Fjodr Michailowitsch Dostojewski Ein Werdender – Zweiter Band Übertragen von Korfiz Holm Zweiter Teil Fortsetzung     Sechstes Kapitel   1 »Ich fahre selbstverständlich hin!« entschied ich, während ich eilig heimging. »Sofort fahre ich hin. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich sie allein treffe: ob sie allein ist, oder ob jemand bei ihr ist, – das ist ganz einerlei: ich lasse sie herausrufen. Sie wird mich empfangen; sie wird sich wundern, aber sie wird mich empfangen. Und wenn sie mich nicht empfangen will, so bestehe ich darauf, daß sie mich empfängt, ich lasse ihr sagen, es wäre etwas sehr Dringendes. Sie wird glauben, es handle sich um irgendeine Nachricht wegen des Dokumentes, und wird mich empfangen. Und ich werde die ganze Wahrheit über Tatjana erfahren. Und dann ... und was dann? Wenn ich im Unrecht bin, werde ich sie um Verzeihung bitten, und wenn ich im Recht bin und sie schuldig ist, dann ist ja sowieso alles aus! Wie es auch sei – es ist immer alles aus! Was riskiere ich also? Nichts riskiere ich. Ich fahre hin! Ich fahre hin!« Aber ... Ich werde es nie vergessen und mich immer voll Stolz dessen erinnern, daß ich nicht hingefahren bin! Niemand wird es erfahren, ich werde es in mein Grab mitnehmen; aber ist es nicht genug, daß ich es weiß, und daß ich in solch einem Augenblick einer so edlen Gesinnung fähig war! »Das ist eine Versuchung, aber ich werde sie bestehen«, entschloß ich mich endlich, nachdem ich mich auf mich selbst besonnen hatte. »Er hat mich durch eine Tatsache in Versuchung führen wollen, aber ich habe ihm nicht geglaubt und den Glauben an ihre Reinheit nicht aufgegeben! Und wozu sollte ich hinfahren, wonach sollte ich mich erkundigen? Warum mußte sie denn so unbedingt an mich glauben, wie ich an sie, warum muß sie an meine ›Reinheit‹ glauben? Warum sollte sie sich nicht vor meiner ›leichten Erregbarkeit‹ fürchten und sich deshalb Tatjana als Wächter hinsetzen? Soviel Vertrauen habe ich mir in ihren Augen noch nicht verdient. Schön, mag sie es nicht wissen, daß ich Vertrauen verdiene, daß ich alle ›Versuchungen‹ besiege, daß ich den übeln Nachreden über sie keinen Glauben schenke: dafür weiß ich es selbst und achte mich deswegen. Ich achte meine eignen Gefühle. O ja, sie hat es zugelassen, daß ich das alles vor Tatjana Pawlowna aussprach, sie hat Tatjana dabei sein lassen, sie wußte, daß Tatjana dasaß und horchte (denn die konnte ja gar nicht anders als horchen), sie wußte, daß die andere über mich lachte, – das ist fürchterlich, fürchterlich ist das! Aber ... aber wenn sie das einfach nicht vermeiden konnte? Was hätte sie in der Lage damals tun sollen, und wie darf ich sie deswegen anklagen? Ich selbst habe sie heute früh ja auch angelogen, wegen der Sache mit Kraft, ich habe sie ja doch auch betrogen, weil ich es eben auch unmöglich vermeiden konnte, und ich habe sie in aller Unschuld, gegen meinen eignen Willen, angelogen. Ach Gott,« rief ich auf einmal mit einem schmerzlichen Erröten, »was habe ich selber, ich selber, soeben getan; habe ich nicht derselben Tatjana Andeutungen über sie gemacht, habe ich nicht eben Wersilow die ganze Geschichte erzählt? Aber was sage ich? Das ist ein großer Unterschied. Hier handelte es sich nur um das Dokument; ich habe Wersilow eigentlich doch nur von dem Dokument erzählt, weil ich ihm überhaupt weiter nichts zu erzählen hatte und zu erzählen haben konnte. Hab' ich es ihm nicht gleich zu allem Anfang gesagt und ihm ausdrücklich versichert, daß da ›von gar nichts die Rede‹ sein könne? Er ist doch ein Mensch, der so etwas versteht. Hm ... Aber dennoch, was für einen Haß gegen diese Frau er selbst heute noch in sich trägt! Und was für ein Drama sich damals zwischen ihnen abgespielt haben mag, und aus welchen Motiven? Natürlich aus Eigenliebe! Wersilow kann ja auch gar keines anderen Gefühls fähig sein, als grenzenloser Eigenliebe!« Jawohl, dieser letzte Gedanke brach damals in mir hervor, und ich bemerkte ihn nicht einmal. Solche Gedanken gingen damals, einer immer als logische Folge des andern, durch meinen Kopf; und dabei war ich mir selber gegenüber ganz ehrlich; ich machte keine Winkelzüge, ich betrog mich selber nicht; und wenn ich in jener Minute auf so mancherlei nicht kam, so war das nur eine Folge mangelnder Klugheit, und nicht etwa Jesuitismus mir selbst gegenüber. Ich kam in sehr aufgeräumter Stimmung nach Hause, obgleich mir ziemlich wirr im Kopfe war. Aber ich scheute mich, meinen Zustand zu analysieren, und gab mir die größte Mühe, mich abzulenken. Ich ging sofort zu meiner Wirtin hinein: wirklich war zwischen ihr und ihrem Manne ein schrecklicher Krakeel im Gange. Sie war eine hochgradig schwindsüchtige kleine Beamtenfrau und vielleicht ganz gutherzig, aber, wie alle Schwindsüchtigen, entsetzlich launenhaft. Ich begann sogleich zum Frieden zu reden, und ging auch zu dem Zimmerherrn hinein, einem rüpelhaften, pockennarbigen Schafskopf, einem kolossal selbstgefälligen Bankbeamten, namens Tscherwiakow, den ich selber nicht ausstehen konnte, mit dem ich mich aber trotzdem ganz gut stand, weil ich klein genug war, mich oft mit ihm zusammen über Piotr Ippolitowitsch lustig zu machen. Ich überredete ihn, doch nicht auszuziehen, und in Wirklichkeit hätte er sich wohl sowieso nicht entschlossen, umzuziehen. Das Ende vom Liede war, daß ich die Wirtin vollkommen beruhigte; außerdem gelang es mir, ihr das Kopfkissen wunderbar bequem zu richten. »Piotr Ippolitowitsch kann es mir nie so recht machen«, sagte sie hämisch. Dann gab ich mich in der Küche noch mit ihren Senfpflastern ab und strich ihr eigenhändig zwei wundervolle Pflaster. Der arme Piotr Ippolitowitsch schaute mich nur so mit neidischen Augen an, aber ich erlaubte ihm nicht einmal sie mit einem Finger zu berühren, und erntete als Lohn Dankestränen von ihr. Und auf einmal, weiß ich noch, wurde mir das alles so zuwider, und ich empfand plötzlich, daß es durchaus nicht Gutherzigkeit war, was mich die Kranke so gut pflegen hieß, sondern etwas andres, ganz etwas andres. Ich wartete mit nervöser Ungeduld auf Matwej; ich hatte beschlossen, an diesem Abend zum letzten Male mein Glück zu versuchen und ... Und, von dieser Absicht ganz abgesehen, ich fühlte ein zwingendes Bedürfnis, zu spielen; ich hätte es sonst nicht ausgehalten. Wenn ich nicht sonst irgendwohin gefahren wäre, ich hätte mich vielleicht nicht überwunden und wäre doch zu ihr gefahren. Matwej mußte bald kommen; aber auf einmal öffnete sich die Tür, und herein trat ein unerwarteter Besuch: Darja Onisimowna. Ich runzelte die Stirn und wunderte mich. Sie kannte meine Adresse, weil sie früher einmal in Mamas Auftrage zu mir gekommen war. Ich nötigte sie auf einen Stuhl und sah sie fragend an. Sie sagte kein Wort, sondern sah mir nur in die Augen und lächelte unterwürfig. »Lisa schickt Sie wohl?« Diese Frage fiel mir endlich ein. »Nein, ich komme nur so.« Ich teilte ihr mit, daß ich gleich fort müsse; sie antwortete mir noch einmal, sie wäre »nur so« gekommen und ginge gleich wieder. Und, ich weiß nicht warum, auf einmal tat sie mir leid. Ich muß hier erwähnen, daß sie von seiten der Meinen, von Mama und besonders von Tatjana Pawlowna, viel Anteilnahme erfahren hatte; aber nachdem die Meinen sie bei Frau Stolbejewa untergebracht hatten, hatten sie sie beinahe vergessen, ausgenommen etwa Lisa, die oft nach ihr sah. Die Ursache dafür hatte, glaube ich, in ihr selber gelegen, denn sie besaß ein auffallendes Talent, sich abzusondern und zu verkriechen, trotz aller ihrer Unterwürfigkeit und ihres schüchternen Lächelns. Mir persönlich war dieses Lächeln und der sichtlich künstliche Ausdruck ihres Gesichts sehr unsympathisch, und ich hatte auch schon gefunden, sie habe Olla nicht gerade lange nachgetrauert. Heute aber tat sie mir, ich weiß nicht warum, leid. Und auf einmal, ohne ein Wort zu sprechen, warf sie sich hin, senkte den Kopf, streckte plötzlich beide Arme aus, umfaßte meinen Leib und legte ihr Gesicht auf meine Knie. Sie ergriff meine Hand, ich glaubte schon, um sie zu küssen, aber sie legte sie sich über die Augen, und heiße Tränen ergossen sich in Strömen über sie. Sie zitterte nur so vor Schluchzen, weinte aber lautlos. Das Herz zog sich mir zusammen, wenn ich mich auch gleichzeitig ärgerte. Aber sie umschlang mich voller Zutrauen, ohne Furcht, daß ich böse werden könnte, trotzdem sie mich vorher so furchtsam und sklavisch angelächelt hatte. Ich bat sie, sie möge sich doch nur beruhigen. »Lieber, Teurer, ich weiß nicht, was ich anfangen soll. Wenn es schummerig wird, kann ich's nicht mehr aushalten; wenn es schummerig wird, halt ich's nicht mehr aus, dann jagt's mich nur so auf die Straße, wo es dunkel ist. Und was mich jagt, das ist die Einbildung. Ich hab' nun mal so 'ne Einbildung im Kopf, daß ich – wenn ich nur hinausgeh', daß ich sie dann auf einmal auf der Straße treffen muß. Ich gehe, und mir ist so, als ob ich sie sehe. Das heißt, es gehen da ganz andre Leute, aber ich gehe mit Absicht hinterher und denk' mir: ist sie das nicht, die da, ist das nicht meine Olla? Und so denk' ich und denk' ich. Und zuletzt werd' ich ganz dumm, ich torkele nur immer so gegen die Leute, und mir ist ganz übel. Wie 'ne Besoffne torkle ich, und die Leute schimpfen recht. Ich behalte schon alles für mich und gehe zu keinem hin. Und wo ich auch hingeh', es wird mir nur noch schlechter. Und jetzt bin ich hier an Ihrem Haus vorbeigekommen und hab' mir gedacht: ›Ich will mal zu ihm 'raufgehn; er ist der beste von allen, und er ist auch damals dabei gewesen.‹ Teuerster, verzeihen Sie mir armer, unnützer Person; ich geh' auch gleich weg und will ...« Sie stand plötzlich auf und hatte es sehr eilig. Und gerade in diesem Augenblick kam Matwej; ich nahm sie in meinem Schlitten mit und setzte sie unterwegs bei sich zu Hause, vor Frau Stolbejewas Wohnung, ab.   2 Seit letzter Zeit besuchte ich den Roulettezirkel eines Herrn Serstschikow. Früher hatte ich schon drei andre Zirkel besucht, immer mit dem Fürsten, der mich in diese Häuser »eingeführt« hatte. In einem dieser Zirkel wurde hauptsächlich Pharao gespielt, und zwar um sehr hohe Summen. Aber da hatte ich mich nicht wohl gefühlt: ich sah, daß es da ganz schön war, wenn man viel Geld hatte; und außerdem kamen mir da zuviel hochnäsige Leute und zuviel Vertreter der vornehmen »jeunesse dorée« hin. Das war es eben, was der Fürst liebte; er liebte es ja auch, zu spielen, aber er liebte es auch, mit diesem Gesindel in Berührung zu kommen. Ich hatte es an diesen Abenden wohl bemerkt, daß er sich, wenn er auch zusammen mit mir gekommen war, doch im Laufe des Abends von mir entfernte und mich mit niemand »aus seinen Kreisen« bekannt machte. Und ich benahm mich ganz unbeholfen und lenkte manchmal dadurch sogar die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich. Am Spieltische machte es sich manchmal so, daß ich mit jemand ins Gespräch kam; aber versuchte ich es einmal, am nächsten Tage, in demselben Zimmer, solch ein Herrchen zu begrüßen, mit dem ich mich tags vorher nicht nur unterhalten, sondern mit dem ich sogar gelacht hatte, für den ich sogar mit Glück auf zwei Karten gesetzt hatte, dann – wird man es glauben? – erkannte er mich einfach nicht mehr. Schlimmer noch: er sah mich mit affektiertem Erstaunen an und ging lächelnd an mir vorüber. Deshalb blieb ich dort bald weg und besuchte jetzt mit Leidenschaft eine Kloake – ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll. Es war ein ziemlich unbedeutender, kleiner Roulettezirkel, der von einer Kokotte geleitet wurde, obschon sie selber sich nie im Spielzimmer zeigte. Dort herrschte ein recht ungezwungener Ton, und wenn auch Offiziere und reiche Kaufleute da verkehrten, ging es doch recht schmierig zu, was übrigens auf viele Leute vielleicht gerade anziehend wirkte. Außerdem hatte ich dort häufig Glück. Aber später stellte ich meine Besuche dort ein, nachdem einmal eine widerliche Geschichte passiert war, die in der wildesten Hitze des Spiels begonnen hatte und in eine Prügelei zwischen zwei Spielern ausgeartet war. Und nun begann ich den Serstschikowschen Zirkel zu besuchen, in den mich wiederum der Fürst eingeführt hatte. Dieser Herr Serstschikow war ein Stabsrittmeister außer Diensten, und der Ton, der in seinem Spielzimmer herrschte, war ganz erträglich, militärisch, peinlich empfindlich in der Beobachtung alles dessen, was mit der Ehre zusammenhing, kurz und sachlich. Lästige Ulkbrüder zum Beispiel und starke Trinker gab es nicht. Außerdem wurde durchaus nicht zum Spaß gespielt. Es wurde Pharao und Roulette gespielt. Vor diesem Abend, dem 15. November, war ich im ganzen zweimal dort gewesen, und Serstschikow kannte mich, glaube ich, schon vom Sehen; aber Bekannte hatte ich dort gar keine. Und, als wäre es ein Verhängnis, erschienen auch der Fürst und Darsan erst um Mitternacht: sie waren zuerst im Pharaozirkel des vornehmen Gesindels gewesen, den ich nicht mehr besuchte. So war ich an diesem Abend wie ein Fremder in einer fremden Menge. Wenn ich einen Leser hätte, und der hätte alles gelesen, was ich bisher von meinen Erlebnissen erzählt habe, so brauchte ich ihm zweifellos nicht noch weitläufig zu erklären, daß ich für keinerlei Art von geselligem Verkehr geschaffen bin. Ich verstehe mich überhaupt gar nicht in Gesellschaft zu benehmen. Wenn ich irgendwo hinkomme, wo viele Menschen sind, habe ich immer ein Gefühl, als elektrisierten mich alle die Blicke. Es ist einfach wie ein Krampf, wie ein physischer Krampf, selbst in Theatern und an ähnlichen Orten, von Privathäusern ganz zu schweigen. In allen diesen Spielsälen und Zirkeln habe ich mir nicht die geringste Haltung zu erwerben verstanden: bald sitze ich da und mache mir Vorwürfe, weil ich so übertrieben weich und höflich bin, bald springe ich auf und begehe ohne jeden Grund Grobheiten. Und dabei verstehen es doch im Vergleich zu mir so nichtsnutzige Bengel sich auf diesem Boden mit erstaunlicher Haltung zu bewegen – und eben das erboste mich am meisten, so daß ich meine Kaltblütigkeit in immer höherm Grade einbüßte. Ich sage es gerade heraus: nicht nur heute, sondern auch damals schon war mir schließlich diese ganze Gesellschaft, ja, wenn ich alles sagen soll, selbst das Gewinnen zum Ekel und zur Qual geworden. Direkt zur Qual. Ich empfand natürlich einen außerordentlichen Genuß dabei, aber dieser Genuß mußte sich durch die Qual durcharbeiten; das alles, das heißt, diese Leute, das Spiel und vor allem ich selber in meiner Beziehung zu ihnen, erschien mir fürchterlich schmutzig. »Sobald ich gewonnen habe, spucke ich sofort auf das alles!« sagte ich jedesmal zu mir, wenn ich nach einer durchspielten Nacht am hellen Morgen in meiner Wohnung schlafen ging. Und was nun wieder das Gewinnen betrifft: man muß bedenken, daß ich gar keine Leidenschaft für das Geld hatte. Das heißt, ich will nicht das jämmerliche Gewäsch wiederkäuen, das bei solchen Erklärungen üblich ist: ich hätte nur des Spieles wegen gespielt, wegen der Aufregung, um des Vergnügens, des Risikos willen, und durchaus nicht wegen des pekuniären Gewinnes. Ich hatte das Geld furchtbar nötig, und wenn das auch nicht mein Weg war und nicht meine Idee, ich hatte mich damals trotzdem entschlossen, so oder so, es auf diesem Wege zu probieren, nur als Versuch. Mich führte dabei immer der eine starke Gedanke in die Irre: »Du hast ja doch bewiesen, daß du sicherlich Millionär werden kannst, nur weil du den dazu notwendigen starken Charakter besitzest; du hast ja die Probe auf deinen. Charakter gemacht; so zeige dich auch hier: sollte man für die Roulette denn wirklich mehr Charakter brauchen als für deine Idee?« Das war es, was ich mir immer wieder sagte. Ich halte bis heute an der Überzeugung fest, daß man beim Hasardspiel, wenn man die Energie hat ganz ruhig zu bleiben und sich auf diese Weise die Schärfe seines Verstandes und seiner Berechnung bewahrt – daß man dann unbedingt die Plumpheit des blinden Zufalls besiegen und gewinnen muß. Da ich das glaubte, mußte es mich ja nur immer mehr aufregen, wenn ich sah, wie ich von Minute zu Minute meine Energie verlor und mich fortreißen ließ wie ein ganz kleiner Junge. »Ich, der ich das Hungern habe ertragen können, ich kann mich, nicht einmal bei so einer Dummheit in der Hand behalten!« Das war es, was mich reizte. Und dazu das Bewußtsein, daß ich, so lächerlich und gering ich erscheinen mochte, dennoch jenen Schatz an Kraft in mir trug, der alle diese Leute in Zukunft einmal zwingen würde, ihre Meinung über mich zu ändern, dieses Bewußtsein – und so war es fast schon seit meinen in Erniedrigung verlebten Kinder jähren – dieses Bewußtsein bildete damals die einzige Quelle meines Lebens, mein Licht und meine innre Würde, meine Waffe und meinen Trost; sonst hätte ich mir vielleicht schon als Knabe das Leben genommen. Und deshalb mußte ich ja erbittert gegen mich selber sein, wenn ich sah, in was für ein klägliches Wesen ich mich am Spieltisch verwandelte. Das war auch der Grund, weshalb ich nicht mehr vom Spiel lassen konnte: jetzt erkenne ich das ganz klar. Außer diesem, dem wichtigsten. Umstand, litt auch meine kleinliche Eigenliebe: der Spielverlust demütigte mich vor dem Fürsten, vor Wersilow, – obgleich dieser es nicht der Mühe für wert hielt, ein Wort darüber zu verlieren, – sogar vor Tatjana – so dachte ich, fühlte ich. Und noch ein Bekenntnis: ich war schon verdorben; es fiel mir schwer, auf mein Mittagessen von sieben Gängen in einem feinen Restaurant zu verzichten, und auf Matwej, auf das englische Magazin, auf die gute Meinung meines Parfümeurs. Ich gestand mir das auch damals schon, schob es aber mit einer wegwerfenden Handbewegung beiseite; heute schreibe ich es nur mit tiefem Erröten nieder.   3 Wie ich so allein hineinkam und mich unter einem Haufen ganz fremder Menschen befand, ließ ich mich an einer Ecke des Tisches nieder und setzte nur kleine Beträge; so saß ich zwei Stunden, ohne mich vom Platze zu rühren. Das Spiel war während dieser zwei Stunden ein absoluter Dreck, – gar nichts Rechtes. Ich ließ ganz erstaunliche Chancen vorbeigehen und gab mir Mühe, mich nicht zu erhitzen, sondern durch Kaltblütigkeit und Zuversicht zu gewinnen. Das Resultat war, daß ich schließlich in zwei Stunden weder verloren noch gewonnen hatte: von den dreihundert Rubeln hatte ich zehn, fünfzehn Rubel verloren. Dieses klägliche Ergebnis machte mich wütend, und außerdem passierte noch eine unangenehme und sehr widerliche Sache. Ich weiß sehr wohl, daß man in diesen Roulettezirkeln häufig Diebe trifft, das heißt, keine Diebe von der Straße, sondern einfach unter den bekannten Spielern. Ich bin zum Beispiel überzeugt, daß der bekannte Spieler Aferdow ein Dieb ist; er spielt noch heute eine Rolle in Petersburg: ich habe ihn erst kürzlich mit seinem eignen Ponygespann fahren sehen, aber er ist ein Dieb und hat mich bestohlen. Aber auf diese Geschichte komme ich später zurück; an diesem Abend gab es nur ein Vorspiel dazu: ich saß diese ganzen zwei Stunden an einer Ecke des Tisches, und zu meiner Linken saß die ganze Zeit ein schäbiger Elegant, wenn ich nicht irre, ein Jüdchen; er ist übrigens irgendwo angestellt, schriftstellert außerdem, und seine Sachen werden sogar gedruckt. Im allerletzten Augenblick gewann ich auf einmal zwanzig Rubel. Die zwei roten Scheine lagen vor mir; da sehe ich auf einmal, wie dieses Jüdchen die Hand ausstreckt und sich ganz gemütlich einen von meinen Scheinen aneignet. Ich wollte das verhindern, aber er erklärt mir auf einmal mit einem ganz frechen Gesicht und ohne auch nur die Stimme zu erheben, dies wäre sein Gewinn, er hätte soeben auch gesetzt und gewonnen; er hätte übrigens gar keine Lust, sich mit mir weiter darüber zu unterhalten, sagte er, und wendete sich ab. Und als ob es der Teufel gewollte hätte, war ich gerade in dem Moment in einer ganz dummen Verfassung: ich hatte einen großen Entschluß gefaßt, deshalb pfiff ich auf die Sache, stand hastig auf und ging fort; ich hatte einfach keine Lust, mich mit ihm zu streiten, und schenkte ihm meinen roten Schein. Und es wäre auch schwierig gewesen, diesem frechen Diebesgesicht etwas zu beweisen, weil der Augenblick verpaßt war; das Spiel hatte schon seinen Fortgang genommen. Und eben dies war ein sehr großer Fehler von mir, dessen Folgen sich später zeigen sollten: drei, vier Spieler in unsrer Nachbarschaft hatten unsern Wortwechsel gehört und waren, als sie sahen, daß ich mich so leicht zufrieden gab, wohl zu der Meinung gekommen, ich wäre selber solch ein Herr. Es war genau zwölf Uhr; ich ging ins Nebenzimmer, dachte nach, machte mir einen neuen Plan zurecht, kam wieder zurück und wechselte mein Papiergeld beim Bankhalter in goldne Halbimperiale um. Ich hatte etwas über vierzig Stück. Ich teilte sie in zehn Häufchen ab und beschloß, zehnmal hintereinander auf Zero zu setzen, jedesmal vier Halbimperiale. »Gewinne ich, so ist das mein Glück, verliere ich – um so besser; ich spiele nie mehr wieder.« Ich muß bemerken, daß in diesen ganzen zwei Stunden nicht ein einziges Mal Zero herausgekommen war und infolgedessen kein Mensch mehr auf Zero setzte. Ich setzte im Stehen, stumm, mit gerunzelter Stirn und zusammengebissenen Zähnen. Beim dritten Satze schon meldete Serstschikow mit lauter Stimme Zero, heute überhaupt zum erstenmal. Mir wurden hundertvierzig Halbimperiale in Gold aufgezählt. Ich hatte noch sieben Einsätze und setzte weiter, dabei aber begann sich alles um mich zu drehen und zu tanzen. »Kommen Sie hierher!« rief ich über den ganzen Tisch hin einem Spieler zu, neben dem ich kürzlich gesessen hatte, einem Herrn mit grauem Schnurrbart, rotem Gesicht und im Frack, der schon seit ein paar Stunden mit unbeschreiblicher Ausdauer kleine Beträge setzte und Einsatz um Einsatz verlor. »Kommen Sie hierher! Hier ist das Glück!« »Meinen Sie mich?« entgegnete vom andern Ende des Tisches der Schnauzbart mit wie drohender Verwunderung. »Jawohl! Da unten verspielen Sie ja alles bis aufs Hemd!« »Das geht Sie nichts an, und ich ersuche Sie, mich in Ruhe zu lassen!« Aber ich konnte nicht mehr an mich halten. Mir gegenüber an der andern Seite des Tisches saß ein älterer Offizier. Er betrachtete meinen Goldhaufen und sagte leise zu seinem Nachbarn: »Merkwürdig, Zero. Nein, zu Zero könnte ich mich nicht entschließen.« »Entschließen Sie sich nur, Herr Oberst!« rief ich und setzte wieder. »Ich bitte Sie gleichfalls, mich in Ruhe zu lassen und Ihre guten Ratschläge für sich zu behalten«, sagte er scharf und schneidend. »Sie benehmen sich hier recht geräuschvoll.« »Ich rate Ihnen gut; na, wollen Sie wetten, daß jetzt wieder Zero herauskommt: zehn Goldstücke – da liegen sie, haben Sie Lust?« Und ich schob zehn Halbimperiale hin. »Wetten? Auf zehn Goldstücke? Meinetwegen«, sagte er trocken und streng. »Ich wette mit Ihnen, daß diesmal nicht Zero herauskommt.« »Zehn Louisdor, Oberst.« »Was heißt das: zehn Louisdor?« »Zehn Halbimperiale, Oberst; im höhern Stil nennt man das Louisdor.« »Dann sagen Sie eben: Halbimperiale, und lassen Sie Ihre Scherze mit mir.« Ich rechnete selbstverständlich nicht darauf, diese Wette zu gewinnen: es standen sechsunddreißig Chancen gegen eine, daß Zero nicht herauskommen würde; ich wettete aber erstens, um mich aufzuspielen, und zweitens, weil ich durch irgend etwas die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich lenken wollte. Ich sah nur zu deutlich, daß mich hier aus irgendeinem Grunde kein Mensch leiden konnte, und daß man mich das mit besonderm Behagen fühlen ließ. Die Roulette drehte sich, – und wie groß war das allgemeine Erstaunen, als wieder Zero herauskam! Alle schrien direkt auf. Und nun benebelte mich das Glück des Gewinners vollständig. Wieder wurden mir hundertundvierzig Halbimperiale aufgezählt. Serstschikow fragte mich, ob ich nicht einen Teil in Banknoten ausgezahlt haben wolle; aber ich murmelte darauf nur etwas Unverständliches, weil ich buchstäblich nicht mehr ruhig und ordentlich sprechen konnte. Mein Kopf drehte sich, und die Knie knickten mir ein. Ich fühlte plötzlich, daß ich gleich furchtbar viel auf eine Karte setzen würde; und außerdem hatte ich das Bedürfnis, hoch irgend etwas zu tun, noch irgendeine Wette vorzuschlagen, irgend jemand ein paar Tausender aufzuzählen. Mechanisch wühlte ich mit der Hand in meinem Haufen von Banknoten und Goldstücken und konnte mich nicht dazu aufraffen, sie zu zählen. In diesem Augenblick bemerkte ich, daß hinter mir der Fürst und Darsan standen: sie waren gerade aus ihrem Pharaozirkel gekommen; dort hatten sie sich, wie ich später erfuhr, leer und kahl gespielt. »Ah, Darsan,« rief ich ihm zu, »hier sitzt das Glück! Setzen Sie auf Zero!« »Bin ganz ausgebeutelt, habe kein Geld!« erwiderte er trocken; und der Fürst tat einfach, als ob er mich nicht erkenne und bemerke. »Hier ist Geld!« rief ich und zeigte auf meinen Goldhaufen. »Wieviel brauchen Sie?« »Na, zum Teufel!« rief Darsan und wurde puterrot. »Ich wüßte nicht, daß ich Sie um Geld ersucht hätte.« »Sie werden gerufen«, sagte Serstschikow und zog mich am Ärmel. Der mich da schon ein paarmal und fast grob angerufen hatte, war der Oberst, der bei der Wette mit mir zehn Halbimperiale verloren hatte. »Nehmen Sie gefälligst!« schrie er, ganz rot vor Zorn. »Es fällt mir nicht ein, noch lange hier herumzustehen; und sonst sagen Sie nachher, Sie hätten es nicht bekommen. Zählen Sie nach.« »Ich glaub' Ihnen schon, ich glaub' Ihnen schon, Oberst, ich glaub' Ihnen, ohne zu zählen; bitte, schreien Sie mich nur nicht so an und ärgern Sie sich nicht«, sagte ich und wog das Häuflein Gold, das er mir gegeben hatte, in der Hand. »Verehrtester, dürfte ich Sie ersuchen, mit Ihrer Begeisterung sonst jemand an den Hals zu springen und nicht mir«, schrie der Oberst scharf. »Ich habe nicht mit Ihnen zusammen die Schweine gehütet!« »Komisch, daß man so was hereinläßt. – Was ist das eigentlich für ein Mensch? – Irgend so ein Jüngling ...« So wurde rundum halblaut gesprochen. Aber ich hörte nicht darauf, ich setzte blindlings, und schon nicht mehr auf Zero. Ich setzte einen ganzen Packen regenbogenfarbiger Scheine auf die ersten achtzehn Nummern. »Kommen Sie, Darsan«, hörte ich hinter mir die Stimme des Fürsten. »Nach Hause?« fragte ich und wendete mich nach ihnen um. »Warten Sie auf mich: wir fahren zusammen, ich mache Feierabend.« Mein Einsatz gewann; das war ein großer Gewinn. »Basta!« rief ich und begann mit zitternden Händen das Gold zusammenzuraffen und in meine Taschen zu stecken, ohne zu zählen; ich bog mit den Fingern ungeschickt die Haufen von Banknoten zusammen, die ich alle auf einmal in meine Seitentasche stecken wollte. Plötzlich legte sich Aferdows dicke, beringte Hand, der gleich neben mir an meiner rechten Seite saß und gleichfalls um hohe Einsätze gespielt hatte, auf drei von meinen regenbogenfarbigen Banknoten und deckte sie zu. »Gestatten Sie, das gehört nicht Ihnen«, sagte er langsam, streng und deutlich, übrigens aber mit sehr milder Stimme. Und dieses nun war jenes Vorspiel, das später, nach einigen Tagen, solche Folgen nach sich zu ziehen bestimmt war. Heute kann ich bei meiner Ehre schwören, daß diese drei Hundertrubelnoten mir gehörten, damals aber wollte es mein Pech, daß ich zwar überzeugt war, sie gehörten mir, daß aber trotzdem noch ein Zehntel Zweifel in mir war, und für einen anständigen Menschen bedeutet das alles; und ich bin ein anständiger Mensch. Die Hauptsache war, daß ich damals noch nicht genau wußte, daß Aferdow ein Dieb war; ich wußte damals noch nicht einmal seinen Namen, so daß ich in jenem Augenblick wirklich meinen konnte, ich hätte mich getäuscht, und jene drei Hundertrubelnoten gehörten nicht zu dem Gelde, das mir soeben aufgezählt worden war. Ich hatte meinen Geldhaufen die ganze Zeit nicht gezählt, sondern alles immer nur mit den Händen zusammengerafft; und vor Aferdow hatte die ganze Zeit gleichfalls Geld gelegen, und direkt neben dem meinen, aber das war wohlgeordnet und gezählt. Und schließlich war Aferdow hier bekannt, er wurde für reich gehalten, und man begegnete ihm mit Achtung: dies alles übte denn auch seinen Einfluß auf mich, und ich protestierte wieder nicht. Das war ein sehr schwerer Fehler! Die Hauptschweinerei lag darin, daß ich so begeistert war. »Es tut mir unendlich leid, daß ich das nicht ganz genau weiß; aber ich bin der festen Überzeugung, daß das mein Geld ist«, sagte ich, und meine Lippen zitterten vor Unwillen. Diese Worte riefen sofort ein Murren hervor. »Um so etwas zu behaupten, muß man es ganz genau wissen, und Sie sagten eben selber, daß Sie es nicht genau wüßten«, sagte Aferdow unerträglich hochnäsig. »Ja, wer ist das eigentlich? – Soll man sich das eigentlich gefallen lassen?« hörte man verschiedene Stimmen rufen. »Das passiert Ihnen nicht zum erstenmal; vorhin mit Rechberg war auch so eine Geschichte mit einem Zehnrubelschein«, sagte eine niederträchtige Stimme in meiner Nähe. »Na, lassen wir's, lassen wir's!« rief ich. »Ich sage nichts dagegen, nehmen Sie es nur! Fürst ... wo ist denn der Fürst und Darsan geblieben? Fort? Meine Herren, haben Sie nicht gesehen, wohin der Fürst und Darsan gegangen sind?« Ich hatte endlich mein ganzes Geld zusammengerafft, ein paar Halbimperiale hatte ich noch nicht in die Tasche stecken können und hielt sie in der Hand; so eilte ich dem Fürsten und Darsan nach. Der Leser wird wohl sehen, daß ich mich nicht schone und mich in diesem Augenblick genau so zeichne, wie ich damals war, bis zur letzten Häßlichkeit, damit man versteht, was nachher daraus entstand. Der Fürst und Darsan waren schon die Treppe hinuntergegangen, ohne meinem Rufen und Schreien die geringste Beachtung zu schenken. Ich hatte sie schon fast eingeholt, aber ich hielt mich noch einen Moment bei dem Portier auf und drückte ihm drei Halbimperiale in die Hand, weiß der Kukkuck, warum; er sah mich verwundert an und dankte nicht einmal. Aber mir war das ganz gleich, und wenn auch Matwej dagewesen wäre, ich hätte ihm wohl die ganze Handvoll Goldstücke gegeben; ja, ich glaube, ich hatte sogar die Absicht, das zu tun, aber wie ich auf die Vortreppe hinaustrat, fiel mir plötzlich ein, daß ich ihn vorhin nach Hause geschickt hatte. In demselben Augenblick fuhr der Traber des Fürsten vor, und er stieg in den Schlitten. »Ich fahre mit, Fürst, ich will zu Ihnen!« rief ich, ergriff die Schlittendecke und schlug sie zurück, um einzusteigen; aber auf einmal sprang Darsan an mir vorüber in den Schlitten, und der Kutscher riß mir die Decke aus der Hand und packte die Herren ein. »Zum Teufel!« schrie ich rasend vor Zorn. Das sah ja aus, als hätte ich, wie ein Bedienter, die Decke für Darsan aufgehalten. »Nach Hause!« rief der Fürst. »Halt!« brüllte ich und hielt mich am Schlitten fest; aber das Pferd zog an, und ich kollerte in den Schnee. Mir war sogar, als ob sie laut lachten. Ich sprang auf, nahm mir sogleich eine Droschke, die gerade des Weges kam, und jagte nach dem Hause des Fürsten, wobei ich meinen Gaul alle Augenblicke durch Rufe antrieb.   4 Natürlich brauchte der Gaul eine unendliche Zeit, obgleich ich dem Kutscher einen ganzen Rubel versprach. Der Kutscher peitschte die ganze Zeit darauflos, natürlich, um den Rubel herauszupeitschen. Mein Herz pochte: ich begann mit dem Kutscher zu sprechen, aber ich vermochte einfach kein vernünftiges Wort herauszubringen und brummelte nur irgendeinen Unsinn. Und in diesem Zustande stürzte ich zum Fürsten ins Zimmer! Er war gerade heimgekommen; er hatte Darsan abgesetzt und war allein. Bleich und wütend ging er in dem Zimmer auf und ab. Ich bemerke noch einmal: er hatte furchtbar viel verloren. Mich sah er mit einer Art zerstreuter Verwunderung an. »Schon wieder Sie!« stieß er mit gerunzelten Brauen hervor. »Um mit Ihnen zu einem Ende zu kommen, mein Herr!« sagte ich atemlos. »Wie konnten Sie sich unterstehen, mich so zu behandeln?« Er blickte mich fragend an. »Wenn Sie mit Darsan fahren wollten, brauchten Sie mir ja nur mitzuteilen, daß Sie mit Darsan fahren, aber Sie haben das Pferd anziehen lassen, und ich ...« »Ach ja, Sie sind, glaube ich, in den Schnee gefallen«, lachte er mir ins Gesicht. »Die einzige Antwort darauf ist eine Forderung, und deshalb will ich zuerst unsre Rechnung glatt machen ...« Und ich begann mit zitternden Händen mein Geld hervorzuholen; ich legte es auf den Diwan, auf ein Marmortischchen und noch auf ein aufgeschlagnes Buch, das gerade dalag, in Häufchen, Händevoll, in Paketen; ein paar Goldstücke rollten auf den Teppich. »Ach so, Sie scheinen gewonnen zu haben? ... Ja, das merkt man an Ihrem Ton.« Er hatte noch nie so unverschämt zu mir gesprochen. Ich war sehr bleich. »Da ... Ich weiß nicht, wieviel ... Ich muß erst zählen. Ich schulde Ihnen ungefähr dreitausend Rubel ... Oder wieviel? ... Weniger oder mehr?« »Ich glaube, ich habe Sie nicht aufgefordert, es zurückzuzahlen.« »Nein, ich will es selber zurückzahlen, und Sie wissen sehr wohl, warum. Ich weiß, daß dies Paket von Hundertern tausend Rubel enthält!« Und ich begann mit zitternden Händen zu zählen, gab es aber auf. »Ganz gleich, ich weiß, daß es tausend sind. Na also, diese tausend Rubel nehm' ich für mich; alles andre, diese Haufen da, nehmen Sie als Bezahlung meiner Schuld, eines Teiles meiner Schuld: das werden gegen zweitausend Rubel sein, oder vielleicht auch mehr.« »Aber tausend Rubel behalten Sie trotz alledem für sich?« grinste der Fürst. »So? Brauchen Sie sie? In dem Falle ... Ich wollte ... Ich dachte mir, Sie würden es nicht wollen ... Aber wenn Sie es brauchen, dann ...« »Nein, ich brauche es nicht.« Er drehte mir voll Verachtung den Rücken und begann wieder auf und ab zu gehen. »Das mag überhaupt, der Teufel wissen, wie Sie darauf kommen, mir das wiederzugeben?« wendete er sich plötzlich mit sehr herausforderndem Gesichtsausdruck an mich. »Ich zahle es zurück, weil ich Sie zur Rechenschaft ziehen will!« brüllte ich meinerseits. »Scheren Sie sich zum Teufel mit Ihren ewigen großen Worten und Gebärden!« schrie er mich an und stampfte mit dem Fuß auf, in höchster Wut. »Ich wollte Sie beide schon lange hinauswerfen: Sie und Ihren Wersilow.« »Sie sind ja wahnsinnig!« schrie ich. Und es sah ja auch wirklich beinah so aus. »Sie haben mich halbtot gepeinigt, alle beide, mit Ihren dröhnenden Phrasen, Phrasen, Phrasen und wieder Phrasen! Über die Ehre zum Beispiel! Pfui Teufel! Ich wollte dem schon lange ein Ende machen ... Ich bin froh, froh bin ich, daß der Augenblick gekommen ist. Ich hielt mich für gebunden und wurde rot, weil ich Sie empfangen mußte ... Sie beide? Aber jetzt halte ich mich durch nichts mehr gebunden, durch nichts, damit Sie es wissen! Ihr Wersilow hat mich aufgehetzt, über Frau Achmakowa herzufallen und sie zu verleumden ... Unterstehen Sie sich nicht, mir noch von Ehre zu sprechen. Denn Sie sind ehrlose Kerle ... Alle beide, alle beide! Haben Sie sich nicht entblödet, von mir Geld anzunehmen?« Mir wurde dunkel vor den Augen. »Ich habe es angenommen, weil ich Ihr Freund war,« begann ich ganz leise, »Sie haben es mir selbst angeboten, und ich glaubte an Ihre Zuneigung ...« »Ich bin kein Freund von Ihresgleichen! Ich habe Ihnen Geld gegeben, aber nicht aus dem Grunde; Sie wissen selber ganz genau, weshalb.« »Ich habe es auf Wersilows Konto genommen; das war natürlich eine Dummheit, aber ...« »Sie konnten nichts auf Wersilows Konto nehmen ohne seine Zustimmung ... Ich habe Ihnen mein Geld gegeben; und Sie wußten das ganz genau; sie wußten es und nahmen es doch, und ich duldete diese widerwärtige Komödie in meinem Hause!« »Was wußte ich? Was für eine Komödie? Weshalb haben Sie mir das Geld gegeben?« »Pour vos beaux yeux, mon cousin!« lachte er mir gerade ins Gesicht. »Teufel!« brüllte ich, »nehmen Sie alles, da haben Sie auch diese tausend Rubel! Jetzt sind wir quitt, und morgen ...« Und ich warf das Päckchen von regenbogenfarbigen Scheinen nach ihm, das ich mir für meine persönlichen Bedürfnisse zurückbehalten hatte. Das Päckchen traf seine Weste und fiel zu Boden. Er trat schnell mit drei riesigen Schritten und drohend auf mich zu. »Wagen Sie zu behaupten,« rief er wütend und jede Silbe einzeln hervorschleudernd, »daß Sie einen ganzen Monat lang Geld von mir angenommen hätten, ohne zu wissen, daß Ihre Schwester von mir schwanger ist?« »Was? Wie!« schrie ich auf, und meine Beine wurden plötzlich schwach, ich sank kraftlos auf den Diwan. Er selbst hat mir nachher gesagt, ich wäre buchstäblich so weiß geworden wie ein Laken. Mein Verstand verwirrte sich. Ich weiß noch, wir sahen einander lange ins Gesicht. Gleichsam ein Schrecken lief über seine Züge; er beugte sich plötzlich vor, faßte mich an den Schultern und versuchte mich aufzurichten. Ich kann sein eingefrornes Lächeln nicht vergessen; es lag Mißtrauen und Staunen darin. Er hatte eben diese Wirkung seiner Worte durchaus nicht erwartet, weil er von meiner Schuld überzeugt gewesen war. Schließlich wurde ich ohnmächtig, aber nur für eine Minute; ich kam wieder zu mir; ich erhob mich, sah ihn an und sammelte meine Gedanken – und auf einmal offenbarte sich die ganze Wahrheit meinem Verstände, der solange geschlafen hatte! Wenn man mir das vorher gesagt und mich gefragt hätte, was ich in einem solchen Augenblick tun würde, ich hätte wahrscheinlich geantwortet, daß ich ihn in Stücke zerreißen würde. Aber es kam ganz anders, und durchaus gegen meinen Willen: ich bedeckte auf einmal mein Gesicht mit beiden Händen und begann laut und bitterlich zu weinen. Das kam so ganz von selbst! In dem jungen Manne kam auf einmal das kleine Kind zum Vorschein. Das kleine Kind beherrschte also mein Inneres damals noch gut zur Hälfte. Ich sank auf den Diwan und schluchzte. »Lisa! Lisa! Arme, unglückliche Lisa!« Der Fürst glaubte mir auf einmal alles. »O mein Gott, wie ich Ihnen Unrecht getan habe!« rief er in tiefem Schmerz. »Oh, wie niedrig ich von Ihnen gedacht habe in meinem Mißtrauen ... Verzeihen Sie mir, Arkadij Makarowitsch!« Ich sprang plötzlich auf, wollte ihm irgend etwas sagen, stellte mich ihm gegenüber, sagte aber kein Wort und lief aus dem Zimmer und aus dem Hause. Ich ging zu Fuß nach Hause und erinnere mich kaum an den Heimweg. Ich warf mich im Dunkeln auf mein Bett, preßte das Gesicht ins Kissen und grübelte, grübelte. In solchen Augenblicken denkt man nie geordnet und folgerichtig. Mein Verstand und meine Phantasie hatten sich gleichsam von der Kette losgerissen, und ich weiß noch, es kamen mir ganz fernliegende Dinge in den Kopf, Gott weiß, was alles für dummes Zeug. Aber Kummer und Leid kehrten wiederum schmerzhaft und stechend in mein Gedächtnis zurück; und wieder rang ich die Hände und rief »Lisa, Lisa!« und begann wieder zu weinen. Ich weiß nicht mehr, wie ich schließlich einschlief, aber ich schlief tief und süß. Siebentes Kapitel   1 Ich erwachte in der Frühe, so gegen acht Uhr, verschloß schleunigst meine Tür, setzte mich ans Fenster und grübelte wieder. So saß ich bis zehn Uhr. Die Magd hatte unterdessen zweimal bei mir angeklopft, aber ich hatte sie fortgeschickt. Schließlich – es ging schon auf elf – klopfte es wieder. Ich wollte schon wieder hinausrufen, man solle mich in Ruhe lassen, aber diesmal war es Lisa. Hinter ihr trat auch die Magd ein; sie brachte mir Kaffee und machte sich mit dem Heizen des Ofens zu schaffen. Die Magd fortschicken konnte ich nicht; so ging ich die ganze Zeit, während Fiokla Holz aufschichtete und das Feuer schürte, mit großen Schritten in meinem kleinen Zimmer auf und nieder; ich begann kein Gespräch und gab mir sogar Mühe, Lisa überhaupt nicht anzusehen. Die Magd tat alles zwar unbeschreiblich langsam, und absichtlich, wie alle Mägde, wenn sie merken, daß ihre Herrschaften etwas besprechen wollen, was sie nicht hören dürfen. Lisa hatte sich auf den Stuhl am Fenster gesetzt und verfolgte mich mit den Augen. »Dein Kaffee wird kalt«, sagte sie plötzlich. Ich sah sie an: nicht die geringste Verlegenheit, – vollkommenste Ruhe, um ihren Mund sogar ein Lächeln! »O Weiber!« konnte ich mich nicht enthalten zu sagen, und zuckte die Achseln. Endlich war die Magd mit dem Ofen fertig und wollte jetzt anfangen, aufzuräumen, aber ich schickte sie ärgerlich hinaus Und konnte endlich die Tür hinter ihr verschließen. »Sag' mir bitte, warum du wieder die Tür zuschließt?« fragte Lisa. Ich trat vor sie hin: »Lisa, könnte ich denn ahnen, daß du mich so betrügen würdest!« rief ich plötzlich, ohne überhaupt daran gedacht zu haben, auf diese Weise anzufangen; und es gab diesmal keine Tränen, sondern es war ein geradezu böses Gefühl, das mir plötzlich ins Herz stach, so böse, wie ich es selbst nicht erwartet hätte. Lisa wurde rot, antwortete aber nicht, sondern sah mir nur immer gerade in die Augen. »Nein, Lisa, nein; oh, wie dumm ich war! Aber war ich denn so dumm? Alle Anzeichen haben sich ja erst gestern zu einem großen Berge vereinigt; und woher hätte ich vorher etwas wissen sollen? Weil du die Stolbejews besuchtest und diese ... Darja Onisimowna? Aber ich hielt dich für rein wie die Sonne, Lisa, wie hätte ich auf so etwas kommen sollen? Weißt du noch wie ich dich damals, vor zwei Monaten, in seiner Wohnung traf, und wie wir beide dann durch den Sonnenschein gingen und froh waren ... War es damals schon im Gange? War es im Gange?« Sie antwortete mit einem bejahenden Nicken. »So hast du mich also schon damals betrogen! Da ist nicht meine Dummheit schuld, Lisa, eher schon mein Egoismus, nicht meine Dummheit, der Egoismus meines Herzens und – und, sagen wir, mein Glauben an die Reinheit. Oh, ich bin immer überzeugt davon gewesen, ihr alle stündet hoch über mir, – und nun ...! Und schließlich, gestern noch, heute vor einem Tage, konnte ich mir das noch gar nicht vorstellen, trotz aller Anzeichen ... Ja, und ich hatte gestern auch wirklich ganz andre Dinge im Kopfe!« Und da mußte ich auf einmal an Katerina Nikolajewna denken, und wieder stach mich etwas marternd wie eine Nadel ins Herz, und ich wurde über und über rot. Natürlich konnte ich in solch einem Augenblick nicht gut sein. »Ja, weswegen willst du dich eigentlich rechtfertigen? Ich habe den Eindruck, Arkadij, daß du dich zu rechtfertigen suchst, aber weswegen eigentlich?« fragte Lisa leise und sanft, aber mit sehr festem und überzeugtem Ausdruck. »Wieso: weswegen? Ja, was soll ich jetzt eigentlich tun?« – um nur diese eine Frage zu nehmen! Aber du sagst: ›weswegen?‹ Ich weiß nicht, wie ich hier handeln soll! Ich weiß nicht, wie Brüder in solchen Fällen zu handeln pflegen ... Ich weiß, daß man die Verführer mit der Pistole in der Hand zur Heirat zwingt ... Ich will handeln, wie es einem Manne von Ehre geziemt! Aber ich weiß ja eben nicht, wie ein Mann von Ehre in solchem Falle handelt! ... Warum ich das nicht weiß? Weil wir nicht adlig sind, und er ist ein Fürst und sucht sich in seinen Kreisen seinen Weg: er wird auf uns ehrsame Bürgersleute überhaupt nicht hören. Wir beide sind ja nicht einmal Geschwister, sondern Gott weiß was für Bankerte, ohne Namen, die Kinder eines Hofknechtes; und heiraten Fürsten etwa Mädchen aus dem Hofgesinde? Oh, solch ein Schmutz! Und dazu sitzt du da und wunderst dich noch über mich.« »Ich glaube dir, daß du leidest«, sagte Lisa und errötete wieder. »Aber du überstürzest dich und quälst dich selber.« »Ich überstürze mich? Ja, bin ich denn in dieser Angelegenheit für dich noch immer nicht spät genug gekommen? Muß ich das dir sagen, Lisa, gerade dir?« rief ich ausbrechend und jetzt endlich in vollem Zorn. »Und wieviel Schmach habe ich deswegen erduldet, und wie hat dieser Fürst mich verachten müssen! Oh, jetzt ist mir alles klar, und ich habe das ganze Bild deutlich vor Augen: er war fest überzeugt davon, ich wäre schon längst hinter dein Verhältnis mit ihm gekommen, aber ich schwieg und spielte mich hochnäsig auf und renommierte mit meiner ›Ehre‹ – siehst du, selbst das hat er von mir glauben können! Und für meine Schwester, für die Schande meiner Schwester nähme ich Geld an! Das war es, was ihm Ekel einflößte, wenn er es sah, und darin gebe ich ihm durchaus recht; wenn einer täglich einen Schuft sehen und bei sich empfangen muß, weil er ›ihr Bruder‹ ist, und wenn dieser Kerl dann noch von Ehre spricht ... Das kann einem das Herz wohl ausdörren, selbst sein Herz! Und du hast das alles zugelassen, du hast mich nicht gewarnt! Er hat mich so tief verachtet, daß er mit einem Stebelkow über mich sprach, und daß er gestern zu mir selber sagte, er hätte Wersilow und mich, uns alle beide, hinauswerfen wollen. Und dieser Stebelkow! ›Anna Andrejewna ist ja doch genau so Ihre Schwester wie Lisaweta Makarowna‹, ja, und dann hat er mir noch nachgerufen: ›Mein Geld ist besser.‹ Und ich, ich habe mich rüpelhaft bei ihm auf dem Diwan geräkelt und habe mich seinen Bekannten aufgedrängt, der Teufel soll sie holen, als wäre ich ihresgleichen! Und du hast das alles zugelassen! Wahrscheinlich weiß Darsan jetzt auch schon die ganze Geschichte, wenigstens nach dem Ton zu urteilen, den er gestern abend angeschlagen hat ... Alle wissen es, alle, nur ich nicht!« »Kein Mensch weiß etwas, er hat es keinem von seinen Bekannten erzählt oder überhaupt erzählen können,« unterbrach mich Lisa, »und von diesem Stebelkow weiß ich nur, daß Stebelkow ihn peinigt, und daß dieser Herr Stebelkow höchstens etwas hat erraten können ... Und von dir habe ich öfters mit ihm gesprochen, und er hat mir ohne weiteres geglaubt, daß du nichts wüßtest, und ich weiß wirklich nicht, warum und wie diese Sache gestern zwischen euch entstanden sein kann.« »Oh, ich habe ihm gestern wenigstens meine Schuld zurückgezahlt und habe wenigstens diese Last vom Herzen! Lisa, weiß Mama es? Ach ja, wie sollte sie es nicht wissen: gestern, gestern ist sie ja gegen mich losgefahren! ... Ach, Lisa! Ja, findest du wirklich, daß du in allem recht hast, gibst du dir denn gar keine Schuld? Ich weiß nicht, wie man heutzutage über solche Dinge urteilt und wie du darüber denkst; ich meine, was mich angeht, deine Mutter, deinen Bruder, deinen Vater ... Weiß Wersilow es?« »Mama hat ihm nichts gesagt: er fragt nicht, wahrscheinlich mag er nicht fragen.« »Er weiß es, aber er will es nicht wissen; das ist so ... das sieht ihm so ähnlich! Nun, du magst deinen Bruder als Komödianten verlachen, deinen Dummkopf von Bruder, wenn er von Pistolen spricht; aber die Mutter, die Mutter? Hast du wirklich nicht daran gedacht, Lisa, daß das für Mama ein Vorwurf sein muß? Die ganze Nacht habe ich mich damit gequält; Mamas erster Gedanke muß jetzt doch sein: ›Das geschieht mir, weil auch ich mich vergangen habe; wie die Mutter, so die Tochter!‹« »Oh, wie böse und hart du das gesagt hast!« rief Lisa, und Tränen brachen aus ihren Augen. Sie stand auf und ging schnell zur Tür. »Nein, bleib!« rief ich, legte den Arm um sie, führte sie wieder zu ihrem Platze und setzte mich neben sie, ohne die Hand fortzunehmen. »Das hatte ich mir schon gedacht, als ich herkam, daß alles so kommen würde; ich wußte, du würdest sicherlich das Bedürfnis haben, ich sollte mich selbst anklagen. Nun schön, ich klage mich an. Nur aus Stolz habe ich eben geschwiegen und nichts gesagt; aber um dich und Mama tut es mir viel mehr weh als um mich selber, es tut mir so leid ...« Sie sprach nicht zu Ende und brach plötzlich in heiße Tränen aus. »Hör' auf, Lisa, das ist nicht nötig, nichts ist nötig. Ich bin nicht dein Richter. Lisa, und Mama? Sag', weiß sie es schon lange?« »Ich denke mir, sie weiß es schon lange; aber ich selbst hab' es ihr erst kürzlich gesagt, als das passierte«, brachte sie leise hervor, mit niedergeschlagenen Augen. »Und sie?« »Sie sagte zu mir: ›Trag es!‹« sagte Lisa noch leiser. »Ach, Lisa, ja, trag es! Tu dir nur nichts an, bewahre dich Gott davor!« »O nein!« entgegnete sie fest und hob die Lider und sah mich wieder an. »Sei ganz ruhig,« fügte sie hinzu, »so ist die Sache gar nicht.« »Lisa, Liebste, ich sehe nur eins: daß ich von der Sache gar nichts weiß, aber dafür habe ich erst jetzt erfahren, wie lieb ich dich habe. Nur eins verstehe ich nicht, Lisa: alles ist mir klar, nur eins verstehe ich durchaus nicht: warum hast du dich in ihn verliebt? Wie konntest du dich in so einen Menschen verlieben? Das ist die Frage?« »Und wahrscheinlich hast du dich damit auch die ganze Nacht gequält?« lächelte Lisa still. »Nein, warte, Lisa, das ist eine dumme Frage, und du lachst mich aus; lach' nur, aber muß man denn da nicht staunen? Du und er, ihr seid ja solche Gegensätze! Ich hab' ihn studiert: er ist finster, mißtrauisch, vielleicht ist er ein sehr guter Mensch, meinetwegen, aber dafür ist er wie kein zweiter geneigt, an allem zuerst das Schlechte zu sehen (in der Beziehung ist er übrigens genau wie ich!). Er hat einen ungeheuern Respekt vor Vornehmheit und Korrektheit – das gebe ich zu, das sehe ich; aber das ist, glaube ich, doch mehr platonisch. Oh, er leidet ewig an Reue, er verflucht sich sein Leben lang ununterbrochen und schlägt sich vor die Brust, aber dabei bessert er sich niemals; übrigens ist er vielleicht auch in dieser Beziehung wie ich. Tausend Vorurteile und verkehrte Ideen, und – nicht eine Idee! Er strebt nach großen Taten und macht sich in Kleinigkeiten schmutzig. Verzeih, Lisa, ich bin natürlich ein Narr: mit dem, was ich da sage, kränke ich dich, und ich weiß das; ich verstehe das so ...« »Das Porträt würde stimmen,« lächelte Lisa, »aber du bist um meinetwillen zu böse auf ihn, deswegen stimmt auch wieder nichts daran. Dir gegenüber war er von allem Anfang an mißtrauisch, und du konntest ihn daher nicht sehen, wie er ist; mir aber hat er schon in Luga ... Er hat nichts mehr gesehen, als nur mich, schon seit der Zeit in Luga. Ja, er ist mißtrauisch und krankhaft, und ohne mich hätte er den Verstand verloren; und wenn er mich verließe, würde er den Verstand verlieren oder sich erschießen; ich glaube, das hat er eingesehen und weiß es«, fügte Lisa halb für sich und in Gedanken verloren hinzu. – »Jawohl, er ist immer schwach, aber diese Art schwacher Menschen ist manchmal zu einer außerordentlich starken Tat fähig ... Wie sonderbar war das, was du von der Pistole sagtest, Arkadij: solche Dinge tun hier gar nicht not, und ich weiß selber ganz genau, wie es kommen wird. Ich werde ihm nicht nachlaufen, aber er wird mir nachlaufen. Mama weint und sagt: ›Wenn du ihn heiratest, wirst du unglücklich, er wird dich dann nicht mehr lieben.‹ Daran glaube ich nicht; unglücklich werde ich vielleicht, aber er hört nicht auf, mich zu lieben. Das war nicht der Grund, daß ich ihm immer nein gesagt habe, sondern etwas ganz andres. Seit zwei Monaten sage ich ihm nein, aber heute habe ich zu ihm gesagt: ja, ich werde deine Frau. Arkascha, weißt du auch, gestern« – ihre Augen strahlten, und sie schlang beide Arme um meinen Hals – »gestern ist er zu Anna Andrejewna gegangen und hat ihr gerade heraus, ganz offen, gesagt, er könne sie nicht lieben ... Ja, er hat ihr ganz reinen Wein eingeschenkt, und dieser Gedanke liegt jetzt hinter ihm! Er selbst hat an diesem Gedanken nie teilgehabt, das hat sich alles bloß Fürst Nikolaj Iwanowitsch ausgeklügelt, und gedrängt dazu haben ihn seine Quälgeister, dieser Stebelkow und noch einer ... Siehst du, und dafür habe ich ihm heute ja gesagt. Lieber Arkadij, er lädt dich dringend ein, und du sollst das nicht übelnehmen nach dem, was gestern geschehen ist: er ist heute nicht recht wohl und bleibt den ganzen Tag zu Hause. Er ist wirklich nicht gesund, Arkadij, glaub' nicht, daß das eine Ausrede wäre. Er hat mich ausdrücklich hergeschickt und mich gebeten, dir zu sagen, er sehne sich nach dir, er habe dir viel zu sagen, und hier bei dir, in dieser Wohnung würde das nicht recht gehen! Also, leb' wohl! Ach, ich geniere mich, es dir zu sagen, aber ich habe mich auf dem Wege hierher so schrecklich gefürchtet, du könntest mich nicht mehr liebhaben; ich habe mich unterwegs immerzu bekreuzt, und dabei bist du so gut, so lieb! Das vergesse ich dir nie! Jetzt will ich zu Mama. Und du hab' ihn wenigstens ein bißchen lieb; willst du?« Ich umarmte sie mit Wärme und sagte zu ihr: »Lisa, ich glaube, du bist ein starker Charakter. Ja, und ich glaube dir auch, daß nicht du ihm, sondern daß er dir nachläuft, aber trotz alledem ...« »Aber trotz alledem: ›warum hast du dich in ihn verliebt – das ist die Frage!‹« fiel Lisa ein und lachte plötzlich schelmisch wie in früherer Zeit; und dies: »Das ist die Frage!« brachte sie genau in meinem Tonfall hervor. Und dabei hob sie den Zeigefinger vor die Augen, genau wie ich es bei diesen Worten zu tun pflegte. Wir küßten uns zum Abschied, aber als sie draußen war, zog sich mir schon wieder das Herz zusammen.   2 Ich zeichne dies hier nur für mich auf: es gab, nachdem Lisa gegangen war, Momente, wo die unerwartetsten Gedanken in ganzen Scharen durch meinen Kopf zogen, und ich war sogar sehr befriedigt von ihnen. »Na, wozu zerbreche ich mir den Kopf,« dachte ich, »was kümmert's mich? So etwas passiert beinahe jedem. Was ist denn Lisa groß passiert! Bin ich, ich, verpflichtet, die ›Ehre der Familie‹ zu retten?« – Ich erwähne alle diese Einzelheiten, um zu zeigen, wie wenig gefestigt ich noch war in meinen Begriffen von gut und böse. Mich rettete nur mein Gefühl: ich wüßte, daß Lisa unglücklich war, da Mama unglücklich war, und ich wußte das mit dem Gefühl, wenn ich an sie dachte, und deshalb fühlte ich auch, daß alles, was da geschehen war, nicht gut sein konnte. Jetzt muß ich vorausschicken, daß sich die Ereignisse von diesem Tage an bis zur Katastrophe meiner Erkrankung in solcher Geschwindigkeit jagten, daß es mir selber, wenn ich daran zurückdenke, höchst erstaunlich vorkommt, daß ich ihnen habe standhalten können, daß mich mein Schicksal nicht erdrückt hat. Die Ereignisse nahmen mir die Kraft meines Verstandes und selbst meiner Gefühle, und wenn ich schließlich nicht standgehalten und ein Verbrechen begangen hätte – (und es hat an diesem Verbrechen nicht mehr viel gefehlt), so hätten mich die Geschworenen wahrscheinlich freigesprochen. Aber ich will mir Mühe geben, das alles streng geordnet aufzuzeichnen, wenn ich auch gleich sagen muß, daß es damals in meinen Gedanken wenig geordnet aussah. Die Ereignisse rasten daher wie ein Sturmwind, und die Gedanken wirbelten in meinem Kopfe wie dürre Blätter im Herbst. Da ich nur aus fremden Gedanken bestand – wo hätte ich eigne hernehmen sollen, als ich sie zu einem selbständigen Entschlüsse brauchte? Und ich hatte niemand, der mich angeleitet hätte. Zum Fürsten beschloß ich am Abend zu gehen, um mich ganz frei mit ihm über alles auszusprechen, und bis zum Abend blieb ich zu Hause. Als es schon dämmerte, brachte mir die Stadtpost schon wieder ein Schreiben von Stebelkow, drei Zeilen nur, worin er mich dringend und »inständig« bat, ihn am nächsten Morgen zu besuchen, etwa um elf Uhr, in »höchst wichtigen Angelegenheiten«; ich würde selbst sehen, daß er mich »nicht wegen einer Kleinigkeit« bemüht hätte. Ich überlegte mir die Sache und beschloß je nach den Umständen zu handeln; denn bis morgen war ja noch viel Zeit. Es war schon acht Uhr; ich wäre längst gegangen, aber ich wartete die ganze Zeit auf Wersilow: ich hatte das Bedürfnis, ihm allerlei zu sagen, und mein Herz brannte. Aber Wersilow war nicht gekommen und kam nicht. Bei Mama und Lisa konnte ich mich noch nicht wieder zeigen, und ich hatte auch das Gefühl, Wersilow würde wohl den ganzen Tag nicht zu Hause gewesen sein. Ich ging zu Fuß, und als ich schon unterwegs war, kam ich auf den Gedanken, in die Kellerkneipe hineinzusehen, wo wir gestern gewesen waren. Und richtig saß da Wersilow auf demselben Platze wie gestern. »Ich hatte mir gedacht, daß du kommen würdest«, sagte er mit einem sonderbaren Lächeln und mit einem sonderbaren Blick auf mich. Es war ein böses Lächeln, und ich hatte es so schon lange nicht mehr an ihm gesehen. Ich setzte mich an den kleinen Tisch und erzählte ihm zuerst die Geschichte vom Fürsten und Lisa mit allen Einzelheiten und ebenso den gestrigen Auftritt zwischen mir und dem Fürsten nach dem Roulettespiel; ich vergaß auch meinen Gewinn an der Roulette nicht. Er hörte mich aufmerksam bis zu Ende an und fragte mich über den Entschluß des Fürsten aus, Lisa zu heiraten. »Pauvre enfant, es ist sehr leicht möglich, daß sie damit gar nichts gewinnt. Aber wahrscheinlich kommt das überhaupt nicht zustande ... Übrigens, er wäre fähig ...« »Sagen Sie mir eins, offen, wie einem Freunde: Sie haben das doch gewußt, haben es geahnt?« »Lieber Freund, was konnte ich dabei tun? Das alles ist eine Gefühlssache und die Gewissenssache eines fremden Menschen, wenn es sich dabei auch um dieses arme Mädel handelt. Ich sage dir noch einmal: ich habe mich zuzeiten gerade genug in fremde Gewissen eingedrängt – das ist das undankbarste Geschäft, das es gibt! Im Unglück hilfreich zu sein, das weise ich nicht ab, soweit es in meiner Kraft steht und so gut ich es verstehe. Aber du, lieber Freund, hast also wirklich die ganze Zeit auch nicht das geringste geahnt?« »Aber wie konnten Sie denn,« rief ich, heftig auffahrend, »wie konnten Sie, wenn Sie auch nur ein Fünkchen Verdacht hatten, ich könnte etwas von Lisas Verhältnis mit dem Fürsten wissen, und wo Sie zugleich sahen, daß ich Geld vom Fürsten annahm, – wie konnten Sie da mit mir sprechen, mit mir zusammensitzen, mir die Hand geben, – mir, den Sie für einen Schurken halten mußten; denn ich möchte doch wetten, Sie glaubten sicherlich, ich wüßte alles und ließe mich vom Fürsten für meine Schwester bezahlen!« »Das ist nun wieder eine Gewissenssache«, lächelte er. – »Und woher weißt du,« fügte er mit einer eigen rätselhaften Wärme eindringlich hinzu, »woher weißt du, ob ich nicht dieselbe Furcht empfunden habe wie du gestern in einem andern Falle, die Furcht, mein ›Ideal‹ zu verlieren und statt meines heißblütigen und ehrlichen Jungen einen Taugenichts vor mir zu sehen? Diese Befürchtung hatte ich, und darum schob ich den Augenblick hinaus. Warum kannst du hinter mir statt Trägheit und Verschlagenheit nicht irgend etwas Harmloseres suchen, möge es auch dumm sein, aber doch etwas Edleres. Que diable! Ich bin nur zu oft dumm und unedel. Was hätte ich denn schon an dir gehabt, wenn du nun einmal solche Anlagen gehabt hättest? Zureden und bessern wollen zeugt in solchen Fällen von niedriger Gesinnung; du hättest in meinen Augen jeden Wert verloren, und wenn du dich auch gebessert hättest ...« »Aber Lisa tut Ihnen doch leid, oder tut sie Ihnen nicht leid?« »Sehr leid tut sie mir, lieber Freund. Woraus schließt du, daß ich so gefühllos wäre? ... Im Gegenteil, ich bemühe mich aus allen Kräften ... Na, und wie ist's mit dir, wie stehen deine Angelegenheiten?« »Lassen wir meine Angelegenheiten aus dem Spiel, ich kenne jetzt keine eignen Angelegenheiten. Sagen Sie, warum bezweifeln Sie, daß er sie heiraten wird? Er war gestern bei Anna Andrejewna und hat ihr gesagt, daß er die Sache endgültig ablehne ... na, eben von dieser dummen Idee ... der Idee, auf die Fürst Nikolaj Iwanowitsch verfallen ist – daß sie sich heiraten sollten. Er hat das endgültig abgelehnt.« »So? Wann war das denn? Und von wem hast du das eigentlich gehört?« erkundigte er sich neugierig. Ich erzählte ihm alles, was ich wußte. »Hm,« stieß er nachdenklich hervor und schien sich im stillen etwas auszurechnen, »also muß das so ziemlich eine Stunde vor einer andern Erklärung gewesen sein. Hm ... na ja, natürlich, eine derartige Erklärung zwischen ihnen mag ja stattgefunden haben ... obgleich ich freilich weiß, daß bisher in dieser Sache weder von der einen noch von der andern Seite irgend etwas gesagt oder getan worden war ... Ja, es genügen ja zwei Worte, um sich zu erklären. Nun pass' mal auf,« lächelte er auf einmal ganz sonderbar, »ich will dir jetzt eine sehr interessante, ja, sogar höchst merkwürdige Neuigkeit erzählen: wenn dein Fürst gestern Anna Andrejewna einen Antrag gemacht hätte (dem ich mich, da ich die Sache mit Lisa ahnte, aus allen Kräften widersetzt hätte, entre nous soit dit), so hätte ihm Anna Andrejewna sicherlich und auf jeden Fall sofort einen Korb gegeben. Mir scheint, du hast Anna Andrejewna sehr gern, du verehrst und schätzest sie? Das ist sehr nett von dir, und deshalb wirst du dich wohl für sie freuen: sie will sich nämlich verheiraten, lieber Freund, und soweit ich ihren Charakter beurteilen kann, wird sie ganz sicher heiraten, und ich – na, ich gebe ihr natürlich meinen Segen.« »Sie heiratet? Wen denn?« rief ich ungeheuer erstaunt. »Rate einmal! Also ich will dich nicht quälen: den Fürsten Nikolaj Iwanowitsch, deinen lieben alten Herrn.« Ich sah ihn mit großen Augen an. »Sie muß sich mit diesem Gedanken schon lange getragen haben, und natürlich hat sie die Sache mit der höchsten Kunst von allen Seiten bearbeitet«, fuhr er schleppend und jede Silbe einzeln aussprechend fort. »Ich nehme an, das muß genau eine Stunde nach dem Besuche des ›Fürsten Seriosha‹ gewesen sein. (Also so zur unrechten Zeit hat er sich vergaloppiert!) Sie ist einfach zu Fürst Nikolaj Iwanowitsch gegangen und hat ihm einen Antrag gemacht.« »Was heißt: ›sie hat ihm einen Antrag gemacht‹? Sie meinen: er hat ihr einen Antrag gemacht?« »Wie käme er dazu! Sie, sie selber, das ist's ja, und deshalb ist er jetzt ganz weg vor Seligkeit. Er soll jetzt dasitzen und sich immer nur wundern, daß er nicht selbst auf die Idee gekommen ist. Ich höre, er soll sogar krank geworden sein, auch vor Seligkeit wahrscheinlich.« »Hören Sie, Sie sagen das so spöttisch ... Ich kann es fast nicht glauben. Ja, und wie konnte sie ihm denn den Antrag machen? Was hat sie denn gesagt?« »Sei überzeugt, lieber Freund, daß ich mich aufrichtig darüber freue,« erwiderte er und machte auf einmal ein erstaunlich ernstes Gesicht, »alt ist er ja natürlich, aber heiraten kann er doch, nach Gesetz und Sitte, und sie – das ist eben wieder die Sache eines fremden Gewissens, genau das, was ich dir schon öfter gesagt habe, lieber Freund. Übrigens ist sie durchaus kompetent, ihre eignen Ansichten zu haben und ihre eignen Entschlüsse zu fassen. Und was so eigentlich die Einzelheiten und die Worte betrifft, mit denen sie ihren Antrag gemacht hat, da kann ich dir keine Auskunft geben, lieber Freund. Aber sie wird das schon verstanden haben, und vielleicht besser, als wir zwei es uns ausmalen können. Das beste an der ganzen Geschichte ist, daß sie nichts von einem Skandal hat, alles das ist très comme il faut in den Augen der Welt. Es ist natürlich sehr durchsichtig, daß sie sich damit eine Position hat schaffen wollen, aber sie ist dessen auch wert. Das alles, lieber Freund, ist durchaus im Stil der besten Gesellschaft. Und ihren Antrag hat sie sicher in vornehmster, korrektester Weise gemacht. Sie ist ein Typus von Sittenstrenge, lieber Freund, eine jungfräuliche Nonne, wie du einmal gesagt hast; eine ›kluge Jungfrau‹, wie ich sie schon lange nenne. Sie ist doch beinah ein Art von Pflegetochter von ihm, das weißt du ja, und hat mehr als einmal seine Güte an sich erfahren. Sie hat mir schon lange versichert, daß sie ihn ›verehre und hochschätze, mit ihm fühle und sympathisiere‹, na, und was dergleichen mehr ist; ich war also teilweise sogar darauf vorbereitet. Mir hat das alles, in ihrem Namen und auf ihre Bitte hin, mein Sohn, ihr Bruder Andrej Andrejewitsch mitgeteilt, den du, soviel ich weiß, nicht kennst, und den ich genau alle halbe Jahre einmal sehe. Er billigt ihren Schritt respektvoll.« »So ist es schon öffentlich? Herrgott, ich bin ganz starr!« »Nein, das ist durchaus noch nicht öffentlich, bis auf weitres wenigstens ... ich weiß da nicht Bescheid, ich halte mich ganz abseits. Aber wahr ist das alles.« »Aber was wird jetzt Katerina Nikolajewna ...? Was meinen Sie: wird Bjoring nicht ziemlich hart an diesem Brocken schlucken?« »Ja, das weiß ich nun wieder nicht ... Was sollte ihm dabei nicht passen? Aber, du kannst es mir glauben: Anna Andrejewna ist auch in der Beziehung ein hochgradig korrekter Mensch. Ja, was das für ein Mensch ist, diese Anna Andrejewna! Direkt vorher hat sie sich doch gestern früh bei mir erkundigt, ob ich die verwitwete Frau Achmakowa liebte oder nicht? Du weißt wohl noch, daß ich dir das gestern einigermaßen verwundert mitteilte. Sie konnte ja doch nicht den Vater heiraten, wenn ich die Tochter geheiratet hätte? Verstehst du das jetzt?« »Ach, wirklich!« rief ich. »Aber konnte sich denn Anna Andrejewna wirklich im Ernst einbilden, daß Sie ... den Wunsch hegen könnten, Katerina Nikolajewna zu heiraten?« »Augenscheinlich doch, lieber Freund; übrigens aber ... übrigens wird es für dich wohl Zeit, dahin zu gehen, wo du hinwillst. Weißt du, ich habe solche Kopfschmerzen. Ich werde mir mal die ›Lucia‹ vororgeln lassen. Ich liebe die Feierlichkeit des Stumpfsinns; übrigens aber habe ich dir das schon erzählt ... Ich wiederhole mich in ganz lächerlicher Weise ... Übrigens gehe ich vielleicht auch woanders hin. Ich hab' dich sehr lieb, lieber Freund, aber jetzt leb' wohl; wenn ich Kopfweh habe oder Zahnschmerzen, dann lechze ich immer nach Einsamkeit.« In seinem Gesicht erschien ein gequälter Zug; ich glaube es heute gern, daß ihm damals der Kopf weh tat, gerade der Kopf ... »Auf morgen«, sagte ich. »Was heißt das: auf morgen, und was wird morgen sein?« sagte er mit einem schiefen Lächeln. »Ich komme zu Ihnen, oder Sie zu mir.« »Ich komme nicht zu dir, aber du wirst zu mir gestürzt kommen ...« In seinem Gesicht lag dabei ein ganz auffallend böser Zug, aber was kümmerte ich mich viel um ihn: so eine Neuigkeit!   3 Der Fürst war in der Tat nicht wohl und saß allein zu Hause, den Kopf mit einem nassen Handtuch umwunden. Er hatte mich sehr ungeduldig erwartet; aber es war nicht nur sein Kopf, der schmerzte, vielmehr litt der ganze Mensch moralische Schmerzen. Ich möchte hier gleich wieder etwas vorwegnehmen: diese ganze Zeit, und so fort bis zur Katastrophe, schickte es sich für mich so, daß ich ununterbrochen mit Leuten zusammengeriet, die so aufgeregt waren, daß sie alle fast für geistesgestört gelten konnten, und daß ich selber ganz unwillkürlich von ihnen gewissermaßen angesteckt werden mußte. Ich bekenne, daß ich mit bösen Gefühlen zu ihm kam, und ich schämte mich dabei sehr, weil ich gestern vor ihm in Tränen ausgebrochen war. Aber trotzdem wußten Lisa und er mich so geschickt herumzukriegen, daß ich einfach nicht sah, was für ein Dummkopf ich war. Kurz und gut, als ich zu ihm ins Zimmer trat, tönten in meinem Inneren ganz falsche Saiten. Aber alles dieses Künstliche und Falsche fiel sehr bald von mir ab. In einer Beziehung muß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: sobald sein Argwohn gefallen und in Trümmer gegangen war, gab er sich auch ganz; dann äußerten sich bei ihm Züge einer beinah kindlichen Zutunlichkeit, Zutraulichkeit und Liebe. Er küßte mich unter Tränen und begann sofort von unserer Angelegenheit zu sprechen ... Ja, er hatte mich wirklich sehr nötig gehabt: in seinen Reden und in seinem Gedankengange herrschte eine außerordentliche Verwirrung. Er äußerte den bestimmten Entschluß, Lisa zu heiraten, und zwar sobald wie möglich. »Daß sie nicht adlig ist, hat mich nicht eine Sekunde beirrt, das dürfen Sie mir ruhig glauben,« sagte er zu mir, »mein Großvater war mit einem Hofmädchen verheiratet, das Sängerin an dem Privattheater eines benachbarten Gutsbesitzers gewesen war, das der aus seinen Leibeigenen gebildet hatte. Selbstverständlich hat meine Familie auf mich Hoffnungen ganz bestimmter Art gesetzt, aber denen muß sie jetzt entsagen, und es wird deswegen auch nicht den geringsten Kampf geben. Ich will mit allem brechen, ein für allemal brechen mit allem, was mich heute fesselt! Alles muß anders werden, alles muß neu werden! Ich verstehe selber nicht, warum Ihre Schwester sich in mich verliebt hat; aber natürlich, ich würde ohne sie heute vielleicht nicht mehr auf dieser Erde herumlaufen. Ich schwöre es Ihnen aus tiefstem Herzen: ich sehe heute in meiner Begegnung mit ihr in Luga die Hand der Vorsehung. Ich denke mir, sie gewann mich wegen der ›grenzenlosen Tiefe meines Falles‹ lieb ... können Sie das übrigens verstehen, Arkadij Makarowitsch?« »Vollkommen!« sagte ich in höchst überzeugtem Ton. Ich saß im Lehnstuhl am Tische, und er ging im Zimmer auf und ab. »Ich muß Ihnen die Geschichte davon, wie wir uns kennenlernten, ganz erzählen, ohne irgend etwas zu verhehlen. Den Anlaß gab das Geheimnis, das ich in mir trage; sie ist die einzige, die davon etwas weiß, weil ich es sonst niemand habe anvertrauen können. Und bis zum heutigen Tage weiß weiter kein Mensch davon. Nach Luga kam ich damals mit Verzweiflung im Herzen; ich wohnte bei Frau Stolbejewa, warum, weiß ich nicht, ich suchte wohl die tiefste Einsamkeit. Ich hatte damals gerade den Dienst im –schen Regiment quittiert. In dieses Regiment war ich nach meiner Rückkehr aus dem Auslande eingetreten, nach meinem damaligen Renkontre mit Andrej Petrowitsch. Ich hatte damals Geld, führte im Regiment ein Leben auf großem Fuße, hatte eine offene Hand; aber meine Regimentskameraden mochten mich nicht, obgleich ich mir Mühe gab, keinem zu nahe zu treten. Ich muß Ihnen überhaupt gestehen, daß mich mein Leben lang kein Mensch gemocht hat. Nun hatten wir im Regiment einen Kornett, einen gewissen Stepanow; er war, offen gesagt, ein seltener Hohlkopf, ein ganz unbedeutender und sogar geradezu stupider Mensch, der sich wirklich durch nichts auszeichnete. Seine Anständigkeit war übrigens über jeden Zweifel erhaben. Er hatte sich an mich angeschlossen, ich genierte mich weiter nicht vor ihm, er saß ganze Tage bei mir in den Ecken herum, ohne ein Wort zu sagen., aber in durchaus würdiger Haltung; er war bescheiden und störte mich nie. Einmal erzählte ich ihm eine Anekdote, die gerade umlief, die ich aber mit allerlei dummem Zeug ausschmückte: daß ich nämlich der Tochter des Obersten nicht gleichgültig sei, und daß der Oberst, der auf mich als Schwiegersohn rechne, natürlich alles tue, was ich wolle ... Kurz und gut, ich will von den Einzelheiten nicht sprechen, aber aus dieser Sache entstand nachher eine sehr verwickelte und höchst ekelhafte Klatscherei. Sie ging nicht von Stepanow aus, sondern von meinem Burschen, der gehorcht und alles gut behalten hatte, weil darin eine komische Szene vorkam, die die junge Dame kompromittierte. Und eben dieser Bursche wies bei dem Verhör vor den Offizieren, als die Klatscherei an den Tag gekommen war, auf Stepanow hin: das heißt darauf, daß ich es Stepanow erzählt hätte. Stepanow kam in eine Lage, daß er unmöglich ableugnen konnte, was er gehört hatte: es war eine Ehrensache. Da ich aber zwei Drittel von der Geschichte frei erfunden hatte, waren die Kameraden sehr aufgebracht, und der Regimentskommandeur befahl uns zu sich und stellte eine Untersuchung an. Und da eben wurde in aller Gegenwart an Stepanow die Frage gerichtet, ob er das gehört habe oder nicht. Und er sagte die ganze Wahrheit aus. Nun, und was tat ich darauf, ich, der Fürst aus tausendjährigem Hause? Ich leugnete und sagte Stepanow gerade ins Gesicht, er habe gelogen, ich sagte freilich auf ganz höfliche Weise aus, das heißt, in dem Sinne, als hätte er mich ›nicht richtig verstanden‹ ... Ich übergehe wiederum die Einzelheiten, aber der Vorteil meiner Lage lag darin, daß Stepanow mich oft besucht hatte und ich daher, nicht ohne einige Wahrscheinlichkeit für mich zu haben, die Sache so darstellen konnte, als ob er aus gewissen selbstsüchtigen Beweggründen mit meinem Burschen gemeinsame Sache gemacht hätte. Stepanow sah mich daraufhin nur schweigend an und zuckte die Achseln. Ich sehe seinen Blick noch und werde ihn nie vergessen. Und dann wollte er ungesäumt um seinen Abschied einkommen; aber was denken Sie, was geschah? Sämtliche Offiziere wie ein Mann machten ihm einen gemeinsamen Besuch und überredeten ihn, zu bleiben. Vierzehn Tage darauf trat ich aus dem Regiment aus: kein Mensch hatte mich hinausgedrängt, niemand hatte mir nahegelegt, meinen Abschied zu nehmen; ich hatte Familienverhältnisse vorgeschützt. Damit war die Sache beendet. Anfangs machte ich mir nichts daraus und war sogar böse auf die andern; ich lebte in Luga, machte Lisaweta Makarownas Bekanntschaft, aber nachher, erst als ein Monat darüber verflossen war, begann ich mit meinem Revolver zu liebäugeln und dachte oft an den Tod. Ich sehe ja alles immer sehr düster an, Arkadij Makarowitsch. Ich setzte einen Brief auf an meinen Regimentskommandeur und die Kameraden, in dem ich meine Lüge offen bekannte und Stepanows Ehre rehabilitierte. Und als der Brief fertig war, stellte ich mir die Frage: ›Soll ich ihn abschicken und leben bleiben, oder soll ich ihn abschicken und sterben?‹ Ich für mich hätte diese Frage nie gelöst. Der Zufall, der blinde Zufall näherte mich, nach einem hastigen und seltsamen Gespräche mit: ihr, auf einmal Lisaweta Makarowna. Sie hatte auch vorher schon Frau Stolbejewa besucht; wir hatten uns getroffen, uns begrüßt und nur selten ein Wort gewechselt. Und auf einmal gestand ich ihr alles. Und da war es eben, daß sie mir ihre Hand reichte.« »Wie hat sie die Frage gelöst?« »Ich habe den Brief nicht abgeschickt. Sie sagte mir, ich solle ihn nicht abschicken. Sie begründete das so: wenn ich den Brief abschickte, so täte ich damit natürlich eine edle Tat, eine Tat, edel genug, um allen Schmutz von mir abzuwaschen, und noch edler. Aber ob ich selber dabei nicht zugrunde ginge? Ihre Meinung war, daß jeder daran zugrundegehen müsse, weil damit die Zukunft vernichtet und die Wiedergeburt zu einem neuen Leben unmöglich gemacht sei. Und außerdem hätte Stepanow ja wohl unter der Sache zu leiden gehabt, gewiß; aber er wäre ja sowieso vom Offizierkorps rehabilitiert worden. Kurz und gut, ihre Argumente waren paradox; aber sie hielt mich aufrecht, und ich gab mich ganz in ihre Hand.« »Ihre Entscheidung war jesuitisch, aber echt weiblich!« rief ich. »Sie hat Sie schon damals geliebt!« »Das war es ja, was mir als die Wiedergeburt zu einem neuen Leben erschien. Ich gab mir das Wort, ein andrer Mensch zu werden, mein Leben von Grund auf neu zu bauen, es mir zu verdienen in meinen eignen und in ihren Augen, und – womit hat das geendet? Das Ende ist, daß ich hier mit Ihnen die Roulettezirkel besuche, daß wir Pharao spielen; diese Erbschaft hat meine guten Vorsätze über den Haufen geworfen, ich habe wieder auf eine Karriere gehofft, habe mich über alle diese Menschen gefreut, über meine Traber ... ich habe Lisa gequält – oh, über die Schande!« Er rieb sich mit der Hand die Stirn und ging im Zimmer auf und ab. »Wir beide leiden unter dem üblichen russischen Schicksal, Arkadij Makarowitsch: Sie wissen nicht, was sie tun sollen, und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ein Russe braucht nur eben ein bißchen aus dem offiziellen, ihm durch die Sitte zum Gesetz gewordenen Geleise zu geraten, – dann weiß er gleich nicht mehr, was er tun soll. Im Geleise ist alles so klar: Einnahmen, Rang, gesellschaftliche Stellung, Equipage, Visiten, Beruf, Frau – aber es braucht nur eine Kleinigkeit zu kommen, – und was bin ich? Ein Blatt, das der Wind verweht. Ich weiß nicht, was ich tun soll! Diese zwei Monate hindurch habe ich mich aus aller Kraft bemüht, mich im Geleise zu halten, ich gewann das Geleise wieder lieb, es zog mich ins Geleise. Sie kennen noch nicht die ganze Tiefe meines erneuten Falls: ich liebte Lisa, ich liebte sie ehrlich, und dabei dachte ich doch an Frau Achmakowa!« »Ist das wirklich wahr?« rief ich schmerzlich bewegt. »Übrigens, Fürst, da wir gerade dabei sind: was war das, was Sie mir gestern über Wersilow gesagt haben, daß er Sie zu irgendeiner Gemeinheit gegen Katerina Nikolajewna aufgehetzt hätte?« »Ich übertreibe da vielleicht auch und tue ihm mit meinem Argwohn vielleicht ebenso unrecht, wie ich Ihnen unrecht getan habe. Lassen wir das! Und glauben Sie wirklich, ich hätte in dieser ganzen Zeit, von den Tagen in Luga an, vielleicht nicht ein hohes Lebensideal vor Augen gehabt? Ich schwöre Ihnen, es hat mich nicht verlassen und hat mir immer vorgeschwebt, ohne in meinem Herzen etwas von seinem Glänze zu verlieren. Ich bin des Gelübdes eingedenk geblieben, das ich vor Lisaweta Makarowna abgelegt habe, des Gelübdes, ein andrer Mensch zu werden. Sie können mir wirklich glauben: Andrej Petrowitsch sagte mir nichts Neues, als er gestern hier über den Adel sprach. Mein Ideal steht mir fest vor den Augen: ein paar Dutzend Desiatinen Land (soviel und nicht mehr, denn mir bleibt schon fast nichts mehr von der Erbschaft); dazu ein vollständiger, ganz vollständiger Bruch mit der Gesellschaft und mit jeder Karriere; ein schlichtes Landhaus, Weib und Kind, und ich selbst ein Pflüger oder etwas in der Art. Oh, in unsrer Familie ist das nichts Neues: der Bruder meines Vaters hat mit eigner Hand den Pflug geführt, mein Großvater auch. Wir sind Fürsten seit tausend Jahren und ebenso alter Adel wie die Rohan, aber wir sind Bettler. Und das würde ich auch meine Kinder lehren: ›Vergiß es dein Leben lang nicht, daß du ein Edelmann bist, daß in deinen Adern das geheiligte Blut russischer Fürsten fließt, aber schäme dich dessen nicht, daß dein Vater mit eigner Hand den Boden gepflügt hat: er hat das als Fürst getan.‹ Ich würde ihnen kein Vermögen hinterlassen, außer diesem Stückchen Land, aber dafür würde ich ihnen die höchste Bildung zuteil werden lassen, das würde ich einfach für meine Pflicht halten. Oh, Lisa würde mir helfen, und die Kinder, und die Arbeit; oh, wie hab' ich mit ihr von dem allen geträumt, hier geträumt, eben hier in diesen Zimmern: und doch! Ich dachte zu derselben Zeit an Frau Achmakowa, ohne diese Frau überhaupt zu lieben, und an die Möglichkeit einer gesellschaftlich glänzenden, reichen Heirat! Und erst als mir gestern Nastschokin die Geschichte mit diesem Bjoring erzählt hatte, entschloß ich mich, zu Anna Andrejewna zu gehen.« »Aber Sie haben Sie doch aufgesucht, um ihr abzusagen? Das ist doch eine ehrenhafte Tat, sollte ich glauben?« »Glauben Sie?« er blieb vor mir stehen. »Nein, Sie kennen meine Natur noch nicht! Oder ... oder ich selber kenne da manches nicht: denn es muß mehr als eine Natur in mir leben. Ich habe Sie aufrichtig lieb, Arkadij Makarowitsch, und außerdem habe ich Ihnen diese zwei Monate hindurch schweres Unrecht getan, und deshalb will ich, daß Sie, als Lisas Bruder, das alles erfahren: ich bin mit der Absicht zu Anna Andrejewna gegangen, ihr einen Antrag zu machen, und nicht, um ihr abzusagen.« »Ist das möglich? Aber Lisa sagte mir doch ...« »Ich habe Lisa belogen.« »Gestatten Sie, bitte: Sie haben ihr einen formellen Antrag gemacht, und Anna Andrejewna hat nein gesagt? War es so? War es so? War es so? Die Einzelheiten sind für mich von höchster Wichtigkeit, Fürst.« »Nein, ich habe ihr überhaupt keinen Antrag gemacht, aber nur deswegen nicht, weil ich gar nicht dazu kam; sie selber sagte es mir ungefragt, – natürlich sagte sie es mir nicht so gerade heraus, aber sie gab es mir ziemlich durchsichtig und deutlich auf ›delikate‹ Art zu verstehen, daß diese Idee von vornherein unmöglich sei.« »Das ist also so gut, als ob Sie ihr gar keinen Antrag gemacht hätten, und Ihr Stolz ist nicht gekränkt worden!« »Können Sie die Sache wirklich so ansehen? Und der Richter in meinem eignen Gewissen, und Lisa, die ich betrogen habe und ... doch einfach verlassen wollte, das ist doch klar! Und das Gelübde, das ich mir selber und der ganzen Reihe meiner Ahnen geleistet habe, ein neuer Mensch zu werden und alle meine früheren Schlechtigkeiten wieder gutzumachen! Ich bitte Sie inständig, sagen Sie ihr nichts davon. Das ist vielleicht das einzige, was sie mir nicht verzeihen könnte! Ich bin seit gestern ganz krank. Und das Schlimmste ist, daß jetzt wohl alles aus sein wird, und daß der letzte Fürst Sokolskij wird ins Zuchthaus wandern müssen. Arme Lisa! Ich habe Sie den ganzen Tag mit Sehnsucht erwartet, Arkadij Makarowitsch, um Ihnen, als dem Bruder Lisas, das zu sagen, was sie selbst noch nicht weiß. Ich bin ein Kriminalverbrecher und an der Fälschung von Aktien der – er Eisenbahn beteiligt.« »Was ist das wieder! Was, ins Zuchthaus?« Ich sprang auf und sah ihn entsetzt an. Auf seinem Gesicht lag tiefer, düstrer, hoffnungsloser Gram. »Setzen Sie sich«, sagte er und setzte sich selber auf den Stuhl mir gegenüber. »Zuerst muß ich Ihnen die Tatsachen mitteilen: es ist jetzt gut ein Jahr her, es war in demselben Sommer, als in Ems die Sache mit Lydia und Katerina Nikolajewna passierte und als ich nachher nach Paris ging; und es passierte eben damals, als ich für zwei Monate in Paris war. In Paris war mir natürlich das Geld ausgegangen. Da erschien im rechten Augenblick Stebelkow, den ich übrigens von früher kannte. Er gab mir Geld und versprach, mir noch mehr zu geben, aber er bat mich für sein Teil auch, ich solle ihm helfen: er brauchte einen Künstler, der Zeichner, Graveur, Lithograph und Chemiker und Techniker wäre, und zwar – zu ganz besondern Zwecken. Über diese Zwecke äußerte er sich gleich von Anfang an ziemlich deutlich. Warum auch nicht! Er kannte meinen Charakter; – mich belustigte das alles nur. Die Sache war, daß ich noch von der Schulbank her einen Herrn kannte, der jetzt als russischer Emigrant irgendwo in Hamburg lebt; übrigens war er von Abstammung kein Russe. In Rußland war er schon einmal in einen Prozeß wegen gefälschter Wertpapiere verwickelt gewesen. Und eben auf diesen Menschen rechnete Stebelkow, aber er brauchte eine Empfehlung an ihn und wendete sich deswegen an mich. Ich gab ihm zwei Zeilen mit und dachte dann nicht mehr daran. Dann traf ich ihn noch einmal und noch einmal, und er gab mir damals im ganzen so ziemlich dreitausend Rubel. Ich vergaß diese ganze Geschichte buchstäblich. Und hier habe ich die ganze Zeit von ihm Geld auf Wechsel und Pfänder genommen, und er ist vor mir gekrochen wie ein Sklave; und gestern auf einmal erfahre ich zum erstenmal von ihm, daß ich ein Kriminalverbrecher bin.« »Wann? Gestern?« »Ja, gestern, als wir in der Frühe den lauten Wortwechsel in meinem Zimmer hatten, gerade bevor Nastschokin kam. Er erdreistete sich zum erstenmal und sofort ganz unverblümt, mir von Anna Andrejewna zu sprechen. Ich holte aus, um ihm ins Gesicht zu schlagen, aber er sprang plötzlich auf und erklärte mir, ich wäre solidarisch mit ihm, ich solle nicht vergessen, daß ich sein Helfershelfer sei und genau so ein Spitzbube wie er, – kurz und gut, wenn das auch nicht seine Worte waren, das war der Sinn.« »So ein Unsinn, das sind aber doch Hirngespinste?« »Nein, das sind keine Hirngespinste. Er war heute bei mir und hat mir die Sache eingehender erklärt. Diese Aktien sind längst im Umlauf und werden noch weiter in Umlauf gesetzt, aber hier und da scheint man der Sache schon auf die Spur gekommen zu sein. Ich habe ja natürlich direkt nichts mit der Sache zu tun, aber Stebelkow sagte zu mir: ›Ja, aber trotz alledem waren Sie doch so freundlich, mir damals den Brief zu geben.‹« »Aber Sie wußten doch nicht, zu welchem Zweck, oder wußten Sie das?« »Ich wußte es«, sagte der Fürst leise und schlug die Augen nieder. »Das heißt, sehn Sie: ich wußte es und wußte es auch wieder nicht. Ich amüsierte mich drüber, mir kam die Sache spaßhaft vor. Ich dachte mir damals nichts Schlimmes, um so mehr, als ich gar keine falschen Aktien nötig hatte, und weil ich ja auch keine fälschen wollte. Aber, sehn Sie, die dreitausend Rubel, die er mir damals gab, hat er mir nachher nicht einmal in Rechnung gestellt, und ich habe das geduldet. Und übrigens – woher wollen Sie das wissen? – Vielleicht bin ich auch ein Falschmünzer. Ich mußte es ja doch wissen, ich bin doch kein kleines Kind mehr; ich wußte es, aber mir kam es spaßhaft vor, und so arbeitete ich diesen Schuften und Zuchthäuslern in die Hände ... und ließ mich dafür bezahlen! Also bin ich wohl doch ein Falschmünzer!« »Oh, Sie übertreiben; Sie sind nicht von jeder Schuld freizusprechen, aber trotzdem übertreiben Sie!« »Da ist vor allen Dingen ein gewisser Shibelskij, ein junger Mensch, der beim Gericht angestellt ist, so eine Art kleiner Winkeladvokat. Er ist auch irgendwie an dieser Geschichte mit den Aktien beteiligt und hat mich später im Auftrage jenes Herrn in Hamburg aufgesucht, in ganz nebensächlichen Angelegenheiten selbstverständlich, ich weiß wirklich selber nicht mehr, weswegen, der Aktien geschah überhaupt nicht Erwähnung ... Aber die Sache ist die: er besitzt zwei Dokumente von meiner Hand, bloß kurze Briefe von zwei Zeilen, aber sie sprechen natürlich auch gegen mich; das habe ich heute ganz genau gemerkt. Stebelkow erklärt nun, dieser Shibelskij wäre an allem schuld: er hat Unterschlagungen gemacht, Gott weiß was für Gelder unterschlagen, Staatsgelder, glaub' ich, aber er hat die Absicht, noch mehr zu unterschlagen und dann ins Ausland durchzubrennen; und nun braucht er wenigstens achttausend Rubel, um durchbrennen zu können. Mein Anteil an der Erbschaft reicht hin, um Stebelkow zu befriedigen, aber Stebelkow sagt, ich müsse auch Shibelskij befriedigen ... Kurz und gut, ich soll ihm meinen Anteil an der Erbschaft abtreten und noch zehntausend Rubel draufzahlen, – das ist das letzte Wort dieser Herren. Dafür soll ich dann meine beiden Briefe wiederbekommen. Sie stecken unter einer Decke, das ist ganz klar.« »Das ist doch ein offenbarer Blödsinn! Wenn die Sie denunzieren, so liefern sie sich ja selbst ans Messer! Die denken gar nicht dran, Sie zu denunzieren.« »Das weiß ich schon. Sie drohen ja auch gar nicht damit, mich zu denunzieren: sie sagen bloß: ›Wir denunzieren Sie natürlich nicht, aber wenn die Sache aufkommt, dann ...‹ Das sagen sie eben, weiter nichts, aber ich finde: das genügt schon! Das ist es ja nicht, worauf es ankommt: was dabei auch herauskäme, und wenn ich die Briefe auch in der Tasche hätte; aber bedenken Sie: solidarisch zu sein mit diesen Spitzbuben, mein Lebtag ihr Spießgeselle zu sein, mein ganzes Leben lang! Mein Vaterland zu belügen, meine Kinder zu belügen, Lisa zu belügen, mein eignes Gewissen zu belügen! ...« »Weiß Lisa es?« »Nein, alles weiß sie nicht. Sie ertrüge es in ihrem Zustande nicht. Ich trage jetzt die Uniform meines Regimentes und wenn mir ein Soldat meines Regimentes begegnet, jeden Augenblick muß ich mir sagen, daß ich kein Recht habe, diese Uniform zu tragen.« »Hören Sie mich an,« rief ich plötzlich, »es hat gar keinen Zweck, lange darüber zu reden; es bleibt Ihnen nur ein Weg, ein einziger Weg zur Rettung; gehn Sie zu Fürst Nikolaj Iwanowitsch, borgen Sie von ihm zehntausend Rubel, bitten Sie ihn darum, ohne ihm irgend etwas zu entdecken; dann bestellen Sie die beiden Halunken her, rechnen Sie endgültig mit ihnen ab, kaufen Sie Ihre beiden Briefe zurück ... und die Sache ist erledigt! Die ganze Geschichte liegt dann hinter Ihnen, und Sie können zum Pfluge greifen! Schicken Sie die Phantasie zum Kuckuck und verlassen Sie sich aufs Leben!« »Ich habe schon daran gedacht«, sagte er entschlossen. »Ich habe heute den ganzen Tag geschwankt, jetzt aber steht es fest. Ich habe nur auf Sie gewartet; ich gehe zu ihm. Wissen Sie, daß ich mein Lebtag noch keine Kopeke von Fürst Nikolaj Iwanowitsch bekommen habe? Er ist sehr gütig gegen meine Familie und ... hat ihr das sogar durch die Tat bewiesen, aber ich selbst, ich persönlich, habe noch nie Geld von ihm bekommen. Aber jetzt bin ich dazu entschlossen ... Sie müssen wissen, unsre Linie der Fürsten Sokolskij ist älter als die, der Fürst Nikolaj Iwanowitsch angehört: das ist die jüngere Linie, sogar bloß eine in ihrer Ebenbürtigkeit fast bestrittene Seitenlinie... Unsre Vorfahren lebten in Feindschaft miteinander. Als Peter der Große seine Reformen einführte, gehörte mein Ururgroßvater, der auch Peter hieß, der Sekte der Altgläubigen an und blieb ihr treu und mußte in die Wälder von Kostroma flüchten. Dieser Fürst Peter war in zweiter Ehe gleichfalls mit einer Bürgerlichen verheiratet... Und, sehn Sie, damals zweigten sich diese andern Sokolskijs von der Familie ab, ich aber ... Wozu erzähle ich Ihnen das eigentlich?« Er war sehr abgespannt und schien selbst nicht mehr recht zu wissen, was er sagte. »Beruhigen Sie sich nur,« sagte ich, stand auf und nahm meinen Hut, »legen Sie sich zu Bett, das ist fürs erste die Hauptsache. Und Fürst Nikolaj Iwanowitsch schlägt es Ihnen bestimmt nicht ab, namentlich jetzt nicht, wo er solche Freude erfahren hat. Sie kennen die Geschichte doch, die dort passiert ist? Wirklich nicht? Ich habe die ganz absonderliche Neuigkeit gehört, daß er heiraten will; das ist ein Geheimnis, aber natürlich nicht für Sie.« Und ich erzählte ihm die ganze Sache, während ich schon mit dem Hute in der Hand dastand. Er hatte nichts davon gewußt. Er erkundigte sich hastig nach Einzelheiten, besonders nach der Zeit, dem Orte und der Zuverlässigkeit dieser Nachricht. Ich verhehlte ihm natürlich nicht, daß die Sache, nach dem, was ich gehört hätte, gleich nach seiner gestrigen Visite bei Anna Andrejewna stattgefunden hätte. Ich kann nicht beschreiben, was für einen schmerzlichen Eindruck diese Nachricht auf ihn machte; sein Gesicht verzerrte sich und wurde gleichsam schief, ein schiefes Lächeln zog seine Lippen zitternd breit; gegen Ende meiner Erzählung wurde er furchtbar bleich und versank mit niedergeschlagnen Augen tief in Gedanken. Ich sah auf einmal nur zu deutlich, daß seine Eitelkeit durch Anna Andrejewnas Korb gestern einen schrecklichen Stoß erlitten hatte. Vielleicht sah er in seinem krankhaften Zustand in diesem Augenblick die lächerliche und demütigende Rolle gar zu deutlich vor seinen Augen, die er gestern vor diesem jungen Mädchen gespielt hatte, von dessen Einwilligung er, wie sich jetzt erwies, die ganze Zeit fest überzeugt gewesen war. Und schließlich wirkte wohl auch der Gedanke auf ihn, daß er solch eine Schlechtigkeit gegen Lisa begangen hatte, und das um nichts und wieder nichts! Es ist wirklich interessant, wofür solche Gesellschaftsmenschen einander halten und aus welchen Beweggründen sie einander achten oder nicht achten; dieser Fürst hatte doch wohl annehmen können, daß Anna Andrejewna von seinem Verhältnis mit Lisa, die doch in Wirklichkeit ihre Schwester war, unterrichtet sein müsse, oder daß sie es sicherlich einmal erfahren würde, wenn sie es noch nicht wüßte; aber »er hatte nicht an ihrem Jawort gezweifelt«! »Und Sie konnten wirklich glauben,« sagte er plötzlich und heftete einen stolzen, hochfahrenden Blick auf mich, »daß ich, ich es jetzt fertigbrächte, nach einer solchen Mitteilung zu Fürst Nikolaj Iwanowitsch zu gehen und ihn um Geld zu bitten. Ihn, den Bräutigam des Mädchens, das mir eben einen Korb gegeben hat, – so eine Bettelhaftigkeit, so eine Bedientenhaftigkeit! Nein, jetzt ist alles zu Ende, und wenn die Hilfe dieses alten Herrn meine letzte Hoffnung war, so mag denn auch diese Hoffnung zu Ende sein.« Innerlich und für mich stimmte ich ihm bei; aber in Wirklichkeit konnte man das doch etwas weniger streng ansehen: war denn der alte Fürst überhaupt ein Mann, ein Bräutigam? Allerhand Gedanken brodelten in meinem Kopfe. Ich hatte übrigens sowieso schon vorher die Absicht gehabt, den alten Herrn am nächsten Tage ganz bestimmt aufzusuchen. Jetzt bemühte ich mich vor allem, den Eindruck meiner Erzählung abzuschwächen und den armen Fürsten zu überreden, zu Bett zu gehen! »Schlafen Sie sich erst aus, und Ihre Gedanken werden lichter werden, Sie werden sehen!« Er drückte mir herzlich die Hand, küßte mich aber nicht, wie er vorhin getan hatte. Ich gab ihm mein Wort, ihn am nächsten Abend zu besuchen; und »dann wollen wir uns aussprechen, ja, uns aussprechen: es ist jetzt so viel, worüber wir uns aussprechen müssen.« Als Antwort darauf hatte er ein ganz eigen fatalistisches Lächeln. Achtes Kapitel   1 Ich träumte diese ganze Nacht von der Roulette, vom Spiel, von Gold und von Berechnungen. Ich berechnete mir im Traume die ganze Zeit, wie ich setzen solle, um Gewinnchancen zu haben, und das lag die ganze Nacht wie ein Alpdruck auf mir. Ganz aufrichtig gesprochen, hatte ich auch schon vorher den ganzen Tag trotz aller der Ungeheuern Eindrücke, die auf mich einstürmten, hie und da an meinen Spielgewinn bei Serstschikow denken müssen. Ich unterdrückte den Gedanken daran, aber den Eindruck, den ich davon bekommen hatte, konnte ich nicht unterdrücken; und ich zitterte bei der bloßen Erinnerung. Dieser Gewinn hatte sich in mein Herz festgebissen. Sollte ich wirklich ein geborner Spieler sein? Es ist wenigstens wahrscheinlich, daß ich manche Züge von einem gebornen Spieler habe. Auch heute noch, wo ich dies alles niederschreibe, denke ich zeitweise gern über das Spiel nach! Es kommt manchmal vor, daß ich ganze Stunden damit verbringe, stumm dazusitzen, den Kopf voller Spielerberechnungen, und mir auszumalen, wie das alles gehen und wie ich setzen und gewinnen würde. Ach ja, in mir sind so allerhand Züge vereinigt, und ich habe eine unruhige Seele. Um zehn Uhr beabsichtigte ich zu Stebelkow zu gehen, und zwar zu Fuß. Matwej hatte ich, als er gekommen war, gleich nach Hause geschickt. Während ich Kaffee trank, bemühte ich mich, über alles mit mir ins reine zu kommen. Ich fühlte mich eigentümlich befriedigt; und wie ich so schnell einen Blick in mein eignes Innere warf, erkannte ich, daß ich hauptsächlich darüber befriedigt war, daß ich heute ins Haus des Fürsten Nikolaj Iwanowitsch kommen würde. Aber dieser Tag meines Lebens war schicksalsträchtig und brachte lauter Überraschungen. Mit einer solchen sollte er auch gleich beginnen. Schlag zehn Uhr flog meine Tür sperrangelweit auf, und herein stürzte – Tatjana Pawlowna. Ich hätte alles eher erwartet, als einen Besuch von ihr, und sprang erschrocken auf. Ihr Gesicht war wütend, ihre Gebärden waren fahrig; und wenn man sie gefragt hätte, weshalb sie zu mir gestürzt kam, hätte sie es wohl selber kaum sagen können. Ich muß hier gleich eins bemerken: sie hatte soeben eine ganz erstaunliche Nachricht erhalten, die sie aufs höchste überrascht hatte, und stand noch ganz unter dem frischen Eindruck. Und diese Nachricht bezog sich auch auf mich. Übrigens verweilte sie bei mir nur eine halbe Minute, nun, sagen wir: eine Minute, länger aber ganz gewiß nicht. Sie stürzte sich nur so auf mich. »Du bist mir ja der Rechte!« schrie sie und pflanzte sich mit weit vorgebognem Oberkörper vor mir auf. »Ach, du junger Hund! Was hast du denn jetzt wieder angerichtet? Oder weißt du's noch gar nicht? Er trinkt Kaffee! Ach du Schwatzliese, ach du Klatschmaul, du Liebhaber mit Goldschnitt... Solche Bengel müssen eine Tracht Prügel mit der Rute bekommen, mit der Rute, der Rute!« »Tatjana Pawlowna, was ist denn geschehen? Was ist passiert? Hat Mama?...« »Du wirst's schon erfahren!« schrie sie drohend und lief davon, – kaum daß ich sie richtig gesehen hatte. Ich wäre ihr natürlich nachgelaufen, aber mich hielt ein Gedanke fest, und das war kein Gedanke, sondern eine gewisse dunkle Unruhe: ich ahnte, daß der »Liebhaber mit Goldschnitt' das wesentlichste unter ihren Schimpfworten gewesen wäre. Natürlich wäre ich selber allein nie auf den Zusammenhang gekommen, aber ich ging schnell aus, um sobald wie möglich mit Stebelkow zum Schluß zu kommen und dann zu Fürst Nikolaj Iwanowitsch zu eilen. »Dort finde ich den Schlüssel zu allem!« dachte ich mir instinktiv. Es ist erstaunlich, woher Stebelkow es wußte, aber er wußte schon die ganze Geschichte von Anna Andrejewna, und sogar bis in alle Einzelheiten; ich mag seine Reden und Gebärden nicht beschreiben, aber er war begeistert, ganz wahnsinnig begeistert über diesen »kolossal fein eingefädelten Trick«. »Ist das ein Frauenzimmer! Nein, ist das ein Frauenzimmer!« rief er. »Nein, der reichen wir nicht das Wasser; wir sitzen da und denken an nichts Böses, aber sie kriegt Lust, ihr Wasser direkt aus der Quelle zu trinken – und weiß Gott, sie tut es auch. Das... das ist eine antike Statue! Das ist eine antike Minervastatue, bloß daß sie herumgeht und moderne Kleider trägt!« Ich ersuchte ihn, zur Sache zu kommen; es handelte sich, wie ich vorausgesehen hatte, um weiter nichts, als darum, den Fürsten geneigt zu machen und zu überreden, zu Fürst Nikolaj Iwanowitsch zu gehen und ihn zu bitten, ihm ein für allemal aus der Klemme zu helfen. »Sonst kann es ihm sehr, sehr schlecht bekommen, und ich hab' es nicht in der Hand, ihm zu helfen; stimmt das oder nicht?« Er sah mir starr in die Augen, glaubte aber wohl nicht, daß ich auch nur das geringste mehr wüßte als gestern. Und er konnte ja auch gar nichts andres glauben: es ist ja selbstverständlich, daß ich ihm mit keinem Wort, keiner Anspielung verriet, daß ich etwas von den Aktien wußte. Wir ließen uns nicht weiter in lange Erörterungen ein, und er für sein Teil begann mir sogleich wieder Geld zu versprechen, »und zwar viel Geld, viel Geld; Sie müssen nur mithelfen, daß der Fürst hingeht. Die Sache ist dringlich, sehr dringlich, das ist's ja eben, daß sie so furchtbar dringlich ist!« Mich lange mit ihm zu streiten und zu unterhalten, wie gestern, hatte ich keine Lust; ich stand auf, wendete mich zur Tür und sagte für jeden Fall so ganz leichthin, ich würde mir Mühe geben. Aber da plötzlich tat er etwas sehr Überraschendes: ich war schon an der Tür, als er auf einmal seinen Arm zärtlich um meine Taille legte und ... das unverständlichste Zeug zu reden anfing. Ich schenke mir die Einzelheiten und gebe nicht den ganzen Gang der Unterhaltung wieder, um den Leser nicht zu ermüden. Ihr Sinn war kurz der, daß er mich ersuchte, ihn mit Herrn Dergatschow bekannt zu machen, da ich ja dort verkehre. Ich verstummte für einen Augenblick und gab mir Mühe, mich auch nicht durch eine Miene zu verraten. Übrigens sagte ich dann gleich, ich verkehrte dort durchaus nicht; und wenn ich hingekommen wäre, wäre es nur einmal und ganz zufällig geschehen. »Aber wenn Sie einmal eingeführt sind, dann können Sie auch wieder hinkommen; stimmt's oder nicht?« Ich fragte ihn geradeheraus, aber sehr kaltblütig, weshalb er das wünsche. Und ich kann bis zum heutigen Tage nicht begreifen, wie es möglich war, daß die Naivität eines solchen Menschen, der sichtlich nicht dumm und nach Wasins Definition ein »Geschäftsmann« war, einen solchen Grad erreichen konnte. Er erklärte mir ganz geradeheraus, er hätte den Verdacht, daß bei Dergatschow irgend etwas »Verbotnes, streng Verbotnes« vorgehe, und daß ich mir dadurch, daß ich es auskundschaftete, »einigen Profit« verschaffen könnte. Und er lächelte und zwinkerte mir mit seinem linken Auge zu. Ich sagte ihm darauf nicht das geringste, was bindend gewesen wäre, tat aber, als wolle ich es mir überlegen, und versprach ihm, »darüber nachzudenken«; dann aber machte ich, daß ich weiterkam. Diese Geschichten komplizierten sich: ich eilte zu Wasin und traf ihn auch glücklich zu Hause. »Ah, Sie auch!« sagte er rätselhaft, als er mich erblickte. Ich dachte nicht weiter über diese Worte nach, sondern ging gleich auf die Sache los und erzählte ihm, was ich eben gehört hatte. Er war sichtlich überrascht, wenn er auch seine Kaltblütigkeit durchaus bewahrte. Er fragte mich genau nach allen Einzelheiten aus. »Ist es möglich, daß Sie ihn falsch verstanden haben?