Lord George Byron Cain Ein Mysterium. Und die Schlange war listiger denn alle Thiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte. 1. B, Mos., 3. Cap. I. V.     Sir Walter Scott, Bart. widmet dieses Mysterium Cain sein dankbarer Freund und ergebenster Diener Byron.     Vorwort. Die folgenden Scenen sind »Mysterium« betitelt, wie man die Schauspiele, welche ähnliche, Gegenstände behandelten, früher zu nennen pflegte. Der Verfasser hat den Stoff jedoch keineswegs mit der Freiheit bearbeitet, wie dies bei derartigen Dingen damals beliebt wurde und wie sich Jeder überzeugen kann, der sich für die höchst profanen, in englischer, französischer, italienischer oder spanischer Sprache abgefaßten Mysterien interessirt. Der Verfasser war vielmehr bemüht, seinen Charakteren eine ihnen angemessene Sprache zu geben; wo dieselbe aber der Schrift entnommen ist (was übrigens nur sehr selten vorkommt), hat er so wenig geändert, als der Rhythmus nur immer zuließ. Der Leser wird sich erinnern, daß das 1. Buch Mosis nicht sagt, Eva sei vom Teufel versucht worden, sondern von der Schlange, und zwar weil diese »das listigste aller Thiere auf dem Felde« war. Welche Deutung nun auch die Rabbiner und Kirchenväter dieser Erzählung geben mögen, so habe ich die Worte genommen, wie ich sie fand; und ich sage wie Bischof Watson bei einer ähnlichen Gelegenheit, da man die Kirchenvater gegen seine in den Cambridger Schulen eingeführte Reinigung der Glaubenslehre aufrief: »Seht nur in die Schrift!« – Mit dem neuen Testament hat das Thema nichts zu schaffen, weil ja eine Anspielung hierauf nicht gemacht werden könnte, ohne einen Anachronismus zu begehen. Mit den Gedichten, welche ähnliche Gegenstände behandeln, bin ich längst nicht mehr auf dem Laufenden. Seit meinem zwanzigsten Jahre habe ich Milton nicht mehr gelesen; doch las ich ihn vorher so oft, daß dies nichts zu sagen hat. Geßner's Tod Abels habe ich in meinem achten Jahre zu Aberdeen gelesen; seither nicht mehr. Der allgemeine Eindruck meiner Erinnerung ist ein angenehmer; vom Inhalt selbst weiß ich nur noch so viel, daß bei Geßner Cains Weib Mahala, Abels Thirza heißt. Ich habe sie Adah und Zillah genannt, welches die ersten Frauennamen sind, die im 1. Buch Moses vorkommen: Lamechs Frauen heißen dort so, die von Cain und Abel werden nicht bei Namen genannt. Ob durch den Namen ein Charakter der Person ausgedrückt werden sollte, weiß ich nicht, kümmere mich auch nichts darum. Der Leser wolle sich erinnern (was man übrigens nicht gerne hört), daß in den Büchern Moses und überhaupt im allen Testament keine Hinweisung auf ein künftiges Leben vorkommt. Warum dies wol geschah, mag er in Warburtons »Göttlicher Sendung« nachlesen; mag die Sache dort befriedigend erklärt sein oder nicht, so findet sich doch jedenfalls nirgends eine bessere Erklärung hierüber. Ich habe daher angenommen, daß das Jenseits für Cain etwas Neues sei, und bin dabei, wie ich hoffe, nicht in Widerspruch mit der heiligen Schrift gerathen. Was die Sprache Lucifers anbelangt, so war es mir schwer, ihn wie einen Pfarrer sprechen zu lassen. Ich habe jedoch mein Möglichstes gethan, um denselben innerhalb der Grenzen einer geistreichen Artigkeit zu erhalten. Wenn er es von sich ablehnt, Eva in Gestalt einer Schlange versucht zu haben, so geschieht es nur, weil das 1. Buch Mosis nicht die leiseste Andeutung hierüber macht, sondern die Schlange lediglich als solche auftreten läßt.   Anmerkung. Der Leser wird finden, daß der Verfasser in seinem Gedicht zum Theil den Ansichten Cuviers gefolgt ist, wonach die Erde schon vor der Schöpfung des Menschen verschiedene Perioden der Zerstörung durchmachte. Diese Hypothese, welche sich auf die verschiedenen Erdschichten und die in denselben gefundenen Gebeine ungeheurer und unbekannter Thiere gründet, steht nicht im Widerspruch mit der Erzählung des Moses, sondern bestätigt sie eher, indem man in diesen Schichten bis jetzt keine menschlichen Gebeine entdeckt hat, obschon neben solchen von unbekannten auch viele von bekannten Thieren vorkommen. Die Behauptung Lucifers, daß die präadamitische Welt auch von weit intelligenteren Wesen als der Mensch bevölkert gewesen und zugleich eine im Verhältniß zum Mammuth größere körperliche Kraft besessen, ist natürlich nur eine poetische Fiction, um ihm die Durchführung seiner Rolle zu erleichtern. Ich muß noch hinzufügen, daß es eine Tramelogedia von Alfieri gibt, die Abèle heißt, die ich aber ebenso wenig gelesen habe, als die übrigen Werke dieses Dichters, seine Lebensbeschreibung ausgenommen. Ravenna, den 20. September 1821. Cain Personen. Männer:   Geister:   Frauen: Adam. Cain Im Original einsilbig gebraucht, wurde der Name in der Uebersetzung ebenso behandelt. Abel. Ein Engel des Herrn. Luzifer. Eva. Adah. Zillah. Erster Act. Erster Auftritt. Außerhalb des Paradieses. Sonnenaufgang. Adam, Eva, Cain, Abel, Adah und Zillah mit einem Opfer beschäftigt. Adam . Gott, ewiger, unendlicher, allweiser! Der auf der Tiefe Wassern du aus Nacht Mit Einem Worte Licht gemacht. – Dir Heil! Bei Wiederkehr des Lichts! Jehovah Heil! Eva . Gott! der du Tag gemacht, und schiedest Den Morgen von der Nacht, die vorher eins; Der du die Wellen trenntest von den Wellen Und nanntest Veste, einen Theil. – Dir Heil! Abel . Gott! der als Elemente, du bestellt: Erd', Wasser, Luft und Feuer, und zu Tag Und Nacht, und Welten, die von diesen Licht Und Schatten ziehn, noch Wesen schufst, sich dran Zu freun, zu lieben, dich und sie. – Dir Heil! Adah . Gott! ewiger, du Vater aller Dinge! Der du so gute, schöne Wesen schufst, Daß man am meisten außer dir sie liebe, Laß dich und sie mich lieben! Heil dir! Heil! Zillah . O Gott! Der Alles liebend schuf zum Glück, Doch auch die Schlange bei uns kriechen ließ, Die meinen Vater aus dem Eden trieb, Behüt' uns vor dem Uebel! Heil dir! Heil! Adam . Warum denn schweigt mein Erstgeborner still? Cain . Was soll ich sagen? Adam . Beten! Cain . Habt nicht ihr Gebetet? Adam . Ja! und heiß. Cain . Und laut!! Ich hört' Euch wol. Adam . Auch Gott, ich hoff's. Abel . Amen! so sei's! Adam . Doch du, mein Erstgeborner, schweigst noch immer? Cain . 'S ist besser so. Adam . Warum? Cain . Ich habe nichts Zu bitten. Adam . Auch zu danken nichts? Cain . Ich? – Nein! Adam . Lebst du denn nicht? Cain . Muß ich nicht sterben? Eva . Ach! Schon fällt die böse Frucht des Baums, der uns Verboten war! Adam . Und wir – wir ernten sie! O Gott, was setztest du des Wissens Baum? Cain . Warum nicht pflücktet ihr vom Lebensbaum? Dann konntet ihr ihm trotzen. Adam . O mein Sohn! Das klingt wie Schlangenworte. Schweig! Cain . Warum? Sie sprach ja wahr: 's war der Erkenntnißbaum, Der Lebensbaum. Gut ist Erkenntniß, gut Ist Leben auch. Wie wären beide bös? Eva . Mein Sohn, du sprichst, wie ich in Sünde that, Eh' du noch warst. Laß mich mein Elend nicht Erneuert sehn in dir. Ich hab' bereut! Ich will nicht schaun, wie du nun außerhalb Des Paradieses in die Schlinge fällst, Die deine Eltern drin so hart bestrickt. Begnüge dich mit dem was ist. Ach Sohn! Wenn wir's gethan, so wärst du jetzt zufrieden. Adam . Vollbracht ist unsre Andacht, laßt uns gehn, Ein Jeder an sein Werk, das nöthig, doch Nicht schwer. Die Erd' ist jung und schenkt uns mild Bei wenig Arbeit schöne Frucht. Eva . Mein Sohn, Sieh, wie dein Vater heiter ist, ergeben; Thu so wie er. ( Adam und Eva ab. ) Adah . Mein Bruder, willst du nicht? Abel . Warum auf deiner Stirne dieses Düster, Das ja nichts helfen kann, und nur den Zorn Des Ewigen erweckt? Adah . Geliebter Cain! Grollst du auch mir? Cain . Nein, Adah, nein! – Ich möcht' Allein ein wenig sein. – Abel, mir ist Nicht völlig gut, doch 's wird vorübergehn; Geh, Bruder, nur voran! Ich folge bald. Verweilt nicht ihr auch länger, liebe Schwestern; Nicht hart möcht' eurer Liebe ich begegnen. Ich folge euch sogleich. Adah . Sonst kehr' ich gern Hierher zurück. Abel . Der Friede Gottes sei Mit deinem Geist, mein Bruder. ( Abel, Zillah und Adah ab. ) Cain . Ist das Leben? Arbeit und Arbeit! Und warum? Nur weil Mein Vater seinen Platz in Eden nicht Bewahrt. Was geht das mich denn an? Ich war Noch nicht geboren, sucht' es nicht; noch freut Der Zustand mich, den mir Geburt gebracht. Warum gab er dem Weib, der Schlange nach? Und wenn er's that, warum denn leiden drob? Was war's denn viel? Der Baum stand da: warum Nicht auch für ihn? Wenn aber nicht, warum So nah' ihn pflanzen und so schön? Sie, haben Stets Eine Antwort nur: »Sein Wille war's Und Er ist gut.« Woraus ergibt sich das? Weil Er allmächtig, sei allgütig Er? Ich schließ' nur nach der Frucht (und die ist herb), Die ich für Andrer Sünden kosten muß. – – Was ist denn das? Es sieht den Engeln gleich, Nur ist's viel düstrer, trauriger zu schaun, Doch scheint's von Geisterart. Was schauert mich? Warum es mehr als jene Geister scheun, Die mit dem Flammenschwert ich täglich schau An jenem Thor, nach dem's mich immer zieht, Um von den Gärten, die mein rechtlich Erb', Im Dämmerlicht zu haschen einen Blick, Eh' Nacht auf die verbotnen Wälle fällt, Und auf der ew'gen Bäume hehre Wipfel, Die die beschützten Zinnen überragen? Wenn jene Feuerengel mich nicht schrecken, Warum sollt' ich vor dem, der naht, erbeben? – Doch scheint er mächt'ger als die Andern alle, Nicht wen'ger schön und doch nicht ganz so schön, Wie er wol war und noch könnt' sein. Der Gram Theilt sich in ihm mit der Unsterblichkeit. Kann etwas schmerzen außer: Mensch zu sein? Er naht mir. ( Lucifer tritt auf. ) Lucifer . Sterblicher! Cain . Wer bist du, Geist? Lucifer . Ein Herr von Geistern. Cain . Und wenn so, warum Verläßt du sie und wandelst zu dem Staub? Lucifer . Ich kenn' des Staubs Gedanken, fühl' für sie, Für dich. Cain . Kennst die Gedanken, kennst auch meine? Lucifer . Sind's die Gedanken Aller nicht, die nur Gedanken werth; 's ist das unsterblich Theil, Das in euch redet. Cain . Das unsterblich Theil? Dies ward uns nicht entdeckt. Des Lebens Baum Blieb uns durch meines Vaters Thorheit fern; Und der Erkenntniß Baum ward durch die Hast Der Mutter allzufrüh gepflückt, und Tod Ist seine Frucht. Lucifer . Man täuschte dich: du lebst. Cain . Ich lebe – für den Tod. Doch wäre mir Der Tod kein Schrecken, zuckte nicht in mir Ein innrer Drang, ein, unbezwingbarer Instinkt des Seins, den ich verachten möcht' Ganz wie mich selbst, doch nicht bewält'gen kann. So leb' ich denn. – Ich wollt', ich hat es nie! Lucifer . Du lebst, wirst ewig leben. Wähne nicht, Daß diese Erd', die nur dein flüchtig Kleid, Das Dasein sei. Dies höret auf, doch du Wirst dann nicht wen'ger sein. Cain . Nicht weniger! Warum nicht mehr? Lucifer . Vielleicht du wirst was wir. Cain . Ihr seid? Lucifer . Unsterblich. Cain . Und seid glücklich? Lucifer . Wir Sind mächtig. Cain . Und auch glücklich? Lucifer . Nein! Bist du's? Cain . Wie sollt' ich? Sieh mich an! Lucifer . Du armer Staub! Du willst wol elend sein? du – du?! Cain . Ich bin's. Und was bei all der Macht, die dein, bist du? Lucifer . Ein Geist, der das erstrebt, was Der ist, der Dich schuf. – Ich hätte anders dich erschaffen. Cain . Fast siehst du aus wie Gott, und – Lucifer . Bin es nicht! Und da ich Gott zu sein verfehlt, möcht' nichts Ich sein, als was ich bin. Er hat gesiegt, Er herrsche! Cain . Wer? Lucifer . Der deinen Vater schuf, Die Erd' – Cain . Und auch die Himmel und was drin, So singt der Seraph, und so sagt mein Vater. Luzifer . Sie singen, sagen, was sie sagen müssen, Sonst würden sie, was ich, was du im Reich Der Geister, Menschen sind. Cain . Und was ist das? Lucifer . Ein Mann, der, weil Unsterblichkeit ihn stärkt, Dem Ew'gen wagt ins Antlitz kühn zu schaun Und dem gewalt'gen Herrn zu sagen, daß Sein Bös nicht gut ist. – Wenn Er uns gemacht, Wie Er erklärt – und ich nicht weiß, noch glaube – Doch wenn Er's that, kann Er uns nicht zerstören: Wir sind unsterblich! Ja, Er wollt' uns so, Um uns zu quälen. Mög' Er's! Er ist groß, Doch glücklicher