das Haupt auf den Kissen, die Augen fest geschlossen. »Und jetzt bin ich ein geehrter spanischer Offizier«, fügte er mit ruhiger Stimme hinzu. Da benutzte der Kapitän der englischen Fregatte eine Pause, um ihm freundlich mitzuteilen, daß Lima gefallen war und daß sich die Spanier, einem getroffenen Abkommen gemäß, aus dem ganzen Kontinent zurückzogen. Gaspar Ruiz hob den Kopf und erklärte ohne Zögern mit verhaltener Erregung, daß er den Kampf gegen Chile bis zum letzten Blutstropfen durchhalten wolle, auch wenn nicht ein einziger spanischer Soldat in ganz Südamerika übrigbliebe. Als er diese verrückte Tirade beendet hatte, da hob sich die lange, weiße Hand seines Weibes, und sie streichelte für den Bruchteil einer Sekunde mit den Fingerspitzen sein Knie. Für den Rest des Aufenthaltes der Offiziere, der sich auf nicht mehr als eine halbe Stunde nach dem Bankett erstreckte, war dieser blutdürstige Anführer einer verzweifelten Partida von einer überströmenden Liebenswürdigkeit und Güte. Er war vorher gastlich gewesen, doch nun schien es, als könne er nicht genug tun für die bequeme und sichere Rückreise seiner Besucher zu ihrem Schiff. Es stand dies, wie man mir nachher erzählt hat, im verblüffendsten Gegensatz zu seiner Heftigkeit von kurz vorher und zu seiner sonstigen schweigsamen Zurückhaltung. Wie ein Mann, den ein unverhofftes Glück über alle Maßen beseligt, überbot er sich an liebenswürdiger Bereitwilligkeit und allerlei Aufmerksamkeiten. Er umarmte die Offiziere wie Brüder, fast mit Tränen in den Augen. Die freigelassenen Gefangenen wurden, jeder mit einem Goldstück beschenkt. Im letzten Augenblick erklärte er plötzlich, daß er es für seine Pflicht halte, den Kapitänen der Handelsschiffe ihr persönliches Eigentum zurückzugeben. Diese unerwartete Großmut hatte eine Verzögerung des Aufbruchs zur Folge, und die erste Etappe war sehr kurz. Spätabends kam Gaspar Ruiz mit einer Eskorte bei ihren Lagerfeuern angeritten und führte ein Maultier mit, das mit Weinkisten beladen war. Er sei gekommen, erklärte er, mit seinen englischen Freunden, die er nie wiedersehen würde, einen Steigbügeltrunk zu teilen. Er schien weich und dabei fröhlich gestimmt. Er erzählte von seinen Abenteuern, lachte wie ein Junge, dann lieh er sich von dem ersten Maultiertreiber der Engländer eine Gitarre, setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf seinen feinen Poncho, den er vor dem verglimmenden Feuer ausgebreitet hatte, und sang mit weicher Stimme ein Guasso-Liebeslied, dann ließ er den Kopf auf die Brust, die Hände zu Boden sinken, die Gitarre glitt ihm von den Knien und ein drückendes Schweigen legte sich über das Lager nach dem Liebesgesang des wilden Bandenführers, der so viele Tränen über zerstörte Heimstätten oder vernichtetes Liebesglück verschuldet hatte. Bevor irgend jemand ein Wort sagen konnte, sprang er auf und rief nach seinem Pferd. ›Adios, meine Freunde‹, sagte er, ›geht mit Gott – ich liebe euch – und sagt es denen in Santiago, daß zwischen Gaspar Ruiz, Oberst des Königs von Spanien, und den republikanischen Aaskrähen in Chile Krieg ist bis zum letzten Atemzug. Krieg! Krieg! Krieg!‹ Mit dem wilden Schrei ›Krieg! Krieg! Krieg!‹, den seine Eskorte aufnahm, ritten sie davon, und der Klang der Hufe und Stimmen verhallte zwischen den weiten Schluchten und Hügeln. Die beiden jungen englischen Offiziere waren davon überzeugt, daß Ruiz verrückt sei. Wie nennen Sie das? – eine Schraube los – wie? Der Doktor aber, ein Schotte, der scharfsinnig beobachtete und gern philosophierte, sagte mir, es sei ein ganz merkwürdiger Fall von Besessenheit gewesen. Ich traf ihn viele Jahre später, doch er erinnerte sich noch sehr gut an den Vorfall. Er sagte mir auch, daß seiner Ansicht nach jenes Weib Gaspar Ruiz nicht durch offene Überredung zu seinem blutigen Verrat gebracht habe, sondern dadurch, daß sie in seinem einfachen Gemüt in feiner Weise die brennende Empfindung weckte und lebendig erhielt, es sei ihm ein nie wieder gutzumachendes Unrecht geschehen. Das mag schon so sein. Ich möchte sagen, daß sie die Hälfte ihrer rachedurstigen Seele in den starken Leib dieses Mannes gegossen hat, wie man Rausch, Irrsinn, Gift in eine leere Schale gießt. Da er den Krieg wollte, so bekam er ihn allen Ernstes zu spüren, als unsere siegreiche Armee aus Peru zurückkehrte. Man begann gegen diesen Schandfleck auf der Ehre und dem Ruhm unserer hart erkämpften Unabhängigkeit planmäßig vorzugehen. General Robles führte das