Alphonse Daudet Die Stütze der Familie Vorspiel Die Jugend Raimund Eudelines Ein majestätischer Saaldiener, der eine Lampe trug, ging vorüber. Victor Eudeline hustete, um sich einen Ton zu geben, und bat, den Herrn Vorsteher gefälligst an ihn erinnern zu wollen. Der Mann machte, ohne sich umzudrehen, ein bejahendes Zeichen und verschwand im Dunkel einer Doppeltür. Der Bittsteller wartete, auf einer mit Moleskin belegten Holzkiste sitzend, seit einer Stunde in dem langen Vorzimmer des Pariser Gymnasiums mit dem gebleichten Fußboden und den mit einer ungeheuern glasierten geologischen Karte bedeckten Wänden. Der Tag, ein Spätfrühlingstag, ging zur Neige, und durch die Vorzimmerfenster sah Eudeline, wie sich auf allen Stockwerken des Hofes hohe, rechteckige Gaslaternen der Reihe nach entzündeten. Dieser dunkelnde Hof überströmte für ihn von triumphierenden Erinnerungen. Hier hatten Raimund und Antonin, seine beiden Knaben, die Ersten der Klasse im Gymnasium Charlemagne, ihm drei Jahre hintereinander – auch noch im vorigen Sommer – die Freude bereitet, den so bescheidenen Namen Eudeline, den Namen eines durch Glück und Energie zum Meister vorgerückten Tischlergesellen, unter Zujauchzen und Fanfarenklang nennen zu hören. Oh, die Aufregung in diesem Hof, der mit Kindern und festlich gekleideten Eltern gefüllt war, in dem es von Hermelinpelzen und verbrämten Röcken wimmelte! Und sein Zug durch die Menge, zwischen den mit Kränzen und Erfolgen beladenen Söhnen, das ehrenvolle Gemurmel, das sich um sie und ihren armen, in einem funkelnagelneuen Überrock vor Stolz und Gesundheit strotzenden Papa mit dem rotgelben Bart erhob – den Papa Eudeline, Nachfolger von Guillaume Aillaume, einem der größten Fabrikanten des Faubourg du Temple! Und dann das Glück, gleich nach der Preisverteilung mit den Kindern in einen Wagen zu springen – in einen offenen Wagen, in dem das Gold der Bucheinbände und Kränze flimmerte –, durch ganz Paris zu fahren, sich auf allen Boulevards zu zeigen, indem sie zuerst ihren Freund Pierre Izoard im Palais Bourbon und von dort Fräulein Javel, die Hausbesitzerin, in ihrem Palais auf den Champs-Elysées besuchten! »Der Herr Vorsteher läßt bitten.« Bei diesem, in trotzigem Tone ergangenen Ruf fuhr Eudeline jäh aus seinem Traum und trat in die Schreibstube, in der ein alter, ganz in Grau gekleideter Herr, mit einer Samtmütze auf dem Ohr, einen Brief zu Ende schrieb. »Herr Eudeline,« hob er mit zerstreuter Stimme an, ohne den vor ihm stehenden gutmütigen Riesen auch nur anzusehen, »ich hoffe, daß Sie erschienen sind, um nun endlich mit der Administration ins reine zu kommen.« »Leider nein, Herr Vorsteher – ich komme im Gegenteil, um Sie zu bitten – dringend zu bitten –« Der von diesem unerwarteten Empfang außer Fassung gebrachte arme Teufel stammelte, verschluckte sich, und seine Wangen wurden durch das aufsteigende Blut lila gefärbt. »Verzeihen Sie,« murmelte er endlich, indem er einen allzu neuen, riesigen Zylinder, der ihm fast ebenso peinlich war wie das, was er zu sagen hatte, auf den Tisch niederlegte. »Sie kennen mich kaum, Herr Vorsteher, und auch das nur durch meine Kinder. Ich möchte, ehe ich Ihnen meine Bitte vortrage, erzählen, wer ich bin und wer meine Bürgen sind –« Der Beamte wollte gegen eine zu lange Geschichte Verwahrung erheben, aber das Wort »Bürgen« ließ ihn auf der Hut sein. In dieser demagogischen Zeit haben manchmal ganz kleine Leute ganz hohe Beschützer. Er vernahm also mit Ergebung, daß Victor Eudeline, der alles nur durch sich selbst geworden war, in der Rue de l'Orillon, zwischen den Hobelspänen eines Tischlerladens, das Licht der Welt erblickte. Nach zwei oder drei Jahren Elementarschule kam er zu Guillaume Aillaume in die Lehre und blieb bei ihm. Der Chef hinterließ ihm, nachdem er ihm seine Tochter zur Frau gegeben hatte, auch sein Geschäft, das aber leider in der Hand Eudelines nicht so gedeihen wollte wie in der seinen. »Und doch, das sehen Sie selbst, Herr Vorsteher, mache ich einen anständigen Eindruck und habe nichts an mir, was die Kundschaft abstoßen könnte. Ich schreie gern, ja, ich schreie, bin jähzornig, das Blut schießt mir gleich in den Kopf; aber Böses habe ich noch niemand getan, wer es auch immer sei ... Nun wahrhaftig, eine Schwäche habe ich, die mir schaden mußte: ich liebe das Bauen gar zu sehr. Was ich schon für Werkstätten, Phalanstères, Gesamtgebäude für eine etwa zweitausend Seelen umfassende »Phalanx« im sozialen System Fouriers (1772 bis 1837). Arbeiterhäuser und so weiter ausgegeben habe –« Die gereizte Gebärde, mit welcher der Vorsteher seine Troddelmütze zurechtrückte, ließ ihn innehalten; aber als jener ihm winkte, fortzufahren, sprach Victor Eudeline mit Feuer weiter. »Trotz alledem würde ich mich aus der Patsche gezogen haben, da treffliche Freunde, sehr mächtige Persönlichkeiten mich unterstützten: Pierre Izoard, Unterchef der Kammerstenographen, ein sehr einflußreicher Mann, der mit einer liebenswürdigen, leider auf der Brust recht schwachen Nizzaerin verheiratet ist. Aber Herr Vorsteher müssen meinen Freund Izoard ja kennen... er war früher Universitätsprofessor, hat Anno zweiundfünfzig seine Demission gegeben –« »Ich kenne ihn nicht,« entgegnete jener trocken. »Meine hohe Gönnerin war auch meine Hausbesitzerin, Fräulein Javel –« »Eine Verwandte des Deputierten?« »Jawohl – des Unterstaatssekretärs im Ministerium des Innern –, sie war seine Tante. Ach, Herr Vorsteher, dieses edle Wesen war ebenso reich als großmütig. Als sie sah, welche Mühe ich mir gab, um meine Kinder zu erziehen und meinen Arbeitern etwas zu helfen, da gewann sie mich und meine Frau lieb. Die rückständigen Mietzinse zählten gar nicht mehr bei ihr. Unser Vertrag ging zu Ende – sie erneuerte ihn für fünfzehn Jahre, ohne uns um einen Sou zu steigern. Sogar meine unmäßige Baulust ermutigte sie, indem sie mir umsonst das Recht verlieh, in meinem Hof eine große Werkstätte zu bauen, die ich vermieten durfte und die mir beinahe meinen Zins eingetragen hätte. Als das Gebäude fertig und zum Vermieten angezeigt war, wäre ich bald aus der Patsche heraus gewesen: mit einemmal stirbt Fräulein Javel an einem Embolid – nein, so ist's nicht richtig – ich bitte um Entschuldigung, die fremden Worte sind nicht meine Stärke – und ich habe es nun mit ihrem Neffen und einzigen Erben, besser gesagt mit seinem Advokaten, Herrn Petit-Sagnier, Anwalt beim Appellgericht, zu tun, der mich wie einen Banditen, einen Ausbeuter alter Frauen behandelt und mich in aller Form benachrichtigt hat, daß bei dem ersten Zinsrückstand Herr Marc Javel wieder in den Besitz des Mietvertrages sowie des Gebäudes treten würde, das ich dem lieben Fräulein durch meine Schwindeleien erpreßt hätte.« »Herr Petit-Sagnier vertrat das Interesse seines Klienten – ich vermag ihn deswegen nicht zu tadeln,« schnaubte der Oberadministrator, dessen Gesicht seit einem Augenblick einen härteren Ausdruck angenommen hatte. Eudeline, der plötzlich sehr blaß wurde – es war die rötliche Blässe der Sanguiniker mit breiten Wangenflächen –, hielt an sich, um nicht zu schreien, sich nicht zu etwas Heftigem hinreißen zu lassen. Er preßte den Rand des Schreibtisches mit seinen haarigen, kurzen Fingern zusammen und fuhr sehr gelassen fort: »Sie können sich wohl denken, Herr Vorsteher, daß ich mich anstrengte, den Zins nicht mehr im Rückstand zu lassen ... Ich habe dafür die letzten Schmucksachen meiner Frau geopfert, die sie für unsre Kleine aufhob – ihre Brillanten, ihren Kaschmirschal – ich versetzte sogar –« Das gräßliche Geständnis, das er diesem Manne machen wollte, erschreckte ihn, und er verbesserte sich: »Ich entzog sogar meinen Kindern die Erziehung, auf die ich so stolz war, nachdem ich selbst keine erhalten hatte ... Ach, Herr Vorsteher, ich, der als ganz kleiner Junge neidisch vor dem Gitter des Charlemagne stehen blieb, um die Kinder der Reichen zu betrachten, die hineingingen, um zu lernen, ich, der durch seine Unwissenheit so viel gelitten hat und dessen Stolz es war, sich sagen zu können: meine Jungen werden Gelehrte sein, meine Jungen werden Lateinisch können ... Stellen Sie sich meine Verzweiflung vor, als es so weit kam, daß ich sie monatelang zu Hause halten mußte, um das Schulgeld für den Zins verwenden zu können! – Ich weinte, ich weinte mit der Mutter zusammen, wenn ich sie in Hausschuhen von einem Zimmer ins andre schlurfen sah – und insbesondere der Gedanke, das so viele Opfer zu nichts dienten, daß man uns trotzdem versteigern würde – und so ist es gekommen – wir sollen versteigert werden –« Schluchzen erstickte ihn. Eine Bewegung des Vorstehers gab ihm die Kraft, es tief in sich hineinzudrücken. »Oh, seien Sie ruhig, Herr, ich komme nicht, um mir von Ihnen Geld auszuborgen, sondern bloß, um eine Gnade zu erbitten. Jetzt werden bald die Preisarbeiten gemacht werden: lassen Sie meine Kinder an den Prüfungstagen ins Gymnasium kommen. Beide sind überzeugt, daß ein jeder von ihnen in seiner Klasse bei Schulschluß einen Stipendienplatz bekommen wird. Entziehen Sie ihnen das nicht – entziehen Sie es vor allem nicht mir; denn das ist die einzige Freude, die ich noch habe.« »Unmöglich, Herr, das geschieht nie – die jungen Leute können in die Klasse nur wieder eintreten, wenn Sie das rückständige Trimester bezahlen.« Eudeline, mit beiden Händen an den Schreibtisch wie an seine Idee festgeklammert, drängte und flehte ... Der ältere, wenigstens nur der ältere ... der war in der dritten, in dem Jahr, wo der große Konkurs stattfand ... wenn er zugleich mit seinen Kameraden ... Der Vorsteher erhob sich jäh. »Die Administration erhebt dagegen Einspruch.« Gleichzeitig legte er den Finger auf den Knopf einer neben ihm herabhängenden elektrischen Klingel. Ohne den Eintritt des Saaldieners abzuwarten, verbeugte sich Eudeline und ging. Vorhin, als er die breite steinerne Treppe, auf der das Gas angezündet wurde, hinangestiegen war, hatte er noch eine Hoffnung, das Vertrauen zu den Herren vom Gymnasium, seine abgöttische Ehrfurcht vor denen, die Latein konnten, im Herzen getragen. Er erwartete keine wirkliche Hilfe, aber freundliche Worte, tröstliche Zitate aus den alten Schriftstellern; und wenn auch sein Stolz seit Monaten vor diesem Schritt zurückgeschreckt war, so hatte er ihn doch in der vollständigen Gewißheit auf Erfolg getan: der Gedanke, daß Raimund den Konkurs mitmachen und der Name Eudeline zum erstenmal unter der Halle der Sorbonne ertönen werde, schirmte ihn gegen all sein Unglück. Jetzt, nachdem diese Hoffnung zusammengebrochen, war alles zu Ende. Unter all den Katastrophen sah er nur diese einzige. Woher das Geld für die zwei rückständigen Trimester nehmen? Als er das Gitter des Gymnasiums Charlemagne durchschritt, fuhr ihm ein Name durch den Kopf – Izoard, der Beamte des Palais Bourbon, dem man nicht zu sagen gewagt hatte, daß die Kinder seit drei Monaten nicht mehr ins Gymnasium gingen ... Aber wie viele Hindernisse erhoben sich alsogleich! Izoard, der seine Frau nach Nizza gebracht hatte, war vielleicht noch nicht zurückgekehrt, und dann – man war ihm schon so viel schuldig: die letzten vierzehntägigen Löhnungen, die zehntausend Franken für den Bau. – Nein, nein, er mußte etwas andres finden. Aber was? An welche Tür sollte er klopfen? Plötzlich merkte er an dem kühlen, feinen Regen, der sein Haar, seine heißen Schläfen näßte, daß er seinen Hut noch immer in der Hand hielt. In was für einen Zustand war er durch den Besuch geraten! Ach, dieser alte Robert Macaire in der Hausmeistermütze ahnte nicht, daß sein Tisch, sein ungeheures Tintenfaß, sein ganzer Haufen von Pappschachteln und Papierzeug einen Augenblick nahe daran gewesen war, in die Luft zu fliegen, und er damit zusammen! Eudeline fühlte, wie ihm von diesem verhaltenen Zorn die Hände noch schlaff, die Beine über den Knien wie abgesägt waren. Er schritt so schief über das spiegelnde und kotige Pflaster wie damals, als er sich zum einzigenmal in seinem Leben berauscht hatte. Das war bei dem Bankett der Handlungsreisenden gewesen, wo just Marc Javel den Vorsitz geführt hatte. Hatte der aber diesen Abend einen guten Atem, der Deputierte von Indre-et-Loire! Wie schwoll die weiße Weste und die Brustplatte des schönen, großen Mannes von den tönenden Perioden, die er ihnen mit tränenreicher Stimme und zuckenden Lidern über die gegenwärtigen Pflichten eines guten Franzosen, die weltliche und republikanische Nächstenliebe zum besten gab! Übrigens glaubte er vielleicht an diese Solidarität der Menschen, von der er mit solcher Beredsamkeit sprach, und war es nur sein Anwalt Petit-Sagnier, der ihn zu so grausamen Maßregeln wie die für Sonnabend festgesetzte Versteigerung aufhetzte. ›Wie, wenn ich zu Marc Javel ginge – zu ihm in die Wohnung, in die Rue de la Ville-l'Evêque? Wenn ich ihn um Gnade bäte – ihn, und nicht den Anwalt?‹ So dachte Eudeline, während er den Fabrikhof durchschritt. Die Arbeiter waren eben fortgegangen, alle Gebäude dunkel; nur vor der Kasse brannte noch eine wachsame Gasflamme. Er blieb am Fuße der Treppe, vor der Portiersloge, zögernd stehen. »Etwas für Sie, Herr Eudeline,« sagte der Portier mit jener düsteren, gleichsam fernen Stimme eines Untergeordneten, der weiß, daß die Firma es nicht mehr lange machen wird. Eudeline ergriff die beiden dargereichten Papiere – einen Gerichtsbescheid, die Verständigung von der Versteigerung, und dann einen Brief, den er gleichgültig öffnete und, seinen Augen nicht trauend, in einem Zuge las ... Eine Aufforderung, morgen um elf Uhr vor dem Untersuchungsrichter zu erscheinen ... Da sollen doch tausend Donnerwetter dreinschlagen! Den hatte er vergessen. – Es war ihm, als stürze ihm das Treppenhaus über dem Kopf Zusammen; er schwankte und sagte zweimal ganz laut – man hörte es bis in die Portiersloge: »Jetzt sterben – jetzt bleibt nichts übrig, als zu sterben!« Er stieß die Tür des im Erdgeschoß gelegenen Kassenzimmers auf, entließ den Rechnungsführer, Herrn Alexis, und ging erst am nächsten Morgen, bei Tagesanbruch, in seine Wohnung hinauf. Die Nacht brachte er damit zu, zwei Briefe zu schreiben, die er zweifellos gar manches Mal von neuem begonnen hatte. Hier die Kopie eines dieser Briefe, besser gesagt Testamente: »Mein lieber Freund Pierre, die Osterferien sind vorbei, und die Kammer tritt wieder zusammen. Ich nehme an, daß Sie Ihre Kranke mit Ihrer lieben Tochter in Nizza lassen mußten und daß diese Karte, meine Todesanzeige, Sie wieder im Palais Bourbon antreffen wird. Ja, meine Todesanzeige, Sie haben ganz richtig gelesen. Unvorhergesehene Umstände, die meine Kräfte übersteigen, zwingen mich, das Leben auf gewaltsame Art zu verlassen. Meine arme Frau wird Ihnen – wenn es ihr möglich ist – die Beweggründe erzählen, die mich zu dieser Tat der Verzweiflung trieben; ich wage es nicht, ich würde mich zu sehr schämen, Ihnen zu gestehen, daß Ihr Freund, ein echter Achtundvierziger, gegen die Ehre seines Namens gefehlt hat. Auf jeden Fall wollte ich nicht sterben, ohne Ihnen Lebewohl und Dank gesagt sowie Sie um Verzeihung gebeten Zu haben. Oh, vor allem bitte ich Sie um Verzeihung wegen der zehntausend Franken, die Sie uns liehen, und die ich jetzt mitnehme. Wenn Herr Marc Javel, mein neuer Hauswirt, ein Ehrenmann ist, so wird er Ihnen das Geld für diesen Bau, den Sie bezahlten und dessen Mieterträgnis ihm gehören wird, zurückerstatten. Ich schreibe gleichzeitig auch an ihn und hoffe, daß er so gut sein wird, dies zur Kenntnis zu nehmen sowie Ihnen bei der Erlangung eines Staatsfreiplatzes für meine Jungen zu helfen – damit sie doch ihre Studien beenden können, großer Gott! Hauptsächlich wünsche ich das für den älteren, den Raimund, der mich ersetzen, der nach meinem Tode das Haupt, die Stütze der Familie werden muß. Alter Freund, ich bitte Sie – daß wenigstens dieser seine Studien beendet und niemals ins Geschäft kommt! – Der Handelsstand ist ärger als das Bagno. Täglich ist man dabei dem Ruin und der Schande ausgesetzt. Von meinen beiden Jungen soll wenigstens einer dem entgehen. Und nun, alter Kamerad, umarme ich Sie zum letztenmal, indem ich Ihrer Frau und Fräulein Geneviève für alle ihre Aufmerksamkeiten gegen meine Frau und die kleine Dina danke. Sie können sich denken, wie mir das Herz blutet, daß ich mich von allen meinen Kleinen losreißen muß; aber es muß sein – ihr Glück fordert diesen Preis. Es lebe die demokratische und soziale Republik! Victor Eudeline.« * Pierre Izoard war seit gestern abend in seine enge Wohnung im Abgeordnetenhause zurückgekehrt, die ihm durch die Abwesenheit seiner Frau und seiner Tochter ungeheuer groß und trostlos erschien. Er wollte sich eben vor dem offenen Fenster, das auf den mit großen Fliesen gepflasterten inneren Hof des Palastes ging und durch das das Klirren der Gläser und Teller der andern frühstückenden Beamten heraufdrang, ganz allein zu Tische setzen, als ein Bureaudiener ihm diesen Brief heraufbrachte. Ohne bis zur Unterschrift zu lesen, warf er die Serviette hin, steckte alles Geld zu sich, was er im Hause hatte, und der erste Fiaker, der durch die Rue de Bourgogne fuhr, trug den kleinen, kurzgeschorenen Mann mit den schwarzen Augenbrauen und dem langen, ergrauenden Bart zu der Höhe des Faubourg du Temple hinauf. »Eudeline sich umbringen!« schrie er, zum Wagenschlag hinausgestikulierend, mit echt Marseiller Nachdruck und Akzent, in das Getöse des Pflasters. »Eudeline gegen die Ehre verstoßen! ... Macareù , das müßte ich erst sehen, ehe ich es glaube ...« Längs der ganzen Vorstadt, deren aufsteigende Straßen von einer ausgehungerten, brausenden Menge wimmelten, zwischen den Obst-, Blumen-, Fisch- und Gemüsehändlern, deren Handkarren sich am Rande des Trottoirs hinzogen, inmitten des Geruches von heißem Brot und Gebäck, des Gedränges und Geschreies großer Mädchen mit Arbeitskitteln, der nacktbrüstigen Arbeiter, die unterm Arm ein rundes Brot, in der Hand ein öliges Papier trugen, bestärkte jede Umdrehung der Räder Pierre Izoard in seinen optimistischen Anschauungen. Überall, von den Türmen der Kirchen, in den Höfen der Fabriken, läutete es Mittag – Mittag, die selbstsüchtige Stunde des Hungers, des Lebens, die allen Augen auf der Straße die gleiche gierige und zerstreute Starrheit, den gefräßigen Blick des Hais auf seiner submarinen Jagd verleiht. – Sich umbringen? Warum nicht gar! Und das Mittagessen? ... Trotzdem ward dem Marseiller kalt ums Herz, als er beim Aussteigen aus dem Wagen im Hintergrunde des mit Holzpfosten aller Längen und Arten angepfropften Eudelineschen Hofes den weißen Bewurf eines neuen Gebäudes und darauf den Anschlagzettel erblickte: »Großes Lokal zu vermieten«. Er hatte geglaubt, daß die Werkstätte vermietet sei. Infolge der Krankheit, der Reisen hatte man sich ja schon so lange nicht gesehen! Noch betroffener wurde er, als ein Lehrling, der barhäuptig und pfeifend durch den Hof ging, ihm mitteilte, daß der Chef gleich morgens weggegangen sei und daß man ihn nicht zurückkommen gesehen habe. Seine Hand zitterte, als er im ersten Stock klingelte. In der halb offenen, altmodischen, um drei Stufen erhöhten Tür zeigten sich die tränenverschmierten Wangen und das erschrockene, ängstliche Pierrotgesicht eines langaufgeschossenen blonden Jungen von vierzehn oder fünfzehn Jahren. »Nun, Raimond, was gibt's?« fragte der Stenograph. Ohne etwas zu antworten, rief ihn der Junge mit einer verzweifelten Gebärde herein, zog ihn in den Gang und stürzte ihm unter lautem Schluchzen um den Hals. »Wo ist der Papa, Herr Izoard? ... Sagen Sie uns, wo ist der Papa?« Gleichzeitig fühlte Izoard Küsse und brennende Tränen auf seinen Händen: es war der andre Bruder, Toni, ein kleiner Rotkopf, der sich, wie aus der Erde gewachsen, an ihn anklammerte und ebenfalls fragte, wo der Papa sei! Aber er fragte es ganz leise, mit zusammengepreßten Zähnen, während seine Kinnbacken nervös krachten. Der Marseiller, von diesem so echten Schmerz ergriffen, wischte sich die Augen und suchte nach irgendeiner Antwort. »Aber, meine lieben Kinder, ich weiß ja nicht, wo euer Vater ist ... Ich komme eben aus dem Süden zurück ... ich bin nur zufällig hergekommen ...« Als er dann in dem unordentlichen, armseligen Zimmer, in das sie getreten waren, zwischen den beiden Brüdern saß, gelang es ihm endlich, aus ihren stoßweise hervorgeschluchzten, klagenden Reden das Familiendrama herauszuschälen, an das er nun wohl glauben mußte. Der Vater hatte die ganze Nacht in der Schreibstube zugebracht. Morgens wurden sie durch den Lärm einer furchtbaren Szene im Zimmer ihrer Eltern geweckt. Eudeline schrie, daß er sich in den Kanal »schmeißen« werde, daß ihm sonst nichts übrigbleibe. Daraufhin war er fortgelaufen, und die Mutter, die weinte und ihn mit gefalteten Händen beschwor, nicht zu sterben, hinterdrein. Seither saßen die Kleinen in banger Erwartung da und wußten von nichts. Izoard suchte sie zu beruhigen. Sie kannten ja ihren Vater, der so hitzig, so heftig war, aber an den Seinen so zärtlich hing ... Welche Katastrophen hätten nicht eintreten müssen, um ihn zu einem so wilden Entschluß zu treiben! »Katastrophen, Herr Izoard?« Der ältere Junge nahm beim Sprechen jene ältliche Miene an, welche die Frühreife des Unglücks den Kindern verleiht. »Wir haben ja alle möglichen gehabt, seit Sie fort waren. Sehen Sie sich um – die Uhr samt den Vorhängen ist weg – es sind fast gar keine Möbel mehr da. Gott weiß, was nicht alles verkauft, versetzt wurde, um diesen schrecklichen Zins zu zahlen! Toni mußte die Sachen aufs Leihhaus tragen – ich wagte es nicht, und Papa und Mama waren zu bekannt. – Aber das ist noch nichts. Werden Sie es glauben, daß wir seit drei Monaten nicht mehr ins Gymnasium gehen?« Die zwei Kleinen, die weder Westen noch Krawatten trugen und die Füße in Pantoffeln stecken hatten, besaßen in der Tat jenes verbummelte, unordentliche Aussehen, das allen Schul- und Kasernenfaulenzern gemein ist. »Daß er uns aus dem Gymnasium nehmen mußte, kränkte ihn am meisten, noch mehr, als daß er unser Schwesterchen Dina zu ihrer Patin schicken mußte, die sie zu sich nach Cherbourg nahm ... Ah, da ist die Mama!« Sie ließen ihr nicht Zeit, sich niederzusetzen, den Schleier von ihrem fiebernden Munde, ihren blassen, ganz fleckigen Wangen zurückzuschieben. »Was hast du mit dem Papa gemacht?« fragten beide zugleich. »Nun, Kinder, euer Vater, euer Vater –« Sie hatte sich aufs Lügen vorbereitet, um ihnen nicht sofort einen zu schweren Schlag zuzufügen; allein die unvorhergesehene Anwesenheit Izoards, dieses freundliche, mitleidige Gesicht nahm ihr allen Mut. Der Brief ihres Mannes war ihr bekannt, und sie wußte, daß nur ein Wort, nur ein einziges Wort, das sie miteinander wechseln würden, sie dahin bringen würde, aufzuschluchzen und alles zu sagen. Sie begnügte sich daher mit einem stummen »Guten Tag!« und fuhr, ihn gleichsam aus der Szene entfernend, fort: »Ich habe euern Vater in ruhigerer Stimmung verlassen – ich hoffe, daß wir für heute nichts zu fürchten haben.« Die arme Frau wendete den Kopf ab und bemühte sich, den mißtrauischen, spähenden Augen zu entschlüpfen. »Aber warum hast du ihn allein gelassen, Mama?« fragte Raimund in argwöhnischem, fast strengem Ton. Die Mutter senkte den Kopf. »Um euch schneller zu beruhigen, meine geliebten Kinder,« antwortete sie ganz leise, ganz demütig, als sei ihr Gatte anwesend, oder als vertrete der ältere Sohn bereits seine Autorität. Und um weiteren Fragen zu entgehen, fuhr sie, einen herzzerreißenden, alles bekennenden Blick auf Izoard richtend, fort: »Ach, Herr Marc Javel ist recht grausam gegen uns.« »Das kann ich mir gar nicht vorstellen!« donnerte der kleine Mann mit dem langen, fließenden Bart. »Javel, mit dem ich in der Kammer verkehre, ist ein Republikaner von der guten Art, wie wir zu sagen pflegen, ein Kind des Volkes, und im kleinen Handelsstand, dessen ganzes Elend er kennt, geboren. 1870, während der Belagerung, hörte ich ihn auf einer Volksversammlung über die Erneuerung fälliger Wechsel sprechen. Mit ein paar Worten über die Angst der Schuldner bei dem zu zahlenden Wechsel rührte er den ganzen Saal. Ein Mann, der so etwas sagt, wäre der schändlichste Heuchler. Übrigens, Frau Eudeline, habe ich einen Wagen vor der Tür stehen; die Kinder sollen einsteigen, wir fahren zum Unterstaatssekretär. Ich bin überzeugt, er weiß nichts davon, daß sie versteigert werden sollen, und bürge Ihnen jedenfalls, daß die Versteigerung nicht stattfinden wird.« »Gott erhöre Sie, lieber Freund!« seufzte die Mutter. Und ohne daß sie es wagte, die Kinder anzusehen, befahl sie ihnen, sich recht rasch anzuziehen. Als sie fort waren, brach das Schluchzen, das sie erstickte, herzzerreißend los. »Die armen Kinder!« murmelte sie, das Gesicht in die Hände vergrabend. Izoard setzte sich auf den Rand des Diwans, auf dem sie zusammengebrochen war. Er wagte kaum, sie auszufragen. Wäre es möglich? Eudeline hätte seine Drohung ausgeführt? Das Gesicht noch immer zwischen den Netzhandschuhen verbergend, nickte sie »ja«. Er sah sie verblüfft an. »Aber Sie waren nicht dabei? Sie hätten es ja nicht zugelassen – und dann, wer bringt sich denn wegen Geld um – he, ich bringe ihm ja Geld – nicht viel, aber doch etwas.« Die unglückliche Frau schüttelte zu diesen feurigen, von lebhaften Gebärden unterbrochenen Worten bloß den Kopf. »Ach, Herr Izoard, wenn Sie wüßten –« Plötzlich erinnerte er sich an jenes Vergehen wider die Ehre, dessen der Brief Eudelines erwähnte. Um was handelte es sich eigentlich? Einem Freunde wie ihm konnte man doch alles sagen. »Nun denn –« Demütig und mit gesenkter Stirne, wie im Beichtstuhl, flüsterte sie ihm mit trauriger Stimme das herzzerreißende Geständnis zu, das der arme Eudeline ihr selbst abgelegt hatte, während sie längs des Kanals hinschritten. Ach, immer wieder der schreckliche Hauszins, immer wieder die Furcht vor Marc Javel! Waren, die in der Fabrik im Depot lagen, kurz vor dem Zinstermin versetzt und dann verkauft, weil das Geld zum Erneuern fehlte – die Klage, der Untersuchungsrichter, Abgabe an das Zuchtpolizeigericht, Gefängnis, Schande – für ihn, für die Kinder – »Ach, lieber Freund, das hauptsächlich machte ihn toll – der Gedanke, daß unsre Kleinen sich ihres Namens schämen, daß brave Leute wie Sie nicht mehr wagen würden, sie zu empfangen. ›Wenn ich sterbe,‹ sagte er zu mir, ›wird man mich nicht verfolgen und der Name unsrer Kinder wird nicht durch eine Verurteilung beschmutzt werden.‹ Sie können sich denken, daß ich mich widersetzte, daß ich ihn bat, sich nicht umzubringen. Aber er sprach mit so überzeugender Kraft, er fand so gerechte Gründe, um mir zu beweisen, daß sein Tod die einzige Möglichkeit sei, alles zu retten – ihn vor dem Gefängnis und unsre Kleinen vor der Schande. Zuletzt wußte ich nicht mehr, was ich antworten sollte. Sie wissen ja, daß ich ihm, heftig und despotisch, wie er war, immer nachgegeben habe. Ich hätte schreien, mich an ihn anklammern müssen. Ich war wie vernichtet, verblödet. Plötzlich sagte er: ›Gib mir einen Kuß, Mutterchen, und geh weg, ohne dich umzudrehen.‹ Ich tat, wie er mich geheißen hatte – und jetzt bin ich da, ohne zu wissen, wie – Gott schütze dich, mein armer Mann!« Die Kinder traten wieder ins Zimmer. Sie unterbrach sich und untersuchte mit zitternden Händen ihre Toilette, während Izoard entsetzt an diesen heldenmütigen Selbstmord dachte, den die unglückliche Helotin dort so naiv zugelassen hatte. ›Nun, wenn sein Tod wenigstens etwas nutzt,‹ dachte er bei sich, während er mit den Kindern in die Rue de la Ville-l'Evêque fuhr, wo der Unterstaatssekretär neben dem Ministerium des Innern einen alten Palast mit einem Garten bewohnte. Der Unterchef der Kammerstenographen macht die Sitzungsberichte für den Druck zurecht, indem er sie mit »Bravos auf der Rechten oder Linken – Lärm auf einigen Bänken – Langandauernder Beifall« und so weiter ausschmückt. Es ist also begreiflich, daß die Deputierten großes Interesse daran haben, sich gut mit ihm zu stellen. Der Marseiller war daher sicher, daß der Herr Unterstaatssekretär beim Empfang seiner Karte – selbst wenn er gerade beim Frühstück war – sich wohl hüten würde, ihn warten zu lassen oder auf einen andern Tag zu bestellen, wie er nicht ermangelt hätte, bei weit höheren Beamten zu tun. Kaum hatte man sie in ein Arbeitszimmer geführt, wie es die Kinder noch nie gesehen hatten – das des Vorstehers im Gymnasium sah dagegen wie ein Vorzimmer aus –, prunkvoll, hoch wie eine Kirche, mit langen, gemalten Fensterscheiben, dicken Teppichen, Leder- und alten Eichenholzstühlen, die in majestätischer Entfernung voneinander standen –, so verloren die ohnehin eingeschüchterten Knaben gänzlich die Fassung, als sie einen vornehmen Herrn mit ausgestreckten Händen auf sich zukommen sahen. Er besaß eine rosige Gesichtsfarbe, einen blonden, gepflegten Schnurrbart, weiche Bewegungen, trug Kleider aus dunkelm englischem Stoff und hatte die Frühstücksserviette als einen Fingerzeig über den Arm geworfen. »Mein lieber Maître, was verschafft mir das Vergnügen dieses Besuches?« Izoard zeigte auf die zwei Kinder. »Herr Unterstaatssekretär, die Söhne Ihres Mieters Eudeline –« Alsogleich erstarrte das Lächeln Marc Javels, seine Mundwinkel und Augenwinkel senkten sich, und matt, mit niedergeschlagenen Lidern, murmelte er ein paar erklärende Worte. Gerade heute vormittag habe er von diesem Herrn Eudeline einen sehr exaltierten Brief erhalten – einen von jenen Briefen, wie bekannte Leute deren so viele bekommen. Er habe ihn seinem mit der Regelung der Erbschaft betrauten Anwalt, Petit-Sagnier, zugesendet, und das sei die kleine Depesche, die der Anwalt als Antwort geschickt habe. Der Unterstaatssekretär reichte dem Vater Izoard diskret das Telegramm, aber dieser sagte sehr rasch: »Ach, leider brauchen wir vor diesen Kindern nichts zu verheimlichen,« und las laut: »Ich glaube kein Wort von dem Selbstmord. Mit dem Neffen soll dasselbe Ausbeutungssystem fortgesetzt werden wie mit der Tante. Es bleibt bei der Versteigerung übermorgen Sonnabend.« Die beiden Kinder hatten sich unwillkürlich in einen Winkel gedrückt; dieselbe Aufwallung von Wut und Empörung trieb sie jetzt vorwärts. Beide wollten zugleich sprechen; aber Toni, der kleine, der Rotkopf, konnte seinen Zorn nur durch Gebärden ausdrücken. Ein nervöser Krampf lieh die Worte zwischen den zusammengepreßten Zähnen, die sie zermalmten, nicht heraus. Der ältere, Raimund, war mit seiner mutierenden Stimme und dem langen, allzu rasch aufgeschossenen, schlotterigen Körper nicht viel beredter; da jedoch der in ihrer Gegenwart so ungerecht Beschimpfte einen Verteidiger brauchte, so wußte sich das Kind herauszuhelfen. Nein, der Vater war kein Betrüger. Wenn er gesagt hatte, daß er sich umbringen werde, so wollte er es sicherlich tun; und er brachte sich nur um, um den bösen Affen, die über ihn herfielen, zu entgehen – dem Herrn Petit-Sagnier und andern. Das sollte die Welt erfahren, er würde es überall erzählen, er würde es in die Zeitung schreiben – jawohl, jawohl – »Der Vater ist tot, Herr Minister, man hat es ihnen noch nicht erzählt,« murmelte der Marseiller, den dieses verzweifelte Ungestüm beunruhigte; aber ein unbestimmtes, mitleidiges Lächeln auf den Lippen Marc Javels beruhigte ihn sofort, und fest überzeugt, daß der hohe Würdenträger ebenso bewegt sei wie er selbst, zerdrückte er nun ohne Scheu zwei große Tränen, die dieser Aufschrei des Kindes ihm ins Auge getrieben hatte. Ach, der arme alte Graubart! Als ob ein praktischer Mensch, ein Politiker, der solide englische Stoffe trug, sich über dieses kleine Familiendrama aus der Zeit Diderots aufregen könnte! Aber der Junge hatte von Journalisten gesprochen, und der Herr Unterstaatssekretär fürchtete diese Journalisten. Er stellte sich einen Pariser Leitartikel vor, der unter dem Titel »Die Erbschaft Javels« den freiwilligen Tod Victor Eudelines und den Besuch der Kinder in der Rue de la Ville-l'Evêque schildern würde. Das gäbe einen schönen Skandal. Jetzt galt es, den Schnitzer Petit-Sagniers rasch wieder gutzumachen. Glücklicherweise war der ebenso wohltätige wie geschwätzige Izoard von Marseille da. Er streckte ihm die weit offene, loyale Rechte entgegen und sagte: »Mein lieber Maître« – Marc Javel gab diesen Titel allen jenen, denen er keinen andern geben konnte –, »mein lieber Maître, ich danke Ihnen, daß Sie mir die jungen Leute hergebracht und mir Gelegenheit gegeben haben, ein Unrecht wieder gutzumachen.« Dann wendete er sich mit himmlischer Sanftmut zu dem verblüfften Raimund: »Mein junger Freund, ich weiß nicht, ob euer Vater seinen verhängnisvollen Entschluß ausgeführt hat. Ich wage noch zu hoffen, daß dem nicht so ist. Auf jeden Fall sagen Sie Ihrer Frau Mutter in meinem Namen, daß, wenn die Männer des Gesetzes ihre eigne Sprache haben auch die Ehrenmänner eine besitzen. Weder übermorgen noch an den folgenden Samstagen wird bei euch eine Versteigerung stattfinden.« »Ich habe es ja gewußt, daß ich meinen alten Marc Javel wiederfinden werde!« rief freudig der Stenograph und mußte sich zurückhalten, um dem Minister nicht um den Hals zu fallen. In der Tat fand am drittnächsten Tage keine Versteigerung statt, wohl aber das Begräbnis Eudelines, den man nach ein paar Stunden aus dem Kanal gezogen hatte. Seine Frau hatte es durchgesetzt, daß er in St. Joseph de Belleville eingesegnet ward, und das Leichenbegängnis, dessen Kosten Jzoard bestritt, war sehr anständig. Es waren sehr viel Leute anwesend, besonders Arbeiter und kleine Geschäftsleute, die großen Firmen grollten dem Nachfolger von Guillaume Aillaume wegen seiner menschenfreundlichen und soziologischen Ideen. Aber wieso konnte man ihr Fernbleiben bedauern, als man erfuhr, daß der Unterstaatssekretär des Innern bis zum Friedhof mitgekommen sei? Marc Javel hatte begriffen, daß er, um den schlechten Eindruck beim Publikum zu mildern, dem Begräbnis seines Opfers beiwohnen müsse; er war sogar so gescheit, seinen Anwalt, Petit-Sagnier, den Typus eines feisten, genußsüchtigen Advokaten, als Sündenbock mitzunehmen, und nur die allgemein unterrichteten Fabrikarbeiter empfingen denselben mit Murren und störrischen Mienen. Was Marc betraf, so begrüßte ihn, als man ihn schwarz behandschuht und höchst korrekt vor der abgelegenen Vorstadtkirche aus dem Ministerwagen steigen sah, ein Gefühl allgemeiner Sympathie. Pierre Jzoard und die Kinder, die ihn im Peristyl erwarteten, da sie wußten, daß er in seiner Eigenschaft als Freimaurer und Logenmeister nie eine Kirche betrat, gingen ihm mit tränenden, geröteten Gesichtern zusammen entgegen, um ihm für sein Kommen zu danken. » Fortitudo animi !« sagte der Stenograph ganz leise, indem er auf den kerzenstrahlenden Katafalk unter der Halle zeigte. Seine Rührung rief ihm die alten Stellen aus seiner Professorzeit wieder ins Gedächtnis. Der Minister verstand kein Latein und verheimlichte das wie einen Aussatz; aber er begriff aufs Geratewohl, daß dieses Fortitudo auf den heroischen Tod dieses für seine Kinder gestorbenen Vaters anspielte, und da der älteste Sohn neben ihm stand, zog er ihn mit einer großartigen, gleichsam adoptierenden Gebärde an sich. »Kinder,« sagte er mit seiner angenehmen, vollen Stimme, die weit vernehmbar war, »euer Vater war einer jener Republikaner von altem Schrot und Korn, denen die Regierung der Republik nichts versagen darf. Alles, was Victor Eudeline in seinem Briefe von jenseits des Grabes für Raimund Eudeline, den Sohn der Witwe, die Stütze der Familie, verlangt, wird geschehen. Dafür bürge ich in Gegenwart aller, die mich hören.« Und es waren deren genug! An diesem Tage tat Marc Javel den ersten, den entscheidenden Schritt auf der Bahn der großen Popularität, auf der wir ihn seither mit beispielloser Geschmeidigkeit und Schnelligkeit seine Schwenkungen ausführen sahen. Von diesem Tage an nahm auch Raimund von seiner neuen Stellung als Stütze der Familie Besitz. Er erriet deren Verantwortlichkeit und Dienstbarkeit aus einer Art von Mitleid, von Ehrfurcht, von der er sich, während er mit seinem Bruder hinter der Bahre einherschritt, plötzlich umgeben fühlte. Der Tod dieses trotz seiner Heftigkeit so nachsichtigen, so zärtlichen Vaters verursachte ihm zweifellos einen furchtbaren Schmerz; aber in seinen persönlichen Kummer mischte sich ein gewisser Stolz und selbst ein wenig Pose. Er weinte nicht gleich Antonin wie ein Kind, sondern schritt mit rundem Rücken wichtig und feierlich dahin. Diese düstere, weit über sein Alter hinausgehende Stimmung, diese stets übertriebene und etwas falsche Empfindsamkeit blieb ihm während der drei oder vier Jahre, die er als Freischüler im Gymnasium Louis-le-Grand zubrachte. Seine Geschichte, die im Gymnasium so ziemlich bekannt war, vor allem die Gunst des Ministers, dem er, wie man wußte, seine Freistelle verdankte, verschaffte ihm eine gewisse Berühmtheit. Die Schüler zeigten ihn im Sprechzimmer ihren Eltern und sagten:. »Sieh dir den großen Blonden dort aus der dritten B an; er ist erst fünfzehn Jahre alt und schon die Stütze der Familie.« Und der Aufseher, den die Mütter ebenfalls befragten, flüsterte mit geheimnisvollem Ton: »Der junge Mann hat hohe Protektion –« Wie immer war diese Protektion mehr illusorisch als wirklich vorhanden. Ein paar Wochen nach dem Begräbnis Eudelines ließ sich der Unterstaatssekretär bei der Witwe melden; sie war auf diesen Besuch sehr stolz und empfing ihn und seinen Sachwalter, Petit-Sagnier, in jener Schreibstube zu ebener Erde, in welcher der Verzweifelte zwischen dem Kassengitter und zwei Reihen schwarzbraun gebundener Geschäftsbücher seine Todesnacht durchlebt hatte. Auch Pierre Jzoard und der Rechnungsführer Alexis waren anwesend; es geschah auf das ausdrückliche Verlangen Marc Javels, mit dem Frau Eudeline angesichts der Unmöglichkeit, das Geschäft ihres Gatten fortzuführen, diesen Familienrat vereinbart hatte. Eine weiche, träumerische Natur hatte der mutterlosen Tochter Guillaume Aillaumes, deren Erziehung zuerst im Sacré-Coeur, dann in dem einsamen Schloß Morangis, wohin sich der Alte zurückgezogen hatte, von einer romantischen Erzieherin geleitet wurde, nicht erlaubt, jenen Zuschuß weiblicher Tätigkeit und Intelligenz in die Ehe zu bringen, der so viele Vermögen in der Pariser Geschäftswelt erklärt. Neigung für das Geschäft und Geschäftsinstinkt gingen ihr ab; die Heftigkeit ihres Gatten flößte ihr Abscheu und zitternde Angst davor ein. Dieser treffliche Mann, der sie anbetete, jagte sie mit seinem Geschrei in die Flucht, und nach achtzehn Jahren eines im allgemeinen ziemlich glücklichen Zusammenlebens war sie so verwirrt und beinahe so taub wie der Kanonier eines großkalibrigen Seegeschützes. Ein Detail besagt vielleicht mehr als alles andre: seit ihrer Hochzeit hatte sie die Geschäftsräume, in denen der Familienrat stattfand, keine zweimal betreten. Man begreift daher, daß die derart entwaffnete, mit ganz jungen Kindern zurückgebliebene unglückliche Frau vor einer Fortführung des Geschäftes zurückschreckte. Der über die Sauberkeit und Ordnung in seinen Büchern triumphierende Rechnungsführer schilderte ihr alle Gefahren, alle Verlegenheiten einer solchen Fortführung. Die Firma war gewiß sehr gesucht, aber bereits veraltet; große Unordnung herrschte, es gab verjährte Schuldscheine und Schulden, ganz abgesehen von den rückständigen Mietzinsen, den Schulden, die durch die einbringlichen Rechnungen gewiß nicht gedeckt werden würden. Wieso sollte sie sich da heraushelfen? Das Geschäft verkaufen? Aber da müßte es zuerst schuldenfrei sein; wer würde sonst ein abgenutztes Geschäft wollen, das so löcherig war »wie die Pfanne in Babet«? Herr Alexis, der auf seine berrichonner Redensart viel hielt, wiederholte sie mehrmals, während Herr Jzoard und Frau Eudeline einander bestürzt betrachteten. »Nun denn, ich habe einen Käufer,« sagte Petit-Sagnier auf ein Zeichen seines großen Klienten. Er nannte die Gebrüder Nathan, kleine Möbelhändler in der Rue de Charonne, die das Geschäft samt Schulden und rückständigen Mietzinsen übernehmen würden. »Und das Hofgebäude?« fragte Pierre Jzoard lebhaft. Der Anwalt breitete die Arme aus, als lasse er die Sache fallen. Von dem Gebäude, das übrigens in dem ohnehin zu kleinen Hof Luft, Licht und Platz wegnahm, hatten die Nathans nicht gesprochen; sie wären froh, es los zu werden. Frau Eudeline hielt mit Mühe ihre Tränen zurück. Wie, nicht einmal die Baukosten, die zehntausend Franken, die Pierre Jzoard ihnen geliehen hatte, sollten zurückerstattet werden! Der dicke Advokat schob verächtlich die Lippe vor: die Idee mit diesem Bau war einer der zahlreichen Irrtümer des armen Herrn Eudeline gewesen. »Liebe Freundin, denken Sie nicht mehr daran,« fiel der Stenograph ein. »Die Person, die Ihnen das Geld geborgt hat, braucht es nicht dringend zurück.« »Diese Person ist wohl sehr reich?« fragte Marc Javel mit nachsichtigem Lächeln. »In meinen Verhältnissen, Herr Minister,« antwortete der Marseiller strahlend. »In diesem Fall, mein lieber Maître –« Der Herr Unterstaatssekretär zog eine elegante seehundslederne Brieftasche aus seinem Jackett, entnahm ihr einen Scheck, den er am Rande des Schreibtisches mit der Feder des Herrn Alexis unterfertigte – wieder ein »danke, lieber Herr« –, und überreichte dem Stenographen einen Bon für fünftausend Franken, damit sein unvorsichtiger Freund nicht der ganzen Summe verlustig gehe. Jzoard errötete, widersetzte sich, dann aber sagte er nach einigem Nachdenken: »Nun denn, ja – ich nehme es für Frau Eudeline an, die noch weniger reich ist als ich und mein Freund.« Die arme Frau wußte nicht mehr, wie ihr war – diesem guten Herrn Javel verdankte man schon so viel! Vor ein paar Tagen die Freistelle Raimunds, dann einen Empfehlungsbrief an Esprit Cornat, das ehemalige Mitglied der Konstituante und gegenwärtigen Direktor einer großen Fabrik elektrischer Apparate, in der Pierre Jzoard Antonin als Lehrling untergebracht hatte. Und jetzt obendrein diese fünftausend Franken! »Gnädige Frau, ich bitte Sie –« murmelte Marc Javel sanft und väterlich wie das Evangelium. Als der Wagen des Ministers im schnellsten Trab den kotigen Abhang der Vorstadt hinabfuhr, machte der Advokat Petit-Sagnier seinem Klienten über diese unnütze Großmut Vorwürfe. »Zum Teufel, ich bringe die Sache großartig in Ordnung, befreie Sie von einem lächerlichen Mietvertrag, einem gefährlichen Mieter, beschenke Sie mit einem prächtigen Gebäude – und Sie verderben mir mit Ihren fünftausend Franken mein ganzes Meisterwerk!« »Herr Petit-Sagnier,« sagte der hohe Würdenträger, indem er eine Havannazigarre, die ebenso geschniegelt und ebenso rotbraun wie sein Schnurrbart war, an die Nase führte, »ich liebe allzu gute Geschäfte nicht und mißtraue allem, was nichts kostet. Glauben Sie mir, das ist kein verlorenes Geschäft. Sie sind dazu da, um die Erbschaft der Tante zu schützen; ich aber habe über meine politische Laufbahn zu wachen –« »Und Sie verstehen sich darauf!« rief der Advokat mit respektvoller Heiterkeit. Bisher hatte er seinen Klienten nur für einen Glückspilz gehalten. Diese fünftausend Franken erlaubten – bis Raimund alt genug sein würde, um seine Stelle als Stütze der Familie wirksam auszufüllen – der Witwe, die sich zur Schwester ihres Mannes nach Cherbourg zurückgezogen hatte, dort etwas weniger beschränkt zu leben und dem Internisten von Louis-le-Grand und dem Lehrling Esprit Cornats einige Vergünstigungen zukommen zu lassen. Die Briefe, die sie an ihre Knaben, besonders an den mit ihrer aller Zukunft betrauten Ältesten schrieb, klagten über die Verbannung, zu der Mutter und Tochter sich auf lange Zeit hinaus verurteilt sahen; und auf die Unterschrift folgte unabänderlich ein und dasselbe Postskriptum: »Arbeite, mein Kind, arbeite und hilf uns so rasch als möglich von hier fort.« Der Arme arbeitete; aber infolge eines außerordentlichen Pechs konnte er, der früher im Gymnasium Charlemagne ohne jede Anstrengung alle Preise der Klasse davongetragen, jetzt, da seine Studien ein bestimmtes Ziel besaßen, zum Schluß des Jahres nicht einmal einen Preis erringen. Seine Lehrer, die seinem Fleiß vertrauten und Zeugen seiner Anstrengungen waren, schrieben dieses plötzliche Stocken der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses bei einem Wesen von so vollkommenem Ebenmaß der Ermüdung des Wachstums zu. Jzoard erklärte es durch die Nervenerschütterung, die der tragische Tod des Vaters den beiden Kindern verursacht hatte. »Sehen Sie doch Antonin, den jüngeren an,« sagte er eines Tages zu Marc Javel, als sie in einem der Couloirs der Kammer miteinander über diesen Gegenstand sprachen. »Seit Eudelines Selbstmord ist dem armen Kleinen gleichsam ein Stottern zurückgeblieben; er stammelt, sucht nach Worten. Wer weiß, ob sich diese Sprachschwierigkeit, dieses Stocken beim Reden bei dem älteren Bruder nicht auf die Spannkraft des Willens geworfen haben.« »Sehr möglich, lieber Maitre. Aber das ist ja gleich; schicken Sie ihn mir einmal an einem Sonntagvormittag ins Ministerium. Auf Wiedersehen und vergessen Sie nicht, mir den jungen Mann mitzubringen.« Jzoard vergaß es gewiß nicht, aber es fügte sich, daß der Freischüler von Louis-le-Grand während der Dauer seiner Studien im ganzen zweimal, und jedesmal kaum fünf Minuten, empfangen wurde, trotzdem er seinem Protektor im Ministerium des Innern, der Finanzen oder des Handels – den verschiedenen Posten, die Marc Javel der Reihe nach bekleidete – unzählige Besuche abstattete. Und jedesmal bekam er dieselbe Marktschreierei wie unter dem Tor von St. Joseph, dieselben Versprechungen zu hören, die im Namen der Republik Raimund Eudeline, dem ältesten Sohne der Witwe, der Stütze der Familie, gemacht wurden. »Vergessen Sie das nicht, junger Mann.« Es wäre besser gewesen, wenn der junge Mann seine schweren und feierlichen Zukunftspflichten eine Zeitlang vergessen hätte; denn die Vorstellung, die er sich von seiner Aufgabe machte, die Furcht, daß er nicht die Kraft haben würde, sie auszufüllen, mußte ihn unbedingt lähmen und ihm alles Feuer, alle Freude seiner kurzen Jugendjahre rauben. Bei einer Matinee im Thêatre Français, wohin zwei Abteilungen von Louis-le-Grand geführt wurden, sah Raimund zum erstenmal den »Hamlet«. Er erfüllte ihn mit einer Verzweiflung, die wie immer etwas theatralisch und gezwungen war; aber die Ursache derselben gestand er nur einem Primaner namens Marquès, der bei der Rückkehr vom Theater neben ihm in der Reihe schritt. »Weißt du, Marquès, warum mir dieser Prinz von Dänemark leid tut, warum ich über ihn weine, als wäre er einer von den Unsern? Weil er mir gleicht, weil er wie ich eine Aufgabe hat, die über seine Kräfte geht, an die er stündlich denkt, die ihm jedes Vergnügen verbietet. Auch er hat nicht das Recht, jung zu sein, zu lieben und geliebt zu werden. Er muß ein Held, ein Rächer sein, und er fühlt, daß er das nicht sein kann. Das bricht einem das Herz.« Dieses Geständnis erzählte der Primaner abends seiner Mutter. Seither erwachte in dieser Dame – der Gattin eines Ministers, wenn ich bitten darf, welche die republikanische hohe Gesellschaft noch immer die »schöne Marquès« nannte – ein lebhaftes Interesse für diesen blonden Jungen, der eine so romantische Seele und eine so hübsche Haarfarbe besaß; aber diese heimliche Neugierde wurde erst später befriedigt. Damals wollte Raimund niemand sehen und nahm gar keine Einladung an. Seine Sonntage verbrachte er im Palais Bourbon bei Izoard, häufiger noch in Morangis, einem kleinen Dorfe in der Bannmeile von Paris, wo der Stenograph seit der Krankheit seiner Frau einen Teil des Jahres zu verleben pflegte. In diesem selben Morangis hatte auch der alte Fabrikant Guillaume Aillaume nach seinem Rücktritt von den Geschäften gewohnt, und durch den gemeinsamen Landaufenthalt war das Band zwischen den beiden Familien entstanden. Vordem stiegen Jzoard und Eudeline an jedem Samstagabend in der Station Antony aus, ließen Frau Eudeline und ihre Tochter mit dem Omnibus fahren und gingen zu Fuß einen jener von großen Ulmen, diesen altmodischen Bäumen, beschatteten Hohlwege entlang, welche die ungeheuere Ebene zwischen Belle-Epine und dem Turm von Montlhery durchschneiden. Dieser einstündige Marsch zwischen zwei Hecken von Hagedorn und Pflaumenbäumen, Arm in Arm mit dem alten Stenographen, bot dem Vorstadtfabrikanten immer neue Wonnen. Jzoard enthüllte ihm die Unterströmungen in der Kammer, die Geheimnisse der Couloirs und schrie mit seiner Donnerstimme: »Gambetta hat es mir erst heute am Büfett gesagt« – oder »Ich weiß durch Dufaure, daß das Gesetz nicht durchgehen wird ...«, während Raimund und Antonin herumtollten, die Süßklee- und Runkelrübenfelder mit ihren Heften und Büchern besäten und ihre lärmende Fröhlichkeit mit dem Tirili der Lerche vermischten, die, von dem hellgelben Netz der untergehenden Sonne gleichsam gefangen, über den Kornfeldern aufstieg und wirbelte. Am Eingang von Morangis, bei der Kreuzung dreier Wege, erhob sich inmitten eines grünen ebenen Platzes eine große italienische Pappel, die eine politische Vergangenheit hatte. Der alte Aillaume, der bereits Anno achtundvierzig in der Gegend Grundbesitzer war, erinnerte sich noch, wie sie, aller Zweige und der Rinde entblößt, in drei Farben bemalt, von dem Pfarrer jener Zeit »der Baum der Freiheit« getauft worden war. Unter dieser seither zur Natur und ins bürgerliche Leben zurückgekehrten Pappel harrte auf unsre Pariser am Samstagabend Geneviève Jzoard, während sie den Klappstuhl der ganz in Tücher eingemummten Kranken mit Aufmerksamkeit betraute. Neben ihr befand sich der alte Guillaume Aillaume, ein von Labiche retuschiertes Voltairegesicht, die Tabaksdose stets in der Hand und zwischen zwei Fingern eine tüchtige Prise haltend. Er ging seinen angebeteten Enkelkindern entgegen. Eine Weile blieb man beisammen, um zu politisieren, ohne daß je eine Einigung erzielt werden konnte; denn es waren verschiedene Generationen beisammen, von denen jede ihre eigne Denk-, sogar Sprechweise hatte. Dann ließ die Abendkühle den großen Baum bis zum Wipfel erschauern, Geneviève gab, um ihre Mutter besorgt, das Signal zum Aufbruch, und man ging auseinander: die Kranke schritt zwischen dem Gatten und der Tochter langsam dem von ihnen bewohnten, aus einem Erdgeschoß mit einer Freitreppe bestehenden, sehr alten Jagdpavillon zu, dessen hohe Fenster mit den ganz kleinen Scheiben zehn Meilen weit auf Korn- und Rapsfelder blickten; auf der entgegengesetzten Straße ging der Großvater Aillaume mit seinen flinken, kleinen Schritten an der Spitze der Familie Eudeline nach der Richtung des Schlosses Morangis, dessen von zwei großen Tulpenbäumen flankierte Fassade ungeheuer und schwarz auftauchte. Die von der untergehenden Sonne geröteten Fenster verliehen ihm das Aussehen eines brennenden, wie durch einen Zauber stehengebliebenen Gebäudes. Von Jahr zu Jahr sah der Freiheitsbaum, dessen Krone sich allmählich entblößte, den kleinen Freundeskreis vom Samstagabend sich lichten. Zuerst fehlte der alte Guillaume, dann Victor Eudeline, ein paar Monate später Frau Jzoard, die ihre ewigen Klagen auf dem Friedhof von Nizza zur Ruhe getragen hatte, und schließlich Frau Eudeline und Dina, deren Verbannung in der Provinz noch lange dauern zu müssen schien. So war eines Abends zum Empfange des von Paris kommenden Stenographen beim Kreuzweg niemand mehr da als Geneviève in tiefer Trauer und ihre Freundin Casta. Diese kleine, dicke Person mit der Brille hieß mit ihrem wahren Namen Sophie Castagnozoff und war die Tochter eines großen Getreidehändlers in Odessa; gegen den Willen der Ihrigen nach Paris gekommen, um hier Medizin zu studieren, gab sie, um ihre Vorlesungen bezahlen zu können, Stunden in allen lebenden und toten Sprachen, in all den Kenntnissen, die ihr slawisches Gedächtnis und ihre ungeheure Intelligenz aufgestapelt hatten. Pierre Jzoard der zufällig die geringschätzigen Theorien seines Freundes und Meisters J. B. Proudhon über das weibliche Gehirn nicht teilte, wollte, von der Freundin Casta unterstützt, seinem Töchterchen die vollständige klassische Ausbildung der Knaben geben. Allein die Krankheit der Mutter, die Reisen in den Süden hinderten Geneviève, die zwei Examina zu machen, wie ihr Vater es wünschte. Als sie allein, ganz bleich in ihren schwarzen Gewändern, mit allzu glänzenden Augen und pfefferroten Lippen aus dem Süden zurückkehrte, erschraken ihre Freunde; sie mußte auf dem Lande leben, jede Ermüdung vermeiden, und Sophie kam nur noch als Arzt der Freundin in das Häuschen zu Morangis, wo ihre Vorstellungen von idealer Gerechtigkeit und allgemeiner Befreiung ein Echo fanden. Trotzdem wußte Geneviève, obwohl sie mitten in ihren Studien unterbrochen worden war, genug, um dem jüngeren Raimund bei seinen Arbeiten zu helfen und ihm Nachhilfstunden in Latein und sogar in Mathematik zu geben. An diese Stunden dachte der Schüler die ganze Woche und träumte von den Sonntagnachmittagen, die er in einem Winkel des je nach der Jahreszeit hellen oder düsteren Speisezimmers von Morangis zu Füßen dieser entzückenden großen Schwester verbrachte, die von den Kindern »Tantchen« genannt wurde, auf deren Knien, die ihn durch die Röcke hindurch verbrannten, der aufgeschlagene Virgil lag. Raimund näherte sich seinem achtzehnten Jahre und kam nach Prima in die Philosophieklasse. Unsre Gymnasiumsphilosophen erkennt man gewöhnlich an der sorgenvollen Miene, dem Kammerherrenernst, dem Stolz, mit dem sie die zwei in den Rücken eingestickten symbolischen und mystischen Schlüssel tragen, mittels deren Kant und Schopenhauer ihnen die ganze menschliche Seele und das ganze Leben öffnen. Lacht nicht: eine der Miseren unsers Landes besteht in der Wichtigkeit, die man bei uns seit dem siebziger Kriege der Philosophie, besonders der deutschen Philosophie, beilegt und die in unsern Gymnasien jene strahlenden »humanistischen« Fächer vertritt, die so lange das Stelldichein, gleichsam das geistige Zapfenlager der höheren Studien waren. Raimund, durch die Pflichten und Rechte des ältesten Sohnes, dessen Verantwortlichkeit er übertrieb, ohnehin verdüstert, hatte durch dieses neue Studium in die allerschwärzeste Stimmung gestürzt werden müssen. Der Professor war fürchterlich, seine Doktrin verzweifelt; beim Verlassen der Klasse sprachen die Schüler nur von Selbstmord und Tod, von der Häßlichkeit des Lebens und dem Nichts. Trotzdem war dieses Philosophiejahr, das an einem ganz besonders unvergeßlichen Sonntag im Oktober 1883 anhob, das beste in der düsteren Jugend des Freischülers von Louis-le-Grand. An diesem Morgen erwarteten Geneviève und ihre Freundin Casta, die bereits tags zuvor in Morangis eingetroffen waren, bei dem Kreuzweg unter dem Freiheitsbaum den Vater, den Raimund von der Station Antony abholen gegangen war. Die Studentin, mit dem Rücken gegen die vom Herbst halb entblätterte große Pappel auf dem gelb werdenden, kurzgeschorenen Grase sitzend, vergrub ihre breite Kalmückennase und ihre Brille in ein medizinisches Notizenheft, das sie nicht las, während Geneviève von einem Wege zum andern wanderte, mit der Spitze ihres Sonnenschirmes die Steine wegschleuderte und allerlei Kreise und Linien, die ganze unbewußte Bilderschrift der zerstreuten Erwartung und Ungeduld, auf den Boden zeichnete. Der Gegensatz zwischen den beiden Freundinnen war derselbe wie zwischen ihren Bewegungen. Die Russin war plump, kurzgewachsen, ohne ausgeprägte Merkmale des Alters und Geschlechts, hatte eine welke Haut und trug Kleider und Hüte aus den Läden des Studentenviertels. Die andre, wenig über die Zwanzig hinaus, war eine hohe, volle, elegante Erscheinung, und die Halbtrauerkleidung wurde durch einen weißen, mit Veilchen aufgeputzten Strohhut aufgehellt, der ein rosiges, glänzendes Gesicht, ein paar Augen von sammetartigem Grau, einen allzu roten und zu großen Mund von ausgeprägter Güte beschattete. Unter dem Eindruck der Sonntagsstille, jener Unbeweglichkeit aller Dinge, die in der Ebene so sinnfällig wirkt, wo jede Arbeit weit und breit deutlich wahrzunehmen ist, schwiegen sie schon eine lange Weile; plötzlich ertönte in ziemlicher Nähe ein Schuß, der aber von dem leichten Nebel des Spätherbstes gleichsam verstopft wurde. »Sieh da,« sagte Casta, während es unter ihrer Brille spöttisch aufblitzte, »Herr Mauglas Sohn schießt Ihnen ein paar Drosseln.« Der Sonnenschirm Genevièves fuhr noch immer zerstreut auf dem Boden herum. »Sie sind gegen diesen jungen Mann ungerecht,« fuhr Casta fort. »Er scheint Sie anzubeten, er hat Talent, ist bescheiden; denn Sie haben lange Zeit keine Ahnung gehabt, daß der Sohn Ihrer Nachbarn, der alten Gemüsegärtner, die er mit so viel Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit umgibt, der Mauglas aus den ›Débats‹, der ›Revue‹, der gelehrte Musikkritiker und Verfasser der schönen Studien über die griechischen und syrischen Tänze auf Grund der Medaillen ist ... Ich behaupte nicht, daß er schön oder auch nur elegant ist; aber um Ihretwillen strengt er sich an, gibt auf sich acht ... und dann sieht er wie ein Mann aus. Der ist kein verkleidetes Weib.« »So heiraten Sie ihn doch, meine Liebe!« rief Geneviève, indem sie sich trotzig umdrehte. Die Studentin erhob ihr armes, mit Bändern und Federn herausgeputztes Eskimogesicht von dem Notizenheft und antwortete sanft, ohne den geringsten Groll: »Ich möchte wohl, aber ihm würde das nicht passen ... so wie ich aussehe ... Aber hören Sie, Kleine...« Sie rief sie mit einem liebevollen Wort heran und hielt die vor ihr Stehende bei den Händen fest. »Ich muß Ihnen doch sagen, was mir schon so lange am Herzen liegt ... Was treiben Sie? Wohin gehen Sie? Wohin führen Sie dieses Kind, das vier Jahre jünger ist als Sie, aus dem Sie nie einen Mann machen werden, mögen Sie versuchen, was Sie wollen. Ja, wenn es noch der kleine Bruder, der Toni wäre. Der ist noch nicht einmal sechzehn Jahre alt und ein Stotterer, ein halber Krüppel... aber welche Energie, welche Willenskraft besitzt er!... Der andre hingegen ... Glauben Sie wirklich, daß er gearbeitet hat, während Sie ihn tagelang bei sich, dicht neben sich sitzen ließen und in dasselbe Buch mit ihm schauten? Trotzdem braucht er seine Arbeit, für sich wie für die andern – und Sie lenken ihn davon ab ... Ich denke an all das, was man sich ausgedacht hat, um die augenscheinliche Abnahme der Auffassungskräfte des jungen Eudeline zu erklären ... Um das zu entdecken, bedurfte es keiner Zauberei. Sie waren der Vorwand für die Lässigkeit dieses Lymphatikers, Sie waren sein Opium... Halten Sie inne, meine Liebe ... Sie sind im Begriff, diesen Jungen unglücklich zu machen – vielleicht auch sich selbst. Eine große Schwester, das gibt's nicht; die Sinne sind eine furchtbare Falle, in die er fällt, in die Sie eines Tages selber fallen werden. Und was dann? Seine Frau können Sie nicht sein ... etwas andres auch nicht, nicht wahr? ... Ich sehe voraus, daß Ihr binnen kurzem alle beide unglücklich sein werdet.« Errötend ließ Geneviéve, ohne ihre Hände zurückzuziehen, ohne den Versuch zu einer Unterbrechung oder einem Leugnen zu machen, die Freundin zu Ende reden. Diese Vorwürfe – wie oft hatte sie sich sie nicht selbst gemacht! »Wollen Sie einen Beweis, liebe Sophie?« Sie hatte ihr Gesicht mit dem treuherzigen, schönen Lächeln der Brille der Kurzsichtigen genähert, um ihr die Klarheit ihrer Gedanken ja recht gut zu zeigen, und sagte ganz leise, ganz dicht vor ihrem Ohr, als sei noch etwas andres in der Nähe als Stille und Einsamkeit: »Ich werde heiraten, liebe Freundin ...« »Ah! Braves Mädchen!« rief die Studentin, feurig aufspringend. »Und wen?« »Meinen alten Bewerber ... den Quästurbeamten Siméon. Er will heute zum Frühstück herkommen und seinen Antrag wiederholen. Aber diesmal ...« Casta sah sie bestürzt an. »Wie, wirklich, ist das Ernst? ... Siméon? ... Sie entscheiden sich für Siméon?« Bei jeder dieser Fragen prägten sich die Bogen ihrer dicken Augenbrauen vor Erstaunen und Verblüffung stärker aus ... Wie, dieser Schönling, methodisch wie ein Remontoirwerk, dieser Hase, der sich vor seinem eignen Schatten fürchtete, ein Mensch ohne Ideen, ohne Leidenschaft, der nie etwas gesagt oder gedacht hatte, was nicht viele andre vor ihm gesagt und gedacht hatten – den zog Geneviéve Jzoard dem stolzen Talent, dem unabhängigen Geiste eines Mauglas vor! »Hören Sie, Kleine, Sie sind wohl blöde geworden? Sie finden ihn wohl nicht schick genug, nicht jung genug?« »Nein, das ist es nicht ... ich kenne Mauglas nicht gut genug ... ich habe Angst vor ihm ...« »Hören Sie, Sie machen mir Angst ... Ich kenne diesen Mann nur durch Sie und habe vor ihm stets frei über mich, über meine Freunde gesprochen. Erst gestern hörte er zu, wie ich erzählte, daß ich in meinem Zimmer ...« »Oh, seien Sie ruhig!« fiel Geneviéve lebhaft ein. »Ich halte ihn für ehrlich; aber er hat, wenn er lacht, in den Mundwinkeln, in der Krümmung seiner Lippen etwas – ich weiß nicht was – etwas Verborgenes und Zynisches, das mich stört. Der Gedanke, daß dieser Mann an mich denkt, daß er die Erinnerung an mich, mein Bild in seinem Geiste fortträgt, ist mir unangenehm.« »Und ich wäre darüber so glücklich!« murmelte die Russin und setzte seufzend hinzu: »Wie sich im Leben alles schlecht fügt!« An der Biegung des Weges ertönten sich nähernde Schritte und Stimmen. Die gelben Wangen der Studentin färbten sich unter ihren schreienden Hutbändern mit unschuldigem Purpur: sie hatte eben hinter Jzoard und Raimund den glänzenden Lauf eines Jagdgewehres und eine auf einem Tirolerhut steckende Fasanhahnfeder erblickt. »Hör mal zu, Töchterchen,« dröhnte die tiefe Stentorstimme des Marseillers, dessen immer länger und immer weißer werdenden Bart die helle Morgensonne bestrahlte, »hör mal zu und sag mir, was du darüber denkst. Mauglas, der uns unterwegs aufgelesen hat, behauptet, daß eine Generation von der andern so entfernt ist wie der Mars von der Erde oder sonst einem Planeten, und daß Jungen wie Raimund nicht verstehen, was man ihnen sagen will, wenn man ihnen vom 1852er Staatsstreich und von der feigen Verleugnung Badinguets spricht...« »Nicht mehr, als sie die Leute meiner Generation verstehen, die ihnen Revanche und Krieg predigen.« Jenes Lächeln, das Geneviève nicht liebte, ein Aufschürzen der dicken Lippen, die eine englische Pfeife, eine Jagdpfeife mit kurzem Röhrchen, zusammengepreßt hielten, begleiteten diese seltsame Behauptung. Der Sprechende, ein dicker Mann von fünfunddreißig bis vierzig Jahren, mit dem Kopf eines herumziehenden Schauspielers, in gelben Gamaschen mit funkelnden Knöpfen und einer zu neuen Samtjoppe, näherte sich den jungen Mädchen mit höfischem Gruß, indem er mit seiner goldbraunen Feder den Boden fegte. Die Studentin, die er gewöhnlich nicht durch Aufmerksamkeiten verwöhnte, war auf ihren Anteil an dieser wenngleich ironischen Reverenz so stolz, daß ihr armes, häßliches Gesicht sekundenlang beinahe hübsch wurde. Mauglas achtete natürlich nicht darauf, sondern fuhr, zu Genevieve gewendet, fort: »Das ist geradeso, wie wenn ich in Gegenwart des Fräuleins Frau Lafarge der Arsenikvergiftung ihres Gatten beschuldigen würde. Welcher Ansicht Fräulein Geneviève auch über diese cause célèbre sein mag, so wird sie sie mir, denk' ich, ohne Fanatismus auseinandersetzen. Gestern abend hingegen, während des Essens, glaubte ich, daß meine liebe Mama das himmlische Feuer auf mein Haupt herabrufen würde, bloß weil ich die Unschuld dieser heiligen Frau in Zweifel gezogen hatte. Es gibt derart Worte, Daten, die Probiersteine sind, mittels deren die einer Periode angehörigen Menschen sich wiederfinden, sich erkennen – so der Name der Madame Lafarge, des alten Raspail, des Sedativwassers für meine Mutter und auch für Ihren Vater. Nicht wahr, Fräulein?« Geneviève warf, ohne sich umzudrehen, ein zerstreutes »Ja« hin. Sie war bereits mit Raimund beschäftigt, der ihr während des Gehens, dicht an sie geschmiegt, erzählte, daß er heute früh einen trostlosen Brief aus Cherbourg erhalten habe. In diesem Briefe schrieb Frau Eudeline ganz verzweifelt und unter Tränen ihrem ältesten Sohn, daß sie bereits völlig die Hoffnung aufgegeben habe, ihr teures Paris je wiederzusehen und dort inmitten ihrer Kinder zu leben; und da sie ebenfalls eine Sentimentale, eine Zeitgenossin der Madame Lafarge, der Lelia, der Indiana war, flehte sie Raimund an, ihr ja recht rasch ein paar Blüten von einem der großen Tulpenbäume in Morangis zu schicken. Sie wollte die Erinnerung an diese schönen Orte ihrer Jugend, die sie nie mehr wiedersehen würde, in ihrer Nähe haben, einatmen und vor dem Sterben noch einmal lebendig machen. Freilich legten trotz dieses düsteren Briefes ein paar beruhigende Zeilen Dinas Zeugnis für das vollkommene Wohlbefinden Frau Eudelines ab; aber dem armen Kinde mußten diese umschriebenen Vorwürfe, diese Zweifel der Mutter seit dem Morgen auf dem Herzen liegen, denn das »Tantchen« fühlte, wie die grobe Tuchjacke des Gymnasiasten neben ihrer Schulter sich leicht zitternd bewegte – ach, weder Kant noch Spinoza, nicht einmal Schopenhauer befreien ja unsre jungen Philosophen von ihren Schuluniformen! Und gerade diesen Tag hatte sie gewählt, um mit ihm über einen großen Kummer zu sprechen! Ach, der Nachbarssohn mochte, während sie alle miteinander im langsamen Plauderschritt durch die ungeheure, mit Baumgruppen und hohen Schobern durchsetzte Ebene wanderten, um sie herumspringen, die Wirkungen der Literatur und neuer Gamaschen versuchen – sie hörte nichts davon und dachte nur an eines: wie sollte sie ihm sagen, daß sie sich verheiraten werde? Welchen Augenblick sollte sie wählen, um es ihm zu sagen? Natürlich vor dem Frühstück. Raimund kannte den Quästurbeamten und seine Absichten; er brauchte ihn bloß ankommen zu sehen, um alles zu begreifen, und wenn er die Nachricht ohne Erklärung, ohne Vorbereitung erhielt, würde sie noch schmerzlicher für ihn sein. Allein was für ein Mittel gab es, um vor der Ankunft Siméons fünf Minuten mit ihm allein zu sein? ... Plötzlich erinnerte sie die rechts mit den Tulpenbäumen der Fassade erscheinende, ferne und regelmäßige Masse des Schlosses Morangis an den Wunsch Frau Eudelines. »Wie wäre es, wenn wir ihr gleich ein paar Blüten pflückten?« sagte sie ganz leise zu Raimund, und ohne seine Antwort abzuwarten, zog sie ihn mit sich fort, indem sie den andern zurief, weiterzugehen, da sie sich ein paar Minuten im Schloß aufhalten würden. Geneviève Jzoard war mit ihren zweiundzwanzig Jahren, obwohl von einer Studentin der Medizin und einem sehr fortschrittlich gesinnten Vater erzogen, noch immer ein echtes junges Mädchen von entzückender Reinheit und Unschuld. Dafür gab es mehrere Ursachen: erstens wollte zwar Vater Jzoard – ein sehr kompliziertes Marseiller Fabrikat mit wasserdichten Abteilungen und Scheidewänden –, daß seine Tochter gebildet sei, aber er beabsichtigte nicht, aus ihr eine uniformierte, mit wissenschaftlichen Worten vollgestopfte Gymnasiastin zu machen, ebensowenig wie eine junge Weltdame, die auf alle Rennen und Premieren lauert, alles Rotwelsch spricht und die in Mode befindlichen Chansonnettensängerinnen nachahmt. Da er Geneviève ohne alle religiösen Formen erzogen hatte, wollte er, daß ihr Benehmen und ihre Sprache desto zurückhaltender seien; dabei war er ein echter Vater aus dem Süden: grimmig, intransigent, streng wie ein Haremswächter. Man erzählte sich einen Ausspruch Genevièves, den sie getan, als man sie einmal aus Versehen in ein etwas starkes Stück geführt hatte. »Weißt du,« hatte sie naiv zu ihrer Freundin Casta gesagt, »es hat mich hauptsächlich Papas wegen geniert!« Diese Sophie Castagnozoff, die er sich zur Vervollständigung der Erziehung seines Töchterchens beigegeben hatte, obwohl sie die südländischen Ideen des alten Stenographen nicht teilte, hatte ihm zuerst durch die Strenge ihrer Sitten, ihre Sprechweise und ihr auf der medizinischen Schule berühmtes scheues Wesen gefallen. Wenn die Studenten, die Nachbarn Castas, ob nun im Kursus oder auf den botanischen Ausflügen, die arme Häßliche und ihre humanitären Vorlesungen loswerden oder einfach sich die Freude machen wollten, sie bis unter die Wurzeln ihres fahlblonden Haares erröten zu sehen, so brauchten sie nur mit ihren Gassenjungen- und Studentenausdrücken herumzuwerfen: gleich entfernte sie sich, ihre Fransen und Federn schüttelnd, mit der Schamhaftigkeit einer dicken Katze. Außer diesen zwei etwas eigenartigen erzieherischen Einflüssen hatte die Krankheit der Mutter Geneviève fast immer zu Hause gehalten; sie war nie in einem Damenkurs oder Pensionat gewesen, besaß keinen romantischen Geist, und es fehlte ihr das, was man gewöhnlich Phantasie nennt: das heißt, sie vertiefte sich in das, was sie tat, und verwendete darauf ihre ganze Aufmerksamkeit, ihre ganze Energie. Damit erklärt sich die vollständige Naivität, die diesem strahlenden Geschöpf bis zu zweiundzwanzig Jahren geblieben war; es erklärt auch, wieso der mütterliche Instinkt, der erste, der einzige, der in ihr erwacht war, sich verwandeln und fast unbewußt zur Liebe werden konnte. Als sie sich während der letzten Ferien davon Rechenschaft gab, erfüllte sie diese Entdeckung mit Verwirrung. Daß sie von diesem Schüler geliebt wurde, das war noch begreiflich; aber daß auch sie ihn liebte, in seiner Nähe ihr Herz unruhig werden fühlte, von seinem hübschen Gesichte mit den blonden Locken, von seinem Husarenschnurrbart, seinen bleichen, zarten Händen träumte, eifersüchtig wurde, wenn er andre Frauen anblickte oder wenn die Mutter seines Freundes Marquès ihn ins Sprechzimmer rufen ließ – daß sie solchen Schwächen unterliegen würde, hätte sie nie gedacht. Dieses Kind, das sie lesen gelehrt hatte, sie, das »Tantchen«! ... Ein solches Gefühl war abscheulich, wenn es nicht lächerlich gewesen wäre. Sofort suchte sie sich davon loszumachen, überwachte sich, wie es die schlaueste Frau nicht besser hätte tun können, vermied die gefährlichen Berührungen, die zärtlichen Vertraulichkeiten ... aber was waren das für Schmerzen, was für vergeudete, nutzlose Anstrengungen! Ihr ganzes Leben mußte umgebildet, mit allen Gewohnheiten mußte aufgeräumt werden! Und dazu der erschreckte Vater Jzoard, der jeden Augenblick fragte: »Was hast du denn, Töchterchen?« Und dann die verblüfften, verzweifelten Augen des Jungen, die sich zu ihr aufschlugen und mit großen, angstvollen Tränen füllten – jenen Kindertränen, denen die Mütter nicht widerstehen können. Als sie nun eingesehen hatte, wie schwer das war, was sie versuchte, und daß sie nie zum Ziel gelangen würde, da hatte sie sich zu dieser heroischen Heirat entschlossen. Nachdem ihr Entschluß gefaßt war, mußte sie ihn Raimund begreiflich und annehmbar machen; das würde schwer sein, denn obwohl er es nie zu sagen gewagt hatte, liebte er sie und war sich dessen bewußt. Mit sechzehn Jahren machte er Verse auf sie, Baudelairesche Verse, inbrünstige Hymnen im Latein der Dekadenz – Genovefae meae laudes –, in denen er die Reize seiner Freundin aufzählte, ihren Hagerosenteint, ihre hohe, geschmeidige Gestalt. Die wenigen Frauengestalten in seinen Lehrbüchern, die Fürstinnen und Kriegerinnen – ob es nun Elektra mit dem großen Schwesterherzen oder die Camilla Virgils war – erschienen ihm stets mit dem leuchtenden Lächeln, den klaren, grauen Augen des Tantchens. In der Klasse, im Hof, im Schlafsaal, auf dem Spaziergang, überall dachte er nur an die, deren Bildnis in einem hübschen Medaillon ihn nie verließ. Sein Freund Marquès war der einzige, der es kannte, und seine Mutter, die Ministersfrau, die sich für diese Jugendliebe sehr interessierte, bekam es ausnahmsweise zu sehen: selbstverständlich umgab Eudeline das schöne Gesicht mit den großen, offenen Augen, die von verwirrender Klarheit und solcher Durchsichtigkeit waren, daß sie ihre Neigung bis auf den Grund sehen ließen, mit allerlei romantischen Abenteuern und versteckte es hinter einem falschen Namen. Womit hätte er zu verstehen geben können, daß diese Gefühle geteilt würden? Wie konnte er zu diesem Engel sagen: »Ich liebe Sie!« ohne daß er Gefahr liefe, den Winkel des Paradieses, den er schon besaß, das halbe Glück, mit dem sich so viele andre begnügt hätten, zu verlieren? Marquès, der verderbte junge Mensch, der die Frauen kannte wie sonst keiner im Gymnasium, schlug ihm, als er ihn zu Rate zog, zwei Arten von Liebeserklärungen vor: entweder eines Abends, wenn sie allein wären, durch eine stürmische Umarmung und Mund auf Mund – oder auf schlauere Weise, durch geschickte, lockere Gespräche, Bücher und Bilder. Zum Glück fuhr der durch seine ehrliche, besser gesagt schüchterne Natur zurückgehaltene Raimund, so sehr er auch der frühreifen Erfahrung seines Freundes vertraute, fort, Geneviève in aller Stille zu lieben, zu ihren Füßen zu sitzen, sich an sie zu drücken, zu schmiegen, während sein Buch aufgeschlagen auf ihren Knien lag. An diesem Oktobermorgen jedoch fühlte er, während er mit schäumendem Blute und schwellenden Adern in dem herrlichen Licht dahinschritt, wie gleichsam ein Sturm von Kraft, ein plötzliches Schwellen von Jugend und Mannbarkeit sich in ihm regte. »Heute, heute werde ich ihr sagen, daß ich sie liebe,« wiederholte er sich auf dem ganzen Wege, während Geneviève sich mit aller Macht vorbereitete, ihm und sich selbst einzureden, daß sie ihn nicht liebe. »Das Schloß ist noch immer nicht bewohnt?« fragte Raimund, als sie vor dem monumentalen Gitter anlangten. Ein Täfelchen war daran befestigt, und Wind und Regen unterhielten sich damit, die Aufschrift: »Zu verkaufen oder zu vermieten« täglich ein bißchen mehr zu verwischen. »Dieses arme Schloß hat wirklich kein Glück,« sagte Geneviève, indem sie während des Sprechens an der Tür die Glockenkette suchte, die irgendein Landstreicher in seiner Wut, daß er hier niemand fand, abgerissen haben mochte. »Nach dem Tode deines Großvaters wurde es an Engländer verkauft, die darin eine Raupenkultur einrichteten, um den Seidenbau im großen zu betreiben. Es gelang nicht. Als sie fortzogen, wurde das Täfelchen angebracht und hat sich seither nicht gerührt ...« Im Hintergrunde des Hofes, im Rahmen eines der hohen Fenster im Erdgeschoß, die die alte steinerne Freitreppe beherrschten, erschien eine Förstermütze, und eine Kommandostimme rief: »Gitter aufstoßen – ist nicht geschlossen.« Geneviève gehorchte. »Das ist der Vater Lombard, ein ehemaliger Gardist von Fontainebleau,« sagte sie zu Raimund. »Er ist da, um das Schloß zu zeigen, und zerstreut sich, indem er aus den verschiedenen Hölzern, die er im Park findet, Stöcke, Heugabeln und Rechen erzeugt. Du weißt ja, daß der Großvater Aillaume eine Leidenschaft für exotische Bäume hatte ... Aber was ist dir, Raimundchen? Wie du zitterst!« Das Knirschen des Gitters beim Aufgehen, dazu das Geschrei eines auf der Mauer in der Sonne sitzenden Pfaues und der Klang einer nahen Kirchenglocke, die zum Hochamt läutete, erschütterten Raimund bis in sein tiefstes Wesen. Er durchlebte wieder ähnliche Sonntage in seiner ersten Kindheit, ähnliche helle Morgen voll goldigen Lichtes. Er kam mit seinem Vater von der Jagd Zurück und durchschritt an seiner Hand den ganz mit knirschendem, feinem Kies belegten Hof, der heute von Gras überwuchert, mit abgestorbenen Blättern bestreut war. Im Vorbeigehen warf er die schwere Jagdtasche, deren Leder ihm den Rücken verbrannte, auf den Küchentisch. Ach Gott, wie viele Erinnerungen, welch ein Wirbel! Sein Kopf drehte sich, das Herz schien ihm die ganze Brust auszufüllen, und bei jedem Schritt, bei dem geringsten Gegenstand, den er erkannte, vor der Hütte Wotans, der alten dänischen Dogge des Großvaters – oh, wie hatte ihm der Name Wotan während seiner ganzen Kindheit zu denken gegeben! ... vor der Schramme, die die Mittagsglocke in der Mauer zurückgelassen hatte, überall fühlte er die Tränen aufsteigen. »Es tut mir zu weh, Tantchen,« sagte er zu dem jungen Mädchen, das seine Bewegung ebenfalls ganz erschütterte. »Nehmen wir unsre Blumen und gehen wir wieder.« Sie zürnte sich selbst, weil sie ihn hierhergeführt hatte, und wäre gern wieder fortgegangen. Aber die zwei Tulpenbäume vor der Fassade, die der Sturm der letzten Nacht der Hälfte ihrer Blätter beraubt hatte, waren schon längst abgeblüht. Der Wächter Lombard, der sich genähert und ehrerbietig die Mütze gelüftet hatte, als er erfuhr, daß er einen der ehemaligen Besitzer des Schlosses vor sich habe, erinnerte sich glücklicherweise, daß ein kleiner Strauch am Rande des Teiches noch ein paar Blüten trage. »Wenn Herr Eudeline hingehen will, so kann er durchs Erdgeschoß gehen. Das Vestibül ist zufällig offen. Ich benutze die letzten schönen Tage, um den großen Salon zu lüften und die noch übriggelassenen Vorhänge auszuklopfen ... mit diesem Spazierstöckchen eigner Erzeugung,« fügte der Wächter stolz hinzu, indem er ein nach oben zu keilförmig geschnitztes Nußbaumholzstäbchen vorwies. Durch die vier einander gegenüberliegenden Fenster des Salons, deren Läden nach beiden Seiten weit offen standen, erblickte Raimund den Teich, der inmitten der herbstlichen Pracht wie einer jener hohen, zwischen den grüngoldenen Tapeten des Salons eingelassenen Spiegel in der Sonne funkelte. Würde er, umschlungen von den tausend Erinnerungen, die wie kletternde, zusammenpressende, erstickende Schlingpflanzen aus dem Boden des Hauses seiner Kindheit aufstiegen, den Mut haben, bis dorthin zu gehen? »Entschieden regt dich das zu sehr auf ... wir werden ein andermal wiederkommen,« murmelte Geneviève mitleidig. Das Kind raffte sich zusammen, wollte den Mann spielen. »Nein, es muß sein ... ich will es ... ein andermal wäre es zu spät ...« Er nahm sie bei der Hand, und sie traten zusammen ins Haus. Oh, dieser hallende, fliesenbelegte Flur mit seinem blaßrosa Stuck, wo an den Rechen noch alte Strohhüte hingen – er schritt bloß durch, aber welche Bewegung ergriff ihn, als er diesen Geruch von Obst und Schimmel wiederfand! Meinte er nicht bei der Biegung der großen Treppe, an deren Geländer sich noch immer der von Antonius Armbrust durchschossene Kristallknopf befand, den Rücken des Großvaters Aillaume zu sehen, wie er verstohlen, gleich einer langen, mageren Katze hinaufschlich? Durch die halboffenen Türen rechts und links traten Schatten hervor und schienen ihm aus der Ferne zu rufen, im Halbdunkel der verlassenen Räume Zeichen zu machen. Er sah, wie Hände sich ihm entgegenstreckten; er hörte lang verstummte Freundesstimmen flüstern, an der Ecke der Korridore Kleider rauschen, erkannte das Ticken alter, stillstehender Uhren – und diese Eindrücke, die Geneviève durch einen Rückschlag mitempfand, waren so lebhaft, daß sie, als sie die großen Gebäude durchschritten hatten und draußen angelangt waren, lange Zeit wortlos nebeneinander hergingen. Im Park sprang die Einsamkeit und Vernachlässigung nicht wie im Innern des Hauses durch die Wüstheit und Leere des Raumes in die Augen, sondern durch das Gegenteil, das Überhandnehmen der Natur, die alles bedeckt, was wir vernachlässigen; die Alleen waren von Gras, die Wiesen von Schmarotzermoosen überwachsen, und unter dem Jochbogen des halbentblätterten Hagenbuchensaums überwucherten rauschende Zweige. Dort sangen und sprangen, von der Spätherbstsonne getäuscht, ganze Scharen von Staren, Amseln, Drosseln und Rotkehlchen, die, auf der Auswanderung begriffen, hier kurze Rast hielten. Der ganze, in einen Wald verwandelte ungeheure Park tat sich in grünen Pfaden – die Förster nennen sie tote Wege – vor ihnen auf; ein weißer Hase sprang rückwärts darüber hin, eine Natter ringelte sich vorüber, und ein Sonnenstrahl, ein vom Winde bewegter Schatten auf den bemoosten Steinbänken verschaffte ihnen das Trugbild befreundeter Phantome, die sich bei ihrem Vorübergehen erhoben. ›Jetzt sind wir bei der Insel – ich muß mit ihm über diese Heirat reden,‹ dachte Geneviève; aber als sie sah, wie bewegt, wie schwach Raimund war, verlor sie alle Kraft. Er, von Erinnerungen berauscht, der Stunde ganz vergessend, lebte nur in der Vergangenheit. Wenn der Großvater Aillaume, eine Prise zwischen den mageren Fingern, mit seiner dänischen Dogge Wotan auf den Fersen an der Ecke einer Allee erschienen wäre, würde ihm das ganz natürlich erschienen sein. Beim Überschreiten des Brückchens über dem schwarzen, tiefen Teich, der die mit seltenen Bäumen bepflanzten Wiesen wie mit einem schmalen Kanal umgab, blieb er stehen und stützte sich unbeweglich auf das Geländer. Das junge Mädchen, das vorausgegangen war, kehrte unruhig um. »Was machst du da?« Er hob das hübsche, etwas bleich gewordene Gesicht. »Nichts ... Ich betrachtete das Licht in dem spiegelnden Wasser ...« Und dann, mit veränderter, furchtsamer Stimme: »Wie ich meinem Vater ähnle, nicht wahr, Tantchen?« Diese Erinnerung an seinen Vater und den schrecklichen Selbstmord, der solchen Eindruck auf ihn gemacht hatte, war es, was sie immer fürchtete. Sie zürnte sich noch mehr, weil sie ihn diesen Erinnerungen ausgesetzt hatte. »Deinem Vater? ... Nein, das finde ich nicht. Er war groß und blond wie du, aber das ist alles; du gleichst mehr deiner Mutter ...« »Ja, vielleicht in der Natur ... Ich bin auch schwach, willenlos ... und das ist furchtbar, wenn man eine schwere Aufgabe zu erfüllen hat ... Leider mache ich mir keine Illusionen wie meine arme Mutter; ich bin nicht romantisch.« »Das ist unsre Generation überhaupt nicht!« rief Genevieve lachend; und um ihn von seinen schwarzen Gedanken abzulenken, zeigte sie ihm die magische Herbstdekoration ringsum, die gleich großen Monstranzen vergoldeten, schräg gepflanzten Bäume, die Spinnsträucher, Wacholder, Tulpenbäume in dem von dem nächtlichen Sturme niedergedrückten, von der Morgensonne wieder aufgerichteten Unkrautfeld, den braunen Fleck, den das Rohr inmitten der roten Spinnäpfel und gefallenen Blätter bildete. »Sieh her, mein Junge ... Mama Eudelines Bukett!« Im Grase kniend, drehte sie sich zu ihm um, indem sie die letzte, vom Sturm abgerissene Blüte schwenkte, und die Bewegung ihrer geschmeidigen Taille in dem schwarzen Wollenkleid, die Anmut der Gebärde und das hübsche, lachende Gesicht unter dem von Stroh und Sonnenstrahlen geflochtenen Hütchen machten allen Gespenstern und Phantomen Raimunds ein Ende. Er kniete, plötzlich zum Leben wie zur Liebe zurückgerufen, neben der Freundin nieder, und den Kopf an ihre Schulter gelegt, betrachtete er heuchlerisch die grünlichbraune Baumblüte, die fast die Farbe eines Blattes besaß. »Die arme Mama! Was kann ihr dieser zerdrückte, entfärbte Blumenkelch bedeuten? ... Außer, daß sie darin ein Bild ihres traurigen Loses findet, dem das meinige ohne Zweifel gleichen wird.« Er drückte sich fester an den weißen Hals und schauerte zusammen. »Ach, Tantchen, das Leben macht mir Angst. Was würde aus mir, wenn ich dich nicht hätte, um mich zu stützen, zu beruhigen? Du wirst mich nie verlassen, nicht wahr?« ›Der Augenblick ist da,‹ dachte sie. ›Wenn ich es ihm jetzt nicht sage – wann werde ich es wagen?‹ Und noch immer kniend, ohne sich zu rühren, ohne sich umzudrehen, sagte sie: »Nein, mein Schatz, ich werde dich nicht verlassen, geschehe, was da will – und wenn ich heirate, was zweifellos bald sein wird, werde ich doch immer deine Schwester und deine Freundin bleiben.« Sie hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da fühlte sie, wie er von ihrer Schulter herabglitt, und als sie sich umdrehte, sah sie ihn mit erloschenen Augen, mit weißen Lippen, die Mütze neben sich, auf dem Rasen liegen. »Raimund, was ist dir, Raimundchen?« Jetzt war sie es, die ihn, über seine tiefe Blässe erschreckend, in die Arme, an ihre Brust zog. »Nichts – eine Schwäche, ein Schwindel. Ich fühlte, daß der Boden unter mir wich, daß die Bäume in die Luft flogen – und all das wegen eines Wortes, das ich zu hören glaubte, das du aber gewiß nicht ausgesprochen hast ... Hör mal, Tantchen, es ist nicht wahr? Du willst nicht heiraten?« Sie hatte nie verstanden zu lügen und senkte den Kopf. Nun brach er in Schluchzen und Klagen aus. Heiraten? Wen denn? ... Siméon? ... Also ohne Liebe? ... Sie hatte ihn ja nie leiden mögen ... Nein, das würde sie nicht tun ... o Gott! ... Er weinte, den Kopf in Genevièves Schoß vergrabend, und bedeckte ihre Hände mit feuchten, brennenden Küssen, während sie ihn zu beruhigen, zu überreden suchte. »Es muß sein, Raimundchen ... der Vater will es. Du begreifst, ich bin nicht mehr jung ... Und dann ... du wirst eines Tages auch heiraten, und das wird dich nicht hindern, mein Freund zu bleiben.