Charles Dickens Martin Chuzzlewit Inhalt 1. Kapitel. Einleitung. Der Stammbaum der Familie Chuzzlewit 2. Kapitel. Worin dem Leser gewisse Personen vorgeführt werden, mit denen er, wenn er will, genauer bekannt werden kann 3. Kapitel. Es treten noch andere Personen auf 4. Kapitel. Woraus erhellen wird, daß, wenn Einigkeit stark macht, die Chuzzlewits die mächtigste Familie auf Erden sein müßten 5. Kapitel. Enthält einen ausführlichen Bericht über die Einführung des neuen Zöglings in den Schoß der Familie Pecksniff 6. Kapitel. Enthält nebst wichtigen Pecksniffschen und architektonischen Dingen einen ausführlichen Bericht über die Fortschritte, die Mr. Pinch in dem Vertrauen und der Freundschaft des neuen Zöglings machte 7. Kapitel. Mr. Chevy Slyme legt große Unabhängigkeit an den Tag, und dem blauen Drachen wird ein Glied ausgerissen 8. Kapitel. Was alles Mr. Pecksniff und seinen beiden lieblichen Töchtern auf der Reise nach London passierte 9. Kapitel. London und Todgers' Logier- und Kosthaus 10. Kapitel. Seltsame Dinge, von deren gutem oder schlimmem Einfluß viele Ereignisse dieser Geschichte abhängen 11. Kapitel. Worin ein gewisser Herr einer gewissen Dame seine besondere Aufmerksamkeit zollt und mehr als ein zukünftiges Ereignis seine Schatten vorauswirft 12. Kapitel. Geht, wenn auch nicht gleich, so doch später Mr. Pinch und andere sehr nahe an. Mr. Pecksniff spielt die Rolle des gekränkten Tugendboldes, und der junge Martin Chuzzlewit faßt einen verzweifelten Entschluß 13. Kapitel. Was aus Martin wurde, nachdem er Mr. Pecksniffs Haus verlassen, welchen Personen er begegnete, was er alles auszustehen hatte und was er für Neuigkeiten erfuhr 14. Kapitel. Martin sagt seiner Geliebten Lebewohl und erweist dem unbedeutenden Individuum, dessen Glück er zu machen gedenkt, die Ehre, sie seinem Schutz zu empfehlen 15. Kapitel. Sei mir gegrüßt, Columbia! 16. Kapitel. Martin besucht New York, macht einige Bekanntschaften und speist in einem Kosthause. – Was dabei alles vorfiel 17. Kapitel. Martin erweitert den Kreis seiner Bekanntschaften, erstarkt in der Weisheit und findet vortreffliche Gelegenheit, seine eigenen Erfahrungen mit denen Lummy Neds von den leichten Salisburywagen zu vergleichen 18. Kapitel. Handelt wiederum von der Firma Anthony Chuzzlewit \& Sohn. – Einer der Teilhaber tritt unerwarteterweise aus dem Geschäfte aus 19. Kapitel. Einige außergewöhnliche Mitglieder der medizinischen Fakultät treten auf. Der treffliche Mr. Jonas beweist abermals seine kindliche Liebe 20. Kapitel. Die Liebe 21. Kapitel. Einige weitere Erfahrungen in Amerika. Martin nimmt sich einen Associé und entschließt sich zu einem Landkauf. Eden, wie es auf dem Papier aussieht. Auch etwas vom britischen Löwen 22. Kapitel. Wieso und warum Martin selbst ein Löwe wurde 23. Kapitel. Martin und sein Kompagnon treten ihren Besitz an. Dieser erfreuliche Anlaß gibt Gelegenheit zu einem weiteren Bericht über Eden 24. Kapitel. Wie sich gewisse Liebesangelegenheiten weiter entwickelten. – Haß, Eifersucht und Rache 25. Kapitel. Handelt zum Teil von Berufsangelegenheiten und gibt dem Publikum manchen wertvollen Wink, wie man Kranke pflegt 26. Kapitel. Ein unerwartetes Zusammentreffen und eine vielversprechende Aussicht 27. Kapitel. Zeigt, daß alte Freunde nicht nur mit neuen Gesichtern, sondern auch mit fremdem Gefieder auftreten können. Desgleichen, daß manchmal der der Geleimte ist, der andere zu leimen denkt 28. Kapitel. Mr. Montague in seinem Heim und Mr. Jonas Chuzzlewit in dem seinigen 29. Kapitel. In dem sich manche Leute altklug benehmen, andere geschäftsmäßig, wieder andere geheimnisvoll, kurz, alle nach ihrer Weise 30. Kapitel. Es zeigt sich, daß selbst in dem besten Familienleben die Harmonie gestört werden kann 31. Kapitel. Mr. Pinch wird einer Pflicht enthoben, die er im Grunde genommen niemals hatte, und Mr. Pecksniff erfüllt eine Pflicht, die er der gesamten Menschheit schuldig zu sein glaubt 32. Kapitel. Handelt wieder von Todgers' und einer Pflanze, die dort im Verborgenen hinwelkte 33. Kapitel. Wie sich die Dinge in Eden weiter entwickelten. Martin geben allmählich die Augen auf 34. Kapitel. Mark und Martin begeben sich in die Heimat und begegnen unterwegs einigen hervorragenden »Köpfen des Landes« 35. Kapitel. Ankunft in England. Martin wohnt einer Feierlichkeit bei und ersieht, daß er während seiner Abwesenheit nicht vergessen wurde 36. Kapitel. Tom Pinch wagt sich nach London, um sein Glück zu machen. Was ihm gleich im Anfang begegnete 37. Kapitel. Tom Pinch verirrt sich und findet, daß es jemand anderem ebenso gegangen ist. Er häuft glühende Kohlen auf das Haupt eines gedemütigten Feindes 38. Kapitel. Allerlei Heimlichkeiten 39. Kapitel. Einige Einzelheiten über das Hauswesen der Geschwister Pinch sowie seltsame Neuigkeiten aus London, die Tom sehr nahe betreffen 40. Kapitel. Die Geschwister Pinch machen eine neue Bekanntschaft und kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus 41. Kapitel. Mr. Jonas und sein Freund kommen zu einer Einigung und brechen zu einer Geschäftsreise auf 42. Kapitel. Wie Mr. Jonas' und seines Freundes Unternehmen ablief 43. Kapitel. Betrifft das Glück mehrerer Personen. Mr. Pecksniff zeigt sich in der Fülle seiner Macht und handhabt sie mit ebensoviel Ritterlichkeit wie Großmut 44. Kapitel. Mr. Jonas und sein Freund setzen ihr Vorhaben ins Werk 45. Kapitel. Tom Pinch und seine Schwester leisten sich ein kleines Extravergnügen; selbstverständlich in den bescheidensten Grenzen 46. Kapitel. Miss Pecksniff macht Eroberungen, Mr. Jonas schneidet Gesichter, Mrs. Gamp bereitet den Tee und Mr. Chuffey phantasiert 47. Kapitel. Wie Jonas Chuzzlewits und seines Freundes Unternehmen endete 48. Kapitel. Nachrichten von Martin, von Mark und einer dritten gewissen Person. – Die Kindesliebe zeigt sich in sehr häßlichem Lichte und wirft einen bedenklichen Schein in eine bisher dunkel gebliebene Ecke 49. Kapitel. Mrs. Harris sät Zwietracht zwischen ein paar Freundinnen 50. Kapitel. Es begibt sich etwas, das Tom Pinch außerordentlich überrascht und dazu führt, daß zwischen ihm und seiner Schwester gewisse Dinge zur Sprache kommen 51. Kapitel. Wirft ein grelles Streiflicht auf so manches, das bisher dunkel geblieben, und enthüllt die Folgen des Unternehmens von Mr. Jonas und seinem Associé 52. Kapitel. Das Blatt wendet sich 53. Kapitel. Was John Westlock zu Tom Pinchs Schwester sagte; was Tom Pinchs Schwester zu John Westlock sagte; was Tom Pinch zu ihnen beiden sagte, und wie sie zusammen den Rest des Tages verlebten 54. Kapitel. Macht dem Autor große Sorge, da es das letzte in diesem Buche ist 1. Kapitel Einleitung. Der Stammbaum der Familie Chuzzlewit Da sich begreiflicherweise niemand, weder Herr noch Dame, der einigermaßen auf guten Ruf hält, für die Familie Chuzzlewit interessieren kann, ohne nicht zuvor über deren Alter und Stammbaum Erkundigungen eingezogen zu haben, so sei hier versichert, daß die Chuzzlewits zweifellos in gerader Linie von Adam und Eva abstammten und schon in den frühesten Zeiten zur Klasse der Grundbesitzer gehörten. Sollten daher Neidlinge einwenden, ein oder der andere Chuzzlewit habe jemals gar zu viel Familienstolz an den Tag gelegt, so wird man gewiß eine solche Schwäche nicht nur verzeihlich, sondern sogar löblich finden, wenn man bedenkt, wie hoch dieses Haus in Anbetracht seiner langen Ahnenreihe über allen andern steht. Es ist höchst bemerkenswert, daß sogar schon die älteste Familie, von der wir wissen, einen Mörder und Landstreicher aufzuweisen hatte; und ebenso stoßen wir auch stets in den Annalen jeder alten Familie auf unzählige Wiederholungsfälle desselben Charakterzuges. Man kann es vielleicht als Grundsatz aufstellen, daß, je länger die Ahnenreihe, um so größer auch die Summe von Gewalttat und unstetem Lebenswandel ist. Waren doch in alten Zeiten diese beiden nobeln Passionen als Mittel zur Wiederherstellung zerrütteter Vermögensverhältnisse sowohl wie als gesunde Leibesübung bei den Vornehmen gleich beliebt. Welche Quelle inniger Herzensfreude muß es daher sein, wenn man erfährt, daß die Chuzzlewits zu den verschiedensten Zeitepochen bei Verschwörungen, Mord und Totschlag mit beteiligt waren. Man sagt ihnen sogar nach, daß sie des öfteren, vom Scheitel bis zur Zehe in schuß- und hiebfesten Stahl gehüllt, ihre in Lederwämser gekleideten Söldner mit nimmerwankendem Mut in den Tod geführt hätten und sodann wohlbehalten zu den Ihrigen zurückgekehrt seien. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß wenigstens ein Chuzzlewit mit Wilhelm dem Eroberer nach England herüberkam und von Britannien Besitz ergriff. Es hat allerdings nicht den Anschein, als ob dieser erlauchte Ahne sich beim Besitzergreifen besonders ausgezeichnet hätte; – wenigstens fiel die Familie zu keiner Zeit besonders durch großen Grundbesitz auf. Und daß der große Normanne bei derartigen Eigentumsverleihungen an seine Günstlinge die Tugend der Freigebigkeit und Dankbarkeit ebenso frei entfaltete, wenn es galt, fremdes Gut zu verschenken, wie andere Große, ist doch allgemein bekannt. Es unterliegt ferner keinem Zweifel, daß ein Chuzzlewit bei der Pulververschwörung beteiligt war, wenn nicht gar der Erzverräter Fawkes selbst zu diesem merkwürdigen Geschlechte gehörte, was recht wohl möglich wäre, da der Sage nach einst ein gewisser Chuzzlewit nach Hispanien auswanderte und daselbst eine Spanierin ehelichte, mit der er einen olivenfarbigen Sprößling zeugte. Diese Annahme gewinnt noch an Wahrscheinlichkeit, wenn man erfährt, daß in späteren Zeiten viele Chuzzlewits, nachdem sie bei anderen Unternehmungen gescheitert, sich – offenbar erblich belastet – ohne die mindeste vernünftige Hoffnung, dadurch reich zu werden, oder aus sonst einem erdenklichen Grund als Kohlenhändler etabliert und Monat um Monat ohne Unterlaß düster bei einem kleinen Brennvorrat Wache gehalten haben, ohne daß sie auch nur ein einziges Mal mit einem Käufer ein Geschäft gemacht hätten. Die auffallende Ähnlichkeit zwischen diesem Verfahren und dem, das ihr großer Ahnherr in den unterirdischen Gewölben des Parlamentshauses von Westminster beobachtete, ist zu augenscheinlich und interessant, als daß es noch eines Kommentars bedürfte. Nicht minder klar ist durch mündliche Tradition erwiesen, daß zu irgendeiner nicht bestimmt angegebenen Epoche eine würdige Matrone lebte, die so vertraut mit dem Anschüren von Feuer aller Art – besonders von Liebesflammen – war, daß man sie nur die »Amorsfackel« nannte, unter welchem Spitznamen sie bis auf den heutigen Tag in der Familienchronik weiterlebt. Wer könnte da noch zweifeln, daß sie die Spanierin war – die Mutter von Chuzzlewit Fawkes! Es gibt indes auch noch einen anderen Beleg für die unmittelbare Beziehung dieser Familie zu jenem denkwürdigen Ereignis – der Pulververschwörung –, der jeden Zweifler, wenn es überhaupt nach den vorausgeschickten schlagenden Beweisen einen solchen noch geben kann, vollständig überzeugen muß. Noch vor wenigen Jahren befand sich nämlich im Besitz eines wohlhabenden und dabei höchst achtbaren und in jeder Hinsicht glaubwürdigen und makellosen Mitgliedes der Chuzzlewits eine Blendlaterne von unzweifelhaftem Alter. Und, was noch interessanter ist, sie sah genau so aus wie die, die noch heutzutage allgemein in Gebrauch sind. Der genannte Gentleman ist zwar jetzt tot, war aber jeden Augenblick bereit, einen Eid darauf abzulegen, und beteuerte wiederholt aufs feierlichste, er habe zu verschiedenen Malen seine Großmutter, wenn diese die ehrwürdige Reliquie betrachtet, sagen hören: »Ei ja! Diese Laterne hat mein vierter Sohn am fünften November als Guy Fawkes getragen.« Diese merkwürdigen Worte mußten natürlich einen tiefen Eindruck auf ihn machen, weshalb er es auch liebte, den Ausspruch häufig zum besten zu geben. Die richtige Auslegung liegt auf der Hand. Die alte Dame, zwar von Natur aus sehr stark an Geist, war immerhin gebrechlich und hinfällig und litt auch bekanntermaßen an jener Verwirrung der Ideen oder doch wenigstens der Sprache, die so oft eine Folge des Greisentums und der Geschwätzigkeit ist. Offenbar wollte sie sagen: »Ei ja! Diese Laterne wurde getragen von meinem Ahnherrn« – nicht vierten Sohn, was ein Anachronismus wäre – »am fünften November. Und dieser war Guy Fawkes.« Hier haben wir mit einem Mal eine bestimmte, klare und natürliche Erklärung, die im vollkommensten Einklange mit dem Charakter der Sprecherin steht. So offenkundig läßt die Anekdote nur diese und keine andere Deutung zu, daß es kaum verlohnt hätte, sie in ihrer ursprünglichen Fassung vorzutragen, wenn sie nicht einen Beweis abgäbe, was sich alles nicht nur in historischer Prosa, sondern auch in Versen bei nur ein bißchen Aufwand von Fleiß von seiten eines Kommentators bewerkstelligen läßt. Wohl verlautet, daß in neuerer Zeit kein Chuzzlewit auf vertrautem Fuß mit der feinen Gesellschaft gestanden hätte, aber auch hier müssen die schmähsüchtigen Verleumder, deren boshaftes Gehirn solche armseligen Erdichtungen schmiedete, vor den Tatsachen verstummen. Mehrere Mitglieder der Familie sind im Besitz von Dokumenten, aus denen aufs bestimmteste und in klaren Worten hervorgeht, daß ein gewisser Diggory Chuzzlewit sehr häufig beim Herzog Schmalhans zu Gaste war. Er war ein so stereotyper Gast an der Tafel dieses allgemein bekannten Edelmannes, und die Gastfreundschaft und Gesellschaft Seiner Gnaden wurde ihm so unablässig gewissermaßen aufgezwungen, daß er dieser Ehre nur mit Widerstreben entsprach und gelegentlich an seine Freunde schrieb: wenn sie sich nicht soundso dem Überbringer gegenüber verhielten, so bliebe ihm keine andere Wahl, als wieder bei dem Herzog Schmalhans zu Mittag zu essen. Das nur als Beispiel! Es wäre nutzlos, die hohe und stolze Stellung wie auch die ungemeine Bedeutsamkeit der Chuzzlewits zu verschiedenen Zeitepochen weiterhin zu erörtern. Sollte es in den Bereich vernünftiger Wahrscheinlichkeitsberechnung fallen, daß weitere Belege gefordert würden, so könnten sie zu wahren Bergen aufgeschichtet werden, deren Gewicht auch den verwegensten Skeptizismus zermalmen müßte. Wir haben über der Familiengruft bereits einen stattlichen Tumulus angehäuft und wollen es für dies Kapitel damit bewenden lassen. Nur als letzten Spaten Erde wollen wir hinzufügen, daß viele Chuzzlewits, sowohl männliche wie weibliche, nach dem höchst glaubwürdigen brieflichen Zeugnis ihrer Mütter fein geschnittene Nasen, ausgeprägte Kinne, Formen, die einem Bildhauer als Modell hätten dienen können, wunderschöne Gliedmaßen und so transparente glatte Stirnen hatten, daß die blauen verzweigten Adern darauf wie die Wege auf einer Himmelskarte durchschimmerten. Schon diese Tatsache allein würde jede Streitfrage hinsichtlich Herkunft mit einem Male erledigen, da bekanntlich alle diese Kennzeichen charakteristische Merkmale vornehmer Persönlichkeiten sind. Da nun ausreichend bewiesen ist, daß es den Chuzzlewits durchaus nicht an Herkunft fehlt und sie zu der einen oder andern Zeit sich einer Bedeutsamkeit erfreuten, die nicht ermangeln kann, sie für alle Wohlgesinnten zu einer sehr schätzenswerten Bekanntschaft zu machen, so mag ihre Geschichte jetzt ihren Verlauf nehmen. Da ferner aus dem Alter der Familie zu folgern ist, daß sie zur Begründung und Vermehrung des Menschengeschlechts einen hübschen Beitrag geliefert hat, so wird es eines Tages Zeit sein, darzulegen, daß diejenigen Familienglieder, die in diesem Buche aufgeführt werden, noch viele Ur- und Gegenbilder in der uns umgebenden großen Welt haben. Vorderhand mag es genügen, im allgemeinen zu bemerken, erstens: daß man recht wohl behaupten darf – ohne gerade die Theorie zu Hilfe zu nehmen, die den wahrscheinlichen Ursprung unseres Geschlechts auf die Affen zurückleitet –, daß so manche Menschen recht kuriose Stücklein spielen; und zweitens: daß es – unbeschadet der Blumenbachschen Lehre, die den Adamsabkömmlingen weit mehr charakteristische Ähnlichkeiten mit den Schweinen als irgend andern lebenden Wesen in der Schöpfung zumutet – wieder andere gibt, die auf eine ganz merkwürdig geschickte Weise für ihre eigne Haut zu sorgen wissen. 2.Kapitel Worin dem Leser gewisse Personen vorgeführt werden, mit denen er, wenn er will, genauer bekannt werden kann Es war schon recht spät im Herbst, als die sinkende Sonne, sich durch den Nebel kämpfend, der sie den ganzen Tag über verschleierte, ihre hellen Strahlen auf das kleine, nur eine schwache Tagreise von der schönen, alten Stadt Salisbury entlegene Dorf Wiltshire herniedersandte. Wie eine plötzlich aufblitzende Erinnerung die Seele eines Greises erhellt, goß sie ihre Herrlichkeit über die Landschaft, so daß entschwundene Jugend und Frische wieder neu aufzuleben schienen. Das feuchte Gras funkelte im Licht, die spärlichen grünen Flecken in den Hecken – wo noch ein paar belaubte Zweige ritterlich standhielten und bis auf den letzten Augenblick den schneidenden Winden und Frühreifen Widerstand leisteten – faßten sich ein Herz und wurden wieder lebensvoll und frisch; der Strom, der den ganzen Tag über trüb und verdrießlich dahingeflossen, zeigte ein heiteres Lächeln; die Vögel auf den nackten Zweigen begannen zu zwitschern, als glaubten sie voller Hoffnung, der Winter sei vorüber und der Frühling wieder im Anzuge. Der Wetterhahn auf dem spitzen Turmdach der alten Kirche glitzerte von seinem hohen Posten fröhlich herab, und die efeubeschatteten Fenster warfen einen solchen Lichterglanz auf den glühenden Himmel zurück, daß es schien, als seien in dem ehrwürdigen Gebäude zwanzig Sommer mit all ihrer Glut und Wärme aufgespeichert. Selbst jene Merkmale der Jahreszeit, die so bedeutungsvoll vom kommenden Winter flüstern, zierten die Landschaft und hatten für den Augenblick nicht den Anflug von Traurigkeit wie sonst. Das gefallene Laub strömte einen lieblichen Duft aus und dämpfte die rauhen Töne ferner Pferdehufe und Räder. Da und dort streute der Bauer die Saat oder zog geräuschlos mit dem Pflug anmutige Streifen durch die weiche braune Erde. An den reglosen Zweigen der Sträucher hingen Herbstbeeren wie Korallenschnüre in den Fabelgärten, wo die Früchte Juwelen sind. Bäume standen, ihres Schmuckes beraubt, inmitten eines Häufleins gelber Blätter und sahen ihrem eigenen langsamen Verfalle traurig zu. Andere trugen zwar noch ihr Laub, aber es war dürr und runzelig, wie verbrannt, und hie und da lagen um die Stämme in roten Hügeln die Äpfel aufgehäuft, die sie dieses Jahr getragen. Nur die tapfern Immergrüns blickten ernst und düster drein, als seien sie von der Natur berufen, die Lehre zu verkündigen, daß es nicht immer die gefühlvollsten und frohherzigsten ihrer Lieblinge sind, denen sie die längste Lebensfrist gewährt. Quer durch ihre dunkeln Zweige hindurch brachen die Sonnenstrahlen Bahnen von tieferem Gold, und das rote Licht, das sich um ihre schwärzlichen Äste legte, diente ihnen als Folie, um den Glanz und die Pracht des sterbenden Tages noch zu erhöhen. Ein Augenblick, und die Herrlichkeit war versunken. Die Sonne stieg hinab hinter die langen, dunkeln Berg- und Wolkenreihen, die im Westen eine luftige Stadt bildeten, Mauer auf Mauer und Zinnen auf Zinnen getürmt. Verschwunden war das Licht, das blinkende Turmdach wurde kalt und dunkel, der Strom vergaß sein Lächeln, die Vögel verstummten, und allüberall lagerte sich der Trübsinn des Winters. Da erhob sich ein Abendwind, und die Zweige krachten und raschelten zu seiner stöhnenden Musik, als führten Totengerippe einen Tanz auf. Die welken Blätter fuhren auf – aus ihrer Ruhe gestört –, wie um Schutz zu suchen vor seinem kalten Hauch; der Landmann spannte die Pferde aus und führte sie, das Haupt gesenkt, mit eiligem Schritt nach Hause. Aus den Fenstern der Hütten begannen die Lichter zu schimmern und in die dunkel werdenden Felder hinauszublinken. Jetzt erwachte die Dorfschmiede zu ihrer ganzen glanzvollen Macht. Die eifrigen Blasbälge brausten ihr »Ha ha« dem hellen Feuer zu, das sausend Antwort gab und zu dem fröhlichen Klingen des Hammers vergnügt leuchtende Funken tanzen ließ. Das rote Eisen wetteiferte mit diesem Sprühen und warf freigebig glühende Edelsteine umher. Der starke Schmied und seine Gesellen führten so mächtige Schläge, daß selbst die melancholische Nacht froh wurde und Glut ihr dunkles Antlitz übergoß, wie sie durch Türen und Fenster herein neugierig einem Dutzend müßiger Zuschauer über die Schulter spähte. Wie gebannt standen die Gaffer da, warfen nur hin und wieder einen Blick in die Finsternis hinter sich, pflanzten ihre Ellenbogen noch träger und bequemer auf das Sims und lehnten sich noch ein wenig weiter hinein in die Schmiede – augenscheinlich ebenso wenig geneigt, sich zu entfernen, als hätten sie, wie Heimchen, ausdrücklich den Beruf, sich um die prasselnde Feuerstätte zu scharen. Hui, wie der zornige Wind, erst seufzend, dann heulend, um die lustige Schmiede brauste, das Pförtchen auf und zu schlug und im Schornstein toste, als wolle er den braven Blasebalg verhöhnen, daß er so gehorsam arbeite. Ein ohnmächtiger Prahlhans war er trotz all seines Lärmens! Wenn er überhaupt einen Einfluß auf seinen rauhen Kameraden übte, so war es höchstens der, daß dieser sein fröhliches Lied noch lauter sang und das Feuer noch heller brennen und die Funken noch lustiger tanzen machte. Endlich sprühte es so toll ringsum, daß es dem sauertöpfischen Wind zu arg wurde und er mit einem Geheul entwich und dabei dem alten Schild vor dem Wirtshause einen Tritt gab, daß der blaue Drache sich noch höher als vorher aufrichtete und später – vor Weihnachten – ganz aus seinem morschen Rahmen herausfiel. Für einen respektabeln Wind war es recht kleinlich, seinen Grimm an so armen Dingern wie den gefallenen Herbstblättern auszulassen. Kaum hatte er nämlich sein Mütchen an dem armen Drachen gekühlt, da stieß er auf einen großen Haufen Blätter und wirbelte sie so durcheinander, daß sie wild hierhin und dorthin flogen, sich überstürzten, auf ihren dünnen Kanten einherrollten, wahnsinnige Luftfahrten machten und im Übermaße ihrer Verzweiflung die außerordentlichsten Possen trieben. Und noch nicht zufrieden damit, sie umherzujagen, sonderte er eine kleine Partie ab, hetzte sie nach der Sägegrube eines Wagners und unter die Planken und das Werkholz im Hofe, spürte ihnen unter dem Sägemehl, das er in die Luft streute, wieder nach; und wenn er sie erwischte – o je, wie er ihnen da auf den Fersen folgte. Es war eine schwindelnde Jagd, sie gerieten an unbesuchte Orte, wo kein Ausgang war und ihr Verfolger sie nach Belieben umherwirbeln konnte; sie krochen unter die Dachrinnen der Häuser und klammerten sich wie Fledermäuse dicht an die Seiten der Heuschober an; sie flogen zu offenen Stubenfenstern hinein und kauerten sich ins Gehege – kurz, allenthalben suchten sie Schutz. Das Possierlichste, was sie jedoch ausführten, war, daß sie sich das plötzliche Aufgehen von Mr. Pecksniffs Haustüre zunutze machten und wild in den Flur hineinstürmten. Der Wind kam gleich hinter ihnen drein, und da er die Hintertüre offen fand, blies er augenblicklich die Kerze, die Miss Pecksniff in der Hand hielt, aus und schlug die Haustüre mit solcher Gewalt Mr. Pecksniff an die Brust, daß dieser im Nu an der untersten Treppe auf dem Rücken lag. Dann solcher kleinlichen Heldentaten müde, eilte er lärmend von hinnen und fuhr über Moor und Wiesen, Tal und Hügel, bis er auf die See hinausgeriet, wo er mit andern zu gleichen Possen aufgelegten Freunden zusammentraf und eine lustige Nacht durchmachte. Inzwischen lag Mr. Pecksniff, der von einer scharfen Treppenkante jene Art von Kopfstück erhalten hatte, die im Schädelinnern den bekannten Lichtertanz zu erzeugen pflegt, mit friedlichem Starrblick auf der Schwelle und sah seine Haustüre an. Es schien, als gebe ihm dieser Anblick mehr zu denken als die gewöhnlichen Haustüren, denn er blieb eine unsinnig lange Zeit liegen, ohne sich zu vergewissern, ob er Schaden genommen oder nicht. Ja, er gab nicht einmal eine Antwort, als Miss Pecksniff mit so schriller Stimme, daß sie ganz gut einer erzürnten jugendlichen Windsbraut hätte angehören können, durch das Schlüsselloch ein »Wer ist da!« rief. Und als die junge Dame die Türe abermals öffnete, die Kerze mit der Hand beschattend hinausschaute und herausfordernd nach jeder Richtung blickte, nur nicht dorthin, wo er lag, gab er weder einen Laut von sich, noch deutete er im geringsten den Wunsch an, aufgehoben zu werden. »Oh, ich habe dich ganz gut gesehen«, rief Miss Pecksniff dem vermeintlichen Schelm nach, der, wie sie glaubte, geklopft und dann Reißaus genommen hatte. »Aber wir werden dich schon kriegen, Bürschchen!« Mr. Pecksniff sagte noch immer nichts, vielleicht weil er sein Teil schon »gekriegt« hatte. »Du bist jetzt um die Ecke, ich weiß schon!« rief Miss Pecksniff zwar aufs Geratewohl, aber es lag doch etwas Wahres darin, denn von Mr. Pecksniff, der eben im Begriffe stand, dem erwähnten Lichtertanz ein Ende zu machen und die Anzahl der Messingknäufe an seiner Haustüre von vier- oder fünfhundert, wie es ihm zuvor geschienen, auf etwa ein Dutzend zu reduzieren, ließ sich in gewissem Sinne wohl sagen, daß er »um die Ecke« wieder zu sich kam. Nach einer lautgekreischten Drohung mit Gefängnis, Konstabler, Rad und Galgen war Miss Pecksniff gerade dabei, die Türe wieder zu schließen, als Mr. Pecksniff, der noch immer unten am Treppenabsatz lag, sich auf einem Ellenbogen aufrichtete und nieste. »Himmel, welche Stimme!« rief Miss Pecksniff. »Mein Vater!« Bei diesem Ausruf stürzte eine zweite Miss Pecksniff aus dem Wohnzimmer, und dann zerrten die beiden jungen Damen unter allerlei unzusammenhängenden Redensarten Mr. Pecksniff in eine sitzende Stellung. »Papa!« riefen sie einstimmig. »Pa! So sprich doch, Pa! Mach kein so verstörtes Gesicht, liebster Pa!« Da aber ein Gentleman in einem solchen Falle erfahrungsgemäß nicht Herr seines Mienenspiels zu sein pflegt, so fuhr Mr. Pecksniff fort, Mund und Augen sehr weit aufzusperren und seine Kinnlade nach Art eines Nußknackers sinken zu lassen. Da ihm außerdem der Hut herabgefallen, sein Gesicht bleich, sein Haar gesträubt und sein Rock sehr schmutzig war, so bot er einen derartig kläglichen Anblick, daß keine von den beiden Misses Pecksniff ein unwillkürliches Aufkreischen unterdrücken konnte. »Macht weiter nichts«, sagte Mr. Pecksniff. »Ich fühle mich schon besser.« »Er kommt wieder zu sich!« rief die jüngere Miss Pecksniff. »Er spricht wieder!« stellte die Ältere fest. Und mit diesen frohen Worten küßten sie Mr. Pecksniff auf beide Wangen und trugen ihn ins Zimmer. Sodann eilte die jüngere Miss Pecksniff wieder hinaus, um seinen Hut, ein Paket, seinen Schirm, seine Handschuhe und andere verstreute Kleinigkeiten aufzulesen, worauf sie die Haustüre schloß und sich mit ihrer Schwester anschickte, im Hinterzimmer Mr. Pecksniffs Wunden zu verbinden. Diese waren nicht sehr bedenklicher Natur und beschränkten sich auf Hautschürfungen an denjenigen Teilen, die die ältere Miss Pecksniff an ihres Vaters Organismus »die Graupleten« nannte – nämlich an den Knien und Ellenbogen –, und außerdem auf das plötzliche Vorhandensein einer ganz neuen, dem Phrenologen unbekannten beulenartigen Erhöhung am Hinterkopf. Nachdem man diese Beschädigungen äußerlich mit Streifen von essiggetränktem Löschpapier und innerlich mit heißem Grog behandelt hatte, setzte sich die ältere Miss Pecksniff nieder, um den Tee zu bereiten, wozu bereits alles hergerichtet war, und die jüngere Miss Pecksniff holte inzwischen aus der Küche eine dampfende Schüssel mit Schinken und Eiern, setzte sie ihrem Vater vor und nahm dann auf einem Schemel zu seinen Füßen Platz, wodurch sie ihre Augen in gleiche Höhe mit dem Teebrett brachte. Aus dieser kindlichen Stellung darf jedoch nicht geschlossen werden, daß sie so jung gewesen wäre, um der Kürze ihrer Beine wegen auf einem Schemel habe sitzen zu müssen. Sie wählte diesen Platz lediglich aus Einfalt und Unschuld und weil alles an ihr mädchenhaft, neckisch und wildfangartig war. Sie war das schelmischste und zugleich harmloseste junge Mädchen, das man sich nur denken konnte, die jüngere Miss Pecksniff, und darin lag ihr größter Reiz. Sie war zu naiv, zu unschuldig, zu kindisch-lebhaft, die jüngere Miss Pecksniff, als daß sie hätte einen Kamm tragen, ihr Haar frisieren oder in Zöpfe flechten mögen. Sie trug es kurz und natürlich gelockt. Ihre Gestalt war ziemlich üppig und eigentlich frauenhaft, aber trotzdem trug sie bisweilen ein Lätzchen. Und wie bezaubernd ihr das dann stand! Oh, die jüngere Miss Pecksniff war wirklich das »Zuckergoscherl«, wie sie von einem jungen Herrn in der lyrischen Ecke einer Provinzzeitung genannt wurde. Mr. Pecksniff hingegen war der moralische Mann, – ein ernster Mann, ein Mann von nobler Denk- und Redeweise, der seine Tochter hatte Gratia taufen lassen. Gratia! Welch ein bezaubernder Name für ein Wesen von so reinem Herzen wie die jüngere Miss Pecksniff! Ihre Schwester hieß Charitas. Wie trefflich: Gratia und Charitas! Charitas mit ihrem gebildeten und hellen Verstande und ihrem milden, seelenvollen Ernst verdiente so recht diesen Namen und bildete ein schönes Seitenstück zu ihrer Schwester! Welch liebliches Bild, wenn man sah, wie sie sich liebten, miteinander sympathisierten, sich gegenseitig als Stütze dienten, füreinander lebten und doch, gewissermaßen als Gegensatz, einander gelegentlich tadelten und sich Hindernisse in den Weg legten! Und die Krone in diesem ganzen entzückenden Register von Eigenschaften war, daß die beiden hübschen Wesen sich alles dessen so gar nicht bewußt waren! Sie hatten nicht die mindeste Ahnung davon, ebensowenig wie Mr. Pecksniff. Die Natur spielte sie gegeneinander aus: die beiden Misses Pecksniff hatten durchaus keine Hand dabei im Spiele. Mr. Pecksniff, wie bereits erwähnt, war ein höchst moralischer Mann. Selbstverständlich! Vielleicht gab es überhaupt noch nie einen moralischern Mann als Mr. Pecksniff; namentlich aus seinen Gesprächen und Briefen ging das hervor. Einer seiner Bewunderer hatte einst von ihm gesagt, er trage einen wahren Fortunatussäckel von guten Grundsätzen in seinem Innern. In dieser Hinsicht war er fast wie das Mädchen in dem Feenmärchen, und wenn auch nicht wirkliche Diamanten von seinen Lippen fielen, so waren es doch glänzend nachgemachte von geradezu wundervollem Feuer. Er war ein höchst exemplarischer Mann und mit mehr Sittensprüchen ausgestattet als ein Schullesebuch. Einige wollten ihn mit einem Wegweiser verglichen wissen, der beständig nach einem Ort hinzeigt, aber nie selber hingeht. Doch das waren natürlich gehässige Feinde – weiter nichts als die Schatten, die sein Strahlenglanz erzeugte. Sogar seine Gurgel hatte etwas Moralisches. Man konnte einen guten Teil davon sehen, denn sie schaute über die niedere Umzäunung einer weißen Halsbinde hinweg, deren Schleife noch kein Sterblicher erblickt, da Mr. Pecksniff sie hinten zu binden pflegte, und da lag sie, ein Tal zwischen zwei Vorgebirgen von Vatermördern, friedvoll und bartlos vor dem erstaunten Auge des Beschauers. Sie schien für Mr. Pecksniff zu sagen: »Hier ist nicht Lug, nicht Trug, meine Damen und Herren; alles eitel Friede – eine heilige Ruhe durchdringt mich.« Ähnlich war es mit dem leicht ergrauten Haar, das, aus der Stirne gebürstet, bolzgerade in die Höhe stand oder sich in inniger Harmonie mit den Augenlidern leicht senkte. Dieselbe Biederkeit strahlten auch seine wohlgenährte, wenn auch nicht korpulente Figur und sein geschmeidiges, ölglattes Benehmen aus. Auch sein schlichter, schwarzer Anzug, sein Witwerstand, die baumelnde Lorgnette – kurz alles stand damit im Einklang und verkündete laut: »Seht, seht den moralischen Pecksniff!« Das Messingschild auf der Türe, das, da es Mr. Pecksniff angehörte, natürlich nicht lügen konnte, trug die Aufschrift: PECKSNIFF, ARCHITEKT, welchen Worten Mr. Pecksniff auf seinen Geschäftsadressen noch: UND GÜTERBESCHAUER hinzuzufügen pflegte. Letzteres konnte er in einem gewissen Sinne allerdings genannt werden, da er eine sehr umfassende Aussicht von den Fenstern seines Hauses aus genoß. Von seinen Taten als Baumeister wußte man nichts Bestimmtes. Sicher war, daß er nie einen Plan entworfen oder etwas gebaut hatte; aber trotzdem hieß es allgemein, seine Kenntnisse gingen in dieser Hinsicht in geradezu schauerliche Tiefen. Seine Berufstätigkeit beschränkte sich fast ausschließlich, wo nicht ganz, auf die Aufnahme von Zöglingen, denn das Zinseinsammeln für Haus- und Grundbesitzer, womit er sich hin und wieder zur Abwechslung beschäftigte, kann kaum ein architektonischer Akt genannt werden. Sein Genie betätigte sich darin, Eltern und Vormünder zu umgarnen und Pensionsgelder einzustecken. Kam ein junger Herr, nachdem auf ein Jahr vorausbezahlt worden, in Mr. Pecksniffs Haus, so borgte sich dieser von ihm sein Reißzeug aus, vorausgesetzt, daß es mit Silber ausgelegt oder in anderer Weise wertvoll war, ersuchte ihn, sich von diesem Augenblicke an als Mitglied der Familie zu betrachten, lobte ihn nach Umständen höchlichst bei seinen Eltern oder Vormündern und logierte ihn schließlich in einem geräumigen Zimmer im obern Stock ein, wo er in Gesellschaft einiger Zeichenbretter, Winkelmaße, steifbeiniger Zirkel und zweier oder dreier andrer junger Herren sich je nach dem Kontrakt drei oder fünf Jahre an Rissen der Salisbury-Kathedrale von jedem erdenklichen Gesichtspunkte aus vervollkommnen und im Bauen unzähliger Luftschlösser, Parlamentshäuser und anderer öffentlicher Gebäude nach Herzenslust üben konnte. An keinem Ort auf Erden wurden vielleicht je so viele prachtvolle Bauten dieser Art aufgeführt wie unter Mr. Pecksniffs Auspizien, und wenn nur der zwanzigste Teil der Kirchen, die in dieser »Schule« gebaut wurden – mit einer oder der andern Miss Pecksniff am Altare, um sich dem Architekten antrauen zu lassen – vom Parlamente für verwendbar erklärt werden könnte, so würde es mindestens für die nächsten fünf Jahrhunderte nicht mehr an Gotteshäusern fehlen. »Selbst die irdischen Dinge, die wir soeben zu uns genommen«, sagte Mr. Pecksniff, nach Beendigung seiner Mahlzeit um sich blickend, »selbst der Rahm, der Zucker, der Tee, die Röstschnitten, der Schinken –« »Und die Eier«, ergänzte Charitas mit leiser Stimme. »Und die Eier. – Selbst sie haben ihre Moral. Seht, wie sie kommen und verschwinden! Jede Freude ist vergänglich. Sogar essen können wir nicht – ewig. Wenn wir in unschädlichen Flüssigkeiten zuviel des Guten tun, bekommen wir die Wassersucht, und von aufregenden Getränken werden wir betrunken. Welche Beruhigung liegt nicht in diesem Gedanken!« »Sage nicht, Pa, wir werden betrunken«, bat die ältere Miss Pecksniff. »Wenn ich sage wir , meine Liebe«, erwiderte der Vater, »so meine ich die Menschheit im allgemeinen – das menschliche Geschlecht als Gesamtheit und nicht in seiner Individualität. Die Moral hat nichts Persönliches, meine Liebe. Selbst so etwas«, erklärte Mr. Pecksniff und legte den Zeigefinger seiner linken Hand auf den Löschpapierstreifen an seinem Kopf, »so gering der Unfall auch gewesen sein mag, erinnert er uns doch, daß wir nichts weiter sind als« – er wollte sagen: »Würmer«, erinnerte sich aber noch rechtzeitig, daß diese Tiere sich nicht durch besondern Haarschmuck auszeichnen, und schloß deshalb mit den Worten: »Fleisch und Blut.« »Was gleichfalls«, rief er nach einer Pause, während der er sich mit nicht sonderlichem Glücke nach neuen Moralbeispielen umgesehen zu haben schien – »was gleichfalls sehr beruhigend ist. Gratia, mein Kind, schüre das Feuer nach und schiebe die Asche zurück.« Die junge Dame gehorchte, nahm dann ihren Schemel wieder ein und legte den einen Arm auf das Knie Mr. Pecksniffs, um ihn ihrer blühenden Wange als Unterlage dienen zu lassen. Miss Charitas rückte ihren Stuhl näher ans Feuer, wie jemand, der sich auf ein Gespräch gefaßt macht, und blickte erwartungsvoll ihren Vater an. »Ja«, begann Mr. Pecksniff nach einer kurzen Pause, während der er stumm vor sich hingelächelt und zum Kamin hingenickt hatte – »ich bin in Erreichung meines Zieles abermals glücklich gewesen. In Bälde wird ein neuer Hausgenosse unter uns weilen.« »Ein junger Mann, Papa?« fragte Charitas. »J-ja, ein junger Mann«, antwortete Mr. Pecksniff. »Er will sich die schätzbare Gelegenheit zunutze machen, die sich ihm jetzt bietet, die Vorteile der besten praktischen Architekturbildungsschule mit den Annehmlichkeiten einer Heimat und dem beständigen Aufenthalt unter Leuten zu vereinigen, die (wie unbedeutend ihr Wirkungskreis und wie beschränkt ihre Fähigkeiten auch sein mögen) doch stets ihrer moralischen Verantwortlichkeit eingedenk sein werden.« »Oh, Pa!« rief Gratia, schalkhaft ihren Finger erhebend, »siehe Annonce!« »Du neckische – neckische Spottdrossel!« rief Mr. Pecksniff. Wir müssen hier bemerken, daß Miss Pecksniff durchaus nicht musikalisch war und den Namen Drossel eigentlich nicht verdiente. Mr. Pecksniff pflegte nur häufig ein Wort zu gebrauchen, wenn er glaubte, daß es einen guten Klang habe und einen Satz passend abrunde, ohne sich dabei viel an dessen Bedeutung zu kehren. Und das tat er oft auf eine so kühne und originelle Weise, wenn seine Beredsamkeit einmal im Gange war, daß sogar die klügsten Leute darob in Verwirrung gerieten und den Atem anhielten. »Ist er schön, Pa?« fragte die jüngere Tochter. »Törichte Gracy!« tadelte die ältere Miss Pecksniff. (Gracy war nämlich ein Kosename für Gratia.) »Was zahlt er Kostgeld, Pa? Sag!« »Ach, du lieber Himmel, Cherry!« rief Miss Gratia und hob mit dem gewinnendsten Kichern von der Welt ihre Händchen empor, »was du für ein geldsüchtiges Mädchen bist! O du garstiges, berechnendes, kluges Ding!« Es war wahrhaft entzückend und eines idyllischen Schäferzeitalters würdig, wie die zwei Misses Pecksniff neckisch nach einander schlugen und dann mit einer Umarmung endeten. »Er sieht gut aus«, erklärte Mr. Pecksniff langsam und deutlich; »recht gut. Übrigens erwarte ich nicht gerade direkt ein Kostgeld von ihm.« Trotz ihres so verschiedenartigen Naturells sperrten bei dieser Kunde sowohl Charitas wie Gratia ihre Augen so ungemein weit auf, und ihre Gesichter nahmen für den Moment einen so leeren Ausdruck an, daß es schien, als ob ihre Gedanken eigentlich doch in der Hauptsache einig gewesen wären. »Wozu auch das?« fuhr Mr. Pecksniff fort, noch immer nach dem Feuer hinlächelnd. »Hoffentlich gibt es doch noch Uneigennützigkeit auf der Welt? Wir stehen nicht alle in feindlichen Reihen einander gegenüber – in der Offensive und der Defensive . Es gibt noch Menschen, die mitten hindurch wandeln und den Bedürftigen helfen, wo sie können und sich zu keiner der beiden Parteien schlagen. – Nich?« Es lag etwas in diesem philanthropischen Erguß, was die Schwestern einigermaßen beruhigte. Sie wechselten einen Blick und wurden wieder heiter. »Lasset uns nicht immer rechnen, Pläne machen und für die Zukunft sorgen«, sagte Mr. Pecksniff und lächelte immer holdseliger ins Feuer, »ich bin dessen müde. Wenn nur unsere Absicht gut und aufrichtig ist, so wollen wir ihr kühnlich willfahren, sollte sie uns auch Verlust bringen statt Gewinn. Was meinst du, Charitas?« Und jetzt warf er zum erstenmal, seit er sich diesen Betrachtungen hingegeben, seinen Töchtern einen Blick zu, und als er bemerkte, daß beide lächelten, blinzelte er ihnen einen Moment so launig, aber doch mit einer Art frommen Schalkhaftigkeit zu, daß sich die jüngere sofort fröhlich auf sein Knie setzte, ihren schönen Arm um seinen Nacken schlang und ihn wohl zwanzigmal küßte. Während dieses Zärtlichkeitsergusses lachte sie auf die ausgelassenste Art, und auch die kluge Cherry nahm an ihrer Heiterkeit teil. »Pst, pst!« ermahnte Mr. Pecksniff, schob seine Letztgeborene sanft zurück, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und nahm wieder eine ruhige Miene an. »Was das doch für Torheiten sind! Lasset uns auf der Hut sein, wenn wir ohne Grund lachen, daß wir nicht einen Grund zum Weinen finden. – Was hat sich seit gestern Neues im Hause zugetragen? John Westlock ist hoffentlich fort?« »Nein, immer noch nicht«, versetzte Charitas. »Und warum nicht? Seine Lehrzeit lief gestern ab. Auch weiß ich, daß sein Koffer gepackt war, denn ich sah ihn am Morgen im Flur stehen.« »Er hat gestern im ›Drachen‹ übernachtet und mit Mr. Pinch diniert«, erklärte die junge Dame. »Sie haben den Abend zusammen verbracht, und Mr. Pinch ist erst sehr spät nach Hause gekommen.« »Und als ich ihm diesen Morgen auf der Treppe begegnete, Pa«, fiel Gratia mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit ein, »o Gott, wie abscheulich er da aussah! Sein Gesicht spielte alle Farben, und seine Augen waren so trübe, als wären sie gesotten. Ich bemerkte sofort, daß er schrecklich Kopfweh haben müsse, und seine Kleider rochen – i Gitt nach« – hier schauderte die junge Dame zusammen – »nach Tabak und Punsch.« »Nun, ich denke«, sagte Mr. Pecksniff mit seiner gewohnten Milde, obgleich mit der Miene eines Dulders, der schweres Unrecht mutig trägt, »ich denke, Mr. Pinch hätte etwas Besseres tun können, als die Gesellschaft eines Menschen zu suchen, der, wie er wohl weiß, in der letzten Zeit unseres langen Zusammenseins nichts unterlassen hat, meine Gefühle zu verletzen. Ich weiß nicht, ob es zart von Mr. Pinch gehandelt war. Ja, ich kann noch weiter gehen und sagen: ich bin nicht ganz überzeugt, ob es sich von Seite Mr. Pinchs überhaupt nur mit ganz gewöhnlicher Dankbarkeit verträgt.« »Was läßt sich anderes von einem Mr. – Pinch erwarten?« rief Charitas verächtlich. »Nun ja«, gab Mr. Pecksniff, die Hand gütig erhebend, zu, »man kann allerdings recht wohl sagen: was läßt sich von Mr. – Pinch erwarten; aber Mr. Pinch ist unser Nebenmensch, meine Liebe. Mr. Pinch ist ein Teil von der unendlichen Totalsumme der Menschheit, meine Teure, und wir haben ein Recht – ja, es ist sogar unsere Schuldigkeit, auch bei Mr. Pinch eine Entwicklung jener besseren Eigenschaften zu erwarten, deren Besitz uns eine bescheidene Selbstachtung einflößt. – Nein«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »behüte der Himmel, daß ich sage, von Mr. Pinch ließe sich nichts Besseres erwarten, oder daß ich sage, es lasse sich von irgendeinem Menschenkinde, wie verrucht es auch sein möge (was doch in der Tat bei Mr. Pinch nicht der Fall ist), nichts Gutes erwarten. Aber Mr. Pinch hat mich enttäuscht. Er hat mich verletzt. Aber wenn ich um dessentwillen auch ein wenig schlimmer von ihm denke, so lasse ich es doch nicht die ganze Menschheit entgelten. O nein, nein!« »Horch!« rief Miss Charitas und hielt den Finger in die Höhe, da sich ein leises Pochen an der Haustür hören ließ. »Da kommt der Mensch! Denkt an mich, er kommt mit John Westlock zurück, um den Koffer zu holen, und will ihm ihn auf die Postkutsche schaffen helfen. Denkt an mich, ob das nicht seine Absicht ist!« Noch während sie sprach, schien der Koffer, nach dem Geräusch zu schließen, aus dem Hause getragen zu werden; dann, nach einem kurzen Gemurmel von Frage und Antwort, hörte man ihn niedersetzen, und jemand klopfte an die Zimmertür. »Herein!«; rief Mr. Pecksniff – nicht etwa strenge, nein, nur tugendhaft. »Herein!« Ein linkischer, unbehilflich aussehender, sehr kurzsichtiger und trotz seiner Jugend kahlköpfiger Mensch machte von dieser Erlaubnis Gebrauch, blieb aber, als er bemerkte, daß Mr. Pecksniff ihm den Rücken zukehrte und in das Feuer blickte, mit der Türklinke in der Hand zögernd stehen. Er war nichts weniger als hübsch und trug einen schnupftabakfarbenen Rock von sehr plumpem Schnitt, der vom langen Tragen zerknittert und auf jede mögliche Weise zerdehnt und verzogen war; aber trotz seines Anzuges, seiner linkischen Art und seines krummen Buckels, der durch die lächerliche Gewohnheit, den Kopf vorwärts zu schieben, noch mehr auffiel, wäre doch niemand auf den Gedanken gekommen, den Menschen für einen Bösewicht zu halten, wenn nicht Mr. Pecksniff so etwas angedeutet hätte. Er mochte ungefähr um die Dreißig herum sein, hätte aber ebensogut sechzehn oder sechzig sein können, da er eines jener wunderlichen Geschöpfe war, die immer desto älter aussehen, je jünger sie sind. Die Hand noch immer auf der Türklinke, ließ er wiederholt seinen Blick von Mr. Pecksniff zu Gratia, von Gratia zu Charitas und von Charitas wieder zu Mr. Pecksniff zurückschweifen; aber da die jungen Damen ebensosehr in das Feuer verliebt schienen wie ihr Vater und keins von dem Kleeblatt irgend Notiz von ihm nahm, begann er endlich: »Oh, ich bitte um Verzeihung, Mr. Pecksniff – pardon, wenn ich lästig falle, aber –« »Durchaus nicht, Mr. Pinch«, versetzte Mr. Pecksniff mit seinen süßesten Tönen, ohne sich jedoch umzusehen. »Bitte, Platz zu nehmen, Mr. Pinch. Haben Sie die Güte, die Tür zu schließen, Mr. Pinch.« »Sehr wohl, Sir«, entgegnete Pinch, tat jedoch nicht, wie ihm geheißen worden, hielt die Tür vielmehr noch weiter offen und winkte ängstlich jemandem draußen zu. »Mr. Westlock, Sir, hat gehört, daß Sie wieder zu Hause sind –« »Mr. Pinch, Mr. Pinch!« seufzte Mr. Pecksniff und rollte mit der Miene tiefster Schwermut seinen Stuhl herum, »ich hätte das nicht von Ihnen erwartet. Wirklich, ich habe das nicht um Sie verdient.« »Nein, nein – aber möchten Sie nicht die Güte haben, Sir –« flehte Pinch angelegentlichst. »Mr. Westlock, Sir, reist ab und möchte nicht in Groll scheiden. Sie haben kürzlich mit Mr. Westlock einen Zwist gehabt. Kleine Mißhelligkeiten – – –« »Kleine Mißhelligkeiten!« rief Charitas spitz. »Kleine Mißhelligkeiten?« echote Gratia. »Meine Lieben!« rief Mr. Pecksniff innig pathetisch, »meine teuern Kinder!« Dann, nach einer feierlichen Pause, verbeugte er sich gelassen gegen Mr. Pinch, als wollte er sagen: »Fahren Sie fort.« Aber Mr. Pinch war so verlegen und blickte so hilflos auf die beiden Misses Pecksniff, daß die Unterhaltung wahrscheinlich ein rasches Ende genommen haben würde, wenn nicht ein hübsch aussehender junger Mann, kaum dem Jünglingsalter entwachsen, sich von der Haustüre her genähert und den Faden des Gesprächs aufgenommen hätte. »Na, Mr. Pecksniff«, rief er mit einem Lächeln, »bitte, lassen Sie uns nicht im Bösen scheiden. Es tut mir sehr leid, daß wir Streit miteinander hatten, und namentlich tut es mir leid, Sie gekränkt zu haben. Tragen Sie mir beim Abschied keinen Groll nach, Sir.« »Ich hege gegen keinen Menschen auf Erden Groll«, entgegnete Mr. Pecksniff milde. »Ich sagte dir's doch«, flüsterte Pinch; »ich wußte es doch. So ist er immer.« »Dann werden Sie mir gewiß auch die Hand geben, Sir«, rief Westlock, trat ein paar Schritte vor und warf Mr. Pinch einen bedeutsamen Blick zu. »Wie?« fragte Mr. Pecksniff in seinem gewinnendsten Tone. »Dann werden Sie mir auch die Hand geben, Sir.« »Nein, John«, lehnte Mr. Pecksniff mit wahrhaft himmlischer Ruhe ab, »ich gebe Ihnen nicht die Hand, John. Ich habe Ihnen vergeben. Ich hatte Ihnen bereits verziehen, noch ehe Sie aufhörten, mich zu schmähen und zu kränken. Ich habe Sie im Geiste umarmt, John, was mehr ist als ein Händedruck!« »Nun, Pinch«, sagte der junge Mann und wandte sich mit Widerwillen von seinem Lehrer ab. »Nun, was habe ich dir gesagt?« Der arme Pinch blickte unruhig auf Mr. Pecksniff, dessen Augen von Anfang an auf ihn geheftet gewesen, und schaute dann stumm und verlegen zur Decke empor. »Und was Ihre Verzeihung anbelangt, Mr. Pecksniff«, fuhr der junge Mann fort, »so verzichte ich darauf. Ich brauche keine Vergebung von Ihnen.« »Wirklich nicht, John?« rief Mr. Pecksniff. »Sie müssen. Sie können nichts dagegen tun. Die Kraft, zu vergeben, ist eine hohe Tugend, die weit über Ihrer Macht und Ihrem Einfluß steht, John. Ich will Ihnen verzeihen. Sie können mich einfach nicht dazu zwingen, allen Unrechts eingedenk zu sein, das Sie mir zugefügt haben, John.« »Unrecht?« rief Westlock mit der ganzen Hitze und dem Ungestüm seiner Jugend. »Da hört sich wirklich alles auf! Unrecht! Ich soll ihm Unrecht angetan haben! Der fünfhundert Pfund will er wahrscheinlich nicht ›eingedenk‹ sein, die er mir unter falschen Vorspiegelungen herausgelockt hat, oder der siebzig Pfund jährlich für eine Kost und eine Wohnung, die für siebzehn zu teuer gewesen wären! Da schau einer diesen Märtyrer!« »Geld, John«, deklamierte Mr. Pecksniff, »ist die Wurzel allen Übels. Ich bedaure, sehen zu müssen, daß es bereits an Ihnen seine üblen Früchte trägt. Doch ich will nicht daran denken und sogar das Betragen dieses irregeleiteten Menschen vergessen – –«, (dabei lag etwas in seiner Stimme, wenn er auch wie ein Mann sprach, der im Frieden mit der ganzen Welt lebt, das deutlich verriet: »Ich habe jetzt ein Auge auf diesen Schuft«) – »dieses irregeleiteten Menschen, der Sie diesen Abend wieder hierher gebracht hat und der – zum Glück darf ich sagen – vergeblich bemüht ist, die Herzensruhe und den Seelenfrieden eines Mannes zu stören, der sein Herzblut seinetwegen vergossen haben würde.« Mr. Pecksniffs Stimme bebte bei diesen Worten, und seine Töchter brachen in Schluchzen aus. Außerdem schwammen noch andere Töne in der Luft, wie wenn zwei Geisterstimmen ausgerufen hätten – die eine: Bestie! die andere: Unmensch! »Vergebung«, begann Mr. Pecksniff wiederum, »reine und aufrichtige Vergebung ist nicht unverträglich mit einem verwundeten Herzen, und vielleicht wird sie eben deshalb nur zu einer desto größeren Tugend. Obgleich meine Brust wund und bis ins Innerste verletzt ist durch die Undankbarkeit dieses Menschen, so sage ich doch mit Stolz und Freude, daß ich vergebe. Nein, ich bitte«, rief er, seine Stimme erhebend, als Pinch augenscheinlich sprechen wollte, »ich bitte dieses Individuum, keine Gegenbemerkungen zu machen. Der Betreffende wird mich wahrhaft verbinden, wenn er jetzt kein Wort mehr spricht, da ich nicht weiß, ob ich der Versuchung gewachsen bin. In ganz kurzer Zeit werde ich wieder Seelenstärke genug besitzen, um mit ihm reden zu können, als ob diese Vorfälle sich nie zugetragen hätten. Nur jetzt nicht«, – Mr. Pecksniff wendete sich wieder zum Feuer und winkte mit der Hand zur Türe, »nur jetzt nicht!« »Bah!« rief John Westlock mit der ganzen Summe von Verachtung, die sich durch dieses einsilbige Wort ausdrücken läßt. »Guten Abend, meine Damen. Komm, Pinch, die Sache ist nicht wert, daß man daran denkt. Ich habe eben recht behalten und du unrecht. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber ein andermal wirst du hoffentlich klüger sein.« Mit diesen Worten klopfte er seinem betrübten Kameraden auf die Schulter, drehte sich auf dem Absatz um und ging in den Flur hinaus, wohin ihm der arme Pinch, nachdem er noch einige Sekunden unschlüssig und mit der Miene tiefsten geistigen Elends dagestanden, nachfolgte. Dann hoben sie zusammen den Koffer auf und machten sich auf den Weg zur Postkutsche. Dies flüchtige Gefährt passierte allabendlich die Ecke einer unweit gelegenen Gasse, und dorthin lenkten sie ihre Schritte. Einige Minuten schritten sie schweigend dahin, bis endlich der junge Westlock in lautes Gelächter ausbrach. Aber immer noch blieb sein Kamerad stumm. »Ich will dir was sagen, Pinch«, begann John nach einer längeren Pause – »du hast nicht halb genug vom Teufel im Leib. Was sage ich, halb genug? Nein, gar nichts.« »Nun«, seufzte Pinch, »ich weiß wahrhaftig nicht – aber das ist doch eher ein Kompliment. Wenn ich nichts vom Teufel in mir habe, desto besser. Nicht?« »Desto besser?« wiederholte Westlock hitzig. »Um so schlimmer, willst du wohl sagen.« »Und doch«, fuhr Pinch, wie geistesabwesend und ohne auf den Einwurf seines Freundes zu achten, fort, »muß ich ziemlich viel vom Teufel in mir haben, denn wie hätte ich sonst Mr. Pecksniff so aufbringen können? Ich hätte ihm diesen Kummer – – – um alle Schätze der Welt – ich bitte dich, lache nicht, John. – Du weißt, wie betrübt er war!« »Er betrübt?« »Hast du denn nicht bemerkt, daß ihm fast die Tränen in die Augen traten?!« rief Pinch. »Gott, Gott, John, ist es vielleicht eine Kleinigkeit, einen Mann so bewegt zu sehen und zu wissen, daß man schuld daran ist?! Und hast du ihn nicht sagen hören, daß er sein Herzblut für mich vergossen hätte?« »Ach was, Herzblut!« rief Westlock gereizt. »Er sollte dir lieber geben, was du nötiger brauchst! Beschäftigung, Unterricht, Taschengeld! Er gibt dir doch nicht einmal die entsprechende Portion Schöpsenbraten zu deinen Kartoffeln und Gemüsen!« »Ich fürchte«, seufzte Pinch, »ich bin ein starker Esser. Ich kann es mir selbst nicht verhehlen, daß ich einen gewaltigen Appetit habe. Du weißt es doch auch, John.« »Du ein starker Esser?« fuhr John entrüstet auf. »Woher, bitt ich dich, kannst denn du das überhaupt wissen?« Die Frage schien etwas schwer zu beantworten, weshalb Mr. Pinch nur mit leiser Stimme wiederholte, er habe hinsichtlich dieses Punktes immerhin seine Bedenken und fürchte, daß er ein starker Esser sein müsse. »Sei dem übrigens, wie ihm wolle«, fügte er hinzu, »das kommt wenig oder gar nicht in Betracht, wenn er mich nur nicht für undankbar hält, John. Es gibt kaum eine Sünde auf der Welt, die in meinen Augen so himmelschreiend ist wie Undank, und wenn er mir das zur Last legt und mich schuldig glaubt, so macht er mich elend und unglücklich.« »Meinst du, er weiß das nicht recht gut?« rief Westlock verächtlich. »Aber komm, Pinch, ehe ich noch ein Wort darüber verliere, wollen wir einmal die Gründe betrachten, warum du ihm überhaupt zu Dank verpflichtet sein sollst. Aber warte, zuvor die Hände gewechselt, der Koffer ist zu schwer. So wird's gehen. Also, fang an!« »Erstlich«, begann Pinch, »nahm er mich, für viel weniger, als er anfangs forderte, als Zögling auf.« »Gut«, versetzte John, ohne sich durch diesen Beleg von Großmut erschüttern zu lassen. »Und zweitens?« »Zweitens?!« wiederholte Pinch in einer Art Verzweiflung; »zweitens – – das begreift überhaupt alles in sich! Meine arme, alte Großmutter starb glücklich in dem Gedanken, mich bei einem so trefflichen Manne untergebracht zu haben. Ich bin in seinem Hause aufgewachsen, genieße sein Vertrauen, bin sein Gehilfe und beziehe von ihm Gehalt. Geht's mit seinem Geschäft besser, so bessern sich auch meine Aussichten. Alles dies und noch viel mehr gehört zu Nummer zwei. Und als Vorrede und Prolog zu ›erstens‹, John, mußt du einen Umstand berücksichtigen, den niemand besser kennt als ich – daß ich nämlich zu viel einfacheren und geringeren Dingen geboren bin und weder eine gute Hand noch Talent für sein Geschäft oder überhaupt für etwas anderes habe als für allerhand Kleinigkeiten, die niemandem etwas nützen.« Pinch sagte das mit so viel Ernst und in so innigem Tone, daß sein Kamerad wider Willen einen Augenblick wie umgestimmt war. Sie hatten inzwischen den Eckstein am Ende der Gasse erreicht und setzten sich auf den Koffer. »Ich glaube, Tom Pinch, du bist einer der besten Kerle, die es auf der Welt gibt«, begann Westlock nach einer Weile. »Ach, ganz und gar nicht. Wenn du nur Pecksniff so gut kennen würdest wie ich, so könntest du das von ihm sagen und hättest dann wirklich recht.« »Gut, so soll er also meinetwegen alles sein, was du willst«, erklärte John. »Ich werde kein Wort mehr gegen ihn sagen.« »Ich fürchte, du tust es um meinet- und nicht um seinetwillen«, seufzte Pinch und schüttelte ernst den Kopf. »Sei es, wessentwegen es will, wenn es dich nur beruhigt, Tom. Oh, er ist ein famoser Mensch. Er hat natürlich nie den sauern Erwerb deiner armen Großmutter in die Tasche gesteckt – sie war Haushälterin, nicht wahr?« »Ja«, sagte Pinch, streichelte seine großen Knie und nickte: »Haushälterin bei einem Gentleman.« »Pecksniff hat natürlich nie ihren sauer verdienten Sparpfennig eingeheimst und ihr Aussichten von deinem Glück und deinem Fortkommen vorgespiegelt, das sich, wie niemand besser wußte als er, nie verwirklichen konnte?! Er hat nie ihren Stolz auf dich und ihren Wunsch, daß du mindestens zu einem Gentleman herangebildet werden solltest, zu Gegenständen der Spekulation und des Wuchers gemacht?! Natürlich nicht! Was, Tom?!« »Nein, gewiß nicht«, versicherte Tom und sah seinem Freunde ins Gesicht, als verstehe er ihn nicht recht. »Ich sage doch auch«, entgegnete Westlock, »freilich, er hat es nie getan. Er hat nicht weniger genommen, als er anfänglich forderte, weil dieses Wenige ihre ganze Habe und mehr war, als er erwartet hatte; er nicht, Tom, Gott bewahre! Er hat dich zu seinem Gehilfen gemacht, weil du ihm in jeder Beziehung von Nutzen bist, weil dein wunderbarer Glaube an seine angeblichen Verdienste ihm, wenn es darauf ankommt, unschätzbare Dienste leistet, weil ein Abglanz deiner Ehrlichkeit auch auf ihn fällt, weil dein Lerneifer in deinen freien Stunden, wo du alte Bücher liest und fremde Sprachen studierst, sogar bis Salisbury bekannt ist und deshalb ihn, den Lehrer zu einem unterrichteten und ungemein bedeutenden Mann stempelt! Dir hat er nichts von seinem Renommee zu danken, Tom, nein, gewiß nicht.« »Natürlich nicht«, sagte Pinch und sah seinen Freund noch unruhiger an als zuvor. »Pecksniff mir sein Renommee danken! So etwas!« »Sage ich denn nicht auch, daß es lächerlich wäre, an so etwas auch nur zu denken?« spottete John. »Freilich, es wäre der pure Wahnsinn« »Wahnsinn!« brummte der junge Westlock. »Allerdings, Wahnsinn. Wer anders als ein Wahnsinniger könnte annehmen, Pecksniff läge irgend etwas daran, wenn man sich erzählte, der junge Mann, der sonntags unentgeltlich die Orgel spielt und sich an späten Sommerabenden emsig darin übt, sei sein Schüler – was, Tom? Wer sonst als ein Wahnsinniger könnte glauben, ein Mann wie er schlüge Kapital daraus, seinen Namen in jedermanns Mund zu wissen – eben wegen der tausend ›nutzlosen Kleinigkeiten‹, die du verrichtest, und die er natürlich dich gelehrt hat? Wer anders als ein Tollhäusler könnte glauben, du machest ihm hier in der ganzen Umgebung besser und billiger Reklame als ein öffentlicher Anschlag! – Nicht wahr, Tom? Ebensogut könnte jemand annehmen, er schütte nicht bei jeder Gelegenheit sein ganzes Herz und seine ganze Seele vor dir aus und zahle dir nicht ein geradezu übermäßiges Jahresgehalt – oder, um mich womöglich noch phantastischer auszudrücken – ebensogut könnte jemand glauben: daß Pecksniff dich schlau ausnützt – dich, der du so schüchtern und mißtrauisch gegen dich selbst und so vertrauensvoll gegen alle andern Menschen, am meisten aber gegen ihn, bist, der es am wenigsten verdient. Das wäre natürlich hirnverbrannte Tollheit, Tom!« Mr. Pinch hatte alles das mit einer Verlegenheit angehört, die zum Teil durch den Inhalt der Rede seines Kameraden, zum Teil durch die heftige Art und den ungestümen Ton, mit dem dieser gesprochen, veranlaßt zu sein schien. Dann atmete er tief auf, blickte Westlock gespannt an, als wünsche er aus dessen Mienen den Sinn der eben gefallenen Worte zu lesen. Er wollte gerade antworten, da ertönte das Posthorn lustig aus der Dunkelheit und machte der Unterhaltung plötzlich ein Ende. – Wie es schien, zur großen Freude Johns, der rasch aufsprang und seinem Freunde die Hand reichte. »Beide Hände, Tom! Von London aus schreibe ich dir, verlaß dich drauf!« »Bitte, ja«, bat Pinch. »Ja. Sei so gut. Also, leb wohl und: Gott mit dir! Ich kann es kaum glauben, daß du wirklich gehst. Es ist mir, als seiest du erst gestern angekommen. Also, leb wohl, lieber alter Freund!« John Westlock verabschiedete sich mit nicht weniger Herzlichkeit und sprang auf das Wagenverdeck hinauf. Und fort rollte die Kutsche im Trab die dunkle Straße hinab; die Lampen flimmerten hell, und das Horn weckte weit und breit das schlummernde Echo. »So zieh denn deines Weges«, apostrophierte Pinch die Kutsche. »Du kommst mir wirklich vor wie ein lebendes Wesen – wie irgendein großes Ungeheuer, das von Zeit zu Zeit diesen Ort heimsucht, um meine Freunde hinaus in die Welt zu entführen. Du scheinst heute abend ja ungewöhnlich aufgeräumt und guter Dinge zu sein. Hast recht, du kannst jubeln über deine Beute. Er ist ein hübscher, talentvoller Junge und hat nur den einzigen Fehler – er meint's zwar nicht so, wie er es sagt – aber er ist grausam ungerecht gegen Pecksniff.« 3. Kapitel Es treten noch andere Personen auf Mehr als einmal wurde bereits des »Drachen« gedacht, der gar so kläglich vor der Türe des Dorfwirtshauses hin und her pendelte und knarrte. Es war ein verblichener alter Drache, und so mancher Wintersturm voll Schnee, Regen, Graupeln und Hagel hatte seine hellblaue Farbe in ein mattes glanzloses Grau umgewandelt. Da hing er, in einem Zustande ungeheurer Schwäche sich auf den Hinterbeinen aufrichtend und mit jedem Monate undeutlicher und formloser werdend, so daß man glauben mußte, wenn man ihn auf der einen Seite des Aushängeschildes ansah, er müsse allmählich durchschmelzen und auf der Rückseite zum Vorschein kommen. Trotz alledem war er ein höflicher und rücksichtsvoller Drache und war es auch in den Tagen seiner größeren Deutlichkeit gewesen, denn, seiner Hinfälligkeit nicht achtend, hielt er auch jetzt noch eine seiner Vordertatzen an die Nase, als wollte er sagen: »Fürchte dich nicht vor mir – ich mache doch nur Spaß«, während er die andere zu herzlichem Willkommen dem Wanderer entgegenstreckte. Es läßt sich nicht leugnen, daß das ganze Drachengezücht unserer Tage bedeutende Fortschritte in Bildung und Zivilisation gemacht hat. Es verlangt nicht länger mehr alle Morgen mit derselben Regelmäßigkeit, wie etwa ein zahmer lediger Herr seinen frischen Milchwecken erwartet, eine schöne Jungfrau zum Frühstück, sondern gibt sich mit dem Zuspruch müßiger Junggesellen und Strohwitwer zufrieden. Im Gegenteil zeichnen sich die Drachen unserer Tage eher dadurch aus, daß sie – namentlich an Samstagabenden – das schöne Geschlecht von einem Besuche fernzuhalten trachten, statt, wie in alten Zeiten, roh auf Damengesellschaft zu bestehen. Schon viele Jahre hatte der erwähnte liebenswürdige Drache vor den Fenstern des besten Schlafzimmers in dem Gasthause, das seinen Namen trug, hin und her gependelt, geknarrt und geklappert, aber bei allem seinem Pendeln und Knarren wohl noch nie eine solche Aufregung im Hause gesehen wie an dem Abend nach dem Tage, an dem sich die im letzten Kapitel erzählten Begebnisse zugetragen. Da eilten so viele hurtige Füße treppauf, treppab, so viele Lichter flimmerten, so viele Stimmen flüsterten, ein solches Rauchen und Spritzen von feuchtem Holz im Kamin gab's, so viel Bettzeug wurde gelüftet und so viel heißer Dampf entströmte den geheizten Wärmflaschen, kurz, solche bienenhafte Emsigkeit herrschte im Haus, daß wohl noch nie ein Drache, ein Greif, ein Einhorn oder ein anderes derartiges Geschöpf ähnliches mit angesehen, seit diese Tiergattungen sich zum ersten Male für Haushaltungsangelegenheiten zu interessieren begannen. Ein alter Herr und eine junge Dame, die ohne Gefolge in einem rostigen alten Wagen mit Postpferden weiß Gott wohin reisten und weiß Gott woher kamen, waren von der Landstraße abgebogen und ganz unerwartet vor dem Blauen Drachen vorgefahren. Und da war nun der alte Herr, der sich zu diesem Schritt, veranlaßt durch einen plötzlichen Krankheitsanfall, entschlossen hatte, und litt an den schrecklichsten Krämpfen. Dabei schwur er mitten in seinen Schmerzen, unter keinen Umständen einen Doktor haben oder andere Arzneimittel nehmen zu wollen als die, die ihm die junge Dame aus einer kleinen Reiseapotheke reichte. Mit einem Wort, er wollte nichts als die Wirtin aus ihren fünf Sinnen hinausschrecken und hartnäckig alles zurückweisen, was man ihm anriet. Von all den fünfhundert wohlgemeinten Vorschlägen, die die gute Frau ihm in weniger als einer halben Stunde machte, befolgte er nur einen einzigen – nämlich den, zu Bett zu gehen. Und das Herrichten der Betten sowie auch die Vorbereitungen der Zimmer waren eben der Anlaß des wilden Getümmels in den Räumen des Blauen Drachen. Der fremde Herr war ohne Frage sehr krank und litt erstaunlich – vielleicht um so mehr, als er anscheinend ein starker und kräftiger alter Mann mit einem eisernen Willen und einer ehernen Stimme war. Aber weder die Besorgnis um sein Leben, die er von Zeit zu Zeit laut werden ließ, noch die Schmerzen, unter denen er litt, vermochten auf seinen einmal geäußerten Entschluß auch nur den mindesten umstimmenden Einfluß zu üben, und man durfte unter keinen Umständen nach einem Arzt schicken. Je schlimmer es ihm ging, desto starrer und unbeugsamer wurde auch seine Entschlossenheit. Wenn man jemanden zur Pflege holen würde, sei es Mann, Weib oder Kind, so wollte er, wie er sagte, auf der Stelle das Haus verlassen, und sollte es zu Fuß geschehen und er auf der Türschwelle sterben müssen. Da es im Dorfe zwar keinen eigentlichen Arzt, wohl aber einen armen Apotheker gab, der zugleich einen Gewürz- und Kramladen hielt, schickte die Wirtin in der ersten Aufregung, und um die eigne Verantwortung los zu sein, zu diesem. Eine natürliche Folge des Umstandes, daß man ihn einmal wirklich brauchte, war der, daß er sich nicht zu Hause befand. Er war einige Meilen über Land gegangen und wurde erst spät zurückerwartet. Die Wirtin, die sich inzwischen ein wenig gesammelt, sandte daher denselben Boten in aller Eile zu Mr. Pecksniff, als einem gelehrten Mann, der einen Teil der Verantwortlichkeit auf sich nehmen konnte, und einem moralischen Mann, der wohl imstande war, ein beunruhigtes Gemüt zu trösten. Daß der Gast namentlich in letzterer Hinsicht wirksame Dienste benötigte, erhellte zur Genüge aus seinen unruhigen Reden, die mehr noch eine geistige als eine physische Angst verrieten. Auch hier kam der Bote mit keiner bessern Kunde zurück. Auch Mr. Pecksniff war nicht zu Hause. Man brachte indessen auch ohne ihn den Patienten zu Bett, und im Lauf zweier Stunden erholte sich dieser allmählich so weit, daß in den Krämpfen längere Pausen eintraten, als es anfangs der Fall gewesen. Nach und nach hörten sie sogar ganz und gar auf, obgleich die darauffolgende Erschöpfung so groß war, daß sie kaum weniger Besorgnis erregte als der vorausgegangene Anfall selbst. In einer der Ruhepausen seiner Anfälle geschah es, daß der Fremde, vorsichtig umherschauend, sich unruhig in seinen Kissen aufrichtete und, während gerade die junge Dame und die Wirtin des Blauen Drachen nebeneinander vor dem Kamine saßen, mit einer sonderbaren Miene von Geheimniskrämerei und Mißtrauen von den Schreibmaterialien Gebrauch zu machen suchte, die er neben sich auf den Tisch hatte legen lassen. Die Wirtin des Blauen Drachen war ihrem Äußern nach ganz die Gastwirtin, wie sie sein soll – wohlbeleibt, gut gebaut, behäbig und mit einem hübschen Gesicht wie Milch und Blut, das an sich schon Zeugnis ablegte, wie gut und kräftig alle die feinen Sachen in Küche und Keller sein müßten. Sie war Witwe, hatte aber seit Jahren schon die Trauergewänder abgelegt und sich wieder mit Blumen herausgeputzt, und so blühend, wie sie von jeher gewesen. Rosen prunkten auf dem weiten Saum ihres Kleides, Rosen auf ihrem Leibchen, Rosen in ihrer Haube, Rosen auf ihren Wangen – ja, und auch Rosen, besonders des Pflückens wert, auf ihren Lippen. Noch immer hatte sie funkelnde dunkle Augen und rabenschwarzes Haar, war hübsch, mit Grübchen in den Wangen, wohlgenährt und drall wie eine Stachelbeere, trotzdem man sie im gewöhnlichen Sinne des Wortes nicht mehr gerade jung nennen konnte. Während nun diese hübsche Matrone beim Kamin saß, blickte sie hin und wieder mit dem ganzen Stolze der wohlhabenden Wirtin im Zimmer umher. Es war ein großes Gemach, wie man es in Landgasthäusern öfters trifft, mit einer niedrigen Decke und einem etwas eingesunkenen Fußboden, der nach der Tür zu ein wenig bergab ging und dort zu zwei so ausgesucht unerwarteten Treppenstufen führte, daß ein Fremder, trotz der größten Vorsicht, gewöhnlich mit dem Kopf voran hereinstürzte, wie jemand, der in ein Bad springt. Es war keines von jenen frivolen, einfältig hellen Schlafzimmern, wo niemand mit nur einigermaßen Verständnis oder Empfänglichkeit für Ideen-Assoziation ein Auge schließen kann, sondern ein braver, einlullender, bleischwerer, träumerischer Raum, wo jedes Möbel daran erinnerte, daß man hier sei, um zu schlafen. Hier gab es keinen lebhaften Widerschein von Kaminfeuer wie in den gewissen modernen Zimmern, wo man sich selbst in den dunkelsten Nächten der französischen Politur bewußt bleibt, und nur hin und wieder blinzelte der alte spanische Mahagoni nach der Glut hin wie ein schlummernder Hund oder eine träumende Katze. Sogar der Umfang, die Form und die hoffnungslose Unverrückbarkeit der Bettstatt, des Kleiderschrankes und in geringerem Grade sogar der Stühle und Tische forderten zum Schlaf auf. Auch sie waren augenscheinlich apoplektisch und zum Schnarchen geneigt. Da gab es keine glotzenden Porträts, die einem seine Trägheit vorwarfen, keine wach- und rundäugigen Vögel auf den Vorhängen, die unausstehlich umherspionierten. Die dicken neutralen Vorhänge, die dunkeln Jalousien und die schweren Decken waren samt und sonders darauf berechnet, einen im Schlaf zu erhalten und als Nichtleiter für Tag und Aufstehenwollen zu dienen. Selbst der alte ausgestopfte Fuchs auf dem Kleiderschranke hatte keinen Funken von Wachsamkeit in sich, denn sein Glasauge war ausgefallen, und er schlummerte im Stehen. Die aufmerksamen Blicke der Wirtin zum Blauen Drachen wanderten wohl zwei- oder dreimal über diese Gegenstände hin, aber stets nur für einen Augenblick; dann streiften sie eine Sekunde lang das Bett mit seiner seltsamen Last und wandten sich immer wieder dem jungen Wesen unmittelbar vor ihr zu, das, die Augen auf das Feuer geheftet, in stummem Nachdenken dasaß. Die Fremde war sehr jung, augenscheinlich nicht über siebzehn, und sehr scheu und schüchtern in ihrem Benehmen; dabei zeigte sie aber doch eine weit größere Fassung und Selbstbeherrschung, als man sonst bei Frauen selbst von vorgerückterem Alter zu finden gewöhnt ist. Die Pflege des kranken Herrn gab ihr hinlänglich Anlaß, diese Eigenschaften zu entfalten. Sie war klein von Statur und zart gebaut, ganz ihrem Alter angemessen, dabei aber mit allen Reizen der Jugend und Jungfräulichkeit geschmückt, die sich namentlich um ihre feine Stirn herum ausdrückten. Ihr Gesicht sah sehr blaß aus – ohne Zweifel zum Teil eine Folge der kürzlich überstandenen Aufregung. Ihr aus demselben Grunde etwas verwirrtes, dunkelbraunes Haar war nachlässig aus seinen Schleifen gefallen und hing über den Nacken herunter, aber sicherlich hätte es kein männlicher Beobachter wegen dieses Eigensinns getadelt. Ihre Kleidung verriet eine Dame von Stand, war aber äußerst einfach, und in ihrem Benehmen, wie sie so dasaß, lag ein gewisses unbeschreibliches Etwas, das mit ihrer ausgesucht anspruchslosen Toilette im Einklang zu stehen schien. Anfangs hatte sie ängstlich nach dem Bett hingesehen, dann aber, als sie bemerkte, daß der Patient ruhiger wurde und sich mit Schreiben beschäftigte, ihren Stuhl leise an den Kamin gerückt, zum Teil, wie es schien, weil ihr Feingefühl ihr sagte, daß er nicht beobachtet zu werden wünsche, teils, um von ihm unbemerkt sich ihren Empfindungen, die sie bisher unterdrückt hatte, freier überlassen zu können. All dies und noch weit mehr beobachtete die rosige Wirtin zum Blauen Drachen so genau und scharf, wie es eben nur eine Frau der andern gegenüber imstande ist. Endlich begann sie mit so leiser Stimme, daß ihre Worte, wie sie wußte, unmöglich das Bett erreichen konnten: »Haben Sie den Herrn schon früher so gesehen, Miss? Hat er öfters solche Anfälle?« »Ich habe ihn schon sehr krank gesehen, aber noch nie so wie diesen Abend.« »Welches Glück«, bemerkte die Wirtin zum Blauen Drachen, »daß Sie die Arzneien bei sich hatten, Miss.« »Wir sind für solche Fälle immer damit versehen und reisen nie ohne unsre Apotheke.« »Oh!« dachte die Wirtin. »Dann pflegen wir also viel und gemeinschaftlich zu reisen.« Sie fühlte, daß sich etwas von diesen Gedanken in ihrem Gesicht verraten mußte, und da sie eine sehr ehrliche Wirtin war, geriet sie ein wenig in Verwirrung, als unmittelbar darauf die Augen der jungen Dame den ihrigen begegneten. »Da der Herr – Ihr Herr Großvater«, fing sie nach einer kurzen Pause wieder an, »so gar nichts von ärztlichem Beistand wissen will, müssen derartige Anfälle doch etwas Schreckliches für Sie sein, Miss?« »Ich bin allerdings diesen Abend sehr erschrocken. Doch – der Herr ist nicht mein Großvater.« »Ich habe eigentlich Vater sagen wollen«, verbesserte sich die Wirtin in ihrer Besorgnis, einen Verstoß begangen zu haben. »Er ist auch nicht mein Vater«, erwiderte die junge Dame. »Nein«, fuhr sie mit einem leichten Lächeln fort, als sie bemerkte, was die Wirtin beifügen wollte, »auch nicht mein Onkel. Wir sind nicht verwandt.« »Ach, du mein Himmel!« entgegnete die Wirtin noch verlegener als zuvor; »wie konnte ich auch so gar im Irrtum sein, während ich doch, wie jeder vernünftige Mensch, hätte wissen sollen, daß ein Gentleman, wenn er krank ist, viel älter aussieht als er wirklich ist! Daß ich Sie noch obendrein ›Miss‹ nennen mußte, Madam!« Als sie jedoch so weit gekommen war, blickte sie unwillkürlich nach dem Goldfinger an der linken Hand der jungen Dame und stockte wieder, denn sie bemerkte keinen Ring daran. »Als ich Ihnen sagte, daß wir nicht verwandt seien«, versetzte die junge Fremde freundlich, aber ebenfalls nicht ohne Verwirrung, »so verstand ich darunter: in keiner Beziehung verwandt. Auch nicht durch Heirat. – Hast du mich gerufen, Martin?« »Gerufen?« wiederholte der alte Mann, sah hastig auf und versteckte das Papier, auf das er soeben geschrieben, unter der Decke. »Nein.« Die junge Dame hatte ein paar Schritte zum Bette gemacht, hielt aber jetzt inne und ging nicht weiter. »Nein«, wiederholte der Herr mit ärgerlichem Nachdruck. »Warum fragst du mich? Wenn ich gerufen hätte, wozu dann die Frage?« »Ich denke, das Schild draußen hat geknarrt, Sir«, bemerkte die Wirtin – eine Erklärung, die, wie sie unmittelbar darauf fühlte, nicht allzu schmeichelhaft für die Stimme des alten Herrn war. »Gleichviel, was es gewesen sein mag, Madam«, versetzte der Kranke; »ich war es nicht. Aber, was bleibst du da stehen, Mary, als ob ich die Pest hätte. Aber, natürlich, alles fürchtet sich vor mir«, fügte er hinzu und ließ sich kraftlos wieder in die Kissen zurückfallen, »sogar du! Es liegt ein Fluch auf mir. Ich habe ja nichts anderes zu erwarten!« »O Gott, nein. Oh, gewiß nicht«, rief die gutmütige Wirtin, stand auf und ging zu ihm. »Fassen Sie nur wieder Mut, Sir. Es sind nur krankhafte Grillen.« »Was sind nur krankhafte Grillen?« fuhr der alte Mann auf. »Was wissen Sie von Grillen? Wer hat Ihnen etwas von Grillen gesagt? Die alte Geschichte! – Grillen!« »Da sehe einer, wie er's gleich aufnimmt!« versetzte die Wirtin zum ›Blauen Drachen‹ mit unverminderter guter Laune. »Du mein Himmel, ein Wort macht ja nichts, Sir, wenn es auch dumm klingt. Sogar ganz gesunde Leute haben jeden Tag ihre Grillen, und oft recht sonderbare.« So harmlos augenscheinlich auch diese Worte waren, so wirkten sie doch auf das Mißtrauen des Fremden wie Öl auf das Feuer. Er richtete den Kopf im Bett auf und blickte die Wirtin mit seinen schwarzen Augen forschend an, deren Glanz durch die Blässe seiner hohlen Wangen und seine spärlichen langen grauen Locken unter dem schwarzen, knapp am Kopf anliegenden Käppchen nur noch erhöht wurde. »Nun, die fängt ja bald an«, sagte er in so leisem Tone, daß es mehr ein Selbstgespräch als eine Anrede zu sein schien. »Aber sie will natürlich keine Zeit verlieren. Sie richtet ihren Auftrag aus und brennt schon auf ihre Belohnung. Wer mag sich wohl hinter sie gesteckt haben?« Die Wirtin schaute erstaunt die junge Dame, die er »Mary« genannt hatte, an, und da sie in deren gesenkten Augen keine Erklärung lesen konnte, blickte sie wieder nach ihm zurück. Anfangs war sie unwillkürlich zurückgewichen, da sie ihn für einen Geisteskranken hielt; aber die Gelassenheit seines Wesens und die Entschiedenheit, die sich in seinem scharfgeschnittenen Gesicht, namentlich aber um seine zusammengepreßten Lippen herum aussprach, beruhigten sie wieder. »Nun?« sagte er. »Heraus damit! Wer ist's? Da ich hier bin, ist's ja nicht schwer zu erraten.« »Martin«, fiel ihm die junge Dame ins Wort und legte ihre Hand auf seinen Arm; »bedenke doch, wie kurze Zeit wir erst in diesem Hause sind, und daß dich hier niemand kennt.« »Außer –«, entgegnete er, »daß du –« Er fühlte sich offenbar versucht, den Verdacht auszusprechen, als sei sie der Wirtin gegenüber indiskret gewesen, hielt aber wieder inne, sei es, daß er ihrer zärtlichen Pflege gedachte, oder weil ihn der Ausdruck ihres Gesichtes rührte, und änderte seine Lage und schwieg. »So!« sagte Mrs. Lupin, die Wirtin des ›Blauen Drachen‹. »Jetzt wird Ihnen bald besser sein, Sir. Sie haben für einen Augenblick vergessen, daß Sie hier nur Freunde um sich haben.« »Ach Gott!« stöhnte der alte Mann ungeduldig und schlug mit seinem ruhelosen Arm heftig auf die Bettdecke. »Was reden Sie da von Freunden! Könnten Sie – oder kann sonst jemand mich lehren, wie ich meine Freunde von meinen Feinden zu unterscheiden habe?« »Wenigstens«, meinte Mrs. Lupin sanft, »bin ich überzeugt, daß diese junge Dame Ihnen freundlich gesinnt ist.« »Sie hat eben keinen Grund zum Gegenteil«, rief der alte Mann in dem Tone eines Menschen, der weder Hoffnung noch Vertrauen mehr zur Welt hat. »Von ihr glaube ich's noch. Der Himmel weiß es. Aber jetzt will ich versuchen, ob ich nicht einschlafen kann. Laßt nur die Kerzen stehen.« Kaum waren die beiden Frauen vom Bett zurückgetreten, zog er sein Schriftstück wieder hervor, hielt es an die Flamme der Kerze und verbrannte es zu Asche. Dann löschte er das Licht aus, wandte mit einem schweren Seufzer das Gesicht auf die Seite, zog die Bettdecke über den Kopf und blieb ruhig liegen. Diese Vernichtung des Papiers, die so seltsam gegen die Mühe, die er darauf verwendet, abstach und den ›Drachen‹ in große Gefahr brachte, ein Raub der Flammen zu werden, versetzte Mrs. Lupin in nicht geringe Bestürzung. Die junge Dame jedoch, die weder Überraschung noch Neugierde oder Unruhe deswegen zeigte, flüsterte ihr unter vielem Dank für ihre Mühewaltung und die geleistete Gesellschaft zu, sie wolle noch ein wenig dableiben, könne aber recht gut allein wachen, da sie an dergleichen gewöhnt sei und sich außerdem die Zeit mit Lesen vertreiben wolle. Mrs. Lupin erfreute sich ihres vollen Anteils samt Zinsen an dem in ihrem Geschlecht erblichen Kapital – der Neugierde –, und zu jeder andern Zeit würde es schwer gewesen sein, ihr so schnell begreiflich zu machen, sie möge gehen. Aber jetzt entfernte sie sich unverzüglich in hellem Staunen über diese Geheimnisse und begab sich geradenwegs in ihre eigene kleine Wohnstube im unteren Stock, wo sie sich mit übernatürlicher Fassung in ihren Lehnstuhl setzte. In diesem kritischen Augenblick hörte sie Tritte auf dem Flur, und gleich darauf schaute Mr. Pecksniff mit süßlicher Miene über den Kredenzverschlag hinweg in das trauliche Stübchen hinein und begrüßte sie mit einem »guten Abend, Mrs. Lupin«. »Ach, du mein Gott, Sie sind's!« rief sie. »Wie froh bin ich, daß Sie gekommen sind.« »Und ich freue mich stets«, entgegnete Mr. Pecksniff, »wenn ich Ihnen irgendeinen Dienst leisten kann. Es freut mich in der Tat recht, recht sehr, gekommen zu sein. Was gibt es, Mrs. Lupin?« »Ein Herr ist unterwegs krank geworden und hat droben so gar schlimme Zustände gehabt, Sir« erklärte die Wirtin unter Tränen. »Ein Herr also ist unterwegs krank geworden und hat droben so gar schlimme Zustände gehabt?« wiederholte Mr. Pecksniff. »Nun, nun!« In dieser Bemerkung lag wohl nichts, was entschieden originell zu nennen gewesen wäre; auch läßt sich nicht gerade sagen, daß sie irgendeine der Menschheit bisher noch unbekannte Lehre enthalten oder allenfalls eine verborgene Quelle des Trostes geöffnet hätte, aber Mr. Pecksniffs Benehmen war so mild, und er nickte so beruhigend mit dem Kopfe, auch zeigte er in allem eine so beredte Überzeugung von seiner eigenen Vortrefflichkeit, daß nicht nur Mrs. Lupin, sondern jedermann schon durch die bloße Stimme und Anwesenheit eines so trefflichen Mannes beruhigt worden wäre. Ja, hätte er auch nur gesagt: ein Zeitwort muß mit seinem Subjekt in Zahl und Person übereinstimmen, mein guter Freund; oder: acht mal acht ist vierundsechzig, mein Würdigster – so hätte man sich ihm tief verpflichtet fühlen müssen für seine Menschenfreundlichkeit und allumfassende Weisheit. »Und wie«, fragte Mr. Pecksniff, zog seine Handschuhe aus und wärmte seine Hände so wohlwollend über dem Feuer, als gehörten sie gar nicht ihm, sondern jemand anderem: »Und wie geht es ihm jetzt?« »Er befindet sich besser und ist ganz ruhig.« »Er befindet sich besser und ist ganz ruhig«, wiederholte Mr. Pecksniff. »Sehr gut! Se-ehr gut!« Diese Worte rührten nun gleichfalls von Mrs. Lupin und nicht von Mr. Pecksniff her; dessenungeachtet aber machte sie Mr. Pecksniff wieder zu den seinigen und tröstete die Witwe damit. In Mrs. Lupins Munde fehlte ihnen die tiefere Bedeutung; aber sie bildeten ein ganzes Buch, wie sie so von Mr. Pecksniffs Lippen strömten. Er schien zu sagen: »Ich bemerke, und zwar kraft meines inneren Anschauungsvermögens, das sich in allen seinen Äußerungen die strengste Moral zum Grundsatz macht, daß er sich besser befindet und ganz ruhig ist.« »Immerhin müssen ihm gewichtige Dinge auf dem Herzen liegen«, fuhr die Wirtin kopfschüttelnd fort, »denn er redet das sonderbarste Zeug, das man nur hören kann. Innerlich ist er höchst unruhig und bedarf offenbar des Rates und Zuspruchs von Leuten, denen ihre Herzensgüte ein solches Geschäft zum Beruf macht.« »Dann«, versetzte Mr. Pecksniff, »ist er der richtige Mann für mich.« Aber obgleich er das auf das allerdeutlichste aussprach, so vernahm man doch kein Wort von seinen Lippen: er schüttelte im Gegenteil bloß seinen Kopf, als setze er durchaus kein Vertrauen in seine eigene Befähigung. »Ich fürchte, Sir«, fuhr die Wirtin fort, nachdem sie sich zuerst umgesehen, ob auch niemand in Hörweite sei, »ich fürchte gar sehr, daß ihn sein Gewissen drückt, weil er nicht verwandt – oder – nicht einmal verheiratet ist mit – einer gewissen jungen Dame –« »Mrs. Lupin!« rief Mr. Pecksniff und hob dabei seine Hand in einer Weise auf, die fast an Strenge grenzte, wenn man sich bei einem so milden Herrn eines derartigen Ausdrucks überhaupt bedienen kann. »Person! einer jungen Person!« »Mit einer sehr jungen Person«, verbesserte sich Mrs. Lupin und knickste errötend, »ich bitte um Verzeihung, Sir, aber ich bin diesen Abend so verwirrt, daß ich nicht mehr weiß, was ich sage – die jetzt bei ihm – ist.« »Die jetzt bei ihm ist«, wiederkäute Mr. Pecksniff, wie zuvor seine Hände, so jetzt seinen Rücken fürsorglich wärmend, als wäre es der Rücken einer Witwe, einer Waise, eines Feindes, oder was immer für eines Menschen, den ein weniger trefflicher Mann natürlich ohne Erbarmen der Kälte preisgegeben haben würde. »O du mein Himmel, o du mein Himmel!« »Gleichwohl muß ich sagen, und zwar von ganzem Herzen«, bemerkte die ehrliche Wirtin angelegentlich, »daß ihr Aussehen und ihr Benehmen jeden Verdacht beinah entwaffnet.« »Ihr Verdacht, Mrs. Lupin«, entgegnete Mr. Pecksniff feierlich, »ist sehr natürlich. Ihr Argwohn, Mrs. Lupin«, wiederholte er, »ist sehr natürlich und, wie ich nicht zweifle, auch begründet. Ich will diesem Reisenden einen Besuch machen.« Damit nahm er seinen Überrock ab, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, steckte die eine Hand zierlich in den Brustschlitz seiner Weste und bedeutete der Wirtin in aller Demut, sie möge vorangehen. »Soll ich anklopfen?« fragte Mrs. Lupin, als sie die Türe des Krankenzimmers erreicht hatten. »Nein«, riet Mr. Pecksniff; »gehen Sie nur direkt hinein.« So traten sie denn auf den Zehen ein – oder vielmehr, die Wirtin allein beobachtete diese Vorsicht, denn Mr. Pecksniff trat sowieso immer sehr leise auf. Der alte Herr schlief noch, und seine junge Begleiterin saß lesend beim Feuer. »Ich fürchte«, flüsterte Mr. Pecksniff, an der Türe halt machend und den Kopf melancholisch wiegend, »ich fürchte, die Situation hat etwas Berechnetes. Verstehen Sie mich wohl, Mrs. Lupin: ich fürchte, die Situation hat etwas Berechnetes!« Sodann ging er der Wirtin voran. Zu gleicher Zeit hatte sich die junge Dame, die die Schritte gehört, erhoben. Mr. Pecksniff warf einen schnellen Blick auf das Buch, das sie in der Hand hielt, und flüsterte Mrs. Lupin abermals, und zwar womöglich mit noch größerer Gewissenspein, zu: »Ja, Madam, es ist ein gutes Buch. Ich fürchtete das schon vorhin. Wahrhaftig, die Komödie scheint tief angelegt zu sein!« »Wer ist dieser Herr?« fragte der Gegenstand der geäußerten tugendhaften Zweifel. »Pst! Bemühen Sie sich nicht, Madam!« fiel Mr. Pecksniff der Wirtin ins Wort, als sie eben antworten wollte. »Diese junge« – unwillkürlich stockte er, als ihm das Wort ›Person‹ auf die Lippen trat, faßte sich aber und sagte: »Fremde – diese junge Fremde, Mrs. Lupin, wird mich entschuldigen, wenn ich ihr kurz erwidere, daß ich hier im Dorfe wohne und einigen, wenn auch unverdienten Einfluß besitze; ferner, daß Sie mich rufen ließen. Ich bin jetzt hier, wie immer geleitet von meiner Teilnahme für die Kranken und Bekümmerten.« Mit diesen eindrucksvollen Worten ging Mr. Pecksniff auf das Lager zu, klopfte ein paarmal höchst feierlich auf die Bettdecke, als wolle er sich dadurch eine klare Einsicht in die Krankheit des Patienten verschaffen, nahm dann in einem großen Armstuhl Platz und wartete in gemächlicher, gedankenvoller Haltung auf dessen Erwachen. Was auch die junge Dame Mrs. Lupin gegenüber für Einwendungen erhob, sie blieben fruchtlos, denn Mr. Pecksniff schien nichts hören zu wollen. Eine volle halbe Stunde verging, ehe sich der alte Mann rührte; aber schließlich änderte er seine Lage, und wenn er auch noch nicht wach war, so verrieten doch gewisse Anzeichen, daß es mit seinem Schlaf nicht mehr lange währen könnte. Allmählich schob er die Decke von seinem Kopf weg und wandte sich immer mehr der Seite zu, wo Mr. Pecksniff saß. Schließlich schlug er die Augen auf, lag, wie es öfter der Fall ist, wenn man gerade aufwacht, eine kleine Weile teilnahmslos und ohne deutliches Bewußtsein der Gegenwart da und starrte seinen Besuch geistesabwesend an. Es lag nichts Merkwürdiges in diesem Verhalten, die Wirkung ausgenommen, die es auf Mr. Pecksniff übte und die kaum durch das Wunderbarste aller Naturereignisse hätte übertroffen werden können. Mr. Pecksniffs Hände umklammerten nämlich allmählich immer fester die Armlehnen des Stuhles, seine weit aufgerissenen Augen verrieten die größte Überraschung, sein Mund öffnete sich, und sein Haar sträubte sich noch borstiger auf, als es sowieso schon war. Als sich der alte Mann in seinem Bette aufrichtete und auch seinerseits beim Anblick seines Gastes das höchste Erstaunen an den Tag legte, sah Mr. Pecksniff seinen letzten Zweifel schwinden und rief laut aus: »Sie sind Martin Chuzzlewit!« Seine Überraschung über diese Entdeckung war so echt und ungekünstelt, daß sogar der alte Mann bei seinem ausgeprägten Mißtrauen sofort sah, daß das Zusammentreffen zufällig und durchaus nicht vorbereitet war. »Ja, ich bin Martin Chuzzlewit«, sagte er bitter; »und Martin Chuzzlewit wünscht, man hätte Sie gehenkt, bevor Sie hierher gekommen sind, um ihn in seinem Schlaf zu stören. Wahrhaftig, ich habe von diesem Kerl geträumt«, murmelte er, legte sich wieder nieder und wandte das Gesicht ab, »und jetzt sitzt er wirklich da.« »Mein guter Vetter –« begann Mr. Pecksniff. »Da haben wir's! Das sind seine ersten Worte!« rief der alte Mann, wälzte seinen grauen Kopf in den Kissen unruhig hin und her und erhob abwehrend die Hände. »Das erste, was er tut, ist, daß er sich auf seine Verwandtschaft beruft! Ich wußte es doch – alle machen es so! Nah oder weitläufig verwandt, Blut oder Wasser, alles eins. Uff, welches Register von Betrug, Lügen und falschem Zeugnis öffnet nicht jede Andeutung auf Verwandtschaft vor meiner Seele!« »Bitte, urteilen Sie nicht vorschnell, Mr. Chuzzlewit«, versetzte Mr. Pecksniff in einem Tone, der mit einem Male im höchsten Grade mitleidig und unbefangen war, denn er hatte sich inzwischen von seinem Staunen erholt und war wieder im Vollbesitz seines tugendhaften Selbsts. »Es würde Ihnen später nur leid tun. Ich weiß es.« »Er weiß es«, brummte Martin Chuzzlewit verächtlich. »Ja«, erwiderte Mr. Pecksniff. »Zuverlässig, Mr. Chuzzlewit. Und glauben Sie ja nicht, ich hätte im Sinne, um Ihre Gunst zu buhlen oder Ihnen zu schmeicheln. Nichts liegt mir ferner. Auch brauchen Sie nicht im mindesten zu befürchten, Sir, ich würde das Wort wiederholen, das Ihnen so viel Ärger zu bereiten scheint. Warum sollte ich auch? Was könnte ich von Ihnen wollen oder erwarten? Meines Wissens besitzen Sie nichts, was Ihnen so viel Seligkeit bringt, Mr. Chuzzlewit, daß man Sie deswegen beneiden könnte.« »Das ist leider nur zu wahr«, murmelte der alte Mann. »Und abgesehen davon« – fuhr Pecksniff, dem der Eindruck seiner Worte nicht entgangen war, fort – »muß es Ihnen doch jetzt vollkommen klar sein, daß, wenn ich mich bei Ihnen hätte einschmeicheln wollen, ich mich vor allem sorgfältig gehütet haben würde, Sie als Verwandten anzureden. Wo ich Ihre Abneigung kenne, mußte ich doch schon vorher vollkommen überzeugt sein, daß dies der allerschlechteste Empfehlungsbrief für mich wäre.« Martin gab zwar keine Antwort, aber die Art, wie er seine Beine unter der Bettdecke bewegte, verriet deutlicher als die ausdrucksvollsten Worte, daß für ihn in dem Gesagten viel Vernünftiges liege. »Nein«, beteuerte Mr. Pecksniff, die Hand im Westenschlitz, als sei er bereit, jeden Augenblick sein Herz herauszuziehen und es Mr. Martin Chuzzlewit zur genauen Prüfung hinzuhalten, »nein, ich kam lediglich her, um meine Dienste einem kranken Fremden anzubieten. Bei Ihnen unterlasse ich das freilich, weil ich weiß, daß Sie mir doch nicht trauen würden. Wie Sie aber so auf ihrem Bette daliegen, Sir, sind Sie für mich ein Fremder, und ich empfinde ebensoviel Teilnahme für Sie, wie – wie ich zuversichtlich hoffe und glaube – ich gegenüber jedem Fremden in Ihrer Lage fühlen würde. Abgesehen davon sind Sie mir ebenso gleichgültig, wie ich es Ihnen bin.« Nach diesen Worten warf sich Mr. Pecksniff in den Lehnstuhl zurück, so strahlend vor Edelmut, daß sich Mrs. Lupin fast wunderte, nicht einen farbigen Glasglorienschein, wie ihn die Heiligen in den Kirchen tragen, über seinem Haupte erscheinen zu sehen. Es folgte eine lange Pause, während der der alte Mann mit steigender Unruhe mehrmals seine Lage änderte. Mrs. Lupin und die junge Dame blickten stumm auf die Bettdecke. – Mr. Pecksniff spielte gedankenvoll mit seiner Lorgnette und hatte die Augen zugedrückt, um besser überlegen zu können. »Wie?« fragte er endlich, indem er sie plötzlich wieder öffnete und nach dem Kranken hinüberblickte. »Ich bitte um Verzeihung, aber ich glaubte, Sie hätten etwas gesagt. – Mrs. Lupin«, fuhr er fort und stand langsam auf, »ich glaube nicht, daß ich Ihnen hier irgendwie von Nutzen sein kann. Der Herr befindet sich bereits wieder besser, und Sie sind eine so gute Pflegerin, wie er es sich nur wünschen kann. – Wie, bitte?« Diese letzte Frage wurde durch eine Veränderung, die der Alte in seiner Lage vornahm und wodurch er sein Gesicht wieder Mr. Pecksniff zuwandte, veranlaßt. »Wenn Sie noch etwas mit mir zu sprechen wünschen, ehe ich gehe, Sir, so können Sie unbesorgt über meine Zeit verfügen. Nur muß ich, um gegen mich selbst gerecht zu sein, ausdrücklich zur Bedingung machen, daß Sie mich lediglich als Fremden – und nur als solchen betrachten.« Wenn Mr. Pecksniff wirklich erraten hatte, Martin Chuzzlewit wolle mit ihm reden, so konnte dies nur eine Folge der gewissen geheimnisvollen Gedankenübertragung sein, wie sie in den Melodramen so ausgeprägt vorkommt, in denen der ältliche Pächter und sein komischer Sohn immer sofort wissen, was das stumme Mädchen sagen will, wenn es sich in seinen Garten flüchtet und ihre komplizierten Memoiren in unverständlicher Pantomime enthüllt. Ohne sich jedoch weiter auf solche metaphysischen Spekulationen einzulassen, gab Martin Chuzzlewit seiner jungen Begleiterin durch ein Zeichen kurz zu verstehen, sie möge sich entfernen, was sie auch sofort gemeinschaftlich mit der Wirtin tat. Eine Weile sahen die beiden Vettern einander schweigend an, oder vielmehr der alte Mann sah Mr. Pecksniff an, während dieser seine Augen abermals für die Dinge der Außenwelt schloß und eine geistliche Beschau seines Innern vornahm. Daß ihm diese Mühe reichlich Lohn trug durch ein offenbar bezauberndes Panorama, ging aus dem Ausdruck seines Antlitzes klar hervor. »Sie wünschen also, daß ich mit Ihnen wie mit einem ganz Wildfremden spreche?« begann der alte Mann. Mr. Pecksniff antwortete durch ein Achselzucken und ein merkbares Rollen seiner Augen unter den geschlossenen Lidern, daß er sich noch immer genötigt sehe, diesen Wunsch hegen zu müssen. »So will ich Ihnen den Gefallen tun,« fuhr Martin Chuzzlewit fort. »Ich bin ein reicher Mann, Sir. – Nicht so reich zwar, wie vielleicht mancher glaubt, aber doch bemittelt. Ich bin kein Geizhals, Sir, – obgleich mir, wie ich hörte, dieser Vorwurf schon gemacht und auch häufig geglaubt wurde. Ich habe keine Freude daran, Geld zusammenzuscharren. Ich finde auch kein Vergnügen am Besitze des Goldes. Der Teufel, den wir Mammon nennen, kann mir doch nichts als Unglück geben.« »Mr. Pecksniff zerschmolz bei diesen Worten« wäre keine passende Bezeichnung für sein mildes Wesen gewesen. Nichts wäre leichter gewesen, als eine beliebige Quantität Butter aus ihm zu gewinnen. Man hätte bloß die Milch seiner frommen Denkungsart zu diesem Zweck aufzufangen und zu quirlen brauchen. »Aus demselben Grunde, aus dem ich nicht habsüchtig bin«, fuhr der alte Mann fort, »bin ich auch kein Verschwender. Manche finden eine Lust darin, Geld in ihren Kasten zu sperren, andre, es auszugeben; aber ich habe an nichts eine Freude, was damit zusammenhängt. Kummer und Bitterkeit sind die einzigen Güter, die Geld mir je verschaffen konnte. Ich hasse es. Es ist ein Gespenst, das vor mir her durch die Welt zieht und mir jedes Vergnügen in Greuel verwandelt.« In Mr. Pecksniffs Seele stieg ein Gedanke auf, der sich wohl sehr deutlich in Mienen verraten mußte, sonst würde Martin Chuzzlewit kaum so rasch und strenge fortgefahren haben: »Sie raten mir natürlich um meines Seelenfriedens willen, die Ursache dieses Elends loszuwerden, indem ich sie auf jemand abwälze, der die Bürde besser zu tragen imstande ist. Sie selbst wären gewiß gerne bereit, mir sie abzunehmen. Aber, wohlwollender Fremdling«, sagte der alte Mann höhnisch und mit immer düsterer werdender Miene, »guter, christlicher Fremdling, das ist eben mein Hauptkummer. Ich habe gesehen, wie das Geld im Besitze andrer zu einer gefährlichen Macht wurde, ich war Zeuge, wie es in andern Händen triumphierte und sich mit Recht rühmen konnte, ein Hauptschlüssel zu sein für die ehernen Tore, die die Pfade zu Glück und Freude verschließen. Welchem Manne oder Weibe – welchem wirklich würdigen, ehrlichen und unverrückbar innerlich und äußerlich guten Wesen soll ich jetzt oder nach meinem Tode einen solchen Talisman anvertrauen? Kennen Sie eine solche Person? Ihre eigenen Tugenden sind freilich unschätzbar, aber können Sie mir irgendein anderes lebendes Geschöpf nennen, das die Feuerprobe einer Berührung mit mir aushalten würde?« »Einer Berührung mit Ihnen, Sir?« echote Mr. Pecksniff. »Ja. Die Feuerprobe einer Berührung mit mir – mit mir. Sie haben von jenem König gehört, dessen Unglück darin bestand, daß alles, was er anrührte, zu Gold wurde. Der Fluch meines Daseins und die Folge meines früheren verkehrten wahnsinnigen Strebens ist, daß ich jetzt durch den goldenen Probierstein, den ich bei mir trage, dazu verurteilt bin, das Metall aller andern Menschen zu prüfen und es falsch und hohl klingend zu finden.« Mr. Pecksniff schüttelte den Kopf und seufzte: »Das ist eben so Ihre Meinung.« »Ja, ja«, rief der alte Mann, »das ist so meine Meinung, und während Sie das sagen, erkenne ich den wahrhaft unweltlichen Klang Ihres Metalls. Ich sage Ihnen«, fügte er mit steigender Bitterkeit bei, »daß ich als reicher Mann unter Menschen jeder Gattung und Art gelebt habe – unter Verwandten, Freunden und Fremden – unter Leuten, zu denen ich, als ich arm war, Vertrauen, und zwar mit Recht Vertrauen hatte, denn damals betrogen sie mich nie oder fügten einander um meinetwillen Unrecht zu. Aber ich habe nie ein Wesen – nein, nicht ein einziges – gefunden, in dem ich nicht, sobald ich reich und allein war, eine geheime Verderbtheit hätte entdecken müssen, die nur darauf wartete, an Leuten wie mir offenbar zu werden. Verrat, Betrug und niedrige Hinterlist, Haß unter den wirklichen und eingebildeten Bewerbern um meine Gunst, Niedrigkeit, Feigheit, Schlechtigkeit und Kriecherei, oder« – und hier faßte Martin Chuzzlewit seinen Vetter scharf ins Auge – »oder erkünstelte Biederkeit – wohl das Schlimmste von allem. – Das war die innere Schönheit, die mein Reichtum ans Licht förderte. Bruder gegen Bruder, Kind gegen Eltern, Freunde gegen Freunde – so stellte sich die menschliche Gesellschaft zueinander, wenn sie mir in den Weg kam. Man hat sich wahre oder erlogene Geschichten von reichen Leuten erzählt, die im Gewande der Armut Tugend aufgefunden und sie belohnt haben. Dummköpfe und Narren, die sie waren; sie hätten suchen sollen, ohne sich zu maskieren. Sie hätten sich als Menschen zeigen sollen, die es sich lohnt, zu berauben, auszubeuten und zu umgarnen; als solche, die Schurken umschmeicheln, die ihnen am liebsten auf den Sarg spucken möchten. Dann hätte das mühevolle Suchen bald ein Ende gehabt, wie das meinige, und Sie wären geworden, was ich bin. Unterbrechen Sie mich nicht! – Lassen Sie mich zu Ende reden; beurteilen Sie daraus, welchen Nutzen Sie möglicherweise aus einer Wiederholung Ihres Besuches ziehen können, und dann verlassen Sie mich. Ich habe den Charakter aller derjenigen, die je mit mir in Berührung kamen, durch unabsichtliche Verlockung zu habsüchtigen Komplotten und durch Erweckung von Hoffnungen dermaßen verderbt und umgewandelt – ich habe, während ich bei Angehörigen meiner eigenen Familie weilte, so viel häusliche Zwietracht und Uneinigkeit erzeugt, ich bin an friedlichen Herden zur Brandfackel geworden und habe all die bösen Dünste ihrer Atmosphäre, die ohne mich bis zu Ende harmlos geblieben wären, dermaßen entzündet, daß ich zuletzt vor allen floh, die mich kannten, und mich versteckte wie ein gehetztes Wild. Das junge Mädchen, das Sie soeben gesehen haben – – was! Ihr Auge blitzt, wenn ich nur von ihr spreche? Sie hassen sie also jetzt schon?« »Auf mein Wort, Sir! – –« beteuerte Mr. Pecksniff, legte die Hand auf die Brust und schlug die Augen nieder. »Aber ich vergaß«, rief der alte Mann und blickte seinen Vetter so scharf an, daß dieser es zu fühlen schien, trotzdem er die Lider geschlossen hielt. »Ich bitte um Verzeihung. Ich vergaß, daß Sie ja ein Fremder sind. Sie erinnerten mich nur für einen Augenblick an einen gewissen Pecksniff, einen Vetter von mir. – Also, ich wollte sagen: – das junge Mädchen, das Sie eben gesehen haben, ist eine Waise, die ich in einer gewissen Absicht erzog, oder, wenn Sie lieber wollen, adoptierte. Seit einem Jahr oder länger ist sie meine beständige und einzige Begleiterin gewesen. Sie weiß, daß ich einen feierlichen Eid geschworen habe, ihr nach meinem Tode keinen Penny zu hinterlassen; solange ich jedoch lebe, bezieht sie von mir ein Jahresgehalt, das zwar nicht übermäßig, aber auch nicht kärglich ist. Es besteht eine Abmachung zwischen uns, daß kein zärtliches Wort je zwischen uns fallen darf, aber jedes hat das andere nur bei seinem Taufnamen zu nennen. Solange ich lebe, ist sie durch die Bande ihres Vorteils an mich geknüpft, und da sie im voraus weiß, daß sie bei meinem Tode nichts zu hoffen hat, so wird sie vielleicht echt trauern, wenn ich sterbe, obgleich mich das wenig kümmert. Dies ist die einzige Art von Freundschaft, die ich habe oder haben will. Schließen Sie aus alldem selbst, wie unprofitabel die Stunde für Sie war, die Sie bei mir verbracht haben, und verlassen Sie mich jetzt gefälligst für immer.« Nach diesen Worten sank der alte Mann langsam in seine Kissen zurück. Mr. Pecksniff erhob sich und begann nach einem einleitenden Räuspern: »Mr. Chuzzlewit!« »Na. So gehen Sie doch!« unterbrach ihn der Kranke ungeduldig. »Genug davon. Ich bin Ihrer Gesellschaft überdrüssig.« »Das tut mir leid, Sir«, versetzte Mr. Pecksniff, »aber ich habe mich noch einer Pflicht zu entledigen, von der ich mich, verlassen Sie sich darauf, nicht zurückschrecken lassen werde. Nein, Sir, ich werde mich nicht zurückschrecken lassen.« Es ist eine höchst beklagenswerte Tatsache, daß der alte Herr, als Mr. Pecksniff aufrecht und in der ganzen Würde eines durch und durch rechtschaffenen Mannes neben seinem Bette stand und ihn so anredete, einen zornigen Blick nach dem Leuchter warf, als hätte er große Lust, ihn seinem Vetter an den Kopf zu werfen. Er zügelte sich wohl rechtzeitig, wies aber mit dem Finger nach der Türe. »Ich danke Ihnen«, sagte Mr. Pecksniff; »ich verstehe und werde gehen. Aber bevor ich mich entferne, verlange ich, daß Sie auch mich reden lassen, und noch mehr als das, Mr. Chuzzlewit, Sie müssen und werden – ja wahrhaftig, ich wiederhole es – Sie müssen und werden mich anhören. Was Sie mir soeben mitgeteilt haben, Sir, setzt mich durchaus nicht in Erstaunen. Es ist natürlich, sehr natürlich, und war mir größtenteils schon vorher bekannt. Ich will nicht sagen«, fuhr Mr. Pecksniff fort, holte sein Taschentuch hervor und kämpfte sichtlich mit den Tränen, »ich will nicht sagen, daß Sie sich in mir getäuscht haben. Solange Sie in Ihrer gegenwärtigen Stimmung sind, möchte ich nicht um die Welt etwas derartiges von mir behaupten. Fast wünschte ich, meine Natur wäre anders – wenn auch nur, um die Fähigkeit zu besitzen, kleine Merkmale meiner Schwäche, die ich vor Ihnen nicht zu verbergen vermag, unterdrücken zu können. Gut, soll es demütigend für mich sein, aber Sie werden die Güte haben, es zu übersehen. Wir wollen meinetwegen sagen«, fügte Mr. Pecksniff mit großer Feinfühligkeit hinzu, »daß es von einem Schnupfen herrühre oder daß mir ein Stäubchen Tabak, der Geruch von Salmiakgeist, Zwiebeln oder sonst irgend etwas in die Nase gekommen ist.« Hier hielt Mr. Pecksniff einen Augenblick inne und verbarg das Gesicht hinter seinem Taschentuch. Dann fuhr er mit einem matten Lächeln fort, während er die Bettgardine mit seiner Hand faßte: »Aber, Mr. Chuzzlewit, wenn ich auch keine Rücksicht auf mich selbst nehme, so bin ich es doch mir und meinem Charakter schuldig – ja, Sir, meinem Charakter, der mir sehr teuer und das beste Erbteil meiner beiden Töchter ist –, Ihnen zu sagen, daß Ihre Handlungsweise ungerecht, unnatürlich, unverantwortlich und abscheulich ist. Auch kann ich Ihnen nicht verhehlen, Sir«, rief Mr. Pecksniff und stellte sich zwischen den Bettgardinen auf die Zehen, als erhebe er sich im buchstäblichen Sinne des Wortes über alle weltlichen Rücksichten und müsse sich an irgend etwas festhalten, um nicht wie Elias gen Himmel zu fahren, »ich kann Ihnen nicht verhehlen – gleichviel ob es Ihnen gefällt oder nicht –, daß es ein schweres Unrecht von Ihnen ist, Ihres Enkels, des jungen Martin, der die ersten und natürlichsten Ansprüche an Sie hat, zu vergessen. Das darf nicht sein, Sir«, wiederholte Mr. Pecksniff, den Kopf schüttelnd. »Sie können es sich vielleicht einreden, aber trotzdem darf es nicht sein. Es ist Ihre Pflicht, für diesen jungen Mann zu sorgen; Sie müssen für ihn sorgen und werden für ihn sorgen. Übrigens glaube ich«, fügte Mr. Pecksniff mit einem Blick auf die Schreibutensilien hinzu, »daß Sie es insgeheim bereits getan haben. Gott segne Sie dafür. Er segne Sie für diese edle Tat. Er segne Sie auch für den Haß, den Sie gegen mich hegen. – Und nun gute Nacht!« Dabei schwenkte Mr. Pecksniff mit großer Feierlichkeit seine rechte Hand, steckte sie wieder in seinen Westenschlitz und entfernte sich. Wohl sprach sich in seinem ganzen Wesen große Aufregung aus, aber sein Schritt war fest. Mr. Pecksniff war zwar menschlichen Schwächen unterworfen, aber sein fleckenreines Gewissen hielt ihn aufrecht. Martin Chuzzlewit lag eine Weile mit einem Ausdruck stummer Verwunderung, die mit Zorn gemischt war, da und sann nach. Dann flüsterte er vor sich hin: »Was soll das heißen? Sollte der falschherzige junge Mensch sich diesen Kerl zum Werkzeug gewählt haben? Warum nicht? Er hat gegen mich konspiriert wie die übrigen; sie sind alle Vögel von demselben Gefieder. Ein neues Komplott; ein neues Komplott! O Selbstsucht, Selbstsucht, Selbstsucht! Bei jedem Schritte nichts als Selbstsucht!« Dann fing er an, mit der Asche des verbrannten Papiers auf der Leuchtertasse zu spielen. Anfangs völlig geistesabwesend, aber sehr bald wurde der Zunder Gegenstand seines Grübelns. »Wieder ein Testament gemacht und verbrannt«, murmelte er; »nichts beschlossen und nichts getan! Und doch hätte ich heute nacht sterben können! – Ich sehe es deutlich vor mir, was für schlimmen Zwecken all dies Geld zuletzt noch dienen wird«, rief er und krümmte sich vor Qual in seinem Bette. »Nachdem es mir mein ganzes Leben Sorgen und Elend gebracht, wird es nach meinem Tode noch fortfahren, Uneinigkeit und böse Leidenschaften zu verbreiten. So geht es immer. Welche Prozesse sprossen nicht täglich aus den Gräbern der Reichen auf – Saaten von Meineid, Haß und Lüge unter Blutsverwandten, wo nichts als Liebe herrschen sollte! Gott steh uns bei, wir haben viel zu verantworten! O Selbstsucht, Selbstsucht, Selbstsucht! Jeder denkt an sich und niemand an mich!« 4. Kapitel Woraus erhellen wird, daß, wenn Einigkeit stark macht, die Chuzzlewits die mächtigste Familie auf Erden sein müßten Nachdem der würdige Mr. Pecksniff mit den erwähnten feierlichen Worten von seinem Vetter Abschied genommen hatte, kehrte er in seine Wohnung zurück und blieb dort drei volle Tage, ohne auch nur den Fuß zu einem Spaziergang über die Grenzen seines Gartens hinauszusetzen. Erwartete er doch, jeden Augenblick an das Krankenlager seines, wie er insgeheim hoffte, reuigen und von Gewissensbissen zerfleischten Verwandten, dem er in seinem alles umfassenden Wohlwollen in heißester Nächstenliebe zu vergeben sich fest vorgenommen hatte, gerufen zu werden. Der finstere alte Mann war jedoch so verstockt und so erbost, daß keine reuige Einladung kam und Mr. Pecksniff sich am vierten Tage augenscheinlich viel weiter von seinem christlichen Ziele entfernt sah als am ersten. Während dieser ganzen Zwischenzeit umspukte er den »Drachen« zu allen Stunden des Tages und der Nacht und legte, Böses mit Gutem vergeltend, für den Zustand des hartnäckigen Kranken die angelegentlichste Teilnahme an den Tag, so daß Mrs. Lupin ob seiner uneigennützigen Besorgnis (denn er unterließ es nicht, ihr des öftern zu erklären, daß er ein Gleiches für jeden Fremden oder Armen in einer ähnlichen Lage tun würde) vor Ergriffenheit fast zerschmolz und Tränenströme der Bewunderung und Freude vergoß. Indessen hatte sich der alte Mr. Martin Chuzzlewit in seinem Zimmer eingeschlossen und ließ niemanden mehr vor als seine junge Begleiterin – nur die Wirtin zum »Blauen Drachen« ausgenommen, die zu gewissen Zeiten ebenfalls Zutritt erhielt. Sooft sie jedoch in das Zimmer kam, stellte sich der alte Herr schlafend. Nur wenn er mit der jungen Dame allein war, gab er zuweilen auf gestellte Fragen einsilbige Antworten. Am vierten Abend nun begab es sich, daß Mr. Pecksniff wie gewöhnlich in die Bar des »Blauen Drachen« kam und, als er Mrs. Lupin dort nicht fand, geradenwegs die Treppe hinaufging, entschlossen, in der Überfülle seines liebevollen Eifers das Ohr wieder einmal an das Schlüsselloch zu legen und zur Beruhigung seines gequälten Herzens sich zu überzeugen, daß mit dem versteckten Patienten alles gut stehe. Dabei traf sich's, daß Mr. Pecksniff, als er leise in dem dunkeln Gang dahinschlich, durch den gewöhnlich ein dünner heller Strahl aus demselbigen Schlüsselloch fiel, zu seinem Erstaunen diese Lichtquelle vermißte und sich daher, kaum daß er seinen Weg bis zur Türe getastet, sich hastig niederbeugte, um sich durch persönlichen Augenschein Gewißheit zu verschaffen, ob nicht am Ende der alte Mann aus Mißtrauen das Schlüsselloch von innen verstopft habe. Dabei brachte er seinen Kopf in eine so heftige Berührung mit einem andern, daß er sich nicht enthalten konnte, in seinem Schrecken mit hörbarer Stimme ein kurzes scharf markiertes »Oh!« auszustoßen. Gleich darauf fühlte sich Mr. Pecksniff von einem Gespenst am Kragen gepackt, das einen intensiven Geruch von feuchten Schirmen, Bier, kaltem Grog und einer kleinen Wirtsstube voll alten Tabakrauchs ausströmte. Dann wurde er unverzüglich in das Schenkzimmer, das er soeben verlassen, hinabgeschleppt, wo er die Bemerkung machte, daß er sich unter der Faust eines wildfremden Gentleman von seltsamem Aussehen befand, der sich mit seiner freien Hand emsig den Kopf rieb und ein sehr böses Gesicht machte. Die »Fassade« dieses Gentlemans hatte etwas an sich, das man gewöhnlich mit dem Titel »schäbigelegant« bezeichnet, obschon sich dieser Charakterzug bei seiner Toilette kaum bis »in die Fingerspitzen« verfolgen ließ, da seine Nägel weit aus den Handschuhen hervorschauten und die Schuhsohlen in ungebührlicher Entfernung vom Oberleder seiner Stiefel abstanden. Seine Beinkleider waren bläulichgrau und früher offenbar von sehr schreiender Farbe gewesen, aber jetzt durch Alter und Schmutz hinlänglich abgetönt und auch infolge übermäßiger Anspannung der Hosenträger und Stegriemen so gedehnt, daß sie jeden Augenblick an den Knien auseinanderzuplatzen drohten. Sein blauer Rock von militärischem Schnitt war mit Schnüren benäht und bis ans Kinn zugeknöpft. Seine Halsbinde glich an Farbe und Fasson dem Oberteile der gewissen Mäntel, in die die Haarkräusler ihre Klienten während der Mysterien des Frisierens einzuhüllen pflegen. Mit seinem Hute war es so weit bergab gegangen, daß man nur schwer zu sagen vermochte, ob er ursprünglich weiß oder schwarz gewesen. Auch trug der Gentleman einen Schnurrbart – und noch dazu einen zottigen – keinen von den bescheidenen und gezähmten, sondern einen ganz wilden, bösartigen: ein echt satanisches Bartexemplar – und überdies eine wüste Masse ungebürsteten Haupthaares. Sehr schmutzig und doch sehr fexig, sehr prahlerisch und doch sehr mitgenommen, glich der Gentleman einem Menschen, der wohl etwas Besseres hätte sein können, aber ohne Frage noch etwas Schlechteres zu sein verdiente. »Du hast an der Türe gehorcht, du Vagabund!« rief dieser Herr. Mr. Pecksniff schüttelte ihn ab, wie etwa Sankt Georg den Drachen, als dieser in den letzten Zügen lag, abgeschüttelt haben mochte, und entgegnete: »Wo nur Mrs. Lupin stecken mag? Ob wohl die gute Frau weiß, daß jemand hier ist, der – –« »Halt!« rief der Gentleman. »Ein bißchen Geduld. Sie weiß es. Was weiter?« »Was weiter, Sir?« rief Mr. Pecksniff. »Was weiter? Wissen Sie, Sir, daß ich ein Freund und Verwandter jenes kranken Herrn bin? Daß ich sein Beschützer, sein Behüter, sein –« »Der Gatte seiner Nichte sind Sie nicht, darauf kann ich einen Eid ablegen«, fiel der Fremde ihm ins Wort; »der war vor Ihnen da.« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Mr. Pecksniff mit unwilligem Erstaunen. »Was meinen Sie damit, Sir?« »Ein bißchen Geduld!« entgegnete der Gentleman. »Vielleicht sind Sie ein Vetter? – Der Vetter, der hier im Orte wohnt?« »Ja, ich bin der Vetter, der hier im Orte wohnt.« »Sie heißen Pecksniff?« »Ja.« »Freut mich, Sie kennenzulernen, und zugleich bitte ich um Verzeihung«, rief der wilde Gentleman, griff an seinen Hut und dann hinter die Krawatte, um seinen Hemdkragen hervorzuziehen, was ihm jedoch gänzlich mißlang. »Sie sehen in mir jemanden, Sir, der gleichfalls an dem Gentleman oben lebhaftes Interesse nimmt. Ein bißchen Geduld.« Dabei tupfte der Herr auf seine rote Nasenspitze, um damit anzudeuten, er gedenke Mr. Pecksniff in ein tiefes Geheimnis einzuweihen. Dann zog er seinen Hut ab und begann in der Höhlung desselben unter einer Masse von zerknüllten Dokumenten und zerblätterten Zigarrenresten herumzuwühlen, bis er endlich das Kuvert eines alten Briefes fand, das sehr stark beschmutzt war und lebhaft nach Tabak duftete. »Lesen Sie dies«, rief er und reichte das Dokument Mr. Pecksniff hin. »Der Adresse nach an Hochwohlgeboren Mr. Chevy Slyme gerichtet«, konstatierte Mr. Pecksniff. »Sie kennen vermutlich Hochwohlgeboren Mr. Chevy Slyme?« fragte der Fremde. Mr. Pecksniff zuckte die Achseln, als wollte er sagen: »Ich weiß leider, daß es einen solchen Kerl gibt.« »Sehr gut«, bemerkte der Gentleman. »Das ist der springende Punkt, und deswegen bin ich hier.« Abermals fischte er nach seinem Hemdkragen, und diesmal gelang es ihm, wenigstens ein Band zu erwischen. »Ich bedaure unendlich, mein Freund«, sagte Mr. Pecksniff und schüttelte ruhevoll lächelnd den Kopf, »ich bedaure recht sehr – aber Sie sind nicht die Person, für die Sie sich ausgeben. Ich kenne Mr. Slyme, mein Freund. Sie haben sich daneben gesetzt. – Ehrlichkeit ist die beste Politik. – Sie täten in Hinkunft gut, derlei Behauptungen zu unterlassen.« »Halt!« rief der Gentleman und streckte beschwörend seinen rechten Arm aus, der so eng in den fadenscheinigen Ärmel hineingezwängt war, daß er wie eine Tuchwurst aussah. »Ein bißchen Geduld!« Dann hielt er inne, um sich mit dem Rücken gegen den Kamin zu lehnen, nahm die Schöße seines Rockes unter den linken Arm, strich sich mit Daumen und Zeigefinger seinen Schnurrbart und hob an: »Ich sehe, daß Sie mich mißverstehen, aber ich bin nicht verletzt deshalb. Weil es ein Kompliment für mich ist. Sie glauben, ich wolle mich für Chevy Slyme ausgeben? Sir, wenn es einen Mann auf Erden gibt, mit dem verwechselt zu werden ein Gentleman sich zum Stolz und zur Ehre anrechnen darf, so ist es Mr. Slyme. Er ist, ohne Einschränkung, der hochherzigste und freisinnigste, der originellste und geistreichste, klassischste und talentvollste Mann – durchaus shakespearisch, wo nicht miltonisch. Trotzdem er aufs jämmerlichste verkannt wird. Jedem andren in der ganzen weiten Welt schätze ich mich ebenbürtig, aber Slyme steht, wie ich offen bekenne, weit über mir. Sie haben daher unrecht.« »Ich schloß aus dieser Adresse – – –« stotterte Mr. Pecksniff und hielt das Kuvert hin. »Ohne Zweifel«, entgegnete der Gentleman. »Aber, Mr. Pecksniff, auch das beweist wieder nur einen genialen Zug Mr. Slymes. Jeder Mensch von wahrem Genie hat seine Eigentümlichkeiten, Sir. Und die Eigentümlichkeit meines Freundes Slyme ist, daß er immer hinter dem Berge hält. Er hält stets hinter dem Berge, Sir. Er ist sogar in diesem Augenblick hinter dem ›Berge‹. Ja,« fuhr der Gentleman fort, schlug sich mit dem Zeigefinger auf die Nase, spreizte weit die Beine und blickte Mr. Pecksniff aufmerksam ins Gesicht, »das ist ein äußerst merkwürdiger und interessanter Zug in Slymes Charakter. Und wenn einmal Slymes Lebensgeschichte veröffentlicht wird, so muß dieser Zug unbedingt von seinem Biographen hervorgehoben werden, da die menschliche Gesellschaft sonst zu kurz käme. Wohlgemerkt, die Gesellschaft käme zu kurz.« Mr. Pecksniff hustete. »Slymes Biograph, Sir, wer er auch sein mag«, nahm der Gentleman seine Rede wieder auf, »wird sich an mich wenden müssen; oder wenn ich bereits zu dem gewissen ›Dingsda‹ gegangen sein sollte, aus dessen Reich noch keiner, wie er auch heißen mag, wiedergekehrt ist, so muß er sich an meine Testamentsvollstrecker um die Erlaubnis wenden, unter meinen Papieren nachsuchen zu dürfen. Ich habe mir in meiner anspruchslosen Weise von dem Leben dieses Mannes – meines Adoptivbruders, Sir – einige Notizen gesammelt, die Sie in Erstaunen versetzen würden. Erst am fünfzehnten vergangenen Monats, Sir, als er einen kleinen Wechsel nicht einlösen konnte, den der Gläubiger nicht prolongieren wollte, bediente er sich eines Ausdruckes, der sogar Napoleon Bonaparte in einer Anrede an die französische Armee Ehre gemacht haben würde.« »Und bitte«, fragte Mr. Pecksniff, der sich augenscheinlich nicht besonders behaglich fühlte, »was mag Mr. Slyme hierhergeführt haben, wenn mir die Frage gestattet ist, trotzdem ich von vornherein aus Rücksicht für meine Stellung jedes Interesse an allen seinen Schritten negieren muß?« »Zuvörderst«, erklärte der Gentleman, »werden Sie mir die Äußerung erlauben, daß ich gegen diese Bemerkung Einwendung erhebe und lebhaft und mit Unwillen im Namen meines Freundes Slyme dagegen protestiere. Dann muß ich bitten, mir zu gestatten, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Tigg, Sir. Der Name Montague Tigg wird Ihnen wohl von den denkwürdigen Ereignissen des Krieges auf der spanischen Halbinsel her geläufig sein?« Mr. Pecksniff verneinte mit einem leichten Kopfschütteln. »Gleichviel. – Montague Tigg war mein Vater, und ich trage seinen Namen. Ich habe daher alle Ursache, stolz zu sein – stolz wie Luzifer. Entschuldigen Sie einen Augenblick – ich möchte, daß mein Freund Slyme von jetzt an unserer Unterhaltung beiwohnt.« Ohne eine Genehmigung abzuwarten, eilte Mr. Tigg zum Haustor des Blauen Drachen und kehrte fast unmittelbar darauf mit seinem Gefährten zurück, der, etwas kleiner als er selbst, in einen alten blauen Kamelottmantel mit verschossenem Scharlachfutter gehüllt war. Sein scharf geschnittenes Gesicht sah von dem langen Warten in Wind und Kälte ganz erstarrt und verkniffen aus, und da sein breiter, roter Ohrenbart und sein verfilztes Haar aus derselben Ursache ungemein zerzaust waren, machte er viel eher einen jämmerlichen und herabgekommenen als einen shakespearschen und miltonischen Eindruck. »Nun«, sagte Mr. Tigg, klopfte mit der einen Hand seinem liebenswürdigen Freund auf die Schulter und lenkte mit der andren Mr. Pecksniffs Aufmerksamkeit auf ihn, »die Herren sind miteinander verwandt, und Verwandte haben nie miteinander harmoniert, noch werden sie je miteinander harmonieren, was eine sehr weise Einrichtung und eine unvermeidliche Notwendigkeit ist, da es sonst nichts als Familienfreundschaft auf der Welt gäbe und jedermann seinen Nebenmenschen zu Tode langweilen würde. Stünden Sie auf gutem Fuße miteinander, so würde ich Sie als ein ganz verteufelt ungleiches Gespann betrachten; so aber erscheinen Sie mir als ein paar diabolisch schlaue Kerle, mit denen man ein vernünftiges Wort reden kann –« Hier stieß Mr. Chevy Slyme, dessen geistige Fähigkeiten hauptsächlich duckmäuserischer und schmeichlerischer Tendenz zu sein schienen, seinen Freund verstohlen mit dem Ellbogen an und flüsterte ihm etwas ins Ohr. »Chiv«, erklärte Mr. Tigg laut in dem hohen Tone eines Mannes, der Heimlichkeiten abhold ist, »ich werde sogleich darauf zu sprechen kommen. Ich handle auf eigne Verantwortung oder gar nicht. Ein so unbedeutendes Anlehen wie eine Krone ziemt sich nicht für einen Mann von deinen Talenten. Einer solchen Summe kannst du von vornherein bei Mr. Pecksniff sicher sein.« Da jedoch Mr. Pecksniff, seinen Mienen nach zu schließen, diese Gewißheit keineswegs als so unumstößlich bekundete, so legte er wieder den Finger an die Nase, um dadurch anzudeuten, daß das Kontrahieren kleiner Anlehen lediglich eine weitere geniale Eigentümlichkeit seines Freundes Slyme sei und daß er nur des großen metaphysischen Interesses wegen die Sache zur Sprache gebracht habe. »O Chiv! Chiv!« seufzte er und sah seinen Adoptivbruder mit tief kontemplativer Miene an. »Bei meiner Seele, du bist ein seltsamer Beleg von den kleinen Schwächen, die großen Geistern anhaften. Selbst wenn es nie ein Teleskop auf der Welt gegeben hätte, so müßte ich zuverlässig aus meinen Beobachtungen an dir folgern, daß auch die Sonne Flecken habe! Ich will des Todes sein, wenn wir Menschen nicht allesamt in einer wunderlichen Haut stecken, ohne zu wissen, warum oder weswegen, Mr. Pecksniff! Aber gleichviel! Mögen wir moralisieren, soviel wir wollen, die Welt geht ihren gewöhnlichen Gang fort. Herkules kann zwar, wie Hamlet sagt, mit seiner Keule um sich schlagen, wie er will, er kann doch nicht hindern, daß die Katzen ihr Gejaule auf den Dächern vollführen oder die Hunde erschossen werden, wenn sie ohne Maulkörbe durch die Straßen laufen. Das Leben ist ein Rätsel, das sich höllisch schwer lösen läßt, Mr. Pecksniff! Auf Ehre und Seligkeit, es ist jedenfalls eine sonderbare Sache – aber es nützt nichts, darüber zu philosophieren. Ha, ha! – – – Aber jetzt zu dem, was ich sagen wollte, Mr. Pecksniff: Ich bin von Natur ein ganz unsinnig weichherziger Bursche und kann nicht mit ansehen, wie ihr beiden aufeinander losschlagt, ohne daß dabei etwas herausschaut. Mr. Pecksniff, Sie sind der Vetter des Testators da oben, und wir sind der Neffe. – Wenn ich sage ›wir‹, so verstehe ich darunter Chiv. Sie sind vielleicht näher mit ihm verwandt als wir. Gut, sei es drum. Aber Sie können ebensowenig an ihn herankommen wie wir. Ich gebe Ihnen mein großes Ehrenwort, Sir, daß ich nur mit kurzen Zwischenpausen, um ein wenig auszuruhen, seit heute morgen neun Uhr durch das Schlüsselloch gesehen und auf Antwort auf das billigste und ehrenhafteste Verlangen, das der menschliche Geist nur zu erdenken imstande ist, gewartet habe – auf ein Gesuch um eine kleine jeweilige Unterstützung von nur fünfzehn Pfund, für die ich mich überdies verbürgen wollte. Es war vergebens. Mr. Chuzzlewit hielt sich beständig mit der fremden Person eingeschlossen, deren Herz er sein ganzes Vertrauen ausschüttet. Wie die Dinge stehen, erkläre ich daher aufs entschiedenste, daß es so nicht geht, nichts taugt, nicht sein kann und unmöglich so fortgehen darf.« »Jedermann«, versetzte Mr. Pecksniff abweisend, »hat ein unbestreitbares Recht – wenigstens ich möchte es um alle Güter der Erde niemandem absprechen –, seine Handlungen nach seinem eignen Gutdünken einzurichten. Vorausgesetzt, daß er nicht unmoralisch oder irreligiös ist. Ich fühle tief innerlich, daß Mr. Chuzzlewit zum Beispiel mich nicht gerade mit jener christlichen Liebe behandelt, die zwischen uns bestehen sollte. Ich kann mich dadurch verletzt und gekränkt fühlen, möchte aber doch deshalb nicht gleich den übereilten Schluß ziehen, daß seine Kälte in keiner Weise zu rechtfertigen wäre. – Da sei Gott vor! – Überdies, Mr. Tigg«, fuhr Mr. Pecksniff eindringlich fort, »wie könnte man Mr. Chuzzlewit bewegen, von jenen eigentümlichen und ganz unerhörten Vertraulichkeiten, von denen Sie sprachen und die ich leider zugeben muß und um seinetwillen nur tief beklagen kann, abzulassen? Bedenken Sie, mein werter Herr, wie unüberlegt und in den Tag hinein Sie reden.« »Hm«, meinte Mr. Tigg, »das ist freilich eine schwer zu lösende Frage.« »Allerdings eine schwer zu lösende Frage«, wiederholte Mr. Pecksniff und trat, sich mit einem Male der weiten moralischen Kluft, die ihn von seinem Gegenüber trennte, bewußt werdend, einen Schritt zurück. »Ohne Zweifel eine sehr schwierige Frage das. Wenn es überhaupt eine Frage ist, die jemand zu erörtern das Recht hat. – Guten Abend.« »Sie wissen vermutlich noch gar nicht, daß die Spottletoes hier sind?« warf Mr. Tigg noch schnell hin. »Was sagen Sie da, Sir? Was für Spottletoes?« fuhr Mr. Pecksniff auf und hielt plötzlich auf seinem Weg zur Tür inne. »Mr. und Mrs. Spottletoe«, erklärte Chevy Slyme, der bisher kein Wort gesprochen und nur mit den Füßen gescharrt hatte, in sehr verdrießlichem Tone, »Spottletoe hat doch meines Onkels Tochter geheiratet, und Mrs. Spottletoe ist Chuzzlewits Nichte. Sie war einmal sein Liebling. Wie mögen Sie da noch fragen: was für Spottletoes?« »Mein heiliges Ehrenwort!« rief Mr. Pecksniff mit einem verzweifelten Blick gen Himmel. »Das ist ja schrecklich. Die Habgier dieser Leute ist wahrhaft fürchterlich.« »Das ist übrigens noch nicht alles, Tigg«, wendete sich Slyme an seinen Freund, münzte aber dabei seine Worte auf Mr. Pecksniff. »Anthony Chuzzlewit und sein Sohn haben ebenfalls Wind gekriegt und sind diesen Nachmittag hergefahren. Ich habe sie vor kaum fünf Minuten vorbeikommen sehen, als ich an der Ecke wartete.« »Oh, Mammon, Mammon!« rief Mr. Pecksniff und schlug sich an die Stirn. »Und ein Bruder und ein Neffe von ihm sind auch schon da«, sagte Slyme, ohne auf die Unterbrechung zu achten. »Da haben Sie die Geschichte, Sir«, brummte Mr. Tigg; »das ist der springende Punkt, auf den ich hinauswollte und den mein Freund Slyme hier mit wenigen Worten aussprach. Mr. Pecksniff! Jetzt, wo Ihr Vetter – Chivs Onkel – wieder aufgetaucht ist, müssen Schritte getan werden, um sein Wiederverschwinden zu verhindern und womöglich dem Einfluß entgegenzuarbeiten, der von dieser hinterlistigen Favoritin auf ihn geübt wird. Jeder, der Anteil an der Sache nimmt, muß das fühlen. Die ganze Familie hat sich vollzählig hier versammelt. Die Zeit ist da, wo persönliche Eifersucht und egoistische Interessen für eine Weile in den Hintergrund treten müssen, um ein gemeinsames Vorgehen gegen diese Erbschleicherin zu ermöglichen, Sir! Ist der Feind einmal beseitigt, so können Sie wieder ganz für sich selbst handeln. Das bleibt dann jedem Beteiligten unbenommen, und niemand wird schlimmer daran sein als vorher. Bedenken Sie das! Nützen Sie jetzt Ihre Chance. Sie werden uns jederzeit in dem Wirtshaus »Zum Halbmond und den sieben Sternen« antreffen und zu einem vernünftigen Vorschlag bereit finden. Hm! Chiv, lieber Freund, was meinst du, wenn du jetzt hinausgingst und sähest, was für Wetter ist?« Mr. Slyme zögerte nicht, zu verduften, und ging aller Wahrscheinlichkeit nach wieder an seine Straßenecke. Mr. Tigg spreizte seine Beine so weit, daß man hätte glauben sollen, sie müßten aus den Scharnieren gehen, versank eine Weile in tiefes Nachdenken und nickte dann lächelnd Mr. Pecksniff zu. »Wir dürfen die kleinen Exzentritäten unsres Freundes Slyme nicht zu hart beurteilen. Sie bemerkten wohl, daß er mir etwas zuflüsterte?« Mr. Pecksniff hatte es bemerkt. »Vermutlich haben Sie auch meine Antwort gehört?« Mr. Pecksniff hatte sie gehört. »Fünf Schilling, wie?« fuhr Mr. Tigg gedankenvoll fort. »Hm! Wirklich, ein höchst origineller Mensch! – Und dabei so anspruchslos!« Mr. Pecksniff gab keine Antwort. »Fünf Schilling!« sprach Mr. Tigg sinnend. »Und nächste Woche pünktlich wieder zurückzahlbar; das ist das beste daran. Sie haben es doch gehört?« Mr. Pecksniff hatte es nicht gehört. »Nicht? Ah, da staun ich!« rief Mr. Tigg. »Das ist doch der springende Punkt, Sir. Ich habe noch nicht ein einziges Mal erlebt, daß Chevy Slyme verabsäumt hätte, ein Versprechen einzuhalten. Brauchen Sie vielleicht Kleingeld?« »Nein«, versetzte Mr. Pecksniff, »danke Ihnen, danke Ihnen. Durchaus nicht.« »Sonst«, meinte Mr. Tigg, »sonst hätte ich für Sie wechseln lassen.« Nach einer kleinen Pause, die er mit Pfeifen ausfüllte, fragte er plötzlich direkt heraus: »Wollen Sie Slyme die fünf Schillinge leihen?« »Nein, keineswegs«, erwiderte Mr. Pecksniff. »Bei Licht betrachtet«, rief Mr. Tigg und nickte bedächtig, als sei ihm plötzlich ein triftiger Grund eingefallen, den man als Einwurf geltend machen könnte, »haben Sie vielleicht recht. Würden Sie aber dasselbe Bedenken tragen, mir fünf Schillinge zu borgen?« »Freilich, freilich«, meinte Mr. Pecksniff. »Aber doch vielleicht eine halbe Krone?« »Auch keine halbe Krone.« »Also dann kämen wir ja«, sagte Mr. Tigg lächelnd, »dann kämen wir ja auf die lächerliche kleine Summe von achtzehn Pence herunter: Ha, ha!« »Muß in gleicher Weise verworfen werden.« Sofort drückte Mr. Tigg daraufhin Mr. Pecksniff beide Hände und beteuerte voller Feuer, noch nie im Leben einen so charakterfesten und originellen Menschen wie ihn kennengelernt zu haben, und er wünsche nichts sehnlicher als die Ehre seiner näheren Bekanntschaft. Sein Freund Chevy Slyme habe manche kleine Eigenheit an sich, die er als Mann von ausgeprägtem Ehrgefühl keineswegs billigen könne, allein er sähe darüber um so lieber hinweg, als Slyme es doch gewesen, dem er heute das große Vergnügen einer freundschaftlichen Unterhaltung mit Mr. Pecksniff verdanke. Sodann bat Mr. Tigg um die Erlaubnis, Mr. Pecksniff einen recht guten Abend wünschen zu dürfen, und entfernte sich, nicht im geringsten beschämt, sich einen Refus geholt zu haben. Die Betrachtungen, die Mr. Pecksniff an diesem Abend im Schenkzimmer des ›Drachen‹ und die Nacht über zu Hause anstellte, waren sehr ernster Natur – um so mehr, als sich die Nachrichten, die er hinsichtlich der Ankunft andrer Familienglieder von den Herren Tigg und Slyme erhalten hatte, bei näherer Nachforschung bewahrheiteten. Die Spottletoes hatten sich geradenwegs in den ›Drachen‹ begeben, dort einquartiert und lagen auf Wache. Außerdem hatten sich Anthony Chuzzlewit und sein Sohn Jonas aus Sparsamkeitsrücksichten in einem obskuren Bierhaus – dem ›Halbmond und den sieben Sternen‹ – eingemietet, und schon die nächste Postkutsche brachte noch weitere liebevoll besorgte Verwandte. Kurz, es kam so weit, daß fast die ganze Familie sich im ›Blauen Drachen‹ niederließ und Martin Chuzzlewit in einen wahren Belagerungszustand versetzte. Der alte Herr jedoch leistete mannhaften Widerstand, wies alle Briefe, Botschaften und Pakete zurück, lehnte es hartnäckig ab, mit jemandem zu unterhandeln, und stellte auch nicht die mindeste Hoffnung auf Kapitulation in Aussicht. Inzwischen begegneten einander die verschiedenen Familienstreitkräfte unablässig in den Straßen, und da sich seit Menschengedenken kein Zweig des Baumes Chuzzlewit mit dem andern vertragen hatte, so setzte es manches Scharmützel, manche Wortgefechte und angedrohte Totschläge. Ein solches Keifen, Schelten, Nasenrümpfen und Stirnrunzeln, eine so förmliche Beerdigung jeder friedlichen Gesinnung und eine so gewaltsame Auferstehung alter Leidenschaften war an der Tagesordnung, daß seit dem Entstehen des Dorfes noch nie etwas Ähnliches in dieser Gegend von sterblichen Ohren vernommen worden war. Endlich, als die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit den Höhepunkt erreicht hatte, begannen die gegenseitigen Beschimpfungen in mildern Ausdrücken zu erfolgen, man wandte sich mit ziemlichem Anstande an Mr. Pecksniff, dessen ehrenwerter Charakter und einflußreiche Stellung unwillkürlich Achtung geboten, und kam schließlich überein, eines Nachmittags bei ihm eine allgemeine Versammlung und Beratung abzuhalten, wie Martin Chuzzlewits Hartnäckigkeit zu brechen sei, wozu sich sämtliche anwesende Familienmitglieder einfinden sollten. Wenn je Mr. Pecksniff einen apostolischen Ausdruck zur Schau trug, so war es an jenem denkwürdigen Tage der Fall. Wenn je ein Mann mit ruhevollem Lächeln die Worte verkündete: »Ich bin ein Bote des Friedens!«, so war es bei dieser Versammlung. Wenn je ein Mensch alle die milden Eigenschaften des Lammes mit einem beträchtlichen Anflug von Friedenstaube und ohne Spur von einem Krokodil oder auch nur die leiseste Andeutung etwa gar eines Schlangencharakters in sich vereinigte, so war es Mr. Pecksniff. Und dann die beiden Misses Pecksniff! Der stillergebene Ausdruck auf dem Antlitze der holden Charitas, der zu sagen schien: ich weiß, daß meine ganze Sippe mich aufs unheilbarste gekränkt hat, aber ich vergebe ihnen samt und sonders, denn es ist meine Pflicht, es zu tun – und dann Gratias frohsinnige Einfalt, so bezaubernd, so unschuldig, so kindlich, daß, wenn es etwas früher in der Jahreszeit gewesen und sie allein ausgegangen wäre, die Rotkehlchen sie mit Laub bedeckt und für eines der süßen Feenkinder des Waldes gehalten haben würden, das wieder einmal herausgekommen wäre, um Brombeeren zu suchen! Welche Worte könnten imstande sein, die Pecksniffs in jener hehren Stunde zu schildern! Und als dann die Gesellschaft anlangte! Wie Pecksniff, links und rechts eine Tochter, von seinem Patriarchensitz oben am Tische aufstand, in seinem besten Zimmer die Gäste empfing und ihnen mit überströmenden Augen und einem von huldreichem Schweiße feuchten Antlitz Plätze anbot! Und dann die Gesellschaft! Der Kontrast! Die eifersüchtigen, steinherzigen, argwöhnischen Familienmitglieder, die niemandem und nichts glaubten, nicht einmal sich selbst – geschweige denn den Pecksniffs. Borstig und widerhaarig wie Igel oder Stachelschweine. Da waren vor allem Mr. Spottletoe, der so kahl war und einen so dichten Backenbart hatte, daß es schien, als sei sein Haupthaar ihm plötzlich durch ein Zaubermittel ins Gesicht gerutscht – dann Mrs. Spottletoe, eine Dame von poetischer Konstitution und viel zu schmächtig für ihr Alter, die ihren Busenfreundinnen bei jeder Gelegenheit mitzuteilen pflegte, genannter Herr im Backenbart sei »der Leitstern« ihres Lebens, und jetzt infolge ihrer heißen Liebe zu ihrem Onkel Chuzzlewit und des Herzeleides, man könne sie möglicherweise wegen Erbschleicherei im Verdacht haben, leise stöhnte. Ferner Mr. Anthony Chuzzlewit, das Gesicht durch die Schlauheit und Behutsamkeit, die er sein ganzes Leben lang geübt, so messerscharf, daß es förmlich die Luft zu schneiden schien, wie er sich hinter den Stühlen die Wand entlang schlich. Sein Sohn Jonas, an Wesen und Art sein getreues Ebenbild, flüsterte auf ihn ein, und dann blieben beide mit ihren entzündeten Augen blinzelnd Seite an Seite in der Ecke stehen. Außerdem war noch die Witwe eines verstorbenen Bruders von Mr. Martin Chuzzlewit zugegen, die wegen ihres fast übernatürlich zuwidern Wesens, ihrer knöchernen Gestalt und männlichen Stimme als sogenannte »entschlossene« Frau galt und, wenn es auf sie angekommen wäre, am liebsten ihren Schwager in ein Tollhaus gesteckt und darin gehalten hätte, bis er seine völlige Geistesgesundheit durch ein Testament zu ihren Gunsten erwiesen haben würde. Neben ihr saßen ihre jungfräulichen Töchter, drei an der Zahl und von so edler Haltung, daß man wohl mit Recht annehmen konnte, ihre engen Schnürleiber trügen das meiste dazu bei. Auch ein junger Gentleman, ein sehr schwarzer und behaarter Großneffe Mr. Martin Chuzzlewits, und ein unverheiratetes Bäschen, das nur wegen ihrer großen Taubheit und ihrer Alt-Jüngferlichkeit auffiel und beständig an Zahnweh litt, hatten sich eingefunden. – Mr. George Chuzzlewit, ein lebensfroher, unverheirateter Vetter, der noch immer jung erscheinen wollte, sehr zu Korpulenz neigte und sich derart vollzufressen pflegte, daß seine Augen mit der Zeit aus ihren Höhlen gequollen waren und sich hervordrängten, wie in unablässigem Staunen begriffen, war so augenfällig zu Finnen disponiert, daß die hellen Tupfen an seiner Halsbinde, das reiche Dessin seiner Weste und sogar seine schimmernden Pretiosen wie eine Hautkrankheit an ihm erschienen. Mr. Chevy Slyme und sein Freund Mr. Tigg schlossen die Reihe. So war der liebenswürdige kleine Familienzirkel beschaffen, der sich jetzt in Mr. Pecksniffs »guter Stube« versammelt hatte und nur darauf lauerte, über den liebenswürdigen Hausherrn oder wen immer sonst herzufallen. »Dieser Anblick erquickt mein Herz«, begann Mr. Pecksniff, stand auf und sah sich mit gefalteten Händen im Kreise um. »Er erquickt nicht minder die Herzen meiner Töchter. Es ist eine erfreuliche Auszeichnung, die Sie uns haben zuteil werden lassen, und glauben Sie mir« – von seinem Lächeln an dieser Stelle seiner Rede kann sich niemand auch nur annähernd einen Begriff machen – »wir werden es nimmermehr vergessen.« »Ich bedaure, Sie unterbrechen zu müssen, Pecksniff«, fiel Mr. Spottletoe, der Herr mit dem gewaltigen Backenbart, ein, »aber Sie sind sehr im Irrtum, Sir. Meinen Sie wirklich, es fiele irgend jemandem bei, Ihnen eine Auszeichnung zuteil werden zu lassen, Sir?« Ein allgemeines Gemurmel schien zu bestätigen, daß tatsächlich niemand diese Absicht hege. »Wenn Sie so fortzufahren gedenken, wie Sie angefangen haben«, rief Mr. Spottletoe hitzig und schlug mit der Faust auf den Tisch, »so wäre es besser, wenn Sie lieber gleich davon abstünden und die Versammlung sich auflöste. Ihr alberner Wunsch, hier als Oberhaupt der Familie zu fungieren, ist für mich nichts Neues, aber ich kann Ihnen sagen, Sir –« »Ja natürlich! Er will etwas sagen. Er! Wie? Ist etwa er das Oberhaupt?« Und im Nu fielen, von der »entschlossenen« Dame abwärts, alle einmütig über Mr. Spottletoe her, bis dieser nach vergeblichen Bemühungen, sich Gehör zu verschaffen, sich wieder niedersetzte, stumm die Arme verschränkte, zornig den Kopf schüttelte und seiner Gattin durch Gebärden zu verstehen gab, der Spitzbube Pecksniff solle vorderhand nur fortmachen. Er wolle ihm im richtigen Augenblick schon zu Leibe gehen und ihn vernichten. »Es tut mir durchaus nicht leid«, nahm Mr. Pecksniff seine Rede wieder auf, »«es tut mir in der Tat durchaus nicht leid, daß sich dieser kleine Zwischenfall ereignet hat. Weiß man doch wenigstens, daß sich niemand hier einer Maske bedient und wir ohne Rückhalt und ehrlich und offen in unsern wahren Charakteren voreinander erscheinen können.« Sofort erhob sich bei diesen Worten die älteste Tochter der »entschlossenen« Dame ein wenig von ihrem Sitze und drückte, wie es schien, mehr aus unterdrückter Leidenschaft als Befangenheit, von Kopf bis zu Fuß zitternd, im allgemeinen die Hoffnung aus, daß vor allem »gewisse« Leute in ihren eigenen Charakteren erscheinen sollten – wäre es auch nur, weil ein solches Benehmen den löblichen Reiz der Neuheit hätte, und daß vorgenannte »gewisse« Leute, wenn sie von ihren Verwandten sprächen, sorgfältig darauf achten möchten, wer alles zugegen sei, sonst könnte ihnen etwas zu Ohren kommen, was sie vermutlich sehr verstimmen dürfte. Und was rote Nasen beträfe, so habe sie bisher noch nicht gewußt, daß eine rote Nase eine »Maske« sei oder jemandem zum Schimpf gereiche, sofern die Leute ihre Nasen weder selber machten noch färbten, sondern diesen Gesichtsanhang eben erhielten, ohne daß man sie vorher um Erlaubnis frage, und übrigens sei noch sehr zweifelhaft, ob »gewisse« Nasen nicht röter wären als andere. Da diese Bemerkungen von den beiden Schwestern der Sprecherin mit einem schrillen Gelächter begrüßt wurden, sah sich Miss Charitas Pecksniff genötigt, mit großer Höflichkeit um Auskunft zu bitten, ob eine dieser höchst gemeinen Anspielungen vielleicht auf sie gemünzt sei. Und als sie keine weitere Erklärung als das Sprichwort »Wen's juckt, der kratze sich« erhielt, schritt sie ihrerseits zu einer ziemlich scharfen und persönlichen Entgegnung – angestachelt von ihrer Schwester Gratia, die die ganze Zeit über mit großer Herzlichkeit und womöglich noch natürlicher als sonst laut gelacht hatte. Da erfahrungsgemäß eine Meinungsverschiedenheit unter Damen nicht erörtert werden kann, ohne daß nicht alle Angehörigen gleichen Geschlechts, die sich in Hörweite befinden, dabei Partei ergreifen, so mischten sich alsbald die »entschlossene« Dame, ihre beiden Töchter, Mrs. Spottletoe und das taube Bäschen, das sich durch den Umstand, daß es nicht wußte, um was es sich handelte, keineswegs abhalten ließ, samt und sonders lebhaft ein. Da die beiden Misses Pecksniff den drei Misses Chuzzlewit so ziemlich gewachsen waren, so würde sich die Schlacht zweifellos sehr in die Länge gezogen haben ohne die hohe Tapferkeit und Bravour der »entschlossenen« Dame, die kraft ihrer sarkastischen Zunge Mrs. Spottletoe dermaßen mit höhnenden Worten bearbeitete, daß diese, ehe noch das Scharmützel zwei Minuten gewährt hatte, zu Tränen ihre Zuflucht nehmen mußte. Das hatte irgendwie zur Folge, daß Mr. Spottletoe Mr. Pecksniff die geballte Faust dicht vors Auge hielt wie eine Naturmerkwürdigkeit, aus deren näherer Betrachtung sich große Erbauung und Belehrung erholen ließe. Nachdem er sich sodann ohne erforschlichen Grund erbötig gemacht hatte, Mr. George Chuzzlewit mit Fußtritten zu regulieren, wenn man ihm sechs Pence dafür zahle, reichte er seiner Gattin den Arm und stolzierte indigniert hinaus. Das lenkte die Aufmerksamkeit der Streitkräfte einigermaßen ab und machte dem Kampfe wenigstens soweit ein Ende, daß nur noch hie und da unbedeutende Wutblitze aufzuckten. Schließlich erhob sich Mr. Pecksniff abermals von seinem Sitze. Die beiden Misses Pecksniff nahmen dabei eine Miene an, als ob es nicht nur im Bereiche des Zimmers, sondern auf der ganzen Welt gar keine Misses Chuzzlewit gäbe, und die drei Misses Chuzzlewit ihrerseits taten desgleichen. »Es ist sehr zu beklagen«, begann Mr. Pecksniff in demutsvoller Rückerinnerung an Mr. Spottletoes geballte Faust, »daß sich unser Freund so hastig entfernt hat. Andererseits haben wir Grund, uns gegenseitig dazu Glück zu wünschen. Können wir jetzt wenigstens sicher sein, solange er abwesend ist, in dem, was wir sprechen oder tun, nicht durch seinen Argwohn gestört zu werden. Ist das nicht ein sehr beruhigender Gedanke?« »Pecksniff«, rief Anthony, der die ganze Gesellschaft von Anfang an mit atemlos lauerndem Blick beobachtet hatte, »heucheln Sie nicht so!« »Was soll ich nicht, mein werter Herr?« fragte Mr. Pecksniff. »Nicht so heucheln!« »Charitas, mein liebes Kind«, wendete sich Mr. Pecksniff an seine Tochter, »erinnere mich heute abend vor dem Schlafengehen, daß ich noch angelegentlicher als sonst für Mr. Anthony Chuzzlewit bete, da er mir unrecht getan hat.« Er sprach diese Worte mit höchst milder Stimme und beiseite, als gälten sie lediglich seiner Tochter. Mit dem freudigen Bewußtsein eines guten Gewissens nahm er dann seine Rede wieder auf: »Alle unsre Gedanken weilen bei unserm vielgeliebten, aber unfreundlichen Verwandten, und da er gewissermaßen unserm Bereich entrückt ist, so haben wir uns heute recht eigentlich wie zu einem Leichenbegängnis versammelt – wenn sich auch glücklicherweise nicht wirklich ein Toter im Hause befindet.« Die »entschlossene« Dame war nun aber nicht überzeugt, daß man hier das Wort »glücklicherweise« gebrauchen dürfe. Eher das Gegenteil. »Gut, meine teure Madame!« gab Mr. Pecksniff zu. »Sei dem, wie es wolle – wir sind nun einmal da; und weil wir da sind, so wollen wir in Erwägung ziehen, ob es nicht möglich sei, durch was immer für erlaubte Mittel –« »Ach was, Sie wissen so gut wie ich«, unterbrach die »entschlossene« Dame, »daß in einem solchen Falle alle Mittel erlaubt sind – oder vielleicht nicht?« »Sehr gut, meine teure Madame, sehr gut! – Also ob es nicht möglich ist, durch was immer für Mittel – wir wollen sagen, durch jedes Mittel – unserm teuern Verwandten seine gegenwärtige Verblendung zu Gemüte zu führen. Ob es nicht möglich ist, ihm durch was immer für Mittel hinsichtlich des wahren Charakters und der Absichten der gewissen jungen Frauensperson die Augen zu öffnen, deren seltsame – deren höchst seltsame Stellung bei ihm« – hier dämpfte Mr. Pecksniff seine Stimme zu einem eindringlichen Flüstern – »tatsächlich einen Schandfleck auf unsere Familie wirft, und die bekanntermaßen« – hier erhob er seine Stimme wieder – »wozu wäre sie sonst bei ihm! – die hinterlistigsten Absichten auf sein Vermögen hegt.« Wie wenig sonst die Anwesenden miteinander harmonieren mochten, so waren sie doch hinsichtlich dieses Punktes aufs entschiedenste gleicher Ansicht. »Gütiger Himmel, wirklich Absichten hegt sie auf Martin Chuzzlewits Vermögen?!« Die entschlossene Dame war für Gift, ihre drei Töchter für Einsperrung in Bridewell bei Brot und Wasser, das Bäschen mit dem Zahnweh redete Botanybai das Wort, und die beiden Misses Pecksniff verfielen auf Auspeitschenlassen. Mr. Tigg ausgenommen, der unbeschadet seiner außerordentlichen Schäbigkeit, kraft seiner schnurrbartverbrämten Oberlippe und seiner Brustschnüre gewissermaßen als galanter Ritter galt, zweifelte niemand an der Erlaubtheit solcher Maßregeln. Und auch er durfte seine Bedenken nur ungestraft aussprechen, weil er dabei die Damen voll Bewunderung beliebäugelte. »Nun«, sagte Mr. Pecksniff und kreuzte seine beiden Zeigefinger in einer Weise, die etwas ungemein Versöhnliches und Beweisendes hatte, »auf der einen Seite will ich nicht gerade so weit gehen, zu behaupten, daß die ›Person‹ alle die Züchtigungen verdiente, die hier empfohlen worden sind; und auf der andren Seite möchte ich wieder meinen gesunden Menschenverstand um keinen Preis so weit kompromittieren, um zu behaupten, daß sie sie wieder nicht verdiene. Ich wollte eigentlich nur bemerken, daß es geraten sein dürfte, einige praktische Maßregeln zu ersinnen, um unseren wertgeschätzten – soll ich sagen, unsern hochverehrten –?« »Nein!« fiel ihm die entschlossene Dame mit lauter Stimme ins Wort. »Nun, so will ich es unterlassen – Sie haben ganz recht, meine teure Madame; ich schätze Sie und danke Ihnen für Ihren umsichtigen Einwurf – also unsern nicht hochverehrten Verwandten zu veranlassen, auf die Stimme der Natur zu hören und nicht auf die – auf die – auf die – –« »Nur weiter, Pa!« rief Gratia. »Ich muß gestehen«, entschuldigte sich Mr. Pecksniff, die versammelte Verwandtschaft mit einem Lächeln beehrend, »die Wahrheit ist, daß ich um ein passendes Wort verlegen bin. Der Name der gewissen Fabeltiere aus dem blinden Heidentume, die in den Fluten zu singen pflegten, ist mir entfallen.« »Schwäne?« riet Mr. George Chuzzlewit. »Nein, nein. Nicht Schwäne – obgleich den Schwänen sehr ähnlich. Ich danke Ihnen.« Der behaarte Neffe öffnete ein einziges und letztes Mal den Mund und meinte: »Austern?« »Nein«, versetzte Mr. Pecksniff mit der ihm angebotenen Höflichkeit; »auch nicht Austern. Aber doch keineswegs den Austern unähnlich – eine ganz exzellente Idee übrigens: ich danke Ihnen, werter Herr; danke recht sehr. Halt, ich hab's: Sirenen! Du mein Himmel! Natürlich: Sirenen. – – Ich glaube, gesagt zu haben, daß man auf Maßregeln sinnen sollte, unsern wertgeschätzten Verwandten zu veranlassen, daß er auf die Stimme der Natur höre und nicht auf die Sirenenklänge der Arglist. Nun dürfen wir aber auch nicht die Tatsache aus dem Gesicht verlieren, daß unser geschätzter Verwandter einen Enkel hat, dem er noch bis vor kurzem sehr zugetan war und den ich heute sehr gerne ebenfalls hier gesehen hätte, zumal ich eine wahre und tiefe Hochachtung für ihn empfinde. Ein hübscher junger Mann – ein äußerst hübscher junger Mann! – – Ich wollte Ihnen nun den Vorschlag machen, ob wir Mr. Chuzzlewits Mißtrauen nicht von uns abwenden und unsre Uneigennützigkeit dadurch an den Tag legen könnten, wenn wir –« »Wenn Mr. George Chuzzlewit mir etwas zu sagen hat«, unterbrach die entschlossene Dame streng die schöne Rede, »so soll er gefälligst frei herausreden wie ein Mann und nicht mich und meine Tochter anstieren, als ob er uns fressen wollte.« »Was das Anstieren betrifft, Mrs. Ned«, erwiderte Mr. George ärgerlich, »so habe ich mir sagen lassen, daß auch die Katze den Kaiser anschauen darf. Und ich als angestammtes und – hüm – nicht angeheiratetes Mitglied der Familie kann um so mehr anschauen, wen ich will. Na, und hinsichtlich des Fressens erlaube ich mir die Bemerkung, daß ich darin nicht so begierig bin, Madam.« »Davon bin ich noch nicht so überzeugt«, meinte die entschlossene Dame spitz. »Und wenn es auch der Fall wäre«, rief Mr. George Chuzzlewit, durch diese Erwiderung sehr gereizt, »so würde mir jedenfalls beizeiten einfallen, daß eine Frau, die drei Männer überlebt und unter diesen Verlusten so wenig gelitten hat wie Sie, bedenklich – zäh sein muß.« Die entschlossene Dame sprang auf. »Auch muß ich ferner noch bemerken«, sprach Mr. George erregt weiter und nickte bei jedem Wort heftig mit dem Kopf, »ohne Namen zu nennen und anzüglich werden zu wollen, daß ich der Ansicht bin, es würde weit anständiger und passender sein, wenn gewisse Leute, die sich durch Heirat listigerweise in die Verwandtschaft eingeschlichen und später ihre Gatten unter die Erde gekeift haben, es unterlassen würden, auch noch über lebende wirkliche Familienangehörige wie die Aasgeier herzufallen. Auch glaube ich, wäre es höchst angebracht, wenn solche Individuen hübsch zu Hause blieben und mit dem zufrieden wären, was sie bereits ergattert haben, statt hier herumzulungern und ihre Finger in eine Familienpastete zu stecken, die schon nach ihnen riecht, wenn sie noch fünfzig Meilen davon entfernt sind.« »Darauf hätte ich gefaßt sein können!« rief die entschlossene Dame, blickte mit geringschätzigem Lächeln umher und rauschte sodann mit ihren drei Töchtern zur Türe. »Übrigens war ich von Anfang an vollkommen darauf gefaßt. Was könnte man auch Besseres von einer solchen – Atmosphäre erwarten!« »Richten Sie gefälligst Ihren Halbsoldoffiziersblick nicht auf mich, Madam, wenn ich bitten darf«, fiel ihr Miss Charitas ins Wort, »Sie sind mir widerwärtig.« Dies war eine beißende Anspielung auf eine Witwenpension, die die entschlossene Dame nach ihrem zweiten Gatten und vor ihrer letzten Ehe bezogen hatte. Der Hieb saß tief, denn Mrs. Chuzzlewit fuhr auf und schrie: »Ich mußte verzichten auf die Gedächtnisstiftung eines teuren Vaterlandes, eben weil ich in diese Familie trat, du höchst erbärmliche Hexe! – – – Und ich fühle jetzt – wenn ich es auch damals nicht fühlte –, daß mir ganz recht geschah, als ich durch eine solche Selbsterniedrigung meiner Ansprüche an das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Irland verlustig ging. – – – Nun, meine lieben Töchter, wenn ihr bereit seid und euch hinlänglich durch Beherzigung des edlen Beispiels dieser beiden jungen Damen erbaut habt, so könnten wir, dächte ich, gehen. Und Ihnen, Mr. Pecksniff, sind wir wirklich ungemein verbunden. Wir kamen, um uns zu amüsieren, und in dieser Hinsicht haben Sie unsere Erwartungen sogar noch bei weitem übertroffen. Ich danke Ihnen. – Adieu!« Mit diesen Abschiedsworten fegte die entschlossene Frau aus dem Zimmer und aus dem Hause, von ihren Töchtern gefolgt, die einmütig ihre drei spitzigen Nasen rümpften und ein verächtliches Kichern anstimmten. Einen Augenblick später gingen sie ostentativ und mit dem Ausdruck nicht zu bändigenden Entzückens außen am Fenster vorüber. Mit diesem Schlußcoup, der die drinnen gewaltig entmutigen sollte, verschwanden sie. Ehe noch Mr. Pecksniff oder irgend einer der noch anwesenden Gäste den Mund zu einer Bemerkung öffnen konnte, kam aus der entgegengesetzten Richtung her eine andere Gestalt in großer Eile am Fenster vorbei, und unmittelbar darauf stürzte Mr. Spottletoe ins Zimmer. Im Vergleich zu seiner jetzigen Aufregung war er der reinste Eiszapfen gewesen, als er sich vor einer Stunde entfernte. Von seinem kahlen Haupte troff so viel Öl hernieder, daß sein Backenbart geradezu gesalbt erschien; sein Gesicht glühte, und er zitterte an allen Gliedern und schnappte nach Luft. »Mein werter Herr!« rief Mr. Pecksniff. »O ja!« keuchte Mr. Spottletoe. »O ja, freilich! Oh, selbstverständlich! Oh, natürlich! Ihr hört, was er sagt! Hört ihr alle, was er sagt?« »Was gibt's denn?« riefen mehrere Stimmen. »Oh, nichts!« rief Mr. Spottletoe, noch immer nach Luft schnappend. »Ganz und gar nichts! – Vollkommen bedeutungslos. Fragt doch ihn! Er kann's euch am besten sagen!« »Ich verstehe nicht, was unser Freund meint«, sagte Mr. Pecksniff und sah sich voller Erstaunen im Kreise um. »Ich versichre Ihnen, daß mir sein Benehmen geradezu rätselhaft erscheint.« »Rätselhaft!« schrie Mr. Spottletoe. »Rätselhaft! Wollen Sie uns vielleicht weismachen, Sir, Sie wüßten nicht, was vorgefallen ist? – Haben Sie uns vielleicht nicht hierher gelockt und ein Komplott gegen uns geschmiedet?! Erdreisten Sie sich vielleicht gar, zu sagen, Sie wüßten nicht, daß Martin Chuzzlewit fort ist, auf und davon? Ist es Ihnen vielleicht sogar unbekannt, wohin er sich gewendet hat, Sir?!« »Fort?« riefen alle wild durcheinander. »Fort!« echote Mr. Spottletoe. »Fort, während wir hier konferierten! Fort; und niemand will wissen, wohin. Oh, natürlich nicht! Die Wirtin dachte bis zum letzten Augenblick, er mache bloß eine Spazierfahrt. Sie hatte doch keine Ahnung. Natürlich nicht! Wie sollte sie wohl! Sie ist auch nicht die Kreatur dieses Kerls. Oh, Gott bewahre!« Diesen Ausrufen ließ der aufgeregte Gentleman eine Art ironischen Geheuls folgen, dann schwieg er plötzlich, sah die Gesellschaft eine kurze Weile stumm an und stürzte mit furchtbarer Eile wieder hinaus. Vergeblich beteuerte Mr. Pecksniff, daß diese neuerliche und so gut gelungene Flucht Martin Chuzzlewits für ihn mindestens ebenso unerwartet und überraschend komme wie für sonst jemanden. Von allen Beschimpfungen und Verwünschungen, die jemals auf ein unglückliches Haupt gehäuft worden, kann wohl keine aufrichtiger gemeint und kräftiger gewesen sein als die, mit denen sich jeder einzelne der noch zurückgebliebenen Verwandten von dem unglücklichen Mr. Pecksniff verabschiedete. Fürchterlich war die moralische Höhe, auf die sich Mr. Tigg ihm gegenüber stellte, und das taube Bäschen, dem das doppelt harte Los zuteil geworden, die Vorgänge mit ansehen zu müssen und nichts als die Katastrophe hören zu können, kratzte sich die Füße vor der Tür ab und verteilte die Eindrücke davon über die ganze obere Treppe, zum Zeichen, daß sie den Staub von ihren Schuhen schüttele, ehe sie dieses Haus der Arglist und Treulosigkeit verlasse. Kurz, Mr. Pecksniff blieb nur ein einziger Trost, nämlich das Bewußtsein, daß alle diese Verwandten und Freunde ihn zuvor schon aufs äußerste gehaßt und er seinerseits nicht mehr Liebe an sie verschwendet hatte, als er bei seinem ungeheuern Reichtum an diesem Artikel leicht verschmerzen konnte. Die Betrachtungen, die er von diesem Gesichtspunkte aus anstellte, bereiteten ihm ungemein viel Trost – eine Tatsache, die um so mehr Beachtung verdient, als sie zeigt, wie leicht ein wahrhaft guter Mensch sich über Enttäuschungen aller Art hinwegzusetzen vermag. 5. Kapitel Enthält einen ausführlichen Bericht über die Einführung des neuen Zöglings in den Schoß der Familie Pecksniff Der beste der Architekten und Landbeschauer besaß ein Pferd, an dem die bereits erwähnten Feinde eine seltsame Ähnlichkeit mit seinem Gebieter entdecken wollten – nicht gerade in Anbetracht der äußeren Gestalt, denn es war ein klapperdürres, verhungertes Pferd, das weit schmaler im Futter stand als Mr. Pecksniff, sondern hinsichtlich seines moralischen Charakters, der – sagten sie – sehr viel versprach, aber nichts hielt. Es tat nämlich immer, als ob es trabe, kam aber nie recht vorwärts. Selbst beim langsamsten Reiseschritt pflegte es seine Beine so hoch zu heben und eine so gewaltige Rührigkeit zu entfalten, daß man hätte glauben müssen, es lege mindestens vierzehn Meilen in der Stunde zurück. Dabei war es stets so vollkommen selbstzufrieden mit seiner Geschwindigkeit und ließ sich, wenn es Gelegenheit hatte, sich mit den schnellsten Trabern zu messen, so wenig aus der Fassung bringen, daß man der Täuschung nur um so schwerer widerstehen konnte. Es war eine Art Tier, das die Brust jedes Laien mit dem lebhaftesten Gefühl der Hoffnung erfüllte, aber alle die, die es näher kannten, geradezu in Verzweiflung brachte. In welcher Hinsicht diese Charakterzüge mit denen seines Gebieters verglichen werden konnten, vermögen nur die Lästerer dieses trefflichen Mannes anzugeben. Doch bleibt es eine traurige Wahrheit und ein beklagenswerter Beleg für die Lieblosigkeit der Welt, daß diese Vergleiche tatsächlich angestellt wurden. Auf dieses Pferd und das dazugehörige überdachte Fuhrwerk – es war eigentlich mehr ein Gig mit einer sonderbaren Geschwulst als etwas anderes – konzentrierten sich an einem schönen Morgen Mr. Pinchs Gedanken und Wünsche. Sollte er doch mit dieser stattlichen Equipage allein nach Salisbury fahren, um dort den neuen Zögling zu treffen und ihn im Triumphzuge nach Hause zu bringen. Welch bessere Zeit könnte es wohl für Fahren, Reiten, Gehen und alle möglichen Bewegungen in freier Luft geben als einen frischen frostigen Morgen, wo die Hoffnung freudig mit dem raschen Blut durch die Adern pulsiert und den Körper von Kopf bis zu Fuß durchprickelt! Solch frohen Anfang nahm ein nervenstählender Frühwintertag, ein Tag, der die erschlaffende Sommerszeit und den Frühling beschämt, der oft nur halb so kalt ist. Die Glöckchen der Schafe klangen so klar durch die belebende Luft, als fühlten sie ihren Einfluß wie beseelte Wesen; die Bäume schüttelten statt Blättern funkelnden Reif hernieder wie Diamantenstaub. Von den Schornsteinen stieg der Rauch hoch, hoch in die Luft, als sei die jauchzende Erde aus ihrer Leblosigkeit erwacht und wolle sich nicht länger mehr durch schwere Dünste erdrücken lassen. Die Eiskruste auf dem sonst plätschernden Bach war so durchsichtig und dünn, daß es aussah, als hätte das Wasser freiwillig haltgemacht, um sich des lieblichen Morgens zu freuen. Und damit die Sonne nicht zu früh diesen Zauber breche, schwebte zwischen ihr und der Erde ein Nebel hin und her, ähnlich dem, der in Sommernächten auf den Mond lauert. Tom Pinch fuhr weiter – nicht schnell zwar, aber doch mit dem Gefühle rascher Fahrt; und alles, was ihm begegnete, trug dazu bei, ihn in seinem Glücksgefühl zu bestärken. Als er zum Beispiel des Schlagbaums ansichtig wurde, bemerkte er, wie die Frau des Mauteinnehmers, die gerade mit einem Frachtwagen unterhandelte, wie toll in das kleine Häuschen zurückeilte, bloß um ihrem Manne zu melden, »daß Mr. Pinch käme«. Und dann, als er sich der Zollschranke näherte, eilten die Kinder des Wächters heraus und schrien zu seinem Entzücken in winzigem Chor: »Mr. Pinch! Mr. Pinch!« Der Mauteinnehmer, sonst ein recht widerhaariger Patron, mit dem die Leute nicht gerne verkehrten, kam sogar in höchsteigener Person heraus, um den Schlagbaumzoll in Empfang zu nehmen und ihm einen rauhen »guten Morgen« zu wünschen. Von alledem und einem Blick auf das Familienfrühstück auf einem kleinen runden Tische vor dem Feuer schmeckte Tom Pinch seine Brotrinde, die er mitgenommen, so würzig, als wäre sie frisch von einem Laib wirklichen Feenbrotes abgeschnitten. Und das war noch lange nicht alles. Nicht bloß verheiratete Leute und Kinder boten Tom Pinch, wenn er vorüberfuhr, ein freundliches Willkommen. Nein, nein, funkelnde Augen und schneeige Hälse kamen an so manches Mansardenfenster geeilt, als er vorbeirasselte, und die Mädchen gaben seine Grüße zurück – nicht kärglich, sondern siebenfältig, wohlgemessen. Und so vergnügt waren alle! Und einige der Gottlosesten warfen Tom sogar Kußhändchen zu, wenn er zurückblickte. Denn wer genierte sich vor dem armen Tom Pinch!? Er war doch so harmlos. Und dann wurde der Morgen so schön, und alles lachte so lustig und hellauf, daß die Sonne zu sagen schien: »Ich kann's nicht länger aushalten, ich muß ein bißchen herunterschauen.« – Der Nebel, viel zu zart und scheu für so lustige Gesellschaft, floh erschrocken vor ihr dahin, und wie er entschwebte, tauchten Hügel, Täler und ferne Auen voll friedlicher Lämmer und lärmender Krähen auf, so glänzend wie ein funkelnagelneues Bild. Und in der Freude über diesen Anblick blieb auch der Bach nicht länger stehen, sondern eilte lebendig weiter, um die Kunde der drei Meilen weiter unten liegenden Mühle zu bringen. Mr. Pinch holperte vergnüglich weiter, voll froher Gedanken und heiterer Eindrücke, als er plötzlich bei einer Biegung einen Wanderer, der mit lauter, aber nicht unmusikalischer Stimme vor sich hin sang, mitten auf der Straße fürbaß schreiten sah. Es war ein junger Mensch von fünf- oder sechsundzwanzig Jahren, der sich so frei und flott bewegte, daß die langen Enden seines losen roten Halstuchs ebenso oft nach hinten wie nach vorn flatterten. Den großen Strauß von roten Winterbeeren, die er im Knopfloch seines Samtrockes stecken hatte, konnte man so deutlich von hinten unterscheiden, als ob der Fremde den Rock verkehrt angehabt hätte. Der junge Mann sang so laut und mit so viel Nachdruck, daß er das Rasseln der Räder nicht eher vernahm, als bis das Fuhrwerk dicht hinter ihm war. Dann erst drehte er sich um, zeigte Tom ein fröhliches Gesicht und ein Paar lachende blaue Augen und machte halt. »Sieh da, Mark!« rief Tom Pinch und zügelte seinen Gaul. »Wer hätte das gedacht, daß wir hier zusammentreffen! Nun, das nenne ich mir eine Überraschung!« Mark griff an seinen Hut und sagte, während ein Schatten über sein eben noch so lebhaftes Gesicht flog, er wolle nach Salisbury. »Und wie Sie sich herausgeputzt haben!« lobte Mr. Pinch und betrachtete den jungen Mann mit großem Wohlgefallen. »Wirklich, ich hätte mir nicht vorgestellt, daß Sie ein so fescher Bursche sind, Mark!« »Danke schönstens, Mr. Pinch; macht sich, macht sich. Meine Schuld ist's nicht, müssen Sie wissen. Und mit dem Herausgeputztsein, sehen Sie, da hat's so einen Haken.« Und dabei machte der junge Mann ein recht melancholisches Gesicht. »Wieso einen Haken?« fragte Mr. Pinch. »Je nun, es kann eben jeder leicht heiter und guter Dinge sein, wenn er gut gekleidet ist. Man braucht das niemandem besonders hoch anzurechnen. Ja, wenn ich recht zerlumpt und doch dabei lustig wäre, so würde ich anfangen zu glauben, daß ich mir etwas darauf zugute tun dürfte, Mr. Pinch.« »Sie haben also nur gesungen, sozusagen, trotz der guten Kleidung; was, Mark?« fragte Mr. Pinch. »Sie sprechen doch immer wie ein Buch, Sir«, entgegnete Mark mit breitem Grinsen. »Meiner Seel.« »Nun«, meinte Pinch, »Sie sind wirklich der sonderbarste junge Mensch, Mark, den ich je in meinem Leben kennengelernt habe. Sie sind mir zwar immer so vorgekommen, aber jetzt wird mir's zur völligen Gewißheit. Ich will übrigens gleichfalls nach Salisbury. Kommen Sie, steigen Sie auf! Es wird mich freuen, wenn Sie mir ein bißchen Gesellschaft leisten.« Der junge Mann nahm das Anerbieten mit Dank an, stieg auf, setzte sich aber bloß mit halbem Leibe und nur auf den Rand des Sitzes, um dadurch auszudrücken, daß er Mr. Pinchs liebenswürdige Aufforderung zu würdigen wisse. »Als ich Sie vorhin gar so herausgeputzt sah«, begann Mr. Pinch wieder, »glaubte ich wahrhaftig, Sie gingen auf Freiersfüßen, Mark.« »Nun, Sir, ich habe auch schon an dergleichen gedacht«, gab Mark zu. »Das wäre schon eher eine Kunst, wenn man mit einem recht zanksüchtigen Weibe zu Haus noch vergnügt sein könnte, namentlich wenn die Kinder die Masern oder etwas dergleichen haben. Aber ich fürchte mich fast, es zu versuchen. Ich bin mir noch nicht recht klar diesbezüglich.« »Sie sind wohl nicht besonders verliebter Natur?« fragte Pinch. »Nicht besonders, Sir, glaube ich.« »Bei Ihren Ansichten, Mark, müßten Sie aber gerade eine heiraten, die Sie nicht liebten und die recht häßlich wäre.« »Allerdings, Sir; aber das hieße doch vielleicht einen Grundsatz ein wenig gar zu weit treiben. – Glauben Sie nicht?« »Möglich«, meinte Pinch, und dann lachten beide herzlich. »Meiner Seel, Sir«, sagte Mark, »ich glaube, Sie kennen mich noch nicht annähernd. Ich denke nicht, daß es je einen Menschen gegeben hat, der sich unter Verhältnissen, die andre Leute elend machen können, so tapfer gehalten hätte, wie ich es imstande wäre. Wenn ich nur Aussicht hätte, je in eine solche Lage zu geraten! Meiner Ansicht nach wird niemand auch nur halbwegs erfahren, was in mir steckt, wenn nicht etwas ganz Unerwartetes passiert. Aber dazu winkt mir keine Chance. – Ich habe übrigens dem »Drachen« den Rücken gekehrt auf Nimmerwiedersehen, Sir.« »Dem »Drachen« den Rücken gekehrt?« rief Mr. Pinch, höchst erstaunt. »Aber Mark, das benimmt mir ja förmlich den Atem!« »Jawohl, Sir«, bestätigte Mark und schaute gedankenschwer ins Weite. »Warum sollte ich im »Drachen« bleiben? Für mich ist das nicht der richtige Platz. Als ich London verließ – ich bin ein gebürtiger Kenter – und den Dienst annahm, war ich der festen Meinung, es wäre so ein recht abgelegener und einsamer Winkel von Alt-England und man brauchte eine rechte Kunst, unter solchen Umständen vergnügt zu sein. Aber, du mein Himmel, im »Drachen« gibt's keine Langeweile! Kegel und Cricketspiel, lustige Lieder und jeden Winterabend Gesellschaft um den Kamin herum. – Im »Drachen« ist jeder fidel. Das ist wirklich nicht schwer.« »Aber wenn es wahr ist, was die Leute sagen, Mark und ich muß es wohl glauben, da ich es aus eigner Erfahrung bestätigen kann«, meinte Mr. Pinch, »so sind hauptsächlich Sie der Urheber aller dieser Lustigkeit!« »Vielleicht ist es wirklich so, Sir«, antwortete Mark, »aber das ist noch immer kein Trost für mich.« »Gut!« sagte Mr. Pinch und dämpfte seine ohnehin schon leise Stimme noch mehr. »Es geht mir nicht recht ein, was Sie da sagen. – Aber was soll aus Mrs. Lupin werden, Mark?« Mark blickte noch starrer vor sich hin und antwortete, er glaube nicht, daß sie sich viel daraus mache. Es gäbe genug flotte junge Burschen, die froh wären, im »Drachen« zu dienen. Er kenne selbst ein ganzes Dutzend. »Wohl möglich«, gab Mr. Pinch zu, »aber ich bin durchaus nicht überzeugt, ob auch Mrs. Lupin an ihnen eine Freude haben wird. Ich habe immer geglaubt, Mrs. Lupin und Sie würden noch ein Paar werden; und soviel ich weiß, war jedermann dieser Ansicht.« »Ich habe nie auch nur ein Wort mit ihr gesprochen«, entgegnete Mark ein wenig verwirrt, »das wie Courschneiderei ausgesehen hätte und auch sie nicht mit mir; ich weiß auch gar nicht, wie ich so etwas hätte anbringen sollen und was sie mir darauf gesagt hätte. Es würde mir übrigens auch keinesfalls gepaßt haben, Sir.« »Wie? Sie würden nicht gern Drachenwirt werden, Mark?« rief Mr. Pinch. »Nein, Sir, gewiß nicht. Das wäre für einen Menschen meinesgleichen ein direkter Ruin. Ich sollte hergehen und mir es fürs ganze Leben bequem machen?! Da erführe ja niemand, was in mir steckt. Was wäre es für den Drachenwirt für eine Kunst, vergnügt zu sein? Er müßte doch, selbst wenn er gar nicht wollte!« »Weiß Mrs. Lupin, daß Sie für immer scheiden wollen?« fragte Mr. Pinch. »Ich hab ihr's noch nicht mitgeteilt, Sir, aber ich muß wohl bald. Heute morgen will ich mich dort« – Mark deutete auf die Stadt – »nach etwas Neuem und Passendem umsehen.« »Und welcher Art soll die Stelle sein?« »Ich dachte mir«, versetzte Mark, »irgendeine, die mit Totengräberei zu tun hat.« »Um Gottes willen, Mark!« rief Mr. Pinch. »Hm, es ist ein recht dumpfiger, wurmiger Beruf, Sir«, meinte Mark und schüttelte argumentierend den Kopf, »immerhin wäre es ein gewisses Verdienst, dabei vergnügt zu sein – wenn es die Totengräber nicht sowieso schon sind, was allerdings die Sache ändern würde. Wissen Sie vielleicht etwas Näheres darüber, Sir?« »Nein, wahrhaftig ganz und gar nichts«, antwortete Mr. Pinch. »Der Gedanke ist mir überhaupt noch gar nicht in den Kopf gekommen.« »Nun, im Fall es nicht nach Wunsch ausfallen sollte«, sagte Mark gedankenvoll, »gibt es ja schließlich, wie Sie wissen, noch andere Berufe. Das Leichenbestattergeschäft zum Beispiel ist düster genug. Da wäre noch Ehre einzulegen. Eine Gehilfenstelle bei einem Pfandleiher in einer armen Gegend wäre vielleicht auch nicht schlecht. Ein Gefangenenwärter sieht gleichfalls manches Elend, und als Bedienter bei einem Doktor wäre man mitten drin im Morden. Ein Gerichtsdiener ist auch kein schlechter Posten. Oder ein Steuereintreiber. Kurz, es gibt gewiß eine Menge von Beschäftigungen, wo ich die beste Gelegenheit hätte, meine gute Laune zu üben.« Mr. Pinch war über diese seltsamen Ansichten so verblüfft, daß er gar nicht wußte, was sagen, und ließ nur hin und wieder ein paar Worte über irgendein gleichgültiges Thema fallen und warf forschende Seitenblicke auf das rotbackige Gesicht seines wunderlichen Freundes, bis sie an eine Wegkreuzung vor der Vorstadt kamen, wo Mark auszusteigen wünschte. »Aber Gott bewahre, Mark«, rief Pinch, der erst jetzt bemerkte, daß sein Gefährte, wie mitten im Sommer, nichts als seinen Rock über dem bloßen Hemde trug, »warum tragen Sie denn keine Weste?« »Wozu sollte sie denn gut sein, Sir?« »Wozu gut? Je nun, um die Brust warm zu halten.« »Ach, lieber Himmel, Sir!« rief Mark. »Sie kennen mich, scheint's, sehr wenig. Meine Brust braucht keine Wärme. Und selbst wenn – was könnte die Folge sein, daß ich keine Weste trage? Eine Lungenentzündung vielleicht? Nun, es wäre wenigstens Ehre dabei einzulegen, wenn man trotz einer Lungenentzündung guter Laune ist.