Arthur Conan Doyle Die Réfugiés Historische Erzählung Erster Teil. In der alten Welt. I. Der Mann aus Amerika. Es war ein hohes gotisches Fenster, wie man es gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts in Paris allgemein fand. Über dem breiten Querbalken, der es durchschnitt, war ein zierliches Wappenschild – drei rote Disteln auf Silbergrund – in die rautenförmige Scheibe eingelassen. Darunter ragte eine starke Eisenstange hervor, von der das vergoldete Miniaturbild eines Wollballens herabhing, das sich bei jedem Windstoß knarrend hin und her bewegte. Gegenüber lagen hohe, schmale, stattliche Häuser, deren Fassaden mit kunstreichen Holzverzierungen geschmückt und von spitzem Giebelwerk und Ecktürmchen überragt wurden. Dazwischen lag das holprige Pflaster der Straße St. Martin, von dem das Geräusch zahlloser Fußtritte heraufschallte. Innerhalb der Fenstervertiefung befand sich eine breite, mit braunem gepreßtem Leder ausgeschlagene Bank, auf der die Hausgenossen es sich bequem machen und hinter den Vorhängen alles beobachten konnten, was in der geschäftigen Welt zu ihren Füßen vorging. Heute saßen zwei Personen in diesem lauschigen Winkel: ein Herr und eine Dame, aber sie hatten den Vorgängen draußen den Rücken und dem behaglich eingerichteten, großen Gemache das Antlitz zugewandt. Von Zeit zu Zeit sahen sie einander an, und ihre Augen zeigten klärlich, daß sie keines andern Anblicks bedurften, um glücklich zu sein. Das durfte auch nicht wunder nehmen, denn sie waren ein schönes Paar. Sie war sehr jung, höchstens zwanzig Jahr alt. Das schimmernde Weiß ihres schönen Gesichts machte den Eindruck einer Reinheit und Unschuld, die man auch nicht durch einen Hauch aufdringlicher Farbe hätte beeinträchtigt sehen mögen. Ihre Züge waren feingeschnitten und lieblich; ihr blauschwarzes Haar und ihre langen dunklen Wimpern bildeten einen anziehenden Kontrast mit den träumerischen grauen Augen und der elfenbeinartigen Haut. Die Ruhe und Zurückhaltung, die über ihrem ganzen Wesen lag, prägte sich auch in ihrer Tracht aus, einem einfachen schwarzen Taffetkleide, dessen einziger Schmuck in einer Brosche aus Jet und einem ebensolchen Armbande bestand. Das war Adèle Catinat , die einzige Tochter des großen hugenottischen Tuchhändlers. Gegen den dunklen, schlichten Anzug des jungen Mädchens stach die Pracht ihres Gefährten seltsam ab. Er mochte etwa zehn Jahre älter sein, als sie. Sein Gesicht verriet den Soldaten: seine ausdrucksvolle Züge, ein sorgfältig gestutzter schwarzer Schnurrbart, und ein nußbraunes Auge, das mit gleichem Erfolge Männern gegenüber befehlend blitzen, Frauen gegenüber flehend schmelzen konnte. Sein himmelblauer Rock war mit Silberborte verbrämt und hatte breite silberne Achselschnüre. Eine Weste von weißem Wollatlas kam darunter zum Vorschein, und ebensolche Kniehosen verschwanden in den hohen blanken Reiterstiefeln mit goldenen Sporen. Ein Stoßdegen mit silbernem Gefäß und ein Federhut, die auf dem Sessel neben ihm lagen, vollendeten eine Uniform, welche den Träger ehrenvoll auszeichnete; denn jeder Franzose würde sie für die eines Offizieres in Ludwig des Vierzehnten berühmter »Blauer Garde« erkannt haben. Mit seinem lockigen schwarzen Haar auf dem hochgetragenen Haupt machte er den Eindruck eines strammen, kecken Soldaten. Als solcher hatte er sich auch bereits auf manchem Schlachtfelde bewährt, so daß der Name Amory von Catinat unter den tausend Tapfern des niederen Adels, die sich zu dem Dienst des Königs drängten, hell hervorleuchtete. Die beiden waren Vetter und Base. Der ähnliche Schnitt ihrer offnen Gesichtszüge ließ diese Verwandtschaft erraten. Catinat war einer adeligen Hugenottenfamilie entsprossen. Da er seine Eltern früh verloren hatte, war er ins Heer eingetreten, und hatte sich ohne irgend welche Protektion, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz, zu seiner hohen Stellung emporgeschwungen. Ein jüngerer Bruder seines Vaters hatte dagegen das »von« fallen lassen, da er einsah, daß ihm durch die Verfolgung, der schon damals seine Glaubensgenossen ausgesetzt waren, jeder Weg zum Emporsteigen verschlossen sein würde. Nach solchem Verzicht hatte er sich in Paris auf den Handel gelegt, und sein Geschäft war so gut gegangen, daß er jetzt einer der reichsten und angesehensten Bürger der Stadt war. Es war sein Haus, in welchem der Gardeoffizier sich befand, und es war seine einzige Tochter, deren weiße Hand er in der seinigen hielt. »Sag mir, Adèle,« sagte er, »warum du so bekümmert aussiehst,« »Ich bin aber nicht bekümmert, Amory.« »Laß sehen! Hier ist ein ganz kleines Fältchen zwischen den gewölbten Augenbrauen, O, ich kann dein Gesicht lesen, wie der Schäfer den Himmel.« »Es ist nichts, Amory, nur –« »Nur was?« »Du verläßt mich heute abend.« »Aber morgen komme ich wieder.« »Mußt du denn wirklich heute abend fort?« »Es würde mich mein Patent kosten, wollte ich wegbleiben. Ich habe ja morgen früh die Wache vor des Königs Schlafzimmer! Nach der Frühmesse wird mich der Major von Brissac ablösen, und dann bin ich wieder frei.« »Ach, Amory, wenn du von dem König und dem Hof und den vornehmen Damen sprichst, kann ich mich gar nicht genug wundern.« »Und warum wundern?« »Wenn ich denke, daß du, der du inmitten solcher Pracht lebst, dich zu dem einfachen Hause eines Krämers herablassen kannst.« »Was enthält dieses Haus aber auch?« »Das ist nun gerade das allerwunderbarste! Daß du, der du unter solchen Menschen lebst, die so schön, so geistreich sind, mich deiner Liebe wert halten kannst, mich, ein so stilles Mäuschen, die in der Einsamkeit unsres großen Hauses so schüchtern und scheu geworden ist. Es ist zu wunderbar!« »Der Geschmack ist verschieden,« entgegnete ihr Vetter, indem er die kleine zierliche Hand streichelte. »Es ist mit Frauen wie mit Blumen. Manche mögen ja die große, strahlende Sonnenblume vorziehen, oder die Rose, die so glühend und herrlich ist, daß sie ins Auge fallen muß. Mir aber gefällt das kleine Veilchen, das sich im Moose verbirgt und doch so holdselig anzuschauen ist und so süß duftet. Nun – noch immer das Fältchen auf deiner Stirn, Liebchen?« »Ich wollte, der Vater wäre erst zurück.« »Warum denn? Ist dir so einsam zu Mute?« Über ihr blasses Gesicht flog ein helles Lächeln. »Einsam werde ich erst heute abend sein! Aber ich bin doch immer unruhig, wenn er fort ist. Man hört so viel von der Verfolgung unsrer armen Brüder.« »Pah! Der Onkel hat nichts zu fürchten!« »Er ist zum Vorsteher der Krämergilde gegangen wegen der Ankündigung einer Dragonereinquartierung.« »Davon hast du mir ja noch gar nichts gesagt!« »Hier ist sie.« Sie stand auf und nahm einen blauen Papierstreifen, von welchem ein rotes Siegel herabhing, vom Tische und reichte ihn ihrem Vetter. Amorys schwarze Brauen zogen sich zusammen, als er das Blatt überflog, auf welchem geschrieben stand: »Es wird Euch, Théophile Catinat, Tuchhändler in der Rue St. Martin, hiermit kund gethan, daß Ihr Euch bereit halten sollet, zwanzig Mann der blauen Dragoner von Languedoc unter Kapitän Dalbert aufzunehmen, ihnen Obdach und Unterhalt zu geben bis auf weitere Nachricht. (Unterzeichnet) De Beauvré                  Königlicher Bevollmächtigter.« Catinat wußte wohl, daß diese Form der Maßregelung seiner Glaubensgenossen in ganz Frankreich üblich geworden war, aber er hatte sich geschmeichelt, daß die hohe Stellung, welche er bei Hofe einnahm, seinen Verwandten vor einer solchen Vergewaltigung schützen würde. Mit einem Zornesruf warf er das Papier auf die Erde. »Wann kommen sie?« »Vater sagte, heute abend.« »Sie sollen nicht lange hier bleiben. Morgen werde ich einen Befehl zum Abzug für sie erwirkt haben. Aber die Sonne ist hinter die Martinskirche gesunken, und ich sollte schon unterwegs sein.« »Nein, nein! Du darfst noch nicht gehen!« »Ich hätte dich allerdings gern erst in dem Schutz deines Vaters gesehen, denn es ängstigt mich, dich allein zu lassen, wo die Dragoner jeden Augenblick kommen können. Und doch gilt keine Entschuldigung, wenn ich nicht rechtzeitig in Versailles bin. Aber sieh, da hält ein Reiter vor der Thür. Er trägt keine Uniform. Vielleicht ist's ein Bote deines Vaters.« Das junge Mädchen eilte hastig ans Fenster und blickte hinaus, während ihre Hand auf der silberstrotzenden Schulter des Vetters ruhte. »O!« rief sie, »das hatte ich ganz vergessen. Es ist der Mann aus Amerika. Vater sagte, er würde heute kommen.« »Der Mann aus Amerika!« wiederholte der Offizier überrascht, und beide streckten die Köpfe aus dem Fenster. Der Reiter, ein stämmiger, breitschultriger junger Mann mit sorgfältig rasiertem Gesicht und kurz geschorenem Haar wandte ihnen die kühnen Züge seines sonnverbrannten Gesichtes zu, während sein Auge über die Front des Hauses lief. Er trug einen weichen, breitkrämpigen grauen Filzhut, dessen Form Pariser Augen ganz fremd war, aber seine dunkle Kleidung und die hohen Reiterstiefel hätte jeder Bürger tragen können. Dennoch war seine ganze Erscheinung so ungewöhnlich, daß sich bereits ein Haufen Neugieriger um ihn versammelt hatte, der ihn und sein Pferd mit offnem Munde angaffte. Eine abgenutzte Flinte mit ungewöhnlich langem Laufe war mit dem Kolben an seinem Steigbügel befestigt, während die Mündung hinter ihm in die Luft ragte. Von jedem Sattelknopf hing ein großer, schwarzer Beutel herab, und eine buntfarbige zusammengerollte Wolldecke war am Sattelbogen befestigt. Sein Pferd, ein starkgliedriger Apfelschimmel, oben schweißglänzend und unten mit einer Schmutzkruste bedeckt, stand mit eingeknickten Vorderbeinen da, als sei es übermüdet. Der Reiter, der inzwischen das Haus genugsam betrachtet zu haben schien, sprang leicht aus dem Sattel, machte Flinte, Decke und Beutel los, drängte sich kaltblütig durch die gaffende Menge und klopfte laut an die Thür. »Wer ist er denn?« fragte Catinat. »Ein Kanadier? Ich selbst bin beinahe ein solcher. Ich habe ebensoviel Freunde jenseits, wie diesseits des Wassers. Vielleicht kenne ich ihn. Es gibt drüben nicht viele Bleichgesichter, und vor drei Jahren gab es vom Saguenay bis zum Nipissing kaum eins, das ich nicht gesehen hatte.« »Nein, er ist aus den englischen Provinzen, Amory. Aber er redet doch unsre Sprache. Seine Mutter stammte aus unserm Blut.« »Und er heißt?« »Amos – Amos – ach, diese Namen! Ja, Green, so war es – Amos Green . Sein Vater steht mit dem meinen seit lange in Geschäftsverbindung und sendet jetzt seinen Sohn, der immer im Walde gelebt hat, hierher, um Menschen und Städte kennen zu lernen. Aber mein Gott, was ist da passiert?« Im Hausflur hatte sich plötzlich ein mehrstimmiges Geheul und Gekreisch erhoben, dazwischen hörte man eine Männerstimme und hin und her stürzende Tritte. Im Augenblick war Catinat hinausgeeilt. Entsetzt und zugleich belustigt über das Schauspiel, das sich seinen Blicken darbot, blieb er auf halber Treppe stehen. Zwei Mägde hatten sich zu beiden Flurseiten an die Wand gedrückt und kreischten in den höchsten Tönen mit der vollen Kraft ihrer Lungen. In der Mitte drehte sich Pierre, der alte Diener, dessen Würde noch nie etwas hatte erschüttern können, wie ein Brummkreisel in die Runde, fuhr mit den Armen in der Luft umher und brüllte, daß man ihn im Louvre hätte hören können. An dem grauwollenen Strumpf, welcher seine dürre Wade bedeckte, saß eine schwarzhaarig runde Kugel, aus deren Gesicht ein rotes Äuglein emporblinzelte, und zwei kleine weiße Zähne blitzten da heraus, wo sie sich eingebissen hatten. Auf das Geschrei kam soeben der junge Fremde, welcher noch einmal zu seinem Pferde hinausgegangen war, zurückgestürzt, riß das Geschöpf los, schlug ihm zweimal über die Schnauze und warf es kopfüber in den Lederbeutel, aus dem es herausgekrochen war. »Es ist nichts,« sagte er in vortrefflichem Französisch; »es ist nur ein Bär.« »O mein Gott!« rief Pierre und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. »O, das hat mich um fünf Jahre älter gemacht! Ich stand in der Thür und machte dem Herrn, der hinausging, meine Verbeugung, und gleich darauf packte es mich von hinten!« »Ich bin schuld daran; ich hatte den Beutel nicht fest zugeschnürt. Das Vieh war gerade an dem Tage zur Welt gekommen, als wir New-York verließen – nächsten Dienstag werden es sechs Wochen. Spreche ich mit Herrn Catinat, dem Freunde meines Vaters?« »Nein, mein Herr,« sagte der Gardeoffizier von der Treppe aus. »Mein Onkel ist ausgegangen, aber ich bin der Hauptmann von Catinat, Ihnen zu dienen, und dies ist Fräulein Catinat, Ihre Wirtin.« Nun kam der Fremde die Treppe herauf und begrüßte die beiden Verwandten mit der Miene eines Mannes, der, wenn auch scheu wie ein wildes Reh, doch entschlossen ist, eine Sache mit eisernem Willen durchzuführen. Er ging mit ihnen bis an das Wohnzimmer, war aber im nächsten Augenblick wieder verschwunden und die Treppe hinuntergelaufen. Ehe sie sich's versahen, war er jedoch zurück. In der Hand trug er ein entzückend weiches, glänzendes Fell, »Der Bär ist für Ihren Vater, mein Fräulein,« sagte er. »Dies kleine Fell habe ich aus Amerika für Sie mitgebracht. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber man kann ein paar Mokkasins oder eine Tasche daraus machen.« Adèle schrie auf vor Entzücken, als ihre Hände in das weiche Vließ versanken. Wohl mochte sie es bewundern, denn kein König der Welt konnte schöneres Pelzwerk haben. »Ach, das ist ja etwas Wunderschönes, mein Herr,« rief sie; »sagen Sie doch, von welchem Tiere kommt es; und wo haben Sie es her?« »Es ist ein schwarzer Fuchs. Ich schoß ihn selbst vorigen Herbst nahe bei den Irokesendörfern am Oneidasee.« Adèle drückte das Fell an ihre Wange: ihr weißes Antlitz schimmerte marmorgleich gegen seine tiefe Schwärze. »Es thut mir leid, daß mein Vater nicht hier ist, um Sie willkommen zu heißen, mein Herr,« sagte sie; »aber ich thue es sehr herzlich an seiner Stelle. Ihr Zimmer ist oben. Pierre wird es Ihnen zeigen, wenn Sie wünschen.« »Mein Zimmer? Wozu?« »Wozu? Nun zum Schlafen.« »Muß ich denn in einem Zimmer schlafen?« Catinat lachte über das bestürzte Gesicht des Amerikaners. »Wenn Sie es nicht wünschen, brauchen Sie nicht darin zu schlafen,« sagte er. Des Fremden Antlitz erhellte sich, dann schritt er zu dem Hinterfenster, welches auf den Hofraum ging. »Ach!« rief er, »da unten ist ja eine Buche, mein Fräulein, unter die möchte ich mich legen – meine Decke ist mir warm genug – das habe ich lieber als das schönste Zimmer. Im Winter kann man das ja nicht entbehren, aber im Sommer ersticke ich, wenn ich so eingeschlossen liegen muß!« »Sie kommen wohl nicht aus einer Stadt?« fragte Catinat. »Mein Vater wohnt in New-York. Er ist ein sehr kräftiger Mann, – er kann das aushalten, aber ich – ich habe sogar an ein paar Tagen in Albany oder Shenectady ganz genug. Mein ganzes Leben habe ich in den Wäldern zugebracht.« »Thun Sie ganz nach Belieben,« erwiderte Adèle. »Mein Vater wird gewiß nichts dagegen haben, daß Sie schlafen, wo es Ihnen gefällt, und daß Sie sich ganz nach Ihren Wünschen einrichten.« »Ich danke Ihnen, mein Fräulein. Dann werde ich meine Sachen dort auspacken und mein Pferd besorgen.« »Aber wozu das? Das kann doch Pierre thun.« »Ich bin gewohnt, es selbst zu machen.« »Dann komme ich mit Ihnen,« sagte der Offizier, »ich möchte Ihnen etwas sagen. Bis morgen, Adèle, lebe wohl!« »Bis morgen, Amory!« Die beiden jungen Männer gingen zusammen hinunter in den Hof. »Sie haben eine weite Reise gemacht,« sagte der Offizier unten zu dem Amerikaner. »Ja, ich komme von Rouen.« »Sind Sie sehr müde?« »Nein, ich bin selten müde.« »Dann bleiben Sie bei Fräulein Adèle, bis ihr Vater zurückkommt.« »Warum wünschen Sie das?« »Weil ich fort muß und sie vielleicht eines Beschützers bedarf.« Der Fremde sagte nichts, aber er nickte zustimmend. Dann warf er seinen dunklen Rock ab und machte sich mit aller Kraft daran, sein von der Reise beschmutztes Pferd abzureiben. II. Ein Monarch im Négligé. Es war am folgenden Morgen. Die große Uhr von Versailles hatte soeben acht geschlagen. Die Zeit war nahe, wo der Monarch aufstehen mußte. Durch die langen Korridore und die mit Wandgemälden geschmückten Galerien des ungeheuren Palastes ging ein leises Summen und Schwirren, ein gedämpftes Geräusch von allerlei Vorbereitungen; denn des Königs Aufstehen war eine große Staatsaktion, bei der viele Menschen eine Rolle zu spielen hatten. Ein Diener eilte mit einem dampfenden silbernen Becken vorbei, das er Herrn von St. Quentin, dem Hofbarbier, brachte. Andere liefen mit Gewändern über dem Arm geschäftig den Gang hinab, der zu dem Vorzimmer führte. Die Leibgardisten in ihren prachtvollen blau- und silbernen Röcken richteten sich stramm empor und faßten ihre Hellebarden fester, während der junge Offizier, welcher sehnsüchtig aus dem Fenster nach einigen Höflingen geblickt hatte, die auf den Terrassen lachten und plauderten, sich kurz auf der Hacke umdrehte und nach der weißen, goldumränderten Thür des königlichen Schlafzimmers hinüberschritt. Kaum hatte er sich dort aufgestellt, als der Thürknopf leise von innen aufgedrückt wurde. Die Thür drehte sich lautlos in den Angeln, ein Mann glitt schweigend hindurch und schloß sie wieder hinter sich. »Pst!« sagte er und drückte die Finger auf die schmalen, scharfgeschnittenen Lippen, während aus seinem glattrasierten Gesicht und den emporgezogenen Brauen eine Bitte und zugleich eine Warnung sprach: »Der König schläft noch.« Flüsternd gingen die Worte unter der Gruppe, die sich vor der Thür versammelt hatte, von Mund zu Mund. Der Sprecher, Herr Bontems, oberster Kammerdiener, gab dem wachthabenden Offizier ein Zeichen und ging ihm voran nach dem Fenstererker, aus dem derselbe unlängst gekommen war. »Guten Morgen, Hauptmann von Catinat,« sagte er mit einer Mischung von Vertraulichkeit und Achtung in seiner Haltung. »Guten Morgen, Bontems! Wie hat der König geschlafen?« »Vorzüglich.« »Aber es ist seine Zeit?« »Noch nicht.« »Sie wollen ihn noch nicht wecken?« »In sieben und einer halben Minute.« Der Kammerdiener zog eine kleine, runde Uhr hervor, nach welcher der Mann sich richtete, der selbst zwanzig Millionen Menschen zur Richtschnur diente. »Wer hat den Befehl auf der Hauptwache?« »Major von Brissac.« »Und Sie werden hier bleiben?« »Vier Stunden lang habe ich heute beim Könige Dienst.« »Sehr wohl. Er hat mir gestern abend nach dem petit coucher , als er allein war, einige Instruktionen für den wachthabenden Offizier gegeben. Er trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß Herr von Vivonne nicht zum grand lever zugelassen werden sollte. Sie sollen ihm dies mitteilen.« »Ich werde es thun.« »Ferner, – sollte ein Briefchen von ihr kommen, – Sie verstehen mich, von der neuen –« »Frau von Maintenon?« »Jawohl. Aber es ist diskreter, keine Namen zu nennen. Sollte sie ein Billet schicken, so sollen Sie es annehmen und stillschweigend abliefern, wenn der König Ihnen dazu Gelegenheit gibt.« »Es soll geschehen.« »Sollte aber die andere kommen, was nicht unwahrscheinlich ist – die andere, Sie verstehen mich – die frühere –« »Frau von Montespan.« »O über Ihre kecke Soldatenzunge, Herr Hauptmann! Sollte sie kommen, sage ich, so werden Sie ihr mit aller Höflichkeit entgegentreten, Sie verstehen mich, aber ihr um keinen Preis gestatten, das königliche Zimmer zu betreten.« »Sehr wohl, Bontems.« »Und jetzt haben wir nur noch drei Minuten.« Bontems strich durch die rasch anwachsende Gruppe der in der Galerie Wartenden mit stolz-demütiger Miene, wie sie einem Manne zukam, der, wenn auch nur ein Kammerdiener, doch als des Königs Kammerdiener der König der Kammerdiener war. Dicht vor der Thür stand eine Reihe Bedienter, die in gepuderten Perücken, roten Plüschrücken und silbernen Achselschnüren prangten. »Ist der Ofenheizer hier?« fragte Bontems. »Ja, Herr,« erwiderte ein Würdenträger, welcher einen Haufen Kienspäne auf einem emaillierten Brett vor sich her trug. »Der Öffner der Vorhänge?« »Hier, Herr.« »Der Entferner des Nachtlichts?« »Hier, Herr!« »Paßt auf, wenn ich euch rufe.« Wieder öffnete er sacht die Thür und schlüpfte in das verdunkelte Gemach. Es war ein großes, viereckiges Zimmer mit zwei hohen Fenstern, welche kostbare Sammetvorhänge dicht verhüllten. Durch einige Ritzen schoß die Morgensonne kleine Strahlen, die breiter wurden, als sie über das Zimmer hinstrichen und in lichten Flecken auf der hellgelblichen Wand lagerten. Ein großer Armstuhl stand neben dem ausgebrannten Feuer im Schatten eines gewaltigen marmornen Kamins, dessen Mantel, in tausend gewundenen und verschlungenen Arabesken und Wappenbildern aufwärts geführt, zuletzt in die reich gemalte Decke überging. In einem Winkel stand das schmale, mit einem Teppich bedeckte Bett, auf dem der treue Bontems die Nacht zugebracht hatte. In der Mitte des Gemaches stand ein großes Himmelbett mit Gobelinvorhängen, welche vom Kopfende zurückgezogen waren. Ringsherum lief ein viereckiges Geländer von polierten Stangen in solcher Entfernung, daß innerhalb dieser Einfriedigung oder ruelle ein fünf Fuß breiter freier Raum übrig blieb. Darin stand ein kleiner runder, weißgedeckter Tisch, darauf ein emaillierter Becher mit etwas Frontignac und ein silberner Teller mit drei Schnittchen Hühnerbrust. Es konnte ja vorkommen, daß der König während der Nacht ein Bedürfnis nach Speise und Trank hatte. Als Bontems geräuschlos das Zimmer durchmaß, in dessen moosweichen Teppich seine Füße einsanken, konnte er in der drückenden, schlafdunsterfüllten Luft die leisen Atemzüge des Schlummernden vernehmen. Langsam trat er durch die Öffnung des Geländers an das Bett heran und wartete mit der Uhr in der Hand auf den genauen Augenblick, in welchem die eiserne Hofetikette verlangte, daß der Monarch geweckt würde. Vor ihm, unter der kostbaren grünen Decke von orientalischer Seide, halbvergraben in den weichen Valencienner Spitzen des Kissens, schaute ein schwarzer, bürstenähnlich geschorener Kopf hervor, und darunter hob sich eine gebogene Nase über trotzigen Lippen von dem weißen Hintergründe ab. Der Kammerdiener ließ die Uhr zuschnappen und beugte sich über den Schläfer. »Ich habe die Ehre, Ew. Majestät mitzuteilen, daß es halb neun Uhr ist.« »Ah!« Der König öffnete langsam die großen dunkelbraunen Augen, schlug ein Kreuz und küßte eine kleine schwärzliche Reliquienkapsel, die er unter seinem Nachthemde hervorzog. Dann richtete er sich im Bett auf und blinzelte mit der Miene eines Mannes, der seine Gedanken sammelt. »Hast du dem wachthabenden Offizier der Garde meine Befehle übermittelt, Bontems?« »Ja, Sire.« »Wer hat den Dienst?« »Major von Brissac bei der Hauptwache, Hauptmann von Catinat in der Galerie.« »Catinat! Ach ja, der junge Mann, der bei Fontainebleau mein Pferd anhielt. Ich erinnere mich seiner. Du kannst das Zeichen geben, Bontems.« Der oberste Kammerdiener schritt rasch nach der Thür und öffnete sie weit. Sofort stürzten der Ofenheizer und vier andere rotröckige, bepuderte Bediente herein – diensteifrig, lautlos und jeder nur auf seine eigene Pflicht bedacht. Der eine ergriff Bontems leichte Lagerstatt und trug sie ins Vorzimmer; ein anderer nahm den Tisch mit dem Nachtimbiß und dem silbernen Leuchter fort, während ein dritter die schweren sammetnen Vorhänge zurückschlug und eine Lichtflut in das Gemach einließ. Der Ofenheizer legte zwei runde Holzblöcke kreuzweis über die bereits aufflackernden Kienspäne – denn die Morgenluft war kühl – und zog darauf mit seinen Kameraden ab. Kaum hatten sie das Gemach verlassen, als eine vornehmere Gesellschaft das Schlafzimmer betrat. Voran gingen zwei Herren; der erste ein junger Mann wenig über zwanzig Jahre alt, von feierlich pomphafter Haltung, mittelgroß, zur Wohlbeleibtheit geneigt, mit einem wohlgeformten Bein und einem Gesicht, das einer hübschen Maske glich, und das außer dem gelegentlichen Aufblitzen einer mutwilligen Laune völlig ausdruckslos war. Er trug ein reiches amarantfarbenes Sammetkleid, und ein breites, blaues Seidenband über der Brust, unter welchem der funkelnde Rand des St.Ludwigsordens hervorsah. Sein Begleiter war ein Vierziger, von dunkler Hautfarbe, der würdevoll und feierlich einherschritt. Sein einfaches, aber kostbares Gewand von schwarzer Seide hatte goldene Schlitzen am Halse und an den Ärmeln. Als das Paar dem Könige gegenüber stand, deutete eine gewisse Ähnlichkeit der drei Gesichter hinlänglich die Blutsverwandtschaft an und ließ erraten, daß der eine »Monsieur« war, der jüngere Bruder des Königs, der andere dagegen der Dauphin Ludwig, sein einziges legitimes Kind und der Erbe eines Thrones, den, nach dem wunderbaren Rate der Vorsehung, weder er noch seine Söhne je besteigen sollten. So stark aber auch die Ähnlichkeit zwischen den drei Gesichtern war, von denen jedes die kühn gebogene Nase und das große braune Auge der Bourbonen, wie die dicke Unterlippe der Habsburger, ihr gemeinsames Erbteil von Anna von Österreich, aufwies, prägte sich doch in ihren Zügen eine sehr bedeutende Verschiedenheit des Temperamentes und Charakters aus. Der König stand jetzt in seinem sechsundvierzigsten Jahre, und das kurzgeschnittene schwarze Haar wurde bereits auf dem Scheitel etwas dünn und spielte über den Schläfen ins Graue. Er bewahrte indessen noch immer viel von der Schönheit, die ihn in seiner Jugend auszeichnete, nur daß sich ihr eine mit den Jahren zunehmende Würde und Strenge beimischte. Seine dunklen Augen waren höchst ausdrucksvoll, und seine scharfgeschnittenen Züge waren das Entzücken der Bildhauer und der Maler. Ein fester und doch beweglicher Mund, dichte, schön geschwungene Brauen gaben seinem Gesicht das Ansehen von Autorität und Macht, während der unterwürfige Ausdruck, welcher seinem Bruder eigen war, einen Mann kennzeichnete, dessen ganzes Leben eine lange Übung in der Nachgiebigkeit und Selbstvernichtung gewesen war. Der Dauphin dagegen hatte zwar ein regelmäßigeres Gesicht als sein Vater, aber er hatte weder in der Erregung jenes lebhafte Mienenspiel, noch in der Ruhe jene königliche Heiterkeit, welche einen scharfsinnigen Beobachter zu der Bemerkung veranlaßte, daß Ludwig, wenn er auch nicht der größte König war, der je gelebt, er sich doch vorzüglich dazu eignete, die Rolle eines solchen zu spielen. Hinter dem Sohne und dem Bruder des Königs trat eine kleine Gruppe von Notabeln und Hofbeamten ein, welche die Pflicht zu dieser täglichen Ceremonie herbeigerufen hatte. Da war der Großgewandmeister und erste Kammerherr, der Herzog von Maine, ein blasser, in schwarzen Sammet gekleideter Jüngling, der das linke Bein schwer nachschleppte, und sein jüngerer Bruder, der kleine Graf von Toulouse, beides illegitime Söhne des Königs und der Frau von Montespan. Hinter ihnen kam der erste Garderobendiener, gefolgt von Fagon, dem ersten Leibarzt, Telier, dem ersten Chirurgen und dreien in Scharlach und Gold gekleideten Pagen, welche die königlichen Kleider trugen. Dies waren die Teilnehmer an dem Familienempfange: die höchste Ehre, nach welcher der französische Adel streben konnte. Bontems hatte einige Tropfen Weingeist über des Königs Hände gegossen und sie wieder in einer silbernen Schüssel aufgefangen; der erste Kammerherr hatte die Schale mit Weihwasser gereicht, mit welchem der König sich bekreuzte und dazu das kurze Gebet an den heiligen Geist murmelte. Darauf nickte er seinem Bruder zu und rief ein kurzes Wort der Begrüßung nach dem Dauphin und dem Herzog von Maine hinüber. Dann schwang er seine Beine über den Bettrand und saß nun da in seinem langen seidenen Nachtgewand, unter dem die kleinen weißen Füße hervorbaumelten – so saß er da, der Herr Frankreichs und doch der Sklave jedes Windhauches, der vor Kälte zusammenschauderte, wenn plötzlich ein Zuglüftchen ihn berührte. Herr von St. Quentin, der hochadlige Barbier, warf einen purpurroten Pudermantel um die königlichen Schultern, und setzte ihm eine lange reichgelockte Perücke aufs Haupt, während Bontems ihm die roten Strümpfe anzog und die gestickten Sammetpantoffeln vor ihm zurecht stellte. Der Monarch steckte die Füße hinein, wickelte sich in seinen Pudermantel und schritt nach dem Kamin hinüber, wo er sich in seinem Lehnstuhl zurecht setzte und seine mageren, zarten Hände über die flammenden Holzscheite hielt, während die übrigen im Halbkreise umherstanden und auf das grand lever warteten, welches nun folgen sollte. »Was ist das, meine Herren?« fragte der König plötzlich und blickte unwillig umher. »Es riecht hier nach Parfüm! Es hat doch wohl keiner von Ihnen gewagt, ein Parfüm in das Audienzzimmer zu bringen, da Sie ja wissen, wie widerwärtig mir so etwas ist.« Die Versammelten blickten einander an und erschöpften sich in Unschuldsbeteurungen. Der getreue Bontems war inzwischen lautlos hinter ihnen vorbeigeschlichen und hatte den Missethäter entdeckt. »Mein Herr von Toulouse, der Geruch kommt von Ihnen,« sagte er. Der Graf von Toulouse, ein kleiner rotbäckiger Junge, wurde dunkelrot bei der Entdeckung. »Ich bitte um Verzeihung, Sire, es ist möglich, daß Fräulein von Grammont meinen Rock mit ihrem Riechfläschchen bespritzt hat, als wir gestern in Marly zusammen spielten. Ich hatte es nicht bemerkt, aber wenn es Ew. Majestät zuwider ist –« »Weg damit! weg damit!« rief der König. »Puh! es erstickt, es erwürgt mich! Öffne den unteren Fensterflügel, Bontems. Nein; laß gut sein, er ist schon fort! – Herr von St. Quentin, ist heute nicht unser Rasiermorgen?« »Jawohl, Sire; alles ist bereit.« »Warum wird denn nicht angefangen? Es ist drei Minuten nach der gewohnten Zeit! Ans Werk, mein Herr; und du, Bontems, gib das Zeichen zum grand lever .« Augenscheinlich war der König heute morgen nicht bei besonders guter Laune. Er schoß rasche, fragende Blicke nach seinem Bruder und seinen Söhnen, aber St. Quentin waltete jetzt seines Amtes und erstickte so aufs nachdrücklichste jede etwaige Anklage oder höhnische Bemerkung, die auf seinen Lippen schweben mochte. Mit dem durch lange Gewohnheit erzeugten Gleichmut seifte der Hofbeamte das königliche Kinn ein, ließ das Rasiermesser rasch darüber hingleiten und wusch dann die Oberfläche mit einem in Weingeist getauchten Schwamm ab. Ein anderer Edelmann half darauf dem Könige seine schwarzsammetnen Kniehosen anziehen, ein dritter ordnete und befestigte sie, während ein vierter den Pudermantel und das Nachtgewand von den Schultern zog und das königliche Hemd darreichte, das am Feuer gewärmt worden war. Schuhe mit diamantenen Schnallen, Gamaschen und eine Scharlach-Unterweste wurden ihm hintereinander von vornehmen Kavalieren angelegt, von denen ein jeder eifersüchtig auf sein besonderes Vorrecht achtete. Über die Weste kam das blaue Band mit dem Kreuz des Ordens vom heiligen Geiste in Brillanten, und das rote Band mit dem vom heiligen Ludwig. Es war ein wunderliches Schauspiel. Da saß der kleine Mann, Frankreichs Herrscher, gleichgültig und unthätig, die großen Augen auf die glühenden Holzscheite gerichtet, und ließ sich behandeln, wie eine Puppe. Und die ihm geschäftig ein Stück ums andere anlegten, waren Männer, die alle irgend einen historisch berühmten Namen trugen, sich auch selbst wohl schon einmal im Kriege hervorgethan hatten! Das schwarze Untergewand war angezogen, die reiche Spitzenkravatte zurechtgezupft, der lose Überrock zugeknöpft, zwei kostbare Spitzentaschentücher wurden auf einem emaillierten Teller herbeigetragen und jedes von einem besonderen Hofbedienten in je eine Seitentasche gesteckt. Der silberbeschlagene Spazierstock von Ebenholz wurde bereit gelegt, und der Monarch war für die Mühen des Tages gerüstet. Während der halben Stunde oder darüber, die alles dies gedauert haben mochte, war die Zimmerthür in ununterbrochener Bewegung gewesen. Name auf Name war dem dienstthuenden Kammerdiener von dem wachthabenden Hauptmann zugeflüstert und von dem dienstthuenden Kammerdiener an den ersten Kammerherrn weiter gegeben worden, und die also Gemeldeten hatten Einlaß gefunden. Jeder Eintretende verbeugte sich dreimal tief zur Begrüßung der Majestät, und schloß sich dann seiner eignen Klique oder Koterie an, um leise über die Neuigkeiten, das Wetter und die Pläne für den Tag zu plaudern. Die Zahl der Zugelassenen wuchs von Minute zu Minute. Als endlich das erste frugale Frühstück des Königs: Wein mit Wasser gemischt und Weißbrot hereingebracht wurde, war das große Gemach ganz gefüllt mit Herren, von denen viele dazu beigetragen haben, die Epoche Ludwigs XIV. zur glänzendsten in der französischen Geschichte zu machen. Dicht neben dem Könige stand der barsche, aber energische Louvois , der seit Colberts Tode allmächtige Kriegsminister, und besprach eine militärische Frage mit zwei Offizieren. Der eine von ihnen war ein hoher, stattlicher Soldat, der andere von merkwürdig kleiner Figur, untersetzt und mißgestaltet, der aber trotzdem die Abzeichen eines Marschalls von Frankreich trug und einen Namen führte, der an der niederländischen Grenze für ein böses Omen galt, denn man sah in François, Henri de Montmorency, Herzog von Luxembourg allgemein schon Condés Nachfolger, wie sein Gefährte Vauban der Turennes war. Neben ihnen teilte ein kleiner weißhaariger Geistlicher mit mildem Antlitz, der Pater La Chaise , Vossuet , dem beredten Bischof von Meaux und dem großen, schmächtigen Abbé de Fénélon flüsternd seine Ansichten über den Jansenismus mit. Letzterer hörte mit bewölkter Stirn die scharfen Urteile an, denn er stand im Verdacht, von dieser Ketzerei nicht ganz unbefleckt geblieben zu sein. Da war auch Le Brun , der Maler im Kreise seiner Kollegen, darunter Verrio und Laguerre, der Schöpfer der Gartenkunst Le Nôtre, die Bildhauer Girardon, Puget, Desjardins und Coysevoy, deren Werke den neuen Palast des Königs verschönern halfen, alle in lebhaftem Gespräch über Kunst. Dicht neben der Thür, ein fröhliches Lächeln auf dem schönen Gesicht, plauderte Racine mit dem Dichter Boileau und dem Architekten Mansard . Alle drei lachten und scherzten mit einem Freimut, welcher bei diesen begünstigten Dienern des Königs natürlich war – waren sie doch die einzigen seiner Unterthanen, welche unangemeldet und ohne weitere Förmlichkeit in seinen Gemächern aus und ein gehen durften. »Was fehlt ihm heute morgen?« fragte Boileau flüsternd und deutete mit dem Kopf nach der königlichen Gruppe hin. »Ich fürchte, der Schlaf hat seine Stimmung nicht verbessert.« »Es wird immer schwerer, ihn zu amüsieren,« sagte Racine kopfschüttelnd. »Ich soll um drei Uhr in Frau von Maintenons Zimmer sein – vielleicht daß ein paar Seiten meiner ›Phädra‹ die gewünschte Wirkung haben.« »Mein Freund,« sagte der Architekt, »meinen Sie nicht, daß die geistreiche Frau selbst eine bessere Trösterin sein dürfte, als Ihre Phädra?« »Sie ist allerdings eine seltene Frau. Sie hat Verstand, sie hat Herz, sie hat Takt, kurz – sie ist bewunderungswürdig.« »Und doch besitzt sie eine Gabe zu viel.« »Und die wäre?« »Das Alter!« »Pah! wer fragt nach ihren Jahren, wenn sie nur wie dreißig aussieht? Was für ein Auge! Welch ein Arm! Und außerdem, meine Freunde – ein Jüngling ist er auch nicht mehr!« »Das ist etwas ganz anderes. Wenn ein Mann altert, so hat das nichts zu sagen; altert eine Frau, so ist das für sie eine Kalamität!« »Sehr wahr! Allein ein junger Mann folgt seinem Auge, ein alternder seinem Ohr. Über vierzig fesselt uns die gewandte Zunge; unter vierzig das hübsche Gesicht.« »O Sie Schalk! Sie halten es für ausgemacht, daß fünfundvierzig Jahre mit Takt gegen neununddreißig mit Schönheit das Feld behaupten werden! Nun, wenn Ihre Dame gewonnen hat, wird sie hoffentlich nicht vergessen, wer ihr zuerst den Hof gemacht hat!« »Dennoch glaube ich, daß Sie unrecht haben, Racine!« »Nun wir werden ja sehen.« »Und wenn Sie Unrecht haben . . .« »Nun, was dann?« »Dann könnte die Sache für Sie ernsthaft werden.« »Inwiefern?« »Die Marquise von Montespan besitzt ein gutes Gedächtnis.« »Vielleicht ist ihr Einfluß bald nur noch – eine Erinnerung!« »Verlassen Sie sich nicht zu fest darauf, mein Freund. Als die Fontanges aus der Provence kam mit ihren blauen Augen und ihrem kupferfarbigen Haar, war es in jedermanns Munde: – die Tage der Montespan sind gezählt! Jetzt liegt die Fontanges sechs Fuß unter der Krypta einer Kirche, und die Marquise war vorige Woche zwei Stunden beim Könige, Sie hat einmal gewonnen und kann wieder gewinnen.« »Dies ist aber auch eine ganz andre Nebenbuhlerin. Die ist kein bloßes Gänschen vom Lande, sondern die klügste Frau in Frankreich.« »Pah, Racine! Sie kennen doch unsern Herrn genau, wenigstens sollten Sie ihn kennen, denn seit den Tagen der Fronde sind Sie ihm stets zur Seite gewesen. Glauben Sie wirklich, daß er der Mann dazu ist, sich auf die Länge durch Predigten unterhalten zu lassen, oder sein Lebenlang zu den Füßen einer ältlichen Dame zu sitzen, sie bei ihrer Tapisseriearbeit zu beobachten und ihren Pudel zu liebkosen, wenn die schönsten Gesichter und die glänzendsten Augen Frankreichs in seinen Salons so zahlreich zu finden sind, wie Tulpen auf einem holländischen Blumenbeet? Nein, nein; die Montespan wird auch hier das Feld behalten, und wenn nicht sie, dann eine jüngere Schönheit.« »Mein teurer Boileau, ich sage noch einmal, ihre Sonne ist im Untergehen. Haben Sie nicht das neueste gehört?« »Nicht ein Wort.« »Der Zutritt ist ihrem Bruder, dem Herrn von Vivonne, verboten.« »Unmöglich.« »Thatsache.« »Und wann?« »Heute morgen.« »Von wem haben Sie das gehört?« »Von Catinat, dem wachthabenden Offizier. Er hatte Befehl, ihn zurückzuweisen.« »Ha! Dann allerdings führt der König Übles im Schilde. Darum also ist seine Stirn so bewölkt! Meiner Treu, wenn die Marquise den Mut hat, der ihr allgemein zugeschrieben wird, könnte er doch finden, daß es leichter war, sie zu gewinnen, als sie fallen zu lassen.« »Jawohl; die Mortemarts sind nicht Leute, die man so obenhin behandelt.« »Der Himmel gebe, daß er unverletzt aus dieser Klemme kommt! Aber wer ist der Herr, der eben eintritt? Sein Gesicht sieht etwas grimmiger aus, als man's bei Hofe gewohnt ist. Ha! der König erblickt ihn auch, und Louvois winkt ihn heran. Meiner Treu, der gehört auch zu den Leuten, denen in einem Zelt wohler ist, als unter einem gemalten Plafond.« Der Fremde, welcher Racines Aufmerksamkeit erregt hatte, war ein hoher, schmächtiger Mann mit kühn gebogener Adlernase, strengen, durchbohrenden grauen Augen, die unter buschigen Brauen hervorflammten, und einem Antlitz, das von Alter, Sorge und Unbill der Witterung so durchfurcht und gezeichnet war, daß es sich unter den glatten Höflingsgesichtern ringsum ausnahm, wie ein alter Habicht in einem Käfig voll buntgefiederter Vögel. Er trug einen dunkelfarbigen Anzug, wie er bei Hofe Mode geworden war, seitdem der König mit der Fontanges die Prunkliebe beseitigt hatte, aber das Schwert, welches von seinem Wehrgehenk herabhing, war kein Galanteriedegen, sondern eine tüchtige Klinge mit Messinggriff in einer fleckigen Lederscheide, welche augenscheinlich manch ernsten Dienst geleistet hatte. Den schwarzbefiederten Filzhut in der Hand, hatte er an der Thür gestanden und mit halb belustigtem, halb verächtlichem Ausdruck auf die Gruppen der eifrig Plaudernden umher geblickt; auf das Zeichen des Kriegsministers aber begann er mit den Ellenbogen sich seinen Weg zu bahnen, indem er alle, die ihm in den Weg kamen, sehr unceremoniös beiseite stieß. Ludwig besaß die königliche Gabe des Wiedererkennens in hohem Grade. »Ich habe ihn viele Jahre nicht gesehen, aber ich erinnere mich seines Gesichts noch sehr gut,« sagte er zu dem Minister. »Es ist der Graf Frontenac , nicht wahr?« »Ja, Sire,« erwiderte Louvois; »es ist wirklich Louis de Buade, Graf von Frontenac, der bisherige Gouverneur von Canada.« »Wir freuen uns, Sie einmal wieder bei unserm Lever zu sehen,« sagte der Monarch, als der alte Edelmann das Haupt neigte und die ihm entgegengestreckte weiße Hand küßte. »Wir hoffen, daß die canadische Kälte die Wärme Ihrer Loyalität nicht abgekühlt hat.« »Der Tod allein, Sire, wäre dazu kalt genug.« »Dann leben wir der Zuversicht, Sie uns noch lange Jahre erhalten zu sehen. Wir haben längst gewünscht, Ihnen für alle Mühe und Sorgfalt zu danken, welche Sie unsrer Provinz gewidmet haben, und wenn wir Sie zurückberiefen, so geschah das hauptsächlich, weil wir gern von Ihren eignen Lippen gehört hätten, wie die Sachen dort stehen. Und zuerst, da das Reich Gottes dem Reiche Frankreich vorgeht, wie gedeiht die Bekehrung der Heiden?« »Wir können nicht klagen, Sire. Die guten Väter der Gesellschaft Jesu und die Rekollekten Name der Kongregationen strengster Observanz, besonders im Franziskanerorden. haben ihr Bestes gethan, obgleich sie allerdings oft die Neigung haben, die Angelegenheiten des Jenseits ruhen zu lassen, um sich in die des Diesseits einzumischen.« »Was sagen Sie dazu, Vater?« fragte Ludwig und blickte mit schelmischem Augenzwinkern zu seinem jesuitischen Beichtvater hinüber. »Ich sage, Sire, daß, wenn die Angelegenheiten des Diesseits im Zusammenhange stehen mit denen des Jenseits, so ist es allerdings die Pflicht eines guten Priesters, wie die jedes andern guten Katholiken, sie richtig zu leiten.« »Zugegeben, Sire,« sagte Frontenac, und eine zornige Blutwelle stieg in seine gebräunten Wangen, »aber so lange Ew. Majestät mir die Ehre erwiesen, diese Angelegenheiten meiner Leitung anzuvertauen, durfte ich keine Einmischung in der Ausübung meiner Pflichten dulden, mochte der Unberufene nun Hofkleid oder Kutte tragen!« »Genug, Graf, genug!« unterbrach ihn Ludwig in schneidendem Tone. »Ich hatte Sie nach den Missionen gefragt.« »Die Missionen gedeihen, Sire. Wir haben Irokesen am Sault und in den Bergen, Huronen in Lorette, Algonkins am ganzen Flußufer entlang von Tadusac im Osten bis nach Sault la Marie und sogar in den großen Ebenen der Dakotas, welche alle das Kreuz anbeten. Marquette ist den Fluß des Westens hinabgezogen und predigt den Illinesen, und die Jesuiten haben das Evangelium sogar bis zu den Kriegern des Langen Hauses in ihre Wigwams zu Onondaga getragen.« »Ich darf wohl hinzufügen, Ew. Majestät,« sagte Pater La Chaise, »daß sie, als sie dort das Wort der Wahrheit aussäeten, nur zu oft ihr Leben dabei ließen.« »Ja, Sire, das muß wahr sein,« rief Frontenec mit Wärme. »Ew. Majestät zählt viele tapfre Männer in Ihren Heeren, aber keine, die tapferer sind, als diese Missionare. Sie sind von den Irokesendörfern am Richelieufluß zurückgekommen mit ausgerissenen Nägeln, abgehackten Fingern, ausgebrannten Augen und Narben von Kiensplittern auf ihrem Leibe so dicht wie die goldnen Lilien auf jenem Vorhange. Und dennoch, wenn die guten Ursulinerinnen sie ein paar Wochen gepflegt, benutzten sie das übrig gebliebene Auge nur, um das Indianerland wieder aufzusuchen, wo sich sogar die Hunde vor ihren verstümmelten Gesichtern und verrenkten Gliedern entsetzten.« »Und Sie haben das zugelassen?« fuhr Ludwig auf. »Sie haben diese schändlichen Mordgesellen leben lassen?« »Ich habe um Truppen gebeten, Sire.« »Und ich habe welche gesandt.« »Ein Regiment.« »Das Regiment Carignan-Salière. Ich habe kein besseres in meinen Diensten.« »Wir brauchen aber mehr, Sire.« »Da sind doch die Canadier selbst. Haben Sie keine Miliz? Können Sie denn nicht eine genügende Anzahl ausheben, um diese schurkischen Mörder der Priester Gottes zu bestrafen? Ich hatte Sie immer für einen Soldaten gehalten.« Frontenacs Augen flammten auf, und einen Augenblick lang war es, als zittere eine hastige Antwort auf seinen Lippen, aber der feurige alte Mann hielt sich gewaltsam zurück. »Ew. Majestät können am besten erfahren, ob ich ein Soldat bin oder nicht,« sagte er, »wenn Sie diejenigen fragen, welche mich bei Senef, Mühlhausen, Sulzbach und zwanzig andern Orten gesehen haben, wo ich die Ehre hatte, Ew. Majestät Sache zu verfechten.« »Ihre Dienste sind nicht vergessen worden.« »Gerade weil ich ein Soldat bin und etwas vom Kriege gesehen habe, weiß ich, wie schwer es ist, in ein Land, das viel größer ist, als die Niederlande, vorzudringen, in ein Land, das dicht bewaldet und voller Sümpfe ist, wo hinter jedem Baum ein Wilder lauert, welcher, wenn er auch nicht gelernt hat, Tritt zu halten und in der Schlachtlinie zu stehen, doch das flüchtige Renntier auf zweihundert Schritt sicher trifft und drei Meilen zurücklegen kann, wo wir eine gehen. Und hat man endlich ihre Dörfer erreicht und ihre leeren Wigwams und wenigen Maisfelder verbrannt, was ist damit gewonnen? Man kann weiter nichts thun, als wieder heimziehen, während eine Wolke unsichtbarer Männer einen umschwärmt und für jeden Nachzügler ein Skalpgeheul ertönt. Sie sind selbst Soldat, Sire. Ich frage Sie, ob solch ein Krieg leicht ist für eine Handvoll Soldaten mit ein paar Lehnsleuten, die direkt vom Pflug kommen, und einer Truppe Waldläufer, deren Gedanken die ganze Zeit über bei ihren Fallen und Biberhäuten sind.« »Nein, nein; es thut mir leid, wenn ich zu hastig gesprochen habe,« sagte Ludwig. »Wir wollen die Sache in unserm Staatsrat überlegen.« »Mein Herz wird warm, wenn ich Ew. Majestät so sprechen höre,« rief der Gouverneur. »Es wird Freude sein den ganzen Lorenzstrom entlang in weißen und in roten Herzen, wenn bekannt wird, daß ihr großer Vater über dem Wasser ihnen sein Antlitz zugewendet hat!« »Und doch dürfen Sie nicht zu viel erwarten, Graf, denn Canada hat uns schon viel Geld gekostet, und wir haben viele Verpflichtungen in Europa.« »Ach, Sire, könnten Sie doch jenes große Land sehen! Wenn Ew. Majestät hier in der alten Welt einen Feldzug gewonnen haben, was haben Sie davon? Etwas Ruhm, ein paar Meilen Land, Luxemburg, Straßburg, eine Stadt mehr im Königreich; da drüben aber liegt mit einem Zehntel der Kosten und einem Hundertstel der Machtentfaltung eine Welt für Sie bereit. Canada ist so groß, Sire, so reich, so schön! Wo finden Sie wieder solche Berge, solche Wälder, solche Ströme! Und alles ist unser, wenn wir's nur nehmen wollen! Wer steht uns im Wege? Ein paar Stämme zerstreuter Indianer und ein dünner Strich englischer Ackerbauer und Fischer. Wenden Sie Ihre Gedanken dorthin, Sire, und in wenigen Jahren werden Sie auf der Citadelle Quebec stehen und sagen können: es gibt ein großes Reich von den Schneefeldern des Nordens bis zu dem warmen Golf des Südens, von den Wogen des Oceans bis zu den großen Ebenen jenseits Marquettes Strom, und der Name dieses Reiches ist Frankreich, und sein König ist Ludwig und seine Fahne ist das Lilienbanner!« Ludwigs Wange erglühte bei diesem ehrgeizigen Bilde, und er beugte sich leuchtenden Blickes in seinem Stuhle vor; als aber der Gouverneur geschlossen hatte, sank er wieder zurück. »Auf mein Wort, Graf,« sagte er, »Sie haben sich etwas von der indianischen Gabe der Beredsamkeit angeeignet, von der wir so viel gehört haben. Aber um auf die englischen Ansiedler zu kommen. Nicht wahr, es sind Hugenotten?« »Größtenteils. Besonders im Norden.« »Da wäre es ja ein der heiligen Kirche geleisteter Dienst, wenn man sie wegjagte. Ich höre, sie haben dort eine Stadt. New – New – Wie heißt sie doch?« »New-York, Sire. Sie haben sie den Holländern weggenommen.« »Jawohl, New-York. Und habe ich nicht von noch einer gehört? Bos– Bos –« »Boston, Sire.« »Richtig. Diese Häfen könnten uns von Nutzen sein. Sagen Sie, Graf,« er dämpfte seine Stimme, so daß seine Worte nur Frontenac, Bouvois und der unmittelbaren königlichen Umgebung vernehmlich blieben, »wieviel Truppen würden Sie brauchen, um diese Leute zu vertreiben. Ein – zwei Regimenter, und vielleicht eine oder zwei Fregatten?« Aber der Exgouverneur schüttelte den grauen Kopf. »Sire, Sie kennen sie nicht,« sagte er. »Es sind dies eisenharte Kerle. Wir in Canada haben es trotz Ihrer gnädigen Hilfe schwer gefunden, uns zu behaupten. Diese Männer aber haben keine Hilfe, sondern nur Hindernisse gehabt bei Kälte und Krankheiten, Unfruchtbarkeit des Bodens und Indianerkriegen, und doch sind sie gediehen und haben sich vermehrt, so daß die Wälder vor ihnen dahinschwinden, wie Schnee vor der Sonne und ihre Kirchenglocken heute da erklingen, wo gestern noch die Wölfe heulten. Es sind friedliebende Leute und langsam zum Kriege; wenn sie aber einmal die Hand dazu erhoben haben, so lassen sie noch weniger gern davon ab. Um Neu-England in Ew. Majestät Hände zu liefern, würde ich fünfzehntausend Ihrer besten Truppen und zwanzig Linienschiffe erbitten.« Ludwig sprang ungeduldig von seinem Stuhl auf und faßte seinen Stock. »Wir wollten,« sagte er, »Sie ahmten diesen Leuten, die Ihnen so furchtbar vorkommen, darin nach, daß Sie sich selbst hülfen! Die Sache mag bis zum Staatsrat ruhen. Ehrwürdiger Vater, die Stunde des Gottesdienstes hat geschlagen und alles andere mag warten, bis wir dem Himmel unsre Pflicht bezahlt haben.« Der König entnahm den Händen eines Dieners ein Meßbuch und schritt, so schnell seine sehr hohen Hacken es ihm erlaubten, nach der Thür. Der Hof bildete Spalier und schloß sich hinter ihm zusammen, um dann der Rangordnung gemäß ihm zu folgen. III. Die Verteidigung der Thür. Während Ludwig seinem Hofe das höchste irdische Vergnügen – wie er es einmal selbst bezeichnete – nämlich den Anblick des königlichen Antlitzes gewährte, hatte der junge Offizier draußen reichliche Beschäftigung: er mußte die Namen und Titel der zahlreichen Personen, welche den Zutritt erbaten, weiter melden. Gewöhnlich tauschte er dabei ein Lächeln oder ein kurzes Wort des Grußes mit ihnen aus, denn sein offenes, hübsches Gesicht war bei Hofe allen wohlbekannt. Mit seinen fröhlichen Augen und seinem frischen Wesen machte er den Eindruck eines Mannes, der sich mit Fortuna gut steht. Sie hatte ihm in der That ihre Gunst zugewandt. Noch vor drei Jahren war er Unterlieutenant gewesen, der sich mit Algonkins und Irokesen in den Wildnissen von Canada herumschlug. Eine Versetzung hatte ihn zwar nach Frankreich zurück und ins Regiment Picardie geführt, aber nur ein glücklicher Zufall hatte vollbracht, was zehn Feldzüge kaum vermocht hätten! An einem Wintertage war er nämlich des Königs Pferd in den Zügel gefallen, als das sich hochaufbäumende Tier bereits hart am Rande einer tiefen Kiesgrube war, und hatte sich dadurch Ludwigs Gunst erworben. Heute in der Vertrauensstellung als Hauptmann der königlichen Leibwache, jung, tapfer und beliebt, war sein Los in der That beneidenswert. Und doch – wie es der seltsame Widerspruchsgeist der menschlichen Natur mit sich bringt – war er bereits übersättigt von der bei aller Pracht so eintönigen Routine des königlichen Haushaltes und warf sehnsüchtige Blicke zurück nach den rauheren, aber freieren Tagen seiner ersten Dienstzeit. Selbst hier an der königlichen Thür schweiften seine Gedanken hinaus aus der freskogeschmückten Galerie mit ihren Höflingen zu den wilden Schluchten und schäumenden Strömen des Westens. Da fielen seine Blicke plötzlich auf ein Gesicht, welches er in eben jenen Gegenden zum letztenmal gesehen. »Ah, Herr von Frontenac!« rief er. »Sie können mich nicht vergessen haben!« »Was! Catinat! Wahrhaftig, das ist eine Freude, ein Gesicht von jenseits des Wassers zu sehen! Aber es ist ein weiter Schritt vom Unterlieutenant im Regiment Carignan bis zum Hauptmann in der Leibwache. Sie sind schnell avanciert.« »Ja, und doch bin ich darum wohl nicht glücklicher. Es gibt Zeiten, wo ich alles drangeben würde, um in einem Birkenkanoe die reißenden Stromschnellen des Lachine hinabzusausen, oder wenn die Blätter fallen, sie noch einmal rot und gelb auf den Berghängen schimmern zu sehen!« »Ach ja!« seufzte Frontenac. »Sie wissen, mein Stern sank, als der Ihre aufging. Ich bin abberufen worden, und La Barre nimmt meine Stelle ein. Gegen diesen Mann wird sich aber dort ein Sturm erheben, dem er nicht stand halten kann. Wenn die Irokesen ihren Skalptanz tanzen und Dongan in New-York sie aus dem Hinterhalte hetzt, wird man mich brauchen, und man soll mich bereit finden, wenn man nach mir schickt! Jetzt will ich den König sprechen, und will versuchen, ob ich ihn nicht dazu bringen kann, dort sowohl wie hier, den großen Monarchen zu spielen. Hätte ich nur seine Macht in meinen Händen, so würde ich die Weltgeschichte umgestalten!« »Still! Keinen Hochverrat vor dem Hauptmann der Leibwache,« lachte Catinat, als der trutzige alte Soldat an ihm vorbei zur Audienz schritt. Während dieser kurzen Unterhaltung war ein kostbar in schwarz und silber gekleideter Kavalier herbeigekommen, und ging, sobald sich die Thür öffnete, mit der Sicherheit eines Mannes darauf zu, dessen Recht außer jedem Zweifel steht. Catinat indessen trat ihm in den Weg und versperrte ihm die Thür. »Es thut mir sehr leid, Herr von Vivonne,« sagte er, »der Zutritt ist Ihnen nicht gestattet.« »Nicht gestattet! Mir! Sie sind toll!« Mit fahlem Gesicht und stieren Augen trat er zurück, eine zitternde Hand wie zum Protest halb erhebend. »Ich versichere Sie, es ist sein Befehl.« »Aber es ist unglaublich, es ist ein Irrtum!« »Sehr möglich.« »Sie werden mich also passieren lassen?« »Meine Befehle lassen mir keine Wahl.« »Wenn ich nur ein Wort mit dem Könige sprechen konnte!« »Unglücklicherweise ist das unmöglich, Herr von Vivonne.« »Nur ein Wort.« »Es hängt wirklich nicht von meinem Willen ab, mein Herr.« Der erzürnte Edelmann stampfte mit dem Fuße und starrte nach der Thür, als beabsichtige er, den Einlaß zu erzwingen. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und eilte den Korridor entlang, wie jemand, der seinen Entschluß gefaßt hat. »Da haben wir's!« brummte Catinat in seinen Bart, »der wird uns eine schöne Suppe einbrocken! Gleich werde ich seine Schwester auf den Hals bekommen, und dann steht mir eine nette kleine Wahl bevor. Entweder übertrete ich meine Ordre, oder ich mache sie mir auf Lebenszeit zur Feindin. Lieber will ich Fort Richelieu gegen die Irokesen halten, als des Königs Thür gegen eine zornige Frau. Meiner Treu, da ist schon eine Dame, ich sagte es ja. Ach, Gott sei Dank, gut Freund und kein Feind. Guten Morgen, Fräulein Nanon.« »Guten Morgen, Herr von Catinat.« Die Dame war eine schlanke, anmutige Brünette. Ihr einfacher Anzug brachte ihre frischen Farben und ihre glänzenden, schwarzen Augen nur noch mehr zur Geltung. »Ich bin auf Wache, wie Sie sehen, meine Gnädigste. Ich kann mich nicht mit Ihnen unterhalten.« »Soviel ich mich erinnere, habe ich den Herrn Hauptmann gar nicht gebeten, sich mit mir zu unterhalten.« »Sie dürfen nicht so niedlich schmollen, denn dann muß ich mich mit Ihnen unterhalten!« flüsterte der Hauptmann. »Was haben Sie denn da in der Hand?« »Ein Billet von Frau von Maintenon an den König. Sie werden es ihm einhändigen, nicht wahr?« »Ganz gewiß, Fräulein Nanon. Und wie geht es Ihrer gnädigen Gebieterin?« »O, ihr Beichtvater war den ganzen Morgen bei ihr, und seine Unterhaltung ist sehr, sehr fromm; aber auch ein bißchen sehr trübselig. Wir sind nie sehr munter, wenn Herr Godet uns besucht hat. Aber ich vergesse, daß der Herr Hauptmann Hugenot ist und nichts von Beichtvätern versteht.« »Ich kümmere mich nicht um solche Unterschiede. Ich überlasse sie der Sorbonne und Genf, die mögen es miteinander ausfechten. Aber wissen Sie, ein Mann muß zu seiner Familie stehen.« »Ach, wenn der Herr Hauptmann ein wenig mit Frau von Maintenon reden könnte! Sie würde ihn bekehren!« »Ich möchte lieber mit Fräulein Nanon reden, aber wenn –« »O!« – Ein Ausruf, ein Flattern dunkler Röcke, und die Zofe war in einem Seitengange verschwunden. Die breite helle Galerie entlang schwebte eine sehr schöne, stattliche Dame daher: schlank, anmutig und außerordentlich hochmütig. Sie war prächtig gekleidet. Ein Leibchen aus Goldstoff saß über einem grauseidenen, mit Gold- und Silbertressen besetzten Rock. Eine kostbare Nadel hielt das feine Spitzentuch zusammen, das ihren schönen Hals mehr zeigte als verhüllte, und durch ihr volles, üppiges Haar wand sich eine Schnur echter Perlen, von denen eine jede das Jahreseinkommen eines Bürgers repräsentierte. Die Dame war freilich über die erste Jugend hinaus, aber die herrlichen Linien ihrer königlichen Gestalt, die Reinheit ihrer Gesichtsfarbe, der Glanz ihrer langbewimperten blauen Augen und der regelmäßige Schnitt ihrer Züge gaben ihr immer noch das Recht auf den Anspruch, für die schönste sowohl als die scharfzüngigste Frau am französischen Hofe zu gelten. So edel und anmutsvoll waren Gang und Anstand, so leicht trug sie den zierlichen Kopf auf dem stolzen weißen Nacken, daß der junge Offizier, von Bewunderung überwältigt, aller Furcht vergaß und es schwer fand, die vorgeschriebene dienstliche Miene zu bewahren, als er die Hand zum Gruße erhob. »Ah, da ist ja der Hauptmann von Catinat,« sagte Frau von Montespan mit einem Lächeln, das ihn mehr in Verlegenheit setzte, als es ihr Stirnrunzeln vermocht hätte. »Ihr unterthänigster Diener, Marquise.« »Es ist mir lieb, einen Freund hier zu finden, denn heute morgen ist hier ein lächerliches Versehen vorgekommen.« »Es thut mir leid, das zu hören.« »Es handelte sich um meinen Bruder, Herrn von Vivonne. Die Sache ist eigentlich zu lächerlich, um ein Aufhebens davon zu machen – aber man hat ihm thatsächlich den Zutritt zum Lever verweigert.« »Ich hatte das Mißgeschick, ihm denselben verwehren zu müssen, gnädige Frau.« »Sie, Hauptmann von Catinat? Und mit welchem Recht?« Sie hatte ihre herrliche Gestalt hoch aufgerichtet, und aus ihren großen blauen Augen sprühten Empörung und Erstaunen. »Des Königs Befehl, gnädige Frau.« »Des Königs? Ist es denkbar, daß der König meiner Familie einen öffentlichen Schimpf anthun wird? Von wem hatten Sie denn diesen abgeschmackten Befehl?« »Direkt vom Könige durch Bontems.« »Unsinn! Meinen Sie, der König würde es wagen, einen Mortemart durch den Mund eines Lakaien auszuschließen? Sie haben geträumt, Herr Hauptmann.« »Ich wünschte nichts mehr, als daß dem so wäre, gnädigste Frau.« »Solche Träume bringen dem Träumer aber kein Glück. Gehen Sie, melden Sie dem Könige, ich sei hier und habe ein Wort mit ihm zu reden.« »Unmöglich, gnädige Frau!« »Warum denn?« »Mir ist verboten, irgend eine Bestellung zu überbringen.« »Keine Bestellung zu überbringen?« »Keine von Ihnen, gnädige Frau,« »Wahrhaftig, Herr Hauptmann, das wird ja immer schöner. Diese Beleidigung fehlte gerade noch, um das Maß voll zu machen. Von der ersten besten Abenteurerin, von irgend einer abgelebten Gouvernante dürfen Sie dem Könige Bestellungen machen –« sie lachte gellend auf bei dieser Beschreibung ihrer Nebenbuhlerin – »nur nicht von Françoise de Mortemart, Marquise von Montespan!« »So lauten meine Befehle, Frau Marquise, ich bin tief bekümmert, sie ausführen zu müssen.« »Sparen Sie ihre Beteuerungen, Hauptmann! Vielleicht erfahren Sie noch einmal, daß Sie allen Grund haben, tief bekümmert zu sein. Zum letztenmale – weigern Sie sich, dem König meine Bestellung zu überbringen?« »Ich muß, gnädigste Frau.« »Dann werde ich es selbst thun.« Sie sprang auf die Thür zu, aber er kam ihr mit ausgebreiteten Armen zuvor. »Um Gottes willen, besinnen Sie sich, gnädige Frau!« bat er. »Noch andere Augen beobachten Sie.« »Pah! Canaille!« Sie blickte nach dem Trupp Schweizer, die der Sergeant einige Schritte zurückbeordert hatte, und die nun mit aufgesperrten Augen und Ohren die Scene anstierten. »Ich sage Ihnen, daß ich den König sehen will.« »Keine Dame hat jemals dem Morgenlever beigewohnt.« »Dann werde ich die erste sein.« »Sie stürzen mich ins Verderben, wenn Sie hineingehen!« »Nichtsdestoweniger werde ich es thun.« Die Sache sah bedenklich aus. Catinat war nicht leicht zu verblüffen, aber diesmal ging ihm der Witz aus. Frau von Montespans Entschlossenheit, wie es in ihrer Gegenwart, oder Frechheit, wie es hinter ihrem Rücken hieß, war sprichwörtlich. Versuchte sie wirklich den Eintritt zu erzwingen, durfte er dann Gewalt brauchen gegen eine Frau, die gestern noch die Geschicke des ganzen Hofes in der hohlen Hand hielt, und die durch ihre Schönheit, ihren Witz und ihre Energie morgen ihre Stellung zurückerobert haben konnte? Wenn er sie durchließ, so war es ein für allemal aus mit seiner Gunst beim Könige, denn Ludwig duldete nicht die kleinste Abweichung von seinen Befehlen. Wenn er sie dagegen zurückstieß, so würde sie ihm das niemals verziehen haben, und er wäre ihrer tödlichen Rache verfallen, sobald sie wieder zur Macht gelangte. Es war ein unangenehmes Dilemma. Da fuhr ihm ein glücklicher Gedanke durch den Sinn, gerade als sie mit geballten Fäusten und flammenden Augen versuchen wollte, an ihm vorbei zu kommen. »Wenn die Frau Marquise sich nur herbeilassen möchten zu warten,« sagte er beschwichtigend, »der König wird gleich nach der Kapelle gehen.« »Dazu ist es noch zu früh.« »Ich denke, die Stunde hat eben geschlagen.« »Und ich soll warten, wie ein Lakai?« »Es ist ja nur ein Augenblick, gnädige Frau.« »Nein, ich werde nicht warten.« Damit that sie einen Schritt auf die Thür zu. Doch das feine Ohr des Gardeoffiziers hatte plötzlich Fußtritte drinnen vernommen. Nun war er Herr der Situation. »Ich will die Bestellung der Frau Marquise übernehmen,« sagte er. »Aha, Sie sind zur Besinnung gekommen! Gehen Sie und sagen Sie dem König, daß ich ihn zu sprechen wünsche.« Er mußte noch ein wenig Zeit gewinnen. »Soll ich es durch den dienstthuenden Kammerherrn ausrichten?« »Nein, Sie selbst sollen es thun.« »Öffentlich?« »Nein, nein, nur ihm allein!« »Soll ich einen Grund für Ihr Gesuch angeben?« »Sie machen mich wahnsinnig! Bestellen Sie, was ich Ihnen gesagt habe, und zwar auf der Stelle.« Doch schon war der Knoten gelöst. Im selben Augenblick wurden die Flügelthüren geöffnet, und Ludwig erschien in ihrem Rahmen. In seinen hohen Stöckelschuhen stolzierte er voran; sein Stock klopfte auf, seine breiten Rockschöße klappten zurück, und seine Höflinge strömten hinter ihm her. Im Heraustreten hielt er einen Augenblick inne und wendete sich zu dem wachthabenden Hauptmann. »Sie haben ein Billet für mich?« »Ja, Sire.« Der Monarch ließ es in die Tasche seiner scharlachroten Unterweste gleiten und schritt weiter. Da erblickte er Frau von Montespan, die sehr steif und hoch aufgerichtet mitten im Gange stand. Dunkle Zornesröte stieg ihm in die Stirn; ohne ein Wort ging er an ihr vorüber, doch sie wandte sich und hielt die Galerie hinunter mit ihm Schritt. »Ich hatte diese Ehre nicht erwartet, gnädige Frau,« sagte er. »Noch ich diese Beschimpfung, Sire.« »Eine Beschimpfung? Sie vergessen sich, meine Gnädige.« »Nein, Sie haben mich vergessen, Sire.« »Sie drängen sich mir auf.« »Ich wollte mein Schicksal von Ihren eignen Lippen hören,« flüsterte sie, »ich kann es ertragen, selbst geschlagen zu werden, Sire, sogar von dem, der mein Herz besitzt. Aber es ist doch hart, wenn man hören muß, der eigne Bruder wird durch den Mund von Bedienten und hugenottischen Söldnern verletzt und ohne jede Schuld seinerseits, nur weil seine Schwester zu zärtlich geliebt hat.« »Hier ist nicht der Ort, um von solchen Dingen zu reden.« »Wo kann ich Sie sehen, Sire?« »Auf Ihrem Zimmer.« »Um wieviel Uhr?« »Um vier.« »Dann werde ich Ew. Majestät nicht weiter stören.« Sie machte ihm eine ihrer berühmten anmutigen Verbeugungen und wandte sich einem Seitengange zu. Der Triumph des Sieges leuchtete aus ihren Augen. Ihre Schönheit und ihr Geist hatten sie noch nie im Stich gelassen, und nun ihr Ludwig eine Zusammenkunft versprochen, zweifelte sie nicht, daß sie, wie schon früher, das Herz des Mannes zurückerobern würde, wie laut auch das Gewissen des Königs dawider spräche. IV. Der Vater seines Volkes. Ludwig war inzwischen in keiner sehr liebevollen Gemütsverfassung zu seinen Andachtsübungen gegangen. Seine Stirn war bewölkt, seine Lippen fest geschlossen. Er kannte seine bisherige Geliebte sehr genau. Sie war keck und rücksichtslos genug, einen widerwärtigen Skandal zuwege zu bringen. Ihre böse Zunge, die ihn so oft auf Kosten anderer amüsiert hatte, richtete sich jetzt womöglich gegen ihn selbst. Sie war im stande, ihn öffentlich bloßzustellen, ihn zur Zielscheibe des Spottes und Klatsches von ganz Europa zu machen. Er schauderte bei dem Gedanken. Solch eine Katastrophe mußte um jeden Preis vermieden werden. Wie konnte er denn aber das Band lösen, das sie vereinigte? Er hatte schon derartige Fesseln zerrissen, aber die sanfte La Vallière hatte sich in ein Kloster zurückgezogen bei dem ersten Blick, der ihr die abnehmende Liebe verriet. Das war echte Hingabe. Diese Frau jedoch würde zweifellos bis aufs Blut kämpfen, ehe sie die Stellung aufgab, die ihr so teuer war. Sie sprach von dem Unrecht, das ihr geschehen! Was war denn das für ein Unrecht? In seiner krassen, durch die ihm zur Lebensluft gewordene Schmeichelei genährten Selbstsucht vermochte er nicht zu begreifen, daß die fünfzehn Jahre ihres Lebens, die sie ihm geschenkt, oder der Verlust ihres Gatten, den er verdrängt, ihr irgend welches Recht auf ihn gäbe. Nach seiner Ansicht hatte er sie zu der höchsten Stellung erhoben, die eine Unterthanin einnehmen konnte. Jetzt, da er ihrer überdrüssig geworden, war es ihre Pflicht, sich mit Ergebung – ja mit Dankbarkeit für vergangene Gunstbezeugungen – zurückzuziehen. Sie sollte eine Pension bekommen, und für ihre Kinder sollte gesorgt werden. Was konnte eine vernünftige Frau mehr verlangen? Außerdem waren seine Gründe, sie abzudanken, doch so stichhaltig! Er überlegte sie sich wieder und wieder, während er auf den Knieen lag und der Messe zuhörte, welche der Erzbischof von Paris celebrierte. Und je länger er über seine Gründe nachdachte, desto triftiger erschienen sie ihm. Er stellte sich seinen Herrgott als einen etwas größeren Ludwig vor und den Himmel als ein etwas prächtigeres Versailles. Da er von seinen zwanzig Millionen unbedingten Gehorsam verlangte, schuldete er ihn seinerseits jenem Höheren, der darauf Anspruch machen konnte. Im ganzen sprach ihn sein Gewissen frei. Nur in dieser einen Sache war er lax gewesen. Seit vor Jahren seine junge und nachsichtige Gemahlin aus Spanien gekommen war, hatte er sie nie ohne eine Nebenbuhlerin gelassen. Nach ihrem Tode war es nicht anders geworden. Eine Maitresse hatte die andre abgelöst. Daß die Montespan ihre Stellung so lange behauptet, verdankte sie mehr ihrer Keckheit als seiner Liebe. Aber jetzt erinnerten ihn Pater La Chaise und Bossuet unaufhörlich daran, daß er den Höhepunkt seines Lebens überschritten habe, ja daß er schon auf dem absteigenden Pfade sei, der zum Grabe führt. Seine ungestüme Leidenschaft für die unglückliche Fontanges war das letzte Aufflackern seiner sinnlichen Glut gewesen. Die Zeit des Ernstes und der Ruhe war gekommen, aber beides war undenkbar in Frau von Montespans Gesellschaft. Doch er kannte schon den Ort, wo beides zu finden war. Von dem Tage an, da die Montespan ihm die stattliche, schweigsame Witwe als Erzieherin seiner Kinder vorgestellt, hatte er ein stetig zunehmendes Gefallen an ihrer Gesellschaft gefunden. Anfangs hatte er sich stundenlang in den Gemächern seiner Maitresse aufgehalten und hatte den Takt und die freundliche Gelassenheit beobachtet, womit die Gouvernante den trotzigen Übermut des ausgelassenen jungen Herzogs von Maine und des mutwilligen kleinen Grafen von Toulouse in Schranken hielt. Angeblich war er gekommen, um den Unterricht zu beaufsichtigen, thatsächlich weil die Lehrerin ihn anzog und zur Bewunderung fortriß. Mit der Zeit war er denn auch dem Einfluß dieser starken und doch so milden Natur unterlegen. Ehe er sich versah, begegnete es ihm, daß er sie über allerhand heikle Punkte befragte und ihren Rat mit einer Gefügigkeit befolgte, die er nie zuvor einem Minister oder einer Geliebten gegenüber gezeigt hatte. Anfangs hatte er ihre Frömmigkeit und ihr Sprechen über Grundsätze für eine bloße Maske gehalten, denn alles um ihn her heuchelte ja. Es kam ihm doch äußerst unwahrscheinlich vor, daß eine noch immer schöne Frau mit so leuchtenden Augen und einer anmutvollen Gestalt, wie sie an seinem ganzen Hofe nicht schöner zu finden war, sich die Keuschheit einer Nonne hatte bewahren können. Noch dazu, nachdem sie ihr Leben in den denkbar lustigsten Kreisen zugebracht hatte. Über diesen Punkt kam er aber bald ins Reine. Sobald seine Sprache wärmer wurde, als es sich mit ruhiger Freundschaft verträgt, war er auf ein so eisiges Wesen und eine so ablehnende Sprache gestoßen, daß es ihm klar wurde, es gäbe wenigstens noch eine Frau in seinen Landen, die sich selbst höher achtete, als ihn. Vielleicht war es auch besser so. Nach den Stürmen der Leidenschaft wirkten der Freundschaft ruhige Freuden sehr wohlthuend auf ihn. Seine glücklichsten Stunden brachte er nun jeden Nachmittag in ihrem Zimmer zu; da lauschte er ihrer Rede, die von Schmeichelei unbefleckt war, da hörte er ihre Ansichten, die nicht darauf berechnet waren, seinem Ohr zu gefallen. Und wie gut war doch ihr Einfluß auf ihn! Sie sprach von seinen königlichen Pflichten, von dem Beispiel, das er seinen Unterthanen schuldig sei, von seiner Vorbereitung auf das zukünftige Leben, von der Notwendigkeit, sich aufzuraffen und die schuldvollen Bande zu zerreißen, welche er geknüpft hatte. Sie war so gut wie ein Beichtvater – ein Beichtvater mit reizendem Gesicht und vollendet schönem Arm. Und nun wußte er, daß der Augenblick gekommen war, wo er zwischen ihr und der Montespan wählen mußte. Jede übte auf ihn einen völlig verschiedenen Einfluß. Das konnte nicht so fortdauern. Er stand zwischen Tugend und Laster und mußte eine Wahl treffen. Das Laster war sehr verlockend, sehr anmutig, sehr witzig und hielt ihn zudem an der Kette der Gewohnheit, die sich so schwer abschütteln läßt. Es gab Stunden, in denen seine Natur sehr stark nach dieser Seite hinneigte, in denen er sich versucht fühlte, in sein altes Leben zurückzufallen. Aber Bossuet und Pater La Chaise hielten sich beständig an seiner Seite und flüsterten ihm Ermahnungen zu. Vor allem war es Frau von Maintenon, die ihn täglich daran erinnerte, was er seiner Stellung und seinen sechsundvierzig Jahren schuldig sei. Jetzt endlich hatte er alle Kraft zu einem großen Entschluß zusammengerafft. So lange seine frühere Maitresse bei Hofe war, gab es für ihn keine Sicherheit. Er kannte sich zu gut, als daß er sich eine dauernde Bekehrung zuzutrauen wagte, während sie ihm nahe war und nur auf seine schwache Stunde lauerte. Sie mußte bewogen werden, Versailles zu verlassen, wenn es ohne einen Skandal geschehen konnte. Er wollte fest bleiben, wenn er heute nachmittag mit ihr zusammentraf, und ihr ein für allemal klar machen, daß ihre Herrschaft auf immer vorüber sei. Solche Gedanken gingen dem Könige durch den Kopf, während er sich über das prächtige Kissen seines eichenen geschnitzten Betstuhls beugte. Er kniete in seinem Gestühl rechts vom Altar, umgeben von seiner Leibwache und den Personen seines unmittelbaren Haushaltes. Der übrige Hof – Kavaliere und Damen – füllten das Schiff der Kapelle. Die Frömmigkeit war mit den dunklen Überröcken und Spitzenkravatten in die Mode gekommen, auch das gottloseste Weltkind bei Hofe umgab sich mit einem Schein von Gottseligkeit, seitdem der König sich mit Religion abgab. Freilich, sie sahen stark gelangweilt aus, diese vornehmen Herren vom Hofe und von der Armee! Die meisten gähnten und nickten über ihren Gebetbüchern; einige, die wirklich in ihre Andacht vertieft schienen, schöpften dieselbe aus einem vorsichtig mit dunklem Umschlag versehenen Roman der Scudéry oder Calprenèdes. Die Damen waren andächtiger; auch sorgten sie dafür, daß man es sähe. Jede hielt eine Wachskerze in der Hand, anscheinend, um ihr Meßbuch zu beleuchten, in Wirklichkeit aber, damit der König ihr Gesicht sehen und erkennen möchte, daß er hier eine verwandte Seele fände. Es mochten wohl hie und da einige darunter sein, deren Gebet von Herzen kam und die aus freien Stücken an der heiligen Stätte weilten; aber es war gewiß nur eine kleine Zahl, denn die Politik Ludwigs hatte seine Edelleute in Höflinge, die Weltleute in Heuchler umgewandelt, bis der ganze Hof einem riesigen Spiegel glich, der sein Ebenbild hundertfach zurückwarf. Es war Ludwigs Gewohnheit, auf dem Rückwege von der Kapelle Bittschriften entgegenzunehmen, oder etwaige Beschwerden seiner Unterthanen anzuhören. Der Weg zu seinen Gemächern führte quer über einen freien Platz, wo sich die Supplikanten aufzustellen pflegten. Heute hatten sich nur drei dort eingefunden: ein Pariser Handwerker, der sich von dem Vorsteher seiner Gilde für beleidigt erachtete; ein Bauer, dessen Kuh von dem Rüden eines Jägers zerfleischt worden, und ein Pächter, der von seinem Lehnsherrn grausam behandelt worden war. Ein paar Fragen, dann ein hastiger Befehl an den Sekretär erledigten jeden einzelnen Fall, denn wenn auch Ludwig selbst ein Tyrann war, so hatte er wenigstens das Verdienst, darauf zu halten, daß er in seinem Königreiche der einzige blieb. Eben wollte er seinen Weg fortsetzen, als ein ältlicher, feingekleideter Bürger, dessen tiefgefurchtes Gesicht und stark ausgeprägte Züge den charaktervollen Mann verrieten, hervorstürzte und das Knie vor dem Monarchen beugte. »Gerechtigkeit, Sire, Gerechtigkeit!« rief er. »Was bedeutet das?« fragte Ludwig. »Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?« »Ich bin ein Bürger aus Paris. Mir ist schweres Unrecht geschehen!« »Ihr scheint mir ein würdiger Mann zu sein. Wenn Euch in der That unrecht geschehen ist, so soll Euch Abhilfe zu teil werden. Worüber habt Ihr zu klagen?« »Zwanzig blaue Dragoner vom Regiment Languedoc sind unter Hauptmann Dalbert in meinem Hause einquartiert. Sie haben meine Vorräte verzehrt, mein Eigentum gestohlen, und meine Dienstboten geschlagen; trotzdem verweigert mir der Magistrat jede Abhilfe.« »Bei meinem Leben, unsre Stadt Paris scheint eine absonderliche Art von Gerechtigkeit walten zu lassen!« rief der König erzürnt. »In der That, ein schändliches Verfahren,« sagte Bossuet. »Und doch mag ein guter Grund dafür vorhanden sein,« meinte Pater La Chaise. »Ich möchte Sr. Majestät vorschlagen, diesen Mann nach seinem Namen und Geschäft zu fragen und nach dem Grunde, aus welchem die Dragoner bei ihm einquartiert wurden.« »Ihr hört die Frage des ehrwürdigen Vaters.« »Mein Name, Sire, ist Catinat, ich bin ein Tuchhändler, und man behandelt mich so, weil ich der reformierten Kirche angehöre.« »Das dachte ich mir,« rief der Beichtvater. »Das ändert die Sache,« sagte Bossuet. Der König schüttelte den Kopf, und seine Stirn umwölkte sich. »Dann freilich habt Ihr das alles Euch selbst zuzuschreiben. Die Abhilfe liegt in Eurer Hand.« »Wie das, Sire?« »Ihr braucht nur den allein selig machenden Glauben anzunehmen.« »Den besitze ich schon, Sire.« Der König stampfte ärgerlich mit dem Fuße. »Ich finde, daß Ihr ein sehr frecher Ketzer seid,« sagte er. »Es gibt nur eine Kirche in Frankreich, und das ist meine Kirche. Wenn Ihr nicht dazu gehört, könnt Ihr keine Hilfe von mir erwarten.« »Mein Bekenntnis, Sire, ist das meines Vaters und meines Großvaters.« »Wenn sie sündigten, so ist das kein Grund, daß Ihr es auch thut. Mein eigner Großvater irrte auch, bevor seine Augen geöffnet wurden.« »Aber er hat seinen Irrtum in edler Weise gesühnt,« flüsterte der Jesuit. »Sie wollen mir also nicht helfen, Sire?« »Helft Euch selbst.« Der alte Hugenott erhob sich mit verzweifelter Gebärde, während der König seinen Weg fortsetzte; rechts und links von ihm gingen die beiden Geistlichen und flüsterten ihm ihre Billigung in die Ohren. »Das war eine große That, Sire.« »Sie sind wahrlich der erste Sohn der Kirche.« »Sie sind der würdige Nachfolger des heiligen Ludwig.« Aber der König machte ein Gesicht, als sei er nicht ganz mit seinem Verfahren zufrieden. »Sie glauben also nicht, daß diese Leute zu hart behandelt werden?« fragte er. »Zu hart? Nicht doch, Ew. Majestät sind nur noch zu milde!« »Wie ich höre, verlassen sie mein Land in großen Scharen.« »Um so besser, Sire! Kann auch Segen ruhen auf einem Lande, das so halsstarrige Ungläubige in sich birgt?« »Wer Gott nicht treu ist, der kann auch seinem Könige nicht treu bleiben,« bemerkte Bossuet. »Ew. Majestät Herrschaft würde noch zunehmen, wenn kein Tempel, wie sie ihre Ketzerhöhlen nennen, in Ihren Landen stünde.« »Mein Großvater hat ihnen Duldung versprochen. Das Edikt, das er zu Nantes erließ, schützt sie, wie ihr wohl wißt.« »Aber es liegt in Ew. Majestät Hand, den Schaden wieder gut zu machen, der damals angerichtet wurde.« »Auf welche Weise?« »Durch die Aufhebung des Edikts.« »Und wenn ich dadurch zwei Millionen meiner besten Handwerker und wackersten Diener meinen Feinden in die Arme treibe? Nein, nein, Vater La Chaise, ich habe, denke ich, allen nur möglichen Eifer für unsre Mutter, die Kirche; aber es liegt etwas Wahres in dem, was heute morgen Graf Frontenac sagte, nämlich, daß es vom Übel ist, die Angelegenheiten des Diesseits mit denen des Jenseits zu vermischen. Was meinen Sie, Louvois?« »Bei allem Respekt vor der Kirche, Sire, möchte ich sagen, der Teufel hat diesen Kerls so geschickte Hände und so gescheite Köpfe gegeben, daß sie die besten Arbeiter und Kaufleute in Ew. Majestät Königreich sind. Ich wüßte nicht, wie der Staatssäckel gefüllt werden sollte, wenn wir solche Steuerzahler verlören. Schon haben viele das Land verlassen und ihre Gewerbe mitgenommen. Gingen alle fort, so wäre das schlimmer für uns als ein verlorener Feldzug.« »Aber,« wandte Bossuet ein, »wird des Königs ausgesprochener Wille dem Lande bekannt, so kann sich Ew. Majestät versichert halten, daß auch der schlechteste seiner Unterthanen aus Liebe zu ihm schleunigst in den Schoß der heiligen Kirche zurückkehren wird. So lange das Edikt besteht, müssen sie ja den König für lau halten und meinen, daß sie in ihrem Irrtum verharren dürfen.« Der König schüttelte den Kopf. »Es waren immer halsstarrige Leute,« sagte er. »Vielleicht,« bemerkte Louvois mit einem boshaften Seitenblick auf Bossuet, »könnten wir ohne die hugenottischen Steuern auskommen, wenn die französischen Bischöfe der Staatskasse die Schätze ihrer Bistümer zur Verfügung stellten.« »Alles, was die Kirche besitzt, steht dem Könige zur Verfügung,« versetzte Bossuet kurz. »Das Königreich ist mein, und alles, was darinnen ist,« sagte Ludwig, als sie in den großen Saal traten, in welchem sich der Hof nach der Messe versammelte, »dennoch wird es, hoffe ich, nie dazu kommen, daß ich das Vermögen der Kirche beanspruchen muß.« »Das hoffen wir auch, Sire!« wiederholten die Priester. »Solche Erörterungen können wir übrigens für unsern Staatsrat aufsparen. Wo ist Mansard? Ich möchte seine Entwürfe für den neuen Flügel am Schloß Marly ansehen.« Mit diesen Worten schritt er zu einem Seitentische und war bald ganz in seine Lieblingsbeschäftigung vertieft, indem er die riesigen Pläne des großen Architekten in Augenschein nahm und sich angelegentlich nach dem Fortschritt der Arbeiten erkundigte. »Ich glaube,« sagte Pater La Chaise, der Bossuet bei Seite gezogen hatte, »Ew. Gnaden haben einen Eindruck auf den König gemacht.« »Durch Ihre kräftige Unterstützung, mein Vater.« »O, Sie können überzeugt sein, daß ich keine Gelegenheit verlieren werde, das gute Werk zu fördern.« »Wenn Sie es in die Hand nehmen, ist es bereits gethan.« »Es gibt noch jemand andres, der noch mehr Einfluß hat, als ich.« »Die Montespan?« »Nein, nein; ihre Sonne ist untergegangen. Ich meine Frau von Maintenon.« »Sie soll sehr fromm sein.« »Sehr. Aber sie liebt meinen Orden nicht. Sie ist eine Sulpitianerin. Nach dem Seminar von St. Sulpice so genannt. Dort herrschte die mildere Auffassung der katholischen Lehre, wie sie Fénélon vertrat. Trotzdem können wir zusammen auf dasselbe Ziel hinarbeiten. Wie wäre es, wenn Ew. Gnaden mit ihr darüber sprächen?« »Von Herzen gern.« »Zeigen Sie ihr, welch ein verdienstliches Werk es wäre, wenn sie die Vertreibung der Hugenotten zu Wege brächte.« »Ich will es thun.« »Und bieten Sie ihr als Entgelt, daß wir . . .« er beugte sich vor, um dem Prälaten etwas ins Ohr zu flüstern. »Was? Das thut er nicht!« »Warum nicht? Die Königin ist tot.« »Die Witwe des Dichters Scarron!?« »Sie ist von guter Herkunft. Ihr Großvater und der seine waren eng befreundet.« »Es ist unmöglich!« »Aber ich kenne sein Herz, und ich wiederhole, es ist möglich!« »Wenn irgend jemand, so kennen Sie gewiß sein Herz, mein Vater. Solch ein Gedanke ist mir aber noch nie in den Sinn gekommen.« »Dann fassen Sie ihn jetzt und halten Sie ihn fest! Wenn sie der Kirche dienen will, wird die Kirche ihr wieder dienen. Doch der König winkt, ich muß gehen.« Die hagere schwarze Gestalt drängte sich durch die Höflinge, und der große Bischof von Meaux ließ das Kinn auf die Brust sinken und stand lange da, tief in Gedanken verloren. Mittlerweile hatte der ganze Hof sich im großen Saale versammelt. Der ungeheure Raum war angefüllt mit der Elite der Gesellschaft. Sammet und Seide glänzten, Juwelen funkelten, Federn und Fächer wehten. Das Grau, Schwarz und Braun der Herrenröcke dämpfte ein wenig die leuchtenden Farben der Damentoiletten, und nur die blauen Uniformen der Leibgarde und die perlgrauen der Mousquetaires erinnerten an die erste Zeit von Ludwigs Regierung, wo die Männer mit den Frauen in Kostbarkeit und Glanz der Anzüge gewetteifert hatten. Und war die Kleidung verändert, so waren es die Sitten noch mehr. Die alte Leichtfertigkeit und Zügellosigkeit lag zweifelsohne sehr dicht unter der Oberfläche, aber ernsthafte Gesichter und ernste Reden waren jetzt an der Tagesordnung. Man sprach nicht mehr über einen glücklichen »Coup« am Spieltisch, nicht mehr über die neueste Komödie Molières, oder über die jüngste Oper Lullys, sondern über die Schädlichkeit des Jansenismus, über die Ausstoßung Arnaulds aus der Sorbonne, über die Frechheit Pascals oder die verschiedenen Vorzüge der berühmten Kanzelredner Bourdaloue und Massillon. Unter dem farbenstrahlenden Plafond auf bunteingelegtem Fußboden bewegte sich dies schillernde Leben. Berühmte Gemälde unsterblicher Meister in goldnen Barockrahmen schauten herab auf die Blüte des französischen Adels. Und all diese vornehmen Herren und Damen paßten ihr Leben und Gebahren der einen kleinen dunklen Gestalt in ihrer Mitte an. Dieser große König war aber so wenig sein eigner Herr, daß er zwischen zwei Rivalinnen schwankte, die ein Spiel um die Zukunft Frankreichs und sein eignes Schicksal spielten. V. Belialskinder. Der König war nach der Abfertigung des hugenottischen Bittstellers mit seinem Gefolge weiter geschritten. Niedergeschlagen schaute ihm der alte Mann nach. Auf seinem Gesicht stritten Zweifel, Kummer und Zorn um die Oberherrschaft. Er war ein sehr großer, hagerer Mann, knochig und dürr, mit breiter Stirn, großer, fleischiger Nase und mächtigem Kinn. Er trug weder Perücke noch Puder, aber die Natur hatte ihm Silber in die einst dunklen Locken gestreut, und die tausend Fältchen um die Augenränder und Mundwinkel verliehen seinem Antlitz Ernst und Würde. Ungeachtet seines vorgerückten Alters zeigten das rasche, zornige Emporschnellen, als der König seine Klage zurückwies, und der feurig scharfe Blick, mit dem er die Höflinge maß, als sie mit höhnischem Lächeln und spöttischem Gestichel an ihm vorüberschritten, daß er sich noch ein gut Stück Jugendkraft und Jugendmut bewahrt hatte. Er war, seinem Stande gemäß, einfach und doch fein gekleidet. Er trug einen dunkelbraunen Rock aus starkem Wollenzeuge mit versilberten Knöpfen, eben solche Kniehosen und weißwollene Strümpfe. Seine Füße steckten in breiten, schwarzen, von einer großen Stahlschnalle zusammengehaltenen Lederschuhen. In einer Hand hielt er seinen niedrigen Filzhut mit goldener Borte und in der andern einen kleinen Papiercylinder, welcher eine Aufzählung der an ihm verübten Gewaltthaten enthielt, und den er gehofft hatte, in den Händen des königlichen Sekretärs zurücklassen zu können. Seine Zweifel über das, was er nun weiter thun solle, wurden kurzer Hand für ihn gelöst. Wenn der Protestantismus damals in Frankreich auch noch nicht geradezu verboten war, so galten seine Anhänger doch mindestens für nur geduldet, und ein Hugenotte stand nicht, wie seine katholischen Landsleute, unter dem Schutz der Gesetze. Seit zwanzig Jahren hatten die Verfolgungen stetig zugenommen, bis der Fanatismus außer direkter Landesverweisung keine Waffe mehr hatte, die nicht gegen die Protestanten angewandt worden wäre. In ihren Geschäften wurden sie auf alle Weise behindert, aus öffentlichen Stellungen verdrängt, in ihre Häuser wurden Soldaten gelegt; ihre Kinder zur Auflehnung gegen sie aufgemuntert, und für Beleidigungen und Angriffe wurde ihnen jede Genugthuung versagt. Jeder Schuft, der seinen persönlichen Groll an ihnen auslassen oder sich bei seinen bigotten Vorgesetzten einschmeicheln wollte, durfte einem Hugenotten ohne Furcht vor dem Gesetz das Ärgste anthun. Und doch trotz alledem hingen diese Menschen an dem Lande, das sie verleugnete, und voll Liebe zum heimatlichen Boden, die so tief im Herzen des Franzosen wurzelt, zogen sie Schimpf und Schmach daheim der Zufluchtsstätte vor, die sie jenseits des Meeres gefunden haben würden. Aber schon dämmerte der Morgen des Tages herauf, an dem ihnen keine Wahl mehr bleiben sollte. Zwei Königsgardisten in blauen Röcken, die am Palaste Wache standen, waren Zeugen der erfolglosen Bitte Catinats gewesen. Sobald der König außer Hörweite war, schritten sie auf ihn zu und unterbrachen roh den Gang seiner trüben Gedanken. »Na, du Mucker,« fuhr ihn der eine an, »scher dich an deine Arbeit!« »Du bist nicht gerade ein Schmuck für den königlichen Park,« schrie der andere mit einem gräßlichen Fluche. »Wie kannst du dich unterstehen, über die Religion des Königs die Nase zu rümpfen, du verfluchter Kerl?« Der alte Hugenotte warf ihm einen zornigen und verächtlichen Blick zu und wandte sich zum Gehen, als der eine ihm den Kolben seiner Hellebarde in die Rippen stieß. »Da, nimm das, du Hund!« schrie er. »Wagst du's, des Königs Wachtposten so anzusehen?« »Belialskinder!« rief der alte Mann, die Hand in die Seite pressend, »wäre ich zwanzig Jahre jünger, ihr würdet nicht gewagt haben, mich so zu behandeln!« »Ho! ho! willst du noch mehr Gift ausspeien? Es ist genug, André! Er hat des Königs Leibgarde bedroht! Greif ihn, wir wollen ihn auf die Wache bringen!« Die beiden Soldaten warfen ihre Hellebarden von sich und stürzten sich auf den alten Mann. Aber so groß und stark sie auch waren, fanden sie doch, daß es keine leichte Sache war, ihn dingfest zu machen. Mit seinen langen, sehnigen Armen und seiner nervigen Gestalt schüttelte er sie wieder und wieder von sich ab, und erst als ihm der Atem auszugehen drohte, waren die beiden, ebenfalls atemlos, im stande, seine Handgelenke zu umspannen und ihn festzuhalten. Sie hatten indessen kaum ihren erbärmlichen Sieg gewonnen, als eine strenge, befehlende Stimme und ein vor ihren Augen gezücktes Schwert sie zwang, ihren Gefangenen noch einmal loszulassen. Es war Hauptmann von Catinat, welcher nach Beendigung seines Morgendienstes auf der Terrasse umhergeschlendert war, und nun gerade zu dieser Gewaltthat herbei kam. Als er den alten Mann erblickte, fuhr er heftig zusammen, dann zog er sein Schwert und stürzte so wütend vor, daß die beiden Gardisten nicht nur ihr Opfer losließen, sondern im Schreck vor der drohenden Schwertspitze zurückprallten. Der eine von ihnen glitt aus und riß den andern mit sich zu Boden, wo sich beide, eine wirre Masse von blauen Röcken und weißen Beinkleidern, übereinander wälzten. »Schurken!« brüllte Catinat. »Was soll das heißen?« Den Soldaten war es gelungen, sich stolpernd wieder auf die Füße zu stellen; ganz verblüfft und verwirrt starrten sie den vorgesetzten Offizier an. »Zu Befehl, Herr Hauptmann,« sagte der eine, militärisch grüßend, »dies ist ein Hugenotte, der die königliche Garde beleidigt hat.« »Seine Petition wurde vom König zurückgewiesen, Herr Hauptmann, und doch ging er nicht fort,« fügte der andere hinzu. Catinat war kreidebleich vor Wut. »So, also wenn ein französischer Bürger herkommt, um mit dem großen Gebieter seines Landes zu sprechen, muß er sich von ein paar Schweizer Hunden, wie ihr seid, mißhandeln lassen?« rief er. »Bei meiner Ehre, das sollt ihr büßen!« Er zog eine kleine silberne Pfeife aus der Tasche, und auf den schrillen Ton derselben kamen ein alter Sergeant und ein halbes Dutzend Soldaten aus der Wachtstube herbeigelaufen. »Dein Name?« fragte der Hauptmann streng. »André Meunier.« »Und deiner?« »Nikolaus Klopper.« »Sergeant, verhaften Sie diese Leute, Meunier und Klopper.« »Zu Befehl, Herr Hauptmann,« sagte der Sergeant, ein gebräunter, unter Condé und Turenne ergrauter Soldat. »Lassen Sie sie noch heute vor Gericht stellen.« »Und was liegt gegen sie vor, Herr Hauptmann?« »Sie haben einen alten geachteten Bürger mißhandelt, der ein Anliegen an den König hatte.« »Es ist ein Hugenotte, er hat es selbst gestanden!« riefen die beiden Übelthäter gleichzeitig. »Hm, hm!« Der Sergeant zupfte verlegen an seinem langen Schnurrbart. »Sollen wir die Anklage so formulieren, Herr Hauptmann? Ganz wie der Herr Hauptmann befehlen!« Er zuckte leicht mit den Schultern, wie um sein Bedenken, ob wohl etwas dabei herauskommen würde, auszudrücken. »Nein,« sagte Catinat, dem ein glücklicher Einfall kam. »Ich klage sie an, daß sie während ihres Nachtdienstes die Hellebarden hingeworfen und ihre Uniformen beschmutzt und verdorben haben.« »So ist es besser,« antwortete der Sergeant mit dem Freimut eines bevorzugten Veteranen. »Heiliges Donnerwetter! Ihr habt des Königs Rock geschändet! Eine oder zwei Stunden auf dem hölzernen Esel, eine Muskete an jeden Fuß gebunden, sollen euch lehren, daß Hellebarden für die Hände der Soldaten da sind und nicht für des Königs Rasenplatz! Greift sie! Achtung! Rechtsum kehrt! Marsch!« und die Soldaten, der Sergeant hinter ihnen, marschierten ab. Der Hugenotte war ernst und gefaßt in einiger Entfernung stehen geblieben, ohne seine Genugthuung über diesen plötzlichen Schicksalswechsel merken zu lassen; als aber die Soldaten fort waren, wendeten er und der junge Offizier sich mit warmem Gruße einander zu. »Amory, dich hatte ich nicht gehofft zu sehen!« »Noch ich dich, Onkel! Was um Gotteswillen führt dich nach Versailles?« »Mir ist Gewalt geschehen, Amory! Die Hand der Gottlosen liegt schwer auf uns, und an wen können wir uns um Abhilfe wenden, als an den König?« Der junge Offizier schüttelte den Kopf. »Der König ist im Grunde ein guter Mensch,« sagte er. »Aber er sieht die Welt durch die Brille, die man ihm aufgesetzt hat. Von ihm hast du nichts zu hoffen.« »Ich weiß es. Er hat mich verächtlich von sich gewiesen.« »Hat er dich nach deinem Namen gefragt?« »Jawohl, und ich nannte ihn.« Der junge Gardeoffizier pfiff leise vor sich hin. »Laß uns nach dem Thor gehen,« sagte er. »Meiner Treu, wenn meine Blutsverwandten anfangen, sich mit dem König auf einen Wortwechsel einzulassen, wird es mutmaßlich nicht lange dauern, und meine Compagnie ist ohne ihren Hauptmann.« »Der König wird uns wohl nicht für zusammengehörig halten. Aber wahrhaftig, Neffe, mir kommt es seltsam vor, wie du in diesem Hause Baals leben kannst, ohne dich vor den falschen Götzen zu beugen!« »Ich halte meinen Glauben in meinem Herzen verborgen.« Der alte Mann schüttelte bedenklich den Kopf. »Dein Weg führt dich auf einem sehr schmalen Pfade,« sagte er, »den Gefahr und Versuchung rings umgeben. Es muß dir schwer werden, Amory, vor dem Herrn zu wandeln, und doch mit den Verfolgern seines Volkes Hand in Hand zu gehen.« »Ei was, Onkel!« sagte der junge Mann ungeduldig. »Ich bin ein Soldat des Königs, und meinethalben mögen der schwarze Talar und das weiße Chorhemd diese Dinge unter sich abmachen. Ich will für meine Ehre leben und für meine Pflicht sterben und bin's zufrieden, wenn ich alles übrige droben erfahre.« »Bist's auch zufrieden, wenn du in Palästen wohnst und von seinem Linnen speisest,« sagte der alte Mann bitter, »derweil die Hände der Gottlosen schwer auf deinen Blutsfreunden lasten, und die Schalen des Zornes und der Trübsal geleert werden, und Weinen und Heulen durchs ganze Land ertönet.« »Was ist denn schlimmes geschehen?« fragte der junge Soldat, den die biblische Ausdrucksweise, die unter den damaligen französischen Calvinisten gang und gäbe war, ganz verwirrte. »Zwanzig Mann von den Kindern Moabs sind bei mir einquartiert worden mit samt ihrem Hauptmann, einem gewissen Dalbert, der lange schon für Israel eine Zuchtrute gewesen ist.« »Hauptmann Claude Dalbert von den Languedoc-Dragonern? Mit dem habe ich so wie so ein Hühnchen zu pflücken.« »Jawohl, und das zerstreute Häuflein der Übriggebliebenen hat auch noch etwas auf dem Kerbholz gegen diesen Mordhund und selbstsüchtigen Siphiter.« Die Siphiter verrieten David an Saul, vergl, 1. Sam. 23, 14. 19. 26. »Was hat er denn gethan?« »Seine Leute haben sich in meinem Hause eingenistet, wie Motten in einem Tuchballen. Kein Raum ist vor ihnen sicher. Er selbst sitzt in dem Zimmer, das mein Zimmer sein sollte, hat seine Schmierstiefeln auf meinen Saffianstühlen ausgestreckt, die Pfeife im Munde, den Weinkrug neben, sich und seine Reden atmen Schmach und Greuel. Den alten wackern Hausdiener Pierre hat er durchgeprügelt.« »Ha!« »Und mich hat er in den Keller gestoßen –« »Ha!« »Weil ich ihn zurückriß, als er in trunkener Lüsternheit deine Base Adèle zu umarmen versuchte.« »Hoho!