« Er schüttelte den Kopf. »Kann ich denn je heiraten? Sowie ich nur einen Beruf in den Händen habe, muß ich ein ganzes Haus ernähren ... ich bin die Stütze der Familie ... Und dann, existiert für mich eine andre Frau als Geneviève? Wäre es mir möglich, eine andre zu heiraten? ... Ich liebe dich, und du, du liebst mich nicht wirklich, du weißt nicht, was Liebe ist. Du hältst mich wegen meiner Mütze und meiner Uniform für ein Kind; aber ich bin achtzehn Jahre alt, und in unserm Hof, im Gymnasium höre ich meine Altersgenossen von ihren Geliebten reden. Ich, ich habe nie eine Geliebte haben wollen, weil ich nur an dich dachte, weil deine Liebe mich vor allen Parodien der Liebe bewahrte ... Aber was soll aus mir werden, wenn du mich verläßt? Mein Leben ist so düster, so traurig. Ach, du böses, böses Tantchen ...« Er schwieg und bedeckte die hübschen Hände, die sich ihm überließen, noch immer mit Küssen und Tränen. Auch sie schwieg, von einem grausamen Kampf bewegt; sie fühlte, daß Ort und Stunde feierlich waren. Allein um sie, die doch so Wahrheitsvolle, zu besiegen, mußte die Lüge hinzukommen, mußte der Schönredner, der in ihm schon steckte, sich in eiteln Worten erschöpfen. »Wenn du heiratest, so ist es ganz einfach,« sagte er, sich plötzlich aufrichtend. »Mein Vater hat mir den Weg gezeigt, den man einschlagen muß, um das Leben und seine Häßlichkeit loszuwerden. Aber ich werde nicht warten, bis ich so alt sein werde!« »Raimund, schweig!« schrie sie entsetzt auf. »Vorhin, während ich mich über die Brücke beugte, habe ich daran gedacht,« fuhr er sehr ruhig fort. »Mein Vater erschien mir auf dem Grunde des Wassers, so wie man ihn aus dem Kanal gezogen hatte ... Er winkte mir, ihm nachzukommen ... es würde mir viel, viel besser gehen ... Schön, ich werde sehen ...« Zwei- oder dreimal wiederholte er dieses »Ich werde sehen« mit einem bösen Lächeln, einem Ton sanfter Drohung, die sie mit Schrecken erfüllten. In Wirklichkeit hatte ihm vorhin sein Spiegelbild auf dem Grunde des Wassers eine entfernte Ähnlichkeit mit seinem unglücklichen Vater gezeigt. ›Wie hatte er nur den Mut, sich umzubringen? Ich könnte es nicht ... Vor allem leben, leben!‹ hatte er sich während des kurzen Sinnens gesagt, das das arme Mädchen so erschreckt hatte. Sie war jetzt viel zu aufrichtig, um diese ihren persönlichen Befürchtungen so entsprechenden Drohungen in Zweifel zu ziehen. Oh, diese finsteren Erblichkeitsgesetze, mit denen die Wissenschaft unser ohnehin so düsteres Leben noch mehr verdunkelt hat! »Ein Nervenkranker wie sein Vater ... wenn er nur nicht ebenso endet!« Wie oft hatte sie sich empört, wenn ihre Freundin Casta, die junge Gelehrte, bei den Anstrengungen und Hoffnungen des Jungen diese unerbittliche Diagnose stellte! Wie, wenn man ihr jetzt am Tage nach der Hochzeit das ertrunkene Kind bringen würde, mit bläulichen Lippen wie vorhin, mit für immer erloschenen Augen – und das wegen eines Siméon, den sie nicht liebte, nicht lieben konnte! – Und plötzlich, während er noch sein grausames, lügnerisches »Ich werde sehen« wiederholte, verschloß sie ihm mit der Hand den Mund. »Genug, rege dich nicht mehr auf, und vor allem sprich nicht so schreckliche Dinge. Es ist abgemacht, ich werde auch diesmal nicht heiraten. Ich weiß nicht, was der Vater sagen, wie er sich bei Siméon herausziehen wird; aber das ist ihre Sache. Ein großes Unglück, wenn ich überhaupt nicht heirate, wenn ich immer das Tantchen bleibe! ... Laß deine Augen sehen, sag mir, daß du zufrieden bist.« Sie war dicht neben ihm, mütterlich und leidenschaftlich, und ihr Mund schwoll von Güte, von Zärtlichkeit. Er fühlte, daß er sie in seiner Hand hatte, daß sie für immer sein, sein Närrchen, sein ewiges Närrchen sei, und in einer Aufwallung von Freude und Stolz riß er sie in seine Arme, drückte sie mit Entzücken an sich. »Also wirklich, wirklich, du wirst nicht heiraten, du wirst nie heiraten? Oh, du bist gut, ich liebe dich. Sag mir, daß du mich auch liebst.« »Raimund!« Ihre Münder begegneten einander und vereinigten sich. Es war das erstemal. Einige Augenblicke köstlicher Stille und Befangenheit folgten. Während sie so einander gegenüber, dicht nebeneinander in dem von der Sonne mit Funken bestreuten Unkraut saßen, über dem lange weiße Fäden hin und her schwankten, fühlten sie, wie etwas Neues und Unerwartetes sich zwischen sie schlich. Er ist nicht mehr ihr »Junge«, sie ist nicht mehr sein »Tantchen«. Sie sind allein. Das Wasser in den Gräben glänzt unbeweglich. Der ganze Park singt und bebt. Ach, wenn der verderbte junge Mensch sie sehen könnte! Wie würde er über ihre getrennten, brennenden Lippen, über ihre Hände lachen, die sie voll von unnützen Liebkosungen herabsinken lassen! Die Stille wurde durch eine Stimme unterbrochen, die unter dem Hain, wo ein ganzes Vogelhaus aufgeregt piepte und flatterte, ihre beiden Namen rief. »Das ist Casta ... sie sucht uns. Der Vater muß unsertwegen in Unruhe sein,« sagte das junge Mädchen mit leiser Stimme, und beide erhoben sich rasch und errötend. Warum erröteten sie, da sie doch nichts begangen hatten? Geneviève irrte sich. Vater Izoard, weit entfernt, die geringste Unruhe zu empfinden, wollte die Abwesenheit seiner Tochter benutzen, um sich mit dem Bewerber über die Mitgift zu verständigen. Diese ernsten Fragen vor einem jungen Mädchen zu erörtern, ist immer peinlich. Der alte Stenograph stand in der Tür des altertümlichen, schiefergedeckten Jagdhauses. Es war eine gewölbte, mit einem Türklopfer versehene Tür, überragt von einem Steinwappen, mit zu drei Viertel verwischten Jagdattributen. Kaum sah er den wie an den schönsten Sommertagen mit Parisern beladenen Omnibus auf der Straße von Antony daherkommen, so drückte er sich den breitkrempigen, seit zwei Jahren mit einem Trauerflor umgebenen Pflanzerhut aufs Ohr und stieg majestätisch die drei Treppenstufen herab, um seinem künftigen Schwiegersohne entgegenzugehen. Der Omnibus hielt vor der Tür der Mauglas, die nebenan ein etwas moderneres Häuschen bewohnten. Der junge Mauglas und sein Vater, ein alter Bauer, knorrig wie eine Weinrebe, mit einer Haut von der Farbe einer Ackerfurche, übernahmen von dem Kondukteur mit unendlicher Vorsicht allerlei Körbe und Henkelkörbchen, die die Marke der berühmtesten Lieferanten der Pariser Feinschmecker trugen, und übergaben sie den langen, gelben, knöchernen und harten Händen der Mutter Mauglas, die hinter ihren halbgeschlossenen Fensterläden mit Kochen beschäftigt war. Der alte Achtundvierziger stand inmitten der Straße und sah neidisch dem Vorgang zu. »Sind das Fresser! ... Und so geht's jeden Sonntag. Der Sohn lädt sich Freunde zu diesen Familienschmausereien ein ... Da ist wieder eine ganze Bande.« Ein paar junge Leute mit Brillen und Monokeln, in Zylindern und Überziehern, die wie Gerichtsdiener oder Landärzte aussahen, aber intelligente und müde Gesichter besaßen, sprangen vom Wagen und traten, von diesem sprühenden Licht und Sauerstoff erfaßt, springend und wilde Schreie ausstoßend, in das Mauglassche Haus ein. Der zuletzt Abgestiegene, ein etwas sorgfältiger gekleideter junger Mann in einem grünen Anzug und perlgrauen Handschuhen, löste sich mit zurückhaltendem Gruße von der Gruppe ab. Das war Herr Siméon, der Quästurbeamte. Der junge Mann, der Neffe eines Obersten im Ruhestande, Deputierten und Kammerquästors, tat mit seinen hohen Verbindungen groß, trug den Kopf hoch, zwirbelte den Schnurrbart und das Zwickelbärtchen, besaß eine mannigfaltige Auswahl von Krawatten und Stöcken und klappte in Gegenwart von Damen seine Lider geckenhaft auf und zu. »Na, Siméon, hab' ich es Ihnen nicht gesagt, daß sie schon nachgeben würde, daß Sie nur Geduld zu haben brauchten ... Jetzt sind wir so weit!« Der alte Stenograph stieß ein mit Weinlaub umranktes und mit einer Klingel versehenes Gattertürchen am Wegende auf und führte Siméon in den großen Weingarten, den er, nur durch ein Spalierwändchen getrennt, mit den Mauglas teilte. Rechts und im Hintergrund war keine Nachbarschaft vorhanden, und die Einfriedigung bildete mit der unübersehbaren Ebene ein dichtes Gesträuch von Pflaumen- und Hagedornbüschen. Ein wunderbar gehaltener Kiesweg, der mit Obstbäumen und, damit die Augen der Kranken in der schlechten Jahreszeit sich an etwas Grün erfreuen konnten, auch mit einigen immergrünen Bäumen begrenzt war, durchzog den Garten in seiner ganzen Länge. In der Mitte ward er von einem Rundell durchschnitten, in dem sich ein Strohdach mit einem Holzfuß erhob, der einer kreisrunden Bank als Lehne diente. Dort setzten sich die beiden Männer nieder, um vor der Ankunft Genevièves unbehindert miteinander zu sprechen. Aus dem Nachbargarten hörte man lautes Gelächter, und in der Ferne läutete die Kirchturmglocke von Morangis. »Mein lieber Siméon, ich habe Ihnen gesagt, daß meine Tochter ein persönliches Vermögen im Betrage von fünfzigtausend Franken besaß, das die Großmama in Nizza dem lieben Kinde hinterließ. Nun muß ich Ihnen erzählen, wieso dieses kleine Vermögen eine Bresche erhalten hat.« Vater Izoard hustete ein paarmal, um seinem künftigen Schwiegersohne Zeit zu lassen, zu sagen: »Was geht das mich an?« oder »Mein lieber Schwiegervater, ich stehe über derlei Dingen.« Aber Siméon bewahrte das vollständigste Schweigen, und der Vater mußte fortfahren. »Als meine Frau krank wurde und wir uns hier einmieteten, gefiel ihr dieses Stück Garten, dieses Häuschen so gut, daß das Mieten ihr nicht genügte; sie wollte es kaufen, und der Gedanke, daß ihr Glück mit dem Mietvertrag zu Ende gehen könne, ließ sie nicht mehr schlafen. ›Kaufe das Haus,‹ sagte die Kleine. Leider verfügte ich nur über fünfzehntausend Franken, und fünfundzwanzigtausend wurden verlangt. Geneviève erlegte das Fehlende, was Sie nicht wundern wird.« Im Gegenteil, der junge Mann schien sehr überrascht zu sein. »Kurze Zeit darauf,« fuhr der Stenograph fort, »brauchte Victor Eudeline, der Vater der beiden Kinder, die Sie kennen, Geld zum Bauen. Das Vermieten seines uneinträglichen Hofes war eine Lebensfrage für ihn. ›Wieviel braucht er?‹ fragte meine Kleine. – ›Zehntausend Franken.‹ – ›Da sind sie.‹ Die Mutter und ich machten alle möglichen vernünftigen Einwände. ›Nimm dich in acht, in unsrer Zeit nutzt es nichts, wenn ein Mädchen schön ist; ohne Geld wird nicht geheiratet.‹ – ›Siméon wird mich heiraten, er liebt mich,‹ lachte das Kind. Ja, sie kannte Sie gut, mein lieber Junge. Auf jeden Fall sind dadurch wieder zehntausend Franken weggekommen. Bei den Eudelines hat niemand je eine Ahnung, daß das Geld von der Kleinen kommt; sie dachte, daß die Kinder sie weniger liebhaben, daß die Rolle der Wohltäterin sie befangen machen würde. Einfälle, lieber Freund, aber hübsche Einfälle, nicht wahr?« Ein langes Schweigen folgte, nur dann und wann unterbrochen von Vogelschreien, von den fernen Glocken, die im Sonnenlicht ein helles und sanftes Lied läuteten. Oh, wie tief und blau der weite Himmel war! Ein heller Morgen für eine glückliche Verlobung! »Wenn ich also richtig rechne, so beträgt die Mitgift Fräulein Genevièves nur mehr dreißigtausend Franken?« Der Quästurbeamte, der diese Worte mit pfeifender Stimme gesprochen hatte, wartete die Antwort nicht ab. »Das ist schade,« sagte er nachdenklich und begann mit gesenkter Stirne, die Hände mit dem goldgelben Stock, der gegen seine Beine schlug, auf dem Rücken haltend, mit kleinen Schritten rings um die Bank zu gehen. Er bemühte sich, seine mißliche Lage zu erklären. Er brauchte fünfzigtausend Franken und nicht dreißigtausend; sie waren unerläßlich als Anteil an einem großen Geschäfte, einem Rennhundestall, den er mit dem ersten Pikör der Meute von Dampierre einrichten wollte. Das Gesellschaftskapital bestand aus vier Anteilen zu je fünfzigtausend Franken, und man wartete nur noch auf seinen Anteil, wartete schon ziemlich lange. »Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht an Gelegenheiten gefehlt hat,« sagte der Beamte, mit seinen albernen Äuglein blinzelnd. »Mein Onkel, der Quästor, wollte mir zwei- oder dreimal eine sehr schöne Mitgift verschaffen ... aber trotz der geringeren Morgengabe lockte mich Fräulein Geneviève weit mehr ... Trotzdem muß ich meine Verpflichtungen einhalten und darf den Nutzen einer mir gehörenden Idee nicht andern überlassen; denn ich bin auf die Idee gekommen, Hunde rennen zu lassen, und es wäre mir so lieb gewesen, wenn Ihre Fräulein Tochter daraus Nutzen gezogen hätte.« »Pah, Sie wissen ja, wie sie ist,« sagte Vater Izoard, der sich noch nicht vorstellen konnte, wo Siméon hinaus wollte. »Die Kleine schlägt ihrem Vater nach, sie hat nie gewußt, was Geld ist ... Liebet einander ... bekommt schöne Kinder, und der Kuckuck soll mich holen, wenn ich noch etwas andres von euch verlange.« Der Quästurbeamte hielt in seinem lebhaften Rundgang inne, und beide perlgraubehandschuhte Hände auf den Stockknopf stützend, erklärte er aufs gelassenste von der Welt, daß es ihm, da eine seiner Schwächen in der Furcht vor dem Bankrottmachen bestand, unmöglich sei, ohne mindestens fünfzigtausend Franken in die Ehe zu treten. »Herr, meine Tochter besitzt nicht so viel,« erwiderte der Alte ganz blaß. Er sah jetzt diesen Siméon in seiner ganzen Pracht vor sich. »Dann, mein lieber Herr Izoard ... trotz meines lebhaften Schmerzes ... bin ich genötigt ...« Er zog den Hut, neigte seinen ganz kleinen, runden, gleich dem Garten Izoards von einer geraden, wunderbar sorgsam gerechten Allee durchzogenen Schädel in der Sonne und ging dann mit steifen, blitzschnellen Schritten dem Gattertürchen zu, das »dingding« machte, als es sich auf die Landstraße hinaus öffnete. »Siméon – und das Essen?« rief der alte Herr. In Morangis gibt es nur wenige Gasthäuser; man mußte bis nach Antony gehen, vielleicht auf den Zug warten ... Daran hatte Siméon nicht gedacht. Er blieb, die Hand auf die Tür gelegt, zögernd stehen; aber der Gedanke, Geneviève unter die Augen zu treten ... Er machte eine Gebärde à la Manlius und machte sich dann sehr flink aus dem Staube, als trage einer seiner Rennhunde ihn dahin. Der Stenograph, von dieser unvorhergesehenen rauhen Enttäuschung zerschmettert, blieb unbeweglich unter der Laube sitzen, indem er maschinenmäßig in seinen weißen Bart murmelte: »Seht mal an, seht mal an!« So fanden ihn Raimund und Geneviève, als sie mit Sophie Castagnozoff zurückkehrten. Alle drei hatten ein sonderbares Aussehen. Geneviève zitterte, eine ängstliche Röte färbte ihre Haut, und sie fragte sich, welchen Vorwand sie dem Vater und Siméon für den endgültigen Korb angeben könnte. Raimund, in dem es von dem ersten Kuß ganz tönte und arbeitete, fühlte noch die geschmeidigen, warmen Arme und diese jungen, schalenförmigen Brüste, die sich an sein Herz drückten. Wider Willen strahlte aus seinen Blicken dem jungen Mädchen eine Dankbarkeit entgegen, die beide verschönte. ›Was haben sie nur?‹ dachte die Studentin beim Kommen, und während des ganzen Weges fragte sie die Freundin immer wieder: »Hast du es ihm gesagt?« »Gewiß.« »Aber er sieht mir gar nicht so verzweifelt aus.« ›Ich weiß nicht warum,‹ besagte die ausweichende Gebärde Genevièves. Sie war ausschließlich mit ihrem Korb, mit dem beschäftigt, was sie dem unglücklichen Bewerber antworten sollte. »Siméon ist eben fortgegangen,« dröhnte der tiefe Tenor des guten alten Herrn, als er seine Tochter auf der Treppe erscheinen sah. »Wie, fortgegangen?« Alle möglichen bestürzten Gedanken kreuzten sich. »Und zwar, um nie mehr wiederzukommen, hoff' ich! Himmelkreuzdonnerwetterschockschwerenot!« brüllte der Marseiller, der nicht genug Flüche, nicht genug Schimpfworte finden konnte, um seine Empörung auszudrücken. »Rate mal, Töchterchen,« er streckte die Arme so stürmisch aus, daß er sich beinahe die Schultern verrenkt hätte, »rate mal, warum Siméon nichts mehr von dir wissen will? ... Denn das läßt sich nicht leugnen, jetzt will er nicht mehr ... Und der Grund davon? ... Weil von deiner Mitgift zwanzigtausend Franken fehlen. Ein netter Vogel, wie?« Seine Tochter fiel ihm um den Hals. »Armer Vater! Nun, wir werden uns rasch trösten!« Ihre Augen funkelten unter dem leichten Schleier geheuchelter Schwermut, mit der sie ihr Freude zu maskieren suchte. »Es wird nicht schwer sein, ihn zu ersetzen,« meinte die Russin, deren Augen unruhig von Raimund zum Tantchen wanderten. »Ohne weit zu suchen, glaube ich, daß der junge Mauglas ...« Der alte Stenograph fuhr in die Höhe. Er war auf seine Tochter sehr eifersüchtig; aber blind wie alle Eifersüchtigen hatte er die Aufmerksamkeiten und Annäherungen des Nachbars nicht bemerkt. »Der junge Mauglas?« wiederholte er in seinem schönsten Baß. Wie zur Antwort stimmte im Nachbargarten ein gesprungener Bariton, vom Klimpern einer Gitarre unterstützt, an: »Zum Essen, kommt, zum Essen! 's gibt Schinken – daß ihr's wißt!« Ein Chor falschklingender Stimmen setzte in Begleitung von Trommeln und Kasserollen fort: »Er schmeckt ganz miserabel, Wenn er nicht warm mehr ist.« Geneviève ergriff den Arm des Vaters. »Siehst du, das ist der Gemütszustand meines Anbeters ... Liebe Freunde, befolgen wir das Beispiel und den Rat, die er uns gibt, und gehen wir essen.« In dem Speisezimmer des mehr als hundertjährigen Jagdhauses, wo so viele Trinklieder und das laute Gelächter der Generalpächter, Armeelieferanten, Pairs und Senatoren der Restauration und des Kaisertums die hohen Fenster mit den ganz kleinen, grünen Scheiben hatten erzittern lassen – in diesem Saal, der sich an Sonntagnachmittagen für das Tantchen und seinen Schüler in ein Studierzimmer verwandelte, hatte Raimund viele süße Augenblicke, nie aber einen Tag verbracht wie den heutigen. Die unendliche, strahlende Ebene mit ihrem lila Nebelhintergrund, die er während des Frühstücks von seinem Platz aus sah, breitete sich wie ein neues, herrliches Land, eine von der Liebe eben entdeckte Terra incognita vor ihm aus. Er saß Geneviève gegenüber, und jedesmal, wenn ihre Augen sich trafen, hatte er Lust, ihr zuzurufen: »Komm, laß uns davonfliegen!« Bei dem Gedanken, daß sie sich ihm für immer versprochen habe, bei dem unaufhörlich wiederkehrenden Wohlgeschmack des ersten Liebeskusses entstand in seinem ganzen Wesen ein Andrang von Kraft und Freude. Jetzt erschreckte ihn das Leben nicht mehr. Die unvorhergesehene Ankunft Antonins und die guten Nachrichten, die er brachte, versetzten die Tischgesellschaft vollends in heitere Stimmung. Man bedenke: der Chef führte diesen Jungen mit nach England, als Aufseher in eine an den Ufern der Themse gelegene Fabrik, welche die elektrische Beleuchtung einer großen Lehranstalt zu besorgen hatte. Wohnung, Beheizung, die Behandlung eines Ingenieurs und dabei noch keine siebzehn Jahre alt! Wie wird sich die Mama freuen! Das arme Kind stotterte vor Freude; die Aufregung verstärkte seine nervöse Befangenheit beim Sprechen und vervielfältigte die verschiedenen Ticks, Einschiebsel, die bedeutungslosen und überflüssigen Worte wie: »Schließlich ... nicht wahr? ... die ... das ... Dingsda,« mit denen er, um sich Zeit zum Finden der rebellischen Ausdrücke zu geben, seine Sätze bis ins Unendliche ausschmückte. »Behalten Sie Ihre Wohnung auf der Place des Vosges?« fragte die Studentin. Sie hatte ihren Liebling neben sich Platz nehmen lassen, um ihm Kaffee einzuschenken. »Gewiß, Fräulein ... Erstens ist sie nicht teuer, und da ich oft nach Paris kommen werde ... Schließlich, nicht wahr? ... der ... das Dingsda ... sie steht Ihnen zur Verfügung.« Die Russin nahm den Vorschlag mit Begeisterung an. Eben jetzt hielt sie seit einigen Tagen einen Landsmann, den berühmten Revolutionär Lupniak, in ihrer Wohnung versteckt. Seine Anwesenheit in Paris hatte auch die des Petersburger Polizeipräfekten mit seinen schlauesten Gehilfen zur Folge. Da würde dieses Asyl auf der Place des Vosges, das ganz in Ordnung und vom Pantheon, dem Stadtviertel St. Marcel, wo alle Flüchtlinge wohnten, so weit entfernt war, ausgezeichnet passen. »Wann reisen Sie nach London, Toni?« »Wir sollten uns morgen einschiffen, aber mein Arbeitsbuch ist nicht ganz in Ordnung. Man macht in Calais wegen des ... der ... Dingsda ... wegen der Papiere viele Umstände.« »Ja, ich weiß ... eben Lupniaks und einiger andern wegen. Wenn Sie daher morgen fahren ... Aber wir langweilen die andern; nehmen Sie Ihre Tasse und gehen wir in den Garten.« Sie setzten sich ganz im Hintergrunde in den kurzen Schatten der Hecke auf eine Bank nieder. Antonin, ein Jahr jünger als sein Bruder, sah viel älter aus. Er war stämmig, hatte härtere Hände, Metallarbeiterhände, und besaß in seiner Haltung, seiner nichtsdestoweniger stets sehr netten Kleidung die Merkmale einer tieferstehenden Gesellschaftsklasse. Das wollige, dunkelrote Haar – oh, es war kein Venezianerrot, durchaus nicht! – und wimperlose Augen, eine mit feuerroten Flecken bespritzte Gesichtshaut ließen dies noch stärker hervortreten. Diese nicht von der Geburt herrührende Inferiorität, zu der das schlimme Los ihn verdammte, ertrug er ohne Zorn und Klage; man konnte sich nichts Rührenderes vorstellen als seine Bewunderung für den großen Bruder, den ein ungerechtes Erstgeburtsrecht mit allen Überlegenheiten der Erziehung verfeinerte. Raimund liebte seinen jüngeren Bruder zärtlich, aber von oben herab, und alle im Hause schienen sich, wenn sie mit ihm sprachen, ein wenig herabzuneigen. Ein guter Tropf, dessen bloßer Name, wenn man an ihn dachte, zum Lächeln brachte. »Es ist mir unangenehm, daß Toni in alle diese politischen Geschichten hineingezogen wird,« sagte der ältere Bruder, indem er die Bank im Hintergrunde betrachtete. Izoard beruhigte ihn. Antonin war ein vernünftiger Junge, den man nicht beschwatzen konnte; außerdem verreiste er auf lange Zeit. »Nein, da macht mir eher die Casta angst ...« Der alte Mann stützte den Ellbogen auf das offene Fenster und träumte laut vor sich hin. »Diese Landsleute, mit denen sie verkehrt, sind keine Revolutionäre, sondern wilde Tiere ... Ich, ich habe große Revolutionäre gekannt ... ich rühme mich, in meiner Jugend selbst einer gewesen zu sein ... Aber wir hatten trotzdem ein Herz im Leibe, wir waren keine Wölfe. Dieser Lupniak mit dem Fleischfresserkopf, den sie uns eines Abends vorführte, und der sich vor uns rühmte, daß er das Schloß eines Generals, eines Gouverneurs in Kleinrußland, in Brand gesteckt und ihn, seine Frau, seine drei kleinen Kinder lebendig verbrannt habe, das ist ein Wilder! ... Und wenn ich an unsre menschenfreundliche, mitleidige Casta denke, die kein Insekt sterben sehen könnte! Welche Beziehungen bestehen zwischen ihr und diesen Kannibalen! Ganz abgesehen davon, daß die meisten von der Polizei ihres Landes gekauft, Angeber oder Provokateure sind! Dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen ... Das arme Kind will mir nicht glauben, bis ihr eines Tages ein solches Abenteuer widerfahren wird wie mir Anno achtundvierzig im Klub Barbès ... Das wäre noch das geringste, was ihr widerfahren könnte ... An jenem Abend führte der große Bürger den Vorsitz, und Beisitzer waren der Chef Antonins, Esprit Cornat ... Aber ich habe dir diese Geschichte wohl schon oft erzählt, Töchterchen?« Das Töchterchen lächelte artig. »Ich glaube ja, Vater.« »Dann werde ich sie deiner Freundin auftischen,« sagte der Marseiller gelassen. »Ihr wird sie nützlicher sein als dir.« Geneviève erhob sich, um ihm in den Garten zu folgen; denn der Gedanke, mit Raimund unter vier Augen zu bleiben, beunruhigte sie. Allein plötzlich erschien im Hintergrunde, hinter der Hecke der Einfriedigung die dicke englische Pfeife und der Cavourhut des jungen Mauglas. Der Mann flößte ihr entschieden Angst ein. Ohne daß er sich je erklärt hatte, fühlte sie, daß er ihretwegen um das Haus strich, und das bloße Nahen seines Schrittes ängstigte sie. Die Befangenheit, die Raimund ihr verursachen konnte, war eine ganz anders geartete; sie zog es daher vor, bei ihm zu bleiben, und wie an andern Sonntagen ließen sich Tantchen und ihre Schüler vor dem Fenster nieder, um den ganzen Nachmittag zusammen zu arbeiten. * »Schnell, schnell, Herr Izoard, seien Sie mein Zeuge!« rief Mauglas junior in spöttischem Ton, und sein Oberleib, sein vom Essen erhitztes Gesicht erschienen über der Hecke, indem er dem alten Herrn mit seiner Pfeife Zeichen machte. »Ich habe Sophie Castagnozoff hier auf Ihrer Gartenbank in flagranti bei der Abwendigmachung eines Minderjährigen erwischt, und zwar unter folgenden Umständen: Ich habe eben einen meiner Gäste zum Omnibus begleitet und kehre auf dem kleinen Wege zurück, als ein Geräusch von Küssen, ein Platzregen, ein Hagelwetter von Küssen von jenseits der Hecke an mein Ohr schlägt. Ich trete näher, und was sehe ich –?« »Oh, Herr Mauglas!« Die arme Sophie wurde ganz aufgeregt und protestierte mit so komischer Bestürzung, daß Herr Izoard vor Lachen seine Geschichte vergaß. »Sehen Sie denn nicht, daß er sich über Sie lustig macht, Castanchen? Übrigens, was wäre das für ein Unglück, wenn die Mädchen jetzt den Jungen nachlaufen würden, seitdem sich diese nicht mehr mit ihnen beschäftigen und den Talern nachjagen? Oh, lieber Nachbar, wie recht hatten Sie, als Sie heute früh von dem Abstand sprachen, der zwischen einer Generation und der andern besteht! Was für einen Beweis dafür habe ich eben vorhin erhalten!« »Siméon, nicht wahr?« sagte der Journalist, während sein Mund von einem bösen Lachen verzerrt ward. »Ei,« fuhr er dann fort, als er das Erstaunen des alten Mannes sah, »Sie sprachen in der Laube laut genug, so daß ich nicht erst zu horchen brauchte, um so mehr, als ich wußte, was er hier wollte; er hatte sich dessen vor dem ganzen Omnibus gerühmt.« »Mein lieber Nachbar,« – Izoard betonte das Wort nicht ohne Bosheit – »auf jeden Fall, mein lieber Nachbar, habe ich heute erfahren, daß zwischen den Leuten meines Alters und denen von dreißig bis fünfundvierzig Jahren kein Abstand, sondern ein Abgrund liegt, besonders wenn es sich um Gefühle handelt.« Mauglas war derselben Meinung. »Was Sie da sagen, lieber Herr Izoard, ist unbedingt richtig, in kleinen Dingen sowohl wie in großen! Sie rauchen nicht. Die Leute Ihrer Zeit rauchen nicht, ich aber – sehen Sie meine Pfeife an, eine wahre Lokomotivenröhre. Die Jungen dagegen, die Generation Antonins und seines Bruders, die rollen sich kaum eine Zigarette, trinken nicht, lachen nicht, singen nie etwas andres als Wagner, der doch wirklich nicht bequem zu singen ist. Ach, der Mann, der um seine Zeitgenossen zu bezeichnen, zuerst den Ausdruck: ›die Leute, die in meinem Boote sitzen‹ gebrauchte, hat wohl das richtige Bild gefunden! Wenn man im selben Boote sitzt, fährt man nach derselben Richtung, läuft man dieselbe Gefahr! Deckpassagier oder Passagier erster Klasse, man hat dieselbe Fahne, denselben Lotsen, denselben Kompaß, liest dieselben Bücher, die Bücher an Bord, läßt sich von derselben Musik einwiegen. Das gemeinsame Vergnügen oder die gemeinsame Gefahr schaffen Solidarität. Wenn ein Passagier stirbt, krampfen sich alle Herzen zusammen, ohne daß man ihn gekannt hat, während von dem nachfolgenden oder voranfahrenden Boote nur unbestimmte Echos herüberdringen oder im Nebel Visionen von Wracken sichtbar werden. Ei, da erinnere ich mich an eine alte Romanze von Masini, die all das, was ich da sage, in einem schwermütigen Refrain enthält.« Er nahm die Pfeife aus dem Munde und ruchste, die Beine auseinandergespreizt, die Arme rund gebogen: »La musique d'un temps, un bateau qui s'en va ... Ah! ah!« Dann grüßte er und verschwand hinter den Hagedornbüschen. »Ein drolliger Mensch,« murmelte Vater Izoard, indem er der heiseren Romanze des sich entfernenden Sängers lauschte. Antonin, der nichts gesprochen hatte, sondern wie ein Igel kugelförmig auf seiner Bank zusammengerollt saß, steckte den Kopf zwischen den Schultern hervor und erklärte, daß seiner Ansicht nach Mauglas ein Nachbar sei, der zu – nun, nicht wahr? der – die – Dingsda – »Das ist gerade das, was ich sagen wollte,« bestätigte Sophie Castagnozoff. * An diesem Abend empfanden Raimund und Antonin, nachdem ihre Freunde von Morangis sie wie gewöhnlich beim Freiheitsrundell verlassen hatten, eine unendliche Freude, als sie sich allein befanden und fest aneinander geschmiegt, auf Wegen, die sie seit ihrer Kindheit kannten, der Station Antony zustrebten. Eine milde Nacht umhüllte mit einem flockigen Nebel die ungeheure Ebene, auf der hohe Schober dunkle, runde Flecke bildeten. Sie glichen jenen Kubahs, jenen heiligen Gräbern, die abends auf der algerischen Ebene auftauchen. In der Ferne, vor ihnen, nahm ein riesiger rötlicher Schein, der Feueratem von Paris, den ganzen Horizont ein. Oh, mit welchem Stolz schritt Antonin am Arme des großen Bruders einher, mit welchem gerührten Respekt hörte er seine Beichte, das Geständnis seiner Liebe zu Geneviève und ihrer getauschten Schwüre an! »Wir lieben uns, aber ach, wir werden einander nie angehören,« sagte der ältere Bruder, der immer, selbst im Ausdruck seiner wahrsten Gefühle, theatralisch und deklamatorisch war. »Aber warum, Raimund?« Die Stimme Antonins zitterte. Dieses Zittern rührte ebenso von Glück wie von Traurigkeit her; denn im Grunde seines Herzens, ganz auf dem Grunde, dort, wo es dunkel ist, wohin man nicht hinunterzusteigen wagt, leuchtete das Bild des Tantchens, und trotzdem er seinen Bruder dieser großen Freude würdiger fand, hatte er vielleicht manchmal gedacht, daß er selbst – »Warum solltet ihr nicht heiraten, sobald du es kannst?« »Du weißt doch ganz gut, daß ich es nie können werde. Ich bin ja die Stütze der Familie. Das Opfer ist schwer, aber ich bereite mich schon so lange darauf vor.« Er sprach mit vollkommener Aufrichtigkeit, mit derartiger Überzeugung, daß bei dem Gedanken an all das, was die Seinen ihn kosteten, Tränen seine Wangen überschwemmten. Aber Antonin dachte nicht so. Wozu gab er sich all die Mühe, wozu verbannte er sich in den Nebel von London, wenn nicht, um die Aufgabe des älteren Bruders zu erleichtern? Er ergriff im Dunkel seine Hand, drückte sie und hielt sie in der seinen fest. »Wir werden uns beide opfern, Raimund; höre mir einmal ein wenig zu, was ich zu tun gedenke.« Die Nacht ringsum schwieg; in der Ferne, in einer hohlen Weide heulte ein Uhu. Stammelnd erzählte der kleine Bruder seine Pläne, indem er seine Sätze, wenn ihm die Worte fehlten, mit allerlei Schnitzeln ausstopfte. Zuerst wollte er die Schulden des Vaters, die fünftausend Franken zahlen, die man Freund Izoard schuldig war. Seit seinem Eintritt bei Esprit Cornat hatte er bereits die Hälfte dieses Geldes beiseite gelegt – um den Preis welcher Entbehrungen, das sagte der arme Kleine nicht; aber er hoffte, daß die Hälfte der Schuld nach einem einjährigen Aufenthalt bei den Englishmen getilgt werden würde. Dann wollte er die Mama und Dina kommen lassen; er träumte schon davon, ihnen einen sehr feinen Laden einzurichten, in dem sie mit irgendeinem Patent, irgendeiner von ihm erfundenen elektrischen Spielerei Geld verdienen würden. An Ideen fehlte es ihm nicht, Gott sei Dank! Der ältere Bruder machte sich plötzlich von ihm los und blieb inmitten des Weges stehen. Wenige Schritte entfernt blinzelte die Laterne eines Wirtshauses durch den Herbstnebel, dann sah man die fernen Lichter der ersten Häuser von Antony. »Und ich – was wird bei all dem aus mir?« fragte er mit bitter verzogenem Munde. Zum erstenmal stach ihn ein fast unmerklicher Schmerz, den er immer an derselben Stelle, aber immer schärfer empfinden sollte. »Was aus dir wird?« wiederholte Antonin verständnislos. »Nun ja, wenn meine Studien zu Ende sind, wenn ich aus dem Gymnasium austrete, dann muß ich ja die Sorge für das Haus, für Dina, für Mama auf mich nehmen –« »Aber das wird ja nicht möglich sein, du mußt doch dein Jus machen, oder die Ecole Normale, oder Medizin studieren, was helfen dir sonst alle deine Studien?« »Kindskopf!« Der ältere Bruder im Käppi und Uniformrock nahm den jüngeren bei den Schultern und drückte ihn väterlich an sich. »Kindskopf, als ob – als ob das Studium der Medizin oder die Ecole Normale für mich in Frage kommen könnte, als ob ich ihnen nicht auch das mit allem übrigen geopfert hätte!« »Aber durchaus nicht!« schrie der kleine Toni in einer leidenschaftlichen Aufwallung. »Ich nehme die Sorge für das Haus auf mich, solange du nicht die – das – Dingsda – etwas in den Händen hast.« »Genug, du kränkst mich,« antwortete der ältere Bruder hochmütig. »O verzeih, ich wollte nicht,« stammelte der jüngere. Dann fragte er leiser, fast weinend: »Aber schließlich, wie willst du das machen?« Sie langten jetzt vor der Station an, und mit einer Gebärde, die den kleinen Platz, die schräg gepflanzten, dunkeln Bäume, alle Lichter des Bahnhofes umfaßte, antwortete der ältere Bruder: »Das ist meine Sache!« Antonin war, als er ihn so ruhig sah, überzeugt, daß Marc Javel sich damit beschäftigt hatte, ihm beim Austritt aus dem Gymnasium eine gute Stelle zu finden. Alle diese braven Leute glaubten wie am ersten Tage an die Protektion des Ministers; der kleine Toni noch fester als die andern, weil er viel naiver war. ›Gut, ich werde ihn im Waggon zum Reden bringen,‹ dachte er bei sich. Aber kaum hatte er sich neben seinem Bruder niedergelassen, so stürzte jemand herein und setzte sich ihnen gegenüber auf den letzten leeren Platz in dem schlecht erleuchteten Coupé nieder. Der ganze, mit Menschen überfüllte Zug kreischte, an den äußeren Türen der Klinken klammerten sich ganze Traubenbündel von Passagieren an – es war eben ein Vorortzug am Sonntagabend. Als sie aus dem Bahnhofe hinausfuhren, überströmte weißes Licht die vorüberfahrenden Waggons. »Guten Abend, Jungens!« rief eine bekannte Stimme, und der ältere Eudeline antwortete: »Guten Abend, Herr Mauglas.« In Gegenwart seines Bruders versuchte er gegen den Schriftsteller den Stolzen zu spielen; aber im Grunde fürchtete er ihn, wußte, daß er spöttisch und boshaft war, schämte sich vor ihm seiner achtzehn Jahre und seiner Gymnasiastenuniform, insbesondere wenn das Tantchen zugegen war. An diesem Abend war Mauglas zerstreut und hatte ausnahmsweise keine böse Zunge; zu der offenen Tür hinausgelehnt, schaute er gierig hinaus, indem er mit seinen kleinen, bohrenden, verschwollenen Augen das Dunkel und den Nebel zu durchdringen suchte. »Erinnert ihr euch noch an den Krieg?« fragte er plötzlich, indem er die Worte hervorstieß, ohne sich umzudrehen. »Wo wart ihr während der Belagerung? Übrigens, wart ihr damals schon auf der Welt?« »Das will ich meinen!« sagte Raimund, indem er sich in die Höhe richtete. »Ich erinnere mich noch an die geringsten Einzelheiten unsers damaligen Lebens, an die verschlossene, in eine Ambulanz verwandelte Fabrik, an das Bataillon des Stadtviertels, in dem mein Vater Hauptmann und der Rechnungsführer Alexis Feldwebel war – wie es die Rue du Faubourg hinaufkam, den Generalmarsch schlug und ›Par la voix du canon d'alarme‹ sang, an Tantchen, die uns ihren Ball zuschleuderte, indem sie mich und Toni einexerzierte, uns bei dem Ruf: ›Achtung, die Bombe!‹ flach auf den Boden zu werfen! Und die Verzweiflung Mamas und der Köchin, die Pferdefleischragouts, der Schokoladereis, das abscheuliche Belagerungsbrot und eine gewisse Pastete aus Grunzochsen- und Elefantenfleisch, dem ganzen Tiergarten. Erinnerst du dich, Toni, wie du davon so krank wurdest?« Antonin zog sich in eine Ecke zurück, ohne zu antworten. »Das Brüderchen scheint bei den Erinnerungen nicht sehr warm zu werden,« brummte Mauglas in seine Pfeife. Der Kleine biß die Zähne aufeinander und antwortete heftig, mit einem nervösen Krachen der Kinnbacken, das seine Anstrengung beim Sprechen verriet: »Der Krieg ist dumm und häßlich – der – die – nicht wahr – Ich liebe den Krieg nicht!« Der dicke Mann zuckte die Achseln. »Armes Wurm, du weißt nicht, was gut ist!« Und spähend, halblaut, ganz für sich nannte er die Namen der berühmten Orte, an denen man sich geschlagen hatte, in der Reihenfolge, in der ihre gespensterhaften Silhouetten sich in der Nacht abzeichneten. Es waren Gärtnerdörfer, Molkereien, Pachthöfe, Fabriken, Warenbahnhöfe, die einst Schanzen, Barrikaden, Vorposten gewesen waren. »L'Hay, Chevilly, die Wasserleitung von Arcueil, die Hautes-Bruyères. Ach, die schönen, begeisterten Nächte, die ich da zubrachte, während vom Fort Montrouge die großen Blitze herüberschossen und die Kugeln von den bayrischen Wällen – schrumm, schrumm! vibrierten! »Sie lieben also den Krieg nicht, junger Mann? Ja, das sind die Ideen Ihrer Zeit. Aber Sie speziell haben sie von Casta, diesem russischen Mediziner im Unterrock – ich bete sie übrigens an – und ihrem Freunde Tolstoi, diesem alten Narren, der den Krieg anspeit, so wie er auf die Liebe speit, weil er nichts mehr hat als Speichel und Zahnfleisch. Solange er noch einen Zahn im Munde hatte, einen von jenen auseinanderstehenden, spitzigen Raubtierzähnen, wie sie sie da drüben haben, da biß er selbst tüchtig zu. Warum will er also jetzt die andern daran hindern? Warum will er die einstigen Leidenschaften verleugnen? Nun, ich erkläre euch –« Er dämpfte die Stimme, denn er bemerkte, daß die Leute im Wagen zuhörten. Aber seine geflüsterten Worte drangen dadurch noch besser in die notgedrungen aufmerksam zuhorchenden jungen Ohren. »Ja, Kinder, seit achtunddreißig Jahren, seit ich mich durch mein trauriges Leben schlage, waren die einzigen guten Stunden, die ich je hatte, in dem Biwak hinter diesem Schutt und diesen Mühlsteinen. Vier Wintermonate lang, während jenes harten, pommerschen Winters, den sie uns samt ihrem hefelosen Brot und ihren Erbswürsten in ihren Leinen-Freßsäcken mitbrachten, hat die Plänklertruppe, zu der ich gehörte, nicht ein einziges Mal in einer Scheuer genächtigt. Kein Tag verging, wo nicht Blei oder Kartätschen verschossen wurden, kein Stein ist da, wo nicht ich oder die Kameraden ein bißchen aus der Nase geblutet haben. Und diese Menschenjagden des Nachts in den Champignonfeldern, mit der Strickleiter, der Axt und dem Dolch wie in den Theaterstücken... Nein, sehen Sie, lieber Raimund,« er wandte sich zu dem älteren Bruder, da er fühlte, daß der jüngere ihm entschlüpfte, »eure Philosophen haben gut reden – es gibt nun einmal nichts Besseres als die Gefahr, um das Dasein, um das Leben, das kleine Dasein und das flache Leben zu vergrößern. Dieser ganze vorstädtische Winkel erschien mir groß wie die Welt, als ich glaubte, daß ich meine Haut dort lassen müsse. Aber ich habe sie nicht dort gelassen. Ja, das Schicksal! Ach, lieber mit zwanzig Jahren sterben, mit einer Kugel in der Stirn, als in Schmutz und Kot enden!« In seiner Kehle schien etwas zu zerreißen; er streckte den Kopf zur Tür hinaus und rührte sich bis zur Ankunft nicht mehr. »Muß ich dich bis in die Bude begleiten?« fragte Toni seinen Bruder, als sie auf dem Sceauxbahnhofe im Gedränge die Treppe hinabstiegen. Mauglas, der neben ihnen ging, fuhr zusammen und fragte: »Die Bude?« Argot für »Polizei« Raimund begann zu lachen. So nannten sie unter sich das Gymnasium Louis-le-Grand. Das Reglement verlangte, daß jeder Zögling, der Ausgang hatte, am Abend durch ein Familienmitglied oder einen Freund bis zur Tür zurückgeleitet werde. »Antonin braucht sich nicht zu bemühen,« sagte Mauglas lebhaft. »Er wohnt auf der Place des Vosges, am andern Ende von Paris, und ich in Luxembourg, dicht an Ihrem Gymnasium. Wenn Ihnen also meine Gesellschaft nicht mißfällt –« Toni wollte widersprechen, aber die Rede kam bei ihm so schwer in Gang, daß der ältere Bruder, der stolz darauf war, sich den Studienaufsehern im Louis-le-Grand am Arme eines berühmten Mannes zu zeigen, Mauglas' Anerbieten annahm, seinem Bruder um den Hals fiel und glückliche Reise wünschte, ehe jener auch nur die Hälfte seines Satzes hervorgebracht hatte. Während der arme Junge in seine kleine Wohnung im Marais-Viertel, in das düstere, verlassene Paris zurückkehrt, während er mit jener leichten Beredsamkeit, die Schüchterne und Stotterer, sobald sie sich selbst überlassen sind, wiederfinden, ganz laute Zwiegespräche mit sich hält, während er vor den Neubauten, den mit Plakaten bedeckten Zäunen, den Silhouetten der Wache haltenden Polizisten und der auf den Bänken eingeschlafenen Trunkenbolde all die schönen Pläne für seinen Londoner Aufenthalt, all die Träume von Glück und Erfindungen entwickelt, die er keine Zeit hatte, seinem Bruder zu erzählen, gehen der ältere Eudeline und sein Begleiter den »Boul' Mich'« Boulevard St. Michel. entlang. Er wimmelt und flammt wie an einem Sommersonntag – in der Tat, dieser Oktoberabend ist ein wahrer Sommerabend – und als sie an einem der großen Kaffeehäuser vorübergehen, die die Hälfte des Trottoirs einnehmen, flüstert sich die ganze lesende Jugend den Namen Mauglas von Tisch zu Tisch zu, so daß der Uniformrock des Gymnasiasten sich wölbt und hebt. Er ist glücklich, er schwatzt, während der bekannte Mann, den er stolz an seinem Arme zeigt, seine dicken Lippen mit jenem versteckten, jenem stummen Lachen verzieht, das Geneviève nicht liebt. Die Eitelkeit der jungen Leute ist so amüsant, sie beißt so sicher an den Köder an! »Sie, Raimundchen, sehen klarer als Ihre ganze Umgebung. Das Unglück hat Sie gereift, verfeinert. Dazu kommt die Reflexion, das Studium – darum habe ich mich lieber an Sie gewendet als an Herrn Jzoard oder an Ihren Bruder.« »Ich danke Ihnen, Herr Mauglas.« »Was wollen Sie, die brave Sophie interessiert mich – ich sehe, sie lebt in einer schlechten Umgebung, verkehrt mit Fanatikern, und wenn sie nicht in Morangis bei unsern Freunden ist, geht sie nur mit Verrückten um. Ich habe das Gefühl, daß sie sich in irgendein unangenehmes Abenteuer einlassen wird. So ist der Mensch, den sie bei sich verbirgt –« »Lupniak?« »Jawohl, Lupniak. Ich frage Sie, ist das vernünftig? – überläßt ihr Zimmer diesem Lupniak, einem notorischen Mörder, den alle Polizeibehörden von Europa einander signalisiert haben, und der nur noch in London ein Asyl findet! Sind Sie auch sicher, daß es Lupniak ist?« Ob er dessen sicher war! Vater Jzoard hatte ja erst heute mit ihm und Geneviève voll Entsetzen darüber gesprochen. Mauglas seufzte verzweifelt, dann fragte er sich selbst, ob sie nicht auch andre bei sich beherberge. Sollte Raimund nicht den Namen eines gewissen Papoff gehört haben? »Der, der in der Wohnung in der Rue du Pantheon eine geheime Druckerei eingerichtet hat?« »Ganz richtig; das ist der.« »Was für ein Gedächtnis Sie haben!« Ein paar Schritte werden schweigend zurückgelegt, dann bleiben sie inmitten der Straße stehen. »Vereinigen wir unsre Kräfte, mein Kind, dann werden wir sie selbst wider ihren Willen retten,« sagt der Schriftsteller. »Ich habe einen Abscheu vor der Politik, aber das Blatt, bei dem ich bin – es war das Blatt Gambettas –, hat mich zu den Spitzen der Republik in Beziehung gebracht ... Der Minister des Innern, der Polizeipräfekt, der Chef der Sicherheitspolizei – ich kenne alle. Unsre Freundin kann also in Frankreich ruhig sein. Aber der Petersburger Polizeipräfekt befindet sich, mit allen Vollmachten versehen, in Paris. Stellen Sie sich nun vor, daß Casta in dem ausgeworfenen Wurfnetz eingefangen werden könnte! Ich muß also von jeder neuen Beziehung, die sie eingehen kann, unterrichtet werden. Auch einer gewissen russischen, sehr geheimnisvollen Bibliothek, in der sie seit einiger Zeit viel verkehrt, traue ich nicht recht.« »Die Bibliothek in der Rue Pascal?« »Ganz richtig, in der Rue Pascal. Was für einen großartigen Denunzianten Sie abgeben würden!« sagt Mauglas, und eine so lebhafte Flamme zuckt durch seine Augen, daß Raimund durch den Gegenschlag zusammenfährt, als hätte eine Feuerwaffe ganz dicht neben ihm aufgeblitzt. Wie oft wird er später an diese düstere Flamme denken, wie oft wird er voll Zorn in seine Kissen beißen, wenn er sich im Dunkel des Schlafsaales daran erinnern wird; aber in diesem Augenblick geht er ganz in seiner Eitelkeit, in der berauschenden Freude auf, mit der er sieht, wie alle mit ihm heimkehrenden Schüler seiner Klasse vor seinem Begleiter ehrerbietig den Hut ziehen. »Vor allem muß unsre Freundin erfahren, daß es in all den Nestern im Viertel Saint-Marcel, selbst in der Bibliothek in der Rue Pascal, selbst in der Milchhalle der Quatorze-Marmites unter den Revolutionären verschiedene Mitglieder der russischen Polizei gibt. Ich rechne darauf, daß Sie sie warnen werden, mein lieber Raimund.« »Verlassen Sie sich auf mich, Herr Mauglas.« Der Name Mauglas, den er vor dem an der Tür des Gymnasiums stehenden Aufseher eigens betont, verschafft dem jungen Eudeline eine triumphierende Rückkehr. Mauglas, Marc Javel – der Kerl hat Verbindungen – das ist einer, den man überall kennen, im Leben wiederfinden wird. Während des ganzen nächsten Tages fühlte sich Raimund von dem strahlenden Laub des Parkes von Morangis und der Wärme der ersten Umarmung umgeben. Um sein Gefühl zu verlängern und gleichzeitig die beängstigende Erinnerung zu lindern, versuchte er, sie festzuhalten; aber die dekadentesten Verse, die subtilste Prosa drückten nichts von dem aus, was er empfunden hatte. Er behielt die Haut des Reptils, ihren trockenen, staubigen Abdruck zwischen den Fingern zurück, während die glänzende, geschmeidige Eidechse ihm entschlüpfte, unter das duftende Gras floh und in der Sonne wollüstig ihre Ringe aufrollte. Zum erstenmal begriff er vollständig den Vers Verlaines, jenes Verlaine, der seit einigen Monaten der Hofdichter der Großen geworden war: »Und der Rest ist Literatur.« Um wie viel leichter läßt sich wiedergeben, was nichts als Literatur ist! An diesem Montag, während der Erholungsstunde, um vier Uhr, erhielt er im Sprechzimmer einen Besuch, der ihn so erschütterte, daß er die Literatur und selbst die Liebe vergaß. Ein weißlicher Oktoberabend erhellte trübe den langen Empfangssaal im Erdgeschoß mit dem düsteren Schulanstrich. In unbestimmten Formen standen die Gruppen der Eltern und Schüler umher, um halblaut zu plaudern, während längs der Mauer die mit dem Ehrenpreis gekrönten Schüler, nach der Jahreszahl aufgereiht, auf sie herabsahen. Als Raimund die zwei Stufen am Eingang hinabgestiegen war, erblickte er einen hochgewachsenen Mann, der, gegen das Licht gewendet, vor einem Fenster stand, und da er den Chef Antonins, das ehemalige Mitglied der Konstituante, zu erkennen glaubte, ging er, voll Unruhe, seinen Bruder nicht zu sehen, sehr rasch auf ihn zu. Aber er bemerkte seinen Irrtum. Esprit Cornat besaß wohl dieses graue, bürstenförmige Haar, diesen kurzen Oberleib, diese langen Beine, aber in der Nähe verliehen der ungestaltene Mund, die übertrieben hervortretenden Backenknochen und Kiefer unter dem fahlen, ungepflegten Bart dem Manne eine wilde Herbheit, die in nichts an den heiligen Vincent de Paul der Kammer vom Jahre 1848 erinnerte. Er sprach leise, sehr korrekt, mit sanfter Stimme und fremdem Akzent. »Raimund Eudeline, denke ich? Ich hin Lupniak. – Achtung, man sieht uns an, halten Sie an sich. Teilen Sie Sophie Castagnozoff so rasch als möglich mit, daß sie nicht mehr in die Rue du Pantheon zurückkehren darf – die Polizei ist benachrichtigt. Sagen Sie ihr, daß ich seit gestern abend in Sicherheit bin, dort, wohin sie mich gehen hieß, wo sie mich abends aufsuchen soll, wenn sie nicht morgen in Morangis abgefaßt werden will.« Der Gymnasiast fühlte, wie sein Gesicht erbleichte, seine Beine zusammenknickten. »Was ist denn geschehen?« »Irgend jemand hat gepetzt.« In der sanften slawischen Modulation klang dieses Rotwelsch roh und wunderlich. »Hatte keine Zeit, zu erfahren wer – fest steht, daß der General alles weiß, daß unsre Zusammenkunftsorte verändert werden müssen, daß man niemand trauen darf.« Er dachte eine Minute lang nach, während tiefe, allmählich entstehende Runzeln sein Gesicht durchfurchten, dann sagte er rasch: »Ein Glück, daß ich an Sie gedacht habe. Werden Sie ein Mittel finden, Sophie noch heute zu benachrichtigen?« »In der Kammer ist heute Sitzung; Pierre Jzoard wird sofort benachrichtigt werden und noch heute abend in Morangis sein.« »Ausgezeichnet. Guten Abend.« Die lauten Atemzüge eines Löwen, eine ungeheure, haarige Pfote, die die Hand Raimunds packte – dann sah der Knabe, wie die lange Gestalt des Revolutionärs sich unter der Tür des Sprechzimmers krümmte, ins Dunkel hinaussprang und verschwand. Welche Angst stand er bis zum Sonntag aus! Wenn wirklich er es gewesen war, der »gepetzt« hatte! Dieser Gedanke verließ ihn nicht mehr. Aber dann mußte ja Mauglas, der einzige, zu dem er gesprochen hatte ... War das anzunehmen? Nein. Allein in diesen politischen Kreisen, in denen der Kritiker verkehrte, bedurfte es nur eines unvorsichtigen Wortes, einer Auskunft, die ohne jede Absicht zu schaden gegeben wurde, und die Nachricht verbreitete sich, drang bis zum Chef der russischen Polizei. Raimund erinnerte sich, wie dumm geschwätzig er gewesen war. Mit der unerbittlichen Klarheit eines ernüchterten Trunkenboldes, eines Fieberkranken nach dem Anfall, entsann er sich seiner geringsten Worte, sah er sich stolz wie ein junger Hahn neben dem bekannten Manne einherschreiten. Warum machen alle Jünglinge seines Alters diese Eitelkeitskrise durch, dieses Bedürfnis, eine nicht exstierende Persönlichkeit zu spielen, die sich häutet, die alles verletzt, weil ihr die Hälfte ihrer Federn fehlt? Wenn dieses Delirium wenigstens nur lächerlich ist – aber wie viel Schlimmes mochte er in diesem Falle verursacht haben – –! Diese und noch andre, ebenso traurige Betrachtungen machte Raimund Eudeline am nächsten Sonntag in dem Omnibus, der ihn in einem feinen, kalten Vormittagsregen von der Station nach Morangis führte. Er war ohne Nachrichten von seinen Freunden und hatte auch noch keinen Brief von Antonin erhalten, der doch seit mehreren Tagen fort war. Dieser graue Nebel, diese Raben, die wie ein schwarzer Zirkumflex über den feuchten Horizont flogen, kein Mensch am Bahnhof, der ihn erwartete – welch ein Gegensatz zum letzten Sonntag! Vollends verdüstert aber wurde er, als er das Haus der Familie Mauglas schweigsam daliegen und alle Schalterläden fest verschlossen sah. »Sie sind verreist,« sagte der Kondukteur, der auch nicht mehr wußte. Als er vor dem Pavillon abgestiegen war und den alten Türklopfer herabfallen ließ, widerhallte das Klopfen seines Herzens ebenso laut. Ein Pförtchen, das nie geöffnet wurde, knirschte, der Baß des Marseillers brummte: »Wer da?« und Raimund mußte sich zu erkennen geben, ehe er in das Innere des Hauses treten durfte. Im Speisesaal erblickte er zu seiner großen Beunruhigung und zu seiner großen Überraschung vor allem Geneviève. Sie saß vor einem der hohen Fenster, an demselben Platz und in demselben Lehnstuhl, in dem sie ihm ihre Sonntagsstunden gab, aber auf dem Rohrschemel zu den Füßen des jungen Mädchens – wer saß dort? – Antonin, sein Bruder Toni, im Sonntagsstaat eines Arbeiters. »Du bist also nicht in London?« Mehr zu sagen hatte er nicht die Kraft; er glaubte es wenigstens. Allein es gibt noch etwas andres als die Worte, die von unsern Lippen kommen, es gibt auch das, was die geringsten Falten des Gesichtes ausdrücken – das Blut unter der Haut, das Zittern unsrer Nerven, unser ganzes Gefühlswesen und das, was dieses Wesen umhüllt, jenes unsichtbare Gewebe, das Netz des Ballone. Mit all dem hatte Raimund seinem Bruder unwillkürlich zugerufen: »Was tust du da, warum nimmst du meine Stelle ein? Wenn du wüßtest, wie es mir das Herz zerriß, als ich euch beide da sitzen sah!« Und in derselben Sprache, mit denselben beredten und stummen Stimmen gaben beide, Antonin und Geneviève, ihm Antwort. Sie beruhigten ihn, die eine mit ihrem schönen Lächeln, dessen reine Linie nicht zu lügen vermochte, der andre mit seinen treuen Hundeaugen, seinen armen, wimperlosen Augen, die das zum Fenster hereinfallende Licht, die Weiße des ungeheuern Horizontes blendete. Das dauerte einen flüchtigen Augenblick; dann erkundigte sich Raimund nach der Freundin. Der jüngere Bruder nahm eine triumphierende Miene an. »Casta? – die ist in London – ganz ruhig.« »Aber sie ist knapp davongekommen,« sagte Vater Jzoard, der in den Saal zurückkehrte, nachdem er eine Sicherheitskette mit einem furchtbaren, lärmenden Apparat vor der Haustür aufgehängt hatte. Er beugte sich zu Raimund herab und flüsterte ihm ins Ohr: »Weißt du, sie haben sie hier bei mir gesucht.« »Wir können ja darüber sprechen, Papa!« rief Geneviève lachend. »Wir sind doch allein im Hause.« Toni hob den Vorhang in die Höhe, um das einsam und frostig daliegende Gärtchen der Familie Mauglas zu zeigen. »Nicht einmal Nachbarn sind mehr da.« »Das ist wahr – was ist aus den Mauglas geworden?« fragte Raimund erschauernd. »Das ist ein Geheimnis. Seit acht Tagen schwimmen wir im Geheimnisvollen,« deklamierte der Marseiller, indem er einen im Hause bereiteten, berühmten Pflaumenbranntwein, den er seinen »Eigenbau Jzoard« nannte, auf den Tisch setzte. Raimund war auf der Herfahrt auf dem Omnibus naß geworden, und während man ihn mit einem Gläschen dieses unvergleichlichen »Eigenbau« wieder trocknete, sollte der Kleine sein Abenteuer erzählen. Also Toni war, als er am Sonntagabend Raimund und Mauglas verlassen hatte und in seine Wohnung auf der Place des Vosges zurückkehrte, unruhig, in echt unbehaglicher Stimmung gewesen. Die russischen Polizeigeschichten, von denen man den ganzen Nachmittag gesprochen hatte, der geheime Auftrag, welchen Casta ihm für diesen Lupniak gab, den sie in dem Zimmer in der Rue du Panthéon versteckte, die Mahnung, daß jener so rasch als möglich auskneifen und sich in Tonis Wohnung einsperren solle – alle diese Einzelheiten, vermischt mit persönlichen Sorgen, erregten in dem Schädel des braven Jungen eine heftige Aufregung; es war ein Geräusch, das dem Getrappel der Ratten in den Giebeln des großen, steil abschüssigen Daches glich, auf das die Luken seiner zwei Zimmer hinausgingen. Als sein Koffer für die morgige Abreise gepackt war, konnte er sich nicht entschließen, zu Bett zu gehen, um so mehr, als seine Nachbarin, ein großes schönes Mädchen, eine Meßgewandstickerin, mit der er manchmal von einem Fenster zum andern plauderte, ihren Geliebten, einen Jäger zu Fuß, bei sich hatte, der sich sehr laut aufführte. Während Antonin nun an diesen geräuschvollen Krieger dachte, der sicherlich bis zwei Uhr morgens hierbleiben würde, sagte er sich, daß er keine bessere Gelegenheit finden könnte, Lupniak hierherzubringen. Das Öffnen der Haustür, die ungewohnten Stimmen und Tritte auf der Treppe – das alles würde sich durch die Anwesenheit des Soldaten erklären. Also vorwärts! Als er kurz vor Mitternacht in der Rue du Panthéon anlangte, rief die Wirtin Castas, die Antonin seit langer Zeit kannte, da er mit Geneviève Jzoard öfter hier gewesen war: »Ei, Herr Eudeline, wie spät kommen Sie! Aber das Fräulein Sophie ist nicht zu Hause; sie ist noch auf dem Lande.« »Das weiß ich, denn sie hat mir aufgetragen, ihr einige medizinische Bücher zu bringen, die sie braucht.« »Aber ich habe keinen Schlüssel – sie hat ihn Ihnen gegeben? Nun, Sie haben Glück; diese Kosaken sind immer so mißtrauisch.« Toni kostete es sehr viel Mühe, sie am Mitkommen zu verhindern, und man kann sich denken, welcher Schlauheit es bedurfte, um jenen unbekannten Mieter die Treppe herab und an der Hausmeisterswohnung vorbeizubringen. Glücklicherweise war Lupniak, was Kaltblütigkeit und Kombinationen betraf, ganz wunderbar. Er verließ das Zimmer der Studentin mit einer Bücherkiste auf dem Rücken, als ein improvisierter Dienstmann, den Toni gerade zur rechten Zeit auf der Treppe getroffen hatte, um die allzuschwere Kiste von ihm zum Wagen tragen zu lassen. Und am nächsten Tage, als der junge Eudeline von einer Besorgung zurückkehrte, sagten die Hausmeistersleute auf der Place des Vosges zu ihm: »Ihr Chef, Herr Esprit Cornat, ist oben; wir sahen ihn hinaufgehen.« Der Kleine antwortete nichts, trotz seines Erstaunens, das sich noch steigerte, als er in seinem Zimmer statt des großen »Muschik« mit dem ungepflegten Haar und Bart, den er in der Nacht hierhergebracht hatte, das bartlose Gesicht und die goldene Brille seines Chefs vorfand. Lupniak hatte sich den Spaß gemacht, dessen Kopf nach einem an der Wand hängenden Porträt zu kopieren. Mit Hilfe dieser Verkleidung konnte der Russe fortgehen, um in dem Stadtviertel Saint-Marcel, das Klein-Rußland genannt wird, Erkundigungen einzuziehen. Dort erfuhr er, daß die französische Polizei seit heute früh – welch ein Glück, daß er in der Nacht ausgekniffen war! – in der Rue du Panthéon, in der Rue Pascal, in den Quatorze-Marmites gewesen war, die bekanntesten Emigranten verhaftet und in der Wohnung Sophie Castagnozoffs, die selbst von einem Augenblick zum andern erwartet wurde, eine Mausefalle aufgestellt hatte. Nun wollte er vor allem seine Freundin warnen, und da kam ihm ganz natürlich der Gedanke an Raimund und sein Gymnasium; ebenso natürlich verfiel er später, als Sophie Castagnozoff in der Wohnung auf der Place des Vosges erschienen war, auf die Idee, sie als Elektrotechniker zu verkleiden, der mit seinem Direktor eine Fabrik bei London einrichten wollte. Antonin lieh Sophie seine Kleider und seine Papiere; der Chef, dem das Abenteuer mitgeteilt wurde, stellte Lupniak seine Wählerkarte und seine antike Medaille als Mitglied der Konstituante zur Verfügung. Am Dienstagabend, während der Kleine sich in Morangis einsperrte und Esprit Cornat der größeren Sicherheit wegen schnell nach Lyon fuhr, um einige Geschäfte zu erledigen, reisten Lupniak und Sophie nach London ab. Sie kamen dort ohne Unfall an, wie ein Brief, der am Morgen mit den rettenden Karten und Papieren eingetroffen war, feststellte. »Ach, Raimund, wenn du wüßtest –« Toni lief im Speisezimmer auf und ab, indem er die Worte seiner Erzählung, die sich ziemlich in die Länge zog, durch verschiedene »der ... Dingsda ...« und eine leidenschaftliche Mimik ersetzte. »Wenn du wüßtest, was für Kinder, was für naive Leute diese Revolutionäre sind; das lacht wie ein unschuldiges kleines Mädchen ... und dabei morden und brennen sie – nicht wahr, schließlich – der – die – Dingsda – es ist nicht zu verstehen! Seit Sonntagabend, seit Lupniak und ich Casta unter den Arkaden der Place des Vosges erwarteten, und dieser Teufel, gelenkig wie ein Clown, wie ein chinesischer Schatten von einer Säule zur andern schlüpfte und sich damit unterhielt, den unter der Galerie Wache haltenden Sergeanten toll zu machen, bis zu unsrer Trennung am nächsten Abend gab es zwischen uns dreien nichts als Gelächter. Ich mußte jeden Augenblick sagen: ›So schweigt doch!‹ Die Häuser auf der alten Place Royale sind so friedlich, und alles hallt darin wider! Und die Meßgewandstickerin, meine Nachbarin, die am liebsten mein Schlüsselloch mit den Augen aufgehakt, ein Loch in die Mauer gebohrt haben würde! Allein Lupniak war viel zu schlau, als daß man uns hätte fangen können. Nur seine Zigarette ist gefährlich. Schon in der Rue du Panthéon wäre er durch sie beinahe 'reingefallen, und meine Nachbarin erzählt überall, seit sie die Stimme Sophiens gehört und den Tabaksrauch gerochen hat, daß ich Frauen von schlechter Aufführung bei mir empfange –« Er sah so wenig danach aus, daß alle zu lachen anfingen. Plötzlich kam bei Meister Jzoard wieder die geheimnisvolle Stimme, der im Kreise umherschweifende, stöbernde Blick des alten Karbonaro zum Vorschein. Er brachte Raimund das kleine Gläschen, das er geringschätzig auf dem Tische vergessen hatte, und flüsterte ihm zu: »Ja, mein Junge, was sie dir aber nicht sagen, ist, daß Sophie Castagnozoff in ihrem Brief behauptet, die russische Polizei unterhielte in Paris ein paar sehr geschickte Angeber, unter denen – rate mal –« Raimund nahm das ihm dargereichte Gläschen mit zitternder Hand entgegen und fragte mit erstickter Stimme: »Wer?« Der Name wurde so leise ausgesprochen, daß der gegen die Scheiben klatschende Regen ihn übertönte, aber alle kannten diesen Namen. »Du bist so wie ich, Raimundchen – es kommt dir unwahrscheinlich vor; aber begreifst du, daß diese beiden« – er deutete auf seine Tochter und Toni – »überzeugt sind, daß es wahr ist?« »Er hat mir immer Angst eingeflößt,« murmelte Geneviève. Toni wollte etwas hinzufügen, aber Vater Jzoard ließ ihm keine Zeit dazu. »Ein so hervorragender Schriftsteller, der gerade in der Nummer vom Fünfzehnten eine wunderbare Studie über den ›Bienentanz bei den Adonisfesten‹ in der ›Revue‹ veröffentlichte, ein solcher Künstler sollte sich zu einem solchen Handwerk herablassen! Was für einen Beweis gibt es außer der Behauptung unsrer Freundin? Die Abreise der alten Mauglas! Diese Abreise beweist gar nichts.« »Verzeih,« antwortete Geneviève ruhig, »er wußte, daß Casta auf seine Denunziation hin verhaftet werden würde, da wäre es ihm peinlich gewesen, sich uns gegenüber zu befinden. Bedenke doch, sie ist am Montagabend fortgereist, Dienstag früh kam die Polizei.« »Sophie ist vielleicht unvorsichtig gewesen,« meinte Raimund, der sich entzückt und erleichtert fühlte, weil er einer andern die Verantwortlichkeit für seine Ungeschicklichkeit zuschieben konnte. Jzoard protestierte. »Fällt ihr nicht ein! Bedenke doch, weder du noch Geneviève, nicht einmal der Vater Jzoard, einer von den Alten, einer, der zwei Jahre unter Louis Philipp auf dem Mont Saint-Michel gesessen hat, besaß ihr Vertrauen. Nur dem Kleinen hat sie alles erzählt, und sie hatte nicht unrecht, denn er hat sich besser aus der Patsche gezogen, als es einer von uns andern imstande gewesen wäre.« Die letzten Worte fielen in ein tiefes Stillschweigen. Es dauerte gerade lange genug, um das Hurrageschrei der Raben und das Rieseln des Regens zu hören, der sich auf zehn Meilen in der Runde für den ganzen Tag festgesetzt hatte. »Wenn ich euch alles sagen soll, was ich denke,« hob Raimund an – er hatte sich etwas beruhigt und fand das hochmütige, väterliche Lächeln einer Stütze der Familie wieder –, »ich finde, daß es von Casta ein wenig übereilt war, sich zu verbannen, selbst zu verurteilen. Wir wissen doch, daß sie keine Verschwörerin war. Nehmen wir an, man hätte sie verhaftet, so wäre ich zu Marc Javel gegangen.« Dieser entschlossene Ton, das Feuer, das die lange Gestalt in der Gymnasiastenuniform belebte – alle waren gepackt und sahen ihn voll Bewunderung an, die ebenso dem Minister wie ihm selbst galt. Er bemerkte die Wirkung und verdoppelte sie. »Ja, zu Marc Javel; ich habe sofort an ihn gedacht, als Lupniak zu mir ins Louis-le-Grand kam und ich hörte, daß unsre Freundin in Gefahr sei; ich hatte große Lust, in die Kammer zu laufen, aber das Gymnasium, das Reglement – und wie kann ich in meiner Schüleruniform eine Mannestat ausführen!« »Bravo!« rief der Stenograph. Er glaubte im Palais Bourbon zu sein und hätte im »Officiel« sicherlich »langandauernder Beifall« eingetragen. Der Redner triumphierte, aber nicht ohne Groll. Niemand wußte von seiner Dummheit, und sie war wieder gutgemacht; allein ein heftiger Ärger gegen seinen Bruder blieb zurück, gegen diesen Jungen, den die Russin ihm als Vertrauten vorgezogen, der den ganzen Abend den Machiavell vor ihm gespielt hatte. Das Betrübliche war, daß Sophie Castagnozoff bei ihrer Wahl zwischen den beiden Brüdern recht behalten hatte. Durch die Schuld des älteren war alles verloren – der jüngere hatte alles gerettet, und zwar geschah dies bei der ersten ernsten Verwicklung, durch die beide mit dem Leben in Berührung gerieten. Es war, als hätte der Kleine hinter dieser eiteln Stirn lesen können. »Du hast recht, Raimund,« sagte er zärtlich und vertrauensvoll zu dem Bruder. »Ich habe mich im guten Glauben zu sehr übereilt, und Tantchen ist jetzt durch meine Schuld ihrer besten Freundin beraubt. Nun, schließlich – nicht wahr – der – die – du brauchst nur mit Herrn Javel zu sprechen und läßt sie dann bald von London zurückkommen –« Eine Gebärde seines Bruders unterbrach ihn. Diese so demütigen und aufrichtigen Entschuldigungen genügten seinem Stolze nicht. Vor allem um Genevièves willen grollte er Antonin, wegen seines Ruhmes, wegen des Platzes, den er seit acht Tagen in dem Hause einnahm; vor Geneviève wollte er ihn demütigen, auf die ihm gebührende Stelle wieder zurückweisen. So legte er ihm denn mit jener gönnerhaften Autorität, die er unter dem Druck einer berühmten Minister-Hand selbst empfunden hatte, die Hand auf die Schulter und sagte: »Willst du mich anhören, Kind? Auch du wirst einige Zeit in England leben; verzichte also während deines Aufenthaltes in England auf den Verkehr mit diesen Lupniaks, Papoffs, all diesen Helden des Nationalismus, des Internationalismus, selbst auf den mit unsrer lieben Casta. Alle diese Leute sind für dich zu gelehrt; sie werden dich von der Werkstätte abwenden, indem sie dir den Kopf mit politischen Utopien anstopfen, die du nicht verstehen wirst. Das Studium der Philosophie ist etwas viel Schwereres als dein Handwerk. Sie werden schließlich das aus dir machen, was am unnützesten und gefährlichsten ist, einen Mischling, ein lächerliches, zwiefaches Wesen, einen schlecht geweißten Neger –« Raimund fühlte, wie der Rücken des Kleinen, der mit gesenktem Kopfe zuhörte, unter dem faltigen Tuch des Sonntagsgewandes erschauerte. Sein Herz krampfte sich sofort zusammen, denn abgesehen von seiner unbefriedigten Eitelkeit war er ja nicht schlecht, und dann: wie konnte man in dieser zärtlichen Umgebung, in dieser gleich einem Treibhaus warmen und strahlenden Wohnung der braven Leute hart bleiben? »Du darfst mir nicht böse sein, Toni, ich will dich nicht kränken, aber der Vater ist nicht mehr da, ich bin der Ältere, und da muß ich ... Sag, bist du mir nicht böse?« Der Kleine hob den Kopf. »Dir böse – dir? Aber der – die –« Er stammelte eine Minute lang, dann ergriff er, am Ende seiner Kräfte angelangt, die schlanke, zarte Hand seines Bruders mit seinen bereits rauhen Händen und drückte, ganz gerührt, fest seine Lippen darauf. Sie schwollen von Worten, die keinen Ausweg fanden. Diesmal triumphierte Raimund. Allein dennoch blieb ein Hintergedanke in ihm zurück, und er betrachtete den Alten und seine Tochter, indem er sich fragte, ob auch sie von seiner Überlegenheit überzeugt seien. » Princeps juventutis , auf dein Wohl!« rief ihm Vater Jzoard zu, indem er sein Gläschen emporhob. Die Rührung ließ ihn wie immer sein Professorenlatein hervorholen. Und Geneviève, woran dachte Geneviève? Bewunderte sie ihn, wie ihr Vater es tat? Oder erinnerte sie sich an die weisen Ratschläge ihrer Freundin Casta, während sie, beide Arme auf die Lehne ihres Fauteuils gestützt, das Gesicht dem Fenster zugewendet, den ungeheuern, weißen Horizont zu betrachten schien, der so geheimnisvoll und stumm war wie das Auge eines Blinden? I Zur Wunderlampe Alle Pariser vom linken Ufer erinnern sich, vor etwa zehn Jahren in der unteren Rue de Seine einen engen Laden gesehen zu haben, dessen Schaufenster mit seinen bunten, im Halbkreis neben- und übereinander gereihten kleinen Glaskugeln der grauen Häuserreihe einen leuchtenden Ton aufsetzte. Wenn die Nacht kam, wurde es hell und flammte bis neun Uhr abends wie ein nächtlicher Regenbogen. Auf dem ebenfalls mit Lichtern durchsetzten Schilde stand: Zur Wunderlampe Mmes. Eudeline. Patentierte elektrische Beleuchtungskörper. Die Mehrzahl der Kompaniefirma war nicht ganz der Wahrheit entsprechend, denn kaum hatte Antonin Mutter und Schwester aus Cherbourg zurückberufen, um sie in der Rue de Seine einzurichten, so blieb Frau Eudeline dort allein, und Dina trat mit fünfzehnhundert Franken jährlich in das Post- und Telegraphenamt ein. Ach der verlockende kleine Laden mit den hellen Spiegeln, dem glänzenden Parkett, den Etageren, auf denen sich winzige Lampen, »Leuchtkäfer« genannt, in Form und Farbe von Tulpen, Schwertlilien und Granaten hinzogen! Und hinter dem Ladentisch, mit einer schwarzen Haube auf den langen Schmachtlocken, wie sie die Damen in den schönen Tagen Lamartines und Ledru-Rollins trugen, die alte, stets in einen Leihbibliothekroman vertiefte Mama! Wie oft blieb ich auf dem Trottoir stehen, um voll Neid dieses strahlende, friedliche Heim anzusehen – damals, als ich noch davon träumte, mich mitten in Paris als Glückshändler niederzulassen. Ihr lest ganz richtig: als Glückshändler. Eine Zeitlang hatte ich die Idee, diesen wunderlichen Beruf einzuschlagen, meine Erfahrung vom Leben und Leiden in den Dienst einer Menge von Unglücklichen zu stellen, die nicht zu unterscheiden vermögen, was für gute Dinge es auch in dem am wenigsten begünstigten Leben gibt, was für Annehmlichleiten man aus ihm noch zu schöpfen vermag. Über diese eigenartige Idee, in der sich Daudets gemütvolles, menschenfreundliches Wesen so herrlich offenbart, spricht sein Sohn Léon ausführlich im III. Abschnitt seiner Erinnerungen, die in der Zeitschrift »Aus fremden Zungen« erschienen sind. Für den Verschleiß dieser kostbaren, seltenen Ware, die man Glück nennt, erschien mir der Laden der Mmes. Eudeline in bezug auf Stille, Milde, Sauberkeit und Heiterkeit als idealer Rahmen. Wahrscheinlich hätte ich meine Ansicht geändert, wenn ich eines Aprilabends im Jahre 1887, in irgendeinem Winkel versteckt, der Heimkehr Fräulein Dinas beigewohnt hätte. Sie brachte aus dem Telegraphenamte in der Rue de Grenelle jenen Heißhunger mit, der in einem achtzehnjährigen Magen beim Nahen der Essensstunde zu nagen pflegt, und fand zu Hause nichts vor, nichts zum Essen, nicht einmal einen gedeckten Tisch. Ja, dem Glückshändler hätte an diesem Abend die nötige Ruhe zu seinen Ratschlägen gefehlt, denn ein ungewohnter Lärm ließ die große, den Laden von den hinteren Räumen trennende Glaswand erzittern. Diese Räume bestanden aus einem Speisezimmer, das zum Teil von einem mit einer Wachsleinwand bedeckten runden Tische und von einer Holztreppe, einer wahren Jakobsleiter, eingenommen wurde, die zum Zimmer Raimunds hinaufführte. Unter dieser Treppe befand sich ein dunkles Kabinett mit einem Loch für die Ofenröhre; es diente als Küche und vervollständigte das Elend, die Blöße jener Rückseite der Auslage, die man Hinterladen nennt. Gegenüber, hinter einem hohen Wandschirm, stand das Bett, das Frau Eudeline mit ihrer Tochter teilte; es war am Kopfende von einer gipsernen Madonna, einem großen Rosenkranz, einem geweihten Buchszweiglein, einem ganzen Kramladen von frommen Bildern, von Exvotos überragt. In diese setzte das junge Mädchen das größte Vertrauen, ohne in ihnen die geringste Unterstützung gegen die tollen Zornanfälle zu finden, von denen sie sich oft hinreißen ließ. Dieser ganze Hintergrund ging auf einen mit verkrüppelten Linden bepflanzten Hof hinaus; ein geschützter Winkel desselben diente dem Rahmenhändler, dem im Erdgeschoß wohnenden Nachbar der Damen Eudeline, als Magazin. Dina kehrte bei ihrer Rückkehr aus dem Amt oft durch diesen Hof zurück; das war die Ursache ihrer heutigen schlechten Laune. Als sie, ihren schwarzen Perkalbeutel unterm Arm, mit zierlich gebundenem Schleier, hocherhobenen Hauptes an dem Magazin vorüberging, bemerkte sie ihre Mutter, die in dem Zwielicht, das die Scheiben gelb färbte, nicht damit beschäftigt war, die »Gefängnisstunden der Frau Lafarge« oder die »Memoiren Alexander Andriannes«, ihre Lieblingsbücher, zu lesen, sondern die Weste eines mit Silberblumen bestreuten Kostüms Louis XV. stopfte. Das Profil der in diese Arbeit vertieften alten Dame und die fieberhafte Hast ihrer alten, runzeligen Hände erweckten in ihr einen Ärger, der durch das Aussehen des fahlen Tisches und des kalten Ofens noch gereizter ward. Im Nu wurde der Wandschirm an die Mauer zurückgestoßen, und die Handschuhe, das Hütchen, der Schleier flogen zerstreut aufs Bett. Dann wurden Schubladen wütend geöffnet und geschlossen, der Feuerhaken donnerte auf dem kalten Eisen des Ofens, und man hätte zur Begleitung dieser rasenden Gestikulationen sehen müssen, wie dieses zarte Blondinengesicht mit den feinen Zügen, der kindlichen Haut sich zu Grimassen verzog, wie diese seidenen Augenbrauen sich zu zwei tiefen Falten über den hübschen, amethystfarbigen Augen zusammenzogen. ›Ihr Vater, ihr armer Vater,‹ dachte Frau Eudeline ganz laut, während sie in der Glastür stand und ihre Tochter traurig betrachtete. Sie erinnerte sie an jenen teuern, schrecklichen Gatten, dessen Heftigkeit und dessen Geschrei ihr nach mehr als zehn Jahren wie laute Blechmusik im Ohr klang, wie rote Flammen vor den Augen tanzte. Und doch war er so gut, so zärtlich gegen alle die Seinen! Gerade wie diese kleine Dina – wo ließ sich ein besseres, pflichttreueres Kind finden? Seit Herr Izoard sie im Telegraphenamte untergebracht hatte – der liebe Herr Izoard, die gute, zarte Geneviève, und mit solchen Freunden hatte man sich überwerfen können! –, gab es von allen ihren Vorgesetzten nichts als Lobsprüche. Sie wurde der ganzen Abteilung als Beispiel hingestellt, und in weniger als einem halben Jahre kam sie in den Pariser Dienst, trotzdem die Morseapparate so schwer zu handhaben sind. Wie konnte ein so vollkommenes, kluges und frommes Geschöpf in solche teuflische Zornanfälle geraten? »Ja, ja, Mama, warum siehst du mich mit diesen traurigen Augen an?« schalt der hübsche kleine Dämon. »Warum versuchst du, mir diesen Theaterflitter zu verstecken, als ob ich nicht sähe, daß du im Begriffe bist, Knöpfe für deinen Herrn Sohn anzunähen? Und ich muß dich seit vierzehn Tagen bitten, meinen Beutel zu stopfen, diesen Beutel, in den ich mein Frühstück, meinen Reispuder hineintue, der dem Hause in ganz andrer Weise nützlich ist als diese Komische Opernweste!« Die Mutter versuchte ein paar Worte einzuschieben: »Aber, mein Kind, du weißt doch, daß Raimund –« »In dem Kostüm beim Menuett im Auswärtigen Amt mittanzt –« Dina verzog bei jedem Worte die Lippen, um ihm einen lächerlichen Nachdruck zu geben. »Wir werden schon lange genug mit diesem Marquisen- und Schäferinnenmenuett zu Tode gelangweilt, das Herr Dorante von der National-Musikakademie eingerichtet und inszeniert hat. Soll ich es dir vorsingen? Nein, warte, ich werde es dir vortanzen – Trallalala –« Sie führte, noch immer wütend und gereizt, trällernd den Pas aus und war dabei so komisch, daß sie plötzlich selbst zu lachen begann. Ihr Zorn fiel plötzlich zusammen. »Begreife doch, ich sterbe vor Hunger, wenn ich aus dem Amte heimkomme,« sagte sie gänzlich besänftigt. »Früher fand ich einen gedeckten Tisch, eine Tasse Bouillon als Vorspeise vor, aber seit Raimund Präsident des ›V. d. P. St.‹ werden will und auf seinem Hängeboden Besuche empfängt, wird erst sehr spät Feuer gemacht, weil es riecht. – Ja, sowie nur unser Ältester alle seine Bequemlichkeit hat, wenn er seine Schokolade ins Bett bekommt und in den großen Ministerien Menuett tanzt, dann kann ich machen, was ich will!« Der Schluß des Gewitters beruhigte Frau Eudeline wieder. »Du tust, als wärest du nicht die erste gewesen, die sich über seine Erfolge freute; stelle dich doch nicht als die Boshafte hin.« »Ich bin nicht boshaft, nur weniger blind als du und Antonin.« Beim Öffnen des Büfetts hatte sie einen Überrest von Schmorfleisch in Saft, eine Glanzleistung der Mama, gefunden, begann nun zu essen und geriet in jenen Zustand der Befriedigung und Nachsicht, dem auch die Härtesten nicht zu widerstehen vermögen. Nun erst kam Raimund zum Vorschein. Zwei- oder dreimal hatte er während des Sturmes sein Zimmer halb geöffnet und bei neuen Ausbrüchen rasch wieder geschlossen. Als die Stimme Dinas endlich wieder ihren gewöhnlichen Tonfall annahm, erschien auf der Höhe der Treppe ein hübscher, gepuderter Marquis Louis XV. in Schnallenschuhen und einem bauschenden Jabot über einer grünen Atlashose. Es war Raimund Eudeline, vier Jahre älter als in jenem Herbst in Morangis. Er stieg langsam herab, indem er mit den Bandschleifen seiner Ärmel das hölzerne Geländer streifte. »Ei, da ist ja das Schwesterchen,« sagte er, Überraschung heuchelnd. »Laß doch, du hast mich gut gehört, ich habe Lärm genug gemacht.« Sie drehte sich rasch zu ihrer Mutter um und fügte mit einem Ausdruck erkünstelter Bewunderung hinzu: »Aber er ist hübsch, wunderhübsch, dein Sohn, dein Liebling!« Um einen neuen Sturm zu vermeiden, fragte Raimund eilig, ob Herr Aubertin hergeschickt habe. »Nein, es war niemand da,« antwortete die Mutter. »Aber du weißt, ich habe es dir zuvor gesagt, wenn jemand kommt, lasse ich ihn nicht zu dir hinauf. Du würdest dich von dem Anbot dieses Mannes verlocken lassen. Bedenke doch, du nach Indo-China!« »Das wird nie geschehen!« rief Dina mit Überzeugung. Raimund betrachtete beide mit jener zögernden Miene, die zu seinen etwas unsteten Augen, den unbestimmten Zügen seines Gesichts mit dem prächtigen, vom Puder aufgefrischten Teint so gut paßte. »Ihr habt gut reden, meine Lieben, aber ich glaube, ich hatte unrecht, es abzulehnen. Geheimsekretär des Gouverneurs und Erzieher seiner Kinder, das ist für den Anfang nicht viel; aber ich bin überzeugt, wenn ich mich daran gemacht hätte, würde ich nach Verlauf einiger Monate eine wirkliche Stelle bekommen haben, während ich in Paris zu nichts komme. Mit diesem Jus, das kein Ende nimmt, selbst wenn ich Vorsitzender werde, kann ich euch noch immer nicht zu Hilfe kommen. Glaubt mir, es ist besser, wenn ich fortgehe.« Frau Eudeline machte eine verzweifelte Gebärde. »Was fällt dir ein? Dieses Annam ist ja nichts als ein großer Sumpf; wenn du einen Sonnenstich, einen Leberabszeß bekämest – was würde da aus uns andern?« »Euch bleibt ja Antonin.« »Schweig! Erstens Haft du nicht das Recht, fortzugehen – erinnere dich an die Worte des Vaters, die Herr Izoard dir so oft wiederholt! Wie schade, daß er nicht da ist, um sie dir zu wiederholen, der teure Freund! ›Raimund wird das Oberhaupt des Hauses, die Stütze der Familie sein, er muß alle Pflichten auf sich nehmen.‹ Wandert ein Familienoberhaupt aus?« »Aber wenn es kein andres Mittel gibt, das Brot fürs Haus zu verdienen? Ich bin überzeugt, daß Dina ebenso denkt wie ich,« fügte er hinzu, indem er sie von unten auf mit einem Zittern der Mundwinkel betrachtete. »Da täuschest du dich gewaltig,« erwiderte die Kleine empört und wäre sehr überrascht gewesen, wenn ihr Bruder ihr wiederholt hätte, was er eine Minute zuvor aus seinem Zimmer gehört hatte. Er begnügte sich, zu lächeln, nahm die schöne, mit winzigen Girlanden bestreute Weste Louis XV. aus den Händen der Mama entgegen und belohnte sie mit einem Kuß für ihre Mühe. Wenn es Menschen gibt, die aus Kälte oder linkischer Schüchternheit nicht die Gabe, sich einzuschmeicheln, besitzen, so gibt es wieder andre, begünstigte wie Raimund, die sich von Natur gut darauf verstehen und etwas Bestechendes in ihrem Wesen haben. »Ach, du Schmeichler,« murmelte Frau Eudeline ganz gerührt, als sein blonder Schnurrbart den Rand ihrer alten Schmachtlocken streifte. Aber in diesem Augenblick öffnete sich die Tür nach einem heftigen Klingelzug, und beide Frauen hatten denselben Gedanken: da kommt jemand von Aubertin. Dina zog Raimund sofort nach der Treppe, und Frau Eudeline stürzte in den Laden, um dem Feinde den Eintritt zu wehren. Kaum trat sie ein, so blieb sie verblüfft stehen und rief mit ganz veränderter Stimme: »Dina, Raimund, schnell, schnell –« Dann stürzte sie vorwärts, und einige Minuten lang herrschte vor dem Ladentisch, auf dem neben den »Gefängnisstunden der Madame Lafarge« eine Brille lag, ein Wirrwarr von Umarmungen und Ausrufen. Frau Eudeline wanderte aus den Armen eines kleinen, alten Mannes mit einem kurzgeschorenen, aufrecht getragenen Kopfe und einem endlosen, schneeweißen fließenden Bart in die eines schönen jungen Mädchens mit einem freimütigen, guten Gesicht. Dann lief sie davon und rief in den Hintergrund: »So kommt doch, Kinder, es ist ja Herr Izoard und Geneviève!« Sie hatten einander seit bald zwei Jahren nicht gesehen, sich bemüht, einander nicht zu sehen, obwohl sie nur wenige Straßen voneinander entfernt lebten – die Eudelines in der Rue de Seine, die Izoards im Parlament. Und die Ursache des Bruches, die scheinbare Ursache? Ein politischer Streit zwischen Raimund und dem alten Stenographen, infolgedessen Geneviève auf ein paar Monate zu ihrer Freundin Sophie Castagnozoff gefahren war, die jetzt in England den ärztlichen Beruf ausübte; dann mußte sie, von einem wilden Spleen ergriffen, plötzlich nach Paris zurückkehren, und kurz nach dieser unvermuteten Rückkehr hatte sie, während sie mit ihrem Vater über die Eudelines sprach, plötzlich erklärt: »Besuchen wir sie.« »Das war eine kostbare Idee von dir, Tantchen!« rief Dina, indem sie hereintrat und Geneviève um den Hals fiel. Sie fand sie noch immer schön, nur Wangen und Augen waren ein wenig hohl. Sie sahen einander lächelnd an und hatten Luft, ein bißchen zu weinen, während der alte Herr seine Stimme anschwellen ließ, um den Starken zu spielen. »Meine Tochter behauptet, daß alles Unrecht auf meiner Seite ist, und darum komme ich zuerst.« Frau Eudeline wischte wie toll an ihren Brillengläsern. »Ich muß sagen, ich habe von diesem Streit nie etwas verstanden.« Izoard begann zu lachen. »Ich auch nicht, wenigstens nicht viel.« »Und gar erst ich,« fügte die kleine Dina hinzu. »Ich erinnere mich nur, es war an einem Sonntag im Laden, gerade beim Einzugsschmaus. Die Herren sprachen von Gambetta, von der Republik, und dann kam alles durcheinander. Weißt du vielleicht, Tantchen, warum wir böse wurden?« Tantchen lächelte noch immer gezwungen, und der alte Izoard glaubte das Gefühl seiner Tochter auszusprechen, indem er sagte: »Was liegt daran? Diese grundlosen Streitigkeiten sind die gefährlichsten, geradeso wie jene unbestimmten Krankheiten, deren Namen die Ärzte nicht kennen. Ich bin nur froh, daß mein liebes Töchterchen von London zurückgekommen ist, eigens um uns zu heilen. Ich habe so ganz allein in Paris eine traurige Zeit verbracht; den Rest gab mir die Menge von Gemeinheiten, die ich täglich in der Kammer vorfallen sah. Die Republik ertrinkt in Gold und Kot – aber reden wir nicht davon. Was habt denn ihr getrieben? Gehen die kleinen Lampen? Ist Toni noch immer bei seinem Elektriker? Und Raimund, wird er sein Jus bald beenden? Ist er zufrieden?« »Oh, sehr zufrieden,« antwortete die Mutter eilfertig. »Sie werden ihn sehen; er ist oben, wird gleich herabkommen. Hast du es ihm gesagt, Didine?« »Er braucht sich nicht stören zu lassen,« warf Geneviève mit gleichgültiger Miene ein. »Stören!« rief Dina heftig. »Aber er freut sich ja geradeso wie wir über das Wiedersehen.« Trotzdem rief das Zögern Raimunds eine gewisse Befangenheit hervor. Alle warteten, ohne etwas zu sprechen. Da bemerkte der alte Achtundvierziger den großen grünen Leihbibliotheksband auf dem Ladentische und machte eine Bewegung des Vergnügens. »Liebe Freundin, ich sehe, daß Sie den Geschichten unsrer Zeit treu bleiben.« »Nicht wahr, Herr Izoard? In diesen ›Gefängnisstunden‹ liegt doch viel wahre Poesie!« »Und wie unverdient ist das Los dieser Frau!« »Ach. Herr Izoard –« »Ach, Frau Eudeline –« Dina und Geneviève sahen einander lachend an; diese wohlbekannten Worte und Töne, dieser entmutigte Refrain aller Gespräche, die diese beiden Überlebenden einer fernen, sentimentalen Generation miteinander führten, belustigten sie, wie das Echo einer alten, neu aufgefundenen Romanze. Aber plötzlich öffnete sich die Glastüre im Hintergrunde weit, und es erschien ein junger, atlasfunkelnder Marquis, den Geneviève und ihr Vater im ersten Augenblick in dem Zwielicht nicht erkannten. »Ei, das ist ja Raimund,« donnerte endlich Izoard mit ausgestreckten Armen. »Man verkleidet sich also, um alte Freunde zu empfangen?« Frau Eudeline erzählte eilfertig, daß ihr Sohn an diesem Abend im Auswärtigen Amt beim Menuett mittanze; er werde auch im Kostüm, mit allen Mitwirkenden, im Ministerium speisen. »Potz Blitz!« rief der Marseiller, dessen dicke Brauen sich wie Streifen verzogen, »das ist Pech. Ich wollte euch alle in den ›Silbernen Turm‹ führen.« Als er die Verlegenheit bemerkte, die Geneviève und Raimund voneinander entfernt hielt, rief er seiner Tochter in brummigem Tone zu: »So gib ihm doch einen Kuß, wenn er sich auch als Marquis verkleidet und in den Ministerien diniert, so bleibt er doch unser kleiner Raimund.