Kommando mit seiner wohlbekannten, rücksichtslosen Strenge. Auf beiden Seiten griff man zu grausamen Mitteln, und Pardon wurde nicht gegeben. Ich war in dem peruanischen Feldzug avanciert und war damals Kapitän des Stabes. Gaspar Ruiz fand sich hart bedrängt; wir erfuhren von einem flüchtigen Priester, den man im Galopp aus seiner Dorfpfarrei achtzig Meilen weit in die Berge entführt hatte, damit er die Taufzeremonie vollziehe, daß ihm eine Tochter geboren sei. Vermutlich um das Ereignis zu feiern, vollbrachte Ruiz ein oder zwei glänzend durchgeführte Überfälle genau im Rücken unserer Truppen und vernichtete die Abteilungen, die wir ausgeschickt hatten, um ihm den Rückzug abzuschneiden. General Robles hatte vor Wut beinahe einen Schlaganfall. Er fand einen andern Grund, für die Schlaflosigkeit als die Moskitostiche; doch gegen diese, Señores, blieben ganze Humpen von reinem Brandy wirkungslos wie Wasser. Er begann mich wegen meines ›starken Mannes‹ zu hänseln und anzufahren. Und unsere Ungeduld, diesen unrühmlichen Krieg zu beenden, hatte, fürchte ich, zur Folge, daß wir jungen Offiziere alle waghalsig wurden und anfingen, uns blindlings in unnötige Gefahr zu stürzen. Trotz all dem schlossen sich langsam, Zoll um Zoll, unsere Kolonnen rings um Gaspar Ruiz, obwohl er es fertiggebracht hatte, den ganzen Stamm der wilden Arauko-Indianer gegen uns aufzuwiegeln. Dann brachte, nach einem Jahr oder noch später, unsere Regierung durch ihre Agenten und Spione in Erfahrung, daß er im Begriff sei, mit Carreras, dem sogenannten Diktator der sogenannten Republik Mendoza, jenseits der Berge ein Bündnis einzugehen. Ob Gaspar Ruiz dabei eine tiefere politische Absicht hatte, oder ob er nur seinem Weib und Kind einen ungefährdeten Rückzug sichern wollte, während er selbst mit Überfällen und Metzeleien rücksichtslos seinen Krieg gegen uns fortführte – das kann ich nicht sagen. Das Bündnis war jedenfalls Tatsache. Da ihm ein Versuch, unser Vordringen von der See her aufzuhalten, mißlang, so zog er sich mit der gewohnten Schnelligkeit zurück, und bevor er zu einem neuen tollkühnen Schlag ausholte, schickte er seine Frau und das kleine Mädchen über das Pequenagebirge an die Küste von Mendoza.« XI »Nun war aber Carreras, unter der Maske eines liberalen Politikers, ein Schuft der schlimmsten Sorte, und der unglückliche Staat von Mendoza war eine Beute der Diebe, Räuber, Verräter und Mörder, die seine Partei bildeten. Äußerlich vornehm, hatte er weder Herz noch Mitgefühl, Ehre oder Gewissen. Tyrannische Herrschsucht war sein einziges Verlangen, und wenn er auch Gaspar Ruiz für seine nichtswürdigen Pläne hätte gebrauchen können, so kam er doch bald darauf, daß es für seine Zwecke dienlicher sei, der chilenischen Regierung entgegenzukommen. Ich schäme mich einzugestehen, daß er unserer Regierung den Vorschlag machte, unter gewissen Bedingungen das Weib und das Kind des Mannes, der seinem Wort vertraut hatte, auszuliefern. Und daß dieser Vorschlag angenommen wurde. Auf ihrem Weg nach Mendoza über den Pequenapaß wurden sie von ihrer Eskorte, die aus Carreras-Leuten bestand, verraten und dem kommandierenden Offizier eines chilenischen Forts im Hochland, am Fuß der Hauptkette der Kordilleren, übergeben. Dies grausame Vorgehen hätte mir teuer zu stehen kommen können, denn ich war gerade als Gefangener in Gaspar Ruiz' Händen, als er die Nachricht erhielt. Ich war während einer Rekognoszierung gefangengenommen worden; die wenigen Soldaten, die ich bei mir gehabt hatte, waren unter den Speerwürfen der Indianer seiner Leibwache gefallen. Vor dem gleichen Schicksal bewahrte mich nur der Umstand, daß er mich noch rechtzeitig erkannte. Meine Freunde hielten mich zweifellos für tot, und ich selbst hätte für mein Leben nicht viel gegeben. Doch der starke Mann behandelte mich ausgezeichnet, weil ich, wie er sagte, stets an seine Unschuld geglaubt und ihm hatte helfen wollen, als er ein Opfer der Ungerechtigkeit war. ›Und nun‹, sagte er mir, ›sollen Sie sehen, daß ich immer die Wahrheit spreche. Sie sind in Sicherheit.‹ Ich hatte nicht das Gefühl, daß ich so ganz in Sicherheit sei, als ich eines Nachts zu ihm gerufen wurde. Er rannte wie ein wildes Tier auf und ab und schrie: ›Verraten! Verraten!‹ Dann kam er mit geballten Fäusten auf mich los. ›Ich könnte dir die Kehle durchschneiden.‹ ›Wird dir das dein Weib wiederschaffen?‹ fragte ich ihn so ruhig wie möglich. ›Und das Kind!