in seiner Größe nicht Als wir in unsrem Kampf, Allgütigkeit Schuf' Böses nicht; und hat Er's nicht gethan? Doch sitz' Er nur auf seinem öden Thron, Er schaffe Welten, daß die Ewigkeit Nicht lästig sei für sein unendlich Sein Und seine Einsamkeit, die Niemand theilt; Er fülle Stern um Stern – Er bleibt allein! Ein unbeschränkter, unvergänglicher Tyrann. Könnt' Er sich selbst vernichten, 's wär' Die größte Gnade, die Er je gewährt. Doch herrsch' Er nur und mehr' sich selbst in Pein. Geist fühlt und Mensch stets für einander doch; Wir leiden Beid' und machen unsre Leiden, Die zahllos sind, uns doch erträglicher Durch jenes unbegrenzte Mitgefühl, Das Alle Allen weihn. Doch Er, so arm In seiner Höh', so ruhelos dabei, Muß schaffen, wieder schaffen stets. Cain Du sprichst Von Dingen mir, die durch den Geist mir lang Wie Traumgestalten flohn. Ich konnte, was Ich sah, mit was ich hörte nicht vereinen. Mein Vater, meine Mutter sprechen mir Von Schlangen, Früchten, Bäumen, und ich seh', Was sie die Thore ihres Eden nennen, Durch Cherubims mit feur'gem Schwert bewacht, Die sie und mich nicht lassen nahn. Ich fühl' Der Arbeit Last, des Denkens stete Pein, Seh' eine Welt um mich, in der ich nichts; Und doch hab' das Gefühl ich oft, als könnt' Ich alle Ding' mir unterwürfig machen! Doch glaubte ich, so elend sei nur ich; Mein Vater ist gezähmt, die Mutter hat Den Geist nicht mehr, der nach Erkenntniß rang Auf die Gefahr hin ew'gen Fluchs; mein Bruder Ist ein gar frommer Hirtenknab', der Dem, Auf Deß' Gebot nur gegen Schweiß die Erb' Uns Etwas trägt, der Heerde Erstling weiht; Die Schwester Zillah singt ihr Morgenlied Schon vor der Vögel Chor, und meine Adah, Mein lieb, geliebtes Weib, auch sie versteht Den Geist nicht, der mich übermannt. Noch nie Es jetzt fand Einen ich, der mit mir fühlte. Auch gut! Ich schließ' mich Geistern lieber an. Lucifer . Und wärst du nicht durch deiner Seele Art Für die Genossenschaft gemacht, so stünd' Ich jetzt nicht so vor dir, und eine Schlang' Wär' gut genug – wie einst! – dich zu berücken. Cain . Warst du's, der meine Mutter einst versucht? Lucifer . Mit Wahrheit nur versuch' ich. War der Baum Nicht der Erkenntnis Baum? Stand nicht der Baum Des Lebens voller Früchte noch? War ich's, Der ihn verbot? Der die verbotne Frucht Vor unschuldsvollen Wesen aufgepflanzt, Und so der Unschuld Neugier nur gereizt? Ich hätt' zu Göttern euch gemacht; doch Er Trieb euch hinaus, daß ihr des Lebens Frucht Nicht äßt »und gottgleich wärt«. Sprach Er nicht so? Cain . Er sprach's, ich hört's von denen, die im Donner Ihn einst gehört. Lucifer . Wer war der Satan dann? Er, der das Leben euch nicht gönnte oder Der Andre, der in Kenntniß, Lust und Macht Euch leben lassen wollt'? Cain . Ich wollt' Sie pflückten beide, oder keine Frucht. Lucifer . Die eine habt, die andre könnt ihr haben. Cain . Wie das? Lucifer . Wenn ihr im Widerstand beharrt. Nichts kann den Geist zermalmen, wenn der Geist Er selbst nur bleibt und Mitte aller Dinge, Die um ihn sind. Er ist gemacht zu herrschen. Cain . Versuchtest du einst meine Eltern? Lucifer . Ich? Weßhalb, du armer Staub, sollt' ich das thun? Cain . Sie sagen ja, die Schlange war ein Geist. Lucifer . Wer sagt's? So steht's da oben nicht bemerkt. Der stolze Eine trügt so kleinlich nicht; Des Menschen Furcht und Eitelkeit nur möcht' Aufbürden einer geistigen Natur, Was sie gefehlt. Die Schlange war die Schlange, Nicht mehr und auch nicht wen'ger als der Mensch, Den sie versucht. Auch sie ist Erde nur, Doch klüger wol, da sie ihn überlistet, Und vorher schaute, wie verhängnißvoll Der kurzen Lust die Kenntniß werden sollt'. Glaubst du, ich nahm von sterblichem Geschöpf Die Maske an? Cain . Doch war ein Dämon in Dem Thier! Luzifer . Es weckte ihn in denen nur, Zu denen die gespalt'ne Zunge sprach. Ich sage dir, die Schlange war nicht mehr Als einfach Schlange. Frag' die Cherubim, Die jetzo der Erkenntniß Baum bewachen. Wenn tausend Jahre über deiner Asche Und deines Samens Asche sind dahin, Dann wird vielleicht in solcher Fabel Kleid Die Welt erzählen euern Sündenfall Und die Gestalt mir leihn, die ich veracht', Wie Alles ich veracht', was Ihm sich beugt, Der ja die Dinge nur erschaffen hat, Daß sie vor Seiner Ewigkeit sich beugen. Doch wir, die Wahrheit schaun, wir müssen sie Aussprechen auch: Es lauschten deine Eltern Dem Wurm und sielen drum. Was sollt' ein Geist Versuchen sie? Lag in dem engen Kreis Des Paradieses so was Neidenswerthes, Daß Geister, die den Raum durchwehn –? Jedoch Von Dingen sprech' ich dir, die stets dir fremd Trotz dem Erkenntnißbaum. Cain . Doch kannst du mir Nichts nennen, was erkennenswerth, das ich Nicht längst erkennen möcht', und habe Sinn Dafür. Lucifer . Und auch den Muth zu schaun? Cain . Versuch's! Lucifer . Wagst du's den Tod zu sehn? Cain . Noch kam er nicht. Lucifer . Jedoch er kommt. Cain . Mein Vater sagt, er sei Ein Schreckensbild und meine Mutter weint, Wenn man ihn nennt, und Abel hebt das Aug' Zum Himmel auf und Zillah schlägt es nieder Und betet, seufzt – und mich sieht Adah an Und schweigt. Lucifer . Und du? Cain . Unsagbare Gedanken Versengen mir die Brust, vernehme ich Von dem allmächt'gen Tod, der, wie es scheint, Nicht zu vermeiden ist. Könnt' ich, ihn zwingen? Ich rang ja schon als Knabe mit dem Leu'n, Bis brüllend er aus meinen, Griffen floh. Lucifer . Er ist gestaltlos und erwürgt doch Alles, Was nur die Form von Erdenwesen trägt. Cain . Ach für ein Wesen hielt ich ihn; wer als Ein Wesen könnt' so Böses thun den Wesen? Lucifer . Frag' den Vernichter! Cain . Wen? Lucifer . Den Schöpfer! 's ist Dasselbe ja! Er schöpft, um zu vernichten. Cain . Das wüßt' ich nicht, doch ahnte ich's, seit ich Vom Tod gehört. Und weiß ich auch nicht, was Er ist, scheint er doch fürchterlich. Oft sah Nach ihm ich in die öde Nacht hinaus; Und flatterten dann Riesenschatten hin An Edens Wall, vom Schwertesblitz Der Cherubim durchkreuzt, dann harrt ich sein, Dann glaubt' ich, müßt' er nahn, denn mit der Furcht Erwachte das Verlangen auch in mir, Zu wissen, was uns so, ergreif,' – jedoch 'S kam nichts. Dann wandte ich den müden Blick Von unsrer Heimat, vom verbotnen Eden Nach jenen Lichtern über uns im Blauen, Die ja so herrlich. – Trifft der Tod auch sie? Lucifer . Vielleicht! Doch lang' nach dir erst und den Deinen. Cain . Das freut mich, sehr. Ich machte sie nicht todt! Sie sind so schön. – Was ist denn Tod? Ich, ahn', Ich fühl': es ist ein schrecklich Ding; dach was, Erkenn' ich nicht. Er ist uns zugesprochen, Ob wir gesündigt oder nicht, als Uebel. Worin besteht's? Lucifer . Daß ihr zu Erde werdet. Cain . Und werde ich Erkenntniß daraus ziehn? Lucifer . Ich kenn' den Tod nicht, kann nicht Antwort geben. Cain . Es wär' kein Uebel, wär' ich stille Erde; Ich wollt', ich wäre stets nur Staub gewesen. Lucifer . Ein schnöder Wunsch, tief unter deinem Vater: Er wollte doch erkennen. Cain . Doch nicht leben! Warum nicht griff er nach des Lebens Baum? Lucifer . Er ward verhindert. Cain . Unheilvoller Wahn! Daß er zuerst nicht diese Frucht gepflückt! Doch eh' Erkenntniß er gepflückt, wüßt' er Vom Tode nichts. Ich weiß nicht, was es ist, doch fürchte ich's, und fürcht', ich weiß nicht was! Lucifer . Und ich, der Alles weiß, fürcht' nichts. Da sieh, Was wahres Wissen ist! Cain . Willst du mich's lehren? Lucifer . Wenn Ein's du thuest – Cain . Nenn's! Lucifer . Wenn du vor mir dich niederwirfst und bet'st als deinen Herrn Mich an. Cain . Du bist der Herr nicht, den mein Vater Anbetet? Lucifer . Nein! Cain . Bist seines Gleichen du? Lucifer . O nein! ich habe nichts mit ihm gemein; Und möcht's auch nicht! Ich möcht' wol etwas drüber, Selbst drunter sein, nur der Genosse nicht, der Diener seiner Macht. Ich lebe abseit, doch ich bin groß, mich beten viele an, Und mehr noch werden's: sei der Erste du! Cain . Ich habe mich des Vaters Gott noch nie Gebeugt, so oft mein Bruder in mich drang, Dem Herrn mit ihm zu opfern. Warum sollt' Ich beugen mich vor dir? Lucifer . Du beugtest dich Noch nie vor Ihm? Cain . Ich sagt's, und mußt ich's sagen? Könnt' deine mächt'ge Kenntniß dir's nicht künden? Lucifer . Es hat sich mancher mir gebeugt, der's Ihm Nicht that. Cain . Ich beug' mich Keinem. Lucifer . Gleichwol bist Du mein! Ihn nicht anbeten, macht dich schon Zu meinem Eigenthum. Cain . Nun? Und das heißt? Lucifer . Das wirst du hier – und künftig schon erfahren. Cain . Enthüll' mir das Geheimniß meines Seins. Lucifer . So folge mir. Cain . Ich muß die Erd' erst ackern, Denn ich versprach – Lucifer . Was? Cain . Erstlingsfrucht zu holen. Lucifer . Wozu? Cain . Dem Herrn zu opfern sie mit Abel. Lucifer . Du sagtest ja, du habst dich nie vor dem Gebeugt, der dich erschaffen? Cain . Ja! – Doch hat Mich Abels ernste Bitte überwunden. Es ist sein Opfer mehr als meins, und Adah – Lucifer . Was hältst du inne? Cain . Meine Schwester ist's! Am gleichen Tag dem gleichen Leib entsprossen. Mit Thränen hat sie das Versprechen mir Entlockt. Eh' ich sie weinen sähe, würd' Ich Alles thun und Jeden beten an. Lucifer . So folg' mir dann. Cain . Ich will's. (Adah tritt auf.) Adah . Mein Bruder! ich Komm' deinethalb! 's ist unsre Ruhestunde, Du fehlest uns dabei. Zwar warst du bei Der Arbeit nicht, doch ich versah dein Werk. Die Frucht ist reif und glüht wie's Licht, das sie Gereift. Komm jetzt! Cain . Siehst du –? Adah . Den Engel hier? Wir sah'n schon manchen; will er unsre Stunde Der Ruhe theilen, ist er uns willkommen. Cain . Er ist nicht wie die Engel, die wir sah'n. Adah . So gibt es andre noch? Doch das thut nichts! Er ist willkommen, wie's die andern waren, Die uns gewürdigt, unser Gast zu sein. Wohlan! Cain . (zu Lucifer). Du kommst? Lucifer . Ich bitte dich, sei mein. Cain . Ich muß mit ihm. Adah . Willst uns verlassen? Cain . Ja. Adah . Auch mich? Cain . Geliebte Adah! Adah . Nimm mich mit. Lucifer . Nein! sie darf nicht. Adah . Wer bist denn du, der sich So zwischen unsre Herzen drängt? Cain . Er ist Ein Gott. Adah . Woher denn weißt du das? Cain . Er spricht Ganz wie ein Gott. Adah . Das that die Schlange auch Und log. Lucifer . Du irrest, Adah. War der Baum Nicht der Erkenntniß Baum? Adah . Ja, uns zur Pein! Luzifer . Doch ist Erkenntniß diese Pein; sie log Drum nicht. Wenn sie euch lockte, war's durch Wahrheit, Und Wahrheit kann dem Wesen nach nichts sein Als gut. Adah . Doch was wir von ihr wissen, hat Ein Uebel auf das andre nur gehäuft: Verbannung, Arbeit, Furcht, ein schwer Gemüth, Reu' über das, was war, und Hoffnung deß – Was doch nicht kommt! – Cain! geh' nicht mit dem Geist! Ertrag', was wir ertragen; liebe mich, Ich liebe dich. Lucifer . Mehr als die Mutter und Den Vater? Adah . Ja. – Ist das wol sündhaft? Lucifer . Nein! Noch nicht. Einst wird's für eure Kinder sein. Adah . Wie? Darf mein Töchterlein nicht seinen Bruder, Den Enoch lieben? Lucifer . Nicht wie du den Cain. Adam . O Gott, nicht lieben sollen sie? Aus Lieb' Nicht Wesen, die sich wieder lieben, zeugen? Sie sogen doch die Milch aus diesem Busen, Und er, ihr Vater, ward im gleichen Schooß Mit mir, zu gleicher Zeit gezeugt, getragen. Und liebten wir uns nicht? Und haben wir, Als unser Dasein wir gemehrt, nicht auch Geschöpfe, die einander lieben, wie Wir sie, gezeugt? Bei meiner Liebe, Cain! Geh mit dem Geist nicht, er ist nicht der Unsern. Lucifer . Ich schuf die Sünde nicht, von der ich sprach; Und Sünde kann sie auch in euch nicht sein, Wie sie an denen auch erscheinen mag, Die euch ersetzen in der Sterblichkeit. Adah . Was ist denn Sünde, die nicht Sünde ist An sich? Kann unser Thun ein Umstand denn In Sünd' und Tugend drehn? Wenn so, dann sind Wir Sklaven nur – Lucifer . Selbst höhre Wesen sinds Als ihr, und Höhre waren's noch als sie Und ihr, wenn sie der Unabhängigkeit, Wiewol in Qual, den Vorzug nicht ertheilt Vor jener milden Pein der Schmeichelei, Dem Singsang und dem selbstischen Gebet Zu Dem, der Alles kann, weil er allmächtig, Und nicht aus Lieb' zu Ihm, aus Schrecken nun Und Hoffnung auf Gewinn. Adah . Die Allmacht muß Allgütig sein. Lucifer . War sie's in Eden? Adah . Teufel! Versuche nicht durch Schönheit mich! Du bist Zwar schöner als die Schlange weit, doch ganz So falsch. Lucifer . So wahr! Frag' Eva, deine Mutter! Ward ihr Erkenntniß nicht des Guten, Bösen? Adah . O meine Mutter! Eine Frucht hast du, Die deinen Kindern theurer kam als dir, Gepflückt! Du brachtest deine Jugend doch Im Paradiese zu, mit sel'gen Geistern In unschuldsvollem, glücklichem Verkehr; Wir aber, deine Kinder, unbekannt Mit Edens Glück, sind Teufeln preisgegeben, Die Gottes Sprache reden, und so leicht Durch unsern eig'nen, unzufriednen Geist, Den wißbegier'gen uns versuchen können, Wie dich die Schlang' versucht im höchsten Glanz, Im harmlos unbesorgten Muth des Glücks! – Ich kann dem Wesen, das hier vor mir steht, Nicht Antwort geben, kann's verabscheu'n nicht. Ich schau es an mit angenehmer Furcht Und flieh' doch nicht. In seinem Blicke ruht Ein Reiz, der fesselt, der mein flatternd Aug' An seines knüpft. Mein Herz schlägt schnell, er macht Mir Angst und ziehet doch mich an, und näher, Stets näher, Cain! – Cain, rette mich vor ihm! Cain . Was fürchtet Adah? 