« »Nein; ich habe ihn schon richtig verstanden, der Sinn seiner Rede war ganz klar.« »Jedenfalls bin ich Ihnen außerordentlich dankbar«, fügte er aufrichtig hinzu. »Ja, in der Tat, wenn alles so war, dann hat er geglaubt, Sie könnten einer gewissen Summe Geldes nicht widerstehen.« »Ja, und außerdem kennt er meine Situation nur zu gut: ich habe die ganze Zeit immer nur gespielt, ich habe ein schlechtes Leben geführt, Wasin.« »Ich habe davon gehört.« Ich wagte die Frage: »Am rätselhaftesten erscheint es mir, daß er weiß, daß auch Sie in dem Kreise verkehren.« »Er weiß ganz genau,« erwiderte Wasin mit harmloser Miene, »daß ich dort ohne einen besonderen Zweck verkehre. Und alle diese jungen Leute sind ja wohl auch mehr Schwätzer und nichts weiter; Sie selbst müssen das ja am besten wissen, von damals her.« Ich hatte den Eindruck, als traue er mir in irgendeiner Hinsicht nicht. »Jedenfalls bin ich Ihnen außerordentlich dankbar.« »Ich habe gehört, Herr Stebelkow hätte mit seinen Geschäften einige Unannehmlichkeiten,« versuchte ich ihn auszuholen, »wenigstens habe ich etwas von gewissen Aktien gehört ...« »Von was für Aktien?« Ich hatte die Aktien mit Vorbedacht erwähnt, aber natürlich nicht in der Absicht, ihm das Geheimnis des Fürsten zu erzählen, das der mir gestern mitgeteilt hatte. Ich wollte nur darauf anspielen und dabei an seinem Gesicht, seinen Augen sehen, ob er etwas von den Aktien wüßte. Ich erreichte meinen Zweck: aus einem kaum merklichen, momentanen Zucken seines Gesichtes erriet ich, daß er wohl auch etwas davon wüßte. Ich antwortete nicht auf seine Frage, »was für Aktien« das wären, sondern blieb stumm; und er – das war interessant – fragte auch nicht weiter danach. »Wie geht es Lisaweta Makarowna?« erkundigte er sich teilnehmend. »Gut. Meine Schwester hat immer eine Verehrung für Sie gehabt ...« Seine Augen glänzten vor Genugtuung: ich hatte schon lange erraten, daß ihm Lisa nicht gleichgültig war. »Fürst Sergej Petrowitsch war kürzlich bei mir«, teilte er mir auf einmal mit. »Wann?« rief ich überrascht. »Es sind gerade vier Tage her.« »Nicht gestern?« »Nein, nicht gestern.« Er sah mich fragend an. »Später werde ich Ihnen vielleicht einmal ausführlicher von diesem Besuch erzählen, aber jetzt halte ich es immerhin für notwendig, Sie zu warnen,« sagte Wasin rätselhaft: »er zeigte sich mir damals in einem, sagen wir, nicht ganz normalen Zustand seiner Seele und ... auch seines Verstandes. Übrigens habe ich noch einen Besuch bekommen,« lächelte er plötzlich, »jetzt eben, bevor Sie kamen, und muß auch bei diesem Besucher auf einen nicht ganz normalen Zustand schließen.« »War der Fürst eben da?« »Nein, nicht der Fürst, ich spreche jetzt nicht vom Fürsten. Andrej Petrowitsch Wersilow war gerade bei mir und ... wissen Sie nichts? Ist ihm nicht irgend etwas passiert?« »Kann schon sein, daß ihm etwas passiert ist; aber was war denn jetzt eben bei Ihnen mit ihm?« fragte ich hastig. »Ich sollte ja wohl natürlich Stillschweigen darüber bewahren ... Das ist eine etwas sonderbare Unterhaltung zwischen Ihnen und mir: gar so geheimnisvoll«, lächelte er wieder. »Andrej Petrowitsch hat mich übrigens nicht um Diskretion ersucht. Aber Sie sind sein Sohn, und da ich Ihre Gefühle für ihn kenne, so glaube ich in diesem Falle sogar gut daran zu tun, wenn ich Sie warne. Stellen Sie sich vor, er kam mit der Anfrage zu mir: wenn zufällig in diesen Tagen, sehr bald, die Notwendigkeit an ihn heranträte, sich zu duellieren, ob ich dann das Amt seines Sekundanten übernehmen wolle. Ich habe natürlich kurzweg abgelehnt.« Ich war unendlich überrascht; diese Neuigkeit war die beunruhigendste von allen: es war etwas geschehen, es ging etwas vor, es hatte sich ganz bestimmt irgend etwas ereignet, wovon ich noch nichts wußte! Ich erinnerte mich plötzlich an das, was Wersilow gestern zu mir gesagt hatte: »Ich werde nicht zu dir kommen, aber du wirst zu mir gestürzt kommen.« Ich machte, daß ich zu Fürst Nikolaj Iwanowitsch kam, mit der noch stärkeren Ahnung, daß ich dort die Lösung des Rätsels finden würde. Wasin dankte mir beim Abschied noch einmal.   2 Der alte Fürst saß vor dem Kamin, die Füße in ein Plaid gewickelt. Er empfing mich mit einem eigen fragenden Blick, als wundre er sich, daß ich gekommen war; und dabei hatte er doch selber fast jeden Tag nach mir geschickt. Er begrüßte mich übrigens freundlich, antwortete aber auf meine ersten Fragen etwas verdrossen und ganz sonderbar zerstreut. Hie und da schien er über etwas nachzugrübeln und sah mich starr und aufmerksam an, als hätte er irgend etwas vergessen und besänne sich auf etwas, was zweifellos irgendwie mit mir zusammenhängen mußte. Ich sagte ihm geradeheraus, ich hätte schon alles gehört und freute mich sehr. Sogleich lächelte er freundlich und herzlich und belebte sich sichtlich; Vorsicht und Mißtrauen fielen auf einmal von ihm ab, als hätte er sie einfach vergessen. Und natürlich hatte er sie auch vergessen. »Du, mein lieber Freund, ich hab' es ja gewußt, daß du als erster kommen würdest, und weißt du: gleich gestern habe ich mir das von dir gedacht: ›Wer wird sich darüber freuen? Er wird sich darüber freuen!‹ Na ja, und sonst auch niemand mehr; aber das macht ja nichts. Die Leute haben böse Zungen, aber das ist ja so gleichgültig ... Cher enfant, das alles ist so erhaben und so herrlich ... Aber du kennst sie ja selber so sehr gut. Und auf dich hält Anna Andrejewna große Stücke. Sie hat das strenge und entzückende Gesicht eines englischen Albumbildes, es ist wie der herrlichste englische Stich, den es überhaupt geben kann ... Vor zwei Jahren hatte ich eine ganze Sammlung von solchen Stichen ... Immer schon, immer schon habe ich diese Absicht gehabt, immer: ich wundre mich nur, daß ich nie daran gedacht habe.« »Soviel ich weiß, haben Sie Anna Andrejewna immer so sehr geliebt und geschätzt.« »Lieber Freund, wir wollen niemand zu nahe treten. Ein Leben mit Freunden, mit Verwandten, mit denen, die unserm Herzen teuer sind, das ist das Paradies. Alle sind wir Dichter ... Kurz und gut, das weiß man ja schon seit prähistorischen Zeiten. Weißt du, wir wollen im Sommer erst nach Soden, und dann nach Bad Gastein. Aber wie lange warst du eigentlich nicht bei mir, lieber Freund; was ist das eigentlich mit dir? Ich habe auf dich gewartet. Und es ist doch wahrhaftig in der Zeit so viel passiert. Schade nur, daß ich so unruhig bin: wenn ich allein bin, bin ich immer so unruhig. Und eben darum kann ich auch nicht allein bleiben; nicht wahr? Das ist doch so klar, wie zweimal zwei vier. Und das habe ich sofort verstanden, vom ersten Wort an, das sie sagte. Oh, lieber Freund, sie hat überhaupt nur zwei Worte gesagt, aber die ... die waren so gut wie das großartigste Gedicht. Übrigens bist du ja ihr Bruder, beinahe ihr Bruder, nicht wahr? Lieber Freund, ich habe dich nicht umsonst so liebgewonnen! Ich schwöre dir, ich habe das alles vorausgeahnt. Ich habe ihr nur die kleine Hand geküßt und habe geweint.« Er holte sein Taschentuch hervor, als wolle er wieder anfangen zu weinen. Er war sehr erschüttert und, wie mir schien, bei so schlechtem Befinden, wie ich ihn während der ganzen Zeit unsrer Bekanntschaft noch nicht gesehen hatte. Für gewöhnlich, eigentlich fast immer, war er unvergleichlich viel frischer und wohler gewesen. »Ich würde allen verzeihen«, stammelte er weiter. »Ich möchte allen verzeihen und bin schon lange niemand mehr böse. Die Kunst, la poésie dans la vie, die Wohltätigkeit gegen die Armen und sie, die biblische Schönheit! Quelle charmante personne, ah? Les chants de Salomon ... non, ce n'est pas Salomon, c'est David qui mettait une jeune belle dans son lit pour se chauffer dans sa vieillesse. Enfin David, Salomon, das alles dreht sich mir im Kopfe – der reinste Gallimathias. Jedes Ding, cher enfant, kann gleichzeitig erhaben und lächerlich sein. Cette jeune belle de la vieillesse de David – c'est tout un poème, aber bei Paul de Kock wäre daraus eine scène de bassinoire geworden, und wir alle würden darüber lachen. Paul de Kock hat das richtige Maß nicht, ihm fehlt der Geschmack, wenn er auch Talent hat ... Katerina Nikolajewna lächelt über uns ... Ich hab' ihr gesagt, daß wir ihr nicht zu nahe treten werden. Wir haben unsern Roman begonnen, und man soll uns ihn auch beenden lassen. Mag das ein Traum sein, aber man soll uns diesen Traum nicht nehmen.« »Das heißt, wieso ist es ein Traum, Fürst?« »Ein Traum? Wieso ein Traum? Na, mag es ein Traum sein, man soll mich nur mit diesem Traume sterben lassen.« »Oh, Fürst, weshalb wollen Sie denn sterben? Leben heißt es jetzt, nur leben!« »Ja, was habe ich denn sonst gesagt? Weiter sage ich ja die ganze Zeit nichts. Ich weiß wahrhaftig nicht, warum das Leben so kurz ist. Natürlich wohl, damit es einem nicht langweilig wird; denn das Leben ist eben ein Kunstwerk des Schöpfers selber, ein Kunstwerk in der vollendeten und unanfechtbaren Formenreinheit einer Puschkinschen Dichtung. Kürze ist die erste Bedingung für ein Kunstwerk. Aber wenn einem Menschen das Leben nicht langweilig wird, so sollte der Betreffende eben auch länger leben dürfen.« »Sagen Sie, Fürst, ist es schon offiziell?« »Nein, lieber Freund, durchaus nicht; wir alle sind dahin übereingekommen. Das bleibt in der Familie, in der Familie, und nochmals in der Familie. Bisher habe ich alles nur Katerina Nikolajewna mitgeteilt, weil ich mich ihr gegenüber schuldig fühle. Oh, Katerina Nikolajewna ist ein Engel, ein Engel ist sie!« »Ja, das ist sie!« »Ja? Und du sagst ja? Und ich dachte, du wärest ihr Feind. Übrigens, da fällt mir ein: sie hat mich ja gebeten, dich nicht mehr zu empfangen. Und stell' dir vor: als du kamst, hatte ich es auf einmal vergessen.« »Was sagen Sie da?« rief ich und sprang auf. »Weswegen? Seit wann?« (Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen; ja, etwas Ähnliches hatte ich vorausgeahnt, seit Tatjana Pawlowna bei mir gewesen war.) »Seit gestern, lieber Freund, seit gestern; und ich verstehe überhaupt nicht, wie du jetzt hereingekommen bist, denn es sind Maßregeln getroffen worden. Wie bist du hereingekommen?« »Ich bin einfach hereingekommen.« »Das ist auch das wahrscheinlichste. Wenn du es mit List versucht hättest, hereinzukommen, hätten sie dich sicher erwischt; aber du bist ganz einfach hereingekommen, und da haben sie dich eben durchgelassen. Die Einfalt, mon cher, ist in Wirklichkeit die größte List.« »Ich verstehe kein Wort: also haben auch Sie sich entschlossen, mich nicht zu empfangen?« »Nein, lieber Freund, ich habe gesagt, mich ginge die Sache nichts an ... Das heißt, ich habe meine volle Einwilligung gegeben. Sei überzeugt, mein lieber Junge, daß ich dich wirklich sehr gern habe. Aber Katerina Nikolajewna hat es so sehr, sehr dringend verlangt ... Ah, sieh da!« In diesem Augenblick erschien plötzlich Katerina Nikolajewna in der Tür. Sie war zum Ausgehen gekleidet und kam, wie das auch früher geschehen war, sich bei ihrem Vater zu verabschieden. Als sie mich erblickte, stutzte sie, wurde verlegen, drehte sich schnell um und ging wieder. »Voilà!« rief der Fürst überrascht und schrecklich aufgeregt. »Das ist ein Mißverständnis!« rief ich. »Es kostet nur eine Minute ... Ich ... ich bin gleich wieder da, Fürst!« Und ich lief hinter Katerina Nikolajewna her. Was nun folgte, vollzog sich so schnell, daß ich nicht nur keine Zeit hatte zu überlegen, sondern mir auch nicht im geringsten vorher klarmachen konnte, wie ich mich benehmen solle. Hätte ich das gekonnt, so hätte ich mich natürlich anders benommen! Aber ich ließ mich hinreißen wie ein kleiner Junge. Ich wollte nach ihren Zimmern stürzen, aber ein Diener sagte mir unterwegs, daß Katerina Nikolajewna schon fort sei und gerade in den Wagen steige. Ich rannte Hals über Kopf auf die Vordertreppe hinaus. Katerina Nikolajewna stieg in ihrem Pelz hinunter, und neben ihr ging, oder vielmehr es führte sie, ein hochgewachsener, wohlgebauter Offizier in Uniform, ohne Mantel, den Säbel umgeschnallt; den Mantel trug ihm ein Diener nach. Das war der Baron; er war Oberst, zählte vielleicht fünfunddreißig Jahre, war der Typus des schicken Offiziers, hager, hatte ein um eine Kleinigkeit zu langes Gesicht, einen fuchsigen Schnurrbart und fuchsige Wimpern. Sein Gesicht war zwar durchaus nicht schön, hatte aber einen schneidigen, herausfordernden Ausdruck. Ich beschreibe ihn ganz kurz, wie er mir in der Minute erschien. Vorher hatte ich ihn niemals gesehen. Ich lief ihnen die Treppe hinunter nach, ohne Hut und ohne Pelz. Katerina Nikolajewna bemerkte mich zuerst und flüsterte ihm hastig etwas ins Ohr. Er wollte schon seinen Kopf nach mir umwenden, gab dann aber nur dem Diener und dem Portier einen Wink. Der Diener trat mir dicht an der Haustür in den Weg, aber ich stieß ihn mit dem Arm beiseite und lief ihnen nach, auf die Vortreppe hinaus. Bjoring half Katerina Nikolajewna in den Wagen. »Katerina Nikolajewna, Katerina Nikolajewna!« schrie ich außer mir (wie ein Narr, wie ein Narr! Oh, ich habe nichts davon vergessen, ich hatte nicht einmal einen Hut auf!). Bjoring wendete sich wütend nach dem Diener um und rief ihm mit lauter Stimme etwas zu, ein Wort oder zwei, ich verstand es aber nicht. Ich fühlte, wie mich jemand am Ellbogen packte. In diesem Augenblick setzte sich der Wagen in Bewegung; ich schrie noch einmal und stürzte dem Wagen nach. Katerina Nikolajewna, das sah ich wohl, sah zum Fenster des Wagens heraus und war, glaube ich, sehr erregt. Aber in meinem schnellen Vorwärtshasten, wie ich ihr so nachstürzte, rannte ich plötzlich, ganz unverhofft, heftig gegen Bjoring an und trat ihm, glaube ich, sehr schmerzhaft auf den Fuß. Er schrie leicht auf, knirschte mit den Zähnen, packte mich mit starker Faust an der Schulter und stieß mich wütend fort, so daß ich vielleicht drei Schritte zurücktaumelte. In diesem Augenblick wurde ihm sein Mantel gereicht, er warf ihn um, setzte sich in den Schlitten und rief aus dem Schlitten noch einmal den Dienern und dem Portier drohend etwas zu, wobei er auf mich zeigte. Da packten mich die und hielten mich fest: ein Diener warf mir meinen Pelz über, der andre reichte mir den Hut und – ich weiß wirklich nicht mehr, was sie dabei sagten; sie sagten aber etwas, und ich stand da und hörte zu, ohne ein Wort zu begreifen. Aber auf einmal ließ ich sie stehen und lief davon.   3 Ohne mir über irgend etwas Rechenschaft geben zu können und überall die Leute anstoßend, gelangte ich schließlich zu Tatjana Pawlownas Wohnung; ich kam nicht einmal auf die Idee, mir unterwegs eine Droschke zu nehmen. Bjoring hatte mir vor ihren Augen einen Stoß versetzt! Freilich hatte ich ihm auf den Fuß getreten, und er hatte mich nur instinktiv zurückgestoßen, wie einer, dem man auf ein Hühnerauge tritt (und ich war ihm vielleicht wirklich auf ein Hühnerauge getreten!). Aber sie hatte es gesehen, sie hatte gesehen, wie mich die Diener packten, und das alles vor ihren Augen, vor ihren Augen! Als ich zu Tatjana Pawlowna hineinstürzte, konnte ich im ersten Augenblick kein Wort sagen, und der Unterkiefer zitterte mir wie im Fieber. Ja, ich war auch im Fieber, und außerdem weinte ich ... Oh, ich war ja so tief verletzt. »Aha! Na? 'rausgeschmissen? Geschieht dir ganz recht, ganz recht geschieht es dir!« sagte Tatjana Pawlowna. Ich ließ mich, ohne ein Wort zu sagen, auf den Diwan fallen und starrte ihr ins Gesicht. »Ja, was hat er denn?« sagte sie und musterte mich forschend. »Na, trink ein Glas Wasser, trink Wasser, trink! Na, sag', was du jetzt dort für Blödsinn gemacht hast?« Ich murmelte etwas davon, daß man mir die Tür gewiesen» und daß Bjoring mich auf offner Straße gestoßen hätte. »Jetzt begreifst du wohl manches, oder noch immer nicht? Na also, da lies, und freu' dich!« Sie nahm einen Brief vom Tische und gab ihn mir; sie selbst pflanzte sich erwartungsvoll vor mir auf. Ich erkannte sogleich Wersilows Handschrift. Es waren nur ein paar Zeilen: ein Brief an Katerina Nikolajewna. Ich zitterte, und die Besinnung kehrte mir augenblicklich mit voller Kraft zurück. Und dies ist Wort für Wort der Inhalt dieses schrecklichen, ungeheuerlichen, sinnlosen, räuberischen Briefes: »Sehr geehrte gnädige Frau, Katerina Nikolajewna! So durch und durch verderbt Sie Ihrer Naturanlage wie Ihrer Entwicklung nach sind, so hätte ich doch geglaubt, Sie würden Ihre Leidenschaften so weit im Zaum halten, daß Sie keine Anschläge auf Kinder machen würden. Aber Sie schrecken auch davor nicht zurück. Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß das Ihnen bekannte Dokument ganz bestimmt nicht verbrannt worden ist und sich überhaupt nie im Besitze des Herrn Kraft befunden hat, so daß also für Sie hier gar nichts zu gewinnen ist. Und deshalb bitte ich Sie, einen jungen Menschen nicht ohne jeden Zweck zu verführen. Schonen Sie ihn, er ist noch nicht mündig, ist fast noch ein Knabe und weder geistig noch physisch entwickelt; was können Sie also an ihm haben? Ich nehme warmen Anteil an ihm, und deshalb habe ich den Versuch gewagt, Ihnen dies zu schreiben, wenn ich mir auch keinen Erfolg davon verspreche. Ich habe die Ehre, Sie davon zu unterrichten, daß eine Kopie dieses Briefes gleichzeitig an Herrn Baron Bjoring abgeht. A. Wersilow.« Ich wurde bleich, als ich das las, dann aber wurde ich plötzlich feuerrot, und meine Lippen bebten vor Entrüstung. »Damit meint er mich! Damit meint er das, was ich ihm vorgestern mitgeteilt habe!« schrie ich wütend. »Das ist's ja eben, daß du es ihm mitgeteilt hast!« rief Tatjana Pawlowna und riß mir den Brief aus der Hand. »Aber ... ich habe doch nicht ... das habe ich ihm doch gar nicht gesagt! Ach, du lieber Gott, was muß sie jetzt von mir denken! Ja, ist er denn verrückt? Er ist einfach verrückt ... Ich hab' ihn doch gestern gesehen. Wann hat er diesen Brief abgeschickt?« »Abgeschickt hat er ihn gestern mittag, angekommen ist er am Abend, und sie hat ihn mir heute persönlich übergeben.« »Aber ich habe ihn doch gestern selbst gesehen; er ist verrückt! So etwas kann Wersilow doch gar nicht schreiben; das hat ein Verrückter geschrieben! Wer schreibt denn so einen Brief an eine Dame?« »So schreiben eben Verrückte in ihrer Wut, wenn sie vor Eifersucht und Bosheit blind und taub werden und ihr Blut sich in Arsenik verwandelt ... Du hast noch nicht gewußt, was er für ein Mensch ist! Na, und dafür wird er jetzt eins draufkriegen, daß nur ein nasser Fleck von ihm übrigbleibt. Er legt ja selber den Hals unters Beil! Da ist's schon gescheiter, nachts an die Nikolaibahn zu gehen und den Kopf auf die Schienen zu legen; da wird er einem schon abgefahren, wenn er einem zu schwer geworden ist! Welcher Satan hat dich auch geritten, es ihm zu erzählen? Weicher Satan hat dich geritten, ihn zu reizen? Wolltest dich aufspielen vor ihm?« »Aber dieser Haß! Dieser Haß!« Ich schlug mir mit der Hand vor die Stirn. »Und weswegen, weswegen? Gegen eine Frau? Was hat sie ihm denn so Schlimmes angetan? Was für Beziehungen haben zwischen ihnen bestanden, daß solche Briefe überhaupt möglich sind?« »Jawohl, Haß!« höhnte mich Tatjana Pawlowna mit bitterm Spott. Das Blut schoß mir wiederum ins Gesicht: mir ging auf einmal ein ganz neues Licht auf; ich sah ihr voll höchster Spannung fragend ins Gesicht. »Scher' dich zum Kuckuck!« kreischte sie, wendete sich schnell ab und machte eine abweisende Handbewegung. »Ich habe mich grade lange genug mit euch allen herumgezogen! Ich hab' jetzt genug davon! Und wenn euch allesamt die Erde verschlingt! ... Deine Mutter ist noch die einzige, die mir dabei leid tut ...« Ich lief natürlich schleunigst zu Wersilow. Nein, so eine Heimtücke!   4 Wersilow war nicht allein. Eins möchte ich vorausschicken: nachdem er gestern diesen Brief an Katerina Nikolajewna abgesendet hatte und tatsächlich auch (Gott allein mag wissen, warum) eine Abschrift davon an Baron Bjoring, mußte er natürlich noch heute im Laufe des Tages die üblichen »Konsequenzen« aus diesem Schritt erwarten und hatte deshalb nach seiner Art seine Maßregeln getroffen; er hatte schon in aller Frühe Mama und Lisa (die, wie ich später hörte, am Morgen heimgekommen war, sich dann krank gefühlt hatte und zu Bette gegangen war), – er hatte die beiden also hinaufgeschickt, in den »Sarg«; die Zimmer unten, besonders aber unser »Empfangszimmer«, waren mit ganz besondrer Sorgfalt aufgeräumt und gekehrt worden. Und richtig, um zwei Uhr nachmittags erschien bei ihm ein Oberst Baron R., ein Herr von etwa vierzig Jahren, von deutscher Abstammung, hochgewachsen, hager, der den Eindruck großer physischer Kraft machte und gleichfalls fuchsige Haare hatte, genau so wie Bjoring, nur daß sich bei ihm schon der Beginn einer Glatze zeigte. Er war einer von den Baronen R., deren es eine ganze Menge in der russischen Armee gibt, die alle einen starken Baronsdünkel haben und nicht das geringste Vermögen, bloß von ihrem Gehalt leben und ungeheuer eifrig im Dienste und vorzügliche Frontoffiziere sind. Ich hatte den Anfang ihrer Auseinandersetzung nicht gehört; beide waren sie sehr lebhaft, und wie hätten sie es auch nicht sein sollen! Wersilow saß auf dem Diwan hinter dem Tische, und der Baron im Lehnstuhl an dessen Schmalseite. Wersilow war blaß, sprach aber beherrscht und die Worte langsam durch die Zähne ziehend; der Baron dagegen sprach mit erhobener Stimme und neigte sichtlich zu heftigen Gesten, er beherrschte sich mit Gewalt, schaute aber streng, hochnäsig und sogar voll Verachtung drein, obgleich nicht ohne eine gewisse Verwunderung. Als er mich erblickte, zog er die Stirn in finstre Falten, Wersilow aber freute sich beinah über mein Kommen. »Guten Tag, lieber Freund! Baron, das hier ist eben jener sehr junge Mensch, von dem in dem betreffenden Briefe die Rede war; seien Sie überzeugt, er stört uns nicht, wir werden ihn sogar sehr gut brauchen können.« Der Baron musterte mich voll Verachtung. »Lieber Freund,« fuhr Wersilow zu mir gewendet fort, »ich muß sagen, ich bin froh, daß du kommst; und deshalb setze dich bitte in die Ecke, bis ich mit dem Herrn Baron zu einem Schluß gekommen bin. Seien Sie ganz ruhig, Baron, er wird weiter nichts tun als in der Ecke sitzen.« Mir war das ganz einerlei, weil ich meinen Entschluß schon gefaßt hatte, außerdem verblüffte mich das alles; ich setzte mich schweigend in eine Ecke, so tief wie möglich in die Ecke, und saß da, ohne auch nur zu blinzeln oder mich zu rühren, bis ihre Auseinandersetzung beendigt war ... »Ich wiederhole Ihnen, Baron,« sagte Wersilow, die Worte hart hervorstoßend, »daß ich Katerina Nikolajewna Achmakowa, an die ich jenen unwürdigen und krankhaften Brief geschrieben habe, – daß ich diese Dame nicht nur für die edelste aller Frauen, sondern auch für den Gipfel jeder Vollkommenheit halte!« »Eine solche Art, Ihre eignen Worte zu widerrufen, sieht, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, einer Wiederholung derselben Worte verzweifelt ähnlich«, brummte der Baron. »Ihre Art, sich auszudrücken, verletzt entschieden den Respekt, den die Dame verlangen kann.« »Und doch wird es das Zutreffendste sein, wenn Sie das in ganz wörtlichem Sinne auffassen. Sehen Sie, ich leide an solchen Anfällen und ... an momentaner Geistesverwirrung, ich bin deswegen sogar in ärztlicher Behandlung; und so ist es denn gekommen, daß ich in solch einem Augenblick ...« »Diese Erklärungen gehören gar nicht hierher. Zum soundsovielten Male erkläre ich Ihnen, daß Sie hartnäckig in Ihrer falschen Auffassung beharren und die Sache vielleicht sogar ganz absichtlich falsch auffassen. Ich habe Ihnen schon von Anfang an gesagt, daß die ganze Frage wegen dieser Dame, das heißt, eben wegen Ihres Briefes an die Generalin Achmakowa, bei unsrer jetzigen Unterhandlung einfach auszuschalten ist; Sie kommen aber immer wieder darauf zurück. Baron Bjoring hat mich nur ersucht und beauftragt, gerade Klarheit in dem zu schaffen, was sich ausschließlich auf ihn selbst bezieht, nämlich Ihre Dreistigkeit, ihm die betreffende Abschrift zuzuschicken, und Ihr Begleitschreiben, in dem Sie sagten, Sie wären ›zu jeder beliebigen Art von Genugtuung bereit‹.« »Aber ich dächte doch, der letztere Punkt ist auch ohne weitere Auseinandersetzungen klar.« »Ich verstehe schon, ich habe es wohl gehört, Sie bitten nicht einmal um Entschuldigung, sondern bestehen nach wie vor darauf, daß Sie ›zu jeder beliebigen Art von Genugtuung‹ bereit sind. Aber das wäre doch gar zu billig. Und deshalb halte ich mich schon jetzt im Hinblick auf die Wendung, die Sie dieser Unterhandlung hartnäckig zu geben bemüht sind, für vollkommen berechtigt, Ihnen auch für mein Teil alles zu sagen, ohne mich im geringsten zu genieren: das heißt, ich bin zu dem Schlusse gekommen, daß Baron Bjoring es mit Ihnen unter gar – kei–nen Umständen auf Basis gesellschaftlicher Gleichberechtigung zu tun haben kann.« »Diese Entscheidung ist ja natürlich so vorteilhaft wie möglich für Ihren Freund, den Baron Bjoring, und ich gestehe Ihnen gern: Sie überraschen mich nicht im geringsten damit, ich hatte so etwas erwartet.« Ich bemerke in Klammern: ich erkannte es nur zu gut, vom ersten Wort, vom ersten Blick an, daß Wersilow es direkt auf einen Skandal anlegte, daß er diesen hitzigen Baron herausfordern und reizen wollte und seine Geduld vielleicht auf eine gar zu harte Probe stellte. Der Baron krümmte sich ordentlich. »Ich habe schon gehört, daß Sie manchmal witzig sein können, aber Witz ist noch nicht Verstand.« »Eine ungemein tiefe Bemerkung, Herr Oberst.« »Ich habe Sie nicht um Ihren Beifall ersucht,« schrie der Baron, »und bin nicht hergekommen, um Luft aus einem Topf in den andern zu gießen! Hören Sie mich bitte zu Ende an: Baron Bjoring war stark im Zweifel, als er Ihren Brief bekommen hatte, weil er zu sehr nach dem Narrenhaus roch. Und selbstverständlich könnten sofort Mittel gefunden werden, um Sie ... zu beruhigen. Aber aus ganz bestimmten Gründen hatte man Nachsicht mit Ihnen und zog Erkundigungen über Sie ein. Und die ergaben, daß Sie wohl einmal zur guten Gesellschaft gehört haben und früher Gardeoffizier gewesen sind, daß Sie aber gesellschaftlich unmöglich sind und Ihr Ruf mehr als zweifelhaft ist. Aber trotz allem bin ich gekommen, um mich persönlich zu unterrichten, und da erlauben Sie sich noch zu allem andern, mit Worten zu jonglieren und stellen sich selber das Zeugnis aus, daß Sie an Anfällen leiden. Jetzt ist's aber genug! Baron Bjoring kann seinen Stand und seinen guten Namen nicht in diese Angelegenheit herunterziehen lassen ... Kurz und gut, werter Herr: ich bin bevollmächtigt, Ihnen folgendes mitzuteilen: wenn Sie sich noch einmal so etwas oder etwas Ähnliches erlauben, so werden ungesäumt Mittel gefunden werden, Sie zu beruhigen, und sehr schnell wirkende und zuverlässige Mittel, kann ich Ihnen versichern. Wir leben nicht im Urwald, sondern in einem wohlgeordneten Staate!« »Sind Sie wirklich so fest davon überzeugt, mein bester Baron R.?« »Hol's der Teufel,« der Baron sprang plötzlich auf, »Sie führen mich stark in Versuchung, Ihnen auf der Stelle zu beweisen, daß ich nicht Ihr ›bester Baron R.‹ bin.« »Ich muß Sie noch einmal darauf aufmerksam machen,« sagte Wersilow und erhob sich gleichfalls, »daß meine Frau und meine Tochter sich in der Nähe befinden ... Und deshalb möchte ich Sie ersuchen, nicht so laut zu sprechen, weil Ihr Geschrei bis zu ihnen dringen könnte.« »Ihre Frau ... schiert mich den Teufel ... Wenn ich hier so lange gesessen und mich mit Ihnen unterhalten habe, so ist es nur zu dem Zweck geschehen, Klarheit in diese ekelhafte Geschichte zu bringen«, fuhr der Baron fort, zornig wie zuvor und ohne seine Stimme im geringsten zu dämpfen. »Jetzt ist es aber genug!« schrie er wütend, »Sie sind nicht nur aus dem Kreise der anständigen Menschen ausgeschlossen, Sie sind auch ein Narr, ein richtiger übergeschnappter Narr, und Sie haben sich dies Zeugnis ja auch selber ausgestellt! Sie verdienen keine Nachsicht, und ich erkläre Ihnen hiermit: man wird noch heute am Tage die nötigen Maßregeln treffen und Sie an einen Ort schaffen, wo man es schon verstehen wird, Sie zur Vernunft zu bringen ... und Sie kommen fort aus der Stadt!« Er verließ das Zimmer mit schnellen und langen Schritten. Wersilow geleitete ihn nicht. Er stand da, blickte zerstreut auf mich und seinen mich nicht zu bemerken; auf einmal lächelte er, warf seine Haare zurück, nahm den Hut und ging gleichfalls zur Tür. Ich ergriff seine Hand. »Ach ja, du bist ja auch da? Hast du es ... gehört?« Er blieb vor mir stehen. »Wie konnten Sie so etwas tun! Wie konnten Sie alles so verdrehen, wie konnten Sie mich so beschimpfen! ... So heimtückisch!« Er sah mich starr an, aber sein Lächeln wurde breiter und breiter und ging schließlich direkt in ein Lachen über. »Ich bin einfach beschimpft worden ... vor ihren Augen! Vor ihren Augen! Man hat mich vor ihren Augen ausgelacht, und er ... hat mich gestoßen!« schrie ich außer mir. »Nein, wirklich? Ach, du armes Kind, wie ich dich bedaure ... Also man hat dich dort aus-ge-lacht!« »Sie lachen, Sie lachen über mich! Ihnen kommt das lächerlich vor!« Er riß hastig seine Hand aus meiner, setzte den Hut auf und verließ lachend, jetzt wirklich richtig laut lachend, die Wohnung. Warum hätte ich ihm nachlaufen sollen, wozu? Ich hatte alles begriffen und – alles in einer Minute verloren! Auf einmal erblickte ich Mama; sie war von oben heruntergekommen und schaute sich ängstlich um. »Ist er fort?« Ich umarmte sie schweigend, und sie drückte mich fest, fest an sich, sie schmiegte sich nur so an mich. »Mama, Liebste, können Sie denn wirklich noch hierbleiben? Kommen Sie gleich mit, ich werde Sie heimlich entführen, ich will arbeiten für Sie wie ein Sträfling, für Sie und für Lisa ... Verlassen wir sie alle, alle, und machen wir, daß wir fortkommen. Wir wollen allein sein. Mama, wissen Sie noch, wie Sie mich bei Touchard besuchten und ich Sie nicht anerkennen wollte?« »Gewiß weiß ich es, Liebster; ich werde mich mein Leben lang vor dir schuldig fühlen, ich hatte dich geboren und kannte dich nicht.« »Er ist schuld daran, Mama, er ist an allem schuld; er hat uns nie geliebt.« »Doch, er hat uns geliebt.« »Kommen Sie mit, Mama.« »Wo soll ich hin, wenn ich von ihm fortgehe? Ist er denn glücklich, oder ...?« »Wo ist Lisa?« »Sie liegt im Bett; sie kam nach Hause und fühlte sich nicht wohl; ich fürchte mich so. Sind sie denn so böse auf ihn? Was wollen sie jetzt mit ihm machen? Wo ist er hingegangen? Was hat der Offizier eben für Drohungen ausgestoßen?« »Nichts wird ihm passieren, Mama, ihm passiert nie etwas, ihm geschieht nie etwas, und ihm kann auch nichts geschehen. Er ist nun mal so ein Mensch! Da ist Tatjana Pawlowna, fragen Sie die, wenn Sie mir nicht glauben, da ist sie.« (Tatjana Pawlowna war plötzlich ins Zimmer getreten.) »Leben Sie wohl, Mama. Ich komme gleich wieder, und wenn ich komme, richte ich noch einmal dieselbe Frage an Sie ...« Ich eilte davon; ich mochte keinen Menschen sehen, Tatjana Pawlowna nicht und auch sonst niemand; Mamas Anblick peinigte mich auch. Ich wollte allein sein, allein!   5 Aber ich hatte noch nicht eine Straße durchschritten, als ich schon bemerkte, daß ich nicht gehen konnte; ohne Sinn und Verstand rannte ich gegen alle die fremden, gleichgültigen Leute an. Aber wohin sollte ich mit mir? Wer brauchte mich jetzt, und – was brauchte ich jetzt? Ich schleppte mich mechanisch zu Fürst Sergej Petrowitsch, ohne daß ich dabei überhaupt an ihn gedacht hätte. Er war nicht zu Hause. Ich sagte zu Piotr (seinem Diener), ich würde im Arbeitszimmer auf ihn warten (wie ich es schon viele Male getan hatte). Sein Zimmer war ein großer, sehr hoher Raum, vollgestellt mit Möbeln. Ich verkroch mich in die dunkelste Ecke, setzte mich auf den Diwan, stemmte die Ellbogen auf den Tisch und stützte meinen Kopf in beide Hände. Ja, das war die Frage: »Was brauche ich jetzt?« Wenn ich mir damals auch diese Frage formulieren konnte, so war ich doch zu nichts weniger imstande, als sie zu beantworten. Ich konnte weder logisch denken, noch logische Fragen an mich stellen. Ich habe schon weiter oben gesagt, daß ich gegen Ende dieser Tage »von den Ereignissen erdrückt« war; ich saß jetzt da, und alles drehte sich wie ein Chaos in meinem Gehirn. »Ja, ich habe ihn ganz durchschaut und doch nichts davon begriffen«, dämmerte es hie und da in mir auf. »Er hat mir eben direkt ins Gesicht gelacht: er hat aber nicht über mich gelacht: nur über Bjoring, und nicht über mich. Vorgestern bei Tisch wußte er schon alles und war verstimmt. Er hat meine alberne Beichte damals in der Kneipe aufgefangen und alles auf Kosten der Wahrheit entstellt; was brauchte er auch die Wahrheit? Er glaubt selber nicht ein Wort von dem, was er ihr geschrieben hat. Er wollte sie nur beleidigen, sinnlos beleidigen, ohne eigentlich selber zu wissen, wozu; er suchte nach irgendeinem Vorwand, und den Vorwand gab ich ... Die Tat eines tollen Hundes! Will er jetzt vielleicht Bjoring niederschießen? Warum? Sein Herz weiß wohl, warum! Und ich weiß gar nichts davon, wie es in seinem Herzen aussieht ... Nein, nein, ich weiß es auch jetzt noch nicht. Liebt er sie denn wirklich mit solcher Leidenschaft? Oder haßt er sie mit solcher Leidenschaft? Ich weiß es nicht; und weiß er es denn selbst? Was habe ich vorhin zu Mama gesagt, daß ihm ›nichts geschehen‹ könne; was habe ich damit sagen wollen? Hab' ich ihn verloren, oder hab' ich ihn nicht verloren?« »... Sie hat zugesehen, wie ich gestoßen wurde ... Hat sie auch gelacht, oder nicht? Ich hätte gelacht! Der Spion wurde ja geschlagen, der Spion!...« »Was bedeutet es,« durchfuhr es mich auf einmal, »was bedeutet es, daß er in diesem häßlichen Briefe auch sagte, das Dokument sei gar nicht verbrannt, sondern existiere noch?...« »Er wird Bjoring nicht niederschießen, er sitzt jetzt wahrscheinlich in der Kneipe und hört sich die ›Lucia‹ an! Vielleicht geht er aber auch, nachdem er sich die ›Lucia‹ angehört hat, hin und schießt Bjoring nieder. Bjoring hat mich gestoßen, hat mich also beinahe geschlagen; hat er mich eigentlich geschlagen? Bjoring hält sich sogar für zu gut, sich mit Wersilow zu schießen; wird er sich dann mit mir schießen? Vielleicht werde ich ihm morgen auf der Straße auflauern müssen, um ihn mit dem Revolver niederzuknallen ...« Und diesen Gedanken ließ ich mir ganz mechanisch durch den Kopf gehen, ohne im geringsten davor zurückzuschrecken. Von Zeit zu Zeit malte ich mir aus, daß gleich die Tür aufgehen würde, daß Katerina Nikolajewna hereinkommen und mir die Hand geben würde und daß wir beide anfangen würden zu lachen ... »Oh, mein Student, mein lieber!« Das dämmerte in mir auf, das heißt, das wünschte ich mir, als es im Zimmer schon sehr dunkel geworden war. »Ist es denn schon so lange her, daß ich vor ihr stand und ihr Lebewohl sagte und sie mir die Hand gab und lachte? Wie konnte es geschehen, daß wir in so kurzer Zeit so weit auseinandergekommen sind! Ich sollte einfach zu ihr gehen und mich sofort mit ihr aussprechen, in dieser Minute, ganz einfach, ganz einfach! Herrgott, wie ist es möglich, daß da plötzlich so eine ganz neue Welt entstanden ist! Jawohl, eine neue Welt, eine ganz, ganz neue ... Und Lisa, und der Fürst, die gehören noch zur alten ... Und ich sitze jetzt hier beim Fürsten. Und Mama, wie hat sie mit ihm leben können, wenn die Sachen so liegen? Ich hätte es können, ich kann alles; aber sie? Was soll jetzt werden?« Und wie in einem Wirbelwinde tauchten die Gestalten Lisas, Anna Andrejewnas, Stebelkows, des Fürsten, Aferdows, aller der andern in meinem kranken Gehirn auf, kommend und schwindend. Aber meine Gedanken wurden immer formloser und unerhaschbarer; ich war froh, wenn ich einen bewußt erfassen und mich daran klammern konnte. »Ich habe eine ›Idee‹!« dachte ich auf einmal. »Ja, habe ich sie aber auch? Habe ich das nicht am Ende nur auswendig gelernt? Meine Idee bedeutet Dunkelheit und Einsamkeit; und ist jetzt überhaupt noch die Möglichkeit vorhanden, wieder in die alte Dunkelheit zu entschlüpfen? Ach, du lieber Gott, ich hab' ja das ›Dokument‹ nicht verbrannt! Ich habe vorgestern richtig vergessen, es zu verbrennen. Ich will nach Hause gehen und es an der Kerze verbrennen, jawohl, eben an der Kerze; ich weiß nur nicht, ob es das ist, woran ich jetzt denke ...« Es war schon lange dunkel geworden, und Piotr hatte Licht gebracht. Er war vor mir stehengeblieben und hatte mich gefragt, ob ich schon gegessen hätte. Ich hatte ihm nur mit der Hand abgewinkt. Aber eine Stunde darauf brachte er mir Tee, und ich trank gierig eine große Tasse davon. Dann erkundigte ich mich, wieviel Uhr es wäre. Es war halb neun, und ich wunderte mich nicht einmal darüber, daß ich schon seit fünf Stunden dasaß. »Ich bin schon dreimal drin gewesen,« sagte Piotr, »aber Sie haben, glaub' ich, geschlafen.« Ich erinnerte mich nicht daran, daß er dagewesen war. Ich weiß nicht warum, aber ich erschrak plötzlich heftig darüber, daß ich »geschlafen« hätte, ich stand auf und ging im Zimmer auf und nieder, um nicht wieder »einzuschlafen«. Schließlich bekam ich heftiges Kopfweh. Punkt neun Uhr kam der Fürst, und ich wunderte mich darüber, daß ich auf ihn gewartet hatte: ich hatte ihn ganz vergessen, aber auch ganz. »Sie sind hier, und ich war bei Ihnen, um Sie abzuholen«, sagte er zu mir. Sein Gesicht war finster und ernst, kein Schein eines Lächelns. In seinen Augen stand ein versteinerter Gedanke. »Ich habe mich den ganzen Tag geschunden und alles versucht,« sagte er sehr ernst, »alles ist mir kaputt gegangen, und mir graut vor der Zukunft ...« (NB. Er war also nicht bei Fürst Nikolaj Iwanowitsch gewesen.) »Ich habe Shibelskij aufgesucht, das ist ein ganz unmöglicher Mensch. Sehen Sie: zuerst muß man das Geld haben, und dann kann man weiter sehen. Und wenn es mir nicht gelingt, das Geld zu beschaffen, dann ... Aber ich habe mich entschlossen, heute nicht darüber hinauszudenken. Beschaffen wir heute nur das Geld, und morgen wird sich dann alles zeigen. Ihr vorgestriger Gewinn ist noch bis zur letzten Kopeke da. Es fehlten nur drei Rubel an dreitausend. Nach Abrechnung Ihrer Schuld bekommen Sie noch dreihundertvierzig Rubel heraus. Nehmen Sie das Geld und dazu noch siebenhundert Rubel, damit es tausend sind, und ich nehme die andern zweitausend. Dann setzen wir uns bei Serstschikow an die entgegengesetzten Enden des Tisches und versuchen zehntausend Rubel zu gewinnen – vielleicht gelingt es uns; und gewinnen wir nicht – dann ... Das ist übrigens das einzige, was mir noch übrigbleibt.« Er sah mich mit fatalistischem Ausdruck an. »Jawohl, jawohl!« schrie ich auf einmal, als wäre ich plötzlich von den Toten erwacht. »Kommen Sie! Ich habe nur auf Sie gewartet ...« Hierzu möchte ich bemerken, daß ich in diesen Stunden auch nicht einen Augenblick mit dem kleinsten Gedanken an die Roulette gedacht hatte. »Aber die Schlechtigkeit, die Niedrigkeit eines solchen Verfahrens?« fragte auf einmal der Fürst. »Was? Daß wir zur Roulette wollen! Das ist ja doch die Hauptsache,« schrie ich, »das Geld ist die Hauptsache. Nur wir beide sind solche Heiligen, Bjoring aber hat sich verkauft, Anna Andrejewna hat sich verkauft, und Wersilow – haben Sie schon gehört, daß Wersilow übergeschnappt ist? Übergeschnappt! Übergeschnappt!« »Sind Sie auch nicht etwa krank, Arkadij Makarowitsch? Sie machen so sonderbare Augen.« »Das sagen Sie wohl, um ohne mich dahin fahren zu können? Aber heute werden Sie mich nicht los. Ich habe nicht umsonst die ganze Nacht vom Spiel geträumt. Kommen Sie nur, kommen Sie!« schrie ich, als hätte ich damit auf einmal die Lösung für alle Rätsel gefunden. »Na also, dann kommen Sie, wenn Sie auch Fieber haben; und da ...« Er führte den Satz nicht zu Ende. Ein schwerer, unheimlicher Ausdruck stand in seinem Gesicht. Wir gingen. »Wissen Sie auch,« sagte er plötzlich und machte in der Tür halt, »wissen Sie auch, daß es noch einen Ausweg aus der Katastrophe gibt außer dem Spiel?« »Was für ein Ausweg?« »Einen fürstlichen!« »Und das wäre? Und das wäre?« »Das werden Sie später noch erfahren. Jetzt sage ich Ihnen nur das eine, daß ich dieses Ausweges nicht mehr würdig bin; er ist mir zu spät eingefallen. Also kommen Sie, aber denken Sie daran, daß ich Ihnen das gesagt habe. Versuchen wir es mit dem bedientenhaften Ausweg ... Als ob ich das nicht wüßte, daß ich bewußt und absichtlich dahinfahre und handle wie ein Bedienter!«   6 Ich stürzte mich auf die Roulette, als ob in ihr alles Heil für mich und alle Rettungsmittel vereinigt wären; und dabei hatte ich, wie ich schon sagte, bis zur Heimkehr des Fürsten gar nicht an das Spiel gedacht. Und ich ging ja auch nicht hin, um für mich selber, sondern um mit dem Gelde des Fürsten für Rechnung des Fürsten zu spielen; ich kann nicht begreifen, was mich so hinzog, aber es zog mich unwiderstehlich. Oh, nie in meinem Leben waren mir diese Menschen, diese Gesichter, diese Croupiers, dies Aufrufen der Nummern, dieser ganze ekelhafte Saal bei Serstschikow, niemals war mir das alles so widerlich erschienen, so düster, so roh und trübselig wie dieses Mal! Ich erinnre mich nur zu gut der Bekümmernis und Trauer, die während dieser Stunden am Spieltische von Zeit zu Zeit mein Herz ergriffen. Aber weshalb ging ich denn nicht fort? Weswegen ertrug ich das, wie ein Los, das ich auf mich genommen hatte, wie ein Opfer, das ich brachte, wie eine Tat, die ich vollführte? Ich muß nur eins bemerken: ich kann wohl schwerlich von mir in meinem damaligen Zustande sagen, daß ich ganz bei gesundem Verstände gewesen wäre. Aber dabei hatte ich noch niemals so vernünftig gespielt wie an diesem Abend. Ich war schweigsam und konzentriert, aufmerksam und furchtbar berechnend; ich war geduldig und geizig und gleichzeitig schnell entschlossen in den Augenblicken, wo es zu handeln galt. Ich hatte mich wieder an die Zeroseite gesetzt, das heißt, wieder zwischen Serstschikow und Aferdow, der immer rechts neben Serstschikow zu sitzen pflegte; mir war dieser Platz unangenehm, aber ich wollte durchaus auf Zero setzen, und alle andern Plätze in der Gegend von Zero waren besetzt. Wir spielten schon seit einer guten Stunde; da sah ich schließlich von meinem Platze aus, wie der Fürst mit bleichem Gesicht aufstand, nach unserm Ende herüberkam und sich mir gegenüber hinstellte, auf der andern Seite des Tisches: er hatte sein ganzes Geld verspielt und sah schweigend meinem Spiel zu, obschon er wahrscheinlich nichts davon begriff und sogar wohl überhaupt nicht mehr an das Spiel dachte. Um diese Zeit fing ich eben erst an zu gewinnen, und Serstschikow zählte mir Geld auf. Auf einmal ergriff Aferdow, ohne etwas zu sagen, vor meinen Augen ganz frech einen von meinen Hundertrubelscheinen und legte ihn auf den Geldhaufen, der vor ihm lag. Ich schrie auf und packte seine Hand. Und da passierte mir etwas gänzlich Unerwartetes: ich riß mich gleichsam von der Kette los; es war, als konzentrierten sich alle Schrecknisse und Kränkungen dieses Tages plötzlich in diesem einen Moment, im Verschwinden dieses Hundertrubelscheins. Es war, als ob alles, was in mir aufgehäuft und zusammengepreßt lag, nur auf diesen Augenblick gewartet hätte, um zu explodieren. »Er ist ein Dieb: er hat mir grade einen Hundertrubelschein gestohlen!« schrie ich und schaute mich außer mir im Kreise um. Ich mag den Spektakel nicht beschreiben, der sich hierauf erhob; so ein Vorkommnis war hier etwas ganz Neues. Bei Serstschikow herrschte ein sehr feiner Ton, sein Spielzirkel war berühmt dafür. Aber ich kannte mich selbst nicht mehr. Durch den Lärm und das Geschrei vernahm man auf einmal Serstschikows Stimme: »Aber ... das Geld ist fort, und hier hat es gelegen! Vierhundert Rubel!« Es war gleichzeitig noch eine andre Geschichte passiert: es war Geld aus der Bank verschwunden, direkt vor Serstschikows Nase, ein Päckchen mit vierhundert Rubeln. Serstschikow deutete auf die Stelle, wo sie gelegen hatten, »gerade eben haben sie da noch gelegen«, und diese Stelle befand sich dicht neben mir, stieß direkt an den Platz, wo mein Geld lag, befand sich also viel näher bei mir als bei Aferdow. »Da ist der Dieb! Das hat er auch gestohlen, man muß ihn durchsuchen!« schrie ich und deutete auf Aferdow. »Das kommt alles nur davon,« löste sich eine dröhnende und durchdringende Stimme aus dem allgemeinen Geschrei, »daß hier Leute zugelassen werden, die kein Mensch kennt. Es werden Leute ohne Empfehlung hereingelassen! Wer hat den eigentlich eingeführt? Wer ist das überhaupt?« »Ein gewisser Dolgorukij!« »Fürst Dolgorukij?« »Fürst Sokolskij hat ihn eingeführt«, rief jemand. »Hören Sie, Fürst,« brüllte ich ihm rasend vor Wut über den Tisch hin zu, »ich werde hier für einen Dieb gehalten, während ich es bin, der hier bestohlen worden ist! Sagen Sie es ihnen, sagen Sie ihnen, wer ich bin!« Und da geschah etwas, was das Schrecklichste von allem war, was an diesem ganzen Tage passiert war ... vielleicht das Schrecklichste in meinem ganzen Leben: der Fürst verleugnete mich. Ich sah, wie er mit den Achseln zuckte und auf die Fragen, die ihn von allen Seiten bestürmten, scharf und deutlich zur Antwort gab: »Ich verbürge mich für niemand. Ich bitte, mich in Ruhe zu lassen.« Unterdessen stand Aferdow mitten im dicksten Haufen und verlangte mit lauter Stimme, man solle ihn durchsuchen. Er drehte selbst seine Taschen um. Aber die andern erwiderten sein Anerbieten mit dem Rufe: »Nein, nein, wir kennen den Dieb schon!« Zwei Diener, die man gerufen hatte, packten mich von hinten an den Armen: »Ich lasse mich nicht durchsuchen, ich dulde das nicht!« schrie ich und versuchte, mich loszureißen. Aber ich wurde ins Nebenzimmer geschleppt, und dort, mitten in dem Menschenhaufen, wurde ich bis in die letzte Falte durchsucht. Ich schrie und wehrte mich. »Er hat es wahrscheinlich weggeworfen, man muß auf dem Boden nachsehen«, meinte jemand. »Wo soll man es denn jetzt auf dem Boden suchen?« »Vielleicht hat er es noch schnell unter den Tisch werfen können!« »Jetzt ist die Fährte ja natürlich doch schon verloren ...« Ich wurde hinausgebracht, aber es gelang mir, in der Tür stehenzubleiben, und ich brüllte mit sinnloser Wut über den ganzen Saal hin: »Das Hasardspiel ist polizeilich verboten. Heute noch zeige ich Sie alle an!« Ich wurde die Treppe hinuntergebracht und in meine Überkleider gesteckt, und dann ... öffnete man mir die Tür nach der Straße. Neuntes Kapitel   1 Der Tag hatte also mit einer Katastrophe geendet, aber nun stand mir noch die Nacht bevor, und jetzt will ich erzählen, was ich von dieser Nacht im Gedächtnis behalten habe. Ich denke mir, es wird so kurz nach eins gewesen sein, als ich auf die Straße trat. Es war eine klare, stille Frostnacht. Ich lief beinah und beeilte mich furchtbar, aber durchaus nicht – um nach Hause zu kommen. »Was brauche ich ein Zuhause? Kann es für mich jetzt ein Zuhause geben? Zu Hause leben die Menschen, da würde ich morgen aufwachen, um zu leben, – und ist das jetzt denn überhaupt noch möglich? Mein Leben ist zu Ende, leben kann ich jetzt um keinen Preis mehr.« Und so streifte ich denn durch die Straßen, ohne überhaupt darauf zu achten, wohin ich ging, und ich weiß überhaupt nicht, ob ich irgendein Ziel hatte. Mir war sehr heiß, und ich lüftete häufig meinen schweren Pelz. »Jetzt gibt es überhaupt keine Tätigkeit mehr, die irgendeinen Zweck hätte«, dachte ich damals. Und sonderbar: mir kam es so vor, als gehöre alles ringsum, selbst die Luft, die ich atmete, einem ganz andern Planeten an, ganz so, als wäre ich plötzlich auf den Mond versetzt. Alles, die Stadt, die Leute, die mir begegneten, das Trottoir, auf dem ich dahinlief – das alles gehörte schon nicht mehr mir . »Da ist der Schloßplatz, das da ist die Isaakskirche,« dämmerte es mir, »aber sie gehen mich jetzt nichts mehr an«; es hatte sich mir alles entfremdet, das alles gehörte auf einmal nicht mehr mir. »Ich habe Mama, ich habe Lisa – aber was können mir jetzt Lisa und Mama sein? Alles ist aus, alles ist mit einem Schlage aus, nur eins ist geblieben: das eine, daß ich jetzt für ewige Zeiten ein Dieb bin.« »Wodurch soll ich beweisen, daß ich kein Dieb bin? Ist das denn jetzt überhaupt noch möglich? Nach Amerika gehen? Aber was wäre damit bewiesen? Wersilow wird der erste sein, der glaubt, ich hätte gestohlen! Die ›Idee‹? Was für eine ›Idee‹? Was ist die ›Idee‹ jetzt noch? Wenn ich nach fünfzig Jahren, nach hundert Jahren auf der Straße gehen würde, immer würde sich ein Mensch finden, der mit Fingern auf mich zeigen und sagen würde: ›Da geht ein Dieb. Er hat die Verwirklichung seiner Idee damit begonnen, daß er am Spieltisch Geld stahl‹ ...« War ich dabei erbost und zornig? Ich weiß es nicht, vielleicht war ich es. Sonderbar, ich habe von jeher, vielleicht von meiner frühesten Kindheit an, eine Eigentümlichkeit gehabt: wenn man mir Böses zufügte und das Maß schon ordentlich vollmachte, in der Kränkung bis zur äußersten Grenze ging, dann zeigte sich bei mir immer der unbezwingliche Wunsch, mich der Beleidigung duldend zu unterwerfen, ja, sogar den Wünschen des Beleidigers entgegenzukommen: »Nun also, Sie haben mich erniedrigt, ich erniedrige mich selber noch tiefer, sehen Sie her, erfreuen Sie sich daran!« Touchard schlug mich und wollte mir klarmachen, daß ich ein Bedienter wäre und kein Geheimratssohn, und sogleich nahm ich damals selber die Rolle des Bedienten auf mich. Ich reichte ihm nicht nur die Kleider, wenn er sich anzog, sondern nahm auch freiwillig die Bürste und bürstete ihm auch das letzte Stäubchen ab, ohne daß er mich im geringsten darum ersucht oder mich geheißen hätte; ich lief manchmal in meinem glühenden Bedienteneifer mit der Bürste hinter ihm her, um irgendein letztes Fäserchen von seinem Frack zu entfernen, so daß er selber mir manchmal Einhalt tat: »Schon gut, schon gut, Arkadij.« Oder er kommt, sagen wir, nach Hause und zieht seinen Überrock aus, – ich reinige ihn, lege ihn sorgfältig zusammen und hülle ihn in das karierte seidne Tuch. Ich weiß wohl, daß meine Kameraden sich darüber lustig machen und mich deswegen verachten, ich weiß das sehr genau, aber mir ist auch das sehr recht: »Wenn ihr gern wollt, daß ich ein Bedienter sein soll – schön, dann bin ich also ein Bedienter; ihr wünscht euch einen Lumpen – da ist der Lump.« Solch einen passiven Haß und so eine innerlich gärende Erbostheit konnte ich jahrelang mit mir herumtragen. Und schließlich? Bei Serstschikow hatte ich in hellster Wut durch den ganzen Saal geschrien: »Ich zeige alle an, das Hasardspiel ist polizeilich verboten!« Und ich kann es beschwören, daß auch darin etwas Ähnliches lag: man hatte mich erniedrigt, mich durchsucht, mich für einen Dieb erklärt, einen toten Mann aus mir gemacht. – »Na, dann sollt ihr auch wissen, daß ihr richtig geraten habt: ich bin nicht bloß ein Dieb, ich bin auch ein Denunziant!« Wenn ich jetzt zurückdenke, kombiniere ich so und lege es mir so zurecht; damals war mir gar nicht nach Analyse zumute; ich habe das damals ohne jede Absicht geschrien, ich wußte eine Sekunde vorher noch nicht einmal, daß ich das in den Saal schreien würde: es schrie aus mir, – dieser Zug lag eben in meinem Charakter. Als ich so dahinlief, war sicher schon das Fieberdelirium in mir ausgebrochen, aber ich weiß noch sehr gut, daß ich bewußt handelte. Aber dabei kann ich mit Sicherheit behaupten, daß längere Reihen von Gedanken und Schlußfolgerungen mir schon damals unmöglich waren; selbst damals, in jenen Minuten, fühlte ich sehr wohl, daß ich »zu manchen Gedanken fähig war, zu andern aber wieder ganz und gar nicht«. Ebenso konnten auch gewisse Entschlüsse, die ich zwar bei vollem Bewußtsein faßte, nicht die geringste Logik besitzen. Mehr noch: ich weiß noch ganz genau, daß ich in manchen Augenblicken die Unsinnigkeit eines Entschlusses ganz klar erkennen und doch im gleichen Augenblick mit vollem Bewußtsein an die Ausführung desselben Entschlusses gehen konnte. Ja, das Verbrechen lag in jener Nacht in der Luft, es war nur ein Zufall, daß keines geschah. Mir fiel auf einmal ein Wörtchen ein, daß Tatjana Pawlowna von Wersilow gesagt hatte: »Er sollte doch an die Nikolaibahn gehn und den Kopf auf die Schienen legen: da würde er ihm schon abgefahren werden.« Dieser Gedanke bemächtigte sich auf einmal meines ganzen Innern, aber ich verscheuchte ihn sogleich mit schmerzlichem Gefühl: »Den Kopf auf die Schienen legen und sterben; und morgen früh sagen die Leute: ›Das hat er getan, weil er gestohlen hatte, er hat es aus Schamgefühl getan‹, – nein, um keinen Preis!« Und eben in diesem Augenblick, das weiß ich noch, erfüllte mich plötzlich eine ungeheure momentane Wut. »Also,« dachte ich bei mir, »rechtfertigen kann ich mich auf keine Weise, ein neues Leben anzufangen ist auch unmöglich, deshalb will ich mich drein schicken, ein Bedienter will ich werden, ein Hund, eine Laus, ein Denunziant, jawohl, ein richtiger Denunziant, und dabei ganz heimlich alle Vorbereitungen treffen und eines schönen Tages auf einmal alles in die Luft sprengen, alles vernichten, alle, Schuldige und Unschuldige, und dann werden auf einmal alle es erfahren, daß das derselbe war, den sie einen Dieb geheißen hatten ... Und dann mit mir selber ein Ende machen!« Ich weiß nicht mehr, auf welche Weise ich in eine Querstraße in der Nähe des Boulevards der Garde zu Pferde geraten war. Diese Querstraße entlang zogen sich zu beiden Seiten auf einer Strecke von fast hundert Schritten hohe Steinmauern, – die Mauern von Hinterhöfen. Hinter einer dieser Mauern zur linken Hand erblickte ich einen riesigen Holzstapel, einen langen Stapel, genau wie man sie auf Holzhöfen sieht; er war um einen guten Faden höher als die Mauer. Ich blieb plötzlich stehen und begann mir etwas zu überlegen. In der Tasche hatte ich einen kleinen silbernen Behälter mit Wachszündhölzern. Ich wiederhole noch einmal, ich gab mir ganz bewußt Rechenschaft darüber, was ich mir da überlegte und was ich tun wollte und erinnere mich noch heute ganz genau daran; warum ich das aber tun wollte, das weiß ich nicht, davon habe ich keine Ahnung. Ich weiß nur, daß mir die Lust dazu sehr plötzlich kam. »Auf die Mauer steigen kann man ganz leicht«, überlegte ich mir; gerade nur zwei Schritte von mir befand sich ein großes Tor in der Mauer, das wahrscheinlich oft monatelang fest verschlossen blieb. »Ich muß unten auf den Vorsprung steigen,« dachte ich mir weiter, »dann kann ich mich oben am Tore halten und auf die Mauer klettern – und niemand wird es bemerken, kein Mensch in der Nähe, es ist ganz still! Und oben setze ich mich ganz bequem auf die Mauer und kann den Stapel mit Leichtigkeit anzünden; ich brauche auf der innern Seite gar nicht einmal hinunterzusteigen, weil der Holzstapel ja beinahe an die Mauer stößt. Bei der Kälte wird es noch besser brennen, ich brauche nur mit der Hand ein Birkenscheit herauszuziehen ... ja, und ich brauche überhaupt gar kein Scheit herauszuziehen: ich brauche nur ganz einfach, ohne mich von der Mauer zu rühren, ein Stück Rinde von einem Birkenscheit abzureißen, es mit einem Zündholz anzuzünden – es anzuzünden und in den Stapel hineinzuschieben, dann ist der Feuerschaden fertig. Und ich springe wieder herunter und mache mich davon; ich brauche nicht einmal zu laufen, weil man es lange nicht bemerken wird ...« So überlegte ich mir das alles und – entschloß mich plötzlich ganz fest dazu. Ich verspürte eine außerordentliche Befriedigung, einen großen Genuß dabei und begann zu klettern. Klettern konnte ich ausgezeichnet: Turnen war schon auf dem Gymnasium meine Stärke gewesen, aber ich hatte Galoschen an, und das machte die Sache schwieriger. Aber es gelang mir doch, mich mit einer Hand an einem kaum zu spürenden Vorsprung oben festzuhalten, ich reckte mich und holte mit der andern Hand aus, um jetzt den Mauerrand zu fassen, aber da rutschte ich auf einmal aus und flog rücklings hinunter. Ich denke mir, ich werde mit dem Hinterkopf auf den Boden aufgeschlagen sein und habe wohl eine Minute oder zwei bewußtlos gelegen. Als ich zu mir kam, zog ich mechanisch den Pelz um mich zusammen, denn ich fand es auf einmal fürchterlich kalt; und nur noch mit halbem Bewußtsein von dem, was ich tat, schleppte ich mich in den Winkel des Tores und setzte mich dort hin, in mich zusammengekrochen und ganz klein in die Vertiefung zwischen Tor und Mauervorsprung gekauert. Meine Gedanken verwirrten sich, und ich muß wohl sehr schnell eingeschlafen sein. Ich erinnre mich, wie dann auf einmal durch den Schlaf ein tiefer, schwerer Glockenklang an mein Ohr schlug und wie ich beglückt darauf zu horchen begann.   2 Die Glocke schlug fest und sicher an, nur alle zwei oder gar drei Sekunden ein Schlag, das war aber kein Feuerläuten, sondern ein lieblicher, schwimmender Klang, und ich erkannte auf einmal, daß dies ein bekanntes Läuten war, das Läuten der Nikolaiglocke in der roten Kirche gegenüber dem Hause Touchards, – der altertümlichen Moskauer Kirche, die, soviel ich weiß, schon zur Zeit des Zaren Alexej Michajlowitsch erbaut ist und im Schmucke bunter russischer Ornamente und vieler Kuppeln und Säulen prangt, – und ich wußte auf einmal, daß die Karwoche eben vorüber war und daß auf den kümmerlichen Birken in Touchards Gärtchen schon neue grüne Blättchen zittern. Die grelle Spätnachmittagssonne schickte ihre schrägen Strahlen in unser Klassenzimmer, und bei mir, in meinem kleinen Stübchen zur linken Hand, wo mich Touchard schon seit einem Jahre von den »Grafen- und Geheimratskindern« abgesondert hatte, sitzt ein Gast. Ja, ich elternloses Kind hatte auf einmal einen Gast bei mir – zum erstenmal, seit ich bei Touchard war. Ich hatte diesen Gast sofort erkannt, sobald er in mein Zimmer getreten war: es war Mama; und ich hatte sie doch kein einziges Mal mehr gesehen seit damals, als sie mich in der Dorfkirche hatte kommunizieren lassen, und als die Taube durch die Kuppel geflogen war. Wir saßen selbander, und ich starrte sie sonderbar an. Später, erst viele Jahre nachher, erfuhr ich, daß sie damals – sie war allein zurückgeblieben, weil Wersilow plötzlich ins Ausland gereist war – daß sie damals ganz aus freien Stücken nach Moskau gekommen war, auf eigene Kosten, trotz ihrer so beschränkten Mittel, daß sie den Leuten, deren Obhut sie anvertraut war, fast heimlich durchgegangen war, und das alles nur, um mich wiederzusehen. Merkwürdig war auch, daß sie gekommen war und mit Touchard gesprochen, dabei aber mir selbst kein Wort davon gesagt hatte, daß sie meine Mutter war. Sie saß neben mir, und ich weiß noch, daß ich mich direkt darüber wunderte, daß sie so wenig sagte. Sie hatte ein Bündelchen mit und knüpfte es auf: darin waren sechs Orangen, ein paar Lebkuchen und zwei gewöhnliche Franzbrote. Ich fühlte mich durch die Franzbrote beleidigt und sagte mit gekniffnem Gesicht, die »Kost« wäre hier sehr gut, und wir bekämen jeder ein ganzes Franzbrot zum Tee. »Na, schadet ja nichts, Jungchen; ich hab' mir halt so in meiner Einfalt gedacht: am Ende kriegen sie da in ihrer Schule nicht gut zu essen. Nimm's nicht übel, Jungchen.« »Antonina Wasiljewna (Touchards Frau) wird es auch übelnehmen. Und dann werden mich auch die Mitschüler auslachen ...« »Willst du sie nicht vielleicht doch behalten? Du ißt sie vielleicht doch?« »Na ja, lassen Sie sie nur da ...« Aber ich rührte die Geschenke mit keinem Finger an; die Orangen und Lebkuchen lagen vor mir auf dem Tischchen, und ich saß da und schlug die Augen nieder, trug aber große persönliche Würde zur Schau. Wer weiß, vielleicht wollte ich es durchaus nicht vor ihr verbergen, daß ich mich ihres Besuches vor den Mitschülern schämte, es ihr wenigstens ganz leise andeuten, damit sie es verstünde: »Siehst du, du blamierst mich und fühlst es dabei selber gar nicht.« Oh, ich lief schon zu jener Zeit hinter Touchard her, um ihm die Stäubchen abzubürsten! Ich stellte mir auch vor, wieviel Hohn und Spott ich von den andern Jungen auszustehen haben würde, wenn sie wieder fort wäre, und vielleicht auch von Touchard selber, – und so war nicht die Spur eines freundlichen Gefühles für sie in meinem Herzen. Nur mit verstohlenen Blicken musterte ich ihr dunkles, altes, dürftiges Kleid, ihre groben Hände, die beinahe Arbeiterhänden glichen, ihre ganz ordinären Schuhe und ihr stark verhärmtes Gesicht; ihre Stirn zeigte schon scharfe Falten, wenn auch Antonina Wasiljewna später, am Abend, als sie wieder fort war, zu mir sagte: »Ihre maman muß einmal sehr hübsch gewesen sein.« So saßen wir, und auf einmal kam Agafja herein und brachte ein Teebrett, worauf eine Tasse Kaffee stand. Es war um die Zeit, wo die Touchards in ihrem Wohnzimmer den Nachmittagskaffee zu trinken pflegten. Aber Mama dankte und nahm die Tasse nicht: wie ich später erfuhr, trank sie zu der Zeit überhaupt keinen Kaffee, weil er ihr Herzklopfen machte. Nun war aber die Sache die, daß die Touchards die Erteilung der Erlaubnis zu dem Besuch und dem Wiedersehen mit mir als eine große Gnade von ihrer Seite auffaßten, so daß der Kaffee, den sie ihr hereingeschickt hatten, schon sozusagen, vergleichsweise gesprochen, eine Tat der Humanität darstellte, die ihren zivilisierten Gefühlen und ihrer europäischen Aufgeklärtheit ungeheure Ehre mache. Und ausgerechnet diese Tasse Kaffee mußte Mama ablehnen. Ich wurde zu Touchard gerufen, und er sagte mir, ich solle alle meine Hefte und Bücher nehmen und sie Mama zeigen: »Damit sie sieht, wieviel Sie in meiner Anstalt profitiert haben.« Und Antonina Wasiljewna für ihr Teil zog die Lippen kraus und wisperte empfindlich und spöttisch: »Ihrer maman scheint unser Kaffee nicht gut genug zu sein.« Ich sammelte die Hefte und brachte sie Mama, die auf mich wartete, mitten durch die Schar der »Grafen- und Geheimratskinder«, die sich im Klassenzimmer drängten und mich und Mama anstarrten. Und es war mir sogar ein Genuß, Touchards Befehl mit buchstäblicher Genauigkeit auszuführen. »Das sind Lektionen aus der französischen Grammatik, das Diktatübungen, das ist die Konjugation der Hilfszeitwörter avoir und être, das sind Geographieextemporalien, die Beschreibung der Hauptstädte Europas und der andern Weltteile ...« So trug ich mein Wissen vor, eine halbe Stunde lang oder länger, mit einem eintönigen dünnen Stimmchen, die Augen sittsam gesenkt. Ich wußte, daß Mama in den Wissenschaften gar nicht beschlagen war, daß sie vielleicht nicht einmal schreiben konnte, aber gerade deshalb gefiel mir meine Rolle so gut. Doch ich vermochte es nicht, sie zu ermüden: sie hörte mir die ganze Zeit zu, ohne mich zu unterbrechen, riesig aufmerksam, ja sogar ehrfürchtig, so daß die Sache schließlich mir selber langweilig wurde und ich aufhörte; der Blick, mit dem sie mich ansah, war übrigens bekümmert, und etwas wie Traurigkeit lag auf ihrem Gesicht. Endlich stand sie auf, um zu gehen; da trat auf einmal Touchard selber ein und fragte sie mit dumm-wichtiger Miene, ob sie »mit den Erfolgen ihres Sohnes zufrieden« wäre. Mama begann ein zusammenhangloses Gemurmel und bedankte sich bei ihm; dann kam auch Antonina Wasiljewna dazu. Mama fing sie nun alle beide zu bitten an, sie sollten mich »arme Waise« nicht verlassen: »Er ist doch jetzt nichts anders als eine Waise, entziehen Sie ihm Ihr Wohlwollen nicht ...« Und mit Tränen in den Augen verneigte sie sich vor ihnen beiden, vor jedem besonders, und vor beiden mit einer tiefen Verbeugung, so, wie sich »einfache Leute« verneigen, wenn sie als Bittsteller zu hohen Herrschaften kommen. Selbst den Touchards kam das ganz unerwartet, und Antonina Wasiljewna wurde sichtlich weicher und korrigierte natürlich den Schluß, den sie aus der Ablehnung der Tasse Kaffee gezogen hatte. Touchard antwortete mit noch verstärkter Wichtigkeit, daß er zwischen den Kindern »keinen Unterschied« mache, hier wären alle »seine Kinder« und er ihr Vater, ich stünde hier »fast auf der gleichen Stufe mit den Geheimrats- und Grafenkindern«, und das müsse man ihm hoch anschlagen. Mama verneigte sich nur, stammelte verwirrt etwas Unverständliches, wendete sich dann an mich und sagte, während Tränen in ihren Augen blitzten: »Leb' wohl, Jungchen!« Und sie küßte mich, das heißt, ich gestattete ihr, mich zu küssen. Sie hatte sichtlich den Drang, mich wieder und wieder zu küssen, mich zu umarmen, mich an sich zu drücken, aber es war ihr wohl selbst peinlich vor den fremden Leuten, oder sie hatte aus andern Gründen ein bittres Gefühl, oder sie hatte erraten, daß ich mich ihrer schämte, jedenfalls ging sie, nachdem sie sich noch einmal vor den Touchards verneigt hatte, schnell auf die Tür zu. Ich blieb steif stehen. »Mais suivez donc votre mère,« sagte Antonina Wasiljewna, »il n'a pas de coeur, cet enfant!« Touchard antwortete ihr mit einem Achselzucken, das natürlich sagen sollte: »Ich behandle ihn ja auch nicht ohne Grund wie einen Bedienten.« Ich folgte Mama gehorsam; wir kamen auf die Treppe hinaus. Ich wußte, daß sie alle uns durchs Flurfenster nachschauten. Mama wendete sich zur Kirche hinüber und bekreuzte sich dreimal unter tiefen Verneigungen, ihre Lippen zitterten, die tiefe Stimme einer Glocke dröhnte melodisch und gemessen vom Glockenturm. Sie wendete sich zu mir um und konnte sich nicht mehr bezwingen, legte beide Hände auf meinen Kopf und begann über meinem Haupte zu schluchzen. »Mamachen, hören Sie doch auf ... Die andern ... Sie können das alles durchs Fenster sehen ...« Sie fuhr auf und sagte hastig: »Gott der Herr ... Gott der Herr sei mit dir ... mögen dich die himmlischen Engel behüten und die heilige Mutter Gottes und der heilige Nikolaus, der Knecht Gottes... Lieber Gott, lieber Gott!« sagte sie hastig murmelnd mehrere Male hintereinander und schlug Kreuz um Kreuz über mich, um mich so oft wie möglich mit dem heiligen Zeichen zu segnen. »Du, mein Jungchen, du mein Lieber! – Warte einmal, Jungchen ...« Sie griff hastig mit der Hand in die Tasche und holte ein kleines, blaugewürfeltes Tüchlein hervor, das hatte in einer Ecke einen festgebundenen Knoten; sie wollte den Knoten aufmachen ... aber er ging nicht auf ... »Na, einerlei, nimm das Tuch denn auch: es ist sauber, du kannst es vielleicht brauchen, es sind vier Zwanziger drin, du wirst sie vielleicht brauchen können, verzeih mir nur; Jungchen, mehr habe ich eben selber nicht ... Verzeih mir nur, Jungchen.« Ich nahm das Tuch und wollte schon sagen, wir würden »von Herrn Touchard und Antonina Wasiljewna sehr gut gehalten und hätten weiter nichts nötig«, aber ich unterdrückte diese Bemerkung und nahm das Tuch. Sie schlug noch einmal das Kreuz über mich, murmelte schnell noch ein Gebet, und dann auf einmal – und dann auf einmal verneigte sie sich vor mir genau so wie vorhin oben vor den Touchards – mit einer tiefen, langsamen, langen Verneigung – ich werde das nie vergessen! Ich erzitterte nur so und wußte selbst nicht, wovor. Was wollte sie wohl mit dieser Verneigung sagen? »Hat sie damit ihre Schuld gegen mich bekennen wollen?« habe ich mich lange nachher einmal gefragt, – ich weiß es nicht. Damals aber genierte ich mich deswegen nur noch mehr, ich dachte mir: »Das sehen die nun von oben, und Lambert wird mich natürlich durchhauen.« Endlich ging sie. Die Orangen und die Lebkuchen hatten die Geheimrats- und Grafenkinder schon verspeist, als ich wieder hinaufkam, und die vier Zwanziger nahm mir Lambert kurzerhand weg; dafür kauften sie sich in der Konditorei Kuchen und Schokolade und luden mich nicht einmal dazu ein. Ein halbes Jahr war vergangen, und der windige, unfreundliche Oktober war gekommen. Ich dachte gar nicht mehr an Mama. Oh, damals war der Haß, der dumpfe Haß gegen alles schon in mein Herz gedrungen und hatte es ganz durchtränkt; wohl bürstete ich Touchard nach wie vor ab, aber ich haßte ihn schon aus aller Kraft, und dieser Haß wuchs mit jedem Tage. Aber eines Abends, zur melancholischen Dämmerstunde, begann ich, ich weiß nicht weshalb, in meiner Schublade zu kramen, und auf einmal erblickte ich in einer Ecke das blaue Batisttüchlein; es hatte die ganze Zeit da gelegen, sowie ich es damals hineingeworfen hatte. Ich nahm es heraus und musterte es mit einer gewissen Neugier; der eine Zipfel des Tüchleins trug noch deutlich die Spuren des Knotens von damals und sogar ein scharfes rundes Mal, das die Geldstücke hinterlassen hatten; übrigens legte ich das Tuch gleich wieder an seinen alten Platz und schob die Lade zu. Es war am Vorabend eines Feiertages, und die Glocke rief dröhnend zur Messe. Die Schüler waren schon nach dem Mittagessen nach Hause gefahren, Lambert aber blieb diesmal über Sonntag da, ich weiß nicht, warum er nicht geholt worden war. Wenn er mich damals auch noch immer prügelte wie zuvor, so vertraute er mir doch sehr viel an und hatte mich nötig. Wir sprachen den ganzen Abend von Pistolen von Lepage, von denen weder er noch ich je eine gesehen hatten, von Tscherkessensäbeln, und wie man damit zuhauen könne, wir malten uns aus, wie schön es wäre, eine Räuberbande zu gründen, und schließlich kam Lambert auf sein Lieblingsthema, die üblichen schmutzigen Geschichten, die ich sehr gern anhörte, wenn ich mich auch im stillen darüber verwunderte. Aber heute konnte ich das plötzlich nicht mehr hören, und ich sagte ihm, ich hätte Kopfweh. Um zehn Uhr gingen wir zu Bett; ich steckte meinen Kopf unter die Decke und holte unter dem Kopfkissen das blaue Tüchlein hervor: ich hatte es, ohne selbst zu wissen warum, vor einer Stunde wieder aus der Schublade geholt und es, sobald unsre Betten aufgedeckt waren, unterm Kopfkissen versteckt. Ich drückte es gegen mein Gesicht und begann es plötzlich mit Küssen zu bedecken: »Mama, Mama«, flüsterte ich, von der Erinnerung überwältigt, und es zog mir die Brust zusammen wie im Krampfe. Ich schloß die Augen und sah ihr Gesicht mit den zitternden Lippen, wie sie sich vor der Kirche bekreuzt und nachher das Kreuz über mich geschlagen hatte, und wie ich zu ihr gesagt hatte: »Die andern sehen es ja.« – »Liebe, liebe Mama, einmal im ganzen Leben bist du bei mir gewesen ... Liebe Mama, wo bist du jetzt, du mein Gast aus der Ferne? Denkst du jetzt wohl an deinen armen Jungen, zu dem du gekommen warst? Zeig' dich mir jetzt bloß noch ein einziges kleines Mal, erscheine mir wenigstens im Traume, damit ich dir sagen kann, wie ich dich liebe, daß ich dich umarmen kann und deine blauen Augen küssen und dir sagen, daß ich mich deiner jetzt gar nicht mehr schäme, und daß ich dich auch damals geliebt habe, und daß mir mein Herz weh tat und ich bloß so dasaß wie ein Bedienter. Liebe Mama, du wirst nie erfahren, wie lieb ich dich damals hatte! Liebe Mama, wo bist du jetzt? Hörst du mich? Liebe, liebe Mama, und denkst du noch an die Taube damals, in der Dorfkirche?...« »Na, zum Teufel... Was ist mit ihm los?« knurrt Lambert aus seinem Bette herüber, »wart' nur, ich will dich ...! Läßt der Kerl einen nicht schlafen ...« Er springt schließlich aus dem Bette, kommt zu mir herübergelaufen und will mir die Bettdecke wegreißen, aber ich klammre mich fest an die Decke, unter die ich mich mit dem Kopfe verkrochen habe. »Er heult! Was heulst du, Schafskopf, Esel? Da hast du was dafür!« Und er drischt auf mich los, auf meinen Rücken, in meine Seite, die Schläge tun immer weher, und ... und auf einmal schlage ich die Äugen auf ... Es wird schon ziemlich hell, Eisnadeln blitzen auf dem Schnee, an der Mauer ... Ich sitze zusammengekauert, kaum noch am Leben, erstarrt in meinem Pelze, und vor mir steht jemand, weckt mich mit lautem Schimpfen und stößt mich dabei mit seiner rechten Fußspitze in die Seite, daß es heftig weh tut. Ich richte mich auf und sehe ihn an: es ist ein Herr in einem kostbaren Bärenpelz, eine Zobelmütze auf dem Kopfe, er hat schwarze Augen, pechschwarze, stutzerhafte Bartkoteletten, weiße Zähne, die er auf mich herunterfletscht, einen Teint wie Milch und Blut, der sein Gesicht einer Larve ähnlich macht ... Er steht sehr tief über mich gebeugt, und der Frosthauch dampft bei jedem Atemzug aus seinem Munde: »Ganz erfroren; besoffnes Affengesicht, Schafskopf! Du erfrierst wie ein Hund, steh auf, steh auf!« »Lambert!« schreie ich. »Ja, wer bist du denn?« »Dolgorukij!« »Was für ein Dolgorukij, zum Teufel?« »Einfach Dolgorukij! ... Touchard ... Weißt du, der, dem du damals in der Wirtschaft die Gabel in die Seite gerannt hast!...« »A-a-ah!« ruft er und lächelt ein langes Lächeln erwachender Erinnerung (ja, konnte er mich denn wirklich vergessen haben?). »Ah! du bist es also, du!« Er richtet mich auf und stellt mich auf die Füße; ich kann kaum stehen, mich kaum rühren, er führt mich und stützt mich mit seinem Arm. Er schaut mir in die Augen, wie um die Erinnerung wachzurufen, hört mir aufmerksam zu, und ich stammle hastig, ununterbrochen, ohne einen Augenblick innezuhalten, und bin so froh, so froh, daß ich spreche, und daß dies Lambert ist. War es, daß er mir als mein Retter erschien, oder warf ich mich ihm in jenem Augenblick deshalb an den Hals, weil ich ihn für einen Menschen aus einer ganz andern Welt hielt, – ich weiß es nicht, – ich konnte mir damals über nichts Rechenschaft geben, – aber ich warf mich ihm an den Hals, ohne mir Rechenschaft zu geben. Was ich damals gesagt habe, davon habe ich keine Ahnung mehr, und ich habe wohl auch schwerlich irgend etwas Zusammenhängendes vorgebracht, schwerlich auch nur ein deutliches Wort; aber er hörte mir mit gespitzten Ohren zu. Er rief die erste Droschke an, die uns in den Weg kam, und ein paar Minuten darauf saß ich schon bei ihm im warmen Zimmer.   3 Jeder Mensch, ganz gleich wer es ist, wird sicher in sich die Erinnerung an irgendein Erlebnis bewahren, das er als etwas ganz Phantastisches ansieht oder anzusehen geneigt ist, als etwas Seltsames, aus dem gewöhnlichen Gange der Dinge Herausspringendes, fast als ein Wunder, – mag das nun ein Traum sein, eine Begegnung, eine Weissagung, eine Vorahnung oder sonst etwas in der Art. Ich bin bis zum heutigen Tage geneigt, dieses Zusammentreffen mit Lambert als ein geradezu prophetisches Ereignis anzusehen ... wenigstens was die Umstände und die späteren Folgen dieser Begegnung angeht. Dabei ging das alles, wenigstens von einer Seite, im höchsten Grade natürlich zu: er kam ganz einfach halb betrunken von einem seiner nächtlichen Geschäftsgänge zurück (was für Geschäfte er machte, davon wird später die Rede sein), in dieser Querstraße hatte er einen Augenblick an dem Tore haltgemacht, und da erblickte er mich eben. In Petersburg war er überhaupt erst seit ein paar Tagen. Der Raum, in dem ich mich befand, war ein kleines, höchst dürftig möbliertes Zimmer in einem gewöhnlichen Petersburger Chambre garnie dritten Ranges. Lambert selber trug aber elegante und teure Kleider. Auf dem Fußboden standen zwei Handkoffer, die erst zur Hälfte ausgepackt waren. Eine Ecke des Zimmers war durch eine spanische Wand abgeteilt, hinter der das Bett stand. »Alphonsine!« schrie Lambert. »Présente!« ertönte hinter dem Wandschirm eine dröhnende Frauenstimme mit Pariser Akzent. Es dauerte nicht länger als zwei Minuten, und hinter dem Schirm hervor hüpfte Mademoiselle Alphonsine, die schnell ihre Kleider übergeworfen, aber noch nicht zugeknöpft hatte, und direkt aus dem Bette kam, – sie war ein ganz sonderbares Frauenzimmer, lang und klapperdürr, brünett, mit langer Taille, langem Gesicht, flackernden Augen und eingefallenen Backen, – ein scheußlich verlebtes Weibsbild! »Flink!« (Ich übersetze seine Worte: er sprach Französisch mit ihr.) »Die haben da doch einen Samowar; schnell heißes Wasser, Rotwein und Zucker, und bring' ein Glas her, flink, er ist halb erfroren, er ist ein Freund von mir ... Er hat im Schnee übernachtet.« »Malheureux!« schrie sie auf und schlug mit einer theatralischen Gebärde die Hände zusammen. »Kusch' dich!« rief ihr Lambert zu, genau, als spräche er mit einem Hunde, und drohte ihr mit dem Finger; sie hörte sofort mit ihrem Getue auf und lief, den Auftrag auszuführen. Er sah mich an und betastete mich; er fühlte mir den Puls, legte die Hand an meine Stirn und meine Schläfen. »Komisch,« brummte er, »daß du nicht erfroren bist ... Übrigens, du warst ganz zugedeckt mit dem Pelz, bis über den Kopf; wie in einer Pelzhöhle hast du gesessen ...« Das Glas mit dem heißen Getränk erschien, ich schlürfte es gierig, und es machte mich sofort munter, und ich begann wieder zu stammeln; ich saß in halb liegender Stellung auf dem Diwan und redete immerzu, – ich verschluckte mich fast an meinen Worten, – aber was ich erzählt habe, und wie ich es erzählt habe, davon habe ich wiederum kaum noch eine schwache Ahnung, und von ganzen großen Teilen dazwischen weiß ich überhaupt nichts mehr. Ich muß noch einmal sagen: ich weiß nicht, ob er damals ein Wort von meinen Reden verstand; aber eins ist mir später vollkommen klar geworden: er begriff gerade genug davon, daß er den Schluß daraus zog, er dürfe dieser Begegnung mit mir durchaus keine zu geringe Bedeutung beilegen ... Ich werde später an geeigneter Stelle klarmachen, worauf er dabei spekulieren zu können meinte. Ich war nicht nur schrecklich munter geworden, sondern wurde, glaube ich, zeitweise sogar direkt lustig. Ich weiß noch, wie sich auf einmal das ganze Zimmer mit Sonnenschein füllte, als die Vorhänge hochgezogen wurden, ich weiß, wie der Ofen prasselte, den jemand geheizt hatte, – wer und wann, weiß ich nicht. Ich sehe auch noch das winzige schwarze Bologneserhündchen, das Mademoiselle Alphonsine auf dem Arme trug und kokett an ihr Herz drückte. Ich weiß nicht, warum dieser kleine Bologneser mich ganz besonders interessierte, so daß ich sogar meine Erzählung unterbrach und zweimal zu ihm hinüberging; aber Lambert winkte mit der Hand, und Alphonsina verkroch sich mit ihrem Bologneser hinter der spanischen Wand. Er selber war sehr schweigsam; er saß mir gegenüber, hatte sich weit vorgebeugt und hörte mir zu, ohne ein Auge von mir zu verwenden; manchmal lächelte er ein lange währendes Lächeln, fletschte die Zähne und kniff die Augen zusammen, als dächte er angestrengt nach und wollte etwas kombinieren. Ganz klar erinnre ich mich nur noch daran, daß ich, als ich vom »Dokument« erzählte, auf keine Weise imstande war, mich verständlich auszudrücken und einen fortlaufenden Faden in meine Erzählung zu bringen; ich sah ganz deutlich an seinem Gesicht, daß er kein Wort davon verstand, es aber doch furchtbar gern verstanden hätte, so daß er es sogar riskierte, mich durch eine Frage zu unterbrechen, was deshalb seine Gefahr hatte, weil ich bei jeder Unterbrechung sogleich selber mein Thema abbrach und vergaß, wovon ich gesprochen hatte. Auf einmal stand er auf und rief Alphonsina. »Er muß Ruhe haben; vielleicht müssen wir auch den Doktor holen. Was er verlangt, das tust du einfach, das heißt ...vous comprenez, ma fille? Vous avez l'argent, nein? Da!« Und er reichte ihr einen Zehnrubelschein. Dann begann er mit ihr zu flüstern: »Vous comprenez! Vous comprenez!« sagte er wiederholt, drohte ihr mit dem Finger und runzelte drohend die Brauen. Ich sah, daß sie fürchterliche Angst vor ihm hatte. »Ich komme gleich wieder; und für dich ist es das gescheiteste, du schläfst dich erst mal aus«, lächelte er mir zu und nahm seine Mütze. »Mais vous n'avez pas dormi du tout, Maurice!« rief Alphonsina pathetisch. »Taisez-vous, je dormirai après.« Damit ging er. »Sauvée!« wisperte sie mir pathetisch zu und deutete mit der Hand hinter ihm her. »Monsieur, monsieur!« begann sie dann sofort zu deklamieren und stellte sich mitten im Zimmer in Positur. »Jamais homme ne fut si cruel, si Bismarck que cet être, qui regarde une femme comme une saleté de hazard. Une femme, qu'est-ce que ça dans notre époque? ›Tue-la!‹ voilà le dernier mot de l'Académie française! ...« Ich sah sie mit großen Augen an; vor meinen Augen verdoppelte sich alles, mir dämmerten da schon zwei Alphonsinen ... Auf einmal sehe ich, daß sie weint, ich fahre zusammen und begreife, daß sie wohl schon lange auf mich einredet, und daß ich inzwischen wahrscheinlich geschlafen haben oder bewußtlos gewesen sein muß. »Hélas! de quoi m'aurait servi de la découvrir plutôt,« rief sie, »et n'aurais-je pas autant gagné à tenir ma honte cachée toute ma vie? Peut-être, n'est-il pas honnête à une demoiselle de s'expliquer si librement devant monsieur, mais enfin je vous avoue que s'il m'était permis de vouloir quelque chose, oh, ce serait de lui plonger au cœur mon couteau, mais en détournant les yeux, de peur que son regard exécrable ne fit trembler mon bras et ne glaçât mon courage! II a assassiné ce pope russe, monsieur, il lui arracha sa barbe rousse pour la vendre à un artiste en cheveux au pont des Maréchaux, tout près de la Maison de monsieur Andrieux – hautes nouveautés, articles de Paris, linge, chemises, vous savez, n'est-ce pas? ... Oh, monsieur, quand l'amitié rassemble à table épouse, enfants, sœurs, amis, quand une vive allégresse enflamme mon cœur, je vous le demande, monsieur: est-il bonheur préférable à celui dont tout jouit? Mais il rit, monsieur, ce monstre exécrable et inconcevable, et si ce n'était pas par l'entremise de monsieur Andrieux, jamais, oh, jamais je ne serais ... Mais quoi, monsieur, qu'avez-vous, monsieur?« Sie stürzte auf mich zu: ich hatte, glaube ich, einen Fieberanfall, vielleicht auch eine Ohnmacht. Ich kann nicht beschreiben, was für einen unheimlichen, krankhaften Eindruck dieses halbverrückte Frauenzimmer auf mich machte. Sie glaubte vielleicht, sie müsse mich zerstreuen: wenigstens ging sie mir nicht einen Augenblick von der Seite. Vielleicht war sie einmal beim Theater gewesen; sie deklamierte schauerlich, wand sich, schwatzte ohne Unterbrechung; ich für mein Teil war schon lange verstummt. Soviel ich aus ihrem Geschwätz entnehmen konnte, mußte sie enge Verbindung haben mit einer »Maison de monsieur Andrieux – hautes nouveautés, articles des Paris etc.« und vielleicht stammte sie sogar aus dieser »Maison de monsieur Andrieux«; aber sie war für ewig von monsieur Andrieux getrennt worden par ce monstre furieux et inconcevable, und das war eben die Tragödie ... Sie heulte, aber mich deuchte, sie täte das nur so, anstandshalber, und hätte eigentlich gar kein Bedürfnis zu weinen; manchmal hatte ich ein Gefühl, als müßte sie einfach auseinanderfallen wie ein Gerippe; sie sprach mit einer sonderbar gequetschten, dröhnenden Stimme; das Wort préférable sprach sie zum Beispiel aus, daß es wie prefer-a-able klang und blökte den Vokal a buchstäblich wie ein Schaf heraus. Als ich einmal gerade wieder zur Besinnung kam, sah ich, daß sie mitten im Zimmer eine Pirouette machte, sie tanzte aber nicht etwa, sondern diese Pirouette gehörte auch irgendwie zu ihrer Erzählung und sollte eine pantomimische Illustration dazu sein. Plötzlich stürzte sie sich auf das kleine, alte, verstimmte Pianoforte, das sich im Zimmer befand, paukte drauflos und fing an zu singen. Ich glaube, ich war wohl zehn Minuten ganz abwesend, oder ich war eingeschlafen, aber da winselte das Bologneserhündchen, und ich erwachte: das Bewußtsein kehrte mir für einen Augenblick mit voller Klarheit zurück und erleuchtete mich mit seiner ganzen Helle; ich sprang erschrocken auf: »Lambert, ich bin bei Lambert!« dachte ich und nahm meine Mütze und stürzte mich auf meinen Pelz. »Où allez-vous, monsieur?« rief die wachsame Alphonsina. »Ich will fort, ich muß hinaus! Lassen Sie mich, halten Sie mich nicht!« »Oui, monsieur!« stimmte mir Alphonsina sehr überzeugt bei und lief selbst, mir die Tür zum Korridor zu öffnen. »Mais ce n'est pas loin, monsieur, c'est pas loin du tout, ça ne vaut pas la peine de mettre votre Pelz, c'est ici près, monsieur!« schrie sie über den ganzen Korridor hin. Ich wendete mich nach rechts, als ich zur Tür hinaus war. »Par ici, monsieur, c'est par ici!« rief sie mit ungeheurem Eifer und krallte sich mit ihren langen, knochigen Fingern in meinen Pelz, mit der andern Hand wies sie links den Korridor hinunter, nach einem Orte, wo ich durchaus nicht hinwollte. Ich riß mich los und lief durch die Gangtür auf die Treppe hinaus. »Il s'en va, il s'en va!« schrie Alphonsina mit ihrer zerbrochnen Stimme und stürzte mir nach. »Mais il me tuera, monsieur, il me tuera!« Aber ich war schon auf der Treppe und es gelang mir, obgleich sie mir auch Ins Treppenhaus nachjagte, die Haustür zu öffnen, auf die Straße zu entfliehen und in die erste beste Droschke zu springen. Ich gab dem Kutscher Mamas Adresse an.   4 Aber das Bewußtsein, das für einen Augenblick hell geworden war, erlosch sehr schnell wieder. Ich habe nur noch eine ganz, ganz dunkle Erinnerung daran, wie ich heimgefahren und zu Mama gebracht wurde, aber dann verfiel ich auch gleich in vollkommene Bewußtlosigkeit. Am Tage darauf, wurde mir später erzählt (übrigens erinnerte ich mich auch selber daran), kam ich wieder auf einen Augenblick zum Bewußtsein. Ich fand mich in Wersilows Zimmer, auf seinem Diwan; ich erinnere mich, daß ich um mich die Gesichter von Wersilow, Mama, Lisa sah, ich erinnere mich ganz genau daran, daß Wersilow mir etwas von Serstschikow und vom Fürsten erzählte, mir einen Brief zeigte, mir beruhigend zuredete. Sie haben mir später erzählt, ich hätte immer voll Angst nach einem gewissen Lambert gefragt und immer ein Bologneserhündchen bellen hören. Aber das schwache Licht des Bewußtseins erlosch gleich wieder: am Abend dieses zweiten Tages lag ich schon in den hitzigsten Fieberdelirien. Aber ich will den Ereignissen vorgreifen und gleich folgendes erzählen: Als ich an jenem Abend aus Serstschikows Spielzirkel davongelaufen war und sich dort alles so einigermaßen beruhigt hatte, hatte Serstschikow bei Wiederbeginn des Spiels auf einmal mit lauter Stimme erklärt, es wäre ein bedauerliches Versehen vorgekommen: das abhanden gekommene Geld, vierhundert Rubel, hätte sich in einem andern Geldhaufen gefunden, und die Rechnung der Bank stimme genau. Da war der Fürst, der im Saale geblieben war, auf Serstschikow zugetreten und hatte sehr bestimmt verlangt, jener solle meine Unschuld öffentlich bekanntmachen und mir außerdem eine schriftliche Entschuldigung zukommen lassen. Serstschikow, für sein Teil, fand dies Verlangen gerechtfertigt und verpflichtete sich im Beisein aller, mir morgen einen Brief zu schicken, der mir alles erklären und mich um Entschuldigung bitten sollte. Der Fürst gab ihm Wersilows Adresse, und in der Tat erhielt Wersilow am andern Tage von Serstschikow einen an mich adressierten Brief und über dreizehnhundert Rubel, die mir gehörten und von mir am Roulettetisch vergessen worden waren. Auf diese Weise war die Geschichte bei Serstschikow erledigt; diese freudige Nachricht trug sehr viel zu meiner Genesung bei, als ich mein Bewußtsein erst einmal wiedererlangt hatte. Der Fürst hatte, nachdem er vom Spieltisch heimgekehrt war, noch in derselben Nacht zwei Briefe geschrieben: einen an mich, den andern an sein ehemaliges Regiment, wo er die Geschichte mit dem Kornett Stepanow gehabt hatte. Beide Briefe hatte er am nächsten Morgen abgeschickt. Dann hatte er einen Rapport an seine vorgesetzte Stelle abgefaßt, war mit diesem Rapport in der Hand persönlich in aller Frühe zu seinem Regimentskommandeur gegangen und hatte ihm gemeldet, er sei ein Kriminalverbrecher, sei an der Fälschung der und der Aktien beteiligt, übergebe sich hiermit in die Hände des Gerichts und bitte um sein Urteil. Gleichzeitig überreichte er auch den Rapport, worin das alles schriftlich niedergelegt war. Er wurde verhaftet. Hier ist der Brief, den er in jener Nacht an mich geschrieben hat, Wort für Wort: »Teuerster Arkadij Makarowitsch! Dadurch, daß ich es mit dem bedientenhaften ›Ausweg‹ versucht habe, habe ich mir das Recht verscherzt, mein Herz auch nur halbwegs mit dem Gedanken zu trösten, daß auch ich mich schließlich zu einer ehrenhaften Tat hätte aufraffen können. Ich trage schwere Schuld gegenüber meinem Vaterlande und meinem Namen, und dafür will ich, als der Letzte meines Namens, mir selbst das Urteil sprechen. Ich verstehe nicht mehr, wie ich mich an den niedrigen Gedanken der Selbsterhaltung klammern und eine Zeitlang die Absicht hegen konnte, mich mit Geld von diesen Leuten loszukaufen. Ich wäre ja trotzdem, vor meinem eignen Gewissen, mein Lebtag der Verbrecher geblieben. Und wenn diese Leute mir auch die kompromittierenden Schriftstücke zurückgegeben hätten; sie hätten mich doch mein Leben lang um keinen Preis mehr aus den Händen gelassen! Was wäre mir andres übriggeblieben: ich hätte mit ihnen leben, mit ihnen unter einer Decke stecken müssen mein Leben lang – das war das Schicksal, das mich erwartete! Ich konnte es nicht auf mich nehmen und habe schließlich genügend Kraft in mir gefunden, vielleicht auch nur genügend Verzweiflung, um so zu handeln, wie ich jetzt handle. Ich habe einen Brief an die Kameraden von meinem ehemaligen Regiment geschrieben und darin Stepanow rehabilitiert. In dieser Handlungsweise liegt durchaus keine sühnende Tat und kann auch keine solche liegen: das alles ist nur der letzte Wille eines Menschen, der morgen ein toter Mann sein wird. So ist das anzusehen. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen gestern im Spielzirkel den Rücken gedreht habe; das geschah, weil ich in dem Augenblick nicht von Ihrer Unschuld überzeugt war. Jetzt, wo ich schon ein toter Mann bin, kann ich sogar das eingestehen ... Es kommt ja wie aus einer andern Welt. Die arme Lisa! Sie hat nichts von diesem Entschluß gewußt; sie soll mich nicht verfluchen, ihr eignes Urteil wird ihr das Richtige sagen. Ich kann mich nicht rechtfertigen und finde nicht einmal Worte, um es ihr auch nur zum kleinen Teil zu erklären. Ich will Ihnen noch sagen, Arkadij Makarowitsch, daß ich ihr, als sie gestern früh zum letztenmal bei mir war, – daß ich ihr da meinen Betrug gestanden und ihr offen bekannt habe, daß ich in Wirklichkeit zu Anna Andrejewna gefahren bin, um ihr einen Antrag zu machen. Wie ich so wieder ihre Liebe sah, konnte ich diese Schuld nicht auf dem Gewissen behalten; jetzt vor diesem letzten Schritte, der damals schon beschlossene Sache war, gestand ich es ihr. Sie hat es mir verziehen, sie hat mir alles verziehen, aber ich habe es ihr nicht geglaubt; das ist keine echte Verzeihung; ich an ihrer Stelle könnte so etwas nicht verzeihen. Vergessen Sie mich nicht ganz. Ihr unglücklicher letzter Fürst Sokolskij.«   Ich lag genau neun Tage bewußtlos. Dritter Teil Erstes Kapitel   1 Jetzt – von ganz etwas anderm. Ich kündige immer »etwas andres, etwas andres« an und spreche doch in einem fort von mir selber. Dabei habe ich schon tausendmal erklärt, daß ich durchaus nicht die Absicht habe, eine Beschreibung meiner eignen Person zu liefern; und ich habe es auch durchaus nicht tun wollen, als ich meine Aufzeichnungen begann: ich verstehe nur zu gut, daß den Leser meine Persönlichkeit nicht im geringsten interessiert. Ich beschreibe andre Leute und will andre Leute beschreiben und durchaus nicht mich selber; und wenn ich selber doch immer wieder hereinkomme – so ist das nur ein betrübliches Versehen, weil ich es auf keine Weise vermeiden kann, so gern ich es auch möchte. Besonders ärgert es mich, daß ich meine eignen Erlebnisse mit einer Hitze beschreibe, daß man danach von mir denken könnte, ich wäre noch immer derselbe, der ich damals war. Der Leser wird sich wohl dessen erinnern, daß ich schon mehr als einmal den Stoßseufzer emporgeschickt habe: »Oh, wenn ich doch das Frühere ungeschehen machen und ganz von neuem anfangen könnte!« Das hätte ich wohl nicht sagen können, wenn ich mich inzwischen nicht radikal verwandelt hätte und ein ganz andrer Mensch geworden wäre. Das springt doch geradezu in die Augen; und wenn sich einer nur vorstellen könnte, wie zuwider mir schon alle diese Entschuldigungen und Vorreden sind, die ich leider gezwungen bin, alle Augenblicke einzuflechten, und dazu noch mitten in den Fluß meiner Erzählung hinein! Zur Sache! Nachdem ich neun Tage bewußtlos gelegen hatte, erwachte ich wie neugeboren, nicht aber gebessert; Wiedergeburt war übrigens selbstverständlich ein ganz törichter Ausdruck dafür, wenn man es in einem weitern Sinne betrachtet; und wenn dasselbe heute passierte, würde das vielleicht in einem ganz andern Sinne zutreffen. Meine Idee, das heißt mein Gefühl, bestand (wie schon tausendmal vorher) nur darin, daß ich ganz von allen fort wollte, aber diesmal ganz bestimmt fort, nicht so wie früher, als ich diesen Entschluß tausendmal gefaßt hatte und ihn doch nie hatte zur Ausführung bringen können. Rächen wollte ich mich an niemand, darauf gebe ich mein Ehrenwort, – wenn sie mich auch alle im tiefsten gekränkt hatten. Ich wollte davongehen ohne Groll, ohne Verwünschungen; ich wollte mich auf meine eigne Kraft stellen, aber diesmal wirklich auf meine eigne Kraft., die von keinem von ihnen und niemand in der ganzen Welt abhängig wäre! Ich schreibe diese Worte über meine damaligen Träume nicht nieder, um sie für einen besondern Gedanken auszugeben, sondern weil dies damals meine Gefühle waren, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Formulieren wollte ich sie noch nicht, solange ich im Bette lag. Krank und kraftlos lag ich da in Wersilows Zimmer, das man für mich hergerichtet hatte, und erkannte mit Schmerz, wie kraftlos ich war: ein Strohhalm lag im Bette und kein Mann, und die Schuld daran trug nicht die Krankheit allein – oh, wie tief mich das kränkte! Und siehe da, aus der innersten Tiefe meines Wesens, aus allen meinen Kräften hervor erhob sich ein Protest dagegen, und mir verging der Atem vor einem Gefühle ins Unendliche gesteigerter Anmaßung und eingebildeten Trotzes. Ich kann mich in meinem ganzen Leben keiner Zeit erinnern, wo ich von anmaßenderen Gefühlen erfüllt gewesen wäre als damals, in den ersten Tagen meiner Genesung, das heißt, als ich wie ein Strohhalm im Bette lag. Aber fürs erste schwieg ich noch und hatte mir sogar vorgenommen, überhaupt nicht darüber nachzudenken! Ich sah ihnen immer nur in die Gesichter und bemühte mich, daraus zu erraten, was ich wissen mußte. Ich sah leicht, daß auch sie mich nicht ausfragen und nicht neugierig sein wollten; sie sprachen nur von gleichgültigen Dingen mit mir. Das gefiel mir, und zu gleicher Zeit erbitterte es mich auch; ich will diesen Widerspruch nicht erklären. Lisa sah ich seltener als Mama, wenn sie auch täglich zu mir hereinkam, selbst zweimal an einem Tage. Aus Bruchstücken ihrer Unterhaltung und aus ihrem ganzen Wesen schloß ich, Lisa müsse sehr viel Plackereien haben und wäre sogar sehr oft nicht zu Hause, weil sie ihren »eignen Angelegenheiten« nachginge: schon in dem Gedanken an diese »Angelegenheiten« lag für mich etwas Kränkendes; übrigens waren das alles nur krankhafte, rein physiologische Empfindungen, deren Beschreibung der Mühe nicht wert ist. Tatjana Pawlowna kam gleichfalls fast täglich zu mir, und wenn sie auch durchaus nicht sanft mit mir umging, so schimpfte sie doch wenigstens nicht nach ihrer frühern Manier, und das erboste mich höchlichst, so daß ich ihr gerade ins Gesicht sagte: »Tatjana Pawlowna, wenn Sie nicht schimpfen, sind Sie tödlich langweilig.« – »Na, dann komm' ich eben nicht mehr zu dir«, schnitt sie das Gespräch kurz ab und ging. Ich war froh, daß ich wenigstens die eine weggeekelt hatte. Am meisten quälte ich Mama durch mein aufbrausendes Wesen. Es entwickelte sich bei mir ein ungeheurer Appetit und ich knurrte heftig, ich bekäme mein Essen nicht zur rechten Zeit (ich bekam es aber immer rechtzeitig). Mama wußte nicht, wie sie es mir recht machen solle. Eines schönen Tages brachte sie mir die Suppe, begann mich, wie gewöhnlich, selber zu füttern, und ich krakeelte die ganze Zeit, während ich aß. Und auf einmal ärgerte ich mich darüber, daß ich so krakeelte: »Sie ist vielleicht die einzige, die ich liebhabe, und gerade sie muß ich quälen.« Aber meine Wut verminderte sich dadurch nicht, und ich fing plötzlich vor Wut an zu weinen; und sie, die Arme, glaubte, ich weinte vor Rührung, beugte sich über mich und begann mich zu küssen. Ich nahm mich zusammen und ertrug das, so gut es ging; in Wirklichkeit haßte ich sie aber in dem Moment. Aber ich habe Mama immer liebgehabt, hatte sie auch damals lieb und haßte sie durchaus nicht; es war nur, wie es immer ist: wen man am meisten liebt, den kränkt man zu allererst. Hassen tat ich in jenen ersten Tagen nur den Doktor. Dieser Doktor war ein junger Mensch und führte mit aufgeblasener Miene scharfe und fast unhöfliche Reden. Diese Leute tun immer so, als hätten sie erst gestern unerwarteterweise etwas ganz Besondres und Neues in der Wissenschaft entdeckt, während doch gestern gar nichts Besondres geschehen ist: aber so ist immer die Art der Mittelmäßigkeit und der Dutzendmenschen. Ich ertrug das lange mit Geduld, endlich aber platzte ich damit heraus und erklärte ihm vor allen meinen Angehörigen, daß er ganz umsonst herkäme, daß ich ganz ohne seinen Beistand gesund werden würde, und daß er zwar äußerlich wie ein Realist aussähe, dabei aber von lauter Vorurteilen bis zum Rande erfüllt wäre und daher nicht begriffe, daß die Medizin noch keinen geheilt hätte, – und schließlich, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach von krasser Unbildung wäre, »wie heutzutage alle unsere Techniker und Spezialisten, die neuerdings die Nase so furchtbar hoch tragen.