« Dem jungen Manne war das Blut bei jeder neuen Anklage heißer ins Gesicht gestiegen, und seine Brauen hatten sich finsterer zusammengezogen; aber bei dieser letzten kochte sein Zorn über. Wutbebend stürmte er vorwärts und schleppte seinen Oheim am Arme mit sich fort. So eilten sie auf einem jener gewundenen, von hohen Hecken eingefaßten Wege dahin, welche hin und wieder an dünneren Stellen einen lüsternen Faun oder eine schlummernde Marmornymphe zwischen dem Blattwerk durchschimmern ließen. Erstaunt blickten die Höflinge, denen sie begegneten, das ungleiche Paar an. Aber der junge Soldat war von seinen eignen Plänen zu voll, als daß er einen Gedanken an sie verschwendet hätte. Ungestüm vorwärts hastend, verfolgte er den ansteigenden Pfad, welcher an einer Gruppe Tritonen vorbeiführte, über welche wasserspeiende Delphine ihre feuchtschimmernden Strahlen ergossen. Dann ging es durch eine Allee riesiger Bäume, welche aussahen, als hätten sie seit Jahrhunderten dort gestanden, und die doch erst seit kurzem mit unglaublicher Mühe von St. Germain und Fontainebleau hierher verpflanzt worden waren. Am Ende dieser Allee führte ein kleines Gatter aus den Anlagen; durch dieses schritten die beiden Männer, der ältere keuchend und nach Luft schnappend. »Wie bist du hergekommen, Onkel?« »In einer Kalesche.« »Wo ist sie?« »Da steht sie hinter der Herberge.« »Laß uns schnell einsteigen.« »Willst du denn mitkommen, Amory?« »Bei meiner Ehre – nach dem, was du mir erzählt hast, scheint mir's hohe Zeit, daß ich komme! Ein Mann mit einem Schwert an der Seite wird in deiner Wohnung wohl am Platze sein.« »Was willst du aber machen?« »Ich will ein Wörtchen mit diesem Hauptmann Dalbert reden!« »Dann hab' ich dir unrecht gethan, Neffe, wenn ich eben sagte, du seiest nicht mit ganzem Herzen auf Seiten Israels.« »Ich weiß nichts von Israel!« rief Catinat ungeduldig. »Ich weiß nur, daß, wenn meine Adèle sich's in den Kopf gesetzt hätte, den Donner anzubeten, wie ein Abenakiweib, oder ihr unschuldiges Gebet an den Mitsche Manitu zu richten, so wollte ich den Mann sehen, der es wagen sollte, sie anzurühren. Ha, da kommt unsre Kalesche! Brauch die Peitsche, Kutscher, und du sollst fünf Livres haben, wenn du in einer Stunde am Invalidenthor bist.« Es war keine leichte Sache, im Zeitalter der ungefederten Wagen und tief ausgefahrenen Straßen schnell zu fahren, aber der Fuhrmann peitschte seine beiden ruppigen, ungestriegelten Gäule nach Kräften, und die Kalesche rasselte und stob ihres Weges dahin. Die Bäume des Wegrandes flogen an den schmalen Fenstern vorbei, der weiße Staub wirbelte hinter ihnen auf, und der junge Gardeoffizier trommelte mit den Fingern auf den Knieen vor Ungeduld, rutschte auf seinem Sitz hin und her und warf gelegentlich eine Frage nach seinem mürrischen Gefährten hinüber. »Wann geschah denn dies alles?« »Gestern abend.« »Und wo ist jetzt Adèle?« »Zu Hause.« »Und dieser Dalbert?« »Der ist auch dort.« »Wie, du hast sie in seiner Gewalt gelassen, als du nach Versailles heraus kamst?« »Sie ist in ihrem Zimmer eingeschlossen.« »Pah! was hilft ein Schloß?« Bei dem Gedanken an seine Ohnmacht fuchtelte der junge Mann mit den Händen in der Luft herum. »Und Pierre ist da.« »Pierre ist kein Schutz.« »Und Amos Green.« »Ah, das ist besser. Er ist ein Mann. Wenigstens sieht er so aus.« »Seine Mutter war von unserm Volk und Glauben aus Staten-Island bei Manhattan. Sie war eines jener zerstreuten Lämmer, die schon früh den Wölfen entflohen, als es sich fühlbar zu machen anfing, daß des Königs Hand schwer auf Israel lastete. Er spricht französisch, doch sieht er nicht wie ein Franzose aus, noch gleicht er uns in seinem Wesen.« »Er hat die Zeit für seinen Besuch übel gewählt.« »Darin mag eine weise Fügung verborgen liegen.« »Du hast ihn also im Hause gelassen?« »Ja; er hatte sich zu Dalbert gesetzt, rauchte mit ihm und erzählte ihm Räubergeschichten.« »Aber schließlich, was kann er für ein Schutz sein? Er, ein Fremder in einem fremden Lande. Du hast nicht recht gethan, Adèle so zurückzulassen, Onkel!« »Sie ist in Gottes Händen, Amory!« »Das hoffe ich. O mir brennt der Boden unter den Füßen! Wäre ich nur erst da!« Er bog den Kopf zum Fenster hinaus und versuchte durch die von den Rädern aufgewirbelte Staubwolke nach dem breit dahin fließenden Strom und nach der aus einem Dunstschleier auftauchenden Stadt auszuschauen. Endlich unterschied er den gewaltigen Doppelturm von Notre Dame, die hohen Turmspitzen von St. Jacques und einen Wald von anderen stumpfen und spitzen Türmen, den himmelaufstrebenden Denkmälern einer achthundertjährigen Frömmigkeit. Bald darauf, als die Straße sich zum Flußufer hinabschlängelte, rückte die Stadtmauer immer näher, bis sie das Südthor passiert hatten und nun über den Steindamm hinrasselten, rechts das große Palais Luxembourg, und Colberts letztes Werk, den Invalidendom, zur Linken. Eine scharfe Wendung brachte sie an die Flußquais, und über den Pont Neuf an dem stattlichen Louvre vorüber, worauf sie in das Labyrinth enger, belebter Straßen einbogen, welche sich nach Norden hin erstreckten. Noch immer lehnte der junge Offizier aus dem Fenster, aber die Aussicht wurde ihm benommen durch eine gewaltige vergoldete Kutsche, welche schwerfällig vor ihnen her rumpelte. Endlich gelangten sie in eine breitere Straße; die Kutsche vor ihnen bog seitwärts ab, und nun war er im stande, einen Ausblick auf das Haus zu gewinnen, dem sie zustrebten. Es war auf allen Seiten von einer zahlreichen Volksmenge umgeben. VI. Eine Dragonade. Das Haus des hugenottischen Kaufmanns war ein hohes, schmales Gebäude, das die Ecke der Rue St. Martin und der Rue de Biron bildete. Es war vier Stockwerke hoch, düster und ernsthaft, wie sein Eigentümer, mit steilem, spitzem Dach, rautenförmigen Scheiben in den hohen Fenstern, die Fassade mit schwarzem geschnitztem Holzwerk bekleidet, dessen Zwischenräume mit grauem Gipsmörtel ausgefüllt waren. Fünf Steinstufen führten zu der schmalen, düsteren Thür hinauf. Das oberste Geschoß war nur ein Speicher, worin der Handelsherr seine Vorräte aufbewahrte; von dem zweiten und dritten ragten Balkone heraus, die mit starken, hölzernen Brüstungen versehen waren. Onkel und Neffe sprangen aus dem Wagen, welcher vor dem draußen auf- und abwogenden Menschenknäuel hielt. Den emporgerichteten Augen der Menge folgend, begegnete dem jungen Manne ein Anblick, der ihm momentan jede Empfindung außer der eines starren Erstaunens raubte. Vom obersten Balkon hing ein Mann in dem hellblauen Rock und den weißen Hosen der Königsdragoner kopfüber herab. Hut und Perücke waren ihm abgefallen, und sein dicht geschorner Kopf schaukelte langsam vorwärts und rückwärts, gut fünfzig Fuß über dem Straßenpflaster. Sein der Straße zugewandtes Gesicht war totenbleich und seine Augen fest zugekniffen, als wage er vor Grauen und Schwindel nicht in die Tiefe vor ihm zu blicken, seine Stimme jedoch hallte von den Häusern drüben wieder, und sein Geschrei um Erbarmen erfüllte rings die Luft. An der Balkonecke stand ein junger Mann über die Balustrade gebeugt, der den schwebenden Dragoner an beiden Beinen festhielt. Sein Antlitz war aber nicht seinem Opfer, sondern über seine Schulter weg einem Haufen Soldaten zugewandt, welche sich an der breiten, nach dem Balkon geöffneten Glasthür zusammendrängten. In der Haltung seines Kopfes lag ein stolzer, herausfordernder Ausdruck, während er die hin und her sich bewegenden Leute, welche schwankten, ob sie vorstürzen oder sich zurückziehen sollten, fest ins Auge faßte. Plötzlich ertönte aus der Menge ein lauter Angstschrei. Der junge Mann hatte das eine Bein losgelassen, und der Dragoner hing nun an einem einzigen, während das andere hilflos in der Luft umherfuhr. Er haschte ziellos mit den Händen nach der Wand und nach dem Holzwerk hinter ihm, und dabei schrie er aus Leibeskräften. »Zieh mich 'rauf, du Höllensohn, zieh mich 'rauf!« kreischte er. »Willst du mich denn morden? Helft, ihr guten Leute, helft!« »Wollen Sie denn wirklich heraufkommen, Herr Hauptmann?« sagte die kräftige, klare Stimme des jungen Mannes über ihm in vorzüglichem Französisch, aber mit einem Accent, der die Ohren der Menge unten fremdartig berührte. »Ja, beim heiligen Namen Gottes, ja!« »Dann lassen Sie Ihre Leute zurücktreten.« »Fort mit euch, ihr Tölpel, ihr Dummköpfe! Wollt ihr mich zerschmettern lassen? Fort! sag ich! Weg mit euch!« »So ist's recht!« sagte der Fremde, als die Soldaten vom Fenster verschwunden waren. Dann zog er das Bein des Hauptmanns so stark in die Höhe, daß dieser hinaufschnellte, sich umdrehen und den unteren Rand des Balkons packen konnte. »Wie ist Ihnen jetzt?« fragte er. »Halten Sie mich fest, um Gotteswillen halten Sie mich!« »Ich habe Sie ganz sicher.« »Dann ziehen Sie mich hinauf!« »Nicht so schnell, Hauptmann. Sie können da, wo Sie sind, ganz gut reden.« »Lassen Sie mich hinauf, Herr, lassen Sie mich hinauf!« »Alles zu seiner Zeit. Ich fürchte, es ist Ihnen unbequem zu reden mit den Beinen in der Luft, nicht wahr?« »O, Sie wollen mich morden!« »Im Gegenteil, ich will Sie heraufziehen.« »Gott segne Sie!« »Aber nur unter gewissen Bedingungen.« »Sie sind bewilligt! Lassen Sie mich nur nicht fallen!« »Sie werden dies Haus verlassen – Sie und Ihre Leute. Sie werden den alten Mann und das junge Mädchen nicht weiter belästigen. Versprechen Sie's?« »Ja, ja! wir werden gehen.« »Auf Ehrenwort?« »Gewiß. Ziehen Sie mich nur hinauf!« »Nicht so rasch. Es ist doch wohl leichter, auf diese Weise mit Ihnen zu verhandeln. Ich kenne die Gesetze hier zu Lande nicht. Möglicherweise ist so etwas hier nicht erlaubt. Versprechen Sie mir, daß ich keinerlei Unannehmlichkeiten davon haben werde?« »Keine, gar keine. Ziehen Sie mich nur hinauf!« »Sehr gut! Vorwärts!« Er zog an des Dragoners Bein, während derselbe sich mit den Händen an der Balustrade aufwärts half, bis er, unter dem glückwünschenden Stimmengeschwirr der Menge unten, über das Geländer auf den Balkon hintaumelte. Dort lag er ein paar Sekunden, wie er gefallen war. Dann aber raffte er sich auf und stürzte, ohne seinen Gegner eines Blickes zu würdigen, mit einem Wutgebrüll durch das offene Fenster ins Zimmer. Während sich dieses kleine Drama oben abspielte, hatte der junge Gardeoffizier die erste lähmende Wirkung des Geschehenen abgeschüttelt und sich so kräftig eine Gasse durch das Volk gebahnt, daß er und sein Gefährte rasch die unteren Stufen der Treppe erreichten. Die Uniform der königlichen Leibwache war an sich überall ein Passierschein, und des alten Catinat Gesicht war in dem ganzen Stadtviertel bekannt, so daß jedermann den beiden Platz machte. Die Thür flog vor ihnen auf; ein alter Diener stand händeringend in dem dunklen Gange. »O Herr! O Herr!« rief er. »Ach, die Schurken, ach, was sie jetzt machen! Sie werden ihn ermorden!« »Wen denn?« »Den tapfern Herrn aus Amerika. Ach, mein Gott, hören Sie doch nur jetzt!« Indem er noch sprach, endete ein lautes Getöse und ein wildes Schreien, das von oben herunterschallte, urplötzlich mit einem fürchterlichen Krach. Zugleich hörte man wahre Salven von Flüchen und ein fortgesetztes Stoßen und Schmettern, welches das alte Haus bis in seine Grundfesten erschütterte. Onkel und Neffe stürmten die erste Treppenflucht empor und wollten eben die zweite ersteigen, von welcher der Lärm zu kommen schien, als eine große Wanduhr ihnen entgegen heruntergepoltert kam. Sie nahm immer vier Stufen auf einmal, machte zuletzt einen Satz über das Treppengeländer und fuhr mit einem Krach gegen die Wand, wo sie als ein Trümmerhaufen von Metallrädern und Holzsplittern liegen blieb. Einen Augenblick später wälzten sich vier wie ein Bündel ineinander geschlungene Männer die Stufen hinab, inmitten der Bruchstücke des zersplitterten Geländers. Auf dem Treppenflur wanden sie sich und rangen miteinander, bald sich emporraffend, bald niederstürzend. Sie waren so ineinander verschränkt und verschlungen, daß es schwer hielt, einen vom andern zu unterscheiden; nur soviel bemerkte man, daß der mittelste in schwarzes Tuch gekleidet war, während die drei, die ihn umklammerten, königliche Soldaten waren. Doch der Mann, den sie zu halten versuchten, hatte solche Riesenkräfte, daß, so oft es ihm gelang, auf den Füßen zu stehen, er seine Angreifer von einem Ende des Flurs bis zum andern schleppte, wie ein Eber die Meute, die sich in seine Schenkel festgebissen hat. Ein Offizier, der dicht hinter den Raufenden herabgestürzt kam, streckte die Hand aus, um ihn bei der Kehle zu packen, aber mit einem wilden Fluch riß er sie sofort zurück, als des Mannes starke weiße Zähne sich in seinen linken Daumen gruben. Den verwundeten Finger in den Mund steckend, riß er sein Schwert aus der Scheide und wollte es eben seinem unbewaffneten Gegner durch den Leib rennen, als Catinat vorsprang und ihn beim Handgelenk ergriff. »Dalbert, Sie Schurke!« rief er. Die plötzliche Erscheinung eines Offiziers von des Königs Leibwache übte eine zauberhafte Wirkung auf die Raufenden. Den Daumen noch im Munde, das Schwert gesenkt, sprang Dalbert zurück und blickte dem unwillkommenen Eindringling finster dräuend entgegen. Sein langes, fahles Gesicht war vom Zorn verzerrt, und in seinen kleinen schwarzen Augen loderte das Höllenfeuer unbefriedigter Rachgier. Seine Leute hatten ihr Opfer losgelassen und standen schweratmend in einer Reihe. Der junge Fremde lehnte sich erschöpft an die Wand, klopfte den Staub von seinem schwarzen Rock und ließ die Blicke von seinem Befreier zu seinen Widersachern schweifen. »Ich hatte schon von früher her eine kleine Abrechnung mit Ihnen zu halten, Dalbert,« sagte Catinat und zog den Degen. »Ich bin hier im Auftrag des Königs,« stieß der Angeredete hervor. »Das bezweifle ich nicht. Decken Sie sich, Kapitän!« »Ich bin hier auf Befehl, sag' ich Ihnen.« »Sehr wohl. Ziehn Sie vom Leder!« »Ich habe keinen Anlaß zum Streit mit Ihnen.« »Nicht?« Catinat that einen Schritt vorwärts und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. »Mir däucht, jetzt hätten Sie einen,« sagte er. »Hölle und Teufel!« schrie der Hauptmann. »Zu den Waffen, Leute! Holla, ihr da von oben! Haut den Kerl hier nieder und ergreift den Gefangenen! Vorwärts! Im Namen des Königs!« Auf seinen Ruf kam ein Dutzend Dragoner die Stufen hinabgepoltert, während die drei auf dem Treppenflur auf ihren früheren Gegner losgingen. Er entschlüpfte ihnen jedoch und riß dem alten Handelsherrn seinen dicken eichenen Knotenstock aus der Hand. »Ich stehe zu Ihnen, Herr Hauptmann,« sagte er und stellte sich neben den Gardeoffizier. »Senden Sie Ihre Halunken da weg und stehen Sie Ihren Mann, wie's einem Edelmanne geziemt!« rief Catinat. »Edelmann! Hört doch den bürgerlichen Hugenotten, dessen Familie mit Tuch hausiert!« »Du Feigling! Mit meiner Schwertspitze will ich dir den Lügner an die Stirn schreiben!« Er sprang vor, und sein Schwertstoß hätte wohl den Weg zu Dalberts Herzen gefunden, wäre nicht der schwere Säbel eines Dragoners dazwischen gefahren, der die leichtere Waffe dicht am Gefäß abschnitt. Mit einem Triumphgeschrei und kurzgefaßtem Degen sprang sein Feind auf ihn ein, aber ein wuchtiger Schlag von dem Knüttel des jungen Fremden fegte die Waffe klirrend zu Boden. Ein Dragoner jedoch, der noch auf der Treppe stand, hatte ein Pistol herausgezogen. Die Mündung dicht an Catinats Schläfe haltend, hätte er das Gefecht im nächsten Augenblick ein für allemal beendet, wenn nicht etwas ganz Unerwartetes dazwischen gekommen wäre. Ein kleiner, alter Herr, der unbemerkt von draußen heraufgekommen und ein belustigter und aufmerksamer Zuschauer der ganzen blitzähnlichen Reihenfolge von Ereignissen gewesen war, trat nämlich plötzlich mit raschem Schritt vor und befahl allen Parteien, sofort die Waffen zu strecken. Das geschah mit einer so entschiedenen, so strengen und an Gehorsam gewöhnten Stimme, daß alle Säbelspitzen zugleich auf den parkettierten Fußboden niederrasselten, als sei das ein Teil ihres täglichen Drilles. »Ruhe, meine Herren, Ruhe!« sagte er, mit strenger Miene von einem zum andern blickend. Er war ein sehr kleiner, beweglicher Herr, dünn wie ein Hering, mit vorstehenden Zähnen und einer mächtigen, vielgelockten, lang herabhängenden Perücke, welche seinen fleischlosen dürren Hals und seine schmalen Schultern zum Teil verdeckte. Sein Anzug bestand aus einem langen Überrock von mausgrauem, goldverbrämtem Sammet. Hohe Lederstiefeln und ein kleiner, dreieckiger, goldbetreßter Hut gaben seiner Erscheinung einen militärischen Anstrich. In Gang und Haltung und in dem zurückgeworfenen Kopf lag etwas vornehm Stolzes, das im Verein mit seinen durchdringenden schwarzen Augen, seinen hageren, aber feinen Zügen und seinem sichern Wesen sofort den Eindruck machte, er sei ein ans Befehlen gewöhnter Mann. Und wahrlich, sowohl in als außerhalb Frankreichs gab es wenige, denen dieses Mannes Name nicht vertraut gewesen wäre, denn in ganz Frankreich war die einzige Gestalt, die der des Königs an Hoheit gleichkam, die dieses sehr kleinen Herrn, der jetzt, die goldene Schnupftabaksdose in der einen Hand, das Spitzentaschentuch in der andern, auf dem Treppenflur in des Hugenotten Hause stand. Denn wer hätte nicht den letzten der großen französischen Edlen, den kühnsten ihrer Feldhauptleute, den geliebten Prinzen von Condé , den Sieger von Rocroy, den Helden der Fronde gekannt? Beim Anblick seines verkniffenen Gesichtes waren die Dragoner sowohl wie ihr Hauptmann starr stehen geblieben, während Catinat den Degenstumpf zum Gruß erhob. »Ei, ei!« rief der alte Kriegsmann und blickte ihn forschend an. »Sie waren mit mir am Rhein – he? Ich kenne Ihr Gesicht, Hauptmann. Aber die königliche Garde stand doch unter Turenne?« »Ich stand damals beim Regiment Pikardie, Hoheit. Hauptmann von Catinat.« »Jawohl, jawohl. Aber Sie, mein Herr, wer zum Teufel sind Sie?« »Hauptmann Dalbert, Hoheit, von den blauen Languedoc-Dragonern.« »So! Ich fuhr hier vorüber und sah Sie in der Luft auf dem Kopfe stehen. Jener junge Mann zog Sie unter gewissen Bedingungen empor, wenn ich recht verstand.« »Er hat bei seinem Ehrenwort versichert, daß er das Haus verlassen wollte,« rief der Amerikaner, »Als ich ihn aber heraufgezogen hatte, hetzte er seine Leute auf mich, und da fielen wir zusammen die Treppe hinunter.« »Meiner Treu, Ihr scheint noch so manches dabei mitgenommen zu haben,« sagte Condé lächelnd mit einem Blick auf die Scherben und Splitter, mit denen der Boden ringsum bedeckt war. »Also Sie haben Ihr Ehrenwort gebrochen, Hauptmann Dalbert?« »Ich konnte doch mit einem Hugenotten und Feinde des Königs keinen Vertrag schließen,« sagte der Dragoner verdrießlich. »Mir scheint, Sie haben einen Vertrag geschlossen, aber ihn nicht gehalten. Und warum ließen Sie ihn los, mein Herr, wo Sie doch so im Vorteil gegen ihn waren?« »Ich glaubte seinem Versprechen.« »Sie müssen sehr vertrauensselig sein.« »Ich bin daran gewöhnt, mit Indianern zu verkehren.« »So! Und Sie finden, daß das Wort eines Indianers zuverlässiger ist, als das eines Offiziers von des Königs Dragonern?« »Vor einer Stunde habe ich das nicht geglaubt.« »Hm!« Condé nahm eine große Prise Schnupftabak und stäubte einige verstreute Körnchen mit seinem Spitzentaschentuch von seinem Sammetrock. »Sie sind ein starker Mann, mein Herr,« sagte er dann und überflog mit scharfem Blick die breiten Schultern und die gewölbte Brust des jungen Fremden. »Vermutlich aus Canada, nicht wahr?« »Ich bin dort gewesen, mein Herr. Aber ich bin aus New York.« Condé schüttelte den Kopf. »Eine Insel?« »Nein, mein Herr; eine Stadt.« »In welcher Provinz?« »In der Provinz New York.« »Die Hauptstadt also?« »Nein, Albany ist die Hauptstadt.« »Und wie kommt es, daß Sie französisch sprechen?« »Meine Mutter ist eine geborne Französin.« »Und wie lange sind Sie schon in Paris?« »Einen Tag.« »Ei, ei! Und Sie fangen damit an, Ihrer Mutter Landsleute aus dem Fenster zu werfen.« »Er belästigte eine junge Dame, mein Herr, und als ich verlangte, daß er von ihr ablassen sollte, zog er vom Leder und würde mich durchbohrt haben, hatte ich nicht mit ihm gerungen, worauf er seine Leute zu Hilfe rief. Um sie mir vom Leibe zu halten, schwur ich, ihn über die Brüstung fallen zu lassen, wenn sie einen Schritt näher kämen. Als ich ihn dann losließ, fielen sie wieder über mich her, und ich weiß nicht, wie die Sache geendet hätte, wäre mir nicht jener Herr zu Hilfe geeilt.« »Hm. Was Sie thaten, war ganz in der Ordnung, Sie sind jung, aber Sie wissen sich zu helfen.« »Ich bin in den Wäldern aufgewachsen.« »Wenn es dort viele Ihres Schlages gibt, so werden Sie meinem Freunde Frontenac zu schaffen machen, ehe er das Reich gründet, von dem er träumt. Aber wie nun, Hauptmann Dalbert? Was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung zu sagen?« »Des Königs Befehl, Ew. Hoheit.« »He! Hat er Ihnen befohlen, das Mädchen zu belästigen? Ich habe noch nie gehört, daß Seine Majestät je in den Fehler verfallen wäre, eine Dame zu rauh anzugreifen.« Dabei kicherte er trocken in sich hinein und nahm noch eine Prise. »Ew. Hoheit, der Befehl lautet: jedes Mittel zu gebrauchen, um diese Leute in den Schoß der wahren Kirche zurückzutreiben.« »Auf mein Wort, Sie sehen mir wie ein schöner Apostel aus, und wie ein netter Vorkämpfer der heiligen Sache,« sagte Condé, und ein sardonisches Aufleuchten aus seinen blinzelnden schwarzen Augen fuhr über das brutale Gesicht des Dragoneroffiziers. »Führen Sie Ihre Leute sofort hinweg, mein Herr, und wagen Sie es nicht wieder, den Fuß über diese Schwelle zu setzen!« »Aber der Befehl des Königs, Ew. Hoheit!« »Wenn ich den König sehe, werde ich ihm sagen, daß ich Soldaten zu finden meinte, und Räuber angetroffen habe. Kein Wort mehr, Herr! Fort! Ihre Schande nehmen Sie mit, Ihre Ehre lassen Sie zurück!« In einem Augenblick hatte sich der gezierte alte Geck in den kühnen Soldaten mit strengem Antlitz und flammenden Augen verwandelt. Dalbert konnte den unheilkündenden Blick nicht ertragen; er gab seinen Leuten einen halblauten Befehl, und sie gingen mit klirrenden Sporen und rasselnden Säbeln die Treppe herunter. »Ew. Hoheit,« sagte der alte Hugenotte vortretend und eine Thür öffnend, »sind heute wahrlich ein Heiland Israels gewesen und ein Stein des Anstoßes für die halsstarrigen Leute. Wollen Sie nicht geruhen, unter meinem Dache zu rasten und einen Becher Wein zu trinken, ehe Sie weiter ziehen?« Condé zog die Augenbrauen in die Höhe bei der biblischen Sprechweise des Kaufherrn, aber er verbeugte sich höflich bei der Einladung und betrat das Zimmer, dessen Pracht ihn sichtlich überraschte und ihm Bewunderung abnötigte. Mit seiner dunkelglänzenden Täfelung, seinem polierten Fußboden, dem stattlichen Marmorkamin und der schön gearbeiteten Decke war es in der That ein Gemach, das einem Palast zur Zierde gereicht haben würde. »Mein Wagen wartet unten,« sagte er, »und ich darf mich nicht lange aufhalten. Ich verlasse Schloß Chantilly nicht oft, um nach Paris zu kommen, und es war ein glücklicher Zufall, der mich hier vorbeiführte, gerade zu rechter Zeit, um einem Ehrenmann einen Dienst zu leisten. Wenn ein Haus ein solches Schild aushängt, wie einen Dragoneroffizier mit den Beinen in der Luft, dann hält es schwer, ohne eine Frage vorbei zu fahren. Aber ich fürchte, so lange Sie ein Hugenotte sind, wird in Frankreich für Sie kein Friede sein, mein Herr.« »Das Gesetz lastet in der That schwer auf uns!« »Und wird bald noch schwerer lasten, wenn es richtig ist, was ich aus des Königs Umgebung höre. Ich wundere mich, daß Sie nicht außer Landes gehen?« »Mein Geschäft und meine Pflicht halten mich hier zurück.« »Nun jeder weiß am besten, was er zu thun hat. Würde es aber nicht weise sein, sich vor dem Sturm zu beugen?« Der Hugenotte machte eine Bewegung des Abscheus. »Nun, nun, ich habe es nicht schlimm gemeint. Und wo ist die schöne Jungfrau, die den Anlaß zu der ganzen Rauferei gegeben hat?« »Wo ist Adèle, Pierre?« fragte der Kaufherr den alten Diener, der eben ein silbernes Theebrett mit einer kleinen Kristallflasche und farbigen, venetianischen Gläsern hereintrug. »Ich hatte sie in meinem Zimmer eingeschlossen.« »Und wo ist sie jetzt?« »Hier bin ich, Vater,« Das junge Mädchen flog ins Zimmer und schlang ihre Arme um des alten Mannes Nacken. »Ach, diese bösen Männer haben dir doch nichts gethan, herzlieber Vater?« »Nein, mein liebes Kind; niemand von uns ist verletzt worden, Dank Sr. Hoheit dem Prinzen von Condé hier.« Adèle erhob die Augen, senkte sie aber rasch wieder vor dem durchdringend prüfenden Blicke des alten Kriegsmannes. »Gott lohne Ew. Hoheit!« stammelte sie. In ihrer Verwirrung stieg ihr das Blut heiß ins Gesicht, das in seinen Zügen wie im Ausdruck vollendet schön war. Selbst Condé, der doch alle Schönheiten dreier Höfe sechzig Jahre lang an sich hatte vorüberziehen sehen, stand voll staunender Bewunderung vor dem Liebreiz des hugenottischen Mädchens mit den zart umrissenen Linien, den großen grauen Augen und der weichen, lockigen Fülle glänzenden Haares, von dessen tiefem Schatten sich die zierlichen Ohrmuscheln und der alabasterweiße Hals und Nacken leuchtend abhoben. »Ei! Auf mein Wort, mein Fräulein, Sie erregen in mir den Wunsch, vierzig Jahre aus meiner Lebensrechnung tilgen zu können.« Er verbeugte sich und seufzte, wie es Mode gewesen war, als der Herzog von Buckingham sich um Anna von Österreich bewarb, und die Dynastie der Kardinäle ihren Höhepunkt erreicht hatte. »Frankreich könnte jene vierzig Jahre übel entbehren, Ew. Hoheit.« »Ei, ei! Auch so gewandt mit der Zunge? Ihre Tochter hat einen höfischen Witz, mein Herr.« »Das verhüte Gott, Hoheit! Sie ist so rein und gut –« »Nun, das ist kein sonderliches Kompliment für den Hof! Aber nicht wahr, mein Fräulein, Sie würden doch lieber in die große Welt treten, um süße Musik zu hören, alles Liebliche und Schöne zu sehen, und die köstlichsten Gewänder zu tragen, als immer nur auf die Rue St. Martin hinausschauen und in diesem düsteren Hause sitzen zu müssen, bis die Rosen auf Ihren Wangen verblühen?« »Wo mein Vater bleibt, da bleibe ich auch, und ich bin glücklich an seiner Seite,« sagte sie und legte beide Hände auf seinen Arm. »Mich verlangt nach nichts anderm, als was mir geworden ist.« »Und jetzt geh wieder in dein Zimmer,« sagte der alte Kaufherr kurz, denn der Prinz hatte trotz seines Alters einen üblen Ruf bei den Frauen. Während er sprach, war er dicht an sie herangetreten und hatte sogar eine seiner gelben Hände auf ihren zurückbebenden Arm gelegt, während seine kleinen dunklen Augen in vieldeutigem Lichte funkelten. »Na! na!« sagte er, als sie sich anschickte zu gehorchen. »Sie haben für Ihr Täubchen nichts zu fürchten. Dieser Falk wenigstens ist nicht mehr des Stoßes fähig, wie verführerisch das Wild auch sein mag. Aber ich habe mich doch überzeugt, daß sie so gut ist, wie sie schön ist, und mehr als das könnte man nicht sagen, und wenn sie geradeswegs vom Himmel käme. Mein Wagen wartet, meine Herren, und ich wünsche Ihnen allen einen guten Morgen.« Damit neigte der Prinz das gepuderte Haupt und stolzierte in seiner zierlich geckenhaften Weise hinaus. Vom Fenster aus sah ihn Amory in dieselbe vergoldete Kutsche steigen, welche vor ihnen hergefahren war, als sie von Versailles kamen. »Meiner Treu,« sagte er zu dem jungen Amerikaner, »wir sind zwar dem Prinzen sehr zu Dank verpflichtet, aber mehr noch Ihnen, mein Herr, wie mir scheint. Sie haben Ihr Leben für meine Base gewagt, und ohne Ihren Knotenstock würde Dalbert mir seine Klinge durch den Leib gerannt haben, als er mich wehrlos sah. Ihre Hand, mein Herr! So etwas vergißt man nicht!« »Ja, danke ihm nur, Amory,« fiel der alte Hugenotte ein, der eben zurückkehrte, nachdem er seinen erlauchten Gast an den Wagen geleitet hatte. »Gott hat in ihm einen Vorkämpfer erweckt für die Betrübten und einen Helfer für die, so in Not sind. Eines alten Mannes Segen komme über dich, Amos Green, denn mein eigner Sohn hätte nicht mehr für mich thun können, als du – ein Fremder!« Der Amerikaner schien indessen mehr in Verlegenheit gesetzt durch diese Dankesäußerungen, als er es durch irgend eines seiner früheren Abenteuer gewesen war. Das Blut stieg ihm in das wettergebräunte, kühngeschnittene Gesicht, welches, obwohl glatt, wie das eines Knaben, doch in seinen festgeschlossenen Lippen und klugen, blauen Augen von einer kraftvollen, auf sich gestellten Persönlichkeit zeugte. »Ich habe jenseits des Wassers eine Mutter und zwei Schwestern,« sagte er befangen. »Und um ihretwillen ehren Sie die Frauen?« »Wir alle ehren die Frauen dort drüben. Vielleicht weil so wenige da sind. Hier in diesen alten Ländern weiß man gar nicht, was es heißt, sie entbehren zu müssen. Ich bin fortgewesen, die Seen hinauf nach Pelzen, habe monatelang das Leben der Wilden geteilt in den Wigwams der Sacs und der Füchse, das so scheußlich ist, wie ihre Rede, und die wie die Kröten immerfort um ihre Feuer hocken. Wenn ich dann nach Albany zurückkam, wo die Meinigen damals wohnten, und meine Schwestern singen und auf dem Spinett spielen hörte, und wenn dann meine Mutter uns von Frankreich und ihrer Jugendzeit und ihrer Kindheit erzählte und vor allem, was sie für ihren Glauben gelitten, dann bin ich mir bewußt geworden, was eine gute Frau bedeutet, und wie sie gleich dem Sonnenschein alles was in unsrer Seele rein und gut ist, an den Tag bringt.« »Wahrhaftig, die Damen sollten Ihnen sehr verpflichtet sein, Herr Green, Sie sind ebenso beredt wie tapfer.« Amos hatte sich einen Augenblick vergessen und frei und energisch herausgesprochen. Beim Anblick des Mädchens errötete er aber und schlug die Augen nieder. »Ich habe den größten Teil meines Lebens in den Wäldern zugebracht,« sagte er »und da spricht man so wenig, daß man es allmählich ganz verlernt. Deshalb eben wünschte mein Vater, daß ich einige Zeit in Frankreich zubringen möchte, denn er wollte nicht, daß ich als ein bloßer Pelztierfänger und Händler aufwüchse.« »Und wie lange bleiben Sie in Paris?« fragte der Gardeoffizier. »Bis Ephraim Savage mich abholen kommt.« »Wer ist das?« »Der Kapitän vom ›Goldnen Reis‹.« »Das ist wohl Ihr Schiff?« »Meines Vaters Schiff. Es war zuerst nach Bristol gefahren, jetzt liegt es vor Rouen und muß wieder nach Bristol zurück. Wenn es dann noch einmal nach Rouen kommt, will Ephraim mich hier abholen, und ich muß mit ihm zurückkehren.« »Und wie gefällt Ihnen Paris?« Der junge Mann lächelte. »Ich hörte, ehe ich herkam, es sei ein sehr lebhafter Ort, und wahrlich, nach dem wenigen, was ich heute morgen gesehen habe, muß ich schließen, daß es der lebhafteste Ort ist, der mir je zu Gesicht kam.« »Meiner Treu,« erwiderte Amory. »Sie sind diese Treppen allerdings in sehr lebhafter Weise, selbviert sogar, mit einer holländischen Wanduhr als Vorläufer, und einem ganzen Gefolge von Holzwerk herabgekommen. Und die Stadt haben Sie noch nicht gesehen?« »Nur im Fluge, als ich gestern abend auf meinem Wege hierher durch die Straßen ritt. Es ist ein wunderbarer Ort, aber ich lechzte nach Luft, so eingepfercht kam ich mir dabei vor. New York ist eine große Stadt. Es sollen dort dreitausend Menschen wohnen, ja es heißt, daß sie vierhundert kampffähige Männer ausschicken könnte, obgleich ich es kaum glauben mag. Und von allen Teilen der Stadt kann man etwas von Gottes Werken sehen – die Bäume, die grünen Wiesen und den Sonnenschein auf dem Meerbusen und den Flüssen. Aber hier ist alles Stein und Holz und Holz und Stein, wohin man auch sehen mag. Wahrhaftig, ihr müßt sehr kräftige Menschen sein, daß ihr in solchem Orte gesund bleibt.« »Und uns kommen Sie wieder so kräftig vor bei Ihrem Leben in den Wäldern und auf den Flüssen,« rief das junge Mädchen. »Und dann, wie wunderbar ist es, daß Sie Ihren Pfad durch jene große Wildnis finden, wo es nichts gibt, Sie zu leiten!« »Im Gegenteil! Ich bin erstaunt, daß Sie den Weg durch diese tausende von Häusern finden können. Was mich angeht, so hoffe ich, daß wir heute abend eine klare Nacht haben werden.« »Warum das?« »Damit ich die Sterne sehen kann.« »Aber Sie werden sie unverändert finden.« »Gerade deshalb. Wenn ich nur die Sterne sehen kann, so wird es mir leicht werden, meinen Weg zu diesem Hause zurückzufinden. Bei Tage habe ich mein Jagdmesser und kann die Hausthüren im Vorübergehen ankerben, ohne das würde es schwer sein, die Spur wieder aufzufinden, wo so viele Menschen immer drüber laufen.« Amory brach in ein helles Gelächter aus. »Meiner Treu,« sagte er, »Sie werden Paris noch lebhafter als bisher finden, wenn Sie Ihren Weg so auf den Thürpfosten einkerben, wie auf den Waldbäumen. Aber zunächst wäre es doch wohl gut, wenn Sie einen Führer hätten; deshalb, wenn du, lieber Onkel, uns aus deinem Stalle zwei Pferde zur Verfügung stellen möchtest, so könnten unser Freund und ich heute nach Versailles zurückreiten, denn in wenigen Stunden habe ich wieder Dienst. Er könnte auch ein paar Tage bei mir bleiben, wenn er ein Soldatenquartier nicht verschmäht, und dabei mehr sehen, als die Straße St. Martin ihm zu bieten hat. Wie würde Ihnen das gefallen, Herr Green?« »Ich würde Sie herzlich gern begleiten, wenn wir hier alles in Sicherheit zurücklassen.« »O da ist nichts zu fürchten,« erwiderte der Tuchhändler. »Der Befehl des Prinzen Condé wird uns noch manchen Tag als Schild und Wehr dienen. Pierre soll sogleich die Pferde satteln.« »Und ich,« sagte der Gardeoffizier, »muß die kurze Zeit ausnützen.« Damit wandte er sich dem Fenster zu, in dessen Vertiefung Adèle auf ihn wartete. VII. Die neue und die alte Welt Der junge Amerikaner war bald zum Aufbruch bereit, aber Amory zögerte bis zum allerletzten Augenblick. Als er sich endlich loszureißen vermochte, rückte er seine Halsbinde zurecht, bürstete seinen prächtigen Rock ab und prüfte sehr kritisch den dunklen Anzug seines Begleiters. »Wo haben Sie Ihre Sachen machen lassen?« »In New York.« »Hm! Gegen das Tuch ist nichts einzuwenden, und die dunkle Farbe ist jetzt modern, aber der Schnitt ist fremdartig.« »Ich wollte nur, ich steckte wieder in meinem befranzten Jagdkittel nebst Gamaschen!« »Und nun gar dieser Hut! Man trägt solche flache Krempen hier nicht. Vielleicht läßt sich das aber ändern.« Er nahm den Kastorhut des Amerikaners, schlug die Krempe an einer Seite auf und befestigte sie mit einer goldnen Busennadel, die er aus seiner eignen Hemdkrause zog. »Da ist er!« sagte er lachend, »kriegerisch zugestutzt, so daß des Königs Leibwache mit ihm Ehre einlegen würde! Das feine, schwarze Tuch und die seidenen Strümpfe sind nicht übel, aber warum tragen Sie keinen Degen an der Seite?« »Ich führe eine Flinte bei mir, wenn ich ausreite.« »Mein Gott, Sie werden für einen Banditen gehalten und in Eisen gelegt werden!« »Ich habe auch mein Jagdmesser.« »Immer schlimmer! Nun, wir müssen eben ohne Degen auskommen – aber auch ohne Flinte, wenn ich bitten darf. Lassen Sie mich Ihr Halstuch noch einmal knüpfen. So! Wenn Sie jetzt zu einem tüchtigen Ritte aufgelegt sind, so stehe ich zu Diensten.« Die beiden bildeten allerdings einen seltsamen Gegensatz, als sie so nebeneinander durch die engbevölkerten Straßen von Paris ihre Pferde Schritt gehen ließen. Catinat war fünf Jahre älter als Amos Green. Mit seinen feingeschnittenen Zügen, seinem spitzgedrehten Schnurrbart, seiner zierlichen, wohlgebauten Gestalt und seinem glänzenden Anzug war er ein Typus der großen Nation, der er angehörte. Sein starkgliedriger, breitschultriger Gefährte dagegen, der das kühne und doch nachdenkliche Antlitz nach rechts und links wandte und das ihn umgebende seltsam neue Leben aufmerksam beobachtete, war auch der Typus einer Nation, der, wenn auch noch unfertig, doch zu der Hoffnung berechtigte, einst der höhere von beiden zu werden. Das dichte, blonde Haar, die blauen Augen, der schwerfällige Gliederbau wiesen darauf hin, daß mehr vom Blute seines Vaters, als von dem seiner Mutter durch seine Adern rann, und selbst der dunkle Rock und der schwertlose Gurt, ob auch weniger anziehend für das Auge, waren echte Wahrzeichen eines Geschlechts, das in heißem Kampfe mit den Naturkräften in Wüsteneien und auf Meeren seine herrlichsten Siege erfochten und sie sich dienstbar gemacht hat. »Was ist das dort für ein großes Gebäude?« fragte er, als sie auf einen freien Platz hinaustraten. »Der Louvre, einer der Paläste des Königs.« »Ist er dort?« »Nein, er wohnt in Versailles.« »Wie sonderbar! Wozu braucht ein Mann zwei solche Häuser?« »Zwei! Er hat sehr viel mehr – St. Germain, Marly, Fontainebleau, Clugny.« »Aber wozu das? Ein Mann kann doch nicht in zwei Häusern zugleich wohnen.« »Das nicht! Er kann aber hin und her reisen, wie es ihm gerade paßt.« »Dies ist ein mächtiger Bau. Ich hielt bisher das Seminar von St. Sulpice in Montreal für das größte Haus, aber gegen dieses Schloß verschwindet es.« »So sind Sie auch in Montreal gewesen? Erinnern Sie sich an das Fort?« »Ja, und an das Hospital, und die Holzhäuser alle in einer Reihe, und an die große ummauerte Mühle. Aber was wissen Sie denn von Montreal?« »Ich stand dort und auch in Quebec in Garnison. Ja ja, mein Freund, Sie sind nicht der einzige Hinterwäldler hier in Paris. Auf mein Wort, ich habe sechs Monate hintereinander die Renntiermokassins, die Lederjacke und die Pelzmütze mit der Adlerfeder getragen, und hätte nichts dagegen, sie recht bald wieder anzulegen.« Amos Greens Augen strahlten vor Vergnügen bei der Entdeckung aller dieser gemeinsamen Beziehungen, und er wurde nicht müde, immer neue Fragen an seinen Freund zu richten, bis sie den Fluß überschritten und das südwestliche Thor der Stadt erreicht hatten. Am Stadtgraben und längs der Mauern wurden lange Reihen von Soldaten einexerziert. »Wer sind die da?« fragte Amos mit einem neugierigen Blick auf das ihm ungewohnte Schauspiel. »Es sind einige von des Königs Truppen,« »Aber warum so viele? Erwarten Sie einen Feind?« »Nein, wir haben Frieden mit der ganzen Welt – leider!« »Frieden? Wozu sind dann all diese Männer?« »Um bereit zu sein, wenn der Krieg ausbricht.« Der junge Mann schüttelte ganz verwirrt den Kopf. »Sie könnten sich doch ebenso gut zu Hause bereit halten. Bei uns hat jedermann seine Muskete in der Kaminecke stehen und ist jederzeit kriegsbereit; aber er vergeudet seine Zeit nicht, wenn überall Friede ist.« »Unser König ist sehr groß, und er hat viele Feinde.« »Woher kommen denn die vielen Feinde?« »Ei, der König hat sie sich natürlich gemacht.« »Wäret Ihr dann nicht ohne ihn besser daran?« Der Gardeoffizier zuckte die Achseln, er war in heller Verzweiflung. »Auf diese Weise kommen wir sicher in die Bastille oder nach Vincennes,« sagte er. »Feinde hat sich der König nur im Dienste und zum Frommen des Vaterlandes gemacht. Erst vor fünf Jahren entriß er den spanischen Niederlanden im Frieden von Nymwegen sechzehn Festungen. Außerdem hat er seine Hand auf Straßburg und Luxemburg gelegt und die Genueser gezüchtigt, so daß viele über ihn herfallen würden, wenn sie ihn für schwach hielten.« »Und warum hat er das alles gethan?« »Zum Ruhme Frankreichs, und weil er ein großer König ist.« Der Fremde dachte eine Weile über diese Antwort nach, während sie zwischen den dünnen Pappeln dahin ritten, welche schmale Schattenstreifen über den sonnenbeschienenen Weg warfen. »Es war einmal ein großer Mann in Shenectady,« sagte er endlich. »Die Leute dort sind alle sehr arglos und einfältig. Aber als dieser Mann sich bei ihnen niedergelassen hatte, da fehlte bald dem einen ein Biberfell, dem andern ein Sack von Ginsengwurzeln, dem dritten ein Wampumgürtel, Ein Leibgürtel, in den die Indianer cylinderförmige Porzellanstückchen in buntem Farbenspiele flechten und weben bis schließlich dem alten Pete Hendricks seine dreijährige Fuchsstute abhanden kam. Da gab es einen gewaltigen Lärm und ein Nachforschen, bis sich all das Verlorene im Stalle des Fremden wiederfand. Da ergriffen wir ihn – ich und einige andere und knüpften ihn an dem nächsten Baume auf, ohne auch nur daran zu denken, was für ein großer Mann er gewesen war,« Catinat schoß einen zornigen Blick auf seinen Gefährten. »Ihre Parabel ist nicht sehr höflich, werter Freund,« sagte er. »Wenn wir uns fernerhin vertragen sollen, müssen Sie Ihre Zunge besser hüten.« »Ich möchte Sie nicht kränken, möglich ist's ja, daß ich mich irre,« antwortete der Amerikaner. »Ich rede eben, wie ich die Sache auffasse, und dazu hat ein freier Mann das Recht.« Catinats Stirnrunzeln schwand, als Amos Green ihn mit seinen treuherzigen blauen Augen ansah. »Bei meiner Seele, was würde aus dem Hofe werden, wenn das jeder thun wollte!« rief er. »Aber ums Himmels willen, was ist nun wieder los?« Amos war vom Pferde gesprungen und bückte sich tief zu Boden, die Augen fest auf den Staub geheftet. Dann lief er mit schnellen, lautlosen Schritten im Zickzack über den Weg am Wiesenrand entlang und blieb schließlich vor einer Zaunlücke stehen mit aufgeblähten Nasenflügeln, glänzenden Augen und vor Eifer gerötetem Gesicht. »Der Bursch ist verrückt geworden,« murmelte Catinat und ergriff den Zügel des reiterlosen Pferdes. »Die Pariser Luft hat ihn um den Verstand gebracht! – Was ins Teufels Namen ficht Sie an, daß Sie so ins Blaue stieren?« »Ein Rotwild ist über den Weg gegangen,« flüsterte der andere, auf das Gras weisend. »Seine Fährte geht hier entlang zum Walde. Es kann erst vor kurzem geschehen sein, denn noch hat nichts die Spur verwischt. Es ist auch nicht schnell gelaufen. Hätten wir nur mein Gewehr hier, dann hätten wir ihm folgen und dem alten Herrn ein Stück Wildbret mitbringen können!« »Um Gottes willen, steigen Sie auf!« rief Catinat ganz entsetzt. »Irgend ein Unheil wird Sie noch ereilen, ehe ich Sie wieder sicher nach der Straße St. Martin bringen kann!« »Was habe ich denn nun wieder Verkehrtes gemacht?« fragte Amos Green, indem er sich in den Sattel schwang. »Ei, Menschenkind, diese Wälder sind des Königs Jagdgehege, und Sie reden so kühl davon, sein Wild zu erlegen, als ob wir an den Ufern des Michigansees ritten.« »Gehege! Da ist es wohl zahmes Wild!« und tiefe Verachtung malte sich auf seinem Gesicht. Er gab dem Pferde die Sporen und jagte so ungestüm voran, daß Catinat vergeblich versuchte, mit ihm Schritt zu halten, und ihm zuschreien mußte, er möchte anhalten. »Hier zu Lande ist es nicht Sitte, so unsinnig auf der Landstraße zu reiten,« keuchte er. »Es ist ein sehr sonderbares Land,« meinte der Fremde verblüfft. »Vielleicht wird es mir leichter, mir zu merken, was denn eigentlich erlaubt ist. So nehme ich heute morgen meine Büchse und will eine vorüberfliegende Taube schießen, da packt der alte Pierre mich am Arm und macht ein Gesicht, als ob ich auf den Pfarrer zielte. Und wieder dem guten alten Herrn wird nicht einmal gestattet, seinen Morgen- und Abendsegen zu beten.« Catinat lachte. »Sie werden unsre Sitten und Gebräuche bald verstehen lernen,« sagte er. »Wir leben in einem übervölkerten Lande, und wenn jedermann ritte und jagte, wie es ihm gerade einfiel, würde so manches Unheil daraus entstehen. Wir wollen aber lieber von Ihrer Heimat sprechen. Aus Ihren Erzählungen schließe ich, daß Sie viel im Urwalde gelebt haben.« »Ich war nicht älter als zehn Jahre, als ich schon mit meinem Onkel nach Sault-la-Marie reiste, wo die drei großen Seen ineinander fließen. Dort trieben wir Handel mit den Chippewas und den Stämmen des Westens.« »Ei, ei! was würden La Salle und Frontenac dazu gesagt haben? Das Handelsrecht in jenen Territorien steht Frankreich zu.« »Wir wurden auch festgenommen. Auf die Art habe ich denn Montreal und nachher auch Quebec kennen gelernt. Schließlich wurden wir nach Hause geschickt, weil sie nichts mit uns anzufangen wußten.« »Für den Anfang eine ganz hübsche Reise.« »Von da ab war ich beständig auf Handelsreisen. Zuerst am Kennebec bei den Abemakis in den großen Wäldern von Maine und bei den fischeessenden Micmacs jenseit des Penobscott. Dann kam ich später auch zu den Irokesen und westlich bis zu dem Lande der Senekas. In Albany und Shenectady stapelten wir unsre Pelzwaren auf und brachten sie von dort nach New York, von wo mein Vater sie übers Meer verschickte.« »Dann kann er Sie aber kaum entbehren.« »Kaum. Aber er ist reich und hielt es für wünschenswert, daß ich allerlei Kenntnisse erwürbe, die in der Wildnis nicht zu erlangen sind. Deshalb schickte er mich auf dem ›Goldenen Reis‹ mit Ephraim Savage nach Europa.« »Ist der auch aus New York?« »Nein, er ist der erste Mann, der in Boston geboren worden ist.« »Wer kann die Namen all dieser Dörfer behalten?« »Wer weiß, ob nicht einmal der Tag kommt, wo ihre Namen ebenso gut weltbekannt sein werden, wie Paris?« Catinat lachte herzlich. »Die Wälder haben Ihnen manche nützlichen Kenntnisse verliehen, aber wohl nicht die Gabe der Weissagung, mein Freund. Meine Gedanken weilen ebenso gern jenseit des Meeres, wie die Ihrigen, und ich wünschte nichts mehr, als die Schanzen von Point Levi wiederzusehen, wenn auch die fünf vereinigten Nationen sie umschwärmten. Aber jetzt, wenn Sie durch diese Lichtung zwischen den Bäumen hindurchsehen wollen, können Sie des Königs neuen Palast erblicken.« Die jungen Männer hielten an und schauten auf das blendend weiße, umfangreiche Gebäude zu ihren Füßen herab. Rings um dasselbe breiteten sich die reizenden Anlagen aus mit ihren Springbrunnen und Bildsäulen, geschorenen Hecken und Laubengängen und verloren sich schließlich in den dichten Wäldern, die sie ringsum einschlossen. Belustigt verfolgte Catinat das lebhafte Mienenspiel seines Gefährten, welches Staunen und Bewunderung in rascher Folge ausdrückte. »Nun, was sagen Sie dazu?« fragte er endlich. »Ich sage, daß in Amerika die größten Werke Gottes, in Europa die größten Werke der Menschen sind.« »Freilich! Und in ganz Europa gibt es keinen zweiten solchen Palast, und keinen solchen König, wie der ist, der ihn bewohnt,« »Ob ich ihn wohl zu sehen bekomme? Was meinen Sie?« »Wen? den König? Nein, nein; ich fürchte, für den Hof sind Sie wohl kaum geschaffen.« »Warum nicht? Ich würde ihm alle schuldige Ehre erweisen.« »Wie denn? Wie würden Sie ihn zum Beispiel begrüßen?« »Ich würde ihm ehrerbietig die Hand schütteln und mich nach seinem und seiner Familie Befinden erkundigen.« »Auf mein Wort, solcher Gruß würde ihm am Ende mehr Spaß machen, als das ewige Kniebeugen und Katzenbuckeln. Und doch ist es wohl besser, mein lieber Sohn der Wildnis, daß ich Sie nicht Pfade führe, auf denen Sie so gewiß verloren wären, wie ein Herr vom Hofe, den Sie in die Schlucht des Saquenay hinabstießen. Aber holla – was haben wir hier? Das sieht ja aus, wie eine Hofequipage.« Eine weiße Staubwolke, die sich ihnen schon eine Weile entgegenwälzte, war nun so nahe, daß man zuweilen das Blitzen der Vergoldung und eine rote Kutscherlivree durchschimmern sah. Als die beiden Reiter ihre Pferde seitwärts lenkten, um die Straße freizugeben, rasselte das mächtige, von zwei Grauschimmeln gezogene Fuhrwerk, in welchem sie ein schönes, hochfahrendes Gesicht erblickten, schwerfällig vorüber. In demselben Augenblicke gebot ein scharfer Ruf dem Kutscher zu halten, und eine weiße Hand winkte ihnen durch das Wagenfenster. »Frau von Montespan, die stolzeste Frau in Frankreich,« flüsterte Catinat. »Sie will uns sprechen. Thun Sie mir alles nach.« Er gab seinem Pferde die Sporen, und mit einem Satz war er am Kutschenschlag. Dort zog er den Hut und verbeugte sich bis auf den Sattelknopf. Amos ahmte ihm getreulich, wenn auch etwas linkisch, alles nach. »Aha, Herr Hauptmann!« sagte die Dame nicht sehr freundlich, »treffen wir uns schon wieder!« »Das Glück war mir noch immer hold, gnädige Frau.« »Heute morgen gerade nicht.« »Ganz recht. Da mußte ich eine widerwärtige Pflicht erfüllen.« »Und Sie erfüllten sie auf die widerwärtigste Weise.« »Nicht doch, gnädigste Frau, wie hätte ich anders handeln sollen?« Die Dame lachte verächtlich, und der Zug herber Bitterkeit, den es gelegentlich tragen konnte, zeigte sich auf ihrem schönen Gesicht, »Sie wähnten, ich hätte meine Macht über den König verloren, und meine Sonne sei im Untergehen. Wahrscheinlich meinten Sie sich bei dem aufgehenden Gestirn damit einzuschmeicheln, daß Sie der erste waren, der das sinkende beschimpfte.« »Aber, gnädigste Frau –« »Sparen Sie sich Ihre Beteurungen! Ich urteile nach Thaten, nicht nach Redensarten. Hielten Sie wirklich meine Reize für so ganz verwelkt und die Schönheit, die ich hatte, für so ganz erstorben?« »Da müßte ich ja blind sein, gnädige Frau.« »Blind, wie eine Eule um Mittag,« bekräftigte Amos Green mit Nachdruck. Frau von Montespan zog die Augenbrauen in die Höhe und betrachtete ihren sonderbaren Bewunderer. »Ihr Freund wenigstens sagt gerade heraus, was er denkt,« hub sie wieder an. »Heute um vier Uhr werden wir sehen, ob auch jemand anders dieser Meinung ist; sollte dem so sein – dann wehe denen, die einen vorüberziehenden Schatten für eine bleibende Wolke hielten!« Sie schoß noch einen rachsüchtigen Blick nach dem jungen Offizier, dann befahl sie dem Kutscher weiter zu fahren. »Jetzt vorwärts,« rief Catinat kurz, denn sein Begleiter schaute noch immer offnen Mundes dem Wagen nach. »Haben Sie denn noch niemals eine Frau gesehen?« »Noch nie so eine, wie diese.« »Keine, die eine so bissige Zunge hat, darauf will ich schwören,« sagte Catinat. »Keine, die ein so bildschönes Gesicht hat. Und in der Rue St. Martin wohnt doch auch ein holdes Gesichtchen.« »Hm, bei all Ihrer Urwalderziehung scheinen Sie doch ein vortrefflicher Kenner der Schönheit zu sein.« »Das bin ich auch, denn wenn man so völlig vom Verkehr mit Frauen abgeschnitten ist, wie ich, und dann eine Frau antrifft, so kommt sie einem vor, wie etwas Liebliches, Zartes, Heiliges.« »An unserm Hofe können Sie allerdings Damen genug finden, die zart und lieblich sind, aber Sie werden lange suchen müssen, lieber Freund, ehe Sie eine finden, die heilig ist. Diese hier wird mich ins Unglück stürzen, wenn sie irgend kann, nur weil ich meine Pflicht gethan habe. Sich an diesem Hofe halten, heißt die La Chinefälle hinunterfahren. Da ist Fels zur Rechten, Fels zur Linken und womöglich noch einer geradeaus; und wenn man einen davon auch nur streift, so ist's um Schiffer und Kahn geschehen. Unsre Felsen hier sind die Weiber, und unser Canoe trägt unser ganzes irdisches Glück. Da ist übrigens schon wieder eine Dame, die mich gern zu ihrer Partei herüberziehen möchte, die, wie ich beinahe glaube, auch die bessere ist.« Sie hatten mittlerweile durch das Palastthor hindurchreitend den Schloßhof erreicht, und die breite, von Wagen und Fußgängern belebte Auffahrt lag vor ihnen. Auf den kiesbestreuten Seitenwegen spazierten buntgekleidete Damen zwischen den Blumenrabatten und bewunderten die Strahlen der Springbrunnen, die im Sonnenschein schillerten. Eine von ihnen verwandte kein Auge vom Portal und eilte Catinat entgegen, sobald er sichtbar wurde. Es war Fräulein Nanon, Frau von Maintenons Vertraute. »Ich bin so froh, daß ich Sie treffe, Herr Hauptmann,« rief sie, »und ich habe so geduldig gewartet. Meine gnädige Frau will Sie sprechen. Der König kommt um drei Uhr zu ihr, bis dahin sind nur noch zwanzig Minuten! Ich hörte, Sie seien nach Paris geritten, so hielt ich hier Wache. Die gnädige Frau hat eine Bitte an Sie.« »Ich komme sofort. Sieh da, Brissac, das trifft sich ja gut.« Der große, stämmige Offizier, der eben vorüberging, trug die gleiche Uniform wie Catinat. Er drehte sich sofort lächelnd nach seinem Regimentskameraden um. »Aha, Amory! Du hast dir ja ein paar Morgen Sand auf deinem Rocke mitgebracht.« »Wir kommen soeben aus Paris. Aber eine wichtige Angelegenheit ruft mich fort. Dies ist mein Freund, Herr Amos Green. Ich empfehle ihn deiner Güte, er kommt aus Amerika, ist fremd hier und möchte gern alles sehen, was du ihm zeigen kannst. Er wird in meinem Quartier wohnen. Nimm auch mein Pferd, Brissac, und übergib es dem Stallknecht.« Dem Major die Zügel zuwerfen, Amos die Hand drücken, vom Pferde springen, war eins für Catinat. Dann folgte er in höchster Eile der in der Ferne verschwindenden jungen Dame. VIII. Die aufgehende Sonne. Die Räume, welche die Frau bewohnte, die bereits eine hervorragende Stellung am französischen Hofe einnahm, waren so bescheiden, wie ihre Verhältnisse gewesen waren zu der Zeit, als sie ihr angewiesen wurden. Mit dem feinen Takt und der Selbstbeschränkung, welche die Hauptzüge ihres bedeutenden Charakters bildeten, hatte sie ihre Lebensweise nicht verändert, als ihre Lebensstellung immer ansehnlicher wurde. Sie vermied es, ihren Reichtum und ihre Macht irgendwie zur Schau zu tragen, um nicht dadurch den Neid und die Eifersucht ihrer Umgebung zu reizen. Die wenigen kleinen Gemächer, auf welche zunächst die Aufmerksamkeit des Hofes, dann die Frankreichs, schließlich die der Welt sich lenkten, lagen in einem Seitenflügel des Schlosses, der nur durch lange Korridore und viele Treppen zu erreichen war. Dort wohnte die mittellose Witwe des Dichters Scarron, seitdem Frau von Montespan sie als Erzieherin der königlichen Kinder an den Hof gebracht hatte. Dort wohnte sie auch jetzt noch, obgleich des Königs Gunst ihrem Mädchennamen Françoise d'Aubigny den Titel einer Marquise von Maintenon hinzugefügt und ihr eine bedeutende Jahresrente und einen großen Besitz verliehen hatte. Dort verlebte der König täglich seine Mußestunden, dort ließ er sich von der Unterhaltung einer klugen und tugendhaften Frau bezaubern und fand darin einen Genuß, den keiner der berühmten Schöngeister seines glänzenden Hofes ihn je hatte kosten lassen. Von dort strömten auch – das begriffen allmählich die scharfsichtigeren Höflinge – wie früher von den prachtvollen Salons der Montespan jene Anregungen und Richtungen, die von allen, welche nach der Gunst des Königs strebten, so eifrig studiert und so genau befolgt wurden. Das Glaubensbekenntnis des Hofes war höchst einfach. War der König fromm, dann wandte sich alles den Rosenkränzen und Meßbüchern zu. War er liederlich, dann that es ihm sein ergebenstes Gefolge noch zuvor. Wehe aber demjenigen, der liederlich war, wenn er hätte beten sollen, oder der ein langes Gesicht schnitt, wenn der König lachte. Deshalb waren scharfe Augen unablässig auf ihn und auf jeden Einfluß, der ihm nahe kam, gerichtet, damit der schlaue Höfling beim ersten, fast unmerklichen Zeichen einer bevorstehenden Veränderung schwenken und sein Verhalten so einrichten konnte, daß er eher zu führen, als zu folgen schien. Der junge Gardeoffizier hatte bisher noch kaum ein Wort mit dieser mächtigen Dame gewechselt. Sie lebte sehr zurückgezogen und zeigte sich dem Hofe nur in der Kapelle. Er war deshalb etwas aufgeregt und neugierig zu gleicher Zeit, als er mit seiner Führerin durch die von Künstlerhand verschwenderisch geschmückten prachtvollen Korridore schritt. Vor der Thür des Gemaches blieb die junge Dame stehen und sagte zu ihrem Begleiter: »Die gnädige Frau wünscht mit Ihnen über die Vorkommnisse von heute morgen zu reden. Ich möchte Ihnen raten, Ihrer Konfession gegen sie nicht zu erwähnen. Das ist das einzige, worin ihr gütiges Herz keine Nachsicht kennt.« Sie hob drohend den Finger, um ihrer Warnung Nachdruck zu geben. Dann klopfte sie und öffnete gleichzeitig mit den Worten: »Hier ist der Hauptmann von Catinat, gnädige Frau.« »Bitte den Herrn Hauptmann einzutreten.« Die Stimme klang energisch und doch wohllautend. Dem Befehl gehorsam, stand Catinat jetzt in einem Zimmer, das nicht größer und nur wenig besser möbliert war, als das ihm selbst angewiesene Gemach. Trotz dieser Einfachheit verriet die Sauberkeit und Zierlichkeit des Zimmers den harmonischen Geschmack einer feingebildeten Frau. Die gepreßten Lederbezüge der Möbel, der La Savonière-Teppich, die von Meisterhand geschaffenen religiösen Gemälde, die geschmackvollen Vorhänge, das alles zusammen atmete das wohlthuende Walten eines echt weiblichen, und dabei frommen Sinnes. Das gedämpfte Licht, die hohe, weiße Statue der Jungfrau Maria unter dem Baldachin in der Nische, die wohlriechende rote Lampe, die davor brannte, der hölzerne Betschemel und das Buch mit rotem Schnitt darauf gaben dem Gemach eher das Gepräge einer Privatkapelle, als das des Boudoirs einer schönen Frau. An jeder Seite des Kamins stand ein kleiner, grünbezogener Armstuhl. Den einen benutzte Frau von Maintenon, der andere war zum ausschließlichen Gebrauch des Königs bestimmt. Auf einem kleinen, dreibeinigen Sessel dazwischen stand ihr Arbeitskörbchen mit ihrer Stickerei. Sie saß mit dem Rücken gegen das Licht gekehrt, als der junge Offizier eintrat, eine Stellung, die sie bevorzugte, obgleich es wenige Frauen in ihren Jahren gab, die so wenig Grund hatten, das Tageslicht zu scheuen; denn ein gesundes und thätiges Leben hatte ihr Teint und Farben so klar und zart erhalten, daß jede junge Schönheit bei Hofe sie hätte darum beneiden können. Ihre Gestalt war von königlicher Anmut, ihre Bewegungen und Haltung voll natürlicher Würde und ihre Stimme, wie schon erwähnt, höchst angenehm und melodisch. Ihr Gesicht war nicht regelmäßig schön, aber edel und von klassischem Schnitt, die weiße Stirn sehr breit, der Mund energisch und doch Zartgefühl verratend, die großen, klaren, grauen Augen, die in der Ruhe so ernst und sanft aussahen, spiegelten doch ihr ganzes Seelenleben wieder, vom fröhlichen Aufleuchten des Humors bis zum blendenden Blitzstrahl gerechten Zornes. Erhabener Seelenfriede war indessen der vorherrschende Ausdruck ihrer Züge: darin bot sie den denkbar stärksten Gegensatz zu ihrer Nebenbuhlerin dar, über deren schönes Gesicht jede augenblickliche Erregung mit wechselndem Licht und Schatten dahinfuhr wie der Wind über ein Kornfeld. An Witz und Schlagfertigkeit war ihr die Montespan allerdings überlegen, doch der gesunde Menschenverstand und das tiefere Gefühl der älteren Frau mochten sich auf die Dauer doch als die besseren Waffen erweisen. Catinat hatte keine Zeit, solche Einzelheiten zu beobachten, sondern fühlte nur, daß er vor einer sehr schönen Frau stand, und daß ihre großen nachdenklichen Augen ihn forschend anblickten und seine innersten Gedanken zu lesen schienen. »Mir ist, als hätte ich Sie schon gesehen, Herr Hauptmann,« sagte sie. »Jawohl, gnädige Frau. Ich hatte einigemale die Ehre, Sie zu sehen, aber niemals das Glück, Sie anreden zu dürfen.« »Ich lebe so still und zurückgezogen,« erwiderte sie, »daß manche der besten und würdigsten Persönlichkeiten des Hofes mir leider fremd bleiben. Das ist der Fluch der Höfe, daß das Böse sich breit macht und dem Beschauer aufdrängt, während das Gute sich in bescheidene Verborgenheit hüllt, so daß man fast an seinem Vorhandensein zweifeln könnte. – Sie haben im Felde gedient, Herr Hauptmann?« »Ja, gnädige Frau. In den Niederlanden, am Rhein und in Canada.« »In Canada! Welch ein Arbeitsfeld für eine Frau! Gibt es wohl einen edleren Ehrgeiz für uns, als ein Glied jener lieblichen Schwesterschaft zu sein, welche die heilige Marie de l'Incarnation und die verklärte Jeanne le Ber in Montreal gestiftet haben? Erst neulich erzählte mir Pater Godet des Marais von ihnen. Wer doch auch zu solchem Orden gehörte! Welche Freude, das selige Werk der Heidenbekehrung zu fördern und die noch köstlichere Aufgabe zu erfüllen, durch treue Pflege den Streitern Gottes Gesundheit und Kraft wiederzugeben, wenn sie im Kampfe mit dem Satan beides eingebüßt haben,« Catinat kannte das entbehrungsreiche und angstvolle Leben, welches eben diese Schwestern führten; Elend, Hunger und das Skalpiermesser drohten ihnen unausgesetzt. Um so eigentümlicher berührte es ihn, diese vornehme Dame, der alle Herrlichkeit der Welt zu Füßen lag, so sprechen zu hören, als beneide sie ihr Los. »Es sind sehr fromme Frauen,« sagte er kurz, denn ihm fiel Fräulein Nanons Warnung ein, und er fürchtete sich, das gefährliche Thema zu berühren. »Sie hatten gewiß auch den Vorzug, den heiligen Bischof Laval zu sehen?« »Ja, gnädige Frau, ich habe Bischof Laval gesehen.« »Ich hoffe, die Sulpitianer behaupten immer noch ihre Stellung gegen die Jesuiten?« »Ich hörte, gnädige Frau, die Jesuiten seien mächtiger in Quebec, und die andern in Montreal.« »Wer ist denn Ihr Gewissensrat, Herr Hauptmann?« Catinat fühlte, daß das Unvermeidliche gekommen war. »Ich habe keinen, gnädige Frau.« »Leider leben nur zu viele ohne einen Gewissensrat dahin. Ich wüßte meine Schritte nicht vor dem Straucheln auf den unebenen Pfaden dieser Welt zu bewahren, wenn ich der Leitung des meinigen entbehren sollte. Wer ist denn aber Ihr Beichtiger?« »Ich habe keinen. Ich gehöre der reformierten Kirche an, gnädige Frau.« Frau von Maintenon fuhr entsetzt zurück, und ein harter Zug legte sich ihr um Mund und Augen. »Und das am Hofe sogar, und in des Königs nächster Umgebung!« rief sie aus. Nun war Catinat freilich lax genug in Glaubenssachen und hielt mehr aus Familientradition, als aus bewußter Überzeugung an seinem Bekenntnis fest, aber es verletzte seine Selbstachtung, daß sie ihn so behandelte, als habe er sich zu einer ehrlosen Schandthat bekannt. »Sie erinnern sich wohl, gnädige Frau,« sagte er ernst, »daß Genossen meines Glaubens nicht nur um den Thron Frankreichs gestanden, sondern sogar darauf gesessen haben.« »Gott hat das nach seinem unerforschlichen Ratschluß zugelassen. Niemand sollte das besser wissen als ich, denn mein Großvater, Théodore d'Aubigny, bot alles auf, um die Krone auf das Haupt des großen Heinrich zu setzen. Aber Heinrichs Augen wurden vor seinem Ende geöffnet, und ich bete – ach von Herzen bete ich darum – daß auch die Ihrigen möchten geöffnet werden.« Sie stand auf, kniete auf dem Betschemel nieder und verbarg einige Sekunden ihr Gesicht in den Händen. Während dessen stand der Gegenstand ihrer Gebete in einiger Verlegenheit mitten im Zimmer und wußte nicht recht, ob er diese Aufmerksamkeit als eine Gunst oder als eine Beleidigung auffassen sollte. Ein Klopfen an der Thür rief die Dame wieder in diese Welt zurück, und ihrer Aufforderung folgend, trat die treue Zofe ein. »Der König ist im Siegessaale, gnädige Frau,« sagte sie, »er wird in fünf Minuten hier sein.« »Ganz recht, bleibe draußen und melde es, wenn er kommt. – Nun, Herr Hauptmann,« wendete sie sich wieder zu Catinat. »Sie haben heute früh dem Könige mein Billet übergeben?« »Jawohl, gnädige Frau.« »Wenn ich recht verstanden habe, so wurde Frau von Montespan der Zutritt zum großen Lever untersagt?« »Das geschah, gnädige Frau.« »Aber sie wartete in der Galerie auf den König?« »Allerdings.« »Und sie entrang ihm das Versprechen, sie heute noch zu besuchen?« »Ganz recht, gnädige Frau.« »Ich möchte Sie nicht zu einer Pflichtverletzung verleiten. Aber ich kämpfe um einen hohen Einsatz mit einem furchtbaren Feinde. Verstehen Sie mich?« Catinat verbeugte sich. »Nun, was meine ich also?« »Ich denke, gnädige Frau meinen, daß Sie mit der bewußten Dame um des Königs Gunst kämpfen.« »So wahr Gott mein Richter ist, ich denke nicht an mich. Ich ringe mit dem Teufel um des Königs Seele.« »Das ist genau dasselbe, gnädige Frau.« Die schöne Frau lächelte. »Wenn des Königs Leib in Gefahr wäre, so könnte ich auf den Beistand seiner getreuen Garden rechnen, und sicher nicht minder jetzt, wo soviel Höheres auf dem Spiel steht. Sagen Sie mir daher, um wieviel Uhr der König die Marquise in ihren Gemächern besuchen wollte?« »Um vier Uhr, gnädige Frau.« »Ich danke Ihnen. Sie haben mir einen Dienst geleistet, den ich nicht vergessen werde.« Fräulein Nanon steckte wieder ihren Kopf hinein. »Der König kommt, gnädige Frau!« »Dann müssen Sie gehen, Herr Hauptmann. Bitte, durch das Nebenzimmer auf den äußeren Korridor. Nehmen Sie dies mit, es ist Bossuets Darlegung des katholischen Glaubens und hat schon manches Herz erweicht; vielleicht bekehrt es auch das Ihre. Nun gehen Sie mit Gott!« Catinat entfernte sich auf dem bezeichneten Wege. Beim Hinausgehen sah er noch einmal zurück. Frau von Maintenon kehrte ihm den Rücken zu und hob die Hand zum Kaminsimse. Gerade als er sich umsah, bewegte sie etwas den Kopf, und er konnte sehen, was sie that. Sie stellte den langen Zeiger der Uhr zurück. IX. Le roi s´amuse. Kaum war Catinat durch die eine Thür verschwunden, als Fräulein Nanon die andere öffnete, und der König das Gemach betrat, Frau von Maintenon erhob sich lächelnd und verbeugte sich tief. Aber ihres Besuchers Gesicht blieb unbewegt, und mit verdrießlicher Miene warf er sich in den leeren Armstuhl am Kamin. »Ei, das ist aber nicht sehr schmeichelhaft!« rief sie mit der Heiterkeit aus, die sie annehmen konnte, sobald es nötig war, den König aus einer trüben Stimmung herauszureißen, »Mein armes, düsteres Zimmer wirft einen Schatten über Ew. Majestät, sobald Sie eintreten.« »Nein, nein, das ist es nicht. Etwas anderes hat mich erregt. Pater La Chaise und der Bischof von Meaux sind den ganzen Tag hinter mir hergewesen, wie zwei Hunde hinter einem Hirsch, und haben auf mich eingeredet von meinen Pflichten und meiner Stellung und meinen Sünden. Und das Ende von allen ihren Ermahnungen war immer das jüngste Gericht und das höllische Feuer.« »Und was wollen die Herren denn, daß Ew. Majestät thun soll?« »Ich soll die Zusage brechen, welche ich bei meiner Thronbesteigung gab, wie einst mein Großvater vor mir. Ich soll das Edikt von Nantes aufheben und die Hugenotten aus dem Reiche treiben.« »O, Ew. Majestät muß sich dadurch nicht beunruhigen lassen.« »Also Sie, gnädige Frau, würden nicht wünschen, daß ich es thäte?« »Nicht, wenn es Ew. Majestät schwer wird.« »Haben Sie vielleicht doch noch eine Vorliebe für die Religion Ihrer Jugend?« »Nein, Sire, ich empfinde nichts als Haß gegen die Ketzerei.« »Und doch möchten Sie die Hugenotten nicht verstoßen?« »Bedenken Sie, Sire, daß der allmächtige Gott ihre Herzen für die Wahrheit gewinnen kann, wenn er will, wie er es ja auch mit mir gethan hat. Möchten Sie es ihm nicht anheimstellen?« »Auf mein Wort,« sagte Ludwig, und sein Gesicht erhellte sich, »das ist gut gesagt! Ich werde sehen, ob Vater La Chaise darauf eine Antwort finden kann. Es ist wirklich hart, mit dem ewigen Feuer bedroht zu werden, weil man sein Reich nicht zu Grunde richten will. Ewige Qualen! Ich sah einmal einen Mann, der fünfzehn Jahre in der Bastille gesessen hatte. Sein Gesicht glich einem grauenvollen Buche, in welchem jede dort verlebte Stunde durch eine Narbe oder eine Runzel verzeichnet stand. Und nun gar die Ewigkeit!« Er schauderte in sich zusammen, und seine Gestalt erbebte bei diesem fürchterlichen Gedanken. Die höheren Beweggründe hatten nur geringe Macht über seine Seele, wie seine Umgebung längst erkannt hatte, aber das Bild der zukünftigen Qualen verfehlte nie seines Eindruckes auf ihn. »Warum plagen Sie sich mit solchen Gedanken, Sire?« sagte Frau von Maintenon mit ihrer besänftigenden Stimme. »Was haben Sie zu fürchten, der Sie stets der erste Sohn der Kirche waren?« »Sie glauben also wirklich, daß ich nicht verloren gehen kann?« »Unzweifelhaft, Sire.« »Aber ich habe gefehlt und schwer gefehlt. Sie haben das doch selbst gesagt?« »Aber das ist ja alles vorüber, Sire. Wer ist ganz ohne Flecken? Sie haben doch der Versuchung widerstanden. Gewiß haben Sie sich Ihre Vergebung verdient.« »Ich wünschte wohl, die Königin möchte noch einmal ins Leben zurückkehren. Sie würde finden, daß ich ein besserer Mensch geworden bin.« »Ich wünschte das auch, Sire.« »Und sie sollte es wissen, daß sie Ihnen diese Wandlung verdankt. O, Françoise, Sie sind wahrhaftig mein Schutzengel, der Menschengestalt angenommen hat! Wie kann ich Ihnen für alles danken, was Sie für mich gethan haben!« Der König beugte sich vor und ergriff ihre Hand, aber bei der Berührung derselben erglomm ein plötzliches Feuer in seinen Augen, und er würde den Arm um sie geschlungen haben, wenn sie nicht hastig aufgestanden wäre. »Sire!« sagte sie mit strengem Blick und zürnend erhobenem Finger. »Sie haben recht, Sie haben recht, Françoise. Setzen Sie sich wieder, und ich will mich zusammen nehmen. – Sind Sie denn noch immer bei derselben Stickerei? Meine Gobelinarbeiter werden um ihre Lorbeeren kommen!« Dabei hob er das eine Ende der glänzenden Rolle auf, während sie sich – nicht ohne einen schnellen, fragenden Blick auf ihn geworfen zu haben – wieder setzte und das andere Ende auf ihren Schoß nahm, um ihre Arbeit fortzusetzen. »Ja, Sire. Es ist eine Jagdscene aus Ihren Wäldern zu Fontainebleau. Ein Hirsch, ein Zehnender, wie Sie sehen, die Meute laut bellend, und eine stattliche Schar von Kavalieren und Damen. – Sind Ew. Majestät heute ausgeritten?« »Nein! – Wie ist es möglich, Françoise, ein so eiskaltes Herz zu haben?« »Ich wollte, ich hätte es, Sire. Vielleicht sind Sie auf der Falkenjagd gewesen?« »Nein! – Gewiß hat keines Mannes Liebe Sie je gerührt! Und doch sind Sie verheiratet gewesen – die Gattin eines Mannes.« »Seine Krankenpflegerin, Sire, seine Gattin nie! Sehen Sie doch die Dame dort im Park! Es ist sicher Mademoiselle! Ich wußte nicht, daß sie von Choisy herüber gekommen sei.« Aber der König ließ sich nicht von seinem Gegenstande abbringen. »Sie liebten diesen Scarron nicht?« fuhr er beharrlich fort. »Wie ich hörte, war er alt und so lahm wie seine Verse.« »Bitte, sprechen Sie nicht verächtlich von ihm, Sire. Ich war ihm dankbar, ich achtete ihn, ich war ihm gut.« »Aber Sie liebten ihn nicht?« »Weshalb wollen Sie mit Gewalt in die Geheimnisse eines Frauenherzens eindringen?« »Sie haben ihn nicht geliebt, Françoise?« »Wenigstens habe ich meine Pflicht gegen ihn erfüllt.« »So ist dies nonnenhafte Herz noch niemals von Liebe ergriffen worden?« »Sire, bitte, fragen Sie mich nicht!« »Hat es niemals –« »Schonen Sie mich, Sire, ich bitte Sie!« »Aber ich muß Sie fragen – denn mein eigener Herzensfriede hängt von Ihrer Antwort ab.« »Ihre Worte schmerzen mich in tiefster Seele.« »Françoise! Haben Sie niemals in Ihrem Herzen einen kleinen Funken der Liebe empfunden, die in dem meinen glüht?« Er stand auf und streckte die Hände bittend aus, ein flehender Monarch, aber sie wandte sich bebend von ihm ab. »Eins ist gewiß, Sire,« sagte sie, »daß, wenn ich Sie so liebte, wie nie eine Frau einen Mann geliebt, ich doch eher aus jenem Fenster auf die Steinterrassen hinunterspringen würde, als dies jemals durch Wort oder Zeichen eingestehen!« »Und warum das, Françoise?« »Weil es auf Erden meine höchste Hoffnung ist, daß ich auserwählt worden bin, um Ihren Geist zu erhabeneren Zielen emporzulenken – diesen Geist, dessen Größe und Edelsinn niemand besser kennt als ich.« »Und ist denn meine Liebe etwas so Niedriges?« »Sie haben schon zu viel von Ihrem Leben und Ihren Gedanken an Frauenliebe verschwendet, Sire! Und nun sehen Sie, Sire, die Jahre vergehen unmerklich, und der Tag, an welchem auch Sie von Ihren Handlungen und von den innersten Gedanken Ihres Herzens Rechenschaft geben müssen, rückt immer näher. Ich möchte es erleben, daß Sie die Ihnen übrig gebliebene Zeit dazu verwendeten, die heilige Kirche zu erbauen, Ihren Unterthanen ein edles Vorbild zu sein, und so das Übel wieder gut zu machen, das Ihr Beispiel in der Vergangenheit verursacht haben mag.« Der König sank ächzend in seinen Stuhl zurück. »Immer und immer dasselbe,« sagte er. »Wahrhaftig, Sie sind ja ärger als Vater La Chaise und Bossuet!« »Nein, nein!« sagte sie fröhlich mit dem schnellen Takt, der ihr immer zu Gebote stand. »Ich habe Sie gelangweilt, als Sie sich herabließen, mein kleines Gemach mit Ihrer Gegenwart zu beehren. Das ist wirklich Undankbarkeit, und es wäre eine gerechte Strafe, wenn Sie mich morgen meiner Einsamkeit überließen und mir so das Licht meiner Tage verhüllten. – Aber sagen Sie mir, Sire, wie es mit den Arbeiten in Marly steht? Ich bin höchst begierig zu erfahren, ob die große Fontaine springen wird.« »Die Fontaine springt prächtig, aber Mansard hat den rechten Flügel des Schlosses zu weit zurück angelegt. Ich habe einen guten Architekten aus ihm gemacht, aber er hat noch viel zu lernen. Ich zeigte ihm heute morgen seinen Fehler auf dem Grundriß, und er versprach, ihn zu verbessern.« »Und was wird die Änderung kosten, Sire?« »Ein paar Millionen Livres, aber dann wird auch die Aussicht von der Südseite um so schöner sein. Ich habe noch eine Meile Ackerlandes in jener Richtung hinzugezogen; es wohnten in jener Gegend eine ganze Anzahl armer Leute, und ihre elenden Hütten waren eben kein schöner Anblick.« »Warum sind denn Majestät heute nicht ausgeritten?« »Pah! Es macht mir kein Vergnügen. In früheren Jahren wallte mein Blut beim Schmettern der Jagdhörner und dem Stampfen der Rosse, aber jetzt ist mir das alles langweilig.« »Auch die Falkenjagd?« »Auch ihrer bin ich überdrüssig.« »Aber Majestät müssen doch etwas Zerstreuung haben.« »Was gibt es Öderes als Zerstreuungen, die nicht mehr zerstreuen! Es ist unbegreiflich. Aber als ich noch ein Knabe war und mit meiner Mutter von Ort zu Ort flüchten mußte, weil die Fronde gegen uns kämpfte und Paris sich empörte, als unser Thron, ja unser Leben gefährdet waren, da schien mir das ganze Leben so neu, so licht, so voll tausendfältigen Interesses. Heute, wo alle Schatten geschwunden sind, wo meine Stimme die Stimme Frankreichs, und Frankreichs Stimme die von Europa ist, erscheint mir alles schal und fade. Was nützt es mir, wenn alle Lust der Welt mir zu Gebote steht und doch zu Galle wird, sobald ich davon koste?« »Die wahre Lust freilich werden Majestät nur im inneren Leben finden, im Frieden der Seele, in der Ruhe des Gewissens. Ist es zudem nicht natürlich, daß mit unsern zunehmenden Jahren auch unsre Neigungen ernster werden? Wäre dem nicht so, so müßten wir uns Vorwürfe machen, denn es wäre der Beweis, daß wir die Lektion unsres Lebens noch nicht gelernt hätten.« »Mag sein, dennoch bleibt es traurig und langweilig, wenn einen nichts mehr unterhält. Aber wer kommt da?« »Meine Gesellschafterin klopft. Was gibt es, Fräulein Nanon?« »Herr Corneille wünscht dem König vorzulesen,« sagte die junge Dame. »Ach ja, Majestät; ich wußte wohl, daß eine bloße Damenunterhaltung nicht tief genug ist, darum sorgte ich für eine klügere, um Ew. Majestät zu fesseln. Eigentlich sollte Herr Racine kommen, aber wie ich höre, ist er mit dem Pferde gestürzt und sendet seinen Freund an seiner Stelle. Soll ich ihn vorlassen?« »O, ganz wie Sie wollen, gnädige Frau, ganz wie Sie wollen,« erwiderte der König gleichgültig. Auf einen Wink Fräulein Nanons trat ein kleiner kränklicher Mann mit verschmitztem, etwas anmaßendem Gesicht und lang über die Schultern fallendem grauem Haar in das Zimmer. Er machte drei tiefe Verbeugungen und setzte sich dann ängstlich auf die äußerste Kante des Schemels, von welchem Frau von Maintenon ihre Arbeit entfernt hatte. Sie lächelte und nickte dem Dichter Mut zu, während der Monarch sich ergeben wie ein Schlachtopfer in seinen Stuhl zurücklehnte. »Soll ich ein Schauspiel, ein Trauerspiel oder ein burleskes Schäferspiel vorlesen?« fragte Corneille schüchtern. »Ja nicht das burleske Schäferspiel,« entschied der König. »Solche Sachen sind mehr für das Auge als für das Ohr bestimmt, können daher wohl aufgeführt, aber nicht vorgelesen werden.« Der Dichter verbeugte sich zustimmend. »Auch nicht das Trauerspiel, Herr Corneille,« meinte Frau von Maintenon, von ihrer Stickerei aufblickend, »der König muß sich mit so viel ernsten Dingen in seiner Regierungsarbeit abgeben, daß Sie Ihr Talent brauchen sollten, um ihn zu amüsieren.« »Ja, ja, lassen Sie uns eine Komödie hören,« stimmte Ludwig zu; »seit der gute Molière nicht mehr ist, habe ich noch nicht wieder so recht von Herzen gelacht.« »Ah, Ew. Majestät haben einen feingebildeten Geschmack,« versicherte der Hofdichter. »Hätten Sie sich je herabgelassen, Höchst selbst Ihre Aufmerksamkeit der Poesie zuzuwenden, was hätten wir dann noch zu bedeuten?« Ludwig lächelte. Keine Schmeichelei war so grob, daß sie ihm nicht gefallen hätte. »Gerade so wie Majestät unsern Feldherrn den Krieg und unsern Baumeistern die Kunst gelehrt haben, so würden Sie die Harfe von uns armen Sängern zu höheren Weisen gestimmt haben. Aber Mars würde kaum geruhen, die niederen Lorbeeren Apollos zu teilen.« »Ich habe mir wirklich zuweilen einige Begabung dafür zugetraut,« erwiderte der König wohlgefällig; »aber, wie Sie richtig bemerken, inmitten meiner Arbeiten und Staatsbürden ist mir wenig Zeit für die holderen Künste übrig geblieben.« »Aber Sie haben andere ermutigt zu thun, was Sie selbst so meisterhaft hätten thun können, Sire. Sie haben Dichter gezeitigt, wie die Sonne Blumen zeitigt. Wie viel große Geister haben wir nicht gesehen – Molière, Boileau, Racine – einer immer größer als der andere. Und auch die weniger bedeutenden – Scarron, possenhaft zwar, aber doch wie witzig – O heilige Jungfrau! was habe ich gesagt?« Frau von Maintenon hatte ihre Stickerei niedergelegt und blickte mit starrer Entrüstung auf den Dichter, der unter dem strengen, vorwurfsvollen Ausdruck dieser kalten grauen Augen sich auf seinem Sessel wand wie ein Wurm. »Herr Corneille, ich denke, Sie fangen lieber an zu lesen,« sagte der König trocken. »Wie Sie befehlen, Sire. Soll ich mein Stück ›Darius‹ lesen?« »Wer war Darius?« fragte der König, dessen Erziehung dank der verschlagenen Staatskunst des Kardinals Mazarin so vernachlässigt worden war, daß er nur wußte, was er sich durch seine eigene, persönliche Beobachtung angeeignet hatte. »Darius war ein König von Persien, Sire.« »Und wo war Persien?« »Es ist ein asiatisches Königreich.« »Ist Darius noch König in jenem Lande?« »Nein, Sire. Er focht gegen Alexander den Großen.« »Ja, ja, von Alexander habe ich gehört. Es war ein berühmter König und Feldherr, nicht wahr?« »Gleich Ew. Majestät regierte er weise und führte seine Heere zum Siege.« »Und war König von Persien.« »Nein, Sire; von Macedonien. Darius war König von Persien.« Der König warf ihm einen finsteren Blick zu, denn die geringfügigste Verbesserung war ihm widerwärtig. »Ihnen scheint die Sache nicht ganz klar zu sein, und ich muß gestehen, daß sie mich nicht besonders interessiert,« sagte er. »Bitte, nehmen Sie ein anderes Stück vor.« »Befehlen, Ew. Majestät meinen ›Pseudo-Astrologen‹?« »Ja, nehmen wir den.« Corneille fing an, seine Komödie vorzulesen, während Frau von Maintenons zarte, weiße Finger in den vielfarbigen Seiden, welche sie zu ihrer Stickerei brauchte, herumsuchten. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick hinüber, zuerst nach der Standuhr und dann nach dem Könige, der sich, das Spitzentaschentuch über dem Gesicht, in den Sessel zurücklehnte. Es war jetzt zwanzig Minuten vor vier Uhr, aber sie wußte, daß sie die Uhr eine halbe Stunde zurückgestellt hatte, und daß es in Wirklichkeit zehn Minuten über vier war. »Sieh! sieh!« unterbrach der König plötzlich den Dichter. »Da muß ein Fehler sein. Die vorletzte Zeile hinkt, ganz gewiß.« Es gehörte zu Ludwigs Schwächen, sich als Kritiker aufzuspielen, und ein kluger Dichter stimmte seinen Korrekturen stets bei, so unvernünftig sie auch sein mochten. »Welche Zeile, Sire? Es ist mir in der That ein Gewinn, meine Fehler kennen zu lernen.« »Lesen Sie die Stelle noch einmal.« »Et si, quand je lui dis le secret de mon âme, Avec moins de rigueur elle eût traité ma flamme Dans ma façon de vivre et suivant mon humeur, Une autre eût eu bientôt le présent de mon coeur.« »Ja ganz richtig! Die dritte Zeile hat einen Fuß zu viel. Meinen Sie nicht auch, gnädige Frau?« »Nein; aber ich verstehe nicht viel von der Metrik.« »Majestät haben vollkommen recht,« sagte Corneille mit dreister Stirn. »Ich werde die Stelle anmerken und nachher verbessern.« »Ich dachte wohl,« erwiderte der König sehr befriedigt, »daß der Vers falsch war. Ich dichte ja nicht selbst, aber wenigstens habe ich ein sehr feines Ohr. Ein falsches Versmaß berührt es widerwärtig. Es geht mir ebenso in der Musik. Obgleich ich wenig davon verstehe, höre ich einen Mißklang heraus, wo er Lully selbst entgangen ist. Ich habe ihm oft solche Fehler in seinen Opern nachgewiesen und ihn stets überzeugt, daß ich recht hatte.« »Das kann ich mir leicht vorstellen, Sire.« Corneille hatte sein Buch wieder aufgenommen und war im Begriff, seine Vorlesung fortzusetzen, als laut und hart an die Thür geklopft wurde. »Es ist seine Excellenz der Minister Herr von Louvois,« meldete Fräulein Nanon. »Er soll eintreten,« befahl der König. »Herr Corneille, ich bin Ihnen sehr verbunden für das, was Sie mir vorgelesen haben, und es thut mir leid, daß eine Staatsangelegenheit jetzt Ihr Lustspiel unterbrechen muß. Vielleicht werde ich bald das Vergnügen haben, die Fortsetzung zu hören.« Ludwig lächelte in der anmutigen Weise, die jeden, der ihm persönlich näher trat, seine Fehler vergessen und in ihm die Verkörperung königlicher Würde und Leutseligkeit bewundern ließ. Der Dichter, mit seinem Buche unter dem Arm, schlüpfte hinaus, während der berühmte Minister, eine hohe, gebietende Erscheinung mit gewaltiger Perücke und Adlernase, unter tiefen Verbeugungen das kleine Zimmer betrat. Äußerlich benahm er sich mit übertriebener Höflichkeit, aber sein stolzes Gesicht verriet nur zu deutlich, wie tief er dies Gemach und die Dame, die es bewohnte, verachtete. Sie bemerkte das sehr wohl, aber ihrer vollendeten Selbstbeherrschung gelang es, diese Abneigung nie, weder mit Wort noch mit Blick zu erwidern. »Meine Gemächer werden in der That heute hoch geehrt,« sagte sie, indem sie sich erhob und dem Minister die Hand entgegenstreckte. »Können Excellenz sich zu diesem Schemel herablassen? Leider habe ich Ihnen in diesem Puppenhäuschen keinen würdigeren Sitz anzubieten! Aber vielleicht bin ich auch im Wege, wenn Sie mit dem Könige von Staatsangelegenheiten zu sprechen wünschen. Ich kann mich ja in mein Boudoir zurückziehen.« »Nicht doch, nicht doch, gnädige Frau,« erwiderte Ludwig. »Im Gegenteil, ich wünsche, daß Sie hier bleiben. Was gibt es, Louvois?« »Ein Courier ist soeben mit Depeschen aus England angekommen, Ew. Majestät,« antwortete der Minister, dessen wuchtige Gestalt auf dem dreibeinigen Sessel hin und her schwankte. »Die Stimmung ist dort sehr bedenklich, und man fürchtet einen Aufstand. In seinem Schreiben fragt Lord Sunderland bei mir an, ob sein König auf Frankreichs Hilfe rechnen dürfe, falls die Holländer sich auf die Seite der Unzufriedenen stellten. Natürlich antwortete ich ohne Zaudern, er könne darauf rechnen; waren mir doch Ew. Majestät Intentionen bekannt.« » Was thaten Sie!« »Ich antwortete, Sire, er könne auf Frankreichs Hilfe rechnen.« König Ludwig, purpurrot vor Zorn, ergriff die Feuerzange vom Kamin mit einer Bewegung, als wollte er seinen Minister damit niederschlagen. Frau von Maintenon sprang auf und legte ihre Hand mit besänftigender Gebärde auf seinen Arm. Er warf die Zange wieder hin, aber seine Augen funkelten noch vor Wut, als er sie auf Louvois richtete. »Wie konnten Sie sich unterstehen!« schrie er. »Aber, Sire –« »Wie konnten Sie das wagen! Was! Sie vermessen sich, eine solche Botschaft zu beantworten, ohne mich zu fragen! Wie oft muß ich Ihnen denn sagen, daß ich der Staat bin – ich allein; daß alles von mir kommen muß, und daß ich nur Gott allein verantwortlich bin! Was sind Sie? Mein Werkzeug, mein Geschöpf! Und Sie, Sie erkühnen sich, ohne meine Autorität zu handeln!« »Ich dachte, Ihre Intentionen zu kennen, Sire,« stammelte Louvois, dessen hochfahrendes Wesen ihn ganz verlassen hatte, und dessen Gesicht weiß war, wie der Busenstreif seines Hemdes. »Sie haben überhaupt gar nichts über meine Intentionen zu denken, Herr Minister. Sie haben sich danach zu erkundigen und dann ihnen zu gehorchen. Wozu habe ich mich denn von meinem alten Adel abgewendet – wozu habe ich die Angelegenheiten meines Reiches Männern anvertraut, deren Namen in der Geschichte Frankreichs ganz unbekannt waren, wie Colbert und Sie selbst? Man hat mich deshalb scharf getadelt. So sagte noch neulich der Herzog von St. Simon, das sei eine rein bürgerliche Regierung. Das ist sie auch. Ich habe es so gewollt, weil ich wußte, daß der Adel die Gewohnheit hat, selbständig zu denken, und ich keine Gedanken außer meinen eignen in der Regierung Frankreichs zu dulden beabsichtigte. Wenn aber auch meine bürgerlichen Werkzeuge anfangen, Botschaften zu empfangen und den Gesandten Antworten zu geben, so bin ich in der That beklagenswert. Ich habe Sie mir schon längere Zeit aufs Korn genommen, Louvois. Sie sind über Ihre Stellung hinaus gewachsen. Sie nehmen sich zuviel heraus. Hüten Sie sich, daß ich mich nicht noch einmal über Sie zu beklagen habe!« Der ausgescholtene Minister saß ganz zusammengebrochen da, mit tief gesenktem Kopfe. Noch einige Minuten lang murrte und grollte der König, aber die Wolke wich allmählich von seinem Gesicht, denn seine Zornausbrüche waren gewöhnlich eben so kurz wie heftig und jäh. »Sie werden den Courier noch zurückhalten, Louvois,« sagte er endlich mit ruhiger Stimme. »Jawohl, Sire.« »Und morgen in der Sitzung des Staatsrats wollen wir über eine passende Antwort an Lord Sunderland beraten. Es möchte sich vielleicht empfehlen, nicht gar zu freigebig mit Versprechungen in dieser Sache zu sein. Diese Engländer sind uns immer ein Pfahl im Fleisch gewesen. Wenn wir sie mit Streitigkeiten, die ihnen auf mehrere Jahre hinaus zu schaffen machen, ihrem angestammten Nebeldunst überlassen konnten, dann wäre es in der That ein Leichtes, diesen holländischen Fürsten nach Belieben zu zermalmen. Ihr letzter Bürgerkrieg dauerte zehn Jahre, und ihr nächster wird vielleicht nicht kürzer sein. Lange bevor er zu Ende ist, hätten wir unsre Grenze bis zum Rhein ausgedehnt. Wie, Louvois?« »Ihre Heere stehen bereit, Sire, sobald Sie es befehlen.« »Aber der Krieg ist ein kostspieliges Ding. Ich möchte nicht noch einmal unser ganzes Tafelsilber verkaufen müssen wie letzthin. Wie steht es denn um die Staatseinkünfte?« »Wir sind nicht sehr reich, Sire. Aber es gibt ein Mittel, um leicht Geld zu gewinnen. Es wurde heute früh allerhand über die Hugenotten gesprochen, und ob sie noch länger in dem katholischen Lande Frankreich wohnen dürften. Nun, wenn sie vertrieben und ihr Eigentum vom Staate eingezogen würde, dann wären Ew. Majestät mit einem Schlage der reichste Monarch der Christenheit.« »Aber Sie waren doch heute früh entschieden dagegen?« »Ich hatte keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, Sire.« »Sie meinen, daß Vater La Chaise und der Bischof von Meaux noch keine Zeit gehabt hatten, Sie zu bearbeiten,« entgegnete Ludwig mit scharfer Betonung. »Ach, Louvois, ich habe nicht alle diese Jahre inmitten meines Hofes gelebt, um nicht zu wissen, wie man es macht. Dem wird ein Wort zugeraunt, und dann jenem und dann einem dritten und so auch dem Könige. Wenn meine guten Väter der Kirche sich etwas in den Kopf gesetzt haben, so finde ich ihre Spuren auf Schritt und Tritt, wie man den Weg des Maulwurfs erkennt an den Erdhaufen, die er aufgewühlt hat. Aber ich will mich nicht gegen meine bessere Vernunft dazu bewegen lassen, Leuten Unrecht zu thun, die, wie sehr sie auch im Irrtum sein mögen, doch die mir von Gott anvertrauten Unterthanen sind.« »Dazu will ich Sie auch wahrhaftig nicht veranlassen, Sire,« beteuerte Louvois ganz bestürzt. Des Königs Beschuldigung war so richtig gewesen, daß er im Augenblick unfähig war, zu widersprechen. »Ich kenne nur eine Person,« fuhr Ludwig mit einem Blick auf Frau von Maintenon fort, »die keinen Ehrgeiz hat, die weder Reichtum noch eine hohe Stellung begehrt, und die deshalb nie bestochen werden kann, meine Interessen zu opfern. Darum schätze ich die Ansichten jener Person so hoch.« Er lächelte der Dame bei diesen Worten zu, wahrend der Minister ihr einen Blick zuwarf, in welchem sich die an seiner Seele nagende Eifersucht offenbarte. »Es war meine Pflicht, Ihnen diesen Ausweg zu zeigen, Sire, nicht als einen Ratschlag, sondern als eine Möglichkeit,« sagte er, indem er sich erhob. »Ich fürchte, daß ich schon zuviel von Ew. Majestät Zeit in Anspruch genommen habe, und werde jetzt mit Ew. Majestät Erlaubnis mich empfehlen.« Indem er vor Frau von Maintenon eine leichte und vor dem Monarchen eine tiefe Verbeugung machte, schritt er aus dem Zimmer. »Louvois wird ganz unerträglich,« sagte der König. »Ich weiß nicht, was es mit seiner Anmaßung für ein Ende nehmen wird. Wäre er nicht doch ein vorzüglicher Diener, ich würde ihn längst weggejagt haben. Er hat über alles und jedes seine eigne Meinung. Erst neulich behauptete er, ich hätte Unrecht, als ich sagte, eins der Fenster in Trianon sei kleiner als alle andern. Es wäre genau ebenso groß, meinte er. Ich rief Le Nôtre mit seinen Maßen herbei, und natürlich war das Fenster, wie ich gesagt, zu klein. Aber ich sehe auf Ihrer Uhr, daß es vier Uhr ist. Ich muß gehen.« »Meine Uhr, Sire, geht eine halbe Stunde nach.« »Eine halbe Stunde!« Der König sah einen Augenblick lang bestürzt aus, dann fing er an zu lachen. »Nun, wenn es so ist, bleibe ich am besten, wo ich bin, denn es ist zu spät hinzugehen, und ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß es die Schuld der Uhr, und nicht die meinige war.« »Hoffentlich war die Sache von keiner sehr großen Wichtigkeit, Sire,« sagte Frau von Maintenon mit einem Blicke stillen Triumphes in ihren Augen. »O durchaus nicht.« »Keine Staatsangelegenheit?« »Nein, nein; ich wollte nur um diese Stunde das Benehmen einer anmaßenden Person rügen. Aber vielleicht ist es besser so. Meine Abwesenheit wird an sich schon meine Botschaft ausrichten und zwar so, daß ich hoffen darf, das Antlitz dieser Person niemals wieder an meinem Hofe zu sehen. Ah – was ist das!« Die Thür flog auf, und Frau von Montespan, schön und wutbebend, stand vor ihnen. X. Eine Sonnenfinsternis in Versailles. Frau von Maintenon hatte noch nie ihre Selbstbeherrschung verloren, noch war sie jemals um eine Ausflucht verlegen gewesen. So erhob sie sich auch jetzt sofort mit einer Miene, als erblicke sie endlich einen willkommenen Gast, nach dem sie schon sehnsüchtig ausgeschaut hatte. Mit offnem Lächeln und ausgestreckter Hand ging sie ihr entgegen. »Das ist einmal eine Freude!« sagte sie. Aber Frau von Montespan war sehr zornig, so zornig, daß sie augenscheinlich mit aller Kraft nach Selbstbeherrschung rang, um einen Wutausbruch zurückzuhalten. Ihr Gesicht war sehr blaß, ihre Lippen zusammengepreßt, und ihre blauen Augen hatten den stieren Blick und das kalte Funkeln, das rasenden Weibern eigen ist. So standen sie einen Augenblick einander Aug' in Auge gegenüber, die eine grollend, die andere lächelnd, zwei der schönsten, königlichsten Frauen Frankreichs. Dann aber, ohne die ausgestreckte Hand ihrer Nebenbuhlerin zu beachten, wandte sich die Montespan zum König, der sie mit umwölktem Gesichte angeblickt hatte. »Ich störe wohl, Sire.« »Sie kommen allerdings etwas überraschend, Marquise.« »Ich muß um Verzeihung bitten, wenn dem so ist. So lange diese Dame die Erzieherin meiner Kinder ist, bin ich gewohnt, ihr Zimmer unangemeldet zu betreten.« »Soweit ich in Betracht komme, gestatte ich Ihnen das sehr gern,« sagte Frau von Maintenon mit vollkommener Fassung. »Ich muß gestehen, daß ich nie daran gedacht habe, Sie um Erlaubnis zu bitten,« erwiderte ihre Nebenbuhlerin kalt. »Dann werden Sie das von nun an thun, Marquise,« sagte der König streng. »Es ist mein ausdrücklicher Befehl, daß Sie dieser Dame hinfort jede erdenkliche Rücksicht erweisen.« »Dieser Dame, so?« und sie machte eine Handbewegung nach ihr hin. »Ew. Majestät Befehle sind uns natürlich Gesetze. Allerdings muß ich es meinem Gedächtnis einprägen, daß es diese Dame ist, denn zuweilen könnte man sich in den Namen irren, die Ew. Majestät zu besonderer Ehrenbezeugung erwählt haben. Heute ist es die Maintenon, gestern war's die Fontanges, morgen – ei nun, wer kann wissen, wer es morgen sein wird?« Sie war prächtig, wie sie so dastand mit den funkelnden blauen Augen, dem erregt wogenden Busen und stolz und völlig furchtlos auf ihren königlichen Liebhaber herabsah. So ärgerlich er auch war, sein Blick verlor doch etwas von seiner Strenge, als er auf ihrem runden vollen Halse und auf den zarten Linien ihrer schöngeformten Schultern ruhte. Ihre Leidenschaftlichkeit stand ihr sehr gut, wie auch die herausfordernde Haltung ihres zierlichen Kopfes und die höhnische Geringschätzung, mit der sie auf ihre Nebenbuhlerin herabschaute. »Durch Ihre freche Anmaßung werden Sie nichts gewinnen, gnädige Frau,« bemerkte er. »Ich bin mir nicht bewußt, anmaßend gesprochen zu haben.« »Ihre Worte klangen aber so.« »Am französischen Hofe, Sire, wird die Wahrheit fälschlich immer Anmaßung genannt.« »Wir haben davon nun genug gehört.« »Ein klein wenig Wahrheit ist freilich Wahrheit genug.« »Sie vergessen sich, Marquise. Ich bitte, verlassen Sie das Zimmer.« »Zuvor muß ich Ew. Majestät daran erinnern, daß ich an diesem Nachmittag die Ehre eines Besuches haben sollte. Um vier Uhr, so lautete das königliche Versprechen, wollten Sie zu mir kommen. Ich kann nicht daran zweifeln, daß Ew. Majestät dieses Versprechen halten wird, trotz des Magnetes, der Sie hier zu fesseln scheint.« »Ich würde gekommen sein, gnädige Frau, aber wie Sie bemerken werden, geht die Uhr eine halbe Stunde nach, und die Zeit war mir im Fluge vergangen, ehe ich es bemerkte.« »Ich bitte Sie, Sire, sich deswegen nicht zu beunruhigen. Ich kehre jetzt auf mein Zimmer zurück, und fünf Uhr paßt mir ebenso gut als vier.