« Glücklicherweise begann es im Laden dunkel zu werden, und bloß einige Sonnenflimmer blieben oben auf den Vitrinen liegen; nur Raimund hätte sehen können, wie blaß Geneviève war und wie sie zitterte, aber er achtete nicht darauf, denn er war mit jenem Ungestüm der Jugend, die alles im voraus genießt, bereits in dem Strom des Vergnügens, das ihn an diesem Abend erwartete. Ach, wie fern war der unschuldige, der erste Kuß unter der Laube von Morangis! »Du ißt also bei den Valfons,« fuhr Vater Jzoard fort, als errate er den geheimen Gedanken des jungen Mannes. »Da wirst du die schöne Marquès aus deinem Gymnasium wiederfinden. Sie war schon zu jener Zeit Ministerin, aber nicht am Quai d'Orsay. Ich habe sie in Bordeaux gekannt, vor zwanzig Jahren, als ich Professor der Rhetorik war. Der Gatte der Dame war zu jener Zeit, zu Ende des Kaiserreiches, der reichste Reeder von Bordeaux, ein portugiesischer Jude. Der alte Valfon, der berühmte Schauspieler, gab Vorstellungen im großen Theater, der Sohn leitete ein kleines Skandalblättchen, den ›Galoubet‹, war schon damals ein schrecklicher Spieler, und es hieß, daß er die Ersparnisse der Frau Marquès beim Kartenspiel verschlang. Zwanzig Jahre später führte er sie, nachdem er ihr zweiter Gatte geworden war, unter dem schmachvollen Namen einer Frau Valfon in das Auswärtige Amt. Das ist ein Gesindel!« Er legte seine große Hand breit auf die Schulter Raimunds und fragte in vertraulichem Ton: »Für wen hängst du dir diese Flitter an, für die Mutter oder für die Tochter?« »Ich wußte nicht, daß die Valfons eine Tochter haben,« murmelte Geneviève mit veränderter Stimme. »Eine Tochter aus erster Ehe, geradeso wie der Sohn Wilkie, der ehemalige Mitschüler Raimunds. Florence Marquès ist Braut, scheint es, mit dem Sohne des steinreichen Seidenhändlers und Senators von Lyon, Tony Jacquand.« »Wie gut unterrichtet Herr Jzoard ist,« sagte Raimund lachend. »Wir sind ja Nachbarn, mein Junge. Das Parlament und das Auswärtige Amt liegen nebeneinander; man kann einander über den Efeu der Mauern beobachten. Übrigens kannst du dir doch denken, daß ich, nachdem ich mehr als fünfzehn Jahre Kammerstenograph bin, das ganze parlamentarische Personal kenne, insbesondere das sogenannte republikanische Personal, über das ich mir gar keine Illusionen mache. Na, seit wir uns nicht gesehen haben, habe ich schöne Dinge erfahren.« Er ging mit zornigen Schritten im Laden auf und ab. Ja, ja, er kannte diese Deputierten, er konnte manchen Gesetzgeber anführen, der würdig war, das Strohbündel zu tragen, durch das das verkäufliche Feld oder Pferd bezeichnet wird. Die Kammer stand jetzt den Händlern offen. In den Wandelgängen, bis zu den Türen der Kommissionen sah man jene schnüffelnden Eberrüssel, jene beschlagenen Brillengläser, die die Blicke maskieren, jene Geschäftsagententaschen, wie man sie unter dem Peristyl der Börse, in den Kaffeehäusern um den Justizpalast herum bemerken kann. Die Quästoren aber ließen alles geschehen. Onkel Siméon, der mit der Polizei der Kammer betraute ehemalige Gendarmerieoberst, duldete alle diese Schändlichkeiten. Warum denn nicht? Sein Neffe, der ehemalige, Verehrer Genevièves, der Mann mit dem Rennhundestall, machte frech den Makler der Deputierten und verdiente bei diesem schändlichen Geschäft große Summen. Ja, das ging schön zu! Und das Beispiel kam von oben. Dieser Valfon junior, der Minister des Auswärtigen – ganz Paris kannte seine Verhältnisse – vermochte bis auf wenige tausend Franken die Ziffer seiner Spielschuld und die Summe anzugeben, die ihm der Gatte seiner Stieftochter würde auszahlen müssen, wenn nicht die Heirat auseinandergehen sollte. Ja, ein netter Kerl, dieser Minister, bei dem der brave Junge da Menuett tanzen sollte! »Lassen Sie ihn nur tanzen, Herr Jzoard,« unterbrach ihn die kleine Dina, denn sie fürchtete ein Wiederauftauchen jener abscheulichen Politik, die sie bereits einmal miteinander überworfen hatte. »Sie werden schon sehen, wir werden uns viel besser unterhalten als er.« Einen Arm unter den kräftigen Arm des guten alten Herrn schiebend, den andern um die Taille Tantchens legend, entwickelte sie ihren Plan für den Abend. Statt des Essens im »Silbernen Turm«, das für einen Tag aufgeschoben wurde, an dem alle beisammen sein würden, wollte sie bei Melano, dem kleinen Restaurateur in der Rue Mazarin, Raviolisuppe, Reis nach Mailänder Art, Stufato und Zambayons bestellen. Heute abend hatte sie gerade keinen Dienst, und sobald Antonin kam und der Laden geschlossen war, würde rückwärts der Tisch gedeckt werden. Das Schlauköpfchen! Bei dem bloßen Worte »Ravioli« leuchteten die Augen des alten Vaters, dieses feurigen Bewunderers Garibaldis, Manins und der italienischen Küche, unter den dichten Brauen auf! »Abgemacht, Kleine. Geh das Essen bestellen.« »Soll ich dich begleiten?« fragte Geneviève. Die Kleine, die im Nebenzimmer eilfertig den Hut aufsetzte, drehte sich um und sagte leise, indem sie auf Raimund deutete, der ihnen gefolgt war: »Nein, bleibe bei ihm und plaudert ein wenig, ehe er fortgeht.« Geneviève antwortete nicht und schien nicht einmal zu verstehen. Als die beiden jungen Leute in dem Hinterladen allein blieben, näherten sie sich instinktiv dem Fenster, als flöße ihnen das Dunkel Furcht ein. Schweigend, die Stirn an die Scheiben gedrückt, sahen sie zu, wie der Abend den Hof überflutete, das Pflaster lilafarben wurde, während unter dem Magazin die vergoldeten Rahmen funkelten, gleich den Strahlen der untergehenden Sonne, die noch auf dem First des Daches und in den hohen Zweigen der Linden lag. »Gib mir deine Hand, Geneviève.« Ohne auf die dringende Bitte Raimunds zu antworten, ohne ihn anzusehen, streckte sie ihre Hand aus, die er rasch ergriff. »Wie kalt sie ist, wie sie zittert,« sagte er. »Ist es also wirklich wahr, du fürchtest dich vor mir?« »Nein, gewiß nicht,« antwortete sie sehr bewegt. »Doch, du fürchtest dich vor mir, du denkst noch immer an jene schreckliche Szene oben in meinem Zimmer. Wie roh, wie unwürdig war ich! Und du beklagtest dich zu niemand, armes Tantchen! Ich bitte dich, vergiß diesen bösen Moment – was mir passiert ist, wird nie wieder passieren. Du kannst für mich nichts andres sein als eine Freundin, eine Schwester.« Um die Mundwinkel des jungen Mädchens zitterte ein trauriges Lächeln. »Du glaubst mir nicht, Geneviève! Oh, ich sehe, du glaubst mir nicht. Höre also zu.« Und Raimund flüsterte ihr – weniger, um sie zu überzeugen, als in dem Bedürfnis junger Leute, allen, besonders einer hübschen, lange begehrten Frau, ihr Glück zu erzählen, seine Liebeserfolge in der Welt, der großen Welt, in der er heute abend tanzen sollte – ins Ohr. Jetzt kannte er die Leidenschaft, die wahre Leidenschaft; er wußte, wie wenig sie jener Jugendraserei glich, die ihn eines Tages so weit hingerissen hatte, daß er das Tantchen erschreckte und den Grund dazu gab, daß sie lange Monate sich erzürnt von ihm entfernt hielt. Oh, wie böse war sie gewesen! Während er sprach, wurde die Hand Genevièves, die er in der seinen hielt, kalt und schwer, bis sie ihm zuletzt durch ihr eignes Gewicht entsank; aber er bemerkte es nicht, ebensowenig wie er in dem zunehmenden Dunkel den ironisch schmerzlichen Ausdruck auf diesem entzückenden Gesichte sah, das im Bereich seines Mundes sich so unnützerweise zu ihm hinneigte. Er schilderte eingehend die geringste Episode seines Romans, die ersten Worte, die er eines Abends in der Opernloge des Ministers, in die Marquès ihn geführt hatte; mit seiner Weltdame wechselte, die größere oder geringere Kühnheit, mit der er ihr seinen Arm gereicht, einen Blumenstrauß angeboten hatte... »Hör mal, Tantchen, du bist ja eine Frau,« schloß er. »Glaubst du, daß sie mich wirklich liebt?« Wie alle seines Alters ängstigte ihn die Furcht, daß man ihn nicht ernsthaft nehme, vor allem aber die Schwierigkeit, jene schöne Dame, die ihm bereits ein paarmal den Wunsch ausgedrückt hatte, ihn in seiner Wohnung, bei seinem Arbeitstisch zu sehen, bei sich zu empfangen. In der Rue de Seine, in seiner armseligen Bude, in der Nähe von Mutter und Schwester war es unmöglich, irgend jemand zu empfangen, insbesondere aber eine Frau, eine Weltdame. Ach, dieses abscheuliche Elend im Familienkreis! Guter Gott, wann würde er ihm endlich entschlüpfen können! Wenn man bedachte, daß er mit zweiundzwanzig Jahren, nachdem er sich so geplagt, ganze Liter Tinte geschluckt hatte, nicht einmal genug verdiente, um sich ein Zimmer in der Stadt zu bezahlen! Denn ein Zimmer mußte er haben – Tantchen war eine Frau und mußte das begreifen – und auch Teppiche, ein Klavier – Frau Marquès war ja eine große Musikerin, die in allen Pariser Salons wegen ihrer wunderbaren Altstimme berühmt war. Lange schon füllte die Nacht, die wie Asche herabrieselte, den kleinen Hof, in dem nicht mehr ein Lichtpünktchen zurückgeblieben war. Plötzlich fuhr eine weiße Flamme über die Glaswand: Frau Eudeline hatte die elektrische Leitung im Laden geöffnet, und zwar so unvermutet, daß Geneviève keine Zeit hatte, die Tränen abzuwischen, die ihre Wangen versengten. Raimund sah mit Überraschung dieses verzweifelte Gesicht, ebenso wie es sie selbst überraschte, als sie ihn in diesem schillernden Kostüm wiedersah, an das sie sich nicht mehr erinnerte. Der Herr Marquis zog mit einer etwas pöbelhaft-eleganten Gebärde, die er wohl oft wiederholt haben mochte, einen Ungeheuern, emaillierten, goldenen Chronometer, das einzige Erbstück seines Vaters, aus seiner Atlashose und fragte: »Wieviel Uhr ist es? Ich werde mich verspäten.« »So geh!« versetzte Geneviève ärgerlich. Ein Wagen rollte in den Hof. Es war der Fiaker, den Dina für den älteren Bruder brachte, denn sein atlasglänzendes Kostüm würde alle Läden der Nachbarschaft in Aufruhr gebracht haben. Während er hinaufging, um seinen goldbordierten Dreispitz und seinen langen Stock zu holen, flüsterte die Kleine dem Tantchen ins Ohr: »Es ist sehr unrecht von dir, daß du weinst; er wird keine finden, die so hübsch ist wie du.« Gleichzeitig rief sie die beiden alten Freunde an, die in ihren Erinnerungen schürten: »Herr Jzoard, Frau Eudeline, Monseigneur geht an Bord, wollen wir ihn begleiten?« Es war eine traurige Abfahrt – dieser elende Hof, das Blitzen der silbernen Schnallen auf dem Trittbrett eines gewöhnlichen Fiakers, die Spitzenmanschette, die zum Wagenschlag hinaus Abschiedsküßchen sandte... »Es nimmt sich so aus, als führten wir ›Die Berline des Emigranten‹ auf,« sagte Vater Jzoard, der über dieses unselige Menuett wütend war. Als Raimund jedoch fort war, dauerte die Traurigkeit nicht lange. Der Tisch mußte gedeckt, der Ofen und die große blaue Lampe angezündet werden – beim Erfinder der »Leuchtkäfer« wurde nur Petroleum gebrannt –, dann erschienen die Ravioli, die, in der schmalen Küche in ihrem Wasserbett schmorend, das ganze Haus mit ihrem pfefferigen, angenehmen Geruch durchdufteten. Als dann der jüngere Bruder kam, um, wie jeden Abend, Mamas Laden zu schließen, verlieh der Anblick dieses blendenden Tischtuches, dieses von so gutgelaunten, eßlustigen Menschen umgebenen Tisches, vor allem die unerwartete Anwesenheit Vater Izoards und Genevièves den wimperlosen, immer ein wenig starren Augen des braven Jungen einen so verblüfften Ausdruck, daß alle in Lachen ausbrachen. In den vier Jahren hatte sich der Unterschied zwischen den beiden Brüdern noch mehr verschärft. Antonin war in Haltung und Sprache der richtige Werkmeister, dessen Züge manchmal ein Schatten von Unruhe und Verantwortlichkeit trübte; er glich kaum dem Kammerherrn des jungen Edelmannes, den man eben zum Wagen begleitet hatte. Dabei war er noch immer derselbe gute Kerl, und das Reden fiel ihm noch ebenso schwer. »Verflixter Trödler, wirst du mit deinen Läden und Balken nicht bald fertig sein?« schalt der Baß des Marseillers lustig, wahrend Toni den Laden schloß. »Wenn ich noch einmal in die Terrine fahre, findest du auch nicht mehr den Schwanz eines Ravioli vor.« In der Tat, der Junge war an diesem Abend von unglaublicher Langsamkeit und Ungeschicklichkeit. Er schlug die Fensterladen geräuschvoll zu und klapperte mit den Schlössern. Bei Tisch wurde es noch ärger. Er zitterte so sehr, daß er vor Furcht, das Tischtuch zu bespritzen, das Glas oder den Löffel kaum an den Mund führte. Und was für Anstrengung kostete ihn das Antworten, wenn man ihn ansprach! Tantchen wurde unruhig. »Was hat denn unser Toni? Ist er krank?« Frau Eudeline widersprach empört. Toni krank! Das hatte sich ja noch nie ereignet. Er glaubte, die Behauptung der Mutter bekräftigen zu müssen. »Aber, Tantchen, das kommt ja nie vor – es ist nur die Überraschung, euch – nach so langer Zeit – schließlich, nicht wahr? – der – die – Dingsda –« Das war alles, was er sagen konnte; die Aufregung versiegelte ihm während des ganzen Abends den Mund. Als Vater Jzoard wissen wollte, was es Neues in der Fabrik gebe, ob der Chef zufrieden sei, mußte Dina an Stelle ihres Bruders antworten, und sie tat dies so ausgiebig, so feurig, wie der schüchterne Antonin es nie vermocht hätte. »Ob der Chef zufrieden ist? Aber Toni bezieht ja schon längst außer seinem Gehalt Tantiemen aus dem Pariser Hause und hat ein eignes kleines Laboratorium für seine Versuche, für seine Experimente. Wenn er dort ist, wagt niemand, ihn zu stören, nicht einmal Herr Cornat selber. Aus diesem Laboratorium sind ja schon eine Menge Erfindungen hervorgegangen und immer auf ganz unerwartete Weise, immer wie durch ein Wunder. Sie lieben ja die Wunder nicht, Herr Jzoard, aber wenn ich Ihnen erzählen würde, wie er die ›Leuchtkäfer‹ gefunden hat, diese kleine Wunderlampe, der wir es verdanken, daß wir alle beisammen sind! Stellen Sie sich vor, eines Tages fand er in einer Abfallkiste einen Haufen alter, trockener Kräuter und machte sich den Spaß, sie auszuglühen – ich hatte gerade an jenem Morgen ein ›Gedenke mein, Maria‹ gesagt –« »Du glaubst also noch immer an diese Faxen, kleine Götzenanbeterin?« unterbrach sie der alte Bonze vom Jahre achtundvierzig. »Mehr als je, denn immer nach einem Gebet –« Der gute Mann wandte sich ungeduldig zu der Mutter. »Die kleinen Lampen gehen also?« »Sehr gut, lieber Freund, ich bedaure sogar, daß ich Dina nicht zu Hause behalten habe; ich werde mir jemand nehmen müssen. Das ist kein großes Unglück, aber etwas andres beunruhigt mich. Zur Erzeugung dieser Karbondrähte« – mit welchem Stolz sie diese technischen Ausdrücke aussprach! – »ist die Anwesenheit Antonins in der Fabrik unerläßlich; aber in kurzem wird er Soldat werden müssen. Herr Esprit war neulich bei mir und sprach mit mir über das, was man tun könnte –« »Aber bei Raimund ist es ja –« rief die Kleine unbesonnen. Die Mutter zuckte die Achseln. »So begreife doch, Kind, bei Raimund gab es Erleichterungen, auf die sein Bruder nicht Anspruch machen kann! Raimund ist der älteste Sohn einer Witwe und die Stütze der Familie.« Nach der Ehrerbietung, mit der sie das »die Stütze der Familie« betonte, nach dem andächtigen Schließen der Lider hätte man meinen können, daß es sich um irgendein hohes Amt handle. Dina erlaubte sich einen Widerspruch: auch Antonin unterstützte die Familie, und zwar viel wirksamer als sein Bruder; das würde man bemerken, wenn er nicht mehr da sein würde. Die Mutter und der kleine Rotkopf gerieten gleichzeitig in Hitze. »O Dina!« Jzoard, der in seinen Mailänder Reis vertieft war, hob den Kopf. »Wo hält denn Raimund eigentlich? Mir scheint, er trödelt ein bißchen.« »Sagen Sie das nicht, Herr Jzoard,« rief die Mama erzürnt. »Wenn Raimund vielleicht Zeit verloren hat, so geschah es nur unsertwegen. Um eine ernste, feste Stellung zu erhalten, wollte er in die Ecole Normale treten, wodurch er einige Klassen doppelt machen und bis zu zwanzig Jahren im Gymnasium bleiben mußte. Man hat ihn in der Ecole Normale abgewiesen; aber das ist nicht seine Schuld, sondern die eines Prüfenden, dessen philosophische Ideen nicht mit den seinen übereinstimmten. Das haben alle Leute gesagt. Er wollte sich nochmals melden, aber da bewies ihm sein Freund Marquès, daß es viel besser wäre, wenn er Jus studierte, um dann in das Auswärtige Amt einzutreten; er verbürgte ihm eine gute Stelle und eine ganz andre Zukunft wie in der Ecole Normale. Er begann also über Hals und Kopf Jus zu studieren, und in ein paar Monaten wird er fertig. Aber zuvor – ich sage das unter uns – glaube ich, werden wir ihn als Vorsitzenden des ›V. d. P. St.‹ sehen.« Die dichten Augenbrauen des Stenographen richteten sich wie ein Fragezeichen empor. »Als Vorsitzenden des ´›V. d. P. St.‹?« »Ja, des ›Vereines der Pariser Studenten‹, er ist schon Komiteemitglied und hat alle Aussicht, bei den Wahlen im nächsten Monat durchzudringen.« »Was kann ihm diese Stelle einbringen?« Frau Eudeline antwortete nicht ohne Stolz, daß er keine Bezahlung bekommen werde, und Dina fügte lachend hinzu: »Ja, so geht es immer mit den Stellen, die man Raimund anbietet: großartig, aber nicht bezahlt.« Antonin wollte widersprechen, aber da er keine Worte fand, erwiderte die Mutter statt seiner. Erstens hatte ein Vorsitzender des »V. d. P. St.« große Vorteile; er wurde bei den Ministern im Elysée empfangen, mußte Frankreich im Auslande mit Bannern und großen, kreuzweise verschlungenen Bändern vertreten. Marquès, der Freund Raimunds, der im vorigen Jahre Vorsitzender des »V. d. P. St.« gewesen war, hatte den Besuch eines Großherzogs empfangen. Übrigens wurden ihrem Jungen nicht nur derartige Stellen angeboten. Erst gestern war Herr Aubertin dagewesen und hatte den Vorschlag gemacht...« Jzoard fuhr auf seinem Sessel empor. »Aubertin? Ist das der, den sie mit Gewalt zum Gouverneur von Indo-China gemacht haben? Wieder so ein Lump. Er will also Raimund als Sekretär mitnehmen?« »Sie können sich denken, daß ich nicht eingewilligt habe,« sagte Frau Eudeline. »Raimund hat nicht das Recht, uns zu verlassen. Aber das ist doch ein Beweis, daß, wenn er wollte... Ja, wenn er eine anständige Wohnung hätte, statt dieser Dachstube« – sie deutete auf die in die Höhe führende Treppe –, »wenn er in einem wirklichen Zimmer Leute bei sich empfangen könnte –« »Er wird eines bekommen, Mama.« Alle drehten sich nach Antonin um, der endlich ins Reden kam und nicht mehr innehielt, wie jene alten verstaubten Uhren, die nach langem Krachen und falschen Ansätzen zu schlagen beginnen und nun nicht mehr aufhören. Ja, eine nette Wohnung im dritten Stock, eine ganz neue Einrichtung, prachtvolle Teppiche und Vorhänge. Aber das konnte erst in ein paar Tagen fertig sein, also bis dahin Silentium! »Gib mir einen Kuß, du bist zu lieb –« Und während Mama Eudeline ihm entzückt ihre Schmachtlocken hinhielt, fragte sie weiter: »Wie hast du das angestellt? Du hast also Ersparnisse?« »Wie immer,« sagte der kleine Rotkopf mit einem triumphierenden Lachen. »Die beste Anlageweise dafür aber – schließlich, nicht wahr? – wenn ich Raimund die – die – die Werkzeuge verschaffe, die er braucht!« Der Stenograph wandte sich zu der alten Freundin. »Das Kind spricht ganz gut, wenn es sich Mühe gibt, aber das, was es ausführt, ist noch mehr wert, als das, was es sagt. Glauben Sie mir, die Sache mit dem Militärdienst ist die allerwichtigste von allen; den Jungen da können Sie nicht entbehren. Jetzt wäre der Moment, Marc Javel aufzusuchen; er ist zufälligerweise im Augenblick nicht Minister, aber er wird es bald wieder werden. Haben Sie ihn schon lange nicht gesehen?« »Oh, sehr lange. Ich weiß, das ist unrecht von mir, die Kleine hat es mir oft gesagt; aber ich fürchte mich vor diesen Staatsmännern. Die Ministerien, in denen man sie aufsuchen muß, sind so voll von Bedienten, Angestellten, die Plafonds sind so hoch und so vergoldet, daß man schon Angst bekommt, ehe man hineinkommt. Und gar Marc Javel! Wenn ich ihm gegenüberstehe, komme ich mir ganz dumm und stumm vor. Selbst seine Höflichkeit, die Art, wie er mit einem umgeht, einem auf die Hände klopft, die Phrasen, mit denen er einen verwirrt – kurz, er gibt einem nie etwas, und man könnte glauben, daß er einen mit Wohltaten überhäuft. Wenn man seine schönen, papiernen Phrasen öffnet, so sind sie nichts als leere Haarwickel.« Aber Vater Jzoard ließ nicht nach. »In der Tat, liebe Freundin, ich fange an zu glauben, daß Marc Javel wie so viele andre Republikaner unsrer Zeit nur ein geschickter Schauspieler, ein wunderbarer Bauchredner ist, der seine Wähler mit Gebärden und Phrasen 'reinfallen läßt. Aber es macht nichts, er ist noch besser als dieser Grimassenschneider von Valfon. Außerdem ist er eine heilige Schuld gegen Sie, gegen Ihre Kinder eingegangen, die er einlösen muß. Er muß zahlen.« Der Name Marc Javels und all das Düstere, das er heraufbeschwor, ließ wie aus einem Luftsack einen eisigen Strom über die Tischgesellschaft fallen. Die Mahlzeit ging zu Ende, als ein Wagen vor der Tür hielt und Schläge auf die Fensterläden, die laut rufende Stimme Raimunds alle vom Tische aufspringen ließen. »Das nenne ich ein Abenteuer!« rief der junge Mann, indem er barhäuptig, mit verschobener Haarschleife ins Zimmer stürzte. Der Überrock, den er um die Schultern geworfen hatte, war von dem kurzen Weg über das Trottoir ganz durchnäßt und mit krachendem Reif bedeckt. Die Mutter erschrak. »Schneit es denn, daß du ganz weiß bist? Es war doch vorhin so schön.« »Diese Frühlinge von heutzutage sind ebenso kalt wie der Winter, nur viel launenhafter,« brummte der alte Achtundvierziger. Endlich erklärte Raimund, was vorgefallen war. Man hatte soeben im Ministerium erfahren, daß Fräulein Helene Molin de L'Huis, eine der Schäferinnen des Menuetts, sich beim Herabsteigen der Treppe ihres elterlichen Palastes den Fuß verstaucht habe. Frau de L'Huis hoffte zuerst, daß eine Behandlung durch Petersen, den schwedischen Masseur, es ihrer Tochter doch ermöglichen würde, zu tanzen, aber man hatte dann die Hoffnung auf sofortige Besserung aufgeben müssen, und in letzter Stunde teilte Frau Molin de L'Huis in einer verzweifelten Depesche mit, daß Fräulein Helene acht Tage an die Chaiselongue gebannt sein würde. Sie schickte gleichzeitig das Kostüm und das Zubehör für den Fall, daß man für die junge Schäferin einen Ersatz finden könnte. »Ihr habt also jemand gefunden?« fragte Dina naiv. »Ja,« antwortete der Bruder, »dich selbst, Kleine.« »Du scherzest.« »Es war nicht mein Gedanke. Frau Valfon, die wußte, daß du das Menuett besser tanzest als ich, da du es so oft mit mir einübtest, sagte zu mir: ›Lieber Freund, steigen Sie rasch in einen Wagen und holen Sie Ihre Schwester.‹ Das große Glück ist, daß du gerade so klein bist, wie Fräulein Helene; da ist die Coiffüre, das Kostüm, ziehe dich rasch an.« Dina zog krampfhaft ihre feinen Augenbrauen in die Höhe und fragte Frau Eudeline der Form wegen: »Was meinst du, Mama?« Die Mutter glaubte ebenfalls der Form halber – wegen der Anwesenheit der Freunde – Einwand erheben zu müssen: »Und dein Amt morgen früh? Wenn du so lange aufbleibst –« Die Kleine wäre beinahe in Zorn geraten. Ihr Amt, ei, jawohl! Wenn sie manchmal bis drei, vier Uhr morgens im Amt blieb, um Regierungsdepeschen, Berichte, Reden »abzuklopfen«, so war das gewiß viel ermüdender und lange nicht so lustig. Nein, das Ärgerliche war nur, daß sie ihre Freunde verlassen sollte, statt mit ihnen zusammen den Abend zu verbringen. »Willst du wohl schweigen, kleiner Affe,« sagte Geneviève heiter; die Rückkehr Raimunds schien sie aus einem lethargischen Schlafe aufzurütteln. »Wo ist das Kostüm? Her damit, daß Mama Eudeline und ich aus der kleinen Telegraphistin eine entzückende Schäferin machen!« Mit dreimaligem Hinundherlaufen, mit unendlicher Vorsicht wurde alles – Kostüm, Schuhe, Zubehör – in den Hintergrund getragen und auf dem Bette ausgebreitet, auf dem nun ein blendendes Farbengemisch entstand. Dann wurden die Herren gebeten, im Laden zu bleiben, während der Wandschirm wie ein Vorhang vor der Glaswand ausgebreitet wurde und die Damen unter Gelächter, Hinundherlaufen und Rufen durch die halboffene Tür blitzschnell die Kleine ankleideten. »Raimund, dein Haarpuder!« »Toni, schnell zum Friseur!« »Er wird geschlossen haben.« »Laß dir aufmachen; wir haben keine rote Schminke mehr.« Aber wenn die Damen sich fünf Minuten ruhig verhielten, so wurde man im Laden lebhaft und ungeduldig. »Vorwärts, vorwärts, beeilen wir uns. In Saint-Sulpice schlägt es zehn Uhr.« Entschieden, zum Zwecke meiner Niederlassung als Glückshändler hätte das Geschäft »Zur Wunderlampe« an diesem Abend nicht entsprochen, wenn man annimmt, daß das Wort Glück auch Ruhe und Stille bedeutet. Endlich tat sich der Wandschirm ehrerbietig auseinander, und man sah eine in helle, mit Blumensträußchen bedeckte Stoffe gekleidete Pompadourschäferin in kurzem Rock und viereckig ausgeschnittenem Leibchen mit winzigen Schritten hervortreten. In der Hand trug sie einen Hirtenstab mit flatternden Bändern und hoch oben auf den gepuderten schweren Zöpfen ein kleines Blumenhütchen, das jenem Strauß glich, welchen man auf dem First eines neuen, eben fertiggewordenen Hauses aufhißt. Das Wunderbare war der blendende Teint, der idealweiße Hals, der aus diesem indiskreten Ausschnitt auftauchte, die perlmutterweiße Haut, auf der, von einer unmerklichen Perlenschnur gehalten, zwei ganz kleine, goldene Reliquien funkelten. »Sie wollte keinen andern Schmuck,« sagte Frau Eudeline in vorwurfsvollem Tone. Sie war auf die paar altertümlichen Kleinodien, die sie aus so vielen Schiffbrüchen gerettet und in der Tiefe einer Schublade aufbewahrt hatte, sehr stolz. Aber für Dina waren diese zwei kleinen Madonnenbilder – Unsre liebe Frau von Fourvières und Unsre liebe Frau des-Victoires – zwei Glücksanhängsel, die sie nie verließen. »Arme Kleine, sie ist doch recht provinzlerisch,« rief der alte Achtundvierziger, indem er mit einem geringschätzigen Lächeln die Zustimmung der Tochter suchte, die er in einem antiklerikalen, antibigotten Deismus erzogen hatte. Dina lachte herzlich. »Nein, Herr Jzoard, Sie sind zurück – Sie stammen aus dem Jahre 1812.« Geneviève aber spazierte mit der Lampe um die kleine Puppe, die sie eben angekleidet hatte, und sagte bloß: »Auf jeden Fall ist sie sehr hübsch.« Die blauen Augen der Kleinen funkelten vor Vergnügen. »Ach, Tantchen!« Sie fiel ihr um den Hals und flüsterte ganz leise, ohne zu fürchten, daß sie ihre Schönpflästerchen und ihre Schminke verderben würde: »Du kannst ruhig sein; ich werde ihn gegen die schönen Damen verteidigen.« Auch diesmal stellte sich Geneviève, als höre sie nicht. »Sind wir endlich fertig?« rief Raimund in ärgerlichem Ton. Aber Frau Eudeline verlangte noch einen Augenblick Aufschub, gerade nur so viel Zeit, um sich ein paar Takte des Menuetts vortanzen zu lassen; sie wollte sich versichern, ob Dina es gut könne, in Wirklichkeit aber ihren doppelten mütterlichen Stolz befriedigen. In der Tat, es half nichts, daß Raimund sagte, daß seine Schwester zu klein für ihn sei, daß ein Marquis nicht zu einer Schäferin passe, daß das Menuett »Schäferinnen und Marquisen« heiße, daß die zwei Quadrillen ganz verschieden seien – man konnte nirgends etwas Entzückenderes sehen, als dieses Paar hübscher, bebänderter Phantome, wie sie aus dem Halbdunkel hervortauchten und nach der Mozartschen Melodie, die sie mit geschlossenem Munde trällerten, mit vereinigten und erhobenen Händen, mit verschlungenen Fingern, gleitend, sich drehend nach und nach zwei Personen aus Lancret oder Fragonard mit ihrer pompösen, frivolen Haltung ins volle Licht führten. Dann kam die Reverenz, die halbe Schwenkung, und Bänder, Haarschleifen, Hirtenstab wichen in das Dunkel des Hinterladens und des Hofes zurück, um zu verblassen und endlich mit dem Wagen zu verschwinden, der das kleine, auf so zauberhafte Art aus ihrem traurigen Heim entführte Aschenbrödel durch die stillen Straßen dahintrug. II Nach dem Ball Vor dem großen, mit ganz weißem, knisterndem Reif bedeckten und von den hohen Lampenträgern des großen offenen Gitters, den schräg aufgestellten Illuminationskörpern und den ruhig flammenden Fenstern der Vorderseite wie vom hellen Sonnenlicht beleuchteten Hof des Ministeriums warteten noch längs des Kais einige Equipagen. Von Zeit zu Zeit stieg eilig und frostzitternd ein Schatten die riesige Freitreppe herab, die von zwei unter ihren mit Schloßen bestreuten Mänteln unbeweglich dastehenden Reitern bewacht wurde. Hinter diesem Gaste, den man jedesmal für den letzten halten konnte, fiel die gewichtige Glastür mit derselben Schwere zu, mit der die Lakaien auf die Vorzimmerbänke niedersanken, um auf ihnen ihren unterbrochenen Schlaf fortzusetzen. Durch die Flucht der beleuchteten, einsamen Salons tönte jedoch noch stoßweiße lauter Gesang oder Klavierspiel, das letzte Echo des Festes, das sich aus dem Erdgeschoß in den ersten Stock geflüchtet hatte. Auf der riesigen, mit Palmen und Rosen geschmückten, gleich einem Treibhause warmen und durchdufteten Treppe, die die beiden Empfangsräume miteinander verband, erteilte ein Watteauschäfer, Herr Wilkie Marquès, der Privatsekretär des Ministers, zwei Herren in schwarzem Frack verschiedene Auskünfte. Der eine von ihnen war ein Zeichner des »Graphic«, und der andre machte sich in einem Reporternotizbuch hastige Notizen. Die beiden Herren hatten der Einweihung einer Statue Jacquards in Lyon beigewohnt und waren daher zu spät gekommen, um das Menuett mit anzusehen, trotzdem dasselbe zweimal getanzt wurde – zum erstenmal in den Salons im Erdgeschoß, zum zweitenmal für die Zuschauer im ersten Stockwerk. »Der hübscheste Moment des Abends, derjenige, den Sie im »Graphic« bringen sollten,« sagte der Privatsekretär, ein bartloses, dünnes Herrchen mit einem Altjungfernkopf, in überlegenem Tone zu dem Zeichner des englischen Blattes, einem Koloß, der ihn mit dem ganzen Oberleib überragte, während der Reporter unbedeutend aussah, »der hübscheste Moment war also der, als die beiden Quadrillen, die Marquisen- und Schäferinnen-Quadrille, jede aus vier Paaren bestehend, diese Treppe hinanstiegen, gefolgt von Hoboen und Violinen, die das Mozartsche Menuett spielten. Jedes Paar stieg, mit rhythmischen Gebärden und Schritten nach und nach zum Vorschein kommend, hinauf, und nach der Ansicht aller waren diese Bewegungen, diese Musik, das Schillern des Atlas unter den Kronleuchtern, das Perlmutter der Degengriffe, die Vergoldung der Hirtenstäbe, die Bänder, Hütchen, Haarschleifen das Entzückendste, was man je sehen konnte.« »Einige Namen, wenn ich bitten darf,« bat der Reporter. Der Sekretär steckte die Nase in eine der großen, gelben Rosen, die die Rampe schmückten, und antwortete: »Die Marquisen-Quadrille führte meine Schwester Florence, die Stieftochter des Ministers, und ihr Bräutigam, Claudius Jacquard, der Sohn des Senators und Lyoner Großfabrikanten. Sie müssen ihn bei der Einweihung, von der Sie kommen, gesehen haben. Unser Fest wurde ja zum Teile zu Ehren des jungen Paares gegeben. In derselben Quadrille befand sich Fräulein Nadia Dejarine, die Tochter des russischen Generals und ehemaligen Polizeipräfekten von Petersburg. In der Schäferinnen-Quadrille: Helene Molin de L'Huis, Tochter des Ackerbauministers, im letzten Augenblick ersetzt durch Fräulein Dina ***, einem neuen Stern am Pariser Himmel. Ich hatte die Ehre, ihr Babinet mit dem Hirtenstab zu sein.« Er kniff das Auge zusammen und verzog seine trockenen Lippen, um den Ausdruck »Babinet mit dem Hirtenstab« hervorzuheben. Das Auswärtige Amt hört nicht oft Worte dieses Schlages! »In der Schäferinnen-Quadrille wären noch zu nennen: Jeannine Briant, die Nichte Marc Javels, des früheren und künftigen Ministers, dann Octavie Roumestan, die Tochter des großen konservativen Leitartiklers. Wer denn noch? Lassen Sie mich nachdenken –« Ehe er sich noch besonnen hatte, brach auf einem Pleyel-Klavier im Nebensalon ein Harpeggienlauf mit ganzem Pedal los, während gleichzeitig eine Frauenstimme mit einem hellen Ton, besser gesagt mit einem Schrei aus voller Kehle die schöne Kantilene von Banville anstimmte: »Ah! Quand la mort que rien ne saurait apaiser Nous prendra tous les deux dans un rernier baiser –« Nach dem Ah! des Einsatzes zerbrach und versickerte alles in einem blitzschnellen, keuchenden Diminuendo, bei dem die Stimme erstarb, nur mehr ein die fallenden Noten beschleunigender Hauch war. »Frau Valfon, die Gattin des Ministers, meine Mutter,« antwortete der junge Schäfer ganz leise auf die stumme Frage des Reporters. »Sie hat während des Abends mehrmals gesungen,« fügte er in leicht persiflierendem Tone hinzu, »aber sie hat noch Dampfkraft genug in sich und läßt sie zum Abschluß frei –« »Ich bitte jetzt um die Erlaubnis, mich zurückziehen zu dürfen,« murmelte der ungeheure Zeichner des »Graphic«. Er sank, von dieser letzten musikalischen Lawine gleichsam zermalmt, in seinem Album zusammen. Der Reporter, der den ganzen Tag über dieselben Fährten verfolgt hatte, schien ebenfalls nicht leichtfüßig zu sein. Das waren die beiden letzten Überzieher in der Garderobe. Offenbar um sich dessen zu vergewissern, geleitete der Privatsekretär die Herren bis an die Veranda, und in seinem Jäckchen und seiner bebänderten Hose vor Frost zitternd, sagte er, während in der Ferne aus den blassen Nebeln der Seine ein Angelusläuten herüberzitterte: »Meine Herren, Sie sind glücklich, daß Sie jetzt ein wenig der Ruhe pflegen können.« Der Reporter huschte wie eine Ratte davon, ohne zu antworten, während der Zeichner vom »Graphic«, der einen Augenblick stehen geblieben war, um sich eine Zigarre anzuzünden, welche ebenso riesenhaft war wie er selbst, sich verblüfft umdrehte. »Aber Sie werden doch nicht um diese Stunde arbeiten?« »Warum denn nicht? Der Minister ist bereits an seinem Schreibtisch – ich muß ihm sehr rasch folgen – wir werden Bismarck etwas zu schaffen geben.« Der junge Diplomat deutete auf seinen Flitterstaat und fügte hinzu: »Ein Watteauschäfer, der Bismarck zu schaffen gibt – mir scheint, das ist genug à la Choiseul, Pompadour und Alt-Frankreich.« Er grüßte mit den Fingerspitzen seines fein behandschuhten Affenhändchens und rief, indem er die ungeheure Vorhalle durchschritt, über die Schulter hinweg: »Es ist niemand mehr da, Granvarlet.« In den stillen Salons mit den funkelnden Parketten, wo noch ein zusammengesetzter Geruch von Reispuder, Trüffeln, Treibhausblumen schwebte, wo Fetzen von Tüll, Goldpapier, Schellen, Fähnchen unter all den Abfällen eines prunkvollen Kotillons umherlagen, warfen die hohen, irisierenden, leuchtenden Spiegel im Vorübergehen die altmodische Silhouette eines jungen Schäfers zurück, der bei der Vorstellung von dem tüchtigen Schlafe, den er bis nächsten Mittag machen würde, freudig kleine Kreuzsprünge machte und laut vor sich hinlachte, während er dachte: ›Großartig, die denken nun, daß ich Bismarck etwas zu schaffen geben werde!‹ Mittlerweile verzog auf dem einsamen, mit weißem Reif bedeckten Kai der Zeichner des »Graphic« sein dickes Gesicht in ironische Falten und wiederholte laut lachend: »Großartig, der bildet sich ein, ich glaube wirklich, daß er Bismarck etwas zu schaffen geben wird!« Im ersten Stockwerk blieb der Privatsekretär vor einem Büfett stehen, das eben abgetragen wurde, und trank einen steifen Grog; dann trat er in den kleinen Salon, in dem eine Frau, von der man nichts sah als das Gesicht mit den langgeschlitzten, schweren Augen, den schönen, ermüdeten Zügen und dem gleich einer Moscheemauer kunstvoll gekräuselten Ausschnitt des Kleides, an einem großen Pleyel-Klavier saß und sang, besser gesagt, mit den Händen auf den Tasten träumte. »Wo ist Valfon?« fragte der junge Mann halblaut. Es erfolgte keine Antwort. »Und Florence, ist sie schon zu Bett?« fuhr er fort, indem er mit seinen neugierigen Augen forschend den japanischen Perlenvorhang betrachtete, der den Salon vom Nebenraum schied. Die Sängerin lächelte zerstreut. »Florence? Ich weiß nicht. Hör zu –« fuhr sie mit Leidenschaft fort, und gleichzeitig einen zitternden Akkord anschlagend, sang sie mit voller Kraft: »Ah! Quand la mort que rien ne saurait apaiser –« Dann blieb sie mit bebenden Lidern in Verzückung sitzen. Der junge Wilkie, den jede übertriebene Kundgebung mißtrauisch machte, sagte absichtlich sehr kalt: »Das ist etwas Neues, liebe Mutter, ich kenne es nicht.« »Man hat mir das Lied heute abend gebracht, ich bin ganz vernarrt darin.« »Sehr schick,« murmelte der junge Mann, noch immer lauernd. Was sie nicht sagte, was sie weder ihrem Sohne noch sonst jemand gestehen konnte, war, daß sie gerade vorhin, auf demselben Platze und bei demselben aufregenden Vorspiel, das endgültige Ja ausgesprochen, die Zusammenkunft bestimmt hatte. Diese nun wohl schon zum zehntenmal angestimmten Töne beschworen das Bild eines jungen Maskeradenedelmannes herauf, der sich über sie beugte, mit seinem leidenschaftlichen Atem ihre Schultern streifte und endlich das Versprechen erhielt, das sie ihm mit ihrer Person machte. Ah! Quand la mort que rien« Im Hintergrund des langgestreckten Raumes, den Wilkie betrat, indem er den klirrenden Perlenvorhang plötzlich wie ein Einbrecher hob, saß, von Spieltischen geschützt, der Herr des Hauses auf einem niedrigen Diwan dicht an seine Stieftochter geschmiegt. Der Minister des Auswärtigen, ein verkleinerter Abklatsch seines Vaters, des Tragöden Valfon, so wie wir ihn wenigstens kannten, mit dem krausen Mulattenkopf, dem weißen, herabhängenden Schnurrbart, zu dem bei dem Sohne noch ein gemeines Maul kam, verschwand unter den Paniers und Falbeln des Fräulein Marquès. Sie war mit achtzehn Jahren ebenso groß und fast ebenso entwickelt wie ihre Mutter. Der Privatsekretär, der beim Eintreten nur seine Schwester gesehen hatte, blieb ganz betroffen stehen, als er neben dem Rosenstrauß und den gepuderten Locken Florences den wolligen Kopf des Stiefvaters erblickte. Den verderbten jungen Mann überraschte nicht diese vertrauliche Haltung, sondern der Umstand, daß seine Mutter, obwohl sie die beiden allein in dem Gemach wußte, sich nicht unruhiger zeigte, sondern gegen alle ihre Gewohnheiten gleichgültig und fern an ihrem Klavier sitzen blieb. In der Tat war es im vertrauten Kreise der Valfons jedermann bekannt, daß der Kummer dieses Frauenlebens die lebhafte Zärtlichkeit war, die ihr Gatte für ihre Tochter empfand. Sie hatte sie ganz jung, in ihrer ersten Ehe mit ihrem Vetter, dem Portugiesen Marquès, bekommen, der mitten auf der Börse von Bordeaux am Schlage gestorben war. Wie es häufig geschieht, entwickelte sich dieser Kummer aus etwas, was zuerst eine große Freude war. Wie oft war Frau Valfon, wenn sie sah, wie ihr Gatte, der Erwählte des allgemeinen Stimmrechts, der gefürchtete, feine Politiker, sich mit den Marquèsschen Kindern Florence und Wilkie, die er seine »Bälge« nannte, auf dem Teppich des Schlafzimmers wälzte, über diese Vorliebe für ganz kleine Kinder, den angeborenen Vaterinstinkt dieses unerbittlichen Menschen in Verzückung geraten! Aber als Florence, frühreif wie alle Früchte des Südens, vierzehn oder fünfzehn Jahre alt wurde, erschrak die Mutter, die sie im selben Alter bekommen hatte, über die beunruhigenden Freiheiten, die sich der Stiefvater mit ihr herausnahm, und gab ihm das zu verstehen. Valfon, ein Komödiant von Geburt, obwohl Szene und Repertoire sich bei ihm geändert hatten, spielte den Empörten und ereiferte sich, indem er mit seinem langsamen Tribünenschritt auf und ab ging. Er – dieses Kind? Wem würde man das einreden? Nein, der Verzicht auf eine einzige dieser keuschen, reinen Liebkosungen würde das Eingeständnis der Schuld aller bedeuten. Und dann, wenn Florence zu ihrer Mutter kommen und sagen würde: Valfon schmollt mit mir, Valfon ist böse – warum? Was habe ich getan? Würde die Mutter es wagen, ihr zu antworten? Hieße es nicht diesen jungen Geist beunruhigen, wenn man ihn auch nur stutzig machen wollte? Daraufhin setzte er, vielleicht von seiner eignen Lüge verlockt, sein gefährliches Spiel fort und nahm sich mit seiner dicken »Flo-Flo« die zärtlichsten, vertraulichsten Freiheiten heraus, besonders wenn die Mutter anwesend war. Nun entstand in dieser unglücklichen Frau eine Hölle, eine innere Wunde, die ihre ganze Brust erfüllte, die sie mit sich in die Welt trug, die sie verbrannte und ihre Augen, ihre Schultern aushöhlte, ohne ihr jedoch einen Schrei, eine Klage zu entreißen. Bei wem sollte sie sich übrigens beklagen! Bei ihrem Gatten? – darauf hatte sie verzichtet. Und ihr Sohn lachte bloß über ihren Argwohn, sobald sie das erste Wort zu sprechen versuchte. Trotzdem wußte er besser wie jeder andre, was er davon zu denken hatte. Allein mit seiner berufsmäßigen Verderbtheit fand er an diesem Gang der Ereignisse ein gewisses Vergnügen, das Vergnügen des Zuschauers. Ganz abgesehen davon benahm sich Valfon reizend gegen ihn, brachte ihn in seinem Kabinett unter, weihte ihn in die Geschäfte ein, kurz, war väterlich gegen ihn. Und da sollte er sich wegen der Manie einer eifersüchtigen, durch das Herannahen des Alters verbitterten Frau mit seinem Gönner überwerfen! Der Junge riß, eine Pirouette schlagend, aus und ließ die arme Frau in noch größerer Bestürzung zurück. Freilich lockte es sie, der Tochter ihren Kummer anzuvertrauen, aber Florence war sehr jung, sehr unschuldig. Man hätte alles betonen, sich der Gefahr aussetzen müssen, diese Unschuld zu beunruhigen, wie ihr heuchlerischer Gatte sich ausdrückte. Sie scheute vor dem furchtbaren Geständnis zurück, und das Kind fuhr fort, nichts zu verstehen. Es war ein herrliches, etwas träges und schwerfälliges Geschöpf mit blendender Hautfarbe, den Kuhaugen starker Esser und schönen weißen, auseinanderstehenden spitzigen Zähnen. Als ganz kleines Kind nannte Valfon sie »die Tochter des Werwolfs«, und der Name patzte sehr gut für dieses unbewußt sinnliche kleine Mädchen, das bereits Juwelen, Parfüm, kostbare Stoffe liebte und allerlei Gelüste hatte. Als sie aufwuchs, wurde die Neigung zu einem vergoldeten Wohlleben durch den sie umgebenden Luxus nur noch gesteigert, und wenn trotz der Verderbtheit des Bruders, der heuchlerischen Zärtlichkeit eines Valfon nichts Unreines an ihr war, so mußte eben eine geheime Kraft der Unschuld über der hübschen Florence wachen – jener unsichtbare, beschützende Schleier, der junge Mädchen inmitten aller Besudelungen rein erhalt. Die offizielle Welt war Zeugin dieses Familiendramas, das, wie die Valfons glaubten, allen verborgen blieb, und verfolgte es mit großem Interesse. Wenn die Familie – die beiden Frauen voran, hinter ihnen das Schleichergesicht des Ministers – in einem Salon, in einem Theater erschien, so belauerte man ihr geringstes Lächeln, ihre unbedeutendste Bewegung, und leitete daraus Symptome und Vorhersagungen ab. Während nach der Ansicht gewisser Leute alles schon längst vollzogen war, bildeten sich andre im Gegenteil ein, daß Valfon, dieser raffinierte Genüßling, absichtlich an der Grenze seines Wunsches bleibe. Alle bewunderten die Lebenskraft dieses kleinen, alten Mannes, den die Leidenschaft, statt ihn von seinem politischen Ehrgeiz abzulenken, zu einem Übermaß von Schlauheit und Tätigkeit trieb. Die plötzliche Nachricht von der Heirat Florences mit dem Sohne Jacquands wirkte verblüffend. Man witterte anfangs irgendeine Erfindung des Erzschelms. Achtung, die Karte wird nicht gestochen! Aber als das Gerücht sich bestätigte, als die lange, lässige Silhouette des jungen Claudius in Begleitung Florences und ihrer Mutter in der Valfonschen Opernloge erschien, als der Minister selbst die nahe bevorstehende Hochzeit ankündigte, ohne daß sich in dem Verhältnis der drei scheinbar etwas geändert hatte, begannen die, die der Sache am sichersten gewesen waren, an dem, was sie erst gestern behauptet hatten, zu zweifeln. Mit jener entzückenden Begeisterung, die den Meinungen der großen Gesellschaft etwas Wirres und Kindisches verleiht, wollte bald niemand mehr von dieser zweifelhaften Geschichte etwas hören; sie wurde endgültig abgetan, und doch war sie nie so interessant gewesen wie jetzt. Valfon, über die bevorstehende Heirat Florences verzweifelt, sah in der »Combinazione« solche Vorteile, daß er wahnsinnig gewesen wäre, wenn er sich nicht darein ergeben hätte. In der Tat, wenn er sich auch in seiner Eigenschaft als Konseilspräsident verpflichtet hatte, Tony Jacquand, dem reichen Lyoner Seidenfabrikanten, am Tage nach der Unterzeichnung des Ehekontraktes das seit einem Monat verfügbare Marine-Ministerium zu geben, so hatte Vater Jacquand als Gegenleistung versprochen, die Schulden des Ministers zu zahlen, der, ehe die Liebe sein ganzes Herz gefangennahm, ein ebenso unglücklicher wie wütender Spieler gewesen war. Außerdem sollte er ihm das Kapital für eine große Zeitung geben. Das ist für einen, der in der Politik wie in der Literatur groß und stark bleiben will, ein unerläßliches Mittel. Der berühmteste und praktischeste Schriftsteller unsrer Zeit, Victor Hugo, war der erste, der dies begriff. Diese Kraft, eine Zeitung, hatte Valfon bisher gefehlt. Während seiner häufigen Amtswechsel hatte er über die Regierungsblätter, über all die Schmarotzerfedern der geheimen Fonds vollauf verfügt, aber ein eignes Blatt, das ihm während der schwierigen Zeiten, der Zeit der Ungnade und des Feierns, dienen sollte, die blinde, zu jeder Stunde geladene Waffe, die sollte er unter den Hochzeitsgeschenken seiner Stieftochter, unter den flandrischen und englischen Spitzen finden. Allein das Verhängnis wollte, daß diese Gelegenheit sich darbot, als seine Frau, von einem ungefährlichen Flirt mit dem hübschen, blonden, jungen Freunde Wilkies abgelenkt, sich nicht mehr eifersüchtig zeigte, als Florence, die sich so lange stumpf und stumm verhalten hatte, bei den Schmeicheleien und Liebkosungen ihres Stiefvaters zu erzittern begann. Hätte denn dieser Claudius Jacquand seine Werbung nicht um zwei oder drei Monate verzögern können! Wer sich von dem wütenden Ärger, in dem der Minister des Auswärtigen seit einiger Zeit lebte, eine Vorstellung machen wollte, der mußte den »Officiel« aus dieser Zeit durchblättern und in der äußeren Politik Frankreichs, die gewöhnlich so vorsichtig ist, daß sie furchtsam erscheint, die Tollheiten und die Nervenabspannung beobachten, die das Resultat des geheimen Kummers Valfons waren. Besonders in dieser Nacht, während des Balles, der zu Ehren des so artig verkleideten Brautpaares gegeben wurde, war der Konseilspräsident in einer Laune wie ein Wildschwein, das sich über alles stürzt, was sich ihm naht. Die Großen wie die Kleinen zogen sich bei der geringsten Berührung einen derben Hieb mit dem Rüssel oder der Klaue zu; seine Frau hingegen strahlte, wie gewöhnlich im Gegensatz zu ihm, indem sie ihre Gäste mit einem schmachtenden und wohlwollenden Lächeln empfing oder verabschiedete. »Ja, was geht denn bei uns vor?« dachte der junge Wilkie, als er Florence und den Minister trotz der Nähe seiner Mutter in dieser vertraulichen Stellung überraschte. Er hustete, um sie zu warnen, dann trat er näher und sagte: »Schwesterchen, der ›Graphic‹ wird ein schönes Bild von dir als Marquise bringen; ich habe von dir und von Claudius eine Photographie gegeben. Du führst mit deinem Bräutigam das Menuett an. Dem Reporter gegenüber, der da war, legte ich auf das Wort ›dein Bräutigam‹ Nachdruck.« »Er ist es nicht mehr –« Das schöne junge Mädchen hob den Kopf, und jetzt erst bemerkte ihr Bruder, daß sie weinte. »Was ist denn geschehen, Flochen?« stammelte er. Die Antwort bildete der helle Aufschrei Frau Valfons in dem ersten Salon hinter den zitternden Perlen. »Ah! Quand la mort que rien ne saurait apaiser Nous prendra tous les deux un –» ! Sie vermochte nicht zu Ende zu singen. Der Minister sprang, toll vor Wut, auf und schrie mit geballten Fäusten, allen Anstand plötzlich vergessend: »Donnerwetter! Wirst du endlich einmal still sein?« Florence und Wilkie sahen sich erbleichend an; sie hatten ihn noch nie ihre Mutter mit solcher Roheit behandeln gesehen. Diese kam vor Empörung zitternd zum Vorschein. »Die Dienerschaft ist noch auf, man hat dich gehört,« sagte sie kalt. Er schämte sich seiner Heftigkeit, besonders in Gegenwart der Kinder, und versuchte zu scherzen, ohne auf den falschen Klang zu achten, den dieser schnelle Tonwechsel hervorrief. »Ich habe so laut gerufen, um deinen Alt zu übertönen – mir brauchen dich hier. Frage doch Florence, was geschehen ist.« Sie sah ihre Tochter an. »Was gibt es denn?« Florence wollte sprechen: »Meine Verlobung – aus – zurückgegangen –« Ihre Stimme wurde von einem Schluchzen unterbrochen. Die Mutter setzte sich sofort neben sie auf dem Diwan nieder und ergriff ihre Hände; ihr Schmerz rührte sie, aber sie konnte nicht daran glauben – es war bloß irgendeine Kinderei, sie hatten sich gewiß über irgendeinen Aberglauben, eine religiöse Frage gestritten; es war gewiß nichts Ernstliches. »Doch, doch – es ist sehr ernst.« Die unglückliche Marquise in ihrer Coiffüre Louis XV. betupfte, purpurrot vor Tränen, mit dem Taschentuche ihre Wangen und verdarb ihre Schminke und ihre Schönpflästerchen. »Aber warum sprichst du mit Claudius über Religion, da du doch seine Manie kennst?« sagte Frau Valfon, die an diesem Abend so glücklich war, daß der Kummer irgendeiner geliebten Person ihr nicht zulässig erschien. »Es ist also wahr, die Bigotterie hat mit euerm Zank etwas zu tun?« fragte der Minister lebhaft. »Es ist noch etwas andres, aber das ist die Hauptsache.« Er brach in ein zynisches Gelächter aus, das all die gemeinen Züge seines Gesichts faltete und furchte. »Das ist zu stark – woher kommt denn dieser große Tölpel, daß er noch an diese Dummheiten glaubt? In Frankreich gibt es nur noch zwei Katholiken – ihn und dann noch einen andern, der schon längst tot ist.« Wilkie begrüßte den Witz des Stiefvaters wie einen alten Bekannten und sagte, nachdem er sich genügend ausgelacht hatte: »Höre, Valfon, täusche dich nur nicht, die kommende Generation ist gläubig und mystisch veranlagt –« »Möglich,« meinte der Minister achselzuckend. »Auf jeden Fall weiß ich nicht, was dieser Claudius Jacquand eigentlich will. Um ihm ein Vergnügen zu machen, habe ich in die kirchliche Eheschließung gewilligt, was alle meine Wähler von Belleville aufbringen wird – was will er denn noch?« Das junge Mädchen, von der Nähe der Mutter beruhigt, antwortete einfach, ohne besondere Aufregung: »Er will eine andre Frau, er hat mir das nicht verheimlicht.« »Du bist verrückt!« »Nein, Mama, ich nicht, aber er ist plötzlich in diese kleine Dina, die Schwester Raimunds, toll verliebt.« »Sapperment, das kann ernst werden,« murmelte der Sekretär zwischen den Zähnen. »Warum kann das ernst werden?« fragte Valfon in mürrischem Ton. »Ei, weil die Kleine mit ihrem Schäferinnenhütchen uns heute abend während der zwei Menuette alle verzaubert hat. Der alte Dejarine, Marc Javel, der dicke Numa, alle sind sie Feuer und Flamme. Ich war der Kavalier der Kleinen, kenne sie besser als jeder andre und kann mich nicht wundern, daß Claudius aus der Ferne und so blitzschnell Feuer gefangen hat.« Valfon stand mit unbeweglichem Gesicht vor dem Diwan, auf dem Florence und ihre Mutter saßen, und biß wütend an seinen Nägeln; das war das einzige Zeichen innerer Aufregung bei dem Manne, der sich immer beherrschte. »Hör mal, Flo-Flo,« sagte er plötzlich. »Was ist eigentlich zwischen euch vorgegangen?« »Was vorgegangen ist?« sagte das junge Mädchen mit halbgeschlossenen Augen, indem sie das künstliche Gebäude ihrer Coiffüre auf die nackte Schulter ihrer Mutter drückte, die Elfenbeinstäbe eines kleinen, sehr fein gearbeiteten indischen Fächers bei jedem Worte mißhandelte und ihn nervös auf und zu klappte, so daß es wie Kastagnettengeräusch klang. »Kaum war Fräulein Eudeline im Kostüm von Helene de L´Huis angekommen, so war Claudius nicht mehr derselbe. Er wurde zerstreut, mürrisch und spähte fortwährend zu der kleinen Liliputschäferin hinüber; in der Pause während der zwei Menuette hielt er es nicht aus, und Raimund mußte ihn seiner Schwester vorstellen. Sie haben zweimal miteinander Walzer getanzt, dann führte er sie zum Büfett, wohin ich ihnen folgte. Oh, sie achteten gar nicht auf mich. Ich sah, wie die kleine Zwergin sich zierte und an ihrem Sorbett nippte, während sie miteinander von der Wirksamkeit des Gebetes sprachen. Ich sage euch doch, daß die Religion etwas mit unserm Bruch zu tun hatte; sie sprachen die ganze Zeit über von nichts anderm. Die Kleine ist in der Theologie sehr beschlagen, und dazu die geweihten Medaillen, die auf ihrem bloßen Halse klapperten. Ich bekam diese Geschichte satt und teilte Herrn Jacquand mit, daß alles zwischen uns aus wäre, wenn er noch einmal mit der jungen Telegraphistin tanzen würde. Er antwortete, daß er leider für die nächste "Berline" mit ihr engagiert sei. ›Nun, dann machen Sie es rückgängig,‹ sagte ich und sah ihm nach, wie er auf seine Tänzerin zuschritt, während das Orchester zu spielen anfing. Es sah aus, als überlege er es sich, als zögere er –« »Er zögert immer, das ist schon so seine Natur,« sagte Wilkie. »Meine nicht!« rief Florence zornig. Sie richtete sich dabei auf, und ihr Gesicht flammte bei der beleidigenden Erinnerung. »Er hat trotzdem die Berline mit ihr getanzt.« Eine Flut nervöser Tränen hinderte sie, fortzufahren, und der kleine Fächer fiel mit allen seinen elfenbeinernen Stäben auf den Teppich nieder. Frau Valfon wurde von der Aufregung der Tochter erschüttert, obwohl sie an ganz andre Dinge dachte, und ergriff mit unbestimmten Trostworten ihre Hand. »Laß sie doch ausreden,« brummte der Minister. »Oh, das ist alles,« murmelte das junge Mädchen. »Wollt ihr glauben, daß Claudius so unverschämt war, mich dann zum Kotillon aufzufordern, den wir miteinander tanzen sollten! Ich schützte ein Unwohlsein vor, ließ ihm aber den Vorwand, sich neben mir niederzusetzen und den Versuch zu machen, meine Verzeihung zu erlangen. Allein er kehrte zu seiner Telegraphistin zurück, und sie tanzten bis zum Morgen miteinander. Glaubt ihr, daß das ein im Imstichelassen ist?« Einen Augenblick herrschte ein ängstliches Stillschweigen. In dem Schauer der Dämmerung, die die Scheiben und die Lichter weißlich färbte, in dem dumpfen Dröhnen, das sich in dem zum Leben erwachenden Paris erhob, während nebenan die verstohlenen Schritte der Diener ertönten, die Kronleuchter, die man auslöschte, klirrten, da und dort eine Dille platzte und in der Tiefe eines Spiegels eine ersterbende Flamme aufzuckte, saßen und standen diese vier an Gedanken und in ihren Trachten so verschiedenen Personen – dieser Schäfer und diese Marquise aus der Zeit Louis XV., dieser Minister der dritten Republik im schwarzen Frack mit dem Großkreuz eines russischen Ordens um den Hals – in einer Ecke des kleinen Spielsalons beisammen, betrachteten einander ängstlich und ließen einander nur die Hälfte ihrer Gedanken sehen. Während dieses Balles, der bereits wie ein Traum erschien, hatten so viele Ereignisse mit ihnen gespielt. Die Violinen des Mozartschen Menuettes trugen auf ihren korrekten, fast feierlichen Takten Illusionen und Hoffnungen hinweg, aber sie ließen auch manche zurück. Die großen Augen Florences waren in großen, glänzenden Hochmutstränen gebadet; die ihrer Mutter blitzten in einer uneingestehbaren Freude, und Valfon dachte trotz allem, was er durch die zurückgegangene Heirat seiner Stieftochter verlor, mit Wonne daran, daß sie nicht fortgehen würde, daß er sie noch auf seinen Knien, an seiner Brust würde halten können. Es war daher kein ganz echter Zorn, was seinen Schnurrbart verzog, als er seiner Frau vorwarf, daß sie mit ihrer übertriebenen Vorliebe für diese Bettlerfamilie die Ursache des ganzen Unglücks sei. »Diese – diese – wie heißen sie nur? – Ja, diese Eudelines. Du hast uns zuerst den Sohn ins Haus gebracht, diesen Friseurkopf, der mit seinem Brenneisen eine gute Partie machen will. Nach dem Bruder kam nun die Schwester, die kleine Dina, die ich ebenfalls für eine großartige Schwindlerin halte.« Frau Valfon widersprach tapfer. »Schweig – von der Schwester will ich nicht reden, ich habe sie nur einmal gesehen, ich kannte sie nicht, aber Raimund, dieser herrliche Mensch, dieser Märtyrer der Familie, schön wie ein zwanzigjähriger Jesus, er, der für sein ganzes Leben ans Kreuz geheftet ist, er ist zu herrlich, er steht viel zu hoch über deinem kränklichen Egoismus. Von ihm sprich nicht, ich verbiete es dir.« Das von der durchwachten Nacht hervorgerufene Fieber, Liebe, Empörung, der eben erhaltene Schimpf, der in einer sichtbaren Runzel auf ihrer Stirn zurückblieb, all das vereinigte sich, um diese ehemals so schöne Frau mit den prachtvollen Schultern und Armen zu erregen, zu verwandeln. Für ein paar Sekunden bekam ihr Gesicht die früheren reinen Linien wieder. Sie war derartig gereizt, daß sie, wenn die Kinder nicht zugegen gewesen wären, ihrem Gatten, diesem Bösewicht, diesem Schelm, durch den sie so viel gelitten, zugeschrien haben würde: »Ja, der, von dem du sprichst, ist schön, und ich liebe ihn; heute abend, hier daneben habe ich mich ihm versprochen, hörst du, hörst du – und dann, rede nur, versuche nur zu reden, ich werde dir schon zu antworten wissen.« Der Gatte verstand dies so wohl und sah einen derartigen Zornausbruch voraus, daß er nicht weiter in sie drängte. »Nun, wenn ich bei der Sache eine Zeitung verliere, so verliert der alte Jacquand ein Ministerium; denn nach dem Schimpf, den sein Sohn uns antut, kann er doch nicht annehmen, daß ich ihn in die Marine nehmen werde. »Oh, Claudius liegt nichts daran, daß sein Vater Minister wird, er müßte da selbst nach Lyon gehen und die Fabriken überwachen.« Florence, die bereits ein wenig getröstet vor dem Spiegel stand, sprach ruhig über ihr Mißgeschick, indem sie die Blumen aus dem Haar zog. Ihr Stiefvater umfaßte mit jener zweideutigen Zärtlichkeit, die sein ganzes Benehmen gegen sie kennzeichnete, ihre Taille. »Geh schlafen, geh schlafen, meine Florence«; die Sache ist noch nicht aus. Was für ein Tölpel auch dein Lyoner sein mag, so wird er verstehen, daß man ein Fräulein Habenichts nicht zu heiraten braucht, da es so leicht ist, sie zur Geliebten zu machen.« Florence schüttelte den Kopf. »Da sieht man, daß du ihn nicht kennst.« »Sie hat recht, Valfon,« sagte Wilkie, der damit beschäftigt war, den Fächer Florences in Ordnung zu bringen. »Claudius ist ein Einfaltspinsel, der sich in dieser Welt für verloren und in jener Welt für verdammt halten würde, wenn er einem hübschen Mädchen aus einem andern als einem guten Beweggründe den Hof machen würde. Ich bin überzeugt, wenn er in Dina wirklich verliebt ist, so wird er bei ihrer Mutter um sie anhalten. Freilich wird das Zeit brauchen, denn der Junge ist ein immerwährender Pendel; das rührt von seiner langen Figur her. Wenn meiner lieben Florence also etwas daran liegt, so erkläre ich,« – er näherte der Schwester sein kleines, welkes, boshaftes Gesicht, das durch den leuchtenden Atlas des Kostüms noch älter erschien – »so übernehme ich es, die Versöhnung mit Claudius herbeizuführen, ehe er noch den geringsten Schritt unternimmt, und die Verlobung ebenso leicht wieder zurechtzuflicken wie diesen Fächer.« Sie ergriff den Schmuckgegenstand, dessen einzelne Stücke sehr geschickt wieder instand gesetzt zu sein schienen. »Wie wirst du das machen?« »Das ist mein Geheimnis, das ich niemand anvertrauen werde als unsrer Mutter. Sie wird uns helfen, wenn der Augenblick gekommen ist. Hörst du, Mama?« »Was denn?« fragte Frau Valfon, die wieder in ihren Traum versunken war. Der Minister, der seine Gattin vollkommen durchschaute, rief hohnlachend mit seiner falschen Stimme: »Ihr seht doch, daß die arme Mutter uns nicht mehr zuhört. Sie fällt fast um vor Schläfrigkeit. Gehen wir zu Bett, Kinder.« * Während sie sich auf ihre Zimmer begaben, in jene prunkvollen oder koketten Zimmer des Ministerpalais, denen ein verständiger, von Wilkie, dem Künstler der Familie, überwachter Tapezier ihr früheres Hotelgarniaussehen genommen hatte – schlief die kleine Dina, die höchst unschuldige Ursache aller dieser Erregung, an der Seite ihrer Mutter hinter dem Wandschirm im Hintergrunde des Ladens »Zur Wunderlampe«. Vielleicht stellte sie sich auch nur schlafend. Frau Eudeline hätte die Kleine gern zum Reden gebracht und sie um Einzelheiten über den Ball gefragt, – aber das Kind sank vor Schläfrigkeit um. Alten Leuten wird es schwer, wieder einzuschlafen, wenn eine gewisse Stunde vorüber ist, und so kostete es die arme Mutter schreckliche Mühe, in dem Halbdunkel der Nachtlampe unbeweglich liegen zu bleiben, während sie auf den unmerklichen Atem der Tochter an ihrer Seite und die nervösen Schritte Raimunds in dem kleinen oberen Zimmer lauschte. Obwohl beinahe eine Stunde verstrichen war, seit er seine Schwester nach Hause gebracht hatte, konnte er sich nicht entschließen, sich zu Bett zu legen. Halb entkleidet schritt er unter der Zimmerdecke auf und ab, die so niedrig war, daß sein gepudertes Haar sie streifte; dann blieb er stehen und betrachtete mitleidvoll das eiserne Bett, den Schrank und den Tisch aus Fichtenholz, die drei ungleichen Stühle. Ach, diese Gegensätze unsers Pariser Lebens, die – ob nun Diamanten oder Flitter – unter den Kronleuchtern so glänzen und dann bei der Rückkehr in das Dunkel der Sorgen des häuslichen Elends erlöschen! Was für böse Gedanken können sie in dem Geiste eines jungen Burschen erwecken, der keinen Heller, nichts als einen schwarzen Frack und ein paar schöne Bekanntschaften besitzt, wenn er beim Verlassen eines eleganten Festes am Morgen sein armselig möbliertes Zimmer und die schmutzige Familienwohnung wiederfindet! Was für wilde Träumereien von sozialer Wiedervergeltung mittels Petroleums, mittels Dynamits entstehen, wenn der Junge schlecht ist und seine Betrübnis sich in Neid verwandelt! Und wie viele Stunden werden in nagenden Qualen, in unfruchtbaren, eiteln Träumereien verloren, wenn er ein mittelmäßiger Geist, ein Schwächling ist! Raimund stand mit hocherhobener Lampe vor dem mit juristischen Büchern bedeckten Tische, auf dem Frau Valfon in einem anspruchsvollen Plüschrahmen im Ballkleid mit der ganzen Pracht ihrer Augen und Schultern strahlte, und blähte sich vor Stolz bei dem Gedanken, daß diese Frau, die Gattin eines Staatsmannes, eine der Frauen, mit denen Europa sich beschäftigt, vor einem kurzen Augenblick an ihrem Klavier saß, ihm ganz leise ihr intimes Leben, ihre Herzensnot erzählte und ihm ins Ohr flüsterte: »Liebe mich, tröste mich –« Während sie sprach, begleitete der wiegende Rhythmus eines fernen Walzers die Geständnisse dieser tiefen, etwas verschleierten Stimme. Allerlei Leute, Deputierte, Minister, Diplomaten in grünen und roten Krawatten traten heran, berühmte Köpfe neigten sich, und fremdartig klingende Stimmen dankten ihr für ihr Fest; aber sie drehte sich nicht um und antwortete kaum. Eine ihrer Hände lag auf dem Klavier, die andre preßte die spitzigen, aus einer gestickten Manschette hervorschauenden Finger – die Finger, die sie mit der ganzen blinden Kraft ihrer Nerven krampfhaft drückte, ohne sich darum zu kümmern, ob jemand sie sah. Oh, der hämische Blick des buckligen Deputierten, eines Freundes des Ministers, der Frau Valfon zu dem Erfolge ihres Menuetts beglückwünschte, dieser Blick voll schlüpfriger Ironie und Mißgunst, der dem Buge des schönen, nackten Frauenarmes bis zu jener liebkosenden Gebärde folgte! Was hätte der nicht gegeben, um an Stelle Raimunds zu sein, um gleich ihm die Huldigung einer solchen Leidenschaft zu empfinden, selbst um den Preis des Elends, um den Preis dieser abscheulichen Mansarde! Die Mutter, die von ihrem Bett hinter dem Wandschirm alle seine Schritte überwacht, hört, wie er tastend hinabgeht, um seine Wasserflasche in der Küche zu füllen, und fragt halblaut: »Du legst dich also noch nicht nieder, mein Schatz?« »Du siehst doch, daß du auch noch nicht schläfst, Mama. Und Dina?« »Oh, die ist wie ein Stein ins Bett gefallen. Sie hat wohl viel getanzt?« »Die ganze Nacht. Das war übrigens zu erwarten, ihr Menuett war ein Triumph.« Die Mütter wissen nie etwas oder wenigstens nie genug. »Kleine Duckmäuserin,« flüsterte Frau Eudeline, »sie hat mir gar nichts davon erzählt. Ich fand sogar, daß sie beim Niederlegen ein sorgenvolles Gesicht machte.« Raimund näherte sich dem Wandschirm. »Weißt du auch gewiß, daß sie schläft?« fragte er ganz leise. »Nun, dann höre: Deine Tochter, die Schäferin, hat alle in die Tasche ihres Schürzchens gesteckt; du kannst dir gar keinen Begriff davon machen. Von allen Seiten hörte ich: ›Woher kommt denn dieses Kleinod?‹ Sogar Marc Javel –« »Unser Marc Javel?« »Ja, unser Marc Javel, der von den Valfons nicht mehr weicht, weil im Kabinett das Marineministerium frei ist und er es zu erlangen hofft. Auf den hat deine Tochter ebenfalls einen riesigen Eindruck gemacht. Sie muß auf den Ball kommen, den er zum Geburtstag seiner Nichte Jeannine geben soll. Du kannst dir wohl denken, daß ich in deinem und meinem Namen zugesagt habe. Marc Javel kann uns sehr nützlich sein. Er ist ein so herzlicher, so gefälliger Mensch! Man macht sich doch ganz falsche Vorstellungen von den Leuten. So zum Beispiel Herr Mauglas, der Schriftsteller – erinnerst du dich? Wenn man auf die Leute hören wollte, so war dies ein Polizist, der den Auftrag hatte, die russischen Flüchtlinge in Paris zu beobachten. Es gab dafür Beweise. Als Antonin von London zurückkam, war er seiner Sache ganz sicher. Nun, nichts daran ist wahr. Ich habe Mauglas heute abend auf dem Balle getroffen; er war sehr umgeben, sehr gefeiert, und alle sprachen über seine letzte Studie über die Korinthischen Tänze in der ›Revue‹. Wenn der Mann wie ein Polizeispitzel aussieht, so will ich Hans heißen! Er hat uns wunderbare Dinge über den Ursprung des Menuetts erzählt, und ich war sehr stolz, ihn dort wieder zu treffen.« Auch Frau Eudeline hinter ihrem Wandschirm ist sehr stolz und sehr zufrieden bei dem Gedanken, daß Raimund und Dina all diese feinen Leute kennen. Was für eine Freude wäre es für den armen Vater, wenn er sehen könnte, wie seine Kinder sich in der Pariser Gesellschaft bewegen! Ganz aufgeregt durch diese mütterlichen Hoffnungen, die Aussichten auf die glänzende Zukunft, die sich ihren Kindern öffnet, wälzt sich die gute Dame hin und her, so daß das Eisenbett kracht, über dessen Kopfende die gipserne Madonna mit der ersten Kommuniontafel der Tochter und den an der Wand hängenden großen, geweihten Rosenkränzen wacht. Mit einem Male sagt sie, den Mund dicht an den Wandschirm haltend, mit gedämpfter Stimme: »Und von dir, Raimundchen, von deinen Erfolgen sprichst du nichts? Du hast doch gewiß welche gehabt. Bist du glücklich?« »Über alles, Mutter,« sagte Raimund ganz leise mit Nachdruck. »Du verdienst es, du bist so gut, so schön.« Sie kann ihn nicht sehen, aber sie stellt sich ihren hübschen blonden Jungen in der kurzen Hose, den Schnallenschuhen und der Haarschleife vor. Die Wasserflasche, die er in der Hand hält, läßt seine Stellung etwas spießbürgerlich erscheinen, aber daran denkt die Mutter nicht. »Ja, siehst du, Mama, vor allem ist sie gut und schön. Ach, wenn du sie kennen würdest!« »Du hast recht, auf ihrem Gesicht liegt ein Ausdruck von Güte. Ich sehe sie mir täglich an, während ich dein Zimmer mache. Nur ihr Alter kann ich mir nicht recht erklären, denn schließlich ist Wilkie ja zweiundzwanzig Jahre alt, gerade so alt wie du. Freilich habe ich als altes Mädchen geheiratet und sie als ganz junges, sagst du.« »Als ein Kind, Mutter, ein kleines Kind, mit dem der erste Mann wie mit einer Puppe spielte und dem der andre nichts als Leiden bereitete. Oh, der Elende! Er soll nur nicht versuchen, wieder anzufangen; jetzt wird sie jemand haben, der sie verteidigt.« Frau Eudeline erschrickt einen Augenblick. »Nimm dich in acht, mein Schatz, dieser Valfon ist ein schrecklicher Mensch.« »Ich fürchte ihn nicht – seit zwei Jahren fechte ich täglich eine Stunde im Verein. Übrigens, beruhige dich,« fügt er hinzu, als er den erschreckten Seufzer der armen Mutter hört, »Valfon ist ebenso feig als boshaft; er gilt für sehr stark, man nimmt ihn bei allen Ehrenhändeln als Schiedsrichter, aber er schlägt sich niemals. Und jetzt gute Nacht, liebe Mama, besser gesagt, guten Tag. Ich gehe schlafen.« Glücklicherweise hat Raimund seine Lampe nicht herabgebracht, und der unbestimmte Schein der noch vom Wandschirm verborgenen Nachtlampe läßt Frau Eudeline nicht sehen, wie um die halb offenen Lippen der kleinen Dina ein leichtes Lächeln schwebt. Mit geschlossenen Augen, rhythmisch im Schlafe atmend, hat sie kein einziges von ihren Worten verloren. III Ein galantes Abenteuer Im Alter von zweiundzwanzig Jahren erwartete Raimund Eudeline – ein hübscher Bursche und wie alle unsre jungen Leute von heutzutage auf seine Kleidung sorgfältig bedacht – sein erstes galantes Abenteuer. In der Tat, seinen Beziehungen zu Geneviève, die ein so klägliches Ende genommen hatten, konnte man diese Bezeichnung nicht geben, ebensowenig wie den flüchtigen Liebschaften mit einigen Fräuleins aus dem Stadtviertel. Aber das Stelldichein mit Frau Valfon war der Beginn seines Weltlebens, die Morgenröte einer Verführerlaufbahn. Da diese einstmals schöne Frau, die seine zwanzig Jahre und seine goldenen Locken sofort geblendet hatten, ihn seit Monaten bei sich empfing, wäre Raimund ohne die lächerliche Schüchternheit seines Alters schon langst Herr der Festung gewesen. Woher rührt diese Schüchternheit eines jungen, intelligenten und schönen Mannes in Gegenwart der Frauen, jene unbesiegbare Befangenheit im Sichbewegen und Sprechen, die bis zur Plumpheit gehen kann, an die die Frau nie recht glauben will? Sie ist vor allem eine Neurose, eine Neurose mit zahlreichen und verwickelten Ursachen, deren gewöhnlichste jedoch der Mangel an Geld, besser gesagt, die Ungewohntheit des Geldes ist. Wie oft hätte Raimund, wenn er mehr Geld in der Tasche, wenn er in einem Winkel von Paris die luxuriöse Wohnung gehabt hätte, in der man eine Geliebte empfangen kann, mehr Kühnheit gezeigt, wie oft hätte er die flüchtige Gelegenheit erfaßt, statt ihr auszuweichen und die Augen zu schließen, um sie nicht zu sehen. Diesmal mußte er nachgeben, da Frau Valfon eine förmliche Zusammenkunft bestimmte: »Punkt drei Uhr vor der Tür von Saints-Gervais et Protais. Ich werde bis zur Speisestunde frei sein.« Sofort überkam ihn die Unruhe, die trostlose Sorge: Wohin sie führen? Er dachte zuerst an das Zimmer Antonins auf der Place Royale, aber die gepflasterten Korridore dort waren so alt, die Einrichtung so bescheiden, und dann die Meßgewandstickerin – was für eine Nachbarschaft für eine Ministersfrau! Nun erinnerte er sich an ein möbliertes Hotel im selben Stadtviertel, das eine ehemalige Chansonnettensängerin hielt; sie lebte zurzeit mit einem ihrer Mieter, einem Schüler der Ecole Centrale und Freunde Antonins. Dieser junge Mann hatte die Brüder Eudeline bereits mehrmals eingeladen, bei seiner Geliebten zu speisen, und Raimund hatte von dem Hotel und der Bedienung einen um so günstigeren Eindruck erhalten, als das Haus zwei Eingänge, vom Boulevard Bon Marché und von der Rue Amelot aus, besaß. »Und das Geld?« Das war der zweite angstvolle Aufschrei seines Herzens. Für die Soiree im Auswärtigen Amt, das Kostüm, die Schuhe, Handschuhe, Wagen hatte er die Schubladen der Mama und die Börse des Bruders umgekehrt. Von dieser Seite gab es keine Hilfe mehr. Am Morgen nach dem Feste auf dem Quai d'Orsay dachte er darüber nach und wälzte sich schlaflos auf dem kleinen Eisenbett in seiner Dachkammer, als der Name Alexis, des ehemaligen Rechnungsführers seines Vaters, den er als Kassierer im Verein der Studenten untergebracht hatte, ihm plötzlich durch den Kopf fuhr. Die Uhr im Palais Mazarin, die alle Gewohnheiten des Stadtviertels, den Laden »Zur Wunderlampe« mit inbegriffen, regelte, schlug zehn. Er kleidete sich rasch an, denn jetzt war er sicher, die notwendigen paar Louisdor aufzutreiben. In der Rue des Ecoles Nr. 41, in einem jener riesigen, aus zwei Hauptgebäuden bestehenden Häuser, die alle nach demselben Muster gebaut sind und bei denen der falsche Marmor eine so große Rolle spielt, hat der »Verein der Pariser Studenten« die fünf Stockwerke auf der Hofseite inne. Er trug Sorge, die Scheidewände aller dieser bürgerlichen Wohnungen, die gleichförmig aus einem creme Salon mit einer rosa Decke, einigen Schlafzimmern, einer Toilette und einem Badezimmer mit schreienden Malereien und Verzierungen aus Pappmasse bestehen, niederzureißen und an ihrer Stelle juristische, pharmazeutische, medizinische Bibliotheken, ein Zimmer für den Rechnungsführer, sogar eine Kaltwasserkur und einen Fechtsaal einzurichten. Der Verein ist seither gewachsen; aber im Jahre 1887, an dem kalten Vormittage, als Raimund das von dem weißen Nachtreif schlüpfrige und spiegelnde Trottoir der Rue des Ecoles hinaufstieg, hatte der »V. d. P. St.« wohl das von uns geschilderte Aussehen. In einem als Kassenzimmer dienenden Raume im Zwischengeschoß machte der Saaldiener eben Feuer. Der junge Eudeline war sehr überrascht, daß Herr Alexis noch nicht gekommen sei. »Oh, er kommt heute überhaupt nicht und wahrscheinlich auch morgen nicht. Er verheiratet eine Nichte in Burgund.« Das Leben verleiht manchmal solchen winzigen Unannehmlichkeiten die Bedeutung von Katastrophen, und die Worte, die diese Katastrophen zusammenfassen – auf der Bühne nennt man das »Situationsworte« –, fallen schwer und zermalmend wie Steine herab. Raimund wurde dadurch eine Minute lang vernichtet; er hörte nur das Knistern des Feuers und das Summen der Stimme des Dieners, der seinen albernen, unheilverkündenden Satz wiederholte. Von wem sollte er dieses Geld verlangen? Vielleicht von einem der »lieben Kameraden«, einem der dreiunddreißig Komiteemitglieder? Ja, aber von diesem Komitee hing seine Präsidentschaft ab, und wenn er sich als einen Hungerleider, einen Borger hinstellte, lief er Gefahr, dieselbe preiszugeben. So stieg er aufs Geratewohl in die zu dieser Zeit frostigen und einsamen Bibliothekzimmer hinauf; die Scheiben waren, da nicht geheizt wurde, mit Reif überzogen. Nur in der Apotheke flammte ein Koksfeuer, und daneben saß, mit einem Kodex auf dem Schoße, in den Händen einen ungeheuern, warmen Laib Brot, ein armer Teufel, irgendein ausländischer, rumänischer oder walachischer Student mit hohlen Wangen und gierigen Augen, der voll Seligkeit gierig las, aß und sich wärmte. Sollte er etwa von dem da die drei Louisdor verlangen? Eudeline machte geräuschlos die Tür wieder zu, und einen Augenblick von seinen selbstsüchtigen Sorgen abgelenkt, dachte er beim Hinuntersteigen, daß dieser in so vieler Hinsicht lächerliche und prahlerische Verein, diese künstliche Brutstätte kleiner Deputierter und Embryo-Staatsmänner, auch seine guten Seiten hatte, deren er sich nicht rühmte, daß er Mitleid, großmütige Brüderlichkeit übte. Außer dem Saaldiener und der Hausmeisterin bildet ein kleiner Groom oder Laufjunge, der keinen andern Namen führte als »der Bursch« und gewöhnlich nach seiner ersten Ablöhnung verschwindet, die ganze Dienerschaft des Hauses. »Schnell, Bursch, trage diesen Brief zu Herrn Marquès ins Auswärtige Amt,« sagte Raimund, indem er dem kleinen Diener ein Briefchen übergab, das er auf dem Schreibtisch des Rechnungsführers geschrieben hatte. Dann wartete er ängstlich auf Antwort. Seit die jungen Leute sich kannten, war es immer der Arme von den beiden, der dem andern Geld borgte; denn dieser Egoist von Marquès erklärte schon auf dem Gymnasium voll Zynismus: »Ich leihe mir Geld, wenn ich kann, aber einem andern borge ich nie etwas.« Die Verblüffung Raimunds war daher groß und noch größer sein Jubel, als der Bursch die folgende Antwort vom Quai d'Orsay zurückbrachte: »Drei Louisdor, mein Lieber? Hier sind fünf, aber danken Sie mir nicht, denn ich habe etwas von Ihnen zu erbitten, was viel kostbarer und seltener ist als eine Geldgefälligkeit. Heute abend um neun Uhr erwarte ich Sie im Rauchzimmer des ›,V. d. P. St.‹. Ich soll dort mit ein paar von den Dreiunddreißig zusammentreffen, die sich gleich mir für Ihre Präsidentschaft bemühen, dann werde ich Ihnen die Bitte meines Herzens vortragen.« Worin konnte diese Bitte bestehen? Raimund dachte keinen Augenblick daran, sondern gab sich ganz dem unruhigen Rausch des ersten Stelldicheins, dem Gedanken an die Einrichtung des Zimmers, die dem Kutscher zu erteilenden Anweisungen hin. Kurz vor drei Uhr hielt sein Wagen vor Saints-Gervais et Protais, einer alten Kirche im Stadtviertel Hotel de Ville. Es war zu dieser Zeit Mode, hinzugehen, um sich die wunderschöne kirchliche Musik Allegris und Palestrinas anzuhören, die der beste Chor von Paris dort aufführte. Eine große Weltdame wie Frau Valfon, die mitten am Tage die erhöhte Treppe dieser entlegenen Kirche hinanstieg, kam offenbar nur zu einer jener musikalischen Darbietungen der bevorstehenden heiligen Woche, und ihre Anwesenheit konnte keinen Verdacht erregen. Er öffnete rasch den Schlag. Sie stieg zu ihm ein, sagte ganz leise »Guten Tag«, ergriff mit ihrem hellbehandschuhten Händchen eine seiner Hände, drückte sie unter ihrem Schleier an die Lippen und rührte sich nicht mehr. So blieben sie lange Zeit aneinandergeschmiegt sitzen, ohne zu sprechen, während die elastischen, schnellen Räder des Wagens sie dahintrugen. Obwohl sie die ältere war, schien sie erregter zu sein als er. Sie war eine von jenen Weltdamen, bei denen die fortwährende Sorge um ihre Schönheit die Stelle der Tugend vertritt, so wie bei gewissen berühmten Sängerinnen die Furcht um den Verlust der Stimme. In Wirklichkeit hatte die schöne Marquès trotz eines Lebens voll Versuchungen und Vergnügungen, bei dem die Liebe den ganzen Raum einzunehmen schien, ihr Herz nur einmal verschenkt – an den schlauen Valfon. Das war so lange her, daß ihr in dieser Stunde ihre ganze Leidenschaft neu und naiv erschien, und sie nicht zu lügen glaubte, als sie ihrem jungen Geliebten schwor, daß sie vor ihm nie einen andern geliebt hätte. Was Raimund betraf, so sah er sie von der Seite mit neugieriger, unruhiger Bewunderung an. Er staunte über ihr jugendliches Aussehen, da ihn die Worte seiner Mutter seit dem Morgen beunruhigten: »Wie alt ist denn eigentlich diese Frau?« Das hatte er sich noch nie gefragt. Vor allem aus dem Grunde, weil ein ganz junger Mann, der in der Welt lebt, mag er noch so verliebt sein, sich mit der Wirkung, die er selbst macht, mit seinem Spiegelbilde – die Spiegel sind nie groß genug –, mit seiner Persönlichkeit, die er sucht und verfolgt, ehe sie sich noch betätigt, zu sehr beschäftigt und von seiner ersten Eroberung zu sehr geblendet ist, um gut beobachten zu können. Außerdem, wie soll man das Alter einer Weltdame bestimmen, die alle Hilfsquellen der Toilette und der Kunst besitzt, alle Verwandlungen des Kopfputzes und der Frisur ins Werk setzt? Wie wenige Männer unterscheiden das Wahre vom Falschen, wie wenige wundern sich, venezianische Reflexe auf einem matt brünetten Teint zu sehen, statt jener perlmutterweißen, von Sommersprossen besäten Haut, jenem besonderen Duft, der die Haut der in Frankreich gewöhnlich so häßlichen roten Frauen kennzeichnet? Und wenn erfahrene, reife Männer sich dadurch täuschen lassen, wie hätte da der zwanzigjährige Raimund klar sehen können? Der Wagen hielt vor dem Eingänge der Rue Amelot, vor dem ein Hoteldiener wartete. Durch einen dunkeln Korridor führte er das Paar bis zu der Schreibstube, die eine mit grünen Pflanzen geschmückte Glaswand vom Treppenhause des Zwischengeschosses schied. Eine Frau sang, sich auf dem Klavier begleitend, ein deutsches Lied. »›Der Zwerg‹, von Schubert, ich erkenne es,« murmelte Frau Valfon. »In Frankreich wird es nicht gesungen.« Sie sprach mit sicherer Stimme, aber Raimund fühlte, wie sie an seinem Arme zitterte, und diese Erregung verursachte ihm Vergnügen, da er sich männlicher, mehr als Beschützer vorkam. Während sie auf das ihnen bezeichnete Zimmer zuschritten, wurde eine Tür plötzlich aufgerissen und wieder geschlossen, jemand rief nach dem Kellner, und sie erblickten ein paar bis an den Rand volle Champagnergläser sowie den breiten Rücken eines Mannes, der in einem gelben Hemde, in Hosenträgern am Tische saß. »Wir haben Nachbarn,« sagte der junge Mann lebhaft, heiter, um die Aufregung des neben dem seinen klopfenden Herzens zu beruhigen. Sie antwortete nicht und atmete erst auf, als sie in ihrem Zimmer angelangt waren und den Schlüssel zweimal im Schlosse umgedreht hatten. Es war ein großes, bequem eingerichtetes Zimmer mit einem Alkoven, Vorhängen und Tapeten mit goldenen Knöpfen. Die Fenster gingen auf den Hof, der als Offizin diente und von einem Glasdach mit einem schmalen Zinkrahmen bedeckt war. ›Für den Fall einer Überraschung ist dieses Glasdach sehr bequem,‹ dachte Raimund, behielt aber diese wenig heldenmütige Betrachtung für sich. Im Kamin brannte ein Holzfeuer, auf dem mit einem gestickten Tuche bedeckten Tischchen befand sich eine kleine, aus Sandwiches und Amontillado bestehende Vesper. »Und jetzt sag mir alles, was du gelitten hast.« Sie hat sich in einem sehr niedrigen Lehnstuhl neben dem Kamin niedergelassen. Ihr Hals ist unbedeckt, die malvenfarbige Bluse weit aufgeknöpft, das Haar hängt in schweren Wellen herab. Er sitzt zu ihren Füßen auf dem Teppich und hebt seine lockige Stirn, sein hübsches, vom Wiederschein der Flamme und einem Gläschen Portwein ganz rosiges Gesicht zu der Geliebten empor. Tags zuvor hat sie ihm ihr Leben, das lange Martyrium zwischen ihrem Gatten und ihrer Tochter geschildert; heute soll er ihr von dem seinigen erzählen. Aber dieses arme Schülerleben ist recht traurig und kläglich; um es interessant zu machen, muß man es ausschmücken, mit einem Roman umkleiden. Und das tut er! Diese guten, ergebenen, zärtlichen Geschöpfe, Mama Eudeline, Antonin, Dina, häufen sich zu einem blinden und tauben Moloch an, der »Familie« heißt, dem Raimund sein Blut, sein Fleisch, das feinste Gold eines Gehirns hingibt. Der kleine Laden »Zur Wunderlampe«, dieses strahlende, so warm und behaglich auswattierte Nestchen, ist die dunkle Höhle, in deren Hintergrund der Moloch haust, in der das Blut seines Opfers Tag und Nacht raucht. Nichtsdestoweniger ist er der erste, der zugibt, daß von diesen Wesen, die ihn zerreißen, die sich von seinem Marke nähren, kein einziges wirklich schlecht ist. So ist sein Bruder Antonin, den Wilkie einigemal mit ihm traf, dessen moralischer Verfall alle in Verzweiflung bringt, dieser Bruder, der nichts andres werden konnte als ein Arbeiter, und zwar der Pariser Arbeiter mit all seinen häßlichen Angewohnheiten, seinen Mängeln, trotzdem ein guter Junge, ein gutes Herz, wie es heißt. Auch er, Raimund, ist trotz dieser Lügen kein schlechter Mensch, sondern eines jener kindischen Wesen, die altern, ohne zu reifen, und insbesondere in Gegenwart der Frau nichts sind als Eitelkeit. Frau Valfon beugt sich über ihn, atmet seinen Hauch, die Flamme seiner Augen ein und murmelt jeden Augenblick: »Armes Herz! Liebes Herz!« Oder sie flüstert ihm schweratmend zu: »Gott, was für einen schönen Roman man daraus machen könnte!« Als jedoch der sentimentale Teil des Romans an die Reihe kommt, als Raimund erzählt, wie er den Seinigen auch die Liebe dieses herrlichen jungen Mädchens opfert, das Frau Valfon einmal im Sprechzimmer des Gymnasiums Louis-le-Grand sah – in der Erzählung wird Geneviève eine junge Dame aus sehr großer Familie, Vater Izoard ein alter provenzalischer Marquis, etwa ein Adelsmarschall aus dem Süden, eine Metamorphose, mit der Vater Izoard nicht gerade zufrieden wäre –, da gerät Frau Valfon angesichts einer so großmütigen Entsagung außer sich, faßt den schönen, blonden Kopf in beide Hände und haucht ganz leise auf seine Lippen: »Komm, komm, mag wenigstens meine Liebe dich trösten.« Im Zimmer herrscht fast Nacht, das bleiche Dunkel eines Londoner Nebeltages. Die schweren Fenstervorhänge, die eine schamhafte leidenschaftliche Hand aus den Vorhanghaltern gelöst hat, fallen bis zur Erde. Das Holz im Kamin flammt und knistert, ein Blitz läuft über den Teppich; von diesem Schein geleitet, nähert sich eine weiße, duftige Gestalt dem Bette, wo der zitternde Liebhaber mit ausgebreiteten Armen hofft und fleht. Aber draußen auf dem Korridor ertönen eilige Schritte und eine vor Schreck erstickte Stimme haucht im Vorübergehen zur Tür herein: »Gnädige Frau, gnädige Frau, Ihr Mann ist da!« Die Liebenden haben sich einen Augenblick angesehen; ihre Pupillen phosphoreszieren; der dunkle Alkoven wird davon ganz erleuchtet. »Mein Mann! Rette dich!