‹ brüllte er auf, wie verrückt. Er ließ sich in einen Sessel fallen und lachte, ein gräßlich wildes Lachen. ›O nein. Du bist sicher.‹ Ich versicherte ihm, daß auch das Leben seines Weibes nicht gefährdet sei; das eine aber, wovon ich fest überzeugt war, sagte ich ihm nicht. Daß er sie nie wiedersehen würde. Er wollte Krieg bis zum Tod. Und der Krieg konnte nur mit seinem Tod enden. Er sandte mir einen sonderbaren, unerklärlichen Blick zu und murmelte mechanisch vor sich hin: ›In ihren Händen. In ihren Händen.‹ Ich verhielt mich still, wie eine Maus vor der Katze. Plötzlich sprang er auf. ›Was tu' ich hier?‹ schrie er. Dann riß er die Tür auf und brüllte den Befehl zum Satteln und Aufsitzen hinaus. ›Was ist denn?‹ stammelte er und kam auf mich zu. ›Das Pequenafort; ein Palisadenfort. Nichts. Ich würde sie wiederkriegen und wäre sie ganz zuunterst in den Bergen versteckt.‹ Zu meiner Verblüffung fügte er, mit sichtlicher Überwindung, hinzu: ›Ich habe sie in meinen Armen fortgetragen, als die Erde bebte. Und das Kind wenigstens gehört mir; das wenigstens gehört mir!‹ Das waren sonderbare Worte; doch zum Nachdenken hatte ich keine Zeit. ›Sie kommen mit mir‹, sagte er heftig. ›Ich muß vielleicht unterhandeln, und jedem andern Boten von Ruiz, dem Geächteten, würde man den Hals durchschneiden. ‹ Das war durchaus richtig. Zwischen ihm und dem Rest der empörten Menschheit konnte es nach ehrlichem Kriegsbrauch keine Verständigung mehr geben. In weniger als einer halben Stunde waren wir im Sattel und rasten wild durch die Nacht. Er hatte nur eine Eskorte von zwanzig Mann bei sich, wollte jedoch keine Verstärkung abwarten, sondern sandte nur an Peneleo, den Indianerhäuptling, der gerade in den Vorbergen lagerte, die Botschaft, er solle mit seinen Kriegern ins Hochland kommen und bei dem ›Wasserauge‹ genannten See, an dessen Ufern das Pequenafort lag, zu ihm stoßen. Wir kreuzten das Flachland mit der rastlosen Schnelligkeit, durch die Gaspar Ruiz' Ritte so berühmt waren und folgten den tieferen Tälern bis hinauf zu den steilen Wänden. Der Weg war nicht gefahrlos. An einer senkrechten Basaltwand mit scharfen Vorsprüngen zog sich die Straße hin wie ein schmales Gesims, bis wir endlich aus dem Düster einer tiefen Schlucht auf das Hochland von Pequena kamen. Es war eine Ebene, mit hartem, grünem Gras und mageren, blühenden Büschen bestanden; doch hoch über uns lag Schnee in den Rissen und Spalten der mächtigen Felswände. Der kleine See war rund wie ein erstauntes Auge. Die Garnison des Forts war eben dabei, die kleine Viehherde einzutreiben, als wir auftauchten. Dann schlugen die großen Holztore zu, und die viereckige Umzäunung aus breiten altersschwarzen Bohlen starrte uns entgegen, schien nichts zu bergen als die strohgedeckten Hütten innerhalb, schien verlassen, leer, ohne eine menschliche Seele. Doch als sie von einem Mann, der auf Gaspar Ruiz' Befehl furchtlos vorritt, aufgefordert wurden, sich zu ergeben, da antworteten die von drinnen mit einer Salve, die Pferd und Reiter zu Boden warf. Ich hörte, wie Gaspar Ruiz neben mir mit den Zähnen knirschte. ›Macht nichts‹, sagte er. ›Jetzt gehen Sie.‹ Wenn meine Uniform auch zerfetzt und fadenscheinig war, so wurden doch die Überbleibsel anerkannt, und man erlaubte mir, auf Sprechweite nahe zu kommen; und dann mußte ich warten, da durch eine Schießscharte laute Ausrufe freudiger Überraschung tönten und mich nicht zu Worte kommen ließen. Es war die Stimme des Majors Pajol, eines alten Freundes. Er hatte, wie meine anderen Kameraden, mich längst tot geglaubt. ›Gib deinem Gaul die Sporen, Mensch‹, brüllte er in höchster Aufregung, ›wir werden das Tor vor dir aufmachen.‹ Ich ließ die Zügel fallen und schüttelte den Kopf. ›Ich habe mein Wort gegeben‹, rief ich zurück. ›Dem dort‹, schrie er mit grenzenloser Verachtung. ›Er sichert euch das Leben zu.‹ ›Unser Leben gehört uns. Und du, Santierra, willst uns raten, uns dem Rastrero zu ergeben?‹ ›Nein‹, erwiderte ich. ›Aber er will sein Weib und Kind und kann euch vom Wasser abschneiden.‹ ›Dann würden sie zuerst darunter leiden. Das kannst du ihm sagen. Schau her – das ist alles Unsinn; wir rennen hinaus und nehmen dich gefangen.‹ ›Ihr sollt mich nicht lebend haben‹, sagte ich fest. ›Trottel!‹ ›Um Gottes willen‹, fuhr ich hastig fort, ›macht das Tor nicht auf.‹ Dabei wies ich auf die Scharen von Peneleos Indianern, die sich an den Seeufern drängten. Ich hatte nie so viele von diesen Wilden beisammen gesehen. Ihre Lanzen schienen zahlreich wie Grashalme. Und ihre rauhen Stimmen gaben ein wüstes, unbestimmtes Getöse, wie das Rauschen des Meeres. Mein Freund Pajol fluchte vor sich hin. ›Gut also – geh zum Teufel!