« Der Doktor war sehr beleidigt (damit allein bewies er schon zur Genüge, was für eine Sorte Mensch er war), setzte aber trotzdem seine Besuche fort. Ich erklärte schließlich Wersilow, wenn der Doktor seine Besuche nicht einstelle, würde ich ihm noch zehnmal unangenehmere Dinge sagen. Wersilow bemerkte daraufhin nur, es wäre wohl kaum möglich, doppelt so unangenehme Dinge zu sagen, geschweige denn zehnmal so unangenehme, wie ich sie ihm schon gesagt hätte. Ich freute mich, daß er das bemerkt hatte. Nein, dieser Mensch! Ich spreche von Wersilow. Er, er ganz allein war an allem schuld – aber trotzdem: nur auf ihn allein war ich damals nicht böse. Nicht nur seine Art mir gegenüber bestach mich. Ich glaube, wir hatten damals gegenseitig das Gefühl, daß wir einander viele Erklärungen schuldeten ... und daß es eben deshalb das beste wäre, uns nie Erklärungen zu machen. Es ist außerordentlich angenehm, wenn man in solchen Lebenslagen an einen intelligenten Menschen gerät! Ich habe schon im zweiten Teil meiner Aufzeichnungen vorgreifend erzählt, daß er mich knapp und klar von allem Nötigen unterrichtet hatte: von dem Briefe des verhafteten Fürsten an mich, von Serstschikows Ehrenerklärung zu meinen Gunsten. Da ich beschlossen hatte zu schweigen, hatte ich ihm dabei nur ganz trocken zwei, drei kurze Fragen gestellt; er hatte klar und präzis darauf geantwortet, ohne alle überflüssigen Worte und, was das beste daran war, ohne überflüssige Gefühle zu äußern. Vor überflüssigen Gefühlsäußerungen hatte ich damals große Angst. Von Lambert sage ich kein Wort, aber der Leser hat natürlich schon erraten, daß ich nur zuviel an ihn dachte. Im Delirium hatte ich mehrfach von Lambert gesprochen; aber als ich aus dem Delirium erwacht war und näher zusah, gewann ich bald die Meinung, daß die Sache mit Lambert ein Geheimnis geblieben sein müsse und daß sie nichts davon wüßten, auch Wersilow nicht ausgenommen. Darüber freute ich mich, und meine Angst verschwand; ich hatte mich aber getäuscht, wie ich später zu meinem Erstaunen erfuhr: er war noch während meiner Krankheit dagewesen, aber Wersilow hatte es mir verschwiegen, und daraus hatte ich geschlossen, ich wäre für Lambert schon in die Ewigkeit hinübergeschlummert. Nichtsdestoweniger dachte ich häufig an ihn; mehr noch: ich dachte nicht nur ohne Widerwillen an ihn, nicht nur mit Neugier, sondern sogar mit einer Art von Sympathie, als fühlte ich da etwas Neues heraus, das mir Hilfe bringen könnte, etwas, was den neuen Gefühlen und Plänen entsprach, die in mir geboren waren. Kurz und gut, ich beschloß, mir die Sache mit Lambert vor allen Dingen ernstlich durch den Kopf gehen zu lassen, sobald ich erst anfangen würde nachzudenken. Etwas Sonderbares muß ich noch erwähnen: ich hatte total vergessen, wo er wohnte, und in welcher Straße das alles damals passiert war. Sein Zimmer, Alphonsine, das Hündchen, den Korridor – das alles sah ich deutlich vor mir; ich hätte es malen können; aber wo das alles passiert war, das heißt, in welcher Straße und in welchem Hause, das hatte ich vollkommen vergessen. Und was das Allersonderbarste war: das merkte ich erst drei oder vier Tage, nachdem ich wieder zu vollem Bewußtsein gekommen war, als ich mich schon lange wieder eifrig mit Lambert beschäftigte. Also das waren meine ersten Empfindungen nach meiner Genesung. Ich habe nur das Alleroberflächlichste aufgezeichnet, und es ist sehr wahrscheinlich, daß es mir nicht gelungen ist, die Hauptsache aufzuzeichnen. In der Tat ist es sehr möglich, daß sich gerade in der Zeit das Hauptsächliche in meinem Innern loslöste und formulierte; ich lag doch nicht immer da und ärgerte und boste mich, weil ich meine Bouillon nicht bekam. Oh, ich weiß noch so gut, wie traurig mir zumute war, und wie ich mich damals härmte, besonders wenn ich lange allein blieb. Und die andern hatten leider sehr bald bemerkt, daß ihre Anwesenheit mich bedrückte und ihre Anteilnahme mich aufbrachte; so begannen sie mich denn mehr und mehr allein zu lassen: das war nun ein sehr überflüssiges Feingefühl.   2 Am vierten Tage, nachdem ich mein Bewußtsein wiedererlangt hatte, lag ich, so um drei Uhr nachmittags, in meinem Bette, und es war niemand bei mir. Es war ein heller Sonnentag, und ich wußte genau: um vier Uhr, wenn die Sonne unterginge, würde ein schiefer, roter Strahl genau auf die Ecke der Wand, an der ich lag, fallen und einen grellen Lichtflecken dahin werfen. Ich wußte das von den früheren Tagen her, und der Gedanke, daß das ganz bestimmt nach einer Stunde eintreffen müsse, und vor allem, daß ich das voraus wußte, so genau, wie ich wußte, daß zweimal zwei vier ist, erboste mich bis zur Wut. Ich warf mich konvulsivisch mit meinem ganzen Körper herum; da hörte ich auf einmal, mitten in der tiefen Stille, deutlich die Worte: »Herrgott, Jesus Christus, unser Herr, erbarme dich unser.« Diese Worte wurden halblaut geflüstert, darauf folgte ein Seufzer aus tiefster Brust, und dann wurde es wieder ganz still. Ich hob hastig den Kopf. Ich hatte schon früher, das heißt gestern und schon vorgestern, bemerkt, daß irgend etwas Besondres in unsern drei Zimmern hier unten vorgehen müsse. In dem Zimmer auf der andern Seite des Wohnzimmers, wo früher Mama und Lisa geschlafen hatten, hauste jetzt sichtlich jemand anders. Ich hatte schon ein paarmal allerhand Geräusche vernommen, bei Tage und nachts, aber sie hatten immer nur einen ganz kurzen Augenblick gedauert, und sofort war wieder für mehrere Stunden tiefste Stille eingetreten, so daß ich nicht weiter darauf geachtet hatte. Gestern war ich auf die Idee gekommen, Wersilow wäre dort drüben, zumal er bald darauf zu mir hereingekommen war, obgleich ich aus ihren Gesprächen ganz bestimmt wußte, daß Wersilow für die Zeit meiner Krankheit in eine andre Wohnung gezogen war, wo er auch schlief. Was Mama und Lisa anbetrifft, so war mir schon länger bekannt, daß sie beide (damit ich Ruhe hätte, glaubte ich) hinaufgezogen waren in meinen ehemaligen »Sarg«, und ich hatte schon einmal so bei mir darüber nachgedacht, wie sie da wohl zu zweien Platz finden könnten. Und jetzt auf einmal erwies es sich, daß in ihrem früheren Zimmer ein Mann hauste und daß dieser Mann nicht Wersilow war. Mit einer Leichtigkeit, die ich mir durchaus nicht zugetraut hätte (denn ich hatte bis zu diesem Augenblick geglaubt, ich wäre noch ganz schwach), ließ ich meine Beine vom Bett hinunter, schlüpfte in die Pantoffeln, zog den grauen Lammfellschlafrock an, der auf dem Stuhle lag (und den mir Wersilow abgetreten hatte) und begab mich durch unsre Wohnstube in Mamas früheres Schlafzimmer. Was ich dort erblickte, gab mir gleichsam einen Schlag vor den Kopf: so etwas hätte ich mir nicht träumen lassen. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Da saß ein alter, uralter Mann mit einem großen, schneeweißen Barte, und man sah auf den ersten Blick, daß er schon lange dasaß. Er saß nicht auf dem Bette, sondern auf Mamas Fußbank, und lehnte sich nur mit dem Rücken ans Bett. Übrigens hielt er sich so gerade, daß er überhaupt keine Stütze zu brauchen schien, obgleich er sichtlich krank war. Er trug über dem Hemde einen überzogenen kurzen Pelz, über seine Knie war Mamas Plaid gebreitet, seine Füße staken in Pantoffeln. Man konnte ahnen, daß er hochgewachsen und breitschultrig war; er sah trotz seiner Krankheit sehr frisch aus, wenn er auch ein wenig blaß und mager war; sein Gesicht war länglich, die Haare dicht, aber nicht sehr lang; er mochte ungefähr siebzig Jahre zählen. Auf einem Tischchen neben ihm lagen, so daß er sie mit der Hand erreichen konnte, drei oder vier Bücher und eine silberne Brille. Wenn ich auch nicht mit dem leisesten Gedanken erwartet hatte, ihn hier zu treffen, so erriet ich doch sofort, wer er war; ich konnte mir nur immer noch nicht vorstellen, wie er diese zwei Tage hier so still hatte sitzen können, beinahe Wand an Wand mit mir, ohne daß ich bis jetzt etwas davon vernommen hatte. Er rührte sich nicht, als er mich erblickte, sondern sah mich nur fest und schweigend an, genau wie ich ihn, nur mit dem Unterschiede, daß in meinem Blick ein maßloses Erstaunen lag, in seinem aber nicht das geringste. Im Gegenteil, als er mich in diesen fünf oder zehn Sekunden des Schweigens gleichsam bis zum letzten Zuge mit den Augen aufgenommen hatte, begann er plötzlich zu lächeln und lachte dann still und lautlos, und wenn dies Lachen auch gleich wieder verschwand, so blieb doch eine helle, heitre Spur davon auf seinem Gesicht und besonders in den Augen, die blau, leuchtend groß waren, wenn auch die Lider vom Alter schwer herabgesenkt und geschwollen waren und unzählige winzige Fältchen sie umgaben. Und dieses Lachen wirkte am stärksten auf mich. Ich finde: wenn ein Mensch lacht, ist es weitaus in der Mehrzahl der Fälle unangenehm, ihn anzusehen. Meistens äußert sich im Lachen der Menschen etwas Häßliches, etwas, was gleichsam den, der da lacht, herabsetzt, obgleich der Lachende selbst fast nie etwas von dem Eindruck weiß, den er hervorbringt. Genau, wie er nicht weiß, und wie überhaupt niemand weiß, was für ein Gesicht er im Schlafe hat. Mancher Mensch hat auch im Schlafe ein kluges Gesicht, bei andern wieder, selbst bei klugen Leuten, wird das Gesicht im Schlafe furchtbar dumm und infolgedessen lächerlich. Ich weiß nicht, woher das kommt; ich will nur sagen, daß ein Mensch, der lacht, genau so wie einer, der schläft, fast nie weiß, was für ein Gesicht er macht. Die überwältigende Mehrzahl der Menschen versteht überhaupt nicht zu lachen. Übrigens, da ist gar nichts zu verstehen: das ist ein Talent, und man kann sich's nicht geben. Höchstens kann man sich's dadurch geben, daß man sich durch Selbsterziehung ändert, daß man sich zum Besseren durchringt und die schlechten Instinkte seines Charakters niederkämpft: es ist durchaus wahrscheinlich, daß auf die Weise auch das Lachen eines Menschen sich zum Besseren verwandeln könnte. Durch sein Lachen verrät sich so mancher, und man erkennt auf einmal sein Innerstes. Unstreitig ist auch ein kluges Lachen zuweilen abstoßend. Zum Lachen gehört vor allen Dingen Aufrichtigkeit; aber wo findet man in den Menschen Aufrichtigkeit? Zum Lachen gehört nichts weniger als Bosheit; die Menschen lachen aber am häufigsten boshaft. Ein aufrichtiges, nicht boshaftes Lachen, das ist Fröhlichkeit; aber wo findet man bei den Menschen von heute Fröhlichkeit; und können die Leute überhaupt noch fröhlich sein? (Dieses Wort über die Fröhlichkeit von heute stammt von Wersilow, und ich habe es mir gemerkt.) Die Fröhlichkeit eines Menschen ist der Zug, der am meisten von ihm verrät. Mancher Charakter ist wie eine Nuß, an der man sich lange die Zähne ausbeißt, aber der Betreffende braucht nur einmal recht ungeniert zu lachen, und sein Charakter liegt offen da, wie auf der flachen Hand. Nur ein Mensch mit der höchsten und glücklichsten Kultur versteht es, so zu lachen, daß er seine Fröhlichkeit andern mitteilt, das heißt, unwiderstehlich und gutmütig. Ich spreche hier nicht von Verstandeskultur, sondern von der Kultur des Charakters, des ganzen Menschen. Also, wenn man einen Menschen durchschauen und sein Herz erkennen will, so muß man sich nicht darum kümmern, wie er schweigt, oder wie er spricht, oder wie er weint, oder wie er von edelsten Idealen durchglüht wird; sondern man beobachtet ihn am besten, wenn er lacht. Hat ein Mensch ein gutes Lachen, so ist er ein guter Mensch. Man muß dabei übrigens gut auf alle Nuancen achten: so darf einem zum Beispiel das Lachen eines Menschen auf keinen Fall dumm erscheinen, so fröhlich und gutmütig er auch lachen mag. Bemerkt man auch nur den kleinsten Zug von Dummheit in seinem Lachen, so ist dieser Mensch sicherlich von beschränktem Verstände, mag er auch so tun, als schüttle er die großen Gedanken nur so aus dem Ärmel. Und wenn sein Lachen auch nicht dumm ist, wenn aber der Betreffende selber einem beim Lachen aus irgendeinem Grunde plötzlich lächerlich erscheint, wenn auch nur ein ganz klein wenig lächerlich, so bedeutet das, daß dieser Mensch keine echte persönliche Würde besitzt, oder wenigstens nicht genug davon. Oder schließlich: wenn eines Menschen Lachen sich zwar mitzuteilen vermag, einem aber ungeachtet dessen abgeschmackt erscheint, so ist dieser Mensch sicherlich selber ein abgeschmackter Kopf, und alles Edle und Hohe, das man früher an ihm bemerkt hat, ist entweder mit Vorbedacht geheuchelt oder unbewußt von außen angeeignet; so ein Mensch wird sich späterhin sicherlich zum schlechteren verändern, er wird sich auf Dinge werfen, die »gemeinen Nutzen« versprechen, und die edeln Ideen ohne Bedauern als jugendliche Verirrungen und Schwärmereien abtun. Diesen langen Exkurs über das Lachen habe ich in wohlerwogner Absicht hier eingefügt und ihm sogar den glatten Fluß meiner Erzählung geopfert, weil ich ihn für eine der wichtigsten Erkenntnisse halte, die das Leben mir gebracht hat. Und besonders empfehle ich ihn jungen Bräuten, die im Begriff stehen, den erwählten Mann zu heiraten, aber ihn doch noch immer nachdenklich und mißtrauisch beobachten und keinen endgültigen Entschluß fassen können. Und niemand soll über den trübseligen Halbwüchsling lachen, weil er sich in seinen Moralpredigten mit der Frage der Ehe befaßt, wovon er doch nicht das geringste versteht. Soviel verstehe ich doch, daß das Lachen die sicherste Probe auf den Gehalt eines Herzens ist. Schauet die Kindlein an: nur die Kinder verstehen es, vollkommen gut zu lachen, – deshalb sind sie auch so bezaubernd. Ein Kind, das weint, ist mir widerlich; ein lachendes, fröhliches aber ist wie ein Strahl vom Glänze des Paradieses, eine Offenbarung aus der Zukunft, wo die Menschen wieder rein und einfältig wie die Kindlein sein werden. – Und so etwas Kindliches und ganz unwahrscheinlich Einnehmendes leuchtete auch aus dem flüchtigen Lachen dieses alten Mannes. Ich trat sogleich auf ihn zu.   3 »Setz' dich nieder, setz' dich, du kannst wohl noch nicht recht auf den Füßen stehen«, forderte er mich freundlich auf und wies auf einen Platz neben sich; dabei sah er mir immer noch mit demselben strahlenden Blick in die Augen. Ich setzte mich neben ihn und sagte: »Ich kenne Sie, Sie sind Makar Iwanowitsch.« »Sehr richtig, lieber Freund. Schön, daß du aufgestanden bist. Du bist ein junger Mensch, für dich ist's schön. Der Alte gehört in die Grube, der Junge soll leben.« »Sind Sie denn krank?« »Freilich, mein Lieber, die Füße besonders; bis an die Tür hier haben sie mich noch getragen, die alten Füße, aber kaum hab' ich mich hier niedergesetzt, da sind sie gleich aufgeschwollen. Das hab' ich seit letztem Donnerstag, wo der Frost so stark wurde. Ich habe sie bisher immer mit einer Salbe eingeschmiert, weißt du; die hat mir ein Doktor in Moskau, Edmund Karlytsch Lichten hieß er, vor drei Jahren verschrieben, und die Salbe hat geholfen, so gut hat sie geholfen; na, und jetzt hilft sie halt nicht mehr. Und auf der Brust hab' ich's auch. Und seit gestern tut mir der Rücken arg weh, als ob mir die Hunde drin herumbissen ... Und schlafen kann ich auch nicht die Nächte.« »Wie kommt's denn, daß man Sie hier gar nicht hört?« unterbrach ich ihn. Er sah mich an, als überlege er sich etwas. »Weck' nur deine Mutter nicht auf«, fuhr er dann fort, als wäre ihm gerade etwas eingefallen. »Sie hat da nebenan die ganze Nacht geschafft, so leise, daß man nichts hören konnte, wie eine Fliege; und jetzt, weißt du, hat sie sich hingelegt. – Ach, so ein kranker alter Mann hat's nicht gut«, seufzte er. »Woran hängt das Herz nur so, und will und will nicht loslassen, und immer noch freut es sich am Licht; und wenn's drauf ankäme, das ganze Leben noch einmal von vorn anzufangen, ich glaube, auch davor würde das Herz sich nicht fürchten; zwar, so ein Gedanke ist vielleicht sündhaft.« »Warum denn sündhaft?« »Ein Traum ist's, so ein Gedanke, und ein alter Mann muß mit Freuden dahingehen. Denn, siehst du, wenn du den Tod mit Murren oder mit Mißvergnügen begrüßt, so ist dieses eine große Sünde. Nun, aber wenn einer aus geistlicher Fröhlichkeit das Leben liebgewonnen hat, so denke ich mir, wird Gott ihm verzeihen, wenn er auch ein alter Mann ist. Schwer ist's für den Menschen, zu wissen bei jeder Sünde, was da sündig ist, und was nicht: da. ist ein Geheimnis dabei, das über Menschenverstand geht. Ein alter Mann aber muß zufrieden sein zu jeder Zeit, und sterben muß er in der vollen Blüte seines Verstandes, selig und gern, gesättigt von seinen vielen Tagen, entgegenseufzend seiner letzten Stunde und freudig, wie eine Ähre zur Garbe dahingeht, wenn er sein Geheimnis erfüllt hat.« »Sie sagen immer ›Geheimnis‹; was heißt das: sein Geheimnis erfüllt haben?« fragte ich und sah mich nach der Tür um. Ich freute mich, daß wir allein waren, und daß ringsum unverbrüchliche Stille herrschte. Die untergehende Sonne schien grell ins Zimmer. Er sprach ein wenig schwülstig und unklar, aber sehr überzeugt und in einer starken Erregung, als freue er sich in der Tat sehr über mein Kommen. Aber ich bemerkte wohl, daß er zweifellos fieberte, und zwar recht stark. Ich war gleichfalls krank und fieberte seit dem Augenblick, da ich zu ihm gekommen war. »Was das Geheimnis ist? Alles ist ein Geheimnis, lieber Freund, in allem ist das göttliche Geheimnis. In jedem Baume, in jedem Kraute ist dieses selbe Geheimnis beschlossen. Ob nun ein kleines Vöglein singt, ob die ganze Schar der Sterne in der Nacht am Himmel glänzt – das alles ist dieses Geheimnis, gleicherweise. Und das größte Geheimnis liegt in dem, was die Seele des Menschen in jener Welt erwartet. So ist es, lieber Freund!« »Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie ... Ich sage das natürlich nicht, um mich über Sie lustig zu machen, und Sie können mir glauben: ich glaube an Gott; aber alle diese Geheimnisse hat der Verstand schon lange durchschaut, und was er noch nicht entdeckt hat, das wird alles entdeckt werden, ganz sicher, und vielleicht in kürzester Frist. Die Botanik weiß ganz genau, wie der Baum wächst, der Physiolog und der Anatom wissen sogar, warum der Vogel singt, oder werden es bald wissen; und was die Sterne betrifft, so sind sie nicht nur alle gezählt, sondern jede ihrer Bewegungen ist genau auf die Minute ausgerechnet, so daß man sogar auf tausend Jahre hinaus voraussagen kann, genau auf die Minute, wann irgendein Komet erscheinen wird ... Und heutzutage ist auch schon die Zusammensetzung der entferntesten Sterne bekannt. Nehmen Sie ein Mikroskop – das ist ein Vergrößerungsglas, das die Dinge millionenfach vergrößert, und schauen Sie sich einen Wassertropfen dadurch an: Sie werden dort eine ganze neue Welt erblicken, eine ganze Welt von lebenden Wesen; und sehn Sie, auch das war ein Geheimnis, aber man hat es doch entdeckt.« »Ich habe wohl davon gehört, mein Lieber, mehr als einmal haben mir die Leute davon erzählt. Da ist nichts zu sagen, das ist ein großes und rühmliches Werk; alles ist dem Menschen gegeben nach Gottes Willen; nicht umsonst hat Gott ihm seinen lebendigen Odem eingeblasen: ›Lebe und erkenne‹.« »Nun, das sind Gemeinplätze. Sie sind also kein Feind der Wissenschaft, kein Klerikaler? Das heißt, ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen ...« »Nein, lieber Freund, ich habe von Jugend auf Achtung vor der Wissenschaft gehabt, und wenn ich selbst nicht gescheit darin bin, so murre ich doch nicht darüber: ist sie mir nicht zuteil geworden; so ist sie andern zuteil geworden. Es ist vielleicht auch besser so, weil so jeder sein Teil hat. Weil auch nicht jedem die Wissenschaft zum Nutzen dienen würde, lieber Freund. Gar mancher kann sich keine Grenze ziehen, gar mancher möchte die ganze Welt in Erstaunen setzen, und ich würde das vielleicht mehr als irgendein andrer wollen, wenn ich gelehrt wäre. Aber wo ich jetzt ganz und gar nicht gelehrt bin, wie kann ich mich da überheben, wo ich doch selber ganz und gar nichts weiß? Du aber bist jung und hast scharfe Augen, und dir ist das als Gebiet gegeben, lerne du nur. Suche alles zu erkennen: wenn dir dann ein Gottloser oder ein Frecher begegnet, so kannst du ihm antworten, und er kann dich mit seinen hitzigen Redensarten nicht irreführen und deine unreifen Gedanken nicht verwirren. – Und so ein Glas, wie du sagst, hab' ich selbst gesehen, es ist noch nicht so lange her.« Er holte Atem und seufzte. Ich hatte ihm durch mein Kommen entschieden große Freude gemacht. Sein Durst, sich mitzuteilen, war fast krankhaft. Außerdem täusche ich mich ganz bestimmt nicht, wenn ich behaupte, daß er mich zuweilen mit ganz besondrer Liebe ansah: er legte seine Hand liebkosend auf die meine und streichelte mir die Schulter ... allerdings manchmal, muß ich gestehen, vergaß er mich dann wieder ganz, es war, als säße er ganz allein; und wenn er auch eifrig weitersprach, so sprach er doch gleichsam in die leere Luft. »Lieber Freund,« fuhr er fort, »es lebt da im Gennadios-Kloster ein sehr gescheiter Mann. Er ist aus vornehmer Familie, nach seinem Range Oberstleutnant und sehr reich. Als er noch in der Welt lebte, wollte er sich nicht durch eine Heirat binden; jetzt ist es schon das zehnte Jahr, daß er sich von der Welt abgeschlossen hat, er liebt die stillen, schweigsamen Zufluchtstätten, und sein Gefühl hat das weltliche Sorgen und Eifern abgetan. Er hält alle Klosterregeln ein, aber Mönch werden will er nicht. Und Bücher, lieber Freund, hat er soviel, wie ich noch bei keinem Menschen gesehen habe, – er selbst hat mir gesagt, sie haben ihn achttausend Rubel gekostet. Er heißt Piotr Valerianytsch. Er hat mich zu verschiedner Zeit viel gelehrt, und ich hab' ihm immer furchtbar gern zugehört. Also frage ich ihn einmal: ›‹Wie kommt es, Herr, daß Sie bei Ihrem großen Verstand, und wo Sie schon zehn Jahre im Mönchsdienst leben und in der vollkommenen Abtötung Ihres Willens – wie kommt es, daß Sie nicht das löbliche Ordensgelübde ablegen, um dadurch noch vollkommener zu werden?‹ Und er gibt mir zur Antwort: ›Was redest du da von meinem Verstande, Alter; vielleicht hat mich mein Verstand zu seinem Gefangnen gemacht, und nicht ich habe ihm seine Grenzen gesetzt. Und was redest du von meinem Mönchsdienst: vielleicht habe ich längst das eigne Maß für mich verloren. Und was redest du von der Abtötung meines Willens? Meinem Gelde würde ich sofort entsagen, Rang und Stand würde ich hergeben, und alle meine Orden würde ich auf den Tisch legen, aber meiner Pfeife Tabak kann ich nicht entsagen, und kämpfe doch schon zehn Jahre darum. Was wäre ich also für ein Mönch, und was für eine Willensabtötung rühmst du an mir?‹ – Ich wunderte mich damals über diese Demut. Na, und also im vorigen Sommer, um die Zeit der Peter- und Paulsfasten, komme ich wieder in dieses Kloster – Gott hatte mich hingeführt – und da sehe ich, in seinem Zimmer steht eben so ein Ding – ein Mikroskop – das hatte er sich um viel Geld aus dem Ausland kommen lassen. ›Wart', Alter‹, sagt er zu mir, ›ich zeig' dir etwas ganz Erstaunliches, weil du so etwas noch nie gesehen hast. Sieh diesen Wassertropfen, er ist rein wie eine Träne: na, also, schau dir an, was darin ist, und du wirst sehen, daß die Mechaniker bald alle Geheimnisse Gottes durchforscht haben werden, nicht ein einziges werden sie für dich und mich übriglassen.‹ Mit den Worten sagte er das, ich hab' es genau behalten. Aber ich hatte in so ein Mikroskop schon fünfunddreißig Jahre vorher hineingeschaut, bei Alexander Wladimirowitsch Malgasow, unserm Herrn, Andrej Petrowitschs Onkel von Mutters Seiten, von dem Andrej Petrowitsch dann nachher, nach seinem Tode, das Stammgut geerbt hat. Er war ein großmächtiger Herr, ein hoher General, und hielt sich eine große Hundemeute, und ich war damals lange Zeit Jäger bei ihm. Na, und damals stellte er auch so ein Mikroskop auf, das er mitgebracht hatte, und befahl dem ganzen Gesinde, Männern und Weibern, sie sollten eins nach dem andern herkommen und hineinschauen, und da wurde denn auch allerhand gezeigt: ein Floh und eine Laus, eine Nadelspitze, ein Haar, ein Tropfen Wasser. Und das war ein Spaß: die Leute fürchteten sich, hinzugehen, und vor dem Herrn fürchteten sie sich auch – er konnte sehr böse werden. Manche konnten überhaupt gar nicht hineinschauen, sie kniffen die Augen zu und sahen gar nichts; andre grausten sich und schrien, und Sawin Makarow, der Starost, hielt sich die Augen mit beiden Händen zu und schrie: ›Macht mit mir, was ihr wollt, – ich geh' nicht hin!‹ Törichtes Gelächter gab's da genug. Piotr Valerianytsch sagte ich aber nichts davon, daß ich schon früher, vor fünfunddreißig Jahren, das gleiche Wunder gesehen hatte, weil ich sah, er hatte große Freude daran, es mir zu zeigen; darum tat ich so, als ob ich mich schrecklich wunderte und entsetzte. Er ließ mir Zeit zur Überlegung und fragte dann: ›Na, Alter, was sagst du jetzt?‹ Ich aber verneigte mich und sagte zu ihm: ›Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht‹, und er fragte auf einmal hastig zurück: ›Ward nicht am Ende Finsternis?‹ Und das sagte er so sonderbar, und lachte nicht einmal dazu. Da wunderte ich mich über ihn, und er war förmlich böse geworden und sagte nichts mehr.« »Ganz einfach, Ihr Piotr Valerianytsch ißt im Kloster geweihten Reis und macht vorgeschriebene Kniebeugungen, aber er glaubt nicht an Gott, und Sie sind gerade in einem solchen Augenblick zu ihm gekommen – das ist die ganze Geschichte,« sagte ich, »und außerdem ist er ein recht lächerlicher Mensch: er hat doch sicher seine zehnmal vorher schon ein Mikroskop gesehen; warum schnappt er dann beim elftenmal plötzlich in der Weise über? Das ist so eine nervöse Empfindlichkeit ... die hat sich wohl durch das Klosterleben bei ihm entwickelt.« »Er ist ein Mensch von reinem Herzen und hohem Verstande,« sagte der Alte eindringlich, »und er ist kein Gottloser. Er hat eine Menge Verstand, aber sein Herz ist unruhig. Solche Leute gehen jetzt sehr viele aus dem herrschaftlichen und gelehrten Stande hervor. Und noch eins will ich dir sagen: solch ein Mensch straft sich selber für seine Sünden. Und du mach' einen Bogen um solche Leute und ärgere sie nicht, aber bevor du nachts einschläfst, gedenke ihrer im Gebete, weil solche Leute Gott suchen. Betest du vor dem Schlafengehen?« »Nein, ich halte das für eine leere Formalität. Ich muß Ihnen übrigens gestehen, daß Ihr Piotr Valerianytsch mir gefällt: er ist wenigstens kein leeres Stroh, sondern immerhin ein Mensch, und hat ein wenig Ähnlichkeit mit einem Menschen, der uns beiden nahe steht, und den wir beide kennen.« Der Alte beachtete nur den ersten Satz meiner Antwort: »Das ist gar nicht recht, lieber Freund, daß du nicht betest; beten ist etwas Gutes und macht das Herz froh, vorm Schlafengehen, und wenn man in der Früh aufsteht, und wenn man nachts erwacht. Das kann ich dir sagen. Vorigen Sommer, im Juli, pilgerten wir zum Kirchenfeste nach dem Bogorodskij-Kloster. Je näher wir hinkamen, desto mehr Leute stießen zu uns, und schließlich waren wir unser fast zweihundert, die alle die gleiche Straße pilgerten, um die heiligen und gnadenkräftigen Reliquien der beiden Wundertäter Anikios und Gregorios zu küssen. Wir nächtigten im freien Felde, und ich erwachte am Morgen sehr früh, alle schliefen noch, und selbst die liebe Sonne sah noch nicht hinter dem Walde hervor. Also, lieber Freund, ich neigte mich im Gebete, ließ meinen Blick in die Runde gehen und seufzte! Eine Schönheit überall, daß man es nicht sagen kann! Alles still, die Luft ist weich; die Gräschen wachsen – wachst nur, ihr Gräschen Gottes; ein Vöglein singt – sing nur, Voglern Gottes; ein Kindchen schreit im Arm seiner Mutter – der Herr sei mit dir, Menschlein, wachs zum Glück auf, Kindchen! Und siehst du, es war, als hätte ich damals zum erstenmal in meinem ganzen Leben das alles in mich aufgenommen ... Ich neigte mich wieder im Gebet; dann schlief ich so gut ein. Schön ist's auf dieser Welt, lieber Freund! Weißt du, wenn es mit mir besser werden sollte, dann ziehe ich im Frühling wieder aus. Und was das Geheimnis betrifft, so macht es das ja nur noch besser: das Herz scheut sich und staunt davor; und diese Scheu gereicht dem Herzen zur Erbauung: ›Alles ist in dir beschlossen, o Herr, und auch ich bin in dir beschlossen, und du nimm mich auf!‹ Murre nicht dawider, junger Mensch: darum eben ist es noch schöner, weil es ein Geheimnis ist«, fügte er ergriffen hinzu. » ›Darum eben ist es noch schöner, weil es ein Geheimnis ist‹ ... Dieser Worte werde ich gedenken. Sie drücken sich furchtbar ungenau aus, aber ich verstehe Sie schon ... Mich überrascht es, daß Sie viel mehr wissen und verstehen, als Sie ausdrücken können; nur reden Sie gleichsam wie im Fieber ...« sagte ich unwillkürlich, wie ich so in seine fiebrigen Augen und sein bleich gewordnes Gesicht sah. Aber er schien meine Worte überhaupt nicht zu hören. »Weißt du auch, lieber junger Mensch,« begann er wieder in einem Tone, als setzte er seine frühere Rede fort, »weißt du auch, daß dem Gedächtnis des Menschen auf dieser Erde eine Grenze gesteckt ist? Das Gedächtnis des Menschen währt nur hundert Jahre. Hundert Jahre nach seinem Tode können noch seine Kinder seiner gedenken, oder seine Enkel, die sein Angesicht gesehen haben, später aber kann wohl noch sein Gedächtnis fortleben, aber bloß im Munde der Leute, bloß im Gedanken, dieweil alle dahingegangen sind, die sein lebendiges Antlitz geschaut haben. Und verschwinden wird sein Grab auf dem Friedhof unter Gras, zerfallen wird der weiße Stein darauf, und vergessen werden ihn alle Leute, und selbst seine eignen Nachkommen, vergessen wird selbst sein Name werden, dieweil nur wenige bleiben im Gedächtnis der Menschen – und was schadet das! Mögt ihr mich vergessen, Geliebte, ich liebe euch noch aus dem Grabe heraus. Ich höre eure fröhlichen Stimmen, Kinderchen, ich höre eure Schritte über die Gräber eurer leiblichen Vorfahren wandern; lebt nur noch so lange unter der lieben Sonne und freuet euch, ich will für euch zu Gott beten, im Traum will ich zu euch kommen ... ob man auch tot ist, die Liebe bleibt dennoch! ...« Die Sache ist die, daß ich selber genau in demselben Fieberzustande war wie er; statt hinauszugehen oder ihn zu beruhigen oder ihn vielleicht auch ins Bett zu bringen, weil er geradezu im Fieberdelirium war, – statt dessen ergriff ich plötzlich seine Hand, ich beugte mich über ihn, drückte seine Hand und flüsterte erregt, das Herz geschwellt von Tränen: »Ich bin so froh, daß Sie da sind. Ich habe vielleicht schon lange auf Sie gewartet. Von den andern habe ich nicht einen lieb: ihnen allen fehlt die Vornehmheit ... Ich kann nicht mit ihnen gehen, ich weiß nicht, wohin ich gehen soll, ich gehe mit Ihnen ...« Zum Glück kam Mama herein, ich weiß nicht, wie das sonst noch geendet hätte. Sie kam mit noch schlaftrunknem und aufgeregtem Gesicht; in der Hand hatte sie ein Medizinfläschchen und einen Eßlöffel; als sie uns erblickte, rief sie: »Ich hab' es doch gewußt! Ich habe ihm die Chinatropfen nicht zur Zeit gegeben, er hat wieder starkes Fieber! Ich habe mich verschlafen, Makar Iwanowitsch, Lieber!« Ich stand auf und ging hinaus. Sie gab ihm die Arznei und brachte ihn zu Bett. Ich legte mich auch zu Bett, war aber sehr erregt. Eine große Neugierde hatte ich mit herübergebracht, und ich dachte mit allen Gedanken nur an diese Begegnung. Was ich damals davon für Folgen erwartete, – ich weiß es nicht. Natürlich, ich dachte ohne Zusammenhang, und was durch meinen Kopf ging, waren keine Gedanken, sondern nur Bruchstücke von Gedanken. Ich lag mit dem Gesicht zur Wand und erblickte auf einmal in der Ecke den grellen Sonnenflecken, auf den ich vorhin unter Stöhnen und Fluchen gewartet hatte; und ich weiß noch, wie mein ganzes Innres gleichsam frohlockte und gleichsam ein neues Licht mein Herz erfüllte. Ich gedenke dieses herrlichen Augenblicks und will seiner nicht vergessen. Das war nur ein Augenblick neuer Hoffnung und neuer Kraft ... Ich war damals in der Genesung, und da war also wohl dieser Aufschwung die unvermeidliche Folge meines Nervenzustandes; aber derselben lichten Hoffnung vertraue ich auch heute noch – das ist es, was ich hierher schreiben und wessen ich damit gedenken wollte. Natürlich wußte ich auch damals genau, daß ich nicht mit Makar Iwanowitsch auf die Pilgerfahrt gehen würde, und daß ich selber nicht wußte, worin eigentlich dieser neue Drang bestand, der mich erfaßt hatte, aber ein Wort hatte ich schon ausgesprochen, wenn auch bloß im Fieberdelirium, das hieß: »Sie haben die Vornehmheit nicht!« – »Es ist ganz klar,« dachte ich in meiner großen Erregung, »von diesem Augenblick an will ich die ›Vornehmheit‹ suchen, den andern aber fehlt sie, und darum will ich von ihnen gehen.« Etwas raschelte hinter mir, ich drehte mich um: da stand Mama, über mich gebeugt, und sah mir mit schüchterner Neugier in die Augen. Ich ergriff auf einmal ihre Hand: »Mama, warum haben Sie mir denn nichts von unserm teuern Gaste gesagt?« fragte ich plötzlich, ohne selber vorher gewußt zu haben, daß ich so fragen würde. Alle Unruhe verschwand auf einmal aus ihrem Gesicht, und eine Art Freude leuchtete darin auf, aber sie gab mir zur Antwort nur dieses eine Wort: »Du solltest Lisa auch nicht vergessen; du hast Lisa vergessen.« Sie sagte das hastig, wurde rot dabei und wollte schnell davoneilen, denn sie liebte es gar nicht, aber auch gar nicht, Gefühle breitzutreten; und in der Beziehung war sie genau wie ich, das heißt, zurückhaltend und keusch; außerdem natürlich wollte sie auch nicht mit mir von dem Thema Makar Iwanowitsch anfangen; es war genug daran, was wir uns gegenseitig mit unsern Blicken sagen konnten. Aber ich, ich, der jedes Breittreten von Gefühlen haßt, ich hielt sie mit Gewalt am Arme zurück: ich sah ihr freundlich in die Augen, lachte still und zärtlich und streichelte mit der andern Hand ihr liebes Gesicht, ihre eingefallenen Wangen. Sie beugte sich über mich und preßte ihre Stirn gegen meine: »Christus beschirme dich,« sagte sie und richtete sich plötzlich auf, mit strahlendem Gesicht, »werd' nur gesund! das vergesse ich dir nicht. Er ist krank, sehr krank ... Gott ist der Herr über Leben und Tod ... Ach, was sage ich da, das kann ja gar nicht sein! ...« Sie ging hinaus. Sie hat ihren ehelichen Mann, den Pilger Makar Iwanowitsch schon wirklich ihr Leben lang verehrt, in Furcht und Zittern und in Andacht, ihn, der ihr so großmütig, und ein für allemal verziehen hatte. Zweites Kapitel   1 Lisa aber hatte ich durchaus nicht »vergessen«; Mama täuschte sich. Die Mutter hatte mit feinem Gefühl empfunden, daß zwischen Bruder und Schwester eine Art Abkühlung eingetreten war; aber das lag nicht an einem Mangel an Liebe, sondern eher an Eifersucht. Das will ich, da es für das Folgende nötig sein dürfte, mit zwei Worten näher erklären. Die arme Lisa zeigte, seitdem der Fürst verhaftet war, eine Art anmaßenden Stolz, eine Art abweisenden Hochmut, der beinah unerträglich war; aber jedermann im Hause verstand die Wahrheit und begriff, wie sie litt; und wenn ich mich anfangs über ihre Art uns gegenüber aufhielt und ärgerte, so lag das nur an meiner kleinlichen Empfindlichkeit, die die Krankheit noch verzehnfacht hatte, – so denke ich heute darüber. Daß ich Lisa deshalb nicht mehr liebgehabt hätte, war durchaus nicht der Fall, im Gegenteil, ich liebte sie nur noch mehr, ich wollte nur nicht der erste sein, der sich näherte, obgleich ich freilich genau wußte, daß sie um keinen Preis den ersten Schritt tun würde. Die Sache war die, daß Lisa, sobald die ganze Geschichte mit dem Fürsten an die Öffentlichkeit gedrungen war, sogleich, nachdem er verhaftet war, nichts Eiligeres zu tun wußte, als sich uns und allen andern gegenüber auf einen Standpunkt zu stellen, als wolle sie den Gedanken schon im Keime ersticken, daß man sie am Ende bedauern oder die Absicht haben könnte, sie zu trösten und den Fürsten in Schutz zu nehmen, Im Gegenteil, – sie nahm sich dabei durchaus nicht die Mühe, sich mit irgend jemand auszusprechen oder zu streiten, – aber sie ging gleichsam in einem ewigen Stolze über die Tat ihres unglücklichen Bräutigams herum, als wäre sie das höchste Heldenstück. Sie sagte gleichsam in jedem Augenblick zu uns allen (ich wiederhole es noch einmal: ohne je ein Wort davon laut werden zu lassen): »Von euch brächte das doch niemand zustande, – ihr denunziert euch nicht selber aus Ehr- und Pflichtgefühl, von euch hat keiner ein so zartes und reines Gewissen. Und seine Vergehen? Wer hat denn keine schlechten Handlungen auf dem Gewissen? Aber andere verstecken sie ängstlich; dieser Mensch hingegen wollte lieber sich selbst zugrunde richten, als in seinen eignen Augen als ein Unwürdiger dastehen.« Das war es ungefähr, was jede Gebärde von ihr auszudrücken schien. Ich weiß nicht, aber ich hätte an ihrer Stelle wohl genau so gehandelt. Ich weiß auch nicht, ob sie eben diese Gedanken in sich herumtrug, das heißt, wenn sie sich selber ganz aufrichtig fragte; ich glaube eigentlich nicht. Mit der andern, klaren Hälfte ihres Verstandes mußte sie sicherlich die ganze Unbedeutenheit ihres »Helden« durchschauen; denn wer würde mir heute nicht darin beistimmen, daß dieser unglückliche und in seiner Art vielleicht sogar großherzige Mensch zu gleicher Zeit ein äußerst unbedeutender Mensch war? Gerade auch ihre hochmütige und aggressive Art uns allen gegenüber, ihr ewiges Mißtrauen, daß wir anders über ihn denken könnten, – eben das ließ einen zum Teil erraten, daß sich in den geheimsten Tiefen ihres Herzens wohl ein andres Urteil über ihren unglücklichen Freund gebildet haben mochte. Ich will dazu aber gleich bemerken, freilich nur als meine ganz persönliche Ansicht, daß sie, wie ich die Sache ansehe, wenigstens zur Hälfte tatsächlich im Recht war; ihr konnte man es eher verzeihen als uns andern allen, wenn sie vor der letzten Schlußfolgerung schwankte. Ich selbst bekenne aus tiefstem Herzensgrunde, daß ich auch heute noch, wo das alles schon weit hinter mir liegt, durchaus nicht weiß, wie und als was ich diesen Unglücklichen einschätzen soll, der uns allen solch ein Rätsel aufgegeben hat. Nichtsdestoweniger machte sie aus unserm Hause fast eine kleine Hölle. Lisa, die so stark liebte, mußte auch sehr schwer leiden. Ihrem Charakter gemäß zog sie es vor, schweigend zu leiden. Ihr Charakter glich dem meinen, das heißt, er war selbstherrlich und stolz, und ich war immer der Ansicht, damals wie jetzt, daß sie den Fürsten aus Selbstherrlichkeit liebgewonnen hatte, eben weil er keinen Charakter hatte, und weil er sich ihr vom ersten Worte und von der ersten Stunde an gänzlich unterworfen hatte. So etwas entsteht in einem Herzen ganz von selbst, ohne jede vorhergehende Überlegung; aber solch eine Liebe, eine starke Liebe zu einem Schwachen, ist manchmal unvergleichlich stärker und qualvoller als die Liebe zwischen gleichgearteten Charakteren, weil man unwillkürlich die Verantwortlichkeit für seinen schwachen Genossen mit auf sich nimmt. Ich wenigstens denke mir das so. Alle unsre Angehörigen umgaben sie von Anfang an mit zärtlichster Sorgfalt, besonders Mama; aber sie wurde nicht weicher, sie antwortete nicht auf die Teilnahme und stieß gleichsam jede Hilfe zurück. Mit Mama hatte sie anfangs noch gesprochen, aber von Tag zu Tag wurde sie wortkarger, kürzer angebunden und sogar härter. Mit Wersilow hatte sie anfangs Rats gepflogen, aber sehr bald erkor sie sich als Ratgeber und Helfer Herrn Wasin, wie ich später zu meiner Verwunderung vernahm ... Sie besuchte Wasin täglich, sie lief auf den Gerichten herum, ging zu den Vorgesetzten des Fürsten, zu den Advokaten, zum Staatsanwalt; schließlich sah man sie daheim oft ganze Tage nicht. Selbstverständlich besuchte sie auch täglich, und zwar zweimal, den Fürsten, der im Gefängnis saß, in der adligen Abteilung; aber diese Besuche waren, wie ich mich in der Folge überzeugte, für Lisa sehr schwere Stunden. Natürlich, welcher Dritte kann das Verhältnis zwischen zwei Liebenden ganz durchschauen? Aber ich weiß, daß der Fürst sie in jedem Augenblick, da sie bei ihm war, tief kränkte; und wodurch? Das ist eine merkwürdige Sache: durch ewige Eifersucht. Darauf komme ich übrigens später noch zurück; aber einen Gedanken möchte ich gleich hier anfügen: es ist schwer, mit Sicherheit zu sagen, wer von ihnen den andern mehr quälte. Denn wenn Lisa sich uns gegenüber auch mit ihrem Helden brüstete, so verhielt sie sich doch ihm gegenüber, unter vier Augen, vielleicht ganz anders; davon bin ich mit ziemlicher Sicherheit überzeugt, nach einigen Anzeichen, von denen übrigens auch erst später die Rede sein wird. Also, was meine Gefühle für Lisa und meine Beziehungen zu ihr angeht, so kann ich sagen, daß alles, was zutage lag, nur eine äußerlich vorgegebne, eifersüchtige Lüge von beiden Seiten war; geliebt aber haben wir beide uns gegenseitig nie stärker als zu der Zeit. Ich möchte noch bemerken, daß Lisa sich Makar Iwanowitsch gegenüber beinahe geringschätzig, ja hochmütig benahm, vom ersten Augenblick an, sobald er unser Haus betreten hatte, und nachdem die erste Verwunderung und Neugier vergangen war. Als ich mir, wie ich im vorigen Kapitel erzählt habe, das Wort gab, zu »schweigen«, da gedachte ich natürlich, in der Theorie, das heißt, in meinen Träumen, mein Wort auch zu halten. Oh, mit Wersilow zum Beispiel hätte ich eher von der Zoologie oder von den römischen Imperatoren gesprochen als etwa von ihr oder von jener einen, allerwichtigsten Zeile seines Briefes an sie, worin er ihr mitgeteilt hatte, das Dokument wäre nicht verbrannt, sondern existiere und würde noch zum Vorschein kommen, – jener Zeile, über die ich ungesäumt aufs neue nachzugrübeln begonnen hatte, sobald ich nach dem Fieber wieder zu Bewußtsein und Verstand gekommen war. Aber, o weh! Bei den ersten Schritten in der Praxis, und fast bevor ich überhaupt einen Schritt tat, bemerkte ich, wie schwer und unmöglich es ist, an solchen Vorsätzen festzuhalten: am Tage nach meiner ersten Begegnung mit Makar Iwanowitsch geriet ich durch einen ganz unerwarteten Umstand in höchste Erregung.   2 In diese Erregung wurde ich durch einen unerwarteten Besuch von Darja Onisimowna, der Mutter der verstorbenen Olla, versetzt. Ich hatte von Mama bereits gehört, daß sie während meiner Krankheit zweimal dagewesen war und sich sehr für mein Befinden interessiert hatte. Ob diese »gute Frau«, wie Mama sie immer nannte, eigentlich meinetwegen gekommen war, oder bloß nach einer früheren Gewohnheit Mama besucht hatte, – danach hatte ich nicht gefragt. Mama pflegte mir immer von allen Vorgängen im Hause zu erzählen, wenn sie mir die Suppe brachte Und mich fütterte (als ich noch nicht selber essen konnte), – sie tat das, um mich zu zerstreuen: ich aber bemühte mich, demgegenüber jedesmal zu zeigen, daß ich mich für diese Nachrichten wenig interessierte; so hatte ich sie auch wegen Dar ja Onisimowna nicht nur nicht näher ausgefragt, sondern überhaupt kein Wort darüber gesagt. Es war so gegen elf Uhr; ich hatte gerade aus dem Bett aufstehen und mich in den Lehnstuhl am Tische setzen wollen, als sie ins Zimmer trat. Ich blieb absichtlich im Bette. Mama war oben mit irgend etwas sehr beschäftigt und war nicht heruntergekommen, sie zu begrüßen; deshalb war ich auf einmal allein mit ihr. Sie setzte sich mir gegenüber auf den Stuhl am Fußende; dabei lächelte sie und sagte kein Wort. Ich sah eine Art Gesellschaftsspiel, wer am längsten schweigen könne, voraus; überhaupt hatte ihr Kommen mich höchlichst geärgert. Ich nickte ihr nicht einmal zu und sah ihr starr in die Augen: aber sie sah mich gleichfalls starr an. »Langweilen Sie sich nicht allein in der; Wohnung, seit der Fürst fort ist?« fragte ich plötzlich: ich hatte die Geduld verloren. »Nein, ich bin jetzt gar nicht mehr in der Wohnung. Anna Andrejewna hat mir jetzt die Pflege des Kindes verschafft.« »Welches Kindes?«. »Des Kindes von Andrej Petrowitsch«, brachte sie in vertraulichem Flüstertone hervor und schaute sich nach der Tür um. »Aber ich dächte doch, Tatjana Pawlowna ...« »Ja, auch Tatjana Pawlowna und Anna Andrejewna, alle zwei, und Lisaweta Makarowna auch, und Ihre liebe Frau Mama ... alle. Alle nehmen sie Anteil daran. Tatjana Pawlowna und Anna Andrejewna sind jetzt sehr befreundet miteinander.« Das war eine Neuigkeit. Sie wurde ordentlich munter beim Sprechen. Ich sah sie haßerfüllt an. »Sie sind sehr munter geworden, seit Sie das letztemal bei mir waren.« »Ach ja.« »Sie haben auch zugenommen, glaube ich?« Sie sah mich mit sonderbarem Ausdruck an: »Ich habe sie sehr liebgewonnen, sehr.« »Wen denn?« »Ja, eben Anna Andrejewna. Sehr lieb. So ein edles Fräulein, und so gescheit ...« »Na also! Na, und sie, wie geht's ihr!« »Anna Andrejewna ist sehr ruhig, sehr.« »Ruhig war sie ja immer.« »Ja, immer.« »Wenn Sie mir mit Klatschgeschichten kommen,« schrie ich plötzlich, – ich konnte mich nicht mehr halten – »so merken Sie sich, daß ich mich um nichts kümmre, ich habe mich entschlossen, mich ... um nichts, um niemand mehr zu kümmern, mir ist alles gleich – ich gehe auf und davon! ...« Ich verstummte, weil ich wieder zu mir kam. Mich deuchte es eine Erniedrigung, ihr gleichsam meine neuen Pläne mitzuteilen. Aber sie hörte mich ohne Staunen und ohne Erregung an; dann folgte wieder das Schweigespiel. Plötzlich stand sie auf, ging zur Tür und schaute ins Nebenzimmer. Als sie sich davon überzeugt hatte, daß sich dort niemand befand, und daß wir allein waren, kam sie ganz ruhig wieder zurück und setzte sich auf ihren früheren Platz. »Das machen Sie gut!« lachte ich plötzlich auf. »Werden Sie Ihre Wohnung bei dem Herrn Beamten behalten?« fragte sie auf einmal, beugte sich ein wenig zu mir vor und senkte ihre Stimme, genau, als wäre das die wichtigste Frage, wegen der sie eigentlich gekommen war. »Meine Wohnung? Ich weiß nicht. Vielleicht ziehe ich auch um ... Wie soll ich das wissen?« »Ihre Wirtsleute warten mit Sehnsucht auf Sie; der Herr Beamte ist ordentlich ungeduldig, und seine Frau auch. Andrej Petrowitsch hat ihnen versichert, Sie kämen bestimmt wieder.« »Ja, aber was interessiert Sie denn das?« »Anna Andrejewna wollte das auch gern wissen und äußerte ihre große Zufriedenheit damit, daß Sie bleiben wollten.« »Aber woher weiß sie denn so genau, daß ich ganz bestimmt in der Wohnung bleibe?« Ich wollte hinzufügen: »Und warum interessiert sie das?« – aber ich unterdrückte diese Frage aus Stolz. »Auch Herr Lambert hat es ihr versichert.« »Wa–a–as?« »Herr Lambert hat es auch Andrej Petrowitsch ganz bestimmt versichert, daß Sie bleiben würden, und hat es auch Anna Andrejewna versichert.« Es schüttelte mich ordentlich. Was für wundersame Begebenheiten! So kannte Lambert also schon Wersilow, Lambert hatte sich an Wersilow heranmachen können, – Lambert und Anna Andrejewna, – er hatte sich auch schon ah sie heranmachen können! Eine Hitze überflog mich, aber ich schwieg. Ein ungeheurer Strom von Stolz überflutete mein Herz, von Stolz, oder was weiß ich wovon. Aber ich Sagte in dem Augenblick plötzlich zu mir selber: »Wenn ich jetzt nur noch ein Wort der Erklärung verlange, dann verwickle ich mich wieder in diese Welt und komme nie dazu, mit diesen Leuten entschieden zu brechen.« Der Haß kochte in meinem Herzen. Ich beschloß mit aller Kraft zu schweigen und lag, ohne mich zu rühren; sie blieb gleichfalls eine ganze Minute stumm. »Was macht Fürst Nikolaj Iwanowitsch?« fragte ich plötzlich, als hätte ich den Verstand verloren. Die Sache war die, daß ich natürlich fragte, um das Thema zu wechseln, dabei stellte ich aber wiederum gerade die Hauptfrage und kehrte damit wie ein Irrsinniger selber wieder in die Welt zurück, der zu entfliehen ich so krampfhaft entschlossen war. »Der Fürst ist in Zarskoje-Selo. Der Fürst ist nicht ganz wohl, und in der Stadt herrschen um die Jahreszeit ja diese Fieber; alle haben ihm geraten, nach Zarskoje zu ziehen, in sein eignes Haus dort, weil die Luft dort so gut ist.« Ich antwortete nicht. »Anna Andrejewna und die Frau Generalin besuchen ihn jeden dritten Tag!« Ich schwieg hartnäckig. »Und so befreundet sind die beiden jetzt, und Anna Andrejewna äußert sich so freundlich über Katerina Nikolajewna ...« Ich schwieg immer noch. »Und Katerina Nikolajewna hat sich wieder in die Welt ›gestürzt‹, ein Fest nach dem andern, Katerina Nikolajewna glänzt förmlich; man sagt, sogar die Herren bei Hofe sollen alle in sie verliebt sein ... und mit Herrn Bjoring ist es ganz aus, und aus der Hochzeit wird nichts; das sagen alle ... seitdem damals die Sache war.« Das hieß also: seit Wersilows Brief. Ich zitterte am ganzen Leibe, sagte aber kein Wort. »Anna Andrejewna bedauert die Sache mit Fürst Sergej Petrowitsch so sehr und Katerina Nikolajewna auch, und alle meinen, er wird freigesprochen werden, und der andre, der Stebelkow, verurteilt ...« Ich sah sie voll Haß an. Sie stand auf und beugte sich plötzlich über mich: »Anna Andrejewna hat mir besonders aufgetragen, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen«, flüsterte sie mir ganz leise zu, »und mir dringend aufgetragen, ich soll Sie bitten, gleich zu ihr zu kommen, sobald Sie nur aus gehen können. Leben Sie wohl! Werden Sie nur gesund, ich werde es ihr schon sagen ...« Sie ging. Ich setzte mich im Bette auf, der kalte Schweiß trat mir auf die Stirn, aber ich fühlte keinen Schrecken: die mir unbegreifliche, ungeheuerliche Nachricht über Lambert und seine Ränke zum Beispiel erschreckte mich durchaus nicht, wenn ich es mit dem vielleicht unsinnigen Entsetzen verglich, mit dem ich während meiner Krankheit und der ersten Tage meiner Genesung an meine Begegnung mit ihm in jener Nacht zurückgedacht hatte. Im Gegenteil, in jenem wirren ersten Augenblick, damals im Bette, gleich nachdem Darja Onisimowna gegangen war, hielt ich mich beim Gedanken an Lambert gar nicht auf, sondern ... am meisten hatte mich die Nachricht über sie ergriffen, über ihren Bruch mit Bjoring, über das Glück, das sie in der Welt mache, über ihre Feste, ihren Erfolg, ihren »Glanz«. »Katerina Nikolajewna glänzt förmlich«, klangen mir Darja Onisimownas Worte in den Ohren. Und ich fühlte auf einmal, daß ich mit allen meinen Kräften nicht aus diesem Wirbel hinauskonnte, obgleich ich so stark gewesen war, zu schweigen und Darja Onisimowna nicht auszufragen, nachdem ich ihre sonderbaren Geschichten vernommen hatte. Ein unbezwinglicher Durst nach diesem Leben, nach dem Leben der andern hatte mein ganzes Inneres ergriffen und ... und noch ein andrer wollüstiger Durst, der sich in meinem Gefühl bis zum höchsten Glück, bis zum quälendsten Schmerz steigerte. Meine Gedanken wirbelten gleichsam im Kreise, aber ich ließ sie wirbeln. »Was soll ich da groß überlegen!« sagte mein Gefühl. »Aber sogar Mama hat mir verschwiegen, daß Lambert da war,« dachte ich in zusammenhanglosen Gedankenbruchstücken, »das hat ihr Wersilow beigebracht, daß sie schweigen sollte ... Und wenn ich sterben muß, ich frage Wersilow nicht nach Lambert!« – »Wersilow,« ging es mir wieder durch den Kopf, »Wersilow und Lambert, oh, wieviel Neues sich da angesponnen hat! Ein famoser Kerl, der Wersilow! Er hat diesem Deutschen, dem Bjoring, einen gesunden Schrecken eingejagt mit seinem Briefe; er hat sie verleumdet, la calomnie ... il en reste toujours quelque chose, und dieser deutsche Höfling hat eine Heidenangst vor dem Skandal – hahaha ... ihr ist's auch eine gute Lehre!« – »Lambert ... hat sich Lambert nicht am Ende auch an sie heranmachen können? Kunststück! Warum sollte sie sich auch nicht mit ihm ›einlassen‹?« Und dann schob ich auf einmal alle diese unsinnigen Gedanken beiseite und wühlte meinen Kopf verzweifelt in die Kissen. »Das kann ja nicht sein!« rief ich mit plötzlicher Entschlossenheit, sprang aus dem Bette, zog Pantoffeln und Schlafrock an und begab mich direkt in Makar Iwanowitschs Zimmer, als wäre da der Blitzableiter für alle Versuchungen, der Rettungsanker, an den ich mich klammern könnte. In der Tat ist es möglich, daß ich diesen Gedanken damals aus tiefster Seele empfand; weshalb wäre ich denn sonst so unaufhaltsam und plötzlich aus dem Bette gesprungen und in dieser Gemütsverfassung zu Makar Iwanowitsch gerannt?   3 Aber bei Makar Iwanowitsch traf ich ganz wider Erwarten Besuch, – Mama und den Doktor. Weil ich beim Hinübergehen, Gott weiß warum, fest davon überzeugt gewesen war, daß ich den Alten, genau wie gestern, allein treffen würde, so blieb ich auf der Schwelle in stumpfer Verwunderung stehen. Aber ich hatte noch keine Zeit gehabt, ein ärgerliches Gesicht zu machen, als auch schon Wersilow erschien und hinter ihm plötzlich noch Lisa ... Also hatte sich das ganze Haus bei Makar Iwanowitsch versammelt und gerade in einem Augenblick, wo es mir »gar nicht paßte«! »Ich komme, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen«, sagte ich und ging direkt auf Makar Iwanowitsch zu. »Ich danke dir schön, lieber Freund, ich hatte dich erwartet: ich wußte, daß du kommen würdest! Ich habe heute nacht an dich gedacht.« Er blickte mir freundlich in die Augen, und ich konnte sehen, daß er mich wohl von allen Anwesenden am liebsten hatte, aber ich bemerkte auch gleich im ersten Augenblick und ganz unwillkürlich, daß sein Gesicht zwar heiter war, aber daß seine Krankheit trotzdem während der Nacht Fortschritte gemacht hatte. Der Doktor hatte ihn gerade vorher sehr gründlich untersucht. Ich erfuhr später, daß dieser Doktor (derselbe junge Mensch, mit dem ich mich so gezankt hatte und in dessen Behandlung Makar Iwanowitsch vom Tage seiner Ankunft an war), – daß der Doktor diesem Patienten große Aufmerksamkeit widmete und, – ich weiß die medizinischen Fachausdrücke nicht – kurz und gut, er hatte eine ganze Kombination von allerlei Krankheiten in ihm entdeckt. Makar Iwanowitsch stand schon, das sah ich auf den ersten Blick, in den engsten freundschaftlichen Beziehungen zu ihm; mir gefiel das gleich nicht; und im übrigen war ich in dem Augenblick natürlich überhaupt nicht sehr angenehm aufgelegt. »Ja, Alexander Semionowitsch, wie geht es denn heute unserm lieben Patienten?« erkundigte sich Wersilow. Wenn ich nicht so aufgeregt gewesen wäre, so hätte ich nichts Wichtigeres zu tun gehabt, als furchtbar neugierig die Art des Verkehrs zwischen Wersilow und dem alten Manne zu beobachten, worüber ich mir auch schon tags vorher allerhand Gedanken gemacht hatte. Vor allem überraschte mich jetzt Wersilows ungewöhnlich weicher und liebenswürdiger Gesichtsausdruck, der etwas durchaus Aufrichtiges hatte. Ich glaube, ich habe es schon einmal irgendwo gesagt, daß Wersilows Gesicht überraschend schön werden könnte, sobald er sich nur halbwegs ungekünstelt gab. »Ja, wir zanken uns in einem fort«, erwiderte der Doktor. »Mit Makar Iwanowitsch? Das kann ich nicht glauben: mit ihm kann man sich gar nicht zanken.« »Er gehorcht ja nicht: nachts will er nicht schlafen ...« »Na, hör' schon auf, Alexander Semionowitsch, und schimpf nicht so viel«, lachte Makar Iwanowitsch. »Na, wie ist's, Andrej Petrowitsch; wie ist die Sache mit unsrer Mamsell ausgegangen? – Sie ächzt und stöhnt schon den ganzen Morgen und ist in solcher Unruhe«, fügte er hinzu und zeigte auf Mama. »Ach ja, Andrej Petrowitsch,« rief Mama, in der Tat sehr beunruhigt, »erzähle nur schnell und quäle uns nicht lange; wie ist es für die Ärmste ausgegangen?« »Ja, man hat unsre Mamsell verurteilt!« »Ach!« rief Mama. »Ja, aber nach Sibirien kommt sie nicht, sei nur ganz unbesorgt – fünfzehn Rubel Strafe muß sie zahlen, weiter nichts; es war das reine Theater!« Er setzte sich, auch der Doktor nahm Platz. Ihr Gespräch bezog sich auf Tatjana Pawlowna, und ich wußte noch gar nichts von dieser Geschichte. Ich saß links von Makar Iwanowitsch, Lisa hatte sich mir gegenüber zu seiner Rechten niedergelassen; sie trug sich sichtlich mit einem eignen, besondern, neuen Kummer und hatte auch wohl eben deswegen Mama aufgesucht; ihr Gesicht zeigte einen unruhigen, erregten Ausdruck. In diesem Moment wechselten wir ganz zufällig einen Blick, und ich dachte plötzlich bei mir: »Wir sind beide beschimpft, und ich muß den ersten Schritt zu einer Annäherung tun.« Mein Herz wurde ihr gegenüber plötzlich weich. Wersilow begann derweil von den Ereignissen des heutigen Morgens zu erzählen. Die Sache war die, daß Tatjana Pawlowna an jenem Morgen einen Prozeß mit ihrer Köchin vor dem Friedensgericht gehabt hatte. Es war eine höchst alberne Geschichte; ich habe schon erwähnt, daß die boshafte Finnin zuweilen, wenn sie sich geärgert hatte, wochenlang schweigen konnte; sie antwortete dann auf alle Fragen ihrer Herrin nicht ein einziges Wort; ich habe auch schon von Tatjana Pawlownas Schwäche ihr gegenüber erzählt, und daß sie sich von ihr alles gefallen ließ und sie um keinen Preis ein für allemal an die Luft setzen wollte. Alle diese psychologischen Kaprizen bei alten Jungfern und alten Weibern überhaupt erscheinen mir im höchsten Grade verächtlich und durchaus nicht weiter beachtenswert, und wenn ich die Geschichte hier dennoch erwähne, so geschieht es nur, weil diese Köchin später, im weitern Verlaufe meiner Erzählung, noch eine nicht unwichtige und ziemlich verhängnisvolle Rolle spielen wird. Na also, schließlich war eines schönen Tages Tatjana Pawlowna die Geduld gerissen und sie hatte der eigensinnigen Finnin eine Ohrfeige gegeben, was früher noch nie passiert war. Die Finnin hatte auch daraufhin nicht den leisesten Laut von sich gegeben, aber sie hatte sich noch an demselben Tage mit einem Herrn in Verbindung gesetzt, der in demselben Hinterhaus wohnte, irgendwo in einem Loch im Erdgeschosse; das war ein Marineleutnant außer Diensten, namens Osiotrow, der sich mit allerhand Vertretungen vor Gericht befaßte und selbstverständlich immer gleich Zum Prozeß zu hetzen pflegte: schlug er sich doch auf die Weise notdürftig durchs Leben. Das Ende vom Liede war, daß Tatjana Pawlowna vor den Friedensrichter geladen wurde, und Wersilow hatte als Zeuge zur Feststellung des Tatbestandes gleichfalls erscheinen müssen. Das alles erzählte Wersilow so lustig und spaßhaft, daß selbst Mama darüber lachen mußte; er stellte Tatjana Pawlowna, den Marineleutnant und die Köchin sogar mimisch dar. Die Köchin hatte vor Gericht gleich zu Anfang erklärt, sie bäte um eine Geldstrafe. »Denn wenn das gnädige Fräulein eingesteckt wird, für wen soll ich dann kochen?« Auf die Fragen des Richters hatte Tatjana Pawlowna äußerst hochnasig geantwortet, ohne es überhaupt der Mühe wert zu finden, sich zu verteidigen; im Gegenteil, sie hatte folgendermaßen geschlossen: »Ich habe sie geschlagen und werde sie noch ganz anders schlagen«, wofür sie denn auch gleich wegen Ungebühr vor Gericht in eine Ordnungsstrafe von drei Rubel genommen worden war. Der Marineleutnant, ein langer, dünner, junger Mensch hatte eine große Rede zur Verteidigung seiner Klientin beginnen wollen, hatte sich dabei aber blamiert und war aus dem Konzept gekommen, so daß der ganze Gerichtssaal vor Lachen gebrüllt hatte. Die Verhandlung war bald beendigt, und Tatjana Pawlowna war verurteilt worden, der beleidigten Maria fünfzehn Rubel zu bezahlen. Sie hatte ohne Verzug ihr Portemonnaie gezogen und das Geld zahlen wollen, und der Marineleutnant hatte sich dabei sofort genähert und die Hand hingehalten, um sein Honorar in Empfang zu nehmen, aber Tatjana Pawlowna hatte seine Hand zur Seite gestoßen, das heißt, eigentlich mehr geschlagen, und sich zu Marja gewendet. Die hätte aber gesagt: »Lassen Sie es gut sein, gnädiges Fräulein, es ist der Mühe nicht wert, schreiben Sie es auf Rechnung, und mit dem da rechne ich schon selber ab.« – »Guck mal, Marja, was für ein langes Laster du dir engagiert hast!« hatte Tatjana Pawlowna gesagt, auf den Marineleutnant gezeigt und sich dabei schrecklich gefreut, daß Marja endlich wieder mit ihr sprach. – »Ja, der ist schon ein langes Laster, gnädiges Fräulein«, hatte Marja mit schlauem Gesicht geantwortet. »Haben Sie die Kotelettes für heute mittag mit Erbsen bestellt, ich hab' es vorhin nicht genau gehört: ich hatte solche Eile, aufs Gericht zu kommen?« – »Ach nicht doch, Marja, mit Sauerkraut; laß es aber freundlichst nicht wieder anbrennen, wie gestern.« – »Nein, heute gebe ich mir ganz besondre Mühe, gnädiges Fräulein; küss' die Hand.« Und sie hatte ihrer Herrin zum Zeichen der Versöhnung die Hand geküßt. Kurz und gut, der ganze Gerichtssaal hatte sich die Seiten gehalten. »Nein, wie die Tatjana Pawlowna auch ist!« sagte Mama kopfschüttelnd und war sehr befriedigt über diese Nachrichten und durch die Art, wie Andrej Petrowitsch sie erzählt hatte; dabei warf sie aber verstohlen einen beunruhigten Blick nach Lisa hinüber. »Eine Mamsell mit Charakter war sie von jung auf«, lachte Makar Iwanowitsch. »Galle und Mangel an Beschäftigung«, diagnostizierte der Doktor. »Bin ich die mit dem Charakter, bin ich die mit der Galle und dem Mangel an Beschäftigung?« fragte Tatjana Pawlowna, die plötzlich zu uns ins Zimmer trat und sehr zufrieden mit sich zu sein schien. »Du, mein lieber Alexander Semionowitsch, brauchst wirklich nicht solchen Unsinn zu reden; du hast mich schon gekannt, als du zehn Jahre alt warst und könntest wissen, ob ich wirklich so wenig zu tun habe, und auf die Galle hin kurierst du mich selber schon ein ganzes Jahr und kannst mich nicht gesund machen, darum würde ich an deiner Stelle nicht so viel davon reden. Na, jetzt habt ihr euch wirklich lange genug über mich aufgehalten; ich danke dir schön, Andrej Petrowitsch, daß du dir die Mühe gemacht hast, für mich aufs Gericht zu laufen. Na, wie geht es, Makaruschka, ich bin nur gekommen, um nach deinem Befinden zu fragen, durchaus nicht nach dem dieses Jünglings ...« (Sie deutete auf mich, klopfte mir aber im gleichen Augenblick freundschaftlich auf die Schulter; ich hatte sie noch nie so gut aufgelegt gesehen.) »Na, wie steht's?« sagte sie dann und wendete sich plötzlich mit besorgt gerunzelter Stirn an den Doktor. »Er will sich ja nicht zu Bett legen, und wenn er so dasitzt, erschöpft er sich nur.« »Ich sitze ja nur so ein bißchen, wenn Leute da sind«, murmelte Makar Iwanowitsch mit wie kindlich bittendem Gesichts aus druck. »Ja, das haben wir freilich gern, freilich haben wir das gern; das haben wir zu gern, die Leute um uns zu versammeln und ein bißchen zu schwatzen; ich kenn' meinen Makaruschka schon«, sagte Tatjana Pawlowna. »Hat der es eilig, ach, du lieber Gott,« lächelte der Alte wieder und wendete sich zum Doktor, »nicht mal reden willst du einen lassen; warte doch ein bißchen, laß mich aussprechen: ich leg' mich schon hin, Freundchen, aber bei unsereins sagt man: ›Wenn du dich erst mal legst, stehst du vielleicht nicht mehr auf, – siehst du nun, was da für mich noch hinterm Berge steht?‹« »Na ja, das dachte ich mir, der Bauernaberglaube: ›Leg' ich mich hin, wozu soll's gut sein? Dann steh' ich auch nicht mehr auf,‹ – ja, die Angst haben unsre Leute aus dem Volke oft genug, und darum machen sie ihre Krankheiten lieber stehenden Fußes ab, statt ins Spital zu gehen. Und Sie, Makar Iwanowitsch, haben einfach Sehnsucht, Sehnsucht nach der freien Weite, nach der breiten Landstraße – das ist Ihre ganze Krankheit; Sie sind es nicht mehr gewohnt, lange an einer Stelle zu bleiben. Sie sind ja doch ein sogenannter Pilger? Na, und die Landstreicherei wird bei unserm Volke fast zur Leidenschaft. Das habe ich bei Leuten aus dem Volke schon öfter beobachtet. Unser Volk ist in erster Linie ein Vagabundenvolk.« »Also ist der Makar nach deiner Ansicht ein Vagabund?« fiel ihm Tatjana Pawlowna ins Wort. »Oh, durchaus nicht in dem Sinne; ich habe das Wort im weitesten Sinne angewendet. Natürlich gibt es religiöse Vagabunden, gottesfürchtige Leute, aber Vagabunden sind sie deshalb doch. Vagabunden im guten, im achtbaren Sinne, aber immerhin Vagabunden ... Ich sage das von der Warte des Mediziners aus ...« »Ich kann Sie nur versichern,« wendete ich mich plötzlich an den Doktor, »daß eher Sie und ich Vagabunden sind, und wir alle, soviel wir unser hier versammelt sind, und nicht dieser alte Mann, von dem wir beide noch viel lernen könnten, denn er hat einen festen Rückhalt im Leben, wir andern aber, soviel unser da sind, haben keinen festen Rückhalt im Leben ... Übrigens, wie sollten Sie das begreifen können!« Das hatte ich entschieden in ziemlich scharfem Tone gesagt, aber das war ja auch meine Absicht gewesen, seitdem ich hier war. Eigentlich weiß ich nicht, weswegen ich so lange dasaß, wo ich doch so sinnlos aufgeregt war. »Was hast du denn schon wieder?« fragte Tatjana Pawlowna und sah mich mißtrauisch an. »Na, Makar Iwanowitsch,« fuhr sie fort und zeigte mit dem Finger auf mich, »was sagst du denn zu dem da?« »Gott segne ihn, er ist ein gescheiter Kopf«, sagte der Alte mit ernstem Gesicht, – aber bei den Worten »ein gescheiter Kopf« fing auf einmal fast die ganze Gesellschaft an zu lachen. Ich verbiß es mir mit Mühe und Not; am lautesten von allen lachte der Doktor. Recht schlimm war es, daß ich damals noch nichts von einer Verabredung wußte, die sie vorsichtshalber getroffen hatten: Wersilow, der Doktor und Tatjana Pawlowna waren vor drei Tagen übereingekommen, alles daranzusetzen, um Mama von ihren schlimmen Vorahnungen und Befürchtungen in bezug auf Makar Iwanowitsch abzulenken; sein Zustand war nämlich viel hoffnungsloser, als ich damals vermutete. Aus diesem Grunde spaßten sie auch alle so viel und gaben sich Mühe, recht oft zu lachen. Nur war der Doktor leider dumm und verstand infolgedessen natürlich nicht zu spaßen: daraus entstand später diese ganze Geschichte. Wenn ich gleichfalls von ihrer Verabredung unterrichtet gewesen wäre, hätte ich natürlich die Geschichte nicht angerührt, zu der es so kam. Lisa wußte auch nichts von der Abmachung. Ich saß da und hörte nur mit halbem Ohre zu; sie sprachen und lachten, ich aber hatte Darja Onisimowna und ihre Neuigkeiten im Kopfe und konnte nicht davon loskommen; mir war, als sähe ich sie immer noch dasitzen und mich anschauen und dann behutsam aufstehen und einen Bück ins Nebenzimmer werfen. Schließlich fingen sie alle auf einmal laut zu lachen an: Tatjana Pawlowna hatte, ich weiß nicht in welchem Zusammenhange, den Doktor einen gottlosen Menschen genannt: »Na, ihr Herren Doktoren seid ja doch alle durch die Bank gottlose Menschen! ...« »Makar Iwanowitsch!« schrie der Doktor und stellte sich auf die ungeschickteste Weise beleidigt und tat, als ob er ihn zum Richter aufrufe: »Bin ich gottlos oder nicht?« »Ob du gottlos bist? Nein, du bist nicht gottlos,« erwiderte der Alte gemessen, nachdem er ihn lange und fest angesehen hatte, »nein, Gott sei Dank!« Er schüttelte den Kopf. »Du bist ein heitrer Mensch.« »Und wer heiter ist, kann also überhaupt nicht gottlos sein?« fragte der Doktor ironisch. »Das ist in seiner Art ein Gedanke«, bemerkte Wersilow, ohne dabei aber im geringsten zu lachen. »Das ist ein starker Gedanke!« rief ich unwillkürlich, durch diese Idee überrascht. Der Doktor sah uns fragend an. »Vor diesen Gelehrten, eben vor diesen Professoren (sie hatten vorher wahrscheinlich irgend etwas von Professoren gesprochen),« begann Makar Iwanowitsch ein wenig eingeschüchtert, »vor diesen Leuten habe ich anfangs eine furchtbare Angst gehabt: ich wagte nicht mit ihnen zu sprechen, weil ich am meisten Furcht vor den Gottlosen hatte. Ich dachte bei mir: ich habe bloß eine Seele; wenn ich die verderbe, kann ich mir keine andre suchen; na, aber dann sprach ich mir gut zu: ›Sie sind ja doch keine Götter,‹ dachte ich mir, ›sondern genau so arme, niedrige Menschen wie unsereins.‹ Ja, und natürlich war auch meine Neugier groß: ›Ich kann da,‹ dachte ich mir, ›erfahren, was das eigentlich ist, die Gottlosigkeit?‹ Nur, liebe Freunde, ist mir nachher selbst diese Neugier gänzlich vergangen.« Er verstummte, hatte aber die Absicht, weiterzureden, immer mit demselben stillen, gemessenen Lächeln. Es gibt eine Einfalt, die allen und jedem vertraut ist und keinen Spott erwartet. Solche Leute sind immer beschränkt, weil sie bereit sind, das Kostbarste aus ihrem Herzen vor dem ersten besten auszubreiten, der ihnen in den Weg läuft. Aber bei Makar Iwanowitsch kam noch etwas andres dazu, und noch etwas andres trieb ihn zum Sprechen, nicht nur die Harmlosigkeit der Einfalt: ich sah aus seinen Augen den Propagandisten hervorschauen. Ich verstand mit großem Vergnügen das leise, sogar ein wenig verschlagene Lächeln, mit dem er den Doktor und vielleicht auch Wersilow ansah. Diese Unterhaltung war sichtlich eine Fortsetzung früherer Dispute, die sie in diesen Tagen gehabt hatten: aber es sollte zum Unglück dasselbe verhängnisvolle Wörtchen darin vorkommen, das mich gestern elektrisiert hatte und das mich zu einem Ausbruch verleitete, den ich noch heute bedaure. »Vor gottlosen Menschen,« fuhr der Alte gesammelt fort, »würde ich vielleicht noch heute Angst haben; nur, lieber Alexander Semionowitsch, ist die Sache die: einem Gottlosen bin ich überhaupt noch nie in meinem Leben begegnet, aber vielen Unruhigen bin ich begegnet – so benennt man sie richtiger. Es gibt allerhand Leute darunter; man stellt sich nicht vor, was alles für Leute; große und kleine, dumme und gelehrte, und sogar Leute von der einfachsten Abkunft gibt es darunter, und alle sind sie unruhig. Denn sie lesen ihr ganzes Leben lang und legen das Gelesene aus, wenn sie sich an der Süßigkeit der Bücher gesättigt haben, und dabei bleiben sie immer im Zweifel und können zu keinem Schluß kommen. Manch einer verirrt sich dabei ganz und kann sich selber nicht mehr sehen. Manch einer verhärtet sich mehr als ein Stein, aber in seinem Herzen brodeln die Träume; andre wieder werden gefühllos und leichtsinnig und suchen nur über alles ihr spöttisches Gelächter zu lachen. Manch einer sucht sich aus den Büchern nur die Blumen heraus, und das auch nur nach seinem eignen Geschmack; dabei ist er aber unruhig und weiß sich keinen Weg. Und ich sag' es noch einmal: da macht die Langeweile viel. Ein kleiner Mann leidet Not, es fehlt ihm am Brot, er weiß nicht, wie er seine Kinderchen durchbringen soll, er schläft auf hartem Stroh, aber doch ist sein Herz fröhlich und leicht; er sündigt wohl auch und führt häßliche Reden, aber dennoch ist sein Herz leicht. Aber so ein großer Herr hat zu essen und zu trinken genug, er sitzt auf einem Haufen Gold, aber in seinem Herzen bleibt immer der Gram. Manch einer hat alle Wissenschaften durchforscht – aber sein Teil bleibt der Gram. Ich denk' es mir so: je mehr Klugheit einer erwirbt, um so mehr Langeweile hat er auch. Ja, und um nur eines zu nehmen: lehren tun sie, solange die Welt steht, aber was haben sie uns denn Gutes gelehrt, daß davon die Welt zur schönsten und fröhlichsten und aller Freuden vollen Wohnung geworden wäre? Und noch eins sag' ich: sie haben die Vornehmheit nicht, und sie wollen sie nicht einmal haben; und wenn sie alle zugrunde gehen, jeder lobt die Art, auf die er zugrunde geht; sich aber an die einzige Wahrheit zu wenden, daran denkt er nicht; aber ein Leben ohne Gott ist eine einzige Qual. Und so kommt es, daß wir das verfluchen, wovon wir erleuchtet werden, und wissen es selber nicht einmal. Ja, und was hat es auch für einen Sinn: es kann keinen Menschen geben, der sich nicht vor etwas beugte; solch ein Mensch könnte sich selber nicht ertragen, und kein Mensch könnte das. Und wenn einer sich von Gott wendet, so betet er einen Götzen an, – mag er nun von Holz sein oder von Gold, oder mag er ein Gedanke sein. Götzendiener sind das alles, nicht aber Gottlose, so muß man sie nennen. – Aber sollte es denn keine Gottlosen geben? Es gibt Leute, die geradezu gottlos sind, nur sind sie viel gefährlicher als jene, weil sie mit dem Namen Gottes auf den Lippen daherkommen. Ich habe öfters von solchen Leuten gehört, aber begegnet bin ich noch nie einem. Liebe Freunde, es gibt schon solche Leute, und ich denke mir, es muß sie auch geben.« »Es gibt welche, Makar Iwanowitsch,« bekräftigte plötzlich Wersilow, »es gibt solche Leute und es muß sie auch geben'.« »Sicherlich gibt es sie und ›muß es sie geben!‹« entriß es sich mir unaufhaltsam und erregt, ich weiß nicht, warum: aber mich hatte Wersilows Ton mitgerissen, und irgendein Gedanke fesselte mich, den das Wort »es muß sie auch geben« erweckt hatte. Dieses Gespräch war mir ganz unerwartet gekommen. Aber in diesem Augenblick geschah etwas gleichfalls ganz Unerwartetes.   4 Es war ein selten klarer Tag; der Vorhang in Makar Iwanowitschs Zimmer war auf Anordnung des Doktors gewöhnlich den ganzen Tag nicht aufgezogen worden; jetzt aber befand sich an dem Fenster kein Vorhang mehr, sondern nur eine kurze Gardine, die den obersten Teil des Fensters frei ließ; diese Änderung war deshalb vorgenommen worden, weil es den Alten bedrückt hatte, daß ihn der Vorhang früher die Sonne überhaupt nicht hatte sehen lassen. Und wie wir nun so dasaßen, kam auf einmal der Augenblick, wo plötzlich der Sonnenschein Makar Iwanowitsch direkt ins Gesicht fiel. Er hatte das im Eifer des Gespräches anfangs gar nicht beachtet, dann aber, während er sprach, den Kopf ein paarmal mechanisch zur Seite geneigt, weil das grelle Licht seine kranken Augen sehr reizte und angriff. Mama, die neben ihm stand, hatte schon ein paarmal unruhig nach dem Fenster geblickt; man hätte das Fenster einfach ganz verhängen sollen, aber, um das Gespräch nicht zu stören, wollte sie versuchen, die Fußbank, auf der Makar Iwanowitsch saß, ein bißchen nach rechts herüberzuziehen: man brauchte sie nur eine oder höchstens zwei Spannen weiter zu rücken. Sie hatte sich schon ein paarmal gebückt und an die Fußbank gegriffen, hatte sie aber nicht bewegen können; die Bank mit Makar Iwanowitsch darauf rührte sich nicht. Makar Iwanowitsch hatte ihre Bemühungen gespürt und ein paarmal unbewußt versucht, sich zu erheben, aber seine Beine gehorchten ihm nicht. Mama plagte sich aber doch immer weiter und zog daran; und da schließlich machte das alles Lisa furchtbar böse. Ich hatte ein paar funkelnde, zornige Blicke von ihr aufgefangen, hatte aber im ersten Augenblick nicht gewußt, worauf ich sie beziehen solle, und zudem war ich von dem Gespräche sehr in Anspruch genommen. Da auf einmal höre ich, wie sie mit scharfer Stimme Makar Iwanowitsch beinah anschreit: »Ja, erheben Sie sich doch wenigstens ein bißchen: Sie sehen doch, wie Mama sich anstrengt!« Der Alte warf einen schnellen Blick auf sie, verstand sofort, was sie wollte, und versuchte sich hastig zu erheben; es wurde aber nichts daraus: er kam vielleicht eine Spanne hoch und fiel wieder auf die Bank zurück. »Ich kann nicht, Liebe«, antwortete er Lisa gleichsam klagend und sah sie mit einer eignen, ergebnen Demut an. »Lisa!« schrie nun Tatjana Pawlowna. Makar Iwanowitsch machte mit der größten Kraftanstrengung noch einen Versuch. »Nehmen Sie Ihren Krückstock, neben Ihnen liegt er, mit dem Krückstock kommen Sie schon hoch!« sagte Lisa noch einmal hart. »Das ist auch wahr«, sagte der Alte und griff sogleich hastig nach dem Stocke. »Man muß ihm einfach aufhelfen«, sagte Wersilow und erhob sich; auch der Doktor und Tatjana Pawlowna sprangen auf, aber sie hatten ihm noch nicht beispringen können, als sich Makar Iwanowitsch, der sich aus aller Kraft auf den Stock gestützt hatte, auf einmal erhob und in freudigem Triumphe dastand und um sich blickte: »Also, nun bin ich doch aufgestanden!« sagte er beinahe stolz und lachte vergnügt. »Ich danke dir auch schön, Liebe; du hast mich zu Verstand gebracht; und ich dachte schon, die lieben Füße gehorchten mir gar nicht mehr ...« Aber er blieb nicht lange stehen, er hatte noch nicht ausgesprochen, als plötzlich der Krückstock, auf den er sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers lehnte, auf dem Teppich ausrutschte; und da die »lieben Füße« ihn so gut wie gar nicht unterstützten, stürzte er von seiner ganzen Höhe zu Boden. Das war fast grausig anzusehen, weiß ich noch. Alle schrien auf und stürzten hinzu, um ihn aufzuheben, aber er hatte sich Gott sei Dank nichts getan; er war nur schwer und laut auf beide Knie gestürzt, hatte aber doch vermocht, die rechte Hand vor sich auf den Boden zu stemmen und sich so zu halten. Er wurde aufgehoben und aufs Bett gesetzt. Er war sehr bleich, nicht vor Schrecken, sondern von der Erschütterung. (Der Doktor hatte bei ihm außer allem andern auch ein Herzleiden konstatiert.) Mama war vor Schrecken außer sich. Und auf einmal wendete sich Makar Iwanowitsch, immer noch ganz bleich, mit zitternden Gliedern und gleichsam noch nicht wieder ganz bei Bewußtsein, zu Lisa und sagte mit fast zärtlicher stiller Stimme zu ihr: »Nein, Liebe, die lieben Füße tragen mich wahrhaftig nicht mehr!« Ich kann nicht beschreiben, was für einen Eindruck das auf mich machte. Die Sache war die, daß bei diesen Worten des armen Alten nicht die Spur einer Klage oder eines Vorwurfes mitklang; ganz im Gegenteil: man merkte deutlich, daß er von Anfang an wirklich nicht das geringste Bösartige in Lisas Worten gefunden hatte, sondern es statt dessen für ganz gerecht gehalten hatte, daß sie ihn anschrie, das heißt, er fand, diese Zurückweisung hätte er für sein Verschulden reichlich verdient. Das alles wirkte auf Lisa sehr heftig. Als er gestürzt war, war sie wie alle andern aufgesprungen und hatte leichenblaß dagestanden und selbstverständlich Schmerz empfunden, weil sie die Veranlassung zu dem allen war; als sie aber diese Worte hörte, wurde sie plötzlich, fast momentan, glühend rot vor Scham und Reue. »Jetzt ist's genug!« kommandierte auf einmal Tatjana Pawlowna. »Das kommt nur von dem ewigen Geschwätz! Es ist Zeit, auseinanderzugehen; wozu soll das führen, wenn der Doktor selber mit dem Geschwätz anfängt!« »Freilich«, stimmte Alexander Semionowitsch ihr zu, der sich um den Kranken zu schaffen machte. »Das war nicht recht von mir, Tatjana Pawlowna, er braucht Ruhe!« Aber Tatjana Pawlowna hörte nicht auf ihn: sie musterte Lisa wohl eine halbe Minute lang schweigend und verbissen. »Komm her, Lisa, und gib mir einen Kuß, wenn du Lust hast; ich altes, dummes Frauenzimmer!« sagte sie dann unvermittelt. Und sie küßte sie, ich weiß nicht weswegen, aber eben das war es, was sich gehörte; ich wäre am liebsten selber auf Tatjana Pawlowna zugestürzt und hätte ihr einen Kuß gegeben. Es war jetzt nicht am Platze, Lisa durch Vorwürfe nur noch tiefer niederzudrücken, sondern es war viel richtiger, das neue, schöne Gefühl, das jetzt sicherlich in ihr geboren wurde, mit Freude zu begrüßen und sie zu beglückwünschen. Aber statt mich allen diesen Gefühlen hinzugeben, sprang ich plötzlich auf und rief, jedes Wort hart betonend: »Makar Iwanowitsch, Sie haben heute wieder das Wort ›Vornehmheit‹ gebraucht, und ich habe mich gerade gestern und alle die Tage mit diesem Worte abgequält ... und habe mich überhaupt mein Leben lang damit gequält, ich wußte früher nur nicht, daß es das war. Und dieses Zusammentreffen der gleichen Worte halte ich für einen Wink des Schicksals, fast für ein Wunder ... Ich erkläre hier in Ihrer Gegenwart...« Aber die anderen taten mir sofort Einhalt. Ich wiederhole es: ich wußte nichts von ihrer Abrede wegen Mama und Makar Iwanowitsch; und sie hielten mich, nach früheren Erfahrungen, natürlich zu jedem Skandal in der Art für fähig. »Hinaus mit ihm, hinaus!« schrie Tatjana Pawlowna wie ein wildes Tier. Mama zitterte vor Angst. Makar Iwanowitsch sah, daß alle erschraken und erschrak selber auch. »Arkadij, laß das!« rief Wersilow strenge. »Mir, meine Herrschaften,« schrie ich noch lauter, »mir erscheint es einfach scheußlich, wenn ich Sie alle neben diesem reinen Kinde ansehe« (ich deutete auf Makar). »Nur eine Heilige sehe ich – das ist Mama, aber selbst sie ...« »Sie regen ihn auf!« sagte der Doktor eindringlich. »Ich weiß, daß die ganze Welt wider mich ist«, stotterte ich (oder etwas Ähnliches), aber blickte noch einmal rundum und sah dann Wersilow herausfordernd an. »Arkadij!« schrie er noch einmal, »genau so eine Szene hat hier schon einmal stattgefunden. Ich beschwöre dich, nimm dich zusammen!« Ich kann nicht beschreiben, mit was für einem tiefen Gefühl er das sagte. Eine außerordentliche, aufrichtige, tiefe Traurigkeit sprach aus seinem Gesicht. Das Erstaunlichste war, daß er schuldbewußt dreinschaute: ich war der Richter, und er der Verbrecher. Das alles machte mich vollends toll. »Ja,« schrie ich zurück, »genau so eine Szene hat schon einmal stattgefunden, als ich Herrn Wersilow begrub und ihn aus meinem Herzen riß ... Aber später ist darauf eine Auferstehung von den Toten gefolgt, jetzt aber ... jetzt folgt kein Morgen mehr darauf! Aber ... aber ihr alle hier werdet noch sehen, wozu ich imstande bin: ihr laßt euch nicht träumen, was ich euch noch beweisen werde!« Als ich das gesagt hatte, stürzte ich in mein Zimmer. Wersilow eilte mir nach ...   5 Ich bekam einen Rückfall; das Fieber brach mit größter Gewalt aus, und in der Nacht phantasierte ich. Es war aber nicht alles bloß Delirium: es waren unzählige Träume, ein ganzer Zug von Träumen, Träume ohne Maßen; und davon ist ein Traum oder das Bruchstück eines Traumes mir auf Lebenszeit im Gedächtnis geblieben. Ich erzähle ihn ohne ein Wort der Erläuterung; er war prophetisch, und ich kann ihn nicht auslassen. Ich befand mich plötzlich, mit irgendeinem großen und stolzen Plan im Herzen, in einem großen, hohen Zimmer; es war aber nicht bei Tatjana Pawlowna: ich erinnre mich jenes Zimmers sehr deutlich; das sage ich hier vorgreifend. Und ob ich gleich allein bin, fühle ich die ganze Zeit, mit Unruhe und Qual, daß jemand auf mich wartet, und daß man etwas von mir erwartet. Irgendwo hinter der Tür sitzen Leute und warten auf das, was ich tun werde. Ein unerträgliches Gefühl: »Oh, wäre ich doch allein!« Und auf einmal tritt sie herein. Sie schaut schüchtern drein, sie fürchtet sich entsetzlich, sie sucht meinen Blick. In meiner Hand halte ich das Dokument . Sie lächelt, um mich einzufangen, sie will mich durch Schmeichelei gewinnen; mir tut sie leid, aber ich beginne Ekel zu empfinden. Plötzlich bedeckt sie ihr Gesicht mit beiden Händen. Ich schleudre das »Dokument« mit unsäglicher Verachtung auf den Tisch: »Bitten Sie mich nicht! Da! Ich will von Ihnen gar nichts! Ich räche mich für allen Schimpf, der mir angetan ist, durch Verachtung!« Ich verlasse das Zimmer und verschlucke mich fast vor maßlosem Stolz. Aber an der Tür, im Dunkeln, faßt mich Lambert! »Esel, Esel!« wispert er mir mit der höchsten Eindringlichkeit zu und hält mich an der Hand fest, »sie kann einfach auf der Wasilij-Insel ein adliges Fräuleininstitut aufmachen.« (NB. das sollte heißen, daß sie das zu ihrem Unterhalt nötig hätte, wenn ihr Vater durch mich von dem Dokument erführe und sie enterbte und aus dem Hause jagte. Ich schreibe die Worte Lamberts buchstäblich nieder, wie ich sie geträumt habe.) »Arkadij Makarowitsch sucht die ›Vornehmheit‹«, höre ich Anna Andrej etwas stille Stimme irgendwo in der Nähe, im Treppenhause, wo wir uns befinden; es liegt aber keine Anerkennung, sondern ein unerträglicher Hohn in ihren Worten. Ich gehe mit Lambert wieder ins Zimmer zurück. Aber als sie Lambert erblickt, fängt sie auf einmal an zu lachen. Mein erster Eindruck ist ein furchtbarer Schreck, ein Schreck, so stark, daß ich stehenbleibe und mich ihr nicht nähern will. Ich sehe sie an und will's nicht glauben; es ist, als hätte sie auf einmal eine Maske von ihrem Gesicht fallen lassen: es sind dieselben Züge, aber es ist, als hätte sich jeder kleinere Zug. zu maßloser Gemeinheit verzerrt. »Den Kaufpreis, Gnädigste, den Kaufpreis!« schreit Lambert, und beide lachen sie noch toller, und mein Herz erstarrt: »O Gott, ist dies schamlose Weib wirklich dieselbe, die mit einem einzigen Blick mein Herz in edeln Gefühlen aufwallen lassen konnte?« »Siehst du, wozu sie fähig sind, diese stolzen Seelen, in ihren hohen Kreisen, für Geld!« ruft Lambert. Aber nicht einmal das bringt dieses schamlose Weib in Verwirrung; sie lacht eben darüber, daß ich so erschrocken bin. Oh, sie ist bereit, den Kaufpreis zu zahlen, ich sehe es wohl und ... und was geschieht denn mit mir? Ich fühle weder Mitleid mehr, noch Ekel; ich zittre wie noch nie in meinem Leben ... Ein neues, unbeschreibliches Gefühl bemächtigt sich meiner, wie ich es noch nie gekannt habe, und stark ist es wie die ganze Welt ... Oh, ich wäre um keinen Preis imstande, jetzt hinauszugehen! Oh, wie gut es mir gefällt, daß das alles so schamlos ist! Ich ergreife ihre Hände, die Berührung ihrer Hände erschüttert mich qualvoll, und ich nähere meine Lippen ihren schamlosen, roten Lippen, die vor Lachen zittern und mich rufen ... Oh, fort mit dieser niedrigen Erinnerung! Verfluchter Traum! Ich kann darauf schwören, daß vor diesem schmutzigen Traume in meinem Geiste nichts gelebt hat, was diesem schändlichen Gedanken auch nur ähnlich gesehen hätte. Nicht einmal irgendein unwillkürlicher Traumgedanke von der Art war je in mir wach geworden (obschon ich das »Dokument« wohleingenäht in der Tasche trug und manchmal mit einem sonderbaren Lächeln nach dieser Tasche fühlte). Woher entsprang also dies alles so auf einmal ganz und fertig? Das kam daher, weil eine Spinnenseele in mir lebte! Ich meine: das alles war schon längst geboren und kauerte in meinem verderbten Herzen, in meinem Wunsche lag es, aber bei Licht schämte sich mein Herz noch davor, und mein Verstand wagte noch nicht, sich etwas Derartiges bewußt vorzustellen. Aber im Traume stellte meine Seele aus sich selber heraus alles vor meine Augen, zeigte mir alles, was in meinem Herzen lebte, ganz genau und in einem abgerundeten Bilde und in prophetischer Form. Und war es nicht am Ende das gewesen, was ich ihnen beweisen wollte, als ich am Vormittag Makar Iwanowitschs Zimmer in solcher Hast verlassen hatte? Aber genug davon: erst an seiner Stelle mehr davon! Dieser Traum, den ich damals hatte, ist eins der merkwürdigsten Ereignisse meines Lebens. Drittes Kapitel   1 Nach drei Tagen stand ich in der Frühe aus dem Bette auf und fühlte, als ich auf den Füßen war, plötzlich, daß ich mich nicht mehr hinlegen würde. Ich empfand mit Macht, daß die Genesung nahe war. Es wäre vielleicht nicht der Mühe wert, alle diese kleinen Einzelheiten aufzuzeichnen, aber mit diesem Morgen begannen ein paar Tage, an denen sich zwar nichts Besonderes ereignete, die mir aber alle als etwas Tröstliches, Ruhiges im Gedächtnis geblieben sind; und das ist eine Seltenheit in meinen Erinnerungen. Meinen Seelenzustand will ich fürs erste nicht formulieren; wenn der Leser erführe, wie er war, würde er es sicherlich nicht glauben. Das wird sich nachher alles besser aus den Tatsachen erklären. Und fürs erste will ich nur das eine sagen: der Leser soll die Spinnenseele nicht vergessen. Und die beherbergte der Mensch, der sich von ihnen allen und der ganzen Welt im Namen der »Vornehmheit« zurückziehen wollte! Der Durst nach Vornehmheit lebte natürlich im höchsten Grade in mir, und das ist ja ganz selbstverständlich, aber wie er es fertigbrachte, mit Gott weiß was für andern »Dürsten« in mir zusammen zu hausen – das bleibt ein Rätsel für mich. Und das ist mir auch immer ein Rätsel gewesen, und ich habe mich tausendmal über diese Fähigkeit des Menschen (und, ich glaube, des Russen im besondern) gewundert, daß er in seinem Herzen das höchste Ideal neben der tiefsten Gemeinheit zu hegen vermag, und das alles bei vollkommenster Ehrlichkeit. Ist dies nun eine besondre Vorurteilslosigkeit bei den Russen, die sie zu Hohem berufen erscheinen läßt, oder ist es nur ganz gewöhnliche Gemeinheit – das ist die Frage! Aber genug davon! So oder so, jedenfalls trat eine Windstille ein. Ich hatte einfach eingesehen, daß ich um jeden Preis gesund werden müßte, und zwar so bald wie möglich, um so bald wie möglich handeln zu können, und deshalb beschloß ich, hygienisch und nach den Anordnungen des Doktors zu leben (mochte der sein, wer er wollte); und meine stürmischen Pläne verschob ich mit außerordentlicher Vernünftigkeit (einer Frucht jener Vorurteilslosigkeit) auf den Tag, wo ich zum erstenmal ausgehen würde, das heißt, auf meine Genesung. Auf welche Weise es meine friedlichen Eindrücke und Freuden vermochten, in dieser Windstille mit den qualvoll süßen, erregten Schlägen meines Herzens zusammen zu hausen, die von dem Vorgefühl meiner stürmischen Pläne geweckt wurden – das weiß ich nicht, ich schreibe das aber auch wieder der »Vorurteilslosigkeit« zu. Aber die Unruhe, die ich früher und noch vor kurzem empfunden hatte, war von mir gewichen; ich hatte alles auf einen gewissen Zeitpunkt verschoben, ich zitterte nicht mehr vor dem, was kommen mußte, wie noch vor kurzem, sondern hatte das Gefühl eines reichen Mannes, der seiner Mittel und seiner Kraft sicher ist. Meine Anmaßung und die herausfordernde Sicherheit gegenüber dem Schicksal, das mir bevorstand, wurde größer und größer, und ich denke mir: das kam teilweise schon von der wirklichen Genesung und den schnell wiederkehrenden Lebenskräften. Und eben dieser wenigen Tage der endgültigen und wirklichen Genesung gedenke ich heute noch mit großem Genusse. Oh, sie hatten mir alles verziehen, ich meine, meinen Ausfall; und das hatten dieselben Leute getan, deren Anblick ich ihnen ins Gesicht für eine Scheußlichkeit erklärt hatte! Das liebe ich an den Menschen, das nenne ich den Verstand des Herzens; jedenfalls zog mich das gleich wieder zu ihnen hin, natürlich nur bis zu einem gewissen Grade. Wersilow und ich zum Beispiel sprachen auch weiterhin miteinander, als wären wir die intimsten Bekannten, aber nur bis zu einer gewissen Grenze: sobald die Mitteilsamkeit zu groß werden wollte (und sie wollte das manchmal), verschlossen wir uns alle beide sogleich wieder, als wenn wir uns ein klein wenig vor irgend etwas schämten. Es gibt Fälle, wo der Sieger sich vor dem Besiegten schämen muß , und eben deshalb, weil er die Oberhand behalten hat. Der Sieger war offenbar – ich; und ich schämte mich auch. An jenem Morgen, als ich nach meinem Rückfall aus dem Bette aufstand, kam er zu mir herein, und da erfuhr ich aus seinem Munde zum erstenmal von der erwähnten Verabredung, die sie alle wegen Mama und Makar Iwanowitsch getroffen hatten; dabei sagte er mir auch, daß der Alte sich zwar wohler fühlte, daß der Doktor aber für nichts garantieren könne. Ich versprach ihm auch für mein Teil aus vollem Herzen, mich künftighin einer größeren Vorsicht zu befleißigen. Und als Wersilow mir damals das alles mitteilte, bemerkte ich ganz plötzlich zum erstenmal, daß auch er selber sich sehr aufrichtig für diesen alten Mann interessierte, ich meine, viel lebhafter, als man es bei einem Menschen von seiner Art hätte erwarten können. Ich merkte, daß er ihn als ein Wesen ansah, das auch ihm selber aus irgendeinem Grunde besonders teuer war, und nicht nur Mamas wegen. Mich interessierte das sogleich, ja, es setzte mich beinahe in Erstaunen, und ich bekenne offen: wenn Wersilow nicht gewesen wäre, ich hätte so mancher Eigenschaft dieses alten Mannes keine Aufmerksamkeit geschenkt oder sie nicht nach Gebühr gewürdigt. Und doch ist der Alte eine der dauerhaftesten und originellsten Erinnerungen meines Herzens geblieben. Wersilow hatte eine gewisse Angst wegen meines Verkehrs mit Makar Iwanowitsch, das heißt also: er traute weder meinem Verstände noch meinem Taktgefühl besonders viel zu; und deshalb war er nachher sehr befriedigt, als er sah, daß auch ich manchmal imstande bin, zu begreifen, wie man sich gegenüber einem Menschen von ganz andern Begriffen und Anschauungen benehmen muß, kurz und gut, daß auch ich, wo es not tut, nachgiebig und vorurteilsfrei sein kann. Ich bekenne außerdem (und ich glaube mich dadurch nicht herunterzusetzen), daß ich in diesem Mann aus dem Volke in bezug auf manche Gefühle und Anschauungen etwas für mich ganz Neues entdeckt habe, etwas, was ich noch nicht gekannt hatte, etwas viel Klareres und Tröstlicheres, als meine eignen früheren Anschauungen über diese Dinge. Nichtsdestoweniger wäre es unmöglich gewesen, nicht manchmal außer sich zu geraten über manche reine Vorurteile bei ihm, an die er mit der empörendsten Ruhe und Sicherheit glaubte. Aber daran war natürlich bloß seine Unbildung schuld; sein Verstand war recht gut organisiert, so gut sogar, daß ich noch nie bei einem Menschen einen besser organisierten getroffen habe.   2 Wie ich schon weiter oben bemerkt habe, war das anziehendste an ihm seine außerordentliche Offenherzigkeit und das vollkommne Fehlen jeder Eigenliebe; dahinter verspürte man ein Herz, das fast frei war von jeder Sünde. Er hatte die »Fröhlichkeit« des Herzens und deshalb auch die wahre Vornehmheit. Das Wort »Fröhlichkeit« liebte er sehr und wendete es häufig an. Allerdings überkam ihn manchmal eine Art krankhafte Verzücktheit, eine gewisse krankhafte Rührung, – zum Teil, glaube ich, auch infolge des Fiebers, das ihn, genau genommen, diese ganze Zeit nicht verließ; jedoch für die Vornehmheit war das kein Hindernis. Es waren aber auch Kontraste in ihm: neben einer erstaunlichen Einfalt, die manchmal die Ironie in den Worten eines andern durchaus nicht bemerken wollte (oft zu meinem Ärger), – neben dieser Einfalt zeigte er oft eine gewisse pfiffige Feinheit, die am häufigsten bei den polemischen Scharmützeln zutage trat. Und er war ein großer Freund von Polemiken, führte sie aber oft nur zu sehr auf seine eigne, besondre Art. Man merkte, daß er weit in Rußland herumgekommen war, daß er viel gehört hatte, aber, ich sage es noch einmal, am meisten liebte er die Rührung und daher auch alles, was zu ihr hinführte, und liebte es daher auch, selber rührsame Geschichten zu erzählen. Überhaupt liebte er es sehr, zu erzählen. Ich habe ihn viel erzählen hören, von seinen eignen Pilgerfahrten, und auch allerhand Legenden aus dem Leben der frühesten »Glaubensstreiter«. Ich weiß hierin nicht Bescheid, aber ich denke mir, er wird bei diesen Legenden viel aus eignem hinzugetan haben; kannte er sie doch größtenteils nur aus der mündlichen Wiedergabe einfacher Leute. Manche Dinge, die er erzählte, konnte man einfach nicht ruhig hinnehmen. Aber neben augenscheinlichen Verdrehungen oder aufgelegten Lügengeschichten tauchte immer wieder ein erstaunliches Rundes und Ganzes auf, das erfüllt war von volkstümlichem Gefühl und immer rührend war ... Mir ist zum Beispiel von diesen Geschichten eine lange Geschichte im Gedächtnis geblieben – das »Leben Mariä in Ägyptenland«. Von dieser Legende, wie von fast allen ähnlichen Legenden, hatte ich bis dahin keine Ahnung gehabt. Ich sage es geradeheraus: man konnte das kaum ohne Tränen hören, und die Tränen kamen einem nicht vor Rührung, sondern aus einer Art seltsamer Begeisterung: man glaubte etwas Ungeheures, Glühendes vor sich zu sehen, eine versengte Sandwüste, bevölkert mit Löwen, in der die Heilige umherirrte. Übrigens war es nicht das, wovon ich sprechen wollte, und ich bin auch nicht kompetent dafür. Außer dieser Rührung gefielen mir an ihm besonders allerlei manchmal außerordentlich originelle Ansichten über durchaus strittige Fragen aus dem Leben der Gegenwart. So zum Beispiel erzählte er einmal eine kürzlich erst passierte Geschichte von einem zur Reserve entlassenen Soldaten; er selber war beinahe Augenzeuge dieser Geschichte gewesen. Es war also ein Soldat nach beendeter Dienstzeit in die Heimat zurückgekehrt, und das Leben unter den Bauern hatte ihm nicht mehr gefallen wollen, und er selber wieder hatte den Bauern nicht gefallen. Der Mann kam vom rechten Wege ab, er fing an zu trinken und machte irgendwo einen Raubanfall auf jemand; sichre Beweise dafür waren nicht vorhanden, aber er wurde trotzdem festgenommen und vor Gericht gestellt. Vor Gericht war es seinem Advokaten schon beinahe gelungen, ihn frei zu bringen – es ließ sich eben gar nichts beweisen –, als der Soldat, der immer erstaunter zugehört hatte, plötzlich aufstand und seinen Anwalt unterbrach: »Nein, hör' jetzt auf mit deiner Rede«; und nun erzählte er alles, bis zum »letzten Stäubchen«; er bekannte alles, mit Tränen und Reue. Die Geschwornen zogen sich zur Beratung zurück, und dann auf einmal kommen sie wieder und verkünden: »Nein, er ist unschuldig.« Alle schreien auf und freuen sich, aber der Soldat bleibt stehen, wie er steht, und rührt sich nicht vom Fleck, als wäre er zur Salzsäule geworden und versteht kein Wort davon; er verstand auch kein Wort von der Ermahnung, die der Vorsitzende ihm mitgab, als er ihn wieder in die Freiheit entließ. Der Soldat ging in die Freiheit hinaus und wollte es sich selber nicht glauben. Er verfiel in Schwermut und Grübelei, aß nicht, trank nicht, sprach mit keinem Menschen, und am fünften Tage ging er hin und erhenkte sich. »So ist das, wenn man mit einer Sünde auf dem Gewissen leben muß!« schloß Makar Iwanowitsch. Diese Geschichte ist ja natürlich albern, und von der Art findet man heute übergenug in allen Zeitungen, aber mir gefiel dabei sein Ton, und vor allen Dingen gewisse feine Worte, die sicherlich einen neuen Gedanken bargen. Als er zum Beispiel davon sprach, wie der Soldat bei seiner Heimkehr ins Dorf den Bauern nicht mehr gefallen hatte, drückte sich Makar Iwanowitsch so aus: »Man weiß ja, was ein Soldat ist: ein Soldat ist ein verdorbener Bauer .« Und als er nachher von dem Anwalt sprach, der den Prozeß beinahe gewonnen hätte, sagte er wieder: »Man weiß ja, was ein Advokat ist: ein Advokat ist ein gemietetes Gewissen .« Diese beiden Ausdrücke brachte er ganz mühelos hervor und ohne selbst irgend etwas daran zu finden; und dabei lag doch in diesen beiden Ausdrücken eine ganz eigenartige Anschauung der beiden Gegenstände, die ja sicherlich wohl nicht die des gesamten Volkes, dafür aber jedenfalls Makar Iwanowitschs eigne, nirgend entlehnte Anschauung war! Diese volkstümlichen Anschauungen über manche Themen sind zuweilen wirklich wunderbar in ihrer Originalität. »Und, Makar Iwanowitsch,« fragte ich ihn bei derselben Gelegenheit, »wie denken Sie über die Sünde des Selbstmordes?« »Der Selbstmord ist die größte menschliche Sünde,« erwiderte er mit einem tiefen Seufzer, »aber Richter darüber ist der Herr allein, weil ihm allein alles bekannt ist, jegliches Ziel und jegliches Maß. Wir aber müssen natürlich für solch einen Sünder beten. Jedesmal, wenn du von so einer Sünde hörst, bete vor dem Schlafengehen innig für diesen Sünder; und wenn du auch nur einen Seufzer um ihn zu Gott emporschickst, selbst wenn du ihn überhaupt nicht gekannt hast, – um so wirksamer wird dein Gebet für ihn sein.« »Aber kann ihm mein Gebet denn helfen, wenn er doch schon gerichtet ist?« »Woher weißt du das? Viele Leute, ach, unzählige, sind ungläubig und führen dadurch unwissende Leute in die Irre; du aber höre nicht auf sie, denn sie wissen selber nicht, was sie denken. Das Gebet eines lebenden Menschen für einen Gerichteten ist in Wahrheit wirksam. Also, wie mag es dem ergehen, der niemand hat, der für ihn betet? Darum, wenn du vor dem Schlafengehen betest, so füge zum Schlüsse die Worte hinzu: Erbarme dich, Herr Jesus, auch aller derer, die niemand haben, der für sie betet!' Sehr wirksam ist dieses Gebet und gottgefällig. Und auch für alle Sünder bete, die noch leben: ›Herr Gott, wäge ihnen du selber ihr Schicksal zu und errette alle Unbußfertigen‹, – auch das ist ein gutes Gebet.« Ich versprach ihm, daß ich so beten wolle, denn ich fühlte, daß ich ihm mit diesem Versprechen eine unendliche Freude machen würde. Und wirklich erstrahlte sein ganzes Gesicht vor Freude; aber ich will gleich hinzusetzen, daß er mich bei solchen Gelegenheiten niemals von oben herab behandelte, ich meine, nicht wie ein alter Mann mit einem beliebigen Halbwüchsling spricht; im Gegenteil, er hörte auch mir gern und häufig zu, sogar mit großer Aufmerksamkeit, wenn ich über allerlei Themen sprach, wenn ich auch nur ein »junger Mensch« war, wie er sich auszudrücken pflegte; er begriff eben sehr wohl, daß dieser »junge Mensch« an Bildung hoch über ihm stand. Er liebte es zum Beispiel, sehr häufig über das Einsiedlerleben zu sprechen und stellte den »Einsiedler« weit höher als den »Pilger«. Ich widersprach ihm heftig, indem ich auf den Egoismus dieser Leute hinwies, die die Welt verließen und allen Nutzen, den sie der Menschheit leisten könnten, für nichts achteten, und das alles nur um der egoistischen Idee der Rettung ihrer eignen Seele willen. Er verstand mich anfangs nicht und vermutete sogar, ich hätte überhaupt nicht begriffen, was er meine; dabei verteidigte er die Einsiedler lebhaft: »Anfangs ist einem natürlich traurig zumute (das heißt, wenn einer Einsiedler wird), dann aber wird deine Freude mit jedem Tage größer, und schließlich wirst du Gott schauen.