« »Ich danke Ihnen, Marquise, aber ich habe die jetzige Zusammenkunft nicht so erfreulich gefunden, als daß mich nach einer zweiten verlangen sollte.« »So werden Majestät also nicht kommen?« »Allerdings, ich ziehe das vor.« »Trotz Ihres Versprechens?« »Gnädige Frau!« »Sie werden also Ihr Wort brechen!« »Schweigen Sie, Marquise! Dies wird unerträglich!« »Wahrhaftig, es ist unerträglich!« rief die Montespan entrüstet und ließ jede Vorsicht fahren. »O ich habe keine Angst vor Ihnen, Sire. Ich habe Sie geliebt, aber ich habe Sie nie gefürchtet! Ich verlasse Sie denn. Ich überlasse Sie Ihrem Gewissen und – und Ihrer Frau Beichtigerin. Aber ein wahres Wort sollen Sie noch hören, ehe ich gehe. Sie haben Ihrer Gemahlin die Treue gebrochen, Sie haben Ihrer Geliebten die Treue gebrochen, aber erst jetzt sehe ich, daß Sie auch Ihr Wort brechen können!« Damit machte sie ihm eine flüchtig zornige Verbeugung und glitt erhobenen Hauptes aus dem Zimmer. Wie von einer Schlange gestochen, sprang der König von seinem Stuhle empor. Seine sanfte, kleine Gemahlin und die noch sanftere La Vallière hätten es nie gewagt, so zu ihm zu sprechen. Was er soeben gehört, wirkte auf ihn, wie ein körperlicher Schlag. Er fühlte sich betäubt, gedemütigt, verwirrt von einer so ganz ungewohnten Empfindung. Welch ein fremdartiger Duft mischte sich zum erstenmal in die Weihrauchwolke, in der er lebte? Und dann empörte sich seine ganze Seele gegen sie, gegen die Frau, welche es gewagt hatte, ihre Stimme gegen ihn zu erheben. Daß sie auf eine andere Frau eifersüchtig war und sie beleidigte, das war zu entschuldigen. Ja, es war eigentlich ein indirektes Kompliment für ihn. Daß sie sich aber gegen ihn wandte, als seien sie beide nichts weiter als Mann und Weib, anstatt Monarch und Unterthanin, das war zu viel. Er stieß einen unartikulierten Wutschrei aus und stürzte der Thür zu. »Sire!« Frau von Maintenon, welche den raschen Wechsel der Empfindungen in seinem ausdrucksvollen Antlitz scharf beobachtet hatte, trat schnell zwei Schritt vor und legte die Hand auf seinen Arm. »Ich will ihr nach!« »Und warum, Sire?« »Ich will ihr den Hof verbieten.« »Aber Sire –« »Sie haben sie gehört! Es ist infam! Ich muß hin!« »Aber Sire, könnten Sie nicht schreiben?« »Nein nein; ich muß sie sehen!« Er riß die Thür auf. »O dann, Sire, seien Sie stark!« Mit angstvollem Gesicht sah sie ihm nach, wie er mit zornigen Gebärden den Korridor hinabstürmte. Dann wandte sie sich um, schritt auf ihren Betschemel zu, fiel auf die Knie und beugte das Haupt zum Gebet für den König, für sich, für Frankreich. Herr von Catinat hatte inzwischen seinem jugendlichen Freunde von jenseit des Wassers alle Wunder des großen Palastes gezeigt, und dieser hatte sie bald getadelt, bald bewundert, mit einer Unabhängigkeit des Urteils und einer angeborenen Sicherheit des Geschmacks, wie es einem Manne natürlich ist, dessen Leben in der Freiheit, inmitten der herrlichsten Naturwunder verflossen ist. Wie groß auch die mächtigen Fontänen und die künstlichen Kaskaden von Versailles sein mochten, sie machten keinen überwältigenden Eindruck auf einen Mann, der vom Erie- hinauf nach dem Ontariosee gereist war, der gesehen hatte, wie der Niagarastrom sich über seine Felswände tosend in den Abgrund stürzt; und ebensowenig kamen ihm die weiten ebnen Rasenflächen besonders groß vor, der die ausgedehnten Ebenen der Dakotas gesehen hatte. Das Gebäude selbst jedoch, seine Ausdehnung, seine Höhe und die Schönheit seiner Architektur erfüllte ihn mit Erstaunen. »Das muß Ephraim Savage sehen,« wiederholte er immer aufs neue. »Sonst würde er nie glauben, daß es ein Haus in der Welt gibt, welches mehr wiegt als ganz Boston und New York zusammengenommen.« Catinat hatte es so eingerichtet, daß der Amerikaner bei seinem Freunde, dem Major von Brissac, blieb, während er selbst zum zweitenmale auf Wache ziehen mußte. Kaum hatte er seinen Posten im Korridor eingenommen, als zu seinem Erstaunen der König ohne Begleitung oder Diener schnell den Gang hinabgeeilt kam. Sein zartes Gesicht war vom Zorn entstellt, und der Mund grimmig zusammengepreßt, als habe er einen bedeutungsvollen Entschluß gefaßt. »Offizier von der Wache,« sagte er kurz. »Zu Befehl, Sire.« »Wie! Sie sind es wieder, Hauptmann von Catinat? Sie sind doch nicht seit heute morgen auf Wache gewesen? »Nein, Sire. Es ist meine zweite Wache.« »Gut. Ich habe einen Auftrag für Sie.« »Ich stehe zu Befehl, Sire.« »Ist ein andrer Offizier da?« »Lieutenant de la Tremouille hat die Seitenwache.« »Gut. Übergeben Sie ihm das Kommando.« »Zu Befehl, Sire.« »Sie selbst werden zu Herrn von Vivonne gehen. Wissen Sie, wo er wohnt?« »Jawohl, Sire.« »Wenn er nicht da ist, müssen Sie ihn aufsuchen. Wo er auch sein mag, er muß innerhalb einer Stunde gefunden werden.« »Zu Befehl, Sire.« »Sie werden ihm einen Befehl von mir überbringen. Um sechs Uhr soll er mit seinem Wagen am Ostthor des Palastes sein. Seine Schwester, die Frau von Montespan, wird ihn dort erwarten. Er soll sie auf meinen Befehl nach dem Schlosse Petit Bourg geleiten. Sie werden ihm sagen, daß er für ihre sichere Ankunft daselbst einstehen muß.« »Zu Befehl, Sire.« Catinat senkte grüßend die Degenspitze und machte sich auf, um den erhaltenen Befehl auszuführen. Der König durchmaß die Galerie bis ans Ende; dort öffnete er eine Thür, welche in ein prächtiges Vorzimmer führte, das von Spiegelglas und Gold strahlte. Zierliche Möbel aus Silber und Ebenholz prangten auf einem dunkelroten Teppich aus Aleppo, in dem der Fuß versank wie in schwellendem Waldmoose. Ganz übereinstimmend mit dieser Ausstattung war das einzige menschliche Wesen, das sich in diesem prächtigen Raum befand – ein kleiner Negerknabe in dunkler, mit Silberflittern besetzter Sammetlivree, der unbeweglich, wie eine kleine schwärzliche Statuette gegen die Thür lehnte, die derjenigen, durch welche der König eintrat, gegenüberlag: »Ist deine Gebieterin drinnen?« »Sie ist soeben zurückgekehrt, Sire.« »Ich möchte sie sehen.« »Ich bitte um Verzeihung, Sire, aber sie –« »Muß mir denn heute alles widersprechen?« zürnte der König, packte den kleinen Pagen beim Kragen, und schleuderte ihn beiseite. Dann öffnete er, ohne zu klopfen, die Thür und trat in das Boudoir der Dame. Es war ein großes, hohes Gemach. Drei breite, vom Boden bis an die Decke reichende Fenster nahmen die eine Seite ein, und durch die zarten, rosafarbigen Vorhänge warf die Abendsonne ein mildes, gedämpftes Licht. Große vergoldete Kandelaber prangten zwischen den Spiegeln, und an der Decke hatte Le Brun die ganze reiche Farbenglut seines Pinsels verschwendet. Sein Gemälde stellte Ludwig dar als den Donnerer Zeus, wie er seine Blitze in einen verzerrten Knäuel holländischer und Pfälzer Titanen schleudert. Der vorherrschende Farbenton auf Tapeten, Teppichen und Möbeln war rosa, so daß das ganze Zimmer wie die Innenseite einer Muschel schimmerte und bei einer Beleuchtung, wie sie jetzt eben sich darüber ergoß, einem Gemache glich, das ein Feenkönig für seine Königin erbaut hat. Im Hintergrunde, auf einer Ottomane hingestreckt, das Antlitz in die Kissen gedrückt, die schönen weißen Arme darüber verschränkt, die reichen braunen Haarwellen aufgelöst und ungeordnet über die langgeschwungene Linie des marmorweißen Halses herabhängend, so lag die Frau, die er endgültig verstoßen wollte, da, wie eine geknickte Blume. Sie hatte aufgeblickt, als die Thür sich schloß; dann aber beim Anblick des Königs sprang sie auf, lief ihm mit ausgestreckten Händen und thränenfeuchten Augen entgegen, und ihr ganzes schönes Antlitz war zu weiblichster Demut und Sanftmut verklärt. »Ach, Sire!« rief sie, und wie ein reizender Sonnenstrahl brach die Freude sich durch ihre Thränen Bahn, »ich habe Ihnen also doch Unrecht gethan! Ich habe Ihnen grausames Unrecht gethan! Sie haben Ihr Versprechen gehalten. Sie haben nur mein Vertrauen auf die Probe stellen wollen! O wie konnte ich so zu Ihnen sprechen! – wie konnte ich diesem edlen Herzen so wehe thun! Aber nun sind Sie gekommen, um mir zu sagen, daß Sie mir vergeben!« Dabei streckte sie die Arme aus, zutraulich wie ein liebliches Kind, das eine Umarmung als etwas Selbstverständliches beansprucht. Aber der König trat rasch zurück und wies sie mit zorniger Geberde von sich. »Alles ist auf ewig zwischen uns zu Ende,« rief er rauh. »Ihr Bruder erwartet Sie um sechs Uhr am Ostthor; mit ihm werden Sie das Schloß verlassen.« Sie taumelte zurück, als hätte er sie geschlagen. »Ich soll Sie verlassen?« rief sie. »Sie müssen den Hof verlassen.« »Den Hof! Ja von Herzen gern, diesen Augenblick! Aber Sie! Ach Sire, Sie verlangen das Unmögliche!« »Ich verlange nicht, Marquise; ich befehle. Seit Sie angefangen haben, Ihre Stellung bei Hofe zu mißbrauchen, ist mir Ihre Gegenwart unerträglich geworden. Kein gekröntes Haupt Europas hätte je gewagt, zu mir zu sprechen, wie Sie es heute gethan haben. Sie haben mich in meinem eignen Palast beschimpft – mich, Ludwig, den König! Das darf nicht zum zweitenmal vorkommen. Ihre Anmaßung hat Sie diesmal zu weit geführt. Sie wähnten, weil ich langmütig war, ich wäre schwach. Es kam Ihnen so vor, als könnten Sie, wenn Sie mir nur heute willfährig waren, mich morgen als Ihresgleichen behandeln, als ließe sich so ein armseliger Puppenkönig nach Belieben rechts oder links drehen. Sie sehen jetzt, daß Sie sich irrten. Um sechs Uhr werden Sie Versailles auf immer verlassen.« Seine Augen sprühten Blitze, und seine kleine hochaufgerichtete Gestalt schien zu wachsen bei der Heftigkeit seiner Entrüstung, während Frau von Montespau, die eine Hand über die Augen gelegt, die andere ausgestreckt wie zur Abwehr des zornigen Blickes, wie zusammengebrochen dastand. »O, ich habe schändlich gehandelt!« rief sie. »Ich weiß es, ich weiß es!« »Es freut mich, Marquise, daß Sie die Gnade haben, das einzugestehen.« »Wie konnte ich nur so zu Ihnen sprechen! Wie konnte ich! O wenn doch diese unselige Zunge verdorrte! Ich, die nur Gutes von Ihnen erfahren hat! Ich mußte Sie beleidigen, der Sie der Urheber all meines Glückes sind! O Sire, vergeben Sie, vergeben Sie mir! Aus Erbarmen, vergeben Sie mir!« Ludwig war von Natur ein gutherziger Mann. Die Selbsterniedrigung dieser schönen hochmütigen Frau rührte ihn und schmeichelte seinem Stolz. Seine anderen Maitressen waren stets nachgiebig und liebenswürdig gewesen, aber diese war starrsinnig und hochfahrend, bis sie seine Herrenhand fühlte. Sein Blick, der auf ihr ruhte, wurde milder, aber er schüttelte den Kopf, und seine Stimme blieb unerschütterlich fest, als er erwiderte: »Es ist umsonst, Marquise. Ich habe mir diese Sache seit lange überlegt, und Ihr heutiges wahnsinniges Benehmen hat nur das Unvermeidliche beschleunigt. Sie müssen den Palast verlassen.« »Ich werde den Palast verlassen. Sagen Sie nur, daß Sie mir vergeben! O Sire, ich kann Ihren Zorn nicht ertragen. Er erdrückt mich. Ich habe nicht die Kraft dazu. Es ist nicht die Verbannung, es ist der Tod, zu dem Sie mich verurteilen. Gedenken Sie der langen Jahre unsrer Liebe, und sagen Sie, daß Sie mir vergeben. Ich habe um Ihretwillen alles aufgegeben – den Gatten, die Ehre – alles. O können Sie nicht Ihren Zorn über mein ungebührliches Betragen unterdrücken? Mein Gott, er weint! O ich bin gerettet! Ich bin gerettet!« »Nein, nein,« rief der König und fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Sie sehen die Schwäche des Mannes, aber Sie sollen auch die Festigkeit des Königs sehen. Ihre heutigen Beleidigungen vergebe ich von Herzen, wenn Sie das in Ihrer Zurückgezogenheit trösten kann. Aber ich habe auch eine Pflicht gegen meine Unterthanen zu erfüllen, es ist die Pflicht, ihnen ein Beispiel zu geben. Wir haben bisher zu wenig daran gedacht. Aber die Zeit ist da, wo es notwendig wird, prüfend auf unser vergangenes Leben zurückzublicken und uns auf das zukünftige vorzubereiten.« »Ach, Sire, Sie thun mir wehe. Noch haben Sie die Vollreife der Jahre nicht erreicht, und Sie sprechen, als seien Sie dem Greisenalter nahe. Nach zwanzig Jahren mag es Zeit werden, daß die Leute von Ihnen sagen dürfen, das Alter habe Ihre Lebenskraft gebrochen und Sie verwandelt.« Der König zuckte zusammen. »Wer sagt das?« rief er ärgerlich. »O, Sire, es entfuhr mir unversehens. Vergessen Sie es. Niemand sagt das, niemand.« »Sie verbergen mir etwas. Wer hat dies gesagt?« »O fragen Sie mich nicht, Sire!« »Sie sagten, es ginge die Rede, ich hätte meine Lebensweise nicht aus Frömmigkeit, sondern genötigt durch den Druck der Jahre geändert. Wer hat das gesagt?« »Ach, Sire, es war ja nur ein dummer Hofklatsch und ist Ihrer Beachtung ganz unwert. Nichts weiter als das leere Getratsch der Kavaliere, die nichts Besseres zu sagen wußten, um ihren Damen ein Lächeln abzugewinnen.« »Der allgemeine Hofklatsch!« Ludwig wurde dunkelrot. »Bin ich denn wirklich so gealtert? Sie kennen mich nun seit beinahe zwanzig Jahren. Finden Sie mich auch so verändert?« »In meinen Augen, Sire, sind Sie so schön und anmutsvoll wie damals, als Sie das Herz des Fräuleins von Tonnay-Charente gewannen.« Der König lächelte und blickte die schöne Frau vor ihm an. »Wahrhaftig,« sagte er, »ich kann wohl sagen, daß auch an Fräulein von Tonnay-Charente keine große Veränderung bemerklich ist. Aber doch – es ist besser wir scheiden, Françoise.« »Wenn dadurch Ihr Glück nur im geringsten vermehrt wird, Sire, werde ich gehen, und sollte ich darüber sterben.« »Das war gut gesprochen.« »Sie dürfen nur den Ort bestimmen, Sire – Petit Bourg, Chargny, oder mein St. Josephskloster im Faubourg St. Germain. Was liegt daran, wo die Blume verblüht, wenn die Sonne ihr doch nie mehr scheint? Die Vergangenheit zum wenigsten ist mein Eigentum, und ich werde in der Erinnerung an die Tage leben, wo noch niemand zwischen uns getreten war und Ihre süße Liebe mir ganz allein gehörte. Seien Sie glücklich Sire, seien Sie glücklich, und denken Sie nicht mehr an das, was ich über das thörichte Gerede am Hofe sagte. Ihr Leben liegt in der Zukunft Das meinige gehört der Vergangenheit. Leben Sie wohl, mein teurer Fürst, leben Sie wohl!« Sie streckte die Arme aus; ihre Augen umflorten sich, und sie würde gefallen sein, wäre Ludwig nicht vorgesprungen und hätte sie in seinen Armen aufgefangen. Das schöne Haupt sank auf seine Schulter, ihr Atem streifte warm seine Wange, und er sog den feinen Duft ein, der ihrem Haar entströmte. Während er sie so hielt, wogte ihr Busen an seinem Arme auf und nieder, und er fühlte, wie ihr Herz unter seiner Hand flatterte, wie ein gefangener Vogel. Der weiße Hals war zurückgesunken, die Augen halb geschlossen, ihre Lippen leise geteilt, so daß man gerade noch die Reihe perlweißer Zähne sehen konnte, ihr schönes Antlitz ganz nahe dem seinen. Da plötzlich zitterten die Augenlider, und die großen blauen Augen schauten zu ihm auf, liebevoll, flehend, halb zurückweisend, halb herausfordernd, die ganze Seele in ihrem Blick. Machte er eine Bewegung, oder war sie es? Wer kann es sagen? Ihre Lippen trafen sich in einem langen Kuß und dann in noch einem, und Ludwigs Pläne und Entschlüsse flogen dahin, wie Herbstblätter vor dem Westwind. »So soll ich also nicht fort! Sie haben nicht das Herz, mich wegzuschicken, nicht wahr?« »Nein, nein; aber Sie müssen mir keine Unannehmlichkeiten mehr machen, Françoise.« »Ich würde lieber sterben, als Ihnen auch nur einen Augenblick Kummer bereiten. Ach Sire, ich habe Sie letzthin so selten gesehen! Und ich liebe Sie so heiß! Es hat mich fast wahnsinnig gemacht. Und dann jene fürchterliche Frau –« »Wer denn?« »Ach ich darf nichts gegen sie sagen. Ich will um Ihretwillen sogar gegen sie höflich sein – die Witwe des alten Scarron!« »Jawohl, jawohl, Françoise. Sie müssen höflich sein. Ich mag keine Mißhelligkeiten haben.« »Sie aber bleiben bei mir, Sire?« Ihre geschmeidigen Arme umwanden seinen Nacken. Dann hielt sie ihn einen Augenblick auf Armeslänge von sich, um ihre Augen an seinem Anblick zu weiden, darauf zog sie ihn wieder an sich. »Mein teurer König wird mich nicht verlassen! Wie lange ist's doch her, Sire, seit Sie hier gewesen sind?« Das süße Gesicht, der Rosenschein des Zimmers, die abendliche Stille, alles vereinigte sich zu einem sinnbethörenden Einfluß. Ludwig sank auf einen Divan. »Ich bleibe hier,« sagte er. »Und der Wagen, Majestät, der Wagen am Ostthor?« »Ich bin hart gegen Sie gewesen, Françoise. Sie vergeben mir, nicht wahr? Haben Sie Papier und Feder, daß ich den Befehl widerrufen kann?« »Hier ist beides, Sire, auf dem Nebentisch. Ich möchte auch einen Brief schreiben. Wenn ich Sie einen Augenblick verlassen darf, will ich es im Vorzimmer thun.« Sie schwebte triumphierenden Blickes aus dem Gemach. Der Kampf war heiß gewesen, aber um so herrlicher der Sieg. Im Vorzimmer nahm sie ein rosa Blättchen aus einer zierlichen Schreibmappe und warf rasch ein paar Zeilen darauf hin. Sie lauteten: »Sollte Frau von Maintenon dem Könige eine Botschaft senden wollen, so wird ihn dieselbe in den nächsten Stunden in Frau von Montespans Gemächern finden.« Dieses an ihre Nebenbuhlerin gerichtete Billet wurde zusammen mit dem Befehl des Königs durch den kleinen schwarzen Pagen besorgt. XI. Die Sonne erscheint wieder Fast eine Woche lang blieb der König seiner neuen Laune treu. Der regelmäßige Gang seiner Tagesordnung blieb derselbe, nur daß es wieder die frühere Geliebte war, die er am Nachmittag aufsuchte, anstatt Frau von Maintenon. Und im Einklange mit diesem plötzlichen Rückfall in sein altes Leben wichen auch die düstern Farben seines Anzuges allmählich; hellbraun und lila und lederfarbe trat an die Stelle von schwarz und von dunkelblau. Sogar ein wenig Goldtresse kam an seinen Hüten und dem Besatz seiner Taschen zum Vorschein. Drei Tage lang blieb sein Betschemel in der Schloßkapelle leer. Sein Gang war frischer, und seinen Stock schwenkte er mit jugendlicher Gebärde wie denen zum Trotz, welche in seiner Lebensumgestaltung die ersten Anzeichen des nahenden Alters zu sehen gemeint hatten. Frau von Montespan hatte genau gewußt, was sie that, als sie ihm jene Andeutung hinwarf. Mit der wiedererwachenden Lebenslust des Königs erneute sich auch die des Hofes. Die Säle erstrahlten in ihrem früheren Glanz; bunte Anzüge, glänzende Stickereien, die seit Jahren ungebraucht in Schränken und Kommoden gelegen hatten, tauchten in den Räumen des Palastes wieder auf. In der Kapelle predigte Bourdaloue vor leeren Bänken, aber ein neues Ballett in den Gärten wurde vom ganzen Hofe besucht und mit stürmischem Beifall aufgenommen. Das Vorzimmer der Montespan war jeden Morgen von Bittstellern und Bittstellerinnen überfüllt, während das ihrer Nebenbuhlerin so leer war, wie einst, da der König sie noch nicht gnädig angesehen hatte. Allerhand Personen, die seit lange vom Hofe verbannt gewesen waren, erschienen wieder in den Galerien und Gärten, ohne zurückgewiesen oder gehindert zu werden, während der schwarze Priesterrock des Jesuiten und die violette Soutane des Bischofs weniger häufig in der Umgebung des Königs erschienen. Trotz alledem war die Kirchenpartei, die, wenn sie die frömmelnde Bigotterie vertrat, doch immerhin auch auf Seiten der Tugend stand, keinen Augenblick ernstlich besorgt wegen dieses Rückfalles. Die finstern Augen der Priester und Prälaten verfolgten Ludwig bei seinen Seitensprüngen wie bedächtige Jäger ein junges Reh bewachen würden, das unter dem Eindruck herrenloser Freiheit auf einer Wiese herumtollt, wo doch jede Öffnung und jeder Waldpfad mit Netzen versperrt ist und es sich in Wirklichkeit ebenso sehr in ihren Händen befindet, als ob es gebunden vor ihnen läge. Sie wußten es ja ganz genau, wie kurze Zeit es dauern würde, bis irgend ein Schmerz, ein Weh, ein zufälliges Wort ihn wieder an seine Sterblichkeit erinnern und ihn aufs neue in jene abergläubischen Schrecken hüllen würden, die bei ihm die Stelle der Religion einnahmen. So warteten sie denn ganz ruhig und planten im stillen, wie der verlorene Sohn bei seiner Umkehr am besten zu behandeln sei. In der Verfolgung dieser Gedanken machten sein Beichtvater, Pater La Chaise und Bossuet, der große Bischof von Meaux, eines Morgens der Frau von Maintenon ihre Aufwartung. Sie fanden sie in voller Unterrichtsthätigkeit. Ein Globus stand neben ihr, und sie bemühte sich, dem lahmen Herzog von Maine und dem mutwilligen kleinen Grafen von Toulouse geographische Kenntnisse beizubringen. Beide hatten von ihrem Vater die Abneigung gegen alles Lernen und von ihrer Mutter den Widerwillen gegen Zucht und Zwang geerbt. Trotzdem war es Frau von Maintenon durch ihren wunderbaren Takt und durch ihre unermüdliche Geduld gelungen, die Liebe und das Vertrauen sogar dieser ungebändigten Prinzen zu gewinnen, und es schmerzte die Marquise von Montespan nicht am wenigsten tief, daß sogar ihre eignen Kinder – von ihrem königlichen Liebhaber gar nicht zu reden – sich von dem Prunk und der Pracht ihrer Salons abwandten, um ihre Zeit in den bescheidenen Gemächern ihrer Nebenbuhlerin zuzubringen. Frau von Maintenon entließ ihre beiden Schüler und empfing die Geistlichen mit einer Mischung von Liebe und Ehrfurcht, welche sie den Männern schuldete, die nicht nur ihre persönlichen Freunde, sondern auch große Lichter der gallikanischen Kirche waren. Den Minister Louvois hatte sie vor kurzem auf einem Schemel sitzen lassen, aber den Priestern räumte sie jetzt die Armsessel ein und bestand darauf, den niedrigen Sitz für sich zu behalten. Die letzten Tage hatten eine Blässe über ihr Antlitz ergossen, welcher ihre Gesichtszüge vergeistigte und verfeinerte, aber ungeschmälert blieb ihnen der ihr eigne Ausdruck lieblicher Gelassenheit. »Ich sehe, meine teure, gnädige Frau, daß Sie gelitten haben,« sagte Bossuet, indem er sie mit einem forschenden und doch freundlichen Blicke ansah. »Ich habe sehr gelitten, Ew. Hochwürden,« erwiderte sie. »Die ganze verflossene Nacht habe ich gebetet, daß diese Heimsuchung an uns vorübergehen möge.« »Und doch brauchen Sie keine Furcht zu haben, gnädige Frau – gar keine, ich versichere Sie. Andere mögen glauben, daß es um Ihren Einfluß geschehen sei; aber wir, die wir des Königs Herz kennen, wir denken anders. Ein paar Tage mögen vergehen, höchstens ein Paar Wochen, dann wird aufs neue jedes Auge in Frankreich sich auf Ihr emporsteigendes Gestirn richten.« Frau von Maintenons Stirn umwölkte sich; sie sah den Prälaten an, als sei seine Rede nicht so ganz nach ihrem Geschmacke. »Ich denke nicht, daß Hoffart mich irre leitet,« sagte sie. »Vielmehr, wenn ich in meiner eignen Seele recht lesen kann, mischt sich kein Gedanke an mich selbst in das Herzeleid, das meine Seele zerreißt. Was brauche ich Macht? Was ich mir wünsche, ist ein kleines Zimmer, Muße für meine Gebetsübungen, ein Scherflein, um mich vor Mangel zu schützen – das ist alles. Weshalb also sollte ich nach Macht streben? Wenn es mir weh ums Herz ist, so kommt das nicht von irgend welchem armseligen Verlust, der mich persönlich betroffen hat. Er bekümmert mich nicht mehr, als das Abreißen eines Fadens in dem Stickrahmen dort. Um den König traure ich – um das edle Herz, die gütige Seele, welche so hoch steigen könnte, und die, dem königlichen Aare gleich, von einem schmutzigen Gewicht herabgezogen und in seinem Aufschwunge gehemmt wird. Um ihn und um Frankreich fließen meine Tage hin in Leid, und meine Nächte bringe ich auf den Knien zu.« »Und trotz alledem, meine Tochter, sind Sie ehrgeizig,« Es war der Jesuit, der diese Worte gesprochen hatte. Seine Stimme war klar und kalt, und seine durchdringenden grauen Augen schienen in den Tiefen ihrer Seele zu lesen. »Sie mögen recht haben, mein Vater,« erwiderte Frau von Maintenon. »Gott bewahre mich vor Selbstüberhebung! Und doch glaube ich nicht, daß ich es bin. Der König hat mir in seiner Güte Titel angeboten – ich habe sie abgelehnt; Geld – ich habe es zurückgegeben. Er hat sich herabgelassen, meinen Rat in Staatsangelegenheiten zu erbitten, und ich habe ihn versagt. Wo bleibt da mein Ehrgeiz?« »In Ihrem Herzen, meine Tochter! Aber es ist kein sündiger Ehrgeiz. Es ist kein Ehrgeiz von dieser Welt. Möchten Sie nicht, daß der König wieder dem Guten nachstrebte?« »Ich würde mein Leben darum geben.« »Das ist Ihr Ehrgeiz. Kann ich nicht in Ihrer edlen Seele lesen? Würde es Sie nicht beglücken, wenn Sie sähen, daß die Kirche rein und ungetrübt in diesem ganzen Reiche herrschte – wenn Sie sähen, wie dem Armen ein Heim, dem Bedürftigen Hilfe zu teil und der Gottlose von seinem bösen Wesen bekehrt würde, wie der König in allem Edlen und Guten stets der erste, der Führer wäre? Würde das nicht Ihr Herz beglücken, meine Tochter?« Ihre Wangen erglühten, und ihre Augen leuchteten, als sie dem Jesuiten in das graue Antlitz blickte und das Bild vor sich sah, welches seine Worte vor ihr heraufbeschworen. »Ja wahrlich, das würde ein Freude sein!« rief sie begeistert aus. »Und noch größere Freude würde es sein, wenn Ihnen – nicht der Mund des Volkes, sondern die Stimme Ihres eignen Herzens in der Stille Ihres Kämmerleins sagte, daß Sie die Ursache von alledem sind, daß Ihr Einfluß diesen Segen über den König und das Vaterland gebracht hat.« »Mit Freuden würde ich dafür sterben!« »Wir verlangen etwas Schwereres von Ihnen. Sie sollen dafür leben .« »Ah!« Sie blickte fragend von einem zum anderen. »Meine Tochter!« sagte Bossuet feierlich vorgebeugt, während er seine breite weiße Hand, an welcher der purpurn leuchtende Siegelring im Sonnenschein funkelte, ausstreckte, »die Zeit ist da, wo offnes Aussprechen geboten ist. Das Interesse der Kirche verlangt es. Niemand hört uns, und es soll auch niemand je erfahren, was jetzt zwischen uns vorgeht. Betrachten Sie uns, wenn Sie wollen, wie zwei Beichtiger, denen Ihr Geheimnis unverletzlich ist. Ich nenne es ein Geheimnis, und doch ist es keins für uns, denn es ist unsres Amtes, die Menschenherzen zu lesen. Sie lieben den König .« »Hochwürden!« Sie fuhr auf, und ein warmes Erröten, das in ihre blassen Wangen stieg, wurde dunkler und breitete sich aus, bis es auch ihre weiße Stirn und ihren königlichen Nacken rosig gefärbt hatte. »Sie lieben den König!« wiederholte Pater La Chaise. »Hochwürden – Vater!« Sie wandte sich verwirrt von einem zum anderen. »Es ist keine Schande, zu lieben, meine Tochter,« beruhigte sie Bossuet. »Die Schande liegt nur darin, daß man der Liebe unterliegt. Ich sage es noch einmal: Sie lieben den König.« »Wenigstens habe ich es ihm niemals gestanden,« stammelte sie. »Und Sie wollen es auch niemals thun?« »Gebe der Himmel, daß meine Zunge vorher verdorrte!« rief sie erregt. »Aber erwägen Sie, meine Tochter!« sagte der Jesuit ruhig. »Solche Liebe in einer Seele, wie die Ihrige, ist eine Himmelsgabe und zu weisem Zwecke gesandt. Irdische Liebe ist ja zu oft nur ein schädliches Unkraut, welches den Boden, aus dem es emporsprießt, verderbt, hier aber ist sie eine Gnadenblume, die von Demut und Tugend duftet.« »Ach! ich habe mit aller Energie versucht, sie aus meinem Herzen zu reißen.« »Nicht doch; im Gegenteil, lassen Sie sie feste Wurzel darin schlagen. Wenn der König nur etwas zärtliches Entgegenkommen von Ihnen erführe, wenn Sie ihn nur fühlen ließen, daß seine eigne Neigung ein Echo in Ihrem Herzen findet, dann könnte es geschehen, daß der Ehrgeiz, den Sie bekennen, zum Ziele gelangte! Dann würde Ludwig, durch die innige Gemeinschaft mit Ihrer edlen Natur gestärkt, vielleicht dem Geiste wie der Ordnung der Kirche gemäß lieben. Alles dies konnte aus der Liebe entspringen, welche Sie ängstlich verstecken, als trüge sie das Brandmal der Schande.« Frau von Maintenon erhob sich halb von ihrem Sitze und blickte von dem Prälaten zu dem Priester mit Augen, in deren Tiefen die Ahnung von etwas Entsetzlichem aufdämmerte. »Kann ich Sie verstanden haben?« stieß sie schwer atmend hervor. »Welcher Sinn liegt hinter diesen Worten? Sie könnten mir raten –« Der Jesuit war aufgestanden, und seine dürre Gestalt überragte sie hoch. »Meine Tochter,« sagte er, »wir geben keinen Rat, der unsres Amtes nicht würdig wäre. Wir sprechen im Interesse unsrer heiligen Kirche, und dieses Interesse verlangt, daß Sie den König – heiraten.« »Den König heiraten?« Das kleine Zimmer verschwamm vor ihren Augen. »Den König heiraten?« »Jawohl,« bestätigte Pater La Chaise, »darin liegt die beste Hoffnung für die Zukunft. Wir sehen in Ihnen eine zweite Jeanne d'Arc, die beide retten wird – Frankreich und Frankreichs König!« Frau von Maintenon saß einige Sekunden lang ganz still. Ihr Gesicht war wieder gefaßt, und ihre Augen waren wie abwesend auf ihren Stickrahmen gerichtet, während sie in ihrem Gemüte alles erwog, was aus der Einflüsterung des Jesuiten sich unausbleiblich ergab. »Aber gewiß – das kann doch nicht geschehen,« sagte sie endlich. »Warum Pläne machen, die sich doch nie verwirklichen können?« »Und warum nicht?« »Welcher König von Frankreich hat je eine Unterthanin geheiratet?« erwiderte sie. »Sehen Sie doch, wie alle Prinzessinnen von Europa ihre Hände nach ihm ausstrecken. Frankreichs Königin muß aus königlichem Geblüt sein, wie es auch die letzte war.« »Diese Schwierigkeit wäre nicht unüberwindlich,« meinte der Jesuit. »Das ist aber nicht alles,« fuhr die Maintenon fort. »Zu der Geburtsfrage kommen noch die politischen Erwägungen. Wenn der König wieder heiratet, so müßte er dadurch zugleich einen mächtigen Verbündeten gewinnen, die Freundschaft mit einer benachbarten Nation befestigen, oder als Heiratsgut der Braut eine Provinz seinem Reiche hinzufügen können. Was ist mein Heiratsgut? Eine Witwenpension und ein Arbeitskästchen,« Sie lachte bei den letzten Worten bitter auf und schaute doch ihre Besucher aufgeregt fragend an, als wünsche sie, widerlegt zu werden. »Ihr Heiratsgut, meine Tochter,« sagte der Pater, »sind die körperlichen und geistigen Vorzüge, mit welchen der Himmel Sie ausgestattet hat. Der König hat Geld genug und Provinzen genug. Und was den Staat angeht, wie kann ihm ein größerer Dienst geleistet werden, als durch die Gewähr, daß für die Zukunft der König vor solchen Schauspielen bewahrt bleibt, wie man sie heute in diesem Paläste sieht?« »Ach, wenn das sein könnte!« sagte die Maintenon. »Aber bedenken Sie, mein Vater – bedenken Sie seine Umgebung – der Dauphin, – Monsieur, sein Bruder – seine Minister! Sie wissen doch, wie denen ein solcher Schritt mißfallen würde, und wie leicht es für sie ist, ihn zu beeinflussen! Nein, nein; es ist ein schöner Traum, mein Vater, ein Traum, der sich nie verwirklichen wird.« Ihre anderen Einwände hatten die beiden Geistlichen mit leichter Handbewegung lächelnd beseitigt; bei diesem bewölkten sich ihre Angesichter, als habe sie endlich das wahre Hindernis berührt. »Meine Tochter,« sagte der Jesuit feierlich, »diesen Punkt können Sie getrost der Kirche überlassen. Es dürfte sich doch erweisen, daß wir einige Macht über den König haben und ihn auf den rechten Pfad zu leiten vermögen, ob auch seine nächsten Blutsverwandten sich dagegen auflehnen wollten. Die Zukunft wird es lehren, wer den Sieg behält. Was aber Sie angeht, meine Tochter, so weisen Pflicht und Liebe Sie auf den gleichen Weg, und die Kirche kann auf Sie zählen, nicht wahr?« »Bis zu meinem letzten Atemzuge, Vater.« »Ebenso können Sie, meine Tochter, auf die Kirche rechnen. Sie wird Ihnen dienen, wenn Sie Ihrerseits ihr dienen wollen.« »Welchen höheren Wunsch könnte ich haben?« »Sie werden unsre Tochter, unsre Königin, unsre Heldin sein,« beteuerte der Jesuit, »und Sie werden die Wunden der leidenden Kirche heilen.« »Ach, wenn ich das vermöchte!« seufzte sie. »Sie vermögen es,« entgegnete der Jesuit. »So lange noch die Ketzerei im Lande ist, kann es keinen Frieden, keine Ruhe für die Gläubigen geben. Die Ketzerei ist der arge Wurm, der die ganze Frucht verderben wird, wenn man ihn nicht bei Zeiten herausschält.« »Was soll denn geschehen, mein Vater?« »Die Hugenotten müssen aus dem Lande,« erwiderte Pater La Chaise. »Sie müssen ausgetrieben werden. Die Böcke und Schafe müssen geschieden werden. Des Königs Gemüt ist im Zwiespalt. Louvois haben wir bereits gewonnen. Wenn Sie zu uns stehen wollen, wird alles gut gehen.« »Aber Vater, bedenken Sie doch, wie viele ihrer sind,« wandte die Maintenon ein. »Um so notwendiger ist es, sie zu beseitigen,« eiferte der Pater. »Und bedenken Sie doch auch die Leiden der armen Irrenden, wenn sie alle vertrieben werden sollten,« fuhr sie fort. »Das Heilmittel liegt in ihrer Hand,« gab der Jesuit kühl zurück. »Das ist wahr,« gab die Maintenon zu, »und doch bricht mir das Herz über sie.« Pater La Chaise und der Bischof schüttelten die Köpfe. Die Natur hatte beide wohlwollend und barmherzig erschaffen, aber das Herz wird steinhart, wenn der Segen der Religion sich in den Fluch des Fanatismus verwandelt. »Sie wollen also Gottes Feinde in Schutz nehmen?« rief der Jesuit erzürnt. »Nein, nein,« entgegnete sie. »Niemals, wenn sie das wirklich sind.« »Können Sie daran zweifeln? Ist es möglich, daß Ihr Herz noch an den ketzerischen Anschauungen Ihrer Jugend hängt?« »Nein, mein Vater,« versicherte sie, »aber es wäre unnatürlich, zu vergessen, daß mein Vater und Großvater –« »Gewiß,« versetzte der Pater, »aber sie haben ihre eigne Sünde selbst zu verantworten. Sollte es jedoch möglich sein, daß die Kirche sich in Ihnen, meine Tochter, getäuscht hätte? Verweigern Sie ihr die erste Gunst, die sie von Ihnen begehrt? Sie möchten ihre Hilfe annehmen, ohne ihr einen Gegendienst zu leisten?« Frau von Maintenon stand auf. Sie hatte ihren Entschluß gefaßt. »Sie sind weiser, als ich,« sagte sie fest, »und Ihnen sind die Interessen der Kirche anvertraut. Ich will thun, was Sie raten.« »Sie versprechen es, meine Tochter?« »Ja, ich verspreche es.« Die beiden Geistlichen erhoben ihre Hände gleichzeitig, wie zum Gebete. »Das ist ein gesegneter Tag,« riefen sie einstimmig, »künftige Generationen werden ihn als solchen bezeichnen!« Frau von Maintenon hatte ihren Sitz wieder eingenommen. Wie betäubt von den Aussichten, welche sich ihr eröffneten, saß sie da. Wie der Jesuit es vermutet – ehrgeizig war sie immer gewesen, sie hatte nach Macht gestrebt, um dereinst die Welt besser zu verlassen, als sie dieselbe gefunden hatte. Bis zu einem gewissen Grade hatte sie diesen Ehrgeiz bereits befriedigen können, denn mehr als einmal hatte sie König und Königreich nach ihrem Willen geleitet. Aber den König zu heiraten – den Mann zu heiraten, für den sie gern ihr Leben gelassen hätte, den sie in der Tiefe ihres Herzens so rein, so tief liebte, wie nur je ein Weib es gethan – das überstieg in der That ihre kühnsten Hoffnungen. Sie kannte ihr eignes Innere, und sie kannte das seine. War sie einmal seine Frau, dann konnte sie ihn zum Guten lenken und jeden bösen Einfluß ihm fernhalten. Dessen war sie ganz sicher. Sie würde keine schwache Maria Theresia, sondern vielmehr, wie der Priester gesagt, eine neue Jeanne d'Arc sein, die sich berufen fühlte, Frankreich und Frankreichs König auf bessere Wege zu leiten. Und wenn sie zu diesem Zwecke ihr Herz gegen die Hugenotten verhärten mußte, dann lag die Schuld, wenn es eine solche war, mehr bei denen, die diese Bedingung stellten, als bei ihr. Des Königs Gemahlin! Das Herz des Weibes und die Seele der Enthusiastin, beide jauchzten auf bei dem Gedanken. Doch diese freudige Erregung schlug im nächsten Augenblick in Zagen und Zweifeln um. War diese ganze schöne Aussicht nicht eine bloße Träumerei am hellen Tage? Wie konnten diese Männer so sicher sein, daß sie den König in ihrer Hand hielten? Der Jesuit las die bange Frage, die ihre soeben noch funkelnden Augen trübte, und antwortete darauf, noch ehe sie Zeit gehabt, sie in Worten zu kleiden. »Die Kirche erfüllt schnell ihre Verbindlichkeiten,« fügte er, »und Sie, meine Tochter, müssen ebenso rasch bei der Hand sein, wenn die Reihe an Sie kommt.« »Ich habe es versprochen, Vater,« erwiderte sie. »Dann liegt es uns ob, zu handeln,« sagte der Jesuit, »Ich ersuche Sie, den ganzen Abend in Ihrem Zimmer zu bleiben,« »Ich werde es keinen Augenblick verlassen, mein Vater.« »Schon schwankt nämlich der König. Ich habe heute morgen mit ihm gesprochen. Seine Seele war voll Dunkelheit und Verzweiflung. Sein besseres Selbst wendet sich voll Ekel von seinen Sünden ab. Jetzt, wo ihn die erste heiße Anwandlung von Reue überkommt, wird er sich am leichtesten zu unsern Zwecken formen lassen. Ich muß ihn nun noch einmal sehen und mit ihm sprechen. Aus Ihrem Zimmer gehe ich in das seinige. Und wenn ich mit ihm gesprochen, wird er hierher kommen, – oder ich müßte sein Herz diese zwanzig Jahre lang vergeblich studiert haben. So verlassen wir Sie denn jetzt, meine Tochter, und Sie werden uns eine Weile nicht wiedersehen, wohl aber die Wirkungen unsres Thuns wahrnehmen, und Sie werden daran gedenken, was Sie uns gelobt haben.« Die beiden Geistlichen verbeugten sich tief und gleichzeitig vor ihr und ließen sie dann mit ihren Gedanken allein. Eine Stunde verging und dann eine zweite. Frau von Maintenon saß im Lehnstuhl, die Stickerei lag vor ihr, aber ihre Hände ruhten lässig in ihrem Schoß. Sie wartete auf ihr Schicksal. Über die Zukunft ihres Lebens wurde jetzt entschieden, und sie selbst hatte nicht die Macht, etwas dafür oder dawider zu thun. Das Tageslicht wandelte sich in den Dämmerschein des Abends und dieser in wachsendes Dunkel, und sie saß noch immer im Schatten und wartete. Zuweilen, wenn ein Schritt im Korridor draußen laut wurde, blickte sie erwartungsvoll nach der Thür – dann leuchtete ein Willkommensstrahl in ihren grauen Augen auf, aber nur, um schnell wieder in Enttäuschung zu vergehen. Endlich aber kam ein schneller, scharfer Tritt, der schneidig und gebieterisch klang. Mit glühenden Wangen und ungestüm klopfendem Herzen fuhr sie empor. Die Thür wurde geöffnet, und von dem grauen Lichte, das auf dem Gange draußen herrschte, hob sich hochaufgerichtet die anmutvolle Gestalt des Königs ab. »Sire!« rief sie, »Fräulein Nanon wird sogleich die Lampe anzünden!« »Rufen Sie sie nicht,« erwiderte er und schloß eintretend die Thür hinter sich zu. »Françoise, das Abenddunkel ist mir willkommen, weil es mir die Vorwürfe verbirgt, die in Ihrem Blicke liegen müssen, sollte auch Ihre Zunge zu gütig sein, um sie auszusprechen.« »Vorwürfe, Sire? Verhüte Gott, daß ich Ihnen solche machte.« »Als ich Sie jüngst verließ, Françoise, hatte ich einen guten Entschluß gefaßt,« fuhr der König fort. »Ich versuchte, ihn auszuführen, aber es mißlang – es mißlang! Ich erinnere mich noch wohl, daß Sie mich warnten. Thor, der ich war, Ihren Rat nicht zu befolgen!« »Wir sind alle schwache Sterbliche, Sire. Wer hätte nie gestrauchelt! Nicht so, Sire, nicht so; es schneidet mir durchs Herz, Sie so zu sehen!« Der König stand am Kamin, das Gesicht in beide Hände vergraben; an seinem stoßweisen Atmen merkte sie, daß er weinte. Alles weiche Mitleid ihrer Frauennatur regte sich für die schweigende, bereuende Gestalt, die in dem immer tiefer sinkenden Dämmerlicht kaum noch sichtbar blieb. Mit teilnehmender Gebärde streckte sie die Hand aus und ließ sie einen Augenblick auf seinem Arm ruhen. Im nächsten hatte er sie mit seinen beiden Händen umschlossen, und sie machte keinen Versuch, sie zu lösen. »Ich kann nicht ohne dich leben, Françoise,« rief er leidenschaftlich. »Ich bin der einsamste Mensch auf der Welt. Ich komme mir vor, wie einer, der auf einer hohen Bergspitze wohnt, ohne einen Genossen. Wo habe ich einen Freund? Wem kann ich trauen? Der lebt für die Kirche, jener für seine Familie – die meisten für ihren eignen Vorteil, Aber wer unter allen meint es treu? Du, Françoise, bist mein besseres Selbst! Du bist mein Schutzengel! Was der gute Vater sagt, ist wahr, und je näher ich dir bin, desto ferner bin ich allem, was böse ist. Sage mir Françoise, liebst du mich?« »Ich habe Sie seit Jahren geliebt, Sire.« Ihre Stimme war leise, aber klar – die Stimme einer Frau, der alle Koketterie ein Greuel war. »Ich hatte es gehofft, Franchise, und doch erbebt mein Herz, da ich es dich sagen höre. Ich weiß, daß Reichtum und Hoheit dir gleichgültig sind, und daß dein Verlangen eher auf den Frieden des Klosters, als auf das Treiben des Palastes gerichtet ist. Und doch bitte ich dich, im Palast zu bleiben und darin zu herrschen. Willst du mein Weib sein, Françoise?« So war denn der wichtige Augenblick in Wirklichkeit gekommen. Sie schwieg einen Atemzug lang, ehe sie diesen letzten großen Schritt that, aber sogar das war für die Ungeduld des Königs zu lange. »Du willst nicht, Françoise?« rief er mit angstvoll bebender Stimme. »Möge Gott mich einer solchen Ehre würdig machen, Sire!« antwortete sie nun. »Und hier schwöre ich, daß wenn der Himmel mein Leben verdoppelt, jede Stunde dem einen Bemühen gehören soll, Sie zu einem glücklicheren Manne zu machen.« Sie war auf ihre Kniee gesunken. Der König, der noch immer ihre Hand in der seinen hielt, kniete neben ihr nieder. »Und ich schwöre auch,« rief er, »daß wenn auch meine Tage sich verdoppeln sollten, du für mich jetzt und immerdar das einzige Weib in der Welt bleiben wirst.« Und so leisteten sie den Doppeleid: einen Eid, den die Zukunft bewähren sollte; denn jedes von ihnen erlebte die doppelte Zahl der Jahre und keines brach das Gelübde, das sie an jenem Abende in dem schattenumwobenen Gemache Hand in Hand abgelegt hatten. XII. Der König empfängt Sei es, daß Fräulein Nanon, Frau von Maintenons Vertraute, etwas von dem Besuch des Königs erfahren und ausgeplaudert hatte, sei es, daß Pater La Chaise mit der seinem Orden eignen Schlauheit zu dem Schluß gekommen war, daß Öffentlichkeit das beste Mittel sei, den König an seine neuen Entschlüsse zu binden – wie dem nun auch sein mochte und wie es gekommen – am nächsten Morgen wußte jedermann bei Hofe, daß die alte Favoritin wieder in Ungnade gefallen und daß von einer Vermählung des Königs mit der Gouvernante seiner Kinder die Rede sei. Bei dem petit lever flüsterte man davon, bei der grande entrée wurde es bestätigt, und als der König aus der Kapelle zurückgekehrt war, war die Sache in aller Munde. Die Folgen blieben nicht aus. Die glänzenden Seidengewänder und Federhüte verschwanden in Schränken und Laden, die dunklen Röcke und matronenhaften Roben erschienen wieder auf der Bildfläche. Scudery und Calprenède machten dem Meßbuch und dem Thomas a Kempis Platz, während Bourdaloue, der eine Woche lang vor leeren Bänken gepredigt, seine Kapelle von neuem mit gelangweilten Kavalieren und kerzentragenden Damen bis auf den letzten Platz gefüllt fand. Bis Mittag wußte jedermann die große Neuigkeit mit Ausnahme der Frau von Montespan. Obwohl beunruhigt durch das Fernbleiben ihres königlichen Liebhabers, war sie doch in stolzer Zurückgezogenheit in ihren Gemächern geblieben und hatte deshalb nichts von dem Vorgefallenen gehört. Es gab freilich viele, die ihr gern die Neuigkeit zugetragen hätten; aber des Königs Launen hatten neuerdings so oft gewechselt, daß niemand es wagte, sich eine tödliche Feindin aus einer Frau zu machen, die in wenigen Wochen wieder im Vollbesitz ihrer Macht sein mochte. Ludwig sollte inzwischen etwas Unerwartetes erleben. In seiner eingefleischten Selbstsucht hatte er sich daran gewöhnt, jedes Ereignis ausschließlich darauf hin zu betrachten, wie es ihn persönlich berührte. So war es ihm niemals eingefallen, daß seine Familie, die ihm stets den unbedingten Gehorsam, den er als sein Recht beanspruchte, geleistet hatte, es wagen könnte, seinem neuen Entschluß zu widersprechen. Er war deshalb höchlich überrascht, als sein Bruder am Nachmittag eine Privatunterredung erbat, und ohne das gefällige Lächeln und die demütige Miene, die ihm bei solchen Anlässen sonst eigen waren, vor ihn trat. Monsieur, der Herzog von Orleans, war in seinem äußeren wie in seinem inneren Menschen eine Karikatur, eine drollige Kopie seines Bruders. Er war kleiner, aber er trug ungeheuer hohe Absätze an seinen Stiefeln, welche ihm zu einer ansehnlichen Statur verhalfen. Seine Gestalt besaß nicht die Anmut, welche den König auszeichnete, noch hatte er dessen elegante Hände und Füße, die das Entzücken aller Bildhauer waren. Er war wohlbeleibt, watschelte etwas und trug eine ungeheure schwarze Perücke, welche in schier endlosen Lockenreihen über seine Schulter hinabrollte. Sein Gesicht war länger und dunkler als das des Königs, und seine Nase hervorragender, aber er hatte dieselben großen braunen Augen wie sein Bruder – beide hatten sie von Anna von Österreich geerbt. Er besaß nicht den einfachen und doch vornehmen Geschmack, welcher die Kleidung des Monarchen auszeichnete. Sein Anzug war mit flatternden Bändern überladen, die beim Gehen hinter ihm raschelten und auf seinen Füßen sich so häuften, daß sie dieselben ganz dem Blick entzogen. Kreuze, Sterne, Juwelen und Ehrenzeichen waren reichlich über seine Brust ausgestreut, und das breite blaue Band des Ordens vom heiligen Geiste war quer über seinen Rock geschlungen und lief in eine große Schleife aus, die einem Degen mit diamantnem Gefäß zur ungefügen Stütze diente. So sah die Gestalt aus, welche sich jetzt, einen reichbefiederten Filzhut in der Rechten – dem König näherte. »Ei, ei, Monsieur,« sagte der Monarch lächelnd, »Sie scheinen mir heute weniger munter zu sein als gewöhnlich. Ihr Kleid allerdings leuchtet, aber Ihre Stirn ist umwölkt. Ich hoffe, daß Madame Elisabeth und der Herzog von Chartres sich wohl befinden.« »Ja, Sire,« erwiderte der Angeredete, »sie sind wohl, aber sie sind betrübt, wie ich, und aus demselben Grunde.« »So! und warum denn?« fragte der König. »Habe ich mir je etwas zu Schulden kommen lassen, Sire, in meinen Pflichten als Ihr jüngerer Bruder?« fuhr Monsieur fort, ohne des Königs Frage zu beachten. »Niemals, Philipp, niemals!« erwiderte der König, indem er seine Hand liebevoll auf des anderen Schultern legte. »Sie haben meinen Unterthanen ein ausgezeichnetes Beispiel gegeben.« »Warum also werde ich mit solcher Geringschätzung behandelt?« »Philipp!« »Ja, Sire, ich nenne das eine geringschätzige Behandlung. Wir sind königlichen Blutes, und unsre Gemahlinnen sind es auch. Sie heirateten eine Prinzessin von Spanien, ich eine Prinzessin von der Pfalz. Es war eine Herablassung meinerseits, denn meine erste Gemahlin war ja eine Prinzessin von England, allein ich that es – war sie doch wenigstens eine Fürstentochter. Wie aber können wir in ein Haus, das solche Bündnisse geschlossen hat, eine Frau aufnehmen, welche die Witwe eines buckligen Dichterlings ist, eines bloßen Pasquillenschreibers, eines Mannes, dessen Name durch ganz Europa ein Schimpfwort geworden ist?« Der König hatte seinen Bruder in maßlosem Erstaunen angestarrt, aber endlich gewann der Zorn in ihm die Oberhand. »Auf mein Wort!« rief er; »auf mein Wort! Ich habe soeben gesagt, daß Sie ein ausgezeichneter Bruder gewesen, aber ich fürchte, ich habe es etwas voreilig gesagt. Und so vermessen Sie sich, gegen meine Heirat mit dieser Dame zu protestieren?« »Ja Sire, das thue ich.« »Und mit welchem Rechte?« »Mit dem Rechte der Familienehre, Sire, welche die meinige ebenso sehr wie die Ihrige ist.« »Mensch!« schrie der König außer sich vor Wut, »haben Sie noch nicht gelernt, daß innerhalb dieses Königreichs ich die Quelle der Ehre bin, und daß der, den ich ehren will, wer es auch sei, durch diese Thatsache selbst ehrenwert wird? Wenn ich eine Kohlenträgerin aus der Rue Poissonnière nähme, so könnte ich sie durch meinen Willen emporheben, bis die Höchsten in Frankreich stolz sein würden, sich vor ihr zu beugen. Wissen Sie das nicht, Monsieur?« »Nein, ich weiß es nicht,« rief sein Bruder mit all der Halsstarrigkeit eines Schwächlings, dem die Gründe ausgegangen sind. »Ich sehe es als eine Beleidigung an für mich und eine Beleidigung für meine Gemahlin!« »Ihre Gemahlin! Ich habe alle Achtung vor Elisabeth Charlotte von der Pfalz, aber sagen Sie mir doch, inwiefern ist sie einer Frau übergeordnet, deren Großvater der geliebte Freund und Waffenbruder des großen Heinrich war? Genug und übergenug! Ich will mich nicht herablassen, über eine solche Sache mit Ihnen zu streiten. Gehen Sie und kommen Sie nicht eher wieder, als bis Sie gelernt haben, sich nicht in meine Angelegenheiten zu mischen!« »Wie Sie befehlen, Sire; meine Gemahlin aber soll von der Dame keine Notiz nehmen!« entgegnete Monsieur zornig. Als darauf sein Bruder mit drohender Gebärde auf ihn zu schritt, wandte er sich um, und trippelte so schnell davon, wie sein unbeholfener Gang und seine hohen Hacken es zuließen. Aber der König sollte an diesem Tage nicht zur Ruhe kommen. Wenn Frau von Maintenons Freunde sich gestern wieder um sie gesammelt hatten, so waren heute ihre Feinde in voller Thätigkeit. Monsieur war kaum fort, als ein Jüngling in das Zimmer stürmte, dessen reicher Anzug die Spuren einer staubigen Reise trug. Sein Gesicht war blaß, sein Haar kastanienbraun, und seine Züge würden denen des Königs sprechend ähnlich gewesen sein, wenn nicht seine Nase in früher Jugend entstellt worden wäre. Des Königs Antlitz leuchtete auf, als er ihn erblickte, aber es verfinsterte sich wieder, als der Eintretende auf ihn zustürzte und sich ihm zu Füßen warf. »O, Sire!« rief er; »ersparen Sie uns diesen Schmerz! – ersparen Sie uns diese Demütigung! Ich flehe Sie an, halten Sie inne, ehe Sie etwas thun, was Ihnen und uns zur Unehre gereichen wird!« Der König fuhr von dem Knienden zurück und schritt zornig im Zimmer auf und ab. »Das ist unerträglich!« rief er. »Es war schlimm von meinem Bruder, aber es ist schlimmer von meinem Sohn! Sie stecken mit ihm unter einer Decke, Ludwig! Monsieur hat Ihnen befohlen, diese Rolle zu spielen!« Der Dauphin sprang auf seine Füße und sah seinen zornigen Vater festen Blickes an. »Ich habe meinen Oheim nicht gesehen,« erwiderte er. »Ich war in Meudon, als diese Nachricht mich erreichte – diese fürchterliche Nachricht – und ich stieg sofort zu Pferde, Sire, und ritt im Galopp hierher, um Sie zu beschwören, noch einmal zu überlegen, ehe Sie unser königliches Haus so tief erniedrigen!« »Sie sind unverschämt, Ludwig.« »Ich wollte es nicht sein, Sire. Aber bedenken Ew. Majestät, daß meine Mutter eine Königin war, und daß es wahrhaftig seltsam wäre, wenn ich zur Stiefmutter eine –« Der König hob gebieterisch seine Hand, so daß dem Dauphin das Wort auf der Lippe erstarb. »Schweigen Sie,« rief er, »oder Sie möchten etwas gesagt haben, das uns auf immer trennte. Soll ich mich schlechter behandeln lassen, als mein geringster Unterthan, der in seinen Privatangelegenheiten seiner eignen Neigung folgen darf?« »Dies ist nicht Ihre Privatangelegenheit, Sire! Alles was Sie thun, berührt auch Ihre Familie. Die großen Thaten Ihrer Regierung haben dem Bourbonennamen einen neuen Ruhmesglanz verliehen. O lassen Sie keinen Makel darauf kommen, Sire! Ich flehe Sie darum an auf meinen Knieen.« »Sie reden wie ein Narr!« zürnte sein Vater mit rauher Stimme. »Ich beabsichtige, eine tugendhafte und anmutige Dame aus einer der ältesten Adelsfamilien Frankreichs zu heiraten, und Sie sprechen, als ob ich etwas Entwürdigendes und Unerhörtes thun wollte! Was haben Sie eigentlich gegen die Dame einzuwenden?« »Daß sie die Tochter eines Mannes ist, dessen Laster allgemein bekannt waren,« erwiderte der Dauphin unerschrocken, »daß ihr Bruder im schlechtesten Rufe steht, daß sie das Leben einer Abenteurerin geführt hat und jetzt eine dienende Stellung im Palaste einnimmt.« Der König hatte mehr als einmal während dieser freimütigen Rede mit dem Fuß gestampft, aber bei den letzten Worten flammte sein Zorn hell auf. »Wagen Sie es,« schrie er mit funkelnden Augen, »die Sorge für meine Kinder eine ›dienende Stellung‹ zu nennen! Ich sage Ihnen, es gibt keine höhere in meinem Königreich! Kehren Sie sofort nach Meudon zurück und wagen Sie es niemals wieder, Ihren Mund über diese Angelegenheit aufzuthun. Fort, sage ich! Wenn Sie einst nach Gottes Willen König dieses Landes sein werden, mögen Sie Ihre eignen Wege einschlagen, bis dahin aber vermessen Sie sich nicht, die Pläne eines Mannes zu durchkreuzen, der Ihr Vater ist und zugleich Ihr Monarch!« Der junge Mann verbeugte sich tief und schritt würdevoll aus dem Gemach, aber an der Thür wandte er sich noch einmal um und sagte: »Der Abbé Fénélon hat mich begleitet, Sire. Geruhen Sie ihn zu empfangen?« »Machen Sie, daß Sie fortkommen!« rief der König, der mit zorniger Gebärde und funkelnden Augen im Zimmer auf und ab schritt. Der Dauphin schloß die Thür, die sich aber sofort wieder für einen neuen Besucher öffnete. Es war ein hochgewachsener, schmächtiger Priester, etwa vierzig Jahre alt, auffallend schön mit blassem, vergeistigtem Antlitz, scharf ausgeprägten Gesichtszügen und der leichten ehrerbietigen Haltung, wie sie Männern eigen ist, die lange bei Hofe gelebt haben. Der König wandte sich kurz nach ihm um und blickte ihn mißtrauisch an. »Guten Morgen, Abbé Fénélon,« redete er ihn an, »darf ich fragen, was Ihr Erscheinen veranlaßt hat?« »Sie haben geruht, Sire,« erwiderte dieser, »bei mehr als einer Gelegenheit meinen bescheidenen Rat zu erbitten und sich auch nachher befriedigt darüber auszusprechen, daß Sie ihn befolgt hätten.« »Nun, nun – und?« grollte der Monarch. »Wenn das Gerücht die Wahrheit spricht,« fuhr Fénélon fort, »so sind Sie, Sire, einer Krisis nahe, bei der ein Wort unparteiischen Rates für Sie von Wert sein dürfte. Brauche ich zu sagen, daß – « »Wozu soviele Worte?« unterbrach ihn der König. »Man hat Sie hergesandt, um mich gegen Frau von Maintenon einzunehmen.« »Sire, ich habe nur Gutes von dieser Dame erfahren,« versicherte Fénélon. »Ich achte und ehre sie mehr, als irgend eine andere Dame in Frankreich.« »Vortrefflich, Abbé!« sagte der König. »Dann werden Sie sich gewiß freuen zu hören, daß ich im Begriff stehe, sie zu heiraten. Guten Morgen, Herr Abbé, Ich bedaure, daß ich nicht mehr Zeit für diese sehr interessante Unterredung übrig habe.« »Aber, Sire –« »Wenn ich über irgend etwas im Zweifel bin,« fuhr der König ruhig fort, »weiß ich Ihren Rat vollkommen zu würdigen, mein Herr Abbé. In dieser Sache bin ich glücklicherweise nicht im Zweifel. Ich habe die Ehre, Ihnen guten Morgen zu wünschen.« Des Königs erster, heißer Zorn war beim Anblick des berühmten Abbé geschwunden und hatte einer Bitterkeit und ruhigen Kälte Platz gemacht, die seinen Widersachern weit furchtbarer war. Fénélon, so redegewandt und erfindungsreich er auch sein mochte, fühlte sich überwunden und zum Stillschweigen gebracht. So ging er denn rückwärts mit drei tiefen Verbeugungen, wie es die Hofsitte vorschrieb und verließ das Gemach. Aber der König hatte wenig Zeit zum Aufatmen. Seine Angreifer wußten, daß sie durch Beharrlichkeit früher seinen Willen gebeugt hatten, und hofften, daß es ihnen auch diesmal gelingen würde. Der Nächste, welcher kam, war der Minister Louvois. Trotz seines majestätischen Anstandes und seiner vornehmen Haltung, die durch seine riesenhafte Perücke und sein aristokratisches Gesicht unterstützt wurde, verriet er doch eine gewisse Befangenheit, als sein Blick dem unheilkündenden Auge des Königs begegnete. »Nun, Louvois, was gibt's?« fragte der König ungeduldig. »Ist wieder ein Staatsgeschäft auf dem Tapet?« »Ja es ist ein neues Staatsgeschäft auf dem Tapet, Sire,« erwiderte der Minister gehalten, »und es ist von solcher Wichtigkeit, daß es alle andern unsrer Beachtung entzieht.« »Welches denn, welches, Louvois?« »Ihre Heirat, Sire!« »Sie mißbilligen sie?« »O Sire, wie könnte ich anders?« »Verlassen Sie das Zimmer – auf der Stelle!« donnerte der König. »Soll ich mich durch Ihre Drängerei zu Tode quälen lassen? Was! Sie wagen es zu bleiben, wenn ich Ihnen befehle zu gehen?« In seinem Zorn drang der König auf den Minister ein, als Louvois plötzlich den Degen aus der Scheide riß. Bestürzt und erschreckt wich Ludwig einen Schritt zurück, aber es war der Griff und nicht die Spitze, der sich ihm darbot. »Durchbohren Sie mein Herz, Sire!« rief der Minister, fiel auf die Kniee, und seine ganze große Gestalt bebte vor Erregung. »Ich will den Zusammenbruch Ihres Reiches nicht erleben!« »Großer Gott!« schrie Ludwig laut auf, indem er den Degen zu Boden warf und beide Hände zu den Schläfen erhob, »ich glaube, daß ich das Opfer einer Verschwörung bin, die mich um den Verstand bringen will! Ist je ein Mensch in diesem Leben so gequält worden? Es wird ja eine Privatehe sein, Mensch, die den Staat nicht im geringsten etwas angeht. Hören Sie? Haben Sie mich verstanden? Was wollen Sie sonst noch von mir?« Louvois raffte sich auf und stieß seinen Degen in die Scheide zurück. »Majestät sind ganz entschlossen?« fragte er. »Ganz und gar.« »Dann habe ich nichts mehr zu sagen,« erwiderte Louvois. »Ich habe meine Pflicht gethan.« Beim Hinausgehen ließ er den Kopf sinken, wie in tiefer Niedergeschlagenheit, aber in Wirklichkeit fühlte er sich erleichtert, denn der König hatte ihm die Zusicherung gegeben, daß die Frau, die er haßte, obgleich seine Gemahlin, doch nicht auf dem Thron der Königinnen von Frankreich sitzen würde. Diese wiederholten Angriffe, die freilich seinen Entschluß nicht zu erschüttern vermochten, hatten den König doch aufs äußerste erbittert und erzürnt. Solch eine systematische Opposition war etwas ganz Neues für einen Mann, dessen Wille bisher das einzige Gesetz des Landes gewesen war. Er war dadurch aus der Fassung gebracht und erregt, und ob er schon seinen Entschluß nicht bereute, fühlte er sich thörichter Weise geneigt, seinen Ärger über die erduldeten Quälereien an denen auszulassen, nach deren Rat er gehandelt hatte. Er machte deshalb kein sehr liebenswürdiges Gesicht, als der Kammerdiener seinen Beichtiger, den Pater La Chaise, einließ. »Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück, Sire,« begann der Jesuit, »zu dem großen Schritte, den Sie gethan haben. Er muß Ihnen volle Befriedigung gewähren, in dieser, wie in jener Welt.« »Ich habe bisher weder Glück noch Befriedigung genossen, mein Vater,« antwortete der König verdrießlich. »Niemals in meinem ganzen Leben bin ich so gequält worden. Der ganze Hof hat vor mir auf den Knieen gelegen und mich beschworen, meinen Entschluß zu ändern,« Der Jesuit blickte ihn mit seinen scharfen grauen Augen besorgt an. »Glücklicherweise ist Ew. Majestät ein Mann von starkem Willen,« erwiderte er, »und nicht so leicht schwankend gemacht, wie man zu denken scheint.« »Nein, nein, ich bin keinen Zoll breit gewichen,« versicherte der König. »Aber doch muß ich gestehen, daß es sehr unangenehm ist, so viele gegen sich zu haben. Die meisten Menschen würden, glaube ich, erschüttert worden sein.« »Jetzt heißt es fest sein, Sire,« warnte der Jesuit. »Satan ist voller Wut darüber, daß Sie seinen Händen entschlüpfen, deshalb bietet er alle seine Freunde auf und schickt alle seine Boten, um Ew. Majestät wankend zu machen.« Aber der König war nicht in der Stimmung, sich so leicht trösten zu lassen. »Auf mein Wort, Vater,« sagte er, »Sie sprechen nicht sehr ehrerbietig von meiner Familie. Mein Bruder und mein Sohn, dazu der Abbé Fénélon und der Kriegsminister, das waren die Boten, auf die Sie anspielten.« »So,« meinte der Pater. »Um so mehr ehrt es Ew. Majestät, daß Sie ihnen allen widerstanden haben. Sie haben edel gehandelt, Sire. Sie haben sich das Lob und den Segen der heiligen Kirche verdient.« »Ich hoffe, daß, was ich gethan habe, recht ist, Vater,« entgegnete der König mit Nachdruck. »Ich werde mich freuen, Sie heute abend wiederzusehen, aber gegenwärtig bedarf ich einiger Muße zum einsamen Nachdenken.« Pater La Chaise verließ den König mit einem starken Mißtrauen in die Festigkeit seines Entschlusses. Es lag auf der Hand, daß die mächtigen Vorstellungen, die ihm gemacht worden waren, seinen Entschluß erschüttert hatten, wenn es ihnen auch nicht gelungen war, denselben zu ändern. Was würde das Endergebnis sein, wenn weiter auf ihn eingestürmt wurde? Und das würde geschehen, – das war so sicher, wie die Dunkelheit, die dem Lichte folgt. Jetzt mußte ein Trumpf ausgespielt werden, der die Sache sofort zum Austrag brachte, denn jeder Tag des Aufschubs war ein Gewinn für die Gegenpartei. Zögern hieß verlieren. Alles mußte auf einen letzten Wurf gesetzt werden. Im Vorzimmer wartete der Bischof von Meaux. Sein Kampfgenosse weihte ihn sofort in seine Befürchtungen ein, aber auch zugleich in seinen Plan, wie man die Feinde zu Schanden machen könne. Miteinander gingen sie dann zu Frau von Maintenon. Sie hatte die düstere Witwenkleidung, die sie bisher getragen, abgelegt, und jetzt, ihren höheren Aussichten entsprechend, ein reiches und doch einfaches Kostüm aus weißem Atlas mit Silberschleifen angelegt. Ein einziger Diamant funkelte in den reichen Flechten ihres dunklen Haares. Der unerwartete Schicksalswechsel hatte ein Gesicht und eine Gestalt, die immer viel jugendlicher aussahen, als sie war, um Jahre verjüngt. Als die beiden Verschwörer auf ihren vollendet schönen Teint, ihre regelmäßigen, ruhigen und doch durchgeistigten Gesichtszüge und die auserlesene Anmut ihrer Gestalt und Haltung blickten, mußten sie sich gestehen, daß, wenn ihre Pläne mißlangen, dies nicht an dem vollendeten Werkzeug liegen würde, das zu ihrer Verfügung stand. Bei ihrem Eintritt war sie aufgestanden. Ihr Ausdruck zeigte, daß sie die Besorgnis, welche sie erfüllte, auf ihren Gesichtern las. »Sie bringen schlechte Nachrichten,« rief sie. »Nein, nein, meine Tochter,« sagte der Bischof. »Aber wir müssen auf unsrer Hut sein gegen unsre Feinde, welche den König womöglich Ihnen abwendig machen möchten.« Ihr Gesicht leuchtete bei Erwähnung ihres Geliebten. »Ah, Sie wissen nicht!« rief sie. »Er hat ja ein Gelübde abgelegt. Ich vertraue ihm, wie mir selbst. Ich weiß, daß er sein Wort halten wird.« Aber des Jesuiten Einsicht lehnte sich gegen das intuitive Gefühl des Weibes auf. »Unsre Widersacher sind zahlreich und stark,« sagte Pater La Chaise kopfschüttelnd. »Sogar wenn der König fest bleibt, wird er bei jeder Gelegenheit belästigt werden, so daß ihm sein wird, als sei sein Leben dunkler geworden anstatt heller, mit Ausnahme natürlich des hellen Glanzes, den Sie, meine Tochter, unfehlbar darüber ergießen werden. Deshalb muß die Sache zum Abschluß gebracht werden.« »Und wie das, mein Vater?« »Die Vermählung muß sofort stattfinden.« »Sofort?« »Ja wohl. Womöglich noch heute abend!« »O Vater, Sie erstreben zu viel, der König wird niemals in einen solchen Vorschlag einwilligen!« »Er selbst wird es vorschlagen.« »Wie ist das möglich?« »Wir werden ihn dazu zwingen. Nur dadurch kann alle Opposition abgeschnitten werden. Ist die Heirat eine vollendete Thatsache, so wird der Hof sie annehmen, bis dahin wird er sich widersetzen.« »Was wollen Sie denn, Vater, daß ich thun soll?« »Dem Könige entsagen.« »Ihm entsagen?« Sie wurde lilienweiß und blickte Vater La Chaise in größter Verwirrung an. »Das ist das beste, was Sie thun können.« »Ach Vater, ich hätte es vor einem Monat, einer Woche, sogar noch gestern früh thun können. Aber jetzt – o, es würde mir das Herz brechen.« »Fürchten Sie nichts, gnädige Frau,« beruhigte sie Bossuet. »Wir raten Ihnen zum besten. Gehen Sie sogleich zum Könige. Sagen Sie ihm, Sie hätten gehört, daß er Ihretwegen von allen Seiten belästigt würde, daß Sie den Gedanken nicht ertragen könnten, eine Ursache des Zwistes in seiner eignen Familie zu sein und daß Sie ihn deshalb seines Gelübdes entbinden und sich auf immer vom Hofe zurückziehen wollten.« »Jetzt soll ich gehen? Sogleich?« »Ja wohl, ohne einen Augenblick zu verlieren.« Frau von Maintenon warf einen leichten Mantel um ihre Schultern. »Ich folge Ihrem Rat,« sagte sie. »Ich glaube, daß Sie klüger sind, als ich. Aber o, wenn er mich beim Wort nehmen sollte!« »Er wird es nicht thun!« »Es ist ein fürchterliches Wagestück.« »Ein hohes Ziel wie dieses kann nicht erreicht werden, ohne etwas zu wagen. Gehen Sie, meine Tochter, und möge des Himmels Segen Sie begleiten!« XIII. Der König hat einen Gedanken. Der König war allein in seinem Kabinett geblieben. In seine düstern Gedanken versunken, grübelte er darüber nach, wie er sein Vorhaben ausführen und zugleich die Opposition beseitigen könne, die so hartnäckig und so allgemein zu sein schien. Plötzlich klopfte es leise an die Thür, die sich zugleich sacht öffnete. Da stand die Frau, die seine Gedanken erfüllte, im Zwielicht vor ihm. Lächelnd, mit ausgestreckten Händen eilte er ihr entgegen. »Françoise, du hier!« rief er liebevoll. »Endlich einmal ein willkommener Besuch – der allereste an diesem ungemütlichen Tage!« »Sire, ich fürchte, Sie sind gequält worden.« »Allerdings bin ich das – unerträglich gequält, Françoise!« »Ich bringe Ihnen ein Mittel dagegen!« »Und welches denn?« »Ich will den Hof verlassen, Sire,« erwiderte Frau von Maintenon gefaßt, »und Sie sollen vergessen, was zwischen uns vorgefallen ist. Lassen Sie mich nach St. Cyr oder nach der Abtei von Fontrevault gehen, dann werden Sie aller Opfer um meinetwillen überhoben sein.« Der König wurde totenbleich und klammerte sich mit zitternder Hand an ihren Shawl, als fürchte er, sie werde ihren Entschluß auf der Stelle ausführen. Seit Jahren war sein Geist von dem ihrigen abhängig gewesen. An sie hatte er sich gewandt, wenn er des Rates und der Stütze bedurfte. Sogar in Zeiten, wie in der letzten Woche, wo er sie vorübergehend vernachlässigt hatte, war es ihm doch ein Trost gewesen, zu wissen, daß sie in der Nähe war, – die treue Freundin, die immer bereit war, ihm zu vergeben, ihn zu beruhigen, die stets auf ihn wartete und guten Rat und Sympathie für ihn bereit hielt. Daß sie ihn jetzt verlassen – gänzlich verlassen könnte – ein solcher Gedanke war ihm nie gekommen, und es überrieselte ihn ein kalter, beängstigender Schauder. »Was sagst du, Françoise! Du wolltest mich verlassen!« rief er mit bebender Stimme. »Nein, nein, es ist unmöglich, daß du das im Ernst meinst!« »Es wird mir das Herz brechen, Sie zu verlassen, Sire,« erwiderte Frau von Maintenon, »aber nicht minder leide ich unter dem Gedanken, daß Sie sich um meinetwillen Ihrer Familie und Ihren Ministern entfremden.« »Pah! Bin ich denn nicht der König? Kann ich nicht thun, was ich will, ohne Rücksicht auf sie zu nehmen? Nein, nein Françoise, du darfst mich nicht verlassen! Du mußt bei mir bleiben und mein Weib werden!« Er konnte vor Aufregung nicht weiter sprechen, hielt dabei aber immer noch ihr Kleid fest, als könnte sie ihm entschlüpfen. War sie ihm bisher teuer gewesen, so war sie es jetzt noch viel mehr, da er fürchten mußte, sie zu verlieren. Sie fühlte den Vorteil ihrer Lage und verstand es, ihn zu benützen. »Einige Zeit müßte doch bis zu unsrer Vermählung verstreichen, Sire,« entgegnete sie. »Und man wird Sie täglich von neuem quälen. Wie könnte ich glücklich sein, wenn ich fühlen müßte, daß ich eine so lange Zeit des Unbehagens über Sie gebracht?« »Und warum eine so lange Zeit, Françoise?« »Ein einziger Tag, an dem Sie durch meine Schuld unglücklich sein sollten, wäre schon zu lang. Es macht mich ganz elend, nur daran zu denken. Glauben Sie mir, es ist besser, daß ich Sie verlasse.« »Niemals! niemals! Du sollst nicht, Françoise! Warum sollten wir denn auch nur einen Tag warten? Ich bin bereit. Du bist es auch. Warum wollen wir uns nicht sofort trauen lassen?« »Sofort! O Sire!« »Es soll so sein. Es ist mein Wunsch. Es ist mein Befehl,« sagte der König mit fester Stimme. »So antworte ich denen, die mich von dir treiben wollen. Sie sollen nichts davon erfahren, bis es geschehen ist, und dann will ich denjenigen sehen, der es wagen wollte, meine Gemahlin nicht mit gebührender Achtung zu behandeln. Wir wollen es ganz im Geheimen thun, Françoise. Ich werde sofort den Erzbischof von Paris durch einen zuverlässigen Boten holen lassen, und bei Gott, er soll Mann und Frau aus uns machen, wenn auch ganz Frankreich uns in den Weg träte.« »Ist das Ihr Wille, Sire?« »Er ist es! Und in deinen Augen, Françoise, lese ich, daß es auch der deine ist. Wir wollen keinen Augenblick verlieren. Ich preise mich glücklich, daß ich diesen Gedanken gehabt, der ihre Zungen für immer zum Schweigen bringen wird! Wenn alles fertig ist, mögen sie's wissen, aber keinen Augenblick früher. Und nun eile auf dein Zimmer, teuerste Freundin, du herrliche Frau! Wenn wir wieder zusammentreffen, so geschieht es, um einen Bund zu schließen, den dieser Hof und das ganze Königreich nicht werden auflösen können.« Der König war ganz Feuer und Flamme in der Erregung dieses festen Entschlusses. Keine Spur mehr von Zweifel und Unbehagen war auf seinem Antlitz zu sehen. Lächelnd und leuchtenden Auges schritt er schnell im Zimmer auf und ab. Nach einer Weile trat er an einen Tisch und berührte eine kleine goldene Glocke, um seinen Kammerdiener Bontems herbeizurufen. »Wieviel Uhr ist es, Bontems?« »Es ist beinahe sechs, Sire.« »Hm!« Der König sann einige Augenblicke nach. »Wissen Sie,« fragte er dann, »wo der Hauptmann von Catinat ist?« »Er war in den Gärten, Sire, aber wie ich hörte, wollte er heute abend nach Paris reiten.« »Reitet er allein?« »Er hat einen Freund bei sich.« »Wer ist dieser Freund? Ein Offizier von der Garde?« »Nein, Sire. Es ist ein Freund von jenseit des Meeres aus Amerika, wenn ich recht verstanden habe, der seit einiger Zeit bei ihm ist, und dem er die Wunder von Ew. Majestät Palast gezeigt hat.« »Ein Fremder! Um so besser. Gehen Sie, Bontems und führen Sie beide zu mir.« »Ich hoffe, daß sie noch nicht fort sind, Sire. Ich werde sogleich nachsehen.« Nach zehn Minuten war der Kammerdiener wieder zurück. »Nun?« fragte der König. »Ich habe Glück gehabt, Sire,« erwiderte Bontems. »Ihre Pferde standen draußen, und ihre Füße waren bereits in den Steigbügeln, als ich hinunterkam.« »Wo sind sie jetzt?« »Sie erwarten die Befehle Ew. Majestät im Vorzimmer.« »Laß sie eintreten, Bontems, und weise jeden andern, auch den Minister zurück, so lange sie bei mir sind.« Für Catinat war eine Audienz bei dem Monarchen nichts Ungewöhnliches, aber es überraschte ihn aufs höchste, als Bontems ihm mitteilte, daß sein amerikanischer Gefährte ihn begleiten solle. Noch war er eifrig beschäftigt, demselben Vorschriften und Warnungen über sein Verhalten ins Ohr zu flüstern, als Bontems wieder erschien und sie zum Könige führte. Mit einem Gefühl der Neugierde, in das sich doch auch eine gewisse Ehrfurcht mischte, betrat Amos Green, dem der Statthalter von New York bisher die erhabenste Verkörperung irdischer Autorität gewesen war, das Privatgemach des größten Monarchen der Christenheit. Die Pracht des Vorzimmers, in welchem er gewartet hatte, die Sammetvorhänge, die Gemälde, die Teppiche, dazu das Gedränge bunt uniformierter Beamter und Gardisten, alles zusammen genommen hatte auf seine Phantasie einen tiefen Eindruck gemacht, und er erwartete, eine wundersame Gestalt mit Scepter und Krone als den geeigneten Mittelpunkt für solch ein Schauspiel zu sehen. Als seine Augen nun auf einen schlichtgekleideten Mann mit hellen Augen fielen, einen Mann, der um einen halben Kopf kleiner war als er, mit einer schmucken zierlichen Gestalt und strammen Haltung, blickte er unwillkürlich rund umher, ob dies auch wirklich der Monarch sei, oder einer jener zahllosen Beamten, die sich zwischen ihn und die äußere Welt stellten. Der ehrerbietige Gruß seines Gefährten zeigte ihm indes, daß dies der König sein müsse. So verbeugte er sich auch und reckte sich dann wieder gerade auf mit der schlichten Würde eines Mannes, welcher in der Schule der Natur erzogen worden war. »Guten Abend, Hauptmann von Catinat,« redete der König den Offizier an und lächelte ihm freundlich zu. »Ich höre, Ihr Freund ist ein Fremdling in meinen Landen. Ich hoffe, mein Herr, daß Sie manches bei uns gefunden haben, was Sie interessiert und unterhalten hat?« »Ja, Ew. Majestät. Ich habe Ihre große Stadt gesehen – sie ist wirklich wundervoll. Auch hat mir mein Freund diesen Palast mit seinen Gehölzen und Anlagen gezeigt. Wenn ich nach Hause zurückkehre, werde ich von Ihrem schönen Lande viel zu erzählen haben.« »Sie sprechen französisch,« bemerkte der König, »und doch sind Sie kein Kanadier.« »Nein, Sire! Ich bin aus den englischen Provinzen.« Der König betrachtete mit Interesse die mächtige Gestalt, die kühnen Gesichtszüge und die freie Haltung des jungen Ausländers, und sein Geist schweifte zurück zu dem, was Graf Frontenac von den Gefahren vorausgesagt hatte, die Frankreich aus diesen Kolonien erwachsen könnten. Wenn dieser Mann ein echter Typus seiner Rasse war, so mußten seine Landsleute in der That ein Volk sein, das man lieber zum Freund als zum Feind haben mochte. Sein Sinn war indessen an diesem Abend auf andere Dinge, als auf Politik gerichtet, – so beeilte er sich, Catinat seine Befehle zu erteilen. »Sie werden in meinem Auftrage nach Paris reiten. Ihr Freund kann Sie begleiten. Zwei sind immer sicherer als einer, wenn ein Königsbefehl zu überbringen ist. Ich wünsche indessen, daß Sie auf den Einbruch der Nacht warten.« »Zu Befehl, Sire.« »Lassen Sie nichts von Ihrem Auftrag verlauten und achten Sie darauf, daß niemand Ihnen folgt. Sie kennen doch das Haus des Erzbischofs Harley, des Prälaten von Paris?« »Ja, Sire.« »Sie werden ihn ersuchen, sofort herauszukommen und an dem nordwestlichen Seitenthor um Mitternacht einzutreffen. Nichts darf ihn zurückhalten. Sei's Sturm, sei's mondenhell, er muß heute nacht hier sein. Es ist von höchster Wichtigkeit.« »Ich werde ihm Ihren Befehl überbringen, Sire.« »Sehr gut. Leben Sie wohl, Herr Hauptmann! Leben Sie wohl, Herr Green. Ich hoffe, daß der Aufenthalt in Frankreich ein recht angenehmer für Sie sein wird.« Mit einer Handbewegung und dem bezaubernden Lächeln, das ihm schon so viele Herzen gewonnen, entließ er die beiden Freunde. XIV. Die letzte Karte. Frau von Montespan hielt sich noch ganz zurückgezogen in ihren Gemächern. Des Königs Wegbleiben beunruhigte sie, aber sie mochte dem Hofe ihre Besorgnis nicht zeigen, deshalb erschien sie nicht und zog auch keine Erkundigungen ein. Während sie so von dem plötzlichen und vollständigen Zusammenbruch ihres Glückes nichts erfuhr, hatte sie einen thätigen und energischen Agenten, dem nichts von allem entgangen war, was sich ereignet hatte, und der ihre Interessen mit eben solchem Eifer im Auge behielt, als wenn es seine eignen gewesen wären. Freilich es waren auch seine eignen; denn dieser Agent war kein anderer als ihr Bruder, Herr von Vivonne, welcher durch den Einfluß seiner Schwester alles gewonnen hatte, wonach sein Herz verlangte: Vermögen, Ländereien, rasche Beförderung, und es war ihm nicht verborgen, daß ihr Sturz den seinigen sehr rasch nach sich ziehen würde. Von Natur verwegen, gewissenlos, erfindungsreich, war er nicht der Mann, ein Spiel aufzugeben, ohne es mit aller Energie und Schlauheit, die ihm zu Gebote stand, zu Ende zu spielen. Mit scharfem Auge alles verfolgend, hatte er seit dem Augenblick, da zuerst das Gerücht von des Königs Plänen ihm zu Ohren kam, das Vorzimmer nicht verlassen, und aus dem, was er gesehen, seine selbständigen Schlüsse gezogen. Nichts war ihm entgangen – weder die trostlosen Gesichter Monsieurs und des Dauphins, noch der Besuch des Pater La Chaise und Bossuets bei Frau von Maintenon, noch deren Audienz beim Könige und der Triumph, der in ihren Augen leuchtete, als sie zurückkehrte. Später hatte er Bontems herausstürzen und den Gardeoffizier mit seinem Freunde herbeiholen sehen, hatte gehört, wie die beiden dem Stallknecht den Befehl gaben, ihnen die Pferde in einer Stunde herauszuführen, und zuletzt meldete ihm ein Späher, den er sich unter dem Dienstpersonal hielt, daß in Frau von Maintenons Zimmern eine ganz ungewöhnliche Geschäftigkeit herrsche, daß Fräulein Nanon vor Aufregung außer sich sei, und daß zwei Hofputzmacherinnen in aller Eile von ihr herbeigerufen seien. Das volle Verständnis für die Dringlichkeit der Gefahr ging ihm freilich erst auf, als er durch denselben Späher erfuhr, daß auch ein Gemach zur Aufnahme des Erzbischofs von Paris noch für diese selbe Nacht zurecht gemacht werden sollte. Frau von Montespan hatte den Abend auf einem Sofa liegend zugebracht. Sie war in der allerschlimmsten Laune, unter der ihre ganze Umgebung zu leiden hatte. Sie hatte zu lesen versucht, aber bald das Buch weggeworfen. Sie hatte zu schreiben versucht, aber bald das Geschriebene in Stücke zerrissen. Tausend Befürchtungen und Mutmaßungen schossen ihr nacheinander durch den Kopf. Was war nur mit dem Könige geschehen! Gestern schon war er ihr sehr kühl vorgekommen, seine Augen waren fortwährend von ihr abgeglitten und hatten den Zeiger der Uhr verfolgt. Und heute war er gar nicht gekommen! War es vielleicht ein Gichtanfall? Oder war es denkbar, daß sie noch einmal ihre Gewalt über ihn eingebüßt hatte? Nein wahrhaftig, das konnte es doch nicht sein! Sie wandte sich auf ihrem Lager um und blickte in den Spiegel, der seitwärts neben der Thür hing. Die Kerzen waren soeben angezündet worden, vierzig an der Zahl, eine jede mit einem silbernen Spiegelleuchter versehen, welcher das Licht zurückstrahlte, so daß das Zimmer tageshell erleuchtet war. Dort im Spiegel erblickte sie das ganze glänzende Gemach, die tiefrote Ottomane und darauf die einzige menschliche Gestalt in einem gazeartigen, weiß- und silberschimmernden Gewande. Sie lehnte auf ihrem Ellbogen und bewunderte die tiefe Farbe ihrer Augen mit den langen dunklen Wimpern, die zarte Biegung des weißen Halses und das vollendete Oval ihres Gesichtes. Alles das prüfte sie sorgfältig und scharf, als ob es ihrer Nebenbuhlerin angehöre. Nirgends vermochte sie eine Spur von den boshaften Krähenfüßen der Zeit zu entdecken. Sie besaß also noch ihre volle Schönheit. Hatte diese doch einst den König erobert, warum sollte sie nicht im stande sein, ihn festzuhalten? Wie konnte sie auch nur einen Augenblick daran zweifeln? Sie schalt sich wegen ihrer Furchtsamkeit. Unzweifelhaft war er nicht wohl, oder besonders beansprucht, und würde noch kommen. Ha! Das klang wie eine Thür, die geöffnet wird – wie ein rascher Schritt in ihrem Vorzimmer! War er's? Oder war es wenigstens ein Bote, der einen Brief von ihm brachte? Keins von beiden. Es war ihr Bruder. Seine verstörten Augen und Mienen verkündigten die üble Botschaft, die er brachte. Sobald er eingetreten war, schloß er die Thür fest hinter sich ab, schritt dann quer durchs Zimmer und verriegelte auch die andere, welche zu ihrem Boudoir führte. »So kann uns niemand stören,« stieß er schweratmend hervor. »Ich bin hierhergestürzt, denn jede Sekunde ist kostbar. Hast du vom Könige gehört?« »Nichts, gar nichts!« entgegnete sie erregt. Sie war aufgestanden und starrte ihn an. Ihr Gesicht war so bleich wie das seinige. »Die Stunde zum Handeln ist gekommen, Françoise,« sagte er ernst. »Es ist die Stunde, wo die Mortemarts sich stets von der besten Seite gezeigt haben. Wir wollen darum nicht dem Schlage ausweichen, sondern uns aufraffen, um ihm die Stirn zu bieten.« »Um was handelt es sich?« Sie versuchte in ihrem natürlichen Tone zu sprechen, aber von ihren trockenen Lippen kam nur ein heiseres Flüstern. »Der König ist im Begriff, Frau von Maintenon zu heiraten,« entgegnete Herr von Vivonne. »Die Gouvernante! Die Witwe Scarron! Es ist unmöglich!« »Es ist gewiß.« »Zu heiraten? Bruder, sagtest du – zu heiraten?« »Ja, er will sie heiraten! « Frau von Montespan streckte ihre Hände mit einer verächtlichen Gebärde von sich und lachte laut und bitter auf. »Du hast dich ins Bockshorn jagen lassen, Bruder!« sagte sie. »O, du kennst deine kleine Schwester nicht. Vielleicht würdest du meine Gaben höher schätzen, wenn du nicht mein Bruder wärest. Gib mir einen Tag, nur einen kurzen Tag, und du wirst Ludwig, den stolzen Ludwig am Boden vor mir sehen, wie er mich für diese Beleidigung um Verzeihung bittet. Ich sage dir, er kann die Bande, die ihn fesseln, nicht zerreißen. Einen Tag – mehr verlange ich nicht, um ihn zurückzuerobern.« »Aber diesen einen Tag kannst du nicht haben.« »Warum nicht?« »Die Vermählung findet heute abend statt.« »Du bist toll, Charles!« schrie seine Schwester. »Keineswegs. Ich bin meiner Sache ganz gewiß.« In wenigen abgebrochenen Sätzen berichtete er nun alles, was er gesehen und was er gehört hatte. Sie hörte ihm grimmigen Antlitzes zu, und ihre Hände ballten sich heftiger und heftiger im Verlauf seiner Erzählung. Aber es war richtig, was er von den Mortemarts gesagt hatte. Sie entstammten einem streitlustigen Blute und zeigten sich im Augenblicke des Handelns immer von der vorteilhaftesten Seite. Keine Furcht, nur Haß erfüllte ihr Herz, als sie zuhörte, und die ganze Energie ihrer Natur sammelte und bäumte sich auf, um der Krisis zu begegnen. »Ich gehe sofort zu ihm,« rief sie und flog auf die Thür zu. »Nein, nein, Françoise,« wehrte er, »das darfst du nicht. Glaube mir, du ruinierst alles, wenn du das jetzt thust. Die Wache hat die strengsten Befehle, niemand beim Könige vorzulassen.« »Aber ich werde darauf bestehen, und sie wird mir nicht wehren können,« versicherte Françoise. »Glaube mir, meine Schwester,« wiederholte ihr Bruder, »es ist schlimmer, als nutzlos. Ich habe mit dem Offizier von der Wache gesprochen; er versichert, daß der Befehl ein unumstößlicher ist.« »Pah! Ich werde schon durchkommen.« »Nein, du sollst es nicht versuchen!« Herr von Vivonne lehnte sich mit dem Rücken gegen die Thür und fuhr fort: »Ich weiß, daß es nutzlos ist, und ich werde es nie zugeben, daß sich meine Schwester zur Zielscheibe des spottenden Hofes macht, indem sie ihren Weg in das Zimmer eines Mannes ertrotzen will, der sie von sich stößt.« Bei diesen Worten errötete seine Schwester tief und blieb unentschlossen stehen. »Hätte ich nur einen Tag, Charles,« sagte sie noch einmal, »ich würde ihn unfehlbar zurückgewinnen. Hier muß noch ein anderer Einfluß gewaltet haben, – vielleicht der Jesuit, der seine Nase überall hineinsteckt, oder der aufgeblasene Bossuet! Nur einen Tag, und ich durchkreuze ihre Ränke! Ist mir's doch, als sähe ich, wie sie ihm vor den geblendeten Augen die Flammen des Höllenfeuers tanzen lassen, wie man eine Fackel vor dem Stier schwingt, damit er umkehrt! O könnt' ich sie doch heute abend noch zu Schanden machen! Dies Weib! Dies verwünschte Weib! Die falsche Schlange, die ich an meinem Busen genährt habe! Lieber sähe ich Ludwig in seinem Grabe, als mit ihr verheiratet! Charles, Charles, es muß verhindert werden. Ich will alles, alles hingeben, um es zu vereiteln!« »Wieviel willst du geben, meine Schwester?« Sie starrte ihn entsetzt an. »Was! Dich soll ich erkaufen?« sagte sie. »Nein, allerdings nicht; aber andere will ich erkaufen.« »Ha!« rief sie, »du siehst also einen Ausweg?« »Einen einzigen, und nur den einzigen,« erwiderte er. »Aber die Zeit drängt. Ich brauche Geld.« »Wieviel?« »Ich kann nicht zu viel haben. Alles, was du entbehren kannst.« Mit zitternden Händen schloß sie einen geheimen Schrank in der Wand auf, in welchem sie ihre Wertsachen versteckt hielt. Ein schimmernder Juwelenschatz blitzte ihrem Bruder entgegen, als er über ihre Schulter lugte. Große Rubinen, köstliche Smaragden, tiefrote Berylle, leuchtende Brillanten lagen dort in einem vielfarbig glänzenden Haufen übereinander – ein Schatz, den sie durch des Königs Großmut in fünfzehn Jahren und darüber zusammen getragen hatte. An der einen Seite befanden sich drei Schiebladen übereinander. Sie öffnete die unterste. Sie war bis zum Rande mit blanken Louisd'or gefüllt. »Nimm, soviel du willst!« sagte sie. »Und nun deinen Plan! Schnell! Schnell!« Er stopfte Hände voll Goldes in die Seitentaschen seines Rockes. Manches Goldstück entglitt dabei seinen Fingern. Klingend rollte es über den Boden, aber keins der beiden Geschwister würdigte es eines Blickes. »Dein Plan?« wiederholte sie. »Wir müssen den Erzbischof daran verhindern, hierher zu kommen,« erwiderte Vivonne. »Dann würde die Trauung bis morgen aufgeschoben, und du hättest Zeit zu handeln.« »Aber wie willst du ihn daran verhindern?« fragte sie ungläubig. »Es gibt wohl ein Dutzend guter Degen bei Hofe, die sich für weniger kaufen lassen, als ich in einer meiner Taschen trage. Zum Beispiel haben wir da de la Touche, den jungen Turberville, den alten Major Despard, Raymond de Carnac und die vier Latours. Ich werde sie zusammenrufen und mich mit ihnen in den Hinterhalt legen.« »Und dem Erzbischof auflauern?« »O nein, nur den Boten, die ihn holen sollen.« »Ausgezeichnet,« jubelte Françoise. »Du bist ja ein Musterbruder! Wenn die Botschaft nicht nach Paris gelangt, sind wir gerettet! Geh! Geh! Verliere keinen Augenblick, mein lieber Charles!« »Das ist soweit ganz gut, Françoise,« fuhr Vivonne fort, »aber was machen wir mit ihnen, wenn wir sie haben? Mich dünkt, wir könnten leicht unsre Köpfe bei der Sache verlieren. Denn schließlich, es sind des Königs Boten, und wir können sie doch nicht wohl töten.« »Nicht, Charles?« »Dafür gibt's keinen Pardon.« »Du mußt aber bedenken, mein Bruder,« wandte Françoise ein, »daß ich, ehe die Sache zur Untersuchung kommt, meinen Einfluß auf den König werde wiedergewonnen haben.« »Alles sehr gut und schön, mein Schwesterlein,« meinte der Bruder bedächtig, »aber wie lange wird dein Einfluß währen? Ein nettes Leben für uns, wenn wir bei jedem Wechsel der königlichen Gunst landesflüchtig werden müßten! Nein, nein, Françoise! Das äußerste, was wir thun können, ist – die Boten gefangen zu halten.« »Wo kannst du sie gefangen halten?« »Ich habe auch das schon überlegt. Was meinst du zu Portillac, dem Schloß des Marquis von Montespan?« »Meines Gemahls?« »Jawohl.« »Meines bittersten Feindes? O Charles, du redest nicht im Ernst!« »Im vollsten Ernste, Françoise! Der Marquis war gestern in Paris und ist noch nicht auf sein Schloß zurückgekehrt. Wo ist der Ring mit seinem Wappen?« Frau von Montespan suchte hastig unter ihren Juwelen herum und fand endlich einen goldnen Ring mit einem darauf eingravierten großen Gesicht. Ihr Bruder nahm ihn ihr aus der Hand. »Das wird unser Schlüssel sein,« sagte er. »Wenn Marceau, der gute Schloßvogt, den sieht, wird jeder Kerker im Schloße zu unsrer Verfügung stehen. Dort müssen sie hin. Es gibt keinen andern Ort, wo wir sie sicher verbergen könnten.« »Wenn nun aber mein Mann zurückkehrt?« wandte seine Schwester ein. »Nun, er wird natürlich etwas erstaunt sein über seine Gefangenen,« erwiderte Vivonne. »Der arme Marceau wird wohl eine schlimme Viertelstunde durchleben. Aber das wird vielleicht erst in einer Woche geschehen, und bis dahin, mein Schwesterchen, hege ich das Vertrauen zu dir, daß du wirklich das Feld gewonnen haben wirst. Doch nun kein Wort weiter, denn jeder Augenblick ist kostbar. Lebe wohl, Françoise. Ohne Kampf werden wir nicht unterliegen. Ich will dir übrigens heute nacht noch eine Botschaft senden, damit du erfährst, ob das Glück uns wohl will!« Vivonne nahm seine Schwester zärtlich in die Arme, küßte sie und verließ dann eiligst das Zimmer. Als sie allein war, ging Frau von Montespan noch stundenlang auf dem weichen dicken Teppich geräuschlosen Schrittes auf und ab, die Hände geballt, die Augen flammend, ihre Seele von Eifersucht und Haß gegen ihre Nebenbuhlerin verzehrt. Es schlug zehn, es schlug elf, die Mitternacht zog herauf, und noch immer wartete sie, glühend vor Aufregung, mit angestrengten Ohren lauschend auf jeden Fußtritt, der ihr ein Herold der wichtigen Nachricht sein konnte. Endlich kam er. Sie vernahm einen raschen Schritt in der Galerie, ein leises Pochen an der Vorzimmerthür, das Geflüster ihres schwarzen Pagen! Bebend vor Ungeduld stürzte sie hinaus und nahm selbst dem staubbedeckten Kavalier das Billet ab, das er gebracht hatte. Es waren nur sechs, flüchtig auf einen schmutzigen Papierfetzen gekritzelte Worte, aber sie brachten die Farbe auf ihre Wangen, ein Lächeln auf ihre Lippen zurück. Es war ihres Bruders Handschrift und lautete: »Der Erzbischof kommt heut nacht nicht.« XV. Die mitternächtliche Mission. Catinat war sich der Wichtigkeit der ihm zugewiesenen Mission vollbewußt. Die ihm vom König eingeschärfte Geheimhaltung derselben, die augenscheinliche Erregtheit des Monarchen, und der Charakter seiner Befehle, das alles bestätigte die Gerüchte, welche bereits am Hofe umherzuschwirren begannen. Er kannte überdem hinlänglich die Intriguen und Gegenintriguen, von denen der Hof erfüllt war, um zu begreifen, daß die äußerste Vorsicht bei der Ausführung seiner Instruktionen geboten war. Er wartete deshalb bis zum Einbruch der Nacht, ehe er seinem Burschen befahl, die zwei Pferde an eines der Nebenthore der Anlagen zu führen. Als er und sein Freund zusammen dorthin gingen, entwarf er demselben eine flüchtige Skizze der Sachlage am Hofe und deutete die Möglichkeit an, daß dieser Nachtritt ein Ereignis von Wichtigkeit für die zukünftige Geschichte Frankreichs sein könnte. »Ihr König gefällt mir,« entgegnete Amos Green, »und ich freue mich, ihm einen Dienst leisten zu können. Er ist für das Haupt einer Nation kein eben stattlicher Mann, aber er hat das Auge eines Häuptlings. Wenn man ihn in den Wäldern von Maine ganz allein anträfe, so würde man ihn doch sofort als einen Mann erkennen, der anders ist wie seinesgleichen. Nun ich freue mich, daß er wieder heiraten will – es mag freilich keine Kleinigkeit sein für die Frau, ein so großes Haus in Ordnung zu halten.« Catinat lächelte über die Vorstellung seines Gefährten von den Pflichten einer Königin. »Sind Sie bewaffnet?« fragte er Green. »Sie haben keinen Degen, keine Pistolen?« »Nein,« erwiderte der Amerikaner. »Wenn ich nicht meine Flinte führen darf, belade ich mich nicht gern mit Waffen, die ich nicht zu gebrauchen verstehe. Ich habe mein Jagdmesser, das genügt. Aber warum fragen Sie danach?« »Weil uns vielleicht Gefahr droht.« »Wie kommt das?« »Es sind viele bei Hof,« erwiderte Catinat, »denen daran liegt, diese Heirat zu verhindern. Sämtliche hervorragende Männer des Königreiches sind entschieden dagegen. Wenn sie uns aufhalten könnten, würden sie die Trauung aufhalten, wenigstens für diese Nacht.« »Aber ich dachte, es sei ein Geheimnis,« wandte der Amerikaner ein. »Geheimnisse gibt es bei Hofe nicht,« erwiderte Catinat. »Da ist der Dauphin, oder des Königs Bruder, oder irgend einer von den großen Herren, der wahrscheinlich froh sein würde, wenn wir in der Seine lägen, ehe wir des Erzbischofs Palast erreichten. Aber wer ist das?« Eine stämmige Gestalt war auf dem Wege, den sie eingeschlagen hatten, aus dem Dunkel aufgetaucht. Als sie sich näherten, beleuchtete eine bunte Lampe, die von einem Baum herabhing, die blaue Uniform eines Gardeoffiziers. Es war der Major von Brissac von Catinats Regiment. »Hallo! Wohin des Weges?« fragte er. »Nach Paris, Major.« »In einer Stunde reite ich auch dahin. Wollen Sie nicht auf mich warten?« »Thut mir leid,« erwiderte Catinat, »aber ich reite in dringenden Geschäften; ich darf keine Minute verlieren.« »Dann muß ich eben allein reiten. Gute Nacht. Guten Erfolg!« gab der Major zurück. »Ist unser Freund, der Major, ein zuverlässiger Mann?« fragte Amos Green, indem er dem Zurückbleibenden einen Blick zuwarf. »Treu wie Stahl.« »Dann möchte ich ihm etwas sagen.« Der Amerikaner eilte auf dem Wege, den sie gekommen waren, zurück, während Catinat über diese unnötige Verzögerung außer sich geriet. Es vergingen volle fünf Minuten, ehe sein Gefährte zurückkehrte. Das feurige Blut des französischen Soldaten kochte darüber vor Ungeduld und Ärger. »Es wäre vielleicht besser, wenn Sie mit voller Muße allein nach Paris ritten, mein Freund,« sagte er. »Wenn ich in des Königs Dienst bin, kann ich mich nicht durch Ihre Laune aufhalten lassen.« »Es thut mir leid,« entgegnete der Amerikaner ruhig. »Ich hatte Ihrem Major etwas zu sagen, und es fiel mir ein, daß ich ihn möglicherweise nie wiedersehen könnte.« »Gut, gut, hier sind die Pferde,« sagte der Offizier, indem er das Hinterthor aufstieß. »Hast du sie schon gefüttert und getränkt, Jacques?« »Jawohl, Herr Hauptmann,« entgegnete der Mann, der die Tiere am Zügel hielt. »In die Steigbügel und in den Sattel also, Freund Green,« rief Catinat, »und wir werden die Zügel nicht eher anziehen, bis wir die Lichter von Paris vor uns sehen!« Catinats Bursche blickte ihnen durch die Dunkelheit nach, ein höhnisches Grinsen auf dem breiten Gesicht. »Ihr werdet die Zügel nicht anziehen? Wirklich nicht?« murmelte er, indem er sich umwendete. »Na, das werden wir ja sehen, Herr Hauptmann; das werden wir ja sehen!« Eine Weile galoppierten die Kameraden dicht nebeneinander dahin. Von Westen war ein Wind aufgesprungen, und der Himmel war mit schweren, grauen Wolken bedeckt, die wild dahin jagten, so daß die schmale Mondsichel nur von Zeit zu Zeit flüchtig zwischen den Spalten hervorgucken konnte. Sogar während dieser hellen Augenblicke war die von hohen Bäumen beschattete Straße sehr dunkel, aber wenn der schwache Lichtschein ganz verdeckt war, konnte man sie kaum unterscheiden. Catinat wenigstens erging es so; ängstlich blickte er über die Ohren seines Pferdes und senkte das Gesicht bis auf die Mähne in seiner Anstrengung, den Weg zu erkennen. »Was halten Sie von dem Wege, Green?« fragte er endlich. »Er sieht aus, als wenn heute viele Wagen darauf gefahren wären,« erwiderte der Amerikaner. »Was? – Mein Gott, wollen Sie wirklich sagen, daß Sie dort Räderspuren sehen?« rief Catinat ganz verblüfft. »Natürlich. Warum nicht?