« Da Mr. Pinch weiter keine Antwort darauf gab, sondern bloß sehr tief Atem holte, die Augen weit aufriß und gewaltig mit dem Kopf nickte, so bedankte sich Mark bei ihm für die Fahrt und sprang leichtfüßig vom Wagen, ohne daß Pinch anzuhalten brauchte. Dann eilte er mit seinem roten Halstuch und dem offnen Rock einen Seitenpfad hinunter und wandte sich noch von Zeit zu Zeit um, um Mr. Pinch gutmütig und sorglos zuzunicken. Mr. Pinch hatte die kuriose Ansicht, Salisbury müsse eine ganz verzweifelt lockere und zügellose Stadt sein. Nachdem er daher sein Pferd eingestellt und dem Stallknecht zu verstehen gegeben hatte, er werde in ein paar Stunden wieder zurückkommen, um nachzusehen, ob auch der Gaul seinen Hafer bekommen habe, streifte er mit der dunkeln und nicht unangenehmen Vorstellung, daß überall Geheimnisse und Teufeleien aller Art gärten, in den Straßen umher. Für einen Mann von seiner ruhigen Lebensweise wurde diese kleine Selbsttäuschung noch durch den Umstand unterstützt, daß gerade Markttag war und der Platz mit seinen Nebenstraßen von Karren, Pferden, Eseln, Körben, Wagen, Gemüsehaufen, Fleischbänken, Kaldaunen- und Geflügelständen und allen nur erdenklichen Höcklerwarenbuden nur so wimmelte. Junge und alte Pächter und Landwirte in Zwilchkitteln, braunen und grauen Überröcken, mit rotwollnen Halstüchern, Ledergamaschen, wunderlich geformten Hüten, Hetzpeitschen und derben Knütteln standen in Gruppen umher oder schwatzten laut auf den Türstufen der Wirtshäuser miteinander. Andere tauschten ungeheure Summen in schmierigen Banknoten aus und hantierten dabei mit so furchtbar großen Brieftaschen, daß sie förmlich rot und blau wurden, bis sie sie glücklich aus den Taschen herausgezerrt hatten, und fast Krämpfe bekamen, ehe es ihnen gelang, sie wieder zu verstauen. Auch Pächtersfrauen in Biberhüten und roten Mänteln waren zugegen und ritten auf zottigen, von allen irdischen Leidenschaften geläuterten Pferden, die gehorsam überall hintrabten, ohne zu fragen, warum und wozu, und wahrscheinlich auf Wunsch ihrer Gebieterinnen sogar in Porzellanläden, umringt von zerbrechlichem Geschirr, stockstill gestanden hätten, ohne einen Huf zu rühren. Und dann die riesige Menge von Hunden, die sich lebhaft für die Marktpreise und die Geschäfte ihrer Herren zu interessieren schienen, und überhaupt das ganze geräuschvolle Treiben von Menschen und Tieren! Entzückt betrachtete Mr. Pinch alle die herrlichen zum Verkauf ausgestellten Dinge, und besonders die Messerschmiedbuden fesselten seinen Blick. Er erstand sogar ein Taschenmesser mit sieben Klingen. Nur schnitt leider keine einzige, wie er zu spät bemerkte. Nachdem er sich alles und jedes auf dem Marktplatz genau betrachtet und zugesehen hatte, wie sich die Pächter zum Mittagessen begaben, ging auch er zurück in sein Wirtshaus, um nach seinem Pferde zu sehen, das, wie er zu seiner Freude bemerkte, nach Herzenslust fraß. Eine Weile starrte er noch das Bankgebäude an und zerbrach sich den Kopf, wo wohl die unterirdischen Gänge liegen möchten, in denen das viele Geld aufbewahrt würde, und dann machte er sich wieder auf, um die Stadt zu durchwandern und sich am Anblicke der Schaufenster zu laben. Vor allem fesselten ihn hier die Läden der Juweliere, in denen alle Schätze der Erde ausgestellt waren. Darunter silberne Uhren von solchem Umfang, daß ihre Größe allein schon einen tadellosen Gang verbürgte. Aber was waren sogar Gold und Silber, Pretiosen und Uhrwerke gegen die Buchläden, aus denen der liebliche Duft frisch aus der Presse gekommenen Papiers wehte und in ihm sofort Erinnerungen weckte an die neue Schulgrammatik, die vor langer Zeit sein Eigentum geworden und auf deren Vorsatzblatt er mit zierlicher, fehlerfreier Schrift geschrieben hatte: Master Pinch, Grovehouse Akademy. Und dann der Geruch nach Ledereinbänden und die Reihen und Reihen von Büchern – welches Glück, sie lesen zu dürfen! Im Schaufenster lagen die funkelnagelneusten Werke aus London mit weitaufgeschlagenen Titelblättern und bisweilen sogar der ersten Seite des ersten Kapitels, um schlau damit das Publikum zu verlocken, sie zu lesen und dann, außer sich vor Neugierde, wie es weitergehe, in den Laden zu stürzen und das Buch zu kaufen! Die hübschen Titelkupfer und Vignetten, die wie die Wegweiser vor großen Städten Wunder auf Wunder verhießen! Werke mit gravitätischen Porträts und altehrwürdigen Namen, deren Inhalt ihm gar wohl bekannt war und um die er alle Minen der Erde gegeben haben würde, wenn er sie auf dem schmalen Bücherbrette neben seinem Bette in Pecksniffs Haus hätte aufstellen können. Es war zum Herzzerbrechen! Dann kam wieder ein Buchladen, nicht ganz so schlimm wie der erste, aber doch immer noch verführerisch genug. Kinderbücher lagen da im Fenster. Da prangte in seiner ganzen Anziehungskraft und Größe, mit Hund und Beil, Ziegenfellmütze und Vogelflinte, der arme Robinson Crusoe und sah ruhig auf Philipp Quarl und die ganze Schar seiner Nachahmer rings umher herab und rief Mr. Pinch zum Zeugen an, daß er allein von all den Geschichtshelden hier dem Gestade der Jugenderinnerung einen unauslöschlichen Fußstapfen aufgedrückt habe, von dem der Tritt ganzer Generationen auch nicht das kleinste Sandkörnchen zu verrücken imstande sei. Da lagen auch die morgenländischen Märchen von fliegenden Kisten und Zauberlehrlingen, die Jahre und Jahre in Höhlen über magischen Büchern gesessen – die Geschichte von dem Kaufmann Abdullah mit dem schrecklichen kleinen alten Weib, das immer aus dem Koffer in seiner Schlafkammer sprang; dann der mächtige Talisman – die prächtige ›Tausend und eine Nacht‹ – mit Cassim Baba, der gevierteilt und blutig in der Räuberhöhle hing. Und so wirksam rieben alle diese Zauber an der Wunderlampe seiner Phantasie, daß, als er sein Gesicht wieder der geräuschvollen Straße zuwandte, eine geschäftige Schar von Bildern und Erscheinungen vor ihm auftauchte und er mit neuem Entzücken die glücklichen Tage seiner Kindheit, bevor er zu Pecksniffs gekommen, wieder durchlebte. Weniger interessierten ihn jetzt die Apothekerläden mit den großen glühenden Flaschen und den kleineren Glanzrepositorien in deren Stöpseln, ihrem liebenswürdigen Gemisch von Arznei und Parfüm und ihren Eibischzeltchen und Lakritzen. Am wenigsten achtete er auf die Modegeschäfte, in denen die gewissen neuesten Londoner Westen prunkten, die immer einen so bezaubernden Eindruck machen und dann zu Hause ganz anders aussehen. Doch blieb er aufmerksam stehen, um vor dem Schauspielhaus den Theaterzettel zu lesen, und betrachtete mit ehrfurchtsvollem Schauer den Eingang, aus dem gleich darauf ein bleicher Gentleman mit langem schwarzem Haar heraustrat und einen Jungen beauftragte, in seine Wohnung zu laufen und ihm sein Schwert zu holen. Wie angewurzelt blieb Mr. Pinch stehen, als er das hörte, und wäre vielleicht bis in die Nacht hinein so stehen geblieben, hätte ihn nicht das Abendläuten der Münsterglocke veranlaßt, sich loszureißen. Nun war der Gehilfe des Organisten glücklicherweise sein Freund und, wie er, ein sehr sanfter und ruhiger Mensch, der gleichfalls schon in der Schule ein etwas altmodisch gesetzter Knabe gewesen, obgleich ihn die wilden Kameraden deshalb nicht weniger gern gehabt hatten. Da es das Glück wollte – Tom sagte immer, er habe ungemein viel Glück –, daß genannter Gehilfe gerade an diesem Nachmittag ausschließlich den Dienst versehen mußte, so half ihm Tom die Bälge treten, und schließlich nach Beendigung des Gottesdienstes spielte er selbst. Es wurde bereits dunkel, und das gelbe Licht, das durch die alten Fenster im Chor hereinströmte, mischte sich mit einem trüben Rot. Als die gewaltigen Töne durch die Kirche brausten, war es Tom, als weckten sie ein Echo in all den alten Grüften und auch in der geheimnisvollen Tiefe seines eigenen Herzens. Hehre Gedanken und reiche Hoffnung wachten in seiner Seele auf, während die Klänge so dahinströmten, und darunter – wenn auch ernster und feierlicher – die Erinnerungen an die Bilder des heutigen Tages bis zu deren unbedeutendsten Anklängen aus den Tagen der Kindheit. Das Gefühl, das die Orgeltöne in ihm weckten, schien sein ganzes Leben zu umfassen, und je mehr die ihn umgebende Wirklichkeit von Stein, Holz und farbigem Glas in der Dunkelheit verschwand, um so heller traten diese Visionen hervor. Er würde bald den neuen Zögling und den seiner harrenden Mr. Pecksniff ganz vergessen und seinem übervollen Herzen bis um Mitternacht Luft gemacht haben, hätte nicht ein sehr irdischer alter Küster darauf bestanden, die Kirche unverzüglich zu schließen. Er nahm daher unter vielen Dankesbezeugungen Abschied von seinem Freund, tastete sich, so gut es ging, zur Pforte und eilte durch die jetzt im Laternenschein funkelnden Gassen zu seinem Abendessen. Da die Pächter sich inzwischen sämtlich bereits heimbegeben hatten, so war die sandbestreute Gaststube des Wirtshauses, wo Tom Pinch sein Pferd eingestellt hatte, leer. Er rückte einen kleinen Tisch vor den Kamin und machte sich sehr vergnügt über ein gutgebratenes Beefsteak mit dampfend heißen Kartoffeln her. Vor ihm stand auch ein Krug vortrefflichen Wiltshire-Bieres, und alles dies wirkte so herzerhebend auf ihn, daß er von Zeit zu Zeit Messer und Gabel niederlegen und sich vergnügt die Hände reiben mußte. Als der Käse mit Sellerie kam, zog Mr. Pinch ein Buch aus der Tasche und spielte nur mehr mit dem Essen, indem er abwechselnd einen Bissen nahm oder einen Schluck Bier trank, ein bißchen las und dann wohl auch ganz innehielt, um nachzudenken, zu welchem Schlag von jungen Leuten der neue Zögling wohl gehören möge. Er wollte sich eben wieder aufs neue in sein Buch vertiefen, als die Türe aufging und ein Gast eintrat und dabei so viel kalte Luft mit hereinbrachte, daß einen Augenblick fast das Feuer ausgehen zu wollen schien. »Sehr frostig heute abend, Sir«, bemerkte der neue Ankömmling mit einer höflichen Verbeugung, als Mr. Pinch seinen kleinen Tisch ein wenig wegrückte, um ihm Platz zu machen. »Bitte, inkommodieren Sie sich meinetwegen nicht.« Trotzdem er dies in sehr höflichem Tone sagte, zog er doch einen großen, ledergepolsterten Sessel bis mitten vor den Kamin, setzte sich gerade vor das Feuer und stemmte seine Beine gegen den Sims. »Meine Füße sind ganz erstarrt. Ah! Es ist wahrhaftig bitter kalt draußen.« »Sie sind wohl lange unterwegs gewesen?« fragte Mr. Pinch. »Den ganzen Tag. Und dazu noch auf dem Außensitz der Postkutsche.« Da nimmt's mich nicht wunder, daß er soviel Kälte hereingebracht hat, dachte Mr. Pinch. Armer Kerl! Er muß gut durchfroren sein. Der Fremde versank jetzt gleichfalls in tiefes Nachsinnen und blieb wohl fünf bis zehn Minuten stumm vor dem Feuer sitzen. Endlich stand er auf und legte sein Halstuch und seinen Oberrock, der im Gegensatze zu dem Mr. Pinchs sehr warm und dick war, ab, blieb aber immer noch so wortkarg wie zuvor. Dann setzte er sich wieder wie vorher an seinen alten Platz, lehnte sich im Sessel zurück und fing an, an seinen Nägeln zu beißen. Er war jung, ungefähr einundzwanzig, und sehr hübsch, und in seinen scharfen dunkeln Augen und seinem Gesicht lag etwas Entschiedenes, das Tom als großen Gegensatz zu seinem eigenen Wesen fühlte und das ihn sehr schüchtern machte. Im Zimmer hing eine Wanduhr, nach der der Fremde wiederholt hinblickte. Auch Tom tat desgleichen, teils unwillkürlich dem Beispiel seines schweigsamen Gefährten folgend, teils, weil sich der neue Zögling um halb sieben einfinden sollte und der Zeiger bereits sechs Uhr zurückgelegt hatte. Sooft Tom nach der Uhr sah und dabei dem Blick des Fremden begegnete, wurde er so verlegen, als wäre er bei etwas Unrechtem ertappt worden, so daß der junge Mann schließlich lächelnd fragte: »Es scheint, daß wir beide auf etwas warten? Ich meinerseits bin von einem Herrn hierher bestellt.« »Ich gleichfalls.« »Um halb sieben.« »Um halb sieben«, sagte Tom fast gleichzeitig. – Der junge Mann sah erstaunt auf. »Der Herr, den ich erwarte«, bemerkte Tom schüchtern, »sollte um diese Zeit nach einer Person namens Pinch fragen.« »Du lieber Himmel!« rief der Fremde aufspringend. »Und ich habe Sie die ganze Zeit über vom Feuer verdrängt! Ich hatte keine Ahnung, daß Sie Mr. Pinch sein könnten. Ich bin der Mr. Martin, der Sie hier treffen soll. Bitte, entschuldigen Sie vielmals. Wie geht es Ihnen? Bitte, rücken Sie doch näher ans Feuer!« »Danke bestens«, entgegnete Tom, »danke bestens. Mir ist nicht so kalt wie Ihnen. Und dann haben wir noch eine lange Fahrt vor uns. Nun, wenn Sie durchaus wollen. – Danke! Ich – ich bin recht erfreut«, fügte er in seiner schüchtern offenherzigen Weise hinzu, »ich bin wirklich sehr erfreut, in Ihnen Mr. Martin zu sehen. Noch kaum vor einer Minute wünschte ich mir, er möge Ihnen gleichen.« »Nun, das freut mich«, erwiderte Martin und schüttelte Mr. Pinch abermals die Hand, »ich versichre Ihnen, auch ich dachte, es könne sich gar nicht glücklicher treffen, als daß Sie Mr. Pinch wären.« »Wahrhaftig?« rief Tom hoch erfreut. »Ist das Ihr Ernst?« »Auf Ehre, mein voller Ernst!« erwiderte der junge Mann. »Ich weiß, Sie und ich werden vortrefflich miteinander auskommen, und das beruhigt mich nicht wenig, denn, offen gestanden, ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich mit jedermann vertragen können, und ich hatte schon die größten Bedenken deswegen. Aber jetzt ist ja alles gut. Würden Sie wohl so freundlich sein und einmal klingeln?« Mr. Pinch sprang auf und willfahrte mit großer Bereitwilligkeit – der Glockenzug hing gerade über Mr. Martins Kopf – der ausgesprochenen Bitte und horchte mit lächelnder Miene auf das, was sein Freund weiter zu sagen habe. »Wenn Sie gern Punsch trinken, so erlauben Sie mir, daß ich zwei Gläser kommen lasse, so heiß wie möglich, damit wir unsre Freundschaft in gehöriger Weise einweihen können. Und, um nur die Wahrheit zu sagen, ich habe mich schon lange nicht so nach einem fröhlichen, heißen Trunk gesehnt. Nur wollte ich nicht Gefahr laufen, von Ihnen für einen Trinker gehalten zu werden, ehe ich wußte, was für ein Mensch Sie sind. Sie wissen, der erste Eindruck prägt sich oft tief ein.« Mr. Pinch fand das sehr richtig, und der Punsch wurde bestellt. Nachdem beide von dem dampfenden Gemische getrunken hatten, wurden sie bald sehr vertraut. »Wissen Sie, ich bin so eine Art Verwandter von Pecksniffs«, sagte der junge Mann. »Wirklich?« »Ja. Mein Großvater ist ein Vetter von ihm. Ich bin demnach irgendwie verwandt mit ihm. In welchem Grad, können Sie vielleicht besser herausrechnen. Ich war's bisher noch nicht imstande.« »Martin ist also Ihr Taufname?« fragte Mr. Pinch gedankenvoll. »Oh!« »Allerdings. Ich wollte, es wäre mein Familienname. Jedenfalls wäre er hübscher, kürzer und bequemer zu unterschreiben als Chuzzlewit.« »Du mein Himmel!« rief Mr. Pinch und fuhr unwillkürlich zusammen. »Sie wundern sich doch nicht, daß ich zwei Namen habe?« lachte Martin und setzte sein Glas an die Lippen. »Die meisten Leute haben zwei.« »O nein«, sagte Mr. Pinch, »durchaus nicht. O mein Gott, nein! Warum sollte ich auch!« In Wirklichkeit erinnerte er sich, daß ihm Mr. Pecksniff ausdrücklich geboten hatte, nichts von dem alten Herrn gleichen Namens, der im »Drachen« gewohnt hatte, zu erwähnen, da er selbst mit dem neuen Zögling darüber reden wolle. Um daher seine Verwirrung besser zu verbergen, führte auch er sein Glas zum Munde. Ein paar Sekunden sahen sich die beiden durch ihre Punschgläser an und setzten sie dann leer nieder. »Ich habe bereits vor zehn Minuten im Stall den Auftrag gegeben, man möge das Fuhrwerk parat halten«, begann Mr. Pinch nach einer Pause und sah wieder auf die Uhr. »Wollen wir aufbrechen?« »Ganz nach Belieben.« »Kutschieren Sie gern?« fragte Mr. Pinch, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen, seinem neuen Freund eine Freude zu machen. »Wenn Sie wünschen, trete ich Ihnen die Zügel ab.« »Das kommt ganz auf das Pferd an«, meinte Martin lachend. »Ist's ein schlechter Gaul, so halte ich mir lieber die Hände in meinen Überrocktaschen warm.« Er schien das für einen brillanten Witz zu halten, wenigstens nach seinem lauten Lachen zu schließen, in das Mr. Pinch selbstverständlich herzlich mit einstimmte. Dann wurde gezahlt, und die beiden jungen Leute hüllten sich, so gut es eben jedem je nach seinem Mantel möglich war, warm ein und begaben sich miteinander nach der Haustüre, vor der bereits Mr. Pecksniffs Equipage wartete. »Ich mag nicht kutschieren – ich danke Ihnen, Mr. Pinch«, sagte Martin und stieg ein. »Übrigens, ich habe da noch einen Koffer. Läßt er sich allenfalls unterbringen?« »O gewiß«, entgegnete Tom. »Nur irgendwo hinein damit, Dick!« Der Koffer war gerade nicht so klein, daß man ihn hätte in den ersten besten Winkel schieben können, aber Dick, der Stallknecht, fand schließlich doch einen Platz für ihn, und Mr. Chuzzlewit half dabei. Das Gepäck nahm nun fast den ganzen Platz Mr. Pinchs ein, und Mr. Chuzzlewit sagte, er fürchte, es werde seinen Freund sehr genieren, aber Mr. Pinch versicherte, das sei durchaus nicht der Fall, trotzdem er in Wirklichkeit so unbequem sitzen mußte, daß er kaum mehr als seine Knie sehen konnte. Kein Wind, sagt man, kann so schlimm sein, daß er einem nicht wenigstens etwas Gutes zubliese, und dieses Sprichwort bewahrheitete sich auch in diesem Fall, denn die Kälte wehte von Mr. Pinchs Seite her, so daß Mr. Martin durch ihn und überdies noch von dem Koffer gedeckt, warm wie in einer Stube saß, was ein großer Trost für beide Teile war. Silbern lag die bereifte Landschaft im Mondlicht da. Anfangs stimmte die tiefe feierliche Stille der Nacht die beiden zum Schweigen, aber bald taten der genossene Punsch und die gesunde frische Luft ihre Wirkung, und sie plauderten ohne Unterlaß. Als sie die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten und haltmachten, um das Pferd tränken zu lassen, bestellte Martin, der sehr freigebig mit seinem Gelde umging, ein weiteres Glas Punsch, das sie gemeinschaftlich austranken, was sie keineswegs schweigsamer machte. In der Hauptsache drehte sich ihre Unterhaltung natürlich um Mr. Pecksniff und seine Familie, von denen Tom Pinch mit Tränen in den Augen ein Bild entwarf, das jeden auch nur halbwegs gefühlvollen Menschen rein zur Anbetung zwingen mußte. Mr. Pecksniff konnte so etwas natürlich nicht im mindesten voraussehen oder auch nur entfernt ahnen, sonst würde er schon um seiner Bescheidenheit willen niemals Tom Pinch ausgeschickt haben, um den neuen Schüler abzuholen. So fuhren sie weiter, »immer weiter und weiter« – wie es in den Ritterromanen heißt –, bis endlich die Lichter des Dorfes vor ihnen auftauchten, hinter denen der Kirchturm einen langen Schatten wie den Zeiger auf der Uhr des Lebens auf das Gras des Friedhofes warf. »Eine hübsche Kirche!« sagte Martin, während sein Begleiter den langsamen Schritt seines Pferdes noch langsamer werden ließ, je näher sie dem Dorfe kamen. »Nicht wahr!?« rief Tom mit großem Stolz. »Es ist auch die lieblichste kleine Orgel darin, die Sie gehört haben. Ich spiele sie Sonntag.« »Wirklich?« versetzte Martin. »Man sollte glauben, daß sich das kaum lohnt. Was bekommen Sie denn dafür?« »Nichts.« »Nun, da muß ich gestehen«, meinte Martin, »daß Sie wirklich ein recht seltsamer Kauz sind!« – Beide schwiegen eine Weile. – »Wenn ich sage ›nichts‹«, fing Mr. Pinch heiter wieder an, »so drücke ich mich eigentlich falsch aus, denn ich finde sehr viel Vergnügen daran und verbringe damit so manche glückliche Stunde. Auch führte es kürzlich zu einem sehr angenehmen Erlebnis. – – – Aber ich kann mir denken, daß Sie das wohl nicht weiter interessieren wird.« »O doch, doch! Was war es denn?« »Es gab mir Gelegenheit«, sagte Tom in leiser Stimme, »eines der lieblichsten und schönsten Gesichter zu sehen; so schön, daß Sie es sich gar nicht vorstellen können.« »Wer weiß, ob ich mir nicht ein ebenso schönes vergegenwärtigen kann«, fiel Martin gedankenvoll ein. »Sie kam«, fuhr Tom fort und legte die Hand auf den Arm seines neuen Freundes, »eines Morgens früh, als es kaum hell war, und wie ich über die Schulter blickte, stand sie gerade im Portal. Es überlief mich ganz kalt dabei. Ich dachte fast, es sei ein Geist. Ich faßte mich aber sofort und brauchte daher – glücklicherweise – nicht in meinem Spiele aufzuhören.« »Warum glücklicherweise?« »Warum? Weil sie stehen blieb und lauschte. Ich hatte meine Brille auf und sah sie durch den Schlitz in dem Vorhang so deutlich, wie ich Sie jetzt sehe. Wie schön sie war! – – Nach einer Weile entfernte sie sich leise, und ich fuhr fort zu spielen, bis sie außer Hörweite war.« »Warum das?« »Begreifen Sie denn nicht?« antwortete Tom. »Damit sie im Glauben, ich hätte sie nicht gesehen, ein andermal wiederkäme.« »Und tat sie das?« »Allerdings. – Schon am andern Morgen; und auch abends; aber stets nur, wenn sonst niemand in der Kirche war und sie allein sein konnte. Ich stand von da an immer noch früher auf und blieb länger sitzen, damit sie, wenn sie käme, die Kirchtüre offen finde und die Orgel bereits spielen hören könne. So ging es einige Tage, und stets blieb sie eine Zeitlang, um zuzuhören. Aber jetzt ist sie fort, und von allen unwahrscheinlichen Dingen in dieser Welt ist es vielleicht das Allerunwahrscheinlichste, daß ich je ihr Antlitz wiedersehen werde.« »Und Sie wissen nichts weiter von ihr?« »Nein.« »Und sind ihr nicht nachgegangen, als sie die Kirche verließ?« »Warum hätte ich sie dadurch in Verlegenheit setzen sollen?!« sagte Tom Pinch schlicht. »Ich konnte doch nicht annehmen, daß ihr meine Gesellschaft auch passe! Sie kam, um die Orgel zu hören, nicht um mich zu sehen. Hätte ich sie da von dem Orte verscheuchen sollen, den sie so liebgewonnen zu haben schien? Nein, Gott segne sie!« rief er. »Wenn ich ihr jeden Tag nur eine frohe Minute verschaffen könnte, so wollte ich gerne Jahre und Jahre die Orgel spielen, bis ich ein alter Mann bin. Ich wäre zufrieden, wenn sie bei der Musik zuweilen auch nur ein klein wenig an einen armen Kerl wie mich dächte. Ja, für königlich würde ich mich belohnt halten, wenn sie mich nur ein einziges Mal in Gedanken mit dem Orgelspiel, das ihr so teuer ist, in Verbindung brächte!« Der neue Schüler war augenscheinlich sehr verwundert über Mr. Pinchs Einfalt und hätte es ihm wahrscheinlich auch gesagt und ihm manchen guten Rat gegeben, wenn sie nicht in diesem Augenblick an Mr. Pecksniffs Haustüre angekommen wären. Der vordern diesmal, denn es war eine festliche Gelegenheit! Nachdem Tom dem Knecht das Pferd übergeben und Mr. Chuzzlewit beschworen hatte, keiner Seele auch nur eine Silbe von dem, was er ihm soeben in der Überfülle seines Herzens anvertraut, zu verraten, führte er Martin ins Haus, um ihn unverzüglich vorzustellen. Mr. Pecksniff hatte sie augenscheinlich nicht so früh erwartet, denn er saß unter lauter aufgeschlagenen Büchern und durchblätterte mit einem Bleistift im Munde und einem Zirkel in der Hand Band um Band. Auch Miss Charitas war mitten in der Arbeit überrascht worden, denn sie hatte einen gewaltigen Weidenkorb vor sich und beschäftigte sich damit, überflüssigerweise Nachtmützen – für die Armen zu verfertigen. Ebenso unverhofft schien die plötzliche Ankunft Miss Gratia zu kommen, die auf ihrem Schemel saß und – ach, wie entzückend! – einer großen Puppe, die sie für ein Nachbarkind kleidete, ein Unterröckchen nähte. Und, was sie noch verlegener machte: die Puppe war eine Puppe in Lebensgröße, und das Puppenhäubchen hatte sie auf ihren eigenen schönen Locken befestigt – damit es nicht verlorengehe oder sich jemand darauf setze. Kurz, es würde schwer, wo nicht unmöglich sein, sich auch nur annähernd eine Vorstellung von der Verwirrung und Überraschung zu machen, in der die Pecksniffs sich befanden. »Welche Überraschung!« rief Mr. Pecksniff, blickte auf und gab seiner gedankenvollen Miene allmählich den Ausdruck freudigen Wiedererkennens. »Schon hier!? Martin, mein lieber Junge, ich bin ganz entzückt, Sie in meinem Hause willkommen zu heißen!« Mit dieser freundlichen Begrüßung zog Mr. Pecksniff den jungen Mann in seine Arme und klopfte ihm dabei stumm und liebevoll auf den Rücken, um damit auszudrücken, seine Gefühle seien viel zu überwältigend, als daß er sie in Worten kundgeben könnte. »Und hier«, sagte er, seine Rührung niederkämpfend, »hier sind meine Töchter, Martin – meine zwei einzigen Kinder, die Sie wohl – oh, dieser traurige Familienzwist! – seit Ihrer Kindheit nicht mehr gesehen haben. Wenn Sie sie damals überhaupt kannten. Aber, meine Lieben, warum errötet ihr? Wohl, weil ihr bei eurer alltäglichen Beschäftigung ertappt worden seid? Wir wollten Sie eigentlich in unserm kleinen Staatszimmer empfangen, Martin«, schloß er lächelnd, »aber es ist traulicher so. – Nicht?« O gesegneter Stern der Unschuld, wo du auch sein magst, wie mußtest du erglänzen in deiner ätherischen Heimat, als die beiden Misses Pecksniff errötend ihre Lilienhände Martin hinstreckten! Wie mußtest du funkeln vor Freude, als sich Gratia des Häubchens in ihrem Haar erinnerte, ihr schönes Antlitz mit den Händen bedeckte und das Köpfchen abwandte, während die sanfte Schwester ihr die Haube abnahm und sie in mildem, schwesterlichem Tadel damit auf den drallen Nacken schlug. »Und wie«, fragte Mr. Pecksniff, wandte sich nach wohlgefälliger Betrachtung dieser entzückenden kleinen Zwischenszene um und faßte Mr. Pinch jovial am Arm, »wie sind Sie mit unserm Freunde hier zufrieden, Martin?« »Oh, außerordentlich, Sir. Ich versichere Ihnen, wir vertragen uns großartig.« »Stets der alte Tom Pinch«, säuselte Mr. Pecksniff mit wehmütiger Zärtlichkeit. »Ach, ist es mir doch wie gestern, daß Thomas noch ein Knabe war, frisch von der Schule weg. Und doch sind, glaube ich, Jahre hingeschwunden, seit Tom Pinch bei mir eintrat.« Mr. Pinch konnte vor Rührung nicht sprechen, drückte seinem Meister nur bewegt die Hand und stammelte ein paar Worte des Dankes. »Und Thomas Pinch und ich«, fuhr Mr. Pecksniff mit tieferer Stimme fort, »gedenken noch weiter beieinander auszuharren in Treue und Freundschaft! Und wenn einer von uns in einer jener lärmvollen Kreuz- und Quergassen des Lebens überfahren werden sollte, so wird der andere ihn nach dem Spital begleiten in Hoffnung und an seinem Bette sitzen in Liebe.« »Schon gut, schon gut!« tröstete er den tief ergriffenen Mr. Pinch und schüttelte ihn väterlich am Arm. »Nichts mehr davon! – – Martin, mein lieber Freund, damit Sie sich gleich heimisch fühlen in diesen Mauern, will ich Ihnen zeigen, wie wir wohnen und leben. Kommen Sie!« Dabei ergriff er eine brennende Kerze und schickte sich an, in Begleitung seines jungen Gastes das Zimmer zu verlassen. An der Türe machte er halt. »Sie werden uns doch Gesellschaft leisten, Tom Pinch?« – Ach, und wie gern! Und wenn es in den Tod gegangen wäre, hätte Tom ihn begleitet und mit Freuden sein Leben für ihn hingegeben. – »Dies«, erklärte Mr. Pecksniff und öffnete eine Stubentüre, »ist das kleine Staatszimmer, das ich bereits vorhin erwähnte. Der Stolz meiner Mädchen, Martin. – Und dies«, er öffnete eine andere Türe, »ist das kleine Gemach, in dem ich meine Werke – im besten Falle unbedeutende Dinge – geschaffen habe. Hier mein Porträt von Spiller. Die Büste hier ist von Spoker. Man sagt, sie sei sehr ähnlich. Ich glaube selbst um den linken Mundwinkel herum eine gewisse Ähnlichkeit herauszufinden.« Martin murmelte, sie sei sprechend ähnlich, nur nicht durchgeistigt genug, und Mr. Pecksniff bemerkte, denselben Fehler hätten auch Kenner daran bemängelt. Es sei merkwürdig, daß es auch seinem jungen Verwandten sogleich aufgefallen sei, und er freue sich zu sehen, daß Martin soviel Verständnis für Kunst besitze. »Sie sehen hier allerhand Bücher«, erklärte er mit einer Handbewegung gegen die Wand, »die in unser Fach einschlagen. Ich habe mich selbst ein wenig in der Schriftstellerei versucht, aber noch nichts herausgegeben. – Achtung, hier ist eine Stufe! – – Und das«, er öffnete wieder eine Türe, »ist mein Schlafgemach. Hier lese ich noch, wenn meine Kinder glauben, ich sei bereits zu Bett gegangen. Es ist wohl meiner Gesundheit nicht sehr zuträglich, aber kurz ist das Leben, ewig ist die Kunst. – – – Sie sehen, ein Griff, und ich kann sofort eine Idee, die mir durch den Kopf schießt, zu Papier bringen.« Zur näheren Erklärung deutete Mr. Pecksniff auf einen kleinen runden Tisch, auf dem eine Lampe, mehrere Bogen Papier, ein Radiergummi und ein Reißzeug bereit lagen. Dann öffnete er abermals eine Türe in demselben Stockwerk, schloß sie aber hastig wieder wie eine Blaubartkammer. Ehe er sie jedoch ganz zugemacht hatte, blickte er sich lächelnd um und sagte: »Warum nicht?« Martin konnte diese Frage mit dem besten Willen nicht beantworten, da er sich durchaus nicht denken konnte, was sein Lehrer meine. Mr. Pecksniff beantwortete sie daher selbst, indem er die Türe wieder öffnete und sprach: »Das Zimmer meiner Töchter. Für uns ist es ein einfaches Stübchen, aber für sie ein kleines süßes Nestchen. Reinlich, nett und luftig. Blumen, wie Sie bemerken. Hyazinthen. Und Bücher. Und Vögel.« – Die »Voliere« bestand jedoch nur aus einem einzigen alten Spatzen ohne Schwanz, der eigens zur heutigen Parade aus der Küche ausgeborgt worden war. »Kleinigkeiten – Spielereien –, wie es eben Mädchen lieben. Nichts weiter. Wer Freude an kalter Pracht hat, sucht hier vergebens.« Sodann führte Mr. Pecksniff seinen Gast in den ersten Stock hinauf. »Dies hier«, sagte er und schloß das Vorderzimmer auf, »ist der Raum, in dem sich, kann ich sagen, schon so manches Talent entwickelt hat. Hier war es, wo mir die Idee zu einem Kirchturm kam, den ich vielleicht eines Tages der Welt noch geben werde. Hier arbeiten wir, mein lieber Martin. Mancher Baumeister ist hier schon herangebildet worden: – was meinen Sie, Mr. Pinch?« Tom pflichtete vollkommen bei; ja noch mehr, er glaubte es sogar. »Sehen Sie hier« – Mr. Pecksniff leuchtete mit der Kerze hastig von einer Papierrolle zur andern – »einige Spuren unserer Tätigkeit. Die Kathedrale von Salisbury von Norden. Von Süden. Von Osten. Von Westen. Von Südosten. Von Nordwesten. – Eine Brücke. – Ein Armenhaus. – Ein Gefängnis. – Eine Kirche. – Ein Pulvermagazin. – Ein Weinkeller. – Ein Portikus. – Ein Sommerhaus. – Ein Eiskeller. – Grundrisse, Aufrisse, Durchschnitte aller Art. Und dies«, fügte er hinzu, als sie schließlich in eine Art Saal mit vier kleinen Betten darin gelangten, »dies ist Ihr Schlafzimmer, in dem Sie an Mr. Pinch einen ruhigen Mitbewohner haben. Mittagslage. Eine herrliche Aussicht. Hier Mr. Pinchs kleine Bibliothek, wie Sie sehen. Alles angenehm und zweckmäßig. Wenn Sie; wann immer, noch irgendwelchen weiteren Komfort wünschen, so bitte ich, es mich wissen zu lassen. Sogar Fremde brauchen in dieser Hinsicht bei uns sich nicht zu genieren, geschweige denn Sie, mein lieber Martin.« Das war die pure Wahrheit, zu Mr. Pecksniffs Ehre sei es gesagt. Bis jetzt hatte jeder Zögling die unumschränkteste Freiheit genossen, was ihm in dieser Beziehung einfallen mochte, den Hausherrn »wissen zu lassen«. Einige hatten davon sogar fünf Jahre lang Tag für Tag Gebrauch gemacht, ohne daß es irgendwelche Folgen gehabt hätte. »Die Dienerschaft«, erklärte Mr. Pecksniff, »schläft oben. – So. Damit wären wir fertig.« Wohlgefällig nahm er die Lobsprüche entgegen, die ihm sein junger Freund hinsichtlich der trefflichen Einrichtungen rückhaltslos spendete, und dann begaben sie sich wieder in das Wohnzimmer hinunter. Hier hatte inzwischen eine große Veränderung stattgefunden, denn die festlichen Vorbereitungen waren in ziemlich ausgedehntem Maßstab beendet, und die beiden Misses Pecksniff harrten mit gastfreundlichen Mienen. Zwei Flaschen Johannisbeerwein – eine weiß und eine rot – standen auf dem Tisch, dann eine Platte mit Sandwiches – alle sehr lang und dünn geschnitten –, eine weitere mit Äpfeln, eine dritte mit Kapitänszwieback – bekanntlich eine gaumenanfeuchtende und liebliche Speise –, ein Teller mit klein und grieselig geschnittenen Orangen, tüchtig mit Zucker gepudert, und ein hausbackener Kuchen, der wie eine geologische Hautreliefkarte aussah. Mit einem Wort, die Opulenz dieser Vorbereitungen benahm Tom Pinch fast den Atem. Leutselig wie immer ersuchte Pecksniff die Gesellschaft, diesen kulinarischen Genüssen, die, abgesehen von ihrer Reichlichkeit, noch die liebenswürdige Zugabe hatten, im schönsten Einklang mit der Nacht draußen zu stehen – denn auch sie waren kalt –, nach Herzenslust zuzusprechen. »Martin«, sagte er, »wird sich zwischen euch beide setzen, meine Kinder, während Mr. Pinch an meiner Seite Platz nimmt. Und jetzt wollen wir auf das Wohl unseres neuen Hausgenossen trinken. Mögen wir stets unter- und miteinander zufrieden sein! – Also, Martin, mein lieber Freund, Ihre Gesundheit! Mr. Pinch, wenn Sie die Flasche schonen, bekommen Sie's mit mir zu tun.« Mr. Pecksniff trank und machte – aus Achtung für die Gefühle der Anwesenden – ein Gesicht, als ob der Wein durchaus nicht sauer wäre und ihm die Tränen in die Augen triebe. – »Dies«, fuhr er – in bezug auf die Gesellschaft und nicht auf den Wein – fort, »ist etwas, was einen für so manchen Verdruß und so manche herbe Enttäuschung entschädigen kann. – Laßt uns guter Dinge sein.« – Hier nahm er ein Stück von dem Kapitänszwieback. »Ein armselig Herz, das niemals Freude empfindet! Und unsre Herzen sind wahrhaftig nicht armselig! Nein!« Mit solchen Aufforderungen zur Heiterkeit würzte er die Unterhaltung, während Mr. Pinch, vielleicht um sich zu überzeugen, daß alles, was er sah und hörte, greifbare Wirklichkeit und kein Traumgebilde sei, von allem aß und namentlich den dünnen Sandwiches in überraschender Weise zusprach. Auch handhabte er emsig sein Glas und machte, eingedenk der liebenswürdigen Aufforderung Mr. Pecksniffs, so nachdrückliche Angriffe auf die Flasche, daß, sooft er sich von neuem einschenkte, Miss Charitas einen starren, gläsernen Blick, wie wenn sie ein Gespenst sähe, nicht unterdrücken konnte. Auch Mr. Pecksniff wurde in solchen Momenten nachdenklich, um nicht zu sagen niedergeschlagen; aber da er das Gewächs kannte, machte ihn wahrscheinlich der Gedanke an den morgigen voraussichtlichen Zustand Mr. Pinchs besorgt. Martin und die jungen Damen waren bald die besten Freunde geworden und tauschten zur gegenseitigen Erheiterung Erinnerungen aus ihren Kinderjahren aus. Miss Gratia lachte unbändig über alles, was gesprochen wurde, und gar, wenn sie Mr. Pinchs glückstrahlendes Gesicht ansah, kamen solche Anfälle von Lustigkeit über sie, daß sie fast hysterische Krämpfe bekam. Ihre verständigere Schwester verwies ihr das jedesmal und flüsterte ihr ärgerlich zu, die Sache sei durchaus nicht zum Lachen und sie könne den Kerl nicht ausstehen. Schließlich brach aber auch sie in ein Lächeln aus – freilich mit mehr Mäßigung und mit dem Bedeuten, das ginge wirklich schon über den Spaß. Endlich wurde es hohe Zeit, an jene Vorschrift des alten Philosophen zu denken, die man beobachten muß, um sich Gesundheit, Reichtum und Weisheit zu erhalten, und deren Untrüglichkeit seit Menschenaltern durch die ungeheuren Schätze an Gold bewahrheitet wird, die ohne Unterlaß Kaminkehrer und andere Leute, die um die frühe Morgenstunde auf sind und beizeiten zu Bett gehen, aufhäufen. Die jungen Damen erhoben sich, nahmen von Mr. Chuzzlewit mit großer Süßigkeit, von ihrem Vater mit kindlicher Hochachtung und von Mr. Pinch mit gebührender Herablassung Abschied und verfügten sich in ihr »Nestchen«. Mr. Pecksniff bestand darauf, seinen jungen Freund die Treppe hinauf zu begleiten, um sich persönlich zu überzeugen, daß es ihm an keiner Bequemlichkeit fehle, nahm ihn beim Arm und führte ihn noch einmal in das Schlafgemach mit den vier Betten, während Mr. Pinch mit dem Licht in der Hand folgte. »Mr. Pinch«, sagte Pecksniff und setzte sich mit verschränkten Armen auf eines der Gastbetten, »ich vermisse die Lichtputzschere dort auf jenem Leuchter. Wollen Sie die Güte haben, hinunterzugehen und eine heraufholen?« Mr. Pinch, überglücklich, sich nützlich machen zu können, eilte unverzüglich in die Küche. »Sie müssen entschuldigen, Martin, Tom Pinch hat keine Lebensart«, sagte Mr. Pecksniff mit gönnerhaftem Lächeln, als Tom draußen war. »Aber er meint's gut.« »Er ist ein sehr guter Mensch, Sir.« »O ja«, gab Mr. Pecksniff zu. »Ja, Thomas Pinch meint's gut. Er ist dankbar. Ich habe noch nie bereut, zu Thomas Pinch freundlich gewesen zu sein.« »Ich denke, Sie werden es auch künftighin nie zu bereuen haben, Sir.« »Nein«, entgegnete Pecksniff. »Nein. Hoffentlich nicht. Armer Bursche! Er bemüht sich nach Kräften –, aber er hat kein Talent. Sie sollten ihn sich nützlich zu machen suchen, Martin. Wenn Thomas einen Fehler hat, so ist es der, daß er bisweilen seine Stellung ein bißchen vergißt. Doch da ist ja leicht wieder ein Zügel angelegt. Eine gute Seele. Sie werden sehen, er ist leicht lenkbar. Gute Nacht!« »Gute Nacht, Sir.« – Inzwischen war Mr. Pinch mit der Lichtschere wieder zurückgekehrt. – »Und auch Ihnen gute Nacht, Pinch«, sagte Pecksniff. »Schlafen Sie wohl, alle beide. – Und Gott behüte euch!« Diesen Segenswunsch mit großer Inbrunst auf die Häupter seiner jungen Freunde herabrufend, begab sich Mr. Pecksniff in sein eigenes Schlafgemach, während diese, müde von der langen Reise, bald fest einschliefen. Wenn Martin überhaupt träumte, so werden wir den Schlüssel zum Inhalt seiner Visionen in den folgenden Kapiteln dieser Geschichte finden. Thomas Pinch träumte jedenfalls von lauter Festen, von Kirchenmusik und seraphischen Pecksniffs. Es dauerte hingegen eine ziemliche Weile, ehe Mr. Pecksniff sein Lager aufsuchte. Volle zwei Stunden blieb er noch vor dem Kamin seines Schlafzimmers sitzen und starrte, tief in Gedanken versunken, in die Kohlen. Aber endlich schlief auch er ein, um zu träumen. So schließt in den ruhigen Stunden der Nacht ein Haus nicht weniger unzusammenhängende und wirre Ideen ein als das Gehirn eines Wahnsinnigen. 6. Kapitel Enthält nebst wichtigen Pecksniffschen und architektonischen Dingen einen ausführlichen Bericht über die Fortschritte, die Mr. Pinch in dem Vertrauen und der Freundschaft des neuen Zöglings machte Es war Morgen, und die schöne Aurora, von der schon so viel geschrieben, gesagt und gesungen worden, zupfte mit ihren Rosenfingern Miss Pecksniff an der Nase. Die rosenfarbene Göttin hatte nun einmal schon die Gewohnheit, die schöne Cherry jeden Morgen so zu begrüßen, oder, prosaischer ausgedrückt, die Nasenspitze des süßen Mädchens war jedesmal um die Frühstücksstunde lebhaft gerötet, sozusagen: frostig; während sich ein ähnliches Phänomen in der Laune der jungen Dame zeigte, die dann etwas scharfer und sauertöpfischer Qualität war und etwas Essigartiges hatte. Diese überschüssige Säure führte gewöhnlich zu allerhand kleinen Folgen, als da waren: bedeutende Verwässerung von Mr. Pinchs Tee, ungewöhnliche Verkürzung seiner Person hinsichtlich der Butter und dergleichen. Am Morgen nach dem Empfangsbankett jedoch ließ sie ihn so frei und ungehindert mit Speise und Trank schalten und walten, daß er förmlich in Verwirrung geriet und sich wie ein unglücklicher Gefangener vorkam, der erst im hohen Alter seine Freiheit wiedererlangt und von ihr keinen rechten Gebrauch mehr zu machen weiß. Es fehlte ihm die gütige Hand, die ihm sonst immer sein Scheibchen Brot abschnitt, ihn hinsichtlich des Zuckers mit einem Stückchen abspeiste oder ihm die übrigen so liebgewordenen kleinen Aufmerksamkeiten erwies. Auch lag etwas fast Schauerliches in der Ungeniertheit des neuen Zöglings, der mit der größten Kaltblütigkeit Mr. Pecksniff um das Brot »bemühte« und sich sogar zu einer Schnitte von dem ausschließlich dem Herrn vom Hause reservierten Privatschinken verhalf. Und dabei schien er überdies zu glauben, das alles sei ganz in der Ordnung und sein Kollege werde seinem Beispiele folgen. Wenigstens ging das deutlich aus seiner Bemerkung hervor, »warum er denn nicht esse?« – Ein Wort, so inhaltsschwer und fürchterlich, daß Tom unwillkürlich die Augen niederschlug und sich wie ein Frevler an Mr. Pecksniffs Güte vorkam. Wirklich, das Entsetzen, eine so rücksichtslose Bemerkung vor der versammelten Familie an sich gerichtet zu wissen, mußte an sich schon wie ein Frühstück wirken. Der Bissen quoll ihm im Munde, obgleich er vielleicht noch nie so hungrig gewesen war wie gerade heute. Die jungen Damen jedoch und auch Mr. Pecksniff blieben trotz dieser schweren Prüfung unverändert guter Laune, und es schien eine Art geheimen Einverständnisses unter ihnen zu herrschen. Als das Frühstück beinahe vorüber war, erklärte Mr. Pecksniff lächelnd die Ursache dieser allgemeinen Fröhlichkeit. »Es geschieht nicht oft, Martin«, sagte er, »daß wir – meine Töchter und ich – unser ruhiges Haus verlassen, um uns in den Wirbel von Lustbarkeiten, die es draußen in der Welt gibt, zu stürzen. Aber heute gedenken wir es dennoch zu tun.« »Wirklich, Sir?« rief der neue Schüler. »Ja«, versetzte Mr. Pecksniff und klopfte auf einen Brief, den er seiner Brusttasche entnommen hatte. »Ich bin nach London bestellt. – In Berufsangelegenheiten, mein lieber Martin; – in Berufsangelegenheiten. Ich habe nun meinen Mädchen schon lange versprochen, sie mitzunehmen, wenn wieder einmal ein solcher Auftrag an mich erginge. Wir fliegen heute abend mit der Landkutsche aus – wie weiland Noahs Taube, mein lieber Martin –, und es wird wohl eine Woche vergehen, ehe wir unsre Ölzweige wieder in der Flur abladen. Wenn ich sage: ›Ölzweige‹«, erklärte Mr. Pecksniff, »so verstehe ich darunter unser bescheidenes Reisegepäck.« »Ich hoffe, die jungen Damen werden viel Vergnügen auf ihrem Ausfluge haben«, sagte Martin. »Oh, das können Sie sich denken!« rief Gratia und klatschte in die Hände. »Denk nur, Cherry, Herzensschwester: London! – Schon der Gedanke!« »Feuriges Kind!« säuselte Mr. Pecksniff träumerisch. »Und doch liegt eine wehmütige Süßigkeit in diesen jugendlichen Hoffnungen! Es liegt etwas Angenehmes darin, zu wissen, daß sie nie in Erfüllung gehen können. Ich erinnere mich noch wie heute, daß ich in den Tagen meiner Kindheit wähnte, die Mixed Pickles wüchsen auf den Bäumen und jeder Elefant würde mit einer unbezwingbaren Burg auf dem Rücken geboren. Dann fand ich, daß sich die Sache anders verhielt; – und doch waren mir diese Phantasiegebilde ein Trost und eine Stärkung in den Stunden der Anfechtung. Selbst als ich die schmerzliche Entdeckung machen mußte, ich habe eine Viper am Busen genährt und nicht einen menschlichen Zögling, selbst in diesen schmerzvollen Stunden haben sie mich aufrechterhalten.« Bei dieser schrecklichen Anspielung auf John Westlock quoll Mr. Pinch abermals der Bissen im Munde, denn er hatte erst heute morgen einen Brief von ihm erhalten, was Mr. Pecksniff natürlich recht gut wußte. »Sie werden achtzugeben haben, mein lieber Martin«, sagte Mr. Pecksniff, seinen frühern heitern Ton wieder aufnehmend, »daß das Haus in unsrer Abwesenheit nicht davonläuft. Wir übergeben alles Ihrer Obhut. Wir haben kein Geheimnis vor Ihnen. Alles liegt frei und offen da. Nicht wie bei dem jungen Mann im morgenländischen Märchen. Nicht wie diesem, mein lieber Martin, ist es Ihnen verboten, gewisse Winkel dieses Hauses zu betreten. Sie werden im Gegenteile ersucht, sich's überall so bequem zu machen, wie Sie nur wollen. Seien Sie fröhlich und lassen Sie sich's gutgehen, lieber Martin, und schlachten Sie meinetwegen auch das Mastkalb!« Ohne Zweifel hatte also der Treffliche durchaus nichts dagegen, wenn der junge Mann was immer für ein Kalb im Hause, fett oder mager, schlachtete und briet; da indes zufälligerweise kein solches Tier auf Mr. Pecksniffs Weideland graste, so mußte man diese Erlaubnis offenbar eher für eine höfliche Phrase als für eine buchstäblich zu nehmende Einladung halten. Sie bildete das Schlußornament der Unterhaltung, denn kaum hatte sie Mr. Pecksniff von sich gegeben, stand er auf und ging nach dem Treibhause architektonischen Genies, nämlich nach dem Vorderstübchen im zweiten Stock, voran. »Lassen Sie mal sehen«, begann er und stöberte unter den Plänen herum, »wie Sie sich während meiner Abwesenheit am besten beschäftigen können. Gesetzt, Sie arbeiteten eine Idee zu einem Monument für den Lord-Mayor von London aus, oder einen Grabstein für einen Sheriff, allenfalls auch einen Kuhstall für den Meierhof eines Landedelmannes. – – Nun, wissen Sie was«, fügte er hinzu, faltete die Hände und sah seinen jungen Vetter mit nachdenklichem Interesse an, »ich möchte mich gern überzeugen, wie Sie sich einen Kuhstall denken.« Martin schien diese Aufgabe keineswegs zu behagen. »Oder einen Brunnen«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »es ist eine nette, sozusagen keusche Arbeit. Auch habe ich gefunden, daß ein Laternenpfahl sehr geeignet ist, den Geist zu veredeln und ihm eine klassische Richtung zu geben. Ein ornamentaler Schlagbaum zum Beispiel übt einen merkwürdigen Einfluß auf die Einbildungskraft aus. – Was meinen Sie dazu, wenn Sie mit einem Schlagbaume anfingen?« »Ganz, wie es Ihnen beliebt«, brummte Martin unschlüssig. »Halt«, rief Mr. Pecksniff. »Ich hab's. Da Sie ehrgeizig und ein geschickter Zeichner sind, so sollen Sie sich – ha, ha! – so sollen Sie sich an diesen Entwürfen zu einem Elementarschulgebäude versuchen, wobei Sie natürlich Ihren Plan den gedruckten Bedingungen anzupassen hätten. Auf mein Wort«, rief er aufgeräumt, »ich bin sehr neugierig, was Sie aus der Elementarschule machen werden. Wer weiß, ein junger Mann von Ihrem Geschmack verfällt vielleicht auf etwas zwar an und für sich Unausführbares und Unmögliches, das sich aber schließlich doch in eine Form bringen läßt. Allerdings, mein lieber Martin, in den letzten vervollkommnenden Strichen allein gibt sich lange Erfahrung und vieljähriges Studium zu erkennen. – – – Ha, ha, ha! Es wird mir wahrhaftig«, fuhr Mr. Pecksniff fort und klopfte seinem Freund launig auf den Rücken, »es wird mir wahrhaftig einen Riesenspaß machen, zu sehen, wie Sie mit der Elementarschule zurechtkommen.« Martin übernahm bereitwillig die Arbeit, und Mr. Pecksniff ging sofort daran, ihm die zur Ausführung nötigen Materialien anzuvertrauen; dabei erging er sich immerwährend im Ausmalen des magischen Effektes, den oft ein paar Endstriche von der Hand eines Meisters hervorbrächten. Dieser Effekt war in der Tat – wie gewisse Leute, nämlich die alten Feinde des trefflichen Mannes, behaupteten – manchmal fast wunderbar gewesen. Oft hatte Mr. Pecksniff lediglich durch geniales Hinzufügen eines zweiten Hinterfensters, einer Küchentüre, eines halben Dutzends Treppen oder sogar nur einer Dachrinne den Entwurf eines Zöglings zu seiner eignen Arbeit gemacht und namhafte Beträge dafür eingesteckt. Doch das ist eben die Zauberkraft des Genies, daß alles, was seine Hand berührt, sich in Gold verwandelt! »Und wenn Sie Ihren Geist durch eine Abwechslung erquicken wollen«, schloß Mr. Pecksniff, »so wird Sie Thomas Pinch in der Kunst unterweisen, den Garten zu vermessen, das Niveau des Weges zwischen dem Hause und dem Wegweiser auszurechnen oder eine andre praktische und angenehme Aufgabe zu lösen. Im Hinterhof befindet sich ein Karren voll Ziegelsteinen und etlichen Dutzenden alter Blumentöpfe. Wenn Sie, mein lieber Martin, sie in einer Weise aufschichten würden, die mich bei meiner Rückkehr etwa an die St.-Peters-Kirche in Rom oder an die Sophienmoschee in Konstantinopel erinnert, so wäre dies nicht nur sehr lehrreich für Sie, sondern auch eine hübsche Überraschung für mich. – – Und nun ganz vorderhand von Berufssachen. Es wird mir ein Vergnügen sein, während ich meinen Mantelsack packe, unten in meinem Zimmer ein paar Privatangelegenheiten mit Ihnen zu besprechen.« Martin begleitete ihn, und sie blieben wohl eine Stunde oder so in geheimer Konferenz beisammen, während Tom oben wartete. Als der junge Mann zurückkehrte, war er sehr schweigsam und finster und blieb auch den ganzen Tag über so, so daß Tom, nachdem er ein paarmal versucht hatte, eine gleichgültige Unterhaltung anzuknüpfen, nicht so unzart sein wollte, sich ihm weiter aufzudrängen, und daher lieber schwieg. Übrigens würde Tom, selbst wenn sein neuer Freund noch so redselig gewesen wäre, nicht Muße gehabt haben, viel Worte zu machen, denn erst rief ihn Mr. Pecksniff hinunter und trug ihm auf, sich auf den Koffer zu stellen und antike Statuen zu mimen, damit der Deckel zuginge, und dann befahl ihm Miss Charitas, ihren Reisekorb mit Stricken zuzubinden. Dann wieder ließ sich Miss Gratia von ihm eine Hutschachtel ausbessern; dann galt es ein möglichst ausführliches Verzeichnis des ganzen Gepäcks zu schreiben, dann alles die Treppe hinuntertragen zu helfen, die Transportschubkarren bis zu dem alten Wegweiser am Ende der Gasse zu beaufsichtigen, und schließlich mußte er auf die Ankunft der Kutsche warten. Kurz, sein Tagewerk würde selbst einem Lastträger von Beruf hübsch sauer geworden sein, doch bei seinem guten Willen empfand er es nicht so, und während er auf dem Gepäck saß und wartete, bis endlich die Pecksniffs, von dem neuen Schüler begleitet, die Gasse herunterkommen würden, hüpfte ihm das Herz vor Freude und Hoffnung, sein Wohltäter werde mit ihm zufrieden sein. »Ich fürchtete schon«, sagte er, zog einen Brief aus der Tasche und wischte sich mit seinem Sacktuch die Stirne ab – denn trotz des kalten Tages war es ihm doch bei der Arbeit recht heiß geworden –, »ich würde keine Zeit finden, die paar Zeilen zu schreiben. Und das wäre jammerschade gewesen. Wenn man nicht reich ist, kommt das Postporto ernstlich in Betracht. Das arme Mädchen wird sich freuen, von mir zu hören, daß Pecksniff immer noch so gütig zu mir ist. Ich hätte wohl John Westlock bitten können, sie aufzusuchen und ihr alles Schöne von mir auszurichten, aber ich fürchtete, er könne Pecksniff bei ihr schlechtmachen, und das hätte sie beunruhigt. Und dann sind ihre Leute so eigen, und ein Besuch eines jungen Mannes wie John würde vielleicht ein schiefes Licht auf sie geworfen haben. – – Arme Ruth!« Tom Pinch schien ein wenig geneigt, sich für eine kleine Weile in melancholischen Gedanken zu ergehen, aber bald tröstete er sich und gab sich wieder seinen Selbstbetrachtungen hin: »Ich bin wirklich ein sauberer Patron, wie John immer sagte – ein lieber Kerl! Nur schade, daß er Pecksniff nicht mehr schätzte. – Statt das Getrenntsein von ihr so schmerzlich zu empfinden, sollte ich für das außerordentliche Glück dankbar sein, das mich hierhergeführt hat. Meiner Treu, ich muß wirklich mit einem silbernen Löffel im Mund auf die Welt gekommen sein, daß ich Pecksniff in den Weg lief. Und jetzt wieder das Glück, das ich bei dem neuen Schüler habe! Noch nie ist mir ein so freundlicher, nobler und freimütiger Mensch vorgekommen. Im Handumdrehen waren wir die besten Kameraden. Und außerdem ist er ein Verwandter von Pecksniff und ein gescheiter, prächtiger junger Mensch, der sich so leicht seinen Weg durch die Welt bahnen wird wie ein Wurm den seinen durch ein Stück Käse. – – Doch da kommt er ja und schreitet die Gasse herunter, als wäre die Erde schon sein eigen.« Wirklich kam auch Martin gerade des Weges, und zwar anscheinend nicht im mindesten außer sich, weder durch die Ehre, Miss Gratia Pecksniff am Arme führen zu dürfen, noch durch den zärtlichen Abschied, den die junge Dame von ihm nahm. Miss Charitas und Mr. Pecksniff gingen hinterdrein. Da in diesem Augenblick auch die Postkutsche ankam, verlor Tom keine Zeit und ersuchte seinen Lehrer eiligst um gütige Besorgung seines Briefes. »Oh!« sagte Mr. Pecksniff und warf einen Blick auf die Adresse. »An Ihre Schwester, Thomas? Ja, gewiß. Soll geschehen, Mr. Pinch. Seien Sie unbesorgt. Sie soll ihn zuverlässig erhalten, Mr. Pinch.« Er gab dieses Versprechen mit so herablassender Gönnermiene, daß Tom tief fühlte – es war ihm dies vorher gar nicht in den Sinn gekommen –, er habe um etwas außerordentlich Großes gebeten, weshalb er sich überschwenglich bedankte. Die beiden Misses Pecksniff waren natürlich bei der bloßen Erwähnung von Mr. Pinchs Schwester höchlichst ergötzt. Unglaublich! Schon der Gedanke, es könne auch eine Miss Pinch geben! Ha ha. Tom freute sich herzlich über ihre Heiterkeit. War es doch wiederum ein Beweis ihres Wohlwollens und ihrer Teilnahme für ihn. Er lachte daher ebenfalls, rieb sich die Hände, wünschte ihnen eine angenehme Reise und glückliche Heimkehr; mit einem Wort, er war die Fröhlichkeit selbst. – Als die Kutsche dahinrollte, die »Ölzweige« auf dem Bock und die Taubenfamilie im Innern, blieb er noch winkend und sich verbeugend stehen – über das ungewöhnlich liebenswürdige Benehmen der jungen Damen so erfreut, daß er für den Moment gar nicht auf Martin Chuzzlewit achtete, der gedankenvoll am Wegweiser lehnte und, seit er seiner schönen Last losgeworden, kaum vom Boden aufgeblickt hatte. Die tiefe Stille, die auf die geräuschvolle Abfahrt der Kutsche folgte, sowie die belebende scharfe Luft des Winternachmittags weckten beide fast zu gleicher Zeit aus ihrem Grübeln. Wie verabredet kehrten sie um und gingen Arm in Arm zum Hause zurück. »Wie verstimmt Sie sind!« sagte Tom. »Was fehlt Ihnen denn?« »Nichts, was der Rede wert wäre. Sehr wenig mehr als gestern, und doch hoffentlich viel mehr, als es morgen der Fall sein wird. Ich bin mißgelaunt, Pinch.« »Oh«, rief Tom, »schade. Und ich bin gerade heute so vortrefflich aufgelegt. Ich hätte vielleicht einen bessern Gesellschafter abgeben können als sonst. – Es war doch sehr hübsch von Ihrem Vorgänger John, daß er an mich geschrieben hat – meinen Sie nicht?« »Nun ja«, brummte Martin gleichgültig. »Ich hätte geglaubt, jetzt, wo er mitten im Vergnügen steckt, würde er gar keine Zeit übrig haben, an Sie zu denken, Pinch.« »Genau dasselbe habe ich auch geglaubt«, rief Tom. »Aber nein, er hält Wort und schreibt: ›Mein lieber Pinch, ich denke oft an dich‹ und was dergleichen freundliche Worte mehr sind.« »Er muß ein verteufelt gutmütiger Kerl sein«, sagte Martin etwas verdrießlich; »er kann das doch nicht wirklich im Ernst meinen.« »Wie? Sie glauben – –?« fragte Tom und sah seinem Kollegen forschend ins Gesicht. »Sie meinen, er schreibt das – – bloß so?« »Nun, ist es denn wahrscheinlich«, versetzte Martin ernst, »daß ein junger Mann, der kaum diesem Zwinger entwischt und jetzt in London frei und Herr seiner Zeit und Vergnügungen ist, Muße oder Lust haben kann, gern an jemanden oder etwas zurückzudenken, das er hier zurückgelassen hat? Fragen Sie sich selbst, Pinch, ob das besonders wahrscheinlich ist.« Nach kurzem Besinnen gab Mr. Pinch in betrübtem Tone zu, daß so etwas anzunehmen allerdings unvernünftig sei. Übrigens müsse das Martin ohne Zweifel besser wissen. »Natürlich weiß ich's besser«, bemerkte Martin. »Ja, ich fühle das«, gestand Mr. Pinch sanft. »Ich fühle das.« Dann verfielen beide wieder in tiefes Schweigen, bis sie zu Hause anlangten. Es war inzwischen dunkel geworden. Nun hatte Miss Charitas in Erkenntnis der Unmöglichkeit, die Überreste des gestrigen Abendschmauses in der Kutsche mitzunehmen oder sie auf künstlichem Wege bis zur Rückkehr der Familie genießbar zu erhalten, alles auf ein paar Tellern offen stehen lassen. So winkte denn den beiden jungen Leuten das hohe Glück, sich im Wohnzimmer über zwei chaotische Haufen von Speiseüberbleibseln, bestehend aus ausgetrockneten Orangenschnittchen, einigen vertrockneten Sandwiches, unterschiedlichen zerbröckelten Trümmern des genealogischen Kuchens und mehreren ganzen Kapitänszwiebacken, hermachen zu dürfen. Und damit es zur Würze dieser Leckereien nicht an einem auserlesenen Labetrunke fehle, waren die Neigen der zwei Flaschen Johannisbeerwein zusammengegossen und mit einem Papierstöpsel zugepfropft worden, so daß zu einem lukullischen Mahle nichts fehlte. Martin Chuzzlewit betrachtete diese prunkhaften Vorbereitungen mit tiefster Verachtung, schürte (zum größten Schaden für Mr. Pecksniffs Kohlenvorrat) das Feuer zu einer hellen Flamme an und setzte sich verdrießlich in den bequemsten Sessel, den er finden konnte, davor. Um sich besser in die kleine Kaminecke, die ihm frei blieb, drücken zu können, ließ sich Mr. Pinch auf Miss Gratias Schemel nieder, setzte sein Glas auf den Ofenteppich, nahm seinen Teller aufs Knie und fing an, sich gütlich zu tun. Hätte Diogenes wieder aufleben, sich samt seinem Faß in Mr. Pecksniffs Wohnstube rollen und Tom Pinch sehen können, wie er, Teller und Glas vor sich, auf Gratias Schemel kauerte, so wäre es ihm auch in der sauertöpfischsten Stimmung unmöglich gewesen, ein gutmütiges Lächeln zu unterdrücken. Toms tiefe Zufriedenheit, der Hochgenuß, mit dem er sich über die dürren Sandwiches hermachte, die ihm wie Sägemehl im Munde zerbröckelten, das unaussprechliche Behagen, mit dem er den scharfen Wein tropfenweis schlürfte und dann mit den Lippen schmatzte, als wäre es eine Sünde, auch nur ein Atom seines köstlichen Wohlgeschmackes zu verlieren, der Blick, womit er hin und wieder, das Glas in der Hand, innehielt, im Stillen Toaste ausbringend, und dann der ängstliche Schatten, der sein zufriedenes Gesicht überflog, wenn seine Blicke auf ihrer entzückten Wanderung durch das trauliche Gemach plötzlich der finsteren Miene seines Gefährten begegneten – kein Zyniker der Welt, und hätte er den Menschenhaß eines Greifen in der Brust getragen, wäre imstande gewesen zu widerstehen. So mancher würde vielleicht Tom auf den Rücken geklopft, ihm mit einem Glas des Johannisbeerweines, obgleich er saurer war als der schärfste Weinessig, Bescheid getan – ja, ihn sogar wohlschmeckend gefunden haben. Andere hätten vielleicht seine ehrliche Hand ergriffen und ihm für die Lehre gedankt, die er ihnen mit seinem einfachen Wesen gegeben. Einige würden mit ihm, andere über ihn gelacht haben – und zur letzteren Klasse gehörte auch Martin Chuzzlewit, der, unfähig, sich länger zurückzuhalten, in ein langes und lautes Gelächter ausbrach. »Recht so«, sagte Tom und nickte beifällig. »Kopf hoch! Das ist das Richtige!« Über diese Aufmunterung mußte der junge Martin abermals lachen. »Ich habe wahrhaftig noch nie einen so närrischen Kauz wie Sie gesehen, Pinch!« rief er, als er wieder zu Atem gekommen war. »Wirklich nicht? Nun, ich glaub's Ihnen gern, daß Sie mich etwas sonderbar finden. Ich habe eben noch fast gar nichts von der Welt gesehen und Sie wahrscheinlich schon sehr viel?« »Ziemlich viel für mein Alter«, gestand Martin, rückte seinen Stuhl noch näher an das Feuer und stemmte seine Füße an das Kamingitter. »Aber zum Kuckuck, ich muß jemanden haben, dem ich mein Herz ausschütte. Seien Sie es diesmal, Pinch.« »Aber mit Freuden!« rief Tom. »Sie erweisen mir damit einen großen Freundschaftsdienst.« »Ich geniere Sie doch nicht?« fragte Martin und blickte auf Mr. Pinch hernieder, der eben über sein Bein hinweg ins Feuer sah. »Durchaus nicht!« »Um es kurz zu machen, müssen Sie also wissen«, fing Martin mit einer gewissen Anstrengung an, die verriet, daß es sich um eine für ihn nicht besonders angenehme Eröffnung handelte, »daß ich von Kindheit auf zu großen Erwartungen erzogen und stets in dem Glauben gehalten wurde, es müsse mir eines Tages ein sehr großes Vermögen zufallen. Dies würde auch zuverlässig eingetreten sein, wenn nicht gewisse Umstände, die ich Ihnen in Kürze mitteilen will, meine Enterbung herbeigeführt hätten.« »Durch Ihren Vater?« fragte Mr. Pinch mit großen Augen. »Durch meinen Großvater. – Ich habe schon seit so vielen Jahren keine Eltern mehr, daß ich mich kaum mehr an meinen Vater erinnern kann.« »Auch bei mir ist das der Fall«, sagte Tom, berührte leise die Hand des jungen Mannes, zog aber gleich wieder schüchtern den Arm zurück. »Leider! Leider!« »Nun, was das betrifft, Pinch«, fuhr Martin in seiner raschen wegwerfenden Weise fort und schürte wieder das Feuer, »so ist's ja sehr gut und schön, seine Eltern zu lieben, wenn man welche besitzt, oder sie nach ihrem Tode in gutem Andenken zu halten, wenn man überhaupt etwas Näheres von ihnen weiß. Da ich jedoch meine Eltern kaum von Angesicht zu Angesicht kannte, so werden Sie wohl begreifen, daß bei mir von einer besondern Sentimentalität diesbezüglich nicht die Rede sein kann. Auch müßte ich lügen, wenn ich sagen wollte, es wäre anders.« Mr. Pinch blickte gerade gedankenvoll auf das Kamingitter. Da sein Freund innehielt, fuhr er mit den Worten: »Natürlich, natürlich!« auf und war dann wieder ganz Ohr. »Mit einem Wort«, erklärte Martin, »ich bin fast mein ganzes Leben lang von meinem Großvater erzogen worden. Er hat nun ohne Frage viele gute Eigenschaften, aber andererseits kann ich Ihnen die Tatsache nicht verhehlen, daß er auch zwei sehr große Fehler besitzt, die seine schlimme Seite ausmachen. Erstens ist er von einem Starrsinn, der kaum seinesgleichen hat, und dann ist er ein geradezu beispielloser Egoist.« »Wirklich?« rief Tom. »Hinsichtlich dieser beiden Punkte«, fuhr Martin fort, »ist er geradezu unübertroffen. Allerdings habe ich von Leuten, die es wissen müssen, oft genug gehört, das sei seit unvordenklichen Zeiten ein Erbfehler unserer Familie, und ich glaube auch gern, daß etwas Wahres daran ist, obschon ich nicht aus eigener Erfahrung darüber sprechen kann. – Alles, was ich tun kann, ist, dem Himmel danken, daß sie sich nicht auf mich vererbt haben, und achtgeben, daß ich sie nicht auch annehme.« »Natürlich«, meinte Mr. Pinch. »Sehr, sehr richtig.« »Und nun, Sir«, nahm Martin seine Erzählung wieder auf, stocherte mit dem Schüreisen im Feuer herum und zog seinen Stuhl noch näher an den Kamin, »sehen Sie, gewöhnte er sich in seiner Selbstsucht an, alle möglichen Ansprüche an mich zu stellen und in seinem Starrsinn nicht davon abzugehen. Die Folge davon war, daß er von mir alle erdenkliche Achtung, Unterwürfigkeit – ja, wo seine Wünsche mit ins Spiel kamen, geradezu grenzenlose Selbstverleugnung und so weiter verlangte. Ich habe mir viel von ihm gefallen lassen, weil ich Verpflichtungen gegen ihn hatte (wenn überhaupt von solchen gegenüber einem Großvater die Rede sein kann), und dann, weil ich wirklich eine aufrichtige Zuneigung zu ihm empfand. Trotzdem gab es alle Naselang Streit auf Streit, denn ich konnte mich sehr oft nicht in seine Art und Weise schicken – wohlgemerkt, durchaus nicht etwa meinetwillen, sondern –, weil – –« Hier stockte er und wurde ziemlich verlegen. Mr. Pinch war auf der ganzen Welt der letzte, der verstanden hätte, wie man jemandem aus einer derartigen Verlegenheit hilft, und blieb daher stumm wie ein Fisch. »Also gut, da Sie verstehen, was ich meine«, fing Martin hastig wieder an, »so brauche ich ja nicht lange nach einem passenden Ausdruck zu suchen. Ich komme jetzt zum Kern meiner Geschichte und der Veranlassung meines Hierseins. Ich bin verliebt, Pinch.« Mr. Pinch sah mit gesteigertem Interesse zu ihm auf. »Also, kurz und gut, ich bin verliebt – und zwar verliebt in eines der schönsten Mädchen, die je unter der Sonne wandelten. Sie ist jedoch gänzlich mittellos und vollständig von dem Willen meines Großvaters abhängig, und wenn er erführe, daß sie meine Gefühle erwidert, so wäre es um ihr Obdach und um alles, was sie auf Erden besitzt, geschehen. Es ist doch nichts sonderlich Selbstsüchtiges in dieser Liebe, glaube ich?« »Selbstsüchtiges!« rief Tom. »Sie haben edel gehandelt. – Sie mit Inbrunst zu lieben, wie es bei Ihnen der Fall ist, und ihr doch in Anbetracht ihrer abhängigen Stellung nicht einmal zu erklären – –« »Ja, von was sprechen Sie eigentlich, Pinch?« fuhr Martin ärgerlich auf. »Machen Sie sich nicht lächerlich, mein guter Freund! Was soll ich ihr nicht entdeckt haben?« »Ich bitte um Verzeihung«, stotterte Tom; »ich glaubte, Sie hätten es so gemeint, sonst würde ich es nicht gesagt haben.« »Wenn ich ihr nicht gestanden hätte, daß ich sie liebe, wozu wäre da mein Verliebtsein gut gewesen? Zu nichts als zu beständigem Kummer und Herzweh!« »Ganz richtig«, bestätigte Tom. – »Nun kann ich auch erraten, was sie sagte, als Sie sich ihr entdeckten!« fügte er mit einem bewundernden Blick in Martins schöne Züge bei. »Nun, das wohl nicht, Pinch«, versetzte Martin mit leichtem Stirnrunzeln, »denn sie hat ein wenig mädchenhafte Begriffe von Pflicht, Dankbarkeit und was dergleichen mehr ist – kurz, Dinge, denen nicht so leicht auf den Grund zu kommen ist. – – In der Hauptsache haben Sie übrigens recht. – Ich sah, ihr Herz gehörte mir.« »Das dachte ich mir«, sagte Tom, »ganz natürlich!« Und sehr zufrieden mit seinem Scharfsinn tat er einen langen Zug aus seinem Weinglase. »Trotzdem ich von Anfang an mit größter Vorsicht vorgegangen war«, fuhr Martin fort, »hatte ich doch die Geschichte nicht ganz so geschickt eingeleitet, daß mein Großvater, der voll Argwohn und Mißtrauen ist, meine Liebe zu ihr nicht gemerkt hätte. Er sagte ihr zwar kein Wort davon, nahm mich aber unter vier Augen vor und bezichtigte mich, ich wolle ihm das junge Wesen entfremden. – Sie erkennen hieraus seine Selbstsucht, daß er sich eine ergebene Gefährtin erziehen wollte, wenn er mich dereinst, sowie er es für gut fand, verheiratet haben werde. Das brachte mich natürlich in Harnisch, und ich sagte ihm klipp und klar, ich gedächte, mich so zu verheiraten, wie ich es für gut fände, und hätte nicht vor, mich durch ihn oder irgendeinen andern Auktionator an den Meistbietenden losschlagen zu lassen.« Mr. Pinch riß die Augen noch weiter auf und blickte noch angelegentlicher als bisher ins Feuer. »Sie können sich denken, Tom, daß ihm das gewaltig in die Nase stach und daß er gerade keine Komplimente über mich ausgoß. Die Sache spitzte sich schließlich darauf zu, daß ich meine Ansprüche entweder an sie oder an ihn aufgeben sollte. Nun müssen Sie sich aber vor Augen halten, Pinch, daß ich das Mädchen nicht nur aufs leidenschaftlichste liebe, sondern auch, daß ein Hauptzug meines Charakters eine ganz entschiedene – –« »Hartnäckigkeit ist«, ergänzte Tom arglos. Die Bemerkung wurde jedoch nicht so gut aufgenommen, wie er erwartet hatte, denn Martin erwiderte sogleich unwillig: »Sie sind wirklich ein unglaublicher Mensch, Pinch!« »Ich bitte um Verzeihung«, stotterte Tom rasch. »Ich glaubte, Sie suchten nach einem Ausdruck.« »Gewiß, aber doch nicht nach diesem! Ich sagte Ihnen bereits, Hartnäckigkeit sei keine Charaktereigenschaft von mir – oder vielleicht nicht? Ich wollte mit Ihrer gütigen Erlaubnis sagen, daß Festigkeit meine Haupttugend ist.« »Ja, gewiß«, rief Tom eifrig nickend. »Ja, ja, ich sehe!« »Und um dieser Festigkeit willen«, fuhr Martin fort, »konnte ich natürlich auch nicht einen Zollbreit nachgeben.« »Gewiß nicht, gewiß nicht«, brummte Tom. »Im Gegenteil; je mehr er drängte, desto entschiedener mußte ich mich dagegen stemmen.« »Freilich, freilich!« »Nun also«, erklärte Martin, lehnte sich in seinem Stuhle zurück und winkte gleichgültig mit der Hand ab, als ob der Gegenstand damit erledigt und nichts mehr darüber zu sagen sei – »das ist das Ende vom Lied, und deswegen bin ich jetzt hier!« Mr. Pinch starrte einige Minuten so verwirrt ins Feuer, als hätte ihm jemand ein ungemein schwieriges Rätsel aufgegeben, und sagte dann: »Pecksniff haben Sie natürlich schon früher gekannt?« »Nur dem Namen nach. Ich hatte ihn nie gesehen, denn mein Großvater hielt nicht nur sich selbst, sondern auch mich von allen seinen Verwandten fern. Unsre Trennung fand jedoch in einer Stadt der benachbarten Grafschaft statt, von da aus kam ich nach Salisbury und las Pecksniffs Annonce. Sie sagte mir zu, da ich von jeher eine gewisse natürliche Neigung für die Gebiete hatte, die er darin anführte. Und da es gerade Pecksniff war, ließ ich mir's doppelt angelegen sein, womöglich zu ihm zu kommen, um so mehr, als er – –« »Ein so vortrefflicher Mann ist«, fiel Tom händereibend ein. »Ja, das ist ein wahres Wort. Sie hatten vollkommen recht.« »Aufrichtig gesprochen«, entgegnete Martin kühl, »geschah es nicht deshalb, sondern weil mein Großvater einen alteingewurzelten Haß gegen ihn hegte. Und nach der tyrannischen Behandlung, die mir der alte Mann hat zuteil werden lassen, mußte begreiflicherweise in mir der natürliche Wunsch rege werden, allen seinen Ansichten gerade entgegenzuhandeln. – – Nun, wie gesagt, hier bin ich. Mein Verhältnis zu der jungen Dame, von der ich Ihnen erzählt habe, wird sich wahrscheinlich ziemlich in die Länge ziehen, denn unser beider Aussichten sind nicht gerade glänzend, und ich denke natürlich nicht ans Heiraten, ehe ich nicht die Mittel dazu besitze. Sie werden einsehen, daß ich mich nicht – mir nichts, dir nichts – in Armut, Entbehrung, Liebe ohne Brot und dergleichen stürzen oder vielleicht in einer Mansarde drei Treppen hoch wohnen kann.« »Ihrer Braut gar nicht zu gedenken«, bemerkte Tom Pinch mit gedämpfter Stimme. »Sehr richtig«, versetzte Martin und stand auf, um sich am Kamin anzulehnen und seinen Rücken zu wärmen. »Ihrer gar nicht zu gedenken. Obgleich es von ihr nicht allzuviel verlangt wäre –, erstens, weil sie mich sehr liebt, und zweitens, weil ich um ihretwillen sehr viel geopfert habe, und, wie Sie sich denken können, noch viel mehr geopfert haben würde.« Es dauerte sehr lange, bis Tom »freilich ja« sagte – so lange, daß man in der Zwischenzeit ganz gut hätte ein Schläfchen machen können. Aber endlich sagte er es doch. »Nun knüpft sich an diese Liebesgeschichte ein sonderbarer Zwischenfall«, sprach Martin weiter, »den ich noch erwähnen muß. Sie erinnern sich, was Sie mir in bezug auf Ihre schöne Kirchenbesucherin auf der Herfahrt mitgeteilt haben?« »Natürlich«, rief Tom, stand von seinem Schemel auf und setzte sich in den Stuhl, von dem Martin soeben aufgestanden war, um Pinchs Gesicht besser sehen zu können. »Selbstverständlich.« »Das war sie.« »Ich fühlte, was Sie sagen wollten«, entgegnete Tom mit leiser Stimme und sah Martin fest dabei an. »Ist das Ihr voller Ernst?« »Das war sie«, wiederholte der junge Mann; »nach all dem, was ich von Pecksniff gehört habe, zweifle ich nicht einen Augenblick, daß sie mit meinem Großvater kam und wieder abreiste. – Trinken Sie doch nicht soviel von diesem sauern Zeug! – Sie ziehen sich noch etwas zu.« »Ich fürchte auch, es ist nicht sehr gesund«, sagte Tom und setzte das Glas, das er bereits eine Weile leer in der Hand gehalten hatte, nieder. »Das war sie also wirklich?« Martin nickte bejahend und meinte dann unwirsch, wenn er nur ein paar Tage früher gekommen wäre, würde er sie haben sprechen können; jetzt dürfte sie wohl schon wieder hundert Meilen von hier weg sein. Nachdem er sodann einigemal ungeduldig im Zimmer auf und ab gegangen war, warf er sich in einen Stuhl und grollte wie ein verwöhntes Kind. Tom Pinch hatte ein weiches, gefühlvolles Herz und konnte es nicht ertragen, einen ihm gleichgültigen Menschen leiden zu sehen – geschweige denn jemanden, an dem er Anteil nahm, und der ihm (wie er felsenfest überzeugt war) mit Freundschaft entgegenkam. Was auch einige Augenblicke zuvor seine Gedanken gewesen sein mochten – und seinem Gesicht nach zu urteilen, waren sie ziemlich ernsthafter Natur – er ließ sie sofort fallen und suchte seinen jungen Freund nach Kräften zu trösten. »Mit der Zeit wird alles wieder gut werden«, sagte er. »Wenn Sie auch gegenwärtig mit Prüfungen und Widerwärtigkeiten zu kämpfen haben, so wird es nur dazu dienen, euch für bessere Tage inniger miteinander zu verketten. Ich habe immer gelesen, daß es so ist, und ein inneres Gefühl sagt mir, daß das recht und natürlich ist. Was bisher noch nicht glatt ging«, fügte er mit einem Lächeln hinzu, das trotz seines wenig schönen Gesichts etwas weit Lieblicheres hatte als der leuchtendste Blick so manch stolzen Antlitzes, »was bisher noch nicht glatt ging, von dem darf man nicht erwarten, daß es um unsertwillen im Handumdrehen anders wird. Wir müssen es eben nehmen, wie es ist, und ihm mit Geduld und guten Mutes die beste Seite abgewinnen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich fast nichts vermag, aber ich habe den allerbesten Willen, und wenn ich mich Ihnen je in was immer für einer Weise nützlich machen kann, so soll es mit Freuden geschehen.« »Danke Ihnen«, entgegnete Martin und drückte ihm die Hand. »Auf mein Wort, Sie sind ein guter Kerl. – – – Gewiß«, fügte er nach einer Pause hinzu, während der er seinen Stuhl wieder ans Feuer rückte, »würde ich nicht zögern, von Ihrer Dienstwilligkeit Gebrauch zu machen, wenn Sie mir irgendwie behilflich sein können; aber, zum Teufel auch!« – er fuhr sich ungeduldig durch die Haare und blickte ärgerlich Tom an – »Ihre Hilfe, die Sie mir anbieten, Pinch, ist für mich so wenig wert wie eine Brotröstgabel oder eine Bratpfanne.« »Außer, was den guten Willen betrifft«, sagte Tom leise. »Natürlich. Das versteht sich von selbst. – – Wenn Zuneigung allein etwas vermöchte, würde es mir nicht an Beistand fehlen. – Übrigens, wissen Sie, was Sie tun könnten, wenn Sie Lust dazu haben – und zwar jetzt gleich?« »Das wäre?« fragte Tom begierig. »Lesen Sie mir vor.« »Mit tausend Freuden«, rief Mr. Pinch enthusiastisch und griff nach der Kerze. »Entschuldigen Sie, wenn ich Sie einen Augenblick im Finsteren lasse, ich will nur ein Buch holen. Was möchten Sie, Shakespeare?« »Ja!« antwortete Martin gähnend und sich räkelnd. »Das tut's, ich bin müde von dem heutigen Trubel und der ungewohnten Umgebung. In einem solchen Falle gibt es auf der ganzen Welt keinen köstlicheren Genuß, als sich in Schlaf lesen zu lassen. Sie machen sich doch nichts daraus, daß ich einschlafe, während Sie vorlesen?« »Durchaus nicht!« beteuerte Tom. »So fangen Sie an, sobald es Ihnen beliebt. – Sie brauchen nicht aufzuhören, wenn Sie mich schläfrig werden sehen – Sie müßten denn selbst müde sein –, denn es ist riesig angenehm, nach und nach von den Tönen wieder geweckt zu werden. – Haben Sie das nie versucht?« »Nein, nie.« »Nun, so kann's ja dieser Tage einmal geschehen, wenn wir beide entsprechend aufgelegt dazu sind. Nehmen Sie nur das Licht mit; aber beeilen Sie sich!« Mr. Pinch verlor keine Zeit und kam in zwei Minuten mit einem seiner geliebten Bände von dem Sims neben seinem Bett wieder zurück. Martin hatte sich's in der Zwischenzeit so bequem gemacht, wie es die Umstände gestatteten, nämlich sich vor dem Kamin aus drei Stühlen und Gratias Schemel als Kissen ein Sofa improvisiert, auf dem er sich selbst der Länge nach ausstreckte. »Lesen Sie aber nicht zu laut, wenn ich bitten darf.« »Nein, nein«, versprach Tom. »Es friert Sie aber doch nicht?« »Nicht im geringsten!« »Nun, dann los!« Mr. Pinch schlug die Seiten seines Buches so zart und behutsam um, als wären sie lebendige, innig geliebte Wesen, traf dann seine Wahl und begann vorzulesen. Noch ehe er es bis zu fünfzig Zeilen gebracht hatte, schnarchte sein Freund bereits laut. »Der arme Mensch!« murmelte Tom und blickte ihm über die Stuhllehne ins Gesicht. »Er ist noch so jung und hat schon so viel gelitten. Wie treuherzig und großmütig von ihm, mir so viel Vertrauen zu schenken!– – – Also, das war – – sie!« Dann erinnerte er sich plötzlich seines Versprechens, nahm sein Buch wieder auf und fuhr fort zu lesen, wo er stehengeblieben war, daß er darüber sogar das Schneuzen seiner Kerze vergaß, bis der Docht wie ein Pilz aussah. Er wurde allmählich so warm bei der Lektüre, daß er gar nicht daran dachte, das Feuer nachzuschüren – bis er durch Martin Chuzzlewit daran erinnert wurde, der nach Verfluß von etwa einer Stunde auffuhr und schaudernd vor Kälte rief: »Wahrhaftig, das Feuer ist ausgegangen! Kein Wunder, daß mir träumte, ich sei erfroren. Holen Sie doch ein paar Kohlen. – Nein, was Sie für ein seltsamer Kauz sind, Pinch!« 7. Kapitel Mr. Chevy Slyme legt große Unabhängigkeit an den Tag, und dem blauen Drachen wird ein Glied ausgerissen Martin machte sich am andern Morgen mit so viel Eifer und Beflissenheit an seine »Elementarschule«, daß Mr. Pinch wiederum Grund hatte, die natürlichen Talente dieses jungen Gentlemans anzustaunen und dessen unendliche Überlegenheit anzuerkennen.– Martin nahm seine Komplimente sehr gnädig auf, und da er Pinch – in seiner Art – wirklich recht lieb gewonnen hatte, so prophezeite er, sie würden stets die allerbesten Freunde bleiben und er sei überzeugt, daß keiner von ihnen je Grund haben werde, sich nicht mit Freude des Tages zu erinnern, an dem sie miteinander bekannt geworden. Mr. Pinch, dem dies aus der Seele gesprochen war, freute sich natürlich unendlich darüber und fühlte sich so geschmeichelt durch die wohlwollenden Versicherungen von Freundesgefühl und Gönnerschaft, daß er gänzlich unfähig war, sein Entzücken in Worte zu kleiden. – Und wirklich ließ sich auch von diesem Bündnis, so wie die Sachen lagen, sagen, daß es längere Dauer versprach als so manche beschworene und verheißungsvolle Freundschaft. Solange der eine Teil sich darin gefiel, den Gönner zu spielen, und der andere sich darüber herzlich freute, wie hier der Fall lag, so lange war es so gut wie ausgeschlossen, daß sich je zwischen ihnen die Zwillingsdämonen Neid und Stolz erheben konnten. Am Nachmittag nach der Abreise der Familie waren beide emsig beschäftigt – Martin mit seiner Elementarschule und Tom mit der Berechnung gewisser Pachtzinsbezüge, von denen er Mr. Pecksniffs Provisionen in Abrechnung brachte. Während sie so dasaßen – Martin durch seine liebenswürdige Gewohnheit, beim Zeichnen laut zu pfeifen, den armen Mr. Pinch bei seiner kniffligen Arbeit fast zur Verzweiflung bringend –, wurden sie nicht wenig durch den Umstand erschreckt, daß sich plötzlich ein menschlicher Kopf zur Türe hereinsteckte und ihnen, obgleich äußerst zottig und auch sonst wenig beruhigend, höchst leutselig und in einer Weise zulächelte, die zugleich schelmisch, gewinnend und gönnerhaft war. »Ich selbst bin nicht fleißig, meine Herren«, begann der Kopf, »weiß aber diese Eigenschaft an andern zu schätzen. Ich will grau und häßlich werden, wenn ich nächst dem Genie den Fleiß nicht für eine der charmantesten Eigenschaften des menschlichen Geistes halte. Meiner Seel, ich bin meinem Freunde Pecksniff zu größtem Dank verpflichtet, daß er mir zu dem Anblick einer so köstlichen Szene verholfen hat. Sie erinnern mich an Whittington, der später dreimal Lord-Mayor von London wurde. Ich gebe Ihnen mein großes Ehrenwort, daß Sie mir diesen historischen Charakter lebhaft ins Gedächtnis rufen. Sie sind ein paar Whittingtons, meine Herrn, nur ohne die Katze. Und das ist für mich sehr angenehm, da ich der Katzenspezies nicht sonderlich zugetan bin. Mein Name ist Tigg. Wie geht es Ihnen, meine Herren?« Martin blickte Mr. Pinch fragend an, und Tom, der in seinem Leben noch nie etwas von einem Mr. Tigg gesehen hatte, faßte die seltsame Erscheinung näher ins Auge. »Chevy Slyme?« fuhr Mr. Tigg fragend fort und küßte zum Zeichen der Freundschaft seine linke Hand. »Sie werden mich verstehen, wenn ich sage, daß ich der Bevollmächtigte Mr. Chevy Slymes bin – Ambassadeur am Hofe Chivs. – – Ha, ha!« »Hallo!« rief Martin und stutzte bei Nennung dieses Namens. »Bitte, was will er von mir?« »Wenn Sie Pinch heißen –« begann Mr. Tigg. »Nein«, erklärte Martin reserviert. »Dies hier ist Mr. Pinch.« »Wenn dies Mr. Pinch ist«, rief Tigg, küßte abermals seine Hand und ließ seinen Leib seinem Kopfe in das Zimmer nachfolgen, »so wird er mir die Versicherung gestatten, daß ich ihn höchlichst schätze und respektiere, da ihn mein Freund Pecksniff mir gegenüber außerordentlich lobte – auch, daß ich seine Begabung hinsichtlich Orgelspieles sehr bewundere, wenn ich auch dieses Instrument – darf ich mich des Ausdrucks bedienen – nicht selbst – – ›quetsche‹. Wenn dies also Mr. Pinch ist, so möchte ich die Hoffnung auszudrücken wagen, daß er sich wohlbefinde und ihm der Ostwind keine Gesundheitsbeeinträchtigung zugefügt hat.« »Ich danke Ihnen«, sagte Tom. »Ich befinde mich sehr wohl.« »Das ist ein großer Trost«, rief Mr. Tigg. »Übrigens«, er hielt geheimnisvoll die Hand vor den Mund, »komme ich wegen des Briefes.« »Wegen des Briefes?« fragte Tom laut. »Was für einen Brief meinen Sie?« »Den Brief«, flüsterte Tom vorsichtig, »den Ihnen mein Freund Pecksniff unter der Adresse ›Chevy Slyme, Esquire‹ zurückgelassen hat.« »Er hat mir keinen Brief gegeben.« »Pst!« flüsterte Mr. Tigg. »Das macht nichts aus – obgleich ich wünschte, daß mein Freund Pecksniff die Sache zartfühlender arrangiert hätte – also – das Geld.« »Das Geld?« rief Tom erschreckt. »Sehr richtig. – – – Das Geld«, wiederholte Mr. Tigg, tippte Tom ein paarmal auf die Brust und nickte verständnisinnig, als wolle er sagen, man brauche den Umstand nicht unnötigerweise vor einer dritten Person ausführlich zu erwähnen und er würde es für eine besondere Gunst halten, wenn ihm Tom den Betrag so unauffällig wie möglich in die Hand gleiten ließe. Mr. Pinch war jedoch über dieses ihm gänzlich unerklärliche Benehmen dermaßen erstaunt, daß er unumwunden erklärte, es müsse hier offenbar ein Irrtum obwalten, da er durchaus keinen Auftrag erhalten habe, der sich irgendwie auf den Herrn oder dessen Freund bezöge. Mr. Tigg nahm diese Erklärung mit der ernsten Bitte entgegen, Mr. Pinch möge die Güte haben, sie noch einmal zu wiederholen, und als ihm Tom in einer noch nachdrücklicheren Weise willfahrte, rekapitulierte er sie Satz für Satz und nickte bei jedem Wort feierlich mit dem Kopf. Als Tom zum zweitenmal fertig geworden war, ließ sich Mr. Tigg in einen Stuhl nieder und hielt an die beiden jungen Leute folgende Ansprache: »Dann will ich Ihnen also sagen, um was es sich handelt, meine Herren. Im gegenwärtigen Augenblicke befindet sich hier in diesem Orte eine vollendete Legierung von Talent und Genie, die durch das, was ich nur als tadelnswerte Nachlässigkeit meines Freundes Pecksniff bezeichnen kann, in eine so furchtbare Situation versetzt wurde, wie sie eben nur bei der sozialen Lage im neunzehnten Jahrhundert möglich ist. In diesem Augenblicke befindet sich im ›Blauen Drachen‹ dieses Dorfes – einer ordinären, armseligen, bäurischen, nach Tabak stinkenden Bierkneipe – ein Individuum, von dem man – um mit dem Dichter zu sprechen – behaupten kann, daß es eigentlich mit nichts verglichen werden kann als mit sich selber. Und dieses Individuum wird nun seiner Zeche wegen dort zurückgehalten. Ha! ha! – Seiner Zeche wegen! Ich wiederhole es: – seiner Zeche wegen. Wir alle«, fuhr Mr. Tigg fort, »haben wohl schon von Fox' Märtyrerbuch gehört, desgleichen auch von dem Schuldturm und der Sternkammer; aber ich fürchte keinen Widerspruch, weder von Lebenden, noch von Toten, wenn ich kühnlich behaupte: meinen Freund Chevy Slyme einer Zeche wegen als Geisel zurückzuhalten, das spricht allem Hohn!« Martin und Mr. Pinch sahen zuerst einander an und dann Mr. Tigg, der, die Arme auf der Brust gekreuzt, ihren Blick halb trostlos, halb bitter erwiderte. »Mißverstehen Sie mich nicht, meine Herren«, sagte er und streckte seine rechte Hand aus. »Wäre es wegen etwas anderem als einer Zeche wegen geschehen, so hätte ich es ertragen und das menschliche Geschlecht immerhin noch mit einem gewissen Gefühl von Achtung betrachten können. Wenn aber ein Mann wie mein Freund Slyme einer Wirtshausrechnung wegen festgehalten wird – wegen eines an sich selbst schon so gemeinen nichtigen Dinges, so fühle ich: es ist da irgendwo eine Schraube von so ungeheurer Wichtigkeit losgeworden, daß das ganze Gebäude der Gesellschaft in seinen Grundfesten schwankt und man sich nicht einmal mehr auf Hauptprinzipien der Welt verlassen kann. – Kurz – meine Herren –, wenn ein Mann wie Slyme wegen einer armseligen Zeche zurückgehalten wird, so weise ich alles, was die Jahrhunderte gezeitigt, als Wahn zurück und glaube an nichts mehr. Ja, Fluch über mich, wenn ich sogar glaube, daß ich nicht glaube!« »Es tut mir wahrhaftig herzlich leid«, begann Tom nach einer Pause, »aber Mr. Pecksniff hat mir nichts davon gesagt, und ohne seine Weisung darf ich nichts tun. Würde es nicht am besten sein, Sir, wenn Sie – ich weiß nicht, woher Sie kommen – aber ich meine, würde es nicht am besten sein, wenn Sie nach Hause führen und Ihrem Freunde von dort das Geld schickten?« »Wie ist das möglich, da ich gleichfalls hier festgehalten werde!« rief Mr. Tigg. »Und noch obendrein, wo ich – dank der unerhörten und, ich muß sagen, unverantwortlichen Nachlässigkeit meines Freundes Pecksniff – kein Geld habe, um einen Platz im Postwagen zu bezahlen?« Tom wollte schon den Gentleman darauf aufmerksam machen, daß es auch eine Briefpost im Lande gebe – was dieser ohne Zweifel in seiner Aufregung vergessen hatte – und er ja nur an irgendeinen Freund oder Bevollmächtigten zu schreiben brauche, um sich das Geld kommen zu lassen – seine Gutmütigkeit ließ ihn jedoch erraten, daß es Gründe geben könne, diesen guten Rat für sich zu behalten. Er schwieg daher eine Weile und fragte dann: »Sagten Sie nicht, Sir, daß man Sie ebenfalls zurückhält?« »Kommen Sie einmal her«, rief Mr. Tigg und stand auf. – »Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich einen Augenblick dieses Fenster öffne?« »Durchaus nicht.« »Sehr gut«, sagte Mr. Tigg und schob das Fenster in die Höhe. »Sehen Sie dort unten den Kerl mit dem roten Halstuch und ohne Weste?« »Natürlich!« rief Tom. »Das ist doch Mark Tapley.« »So, Mark Tapley ist es!« entgegnete der Gentleman. »Also, Mark Tapley war so ungemein liebenswürdig, mich hierher zu begleiten und jetzt zu warten, ob ich auch wieder zurückkomme! – Und um dieser Aufmerksamkeit willen,« fügte Mr. Tigg hinzu und strich sich den Schnurrbart,« möchte ich sagen, es wäre besser für ihn gewesen, seine Frau Mutter hätte ihn in der Wiege erdrosselt, anstatt ihn zu solchen Schandtaten heranwachsen zu lassen!« Mr. Pinch war ob dieser schrecklichen Drohung nicht so entsetzt, als daß ihm nicht noch Atem genug geblieben wäre, Mark heraufzurufen – eine Aufforderung, der dieser so schleunig Folge leistete, daß Tom und Mr. Tigg kaum ihre Köpfe zurückgezogen und das Fenster wieder geschlossen hatten, als er bereits im Zimmer stand. »Hören Sie, Mark!« sagte Mr. Pinch. »Um Gottes willen, was geht denn zwischen Mrs. Lupin und diesem Gentleman vor?« »Und welchem Gentleman?« fragte Mark. »Ich sehe hier keinen Gentleman, Sir, als Sie und den neuen Herrn da« – er machte Martin eine linkische Verbeugung – »und zwischen Ihnen und Mrs. Lupin ist durchaus nichts vorgefallen.« »Possen, Mark!« rief Tom. »Sie sehen da Mr. –« »Tigg,« ergänzte der Gentleman. »Ein bißchen Geduld; ich werde ihn gleich zermalmen. – Alles zu seiner Zeit!« »Ach, den! « brummte Mark geringschätzig. »Ja, den sehe ich allerdings. Ich könnte ihn zwar noch ein bißchen besser sehen, wenn er sich rasieren und das Haar schneiden lassen wollte –« – Mr. Tigg schüttelte wütend den Kopf und schlug sich an die Brust. – »Hilft alles nichts«, sagte Mark. »An diese Tür können Sie klopfen, soviel Sie wollen. Da werden Sie keine Antwort kriegen, ich weiß das besser. Es steckt nichts dahinter als Watte, und zwar eine ziemlich schmierige.« «Lassen Sie das, Mark«, bat Mr. Pinch und legte sich ins Mittel, um Feindseligkeiten zu verhüten, »beantworten Sie mir lieber, was ich Sie fragen werde. Sie sind doch hoffentlich nicht übler Laune?« »Übler Laune, Sir?« rief Mark, übers ganze Gesicht lachend. »Nein, wahrhaftig nicht, Sir. Es macht einem ein bißchen Ehre – nicht viel zwar, aber doch ein bißchen –, wenn man fidel ist, trotzdem Kerle wie diese da wie brüllende Löwen mit Mähne herumziehen. – – Was es zwischen Mrs. Lupin und ihm gegeben hat? Je nun, eine unbezahlte Zeche hat es gegeben. – Ich glaube, es ist billig genug von Mrs. Lupin, daß sie ihm und seinem Freund nicht doppelte Preise anrechnete; sie sind doch geradezu ein Schandfleck für den ›Drachen‹. Das ist meine Meinung. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, ich litte keine solchen Waldteufel in meinem Hause, und wenn man mir Wettrennpreise zahlte. – Das bloße Aussehen dieses Burschen könnte schon das Bier im Faß sauer werden lassen. – Und das Bier würde auch bestimmt sauer werden, wenn es Verstand hätte.« »Sie haben mir noch immer meine Frage nicht beantwortet, Mark«, bemerkte Mr. Pinch. »Nun, Sir«, entgegnete Mr. Tapley, »ich wüßte nicht, was es da lange zu beantworten gibt. Erst gehen die beiden in den ›Halbmond und die sieben Sterne‹, bis sie genügend in der Kreide stehen, dann kommen sie zu uns und treiben's ebenso. Das gewöhnliche Zechprellen ist nichts gerade Neues für uns, Mr. Pinch; das hätte uns nicht so aufgeregt, wenn nicht das unverschämte Benehmen dieses Kerls gewesen wäre. – Nichts ist ihm gut genug; alle Weiber, meint er, seien sterblich in ihn verliebt und überglücklich, wenn er ihnen nur zublinzelt. Und die Männer, glaubt er, seien nur dazu da, um sich von ihm herumkommandieren zu lassen. Diesen Morgen noch sagte er zu mir in seiner gewöhnlichen liebenswürdigen Weise: ›Heute abend rücken wir aus, mein Bester.‹ – ›Wirklich, Sir?‹ sagte ich. ›Da soll ich Ihnen wohl die Rechnung vorbereiten, Sir?‹ – ›Ist nicht nötig, mein Bester‹, sagte er; ›Sie brauchen sich nicht damit zu bemühen. Ich werde Pecksniff schon anweisen, daß er die Kleinigkeit begleicht.‹ Darauf erwiderte der Drache: ›Besten Dank, Sir, daß Sie uns beehrt haben; aber da wir Sie nicht näher kennen und Sie ohne Gepäck reisen und Mr. Pecksniff nicht zu Hause ist – was Sie selbstverständlich nicht wissen –, so möchten wir gerne etwas Greifbares von Ihnen sehen.‹ So stehen die Sachen. Und jetzt frage ich Sie«, sagte Mr. Tapley und deutete mit der Hutkrempe auf Mr. Tigg, »welcher Herr oder welche Dame von gesundem Menschenverstand kann behaupten, daß der Bursche nicht ein ganz verdammter Lump ist!?« »Sagen Sie, bitte«, mischte sich Martin ein und erstickte damit ein vernichtendes Anathema von seiten Mr. Tiggs im Keime, »wie hoch beläuft sich die Schuld?« »Ach Gott, nicht besonders viel. – Höchstens drei Pfund, Sir«, meinte Mark. »Das würde auch weiter nichts ausmachen, – wenn nicht – wie gesagt – –« »Ja, ja, das haben wir schon gehört«, unterbrach Martin Chuzzlewit kurz. »Pinch, auf ein Wort.« »Was ist's?« fragte Tom und zog sich mit seinem Kollegen in eine Ecke des Zimmers zurück. »Offen gestanden – ich schäme mich fast, es auszusprechen – aber dieser Slyme ist ein Verwandter von mir, von dem ich nie viel Gutes gehört habe. Es paßt mir nicht, daß er sich hier herumtreibt, und ich möchte ihn für drei oder vier Pfund gerne loswerden. Sie haben wohl nicht so viel Geld, um diese Zeche zu begleichen?« Tom schüttelte so nachdrücklich den Kopf, daß an seiner Aufrichtigkeit unmöglich zu zweifeln war. »Das ist fatal, denn ich bin gleichfalls auf dem Trockenen. Falls Sie es gehabt hätten, würde ich Sie darum angegangen haben. – – Hm. – – Was, wenn wir aber der Wirtin sagen, wir wollten dafür gutstehen? Glauben Sie, daß sie darauf einginge?« »Oh, sicher!« rief Tom. »Sie kennt mich. – Gottlob!« »Dann wollen wir gleich zu ihr gehen und ihr den Vorschlag machen. Je eher wir diese Gesellschaft loswerden, desto besser. Da Sie bisher das Wort geführt haben, machen Sie dem Herrn vielleicht klar, was wir zu tun gedenken – wollen Sie?« Mr. Pinch tat es mit Freuden und teilte Mr. Tigg das Nötige mit, der ihm dafür warm die Hand drückte und versicherte, sein Glaube an die Menschheit sei jetzt wieder gänzlich hergestellt. Nicht so sehr wegen des gütigen Beistandes als wegen des gelieferten Beweises, daß edle Naturen immer noch ein Verständnis für ihresgleichen auf Erden empfänden. Und er danke den Herren im Namen seines genialen Freundes ebenso warm und herzlich, als ob es sich um seine eigne Angelegenheit handle. In seiner schwungvollen Rede durch den allgemeinen Aufbruch gestört, bemächtigte er sich an der Haustüre des Rockärmels Mr. Pinchs, um weiteren Unterbrechungen vorzubeugen, und unterhielt seinen gutmütigen Zuhörer mit allerhand erbaulichen Gesprächen, bis sie vor dem »Drachen« anlangten. Es bedurfte bei der blühenden Wirtin kaum Mr. Pinchs Fürsprache, da sie ihre beiden Gäste sowieso möglichst rasch los sein wollte. In Wirklichkeit hatten diese ihre kurze Haft lediglich Mr. Tapley zu verdanken, der eine prinzipielle Abneigung gegen großsprecherische Gentlemen mit durchlöcherten Ellenbogen hegte und ganz speziell gegen Prachtexemplare von der Sorte wie Mr. Tigg und sein Freund. Nachdem die Angelegenheit so in Kürze abgemacht war, wollten sich Mr. Pinch und Martin sogleich wieder entfernen, aber Mr. Tigg bat sie so inständig, ihm die Ehre zu erweisen, sie seinem Freunde vorstellen zu dürfen, daß sie teils aus Gutmütigkeit, teils aus Neugierde nachgaben und sich diesem ausgezeichneten Gentleman vorführen ließen. Mr. Chevy Slyme brütete gerade über der Neige einer Brandyflasche vom gestrigen Abend und war mit der tiefsinnigen Aufgabe beschäftigt, mit dem nassen Boden seines Trinkglases eine Kette von Ringen auf den Tisch zu zeichnen. So elend und herabgekommen er auch jetzt aussah, so war er doch einst in seiner Art gewissermaßen tonangebend gewesen und hatte seine Ansprüche als Mann von unendlichem Geschmack und vielversprechenden Gaben allenthalben geltend gemacht. Die nötigen Requisiten zu diesem Beruf sind leicht beschafft: ein Naserümpfen, ein spöttisches Aufwerfen der Lippe, ein geringschätziges Lächeln – – was will man mehr! Aber dieses Pfropfreis des Stammes Chuzzlewit hatte es sich – nachdem seine Mittel aufgebraucht waren und er zu faul war für irgendwelche Tätigkeit – in einer schlimmen Stunde sogar beifallen lassen, eine Art Professor des guten Geschmacks werden zu wollen. Zu spät fand er, daß dazu etwas mehr erforderlich war als seine ursprünglichen Qualifikationen, um sich in diesem Berufe halten zu können, und schnell war er daher bis zu seiner gegenwärtigen Stufe herabgesunken. Nichts war ihm von seinem frühern Ich übriggeblieben als sein prahlerisches Wesen und seine Gallsucht, und ohne seinen Freund schien er gar nicht existieren zu können. Im gegenwärtigen Augenblick bot er in seinem trunkenweinerlichen Zustand, seiner Unverschämtheit und seinem Bettlerstolz eine so jämmerliche Figur, daß sogar sein Freund und Schmarotzer daneben einen ritterlichen Eindruck machte. »Chiv«, begann Mr. Tigg und klopfte ihm auf den Rücken, »mein Freund Pecksniff war nicht zu Hause, und ich habe daher die Sache mit Mr. Pinch und seinem Freund in Ordnung gebracht. – – Mr. Pinch nebst Freund – Mr. Chevy Slyme.« »Eine recht angenehme Lage, um sich Fremden vorstellen zu lassen«, versetzte Chevy Slyme und richtete seine blutunterlaufenen Augen auf Tom Pinch. »Ich glaube, ich bin der unglücklichste Mensch auf Erden!« Tom bat ihn, nicht davon zu sprechen, und wollte sich nach einer Pause mit Martin entfernen, aber Mr. Tigg beschwor sie durch Räuspern und Nicken so dringend, sie möchten doch an der Tür stehen bleiben, daß sie unwillkürlich haltmachten. »Ich schwöre«, rief Mr. Slyme, ließ seine Faust kraftlos auf den Tisch fallen und stützte dann den Kopf auf die Hand, während ein paar Tränen besoffenen Jammers aus seinen Augen niedertropften, »daß ich das elendeste Geschöpf weit und breit bin. Die Menschheit hat sich gegen mich verschworen. Ich bin der gebildetste Mensch, der je gelebt. Ich weiß alles und jedes, bin voll Geist, voller Kenntnisse, voll neuer Ansichten – und doch in der schmachvollen Lage, in diesem Augenblick einer elenden Zeche wegen zwei Fremden verpflichtet sein zu müssen!« Mr. Tigg schenkte seinem Freund das Glas wieder voll, drückte es ihm in die Hand und gab den beiden durch Zeichen zu verstehen, daß sie Chevy Slyme sogleich in einem bessern Lichte zu sehen bekommen würden. »Zwei Fremden verpflichtet für eine Wirtshausrechnung! Was?!« wiederholte Mr. Slyme, nachdem er dem Glase verdrießlich zugesprochen. »Nette Sachen das! Und Scharen von Betrügern werden indessen berühmt – Kerle, die ebenso unwürdig sind, mir die Schuhriemen zu lösen, wie – wie – – Tigg, ich rufe dich zum Zeugen an, daß ich der verfolgteste Hund bin, der über die Erde hinstreicht.« Mit einem Gewinsel, das wirklich etwas Hündisches hatte, setzte er wieder das Glas an den Mund. Er mußte einigen Mut oder Stärkung daraus geschöpft haben, denn, als er es niedersetzte, lachte er laut und verächtlich auf. – Abermals machte Mr. Tigg Martin und Tom sehr nachdrückliche Gebärden, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, wo »Chiv« in seiner vollen Größe sich entpuppen werde. »Ha, ha, ha!« lachte Mr. Slyme. »Zwei Fremden verpflichtet für eine Wirtshausrechnung! Ich! Verpflichtet zwei Architektenlehrlingen – Kerlen, die die Erde mit eisernen Ketten abmessen und Häuser bauen wie die Maurer. – Man nenne mir die Namen dieser beiden Lehrlinge! Wie können sie sich unterstehen, mir Verpflichtungen aufzuerlegen?« Mr. Tigg war ganz außer sich vor Bewunderung über diesen edlen Charakterzug seines Freundes, wie er Mr. Pinch durch lebhaftes Gebärdenspiel deutlich zu erkennen gab. »Sie sollen wissen, und alle Welt soll es wissen«, schrie Chevy Slyme, »daß ich keiner von den gemeinen, kriecherischen, zahmen Charakteren bin, die man im gewöhnlichen Leben antrifft. Ich bin unabhängig und frei. Mein Herz ist stolz. Ich habe eine Seele, die sich hoch erhebt über niedrige Rücksichten.« »O Chiv, Chiv, Chiv!« murmelte Mr. Tigg. »Du hast eine edle unabhängige Natur, Chiv!« »Geh hin und tue deine Pflicht«, herrschte ihn Mr. Slyme unwillig an. »Borg dir Geld aus für die Reise, und wer's immer sei, der's herborgt, sag ihm, daß ich einen hohen und stolzen Geist besitze und daß in meiner Seele höllisch tiefe Saiten erklingen, die eine Gönnerschaft nicht ertragen können. Hörst du? Sag ihnen, daß ich sie hasse und auf diese Art mir die Achtung vor mir selbst bewahre. Sag ihnen, daß noch nie ein Mensch sich selbst so geachtet hat wie ich mich!« Er wollte noch hinzufügen, daß er zwei Arten von Menschen besonders hasse, nämlich alle, die ihm Wohltaten erwiesen, und alle, denen es besser ging als ihm selbst, da in beiden Fällen ihre Lage eine Kränkung für einen Mann von seinen unerhörten Verdiensten bedeute. – Er sprach es jedoch nicht aus, denn gleich darauf sank er mit dem Kopf auf den Tisch und verfiel in einen trunkenen Schlaf. – Zu hochmütig, um zu arbeiten, zu betteln, zu borgen oder zu stehlen, war er doch gemein genug, sich von einem andern die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen; zu patzig, um die Hand zu lecken, die ihn in seiner Not fütterte, war er doch Köter genug, hinterrücks zu beißen und sie zu zerfleischen! »Hat es je«, rief Mr. Tigg und begleitete die jungen Leute hinaus und schloß sorgsam die Türe hinter sich, »hat es je einen so freien unabhängigen Geist gegeben wie diesen außerordentlichen Menschen? Je einen solchen Römer im Altertum wie unsern Freund Chiv! Je einen Mann von so streng klassischem Gedankenflug, von einer so togaartigen Einfachheit des Wesens? Gab es je einen Mann von so fließender Beredsamkeit? Ich frage Sie, meine Herrn, hätte er sich nicht im Altertum auf einen Dreifuß setzen und uns bis ins Grenzenlose prophezeien können, vorausgesetzt, man hätte ihn auf Staatskosten mit Grog versorgt?!« Mr. Pinch war eben im Begriffe, diese kühne Behauptung mit seiner gewohnten Milde zu bezweifeln, als er bemerkte, daß sein Begleiter bereits die Treppe hinuntergegangen war. Er schickte sich daher an, ihm zu folgen. »Sie wollen doch nicht schon gehen, Mr. Pinch?« fragte Tigg. »Ja. – Ich danke«, antwortete Tom, »bitte, bemühen Sie sich nicht, bleiben Sie nur hier.« »Wissen Sie, ich möchte noch gern ein Wörtchen im Vertrauen mit Ihnen reden«, versetzte Tigg. »Es würde mein Herz sehr erleichtern, wenn ich mich auf der Kegelbahn noch einige Minuten Ihrer Gesellschaft erfreuen könnte. Darf ich Sie um diese Gunst ersuchen?« »O gewiß, wenn Ihnen soviel daran liegt«, erwiderte Tom. Er begleitete also Tigg, und als sie bei der Kegelbahn angekommen waren, zog dieser etwas, was wie die fossilen Überreste eines antediluvianischen Schnupftuchs aussah, aus seinem Hute und wischte sich die Augen damit. »Sie haben mich heute in einem ungünstigen Lichte gesehen«, schluchzte Mr. Tigg. »Bitte, reden wir nicht davon«, bat Tom. »Es ist aber doch so«, rief Tigg. »Ich muß auf dieser Ansicht beharren. Hätten Sie mich an der Küste Afrikas an der Spitze meines Regiments sehen können, Mr. Pinch, wie ich ein Karree formierte – in der Mitte die Weiber, die Kinder und die Regimentskasse – und zum Angriff schritt, so würden Sie nicht glauben, daß jetzt derselbe Mann vor Ihnen steht. Sie würden den größten Respekt vor mir gehabt haben, Sir.« – Tom schien diesbezüglich seine eigenen Ansichten zu haben und war daher von dieser Schilderung nicht ganz so hingerissen, wie Mr. Tigg wohl wünschen mochte. – »Doch gleichviel! – Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich schwach zeigte. – – – Sie haben meinen Freund Slyme gesehen?« »Kein Zweifel.« »Und welchen Eindruck hat mein Freund Slyme auf Sie gemacht, Sir?« »Keinen sehr angenehmen, muß ich sagen«, antwortete Tom stockend. »Das tut mir leid, aber es überrascht mich nicht«, rief Mr. Tigg und hielt Tom an beiden Rockaufschlägen fest, »es ist auch meine Meinung. Aber, Mr. Pinch, wenn ich auch nur ein schlichter und gedankenloser Mensch bin, so weiß ich doch den Geist zu ehren. Ich ehre das Talent in meinem Freunde. Ich habe das Recht, Mr. Pinch, vor allen Menschen gerade an Sie um seines hohen Geistes willen zu appellieren, wenn ihm schon die Fähigkeit mangelt, in der Welt sein Glück zu machen. Und daher, Sir, – nicht um meinetwillen, der ich durchaus keine Ansprüche an Ihre Teilnahme habe, sondern um meines niedergedrückten, meines geistig so unendlich hochstehenden, stolzen Freundes willen, der zu wirklichen Ansprüchen berechtigt ist wie keiner sonst – bitte ich Sie um ein Darlehen von drei halben Kronen. Ich bitte Sie darum offen und ohne Erröten. Ich bitte darum, gewissermaßen wie um ein Recht. Und wenn ich hinzufüge, daß sie noch in dieser Woche zurückerstattet werden sollen, so fühle ich, daß Sie mich wegen dieser kleinlichen Worte innerlich nicht tadeln werden.« Mr. Pinch zog einen altmodischen rotledernen Geldbeutel mit einem Stahlschloß, der wahrscheinlich seiner seligen Großmutter gehört hatte, hervor. Er enthielt eine einzige halbe Guinee – Toms ganzes Gehalt für dieses Quartal. »Halt!« rief Mr. Tigg, der ihn dabei scharf beobachtet hatte. »Ich wollte eben sagen, besser wäre noch eine halbe Guinee – – der Post wegen – Gold läßt sich bequemer zurückschicken. – – Ich danke Ihnen. Als Adresse genügt vermutlich: ›Mr. Pinch bei Mr. Pecksniff‹?« »Ja, ganz richtig. Nur schreiben Sie, bitte, hinter Mr. Pecksniffs Namen: ›Hochwohlgeboren‹. Also an mich bei Mr. Seth Pecksniff, Hochwohlgeboren.« »Bei Seth Pecksniff, Hochwohlgeboren«, buchstabierte Mr. Tigg und schrieb sich die Adresse mit einem Bleistiftstümpfchen sorgfältig auf. »Wir sagten, glaube ich, diese Woche?« »Ja; oder meinetwegen auch Montag«, bemerkte Tom. »Nein, nein, pardon! Montag, das geht nicht«, protestierte Mr. Tigg. »Wenn wir diese Woche ausgemacht haben, so ist Samstag der späteste Termin. Wurde diese Woche festgesetzt?« »Wenn Sie's schon so genau nehmen – ja«, entgegnete Tom. Mr. Tigg merkte sich auch dies genau an, überlas noch einmal die Notiz mit ernstem Stirnrunzeln und setzte dann, um das Geschäft noch korrekter und buchungsmäßiger zu machen, dem ganzen die Anfangsbuchstaben seines eigenen Namens bei. Sodann versicherte er Mr. Pinch, es sei jetzt alles vollkommen in Ordnung, drückte ihm mit großer Wärme die Hand und entfernte sich. Da Mr. Pinch fürchtete – und wohl mit Recht –, Martin könne dieses Interview ins Lächerliche ziehen, wollte er nicht sogleich nachkommen und ging daher in der Kegelbahn auf und ab, bis Mr. Tigg und sein Freund den »Drachen« verlassen hatten. – Gerade als sie abzogen, begegnete er Mark vor dem Wirtshaus. »Ich wollte eben sagen«, bemerkte Mark und deutete den beiden nach, »daß das so eine Art Dienst für mich wäre, wenn man davon leben könnte. Solchen Individuen aufzuwarten wäre doch noch besser, als Totengräber zu sein, Sir.« »Hierzubleiben wäre besser als beides, Mark«, entgegnete Tom. »Lassen Sie sich raten und bleiben Sie, wo's Ihnen gutgeht.« »Dazu ist es jetzt zu spät, Sir«, sagte Mark. »Ich habe ihr bereits gekündigt, und morgen früh geht's fort.« »Wirklich fort? Und wohin denn?« »Nach London, Sir.« »Und was dort?« fragte Mr. Pinch. »Das weiß ich selbst noch nicht, Sir. Seit ich Ihnen mein Herz ausgeschüttet habe, hat sich noch nichts Geeignetes gefunden. All die Berufe, an die ich dachte, waren viel zu heiter, und man hätte keine besondere Ehre dabei einlegen können. Ich werde mich wohl um einen Privatdienst umsehen müssen, Sir. Ich möchte meine Kraft allenfalls an einer frommen Familie versuchen, Mr. Pinch.« »Ob das aber die fromme Familie aushielte?« meinte Tom. »Da könnten Sie recht haben, Sir. – Wäre ich imstande, bei einer gottlosen Familie unterzukommen, wäre das meinen Kräften vielleicht angemessener. Aber da ist wieder die Schwierigkeit: Wo finde ich das Richtige? Ein junger Mensch kann doch nicht gut in die Zeitung einrücken lassen: ›Stelle wird gesucht. Es wird mehr auf Gottlosigkeit als auf hohen Lohn gesehen.‹ Oder meinen Sie doch, Sir?« »Nein, nein«, gab Tom zu. »Das geht keinesfalls.« »Eine neidische Familie«, fuhr Mark mit gedankenvoller Miene fort, »eine streitsüchtige Familie, eine boshafte Familie, oder sogar eine so ganz durch und durch niederträchtige Familie würde mir einen Wirkungskreis öffnen, in dem ich etwas leisten könnte. Am besten von allen Leuten hätte mir der alte Herr gepaßt, der hier krank lag. Der war so der richtige Plagegeist. – Nun, ich muß eben warten und zusehen, was kommt, Sir. Hoffen wir das Schlimmste.« »Sie sind also fest entschlossen zu gehen?« fragte Mr. Pinch. »Mein Koffer ist bereits beim Fuhrmann, Sir, und ich gehe morgen zu Fuß fort. Wenn mich die Kutsche einholt, so sitze ich auf. Aber jetzt Gott befohlen, Mr. Pinch, leben Sie wohl – und auch Sie, mein Herr. Leben Sie wohl alle beide – und viel Glück und Wohlergehen!« Lachend erwiderten die beiden Kollegen diesen Abschiedsgruß und gingen Arm in Arm nach Hause. Unterwegs teilte Mr. Pinch Martin zur näheren Erklärung die Einzelheiten von Mr. Mark Tapleys wunderlichem Ehrgeiz mit, die der Leser bereits kennt. Hartnäckig wich Mark den ganzen Nachmittag bis zum Abend seiner Gebieterin aus, denn er hatte gemerkt, daß sie sehr niedergeschlagen war, und glaubte seinerseits nicht so ganz für die Folgen eines verlängerten Tête-à-tête hinter dem Schankverschlag stehen zu können. Bei dieser Taktik wurde er durch den großen Andrang in der Bierstube unterstützt. Die Kunde von seinem Vorhaben war nämlich ruchbar geworden, und es gab deshalb den ganzen Abend ein förmliches Gedränge, da jeder noch auf seine Gesundheit trinken wollte, was natürlich in der Folge ein gewaltiges Krügegeklapper veranlaßte. Endlich wurde das Haus für die Nacht geschlossen. Mark mußte jetzt – da war nicht mehr zu helfen – die beste Miene zum bösen Spiel machen und begab sich daher anscheinend sehr verdrießlich zur Büfettüre. »Wenn ich ihr in die Augen schaue«, sagte er sich, »so ist's um mich geschehen. Ich fühle schon jetzt, wie's mich reißt.« »Endlich kriegt man Sie zu sehen«, begann Mrs. Lupin. »Ja«, brummte Mark. »Da bin ich.« »Und Sie sind also wirklich fest entschlossen, uns zu verlassen, Mark?« »Nun freilich«, sagte Mark, ohne die Augen aufzuschlagen. »Ich dachte«, fuhr die Wirtin mit ermutigendem Stocken fort, »Sie hätten den ›Drachen‹ gern?« »Ich habe ihn auch gern«, antwortete Mark. »Nun also«, fragte die Wirtin – und es war gewiß eine sehr natürliche Frage – »warum wollen Sie ihn denn dann verlassen?« Da Mark auf diese Frage keine Antwort gab, nicht einmal, als sie wiederholt wurde, zählte ihm Mrs. Lupin daher sein Geld auf die Hand und fragte ihn – nicht ungütig, ganz im Gegenteil –, was er sonst noch etwa möchte. Das Sprichwort sagt schon, es gebe gewisse Dinge, denen Fleisch und Blut nicht widerstehen können. Eine Frage wie diese, und noch dazu in solcher Art, zu einer solchen Zeit und von einer solchen Person gestellt, war – soweit es wenigstens Marks Fleisch und Blut betraf – gewiß eines dieser Dinge. Mark sah wider Willen auf und blickte, nachdem dies einmal geschehen war, nicht mehr zu Boden – stand doch die Blüte aller rundlichen, drallen, hübschen, glutäugigen, mit Wangengrübchen geschmückten Wirtinnen, die je auf Erden gewandelt, leibhaftig vor ihm. »Nun, ich will Ihnen was sagen«, rief Mark, wurde plötzlich ganz Feuer und Flamme und schlang den Arm um Mrs. Lupins Taille – was diese ganz und gar nicht beunruhigte, wußte sie doch, was Mark für ein wackerer junger Mensch war – »wenn ich mir nehmen dürfte, was mir am meisten gefiele, so wären Sie es. Jawohl, Sie und nur Sie«, rief Mr. Tapley, nickte nachdrücklich und blieb mit seinen Blicken, ohne daran zu denken, was er sich so fest vorgenommen, an den Kirschenlippen der hübschen Witwe hängen. »Und kein Mensch würde sich wundern, wenn ich's täte!« Mrs. Lupin sagte, sie sei geradezu aus den Wolken gefallen. Wie er nur solches Zeug reden könne. Sie hätte das nie von ihm gedacht. »Wahrhaftig, ich hätte es früher auch nie von mir gedacht!« entgegnete Mark und zog seine Augenbrauen in komischem Erstaunen in die Höhe. »Ich dachte immer, wir würden ganz mir nichts, dir nichts voneinander scheiden, und hatte mir eben vorhin noch, ehe ich eintrat, vorgenommen, es so zu halten. Aber Sie haben etwas an sich, das einem das Herz aufgehen macht. – Doch reden wir mal gescheit miteinander« – fügte er im ernsten Tone hinzu, um jedem Irrtum vorzubeugen – »Sie wissen, daß ich Ihnen keine Liebeserklärung nicht machen will.« Eine Sekunde lang überflog ein Schatten – wenn auch kein gerade finsterer – das offene Gesicht der Wirtin, verschwand jedoch gleich wieder und machte einem herzlichen Lachen Platz. »Meinen Sie nicht«, sagte sie, »wenn Sie an so was nicht denken, daß es besser wär, wenn Sie Ihren Arm wegtäten?« »Warum sollt ich denn das?« rief Mark. »Es ist doch nichts Unrechtes dabei!« »Natürlich ist nichts Unrechtes dabei«, entgegnete Mrs. Lupin, »sonst würde ich es auch nicht erlauben.« »Na gut«, meinte Mark, »dann lassen wir's halt dabei.« Das war so vernünftig gesprochen, daß die Wirtin ihn lachend gewähren ließ, ihn aber zugleich aufforderte, mit dem, was er zu sagen habe – und zwar schnell – herauszurücken. – Übrigens sei er ein unverschämter Bursche, setzte sie hinzu. »Ha, ha! Mir kommt's beinahe auch so vor«, lachte Mark, »ich hätt's früher wahrscheinlich selbst nicht geglaubt. Aber macht nix, heut abend getrau ich mir schon was zu sagen.« »Also, raus damit – endlich schon!« rief Mrs. Lupin. »Ich möcht zu Bett gehen.« »Na, so hören S'«, sagte Mark, »und ich möcht den Mann sehen, der sagt, daß er je eine freundlichere Frau als Sie gesehen hat – was möcht eigentlich sein, wann wir zwei mitsamm –« »Aber Unsinn!« rief Mrs. Lupin. »Reden Sie nicht so dummes Zeug daher!« »Gar kein dummes Zeug«, protestierte Mark, »und ich möcht Sie bitten, daß Sie mich bis zu End hören. Also, was möcht sein, wenn wir zwei zusamm ein Paar wären? Wenn mir jetzt schon nicht recht wohl in dem schönen ›Drachen‹ ist, wie könnt ich dann erst zufrieden sein?! Schon gar nicht. Das ist doch gar keine Frag nicht. Wenn Sie noch so gut aufgelegt wären, möchten Sie sich doch immer damit abquälen, ob Sie nicht zu alt für meinen Geschmack würden, und möchten sich einreden, daß ich an Sie angebunden wär wie der Drachen ober der Tür, und immer ausreißen möcht. – Ich weiß ja nicht, ob es so kommen würde«, fuhr Mark gedankenvoll fort, »aber sein könnt's doch immerhin. Sie wissen, ich bin ein unsteter Mensch und hab gern Abwechslung. Ich glaub immer, daß ein Mensch von meiner Gesundheit und meiner guten Laune eigentlich nur dann Ehre einlegen kann, wenn er dort fidel ist, wo andere sich unglücklich fühlen. Vielleicht hab ich unrecht, aber sehen Sie, wenn's auch so wär, was könnt's da Besseres geben als Ausprobieren? Es ist also wohl das beste, wenn ich geh. Besonders, wo Sie mir erlaubt haben, alles das rund herauszusagen. So können wir wenigstens als gute Freunde scheiden, wie wir's immer gewesen sind, seitdem ich zum erstenmal hier unter dem Dach dieses edlen Drachen eingezogen bin, an den ich«, setzte Mr. Tapley zum Schlüsse hinzu, »bis zum letzten Atemzug mit Hochachtung denken werde.« Eine kleine Weile blieb die Wirtin ganz stumm sitzen, dann legte sie ihre beiden Hände in die Mr. Tapleys und drückte sie herzlich. »Sie sind halt ein guter Mensch«, sagte sie und sah ihm mit einem Lächeln, das sich an ihr ein wenig ernst ausnahm, ins Gesicht. »Ich glaube, Sie sind mir heute abend ein besserer Freund gewesen, als ich je einen in meinem ganzen Leben gehabt hab.« »Ach, was das betrifft, wissen Sie«, entgegnete Mark, »das sind Possen. Aber, so wahr ich lebe!« rief er und sah sie mit einer Art Begeisterung an. »Wenn es Ihnen wirklich darum zu tun wäre – wieviel annehmbaren Freiern könnten Sie nicht den Kopf verdrehen!« Mrs. Lupin lachte herzlich über dieses Kompliment, schüttelte ihm wieder die Hände und bat ihn, wenn er je einen Freund in der Not brauche, ihrer nicht zu vergessen. Dann verließ sie fröhlich das kleine Schenkzimmer und begab sich die Drachentreppe hinauf. »Sie singt ein Liedchen im Gehen«, murmelte Mark lauschend, »damit ich nicht glauben soll, sie sei traurig. Na, da ist's doch wenigstens ein bißchen Ehre, wenn man dabei fidel ist!« Mit diesem Trosteswort, das recht kläglich klang, ging er nichts weniger als fidel zu Bett. Am nächsten Morgen stand er noch früher auf als gewöhnlich und war schon bald nach Sonnenaufgang auf den Beinen. Doch das half alles nichts; der ganze Ort war gleichfalls schon wach, um Mark Tapley scheiden zu sehen: – die Buben, die Hunde, die Kinder, die alten Männer, die Fleißigen und die Müßiggänger, alle waren sie da und riefen jeder sein: »Leb wohl, Mark!« und jedem tat es leid, daß er ging. Tapley hatte auch so eine Art Ahnung, daß seine gewesene Gebieterin aus ihrem Kammerfenster heraussähe, aber er konnte es nicht übers Herz bringen, hinaufzuschauen. »Lebt wohl – alle miteinander!« rief er, schwenkte seinen Hut auf seinem Wanderstab und marschierte mit raschen Schritten die schmale Gasse hinauf. »Brave Kerle, die Wagenmacher – hurra! Da kommt der Fleischerhund aus dem Garten nach Haus, alter Kerl! – Und Mr. Pinch geht zu seiner Orgel – leben Sie wohl, Sir! Und der kleine Dachshund vom Nachbar! Obs d' schaust, daß d' heimkommst! Und Kinder, genug, um das Menschengeschlecht bis zum jüngsten Tag fortzupflanzen – lebt wohl, ihr Buben und Mädels! – Na, da kann man wirklich mal Ehre einlegen – da braucht's die ganze Manneskraft, um fidel zu bleiben. – Aber ich bin ungeheuer fidel! Nicht ganz so zwar, wie ich möchte – aber doch beinah. – Adjö, adjö!« 8. Kapitel Was alles Mr. Pecksniff und seinen beiden lieblichen Töchtern auf der Reise nach London passierte Als Mr. Pecksniff und die beiden jungen Damen am Ende der Gasse in die schwerfällige Postkutsche stiegen, fanden sie zu ihrer großen Freude die Innenplätze unbesetzt, was ihnen um so angenehmer schien, als die Außensitze überfüllt waren und die Reisenden sehr erfroren aussahen. Denn, wie Mr. Pecksniff sehr richtig bemerkte – nachdem er und seine Töchter ihre Füße tief im Stroh eingegraben, sich selbst bis ans Kinn eingemummt und beide Fenster geschlossen hatten –, fühlt sich der Mensch bei rauhem Wetter um so behaglicher, je deutlicher ihm zum Bewußtsein kommt, daß andere frieren. Und das, sagte er, sei ganz natürlich und eine sehr schöne Einrichtung, die sich nicht bloß auf Kutschen beschränke, sondern auf viele Gebiete geselligen Lebens erstrecke. »Denn«, meinte er, »wenn jedermann im Warmen säße und Speise und Trank die Hülle und Fülle hätte, müßte man des Genusses entbehren, den Heldenmut zu bewundern, mit dem eine gewisse Menschenklasse Kälte und Hunger erträgt. Und wenn wir nicht besser daran wären als andere, wie wäre es mit unserer Dankbarkeit bestellt, die« – sprach Mr. Pecksniff mit Tränen in den Augen und drohte einem Bettler, der gerade hinten aufsitzen wollte, mit der Faust – »bekanntlich eines unserer edelsten Gefühle ist.« Mit gebührender Ehrfurcht lauschten die beiden Schwestern diesen moralischen Belehrungen von den Lippen ihres Vaters und gaben durch ein Lächeln ihre Zustimmung zu erkennen. Um die heilige Flamme der Dankbarkeit desto besser in seiner Brust nähren zu können, bemerkte Pecksniff zu seiner ältesten Tochter, er müsse sie leider schon in der ersten Stunde ihrer Reise um die Rumflasche bemühen. Sodann sog er aus dem engen Halse dieses steinernen Gefäßes eine reichliche Erfrischung. »Was sind wir?« fragte er schmatzend und stöpselte sie wieder zu. »Sind wir etwas anderes als Kutschen? Einige von uns gehören zu den langsamen –« »O Gott, Pa!« rief Charitas. »Einige von uns, sage ich«, wiederholte der Treffliche mit Nachdruck, »gehören zu den langsamen Kutschen, einige von uns sind Eilwagen. – Unsere Leidenschaften sind die Pferde – jedenfalls sich bäumende Tiere.« »Wahrhaftig, Pa!« riefen die beiden Schwestern einstimmig. »Wie peinlich!« »Jedenfalls sich bäumende Tiere!« beharrte Mr. Pecksniff so entschlossen auf seiner Ansicht, daß man hätte sagen können, er habe sich in diesem Augenblick selbst gewissermaßen moralisch gebäumt – »und die Tugend ist der Hemmschuh. Auf der Mutter Armen treten wir in die Welt und eilen der Grabschaufel zu.« Begreiflicherweise von dieser Kraftanstrengung sehr erschöpft, nahm Mr. Pecksniff eine weitere Erquickung und legte sich zurück, um drei Stationen weit zu schlafen. Es gehört zu den Eigenheiten der Menschen, wenn sie in Kutschen schlafen, daß sie verdrießlich aufwachen und einander mit den Beinen inkommodieren, was um so peinlicher wirkt, je mehr Hühneraugen die Zehen zieren. Mr. Pecksniff, der von diesem gemeinsamen Lose der Menschheit keine Ausnahme machte, war, als er von seinem Schläfchen erwachte, so ausgesprochen das Opfer dieser Gebresten, daß er eine unwiderstehliche Neigung empfand, seine üble Laune an seinen beiden Töchtern auszulassen. Auch hatte er bereits begonnen, sie in Form aufs Geratewohl geführter Fußtritte und anderer schwer zu parierender pedestrischer Attacken an den Tag zu legen, als die Kutsche plötzlich anhielt und nach einer kurzen erwartungsvollen Pause der Schlag aufgerissen wurde. »Aber wohlgemerkt«, rief eine dünne scharfe Stimme aus der Dunkelheit, »ich und mein Sohn nehmen Innenplätze nur, weil das Dach voll ist, bezahlen aber bloß für Außenplätze. Abgemacht, was?« »Sehr wohl, Sir«, erwiderte der Schaffner. »Ist schon jemand drin?« forschte die Stimme. »Drei Passagiere.« »Dann bitte ich die drei Passagiere, mir diese Abmachung zu bezeugen, wenn sie so gut sein wollen«, sagte die Stimme. »Mein Junge, ich glaube, wir können jetzt unbesorgt einsteigen.« Gleich darauf nahmen zwei Personen in dem Fuhrwerke Platz, das laut feierlichem Parlamentsakt autorisiert war, sechs Personen – vorausgesetzt, daß ihr Leibesumfang es zuließ, den Wagenschlag zu passieren – von Station zu Station zu befördern. »Das war ein Glück« flüsterte der alte Mann, als die Kutsche wieder weiterfuhr. »Sehr politisch von dir, mein Junge, daß du es gleich bemerktest. – Hi, hi, hi! Wir hätten doch gar keinen Außensitz nehmen können. Ich wäre an Rheumatismus gestorben.« Ob es dem pflichtgetreuen Sohn vielleicht einfiel, er habe durch unbeabsichtigte Verlängerung der Lebenstage seines Vaters gewissermaßen übers Ziel hinausgeschossen, oder ob dies so verstimmend auf ihn wirkte, ließ sich schwer feststellen. – Jedenfalls gab er seinem Vater einen derartigen Rippenstoß als Antwort, daß dieser einen Hustenanfall erlitt, der volle fünf Minuten ohne Unterlaß währte und schließlich Mr. Pecksniff zu der heftigen Äußerung reizte: »Da hört sich denn doch alles auf! Leute, die sich den Kopf erkältet haben, gehören hier nicht herein!« »Bei mir«, entgegnete der alte Mann nach einer kurzen Pause, »sitzt die Erkältung nicht im Kopf, sondern auf der Brust, – Pecksniff.« Die Stimme, der Tonfall, die Anwesenheit des halbwüchsigen schweigsamen Burschen und die Nennung seines Namens – alles verriet Mr. Pecksniff sofort, wer da eingestiegen war. »Hm! Ich meinte, es sei ein Fremder«, brummte er und kehrte sofort zu seiner gewohnten Milde zurück, »und jetzt sehe ich einen Verwandten vor mir. – Mr. Anthony Chuzzlewit und sein Sohn, Master Jonas«, erklärte er seinen Töchtern. »Sie werden mir eine scheinbar rauhe Bemerkung verzeihen. Ich wünsche nicht, die Gefühle wessen immer, zumal, wenn ich mit dem Betreffenden durch Familienbande verkettet bin, zu verletzen. – Ich mag zwar ein Heuchler sein«, sagte er spitzig, »bin aber kein Unmensch.« »Puh, puh!« krächzte der alte Mann. »Was besagt denn das Wort, Pecksniff? Heuchler! Wir sind doch alle Heuchler. Unlängst waren wir alle Heuchler. Ich dachte, wir wüßten das alle ganz genau, sonst hätte ich Sie nicht so tituliert. Wir würden doch gar nicht zusammengekommen sein, wenn wir nicht Heuchler gewesen wären. Der einzige Unterschied zwischen Ihnen und den übrigen war – soll ich Ihnen den Unterschied sagen, Pecksniff?« »Wenn Sie so gut sein wollen, mein guter, werter Herr, bitte, sagen Sie es nur.« »Also, die widerwärtigste Eigenschaft an Ihnen ist, daß Sie bei Ihren Tiraden sozusagen nie einen Partner haben. Sie möchten am liebsten alle täuschen, sogar diejenigen, die selbst die Kunst praktizieren. Und dann haben Sie so eine Art, als ob Sie – hi, hi, hi – als ob Sie womöglich selbst glaubten, was Sie sagen. Wenn das Wetten meine Sache wäre, was jedoch nicht der Fall ist und nie der Fall war«, versicherte der Alte, »so möchte ich eine schöne Summe einsetzen, daß Sie, so gewissermaßen in stillem Einverständnis, sogar vor Ihren Töchtern hier den Schein wahren. Sehen Sie, wenn ich dagegen ein derartiges Geschäftchen vorhabe, so sage ich Jonas ruhig, was es ist, und wir sprechen ganz offen darüber. – Sie sind doch nicht am Ende beleidigt?« »Beleidigt, mein werter Herr!« rief Mr. Pecksniff strahlend, als ob man ihm das größte Kompliment gemacht hätte. »Reisen Sie nach London, Mr. Pecksniff?« mischte sich Master Jonas ein. »Ja, so ist es, wir reisen nach London. Hoffentlich werden wir doch den ganzen Weg über das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben?« »Na, ich dächte, Sie sollten da lieber meinen Vater fragen«, erwiderte Jonas. »Wissen Sie, ich möchte mich nicht gern verschnappen.« Begreiflicherweise fand Mr. Pecksniff diese Antwort äußerst humoristisch. Nachdem sich seine Heiterkeit ein wenig gelegt hatte, gab ihm Jonas zu verstehen, daß er und sein Vater allerdings nach Hause in die Hauptstadt reisten und daß sie seit jenem denkwürdigen Familientag sich in der Umgebung aufgehalten hätten, um einige Geldgeschäfte abzumachen, die sie gleich bei ihrem Herwege im Auge gehabt. Denn, sagte Mr. Jonas, es sei ihre Gewohnheit, womöglich immer zwei Fliegen mit einem Klapps zu erschlagen und nie einen Kreßling wegzuwerfen, außer um einen Walfisch zu ködern. Nachdem er Mr. Pecksniff so gründlich belehrt, schlug er ihm vor, mit ihm den Platz zu wechseln, wenn er nichts dagegen habe, um mit den »Mädeln« ein bißchen plaudern zu können. Da Mr. Pecksniff bereitwillig darauf einging, kam Jonas gleich darauf in der anderen Ecke neben der schönen Miss Gratia zu sitzen. Die Erziehung des Mr. Jonas war von seiner Wiege an äußerst zielbewußt gewesen. Das erste Wort, das er buchstabieren lernte, war »Geld«, und das zweite (beim Übergang zu den zweisilbigen) »Gewinn«. Dieses Erziehungssystem hätte vollendet genannt werden können, wenn es nicht zu zwei Nebenprodukten geführt hätte, die sein wachsamer Vater wahrscheinlich nicht ganz klar vorausgesehen hatte. Diese unheilvollen Resultate waren erstens, daß Jonas, so lange von seinem Erzeuger darauf dressiert, jedermann zu übervorteilen, unmerklich den Hang angenommen hatte, auch seinen ehrwürdigen Lehrer zu begaunern, und zweitens, daß er – gemäß früh erworbener Gewohnheit, alles als Eigentumsfrage anzusehen – zuletzt auch seinen Vater als ein gewisses Kapital betrachtete, das kein Recht hatte, zu zirkulieren, und unbedingt so bald wie möglich festzulegen sei – in diesem Falle in der Kassa, die man gemeinhin »Sarg« zu nennen pflegt. »Nun, Cousine«, sagte Mr. Jonas, »Sie wissen doch, daß wir entfernt miteinander verwandt sind – Sie gehen also nach London, so so?« Miss Gratia bejahte und zwickte dabei, ausgelassen kichernd, ihre Schwester in den Arm. »Massenhaft junge schöne Herren in London, Cousine!« fuhr Mr. Jonas fort und rückte ein wenig mit dem Ellenbogen näher. »Wirklich, Sir?« rief die junge Dame. »Nun, hoffentlich werden sie uns nicht inkommodieren.« Und nachdem sie mit großer Sittsamkeit diese Antwort gegeben, wurde sie so sehr von ihrer Heiterkeit überwältigt, daß sie das Lachen im Schal ihrer Schwester verbeißen mußte. »Aber Grazy«, rief die verständigere junge Dame. »Wirklich, ich muß mich deiner schämen! Wie kannst du dich nur so aufführen, du wildes Ding!« Miss Gratia lachte daraufhin natürlich nur noch um so mehr. »Ich habe schon neulich eine gewisse Ausgelassenheit in ihrem Blick bemerkt«, wendete sich Mr. Jonas zu Charitas. »Ja, Sie haben es hinter den Ohren. Wahrhaftig ja – Cousine.« »Ach, die altmodische Vogelscheuche!« murmelte Gratia. – – »Liebste Cherry, auf mein Wort, du mußt dich neben ihn setzen. Ich sterbe, wenn er so weiterspricht – ja, wahrhaftig!« Und um dieses schreckliche Ereignis von sich abzulenken, sprang die quecksilberne junge Dame von ihrem Sitze auf und drückte ihre Schwester auf den eben verlassenen Platz. »Brauchen sich nichts daraus zu machen, wenn Sie mich auch ein bißchen drücken«, rief Mr. Jonas. »Ich hab das bei Mädeln ganz gern. Kommen Sie nur noch näher, Cousine!« »Nein, nein, ich danke, Sir«, versetzte Charitas. »Da lacht die natürlich schon wieder«, sagte Mr. Jonas, »und mir scheint gar, über meinen Vater. Na, wie wird das erst werden, wenn er seine alte Flanellnachtmütze aufsetzt! – – Sagen Sie, ist's mein Vater, der da drüben so schnarcht, Pecksniff?« »Ja, Mr. Jonas.« »Möchten Sie nicht so gut sein und ihm auf den Fuß treten?« fragte der junge Gentleman. »Grad in dem Haxen neben dem Ihrigen hat er die Gicht.« Da Mr. Pecksniff zögerte, dieser menschenfreundlichen Aufforderung nachzukommen, tat es Mr. Jonas selbst und schrie dabei: »Heda, Vater, wach auf, sonst kriegst du wieder das Alpdrücken und schreist los. – Haben Sie je schon mal Alpdrücken gehabt, Cousine?« fragte er seine Nachbarin mit der ihm charakteristischen Galanterie und dämpfte seine Stimme wieder. »Bisweilen«, antwortete Charitas, »nicht oft.« »Und die drüben? Was? Hat sie schon mal Alpdrücken gehabt?« »Ich weiß es nicht«, versetzte Charitas. »Fragen Sie sie doch selbst.« »Man kann doch mit ihr nicht reden«, knurrte Jonas. »Sie lacht doch in einem fort. Hören Sie nur, da bricht sie schon wieder los! Was denn, Sie! Sie sind halt die verständigere Cousine!« »Ach, gehen Sie, Sie Schlimmer«, rief Charitas. »Ja, ja, was wahr ist, ist wahr! Sie wissen's doch selber auch.« »Gratia ist ein bißchen lebhaft«, gab Miss Charitas zu. »Aber sie wird mit der Zeit schon gesetzter werden.« »Na, das wird wohl hübsch lang brauchen, wenn's überhaupt glückt«, meinte Jonas. »Machen Sie sich doch ein bißchen breiter.« »Ich fürchte nur, ich drücke Sie«, zierte sich Charitas, kam aber trotzdem seiner Aufforderung nach. Nach ein paar Bemerkungen über den »entsetzlichen Rumpelkasten« mit seinem ewigen Haltmachen trat ein Stillschweigen ein, das bis zur Abendessenszeit von niemandem in der Gesellschaft unterbrochen wurde. Obgleich Mr. Jonas seine Cousine Charitas in der Station zu Tisch führte und sich neben sie setzte, so schielte er doch ziemlich deutlich auch auf »die andere«. Er blickte recht oft nach Gratia hinüber und schien Vergleiche zwischen den beiden Schwestern anzustellen, die – wahrscheinlich infolge der üppigeren Körperformen – zugunsten der jüngeren ausfielen. Besonders viel Zeit nahm er sich indes nicht zu diesen Betrachtungen, da ihn das Souper zu sehr interessierte, das, wie er seiner schönen Gefährtin ins Ohr flüsterte, á la table d'hôte berechnet werde; – je mehr man daher esse, desto besser käme man dabei auf die Spesen. Sein Vater und Mr. Pecksniff gingen vermutlich nach demselben Prinzip vor – wenigstens richteten sie unter allen Speisen, die in ihren Bereich kamen, so gewaltige Verheerungen an, daß ihre Gesichter bald in Fettglanz erstrahlten. Als sie auch mit dem besten Willen keinen Bissen mehr essen konnten, bestellten sowohl Mr. Pecksniff als Mr. Jonas zweimal für je sechs Pence Grog, da der umsichtige junge Gentleman erklärte, sie kämen dabei wegen des Eichmaßes besser weg, als wenn sie zusammen für zwölf Pence Brandy in einer Flasche kommen ließen. Nachdem sich Mr. Pecksniff seinen Anteil an der belebenden Flüssigkeit einverleibt hatte, begab er sich unter dem Vorwande, nach der Kutsche sehen zu wollen, heimlich zum Ausschank und ließ sich seine kleine Flasche füllen, um sich auf der Weiterfahrt in der Finsternis unbemerkt nach Muße erquicken zu können. Als die Kutsche wieder reisefertig war, nahmen alle ihre alten Plätze wieder ein und rumpelten weiter. Ehe sich jedoch Mr. Pecksniff zu einem Schläfchen anschickte, hielt er es noch für angezeigt, sich einer Art Dankgebet mit folgenden Worten zu entledigen: »Der Verdauungsprozeß ist, wie ich mir von anatomischen Freunden sagen ließ, eine der wundervollsten Einrichtungen der Natur. Ich weiß nicht, wie es bei anderen sein mag – aber ich empfinde es stets als eine große Genugtuung, zu wissen, daß ich durch einfaches Zumirnehmen eines frugalen Mahles die schönste Maschinerie in Gang setze, von der wir Kunde haben. Es ist mir zu solchen Zeiten in der Tat, als ob ich einen allgemeinen öffentlichen Dienst verrichte. Wenn ich – gestatten Sie diesen Ausdruck – mich selber aufgezogen habe«, sagte Mr. Pecksniff voll Innigkeit, »und weiß, daß ich gehe: so fühle ich gleichsam an der Lehre, die das Uhrwerk mir gibt, wie sehr ich mich als Wohltäter meiner Gattung betätige.« Dagegen ließ sich nichts einwenden, und da auch niemand einen Versuch dazu machte, schickte sich Mr. Pecksniff, erfüllt von dem Bewußtsein seines moralischen Nutzens, wieder zum Schlaf an. Der Rest der Nacht wurde wie bisher verbracht; Mr. Pecksniff und der alte Anthony stießen fleißig mit den Köpfen zusammen und wachten dann jedesmal erschreckt auf, oder sie drückten ihre Gesichter in die Wagenecken und tätowierten sie sich im Schlaf mit dem Muster der Polsterung. Passagiere stiegen ein und aus, frische Pferde wurden vorgespannt, ausgespannt und abermals vorgespannt, kurz, die Reise schien kein Ende nehmen zu wollen. Endlich fing die Kutsche an, über ein gräßlich unebenes Pflaster zu holpern und zu poltern. – Mr. Pecksniff erwachte, sah aus dem Fenster und stellte fest, daß es Morgen sei und sie sich an Ort und Stelle befänden. Sehr bald darauf hielt die Diligence vor dem Postbureau in der City, und die Straße war bereits so belebt, daß Mr. Pecksniffs Worte hinsichtlich des »Morgens« reichlich bestätigt schienen, trotzdem es, nach dem Aussehen des Himmels zu schließen, ebensogut noch Mitternacht hätte sein können. So dichter Nebel lag, daß es ihnen schien, als befänden sie sich in einer Wolkenstadt, zu der sie die lange Nacht hindurch an einer traumhaften magischen Bohnenstange emporgeklettert seien; – und auf dem Pflaster lag eine dicke Paste, die wie Ölschmiere aussah und von einem der Außenpassagiere – fraglos einem Wahnsinnigen – für – – Schnee erklärt wurde. Mr. Pecksniff verabschiedete sich hastig von Anthony und seinem Sohn und ließ sein und seiner Töchter Gepäck in dem Postbureau, von wo es später abgeholt werden sollte. Dann rannte er wie besessen, eine Tochter an jedem Arm, über alle möglichen Straßen hinüber, die sonderbarsten Sackgassen und Höfe hinauf und hinunter, unter den finstersten Bogengängen weg – bald hüpfte er über eine Gosse, dann riß er wieder aus, um nicht überfahren zu werden, – bald war er der Meinung, den Weg verloren zu haben, dann wieder richtig zu gehen, das eine Mal voll hoher Zuversicht, das andere Mal aufs äußerste verzagt. Aber stets schwitzte er wie ein Braten und lief wie ein Windhund, bis sie endlich in einer Art gepflastertem Hof in der Nähe des Monumentes haltmachten. Das heißt, Mr. Pecksniff behauptete es, denn von dem Monument selbst konnten sie so wenig sehen, als hätten sie in Salisbury mit verbundenen Augen Blindekuh gespielt. Mr. Pecksniff spähte einen Augenblick umher, dann klopfte er an die Tür eines Hauses, das sogar unter den auserlesen schmutzigen Gebäuden in der Nähe sich dieses Prädikats in superlativo erfreute. Davor hing eine kleine ovale Tafel, wie ein Teebrett, mit der Aufschrift »Logier- und Speisehaus für Handelsbeflissene von M. Todgers«. M. Todgers schien noch nicht auf zu sein, wenigstens klopfte Pecksniff zweimal und klingelte dreimal, ohne daß dies auf irgendein lebendes Wesen, einen Hund über der Straße drüben ausgenommen, den geringsten Eindruck gemacht hätte. Endlich wurden eine Kette und etliche Riegel mit rostigem Kreischen zurückgeschoben – als ob das Wetter sogar das Metall heiser gemacht hätte –, es erschien ein kleiner Junge mit einem großen roten Kopf, einer Nase, die nicht der Rede wert war, und einem sehr kotigen Krempstiefel über dem linken Arm und rieb sich in seiner Überraschung die erwähnte Nase mit dem Rücken einer Schuhbürste. »Noch im Bett, mein Junge?« fragte Mr. Pecksniff. »Noch im Bett!« antwortete der Kleine. »I wollt, sie wären noch alle im Bett. – Alles schreit auf amal nach die Stiefeln. I hab gemoant, Sie san dö Zeidung und hab mi gwundert, warum Sös net wie sunst durchs Gitter schieben. Was wollen S' denn?« In Anbetracht seines noch sehr zarten Alters hätte man die Art, wie der Knabe diese Frage vorbrachte, finster, ja fast trotzig nennen können, aber Mr. Pecksniff nahm keinen Anstoß daran und steckte ihm eine Karte in die Hand mit der Weisung, sie hinaufzutragen und ihm und seinen Töchtern ein geheiztes Zimmer anzuweisen. »Oder wenn das Speisezimmer geheizt ist«, setzte Mr. Pecksniff hinzu, »tut's das inzwischen auch.« Sodann führte er – da letzteres der Fall war – seine Töchter ohne weitere Umstände in ein Parterrezimmer, wo bereits der Tisch mit einem etwas knapp bemessenen Tuch darüber für das Frühstück gedeckt, das heißt mit einem großen Teller voll gesottenen, nelkenroten Ochsenfleisches, einem jener Brote von ausgezeichneter Beschaffenheit, die im Volksmunde sich des Namens »Pfennigmuggel« erfreuen, sowie einem reichlichen Vorrat von Unter- und Obertassen geschmückt war. In dem Kamingitter staken ein halbes Dutzend Paar Schuhe und Stiefel von verschiedener Größe, soeben gereinigt – und mit den Sohlen nach oben gekehrt, um den Trockenprozeß zu beschleunigen; – desgleichen ein Paar kurze schwarze Gamaschen, auf deren einer mit Kreide die Worte »Eigentum Mr. Jinkins'« standen, während die andere eine Profilskizze – wahrscheinlich ein Porträt Mr. Jinkins' – aufwies – beides vermutlich ein Scherz eines Gentlemans, der zu diesem Zweck seine Toilette unterbrochen haben, heruntergeschlichen und nach vollbrachter Tat wieder auf sein Zimmer zurückgeeilt sein mochte. M. Todgers' Logier- und Speisehaus für Handelsbeflissene war ohne allen Zweifel zu jeder Tagesstunde ein dunkles Quartier, an diesem Morgen aber ganz besonders finster. In der Flur herrschte ein sonderbarer Geruch vor, als ob die konzentrierte Essenz aller Mittagsmahle, die seit Erbauung des Hauses hier gekocht worden, oben auf der Küchentreppe spuke und sich, wie der schwarze Mönch im Don Juan, nicht wolle vertreiben lassen. Besonders stach ein gewisser Kohlduft hervor, wie wenn sämtliche Gemüse, die je hier bereitet worden, gewissermaßen als Immergrün unausrottbar weiterblühten. Das Speisezimmer war getäfelt und erfüllte den Fremdling mit der instinktiven Ahnung einer zahlreichen Anwesenheit von Ratten und Mäusen. Die außerordentlich finstere und breite Stiege hatte so dicke und schwere Geländer, daß man sie ruhig als Brücke hätte verwenden können. In einer dunkeln Ecke auf dem ersten Treppenabsatz stand eine riesige mürrische alte blinde Wanduhr mit einem widersinnigen Ornament von drei Messingkugeln auf dem Kopf, die nur zu dem Zweck laut zu ticken schien, um unvorsichtige Leute zu warnen, sich an ihr nicht den Kopf anzurennen. Seit Menschengedenken war kein Tüncher oder Tapezierer zu Todgers gekommen, was deutlich aus dem schwarzen, staubigen Aussehen der Wände hervorging. Oben im Treppenhause schielte ein altes und auf jede mögliche Art verklebtes und geflicktes Deckenfenster auf alles, was unten vorging, mißtrauisch herunter und verlieh Todgers' Etablissement das Aussehen eines zur Zucht menschlicher Mißgeburten bestimmten Gurkenmistbeetes. Mr. Pecksniff und seine lieblichen Töchter hatten noch keine zehn Minuten an dem wärmenden Kamin gestanden, als sich Fußtritte auf der Treppe vernehmen ließen und gleich darauf die präsidierende Gottheit der Anstalt ins Zimmer geeilt kam. Mrs. Todgers war eine Dame von etwas knöchernem und hartzügigem Äußern, mit einer Reihe von Locken an der Vorderfassade ihres Kopfes, die wie kleine Bierfäßchen aussahen, und darüber – als Abschluß – eine schwarze Spinnenwebe als Kopfputz. Sie trug ein Körbchen am Arm, nach dem Klirren zu schließen, mit Schlüsseln gefüllt. In der anderen Hand hielt sie eine brennende Talgkerze, die sie, nachdem sie Mr. Pecksniff einen Augenblick bei Licht gemustert, auf den Tisch niedersetzte, um ihre Gäste mit desto größerer Herzlichkeit willkommen heißen zu können. »Oh, Mr. Pecksniff!« rief Mrs. Todgers. »Willkommen in London! Wer hätte an einen solchen Besuch gedacht nach so – o Gott! – nach so vielen Jahren! Wie geht es Ihnen, Mr. Pecksniff?« »So gut wie immer; und stets freue ich mich von neuem, wenn ich Sie sehe«, antwortete Mr. Pecksniff. »Wahrhaftig, Sie sind in der Zwischenzeit noch jünger geworden!« »Das könnte man von Ihnen behaupten!« entgegnete Mrs. Todgers. »Sie haben sich wirklich nicht im mindesten verändert.« »Nun, und was sagen Sie dazu?« rief Mr. Pecksniff und wies auf die beiden jungen Damen. »Macht mich das nicht älter?« »Doch nicht Ihre Töchter?« rief Mrs. Todgers und erhob staunend die Hände. »Nein, nein, Mr. Pecksniff! Ihre zweite Frau und deren Brautjungfer!« Mr. Pecksniff lächelte geschmeichelt, schüttelte den Kopf und erwiderte: »Meine Töchter, Mrs. Todgers, tatsächlich meine Töchter.« »Ach!« seufzte die gute Dame. »Ich muß es Ihnen wohl glauben. Und jetzt, wo ich sie genauer betrachte, wundere ich mich, daß ich sie nicht gleich erkannt habe. – – Wirklich, meine lieben Misses Pecksniff, Sie glauben gar nicht, wie glücklich mich Ihr Papa gemacht hat, daß er Sie mitbrachte.« Und überwältigt von ihren Gefühlen – oder von der rauhen Morgenluft – zog sie ein kleines Taschentuch aus dem Körbchen und führte es an die Augen. »Meine gute Madame«, nahm Mr. Pecksniff das Wort, »ich kenne Ihre Hausregeln und weiß, daß Sie nur Herren in Pension nehmen. Aber, als ich meine Reise antrat, überlegte ich, ob Sie nicht doch vielleicht mit meinen Töchtern eine Ausnahme machen würden.« »Vielleicht?!« rief Mrs. Todgers in Ekstase. »Vielleicht?!« »So will ich denn sagen, ich sei überzeugt davon gewesen«, verbesserte Mr. Pecksniff. »Ich weiß, daß Sie ein kleines Privatzimmer haben, und da könnten meine Töchter vielleicht Unterkunft finden, ohne an der allgemeinen Tafel erscheinen zu müssen.« »Ihr lieben Mädchen!« rief Mrs. Todgers. »Ich muß mir noch einmal die Freiheit nehmen.« Darunter verstand sie, sie müsse die beiden jungen Damen noch einmal umarmen; – was sie denn auch mit großer Wärme tat. – Eigentlich nur, um Zeit zu gewinnen, denn augenblicklich war das ganze Haus bis auf ein einziges Bett besetzt, das jetzt überdies für Mr. Pecksniff hergerichtet werden mußte. – Das Problem, wo die beiden Mädchen untergebracht werden sollten, war so schwierig zu lösen, daß Mrs. Todgers noch eine ganze Weile nach dieser zweiten Umarmung gedankenverloren – halb Zärtlichkeit, halb Berechnung im Auge – dastehen mußte. »Ich denke, es wird sich machen lassen«, sagte sie endlich. »Ein Schlafdiwan in dem dritten kleinen Zimmer rechts – ach, ihr lieben, lieben Mädchen!« Und abermals umarmte sie die beiden Misses Pecksniff und bemerkte sodann, sie könne wahrhaftig nicht angeben, welche von ihnen der seligen Frau Mama – sie hatte diese nie gesehen – ähnlicher sei. Sie glaube, die jüngere. – Schließlich fragte sie, da die Herren gleich herunterkommen würden, ob es den Damen, die gewiß von der Reise sehr müde sein müßten, nicht beliebe, sich inzwischen in ihr eigenes Privatzimmer zu begeben. Es läge im gleichen Stockwerk, ginge hinten hinaus und habe, wie besonders hervorzuheben, den in London nicht zu unterschätzenden Vorteil, daß es kein Visavis besäße, wie die Damen bemerken würden, wenn sich der Nebel verziehe. Das war auch durchaus nicht aufgeschnitten; denn die Aussicht von dort betrug höchstens zwei Fuß und erstreckte sich auf eine braune Mauer mit einem schwarzen Wasserreservoir darauf. In das anstoßende Schlafzimmer der jungen Damen gelangte man durch eine äußerst bequeme kleine Türe – sie ging nur auf, wenn sich eine kräftige Person mit voller Wucht dagegen warf – und konnte von dort den Ausblick auf eine andere Ecke der Mauer und eine andere Seite des Wasserreservoirs genießen. »Nicht die feuchte Seite«, erklärte Mrs. Todgers, » die hat Mr. Jinkins.« In dem ersten dieser Sanktuarien wurde unverzüglich Feuer gemacht, und zwar von dem jugendlichen Portier, der inzwischen beim Stiefelputzen laut gepfiffen, sich abwechslungsweise mit Kohle Ornamente auf die Hosen gezeichnet und sich infolgedessen – dabei von Mrs. Todgers unglücklich-unseligerweise ertappt – eine kräftige Ohrfeige zugezogen hatte. Nachdem sodann die Gnädige den jungen Damen eigenhändig das Frühstück bereitet hatte, entfernte sie sich, um im Speisezimmer den Vorsitz zu übernehmen, wo der bereits erwähnte auf Mr. Jinkins' Kosten ausgeführte Spaß einen etwas geräuschvollen Auftritt herbeigeführt zu haben schien. »Ich darf euch wohl nicht fragen, meine Lieben«, sagte Mr. Pecksniff zur Türe hereinsehend, »wie euch London gefällt? Oder?« »Wir haben noch recht wenig davon gesehen, Pa«, klagte Grazy. – »Eigentlich gar nichts!« schmollte Cherry. »Das ist freilich wahr«, gab Mr. Pecksniff zu. »Aber wir haben ja auch unser Vergnügen und nicht nur unser Geschäft noch vor uns; alles zu seiner Zeit. Alles zu seiner Zeit.« Ob Mr. Pecksniffs Geschäfte in London wirklich so eng mit seinem Berufe zusammenhingen wie er seinem neuen Schüler zu verstehen gegeben, auch das wird sich »zu seiner Zeit« zeigen. 9. Kapitel London und Todgers' Logier- und Kosthaus Wohl noch nie mag es in einer Stadt, einem Marktflecken oder einem Dorf auf der Welt eine so eigentümliche Anstalt als die von Mrs. Todgers gegeben haben. Und doch war Todgers' Etablissement ganz der Hauptstadt würdig und nicht viel anders als Hunderte und Tausende ähnlicher Häuser, die London in diesem Stadtteil einengt, drängt, quetscht, mit ziegelsteinernen Ellenbogen knufft und des Lichtes und der frischen Luft beraubt. In der Umgebung von Todgers' Anstalt konnte man nicht herumschlendern wie vielleicht anderswo; da hieß es, seinen Weg wohl eine Stunde weit durch Gassen und Gäßchen, Durchlässe und Höfe zu tappen, bis man endlich auf etwas stieß, was man füglich eine Straße nennen konnte. Den Fremden wandelt eine Art verzweifelte Ergebung an, wenn er in diese unwegsamen Irrgänge gerät, in denen er sich unbedingt für verloren geben muß. Da hinein, dort heraus und im Kreis herum, bis ihn schließlich eine Mauer oder ein eisernes Geländer aufhält und er sich – ergeben in Gottes Willen – zur Umkehr genötigt sieht – überzeugt, daß sich schließlich alles zum Guten wenden müsse. Es sind Beispiele bekannt, daß Leute – zu Todgers zum Mittagessen eingeladen – eine halbe Ewigkeit im Kreise herumgingen, ohne die Schornsteine des Etablissements aus den Augen zu verlieren, und es doch nicht finden konnten und schließlich – zwar schweren Herzens, aber doch – wieder nach Hause gingen. Niemals hat wohl jemand Todgers' Etablissement auf bloße mündliche Weisung hin, und wäre sie kaum fünfzig Schritt davon entfernt erteilt worden, aufzufinden vermocht. Bedächtige Fremde aus Schottland oder dem Norden von England sollen sich zwar – angeseilt an einen Gassenjungen als Führer oder in die Fußstapfen von Briefträgern tretend – glücklich zurechtgefunden haben. Aber das waren eben seltene Ausnahmen, die nur die Regel bestätigen. Der Ariadnefaden zu Todgers' Etablissement ist nur wenigen Auserwählten anvertraut! In der Nähe von Todgers' Logierhaus haben verschiedene Obsthändler ihre Stände, und das ist der Grund, weshalb sich den Sinnen des Wanderers zuerst der Geruch von Orangen aufdrängt – nämlich von schadhaften mit blauen und grünen Beulen versehenen –, die in Kisten oder dumpfen Kellern dahinsiechen. Den ganzen Tag hindurch wogt ein Strom von Lastträgern von den Löschplätzen der Themse her, die, mit zum Bersten überfüllten Orangenkisten auf dem Rücken, langsam durch die Gassen ziehen, während sich unter dem Torweg des Wirtshauses vom Morgen bis in die Nacht hinein ganze Haufen von Leuten zusammendrängen, um auszuruhen oder eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Seltsame einsiedlerhafte Pumpbrunnen stehen in der Nachbarschaft von Todgers' Logierhaus herum, verstecken sich in Sackgäßchen und leisten den Feuerleitern Gesellschaft. Auch Kirchlein gibt es die Menge, mit so manchem gespenstischen kleinen Friedhof dahinter, überwuchert von der gewissen kümmerlichen Vegetation, die freiwillig aus Grüften und Ruinen, aus Schutt und dumpfigem Grasboden aufzusprießen pflegt. Auf einigen dieser schmutzigen Ruheplätze, die mit einem gewöhnlichen Friedhofsrasen ebenso viel Ähnlichkeit haben wie in den benachbarten Fenstern die irdenen Töpfe für Bartnelken und Goldlack mit ländlichen Gärten, stehen Bäume – hohe Bäume, die Jahr für Jahr ihre Blätter treiben, aber, wie man aus den kränklichen Zweigen entnehmen kann, mit der träumerischen Sehnsucht nach Licht, wie Vögel in Käfigen. Lahme alte Wächter hüten zur Nachtzeit hier die Toten, bis sie sich endlich selbst der schweigsamen Brüderschaft anschließen; nur, daß sie dann gesunder schlafen – von einer andern Art »Schilderhäuschen« umschlossen – als früher jemals über der Erde und sich dann selber bewachen lassen, anstatt noch länger Wächter zu sein. In den engen Durchfahrten in der Nähe taucht hin und wieder ein altes, mit Schnitzwerk versehenes Eichenportal auf, dahinter vor alters gar oft der Lärm nächtlicher Schwelgerei und üppiger Gelage erscholl. Jetzt sind diese ehemaligen Paläste nichts weiter als dunkle, öde Warenmagazine, deren Echo mit schweren Wollen- und Baumwollballen die Kehle gestopft worden ist – Gebäude, die in ihrem Schweigen, ihrer Einsamkeit und Abgestorbenheit etwas Finsteres, Geisterhaftes haben. Dann liegen düstere Höfe ringsum verstreut, in die sich höchstens einmal ein verspäteter Wanderer verirrt und wo ungeheure Güterballen, für stromauf- oder stromabwärts bestimmt, unablässig an hohen Kränen zwischen Himmel und Erde schweben. In der Nähe von Todgers' Logierhaus gibt es mehr Schubkarren, als man wohl für die Bedürfnisse einer ganzen Stadt für nötig halten sollte – keine aktiven Schubkarren, sondern eine Vagabundenrasse, die beständig in den engen Gassen vor den Türen ihrer Herren herumfaulenzt, den Durchgang versperrt, und wenn einmal eine verirrte Mietkutsche oder ein rumpelnder Frachtwagen des Weges kommt, Anlaß zu einem Lärm gibt, daß die ganze Umgegend lebendig wird und sogar die Glocken des nächsten Kirchturms vibrieren. In den Schlünden und Rachen der Torwege und Sackgassen halten Weingroßhändler und Spezerei-Engrossisten vollkommene, kleine Städte, und tief unter den Fundamenten der Gebäude ist der Grund unterwühlt von Stallungen, aus denen an stillen Sonntagen das Halftergerassel der von Ratten geplagten Karrengäule spukhaft empordringt wie das Kettenklirren ruheloser Gespenster aus Spinnstubenmärchen. Bände und aber Bände würde die Schilderung der wunderlichen alten Tavernen füllen, die in der Nähe von Todgers' Logierhaus ein schläfriges, geheimnisvolles Dasein fristen, mit ihren kuriosen alten Stammgästen, die mit rasselndem Husten, asthmatisch und kurzatmig, nur noch inbetreff Geschichtenerzählens wunderbar gute Blasbälge besitzen und gewaltige Gegner der Dampfkraft und all des neumodischen Zeugs sind, die die Aeronautik für sündhaft halten, die Entartung des Zeitalters beklagen und zu der Ansicht hinneigen, die Sittlichkeit gehe zu Ende mit dem Perückenpuder und Englands alte Größe werde mit der Frisierkunst zu Grabe getragen. Was Todgers' Logierhaus selbst betrifft – um von ihm bloß als Gebäude und nicht von seiner Eigenschaft und seinem Verdienst als Beherbergungs- und Speiseanstalt für Handelsbeflissene zu sprechen –, so war es seiner Umgebung vollkommen würdig. Für das Stiegenhaus hatte es ein einziges Fenster seitwärts im Erdgeschoß, das der Sage nach seit hundert Jahren nicht geöffnet worden und von dem Schmutz des Nebengäßchens dahinter derart mit einer zähen Schlammkruste überzogen war, daß keine Scheibe hätte herausfallen können, und wenn jede in zwanzig Stücke zersprungen gewesen wäre. Aber das große Geheimnis von Todgers' Logierhaus war der Keller, zu dem man nur durch ein kleines Hinterpförtchen und ein rostiges Gitter gelangen konnte. Seit Menschengedenken hatte er in keiner Verbindung mit dem Haus gestanden, sondern war stets das zinsfreie Eigentum irgendeines Unbekannten gewesen. Es ging die Sage, er stäke voller Schätze, wenngleich deren Art – ob nun Silber, Erz, Gold, Weinfässer oder Pulvertonnen – sowohl für Todgers' Etablissement wie für dessen sämtliche Insassen ein Gegenstand tiefer Ungewißheit und vollkommenster Wurstigkeit war. Der Giebel des Hauses war besonders der Beachtung wert. Über das Dach hin erstreckte sich eine Art Terrasse, geschmückt mit Stangen und den verwitterten Überresten pensionierter Wäschestricke und ein paar mit Erde gefüllter Teekisten, in denen einige vergessene verdorrte Pflanzen wie alte Spazierstöcke staken. Wer immer zu diesem Observatorium emporklomm, wurde zuvörderst durch einen Schlag auf den Kopf von einer kleinen Falltür betäubt und sodann beinahe erstickt von der Rauchsäule aus dem Küchenschornstein, über den jeder Eindringling beim Aufwärtsklimmen seinen Kopf einen Augenblick zu halten gezwungen war. Hatte man aber einmal diese Fährnisse hinter sich, so konnte man von Todgers' Giebel aus Dinge schauen, die allerdings sehenswert waren. Erstlich und zuvörderst erblickte man, wenn der Tag hell war, über die Dächer sich weithin erstreckend einen langen, dunklen Pfad: – den Schatten des Monuments; und wenn man sich umwandte, stand das hohe Original selbst dicht vor einem, jedes Haar gesträubt auf dem goldenen Kopf, als sei es entsetzt über das Treiben der Stadt. – Dann sah man alte Stadttürme, Kirchtürme, Glockentürme, blinkende Wetterfahnen und einen ganzen Wald von Schiffsmasten – Giebel, Dächer, Dachfenster ohne Zahl und Ende – Rauch und Lärm genug für eine ganze Welt. Allmählich tauchten dann aus dem Gewirr unwesentlichere Gegenstände auf und zogen ohne ersichtlichen Grund aus dem Getümmel hervorspringend die Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich, mochte er nun wollen oder nicht. So schienen zum Beispiel die beweglichen Kappen eines Schornsteinungetüms sich hin und wieder gravitätisch miteinander zu besprechen und sich ihre Beobachtungen über das, was unten vorging, zuzuflüstern. Andere von buckliger Gestalt stellten sich hartnäckig und boshafterweise quer, um die Aussicht zu versperren. Der Mann, der über der Straße drüben im Mansardenfenster seine Feder schnitt, wurde plötzlich von unendlicher Wichtigkeit in der Szene und ließ eine lächerliche, ganz unverhältnismäßige Lücke im Bilde zurück, als er sich entfernte. Die Kapriolen eines Stückes Tuch auf einer Färberstange boten mit einem Male weit mehr Interesse als all die wechselnden Bewegungen der Volksmassen. Und noch während der Beschauer sich ärgerlich darüber wunderte, wie dies nur möglich sei, schwoll der Tumult zu einem Gebrüll an; die Masse von Gegenständen schien sich zu verdichten und hundertfältig auszudehnen. Verschüchtert sah sich dann der Fremdling um, kehrte schneller, als er gekommen, in Todgers' inneres Heim wieder zurück und erzählte Mrs. Todgers in neun unter zehn Fällen, er würde zuverlässig auf dem kürzesten Weg – nämlich kopfüber – auf die Straße hinabgelangt sein, wenn er noch länger geblieben wäre. Und so sagten auch die beiden Misses Pecksniff, als sie mit Mrs. Todgers von diesem Beobachtungsposten zurückkehrten, es dem jungen Portier überlassend, die Türe zu schließen und ihnen nachzukommen, oder, wie es in diesem Falle zutraf, sich mit der seinem Geschlechte und Lebensalter eigentümlichen Freude an der Möglichkeit, herunterzustürzen und zu zerschellen, auf der Brustwehr noch ein wenig zu ergehen. Am zweiten Tage ihres Aufenthaltes in London standen die Misses Pecksniff und Mrs. Todgers bereits auf sehr vertrautem Fuß miteinander; wenigstens hatte Mrs. Todgers ihre jungen Freundinnen schon zum zweitenmal in alle Einzelheiten der drei unglücklichen Liebschaften ihrer frühern Jahre und in das Leben, die Aufführung und den Charakter Mr. Todgers' eingeweiht, der seine eheliche Laufbahn etwas unversehens abgebrochen zu haben schien, um auf völlig ungesetzliche Weise sich dem häuslichen Glück zu entziehen und sich im Ausland als Junggeselle von neuem zu etablieren. »Auch Ihr Papa erwies mir seinerzeit manche Aufmerksamkeit, meine lieben Kinder«, fuhr Mrs. Todgers in ihren vertraulichen Eröffnungen fort, »doch das große Glück, Ihre Mama zu werden, war mir versagt. – – – Sie erraten wohl kaum, wen dies darstellen soll?« Sie lenkte damit die Aufmerksamkeit ihrer jungen Freundinnen auf ein ovales Miniaturbild, das, von einem kleinen Blasenpflaster kaum zu unterscheiden, eine nebelhafte Skizzierung ihres eigenen Antlitzes darstellte. »Wirklich, zum Sprechen ähnlich!« riefen die beiden Misses Pecksniff wie aus einem Munde. »So behauptete man wenigstens früher,« gab Mrs. Todgers zu und wärmte sich nach Herrenart den Rücken am Kamin; »ich hätte nicht gedacht, meine Lieben, daß Sie es so schnell erkennen würden.« Sie würden es an allen Orten und unter allen Umständen erkannt haben, versicherten die jungen Damen. »Hätten wir es auf der Straße oder in einem Ladenfenster gesehen, so würden wir ohne weiteres gerufen haben: ›Sieh doch nur, das ist ja Mrs. Todgers!‹« »Wenn man einem Hauswesen wie dem meinigen vorzustehen hat, erleiden die Züge traurige Verheerungen, meine lieben Misses Pecksniff«, erklärte Mrs. Todgers. »Ich kann Ihnen versichern, die Fleischbrühe allein macht einen schon um zwanzig Jahre älter.« »O Gott!« riefen die beiden Misses Pecksniff. »Die Angst, die man dabei aussteht, ob man's auch allen recht macht, meine lieben Kinder, erhält den Geist in unablässiger Spannung. In der ganzen menschlichen Natur ist keine Leidenschaft so ausgeprägt wie die für Fleischbrühe unter den Herren Handlungsbeflissenen. Eine Ochsenkeule – was sage ich? – ein ganzer Ochse reicht nicht aus, um die Fleischbrühe, die sie jeden Mittag haben wollen, zu bestreiten. Ach, was ich deshalb schon ausgestanden habe!« rief Mrs. Todgers und blickte kopfschüttelnd zur Decke auf. »Nein, es übersteigt alle Grenzen.« »Gerade wie Mr. Pinch, Grazy!« sagte Charitas. »Erinnerst du dich, daß wir stets einen gleichen Hang an ihm bemerkt haben?« »Ja, liebe Cherry«, kicherte Grazy; »aber du weißt, er hat doch keine gekriegt.« »Was denn, Sie, meine Lieben, Sie können sich's einrichten, wie Sie wollen. Sie haben es nur mit den Schülern Ihres Vaters zu tun, und die müssen sich alles gefallen lassen«, lamentierte Mrs. Todgers; »aber in einem Etablissement für Handlungsbeflissene, wo jeder am Samstagabend sagen kann: ›Mrs. Todgers, heut über acht Tag sind wir von wegen diesem Käse geschiedene Leute‹, ist es nicht so leicht, in gutem Einvernehmen miteinander zu bleiben. Ihr Papa« – setzte die gute Dame hinzu – »war so freundlich, mich heute zu einer Ausfahrt mit Ihnen einzuladen; und wenn ich nicht irre, so gedenkt er bei Miss Pinch einen Besuch zu machen. Vermutlich eine Verwandte des Gentlemans, von dem Sie eben gesprochen haben, Miss Pecksniff?« »Um Himmels willen, Mrs. Todgers«, fiel ihr die lebhafte Grazy ins Wort, »nennen Sie ihn doch nicht einen Gentleman. Liebe Cherry, denk nur: Pinch ein Gentleman! Schon der Gedanke!« »Was Sie für ein gottloses Mädchen sind!« rief Mrs. Todgers und umarmte Miss Gratia mit großer Zärtlichkeit. »Wahrhaftig, der reinste Spottvogel! Meine liebe, liebe Miss Pecksniff, wie glücklich muß nicht die Lebhaftigkeit Ihrer Schwester Ihren Papa und Sie machen!« »Er ist die häßlichste, glotzäugigste Kreatur von der Welt, Mrs. Todgers«, erklärte Gratia. »Ein leibhaftiger Menschenfresser. Der garstigste, linkischste und abschreckendste Kerl, den Sie sich nur vorstellen können. – Man kann sich da ungefähr ausmalen, wie seine Schwester ausschauen muß. Ich werde laut herauslachen müssen, wenn ich sie sehe; – das weiß ich jetzt schon!« rief das charmante Mädchen. »Der bloße Gedanke, daß es überhaupt eine Miss Pinch geben kann, wirft einen schon um. – Oh, du allbarmherziger Himmel!« Mrs. Todgers konnte sich gar nicht fassen vor Heiterkeit über den Humor der holden Jungfrau und erklärte, sie kriege wahrhaftig Angst vor ihr; sie sei gar zu streng. »Wer ist streng?« rief eine Stimme an der Türe. »Ich hoffe, es gibt nichts dergleichen in unserer Familie!« Und dann guckte Mr. Pecksniff lächelnd ins Zimmer und fragte: »Darf ich eintreten, Mrs. Todgers?« Mrs. Todgers schrie fast laut auf, denn die kleine Verbindungstüre zwischen den beiden Zimmern stand weit offen und ließ den Schlafdiwan in seiner ganzen monströsen Anstößigkeit erblicken. – Aber geistesgegenwärtig schloß sie sie rasch und rief, wenn auch nicht ohne Verwirrung: »O ja, Mr. Pecksniff, bitte, treten Sie nur ein.« »Wie befinden wir uns heute?« fragte Mr. Pecksniff aufgeräumt. »Und was haben wir vor? Sind wir bereit, aufzubrechen und Tom Pinchs Schwester zu besuchen? – – Ha, ha, ha! der arme Thomas Pinch.« »Nun, sind wir bereit«, nahm Mrs. Todgers verständnisvoll nickend die Frage auf, »sind wir bereit, auf Mr. Jinkins' und der übrigen Herren Bitte eine geneigte Antwort zu geben? Das ist die erste Frage, Mr. Pecksniff.« »Mr. Jinkins' Bitte, meine liebe Madame?« fragte Mr. Pecksniff, legte den einen Arm um Gratia und den andern um Mrs. Todgers, sie in der Zerstreuung vermutlich für Charitas haltend. »Wie kommen Sie auf Mr. Jinkins?« »Weil er das Zirkular entworfen hat und überhaupt bei allem, was im Hause geschieht, den Ton angibt«, erklärte Mrs. Todgers aufgeräumt. »Nur deshalb.« »Mr. Jinkins ist ein Mann von ausgezeichneten Talenten«, bemerkte Mr. Pecksniff. »Alle Achtung vor Mr. Jinkins. Ich ersehe aus seinem Wunsch, meinen Töchtern eine Aufmerksamkeit zu erweisen, einen weitern Beleg für seine freundschaftlichen Gesinnungen, Madame.« »Nun gut«, meinte Mrs. Todgers, »wenn Sie sich so weit ausgesprochen haben, müssen Sie auch mit dem übrigen herausrücken, Mr. Pecksniff, und den lieben jungen Damen alles mitteilen.« Dabei machte sie sich sanft von Mr. Pecksniff los und umarmte Miss Charitas, möglicherweise aus heißer, mütterlicher Liebe, vielleicht aber auch, weil die vernachlässigte junge Dame sie lauernd und gehässig, sogar entschieden verächtlich von der Seite angesehen hatte. Sei dem übrigens, wie es wolle, Mr. Pecksniff zögerte nicht länger, seine Töchter hinsichtlich Entstehung und Inhalt erwähnter, mit Unterschriften versehener Bitte zu belehren, die kurz dahin lautete, daß die Herren Handelsbeflissenen, die die Summe und das Um und Auf des eine große Gesamtheit umfassenden Namens »Todgers« bilden halfen, solange die Misses Pecksniff im Hause weilten, um die Ehre ihrer Anwesenheit bei der Table d'hôte bäten. – Es war ausdrücklich betont, die Damen möchten damit schon am morgigen Sonntag den Anfang machen. Mr. Pecksniff erklärte, daß er für seinen Teil gegen die Einladung nichts einzuwenden habe, da Mrs. Todgers damit einverstanden sei. Dann verließ er die Damen, um sein gnädiges Antwortschreiben zu verfassen, während diese sich mit ihren besten Hüten bewaffneten, um Miss Pinch eine gründliche Niederlage zu bereiten. Tom Pinchs Schwester war Gouvernante in einer ungemein stolzen Familie – vielleicht der reichsten Rot- und Gelbgießerfamilie, von der die Menschheit weiß. Sie wohnten in Camberwell in einem so großen und protzigen Hause, daß schon die Fassade wie die eines von Riesen bewohnten Schlosses gemeine Seelen mit Schrecken erfüllte und auch den Kühnsten erzittern machte. Vorne befand sich ein großes Tor mit einer großen Glocke, deren Handgriff an sich schon ein Ausrufungszeichen bedeutete, und eine große Portierloge, die so dicht ans Haus gebaut war, daß sie jede Aussicht zwar verbarrikadierte, aber den Pomp ungemein erhöhte. An diesem Eingang hielt ein großer Portier beständig Wacht, und wenn er einem Besuch gnädig Erlaubnis erteilte, einzutreten, erscholl eine zweite große Glocke, auf deren Klang nach einer geziemenden Weile an dem großen Hallentore ein großer Lakai erschien, mit so großen Achselfangschnüren auf der Livree, daß er sich alle Augenblicke an den Stuhllehnen festhakte und sozusagen das qualvolle Leben einer Schmeißfliege in einer Welt von Spinnweben führte. Höchst prunkvoll fuhr nun Mr. Pecksniff in Begleitung Mrs. Todgers' und seiner Töchter in einem Einspänner vor diesem Prachtgebäude vor. Nach glücklicher Erledigung der geschilderten Einleitungszeremonien wurden die Herrschaften in das Haus geführt und gelangten nach längerer Irrfahrt endlich in ein kleines Zimmer mit Büchern, wo Mr. Pinchs Schwester eben ihre älteste Schutzbefohlene unterrichtete, ein kleines frühreifes Dämchen von dreizehn Jahren, das es bereits zu einer solchen Höhe von Schnürleibchenanstand und Erziehung gebracht hatte, daß es zur großen Freude aller ihrer Familienangehörigen und Verwandten nicht die geringste Spur von Mädchenhaftigkeit mehr durchblicken ließ. »Besuch für Miss Pinch!« meldete der Lakai. Er war offenkundig ein sehr talentvoller junger Mann, denn er entledigte sich der Botschaft ungemein taktvoll, das heißt, er traf vorzüglich den richtigen Ton zwischen dem kalten Respekt, womit er Gäste der Familie, und der warmen, persönlichen Anteilnahme, mit der er einen Besuch bei der Köchin angekündigt haben würde. »Besuch für Miss Pinch!« Miss Pinch erhob sich hastig und mit solcher Aufregung, daß man leicht erriet, wie gering die Liste derer, die sie erwarten konnte, sein mochte. Gleichzeitig nahm die kleine Schülerin auf ihrem Stuhle eine beunruhigend steife Haltung an, sichtlich entschlossen, sich jedes Wort genau im Geiste zu notieren. Die Frau vom Hause war nämlich ungemein wißbegierig hinsichtlich der Naturgeschichte und der Gewohnheiten des Tieres, das man »Gouvernante« nennt, und munterte ihre Tochter stets auf, alles zu melden, was sie im Interesse der guten Sache erlauern könnte. Höchst bedauerlich zwar, aber nichtsdestoweniger Tatsache war, daß Mr. Pinchs Schwester durchaus nicht häßlich genannt werden durfte, sogar im Gegenteil ein sehr sanftes, einnehmendes Gesichtchen und eine wenn auch kleine und zarte, so doch äußerst reizvolle Figur hatte. Sie sah in gewissem Sinne ihrem Bruder ähnlich, das heißt, sie hatte dieselbe Sanftmut im Benehmen und den gleichen schüchternen und doch vertrauensvollen Blick, aber es fehlte ihr doch soviel zu der Vogelscheuche, der Schlumpe, dem Scheusal oder dergleichen, wofür sie von den Misses Pecksniff zum voraus erklärt worden war, daß die beiden jungen Damen sie natürlich mit großem Unwillen betrachteten, deutlich fühlend, daß Miss Pinch nicht im entferntesten die Person war, um derentwillen sie sich herbemüht hatten. Miss Gratia, die lustigere von beiden, schickte sich noch am besten in die Enttäuschung und setzte sich wenigstens äußerlich durch ein Gekicher über ihren Ärger hinweg, ihre Schwester hingegen gab sich überhaupt keine Mühe, sich zu verstellen, und drückte ihren Unmut ziemlich offen in einer geringschätzigen Miene aus. Mrs. Todgers stützte sich auf Mr. Pecksniffs Arm und legte eine gewisse vornehme Grämlichkeit an den Tag, die zu jeder Gemütsstimmung passen und alle Meinungsschattierungen in sich schließen konnte. »Erschrecken Sie nicht, Miss!« begann Mr. Pecksniff, nahm Miss Pinchs Hand herablassend in seine linke und tätschelte sie mit der rechten. »Ich besuche Sie zufolge eines Versprechens, das ich Ihrem Bruder, Thomas Pinch, gegeben habe. Mein Name – fassen Sie sich, Miss – ist Pecksniff.« Der Treffliche betonte diese Worte mit besonderem Nachdruck, und es klang so etwas durch wie: »Junge Person, du siehst in mir den Wohltäter deines Stammes, den Gönner deines Hauses und den Brotherrn deines Bruders, der tagtäglich an meinem Tische mit Manna gespeist wird und in den Büchern des Himmels als ›Haben‹-Posten für mich eingetragen steht. Ich bin trotzdem keineswegs stolz; es bedarf dessen nicht.« Die arme Miss Pinch fühlte dies alles wie ein Evangelium. Ihr Bruder hatte ihr in der Fülle seines schlichten Herzens oft dasselbe geschrieben und noch viel mehr. Als Mr. Pecksniff schwieg, senkte sie daher ihr Köpfchen und ließ eine Träne auf seine Hand fallen. »Ah, Miss Pinch«, dachte die kleine scharfsinnige Schülerin, »Sie weinen vor Freuden. Das soll wohl heißen, Sie fühlen sich unglücklich auf Ihrem Posten!?« »Thomas ist wohlauf«, berichtete Mr. Pecksniff, »läßt Sie grüßen und schickt Ihnen diesen Brief. Ich kann zwar gerade nicht behaupten, daß der arme Mensch sich je in unserer Kunst auszeichnen wird, aber er hat doch den besten Willen, was gleich nach wirklichem Können kommt, und daher müssen wir eben ein Auge zudrücken. – Was?« »Ich weiß, daß es ihm an gutem Willen nicht fehlt«, rief Miss Pinch; »auch weiß ich genau, wie gütig und rücksichtsvoll Sie ihn behandeln. – Ach, wir schreiben einander oft, daß wir Ihnen nie dankbar genug sein können. Auch den jungen Damen« – setzte sie mit einem strahlenden Blick auf die Misses Pecksniff hinzu –, »ich weiß, wie sehr wir Ihnen allen verpflichtet sind.« »Meine Lieben«, wendete sich Mr. Pecksniff an seine Töchter, »Toms Schwester sagt etwas, was ihr mit Vergnügen hören werdet.« »Wir können durchaus kein Verdienst für uns in Anspruch nehmen, Papa!« lehnte Cherry schroff ab und gab, wie auch Gratia, Miss Pinch mit einem steifen Knicks zu verstehen, sie wünsche die gehörige Distanz gewahrt zu sehen. »Daß Mr. Pinch so gut versorgt ist, verdankt er dir allein, und wir können uns nur freuen, zu hören, daß er das, was du für ihn tust, gebührendermaßen anerkennt.« »Vortrefflich, Miss Pinch!« dachte die scharfblickende kleine Schülerin abermals. »Sie haben also einen dankbaren Bruder, der von anderer Leute Wohltaten lebt. So, so!« »Es war sehr freundlich von Ihnen«, sagte Miss Pinch mit der schlichten Einfachheit und dem Lächeln ihres Bruders, »wirklich außerordentlich freundlich, daß Sie sich selbst zu mir bemühten. Wo Sie so wenig Gewicht auf die Wohltaten legen, die Sie spenden, können Sie sich gar nicht denken, wie sehr ich es empfinde, daß Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen mündlich danken zu dürfen!« »Sehr erfreulich; sehr verbunden; sehr hübsch gesagt«, murmelte Mr. Pecksniff. »Und ich bin so froh«;, fuhr Ruth Pinch fort, nachdem die erste Befangenheit vorüber war, in das fröhliche herzliche Wesen verfallend, das auch ihren Bruder auszeichnete, der in seiner redlichen Einfalt auch immer gleich alles von der besten Seite nahm, »so froh, denken zu dürfen, daß Sie Tom jetzt bezeugen können, wie außerordentlich glücklich ich mich hier in meiner Stellung fühle und wie unnötig es ist, daß er sich stets mit Sorgen quält, weil ich wegen meines Unterhalts auf mich selbst angewiesen bin. – Wirklich, ich bin überzeugt, wir könnten ohne Murren oder Klage weit mehr ertragen, als uns je auferlegt wurde, solange nur eins von dem andern hört, daß es glücklich ist.« – Wenn je auf dieser dann und wann recht verlogenen Erde ein wahres Wort gesprochen wurde, so war es diesmal gewiß bei Toms Schwester der Fall gewesen. – »Ach!« rief Mr. Pecksniff, dessen Blick inzwischen auf die kleine Schülerin gefallen war. »Und wie geht es Ihnen , mein höchst interessantes liebes Kind?« »Ganz gut. Danke, Sir«, antwortete die frostige Unschuld. »Welch holdes Antlitz, meine Lieben«, fuhr Mr. Pecksniff zu seinen Töchtern gewendet fort, »und das entzückende Benehmen!« Die beiden jungen Damen waren schon von Anfang an ganz hingerissen gewesen von dem Sprößling eines reichen Hauses, durch den man mutmaßlich den Eltern am schnellsten und leichtesten beikommen konnte, und Mrs. Todgers versicherte hoch und teuer, sie habe noch nirgends ein so engelhaftes Wesen gesehen. »Sie brauchte nur«, erklärte die wackere Frau, »sie brauchte nur noch ein paar Flügelchen zu haben, um ein vollendeter junger Sirup zu sein« – womit sie vermutlich einen Seraph oder eine Sylphide meinte. »Wenn Sie das Ihren verehrten Herren Eltern geben und ihnen zugleich sagen wollten, meine liebenswürdige kleine Freundin«, säuselte Mr. Pecksniff und zog eine seiner Geschäftskarten hervor, »daß ich und meine Töchter –« »Und Mrs. Todgers, Papa!