« – Daraufhin entwarf ich ihm ein ganzes Bild von der nützlichen Tätigkeit des Gelehrten, des Mediziners, oder überhaupt jedes Menschenfreundes in der Welt, und versetzte ihn dadurch in aufrichtige Begeisterung, weil ich selber eben auch mit Feuer sprach. Er stimmte mir in einem fort zu: »Jawohl, lieber Freund, ganz richtig, Gott segne dich, du hast wahre Gedanken«; aber als ich zu Ende war, erklärte er sich dennoch nicht ganz einverstanden mit mir: »Ja, so ist es wohl,« sagte er mit einem tiefen Seufzer, »aber gibt es viele, die standhalten und nicht vom rechten Wege gelockt werden? Das Geld ist zwar kein Gott, aber doch immerhin ein Halbgott – das ist eine große Versuchung; und dann ist da das weibliche Geschlecht, und da ist der Zweifel und der Neid. Siehst du, das Große vergessen sie und werfen sich auf das Kleine. Gibt es das bei einem Einsiedler? Nein, als Einsiedler wird ein Mensch vielmehr stark zu jeder Tat. Lieber Freund! Und was hat man in der Welt?« rief er mit begeistertem Gefühl, »ist es denn nicht nur ein Traum? ›Nimm ein Sandkorn und säe es auf einen Stein,‹ sagt man bei uns, ›wenn gelber Sand auf dem Steine aufgeht, dann wird sich dein Traum in der Welt erfüllen‹. Genau so heißt es bei Christus: ›Gehe hin und verteile deine Habe und werde jedermanns Knecht.‹ Und ob deine Habe sich unzählige Male vermehre: nicht durch Speise, nicht durch kostbare Kleider, nicht durch Stolz und Neid wirst du glücklich, sondern dadurch, daß deine Liebe sich unzählige Male vermehrt. Nicht kleinlichen Reichtum verdienst du dir, nicht hunderttausend, nicht eine Million, sondern die ganze Welt! Jetzt sammeln wir, ohne Sättigung zu finden, und verschwenden mit Unverstand, dann aber wird es keine Waisen mehr geben und keine Bettler, weil alle mein sein werden, alle verwandt mit mir, alle werde ich mir verdient haben, alle bis zum letzten erkauft haben! Heutzutage geschieht es nicht selten, daß auch der Reichste und Vornehmste gleichgültig ist gegen die Zahl seiner Tage und selbst nicht mehr weiß, welches Vergnügen er sich ausdenken soll; dann aber werden sich deine Tage und Stunden förmlich tausendfach vermehren, dieweil du nicht eine kleine Minute wirst verlieren wollen und jede in der Fröhlichkeit deines Herzens empfinden wirst. Dann wirst du auch die höchste Weisheit nicht bloß aus den Büchern allein gewinnen, sondern du wirst mit Gott selber reden von Angesicht zu Angesicht; und leuchten wird die Erde heller als die Sonne, und wird kein Traum sein und kein Seufzen, sondern überall nur ein herrliches Paradies ...« Und ebensolche begeisterten Ausbrüche liebte, glaube ich, Wersilow ganz besonders. Bei diesem war er gerade auch im Zimmer anwesend. »Makar Iwanowitsch,« fiel ich ihm plötzlich ins Wort, selber ganz maßlos hingerissen (oh, ich gedenke jenes Abends), »Sie predigen also den Kommunismus, den vollkommensten Kommunismus!« Und da er nicht das geringste von der kommunistischen Lehre wußte und selbst das Wort Kommunismus zum erstenmal hörte, begann ich, ihm auf der Stelle alles mitzuteilen, was ich über dieses Thema wußte. Ich muß gestehen, ich wußte darüber nur wenig und unklar Bescheid und bin heute noch nicht sehr kompetent in der Beziehung; aber was ich wußte, das erklärte ich ihm mit dem größten Feuer, ohne mich durch irgend etwas beirren zu lassen. Ich gedenke noch heute mit Freuden des gewaltigen Eindrucks, den ich damit auf den Alten machte. Das war überhaupt kein Eindruck mehr, sondern eine Erschütterung. Dabei interessierte er sich ungeheuer für historische Einzelheiten: »Wo? Wie? Wer hat das eingerichtet? Wer hat das gesagt?« Beiläufig, ich habe bemerkt, daß das überhaupt eine Eigentümlichkeit des einfachen Volkes ist: wenn es sich für etwas lebhaft interessiert, begnügt es sich nie mit der allgemeinen Idee, sondern verlangt unbedingt ganz sichere und genaue Einzelheiten. Ich für mein Teil verwirrte mich in den Einzelheiten; und da Wersilow dabei war, genierte ich mich ein bißchen vor ihm und geriet dadurch noch mehr in Hitze. Es lief schließlich darauf hinaus, daß Makar Iwanowitsch, sehr ergriffen, zu jedem meiner Worte: »Ja, ja!« sagte, sichtlich aber nichts mehr verstand und den Faden verloren hatte. Ich fing an mich darüber zu ärgern, aber Wersilow schnitt das Gespräch plötzlich dadurch ab, daß er aufstand und erklärte, es wäre Zeit zu Bett zu gehen. Wir waren damals alle versammelt, und es war schon spät. Als er nach ein paar Minuten in mein Zimmer schaute, fragte ich ihn gleich, wofür er Makar Iwanowitsch im allgemeinen ansehe, und wie er über ihn denke. Wersilow lächelte heiter (aber durchaus nicht über meine Irrtümer über den Kommunismus – durchaus nicht, er tat ihrer überhaupt keine Erwähnung). Ich sage es noch einmal: er hatte entschieden eine große Zuneigung für Makar Iwanowitsch gefaßt, und ich erhaschte auf seinem Gesicht häufig ein sehr sympathisches Lächeln, wenn er dem Alten zuhörte. Übrigens schloß dieses Lächeln die Kritik keineswegs aus. »Makar Iwanowitsch ist vor allen Dingen kein Bauer, sondern ein Hofknecht,« sagte er mit einer großen Freude am Sprechen, »er ist ein ehemaliger Hofknecht und ein ehemaliger Diener, als Diener und Sohn eines Dieners geboren. In früheren Zeiten haben die Hofleute und die Dienerschaft sehr viele Interessen des privaten, des religiösen und des geistigen Lebens mit ihrer Herrschaft geteilt. Achte doch darauf, wie sich Makar Iwanowitsch auch heute noch am lebhaftesten für Ereignisse aus dem herrschaftlichen Leben, aus der bessern Gesellschaft interessiert. Du weißt noch nicht, in welchem Grade er sich für manche Ereignisse interessiert, die erst in letzter Zeit in Rußland vor sich gegangen sind. Weißt du auch, daß er ein großer Politiker ist? Lieber, als wenn du ihn mit Honig fütterst, ist es ihm, wenn du ihm erzählst, wo ein Krieg geführt wird, und ob wir einen Krieg bekommen werden. In früheren Zeiten konnte ich ihn mit solchen Gesprächen geradezu selig machen. Er hat großen Respekt vor der Wissenschaft, und vor allen andern Wissenschaften schwärmt er für die Astronomie. Dazu hat er sich eine gewisse innere Unabhängigkeit erworben, die man durch nichts zum Wanken bringen kann. Seine Überzeugungen sind fest und ziemlich klar ... und richtig. Obgleich er vollkommen ungebildet ist, ist er doch fähig, einen plötzlich durch eine ganz unerwartete Vertrautheit mit manchen Begriffen zu überraschen, die man bei ihm durchaus nicht vermutet hätte. Er schwärmt vom Einsiedlerleben, aber er würde um keinen Preis Einsiedler werden oder ins Kloster gehen, weil er durch und durch ›Vagabund‹ ist, wie ihn Alexander Semionowitsch so nett bezeichnet hat. Auf den Doktor bist du übrigens, ganz beiläufig gesagt, ganz ohne Veranlassung so böse. Ja, und was soll man schließlich noch sagen? Der Alte ist auch ein Stück Künstler, er hat viel eigne Worte, er hat aber auch solche, die nicht sein eigen sind. Er ist ein wenig lahm in der logischen Entwicklung von Gedanken und hie und da sehr abstrakt; er hat Anfälle von Sentimentalität, aber einer ganz volkstümlichen Sentimentalität, oder besser gesagt, Anfälle jener volkstümlichen Rührsamkeit, die unser Volk in so breitem Strome in sein religiöses Gefühl einführt. Von seiner biedern Offenherzigkeit und seiner Gutmütigkeit schweige ich: es steht mir und dir nicht an, darüber zu sprechen ...«   3 Um meine Charakteristik von Makar Iwartowitsch zum Abschlusse zu bringen, will ich eine seiner Erzählungen niederschreiben, und gerade eine aus dem Privatleben. Der Charakter dieser Erzählungen war sonderbar: richtiger ist wohl, daß sie überhaupt keinen gemeinsamen Charakter hatten; irgendeine Moral oder eine allgemeine Tendenz konnte man daraus nicht entnehmen, es sei denn, daß sie alle mehr oder weniger rührsam waren. Aber es gab auch solche, die nicht rührsam waren, es gab sogar ganz lustige Geschichten, es wurden sogar nichtsnutzige Mönche verspottet, so daß er mit mancher Erzählung seiner eigenen Idee Abbruch tat, – worauf ich ihn auch aufmerksam machte; aber er verstand gar nicht, was ich damit sagen wollte. Manchmal war es schwer, zu begreifen, was ihn eigentlich so sehr zum Erzählen anspornte, so daß ich mich hie und da geradezu über diesen Wortreichtum wunderte und ihn zum Teil seinem hohen Alter und seiner krankhaften Verfassung zuschrieb. »Er ist nicht mehr der, der er früher war,« flüsterte mir Wersilow einmal zu, »er war früher doch nicht ganz so. Er stirbt bald, viel früher als wir glauben, wir müssen darauf gefaßt sein.« Ich habe vergessen zu erwähnen, daß wir jetzt so etwas wie unsere »Abende« hatten. Außer Mama, die nicht von Makar Iwanowitschs Seite wich, kam Wersilow allabendlich in sein Stübchen; ich kam gleichfalls regelmäßig (und wo hätte ich auch sonst sein sollen?); in den letzten Tagen kam auch Lisa, wenn sie auch später kam als die andern und fast immer schweigend dasaß. Auch Tatjana Pawlowna kam hie und da, und manchmal, wenn auch selten, erschien der Doktor. Mit dem Doktor hatte es sich auf einmal so gemacht, daß wir uns vertrugen; das war zwar nicht sehr weit her, aber es gab wenigstens die früheren Ausfälle nicht mehr. Mir gefiel die gewisse Einfalt, die er besaß, und die mir endlich aufgegangen war, außerdem seine Anhänglichkeit an unser Haus, so daß ich mich endlich zu dem Entschlüsse aufraffte, ihm seine medizinische Anmaßung zu verzeihen; auch hatte ich ihn dazu gebracht, sich die Hände zu waschen und die Nägel zu reinigen, wenn er doch schon nicht zu bewegen war, saubere Wäsche zu tragen. Ich hatte ihm einfach klargemacht, daß das durchaus keine Geckenhaftigkeit oder modische Narrheit ist, sondern daß Reinlichkeit ganz selbstverständlich zum Arzthandwerk gehört, und hatte ihm das bewiesen. – Schließlich war auch Lukeria häufig aus ihrer Küche an unsere Tür gekommen und hatte, hinter der Tür hervorschauend, zugehört, wie Makar Iwanowitsch erzählte. Wersilow hatte sie einmal hereingerufen und aufgefordert, bei uns Platz zu nehmen. Mir hatte das gut gefallen; aber sie war von dem Tage an nicht wieder an die Tür gekommen. Sie wußte eben auch, was sich schickt! Ich füge hier eine von den Erzählungen ein, ohne Wahl, nur darum, weil ich gerade diese gut behalten habe. Es ist eine Geschichte von einem Kaufmann, und ich denke mir, in unsern Städten und Städtchen passieren solche Geschichten wohl zu tausenden, man muß nur zu sehen verstehen. Wer mag, kann diese Erzählung überschlagen, um so mehr, als ich sie genau mit seinen Worten erzähle.   4 »Jetzt will ich euch erzählen, was wir in der Stadt Afimjew für eine wunderbare Geschichte erlebt haben. Es lebte da ein Kaufmann, Maxim Iwanowitsch Skotobojnikow hieß er, und war kein reicherer als er im ganzen Bezirk. Er hatte eine Kattunfabrik erbaut, und Arbeiter hatte er ein paar hundert; und einbilden tat er sich eine Menge. Und man muß schon sagen, daß alles nach seinem Winke ging, und selbst die Obrigkeit war ihm in nichts im Wege, und der Abt dankte ihm für seinen Eifer: denn er hatte viel für das Kloster gestiftet, und wenn es einmal über ihn kam, seufzte er schwer um das Heil seiner Seele und bekümmerte sich nicht wenig um das Leben im Jenseits. Er war Witwer und hatte keine Kinder; von seiner Frau erzählte man sich, er wäre ihrer schon im ersten Jahre überdrüssig geworden und hätte von Jugend auf seinen Fäusten mehr Freiheit gegeben, als gerade nötig war: nur war das alles schon lange vor der Zeit gewesen; und sich durch eine zweite Heirat zu binden, hatte er keine Lust. Eine Schwäche von ihm war auch das Trinken, und wenn seine Zeit kam, dann lief er besoffen splitternackt durch die Stadt und machte ein Gebrüll; es ist ja keine vornehme Stadt, aber anständig war das doch nicht. Und wenn seine Zeit vorüber war, dann wurde er böse, und alles, was er sich ausdachte, war gut, und alles, was er befahl, war schön. Und mit seinen Leuten rechnete er ab, wie es ihm einfiel; er nimmt das Lohnbuch vor und setzt die Brille auf: ›Du, Foma, wieviel hast du zu kriegen?‹ – ›Von Weihnachten an habe ich nichts genommen, Maxim Iwanowitsch, neununddreißig Rubel hab' ich gut.‹ – ›Hu, solch Haufen Geld! Das ist zuviel für dich; du bist mit Haut und Haar nicht soviel Geld wert; das würde gar nicht zu dir passen: zehn Rubel ziehe ich dir ab, und neunundzwanzig kriegst du.‹ Und der Arbeiter hält den Mund; und kein Mensch traut sich, zu mucksen, alle halten den Mund. ›Ich weiß schon‹, sagte er, ›wieviel man geben kann. Mit dem Volk hier geht es nicht anders. Das Volk hier ist in Grund und Boden verdorben; ohne mich würden sie hier alle vor Hunger verrecken, soviel ihrer da sind. Und wenn man es genau besieht, das Volk hier ist Diebsgesindel: was es schaut, wird geklaut, keinen Anstand haben diese Leute. Und dann sind sie eine Säuferbagage; zahlt man einem seinen Lohn aus, schleppt er ihn in die Kneipe, und in der Kneipe sitzt er nackt, ohne einen Faden auf dem Leibe, splitternackt kommt er heraus. Und dann sind diese Leute traurige Lumpenkerle: so einer setzt sich vor der Kneipe auf einen Stein und sagt seine Litanei her: ›O du meine leibliche Mutter, warum hast du mich elenden Säufer in die Welt gesetzt? Besser wär's mir elendem Säufer, wenn du mich bei der Geburt erwürgt hättest!‹ Na also, ist das ein Mensch? Das ist eine Bestie, und kein Mensch; so einen muß man vor allen Dingen erst zum Menschen machen, und dann erst soll man ihm Geld geben. Ich weiß schon, wann man ihm was geben muß.‹ Seht ihr, so sprach Maxim Iwanowitsch von den Leuten in Afimjew; und wenn das auch schlecht von ihm war, so war es doch die Wahrheit: die Leute waren leichtsinnig und konnten sich nicht zusammennehmen. Es lebte aber in derselben Stadt noch ein anderer Kaufmann, und der starb; es war ein junger, leichtsinniger Mensch, der machte Bankerott und verlor sein ganzes Vermögen. Er zappelte das letzte Jahr wie ein Fisch auf dem Trocknen, und dann kam sein letztes Stündlein heran. Mit Maxim Iwanowitsch hatte er sich die ganze Zeit nicht gut gestanden und steckte über und über in Schulden bei ihm. In seiner letzten Stunde verfluchte er noch Maxim Iwanowitsch. Und er hinterließ eine Witwe in jungen Jahren, und dazu noch fünf Kinder. Und eine Witwe, die nach dem Tode ihres Mannes allein zurückbleibt, die ist wie eine Schwalbe ohne Nest, – keine kleine Heimsuchung ist es, und nun gar erst mit fünf Kindern, für die man nichts zu essen hat: ihr letztes Hab und Gut, ein Holzhaus, hatte ihr Maxim Iwanowitsch für eine Schuld weggenommen. Und sie stellte sie alle in einer Reihe an der Kirchentür auf; der älteste Junge war acht Jahre, und die andern lauter Mädel hintereinander weg, eine kleiner als die andre; die älteste war vier Jahre, und die jüngste trug sie noch auf dem Arm und ließ sie an der Brust trinken. Die Messe war zu Ende, Maxim Iwanowitsch kam heraus, und alle die Kinderchen, die ganze Reihe, fielen vor ihm auf die Knie wie ein Mann und legten die Handflächen bittend zusammen, und sie selber stand hinter ihnen, das fünfte Kind auf dem Arm, und verneigte sich vor allen Leuten bis zur Erde vor ihm, ›Väterchen, Maxim Iwanowitsch, erbarm' dich der Waisen, nimm ihnen nicht ihr letztes Stückchen Brot weg, wirf sie nicht aus dem heimatlichen Nest!‹ Und alle, so viele dabeistanden, brachen in Tränen aus, – so gut hatte sie die Kinder das gelehrt. Sie dachte: ›So vor allen Leuten wird es ihm an den Stolz greifen, und er wird Nachsicht üben und den Waisen das Haus wiedergeben.‹ Es kam aber anders, als sie gedacht hatte. Maxim Iwanowitsch blieb stehen: ›Du junge Witwe‹, sagte er, ›willst bloß einen Mann und weinst gar nicht um die Waisen. Dein Mann hat mich noch auf dem Totenbette verflucht.‹ Und damit ging er vorbei und gab das Haus nicht heraus. ›Warum soll man dem Narrenvolk etwas durch die Finger sehen? Erweise solchen Leuten eine Wohltat, dann maulen sie nur noch mehr; das alles führt zu nichts, und es entsteht nur noch mehr Gerede.‹ Und es ging wirklich das Gerede, er hätte vor zehn Jahren, als diese Witwe noch ein Mädchen war, nach ihr geschickt und ihr einen Haufen Geld geboten (hübsch war sie nämlich sehr), und nicht daran gedacht, daß das eine Sünde ist, genau so groß, als wenn einer ein Gotteshaus zerstört; aber er hatte damals nichts erreicht. Und solche Schlechtigkeiten trieb er genug, in der Stadt und im ganzen Gouvernement, und bei solchen Sachen kannte er gar keine Grenzen mehr. Da heulte die Mutter mit ihren Kleinen laut; er jagte die Waisen aus dem Hause, und nicht nur so aus bloßer Schlechtigkeit; der Mensch weiß ja manchmal selber nicht, was ihn bewegt, so fest auf seinem harten Kopf zu bestehen. Ja, anfangs halfen ihr andre Leute, und dann ging sie auf Arbeit. Aber was gibt es denn da bei uns für Verdienst, außer in der Fabrik; hier scheuerte sie die Dielen, dort jätete sie im Garten, dort heizte sie die Badestube, immer mit ihrem weinenden Kindchen auf den Armen; und die vier andern laufen derweil in ihren Hemdchen auf der Straße herum. Als sie sie an der Kirchentür hatte niederknien lassen, da hatten sie wenigstens noch Schuhchen gehabt, so schlecht sie auch waren, und Kittelchen, so schlecht sie auch waren, und es waren doch Kaufmannskinder; aber jetzt liefen sie schon barfuß herum: Kinder vertragen ihre Sachen schnell, das weiß man ja. Na, aber was fehlt den Kinderchen: wenn die Sonne scheint, freuen sie sich, sie fühlen das Elend nicht, sie sind wie Vögelchen, ihre Stimmchen gehen wie Glöckchen. Und da denkt sich die Witwe: ›Der Winter wird kommen, wo lasse ich euch dann; wenn euch nur Gott zu der Zeit zu sich nähme!‹ Sie brauchte nicht mehr auf den Winter zu warten. An jenem Ort kommt bei Kindern ein Husten vor, Keuchhusten heißt er, der überträgt sich von einem auf das andre. Zuerst starb der Säugling, und dann wurden auch die andern krank, und in dem einen Herbste trug sie alle die vier kleinen Mädchen auf den Friedhof hinaus. Das eine wurde übrigens auf der Straße überfahren. Ja, und was denkt ihr? Sie begrub sie und weinte; erst hatte sie sie verwünscht, aber wie Gott sie zu sich genommen hatte, tat es ihr doch leid. Das ist das Mutterherz! Am Leben blieb ihr nur der älteste Junge, und über den seufzte sie schon nicht mehr, sondern zitterte für ihn. Schwächlich war er und zart und von Gesicht, niedlich wie ein Mädchen. Und sie brachte ihn in die Fabrik, zu seinem Taufvater, der dort Aufseher war, und sie selbst verdingte sich als Kinderfrau bei einem Beamten. Und nun läuft der Junge eines schönen Tages auf dem Hofe herum, und da kommt auf einmal Maxim Iwanowitsch zweispännig angefahren, und er hat gerade wieder einmal was im Kopfe; und der Junge läuft die Treppe hinunter, gerade auf ihn zu, ganz unversehens, das heißt, er war gestolpert, und rennt gerade an ihn an, wie er aus dem Wagen steigt, und rennt ihm mit beiden Händen direkt in den Bauch. Na, der packte ihn denn bei den Haaren und brüllte: ›Was ist denn das für einer? Ruten her! Sofort durchhauen, hier vor meinen Augen!‹ sagte er. Der Junge wurde totenblaß! Sie fingen an, ihn zu prügeln, er schrie. ›So, du schreist noch? Haut ihn, bis er aufhört zu schreien!‹ Na, sie schlugen ihn viel oder wenig, er hörte nicht auf zu schreien, bis er ganz wie tot dalag. Da hörten sie mit dem Prügeln auf, sie hatten einen Schrecken gekriegt: der Junge atmet nicht mehr, er liegt bewußtlos. Es hieß nachher auch, daß sie ihn nicht sehr arg geprügelt hätten: er war eben sehr empfindlich. Da erschrak auch Maxim Iwanowitsch: ›Wem gehört er?‹ fragte er. Sie sagten es ihm. ›Sieh mal, sieh! Bringt ihn zu seiner Mutter; was braucht er sich hier in der Fabrik herumzutreiben!‹ Zwei Tage lang sagte er nichts, und dann fragte er wieder: ›Wie ist's mit dem Jungen?‹ Aber dem Jungen ging's schlecht: er wurde krank und lag bei seiner Mutter in der Ecke, und die hatte deswegen auch die Stelle bei dem Beamten aufgeben müssen, und er bekam eine Lungenentzündung. ›Sieh mal, sieh!‹ sagte er, ›und von was, möcht ich wissen? Als ob man ihn wunder wie gehauen hätte: sie haben sich wirklich keine große Mühe damit gegeben. Ich hab' alle andern genau so durchhauen lassen; es hat noch keiner deswegen solche Geschichten gemacht.‹ Er erwartete, daß die Mutter ihn verklagen würde, und schwieg nur aus Hochmut; – aber woher denn! – die Mutter getraute sich nicht, zu klagen. Und dann schickte er ihr von sich aus fünfzehn Rubel und den Arzt; und nicht so, als ob er irgend Angst gehabt hätte, sondern er war nur in sich gegangen. Und dann kam auch bald seine Zeit und er soff drei Wochen lang. Der Winter ging vorüber, und gerade am hohen Feiertag, zu Ostern, fragt Maxim Iwanowitsch wieder: ›Und was ist eigentlich mit dem Jungen geworden?‹ Den ganzen Winter hatte er geschwiegen und nicht danach gefragt. Und sie sagen zu ihm: ›Er ist wieder gesund, er ist bei seiner Mutter, und die arbeitet noch immer im Tagelohn.‹ Und Maxim Iwanowitsch fährt selbigen Tags zu der Witwe; ins Haus ging er nicht hinein, sondern ließ sie an die Tür rufen; er selbst sitzt in seinem Wagen: ›Na,‹ sagt er, ›ehrbare Witwe, ich will deinem Sohn ein wirklicher Wohltäter sein und ihm eine grenzenlose Gnade erweisen: ich nehme ihn zu mir, in mein eigenes Haus. Und wenn er mir nur einigermaßen gefällt, so verschreibe ich ihm ein ausreichendes Kapital; und wenn er mir gut gefällt, kann ich ihn auch nach meinem Tode zum Erben meines ganzen Vermögens einsetzen, wie einen leiblichen Sohn; meine Bedingung ist nur, daß du, Verehrteste, ausgenommen die hohen Feiertage, mein Haus nicht betrittst. Wenn die Sache euch scheint, dann bringst du mir den Knaben morgen früh, er braucht nicht immer bloß Murmel zu spielen.‹ Das sagte er und fuhr ab und ließ sie in einem ganz sinnlosen Zustand zurück. Die Leute hörten davon und sagten zu ihr; ›Wenn der Junge groß wird, wird er dir selber Vorwürfe machen, daß du so ein Glück für ihn zurückgestoßen hast.‹ Die ganze Nacht weinte sie über dem Kinde, und am Morgen brachte sie es ihm hin. Der Junge war nicht lebendig, nicht tot. Maxim Iwanowitsch kleidete ihn wie ein Herrschaftskind und nahm ihm einen Lehrer und setzte ihn von Stund' an hinter die Bücher; und es kam so weit, daß er ihn nicht aus den Augen ließ, daß er immer bei ihm war. Kaum, daß der Junge nur ein bißchen in die Luft guckt, schreit er auch schon: ›Schau ins Buch! Lerne: ich will einen Menschen aus dir machen.‹ Aber der Junge war kränklich, seit er die Schläge bekommen hatte, hustete er. ›Ist das vielleicht kein gutes Leben, was er bei mir hat?‹ wundert sich Maxim Iwanowitsch, ›bei seiner Mutter ist er barfuß gelaufen und hat Brotkrusten gelutscht; warum ist er denn jetzt kränklicher als zuvor?‹ Und der Lehrer sagt denn auch: ›Jeder Junge,‹ sagt er, ›muß auch mal tollen, und nicht immer nur lernen; er braucht notwendig Motion‹, und das bewies er ihm mit Gründen. Maxim Iwanowitsch dachte bei sich: ›Da hat er ganz recht.‹ Und dieser Lehrer war ein gewisser Piotr Stepanowitsch, Gott schenk' ihm die ewige Ruh, er war so eine Art Narr, er trank schon heftig, man kann wirklich sagen: zuviel, und deshalb hatte er schon lange überhaupt keine Stelle mehr und lebte in der Stadt sozusagen von Almosen, aber er hatte einen ausgezeichneten Kopf und war in den Wissenschaften beschlagen. ›Ich sollte bloß nicht hier sitzen,‹ pflegte er von sich selber zu sagen, ›ich sollte bloß Professor an der Universität sein! Aber hier bin ich im Dreck versunken, und meine eigenen Kleider ekeln sich vor mir.‹ – Da setzte sich Maxim Iwanowitsch hin und schrie den Jungen an: ›Tolle doch!‹ Aber der wagt ja in seiner Gegenwart kaum zu atmen. Und es kam so weit, daß das Kind nicht einmal seine Stimme hören konnte, ohne schon zu zittern. Und Maxim Iwanowitsch wundert sich immer mehr: ›Er ist nicht dies und ist nicht das; ich habe ihn aus dem Dreck geholt und in Drap des dames gekleidet; er hat Lastinghalbstiefel an und ein gesticktes Hemd, wie einen Generalssohn halte ich ihn; warum ist er also nicht anhänglich an mich? Warum schweigt er immer wie ein kleines Tier?‹ Und wenn alle Leute auch schon längst aufgehört hatten, sich über Maxim Iwanowitsch zu wundern, da fingen sie sich wieder über ihn zu wundern an: er war ein ganz anderer Mensch geworden; er saß diesem kleinen Jungen auf dem Leibe und konnte nicht loskommen von ihm. ›Ich will nicht lebendig sein, wenn ich nicht den Charakter in ihm ausrotte. Sein Vater hat mich auf dem Totenbette verflucht, nachdem er schon die heiligen Sterbesakramente erhalten hatte; er hat den Charakter seines Vaters.‹ Und er gebrauchte sogar nicht ein einziges Mal die Rute (er hatte noch Angst von damals her). Aber er schreckte ihn ein, das war die Sache. Er schreckte ihn ein ohne Rute. Und dann passierte eine Sache. Er war einmal gerade aus dem Zimmer gegangen, da sprang der Knabe hinter seinem Buche auf und stieg auf einen Stuhl: sein Ball war ihm vorher auf ein Schränkchen geflogen, und er wollte sich den Ball wiederholen; und da hakte er sich mit dem Ärmel an eine porzellanene Lampe und riß die Lampe herunter; die Lampe krachte auf den Boden und ging in Splitter, man hörte den Knall im ganzen Hause; und es war ein kostbares Stück – sächsisches Porzellan. Maxim Iwanowitsch hörte das aus einem andern Zimmer und brüllte vor Wut. Der Junge lief davon, ganz blind vor Angst, ohne zu wissen, wohin. Er lief auf die Terrasse hinaus und durch den Garten und das Hinterpförtchen direkt ans Flußufer. Aber am Ufer führt da ein Boulevard entlang, mit alten Goldregenbäumen; es ist ein lustiger Ort. Er lief zum Wasser hinunter, die Leute sahen es, und da schlug er die Hände zusammen und erschrak wohl vor dem Wasser und blieb wie angewurzelt stehen, gerade an der Stelle, wo die Fähre anlegt. Und der Fluß ist hier breit und reißend, Lastkähne kommen vorüber, am andern Ufer sind Läden, ein freier Platz, eine Kirche mit leuchtenden goldenen Kuppeln. Und da näherte sich gerade eilig die Oberstin Fersing mit ihrer kleinen Tochter, weil sie übersetzen wollte, – es stand ein Infanterieregiment in der Stadt. Die Tochter, auch ein Mädel von acht Jahren, kommt in ihrem weißen Kleidchen heran, sieht den Jungen an und lacht, und in der Hand hat sie so ein kleines Bauernkörbchen aus Birkenrinde, und in dem Körbchen sitzt ein junger Igel. ›Schau mal, Mutti,‹ sagt sie, ›wie der Junge meinen Igel anschaut.‹ – ›Nein,‹ sagt die Oberstin, ›er hat sich vor irgend etwas erschreckt. Wovor hast du dich denn so erschreckt, hübscher Junge?‹ (So haben sie das alles später erzählt.) ›Und was für ein hübscher Junge das ist,‹ sagt sie, ›und wie gut angezogen; wem gehörst du denn, Jungchen?‹ sagt sie. Und er hatte noch nie einen Igel gesehen, er geht näher heran und schaut, und er hat schon alles vergessen – wie nun Kinder einmal sind! ›Was haben Sie denn da eigentlich?‹ fragt er. ›Das‹, sagt die Dame, ›ist ein Igel, wir haben ihn gerade von einem Bauern gekauft, der hat ihn im Walde gefangen.‹ – ›Wie sieht denn so ein Igel aus?‹ sagt er und lacht jetzt schon, und rührt ihn mit dem Finger an, und der Igel sträubt seine Stacheln, und das kleine Mädchen freut sich über den Jungen. ›Wir wollen ihn mit nach Hause nehmen‹, sagt sie, ›und ihn abrichten.‹ – ›Ach‹, sagt er, ›schenken Sie mir Ihren Igel!‹ – Und darum bittet er sie so flehentlich und hat das gerade gesagt, da hört er auf einmal über sich Maxim Iwanowitschs Stimme: ›Ah! Da bist du? Haltet ihn!‹ (Er war so wütend, daß er ihm selber ohne Mütze aus dem Hause nachgelaufen war.) Als dem Jungen wieder alles einfiel, schrie er auf, stürzte zum Wasser hinunter, drückte seine beiden kleinen Fäuste an seine Brust, sah zum Himmel hinauf (die Leute haben es gesehen!) – und warf sich, plumps, ins Wasser! Na, die Leute schrien, stürzten sich ihm von der Fähre nach und versuchten ihn herauszuziehen; aber das Wasser trug ihn fort; der Fluß ist reißend; und als sie ihn endlich herauszogen, hatte er schon zuviel Wasser geschluckt – und war tot. Er war ja so schwach auf der Brust, darum hielt er das Wasser nicht aus; wieviel braucht so einer denn? Und es konnte sich keiner von den Leuten erinnern, daß so ein kleines Kind selber seinem Leben ein Ende gemacht hätte! So eine Sünde! Und was kann diese kleine Seele Gott dem Herrn in jenem Leben sagen, wenn er sie fragt. Und über diese Sache, von Stund' an, ging Maxim Iwanowitsch nun in sich. Und der Mann veränderte sich, daß man ihn nicht wiedererkannte. Gar sehr ging ihm das damals zu Herzen. Er fing an zu trinken, er trank viel, ließ es aber wieder – es half nichts. Er hörte auch auf, nach der Fabrik zu fahren, er hörte überhaupt nicht zu, wenn einer zu ihm was sagte. Wenn einer ihm was sagt, sagt er kein Wort oder macht nur so mit der Hand. So ging das zwei Monate, und dann fing er mit sich selber zu sprechen an. Das Dörfchen Waskowa in der Nähe der Stadt brannte ab, neun Häuser brannten nieder; Maxim Iwanowitsch fuhr hinaus, um es sich anzusehen. Die Abgebrannten umringten ihn und jammerten, – er versprach, ihnen zu helfen, und ordnete das an, dann aber rief er seinen Aufseher und nahm alles zurück: ›Nein,‹ sagte er, ›du gibst ihnen nichts,‹ und er sagt gar nicht, weshalb auf einmal. ›Zur Geißel,‹ sagt er, ›hat mich Gott allen Menschen gegeben; wenn ich schon ein Auswurf bin, so soll es denn schon sein. Wie der Wind‹, sagt er, ›ist mein Ruf über das Land gegangen.‹ Es kam der Abt selber zu ihm gefahren, er war ein strenger alter Mann und hatte im Kloster das gemeinsame Leben eingeführt. – ›Was ist mit dir?‹ fragt er, so recht streng. – ›Das ist mit mir,‹ sagt Maxim Iwanowitsch und schlägt die Heilige Schrift auf und zeigt ihm die Stelle: ›Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist.‹ (Matth. 18, 6.) ›Ja,‹ sagte der Abt, ›wenn das auch nicht gerade darüber gesagt ist, so hat es doch einen Bezug darauf. Es ist ein Unglück, wenn der Mensch das Maß für sich verliert – der Mensch gehet zugrunde. Aber du bereuest.‹ Aber Maxim Iwanowitsch sitzt, als wäre er zur Salzsäule geworden. Der Abt sah ihn lange an. ›Hör' mir zu‹, sagt er, ›und merke dir wohl. Es stehet geschrieben: Die Worte des Verzweifelten verwehet der Wind. Und bedenke noch das eine: auch Gottes Engel sind unvollkommen und ohne Sünde ist nur der alleinige Gott, unser Herr Jesus Christus, und Ihm dienen die Engel. Du hast ja den Tod dieses Knaben nicht gewollt, und hast nur unbedacht gehandelt. Und das eine‹, sagt er, ›scheint mir sogar verwunderlich: hast du denn so wenig häßliche Schlechtigkeiten begangen, hast du so wenig Leute in die Welt hinausgejagt, hast du so wenige zugrunde gerichtet, hast du so wenige vernichtet – daß man sagen kann, Mord wäre auch nicht schlimmer gewesen? Und sind seine eignen Schwestern nicht schon zuvor dahingegangen, vier unschuldige Kindlein, und so gut wie unter deinen Augen? Warum verstört dich gerade dieser eine so? Siehe, um die andern alle hast du dich nicht nur nicht bekümmert, du hast nicht einmal an sie gedacht? Warum verstört dich gerade dieser Knabe so, an dessen Tode du doch nicht einmal die volle Schuld trägst?‹ ›Er erscheint mir im Traume‹, stammelte Maxim Iwanowitsch. ›Wie denn das?‹ Aber er sagte ihm weiter nichts, er sitzt nur da und schweigt. Da verwunderte sich der Abt, und so fuhr er denn auch wieder davon; da war weiter nichts zu machen. Und Maxim Iwanowitsch schickte nach dem Lehrer, eben nach jenem Piotr Stepanowitsch; seitdem das geschehen war, hatten sie sich nicht mehr gesehen. ›Weißt du noch?‹ fragt er. ›Jawohl‹, sagt der andere. ›Du,‹ sagt er, ›du hast hier für die Kneipe Bilder mit Ölfarbe gepinselt und hast auch eine Kopie von dem Bilde des Bischofs gemacht. Kannst du mir mit Farbe ein Bild malen?‹ ›Ich,‹ sagt er, ›ich kann alles. Ich‹, sagt er, ›habe alle Talente und kann alles.‹ ›Mal du mir ein ganz furchtbar großes Bild, so groß wie die Wand, und mal drauf vor allen Dingen den Fluß auf, und den Hang und die Fähre, und daß auch alle Leute, die dabei waren, drauf sind. Und daß die Oberstin und ihre Tochter drauf ist, und der Igel auch, du weißt schon. Und das andre Ufer mal mir auch auf, daß man es sehen kann, wie es ist: und die Kirche und den Platz, und die Läden, und wo die Droschken stehen, – alles mal mir auf, wie es ist. Und dort bei der Fähre malst du mir den Jungen, dicht am Flusse, genau auf der Stelle, und vergiß ja nicht, daß er beide Fäuste sich so an die Brust drückt, auf die beiden Brustwarzen. Das mußt du unbedingt so machen. Und auf dem andern Ufer, gerade über der Kirche, machst du vor ihm den Himmel auf, und alle Engel im himmlischen Reiche müssen ihm entgegenkommen und ihn empfangen. Kannst du das treffen oder nicht?‹ ›Ich kann alles.‹ ›Ich brauch' gar nicht so einen Michel wie dich, ich kann mir auch den ersten Maler aus Moskau verschreiben, und wenn ich will, sogar aus London selber; aber du weißt, wie er ausgesehen hat. Wenn es unähnlich herauskommt oder nur ein bißchen ähnlich, kriegst du nicht mehr als fünfzig Rubel, aber wenn es richtig ähnlich herauskommt, dann geb' ich dir zweihundert Rubel. Vergiß nicht, die Augen sind blau ... Und daß es mir ein ganz, ganz großes Bild wird!‹ Sie wurden handelseins; Piotr Stepanowitsch fing zu malen an, aber auf einmal kommt er wieder: ›Nein,‹ sagt er, ›auf die Art kann man das nicht malen.‹ ›Warum?‹ ›Weil diese Sünde, der Selbstmord, die größte von allen Sünden ist. Wie werden ihn denn die Engel empfangen nach so einer Sünde?‹ ›Er ist doch ein Kind, er braucht noch nicht Rechenschaft abzulegen.‹ ›Nein, er ist kein Kind mehr; er ist schon ein Knabe: acht Jahre war er, als das geschehen ist. Immerhin wird er doch eine kleine Rechenschaft ablegen müssen.‹ Da entsetzte sich Maxim Iwanowitsch noch mehr. ›Ich will dir sagen, was ich mir ausgedacht habe,‹ sagt Piotr Stepanowitsch, ›wir öffnen den Himmel nicht, und die Engel aufzumalen, hat keinen Zweck; aber ich lasse vom Himmel einen Lichtstrahl herauskommen, ihm zur Begegnung, bloß einen hellen Lichtstrahl: es ist ja ganz egal, wenn nur irgendwas herauskommt.‹ Und so ließen sie den Strahl herauskommen. Und ich selber habe, in späteren Zeiten, dieses Bild gesehen, und auch den Strahl und den Fluß – über die ganze Wand zog er sich hin, ganz blau, und auch der liebe Knabe war da und drückte beide Händchen auf die Brust, und das kleine Fräulein und der Igel – alles hatte er richtig getroffen. Nur zeigte Maxim Iwanowitsch damals keinem Menschen das Bild, sondern verschloß es fest in seinem Zimmer vor aller Augen. Und sie rissen sich in der Stadt nur so darum, es zu sehen: er ließ aber alle fortjagen. Das gab ein großes Gerede. Und Piotr Stepanowitsch kam damals ganz um seinen Verstand: ›Ich,‹ sagt er, ›ich kann jetzt überhaupt schon alles; ich‹, sagte er, ›passe bloß noch nach Petersburg hin, an den Hof.‹ Er war ein sehr lieber Mensch, aber er liebte es ungeheuer, sich zu überheben. Und so erreichte ihn sein Schicksal: als er die ganzen zweihundert Rubel bekommen hatte, fing er gleich an zu saufen und zeigte allen das Geld und prahlte so recht; und in der Nacht, als er besoffen war, schlug ihn ein Kleinbürger aus der Stadt tot und raubte ihm das Geld; das alles kam am nächsten Morgen an den Tag. Und die Sache nahm ein Ende, daß die Leute da noch heute davon reden. Plötzlich kommt Maxim Iwanowitsch wieder bei derselben Witwe angefahren: sie hatte sich ganz draußen vor der Stadt bei einer Kleinbürgerin in einer Hütte eingemietet. Dieses Mal aber ging er in den Hof hinein, er trat vor sie hin und verneigte sich bis zur Erde. Und sie war seit allen den Vorfällen krank und konnte sich kaum rühren. ›Mütterchen,‹ flehte er, ›ehrbare Witwe: heirate mich, den Auswurf der Menschheit, schenke mir wieder das Leben auf Erden!‹ Sie sieht ihn an und ist nicht tot und nicht lebendig. ›Ich will‹, sagt er, ›daß uns noch einmal ein Knabe geboren wird, und wenn uns einer geboren wird, so heißt das, daß der andere Knabe uns beiden verziehen hat: dir und mir. Mir hat der Knabe das befohlen.‹ Sie sieht, daß der Mensch nicht bei Verstande ist, sondern daß er rast, aber sie konnte doch nicht an sich halten. ›Das ist alles dummes Zeug‹, antwortet sie, ›und nichts als Kleinmut. Durch denselben Kleinmut habe ich alle meine Kinderchen verloren. Ich kann Sie nicht einmal vor Augen sehen, geschweige denn, daß ich so eine ewige Qual auf mich nehmen möchte.‹ Maxim Iwanowitsch fuhr davon, stand aber nicht von seinem Plane ab. Die ganze Stadt hallte von diesem Wunder wider. Und Maxim Iwanowitsch schickte Brautwerber zu ihr. Er ließ aus der Provinz zwei Tanten von sich kommen, zwei Kleinbürgerinnen. Ob es nun richtige Tanten waren, weiß ich nicht, aber verwandt waren sie jedenfalls mit ihm, es war also eine Ehre für sie; und die fingen nun an ihr zuzureden, sie lagen ihr in den Ohren und gingen nicht aus der Hütte. Er schickte auch Frauen aus der Stadt hin, Kaufmannsfrauen, und die Dompfarrerin, und Beamtenfrauen; die ganze Stadt redete ihr zu, aber sie wurde sogar böse: ›Wenn ich‹, sagt sie, ›dadurch meine armen Waisen wieder lebendig machen könnte.... Aber was soll mir das so? Und was für eine Versündigung wäre das gegen meine armen Waisen!‹ Er brachte auch den Abt auf seine Seite, und auch der blies ihr ins Ohr: ›Du,‹ sagt er, ›du kannst in ihm einen neuen Menschen erwecken.‹ Sie entsetzte sich. Aber die Leute verwunderten sich: ›Wie kann das nur möglich sein, daß sie solch ein Glück zurückstößt! ‹ Und nun hört, wodurch er sie schließlich herumkriegte: ›Immerhin ist er doch‹, sagt er, ›ein Selbstmörder, und er war doch kein Kind, sondern schon ein Knabe, und nach seinen Jahren könnte man ihn nach einer solchen Sünde auf keine Weise zum Heiligen Abendmahl zulassen, und darum muß er drüben auch ganz bestimmt wenigstens zu einem Teil die Verantwortung tragen. Wenn du aber die Ehe mit mir eingehst, so leiste ich ein großes Gelübde: ich baue eine neue Kirche, einzig und allein zum ewigen Gedächtnis seiner Seele.‹ Dem konnte sie nicht widerstehen, und so willigte sie ein. Und so wurden sie getraut. Und es kam so, daß alle darüber staunten. Sie lebten vom ersten Tage an in großer und ungeheuchelter Eintracht und waren ängstlich auf treueste Ehegemeinschaft bedacht, und gleichwie eine Seele in zwei Leibern. Und sie empfing noch in demselben Winter, und sie begannen die Gotteshäuser aufzusuchen und vor dem Zorn des Herrn zu zittern. In drei Klöstern waren sie und ließen sich wahrsagen. Er ließ die gelobte Kirche errichten und erbaute in der Stadt ein Spital und ein Armenhaus. Er setzte ein Kapital für die Witwen und Waisen aus. Und er gedachte aller, die er benachteiligt hatte, und wollte es ihnen wiedererstatten; und Geld begann er ohne Maß auszugeben, so daß schließlich seine Frau und der Abt seine Hände festhielten und sagten: ›Es ist auch damit schon genug getan.‹ Maxim Iwanowitsch gehorchte ihnen. ›Aber‹, sagte er, ›Foma hab ich damals auch übers Ohr gehauen.‹ Nun, Foma bekam sein Geld. Und Foma fing an zu weinen: ›Ich hätte auch so...‹ sagt er, ›ich bin auch ohne das reichlich zufrieden und werde ewig für Sie zu Gott beten.‹ Das durchdrang also alle und, die Wahrheit zu sagen, das Leben eines Menschen ist ein gutes Beispiel. Und die Leute dort sind von Herzen gut. Die Fabrik begann die Frau selber zu verwalten, und so, daß die Leute noch heute davon sprechen. Das Trinken hatte er nicht gelassen, aber die Frau begann in eben dieser Zeit auf ihn aufzupassen und ihn dann zu kurieren. Seine Rede wurde gemessen, und sogar seine Stimme verwandelte sich. Er wurde sehr mitleidig, selbst gegen das Vieh: wenn er aus dem Fenster sah, wie ein Bauer sein Pferd gemein auf den Kopf schlug, dann schickte er gleich hinaus und kaufte ihm das Pferd um den zwiefachen Wert ab. Und ihm wurde die Gabe der Tränen verliehen: wer mit ihm sprach, mußte in Tränen ausbrechen. Und als ihre Zeit gekommen war, da hörte der Herr endlich auf ihre Gebete und schenkte ihnen einen Sohn, und da wurde Maxim Iwanowitsch heiter, zum ersten Male seit jener Zeit; er verteilte viele Almosen, erließ viele Schulden und lud zur Taufe die ganze Stadt ein. Also, er lud die ganze Stadt ein, aber am nächsten Morgen kam er aus seinem Zimmer, finster wie die Nacht. Die Frau sieht, daß ihm irgend etwas geschehen ist, und da brachte sie ihm den Neugeborenen. ›Der Junge‹, sagt sie, ›hat uns verziehen, er hat unsere Tränen und Gebete um ihn vernommen.‹ Aber hiervon, das muß ich sagen, hatten sie beide das ganze Jahr hindurch kein Wort gesagt, sondern es nur in ihrem Herzen bewegt. Und Maxim Iwanowitsch sah sie an, finster wie die Nacht: ›Warte,‹ sagt er, ›er ist doch das ganze Jahr nicht gekommen, aber heute nacht ist er mir wieder im Traum erschienen.‹ – ›Und da stach auch mir zum erstenmal der Schrecken ins Herz, nach diesen schrecklichen Worten‹, hat sie später erzählt. Und der Knabe war ihm nicht umsonst im Traum erschienen. Kaum hatte Maxim Iwanowitsch das ausgesprochen, da, in derselben Minute, ging etwas mit dem Neugeborenen vor sich: er erkrankte auf einmal. Und das Kind lag acht Tage krank; sie beteten ohne Unterlaß und ließen die Doktoren kommen, und verschrieben sogar aus Moskau den allerersten Doktor mit der Eisenbahn. Der Doktor kam an und wurde sehr böse: ›Ich,‹ sagt er, ›ich bin der allererste Doktor, ganz Moskau wartet auf mich.‹ Er verschrieb dem Kinde Tropfen und fuhr schleunigst wieder ab. Achthundert Rubel nahm er mit. Das Kind aber starb am gleichen Abend. Und was geschah danach? Maxim Iwanowitsch verschrieb all sein Hab und Gut seiner liebwerten Gattin, er übergab ihr alle Kapitalien und Dokumente, er erledigte alles richtig und nach der gesetzlichen Ordnung, und dann trat er vor sie hin und verneigte sich bis zur Erde: ›Entlasse mich, du meine teuerste Gattin, auf daß ich meine Seele errette, dieweil es noch Zeit ist. Und wenn ich meine Zeit hinbringe, ohne das Heil meiner Seele zu gewinnen, so kehre ich nimmer wieder. Ich bin hart und grausam gewesen und habe vielen gar Schweres angetan, aber ich meine, der Herr wird mich für das Leid und die Pilgerfahrten, die mir bevorstehen, nicht ohne Lohn lassen, dieweil dieses alles kein kleines Kreuz ist und kein kleines Leid.‹ Und seine Frau legte ihre Arme mit vielen Tränen um ihn: ›Du bist jetzt mein Einziges in der Welt; für wen soll ich leben, wenn du fortgehst? Ich habe in diesem Jahre‹, sagt sie, ›viel Liebe für dich in meinem Herzen gewonnen.‹ Und die ganze Stadt redete ihm einen Monat lang zu, und sie baten ihn und sagten, er solle nicht tun, was über seine Kraft sei. Aber er hörte nicht auf sie und ging eines Nachts heimlich auf und davon und kam nicht mehr wieder. Und man hört von ihm, daß er noch heute kämpft auf Pilgerfahrten und in Geduld, und seiner liebwerten Gattin schickt er einmal in jedem Jahre Botschaft...« Viertes Kapitel   1 Jetzt komme ich zur Schlußkatastrophe, in die meine Aufzeichnungen auslaufen. Aber um weiter erzählen zu können, muß ich zunächst vorgreifen und etwas erklären, wovon ich zu jener Zeit noch nicht das geringste wußte, und was ich erst sehr viel später, erfuhr und mir auch erst dann ganz klar machen konnte, das heißt, als das alles schon vorüber war. Ich muß das tun, weil meine Erzählung sonst unverständlich würde und ich sonst die ganze Zeit in lauter Rätseln schreiben müßte. Deshalb erkläre ich das gerade und schlicht im voraus und opfere die sogenannte künstlerische Komposition und tue, als ob gar nicht ich das schriebe, und schreibe es ganz ohne eigene seelische Anteilnahme, auf die Art, wie die sogenannten Entrefilets in den Zeitungen geschrieben: sind. Es handelt sich darum, daß mein Schulfreund Lambert mit einigem Recht oder, richtiger gesagt, ganz mit Recht zu den gemeinen Banden von kleinen Halunken gezählt werden mußte, die sich zusammentun, um das zu treiben, was man heutzutage Erpressung nennt, und wofür man jetzt für das Strafgesetzbuch nach Definitionen und Strafen sucht. Die Bande, bei der Lambert beteiligt war, hatte sich in Moskau zusammengetan und dort schon eine ziemliche Menge von Streichen ausgeführt (das ist später zum Teil an den Tag gekommen). Ich hörte nachher, daß sie in Moskau eine Zeitlang zum Anführer einen sehr erfahrenen und durchaus nicht dummen, schon bejahrten Mann gehabt hätten. An ihren Unternehmungen beteiligte sich entweder die ganze Bande gemeinsam oder auch nur ein Teil davon. Sie führten außer den schmutzigsten, zensurwidrigsten Streichen (über die übrigens die Zeitungen auch schon berichtet haben) – unter der Anleitung ihres Chefs auch ziemlich komplizierte und schlaue Unternehmungen aus. Einige davon sind mir später bekannt geworden, aber ich will mich in Einzelheiten darüber nicht einlassen. Ich will nur erwähnen, daß der allgemeine Charakter ihrer Unternehmungen der war, daß sie irgendwelche Geheimnisse über Leute auszukundschaften suchten, die oft durchaus anständig und ziemlich hochgestellt waren; dann gingen sie zu diesen Leuten hin und drohten mit der Veröffentlichung von Dokumenten (die sie manchmal in Wirklichkeit gar nicht in Händen hatten) und forderten für ihr Schweigen eine bestimmte Summe. Es gibt Dinge, die durchaus keine Sünde und durchaus kein Verbrechen sind, vor deren Veröffentlichung aber selbst ein anständiger und charaktervoller Mensch zurückschrickt. Sie sahen es meistens auf Familiengeheimnisse ab. Um zu zeigen, wie geschickt ihr Chef manchmal zu operieren verstand, will ich, ohne alle Einzelheiten und nur in drei Zeilen, eins von ihren Stückchen erzählen. In einer durchaus anständigen Familie passierte eine Sache, die in der Tat eine Sünde und ein Verbrechen war; nämlich, die Frau eines bekannten und angesehenen Mannes fing ein heimliches Liebesverhältnis mit einem jungen, reichen Offizier an. Davon bekamen sie Wind und machten die Sache nun folgendermaßen: sie teilten dem jungen Mann einfach mit, daß sie den Ehemann davon unterrichten würden. Beweise hatten sie nicht die geringsten, und der junge Mann wußte das ganz genau, sie selber machten ihm auch gar kein Geheimnis daraus; aber die ganze Gewandtheit ihres Kniffes und die ganze Schlauheit ihrer Berechnung lag einzig und allein in der Erwägung, daß der Ehemann, wenn er die Nachricht bekäme, auch ohne jeden Beweis genau so handeln und genau dieselben Schritte unternehmen würde, wie wenn er die mathematisch exaktesten Beweise in der Hand hätte. Sie spekulierten eben auf ihre Kenntnis des Charakters dieses Menschen und auf ihre Kenntnis seiner Familienverhältnisse. Sehr wichtig war, daß bei der Bande ein junger Mensch aus den allerbesten Kreisen beteiligt war, und daß es dem leicht glückte, sich zum voraus die nötigen Auskünfte zu verschaffen. Sie nahmen dem Liebhaber eine sehr respektable Summe ab und setzten sich dadurch nicht der geringsten Gefahr aus, weil ihrem Opfer selber alles daran gelegen war, daß die Sache geheim bliebe. Lambert hatte sich wohl an den Streichen der Moskauer Bande beteiligt, so recht eigentlich aber nicht dazu gehört; als er erst auf den Geschmack gekommen war, begann er langsam und zur Probe selbsttätig zu wirken. Eins will ich gleich sagen: er war nicht sonderlich befähigt dazu. Er war ganz schlau und auch ziemlich gerissen, aber er war doch zu hitzig, und außerdem zu bieder oder, richtiger gesagt, zu naiv, das heißt, er kannte weder die Menschen noch die Gebräuche der Gesellschaft. Zum Beispiel glaube ich, daß er die Bedeutung jenes Moskauer Bandenchefs durchaus nicht begriff und sich einbildete, es sei sehr leicht, derartige Anschläge ins Werk zu setzen und zu organisieren. Und schließlich hielt er jedermann für genau so einen Schuft, wie er selber einer war. Oder wenn er es sich zum Beispiel einmal in den Kopf gesetzt hatte, der oder jener fürchte sich aus dem oder jenem Grunde vor etwas, oder müsse sich davor fürchten, dann zweifelte er auch nicht mehr im geringsten daran, daß der Betreffende sich in der Tat fürchte, als wäre das ein Axiom. Ich verstehe das nicht richtig auszudrücken; ich werde es im weiteren Verlaufe meiner Erzählung durch Tatsachen besser erläutern können; aber meine Ansicht ist, daß er recht mangelhaft gebildet war; und was manche guten, edeln Empfindungen betrifft, so glaubte er nicht nur nicht an sie, sondern hatte vielleicht überhaupt keinen Begriff davon. Nach Petersburg war er gekommen, weil er an Petersburg schon lange als ein im Verhältnis zu Moskau breiteres Betätigungsfeld gedacht hatte, und außerdem, weil er in Moskau irgendwo und irgendwie in die Klemme geraten war und dort jemand ihm selber mit den allerbösesten Absichten nachstellte. Sobald er nach Petersburg gekommen war, war er sofort zu einem Kollegen von früher her in Beziehungen getreten, aber er hatte nur ein mageres Betätigungsfeld und bloß kleine Affären gefunden. Sein Bekanntenkreis vergrößerte sich dann, aber es kam nichts zustande: »Das ist hier ein Dreckvolk, bloß lauter dumme Jungen«, hat er später einmal selber zu mir gesagt. Und da auf einmal, eines schönen Morgens in der Dämmerung, findet er mich halberfroren an einer Hofmauer und gerät damit auf die Spur einer nach seiner Meinung »hochrentabeln Sache«. Und diese Sache entnahm er meinem Gefasel damals, während ich in seiner Wohnung auftaute. O freilich, ich war damals so gut wie im Fieberdelirium! Aber aus meinen Worten war doch ganz klar hervorgegangen, daß von allen Kränkungen jenes verhängnisvollen Tages die Beleidigung, die Bjoring und sie mir zugefügt hatten, am festesten in meinem Gedächtnis und in meinem Herzen haftengeblieben war: sonst hätte ich bei Lambert nicht nur darüber phantasiert; ich hätte zum Beispiel auch von Serstschikow phantasiert; statt dessen beschäftigte mich nur das erstere, wie ich nachher von Lambert selber erfuhr. Und zu dem allen war ich begeistert und sah an dem schrecklichen Morgen Lambert und Alphonsine als Befreier und Retter an. Wenn ich mir nachher, während meiner Genesung, als ich noch im Bette lag, vorzustehen suchte, wieviel Lambert wohl von meinem Gefasel mochte verstanden haben und wieweit ich mich ihm gegenüber wohl verplappert hätte, – dann kam mir kein einziges Mal auch nur die Ahnung, daß er damals soviel hätte erfahren können! Oh, selbstverständlich, wenn ich die Gewissensbisse in. Betracht zog, die ich fühlte, so ahnte ich selbst damals schon, daß ich ihm wohl recht viel gesagt hatte, was er nicht zu wissen brauchte; aber, ich sage es noch einmal, ich hätte mir durchaus nicht gedacht, daß das so weit gegangen war! Ich hoffte auch und rechnete damit, daß ich es damals bei ihm wohl nicht vermocht haben würde, die Worte deutlich hervorzubringen, ich erinnerte mich sogar mit Sicherheit daran; aber dabei zeigte es sich nachher in Wirklichkeit, daß ich damals viel deutlicher gesprochen hatte, als ich nachher geglaubt und gehofft hatte. Aber die Hauptsache war, daß sich das alles erst nachträglich und viel später herausstellte, und das eben war mein Unglück. Aus meinen Phantasien, meinem Gefasel, meinem Gestammel, meinen Begeisterungsanfällen erfuhr er vor allen Dingen erstens fast alle Namen, und sogar ein paar Adressen. Zweitens konnte er sich einen einigermaßen annähernden Begriff von der Bedeutung aller dieser Personen machen (ich meine den alten Fürsten, sie, Bjoring, Anna Andrejewna und selbst Wersilow); drittens: er erfuhr, daß ich beleidigt war und mit Rache drohte, und schließlich, viertens, das Wichtigste: er erfuhr, daß ein wohlverborgenes, geheimes Dokument existierte, ein Brief, den man nur dem halbverrückten alten Fürsten zu zeigen brauche, und aus dessen Lektüre der nur zu erfahren brauche, daß seine eigene Tochter ihn für verrückt halte und schon »mit Juristen konferiert« habe, wie man ihn einsperren könne, – kurz, ein Brief, auf den hin er entweder total verrückt werden, oder seine Tochter aus dem Hause jagen und enterben, oder aber auch ein Fräulein Wersilowa heiraten würde, das er schon sowieso heiraten wollte, was ihm aber nicht erlaubt werde. Kurz, Lambert hatte sehr viel von der ganzen Sache begriffen; zweifellos blieb ja auch noch furchtbar viel dunkel, aber der Erpressungskünstler war jedenfalls auf die richtige Fährte geleitet. Als ich dann der Alphonsine davongelaufen war, hatte er sich ungesäumt meine Adresse verschafft (auf die einfachste Art – durch das Adreßbureau) und hatte dann sofort die nötigen Erkundigungen eingezogen, durch die er erfuhr, daß alle die Personen, von denen ich ihm vorgefaselt hatte, wirklich existierten. Und dann hatte er ohne weiteres den ersten Schritt getan. Die Hauptsache war, daß ein Dokument existierte, und daß ich sein Besitzer war, und daß dieses Dokument einen hohen Wert besaß: hieran zweifelte Lambert nicht. Ich übergehe hier einen Umstand, von dem besser später und an seinem Orte die Rede sein wird; hier will ich nur erwähnen, daß hauptsächlich dieser Umstand Lamberts Überzeugung von der Existenz und, was die Hauptsache war, von dem Werte dieses Dokumentes bestärkte. (Es war ein verhängnisvoller Umstand, das möchte ich gleich bemerken, und so etwas konnte ich nicht nur damals auf keine Weise vermuten, sondern überhaupt bis zum Ende der ganzen Geschichte nicht, als plötzlich alles zusammenstürzte und sich von selbst erklärte). Und da er sich so in der Hauptsache sicher fühlte, war sein erster Schritt, zu Anna Andrejewna zu gehen. Und dabei ist es für mich heute noch ein Rätsel, wie er, Lambert, es fertiggebracht haben mag, sich an eine so unzugängliche und vornehme Dame, wie Anna Andrejewna, heranzumachen und bei ihr einzunisten. Es ist ja richtig, er hatte Erkundigungen eingezogen; aber was besagt das? Es ist ja richtig, er war wundervoll angezogen, er sprach wie ein Pariser und trug einen französischen Namen; aber sollte Anna Andrejewna denn nicht doch gleich den Spitzbuben in ihm durchschaut haben? Oder soll man annehmen, daß sie eben damals gerade einen Spitzbuben gut brauchen konnte? Aber sollte das wirklich so sein? Ich habe die Einzelheiten ihrer ersten Begegnung nie erfahren können, aber ich habe mir nachher in der Phantasie diese Szene oft vorzustellen versucht. Das Wahrscheinlichste ist wohl, daß Lambert vom ersten Wort und der ersten Gebärde an meinen Jugendfreund gespielt hat, der für seinen lieben Freund und Kameraden zitterte. Aber selbstverständlich hat er es auch schon bei dieser ersten Begegnung verstanden, sehr deutlich darauf anzuspielen, daß ich ein »Dokument« besäße, daß dies ein Geheimnis wäre, und daß nur er, Lambert, über dies Geheimnis Bescheid wüßte, und daß ich im Begriff wäre, mich mit Hilfe dieses Dokumentes an der Generalin Achmakowa zu rächen. Die Hauptsache war: er konnte ihr so genau wie irgend möglich die Bedeutung und den Wert dieses Dokumentes klarmachen. Und was Anna Andrejewna betrifft, so war sie eben einmal in der Situation, daß sie sich einfach an eine derartige Nachricht klammern mußte, sie mußte das alles mit der äußersten Aufmerksamkeit anhören und ... mußte auf diesen Köder anbeißen, einfach »aus Selbsterhaltungstrieb«. Ihr hatte man nämlich, genau zu derselben Zeit, ihren Bräutigam entzogen, ihn nach Zarskoje-Selo entführt und unter Vormundschaft gestellt, ja, sie sogar selber unter Vormundschaft gestellt. Und nun auf einmal so ein Fund: hier stand gegen Ohrenbläsereien von Frauenzimmern, gegen tränenreiche Klagen, Geschwätz und Geklatsch ein Brief, eine Handschrift, also ein mathematischer Beweis für die habsüchtigen Pläne seiner Tochter und aller derer, die ihn ihr wegnehmen wollten; das bewies ihm doch klar, daß er sich retten mußte: wenn's nicht anders ginge, durch die Flucht, und zwar eben durch die Flucht zu ihr, zu Anna Andrejewna, die er dann heiraten müßte, wenn es nicht anders ginge, binnen vierundzwanzig Stunden; weil man ihn sonst eben in eine Irrenanstalt stecken würde. Möglich ist es aber auch, daß Lambert sich diesem jungen Mädchen gegenüber überhaupt nicht verstellt hat, nicht einmal in der ersten Minute, sondern ihr sofort ins Gesicht geblickt hat: »Mademoiselle, entweder werden Sie eine alte Jungfer oder Sie werden Fürstin und Millionärin: da steckt das Dokument, und ich stehle es diesem dummen Jungen und liefere es Ihnen aus ... gegen einen Wechsel über dreißigtausend Rubel.« Ich glaube sogar, daß es so gewesen sein wird. Oh, er hielt alle Menschen für ebensolche Schurken, wie er selber einer war; ich betone noch einmal, daß er eine gewisse Schurkeneinfalt, eine gewisse Schurkenunschuld besaß... Mag es nun so oder so gewesen sein, es ist sehr wohl möglich, daß Anna Andrejewna selbst bei so einem Überfall keine Minute gestutzt hat, sondern es ausgezeichnet verstanden hat, sich zusammenzunehmen und den Erpresser, der im Stil seines Gewerbes sprach, zu Ende anzuhören, – und das alles bloß aus »Vorurteilslosigkeit«. Nun natürlich, anfangs ist sie ein wenig errötet, aber dann hat sie sich zusammengenommen und ihn zu Ende angehört. Und wenn ich mir dieses unzugängliche stolze Mädchen, das so viel echte Würde und so viel Verstand besitzt, Hand in Hand mit Lambert vorstelle, so ... ja, das ist's ja eben: der Verstand! Der russische Verstand, wenn er so groß ist, neigt leicht zu laxer Vorurteilslosigkeit, – zumal, wenn es ein weiblicher Verstand ist, und wenn die Umstände so liegen, wie in diesem Falle! Jetzt resümiere ich: am Tag und zur Stunde meines ersten Ausganges nach der Krankheit hatte Lambert zwei Eisen im Feuer (das weiß ich heute ganz genau): sein erster Plan war, Anna Andrejewna für das Dokument einen Wechsel über wenigstens dreißigtausend Rubel abzunehmen und ihr dann zu helfen, dem Fürsten einen Schrecken einzujagen, ihn zu entführen und ihn mit ihr trauen zu lassen – kurz, etwas von der Art. Sie hatten sich sogar schon einen ganzen Plan zurechtgelegt; sie warteten nur auf meine Hilfe, das heißt, auf das Dokument. Sein zweites Projekt war, Anna Andrejewna übers Ohr zu hauen, sie fallen zu lassen und das Papier der Generalin Achmakowa zu verkaufen, wenn das einträglicher wäre. Dabei rechnete er auch auf Bjoring. Aber bei der Generalin war Lambert noch nicht gewesen, er hatte ihr nur nachgespürt. Auch wegen dieser Sache wartete er auf mich. Oh, er hatte mich sehr nötig, das heißt, nicht mich, sondern das Dokument! In bezug auf mich hatte er gleichfalls schon zwei Pläne. Der erste bestand darin, wenn es durchaus nicht anders ginge, mit mir gemeinsam vorzugehen und Halbpart mit mir zu machen, nachdem er sich meiner zuvor moralisch und physisch bemächtigt hätte. Aber der zweite Plan erschien ihm viel verlockender; er bestand darin, mich zu düpieren wie einen kleinen Jungen und mir das Dokument zu entwenden, oder es mir sogar einfach mit Gewalt zu entreißen. Diesen Plan hegte und hätschelte er in seinen Träumen mit Vorliebe. Ich wiederhole noch einmal: es war da ein Umstand, der an dem Gelingen des zweiten Planes so gut wie gar nicht zweifeln ließ; aber ich habe bereits gesagt, daß ich darauf später zu sprechen kommen werde. Jedenfalls wartete er mit zitternder Ungeduld auf mich: alles hing für ihn von mir ab, alle seine künftigen Schritte und Entschließungen. Und in einer Beziehung muß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: bis dahin hatte er sehr an sich gehalten, trotz aller seiner Hitzigkeit. Er lief mir während meiner Krankheit nicht das Haus ein – er war ein einziges Mal gekommen Und hatte mit Wersilow gesprochen; er regte mich nicht auf und schüchterte mich nicht ein, er bewahrte mir gegenüber bis zum Tage und zur Stunde meines ersten Ausganges den Schein vollkommenster Unabhängigkeit. Und was die Gefahr betraf, daß ich das Dokument weitergeben oder einem andern davon Mitteilung machen oder es vernichten könnte, so machte er sich hierüber keine Sorgen. Aus meinen eigenen Worten damals bei ihm hatte er den Schluß ziehen können, welchen Wert ich selber auf dieses Geheimnis legte, und welche Angst ich hatte, daß am Ende jemand von dem Dokument erführe. Und daß ich am allerersten Tage nach meiner Genesung zuerst zu ihm kommen würde und zu keinem ändern, das bezweifelte er gleichfalls nicht im geringsten; Darja Onisimowna war teilweise auch in seinem Auftrage zu mir gekommen, und er wußte, daß meine Neugier und meine Furcht nun einmal erregt waren, und daß ich nicht würde widerstehen können... Und außerdem hatte er alle Maßregeln getroffen, er konnte sogar den Tag meines ersten Ausganges erfahren, so daß ich ihm gar nicht hätte entgehen können, selbst wenn ich gewollt hätte. Aber wenn Lambert auf mich wartete, so wartete vielleicht Anna Andrejewna noch viel ungeduldiger auf mich. Ich sage es geradeheraus: Lambert war am Ende auch teilweise im Recht, wenn er sich mit dem Gedanken trug, sie übers Ohr zu hauen, und die Schuld war auf ihrer Seite. Trotzdem sie ohne Zweifel im Einverständnis waren (ich weiß nicht, in welcher Form sie sich geeinigt hatten, aber an der Tatsache zweifle ich nicht), war Anna Andrejewna bis zum letzten Augenblick nicht ganz ehrlich gegen ihn. Sie hatte ihn nicht ganz in ihre Karten sehen lassen. Sie hatte ihm wohl angedeutet, daß sie ganz einig mit ihm wäre und ihm alles verspräche, was er verlangte, – aber sie hatte es ihm eben bloß angedeutet; sie hatte seinen Plan vielleicht bis zu den letzten Einzelheiten angehört, ihm aber nur durch Schweigen zugestimmt. Ich habe die sichersten Unterlagen für diese Annahme, und der Grund für das alles war, daß sie – auf mich wartete . Sie wollte es lieber mit mir zu tun haben als mit dem Gauner Lambert – das ist für mich eine Tatsache, die über jeden Zweifel erhaben ist! Das verstehe ich sehr wohl; ihr Fehler lag nur darin, daß auch Lambert das schließlich durchschaute. Und für ihn wäre es doch gar zu unvorteilhaft gewesen, wenn sie mir das Dokument mit Umgehung seiner Person herausgelockt hätte und mit mir ins Einverständnis getreten wäre. Zudem war er damals schon von der Sicherheit des »Geschäftes« überzeugt. Ein anderer an seiner Stelle hätte Angst gehabt und immer noch gezweifelt; Lambert aber war jung, kühn und von einem Ungeheuern Durst nach Gewinn erfüllt, er kannte die Menschen wenig und hielt sie ohne Zweifel alle für Halunken. So einem Menschen konnten keine Bedenken aufsteigen; um so mehr, als er Anna Andrejewna bereits die wichtigsten Bestätigungen herausgelockt hatte. Nun das letzte und wichtigste Wort: wußte auch Wersilow schon an jenem Tage irgend etwas, und hatte er auch damals schon Anteil an irgendeinem wenn auch noch so unbestimmten Plane Lamberts? Nein, nein und abermals nein, damals noch nicht, wenn auch damals schon vielleicht ein verhängnisvolles Wörtchen gesprochen war... Aber genug jetzt davon, genug, ich greife zu weit vor. Nun, und wie stand es mit mir? Wußte ich schon irgend etwas, und was wußte ich vor dem Tage meines ersten Ausganges? Im Beginn dieses Entrefilets habe ich behauptet, ich hätte bis zu dem Tage nichts gewußt, ich hätte von dem allen erst viel später erfahren, erst dann, als alles schon zu Ende gewesen. Das ist die Wahrheit; ist es aber auch die Wahrheit im vollsten Sinne? Nein, das ist es nicht; ich wußte ohne Zweifel schon mancherlei, ich wußte sogar sehr viel; aber wie wußte ich es? Der Leser soll sich an jenen Traum erinnern! Wenn ich schon so einen Traum haben konnte, wenn er meinem Herzen entspringen und sich so gestalten konnte, so heißt das: ich wußte nicht gerade, aber ich ahnte sehr viel von dem, was ich soeben erzählt habe; wirklich erfahren habe ich es aber erst, als »alles zu Ende war«. Von Wissen war keine Rede, aber mein Herz pochte von Ahnungen, und die bösen Geister beherrschten schon meine Träume. Und zu so einem Menschen zog es mich hin, obschon ich genau wußte, was das für ein Mensch war, und sogar die genauesten Einzelheiten vorausahnte! Und warum zog es mich zu ihm? Man denke sich: jetzt, in der Minute, da ich das niederschreibe, ist es mir, als hätte ich schon damals bis in alle Einzelheiten gewußt, weshalb es mich zu ihm hinzog, während ich doch auf der andern Seite wieder gar nichts wußte. Vielleicht wird der Leser mich verstehen. Jetzt aber zur Sache, und ein Faktum nach dem andern!   2 Es fing damit an, daß Lisa noch zwei Tage vor meinem ersten Ausgang eines Abends in höchster Aufregung heimkam. Sie war tief gekränkt; und in der Tat war ihr etwas Unerträgliches widerfahren. Ich habe ihre Beziehungen zu Wasin schon erwähnt. Sie besuchte ihn nicht nur, um uns zu zeigen, daß sie uns nicht brauchte, sondern auch, weil sie Wasin in der Tat schätzte. Sie hatten einander noch in Luga kennengelernt, und ich hatte immer den Eindruck gehabt, daß sie Wasin nicht gleichgültig wäre. In dem Unglück, das sie getroffen hatte, konnte sie natürlich den Wunsch hegen, sich Rats zu holen bei einem so sichern, ruhigen, immer überlegenen Kopfe, wie Wasin es nach ihrer Meinung war. Zudem sind ja die Frauen keine großen Künstlerinnen in der Beurteilung eines männlichen Verstandes, wenn ihnen der Mann gefällt, und sie nehmen gern Paradoxe als streng logische Folgerungen an, wenn sie nur mit ihren eigenen Wünschen im Einklänge sind. An Wasin schätzte Lisa besonders seine Sympathie für ihre Lage und – wie es sie anfangs deuchte – auch seine Sympathie für den Fürsten. Da sie zudem eine Ahnung von seinen Gefühlen für sie hatte, konnte sie nicht umhin, seine Sympathien für den Rivalen besonders hoch anzuschlagen. Der Fürst für sein Teil, dem sie es selber gesagt hatte, daß sie manchmal Wasin besuche, um ihn um seinen Rat zu fragen, nahm diese Mitteilung vom ersten Male an mit äußerster Unruhe auf; er begann sie mit seiner Eifersucht zu quälen. Das kränkte Lisa, und so brach sie denn ihre Beziehungen zu Wasin schon aus Trotz nicht ab. Der Fürst sagte nichts mehr, aber er war verstimmt. Lisa selber hat mir nachher gestanden (sehr lange nachher), Wasin habe ihr schon sehr bald nicht mehr gefallen; er war ruhig, aber eben diese ewig gleichmäßige Ruhe, die ihr im Anfange so gut gefallen hatte, deuchte sie nachher recht unleidlich. Auf den ersten Blick schien er in Rechtsgeschäften erfahren zu sein, und er hatte in der Tat einige dem Anscheine nach gute Ratschläge gegeben, aber alle diese Ratschläge erwiesen sich als unausführbar, genau, als ob er es darauf angelegt hätte. Er gab seine Meinung oft sehr von oben herunter, und ohne sich ihr gegenüber im geringsten zu genieren; – je länger es dauerte, desto weniger genierte er sich, – und das schrieb sie wachsender unwillkürlicher Verachtung gegenüber ihrer Lage zu. Einmal dankte sie ihm dafür, daß er sich gegen mich immer so wohlwollend zeige und, während er mir doch an Verstand weit überlegen wäre, mit mir genau so spräche wie mit seinesgleichen (das heißt: sie übermittelte ihm, was ich selber gesagt hatte). Er erwiderte ihr darauf: »Das ist nicht so und nicht deswegen. Ich sehe gar keinen Unterschied zwischen ihm und andern. Ich halte ihn nicht für dümmer als die Klugen, nicht für schlechter als die Guten. Ich bin gegen alle Menschen gleich, weil in meinen Augen alle Menschen gleich sind.« »Wie, und Sie sehen wirklich gar keine Unterschiede?« »Oh, selbstverständlich, jeder unterscheidet sich in gewissem Sinne von den andern, aber in meinen Augen existieren diese Unterschiede nicht, weil mich die Unterschiede zwischen den Leuten nicht berühren: für mich sind alle gleich und ist alles gleich, und darum bin ich gegen alle in gleicher Weise gut.« »Und langweilt Sie das denn nicht?« »Nein, ich bin immer zufrieden mit mir selbst.« »Und Sie wünschen sich nichts?« »Wünschen, das natürlich! Aber meine Wünsche sind nicht sehr heftig. Ich brauche fast nichts, keinen Rubel mehr als ich habe. Ob ich in einem goldnen Gewande daherkomme oder so wie ich bin, – das ist ganz einerlei; das goldne Gewand kann Wasin nichts dazugeben. Fette Bissen verlocken mich nicht: kann irgendeine Stellung oder eine äußerliche Ehrung den Standpunkt aufwägen, auf dem ich stehe?« Lisa hat mir auf Ehrenwort versichert, daß er ihr einmal buchstäblich das gesagt hatte. Übrigens darf man darüber nicht so ohne weiteres aburteilen, sondern man muß die näheren Umstände kennen, unter denen das gesagt wurde. Allmählich kam Lisa zu dem Eindrucke, daß er auch vom Fürsten sehr von oben herab spräche, vielleicht auch nur deshalb, weil für ihn alle gleich waren und »keine Unterschiede bestanden«, aber durchaus nicht aus Sympathie für sie; aber schließlich begann er, sichtlich seinen Gleichmut einzubüßen und begann vom Fürsten nicht nur aburteilend, sondern auch mit ironischer Verachtung zu sprechen. Das erbitterte Lisa, aber Wasin stand davon nicht ab. Und die Hauptsache war, daß er sich immer so weich ausdrückte, daß selbst sein Aburteilen ohne Entrüstung war, daß er vielmehr die ganze Kläglichkeit ihres Helden einfach logisch vor ihr entwickelte; aber eben in dieser Logik lag ja die Ironie. Schließlich suchte er ihr beinahe direkt die ganze »Unvernunft« ihrer Liebe, die ganze eigensinnige Verranntheit dieser Liebe zu beweisen. »Sie haben sich mit Ihren Gefühlen verirrt, und wenn man seine Verirrungen einmal erkannt hat, muß man sie unter allen Umständen wieder gutmachen.« Das war gerade an jenem Tage geschehen; Lisa hatte sich voll Unwillen erhoben, um fort zu gehen, aber was tat und wie weit ging dieser »vernünftige« Mensch? Er trug ihr mit der edelsten Miene, ja mit Gefühl, seine Hand an. Lisa hieß ihn auf der Stelle ins Gesicht hinein einen Narren und verließ seine Wohnung. Einer Frau vorzuschlagen, einem Unglücklichen deshalb untreu zu werden, weil dieser Unglückliche ihrer »nicht wert« wäre, und, was die Hauptsache ist, das einer Frau vorzuschlagen, die von diesem Unglücklichen schwanger ist, – ja, das ist nun der Verstand solcher Leute! Ich nenne das ein Herumreiten auf grauen Theorien und eine vollkommene Unkenntnis des Lebens, entsprungen aus maßloser Eigenliebe. Und zu dem allen durchschaute Lisa dabei noch aufs klarste, daß er sich noch etwas auf seine Handlungsweise einbildete, und mochte es auch nur sein, weil er zum Beispiel bereits Kenntnis von ihrer Schwangerschaft hatte. Mit Tränen der Entrüstung war sie zum Fürsten geeilt, und der – der brachte es fertig, Wasin noch zu übertrumpfen: nach diesem Bericht hätte er doch, scheint mir, überzeugt davon sein können, daß er hier keinen Grund mehr zur Eifersucht hatte; aber eben daraufhin verlor er den Verstand. Übrigens ist das die Art aller Eifersüchtigen! Er machte ihr eine furchtbare Szene und kränkte sie so tief, daß sie schon entschlossen war, sogleich alle Beziehungen zu ihm abzubrechen. Sie kam trotzdem noch halbwegs gefaßt nach Hause, konnte es aber vor Mama doch nicht verheimlichen. Oh, an dem Abend traten sie sich wieder so nahe wie früher; das Eis war gebrochen; sie weinten sich selbstverständlich zusammen aus und lagen sich in den Armen, und Lisa beruhigte sich scheinbar, wenn sie auch noch sehr verstimmt blieb. Den ganzen Abend saß sie bei Makar Iwanowitsch, ohne ein Wort zu sagen, aber auch ohne das Zimmer zu verlassen. Sie hörte mit großer Aufmerksamkeit an, was er sagte. Seit der Geschichte damals mit der Fußbank begegnete sie ihm mit außerordentlicher und gleichsam schüchterner Ehrerbietung, obgleich sie immer noch schweigsam blieb. An diesem Abend aber gab Makar Iwanowitsch dem Gespräch eine unerwartete und überraschende Wendung. Ich muß dazu bemerken, daß Wersilow und der Doktor am Morgen mit sehr sorgenvollen Gesichtern von seinem Zustande gesprochen hatten. Ich muß außerdem noch bemerken, daß im Hause seit ein paar Tagen Vorbereitungen zur Feier von Mamas Geburtstag getroffen wurden, der in fünf Tagen bevorstand, und daß häufig davon gesprochen wurde. Makar Iwanowitsch verlor sich bei Erwähnung dieses Tages auf einmal in Erinnerungen und gedachte der Kindheit Mamas und der Zeit, wo sie noch nicht hatte »auf den Füßchen stehen« können. »Sie ging mir nicht vom Arm,« erzählte der Alte, »ich weiß noch, wie ich sie gehen lehrte, ich stellte sie drei Schritte von mir in die Ecke und rief sie, und sie stolperte durchs Zimmer auf mich los und lachte und kam bis zu mir gelaufen und legte die Ärmchen um meinen Hals. Und Märchen hab' ich dir nachher erzählt, Sophia Andrejewna; meine Märchen hattest du sehr gern; gleich zwei Stunden konntest du auf meinem Schoße sitzen und zuhören. Und die Leute in der Hütte wunderten sich alle: Sieh mal, ›wie sie an Makar hängt!‹ Und dann nahm ich dich auch in den Wald mit und suchte uns einen Himbeerstrauch und setzte dich neben die Himbeeren, und ich schnitzte dir ein Pfeifchen aus Holz. So streiften wir herum, bis wir müde waren, und dann trug ich dich auf meinen Armen nach Hause, – und mein Kindchen schlief. Und einmal hast du dich so vor dem Wolf erschreckt: du kamst zu mir gelaufen und zittertest am ganzen Leibe, aber dabei war gar kein Wolf da.« »Das weiß ich noch«, sagte Mama. »Weißt du das wirklich noch?« »Ich weiß noch viel. Sowie ich im Leben zum Bewußtsein gekommen bin, solange habe ich nur Liebe und Freundlichkeit von Ihnen erfahren«, sagte Mama mit ergriffner Stimme und wurde plötzlich über und über rot. Makar Iwanowitsch schwieg eine Weile. »Lebt wohl, Kinder, ich gehe jetzt von euch. Nun ist die Stunde gekommen, da ich vom Leben scheiden muß. In meinen alten Tagen habe ich Trost für alle meine Bitternisse gefunden; habt Dank, ihr Lieben!« »Hören Sie doch auf, Makar Iwanowitsch, Lieber,« rief Wersilow, einigermaßen beunruhigt, »der Doktor hat mir vorhin erst gesagt, es ginge Ihnen unvergleichlich viel besser«... Mama horchte erschrocken auf. »Ach, was weiß denn der, dein Alexander Semionowitsch,« lächelte Makar Iwanowitsch, »er ist ein lieber Mensch, aber weiter nichts. Laßt das nur, liebe Freunde; oder meint ihr, ich fürchtete mich vor dem Sterben? Heute früh nach dem Morgengebet hatte ich so ein Vorgefühl im Herzen, daß ich dieses Zimmer nicht mehr verlassen werde; es ist mir gesagt worden. Nun, und was ist denn dabei? Der Name des Herrn sei gelobt! Nur an euch allen will sich mein Auge noch satt sehen. Auch Hiob, der Vielgeprüfte, gewann Trost, als er seine neuen Kinderchen ansah; aber vergaß er darum die früheren, und konnte er ihrer vergessen? Unmöglich ist dieses! Nur daß sich mit den Jahren die Trauer gleichsam mit der Freude zu einem vermischt, sich in ein freudiges Seufzen verwandelt. So ist es auf Erden: jede Seele wird geprüft und wird auch getröstet. Ich habe mir vorgenommen, euch, liebe Kinder, noch ein Wörtchen zu sagen, ein kurzes Wörtchen«, fuhr er mit einem stillen, schönen Lächeln fort, das ich nie vergessen werde, und wendete sich plötzlich zu mir: »Lieber Freund, du eifre für die heilige Kirche, und wenn die Zeit kommt und du berufen wirst, – geh auch in den Tod für sie; aber sei ruhig, erschrick nicht, es muß nicht gleich sein«, lächelte er. »Heute denkst du vielleicht nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken. Und dann noch eines: was du Gutes zu tun gedenkest, das tue um Gottes willen, und nicht aus Mißgunst. An deinem Werke halte fest, und laß dich nicht von Kleinmut übermannen; vollbringe es allmählich, ohne Hast und ohne Rast; das ist dann auch alles, was du brauchst. Nur eins noch: gewöhne dich daran, täglich zu beten und ohne Unterlaß. Ich sage dir das nur so, vielleicht gedenkst du dessen einmal. – Auch Ihnen, Andrej Petrowitsch, wollte ich etwas sagen, Herr, aber Gott wird auch ohne mich Ihr Herz zu finden wissen. Seit lange haben wir nicht mehr davon gesprochen, seit damals, als dieses Schwert durch mein Herz ging. Jetzt aber, da ich Abschied nehme, will ich Sie nur daran erinnern ... was Sie mir damals versprochen haben...« Die letzten Worte flüsterte er beinahe, mit gesenkten Lidern. »Makar Iwanowitsch!« stieß Wersilow verlegen hervor und erhob sich von seinem Stuhle. »Nein, nein, Herr, quälen Sie sich nicht, ich wollte Sie nur daran erinnern... Schuldig aber vor Gott bin in dieser Sache vor allen andern ich; denn wenn Sie auch mein Herr waren, so hätte ich doch dieser Schwachheit nicht nachgeben dürfen. Und darum, Sophia, quäle auch du dein Herz nicht zu sehr, weil deine ganze Sünde auf mich fällt; und du, denke ich mir, hast damals schwerlich genug Verstand gehabt, und Sie, Herr, vielleicht nicht mehr als sie,« lächelte er, und seine Lippen erzitterten unter einer Art von Schmerz, »und wenn ich dich damals auch hätte unterweisen können als mein Weib, und sogar mit dem Stock, und wenn ich das auch hätte tun müssen, so tatest du mir doch leid, wie du in Tränen vor mir niederfielst und mir nichts verhehltest ... die Füße küßtest du mir. Nicht dir zum Vorwurf spreche ich davon, Geliebte, sondern nur, um Andrej Petrowitsch daran zu erinnern ... denn, Herr, Sie selber erinnern sich ja noch Ihres Edelmannswortes, und die Brautkrone deckt alles zu ... Vor Ihren Kindern sage ich das, Herr und Freund ...« Er war außerordentlich erregt und sah Wersilow an, als erwarte er ein Wort der Bestätigung von ihm. Ich sage es noch einmal: das alles kam so überraschend, daß ich dasaß, ohne mich zu rühren. Wersilow war wirklich nicht weniger erregt als er: er ging schweigend zu Mama hinüber und umarmte sie herzlich; und dann ging Mama, gleichfalls schweigend, zu Makar Iwanowitsch hinüber und verneigte sich vor ihm bis zur Erde. Kurz, es war eine erschütternde Szene; es war diesmal nur die Familie im Zimmer, selbst Tatjana Pawlowna war nicht da. Lisa hatte sich auf ihrem Stuhle so eigentümlich gerade aufgerichtet und schweigend zugehört; auf einmal stand sie auf und sagte mit fester Stimme: »Segnen Sie auch mich, Makar Iwanowitsch, für einen schweren Leidensgang. Morgen entscheidet sich mein ganzes Schicksal ... und heute beten Sie für mich!« Und damit ging sie aus dem Zimmer. Ich weiß, daß Makar Iwanowitsch schon ihre ganze Geschichte von Mama erfahren hatte. Aber ich sah an diesem Abend zum ersten Male Wersilow und Mama zusammen, vorher hatte ich neben ihm immer nur seine Dienerin gesehen. Ich hatte schrecklich viel an diesem Menschen noch nicht gesehen und nicht bemerkt, und hatte doch schon über ihn abgeurteilt. Deshalb kehrte ich in großer Verwirrung in mein Zimmer zurück. Und ich muß sagen: eben um diese Zeit verdichteten sich alle meine Zweifel über ihn; noch nie war er mir so geheimnisvoll und rätselhaft erschienen, wie eben zu dieser Zeit; aber davon handelt ja die ganze Geschichte, die ich hier niederschreibe; also alles zu seiner Zeit. »Aber,« dachte ich damals bei mir, als ich zu Bett ging, »er hat also Makar Iwanowitsch sein ›Edelmanswort‹ gegeben, daß er Mama heiraten wolle, wenn sie Witwe würde. Das hat er mir verschwiegen, wenn er mir früher von Makar Iwanowitsch erzählte.« Am nächsten Tage war Lisa den ganzen Tag nicht daheim, und als sie dann ziemlich spät nach Hause kam, ging sie direkt zu Makar Iwanowitsch hinein. Ich wollte zuerst nicht hinübergehen, um sie nicht zu stören, bemerkte aber bald, daß auch Mama und Wersilow schon drinnen waren, und ging hinüber. Lisa saß neben dem Alten und weinte, den Kopf an seine Schulter gelehnt, und er machte ein trauriges Gesicht und streichelte ihr den Kopf. Wersilow erklärte mir (nachher, als ich wieder in meinem Zimmer war), daß der Fürst auf seinem Kopfe bestand und sich mit Lisa bei der ersten möglichen Gelegenheit trauen lassen wollte, noch vor dem Urteilsspruch des Gerichtes. Lisa fiel es schwer, sich dazu zu entschließen, obgleich sie kaum noch das Recht hatte, sich nicht dazu zu entschließen. Und auch Makar Iwanowitsch hatte ihr »befohlen«, sich trauen zu lassen. Selbstverständlich wäre das alles später ganz von selbst gekommen, und sie hätte sich sicherlich selber trauen lassen, auch ohne Befehle und ohne Schwanken, aber in diesem Augenblick war sie von dem Manne, den sie liebte, so tief gekränkt und durch diese Liebe selbst in ihren eigenen Augen so erniedrigt, daß ihr der Entschluß schwerfiel. Aber außer dieser Kränkung spielte hier noch ein neuer Umstand mit, von dem ich nichts ahnen konnte. »Hast du gehört, daß alle diese jungen Leute von der Petersburger Seite gestern verhaftet worden sind?« fragte mich Wersilow plötzlich. »Was? Dergatschow?« schrie ich auf. »Ja; und Wasin auch.« Ich war höchst verblüfft, besonders durch die Nachricht von Wasins Verhaftung. »Ja, ist er denn wirklich in irgend etwas verwickelt? Du lieber Gott, wie wird es ihnen jetzt ergehen? Und ausgerechnet in demselben Augenblick, da Lisa solche Anklagen gegen Wasin erhebt!... Was meinen Sie, wie es ihnen jetzt ergehen wird? Dabei hat Stebelkow die Hand im Spiele! Ich möchte darauf schwören, daß Stebelkow damit zu tun hat!« »Lassen wir das!« sagte Wersilow und sah mich mit einem sonderbaren Blick an (wie man einen Menschen ansieht, der nichts begreift und nichts errät), »wer weiß denn, was sie eigentlich haben, und wer kann wissen, wie es ihnen ergehen wird? Darüber wollte ich auch gar nicht mit dir sprechen: ich höre, du willst morgen ausgehen! Willst du nicht einmal Fürst Sergej Petrowitsch einen Besuch machen?« »Das ist mein erster Weg; freilich, ich gestehe offen: mir fällt das ziemlich schwer. – Und ... soll ich ihm etwas ausrichten von Ihnen?« »Nein. Ich werde ihn selber sehen. Mir tut nur Lisa leid. Und was für Ratschläge kann ihr Makar Iwanowitsch geben? Er hat ja selber gar keinen Begriff von den Menschen und vom Leben. Und dann wollte ich dir noch eins sagen, lieber Freund (er hatte schon lange nicht mehr ›lieber Freund‹ zu mir gesagt), da sind noch so ... ein paar junge Leute ... einer davon ist dein früherer Schulkamerad Lambert... Ich glaube, das sind alles – große Halunken... Ich sage das nur, um dich zu warnen... Übrigens ist das natürlich durchaus deine Sache, und ich sehe vollkommen ein, daß ich nicht das Recht habe ...« »Andrej Petrowitsch!« –ich ergriff seine Hand, ohne Überlegung und fast hingerissen, was mir so oft passiert (es war fast dunkel im Zimmer), »Andrej Petrowitsch, ich habe geschwiegen, – Sie haben es ja doch bemerkt, daß ich die ganze Zeit bis jetzt geschwiegen habe: und wissen Sie, warum? Um Ihren Geheimnissen aus dem Wege zu gehen. Ich habe geradezu beschlossen, sie niemals kennenzulernen. Ich bin feige, ich fürchte mich davor, daß Ihre Geheimnisse Sie ganz aus meinem Herzen reißen könnten, und das will ich nicht. Und wenn das so ist, wozu wollen Sie meine Geheimnisse wissen? Es kann Ihnen doch auch ganz gleich sein, wohin ich gehe! Nicht wahr?« »Du hast ganz recht; aber jetzt kein Wort mehr davon, ich bitte dich!« sagte er und verließ das Zimmer. Auf diese Weise hatten wir uns ganz unverhofft doch ein klein wenig ausgesprochen. Aber er hatte meine Erregung vor meinem neuen Schritt ins Leben, den ich morgen tun wollte, nur noch verstärkt, so daß ich die ganze Nacht fortwährend aus dem Schlafe auffuhr; aber mir war wohl zumute.   3 Am nächsten Tage verließ ich das Haus, und obgleich das um zehn Uhr vormittags geschah, bemühte ich mich nach Kräften, leise zu gehen, ohne Abschied zu nehmen oder es jemand mitzuteilen: ich brannte sozusagen heimlich durch. Warum ich das tat, weiß ich nicht; aber selbst wenn Mama gesehen hätte, daß ich ausging; und mich angeredet hätte, so hätte ich ihr mit irgendeiner Bosheit geantwortet. Als ich mich auf der Straße befand und im Freien die kalte Luft einatmete, da erzitterte ich nur so von einer ganz starken Empfindung, die fast tierisch war, und die ich fleischhungrig nennen möchte. Warum ging ich da, und wohin ging ich? Das war ganz unbestimmt und zugleich fleischhungrig . Und mir grauste, und ich freute mich zu gleicher Zeit. »Werde ich mich heute beschmutzen oder werde ich mich nicht beschmutzen?« fragte ich mich unternehmend, obschon ich nur zu gut wußte, daß der heutige Schritt, wenn er einmal getan war, entscheidend und mein Leben lang nicht wieder gutzumachen sein würde. Aber es hat nicht den geringsten Zweck, hier in Rätseln zu sprechen. Ich ging direkt ins Gefängnis zum Fürsten. Ich hatte schon seit drei Tagen einen Brief von Tatjana Pawlowna an den Aufseher, und der empfing mich mit größter Liebenswürdigkeit. Ich weiß nicht, ob er ein guter Mensch ist, und das kommt hier, glaube ich, auch nicht in Betracht; jedenfalls gestattete er die Zusammenkunft zwischen mir und dem Fürsten und räumte uns dazu freundlich sein Zimmer ein. Das Zimmer war an sich ein ganz gewöhnliches Zimmer, wie es in der Amtswohnung eines Beamten von dieser Rangstufe ist, – ich finde, auch das brauche ich hier nicht näher zu beschreiben. Also, ich blieb mit dem Fürsten allein. Er trug eine Art halbmilitärisches Hauskostüm, dabei aber tadellos saubere Wäsche und eine stutzerhafte Krawatte, er war gewaschen und wohlfrisiert, aber gleichzeitig war er furchtbar mager geworden und hatte eine ganz gelbe Hautfarbe! Diese gelbe Farbe fand ich sogar in seinen Augen! Kurz, er hatte sich äußerlich so verändert, daß ich stehenblieb und beinah zweifelte, ob er es wirklich wäre. »Wie Sie sich verändert haben!« rief ich. »Macht nichts! Setzen Sie sich, lieber Freund«, sagte er und wies mit affektierter Handbewegung auf einen Stuhl; er selber setzte sich mir gegenüber. »Kommen wir zur Hauptsache: sehen Sie, mein lieber Alexej Makarowitsch ...« »Arkadij«, korrigierte ich ihn. »Was? Ach so; na ja, das ist doch ganz gleich. Ach so,« sagte er plötzlich, »entschuldigen Sie, lieber Freund, kommen wir zur Hauptsache ...« Kurz, er hatte es fürchterlich eilig, das Gespräch auf etwas zu bringen. Er war ganz von irgend etwas erfüllt, vom Kopf bis zu den Füßen, von irgendeinem beherrschenden Gedanken, den er durchaus formulieren und mir mitteilen wollte. Er sprach schrecklich viel und schrecklich schnell und suchte mir angestrengt und ungeduldig etwas klarzumachen, wobei er heftig gestikulierte; aber in den ersten Minuten verstand ich einfach kein Wort davon. »Um es kurz zu fassen –« (er hatte vorher schon mindestens zehnmal die Phrase »um es kurz zu fassen« gebraucht) – »um es kurz zu fassen,« sagte er schließlich, »wenn ich Sie, Arkadij Makarowitsch, bemüht habe und Sie gestern durch Lisa so dringend habe herbitten lassen, so sieht das vielleicht gar zu alarmierend aus, aber da dieser Entschluß in Wahrheit außerordentlich wichtig ist und endgültig sein muß, so müssen wir ...« »Gestatten Sie, Fürst,« unterbrach ich ihn, »Sie haben mich gestern herbitten lassen? Lisa hat mir kein Wort davon gesagt.« »Was?« schrie er und war ganz starr, ja beinahe erschrocken. »Sie hat mir kein Wort davon gesagt. Sie kam gestern abend so tief in Gedanken nach Hause, daß sie überhaupt kein Wort mit mir gesprochen hat.« Der Fürst sprang von seinem Stuhle auf. »Ist das wirklich wahr, Arkadij Makarowitsch? Ja, dann ist ... dann ist ja ...« »Ja, was finden Sie denn daran so auffällig? Warum beunruhigt Sie das so? Sie hat es einfach vergessen, oder aber ...« Er setzte sich, aber er war wie zur Salzsäule geworden. Die Nachricht, daß Lisa mir nichts mitgeteilt hatte, schien ihn einfach zerschmettert zu haben. Er fing plötzlich wieder hastig zu sprechen an und gestikulierte wieder mit den Händen, war aber auch jetzt nur sehr schwer zu verstehen. »Halt!« sagte er auf einmal, verstummte einen Augenblick und hob einen Finger in die Höhe. »Halt ... das ... das ... wenn ich mich nicht irre ... ist das ein Winkelzug!« murmelte er mit dem Lächeln eines Verrückten, – »und das soll also heißen ...« »Das heißt einfach gar nichts!« fiel ich ihm ins Wort, »ich begreife überhaupt nicht, wie ein so ganz gleichgültiger Umstand Sie so quälen kann... Ach, Fürst, seit damals, seit jener Nacht, – wissen Sie noch?« »Was, und seit was für einer Nacht?« rief er eigensinnig, sichtlich wütend, daß ich ihn unterbrochen hatte. »Damals bei Serstschikow, wo wir zum letztenmal beisammen waren, damals, bevor Sie mir den Brief schrieben. Sie waren auch damals furchtbar aufgeregt, aber damals und jetzt, – das ist solch Unterschied, daß ich ordentlich Angst für Sie bekomme ... Oder wissen Sie es nicht mehr?« »Ach ja«, sagte er im Tone des Weltmannes, und als ob es ihm plötzlich wieder einfiele. »Ach ja! Der Abend ... Ich hab' davon gehört... Na, und wie geht's Ihnen denn jetzt, und wie befinden Sie selber sich denn jetzt nach dem allen, Arkadij Makarowitsch?... Aber kommen wir zur Hauptsache! Ich, müssen Sie wissen, habe eigentlich drei Dinge im Auge; ich sehe drei Aufgaben vor mir, und ich ...« Er begann wieder hastig von seiner »Hauptsache« zu sprechen. Ich begriff schließlich, daß ich einen Menschen vor mir hatte, dem man zum wenigsten sofort ein mit Essig getränktes Handtuch hätte um den Kopf legen müssen, wenn nicht ein Aderlaß eher am Platze gewesen wäre. Sein ganzes unzusammenhängendes Gerede drehte sich selbstverständlich um seinen Prozeß, und wie der wohl ausgehen würde; er erzählte auch etwas davon, daß sein Regimentskommandeur ihn persönlich aufgesucht und ihm lange von etwas abgeraten hätte, aber er hätte nicht darauf gehört, – es handelte sich um ein Schreiben, das er irgend jemand eben erst eingereicht hatte, – und das irgendwie mit dem Staatsanwalt zusammenhing; er sprach auch davon, daß er wahrscheinlich unter Verlust der Ehrenrechte irgendwohin nach den nördlichsten Gegenden Rußlands verschickt werden würde; er sprach von der Möglichkeit, Kolonist in Taschkent zu werden und sich dort heraufzuarbeiten, und davon, wie er seinem Sohne (dem künftigen Sohne von Lisa) allerlei Lehren geben und ihm dies und das auf den Lebensweg mitgeben würde, »da, in der Einsamkeit, in Archangelsk, in Cholmogory«. – »Wenn ich Sie nach Ihrer Meinung fragen wollte, Arkadij Makarowitsch, so seien Sie versichert, ich lege so viel Wert auf dieses Gefühl... Wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten, Arkadij Makarowitsch, lieber Freund, lieber Bruder, was Lisa für mich bedeutet, was sie mir hier, jetzt, die ganze Zeit bedeutet hat!« rief er auf einmal und griff sich mit beiden Händen an seinen Kopf. »Sergej Petrowitsch, wollen Sie sie denn wirklich zugrunde richten und sie dahin mitnehmen?... Nach Cholmogory!« fuhr es mir heraus, ich konnte es nicht zurückhalten. – Lisas Schicksal – ihr Leben lang Seite an Seite mit diesem Wahnsinnigen – kam mir auf einmal klar und gewissermaßen zum erstenmal zu Bewußtsein. Er sah mich an, stand abermals auf, machte ein paar Schritte, kehrte um und setzte sich wieder, den Kopf die ganze Zeit zwischen die Hände gepreßt. »Mir träumt immer von Spinnen!« sagte er plötzlich. »Sie sind schrecklich aufgeregt, Fürst; ich würde Ihnen raten, sich gleich ins Bett zu legen und den Doktor holen zu lassen.« »Nein, erlauben Sie mal, das kommt später. Ich habe Sie hauptsächlich deshalb zu mir gebeten, um mich mit Ihnen über die Trauung auszusprechen. Die Trauung, müssen Sie wissen, findet hier in der Gefängniskirche statt, ich habe alles schon besprochen. Die Erlaubnis ist schon erteilt, und man redet mir sogar zu ... Und was Lisa angeht, so ...« »Fürst,« rief ich, »haben Sie doch Mitleid mit Lisa, lieber Freund; quälen Sie sie doch nicht, wenigstens jetzt nicht, plagen Sie sie nicht mit Ihrer Eifersucht!« »Was!« schrie er auf, sah mich mit Augen an, die beinahe herausspringen wollten und verzerrte das ganze Gesicht zu einem breiten, sinnlos fragenden Lächeln. Ich sah, daß das Wort »Eifersucht« ihn aus irgendeinem Grunde ungeheuer überrascht hatte. »Entschuldigen Sie, Fürst, das fuhr mir nur so heraus. Oh, Fürst, ich habe in der letzten Zeit einen alten Mann kennengelernt, meinen nominellen Vater... Oh, wenn Sie ihn sehen könnten, Sie würden ruhiger werden ... Lisa hält auch so große Stücke auf ihn.« »Ach ja, Lisa ... ach ja, das ist Ihr Vater? Oder ... pardon, mon cher, so etwas in der Art... Ich weiß wohl ... sie hat es mir erzählt ... ein alter Mann ... Ich bin überzeugt davon, ich bin überzeugt davon. Ich hab' auch einen alten Mann gekannt... Mais passons; um sich das innere Wesen des Augenblicks klarzumachen, ist es die Hauptsache, daß man ...« Ich stand auf, um zu gehen. Mir tat es weh, ihn so zu sehen. »Ich verstehe nicht!« sagte er vorwurfsvoll und mit wichtiger Miene, als er sah, daß ich aufbrechen wollte. »Es tut mir weh, Sie zu sehen«, sagte ich. »Arkadij Makarowitsch, ein Wort! Nur noch ein Wort!« Er ergriff mich plötzlich bei den Schultern, mit einem ganz andern Gesicht und andern Bewegungen und drückte mich auf den Stuhl nieder. Dann beugte er sich zu mir herunter. »Haben Sie schon die Sache von jenen Leuten gehört? Sie wissen schon?« »Ach ja: Dergatschow! Da ist wahrscheinlich Stebelkow im Spiel!« rief ich unbesonnen. »Ja, Stebelkow und ... Sie wissen noch nichts?« Er brach ab und starrte mich wieder mit Augen an, die ihm beinah aus dem Kopf sprangen, und mit demselben breiten, zitternden, sinnlos fragenden Lächeln, das langsam breiter und breiter wurde. Sein Gesicht wurde von Minute zu Minute bleicher. Auf einmal schüttelte er mich gleichsam: mir fiel der eigentümliche Blick ein, mit dem Wersilow mich gestern angesehen hatte, als er mir Wasins Verhaftung mitteilte. »Ist es denn möglich?« schrie ich erschrocken auf. »Sehen Sie, Arkadij Makarowitsch, eben deshalb habe ich Sie herbitten lassen, um Ihnen das zu erklären ... ich wollte ...« flüsterte er hastig. »Sie haben Wasin denunziert«, schrie ich auf. »Nein; sehen Sie, da war ein Manuskript. Wasin hatte es Lisa gerade vor jenem letzten Tage übergeben ... zur Aufbewahrung. Und sie hat es mir hier gelassen, weil ich es durchsehen wollte, und dann kam die Sache, daß sie sich am nächsten Tage verzankten ...« »Sie haben das Manuskript der Staatsanwaltschaft ausgeliefert!« »Arkadij Makarowitsch! Arkadij Makarowitsch!« »Also, das haben Sie getan,« schrie ich, jede Silbe einzeln betonend, und sprang auf, »das haben Sie getan, ohne irgendeinen andern Beweggrund, ohne irgendeinen andern Zweck, einzig und allein darum, weil der unglückliche Wasin Ihr Nebenbuhler ist; lediglich aus Eifersucht haben Sie das Manuskript, das Lisa anvertraut war, ausgeliefert ... und wem ausgeliefert? Wem? Dem Staatsanwalt?« Aber er hatte keine Zeit, darauf zu erwidern, und er hätte mir auch schwerlich etwas erwidert, denn er stand vor mir wie ein Götzenbild, immer noch mit demselben krankhaften Lächeln und demselben starren Blick; aber plötzlich ging die Tür auf, und Lisa trat ein. Sie wäre fast in Ohnmacht gefallen, als sie uns beisammen sah. »Du bist hier? Du bist also hier?« schrie sie mit plötzlich verzerrtem Gesicht und ergriff mich an den Armen, – »also ... weißt du? « Aber sie hatte es schon in meinem Gesicht gelesen, daß ich »wußte«. Ich umarmte sie schnell, ich konnte nicht anders, und hielt sie fest, fest! Und erst jetzt zum ersten Male durchdrang es mich mit ganzer Gewalt, was für ein unentrinnbarer, unendlicher, hoffnungsloser Kummer für ewig über dem Lose dieser ... freiwilligen Märtyrerin lag. »Ja, kann man denn jetzt überhaupt mit ihm reden?« rief sie und riß sich plötzlich aus meinen Armen los. »Kann man ihn denn besuchen? Warum bist du hier? Sieh ihn doch nur an, nur ansehn sollst du ihn! Und kann man ihn, kann man ihn verurteilen?« Unendliches Leid und unendliches Mitleid sprachen aus ihrem Gesichte, als sie das ausrief und dabei auf den Unglücklichen deutete. Er saß in seinem Stuhle, die Hände vors Gesicht geschlagen. Und sie hatte recht; das war ein Mensch im Delirium, der für nichts verantwortlich zu machen war. Er wurde noch an demselben Morgen ins Lazarett gebracht, und am Abend hatte er schon eine Gehirnentzündung.   4 Vom Fürsten, den ich in Lisas Gesellschaft zurückließ, fuhr ich – es war gegen ein Uhr nachmittags – in meine frühere Wohnung. Ich habe zu erwähnen vergessen, daß es ein feuchter, trüber Tag war: beginnendes Tauwetter und ein warmer Wind, der selbst einen Elefanten hätte nervös machen können. Mein Wirt empfing mich mit lebhaften Freudenbezeigungen, mit einem Schwall von Worten und Gebärden, was ich gerade in solchen Augenblicken für den Tod nicht ausstehen kann. Ich begrüßte ihn trocken und ging direkt in mein Zimmer, aber er folgte mir, und wenn er mich auch nicht auszufragen wagte, so waren doch seine Augen ganz blank vor Neugier; und dazu machte er noch ein Gesicht wie einer, der überhaupt schon ein gewisses Recht darauf hatte, neugierig zu sein. Ich mußte schon in meinem eignen wohlverstandenen Interesse höflich gegen ihn sein: aber obgleich ich ganz unbedingt etwas von ihm erfahren mußte (und ich wußte, was ich erfahren würde), ging es mir doch gegen die Natur, ihn auszufragen. Ich erkundigte mich nach dem Befinden seiner Frau, Und wir gingen zu ihr hinüber. Sie empfing mich zwar höflich, tat aber doch außerordentlich beschäftigt und wortkarg; das versöhnte mich einigermaßen. Um es kurz zu machen, ich erfuhr bei diesem Besuche die wunderlichsten Dinge. Selbstverständlich war Lambert dagewesen, aber nachher war er noch zweimal gekommen und hatte »sich alle Zimmer angesehen«, unter dem Vorgeben, daß er vielleicht eins mieten wolle. Darja Onisimowna war ein paarmal dagewesen; was die gewollt hatte, mochte wahrhaftig der liebe Gott wissen. »Sie war auch sehr neugierig,« fügte mein Wirt hinzu; – aber ich machte ihm nicht die Freude, ihn zu fragen, worauf sich ihre Neugier bezogen hätte. Überhaupt fragte ich ihn nicht aus, sondern er sprach ganz von selber, und ich tat derweile, als kramte ich in meinem Handkoffer (in dem auch richtig fast nichts mehr war). Das ärgerlichste aber war, daß er gleichfalls den Geheimnisvollen zu spielen versuchte: als er bemerkte, daß ich mich aller Fragen enthielt, fühlte er sich verpflichtet, immer lakonischer und fast in Rätseln zu sprechen. »Das Fräulein war auch da«, sagte er und sah mich mit einem sonderbaren Blick an. »Welches Fräulein?« »Anna Andrejewna; zweimal war sie da; sie hat Bekanntschaft mit meiner Frau gemacht. Sie ist eine reizende Dame, sehr nett. Auf so eine Bekanntschaft darf man sich etwas einbilden, Arkadij Makarowitsch ...« Und als er das gesagt hatte, machte er sogar einen Schritt auf mich zu: es lag ihm eben sehr viel daran, daß ich ihn verstünde. »Wirklich zweimal?«, fragte ich verwundert. »Das zweitemal war sie mit ihrem Bruder da.« »Also mit Lambert«, dachte ich unwillkürlich. »Nein, nicht mit Herrn Lambert«, sagte er und erriet sofort, was ich meinte, als könne er mit seinen Augen in meinem Innern lesen. »Nein, mit ihrem richtigen Bruder, mit dem jungen Herrn Wersilow. Er ist Kammerjunker, glaube ich?« Ich war sehr verblüfft; er sah mich an und lächelte furchtbar freundlich. »Ach ja, und wissen Sie, wer noch da war und nach Ihnen gefragt hat – dieses Fräulein, die Französin, Mamsell Alphonsina de Verdaigne. Nein, wie schön die singt; und Verse deklamieren kann sie auch wundervoll. Sie ist damals ganz im stillen zu Fürst Nikolaj Iwanowitsch hinausgefahren, nach Zarskoje, sie sagte, sie wollte ihm einen seltenen kleinen Hund verkaufen, so einen schwarzen, bloß so groß wie meine Faust.« Ich bat ihn, mich allein zu lassen, und schützte Kopfweh vor. Er erfüllte meinen Wunsch sofort und sprach sogar seinen Satz nicht zu Ende; dabei war er nicht im geringsten empfindlich, sondern er ging sogar mit Vergnügen und machte dazu eine geheimnisvolle Handbewegung, als wolle er sagen: »Ich versteh' schon, ich versteh' schon!« Und wenn er das auch nicht sagte, so machte er sich doch das Vergnügen, das Zimmer auf Zehenspitzen zu verlassen. Es gibt schon Leute auf dieser Welt, über die man sich recht ärgern kann. So saß ich anderthalb Stunden allein und dachte nach; das heißt, eigentlich dachte ich wohl nicht nach, sondern war nur in Gedanken. Wenn ich auch erregt war, so war ich dafür nicht im geringsten verwundert. Ich hatte sogar noch mehr erwartet, noch größere Wunder. »Na, vielleicht haben sie die jetzt auch schon zustande gebracht«, dachte ich in meinem Sinn. Ich war, und zwar seit lange, schon als ich noch zu Hause gewesen war, fest davon überzeugt, daß ihre Maschine in Gang gesetzt und jetzt schon im vollen Laufe wäre. »Nur ich fehle ihnen noch«, dachte ich mir abermals und verspürte dabei das Gefühl einer aufregenden und wollüstigen Selbstzufriedenheit. Daß sie mich mit der größten Sehnsucht erwarteten, und daß sie in meiner Wohnung irgend etwas anzetteln wollten, das war so klar wie die Sonne. »Ob es nicht am Ende gar die Trauung des alten Fürsten ist? Um ihn dreht sich ja die ganze Treibjagd. Es ist nur die Frage, ob ich das zugebe, meine Herrschaften!