's ist kein böser Geist. Adah . Er ist nicht Gott, noch Gottes Art! Ich 'sah Die Cherubim und Seraphim; er sieht Nicht aus wie sie. Cain . Es gibt noch höhre Geister, Erzengel sind's. Lucifer . Und höh're noch als sie. Adah . Ja, doch nicht selige. Lucifer . Wenn Seligkeit In Sklaverei besteht, dann – nicht. Adah . Ich hörte: Der Seraph lieb' – der Cherub wiss' am meisten; Dies muß ein Cherub sein, da er nicht liebt. Lucifer . Und wenn die höh're Weisheit Lieb' erstickt, Was ist wol Der, den ihr nicht lieben könnt, Wenn ihr ihn kennt? Da der allwissende Cherub so wenig liebt, kann Seraph's Lieb' Unwissenheit nur sein. Daß beides nicht Zusammengeht, beweist der Urteilsspruch, Der deinen Eltern für ihr Wagniß ward. Wählt zwischen Lieb' und Wissen! denn' es bleibt Euch keine andre Wahl. Seht, euer Vater Hat schon gewählt: nur Furcht ist sein Gebet. Adah . Cain wähl' die Lieb'! Cain . Die Lieb' zu dir, Adah, Erwähl' ich nicht; die ward mit mir geboren, Sonst aber lieb' ich nichts. Adah . Und unsre Eltern? Cain . Als ob sie uns geliebt, da sie die Frucht, Die aus dem Paradies uns trieb, gepflückt! Adah . Wir waren noch nicht da; und wenn wir's waren, Ist's unsre Pflicht nicht, sie zu lieben, Cain? Und unsre Kinder, Cain? Cain . Den kleinen Enoch, Sein stammelnd Schwesterlein! wenn glücklich ich Sie wüßt', könnt' ich's vergessen halb. Doch nein! Das läßt sich nicht vergessen, durch dreitausend Geschlechter nicht! nie wird der Mensch des Paars Gedächtniß weihn, das in der gleichen Stunde Des Uebels und der Menschheit Saat gesät! Sie pflückten von des Wissens Baum, der Sünde, Und nicht zufrieden mit der eig'nen Pein Erzeugten sie noch mich und dich und all Die wenigen, die sind, und all die Brut, Die ungezählt-unzähligen Millionen Und Myriaden, die einst werden sein, Um Noth zu erben, die die Zeit noch häuft; Und ich soll Vater sein von solchen Wesen! Dein Reiz und deine, meine Lieb' und Lust, Die frohe Stund', der süße Augenblick, Was wir an uns und unsern Kindern lieben, Es führt nur sie und uns durch manches Jahr Von Sünd' und Schmerz, – vielleicht durch wen'ge nur – Doch schmerzlich immer, mit Momenten nur Verkümmerten Genusses hin zum – Tod! Dem unbekannten Ding! – Mich dünkt, der Baum Hat keineswegs, was er versprach, erfüllt. Wenn sie gesündigt, mußten sie auch wissen, Was wissenswerth, des Todes Räthsel selbst. Was wissen sie? Nur daß sie elend sind! Und das zu lehren, braucht's nicht Schlang' noch Frucht. Adah . Ich bin nicht elend, Cain, und wenn nur du Auch glücklich wärst – Cain . Sei's du allein denn! Ich Hab' nichts mit einem Glück zu schaffen, das Mich und die Meinen niederdrückt. Adah . Allein Kann ich und möcht' nicht glücklich sein; jedoch Mit Denen um uns, denk' ich, könnt' ich's sein, Dem Tod zum Trotz, den ich nicht kenn' und der Mich drum nicht schreckt, scheint er auch gleich nach dem, Was ich von ihm gehört, ein Bild des Grauns. Lucifer . Allein, sagst du, könnst du nicht glücklich sein? Adah . Allein!! O Gott! wer kann denn glücklich sein, Wer gut, wenn er allein? Die Einsamkeit Erschien' mir Sünde fast, wenn ich nicht dächte, Bald meinen, seinen Bruder, unsre Kinder Und unsre Eltern auch zu sehn. Lucifer . Und doch Ist auch dein Gott allein; und ist allein Er glücklich auch und gut? Adah . Er ist nicht einsam: Die Engel hat er und die Sterblichen, Sie zu beglücken, und wird glücklich selbst, Indem er Freude macht. Was freut denn mehr? Lucifer . Frag' deinen Vater, der aus Eden ward Verjagt! Frag' dessen erstgebornen Sohn! Ja frag' dein eigen Herz: es ist nicht ruhig. Adah . Ach nein! Und du – bist du vom Himmel? Lucifer . Bin Ich nicht daher, so frage Den, der all Dies Glück – von dem du singst – erschuf! Frag den Allmächtigen, allgüt'gen Lebensschöpfer Nach dem Warum; denn sein Geheimniß ist's, Das er bewahrt. Wir müssen's dulden, und Ein Paar der Unsern leisten Widerstand, Doch Beides, sagen seine Seraphs, sei Umsonst; doch bleibt es des Versuches werth, Da es drum doch nicht besser wird. Im Geist Liegt eine Weisheit, die zum Rechten führt, Wie euer Aug' sich an dem klaren Stern – Dort in des Aethers Blau erhellt, der wacht Und grüßt den Tag. Adah . Es ist ein schöner Stern, Ich lieb' ihn seiner Schönheit halb. Lucifer . Warum Nicht betest du zu ihm? Adah . Weil unser Vater Den Unsichtbaren einzig betet an. Lucifer . Jedoch die Zeichen dieses Unsichtbaren Sind ja das Lieblichste, was sichtbar ist: Der helle Stern dort führt des Himmels Heer. Adah . Der Vater sagt: er habe Gott gesehn, Der ihn und unsre Mutter hat gemacht. Lucifer . Sahst du ihn auch? Adah . In seinen Werken ja! Lucifer . Doch in dem Wesen? Adah . Nein! Nur in dem Vater, Der Gottes eignes Bildniß ist, und in Den Engeln, die dir gleich, doch lichter sind, Wenn auch so schön und mächtig nicht von Miene. Sie schaun auf uns wie jener stumme Mond, Der sonnige, ganz Licht; du aber scheinst Wie eine hehre Nacht, wo langes weiß Gewölk den dunkeln Purpur streift und Sterne Die wunderbare Decke zahllos schmücken Und thun, als seien ferne Sonnen sie: So unzählbar, so schön und freundlich blickend, Daß mächtig sie die Herzen ziehn empor. Mit Thränen füllen sie das Auge mir, So thust auch du: Unglücklich siehst du aus; Mach' uns nicht auch so, und ich wein' um dich. Lucifer . Ach diese Thränen! Sähst du doch das Meer Von Thränen, das man noch vergießen wird! Adah . Wer? Ich? Lucifer . Nein, Alle! Adah . Welche Alle? Lucifer . Nun, Die Millionen, Millionen Menschen, Die Myriaden, Myriaden all Der überfüllten und entleerten Erde, Der übervollen Hölle, die den Keim Aus deinem Schooße ziehn. Adah . O Cain! Der Geist Verflucht uns! Cain . Laß ihn reden doch! Ihm folg' Ich jetzt. Adah . Wohin? Lucifer . Nach einem Ort, von wo In einer Stund' er wiederkehrt zu dir. Doch in der Stund' wird er den Inhalt schaun Von manchem Tag. Adah . Wie das? Lucifer . Schuf euer Schöpfer Nicht diese Welt aus alten in sechs Tagen? Und sollt' nicht ich, der bei dem Werk ihm half, In einer Stund', was Er in vielen schuf, Wie was in wen'gen Er zerstört, euch zeigen? Cain . Mach fort! Adah . Kehrt er gewiß so bald zurück? Lucifer . Er wird's. Bei uns sind Thaten nicht geknüpft An Zeit; wir können eine Ewigkeit In eine Stunde drängen, und die Stunde Zur Ewigkeit verlängern; denn wir athmen Nicht nach der Menschen Maß. Doch dies ist ein Geheimniß. – Cain, kommt mit! Adah . Kehrt er zurück? Lucifer . Ja, Weib! Von allen Sterblichen allein Wird wiederkehren er von jenem Ort (Der Erst' und Letzte ist er – außer Einem!), Um jene noch erwartungsvolle Welt Einst zu bevölkern wie erst die . Bis jetzt Sind wenige Bewohner nur erst dort. Adah . Und wo wohnst du? Lucifer . Im weiten Raum! Wo sollt' Ich denn? Da, wo dein Gott ist, deine Götter, Da bin ich auch; mit mir getheilt ist Alles: Das Leben wie der Tod, Zeit, Ewigkeit, Der Himmel und die Erd', und was nicht Himmel Noch Erd', doch derer Heim, die beide schon Bevölkert haben oder einst es thun. Das ist mein Reich! So daß ich seines theil', Und noch ein Reich besitze, das nicht sein. Wenn ich nicht wäre, was ich dir gesagt, Könnt' hier ich stehn, da seine Engel uns Beschaun? Adah . Das thaten sie auch, als die Schlang' Mit unsrer Mutter sprach. Lucifer . Du hörtest's, Cain! Wenn du nach Wissen dürstest, still ich dir Den Durst; und schwatze keine Frucht dir an, Die eines einz'gen Gutes dich beraubte, Das der Besieger dir noch ließ. So komm! Cain . Ich hab's versprochen, Geist! ( Lucifer und Cain ab. ) Adah ( folgt und ruft ). Mein Bruder! Cain! Zweiter Act Erster Auftritt Der Abgrund Cain . Ich trete Luft und sinke nicht, doch fürcht' Zu sinken ich. Lucifer . Vertraue mir, so wirst Du von der Luft, die ich beherrsch', getragen. Cain . Kann ich das thun, ohn' daß ich gottlos bin? Lucifer . »Wer glaubt sinkt nicht, wer zweifelt geht zu Grund,« So würde jener andre Gott dir sagen, Der seinen Engeln mich als Dämon nennt. Die tragen diesen Namen Wesen zu, Die im Bereich nur ihrer schwachen Sinne Verständig sind und jedes Wort verehren Das sie verblüfft, und gut und böse glauben, Was man der niederträcht'gen Brut Als solches nennt. Ich will kein solches Volk. Ob du mir dienst, ob nicht, du sollst die Welt, Die jenseits deiner kleinen schwebt, erschaun, Und wegen Zweifel, die dein kleines Leben Weit überhöhn, von mir gequält nicht werden. 'S wird eine Stunde kommen, wo ein Mann Von ein'gen Wassertropfen nur getragen Zu einem Andern sagen wird: »Glaub' nur An mich und schreite auf dem Wasser!« und Der Mann wird sicher auf dem Wasser schreiten. Ich will nicht sagen: »Glaub' an mich«, als die Bedingniß, daß ich dich errett'; doch flieg Mit mir zusammen durch die Kluft des Raumes Und zeigen will ich dir, was du wol nicht Abweisen wirst: des Ehedem Geschichte, Die Gegenwart, die Mähren künft'ger Welten. Cain . O Gottheit oder Satan oder was Du bist! Ist das dort unsre Erd'? Lucifer . Erkennst Den Staub du nicht, aus dem dein Vater ward? Cain . Ist's möglich? jenes kleine blaue Rund, Das sich im Aether schwingt, mit einem Kreis Dabei, der kleiner noch und jenem Licht, Das unsre Erdennacht erleuchtet, gleich, Dies ist das Paradies? Wo ist sein Wall? Wo seine Hut? Lucifer . Zeig' mir den Punkt, wo liegt Das Paradies? Cain . Wie könnt' ich denn! Da wir Wie Sonnenstrahlen fliehn, so wird er klein Und kleiner stets, und in dem Maße daß So klein er wird, gewinnt an Helle er Wie jenes andre Licht, das, als ich noch Die Sterne von der Erde aus erschaut, Mir als der rundeste erschien. Mir scheint, Daß beide nun, indem wir weiter ziehn, Zu jenen unzählbaren Sternen stoßen, Die um uns her, und die je weiter fort Wir ziehn, vergrößern ihre Myriaden. Lucifer . Und wenn's nun Welten gäbe, größer noch Als deine dort, bewohnt von höhern Wesen, Und diese selbst zahlreicher als der Staub Der schalen Erd', wär' er vervielfacht auch Zu lebenden Atomen, und wenn alle Zwar lebten, doch zum Tod verdammt und elend, – Was dächtest du? Cain . Mich machte der Gedanke, Der Solches faßte, stolz. Lucifer . Doch wäre nun Der herrliche Gedanke angeschweißt An eine knecht'sche Masse Stoff, und wär' Das Wissen und Ersehnen solcher Dinge, Ja höheres Verstehen noch, gepaart Mit dem gemeinsten, kleinlichsten Bedürfniß, Mit niedrig, eklem Zeug; wär selbst dein höchster, Entzückendster Genuß nur süße Schmach, Entnervend schmutzger Köder nur, um dich Zur Zeugung neuer Körper anzureizen Und neuer Seelen, all vorausbestimmt Gleich schwach zu sein und wen'ge nur so glücklich – Cain . Hör', Geist, ich weiß vom Tode nichts, als daß Ein schrecklich Ding er ist, von dem die Eltern Als einem Schaudererbtheil sprechen, das Ich ihnen dank' wie dieses Leben selbst, Das auch kein glücklich Erbe ist, so