« ergänzte Gratia. »– und Mrs. Todgers aus London – also, daß ich, meine Töchter und Mrs. Todgers aus London nicht lästig fallen wollen, da wir einzig und allein beabsichtigten, ein wenig nach Miss Pinch zu sehen, deren Bruder als junger Mann bei mir in Diensten steht, und daß ich übrigens dieses in den reinsten Formen gehaltene Palais nicht verlassen kann, ohne als Architekt dem korrekten und eleganten Geschmack des Eigentümers meine ergebenste Huldigung zu zollen und die gerechte Würdigung ehrend anzuerkennen, die er der herrlichen Kunst angedeihen läßt, deren Pflege ich ein ganzes Leben geweiht und deren Ruhm zu fördern ich ein – ein Vermögen geopfert habe, so würde ich Ihnen sehr zu Dank verpflichtet sein.« »Missis läßt sich Miss Pinch empfehlen«, meldete plötzlich eintretend der Lakai ganz in demselben Stile wie früher, »und läßt fragen, was das gnädige Fräulein momentan lernt.« »Oh!« rief Mr. Pecksniff. »Da ist der junge Mann. Vielleicht kann er die Karte abgeben. Meine Lieben, wir stören im Unterricht. Lasset uns gehen.« Einen Augenblick richtete Mrs. Todgers eine gewisse Verwirrung an, indem sie ihr flaches Armkörbchen aufschnallte und dem »jungen Mann« eine von ihren eigenen Karten zusteckte, die, außer umständlichen Erörterungen der Statuten ihres Logierhauses, eine Anmerkung mit dem Zusatze enthielt, M. T. nähme die Gelegenheit wahr, den Herren zu danken, die sie mit ihrem geneigten Zuspruch beehrt hätten, und sie um die Gewogenheit zu bitten, falls sie mit dem Mittagstisch zufrieden gewesen sein sollten, ihr Haus gütigst weiter zu empfehlen. – Mr. Pecksniff eroberte jedoch mit bewunderungswürdiger Geistesgegenwart das Dokument wieder zurück und verwahrte es in seiner eigenen Tasche. Dann redete er Miss Pinch an, und zwar mit noch größerer Herablassung und Güte als vorher, galt es doch, dem Lakaien begreiflich zu machen, daß sie nicht Freunde, sondern Gönner des Mädchens seien: »Guten Morgen. Leben Sie wohl. Gott behüte Sie! Sie können sich darauf verlassen, daß ich Ihrem Bruder Thomas meinen Schutz nicht entziehen werde. Seien Sie über diesen Punkt unbesorgt, Miss!« »Ich danke Ihnen viel – vielmals«, entgegnete Toms Schwester mit großer Herzlichkeit, »wirklich tausend –« »Keine Ursache«, unterbrach sie Mr. Pecksniff und tätschelte ihr gütig den Arm. »Nicht der Rede wert. Sie machen mich böse, wenn Sie noch ein Wort darüber verlieren. – Und Sie, mein süßes Kind«, wendete er sich zu der kleinen Schülerin, »leben Sie wohl! Nein, dieses feenhafte liebe Geschöpfchen« – setzte er hinzu und stierte dabei zerstreut den Lakaien an, als meine er ihn – »hat ein Licht auf meinen Lebenspfad geworfen, so strahlend, daß ich es wohl so leicht nicht werde vergessen können! – Nun, meine Lieben, seid ihr bereit?« Die Damen waren aber noch nicht ganz fertig, denn sie mußten die Kleine doch erst liebkosen! Endlich rissen sie sich los, rauschten mit einem hochmütigen Kopfnicken und einem schon in der Geburt erstickten Knicks an Miss Pinch vorbei und stolzierten hinaus. Der »junge Mann« brauchte ziemlich lange, um die Herrschaften hinauszubegleiten, denn Mr. Pecksniffs Entzücken über die geschmackvolle Konstruktion und Einrichtung des Hauses kannte keine Grenzen, und er konnte auch nicht umhin, des öftern (namentlich als sie in die Nähe des Wohnzimmers kamen) haltzumachen und seinem Lob mit lauter Stimme und in sehr gelehrten Ausdrücken Worte zu verleihen. Er hielt geradezu einen populären Vortrag über Architektonik, soweit diese natürlich auf Wohnhäuser anwendbar sein kann, und war noch im schönsten Redefluß, als sie den Garten erreichten. »Wenn ihr«, sprach er, trat rücklings von der Treppe zurück, legte den Kopf auf die Seite und kniff ein Auge zu, um die Proportionen des Baues besser beurteilen zu können, »wenn ihr, meine Lieben, den Fries betrachtet, der das Dach trägt, und das Leichte in der Konstruktion, namentlich dort am südlichen Winkel des Gebäudes, zu erkennen vermögt, so werdet ihr mit mir fühlen. – – – Oh, wie steht das werte Befinden, Sir, ich hoffe, Sie sind wohlauf?« Mit diesem Ausruf unterbrach er seine Rede und verbeugte sich sehr höflich vor einem Herrn in mittleren Jahren, der jetzt an einem Fenster im oberen Stock sichtbar wurde. Er redete natürlich den Herrn nicht an, zumal ihn dieser gar nicht hätte hören können, sondern akkompagnierte seinen Gruß lediglich mit geziemenden Worten. »Ich zweifle nicht, meine Lieben«, fuhr Mr. Pecksniff, zu seinen Töchtern gewendet, fort und tat, als mache er sie auf weitere bauliche Schönheiten aufmerksam, »daß dies der Eigentümer des Hauses ist. Es würde mich freuen, mit ihm näher bekannt zu werden, da es für mich sehr ersprießlich sein könnte. – Sieht er nach uns herunter, Charitas?« »Er öffnet das Fenster, Papa!« »Aha!« meinte Mr. Pecksniff leise. »Sehr gut! Er hat gemerkt, daß ich ein Sachverständiger bin. Ohne Zweifel hörte er mich drinnen schon. Schauet jetzt nicht hinauf! – Was die mit Hohlkehlen verzierten Pilaster im Portikus betrifft, meine Lieben –« begann er laut – »Heda!« rief der Herr herunter. »Sir? Ihr Diener«, erwiderte Mr. Pecksniff und zog den Hut. »Ich bin stolz darauf, Ihre werte Bekanntschaft zu machen.« »Ich frage Sie, ob Sie aus dem Rasen heraustreten wollen!« brüllte der Herr. »Ich bitte um Verzeihung, Sir«, entgegnete Mr. Pecksniff, im Zweifel, ob er recht gehört habe. »Wollten Sie –?« »Heraus aus dem Rasen!« wiederholte der Herr mit Nachdruck. »Wir möchten nicht gern lästig fallen, Sir – –« begann Mr. Pecksniff lächelnd. »Aber Sie fallen lästig! Über die Maßen lästig. Und verderben mir meinen Grasplatz. Sehen Sie denn nicht, daß ein Kiesweg da ist?! Zu welchem Zweck, glauben Sie wohl, habe ich ihn anlegen lassen? Das Tor dort aufgemacht und die Leute hinausgewiesen!« Damit schlug der Herr das Fenster wieder zu und verschwand. Mr. Pecksniff setzte seinen Hut auf und verfügte sich sehr bedächtig nach seinem Einspänner, dabei stumm und angelegentlich die Wolken betrachtend. Nachdem er Mrs. Todgers und seinen Töchtern einzusteigen geholfen hatte, blieb er noch eine Weile sinnend vor dem Wagen stehen, als sei er nicht ganz mit sich im reinen, ob es ein Fuhrwerk oder ein Tempel sei; erst, als er sich diesbezüglich völlig klar war, nahm er Platz, faltete die Hände über dem Knie und lächelte seinen drei Begleiterinnen zu. Seine Töchter jedoch, weniger seelenruhig, ließen ihrem Unwillen freien Lauf. Das habe man davon, meinten sie, wenn man Kreaturen wie die Pinchs am Busen nähre. Das sei die Folge, wenn man sich wegwerfe, und das komme dabei heraus, wenn man sich in die demütigende Lage versetze, den Anschein zu erwecken, als sei man mit solchen kecken, frechen, verschmitzten und abscheulichen Dingern wie Toms Schwester bekannt. Sie hätten das übrigens kommen sehen und Mrs. Todgers gegenüber noch diesen Morgen davon gesprochen, wie dieselbe bezeugen könne. Der Eigentümer des Hauses habe, in der Meinung, sie seien mit Miss Pinch befreundet, ihrer Ansicht nach ganz recht gehandelt und nichts getan, was sich nicht unter solchen Umständen vernünftigerweise erwarten lassen müsse. – Und er sei, setzten sie etwas inkonsequenterweise hinzu, »ein gemeines Vieh und ein Rüpel«, worauf sie in einen Strom von Tränen ausbrachen, der alle weitern Beiwörter wegschwemmte. Nun war jedoch Miss Pinch weit weniger die Veranlassung zu einer solchen Behandlung als vielmehr der »Sirup«, der unmittelbar nach Abgang des Besuches zum Rapport mit dem ausführlichen Bericht ins Hauptquartier geeilt war, in welch vermessener Weise man ihn mit einem Auftrag belästigt hatte, der Sache des Lakaien, und zwar von Anfang an, gewesen wäre; – ein Verbrechen, das in Verbindung mit Mr. Pecksniffs durchaus nicht aufdringlich gemeinten Bemerkungen über das Gebäude offenbar die Schuld an der barschen Abfertigung trug. Die arme Miss Pinch mußte natürlich dafür büßen und wurde von der Mutter des »Sirups« wegen ihrer ordinären Bekanntschaften so heruntergekanzelt, daß sie sich in Tränen in ihr Kämmerlein zurückzog und sich lange trotz ihres natürlichen Frohsinns über die Ehre, Mr. Pecksniff kennengelernt und einen Brief von ihrem Bruder erhalten zu haben, nicht freuen konnte. Was Mr. Pecksniff betraf, so belehrte er seine Begleiterinnen, daß eine gute Handlung ihren Lohn stets in sich selbst trage; oder er gab ihnen vielmehr zu verstehen, wenn er bei genanntem Anlaß Fußtritte erhalten hätte, es in seelischer Hinsicht sogar noch besser gewesen wäre. Das war jedoch kein besonderer Trost für die jungen Damen, wenigstens grollten sie auf dem ganzen Rückweg in einem fort und verrieten mehr als einmal den lebhaften Wunsch, auf die stillergebene Mrs. Todgers loszufahren, der sie innerlich mit die Schuld an der üblen Behandlung gaben – schon infolge ihres nichtzuverkennenden Äußern als Logierhausbesitzerin, gar nicht zu sprechen von dem Verstoß mit der Karte und dem verdächtigen Armkörbchen. In Todgers' Etablissement ging es noch am selben Abend sehr geräuschvoll zu, teils wegen einiger häuslicher Extravorbereitungen für morgen, teils auch wegen des in einem solchen Hause unvermeidlichen Samstagtumultes, da gegen Wochenschluß von früh bis abends die Wäschepäckchen der »Handelsbeflissenen« mit darauf gehefteten Rechnungen einzulaufen pflegten. An diesen Tagen gab es immer bis Mitternacht auf den Treppen viel Schlurfen von Überschuhen, ein rätselhaftes Auftauchen und Wiederverschwinden geheimnisvoller Lichter im Hausflur, rastloses Gepumpe am Brunnen und dito Klirren des eisernen Wassereimerhandgriffs. Von Zeit zu Zeit erhob sich auch ein kreischender Wortwechsel zwischen Mrs. Todgers und gewissen unbekannten Weibspersonen in verborgenen Hinterküchen, und mitunter erschollen Töne, wie wenn dem jugendfrohen Portier kleines Eisengerät oder sonstige Metallwaren nachgeworfen würden. Es gehörte zu den Sonnabendsbefugnissen dieses hoffnungsvollen Jünglings, die Hemdärmel bis an die Achseln aufgestreift, alle Teile des Hauses in einer groben, grünen Wollenzeugschürze unsicher zu machen, und zu seinen Sabbatfesten (an anderen Tagen war weniger Gelegenheit dazu), sooft er in die Nähe der Türe kam, Ausflüge in die benachbarten Gäßchen zu unternehmen, um daselbst mit der Straßenjugend »Räuber und Gendarm« oder andere Spiele zu spielen, bis er verfolgt und an den Händen oder an dem Ohrläppchen seiner Pflicht wieder zugeführt wurde. Sosehr nun aber auch seine Tätigkeit zur Belebung des letzten Wochentages beizutragen pflegte, so sehr übertraf er sich selbst durch die Rolle, die er an diesem Samstag spielte. Vorzugsweise beehrte er die Misses Pecksniff mit seiner besondern Aufmerksamkeit, und selten kam er an Mrs. Todgers' Privatzimmer, wo die beiden jungen Damen allein am Kaminfeuer saßen und sich beim Lichte einer einsamen Kerze beschäftigten, vorbei, ohne den Kopf hineinzustecken und sie mit Komplimenten wie: »Ah, da sind Sie!« oder: »Fein! Was?« und ähnlichen humoristischen Einfällen zu begrüßen. »Hamm S' an Idöö, Fräuln«, flüsterte er, als er in seinem Hausgalopp gelegentlich wieder einmal haltmachte, »was mir murgen für a Suppn kriagn? Grad wird's aufgossen. Meinen S' leicht a Wassersuppn? A gor ka Spur!« Um sich weiter dienstfertig zu zeigen, klopfte er gleich darauf abermals, steckte den Kopf herein und sagte: »Ja – und Hendln gibt's a morgen. Sakra, san dö fett – hamm S'an Idöö!« Unmittelbar darauf rief er durch das Schlüsselloch: »Fisch gibt's a – grad sans onkemma. – Aber lassen S' Eahna roten: Essen S' nix davo!« Und mit dieser gespenstigen Warnung verschwand er wieder. Bald nachher kehrte er jedoch abermals zurück, um den Tisch für das Nachtessen zu decken, denn es war zwischen Mrs. Todgers und den jungen Damen ausgemacht worden, daß sie in dem Stübchen ungestört und abgesondert gemeinschaftlich ein paar Kalbsrippchen verzehren sollten. Bei dieser Gelegenheit bestritt er die Unterhaltung damit, daß er den glimmenden Lichtdocht in den Mund steckte und mit seiner Hilfe seine Backen transparent machte. Nachdem er dieses Kunststück produziert, wendete er sich wieder seinen Berufspflichten zu, die zur Zeit darin bestanden, die Messer blank zu putzen, das heißt, die Klingen anzuhauchen und sie dann an der Schürze abzuwischen. Nach Beendigung dieser anstrengenden Arbeit verzog er sein Gesicht zu einem breiten Grinsen und erklärte den Schwestern, er glaube, das Abendessen werde höllisch fein ausfallen. »Dauert´s noch lange, bis es fertig ist, Bailey?« fragte Gratia. »Na«, entgegnete Bailey, »kocht is schon. Vor i raufkommen bin, hat die Madam grad drin umanand gstierlt.« Kaum jedoch waren diese Worte seinen Lippen entflohen, da erhielt er von rückwärts ein Kopfstück, daß er an die Wand taumelte, und Mrs. Todgers stand, einen Teller in der Hand, wie eine Rachegöttin vor ihm. »O du kleiner Halunke!« rief sie zürnend. »Du ganz schlechter, falscher, boshafter Bube du.« »Net boshafter als Sie selbst«, rief Bailey und schützte seinen Kopf mit der bekannten Parade des Boxerchampions Thomas Cribb. »Probiern S' dös fein noch amal, wann S' Eahna traun.« »Es ist der abscheulichste Junge, der mir je unter die Augen gekommen ist«, erklärte Mrs. Todgers und stellte den Teller aus der Hand. »Die Herren bei uns lehren ihn immer solche Unarten, daß ich fürchte, er wird nicht eher gut tun, als bis er am Galgen hängt.« »So? Meinen S'?« rief Bailey. »Drum geben S' mir wahrscheinlich so wenig zum Essen, damit i mir net vorher noch 'n Magen verdirb?« »Hinaus mit dir, du gottloser Junge!« schrie Mrs. Todgers und öffnete die Türe. »Hörst du, pack dich hinunter!« Mit zwei oder drei geschickten Wendungen gewann Master Bailey das Freie und ließ sich den ganzen Abend hindurch nur ein einziges Mal wieder blicken, um einige Krüge mit heißem Wasser heraufzubringen und zur größten Verlegenheit der beiden Misses Pecksniff hinter dem Rücken der ahnungslosen Mrs. Todgers greuliche Grimassen zu schneiden. Erst, nachdem er auf diese Art seinen verletzten Gefühlen Luft gemacht, verfügte er sich endgültig ins Souterrain, um sich dort in Gesellschaft eines Schwarmes von Küchenschaben bei einem Sparlicht bis tief in die Nacht hinein mit Stiefelputzen und Kleiderausbürsten die Zeit zu vertreiben. Wie das Gerücht ging, war Benjamin der eigentliche Name dieses jugendlichen Hausgeistes, obgleich er deren viele hatte. So kürzte man zum Beispiel »Benjamin« in »Onkel Ben«, und daraus wurde schließlich das einfache »Onkel«. – Durch eine leichte Ideenverschiebung ergab sich hieraus »Barnwell«, zum Andenken an einen gewissen berühmten Onkel gleichen Namens, der bekanntlich in seinem Garten in Camberwell, als er gerade tief in Gedanken verloren in seinem Lehnstuhl saß, von seinem Neffen Georg erschossen wurde. Die Herren Handelsbeflissenen in Todgers' Logierhaus liebten es auch, ihm je nach Umständen den Namen eines berüchtigten Übeltäters oder Ministers zu geben; und wenn die Tageschronik gerade arm an großen Männern war, nahmen sie sogar die Geschichte zu Hilfe und nannten ihn Mr. Pitt, Jung-Brownrigg und dergleichen. In der Zeit, in der unser Roman spielt, erfreute er sich der Bezeichnung »Old Bailey« – als Anspielung auf das gleichnamige berüchtigte Strafgefängnis oder vielleicht als Reminiszenz an die unglückliche »Miss Bailey«, die in jugendlichem Alter Hand an sich selbst gelegt und in einer Ballade den Kranz der Unsterblichkeit gewonnen hatte. Die gewöhnliche Essenszeit in Todgers' Speiseanstalt war zwei Uhr – eine für alle Teile gleich bequeme Stunde, erstens für Mrs. Todgers wegen des Bäckers, und dann für die Gentlemen in bezug auf die Nachmittagsvergnügungen. An dem Sonntag jedoch, wo die beiden Misses Pecksniff eingeführt werden sollten, wurde das Dinner des vornehmeren Stiles wegen auf fünf Uhr verlegt. Als die Stunde herannahte, erschien »Old Bailey« sehr aufgeregt in einem vollständigen Salonanzug aus lauter abgelegten Kleidungsstücken, die ihm sämtlich viel zu weit waren. Namentlich die Halsgarnitur schien so umfangreich, daß ihm ein als witziger Kopf gefeierter Gentleman sofort den neuen Spitznamen »Vatermörder« gab. Um dreiviertel über vier Uhr klopfte eine Deputation, bestehend aus Mr. Jinkins und einem andern Herrn namens Gänserich, an die Türe von Mrs. Todgers' Zimmer und erbat sich, nachdem sie den beiden Misses Pecksniff von dem würdigen Herrn Papa in aller Form vorgestellt war, die Ehre, die Damen hinunterbegleiten zu dürfen. Das Gesellschaftszimmer in Todgers' Etablissement war nicht im üblichen Stile gehalten, und niemand würde es wohl für ein solches angesehen haben, wenn nicht Eingeweihte es ausdrücklich dafür erklärt hätten. Der Boden war mit Läufern belegt und die Decke, mit Einschluß eines großen Querbalkens in der Mitte, tapeziert. Außer den drei kleinen Nischenfenstern mit Sitzen davor und der Aussicht auf den Torweg gegenüber befand sich noch ein viertes in der Mauer, das ganz unverfroren in Mr. Jinkins' Schlafzimmer hineinsah. Und hoch oben lief die ganze Wand entlang ein Streifen von Glasscheiben, je zwei übereinander, um das Stiegenhaus am Tageslicht teilnehmen zu lassen. In dem Getäfel lauerten kuriose, treppenförmige Wandschränke mit kleinen Fensterchen wie an den Achttaguhren. Sogar die schwarz angestrichene Türe hatte unter ihrer Stirne zwei große Glasaugen mit inquisitorischen grünen Pupillen in der Mitte. Hier waren jetzt sämtliche Gentlemen versammelt. Als Mr. Jinkins mit Charitas am Arm erschien, hörte man ein allgemeines: »Ah!« und »Bravo, Jink!«, das sich zu einer wahren Verzückung steigerte, als Mr. Gänserich mit Miss Gratia folgte und Mr. Pecksniff mit Mrs. Todgers den Zug beschloß. Dann wurden die Herren vorgestellt, und zwar: ein sportsfreudiger Gentleman, der den Herausgebern der Sonntagsblätter harte Nüsse in Form von Anfragen über Wettrennentips aufzuknacken zu geben pflegte; ein emsiger Theaterbesucher, der einst selbst ernstlich daran gedacht hatte, zu debütieren, und nur durch die Gottlosigkeit der Massen daran gehindert worden war; ein sehr debattelustiger Herr und gewaltiger Redner; ein Literaturdilettant, der auf die übrigen Epigramme dichtete und jedermanns schwache Seite kannte, nur seine eigene nicht; dann ein Freund des Gesanges, ein eingefleischter Verehrer des Rauchtabaks, ein Verfechter geselliger Gelage und einige Anhänger des Whistspiels. – Die Passion für Billard und Wetten war einem großen Teil der anwesenden Herren gemeinsam und eine gewisse Vorliebe für geschäftliche Themen wohl allen, da sie sämtlich in einer oder der anderen Weise dem Handelsstande angehörten, was sie selbstverständlich nicht hinderte, allen möglichen Arten von Vergnügungen noch besonders zugetan zu sein. So hatte zum Beispiel Mr. Jinkins einen ausgesprochenen Zug zum Fashionablen; wenigstens besuchte er jeden Sonntag regelmäßig die Parks und kannte sehr viele Equipagen – vom Ansehen. Auch sprach er sehr geheimnisvoll von »feschen Weibern« und stand im Verdacht, sich einmal mit einer Gräfin fast kompromittiert zu haben. Mr. Gänserich war ein witziger Kopf, und niemand anderem als ihm verdankte man den humoristischen Einfall mit dem »Vatermörder« – ein Bonmot, das jetzt unter dem Titel »Gänserichs Letzter« von Mund zu Mund ging und sich allgemeinen Beifalles erfreute. Mr. Jinkins, müssen wir hinzusetzen, konditionierte als Buchhalter in dem Bureau eines Fischhändlers und zählte als Ältester in der Gesellschaft ungefähr vierzig Jahre. Er war aber auch der älteste Kostgänger des Etablissements und infolge dieser doppelten Seniorschaft, wie Mrs. Todgers bereits bemerkt hatte, tonangebend im Hause. Das Auftragen des Dinners zog sich ungemein in die Länge, und die arme Mrs. Todgers, von Mr. Jinkins deshalb im Flüsterton mit Vorwürfen überschüttet, sah sich wohl zwanzigmal genötigt, hinauszueilen und so zu tun, als ob sie in der Küche nachgesehen hätte; – trotzdem geriet die Unterhaltung durchaus nicht ins Stocken, denn ein Gentleman aus der Parfümeriebranche erklärte eine hochinteressante Erfindung aus Deutschland in Form einer merkwürdigen Rasierseifenkugel, während der Literaturdilettant »auf Verlangen« einige sarkastische Strophen deklamierte, die er vor einigen Tagen anläßlich des Gefrierens des Wasserbehälters hinter dem Hause gedichtet hatte. Unter solchen Unterhaltungen und den daraus entspringenden Gesprächen verfloß die Zeit wie ein kurzer schöner Traum, bis endlich »Old Bailey« meldete, daß das Essen »kumme«. Auf diese frohe Botschaft hin verfügten sich die Gäste, ohne zu zögern, in die Banketthalle, wobei einige witzige Geister die glücklichen Tischherren der beiden Misses Pecksniff nachahmten, indem sie ihren männlichen Partnern ritterlich galant den Arm reichten. Mr. Pecksniff sprach das Tischgebet – ein kurzes und andächtiges Gebet, in dem er Segen auf den Appetit aller Anwesenden herabflehte und die zahlreichen Armen, die heute nichts zu essen hatten, der Fürsorge des Himmels empfahl. Sodann griffen alle mit weniger Förmlichkeit als Appetit zu. Der Tisch bog sich unter der Last – nicht nur der den Misses Pecksniff bereits gestern angekündigten Leckerbissen, sondern auch von gekochtem Rindfleisch, gebratener Kalbsbrust, Schinken, Pasteten und eines Überflusses der gewissen schwer verdaulichen Pflanzenstoffe, die bei allen Pensionsinhaberinnen wegen ihrer sättigenden Eigenschaften so hoch in Ehren stehen. Außerdem gab es noch Doppelbier in Flaschen, Wein, Ale und unterschiedliche andere fremde und einheimische starke Getränke. Alles dies mutete die beiden Misses Pecksniff gar lieblich an, um so mehr, da sie die Löwinnen des Tages waren. Sie saßen am oberen Ende der Tafel, zu beiden Seiten Mr. Jinkins', und wurden jede Minute von einem neuen Bewunderer mit einem »Prosit« beehrt. Wohl nie in ihrem ganzen Leben hatten sie sich so wohl und umworben gefühlt – besonders Gratia, die so brillierte und so treffliche Antworten gab, daß sie bald für ein wahres Wunder an Schlagfertigkeit galt. Kurz, wie die jungen Damen bemerkten, jetzt empfanden sie so recht, daß sie in London waren. Ihr junger Gönner Master Bailey legte die lebhaftesten Sympathien mit diesen Empfindungen an den Tag und ermutigte beide Damen stets in gleicher Weise. Wenn er sich weniger beobachtet glaubte, beehrte er sie mit vertraulichem Blinzeln und anderen Zeichen des Verständnisses und berührte auch gelegentlich seine Nase mit dem Korkenzieher; wahrscheinlich eine Anspielung auf den bacchantischen Charakter des Banketts. Genaugenommen war vielleicht nicht einmal der Frohsinn der Misses Pecksniff oder die hungrige Wachsamkeit Mrs. Todgers' so beachtenswert wie das Tun und Lassen dieses merkwürdigen Knaben, den nichts aus der Fassung bringen oder stören konnte. Wenn zum Beispiel ein Stück Geschirr, ein Teller oder was sonst zufällig seinen Händen entglitt, was ein- oder zweimal der Fall war, so benahm er sich dabei ganz wie ein Mann von feinster Bildung, der die Sache nicht weiter erwähnt oder die Störung durch Äußerungen des Bedauerns noch peinlicher gestaltet. Auch störte er nicht durch Hinundherrennen, wie es so oft gut dressierte Dienstboten zu tun pflegen, sah vielmehr die Hoffnungslosigkeit, einer so großen Gesellschaft zu servieren, vollkommen ein und überließ es daher ruhig den Herren, sich selbst zu bedienen. Nur selten verließ er seinen Platz hinter Mr. Jinkins' Stuhllehne, von wo aus er, die Hände in den Taschen und die Beine gespreizt, zwanglos mit an der Konversation teilnahm. Das Dessert war glänzend. – Auch hier wurde nicht umständlich serviert. Die Teller für den Pudding wurden, nachdem der Käse aufgetragen worden, inzwischen in einem Kübel vor der Türe gewaschen und kamen, noch etwas naß und warm vom Reiben zwar, aber mit um so größerer Schnelligkeit wieder auf den Tisch. Mandeln schüsselweise, Orangen zu Dutzenden, Rosinen dem Pfunde nach, Zimmetsterne in Haufen und ganze Suppenschüsseln voller Nüsse! – Oh, Mrs. Todgers konnte schon – vorausgesetzt, daß sie wollte. Dann kam noch mehr Wein, rote und weiße Sorten, und eine große Porzellanterrine mit Punsch, von dem Verfechter geselliger Gelage gebraut, der die Misses Pecksniff bat, ja nicht wegen der geringen Menge des Getränkes kleinmütig zu sein. Es sei im Hause noch genug Material vorhanden, um ein weiteres halbes Dutzend solcher Bowlen damit zu bestreiten. – Gütiger Himmel, wie die Damen da lachen mußten! Wie sie, nachdem sie davon geschlurft, husteten, weil das Getränk gar so scharf war, und dann wieder laut auflachten, als jemand beteuerte: hätte das Getränk nicht so eine verräterische Farbe, könne man es ganz gut wegen seiner Harmlosigkeit mit lauwarmer Milch verwechseln! Welch flammender Protest von den Lippen sämtlicher Herren, als die Damen Mr. Jinkins flehentlich ersuchten, den Punsch mit heißem Wasser verdünnen zu dürfen, und wie sie dann errötend doch nach und nach mit ihren Gläsern bis auf die Nagelprobe fertig wurden! Doch die schwere Stunde naht. »Die Sonne«, wie sich Mr. Jinkins ausdrückt, immer Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, »ist im Begriff, das Firmament zu verlassen.« »Miss Pecksniff«, fragt Mrs. Todgers leise, »vielleicht–?« »O Himmel, nein, nichts mehr, Mrs. Todgers.« Mrs. Todgers steht auf; die Misses Pecksniff stehen auf; alles steht auf. Miss Gratia sieht nach ihrem Umschlagtuch hinunter. Wo ist es nur? O Gott, wo kann es nur sein? Bezauberndes Mädchen, sie hat es um. Nur ruht es nicht mehr an ihrem schönen Nacken! Lose umflattert es ihren schlanken Leib. Ein Dutzend Hände stehen ihr bei. Sie errötet und ist verwirrt. Den jüngsten Gentleman in der Gesellschaft dürstet nach Mr. Jinkins' Blut. Sie hüpft davon und holt unter der Türe ihre Schwester ein. Charitas hat ihren Arm um Mrs. Todgers' Leib geschlungen, und Miss Gratia schlingt den ihrigen um die schlanke Taille ihrer Schwester. O Göttin Diana, welches Bild! Das letzte, was man sieht, sind ein Stück Spitzenkragen und ein hüpfendes Füßchen. – »Meine Herren, auf das Wohl der Damen!« Der Enthusiasmus ist grenzenlos. Der debattelustige Gentleman erhebt sich und läßt plötzlich einen Strom von Beredsamkeit los, der alles vor sich niederwirft. Es drängt ihn zu einem Toast – zu einem Toast, in den sämtliche Anwesende begeistert einstimmen werden! Es ist ein Mann zugegen, er hat ihn im Auge, ein Mann, dem sie alle tiefste Dankbarkeit schulden! Ihre rauhen Naturen sind heute veredelt worden durch die Zaubermacht lieblicher Weiblichkeit. Ein Gentleman weilt unter ihnen, zu dem zwei entzückende junge Damen mit Verehrung aufblicken, den sie als den Urheber ihres irdischen Daseins betrachten. Ja, als die beiden Misses Pecksniff noch mit kindlicher Zunge in der Wiege lallten, nannten sie diesen Gentleman bereits: »Vater!« – (Stürmischer Beifall.) – Sein Toast lautet daher: »Der Himmel segne Mr. Pecksniff!« – Alle drücken Mr. Pecksniff die Hand und trinken Bescheid. Der jüngste Gentleman wankt dabei, denn er fühlt, daß ein geheimnisvoller Einfluß dem Manne innewohnt, der das Wesen im nelkenroten Schal »Tochter« nennen darf. Was sagt Mr. Pecksniff darauf? Oder vielmehr, was läßt er ungesagt? Nichts. – Man ruft nach mehr Punsch und trinkt. Die Wogen der Begeisterung gehen noch höher. Niemand stellt sein Licht länger unter den Scheffel. Der emsige Theaterbesucher deklamiert. Der sangesfreudige Herr beglückt die Gesellschaft mit einem Liede. Gänserich läßt den Gänserich früherer Witzworte meilenweit hinter sich. Er erhebt sich, um einen Toast auszubringen. Er gilt dem Patriarchen von Mrs. Todgers' Logierhaus, ihrem gemeinsamen Freund Jink, dem alten Jink, wenn dieser vertrauliche Ausdruck erlaubt ist. Der jüngste Gentleman protestiert wütend; – er kann das nicht zugeben – es darf nicht sein! Aber die Tiefe seiner Gefühle wird nicht verstanden. Man hält ihn für benebelt und achtet nicht auf ihn. Mr. Jinkins dankt aus dem Grunde seines Herzens. Der heutige Tag ist bei weitem der stolzeste in seinem bescheidenen Erdenwallen. Wenn er umherblickt, so fühlt er, daß ihm die Worte mangeln, um seinen Dank ausdrücken zu können. Nur eines will er sagen: Man hat bewiesen, daß man bei Todgers treu zusammenhalten kann und gesellschaftlich höher steht als in den benachbarten Kosthäusern. Er erinnert seine geehrten Tischgenossen unter donnerndem Beifall an ein gewisses ähnliches Etablissement in Cannon Street, das man diesbezüglich rühmlich habe erwähnen hören. Er wünsche keine gehässigen Parallelen zu ziehen. Er wäre der letzte, dem etwas derartiges in den Sinn käme, aber wenn die Cannon-Street-Pension imstande sei, eine so hohe Vereinigung von Geist und Schönheit, wie sie heute Todgers' Tafel geziert, aufzuweisen und ein auch nur ähnliches Dinner zu servieren, wie sie es soeben eingenommen, so werde er sich's zur Ehre anrechnen, besagtem Etablissement das Wort zu reden. – »Bis dahin aber, meine Herren, Todgers für immer!« Abermals Punsch – Enthusiasmus – Reden! Jedermanns Gesundheit wird ausgebracht, nur die des jüngsten Gentlemans nicht. Grollend sitzt der Herr abgesondert von den anderen, hat die Ellenbogen auf die Lehne eines unbesetzten Stuhles gestützt und wirft verächtliche Blicke auf Jinkins. Gänserich bringt in einer zwerchfellerschütternden Rede die Gesundheit von »Old Bailey« aus. Der »Schnackler« geht um, und ein Glas wird zerbrochen. Mr. Jinkins fühlt, daß es Zeit ist, die Damen nicht länger allein zu lassen. Nur noch rasch ein Toast auf Mrs. Todgers. Sie verdient eine besondere Erwähnung. – »Hört hört!« – Sie alle finden zwar zu anderen Zeiten Fehler auf Fehler an ihr, aber in diesem Augenblick fühlt jeder, daß er sein Leben für sie lassen könnte. Man geht die Treppe hinauf, wo man so bald noch nicht erwartet wurde, wenigstens »nickt« Mrs. Todgers, Miss Charitas ordnet sich das Haar und Gratia, die sich aus einem Fenstersitz ein Sofa zurechtgemacht hat, liegt in anmutiger Stellung hingegossen. Sie erhebt sich hastig, wird aber von Mr. Jinkins inständig gebeten, sich doch ja nicht stören zu lassen; sie sehe so reizend aus in dieser Attitüde, daß es ewig schade wäre, wenn sie sie verändere. Sie lacht, gibt nach, fächelt sich und läßt ihren Fächer fallen. Alles stürzt hinzu, ihn aufzuheben. Da sie sich einstimmig als Schönheit des Tages erklärt sieht, wird sie grausam und launenhaft, läßt die Herren einander Aufträge ausrichten, die sie längst vergessen hat, wenn die Antwort zurückkommt, und erfindet tausend Qualen für die Herzen ihrer Verehrer. »Old Bailey« bringt Tee und Kaffee herauf. – Um Charitas hat sich gleichfalls eine kleine Gruppe von Bewunderern gesammelt, jedoch nur von solchen, die ihrer Schwester nicht nahekommen können. Der jüngste Gentleman in der Gesellschaft ist blaß, aber gefaßt, und sitzt abgesondert, denn sein Geist hält geheime Zwiesprache mit sich selbst, und seine Seele verabscheut das lärmende Getriebe. – Gratia entgeht seine Gegenwart und die Glut seiner Gefühle nicht, denn er sieht bisweilen in ihrem Augenwinkel einen Lichtblick der Ermutigung. – Sieh dich vor, Jinkins, daß du einen Verzweifelnden nicht bis zum Wahnsinn reizest! Mr. Pecksniff war seinen jüngeren Freunden gefolgt und an Mrs. Todgers' Seite in einen Stuhl gesunken. Er hatte sich eine Tasse Kaffee über das Bein gegossen, dem Umstand aber offenbar keine Beachtung geschenkt. Auch schien er gar nicht zu wissen, daß eine Semmel auf seinem Knie lag. »Und wie hat man sich gegen Sie benommen unten?« fragte Mrs. Todgers. »Das Benehmen der Herren ist derart gewesen, meine teure Madame«, entgegnete Mr. Pecksniff, »daß ich nie ohne Rührung oder eine Träne werde daran zurückdenken können. – Oh, Mrs. Todgers, oh, oh!« »Lieber Gott!« rief die wackere Frau. »Warum denn auf einmal so niedergeschlagen, Sir?« »Ich bin ein Mann, meine teure Madame«, antwortete Mr. Pecksniff mit tränenerstickter Stimme, »aber ich bin auch Vater. Und Witwer. Meine Gefühle lassen sich nicht ersticken, Mrs. Todgers, wie die kleinen Kinder im Tower. Sie sind gewachsen und gewachsen, und je mehr ich sie mit Kissen zu erdrücken suche, desto lebhafter erheben sie ihre Häupter.« Plötzlich gewahrte er das Semmelfragment auf seinem Knie und starrte es traumverloren an. Dabei schüttelte er ratlos und geistesschwach den Kopf, schien es für einen bösen Genius zu halten und haderte leise mit ihm. »Sie war schön, Mrs. Todgers«, murmelte er und richtete wieder seinen verglasten Blick auf die Pensionsinhaberin, »und hatte einiges Vermögen.« »Ich habe davon gehört!« rief Mrs. Todgers mit lebhafter Teilnahme. »Das sind ihre Töchter«, fuhr Mr. Pecksniff mit steigender Rührung fort, und deutete auf die jungen Damen. Mrs. Todgers zweifelte keinen Augenblick daran. »Gratia und Charitas – Charitas und Gratia. Hoffentlich keine unheiligen Namen, wie?« »Mr. Pecksniff!« rief Mrs. Todgers. »Wie geisterhaft Sie lächeln! Sie sind doch nicht unwohl, Sir?« Mr. Pecksniff preßte ihren Arm und antwortete mit matter, feierlicher Stimme: »Chronisch.« »Kolik?« schrie Mrs. Todgers entsetzt. »Chron-isch«, wiederholte Mr. Pecksniff mit einiger Anstrengung. »Chronisch. Ein chronisches Leiden. Ich leide an ihm von meiner Kindheit an. Es wird mich begleiten bis zum Grabe.« »Gott behüte!« rief Mrs. Todgers. »Ja, es ist so«, sprach Mr. Pecksniff trostlos. »Und doch bin ich gewissermaßen froh darüber. – Sie haben Ähnlichkeit mit ihr, Mrs. Todgers.« »Bitte, bitte, drücken Sie mich nicht so, Mr. Pecksniff. Was, wenn einer von den Herren uns zusähe!« »Um ihretwillen«, lallte Mr. Pecksniff. »Erlauben Sie es mir – um ihres Andenkens willen. Um einer Stimme willen aus dem Grabe. Sie sind ihr sehr sehr ähnlich, Mrs. Todgers! Es ist eine seltsame Welt!« »Ach ja; Sie haben recht«, seufzte Mrs. Todgers. »Ich fürchte, es ist eine eitle, eine gedankenlose Welt«, fuhr Mr. Pecksniff niedergedrückt fort. »Diese jungen Leute rings um uns! Oh, haben sie überhaupt ein Gefühl für Verantwortlichkeit? Nein! – Geben Sie mir auch Ihre andere Hand, Mrs. Todgers.« Die Dame zögerte und erklärte, sie täte es nicht gern. »Hat eine Stimme aus dem Grabe kein Gewicht?« fragte Mr. Pecksniff mit trübseliger Zärtlichkeit. »Das ist irreligiös, mein teures Wesen!« »Pst, wirklich«, flüsterte Mrs. Todgers, »wirklich, es geht nicht.« »Ich bin es doch nicht, der spricht. Glauben Sie ja nicht, daß ich es bin. Es ist die Stimme – es ist ihre Stimme.« Die selige Mrs. Pecksniff mußte eine ungewöhnlich heisere und rauhe Stimme gehabt haben, eine für eine Dame sogar seltsam schwere und lallende, wenn sie jetzt wirklich aus ihrem Gatten sprach. – Aber vielleicht war das Ganze nur ein Irrtum von seiner Seite. »Heute ist ein Tag der Freude gewesen, Mrs. Todgers, aber auch zugleich ein Tag des Schmerzes für mich. Er hat mich an meine Verlassenheit gemahnt. – Was bin ich auf der Welt?« »Ein vortrefflicher Gentleman, Mr. Pecksniff«, rief Mrs. Todgers. »Darin läge wenigstens noch ein Trost«, meinte Mr. Pecksniff. »Bin ich es wirklich?« »Zuverlässig! Es gibt keinen bessern auf dem ganzen Erdenrund«, beteuerte Mrs. Todgers. Mr. Pecksniff lächelte unter Tränen und schüttelte mild das Haupt. »Sie sind sehr gütig; ich danke Ihnen. Ich finde mein größtes Glück darin, junge Leute emporzuheben. Das Wohl meiner Zöglinge geht mir über alles. Ich liebe sie von ganzem Herzen. Aber auch sie beten mich fast an – bisweilen wenigstens.« »Stets! Immer!« verbesserte Mrs. Todgers. »Wenn die Welt behauptet, sie hätten sich bei mir nicht vervollkommnet, Madam«, flüsterte Mr. Pecksniff mit abgrundtiefem Blick und winkte Mrs. Todgers, sie möge ihr Ohr seinen Lippen näher bringen – »wenn die Welt sagt, sie hätten sich bei mir nicht vervollkommnet und müßten ein zu hohes Lehrhonorar bezahlen, so lügt sie! Doch genug davon! Sie verstehen mich. Ihnen, als einer alten Freundin, darf ich's wohl sagen – sie lügt!« »Oh, die Elenden!« rief Mrs. Todgers. »Ja, Madame, Sie haben recht. Und ich schätze Sie hoch um dieser Bemerkung willen. – Noch ein Wort ins Ohr. Für Eltern und Vormünder – dies im Vertrauen, Mrs. Todgers –« »Sie können sich vollständig auf mich verlassen«, versicherte die wackere Frau. »Für Eltern und Vormünder«, wiederholte Mr. Pecksniff, »es bietet sich eine vortreffliche Gelegenheit, die Vorteile der besten praktischen Ausbildung in der Baukunst mit den Annehmlichkeiten eines häuslichen Heimes und dem beständigen Aufenthalt unter Personen zu vereinigen, die, wie unbedeutend ihr Wirkungskreis und wie beschränkt ihre moralischen Fähigkeiten auch sein mögen – wohlgemerkt!? –, doch stets ihrer moralischen Verantwortlichkeit eingedenk bleiben werden.« Man kann sich denken, welch verblüfftes Gesicht Mrs. Todgers machte, da sie sich den Sinn dieser ziemlich unverständlichen Worte, die sie überdies schon irgendwo gelesen zu haben glaubte (nämlich auf den Reklameplakaten Mr. Pecksniffs) absolut nicht erklären konnte. Doch der Treffliche erhob den Finger zur Warnung, daß sie ihn nicht unterbrechen möge. »Kennen Sie Eltern oder Vormünder, Mrs. Todgers«, fuhr er eindringlich fort, »die sich eine solche günstige Gelegenheit für einen jungen Gentleman zunutze zu machen wünschen? Eine Waise hätte den Vorzug. Kennen Sie irgendein Waisenkind mit drei- oder vierhundert Pfund?« Mrs. Todgers überlegte, schüttelte aber dann den Kopf. »Wenn Sie von einer Waise mit drei- oder vierhundert Pfund hören sollten, nicht wahr, so bedeuten Sie den Verwandten des lieben, verlassenen jungen Menschen, sie möchten sich brieflich – franko natürlich – an S. P., postamtlagernd Salisbury, wenden. – Ich weiß nicht, was das wieder ist! Erschrecken Sie nicht, Mrs. Todgers«, lallte Mr. Pecksniff und sank schwerfällig zurück, »Chronisch – chronisch! Geben Sie mir doch einen Schluck zu trinken.« »Gott im Himmel, Misses Pecksniff!« rief Mrs. Todgers laut. »Ihrem lieben Papa ist unwohl!« Mit erstaunlicher Kraft richtete sich Mr. Pecksniff, als er plötzlich aller Augen auf sich gerichtet sah, auf, stellte sich auf die Füße und richtete einen Blick tiefgründiger Weisheit auf die Gesellschaft. Dann verzog er sein Antlitz allmählich zu einem Lächeln – zu einem matten, hilflosen, melancholischen Lächeln, mild, fast todestraurig. »Beklaget mich nicht, meine Freunde«, sprach er wehmütig. »Weinet nicht um mich. Es ist chronisch.« Und mit diesen Worten fiel er, nach einem vergeblichen Versuch, seine Schuhe auszuziehen, in den Kamin. Der jüngste Gentleman in der Gesellschaft zog ihn im Nu wieder heraus. – Ja, noch ehe ein Haar seines Hauptes versengt war, hatte ihn Gratia glücklich wieder auf dem Teppich vor dem Kamine liegen – ihren Vater! Sie war fast außer sich. Desgleichen ihre Schwester. Jinkins tröstete sie beide. Alle trösteten sie. Jeder hatte etwas zu sagen, nur der jüngste Gentleman in der Gesellschaft nicht, der mit edler Selbstaufopferung das schwere Werk vollbracht und jetzt Mr. Pecksniffs Haupt stützte, ohne von sonst jemandem die geringste Notiz zu nehmen. Endlich sammelte sich alles um den Leidenden, und man beschloß, ihn hinauf ins Bett zu schaffen. Der jüngste Gentleman bekam von Mr. Jinkins Vorwürfe, weil er Mr. Pecksniffs Rock zerrissen haben sollte! »Ha! Auch das noch! – Aber schon gut – schon gut!« Dann schleppten sie den Patienten die Treppe hinauf und traten dem jüngsten Gentleman dabei unablässig auf die Zehen. Mr. Pecksniffs Schlafgemach befand sich fast unter dem Giebel, und es war ein beschwerlicher Weg bis dahin; aber mit der Zeit brachten sie ihn doch glücklich an Ort und Stelle. Unterwegs forderte er die Herren zu wiederholten Malen auf, ihm doch einen Schluck zu trinken zu geben. Es schien förmlich eine Idiosynkrasie zu sein. – Der jüngste Gentleman in der Gesellschaft schlug ein Glas Wasser vor, zog sich aber dafür von Mr. Pecksniff sofort eine Flut von Schimpfwörtern zu. Jinkins und Gänserich übernahmen den Rest der Arbeit und legten den Trefflichen so bequem wie möglich auf sein Bett. Da er geneigt schien, schlafen zu wollen, verließen sie ihn, aber noch hatten sie kaum den untersten Treppenabsatz gewonnen, da erschien oben am Geländer, spukhaft gekleidet, Mr. Pecksniff und schickte sich an, ihnen einen längeren Vortrag über das Wesen des menschlichen Lebens halten zu wollen. »Meine Freunde«, rief er herab, »lasset uns unsern Geist erfreuen durch Fragen und Erwägungen aller Art. Fassen wir die Moral ins Auge. Lasset uns Betrachtungen über das menschliche Dasein anstellen. Wo ist Jinkins?« »Hier, mein Herr, hier! Wollen Sie aber nicht lieber wieder zu Bett gehen?« »Zu Bett gehen?!« rief Mr. Pecksniff. »Zu Bett gehen?! – So spricht der Tagedieb und der Träge; und ich höre ihn klagen: ›Ihr habet mich zu balde gewecket, dieweil ich noch schlummern will!‹ Wenn eine junge Waise die Strophen dieses schlichten Gedichtes aus Doktor Watts' Poesien deklamieren will, so bietet sich jetzt eine vortreffliche Gelegenheit.« Niemand schien Lust dazu zu haben. »Sehr wohltuend«, lallte Mr. Pecksniff nach einer Pause. »Außerordentlich wohltuend. Kühl und erfrischend; namentlich für die Beine. Die Beine sind eine gar herrliche Einrichtung am menschlichen Organismus, meine Freunde. Vergleichen wir ihre Konstruktion mit den hölzernen Beinen und achten wir dabei auf den Unterschied zwischen der Anatomie der Natur und der Anatomie der Kunst. – Wissen Sie«, fuhr er eindringlich fort wie in einer nebelhaften seltsamen Reminiszenz an die gewisse leutselige Art, in der er zu Hause neu angekommene Schüler vorzunehmen pflegte. »Wissen Sie, daß ich sehr gern sehen würde, wie sich Mrs. Todgers die Konstruktion eines hölzernen Beines denkt? Vorausgesetzt, daß sie sich darüber aussprechen will.« Da nach dieser Rede zu schließen vernünftigerweise jede Hoffnung ausgeschlossen schien, er werde sich aus eigenem Antrieb zur Ruhe begeben, stiegen Mr. Jinkins und Mr. Gänserich die Treppe hinauf und schafften ihn von neuem zu Bett. Doch kaum erreichten sie auf dem Rückweg den zweiten Stock, stand er bereits wieder am Geländer. So ging das noch einige Male fort, und jedesmal erschien er mit einer neuen moralischen Phrase bewaffnet auf der Plattform, von dem lebhaften Wunsche, zur Veredelung seiner Mitmenschen beizutragen, beseelt, so daß schließlich Mr. Jinkins nichts anderes übrigblieb, als ihn im Bette festzuhalten und »Old Bailey« von Mr. Gänserich heraufholen zu lassen. Sofort erfaßte der umsichtige Jüngling die Situation und schaffte frohgelaunt einen Schemel, ein Licht und sein Nachtessen zur Stelle, um seine Wache vor Mr. Pecksniffs Schlafstübchen erfolgreich überdauern zu können. Sodann wurde die Türe verschlossen und der Schlüssel außen stecken gelassen. Ausdrücklich bedeutet, sofort Hilfe zu requirieren, falls apoplektische Symptome hörbar würden, die möglicherweise den Schlummer des Patienten stören könnten, erwiderte Mr. Bailey schlicht, er hoffe zu wissen, wieviel die Glocke geschlagen habe, und werde die Herren nicht unnötigerweise alarmieren. 10. Kapitel Seltsame Dinge, von deren gutem oder schlimmem Einfluß viele Ereignisse dieser Geschichte abhängen Aber Mr. Pecksniff kam ja geschäftehalber nach London! Hatte er denn das ganz vergessen? Konnte er auf die Dauer an Todgers' frischfröhlicher Gesellschaft Vergnügen finden, ohne der ernsten Obliegenheiten zu gedenken, die seine ruhige Überlegung in Anspruch nahmen? Keineswegs. Zeit und Flut warten auf niemanden, sagt das Sprichwort. Der Mensch hat auf Zeit und Flut zu warten. Die Flut, die Mr. Pecksniff zum Glück führen sollte, stand in den Sternen geschrieben und hatte bereits eingesetzt. Pecksniff war kein Müßiggänger, der untätig auf trockenem Lande dem Wechsel der Strömung zusah; – nein, er stand bis über die Schuhe im Wasser, bereit, im tiefsten Schlamme fortzuwaten, wenn dieser Weg ihn seinem erhofften Ziele zuzuführen versprechen sollte. Das Vertrauen, das ihm seine beiden Töchter in jeder Hinsicht entgegenbrachten, hatte etwas Erhebendes. Sie hegten jene feste Zuversicht auf den Charakter ihres Erzeugers, die ihnen die Überzeugung verlieh, daß er in allem, was er tue, sein Ziel voll und unverrückbar im Auge behalten werde und daß das edle Ziel seines Strebens nichts anderes sein könne als seine eigene Wohlfahrt und demnach auch – die ihrige. Ihr kindliches Vertrauen mußte um so rührender erscheinen, als sie im gegenwärtigen Falle durchaus keine Kenntnis von den wirklichen Absichten ihres Vaters hatten. Sie wußten von seinem Tun nicht mehr, als daß er jeden Morgen nach dem zeitig eingenommenen Frühstück auf das Postbureau eilte und nach eingelaufenen Briefen fragte. Nach Beendigung dieses Geschäftes war sein Tagewerk vorüber, und er konnte sich der Ruhe hingeben, bis die aufgehende Sonne des nächsten Morgens abermals die Ankunft einer neuen Post verkündete. So entschwanden vier oder fünf Tage. Endlich kehrte eines Morgens Mr. Pecksniff atemlos und in einer Hast zurück, die von seiner gewohnten Ruhe seltsam genug abstach, und schloß sich unverzüglich auf ein paar Stunden mit seinen Töchtern zu geheimer Beratung ein. Von allem, was dabei vorging, sind uns nur folgende Äußerungen Mr. Pecksniffs zu Ohren gekommen: »Wir brauchen uns nicht mit Grübeleien darüber aufzuhalten, wieso es kam, daß eine so gewaltige Wandlung mit ihm vorging, vorausgesetzt, daß eine solche, wie ich hoffe, wirklich stattgefunden hat, meine Lieben. Ich habe zwar so meine besondern Gedanken darüber, meine Kinder, will sie aber vorderhand noch für mich behalten. Uns genügt das Bewußtsein, daß wir weder stolz noch nachtragend oder unversöhnlich sind. Bedarf er unserer Freundschaft, so sei sie ihm gewährt. Wir kennen unsere Pflicht.« Noch am selben Nachmittag stieg ein alter Herr aus einer Droschke vor der Post ab und fragte, nachdem er seinen Namen genannt, nach für ihn etwa eingelaufenen »Restante«-Briefen. Tatsächlich fand sich auch ein solcher, das Kuvert von Mr. Pecksniffs Hand geschrieben und mit seinem Petschaft gesiegelt. Der Inhalt war sehr kurz und enthielt nichts weiter als eine Adresse »mit Mr. Pecksniffs respektvoller und – trotz allem Vorgefallenen – aufrichtiger Hochachtungsbezeugung.« Der alte Herr riß die Angabe von Stadtteil und Hausnummer ab und händigte sie, nachdem er das übrige in Fetzen dem Winde preisgegeben, dem Kutscher mit der Weisung ein, auf dem kürzesten Wege nach dem auf dem Streifen verzeichneten Orte zu fahren. Diesem Auftrag gemäß machte der Wagen bald darauf bei dem Monumente halt, der alte Herr stieg aus, entließ die Droschke und ging auf Todgers' Etablissement zu. Obgleich dem Gesicht, der Gestalt und dem Gang nach ein Greis, verriet doch die Art, wie er den starken Stock, auf den er sich stützte, umfaßte, eine nicht leicht zu erschütternde Entschlossenheit und Festigkeit. Trotzdem schien der alte Herr noch zu zaudern; – wenigstens vermied er das Haus, das er suchte, noch eine Weile und benutzte einen kurzen Sonnenblick, der auf den kleinen Kirchhof in der Nähe herniederglänzte, um ein wenig auf und ab zu schlendern. In dem Anblick der alten Gräber mitten im geschäftigsten Gewühle des Lebens mochte für ihn etwas liegen, das seine Unschlüssigkeit eher steigerte, denn er wandelte, mit jedem Schritt das Echo weckend, auf und nieder, bis der Glockenton der Kirchturmuhr, die seit seiner Anwesenheit bereits zweimal je eine Viertelstunde geschlagen, ihn aus seinen Grübeleien aufrüttelte. – Da wich mit einem Male seine Unentschlossenheit, und hastig ging er auf das Haus zu und klopfte an die Türe. Mr. Pecksniff saß in dem kleinen Stübchen der Mrs. Todgers und wurde von dem Besuche – rein zufällig natürlich – in der Lektüre eines vortrefflichen theologischen Werkes überrascht. Auf einem kleinen Tischchen neben ihm stand Kuchen und Wein – gleichfalls nur ganz zufällig, wie er ausdrücklich zu bemerken für nötig erachtete –, da er die Hoffnung, seinen erwarteten Gast bei sich zu sehen, bereits gänzlich aufgegeben und deshalb diese einfache Erfrischung für sich und seine Kinder bestellt hätte. »Sind Ihre Töchter wohl?« fragte der alte Martin und legte Hut und Stock ab. Mr. Pecksniff bejahte schlicht und bemühte sich nach Kräften, die Innigkeit seiner väterlichen Gefühle zu verbergen. Sie seien gute Mädchen, sagte er – sehr, sehr gute Mädchen. Er wage nicht, Mr. Chuzzlewit zu bitten, sich im Lehnstuhl niederzulassen, um der Zugluft der Türe auszuweichen, aus Furcht, seine Bitte als berechnende Höflichkeit mißdeutet zu sehen; – er wolle sich daher nur mit dem Hinweis begnügen, daß ein bequemer Stuhl im Zimmer stehe und die Türe nichts weniger als luftdicht sei – letzteres eine Unvollkommenheit, die, wie er vielleicht beizufügen so frei sein dürfe, in alten Häusern keineswegs selten vorkomme. Der alte Mann setzte sich in den Lehnstuhl und begann nach einer kurzen Pause: »Zuvörderst muß ich Ihnen danken, daß Sie auf meine fast gar nicht motivierte Bitte so bereitwillig nach London kamen – ich brauche wohl kaum zu bemerken: natürlich auf meine Kosten.« »Auf Ihre Kosten, mein werter Herr?!« rief Mr. Pecksniff im Tone größter Überraschung. »Ich bin nicht gewohnt,« versetzte Martin, ungeduldig mit der Hand abwinkend, »meine – nun ja, meine Verwandten – in Unkosten zu stürzen, wenn es sich um Befriedigung meiner Grillen handelt.« »Grillen, mein werter Herr?!« rief Mr. Pecksniff. »Im gegenwärtigen Falle habe ich allerdings kaum das passende Wort gewählt«, gab der alte Herr zu. »Nein, Sie haben recht.« Mr. Pecksniff fühlte sich durch diese Worte, ohne eigentlich zu wissen, warum, innerlich sehr beruhigt. »Sie haben recht«, wiederholte Martin. »Es ist keine Grille. Ich habe mir vorher alles reichlich und kaltblütig überlegt, und daher kann man es nicht ›Grille‹ nennen. Und außerdem neige ich überhaupt ganz und gar nicht zu Grillen.« »Gewiß nicht«, versicherte Mr. Pecksniff. »Wie können Sie das wissen?!« fuhr der alte Herr auf. »Sie werden es erst in Zukunft erfahren und mir künftighin bezeugen können. Sie und die Ihrigen sollen erst sehen, daß ich beharrlich sein kann und mir mein Ziel nicht verrücken lasse. – Verstehen Sie?« »Vollkommen«, antwortete Mr. Pecksniff. »Ich bedaure lebhaft«, nahm Martin in langsamem und gemessenem Tone seine Rede wieder auf und faßte dabei Mr. Pecksniff fest ins Auge, »ich bedaure lebhaft, daß bei unserm letzten Beisammensein eine so wenig erfreuliche Besprechung zwischen uns stattfand, das heißt, daß ich Ihnen so unverhohlen enthüllte, was ich damals von Ihnen dachte. Meine jetzige Gesinnung ist wesentlich anders, und ich nehme zu Ihnen meine Zuflucht, nachdem ich von allen, denen ich jemals über den Weg getraut, verlassen, und von denen, die mir Hilfe und Beistand leisten sollten, getäuscht und ausgebeutet wurde. Ich zähle auf Sie als auf einen Verbündeten, den ich durch die Bande seines eigenen Vorteils an mich zu knüpfen wünsche.« – Er legte einen großen Nachdruck auf diese Worte, obgleich ihn Mr. Pecksniff aufs angelegentlichste bat, dessen doch ja nicht zu erwähnen. – »Sie sollen mir helfen, die verdienten Strafen für Gemeinheit, Verstellung und Spitzbüberei, die man in schlimmster Weise an mir übte, über die Schuldigen zu verhängen.« »Sie edler, hochherziger Mensch!« rief Mr. Pecksniff und ergriff voll Wärme die dargebotene Hand Mr. Chuzzlewits. »Und Sie bedauern, ungerechte Gedanken gegen mich gehegt zu haben – Sie mit Ihren grauen Haaren!?« »Reue ist das natürliche Los grauer Haare«, entgegnete Martin, »und, wie wohl allen Menschen, ist der gebührende Anteil an dieser Erbschaft auch mir beschieden. – Doch genug davon. Es tut mir leid, so lange von Ihnen getrennt gewesen zu sein. Hätte ich Sie früher gekannt und so behandelt, wie Sie es verdienen, so wäre ich vielleicht ein glücklicher Mensch.« Mr. Pecksniff sah zur Decke empor und faltete in stummer Begeisterung die Hände. »Ich kenne Ihre Töchter noch nicht«, fing Martin nach einem kurzen Schweigen wieder an. »Gleichen sie Ihnen?« »Die älteste hinsichtlich der Nase und die jüngere, was das Kinn betrifft, Mr. Chuzzlewit«, entgegnete der Witwer. »Ihre selige Mutter lebt in ihnen wieder auf.« »Ich meine nicht äußerlich«, sagte der alte Mann, »moralisch – moralisch!« »Darüber darf ich mir wohl kein Urteil anmaßen«, säuselte Mr. Pecksniff mit bescheidenem Lächeln, »ich kann nur sagen, ich habe mein Bestes getan, Sir.« »Ich möchte sie gerne sehen«, sagte Martin. »Sind sie in der Nähe?« Allerdings waren sie in der Nähe, und zwar sehr in der Nähe; nämlich hinter dem Schlüsselloch! Nachdem Mr. Pecksniff sich die Zeichen seiner Ergriffenheit aus den Wimpern gewischt und den jungen Damen soviel Zeit gelassen hatte, um die Treppe hinauf zu huschen, öffnete er die Türe und rief mit sanfter Stimme in den Flur hinaus: »Meine Herzblättchen, wo steckt ihr?« »Hier, lieber Papa!« ließ sich aus der Ferne die Stimme von Miss Charitas vernehmen. »Komm doch mal ins Hinterzimmer herunter, meine Liebe«, flötete Mr. Pecksniff, »und bring auch deine Schwester mit!« »Ja, lieber Papa«, antwortete Gratia und kam gleich darauf gehorsam und trällernd mit Charitas heruntergehüpft. War das eine Bestürzung, als sie bei ihrem teuern Papa einen Fremden sitzen fanden! Und erst die stumme Überraschung, als er ihnen Mr. Chuzzlewit vorstellte und erklärte, er und Mr. Chuzzlewit seien jetzt Freunde und Mr. Chuzzlewit habe ihm soviel Liebes und Freundliches gesagt, daß es ihn im innersten Herzen ergriffen hätte. »Dem Himmel sei Dank dafür!« riefen sie wie aus einem Munde und fielen dem alten Herrn um den Hals. Mit unbeschreiblicher Glut und Zärtlichkeit hingen sie an seinem Nacken, gruppierten sich dann um seinen Stuhl und beugten sich über ihn, als gebe es fürderhin keine größere Erdenfreude mehr für sie, als ihm alle seine Wünsche an den Augen abzulesen und für den Rest seines Daseins alle die Liebe auf sein Haupt zu häufen, die er so lange – der liebe Trotzkopf! – von sich gewiesen. Der alte Mann sah einigemal von der einen zur andern. »Wie heißen sie?« fragte er, als Mr. Pecksniffs Auge – der bisher fromm zum Himmel aufgesehen wie ein verendender Schwan – dem seinen begegnete, »wie heißen sie?« Mr. Pecksniff vertraute es ihm an und setzte – seine Verleumder würden natürlich wieder behauptet haben: mit Rücksicht auf testamentarische Gedanken, die dem alten Martin durch den Kopf gehen mochten – etwas hastig hinzu: »Vielleicht, meine Kinder, würdet ihr gut tun, eure Namen auf ein Blatt Papier aufzuschreiben. Eure bescheidenen Autogramme sind zwar an sich bedeutungslos, aber die Liebe sieht nicht auf äußern Wert.« »Die Liebe«, fiel der alte Mann ein, »wird sich an die lebenden Originale halten. Bemüht euch nicht, meine Kinder. Ich werde euch nicht so leicht vergessen, Charitas und Gratia, als daß es solcher Erinnerungszeichen bei mir bedürfte, Vetter!« »Sir?« rief Mr. Pecksniff dienstfertig. »Setzen Sie sich denn nie?« »O ja – hin und wieder wohl, Sir«, antwortete Mr. Pecksniff, der die ganze Zeit über gestanden hatte. »Haben Sie jetzt keine Lust dazu?« »Wie mögen Sie nur fragen?« antwortete Mr. Pecksniff und ließ sich rasch auf einen Stuhl nieder. »Wo ich doch sehe, daß Sie es wünschen.« »So sprechen Sie jetzt und meinen es auch gut«, sagte Martin; »aber ich fürchte, Sie wissen nicht, was es bedeutet, den Launen eines alten Mannes Rechnung zu tragen, seinen Liebhabereien oder Abneigungen Verständnis entgegenzubringen, sich seinen Vorurteilen zu fügen, allen seinen Wünschen zu willfahren, an seinem Argwohn und seiner Eifersucht Nachsicht zu üben und doch in seinem Dienste nicht zu erlahmen! Wenn ich bedenke, welche zahllosen Fehler ich besitze und wie hart ich noch vor kurzem über Sie geurteilt habe, so wage ich es kaum, auf Ihre Freundschaft Anspruch zu machen.« »Mein lieber, wertgeschätzter Herr«, rief Mr. Pecksniff, »wie können Sie sich nur in einer für uns so schmerzlichen Weise äußern? – Was ist natürlicher, als daß Sie einen so verzeihlichen kleinen Mißgriff begehen mußten, wo Sie in jeder Hinsicht leider so triftigen Grund hatten, von Ihrer ganzen Umgebung stets das Schlechteste zu denken!?« »Wahr«, seufzte Martin. »Sie verfahren sehr gelinde mit mir.« »Wir haben immer gesagt – nämlich meine Mädchen und ich«, beteuerte Mr. Pecksniff mit steigender Zutraulichkeit, »daß wir uns nicht wundern dürften, mit feilen Seelen in einen Topf geworfen zu werden, wie beklagenswert es auch sei. Ihr erinnert euch doch, meine Lieben?« Oh, versteht sich, und wie genau! Wohl tausendmal war davon die Rede gewesen. »Jedoch kein Wort der Klage kam über unsere Lippen. Nur hin und wieder sagten wir uns, daß am Ende doch die Wahrheit ans Licht kommt und die Tugend den Sieg davonträgt – wenn auch nicht immer. Ihr entsinnt euch doch noch, meine Kinder?« Entsinnen? Wie konnte er nur zweifeln? »Liebster Papa, welch seltsame, unnötige Frage!« »Und als ich«, hob Mr. Pecksniff mit noch größerer Anschmiegsamkeit wieder an, »als ich Sie in dem kleinen, anspruchslosen Dörfchen sah, wo wir so frei sind zu wohnen, sagte ich Ihnen bloß, mein teurer Herr, Sie seien hinsichtlich meiner Person im Irrtum; das war, glaube ich, alles.« »Nein – nicht alles«, versetzte Martin, der eine lange Zeit dagesessen, die Stirn auf die Hand gestützt, und erst jetzt wieder aufsah. »Sie sagten noch viel mehr. Und das hat mir nebst andern Umständen, die mir zu Ohren kamen, die Augen geöffnet. Sie sprachen in sehr uneigennütziger Weise über – doch wozu seinen Namen nennen; Sie wissen schon, wen ich meine.« Unruhe malte sich in Mr. Pecksniffs Zügen, während er seine fiebernden Hände zusammenpreßte und voll Unterwürfigkeit beteuerte: »Ganz ohne selbstsüchtiges Motiv, Sir, ich kann Ihnen versichern.« »Ich weiß es«, fiel ihm der alte Martin in seiner ruhigen Weise ins Wort, »ich bin überzeugt davon. Und ebenso uneigennützig war es von Ihnen, jene Schar von Harpyien von mir abzulenken und sich ihnen selbst zum Opfer hinzuwerfen. Die meisten anderen Menschen hätten ihnen sogar Vorschub geleistet, um sie sich in ihrer ganzen Raubgier entfalten zu lassen und mir den Kontrast mit dem eigenen Benehmen so recht vor Augen zu führen. Aber Sie fühlten für mich und zogen die Rotte von mir ab. Ich danke Ihnen dafür. Sie sehen, obgleich ich den Ort verlassen habe, so weiß ich doch, was hinter meinem Rücken vorging.« »Sie setzen mich in Erstaunen, Sir!« rief Mr. Pecksniff – diesmal echt verblüfft. »Das, was mir von Ihrem Tun und Lassen zu Ohren kam, beschränkt sich jedoch nicht auf diese Punkte allein. Sie haben einen neuen Gast in Ihrem Hause –« »Allerdings, Sir«, gab der Architekt zu; »es ist so.« »Er muß es verlassen.« »Um – um wieder zu Ihnen zu ziehen?« fragte Mr. Pecksniff mild mit tremolierendem Ton. »Er soll sich ein Obdach suchen, wo er mag«, entgegnete der alte Mann. »Er hat Sie hintergangen.« »Ich will nicht hoffen«, sagte Mr. Pecksniff hastig. »Nein, nein, ich kann das nicht glauben. Ich bin dem jungen Manne außerordentlich zugetan gewesen, und unmöglich kann sich's jetzt herausstellen, daß er allen Anspruch auf meinen Schutz verwirkt hat. Hintergangen?! – Freilich, wenn er mich hintergangen hätte, mein teurer Mr. Chuzzlewit, so – so würde das allerdings entscheidend sein. Ich müßte es dann für meine Pflicht halten, mich auf der Stelle von ihm loszusagen.« Der alte Mann blickte auf seine beiden schönen Karyatiden, namentlich aber auf Miss Gratia, der er sogar voll ins Gesicht sah, und mit weit größerem Interesse, als sich bisher in seinen Zügen ausgedrückt hatte. Dann begegnete er wieder Mr. Pecksniffs Auge und bemerkte ruhig: »Sie wissen natürlich, daß er sich bereits seine künftige Gattin gewählt hat?« »Gott im Himmel!« rief Mr. Pecksniff und strich sich mit einem entsetzten Blick auf seine Töchter das Haar möglichst steif in die Höhe. »Das fängt ja furchtbar an!« »Sie wissen also gar nichts davon?« forschte Martin. »Aber er tat es doch hoffentlich nicht ohne Zustimmung seines Großvaters, mein teurer Herr? Ich beschwöre Sie bei der Ehre der menschlichen Natur, sagen Sie nein!« »Dachte ich's doch, daß er's verschwiegen hat!« murmelte der alte Mann. Der edle Unwille, der Mr. Pecksniff bei dieser schrecklichen Enthüllung ergriff, war nur mit dem auflodernden Zorne seiner Töchter zu vergleichen. Wie! So hatten sie also eine verkappte Schlange am heimischen Herde geborgen – ein Krokodil, das hinterlistigerweise bereits über seine Hand verfügt – einen Betrüger der menschlichen Gesellschaft – einen bankerotten Junggesellen, der unter falschen Vorspiegelungen mit der jungfräulichen Welt sein Spiel trieb? Und ach! Denken zu müssen, daß er in störrischem Ungehorsam den lieben, den ehrwürdigen alten Herrn gekränkt hatte, dessen Namen er trug – diesen freundlichen und zärtlichen Vormund, der ihm – von Mutter gar nicht zu sprechen – mehr als ein Vater gewesen war! Schrecklich, schrecklich! – Ihn mit Schmach und Schande aus dem Hause zu jagen, wäre noch eine viel zu sanfte Behandlung für ihn! Ließ sich ihm denn nicht noch etwas anderes antun? Hatte er nicht noch etwas verbrochen, das irgend Anlaß geben könnte, ihn den Gerichten zu überliefern? Wär' es denn möglich, daß die Gesetze des Landes an so wesentlichen Mängeln litten, um nicht einmal für solche Vergehungen eine Strafe bereit zu haben? Das Ungeheuer! Wie schändlich hatte es sie getäuscht! »Es freut mich zu sehen, daß Sie so warm mit mir fühlen«, sagte der alte Mann und hob die Hand empor, um dem Strom ihres Grimmes Einhalt zu gebieten. »Ich will zwar nicht in Abrede stellen, daß mir Ihr Eifer Freude macht, aber betrachten wir die Sache jetzt für abgetan.« »Nein, mein teurer Herr«, rief Mr. Pecksniff; »nicht für abgetan, bis ich nicht mein Haus von diesem Schandfleck gesäubert habe.« »Das wird schon von selbst kommen«, beruhigte ihn der alte Mann. »Ich nehme an, es sei bereits geschehen.« »Sie sind sehr gütig, Sir«, bedankte sich Mr. Pecksniff und schüttelte seinem Vetter die Hand. »Ihr Vertrauen ehrt mich. Wirklich, ich versichere Ihnen, Sie können die Sache als erledigt ansehen.« »Ich muß jetzt noch einen anderen Punkt zur Sprache bringen«, nahm Martin seinen Faden wieder auf, »in dem Sie mir hoffentlich auch Ihre Unterstützung nicht versagen werden. Erinnern Sie sich an Mary, Vetter?« »Die junge Dame, meine Kinder, von der ich euch sagte, sie interessiere mich so außerordentlich«, erklärte Mr. Pecksniff. »Entschuldigen Sie, daß ich unterbrochen habe, Sir.« »Ich habe Ihnen, wie Sie sich erinnern werden, ihre Geschichte erzählt.« »Ihr entsinnt euch, meine Lieben, daß ich zu euch gleichfalls davon gesprochen habe«, rief Mr. Pecksniff. »Törichte Mädchen, Mr. Chuzzlewit, ganz gerührt waren sie davon.« »Ei, da sehe einer«, sagte Martin, augenscheinlich sehr vergnügt. »Und ich fürchtete schon, mit ihr lästig zu fallen und Sie bitten zu müssen, ihr um meinetwillen gewogen zu sein. Nun finde ich, daß Sie durchaus nichts gegen sie haben! Gut! Ihr braucht auch nicht eifersüchtig auf sie zu sein. Sie weiß, meine Lieben, daß sie von mir nichts zu erwarten hat.« Die beiden Misses Pecksniff bezeugten murmelnd ihren Beifall über diese weise Maßregel und gaben ihrer herzlichen Teilnahme für den interessanten Gegenstand derselben Ausdruck. »Wenn ich hätte voraussehen können, wie wir vier noch einmal miteinander stehen würden –« klagte der alte Mann gedankenvoll. »Doch das ist zu spät jetzt. Ihr würdet sie also liebreich aufnehmen und freundlich behandeln, ihr lieben Mädchen?« Wo war die Waise, die die beiden Misses Pecksniff nicht zärtlich an ihren schwesterlichen Busen gedrückt hätten? Wenn aber nun gar diese Waise von einem Manne ihrer Obhut empfohlen wurde, über den sich jetzt ihre seit vielen Jahren aufgespeicherte Zärtlichkeit in Strömen ergoß, welch unerschöpflichen Vorrat reiner Zuneigung hatte sie da nicht von solchen freundschaftschmachtenden Herzen zu erwarten. Es folgte eine längere Pause, während der Mr. Chuzzlewit stumm und in seltsamer Geistesabwesenheit den Boden anstarrte. Da er augenscheinlich in seinen Betrachtungen nicht unterbrochen zu werden wünschte, so verhielten sich Mr. Pecksniff und seine Töchter gleichfalls mäuschenstill. Im Laufe des ganzen vorhergegangenen Dialogs hatte er mit kalter, leidenschaftsloser Geläufigkeit gesprochen, als sage er eine schon hundertmal und sorgfältig einstudierte Rolle herunter; selbst wenn er die wärmsten Worte gebraucht hatte. Jetzt aber leuchtete sein Auge heller auf, und seine Stimme wurde ausdrucksvoller, als er, aus seinem gedankenvollen Brüten erwachend, fortfuhr: »Sie wissen aber doch, was man davon halten wird? Haben Sie sich das auch überlegt?« »Von was halten wird, mein teurer Herr?« fragte Mr. Pecksniff. »Von diesem plötzlichen Einvernehmen zwischen uns.« Mr. Pecksniff nahm eine wohlwollend scharfsinnige Miene an, in der sich zu gleicher Zeit die Erhabenheit über alle irdische Mißdeutung aussprach, und gab nickend zu, daß ohne Zweifel unsäglich viel darüber gesprochen werden würde. »Allerdings unsäglich viel«, wiederholte der alte Mann. »Man wird sagen, daß ich in meinem hohen Alter zu faseln anfange, daß mich meine Krankheit mürbe gemacht habe, daß alle Kraft des Geistes von mir gewichen und ich kindisch geworden sei. Werden Sie das ertragen können?« Mr. Pecksniff gestand, es sei freilich eine schrecklich schwere Aufgabe, aber doch glaube er dazu fähig zu sein, wenn er seine ganze Kraft zusammennähme. »Wieder andere werden sagen – ich spreche natürlich nur von dem Heer der Enttäuschten –, Sie hätten durch Lügen, Schmeicheleien und sonstige nichtswürdige Mittel sich meine Gunst erschlichen, hätten die heillosesten Zugeständnisse gemacht und ließen sich eine so herabwürdigende und entehrende Behandlung gefallen, daß nicht einmal die Schätze unseres halben Erdballes eine genügende Entschädigung dafür bieten könnten. Fällt Ihnen auch das nicht zu schwer?« Mr. Pecksniff erwiderte, daß solche Nachreden freilich gleichfalls sehr hart zu ertragen wären, da sie gewissermaßen Mr. Chuzzlewits gesundes Urteil in Abrede stellten; er habe jedoch die bescheidene Selbstzuversicht, sich angesichts seines guten Gewissens und der Freundschaft des alten Herrn sogar über derartige Schmähungen hinwegsetzen zu können. »Der große Haufe der Lästerzungen und Verleumder«, fuhr der alte Martin fort und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, »wird, wie ich klar voraussehe, die Sache so auffassen: ich hätte, um dem erbärmlichen Gesindel meine Verachtung recht augenfällig kund zu tun, aus seiner Mitte den Allerelendesten ausersehen, ihn zu meinem willfährigen Sklaven gemacht und ihn auf Kosten aller übrigen Verwandten bereichert. Nachdem ich mich lange nach Züchtigungsmitteln umgesehen, die die Herzen dieser Aasgeier am tiefsten verwundeten, hätte ich diesen Plan in einem Zeitpunkt entworfen, als das letzte Kettenglied, das mich noch an mein Geschlecht gefesselt, mit roher Hand zerrissen wurde, mit roher Hand, sage ich – denn ich hing an Martin –, mit roher Hand, denn ich hatte immer auf seine Anhänglichkeit gebaut, mit roher Hand, da er das Band zerriß, als ich – so wahr mir Gott helfe – am zärtlichsten für ihn sorgen wollte, und mich gefühllos von sich stieß, während ich noch mit ganzer Seele an ihm hing! Nun«, setzte der alte Mann hinzu, den leidenschaftlichen Ausbruch seiner Gefühle ebenso schnell unterdrückend, als er sich ihm hingegeben, »sind Sie entschlossen, auch dies über sich ergehen zu lassen? Machen Sie sich darauf gefaßt, daß Sie es zu ertragen haben werden, und bauen Sie nicht darauf, daß ich mich Ihrer annehme.« »Mein lieber Mr. Chuzzlewit«, rief Mr. Pecksniff, von Begeisterung überwältigt, »für einen Mann, wie Sie sich heute gezeigt haben – für einen Mann, der so tief gekränkt und doch so voll Menschenliebe ist – für einen, ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll – für einen zu gleicher Zeit so außerordentlichen Mann – ja, ich hoffe, es ist keine Anmaßung, wenn ich sage – und ich bin überzeugt, meine Kinder sind ganz meiner Ansicht (nicht wahr, meine Lieben, wir stimmen hierin vollkommen überein?) – für – für einen Mann, wie er mir immer als Ideal vorgeschwebt, könnte ich alles ertragen!« »Gut«, sagte Martin. »Mir dürfen Sie also wegen der Folgen keine Vorwürfe machen! – – Wann kehren Sie nach Hause zurück?« »Sobald es Ihnen beliebt, mein wertgeschätzter Herr. Heute abend noch, wenn Sie es verlangen.« »Ich verlange nichts«, erwiderte der Alte. »Eine solche Forderung wäre unbillig. Paßt es Ihnen Ende dieser Woche?« – Zu dieser Zeit gerade am allerbesten, würde Mr. Pecksniff versichert haben, wenn ihm nicht seine Töchter mit dem Ausruf zuvorgekommen wären: »Wir wollen also Samstag aufbrechen, liebster Papa.« – »Und Ihre Auslagen, Vetter«, sagte Martin und zog einen zusammengelegten Papierstreifen aus seiner Brieftasche, »übersteigen vielleicht diese Summe. Wenn dem so ist, so lassen Sie mich, was ich Ihnen noch schulde, bei unserer nächsten Zusammenkunft wissen. Es wäre zwecklos, wenn ich Ihnen meinen gegenwärtigen Aufenthalt angeben wollte, da ich mich nirgends lange aufhalte. Sollte es doch nächstens einmal der Fall sein, so werde ich es Sie wissen lassen. Sie und Ihre Töchter werden mich in Bälde zu sehen bekommen; auch brauche ich Ihnen wohl kaum zu sagen, daß hinsichtlich des Vorgefallenen strengste Verschwiegenheit herrschen muß. Was Sie zu tun haben, wenn Sie nach Hause kommen, ist bereits zwischen uns abgemacht. Sie brauchen mir darüber nicht zu berichten, auch später die Sache unter keinen Umständen weiter zu erwähnen. Ich muß mir diese Gunst von Ihnen erbitten. Ich bin kein Freund von vielen Worten, Vetter, und alles Nötige ist, glaube ich, bereits besprochen.« »Nehmen Sie doch ein Glas Wein – einen Bissen von diesem hausgebackenen Kuchen!« rief Mr. Pecksniff, bemüht, den alten Herrn nach Kräften zurückzuhalten. »Meine Lieben – –« – Die Schwestern flogen nur so, um ihn zu bedienen. – »Die armen Mädchen!« klagte Mr. Pecksniff. »Sie müssen ihre Aufregung entschuldigen, mein werter Herr, denn sie sind durch und durch Empfindung. Eine schlimme Mitgift, um damit durch die Welt zu kommen, Mr. Chuzzlewit! Meine jüngste Tochter ist fast schon so sehr Weib wie die ältere – finden Sie nicht auch, Sir?« »Welche ist die jüngere?« fragte der alte Mann. »Gratia – um fünf Jahre. Wir wagen bisweilen, sie ziemlich hübsch gewachsen zu finden, Sir. Als Künstler zu sprechen, ist mir vielleicht zu bemerken erlaubt, daß ihre Umrisse anmutig und korrekt sind. Natürlich«, setzte Mr. Pecksniff hinzu, trocknete sich den Angstschweiß mit seinem Taschentuch von den Händen und sah fast bei jedem Worte seinem Vetter aufmerksam besorgt ins Gesicht – »natürlich bin ich stolz darauf – wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf –, eine Tochter zu besitzen, die nach den besten Modellen konstruiert ist.« »Sie scheint ein lebhaftes Temperament zu haben«, warf Martin hin. »Bei Gott!« rief Mr. Pecksniff, »Wie außerordentlich merkwürdig! Sie haben ihren Charakter getroffen, mein werter Herr, als ob Sie sie von ihrer Geburt an gekannt hätten. – Freilich hat sie ein lebhaftes Temperament. Ich versichere Ihnen, mein werter Herr, in unserer anspruchslosen Heimat ist ihr Frohsinn fast sprichwörtlich.« »Ich zweifle nicht im mindesten daran«, entgegnete der alte Mann. »Andererseits zeichnet sich Charitas durch hellen Verstand und Gemütstiefe aus, wenn eine solche Beurteilung aus dem Munde eines Vaters nicht parteiisch klingt. Es herrscht eine wunderbare Harmonie unter ihnen, mein teurer Herr! Erlauben Sie mir, auf Ihre Gesundheit zu trinken. Gottes Segen über Sie!« »Ich hätte mir's vor einem Monat nicht träumen lassen«, murmelte Martin, »daß ich noch einmal mit Ihnen Brot und Wein genießen würde. – Auf Ihr Wohl!« Nicht weiter durch die ungewöhnliche Schroffheit, mit der die letzten Worte gesprochen wurden, betroffen, drückte Mr. Pecksniff Martin seinen tiefstgefühlten Dank aus. »Jetzt lassen Sie mich aber gehen«, sagte der Alte und stellte das Weinglas wieder nieder, das er kaum mit den Lippen berührt hatte. »Meine Lieben, guten Morgen!« Dieses kühle Lebewohl war nicht zärtlich genug für die sehnsuchtsvollen Herzen der jungen Damen, und immer wieder und wieder umarmten sie den alten Herrn mit großer Innigkeit. Weit gutmütiger, als man von ihm hätte erwarten können, fügte dieser sich in ihre Liebkosungen, trotzdem er kaum einen Augenblick früher ihren Vater so wenig gefühlvoll abgefertigt hatte. Nach glücklicher Beendigung der Zeremonie nahm Mr. Chuzzlewit hastig Abschied und entfernte sich, während ihn Vater und Töchter zur Haustüre begleiteten, dort stehen blieben und ihm, von Liebe überströmend, Kußhändchen nachwarfen, bis er außer Sicht war, trotzdem er sich befremdlicherweise kein einziges Mal umdrehte. Als sie alle wieder in Mrs. Todgers' Zimmer versammelt waren, entwickelten die beiden jungen Damen eine ungewöhnliche Heiterkeit, klatschten in die Hände und lachten mit schelmischen Mienen und neckischen Gebärden ihren teuern Papa an. Dieses Benehmen war so unerklärlich, daß Mr. Pecksniff, der stets sehr ernster Natur war, nicht umhin konnte, ihnen wegen ihres leichtfertigen Sichgehenlassens in seiner milden Weise die entsprechenden Vorwürfe zu machen. »Wenn ich mir nur den entferntesten Grund für solche Lustigkeit denken könnte«, sagte er, »so würde ich euch nicht tadeln. So aber, wo nicht der geringste Anlaß dazu ist – – nein, wahrhaftig – wahrhaftig – –!« Diese Ermahnung machte leider so wenig Eindruck auf Gratia, daß sie sich in ihrem Sessel zurückwerfen und das Taschentuch vor ihre rosigen Lippen halten mußte, um nicht vor Lachen loszubrechen. Ein solcher Mangel an kindlicher Achtung mußte Mr. Pecksniff naturgemäß kränken, und eben wollte er eine angemessene Standrede halten und den väterlichen Rat hinzufügen, sie möge sich durch Selbstbetrachtung in der Einsamkeit zu bessern suchen, als ihn der Lärm streitender Stimmen aus dem Nebenzimmer unterbrach. »Mir ganz wurst, Mrs. Todgers«, hörte man den jungen Herrn sagen, der am Tage des Banketts der jüngste unter den Gentlemen gewesen war. »Kümmert mich auch nicht so viel « – er schnappte dabei mit den Fingern – »der – der Jinkins, Madam! Glauben Sie mir das!« »Ich bin vollkommen davon überzeugt, Sir«, versetzte Mrs. Todgers. »Ich weiß, Sie haben einen zu unabhängigen Charakter, um irgend jemandem nachzugeben. Und zwar mit Recht. Es ist kein Grund vorhanden, warum Sie irgendeinem Gentleman nachstehen sollten – das muß jedermann einsehen.« »Ich würde mir so wenig daraus machen, das Tageslicht dem Kerl durch den Leib scheinen zu lassen«, rief der »jüngste Gentleman« außer sich vor Empörung, »wie einem Bullenbeißer.« Mrs. Todgers hielt sich nicht lange mit der Erörterung der Frage auf, warum gerade ein Bullenbeißer den Gipfel der Wurstigkeit bei einem solchen Prozeß darstelle, sondern rang nur stöhnend die Hände. »Er soll sich in acht nehmen«, zischte der jüngste Gentleman. »Ich warne ihn. Niemand soll es wagen, sich zwischen mich und den Strom meiner Rache zu werfen! Ich kenne einen – ›Kerl‹ –« versprach er sich in seiner Aufregung, verbesserte sich aber rasch, »einen vermögenden Gentleman, will ich sagen, der ein paar Pistolen besitzt. Wenn man mich so weit treibt, mir sie von ihm auszuborgen und Jinkins einen ›unangenehmen Herrn‹ zu schicken, so kriegen die Zeitungen ein Trauerspiel zu berichten. Weiter sage ich nichts.« Mrs. Todgers stöhnte abermals. »Ich hab' lange genug zugesehen«, fuhr der jüngste Gentleman fort, »aber jetzt empört sich alles in mir dagegen, und ich halte es nicht länger aus. Ich habe meinem Vaterhaus den Rücken gekehrt, weil sich etwas in mir dagegen auflehnte, mich von meiner Schwester herumkommandieren zu lassen, und glauben Sie vielleicht, ich werde mir hier von diesem Kerl auf den Kopf spucken lassen? O nein.« »Es ist sehr unrecht von Mr. Jinkins – ich gebe zu, es ist geradezu unentschuldbar von Mr. Jinkins, wenn er wirklich so etwas beabsichtigt – –« wollte Mrs. Todgers zu besänftigen anfangen. »Wenn er so etwas beabsichtigt?« rief der jüngste Gentleman. »Unterbricht er mich und widerspricht er mir vielleicht nicht bei jeder Gelegenheit? Versäumt er je, zwischen mich und die Gegenstände oder Personen zu treten, von denen er sieht, daß ich mein Auge auf sie geworfen habe? Tut er nicht immer, als habe er mich nur vergessen, wenn er das Bier verteilt? Renommiert er vielleicht nicht immer mit seinem Rasiermesser und läßt er nicht kränkende Bemerkungen über Leute fallen, bei denen es angeblich ein Radiergummi täte? Er soll nur zusehen, daß er sich nicht eines schönen Tages glatter rasiert findet, als ihm lieb ist. Das sage ich ihm ins Gesicht!« Hinsichtlich des Schlußsatzes war nun allerdings der junge Gentleman ein wenig im Irrtum, sintemalen er nie etwas zu Mr. Jinkins persönlich sagte, sondern es immer nur hintenherum durch Mrs. Todgers sagen ließ. »Indes«, fuhr er fort, »sind das keine geeigneten Themen für Frauenohren. Ich habe Ihnen jetzt weiter nichts mehr zu sagen, Mrs. Todgers, als daß ich für Samstag über acht Tage Kost und Quartier gekündigt sehen will. Ich kann nicht länger dieselbe Luft mit diesem Elenden atmen. Wenn's in der Zwischenzeit ohne Blutvergießen abläuft, so können Sie sich glücklich schätzen; ich glaube es aber kaum.« »Ach Gott, ach Gott«, jammerte Mrs. Todgers, »was gäb ich drum, wenn ich's hätte verhindern können! In Ihnen verliert das Haus seine rechte Hand. Sie sind so beliebt bei den Herren! Alles hat Sie gern und richtet sich nach Ihnen! Ich hoffe, Sie besinnen sich noch eines Besseren, und wenn's schon nicht der andern wegen ist, so tun Sie's doch um meinetwillen!« »Sie haben ja den Jinkins«, schmollte der jüngste Gentleman. »Ihren Liebling. Er wird Sie und die Herren für den Verlust von zwanzig solchen Kostgängern, wie ich bin, zu trösten wissen. – Man versteht mich in diesem Hause nicht – hat mich nie verstanden.« »Scheiden Sie nicht in dieser Meinung von mir, Sir«, rief Mrs. Todgers mit edlem Unwillen. »Sie dürfen meiner Anstalt so etwas nicht nachsagen! So schlimm ist's noch nicht, Sir. Gegen die Herren oder mich können Sie äußern, was Sie wollen, nur sagen Sie nicht, daß man Sie in diesem Hause nicht verstanden hat!« »Wenigstens hat man mich nicht danach behandelt«, lenkte der jüngste Gentleman ein. »Da sind Sie gewaltig im Irrtum«, protestierte Mrs. Todgers eifrig. »Ich und viele von den Herren haben oft gesagt, Sie sind zu sensüdiv; da sitzt der Haken. Sie haben eine zu empfindsame Natur, sind zu seelenvoll.« Der »jüngste Gentleman« hustete. »Und was – was Mr. Jinkins betrifft, wenn es denn wirklich bei der Aufkündigung bleiben soll, so mögen Sie wissen, daß ich ihm durchaus keine Brücke nicht trete. Keine Spur von einer Idee! Es wär mir sogar recht lieb, wenn Mr. Jinkins in diesem Edablissemang einen weniger hohen Ton annehmen möchte und nicht immer Anlaß zu Mißhelligkeiten zwischen mir und den Herren geben, die ich weit lieber an meinem Tisch hab als ihn. – Mr. Jinkins ist kein Kostgänger nicht danach, Sir«, fügte sie hinzu, »daß man alle Rücksichten des Gefühls und der Achtung seinetwegen beiseite lassen könnt – ganz im Gegenteil, das sag ich Ihnen.« Der junge Gentleman wurde durch diese und ähnliche Vorstellungen schließlich so butterweich, daß am Ende Mrs. Todgers die Gekränkte war und er der Schuldige; – letzteres allerdings nicht im bösen Sinne, denn die wackere Frau hielt seine Grausamkeit seinem exaltierten Naturell zugute. Er nahm daher zuletzt seine Aufkündigung wieder zurück, versicherte Mrs. Todgers seiner unwandelbaren Hochachtung und ging wieder an seine Geschäfte. »Ach, du mein Gott, Misses Pecksniff!« sagte Mrs. Todgers, als sie in das Hinterstübchen trat, sich erschöpft niedersetzte und dabei ihren Korb auf die Knie stellte und die Hände darüber faltete, »was für eine Geduld dazu gehört, solch ein Haus zu halten! Sie müssen doch gehört haben, was sich da wieder getan hat. – Ist so was schon dagewesen?!« »Nie!« versicherten die beiden Misses Pecksniff. »Von all den lächerlichen jungen Leuten, mit denen ich schon zu tun gehabt hab, ist das der allerlächerlichste und unvernünftigste. Mr. Jinkins ist manchmal ein bißchen von oben herunter mit ihm, aber noch lang nicht so von oben herunter, wie er es verdient. Einen Gentleman wie Mr. Jinkins nur in einem Atem mit ihm zu nennen – wissen Sie, das ist zuviel! Und doch ist er immer so eifersüchtig auf ihn, als ob er seinesgleichen wär – Gott im Himmel!« Die jungen Damen waren von Mrs. Todgers' Bericht höchlichst ergötzt und nicht minder von gewissen Anekdoten, mit denen sie den Charakter des »jüngsten Gentlemans« näher zu beleuchten fortfuhr. Nur Mr. Pecksniff machte eine sehr ernste und indignierte Miene, und als sie fertig war, sagte er mit feierlicher Stimme: »Bitte, Mrs. Todgers, wenn ich fragen darf – wieviel steuert dieser junge Gentleman zur Unterhaltung der Anstalt bei?« »Je nun, Sir, für das, was er braucht, zahlt er ungefähr achtzehn Schilling wöchentlich.« »Achtzehn Schillinge wöchentlich?« wiederholte Mr. Pecksniff. – »Eins zum andern gerechnet, wird's so ziemlich auf das hinauslaufen«, meinte Mrs. Todgers. Mr. Pecksniff stand von seinem Stuhle auf, verschränkte die Arme, sah die Pensionsinhaberin vorwurfsvoll an und schüttelte das Haupt. »Und ist das wirklich Ihr Ernst, Madam – ist's möglich, Mrs. Todgers, daß eine Frau von ihrem Verstand sich wegen der erbärmlichen Rücksicht auf wöchentlich achtzehn Schillinge auch nur einen Augenblick so weit erniedrigen kann, sich der Achselträgerei hinzugeben?« »Ich muß halt mein Zeug nach Kräften in Ordnung halten, Sir«, stotterte Mrs. Todgers. »Ich muß für den Frieden Sorge tragen und es mir womöglich mit meinen Konnexionen nicht verschütten, Mr. Pecksniff. Der Profit ist sehr gering.« »Der Profit?« rief der Treffliche, einen großen Nachdruck auf dieses Wort legend. »Der Profit, Mrs. Todgers? Sie setzen mich in Erstaunen!« Er machte dabei ein so strenges Gesicht, daß Mrs. Todgers die Tränen in die Augen traten. »Der Profit!« wiederholte Mr. Pecksniff. »Ein Profit durch Heuchelei erkauft! Das goldene Kalb des Baal anzubeten um achtzehn Schillinge wöchentlich!« »Beurteilen Sie mich im Bewußtsein Ihrer eignen Tugendhaftigkeit nicht zu hart, Mr. Pecksniff«, rief Mrs. Todgers und zog ihr Taschentuch heraus. »O Kalb, Kalb!« seufzte Mr. Pecksniff wehmütig. »O Baal, Baal! O meine Freundin Todgers! Die Selbstachtung, dieses köstliche Juwel, wegzuwerfen und vor einem sterblichen Wesen im Staube zu kriechen für achtzehn Schillinge wöchentlich!« Diese Reflexion wirkte so niederschmetternd auf ihn, daß er unverzüglich im Flur draußen seinen Hut vom Haken herunternahm und einen Spaziergang machte, um sein Gemüt zu beruhigen. Und wer ihm auf der Straße begegnete, mußte auf den ersten Blick den Gerechten in ihm erkennen, so sehr hob sich seine Brust im Bewußtsein der Sittenpredigt, die er soeben Mrs. Todgers gehalten. Achtzehn Schillinge wöchentlich! Gerecht, höchst gerecht, edler Pecksniff, war dein Tadel! Hätte es sich allenfalls um einen Orden gehandelt, um das anerkennende Lächeln eines großen Mannes, um einen Sitz im Parlament, um den Schlag eines adelnden Schwertes auf die Schulter, um eine hohe Stelle, eine gute Partie, allenfalls um achtzehntausend oder auch nur um achtzehnhundert Pfund; – ja dann! – Aber das goldene Kalb für achtzehn Schillinge wöchentlich anzubeten! O Jammer, Jammer! 11. Kapitel Worin ein gewisser Herr einer gewissen Dame seine besondere Aufmerksamkeit zollt und mehr als ein zukünftiges Ereignis seine Schatten vorauswirft In zwei oder drei Tagen sollte die Familie von Todgers' abreisen, und die Herren Handelsbeflissenen waren samt und sonders wegen der bevorstehenden Trennung untröstlich. Miss Charitas Pecksniff saß gerade mit ihrer Schwester im Bankettsaale und säumte für Mr. Jinkins sechs neue Taschentücher, als »Old Bailey« eintrat, zuvörderst den frommen Wunsch ausdrückte, er »wolle verdammt sein», und dann in seiner einschmeichelnden Weise der jungen Dame zu verstehen gab, es harre ihrer im Gesellschaftszimmer ein Besuch, der ihr seine Aufwartung zu machen wünsche. Vielleicht bewies diese Mitteilung schlagender als die längsten Reden die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit des jugendlichen Portiers, sintemalen er in der Tat den Besuch zuletzt an der Haustüre gesehen und nach dem Bedeuten, sich nur hinaufzubemühen, seinem eigenen Orts- und Spürsinn überlassen hatte. Ausgeschlossen war es daher keineswegs, daß der Gast in diesem Augenblick nach dem Dache des Hauses hinaufwanderte oder sich vergeblich aus einem Labyrinth von Schlafkammern herauszuwinden suchte, zumal Mrs. Todgers' Etablissement ganz das Haus danach war, in dem ein Fremder ohne ortskundigen Lotsen recht hübsch in die Lage kommen konnte, an einen Platz zu gelangen, den er am allermindesten erwartete oder wünschte. »Ein Herr zu mir?« rief Charitas und hielt in ihrer Arbeit inne. »Was nicht gar, Bailey!« »Oder vielleicht ja gar», sagte Old Bailey neckisch. Diese Bemerkung wäre an sich etwas dunkel gewesen, wenn sie der Jüngling nicht mit einer Pantomime begleitet hätte, die ein Arm in Arm zum Altar schreitendes Liebespärchen darstellen und damit die zärtlichen Absichten des Besuches draußen andeuten sollte. Miss Charitas tat, als ob sie diese Kühnheit höchlich übelnehme, konnte sich aber trotzdem eines Lächelns nicht erwehren. Bailey war freilich ein wunderlicher Junge, aber so albern auch sein Benehmen zu sein pflegte, so lag ihm doch meistens irgend etwas Sinngemäßes zugrunde. »Aber ich kenne hier gar keinen fremden Herrn, Bailey«, sagte Miss Pecksniff. »Du mußt dich wohl geirrt haben.« Mr. Bailey lächelte bloß über die unerhörte Zumutung und betrachtete die jungen Damen mit unverminderter Heiterkeit. »Meine liebe Gratia«, wendete sich Charitas an ihre Schwester, »wer kann das nur sein? Seltsam, nicht? Ich möchte mich am liebsten verleugnen lassen. Weißt du, es ist gar so sonderbar!« Gratia witterte augenblicklich hinter diesen Worten eine versteckte Selbstüberhebung oder die Absicht – da sie selbst soviel Furore bei den Herren Handelsbeflissenen gemacht –, ihre Schwester wolle sich an ihr rächen, und versetzte daher liebreich und feinfühlig, es sei ohne Zweifel »sehr sonderbar« und durchaus unbegreiflich, was der lächerliche Unbekannte mit seinem Besuch wollen könne. »Unbegreiflich! Natürlich!« schrillte Charitas. »Um so unbegreiflicher, daß du dich darüber so ärgerst, mein Herz!« »Ich mich ärgern?« spöttelte Gratia und fing an, eine Arie zu trällern. »Ich fürchte, sie haben dir den Kopf verdreht, du einfältiges Ding«, sagte Charitas. »Weißt du, liebste Schwester«, gestand Gratia mit entzückender Offenherzigkeit, »daß ich das selbst schon lang gefürchtet habe? Soviel Hofmachen und Schmeichelei, soviel Weihrauch und Vergötterung könnte wahrhaftig einen stärkern Kopf als den meinigen verdrehen. Welch ein Trost muß es für dich sein, meine Liebe, es in dieser Hinsicht so gut zu haben und nicht von diesem abgeschmackten Männervolk gequält zu werden. Wie fängst du es nur an, Cherry?« Diese arglose Frage würde zweifelsohne zu den stürmischsten Resultaten geführt haben, hätte nicht Mr. Bailey, außer sich vor Entzücken über die Wendung, die das Gespräch zu nehmen drohte, sich angeschickt, einen ekstatischen Freudentanz aufzuführen, um seinem Ergötzen Ausdruck zu verleihen, und die beiden Schwestern dadurch veranlaßt, getreu ihrer guten Erziehung den Schein zu wahren. Sie vertrugen sich daher schnell wieder und bedeuteten Mr. Bailey einmütig, sie würden, wenn er nicht sofort aufhöre, Mrs. Todgers von seinem Betragen in Kenntnis setzen und eine gebührende Züchtigung für ihn beantragen. Der Jüngling drückte daraufhin sofort die Bitterkeit seiner Zerknirschung dadurch aus, daß er tat, als wische er sich den heißen Tränenstrom mit der Schürze ab und winde sie dann angestrengt aus, öffnete aber gleich darauf, um sein Vergehen wiedergutzumachen, Miss Charitas die Türe, so daß sie prunkvoll abziehen und die Treppe hinaufgehen konnte, ihren geheimnisvollen Anbeter zu empfangen. Infolge eines sonderbaren Zusammenwirkens günstiger Umstände hatte dieser inzwischen das Gesellschaftszimmer glücklich aufgefunden und war jetzt der einzige Insasse desselben. »Ah, Cousine!« begann er. »Da bin ich, wie Sie sehen. Ich möchte wetten, Sie haben geglaubt, ich sei verlorengegangen. Na, wie ist's Ihnen denn in der Zwischenzeit ergangen?« Miss Charitas erwiderte, sie befände sich vollkommen wohl, und reichte Jonas Chuzzlewit die Hand. »Das ist recht«, sagte Mr. Jonas, »und haben Sie sich von den Reisestrapazen gut erholt? – Na, und was macht denn ›die andere‹?« »Ich glaube, meine Schwester ist ebenfalls ganz wohl, wenigstens hat sie sich nicht über Unwohlsein beklagt, Sir. Aber vielleicht wollen Sie sie sehen und selbst fragen?« »Nein, nein, Cousine!« lehnte Mr. Jonas ab und ließ sich neben der jungen Dame am Fenstersitz nieder. »Es eilt gar nicht. Gar kein Grund jetzt. Was Sie doch für ein grausames Mädel sind!« » Sie wissen auch viel, ob ich's bin oder nicht«, erwiderte Cherry. »Hm, wohl möglich«, gab Mr. Jonas zu. »Aber sagen Sie, haben Sie nicht geglaubt, ich sei verlorengegangen? Sie haben mir das noch gar nicht beantwortet.« »Ich habe überhaupt gar nicht darüber nachgedacht«, antwortete Cherry. »Wirklich nicht? Hm, merkwürdig! Na, vielleicht hat's die andere getan?« »Ich kann wahrhaftig nicht sagen, was meine Schwester gedacht oder nicht gedacht hat«, erwiderte Cherry »Sie hat mit mir kein Wort darüber gesprochen.« »Hat sie auch nicht darüber gelacht?« »Nein, nicht einmal das.« »Lachen kann sie fürchterlich – was?« fragte Jonas und dämpfte vertraulich seine Stimme. »Sie ist sehr lebhaft«, gab Cherry zu. »Lebhaftigkeit ist ganz hübsch, wenn sie nur nicht zum Geldausgeben führt. – Meinen Sie nicht auch?« »Allerdings«, entgegnete Cherry mit einer Gesetztheit, die ihrer Antwort einen ungemein uneigennützigen Anstrich verlieh. »So eine Lebhaftigkeit, meine ich, wie die Ihrige«, bemerkte Mr. Jonas und stieß seine Cousine mit dem Ellenbogen an. »Ich hätte Sie schon früher besucht, wußte aber nicht, wo Sie wohnen. – Wie schnell Sie sich an jenem Morgen auf und davon gemacht haben!« »Ich befolgte nur die Weisungen meines Papas.« »Ich wollte, er hätte mir seine Adresse gegeben«, brummte Jonas, »dann hätte ich Sie früher ausfindig gemacht. Es wär' mir sogar jetzt unmöglich gewesen, wenn ich ihn nicht diesen Morgen unterwegs getroffen hätte. – Was er für ein aalglatter, schlauer Kunde ist, ganz wie ein Kater – hab ich nicht recht?« »Möchten Sie nicht gefälligst ein wenig achtungsvoller von meinem Vater sprechen, Mr. Jonas«, erwiderte Charitas. »Ich kann einen solchen Ton nicht dulden – nicht einmal im Scherz.« »Ah bah! Sie können von meinem Vater ja auch sagen, was Sie wollen; ich gebe Ihnen volle Erlaubnis dazu«, entgegnete Jonas. »Ich glaube, es ist bloß der Wunsch, einem im Wege zu sein, der ihn am Leben erhält, und nicht der Blutkreislauf. – Für wie alt halten Sie übrigens meinen Vater, Cousine?« »Er ist sicher hochbetagt«, schätzte Miss Charitas; »aber dabei ein schöner alter Gentleman.« »Ein schöner alter Gentleman!« höhnte Jonas und schlug ärgerlich auf den Deckel seines Hutes. »Hm. Na! Ich dächte, es wäre schon höchste Zeit, daß er – – –. Achtzig Jahre ist er jetzt glücklich!« »Wirklich?« »Und Schockschwerenot, hat er's schon so weit gebracht, ohne abzukratzen, möchte ich wissen, was ihn hindern sollte, neunzig oder gar hundert zu werden. Ein Mensch mit nur ein bißchen Gefühl im Leib sollte sich schämen, achtzig Jahre alt zu werden – von mehr gar nicht zu reden. Möchte gern wissen, wo da die Religion bleibt, wenn einer dermaßen die Bibel zuschanden macht. Siebzig Jahr, wenn's hoch kommt, sagt die Bibel, dauert das Leben, und kein Mensch, der einigermaßen Gewissen und Gefühl für das besitzt, was von ihm erwartet wird, hat nach dieser Zeit noch etwas auf der Welt zu schaffen –. Aber genug jetzt von dem Alten. Wozu sich da auch noch giften. – Ich bin gekommen, um Sie zu einem Spaziergang abzuholen, Cousine, damit Sie ein paar der Sehenswürdigkeiten in Augenschein nehmen können. Dann kommen Sie mit mir in unser Haus und nehmen einen kleinen Imbiß ein. Pecksniff wird, wie er sagt, gegen Abend wahrscheinlich auch vorsprechen und Sie nach Hause bringen. Wenn Sie mir übrigens nicht glauben wollen, kann ich's Ihnen ja schriftlich beweisen; ich ließ mir dies da von ihm geben, weil er mir sagte, er habe noch ein paar Besorgungen zu machen. Gelt, es geht halt nichts über schwarz auf weiß. Ha, ha! – Übrigens, vergessen Sie nicht, auch ›die andere‹ mitzubringen!« Miss Charitas warf einen Blick auf das Autogramm ihres Vaters, das bloß die Worte enthielt. »Geht mit eurem Vetter, Kinder. Laßt womöglich Einigkeit unter uns walten«, zierte sich noch eine Weile, um ihrer Einwilligung den gebührenden Wert zu verleihen, und entfernte sich dann, um sich mit ihrer Schwester für den Ausflug anzuziehen. Bald darauf kehrte sie wieder zurück, von Miss Gratia begleitet, der es durchaus nicht behagte, den Schauplatz ihrer Triumphe in Todgers' Etablissement der Gesellschaft Mr. Jonas' und seines achtbaren Vaters wegen zu verlassen. »Aha!« rief Jonas. »Aha, da sind Sie ja – was?« »Ja, Sie Ekel« versetzte Gratia, »da bin ich. – Ich kann Ihnen aber versichern, daß ich weit lieber anderswo wäre.« »Das ist doch nicht Ihr Ernst?« rief Mr. Jonas. »Mir werden Sie nicht einreden, daß das wirklich Ihr Ernst ist.« »Denken Sie sich, was Sie wollen, Sie Ekel«, erwiderte Gratia. »Ich bleibe bei meiner Ansicht, und die ist, daß Sie ein unangenehmer, abscheulicher, widerwärtiger Mensch sind.« Dabei lachte sie herzlich und schien überhaupt äußerst vergnügt zu sein. »Na, Sie sind mir die richtige!« sagte Mr. Jonas. »Nicht wahr, sie ist ein Lausmädel – was, Cousine?« Miss Charitas erwiderte, sie sei wirklich außerstande, zu sagen, worin die Hauptmerkmale eines »Lausmädels« bestünden, und wenn sie auch in dieser Hinsicht informiert wäre, so könne sie doch unmöglich einräumen, daß ein Geschöpf mit so unzeremoniösem Namen in ihrer Familie existiere – am allerwenigsten in der Person einer geliebten Schwester, »welcher Art«, setzte sie mit einem giftigen Blick hinzu, »welcher Art deren wahrer Charakter auch sein möge.« »Alles recht schön, mein Schatz«, sagte Gratia, »aber ich erkläre, wenn wir nicht bald ausgehen, nehme ich meinen Hut wieder ab und bleibe zu Hause.« Diese Drohung erreichte den gewünschten Zweck, weitere Sticheleien zu verhindern; der Vorschlag Mr. Jonas', die Debatte zu vertagen, wurde angenommen, und alle drei verließen einmütig das Haus. An der Haustüre reichte Mr. Jonas jeder der jungen Damen einen Arm, und »Old Bailey«, der ihnen von dem Dachfenster aus zusah, begrüßte diesen Akt von Galanterie mit einem lauten und heftigen Hustenanfall, der erst ein Ende nahm, als sie um die Ecke bogen. Mr. Jonas leitete die Unterhaltung mit der Frage ein, ob die Damen auch gute Fußgängerinnen seien, und als sie bejahten, stellte er ihre pedestrischen Fähigkeiten auf die denkbar härteste Probe; das heißt, er zeigte ihnen an einem einzigen Vormittag mehr Sehenswürdigkeiten in Gestalt von Brücken, Straßen, Theaterfronten und anderen wohlfeilen Merkwürdigkeiten, als ein Durchschnittsmensch in zwölf Monaten vertragen hätte. Geradezu auffallend war sein unüberwindlicher Widerwillen gegen das Innere von Gebäuden, deren Besichtigung mit Entree verbunden war und die er offenbar genau kannte; wenigstens erklärte er sie durchwegs für abscheulich und gräßlich langweilig. Seine Überzeugung in dieser Hinsicht wurzelte so tief, daß er sich vor Lachen gar nicht fassen konnte, und als Miss Charitas zufälligerweise erwähnte, sie seien zwei- oder dreimal mit Mr. Jinkins und der Gesellschaft von Todgers – natürlich auf deren Kosten – im Theater gewesen, die Herren für ganz unglaubliche Einfaltspinsel erklärte. Nachdem sie etliche Stunden umhergeschlendert und völlig erschöpft waren – es begann bereits zu dämmern –, meinte Mr. Jonas, er wolle den Damen jetzt einen der besten Späße vormachen, die ihm bekannt seien. Dieser Witz war ungemein praktischer Art und bestand darin, daß er eine Droschke nach dem »entlegensten Punkte mietete, der sich für einen Schilling erreichen läßt.« Glücklicherweise erreichten sie so den Ort, wo Mr. Jonas wohnte, sonst wäre der Spaß daneben gelungen. Die alte, seit Jahrzehnten existierende Firma Anthony Chuzzlewit \& Sohn, Manchesterwaren und so weiter, hatte ihr Geschäftslokal in einer engen Straße hinter dem Postamt, wo jedes Gebäude selbst an den schönsten Sommermorgen in tiefstem Dunkel liegt, – wo in den Hundstagen die Hausmeister auf das Pflaster vor den Wohnungen ihrer Chefs phantastische Ornamente gießen und man bei warmem Wetter in den Torwegen geschniegelte Gentlemen müßig umherstehen sehen kann, die Hände in den Taschen ihrer symmetrischen Hosenbeine und in den Anblick ihrer Stiefel versunken – augenscheinlich ihr schwerstes Tagewerk –, vielleicht davon abgesehen, daß sie hin und wieder Federn hinter den Ohren tragen. Es war ein düsteres, schmutziges, verrußtes, baufälliges, altes Haus, aber das hinderte weder Mr. Chuzzlewit noch seinen Sohn, hier nicht nur ihren Geschäften, sondern auch ihren Vergnügungen obzuliegen. Weder der junge noch der alte Herr hatten jemals anderswo gewohnt oder sich um etwas gekümmert, das über ihre engen Grenzen hinausging. Das Geschäft war, wie man sich leicht denken kann, hier die Hauptsache, und zwar in solchem Maße, daß jeglicher Komfort in den Hintergrund trat und man sogar bei den häuslichen Einrichtungen auf Schritt und Tritt auf Bureaugegenstände stieß. So hingen zum Beispiel in den armseligen Schlafkammern Bündel verstaubter alter Briefe an den Wänden; unbrauchbar gewordene Stoffmuster und Überbleibsel von verdorbenen Waren lagen umher, und die schmalen Bettgestelle, die Waschtische und Teppichfetzen waren als Gegenstände untergeordneter Bedeutung und notwendige Übel des Privatlebens kunterbunt in den Ecken zusammengedrängt. Das einzige Wohnzimmer bildete, dem gleichen Grundsatze gemäß, ein Chaos von Kisten, Truhen und alten Papieren und war weit reichlicher mit Kontorböcken als mit Sesseln ausgestattet – gar nicht zu gedenken eines Ungeheuers von Schreibpult, das bis über die Mitte der Stube hinreichte, und einer über dem Kamin in die Wand eingelassenen eisernen Geldkasse. Der vereinsamte kleine Tisch, der zum Speisen und geselligen Beisammensein bestimmt war, verhielt sich hinsichtlich seines Ausmaßes zu den Pulten und anderen Geschäftsrequisiten ungefähr ebenso wie Anmut und Heiterkeit in der Lebensführung des alten Mannes und seines Sohnes zu dem Ringen und Jagen nach Reichtum, dem sie von jeher obgelegen. Im gegenwärtigen Augenblick war er notdürftig für ein Dinner gedeckt, und in einem Stuhl vor dem Kaminfeuer saß Anthony selbst, stand aber auf, als der Damenbesuch eintrat, um seinen Sohn und die schönen Schwestern zu bewillkommnen. »Nun, Gespenst«, begrüßte Mr. Jonas seinen Vater mit dem Kosenamen, den er ihm in solchen Fällen beizulegen pflegte; »ist das Essen bald fertig?« »Ich dächte, ja«, versetzte der alte Mann. »Was heißt das: ich dächte? – Wissen möcht ich's«, knurrte Jonas ärgerlich. »Na, gewiß weiß ich's selber auch nicht«, entschuldigte sich der Patriarch. »Das glaube ich dir aufs Wort«, brummte Jonas. »Du, und einmal etwas genau wissen! – Gib mir lieber die Kerze her; ich brauche sie für die Mädels.« Anthony reichte ihm einen verbeulten alten Kontorleuchter, und Mr. Jonas geleitete die jungen Damen in die anstoßende Schlafkammer, wo sie ihre Schals und Hüte ablegen konnten. Dann beschäftigte er sich damit, eine Weinflasche zu entkorken und das Tranchiermesser zu wetzen, und machte seinem Vater halblaut Komplimente, bis die Schwestern zurückkamen und das Essen aufgetragen wurde. Das Dinner bestand aus einer gebratenen Hammelkeule mit Gemüse und Kartoffeln und wurde von einem alten Weib in Schlappschuhen serviert oder vielmehr ohne weitere Umstände auf den Tisch gestellt. »Sie sehen, Cousine – Junggesellenwirtschaft!« bemerkte Mr. Jonas zu Charitas. »Da wird's wieder was zu lachen geben für ›die andere‹, wenn sie nach Hause kommt – meinen Sie nicht? Da – Sie setzen sich rechts neben mich, und sie kann links neben mir Platz nehmen. Na, ›Andere‹, haben Sie keine Lust?« »Sie sind eine so widerwärtige Vogelscheuche«, versetzte Gratia, »daß mir der Appetit vergehen wird, wenn ich neben Ihnen sitze. Aber, es wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben.« »Na, ist die vielleicht nicht lebhaft – was?« flüsterte Mr. Jonas mit seiner beliebten Ellenbogenemphase der älteren Schwester zu. »Ich bitte, lassen Sie mich doch schon in Ruhe«, versetzte Miss Charitas gereizt. »Ich habe wirklich diese albernen Fragen nachgerade satt.« »Hallo, was treibt denn mein wertgeschätzter greiser Vater schon wieder?« rief Mr. Jonas, als er bemerkte, daß der alte Herr, statt seinen Platz am Tisch einzunehmen, im Zimmer auf und nieder ging. »Was suchst du denn?« »Ich habe meine Brille verlegt, Jonas«, antwortete der alte Anthony. »Na, setz dich halt ohne Brille nieder. Ich glaube, zum Essen und Trinken wirst du sie wohl nicht nötig haben. – Wo bleibt übrigens die Schlafmütze, der alte Chuffey? – Na, Dummkopf! Können Sie sich vielleicht nicht mehr an Ihren Namen erinnern, – was?« Fast hatte es den Anschein, als ob das wirklich der Fall sei; wenigstens kam Mr. Chuffey erst, als Mr. Chuzzlewit senior ihn wiederholt laut gerufen, aus dem kleinen Kontor, das von dem Speisezimmer durch einen Bretterverschlag getrennt war, hervor. Er war ein altes triefäugiges, schmalwangiges Männchen, altmodisch, in einen abgenutzten schwarzen Anzug, der an Verstaubtheit mit dem Hausgerät wetteiferte, gekleidet. Seine kurzen Kniehosen waren mit zerschlissenen Bänderbüscheln geschmückt und die Schuhe mit Armeleuteriemen zugeschnürt, während der untere Teil seiner Spindelbeine in schmutzigen, schwarzwollenen Strümpfen stak. Er sah aus, als hätte man ihn vor einem halben Jahrhundert in einer Rumpelkammer vergessen und soeben erst wieder aufgefunden. Er kam jetzt langsam auf den Tisch zugeschlichen und ließ sich endlich unentschlossen auf einen Stuhl nieder. Als ihn seine trüben Sinne die Anwesenheit von Fremden und zumal von fremden Damen erkennen ließen, erhob er sich wieder, augenscheinlich in der Absicht, eine Verbeugung zu machen, setzte sich dann aber, ohne sie gemacht zu haben, hauchte in seine welken Hände und verblieb mit seiner armen blauen Nase unbeweglich über den Teller gebeugt, mit seinen blöden Augen ausdruckslos vor sich hinstarrend. »Unser Buchhalter«, stellte ihn Mr. Jonas als Wirt und Zeremonienmeister vor, »der alte Chuffey.« »Ist er taub?« fragte eine der jungen Damen. »Nicht daß ich wüßte. – Vater, ist er eigentlich taub oder nicht?« »Er hat mir nie gesagt, daß er's sei«, versetzte der alte Mann. »Oder blind?« fragten die Mädchen. »Hm. Auch nicht. Wüßte nicht, daß er blind wäre. Was meinst du, Vater?« »Gewiß nicht«, versicherte Anthony. »Ich will Ihnen sagen, was er ist«, wendete sich Jonas vertraulich zu den jungen Damen, »erstens einmal ist er schauderhaft alt, und das mißfällt mir ganz besonders an ihm, denn ich glaube, mein Vater hat sich an seiner Langlebigkeit angesteckt. – Und zweitens ist er ein kurioser alter Kauz«, setzte er laut hinzu, »der keinen anderen Menschen versteht als ihn!« Dabei deutete er mit der Tranchiergabel auf seinen ehrenwerten Erzeuger, um keinen Irrtum aufkommen zu lassen, wen er meinte. »Oh, wie sonderbar!« riefen die Schwestern. »Na ja, wissen Sie«, erklärte Jonas, »er hat sein ganzes Leben lang sein altes Gehirn mit Ziffern und Buchhalterei unfruchtbar gemacht. Vor etlichen zwanzig Jahren bekam er's Fieber und phantasierte drei Wochen lang. Dabei rechnete und rechnete er bis in die Millionen hinein. Ich glaube, er ist heute noch nicht damit zurechtgekommen. Doch unser Geschäft hat gegenwärtig keinen sonderlichen Umfang, und er ist kein übler Buchhalter.« »Sogar ein sehr guter«, bemerkte Anthony »Na, keinesfalls ein teurer. Er verdient sein Salz und Brot, und das genügt schließlich. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß er kaum jemand anderen versteht als meinen Vater; den versteht er aber auch immer, und dann spitzt er die Ohren. Er ist eben schon lange an ihn gewöhnt. Ich habe ihn sogar schon einmal mit meinem Vater Whist spielen und einen ganz guten Rubber machen sehen, obschon er damals so wenig wußte, gegen wen er spielte, wie Sie.« »Hat er denn keinen Appetit?« fragte Gratia. »Hm, ja. Wahrscheinlich«, antwortete Jonas und handhabte selbst Messer und Gabel sehr emsig. »Er ißt schon – nur muß man ihm zureden. Solang der Vater da ist, macht er sich nichts draus, eine Minute oder auch eine Stunde zu warten. Wenn ich mal scharf im Zuge bin, wie es heute der Fall ist, stupse ich ihn immer erst, bis ich selbst meinen eigenen Heißhunger ein bißchen gestillt habe. – Na, Chuffey Dussel, – was ist's mit dem Essen?« Chuffey blieb unbeweglich. »Immer der verdrehte alte Spitzbube«, brummte Mr. Jonas und verhalf sich kaltblütig zu einem neuen Stück Braten. »Frag du ihn, Vater!« »Ob Sie nicht essen wollen? – Sind Sie bereit, Chuffey?« fragte der alte Mann. »Ja, ja«, antwortete Chuffey, beim ersten Klang dieser Stimme aus seinem Versunkensein erwachend. »Ja, ja. Ganz bereit, Mr. Chuzzlewit. Ganz bereit, Sir, ganz bereit.« Dann hielt er lächelnd inne und harrte auf eine weitere Ansprache. Als diese nicht erfolgte, nahm sein Gesicht allmählich wieder den früheren nichtssagenden Ausdruck an. »Geben Sie acht, gleich wird er ungemein appetitlich werden«, bemerkte Jonas zu den jungen Damen und reichte die Portion des alten Mannes seinem Vater hinüber. »Er erstickt nämlich immer beinah, wenn's nicht grad Fleischbrühe ist. Schauen Sie ihn nur an! Haben Sie je einen Droschkengaul mit so gläsernen Augen gesehen, wie ihn? War's nicht so ein Mordsspaß mit ihm, hätte ich ihn heute nicht zu Tisch kommen lassen; aber ich hab mir gedacht, es wird Sie unterhalten.« Glücklicherweise vernahm der bedauernswerte Greis von diesen menschenfreundlichen Reden ebensowenig wie überhaupt von all dem, was in seiner Gegenwart gesprochen wurde; da jedoch die Hammelkeule zäh und sein Zahnfleisch weich war, so bewahrheitete sich alsbald die Voraussage hinsichtlich seiner Neigung zum Ersticken, und sein junger Prinzipal hatte vollauf Gelegenheit, zu versichern, das sei das Ergötzlichste, was er in seinem Leben gesehen, und er werde vor Lachen noch platzen. Ja, er ging sogar so weit, den Schwestern zu versichern, Chuffey überböte in dieser Hinsicht sogar noch seinen Vater, was doch, wie er bedeutungsvoll hinzufügte, wirklich ein starkes Stück sei. Sonderbar genug war es, daß ein so alter Mann wie Anthony Chuzzlewit Wohlgefallen an den Spottreden finden konnte, in denen sich sein vortrefflicher Sohn auf Unkosten des armen Schattens von einem Menschen erging, aber es war nichtsdestoweniger der Fall, wenn auch weniger aus Rücksichtslosigkeit für den greisen Buchhalter als vielmehr aus Freude über die Witzigkeit seines Sprößlings. Nur aus diesem Grunde rieb er sich auch immer entzückt die Hände bei den rohen Anspielungen des jungen Mannes auf ihn selbst und kicherte verstohlen, als wollte er sagen: ich bin doch sein Lehrer! Ich habe ihn herangebildet. Er ist mein Erbe – schlau, listig und habsüchtig. Er wird mein Geld sicherlich nicht verschleudern. Dafür habe ich mich geplagt. Das ist das große Ziel und der Zweck meines Lebens gewesen. Chuffey trödelte so lange beim Essen, daß Mr. Jonas endlich die Geduld verlor, ihm den Teller wegriß und seinen Vater ersuchte, dem verehrungswürdigen Greis zu bedeuten, er möge gefälligst an »seinem Brot weitermümmeln« – was dieser auch unverzüglich ausrichtete. »Ja, ja!« rief der alte Buchhalter, und sein Gesicht hellte sich auf, als die bekannte Stimme sein Ohr traf; »schon recht – schon recht. Er ist Ihr Fleisch und Blut, Mr. Chuzzlewit! – Ein gerissener junger Herr – aber Gottes Segen über ihn, Gottes Segen über ihn!« Mr. Jonas kam dies – und vielleicht nicht mit Unrecht – so absonderlich kindisch vor, daß er sich vor Lachen nur so schüttelte und zu seiner Cousine sagte, er fürchte, Chuffey werde eines schönen Tages noch sein Tod sein. Dann wurde das Tischtuch entfernt und eine Flasche Wein gebracht. Mr. Jonas füllte den jungen Damen die Gläser und forderte sie auf, sich nur ordentlich dazuzuhalten; sie dürften versichert sein, im Keller befänden sich noch eine ganze Menge Flaschen. Natürlich, fügte er gleich darauf hastig hinzu, mache er nur Spaß. »Also, auf Pecksniffs Gesundheit!« rief Anthony. »Ihr Vater soll leben, meine Lieben! Ein gescheiter Mann, der Pecksniff. Ein schlauer Mann! – Aber doch ein Heuchler, was? Ein Heuchler – sagt selber, Mädels! – Was? Ha, ha, ha! Ja, das ist er – unter Freunden gesprochen – das ist er. Ich denke deshalb nicht schlechter von ihm. Wenn er's nur nicht so übertriebe. Man kann alles übertreiben, meine Lieben – sogar die Heuchelei. Fragt nur Jonas!« »Nur die Sorge ums eigene Wohl kann man nicht übertreiben«, bemerkte der hoffnungsvolle junge Mann mit vollem Munde. »Hört ihr's, Kinder?« rief Anthony entzückt. »Das nenne ich Weisheit! Wirklich ein Vorbild, der Jonas! Ganz recht, darin kann man nicht leicht übertreiben.« »Ausgenommen«, flüsterte Mr. Jonas Miss Charitas zu, »ausgenommen, wenn einer zu lange lebt. – Ha, ha! – Sagen Sie's auch der ›andern‹!« »Aber du lieber Himmel«, rief Cherry verdrießlich. »Warum sagen Sie's ihr denn nicht selbst?« »Sie macht sich immer so gern lustig über einen«, meinte Mr. Jonas. »Also, warum kümmern Sie sich dann immer um sie! Sehen Sie denn nicht, daß Sie sich nichts aus Ihnen macht? Muß man Ihnen das wirklich erst sagen?« Mr. Jonas erwiderte weiter kein Wort, blickte aber Gratia mit einer so ausdrucksvollen Miene an, daß man deutlich darin lesen konnte: »Verlaß dich drauf, das Herz wird mir deshalb nicht brechen«; dann liebäugelte er mit Charitas noch zärtlicher als zuvor und bat sie in seiner ritterlichen Weise, doch ein wenig näher zu rücken. »Es gibt übrigens noch etwas, das sich gleichfalls nicht so leicht übertreiben läßt, Vater«, bemerkte er nach einer kurzen Pause. »Und das wäre?« fragte Anthony Chuzzlewit, schon im voraus grinsend. »Das Profitmachen! – Ehrlich währt am längsten,– – bevor man's zu was bringt. Das ist die erste Regel für den Geschäftsmann – alles andre ist dummes Zeug.« Entzückt applaudierte der alte Herr, daß es nur so widerhallte, und war derart von der Sentenz seines Sohnes erbaut, daß er sich sogar der Mühe unterzog, sie Chuffey mitzuteilen, der sich darob in all den matten Freudenäußerungen erging, deren er fähig war, das heißt sich die Hände rieb, mit dem Kopfe wackelte, mit seinen wässerigen Augen blinzelte und in pfeifenden Tönen rief: »Gut! Gut! – Ganz Ihr Fleisch und Blut, Mr. Chuzzlewit!« Es lag etwas Versöhnendes in dem Enthusiasmus des armen Greises; eine gewisse Sympathie mit dem einzigen Menschen, an den er durch das Band eines jahrelangen Verkehrs und seine jetzige Hilflosigkeit gefesselt war. Und hätte sich jemand die Mühe genommen, ihn zu beobachten, so würde er vielleicht darin die trübseligen Spuren einer einst gutgearteten Natur in diesem bis auf den Grund ausgelaugten Geschöpfe entdeckt haben. Hier natürlich schenkte niemand diesem Umstand irgendwelche Aufmerksamkeit, und so zog sich Chuffey in einen dunklen Winkel neben dem Kamin zurück, wo er stets seine Abende zuzubringen pflegte, und ließ weiter nichts mehr von sich sehen oder hören – ein einziges Mal vielleicht ausgenommen, als man ihm eine Tasse Tee reichte, in die er dann mechanisch sein Brot eintunkte. Es war kein Grund zur Annahme vorhanden, daß er zu solchen Zeiten schlief, ebensowenig aber auch, daß er irgend etwas hörte, sah, fühlte oder dachte; er war sozusagen eingefroren – wenn sich überhaupt ein Ausdruck, der einen so ausgeprägt kräftigen Prozeß bezeichnet, auf seinen Zustand anwenden läßt –, bis er wieder für einen Augenblick infolge eines Wortes oder einer Berührung von Seiten Anthonys auftaute. Miss Charitas bereitete auf Mr. Jonas' Bitte den Tee und kam sich dabei so ganz als junge Hausfrau vor, daß sie in die allerlieblichste Verwirrung geriet, um so mehr, als ihr Vetter dicht neben ihr saß und Ihr allerhand berauschende Worte ins Ohr flüsterte. Miss Gratia ihrerseits fühlte so deutlich, der Abend gehöre ausschließlich dem Pärchen an, daß sie über einer gestrigen Zeitung gähnte, in Gedanken ganz bei den Herren Handelsbeflissenen, die in diesem Augenblick ohne Zweifel nach ihrer Rückkehr schmachteten. Da überdies Anthony sich rücksichtslos dem Schlafe hingab, hatten Jonas und Cherry völlig freies Spiel, solange es ihnen beliebte. Als das Teeservice abgeräumt worden war, brachte der liebenswürdige junge Mann ein schmutziges Kartenspiel zum Vorschein und unterhielt die beiden Schwestern mit allerhand kleinen Kunststücken, die immer darauf hinausliefen, eine von beiden zu einer Wette zu verlocken, daß das oder jenes unmöglich sei, dann mit Sicherheit zu gewinnen und das Geld einzustreichen. Dabei versicherte Mr. Jonas unablässig, diese Kunstfertigkeiten seien jetzt in den gebildetsten Zirkeln äußerst beliebt und große Summen flössen auf solche Art von einer Hand in die andere. Im Grunde seines Herzens glaubte er das auch, denn es gibt bekanntlich ebensogut eine Borniertheit der List wie eine Einfalt der Unschuld, und in allen Fällen, wo Spitzbüberei oder Niedertracht die Grundlage eines Glaubensbekenntnisses bildeten, war Jonas einer der Gläubigsten. Überdies kannte seine wirklich ungeheuerliche Unwissenheit keine Grenzen. Zum Taugenichts vom reinsten Wasser fehlte ihm eigentlich nur eine Eigenschaft – nämlich die einzig gute: die Freigebigkeit. Aber da standen ihm immer seine Habsucht und sein Geiz im Wege, und wie ein Gift bisweilen das andere neutralisiert, wenn sonstige Gegenmittel nichts nützen, so wurde eine böse Leidenschaft für ihn der Hemmschuh, sich ganz und gar dem Laster hinzugeben, wo die Tugend in eigener Person vergeblich versucht haben würde, ihn zurückzuhalten. Mittlerweile war es bereits ziemlich spät geworden, und da Mr. Pecksniff immer noch nicht erschien, äußerten die jungen Damen den Wunsch, nach Hause zu gehen. Allein das wollte Mr. Jonas in seiner Galanterie durchaus nicht zugeben, bis sie nicht noch etwas Brot, Käse und Porter genossen hätten, und selbst dann suchte er sie immer noch aufzuhalten, indem er Miss Charitas immer wieder aufforderte, doch »ein bißchen näher zu rücken« oder noch ein Weilchen zu bleiben, und allerhand andere schmeichelhafte Bitten in seiner gastfreundlichen und charmanten Art vorbrachte. Erst als alle seine Bemühungen fruchtlos blieben, nahm er seinen Hut und zog seinen Überrock an, um sie zu Todgers zu begleiten, mit dem Bemerken, er wisse wohl, daß sie lieber gingen als führen, und er sei in diesem Punkte auch ganz ihrer Meinung. »Gute Nacht«, sagte Anthony. »Gute Nacht! Und meine Empfehlung – ha, ha, ha! – meine Empfehlung an Pecksniff. Nehmt euch vor eurem Vetter in acht, meine Lieben. Er ist ein gefährlicher Junge. Vor allen Dingen, fahrt euch seinetwegen nicht in die Haare!« »Ach herrje. Wegen dieser Vogelscheuche!« rief Gratia. »Schon der Gedanke, sich seinetwillen zu zanken! Bitte, behalte ihn nur ruhig für dich, liebste Cherry. Ich schenke dir von Herzen gern meinen Anteil an ihm.« »Aha, ich bin also eine saure Traube – was, Cousine?« entgegnete Jonas. Miss Charitas war über diesen schlagfertigen Witz mehr ergötzt, als man bei seiner Abgedroschenheit hätte voraussetzen dürfen, aber aus reiner schwesterlicher Liebe nahm sie Mr. Jonas tüchtig dafür ins Gebet und erklärte ihm, er dürfe unter keinen Umständen mehr so grausam gegen die arme Gratia sein, sonst sähe sie sich tatsächlich genötigt, ihm ihr Wohlwollen zu entziehen. Gratia ließ sich jedoch nicht aus der Fassung bringen und lachte nur laut auf, und dann traten alle drei einmütig ihren Weg an. Jonas führte an jedem Arm eine Cousine und drückte von Zeit zu Zeit heimlich Gratia, und zwar so fest, daß sie am liebsten laut aufgeschrien hätte. Da er jedoch stets nur mit Charitas flüsterte und ihr gegenüber die größte Aufmerksamkeit an den Tag legte, war das offenbar nur eine Verwechslung seinerseits. Als sie endlich bei Todgers anlangten und die Türe geöffnet wurde, riß sich Gratia hastig los und eilte die Treppe hinauf. Charitas und Jonas aber blieben noch ein paar Minuten unten stehen und plauderten miteinander; kurz, es war klar, wie die Sachen standen – wie Mrs. Todgers am nächsten Morgen zu einer Freundin bemerkte, und sie freue sich darüber, setzte sie hinzu, denn es sei wahrhaftig höchste Zeit, daß Miss Pecksniff unter die Haube komme. Und dann kam der Tag, an dem das glänzende Gestirn, das so plötzlich an Todgers' Himmel erschienen war und seinen milden Sonnenglanz in Jinkins' düster schattige Brust geworfen hatte, wieder verschwinden, nein, verstaut – wie ein Packpapierpaket, ein Fischkorb, ein Austernfäßchen, ein fetter Gentleman oder sonst ein Stück prosaische Wirklichkeit – in einer Postkutsche und aufs Land hinaus entführt werden sollte. »Nie, meine teuern Misses Pecksniff«, sagte Mrs. Todgers, als die Damen sich in der letzten Nacht ihres Aufenthalts zur Ruhe begaben, »nie habe ich ein Logierhaus so gebrochenen Herzens gesehen wie das meinige in diesem Augenblick. Ich glaube nicht, daß meine Herren so bald wieder dieselben sein werden wie früher. – Auf Wochen hinaus nicht. – Sie haben viel zu verantworten, Sie beide!« Bescheiden leugneten die jungen Damen, irgendeinen Einfluß auf diesen unseligen Stand der Dinge genommen zu haben, und drückten ihr tiefstes Bedauern aus. »Und noch obendrein Ihr frommer Papa!« rief Mrs. Todgers. »Ist das ein Verlust! Meine lieben Misses Pecksniff, Ihr Papa ist ein wahrer Engelsbote des Friedens und der Liebe.« Etwas ungewiß hinsichtlich der Beschaffenheit der »Liebe«, deren Verkünder ihr Vater gewesen sein sollte, nahmen die jungen Damen dieses Kompliment ziemlich kühl auf. »Wenn ich nicht so hoch und teuer versprochen hätte, zu schweigen«, änderte Mrs. Todgers rasch das Thema, »so möchte ich Ihnen gar zu gern verraten, warum ich Sie bitten muß, heute nacht die kleine Türe zwischen Ihrem und meinem Zimmer offen zu lassen. Ich glaube, es würde Sie riesig interessieren. Aber ich kann leider nicht, denn ich hab' Mr. Jinkins feierlich versprechen müssen, so stumm zu sein wie das Grab.« »Bitte, liebe Mrs. Todgers, bitte, sagen Sie's doch«, flehten die beiden jungen Damen. »Nun also gut, meine lieben süßen Misses Pecksniff«, begann Mrs. Todgers nach längerem innerem Kampfe; »meine lieben Kinder – wenn Sie mir erlauben wollen, Sie am Abend vor unserer Trennung so zu nennen –, Mr. Jinkins und die übrigen Herren haben eine kleine musikalische Überraschung für Sie vorbereitet und beabsichtigen, Ihnen in stiller Nacht auf der Treppe vor der Türe ein Ständchen zu bringen. Ich muß zwar gestehen, daß es mir lieber gewesen wäre«, meinte Mrs. Todgers mit ihrem gewohnten Scharfblick, »man hätte eine frühere Stunde dazu gewählt, denn, wenn Herren lang aufbleiben, trinken sie, und wenn sie trinken, sind sie vielleicht weniger musikalisch als sonst. Aber Sie haben's nun mal nicht anders haben wollen, und ich weiß, meine teuern Misses Pecksniff, daß Sie sich über einen solchen Beweis von Aufmerksamkeit nur freuen werden.« Die jungen Damen waren über diese Nachricht anfangs so aufgeregt, daß sie beteuerten, sie könnten nicht an ein Zubettgehen denken, ehe nicht die Serenade vorüber sei; eine halbe Stunde Wartens machte sie jedoch in ihrem Entschluß so wankend, daß sie nicht bloß zu Bett gingen, sondern sogar fest einschliefen. Auch waren sie durchaus nicht übertrieben entzückt, als eine Weile später gewisse süße Klänge die Stille der Nacht unterbrachen und sie aus ihrem Schlummer weckten. Aber erschütternd war es – sogar sehr erschütternd. Selbst der verwöhnteste Geschmack hätte sich nichts Schauerlicheres wünschen können. Der sangesfreudige Gentleman war der Ober-Pompesfunebresmann, Jinkins der Baß, und die übrigen bedienten sich willkürlich der Töne, die ihnen gerade einfielen. Der »jüngste Gentleman der Gesellschaft« machte seiner Schwermut auf der Flöte Luft. Er blies zwar nicht viel, aber das wirkte nur um so vorteilhafter. Wenn die beiden Misses Pecksniff und Mrs. Todgers an Selbstverbrennung zugrunde gegangen wären und die Serenade hätte ihren Exequien gegolten, nichts würde so tief die Verzweiflung haben ausdrücken können, die in dem Chorgesang »Wir winden dir den Jungfernkranz« lag. Es war ein Requiem, eine Totenklage, ein Stöhnen, ein Geheul, ein Wehruf und ein Lamento – kurz, es umfaßte alles, was es an Tönen Jammervolles und Erschütterndes gibt. Die Flöte des »jüngsten Gentleman der Gesellschaft« blies wild und krampfhaft – die Töne kamen und gingen stoßweise wie der Wind. Für eine Weile verstummte er ganz und gar, aber als Mrs. Todgers und die jungen Damen schon darüber einig waren, er müsse, von seinen Gefühlen überwältigt, sich in Tränen zurückgezogen haben, fing er wieder plötzlich in den höchsten Flageolettönen an, daß es einem förmlich den Atem verschlug. Er war ein erbarmungsloser, unberechenbarer Virtuose. Kaum glaubte man ihn erwischt zu haben, brach er ab, und dachte man, er pausiere ganz und gar, tauchte er mit einer Leistung auf, die einen geradezu verblüffte. Es kamen mehrere Lieder an die Reihe, vielleicht zwei oder drei zuviel, aber das war, wie Mrs. Todgers sagte, nur eine Übertreibung in gutem Sinne. Doch selbst jetzt – selbst in diesem feierlichen Augenblick, bei dem man hätte glauben sollen, die ergreifenden Töne drängten bis in die tiefsten Tiefen der Seele, konnte Mr. Jinkins den »jüngsten Gentleman der Gesellschaft« nicht ungeschoren lassen. Vor der zweiten Piece bat er ihn inständig – man denke nur, der Ruchlose – erbat er sich's obendrein als eine besondere Gunst: er möge nicht blasen . Ja, so sagte er wörtlich – nicht blasen! Man konnte den erregten Atem des jüngsten Gentlemans durch das Schlüsselloch bis ins Zimmer hören. Aber er blies nicht. Wie hätte auch eine armselige Flöte die Leidenschaften wiedergeben können, die seine Brust durchtobten! Sogar eine Posaune hätte nicht ausgereicht. Die Serenade näherte sich ihrem Ende. Um der Huldigung die Krone aufzusetzen, hatte der literarische Gentleman auf die Abreise der Damen ein Gedicht gemacht und es einer alten Melodie angepaßt. Alle wirkten dabei mit, nur der jüngste Gentleman nicht, der aus ebenerwähnten Gründen ein furchtbares Schweigen beobachtete. Das Gedicht rief, klassischen Vorbildern angepaßt, das Orakel des Apollo an, es solle verraten, was wohl aus Todgers werden würde, wenn Charitas und Gratia aus seinen Mauern gewichen seien. Das Orakel gab darauf keine Antwort, die der Rede wert gewesen wäre – ganz nach der Art aller Orakel seit den ältesten Zeiten bis herab auf die unsrige, und die Dichtung ging daher auf den Beweis über, daß England nur deshalb den Beinamen: die glückliche Insel trage, weil die Misses Pecksniff auf ihr wohnten. – Von da bis zur Verhymnung des Meeres war nur ein Schritt, und so schloß das Ganze mit den Versen: »Heil Pecksniff, dem Edlen! Zu heimischen Zonen Sanft gleite sein Fahrzeug – die Winde im Bann, Dieweil ringsum bestaunen voll Stolz die Tritonen Den Baumeister, Künstler und Mann!« Nach glücklicher Vorführung dieses herrlichen Phantasiegebildes zogen sich die Herren allmählich in ihre Schlafgemächer zurück, um die Musik noch aus der Entfernung erklingen und endlich ersterben zu lassen. Dann lag wieder tiefe Stille über Todgers' Etablissement. Mr. Bailey behielt sich seine musikalische Huldigung bis zum Morgen vor, und als die jungen Damen vor ihren Koffern knieten und mit Einpacken beschäftigt waren, steckte er den Kopf in die Stube und entzückte sie durch Nachahmung der Stimme eines jungen Hundes in bedrängten Umständen. »Na, Fräuleins«, sagte er dann, »fahren S' jetzt heim? – Schad' eigentlich – was?« »Ja, Bailey, wir fahren nach Hause«, entgegnete Gratia. »Haben S' net Lust, einem von die Herren a Haarlocken zum Andenken dazulassen? – Oder tragen S' leicht falsche?« Die Damen lachten herzlich und versicherten, daß das natürlich nicht der Fall sei. »Na so ganz natürlich is dös net«, meinte Bailey. »Mrs. Todgers' Haar zum Beispiel san falsch – ich hab's amal am Fensternagel hängen sehen. Und dann geh i auch um d' Essenszeit öfter hinter ihr her und zupf dran; aber sie merkt's net. – Übrigens, Fräuln, i kündig jetzt auf. Ich lasse mir's net länger mehr gfallen, daß sie mir alle möglichen Schimpfnamen gibt.« Miss Gratia fragte, welche Pläne er sich denn hinsichtlich seiner Zukunft gemacht habe, und Mr. Bailey erwiderte, er wolle entweder Jockey werden oder in die Armee eintreten. »In die Armee?« riefen die beiden jungen Damen lachend. »No, warum denn nöt?« meinte Bailey. »Es gibt Trommler genug im Tower. Dös weiß a jeder. – Is das Vaterland leicht nöt stolz auf sie?« »Du willst also mit aller Gewalt erschossen werden, wie ich sehe«, bemerkte Gratia. »No, was wär da weiter?« rief Mr. Bailey. »A feins Leben is 's halt doch, Fräuln, oder leicht net? Immer noch gscheiter, 's fliegt oam a Kanonenkugel am Buckl ausi als a Nudelwalker jeden Tag. – Allaweil wirft s' mir oan nach, wann die Herren zviel essen. – Als ob i da was dafür kunnt«, setzte Bailey ergrimmt hinzu. »Was kann denn i dafür, wanns alles auffressen!« »Aber dafür gibt dir gewiß niemand die Schuld«, entgegnete Gratia. »So, meinen S'?! – No ja, was verstengan denn Sö davon! Natürli kann mir neamd d' Schuld gebn, aber tun teans es doch. – Na; i laß mir dös net länger gfallen, daß i's immer ausfressen muß, wann die Fleischpreis steigen. – I bleib net mehr länger. – Drum«, fügte Mr. Bailey, von einem Ohr bis zum andern grinsend, hinzu, – »wann S' mir leicht was geben wollen, so tun S' es lieber gleich jetzt. – Wann S' leicht amal wiederkommen, bin i nimmer da. Und, was mein Nachfolger sein wird, so weiß i jetzt schon, daß er's net verdient.« Die jungen Damen entsprachen, sowohl für Mr. Pecksniff als auch für sich, diesem weisen Rat und beschenkten aus Rücksicht für ihre Privatfreundschaft Mr. Bailey so freigebig, daß dieser kaum wußte, wie er seine Dankbarkeit zur Genüge an den Tag legen sollte, denn der Umstand, daß er während des Restes des Tages des öftern geheimnisvoll auf seine Tasche klopfte und sonstige geistreiche Anspielungen machte, konnte doch nur als ein unvollkommener Ausdruck dafür angesehen werden. Auch legte er den denkbar größten Diensteifer an den Tag, zerquetschte eine Hutschachtel, beschädigte das Gepäck Mr. Pecksniffs beim Herunterholen aus der Dachkammer so stark wie nur irgend möglich – kurz, bemühte sich nach Kräften, seine Erkenntlichkeit in jeder Hinsicht zu beweisen. Zur Mittagszeit kamen Mr. Pecksniff und Mr. Jinkins Arm in Arm zum Dinner nach Hause, denn letzterer hatte ausdrücklich wegen des feierlichen Anlasses einen halbtägigen Urlaub genommen und damit natürlich einen ungeheuern Vorsprung sowohl über den »jüngsten Gentleman der Gesellschaft« wie nicht minder über die andern Herren gewonnen, deren Zeit – ärgerlich genug – bis abends in Anspruch genommen war. Mr. Pecksniff ließ eine Flasche Wein springen, und es war eigentlich recht gemütlich, trotz der vielen und langen Lamentationen über die Notwendigkeit der bevorstehenden Trennung. Mitten in ihrer Unterhaltung wurden der alte Anthony und sein Sohn gemeldet – sehr zu Mr. Pecksniffs Überraschung und zum größten Ärger für Mr. Jinkins. »Komme, Ihnen Adieu zu sagen, wie Sie sehen«, sagte Anthony leise, setzte sich mit Mr. Pecksniff an einen Nebentisch und ließ die andern sich miteinander unterhalten. »Ich sehe nicht ein, weshalb wir Feinde sein sollten. Getrennt sind wir wie die zwei Hälften einer Schere, Pecksniff, aber vereinigt können wir was zuwege bringen. Was meinen Sie?« »Einmütigkeit, mein werter Herr«, flötete Mr. Pecksniff, »ist immer etwas Herrliches!« »Na, wie man's nimmt«, meinte der alte Mann, »es gibt schon gewisse Leute, mit denen ich lieber in Feindschaft als in Eintracht leben würde. Doch Sie wissen ja, wie ich von Ihnen denke.« Mr. Pecksniff, dem noch immer der »Heuchler« im Magen lag, antwortete nur mit einer krampfhaften Kopfbewegung, die zwischen einer bejahenden Verbeugung und einem verneinenden Schütteln die Mitte hielt. »Nämlich sehr schmeichelhaft für Sie«, fuhr Anthony fort; »mein Wort, außerordentlich schmeichelhaft. Es war ein unwillkürlicher Tribut – damals –, den ich Ihren Fähigkeiten zollte, wenn auch die Zeit nicht sonderlich günstig für Komplimente war. Übrigens haben wir uns ja inzwischen in der Postkutsche gründlich ausgesprochen und sind jetzt vollkommen miteinander im klaren.« »O ja, vollkommen!« pflichtete Mr. Pecksniff mit einer Miene bei, die deutlich verriet, wie heroisch er sein Schicksal, so grausam verkannt zu werden, zu tragen wußte. Dann schwiegen beide eine kleine Weile. Anthony sah nach seinem Sohne hin, der seinen Platz neben Miss Charitas eingenommen hatte, dann auf Mr. Pecksniff, und so mehrere Male hin und her. Zufälligerweise nahmen Mr. Pecksniffs Blicke eine ähnliche Richtung, aber als er es gewahr wurde, schlug er rasch die Augen nieder, um den alten Mann nichts darin lesen zu lassen. »Jonas ist ein geriebener Junge«, begann Anthony wieder. »Ja, es scheint so«, gab Mr. Pecksniff offenherzig zu. »Und vorsichtig.« »Ich zweifle nicht daran, auch vorsichtig«, versetzte Mr. Pecksniff. »Schauen Sie ihn nur an«, flüsterte ihm Anthony ins Ohr. »Ich glaube, er macht sich an Ihre Tochter heran.« »Pst, mein werter Herr«, verwies Mr. Pecksniff, immer noch mit geschlossenen Augen; »junges Volk – junges Volk, ich bitte Sie – und noch obendrein Vetter und Cousine – was ist da weiter dabei!« »Na, ich glaube, die Verwandtschaft spielt da unserer Erfahrung nach keine besonders große Rolle«, meinte Anthony. »Glauben Sie nicht, daß da ein bißchen mehr dahinter sein könnte?« »Kann man unmöglich mit Bestimmtheit sagen«, versetzte Mr. Pecksniff. »Ganz unmöglich! Sie setzen mich übrigens in Erstaunen.« »Ja, kann ich mir denken«, sagte der alte Mann trocken. »Es kann Bestand haben – ich meine das Zärtlichtun, nicht das Erstaunen; möglich aber auch, daß es bald wieder ein Ende nimmt. Angenommen jedoch, es wäre von Dauer. – Na, Sie haben Ihr Nest hübsch mit Federchen ausgefüttert, und bei mir ist das gleiche der Fall; – die Sache könnte dann für uns beide recht interessant werden.« Mr. Pecksniff lächelte mild und öffnete den Mund zu einer Antwort, aber Anthony fiel ihm ins Wort. »Ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Sie haben natürlich noch keinen Augenblick an dergleichen gedacht. In einem Punkte, der das Glück ihres teuern Kindes so nahe angeht, können Sie als zärtlicher Vater keine Meinung abgeben und so weiter. Ja, ja, ganz recht, und sieht Ihnen auch ähnlich! – Mir aber, mein lieber Pecksniff«, setzte Anthony hinzu und legte seine Hand auf den Ärmel des würdigen Architekten, »kommt es vor, es könnte einen von uns benachteiligen, wenn wir so sorglos noch weiter so täten, als ob wir nichts sähen. Dies wäre mir für meinen Teil nun nicht besonders lieb, und Sie werden schon entschuldigen, wenn ich mir die Freiheit nehme, die Sache in Bälde ins reine gebracht sehen zu wollen. Meinen Dank übrigens, daß Sie mir so lange und aufmerksam zugehört haben. Wir wissen jetzt wenigstens beide Bescheid, und das kann nur angenehm sein.« Mit diesen Worten stand der alte Mann auf, nickte Mr. Pecksniff verständnisinnig zu und ging zu den jungen Leuten. – Der vortreffliche Architekt hingegen blieb, etwas verdutzt über dieses unverblümte Verfahren seiner Verwandten, sitzen und konnte sich des unangenehmen Gefühls nicht erwehren, mit seinen eigenen Waffen geschlagen worden zu sein. Postkutschen pflegen nicht zu warten, und es wurde langsam Zeit, sich nach dem Bureau zu begeben, das ganz in der Nähe lag. Das Gepäck war bereits besorgt, und so konnte man sich ohne weiteres zum Aufbruch anschicken. Die Misses Pecksniff und Mrs. Todgers setzten ihre Hüte auf, und bald war die ganze Gesellschaft unterwegs. Die Pferde waren bereits eingespannt, und auch der größte Teil der Herren Handelsbeflissenen hatte sich schon eingefunden – der »jüngste Gentleman« mit eingeschlossen, der, sichtlich aufgeregt, in einem Zustande tiefster geistiger Niedergeschlagenheit am Wagenschlag stand. Nichts ließ sich mit dem Schmerz vergleichen, mit dem Mrs. Todgers von den jungen Damen Abschied nahm, ausgenommen höchstens die gewaltige Erregung, die sie ergriff, als sie Mr. Pecksniff Lebewohl sagte. Wohl noch nie wurde ein Taschentuch so oft aus einer flachen Retikule herausgezogen und wieder hineingesteckt als das Mrs. Todgers', als sie, auf beiden Seiten von je einem Herrn Handelsbeflissenen gestützt, neben dem Kutschenschlag auf dem Pflaster stand. Dabei suchte sie bei dem Lichte der Wagenlaternen so viele Blicke auf das Gesicht des vorbildlichen Mannes zu erhaschen, als es das beständige Dazwischentreten Mr. Jinkins' nur irgend gestatte. Mr. Jinkins nämlich, bis zum letzten Augenblick ein Stein des Anstoßes im Leben des »jüngsten Gentleman«, stand auf dem Kutschentritte und plauderte mit den Damen. Den andern Kutschentritt hielt, kraft seines Vorrechts als Vetter, Mr. Jonas besetzt, und so sah sich der »jüngste Gentleman«, trotzdem er sich als erster an Ort und Stelle eingefunden, unter die schwarz und roten Plakate und die Porträts der Eilwagen in dem Einschreibebureau zurückgedrängt – mitten unter die schweren Gepäckstücke, und überdies der schmählichen Rücksichtslosigkeit der Lastträger aufs unwürdigste preisgegeben. Diese ungeschickte Position, verbunden mit großer nervöser Erregtheit, war schuld, daß das Pech des »jüngsten Gentleman« schließlich seinen Höhepunkt erreichte. Als er nämlich im Augenblick des Scheidens mit einer Blume – einer Treibhausblume, die viel Geld gekostet hatte – nach Gratias schöner Hand zielte, traf er damit den Kutscher auf den Bauch, und der Mann steckte sie freundlich lächelnd in sein Knopfloch. Und dann waren sie fort und »Todgers« wieder allein. Die beiden jungen Damen lehnten sich jede in eine Ecke zurück und überließen sich schmerzlichen Gedanken, und Mr. Pecksniff konzentrierte, die Erinnerungen an vergängliche, gesellige Vergnügungen aus seinem Herzen ausschaltend, die ganze Kraft seines Geistes auf den einen großen tugendhaften Entschluß, jenen Undankbaren zu verstoßen, der zur Zeit noch immer unter seinem Dache weilte und den Altar seiner Hausgötter durch seine Anwesenheit schändete. 12. Kapitel Geht, wenn auch nicht gleich, so doch später Mr. Pinch und andere sehr nahe an. Mr. Pecksniff spielt die Rolle des gekränkten Tugendboldes, und der junge Martin Chuzzlewit faßt einen verzweifelten Entschluß Mr. Pinch und Martin hatten es sich inzwischen, den Sturm nicht im entferntesten ahnend, der ihnen bevorstand, in Mr. Pecksniffs Hallen so bequem wie möglich gemacht und wurden mit jedem Tage innigere Freunde. Martins Erfindungsgabe und die Leichtigkeit, mit der er eine Aufgabe zu bewältigen wußte, waren so bemerkenswert, daß die Elementarschule rasche Fortschritte machte und Tom wiederholt erklärte, wenn es überhaupt in irdischen Dingen eine Gewißheit oder bei menschlichen Beurteilern Unparteilichkeit gäbe, so könne einem so neuen und wertvollen Entwurf der erste Preis, falls es zu einem Wettbewerb käme, unmöglich entgehen. Martin seinerseits dachte zwar nicht ganz so sanguinisch, trug sich aber doch auch mit genügend hoffnungsvollen Erwartungen, um in seinem Eifer nicht zu erlahmen. »Wenn einmal ein berühmter Architekt aus mir werden sollte, Tom«, sagte er eines Tages und hielt dabei mit Wohlgefallen seine Zeichnung auf Armeslänge vor sich hin, »so will ich Ihnen sagen, woran ich zuerst bauen würde.« »Nun, und das wäre?« fragte Tom. »An nichts anderm als an Ihrem Glück.« »Was, Sie wollten das wirklich?« rief Tom Pinch so entzückt, als ob alles schon fix und fertig vor ihm stünde. »Wie unendlich freundlich von Ihnen.« »Ja, Tom, das wollte ich«, bekräftigte Martin. »Und es müßte mir auf einem so starken Unterbau ruhen, daß es Ihr ganzes Leben überdauern sollte – und sogar Ihre Kinder und Kindeskinder sich noch daran erfreuen müßten. Ich würde Ihr Protektor sein, Tom, und den Mann möchte ich sehen, der meinem Schützling ein Haar zu krümmen wagen würde, wenn ich einmal Oberwasser hätte, Tom!« »Auf mein Wort«, rief Mr. Pinch, »ich glaube nicht, daß ich mich jemals im Leben über etwas so gefreut habe wie über das, was Sie da sagen.« »Und wenn ich etwas sage, so ist es mir auch ernst«, versicherte Martin mit einer so gönnerhaften, nachlässigen, ja fast an Mitleid grenzenden Herablassung, als ob er bereits erster Hofbaumeister in England wäre. »Ich würde es tun – ich würde Sie versorgen.« »Ich fürchte«, meinte Tom kopfschüttelnd, »daß ich Ihnen bei meiner Ungeschicklichkeit keine große Ehre machen dürfte.« »Pah, lächerlich!« erwiderte Martin. »Seien Sie deswegen außer Sorge. Wenn ich mir's einmal in den Kopf setze zu behaupten: ›Pinch ist ein gescheiter Kerl, ich stehe für ihn ein‹, so möchte ich gern den sehen, der es wagen wollte, mir zu widersprechen. Außerdem, Tom – hol's der Teufel –, Sie könnten mir wirklich auf hunderterlei Weise nützlich werden.« »Wenn ich mich nicht in einem oder dem andern Punkte nützlich erwiese, so geschähe es gewiß nicht aus Mangel an gutem Willen«, versicherte Tom. »Sie wären zum Beispiel so ganz der Mann danach«, fuhr Martin fort, »darüber zu wachen, daß meine Ideen auch gehörig durchgeführt würden – die Arbeiten zu beaufsichtigen, bis sie weit genug fortgeschritten wären, um auch für mich interessant zu sein – kurz, die Vorbereitungen zu leiten. Und dann wären Sie auch ausgezeichnet dafür, die Leute, während ich in meinen Studien begriffen bin, herumzuführen und mit ihnen von der Kunst zu sprechen und so weiter, was mich alles fürchterlich langweilen würde. Es müßte ganz verteufelt mein Renommee heben, Tom – ich gebe Ihnen mein Wort, daß es mein voller Ernst ist –, einen Mann von ihrer Bildung und nicht einen gewöhnlichen Hohlkopf um mich zu haben. Oh, ich wollte Sie schon auf den richtigen Posten stellen. Verlassen Sie sich darauf, Sie würden mir schon von Nutzen sein.« Natürlich fiel es Tom bei seiner Bescheidenheit nicht im entferntesten ein, jemals eine erste Violine spielen zu wollen, und um so mehr entzückten ihn daher die Luftschlösser seines Freundes. »Natürlich wäre ich dann mit ihr verheiratet, Tom«, fuhr Martin fort. Was war es, das jetzt auf einmal Tom Pinchs Freude so plötzlich dämpfte und ihm das Blut in seine ehrlichen Wangen trieb, als durchzuckte etwas wie das Gefühl, er sei solcher freundlichen Gesinnungen unwürdig, sein Herz? »Ich würde dann mit ihr verheiratet sein«, wiederholte Martin und lächelte, »und hoffentlich auch Kinder haben. – Und sie hätten Sie alle lieb, Tom.« Mr. Pinch brachte keine Silbe heraus. Die Worte erstarben ihm auf den Lippen und erkämpften sich in seinem Innern ein geistigeres Leben zu reinen selbstlosen Gedanken. »Alle Kinder hier herum haben Sie gern, Tom, und die meinigen würden Sie natürlich erst recht lieben. Vielleicht würde ich eines davon nach Ihnen nennen. Tom, was meinen Sie? Tom ist kein übler Name. Thomas Pinch Chuzzlewit. T.P.C. auf seinem Lätzchen würde sich ganz nett machen, sollt ich meinen.« Tom räusperte sich und lächelte. »Ich weiß, auch ihr würden Sie gut gefallen, Tom«, fuhr Martin fort. »Ach!« rief Tom mit erstickter Stimme. »Ich weiß aufs Haar genau, was sie von Ihnen denken wird.« – Martin stützte das Kinn auf die Hand und blickte unverwandt auf die Fensterscheibe, als lese er dort seine Worte ab. »Denn ich kenne sie von Grund aus. Sie würde anfangs lächeln, wenn Sie mit ihr sprächen oder sie Sie ansähe – und noch obendrein recht lustig lächeln. Sie würden es doch nicht übelnehmen? Sie haben noch nie ein sonnigeres Lächeln als das ihrige gesehen; ich versichere Ihnen.« »Nein, nein«, beteuerte Tom, »ich würde es gewiß nicht übelnehmen.« »Und sie würde Sie so zart behandeln, Tom, wie ein Kind. – Das sind Sie übrigens beinahe in manchen Dingen – oder nicht, Tom?« Mr. Pinch nickte verständnisinnig. »Sie würde immer heiter und gut gelaunt sein, wenn Sie kämen«, fuhr Martin fort; »sie fände sehr bald heraus, was Sie für ein Mensch sind, und würde dann tun, als hätte sie Ihnen kleine Aufträge zu geben, oder Sie um kleine Dienste bitten, deren Erfüllung Sie, wie sie wüßte, mit Freuden übernehmen würden. Kurz, sie hätte Sie wirklich von Herzen gern, Tom, und verstünde Sie auch weit besser, als dies je bei mir der Fall sein könnte. Wie oft würde sie nicht sagen, was für ein harmloser, sanfter, gefälliger, guter Mensch Sie sind.« Stumm hörte Pinch zu. »Und um alter Zeiten willen und weil sie dann wüßte, daß Sie es waren, der in der kleinen, dumpfen Kirche drunten einst die Orgel spielte – noch obendrein umsonst –, so würden wir eine solche in unser Haus schaffen. Ich werde nach eigenen Plänen einen Musiksaal bauen, und das Instrument wird sich in einer Nische in dem einen Ende famos ausnehmen. Da können Sie dann drauflosspielen, Tom, bis Sie es satt haben, und da Sie dabei Dunkelheit so gern haben, können wir auch dunkel machen. Mary und ich, wir werden so manchen Sommerabend dort sitzen und Ihnen zuhören, Tom; verlassen Sie sich darauf!« Es kostete vielleicht Tom Pinch eine größere Anstrengung, mit heiterer und dankbarer Miene von seinem Sitze aufzustehen und seinem Freunde beide Hände zu schütteln – forderte vielleicht eine weit größere Selbstverleugnung als so manche Großtat, die schon Famas zweideutige Trompete gewaltig ausposaunt hat. Ich sage »zweideutig«, denn da sie gar so gern über Gewaltakte weint, haben der Rauch und die Ausdünstung des Todes das brave Instrument arg verstimmt, und seine Töne sind nicht immer rein und echt. »Es ist doch ein Beweis, wieviel gute Menschen es auf der Welt gibt«, sagte Tom und ließ charakteristischerweise seine eigenen Gefühle wieder ganz außer acht, »daß jeder, der hierherkommt, wie zum Beispiel Sie, weit rücksichtsvoller und freundlicher gegen mich ist, als ich zu hoffen ein Recht hätte, selbst wenn ich das sanguinischste Geschöpf unter der Sonne wäre, oder als ich mit der größten Beredsamkeit auszudrücken vermochte. – Wahrhaftig, es überwältigt mich förmlich. Aber seien Sie dessen versichert«, setzte er hinzu, »daß ich nicht undankbar bin – daß ich es nie vergessen werde und Ihnen die Aufrichtigkeit meiner Worte zu beweisen gedenke, sobald ich nur irgend dazu in der Lage bin.« »Schon recht«, bemerkte Martin, lehnte sich, die Hände in den Taschen, in seinem Stuhl zurück und gähnte laut hinaus. »Wir halten da wunderschöne Reden, Tom, aber vorläufig bin ich noch bei Pecksniff und daher momentan noch eine gute Meile oder so von der Hochstraße zum Glücke entfernt. – Sie sagten übrigens, Sie hätten diesen Morgen wieder von – na, wie heißt er doch – gehört?« »Wen meinen Sie?« fragte Tom, besorgt, sein Freund werde über einen Abwesenden etwas Nachteiliges sagen wollen. »Aber, Sie wissen doch – wie war doch nur der Name – Nordhaar?« »Westlock«, verbesserte Tom etwas lauter als gewöhnlich. »Richtig – Westlock. Ich wußte ja, es war etwas mit Haar und einer Himmelsrichtung. – Nun, und was hören Sie von Westlock?« »Oh, er ist jetzt glücklich im Besitz seines Vermögens«, rief Tom und nickte lächelnd. »Was das für ein glücklicher Bursche ist!« seufzte Martin. »Ich wollte, ich wäre an seiner Stelle. Aber ist das das ganze Geheimnis, das Sie mir mitteilen wollten?« »Nein«, entgegnete Tom; »nicht das ganze.« »Also was sonst noch?« fragte Martin. »Nun, ein Geheimnis ist's gerade nicht. Und für Sie hat es auch kein besonderes Interesse, obgleich ich selbst sehr erfreut darüber bin. Als John noch hier war, pflegte er immer zu sagen: ›Denk an mich, Pinch, wenn einmal meines Vaters Testamentsexekutoren mit dem Schotter herausrücken‹ – er bediente sich hin und wieder recht sonderbarer Ausdrücke, aber das war so seine Art.« »Mit dem Schotter herausrücken ist ein sehr gutes Wort«, meinte Martin, »besonders wenn's von Seiten anderer Leute geschieht und die eigene Person betrifft. – Und was weiter? – Sie sind ein gewaltig langsamer Erzähler, Pinch!« »Ich weiß es. – Leider«, gab Tom zu; »aber Sie haben mich ganz aus dem Konzept gebracht. – Was wollte ich doch nur sagen!?« »Wenn die Testamentsexekutoren von Johns Vater mit dem Schotter herausrücken –« rief Martin ungeduldig. »Ach, ja richtig. ›Also, dann – sagte John – werde ich dir ein Dinner geben, Finch, und extra deshalb nach Salisbury herunterkommen.‹ Als nun John neulich schrieb – Sie wissen, es war am Morgen vor Pecksniffs Abfahrt –, teilte er mir mit, seine Angelegenheiten seien jetzt so weit geordnet, und da er sein Geld in Bälde erhalten werde, frage er bei mir an, wann ich mit ihm in Salisbury zusammentreffen könne. Ich antwortete ihm, daß mir jeder Tag in dieser Woche gut passe, und teilte ihm auch außerdem mit, daß ein neuer Schüler hier sei – namentlich auch, was Sie für ein hübscher Mensch seien und daß ein herzliches Einvernehmen zwischen uns bestehe. Darauf schrieb mir John diesen Brief« – Tom zog ein Kuvert hervor – »und bestimmte den morgigen Tag für die Zusammenkunft. – Er läßt Sie übrigens grüßen und sähe es gern, wenn wir drei mitsammen speisten, nicht in dem Hause, wo wir sonst abzusteigen pflegen, sondern im allerersten Gasthof der Stadt. – Lesen Sie selbst, was er sagt.« »Sehr gut«, versetzte Martin, den Brief mit seiner gewohnten Kälte überfliegend. »Sehr verbunden. Freut mich.« Tom hätte gewünscht, seinen Freund ob des großen Ereignisses ein bißchen mehr erstaunt oder erfreut oder überhaupt ein wenig interessierter dafür zu sehen, aber Martin blieb vollkommen gelassen und verfiel wieder in seine Lieblingsunterhaltung, das Pfeifen. Dann machte er sich an seine Elementarschule, als ob nicht das mindeste Bemerkenswerte vorgefallen wäre. Da Mr. Pecksniffs Pferd gewissermaßen als geheiligtes Tier angesehen wurde, das nur von dem Hohenpriester dieser heiligen Hallen selbst oder von irgend jemand benützt werden durfte, der ausdrücklich zum Stellvertreter von Fall zu Fall geweiht worden, so kamen die beiden jungen Leute überein, zu Fuß nach Salisbury zu gehen. Als daher die Zeit herankam, machten sie sich auf die Beine, und das war im Grunde auch eine bessere Reisemethode, als wenn sie das Gig benützt hätten, da kaltes, aber trockenes Wetter herrschte. Besser? Ein tüchtiger, gesunder Spaziergang – vier gute Meilen in der Stunde – ist natürlich besser als das Humpeln und Rumpeln, Schütteln und Rütteln, Stoßen und Knarren in einem schäbigen alten Gig! Zwischen diesen beiden Methoden ist doch kaum ein Vergleich möglich! Es wäre rein eine Herabsetzung einer Fußwanderung, wollte man beide auch nur in einem Atem nennen. Wann hat je eine Fahrt in einem solchen Gig das Blut eines Menschen anders in Wallung gebracht als dadurch, daß sie ihn fürchten machte, den Hals zu brechen, und ihm eine fieberige Hitze in den Adern, in den Ohren und längs des ganzen Rückenmarks erzeugte, die zwar eigentümlich, aber keineswegs angenehm zu nennen ist? Wann hat je ein Gig geistige Fähigkeiten geschärft, außer wenn vielleicht der Gaul durchging und wie toll einen steilen Hügel hinunter gegen eine Steinmauer raste und dadurch die Insassen des Wagens nötigte, auf völlig neue und unerhörte Weise das Gefährt rückwärts zu verlassen? Nein, nein, viel besser ein Marsch als das Gig! Die Luft war kalt, das ließ sich nicht in Abrede stellen, aber wäre es in dem Gig wohl behaglicher gewesen? Die Esse des Hufschmieds loderte hell auf und sprühte nur so, als sehnte sie sich danach, Menschenleiber zu wärmen; aber wäre der Anblick von den klebrigen Polstern eines Gig aus anheimelnder gewesen? Der Wind blies scharf – er schnitt dem wackern Wanderer, der sich seinen Weg weiterkämpfte, ins Gesicht, blendete ihn mit den eigenen Haarlocken – vorausgesetzt, daß diese nicht zu spärlich gesät waren –, und andernfalls mit dem winterlichen Staub, verschlug ihm den Atem wie ein Eisbad, riß ihm die Rockschöße zurück und drang ihm bis ins Mark der Knochen, – aber wäre dies nicht hundertmal schlimmer in einem Gig gewesen? – Also hole der Henker die Gigs! Besser ein Marsch als ein Gig? Hat man je zwei Reisende – zu Wagen oder zu Pferd – mit so heißroten Wangen, mit so heitern, fröhlichen Gesichtern gesehen? Schallte jemals ein Lachen so fröhlich wie das der beiden jungen Männer, die sich jetzt unter den stärker heranfegenden Windstößen umdrehten, wieder in die scharfe Luft hineinsteuerten, lustig vorwärtstrabend mit der Röte der Gesundheit auf den Wangen, als könnte nichts gleichen Schritt mit ihnen halten, der Frohsinn ausgenommen, der sie anspornte? Ja, besser ein Marsch als ein Gig! Kommt da nicht soeben ein Mann des Wegs, der in einem solchen Vehikel sitzt? Man sehe ihn nur an, wie er vorbeifährt, die Peitsche in der linken Hand, die tauben Finger der rechten auf seinem erstarrten Beine reibend und mit den zu Stein gewordenen Zehen gegen das Fußbrett trommelnd. Ha, ha, ha! Wer möchte das rasche Pulsieren des Blutes gegen jenes erfrorene Elend vertauschen, wenn es auch zwanzig Meilen in der Stunde zurücklegt? Besser ein Marsch als ein Gig! Niemand in einem Gig hätte ein solches Interesse an den Meilensteinen nehmen können. Kein Mann in einem Gig wäre imstande gewesen, zu sehen, zu fühlen oder zu denken wie unsere lustigen Wanderer. Wie der Wind über diese duftigen Niederungen dahinstrich, konnte man seinen Weg verfolgen in dem dunkleren Gekreisel des Grases und in den tiefern Schatten an den Berglehnen! Ringsum auf der kahlen eisigen Ebene lag die Winternatur in ihrer ganzen frostigen Schönheit. Auch die lieblichsten Dinge im Leben sind nichts als Schatten, sie kommen und gehen, wechseln und schwinden dahin, so schnell wie diese! Wieder eine Meile, und dann begann es zu schneien, und alles lag so weiß da, daß sich die Krähe, die dicht über den Boden dahinstrich, um den Windstößen auszuweichen, wie ein Tintenklecks in der Landschaft ausnahm. Und wie sehr es auch gegen die beiden jungen Leute anwehte und blies, ihre Rockschöße aufblähte und ihnen die Flocken in die Lider jagte, so hätten sie doch keinen Augenblick gewünscht, das Schneetreiben möge nachlassen, selbst wenn noch zwanzig Meilen Weges vor ihnen gelegen wären. Und siehe da! Die Türme der alten Kathedrale tauchen vor ihnen auf! Allmählich kommen sie in die umzäunten Straßen, die so feierlich stumm daliegen mit ihrem weißen Teppich. Endlich erscheint der Gasthof, in den sie bestellt sind, und sie zeigen dem erfrorenen Kellner so brennrot glühende Gesichter und sind so voll Lebendigkeit, daß der Mann ihre Anwesenheit fast wie eine Beleidigung auffaßt – ist er doch selbst von dem ewigen Hocken im überhitzten Kaffeezimmer blaß und blutleer – und ganz bestürzt dreinsieht. Ein Prachtgasthof das! Die Halle ist eine wahre Waldlichtung voll totem Wildbret und an Schnüren herabhängenden Hammelkeulen. In der Ecke steht ein prächtiger Speiseschrank mit Glastüren und birgt kaltes Geflügel, edle Schinken und Torten, in denen sich der Himbeerschaum hinter gebackenem Gitterwerk so scheu zurückzieht, wie es sich für ein so köstliches Wesen geziemt. Aber im ersten Stock, am Hofende des Hauses in einem Zimmer, wo alle Vorhänge herabgelassen sind, da füllt loderndes Holzfeuer den halben Kamin an und strahlt seine Wärme auf die angelehnten Teller. Wachskerzen brennen allenthalben, eine Tafel ist für drei Personen mit Silber gedeckt, und Gläser blitzen darauf, mindestens für dreißig. Vor allem aber war da John Westlock – nicht der alte John, der er bei Pecksniff gewesen, sondern ein vornehmer Gentleman, sich wohl bewußt, daß er jetzt sein eigener Herr ist und Geld auf der Bank liegen hat; aber dann doch wieder in gewisser Hinsicht der alte John, denn kaum trat Tom Pinch ein, da streckte er ihm sogleich beide Hände entgegen und hieß ihn mit einer warmen Umarmung herzlich willkommen. »Und dies«, sagte John, »ist also Mr. Chuzzlewit? Freut mich sehr, Sie kennenzulernen.« John hatte von jeher ein eigentümlich freimütiges Wesen an sich; sie schüttelten einander die Hände, und die Freundschaft war im Nu geschlossen. »Warte mal, Tom«, wendete sich John wieder an Tom und faßte ihn mit beiden Händen an der Schulter und drängte ihn auf Armeslänge zurück. »Laß dich mal ansehen. Wahrhaftig ganz und gar der alte, und nicht ein bißchen verändert.« »Nun ja, kein Wunder. Es ist ja auch noch nicht so lange her«, meinte Tom Pinch. »Mir kommt's wie ein Menschenalter vor«, rief John, »und so sollte es von Rechts wegen dir auch gehen, du Schlingel.« Damit drückte er Tom in den bequemsten Stuhl, klopfte ihm herzlich auf den Rücken und war ganz wieder der alte fröhliche Bursche wie früher in Mr. Pecksniffs Schlafkammer, so daß Tom Pinch nicht wußte, ob er lachen oder weinen solle. Schließlich lachte er jedoch, und die beiden andern stimmten herzlich mit ein. »Ich habe alle die Speisen und Getränke zum Dinner bestellt, von denen wir uns damals immer ausgemalt haben, daß sie ganz besonders fein sein müßten«, bemerkte Westlock. »Wirklich?« rief Tom Pinch. »Alles! Aber ich bitte dich, lache nicht vor dem Kellner, wenn du's vermeiden kannst; mir scheint, ich habe auch gegrinst, als ich sie bestellte. – Es ist rein wie ein Traum.« In diesem Punkte hatte John nun doch unrecht, denn wem wäre auch nur im Traum eine solche Suppe eingefallen, wie sie unmittelbar nachher auf den Tisch gesetzt wurde. Und dann erst die Fische, die Zwischengerichte, die Masse Geflügel und Süßigkeiten – kurz, alles was ein Kuvert zu zehn Schillingen sechs Pence, den Wein nicht miteingerechnet, nur zu bieten vermochte. Und der famose Champagner mit Eis, der Claret, der Portwein, der Sherry! – Wer solche Herrlichkeiten zu träumen imstande ist, der sollte lieber gleich zu Bett gehen und nicht mehr aufstehen. Das Allerschönste beim Bankett war aber doch, daß niemand sich auch nur halb so über alles freute wie John selbst, der in der Überfülle seines Entzückens alle Augenblicke in ein schallendes Gelächter ausbrach und sich dann Mühe gab, eine übernatürlich feierliche Miene aufzusetzen, um die Kellner nicht glauben zu machen, er sei an derartige Gelage nicht gewöhnt. Einige von den Gerichten jedoch, die man ihm zum Tranchieren auftrug, kamen ihm so ungeheuer spaßhaft vor, daß er nicht mehr an sich halten konnte, und als Tom Pinch schließlich trotz des schüchternen Abratens eines Kellners nicht nur darauf bestand, die Außenwand einer hohen Pastete mit dem Löffel einzureißen, sondern sie sogar zu essen versuchte, da verlor er gänzlich seine Fassung und schüttelte sich hinter dem prächtigen Aufsatz am oberen Ende der Tafel vor Lachen, daß man ihn wahrscheinlich bis hinaus in die Küche hörte. Auch schämte er sich gar nicht, über sich selbst zu lachen, und bewies das, als sie sich nachher um das Kaminfeuer setzten, das Dessert aufgetragen wurde und der Oberkellner fragen kam, ob der etwas leichte und helle Portwein seinem Geschmack auch zusage oder ob er lieber einen kräftigeren und schwereren zu trinken wünsche. Ernsthaft erwiderte er, er sei vollkommen zufrieden mit dem Wein und halte ihn für ein ganz schneidiges Gewächs, und der Kellner verbeugte sich und ging. Aber dann gestand John seinen Freunden leise ein, daß er sich nicht im entferntesten auf Wein verstehe, und brach in ein unbändiges Gelächter aus. So waren sie alle drei die ganze Zeit über fröhlich und guter Dinge, aber die angenehmsten Augenblicke waren doch die, wo sie um das Feuer herumsaßen, Nüsse knackend, Wein trinkend und gemütlich miteinander plaudernd. Da Tom Pinch mit seinem Freunde, dem Gehilfen des Organisten, gerne ein paar Worte gesprochen hätte, verließ er auf einige Minuten sein warmes Eckplätzchen, um ihn nicht zu verpassen, und die beiden andern jungen Herren unterhielten sich unterdessen miteinander. Natürlich stießen sie in seiner Abwesenheit auf seine Gesundheit an, und John Westlock benützte die Gelegenheit, Martin zu versichern, daß es während seines ganzen Aufenthalts in Mr. Pecksniffs Hause auch nicht ein einziges Mal zu einem unfreundlichen Worte zwischen ihm und Tom gekommen sei. Dies führte zu einer eingehenderen Beleuchtung von Mr. Pinchs Charakter, und es fielen die Worte, daß Mr. Pecksniff ihn recht geschickt auszunutzen verstehe. Es blieb jedoch bei dieser oberflächlichen Andeutung, denn John wußte, wie Tom über diesen Punkt dachte, und hielt es auch für zweckmäßig, den neuen Schüler seine eigenen Erfahrungen machen zu lassen. »Ja, ja, so ist es«, sagte Martin, »niemand kann Pinch mehr lieben als ich oder seinen guten Eigenschaften mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen; er ist wahrhaftig der gutmütigste Bursche, den ich jemals im Leben getroffen habe.« »Leider nur etwas zu gutmütig«, versetzte John, der sofort begriff, wieviel die Uhr geschlagen hatte. »Das ist eben der Fehler an ihm.« »Natürlich«, sagte Martin. »Sehr richtig. Da war zum Beispiel erst vor ungefähr einer Woche ein Kerl bei uns – ich glaube, er heißt Tigg –, der ihm all sein Geld mit dem Versprechen abborgte, es in einigen Tagen wieder zurückzuzahlen. Es war zwar nur eine halbe Guinee, aber es ist gut, daß es nicht mehr war, denn Pinch wird es nie mehr im Leben wiedersehen.« »Armer Teufel«, sagte John, der dieser Erzählung aufmerksam zugehorcht hatte. – – »Vermutlich haben Sie noch gar nicht Gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, wie stolz Tom in Geldangelegenheiten ist.« »Was Sie nicht sagen! Nein, ich habe allerdings in dieser Hinsicht noch nichts bemerkt. Was meinen Sie damit? Borgt er sich nie etwas aus?« John Westlock schüttelte den Kopf. »Höchst merkwürdig«, meinte Martin und setzte sein Glas nieder. »Er ist aus den seltsamsten Charaktereigenschaften zusammengesetzt.« »Ich glaube, er würde lieber sterben als ein Geldgeschenk annehmen«, fuhr Westlock fort. »Unglaubliche Einfalt!« brummte Martin. – – »Noch ein Glas gefällig?« »Sie natürlich«, sagte John, füllte sein Glas und sah Martin gespannt an, »wo Sie soviel älter sind als die meisten von Mr. Pecksniffs Schülern und daher auch weit mehr Erfahrung haben müssen, verstehen ihn ohne Zweifel – und sehen, wie leicht er sich betrügen läßt.« »Allerdings«, gab Martin zu, streckte die Beine aus und hielt sein Weinglas zwischen Auge und Licht. »Und Mr. Pecksniff scheint das auch zu wissen und seine Töchter desgleichen – wie?« John Westlock lächelte, gab aber keine Antwort. »Übrigens, das bringt mich auf etwas anderes. – Wie hat Pecksniff Sie behandelt, und wie beurteilen Sie ihn jetzt? Jetzt, wo alles vorüber ist und Sie ganz unbeeinflußt sind.« »Fragen Sie Pinch«, erwiderte Westlock; »er weiß genau, was diesbezüglich früher meine Ansichten waren. Ich kann Ihnen versichern, daß sie inzwischen nicht anders geworden sind.« »Nein, nein«, fiel ihm Martin ins Wort, »ich möchte es doch lieber von Ihnen selbst hören.« »Aber Pinch meint, ich sei ungerecht«, sagte John lächelnd. »So, so. – Nun, dann kann ich mir ja ungefähr denken, wie die Sachen stehen«, versetzte Martin. »Bitte, sagen Sie mir ganz unverhohlen Ihre Meinung. Meinetwegen brauchen Sie sich nicht zu genieren, denn ich sage Ihnen frei heraus, daß ich ihn meinerseits nicht leiden kann. Ich bin nur bei ihm, weil mich besondere Umstände dazu veranlassen. Wie ich glaube, besitze ich einiges Talent für das Baufach, und wenn hinsichtlich meiner Stellung zu ihm überhaupt von Verbindlichkeiten die Rede sein kann, so liegen sie auf seiner und nicht auf meiner Seite. Höchstens stehen die beiden Waagschalen gleich. – Reden Sie daher frei von der Leber weg.« »Nun, wenn Sie's denn durchaus haben wollen, daß ich Ihnen meine Meinung sage –« begann John Westlock. »Ja, darum möchte ich Sie bitten«, erwiderte Martin. »Ich wäre Ihnen sehr dankbar dafür.« »So muß ich rundheraus erklären, daß Pecksniff der heilloseste Schurke ist, den die Erde trägt.« »Oho«, meinte Martin kaltblütig, »das ist etwas stark.« »Nicht stärker, als er es verdient«, versetzte John. »Und wenn er mich auffordern würde, ihm meine Meinung ins Gesicht zu sagen, so würde ich es ohne Bedenken in den gleichen Ausdrücken tun. Schon die Art und Weise, wie er Pinch behandelt, würde hinreichen, meine Behauptung zu rechtfertigen. Aber wenn ich auf die Jahre zurückblicke, die ich in seinem Hause zugebracht habe, und mir dabei die Heuchelei, Schuftigkeit, Gemeinheit, Falschheit, die Speichelleckerei und das scheinheilige Wesen dieses Ehrenmannes vergegenwärtige, wenn ich daran denke, wie oft ich Zeuge davon war, wie oft ich eine Rolle dabei spielte, bloß weil ich sein Schüler war, so möchte ich mich, bei Gott, fast selbst verachten.« Martin trank die Neige seines Glases aus und blickte ins Feuer. »Ich will damit nicht sagen, daß ich wirklich Grund dazu hätte«, fuhr John Westlock fort, »denn die Schuld lag ja nicht an mir, und ich kann recht wohl begreifen, wie zum Beispiel Sie, wenn Sie ihn auch vollständig durchschauen, doch durch Umstände genötigt sein können, bei ihm zu bleiben. Ich teile Ihnen daher einfach mit, wie es mir zumute ist, und zwar noch jetzt, trotzdem, wie Sie sehr richtig sagen, alles vorüber ist und ich noch obendrein die Beruhigung habe zu wissen, daß er mich immer gehaßt hat und wir uns miteinander nie vertrugen und ich meinerseits keinen Augenblick Anstand nahm, ihm meine Meinung rundheraus zu sagen. Ja, sogar jetzt noch tut es mir leid, daß ich nicht schon als kleiner Junge dem Antrieb, der sich so oft in mir regte, Folge geleistet habe und davongelaufen bin, um im Ausland mein Glück zu versuchen.« »Sie wollten ins Ausland gehen?« fragte Martin sehr interessiert. »Jawohl, um mir meinen Lebensunterhalt zu erwerben«, antwortete John, die Achseln zuckend, »natürlich erst, nachdem ich mich in der Heimat deswegen vergeblich bemüht; und dann hätte etwas Mutiges darin gelegen. – Doch jetzt genug davon, sprechen wir nicht mehr von dem Kerl und füllen wir lieber unsere Gläser.« »Ganz wie's beliebt«, sagte Martin. »Was mich selbst und meine Stellung zu ihm betrifft, so kann ich nur meine Erklärung von vorhin wiederholen. Ich bin bisher meine eigenen Wege mit ihm gegangen und werde es in Zukunft auch immer so halten. Und, aufrichtig gesprochen, ich glaube, er erwartet von mir, daß ich so eine Art Lückenbüßer für ihn werden soll. Er scheint mich jetzt deshalb schwer entbehren zu können. Ich habe es gleich gemerkt, als ich hinkam – Prosit!« »Prosit! Ihr Wohl!« entgegnete Westlock. »Und möge es auch dem neuen Zögling so gut ergehen, wie er sich nur wünschen kann.« »Was für einem neuen Zögling?« »Dem glücklichen jungen Mann, der unter so günstigen Sternen geboren ist«, erwiderte John Westlock, »daß seine Eltern und Vormünder vom Schicksal bestimmt sind, sich durch Pecksniffs Annonce ködern zu lassen. Sie wissen doch, daß er schon wieder eine Annonce losgelassen hat.« »Nein.« »Ja, ja. Ich las sie kurz vor dem Essen in der gestrigen Zeitung. Ich kann mich gar nicht irren, daß sie von ihm herrührt, denn ich kenne seinen Stil zur Genüge. Übrigens still, da kommt Tom Pinch. – – Ist es nicht seltsam, daß man nur um so mehr Grund hat, ihn gern zu haben, je mehr er Pecksniff liebt, wenn bei ihm überhaupt noch eine Steigerung möglich ist? Aber jetzt kein Wort mehr, oder wir verderben ihm den ganzen Abend.« John hatte kaum ausgesprochen, als Tom freudestrahlend wieder eintrat. Er rieb sich die Hände – mehr aus Fröhlichkeit als weil es kalt war, denn er hatte sich durch einen raschen Lauf warm gemacht –, setzte sich wieder in seine behagliche Ecke und fühlte sich so glücklich wie – nun, wie sich eben nur ein Tom Pinch glücklich fühlen konnte. »Und so« – begann er, nachdem er seinen Freund eine Weile lang in stummer Wonne angesehen – »so bist du also wirklich ein Gentleman geworden, John. Nun, das laß ich mir gefallen.« »Es ist nur ein Versuch, Tom, es ist nur ein Versuch«, versetzte Westlock gutmütig, »jetzt läßt sich noch nicht bestimmt sagen, was mit der Zeit aus mir wird.« »Nun, deinen Koffer würdest du jetzt wohl keinesfalls mehr selbst zur Postkutsche tragen«, meinte Tom Pinch lächelnd, »sogar auf die Gefahr hin, daß er dir abhanden käme.« »So, glaubst du«, versetzte John. »Nun, du mußt es ja wissen, Tom. Aber ich sage dir, es müßte ein sehr schwerer Koffer sein, den ich nicht selbst auf den Rücken nehmen würde, wenn es gälte, von Pecksniff wegzukommen, Tom.« »Da haben wir's«, rief Tom zu Martin gewendet. »Der einzige Fehler an ihm ist seine Ungerechtigkeit gegenüber Mr. Pecksniff. Kehren Sie sich übrigens nicht an das, was er in dieser Hinsicht behauptet, denn es spricht nichts als ein leidiges Vorurteil aus ihm.« »Sie müssen nämlich wissen«, fiel John Westlock herzlich lachend ein und legte seine Hand auf Tom Pinchs Schulter, »bei Tom ist die Freiheit von Vorurteilen wahrhaft wunderbar. Wenn je ein Mensch einen anderen vom Grunde aus kannte und ihn im wahren Lichte sah, so läßt sich dies von Tom in erster Linie behaupten.« »Ja, ja, das will ich meinen«, rief Tom. »Ich selbst habe es dir schon hundertmal gesagt. Wenn du ihn nur so genau kennen würdest wie ich – – und ich ließe es mich all mein Geld kosten, John, wenn ich dich so weit bringen könnte –, so müßtest du ihn bewundern, achten und verehren. Aber du kannst eben nicht anders. Oh, wie du seine Gefühle verwundet hast, als du weggingst!« »Wenn ich überhaupt gewußt hätte, wie seinen Gefühlen beizukommen wäre«, erwiderte der junge Westlock, »so – verlaß dich drauf, Tom – würde ich mein Bestes getan haben, sie ein wenig empfindlicher anzugreifen. Da es jedoch unmöglich ist, jemanden an einer Stelle zu verwunden, die er gar nicht hat und von der man gar nicht weiß, ob sie überhaupt existiert, so fürchte ich, daß ich deine Lobsprüche nicht auf mich beziehen kann.« Um nicht eine Unterhaltung fortzusetzen, die möglicherweise auf Martin einen verderblichen Einfluß üben konnte, behielt Mr. Pinch seine Antwort für sich. Aber John Westlock, den nicht einmal ein eiserner Knebel hätte zum Schweigen bringen können, wenn sich's um Mr. Pecksniffs Verdienste handelte, fuhr fort: »Seine Gefühle! O Gott, was er für ein zartfühlender Mensch ist. Seine Gefühle! Er ist ein wohlüberlegter, bewußter, moralischer Halunke. Seine Gefühle! Ach Gott! Ach Gott! – – Was hast du denn eigentlich, Tom?« Mr. Pinch war nämlich inzwischen auf den Teppich vor den Herd getreten und knöpfte mit großer Hast seinen Rock zu. »Ich kann das nicht länger mehr aushalten«, sagte Tom und schüttelte den Kopf. »Nein, nein, wahrhaftig nicht, du mußt mich entschuldigen, John. Ich achte dich hoch, und wir sind miteinander befreundet; ich habe dich wirklich sehr gern und war heute außerordentlich erfreut, in dir den alten John wiederzufinden, aber solche Worte kann ich nicht mit anhören.« »Nun, nun, ich bin eben einmal nicht anders, Tom, und du sagtest es ja selbst, du freuest dich, daß ich mich nicht geändert habe.« »In dieser Hinsicht nicht«, entgegnete Tom Pinch. »Du mußt mich entschuldigen, John. Wahrhaftig, ich kann und will so etwas nicht länger mehr mit anhören. Es ist ungerecht von dir, und du solltest bedächtiger in deinen Äußerungen sein. Es hat mir immer schon wehe getan, wenn wir allein beisammen waren, aber unter Umständen wie den gegenwärtigen kann ich's wahrhaftig nicht aushalten. Nein, es ist rein unmöglich.« »Ja, ja, ich sehe ein, du hast recht«, rief John und wechselte mit Martin einen Blick, »und ich bin im Unrecht, Tom. Aber zum Kuckuck, wie sind wir schon wieder auf dieses unglückselige Thema gekommen. Also, ich bitte dich aus dem Grunde meines Herzens um Verzeihung.« »Wo du doch sonst einen so freien und männlichen Charakter hast«, sagte Finch, »kränkt mich dein Benehmen in diesem einzigen Punkte nur um so mehr. Mich brauchst du übrigens nicht um Verzeihung zu bitten, John, denn gegen mich bist du immer freundlich gewesen.« »Nun, dann soll meine Abbitte Pecksniff gelten«, erwiderte der junge Westlock. »Ich tue ja alles, was du willst, Tom. Bist du jetzt zufrieden? Komm, wir wollen auf Mr. Pecksniffs Gesundheit trinken.« »Ich danke dir«, rief Tom, drückte ihm freudig die Hand und füllte sein Glas. »Ich danke dir, John. Da mache ich von ganzem Herzen mit. Also Mr. Pecksniffs Gesundheit! Und möge das Glück ihm hold sein.