« sagte ich zuletzt wieder mit wollüstigem Selbstbewußtsein zu mir. »Aber wenn ich erst anfange, werde ich sofort wieder in den Wirbel gerissen wie ein Strohhalm. Bin ich denn jetzt, in diesem Augenblick, noch frei, oder bin ich nicht mehr frei? Kann ich, wenn ich heute abend zu Mama heimkomme, noch zu mir sagen, was ich alle diese Tage gesagt habe: ›Ich bin ganz für mich‹?« Das ist der Extrakt meiner bangen Fragen oder, besser gesagt, meines Herzklopfens, während ich so anderthalb Stunden in der Ecke auf meinem Bette saß, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen. Aber ich wußte es ja doch, ich wußte auch damals schon, daß alle diese Fragen das dümmste Zeug waren, und daß nur sie mich zog, – sie, und sie ganz allein! Endlich einmal habe ich das geradeheraus gesagt und mit der Feder auf dieses Blatt Papier geschrieben; denn selbst heute noch, wo ich dieses niederschreibe, ein Jahr später, weiß ich nicht, welchen Namen ich meinem damaligen Gefühle geben soll! O gewiß, Lisa tat mir leid, und in meinem Herzen lebte ein ungeheuchelter Schmerz um sie! Und eben dieses Schmerzgefühl um sie war das einzige, glaube ich, was die Kraft hatte, wenigstens zeitweise den Fleischhunger (ich wähle wieder dieses Wort) in mir zu beruhigen oder wegzuwischen. Aber mich riß eine maßlose Neugier und eine Art Grauen fort und noch ein gewisses Gefühl, – ich weiß nicht, was für eins; aber ich weiß, und das wußte ich auch damals schon, daß es kein gutes Gefühl war. Vielleicht lechzte ich danach, ihr zu Füßen zu fallen, aber vielleicht wollte ich sie auch allen Qualen überliefern und ihr »sofort, sofort« irgend etwas beweisen. Kein Schmerz um Lisa, kein Mitleid mit Lisa konnte mich mehr aufhalten. Nun, hätte ich da wohl aufstehen und heimgehen können ... zu Makar Iwanowitsch? »Aber kann ich denn nicht einfach zu ihnen hingehen und alles erkunden und dann auf einmal für immer von ihnen gehen, an allen Wundern und Ungeheuern unbeschädigt vorbeigehen?« Um drei Uhr raffte ich mich auf und sagte mir, daß ich mich schon beinahe verspätet hätte; ich ging hastig hinaus, nahm eine Droschke und fuhr zu Anna Andrejewna. Fünftes Kapitel   1 Als ich Anna Andrejewna gemeldet wurde, warf sie sofort ihre Näharbeit hin und kam mir eilig bis ins erste Zimmer entgegen, – was früher niemals geschehen war. Sie streckte mir beide Hände hin und errötete plötzlich. Dann führte sie mich ohne ein Wort hinein, setzte sich wieder zu ihrer Handarbeit und nötigte mich auf einen Stuhl neben sich; aber sie nähte nicht weiter, sondern sah mich immer mit derselben warmen Anteilnahme an, ohne ein Wort zu sagen. »Sie haben Darja Onisimowna zu mir geschickt«, begann ich geradeheraus, ein wenig peinlich berührt von dieser gar zu sehr auf Effekt berechneten Teilnahme, wenn schon sie mir auf der andern Seite auch schmeichelte. Sie fing plötzlich an zu sprechen, ohne auf meine Frage zu antworten. »Ich habe alles gehört, ich weiß alles. Diese furchtbare Nacht ... Oh, wieviel haben Sie ausstehen müssen! Ist es denn wirklich wahr, ist es wahr, daß man Sie besinnungslos aufgefunden hat, halb erfroren?« »Das hat Ihnen ... Lambert ...«, stammelte ich und wurde rot. »Er hat mir damals alles erzählt, aber ich habe auf Sie gewartet. Oh, wie erschrocken er war, als er zu mir kam! In Ihrer Wohnung... da, wo Sie krank gelegen haben, wollte man ihn nicht zu Ihnen lassen... Das war doch eine sonderbare Begegnung... Ich weiß freilich nicht, wie das alles zugegangen ist, aber er hat mir alles von jener Nacht erzählt: er hat mir gesagt, Sie, hätten gleich als Sie zur Besinnung gekommen waren, von mir gesprochen und... von Ihrer Ergebenheit gegen mich. Ich war zu Tränen gerührt, Arkadij Makarowitsch, und weiß wirklich nicht, wodurch ich mir eine so warme Anteilnahme von Ihnen verdient habe, und noch dazu in dieser Lage, in der Sie selber waren! Sagen Sie, ist Herr Lambert ein Jugendfreund von Ihnen?« »Ja, damals... war ich, offen gestanden, ziemlich unvorsichtig und habe ihm damals vielleicht etwas zuviel gesagt.« »Oh, von dieser schwarzen, schrecklichen Intrige hätte ich auch ohne ihn erfahren! Ich habe immer, immer schon so eine Ahnung gehabt, daß diese Leute Sie so weit bringen würden. Sagen Sie, ist es wahr, daß Bjoring sich erdreistet hat, seine Hand gegen Sie zu erheben?« Sie sprach so, als ob ich einzig und allein durch Bjoring und durch sie dort an die Mauer geraten wäre. Sie hat ja auch recht, dachte ich bei mir, aber ich brauste auf: »Wenn er seine Hand gegen mich aufgehoben hätte, so wäre er nicht ungezüchtigt von der Stelle gegangen, und ich säße jetzt nicht hier vor Ihnen, ohne mich gerächt zu haben«, erwiderte ich hitzig. Ich hatte den Eindruck, daß sie mich zu irgendeinem Zwecke reizen, mich gegen jemand aufhetzen wollte (es ist ja übrigens klar, gegen wen); und doch tappte ich in die Schlinge. »Wenn Sie sagen, sie hätten es vorausgesehen, daß man mich so weit bringen würde, so muß ich bemerken, daß das auf Katerina Nikolajewnas Seite selbstverständlich nur Mißtrauen gegen mich war... allerdings ist es ja richtig, daß sich ihre gute Meinung über mich etwas gar zu schnell in dieses Mißtrauen verwandelt hatte ...« »Gar zu schnell, das ist es ja eben!« fiel mir Anna Andrejewna mit einem geradezu begeisterten Mitgefühl ins Wort. »Oh, wenn Sie wüßten, was da jetzt erst für eine Intrige im Gange ist! Ach, Arkadij Makarowitsch, es muß Ihnen natürlich schwerfallen, die ganze Peinlichkeit meiner Lage zu begreifen«, sagte sie errötend und schlug die Augen nieder. »Seit damals, eben seit jenem Morgen, als wir uns zum letzten Male gesehen haben, habe ich einen Schritt getan, den nicht jedermann so zu verstehen und so zu begreifen vermag, wie ihn ein Mensch wie Sie verstanden hätte, ein Mensch mit Ihrem noch unangemessenen Verstände, Ihrem liebevollen, unverdorbnen, frischen Herzen. Seien Sie überzeugt, lieber Freund, ich bin sehr wohl imstande, Ihre Ergebenheit gegen mich zu schätzen, und werde Ihnen mit ewiger Dankbarkeit lohnen. Die Gesellschaft wird natürlich den Stein wider mich aufheben, und sie hat es schon getan. Aber selbst wenn die Menschen recht hätten von ihrem jammervollen Standpunkte aus, wer hätte das Recht, wer dürfte es wagen, sich über mich zum Richter zu setzen? Mein Vater hat mich verlassen, als ich noch ein Kind war; wir Wersilows sind ein altes, vornehmes russisches Geschlecht, und doch sind wir heimatlos, und ich lebe von fremdem Brote, das ich der Gnade andrer verdanke. Ist es da nicht ganz natürlich, daß ich mich an den wende, der mir schon von klein auf den Vater ersetzt hat, dessen Güte ich seit so vielen Jahren an mir erfahren habe? Meine Gefühle für ihn kennt Gott allein, er mag sie richten, den Urteilsspruch der Welt über meinen Schritt weise ich zurück! Und wenn nun da außerdem noch eine ganz eigennützige, schwarze Intrige im Spiele ist und die eigne Tochter eine Verschwörung anzettelt, um ihren vertrauensvollen, edelmütigen Vater ins Unglück zu stürzen, – darf man das denn dulden? Nein, mag ich selbst meinen guten Ruf aufs Spiel setzen, aber ich rette ihn! Ich bin bereit, einfach als Pflegerin bei ihm zu leben, seine Wärterin, seine Krankenschwester zu sein; aber die kalte, weltliche, schmutzige Berechnung soll nicht triumphieren!« Sie hatte mit außerordentlicher Lebhaftigkeit gesprochen, und die war ja wahrscheinlich zur Hälfte gespielt, aber trotzdem war sie doch ehrlich, denn ich sah deutlich, bis zu welchem Grade diese Sache sich ihres ganzen Menschen bemächtigt hatte. Oh, ich fühlte wohl, daß sie log (wenn sie auch ehrlich log: man kann auch ehrlich lügen) und daß sie in diesem Augenblick schlecht war; aber es ist erstaunlich, wie es so mit den Frauen ist: diese scheinbare Anständigkeit, diese höheren Formen, diese abweisende gesellschaftliche Vornehmheit und hochmütige Keuschheit, – das alles brachte mich aus dem Konzept, und ich begann ihr in allen Punkten recht zu geben, das heißt, solange ich bei ihr saß; wenigstens – raffte ich mich nicht dazu auf, ihr zu widersprechen. Oh, der Mann befindet sich der Frau gegenüber direkt im Zustande moralischer Sklaverei, namentlich, wenn er großherzig ist! Eine Frau kann einem großherzigen Manne alles einreden. »Sie und Lambert – du lieber Gott!« dachte ich bei mir und sah sie zweifelnd an. Übrigens, um gleich alles zu sagen: ich bin auch heute noch nicht imstande, sie zu verurteilen; in ihr Herz konnte ja wirklich nur Gott allein sehen; und außerdem ist der Mensch eine so komplizierte Maschine, daß man in gewissen Fällen nichts davon begreift, noch dazu, wenn dieser Mensch eine Frau ist. »Anna Andrejewna, was erwarten Sie eigentlich von mir?« fragte ich aber doch ziemlich energisch. »Wieso? Was bedeutet diese Frage, Arkadij Makarowitsch?« »Mir scheint nach allem ... und nach einigen anderen Erwägungen ...« sagte ich verwirrt, »Sie haben doch zu mir geschickt, weil Sie irgend etwas von mir erwarten. Also um was handelt es sich denn eigentlich?« Sie beantwortete meine Frage nicht und fing sofort wieder an zu sprechen, ebenso schnell und lebhaft wie zuvor: »Aber ich bin zu stolz, ich bringe es nicht über mich, mich mit unbekannten Leuten, wie mit diesem. Herrn Lambert, auf Erklärungen und Abmachungen einzulassen. Meine Situation ist auf die Schneide gestellt, sie ist fürchterlich, Arkadij Makarowitsch! Ich bin von den Ränken dieser Frau auf allen Seiten umstellt, und ich muß deshalb schlaue Winkelzüge machen – und das ist mir einfach unerträglich. Ich erniedrige mich fast bis zu Intrigen und habe auf Sie gewartet wie auf meinen Erlöser. Man kann mich nicht anklagen, weil ich sehnsüchtig ausschaue, um wenigstens einen Freund zu finden; und konnte ich also anders, als mich über diesen Freund freuen? Über den, der selbst in jener Nacht, als er beinahe erfroren war, meiner gedachte und immer nur meinen Namen auf den Lippen hatte, – der Mann muß mir doch ergeben sein, das ist doch klar. Das waren meine Gedanken diese ganze Zeit über, und deswegen habe ich auf Sie gehofft.« Sie sah mir mit ungeduldig fragendem Ausdruck in die Augen. Und richtig, mir fehlte wieder der Mut, ihren Glauben zu zerstreuen und ihr gerade heraus zu erklären, daß Lambert sie beschwindelt hatte, und daß ich ihm damals durchaus nicht gesagt hatte, ich wäre ihr so ganz besonders ergeben, und daß ich durchaus nicht »nur ihren Namen« auf den Lippen gehabt hatte. So bekräftigte ich durch mein Schweigen gewissermaßen Lamberts Lüge. Oh, ich bin überzeugt davon, daß sie selber es nur zu klar durchschaute, daß Lambert übertrieben, ja, sie einfach angelogen hatte, einzig und allein, um einen plausibeln Vorwand zu haben, sie aufzusuchen und Beziehungen mit ihr anzuknüpfen; und als sie mir so in die Augen sah, als wäre sie überzeugt davon, ich hätte das alles gesagt und wäre ihr wirklich so ergeben, da wußte sie natürlich genau, daß ich's nicht wagen würde, zu widersprechen, sozusagen aus Takt, und weil ich noch so jung war. Ob ich übrigens mit dieser Vermutung recht habe oder nicht, weiß ich nicht. Vielleicht bin ich auch nur schrecklich verdorben. »Mein Bruder wird für mich eintreten«, sagte sie plötzlich erregt, als sie sah, daß ich keine Antwort gab. »Ich höre, Sie sind mit ihm in meiner Wohnung gewesen«, stammelte ich verwirrt. »Ja, der unglückliche Fürst Nikolaj Iwanowitsch kann ja jetzt vor dieser ganzen Intrige oder, besser gesagt, vor seiner leiblichen Tochter, eigentlich nirgend hinflüchten als in Ihre Wohnung, das heißt, in die Wohnung eines Freundes: er hat ja doch wohl das Recht, Sie wenigstens für seinen Freund zu halten! ... Und wenn Sie überhaupt etwas für ihn tun wollen, so tun Sie das, – wenn Sie es vermögen, wenn genug Großmut und Kühnheit in Ihrem Herzen wohnt... und schließlich, wenn Sie überhaupt in Wahrheit etwas tun können . Oh, das geschähe nicht für mich, nicht für mich, sondern für diesen unglücklichen alten Mann, der der einzige ist, der Sie wirklich aufrichtig liebt, der Sie liebgewonnen hat wie seinen eignen Sohn, der sich auch heute noch immer nach Ihnen sehnt! Für mich erwarte ich gar nichts, nicht einmal von Ihnen – wenn sogar mein leiblicher Vater mir einen so hinterlistigen, einen so boshaften Streich gespielt hat.« »Ich dächte, Andrej Petrowitsch ...« wollte ich anfangen. »Andrej Petrowitsch,« unterbrach sie mich mit einem bittern Lächeln, »Andrej Petrowitsch hat mir damals auf meine ganz offne Frage hin sein Ehrenwort gegeben, er hätte nie die geringsten Absichten auf Katerina Nikolajewna gehabt, und ich war auch fest davon überzeugt, als ich meinen Schritt tat, aber dabei erwies es sich, daß er nur so lange ruhig blieb, bis er das erste Wort von einem Herrn Bjoring vernahm.« »So ist das nicht!« rief ich. »Es hat einen Augenblick gegeben, wo auch ich beinahe an seine Liebe zu dieser Frau glaubte; aber so ist das nicht... Ja, und selbst wenn es so wäre, so finde ich doch: jetzt könnte er darüber doch wirklich vollkommen beruhigt sein ... da dieser Herr doch den Laufpaß erhalten hat.« »Welcher Herr?« »Bjoring.« »Wer hat Ihnen das gesagt? Vielleicht hat dieser Herr noch nie so viel Einfluß gehabt wie jetzt«, lächelte sie giftig; ich hatte sogar den Eindruck, als ob sie mich spöttisch mustere. »Darja Onisimowna hat es mir gesagt«, stammelte ich in einer Verwirrung, die ich nicht zu verbergen imstande war, und die sie nur zu gut bemerkte. »Darja Onisimowna ist eine sehr nette Person, und ich kann ihr selbstverständlich nicht verbieten, mich gern zu haben, aber sie hat keine Mittel und Wege, Dinge zu erfahren, die sie nichts angehen.« Mein Herz zog sich zusammen; und wenn sie darauf gerechnet hatte, meinen Unwillen zu entflammen, so gelang es ihr insofern, als der Unwille in mir zu sieden begann, aber kein Unwille gegen jene Frau, sondern fürs erste nur gegen Anna Andrejewna selber. Ich erhob mich. »Als ehrlicher Mensch muß ich Ihnen gleich sagen, Anna Andrejewna, daß Ihre Erwartungen ... in bezug auf mich ... sich leicht als sehr hinfällig erweisen könnten ...« »Ich erwarte von Ihnen, daß Sie für mich eintreten,« sagte sie und sah mich fest an, »für mich, die von allen verlassen ist ... für Ihre Schwester, wenn Sie so wollen, Arkadij Makarowitsch!« Noch einen Augenblick, und sie hätte angefangen zu weinen. »Nun, dann warten Sie lieber nicht, weil ›vielleicht‹ nichts davon eintreten könnte«, stammelte ich, unbeschreiblich peinlich berührt. »Wie soll ich Ihre Worte verstehen?« sagte sie schon etwas gar zu besorgt. »Daß ich fortgehe von euch allen, und – damit basta!« schrie ich auf einmal beinahe wütend, »und das Dokument – zerreiße ich. Leben Sie wohl!« Ich verbeugte mich vor ihr und ging schweigend hinaus, wagte aber dabei kaum, sie anzusehen; aber ich war noch nicht die Treppe hinunter, als Darja Onisimowna mich einholte und mir einen zwiefach zusammengefalteten Briefbogen überreichte. Woher auf einmal Darja Onisimowna kam und wo sie während meiner Unterredung mit Anna Andrejewna gesteckt haben mochte, – das ist mir völlig unklar. Sie sagte kein Wort, sondern steckte mir nur das Papier zu und lief wieder hinauf. Ich entfaltete das Blatt: Lamberts Adresse stand genau und deutlich darauf geschrieben, und das Blättchen war sichtlich schon seit ein paar Tagen bereit gehalten worden. Mir fiel auf einmal ein, daß ich damals, als Darja Onisimowna bei mir gewesen war, zu ihr gesagt hatte, ich wüßte nicht, wo Lambert wohne, aber natürlich nur in dem Sinne: »Ich weiß es nicht und will es nicht wissen.« Jetzt aber hatte ich Lamberts Adresse schon von Lisa erfahren, die ich eigens gebeten hatte, sich im Adreßbureau danach zu erkundigen. Dies Vorgehen Anna Andrejewnas deuchte mich schon reichlich offenherzig, ja, zynisch: obgleich ich ihr meine Unterstützung rundweg abgeschlagen hatte, schickte sie mich direkt zu Lambert, als ob sie mir auch nicht für einen Groschen glaube. Mir wurde nur zu klar, daß ihr alles Wissenswerte über das Dokument schon bekannt war, – und durch wen sonst als durch Lambert, zu dem sie mich ja deshalb auch hinschickte, um alles mit ihm zu vereinbaren. »Selbstverständlich halten sie alle, vom ersten bis zum letzten, mich für einen dummen Jungen, ohne Willen und ohne Charakter, mit dem man alles anfangen kann!« dachte ich entrüstet.   2 Nichtsdestoweniger ging ich sofort zu Lambert. Wo hätte ich sonst auch meine Neugierde hintragen sollen? Lambert wohnte, wie es sich ergab, sehr weit entfernt, im Kosoj-Pereulok, beim Sommergarten, und immer noch in demselben Chambre garnie; aber damals, als ich ihm davongelaufen war, hatte ich so wenig auf den Weg und die Entfernungen geachtet, daß ich, als Lisa mir vor vier Tagen die Adresse gebracht hatte, sehr erstaunt gewesen war und es fast nicht hatte glauben wollen, daß er dort wohne. Während ich noch die Treppe zum dritten Stock hinaufstieg, bemerkte ich an der Flurtür zwei junge Leute und dachte mir, sie hätten wohl vor mir geklingelt und warteten darauf, daß ihnen geöffnet würde. Während ich hinaufstieg, standen sie beide mit dem Rücken gegen die Tür und betrachteten mich aufmerksam. »Hier werden möblierte Zimmer vermietet, und sie wollen natürlich irgendeinen andern Mieter besuchen«, dachte ich bei mir, mit gerunzelter Stirn, während ich auf sie zuging. Mir wäre es sehr unangenehm gewesen, bei Lambert jemand anders anzutreffen. Ich bemühte mich, sie nicht anzusehen und streckte meine Hand nach der Klingel aus. »Attendez!« rief mir der eine zu. »Ach bitte, warten Sie noch mit dem Klingeln«, sagte der andre junge Mensch mit heller, sanfter Stimme und dehnte dabei die Worte ein wenig. »Wir sind gleich fertig, und dann klingeln wir zusammen; wollen Sie?« Ich ließ meine Hand sinken. Sie waren beide noch sehr junge Leute, so zwischen zwanzig und zweiundzwanzig; sie waren dort an der Tür mit etwas Sonderbarem beschäftigt; ich suchte verwundert dahinterzukommen, was es wäre. Der, der »attendez« gerufen hatte, war ein sehr hoch aufgeschossener Bursche, er maß wenigstens sechs Fuß und sah hager und elend aus, war aber sehr muskulös, hatte einen im Verhältnis zu seiner Größe sehr kleinen Kopf und trug einen komisch finstern Ausdruck zur Schau, auf einem Gesicht, das ein wenig pockennarbig und durchaus nicht besonders dumm, vielmehr sogar sympathisch war. Seine Augen hatten einen übertrieben durchdringenden Blick von ganz überflüssiger und unnützer Entschlossenheit. Er war sehr schlecht angezogen: ein alter wattierter Mantel mit einem schäbigen kleinen Waschbärkragen, der ihm viel zu kurz und sichtlich nicht für ihn gemacht war; schlechte, beinah bäurische Stiefel und auf dem Kopfe ein schrecklich zerbeulter, fuchsig gewordener Zylinder. Man sah ihm den Schmutzbarthel von weitem an: die unbehandschuhten Hände waren schmierig, die langen Nägel zeigten Trauerränder. Im Gegensatz dazu war sein Begleiter wie ein Stutzer gekleidet, soweit man nach seinem leichten Marderpelz, seinem eleganten Hut und den neuen hellen Handschuhen urteilen konnte, die seine kleinen schlanken Hände bekleideten; er war etwa so groß wie ich, und sein frisches, jugendliches Gesicht trug einen außerordentlich liebenswürdigen Ausdruck. Der lange Bursche zerrte sich seine Krawatte vom Halse – ein furchtbar schäbiges und schmieriges Band, eigentlich nur eine Litze, und der hübsche Junge zog eine andre, neue, eben erst gekaufte schwarze Krawatte aus der Tasche und band sie dem langen Burschen um, der ihm gehorsam und mit schrecklich ernstem Gesicht seinen endlos langen Hals entgegenreckte und dabei seinen Mantel von den Schultern gleiten ließ. »Nein, das geht nicht, wenn das Hemd so dreckig ist,« sagte der Hübsche, »es macht nicht nur keinen Effekt, sondern es sieht so noch dreckiger aus. Ich habe dir doch gesagt, du sollst ein Vorhemd anziehen. Ich bringe es nicht fertig... können Sie es vielleicht?« wendete er sich plötzlich an mich. »Was f« fragte ich. »Ja, sehen Sie: ihm die Krawatte binden. Sehen Sie, man muß es irgendwie so einrichten, daß man sein dreckiges Hemd nicht sieht, sonst ist der ganze Effekt zum Teufel; was soll man tun? Ich habe ihm die Krawatte extra gekauft, beim Friseur Philippe, für einen Rubel.« »Hast du – den Rubel ...?« murmelte der Lange. »Ja; ich habe keine Kopeke mehr. – Sie können es also auch nicht? Na, dann werden wir Alphonsinchen bitten müssen.« »Zu Lambert?« fragte der Lange mich auf einmal in scharfem Tone. »Allerdings«, antwortete ich ihm ebenso energisch und sah ihm in die Augen. »Dolgorowky?« fragte er abermals, in demselben Ton und mit derselben Stimme. »Nein, nicht Korowkin«, antwortete ich ebenso scharf; denn ich hatte nicht richtig gehört. »Dolgorowky?!« schrie der Lange beinahe und trat fast drohend auf mich zu. Sein Freund fing zu lachen an. »Er sagt Dolgorowky, nicht Korowkin«, erklärte er mir. »Wissen Sie, die Franzosen im ›Journal des Débats‹ verdrehen die russischen Namen so oft...« »In der ›Indépendance‹«, maulte der Lange. »Na, meinetwegen auch in der ‹Indépendance›. Statt Dolgorukij schreiben sie zum Beispiel Dolgorowky – das hab' ich selber gelesen, und W–w nennen sie immer Comte Wallonieff.« »Doboyny!« schrie der Lange. »Ja, den Namen Doboyny haben sie da auch; ich habe es selber gelesen, und wir haben beide darüber gelacht: irgendeine russische Madame Doboyny, im Auslande ... Aber sag' mir mal, wozu erzählst du jetzt das alles«, wendete er sich plötzlich an den Langen. »Entschuldigen Sie, sind Sie Herr Dolgorukij?« »Ja, ich heiße Dolgorukij, aber woher wissen Sie das?« Der Lange flüsterte dem hübschen Jungen auf einmal etwas ins Ohr, der runzelte die Stirn und machte eine verneinende Bewegung; aber der Lange wendete sich plötzlich an mich: »Monsieur le prince, vous n'avez pas de rouble d'argent pour nous, pas deux, mais un seul, voulez-vous?« »Ach, was du für ein Lump bist«, rief der Junge. »Nous vous rendons«, schloß der Lange, der die französischen Worte plump und ungewandt hervorbrachte. »Sie müssen wissen, er ist ein Zyniker,« lächelte der Jüngere mich an, »und Sie denken vielleicht, er kann kein Französisch? Er spricht wie ein Pariser, er parodiert aber nur die Russen, die in Gesellschaften so furchtbar gern ganz laut Französisch miteinander sprechen und doch keine Ahnung davon haben...« »Dans les wagons«, erläuterte der Lange. »Na ja, auch in den Eisenbahnwagen: Gott, wie du langweilig bist! Da ist doch nichts zu erklären. Eine merkwürdige Liebhaberei, den Idioten zu spielen!« Ich hatte unterdessen einen Rubel hervorgeholt und ihn dem Langen gegeben. »Nous vous rendons«, sagte der, steckte den Rubel ein, wendete sich plötzlich zur Tür und machte sich mit einem regungslosen, ernsthaften Gesichte daran, mit der Spitze seines riesigen, plumpen Stiefels dagegen zu donnern; aber dabei war er nicht im geringsten erregt... »Ach, du kriegst nur wieder Krakeel mit Lambert!« sagte der Junge unruhig. »Dann klingeln Sie doch lieber!« Ich klingelte, aber der Lange donnerte mit seinem Stiefel trotzdem weiter. »Ah, sacré...«, hörte man auf einmal Lamberts Stimme hinter der Tür, und er öffnete schnell. »Dites donc, voulez-vous que je vous casse la tête, mon ami?« schrie er den Langen an. »Mon ami, voilà Dolgorowky, l'autre mon ami«, sagte der Lange wichtig und ernst und sah dem zornroten Lambert recht frech in die Augen. Als der mich erblickte, verwandelte er sich gleichsam ganz. »Du bist's, Arkadij! Endlich! Na, bist du denn gesund, bist du endlich wieder gesund?« Er ergriff meine Hände und drückte sie kräftig; kurz, er war so aufrichtig entzückt, daß ich mich für den Augenblick sehr geschmeichelt fühlte und sogar etwas wie Zuneigung für ihn verspürte. »Mein erster Weg führt zu dir!« »Alphonsine!« schrie Lambert. Sie sprang sofort hinter dem Wandschirm hervor. »Le voilà!« »C'est lui!« rief Alphonsine, schlug die Hände zusammen und wollte, als sie die Arme wieder ausgebreitet hatte, auf mich losstürzen und mich umarmen, aber Lambert verteidigte mich. »Na, na, na; tout-beau!« schrie er ihr zu, wie einem kleinen Hunde. »Du, Arkadij, ich habe mich heute mit ein paar jungen Leuten verabredet, wir wollen bei den Tataren Mittag essen. Ich lasse dich nicht los, du mußt mitkommen. Wir essen zu Mittag; und denen da gebe ich gleich einen Tritt – und dann sprechen wir uns aus. Aber tritt näher, tritt näher. Wir gehen gleich, ich muß nur einen Augenblick...« Ich trat ein, trat mitten in jenes Zimmer, schaute mich um und suchte mir die Szene von damals zurückzurufen. Lambert zog sich schnell hinter dem Wandschirm um. Der Lange und sein Freund waren uns gefolgt, trotz dessen, was Lambert gesagt hatte. Wir waren alle stehengeblieben. »Mademoiselle Alphonsine, voulez-vous me baiser?« maulte der Lange. »Mademoiselle Alphonsine«, wollte der Jüngere anfangen, indem er ihr die Krawatte hinhielt, aber sie stürzte sich wütend auf die beiden: »Ah, le petit vilain!« schrie sie den Jüngeren an. »Ne m'approchez pas, ne me salissez pas, et vous, le grand dadais, je vous flanque à la porte tous les deux, savez-vous cela?« Trotzdem sie den Jüngeren voll Verachtung und Ekel abwehrte, als fürchte sie sich in der Tat, sich an ihm zu beschmutzen (was ich durchaus nicht begreifen konnte, weil er so hübsch war und auch, als er den Pelz abgelegt hatte, so gut angezogen aussah) – also, trotzdem bat sie der Jüngere eindringlich, seinem langen Freunde die Krawatte zu binden und ihm vorher ein reines Vorhemd von Lambert anzuknöpfen. Sie nahm diesen Vorschlag mit solchem Unwillen auf, daß sie fast mit den Fäusten auf ihn losgegangen wäre, aber Lambert, der das hinter dem Wandschirm gehört hatte, rief ihr zu, sie solle sie nicht aufhalten und solle tun, was sie verlangten. »Sonst gehen sie überhaupt nicht mehr weg«, fügte er hinzu, und Alphonsine holte sofort ein Vorhemd und begann dem Langen die Krawatte zu binden, ohne noch eine Spur von Ekel zu zeigen. Und er streckte ihr, genau wie vorhin auf der Treppe, seinen Hals entgegen, während sie die Krawatte band. »Mademoiselle Alphonsine, avez-vous vendu votre bologne?« fragte er. »Qu'est-ce que ça, ma bologne?« Der Jüngere erklärte, »ma bologne« bedeute den Bologneser. »Tiens, quel est ce baragouin?« »Je parle comme une dame russe sur les eaux minérales«, bemerkte le grand dadais, der immer noch mit vorgerecktem Halse dastand. »Qu'est-ce que ça qu'une dame russe sur les eaux minérales et... où est donc votre jolie montre que Lambert vous a donné« wendete sie sich plötzlich an den Jüngeren. »Was, ist die Uhr schon wieder fort?« rief Lambert ärgerlich hinter dem Wandschirm hervor. »Aufgefressen!« maulte le grand dadais. »Ich hab' sie für acht Rubel verkauft: sie war ja Silber vergoldet, und Sie haben gesagt, sie wäre von Gold. Solche Uhren kosten jetzt im Laden auch bloß sechzehn Rubel«, sagte der Jüngere zu Lambert; er rechtfertigte sich sichtlich nur mit Unlust. »Das muß ein Ende haben!« fuhr Lambert noch ärgerlicher fort. »Junger Freund, ich kaufe Ihnen nicht Kleider und schöne Sachen, damit Sie sie ihrem langen Freunde nachschmeißen ... Was haben Sie ihm da schon wieder für eine Krawatte gekauft?« »Die kostet nur einen Rubel; die ist nicht von Ihrem Geld. Er hatte überhaupt keine Krawatte, und einen Hut müssen wir ihm auch noch kaufen.« »Quatsch!« sagte Lambert, jetzt schon ernstlich böse. »Ich hab' ihm auch für einen Hut genug gegeben; und er hat gleich Austern und Champagner bestellt. Er stinkt; er ist ein Schmutzfink; man kann ihn nirgends mitnehmen. Wie soll ich ihn zum Essen mitnehmen?« »Mit einer Droschke«, maulte der dadais. »Nous avons un rouble d'argent que nous avons prêté chez notre nouvel ami.« »Gib ihnen nichts, Arkadij!« schrie Lambert wieder. »Erlauben Sie mal, Lambert; ich verlange jetzt sofort von Ihnen zehn Rubel«, sagte der Junge so zornig, daß er ganz rot wurde, was ihn doppelt hübsch machte. »Erlauben Sie sich nicht, noch einmal so dumme Sachen zu sagen, wie jetzt eben zu Dolgorukij. Ich verlange zehn Rubel, um Dolgorukij gleich seinen Rubel wiedergeben zu können, und für den Rest kaufe ich einen Hut für Andrejew – Sie werden selber sehen.« Lambert kam hinter dem Schirm hervor. »Da sind drei gelbe Lappen, drei Rubel, und mehr gibt es nicht bis Dienstag, und seht euch vor... sonst...« Le grand dadais riß ihm das Geld nur so aus der Hand. »Dolgorowky, da ist der Rubel, nous vous rendons avec beaucoup de grâce. Petja, komm!« rief er seinem Freunde zu, und dann schwang er auf einmal die beiden Scheine durch die Luft, sah Lambert recht frech ins Gesicht und brüllte aus Leibeskräften: »Ohé, Lambert! Où est Lambert, as-tu vu Lambert?« »Seht euch vor, seht euch vor!« brüllte Lambert in fürchterlichster Wut. Ich sah wohl: dahinter mußte irgendeine Beziehung auf etwas früher Passiertes stecken, wovon ich nichts wußte; ich stand höchst erstaunt dabei. Der Lange aber ließ sich durch Lamberts Zorn nicht im geringsten einschüchtern; im Gegenteil, er brüllte noch lauter: »Ohé, Lambert!« Mit diesem Schlachtruf gingen sie ins Treppenhaus hinaus. Lambert wollte ihnen nachstürzen, kehrte aber wieder um. »Na, denen geb' ich auch bald einen Tritt! Die kosten mehr, als man von ihnen hat... Komm, Arkadij! Ich hab' mich so schon versäumt. Es erwartet mich da einer, den ich ... auch brauche ... Auch so ein Viehstück ... Das sind alles Viehstücke! Packzeug, Packzeug!« fing er wieder an zu schreien und knirschte beinah mit den Zähnen; plötzlich aber gewann er seine Haltung zurück. »Ich bin froh, daß du endlich gekommen bist. Alphonsine, keinen Schritt aus dem Hause! Komm!« Unten erwartete ihn ein eleganter gemieteter Fiaker. Wir stiegen ein; und selbst unterwegs konnte er immer noch nicht seine Wut auf diese jungen Leute bezwingen und sich ganz beruhigen. Ich wunderte mich, daß ihm das so ernstlich nahe ging und auch darüber, daß die andern Lambert so respektlos behandelten, und daß er beinahe etwas wie Angst vor ihnen hatte. Nach dem alten Eindruck aus der Knabenzeit, der sich in mich hineingefressen hatte, deuchte es mich immer, alle müßten sich vor Lambert fürchten; ja trotz aller meiner Unabhängigkeit fürchtete ich mich damals wohl selber vor Lambert. »Ich kann dir nur sagen, das ist lauter fürchterliches Packzeug,« schimpfte Lambert weiter, »wirst du es glauben, dieser Lange, der ekelhafte Kerl, hat mich schön blamiert vor drei Tagen in einer feinen Gesellschaft. Er pflanzt sich vor mir auf und schreit: ›Ohé, Lambert!‹ In einer feinen Gesellschaft! Alle lachen über mich und wissen genau: er tut es, damit ich ihm Geld gebe – stell' dir vor! Ich hab' es ihm geben müssen. Oh, das sind Halunken! Wirst du es glauben, er war Junker in einem Regiment und ist geschaßt worden, da kannst du dir vorstellen, daß er gebildet ist: er ist in einem guten Hause groß geworden, stell' dir vor! Er hat Ideen, er könnte ... Ach, zum Teufel! Und er ist stark wie Herkules. Er ist schon brauchbar, aber nicht sehr. Und du siehst ja selbst: er wäscht sich die Hände nicht. Ich habe ihn einer Dame empfohlen, einer vornehmen alten Dame, und habe ihr gesagt, er bereue seinen Lebenswandel und wolle sich aus Gewissensbissen umbringen, aber er geht zu ihr hin, setzt sich und fängt an zu pfeifen. Und der andre, der hübsche, ist der Sohn von einem General; seine Familie will nichts von ihm wissen, ich habe ihn direkt dem Gericht aus den Fingern gerissen, ich hab' ihn gerettet, und er lohnt es mir so. Hier gibt es nichts Gescheites! Ich geb' ihnen schon noch einmal einen Tritt, einen Tritt geb' ich ihnen!« »Sie wissen meinen Namen: hast du mit ihnen von mir gesprochen?« »Ich war so dumm. Weißt du, wenn man so nach dem Essen zusammensitzt, da geht einem mal der Mund durch... Es kommt noch eine fürchterliche Kanaille hin. Weißt du, das ist schon wirklich eine fürchterliche Kanaille und furchtbar schlau; das sind hier alles Spitzbuben; hier gibt es nicht einen anständigen Menschen! Na, wenn ich erst mit einer Sache fertig bin, dann... Was ißt du denn gern? Na, das ist ja egal, man ißt dort ausgezeichnet. Ich bezahle, sei ganz ruhig. Schön, daß du gut angezogen bist. Ich kann dir Geld geben. Komm nur immer. Stell' dir vor, ich hab' ihnen Essen und Trinken gegeben, jeden Tag Fischpastete; die Uhr, die er verkauft hat – das ist schon das zweitemal. Dieser Kleine, Trischatow heißt er, – du hast ja gesehen, Alphonsine ekelt sich davor, ihn bloß anzusehen, und läßt ihn nicht in ihre Nähe kommen – und im Restaurant, in Gegenwart von Offizieren, sagt er auf einmal: ›Ich will Schnepfen.‹ Ich habe Schnepfen für ihn bestellt. Aber ich streich' es ihm schon noch an.« »Weißt du noch, Lambert, wie wir beide in Moskau damals in die Kneipe fuhren und wie du mich in der Kneipe mit der Gabel piektest, und wie du damals fünfhundert Rubel hattest?« »Ja, freilich! O Teufel, freilich weiß ich das noch! Ich hab' dich gern... Das kannst du mir glauben. Dich hat kein Mensch gern, aber ich habe dich gern; ich ganz allein, vergiß das nicht... Der andre, der dorthin kommt, der Pockennarbige, – das ist eine furchtbar schlaue Kanaille; antworte ihm gar nicht, wenn er mit dir zu reden anfängt, und wenn er dich fragt, antworte ihm nur dummes Zeug, oder halt lieber den Mund...« Wenigstens fragte er mich infolge seiner Aufregung unterwegs über gar nichts aus. Ich fühlte mich sogar gekränkt, daß er meiner so sicher war und gar nicht auf die Vermutung kam, ich könnte mißtrauisch gegen ihn sein; mir schien es so, als hätte er die dumme Idee, er könnte mich noch immer so kommandieren wie in alten Zeiten. »Und außerdem ist er fürchterlich ungebildet«, dachte ich bei mir, als wir das Restaurant betraten.   3 In diesem Restaurant, auf der Morskaja, hatte ich auch früher schon verkehrt, in der Zeit, da ich am tiefsten gesunken und ganz verderbt gewesen war; und deshalb gab es mir einen Stich, als ich diese Räume wiedersah und diese Kellner, die mich interessiert musterten und in mir einen früheren Stammgast wiedererkannten; und ebenso wirkten Lamberts rätselhafte Freunde auf mich, in deren Gesellschaft ich mich so auf einmal befand und zu denen ich schon wie untrennbar gehörte; nicht zum wenigsten aber auch das dunkle Vorgefühl, daß ich mich hier freiwillig auf allerhand Gemeinheiten einließ und sicherlich mit etwas Häßlichem endigen würde ... Es kam ein Moment, wo ich beinahe wieder gegangen wäre; aber dieser Moment ging vorüber, und ich war noch da. Jener »Pockennarbige«, vor dem Lambert sich, Gott weiß warum, so fürchtete, erwartete uns schon. Es war ein Mann mit einer von jenen dumm-geschäftigen Physiognomien, die ich schon fast seit meinen ersten Kinderjahren verabscheue; er mochte fünfundvierzig Jahre zählen, war mittelgroß, hatte leicht ergraute Haare und ein geradezu widerlich glattrasiertes Gesicht, das außerordentlich flach und böse war und an beiden Wangen von kleinen, wohlabgezirkelten grauen Bartkoteletten in Gestalt kleiner Würstchen begrenzt wurde. Selbstverständlich war er langweilig, ernsthaft, wortkarg und sogar sehr von oben herab, wie alle solche Leute, ich weiß nicht warum, zu sein pflegen. Er musterte mich sehr aufmerksam, sagte aber kein Wort; und Lambert war so dumm, daß er uns, trotzdem wir uns an denselben Tisch setzten, nicht miteinander bekannt machte und der andre mich also für einen der Erpresser aus Lamberts Gefolge halten konnte. Mit den beiden jungen Leuten (die beinahe gleichzeitig mit uns eingetroffen waren) sprach der Fremde gleichfalls während der ganzen Mahlzeit kein Wort, aber man konnte trotzdem deutlich sehen, daß er sie sehr genau kannte. Er sprach nur mit Lambert, ich weiß nicht, worüber, und auch dieses Gespräch wurde fast im Flüstertone geführt, und auch hier sprach Lambert beinahe allein; der Pockennarbige äußerte sich nur in abgerissenen, grimmigen Worten, die immer wie Ultimata klangen. Er benahm sich äußerst hochmütig und war böse und höhnisch, während Lambert im Gegensatz dazu in großer Aufregung war und ihm die ganze Zeit sichtlich gute Worte gab, wahrscheinlich, um ihn zu irgendeiner Unternehmung zu überreden. Einmal streckte ich meine Hand nach einer Rotweinflasche aus; da ergriff der Pockennarbige, der vorher kein Wort mit mir gewechselt hatte, plötzlich eine Flasche Sherry und reichte sie mir. »Versuchen Sie den da«, sagte er dabei. Da erriet ich auf einmal, daß er sicher schon alles irgendwie Wissenswerte über mich wußte – meine Geschichte so gut wie meinen Namen, und vielleicht auch, was Lambert mit mir vorhatte. Der Gedanke, daß er mich für einen dienstbaren Geist Lamberts halten könnte, ließ die Wut abermals in mir emporkochen; in Lamberts Gesicht aber zeigte sich die höchste und dümmste Beunruhigung, sobald der andre nur das Wort an mich richtete. Der Pockennarbige bemerkte das sehr gut und fing an zu lachen. »Selbstverständlich haben die alle Lambert in den Händen,« dachte ich bei mir und haßte ihn in diesem Augenblick aus vollem Herzen. So saßen wir allerdings die ganze Mahlzeit über an einem Tisch, bildeten aber dennoch zwei getrennte Gruppen: am Fenster saßen der Pockennarbige und Lambert einander gegenüber, am andern Ende ich neben dem schmierigen Andrejew, und mir gegenüber Trischatow. Lambert hatte es sehr eilig mit dem Servieren der Gänge und trieb den Kellner alle Augenblicke zur Eile. Als der Champagner gebracht wurde, hielt er mir plötzlich sein Glas herüber. »Auf dein Wohl! Stoßen wir an!« unterbrach er sein Gespräch mit dem Pockennarbigen. »Erlauben Sie mir auch, mit Ihnen anzustoßen?« fragte der hübsche Trischatow und hielt mir sein Glas über den Tisch hin entgegen. Bis zum Champagner war er auffallend nachdenklich und schweigsam gewesen. Der dadais hatte überhaupt noch kein Wort gesagt, sondern war stumm gewesen und hatte viel gegessen. »Mit Vergnügen«, sagte ich zu Trischatow. Wir stießen an und tranken aus. »Ich für mein Teil trinke nicht auf Ihr Wohl,« sagte der dadais und wendete sich plötzlich zu mir herum, »nicht weil ich Ihnen Böses gönnte, sondern damit Sie heute hier nicht mehr trinken.« Er sagte das düster und gewichtig. »Sie haben auch mit drei Gläsern genug. – Ich sehe, Sie betrachten meine ungewaschne Faust,« fuhr er fort und legte die Faust vor sich auf den Tisch, »ich wasche sie nicht und vermiete sie so ungewaschen an Lambert zum Einschlagen fremder Hirnschalen, in Fällen, die für Lambert peinlich sind.« Und als er das gesagt hatte, drosch er plötzlich mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß alle Teller und Gläser tanzten. Außer unserm waren noch vier Tische in diesem Zimmer besetzt: von Offizieren und anderen Herren von vornehmer Haltung. Das Restaurant war gerade in Mode. Für einen Augenblick verstummten alle Gespräche, und aller Augen wendeten sich in unsre Ecke: ich täusche mich wohl auch nicht, wenn ich sage, daß wir schon lange etwas Aufsehen erregt hatten. Lambert wurde puterrot. »Was, fängt er schon wieder an? Ich dächte doch, ich hab' Sie gebeten, sich doch wenigstens einigermaßen zu benehmen, Nikolaj Semionowitsch«, flüsterte er Andrejew wutentbrannt zu. Der musterte ihn mit einem langen, langsam wandernden Blick. »Ich will nicht, daß mein neuer Freund Dolgorowky heute hier zuviel trinkt«, sagte er. Lambert wurde noch wütender. Der Pockennarbige hörte schweigend, aber mit sichtlicher Befriedigung zu. Andrejews Ausfall war ihm aus irgendeinem Grunde angenehm. Ich ganz allein verstand nicht, weshalb ich eigentlich nicht mehr trinken sollte. »Das macht er nur, damit ich ihm Geld gebe! Sie bekommen noch sieben Rubel, verstanden, nach dem Essen – nur lassen Sie uns in Ruhe fertig essen und blamieren Sie uns nicht«, rief Lambert ihm knirschend zu. »Aha!« blökte der dadais sieghaft. Das entzückte den Pockennarbigen geradezu, und er begann boshaft zu kichern. »Hör' mal, du bist schon sehr ...«, sagte Trischatow unruhig und mit fast leidendem Ausdruck zu seinem Freunde; er wollte ihn sichtlich zurückhalten. Andrejew verstummte, aber nicht für lange; das paßte ihm nicht in seinen Kram. Durch einen Tisch von uns getrennt, fünf Schritte entfernt, speisten zwei Herren, die sich lebhaft miteinander unterhielten. Es waren zwei sehr kritisch aussehende Herren in mittleren Jahren. Der eine war lang und sehr dick, der andre gleichfalls sehr dick, aber klein. Sie unterhielten sich auf polnisch über die neuesten Ereignisse in Paris. Der dadais hatte sie schon lange neugierig beobachtet und hinübergehorcht. Der Kleinere von den Polen erschien ihm augenscheinlich als eine komische Figur, und er hatte sogleich einen Haß auf ihn geworfen, wie es bei Leuten, die an der Galle oder an der Leber leiden, so häufig ohne jede besondre Veranlassung vorzukommen pflegt. Plötzlich sprach der kleine Pole den Namen des Deputierten Madier de Montjeau aus, sprach ihn aber nach der Gewohnheit sehr vieler Polen polnisch aus, das heißt mit dem Ton auf der vorletzten Silbe; er sagte also nicht Madiér de Montjeáu, sondern Mádier de Móntjeau. Mehr brauchte es für den dadais nicht. Er wendete sich an die Polen, richtete sich mit Elan auf und sagte artikuliert und laut, als richte er eine Frage an sie: »Madiér de Montjeáu?« Die Polen drehten sich wütend nach ihm um. »Wie beliebt?« schrie der große, dicke Pole drohend auf russisch. Der dadais wartete einen Augenblick. »Madiér de Montjeáu?« rief er dann noch einmal, daß es durch den ganzen Saal schallte, ohne weiter irgendeine Erklärung für seine Worte zu geben, genau so dumm, wie er vorhin an der Tür drohend auf mich zugetreten war und mehrmals: »Dolgorowky« gerufen hatte. Die Polen sprangen auf, Lambert stürzte hinter dem Tisch hervor und wollte auf Andrejew zu, ließ ihn dann aber stehen, lief zu den Polen hin und begann sie untertänigst um Entschuldigung zu bitten. »Das sind Hanswurste, Panie, das sind Hanswurste!« sagte der kleine Pole voller Verachtung und rot vor Zorn wie eine Möhre. »Man kann bald nicht mehr herkommen!« – Auch sonst im Saale entstand eine Unruhe, es wurde teilweise gleichfalls gemurrt, hauptsächlich aber wurde gelacht. »Kommen Sie mit ... bitte ... kommen Sie!« murmelte Lambert, der vollkommen die Fassung verloren hatte und sich Mühe gab, Andrejew auf irgendeine Weise aus dem Lokale zu entfernen. Der musterte Lambert prüfend und erriet, daß dieser wohl gleich jetzt mit dem Gelde herausrücken würde; so willigte er denn ein, mit ihm zu gehen. Wahrscheinlich hatte er schon mehr als einmal durch solche schamlose Kniffe bei Lambert Geld herausgeschlagen. Trischatow wollte ihnen schon nachlaufen, sah dann aber mich an und blieb da. »Ach, wie ekelhaft!« sagte er und bedeckte seine Augen mit den feinen Fingerchen. »Wirklich sehr ekelhaft«, flüsterte der Pockennarbige, der jetzt nicht mehr belustigt, sondern geärgert aussah. Lambert kam mit fast leichenblassem Gesichte zurück und begann mit lebhaften Gesten dem Pockennarbigen etwas in die Ohren zu wispern. Der hatte inzwischen dem Kellner gesagt, er solle möglichst schnell den Kaffee servieren; er hörte nur widerwillig auf Lambert; er wollte augenscheinlich möglichst schnell fortkommen. Und dabei war die ganze Sache doch nur ein einfacher Dummejungenstreich gewesen. Trischatow kam mit seiner Kaffeetasse zu mir herüber und setzte sich neben mich. »Ich hab' ihn sehr gern«, begann er mit einem so offnen Gesicht, als hätte er hierüber mit mir schon hundertmal gesprochen. »Sie glauben nicht, wie unglücklich Andrejew ist. Er hat die Mitgift seiner Schwester verschlemmt und vertrunken, und er hat überhaupt alles, was sie besaßen, in dem einen Jahre verschlemmt und vertrunken, in dem er im Dienst war; und ich sehe ihm an, daß ihn das jetzt quält. Und daß er sich nicht wäscht, – das ist bloß Verzweiflung. Und er hat furchtbar sonderbare Ideen: er sagt plötzlich zu einem, ein Spitzbube und ein ehrlicher Mensch, das wäre alles eins, und da gäbe es gar keinen Unterschied: und darum müsse man überhaupt nichts tun, nichts Gutes und nichts Schlechtes, oder vielmehr: es wäre ganz gleich, man könnte auch Gutes tun oder Schlechtes, das gescheiteste aber wäre, herumzuliegen, ohne auch nur einmal im Monat die Kleider zu wechseln, und zu trinken und zu essen und zu schlafen – und weiter nichts. Aber glauben Sie mir, das sagt er nicht bloß so. Und wissen Sie, ich glaube sogar: diese ganzen Albernheiten eben hat er nur deshalb gemacht, weil er endgültig mit Lambert brechen wollte. Er hat es mir erst gestern gesagt. Wollen Sie es glauben: manchmal nachts, oder wenn er lange allein sitzt, fängt er an zu weinen, und wissen Sie, er weint so ganz sonderbar, wie sonst kein Mensch weint; er schluchzt so laut, er schluchzt schrecklich, und, wissen Sie, das tut einem noch weher ... Und dann ist er doch so groß und so stark, und auf einmal fängt er ganz laut zu weinen an. Was für ein armer Teufel, nicht wahr? Ich will ihn retten, aber ich bin ja selber so ein schlechter Kerl, so ein verkommener Bengel, daß Sie es nicht glauben würden! Würden Sie mich empfangen, Dolgorukij, wenn ich Sie einmal aufsuchen würde?« »Oh, kommen Sie nur, ich hab' Sie sogar sehr gern.« »Weswegen denn? Na, also ich danke Ihnen. Hören Sie mal, trinken wir noch ein Glas! Übrigens, was rede ich da? Trinken Sie lieber nichts mehr. Da hat er sehr recht gehabt, als er sagte, Sie dürften nichts mehr trinken,« nickte er mir plötzlich bedeutsam zu, »aber ich trinke doch noch ein Glas. Bei mir macht es nichts mehr; und wollen Sie es glauben, daß ich mir nichts versagen kann? Man braucht mir nur zu sagen, ich könnte nicht mehr in den Restaurants dinieren, dann bin ich zu allem bereit, bloß um nur wieder dinieren zu können. Oh, ich versichere Sie, wir haben den ehrlichen Willen, anständige Menschen zu sein, aber wir verschieben es nur immer, und ... Die Jahre vergehen, die herrlichsten Jahre! Ich habe furchtbare Angst – er hängt sich noch einmal auf. Er geht hin und sagt keinem ein Wort davon. Er ist so ein Mensch. Heutzutage hängen sich alle auf – was weiß ich! – vielleicht gibt's viele Leute, wie wir sind? Ich zum Beispiel kann ohne überflüssiges Geld einfach nicht leben. Aufs Überflüssige kommt es mir viel mehr an als aufs Notwendige. Sagen Sie, lieben Sie Musik? Ich schwärme dafür. Ich werde Ihnen etwas vorspielen, wenn ich zu Ihnen komme. Ich spiele sehr gut Klavier und habe sehr lange Musik studiert. Ganz ernsthaft studiert. Wenn ich eine Oper komponieren würde, würde ich das Sujet aus dem ›Faust‹ nehmen. Ich liebe dieses Thema sehr. Ich komponiere mir immer die Szene im Dome, bloß so im Kopf komponiere ich sie mir. Ein gotischer Dom, von innen gesehen; Chöre, Hymnen; Gretchen tritt ein; natürlich – mittelalterliche Hymnen, daß man das ganze fünfzehnte Jahrhundert heraushört. Gretchen ist in Verzweiflung; zuerst ein Rezitativ, leise, aber schrecklich, qualvoll, und die Chöre dröhnen düster, streng, teilnahmlos: Dies irae, dies illa! Und auf einmal – die Stimme des Teufels, die Arie des Teufels. Er ist unsichtbar, bloß eine Stimme, neben den Hymnen, gleichzeitig mit den Hymnen, fast zusammenfallend mit ihnen, und dabei doch ganz etwas andres – so irgendwie müßte man das machen. Eine lange, unermüdliche Arie, für Tenor, unbedingt für Tenor. Sie fängt leise an, zärtlich: ›Erinnerst du dich, Gretchen, wie du, noch unschuldig, ein Kind noch, mit deiner Mutter in diese Kirche kamst und Gebete lalltest aus dem alten Buche?‹ Aber die Arie wird immer stärker, immer leidenschaftlicher, immer wilder; die Noten werden höher: Tränen sind darin, Schmerz, unerschöpflicher unentrinnbarer Schmerz, und zuletzt die Verzweiflung: ›Keine Vergebung, Gretchen, keine Vergebung hier für dich!‹ Gretchen will beten, aber ihrer Brust entringen sich nur Schreie – wissen Sie, wenn es in der Brust so zittert vor Tränen – aber Satans Arie verstummt immer noch nicht, sondern bohrt sich immer tiefer in ihr Herz, wie eines Messers Schärfe, immer höher schwingt sich der Ton – und plötzlich reißt er ab mit dem fast geschrienen: ›Alles zu Ende, du bist verdammt!‹ Gretchen sinkt in die Knie, sie ringt die Hände – und dann kommt ein Gebet, etwas ganz Kurzes, halb rezitativ, aber naiv, ohne jede Künstelei, etwas im höchsten Grade Mittelalterliches, vier Verse, im ganzen bloß vier Verse – in ›Stradella‹ kommen so ein paar Noten vor – und beim letzten Ton fällt sie in Ohnmacht. Große Verwirrung. Sie wird aufgehoben, hinausgetragen – und da setzt auf einmal ein donnernder Chor ein. Das müßte gleichsam ein Schlag von Stimmen sein, ein begeisterter, sieghafter, erdrückender Chor, etwa wie bei uns: ›dori-no-si-ma tschinmi‹ (den von Engelsscharen auf Speeren dahingetragenen...), so daß alles in seinen Grundfesten erzittert, und dann läuft alles in ein feierliches, jauchzendes Hosianna aus! – Gleichsam ein Aufschrei des ganzen Weltalls, und sie wird weiter und weiter getragen, und dann fällt der Vorhang! Nein, wissen Sie, wenn ich nur könnte, würde ich schon etwas machen! Leider kann ich nur überhaupt gar nichts mehr, ich träume nur immer. Ich träume immer und träume; mein ganzes Leben hat sich in einen einzigen Traum verwandelt, auch nachts träume ich. Ach, Dolgorukij, haben Sie den ›Old curiosity shop‹ von Dickens gelesen?« »Ja; und...?« »Erinnern Sie sich...? Warten Sie, ich trinke noch ein Glas – erinnern Sie sich noch an die eine Stelle am Schlusse, wo die beiden – der wahnsinnige Alte und das reizende dreizehnjährige Mädchen, seine Enkelin – nach ihrer phantastischen Flucht und ihren Irrfahrten endlich irgendwo ganz am Ende Englands eine Zuflucht gefunden haben, in der Nähe einer mittelalterlichen gotischen Kathedrale; und das Mädchen bekommt da ein Amt: sie muß den Besuchern die Kirche zeigen ... Und da geht nun einmal die Sonne unter, und dieses Kind steht in der Vorhalle der Kirche, ganz umflossen von den letzten Strahlen, es steht und blickt in den Sonnenuntergang hinein, eine stille Betrachtung in seinem kindlichen Herzen, in einem Herzen, das staunt, als stünde es vor irgendeinem Rätsel, denn es ist ja auch beides gleichsam wie ein Rätsel – die Sonne als ein Gedanke Gottes, und die Kathedrale als Menschengedanke ... nicht wahr? Ach, ich kann das nicht so ausdrücken, aber Gott liebt solche ersten Gedanken von Kindern ... Und da neben ihr, auf den Stufen, sitzt dieser wahnsinnige Alte, ihr Großvater, und sieht sie unverwandt an ... Wissen Sie, es ist ja gar nichts Besondres an diesem Bild bei Dickens, einfach gar nichts; aber man vergißt es im Leben nicht, und es ist im Gedächtnis von ganz Europa geblieben – warum? Das ist das Schöne! Das macht die Unschuld! Ach was, ich weiß nicht, was das ist, aber es ist schön. Ich habe, als ich noch auf dem Gymnasium war, immer Romane gelesen. Wissen Sie, ich habe eine Schwester, draußen auf unserm Gut, die ist bloß ein Jahr älter als ich ... Ach, jetzt ist das alles schon längst verkauft, und das Gut haben wir auch nicht mehr! Ich hab' mit ihr auf der Terrasse gesessen, unter alten Linden, und da haben wir diesen Roman zusammen gelesen, und die Sonne ging da auch gerade unter, und plötzlich hörten wir auf zu lesen und sagten einander, wir wollten auch gut sein, wir wollten auch edel sein – ich stand damals vor dem Abgange von der Universität und ... Ach, Dolgorukij, wissen Sie, so hat jeder seine Erinnerungen!« Und plötzlich lehnte er seinen hübschen Kopf an meine Schulter und fing an zu weinen. Er tat mir sehr, sehr leid. Es ist ja richtig, er hatte viel Wein getrunken, aber er hatte doch so offen und so brüderlich mit mir gesprochen, mit so echtem Gefühl ... In diesem Augenblick erscholl plötzlich von der Straße herein Geschrei, und starke Faustschläge donnerten an unser Fenster (es war ein großes Fenster mit einer Scheibe aus einem Stück und es befand sich im Erdgeschoß, so daß man es mit der Hand von der Straße aus erreichen konnte). Das war der hinausbeförderte Andrejew. »Ohé, Lambert! Où est Lambert? As-tu vu Lambert?« scholl sein wildes Geschrei von der Straße herein. »Ach, er ist also noch da! Er ist also nicht gegangen?« rief mein junger Freund und sprang auf. »Zahlen!« rief Lambert knirschend dem Kellner zu. Ihm zitterten direkt die Hände vor Wut, während er die Rechnung machte; der Pockennarbige aber wollte nicht dulden, daß er für ihn bezahle. »Warum denn? Ich habe Sie doch eingeladen, und Sie haben meine Einladung angenommen?« »Nein, Sie müssen schon gestatten ...«, sagte der Pockennarbige, zog sein Portemonnaie hervor, rechnete seinen Anteil zusammen und bezahlte für sich. »Das nehme ich direkt übel, Semion Sidorowitsch!« »Ich tue es aber nicht anders«, sagte Semion Sidorowitsch kurz abschneidend, nahm dann seinen Hut und verließ ganz allein, ohne sich von jemand zu verabschieden, das Zimmer. Lambert warf dem Kellner das Geld hin und lief hastig hinter ihm her, wobei er in seiner Verwirrung sogar mich ganz vergaß. Trischatow und ich gingen als die letzten hinaus. Andrejew stand wie ein Werstpfahl an der Anfahrt und wartete auf Trischatow. »Taugenichts!« konnte sich Lambert nicht enthalten, ihm zuzurufen. »Hoho!« brüllte Andrejew zurück und schlug ihm mit einem Hiebe seinen runden Hut herunter, daß er aufs Trottoir kollerte. Lambert lief mit blamablem Eifer hinterher und hob ihn auf. »Vingt-cinq roubles!« sagte Andrejew und zeigte Trischatow die Banknote, die er Lambert vorhin abgerungen hatte. »Hör' doch auf!« rief ihm Trischatow zu. »Warum spielst du dich immer so auf? Und warum knöpfst du ihm fünfundzwanzig ab? Du hattest doch nur sieben zu bekommen.« »Warum ich es ihm abgeknöpft habe? Er hat uns ein Diner in einem Chambre séparée versprochen, mit Weibern aus Athen, aber statt der Weiber hat er uns das Pockengesicht serviert; und außerdem hab' ich nicht fertig gegessen und hab' hier in der Kälte für mindestens achtzehn Rubel gefroren. Sieben Rubel war er mir noch schuldig – also, das macht genau fünfundzwanzig.« »Schert euch zum Teufel, alle beide!« brüllte Lambert. »Ich schmeiße euch alle beide 'raus, ich bringe euch die Flötentöne schon bei ...« »Lambert, ich schmeiße Sie 'raus, ich bringe Ihnen die Flötentöne schon bei!« schrie Andrejew. »Adieu, mon prince, trinken Sie nichts mehr! Petja, vorwärts marsch! Ohé, Lambert! Où est Lambert? As-tu vu Lambert?« grölte er zum letztenmal und entfernte sich mit riesigen Schritten. »Also, ich komme mal zu Ihnen? Darf ich?« flüsterte mir Trischatow noch schnell zu und eilte seinem Freunde nach. Ich blieb mit Lambert allein. »Na ... gehn wir also!« sagte er, mühsam Atem holend und fast duselig. »Wohin soll ich gehen? Nirgend geh' ich mit dir hin!« beeilte ich mich herausfordernd zu schreien. »Was, du willst nicht mit?« fuhr er erschrocken auf und erwachte mit einem Male gleichsam. »Ich habe ja doch nur daraufgewartet, daß wir allein bleiben!« »Ja, wohin sollen wir denn gehen? Ich muß gestehen, mir summt es schon ein bißchen im Kopf von den drei Gläsern Champagner und den zwei Gläsern Sherry.« »Gleich hier, gleich hier hinein; siehst du?« »Da steht ja, Frische Austern'. Da riecht es so scheußlich.« »Das ist nur, weil du vom Essen kommst; das ist der Miliutinsche Laden; Austern brauchen wir ja nicht zu essen, aber Champagner sollst du haben ...« »Ich mag nicht! Du willst mich besoffen machen.« »Das haben dir die Kerle gesagt; sie machen sich bloß lustig über dich; du glaubst diesen Halunken!« »Nein, Trischatow ist kein Halunke. Und ich verstehe mich auch schon selber vorzusehen – verstanden?« »Was, du willst deinen eignen Kopf haben?« »Jawohl, ich hab' mehr meinen eignen Kopf als du, denn du machst ja den gehorsamen Diener des ersten besten, der dir in den Weg läuft. Du hast uns blamiert, du hast die Polacken um Verzeihung gebeten wie ein Bedienter. Man merkt schon, daß du schon öfter in den Restaurants Keile bekommen hast.« »Wir müssen aber doch miteinander sprechen, Schafskopf!« schrie er mit jener verachtungsvollen Ungeduld, die beinahe sagte: »Du gehörst ja doch auch zu meiner Sorte!« – »Hast du vielleicht Angst, was? Bist du mein Freund oder nicht?« »Ich bin kein Freund von deinesgleichen, und du bist ein Spitzbube. Also komm, nur um dir zu beweisen, daß ich keine Angst vor dir habe! Pfui, wie scheußlich es da stinkt, nach Käse stinkt es! Ferkelei!« Sechstes Kapitel   1 Ich bitte noch einmal darum, im Auge zu behalten, daß mir der Kopf ein wenig brummte; sonst hätte ich wohl anders gesprochen und gehandelt. In diesem Laden, natürlich in einem Hinterzimmer, konnte man Austern essen, und wir nahmen an einem Tischchen Platz, das mit einem ordinären, schmutzigen Tischtuche bedeckt war. Lambert bestellte Champagner; das Glas mit dem kalten, goldfarbenen Weine stand vor mir und sah mich verführerisch an; aber ich war ärgerlich. »Siehst du, Lambert, vor allen Dingen ärgert es mich, daß du glaubst, du könntest mich noch immer herumkommandieren wie damals bei Touchard; und dabei bist du selber hier der Bediente von allen andern.« »Schafskopf! Na, stoß an!« »Du hältst es nicht einmal der Mühe für wert, dich vor mir zu verstellen; wenn du es wenigstens noch verbergen wolltest, daß du mich besoffen machen willst.« »Quatsch, du bist ja besoffen. Du mußt nur noch ein bißchen trinken, dann wirst du schon lustiger. Nimm doch das Glas, nimm's schon!« »Was heißt: nimm's schon? Ich gehe einfach, und damit Schluß!« Und ich erhob mich in der Tat. Er wurde schrecklich böse. »Da hat dich nur dieser Trischatow gegen mich aufgehetzt: ich habe schon gesehen, wie ihr da zusammen getuschelt habt. Du bist ganz einfach ein Esel, kann ich dir nur sagen. Alphonsine ekelt sich schon, wenn er ihr bloß in die Nähe kommt ... Er ist ein Ekel. Ich will dir mal erzählen, was der für einer ist.« »Du hast mir das schon gesagt. Du kommst immer und ewig mit deiner Alphonsine; du bist schrecklich beschränkt.« »Beschränkt?« fragte er und verstand mich nicht. »Die sind jetzt zu dem Pockengesicht übergegangen. Das ist die Sache! Deswegen hab' ich ihnen den Marsch geblasen. – Das sind Spitzbuben. Dies Pockengesicht ist ein schlechter Kerl und verdirbt die auch. Ich habe von ihnen nichts anderes verlangt, als daß sie sich immer anständig benehmen.« Ich setzte mich, ergriff wie mechanisch das Glas und trank einen Schluck. »Ich stehe an Bildung hoch über dir«, sagte ich. Aber er war nur froh, daß ich mich gesetzt hatte und füllte sogleich wieder mein Glas. »Aber du hast ja doch Angst vor ihnen?« stichelte ich weiter (ich war in dem Augenblick wohl ekliger als er selber). »Andrejew hat dir den Hut heruntergehauen, und du hast ihm fünfundzwanzig Rubel dafür gegeben.« »Jawohl, das habe ich, aber er wird mir das schon noch entgelten. Die machen ein Komplott gegen mich; aber ich kriege sie schon klein ...« »Der Pockennarbige scheint dich ja sehr zu beunruhigen. Und weißt du, ich glaube, ich bin der einzige, der dir überhaupt noch geblieben ist. Alle deine Hoffnungen gründen sich jetzt nur noch auf mich ganz allein – was?« »Ja, Arkascha, da hast du recht: du bist der einzige Freund, der mir geblieben ist; das hast du ausgezeichnet gesagt!« Er klopfte mir auf die Schulter. Was sollte man mit so einem plumpen Tropf anfangen; er war gänzlich unkultiviert und nahm meinen Hohn für eine Schmeichelei! »Du könntest mir aus einer schlimmen Situation helfen, wenn du ein guter Kamerad sein wolltest, Arkadij«, fuhr er fort und sah mich herzlich an. »Wodurch könnte ich dir helfen?« »Du weißt schon selber, wodurch. Ohne mich würdest du die Sache anfassen wie ein Narr und alles wahrscheinlich höchst dumm machen; aber ich würde dir dreißigtausend Rubel verschaffen, und wir würden Halbpart machen, du weißt selber genau, wie. Na, sag' mal selber: wer bist du denn? Du hast nichts – weder Namen, noch Familie, und da kannst du nur gleich einpacken; aber wenn du soviel Geld hast, kannst du weiß Gott was für eine Karriere machen!« Ich staunte nur so über seine Methode. Ich hatte ganz bestimmt geglaubt, er würde allerlei schlaue Winkelzüge machen, er aber sagte mir alles ganz geradeheraus, als ob ich ein ganz dummer Junge wäre. Ich beschloß, ihn weiter anzuhören, aus Vorurteilslosigkeit und ... aus fürchterlicher Neugier. »Sieh mal, Lambert: du verstehst das nicht, aber ich habe mich entschlossen, dich anzuhören, weil ich keine Vorurteile kenne«, verkündete ich mit fester Stimme und trank wieder einen Schluck. Lambert goß sofort nach. »Siehst du, Arkadij: wenn sich ein Mensch wie Bjoring mir gegenüber erdreistet hätte, mich in Gegenwart einer Dame, die ich vergötterte, zu beschimpfen und zu schlagen, ich weiß nicht, was ich getan hätte! Aber du hast es ruhig eingesteckt, und ich ekle mich einfach vor dir: du bist ein Waschlappen!« »Wie darfst du dir erlauben, zu behaupten, Bjoring hätte mich geschlagen!« schrie ich und wurde rot. »Da habe ich ihn eher geschlagen als er mich.« »Nein, er hat dich geschlagen; nicht du ihn.« »Schwindel, ich habe ihm noch dazu heftig auf den Fuß getreten!« »Aber er hat dich mit dem Arm zurückgestoßen und hat den Bedienten gesagt, sie sollten dich 'rausschmeißen ... Und sie hat dabeigesessen und aus der Kutsche zugesehen und dich ausgelacht; sie weiß, daß du keinen Vater hast, und daß man dich ungestraft beleidigen darf.« »Ich weiß nicht, Lambert ... Das ist eine Dummejungenunterhaltung, deren ich mich schäme. Das sagst du nur, um mich aufzuhetzen, und zwar so plump und geradeheraus, als ob du einen Bengel von sechzehn Jahren vor dir hättest. Du steckst mit Anna Andrejewna unter einer Decke!« schrie ich, zitternd vor Wut, und schlürfte dabei mechanisch einen Schluck Wein nach dem andern. »Anna Andrejewna ist eine schlaue Kanaille! Sie haut dich übers Ohr, und mich, und die ganze Welt! Ich habe auf dich gewartet, weil du die Sache besser mit der andern einfädeln kannst.« »Mit was für einer andern?« »Mit Madame Achmakowa. Ich weiß alles. Du hast mir selber gesagt, daß sie Angst vor dem Brief hat, den du in Händen hast ...« »Was für ein Brief ... alles bloß Schwindel ... Hast du sie gesehen?« stammelte ich verwirrt. »Ich hab' sie gesehen. Sie ist hübsch. Très belle; Geschmack hast du schon.« »Ich weiß, daß du sie gesehen hast; aber mit ihr zu sprechen hast du dich nicht getraut, und ich wünsche, daß du dich auch nicht getraust, von ihr zu sprechen.« »Du bist noch ein Junge, und sie macht sich lustig über dich – das ist das ganze. Wir haben in Moskau auch so einen Tugendspiegel wie sie in der Arbeit gehabt: ach, wie hoch die die Nase getragen hat! Aber wie sie dann schön zu zittern angefangen hat, als wir drohten, wir würden alles erzählen, und wie sie gleich schön Order pariert hat! Und wir haben beides bekommen: das Geld und – du weißt schon, was noch! Jetzt ist sie wieder die unnahbare Weltdame – ach, du Teufel, wie hoch droben sie ist, und was für eine Kutsche sie hat; und wenn du gesehen hättest, in was für einer Spelunke das passiert ist! Du weißt noch nichts vom Leben; wenn du wüßtest, vor was für Spelunken sich die nicht fürchten ...« »Ich habe mir das gedacht«, murmelte ich unwillkürlich. »Verdorben sind sie bis in die Spitzen der Fingernägel; du hast keine Ahnung, wozu die alles imstande sind! Alphonsine ist mal in so einem Hause gewesen, sie hat sich einfach geekelt davor.« »Ich habe mir das gedacht«, stimmte ich abermals zu. »Und du läßt dich schlagen und hast noch Mitleid mit ihr ...« »Lambert, du bist ein Spitzbube, du bist ein verdammter Halunke«, schrie ich, plötzlich gleichsam zur Besinnung kommend und zitternd vor Zorn. »Das alles habe ich schon geträumt; da standest du mit Anna Andrejewna zusammen ... Oh, du bist ein verdammter Halunke! Hast du wirklich geglaubt, daß ich so ein Schuft wäre? Deswegen habe ich ja davon geträumt, weil ich schon wußte, daß du mir das sagen würdest. Und schließlich kann das alles auch nicht so einfach sein, daß du mir das alles so ganz glatt und einfach vorreden könntest!« »Sieh mal, sieh, wie wild! Ta-ta-ta!« rief Lambert mit triumphierendem Lachen. »Na, alter Freund Arkaschka, jetzt weiß ich glücklich alles, was ich wissen muß. Deswegen hab' ich ja gerade auf dich gewartet. Hör' mal, was ich dir sage: du bist also verliebt in sie und möchtest dich an Bjoring rächen – das war es, was ich wissen mußte. Ich habe mir das auch schon gedacht, die ganze Zeit, die ich auf dich gewartet habe. Ceci posé, cela change la question. Um so besser, daß sie selber in dich verliebt ist. So heirate sie denn, ohne jedes Zögern, das ist das gescheiteste. Und was anderes kannst du auch gar nicht, du hast das beste Teil erwählt. Und eins merke dir, Arkadij, du hast einen Freund, mit dem du alles machen kannst, und das bin ich. Und dieser Freund wird dir auch helfen und wird euch unter die Haube bringen: und wenn ich alles, was dazu nötig ist, aus der Unterwelt holen müßte, Arkaschka! Und dafür schenkst du dann nachher schon einem alten Freunde dreißig Tausender für seine Mühe, was? Ich helfe dir, da brauchst du keine Angst zu haben. Ich kenne alle Pfiffe in solchen Sachen, du kriegst ihre ganze Mitgift ausgezahlt; und dann bist du ein reicher Mann und hast eine große Karriere vor dir.« Wenn sich mir auch der Kopf drehte, so sah ich Lambert doch voller Staunen an. Er sprach ganz ernsthaft, das heißt: ernsthaft ist vielleicht nicht das richtige Wort; aber was die Möglichkeit betraf, mich mit ihr zu verheiraten, so sah ich deutlich, daß er selber ganz fest davon überzeugt und von dieser Idee sogar höchlichst begeistert war. Selbstverständlich merkte ich gleichzeitig, daß er mich zu ködern versuchte wie einen kleinen Jungen (ich glaube doch, daß ich es auch damals schon bemerkte); aber der Gedanke einer Ehe mit ihr erfüllte mich so ganz, daß ich, obschon ich mich über Lambert wunderte, weil er an so ein Phantasiegebilde glauben konnte, – daß ich doch gleichzeitig selber hingerissen daran glaubte, ohne übrigens auch nur einen Moment das Bewußtsein davon zu verlieren, daß sich das alles natürlich niemals verwirklichen könnte. Das alles vertrug sich so auf ganz sonderbare Weise in meinem Innern miteinander. »Ja, ist das denn möglich?« stammelte ich. »Warum denn nicht? Du zeigst ihr das Dokument – sie bekommt Angst und heiratet dich, damit sie ihr Geld nicht verliert.« Ich entschloß mich, Lambert in seinen Gemeinheiten nicht zu unterbrechen, weil er sie mir so harmlos mitteilte, daß er überhaupt nicht ahnte, daß ich mich plötzlich dagegen empören könnte; aber ich murmelte nur etwas davon, daß ich sie nicht heiraten wolle, wenn ich sie nur mit Gewalt dazu bringen könnte. »Ich will sie um keinen Preis mit Gewalt zwingen; wie kannst du so gemein sein, so etwas überhaupt von mir zu glauben?« »Sieh mal, sieh! Sie heiratet dich ja doch ganz von selber: du brauchst ja gar nichts zu machen, sie erschrickt schon ganz von selber und heiratet dich. Und sie heiratet dich schon ganz allein deswegen, weil sie in dich verliebt ist«, überhaspelte sich Lambert. »Das ist Schwindel. Du machst dich bloß über mich lustig. Woher weißt du, daß sie in mich verliebt ist?« »Sicher ist sie das. Ich weiß es. Anna Andrejewna glaubt das auch. Ich sage es dir ganz im Ernst und der Wahrheit gemäß, daß Anna Andrejewna das auch glaubt. Und dann werde ich dir noch etwas erzählen, wenn du mal zu mir nach Hause kommst, eine Sache, aus der du klar erkennen wirst, daß sie verliebt in dich ist. Alphonsine ist in Zarskoje gewesen; sie hat es da gleichfalls erfahren ...« »Was konnte sie denn da erfahren?« »Komm nur mit mir nach Hause: sie wird es dir selber erzählen, und du wirst dich sehr darüber freuen. Ja, und in welcher Beziehung hast du denn hinter irgendeinem andern zurückzustehen? Du bist ein hübscher Kerl, hast gute Manieren ...« »Ja, gute Manieren hab' ich«, flüsterte ich fast atemlos. Mein Herz klopfte, und das kam natürlich nicht bloß vom Wein. »Du bist ein hübscher Kerl, du bist gut angezogen.« »Ja, gut angezogen bin ich.« »Und du bist ein guter Kerl ...« »Ja, ein guter Kerl bin ich.« »Warum sollte sie nicht ja sagen? Und Bjoring nimmt sie ohne Geld ja doch nicht, und du hast es ja in der Hand, sie arm zu machen – deswegen wird sie auch erschrecken, und du kannst sie heiraten und dich dadurch an Bjoring rächen. Du hast mir ja doch selbst in jener Nacht, als du so erfroren warst, gesagt, daß sie in dich verliebt ist.« »Sollte ich dir das wirklich gesagt haben? Nein, das hab' ich sicherlich nicht gesagt.« »Doch!« »Das war im Fieberdelirium. Wahrscheinlich hab' ich dir damals auch etwas von dem Dokument gesagt?« »Ja, du hast gesagt, daß du so einen Brief hast; und ich habe mir gedacht: wie kann er, wenn er den Brief in der Hand hat, seinen Vorteil so aus dem Auge lassen?« »Das sind ja alles Phantasien, und ich bin durchaus nicht so dumm, das alles zu glauben«, murmelte ich. »Erstens ist da der Altersunterschied, und zweitens trage ich doch gar keinen vornehmen Namen.« »Sie nimmt dich schon; sie kann gar nicht anders als dich nehmen, wenn so viel Geld auf dem Spiele steht – laß mich nur machen. Und außerdem liebt sie dich ja doch. Du weißt ja, der alte Fürst ist dir sehr geneigt; durch seine Protektion kannst du Gott weiß was für Verbindungen anknüpfen; und was du da sagst, daß du aus keiner vornehmen Familie bist, so ist das heutzutage auch durchaus nicht notwendig: sobald du erst mal Geld hast – dann steigst du auch auf, du steigst auf und bist in zehn Jahren ein Millionär, daß ganz Rußland von dir widerhallt; was brauchst du also für einen Namen dazu? In Österreich kann man sich den Baron kaufen. Aber wenn du sie heiratest, nimm sie fest in die Hand. Man muß sie tüchtig hernehmen. Wenn eine Frau einen Mann liebt, liebt sie es, von ihm unter dem Daumen gehalten zu werden. Die Frau liebt am Manne den Charakter. Und mit dem Briefe erschreckst du sie so, daß sie von der Stunde an wissen wird, daß du Charakter hast. ›Aha,‹ wird sie sagen, ›er ist noch so jung, aber er hat Charakter.‹« Ich saß ganz konfus da. Mit keinem andern Menschen hätte ich mich zu so einem dummen Gespräch erniedrigt. Aber hier trieb mich eine Art wollüstigen Durstes an, es zu führen. Zudem war Lambert so dumm und gemein, daß man sich vor ihm nicht schämen konnte. »Nein, weißt du, Lambert,« sagte ich plötzlich, »sag' was du willst, aber das meiste davon ist Unsinn; ich habe nur darum mit dir darüber gesprochen, weil wir alte Kameraden sind und uns nicht voreinander zu genieren brauchen; einem andern gegenüber hätte ich mich nie so tief erniedrigt. Und vor allem möchte ich wissen, warum du so bestimmt versicherst, daß sie mich liebt? Das mit dem Kapital eben hast du sehr gut gesagt; aber siehst du, Lambert, du kennst die vornehme Gesellschaft nicht: bei diesen Leuten beruht alles auf ganz patriarchalischen Beziehungen, auf der Vornehmheit der Familie sozusagen, und deswegen wird es ihr jetzt doch genierlich sein, solange sie meine Fähigkeiten noch nicht kennt und nicht weiß, was ich noch alles im Leben erreichen werde. Aber, Lambert, ich verhehle dir durchaus nicht, daß da in der Tat ein Punkt vorhanden ist, der einem Hoffnung geben könnte. Siehst du: sie könnte mich aus Dankbarkeit heiraten, weil ich sie damit von dem Haß eines ganz bestimmten Menschen befreien würde. Und sie fürchtet sich vor diesem Menschen sehr.« »Ach, du meinst deinen Vater? Also er liebt sie so sehr?« fuhr Lambert auf einmal mit außerordentlicher Neugier auf. »Ach nein!« rief ich. »Wie schrecklich bist du doch, Lambert, und gleichzeitig wie dumm! Könnte ich denn, wenn er sie liebte, die Absicht haben, sie zu heiraten? Wir sind doch immerhin Vater und Sohn, da würde ich mich doch scheuen ... Er liebt Mama, Mama liebt er; ich habe gesehen, wie er sie umarmt hat, und früher hab' ich selber gedacht, er liebte Katerina Nikolajewna, jetzt aber weiß ich ganz genau, daß er sie vielleicht einmal geliebt hat, daß er sie jetzt aber schon lange haßt ... und sich an ihr rächen will; und sie fürchtet sich vor ihm, denn ich kann dir nur sagen, Lambert: er kann fürchterlich werden, wenn er sich rächen will. Er wird dann beinahe wahnsinnig. Wenn er auf sie zornig ist, dann fliegt er auf alles. Das ist eine Feindschaft von der alten Art: um erhabene Prinzipien. Unsere Zeit pfeift auf allgemeine Prinzipien; unsere Zeit kennt keine allgemeinen Prinzipien, sondern nur persönliche Zufälle. Ach, Lambert, du hast ja keine Ahnung: du bist dumm wie ein Stiefel; ich erzähle dir hier von Prinzipien, und du verstehst wahrscheinlich kein Wort davon. Du bist fürchterlich ungebildet. Weißt du noch, wie du mich gehauen hast? Heute bin ich stärker als du – weißt du das auch?« »Arkaschka, komm mit zu mir nach Hause! Wir wollen uns einen lustigen Abend machen und noch eine Flasche trinken, und Alphonsine singt uns etwas zur Gitarre vor.« »Nein, ich mag nicht. Hör' mal, Lambert, ich habe eine ›Idee‹. Wenn die Sache nicht glückt, und ich heirate nicht, so ergebe ich mich ganz meiner Idee; du aber hast keine Idee.« »Schön, schön, das erzählst du mir dann; komm mit!« »Nein!« sagte ich und stand auf. »Ich mag nicht, und ich tu' es nicht. Ich komme schon zu dir, aber du bist ein Halunke. Ich gebe dir die dreißigtausend – sehr schön; aber ich bin reiner und stehe höher als du ... Ich sehe ja doch, daß du mich in jeder Hinsicht übers Ohr hauen willst. Und an sie auch nur zu denken, verbiete ich dir ganz einfach: sie steht hoch über allen andern, und deine Pläne –das ist so eine Niedrigkeit, daß ich mich einfach über dich wundere, Lambert. Ich will heiraten – das steht auf einem andern Plan, aber ich brauche kein Kapital, ich verachte dies Kapital. Ich würde ihr Kapital nicht annehmen, wenn sie es mir auf den Knien überreichen wollte ... Aber heiraten, heiraten, das steht auf einem andern Plan. Und weißt du, das hast du ganz gut gesagt, daß man sie unterm Daumen halten muß. Lieben, leidenschaftlich lieben, mit aller Größe des Gefühls, die nur beim Manne zu finden ist und dessen eine Frau überhaupt gar nicht fähig sein kann, aber gleichzeitig Despot sein – das ist gut. Denn du mußt wissen, Lambert, die Frauen lieben den Despotismus. Du, Lambert, kennst die Frauen. Sonst aber bist du erstaunlich dumm, in jeder Beziehung. Und weißt du, Lambert, du bist nicht ganz so schlecht, wie man meinen könnte, du bist einfältig. Ich habe dich gern. Ach, Lambert, warum bist du so ein Lump? Sonst könnten wir so ein nettes Leben zusammen führen! Weißt du, Trischatow ist nett.« Alle diese zusammenhanglosen Sätze stammelte ich, als wir schon auf der Straße waren, Oh, ich lasse hier auch nicht die geringste Kleinigkeit aus, damit der Leser sieht, wie leicht ich damals fallen konnte, und gleich in was für einen Schmutz, – trotz aller meiner Begeisterung, trotz meiner Schwüre und Gelöbnisse, die Wiedergeburt und Vornehmheit zu suchen. Und ich schwöre: wenn ich nicht ganz und vollkommen davon überzeugt wäre, daß ich heute schon ein ganz anderer Mensch bin und mir im praktischen Leben einen Charakter erworben habe, so würde ich das alles dem Leser um keinen Preis gestehen. Wir traten aus dem Laden; Lambert hatte den Arm leicht um mich gelegt und stützte mich. Auf einmal sah ich ihn an und bemerkte fast dieselbe Miene wie damals an jenem Morgen, denselben festen, forschenden, furchtbar aufmerksamen und höchst nüchternen Blick von damals, als er mich erstarrt aufgefunden und mich, den Arm genau so um mich geschlungen, zur Droschke geführt und mit Augen und Ohren auf mein zusammenhangloses Gestammel gelauscht hatte. Trunkene Leute, die noch nicht vollkommen betrunken sind, haben oft ganz plötzlich Augenblicke der vollkommensten Ernüchterung. »Für kein Geld komm ich mit zu dir!« sagte ich energisch und mit klarer Stimme; dabei sah ich ihn spöttisch an und schob ihn mit der Hand beiseite. »Ach, geh doch, Alphonsine soll uns Tee machen, geh doch!« Er war fest überzeugt, daß ich ihm nicht entkommen würde; er umarmte und stützte mich mit einer Art Wollust, wie sein hilfloses Opfer; und ich war ja auch natürlich der, den er nötig hatte, und gerade an diesem Abend und in solch einem Zustande! Später wird es ganz klar werden, weswegen. »Ich mag nicht!« sagte ich noch einmal. »Kutscher!« Sofort kam ein Mietschlitten herangejagt, und ich sprang hinein. »Wo willst du hin? Was ist denn mit dir los!« brüllte Lambert furchtbar erschrocken und faßte mich an meinem Pelz. »Daß du dir nicht erlaubst, mir nachzufahren!« schrie ich. »Daß du mir vom Leibe bleibst!« In diesem Augenblick zog das Pferd an, und mein Pelz wurde Lambert aus der Hand gerissen. »Ganz egal, du kommst ja doch!« brüllte er wütend hinter mir her. »Ich komme, wenn ich mag – das ist mein freier Wille!« schrie ich ihm zu und sah mich aus dem Schlitten nach ihm um.   2 Er verfolgte mich nicht, natürlich nur, weil gerade kein zweiter Schlitten zur Hand war; auf diese Weise gelang es mir, ihm aus den Augen zu kommen. Ich für mein Teil fuhr bloß bis zum Heumarkt, dort stieg ich aus und entließ den Schlitten. Ich hatte ein starkes Bedürfnis, noch spazierenzugehen. Ich verspürte weder Müdigkeit noch stärkere Trunkenheit, ich war nur ungeheuer munter; ich fühlte einen großen Kraftüberschuß, ich fühlte mich fähiger als je zu jedem Unternehmen und hatte zahllose angenehme Gedanken im Kopfe. Mein Herz klopfte heftig und laut – ich hörte jeden Schlag. Und alles deuchte mich so schön, so leicht. Als ich an der Hauptwache am Heumarkt vorüberkam, hatte ich schreckliche Lust, zum Posten hinzugehen und ihn zu umarmen. Es war Tauwetter, der Platz war schwarz und stank, aber mir gefiel auch der Platz ausgezeichnet. »Jetzt gehe ich nach dem Obuchow-Prospekt hinunter,« dachte ich bei mir, »dann biege ich links ein und mache einen Umweg über die Semionow-Kaserne, das ist famos. Den Pelz habe ich offen – warum nimmt ihn mir eigentlich niemand weg; wo sind denn die Diebe? Auf dem Heumarkt soll es doch Diebe geben; sie sollen doch kommen, vielleicht gebe ich ihnen den Pelz. Was brauche ich einen Pelz? Ein Pelz ist ein Eigentum. La propriété, c'est le vol. Was für ein Unsinn übrigens, und wie schon alles ist! Schön, daß es taut. Was soll der Frost? Der Frost ist gänzlich überflüssig. Schön auch, lauter Unsinn mit sich zu schleppen! Was häb' ich doch gleich zu Lambert von den Prinzipien« gesagt? Ich habe gesagt, es gäbe keine allgemeinen Prinzipien, es gäbe bloß persönliche Zufälle; das war ein Schwindel von mir, ein Erzschwindel! Das habe ich absichtlich getan, bloß um ein bißchen zu forcieren. Ich schäm' mich ein bißchen, aber übrigens – das macht nichts; ich mach' es schon wieder gut. Schämen Sie sich doch nicht, Arkadij Makarowitsch, quälen Sie sich weiter nicht, Arkadij Makarowitsch, Sie gefallen mir. Sie gefallen mir sogar ausgezeichnet, lieber junger Freund. Schade, daß Sie ein kleiner Lump sind ... und ... und ... ach ja ... ach!« Ich blieb plötzlich stehen, und mein ganzes Herz ächzte vor Entzücken: »Herrgott! Was hat er da gesagt? Er hat gesagt, sie liebt mich. Oh, er ist ja ein Spitzbube, eine Menge davon war gelogen; das hat er gesagt, damit ich bei ihm übernachte. Aber vielleicht ist es doch anders. Er sagte ja, Anna Andrejewna meine dasselbe ... Bah! Ja, und Darja Onisimowna hat ihm vielleicht auch irgend etwas auskundschaften können: sie läuft da auch überall herum. Und warum bin ich eigentlich nicht zu ihm gefahren? Ich hätte alles erfahren! Hm! Er hat einen Plan, und ich habe das alles bis zum letzten Zuge vorausgeahnt. Mein Traum! Fein ausgedacht, Herr Lambert, aber das ist Schwindel, so wird das nicht sein. Aber vielleicht doch! Aber vielleicht doch! Und kann er mich vielleicht verheiraten? Vielleicht kann er es trotz allem. Er ist naiv und glaubt daran. Er ist dumm und kühn wie alle praktischen Leute. Dummheit und Kühnheit vereint – das ist eine große Macht. Und gestehen Sie nur ruhig, Arkadij Makarowitsch, daß Sie Angst vor diesem Lambert gehabt haben! Und wozu braucht er anständige Menschen? Ganz ernsthaft hat er gesagt: ›Es gibt hier nicht einen anständigen Menschen!‹ Und du selber – was bist du denn? Ach, was rede ich! Als ob die Spitzbuben keine anständigen Menschen nötig hätten! Bei Schurkereien braucht man die anständigen Leute noch notwendiger als sonst überall. Haha! Das haben Sie bis heute nur noch nicht gewußt, Arkadij Makarowitsch, in Ihrer vollkommenen Harmlosigkeit. Herrgott! Und wenn er mich wirklich mit ihr verheiratete!« Ich blieb wiederum stehen. Ich muß hier eine Dummheit bekennen (da sie schon weit hinter mir liegt), ich muß bekennen, daß ich schon lange vor jener Zeit hatte heiraten wollen – das heißt, ich hab' es eigentlich nicht gewollt, und es wäre nie geschehen (und es wird auch in Zukunft nie geschehen, mein Wort darauf!), aber ich hatte schon oft und lange vor jener Zeit davon geträumt, wie schön es sein müßte, zu heiraten – unzählige Male, besonders abends vor dem Einschlafen. Das hatte schon in meinem sechzehnten Jahre angefangen. Ich hatte auf dem Gymnasium einen Kameraden, einen Altersgenossen von mir, er hieß Lawrowskij und war ein sehr netter, stiller, hübscher Junge, der sich übrigens durch nichts weiter auszeichnete. Ich redete fast nie ein Wort mit ihm. Da saßen wir eines Abends ganz zufällig allein nebeneinander, und er war sehr in Gedanken und sagte dann plötzlich zu mir: »Ach, Dolgorukij, wie denken Sie darüber: sollte man nicht eigentlich gerade jetzt heiraten? Es ist doch wahr: wann soll man denn heiraten, wenn nicht jetzt? Jetzt wäre gerade die allerbeste Zeit, und doch ist es einem jetzt ganz unmöglich!« Und das sagte er mit einem so offenen Gesicht. Und ich stimmte ihm sogleich aus vollem Herzen zu, denn ich hatte selber auch schon über allerlei nachgegrübelt. Und nachher trafen wir uns mehrere Tage hintereinander und sprachen immer von diesem einen, ganz insgeheim – und immer nur von dem einen. Und dann – ich weiß nicht, wie es kam – kamen wir auseinander und sprachen nicht mehr davon. Und seit der Zeit fing ich an davon zu träumen. Das ist ja selbstverständlich kaum der Erwähnung wert, ich wollte damit nur zeigen, in wie frühe Jahre so etwas manchmal zurückreicht ... »Es gibt nur einen einzigen ernsthaften Einwand«, träumte ich so vor mich hin, während ich weiterging. »Selbstverständlich, der geringfügige Altersunterschied bildet kein Hindernis, aber die Sache ist: sie ist eben eine Aristokratin, und ich heiße ›einfach Dolgorukij‹! Das ist sehr schlimm! Hm! Wenn Wersilow Mama heiratet, könnte er da nicht hei der Regierung ein Gesuch einreichen, mich adoptieren zu dürfen ... sozusagen wegen der Verdienste des Vaters ... Er war ja im Staatsdienst, also wird er wohl auch Verdienste habender ist Friedensrichter gewesen ... Oh, hol' mich der Teufel, was für eine Gemeinheit!« Das rief ich plötzlich ganz laut und blieb auf einmal wieder stehen: zum drittenmal; jetzt aber, als wäre ich in den Boden geschlagen. Die ganze Qual des erniedrigenden Bewußtseins, daß ich mir solche Schmach hatte wünschen können wie die Änderung meines Namens durch eine Adoption, dieser Verrat an meiner ganzen Kindheit – das alles zerstörte fast augenblicklich meine ganze gute Laune, meine ganze Freude war verflogen wie Rauch. »Nein, das sage ich keinem Menschen wieder,« dachte ich mir mit einem tiefen Erröten, »daß ich so tief sinken konnte, das kommt davon, daß ich ... verliebt und dumm bin ... Nein, wenn Lambert in irgendeinem Punkte recht hat, ist es in dem Punkte, daß heutzutage, in unserer Zeit, in erster Reihe der Mensch selber steht, und in der zweiten sein Geld. Das heißt, nicht sein Geld, sondern sein Vermögen. Wenn ich mich mit so einem Kapital in der Hand auf die Erfüllung meiner ›Idee‹ verlege, dann wird in zehn Jahren ganz Rußland von mir widerhallen, und ich werde mich an allen rächen können. Und bei ihr viel Komplimente machen, das hat wirklich keinen Zweck, auch darin hat Lambert wieder recht. Sie wird Angst bekommen und mich einfach nehmen. Sie wird auf die einfachste und gemeinste Weise ja sagen und wird mich nehmen. ›Du hast keine Ahnung, keine Ahnung hast du, in was für einer Spelunke das passiert ist!‹« Die Worte Lamberts von vorhin fielen mir ein. »Und so ist es auch,« sagte ich zu mir, »Lambert hat in jeder Hinsicht recht, tausendmal mehr recht als Wersilow und ich und als alle Idealisten! Er ist ein Realist. Sie wird sehen, daß ich Charakter habe und wird sagen: ›Ah, er hat Charakter!‹ Lambert ist ein Schuft, und ihm kommt es nur darauf an, dreißigtausend Rubel aus mir herauszuziehen, aber trotzdem ist er in Wirklichkeit doch mein einziger Freund. Eine andere Art Freundschaft gibt es nicht und kann es nicht geben, das alles haben sich bloß die unpraktischen Leute ausgedacht. Und ich setze sie damit ja auch gar nicht herunter; setze ich sie vielleicht herunter? Durchaus nicht: so sind eben alle Weiber! Kann es denn überhaupt ein Weib ohne einen Schuß Gemeinheit geben? Deshalb muß das Weib auch den Mann über sich haben, deswegen ist sie als ein untergeordnetes Wesen geschaffen. Das Weib, das ist das Laster und die Versuchung, der Mann aber, der ist Edelmut und Großherzigkeit. Und so wird es bleiben von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und daß ich im Begriff stehe, das ›Dokument‹ auszunutzen, – das bedeutet gar nichts. Das hindert mich gar nicht, doch edel und großherzig zu sein. Schillers im Stande vollkommener Reinheit gibt es nicht – das ist bloß ausgedacht. Was macht das bißchen Schmutz, wenn nur mein Ziel erhaben ist! Das wäscht sich alles wieder ab, das wird alles wieder gutgemacht!« Ich sag' es noch einmal: man verzeihe mir, daß ich meine ganzen trunkenen Phantasien von damals bis zum letzten Worte hier anführe. Das ist natürlich nur der Extrakt meiner Gedanken von damals, aber ich glaube, ich habe sie wörtlich so gedacht, wie ich sie niederschreibe. Ich mußte sie anführen, weil ich mich zum Schreiben hingesetzt habe, um über mich selber das Urteil zu sprechen. Und was sollte ich verurteilen, wenn nicht dies? Kann irgend etwas im Leben ernsthafter sein? Der Wein entschuldigte mich auch nicht. In vino veritas. So träumte ich und hatte mich so tief in meine Phantasien verkrochen, daß ich überhaupt nicht bemerkt hatte, wie ich schließlich nach Hause, das heißt, zu Mamas Wohnung, gelangt war. Ich merkte es selbst dann noch nicht, als ich die Wohnung betrat; aber sowie ich in unser winziges Vorzimmer gekommen war, begriff ich auf einmal, daß bei uns etwas Außergewöhnliches geschehen sein mußte. Ich hörte, daß in den Zimmern laut gesprochen und geschrien wurde, und daß Mama weinte. In der Tür hätte mich beinahe Lukeria umgerannt, die hastig aus Makar Iwanowitschs Zimmer in die Küche lief. Ich warf meinen Pelz ab und ging zu Makar Iwanowitsch hinein, weil dort alle versammelt waren. Da standen Wersilow und Mama. Mama lag in seinen Armen, und er drückte sie innig an sich. Makar Iwanowitsch saß wie gewöhnlich auf seiner Fußbank, aber so sonderbar kraftlos, daß Lisa ihn mit Gewalt an den Schultern halten mußte, damit er nicht fiel; und man sah sogar, daß er sich immer weiter seitwärts neigte und fallen wollte. Ich trat hastig näher und erriet mit Zittern die Wahrheit: der Alte war tot. Er war gerade gestorben, eine Minute vielleicht, bevor ich eingetreten war. Zehn Minuten vorher hatte er sich noch genau so gefühlt wie immer. Lisa war allein bei ihm gewesen; sie hatte bei ihm gesessen und ihm von ihrem Kummer erzählt, und er hatte ihr, genau wie gestern, den Kopf gestreichelt. Auf einmal hatte er (wie Lisa erzählte) zu zittern begonnen, hatte aufstehen wollen, hatte schreien wollen und war dann allmählich nach links zu Boden gesunken. »Eine Ruptur des Herzens!« meinte Wersilow. Lisa hatte aufgeschrien, daß es durchs ganze Haus geschallt hatte, und eben daraufhin waren alle herbeigestürzt – und das alles eine kleine Minute, bevor ich heimgekommen war. »Arkadij!« rief mir Wersilow zu, »lauf sofort zu Tatjana Pawlowna. Sie muß ganz bestimmt zu Hause sein. Bitte sie, sofort herzukommen. Nimm eine Droschke. Schnell, ich beschwöre dich ...« Seine Augen funkelten – ich weiß das noch ganz genau. In seinem Gesicht bemerkte ich nichts von reiner Trauer oder von Tränen – es weinten nur Mama, Lisa und Lukeria. Im Gegenteil, ich weiß noch sehr genau, daß sein Gesicht einen überraschenden Ausdruck von außerordentlicher Aufregung, ja von Verzückung trug. Ich lief, um Tatjana Pawlowna zu holen. Es ist, wie man von früher her wissen wird, kein weiter Weg. Ich nahm keine Droschke, sondern lief den ganzen Weg, ohne einmal anzuhalten. In meinem Kopfe war ein Durcheinander, sogar etwas wie Verzückung. Ich begriff, daß etwas Entscheidendes geschehen war. Meine Betrunkenheit war gänzlich, bis zum letzten Hauche, verschwunden und mit ihr alle unedlen Gedanken, als ich bei Tatjana Pawlowna klingelte. Die Finnin öffnete mir. »Niemand zu Hause!« sagte sie und wollte die Tür gleich wieder schließen. »Was heißt: niemand zu Hause?« Ich drängte mich mit Gewalt ins Vorzimmer. »Das ist doch nicht möglich! Makar Iwanowitsch ist gestorben!« »Wa–as!« hörte ich auf einmal Tatjana Pawlownas Stimme durch die geschlossene Tür ihres Wohnzimmers schallen. »Jawohl, gestorben! Makar Iwanowitsch ist gestorben! Andrej Petrowitsch bittet Sie, sofort hinzukommen!« »Das ist ja Schwindel! ...« Der Riegel wurde zurückgeschoben, aber die Tür öffnete sich nur eine halbe Spanne weit. »Was sagst du da? Erzähl' mal! ...« »Ich weiß selber nicht, ich bin eben erst nach Hause gekommen, und da war er schon tot. Andrej Petrowitsch sagt: eine Ruptur des Herzens!« »Sofort, im Augenblick. Lauf, sag', ich komme gleich: marsch, marsch, marsch! Was stehst du denn noch da?« Aber ich hatte durch die kaum geöffnete Tür deutlich gesehen, daß jemand plötzlich hinter der Portiere hervorgekommen war, die Tatjana Pawlownas Bett verbarg, und daß dieser jemand nun in der Tiefe des Zimmers hinter Tatjana Pawlowna stand. Ganz mechanisch und instinktiv ergriff ich die Klinke und ließ sie die Tür nicht mehr schließen. »Arkadij Makarowitsch! Ist es wirklich wahr, daß er gestorben ist?« erklang eine mir wohlbekannte, ruhige, fließende, metallische Stimme, vor der mein ganzes Innere auf einmal erzitterte: man hörte aus ihrer Frage heraus, daß ihr hier etwas naheging und ihr Herz erregte. »Na, wenn schon ...« sagte Tatjana Pawlowna und riß die Tür weit auf, »wenn schon ... dann werdet nur miteinander fertig, wie ihr mögt. Ihr habt es nicht anders gewollt!« Sie lief hastig davon und warf sich im Laufen ihr Kopftuch und ihren Pelz über; dann rannte sie die Treppe hinunter. Wir blieben allein. Ich warf meinen Pelz ab, trat ein und schloß die Tür hinter mir. Sie stand vor mir wie damals, bei jenem Rendezvous, mit hellen Augen, und streckte mir wie damals beide Hände entgegen. Mir knickten die Knie ein; und ich sank ihr buchstäblich zu Füßen.   3 Das Weinen war mir nahe, ich weiß nicht, weshalb; ich weiß nicht mehr, wie sie mich auf den Platz neben sich gebracht hat, ich weiß nur – und das ist mir eine köstliche Erinnerung – wie wir nebeneinander saßen, Hand in Hand, und hastig sprachen: sie fragte mich nach dem Alten und nach seinem Ende; und ich erzählte ihr von ihm, so daß man hätte meinen können, ich weinte um Makar Iwanowitsch, was aber doch der Gipfel der Albernheit gewesen wäre; und ich weiß, daß sie in mir eine so direkt kindische Erbärmlichkeit nicht voraussetzen konnte. Schließlich aber fiel mir diese Möglichkeit ein, und ich wurde verlegen. Heute bin ich der Ansicht, daß ich damals nur vor Begeisterung geweint habe, und denke mir, sie wird das ohne weiteres sehr gut verstanden haben; ich bin also ganz beruhigt wegen dieser Erinnerung. Es kam mir auf einmal sehr sonderbar vor, daß sie mich so genau nach Makar Iwanowitsch ausfragte. »Ja, haben Sie ihn denn gekannt?« fragte ich sie verwundert. »Seit lange. Ich habe ihn nie gesehen, aber er hat auch in meinem Leben eine Rolle gespielt. Mir hat seinerzeit jener Mann viel von ihm erzählt, vor dem ich mich fürchte. Sie wissen ja, wer das ist!« »Ich weiß jetzt nur, daß jener Mann Ihnen innerlich viel nähergestanden hat, als Sie mich früher haben wissen lassen«, sagte ich, ohne selber zu wissen, was ich eigentlich damit sagen wollte, aber ich sagte es mit einer Art von Vorwurf und mit gerunzelten Brauen. »Sie sagen, er hat jetzt eben Ihre Mutter geküßt? Er hat sie umarmt? Haben Sie das selbst gesehen?« fragte sie weiter, ohne auf mich zu hören. »Ja, ich hab' es gesehen; und Sie dürfen mir glauben, es geschah sicherlich aus aufrichtigem und edlem Herzen!« beeilte ich mich zu versichern, als ich ihre Freude darüber sah. »Gott gebe es, ich würde mich für ihn freuen!« sagte sie und bekreuzte sich. »Jetzt ist er aller Fesseln ledig. Dieser herrliche Alte hat seinem Leben nur Fesseln angelegt. Jetzt, da er tot ist, wird wieder das Pflichtgefühl und ... die Würde in ihm auferstehen, wie sie schon einmal auferstanden sind. Oh, er ist vor allen Dingen und in erster Linie großherzig, er wird dem Herzen Ihrer Mutter die Ruhe schenken, liebt er sie doch mehr als sonst etwas auf Erden, und dann wird er selbst schließlich auch die Ruhe finden, Gott sei Dank – es ist auch Zeit.« »Er ist Ihrem Herzen teuer?« »Sehr teuer ist er mir, wenn auch nicht in dem Sinne, in dem er es sein möchte, und in dem Sie fragen.« »Fürchten Sie sich jetzt also für ihn oder für sich?« fragte ich plötzlich. »Ach, das sind müßige Fragen, lassen wir das!« »Selbstverständlich, lassen wir es; nur habe ich von dem allen nichts gewußt, gar zu wenig vielleicht; aber mögen Sie recht haben, mag jetzt alles neu sein, und wenn einer auferstehen soll, so bin ich der nächste dazu. Ich stehe mit niedrigen Gedanken vor Ihnen, Katerina Nikolajewna, und vielleicht ist es noch nicht eine Stunde her, daß ich auch eine niedrige Tat gegen Sie begangen habe, aber ich sage Ihnen, ich sitze hier neben Ihnen und verspüre nicht die geringsten Gewissensbisse. Denn jetzt ist alles verschwunden, und alles ist neu; und den Menschen, der vor einer Stunde eine Niedrigkeit gegen Sie ausgeheckt hat, kenne ich nicht mehr und will ich nicht kennen!« »Wachen Sie auf,« lächelte sie, »Sie scheinen mir ein wenig im Fieber zu sprechen.« »Und kann ein Mensch, der neben Ihnen sitzt, sich selber richten?« fuhr ich fort, »mag einer anständig sein, mag er niedrig sein – Sie sind immer unerreichbar wie die Sonne ... Sagen Sie, wie konnten Sie sich mir zeigen, nach allem, was geschehen ist? Und wenn Sie noch wüßten, was vor einer Stunde geschehen ist, erst vor einer Stunde! Und was für ein Traum sich mir erfüllt hat!« »Ich weiß wohl alles«, lächelte sie still. »Sie haben sich gerade für irgend etwas an mir rächen wollen, Sie haben geschworen, mich zugrunde zu richten und hätten doch wahrscheinlich jeden erschlagen oder niedergeschlagen, der sich erlaubt hätte, in Ihrer Gegenwart ein häßliches Wort von mir zu sagen.« Oh, sie lächelte und scherzte: aber sie tat das nur aus unendlicher Güte, denn ich erkannte nachher klar, daß ihr Herz in jenem Augenblick ganz von ihren eigenen ungeheuern Sorgen erfüllt war, von einer so starken und mächtigen Empfindung, daß sie mit mir nur so sprechen und nur in der Weise auf meine albernen, langweiligen Fragen antworten konnte, wie man einem kleinen Kinde auf irgendeine dringende kindische Frage antwortet, um es nur irgendwie zufriedenzustellen. Ich begriff das plötzlich und wurde verlegen, aber ich konnte mich nicht mehr zufrieden geben. »Nein,« rief ich ohne jede Selbstbeherrschung, »nein, ich habe den Menschen, der häßlich von Ihnen sprach, nicht erschlagen; im Gegenteil, ich hab' ihn noch darin bestärkt!« »Oh, um Gottes willen, lassen Sie nur, ich will nichts hören, erzählen Sie mir nichts.« Sie streckte plötzlich die Hand aus, um mir Einhalt zu tun, und in ihrem Gesicht erschien geradezu ein Leidenszug; aber ich war schon aufgesprungen und vor sie hingetreten, um ihr alles zu gestehen; und wenn ich damals gebeichtet hätte, wäre alles das nicht geschehen, was nachher geschehen ist, denn das Ende wäre sicher gewesen, daß ich auch das letzte bekannt und ihr das Dokument ausgeliefert hätte. Aber sie fing plötzlich an zu lachen: »Lassen Sie es, ich will nichts hören, ich will keine Einzelheiten hören! Ich kenne alle Ihre schrecklichen Verbrechen selber schon: ich möchte wetten, Sie planten, mich zu heiraten oder so etwas Ähnliches, und haben sich deswegen gerade mit irgendeinem Helfershelfer besprochen, mit einem von Ihren früheren Schulfreunden ... Ah, ich scheine es ja erraten zu haben!« rief sie und sah mir ernsthaft ins Gesicht. »Wie ... wie konnten Sie das erraten?« stammelte ich wie ein Narr, in höchster Überraschung. »Na, das war schwer! Aber genug davon, genug! Ich verzeihe Ihnen; nur lassen Sie so etwas in Zukunft sein«, sagte sie mit einer abwehrenden Handbewegung, jetzt schon sichtlich ungeduldig. »Ich bin selber eine Träumerin; wenn Sie wüßten, auf was für Auswege ich in meinen Träumen verfallen kann, in Augenblicken, wo ich mir innerlich die Zügel schießen lasse! Genug davon, Sie bringen mich aus dem Zusammenhang. Ich bin sehr froh, daß Tatjana Pawlowna gegangen ist; ich hatte große Lust, Sie einmal wieder zu treffen, aber in ihrer Gegenwart hätten wir uns nicht so aussprechen können. Ich glaube, ich habe Sie wegen dessen um Entschuldigung zu bitten, was damals passiert ist. Nicht wahr? Ich glaube wohl?« »Sie wären schuld? Aber damals hab' ich Sie ja an ihn verraten; und was mußten Sie eigentlich von mir denken! Daran hab' ich diese ganze Zeit gedacht, alle diese Tage, seit damals, jede Minute, das habe ich gedacht und empfunden.« (Ich log ihr nichts vor.) »Sie haben sich umsonst so gequält, ich habe damals sehr gut verstanden, wie das alles gekommen ist; Sie haben sich damals in Ihrer Freude ihm gegenüber verplaudert, Sie haben ihm gesagt, daß Sie in mich verliebt sind, und daß ich ... na, daß ich Sie anhöre. Sie sind ja nicht umsonst zwanzig Jahre alt. Sie lieben ihn ja doch mehr als die ganze Welt, Sie suchen in ihm Ihren Freund, Ihr Ideal? Ich verstand das ausgezeichnet, aber da war es schon zu spät; o ja, ich selber war damals schuld: ich hätte Sie damals rufen lassen und Sie beruhigen sollen, aber ich hatte mich so geärgert; und ich bat, man möchte Sie bei uns nicht mehr empfangen; und so kam es zu jener Szene an der Anfahrt, und nachher erlebten Sie jene Nacht. Und hören Sie: ich habe diese ganze Zeit, genau so wie Sie, davon geträumt, mich heimlich mit Ihnen zu treffen; ich wußte nur nicht, wie ich das einrichten sollte. Und was glauben Sie, wovor ich mich am meisten gefürchtet habe? Daß Sie seinen Übeln Nachreden über mich Glauben schenken könnten.« »Niemals!« rief ich. »Unsere früheren Begegnungen sind mir eine angenehme Erinnerung; mir ist der Jüngling in Ihnen teuer und vielleicht sogar eben diese Offenherzigkeit ... Ich bin eben ein sehr ernster Charakter. Ich bin der ernsteste und düsterste Charakter unter allen Frauen von heute ... hahaha! Wir sprechen uns schon noch aus, aber jetzt ist mir nicht recht gut, ich bin aufgeregt und ... ich glaube, das ist ein kleiner hysterischer Anfall. – Aber endlich – endlich! – wird er mich in Frieden auf dieser Erde leben lassen!