‹ brüllte er, außer sich. Als ich aber kehrtmachte, bereute er es offenbar, denn ich hörte ihn hastig sagen: ›Schießt dem Narren den Gaul nieder, bevor er sich fortmacht.‹ Er hatte gute Schützen. Zwei Schüsse krachten, und mitten in der Wendung strauchelte mein Pferd, stürzte und lag still, wie vom Blitz getroffen. Ich hatte die Füße aus den Bügeln heraus und rollte weit fort; doch machte ich keinen Versuch, mich zu erheben. Und die andern wieder wagten es nicht, vorzukommen und mich hineinzuholen. Die Scharen der Indianer hatten sich gegen das Fort in Marsch gesetzt. Sie ritten in Haufen heran und ließen ihre langen ›chuzos‹ nachschleifen; dann saßen sie außer Schußweite ab, warfen ihre Pelzmäntel fort und gingen nackt zum Sturm vor, wobei sie im Takt mit den Füßen stampften und schrien. Dreimal brach eine Flammengarbe aus der Breitseite des Forts, ohne ihr stetes Vorrücken aufhalten zu können. Sie krochen gedrängt bis hart an die Palisaden und schwenkten ihre breiten Messer. Doch die Palisaden waren nicht in der üblichen Art mit Fellstreifen verbunden, sondern mit langen Eisenklammern, die sie nicht durchschneiden konnten. Und als sie sahen, daß ihre gewohnte Methode, sich Eingang zu erzwingen, fehlschlug, da brachen die Heiden, die so unbeirrt gegen das Gewehrfeuer angerückt waren, aus und flohen unter den Salven der Belagerten. Sobald sie auf ihrem Vormarsch an mir vorbei waren, erhob ich mich und ging zu Gaspar Ruiz; er saß auf einem niederen Felsgrat, der die Ebene überragte. Das Feuer seiner eigenen Leute hatte den Sturm unterstützt, doch nun blies ein Trompeter, auf ein Zeichen von ihm, das Signal ›Feuer einstellen‹. Wir sahen schweigend die zügellose Flucht der Wilden mit an. ›Es muß also eine Belagerung werden‹, murmelte er. Und ich sah, wie er verstohlen die Hände rang. Doch was für eine Belagerung konnte es werden? Ich brauchte ihm die Botschaft meines Freundes Pajol gar nicht auszurichten, da er es von selbst nicht wagte, dem Fort das Wasser abzuschneiden. Sie hatten Fleisch in Menge. Und hätte es ihnen daran gefehlt, so wäre er gewiß ängstlich bemüht gewesen, ihnen Lebensmittel zukommen zu lassen, wenn es in seiner Macht gestanden hätte. So aber waren wir es auf der Ebene, die unter dem Hunger zu leiden begannen. Peneleo, der Indianerhäuptling, saß an unserem Feuer, in seinen weiten Mantel aus Guanacofellen gehüllt. Er war ein athletisch gebauter Mann, mit einem ungefügen Schädel, dessen riesiger Haarwulst an Form und Größe einem Bienenkorb glich, und mit mürrischen, scharfen Zügen. In seinem gebrochenen Spanisch wiederholte er immer wieder, knurrend, wie ein gereiztes Raubtier, daß seine Leute hineinstürmen und die Señora holen würden, wenn man eine auch noch so kleine Bresche in die Palisaden legen würde – sonst nicht. Gaspar Ruiz saß ihm gegenüber und hielt den Blick unverwandt auf das Fort gerichtet, in grauenhafter, schweigender Unbeweglichkeit. Inzwischen erfuhren wir durch Läufer aus dem Tiefland, die fast täglich eintrafen, von der Niederlage eines seiner Leutnants im Maiputal. Ausgeschickte Späher brachten die Nachricht, daß eine Infanteriekolonne über entlegene Pässe zum Entsatz des Forts heranmarschiere. Sie kam langsam vorwärts, doch wir konnten ihr mühsames Vorrücken durch die tieferen Täler herauf verfolgen. Ich wunderte mich, daß Gaspar Ruiz nicht auszog, um diese bedrohliche Macht in irgendeiner dazu geeigneten Schlucht aus dem Hinterhalt zu überfallen und aufzureiben, wie es von einem genialen Guerillaführer zu erwarten gewesen wäre. Doch sein Genius schien ihn der Verzweiflung überlassen zu haben. Ich sah bald ein, daß er sich vom Anblick des Forts nicht losreißen konnte. Ich versichere Ihnen, meine Herren, daß ich diesen machtlosen ›starken Mann‹ nicht ohne Mitleid ansehen konnte, wie er auf dem Felsen saß, gleichgültig gegen Sonne, Regen, Kälte, Wind, die Hände um die Beine gekrampft, das Kinn auf die Knie gestützt – und starr schaute – und schaute. Und das Fort, auf das er die Augen gerichtet hielt, war still und regungslos wie er selbst. Die Besatzung gab kein Lebenszeichen. Sie erwiderte nicht einmal das wirkungslose Feuer, das auf die Schießscharten gerichtet wurde. Eines Nachts, als ich hinter ihm vorbeiging, sprach er mich unerwartet an, ohne seine Stellung zu ändern. ›Ich habe um ein Geschütz geschickt‹, sagte er. ›Ich werde Zeit haben, sie zu befreien und abzuziehen, bevor euer Robles hier herauf geklettert ist.