viel Ich merken kann bis jetzt– –Doch, Geist, wenn das, Was du mir sagtest, wahr ist – und ich fühl' Ja der prophet'schen Wahrheit ganze Qual! – So laß mich sterben gleich; denn Leben zeugen, Das Jahre lang soll leiden und dann sterben, Scheint mir Fortpflanzung nur von Tod und Saat Zu weitrem Mord. Lucifer . Du kannst nicht völlig sterben: 'S ist Etwas da, was weiter leben muß. Cain . Der Andre sprach zum Vater nichts hievon, Als Er das Paradies ihm schloß und Tod Ihm auf die Stirne schrieb. So lass' doch das, Was in mir sterblich ist, vergehn, damit In Ruh' ich schwebe, wie die Engel thun. Lucifer . Ich bin ein Engel. Willst du sein wie ich? Cain . Ich kenn' dich nicht; wol seh' ich deine Macht, Und daß du mir, was außer meiner Macht Und angebornen Kraft liegt, zeigst, Obschon's noch unter meinen Wünschen bleibt Und meiner Denkungskraft – Lucifer . Was bist denn du, Der trotz dem großen Stolz mit Würmern lebt Im Staub? Cain . Und was bist du, der du so hoch Im Geiste wohnst, Natur, Unsterblichkeit Durchstreifst und scheinst doch traurig, kummervoll? Lucifer . Ich scheine, was ich bin; und deshalb frag' Ich dich, ob du unsterblich möchtest sein? Cain . Du sagtest nur, ich müss' unsterblich sein, Ob ich nun wolle oder nicht. Ich hab' Erst kürzlich dies gehört, doch wenn's sein muß, Laß mich, ob nun beglückt davon ob nicht, Voraus empfinden die Unsterblichkeit. Lucifer . Das that'st du schon, eh' ich dich traf. Cain . Wie das? Lucifer . Du littst. Cain . Ist denn unsterblich unsre Qual? Lucifer . Erfahren werden wir's, und dein Geschlecht. – Doch sieh! Ist das nicht schön? Cain . O schöner Aether! Unsäglich hehre Luft! ihr reichen Massen Von hellesten und immer hellern Lichtern, Was seid ihr wol? Was ist die blaue Wüste Endloser Luft, durch die dahin ihr rollt, Wie Blätter ziehn in Edens klarem Strom? Ist euer Lauf genau euch zugemessen? Schweift ihr dahin in ungebundnem Drang Durch ein unendlich, Luft durchwehtes All? Die Seele bebt, so Hohes auszudenken, Von eurer Ewigkeit berauscht! O Gott! O Götter! oder was ihr immer seid! Wie schön seid ihr! wie herrlich euer Werk! Des Zufalls Werke, oder was sie seien! Laßt mich hier sterben, wie's Atome thun (Wenn sie es thun!), wo nicht, erkennen euch. In eurer Macht und Wissenschaft! – Mein Geist In diesem Augenblick ist unwerth nicht Deß was ich schau, wenn auch mein Staub es ist. – Geist! laß mich enden oder nah' sie schauen! Lucifer . Bist du nicht nah genug? Zur Erde schau zurück. Cain . Wo ist sie hin? Ich sehe nichts Als ein unzählbar glänzend Lichtermeer. Lucifer . Schau dort! Cain . Ich kann nichts sehn. Lucifer . Noch funkelt sie. Cain . Die dort? Lucifer . Ja, die! Cain . Was machst du mir da vor? Glühwürmchen sah ich fliehn und Feuerfliegen Im dunkeln Hain und an des Ufers Grün, Die heller glänzten als die Welt dort, die Sie trägt. Lucifer . Gewürm und Welten, beide sahst Du leuchtend, hell; was hältst du nun davon? Cain . Daß Jedes schön in seiner Sphäre sei, Und daß die Nacht, die beide lieblich macht: Den Feuerkäfer, der die Luft durchblitzt, Den hehren Stern in seinem mächt'gen Lauf, – Der höhern Hut bedarf. Lucifer . Von wem? Durch was? Cain . Das zeige mir! Lucifer . Und wagst du, es zu schaun? Cain . Wie kann ich wissen, ob ich's wagen darf? Bis jetzt hast du mir nichts gezeigt, was ich Nicht wagt' zu schaun. Lucifer . Komm weiter denn mit mir! Willst sterbliches, unsterblich Ding du schaun? Cain . Was sind die Dinge denn? Lucifer . Von Beidem was. Doch was liegt dir zunächst? Cain . Die Dinge, die Ich seh'. Lucifer . Doch was lag dir am nächsten an? Cain . Die Dinge, die ich nicht gesehn, und nie Auch sehen soll: des Tods Mysterium. Lucifer . Wie wenn ich dir Gestorbnes zeigte nun, Wie ich dir viel, was niemals stirbt, gezeigt?! Cain . So thu's! Lucifer . Fort denn auf unsrer Schwinge Kraft! Cain . Wie wir das Blau zerspalten! weg von uns Die Sterne fliehn, die Erd' –! Wo ist die Erde? Laß mich sie sehn, denn ich entstand aus ihr. Lucifer . Sie schwebt jetzt abseits dir, und wen'ger fast Scheint jetzt im Weltall sie, als du in ihr. Doch glaube nicht, du könnest ihr entrinnen. Bald kehrst zur Erde du und ihrem Staub. Theil ist sie deiner, meiner Ewigkeit. Cain . Wo führst du jetzt mich hin? Lucifer . Zu dem was vor Dir war, zum Weltphantom, von dem die Welt Ein Wreck nur ist. Cain . So ist sie denn nicht neu? Lucifer . So wenig wie das Leben; und das war Eh' du und ich, und eh' die Wesen waren, Die höher uns erscheinen als wir Beide. Gar Manches wird kein Ende haben; Manches Was aussieht, als ob's keinen Anfang je Gehabt, begann ganz so gemein wie du; Und größre Dinge wurden ausgelöscht, Geringern, als wir ahnen, Platz zu machen: Doch für Momente nur! Denn aller Raum War unveränderlich und wird es sein, Und Aend'rung bringt nicht Tod, als nur dem Staub. Doch du bist Staub und kannst begreifen nur Was Staub einst war, und Solches sollst du schaun. Cain . Staub, Geist? Was du nur willst, das kann ich schaun. Lucifer . Fort denn! Cain . Doch schnell entschwinden mir die Lichter; Und größer wurden ein'ge stets, da wir Genaht und sah'n wie Welten aus. Lucifer . Das sind Sie auch. Cain . Und Paradiese drin? Lucifer . Vielleicht. Cain . Und Menschen auch? Lucifer . Ja, oder höh're Wesen. Cain . Gewiß? Und Schlangen auch? Lucifer . Du möchtest wol Die Menschen ohne sie? Soll kein Gewürm Denn athmen als was aufrecht geht? Cain . Wie jetzt Die Sterne fliehn! Und wir! Wohin? Lucifer . Zur Welt, Wo die Phantome wehn, die Wesen waren Und Schatten werden sein. Cain . Jetzt wird es Nacht; Die Sterne sind dahin. Lucifer . Doch siehst du noch. Cain . Ein grausig Licht! Nicht Sonn' noch Mond scheint mehr. Noch jenes Sternenheer! Selbst jenes Blau Der Purpurnacht verschwimmt in schaurig Düster. Ich schaue riesenhafte trübe Massen, Nicht wie die Welten, denen wir genaht, Die lichtumgürtet voller Leben schienen, Wenn ihr umflorter Dunstkreis wich und uns In seltsamer Gestaltung manches Thal Und Hochgebirge wies, wo Funken dann Die Einen sprühten, Andre weite Flächen Von Flüssigkeit entfaltet, Andre Gürtel Von Licht gezeigt, mit Monden um sie her, Die gleichfalls aus wie schöne Erden sahn, Anstatt daß Alles Nacht hier ist und Graus. Lucifer . Doch klar! Den Tod suchst du zu schaun und Todtes – Cain . Ich such' es nicht; doch da ich weiß, daß Tod Besteht, und daß des Vaters Sünd' ihn selbst Und mich und unser ganzes Haus und Erbe Ihm unterwarf, so möcht' freiwillig ich, Was einst ich sehen muß, jetzt schaun. Lucifer . So schau! Cain . 'S ist Finsterniß. Lucifer . Und so wird's stets hier sein. Wir aber wollen öffnen nun ihr Thor. Cain . Ein mächt'ger Qualm wälzt sich zur Seite. Was Ist das? Lucifer . Tritt ein! Cain . Kann ich zurück? Lucifer . Gewiß! Wie würde sonst des Todes Reich besetzt? Noch ist es dünn, doch wächst es bald mit Macht Durch dich und dein Geschlecht. Cain . Die Wolken öffnen Sich weit und immer weiter um uns her. Lucifer . Voran! Cain . Und du? Lucifer . Fürcht' nichts! Nicht ohne mich Konntst du aus deiner Welt heraus. Fort! fort! (Sie verschwinden durch die Wolken.) Zweiter Auftritt. Unterwelt. Lucifer und Cain treten auf. Cain . Wie still, wie weit sind diese trüben Welten! Denn mehr als eine scheint's, und deshalb doch Bevölkerter als jene Riesenkugeln, Die in der obern Luft so zahlreich schweben, Daß für die Lichtbevölkerung ich sie Von einem ganz unfaßbar hehren Himmel Weit eher als für Körper hielt, die selbst Bewohnt; wenn ich beim Näherkommen nicht Sie zu so ungeheurem greifbar'n Stoff Abschwellen sah, der eher schien gemacht, Daß man drauf lebe denn als Leben selbst. Doch hier ist Alles ja so schattenhaft, So dämm'rig, fahl, daß von Vergangenheit Es spricht. Lucifer . Das ist des Todes weites Reich. Willst du ihn sehn? Cain . Bis ich erst weiß, was er In Wahrheit ist, kann ich nicht Antwort geben. Doch ist er, wie vom Vater ich gar oft In langen Predigten gehört, so ist's Ein Ding – o Gott! ich wag's nicht auszudenken! Verflucht sei, wer ein Leben ausgeheckt, Das führt zum Tod! Verflucht der Lebensteig, Der nicht lebendig bleiben konnt', vielmehr Verwirken wieder dieses Leben mußt', Sogar in Dem, der ohne Schuld! Lucifer . Verfluchst Du deinen Vater so? Cain . Hat er nicht mich Verflucht, als er mir's Leben gab? nicht schon Vor der Geburt verflucht, als er's gewagt Von der verbotnen Frucht zu pflücken? Lucifer . Hast Recht! Ein gegenseit'ger Fluch Beim Vater und bei dir. Jedoch dein Bruder. Dein eigner Sohn, wie ist's damit? Cain . Sie mögen Den Fluch mit mir, dem Vater, Bruder theilen. Was ward mir sonst vermacht? Den Erben laß Ich ihn'. – Ihr endlos düstern Reiche, Ihr Schatten, Nachtgestalten, die ihr mir Vorüberzieht bald klar, bald trüb, doch stets Gewaltig, trauervoll – wer seid ihr wol? Lebt ihr, habt ihr gelebt? Lucifer . Etwas von Beidem. Cain . Was ist dann Tod? Lucifer . Wie? Hat nicht Der, der euch Erschuf, gesagt: es sei ein zweites Leben? Cain . Bis jetzt hat Er noch nichts gesagt, als daß Wir sterben müssen all. Lucifer . Vielleicht dereinst Enthüllet Er euch auch dies Geheimniß noch. Cain . O Tag des Glücks! Lucifer . Des Glücks? Ja, ja! Weil Er's Durch unsagbare Todesqual, geknüpft An ew'ge Pein, den unzählbaren, Un- Gebor'nen Myriaden Staub enthüllt. Die Alle Er nur darum rief ins Leben! Cain . Wer sind die mächtigen Phantome, die Ich um mich wogen seh'? Sie tragen nicht Der höhern Wesen Form, die ich vor dem Verschloss'nen, unvergess'nen Eden schaut', Noch eines Menschen Form, wie sie an Adam, An Abel oder mir erscheint, noch auch An Weib und Schwester oder meinen Kindern. Doch tragen eine Miene sie, die zwar Von Menschen nicht, noch Engeln zeugt, die aber Wenn sie die letztern nicht erreicht, die erstem Weit überragt: so stolz sind sie, so schön, So stark, wie's scheint, doch seltsamer Gestalt; Nie sah ich solche noch. Sie haben nicht Des Seraph's Schwing', des Menschen Antlitz nicht, Noch mächt'gen Thiers Gestalt, noch irgend Wessen, Das athmet, lebt; und sind doch groß und schön, Wie nur die größten, schönsten Lebenden, Und ihnen doch so ungleich, daß ich kaum Sie lebend nennen kann. Lucifer . Doch lebten sie! Cain . Wo denn? Lucifer . Da wo du lebst. Cain . Doch wann? Lucifer . Das was Du Erde nennst, bewohnten sie. Cain . Adam War ja der erste. Lucifer . Deiner Art. So ist's! Doch viel zu niedrig, um der Kleinste nur Von diesen hier zu sein. Cain . Was sind sie nun? Lucifer . Das, was einst du wirst. Cain . Und was waren sie? Lucifer . Lebendig, groß, verständig, gut und schön! Und so viel mehr als Alles, was dein Vater Im Paradies selbst konnte sein, wie einst Das sechzigtausendste Geschlecht selbst noch In seiner dumpfigen Entwürdigung Mehr als dein Sohn und du wird sein. Wie schwach Die sind, nimm ab an deinem eignen Fleisch. Cain . Weh' mir! Und gingen sie zu Grund? Lucifer . Gewiß! Auf ihrer Erd', wie's du auf deiner wirst. Cain . War meine Erde ihre? Lucifer . Ja! Cain . Doch nicht Wie jetzt sie ist; sie ist zu klein, zu schwach, Zu tragen solche Wesen. Lucifer . Wahr! einst war Sie herrlicher. Cain . Und weshalb sank sie so? Lucifer . Frag Den, der sie gestürzt. Cain . Doch wie? Lucifer . Indem Die Elemente er zermalmt', zerstampft', Und unerbittlich durcheinander warf, Daß dann die Welt in solches Chaos sank, Wie das einst war, dem sie entsprang. Nicht oft Geschieht so Unheilvolles in der Zeit, Doch öfter in der Ewigkeit. Schreit' zu! – Schau die Vergangenheit! Cain . Entsetzlich ist's! Lucifer . Doch wahr! Sieh die Phantome hier! Sie waren Einst Stoff wie du. Cain . Und werd' ich sein wie sie? Lucifer . Der dich gemacht, mög' dir drauf Antwort geb Ich zeig' dir nur, was die sind, die vor dir Die Welt bewohnt. Was sie einst waren, fühlst Um so viel schwächer du, als schwächer dem Gefühl und kleiner auch dein Antheil an Unsterblichem Genie und Erdenkraft. Was ihr gemeinsam habt mit ihnen, ist Das Leben, das sie hatten, und der Tod, Der eurer