« Dieser Ausruf brach ganz unwillkürlich hervor; ich begriff das sogleich und wollte ihn daher nicht aufgreifen; aber ich erzitterte am ganzen Leibe. »Er weiß, daß ich ihm verziehen habe!« rief sie plötzlich wieder, als wäre sie allein mit sich. »Haben Sie ihm jenen Brief denn wirklich verzeihen können? Und woher konnte er erfahren haben, daß Sie ihm verziehen haben?« rief ich; ich konnte nicht mehr an mich halten. »Woher er es erfahren hat? Oh, er weiß es«, antwortete sie mir weiter, aber mit einer Miene, als hätte sie mich ganz vergessen und spräche mit sich selbst. »Er hat sich jetzt auf sich selber besonnen. Und wie sollte er denn auch nicht wissen, daß ich ihm verziehen habe, wo er doch mein Herz auswendig kennt? Er weiß ja doch, daß ich selber ihm ein wenig gleiche.« »Sie?« »Natürlich, ja, das weiß er. Oh, ich bin nicht leidenschaftlich, ich bin ruhig: aber ich wünschte mir, genau wie er, daß alle gut sein möchten ... Es muß ja doch irgendeinen Grund haben, daß er mich liebgewonnen hat.« »Wie konnte er dann sagen, daß in Ihnen alle Laster vereinigt wären?« »Das hat er nur so gesagt; für sich selber, in seinem Herzen hegt er ein ganz anderes Geheimnis. Aber, nicht wahr, sein Brief war doch fürchterlich lächerlich?« »Lächerlich!« (Ich hörte angestrengt zu; ich denke mir, sie hatte in der Tat so etwas wie einen hysterischen Anfall und ... plauderte Dinge aus, die vielleicht durchaus nicht für mich bestimmt waren; aber ich konnte mir meine ewigen Fragen nicht verbeißen.) »Jawohl, lächerlich, und wie hätte ich darüber gelacht, wenn ... wenn ich mich nicht gefürchtet hätte. Aber übrigens – so ein Feigling bin ich auch nicht, glauben Sie das nicht; aber auf diesen Brief hin habe ich damals die Nacht nicht geschlafen, er ist sozusagen mit krankem Blut geschrieben ... und was bleibt einem nach so einem Briefe noch übrig? Ich liebe das Leben, ich liebe mein Leben schrecklich, in der Hinsicht bin ich schrecklich kleinmütig ... Ach, hören Sie,« rief sie auf einmal und stürzte auf mich zu, »gehen Sie zu ihm! Er ist jetzt allein, er kann nicht die ganze Zeit dort sein, er ist sicher irgendwohin gegangen, um. allein zu sein: spüren Sie ihn gleich auf, wirklich gleich, laufen Sie zu ihm hin, zeigen Sie, daß Sie sein liebender Sohn sind, beweisen Sie, daß Sie der liebe, gute Junge sind, daß Sie mein Student sind, den ich ... Oh, Gott möge Ihnen Glück schenken! Ich liebe niemand, das ist auch das beste für mich; aber ich wünsche allen, daß sie glücklich seien, allen, und ihm vor allen, und das soll er wissen ... und zwar sofort, mir wäre das sehr lieb ...« Sie stand auf und verschwand plötzlich hinter der Portiere; auf ihrem Gesichte blitzten in diesem Augenblick Tränen hysterische Tränen, die der krampfhafte Lachanfall hinterlassen hatte). Ich blieb aufgeregt und verwirrt allein. Ich wußte durchaus nicht, welchen Ursachen ich ihre Aufregung zuschreiben solle; ich hätte so etwas nie von ihr erwartet. Etwas in meinem Herzen krampfte sich gleichsam zusammen. Ich wartete fünf Minuten, zehn Minuten; die tiefe Stille verwunderte mich plötzlich, ich entschloß mich, zur Tür hinauszuschauen und zu rufen. Auf mein Rufen erschien Maria und erklärte mir im gelassensten Tone, die gnädige Frau hätte sich längst angezogen und die Wohnung durch die Hintertür verlassen. Siebentes Kapitel   1 Das hatte nur noch gefehlt. Ich nahm meinen Pelz, warf ihn mir im Gehen um und lief mit dem Gedanken die Treppe hinunter: »Sie hat mir gesagt, ich soll zu ihm gehen; wo treffe ich ihn jetzt aber?« Aber neben allem andern war ich damals durch die Frage erregt: »Warum glaubt sie, jetzt sei etwas Neues eingetreten, und er werde sie jetzt in Ruhe lassen? Natürlich deshalb, weil er Mama heiraten wird; aber was ist mit ihr? Freut sie sich, daß er Mama heiratet, oder ist sie im Gegenteil darüber unglücklich? Kam am Ende ihr hysterischer Anfall daher? Warum kann ich nicht dahinterkommen?« Ich führe diesen zweiten Gedanken, der damals in mir auftauchte, buchstäblich an, der Erinnerung wegen: er ist von Bedeutung. Dieser Abend war schicksalschwanger. Und man muß unwillkürlich an eine Vorherbestimmung glauben: ich hatte noch nicht hundert Schritte in der Richtung nach Mamas Wohnung gemacht, als ich plötzlich mit dem zusammenstieß, den ich suchte. Er ergriff mich an der Schulter und hielt mich fest. »Bist du es!« rief er freudig erregt und gleichzeitig in einem eigenen großen Erstaunen. – »Stell dir vor, ich war bei dir,« begann er hastig, »ich hab' dich gesucht, ich hab' nach dir gefragt – dich brauchte ich jetzt gerade, und niemand anders auf der weiten Gotteswelt! Dein Beamter hat mir weiß Gott was vorgeschwindelt; aber du warst nicht da, und ich ging fort und vergaß sogar, dir zu hinterlassen, du möchtest ohne Säumen zu mir kommen, – und was glaubst du? – ich ging mit der unerschütterlichen Überzeugung weiter, daß das Schicksal dich mir jetzt, wo ich dich so notwendig brauche, ganz bestimmt in den Weg führen würde; und richtig bist du der erste, der mir begegnet! Komm mit zu mir; du bist noch niemals bei mir gewesen.« Kurz, wir hatten uns gegenseitig gesucht, und wir hatten alle beide etwas Ähnliches erlebt. Wir gingen sehr eilig weiter. Unterwegs sagte er nur ein paar kurze Worte darüber, daß er Mama in Tatjana Pawlownas Obhut gelassen hätte. Er führte mich an der Hand. Er wohnte nicht weit von da, und wir waren bald am Ziele. Ich war in der Tat noch nie bei ihm gewesen. Es war eine kleine Wohnung von drei Zimmern, die er (oder, richtiger gesagt, Tatjana Pawlowna) einzig und allein wegen jenes »Säuglings« gemietet hatte. Diese Wohnung hatte früher auch ganz unter Tatjana Pawlownas Aufsicht gestanden, und das Kind hauste darin mit seiner Wärterin (jetzt aber außerdem noch Darja Onisimowna); es war da aber auch immer schon ein Zimmer für Wersilow reserviert gewesen, und zwar das erste, in das man gelangte; es war ziemlich geräumig und recht gut und behaglich möbliert, als eine Art Lese- und Arbeitszimmer. In der Tat sah man da auf dem Tische, im Schranke und auf Büchergestellen Bücher in großer Anzahl (während in Mamas Wohnung fast überhaupt keine waren); auch beschriebene Blätter fanden sich und verschnürte Päckchen von Briefen, – kurz, alles vereinigte sich zu dem Eindruck, daß man hier einen schon lange bewohnten Winkel vor sich hätte; und ich weiß, daß Wersilow auch früher schon (wenn auch ziemlich selten) zeitweise ganz in diese Wohnung übergesiedelt und manchmal sogar wochenlang dort geblieben war. Das erste, was mir in die Augen fiel, war ein Porträt von Mama, das in einem geschnitzten Rahmen aus kostbarem Holz über dem Schreibtisch hing – eine Photographie, die sicherlich im Auslande aufgenommen war, und, ihrem außergewöhnlichen Format nach zu urteilen, sehr viel Geld gekostet haben mußte. Ich hatte vorher von diesem Porträt nichts gewußt und nie etwas gehört; und was mich besonders daran überraschte, war die für eine Photographie ganz erstaunliche Ähnlichkeit, die sozusagen seelische Ähnlichkeit, – kurz, es war, als sei das ein wirkliches Porträt von der Hand eines Künstlers, und kein mechanischer Abklatsch. Kaum hatte ich das Zimmer betreten, als ich auch schon ganz unwillkürlich davor haltmachte. »Nicht wahr? Nicht wahr!« sagte plötzlich Wersilow hinter mir. Das sollte heißen: »Nicht wahr, wie ähnlich!« Ich drehte mich nach ihm um und war von seinem Gesichtsausdruck überrascht. Er war ziemlich blaß, sein Blick aber brannte und war fest, leuchtend gleichsam vor Glück und Kraft; solchen Ausdruck hatte ich noch nie an ihm gesehen. »Ich hatte nicht gewußt, daß Sie Mama so lieben!« sagte ich plötzlich, selber ganz hingerissen. Er lächelte glücklich, wenn in seinem Lächeln auch zugleich ein Leidenszug lag, oder, besser gesagt, etwas im höheren Sinne Menschliches ... Ich kann das nicht so ausdrücken; aber hochentwickelte Menschen können, glaube ich, kein triumphierend und sieghaft glückliches Gesicht machen. Ohne mir zu antworten, nahm er das Bild mit beiden Händen von den Nägeln, hielt es vor sein Gesicht, küßte es und hängte es behutsam wieder an die Wand. »Weißt du,« sagte er, »photographische Aufnahmen werden sehr selten ähnlich, und das ist leicht zu verstehen: denn das Original selbst, das heißt, jeder Mensch, ist sich selber außerordentlich selten ähnlich. Das Gesicht eines Menschen zeigt nur in seltnen Augenblicken seinen beherrschenden Zug, seinen charakteristischsten Gedanken. Der Künstler studiert ein Gesicht und errät diesen beherrschenden Gedanken, wenn er in dem Augenblick, wo er das Gesicht malt, auch gar nicht darauf zu sehen ist. Die Photographie aber nimmt den Menschen, wie er gerade ist, und es ist sehr möglich, daß zum Beispiel Napoleon, in gewissen Momenten photographiert, dumm ausgesehen hätte, und Bismarck weichlich. Hier aber, bei diesem Porträt, hat die Sonne Sophia mit ihrem beherrschenden Ausdruck angetroffen, – dem Ausdruck schamhafter, sanfter Liebe und ein wenig banger, scheuer Keuschheit. Ja, aber wie glücklich war sie damals auch, als sie endlich davon überzeugt war, daß ich den brennenden Wunsch hatte, ein Porträt von ihr zu besitzen! Wenn diese Aufnahme auch nicht vor sehr langer Zeit gemacht ist, so war sie damals doch noch jünger und hübscher; aber dabei hatte sie damals schon diese eingefallnen Wangen, diese Runzeln auf der Stirn, diese scheue Schüchternheit des Blicks, die jetzt bei ihr mit den Jahren gleichsam wächst – je länger, je mehr. Wirst du es glauben, lieber Freund? Ich kann sie mir jetzt überhaupt kaum mit einem andern Gesicht vorstellen, und doch war auch sie einmal jung und reizend! Die russische Frau wird schnell häßlich, ihre Schönheit leuchtet nur wie ein Blitz auf, und das ist wahrhaftig nicht nur eine ethnographische Eigenheit ihres Typus, sondern das kommt auch daher, daß sie ohne Vorbehalt zu lieben versteht. Die russische Frau gibt alles auf einmal hin, wenn sie liebt – den Augenblick und ihr Schicksal, die Gegenwart und die Zukunft: sie versteht nicht zu sparen, sie sammelt nicht in die Scheunen, und ihre Schönheit geht bald für den dahin, den sie liebt. Diese eingefallnen Wangen – das ist auch Schönheit, die für mich dahingegangen ist, für meinen flüchtigen Genuß. Du freust dich, daß ich deine Mutter geliebt habe, und du hast vielleicht nicht einmal geglaubt, daß ich sie geliebt habe? Ja, lieber Freund, ich habe sie sehr geliebt, und habe ihr doch nur Böses getan mein Lebtag ... Sieh, da ist noch ein Porträt – sieh dir das auch an.« Er nahm es vom Tische und reichte es mir. Es war gleichfalls eine Photographie, in bedeutend kleinerem Format, in einen schmalen, ovalen Holzreifen gefaßt, – das hagre, schwindsüchtige und dennoch schöne Gesicht eines jungen Mädchens; nachdenklich und trotzdem gleichzeitig ganz sonderbar gedankenleer. Die regelmäßigen Züge einer durch viele Generationen verfeinerten Rasse, aber sie machten einen krankhaften Eindruck: es sah aus, als hätte sich dieses Wesens plötzlich ein starrer Gedanke bemächtigt, der ihm eben darum zur Pein wurde, weil er ihm über die Kraft ging. »Das ... das ist das Mädchen, das Sie da draußen heiraten wollten, und das an der Schwindsucht starb ... ihre Stieftochter?« sagte ich ein wenig zaghaft. »Ja, die ich heiraten wollte, die an der Schwindsucht starb, ihre Stieftochter. Ich wußte, daß du davon gehört hattest ... alle diese Klatschgeschichten. Übrigens, außer Klatschgeschichten – hättest du gar nichts erfahren können. Stell das Bild hin, lieber Freund, es war eine arme Irrsinnige, und weiter nichts.« »Vollkommen irrsinnig?« »Oder idiotisch; übrigens glaube ich: wohl irrsinnig. Sie bekam ein Kind von Fürst Sergej Petrowitsch (aus Irrsinn, nicht aus Liebe; das ist einer von Fürst Sergej Petrowitschs schlechtesten Streichen, das Kind ist jetzt hier, in dem Zimmer da, und ich hab' es dir schon lange einmal zeigen wollen. Fürst Sergej Petrowitsch dürfte sich nicht erlauben, hierherzukommen und das Kind zu sehen: das ist die Abrede, die wir noch im Auslande getroffen haben. Ich habe es mit Zustimmung deiner Mutter zu mir genommen. Gleichfalls mit Zustimmung deiner Mutter wollte ich damals diese ... Unglückliche heiraten ...« »Ist denn solche Zustimmung möglich?« sagte ich leidenschaftlich. »O ja! Sie hat es mir erlaubt: man kann auf eine Frau eifersüchtig sein, aber das war doch keine Frau.« »Sie war vielleicht für niemand eine Frau, für Mama war sie es doch! Nie im Leben glaube ich, daß Mama nicht eifersüchtig gewesen wäre!« rief ich. »Du hast ganz recht. Das erriet ich, als alles schon beschlossen war, das heißt, nachdem sie ihre Zustimmung gegeben hatte. Aber lassen wir das. Es wurde nichts aus der Sache, weil Lydia starb; und wenn sie am Leben geblieben wäre, wäre vielleicht auch nichts daraus geworden; und Mama darf mir heute noch das Kind nicht sehen. Das ist nur eine Episode. Lieber Freund, ich habe dich hier schon lange erwartet. Ich habe schon lange davon geträumt, wie wir hier zusammenkommen würden; weißt du, wie lange? Seit zwei Jahren träume ich davon.« Er sah mich ehrlich und aufrichtig an, mit einer Herzenswärme, die sich ohne Vorbehalt zeigte. Ich ergriff seine Hand: »Warum haben Sie gezögert, warum haben Sie mich nicht schon lange gerufen? Wenn Sie wüßten, was geschehen ist ... und was nicht geschehen wäre, wenn Sie mich schon lange gerufen hätten! ...« In diesem Augenblick wurde der Samowar gebracht, und gleichzeitig brachte Darja Onisimowna das schlafende kleine Kind herein. »Sieh ihn dir an,« sagte Wersilow, »ich hab' ihn lieb und hab' ihn jetzt mit Absicht hereinbringen lassen, damit du ihn dir auch ansiehst. So, und nun tragen Sie ihn wieder hinauf, Darja Onisimowna. Setz dich da zum Samowar. Ich werde mir vorstellen, wir hätten ewig so zusammengelebt und uns jeden Abend getroffen, ohne uns je zu trennen. Laß mich dich ansehen: setz dich so, daß ich dein Gesicht sehen kann. Wie ich es liebe, dein Gesicht! Wie habe ich mir damals schon dein Gesicht ausgemalt, als ich dich noch aus Moskau erwartete! Du fragst, warum ich dich nicht schon lange gerufen habe? Warte mal, das wirst du jetzt vielleicht noch nicht verstehen.« »Aber hat denn wirklich nichts als nur der Tod dieses alten Mannes Ihnen jetzt auf einmal die Zunge gelöst? Das ist so sonderbar ...« Aber wenn ich auch so sprach, so sah ich ihn. doch liebevoll an. Wir redeten miteinander wie zwei Freunde, im höchsten und vollsten Sinne des Wortes. Er hatte mich hierher mitgenommen, um mir etwas zu erklären, zu erzählen, sich wegen irgend etwas zu rechtfertigen; aber dabei war, schon vor dem ersten Worte, alles erklärt und gerechtfertigt. Was ich jetzt auch noch von ihm gehört hätte – das Resultat war schon erreicht, und wir empfanden das beide mit warmem Glücksgefühl und sahen einander an. »Nicht eben der Tod dieses alten Mannes,« antwortete er, »nicht dieser Todesfall allein; es ist noch etwas, was jetzt damit zusammengefallen ist ... Möge Gott diesen Augenblick segnen und unser Leben, hinfort und auf lange! Lieber Freund, reden wir miteinander. Ich komme immer von der Hauptsache ab, ich schweife ab, ich will von einer bestimmten Sache sprechen und komme auf tausend nebensächliche Einzelheiten. So geht's immer, wenn das Herz einem voll ist ... Aber reden wir jetzt miteinander; die Zeit ist gekommen, und ich bin schon lange ganz verliebt in dich, lieber Junge ...« Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und musterte mich noch einmal. »Wie sonderbar das ist! Wie sonderbar es ist, das zu hören!« sagte ich, in Seligkeit schwimmend. Und da auf einmal, weiß ich noch, erschien auf seinem Gesicht plötzlich sein gewöhnlicher Ausdruck – diese eigne Mischung von Trauer und Spott, die ich so gut kannte. Er raffte sich zusammen und begann, ein wenig angestrengt gleichsam, zu sprechen.   2 »Siehst du, Arkadij, nehmen wir einmal an, ich hätte dich früher gerufen ... Was hätte ich dir da sagen sollen? In dieser Frage liegt meine ganze Antwort.« »Das heißt, Sie wollen sagen, daß Sie jetzt Mamas Mann und mein Vater sind, damals ... Sie hätten wohl in bezug auf meine soziale Stellung früher nicht gewußt, was Sie mir hätten sagen sollen? Meinen Sie es so?« »Lieber Freund, nicht nur in der Beziehung hätte ich nicht gewußt, was ich dir sagen sollte: ich hätte über so manches Schweigen bewahren müssen. Und sehr viel daran ist sogar ganz lächerlich und geradezu beschämend, weil es einem Hokuspokus verzweifelt ähnlich sieht, dem allerärmlichsten Jahrmarktshokuspokus. Lieber Gott, wie hätten wir einander denn früher verstehen sollen, wenn ich mich selber erst seit heute verstehe, seit fünf Uhr nachmittags, genau zwei Stunden vor Makar Iwanowitschs Tode. Du siehst mich unangenehm berührt und zweifelnd an? Sei ganz ruhig: ich werde dich über das Faktum aufklären; aber was ich gesagt habe, stimmt ganz genau: mein ganzes Leben hat aus Irrfahrten und Zweifeln bestanden, und auf einmal wird das alles gelöst, am soundsovielten des und des Monats um fünf Uhr nachmittags! Das könnte einen direkt kränken, nicht wahr? Und die Zeit gehört nicht gerade dem fernsten Altertum an, wo es mich wirklich sehr ernsthaft gekränkt hätte.« Ich hörte ihn in der Tat voll schmerzlichen Zweifels an; es trat dabei der alte bekannte Ausdruck Wersilows so stark zutage, dem ich an jenem Abend lieber nicht begegnet wäre, nachdem schon solche Worte gesprochen waren. Auf einmal rief ich: »Ach Gott! Sie haben irgend etwas von ihr bekommen ... um fünf Uhr, heute?« Er sah mich scharf an und war sichtlich von meinem Ausrufe überrascht, vielleicht aber auch von dem Ton, den ich auf die Worte »von ihr« gelegt hatte. »Du wirst das alles erfahren,« sagte er mit einem sinnenden Lächeln, »und ich werde dir natürlich nichts verhehlen, was du wissen mußt, denn deswegen habe ich dich doch hierher mitgenommen; aber für den Augenblick verschieben wir das alles noch! Siehst du, lieber Freund, ich habe es schon lange gewußt, daß es bei uns Kinder gibt, die sich schon seit ihrer frühesten Kindheit in Gedanken über ihre Familie vergraben, weil sie gekränkt sind durch die Unvornehmheit ihrer Väter oder ihres Milieus. Ich habe diese in Gedanken Vergrabnen schon in meiner Schulzeit bemerkt und habe damals geglaubt, das alles käme daher, weil sie den Neid zu früh kennenlernten. Weil ich jedoch selbst ein so in Gedanken vergrabnes Kind war, aber ... entschuldige, lieber Freund; ganz sonderbar, wie zerstreut ich bin ... Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, in welch einer ständigen Sorge um dich ich hier die ganze Zeit geschwebt habe. Ich habe in dir immer jener Kleinen einen gesehen, die aber schon das Bewußtsein ihrer Begabung haben und sich absondern. Auch ich habe, genau wie du, meine Schulkameraden niemals geliebt; Es steht schlimm um solche Naturen, die einzig und allein auf ihre Kräfte und ihre Träume gestellt sind und dabei jenen leidenschaftlichen, verfrühten und beinahe rachsüchtigen Durst nach Vornehmheit in sich verspüren, ja – eben ›rachsüchtig‹. Aber genug davon, lieber Freund: ich bin wieder abgeschweift ... Ich habe mir schon lange, bevor ich dich liebgewann, deine einsamen, verschüchterten Träume ausgemalt ... Aber genug davon: ich habe vergessen, womit ich eigentlich angefangen hatte. Übrigens mußte das alles einmal gesagt werden. Und früher, früher ...? Was hätte ich dir da eigentlich sagen können? Jetzt fühle ich deinen Blick auf mir ruhen und weiß: der mich da ansieht, ist mein Sohn ; aber selbst gestern hätte ich noch nicht glauben können, daß ich jemals so wie heute mit meinem Jungen zusammensitzen und mit ihm reden würde.« Er war in der Tat sehr zerstreut geworden und zugleich sonderbar ergriffen von irgend etwas. »Ich brauche jetzt nicht zu träumen und zu phantasieren, mir ist es jetzt auch an Ihnen genug! Ich folge Ihnen!« sagte ich und ergab mich ihm ganz. »Mir willst du folgen? Aber meine Wanderfahrten sind ja gerade beendet, und gerade seit heute: du kommst zu spät, lieber Freund. Der heutige Tag ist das Finale des letzten Aktes, und der Vorhang fällt. Dieser letzte Akt hat sich sehr in die Länge gezogen. Angefangen hat er schon vor sehr langer Zeit – damals, als ich das letztemal ins Ausland entfloh. Damals warf ich alles hinter mich, und du mußt wissen, lieber Freund, daß ich damals mein Zusammenleben mit deiner Mutter aufgab und ihr das auch mitteilte. Das mußtest du erfahren. Ich erklärte ihr damals, ich ginge für immer fort, und sie würde mich niemals wiedersehen. Das Schlimmste aber war, daß ich sogar vergaß, ihr Geld dazulassen. Auch an dich habe ich nicht einen Augenblick gedacht. Ich fuhr mit der Absicht fort, in Westeuropa zu bleiben, lieber Freund, und niemals wieder heimzukehren. Ich wanderte aus.« »Wohl zu Alexander Herzen? Um sich der Propaganda im Auslande zu widmen? Sie sind doch wahrscheinlich Ihr Leben lang an irgendeiner Verschwörung beteiligt gewesen?« rief ich; ich konnte nicht schweigen. »Nein, lieber Freund, ich war an gar keiner Verschwörung beteiligt. Aber deine Augen funkeln ja ordentlich; ich liebe deine plötzlichen Ausrufe, lieber Freund. Nein, ich ging damals lediglich aus Melancholie auf und davon, es hatte mich plötzlich eine Melancholie befallen. Es war die Melancholie des russischen Edelmanns – ich weiß es wahrhaftig nicht besser auszudrücken. – Die aristokratische Melancholie – und weiter nichts.« »Die Aufhebung der Leibeigenschaft ... die Befreiung des Volkes?« murmelte ich, ganz außer Atem. »Die Aufhebung der Leibeigenschaft? Du glaubst, ich hätte der Leibeigenschaft nachgetrauert? Ich hätte die Befreiung des Volkes nicht ertragen können? O nein, lieber Freund, wir waren ja doch auch selber die Befreier gewesen. Ich wanderte ohne jeden Groll aus. Ich war ja eben Friedensrichter gewesen und hatte mich aus allen Kräften um die Versöhnung der Gegensätze gemüht, ganz uneigennützig, ich reiste nicht einmal deshalb fort, weil mir mein Liberalismus übel gelohnt worden war. Uns allen ist damals übel gelohnt worden, das heißt, eben wieder den Leuten meines Schlages. Ich bin eher in Stolz hinausgezogen als in Reue, und glaube mir, nichts lag mir ferner als der Gedanke, es wäre nun Zeit für mich, mein Leben als bescheidner Schuhflicker zu beschließen. Je suis gentilhomme avant tout et je mourrai gentilhomme! Aber trotzdem war mir traurig zumute. Wir sind unser in Rußland vielleicht gegen tausend; vielleicht wirklich nicht mehr, aber das genügt ja auch vollkommen, damit die Idee nicht sterbe. Wir sind die Träger einer Idee, lieber Freund! ... Lieber Freund, ich sage dir das, weil ich die sonderbare Hoffnung hege, du wirst diesen ganzen Galimathias verstehen. Ich habe dich aus einer Laune meines Herzens zu mir gebeten: ich habe schon lange davon geträumt, dir etwas zu sagen ... dir, und gerade dir! Übrigens, aber ... übrigens ...« »Nein, sagen Sie es,« rief ich, »ich sehe wieder das ehrliche Gefühl in Ihrem Gesichte ... Wie war es, hat Europa Ihnen damals eine Auferstehung bereitet? Ja, und was war das eigentlich, Ihre ›aristokratische Melancholie‹? Verzeihen Sie, Teuerster, ich verstehe das noch nicht recht.« »Ob mir Europa eine Auferstehung bereitet hat? Ich bin ja doch selber damals hingefahren, um Europa zu beerdigen!« »Beerdigen?« fragte ich verwundert. Er lächelte. »Lieber Freund Arkadij, meine Seele ist jetzt müde geworden, und mein Geist hat sich aufgelehnt. Niemals werde ich meine ersten Augenblicke damals in Europa vergessen. Ich hatte auch schon früher in Europa gelebt, aber damals war eine ganz eigne Zeit, und ich war noch niemals in so trostloser Trauer und ... mit solcher Liebe hinausgegangen, wie in jener Zeit. Ich will dir einen von meinen ersten Eindrücken damals erzählen, einen Traum, den ich damals hatte, einen richtigen Traum. Das war noch in Deutschland. Ich hatte eben Dresden verlassen, hatte in der Zerstreutheit vergessen, auf der Station auszusteigen, wo ich hätte umsteigen müssen, und war so auf eine verkehrte Linie gekommen. Ich wurde sofort abgesetzt; es war drei Uhr nachmittags an einem hellen Tage. Ich befand mich in einem kleinen deutschen Städtchen. Man wies mich nach dem Gasthaus. Ich hatte lange zu warten: der nächste Zug ging erst um elf Uhr nachts. Ich war mit diesem Abenteuer sogar zufrieden, denn ich hatte durchaus keine Eile, irgendwohin zu kommen. Ich irrte nur so umher, lieber Freund, ich irrte nur so umher. Das Gasthaus war jämmerlich und klein, lag aber ganz im Grünen und war rings von Blumenbeeten umgeben, wie das in Deutschland so üblich ist. Mir wurde ein enges Zimmerchen angewiesen, und da ich die ganze Nacht unterwegs gewesen war, schlief ich nach dem Mittagessen, so um vier Uhr nachmittags, ein. Ich hatte einen Traum, der mir ganz unerwartet kam, weil mir noch nie etwas Ähnliches geträumt hatte. In der Dresdner Galerie befindet sich ein Bild von Claude Lorrain, das im Kataloge, ›Acis und Galathea‹ heißt; ich aber habe es immer ›das goldne Zeitalter‹ genannt, warum, weiß ich selber nicht. Ich hatte es auch schon früher gesehen, und jetzt, vor drei Tagen auf der Durchreise, war es mir wieder aufgefallen. Und dieses Bild sah ich im Traume, aber nicht als Bild, sondern als wirkliche Landschaft. Ich weiß übrigens nicht recht, was mir eigentlich geträumt hat: es war genau wie auf jenem Bilde – ein Winkel des griechischen Archipels, und auch die Zeit war gleichsam um dreitausend Jahre zurückgewichen; blaue, schmeichelnde Wellen, Inseln und Klippen, ein blühendes Gestade, ein Blick in herrliche Weiten, eine untergehende lockende Sonne – nicht mit Worten zu schildern. Dieser Ort ist der europäischen Menschheit als ihre Wiege im Gedächtnis geblieben, und der Gedanke daran erfüllte gleichsam auch meine Seele mit einem Gefühl warmer Heimatliebe. Hier war das irdische Paradies der Menschheit: die Götter stiegen vom Himmel und vermischten sich mit den Töchtern der Erde ... Oh, dort lebten schöne Menschen! Glücklich und unschuldig erwachten sie und schliefen wieder ein, die Wiesen und Haine waren erfüllt von ihren Liedern und fröhlichen Rufen; ein großer Überschuß an ungenützten Kräften wurde zu Liebe und harmloser Freude. Die Sonne überströmte sie mit Wärme und Licht und freute sich ihrer schönen Kinder ... Wundersamer Traum, erhabner Irrtum der Menschheit! Das goldne Zeitalter ist der unwahrscheinlichste unter allen Träumen, die je geträumt worden sind, aber die Menschen haben ihr ganzes Leben und alle Kräfte für ihn dahingegeben, für ihn sind die Propheten gestorben und erschlagen worden, ohne ihn wollen die Völker nicht leben und können sie selbst nicht sterben! Und dieses ganze große Gefühl durchlebte ich gleichsam in diesem Traume; die Klippen und das Meer und die schrägen Strählen der sinkenden Sonne – das alles sah ich gleichsam noch, als ich erwachte und meine Augen aufschlug, die buchstäblich in Tränen schwammen. Ich weiß noch, wie freudig bewegt ich war. Ein Glücksgefühl, das mir noch fremd gewesen war, ging durch mein Herz, so stark, daß es beinahe zum Schmerz wurde; das war die allgemeine Liebe zur ganzen Menschheit. Es war inzwischen ganz Abend geworden; in das Fenster meines kleinen Zimmers fiel durch die Blätter der Blumen auf dem Fensterbrett eine Garbe von schrägen Sonnenstrahlen und übergoß mich mit Glanz. Und siehst du, lieber Freund, so verwandelte sich mir die untergehende Sonne des ersten Tages der europäischen Menschheit, die ich in meinem Traume gesehen hatte, sogleich, als ich erwachte, in Wahrheit in die untergehende Sonne des letzten Tages der europäischen Menschheit! Gerade damals erscholl über Europa gleichsam der Ton eines Grabgeläutes. Ich spreche nicht bloß vom Kriege und von der Zerstörung der Tuilerien; ich hatte auch ohnedies gewußt, daß alles vergehen mußte, das ganze Antlitz der alten europäischen Welt, früher oder später; aber ich, als russischer Europäer, konnte das nicht gutwillig hinnehmen. Ja, sie hatten damals gerade die Tuilerien verbrannt ... Oh, reg' dich nicht auf, ich weiß, daß das eine logische Tat war, und begreife die Unwiderstehlichkeit der daherstürmenden Idee nur zu gut; aber als Träger des höchsten russischen Kulturgedankens konnte ich das nicht gutwillig hinnehmen, weil eben der höchste russische Gedanke die Versöhnung aller Ideen miteinander ist. Und wer in der ganzen Welt konnte damals so einen Gedanken verstehen: ich irrte einsam umher. Ich spreche nicht von mir persönlich – ich spreche vom russischen Gedanken. Da war Zank und Streit und Logik; der Franzose war eben Franzose, und weiter nichts, der Deutsche war Deutscher, und weiter nichts, und das mit größerer Anspannung ihrer Kräfte als jemals während ihrer ganzen Geschichte; also hat der Franzose Frankreich nie größern Schaden getan als damals, und ebenso der Deutsche seinem Deutschland! Damals gab es in ganz Europa nicht einen einzigen Europäer! Nur ich allein hätte, vor alle Petroleusen gestellt, ihnen ins Gesicht sagen können, daß die Niederbrennung der Tuilerien ein Fehler war; und nur ich allein hätte, vor alle rachsüchtigen Konservativen gestellt, diesen Rächern sagen können, daß die Zerstörung der Tuilerien zwar ein Verbrechen, aber trotzdem eine logische Tat war. Und das alles, lieber Junge, aus dem Grunde, weil ich, als Russe, damals in Europa der einzige Europäer war . Ich spreche nicht von mir – ich spreche vom russischen Gedanken im ganzen. Ich irrte umher, lieber Freund, ich irrte umher und wußte genau, daß ich schweigen und weiter umherirren mußte. Und doch war mir traurig zumute. Lieber Junge, ich kann nicht anders, ich habe Respekt vor meinem Adel. Du lachst, glaub' ich, darüber?« »Nein, ich lache nicht,« sagte ich mit ergriffner Stimme, »ich lache durchaus nicht: Sie haben mit Ihrer Vision eines goldnen Zeitalters mein Herz erschüttert, und seien Sie überzeugt, ich beginne Sie zu verstehen. Aber vor allem bin ich darüber froh, daß Sie soviel Respekt vor sich selbst haben. Ich beeile mich, Ihnen das zu sagen. Ich hätte das nie von Ihnen erwartet!« »Ich habe dir schon gesagt, lieber Freund, daß ich deine plötzlichen Ausrufe liebe,« sagte er wieder und lächelte über meinen naiven Ausbruch; dabei erhob er sich von seinem Stuhl und begann, ohne es selbst zu bemerken, im Zimmer auf und ab zu gehen. Ich stand gleichfalls auf. Er fuhr in seiner seltsamen Ausdrucksweise, aber tief von seinem Gedanken durchdrungen, zu sprechen fort.   3 »Jawohl, mein Junge, ich sage es dir noch einmal: ich kann nicht anders, ich habe Respekt vor meinem Adel. Bei uns zulande hat sich mit den Jahrhunderten ein ganz neuer Kulturtypus herausgebildet, den man sonst in der ganzen Welt nicht wiederfindet – es ist der Typus des Leidens um alle in der ganzen Welt. Das ist ein russischer Typus; da er sich aber in der höchsten Kulturstufe des russischen Volkes herausgebildet hat, so habe ich also die Ehre, ihm anzugehören. Er schließt das künftige Rußland in sich. Wir sind unser vielleicht im ganzen nicht mehr als tausend – vielleicht einige mehr, vielleicht weniger – aber das ganze Rußland hat bisher nur dazu gelebt, um diese tausend Menschen zu erzeugen. Man kann sagen, das wäre wenig genug, man kann sich darüber entrüsten, daß soviel Jahrhunderte und soviel Millionen Menschen um dieser tausend willen weggeworfen seien. Meiner Überzeugung nach ist das nicht wenig.« Ich hörte ihm gespannt zu. Da trat seine Überzeugung, die Richtung seines ganzen Lebens zutage. Was er von den »tausend Menschen« gesagt hatte, zeichnete ihn so plastisch! Ich fühlte es, daß seine Mitteilsamkeit mir gegenüber irgendeiner von außen gekommnen Erschütterung entsprang. Er hielt mir alle diese feurigen Reden und liebte mich dabei gewiß, aber der Anlaß, aus dem er so auf einmal zu sprechen anfing und gerade mit mir hatte sprechen wollen, blieb für mich noch immer im Dunkeln. »Ich wanderte aus,« fuhr er fort, »und es war mir um nichts leid, was ich hinter mir ließ. Alle Dienste, die in meinen Kräften lagen, hatte ich Rußland geleistet, während ich in der Heimat gelebt hatte; nun ich auf- und davonging, diente ich ihm weiter, ich gab meiner Idee nur ein weitres Feld. Aber indem ich Rußland auf diese Weise diente, leistete ich ihm weit größere Dienste, als wenn ich weiter nichts als nur der Russe gewesen wäre, genau wie damals der Franzose weiter nichts war als der Franzose, und der Deutsche – nichts als der Deutsche. In Europa versteht man das fürs erste noch nicht. Europa hat vornehme Typen des Franzosen, des Engländers, des Deutschen geschaffen, aber von seinem künftigen Menschen weiß es noch so gut wie gar nichts. Und ich glaube, es will fürs erste auch noch gar nichts von ihm wissen. Und das ist ja selbstverständlich: sie sind unfrei, wir dagegen sind frei. Ich ganz allein in Europa, mit meiner russischen Melancholie, war damals frei. Lieber Freund, beachte etwas Eigentümliches wohl: jeder Franzose kann nicht nur seinem Vaterlande, sondern sogar der gesamten Menschheit nur unter der Voraussetzung Dienste leisten, daß er soviel wie möglich Franzose bleibt, – genau so ist es mit dem Engländer und mit dem Deutschen. Nur der Russe allein hat, – und das sogar heute schon, also viel früher, als die allgemeine Summe gezogen werden kann, – nur der Russe, sage ich, hat schon die Gabe empfangen, um so mehr Russe zu werden, je mehr er Europäer wird. Das ist eben der wesentlichste nationale Unterschied zwischen uns und allen andern, und bei uns ist es in dieser Hinsicht wie sonst nirgends. Ich bin in Frankreich ein Franzose, in Gesellschaft des Deutschen – ein Deutscher, mit dem alten Griechen – ein Grieche; und eben dadurch bin ich im höchsten Grade ein Russe. Eben dadurch bin ich ein echter Russe und diene ich Rußland am besten, weil ich seine beherrschende Idee repräsentiere. Ich bin Pionier dieser Idee. Ich bin damals ausgewandert; aber habe ich deswegen etwa Rußland verlassen? Nein, ich habe ihm weiter gedient. Und mag ich auch nichts getan haben in Europa, mag ich auch nur fortgegangen sein, um umherzuirren (und ich wußte, daß ich nur dazu fortging), aber auch das war schon genug, daß ich mit meiner Idee und meiner Erkenntnis fortging. Ich trug meine russische Melancholie dahin. Oh, es war nicht nur das Blut, das damals vergossen wurde, was mich erschreckte, und auch nicht die Zerstörung der Tuilerien war es, sondern alles, was darauf folgen mußte. Ihnen steht noch ein langer Streit bevor, denn sie sind noch zu sehr Deutsche und Franzosen und haben die Aufgabe, die ihnen in diesen Rollen beschieden ist, noch nicht erfüllt. Aber auch heute noch tut mir alle diese Zerstörung weh. Dem Russen ist Europa ebenso teuer wie Rußland; jeder Stein Europas ist uns lieb und teuer. Europa ist genau so unser Vaterland gewesen wie Rußland. Oh, mehr noch! Man kann Rußland nicht heißer lieben, als ich es liebe, aber ich habe mir nie einen Vorwurf daraus gemacht, daß Venedig, Rom, Paris, daß die Schätze ihrer Wissenschaften und Künste, daß ihre ganze Geschichte mir teurer ist als Rußland. Oh, uns Russen sind diese fremden alten Steine köstlich, diese Wunder der alten Gotteswelt, diese Trümmer heiliger Wunderwerke; sie sind uns sogar teurer als ihnen selber! Sie haben jetzt andre Gedanken und andre Gefühle, und sie schätzen die alten Steine nicht mehr ... Der Konservative kämpft dort um weiter nichts als um seine Existenz; und selbst den Petroleusen ist es bloß um das Recht auf ihr Stück Brot zu tun. Nur Rußland lebt nicht für sich selbst, sondern für die Idee, und du wirst mir zugeben, lieber Freund: es ist eine bedeutsame Tatsache, daß schon beinah ein Jahrhundert vergangen ist, seit Rußland in der Tat nicht für sich selbst, sondern einzig und allein für Europa lebt! Und jene? Oh, ihnen sind noch schreckliche Qualen bestimmt, ehe denn sie das Reich Gottes schauen werden.« Ich muß bekennen, ich hörte ihm in großer Verwirrung zu; selbst der Ton seiner Rede erschreckte mich, wenn ich auch schon von den Gedanken allein äußerst überrascht sein mußte. Ich fürchtete mich wie krankhaft, eine Lüge zu hören. Plötzlich sagte ich mit strenger Stimme: ›Sie sagten soeben: ›Das Reich Gottes.‹ Ich habe gehört, Sie wären draußen ein Verkündiger Gottes gewesen und hätten Büßerketten getragen?« »Meine Ketten laß nur in Ruhe,« lächelte er, »das ist etwas ganz andres. Damals habe ich noch gar nicht ›verkündigt‹; aber um ihren Gott trauerte ich; das ist die Wahrheit. Sie hatten damals den Atheismus proklamiert ... ein Häuflein von ihnen, aber das ist ja ganz egal; das waren nur die ersten vorgeschobenen Patrouillen, aber es war doch der erste radikale Schritt – das ist das Wichtige daran. Das war wieder ihre Logik; aber die Logik ist etwas, was immer trauern macht. Ich gehörte einer andern Kultur, und mein Herz wollte das nicht gutwillig dulden. Diese Undankbarkeit, mit der sie der Gottesidee den Abschied gaben, dies Auspfeifen und Werfen mit Schmutz war mir unerträglich. Die Schusterhaftigkeit dieses Prozesses stieß mich ab. Übrigens geht es im praktischen Leben immer recht schusterhaft zu, selbst wenn ein noch so glühendes Streben nach dem Ideal vorhanden ist, und ich hätte das natürlich wissen können; aber ich war eben immerhin ein Mensch von anderm Typus: ich war frei in der Auswahl, und sie nicht – und ich weinte, ich weinte für sie, ich weinte um die alte Idee, und ich weinte vielleicht wirkliche Tränen, ohne Schönrederei.« »Sie hatten also so einen starken Glauben an Gott?« fragte ich mißtrauisch. »Lieber Freund, diese Frage gehört vielleicht nicht ganz hierher. Nehmen wir an, mein Glaube wäre auch nicht besonders stark gewesen, deswegen hätte ich doch nicht umhin gekonnt, um die Idee zu trauern. Ich hab' es mir zuzeiten nicht vorstellen können, wie der Mensch ohne Gott leben solle, und ob das überhaupt jemals möglich sein würde. Mein Herz ist immer zum Schluß gekommen, daß es unmöglich wäre; aber für einen gewissen Zeitabschnitt wird es vielleicht doch möglich sein ... Für mich besteht gar kein Zweifel, daß so eine Zeit kommen wird; aber davon habe ich mir immer ein ganz andres Bild gemacht ...« »Was denn für ein Bild?« Es ist ja richtig: er hatte schon vorher erklärt, daß er glücklich wäre; selbstverständlich kam viel von dem, was er sagte, ans einer Art von Verzückung; so fasse ich viel von dem auf, was er damals sagte. Alles, was wir damals besprachen, kann ich mich natürlich nicht entschließen, dem Papier anzuvertrauen, schon weil ich diesen Mann achte; aber ein paar Striche des seltsamen Bildes, das ich ihm so entlockte, möchte ich hier doch nachzeichnen. Besonders diese »Büßerketten« hatten mich schon immer und diese ganze Zeit geplagt, und ich wollte darüber ins reine kommen – deshalb setzte ich ihm so zu. Ein paar von den phantastischen und außerordentlich seltsamen Ideen, die er damals äußerte, sind für ewig in mein Herz geprägt. »Lieber Freund,« begann er mit einem sinnenden Lächeln, »ich male mir aus, daß der Kampf schon zu Ende und der Streit beigelegt wäre. Nach den Verfluchungen, den schrillen Pfiffen und dem Werfen mit Schmutz ist eine Stille eingetreten, und die Menschen sind allein geblieben, wie sie es sich gewünscht hatten: die frühere große Idee hat sie allein gelassen; die große Quelle der Kräfte, die sie bisher genährt und erwärmt hatte, ist untergegangen wie die majestätische, lockende Sonne auf jenem Bilde von Claude Lorrain, nur daß es hier schon gleichsam der letzte Tag der Menschheit wäre. Und die Menschen hätten plötzlich begriffen, daß sie allein geblieben wären, und hätten auf einmal eine große Verwaistheit empfunden. Mein lieber Junge, ich habe mir die Menschen nie undankbar und verdummt vorstellen können. Die verwaisten Menschen würden sich sofort enger und liebevoller aneinander drängen; sie würden sich an den Händen fassen und begreifen, daß sie jetzt ganz allein alles füreinander wären! Die große Idee der Unsterblichkeit wäre verschwunden, und man müßte sie durch ein andres ersetzen, und der ganze große Überschuß der früheren Liebe zu dem, der die Unsterblichkeit war, würde sich bei allen der Natur, der Welt, den Menschen, allem sinnlich Wahrnehmbaren zuwenden. Sie würden die Erde und das Leben unwiderstehlich liebgewinnen, und um so mehr, je mehr sie allmählich die Überzeugung von ihrer Vergänglichkeit und Endlichkeit gewinnen würden, und das mit einer ganz besondern, ganz neuen Liebe. Sie würden in der Natur allerlei Wunder und Geheimnisse bemerken und entdecken, von denen sie früher nichts geahnt hätten, denn sie würden die Natur mit neuen Augen sehen, wie ein Verliebter seine Geliebte ansieht. Sie würden erwachen und eilen, einander zu küssen, sie würden sich beeilen, zu lieben, in der Erkenntnis, daß ihre Tage kurz wären, daß das alles wäre, was ihnen geblieben sei. Sie würden füreinander arbeiten, und jeder würde seinen ganzen Verdienst der Allgemeinheit geben und wäre einzig und allein darin glücklich. Jedes Kind auf Erden würde es wissen und fühlen, daß jeder Mensch zu ihm wie Vater und Mutter wäre. ›Vielleicht ist morgen mein letzter Tag,‹ würde jeder denken, wenn er in die sinkende Sonne sähe, ›aber was macht das! Ich sterbe, aber alle die andern bleiben hier, und nach ihnen ihre Kinder.' Und dieser Gedanke, daß die andern bleiben und nach wie vor einander lieben und um einander zittern würden, er würde den Gedanken an ein Widerfinden nach dem Tode ersetzen. Oh, sie würden sich beeilen, zu lieben, um die große Trauer in ihren Herzen zu beschwichtigen. Sie wären stolz und kühn für sich selber, aber zaghaft für einander; jeder würde für das Leben und das Glück jedes andern zittern. Sie würden zärtlich gegeneinander sein und sich dessen nicht schämen, wie heute, und würden einander streicheln wie Kinder. Wenn sie sich begegnen würden, würden sie einander mit tiefem, sinnendem Blick ins Auge sehen, und in ihrem Blick läge Liebe und Trauer ...« »Lieber Freund,« unterbrach er sich plötzlich mit einem Lächeln, »das sind alles Phantasiegebilde, dazu noch recht unwahrscheinliche; aber ich habe sie mir schon zu oft ausgemalt, weil ich mein Leben lang ohne das nicht leben konnte und immer daran denken mußte. Ich spreche nicht von meinem Glauben: mein Glaube ist groß, ich bin Deist, philosophischer Deist, wie unser ganzes Tausend, das glaube ich wenigstens, aber ... aber es ist merkwürdig, daß dieses Phantasiegemälde immer mit einer Vision abschloß, in der Art des Heineschen Christus auf dem Meere. Ich wurde ohne Ihn nicht fertig, ich mußte mir Ihn vorstellen, wie Er schließlich unter die verwaisten Menschen treten würde. Er trat zu ihnen, streckte ihnen die Hände entgegen und sprach: ›Wie konntet ihr Seiner vergessen?‹ Und da fiel es gleichwie eine Binde von allen Augen, und es erscholl die große, feierliche Hymne der neuen und letzten Wiedergeburt ...« »Genug davon, lieber Freund; und meine ›Büßerketten‹, das ist dummes Zeug; zerbrich dir den Kopf nicht darüber. Und dann noch eins: du weißt, daß ich mit meinem Munde schamhaft und nüchtern bin; wenn ich mich jetzt habe hinreißen lassen, so ist es ... aus allerlei Gemütsbewegungen heraus geschehen, und dann – weil du mir gegenüber saßest; mit keinem andern werde ich jemals so sprechen. Das füge ich zu deiner Beruhigung hinzu.« Aber ich war ergriffen; von der Lüge, die ich befürchtet hatte, war nichts zu verspüren gewesen, und besonders froh war ich darüber, daß es mir jetzt ganz klar geworden war, daß er in Wirklichkeit getrauert und gelitten und in Wahrheit und ohne Zweifel viel geliebt hatte – und das war mir das Wertvollste von allem. Ich brachte ihm dies Gefühl voll Ergriffenheit zum Ausdruck. »Aber wissen Sie was,« fügte ich plötzlich hinzu, »ich glaube, trotz aller Ihrer Trauer müssen Sie damals doch außerordentlich glücklich gewesen sein?« Er lachte vergnügt auf. »Du bist heute besonders fein in deinen Bemerkungen«, sagte er. »O ja, ich war glücklich, aber konnte ich denn unglücklich sein mit dieser Trauer? Es gibt nichts Freieres und Glücklicheres als den russisch-europäischen Irrwanderer, als unser Tausend. Ich sag' das wahrhaftig nicht im Scherz, es steckt viel Ernst dahinter. Ich hätte meine Trauer um kein andres Glück vertauscht. In diesem Sinne bin ich immer glücklich gewesen, lieber Freund, mein Leben lang. Und vor Glück lernte ich damals ja auch deine Mutter zum erstenmal in meinem Leben lieben.« »Wieso zum erstenmal in Ihrem Leben?« »Ja, es ist so. Wie ich so umherirrte und trauerte, gewann ich sie plötzlich so lieb wie noch nie zuvor und ließ sie sofort kommen.« »Oh, erzählen Sie mir auch davon, erzählen Sie mir von Mama.« »Ja, deswegen habe ich dich ja zu mir gebeten,« lächelte er vergnügt, »und weißt du, ich hatte schon gefürchtet, du hättest mir den Verrat an Mama um Herzens oder irgendeiner kleinen Verschwörung willen verziehen ...« Achtes Kapitel   1 Da wir damals den ganzen Abend miteinander sprachen und bis in die Nacht hinein zusammen saßen, so kann ich nicht alles aufzeichnen, was gesprochen wurde. Ich gebe nur das wieder, was mich damals endlich über einen rätselhaften Punkt in seinem Leben aufklärte. Ich möchte damit beginnen, daß für mich kein Zweifel darüber besteht, daß er Mama liebte, und wenn er sie verließ und bei seiner Abreise »sein Zusammenleben mit ihr aufgab«, so geschah es natürlich nur deshalb, weil er ihrer überdrüssig geworden war oder so etwas Ähnliches, was übrigens jedem Menschen in der Welt passieren kann, und wofür eine Erklärung immer sehr schwer zu finden ist. Im Auslande, übrigens erst nach längerer Zeit, begann er plötzlich Mama aus der Entfernung wieder zu lieben, das heißt, in Gedanken, und ließ sie kommen. Man wird vielleicht sagen: »Er hat sich was in den Kopf gesetzt«, aber ich behaupte etwas andres: nach meiner Überzeugung lag aller Ernst darin, der überhaupt in einem menschlichen Leben enthalten sein kann, trotz alles scheinbaren Snobismus, dessen Vorhandensein ich teilweise ja auch zugeben will. Aber ich schwöre, daß ich seine europäische Trauer ohne jedes Schwanken nicht nur auf die gleiche Stufe mit irgendeiner modernen praktischen Wirksamkeit auf dem Gebiete des Eisenbahnbaues stelle, sondern sogar unvergleichlich viel höher. Seine Liebe zur Menschheit erkenne ich als ein ganz aufrichtiges und tiefes Gefühl ohne jeden Hokuspokus an, und seine Liebe zu Mama für etwas vollkommen Unbestreitbares, wenn auch vielleicht ein wenig Phantastisches. Im Auslande »in seiner Trauer und seinem Glück«, und, füge ich hinzu, in der strengsten mönchischen Abgeschiedenheit (diese Einzelheit erfuhr ich erst später von Tatjana Pawlowna) erinnerte er sich plötzlich an Mama – und erinnerte sich eben gerade ihrer »eingefallen Wangen« und ließ sie sogleich kommen. »Lieber Freund,« brach es unter anderm plötzlich aus ihm hervor, »ich erkannte auf einmal, daß mein Streben im Dienste meiner Idee mich, als moralisch vernünftiges Wesen, durchaus nicht von der Verpflichtung entband, im Laufe meines Lebens doch wenigstens einen Menschen praktisch glücklich zu machen.« »Sollte wirklich ein so löschpapierner Gedanke die Ursache für das alles gewesen sein?« fragte ich zweifelnd. »Das ist kein löschpapierner Gedanke. Aber übrigens – meinetwegen! Dort kam aber eben alles zusammen: ich liebte deine Mutter ja doch wirklich, aufrichtig, und nicht aus löschpapiernen Erwägungen. Wenn ich sie nicht so geliebt hätte, dann hätte ich sie doch nicht kommen lassen, sondern ich hätte irgendeinen Deutschen oder eine Deutsche ›beglückt‹, die mir gerade in den Weg gelaufen wären, wo ich mir diese Idee doch schon einmal ausgedacht hatte. Aber um jeden Preis wenigstens ein Wesen in seinem Leben glücklich zu machen, auf welche Weise es auch sei, aber jedenfalls praktisch, das möchte ich wirklich als ein Gebot für jeden höher entwickelten Menschen aufstellen; ähnlich, wie ich es jedem Bauern im Hinblick auf die Entwaldung Rußlands zum Gesetz oder zur Pflicht machen möchte, in seinem Leben wenigstens einen Baum zu pflanzen; übrigens wird ein Baum wohl zu wenig sein, man könnte wohl auch jedem befehlen, jedes Jahr einen Baum zu pflanzen. Der höher entwickelte Mensch, der einer höheren Idee lebt, wird häufig ganz vom Realen abgelenkt, er wird lächerlich, launisch und kalt, ich kann dir sogar sagen – ganz einfach dumm, und nicht nur gegenüber dem praktischen Leben, sondern zum Schluß sogar dumm in seinen Theorien. Auf diese Weise würde die Verpflichtung, sich mit irgend etwas Praktischem zu beschäftigen und irgendein lebendiges Wesen glücklich zu machen, dem Wohltäter selber nützen und ihn auffrischen. Als Theorie ist das sehr lächerlich; aber wenn das ins praktische Leben eingeführt würde und zum Brauche würde, so wäre es durchaus nicht dumm. Ich habe das am eignen Leibe erfahren: sobald ich mir diese Idee von dem neuen Gebot zu entwickeln begann – und anfangs selbstverständlich nur halb scherzhaft –, begann ich auf einmal die ganze Größe der Liebe zu deiner Mutter zu erkennen, die in meinem Herzen ganz im verborgnen ruhte. Bis dahin hatte ich überhaupt noch nicht begriffen, daß ich sie liebte. Solange ich mit ihr gelebt hatte, hatte ich mich nur an ihr gefreut, solange sie hübsch war, und sie nachher durch meine Launen gequält. Erst in Deutschland begriff ich, daß ich sie liebte. Es begann mit ihren eingefallnen Wangen, an die ich habe nie denken können, und die ich manchmal nicht einmal habe sehen können, ohne einen Schmerz im Herzen zu empfinden – einen buchstäblichen, wirklichen, physischen Schmerz. Es gibt schmerzhafte Erinnerungen, lieber Freund, die uns wirklichen Schmerz machen; fast jeder Mensch kennt das, nur vergessen es die Leute wieder; aber es geschieht manchmal, daß es ihnen plötzlich wieder einfällt – es braucht nur irgendein kleiner Zug zu sein – und daß sie dann nicht mehr davon loskommen. Ich begann mir tausend Einzelheiten aus meinem Leben mit Sonja ins Gedächtnis zurückzurufen; schließlich fielen sie mir von selber ein und drängten sich mir in Massen auf und hätten mich fast totgequält, während ich auf sie wartete. Besonders quälte mich die Erinnerung an ihre ewige Unterwürfigkeit mir gegenüber und daran, daß sie sich ihr Lebtag für weit unter mir stehend gehalten hatte – stell' dir vor – sogar in physischer Beziehung. Sie genierte sich und wurde rot, wenn ich manchmal ihre Hände und Finger ansah, die ja durchaus nicht aristokratisch sind. Und nicht bloß ihre Finger, sie schämte sich ihres ganzen Äußern, trotzdem ich ja doch ihre Schönheit liebte. Sie war mir gegenüber immer schamhaft bis zur Scheu, das Schlimme aber war, daß hinter dieser Schamhaftigkeit immer eine Art Entsetzen hervorlugte. Kurz, sie hielt sich neben mir immer für etwas ganz Nichtiges oder sogar für etwas beinahe Unanständiges. Wahrhaftig, manchmal in der ersten Zeit habe ich gedacht, sie halte mich immer noch für ihren Herrn und fürchte sich deshalb vor mir; aber das war ganz etwas andres. Und dabei kann ich es dir beschwören, daß sie fähiger als sonst irgendein Mensch war, meine Fehler zu erkennen, und daß ich überhaupt in meinem ganzen Leben keiner Frau begegnet bin, die ein so feines und ahnendes Herz gehabt hätte wie sie. Oh, wie unglücklich sie war, wenn ich in der ersten Zeit, als sie noch hübsch war, von ihr verlangte, sie sollte sich putzen. Ihre Eitelkeit und noch irgendein andres Gefühl wurde dadurch verletzt: sie begriff, daß sie nie eine Dame werden konnte, und daß sie in einem ihr fremden Kostüm immer lächerlich wirken würde. Sie, als Frau, wollte nicht lächerlich aussehen in ihren Kleidern, und sie begriff sehr gut, daß jede Frau ihre Kleidung tragen muß, was Tausende und Hunderttausende von Frauen nie begreifen werden – weil sie sich immer nur nach der Mode anziehen. Sie fürchtete sich vor meinem spöttischen Blick – das ist es! Aber besonders traurig war mir die Erinnerung an ihren tief verwunderten Blick, den ich während unsres ganzen Zusammenlebens so häufig hatte auf mir ruhen fühlen: es hatte sich darin ein vollkommnes Begreifen ihrer Lage und der Zukunft, die sie erwartete, ausgesprochen, so daß es mir selber manchmal unter diesem Blick schwer ums Herz geworden war, obgleich ich gestehen muß, daß ich mich damals in Gespräche mit ihr nicht eingelassen und dies alles ein bißchen sehr von oben herab behandelt hatte. Und du mußt wissen: sie war nicht etwa immer so scheu und verschüchtert wie heute; auch jetzt kommt es noch vor, daß sie plötzlich lustig und hübsch wird, als wäre sie noch zwanzig; aber damals in jungen Jahren liebte sie es manchmal sehr, zu schwatzen und zu lachen, in Gesellschaft von ihresgleichen natürlich – mit den Mädchen und mit Nachbarinnen; und wie sie zusammenfuhr, wenn ich sie manchmal beim Lachen überraschte, wie sie plötzlich rot wurde und mich scheu ansah! Einmal, nicht lange vor meiner Abreise ins Ausland, das heißt, fast am Tage, bevor ich mein Zusammenleben mit ihr aufgeben wollte, kam ich in ihr Zimmer und traf sie allein: sie saß ohne Arbeit an ihrem Tischchen, hatte den Arm auf den Tisch gestützt und war tief in Gedanken. Es kam sonst fast nie vor, daß sie so ohne Arbeit gesessen hatte. Es glückte mir, mich ganz leise auf den Zehenspitzen an sie heranzuschleichen und sie plötzlich zu umarmen und zu küssen ... Sie sprang auf – und ich werde nie den Ausdruck des Entzückens, des Glücks in ihrem Gesicht vergessen; aber auf einmal trat an seine Stelle ein heftiges Erröten, und ihre Augen funkelten. Weißt du, was ich in diesem funkelnden Blicke las? ›Du hast mir ein Almosen gegeben – jawohl!‹ Sie begann krampfhaft zu schluchzen, unter dem Vorgeben, ich hätte sie erschreckt; aber ich machte mir selbst damals schon meine Gedanken darüber. Und überhaupt, alle solche Erinnerungen sind etwas sehr Schweres, lieber Freund. Das ist etwas Ähnliches, wie es einem mit manchen Dichtungen von großen Künstlern geht, in denen manchmal auch so schmerzhafte Szenen vorkommen, daß man ihrer sein Leben lang mit einem Schmerzgefühl gedenkt – zum Beispiel: der letzte Monolog Othellos bei Shakespeare, oder wie Eugen Onegin sich vor Tatjana niederwirft, oder jene Begegnung des entsprungenen Sträflings mit den kleinen Mädchen in der kalten Nacht am Brunnen aus den ›Miserables‹ von Victor Hugo; das sticht einem einmal ins Herz, und die Wunde bleibt für immer. Oh, wie ich damals auf Sonja wartete und mich danach sehnte, sie recht bald in meine Arme zu schließen! In zitternder Ungeduld träumte ich von einem ganz neuen Lebensprogramm; ich träumte davon, in langsamer, methodischer Arbeit die beständige Furcht vor mir aus ihrem Herzen auszurotten, ihr ihren persönlichen Wert klarzumachen, und alles, worin sie sogar über mir steht. Oh, ich wußte ja auch damals nur zu genau, daß ich zu allen Zeiten deine Mutter immer anfing zu lieben, sowie wir uns getrennt hatten, und daß ich immer plötzlich kalt gegen sie wurde, wenn wir wieder beisammen waren; aber damals war es etwas andres, damals war es ganz etwas andres.« Ich war überrascht. Die Frage: » Und sie? « tauchte in mir auf. »Nun, und ...? Wie fiel Ihre Begegnung mit Mama damals aus?« fragte ich vorsichtig. »Damals? Ja, die Begegnung hat damals ja gar nicht stattgefunden. Sie ist ja damals nur mit Mühe und Not nach Königsberg gekommen, und dort blieb sie dann auch, ich aber war am Rhein. Ich fuhr nicht zu ihr, sondern schrieb ihr, sie solle dort bleiben und auf mich warten. Wiedergesehen haben wir uns erst viel später, oh, sehr lange nachher, als ich zu ihr fuhr und sie um ihre Erlaubnis zu jener Heirat bat ...«   2 Des weiteren will ich nur noch die wesentlichsten Tatsachen wiedergeben, das heißt, selbstverständlich nur, soweit sie mir selber klar geworden sind; er erzählte mir das alles selber auch nicht mehr im Zusammenhange. Seine Art, zu sprechen, wurde zehnfach so unzusammenhängend und ungeordnet, sobald er an diesen Punkt gekommen war. Er war plötzlich Katerina Nikolajewna begegnet, eben zu der Zeit, als er auf Mama wartete, im Augenblick, wo seine Ungeduld aufs höchste gestiegen war. Sie waren damals alle am Rhein, in einem Bade, und brauchten eine Kur. Katerina Nikolajewnas Mann war schon so gut wie tot, wenigstens hatten die Ärzte ihn schon zum Tode verurteilt. Schon bei der ersten flüchtigen Begegnung fiel sie ihm auf, bezauberte ihn gleichsam durch irgend etwas. Das war ein Fatum. Merkwürdig ist, daß ich mich heute, wo ich dies niederschreibe und an jenen Abend zurückdenke, nicht daran erinnern kann, daß er auch nur ein einziges Mal in seiner Erzählung das Wort »Liebe« gebraucht oder gesagt hätte, er sei »verliebt« gewesen. Des Wortes »Fatum« dagegen erinnre ich mich deutlich. Und dies war natürlich auch ein Fatum. Er hatte es nicht gewollt , er »hatte nicht lieben wollen«. Ich weiß nicht, ob ich das klar auszudrücken verstehen werde; aber sein ganzes Innre empörte sich eben gegen das Fatum, dagegen, daß ihm das hatte passieren können. Alles, was an Freiheit in ihm war, war auf einmal durch diese Begegnung vernichtet, und dieser Mann war auf ewig an eine Frau gefesselt, der nicht das geringste an ihm lag. Er wehrte sich gegen diese Sklaverei der Leidenschaft. Ich muß es jetzt gerade heraussagen: Katerina Nikolajewna ist ein Typus, der sich unter Weltdamen selten findet, – ein Typus, den es in diesem Kreise vielleicht überhaupt nicht gibt. Sie ist im höchsten Grade der Typus einer schlichten und aufrichtigen Frau. Ich habe gehört, das heißt, ich weiß ganz genau, daß sie eben dadurch in der Gesellschaft so unwiderstehlich wirkte, wenn sie sich in ihr zeigte (häufig genug zog sie sich ganz aus ihr zurück). Wersilow glaubte natürlich damals bei seiner ersten Begegnung mit ihr nicht, daß sie so wäre, sondern glaubte vielmehr das gerade Gegenteil, das heißt, daß sie eine Heuchlerin und Jesuitin wäre. Ich möchte hier vorgreifend ihr Urteil über ihn anführen: sie versicherte, er hätte überhaupt gar nicht anders von ihr denken können, »denn ein Idealist, wenn er auch mit der Nase auf die Wirklichkeit gestoßen wird, ist immer eher als jeder andre geneigt, jede Schlechtigkeit zu glauben.« Ich weiß nicht, ob dies auf die Idealisten im allgemeinen zutrifft, auf ihn aber traf es natürlich durchaus zu. Ich will hier auch gleich mein eigenes Urteil hersetzen, das mir einfiel, während ich ihm damals zuhörte: ich dachte mir, er hätte Mama wohl mehr mit einer sozusagen humanen, allgemein menschlichen Liebe geliebt als mit der einfachen Liebe, mit der man eine Frau für gewöhnlich liebt; und sobald er dann einer Frau begegnete, die er mit dieser einfachen Liebe lieben mußte, lehnte er sich sogleich gegen diese Liebe auf – am wahrscheinlichsten dünkt es mich, daß es geschah, weil er das eben nicht gewohnt war. Übrigens ist es. sehr gut möglich, daß dieser Gedanke nicht zutrifft; ihm habe ich ihn natürlich verschwiegen. Ihn auszusprechen, wäre unzart gewesen; und ich kann auch beschwören, daß er in einem Zustande war, in dem er beinahe der Schonung bedurfte: er war sehr erregt: hie und da brach er seine Erzählung plötzlich ab und schwieg minutenlang, während er mit bösem Gesicht im Zimmer auf und ab ging. Sie hatte damals sein Geheimnis gar bald durchschaut; oh, es mag auch sein, daß sie absichtlich mit ihm kokettierte: selbst die reinsten Frauen pflegen in solchen Fällen schlecht zu sein; das ist bei ihnen ein unüberwindlicher Instinkt. Es endete zwischen ihnen mit einem erbitterten Bruche, und er, glaube ich, wollte sie erschießen; er jagte ihr einen furchtbaren Schrecken ein und hätte sie vielleicht erschossen, »aber das alles verwandelte sich in Haß«. Und nun kam eine seltsame Periode: er ergab sich auf einmal einer sonderbaren Idee: sich zu kasteien, »weißt du, mit der Disziplin, die die Mönche anwenden. Man bezwingt allmählich und durch methodische Übung seinen Willen. Man fängt mit den lächerlichsten und kleinsten Sachen an und überwindet schließlich seinen Willen vollkommen und wird auf diese Weise frei.« Er fügte hinzu, bei den Mönchen wäre das eine durchaus ernsthafte Sache, weil es durch tausendjährige Erfahrung zur Wissenschaft ausgebildet wäre. Das interessanteste aber ist, daß er sich auf die Idee dieser »Disziplin« nicht etwa stürzte, um von Katerina Nikolajewna freizukommen, sondern in der ganz festen Überzeugung, er liebe sie nicht nur nicht mehr, sondern hasse sie vielmehr mit größter Heftigkeit. Er glaubte so fest an seinen Haß gegen sie, daß er sogar plötzlich auf den Gedanken kam, sich in ihre Stieftochter zu verlieben, die vom Fürsten betrogen worden war, und sie zu heiraten; er redete sich seine neue Liebe äußerst erfolgreich ein und machte die arme Idiotin wahnsinnig verliebt in sich, und schenkte ihr durch diese Liebe für die letzten Monate ihres Lebens das vollkommenste Glück. Warum er, statt an sie, damals nicht an Mama gedacht hat, die immer noch in Königsberg auf ihn wartete, ist mir unklar geblieben ... Im Gegenteil, Mama vergaß er plötzlich ganz und gar und schickte ihr nicht einmal mehr Geld zum Leben, so daß Tatjana Pawlowna sie damals retten mußte; und plötzlich fuhr er dann doch zu Mama, sie um ihre Erlaubnis zu bitten, jenes Mädchen heiraten zu dürfen, unter dem Vorwande, so eine Braut wäre überhaupt gar keine Frau. Oh, vielleicht ist das alles bloß das Bild eines »Romanhelden«, wie ihn Katerina Nikolajewna später einmal genannt hat; aber warum sind dann solche »löschpapiernen Menschen« (wenn sie wirklich löschpapieren sind) dennoch fähig, in so realer Weise zu leiden und geradezu tragisch zu werden? An jenem Abend übrigens dachte ich ein wenig anders darüber, und mich erschütterte dieser Gedanke. »Ihnen ist Ihre Entwicklung, Ihre seelische Reife durch Leiden und Kämpfe Ihres ganzen Lebens zuteil geworden – sie hat aber ihre ganze Vollkommenheit umsonst bekommen. Das ist eine ungerechte Ungleichheit ... Das reizt einen gegen die Frauen auf.« Ich sagte das durchaus nicht, um ihm etwas Schmeichelhaftes zu sagen, sondern war dabei sogar ein wenig zornig und aufgebracht. »Vollkommenheit? Vollkommenheit bei ihr? Ich sehe in ihr keine Spur von Vollkommenheit!« sagte er plötzlich, beinahe verwundert über meine Worte. »Sie ist doch eine ganz gewöhnliche Frau, sogar eine Frau unter dem Durchschnitt ... Aber sie wäre verpflichtet, alle Vollkommenheiten zu besitzen!« »Warum verpflichtet?« »Weil eine Frau, die solch eine Macht besitzt, verpflichtet ist, alle Vollkommenheiten zu besitzen!« schrie er wütend. »Das traurigste ist, daß Sie das auch jetzt noch so quält!« entfuhr es mir plötzlich ungewollt. »Jetzt? Mich quälen?« wiederholte er abermals meine Worte und blieb vor mir stehen, in einer Art von Zweifel. Und da erleuchtete auf einmal ein stilles, langes, sinnendes Lächeln sein Gesicht, und er hob, gleichsam überlegend, einen Finger. Dann, wieder vollkommen gefaßt, nahm er einen geöffneten Brief vom Tische und warf ihn mir hin: »Also lies! Du mußt unbedingt alles erfahren ... und warum hast du mich auch so lange in diesem alten Unsinn herumwühlen lassen? ... Das hat mein Herz nur wieder schlecht und böse gemacht! ...« Ich kann meine Verwunderung nicht beschreiben. Es war ein Brief von ihr an ihn, den sie heute geschrieben, und den er gegen fünf Uhr nachmittags erhalten hatte. Ich las ihn und zitterte dabei beinahe vor Aufregung. Er war nur kurz, aber mit einer Geradheit und Ehrlichkeit geschrieben, daß ich beim Lesen sie gleichsam vor mir sah und ihre Stimme zu hören meinte. Sie gestand ihm höchst aufrichtig (und deshalb klang es beinahe rührend) ihre Angst vor ihm und flehte ihn dann einfach an, sie »in Ruhe zu lassen«. Zum Schlüsse teilte sie ihm mit, es sei nun beschlossene Sache, daß sie Bjoring heirate. Vor diesem Briefe hatte sie noch niemals an ihn geschrieben. Und nun lasse ich folgen, was ich damals von seinen Erklärungen verstanden habe: Sobald er damals den Brief gelesen hatte, war ihm ein ganz eigentümlicher Vorgang in seinem Innern aufgefallen: zum erstenmal in diesen verhängnisvollen zwei Jahren hatte er nicht den geringsten Haß gegen sie und nicht die geringste Erschütterung verspürt, etwa in der Weise, wie er erst kürzlich »rasend geworden« war, sowie er nur gerüchtweise etwas von Bjoring gehört hatte. »Im Gegenteil, ich habe ihr aus vollem Herzen meinen Segen gegeben«, sagte er mit tiefem Gefühl zu mir. Ich hörte diese Worte mit Entzücken. Also war alles, was an Leidenschaft und Qual in seinem Herzen gewohnt hatte, plötzlich verschwunden, wie ein Traum, wie eine zweijährige Behexung. Ohne es sich selber noch recht glauben zu können, war er vorhin zu Mama geeilt – und wie sonderbar: er war eben in dem Augenblick zu ihr gekommen, wo sie frei geworden und der Alte, der sie gestern in seine Hände gegeben hatte, gestorben war. Und eben das Zusammentreffen dieser beiden Dinge hatte seine Seele so erschüttert. Kurze Zeit darauf hatte er sich aufgemacht, mich zu suchen – und daß er sogleich an mich gedacht hat, das werde ich ihm nie vergessen. Und ich werde auch den weiteren Verlauf jenes Abends nie vergessen. Dieser Mensch hatte sich plötzlich und gänzlich verwandelt. Wir saßen bis tief in die Nacht beisammen. Davon, wie alle diese »Mitteilungen« auf mich wirkten, werde ich an passender Stelle noch sprechen; jetzt nur noch ein paar abschließende Worte über ihn. Wenn ich heute darüber nachdenke, begreife ich sehr wohl, daß damals auf mich am hinreißendsten seine Demütigung mir gegenüber gewirkt hat, seine offene Aufrichtigkeit gegen mich, den ganz jungen Menschen! »Es war Dunst,« rief er, »aber auch er soll gesegnet sein! Ohne diese zeitweilige Blendung hätte ich vielleicht nie die ganz und für ewig einzige Königin meines Herzens entdeckt, meine Märtyrerin – deine Mutter.« Diese verzückten Worte, die unwiderstehlich aus ihm hervorbrachen, schreibe ich, besonders im Hinblick darauf nieder, was später erfolgte. Damals aber eroberte und besiegte er mein Herz damit. Ich weiß noch, wir wurden schließlich sehr lustig. Er ließ Champagner bringen, und wir stießen auf Mama und auf »die Zukunft« an. Oh, er war so voll Leben und froh bereit, zu leben! Aber so lustig wurden wir nicht vom Weine: wir tranken jeder im ganzen nur zwei Glas. Ich weiß nicht, weswegen, aber schließlich lachten wir fast unaufhaltsam. Wir begannen von ganz fernliegenden Dingen zu sprechen; er erzählte mir Anekdoten, und ich ihm gleichfalls. Und unser Gelächter und unsre Anekdoten waren nicht im geringsten witzig oder geistreich, aber lustig waren wir doch. Er wollte mich nicht fortlassen: »Bleib noch sitzen, bleib noch ein bißchen!« sagte er wieder und wieder, und ich blieb. Er ging sogar mit und begleitete mich; der Abend war herrlich, ein leichter Frost hatte eingesetzt. »Sagen Sie: haben Sie ihr schon geantwortet?« fragte ich ihn ganz plötzlich, als ich ihm an der Straßenkreuzung zum letztenmal die Hand schüttelte. »Nein, noch nicht, nein, aber das ist ja auch ganz egal... Und noch eins: Lambert gib nur endgültig den Laufpaß, und das ›Dokument‹ zerreiße, und das so schnell wie möglich. Leb' wohl!« Und als er das gesagt hatte, ging er plötzlich davon; ich blieb, auf meinen Platz gebannt, stehen und war so verwirrt, daß ich ihn nicht aufhalten konnte. Die Bezeichnung »das Dokument« hatte mich besonders verblüfft: von wem konnte er das, noch dazu in so genauen Ausdrücken, gehört haben, wenn nicht von Lambert? Ich kehrte in großer Verwirrung nach Hause zurück. »Ja, und wie ist denn das möglich,« fuhr es mir auf einmal durch den Sinn, »daß eine zweijährige Behexung so auf einmal verschwindet, wie ein Traum, wie ein Dunst, wie ein Phantom?« Neuntes Kapitel   1 Aber ich erwachte am Morgen in frischerer und herzlicherer Stimmung. Ich machte mir sogar unwillkürlich ganz aufrichtige Vorwürfe darüber, daß ich gestern gewisse Partien seiner »Beichte« nicht mit dem genügenden Ernst und ein wenig von oben herab angehört hatte. Wenn diese Beichte auch zum Teil ein bißchen durcheinander gegangen war, wenn auch manche seiner Enthüllungen ziemlich nebelhaft und sogar verdreht gewesen waren, so mußte ich doch bedenken, daß er sich nicht auf eine oratorische Ansprache vorbereitet hatte, als er mich gestern zu sich gebeten hatte. Er hatte mir nur eine große Ehre angetan, als er sich in einem solchen Augenblick an mich als seinen einzigen Freund wendete und das werde ich ihm nie vergessen. Im Gegenteil, seine Beichte war »ergreifend« gewesen, mag man wegen dieses Ausdruckes noch so sehr über mich lachen, und wenn zuweilen etwas Zynisches oder sogar etwas gewissermaßen Lächerliches dabei mit unterlief, so war ich eben zu vorurteilsfrei, um nicht auch den Realismus zu begreifen und ihm sein Recht werden zu lassen – ohne im übrigen eine Befleckung des Ideals zu dulden. Das Wichtigste war; daß ich endlich hinter diesen Menschen gekommen war, und ich bedauerte es sogar teilweise und ärgerte mich darüber, daß sich das alles als so einfach erwiesen hatte: ich hatte diesen Mann in meinem Herzen immer auf ein sehr hohes Postament gestellt, bis in die Wolken hinauf, und sein Schicksal in den Mantel des unbedingt Geheimnisvollen gekleidet, so daß ich mir bisher natürlich immer gewünscht hatte, diese »Truhe« möchte »auf viel verzwicktere Weise« zu öffnen sein. Übrigens lag ja auch in seiner Begegnung mit ihr und in seinen zweijährigen Leiden ziemlich viel Verzwicktes; »er wollte kein Fatum über seinem Leben haben; er mußte frei sein und nicht ein Sklave des Fatums; weil er zum Sklaven des Fatums wurde, mußte er Mama kränken, die da in Königsberg saß ...« Außerdem hielt ich diesen Mann in jedem Fall für einen Propheten: er trug in seinem Herzen das goldne Zeitalter und kannte die Zukunft des Atheismus; und nun zerbrach und entstellte die Begegnung mit ihr alles! Oh, ich wurde ihr nicht untreu, aber dennoch nahm ich Partei für ihn. Mama zum Beispiel, so sagte ich mir, wäre seinem Schicksal in keiner Hinsicht hindernd in den Weg getreten, nicht einmal, wenn er sie geheiratet hätte. Das begriff ich; das war ganz etwas andres, als die Begegnung mit dieser Frau. Es war ja richtig, Mama hätte ihm trotzdem nicht die Ruhe gegeben, aber das wäre ja nur um so besser gewesen: solche Leute muß man anders beurteilen, mag ihr Leben auch ewig so bleiben; und das ist durchaus keine Ungeheuerlichkeit; im Gegenteil, eine Ungeheuerlichkeit wäre es, wenn sie sich beruhigten oder überhaupt dem Durchschnitt der Menschen ähnlich würden. Seine Lobsprüche auf den Adel und sein Ausspruch: »Je mourrai gentilhomme« beirrten mich nicht im geringsten: ich bedachte, was für eine Art gentilhomme das war; das war ein Typus, der alles dahingab und zum Verkünder des Weltbürgertums und des beherrschenden russischen Gedankens von der »Einigung aller Ideen« wurde. Und wenn das alles selbst Unsinn war, das heißt, die »Einigung aller Ideen« (was ja natürlich undenkbar ist), so war doch schon allein das eine gut, daß er sein Leben lang eine Idee angebetet hatte, und nicht das dumme goldne Kalb. Du lieber Gott! Meine eigne »Idee« fiel mir ein ... Und ich, ich selber ...? Hatte ich vielleicht das goldne Kalb angebetet, war es das Geld, um das es mir dabei zu tun war? Ich schwöre, daß es mir nur um die Idee zu tun war! Ich schwöre, ich würde mir nicht einen Stuhl, nicht ein Sofa mit Samt überziehen und würde als Besitzer von hundert Millionen genau so meinen Teller Suppe mit Rindfleisch essen wie heute auch! Ich zog mich an und hatte es sehr eilig, zu ihm zu kommen. Es zog mich unwiderstehlich hin. Ich muß hinzufügen, daß ich auch wegen seiner Bemerkung über das »Dokument« fünfmal beruhigter war als gestern. Erstens hoffte ich, mich mit ihm darüber auszusprechen, und zweitens, was war denn dabei, daß Lambert sich auch an ihn herangemacht und über irgend etwas Rücksprache mit ihm genommen hatte? Aber der Hauptgrund meiner Freude lag in einem mächtigen Gefühl: das war der Gedanke, daß er » sie nicht mehr liebte«; hiervon war ich ganz fest überzeugt und hatte das Gefühl, als hätte jemand einen fürchterlichen schweren Stein von meinem Herzen gewälzt. Ich weiß sogar noch, daß mir damals eine ganz sonderbare Vermutung in den Sinn kam: es handelte sich eben um die Ungeheuerlichkeit und Sinnlosigkeit jenes letzten Wutausbruches bei ihm, als er die Geschichte mit Bjoring erfahren hatte, und um die Absendung seines damaligen beleidigenden Briefes; eben dieser heftige Ausbruch war vielleicht gleichsam eine Prophezeiung und ein Vorläufer dieser radikalen Wandlung in seinen Gefühlen und seiner nahen Rückkehr zum gesunden Verstände gewesen; das könnte ungefähr so wie bei einer Krankheit sein, dachte ich mir, und er hätte eben auf diesem Wege zu dem entgegengesetzten Standpunkte gelangen müssen – eine medizinische Krisis also und weiter nichts! – Dieser Gedanke machte mich glücklich. »Und mag sie doch, mag sie über ihr Schicksal bestimmen, wie sie will, mag sie ihren Bjoring heiraten, soviel sie will, wenn nur er, wenn nur mein Vater, mein Freund, sie nicht mehr liebt!« rief ich. Übrigens lag da in meinen eignen Gefühlen noch irgendein Geheimnis verborgen; aber ich will es hier, in meinen Aufzeichnungen, nicht breit treten. Und nun genug davon. Jetzt will ich den ganzen Schrecken, der darauf folgte, und diese ganze Konstellation von Tatsachen ohne weitere Reflexionen wiedergeben.   2 Um zehn Uhr, als ich eben im Begriffe war fortzugehen – natürlich zu ihm –, erschien Darja Onisimowna. Ich fragte sie freudig erregt, ob er sie geschickt hätte, und erfuhr zu meinem Ärger, daß durchaus nicht er sie schickte, sondern daß sie von Anna Andrejewna kam, und daß sie, Darja Onisimowna, »die Wohnung schon bei Tagesanbruch verlassen« hatte. »Welche Wohnung?« »Ja, die Wohnung ... Wo Sie gestern waren. Diese Wohnung ist jetzt ja doch auf meinen Namen gemietet, und bezahlen tut sie Tatjana Pawlowna ...« »Ach was, das ist mir doch gleich!« unterbrach ich sie ärgerlich. »Ist er denn wenigstens zu Hause? Treffe ich ihn jetzt?« Und zu meiner Verwunderung erfuhr ich von ihr, daß er das Haus noch vor ihr verlassen hätte; sie also »bei Tagesanbruch«, und er noch früher. »Na, dann wird er jetzt wohl wiedergekommen sein?« »Nein, er ist sicherlich nicht wiedergekommen«, sagte sie und sah mich dabei mit demselben spitzen und lauernden Blick an und genau so unverwandt wie bei ihrem Besuche, den ich schon beschrieben habe, damals; als ich noch krank im Bette lag. Besonders reizte mich dabei, daß ich dahinter wieder allerhand Geheimnisse und Albernheiten stecken sah, und daß diese Leute sichtlich nicht ohne Geheimniskrämerei und pfiffige Mätzchen auskommen konnten. »Warum sagen Sie: er wird wahrscheinlich nicht wiederkommen. Was meinen Sie damit? Er ist zu Mama gegangen – das ist das Ganze!« »Ich w–weiß n–nicht.« »Und was verschafft mir also die Ehre?« Sie teilte mir mit, sie käme gerade von Anna Andrejewna, die mich zu sich bitten lasse und mich ganz bestimmt sofort erwarte, »sonst könnte es leicht zu spät sein«. Über dieses neue Rätsel geriet ich schon ganz außer mir: »Wieso zu spät? Ich mag nicht kommen und ich komme nicht! Ich laß nicht mehr jeden mit mir machen, was er will! Auf Lambert soll sie ruhig spucken – das sagen Sie ihr nur wörtlich, und wenn sie mir ihren Lambert schickt, dann schmeiß' ich ihn die Treppe 'runter – das sagen Sie ihr nur wörtlich!« Dar ja Onisimowna erschrak ungeheuer. »Ach, nein doch!« sagte sie und trat auf mich zu, die Handflächen flehend gegeneinander gelegt. »Lassen Sie sich doch Zeit und sein Sie nicht so schnell. Es ist eine sehr wichtige Sache, für Euer Gnaden selber sehr wichtig, für Anna Andrejewna auch, und für Andrej Petrowitsch, und für Ihre Frau Mama – für alle ... Besuchen Sie Anna Andrejewna doch bitte gleich, weil Anna Andrejewna um keinen Preis länger warten kann ... das versichre ich Ihnen auf Ehrenwort ... und dann werden Sie schon Ihren Entschluß fassen.« Ich sah sie mit Staunen und Widerwillen an. »Unsinn, gar nichts wird sein, ich komme nicht!« rief ich eigensinnig und voll Schadenfreude, »jetzt geht alles auf ganz neue Weise! Ja, wie könnten Sie das aber verstehen? Leben Sie wohl, Darja Onisimowna, ich komme gerade nicht, ich frage Sie gerade nicht aus. Sie bringen mich nur aus dem Konzept. Ich will gar nicht hinter Ihre Geheimnisse kommen.« Da sie aber nicht ging und ruhig stehenblieb, nahm ich meinen Pelz und meine Mütze, ließ sie mitten im Zimmer stehen und ging selber. In meinem Zimmer befanden sich keinerlei Briefe und Papiere, und ich hatte auch früher mein Zimmer fast nie Verschlossen, wenn ich ausging. Aber ich war noch nicht bis zur Haustür gekommen, als mir mein Wirt, Piotr Ippolitowitsch, barhäuptig und in der Interimsuniform, die Treppe herunter nachgelaufen kam. »Arkadij Makarowitsch! Arkadij Makarowitsch!« »Was wollen Sie denn noch?« »Wollen Sie gar keine Anordnungen treffen, bevor Sie gehen?« »Nein.« Er sah mich in sichtlicher Unruhe mit einem bohrenden Blick an. »Wegen der Wohnung zum Beispiel?« »Was ist mit der Wohnung? Ich habe Ihnen ja doch die Miete rechtzeitig geschickt?« »Ach nein, nicht wegen des Geldes«, lächelte er auf einmal breit und bohrte immer noch seine Augen in meine. »Ja, was haben Sie eigentlich alle?« schrie ich in der höchsten Wut. »Was wollen Sie denn schon wieder?« Er wartete noch ein paar Sekunden, immer mit der Miene, als erwarte er irgend etwas von mir. »Also Sie werden Ihre Anordnungen später treffen ... wenn Sie jetzt nicht in der Stimmung sind«, murmelte er und lächelte noch breiter. »Also leben Sie wohl, ich muß jetzt auch auf mein Bureau.« Er lief die Treppe wieder hinauf. Natürlich konnte einen das auf allerhand Gedanken bringen. Ich lasse absichtlich nicht den kleinsten Strich von dem ganzen kleinlichen Unsinn damals aus, weil eben jeder Strich nachher zu dem Bilde, das sich ergab, gehörte und in ihm seinen Platz fand, wovon der Leser sich selbst überzeugen wird. Und es ist in der Tat wahr, daß mich das alles damals aus dem Konzept brachte. Wenn ich so aufgeregt und erbittert war, so lag das eben daran, daß ich in den Worten dieser Leute jenen intriganten und geheimnistuerischen Ton wiederfand, der mir so zuwider geworden war und mich an die früheren Geschichten erinnerte. Aber ich fahre fort. Wersilow war nicht zu Hause und war in der Tat schon bei Tagesanbruch fortgegangen. »Natürlich zu Mama!« blieb ich hartnäckig bei meiner Meinung. Die Wärterin, ein ziemlich dummes Frauenzimmer, mochte ich nicht ausfragen, und sonst befand sich niemand in der Wohnung. Ich eilte zu Mama und muß bekennen: ich war in einer solchen Unruhe, daß ich mir auf halbem Wege eine Droschke nahm. Bei Mama war er seit gestern abend nicht mehr gewesen. Bei Mama waren nur Tatjana Pawlowna und Lisa. Als ich gekommen war, begann Lisa sich gleich zum Ausgehen fertigzumachen. Sie saßen alle oben in meinem »Sarge«. In unserm Wohnzimmer unten lag Makar Iwanowitsch auf dem Tische, und neben ihm betete irgendein alter Mann langsam den Psalter herunter. Ich will jetzt von nichts mehr sprechen, was nicht direkt zur Sache gehört, muß aber bemerken, daß der Sarg, den sie schon besorgt hatten und der im Wohnzimmer stand, durchaus nicht billig war: er war zwar schwarz, aber doch mit Samt beschlagen, und die Sargdecke war aus kostbarem Stoffe – ein Luxus, der der Persönlichkeit und den Anschauungen des Alten schlecht entsprach; aber das war Mamas und Tatjana Pawlownas dringender Wunsch gewesen, die sich darüber ins Einvernehmen gesetzt hatten. Ich hatte selbstverständlich nicht erwartet, sie in fröhlicher Stimmung anzutreffen; aber die ganz sonderbare Gedrücktheit und Trauer, in der ein gut Teil Sorge und Unruhe enthalten war, die ich in ihren Augen las, verwunderten mich sogleich, und ich war sofort überzeugt, daß »wahrscheinlich nicht der Tote allein« die Veranlassung dazu wäre. Ich sage noch einmal: alles dessen erinnere ich mich ganz genau. Ungeachtet dessen umarmte ich Mama zärtlich und fragte sofort nach ihm . In Mamas Augen blitzte sogleich eine erregte Neugier auf. Ich erwähnte kurz, daß wir gestern den ganzen Abend bis tief in die Nacht hinein zusammengesessen hätten, daß er aber heute schon vor Tagesanbruch von Hause fortgegangen wäre, obschon er mich gestern beim Abschied aufgefordert hätte, so früh wie möglich zu ihm zu kommen. Mama antwortete kein Wort darauf, Tatjana Pawlowna aber benutzte einen unbewachten Moment und drohte mir mit dem Finger. »Leb' wohl, Arkadij«, sagte Lisa plötzlich und verließ eilig das Zimmer. Ich lief ihr natürlich nach; sie erwartete mich an der Flurtür. »Ich dachte mir schon, daß du nachkommen würdest«, flüsterte sie hastig. »Lisa, was ist hier los?« »Ich weiß es selber nicht, aber los ist sicherlich eine ganze Menge. Wahrscheinlich die Katastrophe der ›ewigen Geschichte‹. Er ist nicht gekommen, aber sie haben irgendwelche Nachrichten über ihn. Dir erzählen sie nichts davon, da sei ganz ruhig; und du frage sie nicht aus, wenn du gescheit bist; Mama ist ganz zerschlagen. Ich habe sie auch nach nichts gefragt. Lebe wohl!« Sie öffnete die Tür. »Lisa, aber hast du denn nicht selber auch irgendwas?« rief ich und folgte ihr auf den Flur hinaus. Ihre schrecklich niedergeschlagne, verzweifelte Miene schnitt mir ins Herz. Sie machte nicht nur ein böses, sondern ein geradezu erbittertes Gesicht, lächelte gallig und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wenn er nur stürbe – ich würde Gott danken!« rief sie mir von der Treppe aus zu und ging. Damit meinte sie Fürst Sergej Petrowitsch; der lag damals bewußtlos in hitzigem Fieber. »Die ewige Geschichte! Was denn für eine ewige Geschichte?« dachte ich trotzig; und dabei bekam ich auf einmal brennende Lust, ihnen wenigstens einen Teil meiner Eindrücke von seiner nächtlichen Beichte, ja, die Beichte selber, mitzuteilen. »Sie denken jetzt irgend etwas Häßliches von ihm – so mögen sie denn alles erfahren!« ging es mir durch den Kopf. Ich weiß noch, daß ich meine Erzählung sehr geschickt einzuleiten wußte. Auf ihren Gesichtern erschien sofort eine ungeheure Neugier. Dieses Mal bohrte auch Tatjana Pawlowna ihre Augen nur so in mich hinein; Mama dagegen war zurückhaltender; sie war sehr ernst, aber ein leises, schönes, wenn auch sonderbar hoffnungsloses Lächeln schimmerte dennoch auf ihrem Gesicht und verließ es während meiner ganzen Erzählung fast nicht einen Augenblick. Ich sprach natürlich in gutem Stil, wenn ich auch wußte, daß sie es kaum verstehen würden. Zu meinem Erstaunen suchte Tatjana Pawlowna keine Händel mit mir, sie fragte mich nicht nach Einzelheiten aus und warf keine pfiffigen Fragen dazwischen, wie es sonst immer ihre Gewohnheit war, wenn ich irgend etwas erzählte. Sie preßte nur hier und da die Lippen zusammen und zwinkerte mit den Augen, als bemühe sie sich sehr, hinter etwas zu kommen. Zeitweise kam es mir sogar so vor, als verständen sie alles; aber das war ja fast unmöglich. Ich erzählte zum Beispiel von seinen Anschauungen, von seiner gestrigen Begeisterung, von seiner Begeisterung für Mama, von seiner Liebe zu Mama, davon, wie er ihr Bild geküßt hatte ... Als sie das hörten, tauschten sie schweigend einen schnellen Blick aus, Mama wurde feuerrot; aber sie blieben stumm wie zuvor. Und dann ... dann konnte ich natürlich in Mamas Gegenwart den wichtigsten Punkt nicht berühren, das heißt: seine Begegnung mit ihr und so weiter, und besonders natürlich ihren gestrigen Brief an ihn und seine moralische »Wiedergeburt« auf den Brief hin; und das war ja eben die Hauptsache, so daß alle seine gestrigen Gefühle, durch die ich Mama eine solche Freude hatte machen wollen, natürlich unverständlich blieben, was ja aber auch wieder nicht meine Schuld war: denn alles, was sich erzählen ließ, hatte ich sehr schön erzählt. Ich schloß in großen Zweifeln; ihr Schweigen wurde auch jetzt nicht unterbrochen, und mir wurde sehr unbehaglich in ihrer Gesellschaft. »Jetzt wird er wohl wieder zu Hause sein, oder am Ende sitzt er auch bei mir und wartet auf mich«, sagte ich und erhob mich, um zu gehen. »Geh nur, geh nur!« bestärkte mich Tatjana Pawlowna energisch. »Bist du unten gewesen?« fragte Mama mich halb im Flüsterton, als ich mich von ihr verabschiedete. »Natürlich, ich habe an seinem Lager gekniet und für ihn gebetet. Was für ein ruhiges, vornehmes Gesicht er hat, Mama! Ich danke Ihnen, Mama, daß Sie an seinem Sarg nichts gespart haben. Mir ist das zuerst sonderbar vorgekommen, aber dann dachte ich mir gleich, daß ich selbst es ganz ebenso gemacht hätte.« »Kommst du morgen in die Kirche?« fragte sie – und ihre Lippen bebten. »Was für eine Frage, Mama!« sagte ich verwundert. »Ich komme natürlich auch heute zum Totensegen, und komme außerdem noch einmal; und ... dann ist ja morgen auch Ihr Geburtstag, Mama, Liebste! Wenn er nur drei Tage länger gelebt hätte, wäre er auch noch dabei gewesen!« Ich ging hinaus, erfüllt von einem schmerzlichen Staunen: wie konnte man so eine Frage stellen – ob ich zum Totenamt in die Kirche käme oder nicht? Und wenn sie also schon von mir so dachten, was würden sie dann wohl erst von ihm denken? Ich wußte, daß Tatjana Pawlowna hinter mir her laufen würde, und machte an der Flurtüre absichtlich halt; sie aber stieß mich, als sie mich eingeholt hatte, mit der Hand ins Treppenhaus hinaus und schloß die Tür hinter sich. »Tatjana Pawlowna, das bedeutet also, daß Sie Andrej Petrowitsch weder heute noch morgen erwarten? Ich bin ganz erschrocken ...« »Halt den Mund! Eine große Wichtigkeit, daß du erschrocken bist! Sag mal: was hast du eigentlich für dich behalten, als du von dem gestrigen Quatsch erzähltest?« Ich hielt es nicht für nötig, es zu verheimlichen, und erzählte ihr, fast ein wenig aufgebracht gegen Wersilow, die ganze Geschichte von Katerina Nikolajewnas gestrigem Briefe an ihn und der Wirkung dieses Briefes, das heißt also, von seiner Wiedergeburt zu einem neuen Leben. Zu meiner Verwunderung überraschte die Tatsache der Absendung dieses Briefes sie durchaus nicht, und ich erriet, daß sie wohl schon davon wußte. »Das ist ja Schwindel!« »Nein, das ist kein Schwindel.« »Sieh mal, sieh!« lächelte sie giftig und einigermaßen nachdenklich. »Wiedergeburt! Was der alles fertig bringt! Ist es wahr, daß er das Bild geküßt hat?« »Es ist wahr, Tatjana Pawlowna.« »Hat er es wirklich herzlich geküßt, war das nicht bloß Anstellerei?« »Anstellerei? Tut er das überhaupt jemals? Schämen Sie sich, Tatjana Pawlowna; Sie haben ein unfeines Herz, ein echt weibliches Herz.« Ich sagte das hitzig, aber sie hörte mich gleichsam nicht: sie stand wieder da und dachte eine Zeitlang nach, trotzdem es im Treppenhause sehr kalt war. Ich hatte meinen Pelz an, sie war nur im Kleide. »Ich würde dir gern einen Auftrag geben, schade nur, daß du so wahnsinnig dumm bist«, sagte sie voll Verachtung und in einer Art Ärger. »Hör' mal, geh du doch zu Anna Andrejewna und schau, was da bei ihr eigentlich im Werke ist ... Aber nein, geh lieber nicht hin; Tolpatsch bleibt Tolpatsch! Drück' dich, marsch, was stehst du da herum wie ein Werstpfahl?« »Nein, ich geh' auch ganz bestimmt nicht zu Anna Andrejewna! Anna Andrejewna hat schon selber nach mir geschickt.« »So! Darja Onisimowna natürlich?« Sie wendete sich hastig nach mir um; sie war schon im Begriffe gewesen, zu gehen, und hatte sogar schon die Tür geöffnet, schlug sie jetzt aber wieder zu. »Um keinen Preis geh' ich zu Anna Andrejewna!« wiederholte ich mit wollüstiger Bosheit, »ich gehe deshalb nicht hin, weil Sie mich soeben einen Tolpatsch genannt haben, und dabei war ich noch nie so scharfsichtig wie heute. Alle Ihre Geschichten liegen für mich klar auf der Hand; aber zu Anna Andrejewna geh ich doch nicht!« »Das habe ich doch gewußt!« rief sie, aber durchaus nicht als Entgegnung auf meine Worte, sondern in Fortsetzung ihres eignen Gedankenganges. »Jetzt werden sie sie also ganz umstellen und die Mörderschlinge ganz zuziehen.« »Wen? Anna Andrejewna?« »Schafskopf!« »Von wem sprechen Sie denn? Doch nicht am Ende gar von Katerina Nikolajewna? Was denn für eine Mörderschlinge?« Ich war furchtbar erschrocken. Eine dunkle, aber entsetzliche Ahnung erfüllte mein ganzes Innre. Tatjana Pawlowna sah mich durchdringend an. »Aber was ist eigentlich mit dir los?« fragte sie plötzlich. »Hast du da auch irgendwie die Finger drin? Ich hab' auch von dir etwas munkeln hören – du, sieh dich vor!« »Hören Sie mich an, Tatjana Pawlowna: ich werde Ihnen ein schreckliches Geheimnis mitteilen, aber nicht jetzt, jetzt hab' ich keine Zeit: morgen unter vier Augen; aber dafür müssen Sie mir jetzt die ganze Wahrheit sagen, und was es mit dieser Mörderschlinge auf sich hat ... ich zittre ja ...« »Ich spuck' auf dein Zittern!« rief sie. »Was willst du mir denn morgen noch für ein Geheimnis erzählen? Ja, solltest du da am Ende wirklich noch was wissen?« fragte sie und durchbohrte mich mit einem forschenden Blick. »Du hast ihr doch damals selber geschworen, Kraft hätte den Brief verbrannt.« »Tatjana Pawlowna, ich sag Ihnen noch einmal, quälen Sie mich nicht«, fuhr ich für mein Teil gleichfalls in meinem Thema fort, ohne auf ihre Frage zu antworten; denn ich war außer mir. »Sehn Sie, Tatjana Pawlowna, daß Sie mir etwas verbergen, das kann die Sache noch viel schlimmer machen ... er war doch gestern im Zustande einer vollkommnen, der vollkommensten Wiedergeburt!« »Ach, scher dich zum Kuckuck, Hanswurst! Er selber ist ja auch verliebt wie ein Spatz – Vater und Sohn in dieselbe! Pfui, ekelhafte Bagage!« Sie verschwand und schlug ärgerlich die Tür zu. Wütend über den nackten, schamlosen Zynismus ihrer letzten Worte – einen Zynismus, zu dem nur eine Frau imstande ist – lief ich tief beleidigt davon. Aber wie ich schon versprochen habe: ich will meine verwirrten Gefühle nicht beschreiben; ich will jetzt nur noch die Tatsachen erzählen, die alles Weitre entscheiden. Selbstverständlich ging ich im Vorübergehen wieder in seine Wohnung hinauf und erfuhr von der Wärterin, er wäre überhaupt noch nicht wieder dagewesen. »Und kommt er denn überhaupt nicht?« »Weiß der Hebe Gott!«   3 Tatsachen, Tatsachen! ... Aber wird sich der Leser darin zurechtfinden? Ich weiß noch, wie mich selber damals eben diese Tatsachen überwältigten und mich zu keiner ruhigen Überlegung kommen ließen, so daß am Ende dieses Tages mein Kopf einfach verwirrt war. Deshalb nur noch zwei, drei vorgreifende Worte! Alle meine Qual lag in der Erwägung: wenn er gestern eine Wiedergeburt erlebt hat, und wenn er sie nicht mehr liebt, wo müßte er in diesem Falle wohl sein? Antwort: zu allererst bei mir, den er gestern in seine Arme geschlossen hat, und in zweiter Linie bei Mama, deren Bild er gestern geküßt hat. Und nun war er, statt einen dieser beiden natürlichen Schritte zu tun, schon seit Tagesanbruch nicht mehr zu Hause und war irgendwohin verschwunden, und Darja Onisimowna hatte irgend so etwas phantasiert, er würde »schwerlich wiederkommen«. Nicht genug damit: Lisa erzählte etwas von einer Katastrophe der »ewigen Geschichte« und davon, daß Mama gewisse Nachrichten über ihn hätte, und zwar die allerneuesten: außerdem sind sie dort ohne Zweifel von Katerina Nikolajewnas Brief unterrichtet (das hatte ich selber sehr wohl bemerkt) und glauben trotzdem nicht an seine »Wiedergeburt zu einem neuen Leben«, wenn sie mir auch mit Interesse zugehört haben. Mama ist ganz zerschlagen, und Tatjana Pawlowna macht giftige Witze über den Ausdruck »Wiedergeburt«. Wenn das nun alles so ist, so bedeutet das, daß in ihm über Nacht wieder eine Wandlung vorgegangen sein muß, eine neue Krisis, – und das nach der gestrigen Verzückung, der gestrigen Rührung, dem gestrigen Pathos! Also ist seine ganze »Wiedergeburt« zerplatzt wie eine Seifenblase, und er rast vielleicht irgendwo in derselben Wut herum wie damals, als er die erste Nachricht über Bjoring erhalten hatte. Da ist die Frage, was aus Mama, aus mir, aus uns allen werden wird und ... und – was schließlich aus ihr werden wird? Was ist das für eine »Mörderschlinge«, von der Tatjana unversehens gesprochen hat, als sie mich zu Anna Andrejewna schicken wollte? Dort muß also diese »Mörderschlinge« liegen – bei Anna Andrejewna! Warum aber bei Anna Andrejewna? Selbstverständlich gehe ich sofort zu Anna Andrejewna; ich habe das nur aus. Trotz und in der Wut gesagt, daß ich nicht hinwolle; sofort gehe ich hin. Aber was hat doch Tatjana gleich von dem »Dokument« gesagt? Und hat er nicht gestern selbst zu mir gesagt: »Verbrenne das Dokument!«? Das waren meine Gedanken, die mich gleichfalls wie eine Mörderschlinge würgten; aber das wichtigste war: ich brauchte ihn. Mit ihm wäre ich gleich ins klare gekommen – Das fühlte ich; wir hätten einander mit zwei Worten verstanden. Ich hätte seine Hände genommen und sie gedrückt; ich hätte in meinem Herzen feurige Worte gefunden, – das glaubte ich in meinen Träumen sicher zu wissen. Oh, ich hätte seine Raserei überwunden! ... Aber wo war er, wo war er? Und richtig, gerade in einem solchen Augenblick, wo ich so erregt war, mußte mir Lambert in die Quere kommen! Als ich nur noch ein paar Schritte von meiner Wohnung entfernt war, begegnete mir auf einmal Lambert; er schrie vor Freude, als er mich erblickte, und faßte mich am Arm: »Dreimal war ich schon bei dir .... Enfin! Komm mit zum Frühstück!« »Halt! Du warst bei mir? Ist Andrej Petrowitsch nicht bei mir?« »Kein Mensch! Laß sie doch alle laufen! Du bist ein Schafskopf, daß du gestern so wütend warst; du warst besoffen, und ich muß dir etwas Wichtiges mitteilen; ich habe heute famose Nachrichten über die Sache bekommen, die wir gestern besprochen haben ...« »Lambert,« unterbrach ich ihn außer Atem und hastig und unwillkürlich ein bißchen deklamierend, »wenn ich jetzt hier mit dir stehen geblieben bin, so hab' ich es nur getan, um für immer mit dir zu brechen. Ich hab' dir das gestern schon gesagt, aber du verstehst mich doch immer noch nicht. Lambert, du bist kindisch und dumm wie ein Franzose. Du glaubst immer, das ginge noch so wie bei Touchard, und ich wäre noch so dumm wie bei Touchard ... Aber ich bin nicht mehr so dumm wie bei Touchard ... Ich war gestern betrunken, aber nicht vom Wein, sondern weil ich sowieso aufgeregt war; und wenn ich dich in deinem Geschwätz bestärkt habe, so geschah es nur aus List, um dir deine Gedanken herauszulocken. Ich habe dich hineingelegt, und du hast dich gefreut, und du hast alles geglaubt und alles ausgeplaudert. – Weißt du: sie zu heiraten, das ist so ein Blödsinn, daß das kein Gymnasiast aus der Vorbereitungsklasse glaubt. Ist es denkbar, daß ich so etwas geglaubt hätte? Aber du hast es geglaubt! Du hast es geglaubt, weil du keinen Zutritt in die vornehme Gesellschaft hast und keine Ahnung davon hast, wie es in der vornehmen Gesellschaft hergeht. So etwas wird in der vornehmen Gesellschaft nicht so einfach gemacht, und es ist ganz unmöglich, daß sie so einfach – hingeht und heiratet... Jetzt will ich dir ganz genau sagen, was du möchtest: du willst mich zu dir nach Hause bringen, um mich betrunken zu machen, damit ich dir das Dokument ausliefere und mich mit dir auf irgendeinen Gaunerstreich gegen Katerina Nikolajewna einlasse! Du täuschst dich aber! Ich komme nie im Leben zu dir, und merk' dir noch eins: dieses Papier wird ihr schon morgen oder allerspätestens übermorgen ausgeliefert, weil dieses Dokument ihr gehört, weil sie es geschrieben hat, und ich selber werde es ihr persönlich übergeben; und wenn du wissen willst, wo, so kann ich dir sagen, daß das durch Tatjana Pawlownas Vermittlung geschehen wird, die eine gute Bekannte von ihr ist; in Tatjana Pawlownas Wohnung, in Tatjana Pawlownas Gegenwart werde ich ihr das Dokument aushändigen und gar nichts dafür verlangen. Und jetzt: marsch, verschwinde für ewig aus meinen Augen, sonst ... sonst, Lambert, könnte ich dir weniger höflich kommen ...« Als ich das gesagt hatte, zitterte ich am ganzen Leibe wie im Schüttelfrost. Es ist eine sehr verhängnisvolle und schlechte Angewohnheit, die einem nur immer Schaden bringen kann, wenn man sich zu leicht fortreißen läßt. Der Teufel ritt mich, daß ich mich ihm gegenüber so erhitzte und am Ende meiner Rede, während ich jedes Wort deutlich artikulierte und meine Stimme immer mehr erhob, plötzlich in eine solche Hitze geriet, daß ich ihm höchst überflüssigerweise erzählte, ich würde ihr das Dokument in Tatjana Pawlownas Gegenwart und in deren Wohnung ausliefern. Aber ich hatte auf einmal eine so große Lust bekommen, ihn zu verblüffen! Als ich so geradeheraus von dem Dokument geschwatzt und seinen dummen Schrecken gewahrt hatte, war mir auf einmal die Lust gekommen, ihn durch genaues Eingehen auf Einzelheiten noch mehr zu zerschmettern. Und eben diese weibische, renommistische Geschwätzigkeit war in der Folge die Ursache schrecklichen Unglücks; denn diese Einzelheit über Tatjana Pawlowna und ihre Wohnung hatte sich sofort in seinem Kopfe festgesetzt, wie es bei einem Spitzbuben und so in kleinen Dingen praktischen Menschen ja auch nicht anders möglich war; höheren und wichtigeren Dingen gegenüber ist so ein Mensch unfähig und begreift nichts davon, aber für solche Kleinigkeiten hat er trotzdem einen feinen Instinkt. Hätte ich von Tatjana Pawlowna geschwiegen, so wäre großes Unglück vermieden worden. Im ersten Augenblick aber, nachdem er das gehört hatte, verlor er die Fassung gänzlich. »Hör' mal,« murmelte er, »Alphonsine ... Alphonsine wird dir was vorsingen ... Alphonsine war bei ihr ; hör' mal: ich habe einen Brief, etwas, was so gut wie ein Brief ist, worin die Achmakowa von dir spricht, der Pockennarbige hat ihn mir verschafft, du weißt doch: der Pockennarbige – und nun wirst du schon sehen, du wirst schon sehen, komm nur mit!« »Schwindel, zeig' mir den Brief!« »Er ist zu Hause, Alphonsine hat ihn, komm mit!« Selbstverständlich log er und phantasierte sich irgend etwas zusammen, in zitternder Angst, ich könnte ihm davonlaufen; aber ich ließ ihn plötzlich mitten auf der Straße stehen, und als er mir folgen wollte, machte ich halt und drohte ihm mit der Faust. Aber er war schon in Gedanken stehengeblieben und – ließ mich gehen: in seinem Kopfe war vielleicht schon ein neuer Plan aufgetaucht. Aber die Überraschungen und Begegnungen rissen heute nicht ab ... Und wenn ich mir diesen unglückseligen Tag ins Gedächtnis zurückrufe, habe ich immer ein Gefühl, als hätten sich alle diese Überraschungen und unerwarteten Ereignisse ein Stelldichein gegeben und wären auf einmal gleichsam aus einem verwunschenen Füllhorn über mein Haupt niedergeprasselt. Ich hatte kaum die Tür zu meiner Wohnung geöffnet, als ich, noch im Vorzimmer, mit einem jungen Manne zusammenstieß: er war hochgewachsen, hatte ein längliches, blasses Gesicht, sah hochmütig und »elegant« aus und trug einen kostbaren Pelz. Er hatte einen Kneifer auf der Nase, nahm ihn aber, als er mich erblickte, ab (augenscheinlich aus Höflichkeit), lüftete mit der Hand liebenswürdig seinen Zylinder und sagte, übrigens ohne stehenzubleiben, mit einem weltmännischen Lächeln: »Ha, bonsoir« zu mir und ging an mir vorüber die Treppe hinunter. Wir erkannten einander sofort, obgleich ich ihn erst ein einziges Mal in meinem Leben ganz flüchtig gesehen hatte, in Moskau. Es war Anna Andrejewnas Bruder, der Kammerjunker, der junge Wersilow, Wersilows Sohn, und also wohl auch so eine Art Bruder von mir. Meine Wirtin geleitete ihn (der Wirt war noch nicht wieder aus dem Bureau zurückgekehrt). Sobald er draußen war, stürzte ich mich nur so auf sie: »Was tut der hier? Ist er in meinem Zimmer gewesen?