« murmelte eine ersterbende Stimme. Die Frau weiß selbst nicht, daß sie spricht. Fast gleich darauf ist sie vom Bette herabgeglitten, sammelt tastend ihre Röcke und wirft sie in ein Toilettenkabinett, in das sie sich einschließt, während Raimund, dem das Zinkdach einfällt, zum Fenster stürzt. Er ist bereit, es zu öffnen, als das Getöse einer nebenan eingebrochenen Tür, gefolgt von dem Aufschrei einer Frau, seine Gebärde und seinen Sprung aufhalten. Offenbar sind sie es nicht, die man warnen wollte, das Drama spielt sich neben ihnen ab. Aber die so dicht nebeneinander liegenden Zimmer, die Gleichheit der Lage – es ist furchtbar! Mit gepreßtem Herzen horcht er, wie hinter der Mauer Möbel herumgestoßen werden und dann ein furchtbarer Kampf stattfindet; kein Wort ist zu vernehmen, nichts als Atemzüge, und der letzte, längste, der tiefste wird von dem schweren Fall eines Körpers begleitet, der nach dem Worte Dantes »fällt, wie ein toter Körper fällt«. Gleichzeitig wird dicht daneben ein Fenster geöffnet, ein Mann steigt heraus und tritt auf das Dach gegenüber dem Hause, indem er, beide Hände an die Traufen, die Simse klammernd, längs der schmalen Einfassung einhergeht. Das ist zweifellos der Liebhaber, der sich rettet, die andre Treppe zu erreichen versucht. Aber warum hat Raimund, als der Mann fast in der Höhe seiner Augen vor ihm vorübergeht, das Gefühl, daß er dieses Gesicht schon einmal gesehen hat? Wo ist er diesen harten, blauen Augen, diesen fanatischen blauen Augen, die nur durch die Dicke einer Fensterscheibe von ihm getrennt sind, deren ironischer Blick ihn im Vorübergehen zu befragen, ebenfalls zu erkennen scheint, schon begegnet? Er hat noch nicht die Zeit gehabt, sich zu erinnern, da ist das Dach schon leer, die Erscheinung verschwunden; aber das düstere Drama, das sie hinterläßt, dauert fort. Hinter der Scheidewand wird etwas Schweres geschleppt und eine Stimme befiehlt: »Aufs Bett – tragt ihn aufs Bett!« Das Holz, die Matratze krachen unter einem ungeheuern Gewicht, aus dem Hintergrunde des Ganges inmitten des Getrappels zahlreicher Füße ertönen feierliche oder rasche Schritte. »Der Kommissar – der Totenbeschauer,« flüstert es. Während Raimund, das Ohr an die Mauer gedrückt, in kaltem Schweiß gebadet, auf alle diese Geräusche lauscht, stellt er sich das Zimmer vor, das er eben vorhin im Vorübergehen erblickt hatte. Es ist jetzt von Schweigen und Grauen wie vergrößert, ein Kruzifix und zwei brennende Kerzen stehen zu Häupten des Bettes auf dem Tischchen, auf dem die Champagnergläser funkelten, und in den Kissen liegt lang ausgestreckt mit ausgebreiteten Armen, mit offener, blutender Brust, der Mann mit den Hosenträgern, in dem safrangelben Hemd. »Solch ein Schreck!« murmelt es dicht neben ihm. Raimund dreht sich um. Es ist Frau Valfon, die ebenfalls horcht. »Daneben ist ein Toter – haben Sie es gehört?« fragt sie mit entsetztem Gesicht, und solange in dem Nebenzimmer das geringste Geräusch von geschobenen Möbeln, von gedämpften Schritten andauert, tauschen sie weder ein Wort noch ein Lächeln mehr. Allein alles verstummt nach und nach, und hinter der Scheidewand breitet sich die Totenstille in kalten, geheimnisvollen Wogen aus. Selbst der Korridor scheint einsam zu sein. In ihrem eignen, von der Dunkelheit überzogenen Zimmer behält nur der Spiegel ein wenig Licht zurück. Frau Valfon tritt maschinenmäßig an ihn heran, um ihr Haar zu ordnen. Diese so vertrauliche, elegante weibliche Gebärde erinnert den Liebhaber an seine Rolle; er streckt die Arme aus und will sie umfassen, aber sie entzieht sich ihm und fleht: »Nein, nein, nicht heute, nicht hier, ich fürchte mich zu sehr!« Und er selbst, der ganz entkräftet, bis ins innerste Herz erstarrt ist, hat nichts dagegen, aus dem unseligen Hotel zu fliehen. * Wilkie Marques hatte den Komiteemitgliedern für diesen Abend eine Zusammenkunft im Rauchzimmer des Vereins gegeben – auch Raimund sollte hinkommen –, und schon lange vor neun Uhr hatte er sich für die Kandidatur seines Freundes ins Zeug zu legen begonnen. Das Rauchzimmer befand sich zu jener Zeit im Zwischenstockwerk der Rue des Ecoles. Das kleine Zimmer hatte Tapeten aus Rohleinen mit einer Kante aus rotem Adrianopel, und darauf hingen in schwarzen Holzrahmen einige vom Ministerium der schönen Künste geschenkte Lithographien, die romantische Szenen darstellten. Ein paar hinkende, zerbrochene Stühle standen ungleich längs der Wände. Auf dem Kamin, als Gegenstück zu der Büste Chevreuls, befand sich ein Gefäß mit Spiritus, in dem ein Stück von der Haut des Levantiners Pranzini schwamm. Die Nase des ersten Studenten von Frankreich war durch die an ihr angeriebenen Zündhölzchen verunstaltet; zum Glück für ihn verliert die Universitätsjugend seit einiger Zeit die Lust am Rauchen, und das Rauchzimmer war vor allem ein Ort für freie Diskussionen. Jetzt, im Augenblick der Präsidentenwahl, waren diese Diskussionen sehr lebhaft; die Wahl findet gewöhnlich im Januar statt, aber in diesem Jahre hatte infolge innerer Streitigkeiten zwischen dem Präsidenten und der schrecklichen »K. i. O.«, der Kommission für die innere Ordnung, die plötzliche Demission des Titularpräsidenten die Wahlen um mehrere Monate beschleunigt. Marquès, der ehemalige Präsident des Vereins, war durch seine Stellung als Privatsekretär im Auswärtigen Amte, seine Verwandtschaft mit dem Minister die wichtigste Person des Hauses. Alle diese jungen Leute beneideten ihn, schmeichelten ihm und ahmten seine kalte Suada, sein tonloses Gelächter und seine feierliche Haltung nach, ohne zu bemerken, daß er selbst nur ein blasser Abklatsch seines Gönners war. Wenn man ihn, mit den Händen auf dem Rücken, mit jenem ruhigen Schritt sehr kleiner Männer, die sich ein wichtiges Ansehen geben wollen, in dem engen Zimmer auf und ab schreiten, seine kurzen, perfiden Sätze von sich geben sah, so glaubte man Valfon vor sich zu haben, wenn er auf der Tribüne eine seiner foppenden Ministerreden hielt. Was er sich an diesem Abend vorgenommen hatte, war weniger das Lob seines Kandidaten als das Herabsetzen der beiden andern, von denen der eine, der frühere Präsident, wiedergewählt werden sollte. Marquès bewies den »lieben Kameraden« mit seinem trockenen Stimmchen, wie unrecht sie hatten, den Abgang dieses Herrn zu bedauern, den man nach seiner dreimonatigen Präsidentschaft beurteilen konnte, der trotz seiner anmaßlichen Reden, seines philosophischen Gewäschs über »die moderne Seele, die geistige Regeneration«, nur dazu da war, um Bekanntschaften zu machen, im Elysée zu dinieren und sich eine gute Stelle zu ergattern. Und die Art und Weise, wie er die Kapitalien verwaltete, diese Unordnung, diese Verschwendung! Bei diesem Punkte erhob sich aus allen Winkeln des Rauchzimmers Zustimmung, und man rief Zahlen durcheinander, wie: Einhundertundfünfzig Franken für Besen und Flederwische in drei Monaten!« Irgend jemand wies auch darauf hin, daß dies der dritte Präsident sei, der aus der literarischen Sektion hervorgegangen war, und daß die juristische Sektion, zu der Raimund Eudeline gehörte, an die Reihe kommen wolle. Was den andern Gegner betraf, so war Marquès mit ihm rasch fertig. Er war der Bibliothekar des Komitees, alle kannten ihn, und die Art und Weise, wie er seine Bibliotheken verwaltete, gab einen Vorgeschmack von dem, was seine Präsidentschaft sein würde. Er stammte aus dem Süden, aus dem unteren Süden, war ein Lebemann, tat mit aller Welt vertraulich, duzte jedermann, strebte nach leicht zu erringender Popularität, und man konnte sich gut vorstellen, wie, er mit dem Bureaudiener Brüderschaft trank. Wenn auch niemand so gut wie er die »lieben Kameraden« aus Belgien oder Schweden auf dem Bahnhof begrüßen, die Marseillaise anstimmen, das Banner schwingen konnte, so fehlte es ihm doch unglücklicherweise an Haltung, und er würde bei den Diners im Elysée, an der Spitze einer Tafel eine traurige Figur machen. Unterhaltlich, das war er, aber nicht ernst zu nehmen. Wie gut kannte Marquès alle diese Herrchen, deren große Barette aus Moiréseide, wie sie die Pariser Studenten seit kurzem trugen, eine korrekte, majestätische Form erkünsteln, geradeso wie die schwarzen Überzieher und die ungeheuern Krawatten á la Royer-Collard! Wie gut wußte er mit ihnen zu sprechen, um das Vertrauen, die Bewunderung in ihnen zu töten! Ein Präsident, der nicht ernst zu nehmen war! Er brauchte, um sich die Verachtung vorzustellen, mit der sie ihn behandeln würden, nur den Ausdruck ihrer bubenhaften und schulmeisterlichen, von vorzeitigen Runzeln, von den Nägeln der Erfahrung und des Ränkespiels durchzogenen, durchfurchten Gesichter anzusehen. Er brauchte nur zu sehen, wie ihre Stirnen sich falteten, während sie einander die Berichte abstatteten, mit denen die Kommission, die Subkommission, die Gegenkommission sie beauftragt hatten. Je jünger sie waren, desto mehr Majestät entwickelten sie, desto mehr beugten sich ihre schwächlichen Gestalten unter dem Gewicht der erdrückenden Verantwortlichkeit, über die die furchtbare »K. i. O« jeden Augenblick Rechenschaft von ihnen verlangen konnte. Ach, Chamontin war nicht ernst zu nehmen!... Gerade als die ganze Versammlung diesen Schrei der Empörung ausstieß, trat Raimund ein und erkannte an der Wärme der Begrüßung seine guten Aussichten für die Wahl. Alle Hände streckten sich ihm entgegen, kein einziger der »lieben Kameraden« hielt sich abseits. Sogar die Büste Chevreuls lächelte heiter, und seine Nase schien ihm zu Ehren weißer zu werden. »Nun, schöner Oswald, ist man zufrieden? War es wirklich ein galantes Abenteuer?« Wilkie fuhr in diesem leichtfertigen Ton nicht fort, sondern sagte, ohne sich die Befangenheit, die Unruhe des schönen Oswald erklären zu können: »Entschuldigen Sie, ich stelle mich dumm, aber ich liebe das in Gesellschaft zu tun, im Grunde wird mein Geist von ganz andern, ernsten Dingen in Anspruch genommen.« Er umfaßte ihn mit einer Zärtlichkeit, die bei ihm nicht gewöhnlich war. »Gehen wir jetzt, wenn es Ihnen recht ist. Ich fühle mich in diesem Liliputparlament nicht behaglich.« Während sie nebeneinander die Rue des Ecoles hinabgingen, fuhr er fort: »Es gibt nichts so Wertvolles als die persönliche Gegenwart; falls man sie nicht mißbraucht – nach all dem, was sie von mir zu hören bekamen, haben sie Sie jetzt noch gesehen; lassen wir diesen guten Eindruck zurück. Meiner Ansicht nach ist Ihre Sache gewonnen, in vierzehn Tagen sind Sie Präsident des ›V. d. P. St.‹, besonders wenn Sie es nicht versäumen, bei allen Komiteemitgliedern Ihre Karte abzugeben. Das ist bisher noch nie geschehen, aber es schmeckt nach der Akademie, und die paar Besuche werden dem letzten Schwanken ein Ende machen. Wohlverstanden, gehen Sie nicht in die Wohnung selbst: Sie könnten sie in Verlegenheit bringen. Die meisten dieser jungen Leute leben zu Hause in sehr prekären Umständen. Derselbe, den wir im Verein sich brüsten sehen, der von seinem Londoner Schneider und seinen Zylindern von den größten Lieferanten spricht, würde rot werden, wenn man ihn dabei überraschte, wie er am Tische von Mama und Papa im fünften Stock gekochte Gemüse ißt oder in einem Dienstbotenzimmer über seinem Kodex büffelt.« »Mein Zimmer ist auch derart,« sagte Raimund. Er schämte sich plötzlich, daß Marquès einmal bei ihm gewesen war. »Oh, das Ihrige, mein Lieber, ist das Paradies oder liegt wenigstens ganz in der Nachbarschaft davon –« Marquès blieb stehen und stützte sich auf den Arm seines Freundes, als bedrücke ihn das Geständnis, das er vorbereitet. »Gut, daß es schon dunkel wird, wenn ich rot werde, wird man mich nicht sehen. Ich will mich lieber sofort erklären, als meine unzusammenhängenden Reden fortsetzen. Mein lieber Raimund, ich liebe Ihre Schwester, ich liebe sie von dem ersten Tage an, als wir ihr – erinnern Sie sich? – begegneten, wie sie, mit ihrem Pelzmützchen auf dem Kopfe, ihre Tasche unter dem Arme, aus dem Amt zurückkam. So hat sie sich mir ins Auge, ins Herz geschmeichelt und will nicht mehr heraus. Nichtsdestoweniger habe ich versucht, mich dieser fixen Idee zu entreißen, die mich in meinem Leben beengen, hindern könnte; aber neulich, während des Balles, als ich die Begeisterung sah, die die Anmut dieses Kindes erregte, bekam ich Angst, daß man sie mir nehmen könne, und schwur mir, mit Ihnen zu reden.« Die Zeit, die der sehr erregte Raimund sich nahm, ehe er antwortete, kam Wilkie endlos vor; er befürchtete eine Verlobung zwischen Dina und Claudius, wurde aber sofort beruhigt. »Mein lieber Wilkie, Sie wissen, daß meine Schwester kein Vermögen besitzt.« »Ich auch nicht,« gestand der andre lachend. »Mein Plan wird daher vor acht oder zehn Monaten nicht zu verwirklichen sein; dann wird Valfon mich beim Rechnungshof oder beim Staatsrat untergebracht haben, wenn ich nicht schon die Leitung des großen Blattes übernommen habe, zu dem Claudius Jacquand, mein künftiger Schwager, mir das Kapital geben soll. Sie wissen, sein Vater ist sehr reich, und er selbst besitzt ein beträchtliches persönliches Vermögen, aus dem ich das Geld für meine Unternehmungen, welcher Art immer sie sein mögen, werde schöpfen können. Ich kann Ihnen also beteuern, mein Lieber, daß Ihre Schwester, wenn sie mich zum Manne haben will, nicht im Elend leben wird, und daß ich fest entschlossen bin, meinen Anteil an der schweren Last zu nehmen, die Sie schon so lange so mutig tragen. Und jetzt sagen Sie mir: Glauben Sie, daß ich Aussicht habe, die Hand Fräulein Dinas zu erlangen, wenn ich sie so lange vorher begehre? Denn ich gedenke mit meiner Mutter zu Ihnen zu kommen, und zwar so rasch als möglich, um sicher zu sein, daß man mir mein Glück nicht stehlen wird.« Die beiden Freunde bogen um die Ecke der Rue de Seine, und als Raimund das Schaufenster der »Wunderlampe« in der Ferne durch die Nacht flammen sah, erinnerte er sich an die Worte Dinas: »Mit diesem Schilde aus ›Tausendundeine Nacht‹ muß man auf alle Wunder gefaßt sein.« In der Tat – war das, was diesem kleinen Mädchen und folglich ihnen allen geschah, nicht ein Wunder? Ach, wie gern hatte er Wilkie an die Brust gedrückt, wenn er sich nicht zurückgehalten hätte, mit welchem dankbaren, freudigen Entzücken würde er seine Werbung aufgenommen haben. Aber eine eitle Vorsicht ließ ihn zögern; er wußte, daß er in wenigen Tagen eine hübsche Wohnung haben würde, wo er Wilkie und seine Mutter viel bequemer empfangen konnte, als in diesem allen offenstehenden Laden. Zum großen Erstaunen Marquès', der, ohne etwas merken zu lassen, Besseres erhoffte, versprach er daher mit Ruhe, seiner Mutter die Werbung mitzuteilen und sofort zu antworten. Ein scharfer Wind pfiff über die wenigen Passanten des einsamen, dunkeln Kais. Die jungen Leute schritten nach der Richtung des Invalidendomes. Durch ihren langsamen, ruhigen, von Haltepausen unterbrochenen Spazierschritt war ihnen schließlich kalt geworden, und einer von ihnen schlug vor, ein paar Minuten in das noch offene Café d'Orsay zu treten, um sich zu erwärmen. Kaum saßen sie, so zog das Gespräch am Nebentische, an dem einige Dragoneroffiziere um einen alten Oberst saßen, ihre Aufmerksamkeit auf sich. »Ich habe den General Dejarine in der Krim gekannt. Er war damals so wie ich Kavallerieleutnant und Kavallerieordonnanzoffizier eines Korpschefs. Während der zwei Waffenstillstände tranken wir mit dem schlechten Kantinenchampagner auf das Wohl unsrer Geliebten. Er machte mir den Eindruck eines sehr feurigen, sehr leidenschaftlichen Menschen, eines jener Männer, die, wann immer sie auch sterben mögen, sicherlich in der Haut eines jungen Heldenliebhabers enden.« Einer der Offiziere, den Wilkie kannte, da er mehrmals im selben Kaffeehaus mit ihm gefrühstückt hatte, und der in seiner Nähe saß, schob ihm zur Erklärung ein Abendblatt zu, das auf dem Marmortisch lag. In demselben befand sich ein Bericht über den Tod des Generals Dejarine, des ehemaligen Petersburger Polizeipräfekten, den ein Ehemann aus der Dumasschen Schule am selben Tage auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt und ermordet hatte. »Wo ist das geschehen? Weiß man es?« fragte Raimund, der plötzlich sehr unruhig wurde. Wilkie schob ihm nun ebenfalls die Zeitung hin. »Da lesen Sie, in einem möblierten Hotel ganz in der Nähe der Bastille.« Er selbst setzte das Gespräch mit den Offizieren fort. »Als der arme General das letztemal im Auswärtigen Amte war, brachte er mehr als eine Stunde in meinem Zimmer zu, um mir von seinem Abenteuer zu erzählen, wahrscheinlich von dem, das ihm jetzt den Tod brachte. Sie war eine große, schöne Person, eine Probiermamsell in einem Geschäfte in der Rue de la Paix, die jeden Morgen auf der Linie Bastille-Madeleine fuhr. Der Mann, ein Zeichner bei einem Bronzehändler in Marais, brachte seine Frau zum Omnibus, der General stieg auf halbem Wege ein und setzte sich neben die Schöne, die er bis zu ihrem Geschäft begleitete. So ging es drei Wochen lang; jeden Morgen mußte er bei der Temperatur, die wir haben, vor der Omnibushaltestelle stehen, bis zu dem Tage, wo er ins Ministerium kam und uns ankündigte, daß er endlich das langersehnte Stelldichein durchgesetzt habe. Wie aufgeregt er war! Ich konnte mir nicht helfen, ich mußte zu ihm sagen: ›Nehmen Sie sich in acht, Herr General.‹ Aber ich gestehe, ich fürchtete weniger die Vendetta eines Ehemannes als einen plötzlichen Blutandrang, einen Schlaganfall, bei diesem gedrungenen Halse, diesem roten Gesichte –« Die Offiziere und ihr Oberst waren aufgestanden und hatten sich Wilkie genähert, dem sie stehend zuhörten, während Raimund, den Kopf in der Zeitung verbergend, nachdachte. Daß das Drama, von dem sie sprachen, sein Drama, daß Dejarine der starke Mann war, den man dicht neben ihm getötet hatte, daran zweifelte er nicht. Aber der andre, der Flüchtling auf dem Zinkdache, wer war das? Zweifellos der Ehemann. Allein warum verbarg er sich, da er doch das Gesetz, die Gendarmen für sich hatte? Und dann dieses Gesicht, das er schon irgendwo gesehen hatte, dieser ironische Blick – in welchem Winkel seines Gedächtnisses würde er sie wiederfinden? Wie zur Antwort auf seine stumme Frage erhob sich aus der Nebengruppe eine Stimme: »Meine Herren, mir fällt besonders eines auf, womit das Blatt sich gar nicht beschäftigt: daß man von dem Gatten, dem Mörder nichts mehr reden hört. Angesichts einer Persönlichkeit, wie der des Generals, eines ehemaligen russischen Polizeiministers, ist jede Annahme erlaubt, und dieses Verschwinden kommt mir geheimnisvoll vor. Warum hat dieser zur Aufnahme des Tatbestandes herbeigerufene Polizeikommissar das Hotel nicht sofort schließen lassen und alle darin befindlichen Personen verhört? Raimund fühlte, wie ihn ein retrospektiver Schreck erbleichen ließ, und drückte sich tiefer hinter seine Zeitung. Er stellte sich vor, was geschehen wäre, wenn er in jenem entlegenen Stadtviertel genötigt gewesen wäre, seinen Namen und den der ihn begleitenden Frau anzugeben. Eine Ministersfrau, die dieser Schande ausgesetzt, der Verschwiegenheit eines niedrigen Polizisten preisgegeben war! Das ganze Grauen des Geschehenen verschwand vor dem, was hätte geschehen können. Nein, ein solches Abenteuer würde er nie mehr wagen, und solange er nicht ein eignes Zimmer, eine Wohnung ganz für sich hatte, würde er sich nie wieder in so gefährliche galante Abenteuer einlassen. IV Anonyme Briefe »Wenn Claudius Jacquand gerne wissen möchte, wohin die kleine Telegraphistin, der er seinen Namen geben will, fast täglich von fünf bis sechs nach dem Amte geht, mag er sich unter einem Tor auf die Lauer stellen und den Eingang des Hauptamtes bewachen. Er wird sich sehr gut unterhalten.« Der junge Jacquand stand in einem eleganten Erdgeschoß der Rue Cambon, das sein Vater, der Lyoner Senator, während der Session mit ihm teilte, lehnte die Stirn an die Fensterscheibe seines Ankleidezimmers und zerdrückte den anonymen Brief in der Hand. Seit dem Balle im Ministerium und seiner Begegnung mit Dina wurde er mit derlei Briefen, die alle eine verstellte Handschrift und Kopfleisten der Modemagazine aufwiesen, überschüttet; aber – er wußte selbst nicht, warum – keiner hatte solchen Eindruck auf ihn gemacht wie dieser. Er las ihn immer wieder durch. ›Nein, ich werde ihr nicht auflauern, ich werde mich nicht in den Hinterhalt stellen,‹ dachte er bei sich. ›Ich werde ganz einfach ins Hauptamt gehen, nach Fräulein Eudeline fragen und ihr sagen – mein Gott, ich werde ihr sagen, daß nach einer Stunde der Verwirrung, des Schwindels die Vernunft wieder zurückgekehrt ist und einen Glückstraum vernichtete, der sich allzu schwer verwirklichen ließe. Ich müßte mich mit meinem Vater überwerfen, Stürme aushalten, denen ich mich nicht gewachsen fühle. Zu ihrem, zu meinem Glück werde ich sie beschwören, mir mein Wort zurückzugeben. Ja, so werde ich es machen.‹ Nachdem Claudius diesen Entschluß gefaßt hatte, fühlte er sich leichter; es kam ihm auch vor, daß er fester auf seinen langen Beinen stehe, und er beeilte sich, seine Toilette zu beenden, um ausgehen zu können. Der Unglückliche vergaß die zahllosen Entschlüsse, die er seit achtundvierzig Stunden gefaßt und alle wieder fallen gelassen hatte. Er war nämlich nicht einer von jenen äußerlich ruhigen und entschlossenen Menschen, deren beständiges Pendeln von allzu wohlerwogenen Urteilen oder von einer geistigen Doppelsichtigkeit herzurühren scheint, die dem Geiste stets wenigstens zwei gleichzeitige Anschauungsweisen gibt. Die Unentschlossenheit dieses Lyonesers mit der verzückten Stirn, den hervorspringenden fanatischen Augen, den Anfällen von Ungestüm, auf die zermalmende Betäubung folgte, war das Ergebnis der außerordentlichen Beweglichkeit, die das Unglück seines Lebens bildete. Als er sich nach seinem unbesonnenen Streich im Ministerpalais – dem Bruche mit Florence, der Verlobung mit Dina – allein sah, als er der bezaubernden Behexung der blauen Augen und der goldenen Flechten entrückt war, ergriff ihn Furcht und Staunen über seine Kühnheit. Gewiß, nicht deswegen, weil Fräulein Marquès ihm am Herzen lag. Dieses schöne, instinktiv sinnliche Mädchen, dessen ganzes Leben in der Rue de la Paix verstrich, das einen Lieferanten nur verließ, um bei einem andern einzutreten oder in irgendeiner eleganten Bar zu speisen, das weder schöne Bilder noch Musik liebte, das an nichts glaubte als an sich selbst, an seine Toilette und seine Schönheit, diese Person konnte eine Frau für die Parade und die Galerie sein, nie aber eine nach seinem Geschmacke. Das Unglück war nur, daß er sich durch den Bruch auch mit Frau Valfon, dieser guten Frau, dieser wertvollen Freundin, und mit Valfon überwarf, der sich rühmte, unerbittlichen Groll nachzutragen. Von Valfon erwartete sein Vater, Tony Jacquand, nach der Unterzeichnung des Ehekontraktes die Ernennung zum Marineminister. Wie würde er den Mut haben, diesem schrecklichen Vater, besonders seinem Gelächter, seinen spöttischen Reden entgegenzutreten? Denn Tony, wie er in der lustigen Welt hieß, wurde nie böse. Er war ein alter Geck, dessen Frau vor Kummer gestorben war, ein wütender Schwelger und Lebemann, noch sehr stramm, sehr jugendlich; er färbte seinen Bart und war siebzig Jahre alt geworden, ohne je eine andre Krankheit gehabt zu haben, als den tüchtigen Schnupfen, den er sich bei der Einweihung der Statue geholt hatte, und der ihn nun seit vierzehn Tagen in Lyon festhielt. Claudius erwartete ihn jeden Augenblick in der Rue Cambon, und wenn er an die Enttäuschung bei der Ankunft dachte, zog er es noch vor, dem Zorne und der Verachtung Dinas entgegenzutreten. Sie hatte ihn sehr eingehend über alles unterrichtet, und so erschien er gegen elf Uhr im Haupttelegraphenamte, gerade als Fräulein Eudeline, nachdem sie in der Garderobe ihr Arbeitskostüm angelegt hatte, sich vor ihrem Apparat niederließ. Alles, was er ihr zu sagen hatte, war vorbereitet, denn er mißtraute seiner Erregung. Allein etwas beruhigte ihn; das war die Arbeitstracht der kleinen Telegraphistin, die von ihrer Erscheinung als Watteauschäferin so verschieden war und ihm sicherlich eine Enttäuschung bereiten mußte, durch die seine Aufgabe erleichtert wurde. Gerade das Gegenteil davon trat ein. Als Dina in ihrem langen, schwarzen Kittel, der ihre Gestalt größer, den Kopf noch kleiner, den Teint rosiger und die schweren Flechten noch leuchtender, goldiger erscheinen ließ, im Treppenhause erschien, suchte der geblendete Claudius nach Gedanken und Worten. Diese jugendliche Anmut hatte nicht ihresgleichen, und daneben erschien die Schäferin von neulich wie eine Auslagepuppe. Während er sich an das Geländer lehnen mußte, da ihn ein Zittern schüttelte, sagte sie mit ihrer ruhigsten Stimme: »Ich war überzeugt, daß Sie heute kommen würden, ich hatte ja Unsre Liebe Frau von Fourvières so innig darum gebeten. Als man mich rief, war ich gar nicht überrascht.« Sie stand über das Geländer gebeugt, ganz dicht neben ihm, ohne sich um die Leute zu kümmern, die die große Treppe des Amtes hinauf und hinab stiegen, und erzählte ihm den seltsamen Einfall Wilkie Marquès', den Heiratsantrag, von dem sie bedroht ward. Frau Eudeline hatte es auf sich genommen, sie davon zu benachrichtigen, noch ehe Raimund mit ihr davon gesprochen hatte. »Selbstverständlich, lieber Claudius, habe ich von Ihren Plänen nichts laut werden lassen, da Sie zuerst Ihren Vater verständigen wollen. Ich gehorchte Ihrem Wunsche, obwohl es mich viel kostete, denn Herr Wilkie drängt auf meine Antwort; ich muß sie ihm so rasch als möglich geben.« »Ja, lieben Sie denn diesen Wilkie – kennen Sie ihn denn gar?« fragte Claudius, dessen blasser Lyoneser Teint plötzlich von einer eifersüchtigen Röte gefärbt ward. Ein Lächeln verschönerte die Antwort Dinas. Ob sie in diesen Herrn verliebt war? Oh, gewiß nicht, aber er war der beste, der älteste Freund ihres Bruders, und sein Antrag mußte ihr schmeicheln, um so mehr, als er sich nicht versteckte, mit seiner Mutter kommen wollte, um seine Werbung anzubringen. »Dieser Mensch versteckt sich immer,« sagte Claudius, indem er während des Sprechens in unterdrückter Wut das Geländer mit seiner langen, hell behandschuhten Hand schüttelte. »Er ist ein Ungeheuer von Verderbtheit, ein Ekel von einem Menschen und rühmt sich dessen noch. Was will er von Ihnen? Was steckt hinter diesem Heiratsantrag? Ich weiß es nicht, aber ich bin im voraus überzeugt, daß es irgendeine Gemeinheit ist.« »Sagen Sie, was soll ich ihm antworten?« fragte sie noch immer lächelnd und ruhig. Ach, wußte er denn selbst, was sie antworten sollte? Ja, sie in die Arme nehmen, davontragen, so wie sie dastand – dieses Kleinod, dieses Feenweibchen in ihre goldenen Flechten und ihre schwarze Bluse einpacken, mit ihr davonlaufen wie ein Dieb, das war sein einziger Gedanke, das war das Gefühl, das ihn überkam, als er sie zum erstenmal sah, und das er nun beim Wiedersehen mit ihr von neuem empfand. Es war ein unwiderstehlicher Impuls, ein Schwindel der Seele und der Sinne. Aber wie konnte er dies in schicklichen Worten erklären, obendrein auf einer Treppe, vor so viel Leuten, so viel neugierigen Blicken, die im Vorübergehen lauerten? Er drückte sich daher schlecht aus, aber Worte bedeuten bei der wahren Liebe so wenig. Von allem, was er vorbereitet hatte, sagte er nichts, vergaß sogar den anonymen Brief, und während er gekommen war, sein Wort zurückzunehmen, verpfändete er es feierlicher denn je. Was seinen Vater betraf, so wollte er ihm eine lange Depesche schicken, und am nächsten Tage gleich nach Eintreffen der Antwort, die übrigens an seinen Gefühlen nichts ändern würde, wollte er sie Dina zur selben Stunde hierherbringen. »Nicht hierher, das geht nicht,« sagte das junge Mädchen lebhaft. »Wenn ich Sie zwei Tage nacheinander empfangen wollte, würde das Aufsehen erregen. Man ist hier im Hause sehr spießbürgerlich. Gerade vorhin ging der Abteilungschef an uns vorüber, und an dem Blick, den er auf Ihre hellen Handschuhe warf, sah ich, daß das ganze Amt in Aufruhr geraten wird.« »Kann ich Sie beim Ausgang erwarten?« »Das wäre noch gefährlicher. Nein, schicken Sie die Antwort rekommandiert an den Portier hierher; er wird sie sofort in die Garderobe hinaufbringen und in meinen Beutel legen.« Ein heftiges Klingeln verkündigte das Ende der zehn Minuten dauernden Pause, die den Telegraphistinnen von Stunde zu Stunde gewährt wird. »Wann werden wir uns wiedersehen?« murmelte Claudius schüchtern, während eine kleine Hand sich aus einer weißen Manschette ihm entgegenstreckte. Dina schien nachzudenken, gerade lange genug, um ihre schönen klaren Augen zu ihm zu erheben, dann sagte sie: »Sie wissen doch, daß die Marc Javels mich für Montag eingeladen haben. Kommen Sie denn nicht auch auf den Ball?« Die Stirn des Lyonesers verdüsterte sich. Bei den Marc Javels – was für eine Idee war das! Erstens wurden dort Männer nicht zugelassen, denn es war ein Mädchenball zu Ehren des Geburtstages ihrer Nichte. Aber er beschwor sie, nicht hinzugehen, mit diesen Leuten keine Bekanntschaft zu schließen. Sie hatte ja gar keine Ahnung von diesen jungen Weltdamen, von den Reden, die sie miteinander führten. So habe diese Nadia Dejarine, deren Vater eben einen so kläglichen Tod gefunden hatte, eine Ausdrucksweise wie ein Stallknecht. Zwischen ihr und der Nichte Marc Javels fand ein Wettkampf mit abscheulichen Worten statt. »Dina, ich bitte Sie, gehen Sie nicht hin. Ich wäre zu unglücklich darüber.« Seine Stimme hatte vor Aufregung, vor Eile einen keuchenden Klang; seine immer ehrerbietigen Bewegungen wurden zärtlich, schmerzlich, flehend und hüllten sie aus der Ferne ganz ein. »Wenn Sie mich so bitten, müssen Sie glauben, ein Recht dazu zu haben,« sagte das junge Mädchen mit ernster Anmut. Dann fuhr sie mit den Spitzen ihrer Fingerchen über Claudius' Hand. »Ich werde also nicht zu den Marc Javels gehen; aber was für Geschichten und Geheimnisse wird es da wieder mit Mama geben!« Bisher hatte zwischen dieser Mutter und dieser Tochter nie ein Geheimnis bestanden. Frau Eudeline, die so lange von ihren Knaben getrennt gewesen war und bei ihren Verwandten in der Provinz, die sie aus Mitleid bei sich behielten, niemand gehabt hatte als ihre kleine, schon damals sehr kluge und verständige Dina, waren diese abendlichen geflüsterten Geheimnisse auf den Kissen in dem großen Bette, das ihnen aus dem Faubourg du Temple nach Cherbourg, von Cherbourg in den Hinterladen der »Wunderlampe« gefolgt war, zu einer köstlichen Gewohnheit geworden. Aber seit einigen Tagen war das Geplauder weniger vertraulich, und die Mutter fühlte, daß die Tochter ihr etwas verbarg. Da Dina sich gegen einen derartig schmeichelhaften Heiratsantrag so kalt verhielt, daß sie Bedenkzeit verlangte, während jede andre sofort eingewilligt hätte, mußte ihr Herz anderweitig vergeben sein. Aber was kann man aus einem Kinde herausbekommen, das selbst seiner Mutter mißtraut? Die Brüder würden nichts durchsetzen, denn der eine war zu gebieterisch, der andre zu schwach. Es blieb also nur das Tantchen übrig, das gute Tantchen, das eigens von London zurückgekommen zu sein schien, um ihrer alten Freundin aus der Verlegenheit zu helfen. Daran dachte Frau Eudeline unter ihren langen, sentimentalen Schmachtlocken am Abend desselben Tages, an dem Claudius sich unter dem Eindrucke des letzten anonymen Briefes zu einem energischen Entschluß aufraffte, und so begab sie sich ins Parlament. Sie rechnete darauf, Geneviève allein in der kleinen Wohnung zu finden, deren unter dem Dache befindliche Fenster auf einen der inneren Höfe des Palais Bourbon gingen. Unglücklicherweise befand sich aber Vater Jzoard bei seiner Tochter. Das Mädchen saß neben dem weit offenen Fenster und betrachtete schwermütig diesen Horizont aus Dächern und Dachtraufen, die sich im Profil von dem bereiften Himmel abzeichneten. Die Krähen schrien, während der alte Stenograph, mit etwas gezwungener Heiterkeit trällernd, die Hängelampe anzündete. Vater und Tochter schienen voneinander weit entfernt zu sein und sprachen nicht miteinander, als hätte dieses Zwielicht, diese doppelte Beleuchtung sie in verschiedene Räume eingeschlossen. Als daher Frau Eudeline erschien, stieß der mitteilsame Marseiller einen zwanglosen, echt südlichen Freudenschrei aus. ›Welches Pech, daß ich nicht mit ihr reden kann,‹ dachte die Mutter, während sie sich neben Geneviève niedersetzte, und unwillkürlich gab sie ihrem Gedanken ganz laut Ausdruck: »Haben Sie denn heute Sitzung gehabt, Herr Izoard? Wie früh sie zu Ende war!« »Stellen Sie sich vor, sie ist nicht zu Ende. Diese schreckliche Affäre Dejarine hat der Regierung eine Interpellation eingetragen, die alles auf den Kopf stellte. Ich kam nur herauf, um meinem Töchterchen zu sagen, daß sie sich allein zu Tische setzen muß, denn unsre Redner sind mit dem Durchsehen der Korrekturen so saumselig.« Er machte ein paar Schritte, indem er an seinem langen Barte riß, was bei ihm stets ein Zeichen großer Ratlosigkeit war. Dann deutete er plötzlich auf Geneviève und sagte: »Mama Eudeline, ich vertraue sie Ihnen an, ich rechne auf Sie, daß Sie sie mir ein bißchen aufheitern. Sagen Sie, ist das vernünftig? Seit ihrer Rückkehr aus London macht das Kind so ein Gesicht – bald aus diesem, bald aus einem andern Grunde –, so sagt man wenigstens dem alten Vater vor. Heute scheint's, ist es die Geschichte mit dem Dejarine – sie fürchtet, daß unsre arme Casta dabei kompromittiert ist. Warum denn? Sie ist ja gar nicht in Paris –« »Das wissen wir nicht,« sagte Geneviève lebhaft, »Lupniak versteckt sich sicherlich, man hat ihn im Verdacht, einer der Hauptakteure des Dramas zu sein. Freilich beschäftigt sich die liebe Sophie nicht mehr mit der Politik, und ihr Geist hat sich so erweitert, daß sie von Nächstenliebe, von allgemeinem Mitleid träumt – die Welt kennt die Spitäler, die sie gegründet hatte, ihre Kliniken für kranke Kinder –, aber ich weiß, sie ist für die Bravour ihrer revolutionären Kameraden so feurig, so leidenschaftlich begeistert, daß ich jeden Augenblick zittere, sie ankommen zu sehen.« »In der Tat, ich verstehe, daß dich das quält,« meinte Frau Eudeline mitleidig. Aber Vater Izoard blinzelte mit seinen kleinen Steinkohlenaugen und hauchte der alten Freundin zu: »Nur eine Mama kann wissen, was in den Schädelchen dieser kleinen Mädchen vorgeht.« »Ich bitte Sie, fragen Sie das meinige aus, ja?« schienen diese Worte zu bedeuten, und so faßte die alte Freundin sie auch auf, denn kaum war der Stenograph fortgegangen und sie mit Geneviève allein, so murmelte sie: »Die Mamas wissen auch nicht mehr als die andern; zum Beweis dafür möchte ich dich herzlich bitten –« Sie zögerte, und siehe, die matte Haut Genevièves rötete sich in heimlicher Angst. Vielleicht Raimund? Aber Frau Eudeline, ganz in ihren Gedanken aufgehend, achtete nicht darauf. »Mein Dinachen macht mir Sorge. Wenn du mir helfen wolltest, sie auszuforschen –« Geneviève fuhr zusammen. Was lag ihr an Dina? Das war nicht der Name, den sie von den Lippen der Mutter erwartete. »Ihre Tochter ist noch ein Kind, und sie macht Ihnen Sorge, sagen Sie?« »Oh, schreckliche Sorge!« Frau Eudeline begann nun, das Abenteuer ihres kleinen Aschenbrödels zu erzählen, wenigstens dasjenige, das sie kannte. Die arme Mutter schilderte die Befürchtungen, die sie überkamen, als sie sie eine so gute Partie verschmähen sah. »Sie hat vielleicht recht, daß sie sie verschmäht,« versetzte das Mädchen ernsthaft. »Ich habe meinen Vater öfter sagen hören, daß diese Valfons, diese Marquès recht abscheuliche Leute seien. Wer weiß, ob Ihre kleine Dina nicht von einem Instinkt der Würde und Ehrenhaftigkeit geleitet wird.« In der gewöhnlich so ruhigen und tiefen Stimme Genevièves zitterte eine dumpfe Empörung, die in ihren Augen und auf ihren Wangen loderte. »Es ist eigentlich ein schlechtes Gefühl, das mich dazu treibt, diese Leute zu verleumden,« verbesserte sie sich plötzlich etwas verlegen. »Aber können Sie verlangen, daß ich zwischen ihnen und Ihrem Kinde, einer so offenen, geraden Natur, schwanke?« »Du glaubst also nicht, daß sie ihn abweist, weil ihr Herz vielleicht für einen andern gesprochen hat?« Frau Eudeline sprach diese einfachen Worte in girrendem Tone, wie den Refrain einer alten Romanze. »Sie würde es Ihnen gestanden haben.« »Meinst du?« »Aber gewiß.« Die Mutter lächelte außer sich vor Freude und sah den Himmel offen. »Ach, Tantchen, Tantchen, wenn du wüßtest, wie wohl du mir tust. Es ist so traurig, jemand zu mißtrauen, den man liebt. Wenn ich bedenke, daß mein Dinachen, das seit seiner Geburt neben mir schläft, dessen Leben immer einen Teil des meinigen bildete, mir jetzt fremd ist! Ich fürchte, daß sie mir etwas verbirgt.« »Wer hat Ihnen das Recht gegeben, etwas zu fürchten?« fragte Geneviève, indem sie sich erhob, um das Fenster zu schließen, denn der Abend war gekommen. Unten, unter der Galerie des Hofes, ertönte das Geräusch von Waffen und der abgemessene Schritt der abgelösten Wache. »Wer mir das Recht dazu gab?« Frau Eudeline zog aus einer jener unauffindbaren Kleidertaschen, die so unbequem sind, daß die Frauen immer darauf zu sitzen scheinen, zwei oder drei Briefe ohne Unterschrift, von der Art, wie Claudius sie an diesem Morgen erhalten hatte. »Sind Sie auch sicher, daß Dina jeden Tag in ihr Amt geht?« stand in einem dieser Briefe. »Durch die Gunst eines Abteilungschefs oder einer Aufseherin ist nichts leichter als eine falsche Eintragung beim Fortgehen wie beim Kommen des Personals. Also – – « Ein zweites Briefchen machte Frau Eudeline darauf aufmerksam, daß ihre Tochter mit einer Verspätung von einer Stunde oder drei Viertelstunden aus dem Amte zurückkehre. Es wäre interessant, zu erfahren, wo die Kleine diese Zeit zubringe – »Das ist eine Schmach,« murmelte die arme Frau, während Geneviève sich der Lampe näherte, um diese Schändlichkeiten zu entziffern. »Du bist die erste und einzige, die sie zu Gesicht bekommt – diese anonymen Briefe verbittern mir das Leben. Wenn mein Kind jetzt nach Hause kommt, wenn sie weggeht, sehen meine Augen sofort auf die Uhr. Keine Falte ihres Kleides, keine Locke ihres Haares, die ich nicht beobachte; schläft sie, so belauere ich ihren Schlaf und ihre Träume: stehe auf, um ihre Kleider zu durchsuchen, und da ich nie etwas finde, gerate ich in Verzweiflung, statt daß mich das beruhigen sollte – ich sage mir, daß sie eben geschickter ist als ich. Du weißt, in unserm Boot – wie Herr Mauglas zu sagen pflegte – ist man für das Gefühl und für das Sedativwasser.« Sie umschlang das große, schöne Mädchen mit beiden Armen und rief in einem Ausbruch selbstsüchtiger Zärtlichkeit: »Mein liebes Kind, du bist ja so vernünftig; meine Kinder haben dir immer viel mehr gehorcht als ihrer Mutter – hilf mir mein Dinachen wiederfinden. Ich kann es nicht mehr.« Oh, das sanfte, herzzerreißende Lächeln des Mädchens, der schmerzlich ironische Ton, in dem die Antwort erfolgte! »Es ist wahr, ich bin sehr vernünftig, ich bin es immer, sogar zu sehr; ein bißchen Leichtsinn hätte zweifellos besser für mich getaugt. Nun, ich werde auch diesmal die Vernünftige sein, und wenn Ihr Kind eines Rates bedarf, werde ich ihn geben. Aber vor allem –« sie hielt der Mutter die anonymen Briefe mit einer Gebärde des Widerwillens hin –, »vor allem müssen Sie diese Abscheulichkeiten verbrennen, Ihre Augen, Ihre Gedanken nicht mehr davon beschmutzen lassen. Ich stelle mir vor, daß auch mein Vater solche Beschuldigungen gegen die Ehre seiner Tochter erhalten könnte; er würde daran sterben, er würde jemand umbringen.« Ein fröhliches Geklingel, jugendliches Gelächter und wirbelnde blonde Locken – es war Dina, die ihre Mutter abholte und beiden um den Hals fiel, indem sie wegen ihres späten Kommens um Entschuldigung bat. Aber wer war schuld? Herr Raimund. Sie hatte ihn im Geschäft getroffen, im Begriffe, eine Toilette zu machen, die das ganze Haus auf den Kopf stellte, weil er auswärts speisen wollte. Nein, man kann sich gar nicht vorstellen, was für einen Platz ein junger Mann heutzutage braucht, um sich anzukleiden, wie verwickelt eine Männertoilette heutzutage ist. Stiefelhölzer, damit die Schuhe nicht entstellt werden, Hosenspanner, damit die Beinkleider keine Knie bekommen! Kein Mensch hatte je von solcher Eleganz gehört. Aber vor allem mußte man sehen, was für ein Gesicht Antonin zu diesem Raffinement machte; besonders die Stiefelhölzer und die Strumpfbänder für die seidenen Strümpfe ließen ihn die Augen aufreißen. Gewiß, in seiner Werkstätte kannte man all diese Erfindungen nicht. »Dein Bruder speist also jeden Abend außer Hause?« fragte Geneviève, die sich zwang, über dieses Geplapper zu lächeln. Frau Eudeline warnte die Tochter mit einem Augenblinzeln, nicht gar zu boshaft zu sein, aber die Kleine war einmal im Gang und ließ sich nicht mehr aufhalten. »Raimund? Er kennt nichts Höheres, als bei diesen Rastaquouères zu speisen, die ihm berittene Estafetten schicken. Oh, ich habe es ihm gesagt –« »Das dachte ich mir,« unterbrach sie die Mutter; »als ich dich so hochrot ankommen sah, wußte ich gleich, daß du von einem Streit mit deinem Bruder kommst. Tantchen müßte dich schelten, du bist nicht gerecht gegen Raimund. Machst du Toni dieselben Vorwürfe, wenn er nicht zu Hause ißt?« Die Kleine war so empört, daß sie einen Augenblick fast erstickte; aber sie faßte sich rasch. »Toni – Vorwürfe? Mein Gott, warum denn? Wenn er nicht mit uns ißt, so hält ihn nur die Arbeit in der Werkstätte zurück, irgendein dringender Auftrag, der ihn nicht hindern wird, das Geschäft zu schließen oder, wie an diesem Abend, zu kommen, um die letzten Vorbereitungen zum Einzug des Kronprinzen zu überwachen.« Der Name »Kronprinz«, den die Kleine manchmal dem großen Bruder beilegte, brachte das Tantchen zum Lächeln. »Wann also findet der Einzug statt?« fragte sie. »Ohne Zweifel nächsten Sonntag; wir müssen noch ein paar Vorhänge fertig machen,« antwortete Frau Eudeline, indem sie ihre Tochter anblickte. Dina schüttelte mit widerspenstiger Miene den Kopf. »Ich weiß nicht, ob ich Zeit dazu haben werde.« »Aber gewiß wirst du Zeit dazu haben, kleiner Dämon,« meinte das Tantchen, indem sie sie um den Hals faßte. »Ich werde dir sogar helfen, wenn es sein muß. Hör mal, soll ich dich morgen aus dem Amt abholen, damit wir abends zusammen sind?« Dina schien verlegen zu werden. »Ich – ich weiß nie genau, wann es aus ist – diese Extraarbeiten –« »Wir würden den ganzen Abend arbeiten und vor meiner Abreise nach London wieder einmal so gut plaudern wie einst.« »Habe keine Angst, Tantchen, die Gelegenheit dazu wird sich schon finden –« Dina ergriff die kurze, volle Hand der Freundin und drückte sie schmeichelnd an ihre gesenkte Wange. Die beiden andern Frauen wechselten über sie hinweg einen bedeutungsvollen Blick. ›Habe ich dir es nicht gesagt?‹ ›In der Tat, da muß etwas dahinterstecken. Aber seien Sie ohne Sorge, ich werde es erfahren, sie wird es mir sagen.‹ Die Nacht, die diesem Besuche im Palais Bourbon folgte, erschien Dina schrecklich lang. Während sie, das Gesicht zur Mauer gekehrt, neben ihrer Mutter hinter dem Wandschirm lag und sich trotz des Feuers, das ihre Adern schwellte, trotz des Fiebers, das unter ihren geschlossenen Lidern glühte, unbeweglich verhalten mußte, fragte sie sich, wie die Antwort ausfallen werde, und ob Claudius im Falle einer Weigerung den Mut haben würde, sein Wort zu halten. Was sie vor allem betrübte, war der schüchterne Versuch, den Frau Eudeline machte, ehe sie einschlummerte: »Du schläfst, Dinachen? Du willst nicht ein bißchen mit Mama plaudern?« Dann kam ein langer Seufzer und Schweigen. Ach, wenn sie sich in die Arme der Mutter werfen und ihr alles hätte sagen können! Aber nein, Claudius forderte Geheimhaltung und Warten, wieder Warten! Am Morgen beim Aufstehen war ihr erster Gedanke ein inniges Gebet zu Unsrer Lieben Frau von Fourvières, deren Bildnis sie nie verließ. Dieser Tag mußte für das Glück aller – denn sie vereinigte ihr Schicksal mit dem der Ihrigen – entscheidend sein. Als sie daher im Haupttelegraphenamt anlangte und in die Garderobe trat, wo die Angestellten ihre Mäntel und Hüte lassen und den langen, schwarzen Arbeitskittel anziehen, zitterten ihre Hände, während sie ihren Beutel an den Rechen hängte. In diesem schwarzen Perkalsack sollte sie ja die gute oder schlechte Antwort Claudius' finden. Dieser Gedanke beunruhigte sie während der ganzen, glücklicherweise mit Arbeit überhäuften Zeit. Sie fieberte von der schlaflosen Nacht, ihre Wangen und ihre Augen brannten, und so zog sie jeden Augenblick an der Schnur der Ventilation. Aber draußen wehte ein scharfer Wind, Schloßen, Regen und Graupeln spritzten bis in die Mitte des Saales, und empörte Rufe aus allen Ecken zwangen die Aufseherin, das Fenster zu schließen, bis Dina es in einem Anfall von Entnervung fast unwillkürlich wieder öffnete. »Na, der kleinen Eudeline muß aber heiß sein,« murmelten ihre Apparatnachbarinnen, und der Abteilungschef, der mit kleinen Schritten, die Hände auf dem Rücken gefaltet, die Runde machte, warf im Vorübergehen hin: »Der große junge Mann mit den hellen Handschuhen wird ihr so heiß gemacht haben.« Dem Abteilungschef gefiel Fräulein Dina sehr gut, und seit gestern ärgerten ihn diese hellen Handschuhe ganz sonderbar. Übrigens sprach alles im Amte von dem eleganten, geheimnisvollen Besucher, und während der zehn Minuten, die die Damen jede Stunde in der Garderobe zubrachten – die einen, um zu häkeln, die andern, um vor dem Spiegel etwas an ihrer Frisur oder Kleidung zu richten –, war nur von dem großen jungen Mann die Rede. »Wer kann es sein?« »Ein Vetter, ein Bräutigam?« »Sie brennen ja, meine Damen,« sagte die Kleine, indem sie sich zwang, trotz der Traurigkeit, die ihr Herz zerriß, heiter zu scheinen. Die Antwort war noch nicht da. Um drei Uhr noch immer nichts. Trotzdem war ihr Vertrauen zu Unsrer Lieben Frau von Fourvières so groß, daß sie nicht verzweifeln konnte. Endlich, während der letzten Pause vor Schluß, fühlte ihre Hand unter dem Stoff ein Kuvert. Aber alles ringsum, bis zu dem eifersüchtigen Abteilungschef, belauerte sie, und so konnte sie nur – ach, mit welcher Ungeduld und welchem Zittern! – den Brief in die Tasche stecken und bis zum Amtsschluß dort aufbewahren. Ein heftiges Klingeln verkündigt stets die Ablösung im Dienst. Gleich darauf flattert aus den drei Frauensälen im ersten Stock – Paris, Bannmeile, Provinz – ein ganzer lärmender Schwarm von Mützchen, Mänteln und Beuteln, der die breite Treppe ausfüllt. Diese kreuzen sich mit den Mützen, Beuteln und Mänteln der ablösenden Damen, die im Vorübergehen mit forschenden Blicken und ironischem Lächeln begrüßt werden. Dina, die flinker und lebhafter war, hatte sich wie immer durch die Menge gedrängt, und da sie als die erste im Freien war, beeilte sie sich, in die Cité Vaneau zu gelangen. Das war damals ein ganz neues, einsames Gäßchen mit einer Reihe hoher, leerer Häuser und vom Sturm geschüttelter Schilder. Nachdem sie ein paar rasche Blicke um sich geworfen hatte, konnte sie endlich den Brief aus der Tasche ziehen und mit fieberzitternden Händen lesen: »Mein Vater hat mir nicht geantwortet, mein Vater ist nicht gekommen und wird gewiß nie kommen. Ich erhalte die Nachricht, daß er sehr krank ist – eine Lungenentzündung, in seinem Alter fast hoffnungslos. Ich reise sofort hin. Mein Herz ist voll von ihm und von Ihnen. Ich werde noch vor Tagesanbruch in Lyon ankommen, hoffentlich rechtzeitig genug, um ihn zu umarmen. Werde ich ihm sagen können, daß ich Sie liebe, daß Sie meine reine Braut vor Gott sind? Gestern abend hat man ihm die lange Depesche nicht vorgelesen, in der ich ihm meine Liebe zu Ihnen und unsre vor dem heiligen Bilde der Madonna von Fourvières eingegangene Verlobung mitteilte. Diese Depesche hätte ihm wehgetan; ich darf daher nicht bedauern, daß er nichts von ihr weiß. Möchten Sie es glauben, daß in diesem entkräfteten, umdüsterten Geist nur noch der Ehrgeiz lebendig ist? Während seiner Fieberreden spricht er nur von den Valfons und dem Marineministerium. Diese Hoffnung wird sein letzter Atemzug sein; Sie begreifen also, daß ich sie ihm nicht rauben kann und daß ich Sie anflehe, für ihn gerade so zu beten wie für Ihren treuen und Sie leidenschaftlich liebenden Claudius Jacquand.« Als Dina den Brief gelesen, nochmals gelesen und unter dem Handschuh in ihrer hohlen, warmen kleinen Hand verborgen hatte, dachte sie inbrünstig: ›O ja, armer Freund, ich werde für deinen Vater beten!‹ Und mit flinkem, festem Schritt, den Schleier über die Augen gezogen, den schwarzen Beutel am Arme, schlug sie die Richtung nach der Saint-Sulpice-Kirche ein. Das war die Kirche, in die sie am liebsten ging. Diese Gewohnheit, zu einem kurzen Gebet, einem Gelübde in eine Kirche zu treten, hatte sie in der Provinz während der langen, müßigen Tage an der Seite Frau Eudelines angenommen und in Paris beibehalten; nach der Aufregung und dem Lärm im Amte, dem Geräusch der Straßen gewährte es ihr ein unaussprechliches Behagen, sich in einem kindlichen Gebet zu wiegen und danach in der Stille und Ruhe der hohen Schiffe, dem Halbdunkel der Kapelle zu träumen. Das war ein köstliches Asyl für die Phantasie eines jungen Mädchens; es gab kein besseres, wohin sie sich flüchten, von wo aus sie ihren Aufschwung nehmen konnte, ohne Gefahr zu laufen, sich die Flügel zu verletzen oder zu zerbrechen. Von den langen, zwei- oder dreimal wöchentlich unternommenen Betstationen in Saint-Eulpice sprach Dina niemals zu Hause, denn eine zarte Scham und Befangenheit hielt sie davon ab; im Amt ebensowenig. Sie würde das Gelächter, die Scherze der Kolleginnen zu sehr gefürchtet haben. Dennoch hatte man bemerkt, daß sie nach dem Amt immer als erste fortging, ohne jemandes Begleitung abzuwarten, und zwar so rasch, daß man sie nicht mehr sah, kaum daß sie draußen war. Um daraus allerlei Eskapaden abzuleiten, brauchte es der Undurchdringlichkeit eines anonymen Briefes. Seit einigen Tagen ließ jede Morgen- und Abendpost diese Art verlogener und feiger Korrespondenzen sowohl bei Claudius Jacquand wie bei Frau Eudeline nur so hereinregnen. »Mag er sich unter einem Tore auf die Lauer stellen und den Eingang des Hauptamtes bewachen; er wird sich sehr gut unterhalten.« Wie oft hatte sich der arme Verliebte vorgenommen, sich nicht auf die Lauer zu legen und nicht zu spähen, da er dies ihrer wunderbaren Liebe zu unwürdig fand! Und siehe, jetzt trabte er Dina auf den Fersen nach, indem er ihr längs der Häuser der Rue de Grenelle aus der Ferne folgte. Er hatte also gelogen? Die Reise nach Lyon, die Krankheit seines Vaters war eine Lüge? Nein, alles war vollständig wahr. Allein der eifersüchtige Argwohn, stärker als die Angst des Sohnes, hatte ihn wieder ergriffen, als er seine Antwort brachte. Der Gedanke, daß Dina in einer Stunde fortgehen, daß vielleicht irgend jemand sie erwarten könne, kurz, das furchtbare Gift, das er seit zwei Tagen in sich trug, goß Feuer in seine Adern. Er hatte noch zwei Stunden Zeit bis zur Abfahrt des Zuges nach Lyon; so würde er wenigstens mit einer Andeutung, mit einem Fingerzeig fortreisen und nicht von furchtbaren Zweifeln verzehrt, gequält werden. Croix-Rouge, die Rue du Vieux-Colombier... Mit raschen Schritten, den Kopf unter ihrem blauen Seidenentoutcas, der der Reihe nach von der Sonne verbrannt wurde oder von Schloßen troff, hoch erhoben, ging die Kleine geradeaus vor sich hin, auf ein bestimmtes Ziel los, das nicht ihre Wohnung war. Zwei- oder dreimal führten die langen Beine des Lyonesers ihn dicht auf ihre Fersen; dann überschritt er die Straße oder blieb vor einem der Läden mit frommen Gegenständen, Rosenkränzen, Heiligenbildern stehen, mit denen dieser Stadtteil überfüllt ist. Plötzlich, als er sich in der Mitte der Rue Saint-Sulpice umdreht, schaut er vergeblich nach rechts, links, vorwärts, rückwärts – er sieht nicht mehr die lebhafte, schlanke Silhouette, die eben vorhin auf der andern Seite der Straße auf dem längs der alten, schwarzen Mauern der Kirche sich hinziehenden Trottoir dahineilte. Als er eine Menge Leute durch die kleinen Türen aus und ein gehen sieht, kommt ihm der Gedanke, daß sie vielleicht dort verschwunden sei. Diese seltsame kleine Katholikin hatte ihm ja auf dem eleganten Feste von ihrer Vorliebe für Unsre Liebe Frau von Fourvières erzählt, deren Medaille sie um den Hals trug. Um sich darüber zu vergewissern, stieg er vier oder fünf Stufen hinan, stieß die Tür auf und wurde nun von einer so großen, außerordentlichen Bewegung ergriffen, daß er einige Minuten den Beweggrund vergaß, der ihn hergeführt hatte. Von der Tiefe des mit Gold und Feuer gleich einer asiatischen Tiara besäten Chores an war das große Mittelschiff in einer sternenhellen Lilienweiße gebadet, die von den aneinandergereihten Musselin- und Tüllkleidern, den weißen Schleiern, den weißen Bändern, Arm- und Kopfbinden der Konfirmanden und den Chorhemden des großen Seminars aufstieg, das in Reihen von zweihundert jungen Priestern hinter den Gruppen der Kinder saß. All das zusammen bildete eine Schlagwelle, einen weißen, beweglichen Fluß, der von dem zu den hohen Fenstern hereinfallenden Licht regenbogenförmig bestrahlt, von der Musik der Orgel und den kistallhellen Kinderstimmen in dem Duft des Weihrauchs und der weißen Fliedertrauben auf dem Hochaltare gewiegt wurde. Während dieses Tages hatte von der Morgendämmerung an die erste Kommunion, dann nachmittags die Konfirmation und Erneuerung der Gelübde stattgefunden; so erzählte ihm eine alte, aufgeregte Großmutter mit kleinen, wimperlosen, vor Freude glänzenden und überströmenden Augen. Die unteren Teile der Kirche waren mit Erscheinungen dieser Art, mit zarten, mehr oder minder jungen weiblichen Wesen gefüllt; aber alle besaßen dieselbe gebeugte, betende Haltung, alle diese Körper neigten und spannten sich, um die Flügel zu einem neuen Aufschwung zu öffnen, oder lagen schmachtend und matt wie am Ende eines Tages voll erschöpfender Ergießungen und Verzückungen über die Betstühle geneigt. Wenn man vom Saint-Sulpice-Platze kommt, von einem jener Kreuzwege des linken Ufers, der von dem Pfeifen und Klingeln der Omnibusse, dem Lärm gemeiner Wirtshausgesellschaften widerhallt, wo unanständige Lieder und Gelächter kreisen – wenn man aus der niedersinkenden Nacht tritt, die durch den Sturm, der die Hälfte des Wasserbassins auf den asphaltierten Platz ausschüttet, noch trauriger gemacht wird und gleichsam ein Abbild all des Abschaums, all des Kotes der um den Tempel schäumenden Stadt darstellt –, so ist der Gegensatz zu diesem Kirchenschiffe sehr groß. Dieses ungeheure Schiff mit den weißen Segeln hat zu seiner Verteidigung nichts als Blumen und Hymnen. Eine Minute lang empfand der Lyoneser diesen Aufeinanderprall, diesen Wirbel von entgegengesetzten Eindrücken; aber als sie wieder an Ort und Stelle waren, fühlte er eine köstliche Ruhe, und in seinem Geiste sangen die Verse des Dichters: »Sieh, welche Rächer sich wappnen zu deinem Streit, Nur Frauen, kleine Kinder, o ewige Gerechtigkeit!« Die Orgel und die Kinderstimmen setzten ihren leisen, einwiegenden Gesang, die weiße Schlagwelle ihr geheimnisvolles Strömen fort. Plötzlich bemerkte Claudius unter den andern knienden Gestalten eine kleine Frauengestalt, die er an dem schweren, goldenen, gewundenen Zopf auf dem weißen, gesenkten Nacken erkannte. Dina, das war Dina! Erst jetzt, als er sie in Gebet und Tränen versunken sah, erinnerte er sich, daß er sie in seinem Briefe gebeten hatte, für seinen dem Tode nahen Vater zu beten. Hierher war sie also so geradeswegs, so schnell gegangen, während er ihr aus der Ferne folgte, während sein abscheulicher Verdacht schändlich hinter ihr her keuchte! Ach, jetzt konnte er fortreisen, jetzt trug er das Bild des jungen Mädchens, von aller Angst geläutert, strahlend und rein auf seinem Herzen, auf seiner Brust, wie ein kostbares Amulett, und nichts konnte ihn davon trennen. V Der Einzug An einem sonnigen Vormittage beendete Antonin die Einrichtung des großen Bruders am Boulevard Saint-Germain. Raimund sollte kurz vor Mittag mit Frau Eudeline kommen; sie würde ihm die Wohnung zeigen, die ganze Pracht – den Balkon, die wie ein Spiegel zwischen den Kais glänzende Seine, den Horizont aus Himmel und Wasser – eingehend erklären und dann fragen: »Rate mal, wo wir sind? Für wen sind diese Vorhänge, diese Möbel, dieses Klavier bestimmt?« Auf den glücklichen Aufschrei, der Raimund dann entschlüpfen würde, warteten seit vierzehn Tagen alle wie im Fieber. Toni saß mit seinen Tapezierernägeln zwischen den Zähnen auf einer Doppelleiter in dem schmalen Ankleidezimmer, das er von oben bis unten mit einer bunten, geblümten Genueser Leinwand ausschlug, und verzierte sein Gespräch mit Dina mit Hammerschlägen und verschiedenen »der – die – Dingsda«. Dina war emsig beschäftigt, Vorhänge zu säumen. Sie war so winzig, daß sie zwischen der Flut der rings um die Leiter ausgebreiteten rosa Leinwand verschwand. Infolge des Widerscheins des strahlenden, tanzenden Flusses, der die Scheiben ganz erfüllte, hätte man meinen können, in einer Schiffskajüte zu sein, und zwar ganz im Vorderteile; denn das Haus bildete die Ecke des Kais an der Spitze des Boulevards, und alle Räume verengten sich nach rückwärts. »Sag mal, Brüderchen,« ertönte nach einer Pause die Stimme Dinas unter den Behängen hervor, »bist du mit diesen russischen Revolutionären oft zusammengekommen, als du vor drei oder vier Jahren in London wohntest?« Die jungen Leute sprachen so wie ganz Paris an diesem Vormittage von der schrecklichen Affäre Dejarine. »Oh, sehr selten, Schwesterchen,« antwortete Toni, draufloshämmernd. »Ich wohnte ganz außerhalb von London, in einer ehemaligen Tuchfabrik am Ufer der Themse. Ein Teil des Flusses ging unter meinem Hause durch und kam in einer Kaskade wieder zum Vorschein; alles bei uns tanzte. Ich hatte sehr wenige Leute, gerade genug zum Beaufsichtigen meiner Dynamomaschinen und zum Besuch der Kunden; ich fand daher, als die schönen Tage kamen, kaum einmal im Monat Zeit, im Fabrikwagen durch die großen Wiesen der Londoner Bannmeile zu fahren, auf deren Grün die Annoncen, die Affichen sich so drollig flach am Boden ausbreiten.« Aber seine Stimme wurde von der Arbeit übertönt. Er verstummte und begann erst nach einer Weile wieder zu reden. Oh, diese englischen Häuser, die so gastfreundlich und bequem sind, wenn man einmal drin ist – wie abschreckend und unzugänglich erschienen sie von außen dem Pariser Arbeiter, mit ihren zu festen Verschlußvorrichtungen, ihren guillotineartigen Fenstern. An dieses verschlossene, strenge Aussehen des englischen »Home« hatte er sich nie gewöhnen können. Bei Sophie Castagnozoff sah es ganz anders aus. Er kam gewöhnlich zu ihrer Empfangsstunde, wenn die weit offenstehende Tür einen kläglichen Zug von Aussätzigen und Elenden erscheinen ließ. »Erwarte mich im Hydepark, ich suche dich nach meiner Sprechstunde auf!« rief ihm die gute Casta zu. Auf einer der Bänke des ungeheuern Square, dem Pariser Bois de Boulogne, nur im Herzen der Stadt, traf Antonin fünf oder sechs russische Flüchtlinge. Manchmal lagen sie in den Wiesen neben krätzigen und mit Ungeziefer bedeckten Vagabunden, deren Bison- und Flußpferdrücken aus dem hohen Grase auftauchten. Nur eine hölzerne Schranke oder ein ganz niedriges Gitter trennte sie von der Reihe der prunkvollen Landauer, Kaleschen, Reiter und Amazonen, ohne daß je ein Blick aus diesen Equipagen auf die am Rasen liegenden wilden Tiere fiel, ohne daß eines dieser wilden Tiere seinen Schlummer unterbrach, um diese luxuriösen Gespanne und Livreen mit Neid zu betrachten. »Armer Toni, wovon konntest du denn mit diesen Wütenden reden?« »Ja, siehst du, Schwesterchen, ich sagte zu ihnen: ›Wenn es böse Leute auf der Welt gibt, so ist das nicht ein Grund, ebenfalls böse zu sein.‹ Daraufhin ermangelte Herr Lupniak nie zu antworten –« »Wer? Lupniak? Der Mörder? Der Mann, dem man den Tod des Generals zuschreibt?« »Jawohl. Oh, er ist kein Wilder, im Gegenteil, ein sehr wohlerzogener Mann, ein ehemaliger Artillerieoffizier, aber einer jener unerbittlichen Theoretiker, für den – schließlich, nicht wahr? – ein Menschenleben nicht dasselbe – dieselbe – die – Dingsda – Mir warf er vor, daß ich ein schrecklicher Egoist sei –« Das Schwesterchen fuhr wütend aus der rosa Leinwandflut empor. »Du, ein Egoist?« »Ach ja, es ist etwas Wahres an der Beschuldigung,« meinte Toni hoch oben auf seiner Leiter. »Mein Traum von irdischem Glück ist ein wenig beschränkt. Wenn ich fühle, daß ihr, du, Mama, der Bruder, selbst Tantchen, alles habt, was ihr braucht, wenn ich glaube, daß ihr glücklich seid, so verlange ich mir nichts mehr. Ich bin wie unsre Mutter, als wir klein waren – wenn sie uns einmal alle drei ins Bett gesteckt hatte, war ihr Tag zu Ende; dann erst schlief sie ruhig.« »Das ist es eben, dieser Lupniak kannte dich nicht. Sophie hätte dich nie einen Egoisten genannt.« »Oh, sie ist eine Heilige ... alles, was in der Welt leidet, tut ihr weh, sie würde sich nicht ausruhen, bis – schließlich, nicht wahr? – der – die –« »Ja, bis sie die ganze Menschheit ins Bett gesteckt haben wird,« ergänzte die Kleine lebhaft. »Weißt du, für mich wäre das zu schön,« fuhr sie fort, indem sie mit aller Macht drauflosstichelte. »Wenn ich könnte, würde ich mich damit begnügen, ein Egoist nach deiner Art zu sein, ein Egoist, der sich sein ganzes Leben geopfert hat, der sich darein ergab, nichts zu sein als ein Arbeiter, nichts von all dem zu lernen, was man den älteren Bruder lehrte –« »Der arme Raimund, was hat ihm das bisher genutzt? Er liebt uns so sehr, gibt sich so viel Mühe, uns zu Hilfe zu kommen. Ja, ja, Dina, ich schwöre es dir, er gibt sich sehr viel Mühe – oh, ich weiß es wohl, du siehst ihn nicht im rechten Lichte, ihr versteht einander nicht.« Dina lächelte spöttisch. »Es ist wahr, ich bin weniger gut als du und Mama. Heute bin ich ganz wütend, weil ich Vorhänge säumen muß, statt in Morangis mit Geneviève den schönen Sonntag zu verbringen. Das liebe Tantchen hat gestern den ganzen Abend hier bei mir genäht; der Gedanke, daß sie für Raimund arbeite, erfüllte sie mit Feuer. Höre mal, soll ich dir etwas sagen? Mein Zorn gegen ihn rührt hauptsächlich von seiner Gleichgültigkeit gegen Geneviève her. Damals auf dem Balle habe ich die gesehen, die er ihr vorzieht.« »Du irrst dich, Didine, er zieht ihr niemand vor, nur –« Da Toni jetzt mit dem Benageln seines Plafonds fertig war, stieg er von der Leiter herab und setzte sich auf die untere Staffel, um der Schwester zu erklären, warum Raimund auf Geneviève verzichte: weil er sich bei all seiner Verantwortlichkeit für die Familie nicht für berechtigt hielt, sie zu lieben, zu heiraten. »Du sprichst von Opfer, mein Kind, er hat uns seine Liebe geopfert, das mußt du dir vor Augen halten. Denn dieses Mißtrauen zwischen euch beiden quält mich; es könnte für die Mama ein großer Kummer werden, wenn ich nicht mehr da bin, wenn ich meiner Militärpflicht genügen muß – ohnehin habe ich so viel Sorgen mit dem Gelde –« »Sei ruhig, mein Toni, du bist noch nicht fort, und bis dahin wird sich sicherlich noch etwas ereignen.« Als der Kleinen diese unvorsichtigen Worte entschlüpften, sah Antonin, von ihrem stürmischen Ton betroffen, sie neugierig an. »Was gibt es denn, eine Erbschaft?« Ach, wenn Dina reden könnte, wenn sie nicht versprochen hätte!... Sie errötet und stammelt: »Nein, es gibt nichts, außer, daß Raimund jetzt, nachdem er eingerichtet ist –« Aber da ist ja Raimund. Er erscheint mit Mama Eudeline, und es folgen nun ein paar köstliche, dem Programm entsprechende Minuten, nur mit der Variante, daß, nachdem die Wohnung Stück für Stück besichtigt worden ist und Frau Eudeline ihren Sohn fragt: »Rate mal, wo wir sind?« die kleine Dina wider Willen ruft: »Als ob du es ihm nicht vom ersten Tage an verraten hättest!« Dann fangen alle mit feuchten Augen zu lachen an, was nicht vorher im Programm stand. Freilich, er wußte es schon lange zuvor, aber was man ihm da zeigte, überstieg alle seine Voraussetzungen! Wie konnte man annehmen, daß Antonin bei den Tapeten und den Möbeln diesen zarten, sicheren Geschmack entwickeln würde? Denn diese Wanduhr war antik, jener Schrank dort ein seltenes Stück. Sogar das Klavier stammte aus einer guten Fabrik, und wie angenehm war die Lage der Wohnung! Raimund öffnete ein Fenster und machte ein paar Schritte auf den Balkon, indem er die Arme bewegte, als halte er eine Rede. Der frische Morgenwind hob seine blonden Locken und vergrößerte prächtig seine Stirn. Unten rollte die Pferdebahn dahin, und die Pfeifen der Remorköre an den Ufern lärmten, während die Sonntagsglocken dazu läuteten. »Du hast mir ein wahres Sprungbrett unter die Füße gelegt, Brüderchen,« sagte er, indem er Antonin bei den Schultern faßte. »Du wirst sehen, was ich jetzt –« Er sprach sich nicht näher aus – wozu auch? Hatten denn nicht alle Vertrauen zu ihrem Ältesten? Bald würde er Präsident des »V. d. P. St.« werden – das versicherte man überall –, und dann würde es ihm nicht an Gelegenheiten fehlen, zu reden, sich ins rechte Licht zu setzen. Das war der erste Schritt zur Politik, zum Deputierten. Jetzt, da er die richtigen Werkzeuge in die Hände bekam, war alles möglich. »Vor allem, liebe Mutter,« – er war in das Arbeitszimmer zurückgekehrt und stützte sich stehend mit dem Ellbogen auf den Kamin, schon ganz wie zu Hause, als ob er seine Klienten empfange – »vor allem kündige ich dir einen lieben Besuch an, den ich seit einigen Tagen hinausschiebe; denn diesen Besuch, der uns beiden gilt, hätten wir im Laden nicht anständig empfangen können.« Alle sahen ihn erstaunt an. »Wer ist das?« fragte Frau Eudeline. »Wie, du errätst es nicht?« Und unter allgemeiner Verblüffung sprach er: »Frau Valfon, die Gemahlin des Ministers des Auswärtigen, wird kommen und um die Hand Fräulein Dinas für ihren Sohn Wilkie anhalten. – Nun, das hast du ja eigentlich erwartet.« Die Mutter senkte ganz verstört die Augen und schien auf dem Boden eine Antwort zu suchen, die sie nicht bloßstellen würde. »Gewiß, ich wußte es, du hast es mir ja gesagt, aber ich nahm nicht an – ich dachte nicht – kurz, daß es so schnell kommen würde.« »Oh, es wird auch nicht sofort sein,« antwortete Raimund lebhaft. »Du hast es doch Dina ordentlich erklärt? Sie ist zu jung, und Wilkie befindet sich noch nicht in einer gefestigten Position, aber er ist so – so verliebt – es gibt kein andres Wort dafür –, er will sich daher als erster einschreiben, aus Furcht, daß jemand sie ihm rauben kann.« Antonin, der zum erstenmal von diesem Heiratsantrag reden hörte, machte ein bestürztes, komisch erstauntes Gesicht. Dinas Lippen waren ein wenig erblaßt, aber ihre Miene blieb ruhig, und sie schien ihre Antwort vorbereitet zu haben, so ruhig und fest sprach sie: »Mein lieber Raimund, danke Frau Valfon für die Ehre, die sie mir erweisen will, aber jeder Besuch hier wäre unnütz, denn mein Entschluß steht unwiderruflich fest. Ich hatte Mama gebeten, dir das mitzuteilen.« »Sie hat es mir auch mitgeteilt,« – die Stimme Raimunds sowie seine Hände zitterten – »aber ich hielt das für die Laune eines kleinen Mädchens, die das geringste Nachdenken erschüttern würde. Bedenke doch, was diese Heirat für dich bedeuten wird, in welche Gesellschaft du eintreten wirst –« Dina hob stolz das Köpfchen. »Gerade zu dieser Gesellschaft will ich nicht gehören. Ich habe mich einmal in ihr befunden, und das genügt mir. Wenn man hört, wie die Frauen, die jungen Mädchen untereinander reden, überkommt einen der Ekel. Im Haupttelegraphenamt, wo wir doch genug freche Dinger haben, sah ich nie – hörst du wohl, nie! – etwas Ähnliches wie diese Nadia, die Tochter des Generals, oder ihre schöne Freundin, die Nichte Marc Javels.« Raimund war mit zwei Schritten dicht vor ihr. »Du wirst also auch dorthin nicht gehen?« »Gewiß nicht.« »Nun, das ist ja nett,« sagte Raimund ganz leise, wie vernichtet. »Was soll ich machen?« fuhr die Kleine mit ihrer entschiedenen Miene fort. »Ich bin wohl im Faubourg du Temple geboren, aber in der Provinz erzogen worden, und diese Pariser Gesellschaft macht mir angst. Ich bin überzeugt, daß Antonin und Mama im Grunde meiner Meinung sind, und wenn Tantchen hier wäre–« Frau Eudeline schüttelte ihre Schmachtlocken und dachte: ›Gewiß, wenn ich nur sicher wäre, daß sie auch alles sagt, was sie sich denkt!‹ Und Toni murmelte, zu Raimund gewendet: »Es ist wahr, Brüderchen, wenn ich eine Frau zu wählen hätte, würde ich sie mir nicht aus der – die – Dingsda –« Raimund zuckte mit den Achseln: »Ist das dein letztes Wort?« fragte er, indem er sich zu seiner Schwester herabbeugte. »Du wirst also den Antrag meines Freundes Wilkie nicht annehmen, weder in einem halben Jahre noch in einem Jahre?« »Niemals.« »Nimm dich in acht, mein Kind,« murmelte Raimund, und man merkte, daß er durch diese erkünstelte Sanftmut seinen Zorn zügelte. »Ehe du dich zu einem entschiedenen Nein entschließt – weißt du auch, was du tust?« »Ich glaube wohl.« »Ich glaube es nicht!« Er machte eine Pause, eine ungeheure Pause, wie auf dem Theater, dann sagte er sehr ernsthaft: »Damit machst du ganz einfach meiner Präsidentschaft den Garaus.« Sie machte eine Gebärde vollständiger Gleichgültigkeit: »Na, das –« »Daran liegt dir ebensowenig wie an meinem Freunde, willst du sagen? Aber es ist nicht ganz dasselbe – ich habe keine Präsidentschaft zum Ersatz, während du dich zweifellos anderweitig versorgt hast; das gnädige Fräulein hat wahrscheinlich schon seine Wahl getroffen?« Er lief im Zimmer umher, das für seine Wut zu klein war, und plötzlich erhob er die Faust drohend gegen die Zimmerdecke: »Oh, die Familie, die Familie!« Dina, von diesen beleidigenden Anspielungen gereizt, fragte, höhnisch lachend, was die Familie ihm getan habe. »Sie ist mein Ruin – sie verzehrt mich bis auf die Knochen.« »Die arme Familie, wenn sie nur dich hätte, wovon sie sich nähren könnte, so wäre sie sehr mager –« »Dina!« rief die Mutter tief betrübt. Aber er unterbrach sie: »Laß sie nur; laß sie nur ich wäre neugierig, zu sehen –« Er wandte sich wieder der Schwester zu. »Du findest also, daß ich nicht genug für euch getan habe, daß ich euch nicht genug von meinem Fleische, von meinem Blute gegeben habe?« »Dein Fleisch und dein Blut – ich habe nie etwas davon gekostet. Und was die andern betrifft, so weiß ich nicht... ich kann nur sagen, daß du alle möglichen Berufe versucht hast, ohne bei einem zu bleiben. Du wolltest in die Ecole Normale eintreten, Jus studieren, nach Indo-China gehen –« Antonin streckte bestürzt, verzweifelt aus der Ferne die Arme aus: »Dina, ich bitte dich!« Aber welcher Zügel konnte die Kleine zurückhalten, wenn sie einmal in Wut geriet? Die Einmischung des Bruders reizte sie nur noch mehr und diente neuen verletzenden Worten zum Vorwand. Was wären sie ohne Antonin? Dort stand der, der für alle gelitten, der alle genährt, gekleidet, beherbergt hatte, dort stand die wahre Stütze der Familie. Er, Raimund, war nur die Titularstütze! Kaum war das Wort heraus, so erschrak sie über die Ungeheuerlichkeit desselben und machte gleichsam einen Satz, um es zurückzuziehen. Hätte der älteste Bruder ihr in diesem Augenblick die Arme geöffnet, so wäre sie ihm um den Hals gefallen und hätte ihn um Verzeihung gebeten. Aber der Streich war gefallen. Er, der Gott, der Buddha, ward einem solchen Schimpf ausgesetzt, und von dieser kleinen Rotznase! »Meine Liebe, das ist zu geistreich für dich,« sagte er, indem er mit gekrümmtem Zeigefinger ihr Kinn emporhob. »Dieses giftige Wort hat man dir eingeflüstert, von selbst hättest du es nicht gefunden.« Die Mutter schluchzte, und Antonin flehte mit gefalteten Händen: »Kinder, Kinder, Dina, du bist nicht gerecht! Verzeih ihr, Raimund; du kennst ja ihren Jähzorn, sie hat Papas Krankheit geerbt.« Raimund fuhr auf ihn los wie ein Hund auf eine Wespe. »Du, laß uns in Ruhe; ich habe genug von deinen Grimassen, du falscher Christus, du Scheinheiliger, von deinen Wohltaten, die mir zuwider sind. Nimm deine Möbel zurück, behalte deine Wohnung, ich kehre in meine Dachkammer in die Rue de Seine zurück.« »Aber diese Dachkammer bezahlt er ja auch!« schleuderte ihm Dina ins Gesicht. »Didine, du bist boshaft!« schrie Toni, umschlang seinen Bruder mit den Armen, drückte ihn an sich und schmeichelte: »Du wirst nicht fortgehen, Raimundchen; ich habe dir ja nichts getan, daß du mir diesen Schmerz verursachen solltest. Es ist so gut, wenn alle beisammen sind, man fühlt sich so wohl. Erstens ist es kein großes Verdienst von mir, wenn ich dich einrichte; ich wußte ja, daß es uns allen zum Nutzen gereichen würde. Gott, Gott, wenn ich an die Freude Mamas heute früh denke, und jetzt ist sie ganz verzweifelt! Vorwärts, Didine, gib deine Hand, gib ihm dein Händchen. Siehst du, Mama, er bleibt, er bleibt. Ja, ja, sag nicht nein, Raimundchen – so ist es gut, sie sind versöhnt.« Ein schweres Stillschweigen entstand, dann sagte der Älteste beruhigt, aber entschlossen: »Gut, ich bleibe, aber unter einer Bedingung –« »Alles, was du willst.« Raimund dachte eine Sekunde nach, dann sagte er: »Trotz allem, was hier gesprochen wurde, bin ich das Oberhaupt der Familie, und als solches verlange ich, respektiert zu werden. Ich will eine Aufstellung aller Auslagen, die du für mich gemacht hast.« »Die Quittungen sind in dieser Lade,« sagte der jüngere Bruder freudig, »alles ist bezahlt und in Ordnung.« Raimund blätterte in dem Bündel Rechnungen und sprach im ernsthaftesten Ton: »Noch vor morgen wirst du von mir einen Wechsel auf drei oder sechs Monate erhalten. – Ich bestehe darauf, ich fordere es,« fügte er hinzu, um jede Erörterung abzuschneiden. Frau Eudeline, die sich die Wangen wischte, unterstützte diese Idee ihres Ältesten: »Er hat recht, ein Wechsel ist anständiger.« Sie war bereits beruhigt, denn sie sah, daß ihre Kinder wieder einig und Raimund mit seinem Bruder quitt war, da er ihm einen Wechsel geben wollte. Wie schade nur, daß man den Tag nicht zusammen verbringen konnte! Aber Raimund mußte sich mit seiner Wahl beschäftigen. »Ich habe noch den Rest der Bibliothek herüberzuschaffen und einen ganzen Notenkasten zu ordnen,« sagte Toni, indem er seinen Bruder mit seinen unruhigen, treuen Hundeaugen ansah. »Oh, es hat nicht viel zu bedeuten, um so mehr, als ich mir von Frau Alcide, der Verwalterin, die deine Wirtschaft besorgen wird, helfen lasse. Aber da du fortgehst, lasse mir deinen Schlüssel da; beim Nachhausekommen wirst du ihn unter der Matte finden.« »Vor allem irre dich nicht und komme nicht in die ›Wunderlampe‹ zum Übernachten!« rief die Schwester lachend. Raimund fragte, ob sie von dem kleinen Zimmer sofort Besitz ergreifen werde. »O nein, noch nicht, ich fühle mich in Mamas großem Bett hinter unserm Wandschirm viel zu wohl.« Das Mädchen sagte das mit einer so naiven, so rührenden Anmut, daß Frau Eudeline davon ganz bewegt und über gewisse Zweifel beruhigt ward, die durch den Entschluß ihres Kindes in ihr entstanden waren. Raimund hatte vor allem nötig, allein zu sein, um sich zu sammeln, zu fassen. Er fühlte sich in seinem Stolz tief verletzt, kam sich wie herabgesetzt, verkleinert vor und empfand das Bedürfnis, sich rasch in jene gute, zärtliche, wunderbare Wärme einzuhüllen, deren ihn seine Familie so plötzlich beraubt hatte. Er dachte zuerst an seine Freunde, die Izoards, die seit zwei Tagen aufs Land gezogen waren. Dort war er sicher, einen begeisterten Empfang, ein williges Ohr für seinen Kummer, seine Klagen zu finden. Da Dina sich weigerte, zu Marc Javel zu gehen, konnte er mit dem alten Stenographen einen förmlichen Besuch bei dem Gläubiger seines Vaters verabreden. Die Hartnäckigkeit dieses kleinen Mädchens war doch sehr seltsam. Was verbarg sich dahinter? In welche abscheuliche Lage gegenüber Wilkie, Frau Valfon, dem Minister würde sie ihn bringen? Alle diese Sorgen hämmerten ihm im Kopfe, während der Orleanser Zug ihn nach Morangis und zum Freiheitsbaum am Kreuzwege führte. Als der Klopfer dröhnend gegen die Tür des alten Jagdhauses fiel, stieg ein Schwarm Tauben von dem blauen Dache in die Höhe, und die Stimme des alten Vater Izoard ertönte aus dem Hintergrund des Gartens: »Sieh da, Raimund, so ein Pech! Ich wette, du wolltest den Tag mit uns verbringen, und nun ist Geneviève bis zum Abend mit Freunden aus der Provinz fort, und ich speise in Paris. Ein großes Festessen zu Ehren meiner Ernennung zum Chef der Kammerstenographen. Nun, tritt ein, wir können noch einen Moment plaudern, ehe ich mich anziehe; mein Töchterchen hat alles vorbereitet.« Der noch feuchte Garten bewahrte im Schatten den winterlichen Frost, aber überall, wohin die Sonne fiel, knospte der Frühling auf den dünnen Zweigen und durchduftete die Hecken und den Rasen. »Guten Tag, Flieder, ich grüße euch, Maiblumen!« hätte Raimund gern all diesen schönen Frühlingsdüften, die ihn an die Sonntage seiner Jugend erinnerten, zugerufen; aber wie hätten die Kirschbäume in der Allee, der Flieder am Rande des Zaunes in diesem großen jungen Mann, dessen fahlblonde Locken bis an ihre Zweige reichten, den netten, blonden kleinen Jungen, den ehemaligen Schüler des Tantchens wiedererkannt? Er, der den Trost eines befreundeten Winkels suchte, empfand daher, als er sich unter der Laube niedersetzte, den Eindruck von Einsamkeit und Verlassenheit, und das Herz preßte sich ihm zusammen, als lege er sich entmutigt in einem Graben der Landstraße nieder. »Stimmt etwas nicht, Junge? Was fehlt dir?« fragte plötzlich Vater Izoard, dessen kleine schwarze Augen ihn seit seinem Eintritt spähend beobachteten. Raimund bemühte sich, nicht gerührt zu werden, und antwortete einfach: »Man hat mir eben den Star gestochen, und das tut weh – das fehlt mir.« Der Alte schob seine Ungeheuern Augenbrauen in die Höhe. »Den Star – dir?« »Ja, Herr Izoard, jetzt weiß ich, daß ich mein Leben verfehlt habe, daß die Aufgabe, die mir mein Vater beim Sterben anvertraute, mein Stolz, mein Mut, daß ich unfähig war, zu – zu –« Die Tränen erstickten ihn, und er mußte innehalten. »Ja, wer hat dir denn das alles gesagt, armes Kind?« Der alte Vater war ebenso gerührt wie er und versuchte ihn zu trösten, vor allem davon zu überzeugen, daß die Seinigen ihn als das Oberhaupt der Familie liebten und achteten. Selbst in den besten Familien gab es solche Stürme, die aber weder der Autorität noch der Zuneigung schadeten. Jawohl, Victor Eudeline hatte sich in seine blinde Ehrfurcht vor Latein und Griechisch verrannt. Es wäre besser gewesen, wenn Raimund so wie sein Bruder bei Esprit Cornat eingetreten wäre; dort hätte er das Brot des Hauses und seinen Titel, die Stütze der Familie, wacker verdient. Aber wessen Schuld war es, wenn das nicht der Fall war? Wer durfte ihm das zum Vorwurf machen? »Alle Welt, Herr Izoard,« sagte der junge Mann, mit einer wütenden Bewegung seine Tränen trocknend. »Weil ich nun selbst fühle, daß ich meiner Pflicht nicht entspreche, weil ich furchtbare Dinge anhören mußte, die ich nicht mehr hören will, bin ich zu Ihnen, zu meinem ältesten Freunde, gekommen. Ich bitte Sie, mich zu Marc Javel zu begleiten. Erinnern Sie sich noch, wie Sie mich im Gymnasium abholten, um ihn immer in einem andern Ministerium aufzusuchen? Wir werden die Jagd wieder von vorn beginnen. Er muß mir eine Anstellung finden, wo immer, was immer, damit ich den Meinigen zu essen geben und meinen Bruder von einem Posten entheben kann, auf dem er schon zu lange und vor seiner Zeit steht.« Pierre Izoard, der neben ihm auf der runden Bank der Laube saß, drückte ihn kräftig an sich. »Umarme mich, du bist ein guter Junge.« Raimund wurde durch diese Umarmung noch gerührter. »Ach, lieber Freund, wenn Sie wüßten, wie man mich gekränkt hat,« murmelte er. »Zu sehen, daß meine Mutter, meine Mutter an mir zweifelte!« Das war eine dicke, aber fast unwillkürliche Lüge, die er in der Aufregung aussprach. »Ja, das Leben ist nicht heiter, aber jeder hat sein Päckchen, wenn dich das trösten kann,« antwortete der alte Mann. Er hatte den ungeheuern Strohhut, den er zu Ehren des ersten Frühlingssonntags aufgesetzt hatte, tief in die Augen gezogen und schritt nun rund herum um die Laube. »Glaubst du etwa, daß ich keinen Kummer habe? Weißt du, in wessen Gesellschaft Geneviève in diesem Augenblicke ist? Ich versprach ihr, es niemand zu sagen, aber dir, besonders nach all dem, was ich eben hörte, nachdem du mir einen ganz neuen Raimund gezeigt hast, muß ich es doch sagen ... Nun, mein Töchterchen spaziert in den Wäldern mit Sophie Castagnozoff, die heute früh von London ankam. Ich glaubte anfangs, daß sie dem Lupniak zu Hilfe komme, der, wie es heißt, in diese abscheuliche Affäre Dejarine verwickelt ist. Aber nein, Lupniak ist, scheint's, geschützt, läuft keine Gefahr. Sophie aber kommt, um meine Tochter abzuholen, um sie daran zu erinnern, daß sie sich verpflichtet habe, mit ihr zusammen in Anglo-Indien eine Filiale jener Stiftung für kranke Kinder zu errichten, die die Doktorin jenseits des Kanals errichtet hat. Du weißt, Geneviève hat sich in London wieder an die Medizin gemacht, um sich der Stiftung ihrer Freundin zu widmen. Sie verhehlte es mir nicht, forderte sogar die dreißigtausend Franken, die ihr von ihrer Mitgift blieben, um damit die ersten Kosten der Filiale zu bestreiten. Was dann geschah, was für ein Wechsel in ihren Plänen und Ideen entstand, weiß ich nicht, aber sie kam eines Tages zurück und hatte die Reise nach Indien und die verlassenen Kinder aufgegeben. Du kannst dir denken, daß ich zufrieden war, denn wenn man auch ein alter Achtundvierziger mit Humanitären und philantropischen Ideen ist, die so groß sind wie die Rhone zwischen Beaucaire und Tarascon – wenn man nur eine Tochter hat, wenn die alles ist, was einem in der Welt bleibt, so erscheint einem eine Stiftung für verlassene Väter interessanter als eine für kleine Würmer in demselben Fall! Aber man darf auf nichts sicher rechnen. Da kommt diese Sophie heute früh an, und während des Frühstücks teilt mir Geneviève mit, daß sie alle beide vor Ende dieses Monats auf dem Wege nach Kalkutta sein werden. Du verstehst, ich vermag nichts dagegen einzuwenden, Geneviève steht in ihrem fünfundzwanzigsten Jahre, und freie Herrin ihrer Handlungen war sie übrigens immer. Ich habe sie ohne Religion, aber in den Prinzipien einer strengen Moral erzogen; sie wußte, einen Fehler würde ich ihr nie verzeihen, und sie hat nie einen begangen, wird nie einen begehen. Mögen also die beiden, sie und ihre Freundin, an ihre Aufgabe gehen; ich sehe mit Stolz, daß mein Kind, meinen Ideen und denen meiner Meister getreu, ihre Schönheit und ihre Jugend der Linderung des menschlichen Elends widmet! Trotzdem ist mir das Herz recht schwer, und der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wie ich heute abend auf die Toaste aller meiner Kollegen werde Antwort geben können!« »In der Tat, Sie haben ein sehr schönes Avancement gemacht,« sagte Raimund, in der Allee neben ihm herschreitend. Pierre Izoard schob den Arm unter den des jungen Mannes und zog ihn heftig mit sich. »Ich bitte dich, sprich nicht davon! Ich bin wütend auf mich selbst, ich hätte es ablehnen sollen. Ach, ich weiß ja, warum sie mich ernannt haben. Ich bin ein alter Brummbär der Republik, eine von jenen alten Bärenmützen, die den ordensgeschmückten dickbäuchigen kaiserlichen Marschällen die Wahrheit ins Gesicht sagten – ich weiß zu viel, ich habe zu viel gesehen, da wollen sie mich knebeln. Die Republik ist hin, alle diese Leute wollen reich sein; in den Bureaus, in den Korridoren stinkt es nach Geld, und man kann keinen Schritt tun, ohne irgendwo hineinzutreten. Wenn du aber glaubst, daß ich mir ein Blatt vor den Mund nehme – du wirst schon sehen, wenn wir Marc Javel aufsuchen, nächsten Donnerstag, ist es dir recht? – dann ist Sitzung, und ich spreche lieber mit ihm in der Kammer als in seiner eignen Wohnung. Da wirst du schon sehen, was für Sachen ich ihm über Gambetta und die andern sage – darum bin ich Chef der Kammerstenographen geworden.« Im Nebengarten, jenseits der mit roten Ziegeln gekrönten Mauer, erklang eine Glocke. Raimund fuhr zusammen. Waren die ehemaligen Nachbarn wieder zurückgekehrt? »Die alten Mauglas? Du scherzest. Diese Frechheit würden sie nicht besitzen.« Der Marseiller pflanzte sich, als er das Erstaunen seines jungen Freundes sah, vor ihm in der Allee auf und verschränkte die Arme über seinem langen Barte. »Nein, wirklich, du glaubst also noch immer an die Unschuld dieses Mauglas?