« John Westlock trank auf diesen Toast, jedoch nur teilweise, denn er wünschte Pecksniff dabei etwas – was, klang nicht recht verständlich. Da die Eintracht jetzt völlig wiederhergestellt war, rückten die drei jungen Leute ihre Stühle dichter um das Kaminfeuer und plauderten vergnügt miteinander bis zur Schlafenszeit. Kein Umstand hätte übrigens die Charakterverschiedenheit zwischen John Westlock und Martin Chuzzlewit besser beleuchten können als die Art, wie sie Tom Pinch nach dem eben geschilderten kleinen Zwiste betrachteten. Ihre Blicke zeigten allerdings eine gewisse Heiterkeit, aber damit hörte alle Ähnlichkeit zwischen ihnen auf. Der alte Schüler wußte gar nicht, was er alles tun solle, um Tom zu beweisen, wie herzlich er ihm zugetan sei, und seine Achtung vor ihm schien sogar an Ernst und Nachdruck noch gewonnen zu haben. Der neue dagegen wußte nichts anderes, als über Toms außerordentliche Abgeschmacktheit zu lachen, und in seine Heiterkeit mischten sich eine gewisse Geringschätzung und Verachtung, die anzudeuten schienen, daß Mr. Pinch doch gar zu einfältig sei, um unter Verhältnissen wie den gegebenen von einem vernünftigen Menschen als Freund behandelt werden zu können. John Westlock, der niemals etwas halb tat, hatte für seine zwei Gäste Betten im Gasthof bestellt, und nachdem sie den Abend so glücklich verbracht, begaben sie sich zur Ruhe. Mr. Pinch saß noch mit abgelegter Halsbinde und ausgezogenen Schuhen auf seinem Bettrand, um über die vielen guten Eigenschaften seines alten Freundes nachzudenken, als er durch ein Klopfen an die Türe seines Zimmers und durch Johns Stimme in seinen Grübeleien unterbrochen wurde. »Du schläfst noch nicht, Tom?« »Gott behüte, nein! Ich habe eben an dich gedacht«, versetzte Tom und öffnete die Türe, »komm nur herein!« »Ich will dich nicht lange stören«, entschuldigte sich John. »Ich habe nur vergessen, diesen Abend einen kleinen Auftrag an dich zu bestellen, und ich fürchte, ich könnte ihn ganz vergessen, wenn ich mich jetzt seiner nicht entledige. – – Du bist, glaube ich, mit einem gewissen Mr. Tigg bekannt.« »Tigg?« rief Tom. »Ja, ja, der Gentleman, der sich von mir Geld ausgeborgt hat.« »Ja, ja, derselbe. Er hat mich also gebeten, dich zu grüßen und dir das Darlehen mit Dank zurückzuerstatten. Hier ist es. Ich denke, das Goldstück ist zwar echt, er selbst gehört aber leider zu einer sehr zweideutigen Art von Menschen, Tom.« Mr. Pinch nahm die halbe Guinee mit einem Gesicht in Empfang, dessen Glanz sogar den des Metalls hätte beschämen können, und sagte, er habe dessentwegen keine Sorge gehabt; es freue ihn übrigens, fügte er hinzu, daß Mr. Tigg so prompt und ehrenhaft in seinen Verbindlichkeiten sei. »Nur eins muß ich dir noch sagen, Tom«, warf John hin, »daß der das nicht immer ist. Wenn ich dir einen Rat geben darf, so weiche ihm aus, so gut du irgend kannst, falls du ihm wieder begegnen solltest; namentlich aber merke dir – es ist mein voller Ernst –, leihe ihm unter keinen Umständen je wieder Geld.« »Wieso?« fragte Tom und sperrte die Augen weit auf. »Er gehört durchaus nicht zu den Bekanntschaften, auf die man stolz sein könnte«, fuhr der junge Westlock fort, »und es ist nur um so besser für dich, wenn du ihm zu verstehen gibst, daß du diese Meinung von ihm hast.« »O weh, John«, sagte Mr. Pinch mit langem Gesicht und schüttelte kleinmütig den Kopf, »ich will doch nicht hoffen, daß du in schlechte Gesellschaft geraten bist?« »Nein«, versicherte John lachend, »hinsichtlich dieses Punktes brauchst du keine Sorge zu haben.« »Aber es beunruhigt mich doch«, meinte Tom Pinch. »Ich kann mich eines unangenehmen Gefühles nicht erwehren, wenn ich dich so sprechen höre. Wenn Mr. Tigg so ist, wie du ihn schilderst, so solltest du ihn überhaupt nicht kennen. Lache, soviel du willst, aber ich versichere dir, mir kommt die Sache keineswegs lächerlich vor.« »Nein, nein«, versetzte John und legte sein Gesicht in ernste Falten, »du hast ganz recht; die Sache ist nicht zum Lachen.« »Weißt du, John«, fuhr Mr. Pinch eindringlich fort, »dein guter Charakter und deine Herzensgüte machen dich oft gedankenlos, und in einer solchen Hinsicht kann man nicht vorsichtig genug sein. Wirklich, es würde mich höchst unglücklich machen, wenn ich denken müßte, daß du in schlechte Gesellschaft geraten seist, denn ich weiß, wie schwer es dir werden würde, sie wieder abzuschütteln. Es würde mir weit lieber sein, ich hätte das Geld verloren, John, als es unter solchen Bedingungen wieder zurückzuerhalten.« »Und ich versichere dir, mein lieber, guter, alter Freund«, rief John und faßte Toms beide Hände und lächelte ihm mit einem so heiteren und offenen Gesichte zu, daß sogar ein argwöhnischeres Herz als das seines Freundes hätte überzeugt werden müssen, »ich versichere dir, es ist nicht die geringste Gefahr vorhanden.« »Gut«, rief Tom, »das freut mich – freut mich über die Maßen. Ich weiß, daß es zuverlässig wahr ist, was du mir da sagst. Du nimmst es mir doch nicht übel, John, daß ich so offenherzig zu dir war?« »Ich es übelnehmen!« rief John mit einem herzlichen Händedruck. »Aus welchem Holze, glaubst du eigentlich, bin ich geschnitzt? Mr. Tigg und ich stehen überhaupt auf keinem so vertrauten Fuße miteinander, als daß du überhaupt nötig hättest, dich zu beunruhigen – darauf gebe ich dir mein feierliches Ehrenwort. Bist du jetzt ganz zufrieden?« »Vollkommen«, antwortete Tom. »Dann noch einmal: Gute Nacht!« »Gute Nacht«, rief Tom. »Und angenehme Träume.« Und dann trennten sie sich für die Nacht – John leichtherzig und guter Laune und auch der arme Tom Pinch ganz zufriedengestellt, obgleich er noch, als er sich in seinem Bett zur Wand drehte, vor sich hin murmelte: »Trotz alledem wäre es mir doch lieber, wenn er nicht mit Mr. Tigg bekannt wäre.« Am andern Morgen frühstückten sie sehr zeitig miteinander, denn die beiden jungen Architekten wünschten, beizeiten wieder zu Hause zu sein, und auch John Westlock gedachte noch am selben Tage mit der Landkutsche nach London zurückzukehren. Da der Wagen erst einige Stunden später fuhr, leistete er seinen Freunden drei oder vier Meilen auf ihrem Heimwege Gesellschaft und trennte sich erst von ihnen, als es unbedingt nötig wurde. Der Abschied war ungewöhnlich herzlich, nicht nur zwischen ihm und Tom Pinch, sondern auch von Seiten Martins, der in ihm jemand ganz andern gefunden, als er den Schilderungen seines arglosen Begleiters zufolge zu treffen erwartet hatte. Der junge Mr. Westlock war noch nicht weit gekommen, als er auf einer kleinen Anhöhe haltmachte und zurückblickte. Die beiden andern schritten rasch vorwärts, und Tom schien in eifrigem Gespräche begriffen zu sein. Martin hatte seinen Überrock ausgezogen, da sie jetzt den Wind im Rücken hatten, und trug ihn auf dem Arme. Plötzlich bemerkte John, daß ihm Tom nach kurzem Widerstreben seinen Mantel abnahm und jetzt doppelt zu schleppen hatte. Dieser unbedeutende Umstand machte einen tiefen Eindruck auf ihn, und er blieb stehen und sah den beiden nach, bis sie seinen Blicken entschwunden waren. Dann schüttelte er den Kopf, wie von unruhigen Gedanken gequält, und schritt gedankenvoll auf dem Wege nach Salisbury weiter. Inzwischen trabten Martin und Tom wacker fort, bis sie wohlbehalten in Mr. Pecksniffs Behausung anlangten und dort einen kurzen Brief an Mr. Pinch vorfanden, der die Rückkehr der Familie mit derselben Abendpost meldete. Da der Wagen morgens gegen sechs Uhr an der Straßenecke anlangen mußte, so wünschte Mr. Pecksniff, daß das Gig sowie ein Karren für das Gepäck ihn um die genannte Zeit bei dem Wegweiser erwarten sollten. Um daher den Herrn des Hauses mit entsprechenden Ehren empfangen zu können, sahen sich die beiden jungen Leute genötigt, sehr früh aufzustehen und sich selbst an Ort und Stelle zu bemühen. Es war der letzte heitere Tag, den sie miteinander verbringen sollten. Martin war mißlaunig und ersah jede Gelegenheit, seine eigenen Verhältnisse und Aussichten mit denen des jungen Mr. Westlock zu vergleichen, wobei er stets zu demselben verdrießlichen Schlusse kam. Diese Stimmung wirkte auch auf Tom niederdrückend, und weder der Gedanke an den Abschied am Morgen noch an das gestrige Bankett vermochten die Sache wesentlich zu bessern. Träge genug schwanden die Stunden dahin, und die beiden jungen Leute waren schließlich froh, sich zu Bett begeben zu können. Weniger behaglich fanden sie es, als sie am nächsten Morgen um halb drei Uhr in der ganzen Kälte eines dunkeln Wintertages aufstehen mußten. Sie machten sich jedoch pünktlich auf die Beine und trafen eine volle halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit am Wegweiser ein. Der Morgen war nichts weniger als lieblich, denn am Himmel hingen schwarze Wolken, und der Regen goß nur so hernieder, dennoch meinte Martin, es läge wenigstens ein gewisser Trost darin, denn das Biest von einem Gaul – damit meinte er Mr. Pecksniffs arabische Stute – werde auch bis auf die Knochen naß und es freue ihn daher in gewissem Sinne, daß es so unerhört schütte. Aus dieser Bemerkung zu schließen, hatte sich Martins Stimmung durchaus nicht gebessert, und wie er so neben Mr. Pinch wartend unter einer Hecke stand und auf den Regen, das Gig, den Karren und das dampfende Pferd hinblickte, brummte er unablässig. Vielleicht würde es sogar zu einem Streit mit Pinch gekommen sein, wären eben nicht zu einem Zwiste mindestens zwei Parteien unerläßlich notwendig. Endlich ließ sich aus der Ferne das dumpfe Gerassel von Rädern vernehmen, und bald nachher fuhr der Postwagen, durch Schmutz und Schlamm platschend, heran. Nur ein einziger Außenpassagier kauerte sich unter einem triefenden Regenschirm in das Stroh, und der Kutscher, der Schaffner und die Pferde waren sämtlich elend durchnäßt. Sobald der Wagen haltmachte, ließ Mr. Pecksniff das Fenster herunter und rief Tom Pinch an. »Was sehe ich, Mr. Pinch! – Ist es denn möglich, daß Sie an einem solch unfreundlichen Morgen selbst herausgekommen sind?« »Gewiß, Sir«, rief Tom und trat eilig an den Kutschenschlag heran, »Mr. Chuzzlewit und ich, Sir –« »Oh«, sagte Mr. Pecksniff und sah über Martin hinweg in die Luft. »Oh, wahrhaftig! – – Würden Sie vielleicht so liebenswürdig sein, nach den Koffern zu sehen, Mr. Pinch?« Dann stieg er aus und half auch seinen Töchtern aus dem Wagen. Doch weder er noch die jungen Damen nahmen dabei die geringste Notiz von Martin, der herangetreten war, um seinen Beistand anzubieten. Mr. Pecksniff kehrte ihm sogar brüsk den Rücken. In gleicher Weise und unter tiefem Schweigen hob er seine Töchter in das Gig, folgte ihnen nach, ergriff die Zügel und fuhr nach Hause. Sprachlos vor Staunen starrte Martin erst die Kutsche und, als diese abgefahren war, Mr. Pinch und das Gepäck an. Als der Lastkarren sich gleichfalls entfernt hatte, wendete er sich zu Tom und fragte: »Würden Sie vielleicht so freundlich sein, mir zu sagen, was das alles zu bedeuten hat?« »Was?« fragte Tom. »Das Benehmen dieses Kerls – des Monsieur Pecksniff. – Sie haben es doch gesehen.« »Wahrhaftig, nein!« versicherte Tom. »Ich war mit den Koffern beschäftigt.« »Macht weiter nichts«, brummte Martin. »Kommen Sie! Eilen wir uns, daß wir nach Hause kommen.« Und ohne weiter ein Wort zu sprechen, brach er so hastig auf, daß Tom seine liebe Not hatte, gleichen Schritt mit ihm zu halten. Achtlos ging er dabei mitten durch die Pfützen, die sich auf der Straße angesammelt hatten, stets geradeaus blickend und bisweilen höchst seltsam auflachend. Tom fühlte, daß alles, was er hätte sagen können, Martin nur noch störrischer machen mußte, und hoffte daher, wenn sie zu Hause angelangt sein würden, daß Mr. Pecksniff das Mißverständnis bald aufklären und den neuen Zögling, der doch im Hause so beliebt war, freundlich begrüßen werde. Wie erstaunt war er aber, als sie das Zimmer betraten und Pecksniff allein vor dem Feuer sitzen und heißen Tee trinken sahen, ohne daß er sich um seinen Verwandten im geringsten gekümmert oder Notiz von ihm genommen hätte. »Schenken Sie sich eine Tasse Tee ein, Mr. Pinch – schenken Sie sich eine Tasse Tee ein«, sagte Mr. Pecksniff vielmehr, sich auffallenderweise nur an Tom wendend. »Sie müssen sehr durchfroren und naß geworden sein. Bitte, nehmen Sie etwas Tee und wärmen Sie sich hier am Kamin, Mr. Pinch.« Tom sah bestürzt Martin an und bemerkte, daß dieser Mr. Pecksniff mit Blicken musterte, die etwas Drohendes an sich hatten. »Nehmen Sie Platz, Mr. Pinch«, fuhr Mr. Pecksniff krampfhaft fort; »nehmen Sie Platz, wenn ich bitten darf. – – Also, was hat sich in unserer Abwesenheit alles ereignet, Mr. Pinch?« »Sie – Sie werden sich sehr über die Pläne der Elementarschule freuen, Sir«, antwortete Tom; »sie sind beinahe fertig.« »Würden Sie vielleicht die Güte haben, Mr. Pinch«, unterbrach ihn Pecksniff lächelnd und winkte mit der Hand ab, »alles, was auf diese Frage Bezug hat, vorderhand auf sich beruhen zu lassen. – Also, wie ist es Ihnen ergangen, Thomas – hum?« Mr. Pinch blickte von seinem Herrn und Gebieter auf den neuen Zögling und von diesem wieder auf Mr. Pecksniff, war aber dabei so verwirrt und verlegen, daß er die nötige Geistesgegenwart nicht aufbringen konnte, um die Frage zu beantworten. Während dieser peinlichen Pause rührte Mr. Pecksniff beständig, sich wohl bewußt, daß ihn Martin immer noch mit drohenden Augen betrachte – trotzdem er nicht ein einziges Mal aufgesehen hatte –, eifrig in den Kohlen herum. Als das schließlich nicht mehr recht anging, beschäftigte er sich emsig mit Teetrinken. »Nun, Mr. Pecksniff?« sagte Martin endlich mit schneidender Stimme. »Wenn Sie sich genügend erfrischt und erholt haben, so würde es mir lieb sein, wenn sie mir endlich sagen wollten, wie ich mir Ihr Benehmen zu deuten habe.« »Und was –« nahm Mr. Pecksniff seine alte Frage wieder auf, »– und was, lieber Tom Pinch, haben Sie die ganze Zeit über getrieben? Nun?« Nachdem er diese Frage noch ein paarmal wiederholt hatte, schaute er sich im Zimmer um, um seine Verlegenheit zu verbergen. Tom stand der Verstand beinah still, denn er wußte nicht, was er zu alledem sagen solle, und er wollte gerade durch eine bittende Gebärde Mr. Pecksniffs Aufmerksamkeit auf dessen Verwandten zu lenken versuchen, als Martin ihm jede weitere Mühe ersparte und selbst aufs neue das Wort ergriff. »Mr. Pecksniff«, sagte Martin, trommelte leicht mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte und trat dann ein paar Schritte näher, so daß er den Herrn des Hauses beinahe mit der Hand hätte berühren können, »Sie haben gehört, was ich Sie soeben fragte. Würden Sie also die Gefälligkeit haben, mir zu antworten. Ich wiederhole meine Frage« – er erhob jetzt seine Stimme ein wenig – »was habe ich mir bei all dem zu denken?« »Ich werde demnächst mit Ihnen darüber sprechen, Sir«, versetzte Mr. Pecksniff in strengem Tone und erhob jetzt zum erstenmal seine Blicke. »Höchst liebenswürdig von Ihnen«, höhnte Martin, »aber mit einem ›Demnächst‹ gebe ich mich nicht zufrieden. Sie werden sich schon bemühen müssen, mit der Wahrheit herauszurücken.« Mr. Pecksniff tat, als beschäftige er sich eifrig mit seinem Taschentuch, aber man konnte deutlich sehen, wie seine Hand zitterte. »Und zwar gleich!« fuhr Martin fort und trommelte wieder auf dem Tische. »Und zwar jetzt! Ich lasse mich mit keinem ›Demnächst‹ abspeisen.« »Wie? – Sie drohen mir, Sir?!« rief Mr. Pecksniff. Martin sah ihn fest an, gab aber keine Antwort, obwohl ein aufmerksamer Beobachter ein ominöses Zucken um seine Mundwinkel und vielleicht eine unwillkürliche Bewegung seiner rechten Hand in der Richtung nach Mr. Pecksniffs Halsbinde hätte entdecken können. »Es tut mir sehr leid, sagen zu müssen, Sir«, begann Mr. Pecksniff nach einer Pause, »daß es Ihnen sehr ähnlich sieht, wenn Sie mir drohen wollen. Sie haben mich hintergangen. Sie haben mich getäuscht, trotzdem Sie mich als vertrauensvoll und arglos kannten. Ja«, setzte er hinzu und erhob sich von seinem Stuhl, »und zwar durch falsche Angaben und trügerische Vorspiegelungen haben Sie sich in dieses Haus eingeschlichen, Sir.« »Nur weiter, Sir«, sagte Martin mit geringschätzigem Lächeln; »ich verstehe. Was weiter?« »Was weiter, Sir!« rief Pecksniff, am ganzen Leibe zitternd, und rieb sich krampfhaft die Hände. »Was weiter? Sie zwingen mich, Ihre Schande vor einer fremden Person zu veröffentlichen, was ich eigentlich nicht im Sinne gehabt habe. Ich kann nicht länger zugeben, daß mein Haus durch die Gegenwart eines Menschen geschändet wird, der zu einem Betrüger – zu einem schändlichen Betrüger geworden ist an einem ehrenhaften, allgemein geliebten, verehrten und verehrungswürdigen Gentleman – durch einen Menschen, der sich mir mit Arglist im Herzen näherte, wohl wissend, daß ich, so unbedeutend ich auch sein mag, doch ein ehrlicher Mensch bin, der in dieser irdischen Welt seine Pflicht zu tun sucht und ein Feind ist von aller Bosheit und Hinterlist. Ich beklage aufs tiefste Ihre Verderbtheit, Sir, und sehe mit Leid, daß Sie von dem Blumenpfade der Reinheit und des Friedens abgewichen sind« – dabei schlug der Treffliche an seine Brust oder vielmehr an seinen moralischen Garten – »aber ich kann nicht länger einem Aussätzigen – einer Schlange – Obdach geben. Weichen Sie von hinnen!« rief Mr. Pecksniff und streckte seine Hand aus. – »Weichen Sie von hinnen, junger Mann. Gleich allen, die Sie durchschaut haben, sage ich mich los von Ihnen!« In welcher Absicht Martin bei diesen Worten einen Schritt vorwärts tat, läßt sich unmöglich sagen. Genug, daß Tom Pinch seine Arme um ihn schlang und ihn zurückhielt und daß im selben Augenblick Mr. Pecksniff hastig zurücktrat, ausglitt, über einen Sessel stolperte und in sitzender Stellung auf den Fußboden fiel, wo er, ohne einen Versuch zu machen aufzustehen, mit dem Kopf in die Ecke gelehnt, sitzen blieb. – Wahrscheinlich, weil er dies für die sicherste Stellung hielt. »Lassen Sie mich, Pinch«, rief Martin und schüttelte Tom von sich ab. »Wofür halten Sie mich? Glauben Sie, daß ein Fußtritt ihn zu einer noch gemeineren Kreatur machen könnte? Glauben Sie, wenn ich ihm ins Gesicht spiee, daß ich ihn noch mehr erniedrigen könnte, als er sich selbst schon erniedrigt hat?! Sehen Sie ihn doch nur an! Ich bitte, sehen Sie ihn doch nur an, Pinch!« Mr. Pinch sah unwillkürlich Mr. Pecksniff an, wie er, auf dem Teppich sitzend, den Kopf in einen Winkel der Wand gedrückt und mit allen Spuren einer unbequemen, langen Reise an Leib und Kleidern, nichts weniger als den Eindruck eines einnehmenden und würdevollen Menschen bot. Aber doch blieb er der treffliche Mr. Pecksniff, und es war unmöglich, ihn dieser einzigen Empfehlung bei Tom zu berauben. Sein Blick schien zu sagen: »Ach, Mr. Pinch, sehen Sie nur, hier sitze ich; Sie wissen, was der Dichter von einem Ehrenmanne singt. Und ein Ehrenmann ist eine von den wenigen großen Naturmerkwürdigkeiten, die man umsonst zu sehen kriegt. Bitte, sehen Sie mich nur an.« »Und ich sage Ihnen«, rief Martin, »wie er da liegt, schmachvoll, ein erkauftes Werkzeug, ein Fußabkratzer für schmutzige Stiefel, ein lügnerischer, kriecherischer, gemeiner Hund, ist er das letzte und schlechteste von allem Gewürm auf Erden. Denken Sie an mich, Pinch, der Tag wird kommen – ich weiß es, denn während ich spreche, können Sie es in seinem Gesichte lesen –, an dem auch Sie erfahren werden, was für eine Sorte Mensch er ist. Sie werden ihn kennenlernen, wie ich ihn kenne, und er weiß ganz gut, in welchem Lichte er mir erscheint. Er sich von mir lossagen! Schauen Sie ihn nur an, diesen Tugendbold, Pinch, und lassen Sie sich seinen Anblick zur Warnung dienen.« Dabei deutete er mit unaussprechlicher Verachtung auf Mr. Pecksniff, drückte sich dann schnell den Hut auf den Kopf und verließ das Haus. Er ging so rasch, daß er bereits das Dorf im Rücken hatte, als er Tom Pinch in einiger Entfernung hinter sich atemlos seinen Namen rufen hörte: »Nun, was gibt's?« fragte er, als Tom ihn eingeholt hatte. »Ach, du lieber Gott«, rief Tom, »Sie wollen fort?« »Fort?« wiederholte Martin. »Natürlich fort.« »Aber doch nicht jetzt – in diesem Unwetter – zu Fuß – ohne Kleider – ohne Geld!« »Ja«, antwortete Martin finster. »Und wohin?« fragte Tom. »Wohin wollen Sie Ihre Schritte lenken?« »Ich weiß es nicht. – Doch ja! Ich will nach Amerika.« »Ach, tun Sie das nicht«, rief Tom schmerzlich betrübt. »Sie dürfen das nicht! Besinnen Sie sich eines Bessern! Seien Sie doch nicht so furchtbar rücksichtslos gegen sich selbst. Bitte, gehen Sie nicht nach Amerika!« »Mein Entschluß steht fest«, erwiderte Martin. »Ihr Freund hatte recht. Ich gehe nach Amerika. Gott behüte Sie, Pinch!« »So nehmen Sie wenigstens dies!« rief Tom und drückte Martin in großer Erregung ein Buch in die Hand. »Ich muß jetzt zurück und kann nicht alles sagen, was ich möchte. Gottes Segen sei mit Ihnen. Sehen Sie sich das Blatt an, das ich im Buch eingebogen habe. Und jetzt Gott befohlen! Gott befohlen!« Dann drückte er ihm die Hand, und Tränen liefen ihm über die Wangen. In der nächsten Sekunde eilte jeder der beiden jungen Leute in einer andern Richtung fort. 13. Kapitel Was aus Martin wurde, nachdem er Mr. Pecksniffs Haus verlassen, welchen Personen er begegnete, was er alles auszustehen hatte und was er für Neuigkeiten erfuhr Achtlos, bloß Tom Pinchs Buch unter dem Arm und nicht einmal zum Schutz gegen den heftigen Regen seinen Rock zuknöpfend, schritt Martin schnellen Schrittes finster vorwärts, bis er an dem Wegweiser vorbeikam und auf die nach London führende Landstraße gelangte. Aber auch jetzt mäßigte er seine Hast nur wenig, wenn er auch begann, ernster zu überlegen und umherzuschauen und sich aus dem Banne der ungestümen Leidenschaften loszumachen, die ihn bisher gefangen gehalten. Weder physisch noch geistig hatte er Grund, sich besonders behaglich zu fühlen. Der Morgen graute; ein Streifen wässerigen Lichtes dämmerte am östlichen Himmel, und unfreundliche Wolken trieben einher und sandten einen dicken nassen Nebel herab. Von jedem Zweig und Strauch in den Hecken träufelte der Regen, und kleine Gießbäche bildeten sich neben dem Weg. Hundert kleine Kanäle liefen auf der Straße nach abwärts, und auf der Oberfläche jedes Teiches und jeder Gosse bewegten sich zahllose Ringe. Schlammig klatschte es unter dem Gras, und jede Furche in den gepflügten Feldern verwandelte sich in ein schmutziges Bächlein. Nirgends war ein lebendes Wesen zu sehen. Wenn sich die ganze beseelte Natur in Wasser aufgelöst haben würde, hätte der Anblick kaum öder und trostloser sein können. Ebenso unerfreulich wie die Landschaft waren auch die Betrachtungen und Gedanken des jungen einsamen Wanderers. Ohne Geld und ohne Freunde, aufs höchste gereizt und in seinem Stolz und seiner Eigenliebe aufs tiefste verletzt, voll von Entwürfen, Plänen und doch aller Mittel zu ihrer Verwirklichung bar, hätte ihm auch der rachsüchtigste Feind, in Anbetracht der Summe von Seelenleiden, die ihn jetzt erfüllten, verzeihen müssen. Dabei fühlte er sich noch bis auf die Haut durchnäßt und bis ins Mark erkältet. In diesem kläglichen Zustande erinnerte er sich an Mr. Pinchs Buch – mehr, weil ihm das Tragen etwas lästig fiel als weil er hoffte, aus dieser Abschiedsgabe sich Trostes erholen zu können. Er warf einen Blick auf den abgerissenen Titel auf dem Rücken des Buches, und als er fand, daß es ein Band von der französischen Ausgabe des Baccalaureus von Salamanka war, so verwünschte er Toms Torheit aufs heftigste und war schon im Begriff, in seinem Ärger und seiner üblen Laune das Geschenk wegzuwerfen, als ihm eben noch zu rechter Zeit einfiel, daß Pinch ihn auf ein eingebogenes Blatt aufmerksam gemacht hatte. Er schlug daher das Buch auf, darauf gefaßt, weitern Anlaß zum Grimm gegen den armen Mr. Pinch zu finden, der glauben konnte, irgendeine Phrase von der Weisheit des Baccalaureus könne ihm unter solchen Umständen Hilfe bringen – fand aber – Allerdings war es nicht viel, was er fand, aber doch war es Toms ganze Habe: ein halber Sovereign. Tom hatte das Goldstück hastig in ein Stück Papier gewickelt und mit einer Stecknadel auf das Blatt geheftet. Auf der Innenseite der Umhüllung stand mit Bleistift geschrieben: Ich brauche es nicht und wüßte nicht, was damit anfangen. Toms hochherzige Handlungsweise machte auf Martin einen tiefen Eindruck. Die Folge davon war, daß er sich nach kurzer Frist wieder ein wenig von seiner Mutlosigkeit erholte und sich erinnerte, daß er denn doch nicht so ganz ohne Mittel sei, besaß er doch noch einen Vorrat von Kleidern, den er in Mr. Pecksniffs Hause zurückgelassen, und außerdem noch eine goldene Uhr. Nicht wenig schmeichelte ihm auch der Gedanke, was er für ein bestrickender Mensch sein müsse, da er einen so tiefen Eindruck auf Tom gemacht habe, und wieviel er diesem überlegen sei und wie leicht er seinen Weg in der Welt werde machen können. Von diesem Gedanken beseelt und durch den Plan, jetzt in einem fremden Lande sein Glück zu versuchen, ermutigt, entschloß er sich, sein Äußerstes daran zu setzen, um ohne Zeitverlust auf die bestmögliche Weise nach London zu gelangen, wo er, nach Sammlung seiner Hilfsquellen, weiter mit sich zu Rate gehen könne. Er war jetzt zehn gute Meilen vorn Dorfe entfernt und kehrte daher in einem kleinen Bierhause am Wege ein, um ein Frühstück zu sich zu nehmen, sich am Feuer zu wärmen und seinen Rock zu trocknen. Freilich war es ein ganz anderer Ort als der Gasthof, in dem John Westlock ihn bewirtet hatte, und es war nicht mehr Bequemlichkeit darin zu finden als in einer gewöhnlichen Garküche. Aber die Not bricht Eisen. Und was er gestern noch verschmäht haben würde, wurde jetzt für ihn zu einem auserlesenen Dinner. Eier, Schinken, ein Krug Bier waren keineswegs eine so rauhe Kost, wie er gemeint hatte, sondern entsprachen vollkommen der Inschrift auf dem Fensterladen, die verkündete, daß gute Bewirtung für Reisende hier zu haben sei. Als er sich gestärkt, schob er seinen leeren Teller zurück, setzte einen zweiten Krug vor sich auf den Kamin und blickte gedankenvoll in die Kohlenglut, bis ihn die Augen schmerzten. Dann betrachtete er die buntfarbigen Bibelbilder an den Wänden, die in kleine schwarze Rasierspiegelrahmen eingerahmt waren, und erbaute sich daran, wie die Weisen aus dem Morgenland, die übrigens eine starke Familienähnlichkeit miteinander aufwiesen, vor einer rosenroten Krippe beteten und der verlorene Sohn in fleckenfarbigen Lumpen zu seinem purpurgewandigen Vater zurückkehrte, sich in Gedanken bereits an dem seegrünen Kalbe im Hintergrunde labend. Dann blickte er durch das Fenster auf den prasselnden Regen, der schräge über das Wirtshausschild gegen das Haus schlug und den Pferdetrog fast zum Überlaufen brachte. Dann blickte er wieder in das Feuer und träumte. Er hatte diesen Prozeß bereits zum soundsovielten Male wiederholt, als das Geräusch von Rädern seine Aufmerksamkeit von ihrer Richtung ab- und dem Fenster zulenkte. Er bemerkte jetzt draußen einen von vier Pferden gezogenen, gedeckten Korbwagen, der, soviel er unterscheiden konnte, mit Korn und Stroh beladen war. Der Fuhrmann, der einzige menschliche Begleiter des Gespannes, machte vor dem Hause halt, um seine Tiere zu tränken, und kam dann, stampfend und aus Rock und Hut die Nässe schüttelnd, in das Zimmer. Es war ein rotbäckiger, stämmiger junger Bursche mit einem gutmütigen Gesicht, der auch in seiner Kleidung eine gewisse Schmuckheit bekundete. Als er an das Kaminfeuer trat, berührte er grüßend seine triefende Stirn mit dem Zeigefinger seines steifledernen Handschuhs und bemerkte etwas unnötigerweise, daß draußen ein ungemein nasser Tag sei. »Sehr naß«, bestätigte Martin. »Ein solches Wetter ist mir überhaupt noch nicht vorgekommen.« »Und mir auch nicht«, sagte Martin. Der Fuhrmann warf einen Blick auf Martins beschmutzten Anzug, seine feuchten Hemdärmel und seinen Rock, der zum Trocknen vor dem Kamin hing, und fragte nach einer Pause, sich die Hände wärmend: »Hat Sie der Regen erwischt, Sir?« »Ja«, war die kurze Antwort. »Ausgeritten vielleicht?« »Ich wäre ausgeritten, wenn ich ein Pferd hätte, aber ich habe keins«, erwiderte Martin. »Das ist schlimm«, meinte der Kutscher. »Es könnte noch schlimmer sein«, sagte Martin. – Dann steckte er die Hände in die Taschen und fing, um dadurch anzudeuten, daß er sich keinen Pfifferling um Fortunas Launen kümmere, an zu pfeifen. Ungefähr eine Minute lang sah der Kutscher ihn verstohlen an und pfiff ebenfalls, die Hände sich am Kaminfeuer wärmend. Dann fragte er und deutete mit dem Daumen auf die Straße hinaus: »Geht's hinauf oder hinunter?« »Was ist hinauf?« »Nach London, natürlich.« »Also hinauf«, sagte Martin und warf gleichgültig den Kopf zurück, als wollte er sagen: Jetzt wissen Sie's endlich, steckte die Hände noch tiefer in die Taschen, änderte die Melodie und pfiff etwas lauter. »Ich fahre auch hinauf, Sir«, begann der Kutscher wieder. »Nach Hounslow zehn Meilen von hier nach London zu.« »So?« rief Martin, hielt inne und sah den Mann an. Der Kutscher spritzte ein paar Tropfen mit der nassen Hand ins Feuer, daß es zischte, und antwortete: »Ja, allerdings, ich fahre hinauf.« »Hören Sie mal«, sagte Martin, »ich möchte gerne offen mit Ihnen reden. Sie schließen vielleicht nach meinen Kleidern, daß ich ziemlich viel Geld übrig habe. Das ist nun aber nicht so. Alles, was ich für eine Wagenfahrt bezahlen könnte, wäre eine Krone, da ich nicht mehr als zwei besitze. Wenn Sie mich für diesen Betrag und für meine Weste oder mein seidenes Halstuch da mitnehmen wollen, so ist's mir recht. Wollen Sie nicht, so können Sie's ja bleiben lassen.« »Kurz und bündig«, bemerkte der Kutscher. »Verlangen Sie mehr?« fragte Martin. »Ich habe nicht mehr und kann nicht mehr geben. Also hat der Handel ein Ende.« Dann fing er wieder an zu pfeifen. »Habe ich denn gesagt, daß ich mehr will, was?« fragte der Kutscher ein wenig entrüstet. »Sie haben aber auch nicht gesagt, daß Ihnen mein Anerbieten paßt«, erwiderte Martin. »Ich könnt' es doch nicht. Sie ließen mich ja nicht zu Worte kommen. Was die Weste übrigens anbelangt, so würde ich nicht um alles in der Welt einen Gentleman seiner Weste berauben. Aber mit dem seidenen Tuch, das ist etwas anderes. Wenn Sie zufrieden sind, daß wir bis Hounslow fahren, nehme ich es als Geschenk an.« »Also gut, dann wäre das Geschäft in Ordnung«, sagte Martin. »Ja«, sagte auch der andere. »Nun, dann trinken Sie dieses Bier hier aus.« – Martin reichte ihm den Krug und zog seinen Rock geschwind an. »Und dann können wir aufbrechen, wenn es Ihnen paßt.« In weiteren zwei Minuten hatte er seine Rechnung, die einen Schilling betrug, bezahlt und sich der vollen Länge nach auf einem trockenen Strohbündel in dem Korbwagen ausgestreckt, dessen Plane vorn ein wenig geöffnet wurde, damit er sich auch mit seinem neuen Freunde unterhalten konnte. Dann ging es in herzhaftem Tempo vorwärts. Der Fuhrmann hieß, wie Martin bald erfuhr, William Simmons, allgemein unter dem Namen »Bill« bekannt, und sein flottes Äußeres erklärte sich hinlänglich durch seine Verbindung mit einem großen Stellwagenetablissement in Hounslow, wohin er jetzt seine Ladung von einer Meierei in Wiltshire fuhr, die zu seinen Kundschaften gehörte. Er fuhr sehr häufig, wie er sagte, mit solchen Aufträgen die Landstraße auf und nieder und hatte dabei auch nach maroden oder kranken Pferden zu sehen, von denen er übrigens ein langes und breites zu erzählen wußte. Augenblicklich strebte er nach der Würde eines festangestellten Kutschers und sah in Bälde der ersehnten Beförderung entgegen. Außerdem war er musikalisch und trug ein kleines Klapphorn in der Tasche, auf dem er, sooft das Gespräch ins Stocken kam, die ersten paar Takte von einer Menge von Liedern spielte und dann ruckweise abbrach. »Ach ja«, seufzte Bill, fuhr sich mit dem Handrücken über die Lippen und steckte sein Instrument in die Tasche, nachdem er zuvor das Mundstück abgeschraubt hatte, um die Röhre abtropfen zu lassen. »Da lobe ich mir Lummy Ned von den leichten Salisburywagen. – Ja, der war ein musikalisches Talent. Er war als Kondukteur bei der Post angestellt und versah seinen Dienst, daß die Leute nur so –« »Ist er tot?« fragte Martin. »Tot?« versetzte Bill mit verächtlichem Achselzucken. »Nein! Ned läßt sich nicht so leicht beim Sterben erwischen. Der hat was Besseres zu tun.« »Sie haben aber von ihm in der Vergangenheit gesprochen«, meinte Martin, »und daher glaubte ich, daß er nicht mehr am Leben sei.« »Ach so, deshalb!« rief Bill. »Nun, ich meinte, daß er nicht mehr in England sei. Er ist nach den Vereinigten Staaten ausgewandert.« »So?« sagte Martin mit plötzlicher Teilnahme. »Wann?« »Vor fünf Jahren ungefähr. Er hatte in der Gegend hierherum eine Wirtschaft angefangen und konnte seinen Verbindlichkeiten nicht nachkommen. Deshalb brach er eines Tages, ohne ein Wörtchen davon verlauten zu lassen, nach Liverpool auf und schiffte sich nach den Vereinigten Staaten ein.« »Nun, und?« fragte Martin. »Nun, als er dort landete, ohne einen Penny für einen Schluck Bier, da war man natürlich gewaltig froh, ihn auf amerikanischem Grund und Boden begrüßen zu können.« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Martin etwas verächtlich. »Was ich damit sagen will? Nun, weiter nichts als das: in den Vereinigten Staaten sind alle Menschen gleich. Oder etwa nicht? Dort macht sich keiner den Teufel was daraus, ob einer tausend Pfund hat oder gar nichts. Besonders in New York soll's so sein, wo Ned an Land ging.« »In New York also«, brummte Martin gedankenvoll. »Ja, in New York. Ich weiß das, weil er nach Hause schrieb, es habe ihn lebhaft an das alte York erinnert, weil es diesem in jeder Hinsicht – gänzlich unähnlich sei. Ich weiß nicht, auf was für besondere Geschäfte sich Ned verlegt hat, aber er schrieb nach Hause, daß er und seine Freunde immer Lieder von Columbia und dem Präsidenten, den sie demnächst aufzuhängen gedächten, sängen, und so glaube ich, es muß eine Staatswirtschaft oder sonst etwas Flottes gewesen sein. Aber sei es, wie's will, jedenfalls hat er sein Glück gemacht.« »Wirklich?« »Jawohl, ich weiß es. Denn er verlor sein ganzes Vermögen wieder den Tag darauf in sechsundzwanzig Banken, die umgeschmissen haben. Sobald er sich darüber klar war, schickte er ein ganzes Pack Banknoten an seinen Vater und einen sehr kindlichen Brief dazu. Ich weiß das, weil man sie in unserm Hof drunten gegen ein kleines Eintrittsgeld zum Besten des alten Gentlemans zeigte, damit er sich im Armenhaus ein wenig Tabak kaufen könne.« »Das war doch wirklich ein einfältiger Kerl, daß er nicht besser auf sein Geld achtgab, nachdem er sich einmal etwas erworben hatte«, sagte Martin unwillig. »Da haben Sie ganz recht«, versetzte Bill, »besonders weil's lauter Papier war und er sehr leicht darauf hätte achtgeben können, wenn er's in ein kleines Päckchen zusammengebunden hätte.« Martin sagte nichts, sondern schlief bald darauf ein und schlummerte ein paar Stunden. Als er erwachte, hatte der Regen aufgehört, weshalb er seinen Sitz neben Bill wieder einnahm und ihn ausfragte, wie lange der glückliche Kondukteur von den leichten Salisburywagen zur Überfahrt gebraucht, welche Jahreszeit er zur Reise gewählt, wie das Schiff, das er benützt, geheißen, wieviel Reisegeld er bezahlt und ob er viel unter der Seekrankheit gelitten habe und so weiter. Über alle diese Einzelheiten wußte jedoch Bill nur wenig oder gar keine Auskunft zu geben, denn er antwortete entweder augenscheinlich aufs Geratewohl, oder er gab zu, nie etwas davon gehört oder alles Nähere vergessen zu haben. Kurz, Martin konnte nichts Wesentliches erfahren, so angelegentlich er sich auch erkundigte. Den ganzen Tag über holperten sie weiter und machten so oft halt – das eine Mal, um Erfrischungen einzunehmen, das andere Mal, um die Pferde oder das Geschirr zu wechseln, jetzt wegen dieser, dann wegen jener Geschäftsangelegenheit, die mit dem Postkutschenverkehr in Verbindung stand und so weiter –, daß es schließlich Mitternacht wurde, als sie Hounslow erreichten. In einiger Entfernung von den Ställen, die das Standquartier des Korbwagens waren, stieg Martin ab, zahlte seine Krone und drängte seinem wackern Freund das seidene Tuch auf, ungeachtet der vielen Beteuerungen desselben, daß er ihn nicht berauben wolle, wobei jedoch seine gierigen Blicke seine Worte Lügen straften. Als das abgetan war, trennten sie sich. Der Wagen fuhr in seinen Hof, und die Tore wurden zugemacht. Während Martin in der dunkeln Straße stehen blieb und sich vorkam wie einer, der ausgestoßen und verlassen ist von der ganzen Welt, ohne einen Schlüssel zu haben, das Tor zum Reiche des Glücks zu öffnen. Aber auch in diesem Augenblicke der Zaghaftigkeit, und noch oft später, wirkte die Erinnerung an Mr. Pecksniff wie eine Labung auf ihn, und der in seiner Seele erwachende Unwille war gerade das beste Mittel, ihn zu hartnäckiger Ausdauer anzuspornen. Unter dem Einflüsse dieses feurigen Belebungsmittels brach er ohne weiteres nach London auf, und als er dort in tiefster Nacht anlangte und daher keine Herberge mehr offen fand, trieb er sich bis zum Morgen in den Straßen und auf den freien Plätzen umher. Etwa eine Stunde vor Tagesgrauen gelangte er in die bescheideneren Regionen von Adelphi, redete dort einen Mann in einer Pelzmütze an, der eben die Läden einer armseligen Wirtsstube öffnete, und fragte ihn, da er fremd sei, ob er nicht ein Bett haben könne. Zum Glück antwortete der Mann bejahend. Martin fühlte sich überglücklich und dankte dem Himmel, als er in das freilich nichts weniger als prächtige, aber doch leidlich reine Lager kroch, um Wärme, Ruhe und Vergessenheit zu suchen. Er erwachte erst gegen Abend, und als er sich gewaschen, angekleidet und etwas zu sich genommen hatte, war es bereits wieder dunkel geworden. Dies paßte ihm jedoch nur um so besser, als er sich jetzt in die unbedingte Notwendigkeit versetzt sah, seine Uhr zu irgendeinem Pfandleiher zu tragen, und zu einem solchen Zwecke sogar am längsten Tage des Jahres bis zum Einbruch der Nacht gewartet haben würde, und wenn er die Stunden auch ohne einen Bissen zu genießen hätte verbringen müssen. Er kam an mehr goldenen Bällen – den Aushängeschildern der Pfandleiher – vorüber, als wohl sämtliche Jongleure Europas seit dem Anbeginn ihrer technischen Tätigkeit zu ihren Gaukeleien verwendet hatten, ehe er sich zugunsten irgendeines besonderen Ladens, wo wiederum derartige Symbole ausgehängt waren, entschied. Dann kehrte er zu einem der ersten, die er gesehen, zurück, trat durch eine Nebentüre des Hofes ein, wo die drei Kugeln mit der Inschrift »Geld auszuleihen« in gespenstigem Transparent sich wiederholten, und traf auf eine Reihe kleinerer Verschläge oder Privatlogen, die zur Bedienung der verschämteren und weniger abgebrühten Kunden bestimmt waren. Nachdem er sich in einen derselben hineingeschlichen, zog er seine Uhr heraus und legte sie auf den Ladentisch. »Auf Ehr und Seligkeit«, hörte er eine Stimme in der nächsten Abteilung offenbar zu dem Ladenbesitzer sagen, »Sie müssen mehr geben. Sie müssen eine Kleinigkeit mehr geben, wahrhaftig. Sie müssen eine halbe Viertelunze Zuwaage geben, wenn Sie mit Ihrem Pfund Fleisch herausrücken, bester Freund, und zwei Schillinge sechs Pence daraus machen.« Martin fuhr unwillkürlich zusammen, denn die Stimme kam ihm bekannt vor. »Sie haben immer das Maul voll Unsinn«, schimpfte der Pfandleiher, rollte das Paket, es schien ein Hemd zu sein, auf und probierte seine Feder auf dem Rechentisch. »Soll ich's vielleicht voll Gold haben, wenn ich zu Ihnen komme«, lachte Mr. Tigg. »Ha, ha; auch eine Idee. Machen Sie's rund; zwei und sechs, lieber Freund, nur dieses eine Mal noch. Eine halbe Krone ist ein recht hübsches Geldstück – zwei und sechs! Wer gibt mehr? Zwei und sechs. Zum ersten, zum zweiten und zum –« »Bevor ich sage ›zum dritten‹«, brummte der Pfandleiher, »können Sie lange warten. Das Ding ist schon ganz grau vom Tragen.« »Sein Herr ist grau geworden im Dienst eines undankbaren Vaterlandes! Also, Sie machen zwei und sechs daraus, denke ich.« »Ich gebe nicht mehr darauf«, entgegnete der Ladeninhaber, »als ich immer gebe, nämlich zwei Schilling. – Derselbe Name wie gewöhnlich, nicht wahr?« »Derselbe Name«, sagte Mr. Tigg. »Mein Anrecht auf den erloschenen Pairstitel ist vom Oberhaus noch immer nicht bestätigt.« »Die alte Adresse?« »Nein, nein. Ich habe mein Hotel von der City von Nummer achtunddreißig, Mayfair, auf Nummer eintausendfünfhundertzweiundvierzig, Park Lane, verlegt.« »Sie werden doch nicht verlangen, daß ich das aufschreiben soll, was?« sagte der Mann lachend. »Schreiben Sie auf, was Sie wollen, mein Freund«, entgegnete Mr. Tigg. »Die Tatsache steht nun doch einmal fest. Die Gelasse für den Unterkellermeister und den fünften Lakaien waren in Nummer achtunddreißig in Mayfair von ganz verwünscht schlechter Beschaffenheit, und ich sah mich deshalb genötigt, mit Rücksicht auf meine verwöhnte Dienerschaft das elegante und bequeme Gebäude Nummer eintausendfünfhundertzweiundvierzig, Park Lane, zu mieten. Also geben Sie drei Schillinge und sechs Pence her und besuchen sie mich mal gelegentlich.« Der Pfandleiher fühlte sich durch diese humorvollen Ergüsse so erbaut, daß sogar Mr. Tigg selbst einen Ausbruch schnurrigen Behagens nicht unterdrücken konnte. Seine fröhliche Stimmung erweckte in ihm schließlich sogar den Wunsch nachzusehen, ob der Kunde im nächsten Verschlag seinen Witz auch wirklich gehört habe, und um sich davon zu überzeugen, guckte er um die Scheidewand herum und erkannte im nächsten Augenblick bei der Beleuchtung der Gaslampe Martin. »Hol mich der Teufel«, rief er aus und reckte den Kopf vor. »Das ist doch das erstaunlichste Zusammentreffen, das jemals in der alten oder neuen Geschichte passiert ist. Wie geht's Ihnen? Was bringen Sie für Neuigkeiten aus den ackerbauenden Distrikten? Was machen unsere Freunde, die Pecksniffs? Ha, ha, ha. David, schenken Sie doch auf der Stelle diesem Gentleman, der ein guter Freund von mir ist, ihre ganz besondere Aufmerksamkeit.« »Da! Wollen Sie vielleicht die Güte haben, mir auf dieses Pfand hier so viel wie möglich zu borgen?« sagte Martin und händigte dem Pfandverleiher seine Uhr aus. »Ich brauche dringend Geld.« »Er braucht dringend Geld!« rief Mr. Tigg voll Mitgefühl. »Haben Sie die Güte, Ihr Alleräußerstes für meinen Freund zu tun. Sie hören, er braucht dringend Geld. Bedienen Sie meinen Freund, als ob ich's selbst wäre. Eine goldene Uhr, David! Zylinderwerk, geht auf vier Rubinen, englische Aufhängung, horizontale Balanciere, und für richtigen Gang garantiere ich mit meinem Ehrenwort, da ich Gelegenheit hatte, das Werk jahrelang und unter den heikelsten Umständen zu beobachten.« Dabei blinzelte er Martin zu, um ihm bemerklich zu machen, daß diese Empfehlung einen bedeutenden Einfluß auf den Pfandleiher ausüben werde. »Nun, was haben Sie meinem Freunde zu sagen, David? Geben Sie sich alle erdenkliche Mühe, sich bei dieser neuen Kundschaft gut einzuführen.« »Wenn's Ihnen recht ist, so kann ich Ihnen auf die Uhr drei Pfund borgen«, wendete sich der Pfandleiher in familiärem Ton zu Martin. »Sie ist sehr altmodisch, und ich kann deshalb nicht mehr geben.« »Nun, das lasse ich mir gefallen«, rief Mr. Tigg. »Zwei Pfund zwölf Schillinge sechs Pence für die Uhr, und sieben Schillinge sechs Pence aus persönlichen Rücksichten. – Wirklich, ich freue mich sehr darüber. Es mag eine Schwäche von mir sein, aber ich kann nicht anders – drei Pfund sind gut – wir nehmen sie. Der Name meines Freundes ist Smivey: Chicken Smivey in Holborn, Nummer sechsundzwanzigeinhalb B, Aftermieter.« Dabei blinzelte er Martin zu, um ihm zu bedeuten, daß jetzt alle vom Gesetz vorgeschriebenen Zeremonien beendigt seien und er weiter nichts zu tun habe, als das Geld einzustecken. Es stellte sich heraus, daß er nicht falsch prophezeit hatte, denn Martin, dem keine andere Wahl blieb, als zu nehmen, was ihm geboten wurde, drückte seine Zustimmung durch ein Nicken mit dem Kopfe aus, worauf sofort das Geld auf den Tisch hingezählt wurde. An der Türe schloß sich ihm Mr. Tigg an, faßte ihn am Arme, begleitete ihn auf die Straße hinaus und gratulierte ihm zu dem erfolgreichen Ausgang des Geschäftes. »Danken Sie mir nicht lange wegen meiner Verwendung«, sagte er, »Sie wissen, ich kann dergleichen nicht leiden.« »Glauben Sie vielleicht, es wäre mir so etwas auch nur im entferntesten in den Sinn gekommen?« sagte Martin, blieb stehen und machte sich los. »Sie sind sehr gütig«, lachte Mr. Tigg, »ich danke Ihnen.« »Ich dächte, Sir«, sagte Martin und biß sich auf die Lippen, »die Stadt ist ziemlich groß, und wir könnten ganz gut verschiedene Wege einschlagen. Wenn Sie mir angeben wollen, wohin sie der Ihrige führt, so kann ich ja den entgegengesetzten einschlagen.« Mr. Tigg öffnete den Mund zu einer Erwiderung, aber Martin kam ihm zuvor. »Nach dem, was sie soeben gesehen haben, brauche ich Ihnen wohl kaum zu sagen, daß ich nicht in der Lage bin, etwas für Ihren Freund, Mr. Slyme, tun zu können. Auch halte ich es für ebenso unnötig, Ihnen zu versichern, daß ich die Ehre Ihrer Gesellschaft gerne entbehre.« »Halt!« rief Mr. Tigg und streckte die Hand aus. »Halt! Es gibt ein sehr merkwürdiges, altersgraues, sehr wahres Sprichwort, das behauptet, es sei die Pflicht des Menschen, zuerst gerecht und dann erst großmütig zu sein. Seien Sie jetzt das erstere – zu dem anderen werden Sie gleich Gelegenheit haben. Bitte, bringen Sie mich nicht in Verbindung mit dem Subjekt Slyme, beehren Sie das Subjekt Slyme nicht mit der Auszeichnung, es wäre mein Freund; denn das ist durchaus nicht der Fall. Ich habe mich genötigt gesehen, Sir, den Menschen fallenzulassen, den Sie Slyme nennen. Ich weiß durchaus nichts von der Person, die Sie Slyme nennen. Ich bin, Sir«, setzte Mr. Tigg hinzu und schlug sich auf die Brust, »ich bin eine preisgekrönte Orchidee von einer ganz anderen Kultur und ganz verschiedener Abstammung und habe nichts gemein mit dem Kohlstrunk Slyme, Sir.« »Das alles ist mir sehr gleichgültig«, versetzte Martin kalt. »Es ist mir auch völlig egal, ob Sie jetzt auf eigene Rechnung vagabundieren oder das Geschäft noch in Kompanie mit Mr. Slyme führen. Kurz und gut, ich wünsche keinen Verkehr mit Ihnen. – In Teufelsnamen, Mensch«, setzte er hinzu, konnte aber trotz seines Ärgers ein Lächeln nicht unterdrücken, als er Mr. Tigg mit dem Rücken gegen den Fensterladen lehnen und sich mit Seelenruhe seinen Scheitel frisieren sah. »Wollen Sie dorthin gehen oder diesen Weg hier einschlagen?« »Erlauben Sie mir gefälligst, Sie daran zu erinnern, Sir«, sagte Mr. Tigg mit großer Würde, »daß Sie – nicht ich – daß Sie –, ich wiederhole es noch einmal: daß Sie – meine Vermittlung in Ihren Angelegenheiten zu einer kalten und entfremdenden Geschäftssache machen, während ich geneigt war, sie im Lichte einer freundschaftlichen Bemühung zu betrachten. Wie übrigens jetzt die Sachen stehen, Sir, erlaube ich mir die Bemerkung, daß ich wegen der geringen Dienste, die ich Ihnen bei dem Geldgeschäft heute abend geleistet, eine Kleinigkeit erwarte, um sie einem wohltätigen Zwecke zuzuwenden. Nach der Art und Weise, wie Sie mit mir gesprochen haben«, schloß Mr. Tigg, »würde ich es nicht als Beleidigung betrachten, wenn Sie mir gefälligst eine Krone anbieten wollten.« Martin zog ein solches Geldstück aus der Tasche und warf es dem Gentleman zu. Mr. Tigg fing es auf, betrachtete es genau, um sich von seiner Echtheit zu überzeugen, ließ es auf seiner Hand wie einen Kreisel tanzen und begrub es dann in seiner Tasche. Schließlich lüftete er mit militärischem Anstand seinen Hut um ein paar Zoll, sann gravitätisch nach, für welche Richtung er sich entscheiden und welchen Grafen oder Marquis von seinen Freunden er zunächst mit seinem Besuche beehren solle, steckte die Hände in seine Rocktaschen und stolzierte davon. Martin schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Der ganze stattgefundene Vorgang hatte etwas Demütigendes für ihn, und er verwünschte immer wieder und wieder das Mißgeschick, mit diesem Menschen in dem Laden des Pfandleihers zusammengetroffen zu sein. Immerhin gereichte es ihm zum Tröste, daß Mr. Tigg selbst zugestanden hatte, die Verbindung zwischen ihm und Slyme habe aufgehört. Dadurch wurde wenigstens, wie Martin folgerte, verhindert, daß seine drückende Lage irgendeinem Mitgliede seiner Familie bekannt wurde. Schon der Gedanke an diese Möglichkeit einer solchen Bloßstellung verletzte seinen Stolz und erfüllte ihn mit Scham. Allerdings war genügend Grund vorhanden, in was immer für Erklärungen Mr. Tiggs das größte Mißtrauen zu setzen und ihnen auch nicht den mindesten Glauben zu schenken. Wenn sich aber Martin daran erinnerte, auf welchem Fuße dieser Gentleman mit seinem Freunde gestanden hatte und wie wahrscheinlich es war, daß er ein von Mr. Slyme unabhängiges Geschäft eröffnet habe, kam ihm die Aussage des Ehrenmannes immerhin plausibel vor; wenigstens hoffte er, es möchte der Fall sein, und das war vorderhand genügend. Sobald er sich mit dem nötigen Geld, wie bereits erzählt, für seine augenblicklichen Bedürfnisse versehen hatte, war sein erster Schritt, seine Schlafstelle in dem Wirtshaus bis auf weitere Kündigung zu mieten und ein förmliches Schreiben an Tom Pinch abzusenden – er wußte genau, daß es Mr. Pecksniff lesen würde –, worin er ihn ersuchte, ihm mit der nächsten Londoner Post seine Kleider zu schicken, zugleich aber der Adresse die Weisung beifügte, daß sie auf dem Postbureau liegen bleiben sollten, bis sie abgeholt würden. Nachdem er diese Maßregeln getroffen, verbrachte er die Zeit bis zur Ankunft seines Gepäckes – nämlich drei Tage – mit Nachfragen wegen der Überfahrtsbedingungen nach Amerika. Er hoffte, es könne sich ihm bei dieser Gelegenheit die Möglichkeit irgendeiner kleinen Stelle an Bord bieten. Als er jedoch fand, daß sich etwas dieser Art nicht von selbst präsentierte, und die Folgen weiteren Zeitverlustes fürchtete, so brachte er sein Anliegen in Form einer kurzen Annonce zu Papier, die er in ein paar der gelesensten Zeitungen einrücken ließ. Bis die zwanzig oder dreißig Anfragen, die, wie er meinte, nicht ausbleiben könnten, einlaufen würden, traf er unter seiner Garderobe eine engere Wahl und trug das übrige in den Laden des Pfandverleihers, um es in klingende Münze umzusetzen. Dabei fiel ihm auf, wie rasch und doch fast unmerklich er Feingefühl und Selbstachtung verlor. Was ihn noch vor ein paar Tagen bis ins tiefste Innere mit Scham erfüllt hätte, betrieb er bald mit so wenig Bedenken, als wenn es sich ganz von selbst verstünde. Als er das erstemal den Pfandleiher besucht hatte, war es ihm auf seinem Wege vorgekommen, als sähen ihm alle Vorübergehenden forschend in die Augen, wohin er ginge. Auf dem Rückwege schien es, als mache der ganze Menschenstrom vor ihm halt und wiche ihm aus, genau wissend, woher er komme. Und jetzt? Das Urteil der Leute war ihm mit einem Male vollständig gleichgültig geworden! Bei seinen ersten Wanderungen durch die langweiligen Straßen hatte er sich gestellt, als verfolge er einen ganz bestimmten Zweck, jetzt aber verfiel er bald in den bummligen Gang eines gedankenlosen Pflastertreters, der, an einem Strohhalm kauend, um die Straßenecken schlendert und wohl fünfzigmal des Tages an demselben Ort hin und her geht, teilnahmslos und geistesabwesend immer in dieselben Fensterläden guckend. Anfangs verließ er seine Wohnung mit einem unruhigen Gefühl, weil er sich scheute, auch nur von den zufällig Vorübergehenden, die er nie zuvor gesehen hatte und auch wohl nie wieder zu sehen bekommen würde, bemerkt zu werden. – Es berührte ihn peinlich, am Morgen aus einem Wirtshaus zu kommen, aber jetzt machte er sich nichts mehr daraus, sogar vor der Türe herumzulungern oder sich nachlässig neben dem Gestell zu sonnen, das von oben bis unten mit hölzernen Nägeln besteckt war, an denen die Bierkannen wie Früchte eines Zinnbaumes hingen. Und doch hatte es kaum fünf Wochen gebraucht, bis er die unterste Sprosse dieser langen Leiter erreicht hatte. Fünf Wochen! Von all den zwanzig oder dreißig Anfragen, die er erhofft, war auch nicht eine einzige eingelaufen. Sein Geld – und selbst der Zuschuß, den er sich durch Veräußerung seiner entbehrlichen Kleidungsstücke verschafft hatte, freilich war es nicht viel, denn Kleider sind bekanntlich teuer zu kaufen, aber fast wertlos im Leihamt – schwand rasch dahin. Was sollte er beginnen? Manchmal überkam ihn eine Art Verzweiflung, und dann stürzte er wieder fort, obgleich er eben erst nach Hause gekommen war, um nach demselben Platz, den er schon zwanzigmal besucht, zurückzukehren, um einen neuen Versuch zu machen; aber alles war vergebens. Er war um vieles zu alt für einen Kajütenjungen und viel zu unerfahren, um auch nur als gewöhnlicher Matrose angenommen zu werden. Auch sein Anzug und sein ganzes übriges Äußeres stand seinen Anerbietungen, sich den niedrigsten Diensten zu unterziehen, hinderlich im Wege. Und doch durfte er nichts unversucht lassen, langte doch alles, was er besaß, nicht hin, um auch nur im Zwischendeck Amerika erreichen zu können. Es ist bezeichnend für den menschlichen Geist, daß Martin die ganze Zeit über keinen Augenblick zweifelte und sogar felsenfest davon überzeugt war, er würde in der neuen Welt die großartigsten Dinge zur Ausführung bringen können, wenn er nur einmal drüben wäre. In demselben Maße, in dem er von Tag zu Tag kleinmütiger in England wurde, und die Möglichkeiten, sich Mittel zu verschaffen, um nach Amerika zu kommen, immer mehr und mehr schwanden, desto tiefer lebte er sich in die Überzeugung hinein, drüben sei der einzige Ort, wo er sein hohes Ziel erreichen könne. Ununterbrochen quälte er sich mit dem Gedanken ab, es könnten in der Zwischenzeit Leute hinübergehen, die ihm in der Ausführung aller seiner Pläne, die seinem Herzen so teuer waren, zuvorkämen. Oft dachte er an John Westlock und sah sich nach ihm bei allen Gelegenheiten um, durchwanderte sogar London drei Tage lang ausdrücklich in der Absicht, ihm zu begegnen. Wenn ihm dies auch nicht glückte, so wäre er doch nicht im geringsten davor zurückgeschreckt, sich von ihm Geld auszuborgen, was ihm Westlock ohne Zweifel auch sofort geliehen haben würde. Aber andererseits konnte er es doch nicht über sich gewinnen, an Pinch zu schreiben und ihn zu fragen, wo sein Freund zu finden sei. Allerdings hatte er Tom ziemlich gern, aber das Bewußtsein seiner eigenen Überlegenheit erlaubte es ihm nicht, einen Menschen, dem er nichts weiter als ein Gönner sein wollte, zum Ausgangspunkt seines Glückes zu machen. Schon der Gedanke daran verletzte seinen Stolz aufs tiefste. Wahrscheinlich würde er schließlich doch nachgegeben haben und hätte es ohne Zweifel auch bald müssen, wenn nicht ein sehr sonderbares und unvorhergesehenes Ereignis eingetreten wäre. Nach Ablauf der genannten fünf Wochen befand er sich in einer wahrhaft verzweifelten Lage. Als er eines Abends nach seiner Wohnung zurückkehrte, sich betrübt nach seiner Schlafkammer hinaufschlich und eine Kerze an der Gasflamme im Schenkstübchen anzünden wollte, hörte er den Wirt seinen Namen nennen. Da er ihn stets verschwiegen hatte, so stutzte er daher nicht wenig, und seine Verwirrung war so augenfällig, daß der Wirt ihn mit der Bemerkung zu beruhigen für nötig hielt: es sei nur von einem Briefe die Rede. »Von einem Briefe!« rief Martin. »An Mr. Martin Chuzzlewit«, erklärte der Wirt und las die Adresse eines Schreibens, das er in der Hand hielt, ab. »Abgestempelt nachmittags, Hauptpostamt, franko.« Martin nahm das Kuvert entgegen, bedankte sich und ging die Treppe hinauf. Der Umschlag war nur mit einer Oblate zugeklebt und die Handschrift ihm gänzlich unbekannt. Er öffnete das Schreiben und fand darin – ohne Namen, Adresse oder sonstigen Aufschluß – eine Note der englischen Bank im Betrag von zwanzig Pfund. Vor Erstaunen und Entzücken fast versteinert, eilte er sogleich in die Wirtsstube hinunter, um sich zu überzeugen, ob die Note auch echt sei, und dann wieder mit größter Hast hinaufzustürmen, um sich wohl zum fünfzigsten Male zu überzeugen, ob nicht doch irgendwo eine kleine Notiz angebracht sei oder eine Zeile sich vorfinde. Vor lauter Mutmaßungen wurde er schließlich fast närrisch, konnte aber am Ende doch weiter nichts herausbringen, als daß die Note wirklich da und er plötzlich ein reicher Mann geworden war. Dann kam er zu dem Schlusse, es sich vorderhand wieder einmal bei einem guten, aber frugalen Mahle auf seinem Zimmer wohl sein zu lassen, befahl zu diesem Zwecke ein Kaminfeuer anzuzünden und begab sich auf den Weg, um etwas einzukaufen. Er suchte sich ein paar Schnitten kaltes Ochsenfleisch, Schinken, französisches Brot und Butter aus und kehrte gleich darauf mit ziemlich schwer beladenen Taschen wieder heim. Wenig erfreulich für ihn war, daß er sein Zimmer voll Rauch fand, was davon herrührte, daß die Abzugsröhren fehlerhaft konstruiert waren und man überdies beim Einheizen vergessen hatte, ein paar Säcke und andere Kleinigkeiten wegzunehmen, die in der Röhre gelegen hatten. Doch war das Versehen bereits wiedergutgemacht und das Fenster durch ein vorgelegtes Holzscheit zum Offenbleiben gezwungen worden, so daß es in Bälde in der Stube ziemlich behaglich war, von ein bißchen Augenbeißen und Husten vielleicht abgesehen. Martin war nicht in der Stimmung, sich über diese Mißhelligkeiten zu beklagen, selbst wenn sie noch unerträglicher gewesen wären, besonders da eine glänzende Flasche Porter auf dem Tische stand. Als sich das Dienstmädchen entfernen wollte, erteilte er ihr noch die besondere Weisung, etwas Heißes herzurichten, damit er es haben könne, sobald er klingle. Da der kalte Braten in einen Theaterzettel eingewickelt war, bediente er sich dieses Papiers als Tafeltuch, legte es mit der bedruckten Seite nach unten auf den kleinen runden Tisch und ordnete sein Mahl darauf. Der untere Teil der Bettstatt vertrat, da sie dicht an den Kamin stieß, die Stelle eines Serviertisches, und als diese Vorbereitungen beendigt waren, schob Martin einen alten Lehnsessel in die wärmste Kaminecke, um sodann behaglich darauf Platz zu nehmen. Er hatte soeben mit großem Appetit zu essen angefangen und sah sich dabei mit der triumphierenden Vorahnung in dem Stübchen um, daß er es am nächsten Tage wohl für immer verlassen werde, als seine Aufmerksamkeit durch einen leisen Schritt auf der Treppe draußen erregt wurde. Gleich darauf ertönte ein Klopfen an der Türe, und zwar so leise, daß das Holzscheit im Fenster aufs lebhafteste darüber erschrak und auf die Straße hinunterfiel. »Aha, Kohlen kommen«, murmelte Martin. »Herein!« »Ich bin so frei, Sir«, versetzte eine Mannesstimme. »Ihr Diener, Sir!« Martin starrte das Gesicht an, das sich jetzt auf der Schwelle verbeugte. Er erinnerte sich der Züge und des Ausdrucks vollkommen, hatte aber ganz und gar vergessen, wem sie angehörten. »Ich heiße Tapley, Sir«, sagte der Besucher, »ich bin derselbe, der früher im Drachen bedienstet war und fort mußte, weil es ihm an Anlaß zur nötigen Fröhlichkeit fehlte.« »Aha! Richtig!« rief Martin. »Ich bitte Sie, wie kommen Sie hierher?« »Durch den Vorplatz und die Treppe herauf, Sir«, entgegnete Mark. »Nein, ich meine, wie Sie mich aufgefunden haben?« »Nun, Sir«, antwortete Mark, »es kam mir so vor, als ob ich Sie ein paarmal auf der Straße gesehen hätte. Und als ich vorhin mit so hungrigem Magen, daß man ganz gut heiter dabei sein kann, in die Bude des Garkochs drüben hineinschaute, bemerkte ich, daß Sie drin Einkäufe machten.« Martin errötete, als Mr. Tapley auf den Tisch deutete, und fragte etwas hastig: »Und was weiter?« »Nun, Sir, und da nahm ich mir die Freiheit, Ihnen nachzugehen. Und da ich drunten sagte, Sie erwarteten mich, so ließ man mich herauf.« »Haben Sie mir etwas auszurichten, weil Sie angaben, daß Sie von mir erwartet würden?« fragte Martin. »Nein, Sir, das gerade nicht, ich sagte es nur so. Es war ein frommer Betrug, weiter nichts.« Martin warf Mark einen ärgerlichen Blick zu. Es lag jedoch eine solche Heiterkeit in dem ganzen Auftreten des jungen Mannes, die nicht die Spur von Aufdringlichkeit oder Familiarität an sich hatte, daß es ihn vollkommen entwaffnete. Außerdem hatte er viele Wochen lang ein sehr einsames Leben geführt, und die bekannte Stimme klang angenehm in seinem Ohr. »Tapley«, sagte er, »ich will offen gegen Sie sein. Nach alledem, was ich sehe und von Pinch über Sie gehört habe, sind Sie offenbar kein Mensch, den bloße unverschämte Neugierde oder ein ähnlicher Beweggrund hierherführt. Setzen Sie sich, es freut mich, Sie zu sehen.« »Danke, Sir«, versetzte Mark, »ich möchte aber doch lieber stehen.« »Wenn Sie nicht Platz nehmen wollen, so spreche ich überhaupt nicht mit Ihnen«, entgegnete Martin. »Also gut, Sir, Ihr Wunsch ist mir Befehl. Also hier bin ich.« Mit diesen Worten setzte sich Mark auf die Bettstelle. »Greifen Sie zu«, lud ihn Martin ein und reichte ihm sein einziges Messer hin. »Danke, Sir«, lehnte Mr. Tapley ab, »bis Sie fertig sind.« »Wenn Sie jetzt nicht wollen, so kriegen Sie gar nichts.« »Also gut, Sir«, versetzte Mark, »wenn Sie's denn durchaus haben wollen.« Damit langte er herzhaft zu und ließ sich's gut schmecken. Nachdem Martin während eines kurzen Schweigens das gleiche getan, fragte er plötzlich: »Was treiben Sie in London?« »Nichts, Sir.« »Wieso nichts?« »Ich bin stellenlos.« »Das tut mir Ihretwegen leid«, sagte Martin. »Ich möchte gern eine Dienerstelle bei einem ledigen Herrn annehmen«, nahm Mark seine Rede wieder auf. »Geht er ins Ausland, um so besser, denn ich möchte mir gern die Welt ein bißchen ansehen. Auf Lohn lege ich kein besonderes Gewicht.« Er sagte dies in so bedeutungsvollem Tone, daß Martin im Essen innehielt und sagte: »Wenn Sie mich meinen –« »Ja, Sie meine ich, Sir.« »– so können Sie schon aus der Art und Weise, wie ich hier lebe, schließen, daß ich nicht die Mittel besitze, mir einen Bedienten zu halten. Außerdem reise ich demnächst nach Amerika.« »Ei, Sir«, erwiderte Mark, ohne sich dadurch abschrecken zu lassen, »nach allem, was ich hörte, möchte ich wohl glauben, daß Amerika ganz der Ort danach wäre, wo ein Mensch wie ich fidel sein kann.« Abermals blickte ihn Martin ärgerlich an, aber wieder machte sein Verdruß unwillkürlich einem Lächeln Platz. »Gott behüte, Sir«, rief Mark, »was hilft's da, Verstecken zu spielen und um die Sache herumzugehen wie die Katze um den heißen Brei, wenn man mit ein paar Worten ins reine kommen kann. Ich habe Sie seit vierzehn Tagen nicht aus dem Gesicht verloren und wohl gemerkt, daß in Ihren Angelegenheiten irgendeine Schraube los sein muß. Auch dachte ich mir schon, als ich Sie das erstemal im Drachen drunten sah, daß es früher oder später so kommen müsse. Nun, Sir, hier bin ich, und zwar ohne Stelle. Fürs nächste Jahr brauche ich auch keinen Lohn, denn ich habe mir im Drachen etwas erspart – ich wollte es zwar nicht, aber es ging eben nicht anders –, und wenn's wo ein bißchen drunter und drüber geht, so freut mich das nur um so mehr. Sie gefallen mir, und ich möchte gern meinen Mann stellen unter Umständen, wo andere Leute niedergeschlagen sein würden. Wollen Sie mich also nehmen oder fortschicken?« »Aber wie kann ich Sie denn nehmen?« »Wenn ich sage ›nehmen‹«, versetzte Mark, »so verstehe ich darunter, mich gehen zu lassen, und unter ›gehen lassen‹ verstehe ich, Sie sollen mich mit Ihnen gehen lassen – denn gehen will ich, wohin es auch sei. Da Sie gerade von Amerika sprechen, so sehe ich mit einemmal klar, daß dies ganz der Ort ist, wo man wirklich fidel sein kann, und wenn ich meine Fahrt in dem Schiff, in dem Sie fahren, nicht zahlen darf, Sir, so zahle ich sie eben in einem andern. Denken Sie an meine Worte: wenn ich allein fahre, so wird es meinem Grundsatze getreu in dem morschesten, gebrechlichsten und elendesten Kasten geschehen, in dem man für Geld oder gute Worte einen Platz kriegen kann. Wenn ich dann auf meiner Reise zugrunde gehe, so haben Sie mich auf dem Gewissen; und verlassen Sie sich darauf, ich werde dann als Gespenst Nacht für Nacht mit Doppelschlägen an Ihre Türe klopfen.« »Das ist doch Narrheit«, sagte Martin unwirsch. »Also gut, Sir«, entgegnete Mark. »Freut mich, das zu hören, und wenn Sie mich nicht mitgehen lassen, so wird es vielleicht um so tröstlicher für Sie sein, daß Sie diese Meinung von der Sache gehabt haben. Ich widerspreche nicht gern einem Gentleman, aber das eine sag ich Ihnen, wenn ich dann nicht in der miserabelsten Nußschale, wie nur je eine aus dem Hafen schwamm, nach Amerika auswandere, so will ich – –« »Das kann Ihnen aber doch unmöglich ernst sein«, versetzte Martin. – »Mein vollkommener Ernst«, versicherte Mark. »Nein, nein, ich kenne Sie besser«, lachte Martin. »Also gut, Sir«, sagte Mark wieder mit sehr entschiedener Miene. »Lassen wir's, wie's ist, und geben Sie acht, wie's ausfallen wird. Meiner Seel, das einzige Bedenken, das ich dabei habe, besteht darin, ob's nicht am Ende selbstsüchtig von mir ist, mich Ihnen aufzudrängen; denn einem Gentleman wie Ihnen muß es natürlich drüben so leichtfallen, seinen Weg zu machen, wie einem Bohrer, wenn er auf Tannenholz stößt.« Damit berührte er Martins schwache Seite, der denn auch sofort nachgab und sich des Gefühls nicht erwehren konnte, was dieser Mark doch für ein munterer Bursche sei und wie wohl ihm in dieser schwermütigen Atmosphäre seine Fröhlichkeit bereits getan habe. »Nun allerdings, Mark«, gab er zu, »ich würde die Reise nicht unternehmen, wenn ich nicht die Hoffnung hätte, daß es mir drüben gutgehen wird. Ich habe vielleicht Eigenschaften, die mir bei meinem Fortkommen gut zustatten kommen werden.« » Natürlich haben Sie die«, entgegnete Mr. Tapley. »jeder Mensch weiß das.« »Sie sehen«, fuhr Martin fort, stützte sein Kinn auf die Hand und blickte in die Kohlenglut, »gute Baumeister für Wohnungen müssen in jedem Lande sehr gesucht sein. Gar erst in Amerika, wo die Leute ohne Unterlaß ihren Aufenthalt ändern und sozusagen nomadisieren. Es ist klar, daß sie dann doch Häuser haben müssen, um darin zu wohnen.« »Das glaube ich auch, Sir«, bemerkte Mark, »und gerade, wo die Sachen so stehen, muß sich einem Baumeister die allergünstigste Gelegenheit bieten, von der ich nur je habe reden hören.« Martin blickte ihn forschend an und konnte sich des Argwohns nicht erwehren, daß diese Bemerkung einen Zweifel an dem glücklichen Erfolge seiner Pläne verbergen solle. Indessen beruhigte er sich wieder, als er sah, daß Mr. Tapley mit dem gutmütigsten Gesicht von der Welt an dem Fleisch und Brot fortarbeitete. Bald stieg ihm jedoch noch ein Bedenken auf. Er zog das Kuvert hervor, in dem die Geldnote eingeschlossen gewesen, hielt es Mark hin und faßte ihn dabei fest ins Auge. »Sagen Sie mir die Wahrheit! Wissen Sie etwas davon?« Mark drehte den Brief um und um, betrachtete ihn von allen Seiten, hielt die Aufschrift bald gerade, bald verkehrt und schüttelte schließlich mit einem so unbefangenen Ausdruck des Erstaunens über diese Frage den Kopf, daß Martin das Kuvert wieder zurücknahm und sagte: »Gut, ich sehe schon, Sie wissen nichts davon. Übrigens, wie sollten Sie auch? Immerhin merkwürdig, wieso der Brief an mich kam. – – Nun gut, Tapley«, fügte er nach einem kurzen Besinnen hinzu, »ich will Ihnen meine Geschichte erzählen, und dann werden Sie klarer sehen, an was für ein Geschick Sie sich ketten, wenn Sie mit mir reisen.« »Ich bitte einen Augenblick um Verzeihung, Sir«, unterbrach ihn Mark, »aber ehe Sie weiter sprechen, möchte ich Sie fragen: nehmen Sie mich also mit, oder wollen Sie mich abweisen – mich, den Mark Tapley, vormals im Blauen Drachen, der sich auf das gute Zeugnis Mr. Pinchs berufen kann und einen Gentleman von Ihren hohen Fähigkeiten sucht, um von ihm lernen zu können? Oder soll ich Ihnen in achtungsvoller Entfernung folgen, während Sie, was gar nicht fehlen kann, die höchste Stufe der Glücksleiter erklimmen? – – Nun, Sir«, setzte er hinzu, »für Sie kann's von sehr geringer Bedeutung sein – und da liegt der Haken –, aber für mich ist's von großer Wichtigkeit. Wollen Sie so gut sein und dies ins Auge fassen?« Diese zweite Attacke auf Martins schwachen Punkt ließ erkennen, daß Mr. Tapley ein sehr gewandter und schlauer Beobachter war. Mochte jedoch der Schuß absichtlich oder zufällig sein, jedenfalls traf er ins Schwarze, denn Martin ließ sich immer mehr und mehr erweichen und sagte schließlich mit einer Herablassung, die ihm nach den vielen Wochen Demütigung unendlich wohl tat: »Nun, wir wollen's überlegen, Tapley. Sie können mir ja morgen sagen, ob Sie noch derselben Ansicht sind.« »Dann, Sir«, versetzte Mark und rieb sich die Hände, »ist die Sache so gut wie abgemacht. Bitte, fahren Sie jetzt fort, Sir, wenn's gefällig ist. Ich bin ganz Ohr.« Martin sah ins Feuer und warf hin und wieder einen Blick auf Mark, der bei solchen Gelegenheiten stets mit dem Kopfe nickte, um sein großes Interesse und seine gespannteste Aufmerksamkeit zu bekunden. Dabei erzählte er die Hauptpunkte seiner Geschichte in ähnlicher Weise, wie er sie vor einiger Zeit Mr. Pinch mitgeteilt hatte. Allerdings paßte er sie, wie es ihm in diesem Falle richtiger vorkam, Mr. Tapleys Begriffsvermögen an und berührte deshalb seine Liebesangelegenheit nur ganz kurz und mit wenigen Worten. Doch machte er in diesem Falle die Rechnung ohne den Wirt, denn Mark interessierte sich ganz besonders und aufs lebhafteste für diesen Teil der Geschichte und stellte allerhand darauf bezügliche Fragen, wobei er sich damit entschuldigte, er glaube sich um so mehr berechtigt dazu, als er die junge Dame im Blauen Drachen gesehen habe. »Eine junge Dame, in die verliebt zu sein sich jeder Gentleman zur Ehre anrechnen müßte«, bemerkte Mark mit Nachdruck. »Gewiß und wahrhaftig.« »Leider haben Sie sie gesehen, als sie sich nicht sehr glücklich fühlte«, entgegnete Martin, wieder wie vorher in die Kohlenglut blickend. »Ja, wenn Sie sie in ihren frühern Zeiten gesehen hätten!« »Allerdings war sie ein bißchen niedergeschlagen, Sir, und etwas blasser im Gesicht, als man gerade hätte wünschen können«, gab Mark zu, »aber nichtsdestoweniger sah sie doch recht gut aus. – In London hat sie übrigens schon wieder besser ausgesehen.« Martin wandte seinen Blick vom Feuer ab und starrte Mark an, als fürchte er, einen Wahnsinnigen vor sich zu haben. Dann fragte er ihn, was er damit sagen wolle. »Nichts für ungut«, entschuldigte sich Mark, »ich habe nur gemeint, daß sie vielleicht glücklicher sei, trotzdem Sie ihr jetzt fehlten. Aber es kam mir wirklich so vor, als ob sie besser aussähe, Sir.« »Wie? Wollen Sie damit sagen, sie sei in London gewesen?« fragte Martin, stand auf und stieß seinen Stuhl zurück. »Natürlich«, sagte Mark und erhob sich gleichfalls voll Staunen von der Bettstelle. »Und habe ich das so zu verstehen, als ob sie noch jetzt in London wäre?« »Höchstwahrscheinlich, Sir, ist sie hier. Wenigstens war sie's noch vor einer Woche.« »Und wissen Sie, wo sie wohnt?« »Sie vielleicht nicht?« »Ach, mein lieber Freund!« rief Martin und faßte Mark bei beiden Armen. »Seit ich das Haus meines Großvaters verließ, habe ich sie doch nicht wiedergesehen!« »Na, da höre einer!« rief Mark, schlug mit der geballten Faust dermaßen auf den kleinen Tisch, daß die Fleischschnitten darauf tanzten, und sein ganzes Gesicht bis hinauf zur Stirne leuchtete vor Entzücken. »Jetzt sagen Sie selbst, bin ich nicht Ihr natürlicher, geborener, vom Schicksal ausdrücklich für Sie bestimmter Diener? Und wenn's nicht so ist, so gibt's kein solches Ding mehr in der ganzen Welt wie den Blauen Drachen. Zum Kuckuck noch einmal! Als ich da neulich zufällig auf einem alten Kirchhof in der City auf und ab spazierte, um mich in eine fröhliche Stimmung zu versetzen, da sah ich Ihren Großvater wohl eine geschlagene Stunde lang hin und her wackeln. Ich bin ihm dann in Todgers' Logierhaus für Handelsbeflissene nachgegangen und habe gesehen, wie er wieder herauskam und sich in sein Hotel begab. Und dann suchte ich ihn auf und sagte ihm, ich möchte in seine Dienste treten; ich sei ihm auf eigene Kosten nachgereist, denn ich hätte schon damals im Sinne gehabt, mich ihm anzubieten, ehe ich den Drachen verließ. Und wer saß bei ihm in der Stube? Nun, die junge Dame. Sie lachte übers ganze Gesicht, und das war wirklich reizend anzusehen. Ihr Großvater sagte: ›Kommen Sie nächste Woche wieder‹, und als ich das tat, sagte er, er könne von seinem Grundsatz, niemandem mehr zu trauen, nicht abgehen. Deshalb wolle er mich nicht anstellen. Aber zu gleicher Zeit stand etwas zu trinken da, und das schmeckte wirklich prächtig. Nun«, rief Mr. Tapley mit einem drolligen Gemisch von Vergnügen und Ärger, »was hat man für Ehre davon, unter solchen Umständen fidel zu sein? Kann man da überhaupt anders, wenn die Sachen so stehen?« Martin stand eine Weile da und blickte Mr. Tapley an, als ob er seinen Ohren nicht traue und nicht glauben könne, daß der Mann wahrhaftig vor ihm stehe. Endlich fragte er ihn, ob er meine, der jungen Dame insgeheim einen Brief zustellen zu können, wenn sie sich noch in London aufhalte. »Ob ich meine?!« rief Mark. »Freilich meine ich! – Setzen Sie sich jetzt nieder, Sir, und schreiben Sie, Sir.« Damit räumte er den Tisch mit ein paar energischen Griffen auf, das heißt, er streifte alles, was darauf lag, in den Ofen, holte das Schreibzeug vom Kaminsims herunter, setzte für Martin einen Stuhl hin, drückte ihn hinein, tauchte die Feder ins Tintenfaß und gab sie ihm in die Hand. »Also frisch drauflos, Sir!« rief er. »Machen Sie's ordentlich, Sir. – Ob ich glaube, ihr einen Brief zustellen zu können?! Natürlich glaube ich das. Aber jetzt ans Geschäft, Sir!« Martin ließ sich nicht lange zureden, sondern ging mit großer Behendigkeit ans Werk, während sich Mr. Tapley ohne weitere Umstände die Funktionen eines Kammerdieners und Faktotums anmaßte, d. h. seinen Rock auszog, den Kamin abräumte, das Zimmer ordnete und dabei stets mit halblauter Stimme vor sich hin murmelte. »Eine nette Art von Logis«, brummte er, rieb sich die Nase mit der Handhabe der Kohlenschaufel und sah sich in der ärmlichen Stube um, »das nenne ich mir Komfort. Sogar der Regen kommt durchs Dach herunter. Auch nicht übel. Und die belebte olle Bettstätte hier mit ner Armee von braunen Vampiren darin; – na, da kann man wenigstens fidel sein! Und diese zerlumpte Nachtmütze! – – – Heda! Jane!« rief er die Treppe hinunter. »Bringen Sie doch mal 'n Glas Heißes für meinen Herrn herauf, wie ich Sie vorhin habe eins mischen sehen! – So ist's recht, Sir«, fügte er zu Martin gewendet hinzu, »tun Sie nur, als ob's Ihnen höllisch schlimm zumute sei, und lassen Sie's auch an Zärtlichkeit nicht fehlen. – Sie können nicht zu dick auftragen!« 14. Kapitel Martin sagt seiner Geliebten Lebewohl und erweist dem unbedeutenden Individuum, dessen Glück er zu machen gedenkt, die Ehre, sie seinem Schutz zu empfehlen Als der Brief, wie es sich gehört, unterzeichnet und versiegelt war, wurde er Mark Tapley zu möglichst schleuniger Beförderung ausgehändigt. Auch die Zustellung ging glücklich vonstatten, und Mark konnte noch am selben Abend unmittelbar vor Torschluß mit der angenehmen Nachricht zurückkehren, er habe das Schreiben der jungen Dame hinauf geschickt und einen kleinen eigenhändig geschriebenen Zettel beigelegt, damit es den Anschein habe, als handle es sich nur um einen Versuch von ihm, in Mr. Chuzzlewits Dienste einzutreten. Sie sei dann selber heruntergekommen und habe in großer Hast und Aufregung gesagt, sie wolle seinen Herrn im St.-James-Park treffen. Martin und sein neuer Diener kamen daraufhin sofort überein, Mark solle zur festgesetzten Stunde in der Nähe des Hotels auf die junge Dame warten und sie nach dem Orte des Rendezvous begleiten. Nach dieser Vereinbarung trennten sie sich für die Nacht, aber Martin nahm, bevor er zu Bett ging, wieder die Feder zur Hand und schrieb einen zweiten Brief, dessen Inhalt wir bald kennenlernen werden. Noch vor Tagesgrauen stand er auf und begab sich gegen Morgen in den Park, der das alleruneinladendste Kleid seiner gesamten dreihundertfünfundsechzig Jahrestage angelegt zu haben schien, denn es war ein selten rauhes, feuchtes und dunkles Wetter, die Wolken sahen so schmutzig aus wie der Boden, und die dunstige Perspektive jeder Allee oder Straße verschwand im Nebel wie hinter einem grauen Vorhang. »Wahrhaftig ein prächtiges Wetter«, schimpfte Martin ärgerlich vor sich hin, »um wie ein Dieb hier auf und ab zu laufen. Schönes Wetter für eine Zusammenkunft zweier Liebender im Freien und auf einem öffentlichen Spazierweg. Es ist höchste Zeit, daß ich mich in ein anderes Land begebe, ehe es noch weiter mit mir bergab geht.« Wäre er ein wenig konsequenter in seinen Betrachtungen gewesen, so hätte er einsehen müssen, daß ein solcher Tag für eine Dame doch nur noch ungeeigneter zu einem Rendezvous sei als für einen Herrn, aber seine Gedanken nahmen bald eine andere Richtung, da er seiner Geliebten in kurzer Entfernung ansichtig wurde und sich daher beeilte, ihr entgegenzugehen. Ihr Begleiter, Mr. Tapley, hielt sich taktvoll im Hintergrunde und betrachtete den Nebel anscheinend mit gespanntestem Interesse. »Mein geliebter Martin«, rief Mary. »Meine liebe Mary«, sagte Martin. Liebende sind ein so sonderbarer Schlag Menschenkinder, daß diese paar Worte alles waren, was die beiden einander vorläufig zu sagen hatten, obgleich Martin Marys Arm und auch ihre Hand nahm und sie dann auf dem verborgensten Wege ungefähr ein halbes Dutzendmal auf und ab gingen. »Wenn du dich seit unserer Trennung überhaupt geändert hast«; fing Martin endlich an und betrachtete Mary mit stolzem Entzücken, »so kann ich dir nur sagen, daß du noch viel schöner geworden bist.« Wäre Mary aus dem gewöhnlichen Holze liebeskranker junger Damen geschnitzt gewesen, so hätte sie diese Behauptung unbedingt in Abrede gestellt und erwidert, sie sei eine wahre Vogelscheuche geworden und Kummer und Tränen hätten sie ganz entstellt; langsam welke sie dem frühen Grabe entgegen, die Leiden ihrer Seele seien unaussprechlich – kurz, sie würde mit Worten oder Tränen, vielleicht auch mit einer Mischung von beidem etwas derartiges gesagt und ihn so elend wie möglich gemacht haben. So aber war sie in einer ernsteren Lebensschule aufgewachsen, als die ist, der die meisten jungen Mädchen ihre Sinnesart verdanken, und ihr ganzes Wesen war gekräftigt durch rauhen Zwang und Not. In allen Stunden der Prüfung hatte sie sich selbstlos und aufopfernd gezeigt und trotz ihrer Jugend etwas von jenen höhern Eigenschaften edler Herzen gewonnen, die sich so oft in den Leiden und Kämpfen der spätem Jahre entwickeln. Unverdorben und unverwöhnt in ihren Freuden und mit offener und inniger Zuneigung dem Gegenstande ihrer ersten Liebe zugetan, sah sie in Martin nur den Mann, der um ihretwillen aus einer glücklichen Heimat vertrieben worden, und es fiel ihr ebensowenig ein, diese ihre Liebe zu ihm in andern als freudig und erhebenden Worten voll froher Hoffnung und dankbaren Vertrauens kundzugeben, als daß sie daran gedacht hätte, sich in Phrasen irgendwelcher Art zu ergehen. »Aber was ist denn mit dir vorgegangen, Martin?« fragte sie. »Das geht mich am allernächsten an. Du siehst ernster und kummervoller aus, als du sonst zu sein pflegtest?« »Was das betrifft, meine Liebe«, sagte Martin und legte den Arm um Marys Taille, nachdem er sich zuvor umgesehen, ob kein Beobachter in der Nähe sei, und nur Mr. Tapley erblickt hatte, den der Nebel womöglich noch mehr als vorher zu interessieren schien. »Es würde mich auch wundern, wenn es sich anders verhielte, denn mein Leben ist – namentlich in der letzten Zeit – sehr hart gewesen.« »Das glaube ich gern«, seufzte Mary. »Aber wann habe ich je vergessen, an dich und deine Leiden zu denken?« »Hoffentlich nicht oft«, sagte Martin. »Und ich bin auch überzeugt, daß es nicht oft geschah, und habe auch ein gewisses Recht, es zu erwarten. Denn wahrhaftig, viel Verdruß und Entbehrung haben mich heimgesucht.« »Und wie wenig kann ich dir dein Opfer vergelten«, rief Mary traurigem Lächeln. »Du hast einen hohen Preis für ein armseliges Herz bezahlt; aber es ist wenigstens dein und hängt mit Treue an dir.« »Ich bin überzeugt davon«, sagte Martin, »sonst würde ich mich nicht in meine gegenwärtige Lage begeben haben. Aber sprich nicht von einem armseligen Herzen: Es ist ein reiches Herz. – – Aber jetzt will ich dir einen Plan mitteilen, Geliebte, über den du anfänglich erschrecken wirst, aber ich will ihn um deinetwillen zur Ausführung bringen. – – Ich gehe« – fügte er langsam hinzu und blickte tief in ihre erstaunten, leuchtenden dunkeln Augen – – »ich gehe ins Ausland.« »Ins Ausland, Martin?« »Nur nach Amerika. Erschüttert dich das so, daß du so zusammenzuckst?« »Wenn es mich einen Augenblick erschüttert hat«, erwiderte Mary nach einer Pause, erhob ihr Haupt und sah ihm voll ins Gesicht, »war's der kummervolle Gedanke, was du um meinetwillen alles zu ertragen dich entschließest. Ich getraue mich nicht, dir abzuraten, Martin – – aber Amerika ist so weit weg. Und die lange gefährliche Reise! Not und Krankheit ist überall schrecklich, aber in einem fremden Lande nur um so schrecklicher. Hast du dies alles überlegt?« »Überlegt!« rief Martin ungestüm, fast heftig, trotzdem er Mary aufs zärtlichste liebte. »Warum fragst du mich nicht lieber, ob ich daran gedacht habe, in der Heimat Hungers zu sterben, oder ob mir nicht der Gedanke gekommen sei, mein Lebtag als Lastträger zu arbeiten oder auf den Straßen die Pferde zu halten, um Tag für Tag mein Stückchen Brot zu verdienen. – Aber beruhige dich«, setzte er in milderem Tone hinzu. »Du darfst das Köpfchen nicht hängen lassen, denn ich brauche Ermutigung, und die allein kann mir dein süßes Antlitz geben. Ja, so ist's recht, jetzt bist du wieder lieb.« »Ich will mir Mühe geben«, antwortete Mary durch Tränen lächelnd. »Wollen und Handeln ist bei dir immer dasselbe, ich weiß das doch von alters her«, rief Martin heiter. »So ist's recht; jetzt kann ich dir alle meine Pläne mit so frohem Herzen mitteilen, als ob du bereits mein kleines Frauchen wärst, Mary.« Sie schmiegte sich inniger an ihn, blickte ihm ins Gesicht und bat ihn fortzufahren. »Du siehst«, sagte Martin und spielte mit der kleinen Hand, die auf seinem Arme ruhte, »daß alle meine Versuche, hier in meinem Vaterland in die Höhe zu kommen, vereitelt wurden und, sozusagen, in der Wiege starben. Ich will nicht sagen, wer daran schuld ist, denn das würde uns beiden Schmerz bereiten – genug, daß es so ist. – – Hast du übrigens nicht in der letzten Zeit von einem Verwandten von mir namens Pecksniff reden hören? Beantworte mir nur, was ich frage, bitte, und weiter nichts.« »Ich habe zu meinem Erstaunen deinen Großvater sagen hören, Pecksniff sei ein besserer Mensch, als er geglaubt habe.« »Dachte ich's doch«, fiel ihr Martin ins Wort. »Auch würden wir ihn, hieß es, wahrscheinlich näher kennenlernen, wenn wir ihn nicht sogar besuchen und bei ihm und, ich glaube, seinen Töchtern wohnen sollen. – – Er hat doch Töchter, nicht wahr?« »Ja, ja, zwei«, antwortete Martin. »Ein famoses Pärchen; Edelsteine vom reinsten Wasser.« »Du scherzt wohl?« »Ja, ja, in gewissem Sinne, aber es ist mir sehr ernst. Es ist auch gleichzeitig sehr ärgerlich«, sagte Martin. »Ich kenne diesen Pecksniff, denn ich habe eine Zeitlang als Schüler bei ihm gewohnt und Kränkung und Unbill genug von ihm erfahren müssen. Was ich übrigens auch im Scherz gesagt haben mag, wenn du mit der Zeit in Verkehr mit seiner Familie treten solltest, so vergiß nie – auch nicht einen Augenblick, wenn der Schein auch noch so gegen mich sprechen sollte –, daß dieser Pecksniff ein Schurke durch und durch ist.« »Wirklich?« »In Gedanken, Worten und Taten – kurz, in allem ein Schurke vom Scheitel bis zur Sohle. Von seinen Töchtern kann ich nur soviel sagen, daß sie gehorsame junge Mädchen und ihres Vaters würdig sind. Es ist zwar eine Abschweifung vom Hauptthema, es führt mich aber doch auf das, was ich sagen wollte.« Dann hielt er inne, um Mary wieder in die Augen zu blicken, warf hastig einen Blick zurück, und da er bemerkte, daß niemand in der Nähe war und auch Mark sich noch immer gewaltig für den Nebel interessierte, so sah er jetzt nicht nur auf ihre Lippen, sondern küßte sie auch. »Ich reise also in Bälde nach Amerika und habe die feste Aussicht, dort mein Glück zu machen und dann sofort wieder zurückzukehren. Ich hole dich vielleicht erst in ein paar Jahren ab, aber dann mache ich rücksichtslos meine Ansprüche auf dich geltend. Nach solchen langen Prüfungen darf ich es tun, ohne fürchten zu müssen, du hieltest es immer noch für deine Pflicht, dich an den anzuklammern, der mich – denn er ist es und niemand sonst – im Vaterland nicht in die Höhe kommen lassen will und es mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Wie lange ich abwesend sein werde, ist natürlich noch ungewiß, aber jedenfalls kannst du dich darauf verlassen, daß es nicht allzulange dauern wird.« »Und inzwischen – –?« »Das ist es ja eben, auf das ich jetzt kommen will. Inzwischen sollst du immer ausführlich erfahren, wie es mir geht.« Er hielt inne, nahm den Brief, den er abends zuvor geschrieben, aus der Tasche und fuhr fort: »Im Dienste und im Hause dieses Kerls – – unter ›Kerl‹ verstehe ich natürlich Mr. Pecksniff – lebt ein gewisser Pinch; merke wohl auf: Er ist ein armer wunderlicher einfacher Mensch, aber durchaus ehrlich, aufrichtig, voll Diensteifer und mir herzlich zugetan – was ich ihm auch in Zukunft dadurch vergelten will, daß ich ihm irgendwie im Leben forthelfe.« »Daraus erkenne ich wieder deine alte Hochherzigkeit, Martin.« »Ach Gott«, versetzte Martin, »es ist nicht der Rede wert. Er ist sehr dankbar und wünscht mir zu dienen, und damit ist die Sache abgetan. – – Ich habe also diesem Pinch eines Abends meine ganze Geschichte kurz, alles von mir und dir – erzählt. Ich kann dir versichern, daß er sich nicht wenig dafür interessierte. Er kennt dich nämlich. Ja, ja, du brauchst nicht überrascht zu sein – du hast ihn nämlich einmal in der Kirche jenes Dorfes dort unten die Orgel spielen gehört, und er hat gesehen, wie du zugehört hast. Daher auch seine Begeisterung für dich.« »Was! Er war der Orgelspieler!« rief Mary. »Da muß ich ihm ja von Herzen dankbar sein.« »Ja, er war es. Und er treibt das Geschäft noch immer, obschon es ihm nichts einträgt. Es hat, ich versichere dir, noch nie einen so einfachen, schlichten Burschen gegeben; er ist fast ein Kind an Gutmütigkeit, sei versichert.« »Ich bin überzeugt davon«, erwiderte Mary mit Wärme. »Er muß es sein.« »Ja, daran ist kein Zweifel«, versetzte Martin in seiner gewöhnlichen leichtfertigen Weise, »er ist es. – Also, da ist mir eingefallen – aber halt! Wenn ich dir den Brief vorlese, den ich ihm heute abend per Post zusenden will, so wirst du alles daraus am besten ersehen. Also: ›Mein lieber Tom Pinch!‹ – das klingt vielleicht etwas kollegial«, setzte er schnell hinzu, da er sich plötzlich erinnerte, sich bei der letzten Begegnung Tom gegenüber ziemlich stolz benommen zu haben, »aber ich nenne ihn meinen lieben Tom Pinch, weil er es gern hat.« »Das ist lieb von dir«, sagte Mary. »Na ja, es schadet ja weiter nichts, freundlich zu sein, wo man kann. Wie ich bereits sagte, ist er wirklich ein vortrefflicher Mensch. Also. ›Mein lieber Tom Pinch – Sie erhalten gegenwärtiges Schreiben als Beilage zu einem Brief an Mrs. Lupin im Blauen Drachen, die ich in ein paar Zeilen gebeten habe, Ihnen mein Schreiben einzuhändigen, ohne gegen irgend jemanden davon Erwähnung zu tun. So wird sie es auch mit allen zukünftigen Briefen, die sie von mir empfangen dürfte, halten. Der Grund, weshalb ich so handle, wird Ihnen leicht begreiflich sein‹ – zwar weiß ich nicht, ob er's wirklich begreifen wird –« setzte Martin, von dem Schreiben aufblickend, hinzu – »denn der arme Bursche ist von etwas langsamer Fassungskraft, aber mit der Zeit wird er's schon herausfinden. – ›Mein Grund besteht einzig und allein darin, daß ich nicht wünsche, meine Briefe von andern Leuten gelesen zu wissen; namentlich nicht von jenem Schurken, den Sie für einen Engel halten.‹« »Damit ist Mr. Pecksniff gemeint?« fragte Mary. »Jawohl«, antwortete Martin. – »›Sie werden das einsehen, lieber Mr. Pinch. Ich habe mittlerweile Anstalten getroffen, nach Amerika zu reisen, und Sie werden sich wahrscheinlich wundern, wenn Sie hören, daß Mark Tapley mich begleiten will. Seltsamerweise bin ich in London mit ihm zusammengetroffen, und er besteht drauf, sich unter meinen Schutz zu stellen‹ – Mark Tapley ist natürlich«, schaltete er ein, »unser Freund dort im Hintergrund.« Mary freute sich sehr über diese Mitteilung und warf Mark einen freundlichen Blick zu, den dieser, für einen Moment sein Nebelstudium unterbrechend, voll Entzücken quittierte. Sie sagte auch so laut, daß er es hören mußte, er sei eine brave Seele und ein lustiger Bursche und werde, davon sei sie überzeugt, treu zu seinem Herrn halten – Lobsprüche, die Mr. Tapley auch wirklich verdienen zu wollen sich innerlich fest gelobte, und wenn er dafür in den Tod gehen müßte. »›Und jetzt, mein lieber Pinch‹«, las Martin in seinem Brief weiter, »›will ich mein ganzes Vertrauen auf Sie setzen, da ich weiß, daß ich mich auf Ihre Ehre und Verschwiegenheit verlassen kann und überdies momentan auch niemanden habe, auf den ich bauen könnte.‹« »Möchtest du nicht lieber diese Stelle weglassen, Martin?« fragte Mary schüchtern. »Meinst du? Gut, dann will ich sie wegstreichen. – Aber es ist doch die buchstäbliche Wahrheit!« »Es klingt aber doch vielleicht ein wenig unfreundlich.« »Ach Gott, mir liegt schließlich nicht viel an Pinch«, sagte Martin. »Ich wüßte auch nicht, warum ich mit ihm gar so zeremoniell verfahren sollte. Da du es übrigens wünschest, so kann ich's ja auslassen und die Stelle wegstreichen. – – Also weiter – ›ich werde nicht nur meine Briefe an die junge Dame, von der ich Ihnen erzählt habe, an Sie senden, damit Sie sie ihr zustellen können, sondern ich empfehle auch die Dame selbst Ihrem Schutze, im Falle Sie in meiner Abwesenheit mit ihr zusammentreffen sollten. Ich habe Grund anzunehmen, daß ihr einander bald und oft sehen werdet, und wenn Sie in Ihrer Lage auch nur wenig tun können, um die ihrige zu erleichtern, so baue ich doch nichtsdestoweniger auf Sie und setze voraus, daß Sie alles aufbieten werden, um das Vertrauen zu rechtfertigen, das ich in Sie gesetzt habe.‹« – – – »Du siehst, meine liebe Mary«, schloß Martin, »du wirst da jemanden haben – gleichgültig, wie schlicht und einfach er auch sein mag –, mit dem du von mir sprechen kannst; und schon beim ersten Gespräch mit ihm wirst du fühlen, daß du ebensowenig verlegen ihm gegenüber zu sein brauchst, als wenn er ein altes Weib wäre.« »Nun, wie man das auch auffassen mag«, meinte Mary lächelnd, »jedenfalls ist er dein Freund, und das genügt.« »Ja, ja, er ist mein Freund«, sagte Martin, »gewiß. Ich habe ihm übrigens bereits mit nicht mißzuverstehenden Worten angedeutet, daß wir ihn immer im Auge behalten und unter unseren Schutz nehmen werden. Es ist ein guter Charakterzug von ihm, daß er dankbar, ja, sogar sehr dankbar ist, und ich weiß, mein Schatz, du wirst einen besonderen Gefallen an ihm finden. Allerdings hat er viel Komisches und Altfränkisches an sich, aber du kannst das ja gnädig übersehen. Und wenn du über ihn lachen mußt, macht es schließlich auch nichts; er freut sich sogar darüber.« »Ich denke nicht, daß ich ihn auf diese Probe stellen werde, Martin.« »Ich glaube es auch nicht. Ich meinte nur, wenn du das Lachen wirklich nicht mehr verbeißen könntest. Es wird dir immerhin ein bißchen schwer werden, deinen Ernst zu bewahren. – Kehren wir übrigens zu dem Briefe zurück. Er schließt also folgendermaßen: ›Ich weiß, daß ich nicht nötig habe, mich weiter über die Art und die Wichtigkeit dieses auf Sie gesetzten Vertrauens zu verbreiten, und ich will Ihnen daher jetzt Lebewohl sagen in der Hoffnung, bei unserem nächsten Wiedersehen, wenn es mir gut ergangen sein wird, für Ihr Glück und Fortkommen sorgen zu können, als ob es mein eigenes wäre. Darauf können Sie sich verlassen. Inzwischen verbleibe ich, lieber Tom Pinch, Ihr aufrichtiger Martin Chuzzlewit. Nachschrift. – Ich schließe hier den Betrag bei, den Sie so freundlich waren, mir – – –‹« »Hm«, unterbrach sich Martin und faltete den Brief hastig zusammen, »das gehört nicht hierher.« In diesem Augenblick trat Mark Tapley mit der Meldung heran, daß die Glocke auf der Horse-Guards-Kaserne soeben geschlagen habe. »Ich würde mich nicht getrauen, die Sache zu erwähnen«, entschuldigte er sich, »wenn mich nicht das gnädige Fräulein ausdrücklich dazu aufgefordert hätte.« »Ja«, sagte Mary, »so ist es, und ich danke Ihnen. Sie haben ganz recht. – Nur noch eine Minute; ich werde gleich bereit sein. – – Wir haben jetzt nur mehr für ein paar eilige Worte des Lebewohls Zeit, mein geliebter Martin, und obwohl mir noch gar viel auf dem Herzen läge, so muß ich es doch bis zu der glücklichen Zeit unserer nächsten Zusammenkunft ungesagt sein lassen. Gebe der Himmel, daß es bald sein wird und alles gut ausfällt. Doch davor ist mir nicht bange.« »Bange!« rief Martin. »Warum auch? Was bedeuten ein paar Monate und was schließlich ein ganzes Jahr? Wenn ich glücklich wieder zurück bin und meinen Weg im Leben gemacht habe, dann mag der Rückblick auf diese Trennung vielleicht schmerzlich sein; aber jetzt?! Ich schwöre dir's, ich möchte mir keine günstigeren Auspizien wünschen, selbst wenn ich könnte. Jetzt bin ich gezwungen, zu handeln; was ich sonst vielleicht nicht getan hätte.« »Ja, ja, ich fühle auch, daß es gut so ist. – Also, wann gedenkst du abzureisen?« »Wir brechen heute abend nach Liverpool auf. – Wie ich höre, geht alle drei Tage ein Schiff ab, und nach vier Wochen – oder vielleicht nicht einmal das – kommen wir drüben an. Was bedeutet übrigens auch ein Monat! Wie viele sind ihrer nicht schon verstrichen, seit wir uns zum letztenmal gesehen haben!« »Ja, ja, es ist eine lange Zeit her«, entgegnete Mary, in seinen heiteren Ton einstimmend, »wenn es uns auch jetzt kaum wie Tage erscheint.« »Kaum wie Tage«, bestätigte Martin. »Und dann werde ich andere Gegenden und andere Leute mit anderen Sitten und Gebräuchen sehen, andere Sorgen und andere Hoffnungen haben. Wie im Fluge wird mir die Zeit vergehen. Ich kann alles ertragen, nur Eintönigkeit nicht, Mary.« »Ein Viertel!« mahnte Mr. Tapley. »Gleich komme ich«, rief Mary. – »Nur noch eins, lieber Martin, laß mich dir sagen. Du hast mich vorhin gebeten, ich solle dir in betreff nur eines einzigen Punktes deine Frage beantworten, aber du mußt noch etwas wissen, sonst könnte ich nicht ruhig sein. Seit jener Trennung nämlich, an der ich unglücklicherweise die Schuld trage, hat dein Großvater auch nicht ein einziges Mal deinen Namen fallen lassen – weder in Liebe noch in Haß –, und nach wie vor ist er gleich freundlich zu mir.« »Für letzteres bin ich ihm dankbar, für weiter aber auch nichts«, versetzte Martin. »Daß er meinen Namen je wieder erwähnt, erwarte ich weder, noch wünsche ich es. Vielleicht wird er meiner noch einmal mit Vorwürfen gedenken – in seinem Testamente vielleicht. Sei es darum, wenn es ihm Freude macht. Erhalte ich Kunde davon, wird er bereits längst in seinem Grabe liegen – eine Satire auf seinen eigenen Groll.« »Ach, Martin«, rief Mary, »wenn du dich einmal in einer nachdenklichen Stunde, an einem einsamen Winterabend, oder wenn die Sommerlüfte wehen, oder bei einer einschmeichelnden Musik, bei Gedanken an Tod, Heimat oder Kindheit seiner oder irgendeines Menschen erinnerst, der dir je unrecht getan hat, so weiß ich, daß du ihm vergeben wirst.« »Wenn ich das glauben sollte«, entgegnete Martin unmutig, »so müßte ich mir vornehmen, ihn zu solchen Zeiten ganz aus meinem Gedächtnis zu streichen, um mir die Schande einer derartigen Schwäche zu ersparen. Es liegt mir nicht, das Spielzeug oder die Puppe irgendeines Menschen, am wenigsten die seinige, zu sein. Habe ich nicht für das bißchen Annehmlichkeit, das ich bei ihm genossen, seiner Launenhaftigkeit beinahe meine ganze Jugend opfern müssen? Wir beiden sind jetzt quitt, oder zum mindesten überwiegen seine Verdienste die meinigen nicht so bedeutend, daß ich zum Ausgleich abgeschmackterweise auch noch vergeben und vergessen müßte. Ich weiß ganz gut, daß er dir verboten hat, meinen Namen zu erwähnen«, fügte er erregt hinzu, »sag, ist es nicht so?« »Das ist schon lange her«, entgegnete Mary, »und zwar gleich nach eurem Zwiste und bevor du noch sein Haus verlassen hattest. Seitdem hat er es nicht wieder getan.« »Und zwar deswegen nicht, weil er keinen Anlaß dazu hatte«, sagte Martin; »doch das ist übrigens jetzt nicht weiter von Belang. Ich glaube, es wird jedenfalls das beste sein, Geliebte« – er drückte Mary hastig an sich, denn die Zeit des Abschieds war gekommen – »wir tun so, wenn wir einander schreiben, als ob er gestorben wäre. – Und jetzt behüt dich Gott! Es ist ein seltsamer Ort für ein solches Zusammentreffen und einen solchen Abschied, aber unser nächstes Wiedersehen soll an einem besseren und unser nächstes und letztes Scheiden an einem schlechteren stattfinden.« »Noch eine Frage muß ich an dich richten, Martin«, rief Mary. »Bist du für deine Reise auch gehörig mit Geld versehen?« »Ob ich damit versehen bin?« rief Martin, entweder aus Stolz oder wirklich in der Absicht, sie zu beruhigen, bemüht, ihr die Wahrheit zu verhehlen. »Ob ich mit Geld versehen bin? Nun, das wäre vielleicht eine Frage für die Frau eines Auswanderers. Wie könnte ich denn ohne Mittel zu Wasser oder zu Lande weiterkommen, Schatz?« »Ich meine, ob du genug hast?« »Genug? Mehr als genug. Die ganze Tasche voll. Mark und ich sind bei Licht betrachtet so reich, als ob wir Fortunats Säckel in unserem Gepäck hätten.« »Es hat halb geschlagen«, mahnte Mr. Tapley. »So leb wohl, Martin, viel tausendmal!« rief Mary mit bebender Stimme. Ein »Lebewohl« ist ein bitterer Trost. Mark Tapley wußte das vollkommen; vielleicht war's ihm vom Lesen her bekannt, vielleicht aus Erfahrung, vielleicht sagte es ihm sein eigenes Herz. Wie er zu diesem Wissen kam, kann man unmöglich erklären, aber instinktiv tat er das Klügste, was man in einem solchem Umstande tun konnte, er gab sich nämlich den Anschein, als sei er von einem heftigen Niesen befallen, und wandte das Gesicht ab, so daß die beiden Liebenden gewissermaßen unbeachtet und allein waren. Eine kurze Pause, dann eilte Mary hastig mit heruntergelassenem Schleier an Mark vorbei und winkte ihm, ihr zu folgen. Ehe sie um die Ecke bog, machte sie noch einmal halt, blickte zurück und winkte Martin mit der Hand. Er wollte zu ihr eilen und ihr noch ein paar Abschiedsworte sagen, aber sie wandte sich um und eilte schnellen Schrittes davon. Als Mark in Martins Behausung zurückkehrte, fand er seinen Herrn verdrießlich vor dem verstaubten Kamin sitzen, beide Füße an die Gitterstange angestammt, die Ellenbogen auf den Knien und das Kinn auf die Handflächen aufgestützt. »Nun, Mark?« »Nun, Sir?« sagte Mark und atmete tief auf. »Das gnädige Fräulein ist jetzt wohlbehalten wieder zu Hause, und ich bin froh darüber. Sie läßt Ihnen noch alles mögliche Gute und Schöne ausrichten, Sir, und sendet Ihnen dies hier«, damit händigte er Martin einen Ring ein, »als Andenken.« »Diamanten!« rief Martin, bedeckte den Ring mit Küssen, nicht etwa seines Wertes wegen, zu seiner Ehre sei es gesagt, sondern, weil er von Mary kam, und steckte ihn an seinen kleinen Finger. »Prachtvolle Diamanten. Mein Großvater ist wahrhaftig ein wunderlicher Kauz, Mark; er muß ihr den Ring offenbar geschenkt haben.« Mark Tapley war sofort davon überzeugt, daß sie ihn gekauft hatte, um ihrem nichtsahnenden Geliebten für den Fall der Not einen Wertgegenstand an die Hand zu geben, so fest, wie er wußte, daß es Tag und nicht Nacht war, aber er sagte kein Wort. Allerdings hatte er weiter keine Kenntnis hinsichtlich der Herkunft des Geschmeides, das jetzt an Martins ausgestrecktem Finger glänzte, aber dennoch war er so durchdrungen davon, daß sie dafür ihre sämtlichen Ersparnisse ausgegeben hatte, als wäre er dabeigewesen, wie das Geld Guinee für Guinee auf den Tisch des Juweliers hingezählt worden! Martins befremdende Kurzsichtigkeit in dieser Beziehung ließ ihm plötzlich einen tiefen Blick in das Innerste seines Charakters tun, und der Grundzug seines Wesens war ihm mit einem Male kein Geheimnis mehr. »Sie ist des Opfers wert, das ich für sie gebracht habe«, sagte Martin, verschränkte die Arme und blickte nachdenklich in die glimmende Asche im Kamin. »Ja, sie ist dessen wert! Keine Schätze der Welt« – dabei streichelte er sich gedankenverloren das Kinn – »hätten mich für den Verlust eines solchen Herzens schadlos halten können; – ganz abgesehen davon, daß ich, als ich um ihre Liebe warb, nur dem Drange meines eigenen Herzens folgte und allerdings zugleich die selbstsüchtigen Absichten anderer durchkreuzte, die kein Anrecht auf sie hatten. – – Ja, ja, sie verdient das ihr gebrachte Opfer vollständig, daran ist kein Zweifel.« Diese leise gemurmelten Worte schienen Mr. Tapleys Ohr erreicht zu haben, wenigstens blieb er mit einem unbeschreiblichen Gesichtsausdruck unbeweglich stehen, bis Martin aus seinem Grübeln erwachte und sich nach ihm umsah. Da wandte er sich ab, als fiele ihm plötzlich die Notwendigkeit gewisser Reisevorbereitungen ein, lächelte gezwungen und schien sich, nach den Bewegungen seiner Lippen zu schließen, zu denken: »Na, das kommt ja recht nett.« 15. Kapitel Sei mir gegrüßt, Columbia! Eine dunkle und traurige Nacht! Die Menschen schmiegten sich in ihre Betten oder sammelten sich um das späte Kaminfeuer. Die Not fröstelte an den Straßenecken, und die Kirchentürme summten noch unter den schwachen Vibrationen ihrer eigenen Zungen, die soeben erst mit gespenstischem Ruf die erste Stunde nach Mitternacht verkündet hatten. Die Erde lag unter einem schwarzen Leichentuch, als sei sie das Grab des gestrigen Tages. Gruppen dunkler Bäume nickten trauervoll mit ihren riesigen Leichenfederbüschen. Alles war still und lautlos oder lag in tiefem Schlummer, ausgenommen die unruhigen Wolken, die über den Mond dahinhuschten, und der unstete Wind, der bald auf dem Boden dahinkroch, wie um zu horchen, und dann rauschend weiterzog, bald wieder haltmachte, um gleich darauf seine Fährte wieder aufzunehmen wie der Wilde auf der Spur eines Feindes. Wie schuldbeladene Gespenster schienen Wind und Wolken nach einem gemeinsamen finsteren Versammlungsort zu ziehen; befreit aus der drückenden Fessel, die da Erde heißt, jagten sie über die endlose Fläche der Gewässer. Dort heulten sie, tobten und brüllten und wüteten die ganze Nacht hindurch. Tönende Stimmen hallten aus den Höhlen an der Küste jener sagenhaften Insel wider, die Tausende von Meilen inmitten zürnender Wellen schläft. Dort begegneten einander die brausenden Stürme, in unbekannten Einöden der Welt erzeugt, und rangen und stritten mit der ganzen Wut ungezügelter Freiheit miteinander, bis die See, bis zur Raserei aufgepeitscht, in ein noch weit gewaltigeres Toben ausbrach und der ganze Schauplatz sich in wirbelnden Wahnsinn verwandelte. Weiter, weiter und immer weiter, bis ins Unabsehbare rollten die hoch sich aufbäumenden Wogen. Berge und Höhlen entstanden, doch schon im nächsten Augenblick wurde der Berg wieder zum Tal und das Tal zum Berg – und das Meer schien ein einziger kochender Strudel. Verfolgung, wilde Flucht, tolle Rückkehr, Welle auf Welle und ein wütender Kampf ringsum und dann aufsprudelnder Schaum, der als weißer Schein durch die schwarze Nacht leuchtete; ein unablässiger Wechsel von Ort, Gestalt und Farbe; in nichts Beständigkeit als im ewigen Kampfe. Fort, fort und fort rollten die Wogen dahin, dunkler wurde die Nacht und lauter heulten die Winde und ungestümer wurden die Millionen Stimmen des Meeres, wie der Sturm den wilden Ruf weitertrug: »Ein Schiff!« Vorwärts arbeitet sich ein Schiff, mutvoll mit den Elementen ringend; die hohen Masten zittern, die Spieren knarren unter dem gewaltigen Druck. Dahin geht es, jetzt hoch auf den sich bäumenden Wogen, jetzt tief unten in den dunklen Wasserschluchten, wie um sich zu verbergen, und lauter und lauter scheinen die Stimmen der Stürme zu rufen: »Ein Schiff!« Doch weiter kämpft sich das wackere Fahrzeug und, über seine Kühnheit und die vorauseilende Kunde seines Nahens erstaunt, erheben sich die zornigen Wellen, wie um sich einander über die weißen Häupter hinweg sehen zu können, drängen sich um seinen Bord und rauschen heran von ferne in schrecklicher Neugier. Hoch über ihm brechen sie sich, rund umher brausend in wildem Getümmel, um dann stöhnend zurückzuweichen, jede die Schwester in grimmigem Zorne zertrümmernd. Furchtlos bahnt sich das Schiff seinen Weg vorwärts, mit düsterbrennenden Lichtern und schlafenden Menschen an Bord. Trotz der unaufhörlich über Deck rauschenden Sturzwellen, deren Treiben auch der Tag noch kein Ende machen zu wollen scheint. Durch jede Spalte und Ritze späht das todbringende Element, voll Haß bemüht, die dünne Planke zu zerbersten, die den Seemann von seinem Grab in der bodenlosen Tiefe trennt. Unter den schlafenden Reisenden an Bord befanden sich auch Martin und Mark Tapley, beide durch die ungewohnte schlingernde Bewegung des Schiffes in ohnmachtsähnlichen Schlummer versetzt und sich der dumpfigen Luft der Kojen so wenig bewußt wie des Aufruhrs draußen. Das Tageslicht schien bereits hell durch die Luken, als Mark mit dem unbestimmten Gefühl erwachte, er habe sich in eine Bettstelle niedergelegt, in der im Laufe der Nacht das Unterste zuoberst gekehrt worden sei. Das erste, dessen er ansichtig wurde, und zwar senkrecht über seinem Kopf, waren seine eigenen Fersen. »Ha«, sagte er, nachdem er es nach langem Kampfe mit dem Auf- und Niederrollen des Schiffes endlich zu einer sitzenden Stellung gebracht, »na, das ist, dächte ich, das erstemal in meinem Leben, daß ich die ganze Nacht über auf dem Kopf gestanden habe.« »Dann müssen Sie sich eben nicht mit dem Kopf leewärts legen«, brummte ein Mann in einer der Schlafstellen. »Wohin soll ich mich mit meinem Kopf nicht legen?« fragte Mark. Der Mann wiederholte seinen guten Rat. »Na, dann werd ich's das nächstemal bleiben lassen«, sagte Mark, »wenn ich nur erst mal weiß, in welcher Gegend das Land, das Sie soeben genannt haben, liegt. – Übrigens kann ich Ihnen auch einen Rat geben: gehen Sie lieber auf festem Lande als auf einem Schiff schlafen.« Der Mann knurrte mißvergnügt etwas durch die Zähne, drehte sich auf die andere Seite und zog sich das Bettuch über die Ohren. »Denn«, sagte Mark Tapley und verfolgte den Gedanken im Selbstgespräch leise weiter, »die See ist das Unvernünftigste überhaupt. Nie weiß sie, was sie eigentlich will. Sie hat eben keine geistige Beschäftigung; daher ihre Zerfahrenheit. Wie die Polarbären in der Menagerie wackelt sie auch immer mit dem Kopf von einer Seite zur anderen. Nicht einen Augenblick kann sie ruhig sein. Das kommt natürlich von ihrer entsetzlichen Borniertheit.« »Sind Sie's, Mark?« fragte eine müde Stimme aus einer Koje nebenan. »Jawohl, Sir. Oder besser gesagt: der schäbige Rest, der noch von mir übrig ist nach dieser vierzehntägigen greulichen Mißhandlung«, versetzte Mark Tapley. »Wenn ich bedenke, was ich seit unserer Ankunft an Bord für 'ne Art Lauseleben geführt habe, kann nicht gut mehr viel von mir übrig sein; darauf möchte ich schwören, Sir. Ganz besonders, wenn ich mich erinnere, was ich an genossenen Leckerbissen wieder von mir gegeben habe. – Wie geht es Ihnen übrigens heut morgen, Sir?« »Hundsmiserabel«, stöhnte Martin. »Das ist ja furchtbar!« »Da kann man wenigstens noch Ehre einlegen«, murmelte Mark, drückte die Hand auf seine schmerzende Stirn und blickte mit kläglichem Grinsen umher. »Und das ist ein großer Trost. Man kann sich's wahrhaftig hoch anrechnen, wenn man hier nicht den Mut verliert. Ja ja, das Gute belohnt sich selbst. Daher auch die Fröhlichkeit.« Mark hatte insofern recht, als tatsächlich jeder, der als Zwischendeckpassagier des schönen und schnellsegelnden Paketschiffes »Die Schraube« sich seine gute Laune bewahren wollte, auf seine eigenen Hilfsquellen angewiesen war und sich seinen guten Humor ebensogut wie seinen Mundvorrat, da zu beiden der Herr des Schiffes nichts beisteuerte, selbst mitgebracht haben mußte. Ein dunkler, niedriger, erstickender Kajütenraum, bis zum Platzen mit Männern, Weibern und Kindern in den verschiedensten Stadien der Seekrankheit und des Elends angefüllt, ist niemals ein besonders angenehmer Unterhaltungsort. Wenn er aber so vollgestopft ist wie in diesem Falle, wo Matratzen und Betten auf dem Boden aufgehäuft lagen und auch nicht das kleinste Fleckchen mehr rein und sauber war, – dann wird nicht nur jede heitere Stimmung im Keime erstickt, sondern es entsteht geradezu Mißmut in seiner schlimmsten Form. Mark bemerkte das, sooft er sich umsah, und demgemäß stieg auch seine gute Laune. An Bord befanden sich Engländer, Irländer, Welshmen und Schotten, sämtlich mit ihrem kleinen Vorrat an halbverdorbenen Speisen und in schäbigen Kleidern. Fast alle hatten ihre Familien bei sich; ihre Weiber und Sprößlinge. Kinder jeglichen Alters, vom Säugling angefangen bis zur schlampigen halbwüchsigen Dirne, waren in dem engen Raum zusammengepfercht und litten gemeinsam an all den Qualen, die in Armut, Krankheit, Heimatlosigkeit, Sorgen und langer Seereise bei rauhem Wetter ihren Grund haben, und doch gab es in dieser ungesunden Arche Noah vielleicht weniger Bemänglung oder Zank als anderswo unter sogenannten geordneten Verhältnissen oder Hauswesen. Mit pfiffiger Miene blickte Mark umher, und seine Mienen heiterten sich auf. Hier beugte sich eine alte Großmutter über ein krankes Kind, wiegte es in ihren Armen, die fast ebenso schwach waren wie die jungen Gliedmaßen des Kleinen; dort flickte ein armes Weib, ein Kind im Schoße, die Kleider eines andern kleinen Geschöpfes und beschwichtigte ein drittes, das von der dürftigen Bettstelle zu ihr hinkroch. Alte Männer verrichteten unbehilflich ihre kleinen Hausarbeiten, und gebräunte Gesellen – Riesen an Gestalt – erwiesen ihrer Umgebung allerlei zarte kleine Liebesdienste, wie man sie nur von den weichherzigsten, sanftesten Zwergen hätte erwarten können. Selbst der Blödsinnige drüben in der Ecke, der sonst den ganzen Tag über brütend dasaß, fühlte sich davon angesteckt und schnappte mit den Fingern, um ein weinendes Kindchen zu trösten. »Na«, sagte Mark, nickte einer Frau zu, die ihre drei Kinder dicht neben ihm ankleidete, und lachte dabei von einem Ohr bis zum andern, »geben Sie mir mal eins von den Kleinen herüber.« »Ich dächte, es wäre besser, Sie besorgten das Frühstück, Mark, statt daß Sie sich mit Leuten abgeben, die Sie nichts angehen«, bemerkte Martin ärgerlich. »Ganz recht«, meinte Mark, »das könnte aber vielleicht sie besorgen. Das wäre dann eine famose Arbeitsteilung, Sir. Ich wasche ihr die Buben, und sie macht uns den Tee. – Ich habe mich nie aufs Teekochen verstanden, aber ein Kind kann jeder Mensch waschen.« Die Frau, die sehr zart und krank war, empfand seine Freundlichkeit um so tiefer, als er ihr überdies Nacht für Nacht seinen Mantel lieh und sich selbst auf den nackten Brettern mit einem Teppich begnügte – nur Martin, der selten aufstand oder für sonst etwas Augen hatte, war bitterböse über Marks Torheit und gab sein Mißvergnügen durch ein unwilliges Gebrumm zu erkennen. »Ja, ja, es ist wahrhaftig so«, sagte Mark und bürstete das Haar des Kindes so geschickt wie ein ausgelernter Friseurgehilfe. »Wovon sprechen Sie jetzt schon wieder?« fragte Martin. »Von dem, was Sie gesagt haben«, versetzte Mark, »oder vielmehr, was Sie sagen wollten, als Sie vorhin Ihren Gefühlen in so trübseliger Weise Luft machten. – Ich bin ganz Ihrer Ansicht; es ist gewiß sehr hart für sie.« »Was ist hart?« »Die Reise allein machen zu müssen mit diesen kleinen Bälgern da. Zu dieser Jahreszeit sich einer solchen Reise zu unterziehen, um zu ihrem Gatten zu gelangen. – – – Wenn Sie nicht wollen, daß Ihnen die Seife ins Auge kommt, junger Herr«, sagte er zu dem zweiten Knirps, den er sich eben am Waschbecken vornahm, »werden Sie guttun, Ihre Gucklöcher zuzumachen.« »Wo hofft sie denn ihren Mann zu treffen?« fragte Martin gähnend. »Ich fürchte sehr«, meinte Mr. Tapley mit leiser Stimme, »daß sie es selbst nicht recht weiß. Hoffentlich werden sie sich nicht verfehlen. Sie schickte ihm ihren letzten Brief durch irgendeinen Auswanderer; aber auch sonst scheint keine sonderlich klare Verständigung zwischen ihnen stattgefunden zu haben. Wenn er daher nicht am Ufer steht und sein Schnupftuch schwenkt, wie es auf den Bildern im Gesangbuch abgebildet ist, so bin ich der Meinung, daß die Sache verdammt faul ausgehen wird.« »Aber in Teufels Namen, wie kommt das Weib dazu, sich an Bord eines Schiffes zu begeben, wenn das Ganze nur so ein Wagnis aufs Geratewohl ist?« rief Martin. Mark sah einen Augenblick auf und erwiderte dann sehr ruhig: »Hm. Das läßt sich leicht fragen. Ich kann mir's auch nicht recht zusammenreimen. Vor zwei Jahren ist er ausgewandert. Sie war sehr arm und nicht sonderlich angesehen in ihrer Heimat. Natürlich wollte sie da zu ihm. Sehr sonderbar, daß sie hier ist; höchst erstaunlich, und ein bißchen verrückt vielleicht. Anders läßt sich's nicht erklären.« Martin fühlte sich zu seekrank, um auf diese Worte irgendeine Antwort zu geben oder auch nur auf sie zu achten. Inzwischen war der Gegenstand ihrer Unterhaltung mit etwas heißem Tee zurückgekommen und unterbrach auf diese Weise wirksam eine Wiederaufnahme des Themas von seiten Mr. Tapleys, der, sobald er sein Frühstück eingenommen und Martins Bett zurechtgemacht hatte, sich aufs Oberdeck verfügte, um das Service, das aus zwei zinnernen Näpfen und einer Rasierbüchse aus demselben Metalle bestand, auszuspülen. Auch ihn hatte die Seekrankheit bei dem Schlingern des Schiffes sehr mitgenommen. Da er sich jedoch fest vorgenommen, auch unter den widrigsten Verhältnissen »Ehre einzulegen«, wie er es nannte, so bildete er sozusagen die Seele des Zwischendecks. Er machte sich auch nicht viel daraus, sogar mitten in einem launigen Gespräch aus Übligkeit beiseite gehen zu müssen; und jedesmal kehrte er nachher in der allerbesten und heitersten Laune zurück, um es wieder fortzusetzen, als ob ein bißchen Erbrechen die allergewöhnlichste Sache von der Welt wäre. Auch als bei Besserung seines Befindens sich seine natürliche gute Laune von selbst wieder hob, merkte man das kaum, so fröhlich hatte er schon vorher geschienen. Nur sein Pflichteifer steigerte sich womöglich, und unverdrossen ließ er sich's gefallen, daß man zu allen Tagesstunden seine Dienste in Anspruch nahm. Wenn sich ein Sonnenstrahl an dem dunkeln Himmel zeigte, eilte er sofort in die Kajüte hinunter und kam gleich darauf mit irgendeinem Frauenzimmer am Arm, einem halben Dutzend Kindern, einem kranken Mann, einem Bett, einer Pfanne, einem Korb oder sonst irgendeinem Objekt, gleichviel ob belebt oder unbelebt, wieder zum Vorschein. Wenn gegen Mittag für ein paar Stunden schönes Wetter einsetzte und die armen Teufel, die zu andern Zeiten selten oder nie auf Deck kamen, heraufkrochen, sich auf die Deckplanken niederlegten und zu essen versuchten, so konnte man wetten, daß Mr. Tapley mitten unter dem Häuflein stand, Pökelfleisch und Zwieback verteilend, Grog einschenkend, den Kindern mit seinem Taschenmesser Brot abschneidend oder zur allgemeinen Zerstreuung aus einer uralten Zeitung vorlesend. Zuweilen sang er auch irgendein Lied, schrieb für Leute, die es selbst nicht verstanden, Briefe an ihre Freunde in der Heimat, machte Witze mit den Matrosen, wurde auch gelegentlich in die Nässe geschleudert und tauchte dann triefend aus einem Schauer von Sprühe auf, oder ging da und dort hilfreich an die Hand. Kurz, immer zeigte er sich tätig und fleißig. Wenn abends auf dem Verdeck Feuer angezündet wurde und die unter dem Takel- oder Segelwerk umherfliegenden Funken das Schiff mit sicherer Vernichtung durch Brand zu bedrohen schienen, im Falle es den wäßrigen und luftigen Elementen nicht gelingen sollte, die Zerstörung zu bewerkstelligen, so war es wieder Mr. Tapley, der, den Rock abgelegt und die Hemdsärmel bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt, bei allen Küchenverrichtungen mithalf, den Koch machte und die seltsamsten Gerichte auf den Tisch trug oder bereiten half, bis ihn schließlich jeder als eine Art Autorität anerkannte; mit einem Wort, niemals gab es wohl eine beliebtere Person an Bord des edeln und schnell segelnden Paketschiffes »Die Schraube« als Mark Tapley; und schließlich erntete er eine so allgemeine Bewunderung, daß er innerlich schon wieder ernstlich zu zweifeln begann, ob es noch eine Kunst genannt werden könne, unter so günstigen Bedingungen fidel zu sein. »Wenn das so weitergeht«, sagte er vor sich hin, »so sehe ich keinen großen Unterschied zwischen der Schraube und dem Drachen. Ich glaube, es ist mir wirklich beschieden, nie und nirgends Ehre einzulegen, und ich fange wahrhaftig an zu fürchten, daß das Schicksal sich verschworen hat, mir die Welt leicht zu machen.« »Was glauben Sie, Mark«, rief Martin aus seiner Koje, in deren Nähe Mr. Tapley diese Worte vor sich hingesprochen hatte; »wann wird das alles endlich einmal ein Ende nehmen?« »Wie ich höre«, berichtete Mark, »werden wir in einer Woche oder so irgendeinen Hafen anlaufen. Das Schiff beeilt sich jetzt, wie sich ein Schiff überhaupt nur beeilen kann. Aber das ist weiter nichts Anerkennenswertes; es ist seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit.« »Dieser Meinung bin ich auch«, brummte Martin. »Sie würden sich, glaube ich, wohler befinden, wenn Sie mal aus ihrer Koje rauskröchen«, bemerkte Mark. »Ja, natürlich; damit die Damen und Herren vom Hinterdeck sehen«, grollte Martin verdrossen, »wie ich mich unter dem elenden Bettlervolk herumtreiben muß, mit dem dieses elende Loch vollgepfropft ist. Und da sollte ich mich dann besser fühlen!« »Gott sei Dank, daß ich nicht aus eigener Erfahrung weiß, wie ein Gentleman innerlich fühlt«, sagte Mark. »Aber ich sollte meinen, daß es auch einem Gentleman hier unten viel unbehaglicher zumute sein müßte als oben in der frischen Luft; besonders, wo die Damen und Herren von der Hinterkajüte gerade so wenig von ihm wissen wie er von ihnen.« »Davon verstehen Sie offenbar nichts«, brummte Martin verdrossen. »Sehr leicht möglich, Sir; das kommt bei mir öfters vor«, versetzte Mark in seiner unerschütterlichen Heiterkeit. »Glauben Sie vielleicht, daß es mir Vergnügen macht, hier zu liegen?« fragte Martin, richtete sich auf den Ellbogen auf und warf einen ärgerlichen Blick auf ihn. »Sämtliche Narrenhäuser der Welt zusammengenommen haben nicht einen einzigen Verrückten aufzuweisen, der so etwas glauben würde.« »Warum reden Sie mir also dann zu, daß ich aufstehen soll?« fragte Martin. »Ich bleibe hier liegen, um nicht später einmal, wenn ich in bessern Verhältnissen sein werde, von irgendeinem Geldprotzen als der Mensch erkannt zu werden, der zugleich mit ihm als Zwischendeckpassagier nach Amerika gefahren ist. Ich bleibe hier liegen, um mich versteckt zu halten und weil ich nicht in der Neuen Welt mit dem Stempel tiefster Armut gebrandmarkt ankommen will. Hätte ich einen Platz auf dem Hinterdeck bezahlen können, so würde ich mich öffentlich zeigen wie die andern. Da das leider nicht der Fall ist, muß ich mich eben verbergen.« »Das tut mir sehr leid, Sir«, bedauerte Mark. »Ich habe nicht wissen können, daß Sie sich's so zu Herzen nehmen.« »Natürlich, wie können Sie's denn auch wissen, wenn ich's Ihnen nicht sage. – – Sie machen sich selbstverständlich nichts daraus, sich unter die Leute hier zu mischen. Sie sind's wahrscheinlich gewöhnt. Bei mir ist aber das Gegenteil der Fall. Glauben Sie mir, es ist kein Mann an Bord, der so viel leidet wie ich. Wie?« Er richtete sich auf und sah Mark mit einer Mischung von Ernsthaftigkeit und Neugierde an. Mark schnitt ein Gesicht und schien es offenbar für sehr schwer zu halten, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Schließlich erlöste ihn Martin selbst aus seiner Verlegenheit, indem er sich wieder zurücklehnte, nach seinem Buche griff, in dem er vorhin gelesen, und sagte: »Aber was stelle ich Ihnen auch solche Fragen, wo Sie doch die wahre Bedeutung meiner Worte gar nicht verstehen können. Machen Sie mir, bitte, ein wenig Branntwein mit Wasser zurecht; kalt und sehr schwach; – und dann geben Sie mir einen Zwieback und sagen Sie Ihrer wertgeschätzten Freundin, sie solle darauf achten, daß ihre Kinder heute nacht sich ein wenig ruhiger verhalten. Vergessen Sie aber nicht, ihr es auszurichten; wir könnten sonst leicht aneinandergeraten.« Mit großer Bereitwilligkeit kam Mr. Tapley diesem Befehl nach, und dabei schien seine gute Laune wieder aufzuleben; wenigstens brummte er vor sich hin, daß die »Schraube«, was die Möglichkeit beträfe, aus dem Fidelsein eine Kunst zu machen, doch so mancherlei vor dem »Drachen« voraus habe. Kurze Zeit darauf entstand eine große Aufregung an Bord, und allerhand Prophezeiungen kursierten hinsichtlich des Tages, ja sogar der Stunde, in der man New York bestimmt erreichen werde. So viel Gedränge und Neugierige, die alle nach Land ausspähten, hatte es bis jetzt noch nicht auf dem Verdeck gegeben. Wie eine Krankheit überfiel alle die Sucht, morgens einzupacken, was abends wieder ausgepackt werden mußte, und wer Briefe zu besorgen, Freunde zu treffen oder irgendeinen bestimmten Lebensplan für Amerika hatte, besprach wohl hundertmal am Tag, was ihm am meisten am Herzen lag. Und da die Zahl solcher Passagiere sehr klein, die der andern aber sehr groß war, so gab es wenig Sprecher und sehr viel Zuhörer. Leute, die auf der ganzen Fahrt unwohl gewesen waren, wurden jetzt plötzlich gesund, und den stets Gesunden wurde noch wohler. Ein amerikanischer Gentleman vom Hinterdeck, der auf der ganzen Fahrt im Pelz und Wachsleinwandanzug eingemummt dagesessen, tauchte jetzt mit einem Male mit einem sehr glänzenden, sehr hohen und sehr schwarzen Hute auf und hantierte beständig mit einem kleinen Felleisen aus Naturleder herum, das seine sämtlichen Kleider nebst Wäsche, Bürsten, Rasierzeug, Büchern, Juwelen und andern unentbehrlichen Dingen enthielt. Die Hände tief in die Taschen vergraben, wanderte er auf dem Verdeck auf und ab mit aufgeblasenen Nüstern, als atme er schon die Luft der Freiheit ein, die bekanntlich allen Tyrannen den Tod bringt und niemals – vereinzelte Fälle vielleicht ausgenommen – von Sklavennaturen eingeatmet werden kann. Ein englischer Gentleman, der stark im Verdachte stand, ein flüchtiger Bankkassierer zu sein und mancherlei mitgenommen zu haben, was von Rechts wegen in die Kassen gehörte, wurde sehr beredt hinsichtlich des Themas »Menschenrechte« und summte ohne Unterlaß die Marseillaise. Kurz, überall herrschte die größte Aufregung an Bord. Immer mehr näherte sich das Schiff der Küste, und endlich, in einer sternenhellen Nacht, wurde ein Lotse an Bord genommen, ein paar Stunden später bis zum Morgen beigelegt und die Ankunft des Dampfers erwartet, in dem die Passagiere an Land gebracht werden sollten. Die Barkasse langte bald nach Tagesgrauen an und blieb eine Stunde oder so Bord an Bord neben der »Schraube« liegen, ein Ereignis, das sogar die stummen Heizer sichtlich mit Interesse erfüllte. Dann wurde die gesamte lebende Fracht auf die Barkasse geschafft, darunter Mark, der noch immer seine arme Freundin und ihre drei Kinder bemutterte, und Martin, der wieder in seinen gewöhnlichen Anzug gekleidet war, darüber aber einen schmutzigen alten Mantel trug, um nicht aufzufallen. Der Dampfer, der mit seiner Überdeckmaschine wie ein ungeheures Insekt oder antediluvianisches Ungeheuer aussah, schoß rasch eine schöne Bucht hinauf, und gleich darauf wurden einige Anhöhen, Inseln und eine große weitläufig angelegte Stadt sichtbar. »Also dies«, sagte Mr. Tapley und ließ seinen Blick über das Panorama hinschweifen, »also das ist das Land der Freiheit. Gut. Freut mich. Mir ist jedes Land recht – nach so viel Wasser. Sei mir gegrüßt, Columbia!« 16. Kapitel Martin besucht New York, macht einige Bekanntschaften und speist in einem Kosthause. – Was dabei alles vorfiel Schon am äußersten Saume des Landes der Freiheit herrschte keine geringe Aufregung, war doch tags vorher ein Alderman gewählt worden. Und da bei solchen Anlässen der Parteisinn sich besonders lebhaft zu äußern pflegt, so hatten die Anhänger des durchgefallenen Kandidaten es für nötig erachtet, die grandiosen Grundsätze der Meinungs- und Wahlfreiheit dadurch besonders zu betonen, daß sie ihren Mitmenschen, wo es irgend anging, Arme und Beine brachen und besonders mißbeliebte Gentlemen mit der menschenfreundlichen Absicht, ihnen die Nase abzuschneiden, durch alle Straßen verfolgten. Diese kleinen Ausbrüche der Volkslaune waren an und für sich weiter nicht merkwürdig und hätten – würden sie nur eine Nacht gedauert haben – kein besonderes Aufsehen erregt, aber sie erhielten immer frisches Leben und neue Bedeutung durch die Lungenbetätigung der Zeitungsjungen, die die neuesten Nachrichten nicht nur in allen Haupt- und Seitenstraßen der Stadt, sondern auch auf den Werften und Kais, besonders aber auf dem Verdeck und in den Kajüten des Dampfbootes mit schrillem Ruf verkündeten. Noch hatte die Barkasse das Ufer nicht erreicht, als sie bereits von einer ganzen Legion solcher kleiner Bürger der Republik geentert und überfüllt war. »Hier die heutige New Yorker Kloake!« rief der eine. »Hier ist der heutige New Yorker Gurgelabschneider!« »Hier der New Yorker Familienspion!« »Hier haben Sie den New Yorker Horcher an der Wand!« »Der New Yorker Spitzel – der Beutelschneider – der Schlüssellochgucker!« »Hier der New Yorker Grobian!« Kurz, alle New Yorker Blätter wurden ausgerufen! Ausführliche Berichte über die gestrige Locofocobewegung, in der die Whigs eine Schlappe davontrugen, und die letzte Alabama-Boxertournee und das interessante Arkansasduell mit Bowiemessern sowie alle politischen, kommerziellen und Modeneuigkeiten füllten die Seiten! »Nur das Allerneueste! Extrablatt, Extrablatt!« »Neueste Nummer der ›Kloake‹! Kaufen Sie die New Yorker Kloake!« schrie ein anderer. »Bereits das zwölfte Tausend heute gedruckt. Beste Marktnachrichten, alle Schiffsneuigkeiten, ausführliche Beschreibung des Balls bei Mrs. White, wo die ganze vornehme Welt von New York versammelt war. Besondere Nachrichten über das geheime Privatleben der dort anwesenden Damen. Kaufen Sie die Kloake! Bereits zwölftes Tausend der New Yorker Kloake. Enthüllungen über die ›schwarze Bande‹; in Wallstreet und die Washingtonclique! Ausführlicher Bericht der ›Kloake‹ über eine himmelschreiende Lumperei, begangen von dem Staatssekretär, als er bereits acht Jahre alt war: mit den größten Unkosten von seiner eigenen Amme eingeholt! Kaufen Sie die Kloake! Bereits zwölftes Tausend. Eine ganze Liste von New Yorker Namen der Gesellschaft, die demnächst an die Reihe kommen. – Alles schwarz auf weiß! Kaufen Sie die Kloake! Das erste Blatt der Vereinigten Staaten! Bereits das zwölfte Tausend aus dem Druck, und immer noch sind die Pressen in Gang. Kaufen Sie die New Yorker Kloake, Gentlemen!« »Durch solche lichtvolle Mittel«, rief eine Stimme fast in Martins Ohr, »machen sich die übersprudelnden Leidenschaften meines Vaterlandes Luft.« Unwillkürlich wandte sich Martin nach dem Sprecher um und erblickte dicht an seiner Seite einen bleichen Gentleman mit eingefallenen Wangen, schwarzem Haar, unruhigem Blick und einem eigentümlichen Ausdruck um die tiefliegenden Augen, der weder als Scheelblick noch als Hohn gedeutet werden konnte und doch im ersten Moment ganz offenkundig eines von beiden zu sein schien. Auch bei einer näheren Bekanntschaft würde es schwer gewesen sein, den Zug anders denn als eine Mischung von Dünkel und niederträchtiger Schlauheit zu deuten. Um sich das Ansehen eines Weisen zu geben, trug der Gentleman einen breitkrempigen Hut und hatte, um seiner Haltung etwas Imponierendes zu geben, die Arme verschränkt. Er war ein wenig schäbig in einen blauen Mantel gekleidet, der ihm fast bis an die Knöchel reichte, seine kurzen weiten Hosen waren von derselben Farbe, und durch eine verschossene, gelbe Weste kämpfte sich ein verschossener Busenstreif, als wolle er mit den andern Anzugsbestandteilen gewissermaßen eine Art Gleichheit hinsichtlich bürgerlicher Rechte behaupten und auf eigene Faust eine besondere Art Unabhängigkeit proklamieren. Die ungewöhnlich großen Füße des Gentlemans waren nachlässig gekreuzt, während er selbst halb auf dem Seitengeländer des Dampfbootes saß, halb daran lehnte. Ein dicker Spazierstock, an dem einen Ende mit einer gewaltigen Zwinge und am andern mit einem großen Metallknopf verziert, von dem ein paar Quasten herunterbaumelten, vervollständigte seine Garderobe. Als der Gentleman bemerkte, daß es ihm gelungen, Martins Aufmerksamkeit zu erregen, zog er den rechten Mund- und Augenwinkel gleichzeitig in die Höhe und wiederholte: »Durch solche lichtvolle Mittel machen sich die übersprudelnden Leidenschaften meines Vaterlandes Luft.« Da er dabei Martin ansah und niemand anders in der Nähe war, der darunter gemeint sein konnte, neigte dieser den Kopf und erwiderte: »Wie meinen Sie das?« »Ich denke dabei an das Palladium rationeller Freiheit bei uns, Sir, und an die Scheußlichkeiten fremden Unterdrückertums im Ausland«, erklärte der Gentleman und deutete mit seinem Stock auf einen einäugigen und ganz besonders schmutzigen Zeitungsjungen, »an den Neid der großen Welt, Sir, und die Bahnbrecher der Zivilisation der Menschheit. Aber gestatten Sie die Frage, Sir«, setzte er mit der Miene eines Mannes hinzu, der sich nicht so leicht mit Phrasen abspeisen läßt, und stieß dabei seine Stockzwinge heftig auf das Verdeck; »wie gefällt Ihnen Amerika?« »Ich bin außerstande, diese Frage jetzt schon beantworten zu können, da ich das Land ja noch gar nicht betreten habe«, sagte Martin. »Ja ja, ich verstehe, Sie waren nicht darauf gefaßt, solche überwältigenden Anzeichen eines unerschöpflichen Nationalwohlstandes zu erblicken.« Dabei deutete der Gentleman auf die vielen Schiffe, die an den Quais lagen, und schwenkte seinen Stock in der Runde, als wolle er Luft und Wasser mit in den erwähnten Reichtum einbezogen wissen. »Nun, wie man's nimmt«, sagte Martin. »Offen gestanden, glaube ich, war ich es.« Der Gentleman sah ihn mit einem listigen Blicke an und meinte, diese Art Politik gefalle ihm nicht. Aber es mache weiter nichts; er als Philosoph finde ein gewisses Vergnügen darin, die Vorurteile der menschlichen Natur zu beobachten. »Wie ich sehe, Sir«, fuhr er zu Martin gewendet fort und stützte sich mit dem Kinn auf den Knopf seines Stockes, »haben Sie hier wieder mal das übliche Quantum von Elend und Armut, Unwissenheit und Verbrechen mitgebracht, um es in den Schoß der großen Republik auszuschütten. Macht nichts, Sir! Lassen Sie sie nur in vollen Schiffsladungen vom alten Lande herüberkommen, die da. Ein sinkendes Schiff verlassen die Ratten, sagt man. Es liegt sehr viel Wahres in dieser Bemerkung. Meinen Sie nicht?« »Nun, ich denke, unser altes Regierungsschiff in England wird sich schon noch ein paar Jahre über Wasser halten«, versetzte Martin und mußte sowohl über den Inhalt der Rede des Gentlemans wie auch über seine sonderbare Art zu sprechen – er legte nämlich einen starken Nachdruck auf die kleinen Flickworte und Silben, während er die größeren achtlos herunterschluckte – unwillkürlich lächeln. »Die Hoffnung, Sir, sagt schon der Dichter«, fing der Amerikaner wieder an, »ist des Wunsches Amme.« Martin gab zu, gehört zu haben, daß diese Kardinaltugend gelegentlich solche häuslichen Dienste übernehme. »Im gegenwärtigen Falle jedoch wird sie ihr Kind nicht großziehen. Sie werden sehen.« »Na, die Zeit wird's ja lehren«, meinte Martin. Der Gentleman nickte ernst mit dem Kopf und fragte dann: »Wie heißen Sie, Sir?« Martin sagte es ihm. »Wie alt sind Sie, Sir?« Martin sagte ihm auch dies. »Welchen Beruf haben Sie, Sir?« »Architekt.« »Und Ihre Pläne, Sir?« »Wahrhaftig«, meinte Martin lachend, »über diesen Punkt kann ich Ihnen wirklich keine Auskunft geben. Ich weiß es nämlich selbst nicht.« »So?« rief der Gentleman. »Ja, so ist es.« Der Gentleman nahm daraufhin seinen Stock unter den linken Arm und betrachtete Martin genauer und mit größerer Sorgfalt, als er es bisher getan. Nachdem er mit seiner Untersuchung fertig war, streckte er den rechten Arm aus, schüttelte Martin die Hand und sagte: »Mein Name, Sir, ist Oberst Diver. Ich bin Herausgeber des New Yorker ›Grobian‹.« Selbstverständlich nahm Martin diese Eröffnung mit der gebührenden Ehrfurcht entgegen. »Das New Yorker Journal ›Grobian‹, Sir«, fing der Oberst wieder an, »ist, wie Sie wohl wissen werden, das Organ der Aristokratie in der Stadt.« »So? Gibt es denn hier eine solche?« fragte Martin. »Aus was für Elementen setzt sie sich zusammen?« »Aus den Elementen der Intelligenz, Sir! Aus Intelligenz und Moral und ihrer notwendigen Folgeerscheinung, nämlich aus den Dollars.« Martin war außerordentlich erfreut, das zu hören. Wenn Intelligenz und Moral in Amerika notwendigerweise zur Erwerbung von Dollars führen, sagte er sich, so könne es nicht fehlen, daß er sehr bald ein großer Kapitalist sein würde. Er wollte eben seine Freude über diese Mitteilung aussprechen, als er durch den Schiffskapitän unterbrochen wurde, der soeben heraufkam, um dem Oberst die Hand zu drücken, und bei dem Anblick eines fein gekleideten Fremden – Martin hatte nämlich seinen Mantel abgelegt – sich beeilte, auch diesen herzlich zu begrüßen. Martin empfand es als etwas sehr Angenehmes, denn trotz der unumschränkten Herrschaft von Moral und Intelligenz in Amerika hätte es ihn doch tief verletzt, sich vor Oberst Diver als armer Zwischendeckpassagier behandelt zu sehen. »Nun, Kapitän?« fragte der Oberst. »Nun, Oberst?« rief der Kapitän. »Übrigens, Sie sehen ja verdammt fein aus, Sir. Hätte Sie kaum erkannt, Sir. Tatsache.« »Gute Fahrt gehabt, Kap'tän?« fragte der Oberst. »Ja ja, lief ganz gut ab, Sir,« sagte oder vielmehr sang der Kapitän, der ein echter Neuengländer war. »Punkto Wetter nämlich.« »So? Wirklich?« »Ja ja, Tatsache. Habe übrigens eben die Passagierliste durch einen Jungen in Ihr Bureau geschickt.« »Haben Sie vielleicht sonst noch einen Jungen übrig, Kap'tän?« fragte der Oberst in einem Ton, der fast an Strenge grenzte. »Ich glaube, es sind noch 'n paar Dutzend hier, wenn Sie welche brauchen, Oberst.« »Nur einen. Er braucht nicht sehr groß zu sein; nur muß er ein paar Dutzend Flaschen Champagner in mein Bureau tragen können«, bemerkte der Oberst bedeutsam. »Haben also 'ne gute Fahrt gehabt, was?« »Ja, macht sich«, war die Antwort. »Mein Bureau ist ganz in der Nähe, Sir«, fing der Oberst wieder an. »Freut mich, daß Sie 'ne gute Fahrt gehabt haben, Kap'tän. Hm – Macht übrigens nichts, wenn Sie keine ganzen Flaschen haben; der Junge kann ebensogut zweimal gehen und vierundzwanzig halbe Flaschen bringen. Also eine besonders hübsche Fahrt war's, Kap'tän, was?« »Ja, eine ganz vor-zügliche Fahrt«, sagte der Seemann. »Sie haben eben immer Glück, Kap'tän. – Hm. – Sie könnten mir übrigens auch 'n Korkzieher und 'n paar Dutzend Gläser borgen. – Wie sehr sich auch die Elemente gegen meines Vaterlands edles Paketschiff, die ›Schraube‹, verschwören mögen«, wendete sich der Oberst jetzt wieder gegen Martin und machte mit seinem Spazierstock seine Lieblingsschwenkung, »so kann man doch immer darauf wetten, daß es eine feine Fahrt macht.« Der Kapitän, in dessen Kajüte in diesem Augenblick die Redaktion der New Yorker »Kloake« ein ungeheures Gabelfrühstück verschlang, während in einer andern ein paar Journalisten eines zweiten vornehmen Blattes sich toll und voll soffen, benützte die günstige Gelegenheit, sich zu verabschieden, drückte seinem Freunde und Gönner, dem Obersten, herzlich die Hand und eilte fort, um den Champagner zu besorgen. Er wußte – wie sich später herausstellte – ganz genau, daß, wenn er den Redakteur des »Grobian« nicht für sich gewann, dieser Druckerschwärzepotentat ihn samt seinem Schiffe binnen vierundzwanzig Stunden mit großen Plakatbuchstaben an den Pranger stellen und vielleicht sogar das Andenken seiner Mutter, die erst zwanzig Jahre tot war, mit Kot bewerfen würde. Der Oberst war nunmehr wieder mit Martin allein, hielt ihn, als er sich ebenfalls empfehlen wollte, am Arme zurück und machte sich erbötig, ihm als Engländer und Fremdem die Stadt und nachher, wenn er es wünsche, ein anständiges Kosthaus zu zeigen. Doch bevor sie aufbrächen, sagte er, bitte er um die Ehre seines Besuches auf dem Bureau des »Grobian«, um mit ihm eine Flasche Champagner auszustechen. Das klang alles so außerordentlich freundlich und gastlich, daß Martin, obgleich es noch sehr früh am Morgen war, die Einladung dankend annahm. Er befahl daher Mark, der noch immer angelegentlich mit seiner Freundin und ihren drei Kindern beschäftigt war, wenn er damit fertig sei und das Gepäck an Land gebracht habe, im Bureau des »Grobian« weitere Weisungen einzuholen, und begab sich sodann mit seinem neuen Bekannten an Land. Mühsam bahnten sie sich ihren Weg durch das traurige Gedränge der Auswanderer auf dem Kai – die Armen verstanden und wußten so wenig von dem Lande, unter dessen blauem Himmel und auf dessen kahlem Boden jetzt ihre Betten und Koffer lagen, als wären sie eben aus irgendeinem Planeten heruntergeschneit – und gingen dann eine kurze Strecke zusammen durch eine belebte Straße, auf deren einer Seite Kais und Schiffszimmerplätze lagen, während auf der andern eine lange Reihe aus roten Ziegeln gebauter Magazine und Bureaus sich hinzog, die mit mehr schwarzen Schildern mit weißen Buchstaben und weißen Schildern mit schwarzen Buchstaben behängt waren, als Martin je zuvor auf einem fünfzigmal größeren Räume gesehen hatte. Sodann bogen sie in eine schmale Straße und von da aus in andere enge Gassen ab, bis sie endlich vor einem Hause haltmachten, an dem mit großen Buchstaben die Inschrift: Redaktion des »Grobian« prangte. Der Oberst, der den ganzen Weg über, eine Hand in der Westenbrust und den Hut schief auf dem Ohre, einhergeschritten war wie ein Mann, dem das Gefühl der eigenen Größe eine Qual bedeutet, ging über eine dunkle, schmutzige Treppe voraus in ein Zimmer von ähnlichem Aussehen, das mit Haufen von Papierschnitzeln und Fetzen von Manuskripten und Korrekturen bestreut war. Hinter einem alten, morschen und unappetitlichen Schreibtisch saß, einen Federstumpf im Mund und eine große Schere in der Hand, ein junger Mensch und schnitt an einem Stoß Journalen herum. Er sah so lächerlich aus, daß Martin sich die größte Mühe gab, seinen Ernst zu bewahren, zumal Oberst Diver ihn scharf beobachtete. Der Herr, der wie erwähnt die Grobianzeitung mit der Schere redigierte, war ein kleiner Gentleman von sehr jugendlichem Aussehen und einer ungesunden Gesichtsfarbe, die wahrscheinlich zum Teil von seinen tiefen Gedanken, vielleicht aber auch von der Wirkung übermäßigen Tabakgenusses herrührte. Wenigstens hatte er im Augenblick den ganzen Mund voll Priemchen. Den Hemdkragen trug er zurückgeschlagen über ein schwarzes breites Band, und sein dünnes, langes und straffes Haar war nicht nur glatt gekämmt und aus der Stirne zurückgestrichen, damit nur ja kein Strahl der Poesie seines Gesichts verlorenginge, sondern auch stellenweise mit der Wurzel ausgerissen, wodurch sich einigermaßen die große Anzahl von Pickeln und entzündeten Flecken auf der Kopfhaut erklären ließ. Seine Nase gehörte zu jener Kategorie, die die Scheelsucht des Menschengeschlechtes mit dem Ausdruck: »Mopsnase« getauft hat. An der Spitze war sie aus Überfluß an Weltverachtung ein wenig umgestülpt. Auf der Oberlippe des Gentlemans prangten einige Anzeichen eines gelben Flaums, aber so weich und spärlich, wenn auch nach Kräften gepflegt, daß sie wie die Brösel eines Lebkuchens aussahen und durchaus nicht wie ein Schnurrbart. Doch das zarte Alter des Herrn entschuldigte diesen Mangel zur Genüge. Der junge Mann war in seine Arbeit außerordentlich vertieft, und sooft er die große Schere zusammenschnappen ließ, machte er eine entsprechende Bewegung mit den Kinnladen, was ihm ein märchenhaft grimmiges Aussehen verlieh. Martin schwante so etwas, als ob dies Oberst Divers Sohn sein müsse – sozusagen die Hoffnung seiner Familie und der künftige Haupthebel des »Grobians«. Schon hatte er einen Anlauf genommen, um zu sagen, es sei ungemein komisch, wie Mr. Divers Sprößling in aller Unschuld der Kindheit den Redakteur spiele, da unterbrach ihn der Oberst stolz mit den Worten: »Mein Kriegskorrespondent, Sir, Mr. Jefferson Brick.« Der Schrecken fuhr Martin in die Glieder bei dem Gedanken, welch fürchterlichen Mißgriff er beinahe begangen hätte. Mr. Brick bezog den Eindruck, der sich plötzlich auf Martins Gesicht spiegelte, auf sich, schien sich sehr darüber zu freuen und drückte ihm mit einer Gönnermiene, die Martin bedeuten sollte, er brauche sich durchaus nicht zu fürchten, die Hand. »Wie ich merke, haben Sie schon von Mr. Jefferson Brick gehört, Sir«, sagte der Oberst lächelnd. »Ich will's meinen, daß England den Namen Jefferson Brick zur Genüge kennt. Ganz Europa hat von Jefferson Brick gehört. Warten Sie mal – wann haben Sie England verlassen, Sir?« »Vor fünf Wochen.« »Vor fünf Wochen«, wiederholte der Oberst gedankenvoll, setzte sich auf den Tisch und baumelte mit den Beinen. »Gestatten Sie mir die Frage, Sir, welcher von Mr. Bricks Artikeln hat damals bei dem britischen Parlament und dem Hofe in St. James am meisten Anstoß erregt?« »Auf mein Wort«, stotterte Martin, »ich –« »Ich weiß natürlich, Sir«, unterbrach ihn der Oberst, »daß die aristokratischen Kreise Ihrer Nation vor dem Namen Jefferson Brick zittern, aber ich möchte gern von Ihren eigenen Lippen hören, Sir, welcher von seinen Artikeln den tödlichen Streich geführt hat.« »– die tausendköpfige Hydra der Verderbnis, die sich jetzt im Staub windet aus Furcht vor der Lanze der Vernunft und ihr schwarzes Herzblut gen Himmel spritzt«, deklamierte Mr. Brick, offenbar damit seinen letzten Artikel zitierend, und setzte des Eindrucks wegen eine kleine, blaue Tuchkappe mit einem Schild aus Glanzleder auf. »Die Libation der Freiheit, Brick«, soufflierte der Oberst. »– muß zuweilen aus Blut bestehen, Oberst«, ergänzte Brick. Als er das Wort Blut aussprach, schnappte er dabei mit seiner großen Schere, als ob auch sie »Blut« sage und ganz seiner Ansicht sei. Sodann sahen beide Herren Martin an, gespannt auf seine Antwort wartend. »Wahrhaftig«, versicherte Martin, der inzwischen seine Fassung wiedergewonnen, »ich kann Ihnen keine genügende Auskunft darüber geben, denn tatsächlich habe ich –« »Halt!« rief der Oberst, seinen Kriegskorrespondenten finster anblickend und bei jedem Wort nachdrücklich mit dem Kopf nickend, »wollen Sie vielleicht sagen, daß Sie niemals etwas von Jefferson Brick gehört haben oder von ihm lasen oder nie den ›Grobian‹ zu Gesicht bekamen – ja nicht einmal etwas von seinem kolossalen Einfluß auf die Kabinette Europas wußten – wie?« »Allerdings wollte ich etwas derartiges bemerken«, gab Martin zu. »Bleiben Sie ruhig, Jefferson«, sagte der Oberst würdevoll, »regen Sie sich nicht auf. – Oh, ihr Europäer! – Na; – trinken wir lieber ein Glas Wein.« Mit diesen Worten sprang er vom Tisch herab und holte aus einem Korb vor der Türe eine Flasche Champagner und drei Gläser. »Mr. Jefferson Brick, Sir«, sagte er, füllte Martins Glas und reichte dann die Flasche dem Herrn mit der Schere hin, »wird einen Toast ausbringen.« »Mit Vergnügen, Sir«, rief der Kriegskorrespondent, »wenn Sie es wünschen. – Also, der ›Grobian‹ soll leben und alle Blätter derselben Tendenz. Der Born der Wahrheit, dessen Wasser schwarz sind, da sie aus Druckerschwärze bestehen, ist dennoch klar genug, um der Spiegel zu sein, in dem mein Vaterland den Glanz seiner Bestimmung voraussehen kann.« »Hört, hört!« rief der Oberst wohlgefällig. »Sagen Sie selbst, ist die blumenreiche Sprache meines Freundes nicht bewundernswert?« »Allerdings«, gab Martin zu. »Und hier ist der heutige ›Grobian‹, Sir«, bemerkte der Oberst und reichte ihm eine Nummer der Zeitung hin; »Sie werden daraus ersehen, daß Mr. Jefferson Brick auf seinem gewohnten Posten steht als Flügelmann des Fortschritts in der Avantgarde der menschlichen Zivilisation und sittlichen Ordnung.« Er hatte sich inzwischen wieder auf den Tisch gesetzt, Mr. Brick nahm neben ihm Platz, und dann fingen beide an, tüchtig zu zechen. Dabei warfen sie des öfteren Martin, der gehorsam die bezeichneten Artikel las, und einander Blicke zu. Als dieser endlich die Zeitung niederlegte – die beiden Herren köpften inzwischen bereits die zweite Flasche –, fragte ihn der Oberst, was er davon halte. »Aber das alles ist ja entsetzlich persönlich«, meinte Martin. Der Oberst schien durch diese Bemerkung sehr geschmeichelt zu sein und sagte, er wolle das hoffen. »Wir sind hierzulande nämlich freie unabhängige Männer, Sir«, erklärt Mr. Jefferson Brick, »und tun und lassen, was uns beliebt.« »Demnach müßte es logischerweise hierzulande auch viele tausend Leute geben, die gerade das Gegenteil von frei und unabhängig sind und die tun müssen, was ihnen nicht gefällt?« fragte Martin. »In diesem Fall unterliegen sie eben dem gewaltigen Geist der volksbelehrenden Presse, Sir«, erklärte der Oberst; »allerdings lehnen sie sich von Zeit zu Zeit auf, aber im allgemeinen behaupten wir eine feste Herrschaft über unsere Bürger, sowohl im öffentlichen wie im Privatleben, und das ist ebensogut eine der veredelndsten Einrichtungen unseres Landes wie –« »Wie die Negersklaverei eine ist«, ergänzte Mr. Brick. »Sehr richtig«, bemerkte der Oberst. »Darf ich«, sagte Martin stockend, »darf ich mir in betreff eines Falles, den ich hier gerade in Ihrem Blatte lese, eine Frage erlauben? – Geht nicht doch zuweilen die volksbelehrende Presse – ich bin wirklich in Verlegenheit, wie ich mich ausdrücken soll, ohne Sie zu beleidigen – auf Grund unrichtiger Informationen – auf Grund anonymer Briefe zum Beispiel«, setzte er hinzu, denn der Oberst blieb vollkommen ruhig und ließ sich nicht im mindesten aus der Fassung bringen, »oder auf Grund solcher Mitteilungen, die möglicherweise von Fälschern herrühren könnten, vor?« »Gewiß, Sir«, gab der Oberst freimütig zu. »Hie und da kommt das gewiß vor.« »Und das Volk – was sagt es dazu?« »Es kauft die Zeitung«, antwortete der Oberst. Mr. Jefferson Brick spuckte aus und lachte nur; ersteres reichlich, letzteres beifällig. »Es kauft die Zeitung zu Hunderten und Tausenden Exemplaren. Ja, ja, wir sind eben ein famoses Volk hier und wissen Gerissenheit wohl zu schätzen.« »Ist ›Gerissenheit‹ der amerikanische Ausdruck für Fälschung?« fragte Martin. »Ach Gott«, meinte der Oberst, »es ist so der amerikanische Ausdruck für – so mancherlei, was ihr drüben mit andern Namen bezeichnet. Aber ihr in Europa seid ja überhaupt schwerfällig und unbeholfen. Aber was für einen Namen wir auch dafür wählen wollen« – der Oberst beugte sich nieder, um die dritte leere Flasche zu den beiden übrigen in eine Ecke zu rollen – »so vermute ich, daß die Kunst der Fälschung hierzulande gerade nicht erfunden wurde, Sir.« »Das habe ich auch nicht behauptet«, versetzte Martin. »Und ich denke, auch ebensowenig wie irgendeine andere Art von Gerissenheit.« »Erfunden? Nein, das glaube ich nicht.« »Nun«, sagte der Oberst lächelnd, »dann geben Sie ja selbst zu, daß wir alles von dem alten Lande drüben haben. Das alte Land trifft in diesem Falle der Vorwurf, nicht das neue. Übrigens damit basta. Also, wenn Sie jetzt gefälligst austrinken wollen, meine Herren, und vorausgehen, so werde ich das Bureau abschließen und Ihnen dann sofort nachkommen.« Auf diesen nicht mißzuverstehenden Wink folgte Martin dem Kriegskorrespondenten, der mit majestätischen Schritten die Treppe voraus hinunterging. Der Oberst kam ihnen nach, und einen Augenblick später befanden sie sich wieder auf der Straße. Martin hätte am liebsten dem Obersten ein paar Fußtritte wegen seiner offenkundigen Unverschämtheit und Zudringlichkeit versetzt, und in seinen Mienen war auch etwas derartiges zu lesen, aber Mr. Diver kümmerte sich offenbar in seinem Selbstbewußtsein und seiner Machtstellung sehr wenig darum, was Martin oder sonst irgend jemand von ihm dachte. Seine gepfefferten Artikel waren lediglich auf Absatz berechnet und fanden auch die entsprechende Anzahl Abnehmer. Die Leser durften ihm daher bei ihrer ausgesprochenen Vorliebe für Klatsch und Unflat ebensowenig einen Vorwurf machen, wie ein Schlemmer für seine Ausschweifungen seinen Koch hätte verantwortlich machen dürfen, und nichts hätte überdies dem Oberst mehr Freude bereiten können, als wenn ihm jemand ins Gesicht gesagt hätte, daß ein Mann wie er sich in keinem andern Lande am hellichten Mittag auf der Straße blicken lassen dürfte. Er würde darin nur den Beweis gesehen haben, daß er seine Zeitung vortrefflich dem herrschenden Geschmack anzupassen wisse und er selbst eine echt nationale, amerikanische Erscheinung sei. So gingen sie eine Meile oder etwas darüber durch eine hübsche Straße, die, wie der Oberst sagte, Broadway hieß und, nach Mr. Jeffersons Erklärung, für das ganze übrige Universum einen Schlag ins Gesicht bedeutete. Schließlich bogen sie in eine der zahlreichen Gassen ein, die in diese Hauptstraße mündeten, und blieben zuletzt bei einem unscheinbaren Hause mit Jalousien vor den Fenstern stehen. Vor der grün angestrichenen Haustüre befand sich eine Treppe mit einem weißen Ornament an jeder Geländerseite, das wie ein versteinerter und polierter Tannenzapfen aussah. Über dem Klopfer war eine längliche Platte mit dem Namen »Pawkins« eingelassen, und vier Schweine blickten in der Gegend umher. Mit der Miene eines Mannes, der zu Hause ist, klopfte der Oberst an die Türe, und gleich darauf steckte ein irisches Mädchen den Kopf aus einem der Dachfenster, um nachzusehen, wer unten sei. Während sie noch die Treppe herunterkam, hatten die Schweine mit zwei oder drei Kollegen aus der nächsten Straße Freundschaft geschlossen und wälzten sich friedlich zusammen in der Gosse. »Ist der Major zu Hause?« fragte der Oberst eintretend. »Meinen Sie den Master, Sir?« fragte das Mädchen schüchtern, da im Hause offenbar kein Mangel an Majoren war. »Der Master!« rief Oberst Diver, blieb stehen und sah sich nach seinem Kriegskorrespondenten um. »Da haben wir wieder die heillosen Mißbräuche aus dem alten England«, rief Mr. Jefferson Brick. »Master!« »Warum ficht Sie dieses Wort so an?« fragte Martin. »Der Ausdruck ist hierzulande verpönt«, erklärte Mr. Brick. »Man hört ihn höchstens noch aus dem Munde eines entarteten Dienstboten, dem die Segnungen unserer Regierung noch fremd und neu sind, wie dieser Magd hier. Bei uns gibt es keine ›Master‹.« »Da gibt es also in Amerika nur ›Eigentümer‹?« fragte Martin. Mr. Jefferson Brick folgte dem Herausgeber des »Grobian« und erwiderte kein Wort. Der Oberst ging voran in eine Stube im rückwärtigen Teil des Hauses zu ebener Erde, die hell und hübsch groß war, aber einen überaus ungemütlichen und ungastlichen Eindruck machte, da darin nichts zu sehen war als vier nackte, weiße Wände, die Zimmerdecke, ein ordinärer Teppich und ein entsetzlich langer Speisetisch, von einem Ende des Saales bis zum andern reichend, und eine ungeheure Menge von Rohrsesseln. Im Hintergrunde dieser Speisehalle stand ein Kamin – auf jeder Seite mit einem großen messingenen Spucknapf flankiert –, oder besser gesagt ein aus drei aufrecht stehenden eisernen Fäßchen zusammengestellter Ofen, die – hinter einer Art Umzäunung – sämtlich nach Art der siamesischen Zwillinge miteinander verbunden waren. Vor dem Feuer saß in einem Schaukelstuhl ein großer Gentleman, den Hut auf dem Kopf und eifrig damit beschäftigt, einmal links und einmal rechts in die Spucknäpfe zu spucken. Ein Negerjunge, in eine schmutzige Jacke gekleidet, belegte gerade den Tisch mit zwei langen Reihen von Messern und Gabeln und stellte hie und da Krüge mit Wasser dazwischen. Als er die unterste Reihe der Tafel erreicht hatte, zog er mit seinen schmutzigen Pfoten das noch schmutzigere schiefgelegte Tischtuch zurecht, das seit dem Frühstück offenbar nicht entfernt worden war. Infolge der erstickenden Ofenhitze herrschte eine ungemein schwüle Atmosphäre im Zimmer, die überdies durch den penetranten Suppengeruch aus der Küche und den vorherrschenden Tabakgestank für die Sinne eines nicht daran Gewöhnten fast unerträglich war. Der Gentleman in dem Schaukelstuhl kehrte den Eintretenden den Rücken und schien so sehr von seiner sinnigen Beschäftigung in Anspruch genommen, daß er ihrer gar nicht ansichtig wurde, bis der Oberst zu dem Ofen hinging und auch sein Scherflein in dem Spucknapf links deponierte. Major Pawkins blickte daraufhin mit der Miene stiller Mattigkeit auf, wie ein Mann, der die ganze Nacht über aufgewesen ist – ein Gesichtsausdruck, den übrigens Martin bereits am Obersten und an Mr. Jefferson Brick bemerkt hatte. »Nun, Oberst?« fragte er faul. »Ich habe Ihnen hier einen Gentleman aus England mitgebracht, Major«, versetzte der Oberst, »der sich bei Ihnen einmieten möchte, falls ihm der Preis zusagt.« »Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Sir«, brummte der Major und streckte Martin, ohne einen Muskel seines Gesichtes zu verziehen, die Hand hin. »Wie geht es Ihnen?« »Gut, ich danke«, antwortete Martin. »In Amerika auch nicht gut anders möglich«, versetzte der Major, »hier bei uns scheint eben die Sonne.« »Ich glaube mich erinnern zu können, daß ich sie bisweilen auch in meiner Heimat scheinen sah«, bemerkte Martin lächelnd. »Das glaube ich nicht.« Der Major sagte dies mit so stoischer Gleichgültigkeit, aber doch mit so entschiedenem Tone, daß die Sache damit abgetan zu sein schien; dann schob er seinen Hut ein wenig aufs Ohr, um sich bequemer den Kopf kratzen zu können, und begrüßte Mr. Jefferson Brick mit einem trägen Nicken. Major Pawkins, der sich pennsylvanischer Abkunft rühmen konnte, zeichnete sich durch einen auffallend großen Schädel und eine breite gelbe Stirn aus, weswegen man ihn in Schenkstuben und andern öffentlichen Orten für einen Mann von ungeheurem Scharfsinn hielt. Höchst merkwürdig an ihm war auch sein schläfriger Blick und sein träges, schwerfälliges Wesen. Kurz, er war ein Mann, der, wie man sagt, viel Platz und Zeit braucht, um sich umzudrehen. Mit seinem Weisheitsschatze verfuhr er nach dem Grundsatze jener Krämer, die stets alle Waren, die sie besitzen, und noch mehr ins Schaufenster stellen, und das verfehlte bei seinem Anhang von Bewunderern nicht, einen großen Eindruck zu machen. Wie Mr. Jefferson Brick Martin ins Ohr flüsterte, war Major Pawkins einer der hervorragendsten Köpfe des Landes. Und das beruhte auch auf Richtigkeit, denn er war ein großer Politiker, und sein einziger Glaubensartikel in bezug auf alle öffentlichen Verpflichtungen, bei denen Treu und Glauben und der gute Ruf seines Vaterlandes ins Spiel kamen, war: alle alten Geschichten mit einem Federstrich rasch abzumachen und dann wieder von neuem anzufangen. Das stempelte ihn zum Patrioten. Hinsichtlich Handel und Wandel war er ein kühner Spekulant, oder besser gesagt: ein Schwindelgenie. Er verstand es, aus dem Effeff Banken zu gründen, ein Anlehen zu placieren oder eine Landaktienkompagnie zusammenzutrommeln, die dann Verderben, Pest und Tod über Hunderte von Familien brachte. Das stempelte ihn zu einem bewunderungswürdigen Geschäftsmann. Überdies brachte er es zuwege, ganze Tage in Schenken zu verlungern und über Politik zu schwätzen und dabei mehr Zeit totzuschlagen, mehr Tabak zu kauen und zu rauchen, mehr Rumtoddy, Pfefferminzlikör und Cocktail zu konsumieren als irgendein Privatmann weit und breit. Das stempelte ihn zum Redner und Volksmann. Kurz, der Major war ein aufgehender Stern, ein populärer Charakter und auf dem schönsten Wege von der Volkspartei nach New York, wo nicht gar nach Washington selbst entsandt zu werden. Da jedoch der Wohlstand eines Mannes nicht immer gleichen Schritt hält mit seiner patriotischen Hingabe und betrügerische Unternehmungen ebensogut glücken wie nicht glücken können, so befand sich der Major zuweilen nicht gerade in den glänzendsten Verhältnissen. Das war auch der Grund, weshalb er augenblicklich, das heißt besser gesagt, seine Gattin, ein Kosthaus hielt, und er selbst seine Zeit mehr mit Herumlungern und Flanieren zubrachte als mit andern Dingen. »Sie finden unser Land zur Zeit in einem Zustande kommerzieller Flauheit«, sagte der Major. »Einer bedrohlichen Krisis«, setzte der Oberst hinzu. »In einer Periode beispiellosen Stillstandes«, betonte Mr. Jefferson Brick. »Sehr bedauerlich«, versetzte Martin, »hoffentlich wird es nicht lange dauern.« Martin kannte Amerika noch nicht, sonst hätte er wissen müssen – wenn man den allgemeinen Versicherungen glauben darf –, daß es sich immerwährend in einer bedrohlichen Krisis befindet und auch nie anders befand, trotzdem öffentlich immer das Gegenteil behauptet und beschworen wird und es stets heißt, Amerika sei das glücklichste und gesegnetste Land auf Erden. »Es wird hoffentlich nicht lange dauern«, wiederholte Martin. »Nun, ich glaube«, meinte der Major, »auf irgendeine Weise werden wir schon wieder zurechtkommen.« »Es ist ein elastisches Land«, rief der Herausgeber des »Grobian«. »Ein junger Löwe!« ergänzte Mr. Jefferson Brick. »Was meinen Sie zu einem Bittern vor dem Essen, Oberst?« wechselte der Major das Thema. Da Mr. Diver mit großer Bereitwilligkeit auf diesen Vorschlag einging, beantragte Major Pawkins einen allgemeinen Aufbruch nach einer benachbarten Schenke, die, wie er bemerkte, sich gleich nebenan befände, und verwies Martin hinsichtlich Kost und Quartier an Mrs. Pawkins, die er beim Dinner, das sehr bald stattfinde, da man um zwei Uhr speise, also in einer Viertelstunde, kennenzulernen das Vergnügen haben werde. Dies erinnerte den Major daran, daß es höchste Zeit sei, noch schnell einen Bittern zu nehmen, und entschlossen erhob er sich daher, entfernte sich und überließ es seinen Gästen, ihm, wenn sie wollten, nachzukommen. Als er von seinem Schaukelstuhle vor dem Kamin aufstand, wurde der Geruch nach kaltem Tabakrauch so lebhaft, daß kein Zweifel mehr herrschen konnte, er gehe hauptsächlich von seinen Kleidern aus; und als Martin hinter ihm her in die Schenke schritt, konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, wie sehr der große vierschrötige Major in seiner Trägheit einer großen Tabakpflanze glich oder einem Unkraut, das man am besten zum Wohle der übrigen Gewächse aus dem allgemeinen Mistbeet ausrotten müsse. In der Schenkstube befanden sich noch andere Unkräuter dieser Art, alle so ziemlich von derselben Kategorie. Nachdem sie sodann den Bittern zu sich genommen, kehrten sie – Martin Arm in Arm mit Mr. Jefferson Brick und der Major und der Oberst Seite an Seite vorausgehend – nach Haus zurück. Als sie sich der Wohnung des Majors näherten, hörten sie plötzlich ungestüm eine Glocke läuten, und sofort stürzten der Oberst und der Major wie wahnsinnig fort, die Treppe hinauf und zu der offenstehenden Haustüre hinein, während Mr. Jefferson Brick sich von Martins Arm losmachte, nach derselben Richtung hineilte und verschwand. »Gott im Himmel«, dachte Martin, »das Haus steht wahrscheinlich in Flammen. Es war eine Alarmglocke.« Da aber weder Flammen noch Rauch oder sonstige Brandanzeichen zu bemerken waren, blieb er zögernd auf dem Pflaster stehen, während weitere drei Gentlemen mit allen Merkmalen des Schreckens und der Aufregung in den Gesichtern wild um die Straßenecke gestürmt kamen, die Treppe hinaufeilten, einen Augenblick um den Vortritt miteinander rangen und dann – ein wirrer Haufen von Armen und Beinen – in das Haus stürzten. Jetzt zögerte Martin nicht länger und folgte ihnen, aber trotz seiner Eile wurde er von zwei nachdrängenden Herren, die vor Aufregung fast wahnsinnig zu sein schienen, fast umgerannt und beiseite gestoßen. »Wo ist es?« rief Martin atemlos einem Neger zu, dem er im Flur begegnete. »Im Speisezimmer, Sar, Oberst sagen er Sitz reserviert neben ihm, Sar.« »Einen Sitz?!« rief Martin. »Beim Essen, Sar.« Martin riß erstaunt die Augen auf und brach dann in ein lautes Gelächter aus, in das der Neger, wahrscheinlich aus Gutmütigkeit, oder um ihm als Fremdem einen Gefallen zu tun, so herzlich mit einstimmte, daß seine Zähne wie ein Lichtstreifen glänzten. »Du bist der prächtigste Bursche, den ich noch hier gesehen habe, ha, ha, ha«, lachte Martin und klopfte dem Schwarzen auf den Rücken, »und machst mir mehr Appetit als alle Bittern der Welt zusammengenommen.« Damit ging er in den Speisesaal und ließ sich auf einem Stuhl neben dem Obersten nieder, den dieser für ihn reserviert, das heißt an den Tisch gelehnt hatte. Es war eine zahlreiche Gesellschaft zugegen, achtzehn oder zwanzig Personen vielleicht, darunter fünf oder sechs Damen, die, zu einer kleinen Phalanx zusammengekeilt, gesondert saßen. Sämtliche Messer und Gabeln arbeiteten mit einer wahrhaft beunruhigenden Schnelligkeit. Man sprach nur wenig, und jeder tat hinsichtlich Essen sein Bestes; rein, als ob noch vor dem morgigen Frühstück eine Hungersnot zu erwarten sei. Das Geflügel, das offenbar den Glanzpunkt der Mahlzeit bildete – denn obenan standen ein Truthahn, unten ein paar Enten und in der Mitte ein paar Hühner – verschwand so schnell, als ob jeder der Vögel noch seine Schwingen besäße und wie im Schlaraffenland den Gästen in den Mund flöge. Die Austern, gedämpfte wie marinierte, hüpften schockweise von ihren Platten hinweg und zu Dutzenden in die Münder der Gesellschaft. Die schärfsten Mixed Pickles verschwanden im Handumdrehen und ganze saure Gurken auf einmal wie eingemachte Pflaumen; und keiner blinzelte auch nur mit den Wimpern. Berge unverdaulicher Stoffe schmolzen dahin wie Eis an der Sonne. Es war ein feierlicher und zugleich schauerlicher Anblick. Dyspepsiebehaftete Personen verschlangen große Teile ungekaut und fütterten damit nicht sich, sondern das Alpdrücken, das beständig in ihrem Nervensystem lauerte. Magere Burschen mit eingefallenen blassen Wangen zogen, trotzdem sie die schwersten Gerichte heruntergeschlungen, offenbar immer noch hungrig ab und warfen noch im Gehen sehnsüchtige Blicke auf das Backwerk. Was Mrs. Pawkins Tag für Tag zur Essensstunde leiden mußte, entzieht sich menschlichem Wissen, nur ein Trost blieb ihr: es ging rasch vorüber. Als der Oberst mit dem Dinner fertig war, was ungefähr mit dem Zeitpunkte zusammentraf, wo Martin, der sich etwas von dem Truthahn hatte vorlegen lassen, zu essen begann, fragte er Martin, was er von den Kostgängern halte, die aus allen Teilen der Vereinigten Staaten zusammengeströmt seien, und ob er vielleicht Näheres über jeden einzelnen zu erfahren wünsche. »Ja, sehr gern«, sagte Martin. »Bitte, wer ist zum Beispiel die krank aussehende Kleine vis-à-vis mit den kugelrunden, weit aufgerissenen Augen? Ich sehe hier niemanden, der ihre Mutter sein könnte oder die Aufsicht über sie zu haben schiene.« »Meinen Sie die Matrone in Blau, Sir?« fragte der Oberst mit Nachdruck. »Das ist Mrs. Jefferson Brick, Sir.« »Nein, nein. Ich meine das kleine Mädchen, das wie eine Puppe aussieht – gerade uns gegenüber –« »Nun ja, Sir«, rief der Oberst, »das ist doch Mrs. Jefferson Brick!« Martin sah dem Oberst ins Gesicht, ob er nicht vielleicht scherze. »Was Sie sagen! Nun, da wird vermutlich nächstens ein junger Brick ankommen«, forschte er unsicher. »Es sind bereits zwei junge Bricks da«, versetzte der Oberst. Die Dame sah nun aber so auffallend kindlich aus, daß Martin sich nicht enthalten konnte, es gegen den Oberst zu bemerken. »Gewiß, Sir«, entgegnete dieser, »aber in manchen Ländern entwickelt sich eben die menschliche Natur sehr schnell und in andern bleibt sie zurück.« »Jefferson Brick«, setzte er nach einer kurzen Pause zum Lobe seines Kriegskorrespondenten hinzu, »ist – einer der hervorragendsten Köpfe unseres Landes, Sir.« Er sagte dies im Flüsterton, denn der vortreffliche Gentleman, auf den sich seine Worte bezogen, saß ganz in der Nähe. »Bitte, Mr. Brick«, wendete sich Martin, mehr aus Höflichkeit als weil es ihn wirklich interessiert hätte, an diesen mit einer Frage: »Wer ist dieser – –« er wollte schon sagen »Junge«, hielt es aber für angebracht, schnell ein anderes Wort zu wählen – »jener auffallend kleine Gentleman dort mit der roten Nase?« »Das ist Pro–fessor Mullit, Sir«, erwiderte Jefferson. »Darf ich fragen, in welchem Fach er Professor ist?« »Pädagogik, Sir.« »Also wohl eine Art Lehrer?« wagte Martin zu bemerken. »Er ist ein Mann von hoher moralischer Gesinnung, Sir, und ungewöhnlich begabt«, antwortete der Kriegskorrespondent. »Bei der letzten Präsidentenwahl sah er sich genötigt, seinen Vater an den Pranger zu stellen, weil dieser für eine der seinigen entgegengesetzte Partei stimmte. Er hat seitdem einige unerhört wirkungsvolle Flugschriften herausgegeben, und zwar unter dem Namen ›Suturb‹, umgekehrt: ›Brutus‹. Er ist einer – – der hervorragendsten Köpfe unseres Landes, Sir.« Deren scheint es ja hier außerordentlich viele zu geben, dachte Martin. Nach und nach erfuhr er, daß nicht weniger als vier Majore, zwei Oberste, ein General und ein Kapitän anwesend seien, so daß er sich schließlich des Gedankens nicht erwehren konnte, es müsse in der amerikanischen Armee nur Offiziere und gar keine Gemeinen geben. Jeder der Anwesenden schien einen Titel zu haben, und diejenigen, die keinen militärischen Rang bekleideten, waren entweder Doktoren, Professoren oder geistliche Würdenträger. Drei höchst unfreundlich aussehende Gentlemen mit ordinären Gesichtszügen befanden sich als Emissäre benachbarter Staaten hier, der eine zwecks Ordnung finanzieller Angelegenheiten, der andere in politischen Aufträgen und der dritte als Missionar irgendeiner Sekte. Der Kreis der Damen setzte sich aus Mrs. Pawkins, einer hagern, knochigen und schweigsamen Person, dann einer Greisin mit scharfen Gesichtszügen, die sich höchst lebhaft über Frauenrechte aussprach und bereits darüber allerlei Vorlesungen gehalten hatte, und noch einigen andern Damen zusammen, deren Seelen man ganz gut miteinander hätte vertauschen können, ohne daß es ihnen selbst oder jemand anderm aufgefallen wäre. Übrigens waren diese letztern die einzigen unter den Anwesenden, die nicht zu den »hervorragenden Köpfen des Landes« gehörten. Als die Mahlzeit vorüber war, entfernten sich die Herren einer nach dem andern, sämtlich kauend, und machten in der Regel noch eine Sekunde am Kamine halt, um sich der Spucknäpfe zu bedienen. Nur einige gesetztere blieben noch eine volle Viertelstunde bei Tisch und erhoben sich erst, als die Damen aufstanden. »Wohin gehen die Herrschaften?« fragte Martin Mr. Jefferson Brick. »In ihre Zimmer, Sir.« »Findet denn hier kein Dessert oder ein anderer Anlaß zu einer Unterhaltung statt?« fragte Martin, der sich gerne nach seiner langen Reise ein wenig ausgeruht hätte. »Wir sind ein geschäftiges Volk, Sir, und haben keine Zeit dazu«, lautete die Antwort. Und so defilierten denn die Damen, eine nach der andern, vorüber und hinaus, und Mr. Jefferson Brick und die übrigen verheirateten Herren verabschiedeten sich von ihren Ehehälften mit einem kurzen gleichgültigen Nicken. Martin kam dieser Brauch etwas seltsam vor, jedoch behielt er seine Meinung für sich, da er lieber zuhören und aus dem Gespräche der Herren etwas lernen wollte, die sich jetzt aufatmend um den Kamin versammelten, als sei ihnen durch den Abgang des schönen Geschlechts ein Stein vom Herzen gefallen, und von den Spucknäpfen und ihren Zahnstochern reichlich Gebrauch machten. Die Konversation bot eigentlich nur wenig Interessantes und drehte sich im allgemeinen lediglich um Geld. Alle Sorgen, Hoffnungen, Freuden, Neigungen, Tugenden und Verhältnisse schienen unzertrennlich vom Dollar zu sein. Was immer für Stoffe in den träge brodelnden Kessel des Gesprächs geworfen wurden, immer mußte der Brei mit Dollars dick und fett gemacht werden. Die Menschen wurden nach Dollars abgewogen, die Maße nach Dollars geeicht, und als Kunst galt nur die Fähigkeit, die Dollars zu vermehren. Je mehr einer von dem wertlosen Ballast »Ehrenhaftigkeit und Ehrlichkeit« aus dem guten Schiff seines Namens und Gewissens über Bord warf, desto mehr Packraum blieb ihm für Dollars. Das Wort Handel war nur eine Umschreibung für eine große Lüge und einen großartigen Diebstahl; die Nationalflagge, ein alberner Fetzen, befleckt Stern um Stern, und Streifen um Streifen riß man herab wie einem degradierten Soldaten die Ehrenzeichen; alles des Dollars wegen. Derjenige war der größte Patriot, der am lautesten schrie und sich am wenigsten um Recht und Billigkeit kümmerte. Ein eingefleischter Freund von Fuchsjagden wird bei fast allen Jagdritten Hals und Glieder an das Gelingen wagen, und ähnlich war es auch bei diesen Gentlemen. In ihren Augen galt derjenige als der größte Patriot, der am lautesten prahlte und vor keinem Mittel zurückscheute, und so erfuhr Martin in den ersten fünf Minuten des Gesprächs am Kamin, daß es als eine glänzende Tat galt, Pistolen, Stockdegen und andere friedliche Werkzeuge mit in öffentliche Versammlungen zu nehmen und seinem Gegner an die Gurgel zu fahren wie eine Ratte oder ein Hund. Und alles das galt nicht als Verletzung der Freiheit, sondern war Weihrauch auf ihren Altären, der den patriotischen Nasenlöchern lieblich duftete und sich in die Höhe kräuselte bis zum siebenten Himmel des Ruhmes. Als Martin ahnungslos und unbefangen gewisse Fragen, wie sie ihm eben einfielen, über Nationaldichter, Theater, Literatur und schöne Künste stellte, da bedeutete ihm ein Kapitän, der aus den westlichen Distrikten stammte: »Wir sind ein geschäftstreibendes Volk, Sir, und haben keine Zeit, uns mit dem Lesen von Phantastereien abzugeben. Was geht das alles uns an, wo wir so gewaltigen Stoff anderer Art in den Zeitungen lesen können! Hol der Teufel eure Bücher!