harrt. Was sonst euch Arme ziert, Ist der Art, wie sich's für Gewürme paßt, Das aus dem rückgebliebnen Schlamm des All', Der kaum zum Stern erst ward, entstand, den Wesen, Die ihre Blindheit glücklich macht, beleben, Ein Paradies des Unverstands, aus dem Erkenntniß ward als böses Gift verbannt. – Nun sieh, was diese höhern Wesen sind! Doch wenn du's müde bist, so kehr' zurück Zu deiner Erd' und Arbeit. Sicher bring' Ich dich dahin. Cain . Nein! ich bleib' hier. Lucifer . Wie lang? Cain . Für immer! Muß ich einst hierher zurück, Bleib' lieber ich gleich hier. Ich habe satt, Was ich vom Staube sah. Laß mich in Nacht. Lucifer . Das kann nicht sein! Als Traumgesicht nur schaust Du, was doch Wirklichkeit. Um dich geschickt Für dieses Heim zu machen, mußt auch du, Was jene Wesen einst passirt, passiren: Des Todes Thor! Cain . Durch welches Thor sind wir Denn jetzt herein? Lucifer . Durch meins! Doch da zurück Du mußt, hält dich mein Geist in Räumen selbst, Wo Alles athemlos ist außer dir, Betracht's! Doch denke hier zu bleiben nicht, Bis deine Stunde kommt. Cain . Und können auch Die hier zur Erde nicht zurück? Lucifer . Für immer Ist ihre Erd' dahin und so verändert Durch innern Krampf, daß keinen einz'gen Fleck Der neuen Rinde, die kaum erst erstarrt, Sie wiederkennen würden. – Ach sie war!! Und o wie schön war jene Welt! Cain . Und ist's! Ich bin nicht Feind der Erd', obschon dahin Zurück ich muß. Es kränkt mich nur, daß ich Nicht ohne Arbeit ihrer Schönheit Glanz Genießen soll, daß ich den regen Geist, Der nach Erkenntniß lechzt, nicht Einmal tränken Und meine tausendfache Furcht vor Tod Und Leben nicht besänft'gen kann. Lucifer . Du siehst, Was deine Welt jetzt ist, doch kannst den Schatten Deß nicht begreifen, was sie war . Cain . Wer aber Sind diese Ungethüme und Phantome, Die, wie es scheint, von mindrer Geisteskraft Als jene Wesen sind, die wir passirt? Sie sind dem wilden Volke ähnlich fast, Das in der Erde dichten Wäldern wohnt, Dem schrecklichen, das Nachts den Forst durchheult; Nur zehnfach größer, fürchterlicher nur Und höher als des Paradieses Mauern, Mit Augen flammend wie des Cherubs Schwert Und Hauern, die wie Bäume vorwärts stehn, Wenn sie der Rinde und der Aeste baar? Lucifer . Das sind die Mammuths deiner Welt; doch diese Ruhn in Myriaden unter ihrer Decke. Cain . Und keines wandelt mehr auf ihr? Lucifer . O nein! Im Kampf mit ihnen war' dein schwach Geschlecht So bald zerstört, daß nutzlos der darauf Gelegte Fluch. Cain . Doch warum Kampf! Lucifer . Du hast Den Spruch, der euch aus Eden trieb, vergessen: Mit Allen Kampf, und Tod für alle Wesen, Und Krankheit, Noth und Schmerzen für die meisten, Das sind die Früchte des verbotnen Baums. Cain . Jedoch die Thiere, aßen denn auch sie, Daß sie auch deshalb sterben müssen? Lucifer . Hat Nicht euer Schöpfer euch gesagt, sie sei'n Für Euch gemacht wie ihr für Ihn? Sie können Doch nicht ein besser Schicksal haben als Ihr selbst? Fiel Adam nicht, fiel Niemand sonst. Cain . Die Armen! Ach daß meines Vaters Loos Sie theilen müssen wie wir Kinder all, Obschon sie nichts – wie Die – vom Apfel hatten, Noch auch – wie Die – vom schwer erkauften Wissen! Es war ein Lügenbaum! Wir wissen nichts. Versprach er nicht Erkenntniß – um den Preis Des Todes zwar – Erkenntniß aber doch! Was kennt, was weiß der Mensch? Lucifer . Vielleicht führt Tod Zu der Erkenntniß letztem Ziel; und da Von Allem er das einzig Sichre ist, So führt er doch zum sichersten Erkennen. Der Baum war somit wahr, wenn tödtlich auch. Cain . Wie dunkel dies Gebiet! Ich seh's, doch kann Es nicht durchschaun. Lucifer . Weil deine Stund' noch fern Und Stoff den Geist nie völlig kann durchschaun. Doch 's ist schon was, zu wissen, daß dies Reich Besteht. Cain . Wir wußten, daß der Tod besteh'. Lucifer . Doch nicht was hinter ihm. Cain . Noch weiß ich's jetzt. Lucifer . Du weißt jetzt, daß ein Sein und viele Sein Jenseits des deinen sind; das wußtest du Heut' früh noch nicht. Cain . Doch trüb scheint Alles hier Und schattenhaft. Lucifer . Gib dich zufrieden, einst Wird klarer dir's in der Unsterblichkeit. Cain . Und jener unmeßbare flüss'ge Raum Von herrlichem Azur, der um uns fließt, Und Wasser gleicht, und den ich für den Strom Fast halten möcht', der aus dem Eden her An meinem Zelt vorüberfließt, nur daß Der uferlos ist, unbegrenzt und von Aether'scher Farbe – was ist er? Lucifer . Es gibt Dergleichen auch bei dir, geringer nur, Und deine Kinder werden daran wohnen: 'S ist das Phantom von einem Ozean. Cain . Wie eine andre Welt und flüss'ge Sonn' Sieht's aus; und jene Ungethüme dort, Die auf der Schimmerfläche spielend ziehn? Lucifer . Sind die Bewohner, einst Leviathans. Cain . Und jene Riesenschlange, die den Kamm Und mächt'gen Kopf wol zehnmal höher als Die höchste Ceder aus dem Abgrund hebt, Als ob um all die Kugeln sie, die wir Vorhin geschaut, sich wickeln könnt', ist sie Von der Art denn, wie unter Edens Baum Sich einst gesonnt? Lucifer . Dir wird die Mutter wol Am besten sagen, welche Schlangenart Sie dort versucht. Cain . Die sieht gar schrecklich aus! Viel schöner war die andre wol? Lucifer . Sahst du Sie nie? Cain . Ich sah der Schlangen viele wol, Doch nie gerade die, die zu der Frucht, Der unglückseligen, verlockt', noch auch Ein ähnlich Wesen nur. Lucifer . Dein Vater sah Sie nicht? Cain . Nein! ihn versuchte Eva, sie Die Schlang'. Lucifer . Mein Lieber, wenn dein Weib einmal, Wenn deiner Söhne Weiber sie und dich Zu etwas Unbekanntem, Seltsamem Verlocken wollen, sieh erst zu, wer sie Dazu verlockt. Cain . Dein Rath kommt jetzt zu spät, Von Schlangen wird ein Weib nicht mehr verführt. Lucifer . Doch gibt's noch manches Ding, wozu das Weib Den Mann, der Mann das Weib verführen kann, Und deine Söhne seien auf der Hut! Mein Rath ist gut gemeint, er geht sogar Auf meine Kosten. Freilich wird man ihn Doch nicht befolgen; so verlier' ich nichts. Cain . Ich weiß nicht, was du meinst. Lucifer . Sei froh deshalb! Zu jung bist du und deine Welt. Du hältst Für unglückselig dich und äußerst schlecht, Nicht wahr? Cain . Was Schlechtigkeit betrifft, so wüßt' Ich nicht; doch elend fühlt' ich mich schon recht. Lucifer . Du Erstgeborener des ersten Menschen! Dein gegenwärt'ger Sündenstand – denn du Bist bös – und Leidensstand – und leidest auch, Sind beide im Vergleich zu dem, was du Wirst nächstens sein, ein schuldlos Eden noch, Und dieser Stand in seiner Doppelqual Ist noch ein Eden im Vergleich zu dem, Was deines Sohnes Sohnes Söhne einst, Wenn durch Geschlechter hin sie fort sich pflanzen Wie Staub (den sie in Wahrheit auch vermehren) Thun und erdulden werden. Jetzo komm Zur Erd' zurück. Cain . Und warum führtest du Nur dies zu lehren mich hierher? Lucifer . Hast du Erkenntniß nicht gewollt? Cain . Jawol, als Weg Zum Glück. Lucifer . Ist Wahrheit dieser Weg, so hast Du's jetzt. Cain . Dann that doch meines Vaters Gott Gar wohl daran, daß er den Baum verbot. Lucifer . Und that noch besser, pflanzte er ihn nicht. Doch Unkenntniß des Bösen schützt dich nicht Davor; es wälzt sich deshalb gleichwol fort Als Theil von jedem Ding. Cain . Von jedem nicht, Das glaub' ich nicht; ich sehn' mich nach dem Guten. Lucifer . Und wer, und was thut denn das nicht? Wer will Das Böse denn um seines Bittern willen? Niemand und Nichts! Es ist der Sauerteig Von allem Leben, allem Lebenslosen. Cain . In jene wundervollen Kugeln, die Wir blendend, fern und unzählbar geschaut, Eh' wir gesunken in dies Schattenreich, Zieht doch nichts Böses ein: sie sind zu schön! Lucifer . Du sahst sie von der Ferne nur. Cain . Was thut's? Entfernung kann doch mindern nur den Glanz, Sie müßten nah nur noch erhabner sein. Lucifer . Tritt auch den schönsten Erdendingen nah Und mustre ihre Schönheit dann! Cain . Ich that's. Das Lieblichste, was mir bekannt, war mir Am lieblichsten ganz nah. Lucifer . Da muß ein Wahn Mitunterlaufen. Sprich! Was ist denn das, Was dir in deiner Blicke nächster Näh' Mehr als entfernte schöne Dinge hold Erscheint? Cain . 'S ist meine Adah, meine Schwester! Die Sterne all des Firmaments; die Nacht In ihrem tiefen Blau, von einem Kreis Erhellt, der wie ein Geist, wie eine Welt Von Geistern blickt; der Dämm'rung Farbenspiel; Der Sonne Aufgang, und ihr Niedergang, Deß unbeschreiblich schönes Bild mein Aug' Mit süßen Thränen füllt und sanft mein Herz Nach jenem Wolkenparadiese dort Im Westen zieht; des Waldes Schattennacht; Der grüne Zweig; des Abendvogels Laut, Der uns von Lieb' zu singen scheint, und sich Mit dem Gesang der Cherubim vermischt, Wenn über Edens Wall der Tag sich schließt – All Das ist meinem Aug' und Herzen nichts, Nichts gegen Adah's Antlitz – Erd' und Himmel Kehr' ich den Rücken, sie nur anzuschaun. Lucifer . Wol ist es schön, wie schwache Sterblichkeit, Im ersten Blühn der jungen Schöpfung nur, Wie nur der Erdeneltern erst Umarmen Ein Bild erzeugen konnt' – und doch ist's Wahn! Cain . Du denkst so, weil du nicht ihr Bruder. Lucifer . Mensch! Ein Bruder bin ich Solchen, die nicht zeugen. Cain . Dann kannst du nicht mit uns Gemeinschaft haben. Lucifer . Vielleicht die deine wäre was für mich. Doch wenn du dein nennst ein so schönes Weib, Daß jede Schönheit weit sie überstrahlt In deinem Aug', warum bist elend du? Cain . Warum denn leb' ich? Warum bist auch du, Warum ist Alles elend? Und selbst Er, Der uns gemacht hat, muß es sein, weil Er Solch Elend schuf! Zerstörung schaffen, kann Ein Ausdruck nie des wahren Glückes sein! Und doch sei Er allmächtig, sagt mein Vater. Warum das Böse dann, wenn selbst Er gut? Ich stellte meinem Vater diese Frage; Er sprach: »weil dieses Böse nur der Weg Zum Guten sei«. Ein seltsam Gutes, das Entspringen nur aus seinem Todfeind kann! – Ich sah ein Lamm jüngst, das die Schlange stach; Das arme Ding lag zuckend auf dem Plan Und seine Mutter blöckte jämmerlich. Mein Vater pflückte Kräuter ab und legte Sie auf die Wunde ihm; allmählich kam Das ünbehilfliche Geschöpf zum Leben Zurück, stand auf und sog der Mutter Milch, Die zitternd stand, die neubelebten Glieder Mit Lust beleckend. »Sieh, mein Sohn!« sprach Adam, »Wie aus dem Uebel Gutes doch entspringt.« Lucifer . Was gabst du ihm zur Antwort drauf? Cain . Nun, nichts! Er ist mein Vater; doch ich dacht', es wär' Für jenes Thierchen besser noch gewesen, Wenn's keine Schlange stach, als daß es so Des Lebens Wiederkehr erkaufen mußt' Mit unaussprechlichem Gequäl', ward dies Dann auch durch Gegengift verjagt. Lucifer . Jedoch Du sagst, von all geliebten Dingen liebst Du Sie am meisten, die der Mutter Milch Mit dir getheilt, und deinen Kindern nun Die ihre reicht – Cain . Ja, ganz gewiß! was wär' Ich ohne sie? Lucifer . Was bin denn ich? Cain . Liebst du Denn nichts? Lucifer . Was liebt dein Gott? Cain . Ein jed' Geschöpf, Sagt mir mein Vater; doch, ich muß gestehn, Am Loos, das Er uns zugetheilt, vermag Ich's nicht zu sehn. Lucifer . Und somit kannst du auch Nicht sehn, ob ich lieb' oder nicht; wenn's nicht 'Nen großen Zweck, 'nen allgemeinen gilt, Vor dem das Einzelne zerschmilzt wie Schnee. Cain . Schnee? Was ist das? Lucifer . Sei froh, daß du noch nicht Empfinden mußt, was deine Enkel müssen: Daß du in einem Land dich sonnen darfst^ Daß keinen Winter kennt. Cain . Liebst du denn Nichts, Was ist wie du? Lucifer . Liebst du etwa dich selbst? Cain . Jawol! Doch lieb' ich mehr, was mein Gefühl Erträglicher mir macht, und mehr ist als Ich selbst, weil ich es lieb'. Lucifer . Du liebst es, weil Es schön, wie jener Apfel einst im Aug' Der Eva war; und wenn es nicht mehr schön, Hört deine Lieb' wie jede Wonne auf. Cain . Aufhören schön zu sein? Wie kann das sein? Lucifer . 