‹ Er hatte um ein Geschütz in die Ebene geschickt. Es ließ lange auf sich warten, doch endlich kam es an. Es war ein siebenpfündiges Feldgeschütz. Es war abmontiert, über Kreuz an zwei lange Pfosten geschnürt und so zwischen zwei Maultieren gemächlich über die engen Wege heraufgebracht worden. Der wilde Triumphschrei, den er ausstieß, als er bei Tagesanbruch die Geschützmannschaft aus dem Tal auftauchen sah, tönt mir heute noch in den Ohren. Doch, Señores, ich habe keine Worte, Ihnen seine Verblüffung, seine Wut, seinen verzweifelten Schmerz zu schildern, als er hörte, daß das mit der Lafette beladene Tragtier während des letzten Nachtmarsches aus irgendwelcher Ursache in einen Abgrund gestürzt war. Er tobte in Androhungen von Tod und Marter gegen die Eskorte. Ich ging ihm den ganzen Tag über aus dem Weg, lag hinter Büschen herum und wartete gespannt darauf, was er nun wohl tun werde. Es blieb ihm nur der Rückzug; doch er konnte nicht fort. Unter mir sah ich seinen Artilleristen Jorge, einen alten spanischen Soldaten, wie er aus gehäuften Sätteln eine Art Unterlage baute. Auf diese wurde das geladene Geschütz gehoben, doch beim Abfeuern brach das ganze Zeug zusammen, und der Schuß ging hoch über die Palisaden. Es wurde kein weiterer Versuch gemacht. Eines der Munitionstragtiere war ebenfalls verlorengegangen, und sie hatten nur sechs Schuß zu verfeuern; reichlich genug, das Tor niederzulegen, vorausgesetzt, daß das Geschütz gut gerichtet war. Dies aber war unmöglich, solange eine passende Unterlage fehlte. Man hatte weder die Zeit noch die Mittel, eine Lafette zu konstruieren. Ich erwartete jeden Augenblick das Echo von Robles' Signalhörnern aus den Felsen zu hören. Peneleo wanderte bedrückt herum, in seine Felle gehüllt, setzte sich einen Augenblick zu mir und knurrte mir die alte Geschichte vor. ›Macht eine Entrada – ein Loch. Wenn ein Loch machen, bueno . Wenn kein Loch machen, dann vamos – wir fortgehen müssen!‹ Nach Sonnenuntergang bemerkte ich mit Überraschung, daß die Indianer Vorbereitungen trafen, als wollten sie nochmals stürmen. Sie standen in geordneten Reihen im Schatten der Berge. Auf der Ebene, gegenüber dem Tor des Forts, sah ich eine Gruppe von Leuten, die sich auf einem Fleck drängten. Ich ging unbeachtet von dem Felsen herunter. In der dünnen Hochlandsluft schien der Mond taghell, doch die tiefen Schatten verwirrten den Blick, und ich konnte nicht erkennen, was sie vorhatten. Ich hörte die Stimme Jorges, des Artilleristen, der in eigentümlich zweifelndem Ton sagte: ›Es ist geladen, Señor.‹ Dann sprach eine andere Stimme in der Gruppe fest die Worte: ›Bringt die Riata her!‹ Es war die Stimme von Gaspar Ruiz. Es entstand ein Schweigen, in das die Schüsse aus dem Fort scharf hineinkrachten. Auch von drinnen hatte man die Gruppe bemerkt. Doch die Entfernung war zu groß. Und während die Kugeln zischend den Boden aufwühlten, öffnete sich die Gruppe, schloß sich, schwankte, so daß ich in ihrer Mitte Augenblicke lang emsig beschäftigte Gestalten sehen konnte. Ich kroch näher, im Zweifel, ob es nicht ein teuflisches Blendwerk, ein lebhafter und sinnloser Traum sei. Eine merkwürdig gepreßte Stimme kommandierte: ›Zieht die Knoten fester.‹ ›Si, Señor‹, antworteten mehrere andere Stimmen im Ton dienstfertiger Ergebenheit. Dann sagte die gepreßte Stimme: ›So, ja. Ich muß atmen können!‹ Dann gab es ein heftiges Stimmengewirr. ›Helft ihm auf, hombres . Halt! Unter dem andern Arm.‹ Die dumpfe Stimme befahl: › Bueno! Tretet weg von mir, Leute.‹ Ich bahnte mir einen Weg durch den umgebenden Kreis und hörte nochmals dieselbe erdrückte Stimme eindringlich sagen: ›Vergiß, daß ich ein lebender Mensch bin, Jorge. Vergiß mich ganz und denk nur daran, was du zu tun hast.‹ ›Keine Angst, Señor. Ihr seid mir nichts als eine Lafette, und ich werde keinen Schuß vergeuden.‹ Ich hörte das Knattern einer Zündbüchse und roch den Salpeter der Lunte. Plötzlich sah ich vor mir eine unbestimmte Form, auf allen vieren, wie ein Tier, doch mit einem Menschenkopf; dieser beugte sich unter einem Rohr, das vom Genick aus überragte; auf dem Rücken glänzte eine runde Bronzemasse. Inmitten eines schweigenden Halbkreises von Leuten hockte dieses Wesen allein da; dahinter standen reglos Jorge und ein Hornist, die Trompete in der Hand. Jorge beugte sich nieder und murmelte, die Lunte in der Hand: ›Einen Zoll nach links, Señor. Zuviel. So. Jetzt, wenn Ihr Euch ein wenig auf die Ellbogen niederlassen wollt, dann will ich ...