« Das war zwischen ihnen ein alter Streit, den die letzten Ereignisse verjüngten und auffrischten. »Aber, Herr Izoard,« versetzte der junge Eudeline, nicht imstande, ein nachsichtiges Lächeln zu unterdrücken. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich auf dem Balle im Auswärtigen Amt einen Teil der Nacht mit Paul Mauglas verplaudert habe, daß er intim mit dem Minister verkehrte, am Souper, am Kotillon, an allem teilnahm?« Das Gesicht des Alten flammte auf. »Was beweist das? Kreuzdonnerwetter, außer daß Valfon, Marquès und alle diese Leute dasselbe Gesindel sind, dieselbe Politik mit schmutzigen Händen treiben – sie bekommen einander nicht überdrüssig, außer wenn die Geschichte schief geht. Hast du denn die Zeitungen nicht gelesen? Weißt du denn nicht, daß Valfon auf offener Kammertribüne Mauglas einen Polizeispion im Dienste des Ministeriums des Innern nannte? Ich schwöre dir, bei dem nächsten Balle im Auswärtigen Amt wird er nicht sein, beim Souper sowenig wie beim Kotillon.« Der alte Vater, der besonders auf dem Lande ein eifriger Leser politischer Blätter war, zog eine Zeitung aus seiner Gartenjoppe und las Raimund mit tiefer Stimme den betreffenden Artikel vor. Darin stand der volle Name des schlauen »Spitzels der französischen Polizei« – das waren die eignen Worte des Ministers auf der Tribüne –, der während des Pariser Aufenthaltes des Generals Dejarine seiner Person beigegeben war und ihn von den gegen ihn geplanten verbrecherischen Anschlägen benachrichtigt hatte. »Furchtbar,« murmelte Raimund vernichtet. Bisher hatte er sich geweigert, es zu glauben, aber nach solchen Behauptungen – in welchem Zustand mußte sich der Unglückliche in diesem Augenblick befinden! »Oh, darüber zerbrich dir nicht den Kopf!« rief der Alte mit seiner natürlichen Stimme. »Er wird sich hauptsächlich ärgern, daß er seine Stelle verliert. Was für eine Demütigung kann einen Menschen treffen, wenn er einmal so tief herabsteigt? Nachdem sein Stolz tot ist, kann ihm nichts das Leben zurückgeben.« Sie legten ein paar Schritte schweigend zurück. Gelächter und das Getrappel von Kinderfüßen hinter der Mauer erinnerten sie an die ehemaligen Schmausereien des Nachbars. »Zum Essen! Kommt, zum Essen! 's gibt Schinken – daß ihr's wißt!« »Sagen Sie mir nur, Zerr Izoard,« fragte Raimund geängstigt, »wie hat ein so weitausschauender Geist, eine so seine Intelligenz sich bis zu diesem Punkte erniedrigen können?« »Wer weiß das, mein armes Kind? Durch Schwäche, durch Feigheit – manchmal ist es auch ein böser Treibstachel, manchmal sogar die Verirrung eines schönen Gefühls – ja, mein Junge, eines schönen Gefühls. Höre mal, ich glaube, daß ich dir noch nie das Abenteuer erzählt habe, das ich im Klub Barbès im Jahre 1848 hatte.« Er hielt inne und horchte in die Ferne, in den kalten, stahlblauen Himmel hinaus, wo die Glocken von Morangis vier Uhr und den Vespergruß läuteten. Der alte Stenograph dachte plötzlich an seinen Frack, seine weiße Pikeeweste, die majestätische Musselinkrawatte, die ihn da oben, auf seinem Bette ausgebreitet, erwarteten, und Raimund wurde an diesem Tage das Abenteuer im Klub Barbès entzogen. Aber er hatte es schon so viele Male gehört, sollte es noch so oft hören... Sein Tag war verdorben, da er ihn auf dem Lande mit Geneviève und ihrem Vater zu verbringen gedacht hatte; trotzdem kehrte er weniger verzweifelt nach Paris zurück. Es tut so wohl, sich in Klagen zu ergehen, wenn man leidet, so wohl, sich beklagen zu lassen, besonders wenn es sich um diese verräterischen, brennenden Hochmutswunden handelt, die man nur seinem Kopfkissen anvertrauen möchte, in das man beißt, um das Stöhnen zu ersticken. Ist einmal die erste Scham überwunden, so gewährt das Sprechen, das Aufdecken dieser Wunden eine Erleichterung, die ebenso süß ist wie die Rache. Bloß weil Raimund zu dem armen, alten Manne gesagt hatte: »Das haben sie mir getan,« weil er über seine eigne Betrübnis in Rührung geraten war, indem er sie übertrieb, fand er wieder Gefallen am Leben, und als er aus dem Zug stieg, war sein erster Gedanke Frau Valfon, die Sonntags empfing. Sie hatten sich seit der Zusammenkunft im Hotel Beaumarchais, jener düsteren, blutbefleckten Zusammenkunft, nicht wiedergesehen, allein fast täglich schrieb sie ihm seither feurige, leidenschaftliche Briefe. Der Schreck über das Drama, das sich so in ihrer Nähe abgespielt, in das sie hätten verwickelt werden können, hallte in ihr noch immer nach, und am Schlusse schrieb sie stets mit Sehnsucht und Ungeduld von der Wohnung, die ihr schöner, lieber Junge ihr verhieß. »O mein Raimund, beeile dich, unser kleines Heim einzurichten!« Welche Freude, daß er ihr endlich antworten konnte: »Das Nest ist bereit und erwartet dich.« Im voraus stellte er sich vor, was für ein hübscher Schauer über den weißen, runden Nacken laufen würde, wenn er zwischen zwei Besuchern hinter den Lehnstuhl seiner Freundin schlüpfen und ihr ganz leise die Adresse und die Nummer des Asyls zuflüstern würde. * »Mein Herr, mein Herr, wohin gehen Sie?« Er hatte bereits einen Teil des Vorzimmers im Ministerpalais durchschritten und mußte nun zurückkommen, um sich auf dem Tisch des Portiers einzuschreiben. Die gnädige Frau war leidend und empfing nicht. »Oh, leidend, das ist nur so eine Redeweise!« So rief der junge Marquès, der, fahl wie ein Clown, mit zuckenden Nasenflügeln die Handschuhe überstreifend, aus der Tür trat. Dann stieg er am Arm des Freundes, der überrascht war, ihn an einem Sonntag im Ministerium zu treffen, die ungeheure Freitreppe herab. »Die Gnädige ist nicht mehr leidend als ich – bloß eine schreckliche Szene – meine Schwester ließ mich holen. Na, das gäbe ein hübsches Stück, so eine Ministerfamilie! – Richtig, Freund Raimund, an welchem Tage möchte Frau Eudeline meine Mutter empfangen? – Sie wissen schon, wozu.« Sie standen am Rande des Trottoirs an der Ecke der Konkordienbrücke und des Kais. Es war eine köstliche Stunde; die Gaslaternen auf den Abhängen des Trocadero schimmerten durch den lila Nebel, und die bunten Lichter der Schiffe kreuzten sich blitzschnell auf dem Ufer. »Entschuldigen Sie, ich glaube wirklich, daß wir Frau Valfon einen unnützen Schritt ersparen müssen,« sagte Raimund, über die Begegnung sehr verlegen. »Ich habe Ihnen gesagt, daß meine Schwester ein wenig zögert; diese Ungewißheit, die nichts Persönliches gegen Sie oder andre enthält, hat sich in einen wirklichen Widerstand verwandelt – nur die Geduld kann ihn besiegen.« Wilkies wutverzerrtes Vipergesichtchen schrumpfte immer mehr zusammen. »Meine Geduld ist zu Ende, mein Junge,« antwortete er mit abgehackter Stimme. »Geben Sie acht.« Dann setzte er plötzlich hinzu: »Begleiten Sie mich in die Avenue d'Antin?« »Danke, nein, ich speise auf diesem Ufer.« »Um so schlimmer. Wir wären sonst bei Gastine eingetreten, ich hätte Ihnen meine letzte Scheibe gezeigt und Sie gebeten, Claudius Jacquand zu sagen, daß er noch vor acht Tagen eine Kugel in den Weichen haben wird, einen von jenen Schüssen, von denen man nicht aufkommt.« »Claudius Jacquand?« wiederholte Raimund verständnislos. »Eine Kugel in den Weichen?« Wilkie lachte höhnisch. »Kennen Sie Claudius vielleicht gar nicht? Nun, Sie werden schon bekannt mit ihm werden. – Was Sie anbetrifft, lieber Präsident, sind Sie Ihrer Wahl ganz sicher? Nun, ich zweifle daran. Adieu.« Er verschwand in der bunten Menge auf der Brücke, und Raimund, von der drohenden Miene seines Freundes, seinem leisen, grellen Lachen verfolgt, blieb lange auf demselben Fleck stehen. Was hatte damit dieser Claudius Jacquand zu tun, den er nur von einigen Menuettfiguren kannte, die sie zusammen eingeübt hatten? Er war nicht einmal der Kavalier Dinas gewesen, denn sie hatte ja mit Wilkie getanzt. Was bedeutete also dieser Zorn? ›Ich werde Frau Valfon poste restante ein Briefchen schreiben und um eine baldige Zusammenkunft bitten,‹ dachte er. ›Sie wird mich sofort über alles aufklären.‹ Der Abend sank herab. Er kam auf die Idee, in einem Restaurant zu essen und dort seinen Brief zu schreiben. Müde Schatten, Kinder, die man an der Hand fortzog, streiften längs des Kais in der schweren, grauen Dämmerung eines Sonntagabends an ihm vorüber. Er schritt lange aus und erkannte zuletzt an dem Flammen aller Stockwerke den berühmten »Silbernen Turm«, der Pierre Izoard und den Feinschmeckern des linken Seineufers so teuer war. Im unteren Salon waren nur einige Tische besetzt. Auf dem Tisch, auf dem er sich servieren ließ, lag ein illustriertes Blatt, das die Photographie des ehemaligen russischen Polizeiministers und die des angeblichen Mörders, des geheimnisvollen Lupniak enthielt, der seit einer Woche die Sicherheitspolizei auf den Beinen hielt. Beim Anblick des letzteren Porträts fühlte Raimund, daß er erbleichte. Diese scharfen Augen, diese Hakennase, diese tierischen Kinnbacken mit den auseinanderstehenden Hauern – ja, das war der Mann, der längs des Daches im Hotel Beaumarchais dahinglitt, dessen Blick, während er den seinen kreuzte, zu bedeuten schien: ›Wir begegnen uns nur unter tragischen Umständen, junger Mann. Erinnern Sie sich an das Sprechzimmer im Louis-le-Grand?‹ Die Identität der Persönlichkeit schien ihm jetzt bewiesen, und während er ganz aufgeregt das Zeitungsblatt betrachtete, meinte er wieder am Fenster des Hotelzimmers zu stehen. Er zitterte noch, als er Frau Valfon die Stunde und Adresse der neuen Zusammenkunft angab. Nach dem Essen begab er sich in das Rauchzimmer des Vereins, um zu sehen, ob Wilkie wirklich einen Gegenfeldzug einleitete. Alle Studenten waren noch mit dem Abenteuer Mauglas' beschäftigt. Er rühmte sich, ihn zu kennen, pries die literarischen Berichte des Schriftstellers und suchte nach Beweggründen für sein niedriges Vorgehen. Er fand welche und tolstoisierte den ganzen Abend vor der Büste Chevreuls und der Lithographie Victor Cousins, hätte aber besser daran getan, seine Betrachtungen für sich zu behalten, denn verschiedene Komiteemitglieder und folglich seine Wähler, Söhne von Advokaten und Notaren, die für das väterliche Amt bestimmt waren, wurden über seine Theorien empört. Gegen Zehn Uhr fühlte er plötzlich die Ermüdung des für ihn so langen und schweren Tages. Instinktmäßig ging er in die Rue de Seine, in sein gewohntes Nachtquartier, und erst bei der Biegung des Boulevards, als er aus der Ferne den geschlossenen Laden seiner Mutter sah, dachte er an seine neue Wohnung. Er legte den Weg zu Fuß zurück, zählte genau seine vier Stockwerke und fand den Schlüssel an der vorher ausgemachten Stelle. Sein Schlüssel, sein Zimmer – wie schön ihm das klang! Welchen geheimen, tiefen Quellen der Freiheit menschlicher Individualität mögen diese köstlichen Kindereien entspringen! Er trat ganz geradeswegs ein und tastete sich ohne Licht vorwärts, als hätte er seit zwanzig Jahren hier gewohnt. Als er in seinem Zimmer ankam und ein Zündhölzchen anrieb, ertönte ein leichtes Geräusch. Im Winkel des Fensters richtete sich ein Schatten, eine lange Silhouette auf; die der weiße Widerschein des Mondes abzeichnete. »Wer ist da?« rief er ganz laut, indem er sich der unbeweglichen Gestalt näherte, die plötzlich lebendig wurde. »Ich bin es – Geneviève,« murmelte eine Stimme, die so unbestimmt und träumerisch war wie die Nacht selbst. VI Die Tagfrau und die Nachtfrau Er meinte in der Kajüte eines Dampfers auf dem Wege nach Indien zu sein. Die Landung erfolgte bei bewegtem Wetter, Wind und hohem Seegang; alle beeilten sich auszusteigen, und kein andrer Passagier blieb an Bord zurück als er, der sich wollüstig in seine Decken wickelte und sich nicht davon losreißen konnte, während Geneviève ganz angekleidet um ihn herumlief und ihn beschwor, aufzustehen. Sie zeigte ihm die verlassenen Salons, die einsamen Luken und war über seine Faulheit so wütend, daß sie hinausging, indem sie lärmend die Kajütentür zuschlug. Durch dieses Geräusch, in Wirklichkeit durch das Klappern eines schlecht schließenden Fensterladens, wurde Raimund am nächsten Morgen aus dem Schlafe geweckt, und einige Minuten lang suchten seine Augen aus der Tiefe des großen Bettes, in dem er zum erstenmal erwachte, die wahre Lage seiner Umgebung, dieses langgestreckten rosa Zimmers zu erkennen. Vor ihm, im Hintergrunde des offenstehenden Ankleidezimmers, ließ das kleine, vom Morgenlicht erhellte und vom Regen bespritzte runde Vorderfenster zugleich mit der Umgebung der Seine das erwachende Grün der Alleen der Weinhalle sehen. Von dort fiel alles Licht in das noch hermetisch verschlossene Zimmer. In diesem rosigen Halbdunkel schritt Geneviève in einem kurzen Mäntelchen, mit einem Veilchenhute auf dem Kopfe, mit raschen, winzigen Schritten von dem Ankleidezimmer zu einem eleganten Schubladekasten, den sie sorgfältig verschloß, worauf sie den Schlüssel auf ein Tischchen zu Häupten des Bettes legte. Jetzt erst begegneten ihre Augen denen des jungen Mannes, der alle ihre Bewegungen mit einem Ausdruck leidenschaftlicher Fröhlichkeit und Dankbarkeit spähend beobachtete. Er zog sie in seine Arme, ließ sie neben sich niedersetzen und fragte ganz leise und zärtlich, während der Sturm die Scheiben schüttelte: »Du gehst schon? Bei diesem Wetter?« Es mußte sein. Jetzt, da der alte Vater durch seine neue Stellung genötigt war, alle seine Nachmittage im Parlament zuzubringen und nur noch zum Frühstück nach Morangis kam, mußte Geneviève dort sein. »Also wann?« Sie schlug den Schleier in die Höhe und beugte im Halbdunkel ihr schönes Gesicht mit dem matten Teint, ihre purpurroten, guten Lippen zu ihm herab. »Abends, so wie gestern. Ich war lange vor dir da. Wenn du zu arbeiten hast, werde ich bei dir, mit dir arbeiten – du erinnerst dich doch, was für ein guter Repetitor ich war. Worauf bereitest du dich jetzt vor? Auf dein Doktorat? Oder für das Buch, von dem du uns erzähltest? Es ist so schön, wenn man Bücher schreibt, man kann damit so viel Gutes tun.« »Sogar viel Geld damit verdienen. Aber mittlerweile muß ich leben und den andern zu leben geben.« Sie drückte einen Kuß auf seine Augen. »Mein Raimund, ich habe dir doch gesagt, dort in dem Fach des Schubladekastens liegen dreißigtausend Franken, der Rest meiner Mitgift, über die ich niemand Rechenschaft schuldig bin – da ist der Schlüssel – es ist mehr, als du brauchst, um mit deinem Bruder quitt zu werden und die Deinigen zu erhalten, bis du deinen Roman fertig hast.« Er geriet in Empörung. Wie? Sie sprach schon wieder von diesem Gelde – für so tief gefallen hielt man ihn also? »Worte, Worte, die nichts bedeuten. Sag, mein Raimund, wenn ich deine Frau wäre, würdest du diese dreißigtausend Franken nicht von mir annehmen?« »Ja, aber nur dann.« »Du weißt doch, daß du nicht das Recht hast, zu heiraten, da du die Last einer Familie zu tragen hast. Du hast mir das einmal gesagt, und ich habe es nicht vergessen.« »Nun?« Sie schlang beide Arme um den hübschen, lockigen Kopf und sagte noch immer zärtlich, aber mit einem tiefernsten Ausdruck in der Stimme, im Blick: »Ich bedaure nichts von dem, was ich getan habe, ich werde dich nie durch eine Träne betrüben. Was geschehen ist, mußte kommen, und ich werde es nie bereuen, aber nur unter einer Bedingung: wenn du mich als deine Frau behandelst, wenn ich alle Rechte, alle Pflichten habe, die zwischen zwei Wesen bestehen, die sich lieben, die sich einander hingegeben haben, damit alles, das Geld wie alles übrige zwischen ihnen gemeinsam ist.« Das war ein so offener, so gerader Angriff, daß er nur mit einer Ausflucht antworten konnte. »Aber ich glaubte – sagtest du nicht, daß du diese dreißigtausend Franken für die kleinen Waisen Sophiens bestimmt hättest?« Sie leugnete es nicht. Ja, wenn sie nach Anglo-Indien gegangen wäre, um eine Filiale der Stiftung ihrer Freundin zu errichten... »Wer hat dich gehindert, das zu tun?« fragte Raimund, schelmisch mit den Augen zwinkernd. »Du, du Böser, das weißt du wohl. Als ich gestern abend mit Casta aus dem Wald von Sénart zurückkam, wo wir von unsrer großen Reise sprachen, als wir sahen, wie der Vater über deinen Besuch und deine Verzweiflung ganz verstört war – ach, mein armer Junge, da hat der Gedanke, daß du unglücklich bist, alle meine Entschlüsse erschüttert. Und Casta schien zu wissen, was in mir vorging, denn kaum war der Vater fort, so sagte sie lächelnd zu mir: »›Wetten wir, ich weiß, wo du heute abend hingehst?‹ »Ich hätte ihr das zurückgeben können, denn ich war überzeugt, daß auch sie den Abend in Paris bei ihrem Freunde Lupniak verbringen würde, der, wie ich weiß, hier ist. Wo er sich wohl verbirgt? Das gute Mädchen wagte es mir nicht zu sagen, wegen –« Sie zögerte. Raimunds Mund verzog sich schmerzlich unter dem goldigen, feinen Schnurrbart: »Meinetwegen, nicht wahr? Ich habe ihr immer Gott weiß was für einen Abscheu, was für ein Mißtrauen eingeflößt, ganz anders wie Antonin.« »Mein Gott, sie hält dich für zu schön, zu viel umschwärmt. Toni erweckt ihr Mitleid, er gefällt ihr durch alles, was ihm fehlt; aber deswegen bleibt sie doch das beste Geschöpf von der Welt. Höre, was ihr letztes Wort gestern abend auf dem Bahnhof war: ›Du weißt, Tantchen, ich habe meinen Frieden mit Odessa gemacht; die Felder tragen, ich bin sehr reich; mein Werk wird deiner also immer bedürfen, aber über dein Geld verfüge nach Gefallen.‹« »Merke wohl auf, was ich sage!« rief Raimund mit zärtlichem Lachen. »Alles, was ich haben will, bist du, nur du!« Als er allein war, kleidete er sich langsam an. Sein Kopf war schwer, seine Hände zitterten von dem Rausch dieses plötzlichen Glückes, und er versuchte, sich unter so vielen verschiedenen Empfindungen wiederzufinden. Vor allem empfand er eine tiefe Dankbarkeit für das wunderbare, vollkommen ehrenhafte und schöne Mädchen, das ihm, nachdem es sich so lange gegen ihn, gegen sich selbst verteidigt hatte, eines Abends seinen ganzen Stolz hingab, weil es ihn unglücklich glaubte. Gleichzeitig mit dieser Dankbarkeit empfand er Befangenheit, Reue, weil er dieses arme Tantchen getäuscht hatte, indem er vor ihr den von all den Seinigen verleugneten, verfluchten Paria der Familie gespielt, weil er ihr eine ewige Liebe geschworen hatte, während er doch ganz einer andern, dieser Valfon, gehörte. Noch am selben Vormittage hatte er hintereinander zwei Briefe von ihr erhalten. Nun, diese Sache war jetzt aus. Sie wiederzusehen wäre ein Verbrechen gewesen, und so bekam denn Frau Alcide, als sie erschien, ein für allemal den bestimmten Befehl, nie eine andre Dame in seine Wohnung einzulassen als die, die eben hinausgegangen war. Diese Frau Alcide, die Hausmeisterin und Verwalterin des Gebäudes, war eine tätige, lange, dünne, geschwätzige Person mit einem kleinen, wilden Rattlerkopf und schrecklichen, vorgeschobenen Kinnbacken, die zwischen ihren Fängen immer den Hosenrand eines unbefugten Drehorgelspielers oder eines beim Stehlen in Mägdekammern ertappten Zimmerdiebes zu halten schien. Kaum war die junge Dame an diesem Vormittag fortgegangen, so ging Frau Alcide hinauf, um die Wohnung ihres neuen Mieters in Ordnung Zu bringen, und erzählte ihm dabei die zahllosen Wechselfälle, die sie und ihr Mann seit dem Jahre 1871 erlitten hatten. Alcide Scelos, Ziseleur und Chorist in Singspiel-Hallen, während der ganzen Dauer der Kommune Direktor des Nationaltheaters der Komischen Oper und während der letzten acht Tage Artilleriekommandant, war ein Opfer der politischen Geschehnisse. Durch ein Wunder entging er den Kartätschen der Lobaukaserne, wie alle jene seiner Kameraden, die in der Nacht der letzten Schlacht auf dem Père Lachaise gefangen wurden; aber ehe er nach Neuguinea hinüberfuhr, wohin er auf Lebenszeit geschickt wurde, setzte er es durch, daß sein Bund mit einer zwanzigjährigen Poliererin, der Mutter eines entzückenden kleinen Mädchens, das der Herr Direktor vergötterte, im Gefängnisse von Versailles gesetzlich besiegelt wurde. »Ach, Herr Raimund, es ist kein bloßes Gerede, aber ich kann mich rühmen, daß ich während der ganzen Zeit der Kommune eine famose Direktorin abgegeben habe – mit Handschuhen bis zur Schulter, achtzehnknöpfigen Handschuhen, so wie sie die Kaiserin trug.« Man mußte nur sehen, mit was für einer majestätischen Gebärde Frau Alcide den Besen zur Seite schob, der ihren Vorderarm verbarg. »Unglücklicherweise aber ward ich, kaum daß mein armer Mann sich eingeschifft hatte, durch all die Sorgen, durch all die Angst, die ich ausgestanden hatte, krank, dann kam die Reihe an unsre Kleine, aber die ging dabei zugrunde, ohne daß ich je den Mut hatte, meinem armen Manne zu schreiben, daß sein Kind tot sei. Sie können sich daher vorstellen, in was für einer Aufregung wir nach der Amnestie waren, als wir uns eines Abends nach zehn Jahren auf dem mit Menschen gefüllten Bahnhofe Montparnasse wiedersahen und er um uns herumsuchte und fragte: ›Ja, wo ist denn die Kleine?‹ Ach, wie traurig waren wir, als wir ganz allein nach Belleville hinaufstiegen, mitten unter den Kameraden, die vor Freude sangen und schrien, auf ihre wiedergefundenen, indes groß gewordenen Kinder so stolz waren. Es half nichts, daß wir uns sagten: ›Weinen wir nicht mehr, es werden andre kommen,‹ Wir konnten nicht aufhören zu schluchzen, als hätten wir im voraus erraten, was für einen kleinen Krüppel wir bekommen würden. Trotz seiner vier Jahre hat er noch keinen Schritt gemacht, und von früh bis abends fährt ihn sein Vater in einem kleinen Wagen spazieren. Kommen Sie, Herr Raimund, sehen Sie ihn sich an.« Da es nicht mehr regnete, öffnete Frau Alcide das Fenster des Arbeitszimmers und trat auf den Balkon, wohin ihr Mieter ihr folgte. Von oben aus erblickten sie auf dem vom Platzregen noch glänzenden Trottoir einen Kinderwagen, den ein großer, starker Mensch, der wie ein Hallenlastträger aussah, vor sich hinschob. Er benutzte gleich ihnen die Aufheiterung des Wetters. Das herabgelassene Wagendach ließ ein kleines, weißes Bündel nur undeutlich sehen; aber der Mann hatte maschinenmäßig den Kopf zu dem Balkon erhoben und zeigte das energische, von einem langen, roten Schnurrbart gezierte Gesicht eines tatarischen Kriegers. Eine streifenförmige Schmarre durchzog das Gesicht. »Das ist Alcide,« sagte seine Frau ehrerbietig und stolz. »Arbeitet er denn gar nicht?« fragte Raimund, dem das Mißverhältnis zwischen dieser Kinderfrauenbeschäftigung und diesen Muskeln auffiel. Frau Alcide gab ihm lächelnd zu verstehen, daß es dem ehemaligen Direktor eines großen Staatstheaters nicht leicht sei, eine seiner würdige Stellung zu finden. »Und außerdem, sehen Sie, Herr Raimund,« ihr Gesicht wurde bei diesem Geständnis ganz traurig, »wenn man, noch dazu so unschuldig wie mein Mann, zehn Jahre im Gefängnis, im Bagno zugebracht hat, wenn man sich daran gewöhnt hat, wie auf der Galeere zu gehorchen und nach dem Stock zu marschieren, so bleibt einem ein Zittern zurück, und man ist wie gebrochen. Mein armer Alcide, der Hunderte kommandiert hat, er, den ich in dem Käppi mit den fünf Borten und dem roten, goldbefransten Gürtel der Kommunemitglieder sah – nun, dem flößt jetzt der geringste Werkmeister eine schreckliche Angst ein. Wenn er in einen Laden treten soll, um eine noch so bescheidene Stelle zu verlangen, wenn er mit einem Polizisten, einem Finanzer, sogar mit einem Beamten von der Post oder von der Eisenbahn sprechen soll, so geht das schon über seine Kräfte, und ich glaube, er würde nie wieder eine Stelle bekommen, wenn nicht dieser gute Herr Antonin –« »Ja, richtig, Sie kennen ja meinen Bruder,« sagte Raimund, und der Gedanke, daß man ihm wieder die Güte, die Großmut seines Bruders rühmen werde, machte ihn im voraus gereizt. Er hielt jedoch an sich und vermochte ohne besondere Ungeduld das Lob des braven jungen Mannes anzuhören, der sich nicht nur damit begnügt hatte, Alcide Herrn Cornat als Aufseher vorzuschlagen, sondern auch ihren kleinen Krüppel durch einen mit ihm befreundeten, berühmten Arzt untersuchen lassen wollte. »Einen befreundeten Arzt?« murmelte der ältere Bruder in verächtlich ironischem Ton. Während er nachdachte, wer wohl dieser berühmte Arzt sein mochte, hörte Frau Alcide nicht auf, das gute Herz zu bewundern, das Zeit fand, an alles zu denken. »Die Gnädige hat Ihren Bruder Antonin auch sehr lieb.« Raimund hob den Kopf: »Die Gnädige? Wer soll das sein?« »Aber, Herr Raimund, Ihre Dame, die schöne, große Dame, die eben fortging. Sie war zwei- oder dreimal mit Ihrem Herrn Bruder da und beschäftigte sich so wie er mit der Einrichtung; darum habe ich sie gestern abend eintretenlassen. War das unrecht von mir?« »Nein, nein – im Gegenteil, es war sehr gut, und wenn ich nicht zu Hause bin, hat nur diese Dame allein das Recht, meinen Schlüssel zu nehmen und meine Wohnung zu betreten.« Wider Willen zitterte seine Stimme bei dem Gedanken, daß sein Bruder und das Tantchen stundenlang in traulicher Intimität hier zugebracht hatten. Entschieden, er wurde auf seinen Bruder in jeder Hinsicht eifersüchtig. * War es das Bewußtsein eines eignen Heims mit einer neuen Einrichtung und dreißigtausend Franken in der Schublade oder die Verantwortlichkeit für diese große, ernste Liebe, die nun in sein Leben getreten war – auf jeden Fall empfand Raimund an diesem Morgen ein seltsames Bedürfnis, männliche Taten zu vollbringen, dem Netz von Kindereien zu entschlüpfen, das, wie er fühlte, sein Leben hemmte. Die Präsidentschaft des »V. d. P. St.« erschien ihm plötzlich als etwas Unnützes und Dummes; er bemerkte zum erstenmal, daß seit dem Beginn des Vereins gerade jene, welche bei den Versammlungen im Rauchzimmer den meisten Lärm gemacht, in den Bureaus, den Komitees den größten Raum eingenommen, sich bei der ersten Berührung mit dem Leben verflüchtigt hatten, in der stummen, fernen Provinz verschwunden, untergegangen waren. Nein, diese kindische Präsidentschaft wog nicht all das Leid auf, das ihm die perfiden Angriffe Wilkies bereiten würden, noch all die Zeit, die er dadurch verlieren mußte. Das, wozu er sich entschlossen hatte, war viel besser. Er begab sich frühzeitig in die Rue des Ecoles, trat in die Schreibstube Alexis', und dieser kopierte ihm mit seiner schönen Rechnungsführerschrift zwei oder drei Exemplare einer Erklärung, in der der künftige Präsident des »V. d. P. St.« seine »lieben Kameraden« vom Komitee und der »K. i. O.« um Entschuldigung bat, da er genötigt sei, aus privaten Gründen auf seine Kandidatur zu verzichten. Eine Abschrift dieser Erklärung wurde an dem Spiegel des Rauchzimmers, an dem des Fechtsaales, in jedem Bibliothekzimmer befestigt, und Raimund lachte im voraus über die Überraschung Wilkies, der nun bald kommen würde, um seinen Vernichtungsfeldzug zu beginnen und ihn derart vollständig beendet sehen würde. Nachdem diese Frage erledigt war, begab er sich zu seiner Mutter, die, wie er wußte, zu dieser frühen Stunde allein war. Ohne es sich zu gestehen, grollte er der lieben Frau, weil sie gestern der demütigenden Szene beigewohnt und sich begnügt hatte, zu weinen, statt Dina Schweigen zu gebieten. Er nahm sich daher vor, sich zu rächen, und schon nach der Art und Weise, wie er beim Eintreten in die »Wunderlampe« die Türklinke herabdrückte, dachte die hinter dem Ladentisch sitzende Frau Eudeline sehr unruhig: ›Ach Gott, er ist noch immer böse!‹ Sie schloß rasch die »Memoiren Alexander Andrianes« und fragte, indem sie ihre Brille als Merkzeichen hineinlegte: »Wirst du hier frühstücken?« Nein, er wollte nicht frühstücken, er kam nur, um sie zu umarmen und sich ein paar Minuten neben sie hinzusetzen, um einige Wechsel an seinen Bruder auszustellen. »Warum so rasch?« fragte die Mutter schüchtern, während sie ihm Tinte und Feder reichte, »du weißt doch, daß Toni keine Eile hat.« »Aber ich habe Eile,« antwortete ihr Ältester sehr hochmütig. Und der Ernst, mit dem er vor den entzückten Augen Frau Eudelines seine schimärischen Wechsel auf drei, sechs und neun Monate ausstellte, war großartig. In der Stille des glänzenden, wohlgeordneten Ladens hörte man das Knirschen der über das gestempelte Papier laufenden Feder und von Zeit zu Zeit, wenn auf der Straße ein Omnibus, ein Karren vorüberfuhr, das zarte Klirren der »Leuchtkäfer« auf den Regalen. »Und jetzt, liebe Mutter, möchte ich dich bitten, mir deine Bücher zu zeigen,« sagte Raimund, nachdem er die Wechsel sorgfältig in seine Brieftasche gesteckt hatte. Sie sah ihn bestürzt an. »Ja, deine Geschäftsbücher – ich möchte wissen, was ihr, deine Tochter und du, ausgebt, was mein Bruder euch zum Leben gibt.« In dem kleinen Fach unter dem Ladentisch befanden sich zwei solche Bücher; das eine war das Geschäftsbuch, das Toni durchsah, in das er die Anzahl der wöchentlich ein- und abgelieferten, fabrizierten und verkauften kleinen Lampen eintrug; das zweite war das Haushaltungsbuch, in das die Mama ihre täglichen Ausgaben eintrug. Das letztere, ein großes Buch, das Raimund nie aufgemacht hatte, ebensowenig übrigens wie das andre, war wunderbar ordentlich gehalten, und auf jeder dieser gleich den Schiffen eines Domes rechtlinigen, pomphaften, langen Kolonnen sprang einem eine Ziffer in die Augen, neben der das Objekt der Ausgabe stand. Als daher Raimund die ersten Blätter überflogen hatte, schlug er errötend und befangen rasch das Buch zu. Zwischen den winzigen Ausgaben, die das bescheidene Leben der zwei Frauen Tag für Tag erzählten: Pferdebahn Fr. –.30, Stopfwolle Fr. –.20, Kohlen Fr.–.15, lehrten jeden Augenblick die Ausgaben für sein eignes Taschengeld in folgender Form wieder: Raimund Fr. 20.–, Raimund Fr. 40.– ... Frau Eudeline mißverstand die Bewegung ihres Sohnes. »Findest du, daß wir zu viel ausgeben?« fragte sie sanft. »Es ist wahr, man könnte vielleicht mit weniger auskommen.« Dagegen verwahrte sich der älteste Sohn. Warum sollten sie ihre Ausgaben einschränken? Weil er sie jetzt zahlen würde? Sie sah ihn ängstlich an. »Aber du wirst dich doch nicht sofort mit uns belasten? Antonin kann uns bei seinen Tantiemen vom Geschäft ganz gut erhalten.« Er nahm eine würdevolle Miene an und sprach sich nicht genau aus, denn er wußte noch nicht, wozu er sich entschließen sollte. »Das bleibt zwischen meinem Bruder und mir, und ich bitte dich, dich nicht hineinzumischen. Ich kann dich nur versichern, an dem Tage, wo ich die Sorge für euch übernehme, wirst weder du noch Dina zu klagen haben.« »Du bist also auf unsre Didine nicht mehr böse?« Die Mutter nahm ihren Platz hinter dem Ladentisch wieder ein und hielt den neben ihr sitzenden Raimund zurück. »Siehst du, sie ist ja nicht schlecht oder boshaft, aber seit einiger Zeit gehen in ihr Dinge vor, die ich nicht verstehe, die mich aber sehr quälen. Ich fühle, daß sie traurig, sorgenvoll ist, vor allem, daß sie Geheimnisse hat, denn niemand kann herausbringen, was ihr fehlt, nicht einmal das Tantchen. Ach, wenn du wolltest, ich bin sicher, du würdest sie zu einem Geständnis bringen.« »Ich soll in dieses Wespennest stechen?« murmelte Raimund bitter. »Danke! Ich bin genug dabei zerstochen worden – durch sie habe ich mich mit Marquès überworfen, sie zwingt mich, Schritte bei Marc Javel zu unternehmen, die sie so leicht hätte ausführen können; aber wegen all dem bin ich ihr nicht böse. Launen eines hübschen Mädchens! Aber ich verlange nicht danach, mich mit ihr zu beschäftigen, ich will ihr einzig und allein beweisen, daß ich nicht eine Titularstütze der Familie bin. Und jetzt einen Kuß, ich muß fort. Sage Toni, daß er morgen seine Wechsel holen soll, ich gehe untertags nicht aus.« Sie klammerte sich ängstlich an ihn. »Ich werde dich also nicht sehen?« »O nein, ich bleibe zu Hause, ich habe zu arbeiten.« Er strich der Mutter schmeichelnd über die grauen Locken und ließ sie mit feuchten Augen und lächelndem Munde zurück. In der Tat ging er am nächsten Tage nicht aus, aber er arbeitete auch nicht. Früh am Morgen, gerade als Geneviève nach Morangis fahren wollte, hatten sie eine kleine Eifersuchtsszene. Oh, es war fast nichts, eine Szene, wie man sie nach zweitägiger Ehe haben kann. Sie sprachen von Arbeit, von Zukunft. Raimund, der noch zu Bette lag, hielt die bereits behandschuhte Hand seiner Freundin, die wie gestern auf seinem Bettrand saß, und betäubte sie mit wunderbaren Plänen von jener üppigen Phantasie, wie sie die wagerechte Lage hervorruft. »Ach, wenn die Medizin nicht so lange dauern würde, sie würde mich verlocken.« »Ich könnte dir dabei mehr als bei allem andern helfen,« antwortete Geneviève. »Ich habe das ganze Jahr, das ich in London zubrachte, mit Sophie studiert, habe bei ihr gearbeitet und ihre Klinik keinen Augenblick verlassen.« »Ja, das ist wahr, du warst in London,« dachte Raimund ganz laut. »Warum?« Sie antwortete offenherzig wie immer. »Weil ich mich bemühen wollte, dich zu vergessen, du Böser, das weißt du ja – in Paris war ich dir zu nahe.« »Und du warst es nicht imstande!« rief er lachend und schmeichelnd. »Gestehe, du warst es nicht imstande!« »Meine Rückkehr war ja ein Geständnis, und ich mußte hören, daß du eine andre liebst.« Er versuchte zu leugnen. Männer kennen nur diese Diskretion. »Wer hat dir das gesagt?« »Du selbst; erinnere dich doch, deine vornehme Sängerin, für die du in der Stadt ein Klavier haben wolltest.« Er fühlte, daß er errötete. »Oh, damit ist es jetzt ganz aus.« Sie lächelte freudlos und sah ihm tief in die Augen. »Warum zu Ende? Es wäre so bequem ... ich kann nur des Nachts kommen... dann hast du zwei Frauen, eine für die Nacht, eine für den Tag, und sie laufen nicht Gefahr, einander zu begegnen.« »O Tantchen, warum kränkst du mich so?« rief er in einer aufrichtigen Aufwallung. Sie beugte sich zu ihm herab. »Willst du mich beruhigen? Du hast ein sehr einfaches Mittel.« Und indem sie sich zum Gehen anschickte, zeigte sie ihm das Schränkchen mit den dreißigtausend Franken, die er eigensinnig nicht berühren wollte. Das, was diesem Dialoge eine sonderbare Bedeutung verlieh, war eine kleine Depesche Frau Valfons, die eben ankam, und worin sie Raimund ihren Besuch für denselben Tag zwischen zehn und zwölf Uhr ankündigte. Trotz seines gestrigen förmlichen Befehls machte der dringende Ton des Telegramms, die seltsame Stunde der Zusammenkunft Raimund unruhig, und kaum war Geneviève verschwunden, so rief er Frau Alcide eilig herauf, um seine Instruktionen zu erneuern, genauer zu bestimmen. »Zwischen zehn und zwölf Uhr wird eine etwas starke, reich gekleidete, tief verschleierte Dame erscheinen; lassen Sie sie um keinen Preis herein.« »Sie können ruhig sein, Herr Raimund,« antwortete die ehemalige Direktorin der Komischen Oper. »Als wir noch den Saal Favart hatten, mußte ich das Zimmer meines Alcide oft gegen solche Damen verteidigen – nicht eine kam mir je herein.« Oh, wie wachsam sich dieser kaiserliche Arm, der achtzehnknöpfige Handschuhe getragen hatte, vor der Tür ausstreckte. Trotzdem fühlte sich der Mieter Frau Alcides sehr geängstigt. Der Tag war bedeckt und wolkig, der Himmel hing niedrig. Es war ein hübsches Wetter zur Konzentration und Sammlung, gerade recht, um dieses ganz moderne Arbeitszimmer mit den hellen Behängen, wo es weder Rips, noch Bronze, noch Mahagoni gab, und diesen zum Schreiben einladenden Tisch aus weißem Holz einzuweihen. Raimund hätte der Einladung gern entsprochen, aber der Gedanke, daß es bald zehn Uhr sei, daß der Wagen Frau Valfons vielleicht unten stehe, hinderte ihn, ruhig an einer Stelle zu sitzen. So trat er in seinem weißen Wollanzug und seiner blauen Mütze einen Augenblick auf den Balkon und spähte rechts und links den Boulevard hinab. Ein Mietwagen, der aus der Richtung von Cluny daherjagte, verursachte ihm fünf Minuten lang Herzklopfen. Ja, sicherlich, das war sie. In der Tat hielt der Wagen vor dem Tor, aber es war Antonin, der rasch herausstieg, ins Haus stürzte und fast gleich darauf zurückkehrte, gefolgt von Herrn Alcide, der ein ganz eingewickeltes weißes Bündel auf der Schulter trug. Nun beugte sich die Büste einer dicken Dame in einer Jerseytaille und einer Toque mit schreienden Blumen heraus, um den kleinen Krüppel auf den Arm zu nehmen, und Raimund erkannte Sophie Castagnozoff. Das war zweifellos der berühmte Arzt, von dem Frau Alcide gesprochen hatte. Gleich fiel ihm ein, daß die Freundin Genevièves ihm immer mißtraut hatte, und daß sie ihm auch noch jetzt ihre Anwesenheit in Paris verbarg, als fürchte sie eine Denunziation. Antonin im Gegenteil war in alle ihre Geheimnisse eingeweiht, wußte, wo er sie zu jeder Stunde treffen sollte. Welchen Grund hatte diese Ungerechtigkeit? Was konnte ein so intelligentes, gebildetes Mädchen wie Sophie an diesem unwissenden, stotternden Arbeiter finden? Abermals spürte er diese beißende Kälte, diesen Wespenstich, dessen Stachel zurückbleibt, der ihn bereits früher durchzuckt hatte, wenn er an seinen jüngeren Bruder dachte. Die Russin erteilte den armen Leuten über den Zustand ihres kleinen Krüppels eine richtige Konsultationsstunde im Freien. Frau Alcide stand jetzt neben ihrem Gatten, und Antonin, am Rande des Trottoirs, spitzte Augen und Ohren und versuchte, die Aussprüche des Orakels mit der naiven Gläubigkeit einfacher Seelen in sich aufzunehmen. Nach einer Weile stiegen die beiden Männer in den Fiaker, und dieser fuhr nach der Richtung der Weinhalle davon, während die ehemalige Direktorin der Komischen Oper in die Loge zurückkehrte, indem sie dem berühmten Arzte und dem kleinen weißen Bündel, die der Wagen davontrug, aus der Ferne Küsse und Bücklinge nachsandte. Offenbar hatte Sophie es für richtiger gehalten, ihren Kranken nach Hause mitzunehmen, um ihn zu untersuchen. Aber was für eine wunderliche Anomalie lag darin, daß sie sich mit solchem Vertrauen diesem Ehepaar Alcide auslieferte, das sie nicht kannte, das so geschwätzig und indiskret war, wie es eben das Volk mit seinen Versammlungen auf den Türschwellen, vor den Hausierern ist! Warum führte sie derartige Leute in ihre Wohnung ein und hielt Raimund in derartiger Entfernung? In solchen peinigenden Gedanken stand er, mechanisch auf den Balkon gestützt, noch immer da, als ein Klavierakkord, tief und dumpf wie das Echo einer Lawine, hinter ihm ertönte und zugleich ein prächtiger Alt die berühmte Kantilene anstimmte: » Ah! Quand la mort que rienne saurait apaiser ...« Er stieß das Fenster auf und blieb entsetzt stehen. Frau Valfon saß am Klavier, sie war barhäuptig, und die roten Wogen ihres Haares leuchteten auf der Beigetuchtaille, die ihr die Figur einer dreißigjährigen Frau machte. Ihre Handschuhe, ihr nach der Mode jenes Jahres ganz kleiner Hut, ein doppelter Schleier und ein entzückender Schirm mit kostbarem Griff lagen in hübscher Unordnung auf dem mit Papieren und Büchern bedeckten Arbeitstisch. Ohne den Ton zu ändern oder im Gesang aufzuhören, drehte sich die Ministerfrau schmeichelnd und geschmeidig um und bot Raimund ihre halbgeöffneten Lippen dar. Gewiß, nach dem, was er eben Geneviève geschworen, nachdem sie sich ihm so vollständig und großmütig hingegeben hatte, war das ein abscheulicher Verrat; aber mit welchem Mittel konnte er ihn vermeiden? Er hätte gern eines gefunden. »Wieso sind Sie – bist du hereingekommen?« fragte er in der ersten Verlegenheit der Überraschung. »Ich habe den Wagen an der Ecke des Boulevards und des Kais gelassen; unten war niemand. Sie sagten, es sei im vierten Stock, ich stieg herauf, fand den Schlüssel an der Tür, steckte ihn ins Schloß, drehte zweimal um, und da bin ich. – Ihr kleines Heim ist sehr nett,« fügte sie mit echt weiblicher Neugierde hinzu. Er mußte ihr alles zeigen, und das Schlafzimmer, vor allem das Ankleidezimmer, das die Form eines Bootsschnabels hatte, belustigte sie sehr. Sie machte bereits Verschönerungspläne; auf den Balkon sollte eine Veranda kommen, die Küche in ein Badezimmer verwandelt werden, als handle es sich um eine nach ihrem Wunsche gemietete Junggesellenwohnung. Die sichtliche Verlegenheit ihres lieben, schönen Jungen rührte sie; sie erklärte sie sich durch ein unmäßiges Zartgefühl. Zu arm für diese Erhöhung der Ausgaben, war er anderseits zu stolz, um von einer geliebten Frau etwas anzunehmen ... Sie beruhigte ihn: Nein, es sollte nichts geändert werden, alles in diesem feenhaften Winkel war entzückend. Wie schade, daß sie nicht alle Tage herkommen konnte! Diese Worte ließen ihn erröten und erinnerten ihn an die des Tantchens von den zwei so bequemen Frauen, eine für den Tag, eine für die Nacht. Wie hatte er sich gegen eine solche Schändlichkeit empört, und doch, eine Stunde nach all diesen schönen Schwüren fragte seine Tagfrau, im Dunkel der bis zur Erde herabgelassenen Vorhänge wie rasend an ihn geschmiegt, leise: »Weißt du, woran mich dieser rosige Schatten, der uns umhüllt, erinnert?« Raimund dachte gleich ihr an ihre erste Zusammenkunft da drüben auf dem Boulevard Beaumarchais; aber ehe er antworten konnte, hallte ein heftiges Klingeln durch die ganze Wohnung, und die Stimme Antonins lärmte im Flur: »Öffne, ich bin es!« »Mein Bruder, hab keine Angst,« sagte Raimund zu der entsetzensbleichen Frau Valfon. »Ich hatte vergessen, daß er kommen sollte.« »Ach ja, der Unglückliche, von dem du mir erzähltest.« Sie erinnerte sich an die herzzerreißende Geschichte von dem gesunkenen Bruder, dem Trunkenbold, und Mitleid, Bewunderung für den älteren erfüllte sie. »Armer Freund, vielleicht mußt du mit ihm reden,« murmelte sie. »Geh, ich bitte dich.« Er zögerte einen Augenblick, ob er sie in diesem Irrtum lassen sollte, aber der Stolz gewann die Oberhand. Schließlich nahm der jüngere Bruder gar zu sehr die Gewohnheit an, ihm auf den Kopf zu treten; er hatte nichts dagegen, ihm heute eine Lektion zu geben, zu beweisen, daß nicht alle Frauen Sophie Castagnozoff glichen, daß nicht alle einen gewöhnlichen Arbeiter, einen Klingelanbringer, einem gebildeten, eleganten Manne vorzogen. Das war gut für die Zeiten der George Sand und der » Campagnons du Tour de France .« »Komm ein andermal wieder, Tonichen, ich kann dich im Augenblick nicht empfangen, es ist jemand bei mir.« Aber als der ältere Bruder ins Vorzimmer lief, half es ihm nichts, daß er dieses »Es ist jemand bei mir« mit Augenblinzeln und einem leichten, bedeutungsvollen Hüsteln betonte – der jüngere, der mit rundem Rücken und schlenkernden Armen in seiner Arbeitsjoppe dastand, antwortete verständnislos: »Gut, Raimund, ich komme wieder.« Raimund hielt ihn zurück. »Warte, komm hier herein, ich habe dir etwas zu übergeben.« Sie traten in das Arbeitszimmer, und es konnte nichts Rührenderes geben als die Schüchternheit, mit der der jüngere Bruder mit seinen schweren Stiefeln über den Teppich schritt, sich zwischen den von ihm gewählten und bezahlten Möbeln bewegte, die jedoch die Gegenwart des älteren Bruders, der Gedanke, daß er hier lebte, arbeitete, verwandelt hatte. »Sieh mal her, Kleiner,« flüsterte Raimund leise. Da er ihm seine Weltdame nicht zeigen konnte, sollte der Bruder wenigstens das kleine Hütchen aus Spitzen und Rosen, den kostbaren Schirm mit dem ziselierten, mit Smaragden besetzten, goldenen Knopf bewundern. In der Tat, das liebte er an Frau Valfon am meisten – ihren Luxus, ihren Schmuck. Und da er bei dem jüngeren dieselben eiteln Neigungen voraussetzte, bedeutete seine Gebärde: Sie her und platze vor Neid! Antonin sah alles gut an und rief dann voll Bewunderung mit seiner armen stammelnden Stimme: »Sapperment, ist das fein!« Dann fügte er im natürlichsten Ton hinzu: »Wenn die Dame noch dazu jung ist, und wenn sie – schließlich, nicht wahr? – der – die – so mag das ein schöner Bissen sein.« Der ältere zuckte verächtlich die Achseln, dann nahm er die vorbereiteten drei Wechsel aus dem halb offenstehenden Schränkchen: »Das ist für die Möbel,« sagte er, indem er Antonin die Wechsel reichte. »Das übrige werden wir später ordnen. Und jetzt mach, daß du fortkommst, du störst mich.« Unbeweglich betrachtete der Kleine abwechselnd seinen Bruder und die Wechsel, die in seiner Hand zitterten. Er wagte nicht zu sprechen, denn er fühlte, daß ihm die Tränen nahe waren. »Ich bitte dich, Raimund, behalte diese Papiere, der – die – Dingsda – ich glaube sonst, daß du böse bist.« Der andre richtete sich mit boshafter, befriedigter Miene auf – jetzt hatte er seine Genugtuung. Seine Wangen färbten sich vor Zufriedenheit purpurrot. »Genug, du hast mir neulich eine Lektion gegeben, an die ich noch denke.« »Ich dir – eine Lektion!« Der zärtliche Ton und die tränenvollen Augen baten um Gnade. Raimund wurde milder. »Nun, Brüderchen, ich bin dir ja dieses Geld schuldig, ich muß es ja bezahlen, ich berichtige meine Schuld in Wechseln, aber wenn ich wollte –« Er zog aus der Schublade mit den dreißigtausend Franken ein blaues Bündel heraus, das er ihm zeigte, und sagte, als er die verblüffte Miene des andern sah: »Der Vorschuß eines Verlegers für das Buch, das ich schreiben soll. Du siehst, du bringst mich nicht in Verlegenheit.« »O sapper...« rief der jüngere Bruder, von dieser Einträglichkeit der Literatur ganz geblendet. Er drehte sich auf seinen plumpen Absätzen um und entfernte sich strahlend, mit einem Ausdruck naiven Respekts auf seinem guten Gesicht. Im Nebenzimmer fügte Frau Valfon das bißchen, was sie gehört hatte, mit dem, was sie von den beiden Brüdern wußte, zusammen. Sie horchte auf diesen taumelnden, schweren Schritt, diese bescheidene Arbeiterstimme, die ihr wie die eines Bittstellers klang, und sentimental wie alle Frauen ihres Alters, stellte sie sich die Szene nach ihrem Kopfe zusammen. Als Raimund wieder hereinkam, war sie ganz gerührt, streckte ihm die Arme entgegen und murmelte zärtlich: »Ach, du armes, liebes Kind, du trägst das Kreuz, das schwere Kreuz der Familie. Weine, o weine dich an meiner Brust aus.« * Die Ministersfrau saß jetzt am Klavier, ihre helle Taille hing wie ein Dolman über den weißen Armen und Schultern, und während sie ihre Finger über die Tasten flattern ließ, dachte und träumte sie ganz laut vor sich hin. »Ach, wenn ich dein Talent besäße, dann würde ich auch meinen Roman schreiben – was für eine Erleichterung wäre es, das Drama meines Lebens mit diesem Elenden Zu erzählen, diesen Valfon herzunehmen, diesen Schauspielersohn, der hundertmal mehr Schauspieler ist als sein Vater, ihn in seinem öffentlichen Leben zu zeigen, wie er mit der Hand auf dem Kerzen auf der Kammertribüne einherschreitet, wie er mit seiner lügenhaften Stimme mit den Worten Vaterland, Ehre, Gewissen, Republik herumwirft, die sein Mund entehrt, an denen er unaufhörlich wie an einer alten Zigarre kaut! Und dann in seinem Hause, als den Spötter, den Zyniker, der alles verachtet, alles angeifert, an nicht andres denkt, als alles zu beschmutzen, zu verderben. Und diese fixe Idee, die Leidenschaft für seine Stieftochter, die ihn verfolgt, die seine greisenhaften Hände stärker zittern läßt, die seinen lasterhaften Augen fortwährend einen verwirrten Ausdruck gibt! Meine arme Florence, seit fünf Jahren dauert dieses Martyrium für sie, seit fünf Jahren schlafe ich im Zimmer meiner Tochter, damit der Stiefvater es nicht betritt, und ich weiß, daß nichts ihn aufhalten wird. Pflicht, Moral – große Worte für die Tribüne! Gesetze? Die fabriziert er selbst. Einen Augenblick habe ich gehofft, daß die Heirat Florences –« Sie hielt plötzlich inne, und nur das Klavier fuhr fort zu flüstern. »Aber wirklich, warum ist denn diese Heirat zurückgegangen?« fragte Raimund, sich an sie schmiegend. Frau Valfon sah ihn verblüfft an. Was, er wußte nichts davon, daß Claudius Jacquand seit jener Ballnacht in Dina wahnsinnig verliebt war? »Die Kleine hat mir nie ein Wort davon erzählt, weder mir, noch meiner Mutter, noch sonst jemand. Wahrhaftig, das ist doch stark!« Der junge Mann strich mit seiner Wange über die flaumige Haut seiner Geliebten. »Wie hast du mich verfluchen müssen,« murmelte er, »nach all dem unfreiwilligen Leid, das ich euch angetan habe –« Sie drückte ihn entzückt an sich. »Dich verfluchen? Ach, mein lieber Junge, ich habe ja nur dich, du bist mein Atem, mein Leben; kann man den verfluchen, der einen geschaffen hat? Ah my alma –« Das Französische genügte nicht mehr für die Temperatur ihrer Leidenschaft, und so suchte sie Worte in dem Portugiesisch ihrer Jugendzeit. »Das ist gleich; es gibt im Leben doch viel zu viele höhere Fügungen,« fuhr der junge Mann fort, als er sich von ihrer Umarmung freigemacht hatte. »Diese kleine Dina braucht nur eines Abends durch Zufall in Ihr Haus zu kommen, und alles, was sein sollte, ist nicht mehr! Und dieser Dejarine, der sich gerade in dem Zimmer neben uns ermorden läßt! Aber das ist noch nicht alles – stellen Sie sich vor, ich kenne Lupniak, den Mann, den man des Mordes bezichtigt, ich könnte beweisen, daß er der Mörder ist, es wäre sogar meine Pflicht – ich habe ihn eine Minute nach der Tat gesehen, wie er gleich einem Nachtwandler am Rande eines Daches einherschritt! Unsre Augen kreuzten sich, und er erkannte mich mit einem teuflischen Lächeln! – Aber wenn ich bei Gericht Zeugenschaft ablegen würde, müßte ich erzählen, was ich dort tat, in wessen Gesellschaft ich mich befand. »Heilige Jungfrau!« seufzte Frau Valfon mit blutlosen Lippen. Aber Raimund beruhigte sie. »Erstens hindern Sie mich am Reden, und dann hat Lupniak, der kein gewöhnlicher Mörder ist, jenes auserlesene Geschöpf, Sophie Castagnozoff, von deren bewunderungswürdiger Nächstenliebe ich Ihnen oft erzählte, zur Freundin. Sie ist im Begriffe, nach Anglo-Indien abzureisen, wo sie solche Kinderhospize wie in London gründen will; ich bin überzeugt, daß sie ihre Abreise nur verzögert, um diesem Lupniak, der in irgendeinem Loch hinter dem Pantheon versteckt ist, zur Flucht zu verhelfen. Das ist auch eine, die mich knebelt, die mir jede Enthüllung unmöglich macht.« Während der nun folgenden Zwischenpause läutete es in dem blendenden Lichte, von dem die Scheiben funkelten, überall Mittag. Die Ministerin erhob sich, fuhr rasch in die Ärmel ihres Jäckchens, dann zögerte sie noch einen Augenblick mit halb geschlossenen Augen und zugedrückten Wimpern, während ihre kleinen Hände mit einer unwillkürlichen, leidenschaftlichen Gebärde das weiße, weich gerundete Handgelenk ihres Geliebten drückten. »Weißt du, woran ich denke?« sagte sie leise mit einem tiefen Seufzer. »Wenn du mich nicht mehr lieben wirst, wenn ich meine Tochter verheiratet habe, wenn alle Freuden und Hoffnungen für mich aus sein werden, dann wird diese Sophie Castagnozoff mich vielleicht als Aufseherin, als Krankenwärterin in einem ihrer Spitäler aufnehmen. Ich habe mir die Jahrbücher ihrer Stiftung verschafft. Sie sind so fesselnd wie die ›Nachfolge Christi‹.« VII Memoiren eines Geheimagenten In seinem großen Kabinett auf dem Quai d'Orsay, wo trotz des bereits eingetretenen Frühlings hinter einem fächerförmigen Funkenfänger ein großes Holzfeuer flammte, stand der Minister des Auswärtigen bei eintretender Dämmerung vor dem gold-rosigen Himmel und kaute an einer erloschenen Zigarre, während er sinnend und ärgerlich seinen weißen Schnurrbart drehte. »Eine gute Sitzung, Valfon? Ist das Ministerium noch nicht abgemäht?« Der junge Wilkie Marquès, der wie ein Windstoß zur Tür hereingefahren war, bekam keine Antwort. Um sich Haltung zu geben, nahm er von dem Schreibtisch des Ministers die zur Unterzeichnung bestimmten Briefe und las sie mit der größten Aufmerksamkeit durch. Dann sagte er, als werde er von einer plötzlichen Idee unterbrochen: »Sapperment, heute abend ist Diner in der englischen Botschaft – ich kann nicht dabei sein.« »Warum?« fragte Valfon, ohne sich umzudrehen, mit trockener Stimme. »Weil ich mich morgen schlage. Ich muß mir Zeugen suchen, mir bei Ayat, bei Gastine die Hand geschmeidig machen.« Der Minister, der im Zimmer auf und ab schritt, blieb plötzlich stehen. »Vergiß nicht, daß du meinem Kabinett angehörst – ich stehe mit der Presse gut – mache mir keine Geschichten.« Wilkie erzählte rasch, um was es sich handelte. Er hatte Florence versprochen, ihre Heirat wieder zurechtzuflicken, und da es mit Sanftmut nicht ging, wollte er Gewalt anwenden. »Mit wem schlägst du dich?« »Mit Claudius – mit wem denn sonst? Er hat alle meine Kombinationen zerstört. Glücklicherweise kommt er von Lyon zurück, seinem Vater geht es besser.« »Und du glaubst, daß du den großen Lyoneser dazu bringen wirst?« murmelte Valfon, an seiner Zigarre kauend. »Täusche dich nicht, das ist eine kampflustige Rasse. Die Rhone bei Lyon ist von ihren Gletschern nicht weit entfernt! Kalt und nebelig, aber doch reißend; Lyon ist sozusagen Genf, scheinheilig, aber tapfer – kurz, wir werden sehen.« Der diensttuende Türsteher öffnete die Tür. »Der Herr ist da.« »Lassen Sie ihn eintreten, zünden Sie aber nicht an.« Der Minister winkte seinem Stiefsohne, der hinter der Tür verschwand, während der Angemeldete durch die andre eintrat. Im Halbdunkel zeichnete sich die Silhouette eines dicken Mannes in einem Samtrock, weichem Hut, mit einem rotgeschwollenen Gesicht und einem schwarzen, struppigen Bart ab. »Nun, Mauglas?« fragte Valfon unbeweglich aus seinem finsteren Winkel heraus. Der Polizist trat einen Schritt näher. »Gemäß Ihren Befehlen, Herr Minister, bin ich der gnädigen Frau bis zum Standplatz in der Rue de Bourgogne gefolgt, wo sie einen Wagen nahm, der sie über die Kais bis zur Spitze des Boulevards Saint-Germain führte; dort stieg die gnädige Frau aus und trat in das Haus ein, wo sich das Kaffeehaus befindet. Dort wohnt seit einigen Tagen der junge Raimund Eudeline. Bei ihm im vierten Stock hat die gnädige Frau die zwei Stunden, die sie abwesend war, verbracht. Mehr haben der Herr Minister nicht von mir zu wissen verlangt. Aber es ist dort ein sehr gemütlicher Hausbesorger, ein ehemaliges Mitglied der Kommune, der leicht auszuforschen ist.« »Danke; ich weiß, was ich wissen wollte,« murmelte Valfon. Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr Mauglas, weniger zuckersüß, in einem übellaunigen Tone fort: »Sie haben mir versprochen, beim russischen Botschafter ein Wort für mich einzulegen; nachdem Sie mich auf offener Tribüne so roh im Stiche ließen, wäre das, scheint's, doch nur Gerechtigkeit.« »Ich habe für Sie gesprochen, Mauglas, aber der Botschafter schien mir sehr kalt zu sein; in seinen Augen haben Sie als Angeber keine Daseinsberechtigung mehr. Er bedauert das, denn er hält Sie für sehr klug und hält gewisse Ihrer Berichte für wahre Musterstücke.« Mauglas zerdrückte seinen Filzhut zwischen seinen haarigen Händen. »Da soll man seine Haut für diese Kamele zu Markte tragen!« »Ei, bezahlt ist sie ja worden,« lachte Valfon höhnisch. »Übrigens hindert Sie ja jetzt nichts, sich einen Beamten, einen jungen Treiber anzustellen, den Sie auf Kundschaft ausschicken können. Hören Sie, wir haben heute abend ein diplomatisches Diner – soll ich noch einmal mit Herrn von Karamanoff sprechen?« »Sie werden mich verbinden, Herr Minister,« sagte Mauglas, indem er sich zum Gehen anschickte und dabei seinen Kopf so rasch und plötzlich neigte, daß er sich beinahe den Nacken verrenkte. Als Valfon in dem aschgrauen Dunkel, das das Zimmer überflutete, wieder allein war, ergriff er seinen Hut sowie die ungeheure Ministertasche, die den ganzen Tisch einnahm, und verschwand wie Marquès durch die portierenverhängte Tür, die zu den Privatzimmern führte. »Ist das gnädige Fräulein drin?« fragte er, indem er hocherhobenen Hauptes und gebieterisch in das Zimmer seiner Stieftochter eintrat. Die überall brennenden und reflektierenden Kerzen schienen es gleichsam in eine erleuchtete Trauerkapelle zu verwandeln. Vor einer großen, mit einem hellen Atlaskleide drapierten Gliederpuppe kauerte eine Rockschneiderin, eifrig beschäftigt, eine Blumengarnitur zu befestigen. Die Kammerfrau, die ihr mit hocherhobener Lampe, mit Zwirn und Nadel zwischen den Zähnen, leuchtete, konnte auf die Frage des Ministers nicht antworten, sondern deutete bloß auf das Ankleidezimmer; als er ihr den Rücken drehte, indem er sich nach dieser Richtung wandte, wechselte sie mit der Probiermamsell ein verständnisvolles Lächeln. Nachdem Valfon der Form wegen angeklopft hatte, schob er sich wie ein geschmeidiges, kurzbeiniges Wiesel durch die halb offen stehende Tür und näherte sich Florence auf den Fußspitzen. In einem langen, flatternden Frisiermantel, das Haar in schweren Flechten ausgebreitet, um die Tinktur, die es leicht vergoldete, trocknen zu lassen, saß das üppige junge Mädchen mit den nackten, perlmutterglänzenden, rosigen Armen vor dem Putztisch. Ein Roman lag aufgeschlagen vor ihr; sie polierte sich die Nägel und las beim Lichte einer Lampe und in dem spiegelnden Glanz der hell lackierten Wandfüllungen. »Guten Tag, meine Flo ... Tag, Tag, Flo-Flo,« stammelte Valfon, und seine feuchten, greisenhaften Lippen, sein ganzes Gesicht vergrub sich in das schöne, offene Haar. Gleichzeitig wagte er, seinen freien Arm, seine zitternde, brennende Hand nach dem harten Eise eines jungen Busens auszustrecken. Die Stieftochter drehte sich sofort um und stieß ihn heftig zurück. Tasche und Hut fielen auf den Teppich nieder; der Minister bot ein lächerliches Bild. Während des nun folgenden Augenblicks der Verwirrung lief Florence zur Tür, um sie zu schließen, dann kehrte sie zornig und ärgerlich zu ihm zurück. »Höre, Valfon,« sagte sie mit plötzlich verändertem Gesicht und Ton. »Fange noch ein einziges Mal wieder an, und ich lasse die Gendarmen holen. Du widerst mich nachgerade an.« Der Minister lag auf den Knien und las noch immer sehr ruhig die Papiere auf, die seiner Tasche entfallen waren. Dann stand er geschmeidig wie ein Clown auf und sagte mit seiner foppenden Miene: »Gut, rufe die Gendarmen; wenn sie da sind, werde ich die Gelegenheit benutzen, um deine Mutter nach Saint-Lazare zu schicken. Da sind einige Briefe von ihr, die mir das Recht dazu geben – sieh sie an.« Ja, das war das malvenfarbene Briefpapier Frau Valfons, ihre kindliche Schrift und die sentimentale Devise »In allen Augenblicken meines Lebens«, die sie einer berühmten Liebenden entlehnte. Aber Fräulein von Lespinasse hatte selbst in ihren feurigsten Ergüssen, insoweit wir sie wenigstens kennen, nie die leidenschaftliche Lyrik erreicht, die in diesen in die Hand des Gatten gefallenen vertraulichen Blättern bebte. Eines nach dem andern breitete er auf dem Marmor des Putztisches aus, indem er dem verblüfften, entsetzten jungen Mädchen gewisse Stellen bezeichnete. Florence hatte eine Ahnung gehabt, daß ihre Mutter einen Flirt unterhalte, denn ihre Freundinnen, die eine freiere Sprache und auch einen lebhafteren Geist als sie besaßen, lachten darüber in ihrer Gegenwart, nannten die Namen von Freunden ihres Bruders, von Raimund Eudeline, auch von andern, aber all das war sehr unbestimmt. Außerdem stellte das Wort »Flirt« in dieser friedlichen Phantasie nichts andres vor als eine angenehme, geistreiche Galanterie, weit entfernt von dem, was ihr elender Stiefvater ihr nun einzuflüstern versuchte, indem er ihr Bruchstücke von Briefen gleich dem folgenden vorlas. »Warum bin ich so traurig, mein Engel, wenn ich nicht mehr in deinen Armen liege? Warum bin ich so traurig nach all dem Glück, das du mir geschenkt hast? ...« »Ich danke deinen zwanzig Jahren, die mir das Leben kredenzen, oh, mein schönes, blondes, zartes Kind; aber wenn du mich nicht mehr lieben wirst, mögen sie mir auch den Tod kredenzen, ich will ihn aus deinem Munde trinken...« Und die, die das alles geschrieben hatte, war ihre Mutter, ihre Mutter! Valfon schien durch die lebendigen Beweise seiner ganz neuen Schmach nicht besonders erregt zu sein; aber wie hatte er sich diese Beweise verschafft? Die meisten Briefe waren nicht kuvertiert, nicht einmal gefaltet; manche waren sogar nicht beendet. Man hätte meinen können, daß Gewissensbisse, ein Zögern die Absendung im letzten Moment verhindert hatten. Aber wie war dann der Gatte in den Besitz dieser gefährlichen Waffen geraten? Eine plötzliche Angst bemächtigte sich der armen Florence; sie zitterte für ihre Mutter, denn sie begriff, daß sie in den Händen dieses bösen Mannes war. Das goldene Licht in ihren schönen Augen erblich, ihre langen, schweren Wimpern flatterten wie die Flügel eines sterbenden Vogels. Valfon hatte Mitleid mit ihr, jenes oberflächliche Mitleid, das man für ein zu zartes, zu harmloses Wesen empfindet. Er brachte die Briefe wieder in Ordnung und sagte ganz leise, während sein grauer Schnurrbart sich sträubte: »Ja, Kleine, ich bin ein alter Wolf, du darfst meinen Zähnen nicht trauen.« Und noch leiser hauchte er ihr den blutschänderischen Schimpf ins Haar: »Vor allem mache dich schön, sehr schön. Der neue Botschafter, ein ehemaliger Vizekönig von Indien, bringt uns eine ganze Herde von jungen Misses mit, die anmutig sind wie Antilopen; sie sollen vor Eifersucht platzen.« Er ergriff mit beiden Händen das schöne Haar, stürzte sich darüber wie ein wildes Tier und lief mit langen, goldenen Fäden zwischen den Zähnen davon. Florence hatte nur noch einen Gedanken – sich rasch anzukleiden, aufs Geratewohl, trotz des Geschreis der Probiermamsell in ihr Kleid zu fahren und sich rasch zu ihrer Mutter zu begeben, die schon ganz fertig war, bereit, in den Wagen zu steigen. Frau Valfon sah in ihrem silberdurchwirkten Atlaskleide jung und strahlend aus; sie trug fünf Reihen ungeheurer Perlen um den Hals und Halbhandschuhe, um die Juwelen sehen zu lassen, mit denen ihre Finger belastet waren. In der vornehmen Judenschaft von Bordeaux waren die Diamanten der schönen Marquès legendenhaft. Wegen der Spielschulden Valfons waren sie oft versetzt gewesen, aber seit er ein Staatsmann geworden war und in den geheimen Fonds wühlte, hatte er alles von »da unten« zurückgezogen, wie Frau Valfon sich euphemistisch ausdrückte, und die Pariser Pfandleihanstalten kannten diese Wunder nicht. Kaum trat die Tochter ein, so flog ihr der Blick der Mutter angstvoll entgegen. ›Was gibt es?‹ Frau Valfon hatte das Schreckliche, von dem sie unter sich nie oder fast nie sprachen, stets vor Augen, und ihr Herz erzitterte, wenn sich die Brauen ihres Kindes auch nur im geringsten zusammenzogen. Florence trat näher, wollte sagen, was vorgefallen war, hielt aber beim ersten Wort verlegen inne, trotzdem sie allein im Zimmer waren. Von Zeit zu Zeit schritt die riesige Zizi, die alte Mulattin Frau Valfons, schweigend durchs Zimmer, las eine Pappschachtel auf, löschte eine Kerze aus – aber die Gegenwart Zizis brachte das junge Mädchen nicht in Verlegenheit, während sie bei dem Gedanken, daß sie zu ihrer Mutter sagen sollte: »Ich weiß, daß du einen Liebhaber hast«, vor Scham fast starb. Trotzdem mußte sie sie benachrichtigen, damit sie auf ihrer Hut sei. Plötzlich fing sie an zu sprechen, zwang sich zu sprechen. »Rasch, Mama – wo hebst du die Briefe auf, die du empfängst, die du schreibst?« »Dort in meinem englischen Möbel.« Frau Valfon, die bereits, ohne zu wissen, warum, unruhig geworden war, zeigte auf einen entzückenden kleinen Ecksekretär mit einer Menge von Etageren und Laden, einem jener Möbel, wie sie nur in London fabriziert werden, und die eigens für Paketbootkajüten bestimmt zu sein scheinen. »Hast du den Schlüssel bei dir?« fragte Florence. »Gewiß, immer.« Die Mutter löste von dem Öhr ihres Fächers – man trug sie in diesem Jahr längs des Rockes herabfallend – einen winzigen goldenen Schlüssel, der sie nie verließ, da sie ihn bald an ihrem Armband, bald an ihrer Uhr befestigte. Dann entnahm sie dem Sekretär eine kleine Mappe aus weißem Maroquinleder, die sie zuerst sehr rasch, dann Blatt für Blatt und immer mehr erblassend durchflog. »Suche nicht,« sagte Florence mit leiser Stimme. »Er hat deine Briefe. Ich habe sie eben bei ihm gesehen.« »Der Elende – also mit einem Doppelschlüssel!« »Arme Mama, du setzt also deine Briefe zuerst im Konzept auf?« »Du weißt, ich bin keine Französin,« stammelte die Mutter verwirrt. »Ich finde meine Worte nicht so rasch wie die andern. Wenn ich einen Brief absenden soll, muß ich immer drei oder vier schreiben.« In Wirklichkeit fand die arme Frau trotz ihres Bemühens nie etwas, was edel und poetisch genug war, um als Antwort auf die schönen, sentimentalen Phrasen ihres Raimund zu dienen. Nachdem sie seit langen Jahren vom Louis-le-Grand her gewohnt war, den Freund ihres Sohnes unter die großen Geister des Gymnasiums zu zählen, gehörte er jetzt in ihren Augen zu der genialen Klasse der Literaten, und wenn sie ihm schrieb, verbesserte sie sich mehrmals, wobei sie immer verabsäumte, die nicht abgesandten Blätter verschwinden zu lassen. Auf diese Weise hatte Valfon sie eines Tages, als er die Laden seiner Frau durchsuchte, in die Hand bekommen; er tat das jetzt häufig, seit die Kammer sich mit dem Gesetz Naquet und der Scheidungsfrage beschäftigte. »Arme Mama,« seufzte Florence. Die Mutter schüttelte den Kopf. »Oh, ich – er hat mir alles Leid angetan, das er mir antun konnte, ich fürchte ihn nicht mehr – aber an dich denke ich – für dich fürchte ich. Bedenke doch, wenn ich nicht mehr da sein würde, um dich zu verteidigen!« »Wenn du nicht mehr da wärest, hätte ich auch keinen Grund mehr, da zu sein,« sagte das junge Mädchen, indem es sich in die Arme der Mutter warf. Ein lebhaftes Klopfen ertönte, und Valfon befahl, ohne einzutreten, mit seiner süßlichen, gebieterischen Stimme: »Vorwärts, meine Damen, wir speisen heute abend in England – das ist nicht wie in Paris,– man muß pünktlich erscheinen.« Während des Sprechens forschte er in den Zügen seiner Frau. Wußte sie etwas? War sie gewarnt worden? In dem Wechsel von Schatten und Licht in diesem großen Zimmer, in dem zunehmenden Abend, ließ sich in dem gepuderten, von Spitzen eingehüllten Gesicht schwer etwas erkennen. Aber draußen, als der Ministerwagen über die Kais, über die Konkordienbrücke rollte, wo um die gelblichen Flammen der Reflektoren noch heller Tag war, fiel ihm die ruhige Heiterkeit der beiden Frauen, der Glanz ihrer Augen auf, die so durchsichtig waren wie ihre Diamanten. Florence hatte sicherlich keine Zeit gehabt, mit ihrer Mutter zu sprechen. Wie sehr eine Weltdame auch ihre Nerven beherrschen mag, wenn sie einem Staatsdiner beiwohnen soll, so würde eine so ernste Erklärung doch sicherlich mehr Spuren hinterlassen haben. Als der Landauer jedoch den Konkordienplatz nach der Richtung des Faubourg Saint-Honoré und des Botschaftshotels durchkreuzte, sagte der Minister ganz laut: »Sieh da, Raimund Eudeline,« und beugte sich hinaus, um zu sehen, in welcher Gesellschaft der junge Mann sich befand. Da schien es ihm, daß das Gesicht seiner Frau plötzlich gezuckt hatte und erblaßt war. * Raimund spazierte vor dem Gitter der Kammer und erwartete seinen Beschützer, Marc Javel, als er aus dem Auswärtigen Amt Mauglas herauskommen sah. Dieser trug strohfarbene Handschuhe und einen weichen Hut und war trotz seines Abenteuers noch immer der alte, unverschämt, zottig, dickwangig, mit der Haltung eines Vorstadtsängers. »Ah, mein junger Freund, ich habe die Ehre,« sprach er Raimund frech an. »Wie geht es in Morangis? Was macht Fräulein Geneviève?« Raimund hatte große Lust, nicht zu antworten, da er sich einer so schlechten Gesellschaft schämte und vor dieser Berührung einen körperlichen Widerwillen empfand. Aber was läßt sich machen, wenn ein Mensch einen mit dieser Unbefangenheit anspricht und sein zynischer, verächtlicher Blick einen auf sein Niveau herabzieht! Raimund versuchte, den Elenden durch einen förmlichen Gruß und die Erklärung des Zweckes seiner Anwesenheit fernzuhalten. »Ich kenne Ihren Marc Javel sehr gut,« meinte Mauglas spaßhaft, indem er seine kleine Hartholzpfeife anzündete. »Soll ich Sie ihm empfehlen?« Der junge Mann dankte; er stehe schon so lange auf Wache, daß seine Beine es nicht mehr aushielten und er es daher vorziehe, die Sache auf den nächsten Tag zu verschieben. »Dann sind Sie meine Beute, junger Mann,« sagte der andre, der auf dieser unschuldigen Stirn deutlich den lebhaften Wunsch sah, sich seiner zu entledigen. Rasch schob er den Arm unter den seinigen. »Abgemacht, abgemacht! Ich führe Sie zum Speisen. Schlagen Sie es mir nicht ab; Sie tun ein Werk der Nächstenliebe.« Er sprach die letzten Worte in nicht gespielter, zugleich zurückgehaltener und mitteilsamer Erregung. Raimund ließ es geschehen, und wütend über seine Schwäche, redete er sich mit der Dummheit und Eitelkeit seines Alters ein, daß er einer Regung des Mitleids, der Großmut nachgebe. »Welches Recht hätte ich, einen Unglücklichen zu demütigen, der ohnehin so niedergedrückt ist? Ich bin nicht sein Richter – und dann hat er so viel Talent – tausend Franken für den Bogen in der ›Revue‹ ...« Außerdem ging der Tag zur Neige, und es nahte jene unentschiedene Dämmerung, die den Gewissensvergleichen, den Zugeständnissen feiger Seelen so günstig ist. Mit dem Restaurant in den Champs-Elysées, wohin Mauglas seine Beute führte – wie kam es, daß das Wort »Beute« das Ohr Raimunds nicht verletzt hatte? –, ist ein während der schönen Jahreszeit sehr besuchtes Konzertlokal verbunden, das diese ganze Seite der Avenue Gabriel mit seinem Lärm und seinem Licht, mit einer brausenden Menge unter den Zweigen belebt. Da die Jahreszeit dem Aufenthalt im Freien noch nicht günstig war, sah man von dem in Dunkel und Schweigen gehüllten Restaurant nur ein paar Extrazimmer, deren trübes Licht in das Laub hinausschimmerte. Der Eifer, mit dem sich die Kellner um den Neuangekommenen bemühten, das Lächeln der Dame hinter der Kasse, der kleine, von Wachskerzen mit Lichtschirmen beleuchtete Tisch im Hintergrund einer glasgedeckten, einsamen Galerie, eine Fleischbrühe, wie man sie nur noch in der Provinz findet, und der vorzügliche rauchende Kabeljau wie in den Londoner oder Amsterdamer Schenken – alles wies auf den Stammgast, den Feinschmecker, den Stolz der alten Pariser Gasthäuser hin, wo man noch zu essen versteht. »Ach ja, mein Leckermaul war mein Unglück,« sagte Mauglas, indem er einen Schluck Champagner, einen frischen, noch nicht moussierenden Traubenwein, in die Gläser füllte. »Ich habe gar zu früh erfahren, was gut ist, und konnte es nicht mehr entbehren. Höre die Geschichte an, Kleiner, es ist der Mühe wert – es ist die Beichte eines Geheimagenten.« Raimund sah ihn entsetzt an. Der Unglückliche gestand also seine Schmach! Um ihm diese Beichte abzulegen, hatte er ihn hierher zum Essen geführt! Zu welchem Zweck? War es Reue, das menschliche Bedürfnis, sich durch eine Aussprache zu erleichtern? Zweifellos fand die jugendliche Eitelkeit des Beichtigers in dieser Annahme ihre Rechnung. Aber welch ein seltsamer Büßer war das, der mit einer Serviette unterm Kinn, mit so fettglänzenden Lippen und einem so prächtigen Appetit sein Sündenbekenntnis ablegte! Wie konnte man annehmen, daß mit diesen Ergüssen die Reue irgend etwas zu tun hatte? Ehe die Eltern Mauglas' sich nach Morangis zurückzogen, wo Raimund sie kennen lernte, hatten sie in Saint-Lô in der Normandie ein Fuhrmannsgasthaus am Rande der großen Landstraße gehalten. Gewisse Ragouts, die die Mutter Mauglas kochte, ihre Krebssuppe und gedämpfte Schleie verschafften dem Hause den Ruf eines großen Gasthofes, und der alte Mauglas, ein Zuckerbäckermeister, hatte in seinen mit gebratenem Speck durchspickten normannischen Krapfen nicht seinesgleichen. Während der schönen Jahreszeit veranstalteten die Bürger der Umgebung Ausflüge zu den Mauglas, um dort zu schmausen, und jeden Sonntag zur Mittagsstunde erschien der alte Denizan, der älteste Gerichtsvollzieher der Stadt, mit seiner Violine und seinen zwei Töchtern. Das waren gesegnete Tage für den kleinen Mauglas. Er brachte diese Sonntage damit zu, sich mit Fräulein Rosa und Fräulein Pulcheria im Stroh des Dachbodens zu wälzen und dann dem schönen Spiel des Herrn Denizan, den Brahmsschen Walzern, den Masurkas von Chopin, zuzuhören. Der Kleine merkte sie sich, ging sie während der ganzen Woche wieder durch und trällerte sie, während er ganz allein auf den Feldern umherging, von früh bis abend vor sich hin, bis er beinahe weinte. Er war ein dickköpfiger, schwerfälliger Junge von frühreifer Intelligenz, aber von einer Trägheit, die nichts erschüttern konnte. Da er leicht fror und ein Feinschmecker war, saß er stundenlang in der Küche, schäumte die Töpfe ab, kostete von der ersten Suppe und betrachtete vertieft den Bratspieß, der inmitten des guten Geruches der Brühen und Braten seine Kette abhaspelte. Dennoch setzte Herr Denizan es durch, daß die Mutter, die es bisher für das einfachste gehalten hatte, ihren dicken Bäckerjungen an ihren Schürzenbändern zu behalten, ihn ins Gymnasium von Saint-Lô schickte und nach den Erfolgen, die der Junge in der Klasse errang, seine Studien in Paris als Zögling eines großen Lyzeums beendigen ließ. In den Ferien kam er wieder mit Fräulein Rosa zusammen, die in Frische und Gesundheit blühte; aber da sie ganz jung ihrer Mutter beraubt wurde, ohne Erziehung, ohne Aufsicht aufwuchs, konnte sie mit siebzehn Jahren kaum lesen und ließ sich im Stroh herumstoßen, geradeso wie mit zwölf Jahren. Die ältere Schwester, Fräulein Pulcheria, verriet sehr lebhafte Vorliebe für die Husaren und gab jedes Jahr einem Offizier des in Saint-Lô stationierten Zwölferregiments einen neuen Beweis davon. Als der Krieg von 1870 diese hübschen Husaren mit der Wespentaille zerstreute, nahm einer der Schreiber Herrn Denizans den leeren Platz des Offiziers von den Zwölfern bei seiner Tochter ein; allein da er weniger gewissenhaft war, brannte er mit ihr durch, indem er auch die Kanzleikasse mitnahm. Der junge Mauglas, der damals in Paris war, ließ sich zu den Freischärlern von Chabaud-Molard anwerben, führte während der ganzen Zeit der Belagerung ein Zigeuner- und Robinsonleben in den verlassenen Villen, den großen vereinsamten Parks der Pariser Bannmeile, plünderte die Hühnerhöfe, trank guten gestohlenen Wein und genoß jenen köstlichen Rausch der Gefahr, der die Umgebung vergrößert und den geringsten Episoden etwas Erhebendes und Interessantes verleiht. Ach, wie flach und farblos erschien ihm das Leben, als er, nachdem Paris sich ergeben und die Barrieren sich geöffnet hatten, wieder in der großen Küche der väterlichen Herberge stand und die Erzählungen seiner Alten von dem während seiner Abwesenheit erlittenen Elend anhören mußte. Das Fuhrmannsgeschäft ging nicht mehr, Straßen und Wege waren vorüberziehenden, ungeordneten Truppen überlassen, algerischen Heuschrecken, die alles, sogar die Fenstervorhänge, verzehrten. Zweimal hatten einquartierte Soldaten Feuer an das Gasthaus gelegt. In Saint-Lô bei den Denizans ging es noch kläglicher zu. Den Vater hatte der Verrat der älteren Tochter tödlich getroffen, die Kanzlei wurde verkauft, zu niedrigem Preise vom Verein der Gerichtsvollzieher angekauft, und der kleinen Rosa blieben nur die Einrichtung ihrer Mädchenstube und ein paar Rollen Goldstücke, die sie in einer Schublade aufbewahrte. Von dort nahm sie mit geschlossenen Augen heraus, was sie brauchte, ohne je etwas wieder hineinzulegen. »Das Pech ist, sie ist guter Hoffnung,« sagte die Mutter Mauglas. »Und von dir, behauptet sie,« fügte der Vater hinzu. »Das wäre nicht unmöglich,« antwortete der Sohn, ohne sich im mindesten aufzuregen. Und da Rosa ein hübsches Mädchen war, da sie sechs- oder siebentausend Franken Bargeld besaß, glaubte er ein treffliches Geschäft zu machen, indem er sie heiratete und sich mit ihr in Montmartre, in einer Dachstube der Rue Lepic, niederließ. * Mauglas wurde an dieser Stelle seiner Erzählung durch die Klänge eines Orchesters im Dunkel der benachbarten Büsche unterbrochen. Er glaubte anfangs, daß im Konzertsaal eine Probe stattfinde. Aber ein Kellner klärte ihn auf. »O nein, es werden noch keine Proben abgehalten. Was Sie da hören, ist die Gardekapelle, die gegenüber in den Gärten der englischen Botschaft spielt.« ›Freilich, heute abend ist Empfang ... bei diesem diplomatischen Diner wird sogar von mir die Rede sein,‹ dachte Mauglas bei sich. Dann wandte er sich plötzlich zu Raimund: »Ich kehre zu meiner Geschichte zurück. Ich brauche Ihnen nur noch zu erklären, wie und warum ich in die Bude kam.« Raimund verstand ihn nicht. »Nun ja, die Bude, die Bude, die Polizei. – Wir wohnten beinahe zwei Jahre in Paris, im Quartier Latin; Rosa hatte mir vor der Abreise ein paar entzückende Zwillinge geschenkt, die die Großeltern anfangs zu sich nahmen, mir aber bald samt der Amme brachten, denn auf dem Lande ging es nicht mehr, und alles starb Hungers. Ich hatte also genug Münder zu ernähren! ... Dazu kam noch, daß Pulcheria, die Schwester meiner Frau, die ihr Gemeindeschreiber sitzen gelassen hatte, uns ins Haus fiel; sie besaß keinen Heller, kein Hemd, aber Laster und Dummheiten genug, um damit das ganze Stadtviertel zu beschenken. Sie war wie ihre Schwester ein hübsches, kräftiges Mädchen mit viel Haar und brachte ihre Nächte in den Schenken zu, wo man sie unter dem Namen ›die Normannin‹ kannte. Da sie frech genug war, mich als Bürgen auszugeben, mußte ich sie fortwährend auf dem Sittenamt abholen; dann verschwand sie eines Abends, indem sie die Garderobe meiner Frau mitnahm. Die saß nun beinahe einen Monat lang ganz blank da und wagte sich im Unterrock und Nachtjacke nicht mehr auf die Straße ... »Die siebentausend Franken von der Kanzlei waren längst fort. Um das Haus zu ernähren, hatte ich meine Uhr, meine Anhängsel, meine Manschettenknöpfe verkauft, dann kamen das Silber, meine Partituren, die Violine des alten Denizan an die Reihe. Ein paar Zeitungen nahmen mir Manuskripte, Biographien großer Musiker, ab, aber sie zahlten so schlecht, und ich schrieb so langsam! Ja, dieses Trödeln bei der Arbeit, dies Bedürfnis, jedes Wort eines Satzes mit Glaspapier zu polieren, war immer meine Schwäche. Denn ich finde den Ausdruck nie scharf, nie glänzend genug. Dazu kommt noch jene Manie der Kürze, der Konzentration, die bei der Jugend ziemlich selten ist, die Manie des Vaters Wolf, des alten Freundes Goethes. Er behauptete, daß jeder Gedanke, jede Formel, mochte sie noch so sein und verwickelt sein, auf einem Fingernagel Platz haben müsse, sonst habe sie ihren richtigen Ausdruck nicht gefunden. Für einen Mann, der nur von seiner Feder per Zeile lebt und eine Menge andrer davon erhalten muß, ist dieses Suchen nach Kürzungen, nach Einschränkung der Zeilen eine sonderbare Manie. »Einmal, als ich in einem radikalen Blatte, für das ich zuerst schrieb, eine ziemlich wütende Schilderung des Präsidenten der Republik veröffentlicht hatte, suchte ich Valfon, den damaligen Direktor der Sicherheitspolizei, im Ministerium des Innern auf, um ihn zu bitten, das Blatt nicht für meine Ungeschicklichkeit verantwortlich zu machen. Er lachte mir ins Gesicht, sagte, daß ich naiv sei, daß diese Leute sich über mich lustig machen; ich hätte ein großes Talent, das ich nicht auszunutzen verstünde, behauptete er, und wenn ich ernst werden, ein für allemal aus der Patsche herauskommen wollte, würde er mir selbst eine leichte, einträgliche Stellung verschaffen, die mich in den Stand setzen würde, der Regierung durch Mitteilungen über den wahren Stand der öffentlichen Meinung ungeheure Dienste zu leisten. »›Denken Sie nach,‹ sagte er, ›und wenn meine Worte Sie überzeugt haben, so suchen Sie in meinem Namen Herrn Leboucart, den Polizeipräfekten, auf. Er wird Ihnen sagen, was Sie zu tun haben.‹ »Ich fragte der Form wegen meine Frau um Rat, und sie antwortete: »›Lieber Freund, tue, was du willst, aber von dem Schriftstellerberuf, den du ergriffen hast, verstehst du nicht viel. Du verdienst fast nichts, und wir sind acht bis zehn Personen bei Tisch; unter diesen Bedingungen wird es dir schwer werden, dich durchzuschlagen.‹ »Freilich, in meinem Hause war immer freier Tisch für eine Menge von Schlemmern und Schleckern, deren Faulheit der meinen schmeichelte. Diese brachten wieder andre herbei, und bis nach Montmartre hinauf wurden die Suppen der Mutter Mauglas berühmt. Ja, von einer Mahlzeit zur andern das Tischtuch nicht wegnehmen, mit dem Ellbogen auf der Tischplatte dazusitzen und zu klatschen – ein solches faules, leckerhaftes Leben liebte meine Frau über alles. Mein Gehalt als Spitzel – man bot mir siebenhundert Franken monatlich – würde mir gestattet haben, dieses Leben bis ins Unendliche fortzusetzen. Auf den ersten Blick bot der Beruf keine Schwierigkeiten und ließ sich in zwei Worte zusammenfassen: zuhören und berichten. Überall, wo ich mich befand, im Kaffeehaus, im Klub, in den Salons, mußte ich nur die Ohren spitzen, die Gespräche, die Unterhaltungen im Fluge erhaschen und einen kurzen Bericht darüber erstatten, den der Chef durch die Arbeiten mehrerer meiner Journalistenkollegen kontrollierte. Viele von ihnen, versicherte mir Leboucart, lebten von demselben Berufe und glaubten weder herabzusinken noch sich bloßzustellen, indem sie ehrenhaft einer ehrenhaften Regierung dienten. Ich zögerte einige Zeit, aber am Letzten eines gar zu schweren Monats lieh mir Leboucart tausend Franken, die ich zurückgeben sollte, wann und wie ich wollte. Jetzt war ich gefangen. »In der ›Bude‹ hatten meine Berichte Erfolg, weil sie kurz waren – der Nagel des Vaters Wolf – und ich nichts ausschmückte. Die Arbeit unterhielt mich. Zuerst bekam ich den Auftrag, die Sozialistenkongresse in Gent, Lugano, die Internationale in Genf zu überwachen. Ich benutzte das, um Museen, feenhafte Gegenden zu besuchen, die ich nie anders als im Traume gesehen hatte. Waren meine Notizen einmal gemacht, mein Bericht abgeschickt, so arbeitete ich für eigne Rechnung. In meinem Gasthauszimmer, mit der von wildem Wein umschlungenen Schwelle, beim offenen Fenster, das auf das grelle Blau des mit schneeweißen Villen besetzten Luganer Sees hinausging, schrieb ich mein erstes Kapitel über die ›Psychologie des Orchesters‹, das die ›Revue‹ veröffentlichte und das mich sofort bekannt machte. Junger Mann, ich lese in Ihren Augen, was Sie sich denken: Und die Reue? »Auf Ehre, im Anfang ließ die Reue mich ziemlich in Ruhe. Als ich in Holland den Vorträgen Karl Marx', Bakunins und einer Menge andrer spanischer, italienischer, selbst französischer Schwätzer beiwohnen mußte, deren politisch-soziale Ideen ich aufschrieb, während ich mir dabei die intimen Unterströmungen des Kongresses, die Nebenbuhlerschaften, die Kleinlichkeiten notierte – als die Freunde von Mazzini, von Garibaldi in Genua, in Mailand mir von ihren Plänen erzählten, mir das revolutionäre Italien auslieferten und ich diese Geständnisse hohen Orts mitteilte, geriet mein Gewissen gar nicht in Unruhe. Erst später bei gewissen individuellen Fragen wurde der Beruf hart, insbesondere durch die Schuld meines Chefs, des finsteren Leboucart, der nur von Streit, Verschwörungen und Bestrafung träumte, der mich aus einem Spitzel in einen Agent provcateur verwandeln wollte. »Ach, der Schurke, was für eine Füsillade, was für eine Kanonade hätte es von einem Ende Frankreichs zum andern gegeben, wenn ich ihm gehorcht haben würde! Jeder meiner Berichte bot Gelegenheit zu Szenen, wobei er mich Tropf, Dummkopf nannte, zu verabschieden drohte; ich hätte ihn gern beim Wort genommen, wenn ich nicht meine ganze, zahlreiche Familie hinter mir geschleppt hätte, die mehr als je in Verwirrung war. Meine Schwägerin Pulcheria war mit ihrem neuen Geliebten zurückgekommen – diesmal war es ein spanischer Tänzer, der die Drehkrankheit hatte wie die jungen Schafe und nichts als Walzer, Derwischtänze ausführen konnte; dann wurden unsre kleinen Zwillinge krank, starben alle beide im Zwischenraum von wenigen Stunden, meine Frau kam nach dieser Erschütterung ins Bett und blieb wie stumpfsinnig anderthalb Jahre unbeweglich liegen. Das hinderte nicht, daß der Tisch bei uns immer gedeckt war und für die Freunde selbst in meiner Abwesenheit Schmausereien veranstaltet wurden. Man kam, um die Kranke zu pflegen, zu zerstreuen. Wie sollte ich, wenn ich meine Stelle verlor, das Haus auf diesem Fuß aufrechterhalten? Ich war also genötigt, die Schimpfereien Leboucarts zu ertragen. Trotzdem empörte ich mich schließlich. Wissen Sie, was der Kerl wollte? Daß ich mich als Kandidaten bei der Abgeordnetenwahl von Var aufstellen lassen sollte, unter dem Vorwand, daß ich auf meinen Reisen die Achtung der republikanischen Kaffeehäuser von Draguignan gewonnen hätte! Die Polizei würde die Kosten meiner Kandidatur tragen, bestreiten, und während der ganzen Dauer des Mandates sollte mein Gehalt verdoppelt werden. Da Leboucart sah, daß ich hartnäckig bei meiner Weigerung blieb, wurde er gereizt. ›Was geniert Sie?‹ sagte er zu mir. ›Sie werden in der Kammer nicht der einzige sein, der von uns Gehalt bezieht.