« Ganz besonders dem General schien der bloße Gedanke, man könne etwas lesen, was nicht mit Handel oder Politik zu tun habe und nicht in einer Zeitung stehe, solche Übelkeit zu bereiten, daß er fragte, ob denn keiner von den Herren eines hinter die Binde gießen wolle. Der Vorschlag fand solchen Beifall, daß die Gesellschaft fast unverzüglich aufbrach und sich in die nächste Schenke begab und von da wahrscheinlich in ihre Kontors oder wieder in andere Schenkstuben, um aufs neue vom Dollar zu sprechen und ihren Geist durch Zeitungstratsch oder leeres Strohdreschen zu bilden, bis die Zeit des Gähnens im Familienkreis herannahte. Vergebens mühte sich Martin ab, die Frage zu lösen, ob die Leute in Amerika wirklich so viel zu tun hätten, wie sie vorgaben, oder ob sie nur häusliche und gesellige Vergnügungen nicht recht zu würdigen verstanden. Grübelnd und sehr deprimiert setzte er sich an dem leeren Tisch nieder. Der Gedanke an alle die Schwierigkeiten, die ihm noch bevorstehen mochten, und die Ungewißheit seiner Lage machte ihn immer verzweifelter und erpreßte ihm manchen schweren Seufzer. Nun hatte ein Mann in mittleren Jahren mit dunklen Augen und sonnenverbrannter Stirne, der schon vorher durch den ehrlichen Ausdruck seines Gesichtes Martins Aufmerksamkeit auf sich gezogen, an dem Dinner teilgenommen. Von den andern Herrn nicht weiter beachtet und auch nicht ins Gespräch gezogen, war er zurückgeblieben, und als er jetzt Martin so laut seufzen hörte, ließ er eine gleichgültige Bemerkung fallen, als wünsche er, ohne jedoch aufdringlich zu erscheinen, mit ihm bekannt zu werden. Diese Absicht war so ins Auge springend und dabei doch so taktvoll ausgedrückt, daß Martin es tief empfand und auch im Ton seiner Antwort zu verstehen gab. »Ich will Sie nicht fragen«, sagte der Gentleman lächelnd, erhob sich und rückte etwas näher, »wie es Ihnen in meinem Vaterland gefällt, denn ich kann mir Ihre Meinung darüber schon selber vorstellen. Da ich jedoch Amerikaner bin und daher notgedrungen mit einer Frage beginnen muß, so bitte, sagen Sie mir doch, was halten Sie von dem Oberst?« »Sie kommen mir so herzlich entgegen«, erwiderte Martin, »daß auch ich mir kein Blatt vor den Mund nehmen will und Ihnen ruhig eingestehen kann: er gefällt mir ganz und gar nicht. Wenn ich auch hinzusetzen muß, daß ich ihm für seine Liebenswürdigkeit verbunden bin, denn er war es, der mich hierhergebracht hat und es mir durch seine Fürsprache ermöglichte, unter anständigen Bedingungen hier unterzukommen.« »Nun, deswegen brauchen Sie ihm nicht zu Dank verpflichtet zu sein«, versetzte der Fremde trocken. »Ich weiß, hie und da entert der Oberst einmal ein Paketschiff, um die neuesten Nachrichten für seine Zeitung einzuholen, und dann bringt er bei solchen Gelegenheiten zuweilen auch Fremde hierher. Er bezieht dafür gewisse kleine Prozente, die ihm dann von seiner Wirtin von seiner Wochenrechnung in Abzug gebracht werden. Ich habe Sie doch nicht verletzt?« setzte er hinzu, als er bemerkte, daß Martin das Blut in die Wangen stieg. »Aber, mein werter Herr«, versetzte Martin und schüttelte die ihm dargebotene Hand des Fremden, »ist so etwas denn wirklich möglich? Um die Wahrheit zu gestehen, ich – ich – bin –« »Nun?« fragte der Gentleman und nahm neben ihm Platz. »Also, um ganz offen zu sein«, sagte Martin, langsam seine Scheu überwindend, »ich begreife gar nicht, wie kann nur so jemand frei herumlaufen, ohne sich nicht jeden Tag eine Tracht Prügel zuzuziehen.« »Nun, ein- oder zweimal ist es ihm auch schon passiert«, bemerkte der Gentleman ruhig. »Er gehört eben zu jener Klasse von Menschen, deren Gefährlichkeit für unser Land Benjamin Franklin schon am Schlusse des vorigen Jahrhunderts voraussagte. Sie wissen, in wie strengen Ausdrücken Franklin sich dahin äußerte, daß, wer von einem Schuft wie diesem Obersten zum Beispiel verleumdet würde und in der Handhabung der Gesetze oder in dem Rechtlichkeitsgefühl der öffentlichen Meinung kein genügendes Schutzmittel fände, unbedingt das Recht haben müsse, zum Stock zu greifen und sich selbst Recht zu verschaffen.« »Ich wußte das nicht«, rief Martin, »aber es freut mich sehr, es zu erfahren, und ich glaube, es ist Franklins Andenken und seines Ruhmes würdig; besonders –« er zögerte abermals. »Fahren Sie nur fort«, munterte ihn der Gentleman lächelnd auf, als wüßte er genau, was Martin auf der Zunge habe. »Besonders«, fuhr Martin fort, »da ich mir wohl denken kann, daß selbst zu seiner Zeit großer Mut dazu gehört haben muß, so offen seine Meinung zu äußern, ohne daß einem eine Partei den Rücken deckte.« »Ohne Zweifel ein gewisser Mut«, gab der Amerikaner zu. »Sie glauben also auch, daß sogar jetzt noch Mut dazu gehören würde?« »O gewiß, und noch dazu nicht wenig!« »Sie haben recht – und zwar so recht, daß, wenn ein zweiter Juvenal oder Swift heute unter uns aufstände, man ihn in Stücke reißen würde. Wenn Sie in unserer Literatur bewandert sind und mir einen gebürtigen bei uns aufgewachsenen Amerikaner zu nennen imstande sind, der unsere Torheiten – und zwar die des Volkes, nicht die der einen oder andern Partei – aufgedeckt und gegeißelt hat, ohne nicht von der brutalsten und niederträchtigsten Verleumdung, dem verstocktesten Haß und der wütendsten Unduldsamkeit verfolgt worden zu sein, so müßte ich zugeben, daß mir der Name eines solchen Mannes ganz neu und fremd klingen würde; das können Sie mir glauben. Ich könnte Ihnen gewisse Fälle namhaft machen, in denen es einheimische Schriftsteller ganz harmloser- und gutmütigerweise versucht haben, unsere Mängel und Fehler aufzudecken; und was war die Folge? Sie sahen sich genötigt zu veröffentlichen, daß in einer zweiten Ausgabe die betreffende Stelle ausgelassen, abgeändert, umgedeutet oder in Lob verwandelt worden sei.« »Und wieso ist es denn überhaupt soweit gekommen?« fragte Martin voller Ekel. »Denken Sie über das nach, was Sie heute gesehen und gehört haben. Fangen Sie mit dem Obersten an und fragen Sie sich selbst«, erwiderte der Fremde. »Wo solche Elemente existieren, muß es schließlich soweit kommen. Wie die so weit gekommen sind, ist allerdings eine andere Frage. Gott verhüte, daß sie noch die Repräsentanten der maßgebenden Kreise in Amerika werden. Jedenfalls spielen sie heute bereits eine große Rolle, sind äußerst zahlreich und kommen leider nur zu oft in die Lage, das Volk zu vertreten. Wollen Sie übrigens nicht einen Spaziergang mit mir machen?« Im ganzen Wesen des Mannes lag soviel herzliche Offenheit und zugleich das Vertrauen, daß man sie nicht mißbrauchen werde –, ein gewisses männliches Auftreten und ein schlichtes Überzeugtsein von der Ehrenhaftigkeit des Nächsten, daß Martin mit Vergnügen einwilligte. Es sind jetzt ungefähr vierzig Jahre her, seit ein Reisender mit einem Namen vom besten Klang diese Küsten betrat und wie mancher andere seitdem erkannte, welche Schmach und Schande Amerikas Banner beflecken, wie er es sich vorher wohl nicht im entferntesten hatte träumen lassen. Männer wie Martins neuen Bekannten mußte er wohl mit den Worten gemeint haben: Für die erstirbt gar bald Columbias Glorienschein, der, wie ein Wassertrieb in Kellerluft ersprossen, faul bis ins tiefste inn're Sein, erstirbt, noch eh des Frühlings Tage sind verflossen. 17. Kapitel Martin erweitert den Kreis seiner Bekanntschaften, erstarkt in der Weisheit und findet vortreffliche Gelegenheit, seine eigenen Erfahrungen mit denen Lummy Neds von den leichten Salisburywagen zu vergleichen Sehr charakteristisch für Martin war, daß er die ganze Zeit über Mark Tapley so vollkommen vergessen hatte, als ob ein Mensch dieses Namens überhaupt gar nicht existierte; und wenn die Gestalt dieses Gentlemans wirklich einmal vor seinem innern Auge auftauchte, so entließ er sie jedesmal wie etwas ganz Nebensächliches. Erst als er wieder auf der Straße war, fiel ihm ein, es sei am Ende doch nicht so ganz unmöglich, daß Mr. Tapley mit der Zeit müde werden könnte, an der Schwelle des Bureaus der Grobian-Zeitung zu stehen und zu warten, und sagte daher seinem neuen Freunde, dem Fremden, wenn es ihm passe, mit nach jener Gegend zu gehen, so möchte er gern das kleine Geschäft jetzt abmachen. »Wenn ich schon einmal von Geschäften rede«, sagte Martin, »darf ich, um hinter der amerikanischen Sitte nicht zurückzustehen, vielleicht fragen, was Sie denn an diese Stadt hier fesselt oder ob Sie vielleicht nur zu Besuch hier sind.« »Jawohl, zu Besuch«, versetzte der Fremde. »Ich bin im Staate Massachusetts aufgewachsen und lebe jetzt dort. Meine Heimat ist eine ruhige kleine Landstadt. Ich komme nicht oft an solch belebte Orte wie diesen und kann Ihnen versichern, je mehr ich sie kennenlerne, desto mehr vergeht mir die Lust zu weitern Besuchen.« »Sind Sie im Ausland gewesen?« fragte Martin. »Allerdings, Sir.« »Und wie die meisten Menschen, die viel auf Reisen waren, haben Sie dann wohl Ihre Heimat um so lieber gewonnen?« forschte Martin und betrachtete seinen Begleiter neugierig. »Meine Heimat? Ja«, entgegnete der Amerikaner. »Mein Geburtsland, sofern es meine Heimat ist? Ja, auch dies.« »Sie scheinen mit einem gewissen Vorbehalt zu sprechen«, sagte Martin. »Hm«, meinte der Fremde. »Wenn Sie mich fragen, ob ich heimgekehrt bin, sozusagen versöhnt mit den Fehlern meines Vaterlandes oder mit einer höhern und bessern Meinung über diejenigen, die sich in Anbetracht der täglichen Zunahme ihrer Dollars für seine Freunde ausgeben, oder mit mehr Gleichgültigkeit gegenüber dem Umsichgreifen von gewissen Grundsätzen in betreff Auffassung der öffentlichen Angelegenheiten und des Privatverkehrs – denen außerhalb der Atmosphäre eines Kriminalgerichtshofes das Wort zu reden sogar für Ihre Old-Bailey-Advokaten schimpflich sein würde –, wenn Sie eine solche Frage an mich stellen, müßte ich allerdings unverhohlen verneinen. Wenn Sie mich ferner fragen, ob ich mich mit einer Sachlage abgefunden habe, die eine weite Kluft zwischen zwei Gesellschaftsklassen setzt – Klassen, von denen die eine, und die überwiegend größere, eine falsche Unabhängigkeit behauptet und doch ihr erbärmliches Dasein auf eine jammervolle Mißachtung aller gebildeten, veredelnden Konventionen stützt, wie es nur den rohesten Charakteren zusagen kann, während die andere in ihrem Abscheu vor so niedrigen Grundsätzen ihre Zuflucht zu den Annehmlichkeiten und Geistesverfeinerungen nimmt, die sie dem Privatleben abgewinnen kann, und die öffentliche Wohlfahrt dem Geschick überläßt, das möglicherweise aus den Konsequenzen eines allgemeinen Kampfes hervorgehen kann –, so antworte ich abermals: nein.« »Oh«, erwiderte Martin bange und beklommen, denn er sah die Aussicht auf seine Zukunft als Architekt mit einem Male schnell verblassen. »Mit einem Wort«, fing der andere wieder an, »ich kann nicht finden, ich kann es nicht glauben und gebe es deshalb auch nicht zu, daß wir ein Musterbild von Weisheit, ein Beispiel für die übrige Welt und der Urtypus der menschlichen Vernunft sind. Sie können zwar viel Selbstlob zu jeder Stunde des Tages hier hören, aber das hat seinen Grund lediglich darin, daß wir unser politisches Leben mit zwei unschätzbaren Vorteilen begannen.« »Und worin bestehen diese?« fragte Martin. »Erstens einmal darin, daß unsere Geschichte in einer verhältnismäßig so späten Periode ihren Anfang nahm, daß wir nicht die lange Kette von Erinnerungen an Blutvergießen und Grausamkeiten wie andere Nationen mit uns schleppen mußten. Wir erfreuen uns daher aller Lichtseiten gemachter Erfahrungen, ohne ihren Druck zu empfinden. Der andere Vorteil ist, daß wir ein ungeheueres Ländergebiet bewohnen und – bis jetzt wenigstens – keine allzu große Bevölkerung haben. Zieht man diese Tatsachen in Betracht, so haben wir immerhin wenig genug geleistet, denke ich.« »Und wie steht's mit dem Fortschritt?« fragte Martin schüchtern. »Im Grunde genommen nicht so übel«, meinte der Fremde und zuckte die Achseln, »aber besonders viel brauchen wir uns auch darauf nicht einzubilden, denn die alten Länder haben sogar unter despotischen Regierungen ebensoviel, wenn nicht mehr, geleistet, ohne soviel Aufhebens davon zu machen. Mit Bezug auf England fällt der Vergleich allerdings günstig für uns aus, aber England bildet auch ein Extrem. Übrigens nichts für ungut, Sir; doch Sie haben mir ja bereits wegen meiner Offenherzigkeit Komplimente gemacht«, setzte er lachend hinzu. »Oh, ich mache mir gar nichts daraus, daß Sie sich so offen über mein Vaterland aussprechen«, entgegnete Martin. »Aber Ihre entschiedene Sprache in betreff des Ihrigen überrascht mich.« »Ich versichere Ihnen, solche Eigenschaften werden Sie hier nicht selten finden, allerdings nicht unter Leuten wie Oberst Diver, Jefferson Brick und Major Pawkins, obgleich sogar die Besten von uns etwas von dem Bedienten in Goldsmiths Komödie haben, der bekanntlich niemandem als sich selbst erlaubte, über seinen Gebieter zu schimpfen. Doch sprechen wir von etwas anderem«, setzte er hinzu. »Wie ich vermute, sind Sie wahrscheinlich in der Absicht hierher gekommen, Ihr Glück zu machen. Es sollte mir sehr leid tun, wenn ich Ihnen Ihre Hoffnungen raube. Ich bin nun aber ein paar Jahre älter als Sie und kann Ihnen vielleicht in einem oder dem andern Punkt immerhin Rat erteilen.« Dieses Anerbieten war offenherzig und gut gemeint und hatte auch nichts von Neugierde oder Anmaßung an sich. Martin konnte sich einem so freundlichen Entgegenkommen unmöglich verschließen und setzte daher in Kürze auseinander, was ihn nach Amerika geführt habe. Sogar, daß er arm sei, verschwieg er nicht. Allerdings brachte er es mit einer Miene vor, aus der man entnehmen konnte, er habe noch Geld für sechs Monate und nicht bloß für sechs Wochen, wie es wirklich der Fall war. Immerhin jedoch gestand er seine Mittellosigkeit ein und versicherte, er werde für jeden Rat außerordentlich dankbar sein. Es wäre für niemanden, am wenigsten aber für Martin, dessen Beobachtungsgabe bereits durch die Umstände geschärft war, schwer gewesen, zu bemerken, daß der Fremde ein langes Gesicht machte, als er schließlich mit seinen Projekten herausrückte. Zwar gab sich der Amerikaner alle Mühe, eine möglichst zuversichtliche Miene zu machen, konnte sich aber doch eines unwillkürlichen Kopfschüttelns nicht erwehren, das ungefähr soviel sagte: lieber Freund, das geht sicher schief. Im allgemeinen sprach er Martin Mut zu und sagte, wenn auch in New York keine Aussichten wären, so wolle er doch die Sache genau überlegen und sich erkundigen, wo ein Baumeister noch am ehesten reüssieren könne. Dann sagte er Martin, sein Name sei Bevan, er selbst sei Arzt, aber er praktiziere selten oder fast nie, und dann erzählte er ihm noch allerlei sowohl über sich wie über seine Familie; und damit verging die Zeit, bis sie endlich das Bureau der Grobian-Zeitung erreichten. Mr. Tapley schien es sich auf dem Treppenabsatz des ersten Stockes bequem gemacht zu haben, wenigstens drangen Töne, wie wenn jemand mit Aufgebot seiner ganzen Lungenkraft das »Rule Britannia« pfiffe, aus jener Gegend an ihr Ohr, ehe sie noch das Haus betreten hatten. Als sie die Stufen emporklommen, von denen herab diese Musik erscholl, fanden sie Mark mitten in einer Art Festung aus Gepäck verschanzt und seine Nationalhymne einem grauhaarigen Schwarzen zum besten gebend, der auf einem der Außenwerke der Verschanzung, nämlich auf einem Mantelsack, saß und Mark mit großen Augen anstarrte, während dieser, den Kopf auf die Hand gestützt, munter drauflos pfiff. Mr. Tapley schien soeben erst diniert zu haben, denn ein Messer, eine leere Flasche und einige Fleischschnitten lagen auf seinem Schnupftuch vor ihm. Einen Teil seiner Zeit hatte er zur Verzierung der Zeitungsbureautüre benützt, auf der jetzt sein Name in fußgroßen Buchstaben – nebst dem Datum in kleinerer Schrift darüber – prangte. Das Ganze war mit einem zierlichen Rand eingefaßt und sah ungemein malerisch aus. »Ich fürchtete schon, Sie seien verlorengegangen, Sir«, rief Mark, stand auf und brach sein Lied ab. »Hoffentlich nichts Unangenehmes vorgefallen, Sir?« »Nein, Mark, wo ist Ihre Freundin?« »Die verrückte Person, Sir? Oh, alles ganz gut abgelaufen.« »Hat sie ihren Mann gefunden?« »Ja, Sir. – Wenigstens seine Überbleibsel«, sagte Mark, sich verbessernd. »Wieso? – Ist er denn tot?« »Das gerade nicht, Sir. Aber es steckt mehr Fieber in ihm, als sich mit Wohlbefinden verträgt. Wenn sie ihn nicht gefunden hätte, wahrhaftig, ich glaube, er wäre gestorben.« »Er erwartete sie also?« »Ja. Oder besser gesagt, ein Teil von ihm. Es kam nämlich schließlich ein dürrer alter Schatten herangekrochen, der seiner Gestalt von damals, als sie ihn das letztemal gesehen, so ähnlich war wie ihr Schatten ihrem eigenen Selbst, wenn ihn die Sonne besonders in die Länge zieht. Aber immerhin war es doch wenigstens ein Überrest von ihm, daran ist kein Zweifel. Und sie freute sich von Herzen, die arme Person, daß sie ihn endlich wiederhatte.« »Hat er vielleicht Land gekauft?« fragte Mr. Bevan. »Natürlich hat er Land gekauft«, sagte Mark und nickte mit dem Kopf. »Und sogar das Geld dafür bezahlt. Es seien große Vorteile damit verbunden, behaupteten die Agenten; jedenfalls war ein ganz unendlicher Vorteil dabei, nämlich Wasser ohne Ende.« »Nun, ohne Wasser, glaube ich, hätte er doch auch gar nicht bestehen können«, bemerkte Martin mürrisch. »Natürlich nicht, Sir. Und er hatte genug davon und brauchte keine Wassersteuer zu zahlen. Ganz abgesehen von drei oder vier schlammigen Flüssen in der Nähe wechselte der Wasserstand während der trockenen Jahreszeit auf dem Gute von vier bis zu sechs Fuß Tiefe. Wieviel er zur Regenzeit betrug, das wußte er nicht, denn er hatte keine Zeit gehabt, um lange herumzusondieren.« »Ist das wahr?« fragte Martin. »Höchst wahrscheinlich. Es wird so ein Mississippi- oder Missourigrundstück sein. – Er kam«, fuhr Mark fort, »von Dingsda herunter nach New York, um Weib und Kinder zu treffen, und heute nachmittag sind sie wieder mit dem Dampfboot fortgefahren. Und so glücklich waren sie, als wenn's schnurstracks in den Himmel ginge. – Wenigstens nach dem Aussehen des armen Burschen zu urteilen.« »Und darf ich fragen«, fragte Martin und sah den Neger an, »wer dieser Gentleman ist? Auch ein Freund von Ihnen?« »Nun Sir«, flüsterte ihm Mark vertraulich ins Ohr, »es ist ein Farbiger, Sir.« »Halten Sie mich vielleicht für blind?« fragte Martin etwas ungeduldig. »Ich sehe das doch selbst. Ein schwärzeres Gesicht ist mir überhaupt noch nicht vorgekommen.« »Gewiß, nicht, Sir!« rief Mark. »Wenn ich sage ›ein Farbiger‹, so meine ich damit: einer von denen, wo immer in den Fensterläden abgebildet hängen. – Einen ›Mensch und Bruder‹, Sie verstehen, Sir«, setzte er hinzu und schilderte seinem Herrn mit einer pantomimischen Handbewegung eine der Figuren, die man so oft in den Traktätchen und wohlfeilen Volksschriften zu sehen bekommt. »Aha, ein Sklave«, rief Martin. »Ja, ja, gewiß; nicht mehr und nicht weniger als ein Sklave. Als er noch jung war – schauen Sie nicht hin auf ihn, Sir, während ich von ihm spreche –, wurde er ins Bein geschossen, in den Arm gehauen, bei lebendigem Leibe gezeichnet wie eine Speckseite, geprügelt bis zur Unkenntlichkeit; – ein eisernes Halsband rieb ihm den Hals wund, und an Knöcheln und Handgelenken trug er Eisenringe. Die Spuren davon kann man heute noch sehen. Als ich gerade mein Dinner verzehrte, zog er sich den Rock aus und verdarb mir den ganzen Appetit damit.« »Ist das wahr?« fragte Martin den Fremden, der neben ihm stand. »Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln«, antwortete dieser mit gesenktem Blick und schüttelte den Kopf. »Es ist leider sehr oft zu wahr.« »Gewiß ist es wahr«, versicherte Mark, »das weiß ich; denn er erzählte mir seine ganze Lebensgeschichte. Sein erster Herr starb. Der zweite ebenfalls; ein Sklave schlug ihm den Schädel mit einer Axt ein und ging nachher ins Wasser. Dann bekam der Nigger einen bessern Herrn. Jahre und Jahre hindurch sparte und sparte er, bis er genug Geld beisammen hatte, um sich damit die Freiheit erkaufen zu können. Er bekam sie ziemlich billig, weil es mit seinen Kräften fast vorbei und er selbst schwer krank war. – Dann kam er hierher, und jetzt spart er wieder, um sich vor seinem Tod noch eine kleine Freude zu gönnen, nämlich seine – nicht der Rede wert übrigens – seine Tochter loszukaufen«, rief Mr. Tapley mit verhaltener Erregung, »Freiheit für immer, hoch, hurra!« »Still«, warnte Martin und legte die Hand auf Marks Mund, »bedenken Sie, wo Sie sind. – Was will der Neger hier?« »Er wartet, um auf einem Schubkarren unser Gepäck fortzuführen. Er hätte es auf die Schultern genommen, aber ich mietete ihn für länger für einen sehr anständigen Preis – auf meine eigenen Kosten –, damit er mir ein wenig Gesellschaft leiste und mich aufheitere. Und jetzt bin ich auch wirklich wieder mordsfidel, und wenn ich reich genug wäre, einen langen Kontrakt mit ihm abschließen zu können, daß er mir täglich einmal vor die Augen käme, würde ich überhaupt nie mehr anders sein.« Dabei lag jedoch etwas in Mr. Tapleys Mienen, das unbedingt darauf schließen ließ, daß er seine Versicherung durchaus nicht wörtlich meine. »Meiner Seel, Sir«, fügte er hinzu, »man ist in diesem Erdteil so in die Freiheit vernarrt, daß man mit ihr schachert wie mit einer Ware. Man hat eine solche Leidenschaft für Freiheit, daß man sich nicht versagen kann, sie sich sogar gegen andere herauszunehmen. Da ist dann natürlich schließlich die Folge davon – –« »Schon gut«, unterbrach Martin ungeduldig; »nachdem Sie zu diesem Schluß gekommen sind, Mark, schenken Sie mir vielleicht ein wenig Gehör. – – Der Ort, wohin dieses Gepäck kommen soll, ist auf der Karte hier angegeben: Mrs. Pawkins' Logierhaus.« »Mrs. Pawkins' Logierhaus«, wiederholte Mark. »Nun, Cicero!« »Ist dies sein Name?« fragte Martin. »Ja, so heißt er, Sir.« Der Neger grinste freundlich auf seinem ledernen Mantelsack, der bei weitem nicht so schwarz war wie sein Gesicht, nickte bejahend und humpelte mit seinem Anteil an den weltlichen Gütern der Reisenden die Treppe hinunter, während Mark Tapley bereits mit dem seinigen abgezogen war. Martin und der Fremde folgten ihnen zum Tor hinunter und wollten eben ihren Spaziergang wieder aufnehmen, als der Amerikaner plötzlich haltmachte und hastig fragte, ob dem jungen Mann auch zu trauen sei. »Mark? Oh, gewiß. In jeder Hinsicht.« »Mißverstehen Sie mich nicht. Ich denke nur, es wäre besser, er ginge mit uns. Er ist ein ehrlicher Bursche und spricht so offen heraus, wie es ihm ums Herz ist.« »Ja, sehen Sie«, sagte Martin lächelnd, »er ist eben noch nicht an das Leben in einer freien Republik gewöhnt. Das ist die Sache.« »Ich glaube, gerade aus diesem Grund wäre es besser, er ginge mit uns«, versetzte der Fremde; »er könnte sonst in allerhand Unannehmlichkeiten geraten. Wir sind zwar kein Sklavenstaat, aber ich muß mit Beschämung gestehen, daß der Geist der Duldsamkeit nicht so allgemein hier ist, wie es den Anschein hat. Unser Benehmen zueinander ist nicht besonders maßvoll, wenn wir verschiedener Ansicht sind – und gar erst gegen Fremde. Daher glaube ich wirklich, es wäre besser, er ginge mit uns.« Martin rief daraufhin Mark sogleich zu, er solle sich dicht hinter ihnen halten, und so ging Cicero mit seinem Gepäck den einen Weg und die drei einen andern. Ein paar Stunden schlenderten Martin, Mr. Tapley und der Amerikaner zusammen in der Stadt herum, betrachteten sich die besten Aussichtspunkte und verweilten in den Hauptstraßen oder vor den öffentlichen Gebäuden, auf die Mr. Bevan seinen jungen Freund besonders aufmerksam machte. Da es bald Nacht wurde, schlug Martin vor, nach Mrs. Pawkins' Etablissement zu gehen, um dort einen Kaffee zu trinken. Er wurde jedoch hierin von seinem Freund überstimmt, der es sich durchaus nicht nehmen lassen wollte, ihn, sei es auch nur für eine Stunde, nach dem nahegelegenen Hause eines seiner Freunde zu führen. Martin war müde und hatte deshalb zu einem Besuch keine besondere Lust, fühlte jedoch, daß es wenig Takt verrate, die Bitte abzuschlagen, wenn Mr. Bevan schon so liebenswürdig sei, ihn bei Bekannten einführen zu wollen. Deshalb opferte er – also wenigstens einmal in seinem Leben – seinen eignen Willen den Wünschen eines andern auf und ließ sich den Vorschlag gnädigst gefallen. Einen Vorteil also hatte das Reisen bisher bereits für ihn gehabt. Mr. Bevan klopfte an die Türe eines hübschen, mäßig großen Hauses, aus dessen Wohnzimmerfenster die Lichter hell auf die dunkle Straße herunterschienen. Sie wurde fast augenblicklich von einem Mann von so ausgesprochen irischem Typus geöffnet, daß man ordentlich erstaunt war, den Menschen nicht zerlumpt, sondern in einem ganzen Anzug vor sich zu sehen. Mark der Obhut dieses Phänomens anempfehlend – denn als ein solches mußte der Mann in den Augen eines Engländers erscheinen –, ging Mr. Bevan nach dem Zimmer voran, das seinen gemütlichen Schein auf die Straße geworfen und dessen Bewohnern er Mr. Chuzzlewit als einen Gentleman aus England vorstellte, den er kürzlich kennenzulernen das Vergnügen gehabt habe. Man hieß die beiden Gäste freundlich und höflich willkommen, und in weniger als fünf Minuten saßen sie ganz behaglich am Kaminfeuer und unterhielten sich ungeniert mit der Familie. Es waren zwei junge Damen zugegen, die eine achtzehn, die andere zwanzig Jahre alt; beide sehr schmächtig, aber sehr hübsch, – dann ihre Mutter, die nach Martins Ansicht viel älter und verwelkter aussah, als man von ihr hätte voraussetzen sollen, und ihre Großmutter, eine kleine, muntere Frau mit scharfen Augen, die über das Stadium des Alterns hinausgekommen und wieder ganz jung geworden zu sein schien. Außerdem waren anwesend: der Vater der beiden Damen und der Bruder derselben; der erstere ein Geschäftsmann, der andere ein Student; beide sehr herzlich zu Mr. Bevan und ihm hinsichtlich Gesichtsschnitt sehr ähnlich, was übrigens kein Wunder war, da er, wie es sich bald darauf herausstellte, ein naher Verwandter von ihnen war. Martin interessierten vor allem die beiden jungen Damen, nicht nur, weil sie, wie gesagt, sehr hübsch waren, sondern auch wegen ihrer wunderbar kleinen Schuhe und der außerordentlich dünnen seidenen Strümpfe, die jetzt auf den Schaukelstühlen in geradezu sinnverwirrendem Ausmaß sichtbar wurden. Es war auch ohne Zweifel höchst angenehm, in einem traulichen, gut möblierten und von heiterem Kaminfeuer durchwärmten Zimmer zu sitzen, das eine Menge der anziehendsten Dinge und vor allem vier kleine zierliche Schuhe und ebensoviel seidene Strümpfe und – warum es nicht aussprechen – die dazugehörigen Beine umschloß. Und ohne Zweifel betrachtete Martin seine Lage durchaus in diesem Licht, um so mehr, wenn er der Erfahrungen, die er jüngst auf der »Schraube« und in Mrs. Pawkins' Kosthaus gemacht, gedachte. Die Folge davon war, daß er sich bemühte, möglichst angenehm zu erscheinen, und bereits, als der Tee und Kaffee aufgetragen wurde, von der ganzen Familie außerordentlich geschätzt war. Ein zweiter entzückender Umstand ergab sich, ehe noch die erste Tasse Tee getrunken worden. Die ganze Familie war nämlich früher einmal in England gewesen, und das traf sich gut. Ein wenig irritierte es Martin zwar, als er erfuhr, daß alle die großen Herzoge, Lords, Marquisen, Herzoginnen, Ritter und Baronets Englands der Familie sämtlich genau bekannt waren, daß man aber trotzdem alles mögliche von ihm über sie wissen wollte. Doch zog er sich mit Antworten, wie: ja, o ja, er befand sich ganz wohl, oder: es ging ihm nie besser und so weiter noch so ziemlich gut aus der Schlinge. Ebenso, als ihn die jungen Damen nach den Goldfischchen in der griechischen Fontäne im Garten dieses oder jenes Edelmannes fragten, und ob noch so viele wie sonst darin seien. Ernst und nach reiflicher Überlegung antwortete er, es müßten ihrer jetzt mindestens zweimal so viele sein. Und die exotischen Gewächse? Oh, darüber ließe sich gar nichts sagen, man müsse das sehen, um es zu glauben. Dann kam die Reihe an die Erinnerungen und was Mr. Norris, der Vater, zu dem Marquis, was Mrs. Norris, die Mutter, zu der Marquise gesagt, und was dann wieder der Marquis und die Marquise geantwortet und wie sie auf ihr Ehrenwort versichert hätten, sie wünschten, Mr. Norris, der Vater, und Mrs. Norris, die Mutter, und die Misses Norris, die Töchter, und Mr. Norris junior, der Sohn, möchten doch ihren dauernden Aufenthalt in England nehmen und ihnen das Vergnügen ihres dauernden Verkehres schenken. Darüber verfloß eine beträchtliche Zeit. Etwas sonderbar und gewissermaßen inkonsequent kam es Martin vor, daß während dieser Erzählungen und auf dem Kulminationspunkt der Familienfreude darüber Mr. Norris, der Vater, und Mr. Norris junior, der Sohn, die, wie sie sagten, an jedem Posttage mit vier Mitgliedern des englischen Hochadels korrespondierten, sich so weit und breit über den unschätzbaren Vorteil ausließen, daß es in ihrem erleuchteten Vaterlande Amerika keine derartigen Auszeichnungen gebe und auch keinen andern Adel als den Adel der Natur, und die ganze amerikanische Gesellschaft sei auf die große Grundlage brüderlicher Liebe und natürlicher Gleichheit aufgebaut. Offen gestanden wurde Mr. Norris, der Vater, in seiner Rede über dieses unerschöpfliche Thema recht langweilig, bis schließlich Mr. Bevan seinen Gedanken dadurch eine andere Richtung gab, daß er nach den Bewohnern des nächsten Hauses fragte, worauf Mr. Norris, der Vater, bemerkte, daß der Herr Nachbar zu religiösen Ansichten hinneige, die er nicht billigen könne, weshalb er sich auch die Ehre versagen müsse, mit dem Gentleman näher bekannt zu werden. Mrs. Norris, die Mutter, fügte aus einem anderen Grunde hinzu, der übrigens zu demselben Resultat führte, sie glaube, die Leute wären gut genug in ihrer Art, aber durchaus nicht – gentil. Dann kam die Rede auf ein Thema, das auf Martin einen tiefen Eindruck machte. Mr. Bevan erzählte nämlich die Geschichte von Mark und dem Neger, und dabei zeigte sich, daß sämtliche Norris Abolitionisten waren. Dieser erfreuliche Umstand veranlaßte Martin natürlich, sein Mitgefühl mit den unterdrückten und unglücklichen Schwarzen an den Tag zu legen. Den Ernst, mit dem er sich darüber ausließ, fand die eine der jungen Damen – und zwar die hübschere der beiden – ungemein belustigend, und als er sie nach der Ursache ihrer Heiterkeit fragte, konnte sie eine Weile vor lauter Lachen gar keine Antwort geben. – Als sie endlich wieder Worte fand, sagte sie, die Schwarzen seien so kuriose Menschen und so possierlich in ihrem Äußeren, daß es für Personen, die sie kennten, rein unmöglich sei, mit so ungereimten Teilen der Schöpfung irgendwelche ernstliche Gedanken in Verbindung zu bringen. Mr. Norris, der Vater, und Mrs. Norris senior, die Großmutter, waren ganz derselben Meinung, rein als ob die Leiden der Sklaverei nicht an und für sich schon schrecklich genug wären, um sogar in menschlichen Tieren etwas Ernstes sehen zu lassen, wären sie auch physisch noch so lächerlich und lächerlicher als die groteskesten Affen. »Kurz«, sagte Mr. Norris, der Vater, und erledigte damit die Frage ein für allemal, »es herrscht eine natürliche Antipathie zwischen den beiden Rassen.« »Die«, fügte Martins Freund mit leiser Stimme hinzu, »so weit, geht, daß man sogar vor den grausamsten Martern und dem Schacher mit noch ungeborenen Generationen nicht zurückschreckt.« Mr. Norris, der Sohn, sagte zwar nichts, zog aber ein sehr schiefes Gesicht und stäubte sich die Finger ab, wie es wohl Hamlet getan haben mochte, nachdem er Yoricks Schädel weggeworfen, und als habe er sich in dem Augenblick an einem Neger schwarz gemacht und es wäre etwas von dessen Farbe an ihm haften geblieben. Um dem Gespräch wieder die frühere angenehme Richtung zu geben, ließ Martin das Thema lieber ganz fallen. Er sah ein, daß es bedenklich sei in Amerika, selbst unter den günstigsten Verhältnissen etwas derartiges zu berühren. Er wandte sich daher aufs neue den jungen Damen zu, die äußerst gewählt und in helle Farben gekleidet waren. Alles an ihnen stand zu den kleinen Schuhen und den dünnen Seidenstrümpfen in bestem Einklang. Er schloß daraus, daß sie sehr versiert sein mußten in den französischen Moden, und das stellte sich auch schließlich als Tatsache heraus. Namentlich die ältere Schwester, die sehr philosophisch angelegt schien und die Gesetze der Hydraulik und Menschheitsrechte im kleinen Finger hatte, verstand es auf geradezu verblüffende Weise, diese Kenntnisse auf alle möglichen Gegenstände – von Kunst und Staatswesen angefangen bis zur Kirche und Glauben – anzuwenden. Sie konnte darin so tiefsinnig und merkwürdig werden, daß sie damit einen Fremden in fünf Minuten in einen Zustand intermittierenden Irreseins zu versetzen imstande war. Auch Martin fühlte, daß sich ihm bereits der Kopf zu drehen anfing, und um sich zu retten, ersuchte er die andere Schwester, zumal er ein Piano im Zimmer bemerkte, etwas zu singen. Sie erklärte sich gern dazu bereit, und sofort setzte ein Bravourkonzert ein, ausschließlich von den Misses Norris bestritten. Sie sangen in allen Sprachen, nur in ihrer Muttersprache nicht. Deutsch, französisch, italienisch, spanisch, portugiesisch, nur nichts Amerikanisches; nichts so Gemeines, wie ihre Muttersprache war. In dieser Hinsicht sind die Sprachen wie die Menschen selbst; alltäglich und ordinär zu Hause, aber ungemein nobel im Ausland. Fraglos wären die Misses Norris im Laufe der Zeit bis zum Hebräischen gekommen, wenn nicht eine Anmeldung des Irländers sie unterbrochen hätte, der plötzlich die Türe aufriß und mit lauter Stimme rief: »Schineräl Fladdock.« »Oh«, riefen die Schwestern und hörten sofort auf zu spielen, »der General ist zurück!« Fast im selben Augenblick stürzte der »General« in voller Balluniform so Hals über Kopf in die Stube, daß er sich mit den Füßen in den Teppich verwickelte, den Degen zwischen die Beine bekam, der Länge nach hinfiel und den Blicken der erstaunten Gesellschaft eine auffallende kleine Glatze auf seinem Scheitel präsentierte. Und das war das Ärgste noch nicht, denn da der Herr etwas beleibt und in etwas sehr knappe Kleider gezwängt war, so konnte er, einmal auf dem Boden, sich nicht so leicht wieder aufrichten, sondern lag da und krümmte sich und führte mit seinen Stiefeln Manöver aus, wie sie in der Kriegsgeschichte ihresgleichen suchen. Natürlich stürzte sogleich alles zu seinem Beistand herbei und half ihm auf die Beine, aber seine Uniform war so tief durchdacht und wunderbar gearbeitet, daß er ganz steif und kerzengerade in die Höhe kam und wie ein toter Harlekin sich weder rühren noch regen konnte, bis er genau perpendikulär auf die Sohlen gestellt war. Dann aber kam plötzlich, wie durch ein Wunder, wieder Leben in ihn. Seitlich gehend wie ein Seekrebs bewegte er sich einher, um die Goldschnüre an seinen Epauletten durch Anstoßen nicht in Unordnung zu bringen, lächelte und begab sich grüßend zu der Frau vom Hause. Die Freude und das Entzücken der Familie bei dieser unerwarteten Erscheinung des Generals Fladdock kannte keine Grenzen. Er wurde so warm aufgenommen, als ob New York im Belagerungszustand und kein anderer Feldherr für Geld oder gute Worte zu bekommen gewesen wäre. Allen Norris' schüttelte er der Reihe nach dreimal die Hand und musterte sie dann nach Art eines tapferen Kommandanten in einer Entfernung von ein paar Schritten, den Mantel über die rechte Schulter geworfen und auf der linken zurückgeschlagen, um seine männliche Heldenbrust in vollem Glanz zur Geltung kommen zu lassen. »Und so sehe ich denn wieder«, rief der General, »die auserlesensten Geister meines Vaterlandes von Angesicht zu Angesicht.« »Ja«, sagte Mr. Norris, der Vater, »hier sind wir, General.« Und nun drängten sich alle Norris um den General, fragten ihn, wie und wo er sich seit seinem letzten Besuch befunden, wie es ihm im Ausland gefallen, und namentlich, wie weit seine Bekanntschaft mit den großen Herzögen, Lords, Viscounts, Marquisen, Herzoginnen, Rittern und Baronets gediehen, an denen die Völker jener umnachteten Länder solche Freude hätten. »Fragen Sie nicht«, sagte der General und erhob abwehrend die Hand, »ich habe mich die ganze Zeit immer unter ihnen herumgetrieben und Zeitungen mitgebracht, in denen mein Name gedruckt zu lesen steht und voll Lob erwähnt ist, und zwar« – er erhob seine Stimme zu größter Eindringlichkeit – »als eine der neuesten fashionablen Erscheinungen. – Ach Gott, wenn nur die schrecklichen Konventionalitäten in diesem Europa nicht wären.« »Oh«, seufzte Mr. Norris, der Vater, schüttelte melancholisch den Kopf und warf Martin einen Blick zu, als wolle er sagen: »Ich kann es nicht in Abrede stellen, Sir; wollte Gott, ich könnte es.« »– und diese unglaubliche Beschränkung moralischen Gefühls in jenem Lande!« rief der General. »Und der Mangel an sittlicher Würde im Menschen!« »Ach!« seufzten sämtliche Norris', ganz überwältigt von Trostlosigkeit. »Ich hätte es nicht für möglich gehalten, wenn ich nicht selbst an Ort und Stelle gewesen wäre. – Lieber Norris, Ihre Einbildungskraft ist sicherlich die eines starken Mannes, aber hätten Sie sich eine Vorstellung davon machen können, wenn Sie es nicht mit eigenen Augen gesehen hätten?« »Nein«, antwortete Mr. Norris. »Diese Exklusivität, dieser Stolz, diese Förmlichkeit, diese Zeremonien!« rief der General mit wachsendem Nachdruck. »Diese künstlichen Schranken zwischen Mensch und Mensch, die Einteilung der Gesellschaft nach Kasten! Nach allem, nur nicht nach dem Herzen.« »Ach!« rief die ganze Familie. »Leider nur zu wahr, General!« »Aber halt, Sir«, rief Mr. Norris, der Vater, und faßte seinen Gast beim Arm, »Sie sind doch mit der ›Schraube‹ herübergekommen, General?« »Jawohl, mit der ›Schraube‹«, war die Antwort. »Ist's denn möglich«, riefen die jungen Damen, »man denke!« Der General schien gar nicht begreifen zu können, wieso seine Rückkehr mit der »Schraube« zu solcher Sensation Anlaß geben könne, und wurde auch nicht klüger daraus, als Mr. Norris ihm Martin mit den Worten vorstellte: »Ein Reisegefährte von Ihnen, wie ich glaube.« »Von mir?« rief der General. »Ausgeschlossen!« Er hatte Martin natürlich nie gesehen, wohl aber dieser ihn, und jetzt stand der unglückliche junge Mann ihm Angesicht zu Angesicht gegenüber und erkannte in ihm den Gentleman, der sich gegen Ende der Reise mit in die Taschen gesteckten Händen und weit aufgeblähten Nüstern auf Deck dem Volke gezeigt hatte. Jeder von den Anwesenden faßte ihn ins Auge. Da war jetzt guter Rat teuer; die Wahrheit mußte an den Tag. »Ich machte allerdings in demselben Schiff die Überfahrt mit wie der General, aber nicht in derselben Kajüte«, erklärte Martin mit leiser Stimme. »Ich war genötigt, mich in jeder Hinsicht einzuschränken und reiste daher im Zwischendeck.« Wenn man den General vor eine geladene Kanone gestellt und aufgefordert hätte, sie in diesem Augenblick mit eigener Hand abzufeuern, so hätte er nicht in größere Bestürzung geraten können, als jetzt, wo er diese Worte vernahm. Er, Fladdock, in voller militärischer Uniform, Fladdock, der General, Fladdock, der gefeierte Mann des ausländischen Adels, sollte einen Kerl kennen, der für vier Pfund zehn Schillinge in dem Zwischendeck eines Paketschiffes herübergekommen war! Und einen solchen Menschen mußte er in dem Heiligtum der New Yorker vornehmen Welt, im Herzen der New Yorker Aristokratie nisten finden! Es fehlte wenig, daß er die Hand an seinen Degengriff gelegt hätte. Totenstille herrschte unter den Norris'. Wenn die Geschichte ruchbar wurde, so hatte ihnen ihr Vetter vom Lande ein unauslöschliches Brandmal aufgedrückt. Sie waren die Leuchten, die Stars einer hohen New Yorker Sphäre. Es gab wohl noch andere fashionable Kreise über ihnen und unter ihnen, aber keiner von den Stars in einer dieser Sphären hatte mit denen der andern irgendwelche Berührungspunkte. Was nun, wenn dennoch ruchbar wurde, daß die Norris', durch das scheinbar anständige Äußere eines Menschen getäuscht, von ihrer Höhe herabgestiegen waren und einem dollarlosen und unbekannten Subjekt den Zutritt in ihre Familie gestattet hatten?! Oh, Schutzengel der reinen Republik, daß du so etwas hattest zugeben können! »Gestatten Sie mir«, fing Martin nach einem schrecklichen Schweigen wieder an, »daß ich mich jetzt verabschiede; ich fühle, daß ich hier der Anlaß zu einer wenigstens ebenso großen Verlegenheit geworden bin, wie die ist, in der ich mich selbst befinde. Ehe ich mich jedoch entferne, halte ich es für meine Pflicht, diesen Gentleman hier von aller Schuld freizusprechen, denn ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß er meine soziale Unwürdigkeit nicht kannte, als er mich in die Gesellschaft hier einführte.« Mit diesen Worten machte er den Norris' seine Verbeugung und entfernte sich, äußerlich so kalt wie ein Schneemann, aber innerlich förmlich fiebernd. »Nun«, meinte Mr. Norris, der Vater, nachdem Martin die Türe hinter sich zugezogen, und sah sich blaß bis in die Lippen im Kreise der Anwesenden um. »Der junge Mann hat heute abend einen gesellschaftlichen Schliff und eine ungekünstelte Hochkultur gesehen, die er in seinem Vaterland nicht zu finden vermag. Hoffen wir, daß es den Sinn für Moral in ihm wecke.« – Wenn dieser eigentümliche, transatlantische Artikel, das moralische Gefühl – denn wenn man den eingeborenen Staatsmännern, Rednern und Journalisten glauben darf, so hat Amerika ein Monopol darauf –, wenn dieser eigentümliche transatlantische Artikel ein liebevolles Wohlwollen für alle Menschen in sich faßt, so hätte es Martins moralischer Sinn in diesem Augenblick allerdings sehr stark nötig gehabt, ein wenig geweckt zu werden, denn wie er, Mark hinter sich, so die Straße entlang schritt, war sein unmoralischer Sinn in voller Tätigkeit begriffen und stachelte ihn an, gewisse blutdürstige Bemerkungen laut werden zu lassen, die aber zum Glück für ihn von niemandem gehört wurden. Er hatte sich jedoch bald wieder so weit gefaßt, daß er bei der Erinnerung an den kleinen Vorfall ein Lächeln aufbringen konnte, da hörte er plötzlich Schritte hinter sich, und als er sich umdrehte, sah er seinen Freund Mr. Bevan ihm atemlos nachkommen. Einen Augenblick später schob der Amerikaner den Arm durch den seinen, ersuchte ihn, langsamer zu gehen, schwieg dann einige Minuten und sagte schließlich: »Ich hoffe, Sie sprechen mich auch noch in persönlichem Sinne frei!« »Wie meinen Sie das?« fragte Martin. »Ich hoffe, Sie glauben doch nicht, daß ich den Ausgang unseres Besuches auch nur im entferntesten hätte voraussehen können. Aber diese Frage ist wohl kaum nötig.« »Natürlich nicht«, sagte Martin. »Ich bin Ihnen im Gegenteil um so mehr für Ihre Güte verbunden, als ich jetzt klar sehe, aus welchem Stoff die guten Bürger hier gemacht sind.« »Ich denke«, entgegnete der Amerikaner, »daß sie so ziemlich aus demselben Stoffe bestehen wie andere Menschen, wenn diese es nur immer eingestehen wollten.« »Sie haben da nicht so unrecht«, gab Martin zu. »Vermutlich«, fuhr Mr. Bevan fort, »kommen ähnliche Szenen wohl auch in englischen Komödien vor, und Sie dürfen keine besondern Ausnahmen darin entdecken. Freilich mag ein solcher Vorfall hierzulande lächerlicher erscheinen als anderswo, da wir immer soviel von ›Gleichheit‹ predigen. Was mich betrifft, kann ich wohl hinzusetzen, daß ich von Anfang genau wußte, daß Sie Ihre Fahrt im Zwischendeck machten, denn ich habe die Liste der Kajütenreisenden gelesen und Ihren Namen darunter nicht gefunden.« »Um so mehr bin ich Ihnen dann verpflichtet«, sagte Martin. »Norris ist in seiner Art ein sehr guter Mensch«, erklärte Mr. Bevan. »So«, versetzte Martin trocken. »O ja. Er hat viele vortreffliche Eigenschaften. Wenn Sie oder jemand anders sich als nicht gerade gleichberechtigtes Wesen an ihn gewendet und ihn um Rat oder Hilfe angegangen hätten, so wäre er die Freundlichkeit und Rücksicht selbst gewesen.« »Ich hätte aber dazu nicht nötig gehabt, dreitausend Meilen von der Heimat wegzureisen, um einen solchen Charakter kennenzulernen!« Weder Martin noch sein neuer Freund sprachen weiter auf dem Heimwege ein Wort und schritten stumm nebeneinander her, augenscheinlich hinreichend mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Als sie in der Wohnung des Majors anlangten, war der Tee, das Souper, oder wie man sonst das Abendessen nennen wollte, vorüber, und nur das Tuch lag noch auf dem Tische, mit einigen Schmutzflecken dekoriert. An dem einen Ende der Tafel saßen Mrs. Jefferson Brick und zwei andere Damen bei ihren Tassen. Es mußte augenscheinlich eine außergewöhnliche Zusammenkunft sein, denn sie hatten ihre Hüte und Schals an, als ob sie eben erst nach Hause gekommen wären. Bei dem Lichte dreier Kerzen von ungleicher Länge, die in ebenso vielen verschieden geformten Leuchtern staken, nahm sich das Gemach fast noch unvorteilhafter aus als am Tage. Die drei Damen hatten bei dem Eintritt Martins und seines Freundes in sehr lautem Tone miteinander gesprochen, hielten aber sofort inne, als sie die Herren erblickten, und wurden ungemein steif, wo nicht frostig. Sie fuhren jetzt fort, ihre Bemerkungen im Flüstertone miteinander auszutauschen, und allmählich griff eine Stimmung Platz, als ob plötzlich das Wasser in der Teekanne um zwanzig Grade gefallen sei. »Sind Sie in der Versammlung gewesen, Mrs. Brick?« fragte Martins Freund mit einer Art eingeweihten Blinzelns. »In der Vorlesung , Sir!« »Bitte um Verzeihung. Ich weiß, Sie gehen selbstverständlich nie in eine Versammlung .« Die Dame, die rechts von Mrs. Brick saß, hüstelte daraufhin, als wolle sie sagen: »Aber ich gehe hin.« Wie es übrigens auch wirklich der Fall war, und zwar jeden Abend in der Woche. »Eine gute Predigt, Madame?« fragte Mr. Bevan und wandte sich zu dieser Dame. Die Gnädige schlug die Augen fromm gen Himmel auf und erwiderte. »Ja.« – Sie hatten sich nämlich sehr erbaut an einigen guten, kräftigen und gepfefferten Lehren, die allen ihren Freundinnen gehörig die Meinung gesagt und ihnen enthüllt hatten, wes Geistes Kinder sie seien. Auch war ihr Hut bei weitem der schönste in der ganzen Versammlung gewesen, und sie konnte daher nur mit Freude daran zurückdenken. »Welchen Vorlesungskurs besuchen Sie gegenwärtig, Madame?« fragte Mr. Bevan weiter und wendete sich abermals an Mrs. Brick. »Am Mittwoch: Philosophie der Seelen.« »Und montags?« »Philosophie des Verbrechens. Am Freitag: Philosophie der Pflanzen.« »Wir haben den Donnerstag vergessen, meine Liebe«, mahnte eine der Damen. »Philosophie der Staatswissenschaften«, bemerkte die dritte Dame. »Nein«, verbesserte Mrs. Brick, »das ist am Dienstag.« »Sie haben recht, am Donnerstag ist ja Philosophie der Materie.« »Sie sehen, Mr. Chuzzlewit, unsere Damen sind vollauf beschäftigt«, erklärte Mr. Bevan. »Das scheint mir allerdings so«, antwortete Martin. »In Anbetracht dieser ernsten Studien außer Hause und der Familienobliegenheiten im Hause kann den Damen unmöglich noch viel freie Zeit übrig bleiben.« Er hielt hier inne, denn er bemerkte plötzlich, daß man ihn nicht mit sehr gnädigen Blicken betrachtete, wenn er sich auch nicht erklären konnte, warum. Aber als die Damen die Treppe hinauf in ihre Schlafzimmer gegangen waren, was bald darauf geschah, setzte ihm Mr. Bevan auseinander, die häusliche Plackerei stehe so tief unter der Würde dieser Philosophinnen, daß man hundert gegen eins wetten könne, keine von allen dreien sei imstande, auch nur die leichteste Frauenarbeit für sich zu verrichten oder das einfachste Kleidungsstück für eines ihrer Kinder herzustellen. »Und doch, glaube ich, wäre es vielleicht besser für sie, wenn sie sich mit stumpferen Werkzeugen beschäftigen wollten – zum Beispiel mit Stricknadeln«, sagte er. »Aber für eins kann ich gutstehen: sie tun sich nicht weh bei ihrer jetzigen Beschäftigung. – Andachtsstunden und Vorlesungen vertreten bei uns die Stelle der Bälle. Sie gehen hin, um sich von der Eintönigkeit des täglichen Lebens zu erholen, beneiden einander um ihre neuesten Kleider und gehen dann wieder nach Hause.« »Meinen Sie mit dem ›nach Hause‹ gehen ein Haus wie dieses?« »Oft ist es so. Aber ich sehe, Sie sind jetzt todmüde. Lassen Sie mich Ihnen gute Nacht sagen. Ihre Pläne wollen wir morgen früh genauer besprechen. Sie müssen übrigens inzwischen eingesehen haben, daß es Ihnen nicht viel nützen würde, hier zu bleiben und bessere Verhältnisse abzuwarten. Sie werden andere Orte aufsuchen müssen.« »Das heißt für mich, noch tiefer ins Unglück zu geraten«, sagte Martin. »Das will ich nicht hoffen. – Aber genug für heute. Gute Nacht.« Damit drückten die beiden Herren einander herzlich die Hand und trennten sich. Als Martin allein war, ließ die Erregung, in die ihn die große Veränderung und die Neuheit alles dessen, was er gesehen, versetzt und die ihn den Tag über bei allen Strapazen aufrecht erhalten hatte, plötzlich nach, und er fühlte sich mit einem Male so niedergeschlagen und abgehetzt, daß er nicht die Energie aufbringen konnte, sich die Treppe hinauf in seine Schlafkammer zu schleppen. Zwölf oder fünfzehn Stunden, und was hatte sich da nicht alles in seinen Hoffnungen und sanguinischen Plänen geändert! Als Fremder hier in einem Lande, das so ganz anders war als seine Heimat, mußte er immer mehr und mehr zu der bangen Überzeugung kommen, daß sein Unternehmen als gescheitert zu betrachten sei. An Bord des Schiffes hatte es ihm oft keck und unüberlegt geschienen, nicht so aber, als er gelandet war. Jetzt zeigte es sich ihm in einem traurigen und abschreckenden Lichte. Was er sich auch ausmalen wollte, immer entmutigendere Bilder traten vor seine Seele, und selbst die Diamanten an seinem Finger hatten etwas von dem Glanze von Tränen, und ihr Funkeln schickte ihm keinen Hoffnungsstrahl. So blieb er in düsterem Brüten bei dem Kaminfeuer sitzen, ohne auf die Schritte der Kostgänger zu achten, die – einer nach dem andern – von ihren Magazinen, Kontoren oder den benachbarten Bars zurückkehrten, um noch einen tüchtigen Schluck aus einem großen weißen Wasserkrug auf dem Seitentische zu tun, dann gleichsam von einer Art häßlichem Zauber bestrickt in der Nähe der Spucknäpfe verweilten und sich endlich schwerfällig zu Bett begaben. Zuletzt kam Mark Tapley, trat ein und schüttelte ihn am Ärmel, da er dachte, er sei eingeschlafen. »Mark!?« »All right, Sir«, sagte Mark und schneuzte das Licht, das er in der Hand trug. »Ihr Bett scheint mir nicht sonderlich groß, Sir, und auch ein durchaus nicht durstiger Mann könnte vor dem Frühstück all das Wasser ruhig austrinken, das Sie zum Waschen hier haben, und hinterdrein meinetwegen auch noch das Handtuch verspeisen. Aber Sie werden heute nacht wenigstens auf festem Lande schlafen, Sir.« »Mir ist, als ob dieses Haus auf der See schwämme«, sagte Martin und stolperte beim Aufstehen; »ich fühle mich höchst elend.« »Und mir ist so fidel zumute wie einem Kegeljungen, Sir«, versetzte Mark. »Meiner Seel, ich habe aber auch Grund dazu. Ich bin der Ansicht, daß ich von Rechts wegen hier hätte geboren werden sollen. Nehmen Sie sich in acht«, warnte er, »fallen Sie nicht! Übrigens, Sie erinnern sich doch noch des Gentlemans an Bord der ›Schraube‹, der so einen kleinen Koffer mithatte, Sir?« »Das Felleisen. – ja.« »Nun, Sir, heute abend ist sein Weißzeug aus der Wäsche gekommen und hängt jetzt vor der Türe des Schlafzimmers zum Trocknen. Wenn Sie hinaufgehen, schauen Sie sich's mal an. Sie können dann leicht aus der Anzahl seiner Hemden ersehen, worin das Geheimnis seiner Art zu packen bestand.« Martin war jedoch viel zu müde und niedergeschlagen, um auf irgend etwas zu achten, und deshalb interessierte ihn diese Entdeckung auch nicht weiter. Mr. Tapley, der sich durch seine Teilnahmslosigkeit nicht entmutigen ließ, führte ihn sodann unter das Dach des Hauses und in das für ihn bestimmte Schlafgemach, nämlich eine sehr kleine Kammer mit einem halben Fenster, einer Bettstätte wie ein Koffer ohne Deckel, zwei Stühlen und einem Stück Teppich – wie er in England zum Abreiben der Schuhe vor neuen Treppen liegt – und einem kleinen an die Wand genagelten Spiegel, außerdem einem Waschtisch und einem Krug samt Waschschüssel, die man ganz leicht für einen Milchtopf und einen Spülnapf hätte halten können. »Ich denke, hierzulande poliert man sich mit einem trockenen Tuch«, erklärte Martin, »wahrhaftig, die Amerikaner müssen so etwas wie die Wasserscheu haben, Sir.« »Es wäre mir lieb, wenn Sie mir die Stiefel ausziehen hälfen«, brummte Martin und warf sich in einen der Sessel; »ich kann mich kaum mehr rühren, ich bin halbtot vor Müdigkeit, Mark.« »Morgen früh werden Sie das nicht mehr sagen, Sir«, tröstete Mr. Tapley. »Nicht einmal heute würden Sie's sagen, wenn Sie dies hier probiert hätten.« Damit brachte er einen sehr großen Becher zum Vorschein, der bis an den Rand mit kleinen Stückchen klaren durchscheinenden Eises gefüllt war, durch die ein paar dünne Zitronenscheiben und eine köstlich goldglänzende Flüssigkeit dem sehnsüchtigen Auge des Beschauers entgegenleuchteten. »Was ist das?« fragte Martin. Doch Mr. Tapley gab keine Antwort, er tauchte bloß ein Rohr in die Mischung, rührte damit die Eisstückchen um und gab Martin mit ausdrucksvoller Gebärde zu verstehen, daß der entzückte Trinker die Flüssigkeit mittels dieses Instrumentes aussaugen müsse. Martin nahm das Glas mit erstauntem Blick, brachte die Lippen an den Strohhalm und schlug dann mit einem Male wie in Verzücken die Augen auf. Er hielt auch nicht mehr inne, bis das Glas bis auf den letzten Tropfen geleert war. »So, Sir«, rief Mark und nahm ihm den Becher mit triumphierender Miene aus der Hand. »Wenn Sie zufälligerweise wieder mal halbtot sein sollten und ich nicht bei der Hand wäre, so haben Sie nichts weiter zu tun, als den nächsten besten Kellner zu bitten, er solle Ihnen einen ›Cobbler‹ holen.« »Einen Cobbler?« »Diese wundervolle Erfindung, Sir«, erklärte Mark und streichelte zärtlich das Glas, »heißt Cobbler. Sherry Cobbler. Wenn Sie aber den langen Namen nicht behalten können, so sagen Sie nur ›Cobbler‹. Sehen Sie, jetzt sind Sie selbst imstande, sich die Stiefel auszuziehen. Und das will doch was heißen. Kurz, Sie sind wieder ein ganz anderer Mensch.« Nachdem er sich dieser feierlichen Vorrede entledigt hatte, brachte er den Stiefelknecht. »Fürchten Sie nicht, daß ich wieder kleinmütig werde, Mark«, begann Martin nach einer Weile, »aber Gott im Himmel, was wäre aber, wenn wir in eine wilde Gegend dieses Landes verschlagen würden – ohne einen Penny in der Tasche?« »Nun, Sir«, versetzte der unverwüstliche Mr. Tapley, »nach dem, was wir bis jetzt gesehen haben, weiß ich nicht, ob wir in wilden Gegenden viel schlechter fahren würden als in zahmen.« »O Tom Pinch, Tom Pinch!« jammerte Martin. »Was gäbe ich drum, wenn ich wieder bei dir sein und deine Stimme hören könnte; wär's auch nur in der schäbigen Schlafkammer bei Pecksniff.« »O Drache! Drache!« echote Mark lustig. »Läge nicht so viel Wasser zwischen dir und mir und wäre es nicht so feige, zurückzukehren, so weiß ich nicht, ob ich nicht dasselbe sagen möchte. Aber hier bin ich, lieber Drache, im amerikanischen New York, und du bist im europäischen Wiltshire. Und hier kann man sich ein Vermögen machen, lieber Drache, und noch obendrein für eine schöne junge Frau. – Und wenn du 'ne Leiter hinaufsteigen willst, darfst du nicht gleich bei der ersten Sprosse umkehren, sonst kommst du niemals nicht hinauf.« »Sehr wahr, Mark!« rief Martin. »Wir müssen mutig in die Zukunft blicken.« »In all den Märchenbüchern, Sir, wo ich je gelesen habe, wurden die Ritter, wenn sie sich umsahen, jedesmal in Stein verwandelt«, versetzte Mark, »und meine Meinung war immer, daß sie selbst daran schuld waren, und daß ihnen ganz recht geschehen ist. – Aber jetzt wünsche ich Ihnen gute Nacht, Sir, und angenehme Träume.« »Dann müssen's Träume aus der Heimat sein«, sagte Martin und kroch in sein Bett. »Mein ich auch«, flüsterte Mark Tapley, als er außer Hörweite und in seinem eigenen Zimmer war, »denn wenn nicht – ehe wir aus dieser Patsche heraus sind – 'ne Zeit kommt, wo's 'ne ziemliche Kunst sein wird, fidel zu bleiben, so will ich ein Vereinigter-Staaten-Mann sein.« Lassen wir sie jetzt träumen und eingehen in das Reich, wo die phantastischen Schemen einer andern Welt sich miteinander mengen, und kehren wir zu dem Schauplatz unserer Geschichte zurück, weit übers Meer an die englische Küste. 18. Kapitel Handelt wiederum von der Firma Anthony Chuzzlewit \& Sohn. – Einer der Teilhaber tritt unerwarteterweise aus dem Geschäfte aus Eine Veränderung kommt selten allein. Wenn jemand, der an einen engen Kreis von Freuden und Leiden gewöhnt ist, aus dem er sich selten entfernt, nur einen Schritt darüber hinaus tut, gleich gibt sein Abgang von dem eintönigen Schauplatz, auf dem er vordem eine so wichtige Rolle spielte, das Signal zu einem großen Durcheinander. Als ob in die Lücke, die er gerissen, augenblicklich der Keil der Veränderung eindränge, um, was vorher feste Masse gewesen, zu zersplittern! Dinge, die durch jahrelange Gewohnheit aneinander gekittet und gebunden waren, brechen in ebenso vielen Wochen zusammen. Im Nu explodiert die Mine, mit der die Zeit langsam die Verhältnisse einer Familie untergraben hat, und was zuvor Fels gewesen, ist plötzlich eitel Sand und Staub. Die meisten Menschen haben wohl schon in ihrem Leben derartige Erfahrungen gemacht. Bis zu welchem Grade die Gesetze der Veränderung ihre Herrschaft in dem beschränkten Wirkungskreis geltend machten, den Martin verlassen hatte, das soll jetzt getreulich auf diesen Seiten berichtet werden. »Was das nur wieder für ein kaltes Frühjahr ist«, klagte der alte Anthony und rückte näher an das abendliche Kaminfeuer. »Es war doch wärmer um die Zeit, als ich jung war.« »Lächerlich. So oder so, jedenfalls hast du nicht nötig, dir Löcher in den Rock zu brennen«, bemerkte Jonas liebevoll, seine Blicke von der gestrigen Zeitung erhebend. »Das Tuch ist nicht so billig, als daß man es nur so verschleudern könnte.« »Ein tüchtiger Junge!« rief der Alte, hauchte in seine erfrorenen Hände und rieb sie zitterig aneinander, um sich zu erwärmen. »Ein gescheiter Junge! Niemals hat er sich der Kleiderfexerei hingegeben. Nein, nein, das muß man sagen. Alles, was recht ist.« »Es kommt nur zu teuer, sonst hätt ich's schon getan«, sagte Jonas und griff wieder nach dem Zeitungsblatt. »Ja, ja«, kicherte der alte Mann, »wenn's nicht so teuer wäre! Wenn's umsonst wäre. – Aber es ist sehr kalt hier.« »Laß das Feuer in Ruhe!« rief Mr. Jonas, seinen würdigen Vater im Gebrauch des Schürhakens unterbrechend. »Willst du vielleicht in deinen alten Tagen noch zum armen Manne werden, daß du so zu wüsten anfängst?« »Dazu ist keine Zeit mehr, Jonas«, sagte der Greis. »Keine Zeit zu was?« »Um ein armer Mann zu werden.– Ich wollte, ich wäre jünger.« »Ja, ja, du warst von jeher ein egoistischer Filz«, murmelte Jonas mit einem zornigen Blick. »Das war dir wieder einmal aus der Seele gesprochen. Möchtest dir nichts draus machen, in Not zu kommen, wenn du nur jünger wärst; was? Aber das eigene Fleisch und Blut dürfte in Not geraten, und du würdest dir den Teufel was daraus machen, alter Halunke!« Nach diesem kindlichen Selbstgespräch nahm er seine Teetasse zur Hand, denn sie saßen gerade bei einem derartigen Mahle, und Vater, Sohn und Chuffey nahmen teil daran. Dann sah er seinen Erzeuger fest an und fuhr laut, seinen Tee dabei auslöffelnd, fort: »Ja, ja! Not! Das wäre mir das Rechte. Du bist mir ein feiner Hecht, jetzt noch von Armut und Not zu sprechen. Du sagst, es ist keine Zeit mehr dazu. Das ist richtig. Gott sei Dank! Am liebsten würdest du wahrscheinlich noch ein paar Jahrhunderte leben, wenn du könntest, und noch immer nicht damit zufrieden sein. – Ja, ja, ich kenne dich.« Der alte Mann seufzte und saß noch immer kauernd vor dem Kaminfeuer. Mr. Jonas schüttelte wütend seinen Teelöffel aus Britanniametall nach ihm und fuhr dann fort, auch noch von höherem Gesichtspunkt aus seine moralischen Gründe zu erörtern. »Wenn du schon so denkst«, brummte er, »warum trittst du mir dann bei Lebzeiten nicht deinen Besitz ab und begnügst dich mit einer kleinen Jahresrente? Aber das wäre ja liebevoll gegen mich gehandelt, und das paßt dir natürlich nicht. Ich an deiner Stelle würde mich vor mir selbst schämen. Ich würde mich vor Scham wahrscheinlich unter die Erde verkriechen.« Damit meinte er vermutlich ein Grab, eine Gruft, ein Mausoleum oder einen Friedhof oder sonst etwas, was er sich in seiner kindlichen Liebe beim wahren Namen zu nennen scheute. Er verfolgte das Thema indessen nicht weiter, denn Chuffey, der aus seiner Kaminecke heraus entdeckt haben mochte, daß Anthony zu horchen und Jonas zu sprechen scheine, rief plötzlich begeistert: »Er ist wirklich Ihr Fleisch und Blut, Mr. Chuzzlewit, ganz Ihr leiblicher Sohn, Sir.« Er ließ sich dabei wohl kaum träumen, welch tiefer Sinn in seinen Worten lag oder wie sie bei der bitteren Satire, die sie enthielten, dem alten Mann ins Herz hätten schneiden müssen, hätte er geahnt, was dessen Sohn soeben vor sich hingemurmelt. Die lauten Worte Chuffeys weckten den Greis auf. »Ja, ja, Chuffey, Jonas ist ein echtes Reis vom alten Stamm. – Es ist ein recht alter Stamm jetzt, Chuffey«, sagte Anthony mit seltsamer Unruhe in der Stimme. »Ja, ja, verdammt alt«, höhnte Jonas beiseite. »Nein, nein, nein«, rief Chuffey »nein, Mr. Chuzzlewit, gar nicht alt, Sir.« »Es ist rein nicht mehr auszuhalten mit dem Kerl«, rief Jonas unwillig. »Meiner Seel, Vater, er wird schon wirklich ekelhaft. – Warum hält er nicht das Maul.« »Er sagt, Sie hätten unrecht«, rief Anthony dem alten Buchhalter zu. »Pst, pst«, flüsterte Chuffey. »Ich weiß das besser, ich sage, er hat unrecht. Ja, ich sage: er hat unrecht. Er ist ein Knabe. Ja, ja, das ist er. Und auch Sie, Mr. Chuzzlewit, sind so ein Art Knabe! Ha, ha, ha! Gegen viele, die ich gekannt habe, sind Sie wirklich noch ein Knabe. Gegen mich und viele Hunderte von uns sind Sie ein Knabe. Kehren Sie sich nicht daran, was er sagt.« Nach dieser außerordentlichen Rede – denn für Chuffey war dies ein geradezu beispielloser Ausbruch von Beredsamkeit – zog der arme alte Schemen von einem Buchhalter die Hand seines Prinzipals durch seinen gelähmten Arm, hielt sie dort fest und faltete seine eigene darauf, als wolle er ihn liebevoll verteidigen. »Ich werde täglich tauber, Chuffey«, sagte Anthony mit so viel Weichheit oder, besser gesagt, mit so wenig Rauheit, als ihm überhaupt möglich war. »Nein, nein«, rief Chuffey, »nein, das werden Sie nicht. Übrigens wenn auch, ich bin doch seit zwanzig Jahren taub.« »Ich werde auch immer blinder«, klagte der alte Mann, traurig den Kopf schüttelnd. »Das ist ein gutes Zeichen«, rief Chuffey, »ha, ha, das beste Zeichen, das man sich nur wünschen kann. Sie haben früher viel zu gut gesehen.« Dabei tätschelte er Anthony sachte auf die Hand, wie man etwa ein Kind liebkost, zog sie noch weiter durch einen Arm und drohte mit zitterigem Finger nach der Stelle hin, wo Jonas saß. Da jedoch Anthony still und stumm blieb und kein Wort sprach, ließ er sie allmählich los und versank in seine gewohnte Stumpfheit. Nur von Zeit zu Zeit streichelte er den Rock seines alten Prinzipals, wie um sich zu überzeugen, daß er noch immer neben ihm sitze. Mr. Jonas war so außer sich vor Erstaunen über dieses Vorgehen des stumpfsinnigen Buchhalters, daß er fortwährend die beiden Greise anstarrte, bis der eine wieder in seinen gewöhnlichen Geisteszustand und der andere in Schlummer versunken war; dann machte er seinem Gefühl ein wenig Luft, indem er zu Chuffey hinging und mit der geballten Faust eine Pantomime vor seiner Nase aufführte, als wolle er ihm das Lebenslicht ausblasen. »So treiben sie es jetzt schon zwei oder drei Wochen«, murmelte er dabei nachdenklich, »ich habe mein Lebtag nicht gesehen, daß mein Vater je soviel Notiz von ihm nahm wie jetzt. – Willst du vielleicht erbschleichen, alter Chuff, was?« Aber der alte Buchhalter ahnte so wenig von diesen Gedanken wie von der körperlichen Nähe von Mr. Jonas' geballter Faust, die zärtlich über seinem Haupte schwebte. Nachdem Jonas ihn sattsam angegrinst, nahm er die Kerzen vom Tisch, ging in die kleine Schreibstube mit der Glastür und zog einen Bund Schlüssel aus der Tasche. Dann öffnete er ein geheimes Schubfach, spähte jedoch dabei verstohlen ins andere Zimmer, um sich zu überzeugen, ob die beiden Alten auch noch immer vor dem Feuer säßen. »Alles in Ordnung, wie immer«, brummte er, lehnte den aufgeschlagenen Pultdeckel an seinen Kopf und faltete ein Papier auseinander. »Da ist das Testament, Mister Chuff. Dreißig Pfund jährlich zu deinem Unterhalt, alter Junge, alles übrige dem Haupterben Jonas Chuzzlewit. Brauchst dich nicht zu bemühen und zärtlich zu sein, kriegst darum keinen Penny mehr. – – Was war das?« Überrascht war er zusammengefahren. Und zwar mit Recht, denn ein Gesicht auf der anderen Seite der Glasscheibe blickte neugierig in die Schreibstube herein, jedoch nicht auf ihn, sondern auf das Papier in seiner Hand. Eine Sekunde später blickten die Augen auf und sahen ganz so aus wie die Mr. Pecksniffs. Jonas ließ den Pultdeckel mit lautem Geräusch niederfallen, vergaß aber selbst in dieser Überraschung nicht, zuzuschließen, und blickte blaß und atemlos das Phantom an, das gleich drauf die Tür öffnete und eintrat. »Was gibt's?« rief Jonas zurückfahrend. »Wer ist da? Wo kommen Sie her? Was wollen Sie?« »Was es gibt?« rief Mr. Pecksniffs Stimme. Einen Augenblick später stand der würdige Architekt in der Stube. »Ich komme Sie besuchen, Mr. Jonas.« »Was spionieren Sie hier herum?« fauchte Jonas zornig. »Was soll das heißen, so mir nichts, dir nichts nach London zu kommen und einen so unversehens zu überfallen? – Es ist doch wirklich zu arg, daß man nicht einmal die – die Zeitung in seinem eigenen Bureau lesen kann, ohne nicht von Leuten erschreckt zu werden. – Warum haben Sie nicht angeklopft?« »Ich habe es doch getan, Jonas«, entschuldigte sich Pecksniff freundlich, »aber Sie haben mich nicht gehört. Ich war neugierig«, fügte er milde hinzu und legte die Hand auf die Schulter des jungen Mannes, »was Sie da eigentlich läsen, aber das Glas war zu trübe und schmutzig.« Jonas blickte hastig nach den Fensterscheiben, die allerdings nicht sehr sauber waren; soweit schien also alles in Ordnung zu sein. »War's vielleicht Poesie?« fuhr Mr. Pecksniff fort und drohte dem jungen Mann scherzhaft mit dem Finger. »Oder Politik oder vielleicht der Kurszettel der Staatspapiere, oder haben Sie Lose nachgesehen? Haben Sie vielleicht gar das große Los gewonnen, wie?« »Na, weit haben Sie nicht danebengeschossen«, antwortete Jonas sich fassend und schneuzte die Kerze. »Was zum Henker kommen Sie übrigens so unangemeldet nach London? – Schockschwerenot, da soll der Mensch nicht erschrecken, wenn er sich plötzlich von jemandem angestiert sieht, den er sechzig oder siebzig Meilen weit weg wähnt.« »Glaub's gerne«, lachte Mr. Pecksniff, »zweifle keinen Augenblick daran, mein lieber Jonas. – Der menschliche Geist – – –« »Was geht mich der menschliche Geist an«, fuhr Jonas ungeduldig auf. »Was führt Sie hierher?« »Eine kleine Geschäftssache«, antwortete Mr. Pecksniff, »die mir ganz unerwartet in den Wurf kam.« »So? Weiter nichts? Gut. – Der Vater ist im Nebenzimmer. Heda, Alter, Pecksniff ist hier!« rief Jonas ärgerlich und schüttelte seinen würdigen Erzeuger hin und her. »Hörst du denn nicht? Pecksniff ist hier! Dummkopf!« Die vereinigte Wirkung des Rüttelns und der liebevollen Anrede weckte endlich den alten Mann. Kichernd hieß er Mr. Pecksniff willkommen, einesteils erfreut, ihn hier zu sehen, andererseits erheitert durch die Erinnerung, ihn einen Heuchler genannt zu haben. Wie sich herausstellte, war Mr. Pecksniff erst eine Stunde in London und hatte noch keinen Tee getrunken. Er wurde daher gastfreundlich aufgefordert, sich an den Überresten des Mahles und mit einer Schinkenpastete zu erquicken. Jonas gab vor, in der nächsten Straße ein Geschäft zu haben, und entfernte sich mit dem Versprechen, wieder zurückzukommen, ehe noch der Gast mit seinem Imbiß fertig sei. »Und jetzt, mein werter Herr«, wendete sich Mr. Pecksniff an Anthony, »jetzt, wo wir allein sind, bitte ich Sie, mir zu sagen, was Sie von mir wünschen. Ich sage ›allein‹, weil ich annehme, daß unser werter Freund, Mr. Chuffey hier, metaphorisch gesprochen – wie soll ich sagen – äh, –, ein Strohmann ist«, setzte er mit seinem süßesten Lächeln, den Kopf auf die Seite geneigt, hinzu. »Er sieht uns weder, noch hört er uns«, erwiderte Anthony. »Also gut. Dann bin ich so frei zu wiederholen, natürlich mit der lebhaftesten Sympathie für seine Leiden und der größten Bewunderung für seine ausgezeichneten Eigenschaften, die seinem Herzen wie seinem Kopf gleiche Ehre machen, daß er also wirklich ein sogenannter Strohmann ist. – – Sie wollten also eben bemerken, mein lieber Herr –« »Ich wollte gar nichts bemerken«, knurrte der alte Mann. »Aber ich«, sagte Pecksniff aufgeräumt. »Also schießen Sie los! Was war es?« »Daß ich niemals im Leben«, begann Mr. Pecksniff, stand aber vorher auf, um sich zu versichern, ob die Türe auch wirklich verschlossen sei, und stellte dann seinen Stuhl so, daß sie auch nicht einen Zoll weit geöffnet werden konnte, ohne daß man es sofort gemerkt hätte – »also, daß ich noch nie in meinem Leben durch etwas so überrascht wurde wie gestern durch Ihren Brief. Daß Sie mir die Ehre erwiesen, eine Beratung mit mir zu wünschen, setzt mich in Erstaunen. Daß Sie aber diese Beratung selbst mit Ausschluß Mr. Jonas' wünschten, das beweist einen Grad von Vertrauen gerade zu mir, dem Sie einstmals eine Beleidigung, und zwar eine schwere, angetan – eine Beleidigung allerdings bloß in Worten, und Sie haben sich beeilt, sie gutzumachen –, einen Grad von Vertrauen, wiederhole ich, der mich erfreut, der mich rührt, der mich tief erschüttert hat.« Pecksniff war immer ein aalglatter Sprecher gewesen, aber diese kurze schwungvolle Anrede gab er besonders ölig und fließend von sich. Er hatte sich aber auch die größte Mühe gegeben, sie auf der Herfahrt nach London gehörig zu memorieren. Vergeblich wartete er jetzt auf eine Antwort, denn der alte Anthony blieb in tiefstem Schweigen und mit vollkommen ausdrucksloser Miene sitzen. Auch schien er nicht den mindesten Wunsch zu fühlen, die Unterhaltung fortzusetzen, trotzdem Mr. Pecksniff mehrere Male nach der Türe blickte, seine Uhr herauszog und durch andere Gesten zu verstehen gab, daß seine Zeit bemessen sei und Jonas, wenn er Wort halte, bald zurückkehren müsse. Aber das Sonderbarste in diesem kuriosen Benehmen war, daß plötzlich und ohne ersichtlichen Grund die Züge Anthonys ihren alten Ausdruck annahmen. Leidenschaftlich schlug er mit der Hand auf den Tisch und rief, als ob gar keine Pause stattgefunden hätte: »Wollen Sie nicht endlich den Mund halten, Sir, und mich ausreden lassen?« Mr. Pecksniff erwiderte die Grobheit mit einem geschmeidigen Bückling und murmelte: »Aha, also doch! Schon gestern fiel mir auf, wie zitterig seine Schriftzüge waren. Es ist eine Veränderung in ihm vorgegangen.« »Jonas ist verliebt in Ihre Tochter, Pecksniff«, stieß der alte Mann in seinem gewöhnlichen barschen Ton hervor. »Wenn ich nicht irre, so sprachen wir schon bei Mrs. Todgers darüber«, versetzte höflich Mr. Pecksniff. »Sie brauchen nicht so laut zu sprechen«, schrie Anthony, »ich bin nicht taub.« Allerdings hatte Mr. Pecksniff ziemlich laut gesprochen, aber nicht deswegen, weil er glaubte, Anthony sei taub, sondern weil er annahm, sein Begriffsvermögen fange an nachzulassen. Der rasche Tadel seines doch so wohl überlegten Vorgehens verblüffte ihn jetzt so sehr, daß er gar nicht wußte, was sagen, und daher nur mit einer zweiten geschmeidigen Verbeugung antwortete. »Ich habe gesagt«, wiederholte der alte Mann, »daß Jonas in Ihre Tochter verliebt ist.« »Ein entzückendes Mädchen, Sir«, murmelte Pecksniff, als er bemerkte, daß Anthony auf Antwort wartete; »ein entzückendes Mädchen, Mr. Chuzzlewit, obwohl ich als Vater es eigentlich nicht sagen sollte.« »Sie bilden sich's aber doch ein«, fuhr der alte Mann auf und streckte sein eingefallenes, schmalwangiges Gesicht wenigstens um eine Elle vor. »Wozu die Komödie? Warum heucheln Sie denn schon wieder?« »Aber mein werter Herr«, remonstrierte Mr. Pecksniff. »Nennen Sie mich nicht immer ›werter Herr‹«, grollte Anthony. »Tun Sie nicht, als ob Sie ein Ehrenmann wären. Wenn Ihre Tochter wirklich so wäre, wie Sie mir einreden wollen, würde sie zu Jonas gar nicht passen. So wie sie ist, denke ich, paßt sie noch am besten für ihn. Was wäre, wenn er ein Frauenzimmer heiratete, das dann schließlich liederlich wird, Schulden macht und sein Vermögen durchbringt? Wenn ich einmal nicht mehr sein werde –« Sein Gesicht veränderte sich so schauerlich, als er diese Worte aussprach, daß Mr. Pecksniff seinen Blick rasch von ihm abwandte. »– und den Gedanken hätte mit hinübernehmen müssen, daß es so ist, so wäre das schlimmer, als wenn ich noch lebte und müßte es mitansehen. Eine unerträgliche Qual, wissen zu müssen, daß zum Fenster hinausgeworfen wird, was ich unter so viel Mühe und Entbehrungen zusammengerafft habe. – Nein«, fuhr er mit erstickter Stimme fort, »das wenigstens soll mir erspart bleiben. Wenn ich schon gehen muß, so soll wenigstens etwas gerettet und gewonnen sein.« »Mein lieber Mr. Chuzzlewit«, flötete Mr. Pecksniff, »das sind krankhafte und ganz unnötige Grillen, ich versichere Ihnen. Ich fürchte, Sie sind krank, mein werter Herr.« »Jedenfalls liege ich nicht im Sterben«, knurrte Anthony wütend. »Nein, noch nicht. Ich fühle, ich habe noch viele Jahre zu leben. Schauen Sie sich einmal den da an«, dabei deutete er auf den gebrechlichen Buchhalter. »Der Tod hat kein Recht, mich niederzumähen und ihn zurückzulassen.« Mr. Pecksniff fühlte sich durch die Erregung des alten Mannes so eingeschüchtert, daß er nicht einmal Geistesgegenwart genug besaß, einen Brocken Moral aus dem großen Magazin in seiner Brust herauszufischen, und stotterte deshalb, ohne Zweifel sei es recht und billig, daß Mr. Chuffey zuerst in die Grube fahre und gewiß selbst – – nach allem, was er von ihm gehört und nach dem wenigen, was er von ihm wisse, zu schließen – – einsehen werde, wie schicklich es sei, es so bald wie möglich zu tun. »Kommen Sie«, unterbrach Anthony und winkte ihn näher heran. »Jonas ist mein Erbe. Er wird einmal sehr reich sein und wäre ein guter Schwiegersohn für Sie, das wissen Sie so gut wie ich. – – Jonas ist verliebt in Ihre Tochter.« »Ich weiß, ich weiß«, dachte Mr. Pecksniff. »Er hat mir's doch oft genug gesagt.« »Er könnte eine Reichere heiraten als sie, aber Ihre Tochter wäre die Frau danach, das zusammenzuhalten und zu behüten, was sie beide besitzen werden. Sie ist nicht mehr jung und auch nicht leichtsinnig und aus einem guten, harten, geizigen Stamm entsprossen. Aber spielen Sie kein zu feines Spiel! Sie hält ihn nur an einem Faden, und wenn man ihn zu fest anzieht – – ich kenne Jonas – –, so reißt er. Binden Sie ihn fest, wenn er in der richtigen Stimmung ist, Pecksniff, binden Sie ihn fest! Ihr Spiel ist zu fein; und wenn Sie so fortmachen, entwischt er Ihnen im letzten Augenblick. – – Ich bitte Sie, machen Sie kein solches Gesicht, Sie Aal, ich habe doch Augen, um zu sehen. Glauben Sie wirklich, ich hätte von Anfang an nicht bemerkt, wie Sie nach ihm geangelt haben?« »Ich möchte doch wissen«, brummte Pecksniff mit einem pfiffigen Blick auf den Alten, »ob das alles ist, was er mir zu sagen hat.« Aber der alte Anthony murmelte nur, sich die Hände reibend, stumpfsinnig vor sich hin, daß es kalt sei usw., zog seinen Sessel vor das Kaminfeuer, kehrte ihm den Rücken, ließ sein Kinn auf die Brust sinken und hatte augenscheinlich in der nächsten Minute die Anwesenheit seines Gastes ganz vergessen. So abgerissen und ungenügend auch diese kurze Besprechung gewesen war, so enthielt sie doch für Mr. Pecksniff eine Andeutung, die ihn, wenn er auch weiter nichts erfahren sollte, für seine Hin- und Herfahrt völlig schadlos hielt. Aus Mangel an Gelegenheit hatte er nie die Tiefen von Mr. Jonas' Wesen erforschen können, und jedes Rezept, wie er ihn zu behandeln habe, mußte für ihn von großem Werte sein. Das Einnicken Anthonys benutzend, machte er sich jetzt über die Erfrischungen her und trachtete durch allerlei scharfsinnige und auf Erregung von Aufmerksamkeit berechnete Mittel, wie zum Beispiel Husten, Schneuzen, Klappern mit den Tassen, Wetzen der Messer, geräuschvolles Niederlegen des Brotlaibes usw. den Alten wieder aufzuwecken. Aber alles war vergeblich, und Mr. Jonas kehrte zurück, ohne daß sein Vater wieder ein Wort gesprochen hätte. »Was? Der Alte schläft schon wieder?« sagte Jonas und hängte seinen Hut auf. »Und wie er schnarcht, es ist unglaublich!« »Ja, ja, er schnarcht sehr kräftig«, bestätigte Mr. Pecksniff. »Kräftig?« wiederholte Jonas. »Ja, das muß man ihm lassen; er schnarcht für sechse.« »Wissen Sie auch, Mr. Jonas«, säuselte Pecksniff, »daß es mir vorkommt, als ob Ihr Vater – erschrecken Sie nicht – marastisch wird?« »So, glauben Sie?« höhnte Jonas. »Sie haben keine Idee, wie zäh der ist. Oh, der ist noch weit vom Abkratzen.« »Es fiel mir auf, daß er sich stark verändert hat, sowohl in seinem Aussehen wie in seinem Benehmen«, bemerkte Mr. Pecksniff. »So? Weiter nichts?« entgegnete Jonas und setzte sich mit verdrießlichem Blick nieder. »Und ich kann Ihnen sagen, er hat sich niemals besser befunden als gerade jetzt. Wie geht es übrigens zu Hause? Was macht Charitas?« »Blüht und gedeiht, Mr. Jonas.« »Und die ›andere‹? Wie geht's der?« »Oh, der kleine Schmetterling!« rief Mr. Pecksniff in zärtliches Sinnen verloren. »Sie ist wohl – sie befindet sich wohl. Schwärmt vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer wie eine Biene, flattert vom Bett zum Spiegel wie der Schmetterling, taucht ihr Schnäbelchen in unsern Johannisbeerwein wie der Kolibri. Ach! Wäre sie nur etwas weniger leichtsinnig und hätte sie nur die gediegenen Eigenschaften von Cherry, mein Freund.« »Ist sie denn so leichtsinnig?« fragte Jonas. »Nun – nun«, begütigte Mr. Pecksniff gefühlvoll, »ich will nicht ungerecht sein gegen mein Kind. Aber neben ihrer Schwester Cherry allerdings erscheint sie so. Was ist das übrigens für ein merkwürdiges Geräusch, Mr. Jonas?« »Es wird was in dem Werk nicht in Ordnung sein, glaube ich«, sagte Jonas mit einem Blick auf die Wanduhr. »Die ›andre‹ ist also nicht ihr Liebling, was?« Mr. Pecksniff wollte eben etwas Zärtliches sagen und hatte bereits sein Gesicht in innige Falten gelegt, als sich derselbe seltsame Ton plötzlich wieder hören ließ. »Wahrhaftig, Mr. Jonas, das ist aber eine höchst merkwürdige Uhr«, rief er. Er hätte allerdings recht gehabt, wenn das wunderliche Geräusch von ihr ausgegangen wäre, es war aber ein anderer Zeitmesser, der sich hier vernehmen ließ und rasch ablief. Ein Schrei, der noch hundertmal schrecklicher klang, weil er aus dem Munde des sonst so schweigsamen Mr. Chuffey kam, lief durch das Haus. Und als sich beide erschreckt umsahen, bemerkten sie, wie Anthony Chuzzlewit ausgestreckt auf dem Boden lag und der alte Buchhalter neben ihm kniete. Der Greis war von seinem Stuhle heruntergesunken und lag jetzt da, nach Atem ringend, und jede Sehne und jede Ader trat deutlich auf seinem hagern Gesicht hervor. Es war fürchterlich mitanzusehen, wie das Lebensprinzip, in diese welke Form eingeschlossen, gleich einem kraftvollen Dämon nach Erlösung rang und mit äußerster Gewalt sein altes Gefängnis zu zerreißen bemüht war. Schon bei einem jungen Mann in der Fülle der Kräfte hätte ein solcher Verzweiflungskampf etwas Entsetzliches an sich gehabt, aber bei einem Greise, dessen welker, elender Körper jede der ungestümen Bewegungen seiner Glieder Lügen strafte, hatte das Schauspiel etwas geradezu Grauenhaftes. Man richtete den Kranken auf, und der in aller Eile geholte Wundarzt ließ ihn zur Ader und verordnete ihm einige Arzneimittel. Aber der Anfall währte so lange, daß es bereits Mitternacht vorbei war, als man Anthony – jetzt zwar ruhig, aber ganz bewußtlos und erschöpft – zu Bett brachte. »Gehen Sie nicht«, flüsterte Jonas mit aschfahlen Lippen über das Bett hinüber Mr. Pecksniff ins Ohr. »Es war ein Glück, daß Sie zugegen waren, als der Anfall über ihn kam, man hätte es sonst vielleicht für mein Werk gehalten.« »Für Ihr Werk?« rief Mr. Pecksniff. »Was weiß man denn, was die Leute alles reden werden«, keuchte Jonas und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. »Wie sieht er jetzt aus?« Mr. Pecksniff schüttelte den Kopf. »Ich mache nicht gern Spaß, wissen Sie, Pecksniff, aber ich – ich habe nie seinen Tod herbeigewünscht. Glauben Sie, daß es sehr gefährlich ist?« »Der Doktor behauptet es, Sie haben's doch selbst gehört«, war Mr. Pecksniffs Antwort. »Ach, das sagt er ja nur, um uns eine höhere Rechnung schreiben zu können, falls er ihn durchbringt«, meinte Jonas. »Sie dürfen jetzt nicht fortgehen, Pecksniff. Da es so weit mit ihm gekommen ist, möchte ich nicht ohne Zeugen sein. Nicht für tausend Pfund.« Chuffey hörte und sprach kein Wort. Er hatte sich neben dem Bett in einen Stuhl gesetzt und blieb dort regungslos sitzen, nur hin und wieder beugte er den Kopf über das Kissen und schien zu lauschen. So trieb er es ohne Unterlaß fort. Einmal erwachte Pecksniff in der Nacht nach einem kurzen Schlummer mit dem wirren Eindruck, er habe ihn beten hören, aber es kam ihm so vor, als ob sich in die Gebete seltsamerweise Ziffern und Zahlen gemischt hätten. Jonas saß gleichfalls die ganze Nacht über da, aber nicht an einer Stelle, wo ihn sein Vater, falls ihm das Bewußtsein zurückgekehrt wäre, hätte sehen können, sondern sozusagen versteckt und den Stand der Dinge nur aus Pecksniffs Augen ablesend. Er, der rohe Bursche, der das ganze Haus so lange tyrannisiert hatte, war jetzt ein feiger Köter geworden, der sich nicht zu rühren wagte und dermaßen am ganzen Leibe zitterte, daß sogar sein Schatten an der Wand ruhelos herumzuckte. Es war bereits hellichter Tag, als sie, den alten Buchhalter bei dem Kranken zurücklassend, zum Frühstück hinuntergingen. Die Leute eilten auf der Straße hin und her, Fenster und Türen wurden geöffnet, Taschendiebe und Bettler nahmen ihren gewohnten Standort ein, die Arbeiter gingen an ihr Werk, die Handelsleute schlossen ihre Läden auf, Detektive und Konstabler lagen auf der Lauer, alle Arten von menschlichen Wesen mühten sich, jedes auf seine Weise, um ihren mühseligen Lebenserwerb ab, und der alte Mann auf seinem Sterbebett kämpfte so wütend um jedes Sandkorn in seinem schnell ablaufenden Stundenglase, als gälte es ein Königreich. »Wenn etwas passiert, Pecksniff«, sagte Jonas, »so müssen Sie mir versprechen, hierzubleiben, bis alles vorüber ist. Sie sollen sehen und Zeuge sein, daß ich nichts tue, was man irgendwie mißdeuten könnte.« »Ich weiß das, Mr. Jonas«, beruhigte ihn Mr. Pecksniff. »Ja ja, aber ich will nicht, daß jemand daran zweifelt; niemand darf auch nur eine Silbe gegen mich sagen. Ich sehe es kommen, wie die Leute schwatzen werden, gerade, als wenn er nicht ein alter Mann wäre oder als ob ich das Geheimnis besäße, ihn für ewige Zeiten am Leben zu erhalten.« Mr. Pecksniff versprach zu bleiben, und sie beendigten gerade schweigend ihr Frühstück, als plötzlich eine so geisterhafte Erscheinung vor ihnen auftauchte, daß Jonas laut aufschrie und beide vor Grausen zurückfuhren. Der alte Anthony selbst war es, der jetzt in seinen gewöhnlichen Kleidern in der Stube stand – gerade vor dem Tisch. Er stützte sich auf seinen alten Buchhalter, und auf seinem bläulichen Gesicht, auf seinen blassen erstarrten Händen, in seinen gläsernen Augen und auf seiner Stirn stand von dem Finger der Ewigkeit das eine Wort geschrieben: Tod. Er sprach, und seine Stimme klang scharf und hohl. Fast geisterhaft. Was er sagen wollte, weiß nur Gott. Es schienen Worte zu sein, was er hervorbrachte, aber keines Menschen Ohr hatte je dergleichen vernommen. Es war etwas Furchtbares, ihn so dastehen zu sehen und in einer Sprache lallen zu hören, die nicht mehr von dieser Welt war. »Es geht ihm jetzt wieder besser«, erklärte Chuffey, »weit besser. Wenn man ihn in seinen alten Stuhl setzt, wird es ihm wieder wohler werden. Ich sagte ihm, es wäre nichts. Ich habe es ihm schon gestern gesagt.« Dann setzten sie den Sterbenden in einen Armstuhl und rollten ihn ans Fenster. Sie machten die Türe auf und das Fenster, um ihn die frische Morgenluft genießen zu lassen, aber nicht alle Luft zwischen Himmel und Erde, und nicht alle Winde, die je über Erde und Meer gerauscht sind, hätten ihm neues frisches Leben einhauchen können. Würde man ihn bis über die Ohren in Goldstücke gesteckt haben, seine schwer gewordenen Finger hätten auch nichts mehr greifen können. 19. Kapitel Einige außergewöhnliche Mitglieder der medizinischen Fakultät treten auf. Der treffliche Mr. Jonas beweist abermals seine kindliche Liebe Mr. Pecksniff saß in einem Mietkabriolett, denn Mr. Jonas hatte zu ihm gesagt: »Sparen Sie kein Geld.« Das Menschengeschlecht ist in seinem ganzen Wesen und Denken bodenlos schlecht, und Jonas war daher fest entschlossen, auch nicht ein Jota Veranlassung zu müßigen Gerüchten zu geben. Man sollte ihm nie zum Vorwurf machen, daß er bei dem Begräbnis seines Vaters mit Geld gegeizt habe. Deshalb hatte er – gültig bis zum Schluß der Beerdigungsfeierlichkeiten – das Motto ausgegeben: man spare keine Kosten. Mr. Pecksniff war bei dem Leichenbestatter gewesen und befand sich jetzt auf dem Wege zu einem andern ihm empfohlenen dienstbaren Geist, nämlich einer Weibsperson, die bei Verstorbenen zu wachen und alle die geheimnisvollen nötigen Vorrichtungen vorzunehmen pflegte. Sie hieß, wie Mr. Pecksniff aus einem Zettel in seiner Hand ersah, Mrs. Gamp und wohnte in Kingsgate Street, High Holburn. Mr. Pecksniff rasselte daher in seiner Droschke über das Pflaster von Holborn, um Mrs. Gamp aufzusuchen. Die Dame wohnte bei einem Vogelhändler. Die zweitnächste Tür führte zu einem berühmten Hammelpastetenladen, der gerade gegenüber echtes Katzenfleisch verkaufte. Wie alle solchen Etablissements trug auch dieser Laden ein entsprechendes Reklameschild über der Türe. Es war ein kleines Haus und daher sehr geeignet für Mrs. Gamp, die in ihrer höchsten Kunststufe Wochenwärterin oder, wie ihr Aushängeschild kühn besagte, Hebamme war. Sie konnte, da sie auf die Gasse hinaus und zu ebener Erde wohnte, bei Nacht leicht durch an die Fenster geworfene Kieselsteine oder vermittelst Spazierstöcken und Tabakspfeifenrohren geweckt und herausgeklopft werden. Das alles war nämlich weit wirksamer als der Haustürklopfer, der klugerweise so konstruiert war, daß er wohl die ganze Straße wecken und sogar Feueralarm in Holborn hätte verbreiten können, im Hause selbst jedoch unter keinen Umständen auch nur den mindesten Eindruck machte. Mrs. Gamp war die ganze verflossene Nacht über auf gewesen, um einer Zeremonie beizuwohnen, der das Frauengeschlecht einen zweisilbigen Namen für den über Adam verhängten Fluch gegeben hat. Sie war dabei nicht allein tätig gewesen, sondern man hatte sie in Anbetracht ihres großen Rufes geholt, um einer andern Dame vom Fach mit Rat und Tat an die Hand zu gehen. Nachdem sodann alle interessanten Phasen des Falles ihr Ende erreicht, hatte sie sich wieder nach dem Hause des Vogelhändlers zurückgezogen und unverzüglich zu Bett begeben. Aus diesem Grunde waren daher zur Zeit des Vorfahrens von Mr. Pecksniffs Droschke Mrs. Gamps Vorhänge dicht zugezogen, und die Dame selbst lag dahinter in tiefstem Schlaf. Wäre der Vogelhändler zu Hause geblieben, wie es sich gehört hätte, so würde das nicht viel bedeutet haben, so aber befand er sich auswärts, und sein Laden war verschlossen. Allerdings waren die Jalousien nicht heruntergelassen, und hinter jeder Fensterscheibe stand je ein winziger Käfig, in dem ein kleines Vögelchen zwitscherte, sein kleines Verzweiflungsballett abhüpfte und sich an den Stäben abflatterte, während ein melancholischer Blaufink, der daneben eine große Villa mit seinem Namen an der Tür bewohnte und sein Trinkwasser mittels eines kleinen Pumpwerks selbst hinaufziehen mußte, die Passanten stumm anflehte, sie möchten ihm doch für einen Penny Gift hineinmischen. Die Haustüre war geschlossen. Mr. Pecksniff drückte auf die Klinke, rüttelte daran und setzte eine jämmerlich tönende Klingel in Bewegung. Aber niemand erschien. Der Vogeldresseur war gleichzeitig Barbier und auch fashionabler Haarkräusler, und daher war es anzunehmen, daß man ihn nach dem Westende der Stadt gerufen hatte, um einen Lord oder eine Lady zu frisieren. Wie dem nun auch sein mochte, keinesfalls befand er sich auf seinem eigenen Grund und Boden. Auch war nichts vorhanden, was der Einbildungskraft eines nach ihm Fragenden hätte nachhelfen können, als ein bei derlei Kunstgenossen übliches gedrucktes Plakat, das einen Friseur in eleganter Haltung darstellte, wie er eine Modedame vor einem großartigen, aufgeklappten Pianoforte bediente. In der Unschuld seines Herzens griff Mr. Pecksniff nach dem Türklopfer, aber schon beim ersten Doppelschlage wimmelte es an allen Fenstern der Straße von Frauenköpfen, und noch ehe er seine Aufforderung wiederholen konnte, sammelten sich Scharen verheirateter Damen, von denen einige ganz das Aussehen hatten, als ob sie selbst in Bälde Mrs. Gamp würden bemühen müssen, um die Türschwelle und riefen wie aus einem Mund mit höchstem Interesse: »Klopfen Sie an das Fenster – klopfen Sie an das Fenster! Um Gottes willen, verlieren Sie ja keine Zeit, klopfen Sie an das Fenster!« Unverzüglich borgte sich Mr. Pecksniff von seinem Kutscher die Peitsche aus und richtete gleich darauf eine nicht geringe Verheerung unter den Blumentöpfen des Hochparterres an. Mrs. Gamp wurde dadurch glücklich geweckt, und zur großen Freude der umstehenden Menge hörte man gleich darauf den Ruf erschallen: »Ich komme schon!« »Er ist so bleich wie Semmelkrumen«, sagte eine Matrone mit einem Blick auf Mr. Pecksniffs Gesicht. »Das muß er auch sein, wenn er überhaupt menschliches Gefühl im Leibe hat«, bemerkte eine andere. Eine dritte Dame meinte mit verschränkten Armen, es wäre besser gewesen, er hätte eine andere Zeit gewählt, um Mrs. Gamp zu holen, aber so sei's ja bekanntlich immer. Mr. Pecksniff fühlte sich begreiflicherweise sehr geniert, aus diesen Bemerkungen entnehmen zu müssen, man glaube, er komme zu Mrs. Gamp aus Gründen, die nicht das Ende, sondern den Anfang eines Lebens beträfen. Mrs. Gamp schien dasselbe zu glauben, wenigstens stieß sie das Fenster auf und rief, sich dabei hastig ankleidend, hinter den Gardinen hervor: »Ist es Mrs. Perkins?« »Nein«, entgegnete Mr. Pecksniff scharf. »Nichts dergleichen. Im Gegenteil.« »Ah, Sie sind's, Mr. Whilks«, rief Mrs. Gamp. »Ach Gott, und Mrs. Whilks hat noch nicht einmal ein Steckkissen vorbereitet. Oder sind Sie's vielleicht nicht, Mr. Whilks?« »Es ist nicht Mr. Whilks«, beteuerte Pecksniff. »Ich kenne den Mann nicht. Es betrifft überhaupt nichts dergleichen. Ein Herr ist gestorben. Da man eine Person im Hause braucht, bin ich von Mr. Mould, dem Leichenbestatter, an Sie gewiesen worden.« Mrs. Gamp, die für jeden ihrer Geschäftszweige einen besonderen Gesichtsausdruck vorrätig hatte, war inzwischen so weit, sich zeigen zu können. Sie steckte rasch eine Trauerphysiognomie zum Fenster heraus und sagte, sie werde sogleich hinunterkommen. Die versammelten Matronen nahmen es natürlich sehr übel, daß Mr. Pecksniffs Sendung von so geringer Wichtigkeit war, und die Dame mit den unterschlagenen Armen sagte ihm tüchtig ihre Meinung und betonte, es sei gewissenlos, Damen in delikaten Umständen mit der Erwähnung von Leichen zu erschrecken. Auch ein so scheußlicher Kerl wie er habe gewissermaßen Rücksichten zu nehmen. Auch die andern Damen sparten mit ähnlichen Ausdrücken nicht, und die Kinder, die sich inzwischen in etlichen Dutzenden angesammelt hatten, verhöhnten Mr. Pecksniff und gebärdeten sich wie eine Rotte kleiner Teufel. Der Ärmste pries sich glücklich, als Mrs. Gamp endlich erschien, packte sie ohne viel Zeremonien in die Droschke und fuhr, von den Verwünschungen der Menge verfolgt, von hinnen. Mrs. Gamp hatte ein großes Bündel, ein Paar Überschuhe und einen gewaltigen Regenschirm mitgenommen, letzteren von der Farbe eines welken Blattes, außer an der Spitze, um die ein kreisrunder Fleck von hellem Blau geschickt eingeflickt war. Sie sah sehr erhitzt aus, offenbar von der Eile, zu der sie genötigt gewesen, und litt unter den irrigsten Vorstellungen hinsichtlich des Wesens des Kabrioletts. Sie schien nämlich diese Gattung Fuhrwerk mit einem Post- oder Frachtwagen zu verwechseln und bemühte sich beständig, während der ersten halben Meile ihr Gepäck durch das kleine Fenster auf den Bock zu zwängen und dem Kutscher zuzurufen, er solle ihr Päckchen doch in den Korb stecken. Als diese Wahnidee endlich bei ihr nachließ, löste sich ihr ganzes Wesen in Angst und Sorge um ihre Überschuhe auf, mit denen sie in einem fort auf Mr. Pecksniffs Schienbeinen Wurfscheibe spielte. Erst als sie vor dem Trauerhause vorführen, faßte sie sich so weit, um bemerken zu können: »Also der Gentleman is tot, Sir. Das is a Jammer. Aber diesem Los entgeht keiner von uns. Es kommt so sicher wie das Geborenwerden, nur kann man's net so genau vorhersagen. Ach Gott, der liebe, arme Herr!« Mrs. Gamp war eine fette, alte Dame mit einer heiseren Stimme und einem Triefauge, das sie auf eine so merkwürdige Weise gen Himmel kehren konnte, daß man nur das Weiße drin zu sehen vermochte. Da sie sich überdies eines sehr kurzen Halses erfreute, so kostete es sie stets einige Mühe, den Kopf nach denen zu drehen, mit denen sie gerade sprach. Sie trug ein rostfleckiges schwarzes Kleid, dessen Aussehen durch den Umstand, daß sie Tabak zu schnupfen pflegte, nicht sehr gewonnen hatte, und ein dementsprechendes Halstuch und eine Haube. In diesen kläglichen Anzug pflegte sie sich bei solchen Gelegenheiten stets zu hüllen, erstens einmal, um damit ihre achtungsvolle Verehrung vor Toten auszudrücken, und dann, um die nächsten leidtragenden Verwandten stumm aufzufordern, ihr neue Trauerkleider zu verehren; ein Appell, der so häufig von glücklichem Erfolge gekrönt war, daß man zu jeder Stunde des Tages in mindestens einem Dutzend der Trödelläden Holborns ihr leibhaftiges Gespenst heraushängen sehen konnte. Ihr Gesicht und besonders die Nase waren etwas rot und geschwollen; auch konnte man sich nicht gut ihrer Gesellschaft erfreuen, ohne sich nicht eines gewissen Branntweinduftes bewußt zu werden. Wie die meisten Personen, die in ihrem Fach einen besonderen Ruf erworben haben, war auch sie dem ihrigen eifrig zugetan und ging, vielleicht von ihren natürlichen weiblichen Liebhabereien abgesehen, ebenso gern und bereitwillig zu einem Wochen- wie zu einem Totenbett. »O mein, o mein!« wiederholte Mrs. Gamp, denn dies war für alle Trauerfälle ein höchst passender Ausdruck. »O mein. Als Gamp zu seiner ewigen Heimat zurückberufen wurde – ich sehe ihn noch vor mir, wie er in Guys Hospital lag mit einem Penny auf jedem Auge und das hölzerne Bein unter dem linken Arm –, da hab i glaubt; i müßt ohnmächtig zsammfalln. Aber i hab mi grad noch derfangt.« Wenn man einem gewissen Gerüchte, das in den Kingsgate-Street-Zirkeln kursierte, Glauben schenken darf, hatte sie es in einer ganz überraschenden Weise getragen und dabei eine so intensive Seelenstärke an den Tag gelegt, daß sie sogar über Mr. Gamps sterbliche Überreste im Interesse der Wissenschaft verfügte. Allerdings war das jetzt schon zwanzig Jahre her, und das liebenswürdige Ehepaar hatte sich zuvor schon lange getrennt, da ihre Ansichten, besonders wenn sie etwas hinter die Binde gegossen hatten, nicht besonders miteinander harmonierten. »Sie sind wohl seitdem ziemlich gleichgültig geworden, nicht wahr?« fragte Mr. Pecksniff. »Gewohnheit kann zur zweiten Natur werden, Mrs. Gamp.« »Ja, ja, man kann's schon a zweite Natur nennen«, versetzte die Dame. »Erschtens sin solchene Sachen a Ansturm aufs Gfüll, und nacher werdens einem zur Gewohnheit, aber freilich hätt i net alls durchmachen können, was i schon durchgmacht hab, wenn i net hie und da an Schluck Schnaps gnommen hätt, aber immer natürli nur einen Schluck, mehr bin i beim besten Willen net imstande. Mrs. Harris, hab i gesagt, in dem letzten Fall, wo i dabei gwesen bin und wo sich's um a junge Person ghandelt hat –, Mrs. Harris hab i gsagt, lassens die Flaschn auf dem Kaminsims stehn, aber redens mir net zu, etwas davon zu trinken; i muß immer nur die Lippen dran setzen, wenn i grad Lust hab, und dann will i tun, was i tun muß, so gut i's halt imstand bin. Mrs. Gamp, hat die Harris gsagt, wenns je a nüchterne Person geben hat, wo von arbeitende Leut achtzehn Pence täglich nimmt und von vornehme drei Schilling sechs Pence, die Nachtwachen natürlich net mit eingrechnet«, betonte Mrs. Gamp mit Nachdruck, »so sind Sie diese unschätzbare Person. – Mrs.Harris, hab i drauf gsagt, reden S' nix von Lohn, und wenn i's derschwingen kunnt, so möcht i für alle meine Mitmenschen umasunst das Totenbett herrichten, und würd's mit Freuden tun und mit lauter Liebe. Aber was jetzt die sin, wo dem Hauswesen vorstehen, Mrs. Harris, hab i gsagt«, dabei heftete Mrs. Gamp ausdrucksvoll ihr Triefauge auf Mr. Pecksniff, »ob's jetzt Herren sin oder Damen, so soll man mich net fragen, ob i was zu mir nehmen will, es genügt, wenn man die Flaschen mit Schnaps auf dem Kaminsims stehen laßt, damit i hie und da mir die Lippen anfeuchten kann, wann i grad Lust dazu hab.« In diesem Augenblick fuhr die Droschke vor dem Hause vor. In dem Flur kam ihnen Mr. Mould, der Leichenbestatter, entgegen, ein kleiner, ältlicher, glatzköpfiger Gentleman in schwarzem Anzug. Er trug ein Notizbuch in der Hand, und eine massive goldene Uhrkette baumelte aus seiner Westentasche herunter. In seinem Gesicht lag ein mißglückter Versuch, traurig auszusehen, und zugleich ein Schmunzeln von Zufriedenheit, so daß er wie ein Mensch aussah, der nach einem Schluck auserlesenen Weins zunächst sich die Lippen leckt und dann die Leute glauben machen will, es sei eine bittere Arzenei gewesen. »Mrs. Gamp, wie geht's Ihnen?« fragte Mr. Mould mit einer Stimme, die so leise war wie sein Tritt. »Ach, recht gut, i dank der Nachfrage«, versetzte Mrs. Gamp mit einem Knicks. »Sie müssen hier ganz besonders Obacht geben, Mrs. Gamp; es ist kein gewöhnlicher Fall, Mrs. Gamp! Und richten Sie nur alles recht nett und hübsch her, Mrs. Gamp«, sagte der Leichenbestatter und nickte mit feierlicher Miene. »Es soll alles geschehen«, versetzte Mrs. Gamp und machte abermals einen Knicks. »Ich hoffe, wir kennen uns.« »Das hoffe ich auch, Mrs. Gamp«, sagte der Leichenbesorger. Mrs. Gamp machte ihren dritten Knicks. »Dies ist einer der ergreifendsten Fälle, Sir«, fuhr Mr. Mould – zu Mr. Pecksniff gewendet – fort, »den ich in all den Jahren meiner Berufstätigkeit gesehen habe.« »Wirklich, Mr. Mould?« rief Mr. Pecksniff erschüttert. »Eine so von Herzen kommende Trauer, Sir, habe ich noch nie gesehen. Sie hat keine Grenzen – wahrhaftig, keine Grenzen« – Mr. Mould riß die Augen weit auf und stellte sich auf die Zehenspitzen – – »in punkto Kosten. Ich habe den Auftrag, Sir, mein ganzes Personal von stummen Leidtragenden aufzubieten. Und das kommt sehr hoch, Mr. Pecksniff. Was sie trinken, gar nicht mit eingerechnet. Und dann die silberplattierten Handgriffe von bester Qualität, mit den teuersten Engelsköpfen verziert! Auch an Trauerfedern darf kein Mangel sein. Kurz, Sir, es soll etwas absolut Prachtvolles werden.« »Mein Freund, Mr. Jonas, ist ein vortrefflicher Mann«, flötete Mr. Pecksniff. »Ich hab mein Lebtag lang viel Kindesliebe zu sehen bekommen, Sir«, versetzte Mr. Mould, »aber auch Unkindlichkeit. Das ist so unser Los. Unser Beruf bringt es mit sich, daß wir viele solche Geheimnisse kennenlernen. Aber eine Kindesliebe wie diese ist so ehrenvoll für die menschliche Natur, so berechnet, uns mit der Welt, in der wir leben, zu versöhnen, daß ich sagen kann, es ist mir noch nichts Ähnliches bisher vorgekommen. Sie beweist übrigens nur, Sir, was der vielbeweinte Schauspieldichter, der zu Stratford begraben liegt, gesagt hat: – ›daß in allem etwas Gutes zu finden ist‹.« »Freut mich ungemein, so etwas aus Ihrem Munde zu hören, Mr. Mould«, rief Pecksniff. »Sie sind sehr gütig, Sir. Und was Mr. Chuzzlewit für ein Mann war – Oh, was das für ein Mann war! Da reden sie immer«, fuhr Mould fort und winkte mit der Hand der ganzen großen Menschheit ab, »von Lord-Mayor, von Sheriff, Ratsherren und dem ganzen übrigen Plunder, aber man zeige mir einen Mann in dieser Stadt, der wert wäre, in den Schuhen des verstorbenen Mr. Chuzzlewit zu wandeln! Nein, nein«, rief Mould bitter, »man hebe sie auf, man hebe sie auf, man gebe ihnen neue Sohlen und bewahre sie für seinen Sohn auf, bis er reif genug ist, sie zu tragen. Aber keiner versuche, sie selbst anzuziehen, sie würden ihm nicht passen. – Wir kennen ihn«, schloß Mould und steckte sein Notizbuch wieder in die Tasche, »Wir kennen ihn und lassen uns nicht mit Speck fangen wie die Mäuse. – Guten Morgen, Mr. Pecksniff, guten Morgen.« Mr. Pecksniff erwiderte das Kompliment, und Mould, überzeugt, daß er sich höchlichst ausgezeichnet, wandte sich zum Gehen. Ein Lächeln der Freude über seine Geschäftstüchtigkeit zuckte in seinen Mienen auf, verschwand aber schnell wieder, um einem Ausdruck der Niedergeschlagenheit und einem Seufzer Platz zu machen. Dann blickte er in seinen Hut, als ob er hier Trost suche, setzte ihn aber, da er offenbar nichts dergleichen darin fand, auf und entfernte sich mit leisem Schritt. Mrs. Gamp und Mr. Pecksniff stiegen die Treppen hinauf. Man wies die Dame in die Kammer, wo die zugedeckten sterblichen Überreste Anthony Chuzzlewits lagen, nur von einem einzigen treuen, liebenden Menschenherz betrauert, und Mr. Pecksniff begab sich in die dunkle Wohnstube, um Jonas aufzusuchen, den er schon beinah zwei Stunden nicht gesehen hatte. »Pecksniff«, begann Jonas flüsternd, »vergessen Sie nicht, Sie haben die Oberleitung über alles und müssen jedermann, der davon spricht, sagen können, daß alles in Ordnung vorgegangen ist! Wissen Sie übrigens niemanden, den Sie zum Leichenbegängnis einladen könnten?« »Nein, Mr. Jonas, ich kenne niemanden.« »Denn wenn das wäre«, versetzte Jonas, »so müßte man es unbedingt tun. Wir haben nichts zu verbergen!« »Nein«, wiederholte Pecksniff nach kurzem Nachdenken. »Leider weiß ich niemanden. – Ich bin Ihnen wirklich sehr für Ihre freigebige Gastlichkeit verbunden, Mr. Jonas, aber beim besten Willen, ich weiß niemanden.« »Auch recht«, brummte Jonas, »Sie, ich, Chuffey und der Doktor werden gerade eine Droschke ausfüllen. Wir müssen den Doktor dabei haben, weil er weiß, wie die Sache vor sich ging und daß ich nichts daran ändern konnte.« »Wo steckt denn unser lieber Freund, Mr. Chuffey?« fragte Pecksniff, sah sich in der Stube um und blinzelte mit den Augen, denn er war natürlich sehr ergriffen. Er wurde dabei durch das plötzliche Auftauchen Mrs. Gamps erschreckt, die plötzlich ohne Schal und Haube, den Kopf in den Nacken geworfen, mit stolzem Gang zornig ins Zimmer trat und in spitzigem Ton eine Privatunterredung – draußen vor der Tür – mit ihm verlangte. »Wenn Sie irgend etwas zu sagen haben, so können Sie es doch gerade so gut hier tun«, seufzte Mr. Pecksniff und schüttelte melancholisch den Kopf. »Ich hab net viel zu sagen, wo die Leute trauern um Tote und Hingeschiedene«, entgegnete Mrs. Gamp, »aber nix für ungut, was ich sag, gehört zur Sache. Ich bin meinerzeit an vielen Orten gwesen, meine Herren, und hoffe zu wissen, was meine Schuldigkeit ist und wie ich sie zu erfüllen hab. Es war natürlich sehr sonderbar, wenn's net so war, und sehr unrecht von so an feinen Herrn, wie der Herr Mould, der doch die höchsten Familien in unserm Land zur größten Zufriedenheit bedient hat, mich so zu empfehlen, wie er's getan hat. Ich hab selbst schon viel Jammer mitgmacht«, sie legte großen Nachdruck auf diese Worte, »und kann ganz gut mitfühlen, wie's einem is bei solchen Heimsuchungen, aber i bin ka Russ und a ka Preuß und kann's daher net leiden, wenn eins spioniert.« Ehe es möglich war, Mrs. Gamp zu antworten, fuhr sie, immer röter im Gesicht werdend, fort: »'s ist net so einfach, meine Herren, in der Welt als a Witwe zu leben, bsonders wenn der Tag mit an Verlust anfangt, der sich net so leicht wieder einbringen laßt, aber ein jeds, wo sein Brot verdienen muß, hat auch seine eigenen Regeln und Bestimmungen, wo net übertreten werden dürfen. Manche Leut«, fuhr sie erregt fort und verschanzte sich hinter ihrem stärksten Beweisbollwerk, das, wie sie zu glauben schien, kein menschlicher Scharfsinn zu erstürmen vermochte, »manche Leut mögen Russen und manche mögen Preußen sein, aber die sin halt scho so geboren und müssen sich's so gfallen lassen. Aber die, wo von einer andren Natur sin, die denken anders.« »Wenn ich die gute Frau verstehe«, wandte sich Mr. Pecksniff zu Jonas, »so scheint Mr. Chuffey etwas lästig zu sein. Soll ich ihn herunterholen?« »Ja, tun Sie's«, riet Jonas. »Ich wollte gerade sagen, daß er noch oben sei, als Sie hereinkamen. Ich würde ihn selbst holen gehen, – – aber es wäre mir doch lieber, wenn Sie es täten, wenn es Ihnen einerlei ist.« Mr. Pecksniff entfernte sich sogleich bereitwillig. Mrs. Gamp folgte ihm, und ihre Miene hellte sich auf, als sie sah, daß er eine Flasche und ein Glas vom Tische mitnahm. »Wissen S'«, sagte sie, »wenn's net zu seinem eigenen Besten war, so möcht mir so wenig dran liegen, ob er da is oder net, als wenn er a Mucken war. Aber wenn eins an dergleichen Sachen net gewöhnt is, geht's ihm nachher net so leicht wieder aus dem Kopf und 's is a Freundschaftsdienst, wenn man so jemand net sein eigenen Willen laßt. – Und selbst«, schloß Mrs. Gamp, wahrscheinlich auf einige Redeblumen anspielend, die sie auf das Haupt Mr. Chuffeys gestreut haben mochte, »selbst wenn man so jemand ausschimpft, so geschieht's nur, um eahm zu zerstreuen.« Was für Epitheta sie auch immer dem alten Buchhalter gegeben haben mochte, aufgeheitert oder aufgeweckt hatte sie ihn nicht. Er saß noch immer neben dem Bett in dem Lehnstuhl, den er die ganze Nacht vorher eingenommen hatte, die Hände gefaltet und den Kopf auf die Brust gesenkt, und sah weder auf, als sie eintraten, noch gab er ein Zeichen des Bewußtseins von sich, bis ihn Mr. Pecksniff endlich am Arme berührte. »Dreimal zwanzig und zehn«, sagte er, »macht null und sieben. Manche Menschen sind so zäh, daß sie's bis viermal zwanzig bringen. Viermal null ist null und viermal zwei ist acht, macht achtzig. O warum warum – warum – lebte er nicht bis viermal null macht null und viermal zwei macht acht, gleich achtzig?« »O du irdisches Jammertal«, rief Mrs. Gamp und bemächtigte sich des Glases und der Flasche. »Warum ist er gestorben vor seinem armen, alten, gebrechlichen Diener«, jammerte Chuffey, schlug die Hände zusammen und blickte kummervoll auf. »Was bleibt mir jetzt, wo er fort ist!« »Mr. Jonas«, rief Pecksniff feierlich. »Mr. Jonas, mein lieber Freund!« »Ich habe ihn so gern gehabt«, ächzte der alte Mann weinend. »Er war immer so gut gegen mich. Wir haben zusammen die Tara und den Rabatt in der Schule gelernt. Ich habe ihn einmal, ihn und sechs andere, in der Arithmetik ausgestochen. Gott verzeih mir's, daß ich das Herz hatte, ihn auszustechen.« »Kommen Sie, Mr. Chuffey«, tröstete ihn Pecksniff. »Kommen Sie mit. Fassen Sie sich, Mr. Chuffey.« »Ja, das will ich«, hauchte der alte Buchhalter; »ja, ich will mich zusammennehmen – – wievielmal zwanzig – o Chuzzlewit und Sohn – Ihr Fleisch und Blut, Mr. Chuzzlewit – Ihr eigenes Fleisch und Blut!« Dann versank er wieder in seinen alten Stumpfsinn und ließ sich geduldig wegführen. Mrs. Gamp setzte sich, die Flasche auf dem einen und das Glas auf dem andern Knie, nieder und schüttelte eine Zeitlang trübe den Kopf; schließlich schenkte sie sich geistesabwesend ein wenig von dem Branntwein ein und erhob das Glas an ihre Lippen. Sie ließ einen zweiten, einen dritten Schluck folgen, und entweder waren ihre Gedanken über Tod und Leben so traurig oder ihre Bewunderung des Getränkes so überschwenglich, – kurz, sie verdrehte die Augen dermaßen, daß nur mehr das Weiße sichtbar war, und schüttelte dabei rastlos den Kopf. Der alte Chuffey wurde in seinen gewohnten Winkel geführt und blieb dort sitzen, still und stumm. Nur hie und da stand er auf und ging in der Stube auf und ab, rang die Hände oder stieß plötzlich einen seltsamen wilden Schrei aus. Eine ganze Woche lang blieben die drei so Tag für Tag um den Kamin versammelt, ohne das Haus zu verlassen. Mr. Pecksniff wäre wohl ganz gerne in den Abendstunden ein wenig ausgegangen, aber Jonas wollte auch nicht eine Minute allein sein. In dieser Weise brüteten sie in dem dunklen Zimmer vom Morgen bis in die Nacht ohne Erholung oder Zerstreuung. Der Gedanke an den, der da oben in der Leichenkammer steif und starr ausgestreckt lag, lastete so schwer auf Jonas, daß er fast darunter zusammenbrach. Während der ganzen langen sieben Tage und Nächte umspukte ihn ununterbrochen das schreckliche Gefühl, daß der Tote noch im Hause sei. Wenn sich die Türe bewegte, sah er mit leichenfahlem Gesicht und entsetztem Auge hin, als glaube er, gespenstische Finger hielten die Klinke umkrallt. Flackerte das Feuer im Luftzug, so blickte er über die Achsel in der Furcht, eine in Leichentücher gehüllte Gestalt zu sehen, die es mit ihrem schrecklichen Kleide fächelte. Das leiseste Geräusch machte ihn zusammenschauern und zusammenfahren, und einmal in der Nacht rief er bei dem Klang von Schritten über seinem Haupte, der Tote wandle, trap, trap, trap, in Leichenkleidern herum. Nachts lag seine Schlafmatratze auf dem Boden des Besucherzimmers, gerade so wie die Mr. Pecksniffs, da sein eigenes Zimmer Mrs. Gamp angewiesen worden war. Das Heulen eines Hundes vor dem Hause erfüllte ihn mit Entsetzen – mit einem Entsetzen, das er nicht verbergen konnte. Dem Widerschein des Lichtes aus der Leichenkammer, der sich an den gegenüberliegenden Fenstern widerspiegelte, wich er aus wie einem zornigen Auge. Nacht für Nacht fuhr er aus seinem unruhigen Schlummer auf, blickte stier umher und rief nach dem Morgen. Die Leitung sämtlicher Angelegenheiten, sogar die Bestellung der täglichen Mahlzeiten, hatte er Mr. Pecksniff überlassen, der infolgedessen in der festen Überzeugung, der Leidtragende bedürfe des Trostes in Form kräftiger Nahrung, die Gelegenheit benützte, während dieser trübseligen Zeit nur die leckersten Sachen auf die Tafel setzen zu lassen. Zuckerbackwerk, geschmorte Nieren, Austern und andere leichtverdauliche Speisen für jedes Nachtessen und dazu die entsprechende Menge heißen Punsches, wobei er dann so viele moralische Reflexionen und geistige Tröstungen entwickelte, daß ein Heide davon hätte bekehrt werden müssen. Namentlich, wenn er nicht Englisch verstanden hätte. Mr. Pecksniff war überdies keineswegs der einzige Leidtragende, der sich in diesen Tagen der Trübsal kulinarischer Genüsse hingab, denn auch Mrs. Gamp zeigte einen sehr erlesenen Geschmack in punkto Essen. Gehacktes Hammelfleisch wies sie mit Verachtung zurück. Auch hinsichtlich Trinken war sie sehr pünktlich und wählerisch; so verlangte sie eine Pinte milden Porters zum Lunch, eine Pinte zum Dinner, eine halbe Pinte als eine Art Zwischenstation zwischen Dinner und dem Tee und eine Pinte von dem berühmten starken Ale oder echten alten »Brighton Tipper« zum Souper. Außerdem stand beständig die Flasche Brandy auf dem Kamin, und dann und wann appellierte sie an die gute Erziehung ihrer Auftraggeber, sie zu einem Tropfen Wein einzuladen. Ebenso fanden sich Mr. Moulds Leute genötigt, ihren Gram wie ein junges Kätzchen am ersten Morgen seines Daseins zu ertränken, und pünktlich, ehe sie an ihr Geschäft gingen, benebelten sie sich, um allzu großer Ergriffenheit vorzubeugen. Kurz, die ganz seltsame Woche verging in schauerlicher Fidelität und grimmig stillem Wohlleben, und außer dem armen Chuffey feierte jeder, der in den Schattenbereich von Anthony Chuzzlewits Leichenbegängnis gehörte, ein Festmahl wie die Ghoule aus Tausendundeiner Nacht. Endlich kam der Tag der Beisetzung. Mr. Mould lehnte, in der einen Hand die goldene Uhr, mit der andern ein Glas edlen Portweins zwischen Auge und Licht haltend, an dem Schreibpult in dem kleinen Glastürbureau und besprach sich mit Mrs. Gamp. Zwei stumme Leidtragende standen an der Haustür und schnitten so klägliche Gesichter, wie sich nur von Leuten eines profitablen Geschäftes erwarten ließ. Mr. Moulds ganzes Etablissement war aufgeboten und versah innerhalb und außerhalb des Hauses den Dienst. Federn nickten, Rosse schnaubten, Seide und Samt flatterte, kurz alles war geschehen – wie Mr. Mould nachdrücklich bemerkte – was für Geld geschehen konnte. »Und was will man weiter, Mrs. Gamp!« rief er, nachdem er sein Glas geleert, mit den Lippen schmatzend. »Natürlich nichts, Sir.« »Natürlich nichts«, wiederholte Mr. Mould, »Sie haben recht, Mrs. Gamp. Weshalb verwenden eigentlich die Leute –« er füllte sein Glas abermals, »mehr Geld auf einen Todesfall, Mrs. Gamp, als auf eine Geburt? Das müssen Sie doch am besten wissen, es schlägt in Ihr Fach. Wie erklären Sie sich das?« »Na ja, weil mer halt an Leichenbestatter lieber sieht als a Hebamm«, gluckste Mrs. Gamp verschmitzt und strich sich ihr neues schwarzes Kleid glatt. »Hahaha«, lachte Mr. Mould, »man sieht, Sie haben heute morgen auf anderer Leute Kosten gefrühstückt, Mrs. Gamp.« Als jedoch sein Blick bei diesen Worten einen kleinen an der Wand hängenden Rasierspiegel streifte und er darin sein Gesicht ungebührlich heiter lächeln sah, setzte er sofort seine Trauermiene wieder auf. »Seit Sie mich so gütig empfohlen haben, hab i net oft auf eigne Kosten gfrühstückt, und hoffentlich wird's auch in Zukunft net der Fall sein«, entgegnete Mrs. Gamp mit einem apologisierenden Knicks. »Nun«, meinte Mr. Mould, »wie die Vorsehung will. Ich kann Ihnen übrigens selbst sagen, Mrs. Gamp, worin der Grund liegt. Es kommt daher, daß das Anlegen des Geldes bei einem geordneten Unternehmen, wo alles im allerfeinsten Stil ausgeführt wird, wie ein Verband auf das gebrochene Herz wirkt und Balsam in die verwundete Seele gießt. Wenn Leute sterben, bedürfen die Herzen eines Verbandes; der Geist will Linderung haben. Sehen Sie sich zum Beispiel nur den Gentleman heut an, wie er aussieht!« »Ein freigebiger Gentleman«, rief Mrs. Gamp enthusiastisch. »Nein, nein«, versicherte der Leichenbestatter, »er ist durchaus kein freigebiger Herr für gewöhnlich. Da kennen Sie ihn schlecht. Aber ein betrübter Herr ist er, ein gefühlvoller Herr. Er weiß, was für ihn dabei alles herauskommen kann, wenn er seine Liebe und Verehrung für den Hingeschiedenen so an den Tag legt. Er hat für sein Geld«, erklärte Mr. Mould und schwenkte seine Uhrkette im Kreise herum, »erstens vier Trauerpferde vor jedem Wagen, ebensoviele samtene Pferdedecken, Kutscher in Tuchmänteln und Stulpenstiefeln, schwarzgefärbte Straußenfedern und eine Menge Begleiter zu Fuß, alle nach der neuesten Trauermode gekleidet, mit messingbeschlagenen Stäben in der Hand, und ein Grab – ff. Wenn er entsprechend zahlt, kann er sich sogar in der Westminster-Abtei begraben lassen. Nein, nein, Mrs. Gamp, Geld ist keine Schimäre, wenn man solche Sachen dafür haben kann.« »Und ein wahrer Segen Gottes ist es«, sagte Mrs. Gamp, »daß es noch solche Leute gibt wie Sie, Mr. Mould, wo solchene Sachen verkaufen oder verschaffen.« »Ja, Mrs. Gamp, da haben Sie recht«, rief der Leichenbestatter, »wir sollten ein viel höher geehrter Stand sein. Wir tun das Gute insgeheim und erröten, wenn es in unsern kleinen Rechnungen erwähnt wird. Wieviel Trost hab ich – ja ich –« rief Mr. Mould, »schon unter meinen Mitmenschen verbreitet mit meinen vier langschweifigen Prachtpferden, die gar nicht angeschirrt werden unter zehn Pfund zehn Schilling.« Mrs. Gamp öffnete den Mund zu einer passenden Antwort, wurde jedoch durch das Eintreten eines von Mr. Moulds Gehilfen, seinem Hauptleidtragenden, einem fetten runden Mann, dessen Weste fast bis zu den Knien reichte, und mit einer über und über mit Finnen besäten Nase, unterbrochen. In frühern Jahren war der Mann ein zartes Bürschchen gewesen, dann aber, infolge seines beständigen Aufenthalts in der fetten Leichenatmosphäre nach und nach so üppig ins Kraut geschossen. »Nun, Tacker«, fragte Mr. Mould, »ist unten alles bereit?« »Ein wundervolles Schauspiel, Sir«, versetzte Tacker. »Die Pferde sind stolzer und frischer, als ich sie jemals gesehen hab, und mit die Köpf stoßen s', als ob s' wüßten, was die Federn kosten. Eins, zwei, drei, vier«, zählte Mr. Tacker sodann auf und warf vier schwarze Mäntel über den linken Arm. »Ist Tom da mit dem Kuchen und dem Wein?« fragte Mr. Mould. »Er muß im Augenblick kommen, Sir.« »Dann«, sagte Mr. Mould, steckte seine Uhr ein und betrachtete sich in dem kleinen Rasierspiegel, um sicher zu sein, daß sein Gesicht auch den gehörigen Trauerausdruck habe, »dann, denke ich, können wir an die Arbeit gehen. – Geben Sie mir das Papier mit den Handschuhen her, Tacker. – – Oh, was war das für ein vortrefflicher Herr, der Verstorbene. – Tacker, Tacker, was war das für ein Mann!« Mr. Tacker, der infolge seiner bei Leichenbegängnissen gesammelten großen Erfahrungen einen trefflichen pantomimischen Schauspieler hätte abgeben können, blinzelte Mrs. Gamp zu, ohne daß dies dem Ernste seines Gesichts, abgesehen von einem Grinsen, Abbruch getan hätte, und folgte seinem Gebieter ins nächste Zimmer. Es gehörte zu Mr. Moulds gewerbsmäßigen Gepflogenheiten, von denen er nie abging, daß er sich stets das Ansehen gab, als ob er den Doktor nicht kenne, obgleich sie in Wahrheit nahe beieinander wohnten und sich oft, wie zum Beispiel im gegebenen Falle, in die Hände arbeiteten. Er händigte ihm jetzt ein paar schwarze Glacéhandschuhen ein, wie wenn er ihn nie in seinem Leben gesehen hätte, während der Doktor seinerseits sich so gemessen benahm, als habe er wohl von Leichenbestattern gehört oder gelesen, sei auch schon an ihren Läden vorbeigekommen, könne sich aber durchaus nicht erinnern, je mit einem Herrn dieses Schlages in Berührung gekommen zu sein. »Wie? Handschuhe?« fragte der Doktor. »Bitte, Mr. Pecksniff, nach Ihnen.« »Oh, bitte sehr, durchaus nicht«, versetzte Mr. Pecksniff. »Sie sind sehr gütig«, bedankte sich der Doktor und wählte sich ein Paar Handschuhe. »Nun, Sir, wie ich Ihnen bereits sagte, wurde ich ungefähr um halb zwei Uhr zu dem Patienten gerufen – Kuchen und Wein, he? Welches ist der Portwein?« Auch Mr. Pecksniff nahm ein Glas. »Ungefähr um halb zwei Uhr morgens, Sir«, fing der Doktor wieder an, »wurde ich zu dem Patienten gerufen. Beim ersten Läuten der Nachtglocke springe ich aus dem Bett, reiße das Fenster auf, stecke den Kopf hinaus – – Mantel, eh? Bitte, ziehen Sie ihn nicht zu fest zu. – Ja, so wird's gut sein.« Nachdem Mr. Pecksniff in ähnlicher Weise eingekleidet war, fuhr der Doktor fort: »Und stecke meinen Kopf hinaus – Hut? Lieber Freund, nein, das ist nicht der meinige. Pardon, Mr. Pecksniff, aber ich glaube, wir haben unabsichtlich unsere Kopfbedeckungen vertauscht. – Ich danke Ihnen. Nun, Sir, was ich sagen wollte –« »Wir sind fertig«, unterbrach ihn Mould mit leiser Stimme. »Fertig, wie?« fragte der Doktor. »Sehr gut. Mr. Pecksniff, ich werde Ihnen gelegentlich, wenn wir in der Kutsche sitzen, das Weitere erzählen. Es ist etwas seltsam. Fertig? Wie? Hoffentlich regnet's doch nicht!« »Nein, es ist sehr schön, Sir«, entgegnete Mould. »Ich fürchtete schon, wir würden nasses Wetter kriegen, denn mein Barometer fiel gestern sehr stark. Wir können uns Glück wünschen, daß wir so gut weggekommen sind.« – In diesem Augenblick traten Mr. Jonas und Chuffey ein. Hastig zog der Arzt sein weißes Taschentuch heraus und drückte es an die Augen, offenbar um einen Schmerzensausbruch zu verbergen. Dann schritt er Seite an Seite mit Mr. Pecksniff zur Türe hinaus. Mr. Mould und seine Leute hatten die Großartigkeit der getroffenen Anstalten durchaus nicht übertrieben. Es war in der Tat ein glänzendes Begräbnis. Die vier Leichenwagenpferde warfen die Köpfe in die Höhe und scharrten mit den Hufen, als wüßten sie, daß ein Mensch gestorben sei, und triumphierten darüber. »Sie spannen uns ins Joch, peitschen uns, malträtieren uns und verkrüppeln uns nur zu ihrem Vergnügen, aber sterben müssen sie doch; hurra! Sterben müssen sie doch.« Und fort ging der Leichenzug Anthony Chuzzlewits durch die schmalen Straßen und gewundenen Gäßchen der City. Verstohlen lugte Mr. Jonas aus dem Kutschenfenster, um den Eindruck zu beobachten, den das Gepränge auf die Menge mache. Mr. Mould wanderte mit langsamen Schritten einher und lauschte voller Stolz den bewundernden Ausrufen der Umstehenden. Der Doktor flüsterte Mr. Pecksniff seine Geschichte zu, ohne jedoch, wie es schien, dem Ende näher zu kommen als anfangs. Der arme alte Chuffey saß unbeobachtet in seiner Ecke und schluchzte. Schon bei Beginn der Zeremonie hatte er Mr. Mould großes Ärgernis gegeben, weil er sein Taschentuch ganz wider alles Herkommen im Hute getragen und sich die Augen mit den Fingerknöcheln gewischt hatte. Kurz, sein Benehmen verstieß gegen jeden Anstand und war überhaupt eines solchen feierlichen Anlasses unwürdig. Von Rechts wegen hätte man ihn gar nicht zuziehen dürfen. Aber er war nun einmal da. Auch auf dem Kirchhof benahm er sich nicht weniger anstößig, denn er stützte sich auf Mr. Tacker, der ihm offen heraus sagte, er tauge zu einem solchen Begräbnis nicht; höchstens zu einem dritter Klasse. Aber Chuffey hörte ihn nicht, denn das Echo einer für immer verstummten Stimme klang in seinem Herzen wider. »Ich habe ihn so gern gehabt«, rief er immer wieder und sank auf das Grab nieder, als alles vorbei war. »Er war immer so gut gegen mich. Oh, mein lieber alter Freund und Herr!« »Kommen Sie, kommen Sie, Mr. Chuffey«, redete ihm der Doktor zu, »das taugt zu nichts. Der Boden ist lehmig, Mr. Chuffey Sie dürfen das nicht tun, so fassen Sie sich doch!« »Wenn's die ordinärste Sorte Begräbnis und Mr. Chuffey ein Träger gewesen wäre, meine Herren«, sagte Mould desperat und half ihnen den armen alten Buchhalter aufheben, »meiner Seel, er hätte es nicht ärger treiben können.« »Seien Sie ein Mann, Mr. Chuffey!« sagte auch Mr. Pecksniff. »Seien Sie ein Gentleman, Mr. Chuffey!« redete ihm Mr. Mould zu. – »Mein Ehrenwort, lieber Freund«, murmelte der Doktor in streng verweisendem Tone und trat zu dem alten Buchhalter heran, »das ist schlimmer als bloße Schwachheit; es ist schlecht, selbstsüchtig und unrecht, Mr. Chuffey! Sie sollten sich an uns ein Beispiel nehmen, mein werter Herr, und nicht vergessen, daß Sie durch keine Bande des Blutes mit unserm Freund verbunden waren. Zumal ein sehr naher und sehr teuerer Verwandter von ihm da ist.« »Ach ja, sein leiblicher Sohn!« rief der alte Mann und faltete leidenschaftlich die Hände. »Sein eigenes Fleisch und Blut!« »Er ist nicht richtig im Kopfe«, erklärte Jonas und wurde blaß. »Sie dürfen nicht darauf achten, was er sagt. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn er plötzlich den gräßlichsten Unsinn behauptete. Bitte, achten Sie nicht auf ihn. Ich tue es auch nicht. Mein Vater hat ihn meiner Fürsorge anempfohlen und damit genug. Was er sagt oder tut, ist gleichgültig. Ich werde schon für ihn sorgen.« Ein Murmeln der Bewunderung erhob sich unter dem Trauergefolge – Mr. Mould und seine Leute mit eingeschlossen – über diesen neuen Beweis von Hochherzigkeit und kindlichem Sinn, aber Chuffey ließ es nicht mehr weiter darauf ankommen, sprach kein Wort mehr und kehrte stumm in seine Kutsche zurück. Wohl erblaßte Jonas, als das Benehmen des alten Schreibers die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, jedoch war seine Bestürzung nur ganz vorübergehend, und bald erholte er sich wieder. Und das war nicht der einzige Wechsel, der an diesem Tage in ihm vorging. Mr. Pecksniffs neugieriges Auge hatte bald herausgefunden, daß er auffallend ruhiger zu werden begann, sobald der Leichenzug das Haus verlassen hatte. Im Verlauf der Bestattungszeremonien wurde er bald ganz wieder wie sonst. Sein früheres Aussehen, seine Haltung, seine gewohnten angenehmen Eigentümlichkeiten in Sprache und Benehmen kehrten zurück, und in jeder Hinsicht wurde er wieder der frühere bestrickende Jonas. Als sie nach Hause fuhren, und ganz besonders, als sie dort anlangten und die Entdeckung machten, daß Licht und Luft durch die offenen Fenster hereinströmten, da fühlte sich Mr. Pecksniff so vollkommen überzeugt, Jonas sei ganz wieder der alte wie vor einer Woche, daß er freiwillig seine inzwischen erworbene Machtstellung aufgab und ohne einen Versuch, sie noch weiter zu behaupten, seine Stellung als milder und ergebener Gast wieder annahm. Mrs. Gamp kehrte zu dem Vogelhändler zurück und wurde noch in derselben Nacht zu einer Zwillingsgeburt herausgeklopft. Mr. Mould speiste heiter im Schoße seiner Familie und verbrachte den Abend höchst vergnügt in seinem Klub. Der Leichenwagen kehrte, nachdem er einige Zeit an der Tür eines lärmenden Wirtshauses gestanden, samt den Federbüschen und den zwölf auf dem Dache sitzenden rotnasigen Leichenbestattungsgehilfen, die sich jetzt an den schmutzigen Stiften hielten, an denen zur Zeit des Prunkes Büsche zu wehen pflegten, nach seinem Schuppen zurück. Die diversen Leichendraperien wurden sorgfältig in Schränke gelegt, die feurigen Rosse verfügten sich nach der Tränke ruhig in ihren Stall, und der Doktor vergnügte sich bei einem Hochzeitsmahle mit Wein und vergaß darüber seine Geschichte, die er noch immer nicht zu Ende erzählt hatte, ganz und gar. – Kurz, alles, was von dem Gepränge übrigblieb, beschränkte sich auf die genauen Aufzeichnungen in den Büchern des Leichenbestatters. Und auch auf dem Friedhof war alles so gut wie vergessen. Die Tore wurden geschlossen, die Nacht dunkelte, und ein leichter Regen fiel auf das wuchernde Unkraut hernieder. Nur ein neuer Grabhügel, der am Tage vorher noch nicht dagewesen, war zu den übrigen hinzugekommen. Wie ein Maulwurf, der unter dem Boden fortwühlt, hatte die Zeit ein Häuflein Erde aufgeworfen, und das war alles. 20. Kapitel Die Liebe »Pecksniff«, sagte Jonas, nahm seinen Hut ab, um nachzusehen, ob sein Trauerflor in Ordnung sei, und setzte ihn, nachdem er sich davon überzeugt, wieder befriedigt auf: »Wieviel gedenken Sie Ihren Töchtern mitzugeben, wenn sie heiraten?« »Mein lieber Mr. Jonas«, rief der treffliche Vater mit sinnigem Lächeln, »welch sonderbare Frage!« »Ob jetzt sonderbar oder nicht«, brummte Jonas und warf Mr. Pecksniff einen nicht besonders gnädigen Blick zu, »entweder antworten Sie mir, oder Sie antworten mir nicht; ganz wie Sie wollen.« »Hm, so was läßt sich nicht so leicht abtun, mein lieber Freund«, entgegnete Pecksniff und legte seine Hand zärtlich auf das Knie seines Verwandten, »das kommt doch ganz auf die Umstände an. Was sollte ich ihnen geben, wie?« »Was Sie ihnen geben sollten?« fragte Jonas. »Es hängt das«, erklärte Mr. Pecksniff, »natürlich zum größten Teil von der Art der Männer ab, die sie sich wählen, mein lieber junger Freund.« Mr. Jonas war augenscheinlich sehr verblüfft und wußte nicht recht, wie fortfahren. Es war eine gute Antwort gewesen und auch eine schlaue, wie es schien, aber Schlichtheit ist eben Weisheit. »Ich mache punkto Schwiegersohn große Ansprüche«, begann Mr. Pecksniff wieder nach kurzer Pause. »Verzeihen Sie, mein lieber Mr. Jonas«, fügte er bewegt hinzu, »wenn ich sage, daß Sie mich verwöhnt, nein, geradezu wählerisch gemacht haben, und daß daher das Bild, das ich mir von einem Schwiegersohn entworfen habe, ein kapriziöses, phantastisches, ein, wenn ich es so nennen darf, prismatisch gefärbtes sein muß.« »Was soll das heißen?« brummte Jonas mit einem mißtrauischen Blick. »Sie haben gewiß ein Recht, mein lieber Freund«, flötete Mr. Pecksniff, »mich danach zu fragen. Das Herz ist nicht immer ein königliches Münzamt mit Patentprägemaschinen, daß es sein Metall gleich in Kurant umsetzen könnte. Zuweilen wirft es seine Schätze in gar seltsamen Formen aus, die vielleicht nicht so leicht als Münze erkannt werden, aber echtes Gold sind sie doch. Sie, nämlich meine Töchter, sie haben unzweifelhaft dieses Verdienst und sind echtes, gediegenes Gold.« »Wirklich?« murmelte Jonas mit bedenklichem Kopfschütteln. »Ja«, bestätigte Mr. Pecksniff und wurde sichtlich wärmer, »es ist so. Und um offen gegen Sie zu sein, Mr. Jonas, wenn ich zwei solche Schwiegersöhne finden könnte, wie Sie einen abgeben würden, und zwar einem verdienstvollen Schwiegervater gegenüber, der imstande ist, einen Charakter wie den Ihrigen zu würdigen, so würde ich, ohne die geringste Rücksicht auf mich selbst zu nehmen, meinen Töchtern eine Mitgift auswerfen, so weit – es meine Mittel nur irgend erlauben.« Das war gewiß herzhaft gesprochen, aber bei einem Manne wie Mr. Pecksniff, der Jonas von Grund aus kannte, nicht weiter wunderbar. Um so weniger, als seine Lippen auch im gewöhnlichen Leben von Beredsamkeit überflössen. Mr. Jonas blieb stumm und betrachtete gedankenvoll die Aussicht, die sich von der Kutsche aus, in der sie saßen, seinem Auge entrollte. Er begleitete nämlich Mr. Pecksniff nach dessen Heimat, um sich von seinen Kümmernissen für ein paar Tage durch Ortswechsel und Luftveränderung zu erholen. »Na«, sagte er endlich mit liebenswürdiger Derbheit, »angenommen, Sie bekämen einen Schwiegersohn wie mich, was dann?« Mr. Pecksniff betrachtete ihn anfangs eine Zeitlang mit ununterdrückbarer Überraschung, dann brach er allmählich in eine Art demütiger Lebhaftigkeit aus und rief: »Dann wüßte ich wohl, wessen Gatte er sein würde.« »Na also wessen?« »Meiner Ältesten, Mr. Jonas«, versetzte Pecksniff mit einer Träne im Auge. »Meiner teuern Cherry, meines Stabes und meiner Stütze. Meines Schatzes, Mr. Jonas! Es wäre ein harter Kampf für mich, aber es läge in der Natur der Dinge. Einmal muß ich sie ja doch einem Fremden abtreten. Ich weiß es, mein teurer Freund, und bin darauf vorbereitet.« »Sapperment, hübsch lange müssen Sie da schon darauf vorbereitet sein, sollte ich meinen«, brummte Jonas. »Viele haben um sie angehalten«, klagte Mr. Pecksniff, »aber allen hat sie einen Korb gegeben. – ›Ich will lieber ledig bleiben›, das waren ihre Worte, ›als eine Vernunftehe schließen.‹ Sie ist übrigens in der letzten Zeit nicht ganz so fröhlich gewesen wie sonst; ich kann mir nicht erklären, warum.« Abermals blickte Mr. Jonas auf die Gegend, dann auf den Kutscher, nach dem Gepäck auf dem Dach und schließlich auf Mr. Pecksniff. »Ich denke, Sie werden sich wohl bald von der ›anderen‹ trennen müssen«, bemerkte er mit einem lauernden Blick. »Oh, wahrscheinlich«, rief Mr. Pecksniff. »Die Zeit wird die Wildheit meines lustigen Vögleins schon zähmen. Und dann wird es in einen Käfig müssen. – Aber Cherry, Mr. Jonas, Cherry –« »Na, die Zeit«, unterbrach ihn Jonas, »die Zeit hat sie nachgerade schon genug gebändigt, daran ist wohl kein Zweifel. Aber Sie antworten nicht auf meine Frage. Übrigens, wenn Sie nicht wollen, so lassen Sie's bleiben. Sie müssen am besten wissen, was Sie zu tun haben.« Die Verdrossenheit, die in diesen Worten lag, erinnerte Mr. Pecksniff daran, daß mit seinem »lieben Freunde« nicht zu spaßen war und er ihm entweder offen antworten oder geradeheraus zu verstehen geben müsse, er wolle ihn über das fragliche Thema nicht näher unterrichten. Gleichzeitig erinnerte er sich in diesem Dilemma an die Warnung, die ihm der alte Anthony sozusagen mit seinem letzten Atemzuge gegeben, und er entschloß sich daher zu sprechen. Er erklärte also Mr. Jonas, indem er zugleich diese Mitteilung als einen Beweis seiner großen Anhänglichkeit und seines Vertrauens hinstellte, daß in dem Falle, daß ein Mann wie Mr. Chuzzlewit junior um die Hand einer seiner Töchter anhielte, er dieser eine Mitgift von viertausend Pfund auswerfen wolle. »Ich würde mir damit ungemein ins Fleisch schneiden und mich sehr einschränken müssen, um soviel aufzubringen«, bemerkte er offenherzig, »aber ich hielte es für meine Pflicht, und mein innerer Lohn wäre das Bewußtsein, richtig gehandelt zu haben. Mein Gewissen ist meine Bank. Ich habe eine Kleinigkeit darin angelegt – eine bloße Kleinigkeit, Mr. Jonas –, aber für mich ist es ein Schatz, das kann ich Ihnen versichern.« Die Feinde des wackern Mannes hätten hier wahrscheinlich zweierlei Meinungen geäußert. Die einen würden ohne Bedenken behauptet haben, wenn Mr. Pecksniffs Gewissen seine Bank sei, so müsse das Debet in seinem Konto das Haben unermeßlich übersteigen. Die anderen hätten vermutlich gesagt, seine Behauptung sei eine bloße poetische Phrase, unter der man ein vollkommen leeres Buch zu verstehen habe, in dem die Eintragungen mit sympathetischer, also erst unter gewissen Umständen und in unbestimmter Zeit lesbarer Tinte gemacht würden. »Es käme mir höchst sauer an, mein lieber Freund«, wiederholte Mr. Pecksniff, »aber die Vorsehung – ich darf vielleicht sagen, eine ganz besondere Vorsehung – hat mein Streben gesegnet, und ich könnte es vielleicht sogar vor mir selbst verantworten, ein derartiges Opfer zu bringen.« Auch hier hätten die Widersacher des trefflichen Mannes gewiß wieder so mancherlei bemängelt und seltsame Ansichten aufgestellt, aber Mr. Jonas, der nicht gewohnt war, seinen Geist mit Theorien zu belasten, behielt seine Meinung für sich. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper dazu und verharrte mindestens eine Viertelstunde in seiner Schweigsamkeit, wie es schien, emsig beschäftigt, im Geiste allerhand Zahlen zu addieren, miteinander zu multiplizieren und anderen mathematischen Operationen zu unterwerfen. Das Ergebnis mußte schließlich ganz günstig ausgefallen sein, für ihn wenigstens, denn als er das Schweigen brach, geschah es mit der Miene eines Mannes, der zu einem festen Resultat gelangt ist und sich aus einem Zustand bedrückender Ungewißheit herausgearbeitet hat. »Na, alter Pecksniff«, fragte er aufgeräumt am Ende der Station und klopfte dem würdigen Architekten burschikos auf den Rücken, »wollen wir jetzt was zu uns nehmen?« »Von Herzen gern«, rief Mr. Pecksniff. »Auch der Kutscher sollte sich was geben lassen.« »Wenn Sie überzeugt sind, es schadet dem Manne nichts oder könne ihn unzufrieden mit seiner Stellung machen – gewiß«, stotterte Mr. Pecksniff. Jonas lachte nur, stieg von dem Kutschendach herunter und vollführte auf der Straße eine Art grotesken Bocksprung. Sodann verfügte er sich in das Wirtshaus und bestellte so viele geistige Getränke, daß Mr. Pecksniff schon ein Bedenken anwandelte, ob er auch wirklich bei Sinnen sei. Erst als der Kutscher wieder zum Aufbruch mahnte, ging ihm ein Licht auf, denn Jonas sagte: »Ich habe Sie eine ganze Woche und noch länger regulieren müssen, und Sie haben mit den feinsten Leckerbissen, die die Jahreszeit bietet, gerade nicht gespart. Ich dächte, diesmal könnten Sie zahlen, Pecksniff.« Und das war auch durchaus kein Scherz, wie Mr. Pecksniff einen Augenblick lang gewähnt hatte, denn Jonas stieg ohne weitere Umstände wieder aufs Dach der Kutsche und überließ es seinem Schwiegervater in spe, die Zeche zu bezahlen. Doch Mr. Pecksniff war ein sanfter Dulder und Jonas doch sein Freund. Überdies stützte sich seine Zuneigung zu ihm auf die felsenfeste Überzeugung von der Vortrefflichkeit seines Charakters. Mit lächelndem Gesicht kam er daher aus dem Wirtshause nach und ging sogar so weit, eine gleiche Freigebigkeit in allerdings weniger kostspieligem Maßstab bei dem nächsten Bierhause in Aussicht zu stellen. Es lag jetzt eine gewisse, ihm sonst ganz und gar nicht eigentümliche Wildheit in Mr. Jonas' Betragen, und er benahm sich während der Weiterreise so übermütig, so ausgelassen, man kann fast sagen, so unbändig, daß der würdige Architekt große Mühe hatte, ihm gegenüber sein seelisches Gleichgewicht zu bewahren. Am Ziel ihrer Reise wurden sie nicht erwartet, wie man vielleicht hätte glauben dürfen. Mr. Pecksniff hatte nämlich in London den Vorschlag gemacht, den Mädchen eine Überraschung zu bereiten, und daher kein Wort nach Hause geschrieben. Er und Mr. Jonas konnten sie also unversehens überraschen und Zeugen ihres herzigen Treibens sein, wenn sie plötzlich ins Zimmer träten. Infolge dieses findigen Kunstgriffes kam ihnen natürlich niemand an den Wegweiser entgegen, aber das hatte hinsichtlich Bequemlichkeit auch weiter nichts zu sagen, denn Mr. Pecksniff hatte nur einen Mantelsack bei sich, während das Gepäck Mr. Jonas' lediglich aus einem kleinen Lederkoffer bestand. Sie trugen die geringe Last zu zweit und gingen ohne Zögern den Feldweg hinauf – Mr. Pecksniff bereits auf den Zehen, als ob ohne diese Vorsichtsmaßregel seine beiden lieben Töchterlein ein kindliches Vorgefühl von seiner Annäherung anwandeln könnte. Es war ein lieblicher Frühjahrsabend, und die sanfte Stille des Zwielichts verbreitete eine tiefe Ruhe über die ganze Natur. Der Tag hatte schön und warm eingesetzt, aber mit dem Eintreten der Nacht wurde die Luft kühl. In der Ferne erhoben sich leichte Rauchwolken aus den Schornsteinen der Häuser, der Duft jungen Laubes und frischer Knospen erfüllte die Luft, der Kuckuck, der den ganzen Tag über gerufen, war bereits verstummt, und der Geruch frisch geackerter Erdschollen fächelte erfrischend das Land im Abendwind. Es war die Stunde, wo die meisten Menschen gute Entschlüsse fassen und sich um eine vergeudete Vergangenheit grämen – wo sie, die wachsenden Schatten betrachtend, an den Abend denken, der kommen muß, und an jenes Morgenrot, das das letzte sein wird. »Verflucht langweilige Gegend«, knurrte Jonas und sah sich um. »Tiefsinnig könnte einer dabei werden.« »Wir werden bald Licht und ein warmes Kaminfeuer haben«, tröstete Mr. Pecksniff. »Werden's auch sehr nötig haben, wenn wir ankommen. Warum, zum Teufel, sprechen Sie denn kein Wort? Woran denken Sie eigentlich?« »Die Wahrheit zu gestehen, Mr. Jonas«, sagte Pecksniff feierlich, »mein Geist weilte in diesem Augenblick bei unserm lieben, unvergeßlichen Verwandten, Ihrem hingeschiedenen Vater.« Erschreckt ließ Jonas seinen Koffer fallen und rief, die Hand drohend erhoben: »Lassen Sie das, Pecksniff!« Mr. Pecksniff, der nicht verstand, ob die Worte sich auf den Mantelsack oder etwas anderes bezogen, starrte seinen Begleiter mit ungeheucheltem Erstaunen an. »Lassen Sie das, sag ich«, rief Jonas wild. »Hören Sie! Lassen Sie das jetzt! Jetzt und für immer! Es ist besser, ich sage Ihnen gleich jetzt, daß ich es nicht haben will.« »Es geschah aus Unüberlegtheit«, entschuldigte sich Pecksniff betroffen, »ich gebe zu, es war töricht, ich hätte wissen müssen, daß ich damit eine zarte Saite in Ihnen berühre.« »Faseln Sie nicht von zarten Saiten«, schrie Jonas und wischte sich die Stirne mit dem Rockärmel ab. »Ich bin nicht der Mann dazu, sich von Ihnen verhöhnen zu lassen, bloß weil mir die Gesellschaft des Toten nicht paßt.« Mr. Pecksniff hatte kaum betroffen die Worte nachgestammelt: »Verhöhnen, Mr. Jonas!«, als ihm der junge Mann mit finsterer Miene wieder ins Wort fiel: »Merken Sie sich das! Ich verbitte es mir. Ich rate Ihnen, das Thema nicht wieder zur Sprache zu bringen. Weder mir gegenüber noch sonstwo. Merken Sie sich das gefälligst! Aber jetzt genug davon. Kommen Sie!« Mit diesen Worten faßte er wieder den Koffergriff und eilte so schnell vorwärts, daß Mr. Pecksniff am anderen Ende des Gepäcks in höchst unziemlicher Weise nachgeschleppt wurde, zum größten Schaden seiner Schienbeine, die ununterbrochen und unbarmherzig mit dem harten Leder und den eisernen Schnallen in Berührung kamen. Nach einigen Minuten mäßigte Jonas glücklicherweise seine Eile und ließ ihn gleichen Schritt halten. Es lag auf der Hand, daß er seine Heftigkeit bereute und auch hinsichtlich deren Wirkung auf Mr. Pecksniff sich nicht ganz sicher fühlte, denn sooft dieser nach ihm hinblickte, kam er sichtlich in Verlegenheit. Gleich darauf jedoch begann er zu pfeifen. Mr. Pecksniff stimmte summend in die fröhliche Melodie ein. »Haben wir noch weit?« fragte Jonas, nachdem sie sich eine Weile in dieser Weise erbaut hatten. »Wir sind ganz in der Nähe, mein teurer Freund«, antwortete Mr. Pecksniff. »Was machen Ihrer Meinung nach die Mädels wohl jetzt?« »Das kann ich unmöglich sagen«, versetzte Mr. Pecksniff. »Sie sind doch immer auf den Beinen. Sind vielleicht gar nicht zu Haus. Ich wollte, hi, hi, hi, ich wollte eben den Vorschlag machen, durch die Hintertüre ins Haus zu gehen, um sie zu überraschen, Jonas.« Der Vorschlag fand Beifall, und so stahlen sie sich in den Hühnerhof und gingen sachte auf das Küchenfenster zu, durch das der Schein von Kaminfeuer und Kerzenlicht in die dunkle Nacht hinausleuchtete. Wiederum zeigte sich, wie gesegnet Mr. Pecksniff an seinen Kindern war, jedenfalls an einem derselben. Die kluge Cherry, der Stab, die Stütze und der Schatz ihres sie anbetenden Vaters, saß nämlich an einem kleinen Tisch so weiß wie neugefallener Schnee vor dem Küchenfeuer und schrieb Rechnungen aus. Es war ein entzückender Anblick, wie die liebliche Jungfrau, die Feder in der Hand, den berechnenden Blick zur Decke emporgeschlagen und einen Schlüsselbund in einem kleinen Körbchen neben sich, mit dem Haushaltungsbuch zu Rate ging. Von dem blitzenden Bügeleisen, den Schüsseldeckeln und der Wärmflasche, vom Kochtopf, dem Dreifuß und dem metallenen Kessel glitzerte und glühte der Widerschein des Lichtes beifällige Blicke auf sie herab, und sogar die Zwiebeln, von dem Deckenbalken herniederhängend, glänzten wie Cherubswangen. Irgend etwas von dem Einfluß dieser Vegetabilien schien sich in Mr. Pecksniffs Wesen zu senken, denn: er weinte! Aber nur für einen Augenblick. Dann verbarg er sorgfältig sein Gefühl vor der Beobachtung seines Freundes in seinem Innern und machte einen etwas gezierten Gebrauch von seinem Taschentuche. »Das Herz geht einem auf bei diesem Anblick«, murmelte er. »Oh, mein geliebtes Mädchen! Sollen wir ihr verraten, Mr. Jonas, daß wir hier sind?« »Es wird wohl nichts anderes übrigbleiben«, entgegnete dieser, »außer Sie wollen den Abend im Stall oder in der Kutschenremise zubringen.« »Nein, nein, für eine solche Art Gastfreundschaft sind Sie mir denn doch zu kostbar, mein Freund«, rief Mr. Pecksniff. Dann holte er tief Atem, klopfte an das Fenster und rief mit Stentorstimme: »Buh!« Cherry ließ die Feder fallen und schrie laut auf. Aber ein unschuldiges Herz ist immer kühn oder sollte es wenigstens sein. Mutig öffnete sie die Tür und rief mit fester Stimme und der Geistesgegenwart, die sie sogar in kritischen Augenblicken nie verließ: »Wer da! Wer da! Was wollen Sie! Sprechen Sie, oder ich rufe meinen Pa –« Mr. Pecksniff breitete die Arme aus; im Augenblick erkannte ihn Cherry und warf sich an seine Brust. »Es war unüberlegt von uns, Mr. Jonas! Sogar sehr unüberlegt«, sagte Mr. Pecksniff und streichelte seiner Tochter liebevoll das Haar. »Mein Liebling, du siehst, daß ich nicht allein bin.« Nein, sie hatte es bis jetzt noch nicht gesehen – hatte nur ihren Vater gesehen. Doch jetzt erblickte sie auch Mr. Jonas. Errötend senkte sie das Köpfchen und hieß ihn willkommen. »Aber wo ist Gratia?« Mr. Pecksniff fragte nicht im Tone des Vorwurfs nach ihr, sondern nur mit Milde und einem leichten Anflug von Kummer. Sie lag droben auf dem Kanapee des Wohnzimmers und las. Ach! Für sie hatten häusliche Angelegenheiten keinen Reiz. »Rufe sie herunter«, sagte Mr. Pecksniff sanft und ergeben. »Rufe sie herunter, mein Kind.« Gratia wurde gerufen und kam verwirrt und mit zerknitterten Kleidern, da sie auf dem Sofa gelegen, sah aber deshalb nicht weniger vorteilhaft aus. Durchaus nicht, vielleicht sogar noch berückender. »Ach, du lieber Gott!« rief das schalkhafte Kind, küßte ihren Vater auf beide Wangen und wendete sich dann zu ihrem Vetter. »Sie auch hier, Sie Ekel? Gott sei Dank, daß Sie wenigstens nicht meinetwegen gekommen sind!« »Aha, immer noch so lebhaft wie sonst«, krächzte Jonas. »Ach, Sie Bosnickel!« »Nichts da! Fort!« rief Gratia und drängte ihn zurück. »Zum Glück werde ich Sie nicht viel zu sehen kriegen. Aber jetzt marsch, um Himmels willen!« Da Mr. Pecksniff mit der Bitte dazwischen trat, Mr. Jonas möge gleich mit hinaufkommen, gehorchte der junge Mann dem Wunsch des Mädchens so weit, daß er ging. Trotzdem er dabei die schöne Cherry am Arme führte, konnte er doch nicht umhin, nach ihrer Schwester zu schielen und mit ihr, während sie die Treppe hinaufgingen, seine Schäkereien fortzusetzen. Im Zimmer oben angekommen, setzten sich alle vier nieder, und da die Mädchen sich glücklicherweise gerade heute etwas verspätet hatten, wurde in diesem Augenblick »zufällig« der Tee aufgetragen. Mr. Pinch war nicht zu Hause, und so konnten sie ungestört beisammen sein und traulich miteinander plaudern. Jonas saß zwischen den beiden Schwestern und entwickelte seine Galanterie in der ihm eigentümlichen bestrickenden Weise. Es sei eine schwere Zumutung, sagte Mr. Pecksniff, als der Tee abgetragen wurde, eine so angenehme kleine Gesellschaft zu verlassen, da er aber auf seinem Zimmer einige wichtige Dokumente durchzusehen habe, so müsse er sich für eine halbe Stunde entschuldigen. Damit entfernte er sich und trällerte im Gehen ein Liedchen vor sich hin. Er war noch keine fünf Minuten fort, als Gratia, die abseits von ihrer Schwester am Fenster gesessen hatte, in ein halb unterdrücktes Lachen ausbrach und zur Türe eilte. »Hallo!« rief Jonas. »Sie dürfen nicht weggehen!« »Warum denn nicht?« fragte Gratia, stehenbleibend. »Liegt Ihnen denn so viel daran, Sie Ekel, daß ich hier bleibe?« »Allerdings«, sagte Jonas, »ich gebe Ihnen sogar mein Wort darauf. – Ich muß mit Ihnen sprechen.« Da sie trotzdem das Zimmer verließ, eilte er ihr nach und brachte sie nach einem kurzen Kampf, worüber sich Miss Cherry gewaltig ärgerte, wieder zurück. »Wahrhaftig, Gratia«, verwies Charitas streng, »ich kann mich nicht genug über dich wundern. Auch die Abgeschmacktheit hat ihre Grenzen, meine Liebe.« »Ich danke dir, mein Herzchen«, flötete Gratia süß und warf ihre Rosenlippen auf, »ich bin dir ungemein verbunden für deinen liebenswürdigen Rat. – Aber lassen Sie mich jetzt gehen, Sie Scheusal.« Diese neuerliche sanfte Bitte wurde ihr durch ein abermaliges zärtliches Manöver von Mr. Jonas abgerungen, der sie, atemlos, wie sie war, neben sich auf das Sofa zwang, so daß er jetzt zwischen die beiden Schwestern zu sitzen kam. »Nun«, sagte er und faßte jede der beiden um die Taille, »jetzt habe ich beide Arme voll, was?« »Einer davon wird morgen braun und blau sein, wenn Sie mich nicht loslassen«, warnte Gratia. »Oho! Aus Ihrem Zwicken mache ich mir gar nichts«, spöttelte Jonas. »Zwick ihn für mich, bitte!« rief Gratia. »Ich habe noch nie jemanden so gehaßt wie dieses Scheusal hier. Wirklich nicht.« »Nein, nein, sagen Sie das nicht«, bat Jonas, »und lassen Sie jetzt beide das Zwicken. Ich habe im Ernst mit euch zu sprechen. Ich sage – Cousine Cherry –« »Nun, was denn?« fragte Charitas spitzig. »Ich muß ernsthaft mit Euch reden«, erklärte Jonas. »Es darf hier kein Mißverständnis herrschen. Ich wünsche, daß alles in Ordnung vor sich geht. Das ist doch wünschenswert für alle Teile, was?« Die beiden jungen Damen hielten den Atem an. Mr. Jonas schwieg eine Weile und räusperte sich dann beklommen. »Sie wird nicht glauben wollen, was ich sage; was, Cousine?« begann er wieder und drückte Cherry schüchtern an sich. »Aber Mr. Jonas, wie kann ich denn das wissen, bevor ich gehört habe, um was es sich handelt. Das ist doch ganz unmöglich«, sagte Miss Charitas. »Nun, sehen Sie«, sagte Jonas stockend. »Ihre Art ist, sich immer über die Leute lustig zu machen. Ich weiß, sie wird auch jetzt gleich wieder loslachen oder wenigstens so tun. Ich weiß das im voraus. Aber Sie können ihr doch sagen, daß ich's im Ernst meine, Cousine. Was? Sie müssen zugeben, daß es so ist. Nicht? – Wenn Sie ehrlich sind«, setzte er überredend hinzu. Keine Antwort! Seine Kehle schien immer trockener zu werden und seine Zunge ihren Dienst zu versagen. »Sehen Sie, Cousine Charitas«, fing er wieder an, »niemand als Sie kann bezeugen, was ich mir für Mühe gegeben habe, mit ihr beisammen zu sein, damals, als Sie beide in der Pension in London waren. Bei Todgers'. Sie müssen mir bestätigen, wie angelegen ich es mir sein ließ, mit Ihnen näher bekannt zu werden, um auch sie kennenzulernen, ohne daß es den Anschein gewann, als sei dies meine Absicht. Ich habe Sie immer nach ihr gefragt und wohin sie gegangen sei, wann sie komme, warum sie so lebhaft sei, und alles das. Ist's nicht so, Cousine? Ich weiß, Sie werden's ihr sagen – wenn Sie es nicht schon getan haben – und – und – ich wette, Sie haben's schon getan; denn ich weiß, wie ehrlich Sie sind, was?« Immer noch kein Wort. Der rechte Arm von Mr. Jonas – die ältere Schwester saß zu seiner Rechten – hätte ein gewisses ungestümes Pochen empfinden können, das von ihrem Pulse herrührte, aber sonst verriet Charitas nicht, daß seine Rede auch nur die mindeste Wirkung auf sie ausgeübt hätte. »Aber wenn Sie's auch für sich behalten und ihr nichts davon gesagt haben«, nahm Jonas seine Rede wieder auf, »so liegt nichts daran, weil Sie mir's ja jetzt ehrlich bestätigen können. Was? – Wir sind von Anfang an die besten Freunde gewesen, oder nicht? Und wir werden's natürlich auch in Zukunft bleiben, und deshalb spreche ich auch ganz frei von der Leber weg. – Cousine Gratia, Sie haben gehört, was ich sagte. Sie wird es bestätigen, jedes Wort – also: Wollen Sie mich zum Mann oder nicht?« Als Jonas bei diesen Worten Charitas losließ, um seine Frage mit besserm Nachdruck anbringen zu können, sprang diese auf und eilte nach ihrem Zimmer, dabei so leidenschaftliche und unzusammenhängende Töne hervorstoßend, wie sie nur einem verschmähten Weibe im Zorne möglich sind. »Lassen Sie mich los – ich muß ihr nach –« rief Gratia, stieß Jonas zurück und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. »Nicht, bis Sie ›ja‹ sagen – Sie haben mir noch nicht geantwortet. Wollen Sie mich zum Manne haben?« »Nein. Ich will nicht. Nicht sehen kann ich Sie, das habe ich Ihnen schon hundertmal gesagt. Sie sind eine abscheuliche Vogelscheuche, und außerdem habe ich immer gedacht, Sie hätten's auf meine Schwester abgesehen. Wir alle waren dieser Meinung.« »Das ist doch nicht meine Schuld«, stotterte Jonas. »Freilich ist's Ihre Schuld, wessen denn?« »In der Liebe sind alle Kunstgriffe erlaubt«, versetzte Jonas. »Es ist ja möglich, daß sie geglaubt hat, ich hätte es auf sie abgesehen, aber Sie wußten doch, daß es nicht so ist.« »Nein!« »Ja, Sie haben es gewußt! Sie können doch nicht geglaubt haben, daß sie mir gefiele!« »Über Geschmack läßt sich nicht streiten«, wich Gratia geschickt aus. »jedenfalls will ich nichts darüber sagen. Übrigens weiß ich nicht, was ich weiter hier sollte. Lassen Sie mich, ich muß zu ihr!« »Sagen Sie ›ja‹, und ich lasse Sie sofort los!« »Wenn ich das je über mich gewinnen könnte, so geschähe es bloß, um Sie mein ganzes Leben über hassen und plagen zu können.« »Das ist so gut wie ein Jawort! Also die Sache ist abgemacht, Cousine! Wenn's je ein Paar gegeben hat, das zusammenpaßt, so sind wir's.« Auf diese galante Rede folgte wieder ein wirres Getöse von Küssen und Ohrfeigengeklatsch, und dann riß sich die schöne, aber jetzt ziemlich zerzauste Gratia los und eilte ihrer Schwester nach. Daß ein Ehrenmann wie Mr. Pecksniff an der Türe gehorcht haben könnte, ist ausgeschlossen, und so läßt sich daher vermuten, daß er, von einem Scharfsinn wie eben nur dem seinigen geleitet, durch eine Art seelischer Inspiration erriet, wie die Sache stand, möglich aber auch, daß ihn der pure Zufall gerade zur richtigen Zeit an den Ort hinführte – was bei der besondern Obhut der Vorsehung, unter der er stand, recht gut denkbar war –, jedenfalls erschien er in demselben Augenblick an der Türe, als die beiden Schwestern zusammentrafen. Es war ein wunderbarer Gegensatz. Die Mädchen so erhitzt, lärmend und ungestüm, und er so ruhig, so kühl, so besonnen, so voller Friede, daß sich nicht ein Härchen auf seinem Kopfe rührte. »Kinder«, sagte er, schloß vorsichtig die Türe, stellte sich mit dem Rücken dagegen und schlug dann verwundert die Hände zusammen. »Mädchen, liebe Kinder, was soll das?« »Der Elende! Der Treulose! Der falsche gemeine abscheuliche Schuft! Vor meinen Augen hat er Gratia um ihre Hand gebeten!« lautete die Antwort der ältern Tochter. »Wer hat Gratia um ihre Hand gebeten?« fragte Mr. Pecksniff außer sich vor Erstaunen. »Er! Dieses Scheusal! Dieser Jonas unten!« »Jonas hat Gratia einen Antrag gemacht?« fragte Mr. Pecksniff. »Ja, was hör ich!« »Sonst hast du nichts zu sagen?« schrie Charitas. »Soll ich vielleicht verrückt werden, Papa? Gratia, nicht mir hat er einen Antrag gemacht!« »O pfui, pfui, schäme dich!« rief Mr. Pecksniff würdevoll. »Pfui, schäme dich! Kann der Triumph deiner Schwester dich zu so einem schrecklichen Ausbruch reizen, mein Kind? Oh, traurig! traurig! Es betrübt mich, es befremdet und verletzt mich, dich in solcher Stimmung zu sehen! – Gratia, mein Kind, Gottes Segen auf dein Haupt! Sieh nach ihr! Oh, oh, welch böse, böse Herzenseigenschaft!« Und tief aufseufzend verließ er die Stube, abermals sorgsam die Türe hinter sich zumachend, und eilte schnell ins Wohnzimmer. Dort fand er seinen zukünftigen Schwiegersohn und streckte ihm beide Hände entgegen. »Jonas!« rief er. »Jonas, der teuerste Wunsch meines Herzens ist erfüllt!« »Na ja, schon gut. Freut mich zu hören«, versetzte Jonas. »Schon recht. – Aber wie wär's, wo Sie schon die ›andere‹ nicht so besonders mögen, daß Sie da noch mit einem fünften Tausender herausrückten? Sie müssen ungrad grad sein lassen. Bedenken Sie, Sie können ja Ihren Augapfel jetzt zu Hause behalten! Sie kommen billig dabei weg und brauchen kein Opfer zu bringen.« Das Grinsen, mit dem der liebenswürdige junge Mann diese Worte begleitete, ließ ihn zusammen mit seinen übrigen Reizen und Eigentümlichkeiten in so vorteilhaftem Licht erscheinen, daß sogar Mr. Pecksniff für den Augenblick ganz seine Geistesgegenwart verlor und ihn wie versteinert vor Erstaunen anstarrte. Bald jedoch gewann er seine Fassung wieder und war eben im Begriff, eine ausweichende Antwort zu geben, als sich draußen laute Fußtritte vernehmen ließen und Tom Pinch in großer Aufregung ins Zimmer stürzte, dann, als er bemerkte, daß Mr. Pecksniff mit einem Fremden in einem Privatgespräch begriffen sei, plötzlich sehr verwirrt dreinsah, aber immer noch mit einem Gesicht, als habe er etwas sehr Wichtiges mitzuteilen. »Mr. Pinch!« rief Pecksniff erregt. »Ihr Benehmen ist schwerlich anständig zu nennen. Sie müssen entschuldigen, daß ich Ihnen das so geradeheraus sage, aber ich denke wirklich, ein solches Benehmen ist kaum anständig zu nennen.« »Ich bitte um Entschuldigung, Sir, daß ich nicht angeklopft habe«, stotterte Tom. »Bitten Sie lieber diesen Herrn um Verzeihung, Mr. Pinch«, rief Pecksniff. »Ich kenne Sie ja, aber bei ihm ist das nicht der Fall. – Erlauben Sie, Mr. Jonas, daß ich Ihnen meinen jungen Famulus, Mr. Pinch, vorstelle!« Der Schwiegersohn in spe nickte leicht mit dem Kopf, wenn auch nicht gerade geringschätzig oder verächtlich, wie sonst in solchen Fällen, denn er war in ziemlich guter Stimmung. »Erlauben Sie, könnte ich nicht ein Wort mit Ihnen sprechen, Sir?« fragte Tom atemlos. »Es handelt sich um etwas sehr Dringendes.« »Nur etwas sehr Dringendes kann auch Ihr sonderbares Vorgehen rechtfertigen, Mr. Pinch«, sagte Mr. Pecksniff. »Bitte entschuldigen Sie mich einen Augenblick, mein teurer Freund. – Nun, Sir, was ist der Grund dieses ungeschlachten Benehmens?« »Wirklich, es tut mir sehr leid«, stammelte Tom, als er, die Mütze in der Hand, im Hausflur seinem Herrn und Gebieter gegenüberstand, »und ich weiß, es muß sehr ungeschlacht ausgesehen haben.« »Allerdings hat es das, Mr. Pinch.« »Ja, ja, ich fühle das, Sir. Aber, offen gestanden, war ich so überrascht, Sie zu sehen – und ich wußte, daß Sie es auch sein würden, Mr. Pecksniff –, daß ich, so schnell ich konnte, nach Hause eilte. Ich wußte kaum mehr, wo mir der Kopf stand und was ich tat. Ich war eben in der Kirche, Sir, und spielte zu meinem Vergnügen die Orgel, als ich mich zufällig umsah und bemerkte, daß ein Herr und eine Dame im Mittelgang standen und zuhorchten. Soviel ich in der Dunkelheit unterscheiden konnte, schienen es Fremde zu sein, und ich dachte schon, ich kennte sie nicht. Ich hörte daher auf und fragte sie, ob sie nicht nach der Orgelgalerie hinaufspazieren oder einen Sitz einnehmen möchten. Sie lehnten das ab, dankten mir aber für die Musik, die sie gehört hatten. Sie – sie –« bemerkte Tom errötend – »sie nannten es sogar eine köstliche Musik, wenigstens sie tat es. Und wirklich, das war eine größere Ehre und Freude für mich als alle Komplimente, die man mir hätte machen können. Ich – ich – ich bitte um Verzeihung, Sir –« er bebte dabei am ganzen Körper und ließ schon zum zweitenmal seinen Hut fallen. »Aber ich – bin etwas verwirrt und fürchte, daß ich vom Thema abgekommen bin.« »Wenn Sie darauf zurückkommen wollen«, entgegnete Mr. Pecksniff eisig, »so werden Sie mich damit sehr verbinden.« »Ja, Sir, gewiß, Sir«, stotterte Tom. »Sie hatten einen Wagen am Portal stehen, Sir, und hatten nur haltgemacht, um das Orgelspiel zu hören, wie sie sagten. Und dann sagten sie – ich meine sie sagte: ›Ich glaube, Sie wohnen bei Mr. Pecksniff?‹ Ich erwiderte, ich hätte diese Ehre, und nahm mir dann die Freiheit, Sir«, fügte er hinzu und erhob die Augen schüchtern zu dem Antlitz seines Wohltäters, »hervorzuheben, daß ich – was ich mit Ihrer gütigen Erlaubnis immer hervorheben werde und muß – daß ich große Verpflichtungen gegen Sie habe und meinen Dank dafür nie genügend werde ausdrücken können.« »Das«, versetzte Pecksniff streng, »war sehr sehr unrecht. Sie hätten sich dazu einen bessern Zeitpunkt wählen müssen, Mr. Pinch.« »Ich danke Ihnen, Sir«, hauchte Tom, »und dann fragten Sie mich – nämlich sie fragte mich –, ob es nicht einen Seitenweg zu Mr. Pecksniffs Hause gebe.« Mr. Pecksniff horchte plötzlich auf. »Einen Nebenweg, so daß man nicht an dem Drachen vorbei müßte. Ich bejahte und sagte, ich würde mich glücklich schätzen, ihnen denselben zeigen zu können. Sie schickten nun den Wagen auf der Straße weiter und kamen mit mir über die Wiesen her. Hierher. Ich verließ sie beim Wegweiser, um vorauszueilen und Ihnen mitzuteilen, daß sie kämen und gleich hier sein würden. – – In weniger als einer Minute«, fügte Tom tief aufatmend hinzu. »Hm«, brummte Mr. Pecksniff nachsinnend. »Wer können wohl die Leute sein?« »Gott steh uns bei, Sir!« rief Tom. »Ich dachte, ich hätte Ihnen dies gleich anfangs gesagt. Ich habe sie erkannt – ich meine die Dame –, und zwar sofort. Der Gentleman, Sir, ist derselbe, der im letzten Winter im Drachen krank lag, und die junge Dame ist seine Begleiterin.« Tom klapperten die Zähne; vor Entsetzen wäre er beinah in die Erde gesunken, als er die außerordentliche Wirkung bemerkte, die diese Worte plötzlich auf Mr. Pecksniff ausübten. Die Furcht, die Gunst des alten Mr. Chuzzlewit fast ebenso schnell, als er sie gewonnen, bloß durch den Umstand zu verlieren, daß er Jonas im Hause hatte – dann die Unmöglichkeit, seinen Schwiegersohn in spe fortschicken, ihn einsperren oder an Händen und Füßen gebunden in einen Kohlenkeller stecken zu können, ohne ihn für alle Zeit unheilbar zu verletzen und zu kränken – ferner die schreckliche Uneinigkeit, die im Hause herrschte, und die Unmöglichkeit, zwischen der in Krämpfen liegenden Charitas, der aufs äußerste verwirrten Gratia und dem im Besuchszimmer sitzenden Jonas ein halbwegs anständiges Einvernehmen herstellen zu können – die völlige Hoffnungslosigkeit, diesen Zustand häuslicher Verwirrung bemänteln oder plausibel erklären zu können, kurz, das plötzliche Zusammentreffen aller dieser nur erdenklichen unangenehmen Verwicklungen, deren Entwirrung nur mit der Zeit möglich war, wie er glaubte, alles dies erfüllte den fassungslosen Architekten mit einem solchen Entsetzen, daß er und Tom sich gegenseitig nicht hätten mit wildern Blicken ansehen können, als wenn auf seinen Schultern ein Gorgonenhaupt gesessen hätte. »Ach Gott! Ach Gott!« jammerte Tom. »Was habe ich getan! Ich hoffte, es würde eine angenehme Überraschung für Sie sein, Sir, und meinte, Sie würden sich über diese Nachricht freuen.« In diesem Augenblick ertönte ein lautes Klopfen an der Hallentüre. 21. Kapitel Einige weitere Erfahrungen in Amerika. Martin nimmt sich einen Associé und entschließt sich zu einem Landkauf. Eden, wie es auf dem Papier aussieht. Auch etwas vom britischen Löwen Das Klopfen an Mr. Pecksniffs Türe war zwar laut genug gewesen, hielt aber doch keinen Vergleich mit dem Geräusch eines amerikanischen Eisenbahnzuges in voller Eile aus. Es wird angebracht sein, das gegenwärtige Kapitel mit diesem freimütigen Zugeständnis zu eröffnen, damit sich der Leser nicht etwa denke, die Töne, die jetzt unsere Geschichte übertäuben werden, hingen auch nur entfernt mit dem Klopfen an Mr. Pecksniffs Türe zusammen oder mit der großen Erregung, in die sein kräftiger Schall sowohl diesen Ehrenmann wie auch Mr. Pinch versetzt hatte. Mr. Pecksniffs Haus liegt jetzt mehr als tausend Meilen weit von uns entfernt, und unsere Erzählung atmet wieder die heilige Luft der amerikanischen Unabhängigkeit. Die Räder rasseln und dröhnen und die Schienen schüttern, wie der Zug über sie hinwegbraust. Aufschreit die Maschine, als würde sie gepeitscht und gequält wie ein lebender Arbeiter und winde sich in Todesqualen. Leere Einbildung! Stahl und Eisen gelten unendlich viel mehr in dieser Republik als Fleisch und Blut. Wenn man dem sinnreichen Werk der Menschenhand mehr zumutet, als es ertragen kann, so trägt es die Nemesis in sich, während das unselige Geschöpf Gottes nicht so leicht gefährlich wird und sich mißbrauchen, biegen und brechen läßt, ganz nach seiner Unterdrücker Belieben. Wie hoch steht die Maschine dagegen! Es würde jemand mehr Dollars Strafe kosten, wenn er aus Übermut diese gefühllose Metallmasse ruinierte, als wenn er zwanzig Menschenleben aufs Spiel setzte oder ausbeutete. Gleichgültig blinzeln in solchen Fällen die Sterne aus dem Banner Amerikas hernieder, und die Freiheit zieht ihre Mütze über die Augen und begrüßt die Unterdrückung in ihrer scheußlichsten Gestalt als ihre leibliche Schwester. Der Maschinist, der den Eisenbahnzug führte, quälte sich vermutlich nicht mit derartigen Betrachtungen ab, wie es überhaupt nicht wahrscheinlich war, daß er seinen Geist mit Betrachtungen irgendwelcher Art zermarterte, wenigstens lehnte er mit verschränkten Armen, überschlagenen Beinen und eine Pfeife im Munde an der Seitenwand des Waggons und sah so steinern, ruhig und gleichgültig vor sich hin, als sei seine Lokomotive weiter nichts als ein Spanferkel. Nur hin und wieder drückte er durch ein Grunzen, so kurz wie seine Pfeife, seinen Beifall über irgendein besonders geschickt getroffenes Ziel von seiten seines Kollegen, des Maschinenheizers, aus, der sich damit die Zeit vertrieb, Holzklötze aus dem Vorratswagen zu nehmen und sie nach dem neben dem Bahnkörper weidenden Vieh zu schleudern. Aber trotz der großen seelischen Ruhe und des innern Friedens dieses Beamten ging der Zug doch mit leidlicher Schnelligkeit vorwärts. Holpernd und polternd zwar, aber das mußte sein, denn die Schienen waren nur lose und schlampig gelegt. Die Lokomotive zog drei große Wagen: einen für die Damen, den zweiten für die Herren, den dritten für die Neger. Der letztere war schwarz angestrichen. Wahrscheinlich aus Hochachtung für seine Passagiere. Martin und Mark Tapley saßen in dem vordersten, weil er der bequemste war und keine Damen mitreisten. Sie saßen beide Seite an Seite und waren eifrig in ein Gespräch vertieft. »Sie sind also froh, Mark«, sagte Martin und sah seinen Begleiter ängstlich und forschend an, »daß wir New York im Rücken haben?« »Ja, Sir, das bin ich. Und zwar sehr froh.« »Es hat Ihnen also dort nicht gefallen?« »Ganz im Gegenteil, Sir; die vergnügteste Woche, die ich je in meinem Leben verbrachte, war die in Pawkins' Speisehaus.« »Und was halten Sie von unserer Zukunft?« fragte Martin mit einer Miene, die deutlich verriet, daß er dieser Frage eine Zeitlang ausgewichen war. »Ich denke sie mir ungemein glänzend, Sir«, entgegnete Mark. »Einen bessern Namen als Eden kann ein Ort auf Erden doch nicht mehr haben. Kann es etwas Gescheiteres geben, als sich in Eden anzusiedeln? Und dann hab ich mir sagen lassen«, setzte er nach einer Pause hinzu, »daß es dort massenhaft Schlangen gibt. Da kann man wenigstens Ehre einlegen.« Er war weit entfernt davon, bei der Erinnerung an diese Information auch nur das mindeste Grauen zu äußern, seine Mienen heiterten sich vielmehr auf, und zwar in einem Grade, daß der Laie hätte glauben können, er habe sich ein ganzes Leben über nach der Gesellschaft von Schlangen gesehnt und begrüße nun entzückt die nahe bevorstehende Erfüllung seiner heißesten Wünsche. »Wer hat Ihnen das gesagt?« fragte Martin finster. »Ein Offizier.« »Gott, was sind Sie doch für ein alberner Mensch«, rief Martin und brach unwillkürlich in ein herzliches Lachen aus. »Ein Offizier? Die wachsen doch hier wie Pilze aus dem Boden.« »Ja, ja, so wie die Vogelscheuchen in England, Sir«, fiel ihm Mark ins Wort. – »Die übrigens selbst eine Art von Militär sind. Ganz Rock und Weste und nur ein Stecken inwendig. Ja, ja. – Verzeihen Sie, Sir, ich kann manchmal nicht anders, ich muß fidel sein. – Also, es war einer von den Helden bei Pawkins', der mir das gesagt hat. Hab ich recht gehört, sagte er – nicht gerade durch die Nase, aber doch so, als hätte er einen Stöpsel darin – so wollen Sie nach Eden gehen? – Ja, ja, ich hab so was läuten hören, antwortete ich ihm. – Oh, sagte er, wenn Sie dort je zu Bett gehen sollten – Sie wissen, sagte er, man kann's im Lauf der Zeit mit der fortschreitenden Zivilisation so weit bringen – so vergessen Sie nicht, ein Beil mitzunehmen. – Ich sah ihn ziemlich scharf an. Flöhe? fragte ich.« »Ja, ja, und auch sonst noch was.« »Vampire?« fragte ich. »Ja, ja, und auch sonst noch was«, sagte er. »Moskitos vielleicht?« »Ja, ja, und auch sonst noch was.« »Und das wäre?« fragte ich. »Schlangen«, sagte er, »Klapperschlangen. Und dann ist noch eine gewisse kleinere Sorte da, die verdammt auf Menschenfleisch geht. Aber das macht weiter nichts, sie gehören zur guten Gesellschaft. Nur die Schlangen«, sagte er, »werden Ihnen auf die Nerven gehen, und wenn Sie mal aufwachen und sehen eine auf Ihrem Bett«, sagte er, »aufrecht wie die Spirale von einem Pfropfenzieher, wenn er auf dem Handgriff aufsitzt, so schlagen Sie sie tot, denn dann geht's um die Wurst.« »Warum haben Sie mir denn das nicht früher gesagt?« rief Martin mit einer Miene, die von Marks Fröhlichkeit sehr bedeutend abstach. »Habe nicht daran gedacht, Sir«, entschuldigte sich Mark. »So was geht einem zu einem Ohr hinein und zum andern wieder hinaus. Und dann, ach Gott, vielleicht war's einer von einer andern Landaktien-Gesellschaft, der die Geschichte bloß aufgebracht hat, damit wir nach seinem Eden statt nach dem andern gehen möchten.« »Allerdings immerhin ziemlich wahrscheinlich«, bemerkte Martin, »aufrichtig gesagt, ich hoffe es von ganzem Herzen.