'S kommt mit der Zeit. Cain . Doch manche Zeit ist hin Und noch ist Adam und die Mutter schön, Wie Adah nicht und wie die Seraphim, Doch immer noch sehr schön. Lucifer . Das Alles wird In Allen bald vergehn. Cain . Das thut mir leid; Doch werd' ich drum nicht, weniger sie lieben. Wenn aber ihre Schönheit geht, verliert Der, der einst alle Schönheit schuf, fast mehr Als ich, der ich vergehen seh' sein Werk. Lucifer . Du dauerst mich, daß, was vergehen muß, Du liebst. Cain . Du aber mich, daß nichts du liebst. Lucifer . Ist nicht dein Bruder auch dir herzlich lieb? Cain . Warum denn nicht? Lucifer . Dein Vater liebt ihn sehr, Wie auch dein Gott. Cain . Und ich. Lucifer . Das ist sehr schön Von dir und gut. Cain . Wie, gut? Lucifer . Er ist der Zweite Der Fleischgebornen und der Mutter Liebling. Cain . Behalt' er ihre Gunst, die Schlang' gewann Sie ja zuerst. Lucifer . Und deines Vaters auch. Cain . Was macht das mir? Soll ich denn das nicht lieben, Was Alle lieben? Lucifer . Und Jehovah selbst, Der gnäd'ge Herr, der güt'ge Schöpfer gar Des nun verschloss'nen Eden lächelt Abeln. Cain . Ich sah Ihn nie und weiß nicht, ob Er lächelt. Lucifer . Doch sahst du seine Engel. Cain . Selten nur. Lucifer . Jedoch genug, um wahrzunehmen, daß Auch sie für deinen Bruder glühn. Sein Opfer Ist gern gesehn. Cain . Mag's sein! Weshalb sagst du Mir Solches vor? Lucifer . Weil Solches du schon längst Gedacht. Cain . Und wenn ich es gedacht, warum Gedanken wieder wecken, die – (hält erregt inne) Hör, Geist! Wir sind in deiner Welt jetzt; sprich mir hier Von meiner nicht. Du zeigtest Wunder mir: Hast mir die mächtigen Präadamiten, Die jene Welt bewohnt, von der ein Wreck Die unsre nur, gezeigt; du zeigtest mir Die Myriaden von gestirnten Welten, An die die unsre nur als trüber Punkt In der Unendlichkeit des Seins sich schließt; Du zeigtest Schatten mir von einem Sein Mit jenem Schreckensnamen – Tod – den uns Mein Vater bracht'; du hast mir viel gezeigt, Doch Alles nicht. Zeig', wo Jehovah wohnt In seinem oder deinem Paradies! Wo ist's? Lucifer . Hier und im ganzen Raum. Cain . Doch ihr Habt wol wie alle Wesen auch ein Heim? Der Staub hat seine Erd', und jede Welt Ihr Volk, und jedes zeitliche Geschöpf Sein eignes Element. Selbst Wesen, die Längst unsern Athem nicht mehr athmen, sagst Du, haben es; drum muß Jehovah auch Und du das deine haben. Wohnt ihr denn Beisammen? Lucifer . Nein! Wir herrschen wol zusammen, Doch unsre Wohnung ist getrennt. Cain . Ich wollt', Es gäbe Einen nur von euch! Vielleicht Daß eine Einigung zu gleichem Zweck Euch wie es scheint im Sturm Getrennte neu Verbänd'. Wie kamt als weise Geister, als Unendliche zu solchem Zwiespalt ihr? Seid ihr nicht Brüder denn dem Wesen nach, Und der Natur und eurem Ruhme nach? Lucifer . Bist du nicht Abels Bruder? Cain . Wir sind Brüder Und werden's bleiben auch. Doch wär's nicht so, Ist Geist gleich Fleisch? Kann Jeder sich entzwei'n? Unendlichkeit mit der Unsterblichkeit? Und zanken, und dem Elend weihn die Welt? Weshalb? Lucifer . Der Herrschaft halb. Cain . Hast du mir nicht Gesagt, daß Beide ewig ihr? Lucifer . So ist's. Cain . Auch jene blaue Unermeßlichkeit, Die ich gesehn, ist endlos? Lucifer . Ja! Cain . Und könnt Ihr da nicht beide herrschen? Ist's nicht Raum Genug? Warum denn Streit? Lucifer . Wir herrschen Beide. Cain . Doch Einer ist vom Uebel. Lucifer . Welcher? Cain . Du! Denn wenn du Gutes thun den Menschen kannst, Was thust du's nicht? Lucifer . Warum nicht Er, der euch Gemacht? Ich hab' euch nicht gemacht. Ihr seid Geschöpf von Ihm und nicht von mir. Cain . Dann laß Uns sein Geschöpf sein, da du sagst, wir sei'n's; Wo nicht, zeig mir, wo Du wohnst oder Er. Lucifer . Ich könnte Beides thun, jedoch die Zeit Wird kommen, wo du eins von beiden wirst Für immer sehn. Cain . Warum denn nicht schon jetzt? Lucifer . Dein menschliches Gemüth ist kaum im Stand, Das Wen'ge, was ich dir gezeigt, in Ruh' Und klaren Geists zu fassen; und du willst Das große doppelte Mysterium, Entschleiern, die zwei Grundideen des All? Sie schaun auf ihrem tief geheimen Thron? Staub! zügle deinen Ehrgeiz, denn um Eins Von Beiden zu erschaun, müßt'st du vergehn. Cain . Laß mich vergehn, damit ich sie erblick'! Lucifer . Das spricht der Sohn der Apfelnäscherin! Doch würdst du nur vergehn und sie nicht sehn. Der Anblick taugt nur für den andern Stand. Cain . Den Tod? Lucifer . Der ist das Vorspiel nur. Cain . Dann fürcht' Ich wen'ger ihn, da ich nun weiß, er führt Zu was Bestimmtem doch. Lucifer . Jetzt will ich dich Zurück zu deiner Erdenwelt geleiten, Wo Adams Rasse du vermehren sollst, Und wo du essen wirst und trinken, schaffen Und lachen, weinen, schlafen – und dann sterben. Cain . Und warum schaute ich die Dinge nun, Die du mir all' gezeigt? Lucifer . Wolltst du denn nicht Erkenntniß fahn und hab' ich nicht in Dem, Was ich dir wies, dich selbst erkennen dich Gelehrt? Cain . Ach! nichts schein' ich zu sein! Lucifer . Und dies Ist menschlicher Erkenntniß Ziel, daß man Die Nichtigkeit des Menschenseins erkennt. Laß diese Kenntniß deinen Kindern nach, Gar manchen Jammer wird sie ihnen sparen. Cain . Hochmüt'ger Geist! wie stolz sprichst du zu mir, Doch Einen hast trotz deinem Stolz auch du, Der über dir! Lucifer . Nein! nein! beim Himmel, den Er hält! beim Abgrund! der Unendlichkeit Der Welten und des Lebens, die mit Ihm Ich halte – Nein! Er ist mein Sieger wol, Jedoch mein Ob'rer nicht. Ich kämpfe gegen Ihn, Wie ich im höchsten Himmel einst gekämpft. Durch alle Ewigkeit und durch des Hades Unmeßbar tiefe Schlünde hin, und durch Des Raumes unbegrenzte Reiche fort, Durch die Unendlichkeit endloser Zeit – Will Alles ich Ihm streitig machen, Alles! Welt soll um Welt, und Stern um Stern, und All Um All erzittern in der Wage, bis Der große Kampf zu End', wenn je er endet; Was nicht geschieht, bis Er, bis ich dahin! Was aber kann Unsterblichkeit vernichten? Was unsern ew'gen, gegenseit'gen Groll? Als Sieger nennt Er den Besiegten bös, Was aber ist das Gute, das Er gibt? Wär' ich der Sieger, gälten seine Werke Allein für bös. Was war es denn, ihr neu Und kaum gebornen Sterblichen, was Er Euch schon und eurer kleinen Welt geschenkt? Cain . Nicht viel, und manches Bittre nur. Lucifer . So komm Mit mir zu deiner Erd' zurück und schmecke Die übrigen von seinen Himmelsgaben. Gut, bös ist, was es ist, im Wesen schon Und wird nicht erst durch seinen Geber so. Wenn Er euch Gutes thut, so preist Ihn drum, Wenn aber Böses von Ihm kommt, so heißt Es mein Werk nicht, bis ihr den wahren Quell Entdeckt. Urtheilt nach Worten nicht, selbst nicht Nach Geisterwort! Nein! nach den Früchten nur, Die euer Dasein, wie es sein muß, trägt. Ein Gut hat jener schlimme Apfel euch Gebracht: Vernunft! Laßt durch tyrannisch Drohn Sie nie beherrschen, und euch selber nie In einen Glauben zwingen, gegen den Der äußre Sinn, das innre Fühlen sich Empört. Denkt und ertragt, und bildet euch In eurem Innern eine Welt, wenn euch Die äußre nicht genügt. So werdet ihr Der geistigen Natur euch nähern und Die eigene bekämpfen mit Erfolg. (Sie verschwinden.) Dritter Act. Erster Auftritt. Die Erde in der Nähe des Paradieses wie im ersten Act. Cain und Adah treten auf. Adah . Still, Cain! Tritt leise auf! Cain . Recht gern; jedoch Warum? Adah . Der kleine Enoch schlummert auf Dem Bett von Laub bei der Cypresse dort. Cain . Cypress'! Das ist ein trüber Baum; sieht aus, Als traure er ob dem, was er beschattet. Was hast du ihn als Lagerplatz gewählt Für unser Kind? Adah . Weil sein Gezweige wie Die Nacht die Sonne abhält und so passend Zum Schutz des Schlafs mir schien. Cain . Des letzten, ja! Und längsten auch. Doch gleichviel, führ' mich hin! (Sie gehen zu dem Kind.) Wie lieblich ruht das Kind! Das reine Roth Der frischen Wange weicht an Zartheit nicht Den Rosenblättern, die so sanft sie betten. Adah . Und dann der Mund, wie süß geöffnet! – Nein! Du sollst ihn nicht, noch nicht ihn küssen; bald Erwacht er ja, sein Mittagsstündchen ist Beinah vorbei; doch wär' es schade, ihn Vorher zu stören. Cain . Du hast Recht; ich will Bis dahin mich gedulden. Wie im Schlaf So lieb er lächelt! Schlaf nur zu und lächle, Du junger Erbe einer jungen Welt! Schlaf nur und lächle! denn in deinen Tagen Ist Schlaf und Lächeln schuldlos noch und froh. Du hast die Frucht ja nicht gepflückt; weißt nicht, Daß nackend du! O daß die Zeit muß kommen, Wo büßen du für Sünden mußt, die dir Zur Last nicht fallen, noch auch mir. – Doch schlaf' Nur fort! – Es röthen seine Wangen sich Zu tiefrem Lächeln jetzt; durchsichtig bebt Das Lider nun mit seines Wimpers Netz, Das dunkel wie Cypressen daran weht. Und zwischen durch lacht lichtes Himmelsblau. Es lacht, obgleich er schläft. Es träumt ihm wol! Von was? Vom Paradies? Ja, träum' davon, Mein ach! enterbter Sohn! 's ist nur ein Traum, Denn weder du noch deine Söhn' und Eltern Ergehn sich jemals wieder an dem Ort Der Lust, der uns verschlossen ist. Adah . O Cain! Sing' unsrem Sohn nicht dieses Klagelied Um die Vergangenheit! Warum denn stets Dies Paradies betrauern? Können wir Uns nicht ein zweites schaffen? Cain . Wo? Adah . Hier oder Wo du nur willst, denn wo du immer bist, Fühl' ich den Mangel dieses Eden nicht. Hab' ich nicht dich und unsern Sohn, den Vater, Den Bruder, Zillah und die theure Mutter, Der wir dies Leben und so viel verdanken? Cain . Ja, ja! Den Tod! Auch er gehört dazu. Adah . Cain! Jener stolze Geist, mit dem du gingst, Hat dich noch mehr betrübt. Ich hoffte schon Die Wunder, die er dir verhieß, und die Du sahst, Gesichte alter, jetz'ger Welt, Sie würden dein Gemüth mit jener Ruh' Gestillten Wissensdurstes weihn; jedoch Dein Führer hat dir übel mitgespielt, Ich seh's! Gleichwol will ich ihm danken, kann Ihm gern verzeihn, weil er dich uns so bald Zurückgeführt. Cain . So bald? Adah . Zwei Stunden kaum Ist's, daß ihr gingt: zwei lange Stunden zwar, Doch Stunden nach der Sonne nur. Cain . Und doch Kam ich der Sonne nah und schaute Welten, Die einstmals sie beschien, doch jetzt nicht mehr Beleuchten darf; und Welten, die sie nie Beschien. Mir war's, es seien Jahre hin, Seitdem ich ging. Adah . Und doch sind's Stunden kaum. Cain . Dann hat der Geist die Dehnbarkeit der Zeit Und mißt sie aus nach dem, was er erblickt, Sei's angenehm, sei's nicht, sei's klein, sei's groß. Ich schaute die undenklichen Gebilde Endloser Wesen, streift' erlosch'ne Welten, Und als ich schaute auf die Ewigkeit, War mir, als hätt' ich ein'ge Tropfen der Jahrhunderte zu eigen mir gemacht Von ihrer Unermeßlichkeit. Doch nun Empfind' ich neu, wie klein ich bin. Recht hat Der Geist gesagt, daß nichts ich sei. Adah . Warum Denn sagt' er das? Jehovah sagt' es nicht. Cain . Nein, Er begnügt sich, uns zu Nichts zu machen; Und wenn dem Staub Er mit dem Blick auf Eden, Auf die Unsterblichkeit geschmeichelt hat, Löst er zu Staub ihn wieder auf. – Weshalb? Adah . Du weißt's, der Sünde unsrer Eltern halb. Cain . Was scheert das uns? Sie sündigten, sie mögen Drum sterben auch. Adah . Das ist nicht gut geredet. Es stammt auch der Gedanke nicht von dir! Nein! von dem Geist, der mit dir war. Ich wollt', Ich könnte für sie sterben, daß sie lebten. Cain . So sag' ich auch, vorausgesetzt ein Opfer Könnt' sättigen den Lebensnimmersatt, Und unser kleiner ros'ger Schläfer hier Verschmeckte Menschenelend nie noch Tod Und überwiese sie auch denen nicht, Die ihm entsprießen. Adah . Ach wer weiß! vielleicht Entsühnt solch Opfer unsre Rasse einst. Cain . Und Unschuld büßet für den Schuldigen. Wo blieb die Sühne da? Nun denn, auch wir Sind schuldlos. Sprich! Was haben wir gethan, Daß wir für Etwas, das vor unserer Geburt geschah, geopfert müssen sein? Daß zur Entsühnung dieser dunkeln Sünd' Ein Opfer noth uns thut? – wenn's Sünde war, Daß nach Erkenntniß ward gestrebt. Adah . Ach Cain! Du sündigst jetzt und gottlos tönt dein Wort Mir in das Ohr. Cain . So laß mich! Adah . Nie! wenn auch Dein Gott selbst dich verließ'. Cain . Was habt ihr hier? Adah . Zwei Hochaltäre sind's, die unser Bruder Errichtet, hat, als fort du warst, um Gott Bei deiner Rückkehr freudig drauf zu opfern. Cain . Und woher wußte er, daß ich sogleich Bereit sein werd' zu diesem Opferbrand, Den täglich er mit unterthän'ger Stirn', Auf der sich mehr gemein demüth'ge Furcht Als wahre Gottverehrung malet, bringt, Den Schöpfer zu bestechen? Adah . 