‹ Er sprang beiseite, sengte die Lunte – und ein Feuerstrahl brach aus der Mündung des Geschützes, das auf des Mannes Rücken geschnallt war. Dann ließ sich Gaspar Ruiz langsam zu Boden. ›Guter Schuß?‹ fragte er. ›Volltreffer, Señor!‹ ›Dann lade noch einmal!‹ Da lag er vor mir auf der Brust, unter der ungeheuren Last dunkelschimmender Bronze, unter einer Last, wie sie in der kläglichen Geschichte der Welt noch keines Mannes Liebe und Stärke je zu tragen gehabt hatte. Seine Arme waren ausgebreitet, und er nahm sich auf dem mondhellen Grund wie ein reuig hingestreckter Büßer aus. Wieder sah ich ihn auf Hände und Knie erhoben, die Leute traten weg von ihm, und der alte Jorge beugte sich und visierte über das Rohr. ›Links ein wenig. Rechts einen Zoll. Por Dios , Señor, hört mit dem Zittern auf. Wo ist Eure Stärke?‹ Die Stimme des alten Artilleristen war heiser vor Erregung. Er trat weg und brachte schnell wie der Blitz die Lunte ans Zündloch. ›Ausgezeichnet!‹ schrie er, mit Tränen in der Stimme; doch Gaspar Ruiz blieb lange Zeit flach hingestreckt und stumm liegen. ›Ich bin müde‹, murmelte er endlich. ›Wird's der nächste Schuß tun?‹ ›Zweifellos‹, sagte Jorge hart an seinem Ohr. ›Dann – laden!‹ hörte ich ihn deutlich murmeln. ›Trompeter!‹ ›Ich bin hier, Señor, und warte auf Euren Befehl.‹ ›Auf diesen Befehl blas mir einen Ruf, den man von einem Ende von Chile zum andern hören soll‹, sagte er mit außerordentlich starker Stimme. ›Und ihr andern macht euch fertig, die verfluchte Riata durchzuschneiden. Denn dann wird es Zeit sein, daß ich euch beim Sturm anführe. Nun hebt mich auf, und du, Jorge – beeile dich mit dem Richten.‹ Das Knattern von Gewehrfeuer aus dem Fort übertönte fast seine Stimme. Die Palisade war in Rauch und Flammen gehüllt. ›Braucht Eure Kraft, um Euch gegen den Rückstoß zu stemmen, mi amo ‹, sagte der alte Artillerist unsicher. ›Grabt die Finger in den Boden. So. Jetzt!‹ Ein Jubelschrei entfuhr ihm nach dem Schuß. Der Hornist hob die Trompete fast bis zu den Lippen und wartete. Doch kein Wort kam von dem hingestreckten Mann. Ich ließ mich auf ein Knie nieder und hörte alles, was er noch zu sagen hatte. ›Was gebrochen‹ flüsterte er, hob den Kopf ein wenig und wandte mir aus seiner hilflos verkrümmten Stellung die Augen zu. ›Das Tor hängt nur noch an Splittern‹, brüllte Jorge. Gaspar Ruiz versuchte zu sprechen, doch die Stimme erstarb ihm in der Kehle, und ich half das Geschützrohr von seinem zerbrochenen Rücken wegrollen. Er schien gefühllos. Ich hielt natürlich den Mund. Das Angriffssignal für die Indianer wurde nie gegeben. Statt dessen erdröhnte plötzlich der Hornruf der Ersatztruppen, nach dem ich mich so lang gesehnt hatte, für unsere überraschten Feinde furchtbar wie die Posaune des Jüngsten Gerichts. Ein Tornado, Señores, ein wahrer Orkan stampfender Leute, wilder Pferde, berittener Indianer fegte über mich weg, während ich auf dem Boden kauerte, an der Seite von Gaspar Ruiz, der noch immer auf dem Gesicht in Kreuzesform ausgestreckt lag. Peneleo, der ums Leben galoppierte, stieß im Vorbeireiten mit seinem langen chuzo nach mir – aus alter Bekanntschaft, denke ich. Wie ich den schwirrenden Kugeln auswich, ist schwer zu erklären. Als ich es mir einfallen ließ, mich zu früh zu erheben, da hätten mich Soldaten vom 17. Taltalregiment, in ihrer blinden Wut, an irgend etwas Lebendes zu kommen, fast auf dem Fleck mit Bajonetten erstochen. Sie schienen arg enttäuscht, als einige Offiziere heransprengten und sie mit flacher Klinge zurücktrieben. Es war General Robles mit seinem Stab. Er wünschte unbedingt einige Gefangene zu machen. Auch er schien einen Augenblick lang enttäuscht. ›Was! Sie sind das?‹ schrie er. Doch dann stieg er gleich ab, um mich zu umarmen, denn er war ein alter Freund meiner Familie. Ich wies auf den Körper zu unseren Füßen und sagte nur die zwei Worte: ›Gaspar Ruiz!‹ Er warf vor Erstaunen die Arme hoch. ›Aha! Ihr starker Mann! Sie waren bis zuletzt bei Ihrem starken Mann. Das macht nichts. Er rettete uns das Leben, als die Erde bebte, genug, um dem Tapfersten die Besinnung zu rauben. Ich war toll vor Angst. Aber er – nein! Que guape! Wo ist der Held, der ihn untergekriegt hat? Ha! ha! ha! Was hat ihn umgebracht, chico ‹? ›Seine eigene Stärke, General‹, antwortete ich.