« »Keine Spur! Er hat mich aufgesucht ...« sagte sie kurz und trocken und ging in ihr Zimmer. »Nein, so geht das nicht!« schrie ich. »Antworten Sie mir gefälligst: was hat er hier gewollt?« »Ach du lieber Gott! Wozu muß ich Ihnen denn immer erzählen, weshalb die Leute zu mir kommen! Wir können, dächte ich, doch auch unsre Geschäfte dabei haben. Der junge Mensch wollte vielleicht Geld aufnehmen und hat sich bei mir nach einer Adresse erkundigt. Ich kann ihm das ja vielleicht schon beim vorigen Mal versprochen haben ...« »Wieso beim vorigen Mal?« »Ach, du lieber Gott! Er ist doch nicht zum erstenmal hier! Sie verschwand. Was mir besonders auffiel, war, daß der Ton sich hier ganz verändert hatte: sie begannen unhöflich gegen mich zu werden. Es war klar, daß hier wieder ein Geheimnis steckte; die Geheimnisse häuften sich mit jedem Schritte, den ich tat, mit jeder Stunde. Das erstemal war der junge Wersilow mit seiner Schwester dagewesen, mit Anna Andrejewna, während ich krank gelegen hatte, dessen erinnerte ich mich nur zu gut, ebenso der sonderbaren Bemerkung, die Anna Andrejewna mir gegenüber gestern hatte fallen lassen: daß der alte Fürst vielleicht in meiner Wohnung absteigen würde ... Aber das alles war so konfus und so unwahrscheinlich, daß ich mir dabei fast gar nichts denken konnte. Ich schlug mir vor die Stirn und setzte mich nicht einmal hin, um mich auszuruhen, sondern lief sogleich zu Anna Andrejewna: sie war nicht zu Hause, und vom Portier erhielt ich die Auskunft, sie wäre nach Zarskoje gefahren und würde frühestens morgen um dieselbe Zeit wieder zu Hause sein. Sie also war nach Zarskoje gefahren, selbstverständlich zum alten Fürsten, und ihr Bruder besichtigte derweil meine Wohnung! »Nein, das soll nicht geschehen,« knirschte ich, »und wenn dort wirklich eine Mörderschlinge gelegt wird, so will ich die ›arme Frau‹ verteidigen!« Von Anna Andrejewnas Hause kehrte ich nicht in meine Wohnung zurück, denn in meinem erhitzten Gehirn tauchte auf einmal die Erinnerung an jene Kellerwirtschaft auf, die Andrej Petrowitsch manchmal in seinen düstern Stunden aufzusuchen pflegte. Ich freute mich, daß mir das eingefallen war, und eilte hastig hin; die Uhr war vier, und es fing schon an zu dämmern. In der Kneipe teilte man mir mit, er wäre dagewesen, hätte sich aber nicht lange aufgehalten, und wäre wieder gegangen, doch wäre es möglich, daß er wiederkäme. Ich faßte plötzlich den festen Entschluß, auf ihn zu warten, und bestellte mir ein Mittagessen; das war doch wenigstens eine Hoffnung. Ich verzehrte mein Mittagessen und aß ohne Hunger sogar noch mehr, um mir dadurch das Recht zu erwerben, möglichst lange dableiben zu können; ich glaube, ich werde ungefähr vier Stunden dagesessen haben. Ich will meine Verstimmung und meine fieberhafte Ungeduld nicht beschreiben; es zuckte und zitterte gleichsam alles in meinem Innern. Diese Drehorgel, diese Gäste, – oh, diese ganze Trübseligkeit hat sich vielleicht für Lebenszeit in mein Herz geprägt! Ich will auch die Gedanken nicht schildern, die durch meinen Kopf wirbelten, wie eine Wolke von trocknen Blättern im Herbste, in die ein Windstoß gefahren ist; es war wirklich etwas Ähnliches, und ich muß bekennen: zuzeiten fühlte ich, daß die gesunde Vernunft mich zu verlassen begann. Was mich aber direkt wie ein körperlicher Schmerz peinigte (selbstverständlich nur nebenbei, als Begleitung zu meiner hauptsächlichen Pein) – das war eine zudringliche, giftige Erinnerung – zudringlich wie eine giftige Herbstfliege, an die man nicht denkt, die aber immer um einen herumschwirrt, einen belästigt und einen dann plötzlich schmerzhaft sticht. Es war die Erinnerung an ein Erlebnis, von dem ich noch keinem Menschen auf Erden ein Wort erzählt habe. Ich will es hier niederschreiben, weil es ja doch irgendwo erzählt werden muß.   4 In Moskau, als es schon beschlossene Sache war, daß ich nach Petersburg gehen sollte, wurde mir von Nikolaj Semionowitsch mitgeteilt, ich sollte das Eintreffen meines Reisegeldes abwarten. Von wem das Geld kommen solle, danach erkundigte ich mich nicht; ich wußte, daß Wersilow es mir schicken würde, und da ich damals Tag und Nacht mit klopfendem Herzen und großartigen Plänen von meiner Begegnung mit Wersilow träumte, so hatte ich ganz aufgehört, laut von ihm zu sprechen, selbst Maria Iwanowna gegenüber. Ich muß übrigens erwähnen, daß ich selber auch Geld für die Reise besessen hätte; aber trotzdem entschloß ich mich, zu warten; unter anderm, weil ich glaubte, das Geld würde mit der Post kommen. Und da kam eines schönen Tages Nikolaj Semionowitsch nach Hause und teilte mir (seiner Gewohnheit gemäß kurz und ohne lange Redensarten) mit, ich solle mich morgen um elf Uhr in der Miasnizkaja, in das Haus und die Wohnung des Fürsten W–skij begeben: dort würde mir der Kammerjunker Wersilow, Andrej Petrowitschs Sohn, der soeben aus Petersburg angekommen und beim Fürsten W–skij, einem alten Freunde vom Lyzeum her, abgestiegen sei, mein Reisegeld übergeben. Das könnte einem als eine sehr feine Sache erscheinen: es war doch vollkommen natürlich, daß Wersilow seinen Sohn mit diesem Auftrage betraute, statt das Geld durch die Post zu schicken; aber diese Mitteilung erschütterte und erregte mich in ganz unnatürlicher Weise. Es war ja kein Zweifel, daß Wersilow mich auf die Weise in Beziehungen zu seinem Sohne, meinem Bruder, bringen wollte; darin zeigten sich deutlich die Absichten und die Gefühle des Mannes, von dem ich träumte; aber es tat sich hier für mich eine sehr schwer zu beantwortende Frage auf: »Wie werde und wie muß ich mich bei dieser gänzlich unerwarteten Begegnung benehmen, und könnte meine persönliche Würde dabei nicht in irgendeiner Weise Schaden leiden?« Am nächsten Tage, Schlag elf Uhr, fand ich mich in der Wohnung des Fürsten W–skij ein, einer Junggesellenwohnung, die aber, das sah ich auf den ersten Blick, luxuriös eingerichtet war, mit Dienern in Livree. Ich blieb im Vorzimmer stehen. Aus den inneren Zimmern vernahm ich lautes Sprechen und Lachen: der Fürst hatte außer dem Kammerjunker auch noch andre Gäste. Ich beauftragte einen Diener, mich zu melden, und brauchte dabei, glaube ich, ziemlich hochmütige Ausdrücke: wenigstens musterte er mich, als er hineinging, um mich zu melden, auf ganz sonderbare Art, es wollte mich sogar bedünken, nicht mit dem gebührenden Respekt. Zu meiner Verwunderung brauchte er außerordentlich lange zu seiner Meldung, vielleicht fünf Minuten; und währenddessen dauerte das Gelächter drinnen fort, und man konnte Bruchstücke der Unterhaltung bis hier heraus vernehmen. Ich wartete natürlich stehend, denn ich wußte sehr gut, daß es sich für mich, der »ebensogut ein Herr war wie irgend jemand«, nicht geziemt hätte, und daß es einfach unmöglich gewesen wäre, wenn ich mich im Vorzimmer in Gegenwart der Bedienten gesetzt hätte. Von selbst aber, ohne besondre Aufforderung, wollte ich um keinen Preis nähertreten, aus Stolz; es war vielleicht ein etwas übertriebener Stolz, aber das war ganz gut so. Zu meiner Verwunderung erlaubten es sich die beiden Bedienten, die noch im Vorzimmer waren, sich in meiner Gegenwart zu setzen. Ich wendete mich ab, um das nicht bemerken zu müssen, und begann trotzdem am ganzen Leibe zu zittern; plötzlich drehte ich mich um, ging auf den einen Bedienten zu und befahl ihm, mich »sofort« noch einmal zu melden. Trotz meiner strengen Miene und meiner außerordentlichen Erregtheit, schaute mich der Bediente träge an, ohne sich zu erheben, und ließ den andern für sich antworten: »Sie sind gemeldet, sein Sie ganz unbesorgt.« Ich beschloß, nur noch eine Minute zu warten, oder womöglich noch kürzere Zeit, und dann – ganz bestimmt wieder zu gehen . Ich bemerke, daß ich durchaus anständig angezogen war: mein Anzug und mein Paletot waren auf jeden Fall neu und die Wäsche von tadelloser Frische, wofür sich eigens bei diesem Besuche Maria Iwanowna persönlich interessiert hatte. Was aber diese Bedienten betrifft, so habe ich erst viel später, als ich schon in Petersburg war, zuverlässig erfahren, daß sie schon am Abend vorher von dem Diener, den der junge Wersilow mitgebracht hatte, die Mitteilung empfangen hatten, es würde »so eine Art von unehelichem Bruder, so ein Student« erscheinen. Das weiß ich heute ganz genau. Die Minute verging. Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man mit einem Entschlusse ringt und sich nicht entschließen kann. »Soll ich gehn oder nicht, soll ich gehn oder nicht?« fragte ich mich jede Sekunde, fast im Fieber; auf einmal erschien der Diener wieder, der gegangen war, mich zu melden. In seiner Hand flatterten vier rote Scheine, vierzig Rubel. »Bitte, hier sind vierzig Rubel!« Ich fuhr auf. Das war eine Beleidigung ...! Ich hatte die ganze vorige Nacht nur von dieser von Wersilow zuwege gebrachten Begegnung zwischen zwei Brüdern geträumt, ich hatte die ganze Nacht im Fieber darüber gegrübelt, wie ich mich benehmen müßte, um mir nichts zu vergeben – dem ganzen Ideenkreise nichts zu vergeben, den ich mir in meiner Abgeschiedenheit erworben hatte, und auf den ich in jedem Kreise hätte stolz sein dürfen, mochte er sein, wie er wollte. Ich hatte davon geträumt, wie vornehm, stolz und melancholisch ich sein würde, vielleicht sogar in Gesellschaft des Fürsten W–skij, und wie ich auf diese Weise mit einem Schlage in diese Kreise eingeführt sein würde – oh, ich schone mich nicht, aber das schadet nichts: gerade so mit allen Einzelheiten muß man so etwas schildern! Und auf einmal werden mir vierzig Rubel durch einen Bedienten ins Vorzimmer gebracht, dazu noch, nachdem man mich zehn Minuten hat warten lassen, dazu soll ich sie noch direkt so aus der Hand, aus diesen Bedientenfingern entgegennehmen, nicht einmal von einem Tablett, nicht einmal in einem Kuvert! Ich schrie den Bedienten so an, daß er zusammenfuhr und einen Schritt zurücktrat; ich befahl ihm, das Geld sofort zurückzubringen, der Herr möchte es »gefälligst selber« bringen – kurz, was ich verlangte, drückte ich nicht sehr klar aus, und der Bediente verstand mich natürlich nicht recht. Aber ich schrie so, daß er trotzdem wieder hineinging. Außerdem hatten sie drinnen, glaub' ich, mein Geschrei vernommen – Sprechen und Lachen verstummten plötzlich. Fast in demselben Augenblick vernahm ich Schritte, würdevolle, langsame, leise Schritte, und in der Tür des Vorzimmers erschien die hohe Gestalt eines hübschen, hochmütig dreinschauenden jungen Mannes (er war mir damals noch hagrer und blasser erschienen als bei der heutigen Begegnung) – er kam übrigens nicht einmal bis an die Tür, sondern blieb im andern Zimmer, vielleicht noch eine Elle von der Tür entfernt, stehen. Er war in einem prächtigen, rotseidnen Schlafrock und in Pantoffeln, auf der Nase hatte er einen Kneifer. Ohne ein Wort zu sagen, richtete er den Kneifer auf mich und begann mich zu mustern. Ich machte, schäumend vor Wut, einen Schritt auf ihn zu, stellte mich in herausfordernder Haltung vor ihm hin und sah ihm trotzig ins Gesicht. Aber er musterte mich nur einen Augenblick lang, bloß zehn Sekunden vielleicht; plötzlich kräuselte ein unmerkliches aber trotzdem giftiges Lächeln seine Lippen; eben das machte es so giftig, daß es kaum merklich war: er drehte sich schweigend um und ging wieder hinein, wieder ohne jede Hast, genau so gemessen und leise, wie er gekommen war. Oh, diese Leute verstehen das. Beleidigen schon von klein auf, schon von Hause her, sie lernen schon von ihren Müttern, wie man beleidigt! Ich verlor natürlich die Fassung... Oh, warum habe ich damals meine Fassung verloren! Fast in demselben Augenblick erschien wieder derselbe Bediente mit denselben Banknoten in der Hand: »Bitte, nehmen Sie; das wird Ihnen aus Petersburg geschickt; Sie persönlich zu empfangen, ist dem Herrn leider unmöglich. – Wenn Sie vielleicht ein andres Mal vorsprechen, wenn der Herr mehr Zeit haben.« Ich fühlte, daß er den letzten Satz von sich aus hinzugefügt hatte. Ich war noch immer ganz abwesend. Ich nahm das Geld und ging auf die Tür zu; nur, weil ich so geistesabwesend war, nahm ich das Geld, denn ich hätte es nicht nehmen sollen; der Bediente aber, der mich natürlich verhöhnen wollte, erlaubte sich eine echt bedientenhafte Ungezogenheit: er riß die Tür vor mir dienstbeflissen auf, hielt sie sperrangelweit offen und sagte wichtig und mit Betonung, als ich an ihm vorüberging: »Bitte!« »Lump!« brüllte ich ihn an und holte mit der Hand aus, schlug aber nicht zu. »Und dein Herr ist gleichfalls ein Lump! Das meldest du ihm sofort,« fügte ich hinzu und ging schnell in den Hausflur hinaus. »Nehmen Sie sich nicht zuviel heraus! Wenn ich das dem gnädigen Herrn jetzt gleich melde, so könnten Sie sofort mit einem Briefe auf die Wache gebracht werden. Und nehmen Sie sich mit Ihren Händen ein bißchen in acht ...« Ich ging die Treppe hinunter. Es war eine herrschaftliche Treppe, und man konnte mich von oben die ganze Zeit sehen, drei Bediente kamen heraus und stellten sich oben am Geländer auf. Ich entschloß mich natürlich, zu schweigen: denn ich konnte mich doch unmöglich mit den Bedienten zanken. Ich ging die ganze Treppe hinunter, ohne meinen Schritt zu beschleunigen, ja ich ging wohl sogar besonders langsam. Oh, es mag auch Philosophen geben (und Schmach über sie!), die sagen werden, das alles wäre dummes Zeug, die übertriebene Reizbarkeit eines Milchbartes, meinetwegen! – aber für mich bedeutete es eine Verwundung, und diese Wunde ist bis heute nicht vernarbt, selbst jetzt noch nicht, da ich dies niederschreibe, und da alles schon hinter mir liegt und ich meine Rache genommen habe. Oh, ich kann es beschwören: ich bin nicht nachtragend und rachsüchtig! Sicherlich, ich habe immer, wenn ich beleidigt werde, den Wunsch, mich zu rächen, und er geht sogar bis zur Krankhaftigkeit, aber ich schwöre: ich will mich immer nur durch Edelmut rächen. Mag ich mich auch nur durch Edelmut rächen, der andere muß es fühlen, er muß es verstehen, dann bin ich schon gerächt! Ich möchte hier gleich noch eines sagen: ich bin nicht rachsüchtig, aber ich bin nachtragend, wenn ich auch edelmütig bin – ob es andern wohl auch so geht? Und damals, oh, damals bin ich mit edlen Gefühlen hingegangen, mochten sie auch lächerlich sein; und ich meine: lieber lächerlich, aber edelmütig, als nicht lächerlich, aber gemein, gewöhnlich, mittelmäßig! Von dieser Begegnung mit meinem »Bruder« habe ich zu keinem Menschen ein Wort gesagt, nicht einmal zu Maria Iwanowna, nicht einmal später in Petersburg zu Lisa; diese Begegnung wirkte auf mich, als hätte ich eine Ohrfeige bekommen. Und nun auf einmal begegnet mir dieser Herr, wo ich es am wenigsten erwartet hätte, er lächelt, lüftet seinen Hut und sagt äußerst freundschaftlich: »bonsoir!« zu mir. Das gab mir natürlich zu denken ... Aber die Wunde war wieder aufgebrochen!   5 Als ich so reichlich vier Stunden in dem Wirtshause gesessen hatte, sprang ich auf einmal wie in einem plötzlichen Anfall auf und lief – natürlich zu Wersilow und traf ihn natürlich wieder nicht zu Hause, er war überhaupt nicht dagewesen; die Wärterin langweilte sich und bat mich auf einmal, ich solle ihr doch Darja Onisimowna schicken. Wie mich das schon interessierte! Ich ging auch im Vorübergehen in Mamas Wohnung, ging aber nicht hinein, sondern rief Lukeria auf den Treppenabsatz heraus; von ihr erfuhr ich, daß er nicht dagewesen war und daß auch Lisa nicht zu Hause war. Ich merkte, daß auch Lukeria mich nach irgend etwas fragen und mir vielleicht gleichfalls irgendeinen Auftrag geben wollte. Wie mich das schon interessierte! Es blieb noch die letzte Hoffnung, daß er vielleicht bei mir war; aber ich glaubte schon nicht mehr daran. Ich habe schon gesagt, daß ich meine gesunde Vernunft fast verloren hatte. Und da mußte ich nun auf einmal in meinem Zimmer Alphonsinka und meinen Wirt antreffen. Sie wollten gerade herausgehen und Piotr Ippolitowitsch hatte eine Kerze in der Hand. »Was soll das heißen!« brüllte ich den Wirt ganz sinnlos an. »Wie dürfen Sie sich erlauben, diese Gaunerin in mein Zimmer zu lassen?« »Tiens!« rief Alphonsinka, »et les amis?« »Hinaus!« brüllte ich. »Mais c'est un ours!« sagte sie und entschlüpfte in gespielter Angst in den Korridor und war sofort im Zimmer der Wirtin verschwunden. Piotr Ippolitowitsch trat, immer noch die Kerze in der Hand, mit strenger Miene auf mich zu: »Gestatten Sie mir die Bemerkung, Arkadij Makarowitsch, daß Sie sich ganz überflüssig aufregen; bei aller Hochachtung vor Ihnen... Aber Mamsell Alphonsina ist keine Gaunerin, im Gegenteil, sie ist hier zu Gast, und zwar nicht bei Ihnen, sondern bei meiner Frau, mit der sie schon seit einiger Zeit Bekanntschaft geschlossen hat.« »Wie dürfen Sie sich erlauben, sie in mein Zimmer zu lassen?« rief ich noch einmal und faßte mich an meinen Kopf, der ganz plötzlich heftig zu schmerzen begann. »Ganz zufällig. Ich ging hinein, um das Fenster zu schließen, das ich der frischen Luft wegen geöffnet hatte; und da ich gerade in einem Gespräche mit Alphonsina Karlowna war, so ist sie einfach im Sprechen mit in Ihr Zimmer herübergekommen, sie hat mich einfach begleitet.« »Das ist nicht wahr, Alphonsinka ist eine Spionin, und Lambert ist ein Spion! Vielleicht sind Sie selber auch ein Spion! Und Alphonsinka hat einfach bei mir etwas stehlen wollen.« »Ganz wie Sie wollen! Heute sagen Sie dies, und morgen sagen Sie das. Ich habe meine Wohnung für eine Zeitlang vermietet, und ich selbst ziehe mit meiner Frau für die Zeit in die Kammer; also ist Alphonsina Karlowna jetzt hier beinahe ebensogut Mieterin wie Sie auch.« »Sie haben die Wohnung an Lambert vermietet?« rief ich erschrocken. »Nein, nicht an Lambert«, lächelte er mit dem breiten Lächeln von vorhin, nur sprach sich jetzt an Stelle des Zweifels von heute früh Sicherheit darin aus. »Ich denke mir, Sie dürften wohl selber wissen, an wen, und geben sich vergeblich Mühe, zu tun, als ob Sie es nicht wüßten, nur so zum Schein des Gerechten, und darum tun Sie auch so wütend. Gute Nacht!« »Ja, ja, lassen Sie mich, lassen Sie mich in Ruhe!« rief ich mit abwehrenden Handbewegungen, fast in Tränen, so daß er mich plötzlich verwundert ansah; aber er ging dennoch hinaus. Ich schob den Riegel vor die Tür und warf mich auf mein Bett, das Gesicht in die Kissen gepreßt. So lag denn der erste von den drei verhängnisvollen Tagen hinter mir, die den Abschluß meiner Aufzeichnungen bilden. Zehntes Kapitel   1 Ich halte es für notwendig, noch einmal dem Gange der Ereignisse vorzugreifen und dem Leser wenigstens einiges im voraus zu erklären, weil sich hier in den logischen Fluß der Erzählung so viele Zufälligkeiten mischen, daß man den Faden nicht entwirren kann, wenn man sie nicht im voraus klarstellt. Es handelte sich eben um jene »Mörderschlinge«, von der Tatjana Pawlowna sich hatte ein Wörtchen entschlüpfen lassen. Diese Schlinge bestand darin, daß Anna Andrejewna den dreistesten Schritt riskierte, den man sich in ihrer Lage überhaupt vorstellen kann. In der Tat – ein Charakter! Wenn auch der alte Fürst, angeblich, weil sein Gesundheitszustand es verlangte, damals rechtzeitig nach Zarskoje-Selo in Sicherheit gebracht worden war, so daß sich das Gerücht von seiner geplanten Ehe mit Anna Andrejewna noch nicht in der Gesellschaft hatte verbreiten können und sozusagen im Keime erstickt worden war, so wäre doch dieser alte schwache Mann, mit dem man sonst alles anfangen konnte, durch nichts in der Welt dazu zu bewegen gewesen, von seiner Idee abzustehen und Anna Andrejewna, die ihm ihren Antrag gemacht hatte, untreu zu werden. In solchen Dingen war er durchaus der Ritter, die Möglichkeit war also gar nicht ferne, daß er sich früher oder später auflehnen und mit unwiderstehlicher Energie an die Ausführung seiner Absicht gehen könnte, was ja sehr oft vorkommt, und gerade bei schwachen Charakteren, weil es bei diesen eine gewisse Grenzlinie gibt, über die man sie nicht hinausführen darf. Außerdem erkannte er sehr gut, wie heikel Anna Andrejewnas Situation war, vor der er die höchste Achtung hatte, und sah die Möglichkeit sehr wohl ein, daß in der Gesellschaft Klatschereien, boshafte Histörchen und üble Nachreden gegen sie in Umlauf kommen könnten. Was ihn fürs erste noch beruhigte und zurückhielt, war der Umstand, daß Katerina Nikolajewna noch nie mit einer Silbe oder einer Anspielung in seiner Gegenwart Anna Andrejewna angegriffen oder auch nur ein Wort gegen seine Absicht, sie zu heiraten, gesagt hatte. Im Gegenteil, sie war gegen die Braut ihres Vaters außerordentlich liebenswürdig und aufmerksam. Auf die Weise kam Anna Andrejewna in eine sehr kitzliche Lage, denn ihr feiner weiblicher Instinkt ließ sie klar erkennen, daß sie durch die kleinste üble Nachrede gegen Katerina Nikolajewna, die der Fürst gleichfalls anbetete, und jetzt sogar mehr als je zuvor, weil sie so edelmütig und respektvoll ihre Zustimmung zu seiner Heirat gegeben hatte – also mit der kleinsten üblen Nachrede gegen sie hätte Anna Andrejewna alle seine zärtlichen Gefühle beleidigt und sich selber sein Mißtrauen, vielleicht sogar seinen Unwillen zugezogen. Das also war das Schlachtfeld, auf dem der Kampf bisher getobt hatte: beide Gegnerinnen wetteiferten miteinander an Taktgefühl und Geduld, und der Fürst wußte schließlich nicht mehr, über welche von beiden er mehr staunen solle; und schließlich ging es ihm, wie es allen Leuten zu gehen pflegt, deren Herz schwach aber zärtlich ist: er begann darunter zu leiden und schob sich selber ganz allein die Schuld an allem zu. Seine Melancholie soll direkt krankhaft geworden sein; seine Nerven gerieten jetzt erst richtig in Unordnung, und statt daß er sich in Zarskoje erholt hätte, soll er damals schon drauf und dran gewesen sein, sich ins Bett zu legen. Ich will hier beiläufig noch etwas erwähnen, was ich erst viel später erfahren habe. Bjoring soll Katerina Nikolajewna direkt vorgeschlagen haben, den Alten ins Ausland zu schaffen und ihn durch irgendwelche falschen Vorspiegelungen dazu zu überreden, gleichzeitig aber in der Gesellschaft inoffiziell die Nachricht zu verbreiten, daß er seinen Verstand gänzlich verloren hätte; im Auslande müßte man sich dann ein ärztliches Zeugnis dafür verschaffen. Aber das hätte Katerina Nikolajewna um keinen Preis gewollt; das ist mir wenigstens nachher versichert worden. Sie hätte diesen Plan unwillig zurückgewiesen. Das alles sind nur Gerüchte, die ich von ganz fernstehender Seite erfahren habe, aber ich schenke ihnen Glauben. Und nun, als die Sache für Anna Andrejewna gänzlich verfahren zu sein schien, da erfährt sie auf einmal von Lambert, daß ein Brief existiert, in dem seine Tochter schon einen Juristen befragt hat, auf welche Weise sie ihren Vater für irrsinnig erklären lassen könnte. Ihre Rachsucht und ihr Stolz wurden dadurch im höchsten Grade geweckt. Wenn sie ihrer früheren Gespräche mit mir gedachte und sich eine Menge geringfügiger Umstände zurückrief, konnte sie nicht gut an der Wahrheit dieser Mitteilung zweifeln. Und da reifte in diesem energischen, unbeugsamen Frauenherzen unwiderstehlich der Plan zu einem endgültigen Schlage. Ihr Plan war, ganz plötzlich, ohne alle vorbereitenden Schritte und Worte, dem Fürsten alles zu sagen, ihn zu erschrecken, ihn zu erschüttern, ihm klarzumachen, daß ihm das Irrenhaus sicher bevorstünde; und wenn er sich sträuben, sich entrüsten und es nicht glauben würde – dann wollte sie ihm den Brief seiner Tochter zeigen: »Da! Die Absicht der Unzurechnungsfähigkeitserklärung hat schon einmal bestanden; wieviel näher liegt sie jetzt, wo man diese Ehe um jeden Preis verhindern will.« Und so wollte sie dann den erschrockenen und zerschmetterten alten Herrn aufpacken und nach Petersburg bringen – direkt in meine Wohnung . Sie riskierte damit furchtbar viel, aber sie baute fest auf ihre Macht. Ich will hier einen Augenblick von meiner Erzählung abschweifen und, sehr weit vorgreifend, mitteilen, daß sie sich in der Wirkung ihres Schlages nicht getäuscht hatte; im Gegenteil, die Wirkung übertraf noch alle ihre Erwartungen. Die Nachricht von diesem Briefe wirkte auf den alten Fürsten vielleicht viel stärker, als sie selber und wir alle angenommen hätten. Ich hatte bis dahin auch noch nicht gewußt, daß der Fürst bereits früher etwas von diesem Briefe gehört hatte; aber er hatte nach Art aller schwachen und schüchternen Naturen den Gerüchten darüber keinen Glauben geschenkt und sich mit aller Gewalt dagegen gewehrt, damit seine Ruhe nicht gestört würde; ja, mehr noch: er hatte sich selber wegen seiner unvornehmen Leichtgläubigkeit Vorwürfe gemacht. Ich füge gleich hinzu, daß die Tatsache der Existenz des Briefes auch auf Katerina Nikolajewna ungleich stärker wirkte, als ich selbst damals ahnte ... Kurz, dieses Papier war von weit größerer Bedeutung, als ich selber, der es doch in der Tasche trug, damals voraussetzte. Aber damit greife ich schon gar zu weit vor. Aber warum, wird man fragen, sollte er gerade in meine Wohnung gebracht werden? Warum wollte sie den Fürsten in unsere jämmerlichen Zimmerchen bringen und ihn am Ende durch dieses kümmerliche Milieu stutzig machen? Wenn sie ihn schon nicht in sein eigenes Haus bringen konnte (denn dort hätte man ihr natürlich sofort einen Strich durch die Rechnung machen können), warum brachte sie ihn dann nicht in eine andere »vornehme« Wohnung, wie Lambert vorgeschlagen hatte? Aber darin lag ja eben die ganze Gefahr und die ganze Aussicht von Anna Andrejewnas gewagtem Unternehmen. Das Wichtigste war, dem Fürsten sofort nach seiner Ankunft das Dokument vorzuzeigen; aber ich lieferte das Dokument um keinen Preis aus. Da nun keine Zeit zu verlieren war, so entschloß sich Anna Andrejewna, im Vertrauen auf ihre Macht, die Sache auch ohne das Dokument anzufangen, wenn sie den Fürsten nur direkt zu mir bringen könnte. Und warum das? Eben zu dem Zweck, mit demselben Schritt auch mich zu fangen, oder, wie das Sprichwort sagt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Sie rechnete damit, auch auf mich durch diesen plötzlichen Stoß, durch diese Erschütterung, durch die Überraschung zu wirken. Sie spekulierte darauf, daß ich, wenn ich den alten Herrn bei mir sähe, wenn ich seinen Schrecken und seine Hilflosigkeit sähe und ihre gemeinsamen Bitten vernähme, – daß ich dann nachgeben und das Dokument ausliefern würde! Ich muß bekennen – ihre Berechnung war klug und listig, psychologisch; mehr noch: sie wäre fast vom Erfolge gekrönt worden ... Was den Alten betraf, so überredete sie ihn zur Flucht durch eben dasselbe, wodurch sie ihn auch veranlaßt hatte, ihr zu glauben, und das auf ihr bloßes Wort hin: nämlich dadurch, daß sie ihm einfach erklärte, sie würde ihn zu mir bringen. Das alles habe ich später erfahren. Schon die Mitteilung ganz allein, daß jenes Dokument in meinem Besitze wäre, hatte in seinem ängstlichen Herzen die letzten Zweifel an der Wahrheit dieser Tatsache zerstört – so viel Liebe und Vertrauen zu mir besaß er! Ich muß noch bemerken, daß Anna Andrejewna selber keinen Augenblick daran zweifelte, daß sich das Dokument noch in meinem Besitz befände, und daß ich es nicht aus der Hand gegeben hätte. Sie faßte eben meinen Charakter falsch auf und rechnete in zynischer Weise auf meine Unschuld, meine Harmlosigkeit, ja auf meine Sentimentalität; und auf der andern Seite rechnete sie, selbst für den Fall, daß ich mich entschließen sollte, den Brief zum Beispiel Katerina Nikolajewna auszuliefern, damit, daß ich das nur unter ganz bestimmten Umständen tun würde, und eben diesen Umständen wollte sie durch diesen unerwarteten Schlag, diesen Überfall, zuvorkommen. Und schließlich hatte auch Lambert sie in dem allen noch bestärkt. Ich habe schon gesagt, daß Lamberts Situation gerade damals äußerst kritisch war: ihm, der Anna Andrejewna betrügen wollte, lag alles daran, mich von ihr wegzulocken, damit ich das Dokument gemeinsam mit ihm an Frau Achmakowa verkaufte, was ihm aus gewissen Gründen vorteilhafter schien. Da ich aber das Dokument bis zum letzten Augenblick um keinen Preis herausgab, beschloß er, im äußersten Notfall selbst Anna Andrejewna in die Hand zu arbeiten, um nicht am Ende ganz leer auszugehen; und deshalb drängte er sich ihr mit seinen Dienstleistungen bis zur letzten Stunde geradezu auf, und ich weiß, daß er ihr sogar angeboten hatte, ihr, wenn es nötig wäre, einen Geistlichen für die Trauung zu verschaffen ... Aber Anna Andrejewna hatte ihn mit einem Lächeln der Verachtung gebeten, davon nicht zu sprechen. Lambert fand sie furchtbar plump und erregte mit der Zeit ihren heftigsten Widerwillen; aber aus Vorsicht ließ sie sich dennoch seine Dienste gefallen, die unter anderem in Spionage bestanden. Beiläufig, ich weiß auch heute noch nicht genau, ob Piotr Ippolitowitsch, mein Hausherr, bestochen war oder nicht, und ob er von ihnen damals etwas für seine Dienste bekommen hat, oder ob er nur so einfach aus Freude an der Intrige gemeinsame Sache mit ihnen gemacht hat; jedenfalls aber spionierte auch er mir nach, und seine Frau gleichfalls – das weiß ich bestimmt. Der Leser wird jetzt verstehen, daß ich, wenn ich auch teilweise darauf vorbereitet war, doch durchaus nicht hätte erraten können, daß ich morgen oder übermorgen den alten Fürsten in meiner Wohnung und in einer solchen Umgebung wiedersehen würde. Und ich hätte ja auch eine solche Kühnheit bei Anna Andrejewna durchaus nicht voraussetzen können! Mit Worten kann man viel sagen und allerlei Andeutungen machen, aber sich wirklich dazu entschließen, an die Ausführung gehen – nein, das muß ich sagen, dazu gehört wirklich Charakter!   2 Ich fahre fort. Am nächsten Morgen erwachte ich spät; ich hatte außergewöhnlich tief und traumlos geschlafen, was mich sehr wunderte, und so fühlte ich mich denn beim Erwachen moralisch wieder sehr frisch, ganz als ob der gestrige Tag gar nicht gewesen wäre. Zu Mama wollte ich fürs erste nicht, sondern wollte mich direkt in die Friedhofskirche begeben und dann nachher, nach der Trauerfeier, mit Mama nach Hause fahren und den ganzen Rest des Tages bei ihr verbringen. Ich war fest davon überzeugt, daß ich ihn heute jedenfalls bei Mama treffen würde, früher oder später – aber ganz bestimmt. Alphonsina und der Hausherr waren längst ausgegangen. Meine Wirtin wollte ich nach nichts fragen; ich war überhaupt entschlossen, alle Beziehungen zu den Leuten abzubrechen und sogar so schnell wie möglich auszuziehen; deshalb verriegelte ich meine Tür sofort wieder, sobald ich meinen Kaffee bekommen hatte. Aber auf einmal klopfte es; zu meinem Erstaunen war das Trischatow. Ich öffnete ihm sogleich und bat ihn erfreut, näherzutreten; aber er wollte nicht hereinkommen. »Nur zwei Worte Zwischen Tür und Angel! ... Oder ich komme vielleicht doch besser hinein, denn ich glaube, hier darf man leise sprechen; setzen will ich mich aber nicht bei Ihnen. Sie wundern sich über meinen alten Paletot: Lambert hat mir den Pelz weggenommen.« Er hatte in der Tat einen schäbigen, alten und für ihn viel zu langen Paletot an. Er stand mit einem eigen finsteren und traurigen Gesicht vor mir, die Hände in den Taschen, den Hut auf dem Kopfe. »Ich setze mich nicht, ich setze mich nicht. Hören Sie, Dolgorukij, ich weiß nichts Genaueres, aber ich weiß soviel: Lambert plant irgendeinen Streich gegen Sie, er soll bald und ganz bestimmt ausgeführt werden – das weiß ich genau. Sehen Sie sich also vor! Der Pockennarbige hat sich mir gegenüber verplappert – der Pockennarbige, Sie wissen ja ...? Aber er hat nicht gesagt, um was es sich handelt, ich kann Ihnen also nicht mehr sagen. Ich wollte Sie nur warnen. Leben Sie wohl!« »Aber setzen Sie sich doch, lieber Herr Trischatow! Ich bin zwar in Eile, aber ich freue mich so, daß Sie gekommen sind ...« rief ich. »Ich setze mich nicht, nein, ich setze mich nicht; und daß Sie sich über mich freuen, das werde ich nicht vergessen. Ach, Dolgorukij, wozu soll man den Leuten etwas vormachen: ich habe mich bewußt und aus freien Stücken zu jeder Schlechtigkeit bereit erklärt, zu Gemeinheiten, daß ich mich schäme, sie vor Ihnen auszusprechen. Wir sind jetzt beim Pockennarbigen angestellt. Leben Sie wohl. Ich bin es nicht wert, in Ihrem Zimmer zu sitzen.« »Ach, hören Sie doch auf, Trischatow, lieber Freund ...« »Nein, sehen Sie, Dolgorukij: ich bin frech gegen jedermann, und jetzt soll ein lustiges Leben anfangen. Ich lasse mir bald einen noch feineren Pelz machen und werde mit den feinsten Trabern fahren. Aber ich werde das Bewußtsein haben, daß ich mich bei Ihnen doch nicht gesetzt habe, weil ich mich selber richtig beurteilt habe: weil ich zu gemein für Sie bin. Das wird mir doch immerhin eine wohltuende Erinnerung sein, wenn ich um den Preis meiner Ehre lustig lebe. Leben Sie wohl, leben Sie also wohl. Auch die Hand gebe ich Ihnen nicht; nicht einmal Alphonsina nimmt ja meine Hand. Und eine Bitte: kommen Sie mir nicht nach, und suchen Sie mich auch nicht auf; wir haben unseren Kontrakt.« Und damit drehte sich der sonderbare junge Mensch um und ging. Ich hatte nur keine Zeit, aber ich faßte den bestimmten Entschluß ihn schleunigst aufzusuchen, sowie ich meine Angelegenheiten in Ordnung gebracht hätte. Weiter will ich von diesem ganzen Vormittage nichts erzählen, wenngleich so manches noch der Erwähnung wert wäre. Wersilow war zur Beerdigung nicht in der Kirche, und nach den Mienen der Meinen zu schließen, hatte man wohl schon vor der Wegschaffung des Sarges aus der Wohnung wissen können, daß man ihn in der Kirche nicht zu erwarten brauchte. Mama betete andächtig und gab sich ganz dem Gebete hin. Am Grabe waren sonst nur noch Tatjana Pawlowna und Lisa. Aber ich will nichts, gar nichts davon erzählen. Nach der Beerdigung fuhren wir alle heim und setzten uns zu Tisch, und wiederum konnte ich aus ihren Mienen schließen, daß er auch zu Tisch nicht erwartet wurde. Als wir aufstanden, ging ich auf Mama zu, umarmte sie herzlich und gratulierte ihr zum Geburtstage; das tat Lisa denn auch. »Höre, Arkadij,« flüsterte mir Lisa verstohlen zu, »sie erwarten ihn.« »Das kann ich mir denken, Lisa, man merkt es.« »Er wird ganz bestimmt kommen.« Sie haben also genaue Nachrichten, dachte ich bei mir, fragte aber nicht weiter. Wenn ich auch meine Gefühle nicht beschreiben will, so muß ich dock sagen, daß sich diese rätselhaften Vorgänge, trotzdem ich mich innerlich so frisch fühlte, plötzlich wieder wie ein Stein auf mein Herz legten. Wir setzten uns im Wohnzimmer alle zu Mama um den runden Tisch. Oh, wie wohl tat es mir, bei ihr zu sitzen und sie anzusehen! Mama bat mich plötzlich, ich sollte etwas aus dem Evangelium vorlesen. Ich las ein Kapitel aus Lukas. Sie weinte nicht und war nicht einmal besonders traurig, aber ihr Gesicht war mir noch nie so geistig belebt erschienen. In ihrem stillen Blick leuchtete eine Idee, aber ich konnte nicht das geringste davon bemerken, daß sie etwa voll Aufregung auf etwas wartete. Der Faden des Gespräches riß ab: es wurden viele Erinnerungen an den Verstorbenen ausgetauscht, auch Tatjana Pawlowna erzählte so manches von ihm, wovon ich bisher noch keine Ahnung gehabt hatte. Und überhaupt, wenn ich das aufzeichnen wollte: es gäbe da des Interessanten genug. Selbst Tatjana Pawlowna trug eine ganz andere Miene zur Schau, als gewöhnlich: sie war still und sehr freundlich und, was die Hauptsache ist, gleichfalls sehr ruhig, wenn sie auch viel sprach, um Mama auf andere Gedanken zu bringen. Ein kleiner Umstand aber ist mir nur zu genau im Gedächtnis geblieben: Mama saß auf dem Diwan, und links vom Diwan, auf einem runden Nebentischchen, lag ein Heiligenbild, das aussah, als läge es zu einem besonderen Zwecke da – ein altertümliches Heiligenbild ohne Silberfassung, nur mit silbernen Heiligenscheinen um die Häupter der beiden dargestellten Heiligen. Dieses Heiligenbild hatte Makar Iwanowitsch gehört – das wußte ich, und ich wußte auch, daß der Verstorbene sich nie von diesem Bilde getrennt und es für wundertätig gehalten hatte. Tatjana Pawlowna warf mehrmals einen Blick danach hinüber. »Hör' mal, Sophia,« sagte sie plötzlich, vom Gegenstande des Gespräches abspringend, »warum liegt das Heiligenbild so da; sollte man es nicht auf dem Tisch aufstellen, man kann es ja an die Wand lehnen und ein Lämpchen davor anzünden?« »Nein, lassen wir es lieber so, wie es ist«, sagte Mama. »Du hast ganz recht. Es würde sonst gar so feierlich aussehen ...« Ich verstand damals kein Wort davon, es handelte sich aber darum, daß dies Heiligenbild schon vor langer Zeit von Makar Iwanowitsch mündlich Andrej Petrowitsch vermacht worden war; und Mama wollte es ihm jetzt übergeben. Es war schon fünf Uhr nachmittags; wir unterhielten uns weiter, und plötzlich sah ich etwas wie ein Erzittern über Mamas Gesicht gehen; sie richtete sich hastig auf und begann zu lauschen, während Tatjana Pawlowna, die gerade sprach, ruhig weiterredete und nichts bemerkte. Ich wendete mich sogleich nach der Tür um und erblickte einen Augenblick darauf in der Tür Andrej Petrowitsch. Er war nicht über die Haupttreppe, sondern über die Küchentreppe, durch die Küche und den Gang gekommen, und von uns allen hatte nur Mama seinen Schritt vernommen. Jetzt beschreibe ich die ganze wahnsinnige Szene, die nun folgte, Geste für Geste, Wort für Wort; sie war nur kurz. Erstlich fiel mir keinerlei Veränderung in seinem Gesicht auf, wenigstens so auf den ersten Blick nicht. Gekleidet war er wie immer, das heißt, beinahe stutzerhaft. In der Hand hatte er einen kleinen, aber kostbaren Strauß von frischen Blumen. Er trat heran und überreichte ihn mit einem Lächeln Mama; die sah ihn mit schreckhaftem Zweifel an, nahm aber den Strauß, und auf einmal färbte eine leichte Röte ihre blassen Wangen, und in ihren Augen strahlte die Freude. »Ich habe gewußt, daß du es so aufnehmen würdest, Sonja«, sagte er. Da wir bei seinem Eintritt alle aufgestanden waren, setzte er sich an den Tisch auf Lisas Stuhl, der links von Mamas Platze stand, ohne zu bemerken, daß er einen fremden Stuhl einnahm. Auf die Weise kam er direkt neben das Tischchen zu sitzen, auf dem das Heiligenbild lag. »Guten Tag alle miteinander. Sonja, ich wollte dir heute unbedingt diesen Strauß bringen, zum Geburtstag; deshalb bin ich auch nicht zur Beerdigung gekommen, weil ich nicht mit einem Strauß zu dem Toten kommen wollte; und ich weiß ja, du hast mich selber nicht zur Beerdigung erwartet. Der Alte wird sich über diese Blumen nicht ärgern, da er uns ja selber die Freude zum Vermächtnis gemacht hat; nicht wahr? Ich denke mir, er ist jetzt irgendwo hier im Zimmer?« Mama sah ihn mit einem sonderbaren Blick an; Tatjana Pawlowna schüttelte es förmlich. »Wer soll hier im Zimmer sein?« fragte sie. »Der Tote. Lassen wir das. Ihr wißt ja: ein Mensch, der an alle diese Wunder nicht so recht glaubt, ist immer ganz besonders zu allerhand Aberglauben geneigt ... Aber ich will lieber von dem Strauß sprechen: wie ich ihn eigentlich hergebracht habe – das begreife ich nicht. Sicher dreimal hat mich unterwegs die Lust angewandelt, ihn in den Schnee zu werfen und mit den Füßen zu zertreten.« Mama erzitterte. »Eine unbezwingliche Lust dazu wandelte mich an. Hab' Nachsicht mit mir, Sonja, und mit meinem armen Kopfe. Und diese Lust hatte ich, weil er zu schön ist. Gibt es etwas Schöneres auf der Welt als Blumen? Ich trug sie mitten durch Schnee und Frost. Unser Frost und die Blumen – was für ein Gegensatz! Übrigens, das wollte ich nicht sagen: ich wollte den Strauß einfach zertreten, weil er hübsch ist. Sonja, wenn ich jetzt auch wieder verschwinde, ich kehre sehr bald wieder zurück, denn ich glaube, mir wird Angst werden – und wer wird mich von meiner Angst heilen, woher soll ich einen Engel nehmen wie Sonja? ... Was habt ihr da für ein Heiligenbild? Ach ja, vom Verstorbenen, ich weiß schon. Es ist ein Erbstück von ihm, vom Großvater her; er hat sich sein Lebtag nicht davon getrennt; ich weiß, ich erinnere mich, er hat es mir vermacht; das weiß ich sehr genau ... es muß, glaube ich, von Altgläubigen stammen ... zeigt doch mal her:!« »Er nahm das Heiligenbild in die Hand, hielt es gegen das Licht und sah es aufmerksam an, aber nur ein paar Sekunden, dann legte er es hin, jetzt aber vor sich auf den Tisch. Ich war erstaunt, aber alle diese sonderbaren Reden kamen so plötzlich, daß ich zu gar keiner Überlegung gelangte. Ich weiß nur noch, daß ein krankhaftes Schmerzgefühl mein Herz ergriff. Mamas Schrecken verwandelte sich in Zweifel und Mitleid; sie sah vor allen Dingen den unglücklichen Menschen in ihm; es war auch früher schon manchmal vorgekommen, daß er so sonderbare Reden geführt hatte wie jetzt. Lisa wurde plötzlich – ich wußte nicht, warum – sehr bleich und machte mir mit sonderbarer Miene ein Zeichen mit dem Kopfe. Am erschrockensten aber war Tatjana Pawlowna. »Aber was haben Sie denn, liebster Andrej Petrowitsch?« fragte sie behutsam. »Liebe Tatjana Pawlowna, ich weiß wirklich nicht, was mit mir ist. Regen Sie sich nicht auf, ich weiß ja noch, daß Sie Tatjana Pawlowna sind, und daß Sie eine gute Seele sind. Ich bin übrigens nur auf einen Augenblick gekommen; ich wollte bloß Sonja ein gutes Wort sagen und suche nach einem Wort, wenn auch mein Herz voll ist von Worten, die ich nicht auszusprechen weiß; es sind ja auch freilich recht sonderbare Worte. Ihr müßt wissen, ich habe so ein Gefühl, als ob sich mein ganzer Mensch einfach spalte«, sagte er und sah uns alle mit einem furchtbar ernsten Gesicht und in ganz aufrichtiger Mitteilsamkeit an. »Es ist wirklich wahr, ich spalte mich innerlich und habe eine entsetzliche Angst davor. Es ist, als ob ein Doppelgänger neben einem stünde; man selber ist klug und vernünftig, der andere neben einem will aber durchaus irgendeinen Unsinn begehen, und manchmal etwas sehr Lustiges; und auf einmal bemerkt man, daß man selber diesen lustigen Unsinn begehen will, Gott weiß warum; das heißt: man will es, ohne zu wollen, man will es, obgleich man sich aus allen Kräften dagegen stemmt. Ich hab' einmal einen Arzt gekannt, der bei der Beerdigung seines Vaters in der Kirche plötzlich anfing zu pfeifen. Ich habe mich tatsächlich gefürchtet, heute zur Beerdigung zu kommen, weil sich, ich weiß nicht warum, in meinem Kopfe die sichere Überzeugung festgesetzt hatte, ich würde auf einmal anfangen zu pfeifen oder zu lachen wie dieser unglückliche Doktor, mit dem es ein ziemlich böses Ende nahm ... Und ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich heute immer an diesen Doktor denken muß; ich muß an ihn denken und werde ihn auf keine Weise los. Siehst du, Sonja, da halte ich nun wieder dies Heiligenbild,« er hatte es genommen und drehte es zwischen seinen Fingern, »und siehst du, ich habe jetzt brennende Lust, es gleich, in dieser Sekunde, dort an den Ofen zu schleudern, an diese Ecke da. Ich bin überzeugt, daß es dann in zwei Teile zerspringt – nicht mehr und nicht weniger.« Das merkwürdigste war, daß er das ohne den geringsten Schein von Verstellung, ja, ohne Aufregung sagte; er sagte es ganz einfach, aber um so furchtbarer wirkte es; und er schien sich in der Tat schrecklich vor irgend etwas zu fürchten; ich bemerkte auf einmal, daß seine Hände ein wenig zitterten. »Andrej Petrowitsch!« schrie Mama auf und schlug die Hände zusammen. »Laß das, laß das Bild liegen, Andrej Petrowitsch, laß es liegen, leg' es hin!« rief Tatjana Pawlowna und sprang auf. »Zieh dich aus und leg' dich ins Bett! Arkadij, zum Doktor!« »Aber ... aber wie ihr euch aufregt!« sagte er leise und ließ einen forschenden Blick über uns alle wandern. Dann stemmte er auf einmal beide Ellbogen auf den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. »Ich erschrecke euch, aber tut mir eine Liebe, liebe Freunde: laßt mir einen Augenblick Ruhe, setzt euch wieder hin und seid ganz ruhig – eine Minute bloß! Sonja, ich bin durchaus nicht gekommen, dir das zu sagen; ich bin gekommen dir etwas mitzuteilen, aber ganz etwas anderes. Lebe wohl, Sonja, ich gehe wieder auf die Wanderung, wie ich schon ein paarmal von dir gegangen bin ... Natürlich komme ich schon wieder einmal zu dir zurück – in dem Sinne bist du das Unvermeidliche. Zu wem sollte ich auch sonst gehen, wenn alles aus ist? Glaube mir, Sonja, ich bin jetzt zu dir gekommen als zu meinem guten Engel, und durchaus nicht wie zu einem Feinde: was wärst du mir auch für ein Feind, was wärst du mir für ein Feind! Glaube nur nicht, ich wäre mit der Absicht gekommen, das Heiligenbild zu zerbrechen; denn weißt du was, Sonja, ich habe doch Lust, es zu zerbrechen ...« Als Tatjana Pawlowna vorhin gerufen hatte: »Laß das Heiligenbild Hegen«, da hatte sie ihm das Bild fortgenommen, und sie hielt es jetzt in ihrer Hand. Auf einmal, bei seinem letzten Worte, sprang er hastig auf, riß Tatjana das Heiligenbild blitzschnell aus der Hand, holte heftig aus und schleuderte es aus aller Kraft an die Ecke des Kachelofens. Das Heiligenbild zersprang genau in zwei Teile ... Er wendete sich plötzlich nach uns um, und sein bleiches Gesicht wurde auf einmal ganz rot, fast blaurot, und jedes Fältchen in seinem Gesichte zitterte und verzerrte sich: »Nehmt es nicht als Symbol, Sonja, ich habe nicht Makars Vermächtnis zerschlagen; ich habe nur so zerschlagen, um zu zerschlagen ... Und ich kehre dennoch zu dir zurück, zu dir, meinem letzten guten Engel! Übrigens aber, nimm es auch als Symbol; denn das war es doch sicherlich! ...« Und er verließ plötzlich eilends das Zimmer, er ging wieder durch die Küche hinaus (wo er seinen Pelz und seine Mütze gelassen hatte). Ich will nicht ausführlich schildern, was mit Mama geschah: zu Tode erschrocken stand sie da und rang die Hände über ihrem Haupte, und auf einmal schrie sie ihm nach: »Andrej Petrowitsch, komm doch wenigstens und nimm Abschied von mir, Liebster!« »Er kommt schon, Sophia, er kommt schon! Mach' dir keine Sorgen!« schrie Tatjana Pawlowna, am ganzen Körper zitternd vor einem schrecklichen Wutanfall, einer direkt tierischen Wut. »Du hast es ja gehört, er hat es selber versprochen, daß er wiederkommt! Laß den Hanswurst doch noch ein letztes Mal bummeln gehen. Er wird schon noch alt – wer wird ihn dann auch, wenn er nicht mehr auf den Füßen stehen kann, warten, als du, seine alte Wärterin? Das sagt er ja selber ganz offen heraus, er entblödet sich nicht ...« Was uns andere angeht, so war Lisa ohnmächtig geworden. Ich hatte ihm nachlaufen wollen, war dann aber zu Mama gestürzt. Ich umschlang sie und hielt sie in meinen Armen. Lukeria kam mit einem Glas Wasser für Lisa gelaufen. Aber Mama kam bald wieder zu sich; sie ließ sich auf den Diwan sinken, bedeckte das Gesicht mit den Händen und fing an zu weinen. »Aber, aber ... aber so lauf ihm doch nach!« schrie plötzlich Tatjana Pawlowna, gleichsam zur Besinnung kommend, aus Leibeskräften. »Lauf, lauf ... hol' ihn ein, geh ihm keinen Schritt von der Seite, lauf, lauf!« rief sie und riß mich mit aller Gewalt von Mama los. »Ach, dann lauf ich lieber gleich selber!« »Ach ja, Arkascha, lauf ihm schnell nach!« rief plötzlich auch Mama. Ich lief Hals über Kopf hinaus, gleichfalls durch die Küche und den Hof, aber er war schon nicht mehr zu sehen. In der Ferne bewegten sich auf dem Trottoir schwarze Schatten von Menschen; ich eilte ihnen nach und sah jedem ins Gesicht, den ich überholte. So lief ich bis zur nächsten Straßenkreuzung. »Auf Irrsinnige ist man nicht böse,« fuhr es mir auf einmal durch den Sinn, »und Tatjana war ja wie ein wildes Tier vor Wut auf ihn; also ist er durchaus nicht irrsinnig« ... Oh, ich hatte immer das Gefühl, daß dies doch eine symbolische Tat gewesen war, und daß er mit irgend etwas hatte ein Ende machen wollen wie mit diesem Heiligenbilde, und daß er uns das hatte zeigen wollen, Mama und uns allen. Aber auch der »Doppelgänger« hatte sicherlich neben ihm gestanden; daran gab es keinen Zweifel ...   3 Er war aber nirgends zu sehen, und in seine Wohnung zu laufen, hätte keinen Sinn gehabt; ich konnte mir doch wirklich nicht vorstellen, daß er so einfach nach Hause gegangen wäre. Plötzlich fiel mir etwas ein, und ich rannte, was ich konnte, zu Anna Andrejewna. Anna Andrejewna war schon wieder zurück, und ich wurde sogleich vorgelassen, Ich ging hinein und nahm mich zusammen, so gut ich konnte. Ohne mich zu setzen, erzählte ich ihr geradeheraus, was eben für eine Szene passiert war, also die Sache mit dem »Doppelgänger«. Niemals vergesse und verzeihe ich ihr die gierige, aber mitleidlos ruhige und selbstsichere Neugier, mit der sie mich, gleichfalls stehend, anhörte. »Wo ist er? Sie wissen es vielleicht?« schloß ich, bei meiner Meinung beharrend. »Zu Ihnen hat mich gestern Tatjana Pawlowna geschickt ...« »Ich habe Sie gestern zu mir bitten lassen. Gestern war er in Zarskoje, er war auch bei mir. Und jetzt,« sie sah auf die Uhr, »jetzt ist es sieben ... Also ist er jetzt wahrscheinlich bei sich zu Hause.« »Ich sehe, daß Sie alles wissen – also sprechen Sie, sprechen Sie!« rief ich. »Ich weiß viel, alles aber weiß ich nicht. Es hat natürlich keinen Sinn, es Ihnen zu verheimlichen« ... Sie maß mich mit einem sonderbaren Blicke, lächelnd und gleichsam kalkulierend. »Gestern früh hat er Katerina Nikolajewna, als Antwort auf ihren Brief, einen formellen Heiratsantrag gemacht.« »Das ist nicht wahr!« rief ich mit großen Augen. »Der Brief ist durch meine Hände gegangen; ich selbst habe ihn ihr unerbrochen übergeben. Diesmal hat er ›ritterlich‹ gehandelt und mir nichts verheimlicht.« »Anna Andrejewna, ich verstehe kein Wort davon!« »Es ist natürlich schwer zu verstehen, aber er macht es wie ein Spieler, der sein letztes Goldstück auf den Tisch wirft und den Revolver schon schußfertig in der Tasche hat – das ist der Sinn seines Antrages. Neun Chancen von zehn sprechen dafür, daß sie den Antrag nicht annimmt; aber auf diese eine unter zehn Chancen hat er dennoch gerechnet, und ich muß gestehen: das ist sehr interessant ... Übrigens kann das auch eine Art Anfall gewesen sein, eben derselbe ›Doppelgänger‹, wie Sie es eben so gut bezeichnet haben.« »Und Sie lachen dazu? Und kann ich denn glauben, daß der Brief durch Ihre Hände gegangen wäre? Sie sind ja doch die Braut ihres Vaters? Schonen Sie mich, Anna Andrejewna!« »Er bat mich, meine Zukunft seinem Glück zu opfern, oder eigentlich: gebeten hat er nicht. Das ging alles ohne viel Worte vor sich, ich hab' es nur alles in seinen Augen gelesen. Ach, du lieber Gott, was ist denn auch groß dabei: er ist doch auch zu Ihrer Mutter nach Königsberg gefahren, sie um ihre Zustimmung zu seiner Heirat mit Madame Achmakowas Stieftochter zu bitten. Das war ja doch genau dasselbe, wie daß er mich gestern zu seiner Bevollmächtigten und Vertrauten wählte.« Sie war ein wenig bleich. Und ihre Ruhe hielt sich nur durch diesen gemachten Sarkasmus aufrecht. Oh, in dem Augenblick verzieh ich ihr viel, wie ich so allmählich zum Verständnis der Sache gelangte. Eine Minute lang überlegte ich; sie wartete schweigend. »Wissen Sie was,« lachte ich plötzlich auf, »Sie haben den Brief deshalb übermittelt, weil für Sie nicht das geringste dabei zu befürchten war; denn aus dieser Ehe wird nichts. Aber er? Und schließlich sie? Selbstverständlich wird sie seinen Antrag ablehnen, und dann ... was kann dann geschehen? Wo ist er jetzt, Anna Andrejewna?« rief ich. »Hier ist jede Minute kostbar, jede Minute kann ein Unglück geschehen!« »Er ist bei sich zu Hause, wie ich Ihnen schon sagte. In seinem gestrigen Briefe an Katerina Nikolajewna, den ich überbrachte, bat er sie für jeden Fall um eine Zusammenkunft in seiner Wohnung, und zwar heute um sieben Uhr abends. Und sie hat zugesagt.« »Sie in seiner Wohnung? Wie ist das möglich?« »Wieso denn? Die Wohnung gehört ja doch Darja Onisimowna: sie können sich doch sehr gut als ihre Gäste da treffen ...« »Aber sie fürchtet sich vor ihm ... er kann sie erschießen!« Anna Andrejewna lächelte bloß. »Katerina Nikolajewna hat sich bei aller Furcht, die ich auch schon an ihr bemerkt habe, doch immer, noch von früheren Zeiten her, eine gewisse Ehrfurcht vor Andrej Petrowitsch und eine Art Bewunderung für seine strengen Anschauungen und seinen hochfliegenden Geist bewahrt. Dieses Mal wollte sie sich ihm anvertrauen, um für immer mit ihm zum Abschluß zu gelangen. Er hat ihr nämlich in seinem Briefe sein feierlichstes Ritterwort gegeben, daß sie nichts zu befürchten hätte ... Kurz, ich habe die Ausdrücke des Briefes nicht mehr im Kopfe, aber sie glaubte ihm ... sozusagen, weil es das letztemal sein soll ... sie erwiderte seine Gefühle sozusagen mit den heroischsten Gefühlen. Es kann da so eine Art von ritterlichem Wettstreit von beiden Seiten geben.« »Aber der Doppelgänger, der Doppelgänger!« rief ich. »Er ist ja doch wahnsinnig geworden!« »Als sie ihm gestern diese Zusammenkunft zusagte, hat Katerina Nikolajewna diese Möglichkeit wahrscheinlich nicht vorausgesehen.« Ich drehte mich plötzlich um und rannte davon ... Zu ihm, zu ihnen, selbstverständlich! Aber ich kehrte noch einmal für einen Augenblick in ihr Zimmer zurück. »Ja, freilich, Sie brauchen ja nichts weiter, als daß er sie niederschießt«, schrie ich sie an und verließ eilig das Haus. Trotzdem ich am ganzen Leibe zitterte wie im hitzigsten Fieber, betrat ich die Wohnung leise, von der Küche aus, und bat flüsternd, man möchte mir Dar ja Onisimowna herausrufen, aber da kam sie auch schon selber heraus und bohrte einen gespannt forschenden Blick in mein Gesicht. »Er ... Es ist niemand zu Hause.« Aber ich erklärte ihr geradezu und genau in hastigem Flüsterton, daß ich alles von Anna Andrejewna erfahren hätte und geradeswegs von Anna Andrejewna käme. »Darja Onisimowna, wo sind sie?« »Sie sind da im Wohnzimmer, wo Sie vorgestern gesessen haben, an dem Tische ...« »Darja Onisimowna, lassen Sie mich hinein!« »Ja, wie ist denn das möglich?« »Nicht hinein, sondern ins Vorzimmer. Darja Onisimowna, vielleicht ist das Anna Andrejewnas eigener Wille. Wenn sie das nicht gewollt hätte, hätte sie mir doch nicht gesagt, daß sie hier sind. Sie werden mich schon nicht hören ... sie selbst will es so ...« »Und wenn sie es nicht will?« fragte Darja Onisimowna und wendete ihren bohrenden Blick nicht von mir. »Darja Onisimowna, ich denke immer noch an Ihre Olla ... lassen Sie mich hinein.« Ihre Lippen und ihr Kinn erzitterten plötzlich: »Liebster Freund, um Ollas willen ... weil du ein Herz hast ... Aber laß du Anna Andrejewna nicht im Stich, Lieber! Du läßt sie nicht im Stich, was? Du läßt sie doch nicht im Stich?« »Ich lasse sie schon nicht im Stich!« »Gib mir dein heiliges Ehrenwort, daß du nicht zu ihnen hineinläufst und nicht anfängst zu schreien, wenn ich dich da hinführe?« »Ich schwöre es bei meiner Ehre, Darja Onisimowna!« Sie faßte mich an einem Rockzipfel und geleitete mich in ein dunkles Zimmer, das an das Zimmer stieß, in dem sie saßen; sie führte mich auf dem weichen Teppich fast lautlos an die Tür, stellte mich direkt an die zusammengezogene Portiere, schob ein Zipfelchen der Portiere zur Seite und zeigte mir die beiden. Ich blieb da, sie ging. Selbstverständlich blieb ich. Ich war mir vollkommen klar darüber, daß ich horchte, daß ich ein fremdes Geheimnis belauschte, aber ich blieb. Wie hätte ich denn auch nicht bleiben sollen: und der Doppelgänger?! Er hatte ja doch vor meinen Augen das Heiligenbild zerschlagen!   4 Sie saßen einander gegenüber, an demselben Tische, wo ich gestern mit ihm auf seine »Wiedergeburt« getrunken hatte; ich konnte ihre Gesichter genau sehen. Sie trug ein schlichtes, schwarzes Kleid und war schön und dem Anschein nach ruhig wie immer. Er sprach, und sie hörte ihm mit außerordentlicher und zuvorkommender Aufmerksamkeit zu. Vielleicht sah man ihr übrigens doch eine gewisse Furchtsamkeit an. Er für sein Teil war schrecklich erregt. Ich kam mitten in ein schon begonnenes Gespräch, und deshalb verstand ich eine Zeitlang kein Wort. Ich erinnere mich, wie sie dann auf einmal fragte: »Und ich war die Ursache?« »Nein, die Ursache war ich selbst«, erwiderte er. »Sie sind nur unschuldig schuldig. Sie wissen doch, daß man unschuldig schuldig sein kann? Das ist immer die unverzeihlichste Schuld, und sie zieht fast immer ihre Strafe nach sich«, fügte er mit einem sonderbaren Auflachen hinzu. »Und ich habe wahrhaftig einen Augenblick lang gedacht, ich hätte Sie ganz vergessen, und lachte einfach über meine törichte Leidenschaft ... aber das wissen Sie ja. Und schließlich, was kümmert mich der Mensch, den Sie heiraten wollen? Ich habe Ihnen gestern einen Antrag gemacht; verzeihen Sie mir das, es war eine Albernheit, aber trotzdem wüßte ich nicht, was ich sonst hätte tun sollen ... Was hätte ich machen können, als diese Albernheit? Ich weiß es nicht ...« Er lachte bei diesen Worten verloren auf und hob plötzlich seine, Augen zu ihr empor; bis dahin hatte er gleichsam beiseite gesprochen. Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, dies Lachen hätte mich erschreckt, das fühlte ich. Er erhob sich plötzlich von seinem Stuhle: »Sagen Sie mir: wie konnten Sie sich entschließen, hierher zu kommen?« fragte er auf einmal, als besänne er sich auf die Hauptsache. »Meine Einladung und mein ganzer Brief war eine Albernheit ... Warten Sie, ich kann es wohl noch erraten, wie das so kam, daß Sie einwilligten zu kommen; warum Sie aber wirklich gekommen sind – das ist die Frage. Sollten Sie denn wirklich einzig und allein aus Angst gekommen sein?« »Ich bin gekommen, um Sie wiederzusehen«, sagte sie und beobachtete ihn mit ängstlicher Vorsicht. Sie schwiegen beide vielleicht eine halbe Minute lang. Wersilow ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen und begann mit stiller, aber ergriffener, fast zitternder Stimme: »Ich habe Sie furchtbar lange nicht gesehen, Katerina Nikolajewna, so lange, daß ich es fast schon nicht mehr für möglich gehalten hätte, je wieder, wie jetzt, bei Ihnen zu sitzen, Ihr Gesicht zu sehen und Ihre Stimme zu hören ... Zwei Jahre haben wir uns nicht gesehen, zwei Jahre nicht miteinander gesprochen. Daß ich wieder einmal mit Ihnen sprechen könnte, hätte ich mir nun gar niemals gedacht. Nun also: was vergangen ist, ist vergangen, und was heute ist – das wird morgen entschwunden sein, wie Rauch – also mag es denn! Ich bin einverstanden damit, denn auch hier weiß ich nicht, was ich sonst tun sollte, aber gehen Sie jetzt nicht so fort, ohne daß irgend etwas geschehen wäre,« fügte er auf einmal fast flehend hinzu, »wenn Sie mir schon ein Almosen gewährt haben und gekommen sind, so gehen Sie nicht so ohne alles: beantworten Sie mir eine Frage.« »Welche Frage?« »Wir werden uns ja nie wiedersehen – was kann Ihnen also daran liegen? Sagen Sie mir die Wahrheit, ein für allemal; beantworten Sie mir eine Frage, die gescheite Menschen nie stellen würden: haben Sie mich wenigstens irgendwann einmal geliebt oder habe ich ... mich getäuscht?« Sie wurde feuerrot. »Ich habe Sie geliebt«, sagte sie. Das hatte ich erwartet, daß sie so antworten würde: – o du wahrhaftigste, aufrichtigste, ehrlichste der Frauen! »Und jetzt?« fuhr er fort. »Jetzt liebe ich Sie nicht.« »Und Sie lachen?« »Nein, ich habe eben nur gelächelt, unwillkürlich, weil ich es so genau vorher wußte, daß Sie fragen würden: ›Und jetzt?‹ Und darum lächelte ich ... weil man überhaupt lächelt, wenn man etwas vorausahnt ...« Mir war ganz eigentümlich zumute; ich hatte sie noch nie so vorsichtig, ja, beinahe ängstlich, und so verwirrt gesehen. Er verschlang sie mit den Augen. »Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben ... und – Sie lieben mich also gar nicht?« »Es mag sein, daß ich Sie gar nicht liebe. Ich liebe Sie nicht«, fügte sie fest hinzu, jetzt ohne Lächeln und ohne Erröten. »Ja, ich habe Sie geliebt, aber nicht lange. Meine Liebe zu Ihnen hatte damals sehr bald ein Ende ...« »Ich weiß, ich weiß, Sie erkannten, daß Sie bei mir nicht fanden, was Sie brauchten, aber ... was brauchen Sie eigentlich? Erklären Sie mir das noch einmal ...« »Ja, hätte ich Ihnen das denn schon jemals erklärt? Was ich brauche? Ja, ich bin eben eine ganz gewöhnliche Frau; ich bin eine ruhige Frau, ich liebe ... ich liebe heitere Menschen.« »Heitere Menschen?« »Sie sehen, wie ich nicht einmal mit Ihnen zu sprechen verstehe. Ich glaube, wenn Sie mich weniger zu lieben verstanden hätten, dann hätte ich Sie damals geliebt«, lächelte sie wieder zaghaft. Die vollste Aufrichtigkeit leuchtete in ihrer Antwort, und ich kann mir nicht denken, daß sie nicht begriffen hätte, daß diese Antwort die endgültigste Formel für ihr Verhältnis war, die alles erklärte und entschied. Oh, wie er das hätte verstehen sollen! Aber er sah sie an und lächelte sonderbar. »Und Bjoring ... Ist das ein heiterer Mensch?« fragte er weiter. »Um ihn brauchen Sie sich durchaus keine Sorgen zu machen«, antwortete sie mit einiger Hast. »Ich heirate ihn nur, weil ich in der Ehe mit ihm am ehesten meine Ruhe haben werde. Mein ganzes Herz behalte ich für mich.« »Ich höre, Sie sollen wieder Neigung für die Gesellschaft, die Welt gewonnen haben?« »Nicht für die Gesellschaft. Ich weiß wohl, daß in unserer Gesellschaft genau dieselbe Unordnung herrscht wie überall; aber äußerlich sind ihre Formen noch angenehm; darum ist es, wenn man schon leben will, um am Leben vorüberzugehen, besser, dort zu leben, als sonst irgendwo.« »Ich höre jetzt das Wort ›Unordnung‹ so oft; Sie hat wohl damals auch bei mir die Unordnung erschreckt, meine Büßerketten, meine Ideen, meine Dummheiten?« »Nein, das war doch nicht ganz so ...« »Sondern ...? Sagen Sie mir um Gottes willen alles geradeheraus.« »Gut, ich sage es Ihnen geradeheraus, weil ich Sie für einen sehr klugen Mann halte ... Mir ist an Ihnen immer irgend etwas lächerlich erschienen.« Als sie das gesagt hatte, wurde sie plötzlich rot, als erkenne sie, daß sie eine gewaltige Unvorsichtigkeit begangen hatte. »Sehen Sie, für das, was Sie mir jetzt gesagt haben, kann ich Ihnen viel verzeihen«, sagte er seltsam. »Sie haben mich nicht aussprechen lassen,« sagte sie hastig, immer noch rot im Gesicht, »lächerlich bin in Wirklichkeit ich ... schon, weil ich wie eine Närrin mit Ihnen spreche.« »Nein, lächerlich sind Sie nicht, Sie sind bloß eine verderbte Weltdame!« sagte er und wurde furchtbar bleich. »Sie haben mich vorhin gleichfalls nicht aussprechen lassen, als ich Sie fragte, warum Sie gekommen wären. Wenn Sie wollen, fahre ich jetzt damit fort. Es existiert da ein gewisser Brief, ein Dokument, und vor dem haben Sie eine schreckliche Angst, weil Ihr Vater, wenn er diesen Brief in die Hand bekäme, Sie leicht bei Lebzeiten verfluchen und Sie in seinem Testamente rechtsgültig enterben könnte. Sie haben Angst vor diesem Briefe, und – Sie sind wegen dieses Briefes gekommen«, sagte er, zitternd am ganzen Leibe und beinahe zähneklappernd. Sie hörte ihn mit bekümmertem und schmerzlichem Ausdruck an. »Ich weiß, daß Sie mir sehr viele Widerwärtigkeiten bereiten können«, sagte sie, seine Worte gleichsam von sich weisend. »Aber ich bin nicht so sehr deswegen hergekommen, um Sie zu überreden, mir nicht nachzustellen, als vielmehr, um Sie selber zu sehen. Ich kann Ihnen sogar sagen: ich habe selber seit lange den drängenden Wunsch gehabt, Sie einmal zu treffen. Aber ich habe Sie als denselben getroffen, der Sie früher waren«, fügt sie auf einmal hinzu, gleichsam fortgerissen von einem ganz bestimmten, abschließenden Gedanken, ja von irgendeinem sonderbaren, plötzlich erwachten Gefühl. »Und Sie hatten gehofft, einen andern zu finden? Und das nach meinem Briefe, in dem ich Ihnen Ihre Verderbtheit vorgeworfen habe? Sagen Sie: sind Sie denn ohne jede Angst hierher gekommen?« »Ich bin gekommen, weil ich Sie früher geliebt habe; aber wissen Sie was: ich bitte Sie, drohen Sie mir mit gar nichts, solange wir hier beisammen sind, erinnern Sie mich nicht an meine törichten Gedanken und Gefühle. Wenn Sie mit mir von irgend etwas anderm sprechen wollten, wäre ich froh. Lassen wir die Drohungen für nachher, und sprechen wir von etwas anderem ... Ich bin wirklich gekommen, um Sie einen Augenblick zu sehen und zu sprechen. Nun, und wenn Sie das nicht können, dann erschießen Sie mich einfach; nur drohen Sie mir nicht und martern Sie sich nicht selber vor meinen Augen«, schloß sie und sah ihn in einer sonderbaren Erwartung an, als meinte sie, er würde sie am Ende wirklich erschießen. Er erhob sich wieder von seinem Stuhle, musterte sie mit einem brennenden Blick und sagte fest: »Sie werden dies Haus verlassen, ohne daß Ihnen das Geringste geschehen wäre.« »Ach so, ja, Ihr Ehrenwort!« lächelte sie. »Nein, nicht nur, weil ich Ihnen in dem Briefe mein Ehrenwort gegeben habe, sondern weil ich die ganze Nacht an Sie denken will und werde ...« »Sie wollen sich martern?« »Ich male mir immer Ihr Bild aus, wenn ich allein bin. Ich tue ja nichts als mit Ihnen sprechen. Ich fliehe in Höhlen und Wüsteneien, und, wie ein Kontrast, treten Sie sogleich vor meine Augen. Aber Sie lachen nur über mich, wie jetzt auch ...« Er sagte das wie außer sich ... »Nie, niemals habe ich über Sie gelacht!« rief sie mit ergriffener Stimme, und dabei spiegelte sich auf ihrem Gesichte ein großes Mitleiden. »Wenn ich hergekommen bin, so habe ich mir die größte Mühe gegeben, es so zu machen, daß Ihnen nichts daran kränkend erscheinen könne«, fügte sie plötzlich hinzu. »Ich bin hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie beinahe liebe ... Verzeihen Sie mir, ich habe das alles vielleicht nicht richtig gesagt«, fügte sie hastig hinzu. Er lachte auf: »Warum verstehen Sie es nicht, sich zu verstellen? Warum besitzen Sie diese Einfalt, warum sind Sie nicht wie alle ... Wie kann man denn zu einem Menschen, dem man den Laufpaß gibt, sagen: ›Ich liebe Sie beinahe?‹« »Ich habe mich nur schlecht ausgedrückt,« sagte sie hastig, »so habe ich das nicht gesagt; das kommt daher, weil ich mich vor Ihnen immer geniert habe und in Ihrer Gegenwart von unserer ersten Begegnung an mich nie habe richtig ausdrücken können. Und wenn ich es nicht so mit Worten gesagt habe, daß ich ›Sie beinahe liebe‹, aber im Gedanken war es doch fast so, – deswegen habe ich es ja auch gesagt; denn ich liebe Sie ja mit so ... nun, so einer allgemeinen Liebe, mit der man alle Menschen liebt, und die einzugestehen man sich nie zu genieren braucht ...« Er hörte ihr schweigend zu, ohne den brennenden Blick von ihr zu verwenden. »Ich beleidige Sie natürlich«, fuhr er dann fort, wie außer sich. »Das muß wohl in der Tat das sein, was man Leidenschaft nennt. Ich weiß nur das eine, daß ich in Ihrer Gegenwart fertig bin, und ohne Sie auch. Ohne Sie oder mit Ihnen, wo Sie auch sein mögen, Sie sind immer bei mir. Ich weiß auch, daß ich Sie sehr zu hassen vermag, mehr vielleicht noch als zu lieben. Übrigens, ich denke schon lange über nichts mehr nach – mir ist alles eins. Es tut mir nur leid, daß ich eine Person wie Sie lieben muß ...« Seine Stimme versagte; er fuhr fast atemlos fort. »Was haben Sie? Scheint es Ihnen unheimlich, daß ich so spreche?« lächelte er mit einem blassen Lächeln. »Ich glaube, wenn ich Sie mir dadurch verdienen könnte, so würde ich irgendwo als Säulenheiliger dreißig Jahre lang auf einem Fuße stehen ... Ich sehe, ich tue Ihnen leid; Ihr Gesicht sagt: ›Ich würde dich ja lieben, wenn ich könnte, ich kann aber nicht‹ ... Nicht wahr? Macht nichts, ich habe keinen Stolz. Ich bin bereit, jedes Almosen von Ihnen anzunehmen, wie ein Bettler – hören Sie, jedes ... Was hätte denn ein Bettler für einen Stolz?« Sie stand auf und trat auf ihn zu. »Teurer Freund!« sagte sie, ein unbeschreibliches Gefühl in ihrem Gesicht, und berührte mit der Hand seine Schulter, »ich kann solche Worte nicht hören! Ich werde mein Leben lang an Sie denken, als an einen Menschen, der mir unendlich wert ist, als an das größte Herz, als an etwas besonders Heiliges unter allem, was ich achten und lieben kann. Andrej Petrowitsch, verstehen Sie mich wohl: aus irgendeinem Grund bin ich doch heute hergekommen, Sie teurer, mir einst wie heute teurer Mensch! Ich werde! nie vergessen, wie Sie bei unserer ersten Begegnung meinen Geist erschüttert haben. Lassen Sie uns als Freunde scheiden, – und der Gedanke an Sie wird mir der ernsteste und liebste bleiben mein Leben lang!« »›Scheiden wir, dann werde ich Sie lieben‹; ich werde Sie lieben – nur scheiden müssen wir. Hören Sie,« sagte er mit totenbleichem Gesicht, »schenken Sie mir noch ein Almosen: lieben Sie mich nicht, leben Sie nicht mit mir, wir wollen uns nie sehen; ich werde Ihr Sklave sein – wenn Sie mich rufen; ich werde sofort verschwinden – wenn Sie mich nicht sehen und hören wollen, nur ... nur heiraten Sie keinen andern !« Mein Herz krampfte sich vor Weh zusammen, als ich diese Worte vernahm. Die naive Selbsterniedrigung dieser Bitte war um so mitleiderregender, stach einem um so mehr ins Herz, weil sie so nackt und unmöglich war. Jawohl, natürlich, er bat sie um ein Almosen! Aber konnte er denn glauben, daß sie ja sagen würde? Und dabei erniedrigte er sich bis zur Bitte, er versuchte die Bitte. Es war unerträglich, diesen letzten Grad der Verzweiflung anzusehen. Jeder Zug ihres Gesichtes verzerrte sich gleichsam vor Weh; aber bevor sie noch ein Wort sagen konnte, besann er sich wieder auf sich selbst. »Ich vernichte Sie!« sagte er plötzlich mit einer sonderbaren, entstellten, wie fremden Stimme. »Und wenn ich Ihnen dies Almosen gäbe,« sagte sie plötzlich energisch, »Sie würden sich später ja dafür noch viel grimmiger an mir rächen, als Sie mir heute drohen; denn Sie werden es nie vergessen, daß Sie so als Bettler vor mir gestanden haben ... Ich kann keine Drohungen von Ihnen hören!« schloß sie fast unwillig und sah ihm beinahe herausfordernd in die Augen. »›Drohungen von Ihnen‹, das heißt also: von so einem Bettler! Ich habe nur Spaß gemacht!« sagte er leise und lächelte. »Ich tue Ihnen nichts, haben Sie keine Angst, gehen Sie nur ... und ich will mir alle Mühe geben, Ihnen jenes Dokument wieder zuzustellen – nur gehen Sie jetzt, gehen Sie! Ich habe Ihnen einen dummen Brief geschrieben, und Sie haben auf den dummen Brief geantwortet und sind gekommen – wir sind quitt. Da geht es hinaus«, sagte er und wies auf die Tür (sie hatte durch das Zimmer gehen wollen, in dem ich hinter der Portiere stand). »Verzeihen Sie mir, wenn Sie können.« Sie blieb in der Tür stehen. »Und wenn wir uns künftig einmal erst als die besten Freunde begegnen, dann werden wir wohl auch dieser Szene mit hellem Gelächter gedenken?« sagte er plötzlich; aber alle Fältchen in seinem Gesichte zitterten, wie bei jemand, der vom Fieber geschüttelt wird. »Oh, Gott gebe es!« rief sie und legte die Handflächen vor ihrer Brust zusammen, sah dabei aber scheu in sein Gesicht und schien ergründen zu wollen, was er damit sagen wolle. »Gehen Sie. Viel Verstand haben wir beide schon, aber Sie ... Oh, Sie sind mir weit überlegen! Ich habe Ihnen einen wahnsinnigen Brief geschrieben, aber Sie haben sich entschlossen, herzukommen, um mir zu sagen, daß Sie ›mich beinahe lieben‹. Nein, wir sind beide ›Kollegen im Wahnsinn‹. Bleiben Sie immer so wahnsinnig, werden Sie nicht anders, dann werden wir uns noch als Freunde begegnen – das prophezeie ich Ihnen, das schwöre ich Ihnen!« »Und dann werde ich Sie sicherlich lieben, weil ich das auch jetzt schon fühle!« Die Frau in ihr konnte sich nicht zurückhalten und warf ihm von der Schwelle her diese letzten Worte zu. Sie ging hinaus. Ich eilte leise in die Küche, gönnte Darja Onisimowna, die mich erwartete, kaum einen Blick und begab mich die Küchentreppe hinunter und durch den Hof auf die Straße. Aber ich sah nur noch, wie sie in eine Droschke stieg, die vor der Tür auf sie gewartet hatte. Ich lief die Straße hinunter. Elftes Kapitel   1 Ich lief zu Lambert. Oh, so gern ich auch dieser Sache ein logisches Gesicht geben und auch nur den kleinsten vernünftigen Sinn in alles bringen möchte, was ich an jenem Abend und in jener ganzen Nacht getan habe, so bin ich doch selbst heute noch, wo ich mir alles in Ruhe überlegen kann, auf keine Weise fähig, die Sache in ihrem tatsächlichen Zusammenhang einigermaßen klar darzustellen. Es war ein Gefühl, oder, richtiger gesagt, ein ganzes Chaos von Gefühlen, unter denen ich mich natürlich verirren mußte. Es ist freilich wahr, da war ein beherrschendes Gefühl, das mich überwältigte und den Befehl über alles andere übernahm, aber ... soll ich es bekennen? Zumal ich nicht überzeugt bin ... Als ich zu Lambert hineinstürmte, war ich selbstverständlich außer mir. Ich jagte ihm und Alphonsinka beinahe Schrecken ein. Ich habe immer bemerkt, daß selbst die liederlichsten und verkommensten Franzosen in ihrer häuslichen Lebenshaltung eine große Vorliebe für eine gewisse Art von bourgeoiser Ordentlichkeit besitzen, für eine gewisse höchst prosaische, gewohnheitsmäßig ein für allemal festgesetzte Ordnung des täglichen Lebens. Übrigens merkte Lambert sehr bald, daß irgend etwas geschehen war, und war entzückt, daß er mich endlich bei sich sah, mich endlich in seiner Hand hatte. Er hatte alle diese Tage ja Tag und Nacht nur von diesem einen geträumt! Oh, wie notwendig er mich brauchte! Und nun, da er schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, kam ich plötzlich ganz von selbst, und noch dazu in einem so wahnsinnigen Zustande – genau in dem Zustande, in dem er mich brauchte. »Lambert, Wein her!« schrie ich. »Wir wollen trinken, wir wollen fidel sein. Alphonsinka, wo haben Sie Ihre Gitarre!« Ich will diese ganze Szene nicht beschreiben – es ist überflüssig. Wir tranken, und ich erzählte ihm alles, alles. Er hörte mir gierig zu. Ich schlug ihm geradeheraus – und ich fing selber davon an – ein Komplott vor. Vor allen Dingen müßten wir Katerina Nikolajewna durch einen Brief zu uns bestellen ... »Das ginge«, bestärkte mich Lambert, der jedes meiner Worte aufgriff. Zweitens müßte man ihr, um sie zu überzeugen, mit jenem Briefe eine vollständige Kopie ihres »Dokumentes« schicken, so daß sie daraus klar ersehen könne, daß man sie nicht betrügen wolle. »Ja, das muß man, so muß man es machen!« bestärkte mich Lambert, der ununterbrochen Blicke mit Alphonsinka wechselte. Drittens müßte Lambert sie selbst herbestellen, in seinem eigenen Namen, als irgendein Unbekannter, der gerade aus Moskau angekommen wäre, und ich müßte Wersilow mitbringen. »Wersilow, ja das geht auch«, bestärkte mich Lambert. »Es geht? Nein, es muß geschehen!« rief ich, »unbedingt! Um seinetwillen wird das Ganze ja veranstaltet!« erklärte ich und trank Schluck auf Schluck aus meinem Glase. (Wir tranken alle drei, aber ich glaube, ich trank die ganze Flasche Champagner allein, und sie taten nur so.) »Wersilow und ich werden im Nebenzimmer sitzen – (Lambert, wir müssen uns ein Nebenzimmer verschaffen!)–und wenn sie dann auf einmal auf alles eingeht – auf den Kaufpreis in Geld, und auf den andern Kaufpreis, weil die Weiber alle schlecht sind, dann komme ich mit Wersilow zum Vorschein, und wir überführen sie ihrer Schlechtigkeit, und Wersilow sieht, wie gemein sie ist, und ist auf einmal kuriert, und ihr geben wir? einen Tritt. Aber Bjoring muß auch dabei sein, damit er auch sieht, was sie für ein Weib ist!« fügte ich ganz: außer mir hinzu. »Bjoring, nein ... das ist überflüssig«, bemerkte Lambert. »Doch, gerade!« brüllte ich wieder los. »Du begreifst gar nichts, Lambert, weil du dumm bist! Im Gegenteil, es soll einen Skandal in den: höheren Kreisen geben – dadurch rächen wir uns an den höheren Kreisen und an ihr, sie soll nur ihre Strafe empfangen! Lambert, sie wird dir einen: Wechsel geben ... Ich brauche kein Geld – ich werde auf das Geld spucken, und du mußt dich bücken und es mit meinem Speichel darauf in die Tasche stecken, aber dafür vernichte ich sie!« »Jawohl, jawohl,« bestärkte mich Lambert immer wieder, »so mußt du das machen ...« Er wechselte die ganze Zeit Blicke mit Alphonsinka. »Lambert! Sie verehrt Wersilow ja geradezu; ich hab' mich eben davon überzeugt«, lallte ich. »Sehr gut, daß du das alles belauscht hast:, ich hätte hie gedacht, daß du so ein feiner Spion und so gescheit wärest!« Er wollte mir damit eine Schmeichelei sagen. »Du lügst, Franzos, ich bin kein Spion, aber sehr gescheit bin ich! Und weißt du, Lambert, sie liebt ihn ja doch!« fuhr ich fort, in einem brennenden Streben, mich auszusprechen: »Aber sie heiratet ihn nicht, weil Bjoring Gardeoffizier ist; und Wersilow ist weiter nichts als ein edler Mensch und ein Freund der Menschheit, also nach der Meinung dieser Leute eine komische Figur und – weiter nichts! Oh, sie erkennt diese Leidenschaft und genießt sie, sie kokettiert mit ihm, lockt ihn an, aber sie heiratet ihn nicht! Sie ist ein Weib, sie ist eine Schlange! Jedes Weib ist eine Schlange und jede Schlange ein Weib! Ihn muß man kurieren; ihm muß man die Binde von den Augen reißen: er soll sehen, was für ein Weib sie ist, dann ist er kuriert. Ich bringe ihn zu dir, Lambert!« »Ja, das mußt du«, stimmte mir Lambert zu und goß mir alle Augenblicke das Glas wieder voll. Er zitterte ja nur so davor, daß er mich am Ende durch Widerspruch erzürnen könnte, und daß ich am Ende nicht genug tränke. Das war so plump und auffallend, daß ich es selbst damals bemerken mußte. Aber ich hätte ja selber um keinen Preis mehr fortgehen können; ich trank und redete ohne Unterbrechung und hatte brennende Lust, auch das letzte auszusprechen. Als Lambert hinausging, um eine frische Flasche zu holen, klimperte Alphonsinka irgendeine spanische Weise auf der Gitarre; ich hätte beinahe angefangen zu weinen. »Lambert, weißt du denn auch alles?« rief ich tief ergriffen. »Diesen Mann muß man unbedingt retten, weil er ... einem bösen Zauber verfallen ist. Wenn sie ihn heiraten würde, dann würde er ihr am Morgen nach der ersten Nacht einen Tritt geben ... denn so etwas kommt vor. Denn so eine gewaltsame, wilde Liebe wirkt wie ein Anfall, wie eine Mörderschlinge, wie eine Krankheit, und – kaum hat sie ihr Ziel erreicht – dann fällt einem gleich die Binde von den Augen, und das entgegengesetzte Gefühl gelangt zur Herrschaft – Ekel und Haß, der Wunsch, zu vernichten, zu erdrosseln. Kennst du die Geschichte von Abisagil, Lambert, hast du das gelesen?« »Nein, ich weiß nicht; ist es ein Roman?« murmelte Lambert. »Oh, du weißt aber auch gar nichts, Lambert! Du bist schauerlich, schauerlich ungebildet ... aber ich spuck' darauf. Alles eins! Oh, er liebt Mama; er hat ihr Bild geküßt; er würde die andere am nächsten Morgen 'rausschmeißen, und er würde dann zu Mama kommen; aber das wäre dann schon zu spät, deshalb muß man ihn jetzt retten ...« Zum Schluß fing ich bitterlich an zu weinen; aber ich redete dabei immer weiter und trank fürchterlich viel. Ein charakteristischer Zug war es, daß Lambert den ganzen Abend kein einziges Mal nach dem »Dokument« fragte, das heißt, danach, wo ich es denn eigentlich hätte? Kein Wort davon, daß ich es ihm zeigen und auf den Tisch legen solle. Was hätte einem denn natürlicher erscheinen können als eine Frage danach, wo wir doch den Plan zu einem gemeinsamen Schlage besprachen? Noch ein Zug: wir sprachen immer nur davon, daß wir »das« tun wollten, daß wir »das« bestimmt machen würden, aber wo, wie und wann das vor sich gehen solle – davon sprachen wir gleichfalls kein Wort! Er stimmte mir immer nur zu und wechselte Blicke mit Alphonsinka – weiter nichts! Natürlich, ich konnte damals keine solchen Erwägungen anstellen, aber dennoch ist mir das im Gedächtnis geblieben. Das Ende vom Liede war, daß ich in den Kleidern auf seinem Diwan einschlief. Ich schlief sehr lange und erwachte sehr spät. Ich weiß noch, daß ich nach dem Erwachen noch eine Zeitlang wie betäubt auf dem Diwan liegenblieb und mich bemühte, nachzudenken und mir die Vorgänge des Abends ins Gedächtnis zurückzurufen; dabei stellte ich mich, als ob ich noch immer schliefe. Aber Lambert war schon nicht mehr im Zimmer: er war ausgegangen. Es war schon zehn Uhr; im Ofen prasselte das Feuer, genau wie damals nach jener Nacht, als ich zum ersten Male bei Lambert gewesen war. Aber hinter dem Wandschirm bewachte mich Alphonsinka: ich bemerkte das sogleich, weil sie zweimal hervorschaute und mich musterte, aber ich schloß jedesmal die Augen und tat, als ob ich noch schliefe. Das tat ich, weil ich ganz zerschlagen war und meine Lage erst einmal überdenken mußte. Mit Entsetzen empfand ich die ganze Albernheit und Gemeinheit meiner gestrigen Beichte vor Lambert, meines Komplotts mit ihm, meines Fehlers, ihn überhaupt aufzusuchen! Aber Gott sei Dank, das Dokument war ja noch immer in meinem Besitz, befand sich immer noch eingenäht in meiner Seitentasche; ich fühlte mit der Hand danach – es war da! Also brauchte ich nur aufzustehen und davonzugehen; und sich nachher vor Lambert des allen zu schämen, war der Mühe nicht wert: dazu war Lambert nicht gut genug. Aber ich schämte mich vor mir selber! Ich war mein eigener Richter, und – o Gott, wie sah es in meinem Innern aus! Aber ich will dies höllische, unerträgliche Gefühl und diese Erkenntnis meiner Schmutzigkeit und Gemeinheit nicht beschreiben. Aber immerhin muß ich das eingestehen, weil ich glaube, daß die Zeit dafür gekommen ist. Gesagt werden muß das in meinen Aufzeichnungen. Also, mag man denn wissen, daß ich sie nicht darum beschmutzen und Zeuge davon sein wollte, wie sie Lambert den Kaufpreis zahlen würde (o Niedrigkeit) – nicht darum, um den wahnsinnigen Wersilow zu retten und ihn Mama wiederzugeben, sondern ... vielleicht, weil ich selbst in sie verliebt war, verliebt und eifersüchtig! Eifersüchtig auf wen: auf Bjoring, auf Wersilow? Auf alle, die sie auf den Bällen sehen und mit denen sie sprechen würde, während ich in der Ecke stände, mich meiner selbst schämend? ... Oh, wie gemein! Kurz, ich weiß nicht, auf wen ich eifersüchtig war; aber ich hatte es am gestrigen Abend gefühlt und den Beweis – so klar, wie zweimal zwei vier ist – dafür erhalten, daß sie für mich verloren war, daß diese Frau mich von sich stoßen Und mich verlachen würde wegen meines Betruges und meiner Albernheit! Sie war offen und ehrlich, und ich – ich war ein Spion, der mit Dokumenten in der Tasche herumlief! Das alles habe ich seit jener Zeit in meinem Herzen verborgen getragen, aber jetzt ist die Zeit gekommen, und – ich ziehe das Fazit. Aber noch einmal und zum letzten Male: ich habe mich vielleicht zur Hälfte oder sogar zu fünfundsiebzig Prozent fälschlich beschuldigt! In jener Nacht haßte ich sie wie ein Mensch, der außer sich ist, und nachher wie ein tobsüchtiger Betrunkener. Ich hab' es schon gesagt; es wogte in mir ein Chaos von: Gefühlen und Empfindungen, in dem ich mich selber nicht zurechtfinden konnte. Aber das ist ganz gleich, ausgesprochen mußten sie werden, weil doch wenigstens ein Teil dieser Gefühle echt war. Mit unbezwinglichem Widerwillen und dem unbezwinglichen Entschlüsse, alles wieder gutzumachen, sprang ich plötzlich vom Diwan auf; aber kaum war ich aufgesprungen, als auch schon Alphonsinka hinter dem Schirm hervorgeschossen kam. Ich nahm meinen Pelz und meine Mütze und beauftragte sie, Lambert mitzuteilen, daß ich gestern irregeredet hätte; ich hätte eine Dame verleumdet, ich hätte mir absichtlich nur einen Spaß gemacht, und Lambert solle sich hüten, mir jemals wieder in den Weg zu kommen ... Das alles brachte ich so irgendwie mit Hui und Pfui heraus, hastig, auf französisch, und natürlich höchst unklar; aber zu meiner Verwunderung verstand Alphonsinka alles ausgezeichnet; was aber das allerverwunderlichste war – sie freute sich darüber gleichsam auf ihre Art. »Oui, oui,« sagte sie zu mir, »c'est une honte! Une dame .... Oh, vous êtes généreux, vous! Soyez tranquil, je ferai voir raison à Lambert ...« Ich blieb einen Augenblick in sonderbaren Zweifeln stehen, da ich eine so unerwartete Wandlung in ihren – und also wohl auch Lamberts – Gefühlen bemerkte. Ich ging aber dennoch schweigend hinaus, in meinem Innern sah es ganz wirr aus, und ich konnte nur schlecht denken. Oh, nachträglich habe ich mir schon einen Vers darauf gemacht, aber da war es schon zu spät! Oh, was für satanische Machinationen das waren! Ich will hier haltmachen und diese ganze Geschichte im voraus erklären, weil der Leser sonst das Weitere unmöglich verstehen könnte. Die Sache war die, daß ich schon bei meiner ersten Begegnung mit Lambert, eben damals, als ich in seinem Zimmer auftaute, ihm wie ein Narr irgend etwas davon vorgelallt hatte, daß das Dokument in meiner Tasche eingenäht wäre. Damals war ich plötzlich für kurze Zeit auf seinem Diwan in der Ecke eingeschlafen, und Lambert hatte ungesäumt meine Tasche betastet und sich davon überzeugt, daß in der Tat ein Papier in sie eingenäht war. Später hatte er sich mehrmals davon überzeugt, daß das Papier noch da war: so hatte er mich zum Beispiel während unseres Diners bei den Tataren ein paarmal um die Taille gefaßt, das weiß ich noch sehr gut. Als er schließlich begriffen hatte, wie wichtig dieses Papier war, hatte er sich einen ganz besonderen Plan zurechtgelegt, den ich bei ihm nicht voraussetzen konnte. Ich nahm wie ein Narr die ganze Zeit an, er wolle mich bloß deshalb so hartnäckig in seine Wohnung bringen, um mich zu überreden, gemeinschaftliche Sache mit ihm zu machen und natürlich nur im Einverständnis mit mir zu handeln. Aber, o weh! Er lud mich zu einem ganz anderen Zweck ein! Er lud mich ein, um mich sinnlos betrunken zu machen und, wenn ich dann bewußtlos daläge und schnarchte, meine Tasche aufzutrennen und sich des Dokumentes zu bemächtigen. Und genau nach diesem Plane verfuhr er und Alphonsinka auch in jener Nacht; Alphonsinka war es denn auch, die die Tasche auftrennte. Und als sie den Brief hatten, ihren Brief , mein Moskauer Dokument, nahmen sie ganz einfach einen Bogen Briefpapier von derselben Größe, steckten den in die aufgetrennte Tasche und nähten sie wieder zu, als wäre gar nichts geschehen, so daß ich nichts davon bemerken konnte. Alphonsinka war es auch wieder, die die Tasche zunähte. Und ich, ich ging fast ganz bis zum letzten Ende, noch ganze anderthalb Tage herum und – dachte, ich wäre der Besitzer des Geheimnisses und hätte das Papier, vor dem sich Katerina Nikolajewna so fürchtete, immer noch in Händen. Ein letztes Wort: diese Entwendung des Dokumentes war die Ursache aller weiteren unglückseligen Ereignisse, die nun noch folgen!   2 Die letzten vierundzwanzig Stunden, von denen ich in diesen Aufzeichnungen sprechen will, waren angebrochen, – ich stehe am letzten Ende! Es war, glaube ich, halb elf Uhr, als ich, aufgeregt und, soviel ich mich erinnere, in einer Art sonderbarer Zerstreutheit, aber mit einem endgültigen Entschluß im Herzen, in meine Wohnung kam. Ich war nicht in Eile, ich wußte schon, wie ich handeln wollte. Und plötzlich, ich war kaum in unsern Korridor gekommen, da begriff ich sofort, daß ein neues Unglück hereingebrochen war und die Angelegenheit sich ganz merkwürdig kompliziert hatte: der alte Fürst, den sie soeben von Zarskoje-Selo hergebracht hatten, befand sich in unserer Wohnung, und bei ihm war Anna Andrejewna. Sie hatten ihn nicht in meinem Zimmer untergebracht, sondern in den beiden Zimmern der Wirtsleute, neben dem meinen. Es zeigte sich, daß schon tags vorher in diesen Zimmern einige Änderungen und Verschönerungen vorgenommen worden waren, allerdings nur ganz oberflächlich. Mein Wirt war mit seiner Frau in die Kammer des launenhaften pockennarbigen Zimmerherrn übergesiedelt, von dem ich schon früher gesprochen habe, und der pockennarbige Zimmerherr war für die Zeit ausquartiert worden – wohin, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Hausherr empfing mich und schlüpfte gleich hinter mir in mein Zimmer. Er schaute nicht so sicher drein wie gestern, befand sich; aber in einem sehr erregtem Zustande, sozusagen auf der Höhe der Ereignisse. Ich sagte kein Wort zu ihm, sondern stellte mich, den Kopf zwischen die Hände gepreßt, in eine Ecke und blieb so vielleicht eine Minute stehen. Er dachte anfangs, ich »stellte mich bloß an«, fühlte sich dann aber beunruhigt und platzte heraus: »Ist etwas nicht in Ordnung?« Dann, als er sah, daß ich nicht antwortete, fuhr er fort: »Ich habe auf Sie gewartet, um Sie zu fragen, ob Sie nicht wünschen, daß man die Tür da aufmacht, damit Sie direkten Zugang zu den fürstlichen Gemächern haben ... und nicht über den Korridor müssen?« Er deutete auf eine immer verschlossene Seitentür, die nach den Zimmern führte, die sonst die Wirtsleute beherbergten und jetzt also die Wohnung des Fürsten bildeten. »Hören Sie mal, Piotr Ippolitowitsch,« wendete ich mich mit strenger Miene an ihn, »ich ersuche Sie höflichst, hinüberzugehen und Anna Andrejewna sofort zu einer Unterredung zu mir zu bitten. Sind sie schon lange hier?« »Ja, es wird schon so etwa eine Stunde sein.« »Also, gehen Sie.« Er ging und brachte mir die sonderbare Antwort, Anna Andrejewna und Fürst Nikolaj Iwanowitsch erwarteten mich mit Ungeduld; Anna Andrejewna wollte mich also nicht mit ihrem Besuche beehren. Ich brachte meinen von der Nacht zerknitterten Rock in Ordnung und bürstete ihn aus, wusch mich, kämmte mich, alles ohne Hast, und ging, in dem klaren Bewußtsein, wie vorsichtig ich sein müßte, zu dem alten Herrn hinüber. Der Fürst saß auf dem Diwan hinter dem runden Tisch, und Anna Andrejewna stand am andern Ende des Zimmers an einem andern Tische, der mit einem Tischtuche bedeckt war, und auf dem der so blank wie noch nie geputzte Samowar der Wirtsleute brodelte, und bereitete den Tee für ihn. Ich trat mit derselben strengen Miene ins Zimmer, und der alte Herr, der das sofort bemerkte, fing nur so zu zittern an, und an Steile des Lächelns trat auf sein Gesicht ein höchst erschrockener Ausdruck, aber ich hielt es nicht lange aus, ich fing an zu lachen und streckte ihm die Arme entgegen; der Bedauernswerte stürzte sich nur so in meine Arme. Sicherlich, ich begriff sofort, mit wem ich es hier zu tun hatte. Erstens wurde mir so klar, wie zweimal zwei vier ist, daß sie aus dem alten Herrn, der fast noch rüstig und doch wenigstens halbwegs bei Verstand gewesen war und auch noch ein bißchen Charakter besessen hatte – daß sie aus ihm; in der Zeit, da ich ihn nicht gesehen, eine Art Mumie, eine Art verschüchtertes mißtrauisches, kleines Kind gemacht hatten. Ich füge hinzu: er wußte genau, weswegen er hierhergebracht worden war, und alles war genau so gemacht worden, wie ich es weiter oben vorgreifend erzählt habe. Man hatte ihn einfach überrumpelt, überrascht, zerschmettert mit der Mitteilung von dem Verrate seiner Tochter und ihrem Plane, ihn ins Irrenhaus zu bringen. Er hatte sich entführen lassen, ohne in seiner Angst selber recht zu wissen, was er tat. Man hatte ihm gesagt, daß ich im Besitze des Geheimnisses wäre und den Schlüssel zur endgültigen Entscheidung in Händen hätte. Ich will es gleich sagen: eben vor dieser endgültigen Entscheidung und diesem Schlüssel fürchtete er sich mehr als vor sonst etwas auf Erden. Er hatte also auch erwartet, ich würde mit irgendeinem Todesurteil auf der Stirn und einem Papier in der Hand bei ihm eintreten, und war furchtbar erfreut darüber, daß ich fürs erste noch bereit war, zu lachen und von ganz andern Dingen zu schwatzen. Als wir uns in die Arme schlossen, begann er zu weinen. Ich bekenne, ein ganz klein wenig weinte ich auch; er tat mir eben auf einmal so schrecklich leid ... Alphonsinens kleines Hündchen begann mit dünner Stimme, die wie ein Glöckchen klang, zu kläffen und stürzte vom Diwan herunter auf mich los. Von diesem winzigen Hündchen hatte sich der Fürst seit der Zeit nicht mehr getrennt, da er es gekauft hatte, es schlief sogar bei ihm. »Oh, je disais qu'il a du cœur!« sagte er zu Anna Andrejewna und wies auf mich. »Nein, wie wohl Sie sind, wie famos frisch und gesund Sie aussehen!« sagte ich. O weh! Das gerade Gegenteil war wahr: er war eine Mumie; ich sagte das nur so, um ihn aufzumuntern. »N'est-ce pas, n'est-ce pas?« sagte er erfreut. »Oh, mein Befinden hat sich erstaunlich gebessert.« »Aber trinken Sie doch Ihren Tee, und wenn Sie mir auch ein Täßchen geben, dann leiste ich Ihnen dabei Gesellschaft.« »Wundervoll! ›Wir wollen trinken und fröhlich sein ...‹ oder wie die Verse sonst heißen. Anna Andrejewna, geben Sie ihm Tee; il prend toujours par les sentiments ... geben Sie uns Tee, Liebe.« Anna Andrejewna brachte den Tee, plötzlich aber wendete sie sich zu mir und begann mit ungeheurer Feierlichkeit: »Arkadij Makarowitsch, wir beide, ich und mein Wohltäter, Fürst Nikolaj Iwanowitsch, haben unsre Zuflucht zu Ihnen genommen. Ich sage nur, daß wir zu Ihnen gekommen sind, ganz allein zu Ihnen, und beide bitten wir Sie um Hilfe. Bedenken Sie, daß jetzt fast das ganze Schicksal dieses heiligen, edeln, freventlich beleidigten Mannes in Ihren Händen liegt ... Wir erwarten unser Schicksal von Ihrem ehrlichen Herzen!« Aber sie kam nicht zu Ende; der Fürst fuhr zusammen und zitterte nur so vor Schrecken: »Après, après, n'est-ce pas? Chère amie!« sagte er und erhob flehend die Hände. Ich kann nicht beschreiben, wie unangenehm ihr Vorgehen auch auf mich wirkte. Ich antwortete ihr nicht und begnügte mich damit, eine kalte, gemessene Verbeugung zu machen; dann setzte ich mich an den Tisch und begann absichtlich von etwas anderm zu sprechen, von Gott weiß was für Dummheiten, und fing an zu lachen und Witze zu machen. Der alte Herr war mir sichtlich dankbar und wurde ausgelassen lustig. Aber seine Lustigkeit, so ausgelassen sie sich gebärdete, hatte doch sichtlich irgend etwas Unsichres und konnte sich momentan in tiefste Niedergeschlagenheit verwandeln; das sah man klar auf den ersten Blick. »Cher enfant, ich habe gehört, du warst krank ... Ach, pardon! Ich habe gehört, du hast dich die ganze Zeit mit dem Spiritismus beschäftigt?« »Ich habe gar nicht daran gedacht«, lächelte ich. »Nicht? Wer hat mir denn dann vom Spi–ri–tis–mus erzählt?« »Der Beamte hier, Piotr Ippolitowitsch, hat Ihnen vorhin davon erzählt,« erklärte Anna Andrejewna, »er ist ein sehr lustiger Mensch und kennt eine Menge Anekdoten; wenn Sie wollen, rufe ich ihn.« »Oui, oui, il est charmant ... er weiß Anekdoten, aber rufen wir ihn lieber nachher. Wir wollen ihn rufen, und er soll uns alles erzählen, mais apres. Stell' dir vor, vorhin wird hier der Tisch gedeckt, und er sagt unbesorgt, der fliege nicht davon, wir seien keine Spirits. Fliegen denn wirklich bei den Spirits die Tische?« »Ich weiß wirklich nicht; man behauptet, sie erhöben sich mit allen vier Füßen in die Luft.« »Mais c'est terrible ce que tu dis,« sagte er und sah mich erschrocken an. »Oh, sein Sie unbesorgt, das ist ja doch Unsinn.« »Das sag' ich ja doch auch. Nastasia Stepanowna Salomejewa ... du kennst sie ja ... ach so, nein, du kennst sie nicht – ... stell' dir vor, sie glaubt auch an den Spiritismus, und stellen Sie sich vor, chère enfant,« wendete er sich an Anna Andrejewna, »ich hab' zu ihr gesagt: in den Ministerien stehen ja doch auch Tische, und auf einem liegen gleich acht paar Beamtenhände und schreiben Akten – warum tanzen denn da die Tische nicht? Stell' dir vor, wenn die auf einmal zu tanzen anfangen! Eine Revolution der Tische im Finanz- oder Kultusministerium – das fehlte uns gerade noch!« »Was für nette Sachen Sie sagen, ganz wie früher«, rief ich und gab mir Mühe, recht herzlich zu lachen. »N'est-ce pas? Je ne parle pas trop, mais je dis bien.« »Ich will Piotr Ippolitowitsch holen.« Anna Andrejewna erhob sich. Ihr Gesicht strahlte vor Zufriedenheit: sie zog ihre Schlüsse daraus, daß ich so freundlich gegen den alten Herrn war, und freute sich. Aber kaum war sie draußen, als sich plötzlich das Gesicht des Alten momentan und gänzlich veränderte. Er warf einen hastigen Blick nach der Tür, sah sich rundum, beugte sich vom Diwan zu mir herüber und flüsterte mir mit erschrockner Stimme zu: »Cher ami! O wenn ich sie doch alle beide hier beisammen sehen könnte! Oh, cher enfant!« »Fürst, seien Sie ganz ruhig ...« »Ja, ja, aber ... wir wollen sie versöhnen, n'est-ce pas? Ein so sinnloser, kleinlicher Streit zwischen zwei so herrlichen Frauen n'est-ce pas? Auf dich allein setze ich meine ganze Hoffnung ... Wir wollen das hier schon alles in Ordnung bringen; und was das hier für eine merkwürdige Wohnung ist,« er sah sich furchtsam um, »und weißt du, dieser Wirt ... er hat so ein Gesicht ... Sag', ist er nicht gefährlich?« »Der Wirt? O nein, in welcher Beziehung sollte der denn gefährlich sein?« »C'est ça. Um so besser. II semble qu'il est bête, ce gentilhomme. Cher enfant, um Christi willen, sag' Anna Andrejewna nichts davon, daß ich mich hier vor allem fürchte: ich hab' hier vom ersten Augenblicken getan, als ob ich alles sehr nett fände, auch den Wirt; Hör' mal, kennst du die Geschichte von Herrn von Sohn – erinnerst du dich daran?« »Nun, und?« »Rien, rien du tout ... Mais je suis libre ici, n'est-ce pas? Was meinst du? Hier kann mir doch nicht am Ende etwas passieren ... so etwas Ähnliches?« »Ich versichre Sie, Teuerster ... was glauben Sie denn!« »Mon ami! Mon enfant!« rief er plötzlich und legte die Hände vor seiner Brust zusammen und gab sich gar keine Mühe mehr, seine Angst zu verbergen, »wenn du wirklich etwas hast ... Dokumente ... Kurz und gut – wenn du mir irgend etwas zu sagen hast, so sag' es nicht; um Gottes willen, sag' mir gar nichts ... schweig so lange wie irgend möglich ...« Er wollte sich in meine Arme werfen; Tränen liefen ihm über das Gesicht; ich kann nicht beschreiben, wie sich mir das Herz zusammenkrampfte: der arme Alte glich einem traurigen, schwachen, erschrocknen kleinen Kinde, das Zigeuner aus dem Vaterhause entführt und zu fremden Leuten gebracht haben. Aber man ließ uns nicht Zeit, uns in die Arme zu stürzen: die Tür ging auf, und Anna Andrejewna erschien, aber nicht mit dem Wirt, sondern mit ihrem Bruder, dem Kammerjunker. Diese Überraschung machte mich starr; ich stand auf und ging nach der Tür. »Arkadij Makarowitsch, darf ich Sie bekannt machen«, sagte Anna Andrejewna laut, so daß ich unwillkürlich stehenbleiben mußte. »Ich kenne Ihren Bruder nur zu gut «, sagte ich, jede Silbe deutlich aussprechend und mit besondrer Betonung der Worte »nur zu gut.« »Ach, das war ein bedauerliches Versehen! Und das tut mir so leid, lieber And ... Andrej Makarowitsch,« murmelte der junge Mensch und kam mit außerordentlich vergnügter Miene auf mich zu und ergriff meine Hand, die ich ihm nicht entziehen konnte, »mein Stepan ist ganz allein schuld; er hat Sie mir damals auf so dumme Weise gemeldet, daß ich Sie für jemand ganz andres hielt – das war in Moskau«, erklärte er seiner Schwester. »Nachher habe ich Sie durchaus aufsuchen wollen, aber ich wurde krank, fragen Sie nur meine Schwester. Cher prince, nous devons être amis même par droit de naissance ...