« »Aber Mensch,« entgegnete Catinat. »Ich sehe ja überhaupt keinen Weg!« Amos Green lachte herzlich. »Wenn Sie, lieber Freund, bei Nacht in den Wäldern umhergestreift wären, wie ich es oft gethan habe,« sagte er, »wo Sie Ihren Schopf riskiert, sobald Sie ein Licht gezeigt hätten, würden Sie gelernt haben, Ihre Augen zu gebrauchen.« »Dann ist's das beste,« erwiderte Catinat, »Sie reiten voran, und ich halte mich dicht hinter Ihnen. So! Hallo! Was gibt's nun?« Ein plötzlicher scharfer Ton, als ob etwas abschnappte, veranlaßte diese Frage. Gleichzeitig hatte der Amerikaner einen Augenblick im Sattel geschwankt. »Es ist einer meiner Steigbügelriemen,« antwortete er. »Er ist gerissen.« »Können Sie ihn nicht finden?« »O ja, aber ich kann ebensogut ohne das Ding reiten. Wir wollen machen, daß wir vorwärts kommen.« »Sehr gut. Ich kann Sie jetzt auch sehen.« Fünf Minuten etwa waren sie so, Catinat dicht hinter seinem Gefährten, weiter gesprengt, als es zum zweitenmale laut schnappte, und der Gardeoffizier aus dem Sattel zu Boden rollte. Er behielt indes die Zügel fest im Griff und war im nächsten Augenblick wieder auf den Füßen am Kopf seines Pferdes, wilde Flüche hervorwetternd, wie sie nur einem wütenden Franzosen in solcher Fülle zu Gebote stehen. »Tausend Himmel Donnerwetter!« schrie er. »Wie ist das nur gekommen?« »Ihr Riemen ist auch gerissen.« »Zwei Steigbügelriemen in fünf Minuten! Es ist doch unmöglich!« »Es ist unmöglich, daß das zufällig geschah,« sagte der Amerikaner, indem er sich bedächtig aus dem Sattel schwang. »Ei, was ist dies? Mein andrer Riemen ist durchgeschnitten und hängt nur noch an einem Faden.« »Der meine auch. Ich kann's fühlen, wenn ich mit der Hand drüber streiche. Haben Sie ein Feuerzeug bei sich? Lassen Sie uns Licht machen.« »Nein, nein!« wehrte Green, »Der Mann, der im Dunkeln ist, ist in Sicherheit. Ich lasse immer meine Feinde Licht machen. Wir können so viel sehen, wie wir brauchen.« »Auch mein Zügel ist durchgeschnitten.« »Auch der meinige!« »Und mein Sattelgurt.« »Es ist ein Wunder, daß wir so weit mit ganzen Knochen gekommen sind. Wer kann uns aber diesen infamen Streich gespielt haben?« »Wer anders, als der Schurke Jacques, mein Bursche! Er hat die Pferde in Obhut gehabt. Bei Gott, er soll es erfahren, was ein Strappado bedeutet, wenn ich Versailles wiedersehe!« »Aber warum sollte er es gethan haben?« »Natürlich ist er dazu angestiftet worden. Er ist ein Werkzeug in den Händen der Halunken gewesen, denen daran liegt, unsre Reise zu vereiteln.« »Ja, ja, so wird es sein. Aber was steckt dahinter? Sie mußten doch wissen, daß wir dadurch nicht abgehalten werden konnten, Paris zu erreichen. Wir konnten doch auch ohne Sattel reiten und im äußersten Falle auch zu Fuß hinkommen.« »Sie hofften, wir würden den Hals brechen.« »Einer hätte ihn brechen können, aber doch kaum alle beide, da das Schicksal des einen den andern warnen mußte.« »Nun, und was denken Sie denn, was die Schufte vor hatten?« rief Catinat ungeduldig. »Ums Himmels willen, wir müssen zu einem Schluß kommen, denn jede Minute ist von Wichtigkeit!« Aber sein Gefährte ließ sich von seiner kühlen methodischen Denk- und Sprechweise nicht abbringen. »Uns gänzlich Einhalt thun, können sie nicht gewollt haben. Was hatten sie also dann vor? Sie können uns nur haben aufhalten wollen. Und warum sollten sie das gewollt haben? Was konnte es ihnen ausmachen, ob wir unsre Botschaft eine oder zwei Stunden früher oder später ausrichteten? Daran konnte ihnen nichts liegen.« »Um des Himmels willen –« unterbrach ihn Catinat ungestüm. Aber Amos Green fuhr fort, die Sache langsam zurechtzuhämmern. »Warum sollten sie uns haben aufhalten wollen? Es gibt nur einen Grund dafür, soweit ich sehen kann. Um nämlich andern Leuten Zeit zu lassen, uns zuvorzukommen und uns den Weg zu versperren. Das ist es, Herr Hauptmann! Ich möchte mit Ihnen um ein Biberfell gegen einen Kaninchenpelz wetten, daß ich auf der richtigen Fährte bin. Es ist hier ein Trupp von zwölf Reitern gewesen, seit der Tau zu fallen anfing. Wenn wir aufgehalten würden, hatten sie Zeit, ihre Pläne zu machen, ehe wir herankamen.« »Meiner Treu, Sie mögen recht haben,« sagte Catinat nachdenklich. »Was würden Sie nun vorschlagen?« »Daß wir zurückreiten und einen weniger direkten Weg wählen.« »Es ist unmöglich. Wir müßten bis zu dem Kreuzwege von Meudon zurückreiten; – das würde unsre Reise um zwei Meilen verlängern.« »Es ist besser ein paar Stunden später, als ganz und gar nicht hin zu kommen.« »Unsinn!« brauste Catinat auf. »Wir werden uns doch wahrhaftig nicht durch eine bloße Vermutung von unserm Wege abbringen lassen. In einer halben Stunde kommen wir an den Kreuzweg von St. Germain. Dort können wir uns zur Rechten wenden und längs dem Südufer des Flusses reiten und so unsern Kurs ändern.« »Aber vielleicht kommen wir gar nicht soweit,« warnte der Amerikaner. »Wenn irgend jemand uns in den Weg tritt, werden wir schon mit ihm fertig werden,« entgegnete Catinat. »Sie würden also fechten?« »Selbstverständlich!« »Wie! auch wenn ihrer ein Dutzend wären?« »Und wenn es hundert wären, – wenn ich im Auftrag des Königs reite!« Amos Green zuckte die Achseln. »Sie fürchten sich doch nicht?« fragte Catinat verwundert. »Das kommt hier gar nicht in Betracht. Wenn man es nicht vermeiden kann, laß ich mir das Fechten wohl gefallen. Aber ich nenne es Thorenwerk, geradeswegs in eine Falle hineinzureiten, wenn man sie umgehen kann.« »Sie können thun, was Sie wollen,« entgegnete Catinat ärgerlich. »Mein Vater war ein Edelmann, der tausend Hufen Landes besaß, und sein Sohn beabsichtigt nicht, im Dienste des Königs zu wanken und zu weichen.« »Mein Vater,« erwiderte Amos Green, »ist ein Kaufmann, der tausend Skunkpelze besitzt, und sein Sohn erkennt einen Narren, wenn er einen sieht.« »Sie sind unverschämt, Herr Green,« sagte der Gardeoffizier. »Aber wir können diese Angelegenheit zu günstigerer Zeit ordnen. Gegenwärtig setze ich meinen befohlenen Ritt fort, und mir soll es recht sein, wenn Sie nach Versailles zurückkehren, falls Ihnen das lieber ist.« Er lüftete mit förmlicher Höflichkeit den Hut, schwang sich auf sein Pferd und ritt weiter auf der Straße nach Paris. Amos Green zögerte ein wenig. Dann stieg auch er zu Pferde und hatte bald seinen Gefährten eingeholt. Dieser war jedoch in keiner rosigen Laune. Ohne einen Blick oder ein Wort für seinen Kameraden ritt er steifnackig seine Straße. Plötzlich gewahrten seine Augen in dem Düster etwas, was auf sein Gesicht ein Lächeln zurückführte. Vor seinen Augen, zwischen zwei dunklen Baumgruppen waren zahllose schimmernde, glitzernde gelbe Punkte aufgetaucht, die so dicht bei einander lagen, wie Blumen in einem Garten. Es waren die Lichter von Paris. »Sehen Sie!« rief er seinem Gefährten zu. »Da ist die Stadt, und ganz nahe muß hier die Straße von St. Germain sein. Wir wollen sie einschlagen und so jede Gefahr vermeiden.« »Sehr gut!« meinte Green. »Aber ich würde nicht zu schnell reiten, da Ihr Gurt jeden Augenblick reißen kann.« »Nein, nein, nur vorwärts,« rief Catinat. »Wir sind dem Ende unsrer Reise ganz nahe. Die Straße von St. Germain öffnet sich gerade bei dieser Biegung, und danach werden wir unsern Weg klar sehen, denn die Lichter von Paris werden uns leuchten!« Er trieb sein Pferd mit der Gerte an, und beide sprengten neben einander um die Biegung. Im nächsten Augenblick lagen sie beide am Boden unter einem zappelnden Wirrsal sich hin- und herwerfender Pferdeköpfe und hauender Rosseshufe. Catinat lag zum Teil unter seinem Pferde; sein Gefährte war zwanzig Schritt weiter geschleudert und lag still und regungslos inmitten der Straße- XVI. »Wenn der Teufel kutschiert.« Herr von Vivonne hatte seinen Hinterhalt mit großer Umsicht gelegt. Mit einer verschlossenen Kutsche und einem Trupp sorgfältig auserlesener Raufbolde hatte er den Palast eine gute halbe Stunde vor den Boten des Königs verlassen, und das Gold seiner Schwester hatte dafür gesorgt, daß die Reise derselben keine sehr schnelle werden konnte. An der Stelle, wo der Weg sich teilte, hatte er dem Kutscher befohlen, noch eine kleine Strecke darauf weiterzufahren, und hatte alle Pferde an einen Zaun unter seiner Obhut angebunden. Dann hatte er einen von der Bande in einiger Entfernung auf der Hauptstraße als Schildwache aufgestellt und ihm befohlen, ein Licht aufflammen zu lassen, sobald die beiden Kuriere sich näherten. Ein starkes Seil war sodann achtzehn Zoll über dem Boden an den Stamm eines Baumes befestigt worden; sobald das Signal aufflammte, sollte es an einem Thorpfosten an der anderen Seite der Straße angebunden werden. Die beiden Kavaliere konnten dasselbe unmöglich sehen, da es gerade an der Biegung der Straße sich befand. So stolperten denn ihre Pferde darüber und stürzten mit samt ihren Reitern zu Boden. Sogleich brachen die zwölf Raufbolde, welche im Schatten der Bäume gelauert hatten, hervor und sprangen mit geschwungenem Degen auf die Gefallenen los. Aber die Opfer ihrer Hinterlist rührten sich nicht. Catinat lag schweratmend und ohnmächtig da, ein Bein unter dem Halse seines Pferdes; in einem dünnen Strom sickerte das Blut über sein blasses Antlitz und tropfte langsam auf die silbernen Achselschnüre. Amos Green war nicht verwundet, aber sein defekter Sattelgurt war beim Sturz gerissen, und er so vom Pferde weit weg auf den harten Weg geschleudert, mit einer Heftigkeit, die ihm vollständig den Atem benommen hatte. Herr von Vivonne zündete eine Laterne an und leuchtete damit in die Gesichter der beiden bewußtlosen Männer. »Das ist eine schlimme Geschichte, Major Despard,« sagte er zu dem ihm zunächststehenden Manne. »Ich glaube, es ist aus mit ihnen beiden!« »Es wird doch nicht! Mein' Seel'! Als ich jung war, da starb sich's nicht so rasch!« antwortete der andere, indem er sein wildes, graubärtiges Gesicht dem Licht der Laterne zuneigte. »Ich bin so oft mit dem Pferde gestürzt wie es Nesselstifte an meinem Wams gibt, aber außer einem Rippenbruch oder auch zweien, hat es mir nie was geschadet. Schieb den Gäulen dein Rapier unter die dritte Rippe, de la Touche – die werden niemals wieder den Huf auf den Boden setzen.« Ein zwiefaches Schnaufen und Stöhnen, das dumpfe Aufschlagen der beiden Hälse auf die Erde verkündete, daß die Tiere ausgelitten hatten. »Wo ist Latour?« fragte Herr von Vivonne. »Achille Latour, der in Montpellier Medizin studiert hat? Wo ist er?« »Hier bin ich, Excellenz,« erwiderte der Gesuchte. »Mir kommt es nicht zu, zu prahlen, aber wahrhaftig, ich verstehe ebensowohl mit einer Lanzette, wie mit einem Rapier umzugehen, und für manchen kranken Mann war es ein schlimmer Tag, an dem ich mir Koller und Bandelier umhing. Nach welchem soll ich zuerst sehen?« »Nach diesem hier auf der Straße,« bedeutete ihn Vivonne. Der Reitersmann beugte sich über Amos Green. »Der wird es nicht lange mehr machen,« urteilte er. »Ich erkenne das deutlich an dem abgebrochenen Atemholen.« »Und worin besteht seine Verletzung?« fragte Vivonne. »Eine Verstauchung des Epigastriums,« erklärte der ehemalige Mediziner. »Die gelehrten Ausdrücke,« fügte er entschuldigend hinzu, »kommen mir unwillkürlich auf die Zunge, aber es ist schwer, sie in gemeine Redeweise zu übersetzen. Mich dünkt, es wäre nicht übel, wenn ich ihm meinen Dolch in die Kehle stieße, denn sein Ende ist sowieso sehr nahe.« »So lieb Ihnen Ihr Leben ist – das thun Sie nicht!« rief der Führer. »Stirbt er ohne Wunde, so kann niemand uns seinen Tod zur Last legen! Untersuchen Sie jetzt den andern.« Latour beugte sich über den Gardeoffizier und legte ihm die Hand aufs Herz. Bei dieser Berührung seufzte Catinat tief auf, öffnete seine Augen und blickte um sich mit dem Ausdruck eines Mannes, der weder weiß, wo er ist, noch wie er dorthin gekommen ist. Herr von Vivonne, der seinen Hut tief über die Augen gezogen und den unteren Teil seines Gesichts in den Mantel gehüllt hatte, zog seine Feldflasche heraus und flößte einen Teil ihres Inhalts in die Kehle des verwundeten Mannes. Im nächsten Augenblick kehrte die Farbe in des Gardisten blutlose Wangen zurück und klare Besinnung in seine Augen. Er raffte sich mühsam empor, taumelte auf seine Füße und stieß wütend nach denen, die ihn hielten. Aber noch schwamm ihm alles vor den Augen, und er konnte sich kaum aufrecht halten. »Ich muß nach Paris!« keuchte er. »Ich muß nach Paris. Es ist der Befehl des Königs. Sie halten mich hier fest auf Ihre Gefahr!« »Er ist nicht verletzt – ein bißchen geritzt, weiter nichts,« sagte der Exdoktor. »Dann haltet ihn fest!« befahl Vivonne. »Aber zuerst gehe einer und trage den sterbenden Mann in die Kutsche.« Die Laterne warf ihren schwachen, gelben Lichtschein nur auf einen kleinen Umkreis, so daß Amos Green im Schatten liegen blieb, als sie zu Catinat hinübergetragen wurde. Jetzt beleuchteten sie wieder die Stelle, wo der Amerikaner gelegen hatte. Aber jede Spur von ihm war verschwunden. Er war fort. Einen Augenblick standen die Wegelagerer bestürzt da und starrten auf die leere Stelle. Aber das Licht ihrer Laterne zeigte ihnen nichts, als ihre Federhüte, ihre zornglühenden Augen, ihre wilden Gesichter, ihre wüsten Gestalten. Dann brachen sie in wilde Flüche ans. Vivonne packte den falschen Doktor an der Kehle, schleuderte ihn zu Boden und würde ihn auf der Stelle erwürgt haben, wenn seine Genossen ihn nicht weggerissen hätten. »Du lügnerischer Hund!« brüllte er. »Ist das deine Kunst? Der Kerl ist entflohen, und wir sind, verloren,« »Er hat es im Todeskampf gethan,« keuchte Latour heiser, indem er sich aufrichtete und seine Kehle rieb, »Ich sage Ihnen, er war in extremis . Er kann nicht weit weg sein.« »Das ist wahr!« rief Vivonne. »Er kann nicht weit entfernt sein. Er hat ja weder ein Pferd noch Waffen. Ihr, Despard und Raymond de Carnac, hütet den andern, daß er uns nicht auch einen solchen Streich spielt. Und ihr, Latour und Turberville, reitet die Straße hinab und wartet am Südthor. Wenn er wirklich bis Paris kommt, muß er sich dahin wenden. Kriegt ihr ihn, so bindet ihn vor euch aufs Pferd und bringt ihn nach dem Versammlungsplatz. Schlimmstenfalls ist wenig daran gelegen, denn er ist ein Fremder, dieser Kerl, und nur zufällig hier. Und nun in die Kutsche mit dem andern! Wir müssen fort sein, ehe die Sache ruchbar wird.« Die beiden Reiter sprengten davon, um den Flüchtling einzuholen. Catinat, der verzweifelte Anstrengungen machte, sich loszureißen, wurde die Straße von St. Germain hinabgeschleppt und in die Kutsche geworfen, welche in einiger Entfernung gewartet hatte, während die beschriebenen Vorgänge sich abspielten. Drei von den übrigen Reitern ritten an der Spitze, und der Kutscher empfing Befehl, ihnen unmittelbar zu folgen. Vivonne, nachdem er einen von der Bande mit einem Billet an seine Schwester entsendet hatte, bildete mit den übrigen Wegelagerern die Nachhut. Der unglückliche Gardeoffizier – inzwischen völlig wieder zum Bewußtsein gekommen – sah sich, mit Lederriemen an Hand- und Fußgelenken gefesselt, als Gefangener in einem beweglichen Kerker, der sich schwerfällig den Feldweg entlang schleppte. Durch die Erschütterung des Falles war er zwar betäubt gewesen, und die Wucht des Pferdes hatte sein Bein arg gedrückt, aber die Wunde an der Stirn war ganz unbedeutend und hatte bereits aufgehört zu bluten. Seine schlimmsten Schmerzen wühlten in seinem Innern. Er ließ den Kopf in die gefesselten Hände sinken, stampfte wütend mit beiden Füßen und wiegte seinen Körper in maßloser Verzweiflung hin und her. Was für ein Narr, ja ein dreifacher Narr war er doch gewesen! Er, ein alter Soldat, der den Krieg kannte, mit offnen Augen in eine solche Falle zu gehen! Der König hatte ihn vor anderen als einen zuverlässigen Boten erwählt, und er hatte sich in ihm getäuscht – so schmachvoll war er unterlegen. Noch dazu war er gewarnt worden, gewarnt von einem jungen Mann, der nichts von den Ränken des Hofes wußte und der nur durch natürliche Instinkte geleitet wurde. In der Pein solcher Gedanken warf sich Catinat heftig in die Lederkissen zurück. Aber dann machte sich in ihm der gesunde Menschenverstand wieder geltend, welcher so dicht unter dem Ungestüm des Kelten liegt. Die Dummheit war jetzt einmal begangen, und er mußte nun sehen, ob sie sich nicht wieder gut machen ließ. Amos Green war entkommen. Das war wenigstens ein günstiger Umstand. Und Amos Green hatte den Auftrag des Königs mitangehört und die Wichtigkeit desselben begriffen. Allerdings kannte er Paris nur wenig, aber es unterlag keinem Zweifel, daß ein Mann, der bei Nacht seinen Weg durch die Wälder von Maine finden konnte, auch ohne Schwierigkeit ein so wohlbekanntes Haus wie das des Erzbischofs ausfindig machen würde. Aber dann kam ihm plötzlich ein Gedanke, der sein Herz erstarren ließ. Die Stadtthore wurden um acht Uhr abends verschlossen. Und jetzt war es fast neun Uhr. Für ihn, dessen Uniform eine Gewähr bot für seine Botschaft, wäre es leicht gewesen, trotzdem Einlaß zu erlangen. Aber wie sollte Amos Green, ein Ausländer und ein Bürgerlicher, durchzukommen hoffen? Es war unmöglich, völlig unmöglich! Und doch hegte er trotz dieser Unmöglichkeit die unbestimmte Hoffnung, daß ein so energischer, anschlägiger Mann, wie Amos, irgend einen Weg aus dieser Schwierigkeit finden werde. Dann begann sich der Gedanke an Flucht in ihm zu regen. Würde er nicht sogar jetzt noch Zeit haben, seine Botschaft selbst zu überbringen? Wer waren diese Männer, die ihm aufgelauert und ihn gefangen hatten? Kein Wort war unter ihnen gefallen, woraus er hätte schließen können, wessen Werkzeuge sie waren. Monsieur und der Dauphin kamen ihm in den Sinn – einer von ihnen mochte sie gesandt haben. Nur einen von der Bande hatte er erkannt, es war der alte Major Despard, ein Mann, der die gemeinsten Weinkneipen von Versailles besuchte und dessen Schwert dem längsten Geldbeutel immer zur Verfügung stand. – Und wohin wollten ihn diese Leute führen? Vielleicht zum Tode. Aber wenn sie ihn hätten abthun wollen, warum ihn dann wieder zum Bewußtsein bringen? und wozu dann die Kutsche und die ganze Fahrt? Voll Neugierde spähte er durch die Wagenfenster. Zu beiden Seiten dicht neben dem Wagen ritt je ein Bewaffneter, der ihm die Aussicht sperrte. Doch durch die Vorderfenster des Wagens konnte er sich ein wenig über die Gegend orientieren, durch welche sie fuhren. Die Wolken waren jetzt fortgezogen, und der helle Mondschein badete die ganze weite Landschaft in seinem sanftschimmernden Lichte. Zur Rechten erstreckte sich das offne Land, weite Ebenen mit hin und her verstreuten Baumgruppen und Schloßtürmen, die hie und da aus den Gehölzen hervorragten. In einem Kloster wurde eine Glocke geläutet, deren dumpfen Ton der Lufthauch herübertrug. Zur Linken, aber weit entfernt, lag der rötliche Glast von Paris, und mit zunehmender Schnelligkeit entfernten sie sich weiter und weiter davon. Weder die Hauptstadt noch Versailles konnten also das Reiseziel sein. Nun begann er zu überlegen, welche Aussichten er für einen Fluchtversuch habe. Sein Schwert war ihm abgenommen, und seine Pistolen steckten noch in den Halftern seines erstochenen Pferdes. So war er gänzlich waffenlos – was konnte es ihm helfen, sich loszumachen? Seine Häscher waren mindestens zwölf Mann. Drei von ihnen ritten an der Spitze längs des weißen, mondbeschienenen Fahrweges. Dazu kamen die beiden an den Seiten des Wagens, und nach dem Geräusch der Pferdehufe zu urteilen, konnten nicht weniger als ein halbes Dutzend hinterher folgen. Das machte genau zwölf Mann, den Kutscher miteingerechnet – was konnte ein einzelner unbewaffneter Mann gegen so viele ausrichten? Während er des Kutschers gedachte, hatte er unwillkürlich durch die Vorderfenster einen Blick auf des Mannes breiten Rücken geworfen, – und plötzlich beim Schein der Wagenlampen eine Wahrnehmung gemacht, die ihn mit Entsetzen erfüllte. Der Mann war augenscheinlich schwer verwundet. Um so seltsamer war es, daß er auf dem Bock sitzen und seine Peitsche so energisch handhaben konnte bei einer so fürchterlichen Verletzung. Im Rücken seines weiten roten Rockes, grade unter dem linken Schulterblatt war ein langer Riß im Tuch, den irgend eine Waffe gemacht hatte, und ringsherum ein großer dunkelroter Fleck, der seine eigne Geschichte erzählte. Und das war noch nicht alles. Als er die Peitsche hob, beschien das Mondlicht seine Hand, und Catinat sah mit Schaudern, daß sie über und über mit Blut besudelt war. Der Gardeoffizier reckte seinen Hals vor, um einen Blick auf des Mannes Antlitz zu erhaschen; aber der breitkrämpige Hut des Kutschers war tief herab-, und der hohe Kragen seines Mantels hoch heraufgezogen, so daß seine Gesichtszüge ganz im Schatten lagen. Dieser stille Mann vor ihm, mit den schrecklichen Blutspuren an seinem Leibe war ein Anblick, bei dem es Catinats tapferes Herz kalt durchrieselte. Leise betete er einen von Marots hugenottischen Psalmen; denn wer, außer der böse Feind in eigner Person, würde eine Kutsche mit diesen blutigroten Händen lenken können, nachdem sein Körper von solch einem Schwertstich durchbohrt war! Indem er noch darüber nachsann, waren sie an einer Stelle angelangt, wo die Hauptstraße geradeaus weiter führte, aber ein engerer Seitenpfad sich davon links den steilen Hang eines Hügels in der Richtung auf die Seine hinabsenkte. Die Vorhut war auf der Hauptstraße geblieben, und die beiden Reiter zu den Seiten der Kutsche ritten in derselben Richtung, da schwenkte plötzlich, zu Catinats starrem Erstaunen, die Kutsche seitwärts und stürzte sich die steile Senkung hinab. Die beiden starken Pferde jagten in wilder Eile, der Kutscher stand aufrecht und hieb wütend auf sie ein, daß das schwerfällige alte Gefährt dahin flog und sprang, und der Insasse von einem Sitz auf den andern, bald vorwärts, bald rückwärts geschleudert wurde. Hinter sich vernahm er einen Schrei der Bestürzung von der Eskorte, und dann das Gestampf der verfolgenden Hufschläge. Und weiter ging's wie im Fluge. Die Pappeln an beiden Seiten flogen im tollen Reigen an den Fenstern vorüber, die Pferde donnerten weiter mit langgestreckten Leibern, die fast den Boden berührten, und der gespenstische Fuhrmann schwenkte die schrecklichen roten Hände im Mondlicht und schrie die wildgewordenen Rosse an. Bald sprang die Kutsche nach einer Seite, bald nach der andern und schwankte wie toll hin und her. Jetzt lief sie nur auf zwei Seitenrädern, als könnte sie jeden Augenblick umstürzen. Und doch, so schnell sie fuhren, ihre Verfolger ritten noch schneller. Das Klappern ihrer Hufe war ihnen dicht auf den Fersen, ja mit einem Mal kamen an einem der Fenster die roten ausgedehnten Nüstern eines Pferdes in Sicht. Langsam kam das Tier weiter zum Vorschein, die Schnauze, die Augen, die Ohren, die Mähne, und endlich darüber das wilde Gesicht Despards und der funkelnde Messinglauf einer Pistole. »Auf das Pferd, Despard, auf das Pferd!« rief eine gebieterische Stimme von hinten. Die Pistole blitzte auf, und die Kutsche ruckte vornüber, als eines der Pferde einen krampfhaften Sprung that. Aber der Kutscher fuhr fort zu schreien und mit der Peitsche zu knallen, während das Gefährt weiter raste. Aber jetzt machte der Weg eine plötzliche Biegung, und da – gerade dicht vor ihnen, kaum hundert Schritt entfernt, floß die Seine kalt und still im Mondenschein. Die hohe Böschung zu beiden Seiten der Straße lief geraden Wegs ohne irgend welche Unterbrechung bis zum Rande des Wassers hinab. Keine Spur von einer Brücke! Ein dunkler Schatten inmitten des Stromes erwies sich als das Fährboot, welches zurückkehrte, nachdem es einige verspätete Reisende hinübergeführt hatte. Der Kutscher aber zögerte keinen Augenblick, er nahm die Zügel zusammen, und trieb die verängstigten Geschöpfe in den Strom. Als diese das kalte Wasser an ihren Kniekehlen fühlten, zögerten sie, und indem sie das thaten, brach das eine mit einem schwachen Stöhnen zusammen. Despards Kugel hatte ihr Ziel nicht verfehlt. Nun sprang der Fuhrmann blitzschnell von seinem Bock und stürzte sich in den Strom; aber schon umringten ihn die verfolgenden Reiter, ein halbes Dutzend Hände packte ihn, ehe er untertauchen konnte, und schleppte ihn ans Ufer. Sein breiter Hut war ihm im Ringen vom Kopf geschlagen, Catinat sah sein Gesicht im Mondschein. Großer Gott! Es war – Amos Green! XVII. Der Kerker von Tortillac Die Wegelagerer waren ebenso erstaunt, wie Catinat es war, als sie entdeckten, daß sie auf diese außerordentliche Weise den Mann wiedergefangen, den sie verloren geglaubt hatten. Eine wahre Salve von Flüchen und Verwünschungen entlud sich über ihn, als beim Abziehen des ungeheuren roten Kutschermantels der dunkle Anzug des jungen Amerikaners zum Vorschein kam. »Tausend Donnerwetter!« schrie der eine. »Und das ist der Kerl, den jener Teufelsbraten von Latour für tot ausgeben wollte!« »Wie zum Teufel ist er hergekommen?« »Und wo ist Etienne Arnaud?« »Er hat Etienne erstochen. Seht doch den großen Riß im Rock!« »Wahrhaftig! Und seht, wie seine Hand aussieht! Er hat ihn erstochen und seinen Rock und Hut angelegt!« »Was! während wir alle kaum einen Steinwurf entfernt waren?« »Jawohl! Es ist nicht anders möglich!« »Meiner Seel!« rief der alte Despard, »ich hatte für den alten Etienne nie viel übrig, aber ich habe manch eine Flasche Wein mit ihm ausgestochen, und ich will dafür sorgen, daß ihm Genugthuung wiederfährt. Wir wollen dem Kerl aus diesen Riemen eine Schlinge machen und ihn an diesem Baum aufhängen.« Mehrere Hände waren bereits dabei, das tote Pferd auszuspannen, als Vivonne sich zu der kleinen Gruppe durchdrängte und mit einigen scharfen Worten ihrer Gewaltthätigkeit Einhalt gebot. »Rührt ihn nicht an, wenn euch euer Leben lieb ist,« rief er ihnen zu. »Aber er hat Etienne Arnaud erstochen,« »Wir können später einmal mit ihm abrechnen. Heut abend ist er des Königs Bote. Ist der andere auch fest verwahrt?« »Ja, hier ist er.« »Dann bindet diesen Mann, und in den Wagen mit ihm! Spannt das tote Pferd aus. So! Nun, Carnac, spannen Sie dafür das Ihrige ein. Sie können auf den Bock steigen und fahren, denn wir haben es nicht mehr weit.« Die Befehle wurden schnell ausgeführt. Amos Green wurde in den Wagen neben Catinat gestoßen, und bald darauf erklomm das Gefährt langsam den steilen Hang, den es vorhin so überstürzt hinuntergekommen war. Der Amerikaner hatte seit seiner Gefangennahme kein Wort gesprochen. Die Hände über der Brust gekreuzt, war er völlig teilnahmlos geblieben, während über sein Schicksal verhandelt wurde. Sobald er aber wieder mit seinem Gefährten allein war, fing er an zu grollen und zu murren über die schlechte Behandlung, welche er meinte, von seiten des Geschickes erlitten zu haben. »Diese verteufelten Gäule!« brummte er. »Ein amerikanisches Pferd würde ins Wasser gegangen sein, wie eine Ente. Wie oft bin ich auf meinem alten Hengst Sagamore über den Hudson geschwommen! Einmal über den Fluß – hätten wir die Straße nach Paris offen gehabt!« »Mein lieber Freund,« rief Catinat, indem er seine gefesselten Hände auf die seines Kameraden legte. »Können Sie mir vergeben, daß ich auf dem Wege von Versailles so thöricht zu Ihnen gesprochen habe?« »Unsinn! Ich habe gar nicht mehr daran gedacht,« erwiderte Amos. »Sie hatten tausendmal recht,« fuhr Catinat fort, »und ich war, wie Sie sagten – ein Narr, ein blinder, eigensinniger Narr. Wie edel haben Sie mir zur Seite gestanden! Aber wie sind Sie nur auf den Wagen gekommen? Nie in meinem Leben bin ich so überrascht gewesen, als da ich Ihr Gesicht erkannte.« Amos Green kicherte in sich hinein. »Das dacht' ich mir, daß es Sie überraschen würde, wenn Sie erführen, wer Ihr Kutscher sei,« sagte er. »Als ich vom Pferde geworfen war, lag ich ganz stille, teils weil ich wieder zu Atem kommen wollte, teils weil es mir heilsamer schien zu liegen, als zu stehen, so lange all die Schwerter mir um die Ohren klirrten. Dann sammelten die Kerls sich alle um Sie, und ich rollte sachte in den Graben, kroch längs desselben ein Stück hin, gelangte auf den Kreuzweg im Schatten der Bäume und war bei der Kutsche, ehe sie es merkten, daß ich fort war. Auf einen Blick erkannte ich, daß es nur einen Weg gäbe, Ihnen von Nutzen zu sein. Der Kutscher bog sich nämlich gerade herum, um zu sehen, was hinter ihm vorginge. Ich heraus mit dem Messer, springe auf das Vorderrad, und bringe seine Zunge auf immer zum Schweigen.« »Was! Ohne, daß er einen Laut von sich gab?« »Versteht sich! Ich habe nicht umsonst so lange unter Indianern gelebt.« »Und was dann?« »Ich zog ihn herunter, warf ihn in den Graben und legte seinen Mantel und Hut an. Ich habe ihn nicht skalpiert.« »Nicht skalpiert? Großer Gott! So was geschieht doch nur unter Wilden!« »Mag sein!« meinte Amos kaltblütig. »Ich dachte mir wohl, daß hier die Landessitte eine andere sei. Ich freue mich jetzt, daß ich es nicht gethan habe. Kaum hatte ich mich der Zügel bemächtigt, da kamen sie schon alle zurück und schleppten Sie in die Kutsche. Ich fürchtete nicht, daß sie mich erkennen möchten, aber es beunruhigte mich, ob ich auch den rechten Weg finden würde. Doch sie machten es mir leicht durch die Vorreiter, die sie mir zum Wegweiser gaben – so ging alles ganz gut, bis ich jenen Seitenpfad sah und ihn hinunterfuhr. Wir wären auch gewiß entkommen, wenn jener Halunke nicht das Pferd erschossen hätte und wenn die Bestien nicht so wasserscheu gewesen wären.« Catinat drückte seinem Gefährten noch einmal die Hand. »Sie sind mir treu gewesen, wie das Heft dem Stahl,« sagte er. »Es war ein kecker Gedanke und eine kecke That.« »Und was nun?« fragte der Amerikaner. »Ich weiß nicht, wer diese Kerle sind,« erwiderte Catinat, »und ich weiß auch nicht, wohin sie uns führen.« »Nach ihren Dörfern vermutlich, um uns zu verbrennen,« meinte der Amerikaner. Catinat lachte trotz seiner Sorge um ihr Geschick. »Sie wollen uns durchaus nach Amerika versetzen,« sagte er. »So was geschieht in Frankreich nicht.« »Na, mit dem Hängen sind sie doch rasch genug bei der Hand hier in Frankreich! Ich kann Ihnen nur sagen, mir war durchaus nicht wohl zu Mut, als das Leder um meinen Hals lag.« »Ich denke mir,« nahm Catinat wieder das Wort, »sie schleppen uns nach irgend einem festen Platz, wo sie uns einschließen können, bis die Geschichte vergessen ist.« »Damit müssen sie's aber schlau machen,« meinte Amos. »Wie das?« »Sonst finden sie uns am Ende nicht, wenn sie uns haben wollen.« »Was wollen Sie damit sagen?« Statt aller Antwort machte der Amerikaner durch einiges Drehen und Krümmen seine beiden Hände frei und hielt sie seinem erstaunten Gefährten vors Gesicht. »Gott! das ist ja das erste, was sie die Kinder in einem indianischen Wigwam lehren,« lachte Amos Green. »Ich habe mich schon aus eines Huronen Lederschnüren aus nasser Haut losgemacht, und es war nicht sehr wahrscheinlich, daß mich ein steifer Steigbügelriemen festhalten würde. Strecken Sie Ihre Hände aus.« Mit ein paar gewandten Griffen lockerte er Catinats Bande, bis auch dieser seine Hände frei machen konnte. »Nun zu Ihren Füßen,« fuhr er fort. »Setzen Sie sie herauf! Die Burschen sollen finden, daß wir leichter zu fangen als festzuhalten sind.« Aber in diesem Augenblick verlangsamte sich ihre Fahrt, die Hufschläge der Vorhut erstarben plötzlich, und bei einem Blick durch die Fenster, als die Kutsche jetzt anhielt, sahen die Gefangenen ein ungeheures dunkles Gebäude vor sich aufragen, das sich nach beiden Seiten hin in die Dunkelheit verlor. Ein großer Thorbogen wölbte sich über ihnen, und die Lampen beleuchteten ein rohes Holzthor, das mit vielen schweren, eisernen Krampen und Nägeln beschlagen war. In dem oberen Teil des Thores befand sich ein kleines viereckiges Eisengitter, durch welches sie den schwachen Schein einer Laterne und bei demselben ein bärtiges Gesicht, das sie anstarrte, gewahren konnten. Vivonne, der in den Steigbügeln stand, reckte seinen Kopf zu dem Gitter empor, so daß die beiden am meisten daran beteiligten Personen wenig von der nun folgenden Unterredung hören konnten. Sie sahen nur, daß der Reiter einen goldnen Ring in die Luft hielt und wie das Gesicht hinter dem Gitter, welches anfangs grimmig dreingeschaut und verneinend geschüttelt hatte, jetzt nickte und lächelte. Einen Augenblick später verschwand der Kopf, das Thor öffnete sich in kreischenden Angeln, und die Kutsche fuhr in den dahinter liegenden Hofraum hinein, während die Begleitung mit Ausnahme Vivonnes draußen blieb. Als die Pferde anhielten, sammelte sich ein Haufe roher Bursche um das Gefährt, und die Gefangenen wurden mit derben Fäusten herausgezerrt. Im Fackellicht, das um sie herum flackerte, konnten sie sehen, daß sie rings von Mauern umschlossen waren, die von hohen Türmen überragt wurden. Ein stämmiger Mann mit bärtigem Gesicht, derselbe, den sie am Gitter gesehen hatten, stand inmitten der bewaffneten Leute und gab seine Befehle. »Nach dem oberen Kerker, Simon!« rief er, »Und siehe danach, daß sie zwei Bund Stroh und einen Laib Brot bekommen, bis wir erfahren, was unser Herr mit ihnen vor hat.« »Ich weiß nicht, wer euer Herr ist,« sagte Catinat entrüstet, »aber ich möchte euch fragen, auf welche Vollmacht hin er es wagt, zwei Boten des Königs festzunehmen, die in seinem Dienste reiten?« »Beim heiligen Dionys, wenn mein Herr dem König einen Streich spielt, so heißt's da: wie du mir, so ich dir,« antwortete der stämmige Mann grinsend. »Aber genug des Geschwätzes! Weg mit ihnen, Simon, und du stehst mir für ihre sichere Aufbewahrung.« Es war vergeblich, daß Catinat tobte und die fürchterlichsten Drohungen gegen alle die ausstieß, die an seiner Festnehmung beteiligt waren. Zwei kräftige Burschen stießen ihn und Green von hinten, während ein anderer von vorn an ihnen zerrte. So schleppte man sie durch ein enges Thor einen fliesengepflasterten Gang hinab, während ein kleiner Mann in schwarzem steifleinenem Anzuge mit einem Schlüsselbund in einer Hand und einer hin und her schaukelnden Laterne in der andern, ihnen voraus ging. Ihre Knöchel waren so eingeschnürt, daß sie nur ganz kurze Schritte machen konnten. So einherschurrend gingen sie drei aufeinanderfolgende Korridore hinab, durch drei Thüren hindurch, die hinter ihnen verschlossen und verriegelt wurden. Dann ging es eine steinerne Wendeltreppe aufwärts, deren Stufen durch die Füße vieler Generationen von Gefangenen und Gefangenwärtern ausgehöhlt waren. Endlich stieß man sie in einen kleinen viereckigen Kerker hinein, und zwei Strohsäcke wurden ihnen nachgeworfen. Einen Augenblick später knarrte der schwere Schlüssel im Schloß, und sie waren ihren Betrachtungen überlassen. Die Betrachtungen, welche Catinat anstellte, waren sehr finsterer, unerfreulicher Art. Ein glücklicher Zufall hatte ihm bei Hofe Ansehen verschafft, ein Unglücksfall hatte ihn jetzt vernichtet. Es konnte ihm nichts helfen, wenn er sich mit seiner Machtlosigkeit gegenüber der Übermacht entschuldigte. Er kannte seinen königlichen Herrn nur zu gut. Ludwig war großmütig und gnädig, wenn seine Befehle ausgeführt wurden, aber unerbittlich, wenn sie mißglückten. Entschuldigungen ließ er nicht gelten. Ein unglücklicher Mann war ihm ebenso widerwärtig, wie ein pflichtvergessener. In dieser großen Krisis hatte ihm der König eine Botschaft von höchster Wichtigkeit anvertraut, und diese Botschaft war nicht ausgerichtet worden. Was konnte ihn nun vor Ungnade und Vernichtung retten? Aus dem dunklen Kerker, in dem er lag, machte er sich für seine eigne Person ebensowenig wie aus dem ungewissen Schicksal, welches über seinem Haupte schwebte, aber es drückte ihm das Herz ab, wenn er an seine zerstörte Laufbahn dachte, und an den Triumph derjenigen, deren Eifersucht durch seine schnelle Beförderung erweckt worden war. Und weiter dachte er an seine Angehörigen in Paris – seine süße Adèle, seinen alten Oheim, der ihm wie ein zweiter Vater gewesen war. Wer würde sie jetzt schützen in ihren Nöten, da er die Macht verloren hatte, es zu thun? Wie lange würde es dauern und sie würden aufs neue den Brutalitäten Dalberts und seiner Dragoner ausgesetzt werden. Er biß die Zähne aufeinander bei diesem Gedanken und warf sich stöhnend auf die Strohschütte, die in dem schwachen, durch das einzige Fenster einströmenden Lichtschimmer kaum sichtbar blieb. Inzwischen hatte sich sein energischer Gefährte keiner Verzagtheit überlassen. Sobald die verhallenden Schritte seiner Wärter ihn gewiß machten, daß er vor Unterbrechung sicher sei, hatte er die Bande, welche ihn noch fesselten, abgestreift und ringsumher Wände und Fußboden befühlt, um zu sehen, welcher Art dieser Gefängnisraum sein mochte. Seine Untersuchung hatte ihn zuletzt zu einer wichtigen Entdeckung geführt. In einer Ecke befand sich ein kleiner Kamin, und vor demselben lagen zwei große, ungefüge Holzkloben, welche je zuweilen den Gefangenen als Kopfkissen gedient haben mochten. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß das Ofenloch so klein war, daß man sogar den Kopf nicht hineinstecken konnte, zerrte er die beiden Holzkloben ans Fenster. Dort legte er sie übereinander, stieg herauf und konnte nun, wenn er sich auf die Zehen stellte, die Eisenstäbe erreichen, welche das Fenster vergitterten. Er zog sich daran in die Höhe, setzte den Fuß in eine unebene Stelle der Mauer und kam dadurch so weit, daß er auf den Hof, den sie soeben verlassen hatten, hinunterblicken konnte. Die Kutsche und Vivonne passierten gerade das Thor, und eine Sekunde später hörte er das Zuwerfen der schweren Thürflügel und das Geklapper der Hufe der abziehenden Reiterschar draußen. Der Haushofmeister und seine Leute waren verschwunden; die Fackeln erloschen; nur der abgemessene Tritt einiger Schildwachen im Hofraum, zwanzig Fuß unter ihm unterbrach das tiefe Stillschweigen, das im ganzen Schlosse herrschte. Es war ein sehr großes Schloß. Die Augen des Amerikaners, der mit ausgestreckten Händen am Fenster hing, streiften voller Bewunderung und Staunen über die Riesenmauer, die vor ihm lag, mit ihrem Kranz von Türmchen und Zinnen, die alle so still und kalt sich im Mondlicht erhoben. Seltsame Gedanken pflegen uns in den unwahrscheinlichsten Augenblicken durch den Kopf zu schießen. So erinnerte sich Amos plötzlich eines hellen Sommertages jenseit des Meeres, als er zuerst von Albany hinausgekommen war. – Da hatte ihn sein Vater auf der Werft am Hudson getroffen und hatte ihn durch das Wasserthor geführt, um ihm Peter Stuyvesants Haus zu zeigen, als Beweis für die Größe der Stadt, die aus den Händen der Holländer in die der Engländer übergegangen war. Nun, Peter Stuyvesants Haus und Peter Stuyvesants Landsitz zusammen genommen waren nicht so groß, wie ein einziger Flügel dieses ungeheuren Gebäudes, das doch wiederum eine bloße Hundehütte neben dem mächtigen Paläste von Versailles war. Er wünschte, daß sein Vater hier wäre, um das zu sehen. Sogleich aber besann er sich und nahm den Wunsch zurück, denn ihm fiel wieder ein, daß er in fremdem Lande ein Gefangener war, und daß er den gegenwärtigen großartigen Anblick durch die Eisenstangen eines Kerkerfensters genoß. Das Fenster war groß genug, um seinen Körper hindurchzulassen, wären nicht die Eisenstäbe im Wege gewesen. Er schüttelte sie und hing sich mit seinem Gewicht daran, aber sie wichen und wankten nicht. Dick wie sein Daumen waren sie und sehr fest in die Mauer eingefügt. Nun gelang es ihm, auch für seinen zweiten Fuß einen Stützpunkt zu gewinnen – so konnte er, während er sich mit einer Hand festhielt, mit seinem Messer die Einfügung der Stange untersuchen. Sie bestand aus Cement und war so glatt wie Glas und so hart wie Marmor. Sein Messer bog sich, als er das Gestein zu durchbohren versuchte. Aber der Mauerstein mußte noch probiert werden. Es war Sandstein, also nicht so sehr hart. Wenn es ihm gelang, Höhlungen hineinzubohren, so konnte er am Ende die Gitterstäbe mitsamt dem Cement herausbrechen. So sprang er wieder hinunter und sann darüber nach, wie er sein Werk am besten angreifen könne, als ein tiefes Ächzen seine Aufmerksamkeit auf seinen Gefährten lenkte. »Sind Sie krank, lieber Freund?« fragte er ihn. »Krank im Gemüt,« stöhnte der andere. »O was für ein verwünschter Thor ich doch gewesen bin! Es wird mich noch verrückt machen!« »Sie haben etwas auf dem Herzen?« fragte Amos Green und ließ sich gemächlich auf seinen Holzkloben nieder. »Was ist es denn?« Der Gardeoffizier machte eine ungeduldige Bewegung. »Was es ist? Wie können Sie mich noch fragen? Sie wissen doch so gut wie ich, daß meine Mission auf das elendeste mißlungen ist. Es war des Königs Wunsch, daß der Erzbischof ihn in dieser Nacht mit der Maintenon trauen sollte. Des Königs Wunsch ist Befehl. Es muß nun mal der Erzbischof thun – oder keiner. Und um diese Zeit sollte er im Palast sein. Ach, mein Gott! Ich sehe des Königs Kabinett – ich sehe ihn warten – ich sehe Madame warten – ich höre, wie sie von dem unseligen Catinat sprechen –« Er begrub sein Gesicht aufs neue in beide Hände. »Ich sehe das alles auch,« sagte der Amerikaner ungerührt. »Ich sehe aber noch etwas anderes.« »Was denn?« »Ich sehe den Erzbischof, wie er sie zusammengibt.« »Den Erzbischof? Sie phantasieren!« »Kann sein. Aber ich sehe ihn.« »Er kann ja gar nicht im Palast sein.« »Im Gegenteil – er ist vor einer halben Stunde dort angekommen.« Catinat sprang auf. »Im Palast!« schrie er. »Durch wen hat er denn die Botschaft bekommen?« »Durch mich,« sagte Amos Green. XVIII. Die Nacht der Überraschungen Wenn der Amerikaner erwartet hatte, seinen Leidensgefährten durch seine kurze Mitteilung überraschen oder erfreuen zu können, so mußte er eine jämmerliche Enttäuschung erleben. Catinat kam nämlich mit teilnehmender, besorgter Miene auf ihn zu und legte seine Hand liebevoll auf seine Schulter. »Mein lieber Freund,« sagte er, »ich bin selbstsüchtig und rücksichtslos gewesen. Ich habe von meinen eignen kleinen Sorgen zu viel Aufhebens gemacht und zu wenig an das gedacht, was Sie um meinetwillen durchgemacht haben. Der Sturz vom Pferde hat Sie wohl mehr erschüttert, als Sie denken. Legen Sie sich hier aufs Stroh, und versuchen Sie, ob nicht ein wenig Schlaf –« »Ich sage Ihnen, daß der Erzbischof dort ist!« wiederholte Amos ungeduldig. »Ja, ja, ganz recht,« sagte Catinat. »Hier in diesem Kruge ist etwas Wasser; wenn ich meine Schärpe damit anfeuchte und sie um Ihre Stirn binde –« »Herr du meines Lebens! Hören Sie mich denn nicht? Der Bischof ist im Palast des Königs!« »Natürlich! Jawohl,« sagte Catinat beschwichtigend. »Gewiß ist er dort. Hoffentlich haben Sie keine Schmerzen?« Der Amerikaner focht wie toll mit den geballten Fäusten in der Luft umher. »Sie denken wohl, ich habe den Verstand verloren,« rief er ärgerlich, »und beim Allmächtigen, Sie sind im stande, einen toll zu machen! Wenn ich sagte, daß ich den Bischof benachrichtigte, so meine ich natürlich, daß ich dafür gesorgt habe, daß er den Befehl bekam. Sie erinnern sich, daß ich noch mit Ihrem Freunde, dem Major sprach?« Jetzt war die Reihe, aufgeregt zu werden, an Catinat. »Nun?« rief er und ergriff den andern am Arm. »Sehen Sie, wenn wir einen Kundschafter in die Wälder schicken – und die Sache ist von besonderer Wichtigkeit – dann schicken wir einen zweiten zu einer andern Stunde, und so kommt einer oder der andere mit heilem Skalp zurück. Das ist Irokesensitte, und ich finde, es ist eine gute Sitte.« »Mein Gott! Sie haben mich wahrhaftig gerettet!« »Sie brauchen meinen Arm nicht zu packen, wie der Fischadler die Forelle! Ich ging also zum Major zurück und bat ihn, wenn er nach Paris käme, am Palast des Erzbischofs vorüber zu gehen.« »Weiter! Weiter!« »Ich zeigte ihm ein Stück Kreide. Wenn wir dort gewesen sind, sagte ich ihm, werden Sie ein großes, weißes Kreuz auf der linken Seite des Thorpfostens sehen. Ist kein Kreuz da, dann klopfen Sie an und bitten Sie den Erzbischof, so schnell wie seine Pferde laufen können, nach dem Palast zu fahren. Der Major brach eine Stunde nach uns auf. Er konnte etwa um halb elf in Paris sein. Der Bischof wird dann wohl um elf in seiner Kutsche gesessen und Versailles vor einer halben Stunde erreicht haben – das heißt um halb ein Uhr. – Bei Gott, ich glaube, jetzt rappelt's bei Ihnen, und ich bin schuld daran!« Es war nicht zu verwundern, daß der junge Waldläufer über die Wirkung seiner Mitteilung erschrak. Sein langsames und gleichmütiges Naturell hatte kein Verständnis für den schnellen, ungestümen Stimmungswechsel des feurigen Franzosen. Catinat, welcher seine Bande abgestreift hatte, bevor er sich niedergelegt, wirbelte jetzt in der Zelle herum, schwenkte seine Arme und Beine hin und her, und alles ahmte der Schatten an der Wand hinter ihm nach in grotesken Verzerrungen, die das matte Mondlicht hervorbrachte. Endlich warf er sich seinem Gefährten in die Arme, überschüttete ihn mit Dankesworten, Lobsprüchen und Versprechungen, streichelte ihn und drückte ihn aufs zärtlichste an sich. »O, wenn ich nur etwas auch für Sie thun könnte!« rief er aus. »Wenn ich nur etwas für Sie thun könnte!« »Das können Sie gleich. Legen Sie sich aufs Stroh und schlafen Sie!« »Und wenn ich daran denke,« fuhr Catinat fort, »daß ich Ihren Rat verspottet habe! O, Sie sind dafür gerächt worden!« »Um Gottes willen!« rief Amos. »Legen Sie sich doch nur hin und schlafen Sie!« Durch vieles Zureden gelang es ihm endlich, seinen aufgeregten Gefährten zur Ruhe und auf sein Lager zu bringen; dann schüttete er ihm noch Stroh über, das ihm zur Bettdecke dienen sollte, Catinat war durch die Aufregungen des Tages sehr ermüdet, und diese letzte große Reaktion schien alles, was ihm von Kraft übrig geblieben, verzehrt zu haben. Die Lider fielen ihm schwer über die Augen, der Kopf sank tief in das weiche Stroh, und das letzte, was er vor dem Einschlafen noch sah, war der unermüdliche Amerikaner, der mit gekreuzten Beinen im Mondlicht dasaß und mit seinem langen Messer einen der Holzkloben mit wütendem Eifer bearbeitete. So totmüde war der junge Offizier, daß der Mittag längst vorüber war und die Sonne aus einem wolkenlosen blauen Himmel glänzend herabschien, als er erwachte. Er sah verwirrt um sich. Was bedeutete das Stroh, in das er gehüllt war, was die rohe Wölbung der Gefängnismauern über seinem Haupte? Erst nach einer Weile tauchte alles mit einem Male vor ihm auf – seine Aussendung, der Hinterhalt, seine Gefangennehmung – und er sprang auf. Sein Gefährte, welcher im anderen Winkel der Zelle eingeschlummert war, fuhr auch bei der ersten Bewegung auf. Ein Griff nach seinem Messer begleitete den finsteren Blick, den er nach der Thür richtete. »So – so, Sie sind es?« sagte er. »Ich dachte, es sei der Mann.« »Ist denn jemand hier gewesen?« fragte Catinat. »Ja. Er brachte diese zwei Laibe Brot und einen Krug Wasser, gerade um Sonnenaufgang, als ich mich zur Ruhe legte.« »Und hat er irgend etwas gesagt?« »Nein, es war der kleine Schwarze.« »Der Simon genannt wurde?« »Derselbe. Er stellte die Sachen hin, und fort war er. Ich dachte mir, wenn er wiederkommt, könnten wir ihn am Ende hier behalten,« »Wie das?« »Etwa so! Wenn wir ihm diese Steigbügelriemen um die Knöchel schnürten, so würde er sie wohl nicht so leicht abstreifen können, wie wir.« »Und dann?« »Nun, er würde uns vielleicht sagen, wo wir sind und was mit uns geschehen soll.« »Pah! was liegt daran? Unsre Mission ist ja erfüllt!« »Ihnen mag nichts daran liegen,« sagte Amos Green – »der Geschmack ist verschieden – mir aber liegt sehr viel daran. Ich bin es nicht gewöhnt, wie ein Bär in einer Falle in solchem Loch zu sitzen und darauf zu warten, was andern Leuten beliebt, mit mir zu machen. Das ist mir was Neues. Paris kam mir schon eng und stickig genug vor, aber hiergegen ist es ja eine Prairie! Das paßt einem Mann von meinen Gewohnheiten schlecht, und ich gedenke nicht lange hier zu bleiben.« »Da hilft eben nichts als Geduld, mein Freund.« »Weiß ich nicht! Mir sollen eine Stange und ein paar Pflöcke mehr helfen.« Damit öffnete er seinen Rock und nahm ein Stück rostigen Eisens und drei kleine dicke Holzstücke heraus, die an einem Ende scharf zugespitzt waren. »Wo haben Sie denn die Dinger her bekommen?« »Das ist meine Arbeit der verflossenen Nacht,« erwiderte Green lächelnd. »Die Stange ist die oberste aus dem Feuerrost. Es war nicht leicht, sie loszukriegen, aber da ist sie. Die Pflöcke habe ich aus jenem Holzkloben herausgeschnitzt.« »Und wozu sollen sie dienen?« »Nun, sehen Sie, Pflock Nummer eins kommt hier hinein, wo ich zwischen den Steinen ein Loch ausgekratzt habe. Diesen andern Kloben habe ich zum Hammer zurechtgemacht. Zwei Schläge, und er sitzt so fest, daß er Ihr Gewicht tragen kann. Nun diese zwei kommen ebenso in die Löcher darüber. So! Nun sehen Sie, da kann man dann stehen und aus dem Fenster gucken, ohne daß man seinem Zehgelenk zu viel zumutet. Versuchen Sie's mal,« Catinat klomm empor und schaute begierig durch die Eisenstäbe hinaus. »Ich kenne das Schloß nicht,« sagte er kopfschüttelnd. »Es mag eine der dreißig Burgen sein, die auf der Südseite von Paris liegen, und zwar innerhalb sechs oder sieben Meilen. Aber welche? Und wer hat ein Interesse daran, uns so zu behandeln? Ich wollte, ich könnte ein Wappen entdecken, das würde uns vielleicht aufklären. Ah! da ist eines drüben in der Mitte des Fensters! Aber in dieser Entfernung kann ich es nicht deutlich erkennen. Amos, Ihre Augen sind gewiß besser als meine, und Sie vermögen die Bilder zu entziffern auf jenem Wappenschilds« »Worauf?« fragte Amos erstaunt. »Auf jener Steintafel im Mittelfenster.« »Ja, ich sehe sie ganz deutlich. Mir kommt es vor, wie drei Geier, die auf einem Sirupfaß sitzen.« »Drei Allurionen über einem Turm vielleicht,« suchte sich Catinat das heraldisch zu erklären, »Das ist das Wappen der Hautevilles aus der Provence. Aber das ist unmöglich! Die haben so nahe bei Paris kein Schloß. Nein, ich kann mir nicht denken, wo wir sind,« Er ließ sich hinab und hielt sich dabei an der einen Gitterstange fest. Zu seinem Erstaunen gab sie nach und blieb in seiner Hand. »Sehen Sie, Amos, sehen Sie!« rief er. »Aha, haben Sie das herausbekommen! Das habe ich auch heute nacht zu stande gebracht.« »Aber womit denn? Mit Ihrem Messer?« »Nein, damit ging es nicht. Aber, als ich mir die Stange aus dem Rost geholt hatte, da machte sich die Sache schneller. Ich will diese eine nur wieder zurückstecken, sonst möchte jemand von unten bemerken, daß wir sie losgemacht haben,« »Sind sie alle los?« »Bis jetzt nur die eine; aber wir wollen die beiden andern in der nächsten Nacht herausnehmen. Dann können Sie mit dieser Stange arbeiten, während ich mein altes Stecheisen anwende. Sie sehen, der Stein ist weich, und wenn man ihn reibt, entsteht sehr bald eine Rinne, in der Sie mit der Stange tiefer bohren können. Es müßte doch sonderbar zugehen, wenn wir uns nicht noch vor morgen früh den Weg frei gemacht hätten.« »Freilich – aber selbst, wenn es gelingt, und wir in den Hof kommen, wie sollen wir dann hinaus gelangen?« »Immer nur eins auf einmal thun, bester Freund! Sonst bliebe man vielleicht im Kennebec stecken, weil man noch nicht begreifen kann, wie man über den Penobscot kommen soll. Wenigstens ist im Hof mehr Luft als hier, und wenn nur erst das Fenster offen ist, wird uns das weitere schon einfallen.« Die beiden Gefährten wagten es nicht, während des Tages etwas zu unternehmen, denn sie fürchteten, von dem Gefängniswärter überrascht und von draußen gesehen zu werden. So aßen sie denn ihr Brot und tranken ihr Wasser mit dem Appetit von Männern, die oft genug erfahren haben, was es heißt – sich sogar ohne solche einfache Kost behelfen zu müssen. Aber sobald die Nacht hereingebrochen war, stiegen sie beide auf ihre Pflöcke und machten sich daran, den Stein weiter auszuhöhlen und an den Eisenstangen zu zerren. Draußen strömte der Regen, und ein heftiges Gewitter tobte durch die Lüfte, aber sie konnten ganz gut sehen, wahrend der Schatten des gewölbten Fensters sie davor schützte, von draußen bemerkt zu werden. Vor Mitternacht war bereits eine Stange herausgelöst, und die andere fing an nachzugeben, als ein leises Geräusch sie veranlaßte, sich umzuwenden – da gewahrten sie ihren Gefängniswärter, der mit offnem Munde mitten in der Zelle stand und sie anstarrte. Catinat hatte ihn zuerst gesehen. Mit der Stange in der Hand sprang er sofort hinab und auf ihn los, aber bei der ersten Bewegung stürzte der Mann nach der Thür und schloß sie hinter sich, gerade in dem Augenblick, als des Amerikaners Eisen dicht über seinem Kopf dahin sauste und den Gang hinabschoß. Als die Thür ins Schloß fiel, sahen die beiden Freunde einander an. Der Gardist zuckte die Schultern, der andere pfiff leise vor sich hin. »Es lohnt kaum der Mühe, unsre Arbeit fortzusetzen,« meinte Catinat. »O doch!« entgegnete Amos. »Jedenfalls können wir das ebensogut thun wie etwas anderes. Wenn mein Brecheisen nur einen Zoll tiefer geflogen wäre, so war's aus gewesen mit dem Kerl. Na, vielleicht trifft ihn noch der Schlag, oder er bricht beim Hinuntergehen auf den Drehtreppen das Genick. Ich habe jetzt nichts, womit ich arbeiten kann, aber ein paar Stöße mit Ihrer Stange werden den Spaß vollenden. Hallo! Was ist das? Es scheint, Sie haben recht, und wir sind richtig in der Patsche!« Eine große Glocke hatte im Schloß zu läuten begonnen, und dazu kam ein lautes Stimmengesumm und Geklapper von Fußtritten auf den Steinen des Hofes. Heisere Stimmen schrien Befehle, man hörte das Rasseln und Knarren von Schlüsseln. Da das alles so urplötzlich mitten in der nächtlichen Stille geschah, so blieb kein Zweifel, daß ein Alarmzeichen gegeben worden war. Amos Green warf sich aufs Stroh, beide Hände in den Taschen, und Catinat lehnte verdrießlich gegen die Wand in Erwartung dessen, was weiter kommen würde. Indessen, es vergingen fünf Minuten und noch einmal fünf Minuten, ohne daß irgend jemand kam. Das Getöse im Hofraum dauerte fort, aber kein Laut war in dem zu ihrer Zelle führenden Korridor zu vernehmen. »Ei was, ich will doch die Stange noch herauskriegen,« sagte der Amerikaner endlich, stand auf und ging nach dem Fenster. »Sei's, wie's sei, wenigstens wollen wir doch sehen, was die Katzenmusik da unten bedeutet.« Mit diesen Worten kletterte er an seinen Pflücken in die Höhe und guckte hinaus. »Kommen Sie herauf!« rief er seinem Freunde erregt zu, als er einen Blick hinaus gethan. »Sie haben jetzt draußen eine andere Jagdbeute und zu viel damit zu thun, als daß sie sich über uns den Kopf zerbrechen sollten.« Catinat kletterte nun auch hinauf, und beide starrten zusammen in den Hof hinab. An jeder Ecke desselben war ein Kohlenbecken angezündet worden, und der ganze Raum war vollgedrängt von Männern, von denen mehrere Fackeln trugen. Der gelbe Schein fuhr über die düsteren grauen Mauern, jetzt aufflammend, bis die höchsten Türme goldig gegen den schwarzen Himmel erglänzten, und dann, wenn der Wind sie ergriff, hinsterbend, so daß sie kaum noch einen Schimmer über die Wangen ihrer Träger verbreiteten. Das Hauptthor stand weit offen, und eine Kutsche, welche augenscheinlich soeben hineingefahren war, stand vor einer kleinen Thür unmittelbar ihrem Fenster gegenüber. Die Räder und Seitenwände waren über und über mit Schmutz bedeckt, und die beiden Pferde dampften und ließen die Köpfe hängen, als sei ihre Reise ebenso schnell wie lang gewesen. Ein Mann im Federhut und Reitermantel war aus dem Wagen gestiegen und hatte, sich umwendend, eine zweite Person herausgezerrt. Die beiden schienen miteinander zu ringen, man hörte einen Schrei – ein heftiger Stoß des Mannes, und die beiden Gestalten waren hinter der Thür verschwunden. Als diese sich schloß, fuhr der Wagen weg, die Fackeln und Kohlenbecken wurden gelöscht, das Hauptthor wieder geschlossen und alles war so ruhig, wie vor dieser unerwarteten Unterbrechung. »Ob das am Ende wieder ein Königsbote ist, den sie gefangen haben?« keuchte Catinat. »In kurzem wird hier wieder Platz sein für zwei,« sagte Amos Green. »Wenn sie uns nur zufrieden lassen, soll diese Zelle uns nicht mehr lange halten.« »Ich mochte doch wissen, wohin der Gefangenwärter gegangen ist,« bemerkte Catinat. »Meinetwegen kann er gehen, wohin er will,« entgegnete Green, »wenn er nur nicht wiederkommt. Geben Sie mir doch noch einmal Ihre Stange. Der Stein gibt nach. Es wird nicht lang dauern, und das Fenster ist ganz frei.« Mit Feuereifer ging er an die Arbeit, und immer tiefer wurde die Höhlung in dem Stein, durch welche er die Krampe zu ziehen hoffte. Plötzlich hielt er an und lauschte mit großer Spannung. »Donnerwetter!« rief er nach einer Weile. »An der andern Seite arbeitet ja auch einer!« Beide hielten lauschend den Atem an. Man hörte von draußen Hammerschläge, Sägenkratzen und das Klappern von Brettern und Balken. »Was können sie vorhaben?« »Ich kann mir's nicht denken!« »Können Sie sie sehen?« »Sie sind zu nah an der Mauer.« »Ich denke, ich werde es machen können,« sagte Catinat. »Ich bin schlanker als Sie.« Er schob nun Kopf und Hals und eine halbe Schulter durch die Lücke zwischen den Stangen, und blieb so lange in dieser Stellung, daß sein Freund schon dachte, er sei festgeklemmt, und an seinen Beinen zog, um ihn loszumachen. Catinat wand sich indes ohne Schwierigkeit zurück. »Sie bauen etwas,« flüsterte er. »Bauen?« »Ja. Es sind ihrer vier mit einer Laterne.« »Aber was in aller Welt können sie denn bauen?« »Soviel ich sehen kann, einen Schuppen. Ich sehe vier Hohlbolzen in der Erde und sie befestigen gerade vier Stangen in ihnen. »Nun jedenfalls können wir nicht heraus, solange vier Mann gerade unter unserm Fenster sind.« »Unmöglich!« »Aber unsre Arbeit können wir trotzdem zu Ende bringen.« Das leise Schrapen seines Eisens verklang unter dem Geräusch, welches jetzt immer lauter von draußen herauftönte. Die Stange wurde endlich ganz frei, und er zog sie langsam zu sich heran. In diesem Augenblick jedoch, gerade als er sie herausnehmen wollte, tauchte zwischen ihm und dem Mondlicht ein Kopf mit einem Wust verworrenen Haares und einer Wollkappe darauf, empor. Die plötzliche Erscheinung kam dem Amerikaner so überraschend, daß er die Stange losließ, die nach draußen fallend über den Rand der Fenstersohle hinabstürzte. »Du dummer Kerl!« kreischte eine Stimme von unten herauf. »Hast du denn lauter Daumen und keine Finger, daß du dein Handwerkszeug nicht festhalten kannst? Alle Millionen Donnerwetter! Du hast mir die Schulter zerschlagen!« »Was ist denn los?« rief der andere. »Meiner Treu, Pierre, wenn deine Finger so behende wären, wie deine Zunge, du wärst der erste Zimmermann in Frankreich!« »Was los ist, du Affe! Du hast dein Eisen auf mich fallen lassen!« »Ich? Ich habe nichts fallen lassen.« »Dummkopf! Du willst mir wohl vorreden, daß Eisen vom Himmel fällt! Ich sage dir, du hast mich zerschlagen, du dummer, grober Lümmel!« »Noch habe ich dich nicht geschlagen,« schrie der andere, »aber bei der Jungfrau, wenn du nicht dein Maul hältst, komme ich herunter von der Leiter und prügele dich ordentlich durch!« »Still, ihr Taugenichtse,« sagte eine dritte Stimme. »Wenn die Arbeit nicht bis Tagesanbruch fertig ist, geht es euch schlimm!« Von neuem fing das gleichmäßige Hämmern und Sägen an. Der Kopf tauchte ab und zu wieder auf – sein Eigentümer schritt anscheinend auf einem Brettersteg, welcher unter ihrem Fenster errichtet worden war, hin und her, aber nie fiel ihm ein, mit einem Blick oder Gedanken auf die schwarze Öffnung in der Mauer aufmerksam zu werden. Es war Morgen geworden. Das erste kaltgraue Dämmerlicht stahl sich allmählich in den Hof, als endlich die Arbeit gethan war und die Arbeiter den Platz verließen. Nun wagten die Gefangenen wieder hinauf zu klimmen, um zu sehen, was in der Nacht unter ihren Fenstern errichtet worden war. Ihr Atem stockte, als sie es erblickten. Es war – ein Schafott. Da lag die verhängnisvolle Bühne aus dunklen, schmutzigen Brettern zusammengenagelt, die augenscheinlich schon oft demselben Zwecke gedient hatten. Sie stützte sich an ihre Mauer und maß etwa zwanzig Fuß ins Geviert mit einer breiten, hölzernen Treppe, die von der andern Seite herabführte. Im Mittelpunkt stand ein oben ganz zerhackter Henkerblock, der mit rostfarbigen Flecken beschmiert war. »Jetzt wär's, denke ich, Zeit, uns davon zu machen,« sagte Amos Green. »Unsre Arbeit war ganz vergeblich, Amos,« erwiderte Catinat traurig. »Was auch immer uns bestimmt sein mag, – und dies hier sieht schlimm genug aus – wir können es nur gefaßt hinnehmen, wie es tapfern Männern geziemt.« »Unsinn! Das Fenster ist ja frei! Komm geschwind hinaus!« »Zu spät! Da kommt eine Reihe Bewaffneter und stellt sich drüben längs der Mauer auf.« »Eine ganze Reihe! Und zu dieser Stunde!« »Jawohl, und da kommen noch mehr! Aber sieh das Mittelthor! Um Gotteswillen, was ist das?« Noch während er sprach, hatte sich die Thür ihnen gegenüber geöffnet, und eine seltsame Prozession schritt daraus hervor. Zuerst kamen vierundzwanzig Männer, die paarweise nebeneinander gingen, Hellebarden in den Händen und die gleiche rotbraune Livree trugen. Hinter ihnen kam ein riesiger, bärtiger Mann, der seinen Rock abgestreift und die Ärmel seines groben Hemdes über die Ellenbogen aufgerollt hatte, mit einer großer Axt über der linken Schulter. Nach ihm kam ein Priester, das offne Brevier in der Hand, aus dem er Gebete hermurmelte, und halb beschattet von seinen Gewändern schritt eine schwarzgekleidete Frau mit entblößtem Nacken, das Haupt von dichten schwarzen Schleiern verhüllt, die auch ihr gebeugtes Antlitz den Blicken verbargen. Auf Armeslänge von ihr entfernt ging ein großer, hagerer, wildblickender Mann mit unangenehmen, roten Gesichtszügen und einer langen, vorspringenden Nase. Er trug ein flaches Sammetbarett, woran eine einzige Adlerfeder vermittelst einer Diamantschnalle befestigt war, die im Morgenlicht funkelte. Aber so hell der Edelstein glänzte – heller noch glänzten seine dunklen Augen und glühten unter seinen buschigen Brauen in einem wahnwitzigen Glanze, aus dem Drohung und Schrecknis sprachen. Seine Glieder zuckten, wie er so dahinschritt, seine Gesichtszüge verzerrten sich, und er geberdete sich wie ein Mensch, der sich die größte Mühe gibt, seine Selbstbeherrschung zu bewahren, während seine Seele in flammendem Entzücken hochaufjubelt. Hinter ihm folgten zwölf weitere, rotbraun gekleidete Diener, welche die Nachhut dieser außerordentlichen Prozession bildeten. Die Frau hatte am Fuße des Schafottes geschwankt, aber der Mann hinter ihr stieß sie mit solcher Kraft vorwärts, daß sie über die unterste Stufe strauchelte und zu Boden gefallen wäre, wenn sie nicht den Arm des Priesters ergriffen hätte. Oben angekommen, trafen ihre Augen auf den fürchterlichen Block – sie schrie laut auf und taumelte zurück. Aber noch einmal stieß der Mann sie vorwärts, – zwei seiner Leute faßten sie bei den Handgelenken und zerrten sie weiter. »O Moritz! Moritz!« schrie sie. »Ich bin noch nicht bereit zum Sterben! Vergeben Sie mir, o vergeben Sie mir, Moritz, wie Sie selbst auf Vergebung hoffen! Moritz! Moritz!« Sie suchte sich ihm zu nähern, seinen Arm, sein Gewand zu fassen, aber er stand da, die Hand auf das Schwert gestützt und blickte sie an mit einem Gesicht, das von teuflischer Lustigkeit ganz verzerrt war. Beim Anblick dieses fürchterlichen hohnlachenden Antlitzes erstarb das Flehen auf ihrer Lippe. Ebensogut konnte sie den fallenden Stein oder den sausenden Sturm um Erbarmen anstehen. Sie wandte sich ab und warf die Schleier, die ihre Gesichtszüge verhüllt hatten, von sich. »Ach, Sire!« rief sie. »Ach, Sire! wenn Sie mich jetzt sehen könnten!« Bei diesem Schrei und bei dem Anblick des schönen blassen Gesichtes durchfuhr es Catinat, der aus dem Fenster herabblickte, wie ein Dolchstich. Denn neben dem Henkerblock stand die einst mächtigste sowohl wie geistreichste und schönste Frau Frankreichs – keine andere als – Françoise von Montespan, vor kurzem noch die bevorzugte Geliebte Ludwigs XIV. XIX. In des Königs Kabinett In der Nacht, in welcher seine Boten so ungewöhnliche Abenteuer erlebten, saß König Ludwig allein in seinem Kabinett, Über seinem Kopfe hing eine wohlriechende Lampe an goldenen, von vier kleinen fliegenden Amoretten aus Krystall gehaltenen Ketten von der reichgemalten Decke herab, und verbreitete ein glänzendes Licht in dem Raume, welches zwanzigfach von den Wandspiegeln zurückgestrahlt wurde. Das Mobiliar aus Ebenholz und Silber, der köstliche Teppich aus La Savonnière, die Seidenbehänge aus Tours, die Gobelin-Tapeten, die Goldarbeiten und das zarte Porzellan aus Sèvres – das Beste und Schönste von allem, was Frankreich produzierte, war von diesen vier Wänden umschlossen. Nichts war je durch diese Thür hindurchgekommen, was nicht in seiner Art ein Meisterstück war. Und inmitten all dieser Pracht saß der Herr derselben, das Kinn auf die Hände, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, mit Augen, die leeren Blickes die Wand anstarrten, ein düsterer und mürrischer Mann. Aber obgleich seine dunklen Augen fest an der Wand hafteten, sahen sie doch nichts von ihr. Vielmehr blickten sie hinab in die ferne Vergangenheit seines Lebens, hinab bis zu jenen frühen Jahren, in welchen Traum und Wirklichkeit nebelhaft ineinander fließen. War es Traum, oder war es Wirklichkeit, was vor ihm auftauchte: jene zwei Männer, die sich über seine Wiege beugten, der eine im dunklen Rock und den Stern auf der Brust, den man ihn gelehrt, Vater zu nennen und der andere im langen, roten Gewande mit den kleinen funkelnden Augen? Sogar jetzt, nach mehr als vierzig Jahren, stand ihm mit einem Schlage jenes böse, tückische, geistesmächtige Angesicht vor Augen, und er erblickte noch einmal den alten Richelieu, den großen ungesalbten König von Frankreich. Und dann jener andere Kardinal, der lange, dürre Mann, der ihm sein Taschengeld genommen, ihm Essen und Trinken mißgönnt, und ihn in alte schäbige Kleider gesteckt hatte. Wie gut konnte er sich des Tages entsinnen, an dem Mazarin sich zum letztenmal geschminkt hatte, und wo der Hof vor Freude getanzt hatte, als die Nachricht kam, er sei verschieden! Und auch seine Mutter sah er. Wie schön war sie und wie herrisch! Er konnte sich noch wohl ihrer kühnen Haltung erinnern, während des Krieges, in welchem die Macht des hohen Adels gebrochen ward, und ihrer Bitte an die Priester, als es mit ihr zum Sterben ging, doch nicht ihre Haubenbänder mit dem heiligen Öle zu beflecken! Und dann dachte er daran, was er selbst gethan, wie er seine Großen ihrer Rechte beraubt, bis er, anstatt ein Baum unter Schößlingen zu sein, allein stand, weit erhaben über allen andern, und sein Schatten das ganze Land bedeckte. Dann zogen seine Kriege, seine Verträge, seine Gesetze an ihm vorüber. Unter seiner Regierung war Frankreich über seine Grenzen hinausgewachsen, sowohl im Norden, wie im Osten, und doch war es innerlich so zusammengeschweißt, daß es nur noch mit einer Stimme sprach – durch ihn. Und nun schwebten in schwankenden Gestalten mit holden Gesichtern eine Reihe schöner Frauen an ihm vorbei. Da war Olympia Mancini, deren italische Feueraugen es ihn zuerst gelehrt hatten, daß in ihnen eine Macht liege, die einen König beherrschen kann. Da war Olympias Schwester, Maria Mancini; dann seine Frau mit ihrem dunklen, sonnengebräunten Gesicht, Henriette von England, deren Tod ihn zuerst das Leid des Lebens kennen gelehrt. Dann die Lavallière, die Montespan, die Fontanges! Einige waren tot, einige im Kloster. Einige, die einst schlecht und schön gewesen, waren jetzt nur noch schlecht. Und was war die Frucht aller Mühe, alles Strebens, aller Lust seines Lebens? Er stand bereits an der äußersten Grenze seiner mittleren Jahre; er hatte den Geschmack an den Vergnügungen seiner Jugend verloren; Gicht und Schwindel plagten abwechselnd Fuß und Haupt und erinnerten ihn daran, daß zwischen ihnen ein Reich lag, das zu beherrschen er nicht hoffen durfte. Und in allen diesen Jahren hatte er nicht einen einzigen wahren Freund gefunden, nicht einen, weder in seiner Familie noch an seinem Hof, noch im ganzen Lande, mit alleiniger Ausnahme dieser Frau, die er im Begriff stand, zu heiraten. Und sie, wie geduldig war sie, wie gut, wie großdenkend! Mit ihr verbunden, durfte er hoffen, alle Sünden und Thorheiten der Vergangenheit durch den wahren Ruhm seiner noch übrigen Lebensjahre auszulöschen. Wäre doch der Erzbischof erst da, damit er fühlen könnte, daß sie in der That die seinige war, daß stählerne Bande sie an ihn fesselten, welche sie beide fürs Leben miteinander vereinigten! Es klopfte leise an die Thür. Ludwig sprang hastig auf, da er meinte, der hohe Geistliche sei angekommen. Es war indes nur sein Kammerdiener, der ihm meldete, daß der Minister Louvois um eine Audienz bäte. Der Angemeldete folgte ihm auf den Fersen mit seiner gewaltigen Nase und dem dicken Kinn. Er schlenkerte zwei Lederbeutel an seiner Hand. »Sire,« sagte er, als Bontems sich zurückgezogen hatte, »ich hoffe, daß ich Sie nicht störe.« »Durchaus nicht, Louvois,« versicherte der König. »Meine Gedanken fingen an, mir lästig zu sein, und ich bin froh, sie los zu werden.« »Ew. Majestät kann nur angenehme Gedanken haben, des bin ich sicher,« entgegnete der Höfling. »Hier bringe ich aber etwas, das sie hoffentlich noch angenehmer machen wird.« »Ei! was ist denn das?« »Als so viele unsrer jungen Edelleute nach Deutschland und Ungarn gingen,« fuhr Louvois fort, »gefiel es der Weisheit Ew. Majestät zu sagen, Sie würden gern einmal sehen, was sie über ihre Erlebnisse an ihre Freunde nach Hause schrieben; ebenso welche Nachrichten ihnen vom Hofe zugingen.« »Ja, ja, ich erinnere mich.« »Solche Briefe habe ich hier, Majestät! alle, die der Kurier gebracht hat, und alle die zur Versendung eingeliefert wurden, jede Sorte in ihrem besondern Beutel. Der Siegellack ist in Weingeist aufgeweicht, die Verschnürung beseitigt, und alle sind jetzt offen.« Der König nahm eine Handvoll Briefe heraus und überflog die Adressen. »Ich möchte allerdings gern in den Herzen dieser Leute lesen können,« sagte er. »So nur kann ich die wahren Gedanken derjenigen erkennen, welche vor mir katzenbuckeln und schmeicheln. Ich nehme an,« fügte er mit einem plötzlich in seinen Augen aufblitzenden Argwohn hinzu, »daß Sie selbst nicht hineingesehen haben,« »O Sire, ich würde lieber sterben.« »Sie schwören es?« »So wahr ich selig zu werden hoffe!« »Hm, hm! Da ist ja ein Brief von Ihrem eignen Sohn!« Louvois entfärbte sich und stammelte, als er den Umschlag ansah: »Ew. Majestät werden finden, daß er ebenso loyal ist, wenn er schreibt, als wenn er vor Ihnen steht, oder er ist mein Sohn nicht mehr.« »So wollen wir mit diesem anfangen,« bestimmte der König, »Ha! er ist nur zehn Zeilen lang! ›Teurer Achilles, wie sehne ich mich danach, daß du wiederkommst! Der Hof ist so langweilig wie ein Kloster, seitdem du fort bist. Mein komischer Vater stolziert noch immer herum wie ein Puterhahn, als ob alle seine Medaillen und Kreuze die Thatsache verhüllen könnten, daß er nur ein höherer Lakai ist, der nicht mehr Macht hat als ich. Er schwindelt dem König ein gut Stück Geld ab, aber was er damit thut, kann ich mir nicht vorstellen, denn ich bekomme wenig davon zu sehen. Ich bin dem Kerl in der Rue Offèvre immer noch jene zehntausend Livres schuldig. Wenn ich nicht im Lansquenet Glück habe, werde ich dir bald nachkommen müssen.‹ »Hm! Ich habe Ihnen Unrecht gethan, Louvois. Ich sehe, daß Sie diese Briefe nicht durchgesehen haben!« Mit einem Gesicht, so dunkelrot wie eine Runkelrübe, mit aus dem Kopf hervorquellenden Augen hatte der Minister während dieser Vorlesung dagesessen. Er atmete auf, als der König fertig war, denn es war doch nichts in dem Briefe, was ihn ernstlich kompromittiert hätte; aber jeder Nerv seines großen Körpers zitterte vor Wut, wenn er an die Ausdrücke dachte, in welchen sein junger Taugenichts von ihm gesprochen hatte. »Die Schlange!« rief er empört. »Die nichtswürdige Kröte im Grase! Ich will ihn lehren, den Tag verfluchen, an dem er geboren wurde!« »Still, still, Louvois!« beruhigte ihn der König. »Sie sind doch ein Mann, der das Leben kennt; da sollten Sie über dergleichen Dinge denken wie ein Philosoph. Die hitzköpfige Jugend sagt immer mehr, als sie meint. Denken Sie nicht mehr daran und ärgern Sie sich nicht! – Aber was haben wir hier? Ein Brief von meinem trauten Töchterchen an ihren Gemahl, den Prinzen von Conti, Ich würde ihre Schrift aus tausenden heraus erkennen. Ei, du liebes Herz, daran dachtest du auch nicht, daß meine Augen dein harmloses Geplauder zu sehen bekommen würden! Wozu eigentlich es lesen, da ich doch jeden Gedanken ihres unschuldigen Herzens kenne?« Er entfaltete das wohlduftende rosa Papier mit liebevollem Lächeln, aber wie rasch verschwand dasselbe, als seine Augen die Seite überflogen, und zuletzt sprang er mit einem erstickten Wutschrei empor, die Hand aufs Herz gedrückt, die Augen wie gebannt auf das Papier geheftet. »Dirne!« keuchte er. »Unverschämte, herzlose Dirne! Louvois, Sie wissen, was ich für die Prinzessin gethan habe! Sie wissen, daß sie mein Augapfel gewesen ist! Was habe ich ihr je versagt? Was ihr jemals nicht gegönnt?« »Sie sind die Güte selbst gewesen, Sire,« sagte Louvois, dessen eigne Wunden weniger schmerzten, als er seinen Herrn auch leiden sah. »Hören Sie,« fing der König wieder an, »was sie von mir sagt: ›Unserm alten Papa Brummbär geht es wie gewöhnlich, außer daß seine Kniee anfangen, ein bißchen knickerig zu werden. Wissen Sie noch, wie wir immer über seine affektiert zierlichen Manieren und seine erhabene Grazie gelacht haben? Das hat er jetzt alles aufgegeben, und obwohl er noch immer auf gewaltig hohen Hacken einherschreitet, wie ein Bauer der ›Landes‹ auf seinen Stelzen, so sind seine Kleider doch ohne jeglichen Schmuck und Farbe. Natürlich folgt der ganze Hof seinem Beispiel, und Sie können sich vorstellen, wie gräßlich es hier aussieht – wie ein ängstlicher Traum. Dazu steht dieses Frauenzimmer noch immer in allerhöchster Gunst, und ihre Kleider sind ebenso schauderhaft, wie Brummbärs Röcke. Auf die Länge ist das ganz unerträglich. Deshalb, mein Liebster, wenn Sie zurückkehren, wollen wir zusammen aufs Land gehen; Sie kleiden sich dann in roten Sammet, und ich trage blaue Seide, und wir wollen einen kleinen buntfarbigen Hof für uns haben, meinem majestätischen Papa zum Trotz!'« Ludwig verbarg das Gesicht in den Händen. »Sie hören, Louvois, wie sie von mir spricht,« stöhnte er. »Es ist niederträchtig, Sire; niederträchtig!« »Sie gibt mir Spitznamen, – mir , Louvois!« »Ganz abscheulich, Sire!« »Und meine Kniee! Sollte man nicht denken, daß ich ein alter Mann wäre?« »Skandalös! Aber, Majestät, ich möchte mir erlauben zu sagen, daß dies ein Fall ist, in welchem Ew. Majestät Philosophie wohl Ihren Zorn mildern könnte. Die Jugend ist ja nun einmal hitzköpfig und sagt mehr, als sie meint. Denken Sie nicht mehr an die Sache und ärgern Sie sich nicht darüber!« »Sie sprechen, wie ein Narr, Louvois,« brauste der König auf. »Das Kind, das ich so geliebt habe, wendet sich gegen mich, und Sie wollen, ich soll daran nicht mehr denken! Ach, es ist eine neue Bestätigung der Lehre, daß ein König denen am wenigsten unter allen trauen kann, in deren Adern sein eignes Blut fließt. Aber was für eine Schrift ist dies? Das ist der gute Kardinal von Bouillon. Seinen Blutsverwandten darf man nicht trauen, aber dieser heilige Mann liebt mich nicht nur, weil ich ihn dahin gestellt habe, wo er steht, sondern weil es seine Natur ist, emporzublicken und die zu lieben, welche ihm Gott übergeordnet hat. Ich will Ihnen seinen Brief vorlesen, Louvois, um Ihnen zu beweisen, daß es noch Loyalität und Dankbarkeit in Frankreich gibt: ›Mein lieber Fürst de la Roche-sur-Yon! Bei Ihrer Abreise versprach ich, Sie von Zeit zu Zeit wissen zu lassen, wie es bei Hofe zugeht, da Sie mich um Rat fragten, ob es angezeigt sei, Ihre Tochter von Anjou herzubringen in der Hoffnung, sie möchte die Gunst des Königs gewinnen.‹ »Was! Was! Louvois! Was ist dies für eine Schurkerei! Doch hören wir weiter: ›Mit dem Sultan geht es schlimmer und schlimmer. Die Fontanges war doch wenigstens die hübscheste Frau in Frankreich, obgleich – unter uns gesagt – ihr Haar um eine Schattierung zu rot war – dies ist eine ausgezeichnete Farbe für ein Kardinalskleid, mein teurer Herzog, aber für das Haar einer Dame ist kastanienbraun das äußerste, was statthaft ist. Die Montespan war zu ihrer Zeit auch eine Schönheit, aber denken Sie sich, daß er sich jetzt an eine Witwe gehängt hat, die älter ist, als er, eine Frau, die sogar nicht einmal den Versuch macht, sich begehrenswert zu machen, die an ihrem Betstuhl kniet oder an ihrer Stickerei arbeitet vom Morgen bis zum Abend! Es heißt, Dezember und Mai geben ein schlechtes Paar, aber ich meine, zwei November geben ein schlechteres ab –‹ »O Louvois, Louvois! Ich kann nicht weiter lesen. Haben Sie einen lettre de cachet bei sich?« »Hier ist einer, Sire!« »Für die Bastille?« »Nein! Für Vincennes.« »Das genügt. Füllen Sie ihn aus, Louvois! Setzen Sie den Namen dieses Schurken hinein! Lassen Sie ihn heut abend noch festnehmen und in seiner eignen Kalesche hinbringen. Der schamlose, undankbare, giftspeiende Schurke! Warum haben Sie mir diese Briefe gebracht, Louvois? O warum habe ich meiner thörichten Laune nachgegeben! Mein Gott, ist denn keine Wahrheit, keine Ehre, keine Treue mehr in der Welt?« Ludwig stampfte mit dem Fuß und schüttelte drohend die Faust im Gefühl wütenden Zornes und bitterer Enttäuschung. »Soll ich also die andern zurücklegen?« fragte Louvois hastig. Er hatte wie auf Kohlen gestanden, seitdem der König zu lesen begonnen hatte, aus Furcht vor den Enthüllungen, die noch kommen konnten. »Legen Sie sie zurück, aber behalten Sie den Beutel.« »Beide Beutel?« »Ach, ich hatte den zweiten ganz vergessen. Vielleicht, wenn ich hier von Heuchlern umgeben bin, habe ich wenigstens einige ehrliche Unterthanen in der Ferne. Nehmen wir einen Brief auf gut Glück. Von wem ist dieser Brief? Ah, von dem Duc de la Rochefoucauld. Er ist mir stets als ein einfacher und pflichtgetreuer junger Mann erschienen. Was hat er zu sagen? Die Donau – Belgrad – der Großvezier – Ah!« Ludwig schrie auf, wie von einem Dolchstich getroffen. »Was gibt es, Sire?« Der Minister war einen Schritt vorgetreten, denn der Ausdruck in des Königs Gesicht erschreckte ihn. »Nehmen Sie sie fort, Louvois! Nehmen Sie sie fort,« rief er, den Haufen Briefe weit von sich schiebend, »hätte ich sie doch nie gesehen! Ich will keinen mehr ansehen! Er, der Mensch, verhöhnt sogar meinen Mut, und doch stand ich in den Laufgräben, als er in der Wiege lag! ›Dieser Krieg,‹ so schreibt er, ›würde dem König nicht zusagen. Denn hier gibt's offne Feldschlachten, und es ist keine Rede von den niedlichen gefahrlosen Belagerungen, wie er sie gern hat –‹ – Bei Gott, den Witz soll er mit seinem Kopf bezahlen! Ha, Louvois, der Spott soll ihm teuer zu stehen kommen! Aber nehmen Sie sie weg. Ich habe so viel gesehen, als ich tragen kann.« Der Minister warf die Briefe in die Beutel, als sein Auge plötzlich auf die kühne, klare Handschrift Frau von Maintenons auf einem der Briefe fiel. Hier war eine Waffe in seine Hand gelegt, so flüsterte eine dämonische Stimme ihm zu, um diejenige zu Falle zu bringen, deren bloßer Name ihn mit Eifersucht und Haß erfüllte. Wenn sie sich die geringste Indiskretion in diesem Brief hatte zu Schulden kommen lassen, so hätte er noch jetzt, noch in der letzten Stunde des Königs Herz wider sie kehren können. Er war ein schlauer Mann, – im Augenblick hatte er seinen Vorteil erkannt und ergriffen. »Ha!« rief er, »es wird wohl kaum lohnen, diesen Brief hier zu öffnen,« »Welchen, Louvois? Von wem ist er?« Der Minister schob ihm den Brief hin, Ludwig fuhr auf, als seine Augen darauf fielen. »Frau von Maintenons Handschrift?« hauchte er. »Ja, er ist an ihren Neffen in Deutschland gerichtet.« Ludwig nahm den Brief. Dann warf er ihn mit einer schnellen Bewegung unter die anderen; aber doch stahl sich seine Hand wieder danach hin. Sein Gesicht war aschfahl und tief erregt, seine Stirn hatte sich mit feuchtem Schweiß bedeckt. Wenn auch dieser Brief sich nicht besser als die andern erweisen sollte! Der bloße Gedanke erschütterte ihn bis ins Innerste. Zweimal versuchte er ihn hervorzuziehen, und zweimal fuhren seine zitternden Finger mit dem Papier hin und her. Dann stieß er ihn zu Louvois hinüber: »Lesen Sie ihn mir vor,« befahl er. Der Minister öffnete den Brief und glättete ihn auf dem Tisch, und dabei tanzte ein boshaftes Licht in seinen Augen, welches ihm seine Stellung gekostet hätte, wenn der König es richtig gelesen hatte. »Mein lieber Neffe,« so las er, »Was Sie mich in Ihrem letzten Briefe bitten, ist völlig unmöglich. Ich habe niemals des Königs Gunst dazu mißbraucht, um etwas für mich selbst zu erbitten, und es würde mir ebenso unstatthaft erscheinen, eine Beförderung für meine Verwandten zu erbitten. Niemand würde sich mehr freuen als ich, wenn Sie in Ihrem Regiment zum Major avancierten, aber Ihre Tapferkeit und Ihre Loyalität müssen Ihnen dazu helfen, und Sie dürfen nie hoffen, es durch ein Fürwort von mir zu erreichen. Einem solchen Manne, wie dem König zu dienen, trägt seinen Lohn in sich, und ich bin gewiß, daß, ob Sie Cornet bleiben, oder zu einem höheren Range aufsteigen, Sie doch immer gleich eifrig in seinem Dienste sein werden, Unglücklicherweise ist er von vielen elenden Parasiten umgeben. Einige von diesen sind Schurken, wie der verstorbene Fouquet, einige bloße Narren, wie Lauzun; noch andere scheinen mir beides zu sein, Narren und Schurken zugleich, wie Louvois, der Kriegsminister,« Bei dieser Stelle erstickte der Vorleser fast vor Wut und saß gurgelnd und auf dem Tische trommelnd da, ohne weiter zu lesen. »Fahren Sie nur fort, Louvois, fahren Sie fort,« sagte Ludwig und lächelte die Decke an. »Dies sind die Wolken, welche die Sonne umgeben, mein teurer Neffe; aber die Sonne scheint, glauben Sie es mir, hellglänzend hinter ihnen. Jahrelang schon kenne ich dies edle Herz, wie wenige andere es vermögen, und ich kann Ihnen sagen, daß seine Tugenden aus seiner eignen Tiefe stammen, und wenn ihr Glanz auf Augenblicke verdunkelt wird, es nur geschieht, weil seine Herzensgüte ihn verleitet hat, sich von seiner Umgebung lenken zu lassen, – Wir hoffen Sie bald in Versailles zu sehen, mein teurer Neffe, schwankend unter der Last Ihrer Lorbeern. Inzwischen nehmen Sie meine herzlichsten Grüße und die besten Wünsche für Ihre baldige Beförderung entgegen, obgleich dieselbe nicht auf dem Wege erlangt werden kann, den Sie andeuten.« »Ah!« rief der König, und die Liebe leuchtete aus seinen Augen, »wie konnte ich auch nur einen Augenblick an ihrer Liebe zweifeln! Und doch, die andern hatten mich so ganz haltlos gemacht! Françoise ist treu wie Gold. War das nicht ein schöner Brief, Louvois?« »Die Dame ist eine sehr kluge Frau,« erwiderte der Minister ausweichend. »Und eine solche Herzenskündigerin! Hat sie meinen Charakter nicht richtig erkannt?« »Aber gewiß nicht den meinigen, Sire!« Es wurde an die Thür geklopft; gleich darauf steckte Bontems den Kopf herein. »Der Erzbischof ist angelangt, Sire.« »Sehr gut, Bontems. Bitten Sie die gnädige Frau, sich hierher zu bemühen. Dann lassen Sie die Zeugen sich im Vorzimmer versammeln.« Als der Kammerdiener hinwegeilte, wandte sich Ludwig an seinen Minister. »Ich wünsche, daß Sie einer der Zeugen sind, Louvois.« »Wovon, Sire?« »Von meiner Trauung.« Der Minister zuckte zusammen. »Wie, Sire! Schon jetzt?« »Ja schon jetzt, Louvois; in fünf Minuten.« »Zu Befehl, Sire.« Der unglückliche Höfling gab sich die größte Mühe, eine festliche Miene anzunehmen; aber er war heute abend noch nicht aus dem Ärger herausgekommen, und nun dazu verurteilt zu sein, der Handlung beizuwohnen, welche diese Frau zur Gemahlin des Königs machen sollte, das war der allerbitterste Tropfen. »Thun Sie die Briefe weg, Louvois! Der letzte hat mich für alle übrigen entschädigt. Apropos, der junge Neffe, an den Madame schrieb: Gérard d'Aubigné ist sein Name, nicht wahr?« »Jawohl, Sire.« »Fertigen Sie ein Oberstpatent für ihn aus und stellen Sie ihn bei der ersten Vakanz ein.« »Oberst, Sire! Er ist ja noch nicht zwanzig Jahre!« »Ich will es, Louvois! Bin ich der oberste Kriegsherr, oder sind Sie's? Nehmen Sie sich in Acht, Louvois! Ich habe Sie schon einmal gewarnt. Ich sage Ihnen, Mann, daß wenn mir's gefällt, einen meiner Stiefelputzer zum Chef einer Brigade zu machen, Sie nicht zögern sollen, ihm die Bestallung auszufertigen. Jetzt gehen Sie in das Vorzimmer und warten Sie mit den andern Zeugen, bis Sie gerufen werden.« In Frau von Maintenons Zimmer hatte inzwischen ein geschäftiges Treiben geherrscht, Françoise de Maintenon stand mitten darin, das Rot der Erregung auf ihren Wangen und ein ungewohntes Licht in ihren ruhigen grauen Augen. Sie trug ein Kleid von glänzendem, weißem Brokat mit Silberband besetzt und geschlitzt, an Hals und Armen mit kostbaren Spitzen befranzt. Drei Frauen waren um sie beschäftigt, bald hier, bald dort etwas ordnend, einsteckend, aufnähend, bis alles nach ihrem Geschmack saß. »So,« sagte die erste Schneiderin, indem sie eine grauseidene Rosette zurecht bog; »ich denke, so wird es gut sein, Ew. Majes–, gnädige Frau!« Frau von Maintenon lächelte über das geschickt angebrachte Versprechen der höfischen Schneiderin. »Ich mache mir nicht viel aus Kleidern,« sagte sie, »doch möchte ich gern so aussehen, wie er es wünschen würde.« »O, für die gnädige Frau ist es leicht, Kleider zu machen,« antwortete die Schneiderin, »die gnädige Frau hat Figur, die gnädige Frau hat Haltung. Welches Kostüm würde zu solch einem Nacken, solchen Armen, solcher Taille nicht gut passen? Aber ach, gnädige Frau, was ist das für eine Not, wenn man nicht nur das Kleid, sondern auch noch die Figur machen muß! Da ist zum Beispiel die Prinzessin Charlotte Elisabeth. Erst gestern machten wir eine Robe für sie. Aber das war eine Aufgabe! Sie ist klein, gnädige Frau, aber sehr dick, O es ist unglaublich, wie dick sie ist! Sie braucht mehr Stoff, als die gnädige Frau, obgleich sie zwei Hände breit kleiner ist. Ach, ich kann mir kaum denken, daß der liebe Gott hat wollen können, daß es so dicke Menschen geben sollte! Aber sie ist auch eine Pfälzerin und keine Französin!« Frau von Maintenon hörte wenig von dem Geschwätz der Schneiderin. Ihre Augen waren auf das Madonnenbild in der Ecke gerichtet, vor dem die rote Lampe brannte, und ihre Lippen murmelten Gebete – – Gebete, daß sie des großen Geschickes, das so plötzlich über sie gekommen, würdig sein möchte, sie – eine arme Gouvernante; daß sie unter den sie umgebenden Fallstricken aufrecht und sicher wandeln möchte, daß das Werk dieser Nacht über Frankreich und den Mann, den sie liebte, Segen bringen möchte. Ein schüchternes Klopfen an der Thür unterbrach ihr Gebet. »Es ist Bontems, gnädige Frau,« sagte Nanon. »Er meldet, der König sei bereit.« »Dann dürfen wir ihn nicht warten lassen. Kommen Sie, Fräulein, und Gott gieße Seinen Segen aus über unser Thun!« Die kleine Gesellschaft versammelte sich im Vorzimmer des Königs und begab sich von dort aus in die Schloßkapelle. Voraus schritt der stattliche Erzbischof, in ein grünes Meßgewand gekleidet, sein Brevier in der Hand und den Finger zwischen den Blättern, die von dem »heiligen Sakrament der Ehe« handelten. Neben ihm gingen sein Kaplan und zwei kleine Pagen in Purpurgewändern, welche Fackeln trugen. Der König und Frau von Maintenon schritten nebeneinander, sie ruhig und gefaßt mit bescheidener Haltung und gesenkten Augen, er mit lebhafter Röte auf den dunklen Wangen und dem ängstlich umherschweifenden Blick eines Mannes, welcher weiß, daß er sich inmitten einer der großen Krisen seines Lebens befindet. Hinter ihnen folgte in feierlichem Schweigen eine Gruppe der erwählten Zeugen, der hagere Pater La Chaise, Louvois, der Braut finstere Blicke zuwerfend, der Marquis von Charmarante, Bontems und Fräulein Nanon. Die Fackeln warfen ein grelles, gelbrotes Licht auf die kleine Schar, die sich langsam durch Gänge und Säle hindurch nach der Kapelle bewegte, und ließen rasche Streiflichter über die gemalten Wände und Decken hingleiten, die von den Vergoldungen und Spiegeln zurückstrahlten, aber lang nachschleppende Schatten in den Ecken zurückließen. Aufgeregt blickte der König in diese schwarzen Tiefen und über die Bilder seiner Ahnen und Verwandten hin, welche die Wände schmückten. Als er an dem Porträt seiner verstorbenen Gemahlin Marie Therese vorüberkam, fuhr er zusammen und atmete schwer. »Mein Gott!« flüsterte er, »sie runzelte die Brauen und spie mich an!« Frau von Maintenon legte ihre kühle Hand auf die seinige. »Es ist nichts,« sagte sie mit leiser Stimme. »Es war nur das Licht, das über das Bild hinflackerte.« Ihre Worte übten ihre gewöhnliche besänftigende Wirkung auf ihn aus. Der entsetzte Ausdruck schwand aus seinen Augen, und ihre Hand mit der seinigen fassend, schritt er entschlossen vorwärts. Eine Minute später standen sie vor dem Altar, und die Worte, welche sie auf immer aneinander binden sollten, erklangen von den Lippen des Erzbischofs. Françoise wandte sich um, der neue Ring blitzte an ihrem Finger, Glückwünsche umtönten sie. Der König allein sagte nichts, er sah sie nur an, und sie wünschte nicht, daß er außerdem noch geredet hätte. Sie war noch immer bleich und ruhig, aber jeder Blutstropfen pochte in ihren Schläfen. »Du bist jetzt Königin von Frankreich –« summte es – »Königin, Königin, Königin!« Da fiel plötzlich ein Schatten auf sie, und eine leise Stimme sagte ihr ins Ohr: »Gedenken Sie Ihres Versprechens an die Kirche!« Sie fuhr zusammen, wandte sich um und erblickte das blasse, eifernde Antlitz des Jesuiten dicht neben sich. »Deine Hand ist kalt geworden, Françoise,« sagte Ludwig, »Laß uns gehen, meine Teure! Schon zu lange weilen wir in dieser düsteren Kirche!« XX. Die Namensschwestern. Nachdem Frau von Montespan die Botschaft ihres Bruders erhalten hatte, legte sie sich beruhigt nieder. Sie kannte Ludwig so genau, wie wenige und wußte, daß es einer seiner Hauptcharakterzüge war, in Kleinigkeiten hartnäckig zu sein. Wenn er einmal gesagt hatte, daß er vom Erzbischof getraut werden wollte, so durfte es auch kein anderer thun, und deshalb konnte, in dieser Nacht wenigstens, die Trauung nicht stattfinden. Morgen war ein neuer Tag, und wenn es ihr dann nicht gelang, des Königs Pläne zu erschüttern, so mußte sie allerdings sowohl ihren Verstand, wie ihre Schönheit eingebüßt haben. Am folgenden Morgen machte sie umständlich Toilette. Puder und ein wenig Schminke, ein kleines Schönpflästerchen neben dem Grübchen auf ihrer Wange, die weite, lose Robe von veilchenfarbenem Sammet, das Perlenhalsband wurden mit der Sorgfalt eines Kriegers angelegt, der sich zum Entscheidungskampfe wappnet. Keine Nachricht von dem großen Ereignisse der vergangenen Nacht war bisher zu ihr gedrungen. Und doch war der ganze Hof bereits voll davon. Ihr Hochmut und ihre scharfe Zunge hatten sie ganz ohne Freundin und Vertraute gelassen. Sie war deshalb in vortrefflichster Stimmung aufgestanden, ganz nur mit der einen Frage beschäftigt, wie eine Audienz beim König am besten zu erlangen sein würde. Noch befand sie sich in ihrem Boudoir und legte gerade die letzte Hand an ihre Toilette, als ihr der Page meldete, der König erwarte sie in ihrem Salon. Frau von Montespan traute ihren Ohren kaum, als sie die gute Nachricht vernahm. Den ganzen Morgen über hatte sie sich den Kopf zerbrochen, wie sie sich zu ihm Bahn brechen könne, und nun war er da und wartete auf sie! Noch einen letzten Blick in den Spiegel, dann schnell zu ihm! Bei ihrem Eintritt stand er vor einem Snyderschen Gemälde, den Rücken ihr zugekehrt. Als die Thür sich hinter ihr schloß, wandte er sich um und ging ihr zwei Schritte entgegen. Mit einem leisen, anmutigen Freudenschrei eilte sie auf ihn zu; ihre weißen Arme breiteten sich aus, Liebe verklärte ihr Antlitz; doch er machte eine zwar sanfte, aber so entschieden abweisende Gebärde, daß sie erschrocken zurückwich. Ihre Hände sanken am Leibe nieder, ihre Lippen zitterten, schweigend schaute sie ihn an, während aus ihren Augen Kummer und Angst sprachen. Seine Züge trugen einen Ausdruck, den sie noch nie zuvor darin wahrgenommen, und ein etwas flüsterte ihrer Seele zu, daß heute wenigstens sein Geist dem ihren überlegen war. »Sie zürnen mir wieder,« rief sie. Er hatte beabsichtigt, ihr schroff und ohne Rückhalt seine Vermählung mitzuteilen, aber jetzt, da er ihre Schönheit und Liebe vor Augen hatte, wurde es ihm klar, daß er damit roher gehandelt hätte, als wenn er sie zu Boden schlüge. Mochte es ihr denn jemand anders mitteilen! Sie erfuhr es immer noch früh genug. Zudem gab es dann vielleicht keine Scene, und Scenen waren seiner Seele ein Greuel. Das alles fuhr ihm rasch durch den Sinn, und sie las es ihm ebenso rasch aus den braunen Augen ab. »Sie kamen her, um mir etwas zu sagen, und können es doch nicht übers Herz bringen. Gott segne das gütige Herz, das die grausame Zunge im Zaum hält!