« XII »Doch Gaspar Ruiz atmete noch. Ich ließ ihn in seinem Poncho in den Schutz einiger Büsche tragen, auf ebenden Felsen, von dem aus er so starr auf das Fort geblickt hatte, während ungesehen der Tod bereits sein Haupt umwehte. Unsere Truppen hatten rings um das Fort biwakiert. Ich war nicht überrascht, als ich gegen Tagesanbruch erfuhr, daß ich zum Kommandanten einer Eskorte ausersehen sei, die einen Gefangenen sofort nach Santiago hinunterbringen sollte. Natürlich war dieser Gefangene Gaspar Ruiz' Weib. ›Ich habe Sie gewählt mit Rücksicht auf ihre Gefühle‹, bemerkte General Robles, ›obwohl man ja eigentlich die Frau für alles, was sie der Republik angetan hat, erschießen sollte.‹ Und als ich eine Bewegung entrüsteten Widerspruchs machte, fuhr er fort: ›Nun, da er so gut wie tot ist, hat sie keine Bedeutung mehr, niemand wird wissen, was mit ihr anfangen. Immerhin, die Regierung will sie haben.‹ Er zuckte die Schultern. ›Ich denke, er muß große Mengen seiner Beute an Plätzen verborgen haben, die nur sie allein kennt.‹ Im Morgengrauen sah ich sie den Felsen heraufkommen, von zwei Soldaten bewacht, ihr Kind auf dem Arm. Ich schritt ihr entgegen. ›Lebt er noch?‹ fragte sie und wandte mir das weiße, teilnahmslose Gesicht zu, zu dem er mit solcher Anbetung aufzublicken pflegte. Ich beugte den Kopf und führte sie wortlos um eine Buschgruppe herum. Seine Augen waren offen. Er atmete schwer und sprach mit großer Anstrengung ihren Namen aus. ›Erminia!‹ Sie kniete ihm zu Häupten nieder. Das kleine Mädchen, unbekümmert um ihn, sah mit großen Augen umher und begann plötzlich mit froher, heller Stimme zu plappern. Sie wies mit den Fingerchen auf die rosigen Gluten des Sonnenaufgangs hinter den schwarzen Formen der Grate. Und während dieses Kinderlallen, unverständlich und lieblich, fortwährte, blieben die beiden, der sterbende Mann und die kniende Frau, in Schweigen versunken, sahen einander in die Augen und lauschten dem zarten Klang. Dann verstummte das Plaudern. Das Kind legte den Kopf an die Brust der Mutter und war still. ›Es war für dich‹, begann er. ›Vergib.‹ Die Stimme brach ihm. Dann hörte ich ein Flüstern und erhaschte die Worte: ›Nicht stark genug.‹ Sie sah ihn tief eindringlich an. Er versuchte zu lächeln und wiederholte unterwürfig: ›Vergib. Ich verlasse dich ...‹ Sie beugte sich nieder, tränenlos, und sagte mit fester Stimme: ›Auf der ganzen Welt habe ich nichts geliebt als dich, Gaspar!‹ Sein Kopf bewegte sich, seine Augen lebten auf. ›Endlich!‹ seufzte er. Dann ängstlich: ›Doch ist das wahr ..., ist das wahr?‹ ›So wahr, wie es keine Gnade und Gerechtigkeit in dieser Welt gibt‹, antwortete sie leidenschaftlich. Sie beugte sich über sein Gesicht. Er versuchte den Kopf zu heben, doch er sank zurück, und als sie seine Lippen küßte, war er schon tot. Seine gebrochenen Augen starrten zum Himmel auf, an dem, ganz hoch, rosige Wolken hintrieben. Und ich sah, wie die Augenlider des Kindes, das an der Mutter Brust geschmiegt war, sich langsam senkten und schlossen. Es war eingeschlafen. Die Witwe von Gaspar Ruiz, dem starken Mann, erlaubte mir sie fortzuführen, ohne eine Träne zu vergießen. Für die Reise hatten wir für sie einen Reitsattel hergerichtet, fast wie ein Sessel, mit einem Trittbrett für die Füße. Den ersten Tag über ritt sie, ohne ein Wort zu sprechen; kaum, daß sie einen Moment lang die Augen von dem kleinen Mädchen abwandte, das sie auf den Knien hielt. An unserem ersten Lagerplatz sah ich sie während der Nacht umherwandern; sie wiegte das Kind in den Armen und blickte im Mondlicht darauf hinab. Nach dem Aufbruch zu unserem zweiten Tagmarsch fragte sie mich, wann wir zum ersten Dorf des bewohnten Landes kommen würden. Ich sagte ihr, daß wir um Mittag dort sein würden. ›Und werden Frauen dort sein?‹ erkundigte sie sich. Ich sagte ihr, daß es ein großes Dorf sei. ›Es werden Männer und Frauen dort sein, Señora‹, sagte ich, ›deren Herzen froh werden sollen bei der Nachricht, daß es nun vorbei ist mit Unruhe und Krieg.‹ ›Ja, es ist jetzt alles vorbei‹, wiederholte sie. Dann nach einer Pause: ›Señor Offizier, was wird Eure Regierung mit mir tun?‹ ›Ich weiß es nicht, Señora‹, gab ich zurück. ›Man wird Euch zweifellos gut behandeln. Wir Republikaner sind keine Wilden und rächen uns nicht an Frauen.‹ Bei dem Wort ›Republikaner‹ warf sie mir einen Blick zu, der mir voll unauslöschlichen Hasses schien. Doch als wir etwa eine Stunde später anhielten, um die Gepäcktiere auf einem engen Weg vorauszulassen, der sich längs eines Felssturzes hinzog, da wandte sie mir ein so weißes, verstörtes Gesicht zu, daß ich starkes Mitleid mit ihr fühlte. ›Señor Offizier‹, sagte sie. ›Ich bin schwach, ich zittere. Es ist eine sinnlose Furcht.