‹ – War das wahr? Benutzte er da nicht eine jener Künste, deren seinesgleichen sich bedienen, um ihr Personal anzuwerben? Auf jeden Fall weigerte ich mich unbedingt und erklärte, daß ich nur die Literatur liebe; nachdem ich bereits unter den gegenwärtigen Umständen kaum Zeit fände, alle vier, fünf Jahre einen Band zu veröffentlichen, müßte ich, wenn ich das Mandat annehmen würde, ganz aufs Schreiben verzichten. »Daraufhin geriet der Chef in einen furchtbaren Zorn, und ich wäre stellenlos auf der Straße gestanden, wenn nicht Valfon, der ebenso unerbittlich wie Leboucart ist, aber mit gutem Recht alles fürchtet, was eine Feder in der Hand hält, mir einen vorteilhaften Posten zum Ersatz des verlorenen angeboten hätte. Der neue Petersburger Polizeiminister, General Dejarine, hatte ihn bei der Durchreise durch Paris um einen geschickten, erprobten Agenten gebeten, der die nach Paris geflüchteten russischen Revolutionäre überwachen konnte. Valfon gab mir einen Brief an den General, den ich in Genf aufsuchen sollte. Er hatte dort das ganze Hotel Beauséjour gemietet. Ich brachte dort achtundvierzig Stunden zu, bewohnte ganz allein für mich sechs große Zimmer im zweiten Stockwerk. Es war mir verboten, auszugehen oder mit wem immer zu sprechen, aber Zigarren, Champagner und Kümmel hatte ich genug bis zum Platzen. Der dicke, sinnliche, schlaue Dejarine mit den seidenweichen Gebärden und dem treulosen Blick übergab mir ein Paket Photographien, welche die Hauptfiguren der revolutionären Partei darstellten. Mit diesen sollte ich mich assimilieren und sie fortwährend im Auge behalten. Mit großer Intelligenz gab er mir Erklärungen zu den Notizen, die er über das Leben, die Sitten, den Charakter dieser Männer und Frauen gesammelt hatte, deutete mir ihren Aufenthaltsort und ihre Schlupfwinkel an und nannte mir die Namen von zwei der wildesten Nihilisten, die seit langer Zeit bearbeitet wurden und nun nahe daran waren, in den Dienst der Petersburger ›Bude‹ zu treten. Er überließ es meiner Schlauheit, die Sache abzuschließen und ebenso die Mittel zu finden, zu diesen Leuten zu dringen, mich mit einigen zu verbinden, ohne Verdacht zu erregen. Das gelang mir in der Tat, und obwohl ich reichlich bezahlt wurde – ich bekam fünfzehnhundert Franken monatlich außer den Kosten für Wagen und Porto –, so kann ich sagen, daß ich mein Geld nicht gestohlen habe, wenigstens nicht in den ersten Jahren. Ich kannte alle Führer der Emigranten, Lavroff, Popoff, ich hatte Einladungen zu den Soireen im Palais Czartoryski auf der Insel Saint-Louis, das man im Verdacht hatte, ein nihilistischer Mittelpunkt zu sein; ich habe nie etwas entdecken können. Drei Monate hintereinander frühstückte ich in einer Milchhalle hinter dem Pantheon mit Sonja Perowska und Jessa Hefmann, die beide kurz darauf in Petersburg oder Moskau – ich weiß nicht mehr, wo – gehängt wurden... Werden Sie nicht blaß, junger Mann, ich war es nicht, der sie verhaften ließ; ich begnügte mich damit, ihre Anwesenheit sowie die Orte, die sie besuchten, zu signalisieren, aber um ihre Unterhaltungen, ihre Pläne zu verraten, fehlte mir die Kenntnis der russischen Sprache, besser gesagt, der Schlüssel zu dem gewissen Jargon, dessen sich die Flüchtlinge untereinander bedienten. »Als meine Frau starb und ich meine Alten in dem Häuschen neben dem der Izoards unterbrachte, hätte mein zufälliges Zusammentreffen mit Sophie Castagnozoff für die Landsleute des guten, dicken Mädchens gefährlich werden können. Sie kannte alle ihre Entschlüsse, ohne ihre Ideen vollständig zu teilen. Ich und meine Schriften hatten, ich weiß nicht, warum, Sophiens Gunst gefunden. Ich fühlte, daß sie mir vertraute und bereit war, mir alles zu sagen. Zuerst lehrte sie mich, mutmaßlich zum Zwecke vergleichender Geheimsprachstudien, jenen Jargon, ohne den man die Partei unmöglich kennen lernen kann. Plötzlich zog sie sich ohne Grund und Erklärung zurück, wurde ganz verschlossen, und ich erfuhr nichts mehr von ihr. Geschah das aus Eifersucht auf Fräulein Geneviève, in die ich einige Zeit verliebt war, oder war es dieser schönen, stolzen Dame gelungen, ihr die Antipathie mitzuteilen, die sie für mich empfand? Auf jeden Fall, nachdem einmal eine Haussuchung bei Casta stattgefunden hatte, um einen von ihr verborgenen Anarchisten zu suchen, redete man ihr ein, daß ich sie denunziert hätte. Obwohl ich nun in dem Viertel Saint-Marcel, dem sogenannten Kleinrußland, nicht gerade entlarvt war, so hatte man ein Auge auf mich, wie man sagt; ich wurde selbst mehr belauert, als ich die andern belauerte; meine alten Eltern wurden sogar in ihrer Ruhe bedroht, und ich mußte ihnen fern von Morangis ein andres Asyl suchen. Mittlerweile fand im Petersburger Polizeiministerium ein Wechsel statt. Der neue Minister Bernoff, ein Wilder, kam nach Paris, schickte mich ins Hotel Bristol und gab mir Befehl, ihm binnen acht Tagen eine geheime russische Druckerei zu entdecken, die in Saint-Ouen arbeitete. Ich suchte, fand nichts und wurde auf die roheste Art von dem Minister abgesetzt. Er hatte kein Gefühl für die Feinheiten der französischen Sprache, mit denen ich meine Berichte schmückte, behandelte mich wie einen richtigen ›Muschik‹ und hätte mich sicherlich ohne die Verwendung Dejarines hinausgeworfen. Als der General sich daher mit seiner Tochter in Paris niederließ, stellte ich mich, da ich den Haß der Flüchtlinge gegen ihn kannte, ihm vollständig zur Verfügung. Aber er war eines jener gleichzeitig fatalistischen und zugleich skeptischen Wesen, die an die Gefahr nicht glauben. Meine Vorsichtsmaßregeln brachten ihn zum Lachen; er fuhr fort, in allen niedrigen Schenken herumzulumpen, trotzdem die Internationale in Paris und London förmliche Befehle bezüglich seiner Person hatte ergehen lassen. Ich hielt mich für verpflichtet, unsern Minister des Auswärtigen zu benachrichtigen. Ein guter Einfall! Sie wissen, mit welcher Ungezwungenheit Valfon, dieser Lügner und Verräter, mich über Bord warf, wie er behauptete, daß er mich mit der Sorge für die Sicherheit des Generals betraut hatte und mich für seinen Tod verantwortlich machte. Ich habe nur noch ein Mittel, um mich aus der Affäre zu ziehen. Dieses Mittel, glaube ich, können Sie mir verschaffen – Aber Achtung, da kommen Leute – gehen wir, wir werden draußen weiterreden.« Ein Paar hatte sich an einem Nebentische unter der Veranda niedergelassen, die von den Gästen an diesem Abend den heißen Extrazimmern vorgezogen wurde. Als Mauglas, frech seine breiten Schultern aufrichtend, an den Gästen vorüberging, flüsterte der Mann, eine lange, gebeugte Gestalt mit einem kupferigen, katzenhaften Levantinerkopf, im Frack und flatternder weißer Krawatte, der großen, gemalten Puppe mit dem Wergkopf, die sich ihm gegenüber fächelte, ein paar Worte zu. »Das ist Barnes, der Deputierte von Vaucluse,« sagte Mauglas laut, damit man ihn hören könnte. »Er stellt sich, als erkennte er mich nicht, und das ist wirklich nicht nett von ihm, denn als er die häßliche Affäre im Palais-Royal hatte, beauftragte mich der Chef, bei allen Krämern der Galerie eine Untersuchung anzustellen, und wenn es mir daran gelegen gewesen wäre, Leboucart, der ihn durchaus schuldig wissen wollte, einen Gefallen zu tun ...! Aber die Untersuchung war günstig für ihn, und ich konnte nicht lügen ... Ach, dieser Mensch, der vor mir schluchzte und meine Knie umschlang ... was für Versprechungen er mir machte, diese Schwüre ewiger Dankbarkeit ... Sehen Sie, nicht einmal den Hut zieht er vor mir.« Er lächelte der Dame bei der Kasse zu und zündete seine englische Pfeife an dem silbernen Feuerzeug an, das der Laufbursche ihm anbot, während Raimund, der wenig rauchte, eine schreckliche Havannazigarre in Angriff nahm. Sie machte seine von dem frischen Champagner und den eben gehörten Geständnissen ohnehin umnebelten Gedanken vollends wirr. »Für einen Beobachter von Menschen ist es doch ein schöner Beruf, mein lieber Raimund ...« Mauglas zog seinen jungen Gefährten in die Nacht der Champs-Elysées hinaus, indem er seinen eisenbeschlagenen Stock heftig auf den Boden stieß. »Ja, ich kenne Geschichten, ja, ich könnte welche aus diesem Asphalt herauslocken, wenn ich wollte! Ich verhehle Ihnen auch nicht: abgesehen von dem Gehalt, das mir ein behagliches Leben, einen guten Tisch und Muße für meine schriftstellerischen Mosaikarbeiten verschafft, täte es mir auch leid um meine Beschäftigung, wenn ich ganz und gar darauf verzichten müßte, und darum frage ich Sie: Wüßten Sie unter Ihren Bekannten im Verein oder anderswo einen bedürftigen oder auch nur nach Wohlleben lüsternen Kameraden, der für fünfhundert, sechshundert Franken monatlich einwilligen würde, ein paar Stunden unter den russischen Flüchtlingen zuzubringen und das, was er hören würde, ohne Auslegungen oder Ausschmückungen zu notieren? Die Verantwortlichkeit würde ich tragen; ich mache den Bericht, unterzeichne ihn auf der Präfektur mit meiner Chiffre. Ich vermeide damit nur, mich in den Kreisen zu zeigen, in denen ich entlarvt bin.« Trotz seiner großen Jugend und des Champagnerrauschs konnte Raimund Eudeline nicht umhin, zu denken: ›Also dahin wollte er hinaus – darauf spielt er seit zwei Stunden an!‹ »Es tut mir leid, Herr Mauglas,« begann er ganz laut in sicherem Tone, »aber soviel ich auch nachdenke, niemand in meiner Umgebung scheint mir fähig oder auch nur geneigt zu sein ...« Er hielt inne, fühlte, daß er im Dunkeln errötete, und bildete sich ein, daß man das sehe – warum errötete er? Welcher Hintergedanke machte ihn plötzlich befangen? Woher kam diese plötzliche Angst vor Mauglas, die Lust, ihm zu entschlüpfen, weit von ihm fort zu fliehen? Der andre, dieser Schlaukopf, ahnte das sicherlich und antwortete mit der größten Ruhe: »Ja, ich weiß, auf den ersten Blick kommt einem die Sache nicht recht bequem vor – aber wenn man es bedenkt, ein Beruf ohne Beschwerden, ohne Verantwortlichkeit, der einem sechshundert Franken monatlich einträgt ... Sie werden schon sehen, junger Mann, Sie werden nachdenken ... Sie haben ja meine Adresse ...« Sie schritten längs des Trottoirs der Avenue Gabriel, längs der Reihe der grünen Gärten dahin. Die dazugehörigen Paläste haben gleich denen in den Champs-Elysées ihren Haupteingang vom Faubourg Saint-Honoré aus. Während sie an einem efeubewachsenen Gitter vorbeikamen, drangen durch die rauschenden, schwarzen Zweige, aus denen die Lichter eines vornehmen Festes glänzten, Frauenstimmen und das Trillern einer Gitarre zu ihnen hinaus. »Das ist wohl die englische Botschaft?« fragte Raimund. Der Polizeispion blieb stehen und sah hin. »O nein, die Botschaft ist weiter oben – übrigens klingt die Gitarre, die wir da hören, durchaus nicht nach der Gardekapelle.« Es war wohl die englische Botschaft, aber durch den dicken Vorhang des Efeus konnten sie nicht die Freitreppe des Palais Borghese, die hohen, weit offenen Glastüren und die wenigen in den vertraulichen Kreis der diplomatischen Versammlung zugelassenen Frauen erblicken, deren elegante Silhouetten sich in der Reihe der ungeheuern, funkelnden, an diesem Abend fast leeren Salons abzeichneten. Hier hatte die schöne Pauline ihrem Bruder und den hübschen Obersten des ersten Kaiserreichs gar oft die Honneurs gemacht. Das automatenhafte, feierliche Diner, dessen einförmige, offizielle Gespräche die Gardelapelle mit Märschen und sentimentalen Walzern unterbrochen und vorteilhaft ersetzt hatte, war zu Ende, und nachdem Lady Rawenswood, ihre Tochter und die eingeladenen Damen sich in die Salons begeben hatten, waren die Männer an der unordentlichen Tafel allein geblieben, um zu rauchen und zu trinken. Zigarrenkistchen, die offen auf den Läufern aus indischer, silbergestickter Seide standen, und wunderlich geformte Likörflaschen mischten sich mit massiven, glänzenden Hufeisen, die unter den sieben brennenden Armen eines hohen Kandelabers aus Sandelholz ausgebreitet waren. Diese ganze exotische Ausschmückung wirkte der Banalität des offiziellen Mahles entgegen, das der ehemalige Vizekönig von Indien, der nun der Rangordnung gemäß vor einigen Wochen englischer Botschafter in Paris geworden war, dem Minister des Auswärtigen und dem ganzen diplomatischen Korps gab. Valfon hatte seinen Sessel an den des russischen Botschafters herangeschoben, und während sie mit leiser Stimme, mit der sentenziösen Mimik, den wichtigen Kopfbewegungen hoher Würdenträger miteinander plauderten, bildete die Zigarre im Winkel seines gemeinen Mundes, seine pöbelhafte Art, daran zu kauen, den lebendigen Gegensatz zu der patrizierhaften Anmut und der dünnen Zigarette seines Nachbars. Etwas weiterhin, inmitten schwarzer, mit Bändern und Silberplatten geschmückter Fräcke, saß der Nunzius, ein Gesicht von der gelblichen Farbe geschnitzten Elfenbeins, eine lange, aszetische Gestalt in einer lila Soutane mit ganz kleinen Knöpfen. Er hörte den salbungsvollen Phrasen Marc Javels zu, der ausnahmsweise wegen seiner Nichte Jeannine eingeladen worden war. Diese war die Freundin Miß Frida Rawenswoods seit ihrer Ankunft in Paris. Man sprach damals von der wahrscheinlichen Neubesetzung des französischen Botschafterpostens beim Vatikan, und Marc Javel dachte sich, daß er, wenn das Marineministerium ihm entschlüpfte, gern die Regierung der Republik beim Heiligen Stuhl vertreten würde, um so mehr, als der radikale Deputierte seit einigen Monaten sichtbarlich seine Brüder Freimaurer vernachlässigte und sich an diesem Abend in vielen Punkten mit dem Nunzius in Übereinstimmung befand. In ihrer Nähe erzählten sich ein paar junge Attachés lachend ganz leise eine Äußerung Frau Valfons, der Ministerin. Als Lord Rawenswood ihr vor dem Diner die Salons des Palastes Borghese zeigte, sagte er, auf ein grünseidenes Ruhebett deutend, das seit dem ersten Kaiserreich hier geblieben war: »Wenn dieses Ruhebett wollte, könnte es gar manches über die Sitten der schönen Pauline erzählen.« Auf das hin antwortete Frau Valfon, die aller geschichtlichen Kenntnisse entbehrte und glaubte, daß »die schöne Pauline« der Spitzname irgendeiner Hetäre, einer Zeitgenossin Cora Pearls und Marguerite Bellangers sei, in pikiertem Ton: »Frauen wie ich, Herr Botschafter, interessieren sich nicht für die Abenteuer dieser Art von Personen ...« Der Lord Botschafter besaß den Takt, zu schweigen, aber man kann sich denken, daß die Antwort der armen Frau in dem komischen Repertoire dieser jungen Herren zu den Vorräten von Heiterkeit und tollem Gelächter gelegt wurde, mit denen die legitimen Gattinnen gewisser Regenten sie bereits so gefällig versorgt hatten. Die Dame, über die man so spottete, bemerkte es gar nicht und hatte gar keine Lust zu lachen. Sie saß in einem Winkel des Salons, mitten unter all diesen ihr zumeist unbekannten Diplomatenfrauen – lauter stolzen, kosmopolitischen Gesichtern, einer Musterkarte der ganzen weiblichen Aristokratie Europas – und war blind und taub gegen alles, was um sie vorging. Ihre Augen starrten auf die Tür, durch die die Männer zurückkehren sollten, vor allem ihr Gatte, von dem sie angstvoll eine Auskunft erwartete. Der Abend war schwül; ein feuchter, warmer Hauch, den der Garten heraufsandte, ließ die Flammen der Kronleuchter flackern, und in dem diskreten Geflüster der Fächer, in dem fernen, ununterbrochenen Rollen der Wagen erhob sich aus der Tiefe des Salons eine klare Stimme. Es war die Stimme eines ganz jungen Mädchens, das, von der Gitarre begleitet, eine alte schottische Ballade sang. Zu jeder andern Zeit hätte sich Frau Valfon mit der girrenden Sentimentalität der Frauen ihres Alters gar leicht dem Zauber der alten Romanze hingegeben, die die frühlingshafte Anmut dieses Mädchens verjüngte; aber seit sie in der Verwirrung der Tischgespräche einen gewissen Satz gehört hatte, existierte für sie nichts mehr als diese paar Worte, deren schmerzliches Dunkel nur Valfon erhellen konnte. Endlich öffneten sich die beiden Flügel der Tür des Speisesaales, und in dem riesigen, weißgoldenen Salon verbreitete sich der Lärm von Gelächter und Männerstimmen. Ehe der Minister, der mit Lord Rawenswood an der Spitze ging, die gebieterisch vornehme Gebärde vollenden konnte, welche auf die Damen bei seinem Eintritt Eindruck machen sollte, klammerte sich ein Arm leidenschaftlich, mit unwiderstehlicher Gewalt an den seinen an, und Frau Valfon fragte ganz leise, indem sie das magere Männchen schüttelte und ihm seinen Effekt verdarb: »Das Duell, von dem Marc Javel bei Tische sprach ... das Duell, das morgen stattfinden soll ...« Der Komödiant lächelte für die Zuschauer, trotzdem er eher Lust hatte, zu beißen, und versuchte seine Frau zu beruhigen, indem er ganz leise sagte: »Höre, Lola, beherrsche dich; du siehst wie eine Tierbändigerin aus. Nun ja, dein Sohn schlägt sich morgen.« »Mit wem?« »Mit Claudius Jacquand – du weißt ganz gut, aus welchem Grunde.« Sie unterdrückte einen zornigen Aufschrei. »Wegen seiner Schwester? Aber Florence denkt ja gar nicht mehr an diese Heirat, und wenn ich ihr sagen würde, daß Wilkie ... Höre, Valfon, das ist doch nicht ernsthaft zu nehmen?« Ihre Augen in dem erblaßten Gesichte glühten. »Du wirst an den Polizeipräfekten telephonieren – das Duell darf nicht stattfinden.« Der Minister brach in sein gewöhnliches böses Lachen aus. »Verzeihung, meine Liebe, ich habe nicht dieselben Gründe wie du, zu wünschen, daß das große Vermögen dieser Lyoneser der Familie Eudeline zufällt. Tu, was du willst, ich mische mich nicht hinein.« Er benutzte die Unruhe, in die der Name Eudeline sie versetzte, um sich von ihr loszumachen und gleich den übrigen Gästen an ein ganz mit Orchideen geschmücktes Erkerfenster am Ende des Saales zu treten, durch dessen runde Scheiben man die Beleuchtung im Garten sah. Dort auf dem grünen Ruhebette der schönen Pauline saß eine ganz weiß gekleidete Blondine mit nackten Armen und griechisch frisiertem Haar, leicht zurückgelehnt, so daß die durchbrochenen Strümpfe unter den übereinander verschränkten Moirébändern zweier kleiner Kothurne sichtbar waren. Sie begleitete sich mit der Gitarre und beschwor durch ihre blauen Augen, ihren Blumenmund eines der hübschesten Modelle der Frau Vigée-Lebrun herauf. Auf einigen im Halbkreis umherstehenden Sesseln befand sich ein entzückendes jugendliches Publikum in hellen Kleidern und mit unschuldigen Augen. »Ich sehe meine Nichte nicht,« sagte Marc Javel zu dem Minister, dessen Blicke überall umherschweiften und ebenfalls unruhig etwas zu suchen schienen. »Jeannine ist eben mit Florence in den Garten gegangen,« murmelte Frau Valfon, die hinter ihnen stand. Die kleine, schlanke Jeannine hatte sich an den Arm ihrer üppigen Freundin gehängt, und so gingen die jungen Mädchen, dicht aneinandergeschmiegt, in dem unbestimmten Schein der in Girlanden rings um die Wiesen aufgehängten Lampions und der bunten Laternen inmitten der unbeweglichen Büsche einher. Der Wind wehte nicht mehr; durch die schwere Luft dröhnte das ferne Grollen des Gewitters, des ersten in diesem Jahre. Die beiden Freundinnen blieben zuerst in der Nähe der Freitreppe, dann wagten sie sich nach und nach etwas weiter hinaus, drangen in das Dunkel der Alleen und setzten sich auf einer Bank im Hintergrund neben dem Gitter nieder. »Ah, es regnet –« Jeannine Briant hatte auf ihrem nackten Arm einen Tropfen gespürt. Florence seufzte. »Nein, das war ein Tropfen aus meinem Auge. Dieses Kind hat mich mit seiner unschuldigen Stimme und seinen klaren Augen ganz erschüttert. Wenn ich bedenke, daß ich nie so unschuldig war, nie diese Seelenfrische kannte. Oh, lache nicht – wenn du wüßtest, wie ich dieses Schreckliche, in dem ich lebe, satt habe, wie ich mich dessen schäme.« »Es dauert also noch immer an, armes Kind?« »Ja, noch immer – dieser Mann ist wahnsinnig, und sein Wahnsinn kennt keinen Zügel mehr. Erst heute abend bei diesem Diner – ach, es ist zu gemein, es ist besser, ich schweige.« Eine Stille folgte, die nur das dumpfe, näherkommende Grollen des Gewitters und der gleichförmige Lärm der Wagen auf der Avenue des Champs-Elysées unterbrach. »An deiner Stelle würde ich meinen Bruder benachrichtigen,« hob Jeannine wieder an. »Meinen Bruder! Kennst du denn die jungen Leute von heute nicht? Er braucht Valfon, er würde lieber selbst die Hand dazu reichen. Nein, die einzige Rettung für mich wäre eine Heirat gewesen. Das Schicksal wollte es nicht, und was wird jetzt mit mir geschehen? Er wird seinen Willen durchsetzen, das ist sicher, denn er kennt keine Rücksichten, aber ich hebe mir für diesen Elenden eine Überraschung auf. Erinnerst du dich an den Kurs, den wir bei Fräulein Audouy in der Rue du Vac, hinter dem Missionsgarten besuchten?« »Ob ich mich daran erinnere – deine Mutter holte uns immer ab und geriet in Verzückung über die Stimmen der jungen, zum Martyrium bestimmten Priester, die man in ihrer Kapelle singen hörte. Deine Mutter war zu jener Zeit sehr romantisch.« »Sie ist es noch immer. Ändert man sich denn, liebe Jeannine? Bin ich nicht noch immer das dicke, naive Ding, das Fräulein Audouy mitten in der Religionsgeschichtsstunde ganz ernsthaft fragte, ob die Heilige, die, um dem Sieger Schande zu machen, nicht in seinem Triumphzug mitgehen zu müssen, sich Haare, Nase und Ohren abschnitt, auch wirklich hübsch, sehr hübsch gewesen sei?« »Um Gottes willen, Florence, schweig, du erschreckst mich!« Schritte, die vorsichtig näher kamen, ließen den Kies der Allee aufknirschen. Das Gespräch der jungen Freundinnen wurde plötzlich unterbrochen. VIII Ein Ehrenhandel »Fräulein Eudeline, es ist jemand unten, der Sie sprechen will.« Als die Aufseherin diese Worte in den Lärm des Arbeitssaales hineinrief, fuhren alle die über die Apparate gebeugten Köpfe mit den gewundenen Chignons und den verschiedenartigen Löckchen mit demselben neugierigen Ruck empor, und während Dina mit vor Vergnügen zitternden Händen vor dem Hinausgehen ihre Lade schloß, hörte sie, wie es an allen Tischen ringsum flüsterte: »Die gelben Handschuhe, die gelben Handschuhe!« Das war eine Anspielung auf jenen gewissen Besuch, der im Haupttelegraphenamte noch immer berühmt war. Ach ja, sie wartete wirklich auf den Besucher mit den hellen Handschuhen! Tags zuvor hatte ihr eine Depesche aus Lyon die Ankunft Claudius' und seinen Besuch in der Rue de Grenelle für denselben Tag gegen vier Uhr angemeldet. Dem Vater ging es besser, er wünschte sie kennen zu lernen und würde sie aufsuchen, sobald er wiederhergestellt war. Bis sechs Uhr wartete sie vergeblich vor dem Ausgang, dann entschloß sie sich, ein Briefchen in die Rue Cambon zu schicken, auf das keine Antwort kam. Man kann sich daher die Freude des kleinen Aschenbrödels bei dem Ruf der Aufseherin: »Es ist jemand unten, der Sie sprechen will« und ihre Enttäuschung vorstellen, als sie am Fuß der Treppe statt der langen, schwankenden Gestalt ihres Lyoner Freundes den kleinen, weichen Hut Antonins und seinen Zwilchanzug sah. »Wie, du bist es!« rief sie und sah in ihrem schwarzen Kittel ganz blaß aus. Er war befangen, wußte nicht, was er mit seinen Händen anfangen sollte, und stammelte: »Ja, ich fahre nach London, der – die – Dingsda – und ich wollte dir einen Kuß geben, dir auch sagen, daß, wenn du Geld brauchst – Raimund, der mir zur Bezahlung seiner Möbel zuerst Wechsel gab, zog es vor, sofort bar mit mir zu ordnen – ich wollte nicht, da wurde er zornig – und jetzt habe ich da Überschüsse, mit denen ich nichts anzufangen weiß. Mama will nichts mehr von mir annehmen, denn Raimund würde böse werden, jetzt, wo er diesen Verleger hat, der ihm alles vorschießt, was er will. Da habe ich gedacht, daß du vielleicht – schließlich, nicht wahr? – der – die –« Dina, deren Gedanken und Blick weit abwesend waren, dankte ihrem lieben Antonin, aber auch sie brauchte kein Geld. »Weißt du, was ich dann in diesem Falle tun werde?« sagte Antonin nach einer Minute des Nachdenkens. »Die fünftausend Franken, die unser Vater für den Bau schuldig war, die werde ich endlich Herrn Izoard zurückgeben. Ich glaube, daß Raimund mir deswegen nicht böse sein wird.« »O nein,« meinte die Schwester noch immer zerstreut. Dann setzte sie lebhaft, mit erregter Stimme hinzu: »Toni, erweise mir einen Gefallen –« Ihre kleinen, fieberheißen Hände hielten seine Hand wie ein Werkzeug. »Gehe in die Rue Cambon Nummer sechs – frage, ob Herr Claudius Jacquand auch wirklich in Paris ist.« »Jacquand, der reiche Senator von Lyon?« »Nein, sein Sohn.« Antonin schob zögernd seine dicke Unterlippe vor. »Ich gehe, wohin du willst, Didine, aber ich möchte nur gern wissen, ob das Haus, in das du mich schickst, nichts mit – schließlich, nicht wahr? – der – Dingsda – mit dem zu tun hat, was Mama so unruhig macht.« Die blauen Augen des Kindes wurden dunkler und richteten sich entschlossen auf ihn. »Gewiß, Brüderchen, es steckt dahinter ein Geheimnis, das ich bewahren mußte, was es mich auch kostete, da es nicht mir allein gehört; aber du siehst, diese Medaille,« – Dina zog ein Medaillon, das an einer dünnen, goldenen Kette hing, zwischen ihrem Arbeitskittel und dem weißen Kragen hervor – »die ist die Ursache von allem, die da könnte meinen Roman unterschreiben; denn ein Roman ist es. Aber wie kann etwas schlecht sein, dessen Urheberin Unsre Liebe Frau von Fourvières selber ist?« »Ich gehe unverzüglich in die Rue Cambon, Schwesterchen,« sagte der brave Junge mit seiner gewöhnlichen Aussprache und seinem himmlischen Lächeln. In jenem Teile der Rue Cambon, dem die Garten des Justizministeriums durch einen breiten Raum von Luft und Licht ein freundliches Aussehen geben, unter der Toreinfahrt von Nummer sechs, wo die Jacquands, Vater und Sohn, den ganzen ersten Stock und das Erdgeschoß bewohnten, stand ein majestätischer Haushofmeister und sprach lebhaft inmitten einer Gruppe von Bedienten in weißen Schürzen und wollenen Westen. Während Toni neben ihnen vorbeiging, hörte er ein paar Worte, die ihn der Mühe des Fragens überhoben. »Wir haben noch keine Nachrichten von Herrn Claudius,« antwortete das imposante Faktotum einem schmeichlerischen, ausgehungerten Reporter. Der Journalist, der sich in Muße Notizen machte, setzte seine Nachforschungen fort. »Um wieviel Uhr findet das Duell statt?« »Um neun Uhr,« antwortete der Haushofmeister. »Jetzt ist es elf; ich wundere mich, daß ich noch keine Nachricht habe, trotzdem der Arzt unsers Herrn Claudius, Doktor Hurpar, mir versprochen hatte –« »Doktor Hurpar, sagen Sie?« Der Reporter stellte, um bequemer schreiben zu können, den Fuß auf einen Eckstein im Winkel der Tür. Antonin näherte sich ihm. »Weiß man, mit wem Claudius Jacquand sich schlägt?« »Aus welcher Welt kommen Sie?« fragte jener, ohne den Kopf zu heben. »Selbstverständlich mit Wilkie Marquès.« Die Augen des armen Jungen mit den Albinowimpern rollten ganz verstört umher. »Nicht möglich – Wilkie – der – die – Dingsda –« Er wollte sagen: »Wilkie, der Freund meines Bruders, Wilkie, der in Didine verliebt ist.« Aber die Worte kamen ihm ja nie rechtzeitig, und der Journalist konnte, während er zuhörte, glauben, daß er es mit einem jener aufgeregten Menschen, jener halben Narren zu tun habe, die die fieberhafte Flut der großen Städte mit sich wälzt. Zwei- oder dreimal war die ganze Dienerschaft durch Wagen, die laut lärmend in die Rue Cambon einbogen, unnützerweise aufgeregt worden. »Da ist meine Depesche,« sagte endlich der Haushofmeister, als er einen Telegraphenboten mit dem verhängnisvollen blauen Papier in der Hand erscheinen sah. In der Tat, es war die Depesche des Arztes, die den verhängnisvollen Ausgang des Kampfes in jener abgekürzten Misch- oder Negersprache meldete, zu der sich die meisten Leute verpflichtet halten, wenn sie sich des Telegraphen bedienen, und zwar mehr dem Brauch entsprechend als aus Sparsamkeit. »Tiefe Wunde rechte Leistengegend, Schenkelader berührend. Prognose sehr ernst. Vater benachrichtigen Nicht transportabel.« Der Sohn eines Senators, ein so reicher junger Mann! Eine bestürzte Stille entstand, die der Reporter benutzte, um die Depesche abzuschreiben. Auf den Bäumen des Gartens gegenüber schrien sich die Krähen heiser. Toni lehrte mit gepreßtem Herzen zu Didine zurück. Sie trippelte, ganz Unruhe und Ungeduld, reizend in ihrem Jäckchen, ihrer kleinen, einfachen Mütze, aufgeregt auf dem Asphalttrottoir vor dem Haupttelegraphenamt umher. »Ich weiß, ich weiß,« sagte sie, ohne ihm Zeit zum Stammeln zu lassen. »Das Telegramm ist, von Choisy kommend, bei uns durchgegangen – ich wartete auf dich, um zu erfahren, wo sie sich geschlagen haben und wo man ihn gelassen hat, da er nicht transportabel ist.« »Ich werde dich begleiten, Didine. Du kannst nicht allein hingehen.« »Und deine Reise?« »Oh, meine Reise–« Er machte jene sorglose Bewegung mit den Schultern, mit der er alles auf viel später verschob, was nur ihn selbst und seine eignen Interessen betraf. »Also komm,« sagte sie, indem sie sich aufgeregt an seinen Arm hing. In Choisy-le-Roi, der ersten Station auf der Linie Orleans, gab man ihnen nur sehr unbestimmte Auskünfte. Das Duell hatte am andern Ufer der Seine, in einem Garten, einem Privatbesitz stattgefunden. Auch der Apotheker wußte nicht viel mehr; da er die Menge doppeltchlorsaures Eisen, die man von ihm verlangt hatte, nicht liefern konnte, mußte er zu seinem Kollegen nach Maisons-Alfort schicken. Endlich, als der vor Hunger vergehende Antonin bei dem Schwesterchen durchsetzte, daß sie in eine Schenke am Ufer eintraten, um einen Bissen Brot zu essen, verschaffte ihnen der Zufall, der hier in Form der weißen, riesigen Mütze eines Morbihaner Mädchens die Funktionen einer Amme und eines Kellners verrichtete, alle Auskünfte, deren sie bedurften. »Stellen Sie sich nur vor, vor einer Stunde hatten sich vier Herren, die aus einem offenen Landauer ausstiegen, an demselben Tisch ein tüchtiges Frühstück auftragen lassen. Sie kamen von Pompadour, von gegenüber, von Lassus, wo einer von ihnen, ein kleiner Herr, glattrasiert wie ein Priester, eben einem seiner Freunde den Säbel in den Leib gerannt hatte. Der Kleine da schien sogar über seine böse Tat sehr froh zu sein, und die ganze Zeit über tat er nichts als lachen, indem er sein Glas in die Höhe hob und damit anstieß –« Dina lachte nicht. Stumm und zitternd, die Zähne über ihrem tiefen Kummer zusammenbeißend, ging sie seit einer Weile, auf den Arm Antonins gestützt, der sie führte, beinahe trug. Sie überschritten die Brücke von Choisy und betraten die Landstraße von Villeneuve-Samt-George. Sie wird von alten Ulmen beschattet, deren unterer Teil mit einem dichten grünen Filz überzogen ist. In der Ebene bildete das Sickerwasser der nahen Seine da und dort kleine Seen, Teiche mit gerundeten Ufern, die unter sich durch lange Kanäle verbunden waren, an deren Rand ungeheure Weiden zu kauern schienen. Schwärme von Zugvögeln kreisten schreiend über dem stehenden Wasser, das einen traurigen, verschleierten Himmel widerspiegelte. Hinter den Bäumen flogen Eisenbahnzüge vorüber, und auf der Straße in der Richtung nach Paris wanderten vereinzelte Fußgänger erschöpft und ängstlich dahin. »Siehst du, Toni,« seufzte plötzlich das Kind mit verzweifeltem Ton, »was mir das Herz zerreißt, ist, daß alles durch mich kam, daß ich die Ursache dieses großen Unglücks bin.« Er sah sie entsetzt an. »Du, Schwesterchen?« »Ja, ich – seit zwei Stunden denke ich nach, zerbreche ich mir den Kopf. Was uns die Magd von der Heiterkeit dieses Banditen erzählt hat, ließ mir schließlich ein Licht aufgehen. Jetzt verstehe ich, sehe ich klar, und du wirst es auch verstehen.« Mit wenigen bestimmten, blitzschnellen Worten, mit jener hellsehenden Intuition, die die Liebe der Frau verleiht, erklärte sie ihm den ganzen Plan Wilkies zur Verhinderung ihrer Heirat. Er hielt bei ihrer Mutter auf ein Jahr, auf anderthalb Jahre hinaus um ihre Hand an, machte derart jeden Schritt Claudius' unmöglich und würde später, um sich seines Versprechens zu entledigen, tausenderlei Mittel gefunden haben. Aber ihre Heirat mit Claudius beruhte ja auf einem Wunder; das konnte Wilkie nicht wissen. Er konnte nicht wissen, daß die plötzliche Übereinstimmung zweier Wesen, die sich nie gesehen hatten, diese in einer Ballnacht getauschten ewigen Schwüre nur die Folge einer hohen göttlichen Einmischung sein konnten – die Unsrer Lieben Frau von Fourvières, deren Bildnis das junge Mädchen, die kleine Götzenanbeterin, wie Vater Izoard sie nannte, nie verließ. Was also konnte gegen eine solche Macht aufkommen? Da der Elende nun sah, daß seine Falle durchschaut und nur noch Rache möglich war, erinnerte er sich, das; er in ein paar Händeln eine verhängnisvoll glückliche Hand gehabt hatte. Diesmal war sein Gegner das harmloseste, sanfteste Wesen von der Welt, eine brave, ernste Seele, einer, der über einen Degen, eine Pistole wie ein gefährliches, albernes Kinderspielzeug lächelte. Der arme Claudius! Sie meinte ihn zu hören, wie er mit einem nachsichtigen, mitleidigen Lächeln zu seinen Zeugen sagte: »Ihr glaubt also wirklich, daß ich mich schlagen muß?« Sie stellte ihn sich vor, wie er an diesem Morgen in Pompadour einen letzten Blick auf die Straße warf, auf der sie nun einhergingen, ehe er in dieses Haus trat, dessen rote, unregelmäßige, von den Baumwipfeln und den Stangen einer hohen Schaukel überragte Dächer vor ihnen auftauchten. Nach der weißen, zierlichen Fassade des Hotels mit den gestickten Vorhängen, den rosa Vorhanghaltern und dem Schilde »Pavillon Pompadour« sah man im Erdgeschoß riesige Salons für Hochzeiten und Festmahlzeiten, dann einen ländlichen Gasthof, Ställe, Dachböden, Schuppen, rastende Karren, während andre, abgespannte Karren inmitten der aufgeregt umherrennenden Hennen die Deichsel in die Luft streckten. Ein dicker, ganz in weiße Leinwand gekleideter Hotelier, der richtige Wirt aus den alten Ritterromanen, lief Antonin und seiner Schwester in einem kühlen, fliesenbelegten Korridor entgegen. Im Hintergrund ließen bunte Scheiben zitterndes Laub sehen. Der Mann sprach halblaut, in einem gekünstelten, gesammelten Ton, denn seit dem Morgen wiederholte er mit derselben Betonung immer wieder dieselben Phrasen. »Ach, mein Herr, meine Dame, was für ein schreckliches Unglück! Aber wie konnte man das ahnen? Nicht wahr, da Herr Wilkie schon so lange Zeit Ausflüge hierher macht und immer ein, zwei Zimmer bestellt, konnte ich es ihm doch nicht abschlagen, als er sagte, daß das Duell im Garten stattfinden würde, und daß ich ihm die Allee, wo die Schaukel steht, rechen lassen solle. Ich schickte also einen Gärtner hinaus, um die Allee herrichten zu lassen, dann gingen alle, meine Frau, meine Kellner ins Haus hinein, um die Herren nicht zu stören. Unglücklicherweise hatte es in der Nacht geregnet, und der Rasen, die Erde glitt einem unter den Füßen fort. Das können Sie selbst sehen; nach einem Augenblick war es nicht mehr möglich, sich draußen zu schlagen. So machten wir denn einen Saal im Erdgeschoß auf, den größten, wo fünfhundert Personen speisen können, der aber fast nie benutzt wird. Dort haben sie ein paar Minuten lang miteinander gekämpft, und zuletzt fiel der Große mit einer Wunde im Unterleib nieder. Die Wunde blutete sehr stark und machte auf dem Parkett einen großen dunkeln Fleck, den man wohl schwer wegbringen wird.« Im Verlaufe seiner Erzählung zeigte der Mann mit der weißen Mütze seinen Besuchern von der Schwelle aus die ganz zertretene Allee zwischen dem Boskett und der Schaukel, wo das Duell angefangen hatte. »Und der Verwundete – wo ist er? Wo hat man ihn hingelegt?« Dina zwang sich zu dieser Frage, um zu sich zu kommen und ihre Stimme, ihr Herz, die schwach wurden, zu festigen. »Der Verwundete, meine Gnädige? Oh, im großen Saal. Der Doktor bestand darauf, ihn nicht transportieren zu lassen. Wir haben ein Bett neben dem Klavier aufgestellt. Wenn der Herr und die Gnädige einen Blick hinwerfen wollen – es ist niemand bei ihm als eine Krankenschwester und ein Lyoner Arzt, der den Herrn Jacquand zum Duell begleitete.« Antonin sprach den Namen Hurpar aus. »Ganz richtig,« sagte der Wirt. »Dieser Doktor Hurpar muß ein Freund der Familie sein, denn er hat in ›Pompadour‹ zwei Zimmer bestellt, eines für den Vater, der kommen soll, und das andre für ihn selbst.« Das kleine Aschenbrödel wechselte die Farbe. »Der Vater? Der Vater soll kommen?« »In zwei Stunden wird er hier sein.« Mit dieser Versicherung öffnete der Mann majestätisch die Tür seines Salons, in dem fünfhundert Personen speisen konnten. Der ungeheure Raum mit den geschlossenen Schalterläden machte einen ergreifenden Eindruck. Bänke und Tische häuften sich in wirrem Durcheinander zwischen dem weißlackierten, vergoldeten Getäfel auf. In dieser für ordinäre Feste bestimmten Umgebung stand zwischen einem Wandschirm, der eine Art Alkoven bildete, und dem mit Watte und Flaschen bedeckten Deckel des Klaviers ein Gurtbett. Beim Nähertreten erkannte man in dem Halbdunkel eine breite, bleiche Stirn, schwere, vom Schweiß eines fieberhaften Schlafes bedeckte Lider, und unter dem Gekräusel eines seidigen jungen Bartes zwei bleiche, halboffene Lippen, die sich fortwährend ganz leise im Delirium bewegten. Der Arzt saß im Halbschlaf auf einem Sessel; die weiße Haube einer Krankenschwester von Saint-Vincent de Paul bewegte sich geschäftig umher, während ihre Flügel leicht rauschten und der dicke Rosenkranz leise klirrte. Bei dem Geräusch der aufgehenden Tür, dem Flüstern der sich nähernden Stimmen hatte der Arzt den Kopf gehoben; aber kaum erschien die seine Silhouette des jungen Mädchens, so fuhr er zusammen, als hätte er sie erkannt, und ging ihr rasch entgegen. »Fräulein Eudeline, nicht wahr?« Er hatte einen herzensguten Blick, seine Stimme einen warmen, teilnehmenden Klang. Dina antwortete, um nicht in Schluchzen auszubrechen, nur durch ein Zeichen. »Er lebt, Fräulein, er lebt,« fuhr der Arzt fort, »aber seit heute früh neun Uhr, seit er dort niedergefallen ist,« – er deutete auf den dunkeln Fleck, der sich auf dem Fußboden gebildet hatte – »hat er noch nicht das Bewußtsein erlangt – kein Blick, keine Bewegung. Vielleicht versuchen Sie, sich ihm verständlich zu machen. Ich weiß, was Sie ihm waren. Gestern abend, sehr spät, als ich sein Zimmer verließ, schrieb er Ihnen – zweifellos ein Lebewohl für den Fall eines Unglücks. Er hat seinen Brief nicht abgesandt – irgendein Aberglaube mag ihn zurückgehalten haben. Wir Lyoneser sind nun einmal so.« Das junge Mädchen ließ den Doktor reden und näherte sich, am ganzen Körper zitternd, dem Bette. Auf der Decke lag eine lange, regungslose, bleiche, schweißtriefende, brennende Hand; sie ergriff sie, beugte sich darüber und rief ganz leise, ganz dicht neben ihm: »Claude, ich bin es – ich bin da, bei Ihnen – öffnen Sie die Augen – antworten Sie Ihrer Freundin.« Der Verwundete machte einen Ruck, gleichsam eine Anstrengung seines ganzen Wesens, bloß um einen schwachen Beweis von Bewußtsein zu geben, das Lid ein wenig zu heben; aber es gelang ihm kaum, und der trübe Blick verschleierte sich abermals, nachdem in einem Winkel der Pupille ein kurzes, flackerndes Flämmchen erschienen war, das bald erlosch. Jetzt brachen die Tränen der Verzweiflung, die die arme Kleine seit dem Morgen zurückdrängte, hervor, ergossen sich auf die teure, fieberheiße Hand, und ihre Tränen, ihre Küsse mit diesem Todesschweiß vermischend, sank sie am Fuß des Bettes von der stolzen Höhe ihres Traumes vor dem bißchen zusammen, das davon übriggeblieben war. * Während das kleine Aschenbrödel in der düsteren, vorstädtischen Karawanserei kniet und sich der Verzweiflung hingibt, ist man in der »Wunderlampe« um Dina besorgt und wartet, nach der Uhr des Instituts spähend, angstvoll ihre Rückkehr ab. Eine regenanzeigende, rotglühende Abendsonne läßt die gebahnten Regale aufglänzen und die »Leuchtkäfer« auf der Vorderseite funkeln. Frau Eudeline hat einen Haufen von Leihbibliotheksbüchern vor sich liegen, die sie mit zerstreuten Fingern öffnet und schließt, während ihre Brille als Lesezeichen zwischen den Seiten liegt. Jeden Augenblick beugt sie sich auf die Straße hinaus. Mein Gott, wie spät Didine heute kommt! Da ziehen schon die Fräuleins aus der Gemeindeschule mit ihren kleinen Absätzen klappernd vorüber; die langen Sanziolocken hängen golden über die Schultern, und unterm Arm tragen sie einen Zeichenkarton, der dem Beutel der Kleinen ähnelt – aber Didine benimmt sich auf der Straße viel ernsthafter, und ihr Frätzchen versteht, wenn es sein muß, die Leute fernzuhalten. Indem Madame Eudeline ihre Augen und ihren Geist derart umherschweifen läßt, heimst sie nur trübe Gedanken und sehr viel Langeweile ein; die Bücher trösten sie wenigstens, wiegen sie mit ihren alten Romanzen ein, und so vertieft sie sich wieder in die »Gefängnisstunden der Madame Lafarge«, in die »Erinnerungen von Reine Garde«, einer der plebejischen Musen, die Lamartine in die Literatur eingeführt hat. Die Türklingel ertönt – Didine? Nein. Die Eintretende ist größer, ruhiger, bewegt sich auch langsamer, und ihr bleiches Gesicht neigt sich, als sei das Haar zu schwer für diesen Kopf. »Wie, du bist es, Tantchen? Schnell, liebe Tochter, setze dich neben mich, damit ich dich ansehe; man sieht ja gar nichts mehr.« Und in der Freude, das liebe, treue Geschöpf, das sie beinahe wie ihre Kinder liebt, ans Herz drücken zu können, bemerkt Frau Eudeline gar nicht, daß Geneviève es vermeidet, sie anzusehen, daß ihre schönen, grauen Augen unter den langen, wie ein Vorhang gesenkten Wimpern sich verstecken. Besonders wenn jene sie »meine Tochter« nennt, sieht das Mädchen befangen aus. Dieses Wort erinnert sie an ihre falsche, traurige Stellung, an das, was sie sein könnte und ach, nicht ist ... Immer lügen, hier wie bei dem alten Vater, immer Vorwände für ihr Ausbleiben erfinden ...! Es ist wahr, sie könnte sich nachmittags eine Stunde freimachen und sie bei Madame Eudeline verbringen, aber das Landleben macht einen so faul. Wenn das Frühstück vorbei ist, wenn der Vater seine Siesta gehalten, seine Runde im Garten gemacht, wenn Tantchen ihn auf der Landstraße bis zum Freiheitsbaum begleitet hat, bleibt gerade noch Zeit, einen Brief zu schreiben, ihre Handarbeit vorzunehmen, und schon läutet es vom alten Glockenturm den Abendsegen. »Aber am Abend bin ich doch hier,« meinte die Mutter naiv, »da kannst du immer sicher sein, mich zu treffen.« »Oh, ich weiß wohl, aber Casta ist seit einigen Wochen in Paris.« Geneviève, die sich noch nicht ans Lügen gewöhnt hat, wird beim Erwähnen ihrer Freundin ganz rot; denn nicht bei Sophie Castagnozoff bringt sie ihre Abende und ihre Nächte zu. Der Beweggrund, den sie angibt, die stundenlangen Diskussionen mit der Russin auf der einsamen, düsteren Chaussee des Boulevard Montparnasse oder in Morangis, wo sie sich in den grünen Feldern voll Tau und Mondstrahlen die Stiefelchen naß machen, nehmen sich so wahrscheinlich aus, die Träume dieser zwei jungen Anhängerinnen Tolstois sind so großmütig, so beredt, daß Frau Eudeline nur eine Besorgnis hat. »Ich beschwöre dich, liebes Kind, diese Gründungen von Spitälern, von Kliniken für mutterlose Kinder sind ja gewiß herrlich; in deinem Alter nimmt einem das den Kopf ein, bringen einen solche Dinge in Begeisterung, aber denke doch an deinen Vater, der nur dich hat! Wenn er sich auch den Bart streicht und sagt: ›Geh, mein Kind, du bist frei,‹ so sagt er damit doch ebensowenig die Wahrheit wie Dina, wenn ich sie frage: ›Didinchen, was fehlt dir?‹ und sie mir antwortet: ›Aber gar nichts.‹ Denn du mußt wissen, ich habe aus meiner kleinen Geheimnisvollen noch immer nichts herausgebracht. Ich stehe nicht weiter als an dem Tage, an dem du mit ihr gesprochen hast.« Wider Willen nahm das Tantchen eine verdrossene Miene an. »Wirklich?« Diese Gespräche über Dina wurden ihr unerträglich, waren eine jener Ursachen, die sie das Haus meiden ließen. Vor allem fühlte sie sich des ihr erwiesenen Vertrauens unwürdig, und es erschien ihr als eine zu arge Heuchelei von ihrer Seite, dem jungen Mädchen mit versteckten Worten Lehren über Anstand, über Würde zu geben, wie man von ihr verlangte. Aber wie hätte sie sich dem entziehen können? Angesichts der zärtlichen Klagen Frau Eudelines blieb ihr nichts übrig, als schuldbewußt zu schweigen. »Ja, siehst du, Geneviève, man kann sich so ein Herzeleid gar nicht vorstellen. Sein Kind neben sich, dicht neben sich zu haben, so ein kleines Mädchen, das einen nie verlassen hat, auf das Klopfen ihrer Adern zu horchen und sich zu sagen: Sie hat etwas, wovon ich nichts weiß! Besonders des Nachts in unserm Zimmer ist es so schrecklich; denn die Kleine wollte durchaus nicht den Hängeboden Raimunds nehmen. Manchmal sehe ich beim Licht der Nachtlampe, daß sie unbeweglich mit offenen Augen daliegt. ›Schläfst du, Didine?‹ – ›Nein, Mama‹ – ›Woran denkst du?‹ – ›An nichts.‹ Oh, diese Antworten, die jedem Gespräch im Zweifel, im Nichts ein Ende machen; dieses Nichts, das so viel bedeutet!« Tantchen schüttelte lächelnd den Kopf, und im Tone ihrer Antwort lag wohl ein wenig schmerzliches Bedauern und Neid. »Ach, ich bitte Sie, Mama Eudeline, die Träumereien, denen sich ein kleines Mädchen hingeben kann, das nie anderswo als bei der Mama unter geweihten Buchszweiglein, Rosenkränzen und Medaillen geschlafen hat, können wohl nicht sehr gefährlich sein.« In diesem Augenblick klingelte es mehrmals hintereinander. Es war noch nicht Didine, aber Kunden, die bedient werden mußten. Der letzte war sehr begriffsstutzig, und Frau Eudeline mußte ihm lange die Vorteile der »Leuchtkäfer« vor allen andern Glühlichtlampen erklären. Endlich stürzte ein großer, blonder junger Mann mit verstörtem Gesicht herein. »Raimund!« schrie die Mutter auf. Sie ließ die in Unordnung geratenen Etageren, den Kunden mit der auseinandergenommenen Lampe in der Hand stehen und stürzte außer sich auf ihren Jungen zu. Aus welchen feinen und festen Ringen besteht jene Kette sozialer Formeln, deren die Menschen sich nur zu entledigen suchen, um sich daraus andre, noch lästigere zu schmieden? Warum empfand Raimund, so oft er mit seiner Mutter und seiner Geliebten zusammen war, eine so grausame Verlegenheit? »Ist es nicht ein Wunder, wenn man jetzt Geneviève hier trifft?« sagte Frau Eudeline zu ihrem Sohn, um sich selbst die Befangenheit zu erklären, die, wie sie fühlte, zwischen den beiden herrschte. »Stelle dir vor, sie wäre nicht einmal gekommen, wenn Antonin nicht abreisen hätte sollen. Aber es geschieht ihr recht, sie hat ihn nicht mehr gesehen, ihren Antonin, sie hat ihm nicht Adieu sagen können. Er ist fort, und zwar ganz böse – oh, nicht gegen Tantchen, aber gegen mich, weil ich mich weigerte, sein Geld anzunehmen. Der arme Junge!« Sie wandte sich stolz zu Geneviève: »Gesteh, es ist nett, wie die zwei Jungen sich um die Ehre streiten, ihre alte Mutter zu erhalten?« O heilige, mütterliche Einfalt! Wie verzweifelt wäre die arme Frau gewesen, wenn sie die Demütigung hätte ahnen können, die sie ihrem vielgeliebten Sohne bereitete, indem sie vor Geneviève von dem Gelde sprach, das von ihr kam! In der Tat, die dreißigtausend Franken, die er geschworen hatte nicht zu berühren, waren bereits in Angriff genommen; der Stachel seiner Eitelkeit, das Bedürfnis, dieses großartige Erstgeburtsrecht zu betonen, schließlich seine persönlichen Bedürfnisse hatten ihn meineidig gemacht. Aber da Geneviève die Geldlade nie öffnete, rechnete er darauf, ihr nichts gestehen zu müssen, bis ihn ein gelungenes Buch, ein Theaterstück in den Stand setzen würde, das herausgenommene Geld zu ersetzen. Wie um die arme Mutter für ihre Indiskretion büßen zu lassen, fiel er daher in einen harten, brutalen Ton. als er die Frage an sie richtete: »Wo ist Didine? Noch nicht zurück?« »Nein, liebes Kind, sie hat sich wohl im Amt verspätet, wahrscheinlich irgendeine Rede im Senat oder in der Kammer.« Raimund, der nervös auf der Längsseite des Ladens umherwanderte, blieb vor dem Ladentische stehen, wo Frau Eudeline an der Seite Genevièves wieder Platz genommen hatte. »Ich komme aus dem Amt – sie ist schon vor zwölf Uhr fortgegangen.« »Vor zwölf Uhr?« Die arme Mutter fiel Tantchen schluchzend um den Hals. »Habe ich dir nicht gesagt, daß dieses Kind uns etwas Schreckliches verbirgt!« »Etwas Schreckliches ist der Tod Claudius Jacquands allerdings,« sprach die Stütze der Familie feierlich. »Claudius Jacquands?« wiederholte Frau Eudeline verständnislos. »Ja, der Mann, den sie dir zum Schwiegersohn bestimmte – nun, er ist tot, so gut wie tot.« Ein paar blitzschnelle Worte ließen nun vor der Mutter das ganze Feenmärchen des neuen Aschenbrödels vorüberziehen – angefangen vor der Soiree im Auswärtigen Amt, den im Namen Unsrer Lieben Frau von Fourvières getauschten Schwüren, bis zu dem tragischen Duell, dessen Einzelheiten die Abendblätter erzählten. »Oh, dieser Wilkie,« schloß Raimund mit der unwillkürlichen Ehrerbietung, die man in seinem Alter für alle Sieger empfindet. »Fünf Zoll Eisen in die Weichen, Peritonitis und Tod,– genau das, was er sich vorgenommen hatte!« Bei diesen Worten ertönte ein neues Klingeln an der Tür, und plötzlich erschien Dina, gefolgt von Antonin, der allen ein diskretes, mitleidiges und gutmutiges »Pst!« zuflüsterte, während die Kleine steif aufgerichtet, mühsam unter dem Schleier das Schluchzen unterdrückend, durch den Laden schritt. Die Mutter erhob sich sofort, um ihr nachzugehen. »Mama, ich bitte dich,« flehte der jüngere Sohn. »Ich weiß, ich weiß,« murmelte die gute Frau, und während sie hinter die Glaswand trat, faltete ein schwermütiges Lächeln ihr graues Gesicht. »Ich habe schon so viel derartiges erlebt, so viel –« Die beiden Brüder und Geneviéve beratschlagten neben dem Zahltisch in dem halbdunkeln Laden. Niemand dachte daran, anzuzünden. »Ist er denn tot?« fragte der älteste mit leiser Stimme, nachdem Toni die Erzählung ihres traurigen Besuches in Pompadour beendet hatte. »Noch nicht ganz, aber beinahe,« flüsterten die dicken Lippen des jüngeren leise. »Wer weiß, vielleicht geht es heute nacht zu Ende.« Der älteste Bruder deutete in den Hintergrund, aus dem ein herzzerreißendes Klagen ertönte. »Hat er ihr geschrieben?« fragte er. »Hinterläßt er ein Testament?« »Ich glaube nicht.« Eine böse Freude schwebte um den blonden Schnurrbart des älteren Bruders. Gewiß, er hätte nichts dagegen gehabt, wenn seine Schwester durch eine großartige Heirat, durch die auch die Familie etwas abbekommen hätte, reich geworden wäre. Aber er fühlte, daß in diesem kleinen Wesen so viel Verachtung, so viel Empörung steckte. Während seine Mutter und der jüngere Bruder den Willen des Vaters Eudeline, der dem ältesten Sohne seine Macht übertragen hatte, ehrten, brachte sie allein einen Geist der Unabhängigkeit in die Familie, der durch das ungeheure Vermögen noch zunehmen und erbitterter werden würde. Daher triumphierte Raimunds Stolz heimlich trotz seiner scheinbar mitleidigen, unbestimmten Worte. »Wie dunkel es bei uns ist, Kinder,« sagte Frau Eudeline, indem sie aus dem Hinterladen hervortrat. Antonin stand auf, um die elektrische Beleuchtung aufzudrehen; freilich, die Nacht war gekommen, ohne daß jemand darauf geachtet hatte – das Auslagefenster der »Wunderlampe« leuchtete sofort bis zum gegenüberliegenden Trottoir auf, und im Innern empfanden diese so plötzlich aus dem Dunkel herausgerissenen Wesen, die einander doch liebten, gleichsam Überraschung und Befangenheit, als hätten sie einander ihre Gedanken verraten. Die geblendeten Blicke mieden einander blinzelnd, mit zuckenden Lidern. »Und Dina?« fragte Raimund, ein zärtliches Interesse heuchelnd. Obwohl die Mutter jetzt beruhigt war, da sie das Geheimnis ihrer Tochter kannte, glaubte sie in demselben betrübten Ton antworten zu müssen: »Die arme Dina ist ganz gebrochen; sie legt sich nieder und bittet, sie zu entschuldigen. Ich werde mich an ihr Bett setzen. Toni wird ja, wenn er nicht sofort abreist, wohl so gut sein, bis zum Geschäftsschluß im Laden zu sitzen. Nicht wahr, du wirst das tun?« Ob er es wollte, der brave Junge, und mit welcher Begeisterung! War doch sein Gepäck seit dem Morgen aufgegeben, und jetzt konnte er nur dem – schließlich, nicht wahr? – der – Dingsda – man erwies ihm einen wahren Gefallen, wenn man ihn bleiben ließ. Als Tantchen diese wirren Erklärungen, dieses freudige Gekläff eines guten, dicken Hundes hörte, während die armen, wimperlosen Augen von einem zum andern gingen, wie um alle diese entgegengesetzten Gefühle zu einer einzigen, vertraulichen Harmonie zu vereinigen, wurde ihr mütterliches Herz ganz gerührt. Zweifellos bemerkte der älteste Eudeline auf dem schönen, blassen Gesicht der Freundin jenes teilnahmvolle, bewundernde Lächeln, durch das seine Eifersucht bereits früher gelitten hatte; denn erfaßte den jüngeren Bruder bei der Schulter und zog ihn an sich, wie um ihn durch seine hohe Gestalt und sein hübsches Gesicht zu erdrücken. »Gib mir einen Kuß, Kleiner, und reise morgen glücklich,« sagte er. »Ich gehe nach Hause, um zu arbeiten. Jetzt muß ich ja doppelt in den Ofen schieben; außer dem Brot für das Haus muß ich noch die Mitgift für das Schwesterchen verdienen. Ich maße mir nicht an, ihr die fünf- oder sechshunderttausend Franken jährlicher Revenuen wieder einzubringen, die sie verloren hat, aber trotzdem hoffe ich, ihr ein Glück in bescheidenem Wohlstand zu erobern.« Seine Stimme zitterte, sein ausgestreckter Arm bot sich zum Bürgen der Zukunft an. »Was sagt ihr, ah, was sagt ihr!« rief Frau Eudeline den beiden andern zu, indem sie ihre alten Locken schüttelte. »Und ich, Raimund? Wirst du mir nicht erlauben, dir bei der Verheiratung Didines zu helfen?« fragte der jüngere Bruder schüchtern. »Wenn du willst,« antwortete der ältere, indem er die Stirn des Kleinen, der sich zu ihm emporreckte und ihn so unschuldig bat, mit den Lippen streifte. »Aber wie wirst du das machen, armer Junge, da doch dem Militärdienst herannaht? Wo wirst du einen Augenblick Zeit finden, um dich mit dieser Mitgift zu beschäftigen? Ich denke täglich an deine Aushebung und nehme mir vor, bei Marc Javel eine Audienz zu nehmen, um mit ihm über deine Angelegenheit zu sprechen.« »Wirklich, wirklich, du denkst daran? Oh, wie gut du bist!« Und während Antonin vor Dankbarkeit beinahe weinte, sagte Frau Eudeline ganz leise zu Geneviève: »Wenn mein armer Mann uns dort, wo er ist, jetzt sieht, wie glücklich muß er da sein! Er hat uns ein wirkliches Familienoberhaupt hinterlassen.« IX Die Regierungskreise Als Vater Izoard, der Chef der Kammerstenographen, mit seinem langen, allegorischen Bart, seinem kahlen, glattrasierten Kopfe, seinem flatternden Alpakarock, der so seidig war wie das Fell einer weißen Maus, und seinen gestickten Pantoffeln in Begleitung Raimund Eudelines durch die Säle des Palais Bourbon spazierte, wurden alle, die ihm in den Weg kamen, die er im Vorübergehen in seinem schönsten südlichen Baß nach »Neuigkeiten von dem Bürger Marc Javel« fragte, Deputierte, Quästoren, Bureaudiener, Türsteher, von einem Bedürfnis nach Mitteilsamkeit und von guter Laune ergriffen, selbst wenn sie ihm nichts zu antworten hatten. Sogar die majestätische ehemalige Behausung der Fünfhundert, sogar die Marmor- und Bronzestatuen, die diese Höfe und Portiken schmückten, schienen vertraulich zu werden und angesichts des lustigen, ehrlichen Gesichts des seinem jungen Freunde die Honneurs machenden Marseillers ihre Steifheit abzulegen. Als sie durch den Salon Delacroix schritten, rief ihm ein Bureaudiener mit goldenen Knöpfen und roten Aufschlägen aus der Ferne zu: »Ich höre, daß Sie den Marineminister suchen, lieber Herr Izoard?« »Ja, das ist wahr, er ist ja Minister,« dachte der Stenograph ganz laut. Der Diener las die Tagesordnung im »Officiel« vor: »Bureaus sechs und sieben: Kommission für Postwesen ... Der Marine- und Kolonialminister ist für halb zwei zur Erteilung von Auskünften vorgeladen.« »Er hat das Portefeuille seit zwei Tagen, seine Auskünfte müssen alle ganz frisch sein!« rief der Marseiller, und sein lautes Lachen dröhnte gegen die hallenden Wände des Saales, auf denen grau in grau wunderbare bärtige Flußgötter gemalt waren, die alle Pierre Izoard zum Muster gehabt zu haben schienen. An diesem Tage fand von eins bis zwei Uhr in den Kammerbureaus eine Versammlung statt. Rings um den Sitzungssaal, der sich erst um zwei Uhr öffnen sollte, in den zahllosen Gängen und Vorhallen, von denen sein majestätisches Schweigen umgeben wird, herrschte das Summen, die Aufregung der Bienen rings um den Bienenkorb vor der Arbeit. Geschäftige Schritte klangen auf den Dielen, verspätete Deputierte beeilten sich, in ihre Kommissionen zu gelangen, und mit Papieren beladene Beamte gingen, die Feder hinter dem Ohr, mit jener wichtigen, geschäftigen Miene, jenen schwellenden Stirnadern vorüber, die geradeso wie der Sandarach und das Radiermesser zu dem Material der Abgeordneten gehören. Von Zeit zu Zeit bemerkte man in einem Winkel eines Salons oder einer Galerie zwei dicht nebeneinander steckende, leise sprechende Köpfe, einen heimlich ausgetauschten Händedruck, der sich wie eine Zusage, wie eine Unterschrift am Ende eines Vertrages ausnimmt. Als der alte Stenograph an einem dieser Schmugglerpaare vorüberkam, flüsterte er Raimund ins Ohr: »Hast du den Kerl nicht erkannt, den wir eben bei einem Handel störten? Sieh ihn von der Seite an, ohne dich umzudrehen. Schmachtlocken und ein Bärtchen Louis XIII. ... Erinnerst du dich nicht? Siméon, der Neffe des Quästors, der ehemalige Bewerber Geneviéves, der meine Tochter nicht wollte, weil ihr zehntausend Franken an der Mitgift fehlten.« »Gewiß erinnere ich mich –« Pierre Izoard bemerkte die Verlegenheit nicht, in die Raimund geriet, so oft er von seiner Tochter sprach, und fuhr fort: »Siméon ist jetzt verheiratet, und zwar reich verheiratet; trotzdem behält er seine Stelle als Rechnungsführer der Kammer bei. Weißt du, warum? Weil an der Kasse der beste Platz ist, um die bedürftigen Deputierten kennen zu lernen, jene, die immer Einwände gegen ihre Diäten zu erheben haben, deren Gewissen nur noch an einem Angelfaden hängt. Diese Auskünfte werden ihm teuer bezahlt ... Im bloßen Vorübergehen habe ich erraten, was sie miteinander zu verhandeln haben, er und Jacques Walter, dies lange, finstere Skelett mit der Blume im Knopfloch, der Hakennase, den gemalten Lippen und Lidern. Dieser Walter ist der Agent, der Strohmann der neuen transozeanischen Gesellschaft, deren Eingaben gerade jetzt im sechsten und siebenten Bureau geprüft werden – dort, wo wir Marc Javel erwarten wollen. In dieser aus zahlreichen Mitgliedern bestehenden Kommission muß es wenigstens ein halbes Dutzend armer Teufel geben, von denen Siméon mit aller Sicherheit zu Walter sagen konnte: ›Gehen Sie nur hin, Jacqueschen.‹ Vielleicht steht sogar der Berichterstatter auf der Liste der Bedürftigen, die der Rechnungsführer dem Agenten vorgeschlagen hat; denn die beiden Gevattern strahlten, als mir an ihnen vorbeikamen.« Raimund war empört, daß ein so abscheulicher Handel sich frei mitten im Parlament abspielen konnte. »Ach, mein armer Kleiner,« sagte der alte Herr, »in diesen Couloirs gehen noch ganz andre Dinge vor. Die Fäulnis des Geldes steckt uns alle an. Seit fünf oder sechs Jahren, seit dem Tode Gambettas, der, wenn er auch den Handel nicht hinderte, doch den Händlern die Schraube zudrehte, hat die Kammer die ›Kränke‹, wie man bei uns sagt. Zweifellos fehlt es nicht an braven Leuten, aber sie schweigen. Ich kann nicht an mich halten. Wenn ich vor der Tür der Bureaus einen Schmutzkerl finde wie diesen Walter, so habe ich Lust, den Posten zu rufen; aber ich fühle es: weil ich fortwährend die Stimme erhebe, wie eine wilde Katze mit den Augen rolle, bin ich allen lästig, und da ich gute sechzig Jahre alt bin, wird man mir wohl eines schönen Tages den Laufpaß geben.« Sie traten in eine lange Galerie im Erdgeschoß, die ihr Licht durch schmale, auf einen Hof mit grünschillernden Bäumen gehende Fenster erhielt. Gegenüber dem trübseligen Hofe, den Bänken der Saaldiener, den Fächern, wo die Deputierten ihre Broschüren, ihre Taschen ablegten, zog sich eine Reihe numerierter Türen hin, hinter welchen sich die geheimnisvolle Arbeit der Kommissionen verbarg. Wenn eine der Türen sich auftat, erblickte man gleichmäßig rings um einen großen, grün behangenen Tisch einen Lehnstuhl, mehrere Stühle, schläfrige Menschen, die gegen die Müdigkeit der Verdauung kämpften, während das Genäsel einer einförmigen Stimme sich mit dem Gezirpe einiger verirrter Sperlinge mischte. »Wie im Louis-le-Grand an den Donnerstagen, wo man nachsitzen mußte,« murmelte Raimund, dessen Schulerinnerungen noch ganz frisch waren. Als sie vor dem Bureau Nummer zwei, der Scheidungskommission, vorüberkamen, trat ein scheußlicher, stämmiger, krummer Gnom heraus. Er besaß den Höcker und die großen, spöttischen Züge eines Hanswursts, dazu eine gelbe, fieberhafte Hautfarbe. »Geht's gut, Herr Cadufe?« fragte der alte Pierre Izoard, indem er ihm respektvoll Platz machte. Die dicken Lippen des Zwerges verzogen sich zu einem diabolischen Lachen. »Ob es geht, Vater Izoard! Mit dem Ergänzungsgesetz, das sie mir jetzt verschlucken müssen, wird die französische Ehe vor dem Herrn Pfarrer und dem Herrn Bürgermeister von heute in zehn Jahren – hui, hui ...« Er ahmte den berühmten Pritschenschlag des Hanswursts als Mörder nach und verschwand an der Biegung der Galerie, indem er ein provenzalisches Lied mit unzüchtigem Refrain vor sich hin trällerte. »Er hat gut reden, der Pavian mit seinem Hui, hui ... Wie werde ich mich schadlos halten, wenn die Ehe abgeschafft wird?« Der so sprach, war Robert von Fabry, ein hübscher brünetter Mann, ein Freund Wilkies, Zeuge bei seinem letzten Duell, der jüngste Deputierte der Kammer, in die ihn die Wähler von Guadeloupe geschickt hatten. » Princeps juventutis ...« Auch ihm legte der ehemalige Professor diese Bezeichnung Virgils bei, denn die Bravour des Kreolen, sein exaltiertes Jakobinertum, das, wie alles, was von den Kolonien kam, übertrieben war, flößte ihm Sympathie ein. Aber diese Sympathie kam Vater Izoard sehr hoch zu stehen, denn im Palais Bourbon hatte es nie einen solchen tollen Spieler gegeben wie diesen jungen Robert Macaire. »Ah, mein alter Meister!« Er stürzte sich auf Pierre Izoard und entriß ihn dem Arme Raimunds, der sich stellte, als erkenne er ihn nicht, obwohl er ihn unzähligemal mit Wilkie getroffen hatte. »Ah, alter Haudegen, alter Hadschi von Achtundvierzig, wie freue ich mich, Sie wiederzusehen, wie warm machen Sie mir das Herz! In dieser Wärme kräftigen und erneuern sich meine jungen Überzeugungen.« Und ganz leise flüsterte er ihm ins Ohr: »Könnten Sie mir zehn Louisdor borgen?« Der kleine, weiße, glattrasierte Kopf schüttelte sich mit einem sehr energischen Nein. »Sie wissen, nicht auf lange Zeit – vor Schluß der Session werde ich Ihnen diese zehn Louisdor und ihre kleinen Vorfahren sehr pünktlich zurückgeben.« Er hatte ihn, um sich von Raimund und den Saaldienern zu entfernen, in die Nische eines halb offenen Fensters gezogen und erklärte ihm, daß er eben der Kommission mit ungeheurem Erfolg seinen Bericht vorgelesen habe. »Was für einer Kommission?« Der Kreole deutete mit dem um seine Fingerspitzen fliegenden Monocle in den Hintergrund des Ganges. »Bureaus sechs und sieben, neue Fahrpost nach Montevideo, Buenos Aires. Eine großartige Partie, die der Marineminister uns in diesem Augenblick vollends gewinnt.« Pierre Izoard runzelte seine dicken Augenbrauen. »Wird der etwa auch an die Kasse Jacques Walters gehen?« »Warum nicht?« rief der Kreole, indem er seine weißen, zu weit auseinanderstehenden Zähne sehen ließ. »Das wird kein gestohlenes Geld sein. Wenn ich als Berichterstatter fünfzigtausend Franken beziehe, so ist es nicht zuviel, wenn der Minister hunderttausend bezieht.« Ein Schweigen entstand, das nur von dem Gepiepse der Sperlinge unterbrochen wurde. Der alte Mann riß sich rauh vom Fenster los. »Herr von Fabry, Sie sind ein Zyniker. Sie haben da einen Mann verleumdet, den ich noch immer für einen Ehrenmann, für einen Republikaner der guten Zeit halte, der jeder Gemeinheit unfähig ist. Da sind Ihre zehn Louisdor, junger Mann, und kommen Sie mir nicht mehr vor die Augen.« Mit flammendem Gesicht und hervorquellenden Augen zog er aus seiner Husarenhose, die auch aus der guten Zeit stammte, eine Handvoll Goldstücke, indem er zugleich seine Tasche samt den Schlüsseln, der Uhr, den Anhängseln und dem Federmesser schüttelte, und warf sie mit einer Bewegung des Ekels in die ihm entgegengestreckte behandschuhte Hand des feinen Bettlers. Dann nahm er Raimund beim Arm. »Komm, mein Junge; der Minister wird noch einige Zeit brauchen – erwarten wir ihn im Vorsaal!.« Und er zog ihn im Eifer seines Zornes mit sich. »Was wandelt ihn denn an, den Vater Izoard? Er wird kratzbürstig, da muß man aufpassen.« Der junge Deputierte sprach diese Worte ganz laut, damit die Türsteher, die Zeugen dieser Szene, sie hören könnten. Dann ließ er ein Goldstück nach dem andern in seine Weste gleiten, und da seine Arbeit getan war, drehte er sich auf dem Absatz um, indem er eine jener köstlichen russischen Zigaretten anzündete, die seine Freundin, die Prinzessin Nadaloff, ihm samt einer Dose Kaviar ins Erfrischungszimmer geschickt hatte. Während dieser Session wurde in der Kammer viel geraucht. Man rauchte in den Gängen, in den Bureaus, besonders die Deputierten der Generation Gambettas, die Männer zwischen fünfunddreißig und fünfzig mehr als die ganz alten und die jungen. Robert von Fabry bildete wegen seiner kolonialen Abstammung eine Ausnahme. Dem jungen Eudeline, der das Palais Bourbon noch nie so eingehend studiert hatte wie an diesem Tage, oder dessen Augen früher noch nicht offen gewesen waren, fiel auch eine andre Einzelheit auf. Die Deputierten hatten, wenn sie in den Gängen, den Vorhallen spazierengingen und plauderten, alle dieselbe Art und Weise, einen Arm um die Schulter des Gefährten zu legen und mit gönnerhaft belehrendem Wesen den Kopf zu senken. Diese Vertraulichkeit mißfiel nicht, wenn sie von einem Führer der Kammer, einem jener vier oder fünf Chefs der Claque kam, die die ganze parlamentarische Komödie leiten. Mit einem Male erinnerte sich Raimund, daß es, wenn man sich etwas anzuvertrauen hatte, auch im Verein der Studenten, im Komitee der Dreiunddreißig, Brauch war, sich während des Plauderns um die Schulter zu fassen. »Worüber lachst du?« fragte der alte Herr. Nachdem Raimund ihn aufgeklärt hatte, monologisierte Izoard, seinen langen, weißen Bart durcheinanderwühlend: »Ja, Deputierter! Das ist der Marschallstab des jungen Bürgertums, die Macht, von der alle heutigen Studenten träumen. Wirklich, es ist mir leid, daß ich so roh zu dem kleinen Fabry war. Der Junge ist vor seiner Wahl nie nach Paris gekommen und sah sich nun verteidigungslos den Versuchungen von Paris gegenüber. Mir scheint, seine Wähler sind strafbarer als er. Nur Dummköpfe können die Leitung des Landes, seine Gesetzgebung einem jungen, fünfundzwanzigjährigen Manne anvertrauen, dessen Leben noch ein glattes, weißes Blatt ist und dem die Erfahrung noch nicht jene sichtbaren Krähenfüße um die Augen, um den Lippenschluß schrieb, die hundertmal bedeutungsvoller sind als das Siegel einer Fakultät auf einem Diplom. Ich habe entschieden unrecht gehabt. Nicht an Fabry hätte ich meinen Zorn auslassen müssen. Da ist die Bande von Cadufe, Barnès, Valfon, dieser Haufen von Händlern und Genüßlingen, die im Parlament nur da sind, um Geschäfte zu machen, die mit ihrer Stimme handeln. Aber ihr größtes Verbrechen besteht doch darin, daß sie den Stand der Gewissen täglich mehr herabsetzen, die Luft um sich verderben. An diesen sollte man sich üben, ihnen von oben bis unten das Fell gerben. Oh, diese Räuber! Was machen sie aus dieser Kammer, und was wird diese Kammer aus unserm Lande machen!« Er wurde während des Sprechens immer lebhafter, und seine südländische Trompetenstimme hallte durch die hohen Vestibüle, trotzdem Raimund ihn warnte, indem er seinen Arm drückte und die Stimme senkte, um ihn an den Tonfall eines Gespräches zu zweien zu erinnern. »Unter uns, Meister Izoard, ganz unter uns – ist es war, daß es im Parlament Spitzel gibt?« »Wieso denn Spitzel? Meinst du damit Deputierte im Solde des Polizeipräfekten oder des Direktors der Sicherheitspolizei? Himmelschockschwerenot! Weiter fehlt uns nichts als diese Schändlichkeit!« Der Marseiller blieb vor Verblüffung und Empörung wie angenagelt stehen. Fast gleich darauf aber schüttelte er mit der Beweglichkeit, der Eindrucksfähigkeit seiner Rasse seine Bestürzung wieder ab. »Nun, schließlich ist die Polizei dünn genug, um überall hineinzuschlüpfen. Habe ich dir schon einmal mein Abenteuer im Klub Barbès im Jahre achtundvierzig erzählt?« Er sagte das in dem schüchternen, unruhigen Tone armer alter Leute, die wegen ihres Widerkäuens um Entschuldigung bitten, und Raimund ergab sich darein, die Geschichte vom Klub Barbès wieder einmal anzuhören. Aber jetzt kamen sie im Vorsaale an, wo einige junge Leute bei dem Tisch am Eingange mit Schreiben beschäftigt waren. Sie grüßten den alten Stenographen im Vorübergehen mit einem freundlichen Lärm, der seiner Erzählung ein Ende machte. »Ah, da ist der alte Geiferer!« »Es lebe die Soziale, Bürger Izoard!« » Faï; tira, Marius ... wenn Paris eine ›Canebière‹ Straße in Marseille. hätte ...« Der Marseiller schritt, lebhafte Entgegnungen und kräftige Händedrücke austeilend, weiter, ohne stehenzubleiben. »Das sind Journalisten,« sagte er zu dem jungen Eudeline, den er mit sich zog. »Gute Jungen, wenn auch ein bißchen schwach an Geist und Seele. Man trifft sogar ehrliche darunter, aber im allgemeinen ist die Luft der Couloirs ihnen so verhängnisvoll wie allen andern.« Raimund wunderte sich, daß sein alter Freund fortwährend widerhaarig war. »Nun, Herr Izoard, Sie sind ja doch auch Republikaner.« »Republikaner aus der guten alten Zeit. Republikaner von 1848 wie dein Vater.« »Und Sie sind nicht zufrieden? Warum?« »Weil die Franzosen nichts anzufassen wissen, weil sie alles zerschlagen. Gewiß war das Handwerkszeug der Republik trefflich, es hatte ja noch so wenig gedient! Aber wir haben es sofort zusammengeschlagen.« In der riesigen, mit Marmor gepflasterten und getäfelten Galerie hörte man, wie in einer Kirche oder in einem Museum, ringsum das unbestimmte Brausen einer Menge, ein fortwährendes Gehen und Kommen der ehrenwerten Deputierten, die disputierend auf und ab schritten, indem sie sich hierarchisch um die Schulter gefaßt hielten; da und dort sah man auf einer Bank einen Deputierten in vertraulichem Gespräch mit irgendeinem hervorragenden Wähler, den er nicht im Nebensaal empfangen wollte, wo man die geringen Leute, den Ausschuß eintreten ließ. »Komm hierher, Junge,« sagte der Alte, indem er in diesen Sprechsaal trat. »Ich habe eben gesagt, daß die Republikaner in Frankreich nicht wissen, wie sie sich ihrer Werkzeuge bedienen sollen. Du wirst jetzt die furchtbare Wunde sehen, die das Land sich mit dem allgemeinen Wahlrecht zufügt – das ganze Blut aus seinen Adern fließt aus dieser Öffnung. Da sieh nur.« Eine hölzerne Schranke, wie man sie beim Einlaß der Theater sieht, trennte die Galerie, in der sie sich befanden, von einer großen, glasbedeckten, mit einem lärmenden Publikum erfüllten Halle. Jeden Augenblick übergab ein vor der Schranke stehender Kammertürsteher einem andern, der neben dem Eingang an einem Tischchen saß, die Karte eines Wählers samt dem Namen des Deputierten, den er zu sprechen wünschte. Ein dritter Diener machte sich dann auf, um diesen Deputierten zu suchen, seinen Namen von Saal zu Saal zu rufen. Pierre Izoard, der der ganzen Dienerschaft wohlbekannt war, brauchte nur dem Huissier Loustalet, einem wolligen Weißkopf, ein Zeichen zu machen, und jener machte ihnen an seinem Tischchen Platz. »Die Herren können sich die Komödie aus der ersten Reihe ansehen,« murmelte Loustalet, indem er sich den Schweiß von der Stirn und den Wangen abwischte, die so rot waren wie die Streifen an seiner Mütze. Die ersten waren gerade Leute aus seiner Gegend, die Restoubles von Régalion, Departement Var. Der älteste Restouble, Besitzer des »Cafés der Weißen« und der privilegierte Wirt der Gendarmerie, war vor mehr als einem Jahre gestorben; seither hatte sich der Besitzer des »Cafés der Roten« die Einquartierung der Gendarmen verschafft, was für die arme Frau Restouble der Ruin war,– denn die »Weißen« verzehrten nicht halb so viel wie die »Roten«, und ihr Kaffeehaus trug ihr gar nichts ein. Als die beiden Brüder ihres Mannes, von denen der eine Pfarrer von Régallon, der andre Gemeindesekretär war, das sahen, setzten sie sich mit der guten Dame und ihrer Kleinen auf die Eisenbahn, fest entschlossen, nicht nach Hause zurückzukehren, bis Herr Trescol, der konservative Abgeordnete, der armen Frau entweder die Einquartierung, die ihr das Leben ermöglichte, oder einen Ersatz verschafft haben würde. Mit welcher Angst wurde daher der ehrenwerte Herr Trescol erwartet, was für ein Theatercoup war es, als die lange, dürre Silhouette des ehemaligen Staatsanwaltes von Draguignan hinter der Schranke erschien! Er rümpfte hinter der Brille mit den schwarzen Gläsern verächtlich die große Nase und betrachtete mit derselben bestürzten Grimasse nacheinander die Karte, auf der der Name Restouble prangte, und das gelb und grün gekleidete Mädchen, das ihm eine Dame mit einem Pferdekopf wiehernd präsentierte. »Was wollen diese Leute von mir? Ich kenne sie absolut nicht,« besagte die energische Mimik Herrn Trescols. Plötzlich trat der Pfarrer von Régallon an der Seite seines Bruders, des Gemeindesekretärs, an die Schranke. Diese beiden Herren ergriffen jeder eine Hand des Kindes, und nun bürge ich euch dafür, daß der ehrenwerte Trescol das von so wichtigen Wählern vorgestellte kleine Fräulein Restouble sehr rasch erkannte. Was für eine plötzliche entzückende Veränderung ging mit ihm vor! Jetzt lächelte er, beugte seine lange Gestalt herab, klopfte dem Kinde die Wangen, das Grübchenkinn und machte ihm Possen vor, die zu der schwarzen Brille, dem strengen Backenbart des alten Rechtsrockes gar nicht paßten. Zuletzt ging er ihnen voran in die Nebengalerie, wo es sich besser plaudern ließ, und während sie hocherhobenen Hauptes hinter der Schranke verschwanden, sah die immer zunehmende Menge der Wähler ihnen neidisch nach. Dann übergab man dem Huissier neue Namen, ließ andre Deputierte rufen, immer wieder andre Deputierte ... »Was sagst du zu dieser Blutegelarbeit?« fragte der alte Herr, der mit Raimund wieder in den Vorsaal zurückgekehrt war. »Du kannst dir doch denken, daß man die Gendarmen nicht wieder in dem ›Café der Weißen‹ einquartieren wird, nachdem sie seit drei Monaten im ›Café der Roten‹ untergebracht sind. Frau Restouble braucht daher ein Postamt oder eine Trafik, ganz abgesehen davon, daß die Brüder nicht umsonst die Reise gemacht haben werden. Der Sekretär, der vor seiner Pensionierung steht, wird eine Einnehmerstelle verlangen; der Priester wird noch mehr kosten, denn er ist der erste Abrichter des Trescolschen Stalles. Und die Erpresserei, diese Stellenjägerei, der wir seit fünf Minuten beiwohnen, wird bis zum Abend währen, wird morgen wieder anfangen, bis die Session zu Ende geht, bis eine andre eröffnet wird, bis das erschöpfte Frankreich keinen Tropfen Blut mehr in den Adern haben wird.« Sie machten schweigend ein paar Schritte durch die riesige Galerie, in die immer mehr Deputierte hereinströmten, je näher die Eröffnung der Sitzung heranrückte. Der neue Marineminister war zweifellos noch in der Kommission, denn niemand hatte ihn bisher noch gesehen. Während Raimund Eudeline umherschaute, stellte er an den alten Freund eine Frage: Was seiner Ansicht nach geschehen müßte, um die Regierung gesünder, besser zu machen? »Oh, sehr vieles, mein Kind – aber vor allem müßte man die Kammer auf zwei, drei Jahre schließen. Die Franzosen werden während dieser Zeit lernen, ihr Leben anderswo zu suchen als in der Speisekammer des Staates. Ich würde die Tür der Kammer schließen, aber, wohlverstanden, die Fenster öffnen, um zu lüften, um alles zu reinigen; denn in diesem Palais Bourbon ist die Pest. Die Steine sind ebenso befleckt wie die Menschen, und darum verbreitet sich die Krankheit so rasch. – Da, da drüben hast du unsern neuen Marine- und Kolonienminister. Gib acht, ob er nicht im Begriffe ist, in diesem Augenblick irgendeinen bösen Aussatz zu bekommen.« Marc Javel, dickwanstig und dickhalsig, in einem schwarzen Überzieher und grauen Beinkleidern, lehnte mit seiner behaglichen Miene und den geschmeidigen Bewegungen eines Sportsmannes an dem Sockel des Laokoon, dessen grünliche Bronzefigur sich an einem der äußersten Enden des Vorsaales schmerzlich wand. Er war sehr umschwärmt und genoß die Freude über sein erstes Portefeuille; denn bisher war er nur Unterstaatssekretär gewesen. Robert von Fabry und Jacques Walter, die sich eifrig mit ihm unterhielten, zogen sich diskret zurück, als sie den langweiligen alten Peter, wie der junge Deputierte von Guadeloupe ihn nannte, kommen sahen. »Danken Sie mir, Herr Minister, ich habe Sie von zwei Gaunern befreit,« lachte der Doyen der Stenographen spöttisch. »Nun, nun, Maître Izoard, etwas nachsichtiger gegen die Jugend!« Das war nur eine leise Abschattierung, aber man fühlte heraus, daß der Ton, die Manieren Marc Javels sich zu seiner neuen Größe aufschwangen. Ein ein oder zwei Finger breiter Sockel schob sich unter die Füße des Staatsmannes. Das merkte man vor allem an der feierlichen Art, womit er Raimund begrüßte, als der Marseiller ihn vorstellte. »Der Sohn unsers Kameraden Eudeline, eines Republikaners, wie man ihn heute nicht mehr sieht.« »In der Tat, ich bin mit Ihrem Herrn Vater manchmal zusammengetroffen,« sagte der Minister, das Wort »Herr« betonend, indem er dem jungen Manne wie einem Untergebenen und Unbekannten jenes leichte, ablehnende »Guten Tag« zunickte, das jede Antwort verbietet. »Ich habe ihm das Andenken eines treuen Soldaten der Republik bewahrt.« Der alte Herr, den dieser Satrapenempfang in Wut zu versetzen begann, unterbrach ihn nervös. »Victor Eudeline und Sie, Herr Minister, gehörten, soweit ich mich erinnern kann, derselben Loge an, und bei unsern berühmten Karfreitagsdiners nahm Eudeline Ihre Stelle ein, wenn Sie nicht auf dem Präsidentenstuhl saßen. Man muß sagen, zu jener Zeit fehlte man selten bei jenen Protestfeierlichkeiten der Freidenker, während heutzutage ...« Der Minister lächelte, indem er seinen Schnurrbart strich. In der Tat, er verbarg das nicht. Dieser Protest gegen den Karfreitag erschien ihm jetzt kindisch, vor allem verletzend gegen die neue Generation, die nicht wie ihre Voreltern dachte. »Ei, mein lieber Herr, auf dieser selben Stelle habe ich vor einem Augenblick mit einem unsrer jüngsten Deputierten gesprochen ...« »Fügen wir hinzu, einem unsrer ehrlichsten,« murmelte der alte Flußgott in seinen langen Bart. Marc Javel schien ihn nicht gehört zu haben. »Nun denn, Herr von Fabry, der Freund Wilkie Marquès' und sein Zeuge bei dieser unglückseligen Affäre Jacquand, erzählte mir, daß die Zeugen – fast lauter junge Leute –, als sie den Ernst der Wunde erkannten, in vollkommener Übereinstimmung einen Priester und eine Krankenschwester von Saint-Vincent an das Lager des Kranken setzten. Sie achteten seine Überzeugung. Das ist eine sehr bedeutungsvolle Tatsache.« »Freilich, zu meiner Zeit kamen die Kutten nicht aufs Terrain mit, wenn wir einen Ehrenhandel hatten!« rief der Alte mit funkelnden Blicken. »Auf jeden Fall, glauben Sie mir, Herr Minister: mag dieses Parlament auch junge, neue Kräfte enthalten – falls die aufsteigende Generation bigott ist, wird das Land nichts dadurch gewinnen, wenn sie die Macht in die Hand bekommt. Wir hatten Schurken, jetzt werden wir Heuchler haben.« Er geriet in Aufregung und sprach sehr laut. Die Deputierten, die um den Minister kreisten, näherten sich mit zögerndem, erwartungsvollem Lächeln. Marc Javel warf einen nachsichtigen, strengen Blick in die Runde. »Sie sprechen immer von Schurken, lieber Herr Izoard, aber wo sehen Sie denn so viele?« »Man müßte sich die Augen ausreißen, um sie nicht zu sehen, Herr Minister.« Und in dem zahnlosen lyrischen Ton Frédérick Lemaîtres, einer Zierde seines Zeitalters, deklamierte der Marseiller nachdrucksvoll: »Nicht alle starben, aber alle sind getroffen.« Dann deutete er auf einen dicken, fahlen, kahlköpfigen Herrn, der mit zurückgeworfenem Kopf und breit aufgeschlagenem Überzieher in einem Fahrwasser von untertänigen Verbeugungen daherkam, und fuhr mit seiner natürlichen Stimme fort: »Da ist Ihr Kollege Bourey, neben dem Sie heute früh im Ministerium saßen. Werden wir den auch einen Ehrenmann nennen? Als dieser ehemalige Schulmeister das Post- und Telegraphenwesen übernahm, war er arm und dürr wie ein Stock. Sehen Sie sich doch jetzt diese Speckschwarte an – und natürlich ist er reich. Er wird noch reicher werden, wenn die Kammer seinen Gesetzentwurf über die Herstellung der Telegraphendrähte aus Aluminiumbronze durchbringt. Jacques Walter verhehlt nicht, daß für die guten Trinkgeldempfänger der Kommission Millionen vorrätig sind.« Aus den Gruppen erhob sich ein mißbilligendes Gemurmel, das den Minister ermutigte, seinem Gegner einen kleinen Hieb zu versetzen. »Sie gehen zu weit, lieber Herr Izoard.« »Zu weit! Fragen Sie doch den jungen Eudeline – seine Schwester ist im Haupttelegraphenamt angestellt. Er soll Ihnen erzählen, wie Bourey es anstellt, um die Miete der Casati, der hübschen Tänzerin von den Folies Bergères, vom Staate zahlen zu lassen. Im Haupttelegraphenamt, in der Rue de Grenelle, kennt jeder Mensch den Kniff mit der Miete – die prachtvolle Wohnung wurde zu einem Spottpreis überlassen, unter der Voraussetzung, daß der Minister sich verpflichte, sie für die Regierung zu mieten ...« Marc Javel zuckte die Achseln. »Ist dieser Izoard aber ein Kind! Ist der aber jung geblieben! Und steht doch so nahe vor der Pensionierung!« Dann wandte er sich zu Raimund, ohne die Blässe zu bemerken, die bei diesem Wort »Pensionierung« das Gesicht des Marseillers plötzlich überzog. »Hören Sie mal, junger Mann, die Zeit drängt, wir wollen in die Sitzung. Was haben Sie für ein Anliegen?« War es die majestätische Umgebung, dieser Parlamentspalast mit den breiten, lichtüberfluteten Fenstern, den Deckenmalereien, den marmorstarrenden Wänden, war es der neue Titel Marc Javels, der dünkelhafte Empfang, kurz, der Sockel, das Wachsen des Sockels – noch nie hatte Raimund in Gegenwart seines Beschützers eine ähnliche Erregung und Schüchternheit empfunden. Er wollte von Antonin, von der Auslosung sprechen, die für den armen Jungen heranrückte, von der grausamen Verantwortlichkeit, die der Vater dem ältesten Sohne hinterlassen hatte – aber für keinen dieser Gedanken fand er den richtigen Ausdruck. Er stotterte wie sein Bruder. Zuletzt erbarmte sich Pierre Izoard, der sich selbst von seiner Verwirrung erholt hatte, des braven Jungen. »Laß mich reden, Kleiner, sonst kommst du nie zu etwas. Erstens gibt es Dinge in dem Leben deines Vaters, von denen du nichts weißt, die er uns im Sterben anvertraute, die deine Mutter, Marc Javel und ich allein kennen. Der Minister schnitt mit einem teilnehmenden Seufzer eine Grimasse. »In der Tat, ich erinnere mich an die traurige Episode, auf die Sie anspielen. Der arme Victor Eudeline, das war auch einer, der für Geschäfte nicht geschaffen war.« »Er hat es doch verstanden zu sterben, um seine Kinder von Elend und Schande zu retten. Das ist Stärke genug.