's ist gewiß Nur wohl gethan. Cain . Ein Altar ist genug. Ich hab' kein Opfergut. Adah . Der Erde Frucht, Die ersten schönen Knospen, Blüten, Blumen, Sie sind ein richtig Opfer für den Herrn, Wenn man mit sanftem, reuigem Gemüth Sie bringt. Cain . Ich hab' geschafft, gepflügt und, wie's Der Fluch besagt, geschwitzt im Sonnenbrand; Soll ich noch mehr? Weshalb soll sanft ich sein? Des Kampfes halb, den ich mit der Natur Bestehen muß, daß sie mein Brod mir gibt? Weshalb soll ich denn dankbar sein? Weil ich Von Staub bin und im Staube kriech', bis ich Zum Staube wiederkehr'? Wenn nichts ich bin, Soll ich um Nichts ein schnöder Heuchler sein? Und thun, als ob die Pein mir Freude mach'? Weshalb denn soll ich reuig sein? Doch nicht Der Sünde meines Vaters halb, die längst Durch das gebüßt ist, was wir Alle leiden, Und die ja mehr noch als gebüßt soll werden Durch die Jahrhunderte, die unsrem Samen Man prophezeit? – Da, unser Schläfer hier, Der blühende, läßt sich nicht träumen, daß Der Keim in ihm endlosen Elends ruht Für Myriaden! Besser wär's, ich faßt' Im Schlaf ihn und zerschmetterte sein Haupt Am Felsen hier, als daß er lebte, um – Adah . O Gott! berühr' das Kind nicht, mein Kind, deins! O Cain! Cain . Besorge nichts. Um all die Sterne Und all die Macht, die sie regiert, möcht' ich Dem Kinde nicht mit einem rauhern Gruß Als eines Vaters Kuß begegnen! Adah . Ach! Warum ist deine Rede dann so wild? Cain . Ich sagt', ihm wäre besser, nicht zu leben, Als soviel Kummer zu erfahren, wie Er muß, und härter noch: wie er vererbt. Doch da dir das zuwider, sag' ich nur: Ihm wäre besser, nie wär' er geboren! Adah . O sprich nicht so! Wo wär' dann unsre Lust? Die Lust der Mutter, die ihn hütet, nährt Und liebt? O leise! er erwacht! – Mein Enoch! ( Sie geht zu dem Kinde. ) O Cain, sieh her! Sieh, wie voll Leben er! Voll Kraft und Blut', voll Schönheit und voll Lust! Wie ähnlich mir! wie ähnlich dir, wenn fromm; Denn dann sehn wir uns Alle gleich; nicht, Cain? Der Mutter Züg', des Vaters und des Sohns, Sie spiegeln dann sich gegenseitig wieder, Wie, in dem klaren Wasser, wenn es fromm, Wenn du auch fromm. So lieb' uns denn, mein Cain! Und liebe uns zu Lieb' auch dich; wir lieben Ja dich! Sieh, wie er lacht und seine Aermchen Ausstreckt und weit nach dir das blaue Aug', Den Vater zu begrüßen, öffnet! wie Von Lust bewegt, sein kleiner Körper bebt! Sprich nicht von Schmerzen! Sieh, die Cherubim, Die kinderlos, sie könnten neiden dich Um deine Vaterlust! – O segne ihn! Er hat noch Worte nicht, zu danken dir, Jedoch sein Herz wird's thun und deines auch. Cain . Gesegnet sei, wenn eines Menschen Segen Dich von der Schlange Fluch erretten kann! Adah . Er wird's! Gewiß, ein Vatersegen wird Vor Schlangenlisten ihn behüten. Cain . Das Bezweifle ich; doch gleichwol segn' ich ihn. Adah . Der Bruder kommt. Cain . Dein Bruder Abel, ja! ( Abel tritt auf. ) Abel . Willkommen, Bruder! Gottes Frieden sei Mit dir! Cain . Heil Abeln! Abel . Adah sagte mir, Du seist weit über den gewohnten Kreis Hinaus, im hohen Bund mit einem Geist Geschweift. War er von denen, die wir sonst Gesehn, gesprochen wie den Vater? Cain . Nein! Abel . Warum dann dich gesellen ihm? Es kann Ein Feind des Allerhöchsten sein. Cain . Er ist Der Menschen Freund. War das der Höchste, da Du Ihn so nennst? Abel . Ihn nennst? Dein Wort, mein Bruder, Klingt seltsam heut'! – Verlaß uns, Schwester, Adah, Auf einen Augenblick, wir wollen opfern. Adah . Leb' wohl, mein Cain! Doch erst umarme noch Hier deinen Sohn. O führte dich zum Frieden Zur Heiligung zurück sein sanfter Geist Und Abels frommer Dienst! (Adah mit dem Kinde ab.) Abel . Wo warst du denn? Cain . Ich weiß es nicht. Abel . Auch nicht, was du gesehn? Cain . Die Todten sah ich, die Unsterblichen, Die unbegrenzten, allgewaltigen Geheimnisse des Raums, die unzählbaren, Gewesenen und gegenwärt'gen Welten, Ein Chaos überwältigender Dinge, Und Sonnen, Monde, Erden, die auf Bahnen Mit lauten Donnerstimmen um mich dröhnten. Sie haben für ein irdisches Gespräch Untauglich mich gemacht. Verlaß mich, Abel. Abel . Ein unnatürlich Licht sprüht dir im Aug', Die Wange brennt dir unnatürlich roth, Ein unnatürlich Klingen regt dein Wort. Was heißt das wol? Cain . Das heißt: – ich bitt' dich, geh! Abel . Nicht, bis zusammen wir gesteht, geopfert. Cain . Ich bitt' dich, Abel, opfre du allein. Jehovah liebt dich sehr. Abel . Auch dich, hoff' ich. Cain . Dich aber mehr; ich mach' mir nichts daraus. Du bist geschickter auch für seinen Dienst Als ich. Verehr' ihn denn, doch thu's allein, Zum wenigsten thu's ohne mich. Abel . Mein Bruder! Den Namen eines Sohns, von unsrem Vater Verdient' ich schlecht, wenn als den Aeltern ich Nicht stets dich ehrt', und nicht ersuchte dich, Jehovah's heil'gen Dienst mit mir zu thun, Ja in der Priesterschaft dabei voran Zu gehn; denn dir gehört der Platz. Cain . Den ich Doch nie verlangt. Abel . Was umsomehr mich schmerzt. Ich bitt' dich, ihn es jetzt! Es scheint, dein Geist Arbeitet schwer in irgend einem Wahn. Beruh'gen wird es dich. Cain . Ach nein! nichts kann Mich mehr beruh'gen. Ha, beruh'gen sag ich? Nie wüßt' ich doch, was Ruh' der Seele sei, Sah ich besänftigt gleich die Elemente. Verlaß mich, Abel, oder laß mich gehn, Daß deinen frommen Dienst du thust. Abel . Nicht dies, Noch das! Zusammen müssen wir es thun; Verschmäh' mich nicht. Cain . Wenn es denn sein muß, gut! Was soll ich thun? Abel . Wähl' einen der Altäre. Cain . Wähl' du für mich; mir sind sie Rasen nur Und Stein. Abel . Wähl' du! Cain . Ich hab' gewählt. Abel . Den höchsten. Er paßt für dich, da du der ältre bist. Bereit' dein Opfer nun. Cain . Wo ist das deine? Abel . Schau hier, die Erstlinge der Heerde sind's, Und Fett davon, des Hirten einfach Opfer. Cain . Ich habe keine Heerd' wie du; ich bau' Den Boden an und kann deshalb nur bieten, Was er der Arbeit gibt: hier diese Frucht. (Er sammelt Früchte.) Schau' sie in mannigfacher Blüt' und Reife. (Sie richten ihre Altäre her und zünden sie an.) Abel . Mein Bruder! biet', weil du der ältre bist, Zuerst Gebet und Dank und Opfer an. Cain . Nein! Neuling bin ich drin; beginne du! Ich folge dir, so gut ich kann. Abel (kniet.) Mein Gott! Der du uns schufst, und bliesest ein den Odem In unsre Nas', der du gesegnet uns Und uns verschont trotz unsres Vaters Sünde, Die allen seinen Kindern bracht' Verderben, Wenn nicht bei dir sich der Gerechtigkeit Die Gnade, die dir Wonne ist, gemischt, Vergebung bietend, gleichsam Eden uns, Wenn unsrer schweren Sünde wir gedenk! Du einz'ger Herr der Güte und des Lichts, Des Ruhms, der Ewigkeit, ohn' welchen Alles Vom Uebel war, mit dem Nichts irren kann, Weil deine güt'ge Allmacht unerforschlich, Doch unabwendbar es zum Guten führt, Nimm von dem ersten deiner Hirten hier In Demuth hin die erstgebor'ne Zucht Der Heerd', ein Opfer, das an sich zwar Nichts, Denn welches Opfer könnt' dir Etwas sein? Doch nimm als schwachen Dank es an von dem, Der's hier vor deinem hohen Himmel bringt Und sich zum Staube beugt, wovon er stets Zu deiner, deines Namens Ehr' ein Theil! Cain . (steht während seiner Ansprache aufrecht da). Geist! wer und was und wo du immer seist! Vielleicht allmächtig, und wenn gut, dadurch Bestätigt, daß vom Bösen frei dein Werk! Der Erd' Jehovah und des Himmels Gott! Vielleicht mit andern Namen noch genannt – Denn vielfach wie dein Werk ist deine Kraft – Wenn durch Gebete man dir schön thun muß, So nimm sie hin! Wenn durch Altäre du, Durch Opfer willst geschmeichelt werden, nimm! Zwei Wesen bringen dir sie jetzo dar: Wenn Blut du liebst, so hat des Hirten Schrein, Der rechts hier raucht, zu deiner Ehre dir Der Heerde Erstlinge gebracht, und sieh! Ihr blut'ger Leib dampft deinem Himmel zu. Doch wenn die süße Blut' und Frucht der Erd', Der mildern Luft, die auf dem reinen Gras, Wo ich sie ausgelegt, zur Sonne schaut, Die sie gereift, dir wohlgefallen kann, Weil Leib und Leben sie nicht eingebüßt Und eher deiner Werke Probe ist Als daß sie bittet, unsre anzuschaun; Wenn ohne Blut und Opfer ein Altar Doch deine Gunst gewinnen kann, so schau' Ihn an! – Der, der ihn dir errichtet hat, Ist wie du ihn gemacht; er steht um nichts, Was nur durch Knien gewonnen werden kann. Wenn bös er ist, so schmett're ihn dahin, Du bist allmächtig ja und kannst's, denn was Vermag er wider Dich? Doch ist er gut, So schlag' ihn nieder oder nicht, wie dir Beliebt, denn Alles steht bei dir, und gut Und bös liegt ja in deinem Willen nur, Ist machtlos an sich selbst; und ob das gut, Ob böse, weiß ich nicht, weil ich nicht selbst Allmächtig, noch geschickt die Allmacht zu Begreifen bin, vielmehr zu leiden nur Was sie befiehlt, und hab's bis heut' gelitten. (Das Feuer aus Abels Altar wird zu einer hellen Flammensäule und steigt gen Himmel, während ein Windstoß den Altar Cains umwirft und dessen Früchte auf der Erde verstreut.) Abel (knieend). O Bruder, bet'! Jehovah zürnet dir! Cain . Wie so? Abel . Zur Erde hat die Früchte er Gestreut. Cain . Der Erd' entkeimten sie; sie mögen Dahin zurück; und neue Früchte wird Noch vor dem Sommer tragen ihre Saat. Dein Fleischesopfer hat mehr Glück gehabt. Wie gierig leckt der Himmel auf die Flamme, Die dick von Blut! Abel . Denk nicht daran, wie Gott Mein Opfer nahm! Bring' ihm ein neues dar, Eh' es zu spät. Cain . Ich will Altäre nicht Mehr baun, noch welche dulden. Abel (erhebt sich). Cain! was willst Du thun? Cain . Umwerfen will ich diesen hier! Den Himmelsschmeichler, diesen dampfenden Verkünder deines albernen Gebets, Den Altar mit dem Fleisch von Lamm und Ziege, Die Milch genährt und Blut ersticket hat. Abel (widersetzt sich). Das sollst du nicht! Füg' gottlos Werk nicht noch Zu gottlos Wort! Laß diesen Altar stehn, Er ist geweiht, seitdem Jehovah's Aug' Mit Wohlgefallen auf dies Opfer sah. Cain . Mit Wohlgefallen! Wohlgefallen!! Ha! Was ist dies hohe Wohlgefallen au Dem Dampf von brennend Blut und Muskeln gegen Der armen Mütter jämmerlich Geblöck Um die zerfleischte Brut? was ist es gegen Die Qual der schuldlos wimmernden Geschöpfe, Die du gewürgt mit deinem frommen Stahl? Weg! dieser blut'ge Zeuge soll nicht länger Im Licht hier stehn, die Schöpfung zu beschämen. Abel . Zurück, mein Bruder! Rühre den Altar Nicht mit Gewalt! Wenn du ihn nützen willst, Ein neues Opfer zu versuchen, ist Er dein. Cain . Ein neues Opfer? Fort! Sonst könnt' Dies neue Opfer leicht – Abel . Was meinest du? Cain . Fort! fort! Dein Gott liebt Blut, nimm dich in Acht! Fort! eh' er weitres sieht. Abel . In seinem Namen Stell' zwischen dich ich mich und den Altar, Der Gnade vor ihm fand. Cain . Wenn du dich liebst, So weich', bis diesen Rasen ich verstreut Auf seine Muttererde, sonst – Abel ( stellt sich ihm entgegen ). Mehr als Dies Leben lieb' ich Gott! Cain ( schlägt ihn mit einem Feuerbrand, den er vom Altar nimmt, auf die Schläfe ). So bringe denn Dein Leben deinem Gott, der Leben liebt. Abel ( sinkt ). Was thatst du – Bruder? Cain . Bruder! Abel . Ach! – mein Gott! Nimm deinen Knecht – zu dir – verzeih dem Mörder – Er weiß nicht – was er that – Cain! – deine Hand – Sag' meiner armen Zillah – Cain ( nach einer Pause der Betäubung ). Meine Hand? Sie ist ja roth – von – was? ( Lange Pause. – Er blickt langsam um sich. ) Wo bin ich denn? Allein? – Wo ist denn Abel? Wo ist Cain? Ist's möglich, daß ich selbst – Mein Bruder, auf! Erwach'! was liegst du so im Grünen hier? Es ist nicht Schlafenszeit. Warum so bleich? Was hast du denn? – Voll Leben warst du noch Heut' früh! – Abel, ich bitte dich! Neck' mich Nicht so! Wol schlug ich zu, doch tödtlich nicht. Warum auch hast du dich mir widersetzt? Du hast zum Narren mich, willst Angst mir machen. Es war ein Schlag – doch nur ein Schlag! – Wie! rühr' Dich! rühr' dich doch! – Ja, so – so ist es gut. Du athmest – hauch' mich an – o Gott, mein Gott! Abel ( sehr schwach ). Wer spricht von Gott hier? Cain . 