« »Nein, gnädige Frau,« sagte Ludwig, »ich möchte nicht grausam sein. Ich kann nicht vergessen, daß Ihr Geist und Ihre Schönheit all diese Jahre mein Leben geschmückt und meinen Hof geziert haben. Aber die Zeiten ändern sich, und ich habe Verpflichtungen, welche meinen persönlichen Neigungen vorgehen. Ich halte es daher aus den verschiedensten Gründen für geboten, daß wir uns der Abmachung fügen, die wir neulich schon besprachen, und daß Sie sich vom Hofe zurückziehen.« »Zurückziehen, Sire? Auf wie lange?« »Ein für allemal, gnädige Frau.« Leichenblaß, die Hände geballt, stand sie da und starrte ihn an. »Selbstverständlich soll alles geschehen, was in meinen Kräften steht,« fuhr er fort, »um Ihre Zurückgezogenheit glücklich zu gestalten. Sie sollen selbst die Höhe Ihrer Pension bestimmen. Ein Palast soll Ihnen in dem Teile Frankreichs errichtet werden, wo Sie sich niederlassen wollen, vorausgesetzt, daß der Ort zwanzig Meilen von Paris entfernt ist. Auch eine große Besitzung –« »O Sire, wie können Sie denken, daß solche Dinge mich für den Verlust Ihrer Liebe entschädigen könnten?« Das Herz in der Brust war ihr wie erstarrt. Hätte er heftig und aufgeregt gesprochen, ihr wäre noch Hoffnung geblieben, ihn zurückzugewinnen, wie schon oft zuvor, aber diese sanfte und doch feste Haltung war ihr neu an ihm, und sie fühlte, daß alle ihre Verführungskünste dagegen machtlos waren. Seine Kälte reizte sie aufs äußerste, trotzdem kämpfte sie noch ihre Leidenschaftlichkeit nieder und versuchte das demütige Wesen beizubehalten, das ihrem hochfahrenden, heftigen Charakter so wenig entsprach; aber bald wurde ihr dieser Zwang unerträglich. »Ich habe mir diese Angelegenheit reiflich überlegt, gnädige Frau,« fuhr Ludwig fort, »es muß sein, wie ich sagte. Es gibt keinen andern Ausweg. Da wir scheiden müssen, ist ein kurzer Abschied der beste. Glauben Sie mir, auch mir wird er nicht leicht. Ich habe Ihrem Bruder befohlen, um neun Uhr abends seinen Wagen am Seitenthor bereit zu halten, weil ich annahm, Sie würden sich lieber nach Einbruch der Dunkelheit entfernen.« »Um dem lachenden Hof meine Schande zu verbergen. Es war rücksichtsvoll von Ihnen, Sire! Doch hielten Sie es wohl auch für Ihre Pflicht – wir hören ja heutzutage so viel von Pflicht reden, denn wer anders als Sie –« »Ich weiß, gnädige Frau, ich weiß. Ich bekenne es. Ich habe mich schwer gegen Sie vergangen. Glauben Sie mir, daß alles, was in meiner Macht steht, zur Sühne geschehen soll. Nein, sehen Sie mich nicht so zornig an, ich bitte Sie! Ich wünsche sehr, daß das letzte Beisammensein uns eine freundliche Erinnerung hinterläßt.« »Eine freundliche Erinnerung!« Alle Sanftmut und Demut war von ihr abgestreift, und ihre Stimme klang rauh vor Groll und Verachtung. »Eine freundliche Erinnerung! Ihnen mag sie wohl angenehm sein, weil Sie die Frau losgeworden sind, die Sie zu Grunde gerichtet haben, weil Sie sich nun mit einer andern abgeben können, ohne daß Sie durch den Anblick eines blassen Gesichts in Ihren Gesellschaftssälen an Ihre Treulosigkeit gemahnt werden! Aber mir –, wenn ich in meinem einsamen Landhause schmachte, von meinem Mann verstoßen, von meiner Familie verachtet, der Spott Frankreichs, fern von allem, was dem Leben Reiz verlieh, fern von dem Mann, um dessen Liebe ich alles geopfert habe – mir wird das eine sehr freundliche Erinnerung sein, das können Sie glauben!« In des Königs Augen sprühte jetzt ein Zornfunke auf, wie in dem ihren, dennoch bemühte er sich aufs äußerste, sein Temperament zu zügeln. Wenn eine derartige Angelegenheit zwischen dem stolzesten Mann und der hochmütigsten Frau Frankreichs besprochen wurde, so mußte einer von beiden etwas nachgeben. Er fühlte, daß dies seine Sache sei, aber es kam seiner herrischen Natur sauer an. »Sie gewinnen nichts dabei, gnädige Frau,« sagte er, »wenn Sie Ausdrücke brauchen, die weder für Ihre Zunge, noch für meine Ohren passen. Sie werden mir Gerechtigkeit widerfahren lassen und zugestehen, daß ich befehlen könnte, wo ich bitte, daß ich Sie wie eine Freundin zu überzeugen suche, statt Ihnen als einer Unterthanin zu gebieten.« »O, Sie erzeigen mir zu viel Gnade, Sire! Unsre zwanzigjährigen Beziehungen genügen kaum, um solche Rücksicht Ihrerseits zu erklären. Ich müßte eigentlich dankbar sein, daß Sie nicht die Bogenschützen der Leibwache auf mich hetzen, oder mich von einer Abteilung Ihrer Musketiere aus dem Palast schleppen lassen! Sire, wie kann ich Ihnen für diese Langmut danken!« Sie machte ihm einen tiefen Knix; ein bitteres Hohnlächeln verzerrte ihr Gesicht. »Ihre Worte sind bitter, Marquise.« »Mein Herz ist bitter, Sire.« »Nicht doch, Françoise, seien Sie doch vernünftig, ich bitte Sie. Wir beide haben unsre Jugend hinter uns.« »Die Anspielung auf mein Alter klingt sehr anmutig von Ihren Lippen.« »Sie verdrehen meine Worte. Dann werde ich nichts weiter sagen. Sie sehen mich vielleicht nie wieder, Marquise. Haben Sie mich nichts mehr zu fragen, ehe ich gehe?« »Großer Gott,« rief sie, »das soll ein Mann sein? Er soll ein Herz haben? Sind das die Lippen, die mir so oft gesagt, daß er mich liebe? Sind das die Augen, die so zärtlich in die meinen schauten? Können Sie wirklich eine Frau, deren Leben Ihnen gehört hat, von sich stoßen, wie Sie den Palast von St. Germain verließen, als ein prächtigerer für Sie bereit stand? Und dies also ist das Ende aller Gelübde, aller süßen Liebesworte, Beteuerungen, Schwüre – dies!« »Nicht doch, Marquise, das ist für uns beide schmerzlich!« »Schmerzlich! In Ihrem Gesicht sehe ich keinen Schmerz. Zorn sehe ich darin, weil ich es wage, die Wahrheit zu sagen, und Freude, weil Sie fühlen, daß Ihre niedrige Absicht erreicht ist. Aber Schmerz sehe ich nicht! Wenn ich nur erst fort bin, dann ist der Weg geebnet, – nicht wahr? Sie können dann wieder zu Ihrer Gouvernante gehen –« »Gnädige Frau!« »Ja, ja, mich können Sie nicht einschüchtern! Was mache ich mir aus allem, was Sie mir noch thun können? Aber ich weiß alles. Denken Sie nicht, daß ich blind bin! Und Sie haben sie wirklich heiraten wollen! Sie, der Nachkomme Ludwigs des Heiligen, die Witwe Scarron, das Aschenbrödel, das ich aus Barmherzigkeit in meinen Haushalt aufnahm! Ha! ha! wie Ihre Höflinge lächeln, wie die Dichterlinge Reime schmieden und die Witzlinge zischeln werden! Sie hören natürlich nichts von alledem, aber Ihren Freunden ist es denn doch peinlich!« »Meine Geduld ist zu Ende,« rief der König wütend. »Ich verlasse Sie jetzt, Marquise, und auf immer.« Aber in ihrer Wut vergaß sie jetzt jede Furcht und Vorsicht. Sie stellte sich zwischen ihn und die Thür; ihr Gesicht glühte, ihre Augen flammten. Den Kopf neigte sie etwas vorwärts, und ihr kleiner weißer Atlasschuh klopfte auf den Teppich. »Sie haben Eile, Sire? Sie erwartet Sie natürlich.« »Lassen Sie mich vorbei, Marquise.« »Es war wohl eine rechte Enttäuschung, diese Nacht – nicht wahr? Und welch ein Schlag für die Gouvernante! Kein Erzbischof! Keine Trauung! Der ganze nette Plan vereitelt! Grausam! Nicht wahr?« Ludwig blickte verwirrt auf das wutzitternde, schöne Gesicht, und es fuhr ihm plötzlich durch den Sinn, daß der Schmerz sie vielleicht um den Verstand gebracht habe. Was konnten sonst diese verworrenen Reden vom Erzbischof und von der Enttäuschung bedeuten? Einer so tief Betrübten streng zu begegnen, war seiner unwürdig. Er mußte sie beruhigen und vor allem suchen, von ihr wegzukommen. »Sie haben einen großen Teil meiner Familienjuwelen in Verwahrung,« sagte er. »Ich bitte Sie, dieselben auch ferner behalten zu wollen, als ein geringes Zeichen meiner Freundschaft.« Er hatte gehofft, sie zu erfreuen und zu beruhigen, aber im Augenblick stand sie vor ihrem Schmuckschrank und schleuderte ihm die kostbaren Geschmeide vor die Füße. Die roten, gelben und grünen Edelsteine klirrten und klapperten, rollten und sprangen über den Fußboden und schlugen gegen die eichenen Panele am Fuß der Wände. »Mag doch die Gouvernante sie nehmen, wenn der Erzbischof einmal kommt!« schrie sie. Immer fester wurde seine Überzeugung, daß sie den Verstand verloren hatte. Da kam ihm ein Einfall, wodurch es ihm vielleicht gelingen möchte, an die weicheren, weiblichen Seiten ihrer Natur zu appellieren. Schnell schritt er nach der Thür, öffnete sie halb und gab einen geflüsterten Befehl. Gleich darauf trat ein Knabe, dessen Haar in langen goldenen Wellen über sein schwarzes Sammetwams fiel, in das Zimmer. Es war ihr jüngster Sohn, der Graf von Toulouse. »Ich dachte mir,« sagte Ludwig, »Sie würden ihm gern Lebewohl sagen.« Sie sah ihn starr mit großen Augen an, als habe sie den Sinn dieser Worte nicht begriffen. Dann überwältigte sie plötzlich die Erkenntnis, daß sie nicht nur von ihrem Geliebten, sondern auch von ihren Kindern getrennt werden sollte, daß jenes andere Weib sie sehen und sprechen und ihre Liebe gewinnen würde, während sie weit fort war. Alles Böse und Bittere in ihrer Natur gewann plötzlich die Oberhand in ihr und machte sie momentan zu dem, wofür der König sie hielt. Durfte sie ihren Sohn nicht haben, so sollte er auch niemand sonst angehören! Unter den zerstreuten Schätzen fiel ihr ein juwelenbesetztes Messer ins Auge. Sie ergriff es und stürzte auf den eingeschüchterten Knaben zu. Ludwig stieß einen Schrei aus und eilte ihm zu Hilfe; aber jemand anders war schneller gewesen als er. Durch die offene Thür war eine Frauengestalt geglitten und hatte den erhobenen Arm gepackt. Ein kurzes Ringen folgte; zwei königliche Gestalten schwankten hin und her, und das Messer fiel zwischen ihnen zu Boden. Der entsetzte Ludwig hob es auf, ergriff seinen kleinen Sohn bei der Hand und stürzte mit ihm aus dem Zimmer. Françoise von Montespan wankte rückwärts nach der Ottomane, denn sich gegenüber erblickte sie das ernsthafte Gesicht, die klaren festen Augen jener andern Françoise, deren Anwesenheit einen Schatten auf jeden Wendepunkt ihres Lebens warf. »Ich habe Sie vor einer That bewahrt, gnädige Frau, die Sie zuerst und am bittersten beklagt haben würden.« »Mich bewahrt? Sie – Sie haben mich dazu getrieben!« Die gestürzte Favoritin stützte sich auf die hohe Lehne der Ottomane, die verschlungenen Hände hinter sich in die Sammetkissen gedrückt. Ihre Lider verdeckten halb die funkelnden Augen, und zwischen den Lippen blitzten die weißen Zähne hervor. Dies war die wahre Françoise von Montespan, ein tigerartiges Geschöpf, das sich zum Sprung zusammenkauert, sehr verschieden von der unterwürfigen, weichen Françoise, die den König so oft durch ihre süßen Worte wieder umstrickt hatte. Frau von Maintenons Hand war bei dem Kampfe verletzt worden. Blut troff von ihren Fingerspitzen hernieder, aber sie achtete des nicht. Der sichere Blick ihrer grauen Augen haftete fest auf ihrer einstigen Nebenbuhlerin, wie man ein launisches, heimtückisches Tier fixiert, das man vermöge stärkerer Willenskraft bändigt. »Ja, Sie – Sie allein haben mich dazu getrieben,« fuhr die Montespan fort, »Sie, die ich aufnahm, als Sie kaum eine Brotkruste und einen Schluck sauren Weines erschwingen konnten. Was besaßen Sie? Nichts – nichts außer einem Namen, der der Lächerlichkeit verfallen war. Und was gab ich Ihnen? Alles! Sie wissen, daß ich Ihnen alles gab – Geld, Stellung, Zutritt bei Hofe. Alles erhielten Sie durch mich, und nun verhöhnen Sie mich!« »Ich verhöhne Sie nicht, gnädige Frau! Ich bemitleide Sie aus tiefstem Herzen.« »Mitleid? Ha! ha! Eine Mortemart wird von der Witwe Scarron bemitleidet! Lassen Sie Ihr Mitleid den Weg Ihrer Dankbarkeit und Ihres Rufes gehen. Dann wird es uns nicht weiter belästigen!« »Ihre Worte kränken mich nicht –« »Ich glaube gern, daß Sie nicht zartfühlend sind!« »Nicht, wenn ich ein gutes Gewissen habe.« »So! Es hat Sie also nicht gequält?« »Nicht um dieser Sache willen.« »Herr Gott! Wie entsetzlich müssen dann die andern Sachen gewesen sein!« »Nie habe ich auch nur einen bösen Gedanken gegen Sie gehegt.« »Keinen gegen mich? O Weib, Weib!« »Was habe ich denn gethan? Der König kam auf mein Zimmer, dem Unterricht der Kinder beizuwohnen. Er blieb, er sprach mit mir. Er wollte meine Meinung über dies und jenes hören. Durfte ich schweigen, oder etwas anderes sagen, als ich meinte?« »Sie haben ihn mir abwendig gemacht!« »Ich wäre in der That stolz, wenn ich glauben dürfte, ihn der Tugend zugewendet zu haben.« »Wie gut klingt das Wort aus Ihrem Munde!« »Wenn es doch auch aus dem Ihrigen klingen möchte!« »So haben Sie also – tugendhafteste aller Witwen, nach Ihrem eignen Geständnis mir das Herz des Königs gestohlen?« »Ich bin Ihnen stets dankbar und freundlich gesinnt gewesen. Sie sind, wie Sie es mir oft vorgehalten haben, meine Wohlthäterin gewesen. Es war nicht nötig, mich daran zu erinnern, denn ich habe es keinen Augenblick vergessen. Dennoch will ich Ihnen nicht verhehlen, daß ich, wenn der König mich über meine Ansicht gefragt hat, die Sünde – Sünde genannt habe, ihm auch gesagt, er würde ein besserer Mann sein, wenn er die schuldvollen Bande löste, welche ihn fesselten.« »Oder sie mit andern vertauschte.« »Mit denen der Pflicht.« »Pah! Ihre Heuchelei widert mich an! Wenn Sie vorgeben, eine Nonne zu sein, warum sind Sie nicht da, wo die Nonnen hingehören? Sie möchten das beste in dieser sowohl wie in jener Welt an sich reißen – nicht wahr? Alles haben, was das Hofleben bietet, und dabei das Klosterwesen nachäffen! Vor mir brauchen Sie das aber nicht. Ich kenne Sie, wie Sie selbst im innersten Herzen sich kennen. Ich war aufrichtig. Was ich that, that ich vor aller Welt. Sie verstecken sich hinter Ihren Priestern und Beichtvätern, Ihren Betschemeln und Meßbüchern, – denken Sie, ich ließe mich dadurch anführen, wie die andern?« Die grauen Augen ihrer Gegnerin funkelten zum erstenmale. Sie machte eine schnelle Bewegung und hob die Hand wie zur Abwehr. »Sie mögen von mir sagen, was Sie wollen,« sagte sie. »Das berührt mich nicht mehr, als das sinnlose Geplapper des Papageis in Ihrem Vorzimmer. Aber rühren Sie nicht an heilige Dinge. Ach, wenn Sie doch Ihre Gedanken selbst zu solchen Dingen erheben könnten, – wenn Sie in sich hineinschauen und einsehen möchten, ehe es zu spät ist, wie entwürdigend und entehrend das Leben ist, das Sie geführt haben! Was hätten Sie nicht alles thun können! Seine Seele war in Ihren Händen, wie Thon in denen des Töpfers. Wenn Sie ihn emporgelenkt hätten in höhere Bahnen, wenn Sie alles Edle und Gute, was in ihm schlummerte, zur Entwicklung gebracht hätten – Ihr Name würde geliebt und gesegnet werden in Schloß und Hütte! Aber nein! Sie zogen ihn herab, Sie vergeudeten seine Jugend, Sie entfremdeten ihn seiner Gemahlin, Sie befleckten seine Mannesehre. Ein Verbrechen bei einem so Hochgestellten erzeugt tausende bei andern, denen er zum Vorbild dient. Und für alle, alle fällt die Verantwortung auf Sie! Lassen Sie sich warnen, gnädige Frau, o lassen Sie sich warnen, ehe es zu spät ist! Trotz Ihrer Schönheit können Ihnen wie mir nur noch wenige kurze Lebensjahre bemessen sein. Dann aber, wenn dies braune Haar weiß geworden, diese rosigen Wangen eingesunken, diese glänzenden Augen erloschen sind, dann gnade Gott der sündenbefleckten Seele Françoises von Montespan.« Einen Augenblick neigte ihre Rivalin das Haupt vor den feierlichen Worten und den ausdrucksvollen Augen. Einen Augenblick schwieg sie, zum erstenmal in ihrem ganzen Leben eingeschüchtert; bald aber gewann ihr höhnischer, trotziger Geist wieder die Oberhand, sie blickte auf und verzog verächtlich die Lippe. »Ich bin bereits mit einem Beichtvater versehen; ich danke,« sagte sie. »Es ist wirklich verlorene Mühe, mir Sand in die Augen streuen zu wollen. Ich kenne Sie, und kenne Sie gut.« »Im Gegenteil, Sie scheinen weniger zu wissen, als ich annahm. Wenn Sie mich denn so gut kennen, – bitte, wer bin ich?« Aller Haß, alle Bitterkeit ihrer Gegnerin klang aus deren Antwort: »Sie sind,« sagte sie, »die Gouvernante meiner Kinder und die heimliche Maitresse des Königs.« »Sie irren sich,« antwortete Frau von Maintenon gelassen. »Ich war die Gouvernante Ihrer Kinder und bin die Gemahlin des Königs .« XXI. Der Mann in der Kalesche. Zu wiederholten Malen hatte die Montespan früher eine Ohnmacht fingiert, wenn sie den Zorn des Königs entwaffnen wollte. Er umschlang sie dann, und es war ihr auf diese Weise gelungen, zum mindesten sein Mitleid, die Zwillingsschwester der Liebe, zu gewinnen. Heute erfuhr sie, was es heißt, wenn einem wirklich auf ein Wort hin die Sinne schwinden. An der Wahrheit des Gehörten konnte sie nicht zweifeln. Der Ausdruck im Gesicht ihrer Rivalin, ihr klares Auge, ihre ruhige Stimme gaben ihr die unumstößliche Gewißheit. Sie stand einen Augenblick wie versteinert und rang nach Atem. Ihre Hände tasteten wie haltsuchend in der Luft umher. Ihre trotzigen Augen wurden glasig und trübe. Mit einem kurzen Schrei, dem Klagelaut eines Kämpfers, der bis aufs Blut gerungen und nun nicht mehr kann, sank ihr stolzes Haupt, und sie fiel bewußtlos vornüber – ihrer Nebenbuhlerin zu Füßen. Frau von Maintenon beugte sich nieder und hob sie mit ihren starken, weißen Armen empor. Mitleidsvoll und aufrichtig traurig blickte sie auf das schneeweiße Gesicht herab, das an ihrer Brust lag. Stolz und Verbitterung waren jetzt daraus gewichen. Nur eine Thräne funkelte unter den dunkeln Wimpern, und die Mundwinkel waren ein klein wenig trotzig gesenkt, wie bei einem Kinde, das sich in Schlaf geweint hat. Sanft legte sie die Ohnmächtige auf das Ruhebett und schob ein seidenes Kissen unter ihren Kopf. Hierauf sammelte sie die über den Teppich verstreuten Juwelen und packte sie wieder in das offene Schränkchen, schloß es zu und legte den Schlüssel so auf einen Tisch, daß Frau von Montespans Augen beim Erwachen sofort darauf fallen mußten. Jetzt erst drückte sie auf die Schelle, welche den kleinen Negerknaben herbeirief. »Deine Herrin ist unwohl,« sagte sie, »geh und rufe ihre Kammerfrau.« Nachdem sie so alles, was sie vermochte, für die Unglückliche gethan hatte, verließ sie das große schweigende Gemach, in welchem ihre schöne Rivalin inmitten des goldstrotzenden Prunkes hilf- und hoffnungslos dalag, wie eine zertretene Blume. Hilflos genug, denn was konnte sie thun? Und hoffnungslos nicht minder, denn wie konnte das Glück ihr je wieder hold werden? Gleich nachdem sie wieder zu sich gekommen war; hatte sie die Kammerfrau fortgeschickt und lag still da, mit verschlungenen Händen und trübe brütendem, starrem Antlitz, die öde, freudlose Zukunft sich ausmalend. Fort mußte sie, das stand fest. Nicht nur, weil so des Königs Befehl lautete, sondern weil es fortan für sie in diesem Palast, worin sie einst unumschränkt geherrscht, nur noch Elend und Hohn gab. Sie hatte ja allerdings vordem ihre Stellung gegenüber der Königin behauptet, aber so sehr sie auch Frau von Maintenon haßte, konnte sie sich doch die Thatsache nicht verhehlen, daß dieselbe denn doch eine ganz andere Frau war, als die arme schwachmütige kleine Marie Theresa. Nein; ihre Widerstandskraft war endlich gebrochen. Sie mußte ihre Niederlage eingestehen und das Feld räumen. Als sie sich von ihrem Sofa erhob, kam sie sich um zehn Jahre gealtert vor seit dieser einen Stunde. Sie hatte noch viel zu thun und nur wenig Zeit dazu. Sie hatte zwar die Juwelen von sich geschleudert, als aus des Königs Worten die Absicht zu klingen schien, sie damit für den Verlust seiner Liebe zu entschädigen; nun aber die Liebe doch einmal hin war, hatte es keinen Zweck, die Juwelen gleichfalls verloren zu geben. War sie nicht mehr die mächtigste, so konnte sie immer noch die reichste Frau in Frankreich sein. Natürlich bekam sie ihre Pension. Die würde glänzend ausfallen, denn Ludwig war stets freigebig. Dazu kam dann ferner die Beute aus diesen ganzen Jahren: die Edelsteine, die Perlen, das Gold, das Porzellan, die Gemälde, Kruzifixe, Uhren, Schmucksachen – alles in allem repräsentierten sie viele Millionen Livres. Eigenhändig packte sie die kostbarsten, beweglichen Sachen, die andern sollte ihr Bruder in seine sichere Obhut nehmen. Den ganzen Tag arbeitete sie mit fieberhaftem Eifer, that alles und jedes, um ihre Gedanken von der eignen Niederlage und dem Triumph ihrer Feindin abzuziehen. Gegen Abend war alles fertig, ihr ganzer Besitz sollte nach dem Schlosse Petit Bourg geschickt werden, wohin sie sich zurückzuziehen gedachte. Eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit wurde ein junger, ihr fremder Kavalier bei ihr gemeldet. Er käme, so hieß es, im Auftrage ihres Bruders. »Herr von Vivonne bedauert sehr, gnädige Frau, daß sich das Gerücht von Ihrer Abreise bei Hofe verbreitet hat.« »Was mache ich mir daraus?« erwiderte sie mit ihrem ganzen, alten Trotz. »Er meint, gnädige Frau, die Kavaliere könnten sich am westlichen Portal einfinden, um Ihrer Abfahrt zuzusehen, und Frau von Neuilly würde da sein und die Herzogin von Chambord und Fräulein von Rohan, und –« Die Dame erbebte bei dem Gedanken an ein solches Spießrutenlaufen. Aus dem Palast gejagt zu werden, in dem sie als Königin geherrscht – von höhnisch blickenden Augen und beißenden Witzeleien so vieler persönlichen Feinde begleitet! Nach all den Demütigungen dieses Tages würde dies das Maß ihres Leidenskelches voll machen. Ihre Nerven waren erschüttert. Dem konnte sie nicht mehr Stand halten. »Sagen Sie meinem Bruder, mein Herr, ich würde ihm sehr dankbar sein, wenn er seine Anordnungen so träfe, daß meine Abreise unbemerkt bleibt.« »Ich habe den Auftrag, Ihnen zu sagen, daß dies bereits geschehen ist, gnädige Frau.« »So! Um wieviel Uhr?« »Gleich, sobald wie möglich.« »Ich bin fertig. Am Westthor also?« »Nein, am Ostthor. Der Wagen wartet.« »Und wo ist mein Bruder?« »Er will erst am Parkgitter einsteigen.« »Warum denn das?« »Weil er beobachtet wird. Wenn man ihn am Wagen sähe, so wäre alles entdeckt.« »Ganz recht. Wenn Sie, mein Herr, die Güte haben wollen, meinen Mantel und dies Kästchen zu tragen, so könnten wir sogleich aufbrechen.« Sie machten einen weiten Umweg durch selten benutzte Gänge. Ihr Herz erzitterte beim Ton jedes Fußtritts, den sie vernahm, und sie eilte dahin, die Kapuze über den Kopf gezogen, ein gejagtes, schuldbeladenes Geschöpf. Aber das Glück begünstigte sie. Niemand begegnete ihnen, und schnell gelangten sie zu dem östlichen Seitenthor. Ein paar phlegmatische Schweizer lehnten rechts und links auf ihren Musketen, und die Hängelampe im Thorbogen zeigte ihr den Wagen, der ihrer wartete. Der Schlag war geöffnet, und ein hoher, in einen schwarzen Mantel vermummter Kavalier hob sie hinein. Er setzte sich ihr gegenüber, warf die Thür zu, und fort rasselte die Kalesche, den Hauptweg hinunter. Es hatte sie nicht befremdet, daß der Mann ihr in den Wagen folgte, denn man nahm gewöhnlich einen Kavalier als Beschützer mit, und er blieb sicher nur so lange, bis ihr Bruder kam. Das war alles erklärlich genug. Aber als zehn Minuten vergingen, ohne daß er sich gerührt oder gesprochen hätte, musterte sie ihn, so gut das bei dem herrschenden Düster möglich war. Als er ihr hineinhalf, hatte sie gesehen, daß er wie ein Edelmann gekleidet war, ebenso verrieten seine Verbeugung und sonstigen Bewegungen ihrer erfahrenen Beobachtung einen Mann von höfischer Sitte. Aber sie kannte es nicht anders, als daß ein Kavalier auch galant und gesprächig sein mußte, und dieser Mann war so sehr stille, so ganz ruhig. Wieder strengte sie ihre Augen an, um die Finsternis zu durchdringen. Sein Hut war tief ins Gesicht gedrückt, sein Mantel verdeckte noch immer den Mund, aber mitten durch all diese verschattenden Hüllen gewahrte sie plötzlich zwei Augen, die eben so unverwandt nach ihr hinüber stierten, wie sie nach ihm. Das Stillschweigen flößte ihr jetzt allmählich eine unbestimmte Bangigkeit ein. Es war Zeit, dem ein Ende zu machen. »Wir sind sicher am Parkthor vorbeigefahren, mein Herr, wo wir meinen Bruder aufnehmen sollten?« sagte sie. Ihr Begleiter antwortete nicht, rührte sich auch nicht. Sie dachte, daß möglicherweise das Rasseln des schweren Wagens ihre Worte übertönt haben könne. »Ich sagte, mein Herr,« wiederholte sie, sich vorbeugend, »daß wir an der Stelle vorüber sind, wo wir Herrn von Vivonne treffen sollten.« Keine Antwort, keine Bewegung. Ein kalter Schauer rann durch ihre Nerven. Wer oder was konnte dieser stille Mann sein? Dann fiel ihr ein, er sei am Ende stumm. »Vielleicht ist Ihre Zunge gefesselt, mein Herr?« sagte sie. »Vielleicht können Sie nicht sprechen. Wenn das die Ursache Ihres Stillschweigens ist, so heben Sie, bitte, die Hand auf, und ich werde Sie verstehen.« Er blieb steif und still sitzen. Da überkam sie eine plötzliche, wahnsinnige Angst davor, so mit diesem schrecklichen, sprachlosen Dinge eingesperrt zu sein. In ihrer Angst fing sie an zu schreien und versuchte, das Fenster herunterzulassen und den Schlag zu öffnen. Da packte plötzlich eine eiserne Faust ihr Handgelenk und zwang sie auf ihren Sitz hernieder. Und doch hatte sich des Mannes Gestalt gar nicht bewegt, kein Ton war vernehmbar, außer dem Rasseln und Ächzen des Wagens und dem Hufschlag der dahinstürmenden Pferde. Schon waren sie weit von Versailles entfernt und fuhren auf einsamen Landwegen. Es war dunkler geworden, schwere Regenwolken überzogen den Himmel, und fern am Horizont hörte man das dumpfe Grollen des Donners. Die Dame lehnte sich keuchend in die ledernen Kissen zurück. Sie war eine mutige Frau, aber dieses plötzliche, seltsame Grausen, das sie in ihrer Schwäche und Wehrlosigkeit überkam, erschütterte sie bis in die tiefste Seele. Sie kauerte sich in die Ecke und stierte mit entsetzten, weit aufgerissenen Augen nach ihrem Gegenüber. Wenn er doch nur etwas gesagt hätte! Jede noch so schreckliche Enthüllung, jede Drohung wäre besser gewesen, als dieses Schweigen. Es war jetzt so dunkel, daß sie ihn nur als unbestimmten Schattenriß auf dunklerem Hintergrunde sah. Je näher das Gewitter kam, desto finstrer wurde es. Der Wind blies in kurzen, zornigen Stößen, begleitet von fernem Donnergeroll. Der Druck des Schweigens wurde ihr wieder unerträglich. Um jeden Preis mußte sie es brechen. »Mein Herr,« sagte sie, »hier muß ein Irrtum walten. Ich weiß nicht, mit welchem Recht Sie mich hindern, das Fenster zu öffnen und dem Kutscher meine Befehle zu geben.« Er sagte nichts. »Ich wiederhole es, hier liegt irgend eine Verwechselung vor. Dieser Wagen gehört meinem Bruder, dem Herrn von Vivonne, und er ist nicht der Mann, seine Schwester unhöflich behandeln zu lassen,« Schwere Regentropfen schlugen jetzt gegen das eine Fenster. Die Wolken senkten sich tiefer und schwärzer hinab. Sie konnte die unbewegliche Gestalt nicht mehr sehen, aber um so fürchterlicher kam sie ihr vor. Sie schrie laut auf vor Furcht und Entsetzen, aber ihr Geschrei hatte keinen andern Erfolg, als ihre Worte. Sie griff mit den Händen umher und packte seinen Ärmel an. »Mein Herr,« rief sie, »Sie machen mir Angst! Sie erschrecken mich. Ich habe Ihnen nie etwas zuleide gethan. Warum wollen Sie eine unglückliche Frau kränken? Ach, sprechen Sie doch mit mir, um Gotteswillen sprechen Sie!« Nur das Geplätscher der Regentropfen, und ihr eignes rasches Atmen – kein andrer Laut! »Vielleicht wissen Sie nicht, wer ich bin,« nahm sie wieder das Wort und versuchte ihren gewöhnlichen befehlenden Ton anzuschlagen. Sie sprach jetzt in die absolute, undurchdringliche Finsternis hinein. »Sie erfahren am Ende, wenn es zu spät ist, daß Sie mit Ihrem Scherz an die Unrechte gekommen sind. Ich bin die Marquise von Montespan und gehöre nicht zu denen, die eine Beleidigung vergessen. Wenn Sie bei Hofe bekannt sind, so müssen Sie auch wissen, daß mein Wort beim Könige Einfluß hat. Sie können mich in diesem Wagen entführen, aber ich bin nicht eine Person, die man so ohne weiteres verschwinden läßt. Es werden schleunigst Nachforschungen angestellt werden und schleunige Ahndung erfolgen, wenn mir ein Leid geschähe. Wenn Sie – Herr Jesus! Erbarme dich meiner!« Ein fahler Blitzstrahl fuhr aus einer Wolke hernieder und machte die ganze Gegend, sowie das Innere der Kalesche einen Augenblick lang tageshell. Des Mannes Gesicht war nur eine Handbreit von dem ihren entfernt, sein Mund stand weit offen, seine Augen waren in lautlosem Gelächter zu bloßen Schlitzen geworden. Jeder einzelne Zug trat scharf in der grellen Beleuchtung hervor – die rote zitternde Zunge, das hellere Rot darunter, die langen weißen Zähne, der borstige Spitzbart, der sich ihr entgegensträubte. Es war aber nicht der plötzliche Blitzstrahl, auch nicht das lachende grausame Antlitz, was Françoise von Montespan in so eiskaltem Schauer erbeben ließ. Es war dies, daß der Mann ihr gegenüber derjenige war, welchen sie unter allen Menschen auf der Welt am meisten fürchtete und am wenigsten zu sehen erwartet hatte. »Moritz!« schrie sie auf, »Moritz! Sie sind es?« »Ja, kleines Frauchen, ich bin es. Sie sehen, wir sind uns nach so langen Jahren doch wiedergegeben.« »O Moritz, wie haben Sie mich geängstigt! Wie konnten Sie so grausam sein? Warum wollten Sie nicht mit mir sprechen?« »Weil es süß war, so still zu sitzen und den Gedanken auszudenken, daß ich Sie nach all diesen Jahren wirklich wieder für mich hatte, und niemand zwischen uns steht! Ach, kleines Frauchen, ich habe mich oft nach dieser Stunde gesehnt!« »Ich habe mich gegen Sie vergangen, Moritz; ich habe gegen Sie gesündigt. Vergeben Sie mir!« »In unsrer Familie vergibt man nicht, mein Liebchen. Ist es nicht ganz wie in alten Zeiten, daß wir so miteinander fahren? Noch dazu in dieser Kalesche. Es ist dieselbe, die uns nach der Trauung von der Kathedrale abholte, wo Sie so holdselig Ihre Gelübde abgelegt hatten. Ich saß, wo ich heute sitze, und Sie auch, und ich nahm Ihre Hand, wie jetzt und drückte sie, und –« »O, Schurke, Sie haben mir die Hand verrenkt! Sie haben mir den Arm gebrochen!« »Ei gewiß nicht, mein kleines Frauchen! Sie erinnern sich wohl noch, wie Sie mir sagten, wie treu Sie mich lieben würden, und ich beugte mich hinüber zu Ihren Lippen und –« »O Hilfe! Unmensch, Sie haben mir die Lippe zerschnitten, Sie haben mich mit Ihrem Ring geschlagen!« »Sie geschlagen! Wer würde das an jenem Frühlingstage gedacht haben, als wir uns unsre Zukunft ausmalten, daß uns auch dies noch darin erwarte? Und dies! Und dies!« Er schlug wild in der Dunkelheit nach ihrem Gesicht. Sie warf sich auf den Sitz nieder und drückte den Kopf in die Kissen. Mit der Kraft und der Wut eines Wahnsinnigen ließ er seine Schläge niederregnen, auf sie, auf das Polster und das Holzwerk unbekümmert um seine eignen verletzten Hände. »Hab' ich Sie still gemacht!« sagte er endlich. »Früher habe ich Ihnen den Mund mit Küssen geschlossen. Aber die Welt ist rund und muß sich drehen, Françoise, die Zeiten ändern sich, die Weiber werden treulos und die Männer hart.« »Töten Sie mich, wenn Sie wollen!« stöhnte sie. »Das werde ich,« lautete seine kurze Erwiderung. Immer noch jagte der Wagen dahin und stieß und schwankte über die tiefen Geleise der holprigen Landstraße. Das Gewitter war fortgezogen, aber das Grollen des Donners und fernes Wetterleuchten waren noch immer am Horizonte hör- und sichtbar. Der Mond trat hervor mit seinem kalten, klaren Glanze, versilberte die weite, unbegrenzte, mit Pappeln eingefaßte Ebene und schien durch das Wagenfenster auf die zusammengekauerte Gestalt und ihren fürchterlichen Gefährten. Jetzt lehnte er mit übereinander geschlagenen Armen zurück und weidete seine Augen an dem hoffnungslosen Elend des Weibes, das ihn verraten hatte. »Wohin bringen Sie mich?« fragte sie endlich. »Nach Portillac, mein kleines Frauchen!« »Warum dorthin? Was wollen Sie mit mir anfangen?« »Ich will diese kleine verlogene Zunge auf immer stumm machen. Sie soll keine Männer mehr betrügen.« »Sie wollen mich ermorden?« »Wenn Sie es so nennen wollen.« »Sie haben einen Stein in der Brust – kein Herz.« »Das ist wahr. Mein Herz hatte ich einem Weibe geschenkt.« »O meine Sünden werden hart gestraft!« »Seien Sie überzeugt davon, sie sollen gestraft werden!« »Kann ich nichts thun, um sie zu büßen?« »Sie sollen sie büßen, dafür stehe ich Ihnen.« »Sie haben ein Schwert an der Seite, Moritz, Warum töten Sie mich denn nicht auf der Stelle, wenn Sie so erbittert gegen mich sind? Warum stoßen Sie es mir nicht durchs Herz?« »Seien Sie versichert, ich hätte es längst gethan, wenn ich nicht einen vorzüglichen Grund hätte zu warten.« »Welchen denn?« »Das will ich Ihnen sagen. In Portillac habe ich das Recht der hohen, mittleren und niederen Justiz. Dort bin ich Herr und kann verhören, verurteilen, und das Urteil vollziehen. Das ist mein gesetzliches Privilegium. Dieser erbärmliche König wird nicht einmal wissen, wie er Sie rächen soll, denn das Recht steht mir zu, und er kann es nicht widerrufen, ohne sich jeden der französischen Großen zum Feinde zu machen.« Er riß von neuem den Mund auf und lachte über seine eigne Schlauheit, während sie sich an jedem Gliede zitternd von seinem grausamen Gesicht mit den glühenden Augen abwandte und ihr Antlitz in den Händen vergrub. Dann betete sie wieder und bat Gott um Gnade für ihr armes, sündiges Leben. So wirbelten sie durch die Nacht hinter den schnaubenden Pferden: ein schweigsames Ehepaar, dessen Herzen aber von Haß und Furcht durchwühlt waren, bis das Feuer eines Kohlenbeckens von der Höhe eines Wartturms auf sie herniederschien und der Schatten eines ungeheuren Gebäudes sich in unbestimmten Umrissen in der Dunkelheit vor ihnen erhob. – Es war Schloß Portillac. XXII. Das Schafott in Portillac. So war es gekommen, daß Amory von Catinat und Amos Green um Mitternacht von ihrem Kerkerfenster aus die Kutsche und ihre Insassen erblickten. Daher jenes verhängnisvolle Brettergerüst und die seltsame Prozession in der Morgenfrühe. So geschah es schließlich, daß sie Françoise von Montespan erblickten, wie sie zur Hinrichtung geführt wurde. Sie hörten ihren letzten kläglichen Hilferuf in dem Augenblick, als die schwere Hand des wüsten Kerls mit der Axt sich auf ihre Schulter legte und sie neben dem Block auf die Knie zwang. Aufkreischend fuhr sie zurück vor dem fürchterlichen, blutbespritzten, schmierigen Holzblock, aber der Menschenschlächter schwang seine Waffe, und der Seigneur streckte eben seine Hand nach dem langen goldbraunen Haar aus, um den schönen Kopf daran niederzuzerren, als er plötzlich von Staunen ergriffen, bewegungslos, mit vorgestrecktem Fuß, ausgereckter Hand und offnem Munde stehen blieb und wie gebannt geradeaus blickte. Was er da erblickte, rechtfertigte in der That seine Bestürzung. Aus dem kleinen viereckigen Fenster, ihm gerade gegenüber, schoß plötzlich kopfüber ein Mann heraus, der auf seine vorgestreckten Hände fiel und dann auf seine Füße sprang. Unmittelbar auf den Fersen folgte ihm der Kopf eines zweiten, der zwar etwas schwerer aufschlug als der erste, sich aber ebenso schnell aufraffte. Der eine trug die blau und silberne Montur der königlichen Leibgarde, den andern kennzeichneten sein dunkler Überrock und glattrasiertes Gesicht als einen Mann des Friedens. Jeder von ihnen trug eine rostige Eisenstange in der Hand. Keiner von beiden sprach ein Wort, aber der Soldat trat schnell zwei Schritt vor und führte einen Streich nach dem Henker, der eben zum Schlage auf sein Opfer ausholte. Ein hohles Dröhnen, ein Knacken, als ob ein Ei zerbrochen würde, und die Eisenstange zersprang in Stücke. Der Henker aber stieß einen fürchterlichen Schrei aus, ließ die Axt fallen, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, taumelte im Zickzack über das Schafott hin und stürzte tot in den Hof hinunter. Schnell wie der Blitz hatte Catinat die Axt ergriffen und wandte sich nun herausfordernd nach Montespan um, die schwere Waffe schlagfertig erhoben. »Wohlan!« sagte er. Die Überraschung hatte den Schloßherrn einen Augenblick der Sprache beraubt. Nun begriff er wenigstens, daß diese Fremden sich zwischen ihn und seine Beute drängten. »Greift diese Männer!« schrie er seinen Leuten zu. »Einen Augenblick!« rief Catinat mit einer Stimme und einem gebieterischen Tone, die ihm Gehör verschafften. »Ihr seht an meiner Uniform, wer ich bin. Ich stehe bei der Leibgarde des Königs. Wer mich antastet, vergreift sich an Seiner Majestät. Hütet euch! Ihr spielt ein gefährliches Spiel.« »Vorwärts, ihr Feiglinge!« brüllte Montespan. Aber die Bewaffneten zögerten, denn die Furcht vor dem Könige überschattete ganz Frankreich. Catinat sah ihr Zögern und verfolgte seinen Vorteil. »Diese Frau,« rief er, »ist des Königs Geliebte, und ich sage euch, wenn ihr auch nur ein Haar gekrümmt wird, so stirbt jede lebendige Seele innerhalb des Burgfriedens den Foltertod. Ihr Thoren! Wollt ihr euer Leben auf dem Rad aushauchen oder euch in kochendem Öl krümmen auf das Geheiß dieses Tollhäuslers?« »Wer sind diese Menschen, Marceau?« schrie der Burgherr wütend. »Es sind Gefangene, Euer Excellenz.« »Gefangene! Wessen Gefangene?« »Die Ihrigen, Excellenz.« »Wer hat dir befohlen, sie einzusperren?« »Excellenz selbst. Die Eskorte brachte dero Siegelring.« »Ich habe die Menschen nie gesehen. Da ist irgend eine Teufelei im Spiel. Aber sie sollen mir nicht in meinem eignen Schlosse Trotz bieten, noch zwischen mir und meinem Weibe stehen. Nein, par Dieu! Sie sollen das nicht thun und leben! Ihr Leute da, Marceau, Etienne, Gilbert, Jean, Pierre, ihr alle, die ihr mein Brot esset, auf sie, sage ich!« Er sah sich wütend um, aber er erblickte ringsum gesenkte Köpfe und abgewandte Gesichter. Mit einem scheußlichen Fluch zückte er das Schwert und stürzte auf die unglückliche Frau los, die halb bewußtlos noch immer vor dem Block kniete. Catinat sprang vor, um sie zu schützen, doch Marceau, der bärtige Seneschall, hatte bereits seinen Herrn um den Leib gepackt. Zähneknirschend, während der Schaum ihm vom Munde floß, wand sich Montespan mit der Kraft eines Wahnsinnigen in des Mannes Griff, faßte sein Schwert kurz und stieß es durch den braunen Bart tief in die Kehle dahinter. Marceau fiel mit einem erstickten Schrei hintenüber, das Blut gurgelte ihm aus Mund und Hals; aber bevor sein Mörder die Waffe wieder frei machen konnte, hatten Catinat, der Amerikaner und ein Dutzend Lehnsleute ihn auf das Schafott niedergerissen, und Amos Green ihn so fest gebunden, daß er nur seine Augen und Lippen bewegen konnte, mit denen er sie nun anstierte und anspie. Seine eignen Leute waren so gegen ihn aufgebracht – denn Marceau war sehr beliebt unter ihnen gewesen – daß, da Axt und Block so zur Hand waren, vielleicht schnelle Justiz geübt worden wäre, wenn nicht ein langes, klares Hornsignal, das in tausend kleinen Trillern und Schnörkeln stieg und fiel, plötzlich durch die stille Morgenluft erklungen wäre. Catinat spitzte die Ohren bei dem Ton, wie ein Jagdhund beim Rufe des Jägers. »Haben Sie gehört, Amos?« »Es war eine Trompete.« »Es war das Hornsignal der Garde. Ihr da! Schnell an das Thor! Zieht das Fallgatter auf und laßt die Zugbrücke nieder! Rührt euch, sonst müßt ihr vielleicht doch noch eures Herrn Sünden büßen! Das heißt mit knapper Not entkommen, Amos!« »Das können Sie wohl sagen, Freund! Ich sah, wie er seine Hand nach ihrem Haar ausstreckte, gerade als Sie aus dem Fenster sprangen. Einen Augenblick später würde er sie skalpiert haben. Aber sie ist ein schönes Weib, das schönste, das meine Augen je erblickten, und es schickt sich nicht, daß sie hier auf diesen Brettern kniet.« Damit riß er ihrem Gemahl den langen, schwarzen Mantel ab, und machte daraus ein Kissen für das bewußtlose Weib mit einer Vorsicht und Zartheit, die man einem Manne seines Kalibers kaum zugetraut hätte. Er beugte sich noch über sie, als die Zugbrücke schallend niederfiel. Einen Augenblick später erdröhnte sie vom Hufschlag einer Reiterabteilung, die mit wallenden Federn, wehenden Mähnen und klirrenden Waffen in den Schloßhof jagte. An ihrer Spitze ritt ein großer Offizier in voller Galauniform der Garde, mit reichem Federhut, langen Lederhandschuhen und blitzendem Schwerte. Er sprengte auf das Schafott zu, und seine scharfen dunklen Augen übersahen mit einem Blick jede Einzelheit der Gruppe, die ihn dort erwartete. Catinats Gesicht strahlte bei seinem Anblick; mit einem Satz war er neben seinem Steigbügel. »Brissac!« rief er. »Catinat! Wo im Namen aller Wunder kommst du her?« »Ich war gefangen. Sage mir, Brissac, hast du die Botschaft in Paris ausgerichtet?« »Gewiß.« »Und der Erzbischof kam?« »Freilich.« »Und die Trauung?« »Hat verabredetermaßen stattgefunden. Deswegen hat die unglückliche Dame, die ich dort sehe, den Palast verlassen müssen.« »Das dachte ich mir schon.« »Ich hoffe, ihr ist kein Leid geschehen?« »Mein Freund und ich kamen gerade noch zur Zeit, um sie zu retten. Dort liegt ihr Gemahl. Er ist ein Teufel, Brissac!« »Sehr wahrscheinlich, aber selbst einen Engel hätte die Behandlung, die er erlitten hat, verbittern können.« »Wir haben ihn gefesselt. Er hat einen Mann erschlagen – ich einen zweiten.« »Auf mein Wort, Ihr seid nicht müßig gewesen.« »Woher wußtest du aber, daß wir hier waren?« »Nichts wußte ich; dies war mir ein unerwartetes Vergnügen.« »So kamst du nicht unsertwegen?« »Nein, wir kamen der Dame wegen.« »Wie hat der Kerl sie denn in seine Gewalt bekommen?« »Ihr Bruder sollte sie mit seinem Wagen abholen. Das erfuhr ihr Mann und lockte sie durch eine falsche Nachricht in den seinigen, der an einem andern Thore hielt. Als Vivonne merkte, daß sie zu lange ausblieb und fand, daß ihre Gemächer leer waren, forschte er nach und erfuhr bald, auf welche Weise sie fortgekommen war. Montespans Wappen war am Schlage bemerkt worden. Deshalb sendete mich der König mit meiner Truppe hieher, so schnell die Pferde laufen wollten.« »Du wärest dennoch zu spät gekommen, hätte uns nicht der sonderbarste Zufall hergeführt. Ich weiß nicht, wer uns auflauerte, denn dieser Mann da schien von der Sache nichts zu wissen. Das wird sich später wohl alles aufklären. Die Frage ist: was nun geschehn soll?« »Ich habe meine gemessenen Befehle. Madame soll nach Petit Bourg gebracht, und alle, die an der Gewaltthat gegen sie beteiligt waren, gefangen gesetzt werden, bis des Königs Wille bekannt ist. Das Schloß wird gleichfalls für den König in Beschlag genommen. Du aber, Catinat, du hast doch hier nichts mehr zu thun?« »Gar nichts. Ich möchte nur gern nach Paris hinüberreiten und nachsehen, ob bei meinem Onkel und seiner Tochter alles gut geht.« »Aha, deine kleine, süße Base! Mein Seel', es wundert mich nicht, daß die Leute in der Straße von St. Martin dich so gut kennen. Nun, ich habe einmal einen Auftrag für dich übernommen, da kannst du mir jetzt denselben Gefallen thun.« »Von Herzen gern. Wohin soll ich?« »Nach Versailles. Der König wird Feuer und Flamme sein, bis er weiß, was wir ausgerichtet haben. Du hast das erste Recht, es ihm zu berichten, da es ohne dich und deinen Freund nur ein trauriger Rapport geworden wäre.« »In zwei Stunden werde ich in Versailles sein,« »Habt ihr Pferde?« »Die unsern sind erstochen.« »Ihr findet hier genug Gäule in den Ställen, Sucht euch die besten aus, da ihr eure eignen im Dienste des Königs einbüßtet.« Der Rat war zu gut, um nicht befolgt zu werden. Catinat winkte Amos Green und eilte mit ihm nach den Ställen, während Brissac durch kurze, schneidige Befehle die Lehnsleute entwaffnete, mit seinen Garden das ganze Schloß besetzte und die Abreise der Dame, sowie die Einkerkerung ihres Mannes in Gang brachte. Nach einer Stunde trabten die beiden Freunde auf der Landstraße dahin und atmeten die balsamische Morgenluft ein, die ihnen nach den feuchten üblen Dünsten ihres Verließes doppelt frisch vorkam. Weit hinter ihnen erinnerte noch ein kleiner, dunkler Spitzturm, der über die Wipfel der Baume hervorragte, an das Schloß, von dem sie kamen, während fern am westlichen Horizonte schon die Dächer des prächtigen Palastes, dem sie zustrebten, in den Strahlen der Morgensonne schimmerten. XXIII. Der Sturz der Catinats. Zwei Tage nach Frau von Maintenons Vermählung mit dem Könige fand in dem uns bekannten engen Gemache, das sie noch immer bewohnte, eine Versammlung statt, welche vielen Hunderttausenden edler Franzosen unsagbares Elend bereiten und doch nach Gottes weiser Vorsehung ein Werkzeug sein sollte, um französische Kunstfertigkeit und französische Gewandtheit unter die teutonischen Völker zu verbreiten, die seitdem durch den so empfangenen Sauerteig um so kräftiger und tüchtiger geworden sind. Denn in der Geschichte sind manchmal gerade durch eine Tugend große Übel hervorgerufen, und höchst wohlthätige Ergebnisse sind einem Verbrechen auf dem Fuße gefolgt. Die Stunde war gekommen, wo die Kirche die Gemahlin Ludwigs XIV an das ihren Vertretern gegebene Versprechen erinnern sollte. Ihre blassen Wangen und ihre schmerzbewegten Augen zeugten davon, wie sie sich vergeblich anstrengte, die Fürsprache ihres liebevollen Herzens durch die Beweisführungen der sie umgebenden Fanatiker zu ersticken. Sie kannte die Hugenotten. Wer hätte sie besser zu kennen vermocht als sie, die von ihnen abstammte und in ihrem Glauben erzogen und aufgewachsen war? Sie kannte ihre Geduld, ihren Edelsinn, ihre Unabhängigkeit, ihre Ausdauer. Wie war es möglich, daß solche Männer sich dem Wunsch des Königs unterordnen würden? Ein Paar Mitglieder des höchsten Adels würden es vielleicht thun, aber die anderen würden der Galeeren, des Kerkers, ja selbst des Galgens spotten, wenn der Glaube ihrer Vater auf dem Spiele stand. Wenn die Ausübung ihres Gottesdienstes nicht länger geduldet würde und sie doch daran festhielten, mußten sie entweder aus der Heimat flüchten oder ein lebendig-totes Dasein führen auf den Ruderbänken der Galeeren oder in der Wegefrohnarbeit als Kettengefangene. Es war eine fürchterliche Alternative für eine Bevölkerung, die so zahlreich war, daß sie eine kleine Nation für sich bildete. Das Schrecklichste aber war, daß sie, die aus Hugonettenblut stammte, ihre Stimme gegen sie erheben sollte. Und doch – sie hatte ein feierliches Versprechen gegeben, und jetzt war die Zeit da, wo es eingelöst werden mußte. Die Beratung hatte begonnen. Der beredte Bischof Bossuet, Louvois, der Kriegsminister, und Pater La Chaise, der schlanke, bleiche, weißhaarige Jesuit, alle häuften sie Gründe auf Gründe, um den Widerstand des Königs zu überwinden. Neben ihnen stand noch ein anderer Priester, so hager und so aschfahl, als wäre er eben von seinem Todeslager erstanden, aber ein wildes Feuer glühte in seinen großen, dunklen Augen, und eine fürchterliche Entschlossenheit lag in seinen zusammengezogenen Brauen und in der Bildung seiner schmalen, grimmen Kinnlade. Frau von Maintenon saß über ihre Stickerei gebeugt und webte schweigend ihre bunten Seiden in das Muster, während der König, die Hand auf dem Sessel gestützt, mit dem Gesicht eines Mannes zuhörte, der da weiß, daß er getrieben wird und der sich doch kaum mehr gegen den Stachel seiner Treiber wehren kann. Auf dem niedrigen Tische lag ein Blatt; Feder und Tinte daneben. Es war der Befehl für die Aufhebung des Edikts von Nantes, und es fehlte nur des Königs Unterschrift, um ihn zum Landesgesetz zu machen. »Sie sind also der Meinung, mein Vater, daß, wenn ich die Ketzerei auf diese Weise austilge, ich mich meiner eignen Seligkeit in der nächsten Welt dadurch versichere?« fragte der König. »Sie werden sich damit ewigen Lohn verdienen,« sagte Pater La Chaise. »Und Sie meinen das auch, Herr Bischof?« »Ohne allen Zweifel, Sire.« »Und Sie, Abbé du Chayla?« Der ausgemergelte Priester sprach zum erstenmal – dabei kroch eine leichte Färbung über seine leichenartigen Wangen und ein noch düstereres Licht in seine tiefliegenden Augen. »Ich kann nicht wissen, ob Sie Ihrer Seligkeit gewiß sein werden. Dazu gehört denn doch noch mehr. Ohne Zweifel aber können Sie Ihrer Verdammnis gewiß sein, wenn Sie es nicht thun.« Ärgerlich fuhr der König auf und blickte grollend nach dem Sprecher. »Ihre Worte sind schärfer, als ich es gewohnt bin,« bemerkte er. »In einer solchen Sache wäre es wahrlich grausam, Sie im Zweifel zu lassen, Sire,« erwiderte der Abbé. »Ich sage noch einmal, daß das Geschick Ihrer Seele auf dem Spiel steht. Ketzerei ist eine Todsünde, Tausende von Ketzern würden sich der Kirche zuwenden, wenn Sie sie dazu aufforderten. Deshalb liegen diese tausende von Todsünden auf Ihrer Seele. Und wo ist Hoffnung für sie, wenn Sie sie nicht bekehren?« »Mein Vater und Großvater haben sie geduldet.« »Wenn Gott ihnen nicht in ganz besonderer Weise Gnade erwiesen hat, brennen Ihr Vater und Großvater in der Hölle.« »Unverschämter!« Der König sprang von seinem Sitze auf. »Sire, ich werde sagen, was ich für Wahrheit halte und wenn Sie fünfzigmal ein König waren! Wenn ich für den König aller Könige rede, was kümmert mich ein Mensch? Sehen Sie her, Sire! Sind dies die Glieder eines Mannes, der davor zurückschrecken würde, ein Zeuge der Wahrheit zu werden?« Mit einer plötzlichen Bewegung streifte er die langen Ärmel seines Priesterrockes zurück und streckte seine weißen fleischlosen Arme hervor. Die Knochen waren alle verknotet und verbogen und zu phantastischen Formen verdreht. Sogar Louvois, der abgehärtete Kriegsmann, und La Chaise, der finstere Priester, schauderten beim Anblick dieser gräßlichen Glieder. Der Abbé erhob sie über seinen Kopf und wandte seine brennenden Augen empor. »Gott hat mich seit lange schon auserwählt, um für den Glauben zu zeugen,« sagte er. »Ich hatte gehört, daß Blut erforderlich sei, damit die junge Kirche von Siam aufblühe, und ich wanderte nach Siam. Dort rissen sie mich beinahe in Stücke. Sie kreuzigten mich, sie verrenkten und spalteten meine Gebeine und ließen mich für tot liegen. Aber Gott hat mir seinen Lebensodem wieder eingehaucht, damit ich helfen sollte an dem großen Werke der Wiedergeburt Frankreichs!« »Ihre Leiden, mein Vater,« sagte Ludwig, der seinen Sitz wieder eingenommen hatte, »geben Ihnen einen Anspruch auf die Kirche sowohl, wie auf mich, der ich ihr besonderer Vorkämpfer und Beschützer bin. Was würden Sie also raten, mein Vater, in Bezug auf diese Hugenotten, die sich weigern, sich zu bekehren?« »Sie werden sich schon bekehren!« rief du Chayla mit einem unheimlichen Lächeln auf dem geisterhaften Antlitz. »Sie müssen biegen oder brechen! Was liegt auch daran, ob sie zu Pulver zermahlen werden, wenn wir nur die eine ungeteilte Kirche im Lande aufrichten können.« Seine tiefliegenden Augen glühten von dämonischem Feuer, und er schüttelte seine knochigen Hände wildzornig über seinem Haupte. »Hat die Grausamkeit, mit welcher Sie behandelt worden sind,« wandte der König ein, »Sie nicht gelehrt, gegen andere milder zu sein?« »Milde? Gegen Ketzer?« rief der Priester. »Nein, Sire, meine eignen Schmerzen haben mich gelehrt, daß diese Welt und unser Fleisch nicht nütze sind, und daß die wahre Liebe und Barmherzigkeit gegen den Nächsten darin besteht, seine Seele auf jede Gefahr für seinen elenden Körper hin einzufangen. Ich würde an Ihrer Stelle, Sire, diese Hugenottenseelen retten, und wenn ich darüber Frankreich in eine Schlachtbank verwandeln müßte!« Ludwig hatte augenscheinlich von den furchtlosen Worten und dem wilden Ernst des Priesters einen tiefen Eindruck empfangen. Den Kopf auf die Hand gelehnt, saß er in tiefe Gedanken versunken lange da, ohne irgend etwas zu erwidern. Nach einer Weile nahm Pater La Chaise wieder das Wort. Mit sanfter Stimme hub er an: »Im übrigen, Sire, werden solche strengen Maßregeln, von denen der gute Abbé spricht, gar nicht nötig sein. Wie ich Ihnen bereits bemerkt habe, werden Sie im ganzen Reiche so geliebt, daß die bloße Versicherung, es sei Ihr Wunsch und Wille, hinreichen wird, alle dem wahren Glauben zuzuwenden,« »Ich wollte, ich könnte das glauben, mein Vater; ich wollte, ich könnte es glauben. – Was gibt's?« Es war der Kammerdiener, welcher die Thür halb öffnete. »Hauptmann von Catinat ist hier. Er bittet um Erlaubnis, Ew. Majestät sofort seine Aufwartung machen zu dürfen.« »Lassen Sie den Hauptmann eintreten!« befahl der König. – »Ah!« – Ein glücklicher Gedanke schien ihm einzufallen. »Wir werden gleich sehen, was die Liebe zu mir in einer solchen Sache thun wird, denn wenn sie irgendwo zu finden ist, so muß es unter meinen eignen Leibgarden sein.« Der junge Offizier war soeben von seinem langen Ritt zurückgekehrt. Während Amos Green bei den Pferden blieb, war er, ohne sich Zeit zu lassen, den Staub und die Spuren der Reise von seinem Anzug zu entfernen, in den Palast geeilt, um dem König seine Botschaft zu überbringen. Jetzt stand er vor Ludwig mit der ruhigen Sicherheit eines Mannes, der an die Hofluft gewöhnt ist, und hob die Hand zum Gruß. »Was bringen Sie neues, Hauptmann?« »Major von Brissac trug mir auf, Ihnen zu sagen, Sire, daß er das Schloß von Portillac besetzt hat, daß die Dame in Sicherheit ist und ihr Gemahl sein Gefangener.« Ludwig und seine Frau wechselten einen raschen Blick der Erleichterung. »Das ist gut,« sagte er dann, »Apropos, Hauptmann, Sie haben mir letzthin verschiedentlich gedient und stets mit gutem Erfolge. Ich höre, Louvois, daß de la Salle an den Pocken verschieden ist.« »Er ist gestern gestorben, Sire.« »Dann wünsche ich, daß Sie das erledigte Majorspatent für Herrn von Catinat ausfertigen,« befahl der König. »Lassen Sie mich der erste sein, Sie zu Ihrer Beförderung zu beglückwünschen, mein lieber Major, obgleich Sie den blauen Rock gegen den perlgrauen der Musketiere werden vertauschen müssen. In unserm Haushalt können wir Sie nicht entbehren, wie Sie sehen.« Catinat küßte die Hand, die der König ihm entgegenstreckte. »Möchte ich stets mich Ihrer Huld würdig zeigen, Sire!« »Nicht wahr, Sie würden alles thun, was Sie vermögen, um mir zu dienen?« »Mein Leben gehört Ihnen, Sire.« »Sehr wohl! Ich werde Ihre Treue sogleich auf die Probe stellen.« »Ich bin bereit zu jeder Probe.« »Es ist keine sehr schwere. Sie sehen das Blatt hier auf dem Tische. Es ist ein Befehl, daß alle Hugenotten in meinem Königreich ihren Irrtum aufgeben und in den Schoß der Kirche zurückkehren sollen bei Strafe der Verbannung oder Einkerkerung. Nun hoffe ich, daß, wenn auch viele meiner treuen Unterthanen einer falschen Religion anhängen, sie doch abschwören werden, wenn sie erst erfahren, daß dies mein deutlich ausgesprochener Wunsch ist. Es würde mir eine große Freude sein, wenn ich fände, daß es so ist, denn nur mit Schmerz würde ich Gewalt gebrauchen gegen irgend wen, der den Franzosennamen trägt. Haben Sie mich verstanden?« »Ja, Sire.« Der junge Mann war totenblaß geworden, er faltete und löste seine Hände und trat von einem Fuß auf den andern. Hundertmal hatte er dem Tode unter den verschiedensten Gestalten ins Auge geschaut, aber niemals hatte er eine solche Herzbeklemmung gefühlt, wie die, welche ihn jetzt überfiel. »Sie sind selbst ein Hugenotte, wie ich höre,« fuhr der König fort. »Ich möchte Sie deshalb gern als die erste Frucht dieser großen Maßregel gewinnen. Lassen Sie uns von Ihren eignen Lippen hören, daß Sie bereit sind, Ihrem Könige und Feldherrn zu folgen in diesem wie in andern Stücken!« Der junge Gardeoffizier zögerte einen Augenblick, obgleich er mehr darüber nachdachte, wie er seine Antwort einkleiden, als was ihr Inhalt sein sollte. Er fühlte, daß Fortuna mit einem Zuge all die guten Dienste weggewischt hatte, die sie ihm in seinem bisherigen Leben geleistet, und daß er jetzt, weit entfernt davon in ihrer Schuld zu sein, im Gegenteil viel bei ihr zu gut hätte. Der König zog die Brauen empor und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch, als er auf das gesenkte Antlitz und die mutlose Haltung Catinats blickte. »Warum soviel Nachdenken?« rief er ungeduldig. »Sie sind ein Mann, den ich emporgehoben habe, und weiter emporheben will. Wer die Majorsepauletten mit dreißig Jahren hat, kann mit fünfzig einen Marschallstab führen, Ihre Vergangenheit gehört mir, und Ihre Zukunft soll nicht minder meine Sache sein. Was für Hoffnungen haben Sie sonst noch?« »Keine, Sire, außerhalb Ihres Dienstes.« »Warum denn also dies Schweigen? Warum geben Sie mir nicht die Zusicherung, die ich verlange?« »Ich kann es nicht thun, Sire!« »Sie können es nicht thun?« »Es ist unmöglich. Ich würde keinen Frieden mehr im Herzen, keine Selbstachtung haben, wenn ich wüßte, daß ich den Glauben meiner Väter um Reichtum oder einer vornehmen Stellung halber aufgegeben hätte.« »Mann, Sie sind sicherlich verrückt! Hier ist auf der einen Seite alles, was der Mensch erstreben kann, und was bleibt auf der andern?« »Meine Ehre.« »Ist es denn eine Schmach, meine Religion anzunehmen?« »Mir würde es eine Schmach sein, sie Gewinnes halber anzunehmen, ohne daran zu glauben.« »So glauben Sie doch daran!« »Ach, Sire, der Mensch kann sich zum Glauben nicht zwingen. Der Glaube muß zu ihm kommen, nicht er zum Glauben.« »Auf mein Wort, Vater,« sagte Ludwig, seinen jesuitischen Beichtvater mit bitterem Lächeln anblickend, »ich werde mir künftig die Offiziere für die Haustruppen aus Ihrem Seminar holen müssen, da meine Edelleute zu Casuisten und Theologen geworden sind. – Zum letztenmal also, Catinat, Sie verweigern es, meinem Ersuchen zu willfahren?« »O, Sire –« Catinat that einen Schritt vorwärts mit ausgestreckten Händen und Thränen in den Augen. Aber der König hielt ihn mit einer Handbewegung zurück. »Ich verlange keine Beteurungen,« sagte er. »Ich beurteile einen Mann nach seinen Handlungen. Schwören Sie ab oder nicht?« »Ich kann's nicht, Sire,« »Sie sehen,« wandte sich Ludwig wieder zu dem Jesuiten, »es wird doch nicht so leicht sein, wie Sie denken.« »Dieser Mann ist hartnäckig, das ist nicht zu leugnen, aber viele andere werden leichter nachgeben.« Der König schüttelte den Kopf. »Ich wollte, ich wüßte, was ich thun soll,« sagte er. »Gnädige Frau, ich weiß, daß Sie mir immer das beste raten werden. Sie haben alles hier Gesprochene mit angehört. Was empfehlen Sie mir zu thun?« Die Augen der Maintenon blieben auf die Stickerei geheftet, aber ihre Stimme war fest und klar, als sie antwortete: »Sie haben selbst gesagt, daß Sie der älteste Sohn der Kirche sind. Wenn der älteste Sohn sie verläßt, wer wird dann noch ihr Geheiß thun? Und in dem, was der heilige Abbé sagte, liegt auch viel Wahres. Sie könnten am Ende Ihre eigne Seele dadurch gefährden, wenn Sie gegen diese Sünde der Ketzerei ein Auge zudrücken. Sie wächst und gedeiht, und wenn sie jetzt nicht ausgerottet wird, kann sie die Wahrheit ersticken, wie Dornen und Unkraut den Weizen ersticken.« »Es gibt jetzt Distrikte in Frankreich,« beeilte sich Bossuet zu versichern, »wo man während einer ganzen Tagereise keine Kirche sieht, und wo alle Bewohner, vom Edelmann bis zum Bauern hinab, demselben verfluchten Glauben angehören. So ist's in den Sevennen, wo die Leute so wild und rauh sind, wie ihre Berge. Gott schütze die Priester, die Leute wie diese von ihren Irrtümern bekehren sollen!« »Wem sollte ich denn eine so gefahrvolle Aufgabe anvertrauen?« fragte Ludwig. Der Abbé du Chayla warf sich bei diesen Worten auf die Knie und streckte dem Könige flehend seine dürren Hände entgegen. »Senden Sie mich, Sire! Mich!« bat er. »Noch nie habe ich eine Gunst von Ew. Majestät erbeten und will es niemals wieder thun. Aber ich bin der Mann, um den Trotz dieser Menschen zu brechen. Senden Sie mich mit Ihrer Botschaft an das Volk in den Sevennen!« »Gnade Gott dem Volk der Sevennen,« murmelte Ludwig, als er mit einer Mischung von Achtung und Abscheu das abgezehrte Gesicht und die glühenden Augen des Fanatikers anblickte, »Wohlan, Herr Abbé,« fügte er laut hinzu, »Sie sollen nach den Sevennen gehen.« Ob in diesem Augenblick über den finsteren Priester eine Vorahnung jenes fürchterlichen Morgens kam, da sich, während er in einem Winkel seines brennenden Hauses kauerte, fünfzig Dolche auf einmal in seinen Leib gruben? Sein Antlitz sank in seine Hände, und ein Schauer durchfuhr seinen dürren Körper. Dann stand er auf, schlug die Arme übereinander und nahm seine unbewegliche Haltung wieder an. Ludwig ergriff die Feder und zog das Blatt an sich heran. »So geben Sie mir also alle denselben Rat,« sagte er, »Sie, Herr Bischof; Sie, mein Vater; Sie, gnädige Frau; Sie, mein Herr Abbé; und Sie, Louvois. Nun denn, wenn übles daraus entsteht, möge es nicht über mein Haupt kommen! – Aber was ist das?« Catinat war mit ausgestreckter Hand auf ihn zugeschritten. Sein glühendes, ungestümes Temperament hatte plötzlich alle Schranken der Vorsicht durchbrochen, denn in diesem Augenblick glaubte er, die zahllosen Scharen von Männern, Frauen und Kindern zu sehen, die alle seinem Glauben angehörten, alle außer stande, ein Wort für sich zu sprechen, alle zu ihm aufblickend als ihrem Vorkämpfer und Fürsprecher. So lange alles gut ging, hatte er wenig an solche Dinge gedacht; als aber jetzt die Gefahr drohte, wurde die tiefere Saite seiner Seele berührt, und er fühlte lebhaft, daß Leben und irdisches Glück leicht in die Wagschale fallen, wenn sie gegen hohe Grundsätze und eine große, ewige Sache gewogen werden. »Unterzeichnen Sie nicht, Sire!« rief er, »Sie werden die Zeit erleben, da Sie wünschen, Ihre Hand wäre verdorrt, ehe sie jene Feder ergriff! Ich weiß es, Sire, ich weiß es gewiß. Denken Sie doch all der hilflosen Leute – der kleinen Kinder, der jungen Mädchen, der Alten und der Schwachen. Ihr Glaube ist mit ihnen verwachsen. Ebensogut konnten Sie von den Blättern verlangen, die Äste zu wandeln, auf denen sie wachsen. Sie können nicht übertreten. Im besten Falle könnten Sie nur erwarten, sie aus ehrlichen Menschen zu Heuchlern zu machen. Und warum müssen Sie es denn thun? Die Leute lieben Sie, Sire. Sie ehren Sie. Sie schädigen niemand. Sie sind stolz darauf, in Ihren Heeren zu dienen, für Sie zu fechten, für Sie zu arbeiten, die Größe Ihres Königtums aufzurichten. Ich flehe Sie an, Sire, noch einmal das zu bedenken, ehe Sie einen Befehl unterzeichnen, der über so viele tausende Jammer und Elend bringen wird.« Der König hatte inne gehalten und den kurzen abgerissenen Sätzen gelauscht, in welchen der junge Soldat für seine Glaubensgenossen eintrat, aber sein Gesicht wurde wieder hart, als er daran dachte, wie sogar seine eigne persönliche Bitte nicht im stande gewesen, diesen jungen Höfling zu beeinflussen. »Frankreichs Religion muß die Religion des Königs von Frankreich sein,« erwiderte er, »und wenn die Soldaten meiner Leibgarde mir in dieser Sache widerstreben, muß ich mir andere suchen, die mir treuer ergeben sind. Jenes Majorspatent bei den Mousquetaires bekommt Hauptmann von Belmont, Louvois.« »Zu Befehl, Sire.« »Und Herrn von Catinats Patent mag der Lieutenant Labadoyere haben.« »Zu Befehl, Sire.« »Und ich soll Ihnen nicht mehr dienen dürfen, Sire?« stieß Catinat hervor. »Sie sind zu wählerisch für meinen Dienst,« erwiderte der König. Catinats Arme sanken schlaff hernieder, und sein Kopf beugte sich tief auf die Brust. Dann, als ihm die Zertrümmerung aller seiner Lebenshoffnungen zugleich mit der Ungerechtigkeit, mit der er behandelt worden war, klar vor die Seele trat, stieß er einen Schrei der Verzweiflung aus und stürzte aus dem Gemach, während heiße Thränen ohnmächtiger Wut ihm die Wangen herabrannen. Schluchzend, gestikulierend, mit aufgeknüpftem Rock und schief sitzendem Hut stürmte er in den Stall, wo der gleichmütige Amos Green seine Pfeife rauchte und mit kritischen Augen die Abwartung der Pferde verfolgte. »Was zum Donnerwetter ist denn nun los?« fragte er und hielt seine Pfeife am Kopfe, während die blauen Rauchwölkchen sich von seinen Lippen emporringelten. »Dies Schwert,« rief der Franzose ungestüm, – »Ich habe kein Recht mehr, es zu tragen! Ich werde es zerbrechen!« »Schön,« meinte der Amerikaner, »wenn es Ihnen Vergnügen macht, will ich mein Messer auch zerbrechen!« »Und dies,« Catinat zerrte dabei an seinen silbernen Achselschnüren, »muß auch fort.« »Damit sind Sie mir über, denn solche Dinger habe ich nie gehabt. Aber nun, liebster Freund, lassen Sie mich Ihren Kummer wissen, damit ich sehen kann, ob er nicht zu beseitigen ist.« »Nach Paris! Nach Paris!« schrie der Franzose ganz außer sich. »Wenn ich auch ruiniert bin, komme ich doch vielleicht noch zur Zeit, um sie zu retten! Schnell, schnell zu Pferde!« Amos begriff, daß irgend ein plötzliches Unglück geschehen war; so half er denn seinem Kameraden und den Stallknechten die Pferde satteln und aufzäumen. Fünf Minuten später jagten sie auf der Straße nach Paris dahin, und in wenig mehr als einer halben Stunde standen ihre Pferde schaumbedeckt und dampfend vor dem hohen Hause in der Rue St. Martin. Catinat sprang aus dem Sattel und stürmte die Treppen hinauf, während Amos in der ihm eignen lässigen Weise folgte. Der alte Hugenott und seine schöne Tochter saßen Hand in Hand neben dem großen Kamin und sprangen zu gleicher Zeit auf bei Amorys ungestümem Eintritt. Adèle warf sich mit einem Freudenschrei in seine Arme, und ihr Vater erfaßte die Hand, welche sein Neffe ihm entgegenstreckte. An der anderen Seite des Kamins, eine sehr lange Pfeife im Munde und einen Becher Weins auf einem Schemel neben sich, saß ein fremdartig aussehender Mann mit ergrautem Haupt- und Barthaar, einer fleischigen, roten, vorspringenden Nase und zwei kleinen grauen Äuglein, welche unter den gewaltigen, gesprenkelten Brauen hervorzwinkerten. Sein dünnes, längliches Gesicht war die Kreuz und Quer von feinen und groben Runzeln überzogen, die fächerförmig von seinen Augenwinkeln ausstrahlten. Das Gesicht schien nur einen unveränderlichen Ausdruck zu haben, und da es auch über und über dieselbe nußbraune Färbung trug, glich es einem wunderlichen, aus grobkörnigem Holz geschnitzten Puppenkopf. Sein Anzug bestand aus einer blauen Tuchjacke, einem paar roter Hosen, die an den Knien mit Teer beschmiert waren, sauberen, grauen Wollstrümpfen und groben breitspitzigen Schuhen mit großen Stahlschnallen. Neben ihm lehnte ein dicker, eichener Knüppel, auf dessen Griff sich ein ziemlich verwitterter, silberverschnürter Hut wiegte. Das sandgraue Haar des Mannes war hinten in einen kurzen steifen Zopf zusammengewunden, und ein Seemannsmesser mit Messinggriff stak in seinem abgenutzten Ledergürtel. Amory war zu erregt gewesen, um dieses merkwürdige Individuum zu beachten, aber Amos Green schrie bei seinem Anblick laut auf vor Entzücken und eilte auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Des Alten hölzernes Gesicht verzog sich so weit, daß es zwei tabakbraune Fangzähne sichtbar werden ließ, und ohne aufzustehen, streckte er Amos eine gewaltige rote Hand entgegen, die in Form und Umfang einem mäßigen Spaten glich. »Halloh, Kapitän Ephraim,« rief Amos in englischer Sprache, »wer hätte je daran gedacht, Sie hier zu finden? Catinat, dies ist mein alter Freund Ephraim Savage, in dessen Schiff ich nach Frankreich gekommen bin,« »Der Anker liegt fest, die Luken sind verschlossen,« sagte der Fremde in dem eigentümlich näselnden Tonfall, welchen die Neuengländer von ihren Vorfahren, den Puritanern, überkommen hatten. »Und wann segeln Sie?« »Sobald Sie den Fuß auf Deck gesetzt haben, wenn die Vorsehung uns Wind und Flut günstig macht. Und wie ist dir's all die Zeit ergangen, Amos?« »Sehr gut. Ich habe Ihnen viel zu erzählen,« »Ich hoffe, mein Junge, du hast dich nicht mit denen papistischen Teufeleien abgegeben.« »Nein, nein, Ephraim!« »Und hast mit dem Weibe, das da gekleidet ist in Scharlach und Rosinfarbe, nichts zu schaffen gehabt?« »Nein, nein; aber was gibt's denn nun?« Das graue Haar des Alten sträubte sich vor Wut, und die grauen Äuglein funkelten zornig unter den dichten Haarbüscheln seiner Brauen. Amos folgte dem Blicke derselben und sah, wie Catinat den Arm um Adèle geschlungen dasaß, während ihr Kopf auf seiner Schulter ruhte. »Na, wenn ich bloß den fibbligen, verzierten, französischen Schnickschnack los hätte! Hat man je so etwas gesehen! Amos, Junge, was heißt auf französisch eine schamlose Dirne?« »Nicht doch, Ephraim, nicht doch! Auch auf unsrer Seite des Wassers sieht man dergleichen und denkt sich nichts Schlimmes dabei.« »Niemals, Amos. In keinem gottseligen Lande.« »O doch! Ich habe auch in Newyork zärtliche Liebespaare gesehen.« »Na ja in Newyork! Ich sagte, in keinem gottseligen Lande. Für Newyork oder Virginia kann ich nicht einstehen. Südlich von Cap Cod, oder Newhaven allenfalls kann man nicht wissen, was die Leute alles thun mögen. Aber in Boston oder Salem oder Plymouth, das weiß ich gewiß, würde man sie wegen halb soviel ins Zuchthaus stecken und in den Stock legen. Ach!« Er runzelte die Brauen und schüttelte den Kopf über das schuldbeladene Liebespaar. Aber dieses sowohl, wie der alte Vater, waren viel zu sehr mit ihren eignen Angelegenheiten beschäftigt, als daß sie einen Gedanken für den puritanischen alten Seemann übrig gehabt hätten. Amory hatte in wenigen, kurzen, bitteren Sätzen seine Geschichte erzählt. – Die Unbill, die ihm widerfahren, seine Entlassung aus des Königs Diensten und das Unwetter, das grollend über die Hugenotten heraufzog. Adèle mit dem Instinkt des liebenden Weibes dachte nur an den Geliebten und sein Mißgeschick, während sie der Erzählung lauschte; der alte Kaufmann aber, als er von der Aufhebung des Edikts hörte, erhob sich wankend auf seine Füße, stand mit schlotternden Gliedern da und starrte mit entsetzten Augen um sich. »Was soll ich thun?« rief er. »Was soll ich thun? Ich bin zu alt, um mein Leben von vorn zu beginnen!« »Sei nur getrost, Onkel,« sprach ihm Amory herzlich zu, »Es gibt noch eine Welt außerhalb Frankreichs!« »Aber nicht für mich. Nein, nein, ich bin zu alt! O Herr, Herr deine Hand liegt schwer auf deinen Knechten! Nun ergießt sich die Schale des Zornes, und der Schmuck des Heiligtums wird niedergerissen. Ach, was soll ich thun, wohin soll ich mich wenden?« Und er rang verzweifelt die Hände. »Was fehlt ihm eigentlich, Amos?« fragte der Seemann. »Obgleich ich nichts von dem verstehe, was er sagt, kann ich doch sehen, daß er ein Notsignal aufhißt.« »Er und die Seinigen müssen das Land verlassen, Ephraim.« »Warum denn?« »Weil sie Protestanten sind, und der König ihren Glauben nicht dulden will!« Ephraim Savage war im Augenblick an des alten Catinat Seite und hatte dessen magere Hand in seine große, knotige Faust geschlossen. Es lag wahrhaft brüderliche Teilnahme in seinem festen Griff und dem rauhen, wettergebräunten Gesicht, die des andern Mut aufrichtete, wie Worte es nicht würden vermocht haben. »Wie heißt ›das Weib im Gewande von Scharlach‹ auf französisch, Amos?« fragte er über seine Schulter hinweg. »Sage dem Mann hier, daß wir ihn nicht verlassen werden. Sage ihm, daß wir ein Vaterland haben, in das er hineinpaßt wie der Spund ins Faß. Sage ihm, daß dort die Religion für alle frei ist und es keine Papisten gibt näher als Baltimore oder die Kapuziner am Penobscot. Sage ihm, wenn er mitkommen will, das ›Goldne Reis‹ hat schon den Anker scharf gezogen und die Ladung an Bord. Sage ihm, was du willst, wenn es ihn nur zum Mitkommen bewegt.« »Dann müssen wir unverweilt abreisen,« sagte Amory, als er die herzliche, an seinen Onkel gerichtete Einladung vernahm. »Heut abend werden die Haftbefehle ausgegeben, und morgen ist es vielleicht zu spät.« »Aber mein Haus, mein Geschäft!« jammerte der Kaufherr. »Nehmen Sie das Wertvollste mit und lassen Sie das übrige zurück. Besser so, als alles verlieren und die Freiheit dazu.« So wurde es zuletzt beschlossen. An demselben Abend, fünf Minuten vor Thoresschluß zog aus Paris eine kleine Gesellschaft von fünf Personen hinaus, drei zu Pferde und zwei in einer geschlossenen Kutsche, auf deren Dache mehrere schwere Koffer standen. Es waren die ersten Blätter, die vor dem nahenden Sturme herflogen, die Vorläufer der großen Scharen, die innerhalb der nächsten wenigen Monate auf allen Straßen aus Frankreich herausströmen sollten, deren Reise aber oft im Kerker, in der Folterkammer und auf den Galeeren endete, oft aber auch in Sicherheit jenseits der Grenzen zum Segen der Industrie der benachbarten Völker. Gleich den alten Israeliten waren sie auf das Gebot eines tyrannischen Königs aus ihren Häusern vertrieben, und es waren ihnen überdem noch alle erdenkliche Hindernisse in den Weg zur Flucht gelegt worden. Gleich ihnen mußten sie das verheißene Land auch unter großen Mühsalen, meist blutarm und ohne Freunde erreichen. Es ist nicht unsre Aufgabe, ihre Wanderungen und Abenteuer in der Schweiz, am Rhein, unter den Wallonen, in England und Irland, in Deutschland und sogar im fernen Rußland zu beschreiben. Die uns bekannte kleine Gesellschaft aber wollen wir auf ihrer gefahrvollen Reise in die neue Welt begleiten. Zweiter Teil In der neuen Welt I. Die Abfahrt des »Goldnen Reises« Dank der rechtzeitigen Warnung durch den Gardeoffizier war die kleine Reisegesellschaft der Verfolgung zuvor gekommen. Als sie mit Tagesanbruch durch das Dorf Louvier fuhren, erblickten sie auf einem Dunghaufen einen nackten Leichnam, und der grinsende Wächter erzählte ihnen, daß es ein unbußfertig gestorbener Hugenotte wäre. Aber derlei Vorkommnisse waren seit lange nichts Ungewöhnliches und setzten noch keine Änderung der Gesetze voraus. In Rouen war alles ruhig, und Kapitän Ephraim Savage brachte sie mit ihren geflüchteten Habseligkeiten noch vor Dunkelwerden an Bord seiner Brigantine, das › Goldne Reis ‹. Es war nur ein kleines Fahrzeug von ungefähr 70 Tonnen Gehalt, aber immerhin ein sicherer Zufluchtsort zu nennen in einer Zeit, wo viele auf offenen Böten in See stachen und sich lieber dem Zorn der Elemente, als dem des Königs aussetzten. Noch in derselben Nacht lichtete der alte Seemann die Anker und fuhr die Windungen der Seine hinab. Es ging nur sehr langsam vorwärts. Der Mond stand im zweiten Viertel, und von Osten her wehte eine Brise, aber der Fluß drehte und schlängelte sich so unaufhörlich, daß es ihnen zuweilen vorkam, als führen sie stromauf anstatt stromab. Bei längeren Strecken braßten sie die Raaen Vierkant ins Kreuz und flogen vor dem Winde, aber oft genug mußten sie beide Boote herunterlassen und das Schiff mühsam schleppen. Der Maat, Tomlinson von Salem, und sechs ernsthafte, tabakkauende Matrosen aus Neu-England mit breitkrämpigen Palmettohüten, ruderten mit äußerster Anspannung aller Kräfte. Amos Green, Catinat und sogar der alte Kaufherr kamen zuweilen an die Reihe, wenn vor Sonnenaufgang die Seeleute an Bord gebraucht wurden, um die Segel zu bedienen. Endlich, als es zu dämmern begann, wurde der Fluß breiter, die Ufer traten zurück und bildeten eine lange, trichterförmige Bucht. Ephraim Savage witterte in die Luft hinaus und schritt munter an Deck auf und nieder, während es lustig in seinen klugen, grauen Augen aufblitzte. Der Wind hatte nachgelassen, war aber immer noch stark genug, um sie langsam weiter zu treiben. »Wo ist das Mädchen?« fragte Ephraim jetzt. »In meiner Kajüte,« antwortete Amos. »Ich dachte, sie würde damit vorlieb nehmen können, bis wir drüben sind,« »Wo willst du denn aber schlafen?« »Ach was! Eine Streu junger Zweige und ein Stück Birkenrinde als Decke hat mir seit vielen Jahren genügt. Was kann ich mir besseres wünschen, als diese Planken aus weichem, weißem Tannenholz und meine Friesdecke?« »Schön. Der alte Mann und sein Neffe, der Blaurock, können diese beiden leeren Kojen bekommen. Aber du mußt mit dem Blaurock reden, Amos. An Bord meines Schiffes leide ich kein Gelieble, mein Sohn; kein Geflüstre und Schöngethue und was dergleichen Narretheidinge mehr sind. Setze ihm auseinander, daß dies Schiff ein abgerissenes Stück Boston ist, und daß er sich demgemäß in Bostoner Bräuche schicken muß, bis er es verläßt. Du kannst mir sagen, was ›kein Gelieble‹ auf französisch heißt, und ich will ihn schnell genug ins rechte Fahrwasser bringen, wenn er mal abtreibt.« »Es ist jammerschade, daß wir so schnell fort mußten, sonst hätten sie getraut werden können, ehe wir abreisten. Sie ist ein sittsames Mädchen, Ephraim, und er ein wackerer Mann, wenn ihre Sitten auch von den unsern abweichen. Sie nehmen das Leben leichter als wir, und kann sein, sie haben mehr Freude daran.« »Das habe ich noch nie gehört, daß wir in die Welt gesetzt worden sind, um an ihr Freude zu haben,« meinte der alte Puritaner kopfschüttelnd. »Das Thal der Todesschatten Psalm 23, 4 nach der französischen und englischen Übersetzung. scheint mir gerade kein sehr paßlicher Name für einen Spielplatz zu sein. Ein Ort der Prüfung und Züchtigung, das ist die Welt, ein Kelch voll bitterer Galle und der Ungerechtigkeit übergeben. Wir sind böse von Kindesbeinen an, wie der faule Strom, der aus einem Morast abfließt, und haben genug mit unsrer Reinigung zu thun, ohne thörichtes Schwatzen über Freuden des Lebens.« »Mir kommt es vor, als sei beides, Schmerz und Freude, durcheinander gemengt,« sagte Amos, »wie Mageres und Fettes in einem Sacke voll Pemmikan. Gedörrtes und fein gehacktes Fleisch, das wenig Raum wegnimmt und sich bequem in der Jagdtasche mitnehmen läßt. Sieh dir die Sonne dort an, die sich gerade über die Baume erhebt, und die zartgeröteten Wolken und den Fluß, der wie ein rosigschimmerndes Band hinter uns liegt. Das alles ist doch herzerfreuend und lieblich anzusehen, und mich will's bedünken, als könne das uns nicht so vorkommen, wenn der Schöpfer es nicht gewollt hätte. Manches Mal, wenn ich so im Spätherbst im Walde lag und meine Pfeife rauchte und dachte, wie gut der Tabak schmeckte und wie die gelben Ahornbäume und die Purpurblätter der Eschen leuchteten und die feuerroten Fischerbäume zwischen dem Strauchwerk prangten, dann meinte ich, das wahre Thorengeschwätz führten die Leute, die daran zweifeln können, daß all diese Pracht dazu bestimmt ist, die Welt schöner und uns glücklicher zu machen.« »Du hast in besagten Wäldern zu viel nachgedacht,« erwiderte Ephraim Savage und sah ihn besorgt an. »Nimm nicht ein Segel, das für dein Boot zu groß ist, mein Junge, und traue nicht auf deinen eignen Verstand. Du stammst aus einem Geschlecht, welches lieber den Staub Englands von seinen Füßen schüttelte, als daß es seine Kniee vor Baal gebeugt hätte. Halte dich fest am Wort und denke darüber hinaus nicht nach. Aber was fehlt dem alten Mann? Er scheint etwas auf dem Herzen zu haben.« Der alte Kaufherr hatte sich über den Schiffsrand gelehnt und blickte gramvollen Antlitzes und müden Auges in die gewundene, rotschimmernde Spur des Schiffes, die den Weg nach Paris andeutete. Adèle war eben herauf gekommen und vergaß aller Gefahr und Mühsal, die vor ihnen lag, indem sie des alten Vaters kalte Hände in den ihren zu erwärmen suchte und ihm leise Liebes- und Trostworte zuflüsterte. Sie hatten jetzt den Punkt erreicht, an dem der sanfte, stillgleitende Fluß zum erstenmal nach dem Herzschlag des Meeres zu pulsieren begann. Der Alte blickte voll Entsetzen auf das Bugspriet, das langsam in die Höhe stieg, und klammerte sich krampfhaft an das Geländer, das ihm unter den Händen wegzugleiten schien. »Wir sind immer in Gottes Hand,« flüsterte er; »aber, o Adèle, es ist ein furchtbares Gefühl, wenn seine Finger sich unter uns bewegen.« »Komm mit uns, Onkel,« bat Catinat und nahm den alten Mann unter den Arm. »Du mußt dich endlich ausruhen. Du auch, Adèle, mein armer Liebling. Geh, lege dich nieder und schlafe, mir zu liebe. Es war eine beschwerliche Reise, und wenn du aufwachst, liegt Frankreich und aller Kummer hinter dir!« Sobald Vater und Tochter das Deck verlassen hatten, ging Catinat nach dem Hinterdeck, wo Amos Green und der Kapitän standen. »Ich bin froh, sie unten zu haben, Amos,« sagte er, »denn ich fürchte, wir sind noch nicht aus aller Gefahr,« »Wieso?« »Sie sehen doch die weiße Straße, die am Südufer des Flusses entlang läuft? Zweimal sah ich in der letzten halben Stunde einen Reiter im Karriere darauf hinjagen. Dort wo die Spitztürme und der Rauch sichtbar werden, liegt Honfleur, und dahin sind jene Männer geritten. Ich wüßte nicht, wer zu so früher Stunde so toll reiten sollte, wenn es nicht Boten des Königs sind. Gebt Acht, hier kommt ein dritter!« Auf dem weißlichen Bande, das sich durch die grünen Wiesen schlang, wurde jetzt ein schwarzer Punkt sichtbar, der sich sehr schnell fortbewegte, jetzt hinter einer Baumgruppe verschwand, jetzt wieder erschien – immer der fernen Stadt zustrebend. Kapitän Savage zog sein Teleskop heraus und beobachtete den Reiter. »Ja, ja,« sagte er und schob es wieder zusammen, »es ist ein Soldat und nichts anderes. Ich sehe die Säbelscheide an seiner Backbordseite glänzen. Mir scheint, wir werden bald mehr Wind haben. Mit einer steifen Brise können wir allem, was in französischen Gewässern fährt, die Fersen zeigen, aber jetzt würde eine Galeere oder ein bewaffnetes Boot uns leicht einholen.« Catinat konnte zwar nur wenig Englisch sprechen, hatte es aber in Amerika gut verstehen gelernt. Er blickte Amos Green ängstlich an. »Ich fürchte, wir werden den guten Kapitän in Ungelegenheiten bringen,« sagte er, »vielleicht verliert er seine Ladung und sein Schiff zum Dank dafür, daß er sich unsrer angenommen hat. Fragen Sie ihn doch, ob er uns nicht lieber am nördlichen Ufer an Land setzen will. Mit unserm Gelde gelingt es uns vielleicht, die Niederlande zu erreichen.« Ephraim Savage sah seinen Passagier etwas milder an. »Junger Mann,« bemerkte er, »ich sehe, Sie verstehen etwas von meinen Reden.« Catinat nickte. »Dann will ich Ihnen nur sagen, daß ich nicht so leicht klein zu kriegen bin. Das kann mir jeder bezeugen, der mal mein Schiffsmaat gewesen ist. Ich halte mein Steuer und meinen Kurs, so lange es Gott gefällt. Verstehen Sie mich?« Catinat nickte wieder, obschon er in Wirklichkeit nur einen schwachen Schimmer von dem hatte, was der Alte meinte. »Wir kommen jetzt auf die Höhe der Stadt da und werden in zehn Minuten wissen, ob irgend eine Gefahr auf uns lauert. Derweil will ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die Ihnen zeigen wird, mit welch einem Manne Sie sich eingeschifft haben. – Vor zehn Jahren war ich Steuermann auf der ›Speedwell‹, einer Sechzigtonnenbrigg, die zwischen Jamestown und Boston hin und her fuhr, Bauholz, Häute und allerlei Kram nach Süden brachte, dagegen Zucker und Tabak nach Norden. Verstehen Sie? Eines Nachts blies ein ziemlicher Sturm aus Süden. Zwei Meilen östlich von Kap May liefen wir auf ein Riff, und das Schiff ging unter mit einem Loch im Boden, als ob es auf dem Turm einer jener Honfleurer Kirchen da aufgespießt worden wäre. Schön! Morgens früh befand ich mich denn an der zerbrochenen Fockraa hängend, hin und her gespült von den Wellen, das Land fast außer Sicht und nirgends eine Spur von meinen Schiffsmaaten oder dem Wrack. Ich fror nicht gerade, denn es war früh im Herbst, und ich hatte wohl drei Vierteile meines Körpers auf der Spiere. Aber ich war hungrig, durstig und zerschlagen. Daher schnallte ich meinen Leibriemen zwei Löcher enger, stimmte einen Psalm an und hielt einen scharfen Ausguck. Na! Ich sah mehr als mir lieb war. Keine fünf Schritt von mir war ein großer Fisch, beinahe so lang, wie die Raa, daran ich mich hielt. Es ist wirklich furchtbar nett, so die Beine im Wasser zu haben und dicht dabei solch eine Bestie, die einem eben die Zehen anknabbern will.« »Großer Gott!« rief der junge Franzose. »Und er hat Sie nicht gefressen?« Ephraim Savages kleine Äuglein zwinkerten bei der Erinnerung. »Ich habe ihn gefressen,« sagte er. »Was?« rief Amos. »Die nackte Wahrheit! Ich hatte ein Klappmesser in der Tasche, ein solches, wie dies hier – und strampelte gehörig mit den Beinen, um das Vieh abzuhalten, dabei schnitzelte ich an der Raa, bis ich ein nettes zackiges Stück, oben und unten spitz, ab hatte. Ein Nigger hatte mir das mal unten am Delaware gezeigt. Dann hörte ich mit Strampeln auf und erwartete ihn. Er fuhr auf mich los, wie ein Habicht auf ein Märzküchlein. Sobald er seinen Bauch zeigte, stieß ich meine linke Hand mit dem Holz mitten in sein breites grinsendes Maul und bohrte ihm mit der Rechten mein Messer zwischen die Kiemen. Da versuchte er loszukommen, aber, verstehen Sie, ich ließ nicht locker, obgleich er mich so tief mitnahm, daß ich dachte, ich würde nie wieder in die Höhe kommen. Ich war schon halbtot, als wir endlich auftauchten, aber er schwamm mit dem Bauch nach oben und zwanzig Löchern in seinem Vorhemd. Nun bekam ich auch wieder meinen Sparren zu fassen, und das war gut, wir waren wohl fünfzig Faden tief unter Wasser gewesen – und als ich ihn erreicht hatte, fiel ich in eine tiefe Ohnmacht.« »Und hernach?« »Als ich nun wieder zu mir kam, war die See ruhig, und der tote Haifisch trieb neben mir. Ich ruderte meine Raa dicht an ihn heran und machte ein paar Meter Taue los, die an einem Ende herabhingen. Ich zog eine Schlinge um seinen Schwanz, verstehen Sie, schlang die Enden um die Raa und befestigte sie so, daß ich ihn nicht verlieren konnte. Dann machte ich mich an die Arbeit und aß ihn in einer Woche rein auf, bis auf die Rückenflosse. Dazu trank ich den Regen, der auf meinen Rock fiel; und als mich die ›Gracie‹ von Gloucester aufnahm, war ich so fett, daß ich kaum noch an Bord klettern konnte. Verstehen Sie nun, mein Junge, was Ephraim Savage meint, wenn er sagt, er sei nicht so leicht klein zu kriegen?« Während der puritanische Schiffer sein Abenteuer erzählte, wanderten seine Augen zwischen den klatschenden Segeln und den Wolken hin und her. Der schwache Wind kam in einzelnen kurzen Stößen, und die Leinwand blähte sich abwechselnd straff oder hing schlaff herunter. Die flockigen kleinen Wölkchen droben segelten indes schnell über den blauen Himmel. Nach ihnen schaute der Kapitän endlich unverwandt mit einer Miene, als rechne er ein Exempel aus. Sie waren jetzt auf der Höhe von Honfleur, ungefähr eine halbe Meile davon entfernt. Mehrere Schaluppen und Briggs lagen dicht nebeneinander, und eine ganze Flottille von Fischerbooten mit ihren braunen Segeln zog langsam herein. Alles war ruhig auf dem halbrunden Kai und dem halbmondförmigen Fort, auf dem die weiße Flagge mit den goldenen fleurs-de-lis wehte. Der Hafen lag schon ihrem Hinterdeck gegenüber, und die Luft fing an, frischer zu ziehen. Catinat blickte rückwärts und hätte sich fast überredet, daß seine Befürchtungen ganz grundlos gewesen seien, als sie im nächsten Augenblick ernster denn je wurden. Um die Ecke der Mole schoß ein großes dunkles Boot in ihren Gesichtskreis; Schaum umsprühte das Vorderteil und tropfte von den zehn Rudern, die an jeder Seite geschwungen wurden. Eine zierliche weiße Flagge hing über den Stern hinab, und am Bug spiegelte sich die Sonne in einer schweren Messing-Haubitze. Das Fahrzeug war gespickt voll Männer, und der wiederholte Lichtblitz, der aus ihrer Mitte aufzuckte, bewies, daß sie bis an die Zähne bewaffnet waren. Der Kapitän richtete sein Teleskop auf sie und pfiff, dann betrachtete er noch einmal die Wolken. »Dreißig Mann,« sagte er, »und sie machen drei Knoten in der Zeit, wo wir zwei machen. Sie da, junger Herr, gehen Sie mal mit Ihrem blauen Rock vom Verdeck, oder wir bekommen Ungelegenheiten. Der Herr verläßt die Seinen nicht, wenn sie nur keine Dummheiten machen. Ziehen Sie die Luken auf, Tomlinson. So! Wo stecken Jim Sturt und Hiram Jefferson? Stellt euch daneben und klappt sie zu, wenn ich pfeife. Steuerbord! Steuerbord! Gebt ihr soviel Leinwand, als sie irgend aushält! Amos und Tomlinson, kommt einmal her, ich habe ein Wort mit euch zu reden.« Die drei hielten Rat auf dem Hinterdeck, ohne ihre Verfolger aus den Augen zu lassen. Der Wind wurde frischer, das war nicht mehr zu bezweifeln, er blies ihnen jetzt lebhaft genug ins Gesicht, während sie rückwärts blickten, war aber noch nicht stätig, und das Boot näherte sich ihnen reißend schnell. Schon erkannten sie die Gesichter der Marinesoldaten am Stern und das Funkeln des brennenden Luntenstockes, den der Kanonier in der Hand hielt. »Holla,« rief der Offizier in trefflichem Englisch, »legt bei, oder wir geben Feuer.« »Wer seid ihr, und was wollt ihr?« brüllte Ephraim Savage mit einer Stimme, die man am Ufer hatte hören können. »Wir kommen im Namen des Königs, und wir fahnden auf eine Gesellschaft Hugenotten aus Paris, die in Rouen an Bord Ihres Schiffes kamen.« »Dreht den Fockmast, legt bei!« kommandierte der Kapitän. »Laßt eine Leiter herunter. Achtung! So, jetzt können sie kommen, wir sind fertig.« Die Fockraa wurde eingezogen, und das Schiff lag still und schaukelte auf den Wellen. Das Boot schoß heran, die Messingkanone auf die Brigantine gerichtet, die Bemannung schußfertig, die Finger am gespannten Hahn. Sie grinsten und zuckten die Achseln, als sie entdeckten, daß ihr ganzer Feind aus drei unbewaffneten Männern auf dem Achterdeck bestand. Der Offizier, ein jugendlich flinker Gesell, dessen Schnurrbart sich sträubte, wie der eines Katers, war im Handumdrehen an Bord, den gezückten Degen in der Hand. »Zwei von euch kommen mit,« rief er hinunter. »Ihr stellt euch hier oben an die Leiter, Sergeant. Werft ein Tau herauf und befestigt es an dieser Stange. Gebt acht, ihr da unten, und haltet euch schußfertig. Ihr begleitet mich, Korporal Lemoine. Wer ist der Kapitän dieses Schiffes?« »Ich, mein Herr,« sagte Ephraim Savage unterwürfig. »Sie haben drei Hugenotten an Bord?« »Was Sie sagen! Hugenotten sind das? Es kam mir freilich so vor, als ob sie es recht eilig hätten wegzukommen; aber wenn sie ihre Überfahrt bezahlen, geht es mich nichts an. Ein alter Mann, seine junge Tochter und ein junger Mensch etwa in Ihrem Alter, in einer Art von Livree?« »In Uniform, mein Herr! In der Uniform der königlichen Garde. Das sind die Leute, nach denen ich suche.« »Und Sie wollen sie zurückholen? »Gewiß.« »Die armen Leute; sie thun mir doch leid.« »Mir auch, aber Befehl ist Befehl und muß ausgeführt werden.« »Selbstverständlich! Der alte Mann schläft jetzt in seiner Koje, das Mädchen ist in der ersten Kajüte, und der andere schläft im Schiffsraum, wo wir ihn unterbringen mußten, weil sonst kein Raum mehr war« »Er schläft, sagen Sie? Dann können wir ihn ja überraschen!« »Aber wollen Sie das allein wagen? Er ist zwar unbewaffnet, aber doch ein kräftiger, junger Mensch. Wollen Sie nicht zwanzig Mann aus dem Boot herauf kommen lassen?« Der junge Offizier mochte etwas Ähnliches beabsichtigt haben, aber des Kapitäns Bemerkung verletzte sein Selbstgefühl. »Kommen Sie mit, Korporal,« sagte er. »Diese Leiter hinunter, sagen Sie?« »Ja, die Leiter hinunter und dann geradeaus. Er liegt zwischen den beiden Tuchballen.« Ephraim Savage sah nach oben, und ein Lächeln umspielte den grimmen Mund. Der Wind pfiff jetzt durch das Takelwerk, und die Stangen der Maste summten wie Harfensaiten. Amos Green lehnte nachlässig neben dem französischen Sergeanten, der die Strickleiter bewachte, während der Maat Tomlinson, einen Eimer voll Wasser in der Hand, sich über die Brustwehr hinab in sehr schlechtem Französisch mit der Bootsmannschaft unterhielt. Der Offizier kletterte langsam die Leiter hinab, die in den Schiffsraum führte. Der Korporal folgte ihm und war mit der Brust in Deckshöhe, als der andere unten ankam. War nun doch etwas in Ephraim Savages Gesicht gewesen, oder war es die Dunkelheit, die ihn umfing, was den jungen Franzosen stutzig machte – jedenfalls faßte er plötzlich Verdacht. »Zurück, Korporal!« schrie er. »Es scheint mir besser, Sie bleiben oben!« »Mir scheint's besser, ihr bleibt unten, mein Freund,« sagte der Puritaner, der aus der Gebärde des Offiziers dessen Meinung erriet. Damit setzte er die Stiefelsohle dem Mann auf die Brust und versetzte ihm einen Stoß, der sowohl ihn, wie die Leiter mit Donnergepolter dem Offizier unten nachschickte. Gleichzeitig ließ er einen Pfiff hören, im selben Augenblick fiel die Klappe über die Luke und wurde mit soliden eisernen Krampen befestigt. Der Sergeant war bei dem Krach herumgefahren, Amos Green aber, der auf diese Bewegung gelauert hatte, umschlang ihn mit den Armen und schleuderte ihn über Bord ins Meer. Das Verbindungstau wurde gleichzeitig gekappt, der Fockmast schwang sich knarrend in seine Stellung zurück, und der Eimer voll Salzwasser sauste auf den Kanonier und das Geschütz herab, löschte seine Lunte aus und durchnäßte sein Zündpulver. Eine Salve, welche die Bootsmannschaft abgab, pfiff durch die Luft und klapperte gegen die Planken, denn das Boot schaukelte und schwankte auf den kurzen Stoßwellen und machte so jedes Zielen unmöglich. Vergebens arbeitete sich die Mannschaft an den Rudern ab, während der Kanonier sich wie ein Verrückter abmühte, um seine Lunte wieder anzuzünden und trocknes Zündpulver aufzuschütten. Das Boot war aus dem Zug gekommen, während die Brigantine jetzt unter ihrer vollen, zum Bersten fast geblähten Segellast pfeilschnell dahinflog. Krach! ging endlich die Haubitze los, und fünf kleine Schlitzen im Hauptsegel zeigten, daß ihre Kartätschkugeln zu hoch geflogen waren. Der zweite Schuß traf auch nicht, und beim dritten war das Schiff außer Schußweite. Eine halbe Stunde später war ein kleiner dunkler Fleck am Horizont mit einem goldenen Punkte darauf das einzige, was von dem Wachtboote von Honfleur zu sehen war. Weiter und weiter entfernte sich das flache Gestade; breiter und breiter dehnte sich die unermeßliche bläuliche Wasserebene vor ihnen aus. Der Rauch von Havre lagerte wie eine kleine Wolke am nördlichen Horizonte, und Kapitän Ephraim Savage schritt sein Deck auf und nieder mit unverändert ernsthaftem Antlitz, aber in seinen grauen Augen glänzte der Schalk. »Ich wußte es wohl, der Herr würde die Seinen nicht verlassen,« meinte er wohlgefällig. »Jetzt haben wir ihren Schnabel in der rechten Richtung, und kein Klümpchen Schmutz mehr zwischen uns und den drei Hügeln von Boston. Du hast kürzlich zu viel französischen Wein getrunken, Amos, mein Junge! Komm nach unten und versuche mal ein richtiges Bostoner Gebräu, das im Maischbottich einen doppelten Schuß Malz gekriegt hat.