« Kaum war die Antwort losgeschossen, so bereute Pierre Izoard und fragte den Minister sehr demütig, ob er dem jüngeren der Brüder Eudeline nicht eine der Vergünstigungen verschaffen könnte, die der ältere so reichlich erhalten hatte, nämlich eine einjährige Dienstzeit statt der fünfjährigen und alle Erleichterungen, um das Brot des Hauses auch ferner zu verdienen. Denn es mußte zugegeben werden: von den beiden Brüdern – Raimund, der beim großen Konkurs einen Ehrenpreis in der Philosophie errungen hatte, dem Doktor der Rechte, dem Lizentiaten, und Toni, dem jüngeren, dem armen Elektriker – hatte, trotz der gleichen Dosis von Energie und gutem Willen, bisher nur der Arbeiter die ganze Familie erhalten, die Arbeit der wirklichen »Stütze der Familie« getan. Er mußte die Vorteile dieser Stellung genießen, da er alle Lasten getragen hatte. Ach, der alte, verblendete Schwätzer, welches Mittel gab es, um ihn zum Schweigen zu bringen! Jedes seiner Worte verletzte den Stolz des älteren Bruders, der jetzt wütend war, daß er diesen Schritt versucht hatte, und es noch mehr ward, als der Minister seine für die ihn umgebenden Deputierten klug berechnete Antwort erteilte. »Seit einer Stunde, lieber Herr Izoard,« sagte Marc Javel, indem er sich anmaßlich und dünkelhaft mit dem Daumen im Armlochausschnitt seiner Weste hin und her wiegte, »seit einer Stunde führen Sie diesen jungen Mann durch die Couloirs der Kammer, um ihn zu überzeugen, daß sie von lauter Lumpen bevölkert sind. Nun denn, ich will, daß er von hier den Beweis und die Überzeugung mit sich nimmt, daß die Gesetzgeber die Gesetze zu achten verstehen und Achtung vor ihnen fordern. Als ältester Sohn einer Witwe und Stütze der Familie hatte Raimund Eudeline Privilegien, Vorrechte, auf die der jüngere nicht Anspruch erheben darf. Man soll also nichts von mir erhoffen, nicht den Schatten einer Begünstigung oder Empfehlung; das wäre eine Ungerechtigkeit, deren ich vollkommen unfähig bin. Und jetzt, meine Herren, da kommt der Herr Präsident; gestatten Sie mir, ihn zu begrüßen, ehe er seinen Sitz einnimmt.« Er winkte ihnen mit den Fingerspitzen lebhaft Adieu zu und folgte der Menge, die wieder in den Hintergrund drängte, von wo Kommandoworte und das rhythmische Aufstoßen der Gewehrkolben auf den Fliesen widerhallten. »Jetzt ist es aus, jetzt kenne ich Marc Javel,« sagte Vater Izoard, indem er den Arm des betäubten Raimund ergriff. Jetzt verstehe ich, daß er in dieses Ministerium Valfon eingetreten ist. Er ist ein ebensolcher Gauner wie die andern, aber er hat Haltung, was ihnen fehlt, und eine Zuversicht, die ihn weiter bringen wird als alle andern. Aber deine Mutter muß fortan darauf verzichten, auf ihn irgendwie zu rechnen.« Die beiden Freunde hatten sich inmitten einer Schar von Deputierten und Journalisten dem Sitzungssaal genähert, der seit einem Augenblick geöffnet war. Zwei Reihen Bajonette und roter Hosen zogen sich vom Eingänge dieses Saales bis zur Galerie entlang, die zu den Privatgemächern des Kammerpräsidenten führte. Von dort aus sah man ihn kommen, begleitet von zwei Offizieren, die mit gezogenem Säbel neben ihm einherschritten. Er war der richtige Typus eines Präsidenten; er hatte eine friedliche Haltung, einen Oberkörper, der länger war als die Beine, und lockiges, ergrauendes Haar, um das die breiten flachen Ränder eines Zylinders eine Aureole bildeten. Als er erschien, neigten sich alle Stirnen. Eine Stimme kommandierte: »Schultert 's Gewehr!« und in dem Echo der hallenden Gewölbe schlugen die Trommler den Marsch. X Zwischen Paris und London An Antonin Eudeline, London.        Mein lieber Antonin! Durch die Briefe, die Sie von Ihren Verwandten bekommen, und die französischen Zeitungen wissen Sie bereits, warum Ihre Freundin Sophie Ihnen monatelang nicht geschrieben hat. Was mein Erlebnis betrifft, so will ich es Ihnen erzählen, so kurz wie möglich, damit es Sie nicht langweilt. Also, als Sie nach England abreisten, hatte ich mich eben auf dem linken Seineufer gegenüber von Bercy in den Überresten eines alten Palastes Ludwigs XV. mit einem bändergeschmückten Giebel niedergelassen. Er stand verloren inmitten von räucherigen Fabriken und schmutzigen Arbeiterhäusern längs des ungeheuern Kais, der von Eisen- und Kohlenstaub ganz schwarz war. Ich wollte dort so lange bleiben, bis die Affäre vom Boulevard Beaumarchais vergessen, beiseitegetan sein würde und mein wilder Lupniak Paris ohne Gefahr verlassen konnte. Vor allem mußte der Kamerad sich ruhig verhalten. Am Tage nach seiner Tat hatte er sich in einem Hängeboden der Rue Pascal neben dem Observatorium, mitten in »Klein-Rußland«, versteckt. Ich fand, daß er dort nicht in Sicherheit sei, denn ich war überzeugt, daß die Polizei dort ihre Nachforschungen beginnen würde. Glücklicherweise befand sich auf dem Kai, wo ich wohnte, wenige Schritte von meinem alten, kleinen Herrschaftshause entfernt, ein Holzlager, das einer alten Auvergnatin gehörte, die sich auf die große Dame hinausspielte. Ich behandelte ihr kleines Mädchen, das an einem fast unheilbaren schwarzen Star litt; ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, lieber Freund, daß ich in Erwartung meiner Abreise nach Kalkutta in meiner Wohnung eine Ambulanz errichtet hatte, wo die verschiedenartigsten Kinderkrankheiten mir täglich unter die Hand kamen. Ohne meiner Nachbarin zu gestehen, wer Lupniak war, setzte ich es durch, daß sie ihn als Nachtwächter auf ihrem Lagerplatz anstellte. Vor allem war es seine Pflicht, wenn ein Zug über die Eisenbahnbrücke der Ringbahn fuhr, zu verhindern, daß die aus der Maschine herausfliegenden Funken die Holzhaufen in Brand setzten. Ein vollständiger glückliches Leben kann man sich nicht vorstellen, als es dieser Fanatiker, der zugleich ein Träumer und ein Mann der Tat ist, dort führte. Des Nachts wanderte er auf dem riesigen Lagerplatz umher, der gleich einem Garten im französischen Stil von Alleen aus symmetrisch aufgeschichteten Holzstößen mit Bosketten und Lichtungen durchzogen war, während von den düsteren Winkeln der Kreuzpflanzungen große Stücke des mit Sternen besetzten Himmels sich abhoben. Untertags verließ er seine rollende Hütte nicht, eine Art Hunde- oder Schäferhütte, die von zwei Luken beleuchtet wurde. Die Möbel bestanden aus einem Rechen für die Kleider, einem Brett für seine astronomischen und metaphysischen Bücher und aus einem schmalen Bett, auf dem er träumte und las, mehr als er schlief. Ich besuchte ihn häufig, und wir verbrachten viele Stunden, plaudernd am Rande seines Strohsacks sitzend. Wir stritten über das Recht auf Mord, das Recht, Gerechtigkeit zu üben, das sich die Revolutionäre zugestehen, das mir aber ungeheuerlich erscheint. Er vertrug keinen Einwand. Mit zornschwellendem Munde schrie er mir zu, indem er seine skorbutkranke Unterlippe vorschob: »Dejarine ist ein Bösewicht, ein Tier; ich habe ihn nur einmal getötet, er aber hat Hunderten von Wesen das Leben entrissen.« Und wenn ich mir eine Entgegnung erlaubte, sprang er in die Höhe, daß die Hütte beinahe umgefallen wäre. Leider begnügte er sich nicht mit meinen Besuchen, sondern wollte zu mir kommen und an meinem Konsultationssessel das im Ausdruck seines Elends so lebhafte und malerische Volk von Paris vorüberziehen sehen. Mit einer falschen Perücke und einer Brille, die ihm das Aussehen eines Kollegen von mir verliehen, saß er in einem Winkel meines Zimmers, besonders an den Tagen, da Herr Alcide, Ihr entzückender Kommunard, mir seinen Jungen brachte. Richtig, Sie wissen, daß ich den armen kleinen Kerl wieder auf die Füße gestellt habe; seine Krankheit hat für mich keine Geheimnisse mehr. Er ist das Kind eines Gebrochenen, geboren aus jener moralischen Anämie, jener nervösen Furcht, die der Vater von seinen zehn Jahren in Nouméa mitbrachte, die ihn erbleichen laßt, wenn er die Mütze eines Sergeanten erblickt. Der Kleine hatte gleichsam dieselbe Angst, dieselbe Scham vor dem Leben. Trotzdem wird er am Leben bleiben. Ich bin mit Eisen und Feuer an diesen unglücklichen, verkrüppelten kleinen Körper gegangen, ich habe ihm mein Blut und meine Kraft eingeflößt. »Du wirst gehen, kleiner Hund, oder ich werde dir Mores lehren!« ... Mittlerweile ließ sich Lupniak vom Vater Alcide die Jagden erzählen, die er mit dem Kommandanten Rivière auf die Kanaken im Busch gemacht hatte, sowie die nicht minder wilde Jagd, die die Soldaten auf ihn und ein paar andre inmitten der von wenigen Laternen erleuchteten Gräber des Père Lachaise machten. Das war in jener Mainacht, der letzten Nacht der Kommune, da die Triller der Nachtigall in den Zypressen des Friedhofes mit dem Gewehrfeuer und dem Geknatter der Kartätschen abwechselten. Auch der kleine Krüppel hörte gar zu gern von diesen heldenmütigen Abenteuern erzählen, denen sein Vater, ein lustiger Vorstädter und trefflicher Inszeneur, ein außerordentliches Leben verlieh, indem er das Pfeifen der Kugeln mit den Lippen, das Pelotonfeuer mit Fingerschnalzen und das Flügelschlägen der Granate nachmachte, wenn sie wie ein verwundeter, atemloser Vogel ankam. Manchmal kam die Geschichte bei mir nicht zu Ende, und wir gingen noch zusammen am Seineufer auf und ab, um dort den Schluß zu hören; der Kleine saß mit glänzenden Augen, den Kopf auf den Arm gestützt, in seinem Wagen. So kam es, daß mein armer Lupniak eines Abends durch die Polizei erwischt wurde; ich erfuhr erst zwei Tage später davon, als die Holzhändlerin ganz betrübt zu mir kam, um sich nach ihrem Nachtwächter zu erkundigen, den sie nicht mehr wiedergesehen hatte. Ich wollte mich ebenfalls auf die Suche machen, da plötzlich erhielt ich in der Form eines harmlosen Zirkulars eine Vorladung, mich am selben Tage im Justizpalast, im Kabinett des Untersuchungsrichters, einzufinden. Dort traf ich einen Mann an, der noch jung war, obwohl er versuchte, sich durch eine alte Samtmütze und durch eine gespielte Pfiffigkeit, die sein höchst flaches, höchst bedeutungsloses Gesicht faltig und runzlig erscheinen ließ, älter zu machen. Trotzdem ich mich weigerte, irgendeine Mitschuld bezüglich Lupniaks einzugestehen und zu bekennen, daß er mir je von seinen Rache- und Mordplänen erzählt hätte, wollte der Richter, daß ich die angeblichen Greueltaten dieses Mannes, den ich liebe, den ich für tapfer und gut halte, verraten und bestätigen sollte. Sein ganzes Leben lang hat er nur auf wilde Tiere geschossen, nur schädliche Wesen vernichtet. Sie können sich vorstellen, mit was für einem Schrei der Empörung ich das aufnahm, und daß ich mich nicht genierte, zu sagen, was für ein wilder, jedes Mitleids unwürdiger Henker dieser Dejarine, der ehemalige russische Polizeiminister, gewesen war. Beim Anblick meiner Empörung wurde der Mund des Richters immer schmäler; er winkte seinem Schreiber und sagte, indem er mir einen eintretenden riesigen Polizisten zeigte: »Ich bedaure, mein Fräulein, aber ich muß Sie zur Verfügung des Gerichts halten.« So blieb ich mehrere Wochen in vollständiger Abschließung in einer Zelle des Gefängnisses; niemand besuchte mich, meine Mahlzeiten wurden mir durch ein Spitalfensterchen gereicht. Mein einziger Kummer während dieser langen Tage waren meine kleinen Kranken, deren klägliche Mienen und krankhafte Bewegungen mich verfolgten, die sich um mein Bett drängten, sobald die Abendglocke geläutet hatte. Wirklich, Tonichen, Sie können sich nicht vorstellen, was diese Kinder in meinem Leben bedeuten; ich bin eine geborene Mama, eine Pflegemama. Um Kinder zu haben, hätte ich mir welche gestohlen. Sie denken vielleicht, daß es einfacher gewesen wäre, zu heiraten. Aber ich bin zu häßlich, wer hätte mich geheiratet? Das war der Kummer meines Lebens, kein weiblicher Kummer oder verletzte Eitelkeit, nur der Gedanke, daß ich nie Kinder haben würde! Da ich also nicht wie alle andern Mutter sein konnte, sagte ich mir, daß ich es mehr als alle andern sein, daß ich Hunderte von Kindern haben, pflegen, hätscheln, stundenlang in meinen Armen wiegen würde, während ihre kleinen, zahnlosen Münder sich an meine Wangen festsaugten. Diese armen Schmerzenskinder wollte ich mit Leidenschaft lieben; denn gibt es etwas Ergreifenderes, Rührenderes als ein kleines Wesen, das leidet, ohne sagen zu können, was ihm fehlt? Gerade damals war ich mit meinem Studium fertig, und da ich mich mit meinem Vater versöhnt hatte, besaß ich Geld genug, um mein Spital für kranke Kinder zu gründen. Fortan hatten meine Sorgen, meine Unruhe ein Ende. Ich fühlte mich nur noch unglücklich, als ich, meiner ganzen kleinen Familie beraubt, im Gefängnis saß. Wie oft hörte ich des Nachts ein flehendes Stimmchen sagen: »Ach, Papa Alcide, erzähle mir von der Schlacht auf dem Père Lachaise.« Und der alte Kommunard ahmte das Gewehrfeuer nach, indem er mit den flachen Händen auf seinen wolligen Kopf schlug! Endlich tat sich eines Nachmittags die Tür meiner Zelle auf; jemand sagte: »Kommen Sie,« und durch endlose Gänge und Treppen führte man mich wieder in das Zimmer, in dem ich verhört worden war. Der Mann in der Samtmütze fragte mich, aber diesmal ohne Härte und Anmaßung, ob die Einsamkeit nicht mein Gedächtnis aufgefrischt hätte. Ich machte eine abwehrende Handbewegung. Der Richter drang nicht weiter in mich und sagte bloß: »Der Untersuchungsrichter ist nicht stark genug gegen Sie, Fräulein, Sie besitzen gar zu einflußreiche Bekanntschaften.« Er sah mich mit schmachtender Miene an, mit Augen; wie sie arme, häßliche Dinger wie ich nicht immer zu sehen bekommen. Ich glaubte schon, daß dieser ehrgeizige junge Mann dank meiner hohen Bekanntschaften um meine Hand anhalten würde. Aber woher fiel mir dieses geheimnisvolle Glück zu? Ich wagte nicht nachzuforschen und sah wie im Traum, daß er meine Freilassung unterzeichnete. Wie froh war ich, wieder im Freien zu atmen und, in meine Wohnung zurückgekehrt, die Ordination in meinem kleinen ambulanten Spital wieder aufzunehmen! Nur meine Holzhändlerin führte mir ihre Tochter nicht mehr zu. Sie grollte mir wegen ihres Nachtwächters. Die Hütte dieses Astrologen war voll von Zauberbüchern, die die Herren von der Präfektur mit Beschlag belegt hatten. Aber wer hatte sie benachrichtigt? Das hätte ich wissen mögen. War ich doch der Meinung, daß ich ihn so gut verteidigt, behütet hatte, indem ich sogar alle Beziehungen zu unsern »Kleinrussen« vom Pantheon und der Sternwarte abgebrochen hatte. Selbst mit Geneviève Izoard kam ich nicht mehr zusammen – nicht aus Mißtrauen gegen dieses entzückende, brave Geschöpf, aber ich wußte, daß sich ein leidenschaftliches Gefühl ihrer bemächtigt hatte und daß sie sich nicht mehr selbst gehörte. Ach, Tonichen, Gott beschütze uns vor der Liebe! Das ist der gefährlichste aller berauschenden Weine. Wenn es wahr ist, wie ich behaupten hörte, daß die jungen Leute Ihres Alters, Ihres Standes nicht mehr an die Frauen denken, desto besser! Sie werden weiter und auf geraderem Wege ans Ziel gelangen, als sie dachten. Richtig, die Frauen. Vor zwei Tagen bekam ich einen seltsamen Besuch. Die Ordinationsstunde war zu Ende, ich öffnete die Fenster, um den Geruch von Wochenbett und Elend, von Menschengewimmel und saurer Milch zu verscheuchen, den meine armen Kinder immer mitbringen, rauchte eine heimische Zigarette und ließ meine Gedanken mit der Strömung den flachen Booten folgen, die in der Abendröte die Seine hinabfuhren. Da tritt eine schöne Dame ein, rothaarig, mit üppigen Formen, in reicher Toilette. Sie sah wie eine Sängerin aus, aber trotz des gezierten Tones, der gemalten Wangen und Augen hatte sie im ganzen Gesicht etwas Natürliches und Sanftes. Sie sprach von meinem Spital und fragte, ob ich geneigt sein würde, Filialen zu eröffnen, und unter welchen Bedingungen. Es handelte sich um eine ihrer Freundinnen, ein Opfer der Gesellschaft, die vor lauter Nichtstun gebrochen, gelähmt war, die sich der Selbstsucht und Unfruchtbarkeit ihres Lebens schämte, eine Tote, die wieder aufleben wollte. Handelte es sich wirklich um eine Freundin oder um sie selbst? Man hörte aus ihren Worten einen Widerwillen, einen Ekel gegen alle Vergnügungen, allen genossenen Luxus heraus, der mir eine sonderbare Idee von der Pariser Gesellschaft gab und mir einen tieftraurigen Eindruck hinterließ. Sie entfernte sich, indem sie mir den nahe bevorstehenden Besuch ihrer Freundin ankündigte und mir ihre persönliche Adresse mitteilte:   Frau Valfon Mittwoch. Quai d'Orsay. Zweifellos ist das eine der großen Bekanntschaften, auf die mein Untersuchungsrichter so neidisch war. Aber das klärte mich noch immer nicht über das auf, was ich so gerne wissen wollte, nämlich den Namen des Judas, der Lupniak verraten hatte. Herr Alcide, mein Vertrauter, hatte sich ebenfalls auf die Suche gemacht; er war tragischer und verwickelter wie ein Roman von Gaboriau, rollte die Augen, sprach mit leiser Stimme, forschte auf dem Boden, auf den Treppengeländern nach den Spuren von Schritten, von Händen, bestimmte mir nächtliche Zusammenkünfte unter den Brücken, konnte mir aber nie etwas mitteilen. Was die Kameraden von »Klein-Rußland« betraf, so klagten alle einstimmig Mauglas an. Sie behaupteten, daß er, nachdem er infolge der mitten in der Kammer erfolgten Denunziation des Ministers des Auswärtigen seiner Stelle entsetzt worden war, kein andres Mittel gefunden habe, um in Petersburg wieder zu Gnaden zu kommen, als den Mörder des Generals zu entdecken und verhaften zu lassen. »Um Sie übrigens zu überzeugen,« sagten sie, »werden wir Ihnen, wenn es sein muß, den Verräter bringen, gebunden wie eine Schlackwurst, und werden ihn zwingen, in Ihrer Gegenwart zu bekennen.« Ich zweifelte trotz allem, von der hohen Intelligenz dieses Mannes beherrscht; ich konnte nicht glauben, daß er sich bis zu diesem Grade hatte erniedrigen, in die Irre leiten lassen. Tage, Wochen verstrichen. Dann kam der Prozeß Dejarine, die ruhige Art und Weise, wie Lupniak, nachdem er in der Untersuchung alles geleugnet hatte, um seiner Mitschuldigen Zeit zum Flüchten zu lassen, sich vor dem Gericht schuldig bekannte. Er ist bereit, seine Jagd auf die großen Raubtiere wieder aufzunehmen, wenn es ihm je gelingt, aus der lebenslänglichen Deportation, zu der er verurteilt wurde, zu entfliehen. Eine oder zwei Wochen nach dem Prozeß erhielt ich eine Einladung des Vereins »Biene«, Rue de Rivoli Nr. 4, Eingang durch den Hof. Der Name dieses Pariser Vereins war mir vollständig unbekannt, aber der auf der Karte stehende Name Deamoffs erinnerte mich daran, daß unsre Freunde aus Klein-Rußland, um die Polizei zu täuschen, von Zeit zu Zeit bei den jungen Angestellten des Phare de la Bastille und des Bazar de l'Hôtel de Ville das kasemattierte Untergeschoß eines Gasthauses abmieteten. Dort übten sich diese jungen Leute im Hornblasen und Scheibenschießen. Samstag abends also trat ich zur bestimmten Stunde in den Hof des Hauses Nr. 4. Es ist ein geräumiger, da und dort mit leuchtenden Glasplatten bedeckter Hof. Unter dem gasbeleuchteten Tor befand sich eine schwarze Marmortafel mit dem Worte »Biene« in goldenen Buchstaben, und darunter wies ein Pfeil auf die niedrige Tür und die enge Wendeltreppe, die in das Untergeschoß führte. Längs der mit Stuck belegten, gewölbten Wände eines langgestreckten Kellers, in dem Gasflammen leuchteten, hingen Schießscheiben, die Satzungen des Vereins, Zinken und Jagdhörner; darunter standen zwei Reihen Bänke, und darauf saßen eine Menge Frauen und Männer, deren fieberhafte, intelligente Gesichter mir meistenteils bekannt waren. Sie bewillkommten mich mit Augenblinzeln und lächelnden Grüßen. Im Hintergrund, vor den Schießscheiben, war der Saal noch heller beleuchtet, und auf drei Stühlen, die von uns durch einen langen, mit Pistolen und Gewehren beladenen Tisch getrennt waren, saßen Deamoff und zwei andre Klein-Russen, hart wie Richter, schweigsam wie Henker. Kaum saß ich auf meinem Platze, so entstand beim Eingang eine heftige Bewegung, Geschrei, Stoßen. Alle sprangen auf, und man erblickte Mauglas, ohne Hut, mit in Unordnung geratenen Haaren und Kleidern. Er war von Kopf bis zu Füßen gebunden, und drei oder vier feste Bursche, geschmeidig wie junges Rotwild, stießen, schoben und trugen ihn vorwärts. Hinter ihnen kam ein langes, dünnes Mädchen mit blassen Augen und einem bösen Lächeln, ganz in Weiß, wie eine Braut. Das war die Anglerin. Gleich beim Eintritt, als der Polizeispion begriffen hatte, daß jeder Ruf unter der Blendung dieser Gewölbe, sowie jeder Widerstand angesichts dieser Menge nutzlos war, richtete er seine ersten Worte an das hübsche Geschöpf, das ihn durch seine Katzenkünste ins Garn gelockt hatte. »Da sieht man, wohin die Eitelkeit eines Vielschreibers führt,« sagte er, indem er sich verbeugte. »Zwei Briefe, die mir über mein letztes Musikfeuilleton Komplimente machten, genügten, um mich in die Falle zu locken. Ich gestehe Ihnen jedoch, mein Fräulein, daß ich mich nicht ohne Besorgnis zu Ihrem Stelldichein begab, und kaum ergriff Ihre feuchte, kalte Hand die meinige ... aber dafür ist man ja ein galanter Franzose, nicht wahr, mein Kind? Das mußten Sie verstehen, denn Sie sind ja eine Polin, eine Tochter dieses in drei Stücke geteilten Polen, so wie wir es vielleicht bald sein werden.« Dann wandte er sich plötzlich zu der Versammlung und fragte in spöttischem Tone: »Womit kann ich Ihnen dienen, meine Herren?« Ohne ihm zu antworten, prüften Deamoff und die beiden andern im Hintergrunde ein Bündel Briefe, das bei dem Unglücklichen gefunden worden war und nun auf dem Tische ausgebreitet lag. Sie wühlten darin ohne Hast. Diese tätige Stille war furchtbar. Der Mann, der inmitten des Saales stand, zwang sich, den Kopf gerade zu halten und fest auf seinen Beinen zu stehen, die durch den Haß aller dieser Blicke zitterten. Ich, mein lieber Antonin, dachte an den Freiheitsbaum in Morangis, an die Ankunft der Pariser am Samstagabend, an die alten Mauglas, den Vater und die Mutter, wie sie ihren Sohn, dieses gute, mutige Kind, das ihr ganzes Leben ausmachte, erwarteten. Das war derselbe Mauglas, der diesen verhängnisvollen Beruf erwählt hatte, von dem er schon zu jener Zeit so üppig lebte, derselbe Mauglas, der unsern Freund verraten hatte. Ach, als Deamoff sich erhob und ihm vorhielt, wessen man ihn anklagte, schloß ich die Augen, denn ich fürchtete zu sehen, daß dieses arme Gesicht vor Angst entstellt oder von den Grimassen irgendeiner Lüge verzerrt werden könnte. Allein der tapfere, aufrichtige Ton seiner Antwort zwang mich, ihn anzusehen. Ruhig, die Hände in den Taschen seiner ewigen Samtjacke, stand er da, und auf seinem roten, zornigen Gesicht, das das Gaslicht grell beschien, lag keine Spur von Furcht oder von Schurkerei. »Warum sollte ich mir die Mühe geben, euch zu täuschen?« fragte er. »Ich bin in euern Händen. Ich mache mir keine Hoffnungen, mit heiler Haut davonzukommen, aber das ist kein Grund, mich falsch anzuklagen. Ich habe mit der Verhaftung Lupniaks nichts Zu tun.« Deamoff: »Haben Sie nicht der russischen Polizei in Paris als Spitzel angehört?« Mauglas, mit der größten Kaltblütigkeit: »Ja, früher, jetzt nicht mehr; der Tod Dejarines hat mich um meine Stelle gebracht.« Deamoff: »Sie schrieben, flehten, man möge Sie wieder anstellen; da sind zwei Antworten des Petersburger Polizeiministers.« Mauglas: »In der Tat, die Stelle war gut, es lag mir viel an ihr.« Der Zynismus seiner Worte rief im Saale ein zorniges Murren hervor. Aber er antwortete mit einem Aufschrei der Empörung, indem er seine dicken, geballten, schweren Fäuste wie Kolben schwenkte. »Ihr bringt mich wirklich zum Lachen, ihr Leute – natürlich, das Leben ist ja so bequem, und am Schalter, wo das tägliche Brot ausgeteilt wird, gibt es gar kein Gedränge und Gestoße! ... Frage ich denn euch, wie viele ihr zu ernähren, wie viele Kinder, wie viele Laster ihr besitzt? Ob ihr liebt, was gut, was teuer ist? Ach, ich möchte euch mein Leben erzählen, wieso ich in diesen Misthaufen hineingeriet, wie viele Glückliche ich mit meiner Schmach machte! Aber ihr werdet glauben, daß ich euch rühren will, und das ist nicht meine Absicht.« Er sah uns alle hintereinander an, als ob er uns zählen wollte. »Was ich suche? Wie viele unter euch, sowohl unter den Männern wie unter den Frauen, die Stelle haben möchten, die ich verloren habe, wie viele schon vielleicht um sie gebeten haben. Ach ja, so ist es –« Er konnte nicht zu Ende reden, alle erhoben sich brüllend, bereit, über ihn herzufallen; aber ich weiß nicht, warum mir angesichts dieser doppelten Reihe von Krallen und Zähnen der Gedanke kam, daß gerade denen, die am meisten schrien und knirschten, die Stelle eines Polizeispions den meisten Neid erweckte. »Fest steht auf jeden Fall, daß Sie alles taten, um Ihre Stelle als Spitzel beizubehalten,« sagte der eine der Richter, indem er sich zu Mauglas wandte. »Der Beweis dafür ist dieser Brief, der bei Ihnen gefunden wurde, der Brief eines jungen Mannes, dem Sie die Hälfte Ihres Gehaltes anbieten, wenn er an Ihrer Stelle in den Kreisen spionieren will, in denen Sie, wie Sie fühlen, entlarvt sind. Der junge Mann, ehrenhafter als Sie, weigert sich; ihm fehlt der Mut, bei diesen braven Leuten einzudringen, ihr Vertrauen zu täuschen. Er könnte das nicht tun.« »Der Name, der Name!« ruft es aus allen Winkeln des Saales. Ich kannte diesen Namen; gleich beim Erscheinen Mauglas' war er mir durch den Kopf gefahren, und kaum war der Brief geöffnet, so wurde mein Herz wie von einem Schraubstock zusammengepreßt und begann erst wieder bei den Worten zu klopfen: »Der junge Mann weigert sich.« Sie hören, lieber Antonin, Ihr Bruder weigerte sich; denn es war der Name Raimunds, der am Schlusse dieses Briefes stand. Ich hatte recht geraten, das kann ich Ihnen jetzt sagen, da ich Ihnen meine Angst gestehe. Aber woher die Gewißheit, daß es sein Name und kein andrer sein würde? Erstens, weil ich Raimund zwei- oder dreimal im vertraulichen Gespräch mit Mauglas spazierengehen sah, zweitens, weil ich Ihren armen Bruder so gut kenne; er ist noch immer derselbe wie in seiner Kindheit, schwach, eitel, willenlos, energielos. Ich sah, daß er auf Sie eifersüchtig, daß er wütend war, weil Sie das Brot für das Haus verdienten, an Stelle seines nichtigen Erstgeburtsrechtes Ihre Tätigkeit, Ihren Mut setzten. Als ich ihn daher das letztenmal am Arm dieses Lumpen sah, der eben mitten in der Kammer denunziert worden war, bemächtigte sich meiner der niedrigste Argwohn. Der Mann ist gefährlich, intelligent, ein guter Diagnostiker von Menschen; da er den Jungen und seine Schwäche kannte, hat er sich wohl an diese erste Weigerung nicht gehalten. Gebe Gott – aber davon werden mir ein andermal reden; jetzt will ich mit meinem Spitzelabenteuer zu Ende kommen. Der Zynismus Mauglas', seine Frechheit ließen mich eine tragische Lösung fürchten. Er selbst erschrak einen Augenblick, als er nach einer langen Beratung Deamoffs und seiner Beisitzer abermals gepackt, gebunden, der Länge nach auf den Tisch ausgestreckt wurde. »Ihr werdet mich doch nicht wie ein Schwein abstechen?« fragte er, sich umblickend, mit veränderter, teigiger Stimme. – Nein, man wollte ihn bloß zeichnen, ihm mitten ins Gesicht, mitten auf die Stirn eine ungeheure grüne Fliege Fliege = mouche; mouchard = Polizeispitzel. tätowieren, um seinen unwürdigen Beruf zu kennzeichnen, um die Leute überall, wo er erscheinen würde, vor ihm zu warnen. Ich hatte nicht den Mut, dieser Marter beizuwohnen, und während der Unglückliche litt, sich unter den brennenden Stichen wehrte, während man in die Hörner blies und Schüsse abgab, um sein Geschrei zu übertönen, machte ich mich, mir die Ohren verstopfend, rasch aus dem Staub. Ich hatte Ihnen Neuigkeiten versprochen, Tonichen; das sind genug, denke ich. Was soll ich Ihnen noch erzählen? Daß ich Ihr Schwesterchen Dina traf, als sie, noch immer ihre Schachtel unter dem Arm, zierlich und anmutig wie ein Schulmädchen, aus dem Haupttelegraphenamt kam. Das liebe, kleine Aschenbrödel! Ihr plötzlich unterbrochenes Feenmärchen hat ihre klaren Augen, ihren Maiblumen- und Rosenteint nicht angegriffen. Ihren Märchenprinzen hat sie nicht wiedergesehen. Kaum war er transportfähig, so führte ihn der Vater, der fast ebenso krank ist wie er, nach dem Engadin. Aber das tut nichts. Aschenbrödel ist gläubig, sie vertraut auf ihre Medaillen. »Das ist Götzendienerei,« sagt Vater Izoard. Aber ich glaube, daß diese Götzendienerei dem armen Manne in diesem Augenblick selbst vonnöten wäre. Sie würde ihm helfen, den großen Kummer zu ertragen, von dem er sich bedroht fühlt. Seine Stelle im Palais Bourbon ist in Gefahr; man hält den alten Achtundvierziger für lästig, er denkt zu laut und zu frei. Wie teuer ihm auch seine kleine »Einsiedelei«, wie er Morangis nennt, sein mag, und obwohl er unablässig wiederholt: »Ich bin ein Einsamer, ein Wilder, ich genüge mir, ich brauche niemand« – so gibt es doch keinen Menschen, der so gern plaudert, Leute um sich sieht, in Bewegung ist wie dieser alte Marseiller. Er würde in seiner »Einsiedelei« vor Langeweile sterben, besonders jetzt, da seine Tochter ihm fehlt; denn ohne daß er es zugesteht, ist es das, was die Laune unsers alten Freundes verdüstert, was seinem Ton etwas Hartes und Fieberhaftes verleiht. Sein Kind entschlüpft ihm, sie gehört ihm nicht mehr, aber ebensowenig ihren alten Freunden. All die schönen Pläne, die wir zusammen entwarfen, das neue Asyl, das dort gegründet werden sollte – von nichts ist mehr die Rede. Der Vater wollte eine Heirat vorschlagen, aber umsonst. Das arme Mädchen sieht sich als verheiratet an, aber der, den sie liebt, kann sie nicht heiraten, und beide sind zu einem Leben voll Heimlichkeiten, voll Lügen gezwungen, das, fürchte ich, mit einer Katastrophe enden wird. Mein lieber Junge, ich glaube, daß Sie, da Sie fern von uns leben, vielleicht kein Wort von dem Roman wissen, auf den ich anspiele; aber Sie kennen Herrn Izoard, so wie ich ihn kenne. Wenn er entdeckte, daß Geneviéve jeden Vormittag nach dem Frühstück in Morangis nach Paris eilt und erst zum Frühstück am nächsten Tage zurückkommt, so wäre das schrecklich. Ich wage gar nicht daran zu denken. Und trotzdem, wenn ich mit ihm zusammen bin, fallen mir blitzschnelle Blicke, ein Runzeln der Augenbrauen an ihm auf – mir scheint, der alte Marseiller ahnt etwas. Man müßte Geneviève warnen, aber ich bekomme sie nie zu sehen. Sie flieht mich, ich höre nichts von ihr, außer wenn ich auf eine Minute in die Rue de Seine, in die »Wunderlampe« eintrete. Auf diese Weise erfuhr ich von der lieben Mama Eudeline, die noch immer an ihrem Ladentisch sitzt, noch immer in ihre Bücher vertieft ist, daß Raimund jetzt schreibt und viel Geld verdient, so viel Geld, daß er alle Auslagen der Familie bestreitet, ohne von Ihnen etwas zu verlangen. Beim Schließen des Ladens konnte er Sie natürlich nicht ersetzen; klein Dina hängt jeden Abend die Schlösser vor und nimmt sie jeden Morgen ab, was ihre Nägel verdirbt, so daß sie in Zorn gerät wie eine junge Katze. Ich gestehe Ihnen, lieber Freund, es kam mir höchst sonderbar vor, daß Raimund, der doch als Literat ein Neuling ist, so viel Geld verdienen kann. Ich kannte in Rußland nur wenige Schriftsteller, in Paris kenne ich gar keine, aber was ich von den Einkünften dieses Berufes weiß, entspricht gar nicht den Versicherungen Frau Eudelines. Ich zog Erkundigungen ein, was ich leicht tun konnte, denn die Alcides sind Verwalter des Hauses, in dem Ihr Bruder wohnt. Besonders die Frau, eine ehemalige Direktorin der Komischen Oper unter der Kommune, die Handschuhe mit ich weiß nicht wieviel Knöpfen mehr als die Kaiserin trug, flößte mir volles Vertrauen ein. Ich erfuhr durch sie, daß ihr Mieter, »ohne ein Leben zu führen wie viele andre Schriftsteller«, ein Haus machte, zweimal wöchentlich Diners gab und abends Freunde, ebenfalls Schriftsteller, einlud. Alle waren sehr jung, aber steif und ernst. Übrigens schienen sie alle wunderbar viel Talent und Wissen zu besitzen; an dem Tage, da sie ans Licht, vor das große Publikum treten würden, konnte wohl keine Berühmtheit der Vergangenheit vor ihnen standhalten. Mittlerweile war unter ihnen einer, den Raimund, indem er ihn um die Schulter faßte, seinen »kleinen Flaubert« nannte; einen andern nannte er seinen »kleinen Renan«. Zu ihm sagten alle diese Herren »teurer Meister«; aber wenn sie auf der Treppe von ihm sprachen, nannten sie ihn lieber »Symbolard«. Frau Alcide wußte nicht, warum; ihrer Meinung nach heißt das Wort »Saint-Bolard«. Da die gute Frau an den Empfangsabenden aufblieb, um das Gas auszulöschen, hörte sie außerdem, wie die Gäste beim Fortgehen über ihren Wirt, seine Soiree, seine literarischen Erzeugnisse lästerten ... Ach, der arme Symbolard! Es kam sogar vor, daß einer dieser kleinen Bettler, der noch seinen letzten Bissen im Munde hatte, laut sagte: »Mit einem Wort, diese Diners sind sehr kostspielig, und niemand weiß, woher das Geld kommt!« Frau Alcide erstickte vor Empörung, als sie mir diese Reden erzählte, und zweifelte nicht, daß auch ich mich fragte, wo Raimund seine Hilfsquellen findet. Das Buch, das er schreibt und das immer auf seinem Schreibtisch liegt, ist noch nicht erschienen; er ist nirgends angestellt, er gibt keine Lektionen. Also –? Sie wissen zweifellos, was Sie davon zu denken haben, und halten mich für sehr indiskret. Verzeihen Sie der Freundin. Erlebnisse wie das mit Mauglas sind dazu angetan, um einen zu beunruhigen. Noch etwas. Kommen Sie in London so wie einst mit russischen Flüchtlingen zusammen? Was denkt man von der Verhaftung Lupniaks? Aus der Ferne urteilt man besser. Hier habe ich nur Mutmaßungen. Es gibt nichts Ermüdenderes. Ihre Sophie C. * An Sophie Castagnozoff, Paris. Ach, Fräulein Sophie, wie weh hat mir Ihr Brief getan! Es ist ein andauernder Schmerz, der aus alter Zeit herrührt, denn Sie lieben unsern Ältesten schon lange nicht, sind schon lange ungerecht gegen ihn, so daß Sie ihn sogar für unehrenhaft halten, sogar annehmen ...! Also wirklich, Sie waren glücklich, als Sie erfuhren, daß Raimund Eudeline, der beim Generalkonkurs mit dem Ehrenpreis Gekrönte, der Doktor der Rechte, der Lizentiat, Raimund Eudeline, der, wenn er wollte, Präsident des »V.d.P.St.« geworden wäre, das Anerbieten dieses elenden Mauglas zurückwies! Nun, ich habe bei dieser Stelle Ihres Briefes vor Zorn aufgeschrien, ich habe bei diesen Zweifeln, die Ihnen Freude machten, vor Mitleid und Beschämung geweint. Nein, Fräulein, Sie kennen meinen Bruder nicht, Sie haben ihn nie gekannt. Wenn ich Ihnen die Opfer erzählen würde, die er uns gebracht hat – die Opfer seiner Liebe, seines persönlichen Ehrgeizes, so würden Sie ihn für einen Helden halten. Aber er rühmt sich nie, und so kommt es, daß Menschen, die so gut sind wie Sie, wie Pierre Izoard, ihm den Vorwurf machen konnten, daß er jahrelang seiner Aufgabe nicht entsprochen habe, nicht imstande sei, das Brot für die Familie zu verdienen. Wessen Schuld ist es, wenn Lateinisch, Griechisch, Philosophie, die einzigen Werkzeuge, die man ihm in die Hand gab, für eine rasche, einträgliche Arbeit nichts taugen? Wie soll man Advokat, Professor, Arzt, Deputierter werden, wenn die Zeit drängt, wenn man sich und eine ganze Familie ernähren muß? Glücklicherweise besitzt er literarische Gaben, und zwar seit seiner Kindheit. Erinnern Sie sich doch an den Preis, den er für seinen französischen Aufsatz beim Generalkonkurs erhielt! Dank diesem gab einer der ersten Pariser Verleger bloß auf den Plan eines Romans, einer sehr eingehenden sozialen Studie, Raimund einen Vorschuß, der hinreichte, um mich bei Mama zu ersetzen. Wenn man Sie jetzt noch fragt: »Woher kommt das Geld?« so können Sie das antworten, liebe Sophie. In einiger Zeit übrigens wird das Buch erscheinen, der Vorschuß zurückerstattet werden, und angesichts des ungeheuern Erfolges, der vorauszusehen ist, wird eine Verleumdung nicht mehr möglich sein. Was die Vorwürfe betrifft, die Sie meinem Bruder machen, Selbstsucht, Kälte, Verachtung der Frau, des Vaterlandes und aller sozialen Pflichten, so sind diese Vorwürfe weniger an ihn gerichtet als an seine Alters- und Berufsgenossen. Ich kenne sie aus Erfahrung, denn der Bruder hat mich zwei- oder dreimal in ein Café am Boulevard Saint-Michel geführt, wo sich seine Freunde, die jungen Schriftsteller, versammelten, die man »die Gefräßigen« nennt. Der Lyoner Claudius Jacquand, der Claudius unsrer kleinen Dina, hat sie so getauft. Das ist der Name, den die reichen Seidenhändler der Place des Terreaux einst den Seidenarbeitern jener furchtbaren Vorstadt Croix-Rousse gaben, deren vom Klirren der Schiffchen und dem Klappern der Webstühle erzitternde steinige Abhänge sie von unten aus voll Schrecken belauerten. Wehe, wenn »die Gefräßigen« herabsteigen! Und wirklich, nachdem ich eine Stunde unter den Freunden Raimunds verbracht, nachdem ich gehört hatte, mit welchem neidischen Haß sie die älteren Literaten herunterrissen, mit welcher Wut sie die Männer und die Werke die ihnen den Weg versperren, mit allen möglichen Mitteln niederzumetzeln, zu vernichten suchten, da verstand ich den Namen »die Gefräßigen«. Es war rein zum Brechen was da unter dem Vorwand, daß diese Jungen eine andre Auffassung vom Leben hätten, an Dummheiten und Grausamkeiten gesprochen wurde! Eine nette Auffassung! Mein Vater, der Rat, dieser entzückende Spitzbube ...« flüsterte an einem Nebentische ein kleiner, sehr sorgfältig gekleideter, parfümierter junger Mann. Ein andrer, der ihm gegenübersaß, mit einem langen. geschwollenen Gesicht wie ein Gehängter, mit kugeligen schleimigen Augen, machte einigen Freunden folgendes Geständnis: »Ich habe eben entdeckt, daß meine Mutter lange Zeit die Geliebte meines Erziehers war. Ich werde das in meinem nächsten Buche erzählen und rechne auf einen großen Erfolg.« Schließlich erklärten ein paar junge Autoren, die sich ganz dicht neben mir auf einem Diwan wälzten, ohne alle Umstände, daß sie beim nächsten Krieg ihre Gewehre in den Graben werfen würden und daß nichts, selbst nicht das sofort rechtskräftig erwachsende Urteil des Kriegsgerichts, sie zwingen könnte weiterzumarschieren Bewaffnetes Vaterland, nationale Verteidigung, all diese Nichtigkeiten waren nicht mehr notwendig. Vor allem aber empörte es mich, daß diese Herren behaupteten von einem übermächtigen Tätigkeitsbedürfnis gequält zu werden, und vorgaben, im Namen der französischen Jugend zu sprechen. Das ist eine furchtbare Lüge. Die Jugend besteht nicht aus ein paar hundert kleiner, von Tinte und Eitelkeit berauschter Literaten. Aber alle die andern! Ach, wie hätte ich es den jungen »Gefräßigen« gegeben, wenn ich nicht ein armer Stotterer wäre, wie Sie wissen. Aber mein Bruder übernahm es an diesem Abend, ihnen, und zwar tüchtig, zu verstehen zu geben, was meine zitternden Lippen nicht hervorbrachten. Wenn Sie ihn gehört hätten, würden Sie begriffen haben, wie überlegen er seiner Umgebung ist. Bei diesen literarischen Versammlungen auf dem Boulevard Saint-Michel kehrte häufig ein Wort wieder, das die Freunde Raimunds bei jeder Gelegenheit, bei einer Tracht- oder Sittenfrage, irgendeinem Gebrauch unsrer Nation wiederholten: »Das ist echt französisch – wie das französisch ist!« Dies ward immer von Achselzucken, von mitleidigem Lächeln begleitet. Aus der Ferne, insbesondere aus diesem entlegenen Winkel Englands, wo ich seit einiger Zeit lebe, erscheint mir diese Verachtung, dieses Herabsetzen des Vaterlandes, um sich selbst ein überlegenes Air zu geben, kindisch und lächerlich. Wenn die Leute hier sagen, daß etwas echt englisch ist, so stellen sie es damit auf den Punkt der Vollkommenheit. Ihre geringsten Gewohnheiten, ihr kleinster Ruhm ist ihnen ehrwürdig und heilig; nach dem Ausdruck eines ihrer Dichter kann jeder große Mann, der auf dem angelsächsischen Boden niederfällt, sicher sein, fast gleich darauf in Bronze oder Marmor wieder aufzuerstehen. Denken Sie an Westminster. Wie lächerlich ist unser Pantheon, in dem wir mühsam zwei oder drei Berühmtheiten, die dort vergessen werden, untergebracht haben, im Vergleich zu diesem ungeheuern Dome, in dem samt den Königen und Königinnen die berühmtesten Künstler des alten England begraben liegen! Gewiß, die Engländer sind uns überlegen, aber vor allem durch die Achtung vor sich selbst und ihrer Nation. » Blague « ist ein Wort, das sie nicht kennen. Meine liebe Freundin Sophie, ich verlasse Sie, denn man ruft mich in die Fabrik. Ich bitte Sie, denken Sie von Raimund nicht mehr schlecht, und möge Ihnen der Name Mauglas mit dem seinigen verknüpft nicht mehr in den Sinn kommen. Wenn Sie wüßten – seit Ihrem letzten Briefe haben Sie mir gleichsam Tausende von spitzigen Stecknadeln in den Kopf gestochen, die mich sofort verwunden, wenn ich an den Bruder denke. Antonin E. XI »Eine französische Familie« Kaum war Antonin Eudeline an einem gelben, ganz in Nebel gehüllten Morgen in Calais ausgestiegen, so kaufte er sich auf dem Eisenbahnperron Zeitungen, ganze Ballen von Zeitungen. Er tat das weniger, um zu lesen, als um seine Gedanken bis Paris abzulenken. Außer den für seine jungen Schultern so schweren Geschäftssorgen quälten ihn so viele Dinge. Vor allem rückte der Tag der Auslosung immer näher heran. »Willst du, daß ich für dich ziehe? Ich habe immer eine glückliche Hand gehabt,« schrieb ihm sein Chef Esprit Cornat, das ehemalige Mitglied der Konstituante. Mit zweiundachtzig Jahren war er noch so fest und rüstig wie seine Freunde Schölcher, Jules Simon und alle die alten Hadschis von Achtundvierzig. Aber Toni hatte es abgelehnt, denn er zog es vor, persönlich sein Glück zu versuchen, und wollte auch an Ort und Stelle sein, ein gewisses Problem zu lösen versuchen, das Sophie Castagnozoff ihm so direkt vorgelegt hatte. Er wußte jetzt, daß die Verleger auf das Werk eines unbekannten Autors keinen Vorschutz geben. Woher kamen also alle die Gelder, die der ältere Bruder für ihn und für die Seinigen ausgab? Von dem grauenhaften Berufe Mauglas'? Nein, nur die phantastische Einbildungskraft der Russin konnte auf solche Vermutungen kommen. Aber wer konnte wissen, ob Raimund, ohne zu diesem Grad der Niedrigkeit herabzusinken, nicht die Hilfe jener reichen, guten Freundin, jener Ministersfrau, annahm, deren prächtige Toiletten er einst mit dem vorstädtischen Ausruf: »Was Feineres gibt's nicht!« vor dem jungen Bruder ausgebreitet hatte. An diesem Tage fühlte Antonin, der den älteren Bruder immer bewundert hatte, Beschämung, Befangenheit, und durch diesen Riß in die brüderliche Achtung schlich sich nach und nach ein böser Argwohn ein. Was daran Wirkliches war, würde er nur selbst erfahren können, desgleichen, was mit dem herrlichen Tantchen vorging, das, wie die Briefe Castas erzählten, ganz rettungslos, ganz wahnsinnig in einen Mann verliebt war, der sie nicht heiraten konnte. Wer mochte dieser Mann sein? Sollte sich Geneviéve, die Ernste, Sanfte, mit den reinen Augen, dem mütterlichen Lächeln so verwandelt haben, besonders nach den tiefen Gefühlen, die sie in der Jugendzeit für Raimund empfunden hatte? Es ist also wahr, daß die besten Frauen derart veränderlich sind und daß man einen schönen Tag nie vor dem Abend loben kann! Ach ja, um sich auf der Fahrt in Geduld zu fassen, mußte man Zeitungen kaufen, sich das Gehirn mit Politik und Lokalnachrichten vollstopfen! Als Antonin der Verkäuferin Geld gab und sich aller seiner noch übrigen Pennys entledigte, zeigte ihm die Frau in einer Gruppe von Reisenden, die in den Büchern ihrer Auslage blätterten, den kurzen Bart und die Brille des berühmten Romanschriftstellers Hercher, dessen Reise nach Italien seit vierzehn Tagen alle Blätter beschäftigte. »Kennen Sie ihn?« fragte das Lächeln der Verkäuferin. Der gute Rotkopf Tonis mit dem schlecht gewachsenen Bart und Haar nickte bejahend. Dann näherte er sich der Gruppe, in deren Mitte der berühmte Mann stand und mit schwerer, dumpfer Seehundsstimme sprach, indem er ein eben von der Auslage genommenes, noch nicht aufgeschnittenes Buch in der Luft schwenkte. Trotzdem der Regen in starken Güssen die Scheiben der großen Halle peitschte, die Gepäckwagen klappernd über den Asphalt rollten, verlor Antonin nicht ein Wort dieses Monologes. »Da ist wieder einer,« sagte Hercher, »ein neues Buch, ein neuer Autor. Übrigens ist es ja ganz einfach. In Frankreich schreibt jetzt alles, jedermann ist der Autor eines Stückes oder eines Buches. Nun wahrhaftig, kein Mensch liest mehr – die Alten, unsereiner, lesen die früheren Bücher wieder durch, versuchen am Ende eines Kapitels in den Wendungen der Sätze unsre Jugend wiederzufinden. Die Jungen machen nur ihre eignen Bücher auf, lullen sich ein, indem sie sie wie hypnotisierte, verzückte Buddhas aufjagen. Aber gute Kinder sind sie, diese Jungen, mehr sage ich nicht. Da haben sie eine Revue gegründet ›Die Gefräßige‹, in deren erster Nummer sehr ernsthaft gefragt wird, ob alle Hinrichtungspfähle in der asiatischen Türkei besetzt sind, und ob nicht einer zu meinem Besten verfügbar wäre.« In dem lauten Beifallsgelächter, das den guten Einfall der »Gefräßigen« übertönte, erhob sich eine dünne, schwankende Stimme. »Aber schließlich, nicht wahr? – der – Dingsda – gibt es doch unter diesen Jungen welche, die weder verrückt noch boshaft sind, ja sogar welche, die Talent haben?« »Talent, lieber Herr,« rief Hercher, indem er sich mit der Herablassung eines bekannten Mannes, der dem Publikum gehört, zu dem weichen Hütchen und dem fast handwerkermäßigen Anzug des Fragestellenden umwandte. »Talent, alle haben Talent – das Buch, das ich da in der Hand halte, das ich noch nicht einmal aufgeschlagen habe, überströmt sicherlich von Talent, schwitzt nur so Genie aus. Aber wer wird es erfahren, da niemand es wird lesen wollen?« Die Stimme Antonins widersprach empört. »Warum würde man es nicht lesen wollen, das neue Buch? In Frankreich wird noch immer gelesen, denn, schließlich, nicht wahr? – von den Büchern Herrn Herchers sind hunderttausend Exemplare verkauft worden – die – der – Dingsda –« Der berühmte Romanschriftsteller lachte in seinen trockenen, bereits ergrauenden Bart. »Ja,« sagte er, »meine Bücher werden verkauft, in der Tat, mehr als hunderttausend Exemplare davon, aber im Vergleich zu den Erfolgen, die gewisse Bücher in England haben, ist das eine kindische Auflage. Denken Sie doch an die Länder, wo es dreimalhundertundfünfzigtausend Leser gibt – ja, mein Lieber, dreimalhundert-, viermalhunderttausend Leute, die Romane lesen und keine schreiben.« Das schrille Abfahrtszeichen erschütterte die Glasdächer, die Wagentüren wurden zugeschlagen. »Nach Paris, einsteigen!« schrien die Kondukteure. Mechanisch warf Antonin, ehe er sich von der Auslage entfernte, einen Blick auf das Buch, das Herr Hercher beim Fortgehen eilig auf den Haufen neuerschienener Bücher mit ihren beblumten Deckeln zurückgeworfen hatte. Er hatte gerade noch Zeit, den Namen, den Titel zu lesen, einen Schrei der Überraschung, des Triumphes zu ersticken, dann sprang er in den Wagen, indem er die zwei einzigen Exemplare des neuen Romanes von Raimund Eudeline, die sich auf dem Bahnhofe von Calais, sogar in der ganzen Stadt befanden, mitnahm. Dieser Roman hieß: »Eine französische Familie Versuch eines veristischen Romans Vierte Auflage« Was faselt er denn, dieser Hercher, daß junge Schriftsteller nicht mehr gelesen würden? Da war ein Buch, das kaum in den Handel gekommen war und nun bereits die vierte Auflage erreicht hatte. Wie würde es erst in acht Tagen sein? Ach, wenn Toni, statt dritter Klasse zu fahren, den Mut gehabt hätte, in die erste Klasse, in das Coupé des berühmten Hercher zu steigen, mit welchem Stolz hätte er »Eine französische Familie« in der Hand, zu ihm gesagt: »Sehen Sie dieses Buch – nun denn, das hat mein älterer Bruder geschrieben, und ich stehe Ihnen gut dafür, es wird gelesen, es wird verkauft.« Aber als der arme, von brüderlicher Begeisterung überfließende Junge in seinem Waggon dritter Klasse saß, mußte er sich darauf beschränken, zwei Eierhändler in grauen Blusen und eine Geflügelhändlerin, die ihn mit ihren ungeheuern Körben fast erdrückte, zu Vertrauten zu nehmen. Soweit die dunkle und von Ellipsen starrende Sprache des jungen Schriftstellers, den seine Kollegen nicht umsonst »Symbolard« genannt hatten, verständlich war, erzählte das Buch auf vierhundert Seiten die Leidensgeschichte, den harten Golgathaweg eines allzu guten Sohnes, der von seiner Familie gekreuzigt ward. Die Familie lebte diesseits des Kanals und war von all den Manien, all den Blödsinnigkeiten, deren Monopol bekanntlich Frankreich hat, vertiert. Da der junge Mann mit einer hübschen Engländerin verlobt war, erkannte man den Gegensatz der zwei Nationalitäten, und jenes: »Das ist echt französisch – wie echt französisch das ist!« sprang als Leitmotiv auf jeder Seite hervor. Der junge Märtyrer, der zufällig die blauen Augen und das goldige gelockte Haar Raimunds besaß, erlag am Ende des Buches dem Schmerz und der Schwindsucht, nachdem er sein teures Liebchen den Seinigen geopfert hatte. »Versteh' nix davon,« brummte die Geflügelhändlerin, nachdem der brave Antonin, nicht imstande, seine Freude allein zu tragen, versucht hatte, ihr eine Seite aus dem Buche des Bruders, und zwar die aufregendste, vor allem am wenigsten literarische, vorzulesen; denn gar oft ist die Literatur ein Festtagskleid, in dem sich die Idee unbehaglich fühlt wie in einem beengenden Sonntagsgewand. »Ihr Bruder hat dieses Buch gedruckt?« fragte einer der Eierhändler. »Na, bei uns in Viarmes würde es ihm schwerfallen, mit einem solchen Handwerk unterzukommen. Diese Arbeit macht gar zu viel Lärm.« Gleichzeitig richtete sich im Nebencoupé ein betrunkener Artillerist mit schief sitzender Mütze und halb offener Weste auf und schrie wütend mit hervorquellenden Augen, indem er Antonin die Faust ballte: »Hör mal, Freundchen – so wahr ich Schmidt heiße und Offiziersbursche beim Herrn Hauptmann bin –, wenn dein Bruder sich mit England einläßt, wird man ihm die Kinnladen spalten und den Englischen desgleichen –« Der arme, über seinen Versuch ein wenig verlegene Junge kam zu dem Schluß, daß das Volk, vor allem das Landvolk, von den Schöpfungen seines Raimund nie etwas verstehen würde. In Paris, in dieser feinen Atmosphäre, die ganz Geist und Flamme war, mußte man die Wirkung sehen. Er selbst sehnte sich, ganz allein mit dem Werke des Bruders in seinem Zimmer auf der Place des Vosges zu sitzen. Denn die Aufregung der Reise, die Berührung mit den dickköpfigen, schwerfälligen Reisegefährten hinderte ihn, es richtig aufzufassen. An diesem Abend kamen ihm, wie gewöhnlich nach seiner Rückkehr aus England, die Passanten in den Pariser Straßen viel kleiner vor als drüben, und auch die Häuser waren viel höher, der Lärm und die Aufregung der Stadt viel ermüdender im Vergleich zu der Stille des doch zweimal so stark bevölkerten und zweimal so großen London. Er hatte seine Mutter von seiner Ankunft nicht benachrichtigt und wollte rechtzeitig hinkommen, um den Laden noch selbst zu schließen und im Familienkreis Abendbrot zu essen, auf die Gesundheit des neuen Schriftstellers zu trinken. Allein durch das Getrödel des mit unglaublich schlechten Pferden bespannten Fiakers, das Gedränge in den Straßen verspätete er sich entschieden, und zwei- oder dreimal ertappte er sich dabei, wie er auf den gesenkten Rücken seines schlummernden Kutschers hinbrummte: »Echt französisch, echt französisch!« Die Fensterladen des Geschäftes waren bereits geschlossen, nur der Türladen, durch dessen dreieckigen Ausschnitt das Licht der im Innern brennenden Lampe fiel, war offen, und als Antonin erschien, rief die Mama dem auf der andern Seite des Ladentisches sitzenden alten Freunde den schwermütigen Refrain zu, mit dem alle ihre Gespräche schlossen: »Ach ja, Herr Izoard!« Und jener antwortete noch kläglicher: »Ach ja, Frau Eudeline –« Als Toni eintrat, entstand einen Augenblick freudige Aufregung, und das Licht schien heller zu brennen; aber Toni reiste so oft, man war an seine Abreise, seine Rückkehr gewöhnt. Er allein empfand die Wärme, das Wohlbehagen im Kreise der wiedergefundenen Familie. Nachdem die Mama ihn fest an ihr altes Herz gedrückt hatte, nachdem Dina, die im Begriffe war, den Tisch im Hintergrund abzuräumen, dem Lieblingsbruder um den Hals gefallen war, hatten alle das Gefühl, als sei er nie fort gewesen, während er noch im Reisefieber sprach, sich bewegte und die Neugierde des Abwesenden empfand. »Und Raimund, ist er zufrieden? Schließlich, nicht wahr? – da ist sein Buch.« »Vor zwei Tagen erschienen,« sagte die Mutter rasch, als wolle sie es vermeiden, noch etwas hinzuzufügen. Dina hatte sich wieder in den Hintergrund zurückgezogen und war nicht zu sehen, wohl aber zu hören. »Willst du vielleicht jemand sehen, der nicht zufrieden ist?« brummte Pierre Izoard, indem er sich plötzlich auf seine kurzen Beine stellte. »Möchtest du es glauben, sie haben mir den Laufpaß gegeben! Mir! – Ja, mein Junge, wenn die Session zu Ende ist, nehme ich meinen Abschied – im Palais Bourbon gibt es, scheint's, zu viele Republikaner.« »Dein Essen ist da, Toni,« rief die Schwester aus dem Hintergrund, und als er am Tische saß, fügte sie hinzu: »Ach, wenn du wüßtest, was dem armen Manne alles passiert ist!« Sie beugte sich zu dem Bruder herab und erzählte ihm mit leiser Stimme, während sie ihn bediente. Der alte Stenograph hatte an diesem selben Tage in der Parlamentsquästur seine bevorstehende Pensionierung erfahren. Er, der so bekannt, bei allen so beliebt war, er, dem Marc Javel, Gambetta und viele andre versprochen hatten, daß die Republik so wenig wie das Kaiserreich je auf ihn verzichten würden! Er hatte schließlich daran geglaubt, und die plötzliche Entscheidung der Quästoren wirkte zermalmend auf ihn. Ohne ein Wort der Beschwerde, ohne eine Klage nahm er wie gewöhnlich seinen Dienst auf, aber seine Hände zitterten, und seine Augen unter den dicken Brauen waren wie verstört. Vor Schluß der Sitzung erhob er sich und sagte zu seinem Nachbar: »Ich brauche Luft, ich fahre nach Morangis hinaus.« Gewöhnlich begab er sich nur zum Frühstück nach seinem lieben Morangis. Der Dienst hielt ihn bis spät in die Nacht in der Kammer zurück, und Genevieve blieb mit einer alten Dienerin allein auf dem Lande. So glaubte er wenigstens. Wie groß war daher seine Verblüffung, als er bei der Ankunft nur die alte Magd vorfand. »Wo ist das Fräulein?« »Das Fräulein ist nicht da, Herr Izoard, sie ist nie zu dieser Zeit da.« »Gut, ich weiß, ich weiß.« Ohne zu fragen, bloß indem er zustimmte und die Magd reden ließ, verschaffte er sich die Gewißheit, daß Geneviève seit Monaten nicht mehr in Morangis aß und schlief, ausgenommen manchmal des Sonntags, wenn sie wußte, daß der Vater nach Hause kommen werde. Wo hielt sie sich auf? Ohne Zweifel bei Sophie. Das war sein erster Gedanke und auch der Frau Eudelines, bei der der arme, gute Mann außer sich vor Unruhe und Entsetzen gegen Abend strandete. Seit einer Stunde saß er nun vor dem Ladentisch und beruhigte, erwärmte sich mit dieser Hoffnung. »Aber es ist ja nicht wahr, Mama weiß es gut,« seufzte Antonin Eudeline mit feuchten Augen und vollem Munde, denn die Aufregung verdoppelte seinen Appetit. »Geneviève und Sophie verkehren schon lange nicht mehr, sind nicht einmal mehr Freundinnen, nachdem der Plan mit dem Spital in Kalkutta auseinandergegangen ist. Kennst du den Grund dieser Veränderung, Dinachen? Ist es wahr, daß Tantchen seit einigen Monaten ein Liebesverhältnis hat?« Toni regte sich beim Sprechen auf, trotzdem die Schwester ihm Zeichen machte. Geneviève war für ihn ein heiliges Wesen, auf das nur Raimund allein Rechte gebaut hätte. Daß ein andrer die Kühnheit besitzen, den Frevel wagen konnte, an sie zu denken, das begriff, das erlaubte der Junge nicht; wie eine Blume, die ein reißender Strom mit sich trägt, sah man über seiner Empörung eine schüchterne, tiefe Liebe schweben, eine Kindheitsliebe, die sich vor den Vorrechten des älteren Bruders, seiner blonden, schlanken, anmutigen Erscheinung immer zurückgezogen hatte. Was fiel denn Raimund ein? Er ließ Geneviève einen andern glücklich machen? Die Literatur hatte ihm also den Kopf verdreht! Ach ja, die Literatur! Das Schwesterchen hatte das Exemplar der »Französischen Familie« von dem Bette genommen, auf das Toni es beim Eintreten niederlegte, blätterte verächtlich darin und schlug es dann zornig wieder zu. »Ich bin nur froh, daß mein Claudius nie Lust hatte, zu schreiben, daß er sich mit diesen jungen Banditen, diesen Freunden Raimunds nur beschäftigte, um einen ihrer Hitzköpfe zu taufen.« Antonin nahm die zierliche, geschmeidige Hand der Kleinen in seine großen, schwieligen Arbeiterhände. »Ja, richtig, Aschenbrödelchen, ich frage dich gar nicht nach Neuigkeiten! Wo ist er? Wie geht es ihm?« »Nicht gut,« antwortete das junge Mädchen. »Er ist noch immer im Engadin, man hat ihm verboten zu sprechen, sogar zu schreiben. Er verläßt das Zimmer nicht, dessen Fenster Tag und Nacht offen stehen, damit die eisige Luft hereinströmt. Aber das macht nichts, er wird am Leben bleiben, davon bin ich überzeugt; ich vertraue unsern Beschützern.« Sie deutete auf eine vergoldete Statuette Unsrer Lieben Frau von Fourvières, die neben dem Bette, in dem sie mit der Mama schlief, oberhalb eines Bündels von Rosenkränzen und Medaillen an der Wand hing. »Was fehlt denn der guten Dame? Sie sieht ja ganz zersprungen aus?« fragte Antonin, indem er das Licht der Lampe auf das Ex voto fallen ließ. Dina errötete bis in den Nacken, aber sie wußte, daß der jüngere Bruder es nicht böse meinte, und antwortete im einfachsten Ton: »Oh, das war gestern abend beim Nachhausekommen. Ich warf meinen Beutel vor Zorn so plötzlich aufs Bett, daß ich die Madonna und die Medaillen herunterriß ... ein Wunder, daß nicht alles zerschlagen wurde.« »Warum warst du so zornig?« fragte Toni lächelnd. »Ich glaubte, daß das ein Ende hätte – nun, nicht wahr? – daß du nie mehr böse würdest.« »Ich tue mein möglichstes, aber es gibt Augenblicke – ich hatte gerade ein Buch gelesen, das mich empörte.« »Ein Buch?« fragte Toni unruhig. Dicht neben ihnen ertönte die tiefe, schnarrende Baßstimme des alten Marseillers, der eben hinter die Glaswand getreten war: »Es ist doch sonderbar, daß diese gute Jungfrau, die Macht genug hat, einen Menschen ohne Lunge am Leben zu erhalten, bei einem kleinen Fräulein, dessen einziger Fehler die Heftigkeit ist, nicht einmal einen Zornanfall verhüten kann. Was meinst du, wenn du dein Götzenbild in Stücke zerschlagen hättest?« Der kräftige Greis drückte die Kleine mit beiden Armen fest an sich und flüsterte ihr in einer Erregung, die ihn fast erstickte, ganz leise in den Nacken: »Deswegen bist du doch das beste Mädelchen von der Welt, und du und deine Skapuliere verstehen vielleicht mehr als die ganze Philosophie meines Meisters Proudhon.« Er machte dem jüngeren Bruder ein Zeichen, seinen Hut zu nehmen, und erhob seine zitternde Stimme, der er einen festen Klang zu geben versuchte. »Frau Eudeline, der Kleine begleitet mich zurück, wir haben einander viel zu sagen... er wird später wiederkommen.« Nachdem er den Arm des jungen Mannes unter den seinigen geschoben hatte, schritten beide über den Hof, den die kalte Helle einer Dezembernacht überflutete. Gleich nach den ersten Schritten, die sie in der Richtung nach dem Parlament über den Kai machten, wollte der alte Herr von seinem Begleiter erfahren, ob es wahr sei, daß er, wie Frau Eudeline behauptete, der Freund Sophiens geblieben sei und mit ihr in Briefwechsel stehe. Antonin antwortete ohne die geringste Verwirrung. Er empfand für dieses treffliche Mädchen, das seine ganze Wissenschaft, sein ganzes Vermögen in den Dienst der unglücklichen Kinder der ganzen Welt stellte, lebhafte Freundschaft und noch mehr Bewunderung. Er rechnete es ihr hoch an, daß sie die Politik ihres Landes, wo es nichts als Haß und Blut gab, aufgegeben und für nichts mehr Proselyten Zu machen suchte als für die Nächstenliebe. Mit einem Male blieb Pierre Izoard bei den ersten Häusern des Quai d'Orsay auf dem einsamen, vor Kälte knisternden Trottoir vor dem Kleinen stehen und sprach in verändertem, erregtem Tone: »Toni, erzähle mir, was du weißt; ich beschwöre dich, sage mir alles, was du über meine Tochter weißt, fürchte dich nicht; denn trotz meiner ruhigen Miene bin ich so weit, daß ich sterbe, wenn ich nicht alles erfahre ... Bist du wie deine Mutter der Meinung, daß Geneviève mit Casta wieder Medizin studiert, um eines Tages die Oberaufsicht über eines ihrer Spitäler zu übernehmen?« »Aber, Herr Izoard, das glaube ich nicht nur, davon bin ich überzeugt ...« An dem Zittern der beiden Hände, die sich an seine Arme klammerten, und die er fortschob, als hätte der Alte ihm in der Brust lesen wollen, begriff Antonin, daß er lügen mußte. Er begriff, daß es sich um das Leben dieses armen Mannes, vielleicht auch um das seiner Tochter handelte, und so log er denn. Während er in England war, hatte Fräulein Sophie ihm mitgeteilt, daß Geneviéve nach langem Zögern von neuem und nun endgültig in die Stiftung für kranke Kinder eingetreten war. Sie wohnte den Krankenbesuchen, den Ordinationsstunden der Anstalt bei und verspätete sich abends so bei der Arbeit bei Sophie, daß die alte Jungfer sie fast täglich zum Schlafen bei sich behielt. »Also das ist es, das ist es,« murmelte der alte Stenograph. Jedes Wort Antonius erleichterte ihm einen Schmerz, eine Last, die ihn seit Stunden niederdrückten. Dinge, die er nicht begriffen hatte, wurden nun ganz natürlich. Er erklärte sich, warum sein Töchterchen die dreißigtausend Franken ihrer Mitgift und erst kürzlich auch die von Antonin zurückerstatteten fünftausend Franken von dem Bau Victor Eudelines von ihm verlangt hatte. Diese fünfunddreißigtausend Franken waren für die Stiftung Sophie Castagnozoffs verwendet worden, denn obwohl die Russin sehr reich war, lehnte sie nie Geld ab, das man ihr für ihre Spitäler gab. »Aber warum hat meine Tochter mir nichts erzählt?« Izoard kam mechanisch immer wieder darauf zurück, denn er wunderte sich, daß zwischen seiner Tochter und ihm, zwei so liebevollen Herzen, zwei gleichen Geistern, so lange Heimlichtuerei bestehen konnte. Monatelang hatte er geglaubt, daß sein Kind friedlich unter dem blauen Schieferdach und den hohen Platanen von Morangis schlief. Statt dessen wachte sie in einer Pariser Vorstadt an einem düsteren, einsamen Ufer und verdarb sich ihre hübschen Augen bis zum Morgen über medizinischen Schmökern. Wirklich, es fiel ihm schwer, ihr zu verzeihen. »Aber, Herr Izoard, nur um Sie nicht zu kränken, hatte das Tantchen ...« »Ja, mein Junge, aber was für einen Stich ins Herz habe ich bekommen, als ich nach Morangis kam und meine Tochter nicht traf – was für Grimassen machte die Alte, als sie mir ins Gesicht schleuderte, daß das Fräulein nie zu Hause speise und nur selten zu Hause schlafe –, was für Gedanken sind mir durch den Kopf gefahren, was habe ich mir alles in einer Minute vorgestellt! Die arme Kleine, sie wollte ihren Alten schonen, aber es ist ihr nicht gelungen ... Siehst du, ich will es ja glauben, daß es hart ist, sich von seinem Kinde zu trennen, wenn man immer an seiner Seite gelebt hat; aber nicht mehr zu wissen, was aus ihr geworden ist, an all das zu denken, was irgendein hübscher Schlingel mit poetischen Phrasen und schön gewichstem Schnurrbart mit ihr hat machen können ... das ist der alleinigste Schmerz, und wenn ich im ersten Augenblick nicht deine Mutter und deine Schwester gehabt hätte, die mich beruhigt, mir die Augen geöffnet hätten – ich kenne jemand, der einen tüchtigen Sprung in die Seine gemacht hätte.« Sie langten vor der Kammer an, gerade als es auf Sainte-Clotilde und im Kriegsministerium von den beiden Schlaguhren dieses Stadtviertels von Paris Mitternacht schlug. Die Wagen einiger Deputierten standen noch an ihrem gewöhnlichen Platz auf der andern Seite des Kais. »Marc Javel ist da – ich erkenne seinen Wagen,« sagte der alte Stenograph. »Er korrigiert wohl die Bürstenabzüge seiner Rede. An solchen Abenden ist er immer guter Laune und wohlwollend, ganz wie ein Schauspieler am Tage einer Erstaufführung. Wenn du den Versuch machen willst, der deinem Bruder mißlungen ist, wirft du vielleicht mehr Glück haben.« Antonin begann zu lachen. Mehr Glück als der ältere Bruder ... er, er, der ... ein armer Stotterer und so schlecht gekleidet, wie er war, in seinem weichen Hut, seinen Reisekleidern! O nein, er würde Marc Javel nicht aufsuchen. Erstens, wozu? Die Auslosung erschreckte ihn jetzt nicht mehr. Seitdem der ältere Bruder mit seinen Büchern so viel Geld verdiente, lag dem jüngeren nichts am Fortgehen. Er wäre sogar verzweifelt gewesen, wenn er nicht wie alle übrigen seinen Dienst hätte tun können, wenn er von diesem bösen Manne, der den Vater in den Tod getrieben hatte, irgendwelche Gunst hätte erbitten müssen. Denn er vergaß nicht. Sie schritten durch lange, stille Korridore, überhitzte, lichtstrahlende Säle, wo ein ehrenwerter Deputierter irgendeinem Kollegen das Bruchstück einer Rede von einem frischen Bürstenabzug ganz leise vorlas, wo in der schweren Wärme der Heizvorrichtungen die Saaldiener auf den gepolsterten Bänken schlummerten. »Hast du den Roman deines Bruders gelesen?« Mit dieser Frage trat Pierre Izoard in sein Kabinett, das er als Chef der Kammerstenographen innehatte, und näherte sich einem Tisch, auf dem eine hohe Kupferlampe brannte. Im Kamin erstarb ein Holzfeuer. Er belebte es mit einem neuen Scheit Holz, dann zog er das Buch Raimunds aus einer Lade und wiederholte seine Frage. »Ja, ich habe es gelesen, aber nur oberflächlich,« antwortete der jüngere Bruder etwas befangen. »Hat Dina nichts mit dir darüber gesprochen?« »Nein, Herr Izoard.« »Um so schlimmer. Sie hätte mir den Kummer erspart, dir alles zu sagen, was ich darüber denke. Dieses Buch ist eine Schändlichkeit.« »O Herr Izoard!« »Man muß sich fragen, ob dein Bruder während des Schreibens bei Verstand war. Da komm her und sag mir, ob er ein Narr und ein Bösewicht ist oder ob wir alle Ungeheuer sind.« Der brave Toni! Von allen Gebrechen, die er von der Natur erhalten hatte, war das schlimmste, das für ihn grausamste seine Güte – jene Güte, die in seinen klaren Augen, seinen dicken Lippen zutage trat. Er war ein sehr schlechter Psycholog, ward von seinem tätigen Leben zu sehr in Anspruch genommen, als daß er Zeit gehabt hätte, auf das kleine Räderwerk in der Uhr seines Innern zu horchen, und so ahnte er nicht, wie verhängnisvoll diese Gabe war, sich von dem Kummer der andern rühren zu lassen, das Leben andrer außer dem eignen mitzuleben. Auch in diesem Augenblick merkte man an seinem Erblassen und Zittern, an den Schatten, die seine Stirn bei den Worten des alten Herrn überzogen, daß eine Welt von Angst und Verzweiflung in ihm herrschte. Ach ja, das, was er da hören sollte, hatte er erraten, wie durch einen Schleier gesehen, während er das Buch des Bruders überflog; aber was hätte er nicht dafür gegeben, nicht davon sprechen, nicht diese herzzerreißenden Worte hören zu müssen! »Du weißt zweifellos, daß der junge Mann seine eigne Geschichte erzählt,« sagte Izoard, indem er den Band unter dem breiten Schirm der Lampe in die Höhe hob. »Seine Geschichte ist auch die unsrige. Allein, wenn er sich selbst als einen schönen, eleganten, parfümierten Christuskopf mit Shampooing und Brenneisen, als einen von seiner Familie gemarterten Christus hingestellt hat, so muß man nur sehen, was für abscheuliche Züge er uns, uns allen, seinen Henkern geliehen hat. Stelle dir das Gewimmel der schwarzen, form- und namenlosen Tiere vor, die man an den verschimmelten Stellen eines feuchten Gartens unter einem flachen Steine findet. Das sind wir, das ist die Familie. Die Mama geht noch an, der wirft er nur Blödsinn, blinde, verständnislose Liebe vor. Sie ist nur da, um die englische Mutter hervortreten zu lassen, deren zehn Kinder in allen Winkeln der Welt zerflattert sind; sie hofft sie nicht mehr wiederzusehen, denn wenn sie in die mütterliche Wohnung zurückkämen, hätten sie eben ihr Leben verfehlt. Wenn Raimund jedoch seine Mama schonte, so hat er sein Mütchen an mir gekühlt.« Antonin versuchte eine matte Verteidigung. »O Herr Izoard, Sie glauben wirklich, daß er gewagt hat ...« »Ob er es gewagt hat! Wer denn sonst ist dieser lächerliche, materialistische Arzt aus Bordeaux, der Proskribierte vom Jahre zweiundfünfzig, der aus Haß gegen die Cäsaren seine Tochter im Lateinischen unterrichtet und Sueton lesen läßt und seine Frau prügelt, weil er sie erwischt, wie sie an einem Maiabend aus der Marienmesse kommt ... Wenn du an der Ähnlichkeit zweifelst, so lies doch die Stelle durch, wo Pierre Izoard in ganzer Größe abgezeichnet ist.« Er legte das offene Buch vor Toni auf den Schreibtisch hin, und während der Kleine mit trübem Blick las oder sich lesend stellte, fuhr er mit heiserer, zitternder Stimme fort: »Es ist doch eine ganz seltsame Jugend! Sie hält die Apostasie vom zweiten Dezember für ganz einfach und behauptet, daß wir, die Opfer dieses Halsabschneiders, nur übertriebene, lächerliche Marionetten sind.« »Aber Sie wissen doch, Herr Izoard, was man gesehen hat und was man einem erzählt, ist nicht ganz gleich.« Die guten, dicken Lippen des Elektrikers flehten und protestierten. »Ja, ja, ich weiß, das ›eigne Boot‹, die verschiedenen Generationen ... die Jungen und die Alten leben Tausende von Meilen voneinander entfernt, das wissen wir. Aber mich, der seine Tochter vergöttert, der vor diesem Kinde gekniet hat, wie vor einer Madonna, in Anbetung und Ehrfurcht, die um so größer und zarter war, als die Mutter so früh aus unserm Hause ging, mich zu beschuldigen, daß ich Geneviève zur Materialistin erzog – man errät leicht, was sich hinter diesem häßlichen Wort versteckt –, zu behaupten, daß ich ihr lateinische Gemeinheiten zu lesen gab, weil sie den Marotten des alten Politikus schmeichelten ... das ist hart!« Tränen liefen über seinen langen Bart, und Antonin hielt an sich, um nicht mitzuweinen. »Der Roman erfordert das, lieber, alter Freund,« murmelte er nach einem schweren Schweigen. »Ich habe die Herren von der ›Gefräßigen‹ oft sagen hören, daß der Roman... eine, nun, nicht wahr? ... eine Entstellung des Lebens ist. Man darf nicht verlangen – der – die...« Der Marseiller fuhr fort, in dem veristischen Roman zu blättern. »Ich bin auch deiner Ansicht, mein Junge. Aber ein Romanschriftsteller, der die Geschichte der kleinen Leute, jener Leute, die keine Geschichte haben, schreibt, besitzt ebensowenig wie andre das Recht zu Fälschungen oder zu Bosheiten. Lies doch Seite 104 der ›Französischen Familie‹ und sage mir, warum Raimund, dem du nie etwas andres als Gutes getan hast, dich in der Person des Vetters Furbice, in der Maske eines niedrigen Heuchlers schildert, der sich nur stotternd stellt, um sich Gemeinheiten auszudenken, um mehr Zeit zum Lügen zu haben ... Lies es laut, dann wirst du die Wirkung beurteilen können.« Antonin versuchte einige Sätze, die sein Stammeln nachahmten, laut zu wiederholen. »Ich kann nicht,« sagte er dann lächelnd, aber eine große Träne blieb im Winkel seiner platten Nase liegen, wie Regenwasser in einem ausgehöhlten Felsen. Einen Augenblick sahen sie sich an, indem sie sich wortlos die Augen wischten. Nebenan im Stenographenbureau las ein Revisor mit eintönigem Nachdruck die Rede Marc Javels vor. Angesichts dieser grausamen Seite aus dem Buche des Lebens nahm sie sich hohl und fahl aus. Endlich legte der Marseiller den Roman in seinen Schreibtisch zurück und schloß doppelt zu, indem er in seinen weißen Bart brummte: »Donnerwetter! Das also nennt man einen veristischen Roman! Damit kann man brave Leute vergiften und einem das Herz entzweischneiden.« Toni machte eine heldenmütige Gebärde. »Nun, schließlich liegt mir wenig daran, ob er sich über mich lustig macht, wenn nur sein Buch gut geht und er viel Geld verdient.« »Geld mit diesem Buch? Keinen Centime!« »Was fällt Ihnen denn ein, Herr Izoard?« Der Kleine hatte ja Beweise in den Händen – vier Auflagen in vier Tagen! Das sind doch Ziffern, die etwas bedeuten. Der Alte lachte in seinen langen Bart hinein. Die Auflagen bestanden aus kaum hundert Exemplaren, alle waren noch bei den Buchhändlern unverkauft. Er hatte sich erkundigt. »Ja, aber – wie ma– wie macht er es dann – woher hat er die – das, was er für sich, für Mama ausgibt?« Die Worte wollten in der Erregung nicht heraus, schüttelten den braven Jungen und trieben ihn taumelnd von einem Sessel zum andern. In dieser Krisis wurde er von dem Argwohn Sophiens überwältigt, und er konnte sich nicht enthalten, mit dem alten Freunde darüber zu sprechen. Dieser zeigte gar keine Überraschung. Seit dem Prozeß Lupniak hatte ihm die Russin nicht verhehlt, daß sie Raimund Eudeline für den Angeber halte. »Aber, Herr Izoard, halten Sie das für möglich? Glauben Sie, daß mein Bruder mit seiner Erziehung, seiner Intelligenz von diesem schändlichen Gewerbe leben will?« »Und was ist's mit Mauglas?« antwortete der Alte ruhig. »Ich glaube doch, der ist ein wirklicher Schriftsteller, ein Künstler! Meinst du, daß die Intelligenz vor allem bewahrt?« Da schlug der arme Antonin, von Empörung ergriffen, mit der Faust auf den Tisch, daß die hohe Kupferlampe beinahe erlosch, und schrie in hellem Zorn: »Mauglas ist nicht ein Sohn von Victor Eudeline, Herr Izoard!« Ohne etwas zu erwidern, warf der Marseiller seinen Überzieher um die Schultern. »Es ist hier zum Ersticken; komm ein wenig hinaus.« Im Sullyhof, dessen düstere, einsame Galerien der Mond abzeichnete, nahm ihr Gespräch eine friedlichere, tiefere Färbung an. »Vor allem, mein Kind, ist dein Bruder hochmütig, und als dein Vater ihm im Sterben feierlich das Recht der Erstgeburt und den Titel einer Stütze der Familie gab, als er das Gesetz und uns alle aufforderte, ihn mit allen Vorrechten zu umgeben, ahnte er nicht, daß sein Sohn diesen Hochmut bis zur Raserei treiben würde. Dein Bruder hat sein Amt derartig ernst genommen, daß er dir nicht verzieh, weil du alle so lange Zeit ernährtest, und um dieser demütigenden Lage ein Ende zu machen, hätte er alles in der Welt getan, hörst du, alles! Und doch bist du nicht der erste jüngere Sohn, der im Hause den vorherrschenden Platz einnimmt. Mir scheint, Napoleon war eine famose Stütze der Familie, und seine zahlreichen Brüder, die er zu Königen machte, grollten ihm nicht, daß er sein ganzes Leben lang die Stelle des ältesten Sohnes einer Witwe einnahm, obwohl er es nicht war. Raimund wäre an Stelle Joseph Bonapartes wahrscheinlich böse geworden. Toll ich dir jetzt alles sagen, was ich denke? Ein Mensch, der dieses abscheuliche, von verletztem Hochmut diktierte Buch geschrieben hat, ist unter demselben bösen Einfluß auch – der andern Schandtat fähig, der man ihn zeiht.« Aus dem Dunkel des Hofes antwortete eine erstickte Klage. »Nein, es ist nicht möglich, ich kann es nicht glauben.« »Ach, ich glaube jetzt alles!« Der alte Marseiller drückte den Arm des jungen Menschen an sich und sprach in der eisigen Luft ernsthaft weiter. »Ich hätte dir die Geschichte meines Freundes Lavarande und meiner Einführung in den Klub Barbès erzählen sollen. Ich habe sie schon so oft wiedergekaut – aber es macht nichts, sie paßt zur Gelegenheit und wird auf dich Eindruck machen wie noch nie. Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, hatte eben geheiratet und war in drei Dinge auf der Welt vernarrt: in meine Frau, die Republik und meinen Freund Lavarande. Dieser Freund war zehn Jahre älter als ich, eine richtige, zwischen zwei Pflastersteinen der Rue de l'Orillon aufgeschossene Vorstadtquecke. Er war ein Republikaner von achtzehnhundertdreißig, romantisch, wie man zu jener Zeit war, mit Schwüren auf den Dolch, geheimen Versammlungen, mysteriösen Symbolen und Erkennungszeichen. Bei mir zu Hause wurde er vergöttert. War er doch von einer so lebhaften, so geistreichen Heiterkeit! Er war nicht reich, weil er nur arbeitete, wenn die Begeisterung über ihn kam und weil er außerdem gern trödelte. Ich erinnere mich, zu Ninas Geburtstag brachte er ihr einmal einen wunderbaren Strauß aus Unkraut und Feldblumen, die ganz in Tau getränkt waren. Er hatte sie am Ufer der Marne um fünf Uhr früh gepflückt. Du kannst dir denken, wie freundlich meine Frau diese Blumen des armen Freundes aufnahm. »An einem Märztage im Jahre achtundvierzig schlug Lavarande mir vor, mich im ›Republikanischen Klub‹ einzuführen, dessen Präsident Barbès war. Er tagte im Palais-Royal unter dem Dache, und in dem riesigen, ungenügend beleuchteten Dachboden herrschte ein Gewimmel von Köpfen und schwarzen, auf den Mauern gestikulierenden Silhouetten. Lavarande tritt ein, als sei er zu Hause. Alle kannten ihn; man drückt ihm die Hand, man begrüßt uns, ich war sehr stolz, aber ein wenig zu jung und steckte mich hinter meinen Freund. Barbés mit seinem ganz weißhaarigen alten Löwenkopf erscheint und läßt sich auf dem Fauteuil nieder. Die Sitzung ist eröffnet. Plötzlich erhebt sich Esprit Cornat, einer der Beisitzer, und fordert geheime Versammlung, da er eine wichtige Mitteilung zu machen habe. Die Gäste werden gebeten, sich zurückzuziehen. Drei Viertel des Saales leeren sich; ich will mich entfernen, aber Lavarande hält mich zurück. ›Bleib doch, das wird interessant werden. Du wirst doch ohnehin aufgenommen.‹ »Als die Türen geschlossen sind, fährt der Beisitzer mit ernster Stimme fort: ›Bürger, wir haben einen Verräter unter uns. Hier sind seine Papiere und die Belege. Er hat in der Präfektur die Nummer 301 und heißt Lavarande, Richard Lavarande.‹ Du kannst dir meine Verblüffung vorstellen. Barbès hat sich erhoben und spricht nun ebenfalls: ›Lavarande, wir wissen, daß Sie schuldig sind, aber jeder Angeklagte hat das Recht, sich zu verteidigen. Die Versammlung hört Sie an; verteidigen Sie sich.‹ Der Elende versuchte durch Frechheit durchzuschlüpfen. ›Ich erkenne eure richterliche Gewalt nicht an!‹ schrie er, indem er die Stücke seiner zerrissenen Mitgliedskarte auf den Tisch warf. »Donnerwetter, wir haben ihn diese richterliche Gewalt, von der er nichts wissen wollte, mit Fußtritten fühlen lassen. Aber was für eine Aufregung war das für mich! Lange Zeit hielt ich das Elend dieses Banditen für erkünstelt, seinen Feldblumenstrauß für eine Komödie. Ich hielt ihn für einen sehr schlauen Schurken. Nun, es war nicht so. Er war bloß ein armer Teufel, ein Feigling, ein leidenschaftlicher Mensch, der sich in eine kleine Bürgersfrau der Nachbarschaft, in die Frau eines Uhrmachers, verliebt hatte, die Juwelen, schöne Kleider haben wollte. Um sie ihr zu verschaffen, fand er eben kein andres Mittel. Wer weiß, ob dein Bruder nicht gleich ihm in die Klauen irgendeiner gemeinen Dirne gefallen ist.« Antonin fuhr bei diesen letzten Worten zusammen, als hätte er von der ganzen Geschichte Izoards nur das gehört. »Eine Frau,« murmelte er, »das ist wahr, eine Frau kann dahinterstecken.« »Armer Junge, jetzt geht es dir so wie mir in Morangis. Nur fragte ich mich bei Geneviève, ob vielleicht ein Mann dahinterstecke, ein Mann! Ist es nicht furchtbar, wenn man so weit kommt; an allen seinen Überzeugungen, den teuersten, den heiligsten, zu zweifeln? ... Ich habe die Republik wie eine Mutter, wie ein Vaterland geliebt. Jetzt sehe ich ein, daß sie nur ein Kramladen, ein Verein zur gegenseitigen Ausnutzung ist. Übrigens hat sie mir den Laufpaß gegeben. Oh, ich sah es kommen, denn ich war schon lange Zeit von häßlich lächelnden Gesichtern umgeben, kämpfte gegen Übelwollen, gegen heimliche Antipathien, gleich jenen Wracken, jenen beweglichen Klippen, die bei schönstem Wetter, bei ruhigster See einem unter dem Wasser ein Loch ins Schiff reißen. Ich bin angerannt, es hat mich getroffen, und so bin ich noch in voller Kraft nutzlos geworden, in den Ruhestand versetzt. Aber das Traurigste dabei ist: alle meine Überzeugungen haben Schiffbruch gelitten, alle meine Vorstellungen vom Leben und den Menschen sind so verändert, daß ich nichts mehr davon verstehe. Meine Tochter ist fort, meine Stellung habe ich verloren – was bedeutet das Leben noch für mich? Die Ideen der jungen Leute sind Tausende von Meilen von den meinigen entfernt; ich verstehe zumeist kein Wort von dem, was ich lese. Überall, wohin ich sehe, ringsum ist es dunkel, kalt, wie in diesem Hofe – ach, Tonichen!« XII Der fünfte Pfeil »Räumen Sie den Tisch ab und lassen Sie uns allein –« Die Stimme des Ministers des Auswärtigen ist so nervös und schneidend wie seine Handbewegung. Der junge Wilkie, den der Minister in aller Eile holen ließ, und der etwas Neues wittert, hilft dem diensttuenden Türsteher die auf dem Schreibtisch Valfons hemmliegenden exotischen Schmucksachen und Muschelschächtelchen eilig beiseite zu schaffen. »Geben Sie acht, Herr Wilkie; der Oberst hat uns aufgetragen, seine Sachen nicht anzurühren, bis er kommt, besonders nicht diese große Rolle aus Palmblättern.« »Räumen Sie das weg, sage ich Ihnen ... Wir brauchen Sie nicht mehr,« fiel der Minister ein, indem er dem feierlichen Duperron, der seit fünfunddreißig Jahren Türsteher im Auswärtigen Amt war, den langen, geheimnisvollen Korb entriß, den der gute Mann kaum zu berühren wagte. Dann warf er ihn ohne jede Vorsicht auf den persischen Teppichdiwan. Kaum war die Tür geschlossen, so wandte sich Wilkie zu seinem Stiefvater. »Also Oberst Multon war da? Hat er die kleine Zwergenkönigin mitgebracht?« »Nein, aber sie kommt zum Frühstück. Wir haben sogar Gäste bei der Gelegenheit: die Marc Javels und ihre Nichte, die Töchter des englischen Botschafters, Mistreß Harris, die Amerikanerin – du kannst dir also denken, daß die Szene, die ich heute morgen mit deiner Mutter hatte, sich nicht glücklich traf.« Der Minister bleibt, nachdem er sein Kabinett ruckweise nach jeder Richtung durchkreuzt hat, stehen, lehnt die Stirn an das Doppelfenster und beobachtet, wie die kleinen weißen Winterfedern sich in dem ungeheuern, einsamen, durch die Stille dieses Sonntagmorgens gleichsam vergrößerten Hofe drehen. Ohne sich umzuwenden wirft er, an einem dicken Zigarrenstummel kauend, einzelne Worte über die Schulter, die sein kluger Kabinettschef so gut wie möglich zusammenliest. »Die Frau ist toll, rein toll – ich habe Flüche, Drohungen zu hören bekommen, die ich nicht verstehen wollte ... Erstens, wenn sie einen Skandal machen will, so habe ich ihr etwas entgegenzuhalten. Ihre Briefe an diesen jungen Mann, diesen Eudeline genügen, um sie mit Schmach und Lächerlichkeit zu bedecken.« »Oh, sie spricht nur, sie spricht nur, aber sie wird nichts tun,« schiebt Wilkie, an seiner dünnen Lippe beißend, zwischen zwei Sätze des Ministers ein. »Aber diese Flucht ist ja schon ein Skandal – denn sie ist fort, nicht wahr? Vor den Augen der ganzen Welt hat sie das Haus ihres Gatten, ihrer Kinder verlassen.« Der Redner dreht sich in seiner Erregung wieder der Versammlung zu, und da er sich zufällig vor seinem Schreibtisch befindet, benutzt er die Gelegenheit, um mit der geballten Faust daraufzuschlagen wie auf das hohle Holz der Tribüne. Sein Mund ist voll von lügnerischen, deklamatorischen Worten: Familie ... Pflicht ... Mutterschaft ... »Sieh her, Valfon,« sagt der Kabinettschef, indem er einen mit einem Kreuz geschmückten Prospekt mit blauem Deckel auf den Schreibtisch niederlegt. Er führt den Titel: »Jahrbuch der Stiftung für kranke Kinder, Oberleitung Dr. Castagnozoff«, und unten steht der Bibelvers: »Wen werde ich senden? Hier bin ich, sende mich aus.« Der junge Mann beeilt sich, auf die stumme und harte Frage des Ministers zu antworten. »Wenn meine Mutter fort ist, so brauchst du nicht zu zweifeln, wo sie ist – bei der Doktorin Sophie Castagnozoff, einer verrückten Person, die durch die ganze Welt zieht und alle kleinen Würmer aufliest und pflegt. Das ist ein Schlaukopf, dieser Raimund Eudeline, ebenso schlau wie seine hübsche kleine Schwester. Als er sah, daß seine elegante Liebschaft ein zähes Leben hatte, gab er dieser exaltierten, frommen Natur, dieser leidenschaftlichen Portugiesenseele eine menschenfreundliche Richtung. Wird meine Mutter ihren Versuch zu Ende führen? Sie ist es imstande, aber nur unter der Bedingung, daß sie Florence mitnimmt. Daß sie ihn ausführt, glaube ich nicht.« Valfon, im Begriffe, das blaue Jahrbuch zu durchblättern, wirft einen gar nicht guten Seitenblick auf ihn. »Florence mitnehmen? Wozu denn? Sie ist des Lebens nicht überdrüssig.« Dann liest er, gewisse Stellen mit einem bösen Lachen betonend, laut die Aufnahmsbedingungen der Bewerberinnen vor. »›Vom moralischen Standpunkt eine energische Natur‹ ... hm! hm! – ›Eine ungewöhnliche Fähigkeit, sich aus allen Verlegenheiten zu ziehen‹ ... Donnerwetter! – ›Keine Sinnlichkeit, keine Nervosität‹. – ›Mitgabe wird nur von jenen verlangt, die eine solche mitbringen können‹ ... Deine Mutter mag wohl keine besonders große mitgebracht haben,« fügte er spöttisch hinzu. »Ich habe nichts davon gehört, Valfon. Mauglas könnte es erfahren, denn von ihm habe ich alle meine Auskünfte. Seit du ihn sowohl in der Pariser wie in der Petersburger Polizeipräfektur unmöglich gemacht hast, arbeitet er in der Zivilpolizei, von Fall zu Fall, und ich wäre nur neugierig, zu wissen, was für ein Unglück seinen frechen Kamm gestutzt und ihm die Sporen abgerissen hat. Er hat sich einen Kopf wie ein Kirchendiener zurechtgemacht, trägt Wangen und Kinn ganz glatt rasiert, beständig eine schwarze Seidenmütze, die er bis tief in die Augenbrauen hineinzieht, und was die Verwandlung voll macht, er schreibt nicht mehr über antike Tänze, sondern läßt bei Mame eine Gedichtsammlung ›Glocken und Glockenspiele‹ ankündigen. Es soll etwas Wunderbares sein. Man muß nur hören, wie er sagt: ›Mein Buch, das ist für den Ruhm; das Spitzeltum dient nur dazu, daß die Alten zu leben haben.