« »Daran zweifle ich nicht, Sir«, entgegnete Mark, der, voll von dem beseligenden Eindruck der Anekdote auf sich selbst, einen Augenblick lang die wahrscheinliche Wirkung seiner Worte auf seinen Herrn nicht bedacht hatte. »Sei's jetzt wie's will, leben müssen wir.« »Leben?« rief Martin. »Ja, ja, das ist leicht gesagt. Wenn wir nun aber einmal nicht aufwachen sollten, während die Klapperschlange auf unserm Bett Pfropfenzieher spielt, dann ist's nicht so leicht getan.« »Die Geschichte is'n Faktum«, sagte eine Stimme ihm so dicht ins Ohr, daß ihn der Hauch kitzelte; »ganz scheußlich wahr.« Martin blickte zurück und bemerkte, daß ein Gentleman auf dem rückwärtigen Sitz seinen Kopf zwischen ihn und Mark gesteckt hatte und sein Kinn auf die Hinterlehne ihrer kleinen Bank aufstützte, um ihrem Gespräche zuzuhören. Seine Gesichtszüge waren so schlaff und leblos wie die der meisten Amerikaner, die sie bis jetzt gesehen, und seine Wangen so hohl, als ob er sie fortwährend einsaugte. Die Sonne hatte ihn – nicht gesund rot oder braun – sondern schmutzig gelb gebrannt. Seine kohlschwarzen Augen blinzelten halbgeschlossen unter den Lidern hervor, und selbst das mit einem Blick, der zu sagen schien: na, ihr werdet mich nicht überlisten, dazu müßtet ihr früher aufstehen. In der Linken hielt der Gentleman ein Stück Kautabak, das aussah wie ein Knochen oder wie ein Stück Käse, wie ihn die englischen Bauern lieben, und in der Rechten ein Federmesser. So ungeniert mischte er sich in den Dialog, als hätte man ihn eigens dazu aufgefordert, und so wenig schien er an die Möglichkeit zu denken, die Ehre seiner Bekanntschaft oder Einmengung in Privatgespräche könne unerwünscht kommen, wie ein Bär oder ein Büffel, wenn er ein paar Menschen überfällt. »Ja, ja«, sagte er und nickte Martin als einem Barbaren aus der Fremde herablassend zu,»das ist scheußlich wahr. Ganz verdammtes Gezücht dort oben.« Martin warf ihm einen ärgerlichen Blick zu und schien nicht übel Lust zu haben, ihm eine schroffe Antwort zu geben, aber rasch genug erinnerte er sich, daß es klüger sei, mit den Wölfen zu heulen, wenn man schon einmal unter sie geraten ist, und lächelte mit der freundlichsten Miene, die er in der Eile aufsetzen konnte. Der Gentleman sagte vorläufig kein Wort weiter, da er gerade damit beschäftigt war, sich ein Priemchen von seinem Tabakkuchen abzuschneiden, wobei er sich leise eins pfiff. Als er das Priemchen gehörig zugeschnitten, nahm er das alte aus dem Mund, legte es auf den Sitz zwischen Mark und Martin nieder und steckte sich dann das neue in die hohle Backe, wo es sich wie eine große welsche Nuß oder ein kleiner Borsdorfer Apfel ausnahm. Als er es zu seiner Zufriedenheit fand, steckte er die Spitze seines Messers in das alte Priemchen, hielt es den beiden unter die Augen und bemerkte, wie jemand, der sagen will, er kenne sich im Leben aus, es sei »verdammt ausgelutscht«. Dann schnellte er es fort, steckte sein Messer wieder in die Tasche und den Tabak in die andere, legte sich wie früher mit dem Kinn auf die Lehne, lobte das Muster von Martins Westenstoff und steckte die Pfote aus, um das Gewebe genauer zu befühlen. »Wie heißt das?« fragte er. »Wahrhaftig, ich habe keine Ahnung«, sagte Martin, »wie es heißt.« »Wird wohl 'n Dollar die Elle kosten, was?« »Wahrhaftig, ich weiß auch das nicht.« »Wir hierzulande«, sagte der Gentleman verächtlich, »wissen ganz genau, was unsere Produkte kosten.« Da Martin auf diese Frage nicht näher eingehen zu wollen schien, trat eine Pause ein. »Nun«, fing der Gentleman wieder an, nachdem er die beiden jungen Männer eine Weile lang impertinent angeglotzt hatte, »was macht die alte Schachtel?« Tapley, der sofort erriet, daß das eine impertinente Anspielung auf die Königin Viktoria sein sollte, hatte schon eine scharfe Antwort auf der Zunge, aber Martin verhinderte ihn noch rechtzeitig daran, sie auszusprechen, indem er schnell einfiel: »Sie meinen das Mutterland?« »Natürlich«, war die Antwort. »Wie geht's ihr? Macht sie wie gewöhnlich Fortschritte nach rückwärts, was? Na – also wie geht's der Königin Viktoria?« »Sehr gut, wie ich glaube«, sagte Martin. »Sie schwankt also nicht in ihren königlichen Schuhen, wenn sie an morgen denkt«, bemerkte der Fremde, »was?« »Ich wüßte nicht, warum.« »Es wird ihr also nicht kalt über den Rücken laufen, wenn sie erfährt, was in diesem Erdteil vorgeht?« »Nein«, sagte Martin. »Ich könnte einen Eid drauf leisten, glaube ich.« Der Gentleman sah ihn an, als bemitleide er ihn wegen seiner Unwissenheit und seiner Vorurteile, und sagte: »Na, Sir, ich kann Ihnen nur versichern, es gibt keine Dampfmaschine in den ganzen Vereinigten Staaten, die nach einer Kesselexplosion so hergenommen aussehen würde wie dieses jugendliche Geschöpf in ihrem Federdaunen-Boudoir im Tower von London, wenn sie die nächste Nummer von der Watertoast-Gazette zu Gesicht bekommt.« Inzwischen hatten mehrere andere Gentlemen ihre Sitze verlassen und waren näher gerückt. Sie schienen höchlichst entzückt über diese Rede zu sein. Ein besonders hagerer Herr mit loser, zerdrückter Halsbinde, einer langen weißen Weste und einem schwarzen Überrock, der in der Gesellschaft eine Art Autorität zu sein schien, fühlte sich jetzt berufen, eine Erwiderung darauf zu geben: »Mr. Lafayette Kettle!« sagte er und nahm seinen Hut ab. Es entstand ein Gemurmel. »Mr. Lafayette Kettle, Sir!« Mr. Kettle verbeugte sich. »Im Namen dieser Gesellschaft, Sir, und im Namen unseres gemeinsamen Vaterlandes, im Namen der Sympathie für die gerechte Sache, die wir alle mitfühlen, danke ich Ihnen. Ich danke Ihnen, Sir, im Namen der Watertoast-Sympathizers, – ich danke Ihnen, Sir, im Namen der Watertoast-Gazette, und ich danke Ihnen, Sir, im Namen des gesternten Banners der großen Vereinigten Staaten für Ihre beredte, kategorische Auseinandersetzung. Und wenn ich, Sir«, fuhr er fort und stieß Martin mit dem Handgriff seines Regenschirmes an, um ihn zur Aufmerksamkeit zu ermahnen, da er gerade auf etwas horchte, was ihm Mark ins Ohr flüsterte; »wenn ich, Sir, an einem solchen Orte und zu solcher Gelegenheit mich unterfangen darf, mit meiner eigenen Ansicht das vorliegende Thema zu beleuchten, so möchte ich sagen, Sir, dem britischen Löwen müßten durch den edeln Schnabel des amerikanischen Adlers die Krallen ausgerissen werden. Er müßte auf der irischen Harfe und der schottischen Fiedel das Liedchen spielen lernen, das jede leere Muschel singt, die an den Gestaden des grünen Columbia liegt.« Dann setzte sich der hagere Gentleman unter großem Beifall wieder nieder und schnitt ein höchst feierliches Gesicht. »General Choke«, rief Mr. Lafayette Kettle, »Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen! Wahrhaftig ja. Aber der britische Löwe hat ein paar Repräsentanten hier, und ich möchte ganz gern eine Antwort von ihnen auf diese Bemerkung hören.« »Sehr liebenswürdig«, spöttelte Martin, »daß Sie mir die Ehre erweisen, mich als einen Repräsentanten Englands anzusehen, aber ich kann Ihnen nur erwidern, ich habe nie gehört, daß die Königin Viktoria Ihre Watertoast-Gazette läse, und halte es auch nicht für sehr wahrscheinlich, daß es je der Fall sein wird.« General Choke lächelte den übrigen zu und erklärte wohlwollend: »Sie erhält die Gazette zugeschickt, Sir. – Sie wird ihr gratis zugeschickt.« »Aber wenn die Adresse auf den Tower von London lautet, wie ich Sie vorhin bemerken hörte, so dürfte die Königin die Zeitung schwerlich in die Hand bekommen«, entgegnete Martin, »denn sie residiert nicht im Tower.« »Die Königin von England, Gentlemen«, bemerkte Mr. Tapley mit ausgesuchter Höflichkeit und zuckte dabei nicht mit einer Wimper, »wohnt für gewöhnlich im Münzamt, um auf das Geld achtzugeben. Sie hat ein Quartier von Amts wegen bei dem Lord-Mayor im Mansion House, aber sie logiert selten dort, weil im Wohnzimmer der Kamin raucht.« »Mark«, verwies Martin, »ich muß Sie wirklich bitten, keine so verkehrten Angaben zu machen, wenn sie Ihnen auch noch so spaßhaft vorkommen mögen. Ich wollte bloß bemerken – wenn auch die Sache von sehr geringer Wichtigkeit ist –, daß die Königin von England zufällig nicht im Tower von London residiert.« »General!« rief Mr. Lafayette Kettle. »Hören Sie?« »General!« schrien mehrere andere. »General!« »Ich bitte einen Augenblick um Ruhe!« rief General Choke und erhob mit faszinierender Liebenswürdigkeit die Hand. »Ich habe stets bemerkt, und es ist ein sehr seltsamer Umstand, den ich der Natur der britischen Staatseinrichtungen und ihrer Tendenz zuschreibe, allüberall die Aufklärung zu unterdrücken, und eine Tatsache, von der man selbst in den pfadlosen Wäldern dieses ungeheuern westlichen Festlandes genau weiß – nämlich, daß die Briten selbst über derlei Sachen unvergleichlich schlechter unterrichtet sind als unsere intelligenten und fortschrittsgewaltigen Bürger. Der vorliegende Fall ist äußerst interessant und bestätigt meine Beobachtung. Wenn Sie sagen, Sir«, fuhr er zu Martin gewendet fort, »daß ihre Königin nicht im Tower von London residiert, so teilen Sie einen Irrtum, der unter Ihren Landsleuten nicht ungewöhnlich ist; selbst unter solchen, deren geistige und moralische Fähigkeiten das Durchschnittsmaß übersteigen. Aber, Sir, Sie sind im Unrecht. In Wirklichkeit wohnt sie dort –« »Wenn sie sich nämlich am Hofe von St. James aufhält«, unterbrach ihn Kettle. »Natürlich. Wenn sie sich am Hofe von St. James aufhält«, bekräftigte der General in seiner wohlwollenden Weise, »denn, wenn sie im Windsor-Pavillon ihre ›Location‹ hat, kann sie nicht zu gleicher Zeit in London sein. – – Aber der Tower von London, Sir«, fuhr der General, durchdrungen von seiner hohen geistigen Überlegenheit fort, »ist naturgemäß ihre königliche Residenz. Da er in unmittelbarer Nähe der Parks, der Triumphbogen, des Opernhauses und der königlichen Almacks gelegen ist, so ergibt sich's von selbst, daß er der geeignetste Ort für eine schwelgerische und gedankenlose Hofhaltung ist. Folglich«, schloß der General, »folglich wird dort Hof gehalten.« »Sind Sie jemals in England gewesen?« fragte Martin. »Ich kenne es nur aus Zeitschriften, Sir. Wir sind hier ein sehr belesenes Volk, Sir. Sie werden uns so unterrichtet finden, daß es Sie in Erstaunen versetzen wird.« »Ich zweifle nicht im mindesten daran«, gab Martin doppelsinnig zu. Er wollte noch irgend etwas hinzusetzen, aber Mr. Lafayette Kettle unterbrach ihn flüsternd: »Sie kennen doch General Choke?« »Nein«, versetzte Martin ebenso leise. »Aber Sie wissen, wofür er allgemein gilt?« »Für einen der ersten Köpfe des Landes«, sagte Martin aufs Geratewohl. »Richtig! Das ist ein ›Fakt‹«, nickte Mr. Kettle. »Ich war von vornherein überzeugt, daß Sie von ihm gehört haben müßten.« »Ich glaube übrigens«, wendete sich Martin wieder an den General, »in der angenehmen Lage zu sein, ein Empfehlungsschreiben an Sie zu besitzen – von Mr. Bevan aus Massachusetts«, setzte er hinzu und zog einen Brief hervor. Der General nahm ihn entgegen, las ihn aufmerksam durch und hielt nur zuweilen inne, um sich die beiden Fremden genauer zu betrachten. Als er zu Ende gekommen war, rückte er zu Martin hinüber, setzte sich neben ihn und reichte ihm die Hand. »So«, sagte er, »Sie gedenken also, sich in Eden niederzulassen?« »Das hängt von Ihrer Meinung und dem Rate des Agenten ab«, versetzte Martin. »Man sagte mir, in den alten Städten sei nichts zu machen.« »Ich kann Sie bei dem Agenten einführen, Sir«, sagte der General. »Ich kenne ihn persönlich. Überdies bin ich selbst Mitglied der Landkorporation von Eden.« Dies war für Martin eine betrübende Neuigkeit, denn Mr. Bevan hatte einen großen Nachdruck darauf gelegt, daß der General seines Wissens in keiner Beziehung zu irgendeiner Landkompagnie stehe und ihm daher wahrscheinlich einen sehr uneigennützigen Rat würde erteilen können. Wie sich jetzt herausstellte, war der General aber der Gesellschaft erst vor einigen Wochen beigetreten, und Mr. Bevan hatte inzwischen weder persönlich noch schriftlich mit ihm verkehrt. »Wir haben nur sehr wenig zu riskieren«, beeilte sich Martin zu erklären. – »Nur einige wenige Pfunde. – Aber es ist unser ganzes Vermögen. Glauben Sie also, daß ein Mann von meinem Fach dort einigermaßen Hoffnung oder Aussicht hat?« »Ha«, entgegnete der General ernst, »wenn keine Hoffnung oder Aussicht in der Spekulation läge, so würde ich, sollte man annehmen, meine Dollars nicht dabei angelegt haben.« »Ich meine nicht für die Verkäufer«, betonte Martin, »ich meine für die Käufer.« »Für die Käufer, Sir!« versetzte der General mit großem Nachdruck. »Nun ja, Sie kommen aus einem alten Lande – aus einem Lande, Sir, das die goldnen Kälber zur Höhe des Turms zu Babel aufgehäuft hat und sie seit Jahrtausenden anbetet. Wir sind ein neues Land, Sir. Der Mensch lebt hier mehr in seinem primitiven Zustande, Sir. Wir haben hier nicht die Entschuldigung, daß wir im Laufe der Zeit in Entartung versunken sind. Wir haben auch keine falschen Götter. Der Mensch, Sir, ist hier Mensch in seiner ganzen Würde. Dafür, und für sonst nichts, haben wir gefochten. Hier stehe ich, Sir«, rief der General und spannte seinen Regenschirm auf, um besser zu repräsentieren, »hier stehe ich mit grauen Haaren, Sir, von Moralgefühl durchdrungen vom Scheitel bis zur Sohle. Würde ich bei meinen Grundsätzen mein Kapital in dies Unternehmen gesteckt haben, wenn ich es nicht für hoffnungsvoll und segensreich für meinen Nächsten und Bruder hielte?« – Martin konnte nur mit großer Mühe ein überzeugtes Gesicht machen, denn er mußte fortwährend an New York denken. »Wozu wären die großen Vereinigten Staaten da, Sir«, fuhr der General fort, »wenn nicht für die Wiedergeburt des Menschen? Doch es ist ganz natürlich, daß Sie eine solche Frage stellen, denn Sie kommen aus England und kennen unser Vaterland nicht.« »Sie glauben also«, fragte Martin weiter, »daß sich, abgesehen von den Mühseligkeiten, auf die wir natürlich gefaßt sind, ein leidlicher Platz – weiß Gott, wir machen keine großen Ansprüche – für uns dort finden läßt?« »Ein leidlicher Platz in Eden, Sir!? Aber ich sehe schon, Sie müssen mit dem Agenten sprechen. Sehen Sie sich die Landkarten an – die Pläne, Sir, und dann mögen Sie selbst urteilen und aus der Art und Weise der Ansiedlung schließen, ob Sie gehen oder bleiben wollen. – Eden hat noch nicht nötig, Sir, betteln zu gehen«, bemerkte der General stolz. »Es ist ein ungeheuer anmutiger Ort, gewiß, und schrecklich gesund obendrein«, mischte sich Mr. Kettle ins Gespräch. Martin fühlte, daß es höchst ungentlemanlike und unschicklich wäre, die Wahrheit eines solchen Zeugnisses zu bestreiten, bloß weil er sich eines gewissen Argwohns nicht enthalten konnte. Er dankte daher dem General für sein Versprechen, ihn mit dem Agenten persönlich bekannt zu machen, und beschloß, diesen Beamten schon am nächsten Morgen aufzusuchen. Dann fragte er, wer die Watertoast-Sympathizers wären, von denen er vorhin gehört, und in welcher Beziehung diese Gesellschaft eigentlich ihre »Sympathie« an den Tag lege. Darauf machte der General ein sehr ernstes Gesicht und entgegnete, Martin könne sich hinsichtlich dieses Punktes vollkommen Aufklärung verschaffen, wenn er morgen einem großen Meeting der Korporation beiwohnen wolle, das in der Stadt, nach der sie führen, stattfinden werde, »und bei dem ich, Sir«, sagte er, »zu präsidieren von meinen Mitbürgern berufen worden bin.« Spät abends langten sie an dem Ziel ihrer Reise an. Dicht am Bahnkörper stand ein ungeheures weißes Gebäude, wie ein häßliches Lazarett aussehend, mit der Aufschrift: National Hotel. An der Fassade lief eine hölzerne Galerie oder Veranda entlang, auf der man merkwürdigerweise, als der Zug anhielt, eine Menge von Stiefeln und Schuhen und den Rauch von sehr viel Zigarren, aber sonst keine Spur und kein Zeichen von der Gegenwart von Menschen gewahrte. Allmählich jedoch tauchten einige Köpfe und Schultern empor, die mit den Stiefeln und Schuhen in Verbindung standen und entdecken ließen, daß einige Hotelbewohner den Einfall gehabt hatten, ihre Fersen dorthin zu legen, wo die Gentlemen anderer Länder gewöhnlich ihre Köpfe hintun, um auf diese Weise die Abendkühle zu genießen. Das Hotel hatte eine große Schenkstube und ein großes Gastzimmer, in dem soeben der Tisch für sämtliche Gäste zum Souper gedeckt wurde. Da gab es endlose geweißte Treppen, lange geweißte Galerien, zu ebener Erde eine Masse kleiner geweißter Schlafzimmer und eine Veranda zu jedem Stock im Hause, das im ganzen aus einem großen Ziegelbau bestand, und ferner einen unwirtlichen Hofraum in der Mitte, wo gerade Wäsche zum Trocknen aufgehängt war. Hie und da lungerten einige Gentlemen, gähnend und die Hände in den Taschen, herum. Aber wo immer, in oder außer dem Hause, ein halbes Dutzend Menschen beisammen stand, wiederholten sich hinsichtlich Aussehen, Tracht, Sitten, Manieren, Gewohnheiten und Reden die Jefferson Bricks, die Oberst Divers, die Major Pawkins', die General Chokes und die Herren Lafayette Kettle bis zum Überdruß. Sie benahmen sich ganz so wie diese, sprachen dasselbe, beurteilten alles nach demselben Maßstab und reduzierten alles auf denselben Wert. Da Martin jetzt vollauf Gelegenheit hatte zu beobachten, wie sie lebten und wie entzückt sie stets voneinander waren, begann schließlich sogar auch er zu begreifen, daß sie wirklich die geselligen, gemütlichen und gewinnenden Leute sein müßten, als die man sie zu schildern pflegte. Bei dem wüsten Klange eines mißtönenden Gongs strömte die liebenswürdige Gesellschaft aus allen Teilen des Hauses nach dem Speisesaal, und auch aus den benachbarten Magazinen kamen Gäste in Haufen hervor, denn die halbe Stadt, sowohl die verheiratete wie auch die unverheiratete, wohnte im National Hotel. Tee, Kaffee, getrocknetes Fleisch, Zunge, Schinken, Mixed Pickles, Kuchen, geröstete Brotscheiben, Eingemachtes und Brot mit Butter wurden mit rasender Hast verschlungen, und dann gingen die Gäste, wie gewöhnlich, paarweise ab oder schlenderten zum Schreibpult im Kontor oder nach der Schenkstube. Die Damen hatten eine eigene kleinere Table d'hôte, zu der ihre Gatten und Brüder, wenn sie gerade wollten, zugelassen wurden; sonst aber unterhielten sie sich genau wie bei Pawkins'. »Nun, Mark, mein guter Junge«, sagte Martin, als er die Türe seines kleinen Zimmers zumachte, »wir müssen uns jetzt ernstlich beraten. Morgen früh soll sich unser Schicksal entscheiden. Sind Sie also entschlossen, Ihre Ersparnisse bei dem gemeinsamen Ankaufe anzulegen?« »Wenn ich nicht willens wäre, ein solches Wagnis zu unternehmen, Sir«, antwortete Mr. Tapley, »so wäre ich nicht mitgekommen.« »Wieviel sagten Sie, daß Sie besäßen?« fragte Martin und wog einen kleinen Beutel in der Hand. »Siebenunddreißig Pfund, zehn Schillinge und sechs Pence. Wenigstens sagte man mir das auf der Sparbank – ich habe es natürlich nie nachgezählt. Die dort müssen's doch am besten wissen« sagte Mark kopfschüttelnd und legte damit seine unbegrenzte Zuversicht zu der Weisheit und Rechenkunst derartiger Einrichtungen an den Tag. »Das Geld, das wir mitgebracht haben«, erklärte Martin, »ist auf einige Schillinge weniger als acht Pfund zusammengeschmolzen.« Mr. Tapley lächelte und blickte nach allen möglichen Richtungen, damit Martin nicht glauben möge, er lege diesem Umstand irgendwelchen Wert bei. »Auf den Ring – ihren Ring  –«, fuhr Mr. Chuzzlewit fort und warf einen kläglichen Blick auf seine eigenen ungeschmückten Finger. »Ach«, seufzte Mr. Tapley. – »Sie entschuldigen schon, Sir, daß ich seufze.« »– borgten wir uns in englischem Gelde vierzehn Pfund aus. Sie ersehen daraus, daß Ihr Anteil noch bei weitem der größere ist. Nun, Mark«, setzte Martin in seiner alten leichtfertigen Weise hinzu, etwa so wie er mit Tom Pinch gesprochen haben würde, »ich habe über Mittel nachgedacht, wie wir dies ausgleichen – hoffentlich sogar mehr als ausgleichen – und Ihre Aussichten im Leben wesentlich heben könnten.« »Ich bitte, sprechen Sie nicht davon«, rief Mark, »Sie wissen doch, es ist mir um eine solche Hebung nicht zu tun. Ich bin mit allem zufrieden.« »Nein, nein, hören Sie mich bis zu Ende«, sagte Martin, »denn es ist für Sie sehr wichtig und für mich eine große Beruhigung. Also, Mark, Sie sollen mein Associé im Geschäft sein, und zwar mit mir zu gleichen Teilen. Als weiteres Kapital werfe ich meine Fähigkeiten und technischen Kenntnisse in die Waagschale. Solange es dann geht, soll die Hälfte des ehrlichen Gewinns Ihnen gehören.« Der arme Martin, der wie immer Luftschlösser baute und sogar in seiner Selbstsucht alles vergaß, bloß seine Hoffnungen und sanguinischen Pläne nicht, schwelgte einen Augenblick in dem hohen Bewußtsein, durch seinen Schutz Mark aufs großartigste belohnt zu haben. »Ich weiß nicht, Sir«, versetzte Mark mit trüberer Miene, als sonst seine Gewohnheit war – wenn auch nicht aus dem Grunde, wie Martin vermutete – »was ich darauf sagen soll, um Ihnen meinen Dank auszudrücken. Ich kann Ihnen eben nur nach besten Kräften dienen, Sir. Das ist alles.« »Wir verstehen uns vollkommen, guter Freund«, sagte Martin mit immer wachsender Selbstzufriedenheit und Herablassung. »Wir sind jetzt nicht mehr länger Herr und Diener, sondern Freunde und Associés, und das muß uns beiden nur zustatten kommen. Entscheiden wir uns für Eden, so soll das Geschäft sofort gegründet werden, sobald wir dort ankommen. Und zwar unter der Firma: Chuzzlewit \& Tapley.« »Nein, nein«, rief Mark, »ich verstehe mich nicht auf solche Sachen, Sir, und deshalb muß ich ›Co‹ bleiben. Ich habe mir oft gewünscht«, setzte er mit leiser Stimme hinzu, »gern einmal einen Kompagnon kennenzulernen, habe mir aber nie träumen lassen, daß ich es erleben sollte, jemals selbst einer zu sein.« »Ganz, wie Sie wollen, Mark.« »Ich danke Ihnen, Sir. Ja, wenn dortherum irgendein Herr vom Lande oder vom Wirtshausfach oder so etwas Ähnlichem eine Kegelbahn würde errichten wollen, diesen Teil des Geschäftes könnte ich allenfalls übernehmen.« »Und darin jeden Architekten in den Vereinigten Staaten ausstechen«, lachte Martin. »Holen Sie ein paar Gläser Sherry-Cobbler, damit wir auf das Gedeihen der Firma trinken können.« Offenbar hatte er, wie es auch später noch oft geschah, bereits vergessen, daß nicht länger das Verhältnis zwischen Herr und Diener bestand, oder er betrachtete diese Art von Obliegenheiten als eine dem Kompagnon zukommende Funktion. Mark gehorchte jedoch mit seiner gewohnten Bereitwilligkeit, und noch ehe sie zu Bette gingen, wurde zwischen ihnen beschlossen, daß sie am nächsten Morgen zusammen zum Agenten gehen wollten. Natürlich sollte es dabei dem Urteile Martins überlassen bleiben, über die Frage hinsichtlich des Ankaufs von Land in Eden zu entscheiden, und Mark rechnete sich dieses Zugeständnis nicht einmal in seiner Heiterkeit als Verdienst an, da er wohl wußte, es müsse am Ende doch so oder so darauf hinauslaufen. Am nächsten Morgen erschien der General gleichfalls unter der Gesellschaft im Speisesaal und machte gleich nach dem Frühstück den Vorschlag, unverzüglich den Agenten aufzusuchen. Da dies auch der sehnlichste Wunsch der beiden jungen Leute war, machten sie sich alle drei sofort auf den Weg zu dem Bureau, das nur einen Büchsenschuß vom National-Hotel entfernt lag. Es war eine kleine Wohnung und sah ungefähr wie ein Zollwächterhäuschen aus. Aber schließlich: wieviel geht nicht oft in einen Würfelbecher. Warum sollte man nicht auch über ein ganzes Gebiet in einem Schuppen handelseinig werden können?! Überdies war es ja auch nur ein Interimsbureau, da das Unternehmen für seinen Geschäftsbetrieb ein prächtiges Etablissement plante, für das bereits der Grund abgesteckt war; was in Amerika bekanntlich schon viel heißen will. Die Türe des Kontors stand weit offen, und der Agent saß in einem Schaukelstuhl auf der Schwelle. Er mußte ein ungeheuer tüchtiger Geschäftsmann sein und mit Rapidität zu arbeiten verstehen, denn ersichtlich hatte er momentan nichts weiter zu tun, als sich behaglich hin und her zu schaukeln, das eine Bein an den Türpfosten gestemmt und auf dem andern sitzend, als ob er seine eigene Fußsohle ausbrüten wolle. Er war ein hagerer Mann mit einem ungeheuern Strohhut auf dem Kopf und in einen Rock aus grünem Stoff gekleidet. Wegen des heißen Wetters war er mit keiner Halsbinde geschmückt, und sein Hemd stand am Kragen weit offen, so daß man, wenn er sprach, immerwährend auf seiner Brust die Pulse zucken sah, wie die kleinen Hämmer in einem Piano, wenn die Noten angeschlagen werden. Vielleicht war es eine schwache Bemühung der Wahrheit, sich ihren Weg zu seinen Lippen zu bahnen. In diesem Falle erreichte sie leider freilich nie ihren Zweck. Zwei graue Augen lauerten tief in dem Kopfe des Agenten, aber eines davon hatte die Sehkraft verloren und verhielt sich völlig teilnahmslos. Das verstärkte noch den Eindruck, als ob die eine Hälfte seines Gesichts auf das horchte, was die andere tat, und wenn die bewegliche Seite seines Gesichts in höchster Tätigkeit war, so blieb die starre im kältesten Zustand der Wachsamkeit. Es war, als hätte man das Inwendige des Menschen nach außen gekehrt, wenn man von diesem Standpunkte aus seine Physiognomie in ihrer lebhaftesten Erregung betrachtete. Seine langen schwarzen Haare hingen in Strähnen gerade und straff herunter wie Peitschenschnüre, seine Brauen waren borstig und gesträubt, und die tiefen Krähenfüße um seine Augenwinkel gaben ihm ein gewisses raubvogelartiges Aussehen. Das war der Mann, dem sie sich jetzt näherten und den der General mit dem Namen Mr. Scadder anredete. »Schon recht, General«, brummte der Agent, »wie geht's Ihnen?« »Immer tätig und munter, Sir, im Dienste meines Vaterlandes und der guten Sache. – Zwei Gentlemen in Geschäften, Mr. Scadder.« Der Agent schüttelte Martin und Mark die Hand, denn ohne das geht es bekanntlich nicht in Amerika, und fuhr dann fort, sich zu schaukeln. »Nicht schwer zu erraten, in was für Geschäften Sie mir die Fremden herbringen, General.« »Ja, ja, Sir, das kann ich mir denken.« »Sie sind ein Schwätzer, General. Sie reden zu viel, das ist ein ›Fakt‹,« sagte Scadder. »Sie sprechen erschrecklich gut in der Öffentlichkeit, aber in Privatsachen sollten Sie nicht immer gleich ein Renntempo vorlegen. – Nun?« »Es handelt sich um –« fing der General an. »Sie wissen doch, wir geben unsere Grundstücke nicht jedem Landstreicher, der darauf ein Angebot macht«, unterbrach Mr. Scadder abermals, »sondern geben sie nur an feine Leute ab. – Was?« »Da wären die Herren hier die richtigen«, rief der General mit Wärme. »Wenn's so steht«, entgegnete der Agent in vorwurfsvollem Ton, »wozu da weiter reden, schade um die vielen Worte, General.« General Choke flüsterte Martin zu, Mr. Scadder sei der biederste Mensch von der Welt. Nicht um zehntausend Dollars würde er ihn mit Absicht beleidigen wollen. »Ich tue meine Pflicht und achte die Fürsprache meiner Mitmenschen, weil ich ihnen gerne eine Gefälligkeit tue«, fing Scadder wieder mit gedämpfter Stimme an, sah die Straße hinunter und schaukelte sich in seinem Lehnstuhl. »Aber man wirtschaftet übel, wenn man gegen meine Vorschläge, nicht so wohlfeil loszuschlagen, Einsprache erhebt. Doch das ist nun einmal Menschennatur. Sei es drum.« »Mr. Scadder!« rief der General und warf sich in die Brust. »Sir, hier meine Hand und damit mein Herz. Ich achte Sie, Sir. Ich bitte um Entschuldigung, diese Gentlemen sind nun aber Freunde von mir, sonst würde ich sie nicht hergebracht haben. Ich weiß wohl, Sir, daß die Liegenschaften augenblicklich viel zu billig losgeschlagen werden, aber es sind Freunde, Sir – und zwar sehr gute Freunde von mir.« Mr. Scadder war mit dieser Erklärung so zufrieden, daß er dem General mit Wärme die Hand drückte und sich zu diesem Zweck ein wenig aus seinem Schaukelstuhl erhob. Dann lud er den General samt dessen »besonders guten Freunden« ein, ihn in das Innere seines Bureaus zu begleiten. Der General bemerkte jedoch in seiner gewohnten wohlwollenden Weise, daß er als Teilhaber der Gesellschaft sich um keinen Preis in die Unterhandlung mischen dürfe, bemächtigte sich daher des Schaukelstuhls und sah hinaus auf die Straße wie ein wohltätiger Samariter, der auf einen Wanderer wartet, um ihn zu »ölen«. »Hallo!« rief Martin erstaunt, als sein Blick auf einen großen Plan fiel, der die ganze Längswand des Zimmers bedeckte. – Sonst war nicht viel in dem Bureau zu sehen, höchstens noch einige geognostische und botanische Proben, ein oder zwei abgegriffene Kontorbücher, ein großes Schreibpult und ein Sessel. – »Hallo! Was ist denn das?« »Das ist Eden«, erklärte Scadder und stocherte sich die Zähne mit einem kleinen Bajonett, das bei der Berührung einer Feder seines Messers hervorsprang. »Ich hatte ja gar keine Ahnung davon, daß es eine Stadt sei.« »Natürlich ist es eine Stadt.« Ja, sogar eine blühende Stadt schien es zu sein, eine Stadt mit reichster Architektur. Da gab es Banken, Kirchen, Dome, Marktplätze, Fabriken, Hotels, Magazine, Rathäuser, Kais, eine Börse, ein Theater, kurz öffentliche Gebäude jeder Art bis auf die Expedition einer Tageszeitung herab. Alles getreulich abgebildet. »Himmel, das ist ja ein höchst bedeutender Ort!« rief Martin und drehte sich erstaunt um. »Ja, ja, höchst bedeutend«, bemerkte der Agent. »Aber ich fürchte«, meinte Martin und warf wieder einen Blick auf die öffentlichen Gebäude, »daß mir hier nicht mehr viel zu tun übrig bleibt.« »Na, es ist ja schließlich noch nicht alles ausgebaut«, brummte der Agent. Das war ein großer Trost. »Zum Beispiel der Marktplatz?« fragte Martin, »ist der schon ausgebaut?« »Der?« wiederholte der Agent und steckte seinen Zahnstocher in ein anderes Spielzeug, das einen Wetterhahn auf einem Dachgiebel darstellte. »Lassen Sie mal sehen. – Nein, der ist nicht ausgebaut.« »Das wäre ein gutes Geschäft für den Anfang, was, Mark?« flüsterte Martin seinem Begleiter ins Ohr und stieß ihn mit dem Ellbogen an. Mark, der mit sehr dummem Gesicht abwechselnd den Plan und den Agenten betrachtet hatte, antwortete bloß: »Ungemein.« Eine Totenstille folgte. Mr. Scadder pfiff während der kurzen Ruhepausen seines Zahnstochers ein paar Strophen des Yankee Doodle und blies den Staub von dem »Dache des Theaters« ab. »Ich nehme an«, sagte Martin und tat so, als denke er tief nach, verriet jedoch durch das Beben seiner Stimme, wieviel für ihn von der Antwort abhing, »ich nehme an, es sind wahrscheinlich viele Baumeister dort?« »Nicht ein einziger«, versicherte Scadder. »Mark«, flüsterte Martin und zupfte seinen Associé am Ärmel, »hören Sie? – Aber wessen Werk ist denn das alles, was wir hier vor uns sehen?« fragte er laut. »Da der Boden so fruchtbar ist, so schießen die öffentlichen Gebäude vielleicht von selbst auf«, sagte Mark. Er stand auf der »dunklen« Seite des Agenten, als er die Worte sprach, aber Mr. Scadder wechselte augenblicklich seinen Platz und wandte ihm seine belebte Profilseite zu. »Befühlen Sie meine Hände, junger Mann«, sagte er. »Wozu?« fragte Mark ablehnend. »Sind sie schmutzig oder sind sie rein?« fragte Scadder und streckte die Finger aus. Vom physischen Gesichtspunkte aus waren sie entschieden schmutzig, es fiel jedoch in die Augen, daß Mr. Scadder seine Worte in figürlichem Sinne meinte, quasi als Sinnbild seines moralischen Charakters, und Martin beeilte sich natürlich zu erklären, daß sie rein seien wie frisch gefallener Schnee. »Mark«, sagte er dann etwas gereizt, »ich muß Sie bitten, Bemerkungen dieser Art, wenn sie auch an sich noch so harmlos und wohlgemeint sind, ein für allemal zu lassen. Sie sind hier nicht am Platz und können einem Fremden nicht angenehm sein. Ich muß sagen, mich überrascht Ihr Benehmen.« »Aha, die Kompagnie wird schon lästig«, dachte Mark. »Aha, drum sagt man: Stiller Kompagnon!« Mr. Scadder schwieg, wandte dem Plan den Rücken und stieß seinen Zahnstocher einige dutzendmal wütend in sein Schreibpult, dabei Mark immer ansehend, als erstäche er ihn in effigie. »Sie haben mir noch immer nicht geantwortet, wer diese Häuser eigentlich gebaut hat«, wagte Martin endlich mit sanftem versöhnlichem Tone zu fragen. »Na, es kann Ihnen ja gleich sein, wessen Arbeit es ist. Oder nicht?« sagte der Agent mürrisch. »Möchte wissen, was Sie das kümmern sollte. Vielleicht hat sich der frühere Architekt auf und davon gemacht mit einem hübschen Häufchen Dollars in der Tasche. Vielleicht war's auch ein Vagabund, ein Galgenstrick, vielleicht auch ein Tausendsappermentskerl – was weiß ich!« »Daran sind Sie schuld, Mark«, flüsterte Martin vorwurfsvoll. »Vielleicht«, fuhr der Agent fort, »sind das da keine Pflanzen, die in Eden gewachsen sind. Und vielleicht sind das Schreibpult und der Stuhl hier auch nicht aus Edener Bauholz. Vielleicht ist überhaupt gar keine Ansiedlung dort. Vielleicht ist es überhaupt gar kein Regierungsland oder es gibt gar keinen solchen Ort auf dem Gebiet der großen Vereinigten Staaten!« »Na, hoffentlich sind Sie jetzt zufrieden mit den Wirkungen Ihrer Späße, Mark!« zürnte Martin Zum Glück legte sich jetzt der General im richtigen Augenblick ins Mittel und rief von der Türe aus Scadder zu, er möge doch seinen Freunden etwas Näheres mitteilen über die Einzelheiten des gewissen kleinen, samt Haus nur fünfzig Acres betragenden Gutes, das vordem der Kompagnie gehört habe und ihr erst seit kurzem wieder zugefallen sei. »Sie sind ein bißchen zu freigebig, General«, war die Antwort, »das Grundstück müßte jetzt viel teurer verkauft werden. – Jawohl!« Trotzdem öffnete Mr. Scadder, wenn auch brummend, ein Buch, wandte aber diesmal stets seine belebte Gesichtsseite Mark zu, so unbequem es auch für ihn war, und legte dann Martin ein Blatt vor, worauf dieser, nachdem er es gierig betrachtet, schnell fragte: »Wo auf dem Plane mag dieser Platz liegen?« »Auf dem Plane?« »Ja.« Der Agent trat vor die Landkarte an der Wand, dachte eine Weile lang nach, als ob er immer noch ärgerlich sei und entschlossen, bis aufs i-Tüpfelchen korrekt zu verfahren. Endlich, nachdem er seinen Zahnstocher mehreremal langsam in der Luft im Kreise herumgeschwenkt hatte, schoß er plötzlich damit wie eine eben losgelassene Brieftaube auf die Zeichnung los und stieß in den Mittelpunkt des großen Kais. »Da«, sagte er und ließ das zitternde Messer in der Wand stecken, »da ist's.« Martin sah mit funkelnden Augen seinen Kompagnon an, und dieser begriff sofort, daß die Sache so gut wie abgemacht sei. Trotzdem war der Handel nicht so leicht geschlossen, wie man hätte denken sollen, denn Mr. Scadder war kaustisch und übelgelaunt und machte alle möglichen Schwierigkeiten. Einmal ersuchte er die Herren, sich die Sache genau zu überlegen und nach einer Woche oder vierzehn Tagen wieder vorzusprechen; ein anderes Mal sagte er Martin voraus, es werde ihnen nicht gefallen – dann wieder wollte er überhaupt sein Anerbieten zurücknehmen und sich nicht mehr weiter in Verhandlungen einlassen; dabei verwünschte er murmelnd den törichten General mit den kräftigsten Ausdrücken. Schließlich wurde aber doch die erstaunlich kleine Kaufsumme – sie betrug nur hundertfünfzig Dollars oder etwas über dreißig Pfund von dem Kapitale, das die »Kompanie« in das Geschäft eingezahlt hatte – auf den Tisch gelegt, und Martin trug im Bewußtsein, ein Gutsbesitzer in der blühenden Stadt Eden geworden zu sein, sofort seinen Kopf so hoch, daß er fast damit an die Stubendecke des kleinen hölzernen Bureaus stieß. »Wenn es Ihnen vielleicht nicht gefallen sollte«, sagte Mr. Scadder, als er Martin die Quittung für das erhaltene Geld einhändigte, »so dürfen Sie mir natürlich keinen Vorwurf machen.« »Nein, nein, gewiß nicht«, versicherte Martin fröhlich. »Wir werden Ihnen gewiß keinen Vorwurf machen! – General, wollen wir jetzt gehen?« Ich stehe zu Diensten, Sir. Ich wünsche Ihnen«, sagte der General und reichte Martin ernst und voller Herzlichkeit die Hand, »viel Freude an Ihrer Besitzung. Sie sind jetzt ein Bürger, Sir, des mächtigsten, zivilisiertesten Landes, das jemals die Sonne beschienen hat. Eines Staates, Sir, in dem das Band der Liebe und Treue den Menschen mit dem Menschen verknüpft. Mögen Sie sich Ihres Adoptiv-Vaterlandes würdig erweisen.« Martin dankte ihm und verabschiedete sich von Mr. Scadder, der unmittelbar nach dem Aufstehen des Generals seinen Posten im Schaukelstuhl wieder eingenommen hatte und sich hin und her schaukelte, als ob er nie in seiner Ruhe gestört worden wäre. Mark blickte auf dem Wege nach dem National Hotel einige Male zurück, aber jetzt war ihm die Nachtseite des Agenten zugekehrt, auf der nichts als Aufmerksamkeit und Gedankenfülle zu lesen war. Wie sonderbar sich dieses Profil doch von dem andern unterschied! Mr. Scadder war kein Mann, der oft oder viel zu lachen pflegte, aber jetzt verzog sich jeder Zug in der Schrift der Krähenfüße um seine Augen und jede dünne kleine Ader, die sich über diese Hälfte seines Gesichtes schlängelte, zu einem seltsamen Grinsen. Das Bild »des Todes und der Dame« in der alten Ballade hatte keine so scharfen und so gräßlichen Gegensätze wie die beiden Gesichtshälften Mr. Zephania Scadders. Der General eilte in Sturmschritt vorwärts, denn die Glocke schlug gerade zwölf, und genau um diese Stunde sollte das Meeting der Watertoast-Sympathizers in dem Speisesaal des National Hotels abgehalten werden. Da Martin ebenfalls dabei zu sein wünschte, um zu erfahren, was es damit für eine Bewandtnis habe, hielt er gleichen Schritt mit ihm und schloß sich – besonders beim Eintritt in die Halle – eng an ihn an. Dadurch gelangte er auf eine kleine Estrade von Tischen am obern Ende, wo ein Lehnstuhl für den General bereitstand und Mr. Lafayette Kettle als Sekretär mit wichtiger Miene einige Dokumente, offenbar Anträge oder Bittschreiben, entfaltete. »Nun, Sir«, sagte Mr. Kettle und drückte Martin die Hand, »sie werden jetzt ein Schauspiel zu sehen bekommen, daß der britische Löwe den Schwanz zwischen die Beine nehmen und vor Angst laut aufheulen wird, denke ich.« Martin hielt es allerdings für möglich, daß der britische Leu in dieser Arche Noah nicht recht in seinem Element wäre, aber er behielt seine Gedanken für sich. Sodann wurde der General auf Antrag eines bleichen Jünglings à la Jefferson Brick zum Präsidenten ernannt, und eine stark akzentuierte Rede, in der viel von Herz, von Heimat und Brechen von Tyrannenketten die Rede war, eröffnete die Sitzung. Zweifellos hätte jetzt der britische Löwe seinen Schweif zwischen die Beine geklemmt, denn die Entrüstung des fanatischen jungen Columbiers kannte keine Grenzen. Wäre er nur einer seiner Vorfahren gewesen, sagte er, wie hätte er diesen Löwen gefesselt und ihm wie ein Tierbändiger mit der Drahtpeitsche Lehren eingebleut, die er nicht so leicht wieder vergessen haben würde. »Der Löwe!« schrie der junge Columbier, »wo ist er? Wer ist er? Was ist er? Man zeige mir ihn! Er soll herkommen! Hierher!« – der junge Columbier nahm eine Boxerstellung an – »hierher, auf diesen heiligen Altar«, fuhr er fort, den Speisetisch anredend, »der über der Asche unserer Vorfahren zusammengekittet ist mit dem glorreichen Blut, das wie Wasser vergossen worden auf den heiligen Ebenen von Chickabiddy Lik. Man bringe ihn hierher, den Löwen«, rief er, »ich trotze ihm – ich, ein einzelner Mann –, ich verhöhne diesen Löwen. Ich sage diesem Löwen, wenn sich einmal die Hand der Freiheit in seine Mähne klammert, so rollt er auf den Boden und liegt da wie eine Leiche, und der Adler der großen Republik lacht: ha, ha, ha!« Wie zu erwarten, kam der Löwe nicht, sondern blieb hübsch weg. Der junge Columbier stand daher, die Arme verschränkt, einsam in seiner Glorie da, und mutmaßlicherweise lachten auch die Adler wild auf ihren Bergesspitzen. Aber dann brach ein solcher Jubelruf los, daß es hätte die Zeiger auf der Uhr der Horse-Guard-Kaserne erschüttern und den Hauptzeitmesser von Englands Metropole zu irrigen Angaben verleiten können. »Wer ist das?« fragte Martin Mr. Lafayette Kettle durch Zeichen und Gebärden. Der Sekretär nahm ein Stück Papier, schrieb mit ernstem Gesicht etwas darauf, wickelte es zusammen und ließ es ihm von Hand zu Hand zugehen. Es war wieder eine Variation des alten Themas: »Einer der hervorragendsten Köpfe unseres Landes.« Dem jungen Columbier folgte ein anderer Herr, der ebenso beredt war und durch seinen Schwung ganze Stürme von Beifall entfesselte. Da echte Poesie bekanntlich nie bei Details verweilen kann, vergaßen auch die beiden merkwürdigen Jünglinge in ihrer großen Erregung zu sagen, mit wem oder für was die Watertoasters sympathisierten, und Martin blieb daher geraume Zeit so völlig im dunkeln wie bisher, bis ihm endlich ein Licht aufging, als der Schriftführer des Klubs sein Buch aufschlug und die Einzelheiten der letzten Sitzungen verlas. Er erfuhr jetzt, daß die Watertoastassociation mit einem gewissen Volksführer Irlands sympathisierte, der hinsichtlich gewisser politischer Rechte mit England im Kampfe lag. Doch geschah das keineswegs deshalb, weil man Irland besonders geliebt hätte, sondern bloß aus Haß gegen England. Überhaupt waren die Leute schrecklich eifersüchtig und mißtrauisch gegen die Engländer und duldeten sie nur deshalb, weil sie schwer arbeiteten und sich dadurch nützlich erwiesen. Das machte Martin natürlich sehr neugierig zu erfahren, welche Gründe die Watertoastassociation für ihre Sympathien vorzubringen habe. Er blieb nicht lange in Ungewißheit, denn gleich darauf erhob sich der General, um einen Brief an den Volksführer vorzulesen, den er eigenhändig geschrieben hatte. »Meine Freunde und Mitbürger!« hub er an, »der Brief lautet folgendermaßen: Sir, Ich wende mich an Sie im Namen der Watertoastassociation und der vereinigten Sympathizers. Der Klub, Sir, wurde in der großen Republik Amerika gegründet und hält jetzt den Atem an, daß ihm fast die Adern an der Stirne springen, denn wir verfolgen mit fieberhafter Spannung und begeisterter Sympathie Ihre edeln Bemühungen für die Sache der Freiheit.« Bei dem Worte »Freiheit« und bei jeder Wiederholung desselben brachen sämtliche »Sympathizers« in ein lautes Gebrüll aus und brachten neunmal neun und noch einmal neun Jubelrufe aus. »Im Namen der Freiheit, Sir – im Namen der heiligen Freiheit – ergeht diese Adresse an Sie. Im Namen der Freiheit übersende ich Ihnen hiermit einen Beitrag zu Ihren Parteifonds. Im Namen der Freiheit, Sir, blicke ich mit Unwillen und Abscheu auf das verfluchte Tier mit der blutbefleckten Schnauze, dessen Bestialität und unersättliche Gier von jeher für die Welt eine Geißel und Folter bedeutete. Die nackten Wilden auf Robinson Crusoes Insel, Sir, die verfolgten Weiber des Peter Wilkins, die beerenbeschmierten Kinder des wilden Busches, ja sogar der hochgewachsene Menschenschlag, der von alters her die Minendistrikte von Cornwallis bewohnt, sie alle können gleiches Zeugnis ablegen von seiner Barbarennatur. Wo, Sir, sind die Cormorans, die Blunderbores, die großen Feesofums – die Häuptlinge Irlands und Schottlands–, deren Name die Geschichte mit Begeisterung nennt? Alle, alle sind sie ausgetilgt durch seine alles verheerenden Krallen. – Ich meine damit den britischen Löwen. – Ergeben, Sir, mit Leib und Seele, Herz und Geist der Freiheit – der Freiheit, dem höchsten Gut selbst der Schnecke an der Kellertüre, der Auster in ihrem Perlenbett, der stillen Milbe in ihrem heimatlichen Käse, ja selbst der Miesmuschel Ihres Vaterlandes in ihrer Schale – im fleckenlosen Namen der Freiheit entbieten wir Ihnen unsere Sympathien. Jawohl, Sir, in unserm geliebten glücklichen Vaterlande brennt ihr Feuer rein und klar und ohne Rauch. Ist es einmal in dem Ihrigen entbrannt, so wird man den Löwen braten mit Haut und Haar. Ich verbleibe, Sir, im Namen der Freiheit Ihr Ihnen herzlich ergebener Freund und getreuer Sympathizer Cyrus Choke General U. S. A.« Gerade, als der General diesen Brief zu lesen begonnen, war der Eisenbahnzug angekommen und mit ihm die neueste englische Post, die dem Sekretär in Form eines Paketes sogleich überreicht wurde. Der Inhalt mußte höchst betrübender Natur sein, denn kaum hatte sich der Redner wieder niedergesetzt, als der Sekretär zu ihm eilte und ihm einen Brief nebst mehreren gedruckten Auszügen aus Zeitungen einhändigte, wobei er ihn auf deren Inhalt mit außerordentlicher Erregung aufmerksam machte. Der General, an und für sich schon ziemlich apoplektisch, war in diesem Augenblick infolge seiner Rede außerordentlich erhitzt und aufgeregt, aber kaum hatte er die Papiere überflogen, als seine Mienen den Ausdruck von so unerhörter Wut und Leidenschaft annahmen, daß das Gelärme um ihn herum im Nu verstummte und alle ihn erwartungsvoll ansahen. »Meine Freunde«, rief der General und stand auf. »Meine Freunde und Mitbürger! Wir haben uns in diesem Manne entsetzlich geirrt.« »In welchem Manne?« rief alles wild durcheinander. »In diesem«, schnaubte der General und hielt den Brief in die Höhe, den er soeben gelesen hatte. »Wie ich jetzt erfahre, war er – und ist es noch immer – ein beharrlicher Verfechter der Negeremanzipation!« Wenn irgend etwas unter der Sonne außer Zweifel steht, so ist es das, daß die versammelten Söhne der Freiheit den so denunzierten Mann rücksichtslos und mit feigen Händen erschossen, erdolcht oder in irgendeiner Weise aus dem Weg geräumt hätten, wenn er damals zugegen gewesen wäre. Auch der verwegenste Amerikaner würde keinen Düngerhaufen für sein Leben gegeben oder darauf gewettet haben. Man zerriß den Brief, warf die Fetzen in die Luft, trat sie mit Füßen und bellte, grunzte und zischte, bis man fast heiser war. »Ich stelle den Antrag«, rief der General, als er sich endlich Gehör verschaffen konnte, »daß die Watertoastassociation der vereinigten Sympathizers auf der Stelle aufgelöst werde!« »Fort mit ihr! Weg mit ihr! Wir wollen nichts mehr davon hören. Man verbrenne die Papiere! Reißet das Zimmer nieder! Tilgt es aus dem Gedächtnis der Menschheit aus!« gellte es wild durcheinander. »Aber meine Freunde und Mitbürger«, rief der General. »Die Beiträge! Wir haben doch Gelder! Was soll mit den Fonds geschehen?« In aller Eile wurde beschlossen, einem gewissen allgemein geschätzten Richter, der noch vor kurzem öffentlich den edlen Grundsatz aufgestellt hatte, es sei einem weißen Pöbelhaufen erlaubt, einen schwarzen Mann zu ermorden, einen silbernen Becher als Ehrengeschenk zu stiften. Ein ähnliches von gleichem Wert sollte ein anderer Patriot erhalten, der – ebenfalls öffentlich – erklärt hatte, er und seine Freunde würden ausnahmslos und ohne Urteil jeden Abolitionisten hängen, der sich auf ihrem Grund und Boden blicken lasse, und der Rest der Gelder sollte dazu dienen, die Freiheit und Gleichheit aller derjenigen Gesetze bekräftigen zu helfen, die ein unendlich größeres und gefährlicheres Verbrechen darin fänden, einen Neger lesen und schreiben zu lehren, als ihn auf öffentlichem Marktplatze lebendig zu verbrennen. Als man sich hinsichtlich dieser Beschlüsse einig war, brach das Meeting in großer Unordnung auf; die »Watertoastsympathie« hatte ihr Ende erreicht. Als Martin nach seiner Schlafkammer hinaufging, fiel sein Auge auf das republikanische Banner, das zu Ehren des feierlichen Anlasses auf dem Dache gehißt worden war und jetzt vor einem Fenster, an dem er vorbeiging, lustig im Winde flatterte. »Wahrhaftig«, sagte er sich, »von weitem gesehen bist du eine ganz hübsche Fahne, kommt man dir aber zu nahe und sieht auch deine andere Seite und lernt dich ganz kennen, so bist du nur ein ganz elender Zwillichfetzen.« 22. Kapitel Wieso und warum Martin selbst ein Löwe wurde Kaum war die Tatsache, Mr. Chuzzlewit, der junge Engländer, habe sich im Tale Eden angekauft und sei willens, sich mit dem nächsten Dampfboot in dieses irdische Paradies zu begeben, im National Hotel allgemein ruchbar geworden, da war er auch schon mit einem Mal sozusagen ein populärer Charakter. Warum dies geschah oder wie es zuging, wußte er ebensowenig, wie sich Mrs. Gamp von Kingsgate Street, High Holborn, ihren Ruf zu erklären vermochte. Tatsache aber blieb, daß er plötzlich durch Volkswahl der Löwe der Watertoastgemeinde war und daß man seine Gesellschaft in einer für ihn wenig angenehmen Weise suchte. Die erste Mitteilung, die er von diesem Wechsel in seiner Stellung erhielt, bestand in folgender Epistel, die, mit dünner geläufiger Hand geschrieben und hie und da mit fetten Buchstaben durchsetzt, um den Allgemeineindruck zu heben, fast einen ganzen blau linierten Briefbogen ausfüllte: »National Hotel, Montagmorgen. Sehr geehrter Herr! Als ich vorgestern das Glück hatte, Ihr Reisegefährte auf der Eisenbahn zu sein, ließen Sie einige Bemerkungen über den Tower von London fallen, die ich gerne vor einer öffentlichen Versammlung wiederholt hören möchte. Als Schriftführer der Jüngling-Watertoast-Association in dieser Stadt bin ich aufgefordert, Ihnen mitzuteilen, daß die Gesellschaft es sich zur Ehre anrechnen würde, eine Vorlesung von Ihnen über den Londoner Tower in dem Saale der Gesellschaft morgen abend um sieben Uhr anhören zu dürfen. Da sich ein großer Absatz von Vierteldollarbilletts erwarten läßt, so werden Sie durch Ihre freundliche Zusage an den Überbringer verbinden, sehr geehrter Herr, Ihren aufrichtig ergebenen Lafayette Kettle. An seine Hochwohlgeboren Mr. Chuzzlewit. P.S. Die Gesellschaft möchte durchaus nicht, daß Sie sich auf eine Schilderung des Londoner Towers beschränken. Gestatten Sie mir daher die Andeutung, daß auch einige Bemerkungen über die Elemente der Geologie, oder, wenn es Ihnen gelegener wäre, über die Schriften Ihres talentvollen und witzigen Landsmannes, des allgemein verehrten Mr. Miller, sehr willkommen sein würden.« Höchlichst erschrocken über diese Einladung schrieb Martin sogleich eine höfliche Absage, allein kaum war er damit fertig, da erhielt er einen zweiten Brief. Nr. 47, Bunker Hill Street, Montag früh. (Privat) Sir, Ich bin in den endlosen Steppen, durch die unser mächtiger Mississippi, ›der Vater der Gewässer‹, seine stürmischen Fluten dahinwälzt, geboren. Ich bin noch jung und begeisterungsfähig und voll der Poesie, die die Wildnis gebiert, wo jeder Alligator, der im Schlamme liegend sich sonnt, sich selbst ein Epos ist. Ich strebe nach Ruhm. Das ist mein Durst und mein Schmachten. Kennen Sie vielleicht, Sir, irgendein Mitglied des Kongresses in England, der es auf sich nehmen würde, für sechs Monate die Kosten eines dortigen Aufenthaltes für mich zu bestreiten? Ein inneres Gefühl sagt mir, daß eine so hochherzige Gönnerschaft mir gegenüber die besten Früchte tragen würde. In Literatur oder Kunst, vor den Gerichtsschranken, auf der Kanzel oder auf der Bühne – in einem oder dem andern, wo nicht in allem –, weiß ich, müßte mir zuverlässig ein großer Wurf gelingen. Wenn Sie selbst zu sehr beschäftigt sein sollten, um sich an einen derartigen Mäzen zu wenden, so bitte ich Sie, mir die Adressen von drei oder vier geeigneten Leuten mitzuteilen, die am wahrscheinlichsten darauf eingehen würden, damit ich mich brieflich an sie wenden kann. Auch wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich mit ein paar Zeilen wissen ließen, wie Sie über das Werk ›Kain‹, ein Mysterium, von seiner Hochgeboren Lord Byron, denken. Ich verbleibe, Sir, Ihr (verzeihen Sie, wenn ich hinzusetze: hochstrebender) Putnam Smif. P.S. Adressieren Sie, bitte, Ihre Antwort an Chiffre: Amerika junior, Messrs. Hancock and Floby. Schnittwarengeschäft, wie oben.« Diese beiden Briefe, zugleich mit Martins Antwort darauf, wurden später einem löblichen Brauche der Stadt gemäß, der sehr danach angetan war, das Gefühl des Anstandes und gegenseitigen gesellschaftlichen Vertrauens zu fördern, in einer Nummer der Watertoast-Gazette veröffentlicht. Martin hatte übrigens kaum seine Korrespondenz beendigt, als Kapitän Kedgick, der Wirt, mit äußerst liebenswürdiger Miene heraufkam, um nachzusehen, wie Martin sich befinde. Ohne lange Umstände setzte er sich auf die Bettleiste, und da er diese etwas hart fand, schließlich auf das Kopfkissen. »Nun, Sir«, begann er, nachdem er sich's genügend bequem gemacht und seinen Hut ein wenig mehr aufs Ohr gerückt hatte, offenbar, weil er ihm zu eng war, »Sie sind, schätze ich, bereits ein Mann der Öffentlichkeit.« »So scheint es«, versetzte Martin ermüdet und abgespannt. »Unsere Mitbürger, Sir«, fuhr der Kapitän fort, »haben im Sinne, Ihnen ihre Hochachtung zu bezeugen. Sie werden eine Art von ›Leweh‹ zu halten haben, Sir, solange Sie noch hier sind.« »Gott im Himmel!« rief Martin. »Aber das ist mir doch ganz unmöglich, lieber Herr.« »Sie werden müssen, es wird nicht anders gehen«, meinte der Kapitän. »›Müssen‹ ist kein angenehmes Wort, Kapitän«, entgegnete Martin. »Nun, ich habe unsere Muttersprache nicht erfunden und kann sie daher nicht ändern«, sagte der Kapitän ruhig, »sonst würde ich sie wohl etwas angenehmer gestaltet haben. Sie müssen die Besuche empfangen, weiter kann ich nichts sagen.« »Aber warum soll ich Leute empfangen, denen ich ebenso gleichgültig bin wie sie mir?« fragte Martin. »Nun, weil ich in der Bar unten ein Muniment angeheftet habe«, entgegnete der Kapitän. »Was haben Sie angeheftet?« fragte Martin. »Ein Muniment.« Martin warf einen verzweifelten Blick auf Mark, der ihm daraufhin mitteilte, der Kapitän meine ein geschriebenes Plakat, worauf angekündigt sei, daß Mr. Chuzzlewit heute um zwei Uhr vor den Herren der Watertoast-Association Cercle halten werde. Es hinge in der Schenkstube unten, wie er kraft eigener Inaugenscheinnahme bezeugen könne. »Ich weiß, Sie werden sich nicht gerne unpopulär machen«, fing der Kapitän wieder an und schnitt sich kaltblütig die Nägel. »Unsre Bürger lassen nicht mit sich spaßen, das kann ich Ihnen versichern, und unsre Gazette wäre imstande, Ihnen die Haut abzuziehen wie einer wilden Katze.« Martin wollte eben zornig losbrechen, besann sich jedoch eines Besseren und entgegnete: »Also lassen Sie sie in Gottes Namen kommen.« »Oh, sie werden schon von selbst kommen«, erwiderte der Kapitän. »Ich habe zu diesem Behufe bereits das große Zimmer unten reserviert.« »Aber möchten Sie nicht vielleicht die Güte haben«, bat Martin, als er bemerkte, daß der Kapitän sich entfernen wollte, »mir wenigstens zu sagen, warum man mich eigentlich sehen will? Was habe ich denn getan, und wie kommt es, daß man ein so plötzliches Interesse an mir nimmt?« Kapitän Kedgick lüftete ein wenig seinen Hut, setzte ihn dann sorgfältig wieder auf, fuhr sich mit der einen Hand von der Stirne bis zum Kinn über das ganze Gesicht herunter, sah Martin und dann Mark und dann wieder Martin an, blinzelte und ging hinaus. »Meiner Seel«, rief Martin und ließ die Faust schwer auf den Tisch niederfallen, »so ein vollkommen unerklärlicher Kerl wie dieser ist mir noch nicht vorgekommen.« »Nun, Sir«, versetzte sein Associé, »meine Meinung ist, daß Sie ganz einfach ›einer der hervorragendsten Köpfe des Landes‹ geworden sind.« Pünktlich um zwei Uhr mit dem Glockenschlag kehrte Kapitän Kedgick zurück, um Martin nach dem Staatszimmer zu geleiten, und als er ihn dort wohlbehalten abgegeben, rief er seinen Mitbürgern die Treppe hinunter zu, Mr. Chuzzlewit sei nunmehr »zum Empfang bereit«. Daraufhin füllte sich die Stube bis zum letzten Platz, und durch die offene Türe eröffnete sich eine geradezu schauerliche Perspektive auf eine Menge Menschen auf der Treppe, die alle noch hereinwollten. Einer nach dem andern, zu Dutzenden und Dutzenden, ja schockweise und mehr und mehr drängten sie sich heran, um Martin die Hand zu drücken. Alle möglichen Abarten von Händen gab es da; dicke, dünne, kurze, lange, fette, magere, grobe, zarte, heiße, kalte, trockene, feuchte und schlaffe; und jede drückte anders: die eine fest, die andere locker, und immer kamen noch mehr und mehr und mehr Leute herauf; und immer hörte man die Stimme des Kapitäns aus dem Gedränge: »Es sind noch mehr unten, es sind noch mehr unten. – Nun meine Herren, Sie sind jetzt bei Mr. Chuzzlewit gewesen; bitte, wollen Sie den Neuankommenden gefälligst Platz machen.« Doch ohne im geringsten auf den Ruf des Kapitäns zu achten, räumten die Leute das Zimmer nicht nur nicht, sondern blieben stehen, bolzgerade und die Augen weit aufgerissen. Zwei bei der Watertoast Gazette angestellte Gentlemen waren ausdrücklich gekommen, um Material zu einem Artikel über Martin zu sammeln, und hatten sich verabredet, sich in die Arbeit zu teilen, und so war dem einen der obere Teil, dem andern der Teil des Redners von der Weste abwärts zugefallen. Beide standen ganz vorn, den Kopf ein wenig auf die Seite geneigt und aufmerksam auf alles achtend, was in ihr Departement fiel. Wenn Martin den einen Stiefel vor den andern setzte, so notierte es der Gentleman für die untere Abteilung, rieb Martin sich die Nase, so wurde es von dem Gentleman für die obere Abteilung gebucht. Öffnete er den Mund, so ließ sich derselbe Gentleman auf ein Knie vor ihm nieder und studierte mit dem prüfenden Blicke eines Zahnarztes sein Gebiß. Dilettanten der physiognomischen und phrenologischen Wissenschaften umschwärmten ihn mit achtsamen Augen und gierigen Fingern und hin und wieder wagte einer oder der andere der Keckeren einen Griff nach Martins Hinterkopf und verschwand wieder im Gedränge. Alle möglichen Ansichten über ihn, über sein En-Face, sein Profil, sein Dreiviertelprofil und seine Schädelbildung wurden laut. Die weniger wissenschaftlich Gebildeten sprachen hörbar ihre Meinungen über sein Äußeres aus. Seine Nase, hieß es, böte ganz verschiedene neue Gesichtspunkte; über sein Haar kamen die widersprechendsten Gerüchte in Umlauf, und noch immer hörte man die Stimme des Kapitäns erstickt aus dem Gewühl wie unter einem Federbett hervor: »Meine Herrn, Sie sind jetzt Mr. Chuzzlewit vorgestellt, bitte, wollen Sie doch gefälligst Platz machen.« Aber selbst als die Phrenologen Platz zu machen anfingen, wurde es nicht besser, denn nun wogte ein Strom von Herren herein, jeder mit einer Dame am Arm, genau so, wie der Chor im National Hochgesang, wenn die Majestät im Prachteinband die Bühne betritt. Jede Gruppe frischer an Kraft als die vorhergehende und fest entschlossen, bis zum letzten Augenblick zu bleiben. Wurde Martin angeredet, was nicht oft geschah, so waren es stets dieselben Fragen und alle in demselben Ton und mit nicht mehr Rücksicht oder Zartgefühl vorgebracht, als wäre er eine Steinfigur gewesen, gekauft, bezahlt und zur allgemeinen Belustigung hier aufgestellt. Und als dann die Pärchen schließlich entschwebten, war es so schlimm wie vorher, wo nicht schlimmer; denn jetzt wurden die halbwüchsigen Jungen frech, kamen in Trupps herein und benahmen sich genau so, wie sie es vorher von den Erwachsenen gesehen hatten. Auch höchst seltsame Nachzügler tauchten auf, Gentlemen, die wie auferstandene Tote aussahen und, wenn sie einmal da waren, nicht wußten, wie sie wieder fort kommen sollten; vor allem ein stummer Herr mit verglasten Fischaugen und nur einem einzigen, aber sehr großen und gewaltig glänzenden Metallknopf an seiner Weste war besonders hartnäckig und blieb unbeweglich an der Wand stehen wie eine Standuhr, als die anderen längst fort waren. Vor Ermüdung, Abspannung und Ärger im höchsten Grade mitgenommen, glaubte Martin sich auf den Boden werfen und liegen bleiben zu müssen, aber auch dazu ließ man ihm keine Zeit. Briefe und Botschaften mit der Drohung, ihn öffentlich an den Pranger zu stellen, wenn man die Absender nicht vorließe, strömten wie ein Hagelsturm herein, und da auch, während er einsam Kaffee trank, noch immer Besuche kamen und Mark trotz aller Wachsamkeit nicht imstande war, sie an der Türe abzuhalten, so entschloß sich Martin, zu Bett zu gehen. Nicht, daß er dort hinreichenden Schutz zu finden glaubte, sondern nur, um auch dies letzte verzweifelte Mittel nicht unversucht zu lassen. Er hatte seinen Plan Mark mitgeteilt und wollte gerade entwischen, als die Türe abermals mit großem Ungestüm aufgerissen wurde und ein ältlicher Gentleman eintrat, eine lange hagere Dame am Arm, die nichts weniger als jung oder gar hübsch genannt werden konnte. Letzeres war allerdings Geschmackssache. Sie trug sich sehr gerade und war sowohl hinsichtlich Antlitz wie Gestalt ungefähr das Gegenteil von Beweglichkeit. Auf dem Kopfe trug sie einen großen Strohhut mit dito Blumen, in dem sie aussah, als habe ein ungeschickter Arbeiter einem Turm ein Dach aufgesetzt, und in der Hand hielt sie einen Fächer von beispiellosen Dimensionen. »Mr. Chuzzlewit, wie ich vermute?« begann der Gentleman. »Ja, das ist mein Name.« »Ich muß bemerken, Sir«, sagte der Gentleman, »daß meine Zeit sehr gemessen ist.« »Gott sei Dank«, dachte Martin. »Ich reise in meine Heimat zurück«, fuhr der Gentleman fort, »und zwar per Bahn. Der Zug kann jeden Augenblick abgehen. ›Abgehen‹ ist kein Wort, das bei Ihnen zu Hause üblich wäre, nicht wahr, Sir?« »O doch«, versicherte Martin. »Sie befinden sich im Irrtum, Sir«, entgegnete der Gentleman mit großer Entschiedenheit. »Aber lassen wir das Thema fallen. Ich liebe es nicht, Widerspruch zu erwecken. – Gestatten Sie, Sir: Mrs. Hominy.« Martin verbeugte sich. »Mrs. Hominy, Sir, ist die Gattin des Majors Hominy, eines unserer ersten Köpfe, und gehört einer der aristokratischsten Familien an. – Sie kennen vielleicht Mrs. Hominys Schrift.« Martin mußte leider verneinen. »Nun, da haben Sie noch viel zu lernen, und es stehen Ihnen noch große Genüsse bevor, Sir«, sagte der Gentleman. »Mrs. Hominy wird bis Ende des Jahres bei ihrer verheirateten Tochter in der Ansiedelung Neu-Thermopylae – drei Tagereisen vor Eden – wohnen bleiben. Jede Aufmerksamkeit, Sir, die Sie Mrs. Hominy auf der Reise erweisen, wird Ihnen den Major und unsere Mitbürger zu größtem Dank verpflichten. – Mrs. Hominy, ich wünsche Ihnen eine geruhsame Nacht und viel Vergnügen für die Reise, Madame.« Martin wollte es anfangs kaum glauben, aber Tatsache: da saß Mrs. Hominy und trank die Milch von seinem Kaffee. »Ich bin wahrhaftig ganz und gar kaputt«, bemerkte sie. »Die Wagen stoßen, als ob der Schienenweg voller Knorren und Höcker läge.« »Voller Knorren und Höcker?« stotterte Martin geistesabwesend. »Nun ja, verstehen Sie denn nicht?« fuhr Mrs. Hominy auf. »Oder setzen Sie vielleicht Zweifel in meine Worte?« Dann band sie sich kaltblütig ihre Hutbänder auf und sagte, sie wolle draußen in der Garderobe ablegen, werde aber gleich wiederkommen. »Mark«, flüsterte Martin, »bitte, zwicke mich mal in den Arm. Sei so gut. Bin ich überhaupt wach?« »Ja, ja, die Hominy ist schon echt«, entgegnete Mark, »'s is eins von den Weibsbildern, die, ob man sie nun bei Tag oder bei Nacht überrascht, immer die Augen offen haben und im Geiste für das Wohl ihres Vaterlandes arbeiten.« Weiter kam er nicht, denn Mrs. Hominy stelzte wieder herein, sehr aufrecht – zum Beweise ihrer aristokratischen Abstammung –, und hielt in ihren gefalteten Händen ein rotes baumwollenes Taschentuch, wahrscheinlich ein Abschiedsgeschenk des Geistesheroen – des Majors. Sie hatte ihren Hut draußen gelassen und erschien jetzt in einer hocharistokratischen und klassischen Haube, die, unter dem Kinne zusammengebunden, eine Art Kopfputz bildete, der bewunderungswürdig zu ihrem Gesichte paßte. Martin bot ihr einen Stuhl an. Ehe er jedoch zu seinem eigenen Sitze zurückkehren konnte, hielt sie ihn mit den Worten zurück: »Bitte, Sir, wo sind Sie gebucht?« »Ich fürchte, meine Auffassungskraft ist nicht mehr die beste«, stotterte Martin; »ich bin wirklich außerordentlich müde. Auf mein Wort, ich verstehe nicht, was Sie meinen.« Mrs. Hominy schüttelte mit einem melancholischen Lächeln den Kopf, als wollte sie damit sagen: »Sogar die Sprache verleiden sie einem im alten Lande drüben.« Dann aber ließ sie sich zu der gnädigen Erklärung herab: »Wo sind Sie her?« »Ach so«, sagte Martin. »Ich stamme aus Kent.« »Und wie gefällt Ihnen unser Land, Sir?« »Wahrhaftig – hm – wirklich sehr gut«, stammelte Martin halb im Schlaf, »wenigstens – das heißt ziemlich, Madame.« »Die meisten Fremden – namentlich die Engländer – sind sehr überrascht über das, was sie in den Vereinigten Staaten zu sehen bekommen.« »Sie haben auch wahrhaftig allen Grund dazu, Madame«, versetzte Martin. »Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so überrascht.« »Unsere Institutionen gehen ins Aschgraue, nicht wahr, Sir?« »Der kurzsichtigste Mensch kann das auf den ersten Blick mit bloßem Auge sehen«, versicherte Martin. Mrs. Hominy war Philosophin und Schriftstellerin und daher gewiß sehr abgehärtet, aber diese undezente und unziemliche Redensart war denn doch zu viel für sie. Ein Gentleman – allein mit einer Dame – und die Türe offen – und spricht von einem bloßen Auge! Eine ziemliche Weile verging, ehe sie – obgleich sie eine Dame von männlichem, hochstrebendem Geiste war – so viel Mut aufbringen konnte, um das Gespräch wieder anzuknüpfen. Aber es gelang ihr, denn sie war eine vielgereiste Frau und schrieb Revuen und analytische Untersuchungen. Ihre Briefe aus dem Ausland, die sämtlich mit »Mein heiß geliebter Anonymus« begannen und mit »die Mutter der modernen Gracchen« unterzeichnet waren – unter den Gracchen verstand sie ihre verheiratete Tochter nebst Gatten –, erschienen regelmäßig in öffentlichen Journalen, die Ausbrüche ihrer Entrüstung mit fetter und die Sarkasmen mit gesperrter Schrift gedruckt. Mrs. Hominy hatte fremde Länder mit dem Auge einer vollkommenen Republikanerin – noch frisch aus dem Backofen – betrachtet und konnte folglich stundenlang von ihren Erlebnissen sprechen – oder schreiben. Sie setzte daher Martin tüchtig zu. Da er fest eingeschlafen war, hatte sie um so freieres Spiel und zermalmte ihn denn auch nach Herzenslust mit Gründen und Räsonnements. Es ist ziemlich gleichgültig, was Mrs. Hominy sagte, genug, was sie sagte, hatte sie aus dem Geschwätz einer großen Klasse ihrer Mitbürger gelernt, die mit jedem Worte bekennen, daß sie für die hohen Prinzipien, aus denen Amerika als Nation ins Leben sprang, fühllos und unempfindlich sind. Allmählich wurde Martin soweit wach, daß er sich des Gefühls eines schrecklichen Alpdrucks bewußt wurde – eines halbfertigen Traumes, daß er einen lieben Freund ermordet habe und seine Leiche nicht los werden könne. Als er die Augen öffnete, stierte ihm das Phantom ins Gesicht und wandelte sich langsam in die schreckliche Mrs. Hominy, die immer noch tiefsinnige Wahrheiten in einem melodischen Schnüffelton heruntersprach und in ihrer Größe schwelgte, so daß des Majors bitterster Feind, wenn er sie gehört hätte, ihm aus dem Grunde seines Herzens vergeben haben würde. Martin wollte eben irgendeinen verzweifelten Schritt tun, aber in diesem Augenblick ertönte die Glocke zum Abendessen und erlöste ihn aus seiner Qual. Als er Mrs. Hominy am obern Ende der Tafel glücklich verstaut hatte, nahm er selbst seine Zuflucht zum untersten und stahl sich nach einem hastigen Mahl aus dem Speisesaal, während die Dame noch mit geräuchertem Ochsenfleisch und einem ganzen Teller von eingesalzenen Fixings beschäftigt war. Es würde schwerhalten, sich einen richtigen Begriff von Mrs. Hominys Frische am nächsten Morgen oder von der Gier, mit der sie sich beim Frühstück kopfüber in »moralische« Themen stürzte, zu machen. Eine gewisse essigsaure Schärfe war wohl an ihr zu bemerken, aber das kam wahrscheinlich von den Mixed Pickles und den Fixings am Abend vorher. Den ganzen Tag über klammerte sie sich an Martin an; sie saß an seiner Seite, während er Leute empfing – denn immer noch nahmen die Besuche kein Ende –, entwickelte allerlei Theorien und beantwortete imaginäre Einwürfe mit einer Beharrlichkeit, daß Martin schließlich zu glauben begann, er träume und spreche für zwei. Sie zitierte endlose Stellen aus gewissen von ihr selbst geschriebenen Aufsätzen über Staatskunst – gebrauchte das Taschentuch des Majors, als ob das Schneuzen eine temporäre Krankheit sei, die sie um jeden Preis loswerden müsse –, kurz, sie war eine in jeder Hinsicht so merkwürdige Reisegefährtin, daß Martin innerlich zu dem Schlusse kam, das beste sei, solche Personen in jeder neuen Ansiedlung um des allgemeinen Friedens willen auf der Stelle mit einer Hacke totzuschlagen. Unterdessen war Mark von morgens früh bis abends spät in die Nacht hinein beschäftigt, Vorräte jeder Art, Werkzeuge und andere Utensilien an Bord des Dampfbootes zu schaffen, die man ihnen, als in der Kolonie unentbehrlich, mitzunehmen angeraten hatte. Der Ankauf aller dieser Sachen und die Bezahlung ihres Logis im National-Hotel führte eine solche Ebbe in ihrer gemeinsamen Kasse herbei, daß, wenn der Kapitän mit der Abfahrt noch länger gezögert hätte, sie wahrscheinlich in derselben Klemme gewesen wären wie die mittellosen Auswanderer, die, durch die aufdringliche schreiende Annonce an Bord angelockt, wochenlang im Zwischendeck zugebracht und ihren armseligen Mundvorrat aufgezehrt hatten, ehe die Fahrt noch begonnen. Und solcher Auswanderer gab es viele auf dem Schiff. In Gruppen lagerten sie um die Maschine oder das Heizfeuer herum – Bauern, die noch nie einen Pflug geführt, Holzfäller, die noch nie eine Axt in der Hand gehabt, Baumeister, die keinen Koffer zusammenzimmern konnten, und alle ausgestoßen aus ihrer Heimat, ohne eine mitfühlende Seele zurückzulassen – Neulinge in einer neuen Welt, Kinder an Hilflosigkeit, Männer an Bedürfnis, mit kleinen Kindern auf den Armen –, um zu leben oder unterzugehen, wie es der Zufall eben fügen mochte. Der Morgen kam, und gegen Mittag sollte die Reise losgehen. Aber der Mittag kam, und die Abreise wurde auf den Abend verschoben. Doch nichts dauert ewig in dieser Welt, nicht einmal die Saumseligkeit eines amerikanischen Bootskapitäns; und so war in der Nacht alles zur Abfahrt bereit. Im höchsten Grade ermattet und entmutigt, aber mehr »Löwe« als je (er hatte den ganzen Nachmittag nichts anderes getan, als Briefe von Fremden zu beantworten, die sämtlich entweder leeres Stroh droschen oder Geld borgen wollten, aber sämtlich auf augenblickliche Antwort drängten), quetschte sich Martin durch ein Gedränge von Menschen, Mrs. Hominy am Arm, zum Kai durch und begab sich an Bord. Mark hingegen hatte sich in den Kopf gesetzt, das Rätsel der »Löwenschaft«, koste es, was es wolle, zu lösen, und lief daher, auf die Gefahr hin, das Schiff zu versäumen, noch einmal nach dem Hotel zurück. Kapitän Kedgick saß in der Kolonnade, ein Eisgetränk auf den Knien und eine Zigarre im Mund, und rief, als er Marks ansichtig wurde: »Was, um Gottes willen, führt Sie wieder hierher?« »Aufrichtig gesagt, Kapitän«, keuchte Mark, »ich möchte Ihnen eine Frage stellen.« »Fragen kann niemand verwehren«, entgegnete Kedgick, damit andeutend, daß man andererseits nicht verpflichtet sei, gestellte Fragen auch zu beantworten. »Weshalb haben Sie so viel Wesens mit ihm gemacht?« fragte Mark schlau. »Na, sagen Sie's mal ganz offen!« »Unsere Bevölkerung liebt die Aufregung«, antwortete Kedgick, an seiner Zigarre saugend. »Aber warum war sie denn aufgeregt?« forschte Mark. Der Kapitän sah ihn mit einem Gesicht an, als habe er einen Riesenspaß auf der Zunge, wolle aber nicht recht mit der Sprache heraus. »Sie wollten doch abreisen?« »Wollten?« rief Mark. »Jede Sekunde ist kostbar für mich.« »Na, dann hören Sie. Also, Mr. Chuzzlewit ist nicht wie die Emigranten im allgemeinen und hat die Leute seit seinem Hiersein ununterbrochen in Spannung erhalten –« der Kapitän blinzelte und brach in ein ersticktes Lachen aus »– jawohl, seit seinem Hiersein. – Scadder ist ein famoser Bursche und – und – niemand, der nach Eden geht, kommt lebendig wieder zurück.« Der Dampferhalteplatz war ganz in der Nähe, und in diesem Augenblick hörte Mark seinen Associé rufen, er solle sich beeilen oder der Dampfer fahre ab. Es war daher zu spät, ein böses Gesicht zu machen oder die Sache noch zu ändern zu versuchen. Er gab daher dem Kapitän seinen Segen zum Abschied und raste davon wie ein Besessener. »Mark, Mark!« rief Martin. »Da bin ich, Sir«, schrie Mark vom Rande des Kais herab und sprang mit einem Satz an Bord. »In meinem Leben war ich noch nicht halb so vergnügt wie gerade vorhin. Alles in Ordnung. Los!« Dann sprühten die Funken aus den zwei Rauchfängen, als wäre das Fahrzeug ein eben erst angezündetes Feuerwerk, und dahin brausten sie auf dem dunkeln Gewässer. 23. Kapitel Martin und sein Kompagnon treten ihren Besitz an. Dieser erfreuliche Anlaß gibt Gelegenheit zu einem weiteren Bericht über Eden Martin bemerkte an Bord des Dampfschiffs einige Passagiere ganz desselben Schlages wie sein New Yorker Freund, Mr. Bevan, und das machte ihn bald wieder heiter und zuversichtlich. Die Herren befreiten ihn, so gut es eben gehen wollte, aus den intellektuellen Schlingen Mrs. Hominys und bewiesen in ihrem ganzen Reden und Tun so viel gesunden Menschenverstand und Hochherzigkeit, daß er sie gar nicht genug schätzen zu können glaubte. »Wäre Amerika wirklich eine Republik der Intelligenz und des wahren Menschenwertes«, sagte er, »während sie nur blauen Dunst und Prellerei hervorbringt, so würde es hier nicht an Hebeln fehlen, die Staatsmaschine in Bewegung zu erhalten.« »Aber gute Werkzeuge haben und schlechte gebrauchen«, entgegnete Mr. Tapley, »heißt das nicht ein erbärmlicher Zimmermann sein?« Martin nickte: »Es scheint, als ob die Last der Arbeit ihre Zwecke und Kräfte unendlich übersteigt, und deshalb pfuschen sie.« »Das schönste bei der Sache ist«, meinte Mark, »daß, wenn sie wirklich einmal etwas Anständiges ausführen, so wie bessere Arbeiter, die weniger vom Glück begünstigt sind, es täglich tun, ohne es für etwas Besonderes anzusehen, sie immer ein riesiges Aufhebens davon machen. Denken Sie an meine Worte, Sir! Wenn jemals der bankerotte Teil dieses Landes seine Schulden zahlen sollte – wenn er schließlich merkt, daß das Nichtbezahlen nicht angeht und unangenehme Folgen hat –, so werden sie so das Maul vollnehmen, als ob seit Erschaffung der Welt noch nie ein geborgter Dollar zurückgezahlt worden wäre. So belügen sie einander, Sir. Ich durchschaue die Burschen. Denken Sie an meine Worte, Sir.« »Wahrhaftig, Sie sind ja schrecklich scharfsinnig auf einmal«, lachte Martin. »Vielleicht kommt es daher«, brummte Mark, »daß ich eine Tagesreise näher an Eden bin und die Erleuchtung über mich kommt, ehe ich sterbe. Wer weiß, vielleicht werde ich gar ein Prophet, ehe wir noch in Eden sind.« Er sprach diese Gedanken zwar nicht aus, aber die außerordentliche Fröhlichkeit, die sie in ihm hervorriefen, sagte genug. Obwohl Martin zuweilen tat, als habe er kein Verständnis für den unerschöpflich heitern Sinn seines Kompagnons, und manchmal – wie in dem Falle bei Mr. Zephania Scadder – seine Kommentare zu allem und jedem etwas gar zu spaßhaft fand, so war er doch immer empfänglich für die belebende und aufmunternde Wirkung des Beispiels, das ihm Mark Tapley gab. Anfangs wurden ziemlich viel Reisende ein- oder zweimal des Tages an Land gesetzt und andere kamen dafür an Bord, aber je weiter sie stromauf fuhren, desto dünner schienen die Städte gesät zu sein, und oft dauerte es viele Stunden, ohne daß sie andere Ansiedlungen zu Gesicht bekamen als die Hütten der Holzfäller, an denen der Dampfer Brennmaterial einnahm. – Himmel, Wald und Wasser den ganzen lieben Tag lang und eine Hitze, die Blasen zog, wohin die Strahlen der Sonne fielen. So ging es fort durch große Einöden, wo Buschwerk dicht und eng das Ufer bedeckte, Bäume in der Strömung trieben, aus der Tiefe ihre verdorrten Arme in die Höhe reckend oder vom Lande aus in das Wasserbett niedertauchten, halb noch wachsend, halb im schlammigen Wasser modernd. Fort und fort in ewiger Eintönigkeit, den ganzen Tag und die traurige Nacht, in der sengenden Sonnenglut und im Dunst und Nebel des Abends – immer weiter und weiter, bis ein Umkehren unmöglich war und ein Wiedersehen der Heimat nur noch wie ein Traum erschien. Es waren schließlich nur noch wenige Passagiere mehr an Bord und diese so stumpfsinnig und träge wie die Vegetation der Ufer mit ihrem qualvoll ermüdenden Anblick. Keine Äußerung des Frohsinns oder der Hoffnung wurde laut, und kein angenehmes Geplauder verkürzte den trägen Lauf der Stunden. Und nirgends bildeten sich die kleinen Gruppen, wie es sonst auf Reisen der Fall zu sein pflegt, um durch Gespräche gegen die Öde der Landschaft anzukämpfen. Hätte man nicht zu gewissen Stunden aus einem gemeinschaftlichen Troge seine Nahrung verschlungen, so hätte man denken müssen, das Dampfschiff sei die Fähre des alten Charon, der melancholische Schatten zum jüngsten Gerichte führt. Endlich kamen sie in die Nähe von Neu-Thermopylae, wo noch am selben Abend Mrs. Hominy an Land gehen wollte. Ein Strahl des Trostes senkte sich in Martins Herz, als sie ihm dies eröffnete. Mark war weniger trostbedürftig, aber auch ihm mißfiel diese Veränderung nicht. Es war fast Nacht, als sie an dem Landungsplatz anlegten – steiles Gestade und darauf ein »Hotel«, das wie eine Scheune aussah, ein oder zwei hölzerne Magazine und einige zerstreut umherstehende Schuppen. »Sie wollen wohl hier übernachten und dann morgen weiterreisen, Madame?« fragte Martin. »Wohin sollte ich denn weiterfahren?« rief die Mutter der modernen Gracchen. »Ich denke, doch nach Neu-Thermopylae?« »Aber, das ist doch hier!« Martin sah sich neugierig um, konnte jedoch nichts entdecken, was den Namen Neu-Thermopylae auch nur halbwegs verdient hätte. »Aber da liegt es doch!« rief Mrs. Hominy und deutete auf den eben erwähnten Schuppen. »Da?« »Jawohl. Und man kann sagen, was man will, Eden läßt sich nicht damit vergleichen«, sagte Mrs. Hominy und nickte ausdrucksvoll mit dem Kopfe. Inzwischen war die verheiratete Tochter Mrs. Hominys an Bord gekommen, und ihr Gatte bestätigte stolz die Behauptungen seiner Schwiegermutter. Dankend lehnte Martin die Einladung der Herrschaften ab, für die halbe Stunde, während der das Boot anhielt, an Land zu gehen und dort etwas zu genießen; und nachdem er Mrs. Hominy und das rote Taschentuch, das immer noch in Tätigkeit war, glücklich über die Fallreepstreppe begleitet hatte, kehrte er in höchst nachdenklicher Stimmung zurück, um den Auswandrern zuzusehen, wie sie ihre Habe ausschifften. Mark stand neben ihm und trachtete zuweilen verstohlen in seinen Zügen zu lesen, welchen Eindruck wohl die Worte Mrs. Hominys auf ihn gemacht haben mochten. Es wäre ihm lieb gewesen, Martins Hoffnungen herabgestimmt zu sehen, bevor sie ihren Bestimmungsort erreichten, damit der Schlag, den er befürchtete, nicht zu vernichtend ausfiele, aber Martin blickte nur dann und wann nach den ärmlichen Bauten auf dem Hügel und verriet mit keiner Miene, was in seinem Innern vorging, bis sie wieder weiterfuhren. »Mark«, sagte er dann, »ist wirklich niemand außer uns an Bord, der mit nach Eden fährt?« »Keine Seele, Sir. Sie wissen doch, daß die meisten zurückgeblieben sind; die wenigen, die noch da sind, gehen weiter als nach Eden. Was liegt übrigens daran. Um so mehr Platz werden wir dort haben.« »Freilich«, sagte Martin, »aber ich dachte – –« dann verstummte er plötzlich. »Nun, Sir?« fragte Mark. »Ist es nicht merkwürdig, daß die Leute ihr Glück in einem so elenden Nest wie diesem hier zum Beispiel versuchen wollen, während doch ein so viel besserer und ganz anderer Ort wie Eden von hier aus so leicht zu erreichen ist?« Der Ton, in dem er dies sagte, war so verschieden von seiner gewöhnlichen Zuversicht und verriet so auffallend seine Furcht vor Marks Antwort, daß dieser in seiner Gutmütigkeit das tiefste Mitleid mit ihm empfand. »Nun, wissen Sie, Sir«, sagte Mark so sanft und schonungsvoll wie möglich; »wir müssen uns hüten, nicht allzu sanguinisch zu sein; weshalb sollten wir es denn auch, da wir doch entschlossen sind, zum bösesten Spiele die beste Miene zu machen. Nicht wahr, Sir?« Martin blickte ihn an, ohne eine Silbe zu erwidern. »Auch Eden, wie Sie wissen, ist ja noch nicht vollständig aufgebaut.« »Um Himmels willen, Mensch«, rief Martin zornig, »so nennen Sie doch nicht immer Eden in ein und demselben Atem mit diesem Dorfe hier. Sind Sie toll?! Übrigens seien Sie mir nicht böse, daß ich so aufbrause, ich bin ein wenig nervös.« Damit wandte er sich ab und ging volle zwei Stunden unruhig auf dem Deck auf und ab. Auch sprach er, ein einziges »Gute Nacht« ausgenommen, kein Wort weiter bis zum nächsten Morgen, vermied auch dann noch das Thema geflissentlich und redete von andern, gleichgültigen Dingen. Als sie weiterkamen und sich mehr und mehr dem Ziele ihrer Reise näherten, steigerte sich die einförmige Öde der Landschaft, die jetzt geradezu trostlos wurde, in so hohem Grade, daß man hätte meinen können, man sähe leibhaftig die grausen Domänen des Riesen Verzweiflung vor sich. Ein flacher Morast, mit gefällten Bäumen bedeckt, ein Moorboden, auf dem gesundes Wachstum einem abscheulichen Moder Platz gemacht hatte und sogar die Bäume das Aussehen riesiger Kräuter zu haben schienen, durch die herniedersengende Sonne aus dem Schlamme hervorgelockt. Wo todbringende Krankheiten auf der Lauer lagen, die Lebewesen zu vergiften, nächtlicherweise in Nebelgestalten hervorkommend, auf dem Wasser weiterkriechend und gespenstisch ihr Opfer verfolgend bis zum Tagesanbruch – wo sogar der helle Sonnenstrahl zum Schrecken wurde, wie er auf die modernden Elemente der Verderbnis und des Siechtums niederbrannte: das war das Land der Hoffnung, durch das sie jetzt vordrangen. Endlich machten sie halt, und zwar in Eden. Wahrscheinlich waren die Wasser der Sintflut eben erst vor einer Woche abgelaufen, so erstickt von Schlamm und Dschungel war der abscheuliche Sumpf, der diesen Namen trug. Da das Ufer in eine Sandbank auslief, mußten sie vermittelst eines Bootes ihre Habe an Land bringen. Einige Blockhäuser wurden zwischen den dunklen Bäumen sichtbar. Die besten sahen aus wie ein schlechter Kuh- oder Pferdestall. Von öffentlichen Kais, Marktplätzen, Gebäuden und so weiter – keine Spur. »Da kommt jemand aus Eden«, rief Mark, »er kann uns unsere Sachen fortschaffen helfen. – Kopf hoch, Sir! – Hallo, Sie da!« Sofort wankte der Mann, auf einem Stock gestützt, durch die Dunkelheit auf sie zu. Als sie näher kamen, bemerkten sie, daß er blaß und abgezehrt aussah und daß seine kummervollen Augen tief in ihren Höhlen lagen. Sein Anzug aus blauer Hausleinwand hing in Fetzen, und sein Kopf und seine Füße waren nackt. Auf dem halben Wege setzte er sich auf einen Baumstumpf, winkte ihnen heranzukommen, die Hand an die Seite gelegt, wie vor Schmerzen, holte tief Atem und starrte sie verwundert an. »Fremde?« rief er, sobald er wieder sprechen konnte. »Ja«, antwortete Mark. »Sind Sie krank, Sir?« »Ich habe am Fieber darniedergelegen«, antwortete der Mann mit schwacher Stimme. »Ich habe viele Wochen lang nicht auf den Beinen stehen können. – Das sind wohl Ihre Sachen hier?« Dabei deutete er auf das Gepäck. »Ja, Sir, so ist's«, versetzte Mark; »könnten sie uns nicht vielleicht jemanden empfehlen, der uns ein bißchen hülfe, es nach der Stadt hinaufzuschaffen? Wie?« »Mein ältester Sohn würde es gerne tun, wenn er könnte«, entgegnete der Mann; »aber er hat heute wieder seinen Fieberanfall und liegt in Decken eingehüllt in seinem Bett. – Mein Jüngster starb vor einer Woche.« »Ich bedaure Sie von ganzem Herzen, Sie Ärmster«, sagte Mark und drückte ihm die Hand; »kümmern Sie sich nicht um uns. Kommen Sie mit mir und reichen Sie mir den Arm. Ich werde Sie zurückführen. Unser Gepäck liegt sicher genug«, fügte er zu Martin gewendet hinzu; »es gibt hier nicht viele Menschen, die sich damit aus dem Staube machen könnten; das ist wenigstens ein Trost.« »Nein«, rief der Mann, »die Menschen müßt ihr hier« – dabei stieß er mit dem Stock auf den Boden – »und dort im Gebüsch weiter nördlich suchen. Wir haben die meisten von ihnen begraben; die übrigen sind fortgezogen, und die noch hier sind, kommen bei Nacht nicht aus ihren Hütten.« »Die Nachtluft ist wohl nicht sehr gesund?« fragte Mark. »Sie ist ein tödliches Gift«, lautete die Antwort des Ansiedlers. Mark verriet nicht mehr Unruhe, wie wenn sie ihm als Ambrosia geschildert worden wäre, reichte dem Manne seinen Arm, teilte ihm unterwegs die Geschichte ihres Kaufes mit und befragte ihn, wo ihr Besitztum liege. »Dicht neben meinem eigenen Blockhaus«, sagte der Mann, »so dicht, daß wir Ihre Wohnung bisher als Vorratshaus für Welschkorn benützt haben.« Dann bat er Mark, sich noch diese Nacht zu gedulden. Morgen werde er es sich angelegen sein lassen, die Vorräte herauszuschaffen. Als etwas ganz Nebensächliches bemerkte er dabei, daß er den letzten Eigentümer eigenhändig begraben habe; eine Kunde, die Mark ebenfalls ohne die mindeste Erschütterung seines Gleichmutes hinnahm. Sodann führte er Mark und Martin nach einem erbärmlichen, aus rohen Holzstämmen zusammengefügten Hause oder vielmehr einer Hütte, deren Türe ausgehoben war – vermutlich, um die Aussicht auf die wilde Landschaft und in die dunkle Nacht hinein zu erweitern. Mit Ausnahme des erwähnten kleinen Maisvorrates befand sich nichts darin. Sie holten daher eine ihrer Kisten vom Landungsplatz, und der Ansiedler lieh ihnen dazu eine Holzfackel. Mark befestigte sie auf dem Herde, erklärte, das Haus sehe jetzt ungemein gemütlich aus, und eilte dann mit Martin fort, um das Gepäck herbeischaffen zu helfen. Auf dem ganzen Hin- und Herwege plauderte er unablässig, um zu verhindern, daß sein Kompagnon ganz und gar in seiner Verzweiflung den Kopf verliere. Aber wohl auch ein Kräftigerer als Martin wäre bei der so grausamen Zerstörung seines Luftschlosses niedergebrochen, und als sie die Blockhütte zum zweitenmal erreichten, warf er sich auf die Erde nieder und weinte laut. »Kopf hoch, Sir, um Gottes willen, Kopf hoch!« rief Mr. Tapley in großem Schrecken. »Sie dürfen nicht so entmutigt sein. Nur nicht gleich die Flinte ins Korn werfen! Damit hat sich noch nie ein Mann, ein Weib oder ein Kind auch nur über den niedrigsten Zaun geholfen, Sir, und wird es auch niemals imstande sein. Und abgesehen davon, daß Ihr Weinen Ihnen nichts hilft, so macht es die Sache nur schlimmer, denn ich kann so etwas nicht mitansehen. Es wirft mich zu Boden. Alles, alles, nur das nicht!« Zweifellos sprach er die Wahrheit, und der außerordentliche Schrecken, mit dem er Martin ansah, dabei auf den Knien vor der Kiste liegend, um sie aufzubrechen, bewies es hinlänglich. »Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, lieber Freund«, jammerte Martin, »aber ich kann nicht anders. Und wenn man mir den Kopf herunterschlüge.« »Mich um Verzeihung bitten?« rief Mark mit seiner gewohnten Heiterkeit und fuhr dabei fort, die Kiste auszupacken; »der Hauptassocié der Firma bittet die Kompagnie um Vergebung! Wie? Da muß etwas faul sein in der Firma. Ich muß auf der Stelle die Bücher nachsehen und die Rechnungen prüfen lassen. – So, da wären wir«, damit packte er die mitgebrachten Vorräte aus, »und jetzt alles an seinen richtigen Platz: hier das eingesalzene Schweinefleisch, hier der Zwieback, hier der Whisky – wie fein der riecht! – Und hier die Zinnkanne. Die Zinnkanne allein ist schon ein kleines Vermögen wert. Und hier die Decken und hier die Axt! Da soll einer noch sagen, daß wir nicht fein ausgestattet sind. Mir kommt's fast so vor, als sei ich als Seekadett nach Indien gereist und mein edler Vater Präsident des Direktoren-Kollegiums. Nun, wenn ich noch etwas Wasser aus dem Fluß vor der Türe geholt und den Grog gemischt habe«, rief er und eilte hinaus, »so haben wir ein Abendessen fertig, das alle Delikatessen der Jahreszeit umfaßt. – So, Sir, und jetzt wird aufgedeckt. Ein Zigeunerlager ist ein Quark dagegen.« Es wäre unmöglich gewesen, in der Gesellschaft eines solchen Menschen nicht Mut zu fassen. Martin setzte sich neben den Koffer auf den Boden, zog sein Messer heraus und aß und trank, was das Zeug hielt. »Nun, sehen Sie«, sagte Mark, nachdem Sie ihrem Mundvorrat kräftig zugesprochen hatten, »mit unsern beiden Messern stecke ich diese Decke hier vor der Türe fest oder vielmehr dort, wo zivilisierte Zimmerleute das Loch zu lassen pflegen. Wie nett das jetzt aussieht! Dann verstopfe ich die Öffnung unten, indem ich die Kiste davorstelle. Auch das macht sich nicht übel. – So. – Und hier ist Ihre Schlafdecke und hier die meinige. Was kann uns jetzt hindern, eine famose Nacht zu verbringen?« Trotz aller dieser leichtherzigen Reden dauerte es doch ziemlich lange, bevor er einschlief. Er wickelte seine Decke um sich, legte sich die Axt zur Hand und suchte sein Lager quer vor der Schwelle der Türe, war aber zu ängstlich und zu wachsam, um ein Auge schließen zu können. Das Ungewohnte ihrer traurigen Lage, die Furcht vor Raubtieren oder menschlichen Feinden, die schreckliche Ungewißheit, wie sie weiterhin an einem solchen Orte ihre Leben würden fristen können – der Gedanke an die immense Entfernung bis zu zivilisierten Orten und die ungeheueren Hindernisse, die sich vor ihnen auftürmen mußten, wenn sie daran dachten, England je wieder zu erreichen, mußten ihn notwendigerweise aufs höchste beunruhigen. Zwar stellte sich Martin schlafend, aber Mark fühlte ganz genau, daß er gleichfalls wachte und eine Beute derselben quälenden Befürchtungen war. Und das war fast schlimmer für ihn als alles andere, denn wenn er selbst anfing, sich dem Brüten über das gemeinsame Elend zu überlassen, statt den Versuch zu machen, dagegen anzukämpfen, so unterlag es wohl kaum einem Zweifel, daß eine derartige Gemütsstimmung den Einfluß der verpestenden Miasmen mächtig unterstützen mußte. Nie war daher der Tagesanbruch einem menschlichen Auge auch nur halb so willkommen wie ihm beim Erwachen nach qualvollem Schlummer. Er merkte den Sonnenaufgang daran, daß die Ritzen im Dach und die Lücken, die die Decke an der Türe freiließ, zu schimmern begannen. Leise – da Martin noch schlief – schlich er hinaus, erquickte sich durch ein Bad in dem Fluß, der an der Türe vorbeiströmte, und warf einen Blick auf die Ansiedlung, die im Ganzen aus nicht mehr als zwanzig Hütten bestand, die Hälfte davon augenscheinlich unbewohnt, alle aber morsch und dem Verfalle nahe. Die schlechteste und elendeste darunter hieß das »Bankbureau des National-Kredit-Vereins«; und nur noch einige schwache Stützen hinderten das Gebäude, gänzlich im Schlamm zu versinken. Hie und da war augenscheinlich der Versuch gemacht worden, das Land zu lichten; – auch hatte man eine Art Feld abgesteckt, auf dem unter den Stümpfen und der Asche verbrannter Bäume eine spärliche Ernte von Welschkorn wuchs. An anderen Stellen war eine schlangenförmige oder zickzackartige Verzäunung angefangen worden, nirgends aber bis zur völligen Ausführung gediehen; und die umgefallenen Holzpflöcke verfaulten jetzt halb im Boden steckend. Drei oder vier abgezehrte Hunde, einige langbeinige Schweine, in den Lichtungen nach Nahrung suchend, und ein paar fast nackte Kinder, die aus den Hütten blickten – das waren so ungefähr die einzigen lebenden Wesen, deren er ansichtig wurde. Ein häßlicher Dunst, heiß und erstickend wie die Luft eines Backofens, stieg aus der Erde empor und lagerte sich über die ganze Umgegend; und wo der Fuß im Moorboden einsank, da drang eine schwarze Jauche empor, um die Spur wieder auszutilgen. Ihr gemeinsamer Besitz bestand nur aus Urwald. Die Bäume waren so dick und standen so nahe beieinander, daß sie sich gegenseitig fast von ihren Plätzen verdrängten und die schwächsten, in seltsam verdrehte Formen gezwängt, wie Krüppel dahinsiechten. Aber auch die besten unter ihnen waren durch den Druck und den Mangel an Raum krank und verkümmert. Hoch um die Stämme herum wuchsen langes, wucherndes Gras, Unkraut und muffiges vermodertes Unterholz wie eine einzige verfilzte Masse, weder in der Erde noch im Wasser wurzelnd, sondern in einer fauligen Masse, die sich aus dem breiigen Abfall dieser beiden Elemente und ihrem eigenen Moder gebildet hatte. Mark eilte zum Landungsplatz hinunter, wo sie gestern abend ihre Habe hatten stehen lassen, und fand dort ein halbes Dutzend Leute versammelt; alle bleich und elend, aber doch gerne zur Hilfe bereit und erbötig, ihm das Gepäck nach dem Blockhause tragen zu helfen. Sie schüttelten die Köpfe, als er von einer »Ansiedlung« sprach, und konnten ihm auch nicht einen Schimmer von Hoffnung oder Trost geben. Wenn einer noch die Mittel besessen, um wegzufahren, so hatte er alles im Stiche gelassen. Den armen Zurückgebliebenen waren ihre Weiber, Kinder, Freunde oder Brüder gestorben, und sie selbst hatten viel gelitten. Die Mehrzahl von ihnen lag ununterbrochen krank, trotzdem sie früher kerngesund gewesen. Freiwillig boten sie Mark ihren Rat und Beistand an und entfernten sich dann, um an ihre eigenen Geschäfte zu gehen. Inzwischen war Martin aufgestanden. Schon eine einzige Nacht hatte eine große Veränderung in ihm hervorgebracht: er sah blaß und erschöpft aus, klagte über Schmerzen und Schwäche in den Gliedern und sagte, daß ihn schon das Sprechen angreife. Um so mehr nahm Mark seine ganze Munterkeit und Tatkraft zusammen, schleppte eine Türe von einer der verlassenen Hütten herbei und nagelte sie an ihr eigenes Blockhaus. Dann ging er fort, um eine grobgeschnitzte Bank zu holen, die ihm ins Auge gefallen war, und kehrte im Triumph mit ihr zurück. Und nachdem er dieses herrliche Möbel draußen neben den Eingang gestellt hatte, pflanzte er die unschätzbare Zinnkanne und anderes Gerät darauf, so daß sie eine Art Anrichtetisch repräsentierte. Höchst zufrieden mit dieser getroffenen Einrichtung, rollte er das mitgebrachte Mehlfaß ins Haus und stellte es in einem Winkel als Ecktisch auf. Als Speisetisch mußte eine Kiste dienen. Die Decken, die Kleider usw. hängte er an Pflöcke und Nägel, und schließlich brachte er ein großes Plakat zum Vorschein, das Martin im Jubel seines Herzens eigenhändig im National-Hotel angefertigt hatte und das die Inschrift trug: Chuzzlewit \& Comp., Architekt und Landvermesser, und klebte es höchst ernsthaft an die Fassade des Blockhauses, als ob die blühende Stadt Eden bereits existiere und die Firma mit Geschäften überlaufen sei. »Diese Instrumente«, sagte er, entnahm Martins Reißzeug einen Zirkel und steckte ihn mit den beiden Spitzen in die Türe, »sollen hier vor aller Augen prangen, damit die Leute sehen, wie wir ausgerüstet sind. So. – Und wenn jetzt ein Gentleman ein Haus zu bauen gedenkt, so möge er sich beeilen, bevor wir anderweitig vergeben sind.« In Anbetracht der herrschenden intensiven Hitze war dies keine schlechte Morgenarbeit gewesen, aber, ohne sich auch nur einen Augenblick Ruhe zu gönnen, trotzdem ihm der Schweiß aus jeder Pore rann, verschwand Mark wieder im Hause und kam gleich darauf mit einem Beil heraus. »Da steht ein häßlicher alter Baum im Wege, Sir«, bemerkte er, »wie wär's, wenn wir ihn beseitigten und dann nachmittags an das Ofenbauen gingen? Was den Lehm in Eden anbelangt, glaube ich, könnt es keinen bessern in der ganzen Welt geben. – Jedenfalls ein Vorteil.« Martin gab keine Antwort. Die ganze Zeit über saß er, den Kopf auf die Hand gestützt, da und starrte auf den rasch vorüberströmenden Fluß, und selbst der Schall der kräftigen Streiche, die Mark gegen den Baum führte, vermochte ihn nicht aus seinem kummervollen Brüten zu wecken. Als Mark sah, daß alle seine Bemühungen, seinen Freund aufzumuntern, nutzlos blieben, hielt er in seiner Arbeit inne und trat auf ihn zu. »Verlieren Sie den Mut nicht, Sir!« ermahnte er. »Ach, Mark«, jammerte Martin, »was habe ich nur verbrochen, daß dieses schwere Los mir jetzt zuteil wird?« »Ach, Sir, was das betrifft«, bemerkte Mark, »so könnten ja alle, die hier sind, dasselbe sagen. Viele vielleicht noch mit größerem Recht als Sie oder ich. – Kopf hoch, Sir. Am besten, Sie legen mit Hand an. Was meinen Sie, würde es Ihnen nicht vielleicht eine gewisse Erleichterung verschaffen, wenn Sie an Scadder einen groben Brief schrieben? – Wie?« »Nein, nein«, sagte Martin und schüttelte kläglich den Kopf, »über das bin ich hinaus.« »Nun, wenn Sie über das bereits hinaus sind«, entgegnete Mark, »müssen Sie krank sein und bedürfen der Pflege.« »Kümmern Sie sich nicht um mich«, ächzte Martin. »Sorgen Sie nur für sich; Sie werden sowieso sehr bald nur noch an sich selbst zu denken haben. – Und dann helfe Ihnen Gott nach Hause und verzeihe mir, daß ich Sie hierher gelockt habe. Mein Los wird sein, hier zu sterben. Ich habe es in dem Augenblick gefühlt, als ich meinen Fuß an dieses Ufer setzte. Im Schlafen und im Wachen, Mark, habe ich die ganze Nacht davon geträumt.« »Ich vermutete gleich, Sie müßten krank sein«, versetzte Mark mit Wärme, »aber jetzt bin ich davon überzeugt. Wahrscheinlich ein kleiner Fieberanfall, wie ihn die Wasserausdünstungen hier zur Folge haben. Aber, Gott, was will das weiter heißen. Es ist so eine Art Akklimatationsprozeß. Wir alle müssen uns daran einmal gewöhnen; das hat weiter nichts zu sagen.« Martin seufzte nur und schüttelte den Kopf. »Warten Sie noch eine halbe Minute«, tröstete Mark, »bis ich zu einem unserer Nachbarn gelaufen bin und gefragt habe, was man am besten dagegen einnehmen kann. Ich lasse mir dann ein bißchen von der Arznei geben, und Sie nehmen sie ein, und morgen werden Sie wieder so kräftig sein wie je. Ich bleibe keine Minute aus. Nur den Mut nicht verloren, während ich weg bin! Es wird alles wieder gut werden.« Damit warf er sein Beil hin und eilte davon. In einiger Entfernung blieb er wieder stehen und blickte zurück. Dann nahm er seinen Lauf wieder auf. »Nun, Mr. Tapley«, sagte er und gab sich einen fürchterlichen Schlag auf die Brust, um seinen Mut wieder zu beleben; »jetzt höre, was ich dir zu sagen habe. Die Dinge stehen so schlimm wie nur möglich, junger Mann; und so bald wirst du in deinem Leben wohl keine so günstige Gelegenheit wieder finden, deinen Humor zu beweisen, mein Junge. Darum Mark Tapley, jetzt oder nie!« 24. Kapitel Wie sich gewisse Liebesangelegenheiten weiter entwickelten. – Haß, Eifersucht und Rache »Hallo! Mr. Pecksniff«, rief Mr. Jonas aus dem Wohnzimmer, »wann wird denn endlich jemand hinausgehen und die Haustüre aufmachen?« »Sogleich, Mr. Jonas, sogleich.« »Mordselement«, brummte der verwaiste junge Mann. »Ich dächte, es wäre schon höchste Zeit. Jetzt ist schon dreimal geklopft worden, und jedesmal laut genug, um die –« er hatte eine solche Scheu vor dem Gedanken an die Auferweckung der Toten, daß ihm die Worte in der Kehle stecken blieben und er den Satz beendete; »– um die elftausend schlafenden Jungfrauen zu erwecken.« »Sogleich, Mr. Jonas, sogleich«, wiederholte Pecksniff. »Thomas« – er wußte nicht, sollte er Tom seinen lieben Freund oder einen Spitzbuben nennen, und schüttelte daher bloß die geballte Faust gegen ihn – »gehen Sie hinauf zu meinen Töchtern und sagen Sie ihnen, wer da ist. Sagen Sie ihnen, sie sollen sofort still sein. Hören Sie, Sir?« »Sogleich, Sir«, rief Tom und eilte bestürzt fort, um seine Botschaft auszurichten. »Sie müssen mich – ha ha ha! – entschuldigen, Mr. Jonas, wenn ich die Türe hier ein wenig schließe, wie?« sagte Pecksniff. »Ich glaube, es kommt jemand in Geschäftsangelegenheiten; das heißt, ich weiß sogar gewiß, daß es so ist. Ich danke Ihnen.« Dann trillerte er fröhlich ein ländliches Lied, setzte seinen Gartenhut auf, nahm einen Spaten in die Hand und öffnete die Haustüre, unbefangen auf die Schwelle tretend, als habe er das dunkle Gefühl, von seinen »Weinbergen« aus jemanden sachte klopfen gehört zu haben. Als er einen Gentleman und eine Dame vor sich sah, fuhr er verwirrt zurück, wie ein rechtschaffener Mann mit einem kristallklaren Gewissen beim Anblick einer ganz unerwarteten Erscheinung. Im nächsten Augenblick faßte er sich jedoch und rief: »Mr. Chuzzlewit! Was sehe ich! Mein höchst wertgeschätzter Herr, o mein lieber Herr, das ist ja eine frohe Stunde. Eine glückliche Stunde. In der Tat! Bitte, treten Sie doch ein. Sie finden mich in meinem Gartenrock, aber Sie werden mich entschuldigen, ich weiß. Eine edle Beschäftigung von alters her, der Gartenbau. Wenn ich nicht irre, mein wertgeschätzter Herr, war Adam der erste Gärtner. Meine Eva, ich sage es mit Schmerz, ist nicht mehr, Sir. Aber« – er zeigte auf den Spaten und schüttelte den Kopf, als halte er nur mühsam seine Tränen zurück – »ich spiele immer noch ein klein wenig den Adam.« Mittlerweile hatte er seine Gäste in das beste Wohnzimmer geleitet, wo seine Büste von Spoker und sein Porträt von Spiller hing. »Meine Töchter«, säuselte er, »werden außer sich sein vor Freude. – Wenn ich ein solches Thema je satt bekommen könnte, so wäre es schon längst der Fall gewesen, mein werter Herr, so ununterbrochen haben die Mädchen von dem Glück, das jetzt eingetroffen ist, seit unserem Zusammentreffen bei Mrs. Todgers gesprochen. Und Ihre schöne junge Freundin«, fragte er, mit einem Blick auf Mr. Chuzzlewits Begleiterin, »die sie so lebhaft kennenzulernen wünschen – freilich, sie kennenlernen und lieben ist eins –, befindet sich doch hoffentlich wohl? – Und wenn ich sage: Willkommen unter meinem geringen Dache, so hoffe ich, finde ich ein Echo in ihrer Seele. Doch, wenn ihre Gesichtszüge ein Spiegel des Herzens sind, so habe ich keine Sorge darum. Ein außerordentlich anziehendes Antlitz, Mr. Chuzzlewit, werter Herr – ungemein anziehend.« »Mary«, wandte sich der alte Mann an seine Begleiterin, »Mr. Pecksniff schmeichelt Ihnen. – Eine Schmeichelei von ihm ist nichts Alltägliches. Aber sie kommt ihm von Herzen. Wir dachten, Mr. – –« »Pinch«, ergänzte Mary. »Mr. Pinch sei vor uns angekommen, Sir?« »Allerdings kam er vor Ihnen an, mein werter Herr«, entgegnete Mr. Pecksniff, seine Stimme erhebend, damit ihn Tom oben auf der Treppe hören könne. »Und er beabsichtigte wahrscheinlich, mir Ihre Ankunft zu melden, als ich ihn bat, zuerst in das Zimmer meiner Töchter zu gehen und nach Charitas zu fragen, weil das liebe Kind nicht so ganz wohl ist, als ich wünschen möchte. Nein – beunruhigen Sie sich nicht«, rief er als Antwort auf die besorgten Blicke seiner Gäste, »es tut mir gewiß leid, sagen zu müssen, daß sie nicht wohl ist – aber es ist nur ein nervöser Anfall, nichts weiter. Ich bin nicht in Unruhe deshalb. – – – Mr. Pinch! Thomas! Ach, bitte, kommen Sie doch herunter. Sie wissen, Sie sind kein Fremder hier. – – Thomas ist seit langer Zeit mein Freund« – erklärte er – »müssen Sie wissen.« »Ich danke Ihnen, Sir«, versetzte Tom, »es ist so gütig von Ihnen, daß Sie mich in dieser Weise vorstellen. Es ergreift mich tief.« »Immer der alte Thomas«, rief der Architekt wohlwollend, »Gott segne Sie.« Sodann berichtete Thomas, daß die jungen Damen sogleich erscheinen würden und die besten Erfrischungen, die das Haus bieten könne, soeben gemeinsam zubereiteten. Aufmerksam blickte ihn der alte Mr. Chuzzlewit an, und zwar mit weit weniger Härte, als er es sonst gewohnt war. Auch schien die beiderseitige Verlegenheit Toms und der jungen Dame – er konnte sich's nicht erklären, woher sie rühren mochte – seiner Beobachtung nicht zu entgehen. »Pecksniff«, sagte er nach einer Weile, stand auf und zog seinen Wirt in eine Fensternische, »ich war sehr erschüttert, als ich von dem Tode meines Bruders vernahm. Wir sind uns viele Jahre vollständig fremd gewesen. Mein einziger Trost ist, daß er glücklicher und als besserer Mensch gelebt haben muß, da er nur auf sich selbst baute und nicht, wie die andern, auf mich und mein Geld rechnete. Friede seiner Asche! Wir waren einstens gute Spielkameraden, und vielleicht wäre es für uns beide das beste gewesen, der Tod hätte uns schon damals ereilt.« Da Mr. Pecksniff den alten Herrn in so versöhnlicher Stimmung sah, fing er an, einen Ausweg aus seinen Verlegenheiten zu sehen, bei dem er Jonas nicht über Bord zu werfen brauchte. »Mein wertgeschätzter Herr, daß irgend jemand auf der Welt möglicherweise glücklicher sein kann, weil er mit Ihnen nicht in näherer Verbindung steht«, entgegnete er, »müssen Sie mir zu bezweifeln erlauben. Aber daß Mr. Anthony an seinem Lebensabend glücklich war, kann ich Ihnen versichern. Um so mehr, als er sich von seinem vortrefflichen Sohne – einem Musterbild, mein werter Herr, einem Musterbild für alle Söhne – heiß geliebt wußte. Außerdem stand er, sozusagen, unter der Obhut eines weitläufigen Verwandten, dessen guter Wille keine Grenzen kannte; wie unbedeutend auch seine Mittel sein mochten, ihm nützlich zu sein.« »Was ist das!« rief Mr. Chuzzlewit mißtrauisch. »Sind Sie vielleicht mit einem Legat bedacht worden, Sir?« »Ich sehe«, seufzte Mr. Pecksniff, »daß Sie mich immer noch nicht recht verstehen. – Nein, Sir, ich bin nicht mit einem Legat bedacht worden und bin stolz darauf, sagen zu können, daß es nicht so ist. Desgleichen rechne ich mir's zur Ehre an, daß auch keines von meinen Kindern unter die Legatare gehört. Aber trotzdem, Sir, war ich Anthonys ausdrücklichem Wunsche gemäß in seinen letzten Stunden um ihn. Er verstand mich besser, Sir. Er schrieb mir in seinem letzten Brief: Ich fühle mich krank; ich fühle, daß es mit mir zu Ende geht. Bitte, kommen Sie zu mir. Und ich ging zu ihm. Ich saß neben seinem Bette, Sir, und stand neben seinem Grabe. – Allerdings geschah es auf die Gefahr hin, Sie zu verletzen, mein Herr. Aber ich tat es doch. Und wenn dieses Zugeständnis zu unserer Trennung führen und jene zarten Bande zerreißen sollte, die kürzlich zwischen uns geknüpft wurden, so kann ich es dennoch nicht in Abrede stellen. Aber ein Legatar bin ich nicht«, fügte er mit seligem Lächeln hinzu, »und rechnete auch niemals darauf. Ich wußte es von Anfang an.« »Sein Sohn soll ein Musterbild sein?« rief der alte Mr. Chuzzlewit. »Wie können Sie mir das ins Gesicht sagen? – Auch auf meinem Bruder lastete der alte Fluch des Reichtums, dieser Wurzel allen Elends. Er schleppte diesen verderblichen Einfluß mit sich herum, wohin er ging, und steckte alles damit an, selbst seinen eigenen Herd. Sein eigenes Kind wurde dadurch zu einem gierigen Erbschaftsjäger, der jeden Tag und jede Stunde zählte, die das Leben seines Vaters vom Grabe trennten, und der dem langsamen Vorrücken der Zeit auf ihrem unheimlichen Wege fluchte.« »Nein«, rief Mr. Pecksniff kühn, »durchaus nicht, Sir – Sie irren.« »Aber ich habe doch gesehen, als ich das letztemal mit ihm beisammen war, welche Schatten in seinem Hause spukten«, widersprach Martin Chuzzlewit, »und habe ihn davor gewarnt. Soll ich vielleicht meinen eigenen Augen nicht glauben – ich, der ich so viele Jahre von dem gleichen Gespenste verfolgt wurde?« »Ich stelle es in Abrede«, antwortete Mr. Pecksniff mit Wärme, »ich stelle es entschieden in Abrede. Der verwaiste junge Mann weilt jetzt in diesem Hause und sucht in einem Ortswechsel den Seelenfrieden, der so furchtbar gestört wurde. Und soll ich ihm vielleicht nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen, wo selbst der Leichenbestatter und der Sarglieferant von seinem Benehmen tief gerührt worden sind? Wo selbst die Officiers des Pompes-funèbres seines Lobes voll waren und der Arzt, der seinen Vater behandelte, nicht wußte, was er vor Gemütserregung und Rührung beginnen sollte? Da ist zum Beispiel eine Frauensperson namens Gamp, Sir – Mrs. Gamp –, die Sie selbst fragen können. Sie hat Mr. Jonas in der Zeit seiner schweren Prüfung selbst gesehen. Erkundigen Sie sich bei ihr, Sir! Sie ist eine höchst ehrenwerte Person und durchaus nicht sentimental, aber sie wird die Tatsache bestätigen. Ein paar Zeilen an Mrs. Gamp im Vogelladen, Kingsgate Street, High Holborn, London, werden gewiß umgehend und ganz in meinem Sinne beantwortet werden. Ich zweifle keinen Augenblick daran. Nehmen Sie sie in ein Kreuzverhör, mein werter Herr. Hören und sehen Sie selbst, Mr. Chuzzlewit, und dann können Sie beurteilen, ob ich recht habe oder nicht. Verzeihen Sie mir, mein wertgeschätzter Herr«, rief Mr. Pecksniff und erfaßte Martins beide Hände, »wenn ich warm werde, aber ich bin ein ehrlicher Mann und kann mit der Wahrheit nicht hinter dem Berge halten.« Als Zeugnis dafür ließ er ein paar Tränen der Ergriffenheit aus seinem Auge niederträufeln. Eine Sekunde lang sah ihn der alte Herr höchst erstaunt an und wiederholte dann für sich selbst: »Hier in diesem Hause?« »Ich will ihn sehen«, rief er nach einer Pause. »Aber doch hoffentlich nicht in Groll«, fragte Mr. Pecksniff besorgt. »Verzeihen Sie, Sir, wenn ich so spreche, aber er steht unter dem Schutz meiner armseligen Gastfreundschaft.« »Ich habe gesagt, ich will ihn sehen«, wiederholte der alte Herr. »Wenn ich noch Groll gegen ihn hegte, würde ich gesagt haben: halten Sie ihn mir drei Schritte vom Leibe.« »Gewiß, mein lieber Herr, gewiß, das hätten Sie gesagt. Ich weiß doch, Sie sind die Offenherzigkeit selbst. – Wenn Sie mich eine Minute entschuldigen wollen«, flötete Mr. Pecksniff und wandte sich zur Tür, »so will ich ihm dieses große Glück – nach und nach – und schonend mitteilen.« Und tatsächlich leitete er diese Enthüllung so allmählich ein, daß eine ganze Viertelstunde verstrich, bevor er mit Mr. Jonas zurückkehrte. Mittlerweile erschienen auch die beiden jungen Damen, denn der Tisch stand zu einem Imbiß für die Reisenden bereit. Wie sehr nun auch Mr. Pecksniff in seinem Moralitätsgefühl Jonas ein pflichtgemäßes Benehmen gegenüber seinem Onkel eingeschärft und wie vollkommen Jonas bei seiner angebotenen Schlauheit ihre Wichtigkeit begriffen und aufgefaßt hatte, so war doch die Haltung des jungen Mannes, als er dem Bruder seines Vaters vorgestellt wurde, nichts weniger als männlich oder gewinnend. Es drückte sich vielmehr eine so auffallende Mischung von Trotz und Unterwürfigkeit, von Furcht und Keckheit, Hinterhältigkeit und Kriecherei in seinem ganzen Wesen aus, daß eine höchst peinliche Verlegenheitspause eintrat. Kaum hatte er seine Augen zu Mr. Martins Gesicht erhoben, so sah er auch schon wieder weg, öffnete seine Hände und schloß sie wieder verlegen zur Faust, trat von einem Fuß auf den andern, kurz, wußte nicht, was er sagen solle. »Lieber Neffe«, begann der alte Herr, »wie ich höre, sind Sie ein höchst pflichtgetreuer Sohn gewesen.« »Ich glaube, nicht pflichtgetreuer, als Söhne im allgemeinen sind«, brummte Jonas, blickte einen Moment auf und schlug dann die Augen wieder nieder. »Ich rühme mich nicht, besser zu sein als andere Söhne, kann aber auch andererseits sagen, daß ich nicht schlechter bin.« »Sie seien ein vorbildliches Muster gewesen, hat man mir versichert«, fuhr der alte Herr fort und faßte Mr. Pecksniff scharf ins Auge. »Mordselement«, rief Jonas, sah einen Moment auf und schlug dann abermals die Augen nieder. »Ein so guter Sohn, wie Sie ein Bruder waren, bin ich immer noch gewesen. Es ist die alte Geschichte vom Topf und vom Deckel, wenn Sie wollen.« »Das Übermaß des Schmerzes hat Sie verbittert«, sagte Martin nach einer Pause, »geben Sie mir die Hand.« Jonas tat es und schien aufzuatmen. »Pecksniff«, flüsterte er, als sie ihre Stühle an den Tisch rückten, »ich hab ihm gut die Meinung gesagt, was? Der täte auch besser, vor seiner eigenen Türe zu kehren.« Mr. Pecksniff antwortete bloß durch einen Stoß mit dem Ellbogen, was ebensogut ein unwilliger Verweis wie eine herzliche Zustimmung sein konnte; jedenfalls war es aber eine nachdrückliche Ermahnung an seinen künftigen Schwiegersohn, den Mund zu halten. Im nächsten Augenblick widmete er sich mit seiner gewohnten Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit ganz seiner Pflicht als Herr vom Hause, seinen Gästen die Honneurs zu machen. Aber nicht einmal seine arglose Heiterkeit brachte es zustande, eine solche Gesellschaft harmonisch zu stimmen, oder so gänzlich verschiedene Elemente, wie sie hier beisammen saßen, miteinander zu versöhnen. Die bodenlose Eifersucht und der Haß, den die Brautwerbung an diesem Abend entfacht, waren nicht so leicht auszurotten und brachen mehr als einmal mit solchem Nachdruck hervor, daß sekundenlang eine vollständige Enthüllung aller Umstände fast unvermeidlich schien, zumal die schöne Gratia, in dem Wonnegefühl, Siegerin geblieben zu sein, das Gefühl bitterer Enttäuschung in ihrer Schwester durch spöttisches Gesichterschneiden immer wieder aufstachelte und tausend kleine Versuche machte, Mr. Jonas' Treue auf die Probe zu stellen, so daß Charitas fast wahnsinnig wurde und schließlich in einem Ausbruch von Leidenschaft – kaum weniger heftig als im ersten Sturm ihres Zornes – den Tisch verlassen mußte. Der Zwang, der der Familie durch Mary Grahams Gegenwart – unter diesem Namen hatte der alte Mr. Martin Chuzzlewit seine Begleiterin eingeführt – auferlegt wurde, besserte die Sachlage keineswegs, wie sanft und ruhig auch das Benehmen des jungen Mädchens war. Mr. Pecksniff balancierte sozusagen auf der Messerschneide: einmal mußte er beständig den Frieden unter seinen Töchtern aufrecht erhalten und die althergebrachte Ehre in seinem Hauswesen retten und dann wieder die immer mehr steigende Heiterkeit und Sorglosigkeit Mr. Jonas' zügeln, der sich verschiedentliche Unverschämtheiten gegen Mr. Pinch und unbeschreibliche Taktlosigkeiten gegen Mary erlaubte, weil beide in seinen Augen ja nur ein paar abhängige Personen waren, – des Umstandes gar nicht zu gedenken, daß es eine wichtige Aufgabe für ihn sein mußte, seinen reichen alten Verwandten fortwährend in guter Stimmung zu erhalten und die Hunderte böser Omina, die an diesem Abend ihr loses Spiel trieben, zu paralysieren. Da ihm überdies niemand auch nur im geringsten in seinen Bemühungen beistand, kann man sich leicht denken, daß seine Gefühle recht gemischter Natur sein mußten. Vermutlich hatte er sich in seinem Leben noch nie so erleichtert gefühlt, als schließlich der alte Herr auf seine Uhr sah und ankündigte, daß es Zeit sei, aufzubrechen. »Wir haben uns vorderhand«, sagte Martin, »im ›Drachen‹ einige Zimmer genommen; ich gehe zwar mit Vorliebe abends immer noch ein wenig spazieren, aber es wird jetzt schon so zeitig dunkel, daß ich Mr. Pinch bitten möchte, uns nach Hause zu leuchten. Geht das?« »Aber, mein wertgeschätzter Herr«, rief Pecksniff, »ich selbst mache mir das Vergnügen daraus. Gratia, mein Kind, bitte die Laterne!« »Nein, nein, meine Liebe«, wehrte der alte Herr ab. »Ich kann nicht zugeben, daß Ihr Vater heute abend so spät noch ausgeht. – Kurz und gut, ich will es nicht.« Mr. Pecksniff hatte bereits seinen Hut in der Hand, aber Mr. Chuzzlewit sprach mit solcher Bestimmtheit, daß er innehielt. »Ich kann nur Mr. Pinchs Begleitung annehmen, sonst müßte ich vorziehen, allein zu gehen«, sagte Martin. »Was von beiden soll also gehen?« »Dann begleitet Sie natürlich Tom Pinch, Sir«, rief Mr. Pecksniff, »wenn Sie es schon durchaus nicht anders haben wollen. – Thomas, mein lieber Freund, haben Sie die Güte, ja recht achtzugeben.« Tom bedurfte einigermaßen dieser Ermahnung, denn er fühlte sich so im Innersten aufgewühlt und zitterte dermaßen, daß es ihm schwer wurde, die Laterne zu halten, – um wieviel schwerer erst, als sie , auf des alten Herrn Geheiß, ihren Arm in den seinen legte. »Sie haben also, Mr. Pinch«, fing Martin Chuzzlewit an, als sie auf dem Heimweg waren, »Sie haben also eine recht behagliche Stellung hier – nicht wahr?« Tom versicherte womöglich mit noch mehr Enthusiasmus als gewöhnlich, daß er gegen Mr. Pecksniff Dankesverpflichtungen habe, die er, und wenn er ihm sein ganzes Leben hindurch umsonst dienen würde, nur ungenügend abstatten könne. »Wie lange haben Sie meinen Neffen gekannt?« »Ihren Neffen, Sir?« stotterte Tom. – »Ja, Mr. Jonas Chuzzlewit.« »Ach ja so«, rief Tom sehr erleichtert, denn er hatte an Martin gedacht, »natürlich ja. – Ich habe ihn heute abend das erstemal gesprochen, Sir.« »Bei ihm, dächte ich, würde es Gratisdienste einer halben Lebenszeit bedürfen, um seine Freundlichkeiten in genügendem Maße heimzuzahlen. – Nicht?« bemerkte der alte Herr. Tom begriff, daß das ein Hieb war, und fühlte auch, daß die Bemerkung in zweiter Linie seinem Herrn gelten sollte. Er schwieg daher. Mary sah, daß es mit Mr. Pinchs Geistesgegenwart nicht weit her war und sie, so wie die Sachen standen, nicht wenig genug sagen könne, sie schwieg deshalb gleichfalls. Der alte Mann seinerseits sah in seinem gewohnten Mißtrauen in dem Lobe Mr. Pecksniffs eine ebenso schamlose wie ekelhafte Liebedienerei und faßte daher sofort das Vorurteil, den armen Mr. Pinch für einen hinterlistigen, kriecherischen und erbärmlichen Speichellecker zu halten. Deshalb schwieg auch er. Die allgemeine Stimmung war infolgedessen ziemlich unbehaglich. Am wenigsten wohl befand sich dabei der alte Herr, da er anfangs eine große Zuneigung zu Tom empfunden und dessen offenkundige Schlichtheit ihn sehr angesprochen hatte. »Du bist eben auch wie die andern«, brummte er und sah dem ahnungslosen Tom scharf ins Gesicht. »Du hättest mich beinah hinters Licht geführt, aber so leicht geht das Gott sei Dank nicht. Deine Kriecherei ist zu dick aufgetragen und verrät sich von selbst.« Während des ganzen übrigen Spazierganges wurde kein Wort weiter gewechselt. Die erste Begegnung mit Mary, der Tom so lange mit klopfendem Herzen entgegengesehen hatte, zeichnete sich durch nichts als durch Verlegenheit und Verwirrung aus. So schieden sie voneinander an der Türe des Drachen. Seufzend löschte Mr. Pinch die Laterne aus und kehrte im Dunkeln wieder über die Felder zurück. Als er sich der ersten Wegschranke näherte – einer einsamen Stelle, die durch eine Anpflanzung junger Föhren in tiefem Schatten lag –, glitt ein Mann an ihm vorbei, machte, an der Schranke angelangt, halt und setzte sich auf den Schlagbaum. Tom blieb verblüfft einen Augenblick stehen; aber gleich darauf schritt er auf den Unbekannten zu. Es war, wie sich herausstellte, Jonas, der jetzt seine Beine hin und her baumeln ließ, an dem Knopf seines Stockes saugte und ihn höhnisch anblickte. »Gott bewahre«, rief Tom, »wer hätte gedacht, daß Sie es wären! – Sie sind uns also nachgegangen?« »Ach, Sie sind's?« sagte Jonas. »Scheren Sie sich zum Teufel!« »Das ist nicht besonders höflich, dächte ich«, bemerkte Tom. »Für Sie höflich genug«, entgegnete Jonas. »Wer sind Sie eigentlich?« »Ein Mensch, der so gut ein Recht hat auf Höflichkeit wie irgendein anderer« versetzte Tom gelassen. »Das ist dummes Zeug. Sie lügen. Sie haben kein Recht auf irgendwelche Höflichkeit. Sie haben überhaupt auf nichts ein Recht. Nette Frechheit, von Rechten zu sprechen! Ha, ha, Rechte!« »Wenn Sie in dieser Weise fortzufahren gedenken«, erwiderte Tom, und das Blut stieg ihm ins Gesicht, »so würden Sie mich verbinden, wenn Sie mich vorbeiließen. Ich hoffe jedoch, Sie werden jetzt aufhören, den Spaß noch weiter zu treiben.« »Ja, ja, das ist so eure Manier, ihr Hunde«, knurrte Mr. Jonas; »wenn ihr seht, daß einer im vollen Ernst spricht, so tut ihr, als hieltet ihr's für Spaß, um nicht Rede und Antwort stehen zu müssen. Aber bei mir zieht so was nicht; das ist ein alter, abgedroschener Trick. – Na, hören Sie doch gefälligst zu, Mr. Pitch oder Titch oder wie Sie sonst heißen.« »Mein Name ist Pinch«, bemerkte Tom, »wenn Ihnen daran liegt, mich bei meinem ehrlichen Namen zu nennen.« »Was! Man darf Sie nicht einmal beim unrechten Namen nennen? Was!« rief Jonas. »Lehrlinge aus dem Armenhaus wollen am Ende gar noch die Nase hoch tragen. Donnerwetter noch einmal, in der Stadt wissen wir besser, mit solcher Sorte umzuspringen.« »Es kümmert mich nicht, wie man in der Stadt verfährt. Also was haben Sie mir zu sagen?« »Folgendes, Mr. Pinch«, zischte Jonas und schnellte sein Gesicht vor, daß Tom erschreckt einen Schritt zurückprallte. »Ich rate Ihnen, halten Sie Ihren Mund und mischen Sie sich nicht in Sachen, die Sie nichts angehen. Ich habe Ihre kriecherische Art durchschaut, mein Lieber, und rate Ihnen, dergleichen zu lassen, bis ich mich mit einer von Pecksniffs Jungfern verheiratet habe. Das könnte mir gerade fehlen, daß Sie sich bei meinen Verwandten einschmeicheln. Sie wissen ganz gut, wenn ein knurrender Hund lästig fällt, so wird er durchgepeitscht. So, das ist mein freundlicher Rat. Haben Sie verstanden. Was? – Hol mich der Teufel, wer sind Sie eigentlich«, rief Jonas verächtlich, »daß Sie mit denen da nach Hause gehen dürfen, außer hinterdrein, wie jeder andere Bediente ohne Livree?« »Schon gut«, rief Tom, »ich sehe, es ist besser, Sie lassen mich vorbei, damit ich nach Hause gehen kann. Bitte, machen Sie Platz, wenn's gefällig ist.« »Fällt mir nicht im Traume ein«, höhnte Jonas und spreizte seine Beine nur noch mehr; »vielleicht später, wenn's mir paßt, aber momentan paßt's mir zufällig nicht. – – Wie?! Sie fürchten wahrscheinlich, daß ich Ihnen jetzt eins auf die Schnauze haue, Sie Schleicher.« »Ich fürchte mich im allgemeinen überhaupt nicht viel und ganz bestimmt nicht vor Ihnen. – Ich bin übrigens kein Achselträger, wie Sie zu glauben scheinen, und verachte alle Gemeinheit. Sie irren sich vollständig in mir. – – Heißt das wirklich gentlemanlike von jemandem gehandelt«, rief Tom unwillig, »der sich, wie Sie, in einer angenehmeren Stellung befindet. Aber ich bitte Sie jetzt allen Ernstes, lassen Sie mich vorbei. Je weniger Worte ich mache, desto besser ist es.« »Ja, das stimmt«, entgegnete Jonas und blieb frech sitzen. »Sie scheinen überhaupt gern wenig Worte zu machen; was? Donnerwetter, ich sollte nur herausbekommen, was zwischen Ihnen und einem gewissen vagabundierenden Mitglied meiner Familie vorgeht! Ich wette, daß da natürlich auch wieder ›gar nichts‹ dahinter steckt.« »Ich kenne kein vagabundierendes Mitglied Ihrer Familie«, rief Tom empört. »Doch. Sie kennen eins.« »Nein. Der Namensvetter Ihres Onkels, wenn Sie diesen meinen, ist kein Vagabund. Jeder Vergleich zwischen Ihnen und ihm« – Tom schnappte, allmählich in Zorn geratend, mit den Fingern – »fällt unendlich zu Ihrem Nachteile aus.« »So, so, tut er das«, spöttelte Jonas; »und was halten Sie von seiner Geliebten – seiner bettelhaften geliebten Hinterlassenschaft? Was, Mr. Pinch?!« »Es ist das beste, ich rede kein Wort mehr. Ich bleibe auch keinen Augenblick länger mehr hier.« »Wie gesagt, Sie sind ein Lügner!« schrie Jonas. »Halt! Sie haben hier zu bleiben. Verstanden! Warum gehorchen Sie nicht?« Und er schlug mit seinem Stock nach Toms Kopf, aber im nächsten Augenblick flog dieser wirbelnd durch die Luft, und er selbst lag zappelnd im Gras. Während des kurzen Ringens hatte Mr. Pinch seinen Gegner, ohne es zu wollen, mit der Stockzwinge an der Stirne verletzt, so daß das Blut reichlich aus einer ziemlich tüchtigen Wunde an der Schläfe hervorquoll. Thomas merkte es erst, als er sah, daß Jonas sein Taschentuch auf die verletzte Stelle drückte und beim Aufstehen taumelte. »Haben Sie sich verletzt?« fragte er. »Oh, das täte mir wirklich sehr leid. Stützen Sie sich auf mich, Sir. Sie brauchen mir deswegen nicht zu verzeihen, wenn Sie noch Groll gegen mich hegen. Ich wüßte freilich nicht, warum Sie mir zürnen sollten, denn ich habe Sie doch nicht beleidigt, ehe wir uns hier trafen.« Jonas gab keine Antwort und schien anfangs weder ein Wort zu verstehen, noch zu merken, daß er verwundet war, trotzdem er mehrmals das Taschentuch von der Wunde nahm und das Blut ansah. Endlich schien er zu sich zu kommen, wenigstens blickte er Tom wild an, und der Ausdruck seines Gesichtes verriet, daß er langsam begriff, was vorgefallen war, und daß er die Angelegenheit nicht so bald zu vergessen gedenke. Dann wandten sie sich beide stumm zum Heimweg. Jonas ging einige Schritte voraus und Tom Pinch folgte ihm, traurig und bekümmert bei dem Gedanken, welch tiefe Betrübnis die Kunde von diesem Streit seinem trefflichen Wohltäter bereiten werde. Das Herz schlug ihm bis zum Halse hinauf, als Jonas schließlich an der Tür klopfte, Miss Gratia herausleuchtete und beim Anblick ihres verwundeten Bräutigams laut aufschrie. Stumm folgte er den beiden in die Wohnstube, und als Jonas zu reden begann, glaubte er, es drehe sich alles um ihn wie ein Wirbelwind. »Macht kein weiteres Aufhebens davon«, brummte Jonas ärgerlich, »es ist nicht der Rede wert. Ich habe den Weg verfehlt, und die Nacht ist sehr dunkel, und gerade, als ich Mr. Pinch begegnete, rannte ich an einen Baum. Es ist nur eine Schramme.« »Kaltes Wasser, Gratia, mein Kind«, rief Mr. Pecksniff. »Einen Umschlag, eine Schere, ein Stück alte Leinwand. Liebe Cherry, bitte, richte eine Bandage her. – Gott im Himmel, Mr. Jonas!« »Hol Sie der Kuckuck mit Ihrem dummen Gewäsch«, murrte liebreich der Schwiegersohn in spe. »Helfen Sie lieber mit, wenn Sie können, und wenn nicht, dann lassen Sie mich gütigst in Frieden.« Trotz der Aufforderung ihres Vaters, Hilfe zu leisten, blieb Miss Charitas lächelnd und kerzengerade in ihrem Sessel sitzen und rührte keinen Finger. Gratia wusch die Wunde aus, und Mr. Pecksniff hielt den Kopf des Patienten mit beiden Händen, als ob er sonst rettungslos entzwei gehen müßte. Tom Pinch schüttelte in der Qual seines Schuldbewußtseins ununterbrochen eine Flasche mit kölnischem Wasser, bis es nur noch ganz ordinärer englischer Schaum war, und hielt in der andern Hand ein riesiges Tranchiermesser, das gegen die Geschwulst gedrückt werden sollte, machte aber dabei ein Gesicht, daß ein Unbefangener geglaubt haben würde, er warte nur darauf, bis sein Gegner verbunden worden sei, um ihm dann sofort den Todesstoß zu versetzen. Bis zum Schluß leistete Charitas nicht den mindesten Beistand und ließ auch nicht ein Wort des Trostes laut werden. Als schließlich Mr. Jonas' Kopf verbunden, der Patient zu Bett gebracht und alles im Hause ruhig geworden war, saß Mr. Pinch sinnend auf seiner Bettstatt und machte sich allerlei Gedanken über den Vorfall, da hörte er plötzlich ein leises Klopfen an seiner Türe, und als er öffnete, sah er zu seinem großen Erstaunen Miss Cherry, die Finger an die Lippen gelegt, vor sich stehen. »Mr. Pinch«, flüsterte sie, »lieber Mr. Pinch, sagen Sie mir die Wahrheit. Nicht wahr, Sie haben das getan? Sie haben Streit mit ihm gehabt und ihn geschlagen! Es muß so gewesen sein, ich lasse mir's nicht nehmen.« Es war das vielleicht das erstemal im Laufe vieler Jahre, daß sie so freundlich zu Tom sprach. Kein Wunder daher, daß er anfangs nicht ein Wort hervorbringen konnte. »War es so oder nicht?« drängte Charitas. »Er hat mich gereizt«, stotterte Tom. »Dann habe ich also recht«, rief Charitas mit leuchtenden Augen. »Ja, allerdings. Ich geriet mit ihm in Streit, weil er mich nicht vorbeilassen wollte«, berichtete Tom. »Aber wahrhaftig, es lag nicht in meiner Absicht, ihn so stark zu verletzen.« »So stark!« rief Charitas, ballte zu Toms großer Verwunderung die Hand und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. »Reden Sie nicht so. Es war wacker von Ihnen; ich schätze Sie deshalb. Wenn Sie wieder in Streit mit ihm geraten, so schonen Sie ihn nicht! Schlagen Sie ihn nieder und setzen Sie ihm den Fuß auf die Brust, aber sagen Sie keinem Menschen ein Sterbenswort davon. – Lieber Mr. Pinch, von heute an bin ich Ihre Freundin und werde es immer bleiben.« Damit wandte sie ihr glühendes Gesicht Tom zu, und der wutverzerrte Ausdruck ihrer Mienen verriet, was in ihr vorging. Sie ergriff seine Hand, drückte sie an ihre Brust und küßte sie. Es lag durchaus nichts Verfängliches in dieser Handlungsweise, und sogar Tom Pinch, der sich doch gewiß keiner besonderen Beobachtungsgabe rühmen konnte, erkannte aus der Erregung, mit der sie es tat, daß sie jede Hand, die Jonas Chuzzlewit den Schädel eingeschlagen hätte, würde liebkost haben, gleichgültig, wie schmutzig und schmierig sie auch gewesen wäre. Von einer Flut von Gedanken überwältigt, legte sich Tom zu Bett. Daß ein so schreckliches Zerwürfnis in der Familie hatte stattfinden müssen, denn nur dies konnte den ganzen Vorgang erklären und die Ursache sein, weshalb Charitas Pecksniff so plötzlich seine Freundin geworden war, daß Jonas, dem er so arg mitgespielt, sich so hochherzig gezeigt, das Geheimnis ihres Streites zu bewahren, und daß er selbst sich so hatte gehenlassen, das waren zu ernste und peinliche Betrachtungen, als daß er so bald die Augen hätte schließen können. Die Reue über seine Heftigkeit bedrückte ihn schließlich so sehr, daß er zu glauben begann, er sei von geheimen Mächten dazu verdammt, der böse Engel seines Gönners zu sein. Endlich aber fiel er doch in Schlaf und träumte – eine neue Quelle zur Unruhe nach seinem Erwachen –, daß er das ihm geschenkte Vertrauen verraten und Mary Graham entführt habe. Aber nicht nur im Schlaf, sondern auch im Wachen war sein Verhältnis zu dieser jungen Dame peinlich und beunruhigend genug für ihn. Je öfter er sie zu Gesicht bekam, desto mehr mußte er ihre Schönheit, ihren Verstand und ihre liebenswürdigen Eigenschaften bewundern, die selbst auf den Familienzwist in Mr. Pecksniffs Hause einen wohltätigen Einfluß übten und binnen kurzem wenigstens einen Schein von Harmonie und gutem Einvernehmen zwischen den beiden feindlichen Schwestern wieder herstellten. Wenn sie sprach, hielt er den Atem an, und wenn sie sang, lauschte er wie ein Verzückter. Sie spielte auf seiner Orgel, und von diesem beseligenden Zeitpunkt an begann dieses Instrument – der alte Gefährte seiner seligsten Stunden –, obschon er es zuvor bereits über alles geliebt, für ihn eine Art geweihter Gegenstand zu sein. Nicht weniger schwierig wurde seine Lage durch den Umstand, daß zwischen ihm und der jungen Dame niemals auch nur ein Wort über Martin gesprochen wurde. Voll Ehrenhaftigkeit seines Versprechens eingedenk, gab er ihr zwar alle möglichen Gelegenheiten zu einer Aussprache und war früh und spät in der Kirche oder auf ihren Lieblingsspaziergängen im Dorf, im Garten, auf den Wiesen, kurz an allen Orten, wo sie es hätte ungeniert tun können; aber immer vermied sie in solchen Fällen sorgsam seine Gesellschaft und kam ihm nie ohne Begleitung in den Weg. Der Grund dafür konnte nicht gut darin liegen, daß sie ihn nicht leiden mochte oder ihm mißtraut hätte, denn sie zeichnete ihn vielmehr, wenn andere zugegen waren, durch tausend zarte, nur für ihn berechnete kleine Aufmerksamkeiten aus und war gegen ihn die Freundlichkeit selbst. Konnte sie etwa mit Martin gebrochen oder vielleicht gar seine Liebe niemals erwidert haben, trotzdem dieser davon fest überzeugt gewesen? Toms Wangen erglühten vor Selbstvorwurf bei diesem Gedanken. Während dieser ganzen Zeit kam und ging der alte Martin in seiner gewohnten, eigenwilligen Weise oder sonderte sich, in Gedanken vertieft, ab, ohne jemanden mit seinem Verkehr in Anspruch zu nehmen. Trotzdem er sich durchaus nicht umgänglich zeigte, war er jetzt doch niemals mehr eigensinnig, streitsüchtig oder mürrisch. Auch schien er nie vergnügter zu sein, als wenn man ihn ganz unbeachtet bei dem Buche, das er gerade las, sitzen ließ und sich ohne weitere Rücksicht auf ihn in seiner Gegenwart miteinander unterhielt. Es war vollkommen unmöglich herauszubekommen, für wen oder wofür er sich interessierte, und wenn man ihn nicht direkt anredete, schien er weder Augen noch Ohren zu haben für das, was um ihn herum vorging. Eines Tages saß die sonst so lebhafte Gratia mit niedergeschlagenen Augen unter einem schattigen Baume des Kirchhofs, wohin sie sich zurückgezogen, nachdem sie sich in allerlei Heimsuchungen von Mr. Jonas' Geduld erschöpft hatte, da bemerkte sie mit einem Male, daß ein Schatten zwischen sie und die Sonne trat, und als sie die Augen aufschlug in der Erwartung, ihren geliebten Bräutigam zu erblicken, war sie nicht wenig überrascht, statt dessen den alten Martin vor sich stehen zu sehen. Ihr Erstaunen steigerte sich noch, als er sich neben sie auf den Rasen setzte und mit folgenden Worten ein Gespräch eröffnete: »Wann werden Sie heiraten?« »Ach du lieber Gott, Mr. Chuzzlewit, ich weiß es selber nicht; hoffentlich nicht so bald.« »Hoffentlich?« versetzte der alte Mann. Er sagte dies mit sehr ernstem Tone, aber Gratia nahm es für Scherz und kicherte ausgelassen. »Na«, fuhr Mr. Chuzzlewit mit ungewöhnlicher Milde fort, »Sie sind eben noch jung, hübsch und, wie ich glaube, auch gutmütig – allerdings auch etwas leichtsinnig. Sie scheinen sich wenigstens darin zu gefallen. Aber Sie müssen doch einigermaßen Herz und Gefühl besitzen.« »Ich habe mein Herz noch nicht so ganz verschenkt, wie Sie vielleicht glauben, kann ich Ihnen versichern«, versetzte Gratia schlau lächelnd und zupfte ein paar Grashalme aus. »Aber doch teilweise?« Die junge Dame warf die Grashalme in die Luft, wendete ihr Gesicht ab und schwieg. Martin wiederholte seine Frage. »Ach Gott, lieber Mr. Chuzzlewit, warum fragen Sie? Was Sie doch für ein seltsamer Mensch sind.« »Sie finden es seltsam, daß ich zu wissen wünsche, ob Sie den jungen Mann lieben, den Sie dem Vernehmen nach heiraten sollen?« rief Martin. »Ist es da so wunderbar, daß ich frage?« »Sie wissen doch, er ist ein ekelhafter Mensch«, schmollte Gratia. »Dann lieben Sie ihn also nicht? Habe ich das so zu verstehen?« »Aber, lieber Mr. Chuzzlewit, ich habe ihm mindestens hundertmal des Tages gesagt, daß ich ihn nicht leiden kann. – Sie müssen es doch gewiß selbst schon gehört haben.« »Allerdings schon oft«, gab Martin zu. »Und es ist mir ernst damit«, rief Gratia; »es ist mein vollkommenster Ernst.« »Und trotzdem wollen Sie ihn heiraten?« »Nun ja. Aber ich habe ihm von Anfang an versichert, wenn ich je heirate – nämlich ihn –, so täte ich es nur, um ihn mein ganzes Leben lang zu hassen und zu quälen.« Sie fühlte sehr richtig, daß Jonas bei dem alten Mann nicht besonders beliebt war, und glaubte daher mit dieser Äußerung ihm einen Gefallen zu tun. Befremdlicherweise hatte es aber jetzt durchaus nicht den Anschein, als ob Martin Chuzzlewit damit einverstanden sei, denn als er ihr antwortete, geschah es im Tone größter Strenge. »Sehen Sie um sich!« sagte er und deutete auf die Gräber. »Und bedenken Sie, daß von der Stunde ihrer Trauung an bis zu dem Tage, wo Sie sich in ein solches Bett legen, keine Umkehr mehr möglich ist. Sprechen und handeln Sie einmal wie ein vernünftiges Geschöpf. Sagen Sie mir ganz offen, tut man Ihren Neigungen irgendwelchen Zwang an? Drängt man Sie zu dieser Verbindung? Versucht man Sie vielleicht hinterlistig dazu zu verlocken? Ich will nicht fragen, wer es tut – aber habe ich recht?« »Nein«, hauchte Gratia und zuckte die Achseln. »Nicht, daß ich wüßte.« »Wirklich nicht?« »Nein«, wiederholte Gratia »niemand hat mir auch nur mit einem Worte zugeredet, und wenn man es versucht hätte, würde ich nicht einen Augenblick zugehört haben.« »Man sagte mir, er habe anfangs als der Verehrer Ihrer Schwester gegolten«, forschte Martin. »Ach, du lieber Gott, Mr. Chuzzlewit, wenn er auch ein Ekel ist, so wäre es doch unrecht, ihn für anderer Leute Eitelkeit verantwortlich zu machen«, rief Gratia, »und die liebe gute Cherry ist das eitelste Ding von der Welt.« »Also sie hat sich geirrt?« »Jedenfalls. Aber seitdem ist sie so schrecklich eifersüchtig und widerwärtig gewesen, daß es rein unmöglich war, mit ihr auszukommen. – Ich habe mich daher von ihr ferngehalten.« »Also nicht gezwungen oder überredet«, murmelte Martin gedankenvoll. »Ja, ja, kein Zweifel, es ist so. – Doch ich sehe noch eine dritte Wahrscheinlichkeit. Sie haben sich durch Ihre Unüberlegtheit zu dieser Verbindung verleiten lassen. Es war also vielleicht eine vorschnelle oder leichtsinnige Handlung. Habe ich recht?« »Mein lieber Mr. Chuzzlewit«, rief Gratia geziert, »was den Leichtsinn betrifft, so bin ich freilich so leicht wie eine Feder – mein Leichtsinn zieht mich förmlich in die Höhe wie ein Luftballon. – Ich weiß, daß das bei Ihnen zum Beispiel nie der Fall gewesen ist.« Der alte Herr hatte sie ruhig und geduldig ausreden lassen und sagte dann mit sanfter, jedoch fester Stimme und bemüht, ihr Vertrauen zu gewinnen: »Wünschen Sie vielleicht – oder lebt vielleicht etwas wie Hoffnung in Ihrem Innern, die sich in Stunden der Überlegung zu einem solchen Wunsche umgestalten könnte – dieses Verlöbnis wieder aufzuheben?« Schmollend blickte Miss Gratia auf den Boden, rupfte wieder ein paar Grashalme ab und zuckte die Achseln. – – Nein, sie sei sich keines derartigen Wunsches bewußt – glaube fest, diese Frage verneinen zu können, – ja, könne es sogar mit Bestimmtheit tun. – Die Sache sei ihr vollständig – gleichgültig. »Und haben Sie nie daran gedacht«, rief Martin, »daß Ihre Ehe elend, unglücklich und voll Bitternis werden könnte?« Wieder blickte Gratia zu Boden und riß jetzt die Grashalme heftig mit der Wurzel aus. »Aber, lieber Mr. Chuzzlewit, wie abscheulich ernst Sie reden! Natürlich werde ich mich mit ihm zanken; aber ich würde mich mit jedem andern Manne auch zanken. Verheiratete Leute, glaube ich, streiten doch immer miteinander. Und was Sie da reden von Elendsein, Bitternis und all den schrecklichen Geschichten, so könnte uns ein derartiges Schicksal nicht gut treffen, ohne daß er den Löwenanteil davon abbekäme. – – Er ist schon jetzt mein vollkommener Sklave«, kicherte sie. »Nun denn«, seufzte Martin und stand auf, »mag die Sache ihren Lauf nehmen. Ich wollte nur wissen, wie es mit Ihrem Herzen steht, mein Kind, und Sie haben es offen vor mir enthüllt. Ich wünsche Ihnen alles Glück« – er sah sie fest an und deutete auf das Kirchhofpförtchen, durch das Jonas soeben eintrat, und dann entfernte er sich, ohne seinen Neffen abzuwarten, und ging auf einem andern Wege hinaus. »Ach, der schreckliche alte Griesgram«, schmollte Gratia und schüttelte fröhlich ihre Locken, »was für ein abscheuliches Ungeheuer, bei hellichtem Tag auf den Kirchhöfen herumzuwandern und einen zu erschrecken, daß man fast den Verstand verliert. – – Bleiben Sie nur dort, wo Sie sind, Sie Unhold, oder ich laufe davon!« Der »Unhold« galt Mr. Jonas, der sich jedoch dadurch nicht abschrecken ließ und sich neben Gratia auf den Rasen niederließ. »Wovon hat mein Onkel gesprochen?« fragte er verdrießlich. »Von Ihnen«, antwortete Gratia; »er sagte, Sie verdienten mich gar nicht.« »Na ja, natürlich, das wissen wir alle. Hoffentlich macht er uns ein Brautgeschenk, das wenigstens dafür steht«, brummte Jonas. »Hat er vielleicht etwas derartiges fallenlassen?« »Gar keine Spur«, rief Gratia sehr entschieden. »Alter Geizkragen«, murmelte Jonas. »Nun, Schätzchen?« »Ja, Sie Unhold«, fuhr Miss Gratia mit geheucheltem Erstaunen auf, »ja, was erlauben Sie sich denn, Sie Unhold?« »Ich wollte Sie nur ein bißchen knutschen«, sagte Jonas enttäuscht, »es ist doch hoffentlich nichts Unrechtes dabei.« »Sogar sehr viel, wenn es mir nicht paßt«, antwortete Gratia. »Rücken Sie weg, – Sie machen mir heiß.« Mr. Jonas zog seinen Arm zurück und sah sie einen Augenblick lang eher wie ein Mörder als wie ein Liebhaber an. Doch gleich darauf wurde er wieder freundlicher und begann: »Ich wollte nur fragen, Schatz –« »Was sagen Sie da, Sie gemeiner Kerl?« rief die zärtliche Braut. »– wann wir endlich miteinander ins reine kommen werden. Ich kann doch nicht hier mein halbes Leben vertrödeln, und auch Pecksniff meint, daß mein Alter erst vor kurzem gestorben sei, hindere weiter nicht. Wir könnten uns hier unten in aller Stille trauen lassen, und mein Verwaistsein wäre bei den Nachbarn der beste Grund und die beste Entschuldigung, daß ich so bald eine Frau heimführe. Besonders eine, die mein Vater bei Lebzeiten gekannt hat. Und was den Mr. Totenknochen, meinen Onkel, anbelangt, so wirft er uns gewiß auch keinen Knüppel in den Weg; wenigstens sagte er diesen Morgen noch zu Pecksniff, wenn Sie einverstanden seien, Cousine, so habe er gar nichts dreinzureden. Also was ist, Schatz? Wann soll's losgehen?« »Da hört sich denn doch –« begann Gratia. »Was meinen Sie zu nächster Woche?« fiel ihr Jonas ins Wort. »Zu nächster Woche? – Wenn Sie von dem nächsten Vierteljahr gesprochen hätten, würde ich mich schon über Ihre Unverschämtheit gewundert haben.« »Aber ich habe nicht von dem nächsten Vierteljahr gesprochen, nur von der nächsten Woche.« »Und dann, Sie Unhold«, rief Gratia, stand hastig auf und stieß ihn von sich, »dann sage ich nein; nicht die nächste Woche. Nicht eher, als bis es mir gut dünkt, und das wird noch mehrere Monate dauern. So!« Jonas blickte vom Boden auf und sah sie an, fast so finster, als hätte Tom Pinch vor ihm gestanden. »So ein garstiger Kobold mit einem Pflaster über dem Auge möchte hier noch herumkommandieren oder gar etwas dreinzureden haben«, gellte Gratia. »Das fehlte gerade noch.« – Mr. Jonas schwieg noch immer. – »Wenn's nächsten Monat geschieht, ist's Zeit genug; aber ich werde mir auch das noch bis morgen überlegen. – – Und wenn es Ihnen nicht paßt, kann die Sache ja überhaupt ganz und gar unterbleiben«, setzte sie hinzu. »Und wenn Sie mir jetzt nachgehen und mich nicht in Ruhe lassen, so unterbleibt's gleichfalls. – So! Und wenn Sie nicht alles tun, was ich Ihnen befehle, so wird überhaupt nichts draus. Also ruhig hiergeblieben. – So! Sie Kobold!« – – Und mit diesen Worten hüpfte Gratia fröhlich davon. »Na, warte nur, mein Kätzchen«, murmelte Jonas ihr nachblickend und zerbiß wütend einen Strohhalm; »das werde ich dir heimzahlen, wenn wir nur erst mal verheiratet sind. Vorderhand muß ich mir's ja leider gefallen lassen; aber schuldig bleiben werde ich dir nichts, darauf kannst du dich verlassen. – – Übrigens ein scheußlich widerwärtiger Ort hier, um allein dazusitzen. Von jeher habe ich die moderigen alten Kirchhöfe nicht leiden können.« Als er in die Allee hinaustrat, blickte Miss Gratia, die inzwischen weit vorausgeeilt war, zufälligerweise zurück. »Ja, ja«, brummte Jonas mit einem finstern Lächeln, »treib's nur so fort, solang's noch geht. Jetzt bist du noch frei und kannst tun und lassen, was du willst.« 25. Kapitel Handelt zum Teil von Berufsangelegenheiten und gibt dem Publikum manchen wertvollen Wink, wie man Kranke pflegt Umringt von seinen Penaten, genoß Mr. Mould in stiller Wonne das beseeligende Glück häuslicher Ruhe. Da der Tag schwül und das Fenster offen war, hatte Mr. Mould seine Beine auf das Fensterbrett gelegt und lehnte sich mit dem Rücken an den offenen Laden; über seine schimmernde Glatze hatte er der Fliegen wegen ein Schnupftuch gebreitet. Im Zimmer duftete es würzig nach Punsch, und ein großes, mit diesem lieblichen Getränk gefülltes Gefäß stand im Handbereich auf einem runden Tischchen. So trefflich war der Trank gemischt, daß, wenn Mr. Moulds Auge in das kühle, durchscheinende Naß blickte, ein zweites Auge hinter der Zitronenschale hervor ihm hell wie ein Stern entgegenfunkelte. Mr. Moulds Etablissement lag weit drin in der City im Cheapviertel. Sein Harem, oder besser gesagt, das Wohnzimmer von Mrs. Mould und Familie lag nach rückwärts hinaus über dem kleinen Comptoir hinter dem Laden mit der Aussicht auf einen kleinen schattigen Friedhof. In diesem traulichen Stäbchen nun saß Mr. Mould und blickte als zufriedener und friedlicher Mann auf seinen Punsch und sein häusliches Besitztum. Wenn sein Auge für eine Sekunde nach weiterer Aussicht umherspähte, um dann mit erneutem Eifer zu den Ergötzlichkeiten des Gemaches zurückzukehren, wanderte sein feuchter Blick wie ein Sonnenstrahl durch ländlich schlichtes Gitterwerk von Feuerkresse, die an gespannten Bindfäden vor dem Fenster in die Höhe rankte, hinaus, und mit der Miene eines Künstlers schaute er auf die Gräber nieder. In seiner Gesellschaft befanden sich sein Ehegespons und seine beiden Zwillingstöchter. Jede der Misses Mould war fett wie ein Rebhuhn, und Mrs. Mould fetter als beide zusammengenommen. Ihre stattlichen Proportionen waren so voll und rund wie die Leiber zu den Engelsgesichtern unten im Laden. Nur ausgewachsener. Selbst ihre Pfirsichwangen waren aufgeblasen, als seien sie von Rechts wegen bestimmt, in himmlische Posaunen zu stoßen. Zärtlich blickte jetzt Mr. Mould auf seine dicht neben ihm sitzende Gattin, die ihm bei seinem Punsch wie in allen andern irdischen Dingen treu zur Seite stand. Die seraphinischen Töchter erfreuten sich gleichfalls ihres Anteils seiner Zuneigung und lächelten ihm von Zeit zu Zeit freundlich zu. So gesegnet war Mr. Moulds Besitzstand, so groß die Menge der zu seinem Beruf gehörigen Handelsartikel, daß selbst hier, mitten im Allerheiligsten seiner Häuslichkeit, ein Wandschrank aus Mahagoni stand, der mit Leichentüchern, Totenhemden und anderer Grabwäsche bis zum Rande angefüllt war. Trotzdem die Misses Mould gleichsam unter den Augen dieses bedeutungsvollen Möbels aufgewachsen waren, so hatte es doch keinen Schatten auf ihre Kinderjahre oder die fröhliche Zeit ihrer blühenden Mädchenschaft zu werfen vermocht. Von der Wiege auf gewöhnt, Einsegnungs- und Begräbnisszenen zu spielen, waren die Misses Mould gegen dergleichen abgehärtet. Trauerflore bedeuteten für sie nur soundso viele Ellen Seide oder Krepp und die Totenhemden nur ein Stück Leinwand. Von dem Schauspielerrock, dem Kleide einer Hofdame oder einer Parlamentarierrobe konnten sich die Misses Mould allenfalls noch romantische Ideen machen, aber Bahrtücher waren für sie etwas ganz Banales; fertigten sie sie doch zuweilen selber. Mr. Moulds Wohnung war gegen das Getöse in den Hauptstraßen fast ganz und gar abgeschlossen. Sie lag in einem stillen Winkel, wo der Lärm der City zu einem schläfrigen Summen herabsank, das dann und wann anstieg, dann wieder leise wurde und manchmal ganz verstummte, so daß man glauben konnte, in dem geräuschvollen Verkehr von Cheapside sei plötzlich eine Stockung eingetreten. Funkelnd und blinzelnd fiel das Tageslicht durch das Spalier von Feuerkresse herein, als ob der Friedhof draußen Mr. Mould vertraulich zuwinkte und sagte: »Wir verstehen einander, was?« Und aus einem entfernt liegenden Gewölbe tönte das liebliche Klopfen des Sargtischlergehilfen mit seinen melodischen Hammerschlägen, rat, tat, tat, tat, und wirkte ebenso förderlich auf den Schlummer wie auf die Verdauung. »Ganz wie das Gesumme sommerlicher Insekten«, murmelte Mr. Mould und schloß wollüstig die Augen. »Es gemahnt einen an die Laute der belebten Natur draußen in den ackerbautreibenden Distrikten; es ist wie das Klopfen des Baumspechts.« »Am Ulmenbaum klopfet der Specht«, trällerte Mrs. Mould, den Text des Volksliedes durch das Wort Ulme bereichernd, aus welchem Holz bekanntlich die Särge angefertigt werden. »Ha ha ha«, lachte Mr. Mould, »famoser Witz, meine Liebe. Wirklich sehr gut, ich habe schon viel schlechtere in den Sonntagsblättern gelesen.« Höchst aufgeräumt ob dieses Lobspruchs nahm Mrs. Mould einen herzhaften Schluck Punsch und reichte dann das Glas ihren Töchtern hin, die ehrerbietig ihrem Beispiel folgten. »Ulmenbaum«, wiederholte Mr. Mould und zappelte aus Freude über den hübschen Spaß ein wenig mit den Beinen. »Im Liede ist's, glaube ich, eine Buche, was? Ja ja, natürlich, ha ha ha, wirklich einer der besten Witze, die ich je gehört habe.« Die Variante mit der Ulme schien ihm so ungemein zu gefallen, daß er sie gar nicht vergessen konnte und vielleicht zwanzigmal hintereinander vor sich hin murmelte: »Ulme, ha ha, natürlich, haha! Meiner Seel, das sollte man einem Witzblatt einschicken! Der beste Scherz, den ich je gehört habe. Ulme! Ja ja, natürlich, ha ha ha!« Da klopfte es plötzlich an die Stubentüre. »Das ist Tacker«, rief Mrs. Mould, »ich erkenne ihn an seinem Schnaufen. Wenn man ihn so hört, sollte man glauben, daß er immer genug Wind hat, um allein die Trauerfederbüsche zum Wehen zu bringen – kommen Sie nur herein, Tacker!« »Bitt um Entschuldigung«, murmelte Tacker und spähte zur Tür herein. »Ich hab gemeint, der Herr wäre hier.« »Na ja, ich bin ja auch hier«, meldete sich Mr. Mould. »Meiner Seel, ich hab Sie gar nicht gesehen«, sagte Tacker und steckte den Kopf ein wenig weiter zur Türe herein. »Ich denk, es wird Ihnen wahrscheinlich nicht passen, einen Auftrag für ein ordinäres Begräbnis anzunehmen. Gemeines Fichtenholz und eine Blechplatte.« »Nein, nein«, entgegnete Mr. Mould, »viel zu ordinär. Ausgeschlossen.« »Ich hab auch gleich gesagt, es sei zu schofel«, bemerkte Mr. Tacker. »Sagen Sie nur den Leuten, sie sollten sich zu jemand anderem bemühen. Ich nehme keine solchen Aufträge an«, grollte Mr. Mould, »eine Unverschämtheit, mir mit so was zu kommen. Wer ist's denn übrigens?« »Hm«, meinte Tacker stockend, »sehen Sie, das ist's ja eben; es ist der Schwiegersohn vom Kirchspieldiener.« »Ach so, der Schwiegersohn vom Kirchspieldiener«, sagte Mould, »na gut, dann will ich's ausnahmsweise übernehmen, vorausgesetzt, daß der Kirchspieldiener selbst in seinem dreieckigen Hut mitgeht, sonst aber nicht. Dann hat's wenigstens einen dienstlichen Anstrich, und man kann die Sache vor sich selber rechtfertigen; aber wohlverstanden: der dreieckige Hut muß mit.« »Ich werd's ausrichten, Sir«, erwiderte Tacker. »Ja, und dann ist auch noch Mrs. Gamp unten und wünscht mit Ihnen zu sprechen.« »Sie soll heraufkommen«, sagte Mould. »Ah, da sind Sie ja, Mrs. Gamp! Nun, Mrs. Gamp, was bringen Sie uns Neues?« Die würdige Dame war inzwischen eingetreten und machte Mrs. Mould ihren Knicks. Im Augenblick erfüllte ein eigentümlich würziger Duft das Zimmer, als sei eine Fee, die lang in einem Weinkeller eingesperrt gewesen, vorbeigeflogen und habe das Aufstoßen gekriegt. Mrs. Gamp antwortete nicht auf Mr. Moulds Frage, sondern machte abermals einen Knicks, hob die Hände in die Höhe und blickte gen Himmel, wie in einem Dankgebet, daß sie Mrs. Mould so wohl aussehend finde. Sie war sauber, wenn auch nicht festtäglich gekleidet und trug den Trauerrock, in dem schon Mr. Pecksniff das Vergnügen gehabt hatte, sie kennenzulernen. »Es gibt halt scho so glückliche Leut«, bemerkte Mrs. Gamp, »wo mit der Zeit immer jünger werden, und da ghörn Sie auch dazu, Mrs. Mould. So jemandem kann halt die Zeit nix anhaben. Solche Leut bleiben halt immer jung. Noch vor kurzem hab i zu der Harris gsagt«, fuhr Mrs. Gamp fort, »grad am letzten Montagabend vor vierzehn Täg hab i zu der Harris gsagt, grad als sie zu mir gsagt hat, die Jahre und unsre Leiden, Frau Gamp, hat s' gsagt, gehen niemals nicht spurlos an uns vorüber. Reden S' net so, liebe Harris, hab i gsagt, wann mir gute Freund bleiben solln, denn dös kann net a jeds von sich behaupten. Schauen S', die Frau von Mould, hab i gsagt, und i bin so frei, den Namen zu wiederholen« – wieder machte sie einen Knicks – »is eine von denen, wo schnurstracks ein Beweis für das Gegenteil sin, und niemals, liebe Harris, hab i gsagt, so lang i noch an Atemzug machen kann, kann i Ihna deswegen recht geben. – ›Na ja, dös is was anders‹, hat die Harris gesagt, ›da geb i Oma gern nach, und übrigens, wenn je a Frauensperson glebt hat, wo sich für ihre Mitmenschen die Füß ablaufen möcht, so heißt diese Frauensperson Sarah Gamp.‹« Hier mußte die würdige Dame einen Augenblick innehalten, um Atem zu holen, und wir wollen diese Pause benützen, um zu bemerken, daß ein undurchdringliches Geheimnis die sagenhafte Mrs. Harris umgab. Niemand aus den Kreisen von Mrs. Gamps Bekanntschaft hatte sie jemals gesehen, noch wußte ein menschliches Wesen, wo sie wohnte, obgleich Mrs. Gamp beständig mit ihr in Verbindung zu stehen schien. Die widerstreitendsten Gerüchte waren diesbezüglich im Umlauf, doch herrschte die Ansicht vor, Mrs. Harris sei ein Phantom und Mrs. Gamps Gehirn entsprungen, ähnlich wie das Daimonion des Sokrates, und ausdrücklich zu dem Zwecke geschaffen, mit Mrs. Gamp visionäre Zwiegespräche zu halten und jedesmal mit einem Kompliment auf ihre Vortrefflichkeit zu schließen. »Und jetzt gar die Freud«, fing Mrs. Gamp wieder an und wandte ihren tränenumflorten Blick den beiden Misses Mould zu, »die zwei jungen Damen zu sehen, wo i scho kennt hab, wo s' noch kan Zahn net im Mund ghabt ham. I weiß noch wie heut, wie s' in der Werkstatt drunten Begrabn gspielt haben und das lange Bestellbuch in der eisernen Kisten zur ewigen Ruh bestattet ham. O mein, wo sin die Zeiten, Mr. Mould! Net wahr, Mr. Mould?« »Veränderung ist der Lauf der Zeit, Mrs. Gamp«, versetzte der Leichenbestatter. »Es werden noch viel mehr Veränderungen kommen, eh's mit der Veränderung a End hat«, scherzte Mrs. Gamp mit schalkhaftem Nicken. »So junge Damen mit so hübsche Gesichter denken auch an was anders als ans Begrabn, meinen S' net auch, Mr. Mould?« »Da kann ich Ihnen wirklich keine Auskunft geben, Mrs. Gamp«, kicherte Mould, »nicht schlecht von Mrs. Gamp, was meine Liebe?« »Ach ja, Sie wissen's ja ganz gut«, sagte Mrs. Gamp, »und Mrs. Mould, Ihre hübsche Ehehälfte, weiß es auch, und i selbst weiß es ebenfalls, wann mir auch der Segen, a Töchterl zu haben, versagt geblieben is. Na ja, i bitt Ihna, und wann mir auch a Töchterl kriegt hätten, der Gamp hätt ihm gewiß die klanen Schuh von die Füß weg versoffen, wie er's nachher mit unserm lieben Buam tan hat. I denk's noch wie heut. Da hat er den Buam fortgeschickt, er soll eam seinen Stelzfuß verkaufen und Schnaps dafür holen. Und der Bub hat's tan, und merkwürdig gscheit für seine Jahre hat er's gmacht, aber nachher hat er's beim Anmäuerln verlurn und is nach Haus kemman und hat gflennt und hat gsagt, er wollt ins Wasser gehen, wann wir nur wieder gut wären – o mein; Sie wissen ja, Mr. Mould.« Mrs. Gamp wischte sich mit ihrem Schal eine Träne aus dem Auge. »Es steht noch so manchs andre in die Zeitungen, wie Geburten und Begräbnisse. Net wahr, Mr. Mould?« Mr. Mould blinzelte seiner Gattin, die sich ihm inzwischen auf den Schoß gesetzt, zu und sagte: »Ohne Zweifel. Noch viele andere Dinge, Mrs. Gamp. – Wie spaßhaft Mrs. Gamp heute aufgelegt ist, was, meine Liebe?« »Heiraten, zum Beispiel«, scherzte Mrs. Gamp und zwinkerte den beiden Töchtern zu. »Gott gebe ihnen Glück und Segen. Sie wissen's ganz gut – Sie haben auch verstanden, was dös heißt, und Mrs. Mould auch, wie Sie beide noch in dem Alter waren. Aber o mein, Sie sin halt beide noch jung, und was Sie und Mrs. Mould betrifft – wenn Sie amal a paar Enkerln –« »Aber, aber, Mrs. Gamp, Unsinn!« wehrte der Leichenbestatter ab. »Wie spaßhaft sie heute ist!« rief er leise – »meine Liebe –« setzte er laut hinzu, »Mrs. Gamp möchte vielleicht ein Gläschen Rum! Nehmen Sie doch Platz, Mrs. Gamp.« Mrs. Gamp setzte sich auf den Stuhl dicht neben der Türe, blickte zur Decke empor und tat äußerst zerstreut, bis ihr eine der jungen Damen ein Gläschen Rum überreichte. Dann schien sie aufs äußerste überrascht. »Na, wirklich«, sagte sie zu Mrs. Mould, »so was kommt selten bei mir vor. Außer, wann i net wol bin und mi meine Quart Bier im Magen druckt. Die Harris sagt immer – ›Gamp‹, hat's neulich gsagt, ›na wirklich, i verstehe Ihna nöt.‹ Liebe Harris, sag i nacher immer, wieso denn nöt? Nur raus mit der Sprach. ›Offen gestanden, liebe Gamp‹, sagt nacher die Harris, ›auf Ehr und Seligkeit, i kann net verstehn, wie a Frau, wie Sie, als Kranken- und Kindbettwärterin mit so wenig Trinken auskommen kann.‹ Ja mein, liebe Harris, sag ich nacher, keins von uns weiß, was es aushalten kann, bevor's es net ausprobiert hat. Wie mein Mann selig noch glebt hat, hab i a immer so daher gredt, aber jetzt komm i mit am Quart Bier ganz gut aus. Nur frisch vom Faß muß kemman. Aber ob i jetzt Kranke pfleg oder Wöchnerinnen, liebe Harris, i tu immer mei Pflicht. I bin a arms Weib und muß mei Brot schwer verdiena und drum muß i drauf bestehn, daß mein Quart Bier immer regelmäßig vom Faß kemmt. Dös gesteh i zu.« Der logische Zusammenhang zwischen diesen Bemerkungen und dem Glase Rum war nicht sehr einleuchtend. Mrs. Gamp ließ sich auch nicht weiter darüber aus, sondern beschränkte sich nur auf die Worte: »Auf Ihner Wol, meine Herrschaften«, und stürzte dann den Tropfen kunstgerecht hinunter. »Und was bringen Sie uns für Neuigkeiten?« fragte Mr. Mould, während Mrs. Gamp sich die Lippen mit dem Halstuch abwischte und ein Stückchen Zwieback benagte, das sie als Gegengift gegen aufgedrungene Schnäpse in der Tasche zu führen schien, »wie geht's zum Beispiel Mr. Chuffey?« »Dem Chuffey«, erklärte Mrs. Gamp, »geht's wie immer; net schlechter und net besser. Aber schön is doch von dem jungen Herrn, daß er Ihna gschrieben hat: ›Lassen S' 'n pflegn von der Gamp, bis i wieder komm.‹ Er is halt immer gut und hat a weichs Herz, 's gibt net viel solchene. Na ja, sonst wären ja auch die Kirchen überflüssig.« »Und worüber wollten Sie eigentlich mit mir sprechen, Mrs. Gamp?« fragte Mr. Mould, zur Sache kommend. »Von nix anders als von dem«, entgegnete Mrs. Gamp. »I dank der Nachfrag. Es is a Herr im Ochsen zu Holborn krank wordn und liegt jetzt fest im Bett. Ma hat a Tagwärterin holen lassen vom Bartholomäspital. I bin mit ihr bekannt, Mr. Mould, und sie heißt Prig und is a kreuzbrave Haut. Aber für die Nacht ist sie anderswo vergeben jetzt, und drum brauchen s' jetzt drüben jemand anders zum Nachtwachen. Mir sin jetzt scho zwanzg Jahr gute Freundinnen, und deshalb hat s' gsagt: die nüchternste Person weit und breit, gradezu a Segen für a Krankenzimmer, is die Gamp. Schicken S' an Laufbubn nach Kingsgate, hat s' gsagt, und schaun S' zu, daß Sie die Gamp um jeden Preis kriegen. Die is net mit Gold aufzuwiegn. Na, und der Wirt hat mir's gsagt und hat gmeint, es wär a angenehmer Platz, und da ziemlich was dabei rausschaugt, sollet i's annehmen. Net um alles in der Welt, hab i gsagt, net ohne daß der Mr. Mould was davon weiß. Früher is net dran zu denken. Aber i will zu eahm gehn, hab i gsagt, und eahm fragen, was er meint« – dabei warf sie einen Blick nach dem Leichenbestatter und hielt lauschend inne. »Nachtwachen, so?« brummte Mould und rieb sich das Kinn. »Von acht Uhr abends bis acht Uhr früh, net damit Sie glauben, i sag Ihna die Unwahrheit«, erklärte Mrs. Gamp. »Und dann wären Sie frei?« fragte Mould. »Ganz frei, und i kann dann ruhig wieder zu Mr. Chuffey gehn. Er is a ganz ruhiger Mensch – geht zeitig zu Bett und schlaft fast die ganze Nacht durch. I will's net leugnen«, setzte Mrs. Gamp mit weicher Stimme hinzu, »ich bin nur a arms Weib, und das bisserl Geld fallt bei mir ins Gewicht, aber darauf dürfen S' ka Rücksicht net nehmen, Mr. Mould. Die Reichen reiten gern auf Kamelen, aber so leicht is net, durch a Nadelöhr durchschlupfen, sag i immer, und dös is mei Trost.« »Nun, Mrs. Gamp«, meinte Mould, »ich sehe nicht ein, warum Sie nicht unter solchen Umständen auf ehrliche Weise ein paar Groschen verdienen sollten. Mich gehts ja schließlich weiter nichts an, Mrs. Gamp; ich würde es vor Mr. Chuzzlewit auch nicht weiter erwähnen, außer er würde mich direkt danach fragen.« »Sehen S', dös mein i a«, versetzte Mrs. Gamp, »und nehmen mir amal an, der Herr möcht sterben, so hoff i, darf i mir doch die Freiheit nehmen zu sagen, es sei mir ein gwisser Leichenbestatter bekannt – net wahr, Sie nehmen dös doch net für übel, Mr. Mould?« »Durchaus nicht, Mrs. Gamp«, versicherte Mr. Mould herablassend, »Sie können in solchen Fällen immer bemerken, daß wir dergleichen in jedem beliebigen Stile ausführen, und zwar auf eine für die Überlebenden so tröstliche Weise wie nur möglich. Aber ja nicht zu aufdringlich, verstehen Sie? Ja nicht zu aufdringlich. Nur so nebenhin. – Meine Liebe, du bist vielleicht so gut, Mrs. Gamp ein paar von unsern Geschäftskarten mitzugeben.« Mrs. Gamp nahm die Karten und stand auf, um sich zu verabschieden, da die Rumflasche bereits eingeschlossen war und demnach nichts mehr für sie herausschaute. »Also nochmals, Glück und Segen der ganzen Familie!« sagte sie. »Schönen guten Nachmittag, Mrs. Mould. Sehen S', wann i der Herr Mould wär, i wär eifersüchtig auf Ihna, und wann i an Ihrer Stell war, würd i wiederum auf den Herrn Gemahl eifersüchtig sein.« »Aber Mrs. Gamp, reden Sie nicht so!« rief der Leichenbestatter vergnügt. »Und was die jungen Damen betrifft«, fuhr Mrs. Gamp mit einem Knicks fort, »Gott bewahre ihna ihre Schönheit. – Wann i nur wüßt, wie sie's mit ihrem Gewissen verantworten können, bei so jungen Eltern schon so erwachsen zu sein. – Na, mi geht's a nix weiter an.« »Dummes Zeug! Unsinn! So hören Sie doch auf, Mrs. Gamp!« rief Mr. Mould, konnte es sich aber nicht versagen, vor Freude seine Gattin heimlich in den Arm zu kneifen. »Ich will dir was sagen, meine Liebe«, bemerkte er, nachdem Mrs. Gamp sich entfernt und die Türe hinter sich zugemacht hatte; »diese Frau ist eine durch und durch gescheite Person und hat einen Verstand, der weit über ihren Beruf hinausgeht. Sie hat eine ganz ungewöhnliche Beobachtungsgabe und einen so gesunden Menschenverstand. – Wahrhaftig, es ist eine Person«, fügte er hinzu, zog sich sein seidenes Schnupftuch wieder über die Glatze und schickte sich zu einem Schläfchen an, »bei der man fast geneigt wäre, sie umsonst zu begraben und noch obendrein erster Klasse.« Mrs. Mould nebst Töchtern schien damit vollständig einverstanden zu sein. Mrs. Gamp hatte inzwischen die Straße erreicht, aber die frische Luft schien sie so anzugreifen, daß sie noch eine Weile unter dem Torbogen stehenbleiben mußte, um sich zu erholen. Aber selbst nach dieser Vorsichtsmaßregel war ihr Gang noch so schwankend, daß sie die mitleidigen Blicke einiger gutmütiger Straßenjungen auf sich zog, die für ihren Zustand das lebhafteste Interesse an den Tag legten und ihr in ihrer ungekünstelten Ausdrucksweise zuriefen, sie solle sich nichts draus machen, das ginge vorüber; sie habe nur ein bißchen viel »geladen«. Wie dem übrigens auch sei oder welchen Namen das medizinische Wörterbuch Mrs. Gamps bresthaftem Zustande beigelegt haben würde, so fand sie sich doch bald und ohne weitere Fährlichkeiten nach ihrem Bestimmungsorte zurecht, langte glücklich in dem Hause »Anthony Chuzzlewits Sohn« an, begab sich zur Ruhe und schlief bis sieben Uhr abends. Dann überredete sie den armen alten Chuffey, zu Bett zu gehen, und machte sich auf, ihren neuen Dienst anzutreten. Zuerst verfügte sie sich in ihre eigene Wohnung in Kingsgate Street, um sich ein Bündel Kleider und Umschlagtüchter für die Nacht zu holen, und dann nach dem »Ochsen« in Holborn. Als sie dort ankam, schlug es gerade acht. Im Hofe blieb Mrs. Gamp neugierig stehen, denn der Wirt, die Wirtin und das erste Stubenmädchen unterhielten sich auf der Zimmerschwelle angelegentlich mit einem jungen Herrn, der soeben erst angekommen zu sein schien und augenscheinlich die Absicht hatte, sich wieder zu entfernen. Die ersten Worte, die ihr Ohr trafen, bezogen sich fraglos auf den Patienten, und da es für sie als Wärterin nur förderlich sein konnte, soviel wie möglich von dem Falle zu wissen, dessentwegen man sie hatte holen lassen, so hielt sie es geradezu für ihre Pflicht, zu lauschen. »Nicht besser also?« bemerkte der junge Mann. »Schlimmer«, versetzte der Wirt. »Viel schlimmer«, fügte die Wirtin hinzu. »Oh, viel, viel schlimmer!« rief das Stubenmädchen aus dem Hintergrunde, riß die Augen auf und schüttelte das Haupt. »Der arme Mensch!« seufzte der junge Mann. »Es tut mir sehr leid, das zu hören; und das Schlimmste dabei ist, daß ich mir durchaus nicht denken kann, wer wohl seine Freunde und Verwandten sein mögen oder wo sie wohnen. Sicher ist nur eins, daß man sie nicht in London zu suchen hat.« Der Wirt sah die Wirtin an, die Wirtin den Wirt, und das Stubenmädchen bemerkte, von allen vagen Vermutungen, und deren gäbe es in einem Gasthaus nicht wenige, sei dies die allervageste. »Wie ich Ihnen gestern schon sagte«, fuhr der junge Mann fort, »als Sie zu mir schickten, weiß ich so viel wie gar nichts von ihm. Wir waren früher Schulkameraden, aber seitdem habe ich ihn nur zweimal wiedergesehen. Beide Male kam ich auf Ferien nach London aus Wiltshire – auf eine Woche ungefähr –, und dann verlor ich ihn wieder aus den Augen. Der Brief mit meinem Namen und meiner Adresse, den Sie auf seinem Tische fanden und der Sie veranlaßte, zu mir zu schicken, ist eine Antwort – wie Sie bemerken werden – auf einen Brief, den er mir an demselben Tage, wo er krank wurde, von hier aus schrieb und worin er mir ein Rendezvous vorschlug. – Hier ist sein Brief, wenn Sie ihn einsehen wollen.« Der Wirt las das Schreiben, und die Wirtin guckte ihm über die Schulter. Das Stubenmädchen im Hintergrunde fing gleichfalls so viel davon ab, als ihr irgend möglich war, ergänzte den Rest für sich und betrachtete das Ganze fortan als ein positives Beweisstück. »Er hat sehr wenig Gepäck, sagen Sie«, bemerkte der junge Mann, der niemand anders war als John Westlock. »Nichts als ein Felleisen«, versetzte der Wirt, »und wenig genug ist drin.« »Aber Sie sprachen doch von einigen Guineen in seiner Börse?« »Ja; ich habe das Geld eingesiegelt und in meine Kasse gelegt. Die Summe hab ich aufgeschrieben, wenn Sie's sehen wollen.« »Gut«, sagte John. »Der Arzt ist der Ansicht, bevor das Fieber nicht nachließe, könne man nichts anderes tun, als ihm regelmäßig seine Medizin zu reichen und ihm die sorgfältigste Pflege angedeihen zu lassen. Auch ich kann weiter nichts hinzufügen, bis er in der Lage ist, selbe Auskunft erteilen zu können. – Hätten Sie sonst noch etwas zu sagen?« »N-nein«, versetzte der Wirt, »ausgenommen –« »Wer für ihn bezahlen soll, nicht wahr?« fragte John. »Freilich«, meinte der Wirt stockend, »möchte ich das gerne wissen.« »Ja, ja, natürlich«, sagte die Wirtin. »Auch wegen des Trinkgelds wär's gut«, brummte das Stubenmädchen. »Das ist nur recht und billig«, entgegnete John Westlock, »aber jedenfalls haben Sie für den Augenblick sein Geld als Sicherheit, und was den Doktor und die Krankenpflege betrifft, erkläre ich mich gern bereit, dafür aufzukommen.« »Oh«, rief Mrs. Gamp, »das nenne ich mir an feinen Herrn!« Sie hatte diesen Stoßseufzer so hörbar vorgebracht, daß sich alle nach ihr umdrehten. Sie fühlte daher die Notwendigkeit, mit ihrem Bündel in der Hand näher zu treten, um sich vorzustellen. »I bin die Wärterin aus Kingsgate«, sagte sie, »und die Mrs. Prig, die Wärterin für den Tag, is meine beste Freundin. Sie is wirklich a kreuzbrave Haut. Na, und wie geht's denn dem armen lieben Herrn heut abend? Wenn's noch net besser is, muß mer halt abwarten. Es is net das erstemal, Madame« – dabei machte sie der Wirtin einen Knicks – »daß die Prig und i zusamm als Krankenwärterinnen die Tag- und Nachtwach versehn habn. Mir kennen uns und helfen oft noch, wo nix mehr zu helfen is. Mir machen's billig« – sie wandte sich zu John – »wenn ma die Natur unsrer schmerzlichen Pflichten ins Aug faßt. O mein, wenn's nur nach uns ging, möchten wir am liebsten gar nix verlangen.« Als sie sich dieser Einführungsrede glücklich entledigt, knickste sie noch einmal in die Runde und gab den Wunsch zu erkennen, jetzt nach dem Schauplatz ihrer amtlichen Tätigkeit geführt zu werden. Das Stubenmädchen geleitete sie daraufhin durch ein Labyrinth von Gängen nach dem Obergeschoß des Hauses und zeigte dort auf eine einsame Türe am Ende einer Galerie, bedeutete ihr, daß dahinter der Patient liege, und eilte mit größter Geschwindigkeit wieder von dannen. Mrs. Gamp ging, von der Last ihres umfangreichen Bündels erhitzt, bis zu der Türe und klopfte an. Sofort öffnete Mrs. Prig, die bereits Hut und Schal umgenommen hatte und sichtlich darauf brannte, fortzukommen. Mrs. Prig war so ziemlich von Mrs. Gamps Statur, nur nicht so fett; ihre Stimme klang tiefer und fast männlich. Auch zierte sie ein stattlicher Bart. »Hab scho gmeint, Sie kommen gar nimmer«, bemerkte sie etwas mißvergnügt. »Morgen abend hol mer's scho wieder nach«, tröstete Mrs. Gamp, »i hab zuvor noch nach Haus müssen und meine Sachen holen.« Sie ging sodann zur Zeichensprache über, um sich über den Zustand des Patienten zu unterrichten und zu fragen, ob er sie vielleicht hören könne – es stand nämlich eine spanische Wand vor der Tür –, aber Mrs. Prig zerstreute rasch ihr Bedenken. »Er is ganz ruhig«, sagte sie laut, »aber net bei Besinnung, Sie brauche Ihna net schenieren.« »Sonst hätten S' mir nix zu sagen, bevor S' gehen, liebe Prig?« fragte Mrs. Gamp, zerrte ihr Bündel in die Stube und sah ihre Kollegin zärtlich an. »Der marinierte Lachs«, erwiderte Mrs. Prig, »is ausgezeichnet, i kann ihn Ihna bsonders empfehlen. Des kalte Fleisch schmeckt nach Stall, aber die Getränke sin alle gut.« Mrs. Gamp erklärte sich höchlichst zufriedengestellt. »Was die Medizinen und die andern Gschichten sin, so stehen s' aufm Kamin und aufm Kasten«, warf Mrs. Prig hin, »das letztemal hat er um sieben Uhr eingnommen. Der Lehnstuhl is damisch hart, i rat Ihna, nehmen S' sein Kopfpolster.« Mrs. Gamp dankte ihr für diese Winke, wünschte ihr freundlich gute Nacht und hielt die Türe offen, bis sie am anderen Ende der Galerie verschwunden war. Nachdem sie so die Pflicht der Gastfreundschaft erfüllt und ihre Kollegin glücklich verabschiedet hatte, riegelte sie von innen zu, nahm ihr Bündel und ging um die spanische Wand herum, um ihr Geschäft als Wärterin zu beginnen. »Sakrisch fad, aber es könnt ja a noch schlimmer sein«, brummte sie vor sich hin. »Wann a Feuer auskimmt, so bin i froh, daß a Glander da is und viele Dächer mit Rauchfäng, da kann ma wenigstens gut aussakrallen.