« II. Das Boot der Toten. Zwei Tage lang lag das ›Goldene Reis‹ bei völliger Windstille auf der Höhe von Kap La Hague. Die Küste der Bretagne erstreckte sich fast längs des ganzen südlichen Horizontes. Am dritten Morgen erhob sich endlich eine frische Brise, und sie trieben so schnell vom Lande ab, daß es bald nur eine undeutliche dunkle Linie wurde, die in die Wolkenbank überging. Hier außen auf dem weiten, freien Ocean, wo der Seewind ihre Wangen kühlte und der salzige Meeresschaum ihre Lippen feuchtete, hätten diese vertriebenen Menschen endlich ihren Kummer von sich werfen und mit neuem Mut einem neuen Leben entgegengehen können, hätten nicht unzerreißbare Bande, wenigstens den einen von ihnen, an das alte gefesselt. »Ich ängstige mich um meinen Vater, Amory,« sagte Adèle, als sie zusammen an den Wanten standen und nach der dunkeln Wolke am Horizont blickten, welche ihnen noch die Stelle andeutete, wo jenes Frankreich lag, das sie nimmer wiedersehen sollten. »Aber er ist doch jetzt jeder Gefahr entronnen?« »Der Gefahr grausamer Gesetze allerdings, aber ich fürchte, er wird das gelobte Land nicht sehen!« »Wie kommst du darauf, Adèle? Der Onkel ist frisch und rüstig.« »Ach, Amory, alle Fasern seines Herzens waren mit der Rue St. Martin verwachsen; als sie zerrissen wurden, zerriß auch sein Herz. Paris und das Geschäft waren seine Welt.« »Allmählich wird er sich an das neue Leben gewöhnen.« »Wenn er das nur könnte! Aber ich fürchte, ich fürchte, er ist zu alt, um solch einen Wechsel zu ertragen. Er klagt zwar niemals, aber ich sehe es ihm an, daß sein Herz gebrochen ist. Stundenlang blickt er unverwandt nach Frankreich zurück, und die Thränen laufen ihm die Backen herunter. Im Laufe einer Woche ist sein graues Haar schneeweiß geworden.« Catinat hatte gleichfalls bemerkt, daß der hagere alte Hugenotte noch hagerer, daß die Furchen seines strengen Antlitzes tiefer, seine Haltung gebeugter geworden war. Er wollte jedoch eben einwenden, daß die Seereise seine Gesundheit wohl wieder kräftigen werde, als Adèle einen Schrei der Überraschung ausstieß und über das Backbord hinauswies. Sie war so schön in diesem Augenblick, während der Wind mit ihrem rabenschwarzen Haar spielte, der salzige Gischt, den er ihr ins Gesicht trieb, einen rosigen Schimmer auf ihre blassen Wangen zauberte, ihre Lippen sich in der Erregung leicht öffneten, und ihre weiße Hand ihre Augen beschattete, daß ihr Verlobter sie unverwandt anblickte und an nichts dachte, als an ihre Anmut und Lieblichkeit. »Aber so sieh doch!« rief sie. »Da schwimmt etwas auf der See. Ich sah es eben auf dem Kamm einer Welle!« Er schaute nach der angegebenen Richtung, bemerkte aber zuerst nichts. Sie hatten den Wind noch immer im Rücken; die bewegte See hatte eine gesättigt tiefgrüne Farbe, daraus sich die größeren Wellen mit langgestreckten, milchweißen, brodelnden Schaumkronen emporhoben. Ab und zu fing der Wind den Gischt, spritzte ihn über das Deck, netzte die Lippen mit einem Salzgeschmack und brannte prickelnd in den Augen. Plötzlich indes gewahrte er, daß etwas Schwarzes von einem Wellenberge in die Höhe gehoben wurde und dann wieder in ein Wellenthal versank. Es war so weit entfernt, daß er Form und Umriß nicht zu unterscheiden vermochte, aber schärfere Augen hatten es bereits erblickt. Amos Green sah, wie das junge Mädchen ins Meer hinauswies, und beobachtete den Gegenstand, der ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. »Kapitän Ephraim,« sagte er, »ein Boot in Sicht über Steuerbord.« Der neuengländische Schiffer stellte sein Teleskop und stützte es auf das Bollwerk. »Richtig, es ist ein Boot,« sagte er, »aber ein leeres. Vielleicht ist es von einem Schiff weggespült worden oder von der Küste abgetrieben. Halten Sie gerade darauf los, Herr Tomlinson, denn es trifft sich zufällig, daß ich eben ein Boot brauche.« Eine halbe Minute später hatte das »Goldene Reis« beigedreht und trieb schnell dem schwarzen Flecke zu, der noch immer auf den Wogen tanzte und schaukelte. Beim Näherkommen sah man etwas über den Rand hervorstehen. »Ein Menschenkopf!« rief Amos Green. Doch Ephraims ernsthaftes Gesicht wurde finster. »Es ist ein Menschenfuß,« sagte er. »Bringt das Mädchen lieber in die Kajüte!« Unter feierlichem Schweigen legten sie neben dem stillen Schifflein bei, das eine so unheilverkündende Flagge aufgehißt hatte. Der Fockmast wurde eingeholt, und sie schauten herab auf die grause Mannschaft. Das Boot war eine kleine Nußschale, dreizehn Fuß lang, sehr breit für seine Länge und mit so flachem Boden, daß es augenscheinlich nur für Strom- und Binnenschiffahrt bestimmt gewesen war. Dicht aneinander gedrängt unter den Bänken lagen drei Personen, ein Mann in der Tracht eines ehrbaren Handwerkers, eine Frau desselben Standes und ein kleines, etwa einjähriges Kind. Das Boot war bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt, und die Frau und das Kindchen lagen mit dem Gesicht nach unten. Die blonden Härchen des Kleinen und die dunklen Locken der Mutter spülten wie Seetang auf der Oberfläche hin und her. Der Mann kehrte sein bleifarbenes Antlitz himmelwärts; mit vorgestrecktem Kinn, offenen, verdrehten Augen, so daß man fast nur das Weiße darin sah, lag er da, sein Mund stand weit offen und ließ die verschrumpfte, rissige Zunge, die einem verwelkten Blatte glich, sehen. Ganz zusammengesunken kauerte im Bug ein sehr kleiner, schwarzgekleideter Mann. Seine Hand umklammerte noch ein Ruder, ein offenes Buch lag über seinem Gesicht, und ein starres Bein streckte sich aufwärts, so daß die Ferse des Fußes zwischen den Ruderpflöcken steckte. Diese seltsame Gesellschaft schwankte und schaukelte auf den langen, grünen Schlingern des atlantischen Oceans umher. Ein Boot des »Goldnen Reises« beförderte die Verunglückten bald an Deck. Es fanden sich weder Speise noch Trank, noch irgend welche Habseligkeiten vor, außer dem einen Ruder und der offenen Bibel. Der Mann, die Frau und das Kind waren schon mindestens seit einem Tage tot, deshalb wurden sie unter den kurzen, damals auf See üblichen Gebeten vom Schiffe aus im Meer bestattet. Der kleine Mann machte anfangs auch den Eindruck eines Toten, aber Amos Green entdeckte an ihm einen schwachen Herzschlag, und als ihm ein Uhrglas vorgehalten wurde, zeigte sich daran eine leichte Trübung. Nun wurde er in trockene Decken gewickelt, neben den Mast gelegt, und der Maat flößte ihm alle paar Minuten ein Paar Tropfen Rum ein, damit der schwach glimmende Lebensfunken wieder zur Flamme angefacht werde. Mittlerweile hatte Ephraim Savage den Befehl erteilt, seine beiden Gefangenen von Honfleur an Deck zu bringen. Sie machten ziemlich alberne Gesichter, als sie in dem langentwöhnten Tageslicht mit den Augen blinzelten und zwinkerten. »Thut mir aufrichtig leid, Herr Hauptmann,« sagte der Schiffer, »aber sehen Sie mal, entweder: wir nahmen Sie mit, oder: wir mußten bei Ihnen bleiben! Da ich aber in Boston erwartet werde, konnte ich mich wirklich nicht aufhalten.« Der Franzose zuckte die Achseln und blickte sich um. Sein Gesicht wurde immer länger. Er und sein Korporal waren von der Seekrankheit ganz erschöpft und so elend, wie es nur ein Franzose sein kann, wenn er entdeckt, daß Frankreich seinen Augen entschwunden ist. »Was möchten Sie lieber: mit uns nach Amerika segeln, oder zurück nach Frankreich gehen?« »Zurück nach Frankreich, wenn ich nur wüßte wie! O ich muß wieder nach Frankreich, wäre es auch nur, um mit dem verdammten Kanonier ein Wörtchen zu sprechen!« »Na, sehen Sie, wir haben ihm einen Eimer voll Wasser über Lunte und Zündschnur gegossen, da hat er am Ende nicht mehr thun können, als er that. Da drüben aber, wo die dichte Luftschicht liegt, da ist Frankreich.« »Ich sehe, ich sehe es! Ach, möchte mein Fuß doch erst wieder seinen Boden betreten!« »Hier liegt ein Boot neben uns, das können Sie haben.« »Mein Gott, welches Glück! Korporal Lemoine, ins Boot! Lassen Sie uns sofort abstoßen!« »Aber zuvor brauchen Sie doch noch allerlei! Guter Gott! wer hat je gehört, daß ein Mensch so ohne weiteres in See gestochen wäre! Tomlinson, schaffen Sie doch eine Tonne mit Wasser, und ein Fäßchen voll Fleisch und Schiffszwieback ins Boot. Hiram Jefferson, zwei Ruder ins Achterteil! Es wird Arbeit kosten, der Wind bläst euch gerade in die Zähne, aber bis morgen abend kommt ihr hin, und das Wetter wird schön bleiben.« Bald waren die beiden Franzosen mit allem versehen, was sie mutmaßlich brauchen würden, und unter vielem Hüteschwenken und »bon voyage«- Rufen stießen sie ab. Die Raa ward straffgezogen, und das »Goldene Reis« wandte sein Bugspriet westwärts. Stundenlang konnte man das Boot noch verfolgen, wie es von einem Wellenkamm zum anderen kleiner wurde und schließlich in der dämmernden Ferne verschwand. Mit ihm schwand das allerletzte Glied, das sie mit der alten Welt, die sie verließen, verbunden hatte. Während all dieser Vorgänge hatte der bewußtlose Mann unter dem Mast mit den Augenlidern gezuckt, mühsam Atem geholt und schließlich die Augen geöffnet. Seine Haut glich grauem, glatt über die Knochen gezogenem Pergament, und die Glieder, welche aus seinen Kleidern hervorsahen, schienen einem schwächlichen Kinde anzugehören. Schwach wie er war, sprach aber doch ein Ausdruck von Kraft und Würde aus den großen, schwarzen Augen, mit denen er um sich schaute. Der alte Catinat war aufs Deck gekommen, und sobald er den Mann und seine Kleidung gewahrte, eilte er auf ihn zu, hob ehrfurchtsvoll seinen Kopf empor und stützte ihn in seinen Armen. »Er ist einer der Glaubenshelden,« rief er, »einer unserer Seelsorger. Ja, jetzt wird Gott wahrlich seinen Segen geben zu unserer Reise!« Aber der Mann lächelte sanft und schüttelte matt den Kopf. »Ich fürchte, ich werde diese Reise nicht mit euch machen dürfen,« erwiderte er; »denn der Herr hat mich zu einer längeren, weiteren Reise berufen. Ich habe den Ruf vernommen und bin bereit. Ich war Pastor der Gemeinde von Isigny. Als wir von dem Befehl des gottlosen Königs hörten, machten wir uns auf, ich und zwei treue Freunde mit ihrem Kindchen, in der Hoffnung, England zu erreichen. Doch schon am ersten Tage schwemmte eine Welle uns das eine Ruder und alles andere weg, was noch im Boot war, unser Brot und unser Wasserfäßchen, und es blieb uns keine Hoffnung, als auf Ihn. Und dann fing er an, einen nach dem andern von uns zu Sich zu nehmen; zuerst das Kind, dann das Weib, dann den Mann, bis ich allein übrig blieb, obwohl ich fühle, daß mein Stündlein auch vorhanden ist. Aber ihr gehört ja auch den Auserwählten an, könnte ich euch nicht noch irgendwie dienen, ehe denn ich scheide?« Der Kaufherr schüttelte verneinend das Haupt, dann aber durchzuckte ihn ein plötzlicher Gedanke, Freudestrahlend flüsterte er Amos Green etwas zu. Amos lachte und schritt zum Kapitän hinüber. »War auch höchste Zeit!« brummte dieser. Darauf gingen beide mit ihrer geflüsterten Mitteilung zu Amory von Catinat. Der that einen Luftsprung, und seine Augen funkelten vor Entzücken. Dann gingen sie zu Adèle in die Kajüte. Als sie hörte, um was es sich handle, erschrak sie und errötete, wandte das holde Antlitz ab und strich sich über das Haar nach Mädchenart, wenn ein plötzliches Ansinnen sie überrascht. Da aber Eile not that, – denn über das einsame Meer war schon der unsichtbare Bote unterwegs, der jeden Augenblick ihre Absicht vereiteln konnte – geschah es, daß binnen wenigen Minuten der kühne Mann und die reine Frau Hand in Hand vor dem sterbenden Pastor knieten, der mühsam den kraftlosen Arm zum Segen über sie erhob, während er die Worte murmelte, die sie auf ewig einander zu eigen gaben. Adèle hatte sich im stillen, wie wohl jedes junge Mädchen, ihre Hochzeit ausgemalt. Oft hatte sie sich in ihren Träumen neben Amory vor dem Altar der Kapelle in der St. Martinsstraße knien sehen. Zuweilen hatte die Phantasie sie auch in eine der kleineren Provinzialkirchen versetzt, in eine jener Zufluchtsstätten, in denen eine Hand voll Bekenner sich versammelte und wohin ihre Gedanken diesen Höhepunkt des Frauenlebens verlegten. Wann aber hätte sie an eine solche Trauung, wie diese, gedacht: unter sich ein weißes, schwankendes Deck, über sich die schwirrenden Taue, das Mövengeschrei ringsumher statt das Kirchenchor, und ihr Hochzeitslied der uralte Sang der Wasser und Winde! Nie vergaß sie die geringste Einzelheit! Die gelben Masten, die gebauschten Segel so wenig wie das graue, erstarrende Gesicht des sterbenden Pastors und die hagern, ernsten Züge ihres Vaters, der ihn noch immer kniend unterstützte – dann Amory in seinem schon verschossenen, von Wind und Wetter beschädigten hellblauen Rock, Kapitän Savage mit seinem emporgerichteten Gesicht, das hölzerner aussah, denn je; und Amos mit den Händen in den Taschen und einem lustigen Blinzeln in den blauen Augen! Hinter dieser Gruppe standen der lange, magere Schiffsmaat Tomlinson mit den übrigen Matrosen, mit ihren Panamahüten und ernsthaften Gesichtern. So war es denn geschehen, und gutgemeinte Glückwünsche in rauher, fremder Sprache, der Druck kräftiger, wetterharter Hände hatten das junge Paar begrüßt. Catinat und seine junge Frau lehnten nebeneinander am Schiffsrand, als alles vorüber war, und sahen, wie der schwarze Bug sich hob und senkte und wie das grüne Wasser an ihm vorüberschoß. »Wie seltsam, unbegreiflich kommt mir alles vor,« sagte sie, »unsre Zukunft ist so ungewiß und dunkel, wie jene dunkeln Wolkenberge, die sich vor uns auftürmen.« »Soweit es auf mich ankommt,« antwortete er, »soll deine Zukunft so froh und hell sein, wie der Sonnenschein, der über den schaumigen Kronen der Wellen tanzt. Die Heimat, die uns verstieß, liegt weit hinter uns, aber da drüben jenseits des Meeres wartet unser ein neues, schöneres Heimatland, und jeder Windhauch bringt uns ihm näher. Dort wohnt die Freiheit, und wir bringen Jugend und Liebe mit uns! Was kann Mann oder Weib mehr verlangen?« So standen sie und plauderten, während leise die Dämmerung heraufzog und die ersten Sterne im dunkelnden Himmel zu schimmern begannen. Ehe jene Sterne wieder erblichen, fand an Bord des »Goldnen Reises« ein müder Pilger die ewige Ruhe, und der Pastor von Issigny war den zerstreuten Schäflein seiner Herde wiedergegeben. III. Der letzte Hafen Drei Wochen lang blies der Wind beständig aus Ost oder Nordost, immer mit einer tüchtigen Brise, die zuweilen recht steif wurde. Das »Goldene Reis« jagte mit vollen Segeln munter vorwärts, so daß gegen Ende der dritten Woche Amos und Ephraim Savage anfingen, die Stunden zu zählen, die noch vergehen mußten, ehe sie ihr Heimatland wiedersehen würden. Dem alten, ans Kommen und Gehen gewöhnten Seemann machte das nicht so viel aus, aber Amos, der das Vaterland noch nie zuvor verlassen hatte, brannte vor Ungeduld heimzukommen. Stundenlang konnte er rücklings auf dem Schaft des Bugspriets sitzen, rauchen und dabei die Linie des Horizontes anstarren in der Hoffnung, sein alter Freund möchte sich verrechnet haben, und nun könne jeden Augenblick der geliebte Küstenstrich vor ihm emporsteigen. »Es hilft dir nichts, mein Junge,« sagte Kapitän Ephraim und legte die große rote Hand auf Amos' Schulter, »Die so in Schiffen auf dem Meere fahren, brauchen mächtig viel Geduld, und es verlohnt sich nicht, sich um das zu härmen, was man nicht kriegen kann!« »Die Luft fühlt sich aber doch schon ganz heimatlich an,« entgegnete Amos. »Sie zieht so tüchtig durch die Zähne und beißt, wie ich es drüben nie empfunden habe. Ich glaube, ich werde mich erst recht daheim fühlen, wenn ich drei Monate im Thal der Mohawks gewesen bin.« Der Kapitän schob ein Stück Kautabak in die Backe, und sagte bedächtig: »Ich bin auf See gewesen, seit ich Haar auf dem Gesicht hatte, meist im Küstenhandel allerdings, aber auch quer übers Wasser, so weit es die Navigationsakte zuließ. Mit Ausnahme der zwei Jahre, die ich wegen der Geschichte mit König Philipp an Land zubringen mußte, wo jeder Kerl, der 'ne Flinte tragen konnte, an der Grenze gebraucht wurde, bin ich nie weiter vom Salzwasser entfernt gewesen, als drei Zwiebackswurf, und ich kann wohl sagen, daß ich eine bessere Überfahrt, als diese jetzige, noch nie gemacht habe.« »Freilich, wir sind ja dahingestrichen, wie ein Rehbock vor einem Waldfeuer. Aber mir kommt's doch seltsam vor, wie Sie Ihren Weg so leicht und sicher finden können, ohne Spur oder Fährte, um sich danach zu richten. Mir würde es ganz unmöglich sein, Amerika aufzufinden, Ephraim, geschweige denn die Meerenge von Newyork.« »Ich bin etwas zu weit nördlich gesegelt, Amos. Aber nach meiner Rechnung werden wir morgen Land sehen.« »Morgen also! Und welches wohl – Mount Desert? Cape Cod? Long Island?« »Nein, mein Junge! Wir sind in der Breite des St. Lawrence, und werden vermutlich die Küste von Acadia zu sehen bekommen. Mit diesem Winde kommen wir dann in einem, höchstens zwei Tagen südwärts heim. Noch ein paar solche Reisen, wie diese, dann kaufe ich mir ein hübsches Haus von Ziegelstein am grünen Weg in Nord-Boston, wo ich den Blick auf die Bucht habe, und die Schiffe ein- und ausfahren sehen kann. Da würde ich gern mein Leben in Ruhe und Frieden beschließen.« Trotz der Versicherungen seines Freundes strengte Amos Green den ganzen Tag über seine Augen an, in der vergeblichen Ausschau nach dem Lande, und als endlich die Dunkelheit hereinbrach, ging er nach unten und legte sich seinen befranzten Jagdrock, seine Bärenpelzmütze und seine Ledergamaschen zurecht, welche seinem Geschmack viel mehr entsprachen, als der feine Tuchanzug, in welchen ihn der holländische Krämer gekleidet hatte. Catinat hatte jetzt auch den dunklen, bürgerlichen Rock angelegt und half nun Adèle für den greisen Vater sorgen, der so schwach geworden war, daß er fast nichts mehr allein zu thun vermochte. Auf dem Vorderdeck wurde auf einer Fiedel gekratzt, und die halbe Nacht hindurch mischten sich heisere, heimatliche Lieder in das Plätschern der Wogen und das Pfeifen des Windes, und damit feierten die ernsthaften, soliden Neuengländer auf ihre Weise ihre bevorstehende Heimkehr. Der Maat hatte diesmal die Wache von zwölf bis vier Uhr nachts, und der Mond schien wundervoll klar die ganze erste Stunde hindurch. In der Morgenfrühe bewölkte sich aber der Himmel, und binnen kurzem war das »Goldene Reis« von einem jener trüben, zähen Nebel umschlossen, wie sie in jenen Meeresbreiten so oft vorkommen. So dicht war derselbe, daß man vom Hinterdeck gerade nur die Umrisse des Focksegels, aber nichts vom Fockstengen-Steuersegel noch vom Klüverbaum sehen konnte. Der Wind stand aus Nordost und wehte sehr scharf, und die zierliche Brigantine lag völlig auf der Seite, während sie wie ein Vogel dahinflog, so daß man von Lee aus mit der Hand das Wasser berühren konnte. Es war plötzlich sehr kalt geworden – so kalt, daß der Maat auf dem Hinterdeck hin und her stampfte, und seine vier Matrosen sich schaudernd vor Kälte an dem schützenden Schiffsrand zusammendrängten. Da auf einmal sprang der eine empor, wies mit vorgestrecktem Finger in die Luft und schrie laut auf; schon aber tauchte eine ungeheure weiße Mauer aus der Dunkelheit auf, gerade gegenüber dem Bugspriet, und das Schiff rannte dagegen mit einer Kraft, vor welcher die beiden Masten zersplitterten, wie trockenes Rohr im Winde, und welche es im Augenblick in einen formlosen Haufen von Sparren und Trümmern verwandelte. Der Stoß hatte den Maat über die ganze Länge des Hinterdecks geschleudert, und nur mit knapper Not war er dem stürzenden Mast entgangen; zwei von den Leuten dagegen waren durch das große Loch, das in dem Bug klaffte, hinabgestürzt, während ein dritter den Kopf an der Ankerwinde zerschellt hatte. Tomlinson taumelte nach vorn und fand das ganze Vorderteil des Fahrzeugs inwendig in sich selbst hineingetrieben; ein einziger Matrose saß ganz betäubt inmitten zersplitterter Sparren, klatschender Segel und verzerrtem, hin und her gepeitschtem Tauwerk. Es war noch pechfinster, und außer dem weißen Schaumrand einer aufspringenden Welle, war nichts auf der andern Seite des Fahrzeugs zu sehen. Noch stand der Maat in Verzweiflung über das unvorhergesehene Verderben, und versuchte mit seinem Blick die Dunkelheit zu durchdringen, als er Kapitän Ephraim neben sich sah, halb angekleidet, aber hölzern und gleichmütig wie immer. »Ein Eisberg,« sagte er und schnüffelte in die frostige Luft hinaus. »Konnten Sie das nicht riechen, Freund Tomlinson?« »Wahrlich, ich fand es kalt, Kapitän Savage, aber ich schob das auf den Nebel.« »Sie führen immer einen Nebel mit sich, diese Eisklumpen. Der Herr in seiner Weisheit mag wissen, warum; denn für arme Seeleute ist es eine schwere Heimsuchung. Das Schiff füllt sich rasch, Tomlinson. Es ist schon bis über den Bug im Wasser.« Inzwischen war die zweite Wache an Deck gekommen, und einer maß den Wasserstand. »Drei Fuß Wasser,« rief er, »und die Pumpen gaben gestern abend keinen Tropfen.« »Hiram Jefferson und John Moreton an die Pumpen!« rief der Kapitän. »Tomlinson, machen Sie die Barkasse klar, wir wollen sehen, ob wir sie noch herstellen können, – ich fürchte freilich, sie wird nicht mehr zu gebrauchen sein.« »Zwei Planken der Barkasse sind geborsten!« rief einer der Matrosen. »Und die Jolle?« »Die liegt hier in drei Stücke zerschlagen.« Der Maat raufte sich das Haar, aber Ephraim Savage lächelte, wie einer, den eine merkwürdige Übereinstimmung der Umstände kitzelt. »Wo ist Amos Green?« »Hier, Kapitän Ephraim. Was kann ich thun?« »Und ich?« fragte Catinat voller Eifer. Adèle und ihr Vater in Mäntel gehüllt, befanden sich auf der Leeseite des Deckhäuschens, um sich vor der Kälte zu schützen. »Sage ihm, daß er bei den Pumpen mitarbeiten mag, wenn die Reihe an ihn kommt,« sagte der Kapitän zu Amos, »Und du, Amos, du verstehst mit Handwerkszeug umzugehen. Nimm eine Laterne, steig in die Barkasse und sieh zu, ob du das Ding flicken kannst,«. Eine halbe Stunde lang hämmerte, bastelte und kalfaterte Amos Green, und das scharfe abgemessene Gerassel der Pumpen übertönte das Rauschen der Wogen. Langsam, sehr langsam senkte sich der Bug der Brigantine, und der Stern hob sich. »Du hast nicht mehr viel Zeit, Amos,« sagte der Kapitän ruhig. »Sie ist jetzt flott, wenn freilich auch nicht ganz wasserdicht.« »Schön! Laß sie herab. Ihr da pumpt weiter. Tomlinson, bringen Sie so viel Lebensmittel und Wasser, als sie halten kann. Hiram Jefferson, komm mit mir.« Der Seemann folgte dem Kapitän in das auf und nieder tanzende Boot; letzterer trug eine Laterne, die mit einem Ledergürtel an seinen Leib geschnallt war. Sie ruderten bis unter die zerrissenen Schiffsrippen. Als der Kapitän den ganzen Umfang des Schadens erkannte, schüttelte er den Kopf. »Schneidet das Focksegel ab und reicht es mir her,« rief er. Tomlinson und Amos zerschnitten die Segeltaue mit ihren Messern, und ließen das Tuch hernieder. Der Kapitän und der Matrose fingen es auf und zogen es quer über das riesige klaffende Leck. Als er sich herniederbeugte, um das zu thun, hob sich das Schiff auf einer aufschwellenden See empor, und bei dem gelben Licht seiner Laterne erblickte der Kapitän breite, schwarze Spalten, die sich strahlenförmig von dem Loche über den Schiffsbauch ausbreiteten. »Wie hoch steht das Wasser?« fragte er. »Fünf und einen halben Fuß.« »Dann ist das Schiff verloren. So weit ich nach hinten sehen kann, könnte ich meinen Finger zwischen die Planken stecken. Immer noch weiter pumpen, ihr da! Haben Sie die Lebensmittel und das Wasser, Tomlinson?« »Hier, Kapitän.« »Lassen Sie beides über den Schiffsrand. Die Brigg hält höchstens ein bis zwei Stunden. Können Sie nichts von dem Eisberg sehen?« Der Nebel löste sich jetzt plötzlich auf, der Mond schimmerte hindurch und goß sein Licht über das weite einsame Meer und das zertrümmerte Schiff. Gleich einem riesigen Segel schaukelte der ungeheure Eisblock, an welchem sie gescheitert waren, mit den auf und ab flutenden Wellen langsam hin und her. »Da müßt ihr hin,« sagte Kapitän Ephraim, »Es bleibt nichts anderes übrig. Zuerst laßt das Mädel über Bord hinab. Sie will nicht? Na, denn erst den Vater, wenn sie's lieber mag. Sag ihnen, sie sollen ganz still sitzen, Amos, und der Herr verläßt die Seinen nicht, wenn sie keine Dummheiten machen. So! Sie ist ein braves Frauenzimmer trotz ihres Kauderwelschens. Jetzt das Faß und die Tonne und alle Mäntel und Decken, die zu finden sind. Jetzt kommt der andere Franzose dran. Ja, ja! Immer erst die Passagiere! Nun, Amos. Nun ihr andern Leute, Sie zuletzt, Freund Tomlinson.« Es war gut, daß sie nicht weit zu fahren hatten, denn die Barkasse sank fast bis an den Rand ins Wasser, und zwei Mann hatten unaufhörlich damit zu thun, das Wasser auszuschaufeln, welches fortwährend zwischen den geborstenen Planken durchsickerte. Als alle sicher auf ihren Plätzen saßen, schwang sich Kapitän Savage noch einmal an Bord zurück, was nur zu leicht war, da jede Minute den Bord dem Wasser näher brachte. Er kam mit einem Bündel Kleider zurück, das er ins Boot warf. »Abstoßen!« befahl er. »So springen Sie hinein!« »Ephraim Savage geht mit seinem Schiff unter,« entgegnete er ruhig, »Freund Tomlinson, es ist nicht meine Art, einen Befehl mehr als einmal zu geben. Abstoßen! sage ich!« Der Maat stieß das Schiff mit dem Bootshaken ab. Amos Green und Amory Catinat stießen einen Schreckensschrei aus, aber die strammen Neuengländer tauchten die Ruder ein und lenkten dem Eisberg zu. »Amos! Amos! wollen Sie das zugeben?« rief der Soldat in französischer Sprache. »Meine Ehre erlaubt mir nicht, ihn so zu verlassen. Ich würde den Flecken darauf ewig empfinden!« »Tomlinson, Sie werden ihn doch nicht verlassen! Gehen Sie an Bord, zwingen Sie ihn, zu kommen!« »Der Mann lebt nicht, der Ephraim Savage zu dem zwingen könnte, wozu er keine Lust hat.« »Er besinnt sich vielleicht und ändert seine Absicht.« »Er ändert seine Absicht nie.« »Aber Mensch, wir können ihn doch nicht verlassen. Legen Sie wenigstens bei, damit wir ihn nachher herein nehmen können!« »Das Boot leckt wie ein Sieb,« sagte der Maat. »Ich will bis nach dem Berg fahren, und wenn wir einen Landungsplatz finden, Sie dort lassen und dann den Kapitän holen. Legt euch tüchtig ins Zeug, Jungens; je eher wir da sind, desto eher kommen wir zurück,« Sie hatten noch keine fünfzig Riemenschlage gethan, als Adèle plötzlich aufkreischte. »Mein Gott!« rief sie, »das Schiff geht unter!« Tiefer und tiefer war die Brigg ins Wasser gesunken, plötzlich bog sie unter dem Krachen berstender Planken das Vorderteil nieder, wie ein untertauchender Wasservogel, der Stern flog hoch in die Luft, und mit einem langgedehnten, glucksenden Tone schoß sie hinab, schneller und schneller, bis die aufrauschenden Wogen über der hohen Hinterdeckslaterne zusammenschlugen. Wie mit einem Ruck wandte das Boot und eilte zurück, so schnell die kräftigen Arme es fördern konnten. Aber alles war totenstill an der Unglücksstätte. Nicht einmal ein Splitter war nach dem Schiffbruch auf der Oberfläche zurückgeblieben, der hätte andeuten können, wo das »Goldne Reis« in seinen letzten Hafen eingelaufen war. Eine ganze Viertelstunde lang ruderten sie im Mondlicht herum, aber von dem puritanischen Seemann war keine Spur zu entdecken. Endlich, da trotz allen Schöpfens, das Wasser ihre Knöchel zu umspülen begann, richteten sie noch einmal schweigend und schweren Herzens ihren Kurs nach dem öden Eiland, auf dem sie Zuflucht zu finden hofften. Wie trostlos es auch sein mochte, war es doch jetzt ihre letzte Hoffnung, denn das Leck nahm zu, und es lag auf der Hand, daß das Boot nicht mehr lange flott zu halten war. Als sie sich näherten, sahen sie zu ihrem Entsetzen, daß die Seite, welche ihnen gerade gegenüber lag, eine glatte Eismauer von etwa sechzig Fuß Höhe war, ohne Spalte oder Riß an irgend einer Stelle. Der Berg hatte eine Ausdehnung von wenigstens fünfzig Fuß nach beiden Enden – man durfte hoffen, daß die andere Seite günstiger sein möchte. Schöpfend und schaufelnd ruderten sie um die Ecke, befanden sich aber wieder angesichts einer düster starren Eisklippe. Um ein zweites Vorgebirge fuhren sie und fanden, daß der Berg eher höher, als niedriger wurde. Eine Seite war nun noch übrig, und sie ruderten herum mit dem Bewußtsein, daß ihr Leben von der Gestaltung derselben abhing, denn das Boot unter ihnen war dem Sinken ganz nahe. Jetzt schossen sie aus dem Schatten in das volle Mondlicht hinaus, und ein Anblick bot sich ihnen dar, den niemand unter ihnen bis an seinen Todestag je vergaß. Die Klippe, welche ihnen entgegenstarrte, war ebenso abschüssig, wie die übrigen, dazu schimmerte und funkelte sie von oben bis unten in dem silberhellen Lichte wie tausende von Eiskristallen. Gerade im Mittelpunkt, jedoch auf gleicher Ebene mit der Wasserlinie befand sich eine gewaltige Höhle, die den Ort bezeichnete, wo das »Goldne Reis« im Zerschellen einen riesigen Block losgelöst und so im eignen Untergange noch einen Zufluchtsort für die bereitet hatte, welche ihr anvertraut gewesen waren. Diese Grotte schimmerte im sattesten smaragdnen Grün, am Rande hell und klar, aber im Hintergrunde zum tiefsten Blau und Violett abgetönt. Aber es war nicht die Schönheit dieser Grotte, noch die Gewißheit sicheren Schutzes, den sie bot, was den Lippen aller einen Schrei der Freude und Verwunderung entlockte, vielmehr war es der Umstand, daß auf einem Eisblock mit der Maiskolbenpfeife im Munde, die er gemütlich rauchte, niemand geringeres saß als Kapitän Ephraim Savage aus Boston. Im ersten Augenblick hätten die Schiffbrüchigen fast geglaubt, es wäre sein Geist, wenn sich Geister je in so behäbiger Stellung sehen ließen, aber der Ton seiner Stimme bewies ihnen bald, daß er es wirklich sei, und zwar in keiner besonders christlichen Gemütsverfassung. »Freund Tomlinson,« sagte er ärgerlich, »wenn ich Ihnen sage, Sie sollen auf einen Eisberg zurudern, so meine ich, daß Sie direkt darauf zurudern und nicht nach rechts oder links auf dem Weltmeer herum schwärmen sollen! Ihre Schuld ist's nicht, das ich nicht erfroren bin – würde es auch sein, wenn ich nicht etwas trocknen Tabak und meine Zunderbüchse gehabt hätte.« Ohne sich mit einer Antwort auf die Vorwürfe seines Vorgesetzten aufzuhalten, steuerte der Maat nach der vom Bug der Brigg schräg aufwärts gebohrten Anfurt, wo das Boot leicht auf das Eis auflaufen konnte. Kapitän Ephraim ergriff sofort sein trockenes Kleiderbündel und verschwand damit im Hintergrunde der Grotte, von wo er bald wärmer am Leibe und beruhigteren Gemütes zurückkehrte. Die Barkasse war inzwischen umgekippt, um zum Sitze zu dienen, die Gitter und Querbänke herausgenommen und mit Tüchern bedeckt, um ein Lager für die Dame herzustellen, und dem Zwiebacksfäßchen der Deckel abgeschlagen. »Wir haben rechte Angst um Sie gehabt, Ephraim,« sagte Amos Green. »Das Herz war mir schwer, wenn ich bedachte, daß ich Sie nie wiedersehen sollte.« »Unsinn, Amos! Da hättest du mich doch besser kennen sollen!« »Wie sind Sie denn aber hergekommen, Kapitän?« fragte Tomlinson. »Ich dachte, das Schiff hätte Sie mit untergeschluckt.« »Hat es auch. Das ist nun das dritte Schiff, mit dem ich untergegangen bin, aber keins hat mich noch ganz untergekriegt. Heute abend ging's tiefer, als mit der ›Speedwell‹, aber nicht so tief wie in der ›Governor Winthrop‹. Als ich wieder auftauchte, schwamm ich nach dem Berg, fand diesen Winkel und kroch hinein. Aber froh war ich, als ich euch sah, denn mir war Angst, ihr wäret gescheitert.« »Wir waren ja zurückgefahren, Kapitän, um Sie aufzufischen, und verfehlten Sie in der Dunkelheit.« »Richtet das Bootssegel auf und macht dem Frauenzimmer eine Hütte daraus. Dann schafft Abendbrot herbei, und danach wollen wir uns ausruhen, so gut es gehen will, denn heute nacht kann nichts mehr geschehen, aber morgen vielleicht viel.« IV. Ein schwindendes Eiland. Am nächsten Morgen wurde Amos Green von einer Hand, die sich auf seine Schulter legte, aufgeweckt. Sich rasch aufrichtend, sah er Catinat neben sich. Die überlebende Mannschaft lag in tiefem Schlafe um das Boot herum. Der rote Rand der Sonnenscheibe hob sich eben über die Wasserlinie empor. Himmel und Meer waren in Scharlach und Orange-Gluten getaucht, vom blendenden Golde des Horizontes an bis zur lichten Rosenfarbe im Zenith. Die ersten Strahlen des Morgenlichts schossen geradeswegs in die Höhle, glitzerten und funkelten auf den Eiskristallen und färbten die Grotte mit satten, warmen Tönen. Kein Feenschloß konnte reizender sein, als dieses schwimmende Asyl, das die Natur für sie geschaffen hatte. Aber weder der Amerikaner noch der Franzose hatten jetzt Zeit, der Neuheit und Schönheit ihrer Lage auch nur einen Gedanken zuzuwenden. Des letzteren Gesicht war ernst, und sein Freund las in seinen Augen, daß er eine Gefahr befürchtete. »Was giebt es?« forschte er. »Der Eisberg! Er fällt zusammen!« »Unsinn, Mensch! Er ist fest wie eine Felseninsel.« »Ich habe ihn beobachtet. Sehen Sie jene Spalte, welche vom Ende der Grotte in das Eis hineingeht? Vor zwei Stunden konnte ich kaum meine Hand hineinschieben. Jetzt kann ich mit Leichtigkeit hindurchschlüpfen. Ich sage Ihnen, der Berg spaltet sich mitten durch.« Amos Green schritt bis ans Ende der trichterförmigen Höhle, und fand, wie sein Freund gesagt hatte, daß ein grüner, gewundener Spalt sich rückwärts in den Eisberg erstreckte, der entweder durch die brandenden Wellen, oder durch den gewaltsamen Zusammenprall mit ihrem Fahrzeuge entstanden war. Er weckte nun auch Kapitän Ephraim und machte ihn auf die Gefahr aufmerksam. »Ja, ja, wenn er das Lecken kriegt, dann ist's um uns geschehen,« sagte dieser. »Er taut ohnehin ziemlich fix,« Sie konnten jetzt deutlich sehen, daß die Eismauern, die ihnen im Mondlicht wie glatte Flächen erschienen, in Wirklichkeit durch unablässig herabrinnende Bäche von Schmelzwasser voller Furchen und Runzeln waren, wie ein Greisenantlitz. Die ganze ungeheure Masse war brüchig und löcherig und unsicher. Man konnte deutlich ringsum ein verhängnisvolles Tröpfeln und das Plätschern der kleinen Flüßchen vernehmen, die in den Ocean herabfielen. »Hallo, was ist das?« rief Amos Green mit einem Mal. »Was denn?« »Habt Ihr nichts gehört?« »Nein.« »Ich möchte darauf schwören, daß ich eine Stimme hörte.« »Unmöglich! Wir sind ja alle hier.« »Dann muß ich es mir eingebildet haben.« Kapitän Ephraim schritt nach der seewärts gelegenen Seite der Grotte und ließ seine Blicke über den Ocean schweifen. Der Wind hatte jetzt ganz nachgelassen, und die See dehnte sich glatt und eben nach Osten aus, durch nichts unterbrochen, als ein einzelnes großes schwarzes Rundholz, welches nahe der Stelle herumschwamm, wo das »Goldene Reis« untergegangen war. »Wir könnten am Ende im Fahrwasser gewisser Schiffe liegen,« sagte der Kapitän nachdenklich, »der Kabeljau- und Heringsfischer zum Beispiel. Nach meiner Berechnung sind wir aber zu weit südlich dazu. Dagegen könnten wir höchstens etwa zweihundert Meilen von Port Royal in Akadia entfernt sein, und auf der Linie des Handels nach dem St. Lorenz. Wenn ich nur ein paar tüchtige Bergtannen hier hätte, Amos, und hundert Ellen Leinwand, so wollte ich dem Berg hier wohl eine Takelage aufsetzen, die ihn mit Hurra nach Boston Bai hineinjagen sollte! – Aber was gibt's, Amos?« Der junge Waldläufer stand da, den Kopf vorgestreckt, die Augen seitwärts gedreht, wie ein Mensch, der angestrengt lauscht. Er war im Begriff zu antworten, als Catinat aufschrie und auf die Hinterwand der Grotte wies. »Seht jetzt einmal den Spalt an!« Derselbe war wohl einen Fuß breiter geworden, seitdem sie ihn zuletzt bemerkt hatten, es war jetzt nicht mehr ein bloßer Spalt, es war ein Durchgang. »Lassen Sie uns hindurchgehen,« meinte der Kapitän. Er ging voran, die beiden andern folgten ihm. Es wurde sehr dunkel, als sie tiefer hineindrangen. Auf beiden Seiten erhoben sich senkrechte, überrieselte Eismauern, und hoch oben lief im Zickzack ein ganz schmaler Riß, durch den der blaue Himmel auf sie herab sah. Glitschend und tastend und stolpernd gelangten sie endlich an eine Stelle, wo der Paß sich plötzlich erweiterte und auf eine viereckige offene Fläche öffnete. Diese bildete den Mittelpunkt des Eisberges, von welcher aus derselbe nach allen Seiten zu hohen Klippen emporstrebte, die ihn ringsum begrenzten. Nach drei Seiten hin war diese Abdachung sehr steil, an der vierten aber senkte sie sich ganz allmählich, und das unaufhörliche Tauen hatte in der Oberfläche zahllose kleine Unebenheiten hervorgebracht, vermöge deren ein behender Kletterer wohl hinaufzuklimmen vermochte. Gleichzeitig begannen alle drei zu klettern, und binnen kurzem standen sie nicht weit vom Rand der Klippe, fünfzig Fuß über dem Meeresspiegel mit einem Rundblick, der gute fünfzig Seemeilen umfaßte. In diesem ganzen Umkreise zeigte sich auch keine Spur menschlichen Lebens, nichts als das Glitzern der Sonne auf tausend und aber tausend kräuselnden Wellchen. Kapitän Ephraim pfiff vor sich hin: »Wir haben mal eben kein Glück,« bemerkte er. Amos Green blickte verwunderten Auges um sich, »Es ist unbegreiflich,« sagte er. »Schwören hätte ich mögen – aber, um Gott, hört ihr das?« Der klare Ton eines militärischen Hornsignales klang in die Morgenluft hinaus. Mit einem Schrei der Überraschung stürzten alle drei vorwärts und blickten über den Felsrand. Ein großes Schiff lag gerade unter dem Schatten des Eisberges. Das schneeweiße Deck war von Messingkanonen eingefaßt und mit Matrosen besetzt. Eine Abteilung Soldaten stand auf dem Hinterdeck und exerzierte, und aus ihrer Mitte war das Hornsignal so urplötzlich den Schiffbrüchigen ins Ohr geklungen. Während sie noch etwas vom Rande entfernt standen, hatten sie nicht nur über die Mastspitzen dieses willkommenen Nachbars hinweggeblickt, sondern waren auch selbst vom Schiffsdeck aus nicht sichtbar gewesen. Jetzt aber bewies ein lauter Chor von Aus- und Zurufen von unten, daß die Entdeckung eine gegenseitige war. Die Dreie warteten keinen Augenblick länger. Sie glitschten, kletterten und stürzten mit lautem Geschrei den schlüpfrigen Hang hinab und durch den Eisspalt in die Höhle, wo sie ihre Gefährten ganz erregt durch den fernen Trompetenstoß bei ihrem trübseligen Frühstück fanden. Ein paar hastige Worte wurden gewechselt, die lecke Barkasse rasch umgestürzt, die wenigen Habseligkeiten hineingeschleudert, und so waren sie noch einmal flott. Als sie nun um das Vorgebirge des Eisblocks herumruderten, befanden sie sich unmittelbar unter dem Hinterdeck einer stattlichen Korvette, von deren Bord eine Reihe freundlicher Gesichter herabblickte, während das große, weiße Banner mit den goldenen Lilien Frankreichs an der Spitze der Gaffel flatterte. In wenigen Minuten war das Boot herangeholt, und sie befanden sich an Bord des »St. Christoph«, welcher den Marquis von Denonville, den Generalstatthalter von Canada, seinem neuen Arbeitsgebiet zuführte. V. Im Hafen von Quebec. Es war eine merkwürdige Gesellschaft, in deren Mitte sich unsre schiffbrüchigen Freunde versetzt fanden. Der »St. Christoph« hatte Rochelle drei Wochen zuvor verlassen nebst vier kleinen Fahrzeugen zur Beförderung von fünfhundert Soldaten, welche der bedrängten Kolonie am St. Lorenz Entsatz bringen sollten. Das kleine Geschwader war indessen auseinander gekommen, und der Statthalter verfolgte seinen Weg allein, in der Hoffnung, mit den andern Schiffen im Flusse zusammenzutreffen. An Bord hatte er eine Compagnie des Regiments Quercy, die Leute seines Haushaltes, den neuen Bischof von Kanada, Saint Ballier, mit einigen Begleitern, darunter drei Mönche vom Rekollektenorden und fünf Jesuiten, welche für die verhängnisvolle Irokesenmission bestimmt waren. Ferner waren da ein halbes Dutzend Damen, die ihre Gatten aufsuchen wollten, zwei Ursulinerinnen, zehn oder zwölf kecke, junge Edelleute, welche durch Abenteuerlust und Hoffnung auf die Gunst Fortunas übers Meer gelockt waren, und endlich etwa zwanzig Bauernmädchen aus Anjou, welche sicher waren, gleich am Landungsufer Ehegatten zu finden, die schon auf sie warteten, wäre es auch nur um der kleinen Ausstattung willen, welche der König jedem seiner anspruchlosen Mündel versprochen hatte. In eine derartige Gesellschaft eine Handvoll neuenglischer Independenten, einen Puritaner aus Boston und drei Hugenotten hineinversetzen, das hieß wahrlich – die Fackel ans Pulverfaß legen. Dennoch waren alle an Bord so sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß die Schiffbrüchigen zumeist sich selbst überlassen blieben. Dreißig Soldaten lagen an Fieber und Skorbut darnieder, und Priester wie Nonnen hatten mit ihrer Pflege vollauf zu thun. Der Gouverneur Denonville, ein gottesfürchtiger Dragoner, schritt den ganzen Tag das Deck auf und ab und las dabei die Psalmen Davids, und die halbe Nacht saß er bei seinen Karten und Plänen und brütete über der Vernichtung der Irokesen, die sein Gebiet verwüsteten. Die jungen Edelleute und die Damen kokettierten miteinander, die Jungfern aus Anjou liebäugelten mit den Soldaten von Quercy, und der Bischof von St. Ballier las die Messe und hielt seinen Geistlichen Vorträge. Ephraim Savage konnte tagaus tagein dastehen und den guten Mann, welcher langsam, das Missale mit rotem Schnitt in der Hand, das Deck auf und nieder schritt, mit den Blicken durchbohren und etwas von dem »Greuel der Verwüstung« vor sich hinmurmeln; aber seine kleinen Sonderbarkeiten wurden teils auf Rechnung der Einwirkung der Kälte des Eisberges geschrieben, teils entschuldigte man sie mit der Thatsache seiner angelsächsischen Herkunft, vermöge deren er, gemäß einer französischen fixen Idee, für seine Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden konnte. Obgleich die Stimmung zwischen Canada und Newyork nicht eben die beste war, da die Franzosen – nicht ohne Grund – glaubten, daß die englischen Kolonisten ihnen die roten Teufel auf den Hals hetzten, so bestand doch gegenwärtig Friede zwischen Frankreich und England. Ephraim und seine Mannschaft fanden deshalb die gastfreundlichste Aufnahme an Bord, obgleich das Schiff so überfüllt war, daß sie nur mit Mühe ein Plätzchen zum Schlafen fanden. Die Catinats wurden womöglich noch freundlicher behandelt, da der gebrechliche Greis und seine schöne Tochter das Interesse des Gouverneurs selbst erweckt hatten. Amory hatte schon längst seine Uniform mit einem einfachen dunklen Anzuge vertauscht, so daß höchstens seine militärische Haltung hätte verraten können, daß er einst der französischen Armee angehört hatte. Bei Hofe war es ihm zur anderen Natur geworden, viel sprechen zu können, ohne etwas zu sagen, und da sein Oheim zu schwach war, um überhaupt Fragen zu beantworten, und Adèle ganz in seiner Pflege aufging, blieb ihr Geheimnis streng behütet. Einen Tag nach der Rettung der Schiffbrüchigen erblickten sie im Süden Cap Breton, und ein frischer Ostwind, der ihre Segel schwellte, trieb sie rasch vorwärts an der fern auftauchenden Ostküste von Anticosti vorüber. Dann segelten sie die mächtige Strömung des St. Lorenz aufwärts, obwohl er so breit war, daß man von der Mitte aus das Land zu beiden Seiten kaum wahrnehmen konnte. Doch die Ufer verengten sich allmählich, und sie erblickten rechts die wilde Schlucht des Saguenaystromes und den Rauch, der von der kleinen Fisch- und Handelsstation Tadousac über die Tannenwälder emporstieg. Nackte Indianer mit rotangemalten Gesichtern, Algonauins und Abenakis in ihren Birkenkanoes, drängten sich um das Schiff mit Obst und Gemüse, welches den an Skorbut leidenden Soldaten frisches Leben brachte. Immer weiter glitt das Schiff stromauf, an der Bay des Übels, dann am Felsenthal der Eboulements und der St. Paulsbucht mit ihrem breiten Thale und den dichtbewaldeten Bergen vorüber, alles erglühend im buntesten Herbstgewande von Scharlach, Purpurrot und Gold, in welches sich die Ahornbäume, die jungen Eichen und Birkenschößlinge gekleidet hatten. Amos Green, an die Schiffswand gelehnt, starrte verlangenden Auges auf die vor ihm liegenden Strecken jungfräulichen Urwaldes, durch welche kaum je ein anderer Fuß gestreift war, als der eines umherziehenden Wilden oder kühnen Waldläufers. Jetzt tauchten die schroffen Umrisse von Cap Tourmente vor ihm auf, dann glitten die reichen, friedlich ruhenden Wiesen von Lavals Seigneurie Beaupré vorüber – jetzt beschrieb das Schiff einen Bogen um die Insel Orleans mit ihren Niederlassungen, und plötzlich dehnte sich vor ihm die seeartige Erweiterung des Stromes, der Hafen von Quebec aus, mit den Wasserfällen des Montmorency, den hohen Palissaden von Cap Levi, dem Gedränge von Fahrzeugen aller Art, und rechter Hand erhob sich der herrliche Felsen mit seinem Diadem von Türmen und dem an seinen Fuß geschmiegten Städtchen, dem Mittelpunkt und Bollwerk der französischen Macht in Amerika. Von der Höhe der Festung donnerten die Kanonen ihren Gruß, der von dem Kriegsschiff erwidert wurde. Fahnen flatterten, Hüte wurden geschwenkt, und ein Schwarm von Boten und Kanoes schoß hervor, um den neuen Gouverneur zu bewillkommnen und die Soldaten und Passagiere an Land zu befördern. Von dem Augenblick an, da er den französischen Boden verlassen, war der alte Kaufherr dahingesiecht, einer Pflanze gleich, welche an der Wurzel abgerissen worden ist. Die Erschütterung des Schiffbruchs und die in der Eisgruft zugebrachte Nacht waren für seine Jahre und seine geschwächte Kraft zu viel gewesen. Seitdem er auf dem Kriegsschiff eine Zuflucht gefunden, hatte er inmitten der kranken Soldaten gelegen – ohne ein anderes Lebenszeichen von sich zu geben, als ein schwaches Atmen und das Zucken seiner rauhen Kehle. Beim Knall der Kanonen jedoch und dem Rufen und Schreien draußen öffnete er die Augen und richtete sich mühevoll und langsam von seinem Kissen auf. »Wie ist dir, Vater? Was können wir für dich thun?« rief Adèle besorgt. »Wir sind in Amerika, und hier sind wir beide, Amory und ich, deine Kinder!« Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Der Herr hat mich bis zu dem gelobten Lande gebracht,« sagte er mit schwacher Stimme, »aber er hat nicht gewollt, daß ich es betreten sollte. Sein Wille geschehe, und geheiligt sei sein Name in alle Ewigkeit! Aber wenigstens sehen möchte ich es noch, wie Moses, wenn ich es denn nicht mehr betreten soll! Könntest du, Amory, mir nicht den Arm geben und mich auf das Deck führen?« »Wenn noch jemand mir hilft, gewiß,« sagte Catinat und stieg an Deck. Bald kehrte er mit Amos Green zurück. »Jetzt, mein Vater, wenn Sie auf die Schulter eines jeden von uns eine Hand legen wollen, brauchen Sie kaum den Fuß auf die Planken zu setzen.« Bald darauf befand sich der alte Kaufherr an Deck. Die beiden jungen Männer hatten ihn mit dem Rücken gegen den Mast auf eine Rolle Tauwerk gesetzt, wo er vor dem Gedränge in Sicherheit war. Die Soldaten drängten bereits zu den Boten hinab, und alle hatten so viel mit ihren eignen Angelegenheiten zu thun, daß sie auf die kleine Gruppe der Réfugiés, die sich um den sterbenden Greis versammelt hatte, nicht weiter acht gaben. Mühevoll wandte dieser den Kopf von einer Seite zur anderen, aber sein Blick leuchtete doch auf, als er auf den breiten, blauen Wasserspiegel fiel, auf das hohe Schloß drüben, weiterhin auf die lange Reihe violetschimmernder Berge im Nordwesten und in der Ferne auf das Funkeln weißschäumender Wasserfälle. »Es ist nicht wie Frankreich,« sagte er seufzend, »Es ist nicht grün, friedlich und freundlich, aber es ist großartig und gewaltig, dem gleich, der es geschaffen hat. In dem Maße, als meine Kräfte abgenommen haben, Adèle, hat sich auch meine Seele von den irdischen Fesseln dieses Leibes gelöst, und ich habe vieles deutlich erkannt, was mir bisher dunkel war. Und so, meine lieben Kinder, will es mir scheinen, als ob dieses ganze Land Amerika – nicht Kanada allein, sondern auch das Land, wo Sie, Amos Green, geboren wurden, und alles das, was sich weiterhin erstreckt, jener sinkenden Sonne entgegen – das köstlichste Geschenk Gottes an seine Menschenkinder sein wird. Darum hat er es Jahrhunderte lang verborgen gehalten, auf daß jetzt sein heilig hoher Wille darin geschehe. Denn dies ist noch ein unbeflecktes Land, welches keine Schuld der Vergangenheit zu sühnen hat, keinen Hader, keinen Streit, nichts Böses irgendwelcher Art. Und im Laufe der Zeiten werden alle Müden und alle Heimatlosen, alle Geschlagenen und Enterbten und Bedrückten ihm ihre Angesichter zuwenden, so wie wir's gethan haben. Und daraus wird dann ein Volk erwachsen, welches alles Gute aufnehmen und alles Böse zurückstoßen, und in sich das höchste Ideal ausbilden und ausgestalten wird. Sehe ich es nicht vor mir, das mächtige Volk – ein Volk, dem mehr daran liegen wird, seine niedrigsten Glieder zu erhöhen, als seine reichsten zu verherrlichen, das es verstehen wird, daß der Tapferste auch zugleich der Friedfertigste ist, und es einsehen wird, daß alle Menschen Brüder sind, ein Volk, dessen Herz nicht beschränkt bleibt auf die eignen Grenzen, sondern vielmehr sich für jede große edle Sache in der ganzen Welt erwärmen wird. Das ist es, was ich sehe, Adèle, hier so nahe der Küste, die mein Fuß niemals betreten wird. Und ich sage dir, daß wenn ihr, du und Amory, euch daran beteiligt, eine solche Nation aufzuerbauen, daß dann in Wahrheit euer Leben nicht verloren sein wird. Die Zeit eines solchen Reiches wird kommen, und wenn sie kommt, möge Gott es behüten, möge Gott darüber wachen und es leiten!« Das Haupt des Alten war allmählich tiefer auf seine Brust gesunken, und seine graubewimperten Lider hatten sich langsam über den Augen geschlossen, welche weit hinaus über Point Levi auf die fernen Wälder und Berge geschaut hatten. Adèle stieß einen verzweifelten Schrei aus und legte ihre Arme um den Hals des Vaters. »Er stirbt. Amory – er stirbt!« rief sie schluchzend. Ein finsterer Franziskanermönch, der nicht weit von ihnen seinen Rosenkranz gebetet hatte, hörte den Ruf und war im Augenblick neben ihnen. »Er stirbt wirklich,« sagte er, nachdem er einen Blick auf das aschfahle Gesicht geworfen hatte. »Hat der alte Mann auch schon die letzte Ölung empfangen?« »Ich glaube nicht, daß er ihrer bedarf,« antwortete Amory ausweichend. »Wer von uns bedarf ihrer nicht, junger Mann?« entgegnete der Mönch streng, »Und wie kann ein Mensch ohne sie auf die Seligkeit hoffen? Ich werde sie ohne Verzug an ihm vornehmen.« Aber der alte Hugenotte öffnete bei diesen Worten die Augen. Mit einem letzten Aufflackern seiner Kraft stieß er die graue Gestalt hinweg, die sich über ihn beugte. »Ich verließ alles, was mir teuer war, um euch nicht nachzugeben,« rief er. »Meint ihr, daß ihr mich jetzt unterwerfen könntet?« Der Franziskaner fuhr bei diesen Worten zurück, und aus seinen harten, mißtrauischen, grauen Augen fuhr ein Blitz auf Amory und von ihm auf seine weinende junge Frau. »So!« sagte er. »Also ihr seid Hugenotten?« »Schweigt! Hadert nicht mit einem Sterbenden!« rief Amory, und seine Stimme klang so wild, wie die des Mönches. »Mit einem Toten!« sagte Amos Green. Während er noch sprach, breitete sich ein Ausdruck feierlicher Milde über die Züge des alten Mannes; die tausend Runzeln des Antlitzes glätteten sich, als habe eine unsichtbare Hand darüber gestrichen, und sein Haupt sank gegen den Mast zurück. Adèle regte sich nicht; ihre Arme blieben um seinen Hals geschlungen, ihre Wange lag fest an seine Schulter gedrückt. Sie war ohnmächtig. Catinat richtete seine Frau auf und trug sie in die Kajüte einer Dame hinunter, die ihnen früher schon manche Freundlichkeit erwiesen hatte. Sterbefälle waren nichts Neues an Bord des Schiffes – im Laufe der Fahrt hatten sie zehn Soldaten verloren, so daß inmitten der Freude und Unruhe der Ausschiffung nur wenige dem toten Pilger auch nur einen Gedanken zuwendeten, um so mehr, als das Gerücht sich schnell verbreitet hatte, er sei ein Hugenotte gewesen. Ein kurzer Befehl wurde erlassen, daß die Leiche in der kommenden Nacht in den Fluß versenkt werden sollte, und damit hatte – mit Ausnahme eines Segelschneiders, der den leinenen Sarg besorgte – die Menschheit ihre letzte Pflicht gegen Théophile Catinat erfüllt. Mit den Überlebenden freilich war es etwas anderes. Als die Truppen ausgeschifft waren, wurde die kleine Gesellschaft an Deck gerufen, wo ein Offizier ihnen mitteilte, was über sie beschlossen worden war. Es war ein wohlbeleibter, rotbäckiger, gut gelaunter Mann, aber Catinat sah zu seinem Schrecken, daß der Franziskanermönch ihm zur Seite schritt, als er sich ihnen näherte und einige geflüsterte Bemerkungen mit ihm austauschte. Auf dem dunklen Gesicht des Mönches lag ein bitteres Lächeln, das den Ketzern wenig Gutes verhieß. »Ich werde es erwägen, guter Vater, ich werde es erwägen,« gab der Offizier auf eine dieser geflüsterten Ermahnungen ungeduldig zur Antwort. »Ich bin ein ebenso eifriger Diener der heiligen Kirche, wie Sie es sind.« »Ich bezweifle das nicht, Herr von Bonneville,« erwiderte der Mönch. »Bei einem so pflichtgetreuen Gouverneur, wie es Herr von Denonville ist, dürfte es sogar für diese Welt den Offizieren seines Haushaltes schlecht bekommen, wenn sie lax sein wollten.« Der Offizier warf seinem Begleiter einen ärgerlichen Blick zu, denn er erkannte die Drohung, die hinter seinen Worten lauerte. »Ich möchte Sie daran erinnern, mein Vater,« sagte er, »daß wie der Glaube eine Tugend ist, so nicht minder auch die Liebe.« Dann fuhr er in englischer Sprache fort: »Wer ist Kapitän Savage?« »Ephraim Savage aus Boston,« »Und Master Amos Green?« »Amos Green aus New York.« »Und Master Tomlinson?« »John Tomlinson aus Salem,« »Und die Matrosen, Hiram Jefferson, Joseph Cooper, Seek-grace Spaulding und Paul Cushing, alle aus der Bai von Massachusetts?« »Wir sind hier.« »Auf Befehl des Gouverneurs sollen alle diese, deren Namen ich verlesen habe, sofort nach dem Handelsschiff ›Hope‹ der Brigg dort mit dem weißen, gemalten Streifen, übergeführt werden. Dieselbe segelt noch in der nächsten Stunde nach den englischen Provinzen.« Ein freudiges Stimmengeschwirr erhob sich unter den verunglückten Seefahrern, als sie hörten, daß sie so bald in ihre Heimat zurückkehren sollten, und sie eilten, die geringen Habseligkeiten zu holen, die sie aus dem Schiffbruch gerettet hatten. Der Offizier steckte seine Liste wieder in die Tasche und trat zu Amory von Catinat, der in trübem Sinnen gegen die Brüstung lehnte. »Nicht wahr, Sie erinnern sich meiner?« sagte er. »Ich habe Ihr Gesicht auch nicht vergessen, trotzdem Sie den blauen Rock mit einem schwarzen vertauscht haben,« Catinat ergriff die ihm entgegengestreckte Hand. »Ich erinnere mich Ihrer wohl, Herr von Bonneville, und der Reise, die wir zusammen nach Fort Frontenac machten; aber es kommt mir nicht zu, auf Ihre Freundschaft Anspruch zu erheben, jetzt, wo es so mißlich um mich steht.« »Nicht doch, lieber Freund! Wer einmal mein Freund war, bleibt mein Freund.« »Auch fürchtete ich, daß die Bekanntschaft mit mir Ihnen bei jenem finsteren Kuttenmann, der dort auf Sie lauert, nicht gerade zur Empfehlung dienen würde.« »Na ja, Sie wissen, wie es mit uns hier steht. Frontenac konnte die Kerls in Schranken halten, aber de la Barre war wie weicher Thon in ihren Händen, und dieser neue Gouverneur wird, fürchte ich, in seine Fußtapfen treten. Zwischen den Sulpitianern in Montreal und den Jesuiten hier in Quebec befinden wir armen Teufel uns wie zwischen zwei Mühlsteinen. Aber es thut mir von Herzen leid, einem alten Freund und Kameraden, und Ihrer Frau Gemahlin dazu, einen solchen Gruß zum Willkommen bieten zu müssen!« »Was soll denn mit uns geschehen?« »Sie werden auf diesem Schiff gefangen bleiben, bis es abgeht, was spätestens in einer Woche geschehen soll.« »Und dann?« »Dann werden Sie mit demselben nach Frankreich zurückgeschickt, dem Gouverneur von La Rochelle überliefert und von ihm nach Paris zurückbefördert werden. So lauten Herrn von Denonvilles Befehle, und wenn sie nicht buchstäblich ausgeführt werden, brummt uns das ganze Hornissennest um die Ohren.« Catinat stöhnte laut auf, als er das hörte. Nach all den Irrfahrten, Drangsalen und Schmerzen jetzt wieder nach Paris zurückkehren müssen – seinen Feinden ein Spott, seinen Freunden ein Gegenstand des Mitleides – die Demütigung war zu groß! Der bloße Gedanke an diese Schmach trieb ihm das Blut heiß ins Gesicht. Zurückgeführt zu werden wie ein heimwehkranker Bauernbursch, der vom Regiment desertiert! Lieber doch ein Sprung in den breitflutenden, blauen Strom zu seinen Füßen! Aber was sollte dann aus der kleinen, blassen Adèle werden, die nun niemand mehr hatte, als ihn? Es war so schmählich! So niederträchtig! Wo aber gab es eine Hoffnung des Entkommens aus diesem schwimmenden Gefängnis mit dem Weibe, dessen Schicksal an das seinige geknüpft war? Bonneville hatte ihn mit ein paar kurzen Worten der Teilnahme verlassen, aber der Mönch schritt noch immer das Deck auf und ab, indem er von Zeit zu Zeit ihm einen verstohlenen Blick zuwarf, und zwei auf dem Hinterdeck postierte Soldaten thaten das Gleiche. Augenscheinlich hatten sie Befehl, seine Bewegungen zu überwachen. Schmerzlich ergriffen, lehnte er sich über den Bord hinaus. Seine Blicke folgten den Indianern mit ihrem Federschmuck, die in ihren leichten Kanoes vogelschnell über den Fluß hin und her schossen, und glitten dann nach der Stadt hinüber, wo die kahlen, riesigen Giebelspitzen und die verkohlten Mauern der Häuser noch von den Wirkungen einer fürchterlichen Feuersbrunst zeugten, die vor einigen Jahren den untern Teil gänzlich zerstört hatte. Die untergehende Sonne rötete die Zinnen der Burg und milderte die strengen Umrisse des Felsens, der sie trug. Weiter oben blitzte und glitzerte sie auf den Bajonetten der auf dem Paradeplatz exerzierenden Truppen. Als er so dastand und das reiche, belebte Bild anstarrte, wurde seine Aufmerksamkeit durch Ruderschläge davon abgezogen, die dicht neben ihm hörbar wurden, und er erblickte ein großes, stark bemanntes Boot, das gerade unter seinem Platz vorbeifuhr. Es führte die Neu-Engländer dem Schiffe zu, das sie in ihre Heimat bringen sollte. Da saßen die vier Matrosen eng zusammengedrängt, da waren auch Amos Green und Kapitän Ephraim Savage, die miteinander sprachen und nach der Werft hinüber deuteten. Das graue Gesicht des alten Puritaners und die kühnen Züge des Waldläufers wandten sich ihm mehr als einmal zu, aber kein Lebewohl, keine freundliche Handbewegung wurde dem armen Verbannten zu teil. Sie waren gewiß so erfüllt von ihrer eignen Zukunft und ihrem eignen Glück, daß sie keinen Gedanken für sein Elend übrig hatten. Von seinen Feinden hätte er das Schlimmste ertragen können, aber diese plötzliche Vernachlässigung von seiten seiner Freunde nach allem, was er bereits erlebt hatte, traf ihn zu schwer. Er legte den Kopf auf beide Arme und brach in ein leidenschaftliches Schluchzen aus. Noch ehe er die Augen wieder erhob, hatte die Brigg drüben die Anker gelichtet und verließ unter vollem Segeldruck den Hafen von Quebec. VI. Die Stimme an der Stückpforte In der Nacht fand das Begräbnis des alten Théophile Catinat vom Schiffsrand aus statt. Die beiden, in deren Adern das Blut seines Geschlechtes rann, waren die einzigen Leidtragenden. Den folgenden Tag blieb Amory an Deck, mitten in der lärmenden Geschäftigkeit des Ausladens immer bemüht, Adèle durch leichtes Geplauder zu unterhalten, das freilich aus schwerem Herzen kam. Er zeigte ihr all die Orte, die ihm so wohlbekannt waren, – die Citadelle, in welcher er im Quartier gelegen, das Jesuitenkollegium, den Dom des Bischofs Lavalle, das durch die große Feuersbrunst arg beschädigte Magazin der Handelsgesellschaft und das Haus Aubert de la Chesnayes, das einzige Privatgebäude, das in der unteren Stadt verschont geblieben war. Von ihrem Ankerplatze aus konnten sie nicht allein die interessanten Orte, sondern auch etwas von der bunten Bevölkerung sehen, die dieser Stadt, sowie ihrer jüngeren Schwester Montreal ein ganz eigenartiges Gepräge verlieh. Auf dem steil abschüssigen, mit einem Stachelzaun eingefaßten Felsenwege auf und ab steigend, bewegte sich das ganze mannigfaltige Panorama des kanadischen Lebens vor ihren Augen: Soldaten mit ihren ins Gesicht gedrückten Hüten, ihren Federn und Bandelieren, Ansiedler von den Flußniederungen in der groben, wenig veränderten Bauerntracht ihrer Ahnen aus der Bretagne und Normandie, junge Gecken aus Frankreich oder von den Herrensitzen Canadas, die ihre Hüte aufkrempten und sich nach der ihrer Meinung nach »echten« Versailler Mode gebärdeten. Da sah man ferner kleine Gruppen aus dem Urwalde, » courours de bois « oder » voyageurs «, wie sie sich nannten, in ledernen Jagdröcken, ausgefransten Gamaschen und Pelzmützen mit Adlerfedern, die einmal jährlich nach den Städten kamen und inzwischen ihre indianischen Frauen und Kinder in einem abgelegenen Wigwam zurückließen. Auch Rothäute waren da, lederbraune Algonquinfischer und Jäger, wilde Micmacs aus dem Osten und blutdürstige Abemakis vom Süden. Überall aber bewegten sich zwischen ihnen die grauen Kutten der Franziskaner und die schwarzen Röcke und Schaufelhüte der Rekollektaner und Jesuiten, gleichsam wie die Triebfeder und Seele des Ganzen. Das war die Bevölkerung, welche in den Straßen der Hauptstadt auf und ab wogte, ein merkwürdiger, tausend Meilen weit vom Mutterlande an den Ufern des großen Stromes eingesenkter Schößling des Franzosentums. Es war eine seltsame Kolonie – vielleicht die sonderbarste, die je gegründet worden ist. Hundert Meilen lang erstreckte sie sich von Tadousac im Osten an bis zu den Handelsstationen an den großen Seen. Die angebauten Ländereien waren meist schmale Streifen an den Flußläufen, von wilden Wäldern und unwegsamen Gebirgen umschlossen, die immer aufs neue den Bauer von Hacke und Pflug zu dem freieren Leben mit Ruder und Flinte fortlockten. Dünn gesäete Rodungen mit kleinen Gruppen verpalissadierter Blockhäuser deuteten die Richtung an, in welcher die Kultur sich in dem ungeheuren Weltteil Bahn brach und sich kaum des rauhen Klimas und der unmenschlichen Grausamkeit erbarmungsloser Feinde erwehren konnte. Die gesamte weiße Bevölkerung des umfangreichen Distriktes, Soldaten, Priester, Waldläufer, Frauen und Kinder mit inbegriffen, erreichte noch längst nicht zwanzigtausend Seelen, aber Dank ihrer Energie, sowie dem Vorteil, den ihnen die Centralisation des Regierungssystems, unter dem sie lebten, gewährte, drückten sie dem ganzen Kontinent ihren Stempel auf. Während die wohlhäbigen englischen Kolonisten zufrieden auf ihrer Scholle saßen, während jenseit der Alleghanies noch kein Axthieb erscholl, drangen die kühnen Pioniere der Franzosen in der Kutte des Missionars oder im Jagdrock des Waldläufers bis an die äußersten Enden des Festlandes vor. Sie waren es, welche die großen Seen ausgemessen und in ihre Karten gezeichnet hatten, und die mit den kriegerischen Sioux auf den großen Steppen Tauschhandel trieben, wo das Ti-pi, ein Zelt aus Fellen, an Stelle des hölzernen Wigwam trat. Der Franzose Marquette hatte den Illinois bis zum Mississippi verfolgt und war dem Laufe des großen Stromes nachgegangen, bis er – der erste Weiße – die wilden Fluten des reißenden Missouri erblickt hatte. Noch weiter hatte sich La Salle gewagt; er hatte den Ohio überschritten, war bis zum Golf von Mexiko gelangt und hatte dort die französische Standarte aufgepflanzt, wo später New-Orleans stehen sollte. Andere waren bis zum Felsengebirge und der ungeheuren Wildnis des Nordwestens vorgedrungen. Sie predigten und handelten, betrogen und tauften, von den verschiedensten Impulsen geleitet; eins war ihnen aber allen gemeinsam und verband sie mit einander: ein niemals wankender Mut und eine Geistesgegenwart und Findigkeit, die ihnen durch alle Gefahren hindurch half. Franzosen waren im Norden der britischen Kolonien, Franzosen waren im Westen, Franzosen waren im Süden, und wenn heute nicht der ganze Weltteil französisch ist, so ist das sicher nicht die Schuld des eisernen Geschlechts jener alten Kanadier. Das alles erklärte Catinat seiner jungen Frau an diesem heitern Herbsttage, um so ihre Gedanken von der trüben Vergangenheit und der langen, mühseligen Reise, die vor ihnen lag, abzulenken. Adèle hingegen, die nichts anderes bisher gekannt, als das etwas einförmige Treiben der Pariser Straßen und die gefahrlos heitern Landschaften der Seine, staunte den Strom, den Urwald und das Gebirge an, und packte erschrocken ihres Mannes Arm, als ein Kanoe voll wilder, rot und weiß bemalter, in Felle gekleideter Algonquinindianer so rasch vorüber schoß, daß der Schaum von ihren Rudern aufspritzte. Und wieder wandelte sich das Blau des Stromes in Rosenrot, wieder erglühte die alte Citadelle im Abendlicht, und wieder stiegen die beiden Fremdlinge in ihre Kajüte hinab, jeder bemüht, trotz des eignen schweren Herzens den anderen durch heitere Worte zu ermutigen. Catinats Lager befand sich dicht neben einer Stückpforte, die er stets offen ließ, da die Kochkabüse mit seinem Schlafraum Wand an Wand lag, was die Luft unerträglich heiß und dunstig machte. Er konnte heute nicht einschlafen, warf sich ruhelos umher und zermarterte sein Hirn, um ein Mittel zu finden, das sie aus diesem verwünschten Schiffe hätte befreien können. Aber gesetzt, es glückte ihnen wirklich, was dann? Ganz Kanada war ihnen verschlossen. Die südlichen Wälder steckten voll blutdürstiger Indianer. Die englischen Ansiedlungen würden ihnen zwar Religionsfreiheit bieten, aber was sollten seine Frau und er dort beginnen, freundlos und fremd unter Leuten, die eine andere Sprache redeten? Wäre ihnen Amos Green treu geblieben, dann hatte noch alles gut werden können. Aber er hatte sie verlassen. Warum sollte er auch nicht? Er war ihnen nicht blutsverwandt und hatte ihnen schon so manchen Dienst geleistet. Seine Verwandten und ein Leben nach seinem Geschmack erwarteten ihn daheim. Weshalb sollte er noch länger hier zaudern um fremder Menschen willen, die er erst seit wenigen Monaten kannte. Das war ja gar nicht zu verlangen gewesen und doch, und doch – Catinat konnte es nicht begreifen und verstehen. Aber was war das? Durch das sanfte Rauschen des Flusses hindurch hörte er plötzlich ein durchdringendes, deutliches »Pst«. – Vielleicht war es ein vorbeirudernder Schiffer oder Indianer! – Da ertönte er wieder, der kurze dringend mahnende Ruf. Er richtete sich auf und starrte mit großen Augen vor sich hin. Es kam zweifellos von der Stückpforte her. Er guckte hinaus, erblickte aber nur das breite Wasserbecken mit den dämmernden Schiffen und dem fernen Schimmer der Lichter auf Point Levi. Sein Kopf sank eben in die Kissen zurück, da fiel ihm etwas auf die Brust. Es schlug leicht auf, glitt ab und rollte auf die Planken. Im Nu war er aus dem Bette, riß eine Laterne vom Haken und leuchtete auf den Boden. Da lag das Wurfgeschoß, das ihn getroffen hatte – eine kleine, goldne Busennadel. Als er sie aufhob und ansah, durchzuckte es ihn. Die Nadel war einst sein Eigentum gewesen, und er hatte sie Amos Green am zweiten Tage ihrer Bekanntschaft geschenkt, als sie zusammen nach Versailles aufbrachen. Sie war also ein Zeichen – und Amos Green hatte ihn doch nicht verlassen! Zitternd vor Aufregung kleidete er sich an und ging auf Deck. Es war stockfinster, und er konnte niemand sehen, nur bewiesen regelmäßige Fußtritte auf dem Vorderdeck, daß die Wachen da waren. Der junge Mann lehnte sich über das Bollwerk und schaute hinab in die Finsternis, Er gewahrte den Umriß eines Bootes. »Wer ist da?« flüsterte er. »Sind Sie's, Catinat?« tönte es zurück. »Ja.« »Wir kommen Sie holen.« »Gott lohn' es Ihnen, Amos.« »Haben Sie Ihre Frau da?« »Nein, ich werde sie wecken.« »Gut! Aber zuerst fangen Sie dies Tau auf! So. Nun ziehen Sie die Leiter nach oben.« Catinat fing die ihm zugeworfene Leine auf und zog daran eine mit eisernen Haken versehene Strickleiter empor. Er befestigte sie am Bollwerk und ging dann leise nach der Damenkajüte im Mittelschiff, wo seiner Frau eine Koje angewiesen war. Da sich außer ihr keine Dame weiter an Bord befand, konnte er, ohne Gefahr gehört zu werden, an ihre Thür klopfen und ihr in zwei Worten Eile und Vorsicht anempfehlen. Zehn Minuten später schlüpfte Adèle, fertig angekleidet, ein kleines Bündel Wertsachen in der Hand, aus der Kajüte. Zusammen stiegen sie an Deck und schlichen nun im Schatten des Bollwerks eins hinter dem andern dem Hinterdeck zu. Fast hatten sie es erreicht, als Catinat plötzlich stehen blieb und einen halblauten Fluch ausstieß. Zwischen ihnen und der Strickleiter erhob sich im schwachen Schein eines trüben Lichtes die finstre Gestalt eines Franziskaners. Die schwere Kapuze beschattete sein Gesicht. Er spähte in das Dunkel hinein und kam dann langsam näher, als ob er die beiden Flüchtlinge gesehen hätte. Im Tauwerk des Besansegels, gerade über ihm, hing eine Laterne. Er löste sie vom Haken und leuchtete damit nach ihnen hin. Aber mit Catinat war nicht zu spaßen. Sein Lebenlang war er schnell von Entschluß und rasch in der Ausführung gewesen. Sollte dieser rachsüchtige Mönch sich im letzten Augenblick zwischen ihn und die Freiheit stellen? Das sollte ihm schlecht bekommen! Entschlossen zog der Bedrohte Adèle in den Schatten des großen Mastes, stürzte sich auf den herankommenden Mönch und packte ihn bei der Kehle. Aber indem er das that, verschob sich die Kapuze, und im Laternenschein sah Catinat mit freudigem Staunen anstatt der düstern Züge des Priesters die klugen, grauen Augen und das strenge, ernste Gesicht Ephraim Savages. Gleichzeitig erschien eine zweite Gestalt über dem Geländer, und der warmherzige Franzose fiel Amos Green um den Hals. »Wir haben ihn!« sagte der junge Amerikaner und machte sich etwas verlegen aus Catinats Umarmung los. »Er liegt im Boot, und wir haben ihm mit einem Büffelhandschuh das Maul gestopft.« »Wem denn?« »Dem Mann, dessen Mantel Kapitän Ephraim umgenommen hat. Er überraschte uns, während Sie unten Ihre Frau Gemahlin weckten. Aber wir haben ihn unschädlich gemacht. Ist die Dame hier?« »Jawohl!« »Dann fort, so schnell wie möglich. Es könnte noch jemand kommen!« Adèle wurde über die Brüstung gehoben, und bald saß sie im Stern des leichten Kanoes aus Birkenrinde. Die drei Männer hakten die Leiter los und schwangen sich an einem Seil hinab. Zwei Indianer, die die Ruder führten, stießen leise vom Schiff ab und schossen schnell stromauf. Wenige Minuten später waren ein unbestimmter Schattenriß und zwei gelbe Lichter alles, was noch von dem »St. Christoph« zu sehen war. »Nimm ein Ruder, Amos, ich nehme auch eins,« sagte Kapitän Savage und streifte sein Mönchsgewand ab. »An Bord jenes Schiffes war mir's ganz gemütlich dadrin, aber im Boot ist das Ding zu nichts mehr nutze. Ich glaube, wir hätten die Luken schließen und die ganze Bescherung zusamt den Kanonen mitnehmen können, wenn wir sonst Lust gehabt hätten!« »Ja, um dann morgen früh an der nächsten besten Raa als Piraten zu baumeln,« meinte Amos. »Ich denke, wir haben klüglich gehandelt, daß wir den Honig nahmen und den Baum stehen ließen. – Geht es Ihnen gut, Madame?« »Ja, doch kann ich's noch kaum fassen, was mit mir geschehen ist, und wo wir sind!« »Ich auch nicht, Amos!« fügte Catinat hinzu. »Sie glaubten doch etwa nicht, daß wir Sie so ohne Abschied im Stiche lassen würden?« »Ich muß gestehen, das Herz blutete mir bei dem Gedanken.« »Es kam mir auch beinahe so vor, als ich so ganz von der Seite nach Ihnen zurückschielte und sah, wie finster Sie uns nachblickten. Aber hätten die Kerls gemerkt, daß wir miteinander redeten und beratschlagten, sie wären uns sofort auf die Fährte gekommen. So aber faßten sie auch nicht den Schatten eines Verdachtes, außer diesem Burschen, den wir da unten im Boot haben.« »Und was thaten Sie dann weiter?« »Nun, gestern abend verließen wir die Brigg und gingen bei Beaupré an Land, dort mieteten wir dies Kanoe und lagen tagsüber verborgen. Darauf legten wir heute nacht am Schiffe an, und es war eine Kleinigkeit, Sie zu wecken, da ich wußte, wo Sie schliefen. Der Mönch hätte uns bei einem Haar den Spaß verdorben, während Sie unten waren, aber wir knebelten ihn und ließen ihn über Bord ins Boot. Ephraim warf sich seine Kutte über, um Ihnen, ohne Gefahr, entdeckt zu werden, helfen zu können, denn die Verzögerung beunruhigte uns.« »O, es ist herrlich, wieder einmal frei zu sein!« rief Catinat aus. »Was habe ich Ihnen nicht alles zu danken, Amos?« »Nicht der Rede wert! Sie haben sich meiner angenommen, als ich in Ihr Land kam, jetzt will ich mich Ihrer annehmen,« »Wohin wollen wir jetzt aber?« »Ja, da sitzt der Haken. Wir waren gezwungen, diesen Weg einzuschlagen, da wir nicht stromab dem Meer zu dürfen. Wir müssen uns wohl oder übel quer durchs Land schlagen und eine gute Strecke Wegs zwischen uns und Quebec legen, ehe noch der Tag graut. Nachdem, was ich gehört habe, fangen sie einen Hugenotten noch lieber als einen Irokesenhäuptling. Beim ewigen Gott! Ich kann's nicht begreifen, warum die Papisten solch Halloh darüber machen, wenn ein Mensch auf andere Weise als die ihrige selig werden will, obgleich allerdings unser alter Ephraim hier ebenso hartnäckig auf seinem Stück besteht, – so ist denn die Thorheit nicht bloß auf eine Partei beschränkt!« »Was redest du da von mir?« fragte der Seemann, der bei Erwähnung seines Namens die Ohren gespitzt hatte. »Weiter nichts, als daß Sie ein guter, strammer Protestant sind.« »Ja, Gott sei Lob und Dank! Mein Motto, seht ihr, ist Gewissensfreiheit für alle – ausgenommen freilich Quäker und Papisten, – und – und – ja und dann kann ich's auch nicht ausstehen, wenn solche Weiber wie Annie Hutchinson und Konsorten in den Versammlungen reden und predigen und was der Narreteien mehr sind.« Amos Green lachte, »Der Herr Himmels und der Erden scheint diese Narreteien zu dulden, warum wollen Sie sich's denn zu Herzen nehmen?« »Ach was, du bist noch nicht trocken hinter den Ohren und viel zu jung, um mitzureden. Mit den Jahren wird dir auch schon der Verstand kommen. Nächstens wirst du wohl auch für solche unsaubere Brut wie diese da ein gutes Wort einlegen?« Dabei versetzte er dem gefesselten Franziskaner ein paar Püffe mit dem Rudergriff. »Vermutlich ist er ein frommen Mann, so gut er es eben versteht,« meinte Amos. »Vermutlich ist ein Hai ein frommer Fisch, so gut er es versteht! Nein, mein Junge, mir darfst du nicht so kommen, ich lasse mir nicht Licht und Finsternis durcheinander mischen. Du kannst reden, bis du die Maulsperre kriegst, siehst du, aber damit kannst du doch einen schlimmen Wind nicht in einen guten verkehren, das merke dir. Jetzt reich mir 'mal den Tabaksbeutel und das Feuerzeug her, vielleicht löst unser Freund hier mich auf 'ne Weile beim Rudern ab.« Die ganze Nacht hindurch ruderten sie rastlos stromauf, jede Sehne anspannend, um der Verfolgung zu entrinnen. Indem sie sich dicht am Südufer hielten und so die Hauptgewalt der Strömung vermieden, kamen sie schnell vorwärts, denn sowohl Amos wie Catinat waren geübte Ruderer, und die beiden Indianer arbeiteten, als ob sie aus Draht und Peitschenschnur anstatt aus Fleisch und Blut beständen. Tiefes Schweigen ruhte auf dem breiten Strom, Das Plätschern des Wassers gegen den Kiel, das Geschrei eines Nachtfalken und das gellende Gebell eines Fuchses weit hinten im Urwald waren die einzigen Laute, die es unterbrachen. Als es endlich zu tagen begann und die schwarzen Schatten allmählich ins Grau übergingen, da lag die Citadelle und jede Spur einer Menschenwohnung weit hinter ihnen. Urwälder in herrlichem, vielfarbigem Herbstgewande zogen sich an beiden Ufern bis dicht zum Wasser herunter, und mitten im Flußbett log eine kleine Insel mit gelbem Strande und einem feurig leuchtenden Dickicht scharlachroter Fischer- und Sumacbäume in der Mitte. »Hier bin ich früher schon einmal gewesen,« sagte Catinat, »Ich erkenne den großen Ahorn dort, dem habe ich mein Zeichen in die Rinde geschnitten, als ich das letzte Mal mit dem Gouverneur nach Montreal fuhr. Das war zu Frontenacs Zeiten, als der König noch dem Bischof vorging.« Die Rothäute, die bisher wie Terracottafiguren dagesessen hatten, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, spitzten die Ohren beim Klange dieses Namens. »Mein Bruder hat von dem großen Onontio gesprochen,« sagte einer von ihnen, indem er rückwärts blickte. »Böse Vögel pfiffen uns ein Lied vor, er würde niemals wieder über das Wasser zu seinen Kindern zurückkehren.« »Er ist bei dem großen, weißen Vater,« erwiderte Catinat, »Ich habe ihn selbst in seinem Kriegsrat gesehen, und er kommt sicher wieder über das große Wasser zurück, wenn seine Krieger ihn brauchen.« Der Indianer schüttelte den geschorenen Kopf. »Der Brunstmond ist vorüber, mein Bruder,« sagte er in gebrochenem Französisch, »aber noch vor dem Mond, da die Vögel nisten, wird kein weißer Mann mehr an diesem Flusse sein, außer hinter Steinmauern.« »Wie meint ihr das? Wir haben nur wenig erfahren. Sind denn die Irokesen in so wildem Grimme aufgestanden?« »Mein Bruder, sie hatten einmal gesagt, sie würden die Huronen verschlingen – und wo sind jetzt die Huronen? Sie kehrten ihr Angesicht wider die Eries, und wo sind die Eries setzt? Sie wandten sich gegen die Illinois im Westen, und wer kann heute noch ein Illinesendorf finden? Sie schwangen das Kriegsbeil gegen die Andastes, und der Name der Andastes ist vertilgt von der Erde. Jetzt haben sie einen Tanz getanzt und ein Lied gesungen, die meinen weißen Brüdern nichts Gutes künden.« »Wo sind sie denn jetzt?« Der Indianer fuhr mit der Hand den ganzen südlichen und westlichen Horizont entlang. »Wo sind sie nicht? Die Wälder rauschen von ihren Tritten. Sie sind schnell und schrecklich, wie das Feuer im dürren Grase.« »Bei meinem Leben,« sagte Catinat, »wenn diese Teufel losgelassen sind, wird der alte Frontenac wirklich zurückkommen müssen, wenn die Weißen nicht sämtlich in den Strom gefegt werden wollen.« »Ja,« sagte Amos, »ich sah ihn einmal, als ich mit den andern vor ihn geführt wurde, weil wir auf französischem Gebiet, wie er es nannte, Handel getrieben hatten. Sein Mund schnappte zu wie ein Fuchseisen, und er besah uns, als ob er gern unsre Skalpe zu einem Paar Gamaschen gehabt hätte. Aber er war ein Häuptling und ein tapferer Mann, das konnte ich ihm anmerken.« »Er war ein Feind der Kirche und die rechte Hand des Satanas in diesem Lande!« sagte eine Stimme unten im Boot. Es war der Mönch, dem es gelungen war, sich von dem Büffelhandschuh und Gurt zu befreien, womit die beiden Amerikaner ihn geknebelt hatten. Er lag jetzt da wie ein Kleidelbündel und schoß wütende Blicke aus seinen wilden dunklen Augen nach den übrigen Insassen des Kahnes. »Seine Maultakelage ist abgetrieben,« sagte der Seemann, »wir wollen sie wieder brassen.« »Warum schleppen wir ihn eigentlich weiter mit?« fragte Amos, »Er ist nur ein schwerer Ballast, und seine Gesellschaft bringt uns auch keinen Nutzen. Wollen wir ihn nicht rauswerfen?« »Recht so, auf Schwimmen oder Sinken!« rief der alte Ephraim begeistert. »Nicht doch, wir setzen ihn ans Ufer aus,« »Damit er vor uns herläuft und die Schwarzkittel auf uns hetzt!« »Dann also auf jene Insel.« »Meinetwegen. Er kann den ersten vorbeikommenden Landsmann anrufen.« Sie fuhren nach dem Eiland hinüber und schifften den Mönch aus, der zwar nichts sagte, ihnen aber dafür mit den Augen fluchte. Sie versahen ihn noch mit etwas Schiffszwieback und Mehl für den Fall, daß er nicht sobald aufgefunden würde; und nachdem sie eine Biegung des Flußes umschifft hatten, trieben sie ihr Kanoe in einer kleinen Bucht an Land, wo Heidel- und Moosbeerbüsche bis dicht ans Wasser heran wuchsen und weiße Euphorbien, blauer Enzian und lila Melissen im Grase blühten. Hier packten sie ihren kleinen Mundvorrat aus, verzehrten ein herzhaftes Frühstück und besprachen dabei ihre Pläne für die Zukunft. VII. Die Binnengewässer Sie waren nicht übel ausgerüstet für ihre Reise. Der Kapitän der Gloucesterbrigg, in welcher die Amerikaner von Quebec abgefahren waren, kannte Ephraim Savage gut, und wer kannte ihn nicht an der Küste von Neu-England? Er hatte deshalb seinen Wechsel mit einem dreimonatlichen Ziel acceptiert zu einem so hohen Zinsfuß, als aus ihm herauszupressen war, und ihm dafür drei vorzügliche Flinten und einen guten Vorrat an Munition geliefert nebst so viel barem Gelde, als er für all seine sonstigen Bedürfnisse brauchte. Dafür hatte Ephraim das Kanoe und die Indianer gemietet und auf zehn Tage mindestens Fleisch und Schiffszwieback eingestaut. »Mir ist, als atme ich neues Leben, wenn ich den Lauf einer Flinte fassen und den Waldduft um mich her spüren kann,« sagte Amos, »Wahrhaftig so quer durch den Forst können es nicht mehr als hundert Meilen von hier bis Albany oder Shenectady sein!« »Jawohl, mein Junge, da hast du recht,« erwiderte Ephraim. »Aber wie kann das Frauenzimmer hundert Meilen weit durch den Wald gehen? Nein, nein, laß uns nur Wasser unterm Kiel behalten und im übrigen auf unsern Herrgott trauen.« »Dann bleibt uns nur ein Weg übrig. Wir müssen bis zum Richelieufluß aufwärts rudern und auf ihm immer südwärts bis in den Champlainsee und den St. Sacramentsee fahren. So gelangen wir bis dicht an die Quellen des Hudson.« »Das ist ein gefährlicher Weg,« sagte Catinat, der die Unterhaltung seiner Gefährten verstand, wenn er auch nicht im stande war, englisch zu sprechen. »Wir würden dann am Lande der Mohawks vorüber müssen.« »Es ist aber offenbar der einzige Weg, wie mich dünkt,« entgegnete Ephraim, »dieser oder keiner.« »Ich habe übrigens einen Freund an Richelieufluß, der uns sicherlich auf der Reise behilflich sein wird,« meinte Catinat darauf lächelnd, »Du hast mich wohl von Charles de la Roue, dem Herrn von Sainte Marie, erzählen hören, Adèle?« »Den du immer den kanadischen Herzog nanntest, Amory?« »Eben den. Seine Herrschaft liegt am Richelieu südlich von Fort St. Louis, und ich bin ganz sicher, daß er uns nicht im Stiche lassen wird.« »Vortrefflich!« rief Amos. »Wenn wir dort einen Freund haben, kann es uns nicht fehlen. Das entscheidet – nun halten wir fest an der Flußfahrt. Auf denn an die Ruder; denn der Mönch wird uns verderben, wenn er irgend kann.« Und so geschah es. Eine ganze Woche lang arbeitete sich die kleine Gesellschaft die große Wasserstraße aufwärts, immer am südlichen Ufer entlang, wo es weniger Ansiedlungen gab. Beide Seiten des Stromes waren dicht bewaldet, aber von Zeit zu Zeit erschien ein Aushau, und ein Streifen Ackerland begrenzte das Ufer, auf dem noch die gelben Stoppeln von der letzten Weizenernte standen. Adèle betrachtete mit lebhaftem Interesse die Holzhäuser mit ihren vorspringenden Stockwerken und sonderbaren Giebeln, die aus festem Stein erbauten Edelsitze der Seigneurs und die in jedem Dörflein befindlichen Mühlen, welche nicht nur Mehl lieferten, sondern auch im Falle eines Angriffes einen mit Schießscharten versehenen Zufluchtsort darboten. Fürchterliche Erfahrungen hatten die Kanadier gelehrt, was die englischen Ansiedler noch zu lernen hatten, daß es eine Thorheit ist, in einem von Wilden bewohnten Lande vereinzelte Landhäuser inmitten der eignen Felder zu errichten. So erstreckten sich denn die Aushaue strahlenförmig von den Dörfern aus, und jede Hütte war im Hinblick auf die militärische Zweckmäßigkeit des Ganzen erbaut, so daß sie bei der Verteidigung als Außenwerk dienen konnte, deren Centrum schließlich von dem steinernen Herrenhause und der Mühle gebildet wurde. Jetzt blitzten an jeder steilen Thalwand, auf jedem Hügel in der Nähe der Dörfer die Flintenläufe der Wächter, denn die Nachricht vom Aufstande des Fünfvölkerbundes war bekannt geworden, und man konnte nicht wissen, wo der erste Schlag fallen würde, nur eins war sicher, daß es da geschehen müsse, wo man am wenigsten zur Abwehr vorbereitet war. In der That hätte der Reisende bei jedem Schritte in diesem Lande, am St. Lorenz sowohl wie westlich an den Seen, oder die Ufer des Mississippi entlang, oder südwärts im Lande der Tscherokesen und der Creeks die Einwohner im gleichen Zustande angstvoller Erwartung gefunden, und das aus dem gleichen Grunde. Die Irokesen, oder »Iroquois«, wie die Franzosen sie nannten, oder der Fünfvölkerbund, wie sie selbst sich nannten, hing wie eine Wolke über dem ganzen großen Kontinent. Ihr Bund war ein durchaus natürlicher, denn sie waren vom selben Stamm, sprachen die gleiche Sprache, und alle Versuche, sie zu trennen, waren bisher mißlungen. Mohawks, Cajugas, Onondagas, Oneidas und Senecas waren jeder stolz auf ihre besonderen Abzeichen oder »Totems« und auf ihre angestammten Häuptlinge, aber auf dem Kriegspfade waren sie Irokesen, und der Feind des einen war der Feind aller. Ihre Zahl war klein, denn sie konnten kaum zweitausend Krieger stellen, und ihr Heimatland war begrenzt, denn ihre Dörfer waren nur über den Landstrich verstreut, welcher zwischen dem Champlainsee und dem Ontariosee liegt. Aber sie waren einig, sie waren listig, sie waren verzweifelt tapfer, sie waren wild, angriffslustig und energisch. Von ihrer centralen, gesicherten Stellung fielen sie abwechselnd nach rechts und links aus, und nie damit zufrieden, einen Gegner besiegt zu haben, vernichteten sie ihn und rotteten ihn gänzlich aus, während sie die anderen alle durch ihre schlauen Unterhandlungskünste im Schach hielten. Ihr Geschäft war der Krieg, und Grausamkeit ihr Vergnügen. Nach einander hatten sie ihre Waffen gegen die verschiedenen Nationen ringsum gewandt, bis auf tausenden von Quadratmeilen keine selbständig mehr existierte. Sie hatten die Huronen und die Huronenmission in einem fürchterlichen Blutbade vertilgt. Sie hatten die nordwestlichen Stämme vernichtet, bis sogar die fernen Sacs und Foxes bei ihrem Namen erbebten. Sie hatten das ganze westliche Land durchstreift, bis ihre Skalpierzüge mit ihren Stammesverwandten, den Sioux, zusammentrafen, welche die Herren der weiten Prairie waren, wie sie selbst die der großen Wälder. Die neuenglischen Indianer des Ostens, die Shawnies und Delawaren weiter südwärts zahlten ihnen Tribut, und der Schrecken ihrer Waffen erstreckte sich über die Grenzen von Maryland und Virginia. Vielleicht hat nie im Lauf der Weltgeschichte eine so kleine Männerschar so große Strecken Landes so lange Zeit beherrscht. Seit vor fast fünfzig Jahren Champlain und seine Anhänger für ihre Feinde gegen sie Partei ergriffen hatten, hegten diese Stämme einen tiefen Groll gegen die Franzosen, Alle diese Jahre hatten sie in ihren Walddörfern Rache gebrütet, hatten hin und wieder einen Überfall an der Grenze verübt, im ganzen aber einen günstigen Zeitpunkt abgewartet. Und der schien ihnen jetzt gekommen. Alle die Stämme, welche sich mit den Weißen hätten verbünden können, hatten sie vernichtet. Diese standen allein. Von den Niederländern und Engländern New-Yorks hatten die Indianer sich gute Gewehre und reichliche Munition verschafft. Die lange schmale Linie der französischen Ansiedelungen lag unbeschützt vor ihnen. Sie waren im Walde versammelt, wie Jagdhunde an der Leine, die nur des Befehls der Anführer harren, um sich mit Fackel und Tomahawk auf den Gürtel der befestigten Dorfschaften zu stürzen. So standen die Dinge, als die kleine Gesellschaft der Réfugiés am Flußufer entlang ruderte, um den einzigen Weg zu suchen, der sie zum Frieden und zur Freiheit führen konnte. Freilich, sie wußten es wohl, es war ein gefahrvoller Pfad. Den ganzen Richelieufluß entlang standen die Vorposten und Blockhäuser der Franzosen. Als das Feudalsystem Kanada aufgeimpft wurde, erhielten die verschiedenen »Seigneurs« ihre Lehen unter Bedingungen, die der Niederlassung zu gute kommen sollten. Jeder Seigneur bildete mit den ihm untergebenen Hintersassen, die im Gebrauch der Waffen geübt waren, eine ebensolche kriegerische Macht, wie im Mittelalter. Der Bauer erhielt sein Lehen nur unter der Bedingung, daß er sich stellte, wenn er einberufen wurde. So hatte man die alten Offiziere vom Regiment Carignan und einige besonders kühne Ansiedler am Richelieu entlang postiert, welcher auf seinem Lauf vom Champlainsee in den St. Lorenzstrom die östliche Grenze des Landes der Mohawks bildete. Die Blockhäuser selbst mochten sich wohl verteidigen können, aber für die kleine Gesellschaft, welche von einem zum anderen reisen mußte, war die Situation voll tödlicher Gefahren. Allerdings führten die Irokesen mit den Engländern keinen Krieg, aber es war nicht zu erwarten, daß sie auf dem Kriegspfade gewissenhaft zu unterscheiden geneigt sein würden, und wenn sie es gewesen wären, konnten doch die Amerikaner ihr Schicksal nicht von dem ihrer französischen Gefährten trennen. Während sie so den St. Lorenz stromauf fuhren, trafen sie zum öfteren Kanoes, die stromab gingen. Bald war es ein Offizier oder ein Beamter auf dem Wege nach der Hauptstadt, entweder von Three Rivers (St. Maurice-Gentilly, die sich von entgegengesetzten Seiten in den Lorenzstrom ergießen) oder von Montreal, bald eine Ladung Felle, welche Indianer oder Waldläufer hinabschafften, um sie nach Europa zu verladen, und bald wieder ein kleines Kanoe mit einem einzigen Insassen, einem sonnverbrannten, ergrauenden Manne im bräunlich-schwarzen, verschossenen Priesterrock, der im Zickzack von Ufer zu Ufer fuhr und bei jeder Indianerhütte auf seinem Wege anhielt. Wenn es nicht richtig um die Kirche Kanadas bestellt war, so war das nicht die Schuld dieser Dorfpriester, welche ihr Leben in Mühsal und Arbeit aufrieben, um Trost und Hoffnung und sogar einen Anflug von Bildung in diese Wildnis zu tragen. Mehr als einmal versuchten solche Pilgrime mit den Flüchtlingen ein Gespräch anzuknüpfen, aber diese achteten ihrer Zeichen und Rufe nicht, sondern eilten weiter. Von der Mündung her überholte sie nichts, denn sie schwangen die Ruder vom frühen Morgen bis zum späten Abend, zogen dann das Kanoe an Land und zündeten ein Feuer von trockenem Reisig an, denn in der Herbheit der Luft machte sich der nahende Winter bereits fühlbar. Vor den staunenden Augen der jungen Französin, die Tag um Tag im Stern des Bootes saß, glitten die Leute mit ihren fremdartigen Wohnungen, die gewaltigen Wälder, die verschiedenen Fahrzeuge vorüber. Aber nicht das allein, Ihr Gatte und Amos Green lehrten sie noch auf ganz andere Dinge und Sehenswürdigkeiten der Waldlandschaft achten, während sie so längs des Ufers hinstreiften, und machten sie auf tausenderlei aufmerksam, was sonst ihren Sinnen verborgen geblieben wäre. Bald war es das behaarte Gesicht eines Waschbären, das aus dem Spalt eines hohlen Baumes hervorguckte, oder eine Otter, die, einen silberglänzenden Fisch im Maul, unter dem überhängenden Gesträuch blitzschnell dahin schwamm. Bald wieder war es vielleicht eine Wildkatze, die sich geschmeidig auf einem Aste niederduckte, die boshaften gelben Augen funkelnd auf die Eichkätzchen gerichtet, die am andern Ende desselben spielten; oder das kanadische Stachelschwein huschte hastig rasselnd durch die gelbblühenden Federharzstauden und das Heidel- und Preißelbeerendickicht. Adèle lernte auch allmählich den frechen, kurzen Schrei des winzigen Chickadee (der schwarzköpfigen amerikanischen Meise) erkennen, den Ruf des Blauvogels und das Aufblitzen seiner Flügel im Laube, den süß lockenden Ton des schwarz-weißen Bobolink (oder Reisammer) und das langgedehnte Mi–au des Katzenvogels. Und so, gewiegt an der Brust des breiten Stromes, während das frohe Naturkonzert vom Ufer her unablässig an ihr Ohr drang, und vor ihren Augen das herrlichste Farbenpanorama, das ein Künstler sich nur auszudenken vermag, sich über die sterbenden Wälder ausbreitete, lernte auch Adèlens Lippe wieder lächeln, und auf ihren Wangen erschien ein zartes Rot der Gesundheit, wie es Frankreich ihr nie hatte geben können. Catinat sah diesen Wechsel wohl, aber dennoch bedrückte ihn ihre Gegenwart, denn er wußte, daß zwar die Natur in diesen Wäldern ein Paradies geschaffen, der Mensch es aber in eine Hölle verwandelt hatte, und daß hinter all der Pracht der herbstlichen Blätter und Waldblumen ein namenloses Entsetzen lauerte. So oft er nachts neben dem glimmenden Feuer auf seinem Lager von dürrem Reisig lag und die kleine, in eine Decke gewickelte Gestalt ansah, die so friedlich neben ihm schlummerte, kam es ihm vor, als habe er kein Recht, sie solcher Gefahr auszusetzen, und als müsse er mit dem Morgengrauen das Kanoe wieder ostwärts wenden und das Schicksal auf sich nehmen, was sie in Quebec erwartete. Wenn dann aber der Tag anbrach, überwältigte ihn der Gedanke an die Demütigung, die öde Heimreise, die Trennung, die Galeere und den Kerker, die ihrer dort warteten, und er verwarf seinen nächtlichen Entschluß. Am siebenten Tage ruhten sie an einer, nur ein paar Meilen von der Mündung des Richelieuflusses entfernten Stelle, wo Fort Richelieu, ein großes Blockhaus, stand, das von Herrn von Saurel erbaut worden war. Hatten sie das einmal passiert, so war es nicht mehr weit nach dem Edelsitze von Catinats vornehmem Freunde, der ihnen weiter behilflich sein konnte. Die Nacht hatten sie auf einem Eilande mitten im Strom zugebracht, und beim ersten Morgengrauen schickten sie sich an, das Kanoe aus der sandumsäumten, bebüschten Bucht, in der sie es geborgen hatten, herauszustoßen, als Ephraim Savage etwas in sich hinein brummte und über das Wasser hindeutete. Den Fluß herauf kam ein großes Kanoe pfeilschnell daher, von einem Dutzend kräftiger Arme getrieben. Im Bug saß eine dunkle Gestalt, die sich bei jedem Aufheben der Ruder vorwärts neigte, wie innerlich verzehrt vom Eifer, voran zu kommen. Selbst auf diese Entfernung war der fanatische Mönch, den sie ausgesetzt hatten, unverkennbar. Im Gebüsch versteckt sahen sie ihre Verfolger vorbeifliegen und um eine Biegung des Stromes verschwinden. Dann blickten sie einander ratlos an. »Wir hätten ihn einfach über Bord werfen, oder ihn als Ballast mitnehmen sollen,« sagte Ephraim. »Er hat jetzt den Vorsprung und fährt mit vollen Segeln.