'S ist dein Mörder! Abel . So Vergeb' ihm Gott! – Cain, tröst' die arme Zillah. Sie hat nur Einen Bruder noch. ( Abel stirbt. ) Cain . Und ich Hab' keinen mehr! Wer macht mich bruderlos? Sein Aug' steht offen, dann ist er nicht todt! Tod ist wie Schlaf! Und Schlaf schließt unsre Lider. Sein Mund auch ist geöffnet. Nun, dann athmet Er auch; doch fühl' ich's nicht. Sein Herz – sein Herz! Laß sehen, ob es schlägt! Mich dünket – nein!! Es ist ein Traum! Wo nicht, so wurde ich Zum Sohne einer andern schlechtern Welt. Die Erde schwimmt um mich. Was ist denn das? 'S ist naß! ( Bringt die Hand an die Stirne, und sieht sie dann an. ) Und doch kein Thau hier. – Ha! 's ist Blut! Mein Blut, des Bruders und mein eignes Blut! Durch mich vergossen!! Ha, was hab' ich dann Mit Leben noch zu thun, wenn ich das Leben Dem eignen Fleische nahm? – Und doch! er kann Nicht todt sein! Ist denn Schweigen Tod? Nein, nein! Erwachen wird er, ich will bei ihm wachen. Das Leben kann so schwach nicht sein, kann nicht So schnell erlöschen! Hat er nicht Etwas Zu mir gesagt seitdem? Was sag' ich ihm? – Mein Bruder! – Nein! auf diesen Namen wird Er nicht mehr gehn, denn Brüder schlagen ja Einander nicht. – Doch sprich! – o sprich zu mir! Was gab' ich für ein Wort der süßen Stimme, Daß ich die eig'ne wieder hören kann!? ( Zillah tritt auf. ) Zillah . Ich hörte einen schweren Schlag; was kann Das sein? Ha Cain! er hütet meinen Gatten. Was machst du, Brüder, hier? Schläft Abel? – Gott! Was soll die Blässe und der Strom von – nein! Es ist nicht Blut! Wer würd' sein Blut vergießen? Was gibt's denn, Abel? Wer that dies? – Er rührt Sich nicht. Er athmet nicht. Und seine Hand Fällt steinern, leblos aus der meinen. – Ach! Grausamer Cain! Was kamst du zeitig nicht, Ihn gegen die Gewalt zu schützen? Wer auch immer Sich auf ihn warf, du warst der Stärkere. Du hättest zwischen ihn und Den, der ihn Ergriff, dich werfen sollen. – Vater! – Eva! Adah! – Hierher! – Der Tod ist in der Welt. ( Zillah, die Eltern rufend, ab. ) Cain ( allein ). Und wer hat ihn herein gebracht? – Ich! der Den Namen Tod so tief verabscheut, daß Schon der Gedanke dran das Leben mir Vergiftete, eh' ich ihn vor mir sah. Ich habe ihn hereingebracht, hab' selbst Den Bruder ihm in seinen frostigen Und stillen Arm gelegt, als ob er. nicht Auch ohne mich den fälligen Tribut Sich holen könnt'! Endlich bin ich erwacht! Mich hatte wirr ein Schreckenstraum gemacht, Doch er wird nimmermehr erwachen – weh'! ( Eva, Adam, Adah und Zillah treten auf. ) Adam . Ein Weheruf von Zillah führt mich her. Was seh' ich! Ist es wahr? Mein Sohn, mein Sohn! ( Zu Eva. ) Weib! sieh der Schlange Werk und deines hier. Eva . O sprich jetzt davon nicht! Der Schlange Zahn Nagt mir das Herz genug. Mein lieber Abel! – Jehovah, ach! Die Strafe ist zu schwer! Für einer Mutter Sund', ihn wegzunehmen! Adam . Wer oder was hat diese That gethan? Sprich, Cain! Du warst zugegen. War's etwa Ein böser Engel, der Jehovah nicht Verehrt? ein wildes Thier des Waldes? Eva . Weh! Ein schrecklich Licht bricht wie aus Donnerwolken. Der blut'ge Feuerbrand, hier vom Altar Geholt, der schwarz von Rauch und roth von – Adam . Sprich, Mein Sohn! Gib unsrer Pein den schwachen Trost, Daß wir nicht unglücksel'ger noch. Adah . Sprich, Cain! Sag, du warst's nicht. Eva . Er war's!! Ich seh' es klar! Er hängt sein schuldig Haupt und schattet mit Der blut'gen Hand sein wildes Aug'. Adah . O Mutter! Du thust ihm Unrecht. – Cain! So rein'ge dich Von diesem furchtbaren Verdacht, den ja Der Schmerz den Eltern nur entreißt! Eva . Hör mich, Mein Gott! Mög' treffen ihn der Schlange Fluch! Mehr als zu uns taugt er zu ihrer Brut. Mög' trostlos all sein Leben sein! Mög' – Adah . Halt! Verfluch' ihn, Mutter, nicht! Er ist dein Sohn. Verfluch' ihn, Mutter, nicht! Er ist mein Bruder, Mein Gatte auch. Eva . Und nahm den Bruder dir, Zillah den Gatten, mir den Sohn! Dafür Verstoß ich ihn aus meinem Aug' für immer! Ich reiße alle Bande zwischen uns, Wie er dort riß die Bande der Natur. O Tod, warum nahmst du nicht mich, die dir Zuerst verfiel? Was nimmst du mich nicht jetzt? Adam . O Eva, laß nicht vom gerechten Schmerz Verleiten dich, auch ruchlos noch zu sein. Ein hart Gericht war längst uns zugesprochen; Jetzt da's beginnt, laß es uns tragen so, Daß unser Gott erkennt, wir seien doch Die treuen Diener seines heil'gen Willens! Eva . Sein Wille? ( Deutet aus Cain. ) Nein! der fleischgewordene Geist Des Todes war's, den ich zur Welt gebracht, Mit Todten sie zu streun. Mög' jeder Fluch Des Lebens auf ihm ruhn! mög' ihn die Qual Fort durch die Wildniß treiben, wie er uns Aus Eden trieb, bis seine Kinder ihm Einst thun, wie er dem Bruder that! – Mög' ihn Das Schwert der Cherubim bedräun bei Tag Und Nacht! die Schlange kreuzen seinen Pfad! Zu Asche ihm der Erde Frucht gedeihn! Von Scorpionen wimmle ihm das Laub, Wo er das Haupt hinlegt zum Schlaf! Er träum' Von seiner That, und sein Erwachen sei Stets Todesangst! Der klare Bach, den er Beflecken will mit dursteswüth'ger Lippe, Verwandle sich in Blut! Jed' Element Verändre sich vor ihm und fliehe ihn! Er schleppe lebend sich durch all die Qual, In der ein Andrer stirbt! Ihm sei der Tod Was Schlimmeres als der, den er uns brachte! Fort, Brudermörder! Künftig heiß es »Cain« Durch alle späteren Myriaden fort, Die dich verabscheun, bist du gleich ihr Vater. Es welke unter deinem Fuß das Gras! Der Wald verweigre dir den Schutz, die Erd' Ein Heim, der Staub ein Grab, die Sonn' ihr Licht, Der Himmel seinen Gott! ( Eva ab. ) Adam . Cain! zieh' von hinnen! Wir können nicht mehr bei einander leben. Geh', laß den Todten mir! Ich bin hinfort Allein! – Wir dürfen nimmer mehr uns treffen. Adah . O Vater! geh' nicht so von ihm! Leg' nicht Zu Eva's Fluch' noch deinen auf sein Haupt! Adam . Ich fluch' ihm nicht. Sein Fluch ist sein Gewissen. Komm, Zillah, komm! Zillah . Ich muß des Gatten Leib Bewachen. Adam . Komm! Wir kehren wieder, wenn Er fort, der uns den grausen Dienst gethan. Komm jetzt! Zillah . Noch einen Kuß auf diesen Thon, Auf diesen Mund einst warm. – Mein Herz! mein Herz! ( Adam und Zillah gehen weinend, ab. ) Adah . Du hörtest's, Cain! Wir müssen fort. Ich bin Bereit; auch unsre Kinder sind's. Ich trag' Enoch, du seine Schwester. Laß uns gehn, Eh' sich die Sonne neigt, damit uns nicht Die Nacht beim Wandern durch die Wildniß trifft. – Sprich doch zu mir, die dein! Cain . Verlasse mich! Adah . Es haben dich ja Alle schon verlassen. Cain . Und weshalb zögerst du? Fürcht'st du dich nicht, Bei dem, der solches that, noch auszuharren? Adah . Ich fürchte nichts als dich verlassen müssen, So sehr mich auch die That entsetzt, die dir Den Bruder nahm. Doch davon nichts, mehr nun! Mit deinem Gott hast du das auszumachen. Eine Stimme von Innen . Cain! Cain! Adah . Hörst du die Stimme? Stimme . Cain! Adah . Sie tönt Wie Engels Laut. ( Der Engel des Herrn tritt auf. ) Engel . Wo ist dein Bruder Abel? Cain . Bin ich der Hüter meines Bruders? Engel . Cain! Was thatest du? Das Blut des Bruders, den Du schlugst, schreit von der Erde auf zum Herrn. Nun bist du von der Erde selbst verflucht, Die ihren Mund aufthat, des Bruders Blut, Das deine rasche Hand vergoß, zu trinken. Wenn du den Boden baust, wird er hinfort Dir seine Kraft nicht leihn. Ein Flüchtling sollst Du sein von heute an, aus dieser Erde. Adah . Die Last ist schwerer, als er tragen kann. Du treibst ihn von der Erde Fläche fort Und auch dem Antlitz Gottes soll er nun Verborgen sein. Ein Flüchtling schweift er hin. Und wer ihn trifft, der wird ihn niederschlagen. Cain . Ich wollt', so wär's, doch wo sind die, die mich Erschlagen sollen? Menschenleer ist ja Die Erde noch. Engel . Du schlugst den Bruder todt! Wer schützt dich einstens gegen deinen Sohn? Adah . Barmherzigkeit! O Engel, sage nicht. Daß einen Mörder diese arme Brust In meinem Sohne nähr', des Vaters Mörder!. Engel . Er wäre dann nur, was sein Vater ist. Hat denn nicht Eva's Milch auch ihn genährt, Den jetzo du mit Blut besudelt siehst? Der Brudermörder zeugt wohl Vatermörder. – Doch soll es nicht so sein. Der Herr dein Gott Und meiner auch befahl, daß ich auf Cain Sein Siegel drück', auf daß er sicher sei. Wer Cain schlägt, soll von siebenfacher Rache Betroffen werden. – Komm! Cain . Was hast du vor Mit mir? Engel . Auf deine Stirne zeichne ich: Frei sollst du gehn von Thaten wie die hier. Cain . Nein! laß mich sterben. Engel . Also nicht. ( Der Engel setzt ein Zeichen auf Cains Stirne. ) Cain . Mir brennt Die Stirn; doch das ist nichts ja gegen das, Was mich hier innen brennt. – Soll's noch Etwas? Ich will's begegnen, wie ich kann. Engel . Du warst Vom Mutterschooß an finster, störrig, hart. Dem Boden gleich, den du bebauen sollst; Doch der, den du erschlugst, war sanft und fromm, Der Heerde gleich, die er geführt. Cain . Zu bald Schon nach dem Fall ward ich gezeugt, eh' noch Der Mutter Herz von jener Schlange zu Sich kam, als Adam noch um Eden weinte. Ich bin nun was ich bin; ich suchte nicht Um's Leben nach, noch zeugte ich mich selbst. Doch könnt' ich ihn mit meinem eignen Tod Vom Staub zurück erkaufen – und warum Sollt' das nicht sein? Laß ihn zum Tag zurück, Ich will hier liegen todt – so wär' durch Gott Das Leben Dem, den er geliebt, zurück Gestellt und mir ein Sein genommen, das Ich nie mit Freuden trug. Engel . Wer heilet Mord? Geschehn ist, was geschehn. Geh' hin, erfüll' Dem Tagewerk; mög' keine deiner Thaten Wie deine letzte sein. (Engel verschwindet.) Adah . Cain, er ist fort. Laß uns nun gehn. Ich hör' den kleinen Enoch In unsrer Hütte schrein. Cain . Ach er weiß nicht, Weshalb er weint! Ich aber, der ich Blut Vergoß, kann keine einz'ge Thräne weinen. Doch wüschen die vier Ströme Die vier Ströme, die um Eden herumflossen und folglich die einzigen Gewässer waren, die Cain auf Erden bekannt waren meine Seel' Nicht rein. – Glaubst du, mein Sohn vermög' mich an Zu schaun? Adah . Dächt' ich, er könnt' es nicht, ich wollte – Cain ( unterbricht sie ). Nein! keine Drohung mehr! Wir haben schon Zu viel. Geh' zu den Kindern, geh! Ich folg' Dir gleich. Adah . Ich laß dich mit dem Todten nicht Allein. Zusammen laß uns gehn. Cain . Du todter Und ew'ger Zeuge, dessen tropfend Blut Die Erde dunkelt und den Himmel schwärzt, Was du jetzt bist, das weiß ich nicht; doch wenn Du siehst, was ich bin, denk' ich, wirst du dem Verzeihn, dem nie sein Gott vergeben kann, Noch seine eigne Seel'. Leb' wohl! – Ich kann Und darf berühren nicht, wozu ich dich Gemacht. Ich, der ich aus dem gleichen Schooß Mit dir entsprang, die gleiche Brust gesaugt, Der dich so oft an meine eigene In kindlich brüderlicher Lieb' gedrückt, Ich seh dich nimmermehr, noch darf ich selbst Für dich, was du für mich wol thatest, thun: In seine Grube dein Gebein bestatten, Ins erste Grab, das dieser Sterblichkeit Man gräbt! Wer aber gräbt dies Grab? – O Erde! Für all die Früchte, die du mir geschenkt, Geb' ich dir heute diese nun zurück! – Jetzt in die Wildniß! Fort! ( Adah kniet nieder und küßt Abels Leichnam. ) Adah . Ein schrecklicher Ein allzu früher Tod war dein Geschick, Mein Bruder! Ich allein von jenen Allen, Die dich betrauern, darf doch weinen nicht. Fortan ist Thränen trocknen, nicht vergießen Mein heilig Amt. Von allen Klagenden Klagt aber Keins wie ich, nicht nur um dich Nein! auch um ihn, der dich erschlug. – Jetzt, Cain, Will deine Last ich mit dir theilen. Komm'! Cain . Ostwärts von Eden führe unser Weg, Er ist der ödeste, das paßt für mich. Adah . Voran denn! Sei mein Führer du! der deine Sei unser Gott! Laß uns die Kinder holen! Cain . Und der da liegt, war kinderlos! Ich stopfte Die Quelle eines sanfteren Geschlechts, Das bald sein frisches Hochzeitsbett erfreut Und dies mein finstres Blut gemildert hatte, Mit Abel's Sprossen unsre Kinder einend. O Abel!! Adah . Frieden sei mit ihm! Cain . Nicht mir! ( Ab ).