« Aus diesen Bemerkungen ist leicht zu ersehen, daß Mrs. Gamp zum Fenster hinausschaute. Nachdem sie die Aussicht genügend genossen, versuchte sie den Lehnstuhl und erklärte unwillig, er sei härter als ein Ziegelstein. Dann dehnte sie ihre Untersuchung auf die Arzneiflaschen, Gläser, Töpfe und Teetassen aus. Nachdem sie auch hier ihre Neugierde vollständig befriedigt, knöpfte sie ihre Haubenbänder los und trat ans Bett, um sich den Patienten zu betrachten. Er war ein junger Mann von dunkler Gesichtsfarbe und recht angenehmen Zügen. Seine langen schwarzen Haare nahmen sich auf der weißen Leinwand noch viel dunkler aus, als sie vielleicht in Wirklichkeit waren. Seine Augen hatte er halb geschlossen, und trotzdem sein Körper still dalag, wälzte er ohne Unterlaß den Kopf von einer Seite des Kissens zur andern. Er sprach nicht, ließ aber zuweilen einen Ausruf der Ungeduld oder Überraschung laut werden, dabei beständig den Kopf, wie schon seit Stunden, hin und her bewegend. Mrs. Gamp labte sich mit einer Prise Schnupftabak und sah ihn eine Weile mit seitwärts geneigtem Haupte an, wie etwa ein Kenner ein etwas zweifelhaftes Kunstwerk betrachten würde. Allmählich bemächtigte sich ihrer eine schreckliche Erinnerung an einen andern Zweig ihres Berufs. Sie beugte sich nieder und drückte ihm die unsteten Arme an die Seite, um zu sehen, wie er sich – als Leiche ausnehmen würde. So gräßlich es auch klingen mag, tatsächlich juckten ihr die Finger vor Verlangen, ihn in die letzte Stellung der Todesstarre zurechtzulegen. »Herrschaft«, knurrte sie dabei und trat ein paar Schritte zurück, »dös wär a wunderschöne Leich!« Dann fuhr sie fort, ihr Bündel auszupacken, zündete mit Hilfe eines auf der Kommode stehenden Feuerzeugs ein Licht an, füllte einen kleinen Kessel als Vorbereitung für ein Täßchen Tee für die Nacht, machte zu demselben philanthropischen Zweck »a bisserl a Feuer« an, wie sie es nannte, und zog einen Teetisch herbei, um den traulichen Eindruck zu erhöhen. Diese Vorbereitungen nahmen so lange Zeit in Anspruch, daß es nach ihrer Beendigung höchste Zeit war, ans Abendbrot zu denken. Mrs. Gamp klingelte daher, um es zu bestellen. »I glaub, Jungfer«, sagte sie in einem Tone, der ihre Angegriffenheit entsprechend illustrieren sollte, zu dem zweiten Stubenmädchen, »a bisserl a geräucherten Lachs mit etwas Fenchel und aner Prisen weißen Pfeffer dabei möcht mir gut tun, ebenso a krachets Weißbrot mit frischer Butter und a Stückerl Käs. Wann S' so was wie a Gurken im Haus hätten, so sin S' leicht so gut und bringen S' mir's auffi. Es is mei Leibspeis und tut in aner Krankenstubn oft Wunder. Und wann S' grad a Doppelbier anzapfen, bringen S' mir leicht a a Maß. Die Doktoren sagen immer, es halt wach. Und nachher, Jungfer, vergessen S' net für an Schilling Wacholderschnaps und warms Wasser, damit i's hab, wann i nochamal läut. Des is mei Ration, und i trink kein Tropfen drüber.« Nachdem sie diese außerordentlich maßvollen Anforderungen gestellt hatte, bemerkte sie, sie wolle an der Türe stehen bleiben und warten, damit der Patient nicht durch wiederholtes Öffnen gestört würde. Sie werde sich aus demselben Grunde dem Stubenmädchen sehr zu Dank verpflichtet fühlen, wenn es sich beeile. Das Teebrett kam, und alles, sogar die Gurke, befand sich darauf. Mrs. Gamp setzte sich sogleich hin und aß und trank nach Herzenslust. Der Hochgenuß und die Unersättlichkeit, mit der sie dem Gurkenessig zusprach und dann sogar noch die Klinge des Messers ableckte, läßt sich kaum beschreiben. »O mein«, seufzte sie, als sie bei ihrer Schillingsdosis warmen Grogs hielt, »was für a Glück is es doch, wann der Mensch in dem irdischen Jammertal hienieden sich seine Zufriedenheit bewahrt. Was für a Segen, kranke Leut in ihre Betten glücklich zu machen und sich selbst dabei zu vergessen, solang ma noch Dienste leisten kann. I glaub, in mein ganzen Leben hab i noch kei schönere Gurken gsehn.« In der gleichen seligen Stimmung fortmoralisierend, bis ihr Glas leer war, erinnerte sie sich schließlich, daß sie dem Patienten seine Arzenei zu reichen habe. Sie drückte ihm die Kehle zusammen, um ihn zu veranlassen, den Mund zu öffnen, und schüttete ihm dann den Trank in die Gurgel. »Meiner Seel, jetzt hätt i fast des Kopfkissen vergessen«, murmelte sie und holte sofort das Versäumte nach. »Jetzt hat er's so bequem, wie's der Mensch nur haben kann; jetzt muß i schaun, daß i mir's auch bequem mach.« In dieser Absicht zog sie sich einen zweiten Lehnstuhl für die Füße herbei und improvisierte sich eine Lagerstätte. Sodann entnahm sie ihrem Bündel eine gigantische, hinsichtlich Aussehen von einem Kohlkopf nur schwer zu unterscheidende gelbe Schlafmütze und band sie sich auf, nachdem sie vorher eine Reihe alter Locken abgelegt hatte, die den Ausdruck »falsch« eigentlich nicht verdienten, denn von einer Vortäuschung körperlicher Reize konnte hier nicht die Rede sein. Dann zog sie sich eine Nachtjacke an und endlich eine Art Nachtwächterrock, dessen Ärmel sie sich um den Hals band, so daß sie von rückwärts aussah wie eine Vogelscheuche, die von einem Flurwächter umarmt wird. Nachdem sie alle diese Anstalten sorgfältig erledigt, zündete sie ein Nachtlicht an, krümmte sich auf ihrem Lager zusammen und schickte sich zu einem Schlummer an. Die Stube war jetzt schaurig dunkel und voll düsterer lauernder Schatten. Nach und nach verstummten die fernen Töne in den Straßen, und das Haus wurde so ruhig wie ein Grab. Oh, die öden, öden Stunden! Durch das Dunkel der Vergangenheit unfähig, sich vom Elend der Gegenwart loszumachen, schleppte die arme Seele des Kranken ihre schwere Sorgenkette durch eingebildete Festesfreuden, durch Träume voll schauerlicher Pracht, irrte suchend dahin über die längst vergessenen Spielplätze der Kindheit und fand in den Zufluchtsorten von gestern und heute nur Angst und Grausen. Ach, die öden, bleiernen Stunden! Was waren die Irrfahrten Kains gegen diese Wanderungen! Immer noch wälzte der Kranke, ohne einen Augenblick Ruhe zu finden, sein brennendes Haupt hin und her. Von Zeit zu Zeit wurden seine Mattigkeit, seine Ungeduld und Pein auf diesem Folterbette durch laute Ausrufe kund, wenn seine Lippen auch keine Worte bilden konnten. Endlich gegen Mitternacht fing er an zu reden, wartete zuweilen angstvoll auf Antwort, als ob unsichtbare Gestalten sein Bett umgäben und er ihnen Rede und Antwort stünde. Mrs. Gamp erwachte und setzte sich in ihrem Bett auf. Ihr Schatten an der Wand sah aus wie die Silhouette eines gespenstischen Nachtwächters, gegen den sich ein Gefangener wehren will. »Na, werdn S' net endlich 's Maul halten«, rief sie in verweisendem Tone. »Hier wird ka Lärm gemacht, verstanden?« Nicht die geringste Veränderung im Gesichte des Patienten verriet, daß er sie verstand. Irr phantasierte er weiter. »Na ja, natürlich«, schimpfte Mrs. Camp und stand räuspernd und unwillig auf, »i hab halt zu gut geschlafen, als daß einem so was lang vergunnt wär. Mir scheint, der Teufel is los, daß 's heut nacht so kalt is.« »Trink nicht so viel«, phantasierte der Kranke. »Du wirst uns noch alle zugrunde richten. Siehst du denn nicht, wie die Quelle versiegt und wie es jetzt dunkel wird, wo eben noch das Wasser funkelte?« »Jawohl, Wasser funkeln«, knurrte Mrs. Garnp, »i will lieber a funkelnde Tassn Tee zu mir nehmen. Wann er nur scho endlich mit dem blöden Gred aufhörn möcht.« Der Patient brach jetzt in ein Gelächter aus, das gar nicht enden zu wollen schien und schließlich in ein unheimliches Gewinsel überging. Dann hielt er inne und begann rasch hintereinander zu zählen: »Eins – zwei – drei – vier – fünf – sechs.« »Eins, zwei, koch mir den Brei«, murmelte Mrs. Gamp, auf den Knien liegend und bemüht, das Ofenfeuer anzuzünden. »Drei, vier, halt zu die Tür – gscheiter wär's, du hieltest den Mund – fünf, sechs, bucklete Hex! – Ja, wann i hexen könnt, nacher sollt mir der Kessel scho bälder sieden.« Damit setzte sie sich so dicht an die Kaminstange, daß ihre Nase darauf zu ruhen kam, und unterhielt sich eine Weile damit, diesen Vorsprung ihres Gesichts an dem Metall hin und her zu reiben, soweit dies ohne wesentliche Änderung ihrer Stellung anging. Dabei kommentierte sie fortwährend die irren Reden des Mannes im Bett. »Zusammen fünfhundertundeinundzwanzig Leute, alle gleich gekleidet und alle gleich das Gesicht verzerrt, so sind sie zum Fenster herein- und zur Tür herausgegangen«, rief er angstvoll. »Schau da, fünfhundertzweiundzwanzig – dreiundzwanzig – vierundzwanzig, siehst du sie?« »Na ja, natürlich seh ich sie«, brummte Mrs. Gamp. »Die ganze Bande numeriert wie die Droschken. – Oder leicht net?« »Rühr mich nicht an, ich muß mich überzeugen.« »I werd dir scho die Arznei einschütten, wann der Kessel siedet«, entgegnete Mrs. Gamp ruhevoll. »Und nacher wirst scho angrührt werden. Und fest a no.« »Fünfhundertachtundzwanzig – fünfhundertneunundzwanzig – fünfhundertdreißig – schau da!« »Was gibt's denn scho wieder?« fragte Mrs. Gamp. »Jetzt kommen sie zu viert nebeneinander, jeder hat seinen Arm in den des andern eingehängt und die Hand auf dessen Schulter. Was haben sie auf ihren Armen und auf dem Banner?« »Wahrscheinlich Spinnaweben«, brummte Mrs. Gamp. »Flor, schwarzer Flor! Gott im Himmel, warum tragen sie ihn außen?« »Na ja, innawendig könnens 'n doch net tragen», höhnte Mrs. Gamp. »Aber still jetzt, dös Maul ghalten.« Mittlerweile hatte das Feuer angefangen, eine angenehme Wärme zu verbreiten, und Mrs. Gamp wurde stumm. Langsamer und immer langsamer rieb sie ihre Nase an der Kaminstange, und endlich verfiel sie in einen schweren Schlaf. Sie erwachte plötzlich, denn durch das Zimmer, deuchte ihr, hallte ein Name, den sie gut kannte. »Chuzzlewit!« Der Ton war so bestimmt, so wirklich und glich so ganz einem flehentlichen Ruf, daß Mrs. Gamp erschrocken aufsprang und zur Türe eilte. Sie erwartete halb und halb, den Gang mit Leuten angefüllt zu finden, die gekommen wären, ihr zu sagen, das Haus in der City stünde in Flammen. Aber die Galerie war leer. Keine Seele da! Sie öffnete das Fenster und blickte hinaus. Nichts als dunkle, rauchige, öde Dachgiebel. Als sie in die Stube zurückkehrte, warf sie einen Blick auf den Kranken. Ganz wie früher lag er auf seinem Bett, nur seine Lippen schwiegen jetzt. Mrs. Gamp war es so warm geworden, daß sie ihren Nachtwächtermantel abwarf und sich Kühlung zufächelte. »So laut war's, daß fast die Flaschen gscheppert habn«, brummte sie. »Von was i nur träumt hab? Wahrscheinlich von dem zwidern Chuffey.« Diese Vermutung hatte viel für sich. Für alle Fälle kräftigte sich Mrs. Gamp mit einer Prise Schnupftabak, und das Singen des dampfenden Teekessels beruhigte gar bald ihre ohnehin nicht besonders schwachen Nerven. Dann schenkte sie sich ihren Tee ein, röstete sich eine Butterschnitte und nahm, das Gesicht dem Feuer zugekehrt, vor dem Tischchen Platz. Da klangen mit einem Mal in noch gräßlicherem Tone als vorher die Worte in ihr Ohr: »Chuzzlewit! Jonas! Nein!« Erschreckt setzte sie die Tasse, die sie eben an ihre Lippen hatte führen wollen, nieder und wandte sich so rasch um, daß das kleine Tischchen beinah umgefallen wäre. Der Schrei war offenbar von dem Bette hergekommen. Als sie das nächste Mal wieder zum Fenster hinausschaute, war es bereits heller Morgen, und die Sonne ging heiter auf. Der Himmel wurde Lichter und Lichter, der Lärm auf den Straßen wuchs immer mehr an, und hoch in die Sommerluft empor stieg der Rauch frisch angezündeter Feuer, bis es völlig Tag war. Pünktlich, wie es sich gehört, kam Mrs. Prig, die bei ihrem Patienten ebenfalls eine gute Nacht verbracht hatte, zur Ablösung. Mr. Westlock fand sich um die gleiche Zeit ein, wurde aber nicht vorgelassen, da die Krankheit möglicherweise ansteckend sein könnte. Auch der Doktor erschien und schüttelte den Kopf – alles, was ein Arzt in solchen Umständen tun kann –, und zwar recht gründlich. »Was hat er für eine Nacht gehabt, Wärterin?« »A schlechte«, antwortete Mrs. Gamp. »Viel phantasiert?« »Na, macht sich«, sagte Mrs. Gamp. »Konnte man nichts aus seinen Reden entnehmen?« »I Gott bewahr, lauter ungereimtes Zeug war's.« »Nun«, meinte der Doktor, »da müssen wir ihn vorläufig noch in Ruhe lassen. Halten Sie das Zimmer kühl, reichen Sie ihm regelmäßig seine Arznei und geben Sie überhaupt sorgfältig auf ihn acht. Weiter läßt sich nichts tun.« »Habens ka Sorg net; solang die Prig und i bei eahm san, is ka Gfahr net«, versicherte Mrs. Gamp. »Was? Gibt's wirklich nix Neues, Mrs. Gamp?« fragte Mrs. Prig, als sie beide den Arzt hinauskomplimentiert hatten. »Na, wirkli nix«, sagte Mrs. Gamp. »Er red lauter dumms Zeug daher und nennt a Masse Namen. Mer braucht si net dran kehren.« »Na ja, des a no! Fallet mir grad ein«, entgegnete Mrs. Prig, »i hab an gscheitere Sachen zu denken.« »Heut abend bring i meine Schuld von gestern wieder ein und komm etwas zeitlicher, liebe Prig«, versprach Mrs. Gamp, »aber eins möcht i Ihna noch raten«, fügte sie enthusiastisch hinzu, »probiern S' amal die Gurken. – Bhüat Ihna Gott.« 26. Kapitel Ein unerwartetes Zusammentreffen und eine vielversprechende Aussicht Die subtilen Zusammenhänge zwischen Bärten und Vögeln und die geheime Quelle jener Anziehungskraft, die so häufig einen Barbier veranlaßt, mit letzteren Handel zu treiben, sind Fragen so unwägbarer Art, daß wir ihre Beleuchtung wissenschaftlichen Korporationen überlassen müssen. Um so mehr, als derartige Bemühungen zu keinem besondern Resultat zu führen scheinen. Für uns genügt es zu wissen, daß der Haarkünstler, der die Ehre hatte, Mrs. Gamp in seinem ersten Stock zu beherbergen, das Geschäft des Rasierens mit dem des Vogelabrichtens verband und daß dies keine ursprüngliche Idee von ihm oder gar eine Erfindung war, da es in allen Nebenstraßen und Vorstädten ringsum ein ganzes Heer von Konkurrenten in diesem Fache gab. Sein Name war Paul Sweedlepipe, aber für gewöhnlich wurde er Poll Sweedlepipe genannt, und tatsächlich glaubte ein großer Teil seiner Freunde und Nachbarn, er hieße wirklich so. Von der Treppe und der Privatwohnung seiner Aftermieterin abgesehen, war Poll Sweedlepipes ganzes Haus ein einziger großer Vogelbauer. Kampfhähne präsidierten in der Küche; Fasanen durchstrahlten mit dem Glanz ihres goldenen Gefieders die Dachstube; Bantamhühner hockten im Keller auf ihren Stangen; Eulen hatten das Schlafzimmer in Besitz genommen, und Exemplare von allen kleineren Vogelarten zwitscherten und zirpten im Laden. Das Treppenhaus war den Kaninchen geweiht. Hier, in Behältern von allen Formen und Arten, in alten Packkisten, Koffern, Kommoden und dergleichen, vermehrten sie sich mit bewunderungswürdiger Rastlosigkeit und steuerten ihr Teil zu dem komplizierten Dufte bei, der unparteiisch und ohne Ansehen der Person jede Nase begrüßte, die sich in Sweedlepipes Rasierstube blicken ließ. Trotzdem fand so manche Nase ihren Weg dahin; besonders am Sonntagmorgen vor der Kirche. Bekanntlich müssen sich sogar Erzbischöfe am Sabbat rasieren lassen. Der Bart läßt sich nicht am Wachsen hindern, selbst nicht am Kinn gemeiner Tagelöhner. Solche untergeordnete Personen sind natürlich nicht imstande, sich einen eigenen Kammerdiener leisten zu können, und gehen daher zu Leuten, die das Geschäft von Fall zu Fall versehen, und bezahlen sie – oh, Schlechtigkeit des Kupfergeldes! – mit schmutzigen Pennystücken. Poll Sweedlepipe, der Sünder, rasierte alle, die da kamen, für je einen Penny und schnitt ihnen außerdem, wenn sie es wünschten, für zwei Pence das Haar. Da er außerdem ein lediger Mann war und auch mit seinem Vogelhandel sich ein wenig erwarb, befand er sich in leidlich guten Umständen. Er war ein kleiner, ältlicher Mann mit einer feuchten kalten rechten Hand, von der sogar der beständige Verkehr mit Kaninchen und Vögeln den Geruch der Bartseife nicht zu entfernen vermochte. Poll hatte etwas Vogelartiges in seinem ganzen Wesen, nicht etwa vom Falken oder Adler, sondern eher von dem Sperling, der im Schornstein seine Nester baut und die Nähe menschlicher Gesellschaft liebt. Doch war er nicht streitsüchtig wie dieser, sondern friedlich wie die Taube. Pathetisch stolzierte er durch die Straßen und hatte in dieser Hinsicht gleichfalls eine gewisse Ähnlichkeit mit der Taube, und auch mit deren Gegirr ließ sich sein monotones Geschwätz vergleichen. Von Geburt aus sehr neugierig, fragte er viel, und wenn er am Abend vor der Türe seines Ladens stand, die Nachbarn beobachtend, den Kopf seitwärts geneigt und schlau mit einem Auge blinzelnd, hätte man ihn auch mit einem Raben verwechseln können. Aber trotzdem war nicht mehr Arglist in Poll als in einem gewöhnlichen Rotkehlchen. Zum Glück wurden seine ornithologischen Eigenheiten, wenn sie auf dem Punkte waren, zu weit zu gehen, erstickt, aufgelöst, eingeschmolzen und neutralisiert durch den Barbier in ihm, genau so wie sich sein kahles Haupt – sonst dem Kopf einer geschorenen Elster zum Verwechseln ähnlich – zu beiden Seiten in eine Perücke schwarzer Krauslocken auslief, den Schädel selbst freilassend, um die ungeheuern Verstandeskräfte anzudeuten. Seine äußerst schrille zitternde Stimme war die Veranlassung, daß die Spottvögel von Kingsgate Street behaupteten, er hätte von Rechts wegen ein Frauenzimmer werden müssen. Er besaß zudem ein überaus empfindliches Herz, und wenn er zuweilen ein oder ein halbes Schock Spatzen zu einem Wettschießen zu liefern hatte, so pflegte er stets mitleidigen Tones zu bemerken, es sei doch höchst sonderbar, daß diese Vögel eigens zu diesem Zweck geschaffen sein sollten. Zur Erörterung der Frage, ob die Menschen zum Vogelmord geschaffen seien, reichte seine Philosophie nicht aus. Da sein Gewerbe gewissermaßen mit dem Jagdsport verquickt war, trug er einen Samtrock, blaue Strümpfe, Schnürschuhe, ein hellfarbiges Halstuch und einen sehr hohen Hut. Angesichts seines mehr friedlichen Barbierberufs jedoch bequemte er sich, gewöhnlich eine nicht allzu saubere Schürze, eine Flanelljacke und manchesterne Kniehosen zu tragen. In diesem Kostüm, aber mit aufgeschlagener Schürze – zum Zeichen, daß er Feierabend gemacht – schloß er eines Abends, mehrere Wochen nach den im vorigen Kapitel erzählten Ereignissen, seine Türe und blieb auf der Schwelle stehen und horchte, bis die kleine, zerbrochene Klingel drin zu läuten aufgehört hatte. Ehe dies geschehen war, hielt Mr. Sweedlepipe es nämlich niemals für rätlich, sein Geschäftslokal sich selber zu überlassen. »Es ist das ungebärdigste Ding von einer kleinen Klingel unter der Sonne«, sagte Poll, »aber jetzt endlich schweigt sie doch.« Mit diesen Worten rollte er seine Schürze noch ein bißchen höher zusammen und eilte die Straße hinunter. Eben wollte er nach Holborn einbiegen, als er gegen einen jungen livrierten Herrn anrannte. Der Jüngling war zwar klein, aber desto kecker und wandte sich mit den lebhaftesten Zeichen von Unwillen augenblicklich gegen ihn um. »Na, Sie Dummkopf!« rief der junge Herr. »Sie können wohl nicht aufschauen, was? Oder achtgeben, wohin Sie gehen, was? Wozu haben Sie eigentlich Ihre Augen, was? Oh, Sie!« Der junge Gentleman sprach die beiden letzten Worte in lautem Ton und mit fürchterlichem Nachdruck, als ob sie die Quintessenz aller bittern Kränkungen in sich faßten, aber plötzlich wich sein Zorn der Überraschung, und er rief mit milderem Tone aus: »Was, Polly!« »Ja, was seh ich, Sie sind's?« rief Polly. »Aber Sie können's doch gar nicht sein!« »Nein, ich bin's nicht«, scherzte der Jüngling. »Es ist mein Sohn. Mein ältester. Er macht seinem Vater alle Ehre, nicht wahr, Polly?« Mit diesem geistreichen Witz machte er auf dem Pflaster halt und drehte sich langsam um, um sich von allen Seiten anstaunen zu lassen, sehr zum Verdruß der Passanten, die nicht in so heiterer Stimmung waren wie er. »Wahrhaftig, das hätt ich nicht geglaubt«, sagte Poll. »Sie haben also Ihren alten Dienst verlassen, wie ich sehe, wie?« »Und ob«, entgegnete der junge Herr, der inzwischen die Hände in die Taschen seiner weißen Beinkleider gesteckt hatte und freudestrahlend neben dem Barbier einherstolzierte. »Haben Sie eine Idö, was ein Paar Stulpenstiefel sin, Polly? Wenn nücht, so schauen Sie sich mal düse da an.« »Prächtig!« rief Mr. Sweedlepipe. »Oder haben Sie schon mal einen Knopf mit Wappen gesehen? Sehen Sie ihn nicht an, wenn Sie kein Kenner sind; denn die Löwenköpfe darauf wissen bloß Leute von Geschmack zu würdigen und keine Mopsnasen nücht.« »Prächtig!« rief der Barbier abermals. »Grasgrüner Rock mit Gold besetzt, und noch dazu eine Kokarde am Hut!« »Das will ich meinen«, rief der Jüngling stolz. »Übrigens, aus der Kokarde mache ich mir einen Quark! Das einzige an ihr ist noch, daß sie sich nicht dreht. Sonst würde sie sich nicht vüll von dem Fendilador, wo wir bei Todgers' im Küchenfenster hatten, unterscheiden. Haben Sie übrigens nicht den Namen der Alten in der Zeitung gelesen?« »Nein«, entgegnete der Barbier. »Hat sie umgeschmissen?« »Wenn sie's nicht hat, so wird sie's bald nachholen«, entgegnete Bailey, »ohne mich kann sie doch das Geschäft nicht führen! Na, und wie gehts denn Ihnen?« »So ziemlich gut«, sagte Polly, »wohnen Sie in diesem Stadtteil, oder wollten Sie mich gerade besuchen? – Was für Geschäfte führen Sie nach Holborn?« »Holborn ist mir ganz Wurst«, versetzte Mr. Bailey mit Verachtung, »ich hab nur noch im Westend zu tun. Jetzt hab ich endlich den richtigen Herrn gekriegt, wo zu mir paßt. Sein Gesicht kann man vor lauter Schnurrbart nicht sehen, und seinen Schnurrbart nicht vor lauter Wichse. Das nenn ich mir einen Schenlmän! Oder möchten Sie vielleicht nicht gern in einem Kabriolett fahren? Ich trau es mich auch gar nicht, es Ihnen anzubieten. Sie würden schon beim bloßen Anschauen ohnmächtig werden, wenn Sie mich im kurzen Trab um die Ecke kommen sehen.« Und um seinem Freund einen Begriff von der Wirkung einer derartigen equestrischen Betätigung zu geben, ahmte Mr. Bailey in eigener Person die Bewegung eines galoppierenden Pferdes nach und warf dabei seinen Kopf so hoch, daß er damit gegen einen Brunnen anstieß und ihm der Hut herunterflog. »Er ist aus der ›Kauliflower‹ und ein Bruder des ›Capricorn‹. Seit mir ihm haben, is er schon durch die Fenster von zwei Käseladen durchgsprungen, und verkauft is er worden, weil er seine Herrin erschlagen hat. Ja, das nenn ich mir einen Gaul!« »Aber da werden Sie ja gar keine Hänflinge mehr von mir kaufen wollen«, bemerkte Poll mit einem melancholischen Blick auf seinen jungen Freund, »oder Kanarienvögel, um sie über dem Abtritt aufzuhängen.« »Na, das sollte mir einfallen«, rief Mr. Bailey. »Billiger als mit einem Pfau geb ich's jetzt nimmer. Selbst der ist mir schon zu gemein; – na, und wie geht's Ihnen denn so im allgemeinen« »Ach, ziemlich gut«, sagte Polly. Er beantwortete die Frage zum zweitenmal, weil er zum zweitenmal gefragt wurde, und Mr. Bailey fragte zum zweitenmal, weil darin eine gewisse sportmäßige Nonchalance lag, die sich zu den weißen Hosen, den Maschen an den Knien und den Stulpenstiefeln sehr gut ausnahm. »Und wo wollen Sie hin, alter Bursche?« fuhr Mr. Bailey mit seiner neckischen Anmut fort; – er war eben hinsichtlich Konversation ein ganzer Weltmann geworden, während der Barbier in diesem Punkte noch das reinste Kind war. »Ich will meine Mietsfrau heimführen«, sagte Poll. »Ein Weib?« rief Mr. Bailey. »Wegen einer Zwanzigpfundnote!« Der kleine Barbier beeilte sich zu erklären, daß die Betreffende weder ein junges noch ein hübsches Weib sei, sondern eine Wärterin, die einige Wochen bei einem Gentleman gewissermaßen hausgehalten und diesen Abend ihren Platz zu verlassen habe, um ihn einer andern und legitimeren Persönlichkeit zu räumen, nämlich der jungen Frau des betreffenden Gentleman. »Er führt nämlich seine Neuvermählte heute abend heim«, erklärte er, »und drum hole ich meine Mieterin ab. – Bei Mr. Chuzzlewit, gerade hinter der Post – und helf ihr den Koffer tragen.« »Jonas Chuzzlewit?« fragte Mr. Bailey. »Ja. Kennen Sie ihn vielleicht?« »Na, na, was denn!« rief Mr. Bailey. »Ganz und gar nicht. Und sie kenn ich natürlich auch nicht. Wieso denn auch. – Die beiden sind doch durch mich zusammengekommen.« »Was Sie nicht sagen«, rief Paul. »Hum«, hüstelte Bailey. »Sie ist übrigens nicht übel. Aber ihre Schwester wär mir lieber gewesen. Das war die Lustigere von beiden. Ich hab einen Mordsjux mit ihr ghabt. Damals nämlich.« Mr. Bailey sprach, als ob er schon mit einem oder dreiviertel Bein im Grabe stünde und sein Erlebnis vor zwanzig oder dreißig Jahren vorgefallen wäre. Poll Sweedlepipe in seiner Bescheidenheit war jedoch durch die frühreife Altklugheit und Gönnermiene seines jungen Freundes sowohl wie durch dessen Stiefel, Kokarde und Livree so vollständig verdutzt, daß förmlich ein Nebel vor seinen Augen schwamm und er nicht den jugendlichen Master Bailey aus Todgers' Speisehaus für die Herren Handelsbeflissenen vor sich sah, den er vor einem Jahre kennengelernt, wo dieser ein paarmal Zweipencevögel bei ihm eingekauft hatte, sondern die Akme aller Wettrenngrooms in London, den Inbegriff aller Stallwissenschaftler der Neuzeit, ein Wesen vornehmster Art, das schon viele Dezennien gelebt und furchtbare Erfahrungen gemacht haben mußte. Und wahrhaftig, wenn Mr. Baileys Geist schon in Todgers' wolkiger Atmosphäre von jeher glänzend geleuchtet, so übersprang er jetzt doch geradezu Zeit und Raum, ließ den unbefangenen Zuschauer an dem gesunden Urteile seiner Sinne zweifeln und machte seinen Glauben an die Wahrheit und Unerschütterlichkeit der Naturgesetze wanken. Wie er so über das bucklige Pflaster von Holbornhill hinwegspazierte, war er allerdings noch ein Knabe, und zwar ein recht kleiner, aber er blinzelte, dachte und sprach dabei wie ein Greis, und nur die äußerste Oberfläche an ihm machte den Eindruck der Jugend. Er war ein unerklärliches Wesen geworden – eine Sphinx in Hosen und Stulpenstiefeln. Dem Barbier blieb daher keine andere Wahl, als selbst von Sinnen zu kommen oder Master Bailey für ein unerklärliches Phänomen zu halten. Er wählte wohlweislich das letztere. In seiner Leutseligkeit geruhte Master Bailey, ihm noch weiter Gesellschaft zu leisten und ihn unterwegs mit allerhand Plaudereien über verschiedene Sportsthemen zu unterhalten, besonders über die beziehungsweisen Vorzüge der Pferde mit weißen Füßen und derer ohne weiße Füße; – hinsichtlich des vornehmsten Stils, die Roßschweife zu kupieren, hatte Mr. Bailey seine eigenen Ansichten, die er zwar auseinandersetzte, dabei aber seinen Freund bat, sich keineswegs dadurch bestimmen zu lassen, denn er wisse gar wohl, daß er das Unglück habe, verschiedener Meinung wie einige gewisse hochstehende Autoritäten zu sein. So plauderte er fort, bis er schließlich auf das Rezept eines Schnapses zu sprechen kam, der von einem Mitglied des Jockeyklubs erfunden worden war. Mittlerweile hatten sie den Bestimmungsort des Barbiers beinahe erreicht, und als Mr. Bailey bemerkte, daß er noch eine Stunde Zeit übrig habe, wünschte er, wenn es seinem Freunde angenehm sei, Mrs. Gamp vorgestellt zu werden. Paul klopfte an Jonas Chuzzlewits Türe. Sie wurde sofort geöffnet, und gleich darauf fand der Friseur Gelegenheit, die beiden distinguierten Persönlichkeiten miteinander bekannt zu machen. Es war ein glücklicher Zug Mrs. Gamps bei ihrem doppelten Berufe, daß sie sich für jung und alt gleich interessierte. Sie kam daher Mr. Bailey mit großer Freundlichkeit entgegen. »Dös is schön von Ihna«, sagte sie zu ihrem Hauswirt, »daß Sie kommen und noch dazu an so netten Freind mitbringen; aber ich fürchte, ich muß Sie bitten einzutreten, da das junge Paar noch nicht angekommen is.« »Sind das Spätlinge, nicht?« sagte der Barbier, nachdem Mrs. Gamp sie die Küchentreppe hinuntergeführt hatte. »Freilich ja, bsonders, wenn man den Fittich der Liebe ins Auge faßt«, sagte Mrs. Gamp. Mr. Bailey fragte, ob der »Fittich der Liebe« je einen silbernen Becher gewonnen habe oder ob man mit einigermaßen Aussicht auf Erfolg auf ihn wetten könne; wandte sich aber verächtlich ab, als man ihn belehrte, daß der »Fittich der Liebe« kein Pferd, sondern bloß ein poetischer oder figürlicher Ausdruck sei. Mrs. Gamp war so erstaunt über die ansprechenden Manieren und das nonchalante Benehmen des jungen Herrn, daß sie schon im Begriffe stand, ihrem Wirte die Frage zuzuflüstern, ob Mr. Bailey ein Mann oder ein Knabe sei, als Mr. Sweedlepipe, der ihre Absicht merken mochte, dem Gespräch noch rechtzeitig eine andere Wendung gab. »Er kennt Madame Chuzzlewit«, sagte er laut. »Er schaut mir ganz danach aus, als ob's überhaupt nix gäb, was er net kennt«, bemerkte Mrs. Gamp. »Mir scheint, der hat's faustdick hinter die Ohren.« Mr. Bailey nahm dies als ein Kompliment auf und gab, seine Krawatte zurechtzupfend, zu: »So ziemlich.« »So wissen Sie wahrscheinlich auch, wie die Mrs. Chuzzlewit mit ihrem Taufnamen heißt?« fragte Mrs. Gamp. »Charitas«, sagte Mr. Bailey. »Nein, nein, 's is a andrer Name«, entgegnete Mrs. Gamp. »Na, dann heißt sie Cherry. Cherry ist die Abkürzung davon. Das kommt aufs nämliche heraus.« »Es fängt mit keinem ›C‹ an«, erwiderte Mrs. Gamp und schüttelte den Kopf, »sondern mit einem ›G‹.« »Hui!« rief Mr. Bailey und klopfte eine kleine Wolke von Kreide aus seinem weißen linken Hosenbein. »Nachher hat er die Lustige gheirat.« Da diese Worte ziemlich geheimnisvoll klangen, so bat Mrs. Gamp um eine nähere Erklärung, die Bailey auch gab, wobei sie mit begierigem Ohr auf seine Worte lauschte. Sie waren noch tief im Gespräche begriffen, als unten ein Wagen vorfuhr und ein Doppelschlag an die Haustüre die Ankunft des neuvermählten Paares verkündete. Mrs. Gamp behielt sich vor, das Ende von Mr. Baileys Geschichte auf dem Heimwege anzuhören, ergriff eine Kerze und eilte fort, um die junge Gebieterin des Hauses willkommen zu heißen. »I wünsch Ihna von Herzen alls Glück und Segen«, begann sie, die Eintretenden mit einem Knicks empfangend, »und auch Ihnen, Mr. Jonas. Die junge Gnädige sieht a bisserl hergnommen von der Reis aus, Mr. Chuzzlewit. –– Na, ist dös aber a herzigs kleins Frauerl!« »Sie hat mir lange genug darüber vorlamentiert«, brummte Mr. Jonas. »Na, so leuchten Sie uns doch gefälligst!« »Hier herauf, Madame, wenn's beliebt«, säuselte Mrs. Gamp und ging mit der Kerze voran. »Mir haben alles so gemütlich hergricht, wie's nur immer gangen ist, aber es gibt noch mancherlei, was Sie umändern werdn, wenn S' Ihna amal Zeit nemmen, a bisserl herumzuschaun. – Na, so a liabs kleins Frauerl! –– Aber«, fügte Mrs. Gamp in Gedanken hinzu, »bsonders guat aufg'legt sieht's net aus.« Sie hatte recht; es war nicht der Fall. Der Tod, der aus dem Hause gewichen war, um dem Brautabend Platz zu machen, schien seine Schatten zurückgelassen zu haben. Die Luft war dumpf und drückend, der Raum dunkel, und ein unheimliches Düster lagerte in jedem Winkel und jeder Ecke. Vor dem Kamin saß, wie ein Wesen von böser Vorbedeutung, der alte Buchhalter, den Blick auf einige verglommene Holzstücke gerichtet. Er stand jetzt auf und sah die beiden an. »Na, da sind Sie ja, Chuff«, sagte Jonas gleichgültig und staubte seine Stiefel ab; »noch immer im Lande der Lebenden, was?« »Noch immer im Lande der Lebenden, Sir«, versetzte Mrs. Gamp, »und das hat Mr. Chuffey Ihnen zu danken, wie ich's ihm schon oft und oft gsagt hab.« Mr. Jonas war nicht gerade in der besten Stimmung, denn er sah sich bloß nach der Sprecherin um und bemerkte: »Wir brauchen Sie jetzt nicht mehr länger, Mrs. Gamp.« »Glei geh i«, entgegnete die Wärterin, »wann i net vielleicht für die Gnädige was zu tun hab. – Habn S' nix«, fügte sie mit einem süßen Blick hinzu und kramte dabei in ihrer Tasche, »was i für Ihna besorgen könnt? – Na, so a liabs Frauerl!« »Nein«, entgegnete Gratia beinahe weinend; »es ist das beste, Sie gehen jetzt.« Mit einem verzückten Schielblick, das eine Auge auf die Zukunft, das andere auf die junge Frau geheftet, und mit einem teils spirituellen, teils spirituosen schalkhaften Ausdruck im Gesicht, in dem sie jedoch etwas Berufsmäßiges nicht ganz unterdrücken konnte, stöberte Mrs. Gamp abermals in ihrer Tasche herum und brachte eine Karte zum Vorschein, auf der die Inschrift ihres Wohnungsschildes abgedruckt war. »Wenn i bitten dürft, meine junge Gnädige – na, is dös aber a liabs jungs Frauerl –«, bemerkte sie mit leiser Stimme, »so hebn S' die Karten irgendwo auf, wo Sies leicht bei der Hand haben. I bin bei die Damen gut eingführt, und dies ist mei Gschäftskarten. Gamp ist mein Name. Und da i weit herumkomm, werd i so frei sein, hie und da wieder vorzusprechen, um zu fragen, wie's mit Ihrer Gsundheit steht. – Na, is dös aber a liabs jungs Frauerl –« Und mit vielem Blinzeln, Hüsteln, Nicken, Lächeln und Knicksen, was zur Herstellung eines geheimnisvollen und vertraulichen Rapportes zwischen ihr und der jungen Frau dienen sollte, rief Mrs. Gamp Gottes Segen auf das Haus herab, bis sie sich glücklich unter Blinzeln, Hüsteln, Nicken und Lächeln zum Zimmer hinausgeknickst hatte. »Aber dös muß i sagen, und wann i dafür als a Märdyrer auf 'n Scheiterhaufen müßt«, bemerkte sie flüsternd, als sie unten anlangte, »lustig siehts grad net aus, da müßt i lügn.« »Na, warten S' nur, bis Sie's lachen hörn«, meinte Mr. Bailey. »Hern«, grunzte Mrs. Gamp. »Ja, ja, dös will i, Kleiner.« Weiter wurde kein Wort mehr gewechselt. Mrs. Gamp setzte ihren Hut auf, Mr. Sweedlepipe schulterte ihren Koffer, und Mr. Bailey begleitete sie beide nach Kingsgate Street, unterwegs Mrs. Gamp den Ursprung und Verlauf seiner Bekanntschaft mit Mrs. Chuzzlewit und ihrer Schwester erzählend. Es war so recht bezeichnend für die Frühreife des jungen Mannes, daß er sich einbildete, Mrs. Gamp habe eine zärtliche Neigung zu ihm gefaßt, und höchlichst über diesen Mißgriff ergötzt schien. – Als die Türe schwer ins Schloß fiel, setzte sich Mrs. Jonas in einen Lehnstuhl, und ein seltsamer Schauder kroch ihr über den Rücken, während sie sich in dem Zimmer umsah. Es war beinahe noch ganz so, wie sie es von früher her kannte, schien ihr aber viel trauriger zu sein. Sie hatte es zu ihrem Empfange fröhlicher aussehend gehofft. »Es ist dir wahrscheinlich nicht gut genug, was?« fragte Jonas, sie mit seinen Blicken belauernd. »Ja, es ist sehr öde hier«, entgegnete Gratia, sich zusammennehmend. »Es wird noch viel öder werden«, knurrte Jonas, »wenn du solche Gesichter schneidest. – Recht liebenswürdig von dir! Gleich am Anfang. Donnerwetter noch mal, du hattest doch Leben genug in dir, als es dir gefiel, mich zu plagen. – Übrigens, das Mädchen ist in der Küche unten. Ziehe die Klingel, damit das Nachtessen kommt, während ich mir die Stiefel ausziehe.« Gratia sah ihrem Gatten nach, wie er sich entfernte, und stand auf, um zu tun, wie er ihr geheißen, da legte plötzlich der alte Chuffey sanft seine Hand auf ihren Arm. »Sie sind doch nicht verheiratet?« fragte er hastig. »Doch nicht etwa verheiratet?« »Ja, seit einem Monat – Gott im Himmel, was haben Sie denn?« Chuffey antwortete, er habe gar nichts, und wandte sich von ihr ab. In ihrer Angst und ihrem Erstaunen drehte sie sich jedoch nach ihm um und bemerkte, wie er, die zitternden Hände über den Kopf erhoben, flüsterte: »Wehe, wehe, wehe über dieses verfluchte Haus!« Das war ihr Willkommen, ihr Willkommen am häuslichen Herd! 27. Kapitel Zeigt, daß alte Freunde nicht nur mit neuen Gesichtern, sondern auch mit fremdem Gefieder auftreten können. Desgleichen, daß manchmal der der Geleimte ist, der andere zu leimen denkt Mr. Bailey junior – denn der junge Sportsmann, einst von so allgemeiner Ersprießlichkeit für Todgers' hatte für immer dieser Firma den Rücken gekehrt –, Mr. Bailey junior, gerade groß genug, um einem forschenden Auge nicht direkt zu entgehn, saß auf dem Bock von seines Herrn Kabriolett und blickte mit Gleichgültigkeit auf die Welt herab. Langsam kutschierte er um die Mittagsstunde, seinen Herrn erwartend, Pall Mall auf und nieder. Das Pferd, das sich einer so ausgezeichneten Herkunft erfreute, indem es den »Capricorn« zum Bruder und die »Kauliflower« zur Mutter hatte, zeigte sich seiner hohen Verwandtschaft würdig, das heißt, es bäumte sich wie ein Wappenroß und kaute an dem Gebiß, bis seine Brust ganz weiß von Schaum war. Das plattierte Geschirr und die juchtenledernen Zügel glänzten in der Sonne, daß die Fußgänger bewundernd stehenblieben, während Mr. Bailey in steifer, wohlgefälliger Haltung umherblickte. Er schien zu sagen: »Ein Schubkarren, meine guten Leute, nichts als ein Schubkarren. Habt ihr eine Ahnung, was wir alles könnten, wenn wir wollten!« Und weiter fuhr er, seine kurzen, grünen Arme über dem Spritzleder ausbreitend, als wäre er unter den Achselhöhlen mit Haken daran befestigt. Mr. Bailey hatte eine hohe Meinung von dem Sohne der Kauliflower und schätzte dessen Tugenden ungemein, aber er sagte es ihm nie; im Gegenteil, es war seine Taktik, wenn er das Pferd kutschierte, es mit respektswidrigen, wenn nicht beleidigenden Ausdrücken zu überschütten, wie zum Beispiel: »Na also, was is denn, dummes Luder? Links oder rechts gefällig? Na, wohin denn schon wieder. Oha! Mistviech!« usw. Diese abgerissenen Bemerkungen begleitete er gewöhnlich mit einem Ruck am Zügel oder einem Peitschenknall, was zu manchem Wettstreit und Messen der Kräfte Anlaß gab und jetzt damit enden zu wollen schien, daß das edle Roß wieder einmal in Porzellanläden und andere wenig geeignete Orte rennen wollte. Augenblicklich war Mr. Bailey besonders gut aufgelegt und daher ungewöhnlich hart gegen seinen Pflegling, und demgemäß beschränkte sich das edle Tier fast ausschließlich darauf, auf den Hinterbeinen zu gehen und sich ohne Unterlaß in dem Riemenwerk zu verfangen, was den Spaziergängern ungemein großen Spaß machte. Mr. Bailey jedoch ließ sich das nicht anfechten, und immer hatte er noch Zeit und Muße genug, um jeden, der ihm den Weg versperrte, mit einem Platzregen von Artigkeiten zu überschütten. So rief er zum Beispiel einem stämmigen Kohlenträger in einem Wagen, der ihm gerade über den Weg fuhr, zu: »Na, Lausbub, so was kutschiert auch schon?!« Ein paar ältliche Damen, die noch rasch über die Straße wollten und dann wieder zurückeilten, fragte er, warum sie nicht ins Arbeitshaus gingen und sich einen Begräbnisschein ausstellen ließen. Und die Straßenjugend verleitete er durch freundliche Worte, hinten aufzuspringen, um sie, wenn sie oben waren, wieder herunterzupeitschen – kurz, mit derartigen Lichtblitzen eines unerschöpflichen Humors vertrieb er sich auf seiner Runde um St. James Square die Zeit und fuhr auf der andern Seite wieder ganz langsam nach Pall Mall hinein, als hätte er sein Tier nie anders als im Schneckentempo kutschiert. Erst, als er diese Belustigungen einige Male wiederholt und den Apfelstand an der Ecke so gefährdet hatte, daß es ein wahres Wunder war, wieso derselbe unbeschädigt bleiben konnte, machte er an der Türe eines gewissen Hauses in Pall Mall halt und sprang, offenbar einem erhaltenen Befehle gehorsam, heraus. Nachdem er einige Minuten die Zügel gehalten und mit jedem Ruck oder Zügelriß an den Nüstern des Sohnes der Kauliflower diesen auf die Hinterbeine gebracht, stiegen zwei Personen in das Kabriolett, von denen die eine die Zügel ergriff und rasch davonfuhr. Mr. Bailey mußte erst einige hundert Schritt vergebens hintendrein laufen, aber schließlich gelang es ihm, seine kurzen Beine auf den eisernen Tritt zu bringen und endlich samt seinen Stiefeln auf das kleine Fußbrett hintenauf zu gelangen. Dann freilich bot er ein sehenswürdiges Schauspiel: bald auf dem linken, bald auf dem rechten Bein balancierend, suchte er einmal rechts, einmal links um das Kabriolett herumzugucken, und dann wieder bemühte er sich, hochmütig über das Kleinfuhrwerk hinwegzublicken, das rasselnd zwischen den Kutschen und Karren umherfuhr; kurz, er war vom Scheitel bis zur Zehe ganz und gar »Newmarket«. Die Außenseite von Mr. Baileys Gebieter rechtfertigte im vollen Maße die Schilderung, die der begeisterte Jüngling dem verwunderten Poll gegeben. Er trug einen Wald von pechschwarz glänzendem Haar auf dem Kopf, auf den Backen, auf dem Kinn und auf der Oberlippe. Seine Kleidung, von feinstem und modernstem Schnitt, war aus den teuersten Stoffen gefertigt. Eingewebte Blumen von Gold, Blau, Grün und Rot zierten seine Weste, und kostbare Ketten und Juwelen funkelten an seiner Brust. Die Finger waren mit Brillantringen so überladen, daß sie sich kaum biegen ließen, und das Sonnenlicht spiegelte sich in seinem glänzenden Hut und in seinen Stiefeln wie in geschliffenem Glas. Und doch, wenn auch mit verändertem Namen und umgewandelter Außenseite, war es niemand anders als Mr. Tigg. Wohl war das Äußere nach innen gekehrt und das innere nach außen, und ein fremdes Gefieder zierte den ganzen Mann, aber es war Mr. Tigg. Wenn auch nicht Mr. Montague Tigg, sondern Mr. Tigg Montague; derselbe diabolische, tapfere militärische Haudegen, Mr. Tigg. Das Metall war vergoldet, lackiert und neu punziert, aber trotzdem die alte Legierung. Neben ihm saß mit lächelndem Munde ein Gentleman von geringeren Prätentionen und von geschäftsmäßigem Aussehen, den er mit »David« anredete. Sollte das wirklich der David mit dem anrüchigen Wappen der drei goldenen Kugeln sein? David, der Pfandverleihergehilfe? Allerdings, derselbe David war es. »Das Sekretärsgehalt, David«, näselte Mr. Montague, »– denn das Institut ist jetzt begründet – beträgt achthundert Pfund im Jahr; Wohnung, Heizung und Licht frei und fünfundzwanzig Stück Aktien als Anteil; selbstverständlich. Ist das genug?« David lächelte und nickte, nickte und lächelte, rieb sich die Nase mit seinem kleinen verschlossenen Portefeuille, das er bei sich führte; – alles mit einer Miene, die deutlich verriet, daß er selbst der Sekretär war. »Na also, wenn's genug ist«, fuhr Mr. Montague fort, »so will ich's bei der heutigen Sitzung in meiner Eigenschaft als Präsident in Vorschlag bringen.« Der Sekretär lächelte wieder – lachte sogar, rieb sich abermals pfiffig die Nase und sagte: »Es war ein Kapitalgedanke, meinen Sie nicht?« »Was war ein Kapitalgedanke, David?« fragte Mr. Montague. »Na, die Anglo-Bengalische«, kicherte der Sekretär. »Die Anglo-Bengalische uneigennützige Anlehen- und Lebensversicherungskompagnie ist ein Kapitalgeschäft, das wollen wir hoffen. Was David? Hahaha!« lachte Mr. Montague. »Kapital! Allerdings«, rief der Sekretär ebenfalls lachend, »in einem Sinne wenigstens.« »In dem allein wichtigen Sinne des Wortes«, verbesserte der Präsident. »Das ist Nummer eins, David.« »Wie hoch«, fragte der Sekretär unter fortwährendem Gelächter, »wird sich nach dem nächsten Prospekt das eingezahlte Kapital belaufen?« »Eine Zwei und so viel Nullen dahinter, wie der Drucker auf die Zeile bringen kann«, versetzte Mr. Montague. »Ha, ha, ha.« Darüber lachten beide, und der Sekretär so heftig, daß er mit den Füßen das Spritzleder niederstampfte, worüber der Sohn der Kauliflower beinahe in einen Austernladen hineinrannte und Mr. Bailey einen so plötzlichen Stoß erhielt, daß er für einen Augenblick an einem einzigen Haltriemen hing und wie die symbolische Gestalt einer jungen Fama mit den Beinen in der Luft schwebte. »Sind Sie ein pfiffiger Kunde!« rief David bewundernd, als er sich wieder gefaßt hatte. »Sagen Sie: ein Genie, David.« »Gut also – meiner Seel, Sie sind ein Genie. Ich hab's ja immer gewußt, daß Sie ein tüchtiges Mundwerk hatten, aber nie würde ich geglaubt haben, daß Sie nur halb der Mann wären, der Sie wirklich sind. Nie wär mir so was eingefallen.« »Ich weiß mich den Umständen anzupassen, David; das ist schon an und für sich eine geniale Eigenschaft«, erklärte Mr. Tigg. »Wenn Sie zum Beispiel in dieser Minute eine Wette von hundert Pfund an mich verlören, David, und sie bezahlen müßten, was verteufelt unwahrscheinlich wäre, würde ich mich sofort der veränderten Sachlage anzupassen wissen.« – Allerdings war nicht zu leugnen, daß Mr. Tigg sich den »Umständen anzupassen« gewußt hatte, und sofern er das Geschäft der Prellerei jetzt in einem großartigen Maßstabe betrieb, auch ein größerer Mann geworden war. »Ha, ha, ha!« kicherte der Sekretär und legte mit steigender Vertraulichkeit seine Hand auf den Arm des Präsidenten, »wenn ich Sie so ansehe und an Ihre Güter in Bengalen denke – ha, ha, ha! –« Die halb ausgesprochene Idee schien für Mr. Montague nicht weniger belustigend zu sein als für seinen Freund, wenigstens lachte er ebenfalls herzlich. »Daß diese«, nahm David seine Rede wieder auf, »daß diese Ihre Güter in Bengalen – alle Ansprüche an die Kompagnie decken sollen! Wenn ich Sie mir so ansehe und mir alles das denke – meiner Seel, ich glaube, ich zerspringe vor Lachen.« »Es sind auch verflucht hübsche Besitzungen«, sagte Mr. Tigg Montague. »Die Tigerjagden allein sind schon eine Bank wert, David.« – David fuhr fort zu lachen, sich die Seiten zu halten und sich die Augen zu wischen, ohne etwas anderes herauszubringen als: »Ach Gott, sind Sie ein Gerissener!« »Ein Kapitalgedanke!« fing Mr. Tigg, nach einer Weile auf die erste Bemerkung seines Begleiters zurückkommend, wieder an. »Ohne Zweifel war es ein Kapitalgedanke. Es war meine Idee.« »O nein, es war die meine «, remonstrierte David. »Ehre dem, dem Ehre gebührt. Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich einige Pfund zurückgelegt hätte?« »Ganz recht«, gab Tigg zu, »aber sagte ich Ihnen nicht, daß auch mir ein paar Pfund zugefallen seien?« »Jawohl«, erwiderte David. »Aber das hat ja mit der Idee nichts zu tun. – Wer hat Ihnen den Vorschlag gemacht, wir sollten unser Geld zusammenschließen, ein Bureau errichten und die Lärmtrommel schlagen?« »Und wer sagte«, rief Mr. Tigg, »wir könnten ganz ohne Geld ein Bureau errichten und Aufsehen erregen, wenn wir's nur in gehörigem Maßstabe anfingen? – Seien Sie vernünftig und gerecht – und sagen Sie mir, von wem die Idee ausging?« »Nun ja« – David sah sich genötigt, dieses Zugeständnis zu machen – »hierin haben Sie einen gewissen Vorsprung vor mir. Ich will mich übrigens auch nicht mit Ihnen auf gleiche Höhe stellen, sondern verlange nur das bißchen Ehre, das mir bei dem Geschäfte zukommt.« »Alles, was Ihnen gebührt, sollen Sie haben«, versetzte Mr. Tigg. »Die glatte Arbeit der Gesellschaft, David – die Bücher, die Eintragungen, die Zirkulare, Annoncen, Tinte, Papier und Feder, Siegellack- und Oblatenwirtschaft –, alles das wird bewunderungswürdig von Ihnen besorgt. Sie sind ein Allerweltskritzler, das bestreite ich nicht, aber der ganze weitere Ausbau, David – das erfinderische und sozusagen poetische Departement –« »Gehört Ihnen«, ergänzte David. »Fraglos! Und bei so ner Frachtequipage mit all den schönen Dingen, die Sie am Leibe haben, und bei dem Leben, das Sie führen, glaube ich, ist's ein recht angenehmes Departement, das Sie übernommen haben.« »Erfüllt es nicht seinen Zweck? Ist es nicht Anglo-Bengalisch?« fragte Mr. Tigg. »Ja, allerdings.« »Und glauben Sie vielleicht, daß Sie es könnten?« »Nein«, gab David zu. »Ha, ha«, lachte Mr. Tigg, »dann seien Sie mit Ihrer Stellung und mit Ihrem Profit zufrieden, lieber Freund, und segnen Sie den Tag, der uns an dem Ladentisch unseres gemeinschaftlichen ›Onkels‹ zusammenführte, denn es war ein goldener Tag für Sie.« Wie man leicht aus diesem Gespräche entnehmen konnte, hatten sich die beiden Biedermänner in ein großartiges Unternehmen eingelassen, und da dabei alles zu gewinnen und nichts zu verlieren war, schien das Geschäft vortrefflich angelegt zu sein. Die »Anglo-Bengalische uneigennützige Anlehens- und Lebensversicherungskompagnie« trat eines Morgens ins Dasein, aber nicht etwa als Säugling, sondern als eine völlig ausgewachsene Kompagnie, die schon recht gut alleine laufen konnte und all und überall Geschäfte machte. Eine Filiale befand sich im Westende der Stadt, im ersten Stockwerk einer Schneiderswohnung, und das Hauptbureau lag in einer neuen Straße der City, den ganzen geräumigen Teil eines Hauses umfassend, das reichlich mit Stuck und Spiegelscheiben geschmückt, mit Drahtgaze vor allen Fenstern und mit der Aufschrift »Anglo-Bengalische Kompagnie« versehen war. Am Eingangstor stand die Inschrift: »Bureau der Anglo-Bengalischen uneigennützigen Leih- und Lebensversicherungsgesellschaft«. Daneben hing ein großes Messingschild mit derselben Ankündigung, blitzblank gehalten, um Kunden anzulocken. An Werktagen, nach den Bureaustunden, geriet die ganze City davor außer sich und an Sonntagen den ganzen langen Tag über, denn es stach mehr in die Augen als sogar ein Bankschild. Innen waren die Räume frisch gemörtelt, geweißt, tapeziert, mit neuen Comptoirtischen, Stühlen und Fußteppichen versehen, kurz, auf alle mögliche Art neu ausstaffiert und mit kostspieliger und solider Einrichtung möbliert. Geschäft! Funkelnagelneue grüne Hauptbücher mit roten Rücken, wie starke, flachgeschlagene Spielbälle, die Hof- und bürgerlichen Adreßbücher, Tagebücher, Almanache, Briefkasten, Maschinen, um Briefe zu wiegen, ganze Reihen von Feuereimern, um eine Feuersbrunst im ersten Augenblick zu ersticken und das ganze ungeheure Vermögen in Wechseln und Banknoten retten zu können, das der Gesellschaft gehörte – dann eiserne Geldschränke, Bureauuhren und Geschäftssiegel von ungeheurem Umfang, die an und für sich schon Sicherheit verbürgten – und Solidität! Man brauchte sich nur die massiven Marmorblöcke an den Kaminen ansehen und das prächtige Dachsims oben am Hause! Sogar auf den Kohlenkasten waren die Insignien der »Anglo-Bengalischen uneigennützigen Anlehens- und Lebensversicherungsgesellschaft« angebracht. Sie wiederholten sich an allen Enden und Ecken, daß einem die Augen übergingen und der Kopf schwindelig wurde, in Kupfer gestochen über jedem Bogen Briefpapier und im Schnörkelrand um das Siegel. Sie leuchteten einem entgegen von den Rockknöpfen des Portiers, wiederholten sich wohl zwanzigmal in jedem Zirkular und jeder öffentlichen Annonce, in der Mr. David Crimple Esquire, Sekretär und stellvertretender Direktor, sich die Freiheit nahm, die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Angaben hinsichtlich der Vorteile zu lenken, die die Anglo-Bengalische uneigennützige Anlehen- und Lebensversicherungsgesellschaft bot und die vollkommen bewiesen, daß jede Verbindung mit diesem Institut für das Publikum soviel wie ein fortwährendes Weihnachtsgeschenk und eine Art sich selbst füllender Sparbüchse bedeutete und daß niemand bei diesem Geschäfte etwas riskieren konnte als das Bureau allein, das bei seiner anerkannten großen Freigebigkeit nur auf Schaden rechnete. Und das war – erlaubte sich David Crimple, Esquire, zu bemerken – wohl die beste Garantie, die das Direktorium billigerweise für seine Solidität bieten konnte. Beiläufig bemerkt, lautete der Name dieses Gentleman ursprünglich Crimp, da aber »Crimp« auf englisch soviel bedeutet wie Seelenverkäufer und der ominöse Klang daher leicht mißdeutet werden konnte, war er in Crimple verwandelt worden. Waren dies nicht Beweise und Bekräftigungen genug, um alles Mißtrauen gegen die »Anglo-Bengalische uneigennützige Anlehens- und Lebensversicherungsgesellschaft« im Keime zu ersticken? Damit aber außerdem niemand in Tigg Montague, Esquire, von Pall Mall und Bengalen, oder irgendeinen anderen Namen auf der imaginären Liste der Direktoren Zweifel setze, falls man Mr. Tigg noch nicht in seinem Kabriolett gesehen, so hatte das Institut einen Portier angestellt, eine wunderbare Erscheinung in einer großen roten Weste und einem kurzschößigen pfeffer-und-salz-farbigen Frack, der die skeptischsten Gemüter zum Glauben schneller bekehren mußte als das ganze Institut ohne ihn. Zwischen ihm und dem Direktorium bestand keinerlei Verbindung; niemand wußte, wo er früher Portier gewesen, und niemand hatte ihm ein Zeugnis oder sonstige Auskunft abverlangt. Von keiner Seite waren Fragen gestellt worden. Das geheimnisvolle Geschöpf hatte sich, nur auf seine Figur bauend, für die Stelle gemeldet und sie auch augenblicklich auf seine eigenen Bedingungen hin erhalten. Seine Ansprüche schienen allerdings recht bedeutend, aber er wußte ohne Zweifel, daß niemand eine so große Weste tragen könne wie er, und fühlte den vollen Wert seiner Befähigung für ein derartiges Institut. Wenn er auf dem ausdrücklich für ihn entworfenen Sessel in einer Ecke des Bureaus saß, seinen glänzenden Hut an einem Nagel über sich, da war es unmöglich, an der Solidität des Unternehmens zu zweifeln. Das Vertrauen verdoppelte sich sozusagen mit jedem Quadratzoll seiner Weste und häufte sich wie bei dem Rechenexempel mit dem Schachbrett und dem Weizenkorn zu einer ungeheuern Summe. Man wußte von Leuten, die ihr Leben für tausend Pfund versichern wollten, sobald sie aber seiner ansichtig wurden, das Formular sofort für zweitausend ausfüllten. Und doch war der Mann durchaus kein Riese. Sein Frack konnte eher klein als groß genannt werden. Der ganze Zauber lag lediglich in seiner Weste. Achtbarkeit, Vermögensstand, große Güter in Bengalen oder sonstwo, hinlängliche Mittel zur Deckung jeden Betrages von seiten der Kompagnie, die ihn angestellt – alles das war in diesem einzigen Kleidungsstücke ausgedrückt. Rivalisierende Unternehmungen hatten getrachtet, ihn an sich zu locken; selbst Lombard Street hatte ihm ein schönes Auskommen angeboten, und reiche Landgemeinden hatten ihm zugeflüstert: sei unser Kirchspieldiener. Aber dennoch blieb er unentwegt der Anglo-Bengalischen Kompagnie treu. Ob er ein findiger Spitzbube oder ein aufgeblasener Einfaltspinsel war, ließ sich unmöglich ermitteln, jedenfalls schien er auf seine Prinzipalschaft unbedingtes Vertrauen zu setzen. Sein Ansehen war gravitätisch vor lauter eingebildeten Geschäftssorgen. Obwohl er nichts zu tun und nichts zu behüten oder zu bewachen hatte, machte er ein Gesicht, als ob die Last seiner zahllosen Pflichten und die Kenntnisse der Schätze, die in den Geldkästen der Gesellschaft begraben lagen, ihn ungeheuer niederdrückten und ihn feierlich und gedankenvoll stimmten. Als das Kabriolett vor das Haupttor gefahren kam, erschien dieser Würdenträger barhäuptig auf der Schwelle und rief laut: »Platz für den Präsidenten, Platz für den Präsidenten, wenn's gefällig ist« – sehr zur Verwunderung der Umstehenden, die, wie wohl kaum zu erwähnen nötig, von diesem Augenblick an ihre Aufmerksamkeit beständig der Anglo-Bengalischen Kompagnie zuwandten. Mit einem anmutigen Satz sprang Mr. Tigg aus dem Wagen, gefolgt von dem Sekretär, der jetzt sehr abgemessen und respektvoll geworden war, und stieg die Treppe empor, wobei ihm der Portier mit dem fortwährenden Rufe voranschritt: »Platz, wenn ich bitten darf, Platz! Der Präsident der Kompagnie, meine Herren!« – In gleicher Weise, nur mit noch kräftigerer Stentorstimme, führte er den Präsidenten durch das öffentliche Bureau, wo einige Klienten bescheiden warteten, in ein ehrfurchtgebietendes Gemach mit der Inschrift: Beratungssaal. Sofort schloß sich die Türe dieses Heiligtums jedoch wieder, um den großen Kapitalisten dem Anblick der Profanen zu entziehen. Der »Beratungssaal« war mit einem türkischen Teppich belegt und geschmückt mit dem Porträt von Tigg Montague, Esquire, als Präsidenten. Außerdem befanden sich darin ein sehr imposanter offizieller Lehnstuhl, zu dem ein elfenbeinerner Hammer und eine kleine Handglocke gehörten, ein Nebentisch und eine lange Tafel, auf der hie und da einige Bogen Löschpapier, Foliobogen, saubere Federn und Tintenfässer standen. Nachdem der Präsident höchst feierlich seinen Sitz eingenommen, stellte sich ihm der Sekretär zur Rechten, während sich der Portier hinter ihm kerzengerade als farbiger Westenhintergrund aufpflanzte. Das war das ganze Kollegium –– alles übrige gehörte ins Reich der Fiktion. »Bullamy!« rief Mr. Tigg. »Sir!« »Richten Sie dem Doktor der Gesellschaft mein Kompliment aus. Ich möchte ihn gerne sprechen.« Bullamy, der Portier, räusperte sich, eilte in das Bureau hinaus und rief: »Der Herr Präsident wünschen den Doktor der Gesellschaft zu sprechen!« Gleich darauf kehrte er mit dem fraglichen Herrn zurück, und beim jedesmaligen Öffnen der Sitzungszimmertüre reckten die harmlosen Klienten ihre Hälse und stellten sich auf die Zehen, voll sehnsüchtigen Verlangens, nur einen Blick in das geheimnisvolle Gemach werfen zu dürfen. »Jobling, mein lieber Freund!« rief Mr. Tigg. »Wie geht's Ihnen? Bullamy, warten Sie draußen! Crimple, Sie brauchen uns nicht zu verlassen. Mein lieber Jobling, es freut mich, Sie zu sehen!« »Und wie geht es Ihnen, Mr. Montague?« fragte der Arzt, sich behaglich in den Lehnstuhl werfend – das Sitzungszimmer hatte nämlich lauter Lehnstühle –, und holte eine schöne goldene Tabatiere aus der Tasche seiner schwarzen Atlasweste, »wie geht es Ihnen? Ein bißchen angegriffen vom Geschäfte, wie? Wenn dem so ist, so ruhen Sie sich ein wenig aus. Oder ein bißchen Fieber vom Weine, hm? In diesem Falle Wasser. Sind Sie wohl und geht es Ihnen ganz gut, dann nehmen Sie einen Lunch. Es ist äußerst heilsam, sich um diese Tageszeit zur Auffrischung der Magensäfte eines Lunchs zu bedienen, Mr. Montague.« Der Arzt, er war derselbe, der Anthony Chuzzlewit zu Grabe geleitet und Mrs. Gamps Patienten im Ochsen behandelt hatte, lächelte bei diesen Worten und fügte so nebenbei hinzu, einige Schnupftabakskörner von seinem Busenstreif schnippend: »Sie müssen wissen, ich selbst pflege zu dieser Tageszeit stets etwas zu mir zu nehmen.« »Bullamy!« rief der Präsident sofort und läutete mit der kleinen Glocke. »Sir?« »Lunch!« »Aber doch nicht hoffentlich um meinetwillen«, wehrte der Doktor ab. »Oh, Sie sind sehr gütig; ich danke Ihnen. Sie beschämen mich. Wenn ich in meiner Praxis auf Geld sähe, Mr. Montague, würde ich die Sache nur gegen ein Honorar erwähnt haben. Verlassen Sie sich darauf, mein werter Herr, wenn Sie sich's nicht zur Regel machen, täglich und pünktlich einen Lunch zu nehmen, so kommen Sie bald unter meine Hände. Erlauben Sie mir übrigens, das näher zu beleuchten. In Mr. Crimples Bein zum Beispiel –« Der Sekretär fuhr unwillkürlich zurück, denn der Doktor hatte ihn in der Hitze seines Belehrungseifers am Bein gepackt und dieses quer über sein eigenes gelegt, als wäre er eben im Begriff, es zu amputieren. »In Mr. Crimples Bein werden Sie bemerken«, fuhr der Arzt fort, schlug die Manschetten zurück und umspannte den Schenkel mit beiden Händen, »da, wo das Knie in die Gelenkhöhle paßt, hier – das heißt zwischen dem Bein und der Gelenkhöhle –, befindet sich ein gewisses Quantum animalischen Öles.« »Wozu suchen Sie sich dazu gerade mein Bein aus«, fragte Mr. Crimple und blickte den Arzt ängstlich an. »Es ist doch nicht interessanter als irgendein anderes, nicht wahr?« »Kehren Sie sich nicht daran, mein lieber Herr«, versetzte der Arzt abweisend, »ob es wie andere Beine ist oder nicht.« »Aber es geht mich doch etwas an«, wendete David ein. »Ich wähle einen speziellen Fall, Mr. Montague«, fuhr der Doktor fort, »um, wie Sie sehen, meine Bemerkung zu illustrieren. In diesem Teil von Mr. Crimples Bein also befindet sich eine gewisse Menge animalischen Öles. In jedem von Mr. Crimples Gelenken befindet sich mehr oder weniger von derselben Flüssigkeit. Gut. Wenn nun Mr. Crimple seine Mahlzeiten vernachlässigt oder sich die gehörige Ruhe versagt, so nimmt dieses Öl ab. – Es verzehrt sich. Was ist die Folge davon? Mr. Crimples Knochen vermorschen, Sir. Mr. Crimple wird ein magerer, schwächlicher, verkümmerter und elender Mensch.« Dann ließ Doktor Jobling Mr. Crimples Bein plötzlich fallen, als befände sich der Patient, dem es angehörte, bereits in diesem angenehmen Zustande, schlug seine Manschetten wieder herunter und blickte den Präsidenten triumphierend an. »Unsere Kunst ermöglicht es uns, gewisse Naturgeheimnisse zu durchschauen«, sagte er. »Das versteht sich übrigens von selbst. Wofür studierten wir denn sonst? Nur zu diesem Zwecke machen wir unsern Kurs an der Universität und sichern uns eine geachtete Stellung in der Gesellschaft. – – Es ist außerordentlich seltsam, wie wenig man im allgemeinen von solchen Gegenständen weiß. Wo glauben Sie zum Beispiel« – er lehnte sich lächelnd in seinem Stuhle zurück, schloß das eine Auge und bildete mit seinen Händen ein Dreieck, wozu beide Daumen die Basis abgaben – »wo glauben Sie zum Beispiel, daß Mr. Crimples Magen liegt?« Mr. Crimple klopfte noch aufgeregter als vorhin mit der Hand auf die Stelle unter seiner Weste. »Weit gefehlt«, rief der Doktor, »weit gefehlt! Übrigens ein ganz gewöhnlicher Irrtum. Mein werter Herr, Sie haben vollständig unrichtige Begriffe.« »Wenn er in Unordnung ist, fühle ich ihn hier, weiter weiß ich nichts«, entschuldigte sich Mr. Crimple. »Das bilden Sie sich nur ein«, verwies der Arzt streng. »Die Wissenschaft gibt hierüber bündigere Auskunft. Ich hatte einmal einen Patienten« – er berührte dabei einen der vielen Trauerringe auf seinen Fingern und neigte das Haupt ein wenig – »einen Gentleman, der mir die Ehre erwies, in seinem Testamente meiner auf eine sehr schöne Weise zu gedenken – ›aus Anerkennung‹, wie er es zu nennen beliebte, ›für den unablässigen Eifer und die hohe Kunst meines Freundes und Hausarztes, John Jobling, Esquire, usw. usw.‹ – Dieser Gentleman also war so sehr von der Idee eingenommen, sein Leben lang an einer irrigen Ansicht über die Lage dieses Organs gelitten zu haben, daß er, als ich ihm bei meiner medizinischen Ehre und Reputation versicherte, er sei im Irrtum, in Tränen darüber ausbrach, die Hand ausstreckte und sagte: ›Jobling, Gott segne Sie dafür!‹ Unmittelbar darauf verlor er die Sprache und fand zuletzt in Brixton seine letzte Ruhestätte.« »Platz, wenn ich bitten darf«, rief Bullamy draußen, »Platz, wenn ich bitten darf. Erfrischungen für das Sitzungszimmer!« »Ha!« rief der Doktor, sich humorvoll die Hände reibend, und rückte seinen Stuhl näher an den Tisch. »Die wahre Lebensversicherung, Mr. Montague, die beste Versicherungspolice auf Erden, mein werter Herr! Ja, wir müssen vorsorglich handeln und essen und trinken, solange wir können. – Was meinen Sie, Mr. Crimple?« Der Sekretär stimmte bei, wenn auch etwas mürrisch, als ob seine Vorfreude, sich den Magen zu füllen, durch die Erschütterung seiner vorgefaßten Meinung über die Lage dieses Organs immerhin gelitten hätte. Aber die Erscheinung des Portiers und Unterportiers mit je einem Servierbrett, das mit einem schneeweißen, teilweise zurückgeschlagenen Tuche bedeckt war, so daß man ein paar gebratene Hühner nebst Kompott und Salat zu sehen bekam, stellte bald wieder seine gute Laune her. Noch erhöht wurde sie durch die Ankunft einer Flasche Champagner und einer andern mit vortrefflichem Madeira. Und bald griff er zu Messer und Gabel mit einem Appetit, der dem des Arztes kaum in etwas nachgab. Der Lunch wurde sehr luxuriös serviert mit einem Überfluß von schöngeschliffenen Gläsern und Porzellantellern, denn man schien damit andeuten zu wollen, daß ein zur Schau getragener Prunk in Essen und Trinken keine unwichtige Beigabe zu dem Geschäfte der Anglo-Bengalischen Kompagnie ausmache. Im Verlaufe des Mahles wurde der Assekuranzarzt immer aufgeräumter und rotköpfiger, und jeder Bissen, den er aß, und jeder Tropfen Wein, den er trank, schienen seinen Augen neuen Glanz zu verleihen und auf Nase und Stirn neue Funken anzuzünden. In gewissen Teilen der City und der Nachbarschaft war Mr. Jobling eine sehr populäre Persönlichkeit. Er hatte ein auffallend glattes Kinn und eine zuversichtliche Fettstimme, die einem das Herz aufgehen machte wie ein Lichtstrahl, der sich in dem rötlichen Medium eines auserlesenen alten Burgunders bricht. Seine Halsbinde und sein Jabot waren stets von fleckenlosestem Weiß, seine Kleider von glänzendstem Schwarz, seine Uhrkette höchst gewichtig und die Petschafte daran so groß, wie man nur welche zu sehen kriegt. Seine blanken Stiefel knarzten, wenn er ging. Bestimmt konnte er besser als irgend sonst ein Lebendiger den Kopf schütteln, sich die Hände reiben oder den Rücken vor dem Ofen wärmen. Auch hatte er eine eigentümliche und seinen Patienten großes Vertrauen einflößende Weise an sich, mit den Lippen zu schmatzen und während der Berichte seiner Patienten: »Ah!« zu sagen. Er schien damit auszudrücken: »Was Sie sagen wollen, weiß ich viel besser als Sie, aber fahren Sie nur immerhin fort, fahren Sie nur immerhin fort.« Mochte er nun etwas zu sagen haben oder nicht, jedenfalls schwatzte er in einem fort, und man wußte allgemein, daß er voll von Anekdoten stak. Aus demselben Grunde nahm man auch an, daß der Umfang seiner Erfahrung und der daraus gezogene Gewinn jeder Beschreibung spotte. Seine weiblichen Patienten konnten ihn gar nicht genug lobpreisen, und die kältesten und zurückhaltendsten unter seinen männlichen Patienten pflegten zu ihren Freunden stets zu sagen: »Was man auch immer von Joblings medizinischer Geschicklichkeit halten mag – und es ist nicht zu leugnen, daß er einen großen Ruf hat –, soviel steht nun einmal fest, er ist einer der angenehmsten Menschen, die es je gegeben hat.« Doktor Jobling war aus mehreren Gründen – und darunter war der nicht unwichtigste, daß er seine meisten Patienten unter den Handelsständen hatte – gerade der Mann, den die Anglo-Bengalische Gesellschaft als Assekuranzarzt brauchte. Er war aber viel zu gescheit, um sich mit ihr weiter zu identifizieren, als daß er als ihr bezahlter ärztlicher Beistand galt, oder um sein Verhältnis zu ihr von andern mißverstehen zu lassen, wenn er es verhindern konnte. Daher ließ er sich gegenüber jedem, der darüber etwas wissen wollte, ungefähr in folgender Art und Weise aus: »Ja, was die Anglo-Bengalische betrifft, werter Herr, so ist mein Wissen sehr beschränkt, sehen Sie, sehr beschränkt. Ich bin dort Assekuranzarzt gegen ein gewisses monatliches Fixum. ›Der Arbeiter ist seines Lohnes wert‹, und ich bekomme mein Geld sehr pünktlich; folglich bin ich verpflichtet, von dem Institut, soweit ich es kenne, nur das Beste zu sagen. (Es kann keinen honetteren Menschen auf der Welt geben als Jobling, denkt dann der Patient, der eben selbst Joblings Rechnung bezahlt.) – Wenn Sie mich aber, lieber Freund, über die Kapitalien der Gesellschaft fragen, so bin ich außerstande, Ihnen zu dienen. Ich habe keinen Sinn für Ziffern, und wenn ich mich darüber äußern soll, so bin ich in Verlegenheit. Außerdem verbietet es mir das Zartgefühl. – Und Zartgefühl – Ihre liebenswürdige Frau Gemahlin wird mir darin recht geben – sollte eine der ersten Eigenschaften eines guten Arztes sein (nichts kann schöner oder gentlemanliker sein als das Gefühl, das Jobling hat, denkt dann der Patient). Sehr gut, werter Herr, also so steht die Sache. – Sie kennen Mr. Montague nicht persönlich? Tut mir leid. Ein ungemein liebenswürdiger Herr. Ein vollkommener Gentleman in jeder Hinsicht. Er hat Vermögen, das heißt, in Indien. Haus und alles aufs kostbarste, höchst elegant, in verschwenderischer Fülle! Und Gemälde, die, selbst vom anatomischen Gesichtspunkt aus betrachtet, vollkommen sind. – Falls Sie also mit der Gesellschaft einen Vertrag schließen wollen, so bringe ich Sie durch, verlassen Sie sich darauf. – Ich kann Sie übrigens mit gutem Gewissen für vollständig gesund erklären. Wenn ich eine menschliche Konstitution verstehe, so ist es die seine, und diese kleine Unpäßlichkeit hat ihm mehr genützt, Madame«, sagt der Doktor dann und wendet sich an die Gattin des Patienten, »als wenn er die Hälfte von all den unsinnigen Mixturen aus meiner Apotheke verschluckt hätte. Denn das Zeug ist Unsinn, um es ehrlich zu gestehen: die Hälfte davon ist Unsinn – in Anbetracht einer Konstitution wie der seinen.« (Jobling ist der liebenswürdigste Mensch, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe, denkt der Patient, und auf mein Ehrenwort, ich will mir die Sache überlegen.) – – »Sie haben uns diesen Morgen vier neue Policen und ein Anlehen zugewiesen, nicht wahr?« fragte Mr. Crimple, nach Beendigung des Lunchs einige Papiere durchlesend, die der Portier hereingebracht. »Famos!« »Jobling, mein lieber Freund«, rief Mr. Tigg, »mögen Sie recht lange leben.« »Lächerlich, Unsinn. Auf mein Wort, ich maße mir wirklich nicht an, Ihnen jemanden ›zugewiesen‹ zu haben«, sagte der Doktor. »Ich würde Ihnen damit das Geld aus der Tasche stehlen. Ich empfehle niemand hierher; ich sage nur, was ich weiß. Meine Patienten fragen mich, wie ich über die Sache denke, und mehr, als ich weiß, kann ich ihnen ja auch nicht sagen. Vorsicht ist meine schwache Seite, das ist wahr, und sie ist es gewesen, seit ich ein Junge war, das heißt«, sagte der Doktor und füllte sein Glas, »Vorsicht mit Rücksicht auf andere Leute. Ob ich selbst dieser Gesellschaft mein Vertrauen schenken würde, wenn ich nicht schon seit vielen Jahren anderswohin mein Geld schickte, ist eine zweite Frage.« Er suchte eine Miene anzunehmen, als ob daran gar kein Zweifel wäre, aber er fühlte, daß es ihm nur schlecht gelang, er änderte daher das Thema und lobte den Wein. »Da wir gerade vom Weine reden«, fuhr er fort, »so erinnere ich mich da an eines der besten Gläser alten hellen Oportos, das ich je in meinem Leben getrunken habe, und das war bei einem Leichenbegängnis. – – Haben Sie übrigens nie – von diesem Herrn hier gehört, Mr. Montague, wie?« Dabei händigte er Mr. Tigg eine Karte ein. »Er ist doch hoffentlich nicht tot?« fragte Tigg. »In diesem Falle wäre mir die Ehre seiner Gesellschaft nicht wünschenswert.« »Ha, ha, ha!« lachte der Doktor. »Nein, nicht ganz. Indes, beteiligt war er dabei.« »Oh!« rief Tigg, sich den Schnurrbart streichend, und warf einen Blick auf den Namen. »Ich entsinne mich jetzt. Nein, er ist niemals hier gewesen.« Die Worte waren noch nicht seinen Lippen entflohen, als Bullamy eintrat und dem Arzt eine Karte überreichte. »Kaum malt man den – –« sagte der Doktor aufstehend, »– den Teufel an die Wand –« »– so ist er schon da, wie?« ergänzte Mr. Tigg. »Nein, nein, Mr. Montague, nein«, entgegnete der Doktor, »im gegenwärtigen Falle können wir das – wenigstens vom Teufel – nicht sagen, denn dieser Gentleman denkt nicht entfernt daran, einer zu sein.« »Um so besser«, entgegnete Mr. Tigg, »kann der Anglo-Bengalischen Gesellschaft nur angenehm sein. – Bullamy, räumen Sie den Tisch ab und tragen Sie den Rest zur andern Türe hinaus. – Mr. Crimple: Geschäft.« »Soll ich den Herrn hereinführen?« fragte Doktor Jobling. »Wird mich unendlich freuen«, antwortete Mr. Tigg, sich mit süßem Lächeln die Fingerspitzen küssend. Sofort begab sich der Arzt in das Bureau hinaus und kehrte gleich darauf mit Jonas Chuzzlewit zurück. »Mr. Montague«, stellte er vor, »erlauben Sie: mein Freund, Mr. Chuzzlewit – mein lieber Freund – unser Präsident. Sie müssen nämlich wissen«, setzte er hinzu, hielt mit unendlicher Feinheit inne und sah sich lächelnd um, »daß darin etwas Besonderes liegt. Ich sage: a unser Präsident. Und warum sage ich unser Präsident? Weil er nicht mein Präsident ist, müssen Sie wissen. Ich stehe in keiner andern Verbindung mit der Gesellschaft, als daß ich für eine gewisse Entlohnung – ein Salär, sozusagen – als Arzt meine bescheidenen Meinungen abgebe, gerade wie ich es für jeden andern auch tun könnte. Warum sage ich nun dennoch unser Präsident? Einfach darum, weil ich die Phrase fortwährend um mich herum wiederholen höre. So groß ist die unwillkürliche Wirkung der geistigen Fähigkeiten bei dem nachahmungsliebenden zweifüßigen Geschöpfe Gottes. – Mr. Crimple, ich glaube, Sie schnupfen. Nein? Das ist nicht recht von Ihnen, Sie sollten schnupfen.« Während dieser Bemerkungen von Seiten des Doktors und der sehr vernehmlichen Prise, mit der sie abgeschlossen wurden, nahm Jonas ungeniert Platz, so rüpelhaft wie nur je. Es liegt wohl in jedes Menschen Natur, namentlich aber in der einer gemeinen Seele, sich durch Äußerlichkeiten imponieren zu lassen. Auf Jonas übten daher die prächtigen Möbel einen sehr entschiedenen Einfluß aus. »Nun, ich weiß, die Herren haben Geschäfte miteinander«, fuhr der Doktor fort, »und ihre Zeit ist kostbar. Meine übrigens auch. In diesem Augenblick erwarten mich nebenan mehrere Klienten, die mir die Entscheidung über ihr Leben anvertraut haben, und außerdem muß ich später noch eine Reihe von Visiten machen. – Da ich das Glück hatte, Sie einander vorzustellen, meine Herren, kann ich ja wieder an meine Geschäfte gehen. Also leben Sie wohl! Aber ehe ich gehe, Mr. Montague, erlauben Sie mir, daß ich von diesem meinem Freunde, der jetzt neben Ihnen sitzt, sage: dieser Gentleman hat mehr dazu beigetragen, mich mit der Menschheit und der Welt zu versöhnen, als irgendein Lebender oder Toter auf Erden. – Gott befohlen!« Mit diesen Worten eilte Doktor Jobling aus dem Zimmer und begann in seinem offiziellen Departement den wartenden Klienten sowohl seine Gewissenhaftigkeit hinsichtlich der Erfüllung seiner Berufspflichten wie auch die große Schwierigkeit der Aufnahme in die Anglo-Bengalische uneigennützige Lebensversicherungsgesellschaft deutlich und nachdrucksvoll vor Augen zu führen. Er befühlte ihnen den Puls, besichtigte ihre Zungen, horchte an ihren Rippen, klopfte ihnen an den Brustkasten und so weiter und so weiter. Wenn er übrigens nicht bereits im voraus wußte, die Anglo-Bengalische Gesellschaft werde jede Art von Leben bereitwillig assekurieren, so war er nicht entfernt der Jobling, für den ihn seine Freunde hielten – nicht der Originaljobling, sondern ein jämmerlicher Nachdruck. Mr. Crimple mußte bald gleichfalls Geschäfte halber aufbrechen, und so blieben Jonas Chuzzlewit und Mr. Tigg miteinander allein. »Ich erfahre von unserm Freunde«, begann Mr. Tigg mit gewinnender Leichtigkeit und rückte seinen Stuhl neben den seines Gastes, »Sie gedächten –« »Zum Donnerwetter noch mal, er hat kein Recht, etwas derartiges zu behaupten«, rief Jonas, Mr. Tigg unterbrechend. »Ihm habe ich mein Vorhaben gewiß nicht anvertraut. Wenn er sich einbildet, ich käme in einer derartigen Absicht her, so soll er dafür einstehen. Ich habe damit nichts zu tun.« Er sagte dies ziemlich grob heraus, fast in beleidigendem Tone; und außer dem gewohnten Mißtrauen, das er stets an den Tag zu legen pflegte, lag etwas in seinem Benehmen, als ob er sich gewissermaßen gegen den Eindruck, den die Pracht der Umgebung auf ihn machte, zu wehren versuchte. »Wenn ich herkomme, um eine oder ein paar Fragen zu stellen, mir einen oder ein paar Belege zeigen zu lassen, damit ich mir die Sache überlegen kann, so verpflichtet mich das noch zu gar nichts. Darüber müssen wir uns zuerst verständigen, wissen Sie.« »Mein Bester!« rief Mr. Tigg, Jonas auf die Schulter klopfend. »Ihre Offenheit gefällt mir! Wenn Leute wie wir gleich von Anfang an offen miteinander reden, so wird das am besten jedem möglichen Mißverständnis vorbeugen. Warum sollte ich vor Ihnen bemänteln, was Sie ganz genau wissen, wovon sich aber die Menge nichts träumen läßt? Wir Versicherungskompagnien sind lauter Raubvögel, nichts als Raubvögel. Es fragt sich jetzt nur, ob wir auch Ihnen dienen können, während wir uns selbst dienen – ob wir eine Ausfütterung für Ihr Nest finden können und dabei das unserige noch doppelt auszufüttern imstande sein werden. Sie sind natürlich in unser Geheimnis eingeweiht. Sie stehen hinter den Kulissen. Wir werden uns ein Verdienst daraus machen, ehrlich gegen Sie zu sein, weil wir ganz genau wissen, daß es nicht anders geht.« Es lag vollständig in Mr. Jonas' Charakter, augenblicklich bereit zu sein, rückhaltslos zu glauben, wenn von einer Spitzbüberei die Rede war. Es gibt ebenso gut eine Einfalt der Unschuld wie eine solche des Gaunertums. Hätte Mr. Tigg von Anfang an eine hohe Ehrenhaftigkeit vorgeschützt, so würde Jonas ihn beargwöhnt haben, und wäre er ein Musterbild von Rechtschaffenheit gewesen. So aber, wo er von vornherein auf Jonas' Denkweise einging, erschien er diesem als ein höchst netter Mensch, mit dem man offen reden konnte. Mr. Chuzzlewit änderte seine Stellung im Lehnsessel – er wurde dadurch nicht weniger linkisch, wenn auch etwas renommistischer – und erwiderte in seinem armseligen Dünkel lächelnd: »Sie sind kein übler Geschäftsmann, Mr. Montague; ich muß Ihnen wirklich nachsagen, daß Sie sich auszukennen scheinen.« »Tüt, tüt«, machte Mr. Tigg, vertraulich nickend und seine weißen Zähne zeigend, »wir sind doch keine Kinder, Mr. Chuzzlewit, und wahrhaftig schon gehörig ausgewachsen.« Jonas pflichtete bei und entgegnete nach einem kurzen Schweigen, wobei er prahlerisch seine Beine spreizte und die Arme in die Hüften stemmte, um zu zeigen, wie vollkommen heimisch er sich fühle: »Die Wahrheit ist –« »Sprechen Sie mir nicht von Wahrheit«, fiel ihm Mr. Tigg grinsend ins Wort. »Es sieht so windbeutelig aus.« Durch diese Äußerung höchlichst erbaut, begann Jonas aufs neue: »Kurz und gut – –« »Das klingt schon besser«, murmelte Tigg, »schon besser.« »– ich halte mich für von ein oder zwei der alten Kompagnien, mit denen ich zu tun hatte, nicht reell bedient; – ich meine, ich hatte vorzeiten mit ihnen zu tun. Sie kamen mir damals mit Einwürfen, zu denen sie kein Recht hatten, warfen Fragen auf, zu denen sie gleichfalls nicht befugt waren, und betrieben die Sache nicht in einer Art, die mir gepaßt hätte.« Dann schlug er plötzlich die Augen nieder und sah starr auf den Teppich. Mr. Tigg blickte ihn neugierig an. Jonas schwieg so lange, daß Mr. Tigg die Pause zu unterbrechen für geraten hielt und auf sehr freundliche Weise das Wort nahm: »Wünschen Sie nicht vielleicht ein Glas Wein?« »Nein, nein«, lehnte Jonas mit schlauem Blick ab, »nichts dergleichen; ich danke Ihnen. Keinen Wein bei Geschäften. Mag ja gut für Sie sein, aber für mich taugt das nicht.« »Was Sie doch für ein alter Praktikus sind, Mr. Chuzzlewit«, scherzte Tigg und lehnte sich in seinem Lehnstuhl zurück, ihn durch die halbgeschlossenen Augen anblinzelnd. Jonas schüttelte als Antwort den Kopf, als wollte er sagen: »Da haben Sie recht«, und fuhr dann in scherzhaftem Tone fort: »Nicht gerade so alt, wie Sie vielleicht denken, wenn ich mich auch verheiratet habe. Das ist ein Kinderstreich, werden Sie sagen. Vielleicht haben Sie recht, besonders da sie eine junge Person ist, aber man weiß doch nie, was diesen Weibern zustoßen kann. Kurz und gut, ich gedenke also ihr Leben zu versichern. Es ist nicht mehr als recht und billig, daß sich ein Mann für den Fall eines solchen Verlustes sicherstellt – sich quasi einen Trost bereithält.« »Wenn ihn überhaupt etwas unter so herzzerbrechenden Umständen trösten kann«, murmelte Tigg mit halbgeschlossenen Augen. »Richtig«, bestätigte Jonas, »wenn ihn überhaupt etwas trösten kann. Nun gesetzt den Fall, ich täte es bei Ihnen, so müßte es diskret gemacht werden, das wäre die Hauptsache, und ohne Umstände und ohne ihr den Kopf erst warm zu machen. Ich tue es nicht gern anders; Weiber pflegen sich in solchen Fällen immer gern einzureden, sie müßten deshalb gleich sterben.« »Ja, ja, so ist es«, rief Mr. Tigg und warf dem schönen Geschlecht zu Ehren eine Kußhand in die Luft. »Sie haben vollständig recht. – O diese süßen kleinen leichtsinnigen Geschöpfe!« »Gut«, brummte Jonas, »also jetzt wissen Sie es; und da mir die andern Gesellschaften immer so viel Späne machen, hätte ich Lust, unter Umständen mit Ihrer Kompagnie abzuschließen. Aber ich muß mich erst überzeugen, was für Sicherheiten die Gesellschaft zu bieten vermag. Das ist die –« »Doch nicht schon wieder die Wahrheit?« protestierte Mr. Tigg, seine mit Brillantringen übersäte Hand ausstreckend. »Bitte, gebrauchen Sie doch nicht diesen Ausdruck, der einen so an die Sonntagsschule erinnert.« »Also kurz und gut –« sagte Jonas, »kurz und gut, was habe ich für Sicherheit?« »Die eingezahlten Kapitalien, mein Herr«, rief Mr. Tigg und griff nach einigen Papieren auf dem Tisch, »belaufen sich im gegenwärtigen Augenblick –« »Ach, ich weiß doch ganz gut, was das mit den eingezahlten Kapitalien für eine Bewandtnis hat«, fiel ihm Jonas ins Wort. »So, wissen Sie das!« brummte Tigg kurz abbrechend. »Will's meinen!« Mr. Tigg schob die Papiere wieder zurück, rückte Mr. Jonas näher und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich weiß doch, daß Sie die Sache durchschauen. Ich weiß es ganz genau. Sehen Sie mich mal an!« Es lag nicht in der Art Mr. Chuzzlewits, irgend jemandem gerade ins Gesicht zu sehen, aber so aufgefordert, machte er den Versuch, die Mienen des Präsidenten mit einem Blick zu überfliegen, wobei sich dieser ein wenig zurücklehnte, um seinem Visavis die Sache leichter zu machen. »Kennen Sie mich denn nicht?« fragte er, die Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Sie müssen sich doch entsinnen, mich früher schon einmal gesehen zu haben?« »Ihr Gesicht kam mir allerdings, schon als ich eintrat, bekannt vor«, gab Jonas zu, den Präsidenten mit noch größerer Aufmerksamkeit betrachend, »aber ich kann mich nicht erinnern, wo ich Sie gesehen habe. Nein, ich kann mich wirklich nicht erinnern. War es auf der Straße?« »Erinnern Sie sich denn nicht mehr an Pecksniffs Besuchszimmer?« fragte Tigg. »An Pecksniffs Besuchszimmer?« wiederholte Jonas überrascht. »Sie meinen damit doch nicht, daß –« »Ja!« rief Mr. Tigg. »Es war damals, als jene entzückende kleine Familienberatung stattfand, an der auch Sie nebst Ihrem liebenswürdigen Vater teilnahmen.« »Sprechen wir nicht von ihm. Er ist tot. – Wozu die alten Erinnerungen wieder aufwärmen!« fuhr Jonas auf. »Also tot«, sagte Tigg. »Also der ehrwürdige alte Gentleman ist tot. Sie sind, wenn man Sie so betrachtet, wirklich ein getreues Konterfei von ihm.« Jonas nahm dieses Kompliment nicht mit der besten Miene auf, wahrscheinlich infolge seiner Privatansichten über das persönliche Äußere seines dahingegangenen Erzeugers, vielleicht auch, weil es ihm nicht sehr angenehm war, in Mr. Montague den Mr. Tigg von damals wiederzufinden. Der Präsident bemerkte es sogleich, klopfte ihm vertraulich auf den Ärmel und winkte ihn zum Fenster. Von diesem Augenblick an ließ Mr. Montague seiner Heiterkeit in ganz merkwürdiger Weise freien Lauf. »Finden Sie mich seit damals so ganz und gar verändert?« fragte er. Jonas faßte die Prunkweste und die Juwelen seines Gegenübers fest ins Auge und antwortete: »Zum Teufel auch – das will ich meinen!« »Hab ich damals so schäbig ausgesehen?« fragte Mr. Montague weiter. »Ganz verteufelt!« meinte Jonas. Mr. Montague zeigte hinunter auf die Straße, wo Bailey gerade auf dem Kabriolett hielt. »Hübsch. Fein. Was? Wissen Sie, wem das gehört?« »Nein!« »Mir! – Und gefällt Ihnen dieses Zimmer?« »Es muß einen Haufen Geld gekostet haben«, brummte Jonas. »Da haben Sie recht. Es gehört ebenfalls mir. – Warum also –« flüsterte Tigg und stieß Mr. Chuzzlewit mit dem Ellbogen an, »– warum nehmen Sie nicht also lieber Prämien, statt sie zu bezahlen? Treten Sie doch in Kompagnie mit uns.« Jonas starrte ihn verwundert an. »Ist das eine belebte Straße?« fragte Mr. Montague weiter, Jonas' Aufmerksamkeit auf die Menge unten lenkend. »Na, und ob«, sagte Jonas, einen flüchtigen Blick hinunterwerfend und sogleich wieder den Präsidenten ins Auge fassend. »Es gibt gedruckte Statistiken«, fuhr Mr. Tigg fort, »aus denen Sie ziemlich genau ersehen können, wieviel Menschen hier von früh bis abends vorbeigehen. Sie haben aber schwerlich einen Begriff, wie viele davon zu uns heraufkommen, bloß weil sie dieses Bureau da sehen, und ohne mehr davon zu wissen als von den Pyramiden. Ha, ha, treten Sie in Kompagnie mit uns, Sie sollen billig dazu kommen.« Jonas blickte ihn immer gespannter und gespannter an. »Ich kann Ihnen nur sagen«, flüsterte ihm Mr. Tigg ins Ohr, »Sie ahnen nicht, wie viele davon sich bei uns noch Jahresrenten kaufen, Versicherungspolicen nehmen und uns auf hunderterlei Art und Weise ihr Geld herbringen, es uns aufzwingen und anvertrauen werden, als wenn wir das Schatzamt selbst wären, ohne doch mehr von uns zu wissen als Sie von jenem Gassenkehrer an der Ecke. Ha, ha, ha!« Jonas verzog allmählich sein Gesicht zu einem Lächeln. »Ja, ja«, lachte Mr. Montague, ihm im Scherz einen leichten Schlag auf den Bauch gebend, »Sie sind zu pfiffig für uns, Mr. Chuzzlewit, sonst würde ich Ihnen das alles gar nicht gesagt haben. – Übrigens, speisen Sie morgen mit mir in Pall Mall.« »Gemacht!« versetzte Jonas einschlagend. »Recht so«, rief Mr. Montague. »Und jetzt warten Sie noch ein bißchen. Nehmen Sie sich mal diese Papiere hier mit, um sie durchzulesen. Sehen Sie«, erklärte er, eines der gedruckten Formulare von dem Tisch herüberlangend, »B. ist zum Beispiel ein kleiner Handelsmann, ein Schreiber, ein Pfarrer, ein Künstler, ein Autor – oder was immer für ein Kerl.« »Gut«, entgegnete Jonas, ihm gierig über die Schultern blickend, »nun, und?« »B. verlangt also ein Anlehen – meinetwegen fünfzig oder hundert Pfund, vielleicht mehr, aber das ist hier gleichgültig. B. schreibt einen Schuldschein und stellt zwei gute Bürgen. Er wird angenommen, versichert sein Leben für den doppelten Betrag und bringt uns auch ein paar Freunde, vielleicht nur, um unser Institut weiterzuempfehlen. Und so weiter. Ha, ha, ha, ist unser Geschäft nicht ein guter Gedanke?« »Zum Teufel, ein Kapitalgedanke!« rief Jonas. »Aber geht's denn auch wirklich so?« »Ob's so geht?« wiederholte der Präsident. »Tag für Tag geht's so, mein lieber Freund. Machen Sie doch nur mal die Augen auf. Das Ganze war meine Idee!« »Sie macht Ihnen alle Ehre! Hol mich dieser und jener, wenn's nicht ein famoses Geschäft ist«, sagte Jonas. »Das will ich meinen«, versetzte der Präsident, »und es freut mich, daß Sie es auch einsehen. – Und weiter: B. zahlt die höchsten gesetzlichen Interessen –« »Das wäre nicht viel«, unterbrach ihn Jonas. »Richtig, sehr richtig«, gab Mr. Tigg zu, »und es ist hart vom Gesetz, daß es uns so verwünscht aufsässig ist, während der Staat doch selbst so erstaunlich hohe Interessen von allen seinen Klienten nimmt, aber die Mildtätigkeit fängt eben beim eigenen Leibe an und die Gerechtigkeit beim Nachbar. Nun, wenn das Gesetz so hart mit uns umspringt, brauchen wir zum Beispiel den B. nicht gerade mit Handschuhen anzugreifen. Abgesehen davon, daß B. regelmäßig die Interessen zahlt, beziehen wir B's Prämien von seinen Freunden. Dann rechnen wir B. noch so allerlei für die Obligationen auf, und ob wir ihn nun annehmen oder nicht, jedenfalls bekommt er seine Rechnung für sogenannte Erkundigungen (wir halten einen Mann für ein Pfund wöchentlich, der sie einholt) und eine Kleinigkeit für den Sekretär und so weiter. Kurz, mein guter Freund, wir sieben B. ordentlich durch und machen eine verteufelt rentable Melkkuh aus ihm. Ha, ha, ha, in Wahrheit kutschiere ich den B.«, fügte Tigg hinzu und deutete auf das Kabriolett hinunter. »Und es ist ein Pferd von guter Zucht, ha, ha, ha!« Jonas gefiel dieser Spaß ungemein. Es war so ganz seine eigene Art, Humor zu empfinden. »Ferner«, fuhr Mr. Tigg Montague fort, »verkaufen wir Leibrenten unter den allerniedrigsten und vorteilhaftesten Bedingungen, die sich auf dem Geldmarkt nur finden lassen, und die alten Damen und Herren in der Provinz draußen sind gerne Käufer. Ha, ha, ha – und wir zahlen sie auch – vielleicht, ha, ha, ha!« »Aber man hat dabei viel Verantwortlichkeit«, meint Jonas mit bedenklicher Miene. »Die nehme ich ganz und gar auf mich«, rief Mr. Tigg Montague, »ich bin hier allein für alles verantwortlich – ich bin die einzig verantwortliche Person im ganzen Institut, haha. – Dann haben wir noch die Lebensversicherungen ohne Anleihen – die gewöhnlichen Policen. Sie sind ebenfalls sehr einträglich und angenehm. Es fließt da ein Strom von Geld herein, sage ich Ihnen, und das wächst mit jedem Jahr – kurz, ein Kapitalprofit!« »Aber wenn die Policen anfangen, fällig zu werden?« wendete Jonas ein. »Das alles ist soweit recht hübsch und gut, solange das Unternehmen noch jung ist; was aber, wenn die Versicherten anfangen zu sterben? Daran muß man auch denken.« »Um Ihnen zu zeigen, wie richtig unsere Kalkulation ist«, entgegnete Montague, »will ich Ihnen bemerken, daß wir im Anfang ein paar unglückliche Todesfälle hatten, die uns so auf den Hund brachten, daß uns nichts mehr als ein großes Piano übrigblieb.« »Ein großes Piano?« »Ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort darauf, ich habe Geld erhoben auf jedes einzelne Stück Möbel, und schließlich blieb nur noch ein einziges großes Piano. Ich konnte nicht einmal darauf sitzen, denn es war ein großer Stehflügel. Aber, mein lieber Junge, wir haben durchgehalten. Wir haben eine Unmasse neuer Policen diese Woche ausgegeben – beiläufig gesagt, auch fette Provisionen für die Advokaten – und hatten, ehe man sich's versah, die Krisis überstanden. Wenn es aber nun doch einmal so hageldicht über uns hereinbrechen sollte, wie Sie ganz richtig bemerkten, daß es früher oder später kommen könnte, so –« er beendigte den Satz in so leisem Flüsterton, daß nur ein paar unzusammenhängende Worte undeutlich zu hören waren, aber sie klangen ungefähr so wie »brennen wir durch!« »Sie sind ja ein Mordskerl«, staunte Jonas mit dem Ausdruck höchster Verwunderung. »Man kann leicht ein Mordskerl sein, mein lieber Junge, wenn man beständig bares Geld in die Tasche kriegt!« rief der Präsident und hielt sich vor Lachen den Bauch. »Sie dinieren also morgen mit mir?« »Um wieviel Uhr?« fragte Jonas. »Um sieben. Hier ist meine Adresse. Nehmen Sie auch die Dokumente da mit. Ich sehe schon, Sie treten sicher mit uns in Kompagnie.« »Das weiß ich noch nicht«, sagte Jonas, »da gibt's noch so mancherlei, was ich mir in der Nähe besehen muß.« »Sie sollen, was Sie wollen, sehen und prüfen«, versprach Mr. Tigg und klopfte ihm auf den Rücken. »Aber Sie treten mit uns in Kompagnie, davon bin ich heute schon überzeugt. – Sie sind ganz der richtige Mann dazu. – – Bullamy!« Gehorsam dem Ruf und der Klingel erschien die Weste, erhielt den Befehl, Jonas hinauszuführen, und ging ihm voran, wie gewöhnlich rufend: »Platz, wenn ich bitten darf, Platz, ein Herr aus dem Beratungszimmer, wenn ich bitten darf.« Als Mr. Montague allein war, dachte er einige Minuten nach und rief dann mit erhobener Stimme: »Ist Nadgett im Bureau?« »Hier ist er, Sir!« Gleich darauf trat Mr. Nadgett ein, die Türe des Sitzungszimmers so sorgfältig hinter sich zuziehend, als ob ein Mordanschlag besprochen werden sollte. Er war der erwähnte Mann, der für ein Pfund wöchentlich die Auskünfte einholte. Es war weder eine Tugend noch Verdienst von Mr. Nadgett, daß er seine ganzen Anglo-Bengalischen Geschäfte voller Heimlichkeit betrieb, denn er war für die Heimlichkeit sozusagen geboren. Er war ein kleiner vertrockneter alter Mann, und alles an ihm schien geheimnisvoll. Selbst die Sache mit seinem Blutkreislauf war nicht so ganz selbstverständlich, und niemand hätte ihm geglaubt, daß er sechs Unzen Blut in allen Organen zusammengenommen habe. Wie und wo er lebte, war ebenfalls ein Geheimnis, wo er wohnte, war ein Geheimnis, und selbst was er betrieb, war ein Geheimnis. In seiner schmutzigen alten Brieftasche bewahrte er verschiedene einander widersprechende Visitenkarten; auf einigen nannte er sich einen Kohlen-, auf andern einen Weinhändler, dann wieder einen Agenten, Rechnungsführer oder Kollekteur; rein als ob er selbst nicht wüßte, was er eigentlich sei. Immer hatte er eine Zusammenkunft mit irgend jemandem in der City; der Jemand kam aber nie. Stundenlang pflegte Nadgett vor der Börse zu sitzen und guckte jeden an, der aus und ein ging. Dasselbe pflegte er in Garraway's und andern von Kaufleuten besuchten Kaffeehäusern zu tun, wo er sich zuweilen ein sehr nasses Taschentuch vor dem Feuer trocknete und sich stets nach dem Manne umsah, der niemals kommen wollte. Er trug beständig fadenscheinige, schäbige Kleider, die auf dem Rücken und auf den Knien weiß von Kalk waren. Seine Wäsche hielt er durch Rockzuknöpfen und Kragenaufschlagen so verborgen, daß man hätte glauben können, er trüge überhaupt keine. Vielleicht hatte er auch wirklich keine. Ferner trug er einen einzigen schmutzigen Biberhandschuh, den er beim Gehen wie beim Sitzen stets am Zeigefinger vor sich herbaumeln ließ. Der andere Handschuh war ein Geheimnis. Manche Leute sagten, Nadgett sei bankrotter Kaufmann, andere, er sei bereits als Säugling in einen alten Kanzleigerichtsprozeß hineingeraten, der noch immer schwebte, aber Genaues wußte niemand. In der Tasche trug er ein Stück Siegellack und ein altes mit Hieroglyphen verziertes kupfernes Petschaft, und oft schrieb er im geheimen in einem Winkel in dem erwähnten Kaffeehause lange Briefe. Aber sie schienen an niemanden gerichtet zu sein, wenigstens pflegte er sie in eine geheime Rocktasche zu stecken und einige Wochen später in ganz vergilbtem Zustande an sich selbst abzugeben, und wie es schien, jedesmal zu seiner eigenen größten Verwunderung. Kurz und gut, er war ein so seltsamer Kauz, daß, wenn er nach seinem Tode eine Million oder einen Dreier hinterlassen hätte, kein Mensch sich darüber gewundert haben würde, sondern alle nur gesagt hätten, es sei gerade so gekommen, wie sie's erwartet hätten. Und doch war er insoweit kein Sonderling, als er zu einem der City eigentümlichen Schlag Leute gehörte, die für einander ein ebenso tiefes Geheimnis bedeuten wie für alle übrigen Menschen. »Mr. Nadgett«, sagte Mr. Montague und schrieb von der Karte, die noch auf dem Tische lag, Jonas Chuzzlewits Adresse auf ein Stück Papier. »Jede Auskunft, die Sie mir über diesen Namen bringen können, soll mich freuen. Sei es, was es will. Was immer Sie erfahren können, berichten Sie mir, Mr. Nadgett.« Mr. Nadgett setzte seine Augengläser auf und las den Namen mit großer Aufmerksamkeit, dann sah er über die Brille hinweg den Präsidenten an und verneigte sich. Dann nahm er die Brille ab und steckte sie ins Futteral. Dann steckte er das Futteral in die Tasche, sah noch einmal und ohne Brille das vor ihm liegende Papier an und zog zugleich seine Brieftasche von irgendwo am Rückgrat hervor. So groß sie war, so voll von Dokumenten steckte sie, aber dennoch fand er ein Plätzchen für den Zettel, und nachdem er sodann das Portefeuille sorgsam geschlossen, verstaute er es mit einer Art von feierlichem Taschenspielerkunstgriff wieder in derselben Gegend, aus der er es hervorgeholt hatte. Ohne ein Wort zu sprechen, entfernte er sich schließlich mit einem abermaligen Bückling. Dabei öffnete er die Türe nicht weiter, als zum Hinauskommen unbedingt nötig war, und schloß sie so sorgfältig wie zuvor. Den Rest des Morgens verbrachte der Präsident der Assekuranzgesellschaft damit, daß er unterschiedliche neue Anmeldungen zu Leibrenten, Käufen und Lebensversicherungen gnädigst mit seiner Unterschrift versah. Die Gesellschaft hatte wahrhaftig Grund, den Kopf hoch zu tragen, denn es regnete nur so Policen über Policen. 28. Kapitel Mr. Montague in seinem Heim und Mr. Jonas Chuzzlewit in dem seinigen Es gab viele gewichtige Gründe, die Mr. Jonas Chuzzlewit lebhaft zugunsten des Planes einnahmen, den ihm der kühne Schöpfer desselben so keck und offen dargelegt hatte. Vor allem waren da drei besonders einleuchtende Punkte: Erstens konnte man Geld dabei machen, zweitens hatte das Geld einen eigentümlichen Zauber, da es schlauerweise auf anderer Leute Kosten gewonnen wurde, und drittens war mit dem ganzen Plan Auszeichnung und Anspruch auf ein gewisses Ansehen verbunden. Ein Direktorium ist an sich schon eine ehrfurchtgebietende Institution und ein Präsident ein gewaltiger Mann. »So einen famosen Schnitt zu machen, einem Haufen Leute befehlen zu können und dabei gleichzeitig Gelegenheit zu haben, in gute Gesellschaft zu kommen – das ist keine so schlechte Sache«, dachte Jonas. Die beiden letzten Erwägungen spielten wohl angesichts seiner Habsucht nur eine untergeordnete Rolle, dessenungeachtet aber war er – um so mehr, als er wußte, daß ihm seine Persönlichkeit, sein Benehmen, sein Ruf und seine Gaben keinerlei Achtung erwerben konnten – äußerst begierig nach Macht und in seinem Herzen mindestens ein ebenso großer Tyrann, wie nur irgendein belorbeerter Eroberer, von dem die Geschichte weiß, es sein konnte. Trotzdem nahm er sich vor, mit aller Schlauheit und der nötigen Vorsicht zu Werke zu gehen, namentlich aber den Grad der Vornehmheit in Mr. Montagues Privateinrichrung scharf ins Auge zu fassen. Bei seiner ganzen Hohlköpfigkeit fiel es ihm ebensowenig ein, daß dies gerade ausdrücklich in Montagues Wunsch liegen mußte, da er ihn doch sonst in so einem kritischen Moment nicht zu sich gebeten haben würde. Ebensowenig dachte er in seiner hohen Meinung von sich selbst an die Möglichkeit, das erwähnte Kraftgenie könne ihn in irgendeiner Weise zu überbieten imstande sein, hatte Tigg doch gleich anfangs selbst gesagt, er (Jonas) sei zu scharfsinnig für ihn, und Jonas glaubte dies augenblicklich, trotzdem er in anderer Hinsicht selbst einem Eide mißtraut hätte. Mit zögernder Hand und doch mit dem schwachen Versuch, selbstbewußt aufzutreten, klopfte er an die Haustüre seines neuen Freundes in Pall Mall, als die bestimmte Stunde gekommen war. Mr. Bailey erschien sogleich und öffnete. Er war durchaus nicht stolz, sondern augenscheinlich sehr geneigt, von Jonas Notiz zu nehmen. Doch Jonas hatte ihn offenbar vergessen. »Ist Mr. Montague zu Hause?« »Dös glaub' i! Und's Essen wartet a schon«, sagte Mr. Bailey mit der ganzen Nonchalance eines alten Bekannten. »Wollen S' Ihnern Hut mit naufnehmen oder ihn hier lassen?« Mr. Jonas wollte ihn lieber unten lassen. »Der alte Name, was?« fragte Bailey grinsend. Mr. Jonas starrte ihn in stummer Empörung an. »Sie erinnere Ihna woll nimmer an die alte Todgers«, fuhr Mr. Bailey fort und machte die Bewegung des Stiefelputzens. »Erinnern S' Ihna leicht nimmer, wie i Ihna angmeldt hab bei die jungen Damen? Es war halt doch a mordsmäßig alte Baracken, was? Und wie die Zeit vergeht, was? Aber sakrisch rausgmacht haben S' Ihna seitdem, was?« Ohne auf eine Anerkennung dieses Kompliments zu warten, führte er den Gast hinauf, meldete ihn und zog sich mit vertraulichem Blinzeln zurück. Das untere Stockwerk des Hauses hatte ein wohlhabender Kaufmann inne. Mr. Montague bewohnte den oberen. Es war eine wahrhaft glänzende Wohnung! Das Zimmer, in dem Mr. Tigg Jonas empfing, war geräumig, elegant und mit ausgesuchter Eleganz möbliert. Gemälde, Kopien antiker Statuen aus Alabaster und Marmor, Porzellanvasen, hohe Spiegel, karmesinrote Vorhänge von schwerster Seide, vergoldetes Schnitzwerk, üppige Sofas, Schreibtische, mit kostbarem Holz eingelegt, und kostbare Nippesgegenstände jeder Art vervollständigten in luxuriösester Weise die Inneneinrichtung. Die einzigen Gäste außer Jonas waren der Doktor, der Sekretär und noch zwei andere Herren, die Montague jetzt in aller Form vorstellte. »Mein teuerster Freund, ich bin ganz entzückt, Sie bei mir zu sehen. Jobling kennen Sie schon, glaube ich?« »Das will ich meinen«, rief der Doktor scherzhaft und trat aus dem Kreise heraus, um dem neuen Gast die Hand zu drücken. »Ich schmeichle mir, diese Ehre zu haben. Ich hoffe, daß Sie mich noch nicht vergessen haben. Wie ich sehe, mein wertgeschätzter Herr, befinden Sie sich wohl, und das ist gut.« »Mr. Wolf«, stellte Montague weiter vor, als ihn der Doktor zu Wort kommen ließ – »Mr. Chuzzlewit, – – Mr. Pip – Mr. Chuzzlewit.« Beide Herren fühlten sich ebenfalls außerordentlich glücklich, die Ehre zu haben, Mr. Chuzzlewits Bekanntschaft zu machen. Der Doktor zog Jonas ein wenig beiseite und flüsterte ihm hinter der Hand zu: »Männer von Welt, mein wertgeschätzter Herr – Männer von Welt! Hm, Mr. Wolf ist Literat – tun Sie, als ob Sie's nicht wüßten – gibt ein famoses Wochenblatt heraus – bemerkenswert geschickter Bursche. Mr. Pip – vom Theater, ein ganz kapitaler Mensch – höchst kapitaler Mensch.« »Nun«, sagte Mr. Wolf laut, verschränkte die Arme und nahm ein Gespräch wieder auf, das durch Jonas' Ankunft unterbrochen worden war, »nun, und was sagte Lord Nobley darauf?« »Verdammt nochmal«, entgegnete Pip, »er war einfach sprachlos. Aber Sie wissen doch, was für ein famoser Bursche Nobley ist.« »Der famoseste Bursche unter der Sonne«, rief Wolf. »Vorige Woche noch sagte er zu mir: ›Zum Teufel, Wolf, ich hatte eine Pfründe zu vergeben, und wenn Sie nur auf der Universität gewesen wären – hol mich dieser und jener –, ich hätte einen Pfaffen aus Ihnen gemacht.‹« »Sieht ihm ganz ähnlich!« jubelte Pip. »Und er hätt's getan. Meiner Seel!« »Ja, ja, so sicher wie nur was«, bekräftigte Wolf. »Aber Sie wollten uns doch erzählen –« »Ja, ja«, rief Pip, »freilich. Also anfangs blieb er ganz stumm wie ein Fisch – wie ein Toter –, aber nach einer Minute sagte er zu dem Herzog: ›Fragen Sie Pip! Da ist Pip. Pip, unser gemeinsamer Freund. Fragen Sie Pip, er weiß es sicher.‹ ›Verdamm mich‹, sagte der Herzog. ›Na, gut, dann will ich mich an Pip wenden. Also raus mit der Sprache, hat sie krumme Beine oder nicht? Nur raus mit der Sprache!‹ ›Sie hat krumme Beine, Euer Durchlaucht, oder ich bin ganz blödsinnig.‹ – ›Bravo, Pip, gut gesprochen. – Pip, hol mich dieser und jener, wenn Sie nicht ein ganz famoser Kerl sind. Setzen Sie mich auf Ihre Besuchsliste, wenn ich in London bin, Pip‹ – und das hab ich getan, wahrhaftig ja.« Der Schluß dieser Geschichte befriedigte ungemein, und die Ankündigung, daß das Dinner bereitstehe, nicht minder. Jonas begab sich mit seinem distinguierten Wirt in den Speisesaal und setzte sich zwischen ihn und seinen Freund, den Doktor. Die übrigen nahmen ihre Plätze ein wie Leute, die sich ganz zu Hause fühlen, und ließen dem Mahle volle Gerechtigkeit widerfahren. Es war übrigens auch so vorzüglich, wie es sich nur für Geld oder auf Pump verschaffen ließ. Die Gerichte, der Wein und die Früchte konnten geradezu auserlesen genannt werden, und alles wurde auf das eleganteste serviert. Das Silberzeug war prachtvoll. Mr. Jonas war eben im Geiste mit einem Überschlag begriffen, was es wohl gekostet haben möge, als er von seinem Wirte in seinen Grübeleien unterbrochen wurde. »Ein Glas Wein gefällig?« »Oh«, murmelte Jonas, der sich bereits mehrere Gläser zu Gemüt gezogen, »selbstverständlich. Mit Vergnügen und soviel Sie wollen. Der Wein ist zu gut, als daß man auf eine solche Frage ›nein‹ sagen könnte.« »Wohl gesprochen, Mr. Chuzzlewit«, rief Wolf. »Tom Gag, der Possenreißer, ist nichts dagegen«, bekräftigte Pip. »Allerdings. Wissen Sie, es ist, ha, ha, ha«, bemerkte der Doktor, legte einen Augenblick Gabel und Messer aus der Hand, um gleich darauf wieder emsig einzubauen, »– ein geradezu epigrammatischer Ausspruch.« »Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl bei mir?« fragte Mr. Tigg halblaut Jonas. »Na, deswegen brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. – Famos!« – knurrte Jonas kauend. »Ich hielt es für das beste, keine Gesellschaft einzuladen«, erklärte Tigg. »Hatte ich nicht recht?« »Na, und wie nennen Sie denn das hier?« fragte Jonas. »Sie wollen mir doch nicht weismachen, daß Sie täglich so dinieren, wie?« »Lieber Freund«, sagte Mr. Montague achselzuckend, »jeden Tag esse ich so und nie anders, wenn ich überhaupt zu Hause speise. Das ist so mein gewöhnlicher Stil. Ich dachte mir, wozu Ihretwegen große Umstände machen und was Ungewöhnliches herrichten. Sie hätten es ja doch gleich gemerkt. – – ›Haben Sie Gesellschaft?‹ fragte mich Crimple. Nein, ich wünsche es nicht«, sagte ich, »er soll uns nehmen, wie wir sind.« »Verdammt fein leben Sie hier«, staunte Jonas. »Muß übrigens ein nettes Stück Geld kosten.« »Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen, allerdings, das tut es«, gab Mr. Tigg zu, »aber ich liebe es so. Ich schmeiße ganz gern auf diese Art Geld raus.« Jonas blies die Backen auf. »Wenn Sie uns beitreten, glaube ich, werden Sie Ihren Nutzanteil wohl auf andere Weise anbringen, wie?« »Ja. Allerdings«, gestand Jonas. »Und da werden Sie auch ganz recht haben«, sagte Mr. Tigg mit freundschaftlicher Offenherzigkeit. »Sie brauchen so was nicht. Es ist auch nicht nötig. Bei uns braucht es immer nur einer zu tun, um das Ansehen der Gesellschaft zu wahren. Und da ich ein Vergnügen daran finde, so habe ich mir's eben zur Pflicht gemacht. Es ist lediglich mein Departement. – – Sie machen sich doch hoffentlich nichts daraus, auf anderer Leute Kosten fein zu speisen?« »Nicht das geringste.« »Nun, dann hoffe ich, werden Sie so freundlich sein und öfters mit mir dinieren.« »Na, dagegen hätte ich gerade nichts. Im Gegenteil.« »Ich werde mich hüten, beim Wein mit Ihnen von Geschäften zu sprechen, das schwöre ich Ihnen«, fuhr Mr. Tigg fort. »Sie zeigten sich heute morgen verflucht gerieben. Übrigens, das muß ich denen da mal erzählen. Es wird ihnen einen Mordsspaß machen. Hallo, hör mal, Pip, mein Junge, ich muß dir da einen famosen kleinen Spaß erzählen von meinem Freund, Mr. Chuzzlewit hier. Er ist der schlaueste Bursche, den ich kenne, ich gebe dir mein heiliges Ehrenwort darauf. Der schlaueste Bursche unter der Sonne.« Mr. Pip beteuerte mit einem fürchterlichen Eide, er sei schon längst überzeugt davon gewesen, trotzdem wurde aber die Anekdote erzählt und als ein Beweis von Mr. Jonas' kaufmännischem Genie mit lautem Beifall aufgenommen. Sodann gab Mr. Chuzzlewit selbst einige Proben seiner Geriebenheit zum Besten, da er nicht zurückstehen wollte, und Mr. Wolf, der darin mit ihm wetteiferte, tischte einige Glanzpunkte aus einem oder zwei ungeheuer humoristischen Artikeln auf, an denen er soeben arbeitete. Seine Witze, die, wie er es nannte, heiß genossen werden mußten, ernteten großes Lob, und die ganze Gesellschaft erklärte sie einstimmig für außerordentlich geistreich. »Lebemänner, mein werter Herr!« flüsterte Jobling Jonas zu. »Durch und durch Leute von Welt. Für einen mehr wissenschaftlichen Menschen wie mich ist es geradezu eine Wohltat – eine Erfrischung sozusagen –, einmal in solche Gesellschaft zu kommen. Nicht nur angenehm – und nichts kann angenehmer sein –, es ist auch philosophisch belehrend, es ist ein Charakterstudium, mein werter Herr, ein wirkliches Charakterstudium!« Es ist so erfreulich, wahres Verdienst, wo immer es sich im Leben zeigen mag, nach Gebühr zu würdigen, daß die allgemein harmonische Stimmung der Gesellschaft ohne Zweifel nicht wenig erhöht wurde durch den Umstand, daß man wußte, in welch hohem Ansehen bei den oberen Klassen der Gesellschaft und bei den ritterlichen Verteidigern des Vaterlandes in der Armee sowohl wie in der Flotte – namentlich aber bei der ersteren – die beiden »Herren von Welt« standen. Die unbedeutendsten ihrer Anekdoten fingen mit einem Oberst an, die Lords waren darin so wohlfeil wie ihre Flüche, und selbst das königliche Blut floß durch den schlammigen Kanal ihrer persönlichen Erinnerungen. »Ich fürchte, Mr. Chuzzlewit hat ihn nicht gekannt«, sagte Mr. Wolf mit Bezug auf eine Person von höchster Abkunft, die in seiner letzten Anekdote figuriert hatte. »Nein«, erklärte Mr. Tigg, »aber wir müssen ihn mit derartigen Leuten in Berührung bringen.« »Er hatte ein großes Faible für die Literatur«, bemerkte Mr. Wolf. »So?« sagte Mr. Tigg. »Ja, ja. Er hielt mein Blatt viele Jahre. Wissen Sie, daß er selbst zuweilen einen Witz einschickte, der gar nicht so übel war? So fragte er zum Beispiel einen Herzog, der ein Freund von mir ist (Pip kennt ihn): Wie heißt der Herausgeber? – Wolf? – Wolf, so? Verflucht scharfes Gebiß, dieser Wolf, wir dürfen ihn nicht nennen, sonst kommt er ›gerennt‹ wie's im Sprichwort heißt. Das war doch famos, und da es obendrein ein Kompliment war, ließ ich's natürlich drucken.« »Teufelsbund – der Herzog ist ein famoser Bursche«, bestätigte Pip, der jeden neuen Satz mit einem ganz besonders erfundenen Fluche zu begleiten beliebte. »Der Herzog ist ein Mordskerl. Kam er da neulich in unsere Garderobe, um eine kleine Schauspielerin nach Hause zu begleiten – etwas angesäuselt, aber nicht viel –, und fragte: ›Wo ist Pip? Ich will zu Pip! Man schaffe den Pip her!‹ Machen Sie doch nicht so'n Radau, Mylord! sagte ich. ›Dieser Shakespeare ist doch ein ekliger Gehirnfatzke‹, meinte er. ›Was ist denn eigentlich Gutes an Shakespeare? Habe ihn übrigens nie gelesen. Was zum Teufel ist denn dran, Pip? 'ne Masse Füße haben seine Verse, na ja, aber in seinen Dramen kommen keine Beene vor, die der Rede wert wären. Was meinen Sie dazu, Pip? Julia, Desdemona, Lady Macbeth, und wie sie alle heißen, könnten geradesogut gar keine Beine haben; wenigstens kriegt das Publikum nichts davon zu sehen. Warum bringt er da nicht lieber gleich die Miss Biffins – die Dame ohne Unterleib – auf die Bühne? Ich will Ihnen sagen, was an dem ganzen Shakespeare dran ist. Was die Leute dramatische Poesie nennen, ist nichts als ne Sammlung von ekligen Predigten. – Geh ich vielleicht ins Theater, um mich erbauen zu lassen? Nö, Pip. Wenn ich das wollte, ginge ich in die Kirche. Was ist der eigentliche Zweck der Dramen, Pip? Menschennatur. Und was sind Beene? Ooch Menschennatur! Also jefälligst Beene her! Sie, Pip, Sie sin mein Mann!‹ – Und ich sag es mit Stolz«, fügte Mr. Pip hinzu, »daß er mir wirklich von jeher sehr gewogen war.« Die Unterhaltung wurde bald allgemein, und Mr. Jonas, um seine Meinung über das Thema »Poesie« befragt, erklärte sich ganz und gar mit Mr. Pip einverstanden, der darüber höchlichst erfreut schien. Und wirklich hatten auch Mr. Pip sowohl wie Mr. Wolf so viel mit Mr. Jonas gemein, daß sie bald sehr vertraut miteinander wurden, was Jonas, zumal die Flasche immer schneller kreiste, nach und nach sehr redselig stimmte. Wie immer in solchen Fällen gewann er dadurch jedoch nicht an Liebenswürdigkeit. Da er kein anderes Mittel zu haben glaubte, um sich mit den andern auf gleich und gleich zu stellen, als jene Schlauheit und Verschlagenheit, derentwegen man ihm bereits so viele Komplimente gemacht, so ließ er diese Eigenschaften in ihrem blendendsten Lichte strahlen und tat so schlau und scharfsinnig, daß er sich selbst überlistete und sich mit seinen scharfen Werkzeugen selbst die Finger zerschnitt. Es lag so ganz in seiner Art und Weise, sich auf Kosten seines Wirtes, der so viel verschwendete, ohne etwas davon zu haben – wie er glaubte –, darüber lustig zu machen, daß man ihm ein so kostbares Mahl vorgesetzt habe, daß sogar in einer so zweideutigen Gesellschaft dieses Experiment hätte Anstoß erregen können, aber Mr. Tigg und Mr. Crimple, die ihren Mann bis in seine tiefsten Tiefen zu erforschen vorhatten, schürten ihn ununterbrochen, denn je mehr er sich gehen ließ, desto schneller erreichten sie ihren Zweck. Während so der eitle Pinsel meinte, er habe sich nach Igelweise zusammengerollt und die schärfsten Stacheln nach außen gekehrt, verriet er ihrer unablässigen Wachsamkeit nur alle seine verwundbaren Stellen. Ob nun die beiden Gentlemen, die soviel zur Bereicherung der philosophischen Erfahrungen des Doktors beitrugen (der Doktor, beiläufig gesagt, entfernte sich in aller Stille, nachdem er seine gewohnte Quantität Wein getrunken), die Anleitung zu dieser Taktik unmittelbar von ihrem Wirte hatten oder sich nach dem richteten, was sie hörten und sahen, jedenfalls spielten sie ihre Rollen ausgezeichnet. Sie ersuchten Jonas um die Ehre seiner nähern Bekanntschaft und hofften, sie würden das Vergnügen haben, ihn bald in jene höhern Kreise einzuführen, in denen zu glänzen er direkt geschaffen sei. Auf die liebenswürdigste Weise versicherten sie ihm, daß sie mit allem Einfluß, der ihnen zu Gebote stünde, ganz zu seiner Verfügung seien. Mit einem Wort, sie sagten: »Seien Sie doch einer von uns.« Und Jonas versicherte, er sei ihnen unendlich verbunden, wobei er natürlich innerlich hinzusetzte: »Solang ihr mich freihaltet, kann mir auf der Welt doch nichts angenehmer sein.« Nach dem Kaffee, der im Salon genommen wurde, bekam die Unterhaltung, die zumeist von Mr. Wolf und Mr. Pip bestritten wurde, etwas sehr stark Gepfeffertes. Als sie endlich erlahmten, nahm Jonas den Faden auf und ließ das Licht seiner Gerissenheit leuchten, das heißt, er fragte, was das oder jenes Möbelstück gekostet habe, gab seine Meinung ab, wieviel es in Wirklichkeit wert sei, und so weiter. Bei alledem glaubte er Mr. Montague grausam herabzusetzen und die eigenen Vorzüge aufs glänzendste herauszustreichen. Ein paar Gläser Champagnerpunsch frischten dann abermals die Abendunterhaltung, wenn auch nur vorübergehend, wieder auf, und nachdem die Gespräche zu einigen etwas lärmenden und nicht ganz verständlichen Erörterungen geführt hatten, entfernten sich die beiden Lebemänner, und Mr. Jonas schlief auf einem der Sofas ein. Da man ihm nicht mehr begreiflich machen konnte, wo er sich befand, so erhielt Mr. Bailey den Auftrag, einen Fiaker zu holen, um den Herrn nach Hause zu bringen. Es war beinah drei Uhr morgens. »Hat er angebissen?« flüsterte Crimple seinem Associé zu, als Sie den Schlafenden aus einer Ecke des Zimmers heraus beobachteten. »Fraglos«, versetzte Tigg ebenso leise, »und zwar, wie mir scheint, sehr gründlich. Ist Nadgett übrigens hier gewesen?« »Ja. Ich ging zu ihm hinaus. Als er hörte, daß Sie Gesellschaft hätten, entfernte er sich wieder.« »Warum denn?« »Er sagte, er wolle gleich am Morgen, noch ehe Sie aufgestanden wären, wiederkommen.« »Da muß ich Auftrag geben, daß er sogleich in der Frühe heraufgeschickt wird«, rief Mr. Tigg. »Heda! Da ist ja der Junge! Also Bailey, fahren Sie den Herrn nach Haus und sorgen Sie dafür, daß er gut zu Bett kommt. – Hallo! Mr. Chuzzlewit, wachen Sie doch auf!« Mit Mühe brachten sie Jonas in eine aufrechte Stellung und halfen ihm die Treppe hinab, stülpten ihm dann den Hut auf den Kopf und hoben ihn in den Fiaker. Mr. Bailey schloß den Schlag, stieg auf den Bock neben den Kutscher und rauchte mit der Miene besondern Behagens eine Zigarre, denn die Aufgabe, die ihm zuteil geworden, hatte einen gewissen flotten und sportartigen Charakter, der seinem Geschmacke außerordentlich zusagte. Als sie vor dem Haus in der City angekommen waren, sprang Mr. Bailey herunter und gab seinen lebhaften Empfindungen durch ein Klopfen Ausdruck, desgleichen in diesem Stadtviertel wahrscheinlich seit dem großen Brande in London nicht mehr gehört worden war. Dann trat er auf die Straße hinaus, um die Wirkung seiner Heldentat zu beobachten, und bemerkte, daß ein trübes Licht, das vorher am oberen Fenster sichtbar gewesen, bereits weggenommen war und offenbar die Treppe herunterwandelte. Um sich über die Person des Lichtträgers zum voraus Gewißheit zu verschaffen, eilte Mr. Bailey wieder zur Türe zurück und hielt sein Auge ans Schlüsselloch. Sie selbst, die einst so Lustige, war es, die jetzt traurig und seltsam verändert herunterkam. So abgehärmt und niedergeschlagen, so unsicher und furchtsam, so gedemütigt und gebrochen sah sie aus, daß es wohl niemanden besonders überrascht hätte, sie ruhig im Sarge liegen zu sehen. Sie stellte die Kerze im Vorhaus nieder und legte die Hand aufs Herz, dann drückte sie sie auf die Augen und an ihre fiebernde Stirn, sich dabei mit so unstetem hastigem Schritt der Türe nähernd, daß Mr. Bailey gänzlich seine Fassung verlor und immer noch in gebückter Stellung vor dem Schlüsselloch stand, als die Türe bereits aufging. »Aha«, sagte er verlegen, »da sind Sie ja. Was gibt's? Sie sind doch nicht krank?« Trotz ihres Erstaunens über das Wiedersehen und über das veränderte Äußere des jungen Gentlemans schlich so viel von ihrem alten Lächeln wieder über ihr Gesicht, daß sich Baileys Miene aufheiterte. Aber schon im nächsten Augenblick war er wieder betrübt, denn er sah, daß Tränen in ihren Augen standen. »Erschrecken Sie nicht«, sagte er, »es ist nix weiter passiert. Ich bring nur Mr. Chuzzlewit heim – er ist nicht krank – nur a bissel benebelt.« Und dabei machte er eine taumelnde Bewegung, um Jonas' Zustand von Betrunkenheit mimisch auszudrücken. »Kommt Ihr von Mrs. Todgers?« fragte Gratia zitternd. »Von Mrs. Todgers?! Gott bewahr!« rief Mr. Bailey. »Mit der hab ich schon lang nix mehr zu schaffen. Die Bekanntschaft is jetzt aus. Er hat bei meinem Herrn im Westend diniert. Haben S' denn net gewußt, daß er bei uns is?« »Nein«, versetzte Gratia mit matter Stimme. »Na, bei uns geht's hoch her, das kann ich Ihnen sagen. – Bleiben S' doch drin, damit S' Ihna net verkühlen, i wer ihn scho aufwecken.« Mr. Bailey drückte in seinem ganzen Wesen eine so vollkommene Zuversicht aus, als sei er imstande, im Notfall den Schlafenden mit Leichtigkeit auf den Rücken zu nehmen, öffnete den Kutschenschlag, ließ den Tritt herunter, rüttelte Mr. Jonas auf und rief ihm ins Ohr: »Wir sin jetzt z' Haus, wackeln S' gefälligst außer!« Mr. Jonas Chuzzlewit war inzwischen so weit zu sich gekommen, um dieser Aufforderung entsprechen zu können, und plumpste zum Wagen heraus auf einen Kehrichthaufen, dabei die Persönlichkeit Mr. Baileys in nicht geringe Gefahr bringend. Als er sich auf das Pflaster gerettet, richtete ihn Mr. Bailey zuerst von vorn auf; schob dann gewandt von hinten nach und bugsierte ihn, nachdem er ihm auf solche Weise zu einer aufrechten Stellung verholfen, ins Haus. »Gengan S' mit der Kerzen voraus«, bedeutete er Mrs. Jonas, »Sie brauchen net so zittern, er wird Ihna nix tun. I wenigstens, wann i a bissel z' vüll übern Durst trunken hab, bin die Gutmütigkeit selber.« Gratia ging voran. Nach verschiedentlichem Hinundherstolpern und Herumtaumeln erreichten endlich ihr Gatte und Mr. Bailey das Wohnzimmer im ersten Stock, wo Jonas sich in einen Stuhl fallen ließ. »So«, ächzte Mr. Bailey, »jetz is er scho wieder ganz beisamm. Lieber Gott, Sie brauchen doch net zu weinen. A Rausch is besser als a Fieber.« Da saß jetzt der scheußliche Kerl mit zerknülltem Anzug, gedunsenem Gesicht und zerrauftem Haar, mit verglasten Augen um sich starrend, bis er allmählich zur Besinnung kam. Als er seine Gattin erkannte, schüttelte er die geballte Faust gegen sie. »Oha!« rief Mr. Bailey in plötzlichem Grimm und legte sich zur Boxerstellung aus. »Was? Boshaft wollen S' a no sein? Da halten S' Ihna aber jetzt gfälligst zruck. Dös lassen S' lieber bleiben.« »Ich bitte, gehen Sie fort«, flehte Gratia. »Bailey, mein lieber Junge, gehen Sie nach Hause! – Jonas«, flüsterte sie und beugte sich zu ihrem Gatten nieder, »Jonas!« »Da schaue einer«, lallte Jonas und stieß sie mit ausgestrecktem Arm zurück, »da schaue einer! Seht sie nur an! Ein nette Bescherung, so was für einen Mann!« »Lieber Jonas –« »Zum Teufel, ›lieber Jonas‹«, versetzte er mit heftiger Gebärde. »Eine hübsche Kette, um sie das ganze Leben mit sich zu schleppen! Du quieksende, weißgesichtige Katze, geh mir aus den Augen!« »Ich weiß, du meinst es nicht im Ernst, Jonas! Du würdest nicht so sprechen, wenn du nüchtern wärst.« Mit erkünstelter Heiterkeit reichte Gratia Bailey ein Trinkgeld und bat ihn abermals, sich zu entfernen. Ihre Aufforderung war so dringend, daß der junge Mann nicht den Mut hatte, länger zu bleiben. Im Flur unten machte er jedoch noch einmal halt und horchte. »Ich würde nicht so reden, wenn ich nüchtern wäre?« rief Jonas. »Du mußt das natürlich besser wissen. Hab ich's vielleicht im nüchternen Zustand nicht schon oft gesagt?« »Leider sehr oft«, schluchzte Gratia unter Tränen. »Hör mal«, gurgelte Jonas und stampfte mit dem Fuß auf den Boden, »ich habe lang genug im Brautstand deine Launen fühlen müssen, jetzt sollst du mal meine ertragen. Ich habe mir das schon damals vorgenommen. Deswegen hab ich dich geheiratet. Wegen nichts sonst. Ich will jetzt sehen, wer der Herr und wer der Sklave ist.« »Der Himmel weiß, daß ich gehorsam bin«, jammerte die junge Frau. »Mehr als ich selbst glaubte, je sein zu können.« Jonas lachte in trunkener Freude auf. »Begreifst du's endlich, was? Nur Geduld, du wirst's schon lernen, mit der Zeit. Ja, ja, Kobolde haben auch Klauen, mein Schatz. Jede geringschätzige Behandlung, jeden Possen, den du mir gespielt, jede Unverschämtheit, die du dir gegen mich erlaubt hast, will ich dir hundertfach zurückzahlen. Wozu hätte ich dich denn sonst geheiratet? – – Jawohl dich!« schrie er mit roher Verachtung. »Es besänftigt ihn vielleicht, wenn er mich das Bruchstück des kleinen Liedes singen hört«, dachte sie, »von dem er sonst zu sagen pflegte, daß es ihm gefiele.« Sie versuchte es mit gequältem Herzen, um ihn wieder für sich zu gewinnen. »Oho!« fing er sogleich wieder an; »du bist also taub. Du hörst mich nicht, was? Um so besser für dich. – Ich hasse dich! – Ich hasse mich selbst, daß ich dumm genug war, mir eine solche Fessel ans Bein zu binden, nur um das Vergnügen zu haben, dich nach Belieben mit Füßen treten zu können. Ich habe jetzt von Möglichkeiten erfahren, die mich instand gesetzt hätten, überall nach Belieben anzukommen, aber ich würde dennoch ledig bleiben. Gerade jetzt täte es mir not, ledig zu sein wegen der Freunde, die ich seit heute kenne. Statt dessen bin ich hier an dich angeschmiedet wie an einen Block. – Pfui Teufel! Was zeigst du mir deine bleiche Fratze, wenn ich nach Hause komme? Natürlich bloß, damit ich immer wieder daran erinnert werden soll, was?« »Wie spät es schon ist«, sagte Gratia mit krampfhafter Heiterkeit und öffnete nach einer Weile die Fensterladen. »Bereits heller Tag, Jonas.« »Heller Tag oder dunkle Nacht, was geht das mich an«, lautete die zarte Antwort. »Die Nacht ist mir ja schnell vergangen; ich bin gern aufgeblieben«, sagte Gratia demütig. »Untersteh dich nur noch einmal, meinetwegen aufzubleiben«, murrte Jonas. »Ich habe die ganze Nacht über gelesen«, entschuldigte sich Gratia, »ich fing an, als du ausgingst, und las noch, als du nach Hause kamst. Es war die seltsamste Geschichte, Jonas, die ich mir denken kann – und wahr ist sie, wie es in dem Buche heißt. Ich werde sie dir morgen erzählen.« »So, so, eine wahre Geschichte!« höhnte Jonas. »So steht's wenigstens in dem Buch.« »Steht vielleicht was drin von einem Mann, der fest entschlossen ist, sein Weib unterzukriegen? Ihren Dickschädel und ihre Launen zu brechen wie Nußschalen? Und sie, wenn's darauf ankommt, auch unter die Erde zu bringen?« »Nein, nicht ein Wort«, stammelte Gratia verwirrt. »So? Nicht? Auch gut«, brummte Jonas, »und doch wird es in Bälde eine wahre Geschichte werden, wenn auch in keinem Buch etwas davon steht. Ich sehe schon wieder, es ist ein Lügenbuch – ein passendes Buch für eine lügnerische Person wie dich. Aber du bist ja taub, ich habe das ganz vergessen.« Abermals trat eine Pause ein, und Mr. Bailey wollte sich eben fortschleichen, machte aber noch einmal halt, als er Gratias Fußtritt auf dem Flur hörte. Sie ging, wie es schien, noch einmal zu ihrem Gatten hinauf und versprach ihm mit liebevollen Worten, sie wolle ihm nachgeben, seinen Wünschen Rechnung tragen und ihm gehorchen, sagte, daß sie bestimmt noch glücklich miteinander würden, wenn er nur nachsichtig gegen sie sein wolle. Er antwortete mit einem Fluch und – Mit einem Schlag? Jawohl, mit einem Schlag. Dennoch ertönte kein zorniger Ruf und kein Vorwurf; ihr Weinen und Schluchzen wurde dadurch erstickt, daß sie sich an ihn anklammerte. Sie sagte nur, es im Schmerze ihres Herzens immer und immer wiederholend: »Wie konntest – wie konntest – wie konntest du nur!« Die übrigen Worte gingen in ihrem Schluchzen unter. 29. Kapitel In dem sich manche Leute altklug benehmen, andere geschäftsmäßig, wieder andere geheimnisvoll, kurz, alle nach ihrer Weise Vielleicht war es die unangenehme Erinnerung an alles, was er diese Nacht gehört und gesehen, vielleicht auch weiter nichts als die Entdeckung, daß er nichts zu tun hatte – genug, Mr. Bailey fühlte am folgenden Nachmittag ein sehnsüchtiges Verlangen nach angenehmer Gesellschaft und beschloß deshalb, seinem Freund Poll Sweedlepipe einen Besuch abzustatten. Als die kleine Türglocke geräuschvoll die Ankunft eines Besuches meldete – denn Mr. Bailey kam mit einem ungestümen Ruck zur Türe herein, um ihr den lautesten Ton zu entlocken –, stand Mr. Poll Sweedlepipe sofort von der Betrachtung einer seiner Lieblingseulen ab und hieß seinen Freund herzlich willkommen. »Nein, wie Sie bei Tag fein aussehen«, rief Poll, »viel feiner als beim Kerzenschein! Noch nie hab ich einen so gigerlhaften jungen Herrn gesehen.« »Na, macht sich, Polly. Wie geht's übrigens unserer schönen Freundin?« – brummte Mr. Bailey. »Oh, so ziemlich gut«, sagte Poll, »sie ist übrigens zu Hause.« »Man sieht, daß sie mal ganz hübsch gwesen sein muß, die Sarah, Poll«, bemerkte Mr. Bailey mit vornehmer Gleichgültigkeit. »Oh«, dachte Poll, »er ist alt. Er muß sehr alt sein.« »Bissel ausm Leim gegangen, wissen S'«, fuhr Mr. Bailey fort, »bissel zu fett, Poll. Aber es gibt so manche, wo in ihrem Alter noch schlimmer ausschauen.« »Sogar die Eule macht große Augen«, jubelte Poll. »Wundert mich übrigens nicht bei einem Vogel von solchem Verstand.« Er hatte vorher gerade seine Rasiermesser abgezogen, und sie lagen jetzt offen in einer Reihe nebeneinander, während ein ungeheurer Streichriemen noch an der Wand hin und her baumelte. Als Bailey diese sachgemäßen Zurüstungen erblickte, strich er sich über das Kinn. Es schien ihm ein großer Gedanke gekommen zu sein. »Poll«, sagte er, »ich bin nicht so glatt ums Kinn rum, als ich gern wäre. Da ich grad hier bin, könnten S' mich eigentlich rasieren.« Der Barbier machte große Augen, aber Mr. Bailey entledigte sich ohne weitere Umstände seiner Krawatte und setzte sich mit aller nur erdenklichen Würde und Zuversicht auf den Rasierstuhl. Sein Benehmen ließ keinen Widerspruch zu. Der Augenschein und das Zeugnis des Tastsinnes versagten, aber obgleich Mr. Baileys Kinn so glatt war wie ein frisch gelegtes Ei oder ein Edamerkäse, so würde Poll Sweedlepipe doch nicht gewagt haben, sogar vor Gericht in Abrede zu ziehen, daß Mr. Bailey einen Bart habe wie ein polnischer Rabbiner. »Aber gefälligst nicht gegen den Strich, Poll«, ermahnte Mr. Bailey und legte sein Gesicht in würdevolle Falten. »Das bissel Backenbart können S' auch wegputzen, ich leg keinen großen Wert drauf.« Der demütige kleine Haarkünstler starrte ihn an, blieb, Pinsel und Seifenbecken in der Hand, vor ihm stehen und rührte und rührte den Schaum um, in komischer Ungewißheit, als habe ihn ein satanisches Blendwerk behext. Endlich machte er mit dem Seifenpinsel einen Strich auf Mr. Baileys Wange, dann hielt er wieder inne, als ob die Fata Morgana des Bartes von seiner Berührung plötzlich wieder in nichts zerronnen sei. Da er jedoch von Mr. Bailey eine milde Ermutigung in Form eines beschwörenden: »Na, also was is denn?« zu hören bekam, seifte er endlich tüchtig darauf los. Selbstgefällig lächelte Mr. Bailey durch den Schaum. »Nur nöt zu wild, Poll! Und über die Pickel müssen S' auf die Zehen weggehen.« Poll Sweedlepipe nickte und schabte den Schaum mit auserlesener Sorgfalt wieder weg. Nach jedem Seifenklecks, der auf einer Serviette auf seiner linken Schulter deponiert wurde, schielte Mr. Bailey mit Späherblick, und wirklich schien er mit mikroskopisch vergrößerndem Auge darin einige Härchen zu entdecken; denn er murmelte mehr als einmal: »Verflucht fuchsig, Poll.« Als die Operation glücklich vorüber war, trat Poll Sweedlepipe zurück und starrte Bailey wieder an, während dieser sich das Gesicht mit dem Handtuch abwischte und schwor, »daß es nach einer durchwachten Nacht für einen Mann keine größere Erfrischung gäbe, als sich rasieren zu lassen.« Er war eben im Begriff, sich vor dem Spiegel in Hemdsärmeln seine Krawatte wieder umzubinden, und Poll hatte bereits sein Rasiermesser abgewischt, um es für den nächsten Kunden bereitzuhalten, als Mrs. Gamp die Treppe herunterkam und in den Raseurladen guckte, um Poll einen nachbarlichen schönen guten Morgen zu wünschen. Mr. Bailey hatte Mitleid mit ihr, annehmend, sie habe eine zärtliche Neigung zu ihm gefaßt, die er natürlich nicht erwidern konnte, und beeilte sich daher, ihr durch ein gütiges Wort ihr Schicksal zu erleichtern. »Hallo«, sagte er, »Sarah! I brauch ja net fragen, wie's Ihna die ganze Zeit über gangen is, denn i siech scho, Sie sin sakrisch aufm Damm. Ja ja, sie blüht und gedeiht, net wahr, Polly?« »Da schau a mal aner die Keckheit von dem Buabn«, rief Mrs. Gamp, aber durchaus nicht mißvergnügt, »was dös für a klaner Spatz is. Net um fufzg Kronen möcht i die Mutter von ihm sein.« Mr. Bailey erblickte darin ein zartes Zugeständnis ihrer Zuneigung und eine Andeutung, daß kein Geldgewinn sie für die Hoffnungslosigkeit ihrer Leidenschaft zu entschädigen vermöge. Er fühlte sich geschmeichelt; – eine – wenn auch unerwiderte – Zuneigung ist immer schmeichelhaft. »O mein«, stöhnte Mrs. Gamp und ließ sich in den Rasierstuhl sinken, »der Patient im ›Ochsen‹, lieber Sweedlepipe, hat wirklich sein Bestes getan, mich aufzureiben. Von allen Quälgeistern in dem irdischen Jammertal kriegt der den ersten Preis.« Es lag in der Taktik Mrs. Gamps und ihrer Kolleginnen, dergleichen von allen ihren Kunden zu behaupten, erstens einmal, weil es dazu diente, die Konkurrenz abzuschrecken, und zweitens, weil es bewies, daß die Krankenwärterinnen darauf angewiesen sind, sich gut verköstigen zu lassen. »Und a Konstitution muß mer haben«, jammerte Mrs. Gamp, »wie a Ziegelstein, wenn mer's aushalten soll. Die Harris hat erst neulich zu mir gsagt: ›Sarah Gamp‹, hat s' gsagt, ›wie is dös nur möglich?‹ Liebe Harris, hab i gsagt, mir verlassen uns halt net auf uns selbst, sondern auf die, was die Höchern sin. Un dös is jetzt unser religiöses G'fühl, und mir findn a jeds mal, daß mir net auf Sand baut ham. – ›Sarah‹, hat die Harris drauf gsagt, ›ja, ja, das ganze Lebn is a Heimsuchung und gleicherweis auch das End von alle Ding.‹« Der Friseur murmelte leise etwas vor sich hin, was soviel bedeuten sollte, daß die Bemerkung der Mrs. Harris, wenn auch nicht ganz so verständlich, wie sich von einer derartigen Autorität erwarten lasse, so doch ihrem Kopf und ihrem Herzen gleiche Ehre mache. »Und wie S' mich jetzt da sehn«, fuhr Mrs. Gamp fort, »so geh i jetzt zwanzg Meilen weit, so auf mir nix dir nix aufs ung'wisse naus, wie nur je eine a Reis gmacht hat. ›Sie mit Ihrem guten Herzen‹, hat noch die Harris zu mir gsagt, ›Sie wern natürli gehen, was? Sarah?‹ – Gott im Himmel, warum soll i denn net gehn, liebe Harris, hab i gsagt. Die Gill hat ihrer sechs Stück ghabt, und jedsmal hat s' den richtigen Zeitpunkt abpaßt. Is des jetzt wahrscheinli – i frag Ihna als a Mutter –, daß s' jetzt beim siebenten anfangt, schlampen zu werden? Mehr als einmal hab i ihm sagn hörn – hab i gsagt zu der Harris –, i mein nämlich ihren Gatten, mehr als einmal hab i ihm sagen hören, er will zwei Kronen wetten gegen an alten Kalender, daß er den Zeitpunkt bis auf den Tag und die Stund genau angeben kann. Is 's da jetzt wahrscheinlich, liebe Harris, hab i gsagt, daß es grad dös ane Mal zu früh kommt? ›Na, dös is net anz'nehmen‹, hat s' gsagt ›aber‹, hat s' gsagt und die Tränen san ihr in die Augn g'stiegen, ›Sie wissen viel besser als i – bei Ihnerer Erfahrung, wie wenig nötig is, uns ausm Gleis und aus dem Lauf der Natur zu bringen. A Hanswurst‹, hat s' gsagt, ›a Schornsteinfeger, a großer Hund oder a B'soffener kommt zum Beispiel auf amal um die Ecken, und aus is. G'schehn is!‹ Und dös is wahr, Polly«, bekräftigte Mrs. Gamp, »da nutzt ka Leugnen net, und wenn mer a ganze Schachtel Weißzeug auch für die ganze Woch hält, so nehm i's doch mit aner g'wissen Besorgnis mit, dös kann i Ihna versichern.« »Weil Sie halt so eifrig in Ihrem Beruf sind«, sagte Poll, »Sie placken sich wirklich viel zu sehr ab.« »Ja, jetzt dös is wahr«, rief Mrs. Gamp, erhob die Hände und schlug die Augen gen Himmel auf, »da sagn S' jetzt die Wahrheit – und wann S' es noch nie in Ihrem Lebn gsagt hätten. I fühl immer die Leiden von andre Leut mehr als meine eignen, wenn's mir a kaner net glaubt. Die Familien, wo i scho ghabt hab, müßten a ganze Woch brauchen, wenn ma alles dös wüßt – und ehren tät, wem Ehre gebührt, um am St.-Pauls-Brunnen getauft zu werden.« »Wohin wird Ihr Patient aus dem ›Ochsen‹ gehen?« fragte Mr. Sweedlepipe. »Nach Har'forshire, wo er her is. Aber er mag hingehen, wohin er mag«, bemerkte Mrs. Gamp, »der kommt nimmer zu Kräften.« »Steht es so schlimm?« fragte der Barbier neugierig. »Wirklich?« Mrs. Gamp schüttelte geheimnisvoll den Kopf und warf die Lippen auf. »Wissen S', es gibt a geistigs und a körperliche Fieber«, erklärte sie. »Da kann eins Brausepulver nehmen, bis 's in d' Luft geht, aber helfen tut dös nix mehr.« »Oh!« rief der Barbier, riß die Augen auf und nahm eine Art Rabenphysiognomie an. »Lieber Himmel!« »Ja, ja! So leicht kann mer sich machen wie a Luftballon«, beteuerte Mrs. Gamp, »aber, wenn's oam net mehr recht im Kopf is und mer im Schlaf von gewisse Sachn spricht, so wird's net mehr so leicht wieder besser.« »Wovon spricht er denn?« fragte Poll und biß mit großem Interesse an seinen Nägeln. »Von Geistern?« Mrs. Gamp, die sich durch des Raseurs anspornende Neugierde bereits weiter hatte verlocken lassen, als sie eigentlich anfangs wollte, schnüffelte bedeutsam und meinte, das gehöre nicht hierher. »I fahr heunt nachmittag mit meim Patienten aufs Land«, fuhr sie fort, »zwoa oder drei Tag bleib i bei eam, bis er a Wärterin vom Land kriegt – hol der Teufel die Landwärterinnen; jede Gans versteht mehr vom G'schäft als wie a solchene –, und nacher komm i wieder. So, dös san jetzt meine Sorgen, Mr. Sweedlepipe. Aber i hoff, es wird alles recht und gut wern, solang i weg bin, und ang'nommen, wie die Harris sagt, die Gill trifft's zur rechten Stund, so is mir jeder Tag oder jede Minutn in der Nacht ganz wurscht.« Während aller dieser Bemerkungen, die Mrs. Gamp ausschließlich an den Barbier richtete, hatte Mr. Bailey seine Krawatte umgebunden, seinen Rock angezogen und schnitt nunmehr jetzt seinem Spiegelbild Fratzen. Da ihn Mrs. Gamp jetzt anredete, wandte er sich um und mischte sich in die Unterhaltung. »Sie sin wohl net wieder in der innern Stadt gewesen«, fragte Mrs. Gamp, »seit mir uns zuletzt bei Mr. Chuzzlewit troffen habn?« »O ja, Sarah, i bin erst heut nacht dort gewesen.« »Heut nacht?« rief der Barbier. »Jawohl, Poll. Sie könnten eigentlich grad so gut ›heut früh‹ sagen. Er hat nämlich bei uns dünürt.« »Wen meint denn der Spatz mit seinem ›bei uns‹?« fragte Mrs. Gamp höchst ungeduldig. »Mich und meinen Herrn, Sarah. Er hat in unserm Haus dünürt und war sehr lustig, Sarah – und zwar so, daß i ihn heut morgen in an Fiaker hab nach Haus bringen müssen.« Mr. Bailey war eben im Begriff, noch mehr auszuplaudern, da erinnerte er sich plötzlich, wie leicht sein Herr Kunde von derartigen Indiskretionen erhalten könne und wie streng ihm Mr. Crimple eingeschärft, unter keinen Umständen über häusliche Angelegenheiten zu sprechen. Er hielt daher mit einem Ruck inne und fügte bloß hinzu: »Sie war noch auf und hat auf ihn gewartet.« »Wenn mer die Sach bei Licht betracht'«, entgegnete Mrs. Gamp mit Schärfe, »so hätt s' scho was G'scheiters tun können. Sin die beiden freundlich mitanander g'west?« »O ja«, antwortete Bailey, »so ziemlich.« »Dös freut mi«, knurrte Mrs. Gamp mit einem zweiten bedeutsamen Schnüffeln. »Sie sind noch nicht so lang miteinander verheiratet«, erklärte Poll, sich die Hände reibend, »um nicht noch eine Weile gut miteinander auszukommen.« »Na ja«, brummte Mrs. Gamp mit einem dritten bedeutungsvollen Signal. »Besonders«, fuhr der Barbier fort, »wenn der Herr einen so guten Charakter hat, wie Sie sagen.« »I sag wie's is, Mr. Sweedlepipe«, fiel Mrs. Gamp rasch ein. »Gott behüt, daß 's anders wär, aber wissen können mir net, was in andere Leute ihnere Herzen vorgeht, und wenn wir Menschen Glasscheiben davor hätten, so müßt – dös kann i Ihna versichern – so manches von uns die Fensterladen vorlegen.« »Aber Sie wollen damit doch nicht sagen – –?« begann Poll Sweedlepipe. »Na, na«, erwiderte Mrs. Gamp schroff, »i sag gar nix. So was dürfen S' net von mir glaubn. Nöt amal am Scheiterhaufen möcht i so was tun. Alls, was i sag, is«, fügte die gute Frau hinzu, stand auf und warf sich ihren Schal um, »daß mer im \›Ochsen\‹ auf mi wart und daß die Minuten lange Haxen ham.« Bei seiner angeborenen Neugierde trug natürlich der kleine Barbier heftiges Verlangen, Mrs. Gamps Patienten zu sehen. Er machte daher Mr. Bailey den Vorschlag, die Dame mit ihm nach dem »Ochsen« zu begleiten, um die Abfahrt der Kutsche mit anzusehen. Der junge Herr war sofort einverstanden, und so gingen sie alle drei zusammen fort. Als sie bei dem Gasthause angekommen waren, ließ Mrs. Gamp, die in vollem Reisestaat war – nämlich in ihrem letzten Traueranzug –, ihre Freunde im Hofe stehen und verfügte sich hinauf in das Krankenzimmer, wo ihre Kollegin, Mrs. Prig, den Patienten soeben ankleidete. Der Kranke sah so abgezehrt aus, daß man seine Knochen klappern zu hören glaubte, wenn er sich bewegte. Seine Wangen waren tief eingefallen und seine Augen unnatürlich groß. Er lag im Armstuhl mehr wie ein Toter als wie ein Lebendiger und rollte seine tiefliegenden Augen, als Mrs. Gamp erschien, so qualvoll und schmerzlich nach der Türe, als sei selbst diese Anstrengung zu schwer für seine schwachen Kräfte. »Na, und wie geht's uns heut?« fragte Mrs. Gamp. »Wir sehn ja famos aus!« »Da sehn mir famoser aus als mir sin«, entgegnete Mrs. Prig in etwas gereiztem Tone. »I glaub, mir sin mit dem linken Fuß ausm Bett aufg'standen. Nix is uns recht. I hab mei Lebtag noch kan solchen Kranken g'segn. Wär's nach eahm gangn, so hätt er sich net amal waschen lassen.« »Sie hat mir Seife in den Mund geschmiert«, klagte der unglückliche Patient mit schwacher Stimme. »Warum habn S' 's Maul net zug'halten?« schimpfte Mrs. Prig. »Für a halbe Krone im Tag soll mer leicht a no Obacht geben, was? Wann S' g'streichelt sein wolln wie a seidns Tuch, so müssen S' dafür zahlen.« »O Gott, o Gott, o Gott«, stöhnte der Patient. »Da hast du's«, keifte Mrs. Prig. »So führt er sich auf, Sarah, seit i eahm ausm Bett außerzarrt hab. Ob dös a Mensch glauben soll?!« »Anstatt dankbar zu sein«, stimmte Mrs. Gamp ein, »für alle unsre kleinen Mühen und Freundlichkeiten! Schämen S' Ihna!« Sodann faßte Mrs. Prig den Patienten beim Kinn und begann seinen unglücklichen Kopf mit einer Haarbürste zu raspeln. »I glaub, dös paßt Ihna a net, was?« fragte sie und pausierte, um ihn anzublicken. Es war allerdings leicht möglich, daß die Sache dem Kranken nicht behagte, denn die Bürste war von der härtesten Art, die die moderne Kunst nur erzeugen kann, und seine Haut war schon ganz rot vom Reiben. Mrs. Prig, erfreut über die Richtigkeit ihrer Vermutung, sagte nur triumphierend, »sie kenne sich aus beim Wurstkessel«. Als dem Patienten das Haar hübsch in die Augen heruntergekämmt war, banden ihm Mrs. Prig und Mrs. Gamp das Halstuch um und paßten ihm den Hemdkragen so geschickt an, daß ihm die gestärkten Enden beinahe die Augen ausstachen. Dann kamen Rock und Weste an die Reihe, deren Knöpfe regelmäßig in die falschen Knopflöcher gedrückt wurden; die Stiefel wurden gleichfalls verkehrt angezogen, kurz, der ganze Mann glich schließlich einer Vogelscheuche. »Ich glaube nicht, daß es so recht ist«, stöhnte er verzweifelt, »mir ist, als stäke ich in den Kleidern eines andern. Alles hängt auf die eine Seite über, und Ihr habt mir das linke Hosenbein kürzer gemacht als das andere. Und da hab ich gar eine Flasche in der Tasche. Warum soll ich denn auf einer Flasche sitzen?« »Da hol doch scho der Henker den Menschen!« rief Mrs. Gamp und zog ihm die Flasche aus dem Rock. »Ob er net mei Nachtflaschn da drin stecken hat! I hab sein Rock als Vorratsschrank benutzt, wie er hinter der Tür g'hängt hat. Wie aufn Tod hab i's vergessen. Betsey, Sie werden a paar Zwiefeln, a Bröckerl Tee und Zucker in seiner andern Taschen finden, wann S' so gut sein wolln, meine Liebe, und neingreifen.« Betsey Prig zog die genannten Gegenstände und noch andere Kramladenartikel aus der Tasche, und Mrs. Gamp schob sie in ihre eigene, die eine Art Nankinkorb darstellte. Dann wurden Erfrischungen in Gestalt von Koteletts und Doppelale für die Damen und ein Teller schwache Bouillon für den Patienten hereingebracht, und kaum waren alle drei mit ihrem Mahle zu Ende, als John Westlock auf der Bildfläche erschien. »Bereits auf und angezogen?!« rief er und nahm neben dem Kranken Platz. »Das ist wacker! Nun, wie fühlen Sie sich?« »Viel besser, aber nur noch sehr schwach.« »Kein Wunder! Es hat sie auch ordentlich gepackt gehabt. Aber die Landluft und die Ortsveränderung werden einen neuen Menschen aus Ihnen machen«, sagte John. »Aber Mrs. Gamp«, setzte er lachend hinzu und suchte freundlich den Anzug des Kranken zu ordnen. »Sie haben kuriose Begriffe, wie ein Gentleman gekleidet geht.« »Mr. Lewsome ist nicht so leicht in seine Kleider zu bringen«, entschuldigte sich Mrs. Gamp würdevoll, »dös können i und die Prig im Notfall vor dem Bürgermeister und dem ganzen Rat bezeugen.« John stand ganz dicht vor dem Patienten und war eben im Begriff, ihn von der Qual der erwähnten Hemdkragenspitzen zu befreien, als dieser flüsternd sagte: »Mr. Westlock, ich möchte nicht, daß man meine Worte hier hört, aber ich hätte Ihnen etwas höchst Seltsames mitzuteilen; etwas, das während dieser langen Krankheit mir schwer auf dem Herzen gelegen hat.« Rasch wie immer, drehte sich John sogleich um und wollte den Weibern befehlen, das Zimmer zu verlassen, aber der Kranke hielt ihn am Ärmel zurück. »Nicht jetzt! Ich habe nicht die Kraft dazu und auch nicht den Mut. Darf ich's Ihnen sagen, wenn ich wieder dazu imstande bin? Darf ich's niederschreiben, wenn ich wieder soweit kräftig bin?« »Ob Sie dürfen, Lewsome!?« rief John. »Ja, was soll denn das heißen?« »Fragen Sie mich jetzt nicht weiter. Es ist unnatürlich und schrecklich; es ist fürchterlich, daran zu denken, und furchtbar, es zu sagen, furchtbar, es zu wissen – furchtbar, dabei mitgeholfen zu haben. Lassen Sie mich Ihnen die Hand küssen für all das Gute, das Sie mir erwiesen haben. Seien Sie noch gütiger und fragen Sie mich jetzt nicht weiter.« Anfangs starrte John den Kranken in großer Verwunderung an, dann jedoch dachte er daran, wie erschöpft der Mann sein müsse und daß sein Gehirn erst unlängst in Fieberflammen gestanden habe und daß er vielleicht an einem eingebildeten Schrecken oder einer verzweiflungserfüllten Phantasie leiden könne. Um sich näher über diesen Punkt zu unterrichten, nahm er Mrs. Gamp beiseite, während Betsey Prig den Patienten mit Mänteln und Schals einmummte, und fragte sie, ob Mr. Lewsome auch ganz bei Besinnung sei. »Gott bewahr«, rief Mrs. Gamp, »er haßt seine Wärterinnen bis auf die jetzige Stund. So sin s' immer. Dös is a sichers Zeichen. Hätten S' nur g'hört, wie er mich und die Prig ausgescholten hat vor aner halben Stund noch! Sie möchten's gar net glaubn, daß mir net scho längst im Grab liegen!« Diese Worte bestätigten beinahe Johns Argwohn. Er nahm daher Lewsomes Ausspruch nicht weiter ernst, setzte sein gewohntes fröhliches Gesicht auf und führte mit Mrs. Gamps und Betsey Prigs Hilfe den Kranken die Treppe hinunter zum Wagen, der schon zur Abfahrt bereitstand. Mr. Sweedlepipe lehnte an der Tür, die Arme verschränkt und die Augen weit aufgerissen, und sah mit ungeheurer Neugierde zu, wie der Kranke langsam in die Kutsche gehoben wurde. Die abgezehrten knochigen Hände und das hagere Gesicht machten auf ihn einen tiefen Eindruck, und flüsternd sagte er zu Mr. Bailey, er hätte den Anblick nicht für eine Guinee versäumen mögen. Mr. Bailey dachte anders und bemerkte, für fünf Schillinge wäre er mit Vergnügen weggeblieben. Es war eine mühselige und schwierige Sache, Mrs. Gamps Gepäck zu ihrer Zufriedenheit im Wagen zu verstauen, denn jedes Stück mußte in eine besondere Abteilung des Kutschkastens kommen, damit nichts verwechselt werde, bei sonstiger Klage auf Schadenersatz gegen die Eigentümer des Fuhrwerks. Der Regenschirm mit dem kreisförmigen Flickstück war besonders schwer unterzubringen und streckte mehrmals zum Schrecken der übrigen Passagiere seine zerbeulte Metallspitze aus den ungehörigsten Spalten und Löchern hervor. In ihrer Angst, einen sichern Hafen für dieses unentbehrliche Möbelstück zu finden, hatte ihn Mrs. Gamp im Laufe von fünf Minuten so oft anders gelegt, daß man schließlich meinte, es mit mindestens fünfzig Stück zu tun zu haben. Endlich war er spurlos verschwunden, und nun folgte Mrs. Gamp fünf Minuten lang dem Kutscher auf Schritt und Tritt, sich hoch und teuer in fürchterlichen Schwüren ergehend, daß man ihr den Schaden ersetzen müsse, und wenn sie die Klage bis vor das Unterhaus bringen sollte. Endlich waren ihr Bündel, ihr Korb, ihre Überschuhe und alles andere glücklich verstaut. Freundlich nahm sie von Poll und Mr. Bailey Abschied, machte einen Knicks vor John Westlock und trennte sich von Mrs. Betsey Prig wie von einer teuern Schwester. »I wünsch Ihna a Masse Krankheiten, liebe Freundin«, bemerkte sie, »und gute Plätz. Hoffentlich wird's nimmer lang dauern, bis mir wieder amal gemeinschaftlich mitanander arbeiten, Betsey, und wann mir Glück ham, treffen mir uns in aner großen Familie, wo alls wia am Schnürl hergeht und a geschäftsmäßigs Aussehen hat.« »I mach mir net viel draus, ob's scho bald is oder ob's noch a paar Wochen dauert«, sagte Mrs. Prig. Mit einer ähnlich geistvollen Erwiderung näherte sich Mrs. Gamp sodann der Kutsche, stieß aber dabei mit einer Dame und einem Herrn zusammen, die gerade über den Fußsteig gingen. »Achtung da! Vorgesehen!« rief der Gentleman. »Heda! Sie da! Aber herrje, das ist ja die Mrs. Gamp!« »Jessas, der Herr Mould!« rief die Wärterin. »Und die Mrs. Mould! Na, wer hätt jetzt dös denkt, daß mir hier z'sammtreffen!« »Sie wollen die Stadt verlassen, Mrs. Gamp?« rief Mr. Mould. »Das ist ja etwas höchst Ungewöhnliches!« »Freilich is was Ungewöhnliches«, versetzte Mrs. Gamp, »aber nur auf ein paar Tag. Der Herr da«, flüsterte sie, »von dem i neulich gesprochen hab.« »Wie? Der im Wagen?« fragte Mr. Mould. »Derselbe, den Sie uns zu rekommandieren gedachten? Sehr sonderbar! Meine Liebe, das wird dich interessieren. Der Gentleman, von dem Mrs. Gamp sagte, er werde uns wahrscheinlich einen zusagenden Bescheid geben, befindet sich hier im Wagen, meine Liebe.« Mrs. Mould interessierte sich sehr dafür. »Komm hierher, mein Schatz, da kannst du auf die Türschwelle treten und ihn ansehen. Dort, das ist er! Wo ist mein Augenglas? Ja, ja, ganz recht, das ist er. Siehst du ihn, meine Liebe?« »Sehr gut!« entgegnete Mrs. Mould. »Meiner Seel, das ist ein höchst auffallender Umstand«, wiederholte Mould höchlichst entzückt. »Das ist etwas, meine Liebe, das ich um keinen Preis hätte versäumen mögen. Interessant! Es kommt mir fast vor wie ein kleines Schauspiel. Ja, da sitzt er; – wahrhaftig! Er sieht sehr elend aus, liebe Frau – meinst du nicht?« Mrs. Mould war ganz dieser Ansicht. »Vielleicht kommt es doch noch zu einem Geschäft«, sagte Mould, »wer weiß! Ich glaube wahrhaftig, ich sollte ihm irgendeine kleine Aufmerksamkeit erweisen. Er kommt mir gar nicht wie ein Fremder vor. Ich möchte fast den Hut vor ihm lüften, meine Liebe!« »Er sieht soeben zu uns herüber«, berichtete Mrs. Mould. »Dann will ich's riskieren«, rief Mould. »Wie steht das werte Befinden, mein Herr? Guten Tag, mein Herr! – Aha, er verbeugt sich – sehr feiner Herr das – Mrs. Gamp hat die Geschäftskarte in ihrer Tasche – wirklich sehr seltsames Zusammentreffen, meine Liebe – wirklich sehr angenehm. Ich bin nicht abergläubisch, aber es hat wahrhaftig den Anschein, als ob wir bestimmt seien, ihm die gewissen kleinen melancholischen Dienste zu erweisen, die zu unserm Geschäftszweige gehören. Ich sehe nicht ein, was dich übrigens hindern könnte, ihm eine Kußhand zuzuwerfen, meine Liebste!« Mrs. Mould tat es. »Ha, ha«, rief Mould, »er hat sich sichtlich darüber gefreut. Der arme Bursche, ich freue mich wirklich, daß du's getan hast. – Adieu, adieu, Mrs. Gamp«, rief er der Wärterin, mit der Hand winkend, zu. »Da fährt er!« Und so war es. Die Kutsche rollte bei diesen Worten davon. Mr. und Mrs. Mould nahmen in rosigster Laune ihren Weg wieder auf. Mr. Bailey zerrte an Poll Sweedlepipes Ärmel, allein es dauerte eine geraume Weile, ehe er seinen Freund vom Fleck zu bringen vermochte, solchen Eindruck hatte Mrs. Prigs auf den Barbier gemacht. Ihren Backenbart anstaunend, erklärte er sie für ein außerordentlich reizvolles Weib. Als das bißchen Lärm vorüber war, das sich um den Wagen gesammelt hatte, sah man Nadgett mit gespannter Miene in der dunkelsten Ecke des Kaffeezimmers des »Ochsen« sitzen; wahrscheinlich hatte sich sein Freund, der bekanntlich niemals kam, schon wieder verspätet. 30. Kapitel Es zeigt sich, daß selbst in dem besten Familienleben die Harmonie gestört werden kann Wie es die erste Sorge des Chirurgen ist, wenn er ein Glied amputiert hat, die Pulsadern, die sein grausames Messer durchschnitten, zu unterbinden, so ist es die Pflicht dieser Erzählung, die in ihrem schonungslosen Verlauf vom Pecksniffschen Rumpf den rechten Arm, nämlich Gratia, abgetrennt hat, nach dem väterlichen Stamm zu sehen und zu betrachten, wie dieser in allen seinen verschiedenen Verzweigungen sich ohne Stütze behalf. Zuvörderst müssen wir von Mr. Pecksniff bemerken, daß er, nachdem er seine jüngere Tochter mit dem auserlesensten aller irdischen Güter, nämlich mit einem zärtlichen und nachsichtigen Gatten versehen und durch ihre glückliche Versorgung den heißesten Wunsch seines Vaterherzens befriedigt hatte, in neuer jugendlicher Kraft auflebte und sich, getragen von den Flügeln eines reinen Gewissens, zu jeder Art von Flug befähigt fühlte. Die guten Väter in den Theaterstücken pflegen, wenn sie ihren Töchtern die Männer ihrer Liebe gegeben haben, sich selber zu beglückwünschen und sich zu versichern, daß sie nun nichts mehr auf Erden zu tun haben und der Herr sie in Frieden zu sich nehmen könne, wenn sie sich auch selten beeilen, wirklich in die Grube zu fahren. Mr. Pecksniff war ein Vater von der weiseren und praktischeren Sorte und schien daher zu glauben, er müsse jetzt erst recht zu leben anfangen, und, da er sich einer Bequemlichkeit beraubt sah, sich mit einer andern umgeben. Wie geneigt übrigens auch der Wackere war, scherzhaft zu tun und sich in den Gärten seiner Phantasie zu ergehen, so stand ihm doch fortwährend ein Hindernis im Wege. Die zarte Cherry, aufgestachelt von dem Bewußtsein, sie erfahre nur Verachtung und eine Unbill, die, statt mit der Zeit nachzulassen, nur immer üppiger und üppiger in ihrem Herzen wucherte – die zarte Cherry war in offener Rebellion begriffen. Sie führte erbittert Krieg gegen ihren teuern Papa und ließ den Ehrenmann sozusagen ein wahres Hundeleben führen – besser gesagt, es gab keinen Hund in seiner Hütte, im Stalle oder im Hause, dem es nur halb so schlimm ergangen wäre wie Pecksniff in der Nähe seines liebevollen Kindes. Vater und Tochter saßen beim Frühstück; Tom hatte sich zurückgezogen, und sie waren allein. Mr. Pecksniff machte anfangs ein finsteres Gesicht, allmählich heiterte sich aber seine Miene auf, und er blickte verstohlen auf seine Tochter. Ihre Nase war sehr rot und hatte etwas Spitziges, Herausforderndes. »Cherry«, begann Mr. Pecksniff milde, »was liegt denn eigentlich zwischen uns? Mein Kind, warum sind wir so entzweit?« Miss Cherrys Antwort war keine rechte Erwiderung auf diesen Zärtlichkeitserguß, denn sie lautete: »Possen, dummes Zeug, Papa!« »Possen? Dummes Zeug?« wiederholte Mr. Pecksniff angelegentlich und besorgt. »Es ist zu spät, Papa«, entgegnete die Tochter ruhig, »so mit mir zu sprechen. Ich weiß ganz gut, was vorgeht und was ich davon zu halten habe.« »Das ist hart«, rief Mr. Pecksniff, seine Tasse anredend. »Das ist sehr hart! Du bist doch mein Kind. Ich habe dich auf den Armen getragen, als du noch formlose Wollschuhe – ich möchte sagen ›Muffler‹ – trugst, und das ist schon viele Jahre her.« »Du brauchst mich deshalb nicht zu verhöhnen, Papa«, versetzte Cherry indigniert, »ich bin nicht gar so viel älter als meine Schwester, die du ja jetzt glücklich an deinen Freund angebracht hast.« »Ach, Menschennatur, Menschennatur, arme Menschennatur«, stöhnte Mr. Pecksniff, den Kopf über die Menschennatur schüttelnd, als ob er selbst ein viel höheres, weit über alle Menschennatur erhabenes Wesen sei. »Zu denken, daß dieser Zwist aus einer solchen Ursache entspringt. Du mein lieber Himmel!« »Jawohl, aus einer solchen Ursache!« höhnte Cherry »Nenne lieber die Ursache beim wirklichen Namen, sonst tue ich's! Jawohl ich! Und ich will und werde es!« Vielleicht war die Energie, mit der sie diese Worte aussprach, ansteckend, jedenfalls änderte Mr. Pecksniff plötzlich Ton und Miene, wurde sehr böse – um nicht zu sagen »ingrimmig« – und rief: »Du willst und wirst es? Aber du hast es ja in einem fort getan! Gestern, heute, jetzt! Du lässest jeden Anstand beiseite und machst kein Geheimnis aus deiner Gemütsart. Hundertmal gewiß schon hast du dich Mr. Chuzzlewit gegenüber gehenlassen und kompromittiert!« »Ich?!« rief Cherry mit bitterm Lächeln. »Oh, natürlich! Übrigens wenn auch! Ich mache mir nichts daraus.« »Und auch mich hast du bloßgestellt«, sagte Mr. Pecksniff vorwurfsvoll. Miss Cherry antwortete nur mit einem geringschätzigen Lächeln. »Da es nun schon einmal zu einer Aussprache gekommen ist«, begann Mr. Pecksniff von neuem und schüttelte drohend das Haupt, »so laß dir ein für allemal gesagt sein, daß ich dergleichen nicht mehr zugeben werde. Keinen Unsinn jetzt mehr, Miss.« »Ich werde tun«, sagte Cherry, wiegte sich auf ihrem Stuhle hin und her und erhob ihre Stimme zum lautesten Diskant, »ich werde tun, Papa, was mir beliebt und was ich bisher getan habe. Ich lasse mich nicht in allem und jedem unterdrücken, verlaß dich drauf. Man hat mich schmachvoller mißhandelt als irgend jemanden auf der Welt« – sie fing an zu weinen und zu schluchzen – »und ich kann mich auch weiterhin auf das Ärgste von deiner Seite gefaßt machen, das weiß ich. Aber ich mache mir nichts daraus; – nein, ich mache mir nichts daraus!« Mr. Pecksniff geriet durch den lauten Ton, in dem sie sprach, so außer sich, daß er sich zuerst in wilder Unruhe umsah, ob er kein Mittel finden könne, sie zu beruhigen, dann aber stand er auf und schüttelte seine Tochter, bis die Schmachtlocke auf ihrer Frisur wie eine Feder hin und her nickte. Charitas war durch diesen Angriff so in Erstaunen versetzt, daß er damit wirklich den gewünschten Erfolg erzielt zu haben schien. »So werde ich dir jedesmal kommen«, rief Mr. Pecksniff nach Luft schnappend und nahm seinen Sitz wieder ein, »wenn du dich noch mal unterstehst, mit mir in so lauter Weise zu sprechen. Was willst du eigentlich damit sagen, daß du von schmählicher Behandlung sprichst? Wenn Jonas deine Schwester vorzog, so möchte ich gerne wissen, wer das hätte ändern können. – Was geht denn die ganze Geschichte mich an?« »Hat man mich vielleicht nicht als Handhabe benutzt und meine Gefühle mit Füßen getreten? Hat er nicht zuerst mir den Hof gemacht?« schluchzte Cherry und rang die Hände. »Oh, daß ich eine derartige Behandlung erleben mußte!« »Du wirst sie noch einmal erleben«, beteuerte Mr. Pecksniff, »wenn du mich so weit treibst und ich kein anderes Mittel mehr habe, den Anstand in diesem bescheidenen Hause aufrechtzuerhalten. Ich verstehe dich nicht. Ich muß mich wahrhaftig wundern, daß du so wenig Einsicht und Verstand beweist. Wenn Jonas sich nichts aus dir machte, wie kannst du jetzt noch wünschen, ihn zu besitzen?« »Ich ihn besitzen wollen!« stöhnte Cherry. »Ich ihn besitzen wollen! Papa!« »Nun also, wozu machst du dann einen solchen Spektakel?« rief Mr. Pecksniff. »Wenn du nichts mehr von ihm wissen willst?« »Weil man falsch und hinterlistig an mir gehandelt hat!« schrie Cherry. »Und weil mein eigner Vater und meine leibliche Schwester sich gegen mich verschworen haben. Auf sie bin ich nicht böse«, setzte sie hinzu und machte ein bitterböses Gesicht. – »Ich bemitleide sie; ich bedaure sie; weiß ich doch, was für ein Schicksal ihrer harrt – bei dem Schuft!« »Mr. Jonas wird nicht daran sterben, daß du ihn einen Schuft nennst«, sagte Pecksniff mit steigender Ergebung. »Nenne ihn meinetwegen, wie du willst, aber mach der Sache jetzt ein Ende!« »Nein, kein Ende, Papa!« kreischte Charitas. »Nein, kein Ende! Es ist das auch nicht das einzige, was zwischen uns liegt. Ich will und werde mich nicht darein fügen, und es ist besser, wenn du das ein für allemal jetzt erfährst. Nein, ich will und werde mich nicht darein fügen; ich bin nicht blind oder blödsinnig! Alles, was ich zu sagen habe, ist: – ich will nicht!« Was Miss Cherry nun auch damit sagen wollte, jedenfalls fühlte sich Mr. Pecksniff erschüttert, und sein armseliger Versuch, eine würdevolle Miene aufzusetzen, scheiterte kläglich. Sein Zorn verwandelte sich im Handumdrehen in Demut, und seine Worte wurden schmeichlerisch. »Meine Liebe«, lenkte er ein, »wenn ich in der Aufregung eines zornigen Augenblicks zu einem nicht zu rechtfertigenden Mittel meine Zuflucht nahm, um einen Gefühlsausbruch zu unterdrücken, der darauf hinausgelaufen wäre, sowohl dich wie mich herabzuwürdigen, so bitte ich dich um Verzeihung. Ein Vater, der sein Kind um Verzeihung bittet!« rief Mr. Pecksniff. »Ich dächte, das müßte ein Anblick sein, der selbst die wildeste Natur zu besänftigen vermochte!« Miss Cherry besänftigte er nun aber ganz und gar nicht – wahrscheinlich, weil ihre Natur nicht wild genug war. Sie bestand im Gegenteil wiederholt auf ihrer Behauptung, sie sei nicht blödsinnig oder blind und werde »es« unter gar keinen Umständen weiter ruhig mit ansehen. »Du mußt in einem Irrtum befangen sein, mein Kind«, versuchte Mr. Pecksniff auszuweichen, »aber ich will nicht weiter fragen, was du meinst; ich verlange es auch nicht zu wissen. Nein, bitte«, sagte er, mit der Hand abwehrend, und wieder stieg ihm das Blut in die Wangen, »lassen wir das Thema fallen, mein Kind. Sei es, wie es wolle.« »Es ist nicht mehr als recht und billig, daß das Thema zwischen uns vermieden werden soll«, versetzte Cherry; »aber um imstande zu sein, es vermeiden zu können, muß ich dich zuvörderst bitten, mir ein Heim zu geben.« Mr. Pecksniff sah sich gedrückt im Zimmer um und fragte: »Ein Heim, mein Kind?« »Ein anderes Heim, Papa«, wiederholte Cherry mit düsterer Feierlichkeit. »Verschaffe mir bei Mrs. Todgers oder sonstwo eine Unterkunft. Hier kann und will ich nicht länger wohnen bleiben, wenn es schon einmal so weit gekommen ist.« Möglich, daß in Miss Pecksniffs Geist bei dem Gedanken an Mrs. Todgers ein Traumgesicht von allerlei verliebten Herren auftauchte, die danach schmachteten, ihr anbetend zu Füßen zu fallen, möglich auch, daß Mr. Pecksniff bei seiner neu erwachenden Jugendlichkeit den Hinweis auf das gedachte Etablissement als willkommenes Mittel betrachtete, eine drückende, hemmende Bürde loszuwerden, jedenfalls klang der Vorschlag seinem aufmerksamen Ohr durchaus nicht wie etwa ein Totengeläute aller Hoffnungen. Aber er war ein Mann von tiefem Gefühl und höchster Empfindsamkeit, er drückte daher sein Taschentuch mit beiden Händen gegen die Augen, wie Leute seines Schlages es gern zu tun pflegen. Besonders, wenn sie sich beobachtet wissen. »Eins meiner Täubchen«, schluchzte er, »hat mich bereits verlassen und sich an die Brust eines Gatten geschmiegt, und das andere will seinen Flug jetzt zu Mrs. Todgers nehmen! Ach, was soll aus mir werden? Ich weiß es nicht! Doch, was liegt daran – –?« Selbst diese Bemerkung, die noch pathetischer dadurch wurde, daß er von Schmerz übermannt mitten darin abbrach, machte auf Charitas keinerlei Eindruck. Sie blieb mürrisch, starr und unbeugsam. »Stets habe ich«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »stets habe ich meiner Kinder Glück dem meinigen – ich will sagen: das meinige dem meiner Kinder aufgeopfert, und ich werde nicht so spät noch beginnen, mein Leben nach anderen Grundsätzen einzurichten. Wenn du bei Mrs. Todgers glücklicher sein zu können glaubst als im Hause deines Vaters, so gehe zu Mrs. Todgers! Denke nicht dabei an mich, mein Kind!« setzte er mit Rührung hinzu. »Ich werde mich auch mit der Einsamkeit abzufinden trachten.« Miss Charitas wußte ganz genau, daß ihr Vorschlag ihrem Vater in Wirklichkeit große Freude bereitete, sie unterdrückte daher ihre eigene und begann auf die näheren Bedingungen einzugehen. Mr. Pecksniffs Äußerungen darüber waren anfangs so abweisend, daß ein nochmaliger Streit und vielleicht sogar ein nochmaliges Schütteln zu folgen drohte, aber allmählich kamen sie zu einer Art von Verständigung, und der Sturm ging leichter vorüber, als es anfangs den Anschein hatte. In Wirklichkeit bot Miss Charitas' Vorschlag so viel Annehmlichkeiten für beide Teile, daß es seltsam hätte zugehen müssen, wenn sie nicht zu einer Einigung gekommen wären. Sie beschlossen daher, das Projekt für alle Fälle vorerst einmal zu versuchen, und zwar sogleich. Unpäßlichkeit, der Wunsch nach Ortsveränderung sowie die Sehnsucht, ihrer Schwester nahe zu sein, sollten als Entschuldigung für Cherrys Abreise vor Mr. Chuzzlewit und Mary dienen, die beide die junge Dame ohnehin seit einiger Zeit für sehr nervös erregt hielten. Nachdem dies Abkommen getroffen war, gab Mr. Pecksniff seiner Tochter seinen Segen mit aller Würde eines selbstlosen Vaters, der zwar ein schweres Opfer gebracht hat, sich aber mit dem Gedanken tröstet, daß jede gute Tat den Lohn in sich selbst trägt. So waren sie zum erstenmal wieder versöhnt seit jener verhängnisvollen Nacht, wo Mr. Jonas, die ältere Schwester verschmähend, seine Leidenschaft für die jüngere eingestanden und Mr. Pecksniff ihm darin – aus moralischen Gründen – Vorschub geleistet hatte. Aber wie ging es – im Namen der sieben Weltwunder – zu, daß Mr. Pecksniff und Cherry sich jetzt so plötzlich voneinander trennen wollten? Was hatte ihr Verhältnis zueinander so sehr getrübt? Warum gab Miss Pecksniff mit solcher Emphase zu verstehen, daß sie weder blind noch blödsinnig sei und nicht länger mehr ruhig zusehen wolle? Es war doch ausgeschlossen, daß Mr. Pecksniff noch einmal daran dachte zu heiraten? Oder sollte wirklich seine Tochter mit dem scharfen Auge einer alten Jungfer einen solchen Plan in seinem Hirn durchschaut haben? Gehen wir der Sache einmal nach. Mr. Pecksniff, als Mann ohne Fehl und Tadel, als ein Charakter, an dem der Hauch der Verleumdung spurlos verging wie gemeiner Hauch an einer polierten Fläche, konnte sich erlauben, was sich gewöhnliche Menschen nicht gestatten durften: Er kannte die Reinheit seiner eigenen Beweggründe, und wenn eine Triebfeder in ihm tätig war, ließ er sie walten und wirken, wie es nur ein sehr guter (oder ein sehr schlechter) Mann imstande ist. Hatte er starke und auf der Hand liegende Gründe, ein zweites Weib zu freien? Ja, allerdings! Und nicht bloß etwa einen oder zwei, sondern eine ganze Menge. In dem alten Martin Chuzzlewit war allmählich eine große Veränderung vor sich gegangen. Schon in jener Nacht, wo er so zur Unzeit in Mr. Pecksniffs Hause erschienen, war er gegen früher außerordentlich zahm und leicht zu behandeln. Dies schrieb Mr. Pecksniff dem tiefen Eindruck zu, den des Bruders Tod auf ihn gemacht haben mußte. Von jener Stunde an aber schien sich Mr. Chuzzlewits Charakter nach und nach vollständig umgewandelt und beinah bis zu einer stumpfen Gleichgültigkeit gegenüber jedermann, Mr. Pecksniff ausgenommen, herabgemildert zu haben. Sein Aussehen glich zwar so ziemlich seinem frühern, aber sein Geist war nicht mehr der alte. Nicht, daß diese oder jene Leidenschaft stärker oder schwächer geworden wäre, nein, das Kolorit des ganzen Mannes war sozusagen verblichen. Wenn ein Zug verschwand, trat kein anderer an seine Stelle. Zu gleicher Zeit nahmen auch seine Sinne ab; er hatte ein weniger scharfes Gesicht, war bisweilen schwerhörig, achtete nicht viel auf das, was um ihn herum vorging, und konnte oft tagelang stumm vor sich hinbrüten. Diese Veränderung nahm einen so schnellen Verlauf, daß man sie kaum bemerkte, als sie bereits vollkommen gediehen war. Mr. Pecksniff nahm sie zuerst wahr, und da ihm ein ähnlicher Vorgang bei Anthony Chuzzlewit noch frisch in Erinnerung war, glaubte er in dessen Bruder Martin denselben Prozeß rapiden Alterns zu erkennen. Bei Mr. Pecksniffs Zartgefühl bedeutete dies für ihn einen sehr traurigen Anblick. Er sah voraus, daß sein geschätzter Verwandter das Opfer hinterlistiger Personen werden und sein Reichtum in unwürdige Hände fallen mußte. Und das berührte ihn so schmerzlich, daß er sich vornahm, die Erbschaft für sich selbst zu sichern, all das schleicherische Pack fernzuhalten und das Ei, wie man zu sagen pflegt, für sich selbst auszubrüten. Nach und nach begann er zu versuchen, ob Mr. Chuzzlewit ein fügsames Werkzeug in seiner Hand zu werden verspreche. Da dies der Fall zu sein schien – ja, da Martin sich sogar sehr geschmeidig und weich wie Wachs in seinen Händen erwies und sich nach Belieben kneten ließ, so machte er es sich in seiner Herzensgüte zur Aufgabe, jeden fremden, ihm feindlichen Einfluß zu unterbinden und alle leitenden Fäden selbst in die Hand zu bekommen. Und als schließlich jede kleine Probe, auf die er Mr. Chuzzlewit zu stellen wagte, über Erwarten günstig ausfiel, so glaubte er schon des alten Mannes harte Taler in seinen eignen, nichts weniger als weltlich gesinnten Taschen klimpern zu hören. Aber sooft er über dieses Thema nachdachte – und er tat es in seiner eifrigen Weise wirklich recht oft –, und wenn er sich mit himmelwärts jubelndem Herzen die Verkettung der Umstände vergegenwärtigte, die den alten Herrn zur Strafe für die Übeltäter und zum Triumph der Gerechtigkeit in seine Hand gegeben, stets fühlte er, daß Mary Graham einen hindernden Faktor in seiner ganzen Berechnung bilde. Mochte man sagen, was man wollte, Mr. Pecksniff erkannte ganz genau, daß Martin sie liebte. Er erriet es durch tausend kleine Anzeichen. Stets hatte sie der alte Herr gern um sich, und nie war er ruhig, wenn er sie abwesend wußte. Daß er wirklich das Gelübde getan habe, ihr in seinem Testamente nichts zu vermachen, daran zweifelte Mr. Pecksniff sehr, und selbst wenn er es getan hätte, so gab es ja tausenderlei Mittel, um das Gelübde zu umgehen und um sein Gewissen zu beruhigen. Auch wußte Pecksniff, daß Marys schutzlose Stellung in der Welt eine Qual für die Denkungsweise des alten Mannes bedeuten mußte. Martin hatte es ihm oft genug angedeutet. »Was nun«, sagte sich Mr. Pecksniff, »wenn ich sie heiratete? Wie wäre das?« Er strich sich das Haar in die Höhe und warf einen Blick auf seine Büste von Spoker: »Was, wenn ich mich zuerst seiner Zustimmung versicherte – er ist ziemlich geistesschwach, der Ärmste – und sie dann heiratete?« Mr. Pecksniff hatte ein großes Verständnis für Schönheit, besonders an Frauen, und verstand es, besonders bei Frauen, sich einzuschmeicheln. Wie bereits erwähnt, ließ er Mrs. Todgers gegenüber seinerzeit auch nicht den geringfügigsten Anlaß ungenutzt, sie zu umarmen – es war dies so eine Art Gewohnheit von ihm, ein Teil des sanften Edelmutes seines Charakters. Ehe noch der Gedanke in ihm auftauchte, sich wieder zu verheiraten, hatte er Mary bereits manchen Beweis seiner höchsten Bewunderung gegeben. Sie hatte es nicht mit Unwillen aufgenommen; das war nun wohl weiter nicht von Bedeutung; – aber, wie diese Idee in ihm allmählich heranreifte, wurden diese Beweise zu lebhaft, um dem scharfsichtigen Auge Cherrys zu entgehen, die mit einem Mal den Plan durchschaute. In Wirklichkeit aber hatte Pecksniff von Anbeginn die Gewalt von Marys Reizen empfunden. So vereinigten sich also Neigung und Eigennutz und lenkten das Wägelchen seiner Pläne. Mr. Pecksniff war viel zu weichherzig und versöhnlich, als daß man von ihm hätte erwarten können, er gebe vielleicht irgendeinem Gedanken Raum, sich an dem jungen Martin wegen der unverschämten Ausdrücke, die dieser sich beim Abschiede erlaubt, zu rächen und ihn womöglich noch gründlicher von aller Hoffnung auf eine Wiederversöhnung mit seinem Großvater auszuschließen. Vor einer Zurückweisung seiner eigenen Person von seiten Marys war ihm nicht bange, denn er fühlte sich vollkommen überzeugt, daß ihre Lage trostlos sein müsse, wenn sie ihn und Mr. Chuzzlewit gegen sich habe. Und was die Wünsche ihres eigenen Herzens betraf, so fanden diese kein Verständnis in Mr. Pecksniffs moralischer Anschauung. Er war sich bewußt, was für ein rechtschaffener Mann er war und welchen Segen er für jede Frau auf Erden bedeuten müsse. Seine Tochter hatte jetzt rücksichtslos das Thema zur Sprache gebracht und bewiesen, daß sie die Sachlage durchschaute. Es blieb ihm daher nichts weiter übrig, als lediglich seinen Plan so gewandt wie möglich und so schlau wie nur irgend denkbar zu verfolgen. »Nun, mein wertgeschätzter Herr«, sagte er eines Tages zu dem alten Martin, als dieser im Garten umherschlenderte, wie er zu tun pflegte, wenn er Lust dazu hatte, »wie steht das werte Befinden an diesem köstlichen Morgen?« »Meinen Sie mich?« fragte der alte Mann. »Aha«, murmelte Mr. Pecksniff, »er hat heute wieder seinen tauben Tag. – Wen könnt ich denn sonst meinen, mein werter Herr?