« Und der freche junge Mensch erdreistete sich sogar, den Arm um meine Schulter zu legen, was doch wirklich schon der Gipfel der Familiarität war. Ich machte mich los, war aber sehr verwirrt und zog es vor, mich möglichst schnell zu entfernen, ohne ein Wort zu sagen. In meinem Zimmer setzte ich mich aufs Bett, tief in Gedanken und sehr erregt. Die Intrige schnürte mir die Kehle zu, aber ich konnte trotzdem Anna Andrejewna nicht so einfach vor den Kopf stoßen und sie im Stiche lassen. Ich fühlte auf einmal, daß auch sie mir teuer war, und daß ihre Situation schrecklich war.   3 Wie ich erwartet hatte, kam sie selber in mein Zimmer herüber und ließ den Fürsten in der Gesellschaft ihres Bruders, der dem Fürsten gleich allerlei ganz frische und neugebackne Klatschgeschichten aus der Gesellschaft zu erzählen begann, wodurch er den leicht zu beeinflussenden alten Herrn sofort ablenkte und aufheiterte. Ich erhob mich schweigend, mit fragender Miene, von meinem Bette. »Ich habe Ihnen alles gesagt, Arkadij Makarowitsch,« begann sie geradezu, »unser Schicksal liegt in Ihren Händen.« »Aber ich habe Ihnen ja auch schon im voraus gesagt, daß ich nicht in der Lage bin ... Die heiligsten Verpflichtungen verbieten mir das zu tun, worauf Sie rechnen ...« »So? Das ist Ihre Antwort? Nun ja, mag ich zugrunde gehen; aber der alte Herr? Was glauben Sie denn: heute abend noch verliert er den Verstand!« »Nein, er verliert den Verstand, wenn ich ihm den Brief seiner Tochter zeige, in dem die einen Advokaten befragt, auf welche Weise man ihren Vater am besten für irrsinnig erklären könne!« rief ich erregt. »Das ist es, was er nicht ertragen würde. So erfahren Sie denn, daß er an diesen Brief nicht glaubt, er hat es mir bereits gesagt!« Daß er mir das gesagt hätte, log ich hinzu: aber mir erschien das vorteilhaft. »Er hat es Ihnen schon gesagt? Habe ich's mir doch gedacht! In dem Fall bin ich verloren; er hat auch schon geweint und nach Hause verlangt.« »Teilen Sie mir doch mit, worin eigentlich Ihr Plan besteht«, fragte ich eindringlich. Sie wurde rot, sozusagen aus verletzter Eitelkeit, aber sie nahm sich zusammen: »Mit diesem Briefe seiner Tochter in der Hand stehen wir vor den Augen der Welt gerechtfertigt da. Ich werde sofort zu Fürst W– und zu Boris Michajlowitsch Pelistschow, seinen Jugendfreunden, schicken; das sind beides hochachtbare und einflußreiche Männer, und sie haben, das weiß ich, schon vor zwei Jahren gewisse Handlungen seiner mitleidlosen und habsüchtigen Tochter aufs schärfste verurteilt. Sie werden ihn natürlich, auf meine Bitte hin, mit seiner Tochter versöhnen, und ich werde selbst darauf bestehen; aber dafür wird sich die Lage der Dinge doch gänzlich verändert haben. Außerdem werden sich dann auch meine Verwandten, die Fanariotows, entschließen, für meine Rechte einzutreten, darauf rechne ich zuversichtlich. Aber an erster Stelle steht für mich sein Glück; er soll endlich einsehen und schätzen lernen, wer ihm wirklich aufrichtig ergeben ist. Sicherlich rechne ich vor allen Dingen auf Ihren Einfluß, Arkadij Makarowitsch: Sie haben ihn ja so lieb ... Und wer hat ihn denn auch sonst lieb, außer Ihnen und mir? Er hat ja die letzten Tage bloß von Ihnen gesprochen; er hat Sehnsucht nach Ihnen gehabt, Sie sind sein ›junger Freund‹ ... Und es ist ja ganz selbstverständlich, daß meine Dankbarkeit gegen Sie zeit meines Lebens keine Grenzen mehr kennen wird ...« Also, da versprach sie mir schon eine Belohnung, – Geld, womöglich. Ich unterbrach sie scharf: »Soviel Sie auch reden mögen, ich kann nicht«, sagte ich mit der Miene unerschütterlicher Entschlossenheit. »Ich kann weiter nichts, als Ihnen mit der gleichen Aufrichtigkeit erwidern und Ihnen meine letzten Absichten mitteilen: ich werde in kürzester Zeit diesen verhängnisvollen Brief Katerina Nikolajewna aushändigen, aber unter der Bedingung, daß aus allem, was jetzt geschehen ist, kein Skandal entsteht, und daß sie mir vorher ihr Wort gibt, Ihrem Glück nicht im Wege stehen zu wollen. Das ist alles, was ich tun kann.« »Das ist unmöglich!« sagte sie, heftig errötend. Der bloße Gedanke, daß Katerina Nikolajewna sie schonen könnte, erregte ihre Entrüstung. »Ich andre meinen Entschluß nicht, Anna Andrejewna.« »Vielleicht ändern Sie ihn doch.« »Wenden Sie sich doch an Lambert!« »Arkadij Makarowitsch, Sie wissen nicht, was für Unglück aus Ihrem Eigensinn entstehen kann«, sagte sie rauh und erbittert. »Unglück wird entstehen – das ist sehr wahrscheinlich ... mir dreht sich der Kopf. Ich habe mit Ihnen nichts mehr zu reden: ich bin entschlossen – und: Schluß! Nur um eins bitte ich Sie: bringen Sie um Gottes willen nicht Ihren Bruder zu mir.« »Er möchte es ja aber gerade gutmachen ...« »Er braucht gar nichts gutzumachen! Ich brauche das nicht, ich will nicht, ich will nicht!« rief ich und faßte mich an den Kopf. (Oh, es mag schon sein, daß ich sie damals gar zu sehr von oben herab behandelte!) »Sagen Sie übrigens: wo wird der Fürst denn heute nächtigen? Doch nicht am Ende hier?« »Er wird hier nächtigen, bei Ihnen und mit Ihnen.« »Ich ziehe heute abend in eine andre Wohnung!« Nach diesen schonungslosen Worten nahm ich meine Mütze und begann meinen Pelz anzuziehen. Anna Andrejewna beobachtete mich schweigend und mit bösen Blicken. Mir tat sie leid, – oh, wie leid tat mir dieses stolze Mädchen! Aber ich verließ die Wohnung, ohne ihr ein Wort zu hinterlassen, das ihr hätte Hoffnung geben können.   4 Ich will mir Mühe geben, möglichst kurz zu sein. Mein Entschluß war unerschütterlich, und ich begab mich direkt zu Tatjana Pawlowna. Oweh! Es hätte ein großes Unglück vermieden werden können, wenn ich sie damals zu Hause getroffen hätte; aber als läge eine böse Absicht darin, verfolgte mich an diesem Tage ein ganz besondres Mißgeschick. Ich ging natürlich auch zu Mama, erstens um mich nach der armen Mama zu erkundigen, und zweitens, weil ich fast mit Sicherheit darauf rechnete, dort Tatjana Pawlowna anzutreffen: aber auch da war sie nicht; sie war gerade fortgegangen, niemand wußte, wohin, und Mama lag krank, und nur Lisa war bei ihr geblieben. Lisa bat mich, nicht hineinzugehen und Mama nicht zu wecken: »Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen und sich sehr gequält; Gott sei Dank, daß sie jetzt wenigstens eingeschlafen ist.« Ich schloß Lisa in meine Arme und sagte ihr nur zwei Worte davon, daß ich einen großen und schicksalträchtigen Entschluß gefaßt hätte und ihn sofort ausführen wollte. Sie hörte mich ohne besondre Überraschung an, als sagte ich das Allergewöhnlichste. Oh, sie hatten sich alle so sehr daran gewöhnt, daß ich unumstößliche »letzte Entschlüsse« faßte und ihnen dann gleich wieder kleinmütig entsagte. Aber diesmal – diesmal lag die Sache ganz anders! Ich ging in die Kellerwirtschaft und saß dort, um die Zeit abzuwarten und Tatjana Pawlowna dann nachher ganz bestimmt zu Hause zu treffen. Übrigens muß ich erklären, weshalb ich diese Dame auf einmal so notwendig brauchte. Die Sache war die, daß ich sie sofort zu Katerina Nikolajewna schicken wollte, um diese in Tatjana Pawlownas Wohnung zu bitten und ihr in deren Gegenwart das Dokument zu geben und ihr alles ein für allemal zu erklären. Kurz, ich wollte nur meine Schuldigkeit tun; ich wollte mich ein für allemal rechtfertigen. Wenn ich damit fertig war, wollte ich sicher und ganz unbedingt auch ein paar Worte zu Anna Andrejewnas Gunsten sprechen und, wenn das ginge, Katerina Nikolajewna und Tatjana Pawlowna (als Zeugen) gleich mitnehmen und in meine Wohnung bringen, das heißt, zum Fürsten, und auf diese Weise die feindlichen Frauen versöhnen, den Fürsten wieder aufrichten und ... und ... kurz, wenigstens hier, in diesem engen Kreise, noch heute alle glücklich machen, so daß also nur noch Wersilow und Mama übrigblieben. Ich konnte am Erfolge nicht zweifeln: Katerina Nikolajewna konnte mir in ihrer Dankbarkeit für die Rückerstattung des Briefes, wofür ich nichts von ihr verlangen würde, diese Bitte nicht abschlagen. O weh! Ich bildete mir noch immer ein, ich besäße das Dokument. Oh, in was für einer dummen und unwürdigen Situation ich mich damals befand, ohne es selber zu ahnen! Es dämmerte schon stark und war schon vier Uhr, als ich wieder bei Tatjana Pawlowna vorsprach. Marja sagte mir in grobem Tone, sie wäre »noch nicht gekommen«. Heute sehe ich ihren sonderbaren Blick, mit dem sie mich unter gesenkter Stirn hervor unfreundlich musterte, deutlich vor Augen; aber selbstverständlich konnte mir damals noch nichts daran auffallen. Im Gegenteil, mich stach plötzlich ein andrer Gedanke: als ich geärgert und etwas niedergeschlagen die Treppe bei Tatjana Pawlowna wieder hinunterstieg, fiel mir auf einmal der arme Fürst ein, der vorhin seine Arme nach mir ausgestreckt hatte – und ich machte mir Vorwürfe, daß ich ihn verlassen hatte, und das vielleicht bloß aus persönlicher Empfindlichkeit. Ich begann mir auszumalen, daß ihm da während meiner Abwesenheit am Ende etwas ganz Schlimmes könnte geschehen sein und eilte nach Hause. Zu Hause war inzwischen aber nur folgendes vor sich gegangen: Anna Andrejewna hatte vorhin, als sie im Zorne von mir gegangen war, durchaus noch nicht den Mut verloren. Ich muß erwähnen, daß sie schon am Morgen nach Lambert geschickt hatte und dann noch einmal; und da Lambert immer nicht zu Hause war, so hatte sie schließlich ihren Bruder ausgeschickt, ihn zu suchen. Die Arme setzte, als sie meinen Widerstand sah, auf Lambert und dessen Einfluß auf mich ihre letzte Hoffnung. Sie erwartete Lambert mit Ungeduld und wunderte sich nur, daß er, der bis zum heutigen Tage kaum einen Schritt von ihrer Seite gewichen war und immer um sie herumscherwenzelt hatte, sie auf einmal ganz links liegenließ und selber verschwunden war. O weh! Es konnte ihr ja nicht in den Sinn kommen, daß Lambert jetzt im Besitze des Dokumentes war und ganz neue Entschlüsse gefaßt hatte und deshalb natürlich verschwinden und sich absichtlich vor ihr verstecken mußte. Also war Anna Andrejewna in ihrer seelischen Unruhe und ihrer wachsenden Aufregung kaum fähig, den alten Herrn zu unterhalten; und dabei wuchs seine Unruhe zu drohenden Dimensionen an. Er stellte sonderbare und scheue Fragen, er sah sie sogar mit mißtrauischen Augen an und begann mehrere Male zu weinen. Der junge Wersilow war vorhin nicht lange bei ihm geblieben. Dann hatte Anna Andrejewna schließlich Piotr Ippolitowitsch zu ihm gebracht, auf den sie solche Hoffnungen setzte, aber dieser hatte durchaus keinen Gefallen, sondern sogar Widerwillen erregt. Überhaupt sah der Fürst Piotr Ippolitowitsch mit stetig wachsendem Mißtrauen und in einem sonderbaren Verdacht an. Und mein Wirt mußte für sein Teil das Gespräch auch richtig wieder auf den Spiritismus bringen und auf allerlei Hokuspokus, den er selbst einmal in einer Vorstellung gesehen haben wollte: nämlich wie irgendein herumziehender Scharlatan vor versammelten Publikum den Leuten die Köpfe abgeschnitten hätte, daß das Blut nur so geflossen wäre; und alle hätten das gesehen, und dann hätte er die Köpfe wieder auf die Rümpfe gesetzt, und sie wären wieder angewachsen, gleichfalls vor versammeltem Publikum, und das alles wäre im Jahre neunundfünfzig geschehen. Der Fürst entsetzte sich so und wurde gleichzeitig, Gott weiß warum, so böse, daß Anna Andrejewna genötigt war, den Erzähler schleunigst zu entfernen. Zum Glück kam dann das Mittagessen, das schon tags zuvor (durch Lamberts und Alphonsines Vermittlung) irgendwo in der Nachbarschaft bestellt worden war, und zwar bei einem ausgezeichneten französischen Koch, der ohne Stelle war und eine Stellung in einem adeligen Hause oder Klub suchte. Das Mittagessen, zu dem es Champagner gab, heiterte den alten Herrn auf; er aß tüchtig und war sehr aufgeräumt. Nach dem Essen wurde er natürlich müde und wollte schlafen, und da er nach dem Essen stets zu schlafen pflegte, richtete ihm Anna Andrejewna sein Bett. Vor dem Einschlafen küßte er ihr in einem fort die Hände, sagte, sie wäre sein Paradies, seine Hoffnung, seine Huri, seine »Goldblume« – kurz, er bewegte sich in ganz orientalischen Ausdrücken. Schließlich schlief er ein, und eben da kam ich nach Hause zurück. Anna Andrejewna kam eilig zu mir herüber und bat mich mit aufgehobnen Händen, ich möchte, nicht um ihretwillen, sondern nur um des Fürsten willen, nicht wieder ausgehen und wenn er aufwache, zu ihm hinübergehen. »Ohne Sie ist er verloren, er bekommt einen nervösen Anfall; ich habe Angst, daß er es nicht mehr bis heute abend aushält ...« Sie fügte hinzu, sie selbst müsse notwendigerweise fort, und ihre Abwesenheit könne »möglicherweise zwei Stunden« dauern, sie ließe also den Fürsten einzig und allein in meiner Obhut zurück. Ich gab ihr gern mein Wort, bis zum Abend daheim zu bleiben und mir, wenn er erwache, alle Mühe zu geben, ihn zu unterhalten. »Und ich tue meine Pflicht!« schloß sie energisch. Sie ging. Vorgreifend will ich gleich sagen: sie ging fort, um Lambert zu suchen: das war ihre letzte Hoffnung; außerdem ging sie auch zu ihrem Bruder und ihren Verwandten, den Fanariotows; man kann sich denken, in welcher Gemütsverfassung sie zurückkehrte. Der Fürst erwachte vielleicht eine Stunde, nachdem sie gegangen war. Ich vernahm sein Stöhnen durch die Wand und lief sogleich zu ihm hinüber; ich fand ihn auf dem Bette sitzend, im Schlafrock, aber so erschreckt durch die Einsamkeit und das matte Licht der Lampe in dem fremden Zimmer, daß er bei meinem Eintritt zusammenfuhr, emporsprang und aufschrie. Ich stürzte auf ihn zu, und als er mich erkannte, umarmte er mich mit Tränen der Freude. »Mir ist gesagt worden, du wärst in irgendeine andre Wohnung gezogen, du hättest dich erschreckt und wärst geflohen.« »Wer sollte Ihnen denn das haben sagen können?« »Wer? Siehst du, es kann ja sein, daß ich mir das selbst ausgedacht habe, aber vielleicht hat mir das auch einer gesagt. Stell' dir vor, ich hab' eben etwas geträumt: es kam ein alter Mann mit einem großen Barte herein, der hatte in der Hand ein Heiligenbild, das war in zwei Teile zerbrochen, und auf einmal sagte er: ›So soll dein Leben zerbrochen werden!‹« »Ach, du lieber Gott, es hat Ihnen wohl schon jemand davon erzählt, daß Wersilow gestern das Heiligenbild zerbrochen hat?« »N'est-ce pas? Jawohl, jawohl! Darja Onisimowna hat es mir heute früh erzählt. Sie hat meinen Handkoffer und den kleinen Hund hergebracht.« »Na, darum haben Sie das auch geträumt.« »Na, einerlei; und stell' dir vor, dieser alte Mann hat mir immer so mit dem Finger gedroht. – Wo ist denn Anna Andrejewna?« »Sie kommt gleich wieder.« »Wo ist sie? Ist sie auch fort?« rief er schmerzlich erregt. »Nein, nein, sie wird gleich wieder da sein. Sie hat mich gebeten, solange bei Ihnen zu bleiben.« »Oui, sie soll kommen. Also, unser Andrej Petrowitsch ist verrückt geworden, so unerwartet und ganz im stillen! Ich hab' ihm immer prophezeit, daß es noch einmal dieses Ende mit ihm nehmen würde. Lieber Freund, hör' doch ...« Er faßte mich plötzlich an meinem Rock und zog mich ganz nah zu sich hin. »Der Wirt hier«, wisperte er mir ins Ohr, »bringt mir vorhin auf einmal Photographien, ekelhafte Weiberphotographien, lauter nackte Weiber in allerhand orientalischen Posen, und fängt auf einmal an, sie mir durch ein Glas zu zeigen ... Siehst du, ich hab' mich zusammengenommen und getan, als ob ich sie schön fände; aber genau so ekelhafte Frauenzimmer haben sie doch auch zu jenem Unglücklichen gebracht, um ihn dann bequemer vergiften zu können ...« »Sie reden immer von Herrn von Sohn; aber lassen Sie das doch, Fürst! Der Wirt ist ein Esel und weiter nichts!« »Ein Esel und weiter nichts! C'est mon opinion! Lieber Freund, wenn du kannst, befreie mich hier!« bat er mich plötzlich mit aufgehobenen Händen. »Fürst, ich tue alles, was ich vermag! Ich bin ganz der Ihre ... Liebster Fürst, haben Sie nur Geduld, ich bringe vielleicht noch alles in die schönste Ordnung!« »N'est-ce pas? Wir machen uns auf und entfliehen, und den Handkoffer lassen wir da, damit er glaubt, wir kämen wieder.« »Wohin sollen wir fliehen? Und Anna Andrejewna?« »Nein, nein, zusammen mit Anna Andrejewna ... Oh, mon eher, in meinem Kopfe sieht's aus wie Kraut und Rüben ... Warte mal ... da im Handkoffer, auf der rechten Seite ist ein Bild von Katja; ich hab' es heute früh ganz heimlich hineingesteckt, damit Anna Andrejewna und namentlich Darja Onisimowna es nicht bemerken; hol' es heraus, aber um Gottes willen schnell und vorsichtig, damit wir nicht überrascht werden ... Kann man denn nicht einen Riegel vor die Tür schieben?« In der Tat fand ich im Koffer eine Photographie von Katerina Nikolajewna in ovalem Rahmen. Er nahm sie in die Hand und hielt sie ans Licht, und plötzlich rollten Tränen seine gelben, hagern Wangen hinunter: »C'est un ange, c'est un ange du ciel!« rief er. »Mein Leben lang hab' ich ihr unrecht getan ... und nun erst jetzt! Cher enfant, ich glaube nichts davon, gar nichts glaube ich! Lieber Freund, sag' mir eins: kann man sich's denn vorstellen, daß man mich ins Irrenhaus sperren will? Je dis des choses charmantes et tout le monde rit ... Und so einen Mann sperrt man auf einmal ins Irrenhaus?« »Davon ist nie die Rede gewesen!« rief ich. »Das ist ein Versehen. Ich kenne ihre Gefühle!« »Auch du kennst ihre Gefühle? Na, dann ist's ja ausgezeichnet! Lieber Freund, du hast mich wieder aufgerichtet. Was haben sie mir denn eigentlich alles von dir erzählen wollen? Lieber Freund, ruf mir Katja her, sie sollen sich beide vor meinen Augen den Versöhnungskuß geben, und ich nehme sie dann nach Hause mit, und den Wirt jagen wir fort!« Er stand auf, erhob seine Hände und fiel plötzlich vor mir auf die Knie: »Cher,« flüsterte er in einer jetzt schon direkt wahnsinnigen Angst und zitterte dabei am ganzen Leibe wie ein dürres Blatt, »lieber Freund, sag' mir die ganze Wahrheit: wohin soll ich jetzt gebracht werden?« »Um Gottes willen!« rief ich, während ich ihn aufhob und auf das Bett setzte. »Sie scheinen ja jetzt selbst mir nicht mehr zu glauben; Sie glauben, ich wäre auch mit im Komplott? Ich erlaube hier doch keinem, Sie auch nur mit einem Finger anzurühren!« »C'est ça, laß es nicht zu«, stammelte er und klammerte sich, immer noch zitternd, mit beiden Händen an meine Ellbogen. »Liefre mich an niemand aus! Und du selbst lüg' mir nichts vor ... wird man mich denn wirklich wieder von hier fortbringen? Hör' mal, dieser Wirt – Ippolit, oder wie er heißt – ist ... er denn kein Arzt?« »Was für ein Arzt?« »Ist dies ... ist dies kein Irrenhaus, hier, dieses Zimmer?« Aber in diesem Augenblick öffnete sich plötzlich die Tür, und Anna Andrejewna kam herein. Sie hatte wahrscheinlich an der Tür gehorcht und sie in ihrer Erregung gar zu plötzlich geöffnet – der Fürst, der bei jedem Knarren der Dielenbretter zusammenfuhr, schrie auf und warf sich mit dem Gesicht aufs Kissen. Er bekam schließlich doch eine Art Anfall, der sich in lautem Schluchzen entlud. »Das ist Ihr Werk«, sagte ich zu ihr und zeigte auf den alten Mann. »Nein, das ist Ihr Werk!« schrie sie scharf. »Zum letztenmal wende ich mich an Sie, Arkadij Makarowitsch: wollen Sie die teuflische Intrige gegen diesen wehrlosen alten Mann ans Licht bringen und auf ›Ihre unsinnigen und kindischen Liebesgedanken‹ verzichten, um Ihre leibliche Schwester zu retten?« »Ich rette Sie alle, aber nur auf die Art, wie ich es Ihnen vorhin schon erklärt habe! Ich muß schleunigst wieder fort; vielleicht ist schon in einer Stunde Katerina Nikolajewna selbst hier! Ich versöhne Sie alle, und alle werden glücklich sein!« rief ich beinah in einer Art von Verzückung. »Bring' sie, bring' sie mir her«, fuhr der Fürst auf. »Bringt mich zu ihr! Ich will Katja sehen und sie segnen«, rief er mit erhobnen Händen und raffte sich vom Bette auf. »Sehen Sie«, sagte ich zu Anna Andrejewna und zeigte auf ihn. »Hören Sie, was er sagt: jetzt hilft Ihnen kein Dokument mehr; komme, was da wolle.« »Das sehe ich, aber es könnte noch dazu dienen, mein Vorgehen in den Augen der Welt zu rechtfertigen, so aber bin ich mit Schimpf und Schmach bedeckt! Lassen wir das; mein Gewissen ist rein. Ich bin von aller Welt verlassen, selbst von meinem leiblichen Bruder, weil er sich vor dem Mißlingen fürchtet ... Aber ich erfülle meine Pflicht und bleibe bei diesem Unglücklichen, als seine Wärterin, seine Pflegerin!« Aber es war keine Zeit zu verlieren, ich lief eilends hinaus. »Ich komme in einer Stunde wieder und komme nicht allein!« rief ich in der Tür noch zurück. Zwölftes Kapitel   1 Und endlich traf ich Tatjana Pawlowna! Ich erzählte ihr kurz und gut alles – alles, was sich auf das Dokument bezog, und alles bis zur letzten Kleinigkeit, was heute in meiner Wohnung geschehen war. Wenn sie selber auch diese Ereignisse nur zu gut begriff und alles aus zwei Worten hätte entnehmen können, so nahm uns die Verständigung darüber doch vielleicht zehn Minuten. Ich sprach allein, ich sagte die ganze Wahrheit und schämte mich nicht. Sie saß schweigend und regungslos, gerade aufgerichtet wie eine Stricknadel auf ihrem Stuhle, die Lippen zusammengepreßt, ohne den Blick von mir zu verwenden, und gespannt lauschend. Als ich aber ausgesprochen hatte, sprang sie auf einmal so hastig von ihrem Stuhle auf, daß ich gleichfalls aufsprang. »Ach, du junger Hund! So war dieser Brief also wirklich in deine Tasche eingenäht, und eingenäht hat ihn diese Gans von einer Maria Iwanowna! Ach ihr scheußlichen Ekel! So bist du also hergekommen, um Herzen zu bezwingen, um die vornehme Gesellschaft zu besiegen. Du wolltest dich an Satan Iwanowitsch dafür rechen, daß du ein unehelicher Sohn bist?« »Tatjana Pawlowna,« rief ich, »lassen Sie das Zanken! Vielleicht sind gerade Sie, mit Ihrem Zanken, von Anfang an die Ursache meiner Erbitterung hier gewesen. Ja, ich bin ein unehelicher Sohn, und ich wollte mich vielleicht wirklich dafür rächen, daß ich ein unehelicher Sohn bin, und vielleicht wirklich an irgendeinem Satan Iwanowitsch, weil der Satan selber ja nicht herausbringen kann, wer da die Schuld trägt; aber bedenken Sie: ich habe den Pakt mit den Halunken zurückgewiesen und meine Leidenschaften besiegt! Ich werde schweigend das Dokument vor sie hinlegen und davongehen, ohne auch nur ein Wort von ihr zu erwarten; Sie werden selber Zeuge sein!« »Gib her, gib den Brief sofort her, leg' ihn sofort hier auf den Tisch! Ja, du schwindelst am Ende gar?« »Er ist in meine Tasche eingenäht; Maria Iwanowna hat ihn selbst eingenäht; und als ich mir hier einen neuen Rock hatte machen lassen, hab' ich ihn aus dem alten herausgenommen und ihn selber in den neuen Rock eingenäht; hier ist er, fühlen Sie nur, ich schwindle nicht!« »Gib her, hol' ihn heraus!« drängte Tatjana Pawlowna stürmisch. »Um keinen Preis, das sag' ich Ihnen noch einmal; ich werde ihn in Ihrem Beisein vor sie hinlegen und davongehen, ohne auf ein einziges Wort von ihr zu warten; aber sie muß es wissen und mit eignen Augen sehen, daß ich, ich selbst ihn ihr übergebe, freiwillig, ohne Nötigung und ohne Lohn.« »Schon wieder solche Fatzkereien? Immer noch verknallt in sie, du junger Hund?« »Sagen Sie mir so viel Schnödigkeiten, wie Sie wollen; ich mag das ja verdient haben, aber ich nehme es nicht übel. Oh, mag ich ihr doch als ein kleiner Junge erscheinen, der ihr aufgelauert und ein Komplott gegen sie geplant hat; aber sie soll erkennen, daß ich mich selbst überwunden habe und ihr Glück über alles in der Welt gestellt habe! Macht nichts, Tatjana Pawlowna, macht nichts! Ich rufe mir zu: Courage und Hoffnung! Mag nun dies mein erster Schritt ins Leben hinaus gewesen sein, aber er ist gut ausgegangen, er ist vornehm ausgegangen. Und was ist dabei, daß ich sie liebe,« fuhr ich verzückt und mit leuchtenden Augen fort, »ich schäme mich dessen nicht: Mama ist ein Engel vom Himmel, sie aber ist die Königin der Erde! Wersilow wird zu Mama zurückkehren: und mich vor ihr zu schämen, habe ich keinen Grund; ich habe ja doch gehört, was sie und Wersilow zueinander gesagt haben, ich stand hinter der Portiere ... Oh, wir sind alle drei, ›Kollegen im Wahnsinn‹! Ja! wissen Sie denn, von wem dies Wörtchen stammt: ›Kollegen im Wahnsinn‹? Es stammt von ihm, von Andrej Petrowitsch! Und wissen Sie auch, daß wir hier vielleicht mehr als drei Wahnsinnskollegen sind? Ich möchte doch wetten, daß Sie, als vierte, zu den Wahnsinnskollegen gehören! Wissen Sie was: ich möchte wetten, daß Sie selber ihr Leben lang in Andrej Petrowitsch verliebt waren und es vielleicht heute noch sind ...« Ich sag' es noch einmal: ich war verzückt und befand mich in einer Art Glückstaumel, aber ich konnte meine Rede nicht zu Ende führen: sie faßte mich plötzlich, mit gleichsam unnatürlicher Geschwindigkeit, in die Haare und duckte meinen Kopf zweimal aus aller Kraft abwärts ... dann ließ sie mich plötzlich fahren, sie ging in eine Ecke, stellte sich mit dem Gesicht zur Wand und verhüllte ihr Gesicht mit dem Taschentuche. »Junger Hund! Riskier' es nicht, mir das noch einmal zu sagen!« sagte sie schluchzend. Das kam mir so unerwartet, daß ich natürlich starr war. Ich stand da und sah sie an und wußte noch nicht, was ich tun solle. »Pfui, du Esel! Komm her und gib mir dummer Gans einen Kuß,« sagte sie plötzlich, lachend und weinend, »und riskier' es nicht, riskier' es nie, das noch einmal zu mir zu sagen ... Und dich hab' ich lieb und hab' dich mein Leben lang liebgehabt ... du Esel.« Ich küßte sie. Ich bemerke hierzu in Klammern: von dieser Zeit her schreibt sich meine Freundschaft mit Tatjana Pawlowna. »Ach ja! Was treib' ich denn!« rief sie plötzlich und schlug sich vor die Stirn. »Was sagst du da: der alte Fürst in deiner Wohnung? Ist das denn wahr?« »Verlassen Sie sich darauf.« »Ach, du mein Gott! Ach, mir ist ganz übel!« rief sie und drehte sich und fuhr im Zimmer herum. »Und die machen da mit ihm, wozu sie Lust haben! Das heilige Gewitter soll doch in diese Schafsköpfe schlagen! Und seit heute früh schon. Ei, ei, Anna Andrejewna! Ei, ei, die Nonne! Und diese Person da, diese Militrisa, hat noch keinen Dunst davon!« »Was für eine Militrisa?« »Na, die Königin der Erde, das sogenannte Ideal! Hu, und was macht man jetzt?« »Tatjana Pawlowna!« rief ich und kam auf einmal zur Besinnung, »wir reden lauter dummes Zeug und vergessen die Hauptsache: ich bin ja gekommen, um Katerina Nikolajewna zu holen, und die sitzen da jetzt alle und warten darauf, daß ich wiederkomme.« Und ich erklärte ihr, daß ich ihr bei der Auslieferung des Dokumentes die einzige Bedingung stellen wolle, sie sollte ihr Wort geben, sich ungesäumt mit Anna Andrejewna zu versöhnen und sogar ihre Zustimmung zu dieser Heirat zu geben ... »Wundervoll!« unterbrach mich Tatjana Pawlowna. »Das ist's ja, was ich ihr schon hundertmal gepredigt habe. Er stirbt ja doch vor der Hochzeit – heiraten tut sie ihn also sowieso nicht, und wenn er ihr in seinem Testament Geld hinterlassen will, der Anna, so steht es ja sowieso schon drin und ist ihr verschrieben ...« »Ist es denn Katerina Nikolajewna wirklich nur ums Geld zu tun?« »Nein, sie hatte nur immer Angst, die Anna hätte das Dokument, und ich hatte diese Angst auch. Darum haben wir sie auch überwacht. Sie wollte nicht, daß ihr alter Vater solchen Stoß bekäme; aber diesem Wurstdeutschen, dem Bjoring, war es natürlich auch ums Geld zu tun.« »Und daraufhin bringt sie es noch über sich, diesen Bjoring zu heiraten?« »Ja, was machst du mit so einer Gans? Was mal eine Gans ist, bleibt auch eine Gans in alle Ewigkeit. Weißt du, ihre Ruhe will sie mit ihm haben; sie sagt: ›Irgendeinen muß man doch heiraten, und da dürfte er so im ganzen der geeignetste sein‹; na, wir werden ja sehen, wie geeignet der im ganzen wird Nachher wird sie sich schon die Haare raufen; aber dann ist es zu spät.« »Ja, warum lassen Sie das denn zu? Sie lieben sie ja doch; Sie haben ihr ja doch ins Gesicht gesagt, Sie wären verliebt in sie!« »Ich bin verliebt in sie, und ich liebe sie mehr als euch alle zusammengenommen, aber trotz alledem ist sie eine blödsinnige Gans!« »Also, dann laufen Sie jetzt und holen Sie sie, und wir bringen alles zum Abschluß und führen sie dann zu ihrem Vater.« »Das geht ja nicht, das geht ja nicht, Närrchen! Das ist ja die Geschichte! Ach! was soll man tun? Ach, mir ist ganz übel!« Sie fuhr wieder im Zimmer herum und nahm dabei doch ihr Plaid in die Hand. »A–ach, wenn du vor vier gekommen wärst; aber jetzt ist es acht, und sie ist vorhin zu den Pelistschows zum Diner gefahren und wollte nachher mit ihnen in die Oper.« »Herrgott, kann man denn nicht in die Oper laufen ... nein, das geht nicht! Was wird denn jetzt aus dem alten Herrn? Er kann ja leicht heute nacht sterben!« »Hör' mal: geh du nicht dahin, geh zu Mama und nächtige da, und morgen früh ...« »Nein, um keinen Preis lasse ich den alten Herrn allein, mag daraus werden, was da wolle.« »Nein, laß ihn nicht allein; da hast du sehr recht. Und ich, weißt du ... ich will doch zu ihr hinlaufen und ihr einen Brief hinterlassen ... weißt du, ich schreibe es so, daß kein andrer es versteht (sie versteht mich schon!), ich schreibe ihr, daß das Dokument da ist, und daß sie morgen Punkt zehn Uhr früh bei mir sein soll – aber pünktlich! Sei unbesorgt, sie kommt, auf mich hört sie schon: und dann bringen wir alles auf einmal ins glatte. Und du lauf jetzt und mach' dem Alten den Kasperl vor, was Zeug und Leder hält, bring' ihn zu Bett, vielleicht macht er es doch noch bis morgen früh! Und auch Anna Andrejewna jage du keinen Schrecken ein, schließlich hab' ich sie ja doch auch lieb; du bist ungerecht gegen sie, weil du da etwas nicht verstehen kannst: sie ist beleidigt, sie ist von klein auf beleidigt worden; ach, und alle kommt ihr mir über den Hals! Und vergiß es nicht, sag' ihr von mir, ich selber hätte mich ihrer Sache angenommen, ich selber, und von ganzem Herzen, und sie solle ganz ruhig sein, und ihr Stolz würde keine Einbuße erleiden ... Weißt du, wir haben uns in den letzten Tagen ganz verkrakeelt, uns beinahe angespuckt und geschimpft! Na, lauf ... Halt, wart' einmal, zeig' noch einmal deine Tasche her ... ist es auch wahr, ist es auch wahr? Ach, ist es denn wirklich wahr?! Ja, gib mir den Brief doch wenigstens für die Nacht; was brauchst du ihn? Laß ihn da, ich fress' ihn nicht? Du könntest ihn am Ende während dieser Nacht aus den Händen lassen ... du könntest dich anders besinnen?« »Um keinen Preis«, schrie ich. »Da, fühlen Sie her, sehn Sie, aber ihn dalassen ... um keinen Preis!« »Ja, ein Papier ist drin.« Sie fühlte mit der Hand danach. »A–ach, also, schön, geh dann, und ich laufe vielleicht doch noch zu ihr ins Theater, da hast du ganz recht! Ja, so lauf doch, lauf!« »Warten Sie, Tatjana Pawlowna, was macht Mama?« »Sie lebt noch.« »Und Andrej Petrowitsch?« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das geht schon wieder vorüber!« Ich lief nach Hause, ermutigt und voller Hoffnung, wenn es mir auch nicht ganz so geglückt war, wie ich es mir gedacht hatte. Aber, o weh, das Schicksal wollte es anders, und mich erwartete ganz etwas anderes – es gibt wahrlich ein Fatum in der Welt.   2 Schon auf der Treppe vernahm ich einen lauten Lärm in unsrer Wohnung, und die Flurtür stand offen. Im Korridor stand ein mir unbekannter Bedienter in Livree. Piotr Ippolitowitsch und seine Frau befanden sich gleichfalls im Korridor, schienen über etwas höchst erschrocken zu sein und auf irgend etwas zu warten. Die Tür zum Zimmer des Fürsten stand offen, und von dort scholl eine Donnerstimme heraus, die ich sogleich erkannte – es war Bjorings Stimme. Ich hatte noch nicht zwei Schritte machen können, als ich auf einmal sah, wie Bjoring und sein Begleiter, der Baron R., derselbe, der als Kartellträger bei Wersilow gewesen war, den verweinten, zitternden Fürsten auf den Korridor herausführten. Der Fürst schluchzte laut und umarmte und küßte Bjoring. Bjorings Geschrei galt Anna Andrejewna, die hinter dem Fürsten gleichfalls auf den Korridor herausgeeilt war; er bedrohte sie und stampfte, glaube ich, mit den Füßen – kurz, der rohe deutsche Soldat kam zum Vorschein, ungeachtet seiner Zugehörigkeit »zu den höchsten Kreisen«. Es zeigte sich nachher, daß er, Gott weiß warum, in der Einbildung lebte, Anna Andrejewna sei in dieser Angelegenheit geradezu mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt gekommen und werde sich wegen dieser Entführung ganz bestimmt vor Gericht verantworten müssen. Aus Unkenntnis der Tatsachen bauschte er sie auf, wie es vielen Leuten zu gehen pflegt, und glaubte infolgedessen, er hätte das Recht, sich höchst unmanierlich aufzuführen. Er war eben noch gar nicht zum Überblick über die Sachlage durchgedrungen: wie sich später erwies (und ich komme später darauf zurück), war er durch einen anonymen Brief benachrichtigt worden und war gleich im Zustande des wilden Mannes hergerast, in dem auch die gescheitesten Leute von dieser Nationalität manchmal geneigt sind, sich zu raufen wie die Schuster. Anna Andrejewna hatte diesen ganzen Überfall mit größter Würde aufgenommen, aber das hatte ich selbst nicht mehr gesehen. Ich sah nur, wie Bjoring, als er den alten Mann auf den Korridor herausgeführt hatte, diesen plötzlich in den Händen des Barons R. ließ, sich heftig nach Anna Andrejewna umwendete und sie, wahrscheinlich als Antwort auf irgendeine Bemerkung von ihr, folgendermaßen anschrie: »Sie sind eine Intrigantin! Sie wollen nur sein Geld! Von diesem Augenblick an sind Sie gesellschaftlich unmöglich, und Sie werden sich vor Gericht zu verantworten haben!« »Sie sind es, der diesen unglücklichen Kranken ausnutzt und ihn bis zum Wahnsinn gebracht hat ... und mich schreien Sie nur an, weil ich eine Frau bin und niemand mich verteidigt ...« »Ach ja! Sie sind seine Braut, seine Braut!« lachte Bjoring roh und voll Wut auf. »Baron, Baron... Chère enfant, je vous aime«, schluchzte der Fürst und streckte seine Arme nach Anna Andrejewna aus. »Kommen Sie, Fürst, kommen Sie: das war ein Komplott gegen Sie, vielleicht sogar gegen Ihr Leben!« schrie Bjoring. »Oui, oui, je comprends, j'ai compris au commencement...« »Fürst,« rief Anna Andrejewna mit erhobener Stimme, »Sie beleidigen mich und dulden es, daß man mich beleidigt!« »Packen Sie sich!« schrie Bjoring sie plötzlich an. Das ertrug ich nicht. »Lump!« brüllte ich ihn an. »Anna Andrejewna, ich trete für Sie ein!« Die Einzelheiten dessen, was nun folgte, will und kann ich nicht beschreiben. Es war eine schreckliche und häßliche Szene, und ich hatte plötzlich gleichsam den Verstand verloren. Ich glaube, ich stürzte auf ihn zu und schlug ihn, wenigstens gab ich ihm einen heftigen Stoß. Er schlug mich gleichfalls aus aller Kraft auf den Kopf, so daß ich zu Boden stürzte. Als ich wieder zu mir kam, lief ich ihnen die Treppe hinunter nach; ich weiß noch, daß mir das Blut aus der Nase floß. An der Anfahrt wartete ein Wagen auf sie, und während sie dem Fürsten hineinhalfen, lief ich zum Wagen hin, und stürzte mich, obgleich mich der Bediente zurückstieß, wieder auf Bjoring. Ich weiß nicht mehr, wie dann die Polizei dazukam. Bjoring packte mich am Kragen und befahl dem Schutzmann barsch, mich auf die Wache zu bringen. Ich schrie, er müsse mitkommen, um ein gemeinsames Protokoll aufzunehmen; und man solle sich nicht unterstehen, mich so beinahe aus meiner Wohnung fortzuschleppen. Aber weil die Sache auf der Straße vor sich ging, nicht in der Wohnung, und ich schrie, schimpfte und um mich schlug wie ein Betrunkener, und weil Bjoring in Uniform war, packte der Schutzmann mich. Da aber geriet ich in Wut, ich widersetzte mich nach Kräften und schlug, glaube ich, auch den Schutzmann. Dann waren auf einmal, weiß ich noch, zwei Schutzleute da und nahmen mich mit. Ich habe nur noch eine schwache Erinnerung daran, wie ich in ein dunstiges, vollgerauchtes Zimmer gebracht wurde, in dem sich eine bunt zusammengewürfelte Menge von Menschen befanden, die zum Teil standen, zum Teil saßen, zum Teil warteten, zum Teil schrieben; ich schrie auch hier weiter und verlangte die Aufnahme eines Protokolles. Aber es drehte sich ja nicht mehr um das Protokoll, sondern der Fall hatte sich durch Auflehnung und Widerstand gegen die Staatsgewalt kompliziert. Und ich sah zudem greulich aus. Jemand rief mich auf einmal barsch an. Der Schutzmann klagte mich als Urheber der Schlägerei an und erzählte von dem Herrn Oberst... »Wie heißen Sie?« schrie mich jemand an. »Dolgorukij,« brüllte ich. »Fürst Dolgorukij?« Ganz außer mir, antwortete ich mit einem furchtbar ordinären Schimpfwort, und dann ... dann, weiß ich noch, wurde ich »zur Ernüchterung« in eine dunkle Kammer geschleppt. Oh, ich protestiere nicht. Alle Welt hat erst kürzlich in den Zeitungen die Beschwerde eines Herrn gelesen, der eine ganz Nacht gefesselt in Haft verbracht hat, gleichfalls in der Ernüchterungszelle, aber der war, glaube ich, nicht einmal schuldig, ich aber war schuldig. Ich warf mich auf die Pritsche neben zwei besinnungslos schnarchende Individuen. Mein Kopf schmerzte, in meinen Schläfen hämmerte es, mein Herz klopfte heftig. Ich muß, glaube ich, das Bewußtsein verloren und phantasiert haben. Ich weiß nur noch, daß ich mitten in der schwarzen Nacht erwachte und mich auf der Pritsche aufsetzte. Auf einmal fiel mir alles wieder ein, und ich sah alles im Zusammenhange; ich stemmte die Ellbogen auf die Knie, stützte den Kopf in die Hände und versank in tiefes Sinnen. Oh, ich will meine Gefühle nicht schildern, und ich habe auch keine Zeit dazu; aber eins muß ich doch erwähnen: ich habe vielleicht nie innerlich freudigere Augenblicke durchlebt, als während jener Minuten der Einkehr, mitten in der schwarzen Nacht, auf der Pritsche, im Haftlokal. Das mag dem Leser vielleicht sonderbar erscheinen, wie eine Art Schönrednerei, aus dem Wunsche hervorgegangen, durch Originalität zu glänzen, – aber es war doch alles so, wie ich es sage. Es war einer jener Augenblicke, die vielleicht jeder Mensch erlebt, die einem aber nur einmal im Leben zuteil werden. In solchen Augenblicken entscheidet man über sein Schicksal, gewinnt man eine Weltanschauung und sagt sich einmal für sein ganzes Leben: »Da ist die Wahrheit, und den Weg mußt du gehen, um zu ihr zu kommen.« Ja, jene Augenblicke wurden das Licht meiner Seele. Ich war beleidigt worden von dem anmaßenden Herrn Bjoring und hatte die Aussicht, morgen von jener Dame aus der großen Welt beleidigt zu werden, und ich wußte so genau, daß ich schreckliche Rache an ihnen nehmen könnte, aber ich beschloß, mich nicht zu rächen. Ich entschloß mich, so groß die Versuchung dazu war, das Dokument nicht zu veröffentlichen, es nicht etwa aller Welt zu zeigen (welcher Gedanke auch schon in meinem Kopfe gebrodelt hatte); ich sagte mir aufs neue, daß ich morgen diesen Brief vor sie hinlegen, und, wenn es sein müßte, an Stelle von Dank ihr spöttisches Lächeln entgegennehmen würde; aber trotzdem würde ich kein Wort sagen und auf immer von ihr gehen ... Übrigens hat es keinen Zweck, das hier breitzutreten. Über alles, was morgen hier mit mir geschehen würde, wie man mich der Behörde vorführen, und was die mit mir machen würde, daran zu denken, vergaß ich beinahe. Ich bekreuzte mich andächtig, streckte mich auf die Pritsche und sank in hellen Kinderschlaf. Ich erwachte spät, als es schon Tag war. Ich befand mich allein in der Zelle. Ich setzte mich und wartete schweigend, ziemlich lange, vielleicht eine Stunde; ich glaube, es wird so gegen neun Uhr gewesen sein, als ich plötzlich geholt wurde. Ich könnte mich in ausführlichen Einzelheiten ergehen, es ist aber der Mühe nicht wert, weil das alles jetzt nebensächlich ist; ich habe jetzt nur noch die Hauptsache zum Abschluß zu bringen. Ich will nur bemerken, daß man zu meinem größten Erstaunen überraschend höflich mit mir umging: ich wurde nach allerhand gefragt, ich antwortete allerhand, und dann wurde ich sogleich aus der Haft entlassen. Ich ging schweigend hinaus und las in den Augen der Leute mit Befriedigung ein gewisses Staunen über einen Menschen, der sogar in einer solchen Situation das Gefühl seiner Würde nicht verloren hatte. Wenn ich das nicht deutlich bemerkt hätte, würde ich es hier nicht niederschreiben. Am Ausgang erwartete mich Tatjana Pawlowna. Ich will mit zwei Worten erklären, warum ich damals so gut davonkam. In aller Frühe, vielleicht schon um acht Uhr, war Tatjana Pawlowna in meine Wohnung gekommen, das heißt, zu Piotr Ippolitowitsch, immer noch in dem Glauben, den Fürsten dort vorzufinden, und da hatte sie auf einmal die Kunde von allen Schrecknissen des gestrigen Abends, und, was die Hauptsache war, von meiner Verhaftung vernommen. Sofort war sie zu Katerina Nikolajewna gelaufen (die gestern schon, nach ihrer Rückkehr vom Theater, ihren Vater in seinem Hause wiedergesehen hatte), hatte sie geweckt, sie aufgeschreckt und von ihr meine sofortige Befreiung verlangt. Mit ein paar Zeilen von ihr war sie dann gleich zu Bjoring gelaufen und hatte von ihm sogleich ein andres Schreiben »an die zuständige Stelle« erlangt, in der Bjoring selber dringend darum ersuchte, mich sofort freizulassen, da ich »infolge eines Mißverständnisses« verhaftet worden wäre. Mit diesem Schreiben war sie dann auf die Wache gekommen, und ihrer Bitte war Folge gegeben worden.   3 Jetzt fahre ich in der Schilderung der Hauptsache fort. Als Tatjana Pawlowna mich glücklich hatte, setzte sie mich in eine Droschke und brachte mich zu sich nach Hause, dort bestellte sie sogleich den Samowar; sie selber wusch mich und bürstete meine Kleider bei sich in der Küche aus. In der Küche sagte sie laut zu mir, um halb zwölf Uhr würde Katerina Nikolajewna persönlich bei ihr erscheinen – das hatten sie vorhin miteinander verabredet – um mich zu treffen. Und das hörte also Marja. Ein paar Minuten darauf brachte sie den Samowar herein, und abermals zwei Minuten darauf, als Tatjana Pawlowna sie rief, gab sie keine Antwort: es ergab sich, daß sie ausgegangen war. Ich bitte den Leser, dies zu beachten; das war, nehme ich an, ungefähr um dreiviertel zehn Uhr. Wenn sich Tatjana Pawlowna auch darüber ärgerte, daß sie so, ohne zu fragen, verschwunden war, so glaubte sie doch nur, sie wäre zum Krämer hinübergegangen, und vergaß die Sache dann fürs erste gänzlich. Ja, und was fragten wir denn auch danach; wir sprachen ununterbrochen, denn wir hatten ja unser Thema; und so beachtete zum Beispiel ich Marjas Verschwinden ganz und gar nicht; ich bitte den Leser, auch das im Gedächtnis zu behalten. Und ich war ohnehin halb benebelt; ich sprach ihr von meinen Gefühlen, und was die Hauptsache war, wir warteten auf Katerina Nikolajewna, und der Gedanke, daß ich ihr in einer Stunde endlich gegenüberstehen würde, und noch dazu in einem so entscheidenden Augenblick meines Lebens, machte mich zittern und beben. Endlich, als ich zwei Tassen Tee getrunken hatte, erhob sich Tatjana Pawlowna plötzlich, nahm die Schere vom Tisch und sagte: »Gib deine Tasche her, wir müssen den Brief herausholen – du kannst sie doch nicht in ihrem Beisein aufschneiden.« »Jawohl!« rief ich und knöpfte meinen Rock auf. »Wer hat das denn so zusammengepruddelt? Wer hat das vernäht?« »Ich, Tatjana Pawlowna, ich selbst.« »Ja, das sieht man, daß du's selber gemacht hast. Na, da ist es ...« Wir holten den Brief heraus; es war noch der alte Umschlag, aber darin steckte ein unbeschriebenes Stück Papier. »Was heißt das?« rief Tatjana Pawlowna und drehte es zwischen den Fingern ... »Was hast du?« Aber ich stand sprachlos und bleich da ... und ließ mich plötzlich kraftlos auf einen Stuhl fallen; wahrhaftig, mich wandelte beinah eine Ohnmacht an. »Was ist denn los?« schrie Tatjana Pawlowna, »wo ist denn nun dein Brief?« »Lambert!« rief ich, plötzlich alles erratend, und sprang auf und schlug mir vor die Stirn. Hastig und atemlos erzählte ich ihr alles – von jener Nacht bei Lambert – und von unserm Komplott; übrigens hatte ich ihr dieses Komplott schon gestern eingestanden. »Gestohlen! Gestohlen!« schrie ich, mit den Füßen stampfend und mir die Haare raufend. »Verflucht!« sagte Tatjana Pawlowna plötzlich, als sie den Zusammenhang begriffen hatte. »Wieviel Uhr ist's?« Es war kurz vor elf. »Ach, und Marja ist nicht da!... Marja, Marja!« »Was wünscht das gnädige Fräulein?« erscholl auf einmal Marjas Stimme aus der Küche. »Bist du da? Ja, was machen wir denn nun! Ich renne zu ihr ... Ach, du, Trödelfritz, Trödelfritz!« »Und ich will zu Lambert!« brüllte ich, »ich bringe ihn um, wenn es sein muß!« »Gnädiges Fräulein,« quäkte plötzlich Marja aus der Küche herein, »da ist eine Person, die muß Sie sehr notwendig sprechen ...« Aber sie war mit ihrem Satze noch nicht fertig, als die »Person« schon selber mit Schreien und Heulen hastig aus der Küche hereinstürzte. Es war Alphonsinka. Ich will die Szene nicht in allen Einzelheiten schildern; die ganze Szene war Schwindel und Komödie, aber ich muß bemerken, daß Alphonsinka sie wundervoll spielte. Mit Reuetränen und Zorngebärden rasselte sie etwas davon herunter (auf französisch selbstverständlich), daß sie selber damals meine Tasche aufgetrennt und den Brief entwendet hätte, jetzt sei er in Lamberts Händen, und Lambert wolle gemeinsam mit »diesem Räuber, cet homme noir«, madame la générale irgendwohin locken und sie erschießen, jetzt, in einer Stunde ... sie hätte das alles von ihnen erfahren und sich plötzlich entsetzlich erschreckt, weil sie bei ihnen eine Pistole, »le pistolet«, gesehen hätte, und sie wäre darum jetzt hierher zu uns gestürzt, wir sollten kommen, sie retten, den andern zuvorkommen... »Cet homme noir ...« Kurz, das alles schien außerordentlich glaubwürdig, sogar die Dummheit mancher Erklärungen Alphonsinkas diente dazu, die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. »Was für ein homme noir!« schrie Tatjana Pawlowna. »Tiens, j'ai oublié son nom... Un homme affreux... Tiens, Versiloff.« »Wersilow, das kann nicht sein!« schrie ich. »Nein, das kann schon sein!« kreischte Tatjana, »ja, sprechen Sie doch, Liebste, machen Sie keine Sprünge, rudern Sie nicht mit den Armen; was wollen die beiden da machen? Liebste, setzen Sie es uns vernünftig auseinander: das glaube ich doch nicht, daß die auf sie schießen wollen?« Die »Liebste« erklärte es folgendermaßen (NB.: es war alles Schwindel, das sage ich noch einmal): Wersilow würde hinter der Tür sitzen, und Lambert würde ihr, wenn sie hereinkäme, »cette lettre« zeigen, und dann würde Wersilow hervorstürzen, und sie würden sie ... »Oh, ils feront leur vengeance!« Sie, Alphonsinka, hätte Angst bekommen, weil sie selbst an der Sache beteiligt wäre, und »cette dame, la générale« würde ganz bestimmt kommen, weil sie ihr eine Kopie des Briefes zugeschickt hätten und sie also gleich sehen würde, daß sie den Brief wirklich besäßen; darum würde sie zu ihnen kommen, und den Brief an sie hätte Lambert allein unterzeichnet, und von Wersilow wüßte sie nichts; und Lambert hätte sich ihr als ein Herr vorgestellt, der eben aus Moskau angekommen wäre, im Auftrag einer Moskauer Dame, »une dame de Moscou« (NB. Maria Iwanowna!). »Ach, mir ist ganz übel! Ach, mir ist ganz übel!« rief Tatjana Pawlowna. »Sauvez-la, sauvez-la!« schrie Alphonsinka. Natürlich lag in dieser wahnsinnigen Erzählung auch schon auf den ersten Blick etwas Unsinniges, aber zum Überlegen hatten wir keine Zeit, weil in Wirklichkeit das alles doch wieder sehr glaubwürdig war. Man konnte ja wohl annehmen, und das mit großer Wahrscheinlichkeit, daß Katerina Nikolajewna nach Empfang von Lamberts Aufforderung zuerst zu uns kommen würde, zu Tatjana Pawlowna, um die Sache aufzuklären; aber es konnte ja auch wieder anders gehen, und sie konnte ja auch direkt zu jenen fahren, und dann war sie sicher verloren! Es war ja auch schwer zu glauben, daß sie so auf die erste Aufforderung zu dem ihr persönlich unbekannten Lambert hinstürzen würde; aber auch das konnte ja immerhin geschehen, sie konnte sich ja zum Beispiel durch die Kopie überzeugen lassen, daß jene Leute wirklich im Besitze des Briefes waren, und das hätte dasselbe Unglück im Gefolge gehabt! Und die Hauptsache war: wir hatten nicht einen Augenblick Zeit übrig, nicht einmal so viel, um zu überlegen. »Und Wersilow ersticht sie! Wenn er sich zur Gemeinschaft mit Lambert erniedrigt hat, ersticht er sie auch! Das ist der Doppelgänger!« rief ich. »O dieser ›Doppelgänger‹!« Tatjana Pawlowna rang die Hände. »Na ja, das ist dann nicht anders,« entschloß sie sich plötzlich, »nimm deine Mütze und deinen Pelz, und dann vorwärts marsch, alle zusammen; Liebste, bringen Sie uns sofort zu ihnen hin. Ach, das ist ein weiter Weg! Marja, Marja, wenn Katerina Nikolajewna kommt, dann sag' ihr, ich käme sofort wieder, sie solle sich setzen und auf mich warten; und wenn sie nicht warten will, dann schließ die Tür zu und halt sie mit Gewalt fest. Sag' ihr, ich hätte dir das befohlen! Hundert Rubel kriegst du, Marja, wenn du mir diesen Dienst leistest.« Wir liefen auf die Treppe hinaus. Sicherlich hätte man sich nichts Besseres ausdenken können, weil auf jeden Fall die größte Gefahr in Lamberts Wohnung drohte; und wenn Katerina Nikolajewna wirklich vorher zu Tatjana Pawlowna käme, könnte Marja sie auf jeden Fall aufhalten. Aber trotzdem besann sich Tatjana Pawlowna, als wir schon einen Schlitten genommen hatten, doch wieder anders. »Fahr du mit ihr mit!« rief sie mir zu und ließ mich mit Alphonsinka allein, »und da läßt du, wenn es sein muß, dein Leben für sie, verstanden! Und ich komme dir gleich nach, aber vorher will ich noch schnell bei ihr vorbei, vielleicht treffe ich sie noch; denn sag' was du willst, mir kommt die Geschichte verdächtig vor!« Und sie fuhr schleunigst zu Katerina Nikolajewna. Ich aber fuhr mit Alphonsinka nach Lamberts Wohnung. Ich trieb den Kutscher zur Eile und fragte unterwegs Alphonsinka weiter aus, aber sie antwortete mir nur mit Ausrufen und schließlich mit Tränen. Aber Gott beschützte uns alle und rettete uns, als alles nur noch an einem Fädchen hing. Wir hatten noch nicht ein Viertel des Weges zurückgelegt, als ich plötzlich hinter mir schreien hörte: mein Name wurde gerufen. Ich schaute mich um – Trischatow jagte uns in einem Schlitten nach. »Wohin?« schrie er erschrocken, »und mit ihr, mit Alphonsinka!« »Trischatow!« rief ich ihm zu, »Sie haben die Wahrheit gesagt – das Unglück ist da! Ich fahre zu dem Schurken Lambert! Fahren Sie mit, es ist dann doch immer einer mehr!« »Kehren Sie um, kehren Sie sofort um!« schrie Trischatow. »Lambert beschwindelt Sie, und Alphonsinka beschwindelt Sie. Mich schickt der Pockennarbige; sie sind nicht daheim: ich bin eben Wersilow und Lambert begegnet; sie sind zu Tatjana Pawlowna gefahren... sie sind jetzt dort...« Ich ließ den Kutscher halten und sprang in Trischatows Schlitten hinüber. Bis zum heutigen Tage begreife ich nicht, wie ich mich so plötzlich habe entschließen können; aber ich glaubte ihm sofort und entschloß mich sofort. Alphonsinka schrie fürchterlich, aber wir ließen sie schreien, und ich weiß wirklich nicht, ob sie umkehrte und uns nachfuhr, oder ob sie nach Hause fuhr, jedenfalls habe ich sie nicht mehr gesehen. Im Schlitten teilte mir Trischatow holterdiepolter und atemlos mit, das wäre irgendeine Machination, Lambert wäre mit dem Pockennarbigen im Einverständnis gewesen, der Pockennarbige aber wäre im letzten Augenblick von ihm abgefallen und hätte soeben selber Trischatow zu Tatjana Pawlowna geschickt, um sie vor Lambert und Alphonsinka zu warnen. Trischatow fügte hinzu, er wisse weiter nichts, weil der Pockennarbige ihm weiter nichts mitgeteilt habe, da er keine Zeit gehabt habe; er sei selbst sehr eilig gewesen irgendwohin zu kommen, und alles sei in größter Hast vor sich gegangen. »Ich sah, daß Sie davonfuhren,« fuhr Trischatow fort, »und bin Ihnen nachgejagt.« Es war natürlich klar, daß auch dieser Pockennarbige über alles Bescheid wußte, weil er Trischatow direkt zu Tatjana geschickt hatte; aber dies war schon wieder ein neues Rätsel. Damit das aber nicht alles wie Kraut und Rüben aussieht, will ich, bevor ich die Katastrophe schildre, zum endgültig letzten Male vorgreifen und die ganze Wahrheit hierüber mitteilen.   4 Als er damals den Brief entwendet hatte, war Lambert sofort mit Wersilow in Verbindung getreten. Wie Wersilow dazu kam, sich mit Lambert zusammenzukoppeln, davon sage ich fürs erste kein Wort; davon später; die Hauptsache war, daß hier der »Doppelgänger« seine Finger im Spiel hatte! Aber als er nun mit Wersilow im Einverständnis war, lag es Lambert noch ob, Katerina Nikolajewna auf möglichst schlaue Weise an sich zu locken. Wersilow versicherte ihm direkt, daß sie nicht kommen würde. Aber Lambert hatte schon damals, als ich ihm zwei Tage vorher an jenem Abende, als ich ihn auf der Straße getroffen und in meiner Aufgeregtheit erzählt hatte, daß ich ihr den Brief in Tatjana Pawlownas Wohnung und in Tatjana Pawlownas Beisein ausliefern würde, – Lambert hatte von demselben Augenblick an eine Art Spionagedienst zur Überwachung von Tatjana Pawlownas Wohnung eingerichtet, und zwar hatte er – Marja bestochen. Er hatte Marja zwanzig Rubel geschenkt und war dann am nächsten Tage, als ihm die Entwendung des Dokumentes gelungen war, noch einmal zu Marja gekommen, hatte mit ihr seine definitiven Abmachungen getroffen und ihr für ihre Dienste zweihundert Rubel versprochen. Deshalb also hatte Marja, als sie vorhin vernommen hatte, daß Katerina Nikolajewna um halb zwölf bei Tatjana Pawlowna sein würde, und daß auch ich da sein würde, – deshalb hatte sie sofort das Haus verlassen und war in einem Schlitten mit dieser Nachricht zu Lambert geeilt. Eben darüber hatte sie Lambert unterrichten sollen – und das war der Dienst, der von ihr erwartet wurde. Und nun war gerade in jenem Augenblick auch Wersilow bei Lambert gewesen. Und Wersilow hatte sich sofort diese teuflische Kombination ausgedacht. Geisteskranke sollen ja in gewissen Augenblicken außerordentlich schlau sein können. Die Kombination lief darauf hinaus, uns beide, Tatjana und mich, um jeden Preis aus der Wohnung fortzulocken, wenn auch nur auf eine Viertelstunde, jedenfalls aber vor Katerina Nikolajewnas Ankunft. Und sie wollten auf der Straße warten und, sobald ich und Tatjana Pawlowna fort wären, sofort in die Wohnung eindringen, die ihnen Marja öffnen würde, und dort Katerina Nikolajewna erwarten. Alphonsinka sollte uns inzwischen mit allen Mitteln fernhalten, wo und wie sie wollte. Katerina Nikolajewna mußte, ihrem Versprechen gemäß, um halb zwölf eintreffen, also – sicherlich zweimal so früh, als wir wieder zurück sein könnten. (Selbstverständlich hatte Katerina Nikolajewna gar keine Aufforderung von Lambert erhalten, und Alphonsinka hatte uns das nur vorgelogen, und eben diesen Streich hatte Wersilow mit allen Einzelheiten erdacht, und Alphonsinka hatte nur die Rolle der erschrocknen Überläuferin gespielt.) Natürlich riskierten sie viel damit, aber sie sagten sich ganz richtig: »Gelingt es, so ist es gut; mißlingt es, so ist auch noch nichts verloren, weil wir das Dokument ja auch dann noch immer in Händen haben.« Aber es gelang, und es mußte ja auch gelingen, weil wir ja gar nicht anders konnten, als mit Alphonsinka davonrennen, schon aus der einfachen Erwägung heraus: »Und was geschieht, wenn es wahr ist?« – Ich sag' es noch einmal: zum Überlegen blieb uns keine Zeit.   5 Ich lief mit Trischatow in die Küche und traf Marja in höchster Angst an. Es hatte sie, als sie Lambert und Wersilow hereingelassen hatte, erschreckt, daß sie in Lamberts Händen auf einmal – einen Revolver bemerkt hatte. Wenn sie das Geld auch genommen hatte, der Revolver stimmte durchaus nicht zu ihrer Rechnung. Sie war in starken Zweifeln, und als sie mich erblickte, stürzte sie nur so auf mich zu: »Die Generalin ist drin, und er hat eine Pistole!« »Trischatow, Sie warten hier in der Küche,« ordnete ich an, »und wenn ich rufe, eilen Sie mir sofort, so schnell Sie können, zu Hilfe.« Marja öffnete mir die Tür zum Korridor, und ich schlich mich in Tatjana Pawlownas Schlafzimmer – in dieselbe kleine Kammer, in der nur Tatjana Pawlownas Bett Platz hatte, und in der ich mir schon einmal, unverhofft eingesperrt, einen Spalt zwischen den Portieren gesucht hatte. Aber im Wohnzimmer gab es schon Lärm und laute Reden; ich muß erwähnen, daß Katerina Nikolajewna genau eine Minute nach den anderen die Wohnung betreten hatte. Den Lärm und das laute Sprechen hatte ich schon in der Küche vernommen: Lambert war es, der so schrie. Sie saß auf dem Diwan; er stand vor ihr und schrie wie närrisch. Heute weiß ich, warum er sich so albern und fassungslos benahm: er hatte es furchtbar eilig und fürchtete, überrascht zu werden; später werde ich erklären, vor wem er sich eigentlich fürchtete. Den Brief hielt er in der Hand. Wersilow aber war nicht im Zimmer: ich stand bereit, bei dem ersten Zeichen von Gefahr hineinzustürzen. Ich gebe nur den Sinn der Reden wieder, vieles habe ich vielleicht auch nicht so richtig behalten; ich war damals eben zu aufgeregt, um mich an das alles bis zur letzten Einzelheit erinnern zu können. »Dieser Brief ist dreißigtausend Rubel wert, und Sie wundern sich noch! Hunderttausend ist er wert, und ich verlange nur dreißigtausend!« sagte Lambert laut und furchtbar hitzig. Katerina Nikolajewna war zwar sichtlich erschrocken, musterte ihn aber doch mit einer gewissen staunenden Verachtung. »Ich sehe, daß mir hier etwas wie eine Falle gestellt worden ist und verstehe kein Wort davon«, sagte sie. »Aber wenn dieser Brief sich wirklich in Ihren Händen befindet...« »Da ist er doch, sehen Sie selbst! Ist er es vielleicht nicht? Einen Wechsel über dreißigtausend, und – keine Kopeke weniger!« unterbrach sie Lambert. »Ich habe kein Geld.« »Stellen Sie einen Wechsel aus – da ist Papier. Und dann gehen Sie und treiben Sie Geld auf, ich warte noch, aber nur eine Woche – nicht länger. Wenn Sie mir das Geld bringen – gebe ich Ihnen den Wechsel zurück, und dann bekommen Sie auch den Brief.« »Sie sprechen in einem so sonderbaren Tone mit mir. Sie täuschen sich. Dieses Dokument wird Ihnen heute noch abgenommen, wenn ich hingehe und Sie anzeige.« »Wo denn? Ha–ha–ha! Und der Skandal? Und wenn ich den Brief dem Fürsten zeige? Wo will man ihn mir wegnehmen? Ich hebe keine Dokumente in meiner Wohnung auf. Ich stelle dieses dem Fürsten durch eine dritte Person zu. Seien Sie nicht eigensinnig, Madame, seien Sie mir dankbar, daß ich so wenig verlange, ein andrer an meiner Stelle würde noch mehr verlangen, er würde Sie noch um eine Gefälligkeit bitten ... wissen Sie, was für eine ... eine, die einem eine hübsche Frau nicht abschlägt, wenn sie in der Klemme ist; so eine Gefälligkeit, wissen Sie ... He–he–he! Vous êtes belle, vous!« Katerina Nikolajewna sprang hastig auf, wurde über und über rot und – spuckte ihm ins Gesicht. Dann wollte sie schnell auf die Tür zugehen. Und da zog dieser Esel von Lambert den Revolver. Er hatte blind wie ein beschränkter Narr an die Wirkung des Dokumentes geglaubt, das heißt – das war das Wichtige – keine Ahnung davon gehabt, mit wem er es zu tun hatte, eben weil er, wie ich schon früher gesagt, alle Menschen für ebenso traurige Kreaturen hielt, wie er selber eine war. Vom ersten Worte an hatte er durch seine Grobheit ihre Entrüstung geweckt, während sie sonst vielleicht nicht so abgeneigt gewesen wäre, sich auf die Geldfrage einzulassen. »Nicht von der Stelle!« brüllte er, wütend, weil sie ihn angespuckt hatte, packte sie an der Schulter und hielt ihr den Revolver vor, – natürlich nur als Schreckmittel. Sie schrie auf und sank auf den Diwan. Ich stürzte ins Zimmer; aber in demselben Augenblick stürzte auch Wersilow durch die Korridortür herein. (Er hatte dort gestanden und gewartet.) Ich hatte nicht einmal Zeit zu blinzeln, als er Lambert auch schon den Revolver entrissen und ihm aus aller Kraft mit dem Revolver auf den Kopf geschlagen hatte. Lambert strauchelte und brach bewußtlos zusammen; das Blut strömte aus seiner Kopfwunde auf den Teppich. Als sie Wersilow erblickte, wurde sie auf einmal weiß wie ein Laken; ein paar Augenblicke sah sie ihn regungslos an, in unbeschreiblichem Entsetzen; dann fiel sie plötzlich in Ohnmacht. Er stürzte sich auf sie. Das alles sehe ich jetzt wie eine Art Traum vor mir. Ich weiß noch, mit welchem Entsetzen ich damals in sein rotes, fast blaues Gesicht und seine blutunterlaufnen Augen starrte. Ich denke mir, wenn er mich auch im Zimmer bemerkt hatte, so hatte er mich doch wohl nicht erkannt. Er packte die Ohnmächtige, hob sie mit unwahrscheinlicher Kraft auf seine Arme wie eine Feder und begann sie wie ein kleines Kind sinnlos im Zimmer umherzutragen. Das Zimmer war klein, aber er wanderte von einer Ecke in die andre, offenbar ohne selbst zu wissen, warum er das tat. In einem Augenblick hatte er den Verstand verloren. Er starrte ihr dabei die ganze Zeit ins Gesicht. Ich lief ihm nach und fürchtete mich besonders wegen des Revolvers, den er anscheinend vergessen hatte und mit der rechten Hand dicht neben ihrem Kopfe hielt. Aber er stieß mich einmal mit dem Ellbogen, einmal mit dem Fuße fort. Ich wollte nach Trischatow schreien, fürchtete aber, den Wahnsinnigen dadurch zu reizen. Schließlich schlug ich rasch den Vorhang zurück, und bat ihn, sie aufs Bett zu legen. Er tat es und blieb über sie gebeugt stehen, sah ihr eine Minute lang starr ins Gesicht, bückte sich plötzlich und küßte sie zweimal auf ihre bleichen Lippen. Oh, da begriff ich, daß dieser Mensch schon ganz außer sich war. Er holte mit dem Revolver aus, um nach ihr zu schlagen, schien sich dann aber zu besinnen, faßte den Revolver beim Kolben und richtete ihn auf ihr Gesicht. In demselben Augenblick packte ich aus aller Kraft seinen Arm und schrie nach Trischatow. Ich weiß noch, wie wir beide mit ihm rangen, aber es glückte ihm, seine Hand zu befreien und den Revolver auf sich abzudrücken. Er hatte sie erschießen wollen, und danach sich selbst. Aber als wir das nicht zuließen, richtete er den Revolver direkt auf sein Herz, doch ich hatte noch Zeit, seine Hand in die Höhe zu schlagen; so traf ihn die Kugel in die Schulter. In diesem Augenblick stürzte Tatjana Pawlowna mit einem Aufschrei ins Zimmer; aber er lag schon bewußtlos auf dem Teppich neben Lambert. Dreizehntes Kapitel Schluß   1 Jetzt ist seit dieser Szene schon ein halbes Jahr vergangen, viel Wasser ist seitdem ins Meer geflossen, vieles ist ganz anders geworden, und für mich hat schon lange ein neues Leben begonnen ... Aber ich will auch dem Leser alles erklären. Für mich wenigstens war es damals, und auch noch lange nachher, die wichtigste Frage: wie konnte sich Wersilow mit einem Menschen wie Lambert verbünden, und was für einen Zweck hat er dabei verfolgt? Allmählich ist mir das einigermaßen klar geworden: ich glaube, Wersilow hat in jenen Augenblicken, das heißt, an jenem letzten Tage und am Tage vorher, überhaupt kein festes Ziel im Auge haben können, und ich glaube sogar, er hat sich überhaupt nichts überlegt, sondern gleichsam in einem Wirbel von Gefühlen gehandelt. Übrigens, einen richtigen Wahnsinn gebe ich durchaus nicht zu, um so mehr, als er auch heute durchaus nicht wahnsinnig ist. Aber den »Doppelgänger« gebe ich durchaus zu. So ein Doppelgängerbewußtsein ist, wenigstens nach dem Buche eines medizinischen Sachverständigen, das ich nachher eigens gelesen habe, – so ein Doppelgängerbewußtsein ist nichts andres als der erste Grad einer schon recht ernsthaften Geistesstörung, die zu einem ziemlich schlimmen Ende führen kann. Hatte ja doch auch Wersilow selber, in jener Szene damals bei Mama, uns jene »Spaltung« seiner Gefühle und seines Willens mit schrecklicher Offenheit erklärt. Aber ich wiederhole es noch einmal: jene Szene bei Mama, das Zerschmettern des Heiligenbildes, mag ja unstreitig unter dem Einfluß einer wirklichen Willensspaltung vor sich gegangen sein, aber mir hat die ganze Zeit seitdem immer so etwas gedämmert, als ob nebenbei auch eine Art von schadenfroher Symbolik mit im Spiele gewesen wäre, eine Art Haß gegenüber den Erwartungen dieser Frauen, eine Art Erbitterung über ihre Rechte und eine Art Furcht vor einer Verurteilung durch sie; und so mag denn zur Hälfte er selbst und zur Hälfte der Doppelgänger das Heiligenbild zerschmettert haben! »So sollen auch eure Erwartungen zerbrochen werden!« Kurz, wenn auch der Doppelgänger vorhanden war, so war es doch zum Teil einfach Komödie ... Aber das alles ist bloß eine Annahme von mir; es zuverlässig zu entscheiden, wäre schwer. Es ist wahr, obwohl er Katerina Nikolajewna vergötterte, hatte doch ehrlichstes und tiefstes Mißtrauen gegenüber ihrem moralischen Werte immer tiefe Wurzeln in ihm. Ich glaube bestimmt, daß er damals hinter der Tür nur auf ihre Erniedrigung vor Lambert gewartet hat. Aber wünschte er sich das, selbst wenn er darauf wartete? Ich sage es noch einmal: ich bin fest davon überzeugt, daß er nichts wollte und nicht einmal klar denken konnte. Er wollte einfach dort sein und nachher hervorstürzen und ihr irgend etwas sagen und sie vielleicht – sie vielleicht beleidigen, und sie vielleicht auch morden ... Alles konnte damals geschehen; nur wußte er, als er mit Lambert hinkam, nichts von dem, was geschehen würde. Ich betone: der Revolver gehörte Lambert; er selber war ohne Waffen gekommen. Dann sah er ihren würdigen Stolz und ertrug vor allem Lamberts schurkisches Benehmen und seine Drohungen gegen sie nicht mehr: er stürzte hervor, und dann verlor er eben den Verstand. Wollte er sie in dem Augenblick erschießen? Ich glaube, er wußte es selbst nicht, aber er hätte sie sicherlich erschossen, wenn wir seinen Arm nicht weggerissen hätten. Seine Wunde war nicht tödlich und heilte, aber er hat ziemlich lange daran darniedergelegen – selbstverständlich bei Mama. Heute, wo ich diese Zeilen niederschreibe, herrscht bei uns draußen der Frühling, wir stehen in der Mitte des Monats Mai, es ist ein herrlicher Tag, und unsre Fenster sind offen. Mama sitzt neben ihm; er streichelt ihr die Wangen und die Haare und sieht ihr ergriffen in die Augen. Oh, das ist nur noch die Hälfte des Wersilow von früher; von Mama geht er nicht mehr fort, und er wird niemals mehr von ihr gehen. Er hat sogar die »Gabe der Tränen« empfangen, um einen Ausdruck des unvergeßlichen Makar Iwanowitsch aus dessen Erzählung von dem Kaufmann zu gebrauchen. Übrigens glaube ich, daß Wersilow lange leben wird. Uns gegenüber ist er jetzt vollkommen schlicht und aufrichtig, wie ein Kind, ohne im übrigen seine Gemessenheit und Zurückhaltung eingebüßt zu haben, und ohne überflüssige Worte zu machen. Sein Geist und seine moralische Weltanschauung sind ihm geblieben; dabei ist alles, was an Idealem in ihm gelebt hatte, noch stärker hervorgetreten. Ich sag es gerade heraus: ich habe ihn nie so liebgehabt wie jetzt, und es tut mir leid, daß ich keine Zeit und keinen Platz habe, mehr von ihm zu sprechen. Übrigens will ich doch einen Fall erzählen, der sich kürzlich ereignet hat (oh, es gibt deren genug): Zu den großen Fasten war er schon genesen, und in der sechsten Woche erklärte er, er wolle sich durch Fasten und Kirchenbesuch aufs Abendmahl vorbereiten. Seit dreißig Jahren wohl oder länger noch hatte er nicht mehr kommuniziert. Mama war selig; es wurde also Fastenkost bereitet, übrigens in ziemlich kostspieliger, verfeinerter Gestalt. Ich hörte am Montag und am Dienstag aus dem Nebenzimmer, wie er vor sich hinsang: »Siehe, der Bräutigam kommet ...« und sich für die Weise und die Verse begeisterte. An diesen zwei Tagen sprach er ein paarmal sehr schön von der Religion; aber am Mittwoch nahm der heilige Wandel ein plötzliches Ende. Es hatte ihn plötzlich etwas gestört, irgendein »komischer Kontrast«, wie er es lachend nannte. Irgend etwas im Äußern des Geistlichen oder in den rituellen Formen hatte sein Mißfallen erregt; kaum war er aber wieder zu Hause, da sagte er mit einem stillen Lächeln: »Liebe Freunde, ich liebe den lieben Gott sehr, aber dazu bin ich nicht fähig.« An demselben Tage gab es zu Mittag schon Roastbeef. Aber ich weiß, daß Mama sich auch jetzt noch häufig neben ihn setzt und mit leiser Stimme und stillem Lächeln mit ihm manchmal von den abstraktesten Dingen zu sprechen beginnt; sie hat sich jetzt auf einmal ihm gegenüber ein Herz gefaßt, aber wie das gekommen ist, das weiß ich nicht. Sie setzt sich neben ihn und spricht mit ihm, meist im Flüsterton. Er lauscht ihr lächelnd, streichelt ihre Haare, küßt ihre Hände, und vollkommenstes Glück leuchtet auf seinem Gesicht. Manchmal hat er auch fast hysterische Anfälle. Dann nimmt er ihre Photographie, dieselbe die er an jenem Abend geküßt hat, betrachtet sie mit Tränen in den Augen, küßt sie, schwelgt in Erinnerungen, ruft uns alle zu sich; aber er spricht in solchen Augenblicken nur wenig ... Katerina Nikolajewna hat er gleichsam ganz vergessen und ihren Namen nicht ein einziges Mal ausgesprochen. Daß er Mama heiraten wolle, davon ist bei uns auch nie wieder die Rede gewesen. Er sollte zuerst im Sommer ins Ausland gebracht werden; aber Tatjana Pawlowna bestand darauf, daß er nicht reise, und er selbst hat auch keine Lust dazu gehabt. Den Sommer wollen sie auf dem Lande verbringen, irgendwo in einer Villa in der Nähe von Petersburg. Beiläufig: wir leben fürs erste noch alle von Tatjana Pawlownas Geld. Eins möchte ich noch sagen: es tut mir sehr leid, daß ich mir in diesen Aufzeichnungen häufig genug erlaubt habe, von dieser Frau despektierlich und von oben herab zu sprechen. Aber ich habe mich beim Schreiben immer möglichst in den Zustand des Augenblicks zurückversetzt, den ich gerade beschrieb. Wie ich nun jetzt am Ende meiner Aufzeichnungen stehe und die letzte Zeile niedergeschrieben ist, fühle ich auf einmal, wie ich mich eben durch den Prozeß des Zurückrufens und Niederschreibens jener Erlebnisse, zu einem andern Menschen erzogen habe. Vieles, was ich da geschrieben habe, verleugne ich heute, insbesondre den Ton mancher Zeilen und Seiten, aber ich streiche und verbessere nicht ein einziges Wort. Ich habe gesagt, daß er Katerina Nikolajewna noch mit keinem Worte erwähnt hat; aber ich glaube sogar, er ist vielleicht vollkommen geheilt. Von Katerina Nikolajewna sprechen nur Tatjana Pawlowna und ich manchmal, und auch das nur ganz insgeheim. Jetzt ist Katerina Nikolajewna im Auslande; ich habe sie vor ihrer Abreise gesehen und bin mehrere Male bei ihr gewesen. Aus dem Auslande habe ich schon zwei Briefe von ihr bekommen und auch beantwortet. Aber über den Inhalt unsrer Briefe und darüber, wovon wir beim Abschied gesprochen haben, bevor sie abreiste, bewahre ich Schweigen: das ist schon eine ganz andre Geschichte, eine ganz neue Geschichte, und sie liegt vielleicht noch ganz weit in der Zukunft. Selbst gegen Tatjana Pawlowna hülle ich mich über manche Dinge in Schweigen! Aber genug davon! Ich füge nur noch hinzu, daß Katerina Nikolajewna nicht verheiratet ist und die Reise jetzt mit Pelistschows zusammen macht. Ihr Vater ist gestorben, und sie ist eine sehr reiche Witwe. Augenblicklich ist sie in Paris. Ihr Bruch mit Bjoring erfolgte schnell und wie ganz von selbst, daß heißt, auf die natürlichste Weise von der Welt. Übrigens will ich das doch erzählen. An dem Morgen, als jene furchtbare Szene stattfand, hatte der »Pockennarbige«, derselbe, in dessen Dienste Trischatow und sein Freund getreten waren, Bjoring von dem gefährlichen Anschlage unterrichtet. Und das war so gekommen: Lambert hatte ihn doch zur Teilnahme an dem Unternehmen bewogen und ihm, als er sich des Dokumentes bemächtigt hatte, alle Einzelheiten und alle näheren Umstände des Unternehmens mitgeteilt und zuletzt auch das allerletzte Moment ihres Planes, das heißt, die von Wersilow ersonnene Kombination, durch die Tatjana Pawlowna betrogen werden sollte. Aber im entscheidenden Augenblick hatte es der Pockennarbige vorgezogen, von Lambert abzufallen, da er vernünftiger als alle andern war und er hier die Möglichkeit eines Kapitalverbrechens befürchtete. Und was die Hauptsache war: er hielt die Dankbarkeit Bjorings für etwas viel Verläßlicheres als den Plan des tappigen und hitzigen Lambert und des vor Leidenschaft fast verrückten Wersilow. Das alles habe ich später von Trischatow erfahren. Übrigens kenne und verstehe ich das Verhältnis Lamberts zum Pockennarbigen nicht; und weiß nicht, warum er nicht ohne ihn auskommen konnte. Aber weit interessanter dünkt mich diese andre Frage: wozu brauchte Lambert Wersilow, da er, Lambert, doch schon das Dokument in Händen hatte und sehr wohl auch ohne ihn hätte fertig werden können? Die Antwort darauf weiß ich heute genau. Er brauchte Wersilow erstens, weil er die Verhältnisse und Gelegenheiten so gut kannte, und, was die Hauptsache war, er brauchte Wersilow, um im Falle, daß Lärm oder irgendein Unglück daraus entstünde, die ganze Verantwortlichkeit auf ihn abzuwälzen. Und da Wersilow kein Geld begehrte, so hielt Lambert seine Hilfe für durchaus wünschenswert. Aber Bjoring erschien damals nicht zur rechten Zeit. Er kam erst eine Stunde, nachdem der Schuß gefallen war, als Tatjana Pawlownas Wohnung schon wieder ein ganz andres Bild darbot. Nämlich: etwa fünf Minuten, nachdem Wersilow blutüberströmt auf den Teppich gestürzt war, hatte sich Lambert, den wir alle für tot gehalten hatten, aufgerichtet und war aufgestanden. Er hatte sich erstaunt umgesehen, hatte dann plötzlich den Zusammenhang begriffen und war, ohne ein Wort zu sagen, in die Küche hinausgegangen, hatte dort seinen Pelz angezogen und war dann für immer verschwunden. Das »Dokument« ließ er auf dem Tische liegen. Wie ich höre, ist er nicht einmal krank gewesen, sondern war nur ein wenig unpäßlich: der Schlag mit dem Revolver hatte ihn betäubt und sein Blut fließen lassen, ihm aber weiter keinen Schaden getan. Inzwischen war Trischatow schon nach dem Doktor gelaufen; aber bevor der Arzt eintraf, kam auch Wersilow zum Bewußtsein, und noch früher schon hatte Tatjana Pawlowna Katerina Nikolajewna zu sich gebracht und war mit ihr in deren Wohnung gefahren. So befanden sich, als Bjoring angestürzt kam, in Tatjana Pawlownas Wohnung nur ich, der Arzt, der kranke Wersilow und Mama, zu der Trischatow gleichfalls gelaufen war, und die, obgleich noch krank, doch ganz außer sich herbeigeeilt war. Bjoring sah uns mit mißtrauischen Augen an; und sobald er erfahren hatte, daß Katerina Nikolajewna schon nach Hause gefahren war, war er ihr nachgeeilt, ohne auch nur ein Wort mit uns zu wechseln. Er war stutzig geworden; er sah klar, daß jetzt Skandal und Gerede beinahe unvermeidlich waren. Ein großer Skandal wurde übrigens nicht daraus, es liefen nur Gerüchte um. Jenen Schuß ganz zu verheimlichen, gelang nicht – das ist ja richtig; aber das Wesentliche der ganzen Geschichte, ihr eigentlicher Zusammenhang, blieb so gut wie unbekannt; die Nachforschungen ergaben nur folgendes: ein gewisser W., ein Familienvater von fast fünfzig Jahren, hätte, von einer unglücklichen Liebe zu einer hochachtbaren Dame ergriffen, die seine Gefühle nicht geteilt hätte, ihr in wilder Leidenschaft eine Liebeserklärung gemacht und dabei in einem Irrsinnsanfall auf sich selbst geschossen. Weiter drang nichts an die Öffentlichkeit, und in dieser Gestalt kam die Nachricht auch als dunkles Gerücht in die Zeitungen, ohne Namen, nur mit den Anfangsbuchstaben. Wenigstens weiß ich, daß zum Beispiel auf Lambert durchaus kein Verdacht fiel. Nichtsdestoweniger wurde Bjoring, der die Wahrheit kannte, stutzig. Und gerade damals mußte er, als ob das Schicksal das gewollt hätte, von jener Zusammenkunft unter vier Augen erfahren, die Katerina Nikolajewna zwei Tage vor der Katastrophe dem in sie verliebten Wersilow gewährt hatte. Das erregte ihn sehr, und er ließ sich Katerina Nikolajewna gegenüber zu der unvorsichtigen Bemerkung hinreißen, nun wundre es ihn nicht mehr, daß ihr so phantastische Geschichten passieren könnten. Katerina Nikolajewna gab ihm daraufhin sofort den Laufpaß, ohne Zorn, aber auch ohne Schwanken. Ihre abergläubische Meinung, eine Vernunftehe mit diesem Menschen würde das beste für sie sein, war wie Rauch verflogen. Sie mag ihn ja wohl auch schon lange vorher durchschaut haben, und vielleicht hatten sich infolge der Erschütterung, die sie erlitten hatte, auch plötzlich manche ihrer Ansichten und Gefühle geändert. Aber des weiteren will ich auch hierüber Stillschweigen bewahren. Ich füge nur noch hinzu, daß Lambert nach Moskau verschwand; und ich höre, daß er dort bei irgend etwas erwischt worden ist. Und Trischatow habe ich schon lange, fast seit damals schon, aus den Augen verloren, so sehr ich mich selbst heute noch bemühe, seine Spur aufzufinden. Er verschwand nach dem Tode seines Freundes, »le grand dadais«, der sich erschossen hat.   2 Ich habe schon erwähnt, daß der alte Fürst Nikolaj Iwanowitsch tot ist. Der gute, sympathische, alte Herr ist bald nach jenen Ereignissen gestorben, das heißt, doch erst einen vollen Monat danach. Er starb in der Nacht, in seinem Bette, an einem Nervenschlag. Ich habe ihn seit dem Tage, den er in meiner Wohnung verbrachte, nicht mehr wiedergesehen. Mir wurde erzählt, er wäre in diesem Monat viel vernünftiger geworden, sogar weniger gefühlvoll, er wäre nicht mehr so ängstlich gewesen, hätte nicht mehr geweint und Anna Andrejewna mit keinem einzigen Worte erwähnt. Seine ganze Liebe hatte sich seiner Tochter zugewendet. Katerina Nikolajewna hat ihm einmal, etwa eine Woche vor seinem Ende, vorgeschlagen, mich zu seiner Unterhaltung rufen zu lassen, aber er war sogar direkt ärgerlich darüber geworden: diese Tatsache teile ich ohne alle Erläuterungen mit. Es zeigte sich nach seinem Tode, daß sein Landbesitz sich im besten Stande befand, und daß außerdem ein sehr bedeutendes Kapital vorhanden war. Gegen ein Drittel dieses Kapitals wurde, gemäß dem Testamente des alten Herrn, unter seine zahlreichen Tauftöchter verteilt; höchst sonderbar aber erschien es jedermann, daß Anna Andrejewna in dem Testamente überhaupt nicht erwähnt war: ihr Name war einfach fortgelassen. Dafür ist mir aber folgende unbestreitbare Tatsache bekannt: erst wenige Tage vor seinem Ende berief der alte Herr seine Tochter und seine beiden Freunde, Herrn Pelistschow und den Fürsten W., zu sich und beauftragte Katerina Nikolajewna im Hinblick auf die Möglichkeit seines baldigen Hintrittes, von seinem Kapital Anna Andrejewna die Summe von sechzigtausend Rubeln auszuzahlen. Er äußerte diesen seinen Willen präzis, klar und kurz, ohne irgendeinen Seufzer oder eine nähere Erklärung. Nach seinem Tode, und als die Verhältnisse geordnet waren, unterrichtete Katerina Nikolajewna Anna Andrejewna durch ihren Anwalt davon, daß sie diese sechzigtausend Rubel jederzeit erheben könne, sobald sie wolle; Anna Andrejewna aber lehnte das trocken und ohne viele Worte ab: sie weigerte sich, das Geld anzunehmen, trotz aller Versicherungen, daß dies tatsächlich der letzte Wille des Fürsten gewesen wäre. Dies Geld liegt noch immer da und wartet auf sie, und Katerina Nikolajewna hofft noch immer daß sie ihren Entschluß ändern werde; aber das wird nicht geschehen, und ich weiß das so genau, weil ich jetzt einer der nächsten Bekannten und Freunde Anna Andrejewnas bin. Ihre Weigerung hat einigen Lärm verursacht, und es ist viel davon gesprochen worden. Ihre Tante, Frau Fanariotowa, die anfangs infolge ihrer Skandalgeschichte mit dem alten Fürsten sehr kühl gegen sie geworden war, hat auf einmal ihre Meinung geändert und sie nach der Zurückweisung des Geldes feierlich ihrer vollkommensten Hochachtung versichert. Dafür hat ihr Bruder sich mit ihr deswegen endgültig überworfen. Aber wenn ich auch häufig zu Anna Andrejewna komme, so will ich doch nicht sagen, daß wir uns auf große Intimitäten einlassen; die alten Geschichten erwähnen wir überhaupt nicht; sie empfängt mich sehr gern bei sich, unterhält sich mit mir aber auf sehr abstrakte Art. Unter anderm hat sie mir versichert, sie ginge ganz bestimmt ins Kloster; das ist noch nicht lange her; aber ich glaube ihr nicht und halte das nur für ein bittres Wort. Aber ein bittres, ein in Wahrheit bittres Wort liegt mir noch insbesondre über meine Schwester Lisa zu sagen ob. Das ist wirklich ein Unglück; und was sind alle meine Mißerfolge gegenüber ihrem bittern Schicksal! Es fing damit an, daß Fürst Sergej Petrowitsch nicht genas und, noch bevor das Urteil gesprochen worden war, im Lazarett starb. Er ist noch vor Fürst Nikolaj Iwanowitsch gestorben. Lisa blieb mit ihrem künftigen Kinde allein zurück. Sie weinte nicht und war äußerlich sogar ruhig; sie wurde sanft und versöhnlich; aber die ganze ehemalige Glut ihres Herzens war plötzlich gleichsam irgendwo in den Tiefen des Innern begraben. Sie half Mama freundlich und pflegte den kranken Andrej Petrowitsch, aber sie wurde furchtbar wortkarg und schenkte keinem Menschen, ja, keiner Sache einen Blick, als wäre ihr alles gleich, als ginge sie gleichsam nur so an allem vorüber. Als Wersilows Zustand sich besserte, begann sie viel zu schlafen. Ich brachte ihr Bücher, sie las sie aber nicht; sie fing an schrecklich abzumagern. Ich wagte den Versuch nicht, sie zu trösten, wenn ich auch oft in dieser Absicht zu ihr kam; aber in ihrer Gegenwart fand ich gleichsam keine Brücke zu ihr, und ich fand auch die richtigen Worte nicht, um davon anzufangen. So ging das weiter, bis dann ein schrecklicher Unglücksfall eintrat: sie fiel unsre Treppe hinunter, nicht hoch, nur drei Stufen, aber sie hatte eine Fehlgeburt, und ihre Krankheit zog sich den ganzen Winter hin. Jetzt ist sie aus dem Bette aufgestanden, aber ihre Gesundheit hat einen Stoß für lange bekommen. Sie ist wie früher wortkarg und vergrübelt in unsrer Gesellschaft, mit Mama aber spricht sie jetzt ein wenig. Alle diese Tage hat die Frühlingssonne grell und hoch am Himmel gestanden, und ich mußte in meinem Sinn immer an jenen sonnigen Morgen im vorigen Herbst denken, an dem ich mit ihr durch die Straßen ging und wir beide froh und hoffnungsvoll waren und einander lieb hatten. O weh, was ist seitdem alles geschehen! Ich beklage mich nicht, für mich ist ein neues Leben angebrochen; aber sie? Ihre Zukunft ist mir ein Rätsel, und heute kann ich sie nicht ansehen, ohne Schmerz zu empfinden. Vor drei Wochen gelang es mir aber doch, ihr Interesse durch eine Kunde von Wasin zu erregen. Er war endlich aus der Haft entlassen und definitiv außer Verfolgung gesetzt worden. Dieser vernünftige Mensch soll, wie man erzählt, die genauesten Aufschlüsse gegeben und die interessantesten Mitteilungen gemacht haben, die ihn in den Augen der Leute, von denen sein Schicksal abhing, vollkommen gerechtfertigt hätten. Ja, selbst sein berühmtes Manuskript erwies sich als nichts weiter als eine Übersetzung aus dem Französischen, sozusagen als Material, das er ausschließlich für sich persönlich gesammelt hatte, in der Absicht, daraus späterhin einen staatserhaltenden Artikel für eine Zeitschrift zu machen. Er ist jetzt ins Gouvernement ... gezogen, sein Stiefvater Stebelkow aber sitzt noch immer in Untersuchungshaft wegen seines Prozesses, der, wie ich höre, je länger er dauert, immer weitre Kreise zieht und sich immer mehr kompliziert. Lisa hat diese Kunde über Wasin mit einem eigentümlichen Lächeln vernommen und dazu die Bemerkung gemacht, es hätte bei ihm auch gar nicht anders gehen können. Aber sie war sichtlich befriedigt davon – natürlich deshalb, weil die Denunziation des verstorbenen Fürsten Sergej Petrowitsch Wasin nicht geschadet hatte. Von Dergatschow und den andern habe ich hier weiter nichts zu sagen. Ich stehe am Ende. Vielleicht möchte ein oder der andre Leser wissen: wo eigentlich meine »Idee« geblieben ist, was das eigentlich für ein neues Leben ist, das für mich begonnen hat, und von dem ich so geheimnisvoll orakle. Aber dieses neue Leben, dieser neue Weg, der sich vor mir aufgetan hat, ist ja eben meine »Idee«, dieselbe wie früher, nur hat sie jetzt eine ganz andre Gestalt angenommen, so daß man sie überhaupt nicht mehr wiedererkennen würde. Aber in meine »Aufzeichnungen« gehört das nicht mehr hinein, weil dies schon ganz etwas andres ist. Das alte Leben liegt weit hinter mir, und das neue beginnt erst gerade. Aber eins muß ich unbedingt noch sagen: Tatjana Pawlowna, meine aufrichtige und liebe Freundin, liegt mir beinahe jeden Tag mit Ermahnungen in den Ohren, ich solle unbedingt und sobald wie möglich die Universität beziehen: »Nachher, wenn du dein Studium abgeschlossen hast, denk' dir aus, was du willst, aber zuerst beende dein Studium.« Ich muß gestehen, ich ziehe ihren Vorschlag in Erwägung, weiß aber noch gar nicht, wozu ich mich entschließen werde. Ich habe ihr unter anderm den Einwand gemacht, ich hätte jetzt überhaupt nicht das Recht, zu studieren, weil ich für Mamas und Lisas Unterhalt arbeiten müßte; aber sie bietet mir hierfür ihr Geld an und versichert mir, daß es mit Leichtigkeit für die ganze Zeit meines Studiums reichen würde. Ich entschloß mich endlich, doch jemand um Rat zu fragen. Ich blickte um mich und überlegte mir die Wahl dieses Mannes sorgfältig und kritisch. Es ist Nikolaj Semionowitsch, mein ehemaliger Erzieher in Moskau, Maria Iwanownas Mann. Nicht, daß ich so sehr irgendeines Rates bedurft hätte; ich spürte einfach eine unwiderstehliche Lust, die Meinung dieses ganz fernstehenden Mannes zu hören, der sogar bis zu einem gewissen Grade ein kalter Egoist, aber unstreitig ein kluger Mensch ist. Ich schickte ihm mein ganzes Manuskript und bat ihn um Verschwiegenheit, weil ich es noch niemand gezeigt hatte, auch Tatjana Pawlowna nicht. Das Manuskript gelangte vierzehn Tage darauf mit einem ziemlich langen Briefe an mich zurück. Aus diesem Briefe will ich nur ein paar Auszüge hierhersetzen, weil ich darin eine gewisse allgemeine Anschauung und etwas finde, was gleichsam zur Erklärung dieser Aufzeichnungen dienen könnte. Ich gebe im folgenden also diese Auszüge.   3 »... Und ich finde, mein mir immer treu gebliebener Arkadij Makarowitsch, daß Sie Ihre zeitweilige Muße zu nichts Nutzbringenderem hätten verwerten können, als zur Aufzeichnung dieser Ihrer ›Memoiren‹! Sie haben sich, sozusagen, bewußt Rechnung gelegt über ihre ersten, ungestümen und gewagten Schritte im Leben. Ich bin fest überzeugt, daß Sie sich durch diese Darlegung in der Tat sehr wohl ›zu einem andern Menschen haben umerziehen können‹, wie Ihr eigner Ausdruck lautet. Im eigentlichen Sinne kritische Bemerkungen erlaube ich mir selbstredend nicht im geringsten: wenn einem auch jede einzelne Seite zu denken gibt ... So ist zum Beispiel der Umstand, daß Sie das »Dokument« so lange und so hartnäckig in der Hand behalten haben, im höchsten Grade charakteristisch ... Aber dies ist nur eine unter hundert Bemerkungen, die ich so im stillen für mich gemacht habe. Sehr zu schätzen weiß ich es gleichfalls, daß Sie sich entschlossen haben, mir, und wie mir scheint, mir ganz allein das ›Geheimnis Ihrer Idee‹, anzuvertrauen, wie Sie selber sich ausdrücken. Aber was Ihre Bitte betrifft, ich solle Ihnen meine Meinung eben über diese ›Idee‹ mitteilen, so muß ich sie rundweg abschlagen: erstens fände sie in einem Brief nicht Platz, und zweitens bin ich selber noch nicht zur Beantwortung dieser Frage bereit und muß das selbst erst noch länger mit mir herumtragen. Ich möchte nur bemerken, daß Ihre ›Idee‹ sich durch Originalität auszeichnet, während die jungen Leute der heutigen Generation sich größtenteils nicht auf selbsterdachte, sondern auf im voraus gegebne Ideen werfen; und der Vorrat daran ist nicht gerade groß, und sie sind häufig noch dazu gefährlich. Ihre ›Idee‹ zum Beispiel hat Sie wenigstens zeitweilig vor den Ideen der Herren Dergatschow und Genossen bewahrt, die zweifellos nicht so originell sind wie die Ihre. Und schließlich bin ich im höchsten Maße mit der Ansicht der von mir hochverehrten Tatjana Pawlowna einverstanden, die ich zwar persönlich kenne, die ich aber bisher noch nicht so geschätzt hatte, wie sie es verdient. Ihr Gedanke, Sie auf die Universität zu schicken, wird für Sie vom größten Vorteil sein. Die Wissenschaft und das Leben werden die Horizonte Ihrer Gedanken und Bestrebungen in drei, vier Jahren sicherlich noch weiter stecken, und wenn sie sich nach Absolvierung der Universität wieder Ihrer ›Idee‹ zuwenden wollen, wird Sie ja niemand daran hindern. Jetzt gestatten Sie mir selber, auch ohne daß Sie mich darum gebeten hätten, Ihnen ganz offenherzig einige Gedanken und Eindrücke auszusprechen, die mir bei der Lektüre Ihrer so offenherzigen »Aufzeichnungen« durch Herz und Sinn gegangen sind. Ja, ich bin ganz einverstanden mit Andrej Petrowitsch: man konnte Ihretwegen und Ihrer vereinsamten Jugend wegen in der Tat allerlei Befürchtungen haben. Und es gibt Ihresgleichen unter unsern jungen Leuten nicht wenige, und ihre Fähigkeiten drohen in der Tat immer sich zum Schlechten zu entwickeln – entweder zu stummer Kriecherei oder zur heimlichen Sehnsucht nach Unordnung. Aber diese Sehnsucht nach Unordnung entspringt – und sicher sogar in den meisten Fällen – vielleicht dem verheimlichten Durste nach Ordnung und ›Vornehmheit‹ – (ich gebrauche Ihren Ausdruck). Die Jugend ist schon darum rein, weil sie die Jugend ist. Vielleicht liegt in diesen so frühzeitigen Ausbrüchen der Unvernunft eben dieser Durst nach Ordnung, dieses Suchen nach Wahrheit verborgen; und wer trägt denn die Schuld daran, daß manche jungen Leute von heute diese Wahrheit und diese Ordnung in so törichten und lächerlichen Dingen suchen, daß man einfach nicht begreift, wie sie daran glauben können. Ich möchte hier gleich bemerken, daß diese interessanten jungen Leute früher, in einer noch nicht gar so weit zurückliegenden Zeit, noch vor einer Generation, – daß diese jungen Leute damals noch gar nicht so sehr zu bedauern waren, weil sie in jener Zeit fast immer damit endeten, daß sie sich später erfolgreich unsrer höchsten Kulturschicht anschlossen und mit ihr zu einem Ganzen verschmolzen. Und wenn sie auch zum Beispiel im Anfang ihrer Laufbahn erkennen mußten, wie unordentlich und zufällig ihre Existenz war, wie wenigstens ihren Familienverhältnissen alle Vornehmheit mangelte, wie sehr sie die Familientradition und die schönen, vollendeten Formen entbehrten, so war das doch nur um so besser, weil sie selber nachher bewußt darum rangen und das alles dadurch nur um so höher schätzen lernten. Heute liegen die Verhältnisse schon ganz anders – eben weil kaum eine höhere Schicht vorhanden ist, der man sich anschließen könnte. Ich möchte das durch ein Gleichnis oder sozusagen durch ein Beispiel klarer machen. Wenn ich ein russischer Romanschriftsteller wäre und Dichtertalent hätte, so würde ich mir meine Helden ganz bestimmt aus dem russischen Geburtsadel wählen, denn nur an diesem einen Kreise von russischen Kulturmenschen ist es möglich, eine schöne Ordnung aufzuzeigen und einen Eindruck von Schönheit zu geben, den ein Roman zur ästhetischen Wirkung auf den Leser so unbedingt braucht. Ich sage das durchaus nicht scherzhaft, wenn schon ich selber ja ganz und gar kein Edelmann bin, was Ihnen übrigens bekannt ist. Schon Puschkin hat sich die Stoffe für seine geplanten Romane aus den ›Überlieferungen der russischen Familie‹ ausgesucht; und glauben Sie mir, dort findet sich alles, was es bisher an Schönem bei uns zulande gegeben hat. Wenigstens findet sich dort alles auch nur einigermaßen Vollendete, was es bei uns gegeben hat. Ich sage das nicht, weil ich so bedingungslos von der absoluten Richtigkeit und Wahrhaftigkeit dieser Schönheit überzeugt wäre; aber es gab da doch zum Beispiel schon vollendete Formen für Ehre und Pflicht, wogegen es außerhalb des Adels in ganz Rußland in dieser Hinsicht nicht nur nichts Vollendetes, sondern nicht einmal irgendwo die ersten Anfänge gibt. Ich spreche als ein Mensch, der ruhig ist und nach Ruhe strebt. Ob dieser Ehrbegriff gut, dieses Pflichtbewußtsein auf richtiger Bahn ist – das ist eine andre Frage; die Hauptsache für mich ist eben die vollendete Form und wenigstens das kleine bißchen Ordnung, und eine nicht gesetzlich vorgeschriebene, sondern eine aus sich selbst heraus erworbne Ordnung. Lieber Gott, das wichtigste für uns wäre endlich irgendeine, aber eine selbsterworbene Ordnung! Darin lag unsre Hoffnung und, sozusagen, unser Trost: doch endlich irgend etwas gebaut zu sehen, und nicht dies ewige Einreißen, nicht die ewig umherfliegenden Späne, nicht nur Bauschutt und Staub, aus denen schon seit zweihundert Jahren immer noch nichts hervorgehen will. Sagen Sie nicht, ich sei eine Slawophile; ich sage das nur so, aus Misanthropie, weil mir schwer ums Herz ist! Denn jetzt, seit kurzer Zeit, spielen sich bei uns Vorgänge ab, die den oben geschilderten vollkommen entgegengesetzt sind. Der Schutt von unten verwächst jetzt nicht mehr mit der höheren Menschenschicht, sondern im Gegenteil, von der schönen Schicht bröckeln mit fröhlicher Eilfertigkeit Stückchen und Trümmer ab und fallen auf einen Haufen mit den Freunden der Unordnung und den Neidischen. Und es ist durchaus kein vereinzelter Fall, daß die Väter und Familienhäupter in Familien von alter Kultur heute schon über das lachen, woran ihre Kinder vielleicht noch hätten glauben wollen. Mehr noch: sie zeigen ihren Kindern begeistert ihre gierige Freude über das plötzlich proklamierte Recht auf Ehrlosigkeit, das Scharen von Menschen auf einmal Gott weiß woraus herleiten. Ich spreche nicht von echten Fortschrittlern, liebster Arkadij Makarowitsch, sondern von dem sehr zahlreichen Gesindel, von dem gesagt ist: ›Grattez le Russe et vous verrez le Tartare.‹ Und glauben Sie mir, echte Liberale, echte und weitherzige Freunde der Menschheit, gibt es bei uns durchaus nicht in der großen Zahl, wie wir plötzlich geglaubt hatten. Aber das alles ist Philosophie; kehren wir zu unserm fingierten Romanschriftsteller zurück. Seine Lage wäre in einem solchen Falle ganz fest umschrieben: er könnte in keinem andern Stil schreiben als im historischen, weil es einen schönen Typus in unsrer Zeit nicht mehr gibt, und wenn sich auch Reste davon erhalten haben, so haben sie, nach der heute herrschenden Meinung, die Schönheit nicht mehr für sich. Oh, im historischen Stile kann man noch eine Menge äußerst sympathischer und tröstlicher Einzelheiten schildern! Man kann den Leser sogar so sehr mit sich fortreißen, daß er das historische Bild auch noch in der Gegenwart für möglich hält. Ein solches Werk von einem großen Talente würde schon nicht mehr so sehr der russischen Literatur, als vielmehr der russischen Geschichte angehören. Das wäre ein künstlerisch vollendetes Abbild einer russischen Fata Morgana, die aber tatsächlich existieren würde, solange man nicht darauf käme, daß es eine Fata Morgana ist. Dieses Bild müßte eine russische Familie aus der über dem Durchschnitt stehenden Kulturschicht durch drei Generationen im Zusammenhang mit den gleichzeitigen Ereignissen der russischen Geschichte zeigen – und der Enkel der Helden, der Vertreter der dritten Generation, könnte da als Typus der Gegenwart nicht anders dargestellt werden, als in einer etwas misanthropischen, vereinsamten und sicherlich traurigen Lebensstimmung. Er muß sogar als eine Art Sonderling erscheinen, so daß der Leser auf den ersten Blick erkennt: hier steht ein aus seiner Bahn Geschleuderter vor mir, und die Überzeugung gewinnt, daß er keine Bahn mehr vor sich hat. Blickt man noch weiter – dann wird sogar auch dieser misanthropische Enkel verschwunden sein; neue Gesichter werden auftauchen, die wir heute noch nicht kennen, und eine neue Fata Morgana. Wie aber werden diese Gesichter aussehen? Sind sie nicht schön, so ist weiterhin der russische Roman eine Unmöglichkeit. Aber, o weh! Ob dann wohl bloß der Roman eine Unmöglichkeit sein würde? Statt in die Weite zu schweifen, greife ich nach Ihrem Manuskript. Betrachten Sie sich bitte zum Beispiel die zwei Familien des Herrn Wersilow (diesmal erlauben Sie mir schon, vollkommen aufrichtig zu sein). Erstlich: über Andrej Petrowitsch selbst will ich mich nicht weiter auslassen; aber immerhin gehört er doch zu den Familienhäuptern. Er ist ein Edelmann vom ältesten Schlage und gleichzeitig ein Pariser Kommunard. Er ist eine aufrichtig poetische Seele und liebt sein Rußland, dafür negiert er es aber auch gänzlich. Er hat gar keine Religion, aber er ist fast bereit, sein Leben zu lassen – für irgend etwas Vages, dem er selbst keinen Namen zu geben vermöchte, woran er aber mit Leidenschaft glaubt, nach dem Beispiel einer Menge von russisch-europäischen Zivilisatoren aus der Petersburger Epoche der russischen Geschichte. Aber genug von ihm selbst. Nun ist aber noch seine legitime Familie da; von seinem Sohne will ich nicht sprechen, er ist dieser Ehre nicht wert. Wer Augen hat, zu sehen, der weiß im voraus, wohin bei uns solche Taugenichtse treiben und wozu sie übrigens auch andre mitreißen. Aber da ist seine Tochter Anna Andrejewna; und wer könnte diesem jungen Mädchen den Charakter absprechen? Ein Typus von der Art der hochwürdigen Äbtissin Mitrofania – selbstverständlich will ich damit nicht prophezeien, daß sie Verbrechen begehen könnte, das wäre ungerecht von mir. Sagen Sie, Arkadij Makarowitsch, mir jetzt, daß diese Familie eine zufällige Erscheinung sei ... ich würde mich darüber gewiß von Herzen freuen. Aber dürfte nicht im Gegenteil der Schluß zutreffend sein, daß heutzutage schon eine Menge von sicherlich vornehmen russischen Familien mit unwiderstehlicher Gewalt zu zufälligen Familien geworden ist und sich mit den wirklich zufälligen Familien in der einen Unordnung und dem einen Chaos vermengt hat? Jawohl, Arkadij Makarowitsch, Sie sind der Sprößling einer zufälligen Familie , im Gegensatz zu dem bei uns vor nicht gar so langer Zeit herrschenden Typus des jungen Mannes aus vornehmer Familie, der eine von der Ihrigen so ganz verschiedne Kindheit und Abstammung sein eigen nannte. Ich muß gestehen, ich möchte kein Romanschriftsteller sein, der einen Helden aus einer zufälligen Familie zu schildern hätte! Es ist eine undankbare Arbeit, und sie entbehrt der schönen Form. Und dann sind doch diese Typen in jedem Falle etwas Gegenwärtiges und können darum nicht künstlerisch abgeschlossen dargestellt werden. Es können einem große Fehler unterlaufen, Übertreibungen sind möglich und Versehen. Jedenfalls müßte man gar zuviel erraten. Aber was soll schließlich ein Schriftsteller tun, der nicht nur im historischen Stil schreiben will, und den die Trauer um das Gegenwärtige gefangenhält? Er muß erraten und ... sich irren. Aber solche Aufzeichnungen wie die Ihren könnten, glaube ich, als Material für ein künftiges Kunstwerk dienen, für ein künftiges Bild einer unordentlichen, aber schon vergangenen Epoche. Oh, wenn der Zorn des Tages verrauscht ist und die Zukunft da ist, dann kann ein künftiger Künstler selbst für die Darstellung der Unordnung und des Chaos von ehemals schöne Formen finden. Sehn Sie, dann wird man solche ›Aufzeichnungen‹ brauchen können wie die Ihren, und sie werden einem zum Material werden können – wenn sie nur aufrichtig sind, mögen sie selbst noch so chaotisch und zufällig sein ... Es werden sich darin doch wenigstens ein paar richtige Züge erhalten haben, aus denen man wird erraten können, was wohl im Herzen so manches ›Halbwüchslings‹ jener wirren Zeit verborgen gelegen haben mag – wahrlich keine unnütze Kunde, denn aus den Halbwüchslingen erwachsen die Generationen...«   1875