« »Keinenfalls können wir aber unsrer Fährte rückwärts folgen,« bemerkte Amos. »Und doch, wie können wir weiter gehen?« sagte Catinat verzagt, »dieser rachsüchtige Teufel wird das Fort und jeden andern Punkt den Fluß entlang alarmieren. Er ist in Quebec gewesen. Das war eins von des Statthalters eignen Kanoes und macht drei Bootslängen, wo wir zwei machen.« »Laßt mich's mal ausrechnen.« Amos Green setzte sich auf einen umgefallenen Ahornstamm und ließ den Kopf in die Hand sinken. »Seht,« sagte er nach kurzem Sinnen, »wenn wir nicht vorwärts dürfen und nicht rückwärts können, so bleibt nur eins übrig, und das ist: wir schlagen uns seitwärts. Nicht wahr, Ephraim?« »Ja, ja Junge, wer nicht vorm Winde laufen kann, muß lavieren, aber seicht Wasser ist's überall, am rechten, wie am linken Bug.« »Nach Norden können wir nicht, folglich müssen wir nach Süden.« »Und das Kanoe aufgeben?« »Wir haben keine Wahl. Wir können quer durch den Wald nach dem befreundeten Hause am Richelieu gehen, dann wird der Mönch unsre Spur verlieren, und wir werden keine Not mehr von ihm haben, wenn er dabei bleibt, den St. Lorenz abzusuchen.« »Es wird wohl nicht anders gehen,« sagte Kapitän Ephraim betrübt. »Meine Sache ist's nicht, über Land zu gehen, wenn ich auf Wasser bleiben kann, und seit den Tagen, da König Philipp über die Provinzen herfiel, bin ich keine Elle tief im Walde gewesen. Da mußt du schon den Kurs angeben, Amos, und das Steuer richten.« »Es kann nicht sehr weit sein, und wird nicht lange dauern. Kommt, wir wollen nach dem Südufer hinübersteuern und uns auf den Weg machen. Wenn Ihre Frau müde wird, Catinat, so tragen wir sie abwechselnd.« »O nicht doch, Herr Green, Sie wissen noch nicht, wie gut ich gehen kann. In dieser herrlichen Luft könnte man so in Ewigkeit wandern.« »Hinüber also!« In wenigen Minuten waren sie drüben und landeten am Waldesrand. Dort erhielt jeder Mann eine Flinte nebst Munition, dazu seinen Anteil an Mundvorrat und an dem wenigen Gepäck. Nachdem hierauf die Indianer abgelohnt und ermahnt worden waren, nichts von den Bewegungen der Flüchtlinge zu verraten, wandten diese dem Strom den Rücken und betraten die lautlos ruhenden Wälder. VIII. Der Mann ohne Haar. Den ganzen Tag über drangen sie immer weiter in die Waldeinsamkeit hinein. Sie gingen einer hinter dem anderen, voran Amos Green, dann der Seemann, dann die Dame und zuletzt als Nachhut Catinat. Der junge Waldläufer schritt mit großer Vorsicht vorwärts; er hörte und sah eben vieles, das seinen Begleitern entging, und stand häufig stille, um die Zeichen der Blätter, des Mooses und der Zweige zu prüfen. Ihr Weg führte sie größtenteils durch offene Lichtungen zwischen gewaltigen Tannenwäldern hin; auf dem lichtgrünen Rasen zu ihren Füßen blühten weiße Wolfsmilch, Goldruten und purpurfarbige Astern. Zuweilen jedoch schlossen sich die mächtigen Stämme dicht zusammen, und sie mußten ihren Weg durch das düstere Dämmerlicht tastend finden, oder sie bahnten sich einen Pfad durch verschlungenes Unterholz von grünem Sassafras oder feuerroten Essigbäumen. Und dann wieder verschwand der Wald plötzlich vor ihnen, und sie mußten weite, mit wildem Reis bewachsene, hin und wieder mit dunklem Erlengebüsch geschmückte Sümpfe umschreiten, oder sie kamen an stillen, klaren Waldseeen vorüber, auf deren Oberfläche die Baumschatten spielten, und das feurige, weinrote oder goldbraune Laub glänzte aus dem tiefblauen Wasserspiegel ringsher wieder. Auch Bäche gab es da, einige mit klarem, lustigem Geriesel, spielenden Forellen und weißleuchtenden Haubentauchern, andere mit schwarzen, stagnierenden Gewässern, die aus giftigen Sümpfen kamen und durch welche die Männer, knietief watend, Adèle tragen mußten. So reisten sie einen ganzen Tag lang in der großen Baumwüste, ohne eine Spur oder ein Lebenszeichen von der Nähe ihrer Mitmenschen anzutreffen. Aber, wenn auch menschenleer – an Leben fehlte es dort keineswegs. Es summte, zirpte und schnatterte überall aus Moor und Strom und Busch. Bald war es das dunkelbraune Fell eines Rehes, welches zwischen den entfernteren Stämmen sichtbar ward, bald ein Dachs, der bei ihrer Annäherung sich hastig in seinem Bau verkroch. Einmal lag die Fährte des langen Bärenfußes in die weiche Erde gedrückt vor ihnen, und ein ander Mal hob Amos zwischen den Gebüschen ein großes Gehörn auf, das ein Elenntier letzthin abgeworfen hatte. Kleine rote Eichkätzchen sprangen und kletterten über ihren Häuptern von Stamm zu Stamm, und aus dem Laube jeden Eichbaums piepte ein Chor von Hunderten kleiner Stimmchen. Wo sie an einem See vorüber kamen, schlug der große, graue Storch langsam mit den schweren Fittigen, um dann leicht und majestätisch dahinzuschweben, und ein Zug wilder Enten schwirrte erschrocken in Form eines langen V zum blauen Himmel empor, oder man hörte den zitternden Schrei der Lomme aus dem Röhricht. In der früh hereinbrechenden Nacht schliefen sie im Walde. Amos Green zündete das Reisigfeuer an einer dicht umbuschten Stelle an, wo man es zehn Schritt weiter nicht mehr sehen konnte. Ein paar Regentropfen waren gefallen, und mit dem behenden Geschick des geübten Walfängers errichtete er zwei kleine Schuppen von Ulmen- und Lindenborke, einen für die beiden Réfugiés und einen für sich und Ephraim. Kurz zuvor hatte er eine Wildgans geschossen, die mit dem Rest des Schiffszwiebacks ihnen zum Abendbrot und Frühstück diente. Am folgenden Tage gegen Mittag kamen sie an einer kleinen Lichtung vorüber, in deren Mitte sich die verkohlten Reste eines Feuers befanden, und Amos brachte eine halbe Stunde damit zu, um alles zu lesen, was Holz und Erde ihm zu sagen hatten. Als sie dann endlich ihren Weg wieder fortsetzten, teilte er seinen Gefährten mit, daß das Feuer vor drei Wochen hier gebrannt und daß ein Weißer und zwei Indianer darum gelagert hätten, daß diese von Westen nach Osten gereist wären, und daß von den beiden Rothäuten die eine ein Weib gewesen sei. Weiter entdeckten sie keine menschliche Spur, bis gegen Abend Amos plötzlich mitten im dichtesten Gehölz stehen blieb und die Hand ans Ohr legte. »Horch!« rief er. »Ich höre nichts,« sagte Ephraim. »Ich auch nicht,« fügte Catinat hinzu. »Ei, aber ich höre es!« rief Adèle fröhlich. »Es ist eine Glocke – und gerade um diese Tageszeit läuten auch alle Glocken in Paris!« »Sie haben recht. Es ist das sogenannte Angelusglöcklein,« bestätigte Amos. »Ja, ja, jetzt höre ich es auch!« rief Catinat. »Es wurde anfangs übertönt durch das Vogelgezwitscher. Aber wo kommt tief im kanadischen Wald eine Glocke her?« »Wir sind den Niederlassungen am Richelieu ganz nahe. Es muß die Kapellenglocke im Fort sein.« »Fort St. Louis! Ei, dann sind wir nicht mehr weit von meines Freundes Seigneurie!« »Dann können wir heute nacht bei ihm schlafen,« versetzte Amos, »vorausgesetzt, daß Sie glauben, ihm sei in der That zu trauen,« »Allerdings. Er ist ein wunderlicher Mensch und hat ein ganz originelles Wesen, aber mein Leben vertraue ich ihm an.« »Sehr wohl. Wir wollen uns also vom Fort südlich halten und sein Haus aufsuchen. Aber seht doch, wie aufgeregt die Vögel da drüben sind! – Ich höre Tritte! – Duckt euch hier unter den Essigbaum, damit wir sehen, wer so keck durch die Wälder schreitet.« Sie verbargen sich alle vier im Gebüsch und guckten vorsichtig zwischen den Baumstämmen nach der kleinen Waldwiese, auf die Amos hinschaute. Lange Zeit hindurch blieb der Ton, den das feine Ohr des Waldläufers vernommen hatte, den übrigen unhörbar, endlich aber hörten auch sie das kurze Knacken dürrer Äste, als ob jemand sich einen Weg durch das Unterholz bahne. Im nächsten Augenblick drängte sich ein Mann ins Freie, dessen Erscheinung so seltsam war, daß auch Amos ihn verblüfft anstarrte. Es war ein sehr kleiner Mann mit so dunkelfarbigem, verwittertem Antlitz, daß er für einen Indianer hätte gelten können, wäre nicht sein Gang und sein Anzug derart gewesen, wie man es nie an einem Indianer gesehen hat. Seinen Kopf bedeckte ein breitrandiger, abgegriffener Hut von so unbestimmter Farbe, daß man schwerlich hätte feststellen können, welche er ursprünglich gehabt hatte. Sein Anzug bestand aus roh zugeschnittenen Fellen, die lose um seinen Leib schlotterten, dazu trug er hohe Dragonerstiefel, die ebenso zerlumpt und schmutzig waren, wie seine übrige Kleidung. Auf dem Rücken schleppte er ein mächtiges Bündel groben Segeltuchs, aus dem zwei lange Stöcke hervorragten, und unter jedem Arm trug er etwas, das aussah, wie ein großes, viereckiges Gemälde. »Das ist kein Injun,« flüsterte Amos, »und ein Waldläufer ist es auch nicht. Gott erbarme sich – hat man je so was gesehen!« »Er ist weder voyageur , noch Soldat, noch coureur de bois ,« sagte Catinat. »Kommt mir vor, als hätt' er sich 'nen Notmast auf 'n Rücken gesetzt und das Vorder- und Hauptsegel je unter einen Arm,« meinte Kapitän Ephraim. »Na, er scheint ja keine Helfershelfer zu haben,« sagte Amos, »da können wir ihn unbesorgt anrufen.« Sie verließen also ihren Hinterhalt, und als sie das thaten, erblickte sie auch der Fremde. Anstatt irgend welche Unruhe zu zeigen, wie das bei jedem, der sich in einem solchen Lande plötzlich und unerwartet Fremden gegenüber befindet, nur natürlich gewesen wäre, änderte er sofort seine Richtung und kam auf sie zu. Als er dabei die offene Wiese durchschritt, trafen die fernen Glockentöne sein Ohr; augenblicklich zog er den Hut und neigte das Haupt zum Gebet. Ein Schrei des Entsetzens ertönte – nicht nur Adèle stieß ihn aus, sondern auch die anderen bei dem, was ihre Augen da erblickten. Der Mann hatte keine Kopfhaut mehr. Nicht eine Spur von Haaren oder weißer Haut war übrig; statt dessen war die Oberfläche eine grauenhaft mißfarbne, runzelige Masse, während eine scharf geschnittene, rote Linie sich um die Stirn und hinter die Ohren weg zog. »Beim ewigen Gott,« rief Amos, »der Mann hat seinen Skalp verloren!« »Mein Gott!« sagte Catinat, »seht seine Hände an!« Er hatte sie zum Gebet erhoben. Zwei bis drei kurze Stumpfen, die hervorragten, zeigten, wo die Finger gewesen waren. »Ich hab' in meinem Leben doch schon so manches gruselige Gallionsbild gesehen, aber so 'was doch noch nie!« sagte Kapitän Ephraim. In der That war es ein ganz außerordentliches Gesicht, das sich ihnen beim Näherkommen zuwandte. Der Mann, dem es eignete, mochte jedem beliebigen Alter und Volke angehören, denn seine Züge waren so verstümmelt, daß man nichts aus ihnen schließen konnte. Ein Augenlid hing flach und zuckend herab – es bedeckte keinen Augapfel mehr. Aus dem anderen aber strahlte ein so klarer, lustiger und freundlicher Blick, wie er nur je aus dem Auge eines auserwählten Günstlings des Glückes gekommen sein mochte. Sein Gesicht war über und über mit wunderlichen braunen Flecken bedeckt, die ganz scheußlich aussahen, und seine Nase war – durch einen entsetzlichen Schlag augenscheinlich – gespalten und zerschmettert. Und dennoch, trotz dieses gräßlichen Aussehens war etwas so Edles in der ganzen Haltung des Mannes, in der Art, wie er das Haupt trug und in dem Ausdruck, der noch immer wie der Duft einer zerdrückten Blume um seine entstellten Züge schwebte, daß sogar der harte puritanische Seemann Ehrfurcht davor empfand. »Guten Abend, meine Kinder,« sagte der Fremdling, indem er seine Bilder wieder aufhob und ihnen entgegenschritt. »Ich nehme an, ihr kommt aus dem Fort, möchte mir aber erlauben zu bemerken, daß die Wälder für Damen jetzt nicht besonders sicher sind.« »Wir sind auf dem Wege nach Sainte Marie, dem Gute des Herrn de la Roue,« sagte Catinat, »und hoffen also bald in Sicherheit zu sein. Es bekümmert mich aber zu sehen, mein Herr, wie schändlich Sie mißhandelt worden sind!« »Sie haben meine kleinen Verletzungen also bemerkt! Die armen Seelen wissen es nicht besser! Sie sind eigentlich nichts weiter als mutwillige Kinder – sie wollen nur Spaß machen – aber etwas mutwillig sind sie! Ei, ei, es ist wirklich zum Lachen, daß der schnöde Leib einem so den Geist fesseln kann, und doch – hier bin ich fest entschlossen, vorwärts zu eilen und muß mich statt dessen ein Weilchen auf diesen Block niederlassen, um auszuruhen, denn die Schelme haben mir die Waden abgesprengt.« »Mein Gott! Abgesprengt! Die Teufel!« »Ach, wir dürfen ihnen daraus keinen Vorwurf machen! Nein, nein, es wäre lieblos, sie zu tadeln. Sie sind ja so unwissend, die armen Menschen, und der Fürst der Finsternis sitzt hinter ihnen und treibt sie zum Bösen. Sie bohrten kleine Pulverpatronen in meine Beine und ließen sie explodieren, und dadurch bin ich jetzt ein noch langsamerer Fußgänger geworden als sonst, obgleich ich wohl nie sehr rasch ging. In der Schule zu Tours hatten mich meine Mitschüler ›die Schnecke‹ genannt, und auch später im Seminar blieb ich immer die Schnecke.« »Wer sind Sie denn, mein Herr, und wer hat Sie so schrecklich mißhandelt ?« fragte Catinat. »O ich bin nichts Besonderes. Ich heiße Ignatius Morat und gehöre der Gesellschaft Jesu an. Und was die Leute betrifft, die mich ein wenig rauh behandelt haben – ei nun, wenn man auf die Irokesenmission gesandt wird, weiß man natürlich, was man zu erwarten hat. Ich habe mich über nichts zu beklagen. Ei, sie haben mich immer noch besser behandelt, als den Pater Jogues, als Pater Breboeuf und noch manche andere, die ich nennen könnte. Allerdings, manches Mal hoffte ich fast mit Sicherheit auf die Märtyrerkrone, besonders damals, als sie meinten, meine Tonsur sei zu klein, wie sie sich scherzhaft ausdrückten. Aber ich denke mir, ich bin doch nicht würdig gewesen, ja, ja, ich weiß es auch – so war das Ende vom Liede nur ein bißchen rauhe Behandlung.« »Wo gehen Sie denn jetzt hin?« fragte Amos, der den Worten des Mannes ganz verblüfft zugehört hatte. »Ich gehe nach Quebec. Sehen Sie, ich bin ein so unnützer Mensch, daß, ehe ich den Bischof gesprochen habe, ich wirklich nichts Gutes thun kann.« »Sie meinen, Sie wollen den Bischof veranlassen, Sie abzurufen?« fragte Catinat. »Ach nein! Das würde ich vielleicht thun, wenn ich mir selbst überlassen wäre, denn ich bin unglaublich feige. Sie würden es gewiß nicht für möglich halten, daß ein Priester Gottes so furchtsam sein könnte, wie ich es manchmal bin. Der bloße Anblick eines Feuers läßt mich erbeben und zurückschrecken, seitdem ich die Feuerprobe der Kiensplitter durchgemacht habe, die diese häßlichen Narben auf meinem Gesicht zurückließen. Aber ich muß doch natürlich an die Interessen des Ordens denken, und Mitglieder des Ordens verlassen ihren Posten nicht um kleinlicher Ursachen willen. Es ist nur gegen die Regel der heiligen Kirche, daß ein verstümmelter Mann die gottesdienstlichen Handlungen ausübt, und ehe ich deshalb den Bischof gesehen und seinen Dispens empfangen habe, bin ich unnützer denn je.« »Und was werden Sie demnächst thun?« »O, ich werde natürlich zu meiner Herde zurückkehren.« »Zu den Irokesen?« »Da ist meine Station.« »Amos,« flüsterte Catinat, »ich habe unter tapferen Männern gelebt, aber ich meine, dies ist der tapferste Mann, den ich je angetroffen!« »Auf mein Wort,« versetzte Amos, »und ich habe auch fromme Männer gesehen, aber nie einen, den ich für frömmer hielte, als diesen! Sie sind erschöpft, Vater. Essen Sie etwas von dieser Gans, in meiner Flasche ist noch ein Tropfen Kognak.« »Nicht doch, mein Sohn, wenn ich etwas anderes, als die allereinfachste Kost genieße, so macht mich das so faul, daß ich wirklich zur Schnecke werde.« »Aber Sie haben kein Gewehr und keine Nahrungsmittel. Wovon leben Sie denn?« »Ei, der liebe Gott hat in diesen Wäldern reichliche Nahrungsmittel aufgespeichert für einen Reisenden, der nicht sehr viel zu essen braucht. Ich habe wilde Pflaumen und wilde Weintrauben, Nüsse und Moosbeeren gehabt und aus einem Felsen ein nettes Gericht tripe-de-mère .« Der Waldgänger zog ein saures Gesicht bei Erwähnung dieses Leckerbissens. »Ebenso gern möchte ich einen Topf voll Leim ausessen,« sagte er. »Aber was tragen Sie da auf dem Rücken?« »Meine Kirche. Ich habe hier alles bei einander: Zelt, Altar, Meßgewand, alles. Ich darf zwar selbst nicht wagen, ohne den bischöflichen Dispens das heilige Meßopfer zu feiern, aber dieser ehrwürdige Mann hier hat wohl auch die Weihen und könnte die höchst gebenedeiete Handlung vollziehen?« Mit schalkhaftem Augenzwinkern übersetzte Amos diesen Vorschlag dem Kapitän, der seine mächtigen roten Fäuste ballte und etwas von dem salzlosen »Gebräu des Papsttums« murmelte. Catinat dagegen antwortete kurz, sie seien sämtlich Laien, und wenn sie ihren Bestimmungsort vor Nacht erreichen wollten, müßten sie jetzt notwendig weiter ziehen. »Sie haben recht, mein Sohn,« versetzte der Jesuit. »Jene armen Leute da drüben haben bereits ihre Wohnstätten verlassen, und in wenig Tagen werden die Wälder von ihnen wimmeln, obgleich ich nicht glaube, daß etliche der ihren den Richelieu schon überschritten haben. Um eines aber hätte ich Sie gern gebeten.« »Und was wäre das?« entgegnete Catinat bereitwillig. »Möchten Sie sich gelegentlich daran erinnern, daß ich beim Pater Lamberville in Onoudaga das Wörterbuch zurückgelassen, das ich von der französischen und irokesischen Sprache entworfen habe? Er hat auch meinen Bericht über die Kupferminen an den großen Seen, die ich vor zwei Jahren besuchte, ferner ein Planetarium, das ich machte, um zu zeigen, wie man den nördlichen Himmel mit den Sternen jeden Monats von diesem Meridian aus sieht. Wenn dem Pater Lamberville oder mir etwas Menschliches zustoßen sollte, – und man lebt gewöhnlich nicht lange in der Irokesenmission – wäre es mir doch erwünscht, daß meine Arbeit andern zu gute käme.« »Ich will meinen Freund noch heute abend davon benachrichtigen,« erwiderte Catinat. »Aber was bedeuten diese großen Bilder, mein Vater, und weshalb tragen Sie dieselben durch den Wald?« Er drehte sie bei diesen Worten um, und die ganze Gesellschaft starrte sie mit verständnislosem Erstaunen an. Es waren ganz rohe Klexereien in schreiend bunten Farben. Auf dem ersten ruhte ein roter Mann heiter und lächelnd auf etwas, das einem Gebirgskamme glich, in der Hand ein Musikinstrument, auf dem Haupte eine Krone. Auf dem zweiten brüllte ein ähnlicher Mann aus Leibeskräften, während ein halbes Dutzend schwarzer Geschöpfe ihn mit Stangen prügelten und mit Lanzen stachen. »Dies ist eine verdammte, und jenes eine erlöste Seele,« sagte Pater Ignaz Morat und betrachtete die Bilder mit großer Genugthuung. »Dies hier sind Wolken, auf denen der selige Geist ruhet und die Wonnen des Paradieses genießt. Das Bild ist gut gemacht, aber es hat keine gute Wirkung gehabt, weil keine Biber darauf sind und keine Tabakspfeife hineingemalt ist. Sehen Sie, die armen Menschen haben wenig Vernunft, da müssen wir sie denn, so gut wir können, durch ihre thörichten Sinne zu unterrichten suchen. Dies andere Bild ist besser. Es hat schon mehrere Weiber bekehrt und auch einige Indianer. Wenn ich im Frühling wiederkomme, werde ich die erlöste Seele nicht wieder mitbringen, aber dafür fünf verdammte Seelen, eine für jede der Nationen. Sehen Sie, wir müssen eben den Satan mit solchen Waffen bekämpfen, wie wir sie gerade haben. Doch, meine Kinder, wenn ihr gehen müßt, so laßt mich euch vorher segnen.« Und nun begab sich etwas Merkwürdiges, denn die schöne Seele dieses Mannes leuchtete durch all die elenden Wolken von Sektentum und Bekenntnisunterschieden hindurch, – und als er seine Hand erhob, um sie zu segnen, da sanken die Protestanten auf die Kniee, sogar der alte Ephraim lauschte mit erweichtem Herzen und gebeugtem Haupte den halbverstandenen Worten dieses verkrüppelten, halbblinden, kleinen Fremden. »So lebt denn wohl,« fuhr er fort, als sie sich erhoben hatten. »Möge Sankt Eulalies Sonnenlicht euch geleiten und möge Sankt Anna von Beaupré euch schützen im Augenblick der Gefahr!« Damit verließen sie ihn, und die groteske und doch so heldenhafte Gestalt schleppte sich weiter durch die Wälder mit seinem Zelt, seinen Bildern und seiner Verstümmelung. Wenn die römische Kirche jemals untergehen sollte, so wird die Schuld an den Schwächen und Sünden ihrer Oberen liegen, oder es wird geschehen, weil sie das, was weitherzig gedacht ist, engherzig erklären will, aber es wird sicherlich nie geschehen durch die Schuld der niederen geistlichen Streiter, denn niemals haben sich Männer und Frauen verschwenderischer und selbstverleugnender hingeopfert, als in ihrem Dienste. IX. Der Herr von Sainte Marie Das Fort St. Louis, aus dem die Glocken erklungen waren, rechts liegen lassend, eilten die Flüchtlinge, so schnell sie laufen konnten, weiter, denn die Sonne stand bereits so tief, daß die Büsche in den Lichtungen baumlange Schatten warfen. Da plötzlich gewahrten ihre zwischen den Baumstämmen hindurchspähenden Blicke, wie das Grün des Rasens sich in das tiefe Blau des Wassers wandelte, und gleich darauf standen sie am Rande eines breiten, schnell flutenden Stromes. In Frankreich hätten sie ihn jedenfalls einen mächtigen Strom genannt, jetzt aber war ihr Auge verwöhnt durch die imposante Ausdehnung der weiten Wasserflächen des St. Lorenz. Amos sowohl wie Catinat kannten schon den blauen Richelieu, und beider Herzen schlugen höher bei seinem Anblick, wußten sie doch, daß sein Lauf den einen geradeswegs zur Heimat, den anderen zum Frieden und zur Freiheit führte. Einige Tagereisen den Fluß entlang und einige durch die lieblichen, inselreichen Seen, den Champlain- und den St. Sakrament-See, im Schatten der waldgeschmückten Adirondackberge – und sie hatten die Hauptstationen am Hudson erreicht, und alle ihre Mühseligkeiten und Gefahren dienten dann nur noch als Gesprächsstoff für die langen Winterabende. Jenseit des Flusses lag das furchtbare Irokesenland, und an zwei Stellen sah man den Rauch eines Feuers zum Abendhimmel emporsteigen. Daß aber keine Abteilung feindlicher Krieger bis jetzt den Strom überschritten, dafür hatten sie das Wort des Jesuiten und verfolgten daher den Pfad, der am östlichen Ufer entlang führte. Doch plötzlich wurde ihr Marsch durch einen rauhen, militärischen Anruf unterbrochen, und zwei Musketenläufe blitzten aus einem Dickicht, das den Weg beherrschte. »Gut Freund,« rief Catinat. »Woher des Wegs?« fragte die unsichtbare Schildwache. »Aus Quebec.« »Und wo wollt ihr hin?« »Wir wollen Herrn Charles de la Roue, Seigneur von Sainte Marie, besuchen.« »Gut. Es ist alles in Ordnung, du Lhut. Sie haben noch dazu eine Dame bei sich. Gnädige Frau, ich heiße Sie im Namen meines Vaters willkommen.« Von den beiden Männern, die soeben aus dem Gebüsch hervortraten, hätte man den einen ohne weiteres für einen Vollblutindianer gehalten, wenn er nicht diese höfliche Begrüßung im reinsten Französisch gesprochen hätte. Er war ein hochgewachsener, schlanker junger Mann, sehr brünett mit stechenden, schwarzen Augen und einem so harten, eckigen, grimm entschlossenen Zuge um den Mund, wie ihn nur indianische Abstammung verleihen kann. Sein straffes, grobes Haar war zu einer Skalplocke zusammengebunden, und die Adlerfeder darin war sein einziger Kopfschmuck. Ein Anzug von am Rande ausgefranstem Leder und Moccassins von Caribufell hätte als Seitenstück zu Amos Greens Tracht dienen können, wenn nicht die blitzende Goldkette an seinem Gürtel, das Funkeln eines kostbaren Ringes an seinem Finger, und das feingearbeitete, prachtvoll eingelegte Gewehr, das er trug, seiner ganzen Ausrüstung das Gepräge der Vornehmheit gegeben hätten. Ein breiter dunkelgelber diademartiger Strich über der Stirn und ein Tomahawk im Gürtel vermehrten noch die seltsamen Widersprüche seiner Erscheinung. Der andere war unzweifelhaft ein echter Franzose, bereits ältlich, dunkel und behende mit einem struppigen, schwarzen Bart und einem klugen, kühnen Gesicht. Um sein Jagdkleid schlang sich eine grellbunt gestreifte Schärpe, in der zwei lange Pistolen steckten. Sein büffelledernes Wams war vorn herunter mit gefärbten Stachelschweinsborsten und indianischer Perlarbeit verziert. Um seine hohen, ledernen Jagdgamaschen hing ein Kranz tiefroter Waschbärschwänze fransenartig herab. Er stand auf seine lange Büchse gelehnt und beobachtete die Ankömmlinge, während sein Gefährte ihnen entgegenging. »Sie werden unsre Vorsichtsmaßregeln entschuldigen,« fuhr dieser fort, »wir können nie wissen, was für Tücken diese Schufte ersinnen, um uns zu überlisten. Ich fürchte, gnädige Frau, Sie haben eine lange und beschwerliche Reise hinter sich,« Die arme Adèle, deren peinliche Sauberkeit selbst bei den Hausfrauen der St. Martinsstraße berühmt gewesen war, wagte kaum auf ihr beflecktes, zerschlissenes Gewand hinabzusehen. Alle Strapazen und Fährlichkeiten hatte sie lächelnden Angesichts ertragen, aber das Bewußtsein, vor Fremden in diesem Aufzuge erscheinen zu müssen, raubte ihr beinahe die Fassung. »Meine Mutter wird Sie mit Freuden begrüßen und für all Ihre Bedürfnisse sorgen,« fügte er schnell hinzu, als ob er ihre Gedanken gelesen hatte. »Ihnen; mein Herr, bin ich sicher schon einmal begegnet!« »Und ich Ihnen. Mein Name ist Amory de Catinat, vormals beim Regiment Picardie! Sie aber sind sicherlich Achille de la Roue von Sainte Marie. Ich erinnere mich Ihrer jetzt ganz genau. Sie kamen mit Ihrem Herrn Vater damals immer zu den großen Empfängen beim Statthalter.« »Ja, das bin ich,« erwiderte der junge Mann und streckte mit etwas gezwungenem Lächeln die Hand aus. »Es nimmt mich nicht Wunder, daß Sie mich nicht gleich erkannten. Sie haben mich damals in einer ganz andern Tracht gesehen.« Catinat erinnerte sich seiner in der That als eines jener jungen Edelleute, die einmal im Jahr nach der Hauptstadt zu kommen pflegten, um sich nach den neuesten Moden zu erkundigen, über den alten Versailler Klatsch vom vorigen Jahr zu plaudern und einige Wochen lang das Leben zu führen, das den Traditionen ihrer Herkunft entsprach. Freilich sah er jetzt anders aus, hier unter den alten Eichen mit Skalplocke und Kriegsbemalung, mit Flinte und Tomahawk! »Wir leben ein anderes Leben hier im Walde und ein anderes in den Städten,« sagte Achill, »obwohl mein guter Vater das nicht leiden kann und Versailles überall mit sich führt. Sie kennen ihn von früher her, mein Herr, da brauche ich meine Worte nicht zu erklären. – Die Stunde unsrer Ablösung ist gekommen, wir dürfen Sie deshalb nach Hause geleiten.« Zwei Männer in der groben Kleidung kanadischer consitaires oder Zinsbauern waren plötzlich zum Vorschein gekommen. Die Art und Weise, wie sie ihre Gewehre schulterten, verriet Catinats geübtem Auge die geschulten Soldaten. Der junge de la Roue gab ihnen einige kurze Befehle und führte dann die Réfugiés auf dem eingeschlagenen Pfade weiter. »Meinen Freund hier werden Sie wohl persönlich nicht kennen,« sagte er, auf seinen Begleiter deutend, »doch bin ich ganz überzeugt, daß sein Name Ihnen nicht fremd ist. Es ist Greysolon du Lhut.« Amos und Catinat blickten beide voll Neugierde und lebhaftem Interesse den berühmten Häuptling der Waldläufer an. Sein ganzes Leben lang war der Mann nach Westen, immer nach Westen vorgedrungen. Er hatte wenig davon geredet, niemals etwas geschrieben, war aber immer der erste auf dem Plan, wenn es galt, einer Gefahr zu trotzen, ein Hindernis zu überwinden. Weder Glaubenseifer noch Gewinnsucht lockten ihn in jene westliche Wildnis, sondern einzig die Liebe zur Natur und der Durst nach Abenteuern. Dabei war er so gänzlich frei von Ehrgeiz, daß es ihm nie beikam, seine Streifzüge zu beschreiben, und niemand erfuhr, bis wohin er sie ausgedehnt und wo er sich aufgehalten hatte. Er verschwand auf Jahre hinaus von den Ansiedlungen und zog in den weiten Prairien der Dakota oder dem ungeheuren Urwald des fernen Nordwestens umher, um dann eines schönen Tages urplötzlich wieder in Sault La Marie oder einem anderen Vorposten der Kultur aufzutauchen – ein wenig magerer, ein wenig brauner, aber sonst unverändert und so schweigsam wie zuvor. An den entlegensten Teilen des Continents kannten ihn die Indianer so gut, wie sie ihre eignen »Satschem« (Medizinmänner] kannten. Er hatte schon ganze Stämme zu den Waffen gerufen und war den Franzosen zu Hilfe gekommen mit einem Tausend bemalter Kannibalen, deren Sprache niemand verstand, von Gestaden her, die noch niemand besucht hatte. Wenn die wagehalsigsten französischen Forscher nach unzähligen Gefahren einen Landstrich erreichten, den sie für noch unentdeckt hielten – so saß da höchst wahrscheinlich du Lhut gemächlich an seinem Lagerfeuer, die Pfeife im Munde und ein Indianerweib neben sich. Ein ander Mal, wenn Not und Tod ihn bedrohten und auf tausend Meilen keine Hilfe zu finden war, traf dann wohl der Reisende den schweigsamen Mann mit ein oder zwei Gesellen vom gleichen Kaliber, die halfen ihm aus seiner üblen Lage und verschwanden ebenso unerwartet, wie sie gekommen waren. Solcher Art war der Mann, der jetzt mit unsern Freunden am Ufer des Richelieu dahinschritt, und Amos wie Catinat verstanden die unheilvolle Bedeutsamkeit seiner Anwesenheit, denn sie wußten, daß der Ort, den Greysolon du Lhut sich zum Aufenthalt wählte, stets der am schwersten bedrohte war. »Was halten Sie von den Feuern drüben, du Lhut?« fragte der junge de la Roue. Der Abenteurer stopfte seine Pfeife mit dem betäubenden indianischen Tabak, den er mit dem Skalpmesser von einer zusammengepreßten Rolle abschabte. Dann sah er nach den beiden kleinen Rauchsäulen hinüber, die sich scharf vom roten Abendhimmel abhoben. »Sie gefallen mir nicht,« meinte er. »Sind es Irokesenfeuer?« »Nun wenigstens beweist das, daß sie noch jenseit des Flusses sind.« »Im Gegenteil, es beweist, daß sie auf dieser Seite sind.« »Was?« Du Lhut zündete seine Pfeife an einem Streifen Zunder an. »Die Irokesen sind auf dieser Seite,« wiederholte er, »sie setzten südlich von uns über.« »Und Sie haben nichts davon gesagt! Woher wußten Sie denn, daß sie übersetzten, und warum sagten Sie es nicht?« »Ich erkannte es erst, als ich die Feuer drüben sah.« »Wie konnten Sie das daraus erkennen?« »Ganz einfach. Ein indianisches Wickelkind würde das erkennen,« sagte du Lhut ungeduldig. »Ein Irokese auf dem Kriegspfade thut nichts ohne Absicht. Sie bezwecken also etwas damit, wenn sie uns den Rauch zeigen. Wenn der Stamm noch drüben wäre, hätte das keinen Zweck. Deshalb müssen ihre Krieger über den Fluß gekommen sein. Nördlich von uns konnten sie nicht übersetzen, ohne vom Fort aus gesehen zu werden, folglich ist es weiter südlich geschehen.« Amos nickte lebhaften Beifall. »Das stimmt,« sagte er, »so machen es die Hallunken, ich wette, er hat recht.« »Dann können sie ja rund um uns her in den Wäldern stecken. Wir müssen in Gefahr sein!« rief de la Roue. Du Lhut nickte und that einen Zug aus seiner Pfeife. Catinat ließ den Blick in die Runde schweifen über die dicken Baumstämme, das fahle Laub und den glatten Rasen darunter, auf dem die abendlichen Schatten in langen Streifen lagen. Wie schwer war es doch, sich klar zu machen, daß hinter all dieser friedlichen Schönheit eine so tödliche und grauenhafte Gefahr lauerte, davor selbst ein lediger Mann für sich erbeben mochte, um wie viel mehr der, welcher das geliebte Weib dicht neben sich wandeln sah. Mit einem aus tiefstem Herzen kommenden Seufzer der Erleichterung erblickte er eine Palissadenschanze inmitten einer großen Lichtung und das sich dahinter erhebende steinerne Herrenhaus. In gleicher Linie mit den Palissaden standen etwa ein Dutzend kleiner Häuser mit Schindeldächern aus Cedernholz im normannischen Stil rings umher. Ihre Bewohner lebten im Schutze des herrschaftlichen Schlosses – ein merkwürdiges kleines Pfropfreis des Feudalsystems tief im amerikanischen Urwalde! Beim Näherkommen wurden sie über dem Haupteingang eines ungeheuren Holzschildes gewahr mit einem darauf gemalten Wappen: in silbernem Felde ein schwarzweißer Sparren mit drei scharlachroten Krönchen. An jeder Ecke der Einfriedigung guckte eine kleine Messingkanone aus einer Schießscharte hervor. Als sie das Thor durchschritten hatten, wurde es von dem Thürhüter verschlossen und mit gewaltigen Holzbalken verriegelt. Eine kleine Schar Männer und Frauen und Kinder umstanden das Schloßportal, wo in einem hochlehnigen Sessel auf der Schwelle ein Mann saß. »Sie kennen meinen Vater,« sagte der junge Mann achselzuckend. »Er thut, als ob er niemals sein normannisches Schloß verlassen hätte und als ob er noch immer der Freiherr von La Roue wäre, der vornehmste Mann im Umkreis einer Tagereise von Rouen, vom edelsten Blut der Normandie. Er nimmt jetzt seinen Lehnsleuten den Treuschwur und die jährlichen Steuern ab, und würde es für unpassend halten, eine so erhabene Ceremonie zu unterbrechen, und wenn der Gouverneur in eigner Person ihn besuchen käme. Wenn es Sie interessiert, so treten Sie hierher und sehen Sie zu, bis er fertig ist. Sie aber, gnädige Frau, will ich sogleich zu meiner Mutter führen, wenn Sie mir gütigst folgen wollen.« Das Schauspiel, das sich ihnen darbot, war den Amerikanern wenigstens ganz neu. Eine dreifache Reihe von Männern, Frauen und Kindern war im Halbkreise aufgestellt. Die Männer waren rauhe, sonnverbrannte Gesellen, die Frauen sahen schlicht und sauber aus in ihren zierlichen, weißen Häubchen, die Kinder standen da mit weit offnen Augen und Mündern; offenbar zu ungewohnter Sittsamkeit vermocht durch die ehrfurchtsvolle Haltung ihrer Eltern. Der ältliche Herr, auf dem hochlehnigen geschnitzten Stuhle vor ihnen, saß sehr steif, sehr aufrecht und mit ungemein feierlichem Gesichte da. Es war ein sehr schöner Mann, hochgewachsen und breitschulterig mit starken, glattrasierten und tief gefurchten Zügen. Seine Nase hatte einen mächtigen Haken, und dicke, struppige Augenbrauen wölbten sich fast bis zu der großen Perücke, die er noch ebenso lang und kraus trug, wie das in seiner Jugend in Frankreich Mode gewesen war. Auf der Perücke saß ein keck an einer Seite aufgekrempter weißer Hut, um den eine wallende rote Feder sich wand. Der zimmetbraune Tuchrock mit Silberstickerei an Aufschlägen und Taschen war noch immer sehr schön, obgleich er deutliche Spuren häufigen Bürstens und Ausbesserns zeigte. Schwarzsammetne Kniehosen und hohe, blankgewichste Stiefel vollendeten ein Kostüm, wie Catinat es nicht in den Urwäldern Kanadas zu sehen erwartet hätte. Jetzt trat ein Landmann aus der Menge hervor, kniete auf einem viereckigen Teppich nieder, legte seine Hände in die des Herrn und sprach: »Herr von Sainte Marie, Herr von Sainte Marie, Herr von Sainte Marie! Ich gelobe Ihnen die Treue und die Lehnspflicht, die ich Ihnen schulde, wegen meines Lehngutes Herbert, das ich als Ew. Gnaden treuer Lehnsmann verwalte.« »Sei treu, mein Sohn! Sei tapfer und treu!« sagte der Edelmann feierlich, unterbrach sich dann aber plötzlich in gänzlich verändertem Tone: »Was ins Teufels Namen schleppt deine Tochter da an?« Ein junges Mädchen, die ein großes Stück Baumrinde trug, worin ein Haufe toter Fische lag, war vorgetreten. »Das ist ja das elfte Gericht Fische, das ich Ihnen laut meines Lehnseides liefern muß,« erklärte der censitaire , »Hier sind dreiundsiebzig Fische, denn achthundert habe ich im Monat gefangen.« »Pest und Tod!« rief der Edelmann. »Bildest du dir etwa ein, André Dubois, daß ich meine Gesundheit mit deinen dreiundsiebzig Fischen ruinieren werde? Denkst du etwa, ich und meine Leibdiener, mein persönliches Gefolge und die übrigen Glieder meines Haushaltes hätten nichts Besseres zu thun, als deine Fische zu essen? Zukünftig wirst du von deiner Abgabe nie mehr als fünf auf einmal erstatten. Wo ist der Hausmeister? Theuriet, laß die Fische auf den Mittelspeicher bringen, und sorge dafür, daß der Geruch nicht in das blaue Gobelinzimmer oder in die Gemächer der gnädigen Frau ziehe.« Ein Mann in sehr fadenscheiniger, schwarzer Livree, die verschossen und voller Flecke war, brachte eine große Zinnschüssel herbei und trug darauf den Haufen weißlicher Fische hinweg. Nun traten die Lehnsleute der Reihe nach vor, legten ihren altväterischen Huldigungseid ab, und jeder steuerte einen Teil seines Erwerbes zum Unterhalt seines Herrn bei. Der eine brachte einen Scheffel Weizen, der andere eine Tonne Kartoffeln, noch andere Reh- oder Biberfelle, Der Hausmeister trug alles fort, bis endlich alle ihren Tribut abgeliefert hatten und damit die eigentümliche Ceremonie zum Abschluß kam. Als der alte Herr sich erhob, nahm sein mittlerweile zurückgekehrter Sohn Catinat beim Arm und führte ihn durch die Menge. »Vater,« sagte er, »hier ist Herr von Catinat, dessen du dich wohl noch von Quebec her entsinnen wirst.« Der Schloßherr verbeugte sich mit großer Leutseligkeit und drückte Catinats Hand. »Seien Sie mir herzlich willkommen auf meinen Gütern, Sie und Ihr Gefolge –« »Es sind meine Freunde, Herr von Sainte Marie. Erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Amos Green und Herrn Kapitän Savage vorzustellen. Meine Frau begleitet mich auch – Ihr liebenswürdiger Herr Sohn hat bereits die Güte gehabt, sie zu Ihrer Frau Gemahlin zu führen.« »Es ist mir eine Ehre – eine große Ehre!« rief der alte Mann mit einer Verbeugung und zierlichen Handbewegung. »Ich erinnere mich Ihrer sehr wohl, mein Herr, denn hier zu Lande begegnet man nicht zu häufig Männern von Stande. Ich erinnere mich auch Ihres Herrn Vaters sehr wohl, denn wir kämpften zusammen bei Rocroy, er bei der Infanterie freilich und ich bei Grissots roten Dragonern. Nicht wahr, Sie führen eine gestümmelte Amsel am Balken in azurblauem Felde im Wappen? Dabei fällt mir ein, die zweite Tochter Ihres Urgroßvaters heiratete den Neffen eines La Roue von Andelys, einer Nebenlinie unsres Hauses. Vetter, seien Sie mir willkommen!« Damit umarmte er den überraschten Catinat und klopfte ihm dreimal auf den Rücken. Der ehemalige junge Offizier war nur zu glücklich, eine so herzliche Aufnahme gefunden zu haben. »Ich will Ihre Gastfreundschaft nicht lange in Anspruch nehmen,« sagte er. »Wir reisen nach dem Champlainsee und hoffen sehr, in ein bis zwei Tagen wieder aufbrechen zu können.« »Eine Reihe Gemächer soll Ihnen zur Verfügung stehen, so lange Sie mir die Ehre erweisen, hier zu bleiben. Peste! Es passiert mir nicht alle Tage, daß ich meine Pforten einem Manne von guter Familie aufthun darf! Ach, mein Herr, das entbehre ich am schmerzlichsten in meinem Exil, denn wo fände ich hier meines Gleichen! Da haben wir den Gouverneur, den Quartiermeister, vielleicht ein paar Priester und ein paar Offiziere, aber vom alten Adel kaum einer! Sie kaufen sich hier drüben ihre Titel, wie ihre Pelze, und hier gilt eine Bootsladung Biberfelle mehr als die Abstammung von Roland. Doch ich vergesse ganz meine Pflicht. Sie werden müde und hungrig sein und Ihre Freunde gleichfalls. Kommen Sie nach dem Speisesaal, wir wollen sehen, ob mein Haushofmeister etwas zu Ihrer Erquickung besorgt hat. Wenn ich mich recht erinnere, spielen Sie Piquet? Ich bin leider sehr aus der Übung gekommen und würde gern meine Geschicklichkeit durch ein paar Partien mit Ihnen wieder auffrischen.« Das Herrenhaus war ein hoher fester Bau aus grauem Stein und Holzfachwerk. Die große, eisenbeschlagene Thür, die ihnen Einlaß gewährt hatte, war mit Schießlöchern für das Musketenfeuer versehen und führte zu einer ganzen Reihe von Gewölben und Speichern, in denen Runkelrüben, Möhren, Kartoffeln, Kohl, Pökelfleisch, geräucherter Aal und andere Wintervorräte aufbewahrt wurden. Eine steinerne Wendeltreppe führte in eine große, luftige, gepflasterte Küche, von wo aus sich die Wohnräume der Dienstboten abzweigten, die der alte Herr aber stets »Vasallen« zu nennen liebte. Darüber befanden sich die eigentlichen Wohnzimmer, die rings um den Speisesaal mit seinem gewaltigen Kamin und seiner rohen, ländlichen Einrichtung lagen. Auf dem braungestrichenen Fußboden lagen überall weiche Bären- und Rehfelle, und an den Wänden prangten vielendige Geweihe zwischen reihenweise aufgehängten Jagdflinten und langen Büchsen. Auf einem breiten, roh behobelten, schwerfälligen Ahorntische, der die Mitte des Gemaches einnahm, standen eine Wildpretpastete, ein halber geräucherter Lachs und eine riesige Preißelbeertorte. Die hungrigen Wanderer ließen sich die guten Sachen schmecken. Der Wirt erklärte zunächst, er habe bereits gespeist und wolle ihnen nur Gesellschaft leisten, aß dann aber noch mehr als Ephraim Savage, trank mehr als du Lhut und gab schließlich ein französisches Liebesliedchen mit einem Tralala-Refrain zum besten, dessen Text glücklicherweise – denn sonst wäre es wohl mit dem Frieden der Tafelrunde aus gewesen – dem Kapitän aus Boston völlig unverständlich blieb. »Madame nimmt eine kleine Erfrischung im Boudoir meiner Gemahlin ein,« erklärte er, als man die Schüsseln entfernt hatten »Du kannst eine Flasche Frontignac aus Abteilung 14 heraufholen, Theuriet. Sie werden sehen, meine Herren, daß wir selbst in den Hinterwäldern etwas – allerdings nur sehr wenig – haben, das nicht ganz zu verachten ist. Sie kommen also direkt von Versailles, Catinat? Es wurde erst nach meiner Zeit erbaut; aber wie gut entsinne ich mich noch des alten Lebens am Hofe zu Saint Germain, ehe Ludwig fromm wurde! Ach, was waren das doch noch für unschuldige, glückliche Zeiten, als Frau von Nevailles die Fenster der Hofdamen vergittern ließ, um sie vor dem König zu schützen, und wir Kavaliere, acht Mann hoch, früh morgens zum Duell auf den Rasenplatz zogen! Beim heiligen Dionys! Die kunstgerechte Wendung des Handgelenks habe ich noch nicht vergessen, und so alt ich bin, ein tüchtiger Gang auf geschliffene Rapiere würde mir nicht schaden!« Gravitätisch schritt er zur Wand hinüber, wo Rapiere und Dolche hingen, und fing an, an der Thür Ausfälle zu machen, fuhr hinein und wieder hinaus, parierte eingebildete Stöße mit seinem Dolch, stampfte mit dem Fuß auf und ließ dazu ein: » Punto! riverso! stoccata! dritta! mandritta « und den ganzen Jargon der Fechtschule hören. Schweratmend, mit verschobener Perücke, setzte er sich endlich wieder zu ihnen. »Das war unsre alte Fechtübung,« sagte er. »Natürlich habt ihr Jüngeren schon wieder alles verbessert; aber sie hat bei Rocroy gegen die Spanier und sonst an manchem Ort, den ich nennen könnte, gute Dienste geleistet. Wie ich höre, versteht man indes bei Hofe noch immer zu leben. Es gibt da noch immer Liebeshändel und Blutabzapfen. Wie mag es Lauzun bei seinem Werben um Fräulein von Montpensier ergangen sein? Wurde es bewiesen, daß Frau von Clermont der Giftmischerin le Vie ein Fläschchen abgekauft hatte, zwei Tage, ehe ihrem Mann die Suppe so schlecht bekam? Was that der Herzog von Biron, als sein Neffe mit der Herzogin durchging? Ist es wahr, daß er ihm zum Dank für seine That sein Einkommen um fünfzigtausend Livres erhöhte?« So fuhr der Freiherr fort, nach Konflikten von vor zwei Jahren zu fragen, deren Entwicklung und Lösung man am Richelieufluß noch immer nicht erfahren hatte. Zu später Nachtstunde, als seine Kameraden schon längst in ihren Betten schnarchten, saß Catinat noch immer nickend und gähnend da und mühte sich ab, die Neugierde des alten Höflings zu befriedigen und seine Kenntnisse durch Versailler Klatschgeschichten neuesten Datums mit den kleinsten Einzelheiten zu vervollständigen. X. Der Elennhirsch auf dem Kriegspfade. Zwei Tage waren die Reisenden nun schon auf dem Herrensitz von Sainte Marie, und sie wären gern noch länger geblieben, denn das Quartier war behaglich und die Aufnahme herzlich, aber das rote Herbstlaub wurde bereits braun, Eis und Schnee überzog oft sehr früh diese nördlichen Lande, und wenn einmal der Winter einbrach, so wurde die Fortsetzung ihrer Reise zur Unmöglichkeit. Der alte Edelmann hatte zu Lande und zu Wasser Späher ausgeschickt, aber keine Spur von Irokesen war auf dem östlichen Ufer zu entdecken. Du Lhut hatte sich offenbar geirrt. Drüben auf der anderen Seite dagegen bewiesen die federartig über den Baumwipfeln aufsteigenden Rauchsäulen, daß die Feinde nicht gar weit entfernt waren. Von den Fenstern des Herrenhauses, sowie vom Hofe aus konnte man von früh bis spät diese beunruhigenden Signale beobachten, die unaufhörlich daran mahnten, daß ein grausiger Tod die Hand nach seinen Bewohnern ausstreckte. Die Réfugiés hatten sich jetzt erholt und erquickt und beschlossen einmütig, weiter zu ziehen. »Wenn wir den Schnee abwarten, wird es noch tausendmal gefährlicher,« sagte Amos, »denn wir hinterlassen eine Spur, der selbst ein Wickelkind folgen könnte.« »Und warum sollten wir uns fürchten?« drängte der alte Ephraim. »Wahrlich, wir wandeln durch die Salzwüste, aber selbst wenn dieser Weg uns ins Thal Hinnom Würgethal, vgl. Jeremia 19, 6–7. führen sollte, so wird der Herr unser Hort sein und uns erretten von diesen Söhnen Jerobeams. Richte den Kurs gerade aus, Junge, und klemm das Steuer ein, der Lotse wird dich sicher durchbringen.« »Ich fürchte mich auch nicht, Amory, und habe mich wieder ganz ausgeruht,« sagte Adèle. »Außerdem wird uns erst ganz wohl sein, wenn wir glücklich in den englischen Provinzen angelangt sind, denn hier können wir doch nie wissen, wie bald uns der schreckliche Mönch entdeckt und den Befehl bringt, uns nach Quebec und Paris zurückzuschleppen.« Die Möglichkeit lag in der That sehr nahe, daß der rachsüchtige Franziskaner sie an den Ufern des Richelieu suchte, wenn er sich einmal überzeugt hatte, daß sie weder in Montreal noch in Dreiflüssen zu finden waren. Wenn Catinat es sich vergegenwärtigte, wie er an jenem Morgen in dem großen Kanoe an ihnen vorüber gekommen war – das fanatische Gesicht vorgestreckt, den dunklen Körper im Takt der Ruderschläge wiegend, so erschien ihm die Gefahr, an die ihn seine Frau erinnerte, nicht nur möglich, sondern in drohender Nähe. Der Seigneur war sein Freund, aber er durfte dem Befehl des Gouverneurs nicht widerstreben. Eine große unsichtbare Hand reckte sich vom fernen Versailles drohend nach ihnen aus, bereit, sie auch hier, mitten im jungfräulichen Urwald, zu packen und sie zurückzuführen in Schande und Elend hinein. Nein, lieber den Gefahren der Wälder entgegen als das! Herr von La Roue und sein Sohn, welche nichts von den Gründen wußten, die ihre Gäste zur Eile zwangen, boten alles auf, um sie zum Bleiben zu bewegen, und wurden darin von dem schweigsamen du Lhut unterstützt, dessen wenige abgebrochene Worte stets gewichtiger waren, als die längste Rede, denn er sprach nie über Dinge, die er nicht vollständig beherrschte. »Sie haben meinen bescheidenen Wohnsitz kennen gelernt,« sagte der alte Herr mit einer verbindlichen Schwenkung seiner spitzenumkrausten, reichberingten Hand. »Er ist zwar nicht ganz meinen Wünschen gemäß, indessen, so wie er ist, steht er Ihnen herzlich gern für den Winter zur Verfügung, falls Sie und Ihre Begleiter mir die Ehre Ihres Besuches schenken wollen. Was Ihre Frau Gemahlin anbetrifft, so wird sie sicherlich bei der meinigen Zerstreuung und Beschäftigung genug finden. Dabei fällt mir ein, daß Sie ihr noch gar nicht vorgestellt sind. Theuriet, geh zu deiner Gebieterin und sage ihr, ich ließe sie ersuchen, in die Baldachin-Halle kommen zu wollen.« Catinat war an Überraschungen gewöhnt, er konnte sich aber dennoch eines gelinden Schreckens nicht erwehren, als er die Dame erblickte, von welcher der alte Kavalier nur in Ausdrücken der übertriebensten Ehrfurcht sprach, und die einer Vollblutindianerin ebenso genau glich, wie die Baldachin-Halle einer französischen Scheune. Sie trug zwar ein rotseidenes Leibchen über einem schwarzen Rock, und Schuhe mit silbernen Schnallen, an ihrem Gürtel hing sogar ein parfümierter Bisamapfel an goldenem Kettchen, aber ihr Gesicht war von der Farbe der Kiefernrinde, und die starke Nase, der harte Mund, sowie die beiden Flechten groben, schwarzen Haares, die über ihren Rücken fielen, ließen keinen Zweifel an ihrer Abstammung zu. »Erlauben Sie mir, Herr von Catinat,« sagte der Seigneur de Sainte Marie feierlich, »daß ich Sie meiner Gemahlin vorstelle: Onega de la Roue von Sainte Marie, kraft ihrer Vermählung mit mir Châtelaine dieser Seigneurie, sowie von Schloß d'Andelys in der Normandie und der Güter von Varennes in der Provence, unbeschadet der ihr zuständigen Rechte erblicher Häuptlingschaft in der weiblichen Linie beim Volk der Onondagas. Mein Engel, ich habe soeben versucht, unsre Freunde zu überreden, bei uns in Sainte Marie zu bleiben, anstatt nach dem Champlainsee weiter zu reisen.« »Lassen Sie wenigstens Ihre weiße Lilie in Sainte Marie,« sagte die indianische Prinzessin in vorzüglichem Französisch und umschloß mit ihren rotbraunen Fingern Adèlens elfenbeinweiße Hand. »Wir wollen sie Ihnen sicher bewahren, bis das Eis taut und die Blätter und die Vogelbeeren wieder sprießen. Ich kenne mein Volk, Herr von Catinat, und ich sage Ihnen, im Walde wohnt der Mord; nicht umsonst sind die Blätter von der Farbe des Blutes – der Tod lauert hinter jedem Baume.« Die nachdrückliche Ausdrucksweise seiner Wirtin beunruhigte Catinat mehr, als jede andere bisherige Warnung. Wenn irgend jemand, so mußte sie im stande sein, die Zeichen der Zeit zu deuten. »Ich weiß nicht aus noch ein,« rief er verzweifelt. »Vorwärts muß ich, und doch, wie darf ich sie solchen Gefahren aussetzen? Nur zu gern würde ich den Winter über hier bleiben, aber ich gebe Ihnen mein Wort, Herr de la Roue, es ist unmöglich!« »Du Lhut, Sie verstehen sich auf solche Fälle,« sagte der Seigneur. »Was raten Sie meinem Freunde, da er nun einmal entschlossen ist, die englischen Provinzen noch vor dem Winter zu erreichen?« Der dunkle, schweigsame Pionier strich mit der Hand über den Bart, als überlege er die Frage. »Es gibt nur einen Weg,« sagte er endlich, »und auch der ist nicht gefahrlos. Die Wälder sind jetzt sicherer als der Fluß, denn das Schilf steckt voll verborgener Kanoes. Fünf Meilen von hier liegt das Blockhaus Poiton, und fünfzehn Meilen weiter das von Auvergne. Wir wollen morgen durch den Wald nach Poiton und sehen, ob alles sicher ist. Ich gehe mit und gebe Ihnen mein Wort: sind die Irokesen da, so wird Greysolon du Lhut das erfahren. Die Dame lassen wir hier und holen sie, wenn wir alles sicher finden, ab. Dann dringen wir auf dieselbe Weise nach Auvergne vor, und dort müssen wir warten, bis wir hören, wo die indianischen Krieger sind. Es wird meiner Meinung nach nicht lange dauern, bis wir das erfahren.« »Wie! Sie wollen uns trennen!« rief Adèle entsetzt. »Es ist besser so, meine Schwester,« sagte Onega, sie zärtlich umfassend. »Sie können die Gefahr nicht ermessen, wir aber können es und werden nicht zulassen, daß unsere weiße Lilie ihr verfällt. Sie bleiben hier, um unser Herz zu erfreuen, während der große Häuptling du Lhut und der französische Soldat, Ihr Gatte, und der alte Krieger, der so vorsichtig zu sein scheint, und der junge Häuptling mit Gliedern wie die des Edelhirsches, die Wälder durchforschen, damit alles sicher ist, ehe Sie sich hinein wagen.« So wurde es zuletzt beschlossen und Adèle trotz allen Protestierens der Obhut der Herrin von Sainte Marie anvertraut, während Catinat ihr heilig gelobte, ohne Verzug von Poitou zurückzukehren, um sie zu holen. Der alte Edelmann und sein Sohn hätten am liebsten das Abenteuer mit bestanden, aber sie hatten ihre Pflicht gegen den festen Platz selbst und gegen das Leben vieler Menschen, das ihnen anvertraut war, zu erfüllen. Zudem fand eine kleine Schar mehr Sicherheit im Walde als eine größere. Der alte Freiherr versah sie mit einem Briefe an Herrn von Lannes, den Kommandanten des Blockhauses Poitou. Beim ersten Tagesgrauen stahlen sich die vier Gefährten aus dem Palissadenthor und waren im nächsten Augenblick im dichten, finstern Walde verschwunden. Drinnen murmelte der Wächter ihnen einen Segenswunsch nach. Auf dem geraden Wasserwege waren es nur fünf Meilen von Sainte Marie bis Poitou, auf dem Landwege aber mehr als doppelt so viel, denn da mußten Buchten durchwatet, schilfumgürtete Seen umgangen, gangbare Stellen in Sümpfen aufgesucht werden, wo der wilde Reis mehr als Mannshöhe erreichte und dichtes Erlengebüsch in undurchdringlichen Massen den Weg blockierte. Sie gingen einzeln hintereinander her, du Lhut voran, mit dem leichten unhörbaren Tritt eines Waldtiers, den Leib vornüber gebeugt, das Gewehr schußbereit im hohlen Arm. Seine scharfen, schwarzen Augen schossen rasche Blicke nach rechts und links und beobachteten alles, von dem winzigsten Zeichen am Boden oder Baumstamm bis zu der Bewegung jedes Tieres und Vogels im Unterholz. Catinat schritt ihm zunächst, dann kam Ephraim Savage und zuletzt Amos; alle hielten die Waffen bereit, und jeder ihrer Sinne war aufs äußerste gespannt. Um Mittag hatten sie etwas über die Hälfte ihres Weges zurückgelegt und lagerten sich in einem Dickicht, um ihre dürftige Ration Brot und Käse zu verzehren. Ein Feuer anzuzünden wollte du Lhut nicht gestatten. »Bis hierher sind sie noch nicht gekommen,« flüsterte er, »und dennoch bin ich ganz überzeugt, daß sie bereits diesseits des Flusses sind. Gouverneur de la Barre wußte nicht, was er that, als er diese Stämme reizte, und der fromme Dragoner, den der König uns jetzt geschickt hat, weiß es noch weniger.« »Ich habe sie zur Friedenszeit gesehen,« bemerkte Amos eben so leise, »ich trieb mit den Onondagas und den Senecas Handel. Ich kenne sie als ausgezeichnete Jäger und tapfere Männer.« »Gute Jäger sind sie, aber das Wild, das sie am besten jagen, sind ihre Mitmenschen. Ich habe selbst ihre Skalpzüge angeführt, habe dann auch wieder gegen sie gekämpft, und ich sage Ihnen, wenn so ein General aus Frankreich ankommt, der kaum weiß, wie man es macht, daß man beim Gefecht die Sonne im Rücken hat, der wird sich bei ihnen keine Lorbeern holen. Da reden sie davon, die Dörfer niederzubrennen! Es wäre gerade so, als wollte man ein Wespennest zertrampeln und sich einbilden, nun wäre man die Wespen los! Sie sind aus Neuengland, mein Herr?« »Mein Kamerad ist aus Neuengland, ich bin aus Newyork.« »Ach so! Ich sah es Ihrem Schritt und Auge an, daß Sie in den Wäldern zu Hause sind. Der Neuengländer geht lieber zur See und erschlägt den Wal lieber als das Renntier. Darum ist vielleicht sein Gesicht so traurig. Ich bin selbst auf dem großen Wasser gewesen und erinnere mich, daß auch mein Gesicht damals traurig aussah. Wir haben übrigens kaum einen Windhauch, da können wir uns, meine ich, unbesorgt unsre Pfeife anzünden. Ich hab's freilich erlebt, daß bei einem tüchtigen Luftzug eine brennende Pfeife auf zwei Meilen Entfernung einen Skalpierzug herbeilockte, aber die Bäume fangen den Geruch auf, und die Irokesen haben nicht so feine Nasen, wie die Sioux und Dacota. Gott steh' Ihnen bei, Herr Green, wenn Sie jemals einen indianischen Krieg haben sollten. Für uns ist er schon böse genug, für Sie würde er aber tausendmal schlimmer sein.« »Warum denn?« »Weil wir die Indianer von Anfang an bekämpft haben und bei all unsern Bauten darauf Rücksicht nehmen. Sie sehen, wie hier den ganzen Fluß entlang jedes Haus und jeder Weiler dem Nachbar hilft. Aber bei Ihnen – bei der heiligen Anna von Beaupré! mein Skalp juckte mir, als ich an Ihre Grenzen kam und die einsamen Höfe und die kleinen Rodungen draußen im Walde sah, zwanzig Meilen von jeder Hilfe entfernt! Ein Indianerkrieg ist ein Fegefeuer für Canada, aber für die englischen Provinzen wäre er die Hölle.« »Wir sind gut Freund mit den Indianern,« sagte Amos, »wir sind keine Eroberer.« »Das wird stets bei Ihnen gesagt, und doch erobern Sie,« bemerkte du Lhut. »Wir hingegen schlagen die Pauken, schwenken die Fahnen und machen ein großes Hallo – es kommt aber bei alledem nicht viel heraus. Zwei tüchtige Männer hatten wir in Canada. Der eine war der Herr von La Salle, der voriges Jahr von seinen eignen Leuten unten am großen Fluß erschossen wurde, und der andere, der alte Frontenac, muß schleunigst wiederkommen, wenn die fünf Nationen Neu-Frankreich nicht zur Wüste machen sollen. Mich sollte es nicht wundern, wenn über zwei Jahre das weißgoldne Lilienbanner nur noch auf dem Felsen von Quebec wehte! – Doch Sie sehen mich ungeduldig an, Herr von Catinat; ich weiß, Sie zählen die Stunden, bis wir wieder in Sainte Marie sind. Vorwärts also, und möchte der zweite Teil unsrer Reise so friedlich verlaufen wie der erste!« Wohl eine Stunde lang folgten sie den Schritten des alten französischen Pioniers durch den Wald. Es war ein herrlicher Tag, kein Wölkchen stand am Himmel, und die Sonne strahlte durch das dichte Laubdach hernieder und bedeckte den schattigen Rasen mit einem feinen Goldnetz. Zuweilen kamen sie an lichten Stellen in das reine Sonnenlicht, aber nur, um schnell wieder in die dichten Baumgänge jenseits zu tauchen, wo nur zuweilen ein einzelner Sonnenstrahl durch das laubige Dach seinen Weg hindurch fand. Diese plötzlichen Übergänge von Licht und Schatten wären wunderschön gewesen, wenn nicht das Bewußtsein der wachsenden Gefahr, und das Grauen, das hinter eben diesen Schatten lauerte, die Herzen mehr zur Furcht als zur Bewunderung gestimmt hätte. Schweigend und vorsichtig schritten die vier Männer zwischen den großen Baumstämmen dahin. Plötzlich sank du Lhut ins Knie und legte das Ohr an den Boden. Er stand wieder auf, schüttelte den Kopf und schritt mit sehr ernstem Gesicht weiter; schnell und forschend schweiften seine Blicke nach jeder Richtung. »Hörten Sie etwas?« flüsterte Amos. Du Lhut legte den Finger auf den Mund. Im nächsten Augenblick lag er wieder mit dem Ohr am Boden. Dann sprang er auf, und sein Antlitz trug den Ausdruck eines Mannes, der gehört hat, was er zu hören erwartete. »Geht weiter,« sagte er ruhig, »und benehmt euch genau so, wie ihr es den ganzen Tag über gethan habt.« »Was gibt's denn?« »Indianer!« »Vor uns?« »Nein, hinter uns.« »Was machen sie?« »Sie folgen uns.« »Wie viele?« »Zwei, denke ich.« Die Freunde blickten unwillkürlich zurück in das tiefe Waldesdunkel. An einem Punkte glitt ein einziger breiter Lichtpfeil zwischen den Tannen hernieder und warf einen goldenen Fleck auf ihre Fährte. Außer dieser einen glänzenden Stelle war alles düster und still. »Wendet euch nicht um,« flüsterte du Lhut scharf, »geht weiter wie vorhin.« »Sind es Feinde?« »Es sind Irokesen.« »Verfolgen sie uns?« »Nein, jetzt verfolgen wir sie.« »Sollen wir denn umkehren?« »Nein, sie würden verschwinden, wie die Schatten.« »Wie weit von uns sind sie?« »Etwa zweihundert Schritt, denke ich.« »Sie können uns also nicht sehen?« »Ich glaube nicht, weiß es aber nicht genau. Jedenfalls denke ich mir, folgen sie unsrer Fährte.« »Was sollen wir nun thun?« »Einen Kreis beschreiben und ihnen so in den Rücken kommen.« Er schwenkte scharf links ab und führte sie in einer langen Bogenlinie durch den Wald. Rasch und schweigend eilten sie immer im dichtesten Schatten dahin. Dann wandte der Führer sich von neuem und blieb gleich darauf stehen. »Dies ist unsre Spur,« sagte er. »Jawohl, und zwei Rothäute sind drüber weggegangen,« rief Amos, der sich gebückt hatte, und auf Spuren deutete, die Catinat und Ephraim Savage ganz unsichtbar blieben. »Ein alter Krieger und ein Knabe auf seinem ersten Kriegspfade,« sagte du Lhut. »Sie sind schnell gegangen, denn man sieht kaum den Fersenabdruck ihrer Moccasins. Sie gingen hintereinander. Nun wollen wir ihnen folgen und sehen, ob es uns besser glückt.« Er eilte schnell der Spur nach, die gespannte Büchse in der Hand. Die anderen folgten ihm auf dem Fuße. Kein Ton, kein Lebenszeichen kam aus der schattigen Wildnis ringsum. Plötzlich blieb du Lhut stehen und senkte das Gewehr. »Sie sind noch immer hinter uns,« sagte er. »Hinter uns?« »Ja, dies ist die Stelle, wo wir abschwenkten. Sie zögerten einen Augenblick, wie man es an den Fußtapfen sehen kann, und folgten uns dann weiter.« »Könnten wir sie nicht einholen, wenn wir noch einmal und diesmal schneller die Runde machten?« »Nein. Jetzt sind sie auf ihrer Hut. Sie müssen jetzt wissen, daß wir nur um ihretwillen auf unsre Spur zurückgekehrt sind. Legt euch hier hinter den umgestürzten Baumstamm, vielleicht können wir sie zu sehen bekommen.« Ein großer, in Fäulnis begriffener Stamm, ganz mit grünem Schimmel und rosa und lila Pilzen überzogen, lag in ihrer Nähe. Hinter diesen duckte sich der Kanadier, und seine drei Gefährten folgten seinem Beispiel, indem sie durch den schützenden jungen Nachwuchs hindurch lugten. Noch immer leuchtete der eine breite Sonnenstrahl zwischen den beiden Tannen hernieder, sonst aber war alles dämmerig und still, wie in einem großen Dome mit schlanken Holzpfeilern und laubigem Dache. Kein Ast knarrte, kein Zweiglein brach, tiefe Stille allüberall, nur weit hinten in der Tiefe des Forstes bellte ein Fuchs. Atemlose Spannung durchschauerte Catinats Nerven. Es war ihm zu Mute, wie beim Versteckspiel zwischen den Eichen- und Taxushecken von Versailles, das der Hof zuweilen spielte, wenn Ludwig dazu aufgelegt war. Aber der Einsatz dort war vielleicht ein geschnitzter Fächer oder eine Schachtel mit Bonbons – hier war er das Leben. Zehn Minuten vergingen. Alles blieb still. »Sie sind drüben in jenem Dickicht,« flüsterte du Lhut und nickte nach einem dichten Gebüsch hinüber, das ungefähr zweihundert Schritt entfernt war. »Haben Sie sie gesehen?« »Nein.« »Woher wissen Sie es denn?« »Ich sah ein Eichhörnchen aus seinem Loch in der großen, weißen Birke drüben kommen. Es fuhr wieder hinein, als ob es sich erschrocken hätte. Von seinem Loch aus kann es in das Unterholz dort hineingucken.« »Glauben Sie, daß die Kerls wissen, daß wir hier sind?« »Sie können uns nicht sehen, aber sie sind mißtrauisch. Sie fürchten eine Falle.« »Sollten wir sie nicht in ihrem Gebüsch angreifen?« »Sie würden dann zweien von uns das Lebenslicht ausblasen und darauf im Walde verschwunden sein wie die Schatten. Nein, wir wollen lieber unsern Weg weiter gehen.« »Wenn sie uns aber folgen?« »Ich glaube das kaum. Wir sind vier, sie nur zwei. Sie wissen jetzt, daß wir auf unsrer Hut sind und eine Fährte ebensogut finden können wie sie. Tretet hinter diese Stamme, wo sie uns nicht sehen können. So! Jetzt bückt euch, bis ihr hinter dem Gürtel des Erlengestrüpps vorüber seid. Jetzt müssen wir schnell vorwärts, denn wo zwei Irokesen sind, da sind höchst wahrscheinlich zweihundert nicht weit.« »Gott sei Dank, daß Adèle nicht mit ist!« rief Catinat. »Freilich, Herr von Catinat! Es ist ja sehr schön, wenn Mann und Weib wie gute Kameraden zusammen stehen, aber an der Irokesengrenze geht das ebensowenig wie auf irgend einem andern Indianergebiet.« »Sie nehmen Ihre Frau also nie auf ihre Reisen mit?« fragte der Soldat. »Doch; nur braucht sie nicht von Dorf zu Dorf zu reisen. Sie bleibt im Wigwam.« »Also lassen Sie sie zurück?« »Im Gegenteil. Sie ist stets da, um mich willkommen zu heißen. Bei der heiligen Anna, mein Herz würde recht schwer sein, wenn nicht in jedem Dorf zwischen diesem Fluß und den Felsenufern des Illinois meine Frau mich begrüßte!« »Dann reist sie Ihnen wohl voraus?« Du Lhut lachte herzlich aber lautlos. »Ander Städtchen, ander Mädchen,« sagte er. »Doch ich habe nie mehr als eine Frau in demselben Dorfe. Es wäre ja eine Schande für einen Franzosen, ein schlechtes Beispiel zu geben, da doch die guten Väter so freudig ihr Leben daran setzen, um den Indianern Tugend zu predigen. Aha, hier ist die Ajidaumobucht, worin die Indianer ihre Störnetze ausspannen. Wir haben noch sieben Meilen bis Poitou.« »Wir werden also noch vor der Nacht dort sein?« »Ich meine, wir werden gut thun, bis zum Dunkelwerden zu warten, ehe wir hingehen. Da die Kundschafter der Irokesen so weit hinaus schwärmen, ist es wahrscheinlich, daß sie um Poitou in hellen Haufen liegen. Wenn wir uns nicht in acht nehmen, könnte das letzte Ende das böseste werden, namentlich, wenn diese beiden uns zuvorkommen und die andern benachrichtigen.« Er blieb einen Augenblick mit seitwärts geneigtem Haupte stehen und horchte. »Bei der heiligen Anna,« brummte er dann, »wir sind sie noch nicht los. Sie sind noch immer auf unsrer Fährte.« »Sie können sie hören?« »Ja, sie sind nicht sehr weit von uns. Sie sollen jetzt aber finden, daß sie uns um einmal zu oft gefolgt sind. Nun will ich Ihnen eine Kriegslist zeigen, die Ihnen vielleicht neu ist. Ziehen Sie Ihre Moccasins aus, mein Herr.« Catinat streifte seine Schuhe ab, und du Lhut that das gleiche. »Zieht sie auf die Hände, wie Handschuhe,« befahl der Pionier den Neuengländern, und sofort hatten Amos und Ephraim die Schuhe ihrer Kameraden an den Händen. »Schlingt die Flinte über den Rücken! So! Jetzt auf alle Viere! Macht euch krumm und drückt die Hände fest auf die Erde. Vorzüglich! Zwei Männer können die Spur von vieren zurücklassen. Folgen Sie mir, mein Herr.« Er huschte von Baum zu Baum in derselben Richtung wie die beiden andern, aber mit einigen Metern Abstand. Plötzlich kauerte er sich hinter einen Busch und zog Catinat neben sich nieder. »In ein paar Minuten müssen sie an uns vorbei,« flüsterte er. »Schießen Sie womöglich nicht.« Es blitzte etwas in du Lhuts Hand, und sein Begleiter bemerkte, als er hinsah, daß er einen scharfen, kleinen Tomahawk aus dem Gürtel gezogen hatte. Wieder rann ein wildes, feuriges Erbeben durch alle Fibern Catinats, während er durch die verschlungenen Zweige lugte und auf das wartete, was aus den schweigenden Wölbungen der Bäume hervorkommen sollte. Und da plötzlich sah er eine Bewegung. Es glitt wie ein Schatten von einem Baum zum andern, so schnell, daß Catinat nicht unterschied – war es ein Tier, war es ein Mensch? und dann sah er es wieder – und wieder, manchmal ein Schatten, manchmal zweie – still, verstohlen wie der Wärwolf, mit dem seine Wärterin ihn in der Kinderstube geängstigt hatte. Dann war einige Minuten lang alles wieder still, und dann – auf einmal kroch aus den Büschen ein Geschöpf hervor, gräulicher von Ansehen als alles, was je die Erde trug – ein Irokesenhäuptling auf dem Kriegspfade. Es war ein großer, kraftvoller Mann, den sein starrender Busch von Skalplocken und Adlerfedern auf dem Scheitel in dem unsichern Licht riesenhaft erscheinen ließen, denn vom perlgestickten Moccassin bis zur höchsten Feder seines Hauptschmucks maß er reichlich acht Fuß. Die eine Seite seines Gesichtes war mit Ruß, Ocker und Zinnober so bemalt, daß sie einem Hundekopf glich, und die andere einem Huhn, was die Vorderansicht ganz unbeschreiblich grotesk und wunderlich machte. Ein Wampumgürtel war um sein Lendentuch geschlungen, und ein Dutzend Skalps flatterten bei jeder Bewegung über den gefransten Lederstrümpfen. Sein Kopf streckte sich weit vor, seine Augen glühten in düsterem Feuer, und seine Nüstern bewegten sich wie bei einem gereizten Tier. Das Gewehr im Anschlag, so schlich er mit krummen Knien vorwärts – spähend, horchend, stillstehend, weitereilend – die verkörperte Vorsicht. Zwei Schritte hinter ihm folgte ein etwa vierzehnjähriger Bursch, ebenso ausgerüstet, aber ohne Bemalung und ohne die scheußlichen Trophäen an seiner Beinbekleidung. Es war sein erster Kriegszug, und doch sprach aus seinen funkelnden Augen und aus seinen sich blähenden Nasenflügeln dieselbe Mordlust, die in dem älteren Indianer brannte. So schlichen sie aus dem Schatten des Waldes hervor, schweigend und fürchterlich, wie einst ihr Geschlecht aus den Schatten der Weltgeschichte aufgetaucht war mit dem Leibe von Erz und der Seele des Tigers. Eben kamen sie an dem Busch vorbei, als etwas des jungen Kriegers Auge auf sich zog, vielleicht ein verschobener Zweig oder ein flatterndes Blatt. Er blieb stehen; Verdacht sprach aus jedem seiner Züge. Im nächsten Augenblick würde er seinen Gefährten gewarnt haben, aber du Lhut sprang vor und begrub sein kleines Beil in dem Schädel des älteren Kriegers. Catinat hörte einen dumpfen Krach, als ob eine Axt einen morschen Stamm zersplittere, dann stürzte der Mann mit einem gräßlichen Gelächter wie ein Klotz zu Boden und schlug mit Armen und Beinen um sich. Der jüngere Krieger sprang wie ein Hirsch über seinen gefallenen Genossen hinweg in den Wald hinein. Im nächsten Augenblick fiel ein Schuß zwischen den Bäumen vor ihnen, dem ein schwacher, klagender Laut folgte. »Das war sein Todesschrei,« sagte du Lhut gelassen. »Schade um den Schuß – aber immer noch besser, als ihn entwischen lassen!« Während er noch sprach, kamen die beiden anderen wieder, Ephraim stieß eine neue Ladung in seine Büchse. »Wer lachte da?« fragte Amos. »Der da,« antwortete du Lhut und wies auf den sterbenden Krieger, der mit dem Kopf in einer grausigen Lache lag und seine grotesken Züge zu einem stieren Lächeln verzerrte. »Das ist so ihre Weise, wenn sie zu Tode getroffen sind. Ich kannte einen Senecahäuptling, der lachte sechs Stunden hintereinander weg am Marterpfahl. Aha – er ist tot!« Ein letzter Krampf schüttelte die Glieder des Indianers, dann blieb er starr liegen, und sein Antlitz grinste noch zu dem Streifen blauen Himmels über ihm empor. »Er war ein großer Häuptling,« sagte du Lhut, »der braune Elennhirsch der Mohawks, und der andere war sein zweiter Sohn. Wir haben das erste Blut vergossen, und es wird wohl nicht das letzte bleiben, denn die Irokesen lassen den Tod ihrer Häuptlinge nicht ungerächt. Er war ein gewaltiger Krieger, seht nur sein Halsband an!« Er trug allerdings ein wunderliches Halsband, das Catinat anfangs für aufgereihte, geschwärzte Bohnenhülsen hielt. Als er sich indessen bückte, gewahrte er mit Entsetzen, daß die vermeintlichen Bohnenhülsen verschrumpfte Menschenfinger waren. »Alles rechte Zeigefinger,« erklärte du Lhut, »folglich repräsentiert jeder ein Leben. Im ganzen sind es zweiundvierzig. Achtzehn rühren von Männern her, die er im Gefecht erschlug, die andern vierundzwanzig sind von Gefangenen, die gemartert wurden.« »Woher wissen Sie das?« »Weil nur achtzehn noch die Nägel haben. Wenn der Irokese jemand lebendig fängt, so beißt er ihm zuerst die Nägel ab. Sie sehen, an vierundzwanzig Fingern fehlen sie.« Catinat schauderte. Unter was für Teufel hatte ihn ein feindliches Geschick geführt! War es denkbar, daß seine Adèle je solchen Ungeheuern in die Hände fallen könnte? Nein, nein, der gnädige Gott, der Gott der Wahrheit, um die sie so viel gelitten hatten, würde dies Gräßlichste nicht zulassen! Und doch – war dies nicht schon das Los anderer Frauen gewesen, die ebenso zart waren, wie Adèle – anderer Männer, die so heiß liebten, wie er? Welches Dorf in Canada wußte nicht von solchen Greueln zu erzählen? Ein ahnungsvolles Entsetzen packte ihn, während er ruhig dastand. Wir wissen mehr von der Zukunft, als wir zugeben wollen, in der innersten, geheimsten Tiefe unsrer Seele, die nicht vom Verstande, sondern von Instinkten und Ahnungen beherrscht wird. Jetzt umschattete den jungen Hugenotten irgend ein nahendes Unheil. Die Bäume ringsum mit ihren großen, ausgebreiteten Ästen wurden ihm zu finsteren Dämonen, die ihre riesigen Arme nach ihm reckten, um ihn zu packen. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn, und er stützte sich schwer auf den Lauf seiner Büchse. »Bei der heiligen Eulalie!« sagte du Lhut, »für einen alten Soldaten wird der Herr sehr blaß bei dem bißchen Blutvergießen!« »Mir ist unwohl,« erwiderte Catinat, »ein Schluck aus Ihrer Cognakflasche würde mir gut thun.« »Mit Vergnügen, Kamerad, da ist sie. Übrigens sehe ich nicht ein, warum ich mir nicht den schönen Skalp nehmen soll, damit wir doch ein Andenken an diesen Spaziergang haben.« Er nahm den Kopf des Indianers zwischen die Kniee, und im Augenblick, mit einem raschen Messerschnitt hatte er die bluttriefende Trophäe abgerissen. »Wir wollen weiter!« rief Catinat, sich voller Ekel abwendend. »Sofort! Nur den Wampumgürtel mit dem Totem des Bären muß ich noch haben. So! Auch die Flinte. Sehen Sie mal, das Schloß trägt den Stempel von ›London‹. Ei, ei, Herr Green, es ist leicht zu merken, woher die Feinde Frankreichs ihre Waffen beziehen!« Endlich hatte du Lhut seine Beute beisammen, und sie verließen das rote, noch immer grinsende Antlitz unter den stillen, dunklen Bäumen. Im Vorübergehen sahen sie auch den Knaben, der zusammengeknickt in den Büschen lag, in die er gefallen war. Der Pionier ging sehr schnell, bis sie an einen Bach kamen, der dem großen Fluß zurieselte. Hier zog er Schuhe und Lederstrümpfe ab und watete eine halbe Meile mit seinen Gefährten darin entlang. »Sie werden unsrer Fährte folgen, wenn sie den da finden,« sagte er, »aber dies wird sie davon abbringen. Der Irokese findet die Spur überall, nur nicht in fließendem Wasser. Jetzt wollen wir uns bis zum Dunkelwerden in das Dickicht legen. Wir sind nur noch wenig über eine Meile von Poitou entfernt, und es wäre gefährlich, gleich weiter zu gehen, da das Terrain offener wird.« So blieben sie denn in einem Erlengebüsch versteckt, während die Schatten länger wurden und die weißflockigen Wölkchen über ihnen sich allmählich in abendliches Rosenlicht tauchten. Du Lhut rollte sich förmlich zu einer Kugel zusammen und verfiel in einen leichten Schlaf, wobei er übrigens die Pfeife zwischen den Zähnen und die Ohren offen behielt, denn beim leisesten Geräusch, das in den Wäldern laut wurde, fuhr er auf. Die beiden Amerikaner flüsterten eine ganze Weile miteinander, Ephraim erzählte eine lange Geschichte von der Seefahrt der Brigg »Industry«, die nach Jamestown fuhr, um Zucker und Sirup einzuhandeln, aber schließlich lullte das sanfte Säuseln eines leichten Windhauches sie ebenfalls ein. Catinat allein blieb wach. Noch zitterten seine Nerven unter dem plötzlichen geheimnisvollen Schatten, der ihm auf die Seele gefallen war. Was konnte er bedeuten? Doch sicherlich nicht, daß Adèlen eine Gefahr drohe? Er hatte von solchen Ahnungen gehört, aber hatte er sie nicht in Sicherheit hinter Kanonen und Palissaden verlassen? Spätestens am nächsten Abend würde er sie wiedersehen! Wie er so da lag und durch das Gewirr braunroter Blätter zum Himmel darüber schaute, schweiften seine Gedanken in die Ferne, wie die Wolken über ihm. Er war auf einmal wieder im Erker der Rue St. Martin, saß auf der breiten Fensterbank mit dem spanischen Lederpolster, draußen knarrte der goldne Tuchballen, und sein Arm umschlang die schüchterne, ängstliche Adèle, die sich mit einem Mäuschen in dem großen, alten Hause verglichen hatte und nun so mutig an seiner Seite alle die Drangsale einer Wanderung durch die Wildnis ertrug. Dann wieder war er in Versailles. Er erblickte die braunen Augen des Königs, das schöne, kecke Antlitz der Montespan, die heiter klaren Züge der Maintenon. Noch einmal machte er den mitternächtlichen Botenritt, der gespenstige Kutscher fuhr ihn, er sprang mit Amos auf das Schafott, um die schönste Frau in Frankreich zu retten. So klar, so lebendig war das alles, daß er mit einem Schreck wieder zu sich selbst kam und merkte, daß die Dämmerung über den amerikanischen Urwald hereinbrach und du Lhut sich zum Aufbruch anschickte. »Waren Sie wach geblieben?« fragte der Waldläufer. »Ja« »Haben Sie etwas gehört?« »Nichts als das Eulengeschrei.« »Mir war's im Schlaf, als wäre in der Ferne ein Flintenschuß gefallen.« »Im Schlaf?« »Ja, ich höre schlafend ebenso gut, wie wachend, und besinne mich auch auf das Gehörte. Folgen Sie mir ganz dicht. Wir werden bald am Fort sein.« »Das nenne ich scharfe Ohren,« sagte Catinat, wahrend sie sich vorsichtig durch verschlungenes Unterholz wandten, »wie haben Sie nur vorhin hören können, daß die beiden Wilden uns folgten? Ich hörte keinen Laut, als sie dicht neben uns waren.« »Zuerst habe ich sie auch nicht gehört.« »Sie sahen sie also?« »Nein, auch das nicht.« »Wie konnten Sie denn aber wissen, daß sie da waren?« »Ich hörte eine erschrockene Elster zwischen den Bäumen flattern, nachdem wir schon vorüber waren. Zehn Minuten später hörte ich dasselbe Geräusch. Da wußte ich, daß jemand unsrer Spur folgte, und ich horchte.« » Peste! Sie sind wahrlich ein Mann der Wälder.« »Ich glaube, daß diese Wälder von Irokesen wimmeln, obgleich wir ihnen bis jetzt glücklich aus dem Wege gegangen sind. Ein so großer Häuptling wie der Elennhirsch pflegt sich nicht mit kleinem Gefolge noch um einer Kleinigkeit willen auf den Kriegspfad zu begeben. Sie führen eine Teufelei im Schilde gegen die Niederlassungen am Richelieu. Es thut Ihnen jetzt gewiß nicht mehr leid, daß Sie Ihre Frau nicht mitgenommen haben?« »Ich danke Gott dafür.« »Ich fürchte, der Wald wird nicht eher wieder sicher werden, als bis die Vogelbeeren ausschlagen. Wenn der Seigneur nicht Männer genug zum Geleit für Sie entbehren kann, werden Sie in Sainte Marie bleiben müssen.« »Ehe ich meine Frau der Gefahr aussetze, diesen Teufeln in die Hände zu fallen, lieber wollte ich ganz dort bleiben.« »Freilich, wenn es je Teufel auf Erden gab, so sind sie das. Sie schauderten vorhin, mein Herr, als ich den braunen Elennhirsch skalpierte, wenn Sie aber erst die Indianer so kennen werden, wie ich, wird Ihr Herz wohl ebenso hart werden, wie das meine. Hier sind wir am Rande der Lichtung, und das Blockhaus liegt dort hinter jener Ahorngruppe. Sie halten übrigens schlecht Wache. Schon seit zehn Minuten warte ich jeden Augenblick auf das qui vive! Sie haben sich damals Sainte Marie nicht so weit nähern können, ohne angerufen zu werden. Und doch ist de Launes ein ebenso alter Soldat wie de la Roue. Man kann kaum mehr etwas erkennen; aber dort unten am Fluß pflegt er seine Leute exerzieren zu lassen.« »Das thut er auch jetzt,« sagte Amos. »Ich sehe ein Dutzend Leute in einer Reihe aufmarschiert.« »Keine Schildwachen, und alle Mann auf dem Exerzierplätze!« rief du Lhut verächtlich. »Sie haben aber recht, ich sehe sie auch, im offenen Gliede ohne Deckung und jeder so steif und grade wie 'n Tannenstumpf. Wenn man sie so stehen sieht, könnte man glauben, daß kein Indianer uns näher sei, als Orange. Wir wollen hinüber gehen, und bei der heiligen Anna! Ich werde dem Kommandanten sagen, was ich davon denke!« Du Lhut trat aus dem Walde hinaus und, die vier Männer schritten über das freie Feld auf die Reihe Soldaten zu, die im trüben Zwielicht schweigend auf sie warteten. Jetzt waren sie bis auf fünfzig Schritt herangekommen, und noch hatte keiner die Hand erhoben, oder die Nahenden angerufen. Es lag etwas Spukhaftes in diesem Schweigen, und du Lhuts Gesicht veränderte sich, als er sie musterte. Dann wandte er den Kopf und blickte nach dem Flusse zu. »Mein Gott!« schrie er auf. »Wo ist das Fort!« Sie waren soeben um die Ecke der Baumgruppe gekommen, vor ihnen hätte sich der Umriß des Blockhauses erheben müssen. Keine Spur davon war zu entdecken. Es war vom Erdboden verschwunden. XI. Die Bluthunde. Der Schlag kam so unerwartet, daß selbst du Lhut, der doch von Kindesbeinen an durch alle nur denkbaren Schrecknisse und Gefahren abgehärtet war, erschüttert und bestürzt einen Augenblick stehen blieb. Dann eilte er mit einem Fluch auf die Reihe der stillen Gestalten zu, und seine Gefährten folgten ihm auf den Fersen. Als sie näher kamen, erkannten sie durch das dämmerige Dunkel, daß es doch keine vollständige Reihe war. Ein schweigsamer und regungsloser Offizier stand etwa zwanzig Schritt vor seinen stillen und regungslosen Mannschaften. Ferner bemerkten sie, daß er eine sehr hohe, eigentümliche Kopfbedeckung trug. Atemlos und voll böser Ahnungen stürzten sie vorwärts, da begann zu ihrem Entsetzen dieser Kopfputz sich zu recken und auszubreiten – ein großer Vogel erhob sich mit schwerfälligem Flügelschlage und ließ sich auf dem nächsten Baume nieder. Sie sahen ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt – es war die Garnison von Poitou, welche vor ihnen stand. Einige zwanzig Männer waren mit Weidenzweigen an niedrige Pfähle festgeschnürt und die nackten Leichname in die ungeheuerlichsten Formen verdreht und zusammengekrampft, die nur ein gemarterter Körper annehmen kann. Vornan, wo der Raubvogel gehockt, stand der greise Kommandant, zwei verglimmte Kohlen in den Augenhöhlen. Das Fleisch hing ihm vom Leibe, wie die Lumpen eines Bettlerkittels. Dahinter standen seine Leute in Reih und Glied, mit bis zum Knie verkohlten Beinen und so zerfleischten, versengten und zerbrochenen Leibern, daß die Weidenruten allein sie zusammenhielten. Eine Sekunde lang stierten die vier Genossen in wortlosem Entsetzen auf die fürchterliche Gruppe. Dann folgte jeder seinem besonderen Impulse. Catinat schwankte bis zu einem Baum und stützte, von Grausen geschüttelt, den Kopf auf den Arm. Du Lhut fiel auf die Knie, schüttelte wild die geballten Fäuste und rief abgebrochene Worte zum klaren Nachthimmel empor. Ephraim Savage untersuchte die Ladung seiner Flinte mit zusammengekniffenem Munde und blitzendem Auge, während Amos Green sich lautlos im Kreise zu bewegen begann, um die Fährte zu suchen. Im nächsten Augenblick sprang aber du Lhut wieder auf, lief hin und her wie ein Schweißhund und entdeckte hundert Kleinigkeiten, die selbst Amos übersehen hatte. Wieder und wieder umkreiste er die Leichname. Nun lief er eine Strecke am Waldsaume entlang, dann wieder zurück zu den verkohlten Ruinen des Blockhauses, von wo noch immer ein leichter Rauch aufstieg. »Von den Frauen und Kindern ist nichts zu sehen,« sagte er. »Mein Gott! Waren auch Frauen und Kinder da?« rief Catinat. »Die Kinder heben sie auf,« erklärte du Lhut, »um sie nachher mit Muße in den Dörfern zu verbrennen. Die Frauen martern sie entweder auch, oder nehmen sie in ihre Wigwams, wenn sie ihnen gefallen. Aber was will nur der alte Mann?« »Ich möchte ihn fragen, Amos,« sagte der Seemann, »warum wir hier herumkreuzen, während wir doch alle Segel beisetzen müßten, um sie einzuholen.« Du Lhut lächelte kopfschüttelnd »Ihr Freund ist ein tapferer Mann, da er meint, man könne, nur vier Mann hoch, an die hundertfünfzig verfolgen.« »Sage ihm, Amos, des Herrn Hand wird mit uns sein wider die Söhne Jerobeams, wir werden sie niedermachen, und sie werden ausgerottet werden. Was heißt auf Französisch ›rotte sie aus und schone ihrer nicht?‹ – Man könnte ebenso gut mit verbundenem Maul herumlaufen, als unter Leuten leben, die eine deutliche Sprache nicht verstehen!« Aber du Lhut antwortete nicht weiter auf des Alten Vorschläge. »Jetzt gilt's Vorsicht,« sagte er, »sonst büßen wir nicht nur den eignen Skalp ein, sondern haben auch noch sämtliche Insassen von Sainte Marie auf dem Gewissen.« »Sainte Marie!« rief Catinat. »Ist denn Sainte Marie bedroht?« »Freilich; sie sind jetzt im Wolfsrachen. Dies hier geschah vergangene Nacht. Eine Kriegerschar von hundertundfünfzig Mann erstürmte das Blockhaus. Heute früh zogen sie ab und zwar zu Fuß gen Norden. Den ganzen Tag hielten sie sich in den Wäldern zwischen Poitou und Sainte Marie versteckt.« »Dann sind wir ja mitten durch sie hindurchgezogen!« »Allerdings! Sie haben sich tags über im Lager aufgehalten und Kundschafter ausgeschickt. Der braune Elennhirsch und sein Sohn gehörten dazu, und fanden unsre Fährte. Heute nacht –« »Heute nacht werden sie Sainte Marie angreifen!« rief Catinat entsetzt. »Möglich! Dennoch scheint es mir kaum glaublich, daß sie es mit einer so kleinen Bande wagen sollten. Wir müssen so schnell als möglich zurück und unsre Freunde vor dem Anschlag warnen, der ihnen droht.« So traten sie denn ihren mühseligen Rückmarsch an. Ihre Herzen waren zu voll, um auch nur einen Gedanken übrig zu haben für die zurückgelegten, oder die noch vor ihnen liegenden Meilen. Der alte Ephraim, der weniger ans Gehen gewöhnt war, als seine jüngeren Kameraden, hinkte schon auf wundgelaufenen Füßen, war aber trotz seiner Jahre von unermüdlicher Ausdauer und Zähigkeit. Du Lhut übernahm wieder die Führung, und sie wandten ihre Angesichter gen Norden. Der Mond stand leuchtend am Himmel, half aber unsern Reisenden wenig unter dem dichten Blätterdach. Wo es bei Tage schattig gewesen, herrschte jetzt so dichte Finsternis, daß Catinat nicht einmal die Baumstämme sah, an denen er vorüberstrich. Hin und wieder kamen sie wohl an eine offne, vom Mondlicht übergossene Stelle, oder es zitterte ein feiner Silberstrahl zwischen den Zweigen hindurch und malte einen weißen Fleck auf den Rasen, aber du Lhut vermied diese freieren Stellen und umging die Lichtungen. Der Wind hatte sich erhoben, und das Rauschen und Säuseln des Laubes erfüllte die Luft. Nur dies eintönige, unaufhörliche Geräusch, nur hin und wieder der Schrei einer Eule hoch in den Baumwipfeln, oder ein Nachtfalter, der über ihren Köpfen schwirrte, unterbrach die Stille der Nacht. Trotz der Finsternis schritt du Lhut ebenso schnell und sicher voran, wie vorhin im Sonnenschein, ohne auch nur einmal nach dem Pfade zu suchen. Doch merkten seine Begleiter bald, daß er sie einen andern Weg führte, als am Morgen, denn zweimal sahen sie den großen Strom links durch die Bäume schimmern, während sie zuvor nur seinen Nebenflüssen begegnet waren. Beim zweiten Male zeigte er ihnen eine Stelle weiter abwärts, wo dunkle Schatten über das Wasser glitten. »Irokesen-Kanoes,« flüsterte er. »Zehn Stück, und in jedem acht Mann. Sie gehören zu einem andern Haufen und werden auch nordwärts gehen.« »Woher wissen Sie, daß dies ein anderer Haufe ist?« fragte Catinat. »Weil wir die Spur des ersten vor kurzem kreuzten.« Catinat entsetzte sich fast vor diesem wunderbaren Manne, der im Schlaf hören konnte und eine Fährte entdeckte, wo gewöhnlichen Augen nicht einmal die Baumstämme sichtbar blieben. Nach einem kurzem Halt, um die Boote zu beobachten, kehrte du Lhut dem Fluß den Rücken und tauchte wieder in die Wälder. Sie mochten etwa zwei Meilen gegangen sein, als er plötzlich stehen blieb und in die Luft hinaus witterte, wie ein Jagdhund. »Ich rieche brennendes Holz,« sagte er, »dort hinaus, keine Meile von uns brennt ein Feuer.« »Ich kann es auch riechen,« meinte Amos, »wollen wir nicht hinschleichen und das Lager besehen?« »Seid aber vorsichtig,« flüsterte du Lhut, »denn euer Leben hängt vielleicht an einem knickenden Ast.« Sehr langsam und behutsam gingen sie weiter, bis plötzlich die rote Glut eines hellflackernden Holzfeuers zwischen den fernen Stämmen aufleuchtete. Leise wandten sie sich durch das Unterholz bis zu einem Punkte, von dem aus sie, ohne Gefahr gesehen zu werden, ihre Beobachtungen machen konnten. Inmitten einer offenen Stelle schlug knisternd und funkensprühend eine gewaltige Lohe aus einem Haufen trockener Scheite. Die rote Flamme leckte brausend empor, und der Rauch schwebte und kräuselte sich darüber, daß es fast aussah, wie ein seltsamer Baum mit grauer Krone und feurigem Stamm. Aber kein lebendes Wesen war weit und breit zu sehen. Das ungeheure Feuer brüllte und züngelte in tiefster Einsamkeit mitten im schweigenden Urwalde. Sie krochen näher und näher, aber nichts regte sich, als die Flammen, nichts war zu hören, als das Krachen der Scheite. »Sollen wir herangehen?« flüsterte Catinat. Der vorsichtige alte Pionier schüttelte den Kopf. »Es könnte eine Falle sein,« warnte er. »Vielleicht ein verlassenes Lager?« »Nein; es ist erst vor einer Stunde angezündet worden.« »Außerdem ist es viel zu groß für ein Lagerfeuer,« sagte Amos. »Wofür halten Sie es?« fragte du Lhut. »Für ein Signal.« »Ich glaube, Sie werden recht haben. Diese Helligkeit ist kein sicherer Nachbar, deshalb wollen wir uns seitwärts schlagen und dann in gerader Linie auf Sainte Marie zu!« In kurzem waren die Flammen hinter ihnen zum bloßen glühenden Punkt geworden, der endlich auch zwischen den Bäumen verschwand. Du Lhut eilte rasch vorwärts, bis sie an den Rand einer mondhellen Lichtung kamen. Er wollte sie eben, wie gewöhnlich umgehen, doch plötzlich packte er Catinat bei der Schulter und zog ihn hinter einem Gebüsch zu Boden. Amos that mit Ephraim Savage das Gleiche. Auf der gegenüberliegenden Seite des freien Platzes trat ein Mann aus dem Dunkel des Waldes. Er glitt schräg über denselben hin in der Richtung des Flusses. Sein Körper war vornübergeneigt und zusammengeduckt, wie der einer Katze, die zum Sprunge ansetzt, aber als er den Schatten der Bäume verließ, konnten die Freunde von ihrem Versteck aus erkennen, daß es ein indianischer Krieger in voller Kriegsbemalung mit Moccassins, Schurz und Flinte war. Dicht auf der Ferse folgte ihm ein zweiter, ein dritter und ein vierter und immer noch einer, bis es schien, als ob der Wald voller Männer wäre und die Reihe nie ein Ende nehmen würde. Wie Schatten glitten sie im Mondlicht vorüber, lautlos, verstohlen und rasch. Zu allerletzt kam ein Mann im gefransten Jagdrock und einer Mütze mit Federstutz auf dem Kopf. Er ging über den Platz, wie die anderen und, lautlos wie sie erschienen waren, verschwanden sie im Dunkel. Du Lhut wartete volle fünf Minuten, ehe er es für ratsam hielt, aus ihrem Versteck aufzustehen. »Heilige Anna!« flüsterte er. »Habt ihr sie gezählt?« »Dreihundertsechsundneunzig,« sagte Amos. »Ich zählte vierhundertundzwei,« berichtete du Lhut. »Und Sie glaubten, es seien nur hundertundfünfzig!« rief Catinat. »Sie haben mich mißverstanden. Dies ist eine neue Bande. Die andern, die das Blockhaus stürmten, müssen dort drüben sein, denn ihre Fährte liegt zwischen uns und dem Flusse.« »Es konnten gar nicht dieselben sein,« fügte Amos hinzu, »denn es war ja kein einziger, frischer Skalp an ihnen zu sehen.« Du Lhut warf dem jungen Jäger einen beifälligen Blick zu. »Auf mein Wort,« sagte er, »ich dachte nicht, daß es bei Ihnen so tüchtige Waldläufer gäbe. Sie haben scharfe Augen, Herr Green, und vielleicht freut Sie einst die Erinnerung daran, daß Greysolon du Lhut Ihnen das gesagt hat.« Amos fühlte, wie er vor Freude rot wurde beim Lobspruche dieses Mannes, dessen Name rühmlichst bekannt war, so weit Händler und Jäger ihre Pfeife an Lagerfeuern rauchten. Er wollte eben etwas antworten, als plötzlich ein fürchterlicher Schrei durch die Wälder gellte. Ein entsetzliches, durchdringendes Angstgekreisch, das nur dem wahnsinnigsten Schmerz, der grausigsten Verzweiflung eines Menschen entstammen konnte! Das Blut erstarrte in ihren Adern, während sie in der dichten Finsternis dem grauenvollen Todesschrei lauschten, der wieder und wieder die Nachtstille durchbrechend, schauerlich durch die Wildnis verhallte. »Sie martern die Weiber,« sagte du Lhut. »Dort drüben ist das Lager.« »Können wir denn nichts zu ihrer Befreiung thun?« rief Amos. »Selbstverständlich, mein Junge,« sagte der Kapitän auf englisch. »Wir können doch nicht ruhig an Notsignalen vorüberfahren, ohne unsern Kurs zu ändern. Wir wollen umlegen und dorthin steuern.« »In jenem Lager,« sagte du Lhut langsam, »sind jetzt beinahe sechshundert Krieger. Wir sind vier. Was Sie sagen, hat weder Sinn noch Verstand. Warnen wir die Bewohner von Sainte Marie nicht, so stellen ihnen diese Teufel auch eine Falle. Ihre Banden versammeln sich zu Land und zu Wasser; vor Tagesanbruch sind ihrer vielleicht schon tausend beisammen. Unsre Pflicht ist es, weiter zu eilen, um zu warnen.« »Er spricht die Wahrheit,« wandte sich Amos zu Ephraim, der schon im Begriff war, in den Wald zu stürzen, »und Sie können doch nicht allein gehen!« Damit packte er den Arm des kühnen, alten Seemanns und hinderte ihn gewaltsam an seinem unüberlegten Unternehmen. »Etwas können wir aber doch thun, um ihnen den nächtlichen Spaß ein wenig zu versalzen,« sagte du Lhut. »Der Wald ist so trocken wie Zunder. Seit drei Wochen ist auch nicht ein Tropfen Regen gefallen.« »Nun?« »Der Wind steht gerade nach ihrem Lager, und auf der andern Seite ist der Fluß.« »Sollten wir den Wald anzünden?« rief Amos. »Wir können nichts Besseres thun.« Im Handumdrehen hatte du Lhut ein Bündelchen trockenes Reisig aufgelesen und dasselbe um eine verdorrte Buche aufgeschichtet, die knochentrocken war. Ein einziger Schlag von Stahl und Feuerstein genügte, um eine kleine, züngelnde Flamme zu erwecken, die schnell genug die grauweiße, losehängende Rinde in Brand steckte. Eine Viertelmeile weiter wiederholte du Lhut dies Manöver und dann noch einmal, so daß der Wald von drei verschiedenen Punkten aus hell aufloderte. Im Weitereilen hörten sie das dumpfe Brausen der Flammen hinter sich, und als sie sich dicht bei Sainte Marie umschauten, gewahrten sie, wie die breite Feuerwoge schon nach Westen flutend, sich dem Richelieu näherte und wie sie gewaltige Feuergarben emporschoß, wenn sie ein Tannendickicht verzehrte, als wären es Kienspäne. Du Lhut kicherte in seiner unhörbaren Weise, als er nach der gelben Glut am Himmel zurückschallte. »Ein gut Teil von ihnen wird ums Leben schwimmen müssen,« meinte er. »Sie haben lange nicht Kanoes genug für alle. Ach, hätte ich doch nur zweihundert meiner Waldläufer bei mir – dann sollte keiner von ihnen die andere Seite des Flusses erreichen.