‹ Und in der Tat, ihre Lippen zitterten, während sie zu lächeln versuchte und auf den Beginn der engen Wegstelle blickte, die schließlich nicht so gefährlich war. ›Ich habe Angst, daß ich das Kind fallen lasse. Gaspar hat Euch das Leben gerettet, denkt daran ... Nehmt es mir ab.‹ Ich nahm das Kind aus ihren ausgestreckten Armen. ›Schließt die Augen, Señora, und vertraut Eurem Maultier‹, empfahl ich ihr. Das tat sie – und ihre Blässe und das verwüstete, magere Gesicht gaben ihr das Aussehen einer Toten. Bei der Wegbiegung, wo ein Felsvorsprung aus dunkelrotem Porphyr den Ausblick auf das Tiefland hemmt, sah ich sie die Augen öffnen. Ich ritt knapp hinter ihr und hielt im rechten Arm das kleine Mädchen. ›Dem Kind geht es gut‹, rief ich ermutigend. ›Ja‹, antwortete sie schwach; und dann sah ich, zu meinem namenlosen Entsetzen, wie sie sich auf das Trittbrett stellte, mit grauenhaft stierem Blick, und sich vorwärts in den Abgrund zu unserer Rechten stürzte. Ich kann Ihnen die plötzliche, kriechende Angst nicht beschreiben, die mich bei diesem furchtbaren Anblick befiel. Es war Angst vor dem Abgrund, vor den Klippen, die nach mir zu greifen schienen. Der Kopf schwindelte mir. Ich preßte das Kind an mich und verhielt mein Pferd. Ich war sprachlos und fror am ganzen Leibe. Ihr Maultier strauchelte, drückte sich seitwärts an den Felsen und ging dann weiter. Mein Pferd richtete nur mit kurzem Schnauben die Ohren auf. Mein Herz stand still, und das Tosen der Steine aus den Tiefen des Abgrunds, im Bett des Wildbachs, machte mich fast verrückt. Im nächsten Augenblick waren wir um den Vorsprung herum, auf einem breiten, grasigen Hang. Und dann schrie ich. Meine Leute kamen in höchster Aufregung zu mir zurückgerannt. Es scheint, daß ich zunächst nur brüllte: ›Sie hat das Kind in meine Hände gegeben! Sie hat das Kind in meine Hände gegeben!‹ Die Eskorte dachte, ich sei irrsinnig geworden.« General Santierra brach ab und stand vom Tisch auf. »Und das ist alles, Señores«, schloß er mit einem höflichen Blick auf die Gäste, die sich erhoben. »Doch was ist aus dem Kind geworden, General?« fragten wir. »Ah, das Kind, das Kind.« Er schritt zu einem der Fenster, die nach seinem herrlichen Garten gingen, der Zuflucht seiner alten Tage. Der Garten war berühmt im Land. Er hielt uns mit ausgestrecktem Arm zurück, rief hinaus »Erminia! Erminia!« und wartete. Dann sank sein abwehrender Arm nieder, und wir drängten uns ans Fenster. Unter einer Baumgruppe hervor war eine Frau auf den breiten, mit Blumen eingefaßten Weg getreten. Wir konnten das Rauschen ihrer gestärkten Röcke hören und sahen die altmodisch gebauschte schwarzseidene Schürze. Sie blickte auf, und als sie all die vielen Augen auf sich gerichtet fühlte, hielt sie an, runzelte die Stirn, lächelte und drohte dem General, der sich vor Lachen schüttelte, mit dem Finger; dann zog sie das schwarze Spitzentuch über den Kopf, um wenigstens teilweise ihr hoheitsvolles Profil zu verdecken, und entschwand mit steifer Würde unseren Blicken. »Nun haben Sie den Schutzengel des alten Mannes gesehen – sie, der alles zu verdanken ist, was mein Heim hübsch und bequem macht. Ich habe nie geheiratet, Señores. Ich weiß nicht wieso, denn die Flamme der Liebe wurde frühzeitig in meiner Brust entzündet. Und vielleicht sind deswegen die Funken des heiligen Feuers hier noch nicht erstorben.« Er schlug sich auf die breite Brust. »Noch lebendig, noch lebendig«, sagte er mit komisch ernstem Pathos. »Doch nun werde ich nicht mehr heiraten. Sie ist General Santierras Adoptivtochter und Erbin.« Einer der andern Gäste, ein junger Seeoffizier, beschrieb sie später als eine ›kurze, gedrungene, alte Jungfer um die Vierzig‹. Wir alle hatten bemerkt, daß ihr Haar ergraut war und daß sie wunderschöne schwarze Augen hatte. »Und«, fuhr General Santierra fort, »auch sie wollte nie davon hören, jemand zu heiraten. Ein rechtes Unglück! Gut, geduldig, mir altem Mann ergeben. Eine einfache Seele. Doch ich wollte keinem von Ihnen raten, um ihre Hand zu bitten, denn wenn sie sie in die ihre nähme, so wäre es nur, um Ihnen die Knochen zu zerdrücken. Ah! Darin versteht sie keinen Spaß. Und sie ist die rechte Tochter ihres Vaters, des starken Mannes, der an seiner eigenen Stärke zugrunde ging: an der Stärke seines Leibes, seiner Einfalt – seiner Liebe!«