‹ Denn dieser Kauz hat einen Vater und eine Mutter, die er regelmäßig atzt. ›Eine Stütze der Familie‹, so wie wir den jungen Eudeline in Louis-le-Grand nannten; er war sehr stolz auf diesen Titel und versuchte, den Mamas im Sprechzimmer damit zu imponieren. Na, der wird mir die Unannehmlichkeiten büßen, die er uns jetzt bereitet! Meine Mutter war ihm sicherlich lästig – zu viel Schumann und Gefühl. Während er sie nun in der Apotheke dieser guten Doktorin absetzt, tut er sich selber mit einer sehr hübschen Person, der Tochter des alten Narren, zusammen, der die Leitung der Kammerstenographen hat. Der Vater Izoard ist kein bequemer Herr. Wehe, wenn er erfährt, daß sein Töchterlein sich nicht gut aufführt – und ich kenne einen, der es übernehmen wird, ihn aufzuklären.« »Mittlerweile ist heute vormittag weder deine Schwester noch deine Mutter da – ich habe keine Dame, die mir bei diesem Frühstück gegenübersitzen wird,« sagte Valfon ängstlich, indem er ein graues Haar seines herabhängenden Schnurrbarts nach dem andern in die Länge zieht. Wilkie macht einen schüchternen Vorschlag. »Ich könnte es noch einmal versuchen, zu Florence hineinzugehen.« »Hüte dich,« antwortet Valfon sehr erregt, als fürchte er eine Erklärung zwischen Bruder und Schwester. »Du kennst sie, sie gibt sich für krank aus, sie wird dich nicht empfangen.« Das schlaue Gesicht des jungen Greises wird noch spitzer. »Ich habe eine Idee, Valfon. Wie wäre es, wenn ich ins Marineministerium ginge, um Jeannine Briant zu benachrichtigen? Sie sind gute Freundinnen; vielleicht wird sie sie bewegen können.« »Versuche es, aber rasch, es ist höchste Zeit,« murmelt der Minister, indem er sich der Länge nach auf den Seidendiwan niederwirft, auf dem sein kleiner, unansehnlicher, von Leidenschaft und nervöser Ermüdung verzehrter Körper nicht mehr Raum einnimmt als die exotische Rolle aus Palmblättern. Kaum eine Stunde später kratzte Fräulein Jeannine, die Nichte des Marineministers, in eleganter englischer Frühstückstoilette und einem großen Gainsborough-Federhut mit einem ihrer Karneolringe an der Tür Flo-Flos. Die Kammerfrau versuchte hinter einer halbgeöffneten Portiere noch Widerstand zu leisten. »Wenn Fräulein Jeannine wüßte ... wenn sie ahnen könnte, in welchem Zustand ...« Jeannine stieß die Tür auf, schickte die Kammerfrau weg und näherte sich dem großen Bette aus weißen und rosa Spitzen. Sie glaubte, daß Florence dort in einem jener Anfälle von Trägheit und schlechter Laune liege, von denen sie manchmal ergriffen wurde, worauf sie immer einen ganzen Tag schläfrig dalag und hinter den zugezogenen Vorhängen das Leben vergaß. »Wo bist du denn?« fragte sie verblüfft, als sie sah, daß das Bett leer und die Decke zurückgeworfen war. »Bist du's, Jean?« antwortet aus der Tiefe des Unkleidezimmers die schleppende, traurige, gleichsam gebrochene Stimme Florences. »Bist du allein? Komm näher, damit ich mit dir sprechen kann.« Jeannine trat an die Tür. »Was geht denn hier vor? Deine Mutter ist fort, sagt man mir! So komm doch heraus, Florence, damit ich dich ansehe.« »Wenn du mich sähest, würdest du alles begreifen. Ich will nicht ...« Die andre erinnert sich plötzlich an das Gespräch im Botschaftsgarten. »Unglückliche, was hast du getan? So mach doch auf, mach doch auf!« Sie stieß die Tür auf, die fast sofort aufging, und sah vor sich eine Art Chorknaben mit einem bleichen, geschwollenen Gesicht und fieberisch glänzenden Augen. Der ganz runde Kopf war glatt rasiert, der Körper steckte in einem weiten, mit einer Schnur gegürteten braunen Schlafrock. »O meine arme Flo-Flo – deine schönen Haare!« In der Bestürzung über diese Erscheinung bekam sie Lust, zu lachen und zu weinen – so seltsam war diese kleine, schlecht geschorene Kugel mit den regelmäßigen, feinen Zügen, die ebenso an Wilkie wie an seine Schwester erinnerten. »Du siehst, ich habe alles abgeschnitten,« murmelte Florence unbeweglich mit gesenktem Blick. »Es war sehr viel .. und ich schnitt wütend darauf los ..., aber doch fehlte mir der Mut, alles auszuführen, was ich mir vorgenommen hatte, mich zu entstellen, ins Fleisch zu schneiden; meine Hand hat gezittert.« Und ganz leise, wie für sich selbst, fügte sie hinzu: »Nun, auf jeden Fall wird der Elende mich nicht zeigen, seinen Triumph nicht genießen können. Er wird nicht hören, daß man von seiner Beute sagt: ›das schönste Haar von Paris‹.« Jeannine stieß einen Schreckensschrei aus. »O Gott, armes Herz, ist es also wahr? Deswegen also!« Sie hatte die Freundin in die Arme genommen und setzte sich neben sie auf den Rand des kleinen, zusammenlegbaren Bettes nieder, das Frau Valfon jeden Abend im Zimmer ihrer Tochter aufstellen ließ. »Höre, Flo-Flo,« sagte sie, »erzähle mir alles, ich will es wissen – es ist doch nicht möglich, daß er eine solche Gemeinheit gewagt hat!« »Er hat es gewagt, davon kannst du überzeugt sein!« rief Florence Marquès hohnlachend mit einem Verzerren des Mundes, das sie von ihrem Besieger gelernt zu haben schien. Jeannine setzte ihr von Ausrufen unterbrochenes Verhör fort. »Ist es möglich? Der Schändliche! ... Aber ich glaubte, daß deine Mutter jede Nacht bei dir schlafe?« »Du siehst, nicht immer – ihre Decke ist noch nicht zurückgeschlagen,« antwortete Florence, indem sie auf das Bett deutete, auf dem sie saßen. »Die arme Mutter! Seit sie diese Sophie Casta, diese russische Doktorin, kennen gelernt hat, beschäftigt sie sich nur mit der Stiftung für kranke Kinder,« fuhr sie fort. »Die ganze Zeit ist sie außer Haus; ihr Heim, ihre Tochter zählen nicht mehr für sie mit. Sie verbringt ihr Leben in Versammlungen, in Vorträgen. Du kannst dir denken, daß Valfon darauf lauerte, daß ich fühlte, wie er näherkam, mit seinen schielenden Augen, die niemals ansehen, was sie anblicken. Ich habe meine Mutter oft gewarnt: ›Mama, ich habe Angst!‹ Aber sie hat das schon so oft von mir gehört!« Ein kurzes Schweigen entstand, dann setzte sie totenbleich, mit zusammengebissenen Zähnen hinzu: »Nun, heute Nacht fügte es sich, daß in Versailles zugunsten der Stiftung ein großes Fest gegeben wurde – du weißt es ja, denn deine Tante Marc sollte auch hingehen.« Der große Federhut Jeannines nickte ein sehr rasches »Ja, ja«, aber bei dieser Stelle der Erzählung unterbrach sie sie weder mit einem Wort noch mit einem Atemzug. »Mama befahl ihrer Negerin, ganz in meiner Nähe zu wachen. Da sie mit dem Wagen fahren mußte, wußte sie, daß sie erst in der Dämmerung zurückkommen würde. Blieb die Negerin da, oder hat er sie fortgeschickt? Vielleicht ist sie ganz einfach eingeschlafen.« Und mit dem pöbelhaften Lachen von vorhin, das den schönen Mund verzerrte, fügte das junge Mädchen mit erloschener Stimme hinzu: »Ich habe wohl nicht sehr laut geschrien ... du kennst mich – stolz, aber feig und so schlaff ... Es ist ja schon so lange her, seit er mich verfolgt, seit er mich in seiner Leidenschaft mit denselben Worten verbrennt, seit sein Atem, seine Hände mich an denselben Stellen berühren. Zuletzt wird man matt, und aus dem Ekel selbst entsteht die Gewohnheit.« »Schweig, Unglückliche! Und deine Mutter?« »Es ist ihre Schuld, sie hätte mich nicht verlassen sollen –« Aber nach diesem zornigen Aufschrei fuhr Florence wieder sanft fort: »Ach, die arme Mama – als sie heute früh heimkam, als sie mich halbtot mit abrasiertem Kopf auf meinem Bette fand, mein ganzes Haar abgeschnitten neben mir –« »Es muß ein gehöriges schwarzes Büschel gewesen sein!« »Sie erriet alles sofort, stürzte zu Valfon hinüber, und nach einer furchtbaren Szene, von der ich bloß den Lärm hörte, traten beide in mein Zimmer. Sie raste und lärmte wie toll immerfort dasselbe: ›Ich gehe, ich gehe!‹ Er, erdfahl, halbtot vor Angst, ganz niedergeschlagen, flehte sie an: ›Ich beschwöre dich, vermeiden wir den Skandal – im Namen deiner Kinder!‹ Ich merkte mir das Wort, in seinem Munde kam es mir großartig vor. Was geht jetzt vor? Was wird aus uns werden? Ist meine Mutter wirklich fort? Wird sie ihre russische Doktorin nach Indien begleiten? Ich könnte ihr folgen, mich dieser wunderbaren Stiftung anschließen, aber ich bin zu schlaff. Ich liebe nichts mehr, ich habe zu nichts mehr Vertrauen. Und dann, sieh mich an – wo soll ich mit diesem Affenkopf, den ich mir gemacht habe, hingehen? Es bleibt mir nichts übrig, als in meinem Winkel zu sitzen und meine Häßlichkeit zu verstecken, die die Strafe für meine Schmach ist.« »Deine Häßlichkeit? Du glaubst wirklich, daß du häßlich geworden bist?« Jeannine faßte das geschorene Köpfchen in beide Hände und sah es lächelnd an. »Nein, ich versichere dich, du bist so sehr hübsch. Du erinnerst mich an den kleinen indischen Prinzen, der voriges Jahr hier war, den Sohn der Königin von Oude.« Tränen überfluteten die großen, düsteren Augen Florences. »Was du da sagst, ist furchtbar.« »Warum, Herzchen?« »Weil ich mich strafen, diese Schönheit verlieren wollte, die ich nicht zu verteidigen wußte. O Gott, das ist mir also nicht gelungen!« Jeannine Briant vergaß nie die seltsame Energie, mit der dieses gewöhnlich so unbedeutende Mädchen mit den matten, nachlässigen Bewegungen diese Worte betonte. Aber im Augenblick dachte diese seichte kleine Pariserin, die Nichte Marc Javels, deren Seele ebensowenig Gewicht und Schwere besaß wie eine der Federn auf ihrem Hute, hauptsächlich daran, daß sie Wilkie versprochen hatte, seine Schwester zum Frühstück mitzubringen. »Höre, Flo, ich täusche mich vielleicht, aber es gibt ein ganz einfaches Mittel, um zu erfahren, ob du dich entstellt hast oder nicht. Ihr habt heute Gesellschaft; kleide dich an und setze dich zu Tische. Du wirst in den Augen aller die Wahrheit lesen.« Florence dachte eine Sekunde nach. Dann erhob sie sich mit einem jähen Ruck. »Nimm dich in acht, ich werde diesem Frühstück beiwohnen, versuchen, nach den Schrecken dieser Nacht wie ein natürliches Wesen zu leben. Es geschieht, um mich zu überzeugen, wie du sagst. Aber wenn mein Streich mißlungen ist, wenn es mir nicht gelang, daß er sich meiner schämt, wenn er sich noch mit meiner beschimpften, gedemütigten Schönheit schmücken kann, so werde ich wieder anfangen, das schwöre ich dir, und diesmal werde ich nicht fehlen.« Jeannine wollte antworten, allein jene hielt sie mit einer Bewegung ihrer orientalischen, kurzen und dicken kleinen Hand zurück. »Eine Kleinigkeit, aber sie ist sehr wichtig. Zu Ehren Sir Multons und der jungen Damen von der Botschaft wird nach englischer Manier gespeist, die Damen behalten die Hüte auf. Teile Valfon mit, daß ich im bloßen Kopfe zu Tische kommen werde. Die Leute sollen mich sehen.« * Als sie am Arme Valfons in den im Erdgeschoß des Ministerpalais gelegenen hohen Speisesaal mit den altertümlichen weißen Schnitzereien eintrat, ertönte beim Anblick des hübschen Knabenköpfchens, das totenbleich aus den herrlichen Schultern und dem mit braunem Pelz umsäumten Leibchen emporragte, ein einziger Schrei der Bewunderung. Ihre Augen leuchteten in wirklich seltsam fieberhaftem, hartem Glänze, ihr Mund verriet Mattigkeit und Ekel. Als sie sich niederließ, erfand sie Gott weiß was für einen durch die Ungeschicklichkeit einer Kammerfrau herbeigeführten Unfall – ihr ganzes Haar sei während des Frisierens durch die Explosion einer Lampe verbrannt worden. Von der Flucht ihrer Mutter wurde kein Wort gesprochen; trotzdem war unter den Gästen kein einziger, der die Neuigkeit nicht gewußt und dessen Neugierde sich nicht durch einen brennenden, spähenden Blick verraten hätte. Oh, berühmter Oberst Multon, Nebenbuhler Stanleys, Spekes, Barkers, unvergleichlicher Elefantenjäger, was für ein schlechtes Publikum fanden an diesem Dezembermorgen deine wunderbaren Erzählungen von den Flußpferdjagden am Ufer des Tanganjikasees sowie die Vorstellung der kleinen Zwergenkönigin! Man hatte sie nicht an den Tisch setzen können, und so strich sie in einer grüngoldenen Gandura mit verstörten runden Augen frostzitternd um seinen Stuhl herum. Mit ihren winzigen, erdfahlen Backen sah sie wie eine ins Feuer gefallene und mit Butter abgewaschene große Puppe aus. Trotzdem klang die Liebesgeschichte dieser jungen Prinzessin, die sich in den bleichen Fremdling, den Vertilger der Ungeheuer, verliebt hatte und mit ihm aus dem Königreiche der Pygmäen geflohen war, hübsch und lustig, besonders wie er sie so an dieser von Kristall und Geschirr funkelnden Tafel, unter diesem schneebedeckten Pariser Himmel erzählte. Aber, mein lieber Multon, alle diese Leute, die scheinbar deiner Geschichte zuhörten, suchten daneben noch eine andre zu erraten, die viel interessanter und geheimnisvoller war, eine Geschichte aus dem großen Pariser Walde, der manchmal so viele Opfer verbirgt. Nach dem sehr geschwätzigen, sehr lange dauernden Frühstück begaben sich die Herren in das Zimmer des Ministers, um zu rauchen und dabei die Ausstellung der Geschenke, der Andenken an die Terra incognita , zu betrachten, die der Oberst seinem alten Freunde Valfon mitgebracht hatte. Er kannte ihn seit zwanzig Jahren, seit Bordeaux, dem Zirkus, und der Redaktion des »Galoubet«. »Und das da, Oberst Multon, was ist denn das da?« Nach einer Unzahl von wunderlichen Nippsachen, gemalten Steinhalsbändchen, einer Patronentasche aus Schlangenhaut, einem zweiunddreißigläufigen Winchestergewehr auf einem hölzernen Gestell von Sir Multons eigner Erfindung, war nichts mehr übrig als die Rolle aus dicken Palmblättern, die vergessen auf dem gestickten Diwan lag. Wilkie Marquès schickte sich an, sie zu öffnen, als der Engländer rasch dazwischenkam. » Take care , mein lieber Wilkie, das ist sehr gefährlich –« Er nahm ihm das Paket aus der Hand, öffnete es sorgfältig und zog ein Bündel von fünf langen Wurfspießen hervor. An einem Ende derselben befand sich ein Elfenbeinknopf, am andern eine durch eine Umhüllung aus harter Rinde geschützte vergiftete Eisenspitze. Was war das für ein Gift, das schärfer war als Pfeilgift? Woher kam es? Niemand vermochte das zu sagen, weder Stanley noch Multon, nicht einmal die kleine Zwergenkönigin, die eine mit solchen Pfeilen gefüllte Schachtel ehrfurchtsvoll in ihrer Truhe aufbewahrte. Der geringste Stich damit führte den Tod herbei. Und was für einen Tod – in fünf Minuten war das Gesicht wie mit Aussatz bedeckt, geschwollen, bläulich, unkenntlich ... »Hör mal, Valfon, das Politikmachen in diesem Lande muß nicht sehr bequem sein,« flüsterte der neue Marineminister seinem Kollegen vom Auswärtigen Amt ins Ohr. Jener stand vor dem Kamin und tat ungeheure Züge aus seiner Zigarre. »Wenn jemand Lust nach dem Portefeuille eines andern hat, ist so ein böser Pfeil rasch abgeschnellt.« Der bartlose Wilkie begann zu lachen. »Aber Herr Minister, wir haben in unsrer Gesellschaft Äquivalente. Ich nehme es auf mich, die gesundesten, die widerstandsfähigsten Personen mit einer gut geschärften Verleumdung, einem anonymen Briefe zu vergiften und zu interessanten Objekten des Hospitals Saint-Louis zu machen.« Sein boshaftes Altjungferngesicht sah blinzelnd nach der Richtung Valfons hinüber, als wolle er ihn an ihr Gespräch vom Morgen erinnern. »Ich bitte Sie, lieber Valfon,« sagte Sir Multon, indem er die Pfeile auf dem Marmorkamin übereinanderlegte, nachdem er sich vergewissert hatte, das; die Spitzen sorgfältig geschützt waren, »hier sind fünf ganz verschiedene Typen anonymer Briefe aus Zentralafrika, die Sie nicht herumliegen lassen dürfen; hängen Sie sie so rasch als möglich schirmförmig an der Wand Ihres Billardzimmers auf, aber man soll sie nicht mehr anrühren.« »Das wird Duperron übernehmen. Hören Sie, Duperron,« – und der Minister beugte sich zu dem diensttuenden Türhüter herab, der eben das Feuer schürte – »sobald wir fort sind, oder nein, das soll in meiner Anwesenheit geschehen ... Sie werden warten, bis ich aus dem Elysée zurückkomme.« Dort sollte er um vier Uhr mit dem Oberst und der kleinen Zwergenkönigin erscheinen, denn die Präsidentin wollte sie kennen lernen. Die Herren taten noch ein paar Züge aus den Zigarren, unter den Kugeln Sir Multons brach noch ein Flußpferd zusammen, dann begab man sich in den Salon hinab, wo die Damen die ganz verstörte kleine Königin ans Klavier gesetzt hatten. Inmitten des tollen Gelächters, das die Federn auf den großen Gainsborough-Hüten schüttelte, inmitten der lauten, perlenden Heiterkeit dieser hübschen jungen Leute näherte sich Valfon seiner Stieftochter, mit der er noch nicht zu sprechen gewagt hatte, und fragte zitternd, mit verzerrtem Gesicht: »Du kommst also nicht mit uns ins Elysse?« »Nein, nein.« Sie schüttelte heftig zweimal das glatt rasierte Köpfchen, ohne daß es ihm gelang, ein Wort oder einen Blick von ihr zu erhalten. Nun wandte er sich zu ihrer Freundin. »Jeannine, ich lege sie Ihnen ans Herz – verlassen Sie sie heute nicht,« sagte er mit einem Ausdruck der Angst, der bei diesem stets so beherrschten Politiker sehr befremdlich war. »Er will mich rühren,« dachte zuerst Jeannine Briant, die den Kerl kannte. »Er hofft, daß ich meiner armen Flo von seiner Verzweiflung, seiner Reue erzählen werde –« Trotzdem versprach sie, bei Florence zu bleiben. »Es schneit, das ist ihr Lieblingswetter; wenn sie will, werde ich Onkel Marc um seinen Wagen bitten, und wir fahren beide ins Bois – frische Luft und warme Pelze, es gibt nichts Gesünderes.« »Ich danke Ihnen, mein Kind,« murmelte Valfon sehr bewegt. Jeannine konnte sich nicht genug darüber wundern. In Wirklichkeit war Valfon der Reue nicht fähig; der empfindsame Teil seines Wesens war schon lange verdorrt, aber er starb vor Unruhe und Angst. Was für Folgen würde seine wahnwitzige Tat haben? Was war aus seiner Frau geworden? Was plante das junge Mädchen? Bei zwei solchen Verrückten konnte man sich auf alles gefaßt machen. Er fürchtete einen aufsehenerregenden Skandal, einen jener Skandale, vor denen sich die Höchstgestellten, die Mächtigsten nicht schützen können. Und gleichzeitig lag die Möglichkeit vor, daß sein Opfer ihm entschlüpfen, daß sein trauriges Glück kein Morgen haben würde. Wie lang kam ihm der Empfang im Elysée vor! Durch welche wunderliche Analogie erinnerte ihn diese kleine Puppe mit dem runden, wolligen Kopf, die man lachend von Hand zu Hand gehen ließ, die ganze Zeit über an den Anblick, den er heute früh gehabt hatte, als er beim Geschrei der Mutter in das Zimmer des Mädchens trat und das üppige Geschöpf quer über dem Bette liegen sah, daneben ihr langes, schwarzes Haar? War dieses beharrlich wiederkehrende Bild ein Vorzeichen? Hob ihm seine Stieftochter, so wie sie gedroht hatte, noch eine schreckensvolle Überraschung zu seiner Strafe auf? Zuletzt konnte er sich nicht mehr halten und entschuldigte sich bei der Präsidentin. Morgen sollte in der Kammer eine sehr wichtige Sitzung, wahrscheinlich eine Interpellation, stattfinden, Bismarck sollte zu schaffen bekommen – ach ja, das Ministerium am Quai d'Orsay war keine Sinekure! »Bitte, empfehlen Sie mich Ihren Damen,« sagte der Präsident der Republik, der ihn hinausgeleitete. Ihren Damen! Er hatte nur noch eine, und auch von der wußte er nicht sicher, ob er sie wiederfinden würde. Wie immer, begab sich Valfon, als er ins Ministerpalais zurückkehrte, zuerst in sein Kabinett, in dem die Lampen angezündet wurden. Die Schwermut dieses Schneesonntags lastete auf dem großen, einsamen Palast. Kaum war der Minister eingetreten, so klingelte er heftig. »Rasch anzünden! Wer war in meiner Abwesenheit hier?« fragte er dann in demselben abgebrochenen, erstickten Ton den Diener. »Ich, Herr Minister, sonst niemand, außer es war jemand von dort,« fügte der stille Duperron hinzu. »Von dort« bedeutete die kleine, durch eine Portiere verhüllte Tür, die zu den Privatgemächern fühlte. »Ja, jetzt erinnere ich mich, es war sicherlich jemand da; als ich ins Zimmer kam, sah ich Fräulein Florence hinausgehen.« Valfon fühlte, wie der Hauch des Todes über seine Schläfen wehte. »Gut. Danke.« Der Diener entfernte sich. Er rief ihn zurück und deutete auf das Bündel Wurfspieße mit dem elfenbeinernen Knopf, das auf dem Kamin lag. »Duperron, erinnern Sie sich« – er konnte kaum sprechen, so trocken und brennend heiß waren seine Lippen – »erinnern Sie sich, wieviel Pfeile der Oberst daließ? Waren es vier oder fünf?« »Fünf, fünf,« bestätigte der alte Papst des Vorzimmers. Ja, so war es, der fünfte Pfeil fehlte. Wer hatte ihn genommen? Wozu? »Wünscht der Herr Minister, daß wir sie im Billardzimmer aufhängen?« fragte der Diener. »Nein, später, jetzt nicht – nehmen Sie die Lampe mit, ich bleibe nicht da.« Er mußte sich vorbereiten, sich fassen. Die Erschütterung, die er erlitten hatte, die Angst vor dem, was ihn hinter der Tür erwartete ... In dem weißen Widerschein des hinter den Scheiben wirbelnden Schnees stützte der Elende sich mit seinen zitternden Händen auf den Kamin und dachte voll Entsetzen an diesen verschwundenen fünften Pfeil; der Spiegel, den die Nacht mit einem bläulichen Schein bedeckte, strahlte sein Bild wider, hohle Wangen, starre Augen, wie er sie noch nie an sich gesehen hatte. * Beiläufig zur selben Stunde schritt Antonin Eudeline in einem Schneesturm über den Boulevard Saint-Germain. Auch er war voll Angst, aber aus andern Gründen. Er begab sich zu seinem Bruder, den er seit seiner Ankunft weder gesehen noch benachrichtigt hatte; er wollte ihn mitten in seinem häuslichen Leben überraschen, sich überzeugen, was an den Anklagen, die man gegen ihn erhob, Wirkliches oder Falsches war. Weder seine Mutter noch seine Schwester hatten ihm Auskunft über jenen weiblichen Einfluß geben können, den er mehr als alles fürchtete. Die Liebschaft mit einer großen Weltdame, auf die Frau Eudeline so stolz war, schien zu Ende zu sein. Wenigstens sprach Raimund nicht mehr davon und war mit einer noch geheimnisvolleren Neigung beschäftigt, die ihn noch mehr in Anspruch nahm und von den Seinigen ganz fernhielt. »Ich habe eine Vermutung, ich bin nicht ganz sicher,« sagte die kleine Telegraphistin. Die Mama wußte von nichts, war bloß überzeugt, daß ihr Raimund nur einer gefühlvollen und vornehmen Frau gefallen könne. Ein paar Tage zuvor hätte auch Antonin darauf geschworen, aber welche Verwirrung herrschte jetzt in seinem zärtlichen, vertrauensvollen armen Herzen! Als er vor dem Hause des Bruders ankam, traf er am Eingange des Ganges Frau Alcide mit ihrem Besen. Ihre mopsähnlichen Kinnladen vorschiebend, mit nackten, vor Kälte bläulichen Armen, diesen schönen, kaiserlichen Armen, die einst fünfzehnknöpfige Handschuhe trugen, setzte sie dem Ansturm von Schnee und Wind eine heldenmütige Verteidigung entgegen. Ah, Herr Antonin, da wird sich mein Mieter freuen – was, das ist ein Wind, das ist ein Schnee!« Ohne den Besen aus der Hand zu legen – denn bei Nachtanbruch verdoppelte der Feind wie gewöhnlich seine Anstrengungen –, drehte sich Frau Alcide geschäftig vor ihrer Korridortür umher und erzählte, fragte mit solchem Eifer, daß Herr Antonin ebensoviel Mühe hatte, ein Wort einzuschieben wie einen Fuß in den Korridor zu setzen. »Sie wissen, der Kleine geht jetzt ganz allein. Madame Sophie hat ihn geheilt. Das ist etwas, was wir nie vergessen werden – ein so kränkliches Kind, das nur aus seinem Wägelchen herauskam, um auf Papas Schulter zu sitzen. Mein armer Mann! Wir konnten uns ja nie ansehen, ohne zu weinen, wenn wir an dieses Kind dachten, unsern Einzigen. Aber werden Sie es glauben? Seit der Kleine auf den Füßen steht, nicht mehr im Wägelchen fahren muß, seit wir zufrieden wie Könige leben könnten, ist es über Alcide wie eine Krankheit gekommen; er geht nicht mehr aus, will niemand mehr sehen. Selbst die Kriegsgeschichten, die er seinem Jüngelchen erzählte, sind vorbei; kein Wort ist mehr aus ihm herauszubringen. Ach, Herr Antonin, Sie sind ja ein so guter Mensch –« Nachdem ihr ganzer Korridor ausgefegt war, schloß sie endlich die Tür. Nun wischte sie sich mit ihrem nackten Arm die Tränen ab, damit Alcide nicht sehe, daß sie geweint hatte, und ließ sich von Antonin das Versprechen geben, daß er vor dem Weggehen in die Loge eintreten und versuchen würde, den ehemaligen Direktor der Komischen Oper, der früher so heiter, so plauderhaft gewesen war, zu einem Geständnis seines Kummers zu bringen. »Ich verspreche es Ihnen, Frau Alcide,« sagte der brave Junge, der sich bereits auf der Treppe befand. »Ist mein Bruder zu Hause?« fragte er noch, indem er sich über das Geländer beugte. »Richtig, eben fällt mir ein,« sagte Frau Alcide, »Herr Raimund ist noch nicht zu Hause, aber die Gnädige ist eben zurückgekommen.« »Die Gnädige?« Er war im Begriff, wieder hinunterzugehen und in die Loge zu treten, um sich zu erkundigen, zu erfahren, was für eine Art von Frau er bei Raimund antreffen werde. Allein eine Scheu, auch die Furcht vor endlosen Erklärungen hielten ihn zurück. Er würde schon selbst sehen, was für eine Art von Frau im Hause des Bruders den Namen und Rang der »Gnädigen« angenommen hatte. Als er im vierten Stock ankam, näherte er sich der Tür und horchte sehr aufgeregt, ehe er klingelte. Im Innern der Wohnung lauschte jemand gleich ihm und mußte ihn gehen gehört haben, denn die Tür tat sich sofort leise auf. »Antonin!« »Geneviève!« Sie war in Hut und Mantel, immer dieselbe, sehr hübsch, nur noch blasser. Vielleicht war es die Schuld des Gaslichtes auf der Treppe oder der Überraschung, als sie ihn so plötzlich statt Raimund erblickte, den sie erwartete. »Stelle dir vor, ich glaubte seinen Schritt zu erkennen, Tonichen – aber so komm doch herein, komm doch herein, bleib nicht da stehen.« Er hatte ihre behandschuhte Hand ergriffen, drückte sie feurig und sagte vor dem Eintreten ganz leise im Vorzimmer: »Oh, wie froh bin ich, daß du hier bist. Kommst du oft her?« »Sehr oft.« »Dann kennst du also diese Person,« fuhr er noch leiser fort, »die Frau, mit der – schließlich, nicht wahr? – die ›die Gnädige‹ genannt wird?« »Die Gnädige – das bin ja ich,« antwortete Geneviéve in einem naiven, herzzerreißenden Ton. Ach, Menschen, die tief fühlen, sterben nur einmal im Leben! Man denke nur, was das Tantchen für ihn bedeutete – die Frau im großen und ganzen, ein wenig auch die Mutter, ein wenig die Schwester und noch etwas mehr. Seit er lebte, seit er atmete – oh, nie für sich allein! –, hatte er kein Glück im Hause, keine einzige Hoffnung gekannt, die ihm nicht von Geneviève kam, die nicht ihre hübschen Züge trug. Sie war für ihn die Madonna von Fourvières und alle Medaillen Dinas, alle Romane Frau Eudelines. Nun mußte er das erleben! Als er im Salon neben ihr saß, war sein erstes Wort eine Explosion aller seiner Gedanken. »Warum hat er dich nicht geheiratet?« Sie erklärte ihm mit jener vernünftigen, sanften Miene, die sie nie verließ, was sie gehindert hatte, einander zu heiraten. Raimund konnte nicht, da er Mutter und Schwester zu ernähren hatte; da er bereits ein Haus auf dem Halse hatte, besaß er nicht das Recht, ein andres zu gründen. Er würde sich trotzdem entschlossen haben, aber sie wollte nicht, um keinen Preis. »Arme Freundin,« murmelte Toni, indem er die Hand, die er noch immer hielt, ehrerbietig leicht streichelte. Draußen jagte der Wind über den Balkon, und der Schnee knirschte an den Scheiben. »Du siehst, ich lege nicht ab,« fuhr Geneviève nach einer Pause lächelnd fort, indem sie auf ihren durchnäßten Mantel deutete. »Raimund kommt bald zurück, und wir werden wie jeden Sonntag außer Hause speisen. Du kommst mit, er rechnet darauf. Als ich von Morangis kam, teilte ich ihm deine Ankunft in Paris mit. Richtig, Morangis –« Ihre Stimme schwankte, die Röte stieg ihr in die Wangen. Wie gut und großmütig waren alle gewesen, da sie den alten Vater in der Meinung ließen, daß sie ihr Leben bei Casta verbringe, daß sie bei ihr lebte, arbeitete! Was wäre sonst geschehen? Sie wagte gar nicht, daran zu denken. »Aber, liebe Geneviève,« – er empfand jetzt eine Scheu, sie Tantchen zu nennen – »diese Geschichte ist auf sehr unsicheren Grund gebaut. Pierre Izoard lebt zu nahe bei dir, ich fürchte, daß er es eines schönen Tages entdeckt... Freilich, weder Mama noch das Schwesterchen ahnen etwas die ganze Zeit über. Ich selbst, als ich erfuhr, daß mein Bruder – schließlich, nicht wahr? – der – die – eine Gnädige –« »Hast du wohl an alle andern Frauen gedacht, nur nicht an das Tantchen, mein armer Junge?« Er senkte den Kopf, schob seine dicke Lippe vor, richtete sich aber fast gleich darauf wieder auf. »Vor allem müßte man Sophie benachrichtigen, für den Fall, daß sie deinen Vater treffen sollte. Ihr seht euch wohl nicht mehr, glaube ich?« »O nein!« rief Geneviève in empörtem Ton. »Sie war zu schlecht, zu ungerecht gegen Raimund – du weißt doch, wessen sie ihn beschuldigte, wessen sie ihn noch beschuldigt?« Er machte ein bejahendes Zeichen. »Aber du hast doch nicht daran glauben können, mein Junge?« Nach kurzem Zögern gestand er, daß er einen Augenblick gezweifelt hatte. Die regelmäßigen Beiträge, die der Älteste dem Hause leistete, ohne ihre Herkunft zu erklären, diese geheimnisvolle Liebschaft, die Frau, die in seinem Hause lebte, ihn hinderte, seine Schwester, seine Mutter bei sich zu empfangen... Vor allem nach dem Abenteuer Mauglas war jede Annahme möglich. »Erst als ich dich vor der Tür stehen sah, sagte ich zu mir: Sie ist da, sie kommt zu ihm, jetzt ist nichts mehr zu fürchten, wir sind gerettet.« Raimund langte an, und sie hörten im Vorzimmer streitende, jugendliche Stimmen. Geneviève erhob sich. »Liebe deinen Bruder, so wie du ihn immer geliebt hast, Tonichen,« sagte sie ganz leise. »Er ist gut, er besitzt ein stolzes Herz, das zu etwas Bösem nicht fähig ist. Das Geld, das er für sich, für seine Familie ausgibt, ist wohlerworbenes Geld; es sind Vorschüsse, die er für seine Intelligenz, seine Arbeit erhält. Sei ruhig.« Der ältere Bruder trat ein und stellte den zwei Kameraden, die er mitbrachte, seinen kleinen Elektriker vor; der eine, ein kränklicher, langer junger Mann mit einem gebogenen Rücken, war der Verfasser einer kleinen psychologischen, giftschwitzenden Abhandlung, betitelt »Meine Bosheit«, der andre, ein dicker Mensch von unbestimmtem Alter, ein starker Esser mit großen Augen, der Gefolgsmann und Vertraute großer und kleiner »Vedetten«, einer jener Begleiter bekannter Leute, jener berufsmäßigen Armanbieter, die einen ganz ernsthaft fragen, ob man eine Lieblingsseite habe. Diese Herren gehörten der »Gefräßigen« an, waren, wie alle Mitglieder derselben mit der größten Sorgfalt gekleidet, trugen Van Dyck-Kragen, lange goldkupferfarbige Krawatten, spiegelten ihre Lackschuhe in ihren hohen Zylindern und legten durch die neuchristliche Romantik ihrer Ideen, ihrer Westen, ihrer Frisuren Verwahrung gegen die naturalistische Bohème und alle Maler des gewöhnlichen Lebens ein, ob es nun Psychologen waren oder nicht. Trotzdem besaß ihr Sonntagspicknick – ihr sogenannter »roter Kohl« –, das sie jede Woche im ersten Stockwerk eines alten, von Erinnerungen an Vallès und Courbet erfüllten Hause in der Rue des Poitevins mit dem alten, schmiedeisernen Geländer, der breiten Treppe und den schwarzen Fliesen vereinigte, nichts Romantisches, sondern hauchte eher einen starten Duft von Wirklichkeit aus. Was sie ihren »roten Kohl« nannten, war ein kräftiges Schmorgericht aus gedämpftem Kohl und Schöpsenfleisch, das einen Tag und eine Nacht im Speck kochte. Nach dem »roten Kohl«, bei dem Raimund an diesem Abend den Vorsitz gefühlt und den er zu Ehren der »Französischen Familie« mit ein paar Flaschen Schaumwein begossen hatte, verließ der Trupp den Tisch, um in kleinen, streitenden, predigenden Gruppen durch den Schnee zu der Schenke auf den Boulevard Saint-Michel zu wandern, wo »Die Gefräßige« in einem mit einer Estrade und einem Klavier geschmückten rückwärtigen Saale ihre Sitzungen abhielt. Unterwegs hörte Antonin, der, Geneviéve mit seinem Regenschirm beschützend, zuletzt ging, wie einer der vor ihm hergehenden jungen »Gefräßigen« zu seinem Gefährten sagte: »Der Symbolard hat seine Flamme mitgebracht – jetzt wird man nicht einmal ein Wörtchen mehr sagen können, über das man lachen kann.« Trotz der Arbeitergewohnheiten, der harten Schwielen, die die Werkstätte zuletzt seiner seinen und zarten Natur beigebracht hatte, fühlte sich Toni in seiner zärtlichen Ehrfurcht für die Freundin verletzt und begriff, sowie schon früher ein paarmal während des Essens, daß Raimund sie nicht hätte mitbringen sollen, daß das nicht der richtige Platz für sie war. Einige dieser jungen Leute waren in Begleitung ihrer Geliebten, kleiner Schauspielerinnen, emanzipierter Fräuleins vom Konservatorium; andre hatten zum »roten Kohl« eine berühmte Wahrsagerin eingeladen, mit der man dann bei der Sitzung prunken wollte. Diese Damen sprachen wenig untereinander, nannten sich »gnädige Frau«, wie im großen Foyer der Comédie Française, aber an den Augen und Mundwinkeln erkannte man, daß sie derselben Familie angehörten. Auf diesem ganzen Kaolin befand sich ein Streifen, ein gleichförmiger Nagelstrich, von dem nur Geneviève nicht berührt war. Man fühlte, daß sie aus einer andern Masse bestand. Daher die ironische Wirkung der Worte: »Der Symbolard hat seine Flamme mitgebracht.« Oh, sicherlich hätte er sie nicht mitbringen sollen! Der ganze Abend verstrich mit Musizieren, mit Deklamieren; man spielte Guimbarden, Alter Tanz. die nur der Musiker hören und verstehen kann. Die Verse reimten sich nicht und schienen eine Übersetzung eines sehr schwierigen ausländischen Autors zu sein. Dann erhob sich eine lebhafte Diskussion über den veristischen Roman und »Die französische Familie«. Verismus, Naturalismus–war das nicht immer derselbe Düngerhaufen? Mit dem Roman von Mann und Weib, der ebenso langweilig in der Erzählung wie im Leben ist war es vorbei. Man mühte versuchen, den Roman des Hundes zu schreiben. »Wie boshaft sie sind – ein Buch, das ihn so viel Mühe gekostet hat – denn schließlich, nicht wahr? – der – die –« flüsterte der arme Toni mit schwerem Herzen ganz leise Geneviéve zu, die in einer Ecke des Kaffeehauses neben ihm saß. »Ja, du hast recht, sie sind boshaft. Mir scheint, sie vergiften sich mit schlechter Tinte – ihre Bücher trocknen sie so aus, sie haben zu viel gelesen, obendrein in zu jungen Jahren. Sie wissen gar zu viel. Dazu kommt der grimmige Wettbewerb, der Ehrgeiz, der Erste zu sein, der Erste im Leben wie auf dem Gymnasium, den andern auf die Köpfe zu steigen, alle zu zermalmen.« Antonin lächelte traurig. »Tantchen, dann danke ich meinem armen Vater, daß er mir keine höhere Bildung zuteil werden ließ, da das Wissen die Menschen grausam macht.« »Nein, mein Junge, das Wissen hat die Menschen noch nie böse gemacht, allein ein Kind, das das Leben noch nicht geschmeidig, weise gemacht hat, kann das Gelernte schlecht anwenden,« widersprach Geneviève. »Das ist bei unserm Raimund geschehen. Er besitzt ein zärtliches Herz und hat doch ein sehr grausames Buch geschrieben.« Er fuhr zusammen. Sie waren seit Stunden beisammen, hatten es aber vermieden, von dem Roman des Bruders zu sprechen, als sei dies ein peinliches, gefährliches Thema. »Ja, ein Buch, das uns alle zum Weinen gebracht hat,« fügte sie mit dem tiefen Ton hinzu, den ihre Aufrichtigkeit allen ihren Worten verlieh. Er wollte antworten, aber Raimund trat sehr aufgeregt, mit weißen Lippen auf sie zu. Er hielt ein offenes Zeitungsblatt in der Hand – zweifellos eine wütende Kritik seines Buches. Er beugte sich zu Geneviève herab und sagte zitternd: »Ich bitte dich, Madame Nas wird den ›Zentaur‹ und › Les Tourbillons célestes ‹ singen; geh zu ihr, laß dir nichts anmerken.« Sie gehorchte und verließ den Tisch, ohne ein Wort zu sprechen. Er legte die Zeitung, die er in der Hand hielt, sofort vor dem Bruder nieder und bezeichnete mit einem Nagelstrich sowie einigen ganz leisen Worten eine bestimmte Stelle. »Ich wollte in ihrer Gegenwart nicht davon sprechen, denn der Name Marquès macht sie immer traurig; aber lies das – in den letzten Nachrichten ...« Toni durchflog, kaum die Lippen bewegend, das folgende Entrefilet: »Der Konseilspräsident und seine Familie sind soeben von einem furchtbaren Unglück betroffen worden. Fräulein Florence Marques, die Stieftochter Herrn Valfons, ist heute nachmittag plötzlich in blühender Gesundheit im Ministerpalais verschieden. Sie war kaum zwanzig Jahre alt.« »Diese Burschen sind wahrlich zu komisch, bringen mich wirklich zum Lachen, wenn sie uns die Maler des Alltäglichen nennen!« murmelte der junge veristische Romanschriftsteller. »Was für ein Drama, was für ein Geheimnis, meinst du, liegt nicht in dieser einfachen Lokalnachricht!« XIII Ein Held Es war am Anfang des Frühlings, einige Monate nach der letzten Reise Antonins nach Paris. Der brave Junge hatte, umgeben von seinen Dynamomaschinen, dem gelben Nebel der Themse und dem Geräusch des Wassers unter seiner zitternden Fabrik, Monate voll erbitterter Arbeit und unerschütterlicher Illusionen verbracht. Trotz der schlechten Nummer, die er bei der Konskription gezogen hatte, schrieben Pariser Freunde mit großer Sicherheit, daß er kraft seiner Gebrechen, seines Stotterns, seiner Augenschwäche frei werden würde. Zuletzt hatte er selbst daran geglaubt, bis heute morgen ... Oh, der schreckliche, regnerische, finstere Aprilmorgen, als er aus dem Revisionsrate zurückkam, in den Laden der Damen Eudeline eintrat und ihnen verzweifelt zurief: »Tauglich, meine Lieben!« Entschieden, wenn der Glückshändler, von dem ich euch erzählte, an diesem Tage an dem Laden »Zur Wunderlampe« vorübergegangen wäre, so hätte er auch diesmal nicht den Wunsch empfunden, sich dort niederzulassen. Hinter den hohen, von Regen triefenden Scheiben, wo die blauen, grünen und rosa Lämpchen gleich Stücken eines zerbrochenen Regenbogens funkelten, nahm es sich gar traurig aus, wie die Mama zusammengebrochen hinter dem Ladentische saß und ihren Kummer mit Sedativwasserkompressen einlullte, während Toni ihr gegenübersaß und voll Entsetzen daran dachte, daß er nun fünf Jahre in der Marineinfanterie dienen müsse. Dort hatte ihn seine schlechte Nummer eingereiht. Dinachen aber hatte bei dem Gedanken, daß sie so lange fern von diesem Bruder leben mühte, den sie vergötterte, dem sie ihr ganzes Herz vertraute, einen Zornanfall bekommen, von dem sie noch zitterte. O Gott, was sollte ohne das gute, warme Herz Tonis, ohne all die Zärtlichkeit, die Hilfe, die aus seinen kleinen, wimperlosen Augen strahlte, aus ihnen werden? – Dazu kam noch, daß sie von ihrem Claudius seit einem Monat keine Nachricht mehr hatte, nichts von ihm wußte, als daß er nicht mehr im Engadin wohnte. Das liebe Dinachen! Es gehörte viel Mut und Vertrauen zu ihren Medaillen dazu, um sie zu zwingen, am Leben wieder Gefallen zu finden und trotz all dieser Trauer, dieses finsteren Himmels, dieser kotigen Straßen so wie jeden andern Tag ins Amt zu gehen. Während sie vor dem Spiegel den Hut aufsetzte und die Handschuhe anzog, hörte sie, wie die Zeitungsverkäufer auf der Straße schrien: »Verlangt den ›Matin‹, Fall des Ministeriums, letzte Augenblicke des Kabinetts Valfon!« Der Fall des Ministeriums ließ sie gleichgültig, aber was für ein gespensterhaftes Menuett, was für einen unvergeßlichen Abend beschwor der Name Valfon für sie herauf! Oh, die Marquisen und die Schäferinnen, der funkelnde Atlas und die Hirtenstäbe, die schöne Florence Marquès, die so geheimnisvoll verschwand, die an jenem Wintertag, an dem so viel Schnee fiel, auf einem mit weißen Rosen überschütteten Wagen von weißen Pferden davongetragen ward! Sie schüttelte ihre blonden Locken, um diese Gespenster zu verjagen, und schob ihren Beutel unter den Arm. »Auf Wiedersehen, Mama. Kommst du mit, Toni?« Nein, Toni hatte keine Zeit, sie zu begleiten. Er mußte für das Londoner Haus Kunden besuchen, für das Pariser Apparate bestellen, dann bei seinem Chef, Herrn Esprit, essen, einen Augenblick zum Bruder hinaufgehen, um ihm die böse Nachricht mitzuteilen – das war mehr, als er tun konnte. Die Kleine blieb mit der Hand auf der Klinke stehen. »Es ist doch sonderbar, daß auch ich Raimund nicht besuchen kann, weil er gewisse Personen bei sich empfängt – ich, die sich so viel Mühe gegeben hat, seine Vorhänge zu nähen, sein ganzes Ankleidezimmer zu drapieren. Und nun darf ich es mir nicht einmal ansehen!« Ein heiterer Blitz zuckte durch ihre blauen Augen. »Du hast wohl diese hübschen Damen bei ihm getroffen, was, Brüderchen? Sind sie wenigstens nett?« »Dina!« rief Mama Eudeline mit drohender Stimme. Aber die Tür hatte sich schon geschlossen, und der kleine runde Hut samt dem Beutel wanderte bereits dem Haupttelegraphenamt zu. »Der Fall des Ministeriums ... letzte Nachrichten vom Kabinett Valfon!« schrien die abscheulichen Zeitungsverkäufer, und die kleine Telegraphistin dachte, während sie in dem seinen Regen die breite, mit Tümpeln bedeckte Fahrbahn des Boulevard Saint-Germain überschritt: »Ich weiß einen, der den Fall des Ministeriums wünschte, der sehr glücklich sein muß, weil er nun Genugtuung finden und die Valfons, die Marc Javels bestraft sehen wird, die ihn behandelten, als ob es im Staatsdienst gar zu viele brave Leute gäbe.« Und siehe, auf demselben Trottoir wie die Kleine kam aus der Richtung des Palais Bourbon der, an den sie eben dachte. Dina erkannte ihn an seiner kurzen, massigen Gestalt, an der breiten Husarenhose, die er allein seit langer Zeit trug, an diesem langen weißen Bart, der in dem damaligen Paris nur in dem des Malers Meissonier einen Nebenbuhler besaß. Nun, Pierre Izoard sieht an diesem Morgen sonderbar aus, aber der Fall des Ministeriums hat mit seiner Aufregung, die keine freudige zu sein scheint, nichts zu tun. Er schreitet mit wütenden Gebärden, einer gewalttätigen Miene einher, wie sie Dina an ihm noch nie bemerkt hat. Ohne sie zu sehen, ohne stehenzubleiben, geht er an ihr vorüber, und die Leute drehen sich nach dem herumfuchtelnden und laut sprechenden kleinen Manne um. Was ist dem Vater Genevièves widerfahren? Vielleicht ist es das Ende der Session, das herannaht, und zugleich mit ihm der Augenblick, da der alte Stenograph sein Amt verlassen, aus dem Palais Bourbon fort muß, wo er seit mehr als zwanzig Jahren hauste ... Wie doch alles sich verändert, wie voll von Krümmungen, von Überraschungen das Leben ist! Dina erinnert sich an die schönen Sonntagabende, die sie mit dem Tantchen in der kleinen Wohnung im Sullyhofe verbrachte. Konnte man sich ein behaglicheres, wärmeres Heim, ein innigeres Zusammenleben als das des alten Vaters und seines Töchterchens vorstellen? Wenn man sie jetzt besuchte und ausnahmsweise alle beide zu Hause traf, fühlte man, daß sie befangen, einander fremd waren, und wurde rasch von ihrem Unbehagen angesteckt. Warum? Ist das ein Gesetz des Lebens? Ist es vom Schicksal bestimmt, daß wir uns mit dem Alter verwandeln, düsterer, herber werden, oder sind wir Opfer der Umstände? Unter solchen Philosophien ist die kleine Telegraphistin an der Ecke der Rue de Grenelle fast gegenüber dem Haupttelegraphenamte angelangt. Vor dem Eingang hält eine Equipage, und der Amtsdiener steht ehrerbietig mit der goldbortierten Mütze in der Hand vor dem Schlag. Als er Fräulein Eudeline herankommen sieht, signalisiert er sie einem sehr langen, sehr mageren, gefärbten alten Herrn mit allzu schwarzem Bart und Augenbrauen und allzu glänzenden Augen. Er springt sofort aus dem Coupé, macht dem jungen Mädchen einen Schritt entgegen, betrachtet sie einen Augenblick aufmerksam, wie ein tüchtiger Seidenweber ein Stück Seide untersucht, dann schnalzt er ein paarmal mit Kennermiene mit der Zunge und stellt sich vor. »Ich bin der Papa, Fräulein ... Tony Jacquand, Senator aus Lyon ... Claudius ist in Paris und wünscht Sie zu sehen. Ich gestehe, ich begreife ihn, besonders seit fünf Minuten. Kommen Sie rasch, ich fahre mit Ihnen in die Rue Cambon.« Im Telegraphenamt ertönte das Geklingel der Ablösung im Dienst. Ein Gewimmel von Angestellten beiderlei Geschlechts drängte und kreuzte sich unter dem Tor; jeder, der vorüberging, besonders die Frauen, betrachteten neugierig die kleine Eudeline, die ein Senator im Wagen abholte. Bis in den späten Abend herrschte infolge dieses Besuches in den Arbeitssälen, dem Waschzimmer, der Garderobe große Aufregung. Eine andre als Dina hätte Angst bekommen, wenn sie an der Seite dieses alten Lebemanns mit den dunkeln Augen, dessen lange Beine den ganzen Platz einnahmen, allein im Wagen gesessen hätte. Aber die kleine Götzenanbeterin hatte ihre Schutzgötter bei sich und strahlte vor naiver Freude. »Oh, Herr Jacquand, ich bitte Sie, sagen Sie mir, wie es ihm geht,« wandte sie sich sofort zu dem alten Tony. Das klang so offen, so rein, daß das Herz des Vaters gerührt ward. »Besser, viel besser, liebes Kind,« antwortete er spontan. »Ich halte ihn für gerettet.« Allein gleich darauf verbesserte er sich mißtrauisch: »Aber ich sage Ihnen gleich: bis die Genesung vollständig ist, wird es noch ein, anderthalb, zwei Jahre dauern. Ihr werdet zwei Jahre warten müssen, ehe ihr heiratet. Hören Sie, Kleine?« Zehn Jahre, wenn er wollte – unter der Bedingung, daß sie von Zeit zu Zeit solch eine köstliche Zusammenkunft haben konnten. Als sie in der Rue Cambon anlangten, sah sie ihn, mit einem Reiseplaid über den Knien, den Arm auf die Lehne des Fauteuils gestützt, in einer Fensteröffnung sitzen. Die beiden großen Fichten auf der andern Seite der Straße ließen ihn blasser erscheinen. Er kam ihr magerer vor, Stirn und Augen sahen größer aus und besaßen jenen ergebenen Zug, mit dem langes Leiden junge Gesichter stempelt. Als er sie erblickte, klatschte er in die Hände und rief atemlos vor Freude: »Vater, Vater, wie herzig sie ist!« Mit einem Satze lag sie vor ihm auf den Knien und drückte, schmiegte sich an seinen Fauteuil, während Tony Jacquand sich bei dem andern Fenster an einem mit Zeitungen bedeckten Tisch niederließ. »Die Blätter sind heute sehr unterhaltlich,« sagte er mit seinem schleppenden, breiten Lyoner Akzent zu den Liebenden. »Ich werde hier eine Stunde lang lesen; ihr habt also eine Stunde Zeit, um euch eure Dummheiten zu erzählen. Dann werde ich das Fräulein in ihr Amt zurückführen und Frau Eudeline meinen Besuch abstatten.« »Aber ihr wißt, erst in zwei Jahren,« fügte er hinzu, indem er sich mit drohend erhobenem Finger nach ihnen umwandte. »Ja, Vater, in zwei Jahren.« Und nun kümmerten sie sich nicht mehr umeinander. Der ehemalige Lyoner Seidenweber buchstabierte seine Zeitung laut vor sich hin, um das Gelesene besser zu verstehen, die jungen Leute flüsterten sich, dicht aneinandergeschmiegt, die hübschen Nichtigkeiten zu, die sie einander zu sagen hatten, und es entspann sich zwischen ihnen ein Dialog über Politik und Liebe, ähnlich dem Gezwitscher der Sperlinge und Amseln im Garten unter ihren Fenstern, das mit dem Geschrei der Zeitungsverkäufer auf der Straße abwechselte: »Der Fall des Ministeriums – der letzte Tag des Kabinetts Valfon!« * Dieser Lärm durchzog Paris seit dem frühen Morgen und erfüllte es mit seinem Echo in allen Stadtteilen, in allen Stockwerken. Während des Frühstücks bei Esprit Cornat, bei allen Kunden, die Antonin untertags besuchte, hörte er von dem ebenso lärmend wie geschickt angekündigten Fall des Ministeriums reden. Als er in der Wohnung Raimunds anlangte, deklamierte dieser gerade über die Neuigkeit des Tages, während er sich vollends ankleidete und dabei von seinem Ankleidezimmer nach dem Salon hinüberstrebte. Dort erwarteten ihn ein paar richtige Hungerleidergesichter, die mit der ultrakorrekten Kleidung sowie mit der anmaßlichen Sprache der jungen »Gefräßigen« nichts gemein hatten. Nachdem der ältere Eudeline dem jüngeren leutselig die Wange hingereicht hatte, setzte er, ohne sich die Mühe zu geben, ihn vorzustellen, seinen unterbrochenen Satz fort. »Täuschen Sie sich nicht, meine Herren, die Branntweinbrennerfrage, über die das Kabinett Valfon fiel, gehört zu den ernstesten Fragen. Dieses einzige Mal hatten die Gauner das gute Recht auf ihrer Seite, aber schließlich ist es doch besser, wenn man die braven Leute sich mit gesunder Arbeit befassen läßt. Was mich betrifft, so werde ich, wenn ich je in die Kammer komme ...« »Da sind deine Handschuhe, mein Lieber,« sagte Geneviève, indem sie sich dem Redner näherte. Sie trug einen wollenen Schlafrock, und ihre schönen, für ihr Köpfchen zu schweren Zöpfe waren nachlässig aufgesteckt. »Du weißt doch, was deinem Bruder zugestoßen ist?« fuhr sie mit leiser Stimme fort. Während sie eine Minute miteinander sprachen, stand Antonin schüchtern in einer Ecke des Salons und betrachtete sie. Der müde, entmutigte, sogar leidende Ausdruck des jungen Weibes, das er bei seiner letzten Abreise in strahlender Gesundheit zurückgelassen hatte, fiel ihm auf. Der Bruder, der mit seiner sonnigen Hautfarbe und seinen goldigen Locken immer prächtig aussah, hatte in seinem Benehmen etwas Zynisches und Ungeniertes angenommen. Auch seine Redeweise war nicht mehr dieselbe. Er schritt auf den Kleinen zu und legte ihm gönnerhaft den Arm um die Schultern. »Mein armer Alter, du bist also zur Marine gekommen – nun, was willst du, fünf Jahre gehen auch vorüber, so wie alles.« Toni nahm einen Anlauf, um zu antworten: »Besonders, wenn ich dich in der Nähe unsrer Mutter weiß, Raimund ...« Aber er hatte nicht die Zeit dazu; Raimund war bereits, von seinen beiden Lakaien und dem schwermütigen »Auf Wiedersehen!« seiner Freundin begleitet, bei der Tür angelangt. »Ja, ja, auf Wiedersehen,« preßte der hübsche junge Mensch mit gelangweilter Miene hervor. Als sie allein geblieben waren, fragte Antonin das Tantchen, ob sein Bruder Kummer hätte; er finde ihn ganz verändert. »Nicht doch, es ist nichts, ich versichere dich; Raimund ist immer derselbe.« Der jüngere Bruder wußte, was er zu denken hatte. »Geht denn die ›Französische Familie‹ nicht?« fuhr er fort. »Mir scheint, es wurde gar nicht darüber gesprochen.« Das wollte Tantchen nicht zugeben; im Gegenteil, man hatte sehr viel von dem Buche gesprochen. Für einen Neuling konnte man nichts Besseres wünschen. Man hatte sich nur getäuscht, als man glaubte, daß das Werk eines Unbekannten viel Geld eintragen würde. Der arme Raimund, der immer mit seiner Verantwortlichkeit beschäftigt war, hatte in dieser Hinsicht eine grausame Enttäuschung erlitten. Glücklicherweise war es damit zu Ende. »Hat er vielleicht gar die Literatur aufgegeben?« fragte Toni. »Ich sehe da drüben ganze Haufen von wissenschaftlichen Büchern.« Er deutete mit erschreckter Miene auf den mit medizinischen Büchern bedeckten Tisch inmitten des Salons. Geneviève gestand ein wenig befangen, daß Raimund das Schreiben in der Tat für den Moment, oh, nur für den Moment, aufgegeben habe. »Verstehst du, die Konkurrenz ist zu groß. Jeder will schreiben. Dabei gibt es keine Maut, keine Überwachung – und dann sind in diesem Beruf gar zu viele neidische und boshafte Menschen. Ich war zufrieden, als ich sah, daß er sich mit der Medizin befaßte.« Antonin fand, daß dieser Gedanke tatsächlich trefflich sei. »Und wie mutig machte sich der liebe Junge daran, wie mutig überwand er den Widerwillen, den die Häßlichkeit, die Krankheit in ihm erweckten!« »Ja, er ist so schön,« seufzte der jüngere Bruder. »Oh, ich war Zeugin, was für Anstrengungen er machte,« fuhr Geneviève fort. »Aber wirklich, die Anatomie widerte ihn zu sehr an, er konnte nicht.« Toni sah sie verzweifelt und entmutigt an. »Freilich, wenn er nicht konnte...« »Seit einigen Tagen beschäftigt er sich mit Politik. Er besitzt Sicherheit, eine wohlklingende Stimme –« Während sie sprach, erhob sie sich, um die Fenster des Salons zu öffnen, den die Morgenbesucher mit einem starken Pfeifengeruch durchtränkt hatten. »In Charonne soll ein Gemeinderat gewählt werden. Man hat ihn aufgefordert, zu kandidieren. Aber dazu gehört viel Zeit, viel Geld.« »Euch fehlt wohl Geld?« stammelte Antonin errötend. »Die Vorschüsse für sein ... nun, nicht wahr? – der – die – Dingsda – müssen schon längst hin sein?« »O nein, noch nicht.« Jenes Schweigen, jene Befangenheit entstand, die diese Geldfragen immer zwischen ihnen hervorriefen. Plötzlich ertönte ein heftiges Klingeln. Es war Sophie Castagnozoff. Ihre Brille saß schief, das nasse Haar klebte ihr an den Wangen. Beim Eintreten warf sie ihren durchnäßten Hut auf den Tisch und fiel der Freundin um den Hals. »Raimund ist fortgegangen? Dann gebe ich dir einen Kuß, dann bitte ich dich um Verzeihung und gleichzeitig auch den Kleinen dort, da ich das Glück habe, ihn hier zu treffen.« Geneviève machte sich sehr kalt von ihr los, aber die Kosakin ließ nicht locker. »Laß mich in Ruhe, du wirst doch nicht gegen deine alte Casta die Stolze spielen ... Nun ja, ich habe mich geirrt, Raimund ist ein braver Junge, der Schändlichkeit, deren ich ihn anklagte, nicht fähig. Ich kenne den wirtlichen Angeber, der Lupniak der Polizei auslieferte. Er kam zu mir, um das zu tun, was ich hier tue, nämlich um Verzeihung zu bitten. Aber davon werden wir später reden. Vor allem haben wir etwas Dringenderes zu tun.« Sie schöpfte, vor Aufregung, vom Treppensteigen fast erstickt, Atem, dann verkündigte sie die schreckliche Nachricht. In einer Stunde, vielleicht noch früher, würde Pierre Izoard hier sein. Entsetzt stützte sich Geneviève mit beiden Händen auf den Tisch. »Mein Vater! Dann ist es aus!« Antonin versuchte, sie zu beruhigen. War es denn so bestimmt? Woher wußte Sophie es? »Woher ich es weiß? Von Ihrer Schwester, mein lieber Toni, von Ihrer entzückenden kleinen Dina. Sie traf Herrn Izoard bei Ihrer Mutter, und obwohl sie selbst erschüttert ist – ihr werdet heute abend erfahren, warum –, dachte sie daran, ihre Freunde vor der ihnen drohenden Gefahr Zu warnen. Wie es scheint, kam ein anonymer Brief, der dem Vater Geneviéves mitteilte, daß seine Tochter nicht bei Sophie Castagnozoff arbeite. Wenn er wissen wolle, wo und wie sie ihre Zeit verbringe, so brauche er sich nur auf dem Boulevard Saint-Germain Nummer 1 in den vierten Stock zu begeben.« »Wenn das so ist, läßt sich nichts mehr machen,« murmelte Geneviève in verzweifeltem Ton. »Nein, da ist nichts zu machen,« bestätigte die Russin, aber in einem ganz andern Tonfall. »Wenn dein Vater kommt, dich hier bei mir trifft – so arbeitest du eben mit mir; da sind unsre Bücher, unser Tisch. Vor dem Tisch stehen sogar zwei Sessel. Für den Fall, daß er vor dem Heraufsteigen sich erkundigt, habe ich Frau Alcide meine Weisungen gegeben. Wenn er geradeswegs heraufkommt, werde ich mit ihm schon reden.« Antonin, der mit bestürzten Blicken die Möbel, die Portieren untersuchte, um zu sehen, ob nichts Kompromittierendes vorhanden sei, wurde plötzlich von einem Argwohn durchzuckt. »Weiß denn Herr Izoard nicht, daß Raimund hier wohnt?« »Auf jeden Fall war er nie da,« entgegnete Casta rasch. »Sie kommen schon lange Zeit gar nicht zusammen; er grollt ihm wegen seines Buches, wegen seiner Liebschaft mit Frau –« Sie wollte sagen: Frau Valfon, bemerkte es aber und brach rasch ab. »Übrigens laßt mich nur machen, ich habe schon schlauere Untersuchungsrichter als Pierre Izoard genasführt. Er schreckt mich nicht, das schwöre ich euch.« Geneviève richtete sich mit einer Bewegung der Empörung empor. »Nein, danke, genug der Lügen; ich will nichts mehr davon wissen. Das Leben, das ich führe, ist mir schließlich verhaßt geworden. Erstens bin ich sehr ungeschickt, und dann dauert das schon zu lange. Der arme Mann, er hat nur mich auf der Welt, und ich verurteile ihn zu beständigem Mißtrauen. In manchen Augenblicken könnte man glauben, daß er mir die Mühe und Schmach einer Lüge ersparen will. Wenn ich heimkomme, wenn ich fortgehe, fragt er nicht einmal mehr: Wohin gehst du? Woher kommst du? Wir sind wie Fremde. Ach, es würde euch Mühe kosten, unser kleines, lustiges Haus in Morangis zu erkennen. Wir sprechen nichts mehr miteinander, haben uns nichts mehr zu sagen, wagen uns kaum anzublicken, schauen die ganze Zeit beiseite. Mein Gott, mag er kommen, mag es ein Ende nehmen!« »Du bist verrückt, er wird dich umbringen!« rief die Kosakin, indem sie in die Höhe sprang und ihr Knabenhaar hinters Ohr schüttelte. »Du kennst ihn doch, diesen alten Römer, der auf seine Virginia stolz ist und Recht über Leben und Tod über sie zu haben glaubt.« Wie herzzerreißend Tantchen lächelte. »Umbringen ... Und dann –« Sophie war empört. »Und dann? Du weißt, daß der arme Alte dich nicht überleben könnte! Und dann, Raimund – was soll ohne dich aus ihm werden? Außerdem gibt es noch andre, die dich lieben.« »Ach ja,« seufzte der arme Toni, und sein unterdrücktes Schluchzen rief ein Geräusch hervor wie ein Anker, der seine Kette durch die Steine reißt. Geneviève schüttelte traurig den Kopf. »Nein, wenn es mir gelingt, ihm heute, sogar einige Zeit lang die Wahrheit zu verbergen, so muß er sie doch eines Tages kennen lernen – ein Augenblick wird kommen –« Sie machte eine unbestimmte Bewegung, indem sie einen mitleidigen Blick auf sich selbst warf, den Sophie allein verstand. »Ach, du dummes Ding,« sagte sie ganz leise und aufgeregt. Ich habe dich doch oft genug gewarnt, habe dir doch oft genug gesagt, in was für eine Falle du gehst – aber das macht nichts, wir haben noch vier, fünf Monate Zeit, wir werden uns schon herausziehen. Denken wir vorerst an das Dringendste. So, unser Jüngster wird hinuntergehen und sich bei den Alcides niedersetzen. Ich habe sie vorbereitet, aber es kann eine Ungeschicklichkeit vorfallen, übermäßiger Eifer oder sonst etwas Unvorhergesehenes –« »Ich habe verstanden – der – die – Dingsda –. ich gehe schon.« Er stürzte der Treppe zu, aber Sophie hielt ihn zurück. »Mir fällt etwas ein, warte –« Die kleinen Augen der Slawin funkelten vor Verstand und Schlauheit, während sie eine Karte aus der Tasche zog: Dr. Sophia Castagnozoff Ehemalige Internistin der Pariser Spitäler Gründerin des Kinderspitals Toni brauchte vor dem Fortgehen nur noch die Karte an die Tür anzuheften. Das würde ein Beweis mehr sein. Geneviève wartete, bis er draußen war, dann sagte sie mit ihrer schönen, ernsten Stimme und sehr bleichem Gesicht: »Ich bitte dich Sophie, ziehe mich in deine Komödie nicht hinein; mein Herz ist zu voll, ich könnte nicht –« Casta drückte zwei laut schmatzende Küsse auf die Wangen ihrer Kameradin, dann packte sie sie bei den Schultern und schob sie hinaus. »Wir brauchen dich ja gar nicht, Kind. Marsch, fort in dein Zimmer.« Tantchen hatte sich gerade zurückgezogen, als auf der Treppe der sonore Baß Pierre Izoards ertönte. Er dankte Frau Alcide, die mit heraufgegangen war, um ihm zu öffnen, und nun in ihrem Vorstadton antwortete: »Nichts zu danken, mein Herr, nichts zu danken; ich tat es nur, um meine Mieterin nicht zu stören.« Der Vater Genevièves trat mit zögernder Miene ein. Sein Gesicht sah durch seine widerstreitenden Gefühle komisch, zugleich kläglich und freudig aus. Aber wenn er beim Kommen noch einige Zweifel gehegt hatte, so wurden sie durch den ruhigen Empfang Sophie Castagnozoffs, die inmitten ihrer medizinischen und pharmazeutischen Bücher, der Statuten und Prospekte des Kinderspitals an ihrem Arbeitstisch sah, vollends zerstreut. Nichts blieb zurück als die Verlegenheit, den Grund seines Kommens erklären zu müssen. »Ich dachte, daß Sie in Ivry wohnen, liebe Sophie. Sie sind also ausgezogen?« Sie ließ sich, obwohl er diese ziemlich unerwartete Frage, nur um etwas zu sagen, im natürlichsten Ton gestellt hatte, nicht in Verwirrung bringen und wies ihm den leeren Stuhl neben sich an. »Oh, ich bin schon lange von Ivry fort,« antwortete sie. »Das Abenteuer Lupniaks und die Haussuchungen der Polizei verleideten mir dieses Stadtviertel. Aber setzen Sie sich doch, Herr Izoard.« Der Alte hörte nicht zu. Er lächelte und strich sich den langen Bart, was bei ihm ein Zeichen lebhafter Erregung war. Als sie sich dem Tische näherten, erblickte er unter den Papieren, die ihn bedeckten, mit einem Male ein Porträt seines Töchterchens. Ach, wenn er sich nicht zurückgehalten hätte, wenn er das teure Bild mit beiden Händen ergreifen, an seinen Mund hätte drücken können! »Darf man wissen, Maître Pierre, was uns diesen außerordentlichen Besuch verschafft?« fragte die Russin, während zwei grüne Flämmchen durch ihre goldene Brille zuckten. »Ich ahne, daß Sie nicht wegen Sophie Castagnozoff herkommen – ja, ja, ich weiß, daß Sie dieser Kinderdiebin grollen. Leider arbeitet Geneviève heute im botanischen Garten von Bayon. Hätten Sie sie gern gesprochen?« »Geneviève? Nein, liebe Sophie, ich möchte sogar –« Er hatte sich an ihrer Seite, dicht neben dem Tische niedergelassen, ergriff ihre Hände und fuhr ganz leise fort: »Wenn Sie Ihrem alten Freunde ein Vergnügen machen wollen, so sagen Sie meinem Kinde nicht, daß ich bei Ihnen war. Sie wird wissen wollen, zu welchem Zweck ich kam, und ich müßte erröten, wenn das brave Mädchen etwas ahnen würde. Eines Tages werde ich Ihnen, aber nur Ihnen allein erzählen, welcher Schändlichkeit ich zum Opfer gefallen bin, was für ein furchtbarer Verdacht mich hierher führte, aber ich beschwöre Sie, Geneviève nie... Wenn nur die Hausverwalterin ihr nichts sagt,« unterbrach er sich plötzlich. »Nicht wahr, das ist die Hausverwalterin, diese Frau mit dem Rattlerkopf, die mir auf der Treppe nachlief?« Sophie beruhigte ihn. Seit der Heilung des Kindes waren Alcide und seine Frau ihr ganz ergeben. Aus diesem Grunde hatte sie sogar mit diesen braven Leuten ein seltsames Erlebnis gehabt. Sie zündete eine ihrer großen russischen Zigaretten an und begann, von einer Rauchwolke umgeben: »Pierre Izoard, Sie erinnern sich, wen ich für den Angeber Lupniaks hielt, und mir scheint, auch Sie teilten meinen Argwohn. Nun denn, wir haben uns geirrt – der einzige Schuldige ist der Gatte Frau Alcides, ein ehemaliger Kommunard. Zehn Jahre Bagno und Galeerenarbeit haben ihn mürbe gemacht, und er hat noch immer eine solche Ehrfurcht, eine solche Angst vor unsern Polizisten, daß er ihnen nichts abschlagen kann. Aber als der arme Teufel sah, daß ich sein Kind, seinen kleinen Unheilbaren geheilt hatte, wurde er von solcher Reue ergriffen, daß er sich wochenlang in seiner Loge vergrub, ohne sie zu verlassen, ohne ein Wort zu sprechen. Heute früh hielt er es nicht mehr aus und kam samt seiner Frau, um mich schluchzend um Verzeihung zu bitten. Ich verzieh unter der Bedingung, daß er mir beistehen solle, Lupniak zur Flucht zu verhelfen; denn Sie können sich wohl denken, daß ich alles zu diesem Zwecke versuchen werde. Ja, selbst wenn ich meine Abreise um sechs, um zehn Monate hinausschieben müßte, habe ich mir geschworen, daß der brave Kamerad sein Leben nicht in Neuguinea beschließen soll. Ich werde ihn als Krankenwärter nach Kalkutta mitnehmen.« Der Marseiller stand auf. »Meine liebe Sophie,« rief er strahlend, »ich teile nicht Ihre Sympathie für die wilden Tiere, aber an dem, was Sie mir mitteilen, freut mich eines, nämlich der Gedanke, daß Raimund mit der Verhaftung dieses Mannes nichts zu tun hat. Ich freue mich für meinen alten Viktor Eudeline, der seinen Söhnen das Beispiel eines heldenmütigen Todes gab, ich freue mich für seine arme Frau und die ganze ehrenhafte Familie. Der Kleine hat schließlich doch recht gehabt, sein Bruder ist mehr wert, als ich dachte. Nicht er ist schlecht, sondern die Generation, eine Generation gelehrter, grausamer kleiner Mandarinen. Aber da wiederkäue ich schon wieder, und mein Töchterchen kann jeden Augenblick zurückkommen.« Der Groll des guten Mannes gegen die Jugend, jenes bei ihm zur Manie gewordene Unverständnis der Wesen und Ideen der neuen Zeit, sollte wenige Tage später einer recht unerwarteten Probe unterworfen werden. »Hören Sie, man muß gerecht sein. Was würden Sie sagen, Kamerad, wenn unter diesen jungen Ungeheuern ...« Es war an einem Abend desselben Aprilmonats, in dem weißgoldenen Salon eines altertümlichen Restaurants in der Umgebung der Bastille, in jenen berühmten »Sergents de la Rochelle«, von denen der Marseiller immer sprach, die im Jahre achtundvierzig, sogar in den ersten Zeiten des zweiten Kaiserreichs berühmt gewesen waren. Ehe man sich zu Tische setzte, während auf einige verspätete Gäste gewartet wurde, disputierte Esprit Cornat mit seinem alten Freunde. »Ja,« rief er, »was würden Sie dazu sagen, wenn ich unter dieser Generation, die Tausende von Meilen von uns entfernt ist, die kein Ideal, keinen Glauben besitzt, plötzlich einen Heiligen, einen Helden entdeckt hätte?« Die lange, dünne Gestalt des ehemaligen Mitglieds der Konstituante, mit dem dichten, weißen, gelockten Stirnhaar über einem unbehaarten Raubvogelprofil, stand vor dem Kamin. Pierre Izoard lag auf einem niedrigen Fauteuil behaglich ausgestreckt, und sein allegorischer Bart hing bis zur Erde nieder. »Ein Held in der jetzigen Jugend,« widersprach er ganz empört. »Ich meine die bürgerliche, dressierte Jugend, die Kant, Hartmann, Wagner und Nietzsche an den Fingern herzuzählen weiß, die sich über die alten Narren von achtundvierzig lustig macht, den zwölften Dezember für berechtigt, die Revanchemänner von Anno siebzig für höchst lächerlich hält – ein Held unter diesen kleinen Kracken! Das glaube ich nicht, lieber Freund!« Er dämpfte die Stimme und deutete auf die guten Gesichter aller dieser sonntäglich gekleideten Buchhalter, aller dieser Elektrizitätsarbeiter in ihren allzu glänzenden Überziehern, die schweigsam und befangen unter den Kronleuchtern und Vergoldungen des pomphaften Wartesaales standen. »Sehen Sie doch, was in diesem Augenblick hier vorgeht. Um die Abreise Antonin Eudelines zu feiern, haben Sie heute abend alle seine Kameraden aus der Fabrik, alle Ihre Werkmeister versammelt, sogar Herrn Alexis, den ehemaligen Kassierer der Firma Eudeline. Erst vor einer Weile sah ich ihn in seinem ganz mit Reif bedeckten, altertümlichen Rock mit dem Kutscherkragen, den ich seit vierzig Jahren an ihm kenne, eintreten. Ach, die braven Leute, die wackeren Seelen! Ohne Ausnahme sind sie Ihrem Rufe gefolgt. Der einzige, der natürlich fehlt, ist der, nach dem die Augen des Kleinen mit der größten Ungeduld spähen, ist der ältere Bruder Raimund, einer von jenen jungen Bürgern, von denen wir sprachen.« Herr Esprit, der ebenfalls die Tür im Auge behielt, lächelte bedeutungsvoll. »Raimund ist vielleicht heute sehr beschäftigt.« »Durchaus nicht. Er läßt auf sich warten, weil unsre Versammlung, ein so sentimentales Fest, in einer entlegenen Gegend, im denkbar schlechtesten Wetter nichts Unterhaltendes für ihn hat. Denn ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß wir heute den zwölften April haben, und daß es schneit – das gehört übrigens zur allgemeinen Zerrüttung. Es gibt keinen Frühling, keine Jugend mehr. Man könnte sagen, daß ich fasele, aber als ich zwanzig Jahre alt war, betitelten die jungen Dichter ihre Erstlingsverse ›Aprillieder‹, ›Frühlingsgedichte‹. Das ist jetzt nicht mehr möglich.« Der Rechnungsführer Alexis, ein dicker, gelblicher, vom Alter verblichener Bürger von Belleville, war schüchtern nähergetreten. »Gestatten mir die Herren, sie daran zu erinnern, daß am Geburtstage Louis Philipps, am zehnten April, die Nationalgarde ihre weißen Beinkleider anzog und jeder gute Pariser an diesem Tage seinen Nankinganzug anlegte.« »Nanking, das spricht für das Datum,« meinte Esprit Cornat. »Am Nachmittag des zehnten April wurden lebende Enten paarweise vom Pont Royal in die Seine geworfen,« fuhr der Rechnungsführer fort. »Die Jungen versuchten, sie schwimmend zu erreichen, und ich gewann zwei Jahre hintereinander drei Paar.« Der Marseiller begann zu lachen. »Nun, springen Sie doch mal bei der heutigen Temperatur ins Wasser!« Ein Tafelmeister, der so majestätisch und kahlköpfig war, daß er einer der großen Staatskörperschaften hatte präsidieren können, fragte Herrn Esprit ganz leise, ob angerichtet werden solle. »Warten wir noch,« sagte der Alte. Der Tafelmeister verschwand und mit ihm die Vision einer ungeheuern, hufeisenförmig gedeckten, mit Blumen und Kristall beladenen Tafel in dem hellbeleuchteten Nebensaal. Dieses endlose Warten machte Antonin sehr unglücklich. Gewiß, dieses große Diner, das der Chef ihm zu Ehren gab, das zugleich ein Dank für die Vergangenheit und eine vor allen eingegangene Verpflichtung für die Zukunft bedeutete, das herzliche Lächeln seiner Kameraden in der Fabrik, die sein Leben alle so gut kannten, die Achtung aller dieser Arbeiter konnten ihn stolz machen! aber gegen die Abwesenheit seines Bruders kam nichts auf. Oh, sein bester Freund, sein großer Bruder fehlte bei diesem Abschiedsmahl, verursachte ihm einen solchen Schmerz! Warum? Weil er sich in der Gesellschaft von Arbeitern, von Werkmeistern befinden würde. War denn nicht ihr Vater ein Arbeiter gewesen, würde Antonin es nicht sein ganzes Leben lang sein? Übrigens war Raimund seit einiger Zeit nicht mehr derselbe gegen ihn. Wenn der jüngere Bruder ihn besuchte, schien er ihn zu fliehen, sich vor ihm zu verstecken. Heute, als Toni am Boulevard Saint-Germain vorüberkam, traf er nur Geneviève zu Hause, eine zerstreute, geistesabwesende Geneviève, deren Kälte am Vorabend einer so langen Abwesenheit ihm unverständlich war. Das Tantchen hatte ihm gar keine Wärme, gar keine Zärtlichkeit gezeigt, deren er doch so sehr bedurfte. »Geh, mein Kind; es gibt noch größeres Unglück als das deinige.« Diese Worte, die gewöhnlich bei andern so kläglich klingen, hatte sie mit einer gleichgültigen, matten Miene gesprochen, die er nicht mehr vergessen konnte. Was also ging in dem Hause des Bruders vor? Wie stand es mit ihrem Glück? Würde Raimund sich nicht entschließen, sie zu heiraten, würde er sie ihr Opfer bis zu Ende bringen lassen? Darüber sowie über manche andre Dinge wollte er sich an diesem Abend mit dem älteren Bruder auseinandersetzen. Er gedachte, die Begeisterung der Toaste, den nächtlichen Heimweg zu zweien längs der Kais zu benutzen, um mit ihm zu sprechen, wie er es noch nicht gewagt hatte. Aber was für Mittel gab es, wenn Raimund nicht zum Diner kam? Abermals erschien feierlich der Tafelmeister, allein diesmal folgte ihm Esprit Cornat nach einigen leise gesprochenen Worten in das Nebenzimmer. Ein Augenblick der Angst, der Stille entstand, das Licht schien gleichsam zu erbleichen, und alle Blicke richteten sich zögernd auf Antonin, der sehr aufgeregt den Rücken krümmte und sein nickendes Köpfchen furchtsam in einen Rockkragen zurückzog, in dem er verschwinden konnte. »Ich weiß nicht mehr als ihr,« schien das stumme Zittern der dicken Lippen und das Blinzeln seiner armen Augen der Versammlung zu antworten. Plötzlich öffneten sich beide Türflügel mit zeremoniösem Geräusch groß und weit, und in dem leuchtenden, blumengeschmückten Rahmen, den der Festsaal und die ungeheure Tafel bildeten, erschien die hohe Gestalt des ehemaligen Mitglieds der Konstituante. An seinem Arm befand sich ein schlanker junger Marineinfanterist, dessen blonder Schnurrbart und gelbe Epauletten im Licht der Kronleuchter leuchteten. »Liebe Freunde,« sprach der Alte mit starker Stimme, »hier stelle ich euch Raimund Eudeline vor, Freiwilligen im fünften Seebataillon. Ihm zu Ehren habe ich euch alle heute abend vereinigt, denn der mutige Junge tritt als Ersatzmann seines Bruders in den Militärdienst, und ihm verdanken wir es, daß wir unsern Kameraden in der Fabrik behalten können.« Ein Sturm von Bravos und Füßestampfen begrüßte die heldenmütige Tat, noch ehe die Versammlung sie recht verstanden hatte. Antonin, bleich wie ein Nachtwandler, schwieg und streckte die Arme aus. Sein Bruder trat auf ihn zu, ergriff seine beiden Hände und sprach, während das Hurrageschrei sich verdoppelte: »Brüderchen, die Kleine hat recht, die wahre Stütze der Familie, der wahre älteste Sohn der Witwe warst du; ich war nur die Titularstütze. Das begriff ich ein bißchen spät, aber ich habe es jetzt begriffen. Du wirst nicht Soldat werden, Tonichen; da ich der Fahne folge, bist du frei.« Dann wandte er sich zu dem alten Vater, der mit dem triumphierenden Esprit Cornat auf sie zukam. »Pierre Izoard, werden Sie mir den Kummer verzeihen, den mein Buch Ihnen bereitet hat?« Der tief erschütterte Marseiller suchte nach einer ausdrucksvollen Antwort, und allerlei griechische und lateinische, auch provenzalische Sätze, geschichtliche Zitate aus seiner Professorenzeit fielen ihm ein. Zuletzt breitete er weit die Arme aus, drückte den Helden an seine Brust und rief, während zwei dicke Tränen ihm längs der Backen über das rote, geschwollene Gesicht herabliefen, mit Donnerstimme: » Boun bougré !« Alle, die das südfranzösische Volk, seine echten Ausrufe, seine echte Begeisterung kennen, wissen, daß Pierre Izoard für seine Bewunderung keinen typischeren Ausdruck finden konnte. XIV Ein Schwächling Auf hoher See. Meerenge von Bonifacio. Das ist meine Beichte. Ich schreibe sie für Dich, mein Antonin, für Dich allein, und sie kostet meinem Stolz ein großes Opfer, erleichtert mich aber auch. Ich will nicht in der Maske eines Heuchlers, gleich einem Helden umjubelt, fortgehen, während ich im Grunde nur ein Feigling bin. Dir wenigstens, dessen Zärtlichkeit mir immer verzeihen konnte, Dir wage ich alles zu sagen. Du sollst die Wahrheit kennen. »Ein Feigling« ist vielleicht zu stark ausgedrückt. Mauglas war ein Feigling, aber wenn ich auch vor allen meinen Pflichten zurückschreckte, so bin ich nie so wie er zu niedrigen Taten herabgesunken. Sagen wir, ich bin ein Schwächling, eine Wucherpflanze, und diese Schwäche hat noch die Entschuldigung, daß sie sich vom Todestage unsers Vaters herschreibt. Jene tragische Erschütterung, die für Kinder zu heftig war, rief bei Dir Sprechschwierigkeiten hervor, bei mir nichts Auffälliges, aber eine Zerrüttung des Organismus. Worin sie besteht, weiß ich noch immer nicht. Bis dahin ein sehr guter Student, stolz auf meine Erfolge, war ich fortan nur noch ein mittelmäßiger Schüler, so fleißig wie früher, wenn möglich noch hochmütiger, aber alle Anstrengungen führten zu nichts. War meine Willenskraft geschwächt worden? Wahrscheinlich. Auf jeden Fall scheint mir, daß von diesem Tage an nur die Oberfläche von mir lebte; darunter war alles leer, unterminiert wie die Tiefen, die das Meer da drüben, uns gegenüber in dem glänzenden Schwarz der Basaltfelsen, unter den weißen Häusern von Bonifacio gräbt. Trotzdem hat mir meine Gymnasialzeit eine köstliche Erinnerung hinterlassen, weil das Leben dort geregelt, die Arbeit, sogar die Erholungsstunden obligatorisch waren. Geh rechts, geh links, sagte man mir, und ich gehorchte mit Entzücken, genoß die Freude, in Reih' und Glied zu marschieren. Ich erinnere mich, als die andern Schüler die Schule mit Freuden zu verlassen schienen, machte es mir Vergnügen, daß ich noch ein paar Monate dort verbringen konnte, um mich auf die Ecole Normale vorzubereiten. Außer den Wonnen des automatenhaften Lebens schob dieser verlängerte Aufenthalt im Gymnasium jene schreckliche Verantwortlichkeit hinaus, die mein Vater mir im Sterben hinterlassen hatte. Die Aussicht auf diese Pflicht war meine beständige Sorge, und dabei hatte ich die Überzeugung, daß ich sie nicht erfüllen konnte. Oh, was für ein Grauen hat der »Hamlet« in meinem Geiste zurückgelassen! Wie liebte, wie beklagte ich diesen armen Prinzen! ... Hamlet und »die von ihrem Stein erdrückte Karyatide«, die wunderbare kleine Marmorstatue von Rudin, die ich immer auf dem Schreibtisch Marc Javels bewunderte, die ihm wie ein Fetisch in die zahllosen Ministerien folgte, wo Pierre Izoard und ich ihn aufstöberten. Ja, der schmerzliche Ausdruck dieser Frauengestalt unter dem Ungeheuern, harten Monolith, der ihren Rücken zermalmte, und das verzweifelte Lächeln des Prinzen von Dänemark – das waren die zwei furchtbaren Symbole, die während meiner ganzen Jugend meine künftige Lebensaufgabe darstellten. Du siehst, ich hatte die väterliche Erbschaft ernst genommen. Warum gelang es mir nicht besser, da doch der gute Wille da war? Wir gaben die Schuld dem abscheulichen Handwerkszeug, der Schwierigkeit, eine Familie mit Latein und Philosophie zu ernähren – o nein, der Arbeiter selbst, seine Arme waren zu schwach. Aber das wollte mein Stolz bis zuletzt nicht zugeben. Ach, diese Ironie des Lebens! Wenn ich bedenke, wie ich bei uns, in unsrer ganzen Umgebung, in Deiner Fabrik, lieber Antonin, in den Bureaus des Kriegsministeriums, wohin Herr Esprit mich führte, um mir eine rasche Überfahrt zu verschaffen, kurz, überall beglückwünscht, ermutigt wurde. »Das ist eine schöne Tat, junger Mann ...« Eine schöne Tat? ... Ich riß einfach aus. Verantwortlichkeiten, Pflichten, Lasten, die für die schwache Karyatide zu schwer sind – ich entschlüpfte euch allen! Ich floh vor der Familie, die ich nicht erhalten konnte, vor der Ehe, der Frau, dem Kinde. Denn Geneviève wird bald Mutter sein, und im voraus sah ich die Augen Pierre Izoards auf mich gerichtet: »Heirate meine Tochter, oder ich töte dich!« Auch vor dieser doppelten Drohung ergriff ich die Flucht. Ich fühlte mich dieser doch so einfachen Sache nicht gewachsen und fürchtete sie beinahe wie den Tod. Ein Heim, einen eignen Herd bauen, Kinder erziehen, ihnen ein Beispiel geben, ihnen eine Laufbahn wählen – vor all dem habe ich Furcht, vor all dem weiche ich zurück. Wenn Du wüßtest, wie viele junge Leute es gibt, die so sind wie ich! Mein Plan, an Deiner Stelle Soldat zu werden, schreibt sich von Deiner letzten Reise nach Paris zum Revisionsrat her. Nach so vielen unfruchtbaren Anstrengungen in der Literatur, in der Medizin, in der Politik dachte ich, daß ich wenigstens zu etwas gut sein würde. Als ich zum ersten Male mit Tantchen davon sprach, sagte sie bloß: »Armer Junge!« –kein Wort über sich selbst oder über ihr Kind. Was dachte sie sich, als sie mich fliehen sah? Bewunderte auch sie mich? Glaubte sie an die Erhabenheit meiner Aufopferung? Ich zweifle daran – sie kennt meine Schwäche besser als jede andre und hat mich vom ersten Tage an nur deswegen geliebt. Sie ist viel mehr Mutter als Weib und Geliebte, ich war für sie immer ihr »armer Junge«. Da sie fühlte, daß ich nicht die Kraft hatte, meine Aufgabe zu erfüllen, wollte sie mir helfen und opferte sich bis zu Ende für mich. O Brüderchen, ich bitte Dich, verlasse sie nicht; Dir vertraue ich sie an. In kurzer Zeit wird die unglaubliche Heirat unsers kleinen Aschenbrödels Dir die Sorge um den Haushalt erleichtern; wenn Dina Frau Claudius Jacquand ist, wird sie unsre Mutter nicht hinter dem Ladentisch sitzen lassen. Dann denke an das gute, großmütige Mädchen, beschäftige Dich mit ihr und mit dem Kinde. Erinnere Dich, daß sie aus mir einen Mann zu machen versuchte und daß es ihr selbst um den Preis aller ihrer Anstrengungen nicht gelang. Vielleicht wird es Euch beiden gelingen, Euch mit dem Kleinen, den sie zur Welt bringen soll. Ich schreibe auf meinem Tornister, auf dem Vorderdeck des »Irawaddy«, bei einem Essigwetter, wie die Leute es nennen. Wundere Dich also nicht, wenn meine Sätze und Grundstriche durcheinander geraten. Durch den Einfluß des Senators Tony Jacquand, Deines Chefs, Herrn Esprit, wurde es mir unter andern Begünstigungen auch gestattet, mich nicht im Depot von Toulon aufhalten zu müssen, sondern geradeaus nach Kotschinchina zu fahren, wo mein fünftes Bataillon liegt. Dort drüben werde ich das Automatenleben führen, das ich so liebe: eins, zwei, eins, zwei – rechts, links – rechts, links! Ich werde nicht einmal die Verantwortlichkeit haben, die der Korporalstreifen verleiht. Die Einförmigkeit der Tage wird die neue Umgebung mildern – riesige Pflanzen, nach Moschus duftende Flüsse und der fortwährende Reiz der Gefahr ... Da wir von Gefahr reden: mein Bettnachbar, ein Soldat der Fremdenlegion, zeigt mir in den furchtbaren Engwegen von Bonifacio, in die wir eben einfahren, auf den Felsen, die sich ganz dicht neben uns über die Oberfläche des Wassers erheben, einen weißen, flachen, von einem Kreuz überragten Grabstein. Hier ging während des Krimkriegs die »Sémillante« mit Mann und Maus, mit einer Besatzung von tausend Mann unter. Man fand alle tot auf diesem Lavezziinselchen, in Haufen, in Bündeln aneinandergeklammert, und begrub sie an derselben Stelle, wo sie gescheitelt waren. Das sind Tote, die man nicht besucht, Gräber, deren Blumenschmuck nicht oft erneuert werden mag. Trotzdem ist dieser kleine Père Lachaise mitten auf dem Meere verlockend, man muß dort gut schlafen können ... Es ist keine Gefahr, daß man dort die Föderierten niederschießt, daß man sich dort betrinkt und niedermetzelt wie auf den Friedhöfen von Paris. Der Sturm, der seit heute früh ging, hat plötzlich nachgelassen, aber das Meer ist unruhig; ungeheure Wellen unter einem blauschwarzen, unbeweglichen Himmel, ohne einen Luftzug. Von Zeit zu Zeit richtet sich das Schiff kerzengerade in die Höhe, so daß man glauben könnte, daß die im Vorderteil ausgestreckten Deckpassagiere bis zu den Schaukelstühlen der Passagiere erster Klasse hinabgleiten werden ... Stelle Dir vor, Brüderchen, gerade vorhin, während einer jener kurzen Visionen, da das ganze Schiff sich emporhob und von einem Ende bis zum andern sichtbar war, glaubte ich auf dem Achterdeck in einer Gruppe schwarz verschleierter Nonnen die Silhouette Frau Valfons zu sehen, und in noch größerer Nähe, mitten unter Krankenwärtern mit weißen, mit dem blauen Kreuz versehenen Armbinden, mit Kalmückennasen, die mich an Lupniak erinnern, das viereckige, ölige Gesicht unsrer Doktorin. Sie trug ihre goldene Brille und einen kleinen, mit gelben Blumen geputzten Hut. Was Sophie anbetrifft, bin ich meiner Sache sicher. Ich erinnere mich, daß ich einige Zeit vor meiner Abreise von Paris einen Artikel in der Zeitung las, der die bevorstehende Abreise der Expedition der Doktorin Castagnozoff nach Bombay ankündigte. Unter den Missionskinderlehrern wurde auch die über den Tod ihrer Tochter verzweifelte Frau Valfon genannt. Auch der von demselben Trauerfall betroffene ehemalige Minister des Auswärtigen wollte sich einschiffen, um sich den kranken Kindern zu weihen, und es bedurfte der Anstrengungen aller seiner Freunde, um ihn daran zu verhindern. Sie deuteten auf die Dienste hin, die er dem Lande noch leisten könne, auf unsern Mangel an Staatsmännern, an Politikern, und schließlich auf die wirklich allzu klerikale Seite eines wohl menschenfreundlichen, aber unter dem Schütze Dom Boscos gegründeten Werkes. Das wäre nicht der richtige Platz für einen Großmeister der Freimaurer. Der Artikel belustigte mich; ich erkannte die scheinheilige, grimassenschneiderische Sprache des ehemaligen Redakteurs des »Galoubet«. Aber das ist gleich, der Tartüff der Großloge mit seinem Antiklerikalismus geht nach. Die Uhr Marc Javels geht viel richtiger. Erinnerst Du Dich an die Zeit, da unser Vater starb? Der Marc Javel jener Epoche ging nicht in die Kirche, aber bei dem Begräbnis der armen Florence Marqués, während Valfon auf dem kleinen Platz hinter der Klothildenkirche auf und ab spazierte, sah ich, wie jener sich Stirn und Knie auf den Fliesen des Chors wund rieb. Neben ihm befand sich der verderbte junge Mann, der reizende Wilkie, der ebenfalls mit der Zeit geht und weiß, daß die wissenschaftliche Republik August Comtes sich überdauert hat. Ach, Pierre Izoard hatte recht: der Schlaueste von allen ist Marc Javel. Diese menschliche Ankerboje, dem Spiel der Winde und der Strömung preisgegeben, dient zu nichts und niemand, schenkt aber allen die Illusion, die er uns so lange verlieh, nämlich, daß man sich an ihn anklammern könne. Er wird es sicherlich weiter bringen als alle andern; denn da er nichts Höheres in sich hat, die Beredsamkeit eines Geschäftsreisenden, die Kenntnisse eines guten Provinzklubpräsidenten besitzt, verdunkelt er niemand und repräsentiert doch sehr gut. Außerdem kann Marc Javel nicht Latein, und das ist vielleicht das Geheimnis seiner Kraft. Toni, Tantchen, ich bitte Euch, laßt mein Kind nicht Latein lernen, laßt es keine klassischen Studien machen. Indem mein Vater das Gegenteil für seinen Sohn erbat, brachte er mich ins Unglück ...