« »Sie hatten einen bei sich, der wie ein Weißer gekleidet war,« bemerkte Amos. »Ganz recht, und der gefährlichste dieser Bluthunde ist er obendrein. Sein Vater war ein holländischer Pelzhändler, seine Mutter eine Irokesin; er wird deshalb der flämische Bastard genannt. Ich kenne ihn genau, und kann euch sagen, daß, wenn je die Hölle einen König brauchte, sie einen fix und fertig in seinem Wigwam fände. Bei der heiligen Anna! Ich habe noch besonders mit ihm abzurechnen – vielleicht werden wir bei dieser Gelegenheit quitt. Seht, da unten tauchen die Lichter von Sainte Marie auf! Ich verstehe Ihr erleichtertes Aufseufzen, Herr von Catinat; denn meiner Treu, nach dem, was wir in Poitou sahen, war auch ich auf das schlimmste gefaßt!« XII. Der Tod klopft an. Der Tag begann eben zu dämmern, als die vier Genossen durch das Thor der Palissadenschanze traten; aber so früh es auch war, fanden sie doch schon sämtliche Zinsbauern und ihre Familien auf den Beinen, um nach dem mächtigen Feuer auszuschauen, das nach Süden zu wütete. Catinat drängte sich durch die Menge und stürzte nach oben zu Adèle, die ihm hinunter entgegenflog. Auf der Treppe trafen sie einander und fielen sich mit solchen fast unartikulierten Wonnelauten in die Arme, wie sie nur die wahre, ungeschriebene Sprache der Liebenden kennt. Einander umschlungen haltend, stiegen sie vollends die große Steintreppe empor und betraten die große Halle, von deren Fenstern der alte de la Roue mit seinem Sohne das düster-prächtige Schauspiel betrachtete. »Ei, Herr von Catinat,« sagte der alte Edelmann mit hofmäßiger Verbeugung, »es freut mich ganz außerordentlich, Sie wieder sicher unter meinem Dache zu sehen, nicht allein um Ihrer selbst, sondern noch viel mehr um der schönen Augen Ihrer Gemahlin willen, die – wenn sie einem alten Manne gestatten will, das zu sagen – zu schade sind, um durch solch unablässiges Hinausspähen nach einem gewissen Jemand, der vom Walde her kommen sollte, überangestrengt zu werden. Sie haben vierzig Meilen zurückgelegt, Herr von Catinat, und sind ohne Zweifel hungrig und müde. Sobald Sie sich wieder erholt haben, bitte ich mir meine Revanche im Piquet aus, denn neulich abend fielen meine Karten gar zu ungünstig!« Du Lhut war Catinat auf den Fersen gefolgt und übernahm die Erwiderung. »Sie werden ein anderes Spiel spielen müssen, Herr von Sainte Marie,« sagte er. »Sechshundert Irokesen liegen im Walde und rüsten sich zum Sturm auf Ihr Schloß.« »Sachte, sachte, eine Hand voll Wilder braucht uns doch in unsern häuslichen Gewohnheiten nicht zu stören,« meinte der Schloßherr. »Ich muß Sie bitten, es zu entschuldigen, mein lieber Catinat, daß Sie wahrend Ihres Aufenthaltes auf meinen Gütern von diesen Strolchen beunruhigt werden. Um wieder auf das Piquet zurückzukommen, so muß ich Ihnen doch gestehen, daß ich Ihre Art, den Buben und den König auszuspielen, für sehr glänzend, aber nicht für sicher halte. Als ich letzthin ein Spielchen mit de Launes von Poitou machte –« »De Launes von Poitou ist nebst all seinen Leuten massakriert,« unterbrach ihn du Lhut. »Das Blockhaus ist ein qualmender Trümmerhaufen.« Der Seigneur zog die Augenbrauen in die Höhe, nahm eine Prise und klopfte auf den Deckel seiner runden, goldnen Dose. »Ich habe ihm oft gesagt, sein Fort würde genommen werden, wenn er nicht die Ahornbäume wegnähme, die bis dicht an die Mauern standen. Alle tot, sagten Sie?« »Mann für Mann.« »Und das Fort niedergebrannt?« »Nicht ein Pfahl ist stehen geblieben.« »Haben Sie die Hallunken gesehen?« »Wir sahen zuerst die Spuren von hundertundfünfzig, dann setzten hundert in Kanoes über, und schließlich kam ein Zug von vierhundert Kriegern unter dem flämischen Bastard an uns vorüber. Ihr Lager befindet sich fünf Meilen stromab am Fluß, es können nicht weniger als sechshundert sein.« »Sie haben Glück gehabt, daß Sie ihnen entkommen sind.« »Sie aber hatten nicht das Glück, uns zu entkommen. Wir haben den braunen Elennhirsch und seinen Sohn erschlagen, dann steckten wir den Wald in Brand und vertrieben sie aus ihrem Lager.« »Vorzüglich, ganz vorzüglich!« rief der alte Herr und klopfte in die wohlgepflegten Hände. »Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht, du Lhut! – Sie sind jetzt wohl sehr erschöpft?« »Ich bin nicht so leicht erschöpft. Ich bin ganz bereit, denselben Weg noch einmal zu machen.« »Dann suchen Sie sich wohl ein paar Leute aus und sehen noch mal im Walde nach, was die Schufte jetzt treiben.« »In fünf Minuten bin ich bereit.« »Vielleicht würdest du gern mitgehen, Achille?« Die dunklen Augen in dem Indianergesicht seines Sohnes funkelten in wilder Freude. »Ja, ich gehe mit,« erwiderte er. »Sehr gut. Wir andern wollen in eurer Abwesenheit die nötigen Vorbereitungen treffen. Gnädige Frau, Sie werden diese kleinen Belästigungen verzeihen, die das Vergnügen Ihres Aufenthaltes bei uns beeinträchtigen. Wenn Sie mir ein andermal die Ehre Ihres Besuches schenken, wird hoffentlich mein Besitztum von diesem Otterngezücht gesäubert sein. Wir haben hier gewisse Vorteile. Der Richelieu ist ein besserer Fischteich und der Urwald ein ergiebigeres Jagdgehäge, als es der König sich rühmen kann zu besitzen. Anderseits haben wir ja auch so unsre kleinen Nöte, wie Sie sehen. Jetzt muß ich mich bei Ihnen beurlauben, da verschiedene Anordnungen meine Aufmerksamkeit erfordern. Sie sind ja ein erfahrener Soldat, Catinat, Ihr Rat wird mir willkommen sein. Onega, reiche mir mein Spitzentaschentuch und meinen Bernsteinstock und sorge für die gnädige Frau, bis ihr Gemahl und ich zurückkommen.« Mittlerweile war es heller Tag geworden, der viereckige umpfählte Hof war voll geängstigter Leute, die soeben die Schreckenskunde erfahren hatten. Die meisten Zinsbauern waren ehemalige Soldaten und Trapper, die mehr als einen Indianerkrieg mitgemacht hatten und deren gebräunte Gesichter und kühne Mienen von einem Leben in Kampf und Gefahr Zeugnis gaben. Sie waren Söhne eines Geschlechtes, das mit wechselndem Erfolge mehr Pulver verschossen hat, als irgend ein anderes Volk der Erde. Wie sie so da standen, in Gruppen verteilt, die Lage besprachen und ihre Waffen untersuchten, hätte kein Kriegsherr der Welt sich furchtlosere und kriegstüchtigere Mannen wünschen können. Die Weiber dagegen liefen blaß und atemlos hin und her zwischen dem Hof und den freiliegenden Häusern. Auf dem Rücken schleppten sie ihre beste bewegliche Habe, die Kinder zerrten sie hinter sich drein. All diese Eile und Verwirrung, das Kindergeschrei, das Abwerfen der Bündel und Zurückstürzen nach weiteren Besitzstücken bildeten einen schroffen Gegensatz zu der friedlichen Ruhe und Schönheit des Waldes rund umher, der im hellsten Sonnenlicht strahlte. Die feenhafte Pracht des bunten Laubwerks berührte eigentümlich, wenn man sich klar machte, daß Mordlust und Blutdurst ungefesselt hinter dieser wunderlieblichen Außenseite ihr Wesen trieben. Die Kundschafter unter du Lhuts und Achille de la Roues Führung waren schon fort, und auf Befehl des Schloßherrn wurden jetzt die beiden Thore mit ungeheuren eichenen Balken und eisernen Riegeln verwahrt. Die Kinder wurden unter der Aufsicht einiger Frauen im Vorratskeller untergebracht, die übrigen Weiber teils zum Handhaben der Feuereimer, teils zum Laden der Musketen angestellt. Die Männer – zweiundfünfzig im ganzen – passierten zuerst eine Musterung und wurden dann auf ihre Posten an den Palissaden verteilt. Auf einer Seite reichte die Verschanzung bis dicht an den Fluß; ein großer Vorteil für die Besatzung, die nicht nur diese Front nicht zu verteidigen hatte, sondern auch mittels eines Strickes und Eimers stets frisches Wasser haben konnte. Sämtliche Boote und Kanoes von Sainte Marie lagen am Ufer dicht unter der Mauer und waren unschätzbar als letzte Zuflucht, wenn alles übrige mißlänge. Das nächste Fort Saint Louis lag nur wenige Meilen stromab, und de la Roue hatte schon einen schnellen Boten dorthin geschickt, um seine gefährdete Lage zu melden. Kam es zum Äußersten, so konnten sie sich immer dorthin zurückziehen. Daß es sehr leicht zu diesem Äußersten kommen konnte, entging einem so erfahrenen Waldläufer, wie Amos Green, nicht. Er hatte Ephraim in tiefem Schlafe schnarchend verlassen und machte nun, seine Pfeife rauchend, die Runde um die Verteidigungsanstalten. Er untersuchte mit kritischen Blicken jede darauf bezügliche Einzelheit. Die Palissaden waren sehr stark, neun Fuß hoch, und bestanden aus dicken, für Flintenkugeln undurchdringlichen Eichenpfählen. Auf halber Höhe waren Schießscharten – lange schmale Ritzen – für die Verteidiger angebracht. Anderseits aber waren die Bäume, welche dem Angriff eine Deckung boten, kaum hundert Meter entfernt; auch war die Garnison so schwach, daß nur zwanzig Mann auf jede Front kamen. Amos kannte die Tollkühnheit und den Wagemut der indianischen Krieger, ihre Listen und Erfindungskünste, und sein Antlitz umdüsterte sich, wenn er an die zarte, junge Frau dachte, die unter ihrem Schutze bis hierher gelangt war, und an all die anderen Weiber und Kinder, die er sich in das Fort hatte drängen sehen. »Wäre es nicht besser, sie den Fluß hinabzusenden?« schlug er dem Seigneur vor. »Ich thäte es nur zu gern, Herr Green. Vielleicht, wenn wir dann noch leben, thue ich es heute abend, falls der Himmel bedeckt sein sollte. Augenblicklich kann ich aber die nötige Eskorte nicht missen, und ohne Schutz darf ich sie dem Strom nicht anvertrauen, da wir ja wissen, daß irokesische Kanoes ihn unsicher machen und irokesische Kundschafter an den Ufern entlang streifen.« »Sie haben recht. Es wäre Wahnsinn.« »Ich habe Sie nebst Ihren Freunden und fünfzehn Mann für die Ostseite bestimmt. Herr von Catinat, wollen Sie das Kommando übernehmen?« »Sehr gern.« »Ich übernehme die Südfront, da sie mir am gefährdetsten zu sein scheint. Du Lhut mag die Nordseite befehligen, und fünf Mann müssen zur Beobachtung des Flusses ausreichen.« »Sind wir mit Pulver und Proviant versehen?« »Mehl und Spickaal ist genug da, um diese Belagerung durchzuhalten. Grobe Kost allerdings, mein Herr, aber bei Ihren Feldzügen in Holland werden Sie es erfahren haben, mein werter Freund, daß ein Schluck Grabenwasser nach einem Gefecht besser schmeckt, als daheim der blaugesiegelte Frontignac, den Sie mir neulich leeren halfen. Was Pulver anbetrifft, so lagern hier große Vorräte für den Handel, die wir verbrauchen können.« »Haben wir noch Zeit, ein paar von jenen Bäumen zu fällen?« fragte Catinat. »Unmöglich! Sie würden, umgehauen, den Feinden nur eine noch bessere Deckung gewähren,« »Wenigstens könnte ich doch das Buschwerk ausroden lassen, dort um die kleine Birke da, halbwegs zwischen der Ostfront und dem Waldessaum. Das bietet ihren Plänklern eine vorzügliche Deckung.« »Ja, das muß unverzüglich niedergebrannt werden.« »Nicht doch, damit läßt sich noch etwas Besseres anfangen,« meinte Amos. »Wir könnten ihnen dort eine Falle stellen. Wo ist das Pulver, davon Sie sprachen?« »Theuriet, der Hausmeister, teilt eben im Hauptmagazin Pulver aus.« »Sehr gut.« Amos verschwand nach oben und kehrte binnen kurzem mit einem Leinewandsack zurück. Diesen füllte er mit Pulver, warf ihn über die Schulter und trug ihn nach dem vorerwähnten Gebüsch, legte ihn dicht an das Birkenstämmchen und schnitt genau oberhalb der Stelle ein Stückchen Rinde aus. Dann ordnete er welkes Laub und grüne Zweige so sorgfältig über dem Sack, daß er wie ein harmloser, kleiner Erdhügel aussah. Nachdem er so alles zu seiner eignen Zufriedenheit vorbereitet hatte, kletterte er über die Palissade und sprang auf der anderen Seite hinunter. »Jetzt ist, denke ich, alles zu ihrem Empfange bereit,« sagte der Seigneur. »Zwar hätte ich gewünscht, die Frauen und Kinder wären an einem sichereren Orte; wenn aber alles gut geht, können wir sie ja immer noch heute abend zu Wasser fortschicken. Hat niemand etwas von du Lhut gehört?« »Jean hat das feinste Gehör von uns allen, Ew. Gnaden,« meldete ein Mann neben der Messingkanone an der Ecke, »und er meint, er hätte vor einigen Minuten schießen gehört.« »Dann ist er auf sie gestoßen. Etienne, nimm zehn Mann und geh bis zur dürren Eiche, um ihren Rückzug zu decken, aber unter keiner Bedingung auch nur einen Schritt weiter. Ich bin so schon zu knapp daran. Lieber Catinat, möchten Sie nicht vielleicht erst ausschlafen?« »Nein, es wäre mir unmöglich, zu schlafen.« »Hier unten ist augenblicklich nichts mehr für uns zu thun. Was meinen Sie zu einer Partie Piquet? Ein Spielchen wird uns die Zeit vertreiben.« Sie gingen in die obere Halle. Adèle setzte sich neben ihren Gemahl, während die braune Onega in der Fensterbrüstung kauerte und scharf nach dem Walde ausspähte. Catinats Gedanken waren nicht bei den Karten, sie beschäftigten sich mit der drohenden Gefahr und mit der Frau, deren Hand auf der seinigen ruhte. Der alte Edelmann dagegen war ganz beim Spiel, fluchte halblaut, oder schmunzelte und kicherte, je nachdem das Glück hin und her schwankte. Plötzlich mitten in das Spiel hinein ertönten draußen zwei kurze, dumpfe Schläge. »Es klopft jemand!« rief Adèle. » Der Tod klopft an ,« sagte die Indianerin am Fenster. »Ja, ja, es waren zwei matte Kugeln, die gegen das Holz schlugen. Der Wind steht nach dem Walde, darum hörten wir den Knall nicht. Die Karten sind gemischt. Ich hebe ab, Sie sind am Geben. Ich hatte Capot.« »Da kommen Männer aus dem Walde gelaufen!« rief Onega. »Die Sache wird ernsthaft!« sagte der Schloßherr. »Wir wollen unser Spiel später beenden. Vergessen Sie nicht, daß Sie am Geben waren. Kommen Sie, wir wollen sehen, was es gibt.« Catinat war bereits ans Fenster gestürzt. Du Lhut, der junge Achille de la Roue und acht Mann von den zu ihrer Deckung ausgesandten Leuten stürzten mit gesenkten Köpfen auf die Palissaden zu, deren offenes Thor sie erwartete. Hinter den Bäumen stiegen ab und zu kleine Rauchwölkchen auf. Ein Flüchtling, der weiße Hosen trug, fing plötzlich an zu hinken, und ein roter Fleck zeigte sich auf dem weißen Zeuge. Zwei Kameraden faßten ihn unter die Arme, und die drei eilten zusammen durch die Pforte, die hinter ihnen zuschlug. Im nächsten Augenblick blitzte und donnerte die große Messingkanone von der Ecke her; der ganze Waldessaum hüllte sich in Pulverdampf, und ein Kugelregen klapperte gegen die hölzerne Mauer, wie Hagel gegen eine Fensterscheibe. XIII. Die Erstürmung der Palissaden. Nachdem Catinat seine Frau der Obhut ihrer indianischen Freundin übergeben und sie noch beschworen hatte, sich um Gottes willen den Fenstern nicht zu nähern, ergriff er sein Gewehr und stürzte die Treppe hinab. Als er vorüber eilte, pfiff eine Kugel durch eine der schmalen Fensteröffnungen und plattete sich an der gegenüberliegenden Wand ab, wie ein kleiner, bleierner Stern. Der Seigneur war bereits unten und sprach mit du Lhut vor der Thür. »Wirklich, sind es tausend?« fragte er. »Ja, wir fanden die frische Spur einer großen Kriegerschar, dreihundert zum mindesten. Es sind alles Mohawks und Cajugas und einige Oneidas dazwischen. Wir hatten, da sie uns entdeckten, ein Plänklergefecht von mehreren Stunden auf dem Rückwege und haben fünf Mann verloren.« »Alle tot, hoffentlich?« »Ich hoffe es, aber wir wurden hart bedrängt, und es kostete uns große Mühe, nicht abgeschnitten zu werden. Jean Mance hat einen Schuß durchs Bein.« »Ich sah, daß er verwundet wurde,« bemerkte der Seigneur. »Wir thäten nun am besten,« fuhr du Lhut fort, »alles in Bereitschaft zu halten, um uns ins Haus zurückzuziehen, wenn sie die Palissaden erstürmen sollten. Wir dürfen kaum hoffen, sie zu halten, wo sie zwanzig gegen einen sind.« »Alles ist bereit.« »Mit den Kanonen können wir ihre Kanoes am Vorüberfahren hindern. So wäre es möglich, die Weiber heute abend fortzuschicken.« »Das beabsichtigte ich. Wollen Sie die Nordseite übernehmen? Vorläufig indessen müssen Sie mit zehn Mann zu mir herüberkommen, und wenn die Hunde ihren Angriff ändern sollten, komme ich zu Ihnen.« Vom Waldrande her knatterten jetzt die Schüsse unaufhörlich, und die Luft war voll pfeifend dahersausender Kugeln. Die Angreifer waren sämtlich geübte Schützen, Männer, die von ihrer Büchse lebten, und bei denen eine zitternde Hand oder ein unsicheres Auge soviel bedeutete, wie Armut und Hunger. Jeder Schlitz, jede Ritze, jedes Guckloch wurde aufs Korn genommen, und eine über die Palissaden gehobene Mütze flog augenblicklich, wie weggeblasen, von dem Büchsenlauf, der sie trug. Anderseits waren aber auch die Verteidiger in der indianischen Fechtweise geübt und gewiegt in allen Schlichen und Listen, welche ihnen selbst zum Schutz dienen und die Feinde verleiten konnten, sich zu exponieren. Sie hielten sich dicht neben den Schießlöchern, spähten durch kleine Spalten im Holz und feuerten rasch, wenn eine Gelegenheit sich darbot. Ein rotes Bein, das hinter einem Baumstamm gerade in die Höhe ragte, bewies, daß eine Kugel wenigstens getroffen hatte, aber im allgemeinen zeigte sich kaum ein anderes Ziel, als Blitz und Rauch, die zwischen dem Laube aufstiegen, oder höchstens die nur einen Augenblick sichtbare, schattenhafte Gestalt eines Kriegers, der von einem Baum zum andern huschte. Sieben Canadier waren bereits getroffen, aber nur drei waren tödlich verwundet. Die andern vier hielten mannhaft bei ihren Schießscharten aus, obgleich der eine, der in die Kinnlade getroffen war, seine Zähne zugleich mit der Kugel in den Gewehrlauf spie. Die Weiber saßen in einer Reihe am Boden, niedriger als die Schießscharten, jede mit einer Schüssel voll Kugeln und einer Blechbüchse voll Pulver, und reichten den Kämpfenden die geladenen Flinten an den Punkten, wo ein rasches Feuern am notwendigsten war. Zuerst hatte sich der Angriff auf die Südseite beschränkt; als aber frische Irokesenscharen ankamen, erweiterte sich die Linie und dehnte sich aus, bis endlich die ganze Ostseite unter Feuer stand, welches allmählich auch die Nordseite umschloß. Das Fort war von einem breiten Rauchgürtel umrahmt, außer wo im Westen der breite Fluß vorüberströmte. Drüben am andern Ufer lauerten die Kanoes; und eins, mit zehn Kriegern bemannt, versuchte stromaufwärts vorbei zu kommen, aber ein tüchtiger Schuß in den Bug brachte es zum Sinken, wahrend ein zweiter mit Schrotladung nur vier der Schwimmer übrig ließ, deren hohe Skalplocken aus dem Wasser ragten wie die Rückenflosse irgend eines seltsamen Fisches. Auf der Landseite indessen hatte der Seigneur verboten, die Kanonen noch einmal abzufeuern, denn die breiten Schießscharten zogen das feindliche Feuer auf sich, und die Getroffenen gehörten meistens zur Bedienung der Kanonen. Der alte Edelmann stolzierte mit seiner weißen Hemdkrause, seinen Spitzenmanschetten und seinem Bernsteinstöckchen hinter der Reihe seiner fast erschöpften, rauchgeschwärzten Leute auf und ab, klopfte auf seine Schnupftabaksdose, machte seine kleinen Witze und sah weit weniger erregt aus, als bei seinem Piquet. »Wie meinen Sie, daß die Sache steht, du Lhut?« »Ich meine, sie steht schlimm. Wir verlieren unsre Leute bei weitem zu schnell.« »Nun, nun, mein Freund, was kann man anders erwarten? Wenn tausend Büchsen auf einen kleinen Platz wie dieser ist, gerichtet sind, so muß eben dieser und jener darunter leiden. Ach, armer Bursch! Bist du auch hin!« Der ihm zunächst stehende Mann war plötzlich umgefallen und lag jetzt ohne Regung mit dem Kopf in einer Schüssel voll Mais, die von den Frauen herausgebracht worden war. Du Lhut blickte nach ihm hin und schaute sich dann um. »Er stand vor keiner Schießscharte, und er bekam es in die Schulter,« sagte er. »Wo ist es nur hergekommen? Aha! bei der heiligen Anna, sieh da!« Er wies nach einem kleinen Rauchwölkchen, das im Wipfel einer hohen Eiche hing. »Der Schuft kann über die Palissaden sehen. Aber dort oben wird der Stamm kaum dick genug sein, um ihn zu schützen. Dieser arme Kerl wird seine Flinte nicht noch einmal benutzen, obwohl ich sehe, daß sie bereits geladen ist.« De la Roue legte sein Stöckchen hin, strich die Spitzenmanschetten zurück, hob das Gewehr des Toten auf und feuerte auf den lauernden Wilden. Ein paar abgerissene Blätter flatterten vom Baum, und ein grinsendes, feuerrotes Antlitz erschien einen Augenblick mit gellendem Hohngelächter. Schnell wie der Blitz lag du Lhuts Flinte an seiner Wange, und der Hahn knackte. Der Mann sprang hoch in die Luft und stürzte durch das brechende Gezweig. Siebzig bis achtzig Fuß tiefer streckte sich ein einzelner, dicker Ast in die Luft, und auf diesen schlug er auf, daß es klang, wie wenn ein großer Stein in einen Morast fallt. Quer darüber blieb er hängen, wie ein roter Fetzen, der vom Winde gewiegt wird. Seine Skalplocke wehte zwischen seinen Füßen nieder. Ein Jubelruf der Kanadier erscholl bei diesem Anblick, der aber im Augenblick von dem Mordgeheul der Indianer übertönt wurde. »Seine Glieder zucken. Er ist noch nicht tot,« rief de la Roue. »Lassen Sie ihn da sterben,« entgegnete du Lhut ungerührt und stieß eine frische Ladung in den Lauf. »Aha, da ist wieder der graue Hut! Er zeigt sich immer gerade dann, wenn ich nicht geladen habe.« »Ich sah einen Federhut zwischen den Büschen,« bemerkte der Seigneur. »Das ist der flämische Bastard. Ich möchte seinen Skalp lieber haben als den von hundert seiner besten Krieger.« »Ist er denn so tapfer?« »Ja tapfer ist er. Das läßt sich nicht leugnen, denn wie könnte er sonst ein irokesischer Kriegshäuptling sein! Aber er ist voller Listen, tückisch und grausam. – O mein Gott, wenn alles, was man von ihm erzählt, wahr ist, so übersteigt seine Grausamkeit alle Begriffe, Ich fürchte, mir würde die Zunge verdorren, wenn ich die Dinge nur nennen wollte, die dieser Mann gethan hat. Ah, da ist er wieder!« Der graue Federhut hatte sich soeben durch eine Lücke im Pulverdampf gezeigt. De la Roue und du Lhut feuerten zu gleicher Zeit, und der Hut flog in die Luft. Im selben Augenblick teilten sich die Büsche, und ein hochgewachsener Krieger sprang heraus, den Verteidigern völlig sichtbar. Sein Gesicht war das eines Indianers, nur um ein paar Schattierungen heller, und ein schwarzer Spitzbart hing über sein Jagdwams hernieder. Er schwenkte verächtlich die Hände, während er einen festen Blick auf das Fort heftete, und sprang dann hinter das Gebüsch zurück. Ein Kugelregen, der rings um ihn her die Zweige wegfegte, folgte ihm. »Ja, tapfer ist er allerdings,« wiederholte du Lhut mit einem Fluch. »Nach ihrem Schießen zu urteilen, haben Ihre Zinsbauern die Hacke häufiger in der Hand gehabt, als die Flinte, Monseigneur. Die Indianer scheinen sich übrigens auf der Ostseite zusammen zu ziehen, ich denke mir, sie werden binnen kurzem Sturm laufen.« Auf der von Catinat verteidigten Seite war in der That das Feuer sehr viel heftiger geworden, und es war ersichtlich, daß sich die Hauptmacht der Irokesen dort zusammen zog. Hinter jedem Klotz und Baumstamm, aus jedem Felsspalt und Gebüsch fuhr der rote Blitz mit seinem grauen Wölkchen hervor, und die Kugeln summten in einem ununterbrochenen Strom durch die Schießlöcher. Amos hatte sich etwa einen Fuß über dem Boden ein eignes kleines Loch gebohrt, lag auf dem Bauch und lud und feuerte in der ihm eignen ruhigen, methodischen Weise. Neben ihm stand Ephraim Savage mit fest zugekniffenem Munde, seine Augen sprühten Blitze unter den zusammengezogenen Brauen hervor, und all sein Sinnen war nur auf das »Ausrotten der Amalekiter« gerichtet. Den Hut hatte er verloren, sein graues Haar flog im Winde, große, schwarze Pulverflecken bedeckten sein braunes Gesicht, und eine Schramme auf der rechten Backe zeigte die Stelle, wo ihn eine Indianerkugel gestreift hatte, Catinat betrug sich wie ein gewiegter Soldat. Er schritt unter seinen Leuten auf und nieder mit kurzen Worten der Anerkennung oder des Befehls – feurigen Worten, bei denen das Herz rascher schlägt und die Wange erglüht. Sieben seiner Leute lagen bereits erschossen am Boden, aber während der Angriff hier ärger wütete, ließ er auf den anderen Seiten nach, und der Seigneur mit seinem Sohn und du Lhut brachten ihm zehn Mann zur Verstärkung. De la Roue bot eben Catinat seine Schnupftabaksdose an, als ein gellender Schrei hinter ihnen ertönte. Umblickend sahen sie Onega, das Weib des Schloßherrn, die über dem Leichnam ihres Sohnes die Hände rang. Ein Blick zeigte ihnen, daß die Kugel das Herz durchbohrt hatte und daß er tot war. Einen Augenblick überzog eine leichte Blässe des alten Edelmannes mageres Gesicht, und die Hand, welche die kleine, goldene Dose hielt, bebte wie ein Blatt im Winde. Dann steckte er sie in die Tasche und unterdrückte jedes äußere Zeichen des Schmerzes, der ihn bis ins innerste Mark getroffen hatte. »Die de la Roues sterben immer auf dem Felde der Ehre,« bemerkte er. »Mich dünkt, dort bei der Kanone an der Ecke sollten mehr Leute postiert werden.« Jetzt erklärte es sich übrigens, warum die Irokesen die Ostfront zum Hauptangriff ausersehen hatten. Dort lag die gedeckte Stelle zwischen dem Waldrande und den Palissaden. Eine Kriegerschar konnte sich leicht bis da heranschleichen und sich dort zum Sturme sammeln. Zuerst schlüpfte ein gebückter Krieger und dann ein zweiter, ein dritter über den Gürtel offnen Feldes dazwischen und warf sich in den Büschen nieder. Der vierte wurde getroffen und lag mit zerschmettertem Rückgrat ein paar Schritt vom Waldrande entfernt. Aber eine Menge anderer Krieger wagte trotzdem den Übergang, bis das kleine Gehölz von lauernden Wilden wimmelte. Amos Greens Zeit war gekommen. Von seinem Standpunkte aus konnte er gerade den weißen Fleck sehen, wo er die Rinde von dem Birkenstämmchen abgeschält hatte, und er wußte, genau darunter lag der Pulversack. Diesen Zielpunkt faßte er jetzt ins Auge, dann senkte er sein Rohr, bis es die Richtung auf den Fuß des Baumstämmchens hatte, so gut er die Stelle zwischen dem Laubgewirr zu erraten vermochte. Der erste Schuß jedoch blieb erfolglos. Aber er zielte noch einmal einen Fuß tiefer. Die Kugel durchbohrte den Sack, und es erfolgte eine Explosion, davor das Herrenhaus bis in seine Grundvesten erzitterte und die Palissaden schwankten, wie Kornähren, über die ein Windstoß fährt. Bis in die höchsten Baumwipfel stieg die mächtige, blaue Rauchsäule. Auf den ersten furchtbaren Knall folgte eine Totenstille, welche nur der dumpfe Ton zu Boden stürzender Körper unterbrach. Dann erscholl ein wildes Freudengeschrei der Verteidiger und ein Rachegeheul der Indianer, während das Feuer vom Walde her wütender denn je wieder aufgenommen wurde. Aber es war doch ein harter Schlag für den Feind gewesen. Von den sechsunddreißig ausgesucht beherzten Kriegern erreichten nur vier wieder den Schutz der Wälder, aber so zerschlagen und verwundet, daß es doch mit ihnen aus war. Die Indianer hatten auch sonst schwere Verluste erlitten, und dieses neue Mißgeschick bewog sie, ihren Angriffsplan zu ändern. Die Irokesen waren ebenso vorsichtig wie tapfer, und am höchsten wurde bei ihnen derjenige Häuptling geschätzt, der am sparsamsten mit dem Leben seiner Mannschaft umging. So ließ denn das Feuern allmählich nach, und außer einem vereinzelten Schuß von Zeit zu Zeit hörte es bald ganz auf. »Ist es möglich, daß sie den Angriff aufgeben?« rief Catinat freudig erregt. »Amos, ich glaube, Sie haben uns gerettet!« Aber du Lhut schüttelte den Kopf. »Ein Wolf würde eher einen angenagten Knochen fahren lassen, als ein Irokese einen Siegespreis, wie Sainte Marie,« »Aber sie haben große Verluste gehabt.« »Freilich, aber verhältnismäßig nicht so schwere wie wir. Sie haben vielleicht fünfzig von tausend, und wir zwanzig von sechzig verloren. Nein, nein, jetzt halten sie eine Beratung, und wir werden bald genug mehr von ihnen hören. Aber es mögen immerhin ein paar Stunden darüber hingehen, und wenn Sie meinem Rat folgen wollen, schlafen Sie ein Stündchen. Sie sind nicht, wie ich, gewöhnt, den Schlaf lange zu entbehren, ich sehe es Ihnen an den Augen an; die Nacht aber wird uns wohl allen wenig Ruhe bringen.« Catinat war in der That im höchsten Grade erschöpft. Amos Green und der Seemann hatten sich bereits in ihre Decken gewickelt und im Schutz der Palissaden zum Schlafen niedergelegt. Der Franzose stürmte ins Haus, um der zitternden Adèle ein paar Trostesworte zu sagen, warf sich dann auf ein Ruhebett und sank in den tiefen, traumlosen Schlaf eines übermüdeten Mannes. Das neubeginnende Knattern des Gewehrfeuers erweckte ihn endlich. Die Sonne stand schon tief, und das milde, gelbliche Abendlicht färbte die kahlen Wände seines Zimmers golden. Sofort sprang er von seinem Lager auf, ergriff sein Gewehr und eilte in den Hof. Die Verteidiger standen wieder an ihren Schießscharten, während du Lhut, der Seigneur und Amos Green eifrig miteinander flüsterten. Im Vorbeigehen sah er, daß Onega noch immer über den Leichnam ihres Sohnes gebeugt saß und leise und eintönig etwas vor sich hin summte. »Was gibt's? Kommen sie?« fragte er. »Sie haben irgend eine Teufelei vor,« sagte du Lhut und lugte seitwärts durch eine Scharte. »Sie sammeln sich am Ostrand, aber sie beschießen die Südfront. Es ist sonst nicht Indianerweise, einen Angriff über offnes Feld hin zu machen, indessen, wenn sie fürchten, daß wir vom Fort Hilfe bekommen, wagen sie es am Ende doch!« »Der Wald vor uns wimmelt von ihnen,« sagte Amos. »Sie sind im Unterholz geschäftig wie die Biber.« »Vielleicht werden sie von dieser Seite angreifen und den Angriff durch ein Flankenfeuer unterstützen!« »Das glaube ich auch,« rief der Seigneur. »Alle Mann an die Ostfront! Und bringt alle Reserveflinten mit! Je fünf Leute bleiben zur Flankendeckung rechts und links!« Die Worte waren kaum aus seinem Munde, als ein gellendes Geheul vom Walde her erscholl und im selben Augenblick eine Schar von Kriegern hervor stürzte. Brüllend, ihre Tomahawks oder Flinten in der Luft schwingend, rasten sie in hohen Sätzen über das freie Feld. Mit ihren bemalten Gesichtern, die in allen möglichen grellen Farben beschmiert und gestreift waren, den flatternden Skalplocken, geschwenkten Armen, offnem Munde und greulichen Verdrehungen und Wendungen ihrer Leiber glichen sie dem teuflischsten Heere, das je einem Schläfer im Traume das Herzblut erstarren ließ. Einige der vordersten trugen Kanoes, und sobald sie die Palissaden erreichten, lehnten sie dieselben dagegen und schwärmten daran empor, als wären es Sturmleitern gewesen. Andere feuerten durch die Schießscharten und Gucklöcher, Lauf an Lauf mit denen der Verteidiger, während noch andere sich ohne weiteres auf die Palissaden schwangen und furchtlos in den Hof hinabsprangen. Die Kanadier leisteten indes solchen Widerstand, wie man ihn von Männern erwarten kann, welche wissen, daß es für sie kein Erbarmen gibt. Sie schossen, so lange sie Zeit zum Laden hatten und hieben dann mit dem Kolben wütend auf jeden roten Kopf, der sich über den Palissaden zeigte. Ein höllisches Getöse erfüllte den Hof. Das Rufen und Schreien der Franzosen, das Geheul der Wilden, das angstvolle Gekreisch der entsetzten Weiber verschmolz zu einem fürchterlichen Lärm, durch den hindurch die hohe, schrille Stimme des alten Freiherrn erklang, der seine Zinsbauern anflehte, auszuhalten. Den Degen in der Faust, ohne Hut, mit verschobener Perücke, ohne seine gewohnte steife Würde, zeigte ihnen der alte Edelmann an diesem Tage den Soldaten von Rocroy. Er und du Lhut, Catinat, Amos und Ephraim Savage waren stets im Vordertreffen der Verteidigung. Sie kämpften mit solcher verzweifelten Tapferkeit und waren auch mit Schwert und Kolben gegen den kurzen Tomahawk so im Vorteil, daß, obwohl einmal fünfzig Irokesen zugleich über die Palissaden gesprungen waren, sie sie doch fast alle erschlagen oder zurück getrieben hatten. Da plötzlich aber stürzte sich eine neue feindliche Kriegerwoge über die von Verteidigern fast ganz entblößte Südfront. Du Lhut erkannte sofort, daß die Einfriedigung verloren war und es nur noch galt, das Haus zu retten. »Haltet sie einen Augenblick auf,« schrie er, stürzte dann nach der Messingkanone und feuerte sie in den dicksten Knäuel der Wilden ab. Als sie dann vorübergehend zurückwichen, steckte er einen Nagel in das Zündloch und schlug ihn mit dem Kolben fest. In fliegender Eile sprang er durch den Hof, vernagelte das Geschütz an der anderen Ecke und war am Portal, als eben die Überlebenden der Besatzung, durch den Ansturm der Angreifer zurückgedrängt, dasselbe erreichten. Die Kanadier sprangen hinein, schlugen die schwere, gewichtige Thür zu und zerquetschten dabei dem vordersten Krieger, der ihnen zu folgen versucht hatte, das Bein. Dann konnten sie eine Weile aufatmen und ratschlagen. XIV. Die Ankunft des Mönches. Die Lage der Besatzung blieb eine sehr bedrängte. Wären die verlorenen Kanonen noch zu benutzen gewesen, und hätten sie auf die Thür gerichtet werden können, dann wäre aller weitere Widerstand umsonst gewesen. Aus dieser Gefahr hatte du Lhuts Geistesgegenwart sie gerettet. Die beiden Kanonen nach der Flußseite und die Kanoes waren gesichert, da sie sich dicht unter den Fenstern des Hauses befanden. Die Zahl der Verteidiger aber war furchtbar zusammengeschmolzen, und die Übriggebliebenen waren müde, verwundet und erschöpft. Neunzehn hatten das Haus erreicht, einer davon aber war durch den Leib geschossen und lag stöhnend im Hausflur, und einem zweiten hatte ein Tomahawk die Schulter zerschmettert, so daß er die Flinte nicht mehr aufheben konnte. Du Lhut, de la Roue und Catinat waren unverletzt, aber Ephraim Savage hatte einen Streifschuß im linken Unterarm, und Amos blutete aus einer Wunde im Gesicht. Von den anderen war kaum einer ohne Verletzung, und doch hatten sie nicht Zeit, an ihre Schmerzen zu denken, denn die Gefahr drängte, und sie waren verloren, wenn sie nicht handelten. Ein paar Schüsse aus den verbarrikadierten Fenstern genügten, um die Einfriedigung zu säubern, die natürlich dem Feuer ausgesetzt war, aber anderseits hatten die Indianer jetzt den Schutz der Palissaden, und unterhielten ein heftiges Feuer nach den Fenstern. Ein halbes Dutzend Zinsbauern erwiderten die Salven, während die Führer ratschlagten, was zu thun sei. »Wir haben fünfundzwanzig Frauen und vierzehn Kinder,« sagte der Seigneur. »Sie werden mit mir übereinstimmen, meine Herren, daß es unsre erste Pflicht ist, für sie zu sorgen. Einige von Ihnen haben heute, wie ich, Söhne oder Brüder verloren. Wir wollen wenigstens unsre Weiber und Schwestern retten.« »Kein Irokesenkanoe ist bis jetzt stromab gegangen,« sagte einer der Kanadier. »Wenn die Frauen im Dunklen abfahren, können sie nach dem Fort entkommen.« »Bei der heiligen Anna von Beaupré,« rief du Lhut, »meiner Ansicht nach würden Sie gut thun, auch Ihre Leute herauszuschaffen, denn mir scheint es fraglich, ob das Haus bis morgen zu halten sein wird.« Ein beistimmendes Gemurmel erhob sich unter den Kanadiern, aber der alte Edelmann schüttelte entschlossen den Kopf. »Thorheit!« rief er. »Sollen wir das Wohnhaus von Sainte Marie der ersten Horde Wilder überliefern, die sich's einfallen läßt, es anzugreifen? Nein, nein, meine Herren, wir sind noch beinahe zwanzig, und wenn die Garnison von St. Louis erfährt, daß wir so bedrängt sind, was spätestens morgen früh geschehen wird, so kommt uns sicherlich von dort Hilfe. Du Lhut schüttelte düster den Kopf. »Wenn Sie den Platz halten wollen, will ich Sie nicht verlassen,« sagte er, »und doch ist's schade, wackere Männer um nichts und wieder nichts zu opfern.« »Die Kanoes werden aber ohnehin nur knapp für die Frauen und Kinder ausreichen,« rief Theuriet. »Es sind nur zwei große und vier kleine da.« »Das entscheidet natürlich,« sagte Catinat. »Aber wer soll die Frauen rudern?« »Es sind den Strom hinab nur ein paar Meilen, und alle unsre Weiber verstehen, das Ruder zu handhaben.« Die Irokesen verhielten sich jetzt ganz ruhig, nur ein gelegentlicher Schuß von den Bäumen oder hinter den Palissaden hervor bewies, daß sie noch da waren. Sie hatten schwere Verluste gehabt und waren nun wohl damit beschäftigt, ihre Toten zu begraben und über ihr weiteres Verfahren zu beraten. Inzwischen war die Sonne hinter den Baumwipfeln jenseit des Flusses hinabgesunken und die Dämmerung hereingebrochen. Die Führer postierten einen Wächter an jedes Fenster und gingen nach der Rückseite des Hauses, wo die Kanoes am Ufer lagen. Nach Norden zu schien keine Spur eines Feindes auf dem Flusse vorhanden zu sein. »Es ist ein Glück,« sagte Amos, »daß der Himmel sich bezieht. Es wird bald dunkel sein.« »Es ist allerdings ein glücklicher Zufall, denn vor drei Tagen hatten wir Vollmond,« antwortete du Lhut. »Mich wundert's doch, daß die Irokesen uns nicht auch zu Wasser abgeschnitten haben; es kann aber sein, daß ihre Kanoes nach Süden gerudert sind, um mehr Krieger herbei zu holen. Sie können aber bald zurückkommen, wir sollten keinen Augenblick verlieren.« »In einer Stunde wird es dunkel genug sein zur Abfahrt,« meinte Amos. »Ich glaube, die Wolken bringen Regen, der wird es noch dunkler machen,« sagte Ephraim. Die Weiber und Kinder wurden versammelt und jedem sein Platz in den Booten angewiesen. Die Frauen der Zinsbauern, wetterhart und rauh, wie sie waren, da ihr Leben unter dem Schatten einer fortwährenden Gefahr stand, betrugen sich gefaßt und ruhig, obgleich ein paar der jüngeren leise wimmerten. Ein Weib ist stets mutiger, wenn sie ein Kind neben sich hat und in der Sorge darum sich selbst vergessen muß; deshalb wurde jeder verheirateten Frau eins in besondere Obhut gegeben, bis sie das Fort erreicht haben würden. Der Befehl über die Weiberflottille wurde Onega, der indianischen Gattin des Freiherrn, anvertraut, die so vorsichtig und vielerfahren war, wie ein Kriegshäuptling ihres Volkes. »Es ist nicht weit, Adèle,« sagte Catinat, als seine Frau sich an seinem Arm festklammerte. »Erinnerst du dich an das Angelusläuten, als wir durch den Wald hierher kamen? Das war Fort St. Louis, und es ist nur ein paar Meilen entfernt.« »Aber ich möchte dich nicht verlassen, Amory. Wir sind in aller Not bisher zusammen geblieben. O Amory, warum sollen wir uns jetzt trennen?« »Mein süßer Liebling, ihr werdet im Fort berichten, daß wir in Not sind, und die dortige Besatzung wird uns zu Hilfe kommen.« »Laß das die andern thun, ich will hier bleiben. Ich werde nicht unnütz sein, Amory. Onega hat mich gelehrt, eine Büchse zu laden. Ich werde nicht furchtsam sein, wirklich, wirklich nicht, wenn du mir nur erlaubst, hier zu bleiben.« »Du mußt mich nicht darum bitten, Adèle. Es ist unmöglich, Kind. Ich darf dich nicht hier behalten.« »Aber ich fühle ganz deutlich, es würde besser sein.« Der gröbere Verstand des Mannes hat es noch immer nicht gelernt, die feinen Instinkte zu würdigen, die das Weib leiten. Catinat redete ihr vernünftig zu und ermahnte sie, bis sie schwieg, obgleich sie nicht überzeugt war. »Thu's um meinetwillen, Geliebte! Du weißt nicht, was für eine Last mir vom Herzen fallen wird, wenn ich weiß, daß du in Sicherheit bist. Um mich brauchst du dich nicht zu sorgen. Wir können den Platz mit Leichtigkeit bis morgen halten. Dann wird der Entsatz vom Fort kommen, denn, wie ich höre, sind sie dort reichlich mit Kanoes versehen. Und dann sehen wir uns wieder!« Adèle schwieg, drückte aber ihre Hände fester auf seinen Arm. Ihr Gemahl bemühte sich noch, sie zu beruhigen, als der dem Fluß zugewendete Wachtposten laut aufstöhnte. »Ein Kanoe auf dem Strom – von Norden her!« meldete er. Die Belagerten blickten einander trübe an. Also hatten die Irokesen ihnen doch den Rückzug abgeschnitten. »Wie viel Krieger sind darin?« fragte der Seigneur. »Ich kann's nicht sehen. Es ist finster, und das Boot fährt im Schatten des Ufers.« »Welche Richtung nimmt es?« »Auf uns zu. Aha, jetzt schießt es ins Helle heraus, und ich kann es deutlich sehen. Gott der Herr sei gelobt! Wenn ich bis nächsten Sommer lebe, sollen zwölf Kerzen im Dom zu Quebec brennen!« »Was gibt's denn?« rief de la Roue ungeduldig. »Es ist kein Irokesenkanoe! Es ist nur ein Mann darin! Es ist ein Kanadier!« »Ein Kanadier!« rief du Lhut und eilte ans Fenster. »Wer anders als ein Tollhäusler würde sich allein in dies Hornissennest wagen? Ja, ich sehe ihn. Er hält sich dem Ufer fern, um ihre Kugeln zu vermeiden. Jetzt ist er mitten im Strom und hält auf uns zu. Meiner Treu, der gute Pater hat nicht zum erstenmale ein Ruder gehandhabt!« »Es ist ein Jesuit!« sagte ein Zinsbauer und reckte den Hals, um besser zu sehen. »Die sind immer da, wo die Gefahr am größten ist.« »Nein, nein, ich kann seine Kaputze sehen,« rief ein anderer. »Es ist ein Franziskaner!« Gleich darauf knirschte das Kanoe beim Anfahren auf den Uferkieseln, das Thor wurde aufgeriegelt, und ein Mann in dem langen, braunen Gewande der Brüder des heiligen Franz von Assisi trat rasch herein. Er warf einen hastigen Blick umher, trat dann zu Catinat und legte ihm die Hand auf die Schulter. »So sind Sie mir also doch nicht entwischt!« sagte er. »Wir haben den Schlangensamen aufgefangen, ehe er noch Wurzel schlagen konnte.« »Was meinen Sie, Vater?« fragte der Seigneur. »Sie sind im Irrtum. Dies hier ist mein guter Freund, Amory von Catinat, von altem französischem Adel.« »Es ist Amory von Catinat, der Ketzer und Hugenott,« rief der Mönch. »Ich bin ihm den St. Lorenz hinauf gefolgt, ich bin ihm an den Richelieu gefolgt, und ich würde ihm bis ans Ende der Welt gefolgt sein, um ihn zurückzuholen.« »Ihr Eifer führt Sie zu weit, Vater,« sagte der Seigneur. »Was wollen Sie denn mit meinem Freunde machen?« »Er soll mit samt seinem Weib nach Frankreich zurückgebracht werden. In Kanada ist kein Raum für Ketzer!« Du Lhut lachte. »Bei der heiligen Anna, Vater,« sagte er, »wenn Sie uns jetzt alle auf einmal nach Frankreich versetzen könnten, würden wir Ihnen höchlichst verpflichtet sein.« »Erinnern Sie sich überdies,« fügte de la Roue streng hinzu, »daß Sie unter meinem Dache sind, und daß Sie von meinem Gast sprechen.« Der Mönch ließ sich indessen von dem Stirnrunzeln des alten Edelmannes nicht einschüchtern. »Sehen Sie hier,« sagte er und zog ein Blatt Papier aus seiner Kutte. »Es ist vom Gouverneur unterzeichnet und befiehlt Ihnen im Namen des Königs, diesen Mann nach Quebec zurückzubringen. Ach, mein Herr, als Sie mich an jenem Morgen auf der Insel zurückließen, da dachten Sie wohl kaum, daß ich nach Quebec zurückkehren, mir dies verschaffen und Sie hundert Meilen den Fluß hinauf verfolgen würde? Aber ich habe Sie jetzt, und werde Sie nicht verlassen, bis ich Sie an Bord des Schiffes sehe, das Sie und Ihre Frau nach Frankreich zurückbringt.« Trotz all der bitteren Rachgier, die aus den Augen des Mönches funkelte, konnte Catinat nicht umhin, die Zähigkeit und Energie des Mannes zu bewundern. »Mir scheint, Vater, daß Sie als Soldat mehr geglänzt haben würden, denn als Jünger Christi,« sagte er; »da Sie uns nun aber einmal bis hierher gefolgt sind, und wir nicht fort können, so wollen wir diese Frage einstweilen auf später vertagen.« Aber die beiden Amerikaner waren weniger geneigt, die Sache so friedlich aufzufassen. Ephraim Savages Bart sträubte sich zornig, und er flüsterte Amos etwas ins Ohr. »Der Kapitän und ich, wir wollten ihn schon los werden,« sagte der junge Waldläufer, Catinat beiseite ziehend. »Wenn er durchaus unsern Pfad kreuzen will, soll er auch dafür bezahlen.« »Nein, nein, nicht um die Welt, Amos! Laß ihn in Ruhe! Er thut nach seinen Begriffen seine Pflicht. Freilich, ich meine auch, sein Glaube ist größer als seine Nächstenliebe. Aber es fängt an zu regnen, und jetzt ist's doch gewiß dunkel genug, daß die Boote auslaufen können.« Ein großes, finsteres Gewölk bedeckte das ganze Himmelsrund, und es war so plötzlich Nacht geworden, daß sie kaum den Fluß vor sich schimmern sehen konnten. Die Wilden im Walde und hinter den Palissaden waren ruhig. Sie feuerten nur von Zeit zu Zeit einen Schuß ab. Aber aus den Bauernhütten drang ein gellendes Geheul herüber, ein Zeichen, daß die Sieger beim Plündern waren. Plötzlich begann ein düsterroter Schein über einem der Dächer emporzuleuchten. »Sie haben es angesteckt!« rief du Lhut. »Die Kanoes müssen fort, denn der Fluß wird bald tageshell sein. Kein Augenblick ist zu verlieren!« Zum Abschiednehmen blieb keine Zeit. Ein heißer Kuß, und Adèle wurde hinweggerissen und in das kleinste Kanoe gehoben, das sie mit Onega, zwei Kindern und einem jungen Mädchen teilte. Die andern stürzten an ihre Plätze, in wenigen Sekunden waren sie abgestoßen und bald darauf im sturmgepeitschten Regen und in der Dunkelheit verschwunden. Die große Wolke hatte sich gesenkt, der Regen strömte klatschend auf das Dach und schlug den Zurückgebliebenen ins Gesicht, während sie eifrig den fliehenden Booten nachschauten. »Gott sei gedankt für dieses Unwetter!« murmelte du Lhut, »es wird verhindern, daß die Hütten zu rasch aufflammen!« Aber er hatte vergessen, daß, obgleich die Dächer naß wurden, das Innere trocken war wie Zunder. Die Worte waren auch kaum seinen Lippen entflohen, als eine riesige gelbe Flammenzunge aus einem der Fenster herausleckte, und noch eine, und wieder eine, bis plötzlich das halbe Dach einstürzte und die Hütte lichterloh brannte, wie eine Theertonne. Der Regen zischte und sprudelte auf den Flammen, aber diese empfingen von unten immer neue Nahrung. Wilder und höher stiegen sie empor, röteten die Bäume und verwandelten die nassen Stämme in poliertes Kupfer. Die Einfriedigung und das Herrenhaus waren taghell beleuchtet, und ebenso deutlich sah man die ganze Ausdehnung des Stromes. Ein entsetzliches Geheul vom Walde her verkündete, daß die Wilden die Kanoes entdeckt hatten, die auch von den Fenstern in kaum einer Viertelmeile Entfernung deutlich sichtbar waren. »Sie rennen durch den Wald – sie stürzen nach dem Ufer!« rief Catinat. »Sie haben dort ihre Kanoes,« sagte du Lhut. »Aber sie müssen bei uns vorbei!« rief der Seigneur von Sainte Marie. »An die Kanonen – und bohrt sie in den Grund!« Kaum hatten sie die Kanonen erreicht, als zwei mit Kriegern bemannte große Kanoes aus dem Schilf oberhalb des Forts hervorschossen. Sie hielten auf die Strömung inmitten des Flusses zu und begannen dann wie toll hinter den Flüchtlingen drein zu rudern. »Jean, du bist unser bester Schütze,« rief de la Roue. »Ziele auf sie, wenn sie an der großen Tanne vorüber kommen. Lambert, du an die andere Kanone. Das Leben von allem, was ihr liebt, hängt vielleicht von diesem Schusse ab!« Die beiden graubärtigen Artilleristen richteten ihre Geschütze und warteten, daß die Kanoes ihnen schußgerecht kamen. Das Feuer flammte höher und höher, und der breite Fluß lag wie eine mattglänzende Metallfläche da, inmitten welcher zwei dunkle Streifen die Kanoes bezeichneten, die rasch hinabflogen. Das eine war dem andern um fünfzig Meter voraus, aber in jedem bogen sich die Indianer über ihre Riemen und holten mit wütender Kraft aus, während ihre Genossen von dem bewaldeten Ufer her sie mit gellendem Geheul zu immer neuer Anstrengung anfeuerten. Die Flüchtlinge aber waren jetzt um eine Biegung des Flusses verschwunden. Als das erste Kanoe in die Schußlinie der einen Kanone kam, schlug der Kanadier ein Kreuz über das Zündloch und gab Feuer. Ein Freudenschrei entrang sich den Zuschauern, dem aber gleich darauf ein Stöhnen folgte. Die Ladung war dicht neben dem Ziel aufgeschlagen und hatte das Boot mit solch einem Wasserschwall überschüttet, daß es einen Augenblick den Anschein gewann, als sänke es. Gleich darauf jedoch, als sich die Wogen glätteten, schoß das Kanoe unverletzt davon, bis auf einen, der Ruderer, der seinen Riemen hatte fahren lassen und mit dem Kopf auf die Schulter seines Vordermannes gesunken war. Der zweite Kanonier richtete sein Geschütz auf das näher kommende Kanoe, aber im selben Augenblick, wo er feuern wollte, pfiff eine Kugel von den Palissaden herüber, und er fiel, ohne einen Laut, tot zu Boden. »Von dieser Arbeit hier versteh' ich was, Kinder,« sagte der alte Ephraim Savage und sprang plötzlich vor. »Aber wenn ich ein Geschütz abfeure, so mag ich's gern selbst richten. Helft mir mit der Hebestange – geradeaus nach dem Inselchen dort! So! Noch ein bißchen tiefer für den geraden Kiel! Nun kriegen wir sie!« Er schlug auf den Zünder und feuerte. Es war ein meisterhafter Schuß. Das Kanoe bekam die volle Ladung ungefähr sechs Fuß hinter dem Bug und zerkrachte wie eine Eierschale. Ehe der Rauch verflog, war es gesunken, und das inzwischen herangekommene zweite Kanoe hielt an, um einige der Verwundeten aufzunehmen. Die übrigen, im Wasser ebenso zu Hause wie in den Wäldern, schwammen schon der Küste zu. »Rasch, rasch!« rief der Seigneur. »Ladet die Kanone noch einmal! Vielleicht kriegen wir auch noch das zweite!« Aber es sollte nicht sein. Lange, ehe sie damit zu stande kamen, hatten die Irokesen ihre wunden Krieger aufgefischt und ruderten in wilder Eile den Strom hinab. Zugleich erlosch jetzt plötzlich das Feuer in den brennenden Hütten; Regen und Finsternis umgaben sie von neuem. »Mein Gott!« rief Catinat außer sich, »sie werden sie einholen! Können wir nicht ein Boot nehmen und ihnen folgen? Kommt! Kommt! Wir dürfen keinen Augenblick verlieren.« »Mein Herr, Sie gehen in Ihrer sehr begreiflichen Sorge zu weit,« sagte der Freiherr kalt. »Ich bin nicht willens, meinen Posten so leicht zu verlassen.« »Ach, was ist Holz und Stein! Das kann wieder aufgebaut werden! Aber denkt an die Frauen in den Händen dieser Teufel! O ich werde rasend! Kommt, kommt, um Christi willen, kommt!« Sein Antlitz war totenblaß; wie ein Wahnsinniger streckte er seine geballten Fäuste zum Himmel empor. »Ich glaube nicht, daß sie eingeholt werden,« sagte du Lhut und legte beschwichtigend die Hand auf seine Schulter. »Fürchten Sie nichts. Sie hatten einen guten Vorsprung, und unsre Weiber können ebenso gut rudern, wie die Männer. Zudem war das Irokesenkanoe gleich von Anfang an etwas überfüllt und hat nun auch noch die Verwundeten bei sich. Außerdem sind die Eichenkanoes der Irokesen nicht so flink, wie die Barken aus Birkenrinde, die wir gebrauchen. Jedenfalls ist es uns unmöglich zu folgen, denn wir haben kein Boot.« »Da liegt noch eins.« »Das hat nur Raum für einen Mann. Es ist das, in dem der Mönch kam.« »Dann nehme ich das! Mein Platz ist bei Adèle!« Er stieß die Thür auf und wollte eben das schwanke Fahrzeug vom Lande stoßen, als jemand an ihm vorbei sprang und mit einem Beilhieb den Bug zerschmetterte. »Es ist mein Boot,« sagte der Mönch, warf die Axt zu Boden und kreuzte die Arme. »Ich kann damit thun, was mir gefällt.« »Du Teufel! Du bringst uns ins Verderben!« »Ich habe dich gefunden, und du sollst mir nicht wieder entkommen!« Das Blut stieg Catinat heiß zu Kopfe. Er raffte die Axt auf und trat einen Schritt vorwärts. Das Licht aus der offenen Hausthür fiel auf das ernste, harte Gesicht des Mönches. Keine Muskel zuckte, kein Zug veränderte sich, als er sah, wie die Hand des Wütenden die Axt emporschwang. Er bekreuzte sich nur und murmelte leise ein lateinisches Gebet. Diese Ruhe rettete ihm das Leben. Catinat ließ mit einem bitteren Fluch die Axt fallen und wandte sich von dem zertrümmerten Boote hinweg, als im selben Augenblick die große Thür des Herrenhauses aus ihren Angeln gehoben nach innen stürzte und eine Flut heulender Wilder in das Haus einbrach. XV. Der Speisesaal von Sainte Marie. Es ist leicht erklärt, wie es zu dieser Überrumpelung der Besatzung hatte kommen können. Die an den Vorderfenstern postierten Wachen hatten gefunden, daß es gar nicht menschenmöglich sei, dort auszuhalten, während das Geschick ihrer Frauen und Kinder sich auf der anderen Seite entschied. Zudem war an den Palissaden alles ruhig, und die Indianer schienen die Vorgänge auf dem Flusse mit demselben Interesse zu verfolgen, wie die Kanadier. Einer nach dem andern waren die Wachen deshalb fortgeschlichen und hatten sich auf der Rückseite des Hauses versammelt, wo sie dem Schuß des Seemanns zujauchzten und dann stöhnten und jammerten, als das zweite Kanoe wie ein Bluthund auf der Fährte der Flüchtlinge dahinschoß. Die Wilden aber hatten einen Anführer, der ebenso listig und erfindungsreich war, wie du Lhut selbst. Der flämische Bastard hatte hinter den Palissaden hervor das Haus belauert wie ein Hund ein Rattenloch. Es war ihm deshalb auch nicht verborgen geblieben, daß die Verteidiger ihre Posten verlassen hatten. Er und noch etwa zwanzig Krieger hoben einen großen Baumstamm, der am Waldessaume lag, auf ihre Schultern. Unbehelligt trugen sie ihn quer über den freien Platz und rannten dann mit solcher Gewalt gegen das Thor, daß der dicke Holzriegel zersplitterte und die Angeln aus dem Holz losrissen. Das Krachen des Thores und der Todesschrei von zweien der pflichtvergessenen Wächter, die im Flur überrascht und skalpiert wurden, verkündete den Überlebenden den Angriff. Das ganze Erdgeschoß war in den Händen der Indianer, Catinat und sein Feind, der Pater, sahen sich vom Fuß der Treppe abgeschnitten. Glücklicherweise waren aber die Herrenhäuser Kanadas sämtlich auf das zweckmäßigste erbaut, um einem Angriff der Indianer zu begegnen. Selbst jetzt war daher die Lage der Verteidiger keineswegs hoffnungslos. Eine hölzerne Leiter, die im Notfalle leicht in die Höhe gezogen werden konnte, führte aus dem Oberstockwerke nach dem Flußufer hinab. Catinat stürzte darauf zu, der Mönch hinter ihm her. Er tastete im Dunkeln nach der Leiter. Sie war verschwunden. Da wollte ihm der Mut sinken. Wohin konnte er fliehen? Das Boot war zerstört. Die Palissadenverschanzung zwischen ihm und dem Walde war in den Händen der Irokesen. Ihr Geheul gellte in seinen Ohren. Noch hatten sie ihn nicht entdeckt, aber es konnte in der nächsten Minute geschehen. Plötzlich vernahm er in der Finsternis über sich eine Stimme, welche sagte: »Gib mir mal deine Flinte, Junge. Ich sehe da unten ein paar Heiden, die sich an die Wand drücken.« »Ich bin's. Ich bin's, Amos!« rief Catinat. »Nieder mit der Leiter, sonst ist's um mich geschehen!« »Nehmt euch in acht, es ist vielleicht eine List,« warnte du Lhuts Stimme. »Nein, nein, dafür stehe ich!« rief Amos, und unmittelbar darauf senkte sich die Leiter herab. Catinat und der Franziskaner stürzten darauf los und hatten kaum den Fuß auf den Sprossen, als sich schon ein Schwarm Irokesen aus der Thür und am Flußufer entlang ergoß. Zwei Schüsse blitzten oben auf, ein schwerer Körper klatschte ins Wasser wie ein Lachs, im nächsten Augenblick waren die beiden Versprengten wieder unter ihren Gefährten, und die Leiter war nach oben gezogen. Es war aber ein sehr kleines Häuflein, das jetzt noch diesen letzten Zufluchtsort hielt. Nur neun Mann waren übrig geblieben – der Seigneur selbst, du Lhut, die zwei Amerikaner, der Mönch, Catinat, der Hausmeister Theuriet und zwei von den Zinsbauern. Verwundet, halbverschmachtet, pulvergeschwärzt, erfüllte sie doch die Tollkühnheit verzweifelter Männer, die genau wissen, daß der Tod ihnen in keiner scheußlicheren Gestalt nahen konnte, als durch die Übergabe. Die steinerne Treppe führte von der Küche geradeswegs zum Speisesaal herauf. Die Thür, deren untere Hälfte mit zwei Matratzen verbarrikadiert war, beherrschte den ganzen Ausgang. Ein heiseres Geflüster und das Knacken der Hähne belehrte sie, daß die Indianer einen Sturm vorbereiteten. »Hängt die Laterne neben die Thür,« befahl du Lhut, »daß man die Treppe sehen kann. Drei können nur gleichzeitig feuern, aber alle können laden und die Büchsen zureichen. Herr Green, knien Sie mit mir nieder, und du auch, Jean Duval. Wird einer von uns getroffen, so tritt sofort ein anderer an seine Stelle! Fertig. Sie kommen!« Ein Pfiff schrillte unten, während er noch sprach, und im Augenblick erfüllten anspringende rote Gestalten mit blitzend geschwungenen Waffen die Stufen. Piff, paff, puff! knallten die drei Gewehre, und noch einmal piff, paff, puff! Das niedrige Zimmer war so voll Rauch, daß die Zureichenden die Hände kaum sehen konnten, die hastig nach den Flinten griffen. Aber kein Irokese hatte die Barrikade erreicht. Kein Fußtritt ließ sich mehr auf der Treppe vernehmen. Nur ein zorniges Geknurr und hin und wieder ein Stöhnen scholl von unten empor. Die drei Männer waren unversehrt, schossen aber nicht noch einmal, sondern warteten, bis der Pulverdampf sich verzogen haben würde. Als er gewichen war, erkannten sie, wie mörderisch ihr Feuer auf die kurze Entfernung gewirkt hatte. Nur neun Schüsse waren abgegeben worden, und sieben Indianer lagen auf den steilen Stufen hin und her verstreut. Fünf davon regten sich nicht mehr, doch zweie machten einen Versuch, zu den Ihrigen zurückzukriechen. Du Lhut und der Lehnsmann hoben die Gewehre, und die beiden Verwundeten lagen still. »Bei der heiligen Anna,« sagte du Lhut und lud von neuem. »Wenn sie unsre Skalps kriegen, so haben wir sie wenigstens teuer verkauft! Hundert Squaws werden in ihren Dörfern das Klagegeheul anstimmen, wenn sie Nachricht von dem bekommen, was heute hier geschehen ist.« »Freilich! Sie werden den Willkommen, den sie in Sainte Marie fanden, nicht sobald vergessen,« bekräftigte der alte Edelmann. »Ich muß wiederholt mein Bedauern ausdrücken, mein lieber Catinat, über die Unannehmlichkeiten, welche Sie und Ihre Frau Gemahlin hier haben erfahren müssen, als Sie die Gnade hatten, mich zu besuchen. Doch hoffe ich, daß die Dame Ihres Herzens jetzt mit den andern glücklich das Fort erreicht hat.« »Das gebe Gott! Ich werde keinen ruhigen Augenblick mehr haben, ehe ich sie nicht wiedersehe.« »Wenn sie sicher angelangt sind, kommt uns bestimmt Entsatz, und zwar noch diesen Morgen, falls wir uns so lange halten können. Chambly, der Kommandant von St. Louis, ist nicht der Mann, einen Kameraden im Stiche zu lassen.« Die Karten lagen noch an einem Ende des Tisches, die Tricks übereinander, wie sie sie am frühen Morgen liegen gelassen hatten. Aber etwas anderes nahm ihr Interesse mehr in Anspruch. Das Frühstück war nicht weggeräumt worden, und sie hatten den ganzen Tag gekämpft, fast ohne etwas genossen zu haben. Die Natur verlangt auch angesichts des Todes ihr Recht; so fielen die Männer heißhungrig über Brot, Schinken und die wilden Enten her. Eine kleine Batterie Weinflaschen stand auf dem Büffet. Schnell wurden die Hälse abgeschlagen und der Inhalt die ausgetrockneten Kehlen hinabgegossen. Um indessen nicht noch einmal überrascht zu werden, bewachten drei Männer abwechselnd die Barrikade. Das Geheul und Gekreisch der Wilden hallte durch das Haus, als wären alle Wölfe des Waldes im Erdgeschoß eingesperrt, aber die Treppe blieb leer – nur die sieben Toten lagen regungslos da. »Sie werden den Sturm nicht noch einmal versuchen,« sagte du Lhut zuversichtlich, »Wir haben ihnen eine zu gründliche Lektion gegeben.« »Sie werden das Haus anzünden,« meinte einer der Zinsbauern. »Das dürfte ihnen schwer werden,« entgegnete der Hausmeister. »Mauern und Treppen sind durchweg aus festem Stein und nur hie und da ein Balken; das ist ein anderer Bau, als eure Hütten.« »Still!« rief Amos Green und erhob warnend die Hand. Das Geheul war verstummt, und sie vernahmen dumpfe Hammerschläge, die schwer auf Holz fielen. »Was kann das sein?« »Eins neue Teufelei jedenfalls!« »Es thut mir leid, es sagen zu müssen, meine Herren,« bemerkte der Seigneur in seiner gewohnten höflich-feierlichen Weise, »aber mir scheint, als hätten sie etwas von unserm jungen Freunde hier gelernt. Sie schlagen den Pulverfässern im Magazin den Boden aus.« Du Lhut schüttelte den Kopf zu dieser Vermutung. »Eine Rothaut vergeudet kein Pulver,« sagte er. »Das ist für sie zu kostbare Ware. Aha, hören Sie das?« Das Getobe begann von neuem dämonischer und wilder denn zuvor, dazwischen erscholl abgebrochener Gesang und Gelächter. »Aha! sie haben die Branntweinfässer geöffnet,« rief du Lhut, »Sie waren ohnedies schlimm genug, aber jetzt werden sie zu rechten Höllenteufeln werden!« Während er noch sprach, brach ein neues Geheul los, und dazwischen hindurch erklang eine jammernde Stimme, die um Erbarmen schrie. Mit entsetzten Blicken sahen die Kampfgenossen einander an. Ein dicker brenzliger Bratengeruch stieg von der Küche zu ihnen empor, und immer weiter flehte, klagte und kreischte die gequälte Stimme. Dann starb sie langsam zitternd dahin und verstummte auf immer. »Wer war das?« fragte Catinat, dem das Blut in den Adern gerann. »Jean Corbeil, glaube ich.« »Gott sei seiner Seele gnädig! Seine Leiden sind vorüber! Wären wir doch auch erst im Frieden, wie er! Ah, schießt! Schießt ihn tot!« Ein Mann sprang soeben auf die unterste Treppenstufe und schwang etwas in seinen Händen, als wolle er es werfen. Es war der flämische Bastard. Amos Greens Büchse knallte, doch der Wilde war so blitzschnell verschwunden, wie er gekommen war. Ein schwerer Gegenstand fiel zwischen ihnen zu Boden und kollerte in das Lampenlicht. »Duckt euch! rasch! Es ist eine Bombe!« rief Catinat. Das unbekannte Etwas lag zu du Lhuts Füßen, und er sah es deutlich. Er nahm ein Tuch vom Tisch und bedeckte es. »Es ist keine Bombe,« sagte er ruhig, »es war Jean Corbeil, der soeben starb.« Vier Stunden lang dauerte das Gelage dort unten. Sie tobten und tanzten, und der Branntweingeruch aus den offenen Fässern erfüllte die ganze Luft. Mehr als einmal zankten und kämpften die Wilden untereinander; fast schien es, als ob sie ihre Feinde oben vergessen hätten. Indessen merkten die Belagerten bald zu ihrem Schaden, daß dem nicht so war. Der Hausmeister Theuriet wurde, als er zwischen einer Schießscharte und dem Licht vorüberging, auf der Stelle erschossen, und sowohl Amos wie den alten Seigneur hätte bei einem Haar das gleiche Schicksal getroffen. So verstopften sie denn alle Fenster bis auf das eine, das auf den Fluß hinaus ging. Von dorther drohte keine Gefahr, und sobald der Tag wieder anfing zu dämmern, war einer oder der andere stets auf Posten, nach der ersehnten Hilfe auszuschauen. Langsam wurde es am östlichen Himmelsrande hell. Erst ein perlmutterfarbig schillernder Streifen, der sich in ein rosiges Band wandelte, das immer breiter, immer höher wurde, bis das warm glühende Licht über den ganzen Himmelsbogen feine Strahlen emporschoß und die Ränder der schnellsegelnden Wolken mit Rosenglut malte. Über der weiten Waldlandschaft lag ein zarter, weißlich grauer Dunst wie ein wallendes Meer, aus dem die Wipfel der hochgewaltigen Eichen wie kleine ferne Eilande emporragten. In dem Maße, als es heller wurde, teilte sich der Nebel in kleine Wolkenfetzen, die immer dünner werdend, endlich davon zogen, bis plötzlich die Sonne ihre Feuerkrone über den östlichen Wäldern erhob. Sie übergoß mit warmem Glanze das rote, gelbe und purpurfarbne Laubwerk und entlockte den tausend tanzenden Wellchen des breiten, blauen Stroms ein freudiges Gefunkel. Catinat stand am Fenster und atmete den kräftigen Harzgeruch der Bäume, vermischt mit dem feuchten, frischen Erddunst, in tiefen Zügen ein, da gewahrten seine Augen plötzlich einen dunklen Punkt auf dem Flusse nach Norden zu. »Da kommt ein Kanoe,« rief er. Alle stürzten gleichzeitig ans Fenster, aber du Lhut riß sie heftig nach der Thür zurück. »Wollt ihr denn durchaus vor der Zeit sterben?« rief er. »Richtig!« sagte Kapitän Ephraim, der die Gebärde verstand, wenn auch nicht die Rede. »Wir müssen eine Wache auf Deck lassen. Amos, Junge, wir wollen uns hier hinlegen und aufpassen, damit wir bereit sind, wenn sie in Sicht kommen.« Die beiden Amerikaner und der alte coureur-de-bois hielten also an der Barrikade Wache, während die Augen der übrigen sich dem nahenden Boote zuwandten. Da stieß der letzte überlebende Zinsbauer ein schmerzliches Stöhnen aus. »Es ist ein Irokesenkanoe!« »Unmöglich!« rief der Seigneur. »Ach leider doch, Ew. Gnaden, es ist dasselbe, welches gestern abend vorüberfuhr.« »Dann sind ihnen also die Frauen entkommen!« jubelte Catinat. »Hoffentlich! Aber ach, Herr, ich fürchte, es sind ihrer mehr im Kanoe als gestern abend.« Die kleine Gruppe der Überlebenden verharrte in atemloser Angst, während das Kanoe rasch stromauf rauschte, auf jeder Seite begleitet von einer weißen Schaumlinie, einen langgegabelten Wasserwirbel hinter sich drein ziehend. Zwar gewahrten sie bald, daß es gedrängt voll war, trösteten sich aber mit dem Gedanken an die Verwundeten aus dem anderen Boot, die doch auch mit dabei sein mußten. Es kam naher und näher, bis es endlich gegenüber dem Hause wandte, und die Mannschaft mit gellendem Hohngelächter die Ruder in die Luft hob. Der Stern des Fahrzeugs war ihnen jetzt zugekehrt, – zwei Frauen saßen darin. Selbst in dieser Entfernung waren sie unverkennbar: das holde, bleiche Gesicht und das dunkle, majestätische daneben! Die eine war Onega, und die andere war Adèle. XVI. Die beiden Schwimmer. Charles de la Roue, Seigneur de Sainte Marie, war ein eisenfester Mann, der sich in hohem Grade zu beherrschen verstand, aber er stöhnte tief und ein Fluch entfuhr ihm, als er sein Weib in den Händen ihrer Stammesgenossen sah, von denen sie keine Barmherzigkeit erwarten durfte. Dennoch vergaß er selbst jetzt nicht die Pflichten der Höflichkeit gegen seinen Gast. Er wandte sich mit einigen teilnehmenden Worten zu Catinat, da klappte die hölzerne Hängeleiter, eine Gestalt verdunkelte die Fensteröffnung, und der junge Franzose hatte das Haus verlassen. Ohne ein Wort zu sagen, hatte er die Leiter niedergelassen und kletterte mit wahnsinniger Eile hinab. Sobald sein Fuß den Boden berührte, gab er seinen Freunden ein Zeichen, die Leiter emporzuziehen, warf sich in den Fluß und schwamm auf das Kanoe zu. Ohne Waffen und ohne einen bestimmten Plan, hatte er nur den einen Gedanken, daß in der Stunde der Gefahr sein Platz an der Seite seines Weibes sei. Ihr Los war das seine, und während er die Wogen starken Armes teilte, gelobte er sich, daß, mochte es sein, welches es wollte, Tod oder Leben, es sollte sie vereint treffen. Es war da aber noch einer, dessen Pflichtgefühl ihn aus verhältnismäßiger Sicherheit der Gefahr entgegentrieb. Die ganze Nacht hindurch hatte der Franziskaner Catinat bewacht, wie ein Geizhals seinen Schatz, erfüllt von dem Gedanken, daß dieser eine Ketzer das kleine Samenkorn sei, das wachsen und sich ausbreiten könnte, bis es den erwählten Weinberg der Kirche überwuchert und erstickt hätte. Als er ihn nun so plötzlich die Leiter hinabstürzen sah, verschwand jede andere Furcht vor der übermächtigen Besorgnis, daß er diese ihm verfallene Seele verlieren möchte. Unverweilt kletterte er hinter seinem Gefangenen drein und warf sich, kaum zehn Schritt hinter ihm, in den Strom. So hatten denn die Zurückgebliebenen am Fenster den seltsamsten Anblick. Dort mitten im Strom lag das Kanoe, ein Ring dunkler Krieger umgab die beiden mitten darin zusammengekauerten Frauengestalten. Catinat schwamm wie toll auf dasselbe zu und hob sich bei jedem kraftvollen Stoße bis über die Schulter aus dem Wasser. Hinter ihm folgte das geschorene Haupt des Mönches, dessen braune Kapuze und weitschleppende Gewande auf der Oberfläche des Wassers ihm nachfluteten. In seinem Eifer hatte er aber seine Kraft überschätzt. Er war ein tüchtiger Schwimmer, aber seine weite, ungefüge Kleidung beschwerte und behinderte ihn, je länger desto mehr. Seine Stöße wurden immer langsamer, sein Kopf sank immer tiefer, bis er endlich mit einem lauten Schrei: » In manus tuas, domine! « die Hände emporwarf und in dem Gewirbel der Wellen versank. Gleich darauf sahen die Zuschauer, die sich fast heiser geschrien hatten, um ihn zum Umkehren zu bewegen, wie Catinat an Bord des Irokesenkanoes gezogen wurde, das sodann umwendete und seine Fahrt stromaufwärts fortsetzte. »Mein Gott!« keuchte Amos. »Sie haben ihn aufgenommen, er ist verloren!« »Ich habe doch schon mancherlei merkwürdige Dinge gesehen, aber so was doch noch nie!« meinte du Lhut. Der Seigneur nahm eine Prise aus seiner goldnen Dose und stäubte die verstreuten Körnchen Tabak mit seinem zierlichen Spitzentaschentuch von seiner Hemdkrause. »Herr von Catinat hat gehandelt, wie ein französischer Edelmann,« sagte er. »Wenn ich heute noch so schwimmen könnte, wie vor dreißig Jahren, würde ich an seiner Seite sein.« Du Lhut blickte sich um und schüttelte den Kopf. »Wir sind jetzt nur noch unsrer sechs. Ich fürchte, sie haben eine ganz besondere Teufelei vor, weil sie so sehr still sind.« »Sie verlassen das Haus!« rief der Zinsbauer, der durch eins der vordern Fenster guckte. »Was kann das heißen! Heilige Jungfrau, ist es möglich, daß wir gerettet sind? Seht, wie sie zwischen den Bäumen wimmeln! Sie laufen dem Kanoe entgegen. Sie schwenken die Arme und machen allerhand Zeichen!« »Da ist der graue Hut des Teufels von Mischling,« sagte der Kapitän. »Ich würde einen Schuß auf ihn versuchen, wenn es nicht schad' wäre um Pulver und Blei!« »Ich habe das Ziel schon auf ebenso weite Entfernung getroffen,« sagte Amos und schob seine lange, braune Flinte durch eine Ritze in der Barrikade, welche quer vor der unteren Hälfte des Fensters errichtet war. »Den Verdienst des nächsten ganzen Jahres wollte ich drum geben, wenn ich ihn niederschießen könnte.« »Es ist vierzig Schritt über die Tragweite meiner Flinte hinaus,« bemerkte du Lhut. »Aber ich habe allerdings die Engländer mit diesen langen Büchsen sehr weit schießen sehen.« Amos zielte sorgfältig und feuerte dann. Ein Schrei des Entzückens erklang aus dem Häuflein der Überlebenden. Der flämische Bastard war gefallen. Aber schon im nächsten Augenblick war er wieder auf den Beinen und schwenkte die Hand triumphierend nach dem Fenster zu. »Verdammt!« rief Amos bitter. »Ich traf ihn mit einer matten Kugel. Ebenso gut hätt' ich mit einem Kiesel nach ihm werfen können!« »Fluche nicht, Amos, mein Junge,« mahnte der Kapitän, »versuch's lieber noch mal mit 'ner größeren Prise Pulver, wenn deine Büchse das aushält.« Amos that eine volle Ladung Pulver in sein Gewehr und wählte eine glatte, gerundete Kugel aus seinem Beutel; als er aber wieder hinsah, waren alle, der Bastard und seine Krieger, nicht mehr da. Auf dem Flusse eilte das einzige Irokesenkanoe, welches die Gefangenen mit sich führte, südwärts, so schnell zwanzig Riemen es treiben konnten. Außer diesem einen dunklen Fleck auf der Wasserfläche war aber von den Feinden nichts mehr zu sehen. Sie waren verschwunden, wie ein böser Traum. Da waren die kugelgespickten Palissaden, die im Hofe umherliegenden Leichname, die verbrannten Trümmer der Hütten, aber die stillen Wälder lagen so ruhig und friedlich im Morgensonnenschein, als hätte sie nie der Höllenschwarm der Feinde durchtost. »Meiner Treu, ich glaube, sie sind wirklich weg!« rief der Seigneur. »Nehmen Sie sich in acht, es kann auch eine Kriegslist sein,« sagte du Lhut. »Warum sollten sie vor sechs Männern fliehen, wo sie doch sechzig besiegt haben?« Aber der Zinsbauer, der durch das andere Fenster geguckt hatte, sank in die Knie, streckte die gefalteten Hände in die Luft, hob das pulvergeschwärzte Antlitz empor und brach in einen Strom von Gebeten und Danksagungen aus. Seine fünf Kameraden stürzten durch das Zimmer und schrien laut vor Freude. Um die Biegung des Stromes kam soeben eine die ganze Breite des Gewässers einnehmende Flottille von Kanoes heran, und die Sonne lockte hin und wieder blitzendes Gefunkel von den Flintenläufen und der militärischen Ausrüstung der Bemannung. Schon konnten sie die weißen Röcke der regulären Truppen, die braunen Kittel der coureurs-de-bois und die bunten Farben der Huronen und Algonkins unterscheiden. So kamen sie den Strom heraufgejagt, jeden Augenblick deutlicher und größer werdend, während fern an der südlichen Biegung das Irokesenkanoe nur mehr ein bloßer Punkt war, der jetzt nach dem jenseitigen Ufer hinüber schoß und sich gleich darauf unter dem Schatten der Bäume verlor. Noch ein paar Minuten, und die Überlebenden standen draußen am Landungsplatz und schwenkten die Mützen hoch in die Luft, während die Schiffsschnäbel der ersten ihrer Befreier schon auf den Kieseln knirschten. Im Stern des vordersten Kanoe saß ein kleiner, dürrer Mann, in großer, brauner Perücke, den Degen mit vergoldetem Griff quer über die Knie gelegt. Er sprang heraus, sobald der Kiel auf den Grund lief, patschte durch das flache Wasser, stürzte dem Seigneur entgegen und warf sich ihm in die Arme. »Mein teurer Charles,« rief er, »du hast dein Haus verteidigt wie ein Held! Was, ihr seid nur sechse? Ei, ei, das war eine blutige Geschichte!« »Ich wußte, du würdest einen Kameraden nicht verlassen, Chambly,« erwiderte der Seigneur. »Wir haben das Haus gehalten, aber unsre Verluste sind fürchterlich. Mein Sohn ist tot. Mein Weib ist in jenem Irokesenkanoe, das vor euch her kam.« Der Kommandant von Fort St. Louis drückte die Hand seines Freundes in stiller Teilnahme. »Die andern sind glücklich angekommen,« berichtete er endlich. »Nur das eine Boot wurde genommen, weil ihnen ein Ruder zerbrach. Drei ertranken, zwei wurden gefangen. Wie ich höre, war eine französische Dame bei der Frau Baronin,« »Ja, und ihr Gemahl ist mitgefangen.« »Die Unglücklichen! – Übrigens, wenn ihr euch kräftig genug fühlt, euch uns anzuschließen, wollen wir ihnen folgen, ohne einen Augenblick zu verlieren. Zehn meiner Leute sollen als Besatzung des Hauses zurückbleiben, und ihr könnt ihr Kanoe nehmen. So! Und nun vorwärts, denn Tod und Leben hängt an unsrer Eile!« XVII. Vereint. Die Irokesen hatten Catinat nicht rauh behandelt, als sie ihn aus dem Wasser in ihr Kanoe zogen. Es war ihnen so unbegreiflich, wie ein Mensch einen sichern Ort verlassen und sich ihnen freiwillig ausliefern konnte, daß sie es nur für Wahnsinn zu halten vermochten. Einen Geisteskranken aber betrachten die Indianer stets mit Ehrfurcht und Hochachtung. Sie fesselten nicht einmal seine Handgelenke, denn warum sollte er entfliehen wollen, da er doch aus freiem Antriebe gekommen war? Zwei Krieger befühlten ihn, um sich zu vergewissern, daß er keine Waffen habe, und dann wurde er zwischen die beiden Frauen ins Kanoe hinabgedrückt, während dasselbe nach dem Ufer zuflog, um den andern mitzuteilen, daß die Besatzung von St. Louis den Strom heraufkäme. Dann steuerte es wieder der Mitte zu und rauschte rasch stromauf. Adèle war totenbleich, und ihre Hand, als ihr Gatte die seine darauf legte, kalt wie Marmor. »Mein Liebling,« flüsterte er, »sage mir, ob es dir gut geht – ob du unverletzt bist?« »Ach, Amory, warum bist du gekommen? Warum bist du gekommen, Amory? O, ich würde, glaub' ich, alles haben ertragen können, aber wenn sie dir etwas thun, das ertrüge ich nicht!« »Wie konnte ich zurückbleiben und dich in ihren Händen wissen? Ich wäre verrückt geworden!« »Ach, es war mein einziger Trost, dich in Sicherheit zu wissen.« »Nein, nein, wir haben so viel zusammen durchgemacht, daß wir uns jetzt nicht noch einmal trennen wollen. Und was ist am Ende der Tod, Adèle? Warum sollten wir uns vor ihm fürchten?« »Ich fürchte mich nicht.« »Und ich fürchte mich auch nicht. Wir stehen in Gottes Hand, sein Wille geschehe an uns, und sein Wille ist und muß schließlich der beste sein. Bleiben wir am Leben, so haben wir diese Erinnerung gemeinsam. Sterben wir, so gehen wir Hand in Hand zu einem besseren Leben ein. Mut, mein Herzblatt, es muß und wird uns alles zum besten dienen.« »Sagen Sie mir, mein Herr,« sagte Onega, »lebt mein Gemahl noch?« »Ja, er lebt und ist wohl,« antwortete Catinat. »Es ist gut,« sagte Onega. »Er ist ein großer Häuptling, und es hat mich nie gereut, nein auch jetzt nicht, daß ich mich einem Manne vermählte, der meinem Volke nicht angehörte. Ach, aber mein Sohn! Wer wird ihn mir wiedergeben? Er war wie die junge Eiche, so gerade, so stark! Wer konnte ihn einholen im Lauf, wer konnte springen und schwimmen wie er? Ehe diese Sonne noch einmal aufgeht, werden wir alle tot sein, und mein Herz freut sich, denn ich werde meinen Knaben wiedersehen!« Die Irokesen arbeiteten mit ihren Rudern, bis reichliche zehn Meilen zwischen ihnen und Sainte Marie lagen. Dann trieben sie das Kanoe in eine verborgene Bucht am linken Flußufer, das ihr Gebiet begrenzte, sprangen hinaus und schleppten ihre Gefangenen hinter sich her. Das Kanoe wurde auf den Schultern von acht Männern eine Strecke weit in den Wald hineingetragen; dann versteckten sie es zwischen zwei gefallenen Baumstämmen und häuften Blätter und trockene Zweige darüber hin, um es den Blicken der Vorübergehenden zu entziehen. Nach einer kurzen Beratung traten sie dann ihren Marsch durch den Wald an, nach indianischer Weise einer hinter dem andern, die Gefangenen in ihrer Mitte. Im ganzen waren es fünfzehn Krieger, acht vor ihnen, sieben hinter ihnen, alle schnellfüßig wie der Hirsch und mit Flinten bewaffnet, so daß an ein Entrinnen nicht zu denken war. Sie konnten nur folgen und geduldig auf das warten, was weiter mit ihnen geschehen würde. Den ganzen Tag lang setzten sie ihren trübseligen Marsch fort über weite Moore hin oder an blauen Waldseen vorüber, wo der graue Storch bei ihrer Annäherung die mächtigen Schwingen bewegte und sich langsam aus dem Schilf erhob. Dann wieder versenkten sie sich in die finsteren Waldgürtel, wo ewiges Zwielicht herrscht und wo die einzigen Laute, welche das Schweigen unterbrachen, das Herabfallen der wilden Kastanien war und das Geschwätz der Eichhörnchen hundert Fuß über ihnen in den Riesenkronen der Bäume. Onega besaß die Ausdauer ihrer Landsleute, aber Adèle war trotz ihrer früheren Wanderungen lange vor Abend erschöpft und fußwund. Catinat fühlte sich deshalb erleichtert, als plötzlich die rote Glut eines mächtigen Feuers zwischen den Stämmen hervorleuchtete und sie ein indianisches Lager erblickten, in dem der größere Teil der Bande, die von Sainte Marie vertrieben war, sich versammelt hatte. Hier befanden sich auch eine Anzahl Squaws, die von den Dörfern der Mohawks und Cajugas herübergekommen waren, um den Kriegern näher zu sein. In weitem Kreise waren Wigwams errichtet, und vor einem jeden brannte ein Feuer. Darüber hing an einem Dreieck von Stöcken je ein Kessel, in dem die Abendmahlzeit brodelte. In der Mitte des Lagers befand sich, kreisförmig zusammengehäuft, ein hellflackerndes Reisigfeuer, das einen etwa zwölf Schuh breiten Raum um einen Pfahl her frei ließ. Daran war ein verkohltes, schwärzlich und rötlich aussehendes Etwas festgebunden. Catinat stellte sich rasch vor Adèle, damit sie das Fürchterliche nicht sehen sollte, aber es war zu spät. Sie schauderte, holte tief Atem, ihre Lippen waren schneeweiß, aber kein Laut entfloh ihnen. »Sie haben also schon angefangen,« sagte Onega gefaßt. »Nun, wir werden zunächst daran kommen und ihnen zeigen, daß wir zu sterben verstehen.« »Sie haben uns noch nicht mißhandelt,« sagte Catinat. »Vielleicht bewahren sie uns als Geißeln oder zur Auswechselung,« Die Indianerin schüttelte den Kopf. »Täuscht euch nicht mit solcher Hoffnung,« sagte sie, »Wenn sie so sanft mit ihren Gefangenen umgehen, bedeutet das stets, daß sie sie für die Folter aufbewahren. Ihre Frau wird an einen Häuptling verheiratet werden, aber Sie und ich, wir müssen sterben, denn Sie sind ein Krieger, und ich bin für eine Squaw zu alt.« An einen Irokesen verheiratet! Das schreckliche Wort war den Herzen der beiden Liebenden ein Dolchstoß, der sie traf, wie es der Gedanke an einen qualvollen Tod nicht vermocht hätte. Catinats Haupt sank auf die Brust, er wankte und würde gefallen sein, hätte Adèle ihn nicht am Arm ergriffen. »Fürchte das nicht, teurer Amory,« flüsterte sie, »anderes mag uns treffen, aber nicht das, denn ich schwöre dir, daß ich dich nicht überleben will. Nein, mag es Sünde sein oder nicht, aber wenn der Tod nicht zu mir kommt, gehe ich zu ihm.« Catinat blickte in das sanfte, weiche Antlitz, das jetzt den Stempel eines festen, unabänderlichen Entschlusses trug. Er wußte, daß es geschehen würde, wie sie sagte, und daß, komme, was da wolle, diese empörendste Schmach ihnen erspart bleiben würde. Hätte er je geglaubt, daß einmal eine Zeit kommen könnte, wo der Gedanke, daß seine Frau sterben würde, ihn freudig durchzucken könnte? Als sie das Irokesendorf betraten, stürzten ihnen die Krieger und die Weiber entgegen, und sie mußten zwischen einem Spalier von scheußlichen Gesichtern hindurch gehen, die sie dabei verhöhnten, verspotteten und anheulten. Ihre Begleiter führten sie durch diese Rotte hindurch nach einer etwas abgesondert stehenden Hütte. Sie war leer bis auf einige Fischnetze aus Weidenruten, die an den Wänden hingen, und einen Haufen Kürbisse in einem Winkel. »Die Häuptlinge werden gleich kommen und beraten, was mit uns geschehen soll,« sagte Onega. »Da kommen sie schon, und ihr werdet bald sehen, daß ich recht habe, denn ich kenne mein Volk.« Im nächsten Augenblick schlenderte ein alter Kriegshäuptling nach der Hütte, begleitet von zwei jüngeren Kriegern und dem bärtigen, halbholländischen Irokesen, der den Angriff auf Sainte Marie geleitet hatte. Sie stellten sich in die Thüröffnung, sahen die Gefangenen an und redeten zu einander in den tiefen Kehllauten ihrer Sprache in kurzen, abgebrochenen Sätzen. Die Totems des Falken, des Wolfes, des Bären und der Schlange zeigten, daß jeder eine der großen Familien der Nation repräsentierte. Der Bastard rauchte eine steinerne Pfeife, und doch war er es, der am meisten redete, und zwar augenscheinlich, um den einen der jüngeren Wilden zu überzeugen, der denn endlich auch seiner Meinung beizustimmen schien. Zum Schluß sprach der alte Häuptling ein paar kurze strenge Worte, und die Sache schien erledigt zu sein. »Und du, Hexe,« sagte der Bastard auf Französisch zu der gefangenen Irokesin, »du sollst heute abend noch erfahren, was es heißt, wenn man es mit den Feinden seines eignen Volkes hält.« »Du halbblütiger Mischling,« entgegnete die furchtlose, alte Frau, »du solltest den Hut abziehen, wenn du mit einer sprichst, in deren Adern das beste Blut der Onondaga rinnt. Du willst ein Krieger sein? Du, der mit tausend Mann nicht mal ein Haus erobern konnte, das nur von ein paar lumpigen Bauern verteidigt wurde! Kein Wunder, daß deines Vaters Volk dich verstoßen hat! Geh hin, mache Perlenarbeit und spiele mit Pflaumensteinen, denn in den Wäldern könnte dir ein Mann begegnen, und so würde Schande kommen über die Nation, die dich aufgenommen hat.« Das boshafte Gesicht des Bastard entfärbte sich bei den höhnischen Worten, die ihm die Gefangene zuzischte. Mit einem Schritt war er neben ihr und steckte ihren Zeigefinger in seine brennende Pfeife. Sie machte keine Bewegung, um sie wegzureißen, sondern blieb ein paar Minuten mit vollkommen unbeweglichem Gesicht sitzen, die Augen durch die offne Thür auf die untergehende Sonne und auf die Gruppen schwatzender Indianer gerichtet. Er beobachtete sie scharf, in der Hoffnung, einen Schrei zu hören oder wenigstens ein schmerzliches Zucken ihrer Züge zu sehen, endlich aber warf er ihre Hand mit einem Fluch von sich und verließ die Hütte. Sie steckte den verkohlten Finger in ihren Busen und lachte. »Er ist ein dummer Kerl!« rief sie. »Er versteht nicht einmal zu foltern! Ich wollte ihm schon einen Schrei entrungen haben! Das weiß ich! Aber Sie – mein Herr, Sie sind sehr blaß!« »Das machte der Anblick einer so höllischen That. Ah, wenn wir uns nur Auge in Auge gegenüberständen, ich mit dem Degen, er mit welcher Waffe ihm beliebte, bei Gott, er sollte sie mir mit seinem Herzblut bezahlen!« Die Indianerin schien überrascht. »Es kommt mir seltsam vor,« sagte sie, »daß Sie an mich denken, und an das, was mir geschieht, da Sie doch selbst denselben Leiden entgegengehen. Unser Schicksal wird sein, wie ich es Ihnen voraus sagte.« »Ah!« »Sie und ich sollen am Marterpfahl sterben. Ihre Frau erhält der Hund, der uns soeben verließ.« »Adèle! Adèle! Was soll ich thun!« Er zerraufte sein Haar in hilfloser Verzweiflung. »Nein, nein, Amory, habe keine Furcht, mir wird der Mut nicht fehlen. Was ist der Schmerz des Todes, wenn er uns vereint?« »Der jüngere Häuptling redete für Sie, Herr von Catinat,« fuhr Onega fort. »Er sagte, der große Geist habe Sie mit Irrsinn geschlagen, wie man deutlich daraus zu erkennen vermöge, daß Sie dem Kanoe nachgeschwommen seien, und daß sein Zorn die Nation treffen würde, wenn man Sie foltere. Aber der Bastard sagte, die Liebe käme oft wie eine Art Wahnsinn über die Blaßgesichter, und die allein habe Sie getrieben. Dann wurde beschlossen, daß Sie sterben sollten und Ihr Weib in seinen Wigwam kommen, da er der Anführer des Kriegszuges gewesen sei. Was mich betrifft, so sind ihre Herzen bitter gegen mich, und auch ich soll durch die Kiensplitter sterben.« Catinat sandte ein Stoßgebet empor um Kraft, seinem Geschick zu begegnen, wie es einem Soldaten und Edelmann geziemt. »Wann soll es sein?« fragte er. »Jetzt! Sogleich! Sie treffen schon die Vorbereitungen. Aber ihr habt noch Zeit. Ich komme zuerst daran.« »Amory, Amory, könnten wir nicht jetzt zusammen sterben?« rief Adèle und schlang die Arme um ihren Gatten. »Wenn es Sünde ist, so wird sie uns sicherlich vergeben. Laß uns sterben, Liebster. Laß uns diesen fürchterlichen Menschen entgehen, diese grausame Welt verlassen und uns dem ewigen Frieden zuwenden!« In den Augen der Indianerin leuchtete beistimmende Befriedigung. »Sie haben recht gesprochen, weiße Lilie,« sagte sie. »Warum sollen Sie warten, bis es jenen gefällt, Sie zu brechen? Seht, schon lodert der Schein ihrer Feuer über die Stämme, und ihr könnt das Geheul derer hören, die nach eurem Blute dürsten. Wenn ihr euch selbst das Leben nehmt, werden sie ihres Schauspieles und der Häuptling seiner Braut beraubt sein. Schließlich seid ihr dann die Sieger und sie die Besiegten. Sie haben recht gesagt, weiße Lilie! Das ist der beste Ausweg für euch beide.« »Wie sollen wir es aber machen?« fragte Amory. Onega warf einen forschenden Blick nach den beiden Kriegern hinüber, die als Wächter vor der Hüttenthür standen. Sie hatten sich abgewandt und ihre ganze Aufmerksamkeit auf die grauenvollen Vorbereitungen zu dem gräßlichen Schauspiel gerichtet. Dann suchte sie in ihrem Gewande und brachte ein doppelläufiges Taschenpistol mit doppelten Hähnen in Gestalt von geflügelten Drachen hervor. Es sah aus, wie ein Spielzeug, geschnitzt, verschnörkelt und mit der auserlesensten Graveurarbeit eines Pariser Büchsenschmiedes verziert. Der Seigneur hatte es bei seinem letzten Besuch in Quebec nur um seiner Schönheit willen gekauft, es war aber vollkommen brauchbar, und beide Läufe geladen. »Ich gedachte es für mich zu gebrauchen,« sagte sie, als sie es in Catinats Hand gleiten ließ. »Aber ich habe mich anders besonnen. Ich will ihnen zeigen, daß ich sterben kann, wie eine Onondaga sterben soll, und daß nicht umsonst das Blut ihrer Häuptlinge durch meine Adern rollt. Nehmen Sie es, denn ich schwöre, daß ich für mich das Ding nicht brauchen werde, höchstens würde ich beide Kugeln dem Bastard durchs Herz jagen.« Ein Freudenrausch durchglühte Catinat, als seine Finger das Pistol umschlossen. Hier hielt er den Schlüssel, der ihnen die Thore des Friedens aufthat. Adèle legte mit glückseligem Lachen ihre Wange an seine Schulter. »Du vergibst mir, mein Lieb,« flüsterte er. »Vergeben soll ich dir! Ich segne dich und liebe dich von ganzer Seele, von Herzensgrund. Halte mich fest, mein Liebster, und sprich ein Gebet, ehe du es thust.« Sie waren nebeneinander in die Knie gesunken, als die Krieger die Hütte betraten und ein paar kurze Worte zu ihrer Landsmännin sagten. Sie erhob sich lächelnd. »Sie warten auf mich,« sagte sie. »Sie sollen sehen, weiße Lilie, und auch Sie, mein Herr, wie gut ich weiß, was meiner Stellung gebührt. Lebt wohl und denket an Onega.« Sie lächelte wieder und verließ die Hütte zwischen den Kriegern, mit dem raschen sichern Tritt einer Königin, die ihren Thron besteigt. »Jetzt, Amory!« flüsterte Adèle, schloß die Augen und lehnte sich fester an ihn. Er erhob das Pistol, hielt aber plötzlich den Atem an und ließ die Waffe sinken. Noch knieend, die Augen weit aufgerissen, stierte er nach einem Baum, welcher der Hüttenthür gegenüber stand. Es war eine außerordentlich knorrige, alte Buche, deren Borke teilweise abgeblättert herabhing und deren Stamm über und über bemoost und halb vermodert war. Etwa zehn Fuß über dem Boden teilte sich der Hauptstamm in zwei Arme, und in der so entstandenen Gabelung erschien plötzlich eine Hand, eine große rote Hand, die wie toll hin und her geschwenkt wurde, wie in leidenschaftlicher Abmahnung. Im nächsten Augenblick, während die beiden Gefangenen noch in starrem Erstaunen verharrten, verschwand die Hand wieder hinter dem Baum, und an ihrer Stelle erschien ein Kopf, der noch viel energischer schüttelte als sein Vorläufer, Es war unmöglich diese holzbraune, runzlige Haut, die gewaltig gesträubten Augenbrauen über den funkelnden, kleinen Augen zu verkennen. Es war Kapitän Ephraim Savage aus Boston! Noch hatten sie sich von ihrer wortlosen Verwunderung nicht erholt, da ertönte ein gellender Pfiff aus der Waldestiefe, und im Augenblick spie jeder Busch und jedes Dickicht, jedes kleine Gesträuch Feuer und Rauch. Das Geknatter des Musketenfeuers lief um die ganze Lichtung her, und ein Kugelregen pfiff und hagelte unter die aufheulenden Wilden. Die irokesischen Wachtposten hatte ihr blutdürstiges Verlangen, die Gefangenen sterben zu sehen, ins Lager gelockt. Nun waren die Kanadier über ihnen und umschlossen sie mit einem feurigen Ring. Sie stürzten bald hierhin, bald dorthin, um überall demselben tödlichen Verderben zu begegnen, bis sie endlich eine Lücke im Angriff entdeckten, und nun wie Schafe durch einen zerbrochenen Zaun wie wahnsinnig in den Wald hinein rasten, während ihnen die Kugeln der Verfolger um die Ohren sausten, bis die Pfeife von neuem ertönte, welche die Jäger von der Hatz zurück rief. Einer aber war unter den Wilden, der noch Zeit fand, sein Werk zu vollenden, ehe er floh. Der flämische Bastard hatte die Rache der Rettung vorgezogen. Er stürzte auf Onega zu und zerschmetterte ihren Schädel mit seinem Tomahawk. Mit gellendem Kriegsruf schwang er die blutige Waffe über seinem Haupt und eilte nach der Hütte, wo die beiden Gefangenen noch knieten. Catinat sah ihn kommen, und seine Augen leuchteten triumphierend auf. Er erhob sich, trat ihm entgegen und als der Bastard herein stürzte, schoß ihm Catinat beide Kugeln aus seiner Doppelpistole ins Gesicht. Im nächsten Augenblick sprangen die Kanadier über die zuckenden Leiber der Verwundeten, die Gefangenen fühlten ihre Hände mit warmem Druck ergriffen und blickten in die wohlbekannten Gesichter von Amos Green, Ephraim Savage und du Lhut. Da wußten sie, daß sie endlich geborgen waren. Damit gelangten die Réfugiés ans Ende aller Drangsale ihrer Reise. Den Winter verlebten sie in Frieden im Fort St. Louis, und da die Irokesen im Frühling den Kriegsschauplatz nach dem oberen Lauf des St. Lorenz verlegten, waren die Reisenden im stande, nach den englischen Provinzen aufzubrechen. Sie folgten dem Laufe des Hudson bis Newyork, wo ihnen ein warmer Willkommen in Amos Greens Familie zu teil ward. Die Freundschaft der beiden Männer Catinat und Amos war durch gemeinsame Erinnerungen und gemeinsam bestandene Gefahr so fest gegründet, daß sie sich nicht mehr trennten. Sie legten zusammen einen Pelzhandel an, und der Name des Franzosen war bald ebenso bekannt in den Bergen von Maine und an den Felshängen der Alleghanies, wie einstmals in den Sälen und Galerien von Versailles. Im Laufe der Zeit erbaute sich Catinat ein Haus auf Staten-Island, wo viele andere Réfugiés sich niedergelassen hatten, und ein großer Teil dessen, was ihm sein Pelzhandel einbrachte, diente dem Bemühen, seinen hugenottischen Brüdern im Kampf ums Dasein beizustehen. Amos Green heiratete eine junge Holländerin aus Shenectady, und da Adèle und sie unzertrennliche Freundinnen wurden, diente seine Vermählung nur dazu, die Bande treuer Liebe, welche die beiden Familien umschlangen, fester zu knüpfen. Kapitän Ephraim Savage kehrte wohlbehalten in sein geliebtes Boston zurück. Seine ehrgeizigsten Wünsche gingen in Erfüllung, denn er baute sich ein schmuckes Haus aus Ziegelstein auf dem Hügel im Norden der Stadt, von wo aus er die Schiffahrt auf dem Fluß und in der Bucht beobachten konnte. Dort lebte er, hochgeachtet von seinen Mitbürgern, die ihn zum Stadtverordneten und Ratsherren wählten und ihm den Oberbefehl über ein gutes Schiff gaben, als Sir William Phips seinen Angriff auf Quebec unternahm, aber doch fand, daß der alte Löwe Frontenac nicht aus seiner Höhle zu vertreiben war. Von aller Welt geachtet, erlebte der alte Seemann noch einen großen Teil des nächsten Jahrhunderts, so daß seine altersmüden Augen schon etwas von der wachsenden Größe seines Vaterlandes schauen durften. Der Herrensitz von Sainte Marie war bald in seinem vorigen blühenden Zustande wiederhergestellt, aber der Seigneur war von dem Tage, da er seine Frau und seinen Sohn verloren hatte, ein anderer Mann. Er wurde hagerer, wilder, unmenschlicher, unternahm beständig Streifzüge in die Irokesenwälder, bei denen er die Indianer womöglich an Grausamkeit übertraf. Ein Tag kam endlich, wo weder er, noch ein einziger seiner Leute von einem solchen Ausflug heimkehrten. Die stillen Wälder bewahren manch ein grauenhaftes Geheimnis, und darunter auch das Schicksal von Charles de la Roue, Seigneur de Sainte Marie.