« »Sie hätten auch Mary meinen können«, brummte der alte Mann. »Allerdings. Sehr richtig. Ich dürfte doch gewiß auch von ihr wie von einer teuern, lieben Freundin sprechen, nicht wahr«, sondierte Mr. Pecksniff. »Selbstverständlich«, entgegnete der alte Martin, »und ich denke, sie verdient es auch.« »Sie denken?!« rief Mr. Pecksniff. »Sie denken bloß, Mr. Chuzzlewit?« »Ich kann Sie nicht recht verstehen«, versetzte Martin. »Bitte, reden Sie doch lauter.« »Er wird auch von Tag zu Tag tauber«, brummte Pecksniff. – – »Also, ich wollte sagen, mein werter Herr, ich fürchte, daß ich mich auf eine Trennung von Cherry gefaßt machen muß.« »Was hat sie denn angestellt?« fragte Mr. Chuzzlewit. »Oh, nichts. Gar nichts!« beteuerte Mr. Pecksniff, beinahe schreiend. – »Er ist heute ganz kindisch. – Er wird jeden Tag marastischer«, brummte er in sich hinein. »Also warum soll sie dann fort?« »Sie fühlt sich nicht recht wohl. Die beiden Schwestern liebten einander aufs zärtlichste von der Wiege an, und ich denke, ich will Cherry der Abwechslung wegen nach London schicken – und zwar für ziemlich lange Zeit, Sir, wenn ich sehe, daß es ihr dort gut gefällt.« »Sehr gut«, versetzte Martin, »und sehr verständig.« »Es freut mich von Herzen, das von Ihnen zu hören. – – Ich hoffe, ich darf Ihnen doch während der traurigen Zeit ihrer Abwesenheit ein wenig Gesellschaft leisten?« fragte Mr. Pecksniff. »Ich habe durchaus nicht vor, mich derselben zu entziehen«, lautete Martins Antwort. »Warum wollen Sie übrigens«, flötete Mr. Pecksniff, zog den Arm des alten Herrn durch den seinigen und ging langsam neben ihm her; »warum wollen Sie eigentlich, mein werter Herr, nicht zu mir ziehen und bei mir bleiben? Ich bin überzeugt, ich könnte Sie mit mehr Komfort umgeben, so bescheiden auch mein Dach sein mag – mit mehr Komfort, als sie in dem Dorfwirtshause drüben werden finden können. Und verzeihen Sie mir, Mr. Chuzzlewit, verleihen Sir mir, wenn ich sage, daß ein Haus wie der ›Drache‹ trotz der Ordnung, die dort waltet – und soviel ich weiß, gehört Mrs. Lupin zu den würdigsten Wirtinnen dieser Gegend –, kaum ein passendes Heim für Miss Graham bedeutet.« Martin sann einen Augenblick nach, drückte dann seinem Begleiter die Hand und erwiderte: »Ja, Sie haben ganz recht.« »Schon der Anblick der Kegelbahn«, fuhr Mr. Pecksniff beredt fort, »steht durchaus nicht im Einklang mit einer so zarten und feinen Natur.« »Freilich«, gab der alte Herr zu. »Es ist eine ordinäre Belustigung fürs Volk.« »Für das allergemeinste Volk!« verbesserte Mr. Pecksniff. »Warum wollen Sie also Miss Graham nicht hierher bringen, Sir? Hier steht Ihnen doch mein Haus zur Verfügung. Ich bewohne es allein, denn Tom Pinch zähle ich nicht. Unsere liebe Freundin soll das Zimmer meiner Tochter bekommen, und Sie selbst können sich ein beliebiges anderes auswählen. Wir werden uns diesbezüglich schon einigen.« »Ja, das glaube ich auch«, murmelte Martin. Mr. Pecksniff drückte ihm die Hand. »Ich sehe, wir verstehen uns, mein werter Herr.« – Ich kann ihn um den kleinen Finger wickeln dachte er innerlich mit Jubel. »Die Entschädigungssumme müssen Sie mir überlassen«, sagte der alte Mann nach einer Pause von ungefähr einer Minute. »Reden Sie nicht von Entschädigung!« bat Mr. Pecksniff flehentlich. »Ich frage Sie aber«, wiederholte Martin mit einem Anflug seiner alten Hartnäckigkeit, »ob Sie die Entschädigungssumme mir überlassen wollen oder nicht.« »Wenn Sie es wünschen, muß ich es wohl, mein werter Herr«, gab Mr. Pecksniff betrübt zu. »Ich bestehe darauf. Sie wissen, daß ich auf dergleichen immer bestehe. Ich will bezahlen, wenn ich irgendwo wohne; auch wenn es bei Ihnen ist. Außerdem behalte ich mir vor, eines Tages noch anderweitigen verwandtschaftlichen Pflichten nachzukommen, Pecksniff.« Der würdige Architekt war viel zu ergriffen, um ein Wort sprechen zu können. Er versuchte eine Träne auf die Hand seines Gönners niederträufeln zu lassen, konnte aber in seiner ausgetrockneten Gefühlsretorte nicht genug Feuchtigkeit aufbringen. »Möge dieser Tag noch ferne sein«, lautete sein frommer Ausruf. »Ach, wenn ich nur Worte finden könnte, um Ihnen zu sagen, welch tiefes Interesse ich an Ihnen und den Ihrigen nehme! – – Ich meine damit unsere schöne verwaiste junge Freundin.« »Sehr wahr«, erwiderte Martin. »Sehr wahr! Sie bedarf allerdings eines Menschen, der sich für sie interessiert. Ich habe unrecht getan, daß ich sie in dieser Weise an mich fesselte. Obgleich sie eine Waise ist, würde sie doch jemanden gefunden haben, der sie beschützt und dessen Gefühle sie erwidert hätte. Als sie noch ein Kind war, gefiel ich mir in dem Gedanken, ich erwiese ihr eine Wohltat, während ich doch nur meiner Laune nachging, als ich sie als Schranke zwischen mich und falschherzige Schurken setzte. Jetzt, wo sie ein Weib ist, habe ich diesen Trost nicht mehr. Sie hat keine andere Stütze als sich selbst. Ich habe sie in eine so schiefe Stellung zur Welt gebracht, daß jeder Hund sie anbellen oder vor ihr kriechen kann, je nachdem er Lust dazu hat. Ihre Lage verdient in der Tat die größte Berücksichtigung.« »Und was, wenn ihre Stellung verändert und festgestellt würde?« deutete Mr. Pecksniff an. »Wie könnte das sein? Soll ich sie vielleicht Näherin oder Gouvernante werden lassen?« »Gott behüte!« rief Mr. Pecksniff. »Nein, mein werter Herr, es gibt noch andere Mittel. Es gibt wirklich noch andere. Ich fühle mich jetzt zu sehr aufgeregt und verstimmt und möchte das Thema nicht weiter verfolgen; ich weiß kaum, wie ich die Worte stellen soll. Erlauben Sie mir, die Sache ein andermal wieder zur Sprache zu bringen?« »Sie sind doch nicht unwohl?« fragte Martin besorgt. »Nein, nein!« versicherte Pecksniff. »Nein! Erlauben Sie mir nur, das Thema ein andermal wieder zur Sprache zu bringen. Ich möchte jetzt zu meiner Beruhigung ein wenig Spazierengehen. – Gott zum Gruß!« Der alte Herr erwiderte den frommen Wunsch und drückte dem würdigen Vetter die Hand. Als er sich umwandte und langsam dem Hause zuschritt, blieb Mr. Pecksniff stehen und blickte ihm nach. Er hatte sich merkwürdig rasch von seiner soeben an den Tag gelegten Aufregung erholt, die man bei jedem andern als ihm für einen bloßen Kunstgriff hätte halten können, um dem alten Martin in gewisser Hinsicht auf den Puls zu fühlen. Der Wechsel, der in dem alten Herrn vorgegangen, sprach sich jetzt so augenfällig in dessen äußerer Erscheinung aus, daß Pecksniff, als er ihm nachblickte, nicht umhin konnte, vor sich hinzumurmeln: »Ich kann ihn wahrhaftig bereits um den kleinen Finger wickeln. Wer hätte das gedacht!« Der alte Martin sah sich in diesem Augenblick wieder um und grüßte freundlich. Pecksniff winkte zurück. »Und wie lange ist es her«, murmelte Mr. Pecksniff, »daß er mich nicht einmal ansehen wollte! Wie wohltuend diese Veränderung wirkt! Knetbar wie Wachs ist das menschliche Herz und verwickelt der Prozeß seiner Läuterung. Äußerlich ist der Mensch ganz der alte, und doch kann ich ihn um den kleinen Finger wickeln! Wer hätte das gedacht!« Und in der Tat schien es wirklich nichts mehr zu geben, was Mr. Pecksniff mit dem alten Herrn nicht hätte anfangen können. Mochte er tun oder sagen, was er wollte, alles war recht, und was er anriet, geschah. Martin war nur den Schlichen so vieler dürftiger Glücksjäger entronnen und in der Höhle seines Argwohns und Mißtrauens so viele Jahre dahingewelkt, um das Werkzeug und Spielzeug dieses rechtschaffenen Mannes zu werden. Mit dem Ausdruck glückseliger Überzeugung auf dem strahlenden Antlitz setzte der würdige Architekt seinen Morgenspaziergang fort. Das Sommerwetter in seiner Brust spiegelte sich auch in der Natur ab. Durch tiefgrüne Fernsichten, wo sich die Zweige zu Laubengängen verschlangen und sich das Sonnenlicht in schimmernde Strahlenbündel verwandelte, durch betautes Farnkraut, wo die Hasen erschreckt bei der Annäherung von menschlichen Schritten aufsprangen und flohen, an umgrünten, stillen Lachen vorbei, über umgestürzte Baumstämme und tief hinab in träumerische Schluchten durch raschelndes altes Laub, dessen bloßer Duft Erinnerung bedeutete, schlenderte Mr. Pecksniff friedlich dahin. Durch Wiesen, Pförtchen und Hecken, von wilden Rosen duftend, an Hütten mit Strohdächern vorüber, deren Bewohner sich demütig vor ihm neigten wie vor einem Mann, der zugleich gut und weise ist, wandelte der würdige Architekt in stiller Betrachtung einher. Bienen flogen dahin, summend bei ihrer Arbeit, die müßigen Mücken drehten sich bald in engern, bald in weitern Kreisen oder tanzten lustig in der Luft vor ihm her. Die Farbe des hohen Grases kam und ging, von den Wolken beschattet oder dem Lichte erhellt, je nachdem der Himmel sein Antlitz wechselte. Die Vögel sangen fröhlich auf den Zweigen, und Mr. Pecksniff huldigte der Schönheit des Tages dadurch, daß er im Gehen seinen Plänen nachhing. In seiner Gedankenfülle strauchelte er zufällig über die im Wege liegenden Wurzeln eines alten Baumes. Er erhob seine frommen Augen, um den Boden vor sich zu mustern, und stutzte ein wenig, als er das verkörperte Abbild seiner Grübeleien nicht weit vor sich erblickte. Mary selbst. Und allein! Einen Augenblick blieb er stehen, unwillkürlich, wie um umzukehren; sein nächster Impuls jedoch war, näherzutreten, und er tat das auch mit raschem Schritt. Dabei trällerte er so süß und mit soviel Unschuld vor sich hin, daß ihm nur die Federn und Schwingen fehlten, um ein Vögelein zu sein. Als Mary die holden Töne hinter sich hörte, die nicht den Sängern des Waldes angehörten, blickte sie sich um. Mr. Pecksniff küßte seine Fingerspitzen und war im Nu an ihrer Seite. »Am Busen der Natur?« säuselte er mild. »Auch mir geht es so.« – Mary erwiderte, der Morgen sei so schön, daß sie sich habe weiter in den Park verlocken lassen, als ihre ursprüngliche Absicht gewesen. Sie wolle übrigens jetzt umkehren. Mr. Pecksniff flötete, daß das gleiche bei ihm zutreffe und er sie deshalb begleiten wolle. »Nehmen Sie meinen Arm, süßes Mädchen«, sagte er. Mary lehnte ab und schlug einen so raschen Schritt ein, daß er sich genötigt sah, es ihr sanft zu verweisen. »Sie hatten doch gar keine Eile, als ich auf Sie zukam! Warum sind Sie denn jetzt so grausam und eilen so? Sie fürchten sich doch nicht vor mir?« »Allerdings will ich Ihnen ausweichen«, antwortete Mary und wandte ihm ihr zornglühendes Antlitz zu. »Sie wissen ganz gut, daß ich Ihnen ausweiche. Lassen Sie mich los, Mr. Pecksniff, Ihre Berührung ist mir unangenehm!« Seine Berührung! Unangenehm! Was? Diese keusche, patriarchalische Berührung, die Mrs. Todgers – gewiß eine zartfühlende Dame – nicht nur ohne Widerrede, sondern bestimmt mit offenkundigem Vergnügen geduldet hätte! Es mußte hier ein Irrtum obwalten. Mr. Pecksniff bedauerte tief, solche Worte hören zu müssen. »Wenn Sie noch nicht bemerkt haben, daß es so ist, so bitte ich Sie, diese Versicherung jetzt von meinen Lippen entgegenzunehmen. Wenn Sie ein Gentleman sind, fahren Sie nicht fort, mich weiter zu belästigen«, rief Mary. »Ich verstehe«, sagte Mr. Pecksniff milde. »Ich würde ein solches Benehmen an einer meiner Töchter nur löblich finden, warum sollte ich es an einem so schönen Wesen tadeln? Freilich, es ist hart, es schneidet mir in die Seele, aber ich kann Ihnen trotzdem nicht böse sein, Mary.« Miss Graham wollte sagen, daß es ihr leid tue, ihn vielleicht verletzt zu haben, brach aber in Tränen aus. Abermals näherte sich ihr Mr. Pecksniff, ergriff ihre Hand, küßte ihr sie und fuhr folgendermaßen fort: »Es freut mich, daß wir uns begegnet sind; es freut mich von Herzen. Bin ich doch imstande, jetzt mein Herz von einer schweren Last zu erleichtern und im Vertrauen mit Ihnen zu sprechen. Mary«, fügte er mit seinen zartesten Tönen hinzu – so zart, daß er beinahe quiekste, »Mary, mein Leben, ich liebe dich!« Eine ärgerliche Sache, diese jungfräuliche Ziererei! Mary tat jetzt gar, als ob sie schauderte! »Ich liebe Sie«, wiederholte Mr. Pecksniff, »mein süßes Leben. Mit einer Innigkeit, die sogar mir völlig überraschend kommt. Ich glaubte, daß dieses Gefühl mit einer Frau zu Grabe getragen worden sei, die an Vorzügen des Körpers und des Geistes Ihnen glich. Aber ich finde, daß ich im Irrtum war.« Mary suchte ihre Hand loszumachen, sie hätte sich aber ebensowenig den Umarmungen einer zärtlichen Boa Constrictor entziehen können, wenn man etwas so Greuliches mit dem trefflichen Architekten vergleichen darf. »Obgleich ich Witwer bin«, fuhr Mr. Pecksniff, die Ringe an Marys Fingern betrachtend und mit seinem fetten Daumen einer zarten blauen Ader folgend, fort, »Witwer mit zwei Töchtern, so bin ich dennoch frei. Eine davon ist, wie Sie wissen, verheiratet, und die andere steht im Begriffe – ich gestehe es – warum sollte ich auch nicht –, in der Voraussicht, daß sich meine Lage verändern wird, das Vaterhaus zu verlassen. Ich bin ein Mann von Charakter, hoffe ich, und wie ich höre, sprechen die Leute gut von mir; auch glaube ich annehmen zu dürfen, daß meine Persönlichkeit und meine Manieren nichts von einem Ungeheuer an sich haben. Ach, du schlimme Hand«, fügte er zärtlich hinzu, die widerstrebende Beute anredend, »warum hast du mich in Fesseln geschlagen? Warte du!« Und er klopfte die Hand, um sie zu strafen, drückte sie aber dann voll Versöhnlichkeit an seine Weste, um sie wieder zu trösten. »Gesegnet mit den nötigsten irdischen Gütern und in der Gesellschaft unseres verehrungswürdigen Freundes, meine Teuerste«, fuhr er fort, »werden wir glücklich sein; und wenn \›er\‹ dereinst eingeht in den Hafen der ewigen Ruhe, werden wir uns zu trösten wissen, mein schönes Himmelsschlüsselchen; was meinen Sie dazu?« »Vielleicht«, erwiderte Mary hastig, »sollte ich Ihnen für diesen Beweis Ihres Vertrauens dankbar sein, aber ich kann nicht sagen, daß ich es wirklich wäre. Ich will annehmen, daß Sie meinen Dank wenigstens verdienen. So nehmen Sie ihn denn und verlassen Sie mich jetzt gefälligst, Mr. Pecksniff.« Mit einem salbungsvollen Lächeln zog der Vortreffliche ihre Hand wieder an seine Brust. »Bitte, bitte, lassen Sie mich los, Mr. Pecksniff«, rief das junge Mädchen, »ich kann Sie nicht weiter anhören und Ihren Antrag nicht annehmen. Es gibt gewiß viele junge Damen, denen er sicher erwünscht wäre, aber bei mir ist das durchaus nicht der Fall. Ich muß daher von Ihnen als einen Akt der Freundlichkeit und des Anstandes verlangen, daß Sie mich endlich loslassen.« Mr. Pecksniff ging ruhig weiter neben ihr her, den Arm um ihre Taille gelegt, so zufrieden, als wenn alles in bester Ordnung und sie in wahrhafter Liebe miteinander verbunden wären. »Wenn Sie mich durch Ihre überlegene Kraft zwingen wollen«, sagte Mary, als sie sah, daß gute Worte nicht die geringste Wirkung auf Pecksniff ausübten, jetzt mit offenem Unwillen, »wenn Sie mich als der Stärkere zwingen, Sie zu begleiten und unterwegs Ihren Unverschämtheiten als Zielscheibe zu dienen, so soll es Ihnen wenigstens nicht möglich sein zu verhindern, daß ich Ihnen offen heraus meine Meinung sage. Ich empfinde den tiefsten Abscheu vor Ihnen, denn ich kenne Ihren wahren Charakter und verachte Sie aus dem tiefsten Grund meines Herzens.« »Nicht doch«, wehrte Mr. Pecksniff süß ab, »nein, nein, nein!« »Welchen Kunstgriffen oder unglücklichen Zufällen Sie Ihren Einfluß über Mr. Chuzzlewit verdanken, weiß ich nicht«, fuhr Mary fort, »er mag vielleicht stark genug sein, sogar den Eindruck dieses Vorganges auszutilgen, wenn ich die ganze Sache Mr. Chuzzlewit erzählen sollte, aber verlassen Sie sich darauf, ich werde meinen väterlichen Freund trotzdem von allem, was vorgefallen ist, unterrichten.« Mr. Pecksniff hob langsam und schmachtend seine schweren Augenlider und senkte sie dann wieder. Es war soviel, als sage er mit vollkommenster Seelenruhe: ja, ja, in der Tat! »Ist es nicht genug«, fuhr Mary fort, »daß Sie sein Wesen verkehren und an seinem Charakter rütteln, daß Sie alle seine Vorurteile Ihren eigenen schlimmen Zwecken anpassen und ein von Natur aus wohlwollendes Herz verhärten, indem Sie die Wahrheit davon fernhalten und nur lügenhaften und berechnenden Ansichten Zutritt gestatten? Ist es nicht genug, daß Sie Ihre Macht zu solchen Dingen mißbrauchen, müssen Sie auch noch roh, grausam und niederträchtig gegen mich handeln?« Noch immer führte Mr. Pecksniff sie ruhig weiter und blickte so milde drein wie ein Lamm auf der Weide. »Ist denn nichts imstande, Sie zu rühren, Sir!?« rief Mary. »Meine Teuerste«, begann Mr. Pecksniff mit einem ruhigen Lächeln, »die Gewohnheit der Selbstprüfung und die Übung der – soll ich Tugend sagen?« »Der Heuchelei«, verbesserte Mary. »Nein, nein«, rief Mr. Pecksniff und drückte und liebkoste die gefangene Hand vorwurfsvoll, »der Tugend – der Tugend – haben mich befähigt, so auf der Hut zu sein gegen mich selbst, daß es wirklich schwerhält, mich aus der Fassung zu bringen. Es ist vielleicht eine wunderliche Tatsache, aber seien Sie überzeugt, daß es jedermann schwer finden wird, mich zu reizen. Und konnte sie glauben«, fügte Mr. Pecksniff, die Hand fester anfassend, neckisch hinzu, »daß sie dazu imstande sein werde?! Wie wenig kennt sie mein Herz.« Das war allerdings richtig! Marys Gefühl war so seltsam beschaffen, daß sie die Liebkosungen einer Kröte oder Natter, vielleicht sogar die Umarmung eines Bären Mr. Pecksniffs Zärtlichkeit vorgezogen haben würde. »Nun, nun, nun«, fuhr der Treffliche fort, »ein paar Worte werden alles wieder ins Gleichgewicht bringen und das beste Einverständnis zwischen uns herstellen. Nein, ich bin Ihnen nicht böse, meine Liebe.« »Sie nicht böse!« »Nein«, versicherte Mr. Pecksniff, »ich bin es nicht, Sie dürfen mir's aufs Wort glauben. Und auch Sie sind es mir nicht.« An seinem Arme aber pochte ein Herz, das ein anderes Lied sang. – »Ich bin überzeugt, Sie sind es nicht«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »und ich will Ihnen den Grund sagen, warum. Es gibt zwei Martin Chuzzlewits, meine Liebe, und wenn Sie aus Übereilung und Zorn dem einen etwas sagen, so kann man nicht wissen, was für ernste Folgen das für den andern haben könnte. Sie wünschen doch dem jüngeren von beiden nicht zu schaden, wie?« Mary zitterte heftig und blickte Mr. Pecksniff mit so stolzer Verachtung an, daß er seine Augen abwandte – ohne Zweifel bloß, um nicht gegen die Überzeugung seines bessern Selbsts sich von ihr beleidigt zu fühlen. »Ein schlecht begrabener Zwist, mein Herzchen, kann sich leicht in lodernden Haß verwandeln, bedenken Sie das«, fuhr der Treffliche langsam fort. »Es wäre gewiß höchst bedauerlich, einem beinahe enterbten jungen Mann in seinen auf sehr schwachen Füßen stehenden Aussichten noch mehr zu schaden, aber wie leicht ist das getan. Ach, wie leicht! Sie glauben, ich hätte wirklich Einfluß auf unsern verehrungswürdigen Freund? Nun, vielleicht ist es so – vielleicht ist es so.« Dabei erhob er seinen Blick zu dem ihrigen und nickte ihr mit einer wahrhaft bezaubernd neckischen Miene zu. »Nein«, schloß er gedankenvoll, »an Ihrer Stelle, mein süßes Herzchen, würde ich um alles in der Welt mein Geheimnis für mich behalten. Ich bin durchaus nicht überzeugt – bin im Gegenteil weit davon entfernt –, ob es überhaupt unsern Freund überraschen würde. Er und ich haben erst diesen Morgen ein Gespräch miteinander gehabt, und er verlangt sehnlichst, höchst sehnlich danach, Sie entsprechend versorgt zu wissen. Wie dem übrigens auch sein mag, die Folgen Ihrer Mitteilung würden stets dieselben bleiben und Martin junior könnte dadurch ernstlich zu Schaden kommen. Sie wissen, ich bemitleide Martin junior«, säuselte Pecksniff mit überzeugendem Lächeln. »Obgleich er es nicht verdient, so empfinde ich dennoch Mitleid mit ihm.« Mary weinte jetzt so bitterlich und war so betrübt, daß der Treffliche es für geraten hielt, sie von seiner Umarmung zu befreien und bloß an der Hand zu halten. »Was unsern eigenen Anteil an diesem kostbaren Geheimnisse betrifft, so wollen wir's für uns behalten, nur unter uns besprechen, und Sie werden sich die Sache überlegen. Ich weiß, mein Herz, Sie werden mir recht geben; ich weiß es bestimmt. Denken Sie jetzt, wie Sie wollen, darüber, aber Sie werden es tun. Ich glaube mich zu erinnern – ich weiß in der Tat nicht mehr, wo oder wie ich es gehört habe«, setzte Pecksniff mit bezaubernder Offenherzigkeit hinzu, »daß Sie und Martin junior in kindlichem Alter eine Art von zärtlicher Zuneigung zueinander empfanden. Wenn wir einmal verheiratet sind, werden Sie mit Vergnügen daran zurückdenken, daß diese Liebe zu Martins Bestem nicht weitergedauert hat, sondern zu seinem Heil und zu seinem Vorteil im Sande verlief. Und dann wollen wir sehen, was wir tun können, um Martin junior mit einer Kleinigkeit im Leben weiterzuhelfen. Habe ich also wirklich einigen Einfluß bei unserm verehrungswürdigen Freund? – Nun, vielleicht ist es so, wer weiß.« Das Gehölz, in dem dieses zärtliche Gespräch geführt wurde, stieß dicht an Mr. Pecksniffs Haus. Sie waren jetzt so nahe davor, daß er stehenblieb, Marys kleinen Finger nahm und in scherzhaftem Tone wie zum Abschied sagte: »Soll ich hineinbeißen?« Da er keine Antwort erhielt, küßte er den Finger, beugte sich nieder, neigte sein aufgedunsenes, welkes Gesicht zu Mary herab und entließ sie gnädigst mit einem Segenswunsch, der aus einem solchen Munde vollständig hinreichen mußte, sie von Stund an für ihr ganzes übriges Leben glücklich zu machen. Galanterie im wahren Sinne des Wortes soll einen Mann erheben und veredeln, und wirklich hat die Liebe schon so manchen Cimon verschönt, aber an Mr. Pecksniff schien sie, vielleicht weil sie für ein so erhabenes Wesen eine gar zu irdische Erscheinung war, keine ungewöhnliche Veränderung hervorzubringen. Im Gegenteil, er schien sich in sich selbst verkriechen zu wollen und unglücklich darüber zu sein, daß es ihm nicht recht gelingen wollte, sich schön zu fühlen. Seine Schuhe schienen ihm zu groß, seine Ärmel zu lang, seine Haare zu schütter, sein Hut zu klein, seine Züge zu ordinär. Sein bloßer Hals kam ihm vor, als würde ihm ein Strick ausgezeichnet stehen. Einige Minuten lang wurde ihm abwechselnd heiß und kalt; – er fühlte sich beklommen, blamiert, kurz, alles, nur nicht pecksniffisch. Aber bald faßte er sich wieder und lenkte mit so wohlwollender Miene seine Schritte dem Hause zu, als sei er der Hohepriester der Sommermorgenfeier gewesen. Mit den Worten: »Ich habe bereits alles für meine morgige Abreise vorbereitet«, empfing ihn Charitas. »So bald gedenkst du mich zu verlassen, mein Kind?« »Unter den bewußten Umständen kann ich nicht bald genug fortkommen«, versetzte Charitas. »Ich habe an Mrs. Todgers geschrieben, mir die näheren Bedingungen eines Unterkommens für mich anzugeben, und habe sie gebeten, mich jedenfalls an der Postkutsche zu erwarten, wenn ich ankomme. – Sie werden jetzt ganz Ihr eigener Herr sein, Mr. Pinch.« – Mr. Pecksniff hatte einen Augenblick das Zimmer verlassen, und Tom war eingetreten. – »Mein eigener Herr?« wiederholte Tom. »Ja. Es wird niemand mehr in Ihre Verhältnisse eingreifen, wenigstens hoffe ich das. Hem! Was für eine wandelbare Welt unser Erdenleben doch ist!« »Wie? Wollen – wollen Sie sich auch verheiraten, Miss Pecksniff?« fragte Tom höchlichst überrascht. »Das nicht gerade«, stotterte Cherry. »Ich bin noch zu keinem Entschluß gekommen, – obschon ich glaube, daß ich's könnte, wenn ich wollte, Mr. Pinch.« »Natürlich können Sie es«, versicherte Tom und sagte damit die volle Wahrheit, denn er glaubte tief innerlich fest daran. »Nein«, sagte Cherry, »mir ist's nicht ums Heiraten zu tun, denn es hat mir bisher noch keiner gefallen. – Hm! – Aber ich will nicht mehr länger bei Papa bleiben. Ich habe gewisse Gründe dazu, die jedoch vorderhand noch ein Geheimnis bleiben müssen. Ich versichere Ihnen, daß ich Ihrer stets in Freundschaft gedenken werde, schon um des Mutes willen, den Sie in jener Nacht bewiesen haben. Was also Sie und mich betrifft, so scheiden wir als die besten Freunde.« Tom dankte ihr für ihre Freundschaft und ihr Vertrauen, obwohl sie so geheimnisvoll tat, daß es ihn förmlich verwirrte. In seiner unbegrenzten Zuneigung zu der Familie hatte er schon Gratias Verlust lebhafter empfunden, als irgendein Mensch begreifen konnte, der nicht wußte, daß Pinch die Ursachen aller erlittenen Kränkungen nur seinem eigenen Mangel an Verdiensten zuschrieb. Er hatte sich kaum in den Abgang der jüngeren Schwester hineinfinden können, und nun sollte er auch noch erleben, daß er Charitas verlor! Sie war sozusagen unter seinen Augen aufgewachsen. Beide Schwestern bildeten einen Teil von Mr. Pecksniff und einen Teil von ihm – waren die Mittelpunkte von Mr. Pecksniffs Liebe und seinen eigenen Dienstleistungen. Nein, das war zu viel! – Vor lauter Brüten über diese schrecklichen Veränderungen konnte Tom in der nächsten ganzen Nacht kaum zwei Stunden schlafen. Als der Morgen graute, meinte er, er müsse von Unmöglichkeiten geträumt haben; aber nein, als er die Treppe hinunterging, sah er mit eigenen wachen Augen, daß die Koffer gepackt, die Hutschachteln zusammengeschnürt und andere Vorbereitungen, die den ganzen Tag in Anspruch nahmen, für Miss Charitas' Abreise getroffen wurden. Als die Zeit des Abschieds gekommen war, legte Miss Charitas die Haushaltsschlüssel mit großer Würde auf den Tisch, sagte dem ganzen Hause Lebewohl und verließ ihr väterliches Heim – zur heimlichen Wonne des Dienstmädchens, das, wie gewisse Lästerzungen später behaupteten, am nächsten Sonntagsgottesdienst deswegen ein besonders inniges Dankgebet zum Himmel schickte. 31. Kapitel Mr. Pinch wird einer Pflicht enthoben, die er im Grunde genommen niemals hatte, und Mr. Pecksniff erfüllt eine Pflicht, die er der gesamten Menschheit schuldig zu sein glaubt Die Schlußworte des vorigen Kapitels leiten sehr passend den Anfang des gegenwärtigen ein, denn dieses hat ebenfalls mit einer Kirche zu tun, und zwar mit einer Kirche, die wir schon oft erwähnt haben und in der Tom Pinch gratis die Orgel zu spielen pflegte. Eine Woche nach Miss Charitas' Abreise nach London machte Mr. Pecksniff an einem schwülen Nachmittag einen einsamen Spaziergang, und dabei fiel es ihm ein, auch einmal den Kirchhof zu besuchen. Wie er so zwischen den Grabsteinen umherschlenderte und die eine oder andere brauchbare Sentenz auf den Grabinschriften seinem Gedächtnis einzuprägen bemüht war – versäumte er doch nie eine Gelegenheit, sich mit moralischen Raketen zu versehen, die er bei passender Gelegenheit loslassen konnte –, begann Tom gerade mit seinem Orgelspiel. Tom benützte fast jeden freien Augenblick dazu, und da es ein einfaches kleines Instrument war, das man allein mit den Füßen bedienen konnte, so waren keine Blasbalgtreter nötig, obgleich sämtliche Knaben oder Männer des Dorfes ihm gewiß mit Freuden ihre Dienste angeboten haben würden und ihm geholfen hätten, bis sie vor Anstrengung umgefallen wären. Mr. Pecksniff hatte im allgemeinen gegen Musik nichts einzuwenden – nicht das mindeste – das betonte er stets –, hielt aber die Tonkunst im großen und ganzen für eine Art Spielerei, die gerade gut genug wäre für Toms geistige Fähigkeiten. Mit Bezug auf das Orgelspiel seines Faktotums war er ganz besonders nachsichtig, denn wenn Tom an Sonntagen spielte, hatte er so die Empfindung, er selbst werde dadurch zum Wohltäter an der ganzen Gemeinde. Sooft es daher unmöglich war, Tom anderweitig auszunutzen, erlaubte er ihm gern, sich auf diesem Instrumente zu üben – ein Beweis von Rücksicht, den Mr. Pinch stets dankbar anerkannte. Der Nachmittag war sehr schwül, und Mr. Pecksniff hatte einen weiten Spaziergang hinter sich. Er erfreute sich, wie gesagt, keines besonders musikalischen Gehörs, wußte es aber zu würdigen, wenn eine Melodie einen beruhigenden Einfluß auf seine Seele übte. Und das war eben jetzt der Fall. Tönte sie ihm doch zu wie ein harmonisches Schnarchen. Er näherte sich der Kirche, blickte durch die Fensterscheiben neben dem Eingang und erblickte Tom, wie er hinter den zurückgeschlagenen Vorhängen der Emporkirche ausdrucksvoll und mit tiefer Innigkeit spielte. Die Kirche hatte etwas Einladendes in ihrer Kühle; die alte eichene Decke, von Querbalken getragen, die altersgrauen Mauern, die marmornen Täfelungen und der geborstene steinerne Fußboden boten einen erfrischenden Anblick. Efeublätter schlugen sanft an die Fenster gegenüber, und das Sonnenlicht fiel schräg herein, und der Hintergrund des Kirchenschiffs lag in verlockendem Schatten. Aber das verführerischste Plätzchen von allen war ein mit roten Vorhängen und weichen Kissen versehener Kirchenstuhl, in dem die Würdenträger des Ortes, deren Oberhaupt Mr. Pecksniff war, sich sonntags einschlossen. Mr. Pecksniffs Sitz befand sich in der Ecke – in einer sehr behaglichen Ecke, wo sich in diesem Augenblick sein umfangreiches Gebetbuch auf dem Pulte breitmachte. So beschloß Pecksniff denn hineinzugehen und ein wenig auszuruhen. Leise trat er ein, teils, weil es eine Kirche war, teils, weil er immer einen sehr leisen Schritt hatte, teils, weil Tom eine feierliche Melodie spielte, teils, weil er nicht bemerkt werden wollte. Er klinkte die Türe des hohen Kirchstuhls auf, schlüpfte hinein und machte sie wieder hinter sich zu. Dann setzte er sich auf seinen gewohnten Platz, streckte sich bequem aus und schickte sich an, der Musik zu lauschen. Es ist ein unerklärlicher Umstand, daß er sich schläfrig fühlen konnte, wo doch die Macht der Ideenverbindung hätte hinreichen müssen, ihn wach zu erhalten, aber dennoch war es der Fall. Er hatte noch keine fünf Minuten in seinem verborgenen Winkelchen gesessen, als er einzunicken begann. Sooft er träge seine Augen öffnete, so oft nickte er abermals wieder ein. Die Lider fielen ihm zu, und er nickte aufs neue und verfiel auf diese Art in eine Art Halbbewußtsein, bis auch dieses verschwamm und er so unbeweglich schlummerte wie die Kirchenwände selbst. Lange noch nachdem er eingeschlafen, hörte er die Orgel, wenn er sich auch nicht klarmachen konnte, daß es eine Orgel war – so wenig wie es ein Ochse imstande gewesen wäre. Nach einer Weile fing er an, in Zwischenräumen traumhafte Stimmen zu hören. Eine Art träge Neugierde weckte ihn. Er schlug die Augen auf. Schlaftrunken blickte er auf die Vorhänge und in seinem Stuhl umher, und eben war er wieder auf bestem Wege einzunicken, als es ihm schien, als ob doch wirkliche Stimmen in der Kirche zu vernehmen wären – gedämpfte Stimmen, die in seiner Nähe angelegentlich miteinander sprachen und in murmelndem Echo von den Wänden widerhallten. Er setzte sich auf und horchte. Ehe er noch ein Dutzend Sekunden gelauscht hatte, war er so vollkommen wach wie nur je in seinem Leben. Augen, Ohren und Mund weit offen, beugte er sich mit äußerster Vorsicht ein wenig vor, lüftete den Vorhang und blickte hinaus. Tom Pinch und Mary waren es. Natürlich. Er hatte ihre Stimme erkannt und wußte bereits, was sie sprachen. Wie der Schädel eines Guillotinierten guckte sein Kopf hervor, mit dem Kinn gerade über dem Rande des Kirchenstuhles, so daß er sogleich wieder untertauchen konnte, falls einer der Sprechenden sich umdrehte. In dieser Stellung horchte Mr. Pecksniff. Und er horchte mit solcher Anstrengung, daß selbst sein Haar und sein Hemdkragen sich aufzurichten schienen, als wollten sie ebenfalls mithorchen. »Nein«, hörte er Tom sagen, »außer dem einzigen aus New York ist kein Brief weiter an mich gelangt. Aber seien Sie deshalb nicht beunruhigt. Es ist höchst wahrscheinlich, daß sie weiter ins Land hineingezogen sind, wo die Briefpost noch nicht so regelmäßig funktioniert. Er bemerkte es gleich in dem Schreiben, daß es in der Stadt, in die sie zu gehen gedächten, wohl so sein werde. In Eden, Sie wissen.« »Es ist eine schwere Sorge für mich«, klagte Mary. »Sie dürfen es nicht als solche empfinden«, tröstete Tom; »sagt doch das Sprichwort, daß nichts so schnell wandert wie schlimme Neuigkeiten, und wenn Martin nur das Geringste zugestoßen wäre, so würden Sie zuverlässig längst davon erfahren haben. Ich habe oft gewünscht, Ihnen dies sagen zu können«, fuhr er einigermaßen verlegen fort, »aber Sie haben mir niemals Gelegenheit dazu gegeben.« »Ich habe immer gefürchtet«, sagte Mary, »Sie könnten glauben, ich scheute mich, Ihnen mein Vertrauen zu schenken, Mr. Pinch.« »N-nein«, stammelte Tom, »ich kann Ihnen versichern, daß ich niemals etwas Derartiges geglaubt habe; – ich – ich – hätte den Gedanken sogleich unterdrückt. Als eine Ungerechtigkeit gegen Sie. Ich fühle, wie delikat es für Sie sein muß, sich gerade mir anzuvertrauen«, setzte er rasch hinzu, »aber seien Sie überzeugt, ich würde mein Leben dransetzen, Ihnen nur einen Tag Unruhe zu ersparen, weiß Gott. Ich fürchtete, manchmal Ihr Mißfallen zu erregen, – weil – weil ich die Kühnheit hatte, zuweilen Ihre Gedanken erraten zu wollen. Dann wieder bildete ich mir ein, daß Ihr gutes Herz Sie veranlasse, sich von mir fernzuhalten.« »Wirklich?« »Es war sehr töricht, sehr anmaßend und lächerlich, etwas Derartiges zu glauben«, fuhr Tom fort, »aber ich fürchtete, Sie könnten es für möglich halten, daß ich – daß ich – Sie zu viel bewundern und darüber – – meinen eigenen Seelenfrieden verlieren könnte und – daß Sie deshalb auf die geringe Hilfe verzichteten, die Sie sonst von mir angenommen hätten. – – Wenn Ihnen je ein solcher Gedanke kam«, stotterte er, »bitte, so lassen Sie ihn jetzt fallen. Ich brauche nur wenig zu meinem Glück und werde hier zufrieden leben, wenn Sie und Martin mich längst vergessen haben. Ich bin ein armes, schüchternes und unbeholfenes Geschöpf und kein Mann von Welt; und Gott behüte, daß Sie je mehr an mich dächten als an einen alten Mönch.« »Lieber Mr. Pinch«, Mary reichte Tom die Hand, »ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr mich Ihre Güte rührt. Ich habe Ihnen nie durch den geringsten innern Zweifel unrecht getan, – nie aufgehört zu fühlen, daß Sie uns alles das – ja mehr als alles – waren, was Martin mir von Ihnen sagte. Ohne Ihre stumme und zartsinnige Freundschaft hätte ich mich hier sehr unglücklich gefühlt, aber Sie sind mir ein guter Engel gewesen, der mir Dankbarkeit, Hoffnung und Mut eingeflößt hat« »Ich fürchte, ich gleiche so wenig einem Engel«, entgegnete Tom kopfschüttelnd, »wie einem von den steinernen Cherubim auf den Gräbern hier. Ich glaube nicht, daß es viele wirkliche Engel dieser Art gibt. Aber ich möchte wissen (wenn Sie es mir sagen wollen), warum Sie so ganz und gar über Martin geschwiegen haben.« »Weil ich fürchtete, Ihnen wehe zu tun.« »Mir wehe zu tun!« rief Tom. »Ich meine, Ihnen zu schaden bei Ihrem Herrn.« – Der Ehrenmann, von dem die Rede war, duckte sich unter den Kirchenstuhl. – »Bei Pecksniff?« rief Tom, freudig erregt. »O du mein Himmel! Der denkt nicht an so etwas! Er ist der beste aller Sterblichen. Er würde nur um so glücklicher sein, je wohler Sie sich fühlen. Nein, nein, vor Pecksniff brauchen Sie sich nicht zu fürchten, der ist wahrhaftig kein Spion.« So mancher an Mr. Pecksniffs Stelle würde, wenn es möglich gewesen wäre, augenblicklich durch den Boden des Prunkstuhls getaucht sein, um in Kalkutta oder irgendeiner unbewohnten Gegend bei den Antipoden wieder zum Vorschein zu kommen. Mr. Pecksniff kauerte sich nur zusammen, horchte noch gespannter als früher und lächelte bloß. Mary schien inzwischen widersprochen zu haben, denn Tom fuhr fort und beteuerte mit ehrlichem Eifer: »Ich weiß wirklich nicht, wie es kommt, aber sooft ich mich in dieser Weise auslasse, muß ich finden, daß niemand Mr. Pecksniff Gerechtigkeit widerfahren lassen will. Es ist dies eine der außerordentlichsten Merkwürdigkeiten, die ich mir nur denken kann, aber dennoch ist es der Fall. Da haben wir zum Beispiel Mr. John Westlock, der als Zögling hier weilte. In allen andern Sachen ist er sonst der beste Mensch von der Welt, aber ich glaube wirklich, er würde Pecksniff am liebsten durchgepeitscht haben, wenn er hätte können. Und John ist nicht der einzige. Jeder Zögling, der noch hier gewesen ist, ist mit demselben eingefleischten Haß gegen Pecksniff wieder fortgegangen. Da war zum Beispiel Mark Tapley. Wenn er auch eine ganz andere Lebensstellung bekleidete«, fuhr Tom fort, »so ist es doch ganz entsetzlich, wie auch er, als er noch im ›Drachen‹ angestellt war, sich über Pecksniff ausließ. Und dann Martin! – Martin war der Schlimmste von allen. Aber ich vergesse ja ganz: natürlich war er es, der Sie darauf brachte, Mißtrauen gegen Mr. Pecksniff zu hegen; Sie kamen offenbar deshalb mit Vorurteilen hierher. Sie werden einsehen, Miss Graham, unter solchen Umständen ist man kein unbefangener Beobachter.« Und voll Triumph über diese große Entdeckung rieb sich Tom mit großer Selbstzufriedenheit die Hände. »Mr. Pinch«, rief Mary, »Sie täuschen sich.« »Nein, nein«, widersprach Tom, » Sie täuschen sich in ihm. Aber«, fuhr er, rasch seinen Ton ändernd, fort, »was gibt es, was haben Sie denn nur, Miss Graham?« Langsam brachte Mr. Pecksniff sein Haar, seine Stirne, seine Augenbrauen und schließlich sein Auge über den Kirchenstuhlrand. Das junge Mädchen saß neben der Türe auf einer Bank und hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Tom beugte sich über sie. »Was ist Ihnen?« rief Tom abermals. »Habe ich etwas gesagt, was Sie kränken konnte? Oder hat sich irgend jemand erlaubt, Ihnen wehe zu tun. Bitte, weinen Sie doch nicht. Bitte, sagen Sie mir, was Ihnen fehlt. Ich kann es nicht mit ansehen, daß Sie so betrübt sind. Barmherziger Himmel, ich war in meinem ganzen Leben noch nie so außer mir und so tief ergriffen.« Mr. Pecksniff hielt sein Auge wie gebannt noch immer auf dieselbe Stelle gerichtet. Nur ein Bohrer oder ein glühendroter Draht wäre imstande gewesen, seinem Blick eine andere Richtung zu geben. »Ich würde Ihnen gegenüber schweigen, Mr. Pinch«, schluchzte Mary, »wenn ich's nur übers Herz bringen könnte! Aber Ihre Selbsttäuschung hat etwas so Schreckliches und übersteigt so alles Maß, und es ist so durchaus nötig für uns, auf unsrer Hut zu sein und uns keine Blöße zu geben, daß mir keine andere Wahl bleibt, als Ihnen mitzuteilen, wer mich bedrängt. Ich bin ausdrücklich hierher gekommen, um Ihnen davon Mitteilung zu machen. Ich glaube, dennoch würde mir der Mut gefehlt haben, wenn Sie mich nicht zufälligerweise gerade auf das Thema gebracht hätten.« Tom blickte sie fest an und schien durch seine Miene sagen zu wollen: »Was wird da wohl noch alles herauskommen«, aber er ließ kein Wort laut werden. »Dieser Mensch, den Sie für den besten aller Sterblichen halten – « begann Mary aufblickend, mit bebenden Lippen und blitzenden Augen. »Gott im Himmel«, stöhnte Tom, »halten Sie noch einen Augenblick inne. – Dieser Mensch, den ich für den besten aller Sterblichen halte? Sie meinen natürlich Pecksniff? Ja, natürlich, Sie müssen Pecksniff meinen. Barmherziger Himmel, überlegen Sie sich, was Sie sagen! Was hat er getan? Wenn er nicht der beste Mensch ist, was wäre er sonst?« »Er ist der schlechteste, der falscheste, hinterlistigste, niederträchtigste, grausamste, schmutzigste, schamloseste Schuft!« rief das junge Mädchen bebend vor Entrüstung. Tom ließ sich auf seinen Sitz zurückfallen und schlug die Hände zusammen. »Wie wollen Sie einen Menschen nennen«, fuhr Mary fort, »der mich in seinem Hause als Gast aufnimmt – als Gast wider Willen! –, der meine Verhältnisse kennt, meine Verlassenheit und Hilflosigkeit, und sich dennoch untersteht, mich vor seinen Töchtern in ein so schiefes Licht zu bringen, daß sogar ein Kind, wenn es mein Bruder wäre, mir instinktiv zur Hilfe käme?« »Einen Schurken!« rief Tom. »Einen solchen Menschen würde ich einen Schurken nennen.« Mr. Pecksniff tauchte unter. »Als mein einziger Freund«, fuhr Mary fort, »– und er ist ein lieber und wohlwollender Freund – noch im Besitz seiner vollen Geisteskraft war, demütigte er sich vor ihm, wurde aber fortgewiesen wie ein Hund, weil man ihn damals durchschaute. Jetzt kriecht er wieder an diesen Freund heran, wo dieser in geistesschwachen Zustand versunken ist, und mißbraucht den Einfluß, den er sich erschlichen, zu bösen und niedrigen Zwecken!« »Ein solcher Mensch wäre ein Schurke«, rief Tom. »Und wie, Mr. Pinch, würden Sie einen Menschen nennen, der in der Annahme, es müßte seine Pläne fördern, wenn ich seine Frau wäre, mich mit der niederträchtigen Drohung zum Schweigen zwingt, falls ich ihn nicht heirate, solle Martin, auf dessen Haupt ich leider schon soviel Unglück gehäuft habe, noch tiefer ins Verderben gestürzt werden? Wie ist ein Mensch zu nennen, der sogar meine Treue gegen den, den ich von ganzer Seele liebe, zu einer Qual für mich selbst und zu einem Unrecht an dem Gegenstand meiner Neigung macht – der mich, mag ich tun, was ich will, zu seinem Werkzeug stempelt, um dem wehe zu tun, auf dessen Haupt ich Segen über Segen herabflehen möchte?! Was ist der Mensch, der mich in alle diese grausamen Schlingen verstrickt, der mir bei hellichtem Tage mit glatter Zunge und lächelndem Gesicht seine selbstsüchtigen Ziele auseinandersetzt – der mich wider meinen Willen umarmt und seine Lippen auf meine Hand drückt«, fuhr das aufgeregte Mädchen fort, »die ich am liebsten abhauen möchte, wenn ich dadurch die Schande der Herabwürdigung seiner Berührung wegwaschen könnte?« »Ich sage«, rief Tom mit Feuer, »er ist ein Schurke! Und ein Bösewicht! Und wer es auch sein mag – ich sage – er ist ein doppelzüngiger und niederträchtiger Schurke!« Mary bedeckte ihr Gesicht wieder mit ihren Händen und ließ ihren Tränen freien Lauf. Die Leidenschaft, die sich während dieser Enthüllungen aufrechterhalten, schien sich jetzt in dem überwältigenden Gefühl der Schmach und des Kummers aufzulösen. Jeder Anblick von Schmerz wäre imstande gewesen, Tom an seiner empfindungsreichsten Stelle zu fassen, aber ein Anblick wie dieser war es ganz besonders. Marys Tränen und Schluchzen waren Pfeile in sein Herz. Er versuchte sie zu trösten, setzte sich neben sie und bot seine ganze schwache Beredsamkeit auf, indem er in Worten des Lobes und der Hoffnung von Martin zu ihr sprach. Trotzdem er sie mit einer Hingebung liebte, wie wohl nur selten ein Weib geliebt wird, so redete er doch ohne Unterlaß von Martin. Nicht alle Schätze Indiens hätten ihn verlocken können, sich selbst auch nur zu erwähnen. Als sich Mary einigermaßen beruhigt, stellte sie Tom vor, der von ihr geschilderte Mensch sei Pecksniff in seiner wahren Gestalt. Wort für Wort, Satz für Satz, soweit ihr Gedächtnis ausreichte, erzählte sie Tom, was zwischen ihr und dem Ehrenmanne im Gehölz vorgefallen war – ohne Zweifel zur größten Erbauung des Betreffenden selbst, der in seinem Verlangen, hinter dem Vorhang hervorzugucken, und andererseits in seiner Furcht, gesehen zu werden, fortwährend auf- und niedertauchte wie der schlaue Gockel im Puppenkasten, der sich fürchtet, mit dem Prügel eins auf den Kopf zu bekommen. Als sie ihre Erzählung beendet und Tom ersucht hatte, so zu tun, als ob er von dem, was vorgefallen, nicht die geringste Ahnung habe, dankte sie ihm für seine Teilnahme, und dann trennten sie sich, da Fußtritte draußen im Kirchhof hörbar wurden. Tom blieb allein in der Kirche zurück. Und jetzt brach ein Sturm von Aufregung und das ganze Elend plötzlicher Erkenntnis über ihn herein. Der Stern, der ihm von Jugend auf durch sein ganzes Leben geleuchtet, war im Nu in eklen Dunst aufgelöst. Nicht daß Pecksniff, wie er ihn sich vorgestellt, zu existieren aufgehört hätte, nein – er hatte niemals existiert. Wäre er gestorben, wäre Tom doch wenigstens eine teure Erinnerung geblieben, aber nach dieser Entdeckung war auch das vorüber. Da Toms Blindheit in dieser Hinsicht total und nicht partiell gewesen, so stand jetzt alles mit einem Schlage in entsetzlicher Deutlichkeit vor ihm. Sein Pecksniff hatte sich niemals die Schurkereien zuschulden kommen lassen können, von denen er soeben gehört; – es konnte nur ein Pecksniff sein, der zu allem fähig war und ohne Zweifel sein ganzes Leben lang Niederträchtigkeiten verübt hatte. Von der erhabenen Höhe, auf die Tom das Ideal seines Herzens gestellt, war es auf einmal kopfüber heruntergestürzt und »Nicht des Königs Gebot und Heeresmacht reichten hin, die Statue wieder aufzurichten.« Legionen von Titanen hätten nicht vermocht, Pecksniff aus dem Schlamme hervorzuziehen und wieder rein zu waschen. Aber er – Tom –, der darunter litt, hatte seinen Kompaß verloren, seine Himmelskarte war zerrissen, seine Uhr stehengeblieben, sein Mast war über Bord gegangen, sein Anker losgerissen, und er selbst trieb wie ein Wrack im weiten Meer. Mr. Pecksniff beobachtete ihn mit lebhaftem Interesse. Er erriet die Bedeutung von Toms innerlichen Selbstgesprächen und war gespannt, wie er sich wohl weiter benehmen würde. Eine Zeitlang raste Mr. Pinch wie ein Verrückter im Kirchenschiff auf und nieder, hin und wieder haltmachend, um sich an einen Stuhl zu lehnen und nachzugrübeln. Dann wieder starrte er ausdruckslos auf ein altes, geschmackvoll mit Menschenschädeln und gekreuzten Knochen verziertes Monument, als wäre es das schönste Kunstwerk, das er je gesehen, trotzdem er es zu andern Zeiten mit größter Verachtung behandelt haben würde, setzte sich nieder oder ging abermals auf und ab, bis er endlich zur Orgel emporstieg und mit zögernder Hand nach den Tasten suchte. Aber der sonst so vertraute Klang und die hehren Töne waren dahin. Er schlug einen langen wehmütigen Akkord an, dann ließ er den Kopf auf die Hände sinken und überließ sich ganz seiner hoffnungslosen Stimmung. »Ich würde mir noch nicht soviel daraus machen«, jammerte er, erhob sich von seinem Stuhl und starrte in die Kirche hinunter, »ich würde mir noch nicht soviel daraus machen, wenn ich es wäre, dem er so Schreckliches zugefügt, denn ich habe seine Geduld oft auf die Probe gestellt, war auf seine Nachsicht angewiesen und war ihm nie eine Hilfe, wie es ein anderer hätte sein können. Ich würde es mir nicht so zu Herzen nehmen, Pecksniff«, fuhr er fort, ohne zu ahnen, wer ihm unten im Kirchenstuhl zuhörte, »wenn du mir unrecht getan hättest, denn ich würde hinreichende Entschuldigung dafür gefunden haben; und wie weh du mir auch getan hättest, so würde ich dich doch immer noch haben achten können. O Gott, warum mußtest du so tief in meinen Augen sinken! Ach, Pecksniff, es gibt nichts auf der Welt, das ich nicht mit Freuden hingeben würde, wenn ich mir meine alte Verehrung für dich dadurch wieder erkaufen könnte.« Mr. Pecksniff setzte sich auf das Polster nieder und zupfte seinen Hemdkragen in die Höhe, während Tom, bis ins Innerste aufgewühlt, sich in diesen Ausrufen erging. Nach einer Weile hörte er Mr. Pinch die Treppe hinunterkommen und mit den Kirchenschlüsseln klirren. Als er vorsichtig das Auge über den Rand des Kirchenstuhls erhob, sah er ihn langsam hinausgehen und die Türe hinter sich schließen. Lange wagte er nicht, sein Versteck zu verlassen, denn er bemerkte durch die Kirchenfenster, wie Tom zwischen den Gräbern hin und her wandelte und manchmal an einem Gedenkstein stehenblieb wie ein Leidtragender, der den Verlust eines lieben Freundes betrauert. Selbst als Tom den Kirchhof verlassen, blieb Mr. Pecksniff noch immer sitzen, nicht sicher, ob Tom nicht am Ende doch noch einmal zurückkomme. Endlich trat er aus der Kirche hinaus und ging mit unbefangener Miene in die Sakristei, wo sich knapp am Boden ein Fenster befand, durch das er bloß hinauszusteigen brauchte. Er befand sich in höchst seltsamer Gemütsverfassung und eilte sich durchaus nicht, fortzukommen. Er schien sogar eher Lust zu haben, noch ein Viertelstündchen zu vertrödeln, wenigstens öffnete er den Schrank in der Sakristei und betrachtete sich in dem kleinen Spiegel des Pfarrers, der an der Türe hing. Da er bemerkte, daß sein Haar einigermaßen in Unordnung war, erlaubte er sich, von der kanonischen Bürste Gebrauch zu machen. Dann öffnete er einen zweiten Schrank, machte ihn aber sogleich wieder zu, da ihn der Anblick eines schwarzen und eines weißen Chorrocks erschreckte, die, an ihren Haken baumelnd, ganz den Eindruck machten, als ob sich zwei Pfarrer in der Garderobe erhängt hätten. Sich plötzlich erinnernd, im ersten Schrank eine Flasche Portwein und einen Rest Zwieback gesehen zu haben, sperrte er lieber wieder diesen auf und führte sich mit großem Behagen die beiden Labsale zu Gemüte – alles mit höchst tiefsinniger Miene, als wären seine Gedanken ganz anderswo. Dann schien er plötzlich einen festen Entschluß zu fassen – wenn er überhaupt geschwankt hatte –, stellte Flasche und Zwieback wieder an ihren Ort und öffnete das Fenster. Ohne Schwierigkeiten gelangte er auf den Kirchhof und ging geraden Weges nach Hause. »Mr. Pinch zu Hause?« fragte er die Dienstmagd. »Er ist soeben gekommen, Sir.« »Soeben gekommen, so?« wiederholte Mr. Pecksniff gut gelaunt. »Er ist wahrscheinlich oben?« »Ja, Sir, er ist hinaufgegangen. Soll ich ihn rufen?« »Nein«, sagte Mr. Pecksniff, »nein, du brauchst ihn nicht zu rufen, Jane, ich danke dir, Jane. Was machen übrigens deine Verwandten, Jane?« »Sie befinden sich ziemlich wohl, ich danke Ihnen, Sir.« »Freut mich, freut mich. Sag ihnen, daß ich mich nach ihrem Befinden erkundigt habe, Jane. – Ist Mr. Chuzzlewit drinnen?« »Ja, Sir, er ist im Zimmer drin und liest.« »Im Wohnzimmer und liest. So, so. Sehr gut. Ich denke, ich werde ihm ein wenig Gesellschaft leisten.« Noch nie hatte man Mr. Pecksniff in besserer Laune gesehen. Als er jedoch in das Zimmer trat, wo der alte Herr mit Feder, Tinte und Papier tätig war – Mr. Pecksniff sah immer darauf, daß er mit Schreibmaterialien wohlversehen war –, da machte er ein minder heiteres Gesicht. Er war nicht etwa erzürnt oder rachsüchtig, mürrisch oder verdrießlich – nein, durchaus nicht –, aber betrübt war er, schmerzlich betrübt. Und als er neben dem alten Herrn Platz nahm, da stahlen sich zwei Tränen – nicht Tränen wie die, mit denen die Engel eine Sündenschuld auslöschen, sondern eher solche, bei denen sie eine Schuld eintragen –, zwei solche Tränen also stahlen sich über seine menschenfreundlichen Wangen herab. »Was gibt es?« fragte der alte Martin. »Pecksniff, Mensch, was fehlt Ihnen denn?« »Es tut mir von Herzen leid, daß ich Sie stören muß, mein wertgeschätzter Freund, und noch mehr schmerzt mich die Ursache, die mich dazu zwingt. Mein guter, mein würdiger Freund, ich bin schmählich hintergangen worden!« »Sie sind hintergangen worden?« »Ach«, jammerte Mr. Pecksniff in tiefster Seelenqual, »betrogen auf die entsetzlichste Weise, grausam hintergangen von jemandem, Sir, in den ich das unbeschränkteste Vertrauen setzte. – Hintergangen, Mr. Chuzzlewit von – – Thomas Pinch!« »Schlimm, schlimm, sehr schlimm«, murmelte Martin Chuzzlewit und legte sein Buch nieder, »sehr schlimm. Aber vielleicht irren Sie sich. Sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher?« »Vollständig sicher, mein wertgeschätzter Freund. Meine eigenen Augen und Ohren sind meine Zeugen, ich hätte es sonst nicht geglaubt. Ich hätte es nicht geglaubt, Mr. Chuzzlewit, und wenn ein feuriger Drache es von der Spitze der Salisbury-Kathedrale verkündet hätte. Ich hätte gesagt«, rief Mr. Pecksniff, »der Drache lügt. Einen derartigen Glauben hegte ich zu Thomas Pinchs Treue, daß ich dem Drachen die Lüge in den Hals zurückgeschleudert und Thomas an mein Herz gedrückt hätte. Aber ich selbst, Sir, bin leider kein Drache, und es bleibt mir keine Hoffnung – keine Möglichkeit –, die Sache zu beschönigen.« Martin Chuzzlewit schien diese so unerwartete Nachricht sehr zu beunruhigen. Er bat Mr. Pecksniff, sich zu fassen, und fragte, wieso Mr. Pinch ihn denn hintergangen habe. »Das ist ja eben das Schlimme an der Sache, Sir«, rief Mr. Pecksniff. »Es betrifft eine Angelegenheit, die Sie sehr nahe angeht. Ach, ist es nicht genug«, rief er mit einem Aufblick zum Himmel, »daß mich ein so schwerer Schlag trifft, muß er auch meine Freunde treffen?!« »Sie erschrecken mich!« rief der alte Mann sich verfärbend. »Ich bin nicht mehr so stark wie früher; Sie erschrecken mich, Pecksniff!« »Fassen Sie sich, mein wertgeschätzter Freund«, redete ihm Mr. Pecksniff tröstend zu. »Wir wollen handeln, wie die Umstände es erheischen. Sie werden alles erfahren, Sir. Es soll Ihnen Genugtuung werden. Aber vorerst müssen Sie mich entschuldigen, Sir, Sie müssen mich entschuldigen. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen, die ich der menschlichen Gesellschaft schuldig bin!« Er zog die Klingel, und Jane erschien. »Sei so gut und schicke Mr. Pinch herunter, Jane.« Tom kam – gezwungen und verändert in seinem ganzen Benehmen, niedergeschlagen, gedrückt und sichtlich verlegen. Er brachte es nicht über sich, Mr. Pecksniff ins Gesicht zu sehen. Der Ehrenmann warf Mr. Chuzzlewit einen Blick zu, als wolle er sagen: »Sie sehen selbst«, und redete Tom folgendermaßen an: »Mr. Pinch, ich habe das Fenster in der Sakristei offen gelassen. Würden Sie die Güte haben, es zuzusperren und mir dann die Schlüssel des Gotteshauses herzubringen!« »Das Sakristeifenster, Sir?« stotterte Tom. »Ich denke, Sie verstehen mich doch, Mr. Pinch«, entgegnete Mr. Pecksniff streng. »Jawohl, Mr. Pinch, das Sakristeifenster. Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß ich nach einem ermüdenden Spaziergang in der Kirche einschlief und soeben erst einige Bruchstücke « – er legte einen besonderen Nachdruck auf dieses Wort – »eines gewissen Zwiegesprächs zwischen zwei Personen mit anhören mußte. Eine davon schloß die Kirche zu, als sie hinausging, und ich sah mich genötigt, das Gotteshaus durch das Sakristeifenster zu verlassen. Tun Sie mir also den Gefallen, das Sakristeifenster jetzt zu schließen, und kommen Sie dann zu mir zurück.« – Kein Physiognom auf der Welt hätte Toms Gesicht bei diesen Worten beschreiben können. Es lag Verwunderung darin und milder Vorwurf, aber weder Furcht noch Schuldbewußtsein, wenn auch ersichtlich eine Menge gewaltiger Gefühle miteinander um die Oberherrschaft rangen. Er verbeugte sich und ging, ohne auch nur ein einziges Wort – weder im Guten noch im Bösen – zu erwidern. »Pecksniff!« rief Martin zitternd. »Was hat das alles zu bedeuten? Übereilen Sie sich nicht. Es könnte Ihnen später vielleicht leid tun.« »Nein, mein wertgeschätzter Freund«, rief Mr. Pecksniff mit Festigkeit. »Ich habe eine Pflicht zu erfüllen, die ich der menschlichen Gesellschaft schuldig bin, und ich will mich ihrer entledigen, koste es, was es wolle.« Um seine Pflicht gegenüber der menschlichen Gesellschaft erfüllen zu können, mußte Pecksniff Tom erst wieder zurückkehren lassen; er benützte daher die Zwischenzeit, seinen »wertgeschätzten« Freund entsprechend zu präparieren. Mary befand sich in ihrem Zimmer, und eine Störung von ihrer Seite stand nicht zu befürchten, da der stets rücksichtsvolle Mr. Pecksniff den alten Herrn gebeten hatte, ihr sagen zu lassen, sie solle vor einer halben Stunde nicht herunterkommen. Ihre Gefühle mußten selbstverständlich geschont werden. »Haben Sie das Sakristeifenster geschlossen, Mr. Pinch?« fragte Pecksniff, als Tom zurückkehrte. »Gewiß, Sir!« »Ich danke Ihnen. Und jetzt sind Sie vielleicht so freundlich, mir die Schlüssel auszufolgen, Mr. Pinch.« Tom legte sie auf den Tisch. Er hielt den ganzen Bund an dem Schlüssel zur Orgelgalerie, obgleich dieser einer der kleinsten war, und sah ihn noch lange traurig an, als er ihn aus der Hand gelegt. Er war ein alter, lieber Freund von ihm gewesen – ein Kamerad seit langer, langer Zeit. »Mr. Pinch«, begann Mr. Pecksniff kopfschüttelnd. »Mr. Pinch, wirklich, ich wundere mich, daß Sie mir noch ins Gesicht sehen können!« Aber Tom sah ihm dennoch ins Gesicht, und während er sonst für gewöhnlich eine gebückte Haltung zu haben pflegte, stand er jetzt doch so gerade vor ihm, wie nur ein Mensch stehen kann. »Mr. Pinch«, Pecksniff griff nach seinem Taschentuch, ahnend, daß er es sehr bald brauchen werde, »ich will nicht von der Vergangenheit reden. Ich will Ihnen und mir diese Pein ersparen.« Toms Auge war nicht sehr ausdrucksvoll für gewöhnlich, leuchtete aber jetzt um so mehr, als er Mr. Pecksniff anblickte und erwiderte: »Ich danke Ihnen, Sir! Es freut mich sehr, daß Sie nicht von der Vergangenheit sprechen wollen!« »Die Gegenwart genügt uns«, unterbrach ihn Mr. Pecksniff und ließ, um seine Verlegenheit zu verbergen, einen Penny fallen, »und je früher sie vorbei ist, desto besser. – – Ich will Sie nicht entlassen, Mr. Pinch, ohne nicht vorher ein Wort der Erklärung einzufügen. Nach dem, was vorgefallen ist, wäre es zwar vollkommen gerechtfertigt, wenn ich es täte, aber es könnte immerhin wie Übereilung aussehen, und das wünsche ich nicht«, er ließ abermals einen Penny fallen. »Ich bin vollkommen meiner selbst Herr, und deshalb will ich Ihnen jetzt wiederholen, was ich bereits zu Mr. Chuzzlewit gesagt habe.« Tom sah den alten Herrn an, der hin und wieder, wie zur Billigung von Mr. Pecksniffs Gesinnungen und Aussprüchen, mit dem Kopfe nickte, sich sonst aber in keiner Weise in das Gespräch mischte. »Aus diesen Bruchstücken einer Unterhaltung also, die ich soeben in der Kirche mit anhörte, Mr. Pinch – und zwar zwischen Ihnen und Miss Graham – ich sage ›Bruchstücke‹, weil ich ziemlich weit entfernt von Ihnen schlummerte, als ich von Ihren Stimmen aufgeweckt wurde –, und aus dem, was ich mit ansah, erkannte ich (und ich hätte viel darum gegeben, Mr. Pinch, wenn ich es nicht hätte müssen), daß Sie sich, alle Bande der Pflicht und Ehre vergessend, Sir, gegen die geheiligten Gesetze der Gastfreundschaft, denen Sie als Bewohner dieses Hauses Treue schuldig waren, unterfangen haben, Liebeserklärungen an Miss Graham zu richten.« Tom sah ihm unverwandt ins Auge. »Wollen Sie es leugnen, Sir?« fragte Mr. Pecksniff, ließ ein Pfund zwei Schillinge und vier Pence zu Boden fallen und tat sehr geschäftig, sie wieder aufzulesen. »Nein, Sir«, erwiderte Tom, »ich leugne es nicht.« »Sie leugnen es also nicht!« rief Mr. Pecksniff und warf dem alten Herrn einen triumphierenden Blick zu. »Bitte, haben Sie dann die Güte, das Geld zusammenzuzählen, Mr. Pinch, und Ihren Namen unter diese Quittung zu setzen – Sie leugnen es also nicht?« Nein, Tom leugnete es nicht; er verschmähte es, zu leugnen. Er erkannte, daß Mr. Pecksniff als »Horcher an der Wand seine eigene Schand« gehört hatte und sich nicht das geringste daraus machte, in der Achtung – oder vielmehr Verachtung – seines ehemaligen Schülers noch tiefer zu sinken. Er sah, daß Pecksniff diese Fabel ersonnen hatte als das leichteste Mittel, ihn loszuwerden, und daß er auf sein Nichtleugnen gerechnet hatte. Er begriff sofort, daß die Wahrheit den alten Martin noch mehr gegen Mary und den jungen Martin aufbringen müsse. Pecksniff rechnete mit seinem Edelmut und hatte offenbar das Märchen von den Bruchstücken erfunden. – Leugnen? Nein! »Der Betrag stimmt also? Wie, Mr. Pinch?« fragte Pecksniff. »Vollkommen, Sir.« »Es wartet ein Mann unten in der Küche«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »um Ihr Gepäck dahin zu schaffen, wo Sie es wünschen. Sie scheiden jetzt, Mr. Pinch, aus diesem Hause, und ich kenne Sie von diesem Augenblick an nicht länger.« Ein unnennbares Gefühl – Mitleid, Kummer, alte Anhänglichkeit, verkannte und zurückgewiesene Dankbarkeit, Enttäuschung: keines von diesen Gefühlen und doch etwas von allen – zerriß Toms empfindsames Herz beim Abschied. Es wohnte keine Seele in Pecksniffs Kadaver, und doch war Tom nicht imstande, den Mann in seiner wahren Gestalt bloßzustellen. Selbst jetzt nicht. Auch wenn er keinem geliebten Wesen dadurch geschadet haben würde, wenn er die Wahrheit enthüllt hätte. »Ich will nicht in Worte fassen«, ächzte Mr. Pecksniff unter Tränen, »was für einen Schlag dies für mich bedeutet, wie es mich angreift und wie es auf mein Gefühl wirken und mein Innerstes verletzen muß. Ich achte es für nichts. Ich kann schwerere Bürde tragen als irgendein anderer, aber was ich hoffen will und was Sie hoffen müssen – wenn nicht eine große Verantwortlichkeit auf Ihnen lasten soll, Mr. Pinch –, ist, daß dieser Verrat meine Ansichten von der Menschheit im allgemeinen nicht ändern möge – oder der Reinheit meines Herzens schaden – oder, wenn ich so sagen darf, die Schwingen meiner Seele brechen. Ich hoffe, es wird nicht der Fall sein. Es soll Ihnen zum Troste gereichen – wenn nicht jetzt, so doch in Zukunft –, zu wissen, daß ich mich nach Kräften bemühen werde, nicht schlechter von meinen Nebenmenschen im allgemeinen zu denken, dessentwegen, was zwischen uns vorgefallen ist! – Leben Sie wohl!« Tom hatte ihm anfänglich einen kleinen Lanzettstich, der in seiner Macht stand, ersparen wollen, als er ihn aber so reden hörte, besann er sich anders und sagte: »Ich glaube, Sie haben etwas in der Kirche vergessen, Sir.« »Nicht daß ich wüßte«, rief Mr. Pecksniff. »Dies hier ist, glaube ich, doch Ihr Augenglas? Nicht wahr?« »Oh! – Hm«, stotterte Mr. Pecksniff verlegen und verwirrt. »Hm. Ich danke Ihnen. Legen Sie es nur auf den Tisch, wenn ich bitten darf.« »Ich habe es gefunden«, fuhr Tom, jedes Wort sorgsam abwägend, fort, »als ich das Sakristeizimmer zuschließen wollte, und zwar im Kirchenstuhl.« Das war kompromittierend. Mr. Pecksniff hatte es weggelegt, als er mit dem Kopf im Kirchenstuhl auf- und abgetaucht war, um nicht damit gegen das Getäfel zu stoßen, und hatte es beim Fortgehen ganz vergessen. Als Tom nach der Emporkirche zurückkehrte und nachgrübelte, von wo aus man ihn denn habe belauschen können, wurde er auf die offenstehende Tür des Betstuhls aufmerksam. Er warf einen Blick hinein und fand das Glas. Er gab jetzt durch Rückerstattung der Lorgnette Mr. Pecksniff zu verstehen, daß er genau wußte, wo der Lauscher gesessen, und daß es sich durchaus nicht um das Mitanhören von »Bruchstücken« der Unterhaltung handeln konnte. »Ich bin froh, daß er fort ist«, sagte der alte Martin tief aufatmend, als Tom das Zimmer verlassen hatte. »Es ist allerdings eine Erleichterung«, pflichtete Mr. Pecksniff bei. »Eine große Erleichterung! – Nachdem ich nunmehr – wie ich hoffe, mit leidlicher Festigkeit – mich der Pflicht entledigt habe, die ich der menschlichen Gesellschaft schulde, so will ich mich mit Ihrer Erlaubnis in den Garten zurückziehen, um in Demut und Schmerz ein paar Tränen zu vergießen.« Tom ging die Treppe hinunter, räumte sein Büchersims ab, packte seine Werke, seine Noten und die alte Geige in seinen Koffer, langte seine Kleider heraus – es waren ihrer nicht viele –, legte sie auf die Bücher und verfügte sich in das Arbeitszimmer, um sein Instrumentenfutteral zu holen. Es stand dort ein zerfetzter alter Stuhl, dem die Roßhaare aus dem Überzug herausstanden wie eine Perücke – eine wahre Bestie von einem Stuhl. Und dennoch hatte Tom seit seinem Hiersein täglich darauf gesessen. Er und der Stuhl waren immer älter und schäbiger geworden, Zöglinge hatten ihre Lehrzeit überstanden, Jahreszeiten waren gekommen und gegangen, und immer hatten Tom und das altbenutzte Möbel mitsammen durch dick und dünn ausgehalten. Dieser Teil des Zimmers wurde traditionell »Toms Ecke« genannt. Man hatte sie ihm zugewiesen, da sie in starker Zugluft und ziemlich weit vom Feuer entfernt lag. Von jeher hatte er dort gesessen. An die Wand waren mit Kohle Porträts von Pecksniff gezeichnet, von denen jedes die schwachen Seiten des Edelmannes fürchterlich karikierte, und diabolische Sprüche und Redensarten – schreiende Gegensätze seines Charakters – waren auf Schleifen geschrieben, die ihm aus dem Munde heraushingen. Jeder Zögling hatte etwas Neues dazu erfunden. Phantasieporträts von Toms Vater mit einem einzigen Auge mitten auf der Stirn, seiner Mutter mit einer ungeheuern Nase – und seiner Schwester, die, im Gegensatz dazu, durchwegs fabelhaft schön gehalten war und Tom infolgedessen mit den übrigen Scherzen versöhnte. Unter weniger ungewöhnlichen Umständen würde es ihm tief ins Herz geschnitten haben, all diese Dinge zu verlassen und dabei denken zu müssen, daß er sie heute wohl zum letzten Male sah. So aber fiel es ihm verhältnismäßig leicht. Es gab keinen Pecksniff, hatte nie einen Pecksniff gegeben, und alle übrigen Schmerzen traten vor diesem einen in den Hintergrund. Als Tom wieder in seine Schlafkammer trat, um seinen Koffer und Reisesack zuzuschließen, mit Gamaschen und Überrock angetan, den Hut auf dem Kopf und den Stock in der Hand, sah er sich zum letztenmal darin um. An so manchem frühen Sommermorgen und in Winternächten beim Schein ersparter Lichtstümpchen hatte er sich in diesem Zimmer oft halb blind gelesen. Hier war es, wo er das erstemal versucht, unter der Bettdecke Violine spielen zu lernen – ein Experiment, von dem er übrigens auf die Vorstellungen der Zöglinge hin, wenn auch nur ungern, bald wieder abgestanden war. Zu jeder andern Zeit würde er bei dem Gedanken an alles, was er hier gelernt, an die vielen Stunden, die er hier verbracht, und sogar um der Träume willen, die er hier geträumt, mit Schmerz von dieser Stube geschieden sein. Aber es gab keinen Pecksniff – es hatte nie einen Pecksniff gegeben. Und Pecksniffs Unwirklichkeit erstreckte sich sogar bis in die Kammer, in der dieses jetzt so wesenlose Geschöpf, auf einem Bette sitzend, so oft mit größtem Nachdruck Moral gepredigt hatte, daß Tom die Augen feucht geworden waren, wie er atemlos auf die schwungvollen Worte gelauscht. Der Mann, der den Koffer fortbringen sollte (ein alter Bekannter aus dem »Drachen«) kam jetzt die Treppe heraufgestampft und machte Tom (dem er unter gewöhnlichen Umständen kollegial zugenickt haben würde), eine linkische Verbeugung, als wisse er von dem Vorgefallenen, wünsche aber zu betonen, daß er diesbezüglich seine eigenen Gedanken habe. Die Ehrenbezeugung fiel ziemlich plump aus, denn der Mann war bloß ein Stallknecht, aber Tom liebte ihn darum, und der Abschied von ihm kam ihm schwerer an als der von dem Hause. Tom wollte ihm das Gepäck tragen helfen, aber wie schwer es auch war, der Mann aus dem »Drachen« schien es so wenig zu fühlen wie ein Elefant seinen Palankin. Er schwang es auf den Rücken und schob sich damit die Treppe herunter, als sei es ihm leichter – er war ein handfester Kerl –, einen Koffer zu tragen, als krank und ledig zu gehen. In der Haustüre stand Jane, aus tiefstem Herzen schluchzend, und vor der Treppe Mrs. Lupin, die ebenfalls weinte und die Hand ausstreckte, um sich von »Mr. Pinch« zu verabschieden. »Aber nicht wahr, Sie kommen doch noch einmal in den ›Drachen‹, Mr. Pinch?« »Nein«, versetzte Tom, »nein. Ich gehe heute abend noch nach Salisbury, denn ich kann hier nicht bleiben. Um Gottes willen, machen Sie mir das Herz nicht so schwer, Mrs. Lupin.« »Aber Sie müssen noch mit in den ›Drachen‹, Mr. Pinch! Und wenn's auch nur für diese Nacht wäre. Wohlverstanden, nicht als Reisender, sondern als lieber Besuch für mich.« »O Gott, o Gott«, jammerte Tom, sich die Augen wischend. »Die Freundlichkeit der Leute wird mir noch das Herz brechen. Wirklich, ich muß heute abend noch nach Salisbury, meine liebe, gute Mrs. Lupin; wenn Sie aber meinen Koffer in Ihre Obhut nehmen wollen, bis ich Ihnen darum schreibe, so würde ich das als den größten Gefallen betrachten, den Sie mir erweisen können.« »Ich wollte«, rief Mrs. Lupin, »daß es zwanzig Koffer wären, Mr. Pinch; ich würde sie sämtlich wie meine eigenen behüten!« »Ich danke Ihnen«, sagte Tom. »Das sieht Ihnen wieder ähnlich. Und jetzt Gott befohlen. – Gott befohlen.« Es standen noch mehrere andere Leute, alte und junge, vor der Tür; einige weinten wie Mrs. Lupin, andere suchten wie Tom tapfer und mannhaft dreinzusehen, wieder andere waren in heimlicher Bewunderung Mr. Pecksniffs verloren, des Mannes, der sozusagen durch ein Augenblinzeln auf einen Bogen Papier eine Kirche zu bauen imstande war – während bei andern ein ähnliches Gefühl für Tom zu erkennen war. Mr. Pecksniff war zugleich mit seinem alten Schüler auf der Schwelle erschienen und hielt, während Tom mit Mrs. Lupin sprach, den Arm majestätisch ausgestreckt, als wolle er sagen: »So fahre denn hin!« Als Tom sich entfernt hatte und um die Ecke gebogen war, schüttelte er den Kopf, schloß die Augen, seufzte tief auf und zog die Türe hinter sich zu. Daraus mußten natürlich auch Toms beste Freunde schließen, Mr. Pinch habe etwas ganz Schreckliches begangen, denn sonst hätte sicherlich ein Mann wie Mr. Pecksniff nie und nimmer eine derartige Empfindung an den Tag legen können. Hätte sich's um einen gewöhnlichen Zwist gehandelt, bemerkten sie, so würde er doch ein paar Worte des Abschieds gesprochen haben. So aber war es augenfällig, daß Mr. Pinch sich schwer an ihm vergangen haben mußte. Tom hörte von all dem nichts mehr, denn er trabte, so rasch er konnte, des Weges, bis er das Chausseehäuschen erblickte, wo ihn die Familie des Mauteinnehmers an dem frostigen Morgen begrüßt hatte, als er einst mit dem jungen Martin denselben Weg gegangen war. Das Dorf hatte er bereits im Rücken, und der Schlagbaum war seine letzte Prüfung. Als die Kinder des Mautwächters ihm jubelnd entgegeneilten, wäre er am liebsten querfeldein davongelaufen. »Mr. Pinch, lieber Mr. Pinch«, rief die Frau des Schlagbaumwächters, »zu so ungewöhnlicher Zeit kommen Sie – noch dazu mit einem Bündel – hier vorbei?« »Ich gehe nach Salisbury«, erklärte Tom. »Ja, und wo ist denn das Gig?« rief die Frau und spähte die Straße hinab in der Vermutung, Tom habe irgendwo umgeworfen, ohne daß sie es bemerkt hatte. »Ich gehe heute zu Fuß«, sagte Tom. »Ich –« er konnte keine Ausrede erfinden, denn er fühlte, wie die nächste Frage lauten werde, wenn er der Antwort auswich. »Ich bin nicht mehr bei Mr. Pecksniff.« Der Mautwächter – ein alter Brummbär, der stets eine Pfeife im Mund hatte und meistens auf einem Gartenstuhl saß, der absichtlich so zwischen zwei kleinen Fenstern aufgestellt war, daß man beide Seiten der Straße leicht übersehen konnte – kam im Nu herausgestürzt. »Nicht mehr bei Mr. Pecksniff?« rief er. »Nein«, sagte Tom. »Ich habe ihn verlassen.« Der Schlagbaumwächter sah seine Frau an, überlegend, ob er sie ausfragen solle oder sie hineinschicken, damit sie nach den Kindern sehe. Er entschloß sich zu letzterem und befahl ihr barsch, sich augenblicklich in das Häuschen zu trollen. »Sie haben Mr. Pecksniff verlassen?« rief er, die Arme verschränkend, und stellte sich breit hin. »Ebensogut hätte ich geglaubt, mir würde der Kopf davonfliegen.« »Ach«, murmelte Tom, »gestern abend hätte ich mir's auch noch nicht träumen lassen. Gute Nacht.« Wenn nicht gerade in diesem Augenblick ein großer Zug Ochsen durchgekommen wäre, würde der Schlagbaumwächter schnurstracks ins Dorf gerannt sein, um sich zu erkundigen, was denn los sei. So aber griff er wieder zu seiner Pfeife und zog sein Weib ins Vertrauen. Allein auch der vereinigte Scharfsinn beider konnte nichts herausklügeln, und so gingen sie bildlich gesprochen »im Dunkeln« zu Bett. Sooft übrigens nachts ein Frachtwagen oder ein anderes Fuhrwerk durchkam und der Kutscher fragte: »Was gibt's Neues?« betrachtete sich der Mauteinnehmer den Mann beim Lichte seiner Laterne, um sich zu überzeugen, ob es auch einer sei, der sich für das Thema interessiere, und fragte dann in einem solchen Fall, sich fester in seinen Mantel hüllend: »Sie haben doch schon von Mr. Pecksniff da drunten gehört?« »Natürlich!« »Und auch von seinem jungen Mann, dem Mr. Pinch?« »Freilich!« »Pinch ist jetzt fort von ihm!« Und jedesmal nach einer derartigen Mitteilung stürzte er wieder in seine Hütte und ließ sich nicht mehr blicken, während der andere sprachlos vor Erstaunen seines Weges zog. Aber das alles geschah lange, nachdem Tom bereits schlafen gegangen war. Zur Zeit befand er sich noch auf der Straße nach Salisbury, das er so bald wie möglich zu erreichen strebte. Anfangs war der Abend wunderschön, der Himmel umwölkte sich jedoch gegen Sonnenuntergang, und gleich darauf fiel dichter Regen. Zehn lange Meilen marschierte Pinch so, gänzlich durchnäßt, bis endlich ferne Lichter auftauchten und das Weichbild der Stadt ihn aufnahm. Er begab sich unverzüglich in das Wirtshaus, wo er damals auf Martin gewartet, beantwortete in Kürze die Fragen, die man hinsichtlich Mr. Pecksniffs Befinden an ihn richtete, und bestellte ein Bett. Er hatte weder Lust, etwas zu essen, noch etwas zu trinken, sondern setzte sich, während das Schlafzimmer für ihn hergerichtet wurde, im Gastzimmer an einen leeren Tisch, dachte über die Ereignisse des Tages nach und überlegte, was er jetzt wohl anfangen solle oder könne. Ein Stein fiel ihm vom Herzen, als das Stubenmädchen eintrat und meldete, das Bett sei fertig. Es war ein niedriger Vierpfoster, dieses Bett, der sich in der Mitte wie ein Trog vertiefte. Das Zimmer stand voll von überflüssigen Tischen und Kommoden mit offenen Schubladen, in denen nasse Wäsche lag. Das ölgemalte Porträt eines auffallend fetten Ochsen hing über dem Kamin, und das Bild eines ehemaligen Wirtes, der dem Ochsen so ähnlich sah, daß man ihn ganz gut für seinen Bruder hätte halten können, glotzte zu Füßen des Bettes herunter. Ein Gemisch der wunderlichsten Gerüche kämpfte mit dem Duft alten Lavendels, und das Fenster schien seit undenklichen Zeiten nicht geöffnet worden zu sein, wenigstens trotzte es erfolgreich allen Bemühungen, es zu öffnen. An und für sich waren das nur Kleinigkeiten, aber sie machten den Ort noch unbehaglicher und trugen keineswegs dazu bei, Tom seine Lage vergessen zu machen. Pecksniff war aus der Welt geschieden– hatte nie auf Erden gelebt–, und es wollte schon viel sagen, daß Tom es nicht über sich brachte, ihn wie sonst in sein Nachtgebet einzuschließen. Aber er fühlte sich nachher wohler und ging zu Bett, um von dem zu träumen, der nie gewesen. 32. Kapitel Handelt wieder von Todgers' und einer Pflanze, die dort im Verborgenen hinwelkte Früh am Morgen nach jenem Tag, an dem Miss Pecksniff dem Schauplatz ihrer Mädchenzeit Lebewohl gesagt, wurde sie in London, gleich nach ihrer Ankunft, von Mrs. Todgers in Empfang genommen und in das friedliche Heim im Schatten des Monumentes geleitet. Mrs. Todgers sah infolge ihrer Sorgen um die tägliche Fleischbrühe und andere häusliche Kümmernisse, die ihr Geschäft mit sich brachte, ziemlich angegriffen aus, legte aber dennoch ihre gewohnte, angelegentliche und warme Teilnahme an den Tag. »Und was macht Ihr lieber Papa, meine süße Miss Pecksniff?« fragte sie. Miss Pecksniff teilte ihr – im Vertrauen natürlich – mit, daß der Treffliche daran denke, eine junge Frau Mama heimzuführen, und wiederholte ihren Ausspruch, daß sie weder blind noch blödsinnig sei und das nicht ruhig mit anzusehen gedenke. Mrs. Todgers war über diese Neuigkeit empörter, als man hätte annehmen sollen. Sie war geradezu erbittert; sie sagte, es herrsche keine Wahrheit in den Herzen der Männer, und je inniger einer spreche, desto falscher und verräterischer sei er in der Regel. Mit erstaunlicher Klarheit durchschaute sie, daß der Gegenstand von Mr. Pecksniffs Zuneigung eine ränkevolle, wertlose und gottvergessene Person sei – eine Ansicht, die selbstverständlich von Miss Charitas vollständig bestätigt wurde, und dann versicherte sie mit Tränen in den Augen, sie liebe Miss Pecksniff wie eine Schwester und fühle die Kränkung, als ob sie ihr selbst angetan worden wäre. »Und was die liebe, liebe Gratia anbetrifft«, sagte sie, »so habe ich sie erst ein einziges Mal seit ihrer Verheiratung gesehen und muß sagen, sie kam mir leider sehr bekümmert vor. – Übrigens, meine liebe Miss Pecksniff, ich habe immer gedacht, Sie sollten die Frau von Mr. Jonas werden?« »Ach, du mein Himmel, nein«, rief Cherry, den Kopf schüttelnd; »o nein, Mrs. Todgers; – Gott sei vor! Nicht um alles in der Welt hätte ich mein Jawort gegeben.« »Ich muß zugeben, daß Sie eigentlich recht haben«, versetzte Mrs. Todgers mit einem Seufzer. »Mir hat die Sache gleich nicht recht gefallen. – Und nun gar erst das Elend, das wir hier im Hause erlebt haben durch die Heirat, meine liebe Miss Pecksniff – es ist geradezu unglaublich.« »Was sagen Sie da, Mrs. Todgers?« rief Charitas erstaunt. »Schrecklich, ganz schrecklich«, wiederholte Mrs. Todgers mit Nachdruck. »Sie erinnern sich doch noch an den jüngsten Gentleman aus der Gesellschaft, meine Liebe?« »Freilich!« »Und Sie haben gewiß bemerkt, mit was für Augen er immer Ihre Schwester anzusehen pflegte und daß immer eine Art Versteinerung über ihn kam, sooft sie in seiner Gesellschaft war.« »So? – Ich habe nichts davon bemerkt«, sagte Cherry verdrießlich. »Das ist doch alles dummes Zeug, Mrs. Todgers.« »Nein, nein, meine Liebe«, beharrte Mrs. Todgers auf ihrer Ansicht, »ich habe ihn oft und oft gesehen, wie er beim Dinner über der Pastete gesessen ist und ihm der Löffel im Mund steckenblieb, wenn er Ihre Schwester ansah. Ich selbst kann's bezeugen, wie er immer in der Ecke unsres Salons gestanden ist und sie mit einem so feuchten und melancholischen Blick angeschaut hat – fast wie ein Brunnen, aus dem man Tränen herauspumpen kann, und gar nicht wie ein Mann.« »Möglich! – Ich kann weiter nichts sagen, als daß ich gar nichts dergleichen bemerkt habe«, versetzte Cherry hartnäckig. »Und gar erst, als die Heirat stattfand«, fuhr Mrs. Todgers unbeirrt fort, »und alles in der Zeitung stand und die Nachricht hier beim Frühstück verlesen wurde, da hab ich wahrhaftig schon gemeint, er wolle vollständig verrückt werden. Seine Heftigkeit, meine liebe Miss Pecksniff, die schrecklichen Reden, die er über Selbstmord laut werden ließ und so, die Wildheit, die er an den Tag legte, wenn er seinen Tee trank, und die Wut, mit der er immer in sein Butterbrot gebissen hat – und dann gar erst, wie ihn Mr. Jinkins verhöhnt hat –, alles das sind Eindrücke, die ich nie vergessen kann.« »Nur schade, daß er sich nicht wirklich umgebracht hat«, spöttelte Miss Pecksniff. »Sich umgebracht?« rief Mrs. Todgers. »Nein, schon am Abend hatte er diese Absicht aufgegeben. Er wollte nur mehr andere Leute umbringen. Es gab da einen kleinen Radau – ich hoffe, Sie halten das nicht für einen ordinären Ausdruck, Miss Pecksniff, aber unsere Herren führen ihn immer im Mund –, also wie gesagt, meine Liebe, es gab da plötzlich, wenn auch ganz im Guten, einen Mordsradau unter ihnen, und dann sprang er plötzlich schäumend vor Wut auf, und wenn ihn nicht drei Herren festgehalten hätten, würde er sicher Mr. Jinkins mit einem Stiefelzieher totgeschlagen haben.« – Miss Pecksniffs Miene drückte außerordentliche Gleichgültigkeit aus. – »Aber jetzt«, schloß Mrs. Todgers, »ist er der zahmste Mensch von der Welt. Die Tränen treten ihm in die Augen, wenn man ihn nur ansieht. An Sonntagen sitzt er gewöhnlich den ganzen lieben langen Tag bei mir und jammert mir in so kläglicher Weise vor, daß es mir fast unmöglich ist, mich um das Hauswesen so zu kümmern, wie es die Herren Kostgänger wünschen. Seinen einzigen Trost noch findet er in weiblicher Gesellschaft. Er nimmt mich mit ins Theater, und zwar so oft, daß ich manchmal fürchte, es geht über seine Mittel, und wenn ich ihn anschau, die ganze Vorstellung hindurch hat er Tränen in den Augen. Besonders, wenn's ein Lustspiel ist. Ach, und gestern erst! Wie ich da wieder erschrocken bin«, Mrs. Todgers legte die Hand aufs Herz, »die Hausmagd hat seinen Betteppich zum Fenster hinausg'hängt, und da hab ich schon glaubt, er sei's.« Die Verachtung, mit der Miss Pecksniff diesen pathetischen Bericht über den Seelenzustand des jüngsten Gentlemans der Gesellschaft anhörte, ließ bemerken, daß sie nicht sonderlich viel Teilnahme für den Unglücklichen empfand. Sie schien im Gegenteil die Sache sehr leicht zu nehmen und erkundigte sich, was sonst noch für Veränderungen in dem Logierhause für die Herren vom Handelsstande vorgefallen seien. Mr. Bailey war fort und hatte – so vergänglich ist alle Größe auf Erden – ein altes Weib, das unter dem unmöglichen Insulanernamen »Tamaroo« vorgestellt wurde, zur Nachfolgerin erhalten. Wie sich später herausstellte, hatten – stets zu Scherzen aufgelegt – die Kostgänger Mrs. Todgers' ihr diesen Namen gegeben. Das Wort, hieß es, solle aus einer englischen Ballade stammen und den kühnen, feurigen Charakter eines gewissen Lohnkutschers illustrieren, der darin eine große Rolle spielte. Offenbar hatten sie den Namen Mr. Baileys Nachfolgerin gegeben, da sie nichts weniger als »feurig« war, von einem Anfall von Rotlauf hie und da vielleicht abgesehen. Man hatte die alte Frau auf allgemeinen Wunsch engagiert und außerdem auf ein Gelübde Mrs. Todgers' hin, daß nun und nimmermehr Jungen die Türen ihres Kosthauses für junge Gentlemen vom Handelsstand verdunkeln sollten. Mrs. Tamaroo zeichnete sich durch einen vollständigen Mangel an Fassungskraft für alles mögliche aus und war ein förmliches Mausoleum für Botschaften und kleine Pakete. Wenn man sie mit Briefen auf die Post schickte, so war ihr erstes, sie durch allerlei Spalten und Ritzen von Privathaustüren zu schieben, in der Einbildung, jede Türe mit einem Loch oder Schlitz müsse ein Briefkasten sein. Sie war klein und alt und trug stets eine grobe Schürze, vorn mit einem Lätzchen und hinten mit Fransen, dazu fortwährend Bandagen um ihre Handgelenke, die mit einer chronischen Verrenkung behaftet zu sein schienen. Bei jeder Gelegenheit, wenn es galt, die Haustüre zu öffnen, benahm sie sich außerordentlich vorsichtig, dagegen um so weniger, wenn es sich darum handelte, sie zu schließen, und wenn sie die Gäste bei der Tafel bediente, geschah es stets mit dem Hut auf dem Kopf. Das war aber auch so ziemlich die einzige große Veränderung im Hause außer der, die mit dem jüngsten Gentleman der Gesellschaft vorgegangen war. Schon durch seine bloße Erscheinung bestätigte er Mrs. Todgers' Erzählung, nur schien er noch viel empfindlicher, als sie ihm nachgesagt. Ganz neue schreckliche Begriffe von Vorausbestimmung spukten in seinem Hirn, und er sprach viel von dem »Geschick« der Menschen, worüber er gewisse Privatoffenbarungen erhalten zu haben schien, die nicht jedermann zugänglich waren; wenigstens wußte er ganz genau, daß es das Fatum der armen Gratia gewesen sei, sein Leben in der Knospe zu zertreten. Er tat ungemein tränenreich und sentimental, und da bekanntlich jedermann seine Bestimmung haben muß, so setzte er sich in den Kopf, die seinige bestehe darin, daß er ohne Unterlaß Tränen im Auge haben müsse. Wohl Tag für Tag versicherte er Mrs. Todgers, die Sonne sei für ihn untergegangen und die Wogen über ihn dahingerollt. Der Juggernaut habe ihn überfahren und die tödliche Upaspalme von Java ihn vergiftet. – Sein Name war Moddle. Diesem also höchst unglücklichen Mr. Moddle gegenüber benahm sich nun Miss Pecksniff anfangs mit großer Reserve, da sie durchaus nicht in der Stimmung war, sich mit Klageliedern zu Ehren ihrer verheirateten Schwester unterhalten zu lassen. Das hatte gerade noch gefehlt, um den armen jungen Herrn vollständig zu zerschmettern, und bitter beklagte er sich darüber gegen Mrs. Todgers. »Selbst sie wendet sich von mir ab, Mrs. Todgers«, jammerte er. »Aber warum versuchen Sie denn auch nicht, ein bißchen heiterer zu sein«, stellte ihm Mrs. Todgers vor. »Heiterer zu sein, Mrs. Todgers? Heiterer?!« rief der »jüngste Gentleman der Gesellschaft«. »Wo sie mich doch an die Tage erinnert, die für immer dahin sind, Mrs. Todgers!« »Dann täten Sie besser, sie auf eine kurze Zeit zu meiden«, rief Mrs. Todgers, »und sich ihr erst allmählich zu nähern! So möchte ich's wenigstens machen.« »Aber ich kann sie nicht meiden«, stöhnte Mr. Moddle. »Es fehlte mir die Willenskraft dazu. Ach, Mrs. Todgers, wenn Sie wüßten, welchen Trost mir der Anblick ihrer Nase gibt.« »Ihrer Nase, Sir?« rief Mrs. Todgers. »Ihres Profils im allgemeinen«, erklärte der »jüngste Gentleman der Gesellschaft«, »aber besonders der ihrer Nase. Sie hat so viel Ähnlichkeit –«, wieder gab er einem Schmerzensausbruche Raum, »– sie hat so viel Ähnlichkeit mit der Nase derer, die jetzt einem andern angehört, Mrs. Todgers.« Aufmerksam wie stets, verfehlte Mrs. Todgers natürlich nicht, den Inhalt dieses Gesprächs Miss Cherry zu hinterbringen, die zwar darüber lachte, aber noch am selben Abend Moddle mit größerer Rücksicht behandelte und ihm so viel wie möglich ihr Profil zukehrte. Mr. Moddle war zum mindesten ebenso sentimental wie gewöhnlich, aber er saß ruhig da und starrte sie mit glänzenden Augen an, als danke er ihr für diese Wohltat. »Nun, Sir«, lobte ihn am nächsten Tag die Besitzerin des Logierhauses, »Sie haben sich ja gestern abend sehr zusammengenommen. Ich denke, Sie kommen doch wieder drüber weg.« »Bloß, weil sie der so ähnlich sieht, die einem andern gehört, Mrs. Todgers«, seufzte der Jüngling. »Wenn sie spricht und wenn sie lächelt, glaube ich immer wieder ihr Antlitz vor mir zu sehen, Mrs. Todgers.« Auch dies wurde Miss Cherry hinterbracht, die daraufhin am Abend aufs liebenswürdigste plauderte und lächelte, ja sogar Mr. Moddle wegen seiner Niedergeschlagenheit neckte und ihn zuletzt aufforderte, einen Rubber Whist mit ihr zu spielen. Mr. Moddle nahm den hingeworfenen Fehdehandschuh auf, und so spielten sie mehrere Partien zu sechs Pence, die Miss Cherry samt und sonders gewann. Zum Teil mochte dies vielleicht der Galanterie des jungen Gentlemans zuzuschreiben sein, aber gewiß trug auch sein Gemütszustand Schuld an der Niederlage, denn sein Blick war so häufig von Tränen getrübt, daß er die Achter für Zehner und die Buben für Damen hielt, was ihm auf die Dauer der Zeit immerhin Nachteil brachte. Am siebenten Whistabend, als Mrs. Todgers, die wie immer kiebitzte, den Vorschlag machte, sie sollten eigentlich um Pfänder oder Küsse spielen, sah man Mr. Moddle sogar die Farbe wechseln. Und am vierzehnten Abend küßte er im Flur, als Miss Pecksniff schlafen ging, ihr in Hast die Lichtschere; er hatte zwar auf die Hand, die sie trug, gezielt, sie aber leider verfehlt. Schließlich fing Mr. Moddle an, auf die Idee zu kommen, Miss Pecksniff habe die Mission, ihn zu trösten; und Miss Pecksniff ihrerseits fing an zu glauben, es sei vielleicht ihre »Mission«, Mrs. Moddle zu werden. Moddle war noch recht jung – im Gegensatz zu Cherry –, hatte gute Aussichten in seinem Beruf und überdies ein beinahe sicheres Einkommen. Wirklich, die Sache war nicht so übel. Überdies hatte er als Gratias Verehrer gegolten! Gratia hatte mit ihm renommiert und einst zu ihrer Schwester gesagt, er sei eine Eroberung von ihr. Hinsichtlich Aussehen, Temperament und Benehmen schlug er Jonas bei weitem, außerdem war er leicht lenkbar und überhaupt ganz der Mann, sich den Launen einer Frau zu fügen. Kurz, er verhielt sich zu Jonas wie ein Lamm zu einem Bären. Ha, welcher Triumph! Inzwischen dauerte das Kartenspiel Abend für Abend fort, und Mrs. Todgers wurde kaltgestellt. Der »jüngste Gentleman der Gesellschaft« zeigte nicht mehr die frühere Vorliebe für ihre Gesellschaft und fing an – Miss Pecksniff mit ins Theater zu nehmen. Auch begann er, wie Mrs. Todgers sich ausdrückte, das Essen zu schwänzen und sich zu ganz ungesetzlichen Zeiten zu entfernen. Ja, zweimal empfing er sogar, wie Mrs. Todgers verriet, anonyme Briefe mit Empfehlungskarten von Geschäften für Brautausstattungen und Möbel. – Offenbar eine Bosheit von seiten des höchst ungentlemanliken Schuftes Jinkins, doch fehlte es leider an Beweisen, um ihn zur Rede stellen zu können. Alles das – so belehrte Mrs. Todgers ihre jungfräuliche Freundin – sprach eine so einfache und klare Sprache, daß kein Mißverständnis mehr möglich war. »Meine liebe Miss Pecksniff, Sie können sich drauf verlassen«, sagte sie, »er brennt nur drauf, Ihnen seine Hand anzutragen.« »Gott bewahre – was denken Sie! – Wenn's so wäre, warum tut er's dann nicht?« rief Cherry. »Die Männer sind viel schüchterner, als man glaubt, meine Liebe«, orakelte Mrs. Todgers. »Sie gehen immer um den heißen Brei herum wie die Katzen, Monate und Monate lang hab ich g'sehn, wie meinem Todgers die Worte auf der Zunge g'legen sind, bevor er sich ausgesprochen hat.« Miss Pecksniff meinte, Mr. Todgers könne hier denn doch nicht als passendes Beispiel angesehen werden. »Aber ja, meine Liebe! Sicher!« remonstrierte Mrs. Todgers, sich in die Brust werfend. »Oh, er war seinerzeit ein sehr feiner Mann, das kann ich Ihnen versichern. Nein, nein, Sie müssen Mr. Moddle ein bissel einheizen, Miss Pecksniff, wenn Sie ihn zum Reden bringen wollen. Aber verlassen Sie sich drauf, dann wird's plötzlich in einem ganz andern Tempo gehen.« »Wirklich, ich wüßte nicht, in welcher Art ich das tun könnte, Mrs. Todgers«, erwiderte Charitas. »Er geht mit mir spazieren, spielt mit mir Whist und leistet mir oft stundenlang allein Gesellschaft.« »Schon recht«, meinte Mrs. Todgers, »das ist ja alles unerläßlich, meine Liebe, und kann auch nicht anders sein.« »Und dann setzt er sich stets ganz dicht neben mich.« »Auch damit hat's seine Richtigkeit«, entgegnete Mrs. Todgers. »Und sieht mich beständig an.« »Das kann ich mir denken«, rief Mrs. Todgers. »Und dann legt er seinen Arm auf die Stuhllehne oder das Sofa oder was es sonst grad ist, wenn ich sitze – natürlich hinter mich.« »Natürlich, freilich.« »Und dann stehen ihm so oft die Tränen in den Augen.« Mrs. Todgers meinte zwar, Mr. Moddle könne etwas Besseres tun als weinen; er solle lieber an des großen Lord Nelsons Signal zur Schlacht bei Trafalgar denken, indessen, sagte sie, er werde schon kühner werden oder besser gesagt, anbeißen, wenn Miss Pecksniff eine entschiedenere Stellung einnehme und ihm offen bedeute, daß es schließlich doch endlich einmal zu einem klaren Resultat kommen müsse. So nahm sich denn die junge Dame vor, ihr Benehmen entsprechend einzurichten, und empfing bei nächster Gelegenheit Mr. Moddle mit kalter gezwungener Miene. Wirklich brachte sie ihn nach und nach dadurch so weit, daß er niedergeschlagen fragte, warum sie denn so verändert sei. Und da gestand sie ihm, sie halte es für notwendig, für ihren beiderseitigen Frieden einen entscheidenden Schritt zu tun. Sie seien in der letzten Zeit viel beisammen gewesen und hätten das süße Gefühl echter Seelenharmonie gekostet – sie ihrerseits könne ihn nicht mehr so leicht vergessen, noch werde sie je aufhören, seiner mit wärmster Freundschaft zu gedenken, aber die Leute hätten immerhin darüber zu reden angefangen, man habe die Sache bemerkt, und es sei notwendig, daß sie einander hinfort nicht mehr wären, als sich jede andere Dame und jeder andere Herr in Gesellschaft sind. Sie sei froh, daß sie rechtzeitig den Mut gefunden, offen mit ihm zu reden, solange sie noch Gewalt über ihr Herz habe. Es hätte sie große Kämpfe gekostet, das gebe sie zu, aber so schwach sie auch sei und so weiblich sie auch denke, so hoffe sie doch, den Sieg über sich selbst davontragen zu können. Mr. Moddle, der darüber ganz außer sich geriet und reichlich Tränen vergoß, erkannte sofort, daß es sein Schicksal sei, andern Menschen Unglück zu bringen – dasselbe Unheil, das auch ihn betroffen –, er sei eine Art unbewußter Vampir und Miss Pecksniff ihm von den Schicksalsgöttinnen als Opfer Numero eins zugesandt worden. Charitas erklärte diese Ansicht für sündhaft und spornte ihn daraufhin zu der weiteren Frage an, ob sie mit einem gebrochenen Herzen vorliebnehmen könne, und als sich herausstellte, daß sie dazu vollständig imstande sei, legte Mr. Moddle einen schauerlichen Eid der Treue ab, der sofort angenommen und erwidert wurde. Der junge Mann ertrug sein Glück mit größter Mäßigung. Statt zu jubeln, vergoß er mehr und reichlichere Tränen, als man bisher an ihm bemerkt hatte, und sagte schließlich schluchzend: »Was für ein Tag ist dies gewesen! Ich gehe heut nicht mehr ins Kontor. Gott, was für ein Tag der Prüfung ist das heute für mich gewesen!« 33. Kapitel Wie sich die Dinge in Eden weiter entwickelten. Martin gehen allmählich die Augen auf Der Übergang von Mr. Moddle nach Eden ist leicht und natürlich. Mr. Moddle weilte, als er in der Atmosphäre von Miss Pecksniffs Liebe dahinlebte, in einem irdischen Paradies – und Eden war gleichfalls ein irdisches Paradies. Wenigstens behauptete das die Karte der Terraingesellschaft. Poetisch genommen, war die schöne Miss Pecksniff zu gut für die Menschheit angesichts ihres geknickten inneren Zustandes, und ein gleiches ließ sich auch hinsichtlich Edens behaupten, der blühenden Stadt, die Zephania Scadder, General Choke und andere Würdenträger und Federchen an den gewaltigen Fängen des amerikanischen Adlers, der stets himmelhoch im reinsten Äther schwebt und sich nie und nimmer mit beschmutzten Flügeln in den Kot herniederläßt, so über alle Maßen zu loben pflegten. Als Mark Tapley, den Martin in dem »Landvermessungsbureau« in Eden zurückgelassen, sich durch genügende Betrachtung ihres gemeinsamen Mißgeschicks wirksam gestärkt und ermutigt hatte, ging er mit erneuter Heiterkeit daran, sich nach Hilfe umzusehen, und wünschte sich dabei unterwegs zu seiner beneidenswerten Lage, die ihm jetzt endlich zuteil geworden, Glück. »Ich habe mir bisweilen gedacht«, sagte er sich, »eine verlassene Insel sei so das Richtige für mich, aber da hätte ich nur für mich allein zu sorgen gehabt, und weil ich von Natur aus leicht zufriedengestellt bin, hätte sich nicht viel Ehre dabei einlegen lassen. So muß ich jetzt mit für meinen Associé sorgen, und das ist so recht mein Fahrwasser. Ja, ja. Ich brauche offenbar einen Menschen, der beständig umfällt, wenn er aufrecht stehen sollte. Ich brauche einen Menschen, der in der Schule des Lebens so weit hinter mir zurück ist, daß er immer wieder ein großes ›A‹ in sein Schreibbuch malt, ohne weiterzukommen – einen Menschen, der sein eigener Mantel und Überzieher ist und sich beständig darin einwickelt. Und den habe ich jetzt«, fügte Mr. Tapley nach einer Pause hinzu. »Und das ist ein Riesenglück!« Er hielt inne, um sich umzusehen, in welches der Blockhäuser er sich begeben sollte. »Ich weiß wirklich nicht, wohin«, brummte er. »Man muß zugeben, das eine hat eine so gewinnende Außenseite wie das andere. Deshalb sind sie vermutlich auch innen alle gleich, ausgestattet mit allem Komfort, den sich ein Alligator im Naturzustand nur wünschen kann. – Wollen übrigens mal sehen. Der Bürger, der uns gestern abend begegnete, lebt sozusagen unter Wasser in dem Hundestall rechter Hand an der Ecke. Ich will ihn aber nicht belästigen, wenn es nicht unbedingt sein muß, den armen Kerl. Er ist ein gar zu trauriger Bursche. Doch da steht ja ein Haus mit einem Fenster! Ich fürchte, man wird drin sehr stolz sein; ich weiß nicht, ob nicht schon das Vorhandensein einer Türe allzu aristokratisch ist. Na, ich will's mal mit der ersten versuchen.« Und er ging nach der ersten Hütte und klopfte mit dem Finger an, Auf den Ruf »Herein!« öffnete er die Türe. »Nachbar«, begann er, »– ich bin nämlich wirklich ein Nachbar, wenn Sie mich auch nicht kennen –, ich komme Sie um etwas bitten. Hallo! Hallo! Schlaf ich oder wach ich?« Er hatte nämlich plötzlich seinen Namen nennen hören und sich von zwei kleinen Jungen am Rockschoß gefaßt gefühlt – und zwar von den beiden Kindern, die er an Bord des edlen und schnellsegelnden Paketschiffes jeden Morgen hergenommen, um ihnen die Gesichter zu waschen. »Meine Augen müssen mich täuschen«, rief er. »Ich kann es nicht glauben! Nein, es kann doch nicht sein, daß das dieselbe Frau dort ist mit dem kleinen Mädchen, das jetzt gar so elend aussieht – und das ist doch ihr Mann, der nach New York kam, um sie zu holen!« Dann blickte er auf die beiden Jungen nieder und fügte hinzu: »Und das sollten die beiden jungen Stricke sein, die mich so gern gehabt haben? Nein, sie können ihnen nur ähnlich sein! Schlafe ich, oder bin ich wach?!« In ihrer Freude, Mr. Tapley wiederzusehen, vergoß die Frau heiße Tränen, und der Mann drückte ihm beide Hände und wollte ihn gar nicht wieder loslassen. Die beiden Buben umarmten seine Beine, und das kranke Kind in den Armen der Mutter streckte seine fieberglühenden Fingerchen aus und murmelte mit heißer, trockener Kehle Marks unvergeßlichen Namen. Es war dieselbe Familie – daran ließ sich nicht mehr zweifeln –, verändert zwar durch Edens gesunde Luft, aber trotzdem dieselbe. »Das nenne ich mir eine Art von Morgenbesuch«, rief Mark tief aufatmend, »der alle andern weit hinter sich läßt. – Wart ein bissel. Ich komme gleich darüber hinweg. – Diese werten Gäste hier gehören nicht zu meinen Freunden. Stehen sie auf der Besuchsliste des Hauses?« Seine Frage bezog sich auf ein paar dürre Schweine, die mit ihm hereingeschlüpft waren und jetzt den Hausinsassen zwischen den Beinen herumliefen. Da sie nicht zu den Bewohnern des Schlosses gehörten, wurden sie von den beiden kleinen Jungen unverzüglich wieder hinausgejagt. »Ich teile zwar nicht die allgemeine Abneigung gegen Kröten«, fuhr Mark mit einem Blick auf den Boden fort, »aber wenn ich die zwei oder drei, die ich hier beisammen sehe, bewegen könnte, eine Weile hinauszuspazieren, meine jungen Freunde, so glaube ich, sie würden die freie Luft sehr erfrischend finden. Nicht, daß ich etwas gegen sie einzuwenden hätte – Kröten sind recht schmucke Tiere«, fügte Mr. Tapley hinzu und setzte sich auf einen Schemel. »Sie sind gefleckt um die Kehle herum, haben helle Augen, ein besonnenes Temperament und sind entzückend schlüpfrig, aber ich glaube dennoch, daß sie sich vorteilhafter vor der Türe draußen ausnehmen würden.« Durch derartige Reden suchte sich Mark den Anschein von Heiterkeit und Sorglosigkeit zu geben, aber insgeheim ließ er seine Augen bekümmert umherschweifen. Das blasse und abgemagerte Aussehen der Familie, die Veränderung, die mit der armen Mutter vorgegangen war, das fieberkranke Kind auf ihrem Schoß, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die auf allen Gesichtern lag, machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Er überblickte dies alles so schnell und klar wie die rohen Gesimse, gestützt von Pflöcken, die zwischen den Balken staken, aus denen das Haus gezimmert war – das Mehlfaß in der Ecke, das als Tisch diente, die Decken, Tücher, die Spaten und andern Hausrat an der Wand, den Moder, der den Boden überzog, die dumpfe Feuchtigkeit überall und den Schwamm und Schimmel, die in jeder Spalte und Ritze der Hütte wucherten. »Wie sind denn Sie hierhergekommen?« fragte der Mann, als die ersten Ausbrüche des Erstaunens vorüber waren. »Nun, wir sind vorige Woche mit dem Dampfer angekommen«, erklärte Mark. »Unsere Absicht ist, so geschwind wie möglich unser Glück zu machen und uns ein großes Vermögen zu erwerben. Aber wie geht's denn Ihnen? Sie sehen ja vortrefflich aus.« »Wir sind nur noch ein wenig krank«, seufzte die arme Frau und beugte sich über ihr Kind. »Aber es wird schon gehen, wenn wir uns erst an das Klima gewöhnt haben.« Es gibt hier so manchen, dachte Mark, der den ganzen Rest seines Lebens dazu aufbraucht, sich daran zu gewöhnen. Dann sagte er heiter: »Freilich – natürlich wird's besser kommen. Bei uns allen! Wir dürfen nur den Mut nicht verlieren und müssen gute Nachbarn bleiben. Es wird schon noch alles wieder recht werden. Übrigens, so nebenbei: Das erinnert mich, daß mein Associé ziemlich schlimm daran ist. Ich kam hierher, um für ihn um Hilfe zu bitten. Ich wollte, Sie gingen mit mir hinüber und gäben mir einen Rat, Meister.« Es hätte eine sehr unvernünftige Bitte sein müssen, die Mr. Tapley abgeschlagen worden wäre, da man seiner freundlichen Dienstleistungen an Bord des Schiffes nur zu dankbar gedachte. Sofort erhob sich der Mann, um ihn zu begleiten. Ehe sie gingen, nahm Mark das kranke Kind in seine Arme und versuchte die Mutter zu trösten, aber er erkannte, daß der Tod bereits seine Hand auf das arme kleine Geschöpf gelegt hatte. Sie fanden Martin in seine Bettdecke eingewickelt und auf dem Boden liegend. Allem Anschein nach war er wirklich sehr krank, denn er schauderte und schüttelte sich fürchterlich, nicht, wie es bei Leuten der Fall ist, die frieren, sondern in heftigen Krämpfen, die seinen ganzen Körper erschütterten. Marks Freund erkannte die Krankheit sofort als eine böse Art von Wechselfieber, die hierzulande sehr häufig sei und sich noch so manchen Tag steigern und steigern werde. Er selbst habe mehrere Jahre daran gelitten und könne Gott nicht genug danken, daß er mit dem Leben davongekommen sei. So manchen seiner Nachbarn habe er daran sterben sehen. »Na, vom Leben ist dir wahrhaft nicht viel übriggeblieben«, brummte Mark und betrachtete sorgenvoll die ausgemergelte Gestalt des Mannes. »Eden hoch, für immer!« Sie hatten einige Arzeneien in ihren Koffern mitgebracht, und der Mann konnte dank seiner traurigen Erfahrungen Mark angeben, wie sie angewendet werden müßten und wie man Martins Leiden am besten erleichtern könne. In seiner Aufmerksamkeit begnügte er sich jedoch nicht damit, lief fleißig ab und zu und leistete Mark in allen seinen Versuchen, die Lage seines Associés erträglicher zu machen, nach Kräften Beistand. Trost für die Zukunft konnte er ihm freilich nicht spenden; die Jahreszeit war ungesund und die Ansiedlung, genau genommen, ein großes Grab. Noch in derselben Nacht starb sein Kind, und Mark half es ihm am nächsten Tage unter einem Baum beerdigen. Bei all seinen mannigfaltigen Krankenwärterpflichten gegenüber Martin – dieser wurde immer anspruchsvoller, je mehr sich sein Übel verschlimmerte – arbeitete Mark Tapley dennoch von früh bis spät, teils innerhalb, teils außerhalb des Hauses, und es gelang ihm mit Beihilfe seines Freundes sowohl als anderer Nachbarn, das erkaufte Landstück ein bißchen wenigstens herzurichten. Nicht, daß er vielleicht auf die Zukunft Hoffnung gesetzt oder in diesem Sinne gearbeitet hätte. Innerlich hielt er die Lage für ganz verzweifelt, aber gerade deswegen glaubte er »Ehre einzulegen«. »Ich gebe die Hoffnung auf, mich so emporzuarbeiten, wie ich wohl wünschen möchte«, vertraute er Martin in einem freien Augenblick an, das heißt, an einem Abend, als er nach hartem Tagewerk die Wäsche des Hauses wusch. »Ich sehe nur, daß es endlich so gekommen ist, wie ich mir schon lange gewünscht habe.« »Wollen Sie vielleicht, daß es uns noch schlechter gehe als gegenwärtig?« stöhnte Martin unter seiner Decke hervor. »Na, sehen Sie doch nur, wie leicht es schlimmer hätte kommen können, Sir«, sagte Mark, »wenn nicht das neidische Schicksal immer hinter mir her wäre, um mir ein Bein zu stellen. In der Nacht, in der wir ankamen, glaubte ich schon, die Sachen ließen sich recht hübsch an, das will ich nicht leugnen.« »Und wie machen sie sich denn jetzt?« seufzte Martin. »Ach!« rief Mark. »Gar nicht so, wie Sie vielleicht fürchten. Gehe ich da den ersten Morgen, den ich frei habe, aus, und was geschieht? Ich begegne der Familie, die wir kennen. Von diesem Augenblick an unterstützen uns die Leute fortwährend und auf alle mögliche Weise. Wäre ich über eine Schlange gestolpert und von ihr gebissen worden oder auf sonst einen Patrioten von der stärksten Sorte gestoßen oder hätte ich ein Bowie-Messer in den Leib bekommen oder ein Trupp »Sympathizers« mit umgeklappten Halskragen hätten mich zum »Löwen« ernannt, da hätte ich mich vielleicht noch auszeichnen und gewissermaßen Ehre einlegen können, so aber scheint mir das große Ziel meiner Reise vollständig verfehlt. Es wird mir eben nie so gehen, wie ich möchte, das sehe ich schon. Wie geht es Ihnen übrigens heute abend, Sir?« »Schlimmer als je«, klagte der arme Martin. »Das ist immerhin etwas«, meinte Mark, »aber noch immer nicht genug. Ich müßte erst selbst mal recht krank werden und doch fidel dabei bleiben bis zum letzten Augenblick – dann glaube ich, könnte ich sagen: so, jetzt bin ich zufrieden.« »Um Gottes willen, reden Sie nicht so«, sagte Martin entsetzt. »Was sollte ich denn anfangen, Mark, wenn auch Sie noch krank würden?« Wenn diese Bemerkung auch nicht besonders schmeichelhaft war, so schien sie doch Mr. Tapleys gute Laune sehr zu erhöhen. Lustig fuhr er fort zu waschen und bemerkte, »sein Barometer steige«. »Ein Gutes wenigstens hat dieser Ort, Sir, was mich zur Heiterkeit stimmt«, fing er wieder an und rieb drauflos, »nämlich, daß der Ort an und für sich so eine Art kleine Vereinigte Staatenrepublik ist. Es sind noch zwei oder drei amerikanische Ansiedler hier übriggeblieben, und die nehmen immer noch so das Maul voll, als ob Eden der gesündeste und lieblichste Ort der Welt wäre. Sie sind wie der Hahn, der sich versteckt hat, um nicht geschlachtet zu werden, aber das Krähen trotzdem nicht lassen kann. Sie können das Maul nicht halten; sie sind dazu geboren und können nicht anders, was auch daraus folgen möge.« Noch während er das sagte, blickte er von seiner Arbeit auf und nach der Türe und entdeckte dort einen hagern Kerl in blauem Kittel und Strohhut, eine kurze schwarze Pfeife im Mund und einen über und über mit Knoten bedeckten Hickory-Stock in der Hand. Der Mensch rauchte und kaute gleichzeitig Tabak und spuckte so häufig aus, daß eine ganze Allee von braunen Klecksen den Weg frankierte, den er gekommen war. »Aha, da ist schon einer!« rief Mark. »Hannibal Chollop!« »Fordern Sie ihn nicht auf, einzutreten«, bat Martin mit matter Stimme. »Wird nicht nötig sein«, meinte Mark, »der kommt schon von selbst, Sir.« Und seine Bemerkung erwies sich auch als vollständig richtig. Das Gesicht des Kerls war so eckig und knotig wie sein Stock, und ein gleiches ließ sich auch von seinen Händen sagen. Sein Haarschopf sah aus wie ein alter, schwarzer Scheuerbesen. Ohne den Hut abzunehmen, setzte sich der Mann auf die Kiste, schlug ein Bein über das andere, schielte Mark an und begann mit der Pfeife im Munde: »Na, Mr. Co, wie bringen Sie's vorwärts, Sir?« – Mr. Tapley hatte sich nämlich allen Fremden unter dem Namen »Mr. Co« vorgestellt. – »So so la la, Sir. Ziemlich leidlich«, versetzte Mark. »Was? Ist das nicht Mr. Chuzzlewit?« fragte der Yankee. »Wie geht's Ihnen, Sir?« Martin schüttelte stumm den Kopf und zog unwillkürlich die Decke über die Ohren. Er fühlte, daß Hannibal im Begriff stand, auszuspucken, und sozusagen auf ihn zielte. »Sie brauchen auf mich keine Rücksicht zu nehmen, Sir«, bemerkte Mr. Chollop selbstgefällig. »Ich bin gefeit gegen alle Arten von Fieber. Fürchte keine Ansteckung.« »Mein Beweggrund war egoistischer Natur«, sagte Martin, unter seiner Decke hervorblickend, »ich fürchte, Sie könnten –« »Seien Sie unbesorgt, Sir«, beruhigte ihn Mr. Chollop. »Ich spucke auf einen Zoll genau.« Und sofort lieferte er einen Beweis dieser höchst erfreulichen Fertigkeit. »Ich brauche höchstens«, fuhr Hannibal fort, »zwei Fuß freien Platz im Umkreis und kann mich verpflichten, nie darüber hinauszugehen. Ich habe schon einmal zehn Fuß weit gespuckt, aber damals galt es eine Wette.« »Hoffentlich haben Sie die gewonnen, Sir?« fragte Mark. »Gewiß, Sir, selbstverständlich habe ich die Wette gewonnen«, rief Mr. Chollop. Dann schwieg er eine Weile, eifrig bemüht, um die Kiste, auf der er saß, einen magischen Kreis zu spucken. Als ihm dies gelungen, begann er wieder: »Wie gefällt Ihnen unser Land, Sir?« Dabei blickte er Martin lauernd an. »Durchaus nicht«, lautete die Antwort. Ohne im mindesten die Miene zu verziehen, fuhr Mr. Chollop fort zu rauchen, bis ihn endlich wieder die Lust anwandelte zu reden. Dann nahm er die Pfeife aus dem Munde und sagte: »Wundert mich nicht, etwas Derartiges von Ihnen zu hören; es bedarf einer gewissen geistigen Erhebung, sozusagen einer Zustutzung des Verstandes, in Amerika zu leben. Der menschliche Geist ist nicht sofort für die Freiheit vorbereitet, Mr. Co.« Er wandte sich an Mark, da er sah, daß Martin die Augen geschlossen hatte und sich unruhig auf seiner Lagerstätte hin und her wälzte. In seiner Qual wünschte der arme Kranke den Besuch zu allen Teufeln, und da er sowieso schon halb wahnsinnig war von fieberhafter Aufregung, fiel ihm die dröhnende Stimme dieses neuen Schreckbildes geradezu unerträglich auf die Nerven. »Eine kleine körperliche Erhebung könnte auch nicht schaden, glauben Sie nicht, Sir?« meinte Mark. »Wo man mit einem so feinen alten Sumpf wie diesem hier zu tun hat.« »Sie nennen das einen Sumpf, Sir?« rief Chollop würdevoll. »Natürlich, was denn sonst?« entgegnete Mark. »Ich für meinen Teil bin hinsichtlich dieses Punktes über jeden Zweifel hinaus.« »Diese Ansicht klingt wieder mal echt europäisch!« sagte »Major« Chollop, »und überrascht mich auch weiter nicht. Was würde England drüben wohl sagen, wenn's son Sumpf aufzuweisen hätte, Sir?« »Ich schätze, es würde sagen, es sei ein scheußlicher Sumpf«, versetzte Mark, »und daß es sich das Fieber lieber auf irgend eine andere Art einimpfen lassen wollte.« »Europäisch!« höhnte Mr. Chollop mit sardonisch mitleidigem Lächeln. »Echt europäisch.« Und dann saß er wieder da – stumm und ungeniert, als sei er zu Hause, dabei fortwährend rauchend wie ein Schlot. Hannibal Chollop gehörte selbstverständlich ebenfalls zu den »hervorragendsten Köpfen« des Landes. Aber außerdem war er noch eine wirklich berühmte Person. Seine Freunde im Süden und Westen pflegten ihn für gewöhnlich ein »Prachtexemplar aus echtem Schrot und Korn« zu nennen, und überdies stand er in hoher Achtung wegen seiner Begeisterung für die Freiheit, zu deren besserer Betätigung er stets ein paar Revolver in der Rocktasche trug. Außer andern ähnlichen Spielereien führte er noch einen Stockdegen, den er gewöhnlich den »Nasenstäuber« nannte, und ein großes Messer bei sich, dem er die Bezeichnung »Magenputzer« als Anspielung auf die vielen nützlichen Dienste, die es ihm bei verschiedenen kleinen Streitigkeiten zu leisten pflegte, gegeben hatte. Alle diese Waffen hatte er bei mehreren Gelegenheiten, die gebührend in den Zeitungen hervorgehoben worden waren, mit ausnehmend gutem Erfolge gebraucht, und er selbst stand in hohem Ansehen wegen seiner Ritterlichkeit, um so mehr, als er einmal einem andern Gentleman das Auge »herausgeputzt«, als dieser ein wenig zudringlich an seine Haustüre geklopft hatte. Mr. Chollop erfreute sich eines ausgesprochenen Hanges zum Nomadenleben, und in einem weniger fortgeschrittenen Staate wäre er vielleicht verkannt und als gefährlicher Vagabund eingesperrt worden. In einem Weltteil jedoch, wo er so viele geistesverwandte Genossen hatte, wurden seine hervorragenden Eigenschaften natürlich geschätzt und gewürdigt. Er war eben unter einem glücklichen Stern geboren, was man nicht von allen Menschen sagen kann, die ihrer Zeit vorauseilen. Er liebte es, schon wegen seines Hanges zum »Nasenstübern« und zum »Magenputzen«, sich an den äußersten Grenzen der gesellschaftlichen Welt, nämlich in den Städten und Marktflecken des Innern herumzutreiben. Von einem Ort zum andern wandernd, fing er überall ein Geschäft an – gewöhnlich eine Zeitung –, das er dann sogleich wieder verkaufte; und gewöhnlich schloß er den Handel damit, daß er den neuen Herausgeber, ehe dieser noch sein Eigentum angetreten, provozierte, erstach, erschoß oder ihm mit dem Daumen ein Auge herausquetschte. Zu ähnlichen Spekulationen war er auch nach Eden gekommen, hatte sie jedoch bald aufgegeben und stand jetzt im Begriff, die »Stadt« zu verlassen. Jedem neuen Bekannten stellte er sich als einen geradezu fanatischen Anhänger der »Freiheit« vor. Konsequent vertrat er die Sache der Sklaverei und des Lynchgesetzes und empfahl in Wort und Schrift, unwandelbar jeden unpopulären Menschen, dessen Ansichten von den seinigen abweichen sollten, zu »federn« oder zu »teeren«. Das nannte er das »Banner der Zivilisation in den wilderen Gärten des Vaterlandes aufpflanzen«. Zweifellos hätte Mr. Chollop dieses Banner auch in Eden auf Marks Unkosten aufgepflanzt – zum Dank für dessen Freimut, aber die Ansiedlung war gar zu öde und verfallen, und überdies wollte er selbst bald abreisen. Er begnügte sich daher, Mark einen seiner Revolver zu zeigen und zu fragen, was er von einer solchen Waffe halte. »Es ist noch nicht lange her, daß ich einen Kerl in Illinois damit niederknallte«, bemerkte er kühl. »So«, sagte Mark ebenso kühl, »sehr liberal gedacht von Ihnen und sehr unverfroren.« »Ich knallte ihn nieder, Sir«, fuhr Mr. Chollop fort, »da er im ›Spartanischen Porticus‹, einem bekannten Wochenblatt, behauptete, die alten Athener seien über das jetzige Locofoco-Programm hinausgegangen.« »Und was ist denn da weiter dabei?« fragte Mark. »Echt europäisch, das wieder einmal nicht zu wissen«, brummte Mr. Chollop und rauchte wütend weiter. »Echt europäisch.« Nachdem er eine Weile wieder an seinem magischen Kreis gearbeitet, fing er von neuem an: »Sie fühlen sich in Eden also nicht besonders zu Hause, was?« »Nein«, lachte Mark, »könnte ich nicht sagen.« »Sie vermissen vermutlich die Belastungen Ihres Landes – die Häusersteuern?« »Nein, vor allem die Häuser«, meinte Mark. »Fenstersteuern gibt's hier auch nicht«, fuhr Mr. Chollop fort. »Aber auch keine Fenster, die man besteuern könnte«, meinte Mark. »Und keine Scheiterhaufen, keine Kerker, keine Prügelprofose, keine Schafotte, keine Daumenschrauben und keinen Pranger«, knurrte Mr. Chollop. »Dagegen Revolver und Bowie-Messer«, erwiderte Mark. »Aber was will das weiter sagen! Bagatelle!« In diesem Augenblick kam der Nachbar, der ihnen am Abend ihrer Ankunft begegnet war, zur Türe gewankt und warf einen Blick herein. »Nun, Sir«, redete ihn Mr. Chollop an, »und wie kommen Sie voran?« Offenbar sehr mäßig – – der Mann gab es mit einem Brummen zu verstehen. »Mr. Co und ich«, erklärte Mr. Chollop, »disputieren gerade ein wenig miteinander; man sollte ihn mal 'n bißchen zahm machen, da er es wagt, zwischen der alten Welt und der neuen gewisse Vergleiche anzustellen, meinen Sie nicht auch?« »Nun ja«, gab der armselige Schatten zu, »vielleicht.« »Ich habe nur behauptet, Sir«, wandte sich Mark an den neuen Gast, »daß ich die Stadt, in der zu leben wir die Ehre haben, für – sumpfig halte. Was ist Ihre Ansicht?« »Ich schätze wohl, daß sie zu gewissen Zeiten ziemlich feucht ist«, gab der Mann zögernd zu. »Aber nicht so dumpfig wie England«, rief Mr. Chollop mit grimmiger Miene. »Oh, so dumpfig wie England natürlich nicht. Das liegt schon in den verschiedenartigen Institutionen der Länder«, rief der Mann. »Ich will nicht hoffen, daß es in ganz Amerika einen Sumpf gibt, der nicht diese ganze, jämmerliche Insel von Dreck und Sirup drüben aufwöge«, bemerkte Chollop mit Entschiedenheit. »Sie haben doch aus freiem Antrieb und direkt von Scadder gekauft, Sir, nicht?« wandte er sich wieder an Mark. Mr. Tapley bejahte. Mr. Chollop blinzelte dem andern »Bürger« zu. »Scadder ist ein famoser Bursche; einer, der's noch weit bringen wird; einer, der in die Höhe kommen wird und immer auf die richtige Seite fällt, nie auf die beschmierte. Was?« Und abermals blinzelte er dem andern »Bürger« zu. »Wenn's nach mir ginge, käme er so hoch, daß er mit dem Kopf am Galgen hinge«, sagte Mark. Mr. Chollop war so entzückt über die Gerissenheit seines vortrefflichen Landsmannes, der die beiden Engländer so gut hineingelegt, daß er sich nicht länger zurückhalten konnte und in ein wieherndes Gelächter ausbrach. Am seltsamsten aber war, daß jetzt die amerikanische Vaterlandsliebe auch bei dem andern hervorbrach – bei dem kranken, elenden Schatten von einem Menschen. Er schien über Scadders Spitzbüberei so begeistert zu sein, daß er sein eigenes Unglück ganz vergaß und laut hinausjohlte. Mr. Scadder sei ein pfiffiger Bursche, sagte er, und habe schon eine ganze Menge englisches Geld auf diese Weise an sich gebracht. Das sei so sicher wie daß die Sonne aufgehe. Mr. Hannibal Chollop ergötzte sich weidlich an dem Spaß, blieb aber sitzen, rauchte unentwegt drauflos und umspuckte den magischen Kreis, ohne ein Wort an die andern zu richten oder Miene zum Aufbruch zu machen. Offenbar litt er unter der üblichen amerikanischen Einbildung, es sei die größte Aufmerksamkeit, die ein treuer und erlauchter Bürger der Vereinigten Staaten jemandem erweisen könne, wenn er ein fremdes Haus auf zwei oder drei Stunden in einen Spucknapf verwandelte. Endlich erhob er sich aber doch. »Ich werde mich jetzt sachte auf die Socken machen«, brummte er. Mark ersuchte ihn, sich nur ja zu schonen und sich in acht zu nehmen, daß er sich draußen kein Bein bräche. »Bevor ich gehe«, unterbrach ihn Mr. Hannibal streng, »möchte ich Ihnen noch ein Wörtchen sagen. Sie sind verdammt scharf, das muß man Ihnen lassen.« Mark bedankte sich für das Kompliment. »Aber ein bißchen gar zu scharf, als daß man Ihnen das Handwerk nicht einmal legen würde. Sie werden noch mal so viel Revolverkugeln in den Leib kriegen, daß Sie aussehen wie ein Sieb, darauf möchte ich wetten.« »Weshalb?« fragte Mark. »Wir lassen nicht mit uns spaßen, Sir«, rief Chollop in drohendem Tone, »wir leben hier nicht in einem despotischen Land. Wir sind ein Vorbild für die Welt, und mit uns darf man sich keine Witze erlauben, merken Sie sich das!« »Was! Rede ich etwas zu frei?« fragte Mark spöttisch. »Ich habe schon wegen einer geringern Sache einen niedergeknallt«, brummte Mr. Chollop mit finsterm Blick. »Und habe stärkere Männer gekannt, die sich wegen größerer Kleinigkeiten haben dünne machen müssen. Wegen viel geringerer Kleinigkeiten habe ich Leute gelyncht werden sehen und in tausend Fetzen gehauen werden von unsern Bürgern. Wir repräsentieren die Intelligenz der Menschheit und sind das Salz der Erde und die Blüte der sittlichen Kraft. Wollt ihr dahinten in England vielleicht aufmucken? Wir haben verdammt scharfe Zähne, das kann ich Ihnen sagen. Also nehmen Sie sich in acht, Sir.« Mit dieser Warnung schied Mr. Chollop samt Messer, Revolver und Stockdegen, zu Hieb, Stich und Schuß bereit bei dem leisesten Widerspruch. »Kommen Sie nur unter der Decke hervor jetzt, Sir«, sagte Mark, »er ist fort. – Was ist das?« fügte er halblaut hinzu, kniete nieder, um seinem Associé ins Gesicht zu sehen, und ergriff dessen fiebernde Hand, »das kommt von dem albernen Geschwätz, jetzt phantasiert er und kennt mich nicht.« Martin war in der Tat gefährlich krank – ja sogar dem Tode nahe. – In diesem Zustand blieb er viele Tage lang, während welcher Zeit Mark ihn ohne Rücksicht auf sich selbst pflegte. Abgemattet an Leib und Seele, den ganzen Tag angestrengt arbeitend, die ganze Nacht über wachend, erschöpft von den ungewohnten Strapazen, umgeben von grauenvollen Bildern und entmutigenden Szenen, klagte Mark dennoch nicht mit einer Silbe. Wenn er je Martin für selbstsüchtig gehalten hatte, für unüberlegt, bloß anfallsweise energisch und dann wieder zu indolent in ihrer verzweifelten Lage, so vergaß er das jetzt alles, dachte nur an die bessern Eigenschaften seines Schicksalsgefährten und blieb ihm mit Leib und Seele ergeben. Viele Wochen vergingen, ehe Martin wieder kräftig genug war, von Marks Arm und einem Stock unterstützt umherzuwanken, und dann ging es mit seiner Genesung mangels gesunder Luft und guter Nahrung sehr langsam vonstatten. Er befand sich noch in sehr geschwächtem Zustand, als das Unglück eintrat, das er so sehr befürchtet. Mark erkrankte gleichfalls. Wohl kämpfte der tapfere Bursche lange dagegen an, aber die Krankheit war stärker als er. Alle seine Bemühungen waren umsonst. »Für den Augenblick auf den Boden geschmissen, Sir«, sagte er eines Morgens und sank auf sein Bett zurück, »aber nur immer fidel!« Ja, allerdings niedergestreckt, und zwar durch ein schweres Fieber. Wenn Marks Freunde sich schon gegen Martin liebevoll gezeigt, um so teilnahmsvoller benahmen sie sich jetzt gegen Mark. Und nun kam die Reihe an Martin, zu arbeiten, an dem Krankenlager zu wachen und während der langen Nächte auf jeden Laut in der düstern Wildnis draußen zu lauschen. Der arme Mr. Tapley lag delirierend da, schob im Geiste im »Drachen« Kegel, machte Mrs. Lupin Liebeserklärungen, wähnte an Bord der »Schraube« zu sein, wanderte mit dem alten Tom Pinch auf englischen Landstraßen dahin und verbrannte in Eden Baumstümpfe. Aber sooft ihm Martin Medizin einflößte oder ihn auf sonstige Weise pflegte oder von irgendeiner Arbeit nach Hause kam, heiterten sich seine Mienen auf, und er rief: »Fidel, Sir, nur immer fidel!« Und als nun Martin darüber nachzudenken begann und Mark betrachtete, wie er dalag, ohne ihm auch nur mit der leisesten Klage oder einem Seufzer Vorwürfe zu machen, und fortwährend bemüht, männlich und standhaft zu erscheinen, fragte er sich, warum dieser Mensch, den Erziehung und äußere Umstände so wenig begünstigt hatten, soviel besser sei als er selbst, dem bisher alle Hindernisse aus dem Wege geräumt worden waren. An einem Krankenbett zu sitzen, besonders am Krankenbett eines Menschen, den man voller Lebenskraft und Energie zu sehen gewohnt ist, das weckt das Nachdenken wie nicht so bald etwas anderes auf der Welt. Deshalb fing auch Martin an, sich zu fragen, worin sie beide denn so verschieden seien. Sich diese Frage zu beantworten, wurde ihm sehr erleichtert durch die öftern Besuche von Marks guter Freundin, ihrer Reisegefährtin auf der »Schraube«. Erinnerte es ihn doch daran, wie sehr verschieden die Art, in der er und andererseits Mark sich benommen, gewesen war. Auch Tom Pinch fiel ihm ein. Mit Recht nahm er an, daß Tom unter ähnlichen Umständen sich wohl genau so wie Mark benommen haben würde, und er fragte sich, wie zwei so sehr voneinander verschiedene Menschen dennoch in gewissen Dingen einander ähnlich und ihm so unähnlich sein konnten. Auf den ersten Blick hatten diese Betrachtungen nichts Betrübendes, aber dennoch wirkten sie niederdrückend auf ihn. Martin war von Natur offen und hochherzig, allein er war bei seinem Großvater aufgewachsen und wie gewöhnlich in solchen Fällen verpflanzte sich der Fehler des einen gerade auf den, der am meisten darunter litt. Von der Selbstsucht gilt dies ganz besonders, ebenso von Mißtrauen, Hinterhältigkeit und Habgier. Martin hatte als Kind unbewußt geschlossen: mein Erzieher denkt soviel an sich, daß ich, wenn ich's nicht ebenso mache, bald ganz unterdrückt sein werde, und so wurde er denn schließlich selber selbstsüchtig. Aber er war sich dessen nie bewußt geworden. Hätte ihm jemand seinen Egoismus vorgeworfen, so würde er diese Beschuldigung unwillig zurückgewiesen und den Betreffenden für einen Verleumder gehalten haben. Er hätte es nie einzusehen gelernt. Aber erst vor kurzem fast vom Tode auferstanden, um jetzt jemanden zu bewachen, der selber dem Grabe nahe war, fühlte er, wie wenig daran gefehlt hatte, um ihn selbst unter die Erde zu bringen, und was für ein armes elendes Ding der Mensch ist. Es war natürlich, daß er – er hatte monatelang Muße dazu – über seine eigene Genesung und Marks jetzige Gefahr nachdachte. Dies brachte ihn auf den Gedanken, wer von ihnen beiden denn eher entbehrlich sei und aus welchem Grunde. Da lüftete sich der geistige Vorhang ein wenig, und das wahre Ich begann sich zu zeigen. Außerdem fragte er sich, als er Mr. Tapleys Tod stündlich erwartete, ob er denn auch seine Pflicht gegen ihn getan und Marks Eifer und Treue verdient und gehörig vergolten habe. Nein. So kurz ihr Zusammensein gewesen, so erinnerte er sich doch so manchen Falles, in dem er sich durchaus nicht untadelig benommen, und als er sich weiter fragte, warum nicht, erhob sich der Vorhang noch ein wenig mehr, und das wahre Ich brach in vollem Glanze hervor. Es währte ziemlich lange, ehe er sein Inneres so ganz kennengelernt hatte und die volle Wahrheit einzusehen begann. Aber in der furchtbaren Einsamkeit dieses entsetzlichsten aller Orte, wo alle Hoffnung so ferngerückt, aller Ehrgeiz erstickt war und der Tod an der Tür lauerte, da kam das Nachdenken über ihn, und er fühlte und erkannte die Fehler seines Lebens und sah deutlich, welch häßlicher Fleck darauf lag. Eden war eine harte Schule, um eine so harte Lektion zu lernen, aber die Lehrer, nämlich der Sumpf, der Busch und die verpestete Luft hatten ihre besondere rauhe Methode. Feierlich nahm Martin sich vor, wenn seine Kräfte je wiederkehren sollten, an der gewonnenen Erkenntnis festzuhalten und die Selbstsucht in seiner Brust unter allen Umständen auszurotten. Er hegte, und mit Recht, so viel Mißtrauen gegen sich, daß er sogar beschloß, nicht ein Wort eitler Reue oder guter Vorsätze zu Mark zu sagen, sondern fest und im stillen an der Ausführung seines Entschlusses zu arbeiten. Und dennoch lag nicht ein Gran von Stolz darin; – nichts als wahre Demut und Beharrlichkeit, das beste Rüstzeug, das er tragen konnte. So weit ihn Eden körperlich heruntergebracht, so hoch hatte es ihn innerlich erhoben. Nach langwieriger Krankheit, in deren schlimmsten Stadien Mark oft nicht ein Wort sprechen konnte und nur mit zitternder Hand imstande war, sein »fidel« auf eine Schiefertafel zu schreiben, stellten sich endlich Symptome wiederkehrender Gesundung ein. Sie kamen und gingen. Das Leben flackerte einige Zeit hin und her, aber zuletzt begann der Kranke, sich entschieden besser zu fühlen und mit jedem Tag kräftiger zu werden. Als er sich wohl genug fühlte, um ohne sofortige Erschöpfung sprechen zu können, beriet sich Mark mit ihm über einen Plan, den er noch vor einigen Monaten sofort in Vollzug gesetzt haben würde, ohne einen andern Kopf als den eigenen damit zu behelligen. »Unser Fall ist verzweifelt«, begann er, »das unterliegt keiner Frage. Der Ort ist eine Einöde, die Zustände hier werden inzwischen genügend bekannt geworden sein, und wir dürfen daher nicht hoffen, das verkaufen zu können, was man uns so niederträchtigerweise aufgeschwatzt hat, selbst wenn wir es mit unserm Gewissen zu vereinigen vermöchten. Wir haben unsere Heimat einem tollen Unternehmen zuliebe verlassen und unser Ziel verfehlt. Es bleibt uns daher nur noch eine einzige Hoffnung, auf die wir lossteuern müssen, und sie besteht darin, diese Ansiedlung zu verlassen und nach England zurückzukehren. Gleichviel, durch welche Mittel wir es zustande bringen, aber zurück müssen wir, Mark!« »Ja, das ist's, Sir«, rief Mr. Tapley voller Nachdruck, »um das handelt sich's, um weiter nichts.« »Nun haben wir –« fuhr Martin fort – »auf dieser Seite des Ozeans nur einen einzigen Freund, der uns helfen könnte, und das ist Mr. Bevan.« »Habe auch schon an ihn gedacht, als Sie damals krank lagen«, sagte Mark. »Wenn England nicht so furchtbar weit wäre, so würde ich an meinen Großvater schreiben«, sagte Martin, »und ihn um Geld anflehen, um uns aus dieser Wolfsfalle zu befreien, in die wir so tückischerweise gelockt worden sind. Soll ich es erst mit Mr. Bevan versuchen, was meinen Sie?« »Ich dächte, ja«, riet Mark. »Er war ein sehr freundlicher Herr.« »Die wenige Habe, in die wir unser Geld gesteckt haben«, nahm Martin seine Rede wieder auf, »würde, wenn wir sie verkauften, immerhin etwas einbringen, und was sich daraus erzielen läßt, soll ihm augenblicklich zurückgezahlt werden. Aber hier können wir nichts an den Mann bringen.« »Nein, hier gibt's nur Tote«, stimmte Mr. Tapley bei und schüttelte traurig den Kopf, »und Schweine. Und die kaufen beide nichts.« »Soll ich ihm das schreiben und ihn um soviel Geld bitten, daß wir auf die billigste Weise New York oder irgendeinen andern Hafen zu erreichen imstande sind, wo wir hoffen können, durch Dienst an Bord freie Überfahrt nach Hause zu bekommen? Soll ich ihm nicht zugleich auch meine Verhältnisse schildern und sagen, daß ich ihn sofort nach unserer Ankunft in England, und müßte ich mich auch an meinen Großvater wenden, bezahlen will?« »Freilich«, rief Mark, »höchstens sagt er ›nein‹. Aber es wäre sehr wünschenswert, daß er ›ja‹ sagte. Wenn Sie sich also nicht genieren, es mit ihm zu versuchen, Sir –« »Genieren?!« rief Martin. »Es ist doch meine Schuld, daß wir hierher verschlagen wurden, und ich muß wahrhaftig alles tun, damit wir wieder fortkommen. Voller Schmerz denke ich an die Vergangenheit zurück. Hätte ich auf Ihren Ratschlag gehört, Mark, so würden wir jetzt nicht hier sein.« Mr. Tapley war höchlichst erstaunt über dieses freimütige Eingeständnis, beteuerte aber mit großem Eifer, daß dies kein Haar an der Sache geändert hätte, denn er allein habe sofort beschlossen, nach Eden zu gehen, kaum daß der Name zum erstenmal gefallen war. Sodann las ihm Martin ein Schreiben an Mr. Bevan vor, das er bereits aufgesetzt hatte. Es war offenherzig und freimütig gehalten und schilderte ihre Lage und alles andere ohne die mindeste Beschönigung. Er erzählte darin Mr. Bevan, was sie für Ungemach ausgestanden, und trug ihm seine Bitte in bescheidenen, aber dennoch dringlichen Ausdrücken vor. Mark billigte begeistert den Inhalt, und so beschlossen sie, den Brief mit dem nächsten Dampfboot, das in Eden Holz einnehmen würde – denn daran war wirklich kein Mangel –, abzuschicken. Da Martin Mr. Bevans Wohnort nicht kannte, so adressierte er ihn an Mr. Norris in New York und schrieb auf das Kuvert die Bitte: »nachsenden«. Es dauerte länger als eine Woche, ehe ein Dampfboot erschien, aber endlich wurden sie eines Morgens durch das Geschnaufe des »Esau Slodge« geweckt – ein Name, den das Schiff einem der »bedeutendsten Köpfe« des Landes verdankte. Sie eilten zum Landungsplatz und warfen den Brief in den Schiffspostbeutel. Neugierig, die Abfahrt des »Esau Slodge« zu sehen, blieben sie auf der Laufplanke stehen und brachten dadurch eine solche »Verkehrsstockung« hervor, daß der Kapitän ihnen wünschte, zu feinem Mehl gesiebt und zu kleinen Spänen verschnitzelt zu werden; wenn sie nicht wie der Blitz verschwänden. Er wolle sie mit Eimern hinunterspülen, schimpfte er, wenn sie sich nicht sofort zum Teufel scherten. Vor acht oder zehn Wochen frühestens durften sie unter keinen Umständen auf eine Antwort hoffen. Mit der letzten Kraft, die ihnen noch geblieben, widmeten sie sich in der Zwischenzeit einem Versuch, das Grundstück zu beackern und ein Stück davon urbar zu machen und zu gemeinnützigen Zwecken vorzubereiten. So ungeheuer mangelhaft ihre Bewirtschaftung auch war, so war sie immer noch weit besser als die ihrer Nachbarn. Mark besaß einige praktische Kenntnisse darin, und Martin lernte von ihm, während die andern Einsiedler untätig auf ihrem faulen Sumpf sitzen blieben und sämtlich hierher gekommen zu sein schienen in der Meinung, daß das Landbebauen eine allen Menschen angeborene Fähigkeit sei. Sie halfen einander zwar nach ihrer Weise und wo sie konnten, vollbrachten ihre Arbeit aber so hoffnungslos wie deportierte Verbrecher. Oft sprachen Mark und Martin, wenn sie abends allein beisammen saßen, von der Heimat, von trauten Plätzen zu Hause und von Leuten, die sie gemeinsam kannten, bisweilen voller Hoffnung, sie wiederzusehen, dann wieder verzagt, als ob bereits alles vorüber sei. Bei solchen Anlässen war Mr. Tapley immer sehr erstaunt, Martin so gänzlich verändert zu sehen. Ich weiß nicht, was ich daraus machen soll, dachte er eines Nachts; er ist so ganz anders, als ich ihn mir anfangs vorgestellt habe. Er denkt nicht halb soviel an sich selbst, als ich annahm. Ich muß ihn mir einmal genauer ansehen. – »Hallo! Schlafen Sie, Sir?« »Nein, Mark.« »Sie denken wohl an zu Hause, Sir?« »Jawohl, Mark.« »Ich auch, Sir. Ich denke gerade, was Mr. Pinch und Mr. Pecksniff jetzt wohl machen mögen.« »Der arme Tom«, seufzte Martin gedankenvoll. »Er ist ein schwacher Mensch«, warf Mr. Tapley hin. »Er spielt die Orgel umsonst, Sir. Denkt niemals an sich.« »Ich wünschte auch, er dächte ein bißchen mehr an sich«, gab Martin zu; »wenn ich auch nicht sagen kann, warum ich das wünschte. Wir würden ihn dann vielleicht nicht halb so gern haben.« »Er läßt sich von andern ausnutzen, Sir«, warf Mark wieder einen Brocken hin. »Ja, allerdings«, sagte Martin nach einer kleinen Pause. »Ich weiß es ganz gut, Mark.« Es klang soviel Ruhe durch seine Worte durch, daß sein Kompagnon das Thema fallenließ und eine Weile lang schwieg, bis ihm wieder etwas einfiel. »Ach, Sir«, murmelte er und seufzte. »Sie haben der jungen Dame wegen viel aufs Spiel gesetzt.« »Nun, ich will Ihnen was sagen – davon bin ich doch nicht so ganz überzeugt, Mark«, rief Martin, und zwar so energisch und hastig, daß er sich eigens dazu in seinem Bette aufsetzte. – »Die Sache ist durchaus nicht so klar. Sie können sich darauf verlassen, daß Mary sehr unglücklich ist. Sie hat mir den Frieden ihrer Seele aufgeopfert und auch ihre Interessen sehr gefährdet. Dabei ist sie nicht mal in der Lage, von denen fortlaufen zu können, die sie so eifersüchtig bewachen und ihr alle möglichen Hindernisse in den Weg legen. Sie hat wahrhaftig viel zu leiden, die Ärmste, und dabei sind ihr noch dazu die Hände gebunden. Bei mir war es ein anderer Fall. Ich fange überhaupt an zu glauben, daß sie mehr zu dulden hat, als es je bei mir der Fall war. Wirklich, meiner Seel, ich zweifle keinen Moment daran.« Mr. Tapley machte im Finstern große Augen, ohne jedoch den Sprecher zu unterbrechen. »Da wir gerade bei diesem Thema halten«, fuhr Martin fort, »so will ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Jener Ring –« »Welcher Ring, Sir?« fragte Mark und riß die Augen noch weiter auf. »Der Ring, den sie mir zum Abschied gab. – Sie hat ihn gekauft; – sie wußte ganz gut, daß ich trotz meiner Armut stolz war (Gott behüte mich – stolz!) und vielleicht einmal Geld brauchen könnte.« »Wer hat Ihnen denn das gesagt, Sir?« fragte Mark. » Ich sage es. Ich weiß es. Ich habe wohl hundertmal daran gedacht, lieber Freund, und ich nahm das Geschenk von ihrer Hand wie ein Vieh und ließ mir in dem Augenblick, als ich mich von ihr trennte, nicht im Traume einfallen, wie sich die Sache verhielt, während doch schon damals eine schwache Ahnung der Wahrheit in mir hätte aufdämmern sollen. Aber es ist schon spät«, setzte Martin innehaltend hinzu, »und ich weiß, daß Sie schwach und müde sind. Sie reden ja nur, um mich aufzuheitern. Gute Nacht! Gott behüte Sie, Mark.« Gott behüte mich – da war ich gut auf dem Holzweg, dachte Mr. Tapley und drehte sich mit glücklichem Gesichte zur Wand. Ist das ein Leim! In einen derartigen Dienst wäre ich mein Lebtag nicht getreten. Da ist wenig Ehre einzulegen, wenn man lustig ist. Die Zeit entschwand, und andere Dampfboote erschienen aus der Richtung, in der die beiden alle ihre Hoffnungen konzentrierten, aber immer noch traf keine Antwort auf ihren Brief ein. Regen, Hitze und die schädlichen Bodenausdünstungen mit allen ihren Übeln bekamen langsam Oberhand über sie. Die Erde, die Luft, die Pflanzenwelt und das Wasser, das sie tranken – alles war gesättigt mit tödlichen Keimen. Ihre gemeinsame Reisegefährtin hatte schon vorher zwei ihrer Kinder verloren und begrub jetzt ihr letztes. Doch derartige Sachen sind viel zu gewöhnlich und in der weiten Welt zu bekannt, um überhaupt noch Teilnahme zu erregen. Die großen Bürger werden reich, und freundlose Opfer siechen dahin, sterben und werden vergessen. Das ist alles. Endlich kam ein Boot schnaubend den scheußlichen Fluß herauf und machte bei Eden halt. Mark erwartete seine Ankunft bei der Holzhütte und erhielt an Bord einen Brief, den er sogleich an Martin trug. Zitternd sahen sie einander an. »Er fühlt sich schwer an«, stammelte Martin. Und als er ihn öffnete, fiel ein kleines Paket mit Dollarnoten auf den Boden. Was sie anfangs sagten, taten oder fühlten, konnte keiner von ihnen später recht angeben. Alles, was Mark jemals zu berichten vermochte, lief darauf hinaus, er sei atemlos an das Ufer zurückgeeilt und habe dem Kapitän, noch ehe das Zeichen zur Abfahrt gegeben, die Frage gestellt, wann das Boot wieder zurückkehren und hier anhalten werde. »In zehn oder zwölf Tagen«, lautete die Antwort. Dessenungeachtet begannen sie aber schon am selben Abend ihre ganze Habe zusammenzupacken. Als dieses Stadium der Aufregung vorüber war, glaubte jeder von ihnen, zuverlässig sterben zu müssen, ehe der Dampfer wieder zurückkehren werde. Doch lebten sie immer noch, als endlich nach Verlauf von drei entsetzlich langen Wochen das Schiff Eden anlief. Bei Sonnenaufgang an einem Herbsttag standen sie auf dem Verdeck. »Nur Mut, wir werden uns wiedersehen!« rief Martin und winkte den zwei abgezehrten Gestalten am Ufer zu. »In der alten Welt.« »Oder in der nächsten«, murmelte Mark vor sich hin. »Sie so Seite an Seite stehen zu sehen, ist beinahe das Schlimmste von allem.« Dann setzte sich das Schiff in Bewegung. Mark und Martin sahen einander an und blickten dann zurück nach dem Landungssteg, der immer weiter und weiter im Hintergrund verschwand. Das Blockhaus mit der offenen Türe und den sich darüber neigenden Bäumen – der trübe Morgendunst und die Sonne jenseits mit ihrem düsterroten Licht – die Dünste, die von Wasser und Land aufstiegen – der rasche Strom, der die ekelhaften Ufer zerwusch und dadurch nur noch flacher und langweiliger machte, wie oft kehrte nicht alles das in ihren Träumen wieder –, und jedesmal atmeten sie wie befreit auf, wenn sie erwachten und erkannten, daß es nur das Schattenspiel der Erinnerung gewesen. 34. Kapitel Mark und Martin begeben sich in die Heimat und begegnen unterwegs einigen hervorragenden »Köpfen des Landes« Unter den Reisenden an Bord des Dampfschiffs zog zuvörderst ein ausgemergelter Gentleman ihre Aufmerksamkeit auf sich, der, auf einem niedrigen Feldstuhl sitzend, die Beine auf ein Mehlfaß gelegt hatte, als wolle er mit seinen Fußknöcheln die Aussicht bewundern. Er hatte straffes schwarzes Haar, in der Mitte des Kopfes gescheitelt und zu beiden Seiten über den Rockkragen niederwallend. Eine schmale Bartfranse umsäumte sein Kinn über dem bloßen Hals. Er trug einen weißen Hut, einen schwarzen Anzug, der an den Ärmeln zu lang und an den Beinen zu kurz war, schmutzige braune Strümpfe und Schnürstiefel. Sein Teint, von Natur schon unappetitlich, erschien noch schmutziger infolge der sorgsam geübten Sparsamkeit des Mannes hinsichtlich Seife und Wasser. Dasselbe traf auch bei allen waschbaren Teilen seiner Kleidung zu, die er ganz gut einmal zu seiner eigenen Bequemlichkeit sowohl wie aus Achtung für seinen Verkehr hätte wechseln können. Der Gentleman mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre alt sein, saß unter dem Schatten eines großen grünen Baumwollschirms zu einem Häuflein zusammengekauert und kaute an seinem Tabakröllchen wie eine Kuh am Grase. An all dem wäre nun nichts Auffälliges gewesen, denn jeder Gentleman an Bord schien mit seiner Wäscherin auf Kriegsfuß zu stehen und von früher Jugend auf das armselige, erbärmliche Geschäft, sich selbst zu waschen, aufgegeben zu haben. Überdies war jeder Gentleman sozusagen vollgepfropft mit Kautabak und, was die Gliedmaßen beim Sitzen und Liegen anbelangte, nahezu grotesk verrenkt. Im Äußern dieses Gentlemans lag jedoch eine so eigentümliche Mischung von Schlauheit und Weisheit, daß Martin sofort erkannte, er habe es hier mit einem durchaus nicht gewöhnlichen Charakter zu tun. Und schließlich stellte es sich auch heraus, daß dies tatsächlich der Fall war. »Wie geht's, Sir?« tönte nämlich plötzlich eine Stimme in Martins Ohr. »Wie geht's Ihnen , Sir?« lautete Martins Erwiderung. Der erste Sprecher war ein kleiner schmächtiger Gentleman mit einer Tuchmütze auf dem Kopf und einem langen, losen Rock aus grünwollenem Stoff, der an den Taschen mit schwarzem Samt verbrämt war. »Sie sind wohl aus Europa, Sir?« »Allerdings«, antwortete Martin. »Da können Sie von Glück sagen, Sir.« Martin dachte das auch, bemerkte aber rechtzeitig, daß der Gentleman seine Bemerkung in einem ganz andern Sinne meinte, als es anfänglich geschienen. »Da können Sie von Glück sagen, daß Sie Gelegenheit haben, unsern Elijah Pogram von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen.« »Ihren Elijahpogram?« versetzte Martin in der Meinung, es sei ein einziges Wort und bedeute irgendein öffentliches Gebäude. »So ist es, Sir.« Martin versuchte eine Miene zu machen, als ob er den Yankee verstehe, konnte aber der Sache nicht auf den Grund kommen. »So ist es, Sir«, wiederholte der Gentleman. »Unser Elijah Pogram, Sir, sitzt in diesem Augenblick, wie er leibt und lebt, dort beim Dampfkessel« In diesem Augenblick legte der Gentleman unter dem grünen Schirm seinen rechten Zeigefinger an die Augenbraue, als ob er soeben über höchst bedeutsame Fragen nachgrüble. »So, so. Das also ist Elijah Pogram!« rief Martin. »So ist es«, versetzte der Amerikaner. »Das ist Elijah Pogram.« »Oh!« rief Martin. »Da staune ich wirklich außerordentlich!« In Wirklichkeit hatte er nicht die geringste Idee, wer Mr. Elijah Pogram sein könne, da er den Namen in seinem ganzen Leben noch nie gehört hatte. »Wenn der Schiffskessel zerspringen sollte, Sir«, fing der Fremde wieder an, »jetzt in diesem Augenblick – so wäre dies ein Festtag im Kalender des Despotismus. In seinen Folgen für die Menschheit vielleicht ebenso groß, Sir, wie unser glorreicher vierter Juli. Jawohl, Sir, das ist seine Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram, Kongreßmitglied – einer der größten Geister unseres Landes. Sehen Sie sich einmal seine Stirne an.« »Höchst bemerkenswert«, sagte Martin. »So ist es, Sir. Als unser unsterblicher Chiggle, Sir, die berühmte Pogramstatue aus Marmor meißelte, die in ganz Europa zu soviel Streit und Geschrei Anlaß gab, soll er gesagt haben, die Stirne sei übermenschlich. Das war noch vor der allgemeinen Pogrambewegung und folglich eine verdammt gescheite Prophezeiung.« »Was ist das: die Pogrambewegung?« fragte Martin, in der Meinung, es handle sich wahrscheinlich um eine Wirtshausreklame. »Eigentlich Pogramtrutzbewegung, Sir«, verbesserte der Amerikaner. »Ja, ja, natürlich«, rief Martin. »Wo hab ich denn meine Gedanken. Sie trotzte –« »Sie trotzte der ganzen Welt, Sir«, ergänzte der Gentleman gravitätisch. »Die Bewegung forderte die Welt im allgemeinen heraus, sich mit uns zu messen, entwickelte das Programm der Erschließung unsrer innern Hilfsquellen, die uns instand setzen, das Universum zu bekriegen. Sie wünschen gewiß, Elijah Pogram kennenzulernen, Sir?« »Wenn Sie die Güte haben wollten«, sagte Martin. »Mr. Pogram«, rief der Fremde – Mr. Pogram hatte übrigens jedes Wort des Dialoges gehört – »hier steht ein Gentleman aus Europa, Sir; aus England, Sir; aber ich dächte, edeldenkende Feinde können ganz gut auf dem neutralen Boden des Privatlebens miteinander zusammenkommen.« Der ausgemergelte Mr. Pogram schüttelte Martin die Hand, wie ein Uhrwerk, das soeben abläuft; aber quasi als Gegensatz dazu fing er gleich darauf wieder zu kauen an und bewegte langsam seine Kiefer wie ein Uhrwerk, das gerade aufgezogen wird. »Mr. Pogram«, erklärte der Gentleman, »ist ein Diener der Öffentlichkeit. Wenn der Kongreß seine Ferien antritt, zeigt sich Mr. Pogram dem Volke in den einzelnen Bezirken der Vereinigten Freien Staaten, deren begabter Sohn er ist.« Martin dachte, wenn seine Hochwohlgeboren Elijah Pogram zu Hause geblieben wäre und seine Schuhe allein auf Reisen geschickt hätte, daß damit der gleiche Zweck ebensogut erfüllt worden wäre; denn diese waren im Grunde genommen so ziemlich das Sehenswerteste an ihm. Schließlich stand Mr. Pogram auf, und nachdem er ein paar Tabakknödel, die ihn in seiner Artikulation gehindert haben würden, ausgespuckt hatte, suchte er sich einen Platz, wo er sich bequem anlehnen konnte, und begann mit Martin zu plaudern, dabei sich stets mit seinem grünen Schirme beschattend. Als er mit den Worten: »Wie gefällt Ihnen –« begann, fiel ihm Martin sofort in die Rede und ergänzte: »Amerika, nicht wahr?« »Jawohl, Sir«, versetzte Mr. Elijah Pogram. – Inzwischen hatte sich ein Häuflein Passagiere, um mit zuzuhören, was jetzt folgen werde, um sie versammelt, und Martin hörte den ersten Gentleman einem Herrn, sich die Hände reibend, zuflüstern: »Geben Sie acht, Pogram wird ihm einheizen, daß er braun und blau anläuft. Mordsspaß, das.« »Nun«, fuhr Martin nach einem kurzen Zögern fort, »ich weiß aus Erfahrung, daß ihr Amerikaner immer gern diese Frage stellt mit der Absicht, ein gewisses eingebildetes Übergewicht vis-à-vis einem Fremden zur Geltung zu bringen. Sie wollen eben nur eine ganz bestimmte Antwort zu hören bekommen und keine andere. Ich habe nun aber durchaus keine Lust, diese eine gewisse Antwort zu geben und kann es auch nicht mit gutem Gewissen tun. Deshalb will ich lieber schweigen.« Mr. Pogram gedachte jedoch, in seiner nächsten Sitzung eine große Rede zu halten über die Urteile und Vorurteile des Auslandes und das Thema schriftstellerisch zu verwerten, und da er die »freie und unabhängige« Gewohnheit liebte, sich jede Art von »Auskunft« auf jede nur mögliche zudringliche Art zu verschaffen und sie dann öffentlich mit seinem Zwecke dienenden Verdrehungen zu benutzen, so ließ er sich nicht so leicht abspeisen und trachtete durch alle möglichen Mittel Martin seine Ansichten auf die eine oder die andere Weise herauszulocken; denn wäre ihm das nicht gelungen, so hätte er sich ja etwas erfinden müssen, und das wäre doch viel zu mühsam gewesen. Er notierte sich demgemäß im Geiste seine Antwort voraus und fing von neuem an: »Sie kommen aus Eden, Sir. Wie hat Ihnen Eden gefallen?« Martin sagte ihm seine Meinung über diesen Teil von Amerika ziemlich offen und in recht starken Ausdrücken. »Sonderbar«, meinte Mr. Pogram und warf einen listigen Blick auf die Gruppe ringsum. »Der Haß gegen unser Vaterland und seine Institutionen und die nationale Antipathie im britischen Volksgebiet ist wahrhaftig tief eingewurzelt.« »Gott im Himmel, Sir«, rief Martin. »Ist denn die Edener Landaktien-Gesellschaft mit Mr. Scadder an der Spitze mit all dem Jammer und Elend, das sie verschuldet, eine amerikanische Institution? Hat je ein Mensch gehört oder behauptet, daß sie einen Teil der hiesigen Regierungsform ausmache?« »Ich bin der Ansicht«, sagte Mr. Pogram, abermals umherblickend, und nahm seine Rede wieder auf, wo ihn Martin unterbrochen, »der Grund liegt zum Teil in der Eifersucht und in den Vorurteilen, zum Teil in der angebotenen Untauglichkeit des britischen Volkes, die erhabenen Institutionen unseres Vaterlandes gebührend zu würdigen. Ich hoffe, Sir«, fuhr er zu Martin gewendet fort, »daß Sie in Eden die Bekanntschaft eines Gentlemans namens Chollop gemacht haben.« »Allerdings«, gab Martin zu. »Übrigens, mein Freund hier kann diese Frage vielleicht besser beantworten als ich, da ich damals sehr schwer krank daniederlag. – Mark, der Gentleman spricht von Mr. Chollop.« »Oh! Jawohl, Sir, jawohl, ich kenne ihn«, entgegnete Mark. »Ein glänzendes Vorbild unseres vaterländischen Kernvolkes, Sir?« warf Pogram fragend hin. »Jawohl, Sir«, rief Mark. Seine Hochwohlgeboren Elijah Pogram sah seine Freunde an, als wolle er sagen: »Jetzt gebt mal acht! Gebt acht, was jetzt kommen wird!« – Ein allgemeines leises Gemurmel zollte dem Pogramgenie seinen Tribut. »Unser Landsmann ist ein Musterbild des Menschen, wie er frisch und stark aus der Hand der Natur hervorgeht«, rief Pogram begeistert. »Er ist ein echtes Kind dieser freien Hemisphäre. Grünend wie die Gebirge unseres Landes, frisch und übersprudelnd wie unsere Salzquellen, unberührt von verpestenden Konvenienzen wie unsere weiten, grenzenlosen Prärien. Rauh mag er sein, aber das sind auch unsere Bären. Wild mag er sein, doch das sind auch unsere Büffel. Aber er ist ein Kind der Natur und ein Kind der Freiheit, und voller Stolz ruft er den Despoten und Tyrannen zu: ›Meine herrliche Heimat ist dort, wo die Sonne zur Ruhe geht.‹« Dies stimmte teilweise auf Chollop, teilweise auf einen gewissen berüchtigten Postmeister im Westen, der vor nicht sehr langer Zeit wegen Unterschlagung aus seinem Amte entfernt werden mußte. Doch da der Mann für Mr. Pogram gestimmt, hatte dieser von seinem Sitz im Kongreß das Todesurteil auf das Haupt des unpopulären Präsidenten, der diese Unzukömmlichkeiten aufgedeckt, herabgedonnert. Mr. Pograms Worte hatten eine glänzende Wirkung. Die Umstehenden waren entzückt, und einer von ihnen sagte laut, daß es Martin hören mußte: er schätze, der Fremde habe jetzt ein Pröbchen von der Beredsamkeit Amerikas zu kosten bekommen und betrachte sich wohl als gänzlich erledigt. Mr. Pogram wartete, bis sich seine Zuhörer wieder beruhigt hatten, und fuhr dann zu Mark gewendet fort: »Sie scheinen diese Ansicht nicht zu teilen, Sir?« »Je nun«, meinte Mark, »gefallen hat mir Mr. Chollop nicht besonders; das könnte ich gerade nicht behaupten, Sir. Er kam mir vor wie ein Eisenfresser, und ich war auch nicht sonderlich entzückt, daß er mit seinen kleinen Mordwerkzeugen, die er bei sich zu führen liebt, immer so rasch bei der Hand war.« »Es ist doch höchst seltsam!« rief Mr. Pogram und hob seinen Schirm höher empor, um darunter hervor seine Umgebung besser mustern zu können. »Es ist doch höchst auffallend! Wiederum bemerken Sie den eingewurzelten Haß, den die Engländer gegen uns und unsere Institutionen hegen – –« »Mein Gott, sind Sie aber ein sonderbares Volk!« unterbrach Martin. »Ist denn Mr. Chollop und die ganze Menschenklasse, die er repräsentiert, eine der Institutionen des Landes? Sind Revolver, Stockdegen, Bowie-Messer und dergleichen vielleicht Institutionen, auf die man stolz sein könnte? Sind blutige Duelle, rohe Kämpfe, wilde Überfälle, Niederknallen und Erstechen auf offener Straße Institutionen von Amerika? Vielleicht bekommt man nächstens noch zu hören, daß Ehrlosigkeit und Betrug gleichfalls zu den ›Institutionen‹ dieser großen Republik gehören.« Kaum waren diese Worte seinen Lippen entflohen, da blickte seine Hochwohlgeboren Elijah Pogram schon wieder bedeutsam umher. »Dieser krankhafte Haß gegen unsere Institutionen«, bemerkte er, »ist wirklich ein vortreffliches Studium für den Psychologen. – – Er spielt jetzt gar auf die ›Repudiation‹ an.« »Ach Gott, Sie können ja alles, wenn Sie wollen, zur Institution machen«, meinte Martin lachend, »und ich gestehe, ich bin schon bald so weit, daß ich schließlich alles für möglich halte. Aber der größte Teil von alledem umfaßt bei uns eine einzige ›Institution‹, und die nennen wir Old Bailey oder Zuchthaus.« Da in diesem Augenblick die Glocke zum Dinner rief, rannte alles nach der Kajüte, und auch Mr. Elijah Pogram wurde von solcher Eile ergriffen, daß er ganz vergaß, seinen Regenschirm zuzumachen, und sich mit ihm dermaßen in der Kajütentüre verklemmte, daß man ihn nur mit Mühe wieder befreien konnte. Ein paar Minuten lang entfesselte diese Störung fast eine Revolution unter den heißhungrigen Passagieren hinter ihm, die schon im Geiste die Teller sahen, die Messer und Gabeln arbeiten hörten und genau wußten, was geschehen würde, wenn sie versäumten, sich rechtzeitig Plätze zu erobern. Sie rasten förmlich, und mehrere ehrenwerte Bürger, die bereits an der Tafel saßen, es bemerkten und trachteten, die Situation für sich nach Kräften auszunutzen, gerieten infolge ihrer unnatürlichen Anstrengungen, alles aufgetragene Fleisch hinunterzuschlingen, bevor die andern kämen, in Todesgefahr, so daß die meisten von ihnen zu ersticken drohten. Endlich jedoch wurde die Regenschirmbarrikade mit Todesmut gestürmt und die Festung genommen. Nach hartnäckigem Kampfe befanden sich schließlich Elijah Pogram und Martin Seite an Seite, wie etwa im Parterre eines Londoner Theaters, und die nächsten vier Minuten schnappte Mr. Pogram von allem, was noch zu erwischen war, wie ein Rabe große Brocken auf. Nachdem er sein Dinner, das sich so ungewöhnlich lange verzögerte, glücklich hinter sich hatte, nahm er seine Unterhaltung mit Martin wieder auf und bat ihn, sich ihm gegenüber ohne Rückhalt auszusprechen, denn er sei ein Philosoph und erfreue sich infolgedessen einer unerschütterlichen Seelenruhe. Martin vernahm das mit Vergnügen, denn er hatte sich bereits mit der Vermutung getragen, Mr. Elijah Pogram sei ein Anhänger jener gewissen hemmungslosen republikanischen Ideen und pflege seine Gesinnungen mehr mit Messer und Revolver als mit Feder und Tinte zum Ausdruck zu bringen. »Was halten Sie zum Beispiel von meinen anwesenden Landsleuten?« fragte Mr. Elijah Pogram. »Ach Gott, es sind recht nette Leute«, meinte Martin. Und das waren sie allerdings, wenigstens sprach niemand ein Wort; jeder hatte, wie in Amerika in solchen Fällen üblich, nur auf seine Privatschlingorgane Bedacht; genauer gesagt, benahm sich der größte Teil der Anwesenden bei Tisch wie das Schwein beim Trog. Seine Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram warf Martin einen Blick zu, der soviel ausdrücken sollte wie: »Ich weiß ganz gut, das ist nicht dein Ernst«, und bald erhielt er auch eine Bestätigung dieser Ansicht. Gegenüber saß ein Gentleman, der im buchstäblichsten Sinne des Wortes mit Tabaksaft durchtränkt war. Ein kleiner Bart aus Tabakjauche, an seinen Mundwinkeln und an seinem Kinn eingetrocknet, zierte seine Lippe. Das bedeutete indes in Amerika einen so gewöhnlichen Schmuck, daß er kaum Martins Aufmerksamkeit fesselte, allein der gute Bürger, der offenbar darauf brannte, seine republikanische Gleichheit jedem Fremden zu beweisen, zog jetzt sein Messer durch den Mund und schnitt sich dann von der Butter ab, eben als Martin sich davon nehmen wollte. Die ganze Sache hatte etwas derartig »Saftiges« an sich, daß einem Gassenkehrer dabei übel geworden wäre. Als Mr. Elijah Pogram, dem dies natürlich ein Alltagsereignis war, bemerkte, daß Martin verekelt seinen Teller zurückschob und auf die Butter verzichtete, geriet er in großes Entzücken darob und sagte: »Wirklich, ich muß gestehen – der geradezu krankhafte Haß von euch Engländern gegen die Institutionen unseres Landes ist geradezu erstaunlich.« »Meiner Seel!« fuhr Martin auf. »Sie bilden da Zusammenhänge, daß es wirklich unglaublich ist. Da macht einer mit Absicht ein Schwein aus sich, und das nennen Sie eine – ›Institution‹!« »Es mangelt uns an Zeit, uns mit Formalitäten abzugeben, Sir«, erklärte Mr. Elijah Pogram. »Abzugeben?!« rief Martin. »Ich dächte, es handelt sich hier einfach darum, daß der Herr drüben vorzieht, sich die Manieren eines Wilden anzueignen und jede gute selbstverständliche Sitte beiseite zu lassen, die doch jedem Gebildeten vorschreiben muß, nicht andern Leuten geradezu absichtlich Ekel einzuflößen. Ich bin zum Beispiel überzeugt, daß der Herr da drüben von Haus aus ganz gut weiß, was schicklich ist, und nur glaubt, seine ›Unabhängigkeit‹ dadurch zu beweisen, daß er sich wie ein Vieh aufführt.« »Er ist aus unserm Lande gebürtig und daher von Natur aus vorurteilsfrei und unverfroren«, sagte Mr. Pogram. »Bedenken Sie einmal, wozu dies alles noch führen soll, Mr. Pogram!« stellte Martin vor. »Die große Masse Ihrer Landsleute fängt an, hartnäckig gewisse kleine Regeln zu vernachlässigen, die mit Vornehmheit, Sitte, Regierung oder Vaterland durchaus nichts zu tun haben, sondern lediglich Dinge des Anstandes und der gewöhnlichsten Sittlichkeit sind. Sie leisten Ihnen darin Vorschub, indem Sie alle Angriffe auf derartige gesellige Verstöße mit beißenden Antworten erwidern und die größte Unflätigkeit als schönen Nationalzug erklären. Aber aus Mißachtung kleinerer Verpflichtungen entsteht allmählich auch das Bedürfnis, sich jeder Rücksicht auf die größeren zu entäußern und, sagen wir einmal, schließlich die Bezahlung jeder Schuld im allgemeinen zu verweigern. Was daraus folgen wird, weiß ich nicht, aber jeder von uns muß, wenn er nur will, einsehen, daß nur etwas Ähnliches daraus resultieren kann wie der Vorgang, der einen Baum zum Verwelken bringt, wenn seine Wurzel anfängt zu faulen.« Mr. Pogram war zu sehr Philosoph, um dies einsehen zu können. Sie gingen also wieder auf das Verdeck, wo der Amerikaner seinen frühern Posten einnahm, weiterkaute und schließlich infolge der unvermeidlichen Tabakvergiftung in einen an Lethargie grenzenden Zustand versank. Nach einer mehrtägigen ermüdenden Fahrt gelangten sie wieder an demselben Kai an, wo Mark am Abend ihres Aufbruchs nach Eden beinahe das Schiff versäumt hätte. Kapitän Kedgick stand gerade dort und schien sehr überrascht, als er die beiden an Land steigen sah. »Zum Teufel nochmal«, rief der Kapitän, »na, das ist aber merkwürdig!« »Wir können doch bei Ihnen übernachten, Kapitän?« fragte Martin. »Schätze, Sie können wohl im Hotel bleiben, wenn Sie Lust dazu haben«, entgegnete Mr. Kedgick kühl. »Aber unsern Leuten wird's nicht sonderlich gefallen, daß Sie wieder zurückkommen.« »Wieso denn nicht, Kapitän Kedgick?« fragte Martin. »Man hat bestimmt erwartet, Sie würden sich dort dauernd niederlassen«, entgegnete Kedgick achselzuckend. »Sie können doch nicht leugnen, daß sich die Leute in diesem Punkte enttäuscht sehen müssen?« »Was meinen Sie damit?« fragte Martin erstaunt. »Sie hätten sie damals nicht ›empfangen‹ sollen«, erklärte der Kapitän, »das hätten Sie bleiben lassen müssen .« »Aber, lieber Freund«, entgegnete Martin, »habe ich denn darauf bestanden? Es geschah doch von meiner Seite durchaus nicht freiwillig. Sagten Sie mir denn nicht, es gäbe einen Skandal und es würde mir das Fell über die Ohren gezogen wie einer wilden Katze, wenn ich's abschlüge? Wurde mir denn nicht sogar gedroht, wenn ich die Leute nicht empfinge?« »Davon weiß ich nichts«, versetzte der Kapitän. »Aber wenn unsern Leuten mal der Kamm schwillt, so wird er hochrot, das kann ich Ihnen versichern.« Mit diesen Worten blieb er zurück, um sich Mark anzuschließen, während Martin mit Mr. Elijah Pogram voraus zum National-Hotel ging. »Sie sehen, Kapitän, wir sind glücklich und lebendig wieder zurückgekommen«, fing Mark wieder an. »Hätt es nicht gedacht«, brummte der Kapitän. »Der Mensch hat kein Recht, ein öffentlicher Charakter zu sein, wenn er sich nicht auch den öffentlichen Voraussetzungen fügt. Unsere fashionable Welt wäre nicht zu dem Lever gekommen, wenn sie das gewußt hätte.« Kein Zureden vermochte den Kapitän umzustimmen: beharrlich bestand er darauf, es übelzunehmen, daß die beiden Engländer nicht in Eden gestorben waren. Die Gäste des National-Hotels hatten hinsichtlich dieses Punktes gleichfalls sehr ausgesprochene Ansichten, und es war ein großes Glück, daß ihnen keine Zeit blieb, über ihre Enttäuschung nachzudenken, denn die Anwesenheit seiner Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram forderte unbedingt, daß man ihm sofort ein Lever gab. Da das gemeinschaftliche Souper bei Ankunft des Dampfbootes bereits vorüber war, so nahmen Martin, Mark und Mr. Pogram den Tee, und was dazu gehörte, an der öffentlichen Tafel gesondert ein. Und gleich darauf trat die Deputation ein, die dem Kongreßmitglied die zugedachte Ehre ankündigen sollte. Sie bestand aus sechs Gentlemen und einem noch im Stimmwechsel begriffenen Jüngling. »Sir!« begann der erste Sprecher. »Mr. Pogram!« schrillte der Jüngling dazwischen. Der Sprecher, dadurch an seine Anwesenheit erinnert, stellte ihn vor: »Doktor Ginery Dunkle, Sir! Ein Herr von ganz hervorragender poetischer Begabung. Er ist erst vor kurzem hier angekommen und bedeutet für uns eine Akquisition ersten Ranges, Sir. Ich kann Ihnen das versichern. Jawohl, Sir. Hier – Mr. Jodd, Sir. Mr. Izzard, Sir. Mr. Julius Bib, Sir.« »Julius Washington Merryweather Bib«, ergänzte Mr. Bib. »Ich bitte um Verzeihung, Sir, pardon: also Mr. Julius Merryweather Bib – aus der Holzbranche, Sir; ein sehr angesehener Gentleman. Und hier – Oberst Groper, und hier – Professor Piper. Mein Name, Sir, ist Oscar Buffum.« Jeder der vorgestellten Herren trat bei Nennung seines Namens einen Schritt vor, nickte seiner Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram zu, schüttelte ihm die Hand und glitt dann wieder in den Hintergrund. Als die Vorstellungszeremonien beendet waren, fing der erste Sprecher wieder an. »Sir!« »Mr. Pogram!« schrillte der Jüngling abermals dazwischen. »Vielleicht«, wendete sich der Sprecher sofort an ihn, »sind Sie so gütig, Doktor Ginery Dunkle, unsern kleinen Antrag dem Herrn gegenüber vorzutragen.« Dem schrillen jungen Mann konnte nichts erwünschter sein; sofort trat er vor. »Mr. Pogram! Sir! Einige unserer Mitbürger, Sir«, begann er, »vernahmen von Ihrer Ankunft im National-Hotel und wünschten aus Anerkennung Ihrer Dienste für das Vaterland, Sir, das Vergnügen zu haben, Sie näher kennenzulernen und sich mit Ihnen auszusprechen in einem Zeitpunkt, der für unser ganzes großes freies Vaterland so bedeutsam ist.« »Hört, hört!« rief Oberst Groper mit lauter Stimme. »Sehr gut, hört, hört! Ausgezeichnet!« »Und deshalb, Sir«, fuhr der junge Doktor fort, »erbitten sie sich die Ehre Ihrer Gesellschaft bei einem kleinen Lever, Sir – um acht Uhr an der Damentable d'hôte.« Mr. Pogram verbeugte sich und erwiderte: »Mitbürger!« »Sehr gut!« rief der Oberst. »Hört, hört! Ausgezeichnet!« Mr. Pogram dankte dem Oberst mit einer Verbeugung und fing dann wieder an: »Ihre Anerkennung, meine Herren, meiner Bemühungen in Sachen der gemeinsamen Wohlfahrt geht mir sehr zu Herzen. Zu allen Zeiten und an allen Orten – an dem Damentable d'hôte, meine Herrn, und auf dem Schlachtfelde – werde ich es mir zur Ehre anrechnen, mit Ihnen zusammenzutreffen. Und mögen, meine Freunde, dereinst die Worte auf meinem Grabe geschrieben stehen: ›Er war Kongreßmitglied unseres gemeinsamen Vaterlandes und unermüdlich in seinem Amte‹.« »Das Komitee, Sir«, unterbrach ihn der schrille Jüngling, »wird Ihnen fünf Minuten vor acht Uhr seine Aufwartung machen. Gestatten Sie, daß ich mich jetzt empfehle, Sir.« Mr. Pogram drückte ihm und allen andern Herrn noch einmal die Hand. Als die Gentlemen sich fünf Minuten vor acht Uhr wieder einstellten, leierten sie einer nach dem andern mit melancholischer Stimme den Bewillkommnungsgruß herunter: »Wie geht es Ihnen, Sir.« Sie wechselten dann mit Mr. Pogram abermals Händedrücke, als seien sie in der Zwischenzeit mindestens ein Jahr über Land gewesen und träfen sich jetzt bei einem Leichenbegängnis. Mittlerweile hatte sich Mr. Pogram ein wenig restauriert und sowohl Haare wie Gesicht hergerichtet, sorgfältig bestrebt, sich seiner Statue, die im Lande allgemein bekannt war, so ähnlich wie möglich zu machen. Es glückte ihm, und jeder Mann, der nur halbwegs normalsichtig war, rief sofort, wenn er ihn erblickte, aus: »Das ist er, wie er leibt und lebt; ganz wie er damals die Trutzrede hielt!« Auch das Komitee hatte sich verschönt, und als es in den Table-d'hôte-Saal strömte, hörte man viele Damenhände klatschen, und Ausrufe: Pogram! Pogram! Manche Herren stiegen sogar auf die Stühle, um den berühmten Mann besser sehen zu können. Stolz, so der allgemeine Mittelpunkt zu sein, blickte Mr. Pogram wohlgefällig umher, lächelte und bemerkte gleichzeitig zu dem schrillen jungen Herrn, er wisse wahrhaftig so mancherlei Gutes über die Schönheit der Töchter ihres gemeinsamen Vaterlandes zu sagen, aber nie habe er einen solchen Blütenkranz von Damen beisammen gesehen. Später ließ dies der schrille Jüngling zu Elijah Pograms großer Überraschung in die Zeitung setzen. »Wir möchten Sie höflichst bitten, Sir, wenn es Ihnen angenehm ist«, meldete sich Mr. Buffum und legte Hand an Mr. Pogram, gerade, als ob er ihm Maß zu einem Rock nehmen wolle, »sich gefälligst mit dem Rücken gegen die Wand rechts in der vordersten Ecke zu stellen, damit unsere Mitbürger mehr Platz haben. Wenn Sie sich mit dem Rücken gefälligst an die eine Seite des Vorhangs anlehnen und das linke Bein hinter den Ofen stecken, Sir, so wird hoffentlich genügend Raum bleiben.« Mr. Pogram tat, wie ihm geheißen, und keilte sich in einen Winkel, worunter seine Ähnlichkeit mit der bekannten Pogramstatue allerdings beträchtlich litt. Sodann begann die Unterhaltung des Abends. Die Herren brachten ihre Damen herbei, stellten sie zuerst vor und erwiesen sich dann gegenseitig den gleichen Dienst. Dabei fragte man ununterbrochen Mr. Pogram, was er von dieser oder jener politischen Frage halte, musterte ihn von oben bis unten, betrachtete sich gegenseitig und machte höchst unglückliche Gesichter. Die Damen auf ihren Stühlen blickten durch ihre Lorgnons auf Mr. Elijah Pogram und sagten so laut, daß man es unfehlbar hören mußte: »Wenn er nur endlich spräche! Warum spricht er denn eigentlich nicht? Man fordere ihn doch zum Reden auf!« Von Zeit zu Zeit warf Mr. Elijah Pogram einen Blick auf die Damen, dann wieder auf die Decke und gab gelegentlich mit der Miene eines Senators kurze Gutachten ab, wenn man ihn darum anging. Das Ganze machte den Eindruck, als ob der große Zweck der Zusammenkunft lediglich darin bestünde, Seine Hochwohlgeboren um keinen Preis aus seiner Ecke herauszulassen und ihn dort fest eingekeilt zu halten. Plötzlich verkündete ein Tumult vor der Türe die Ankunft irgendeiner Notabilität, und gleich darauf sah man einen sehr aufgeregten ältlichen Gentleman sich in die Massen stürzen, um sich einen Weg zu Seiner Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram zu bahnen. Martin, der sich in einer fernen Ecke ein kleines Lauschwinkelchen gesichert hatte und Mark an seiner Seite wußte, vermeinte diesen Gentleman zu kennen, wenn er auch nicht gleich wußte, wo er ihn hintun sollte. Aber sofort wurde ihm jeder Zweifel genommen, denn der Herr rief mit Stentorstimme, wobei ihm die Augen fast aus dem Kopfe quollen: »Sir, gestarteten Sie – Mrs. Hominy!« »Gott segne das Frauenzimmer, Mark« rief Martin. »Da ist sie schon wieder!« »Ja, da kommt sie«, lachte Mr. Tapley. »Pogram kennt sie, wie man sieht. Sie ist doch eine öffentliche Person! – Hat stets ein wachsames Auge aufs Vaterland, Sir! Wenn der Gatte dieser Dame meinen Prinzipien huldigt, so muß er ein ungemein ›fideler‹ alter Herr sein.« Die Menge bildete eine Gasse, und Mrs. Hominy schritt mit aristokratischem Gang, das Taschentuch in der Hand und die klassische Haube auf, langsam wie eine Prozession hindurch. Mr. Pogram sprach sein Entzücken aus, sie zu sehen, und sofort trat allgemeine Stille ein. Man begriff, wenn eine Frau wie Mrs. Hominy mit einem Manne wie Mr. Pogram zusammentraf, so mußte notwendigerweise etwas Höchstinteressantes dabei herauskommen. Die ersten Begrüßungen wurden mit leiser Stimme ausgetauscht, wurden aber bald hörbarer, denn Mrs. Hominy war sich ihrer Stellung bewußt und sich darüber klar, was man von ihr erwartete. Anfangs setzte sie dem berühmten Kongreßmitglied ziemlich scharf zu und kanzelte es wegen eines gewissen von ihm abgegebenen Votums herunter, das sie als die »Mutter der modernen Gracchen« ausdrücklich durch eine Zeile gesperrt gedruckten Textes abzulehnen für nötig gefunden hätte. Mr. Pogram wich einer Erwiderung geschickt durch zeitgemäße Anspielung auf das sternengesprenkelte Banner aus, das die merkwürdige Kraft zu haben scheine, sooft es gehißt werde, jeden ausbrechenden Sturm im Keim zu ersticken – und die Sache lief glatt ab. Es kamen sodann gewisse Fragen über Tarife, Handelsverträge, Grenzstreitigkeiten und Import und Export zur Verhandlung. Mrs. Hominy redete nicht nur, wie man sagt, wie ein Buch, sondern rezitierte geradezu fort und fort den Inhalt ihrer eigenen Werke. »O Gott, was ist das!« rief sie plötzlich und öffnete ein kleines Billett, das ihr ein sehr erhitzt aussehender Gentleman einhändigte. »Sagen Sie! Oh, man denke!« Und laut las sie folgendes vor: »Zwei literarische Damen vermelden der ›Mutter der modernen Gracchen‹ ihr Kompliment und bitten ihre talentvolle Mitbürgerin, sie freundlichst Seiner Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram vorzustellen, den sie beide so oft und naturgetreu als Statue von der Hand des großen Meisters, Mr. Chiggle, bewundert haben. Auf eine mündliche Andeutung von Seiten der ›Mutter der modernen Gracchen‹, daß sie dem Gesuche der beiden Damen willfahren wolle, würden sie sich sodann das Vergnügen nehmen, sich der glänzenden Versammlung, die das patriotische Vorgehen eines Pogram zu ehren gedenkt, anzuschließen. Es würde dies vielleicht dazu beitragen, ein weiteres Band der Einigkeit zwischen den beiden Damen und der ›Mutter der modernen Gracchen‹ zu knüpfen; – um so mehr, als beide Damen hinsichtlich Denkungsweise vollständig zum Transzendentalismus gravitieren.« Sofort erhob sich Mrs. Hominy, eilte zur Tür und kam nach einer Minute mit den beiden Damen zurück, die sie mit der ganzen Würde, die ihr so eigentümlich war, durch die Gasse in dem Gedränge dem großen Mr. Elijah Pogram zuführte. Das Ganze glich, wie der schrille junge Mann verzückt ausrief, aufs Haar der letzten Szene aus dem Coriolan. Eine der Damen trug eine braune Perücke von bemerkenswertem Umfang. An der Stirne der andern stak, durch irgendein geheimnisvolles Mittel befestigt, eine riesige Kamee in der Form und Größe einer Kirchweih-Himbeertorte, die im Zentrum das Kapitol zu Washington erblicken ließ. »Miss Toppit und Miss Codger«, stellte Mrs. Hominy vor. »Codger, scheint mir, ist der Name der Dame, den ich so oft in den englischen Zeitungen als den der ältesten hier lebenden Einwohnerin gelesen habe«, flüsterte Mark. »Einem Pogram durch eine Mrs. Hominy vorgestellt zu werden«, begann Miss Codger, »bedeutet in der Tat ein außerordentliches Moment in dem Eindruckskomplex dessen, was wir gemeinhin unser Gefühl nennen. Warum wir es so nennen oder wieso es überhaupt Eindrücke aufnimmt oder ob wir überhaupt eindrucksfähig sind oder ob es wirklich, wie uns unsere Sinne vortäuschen, einen Pogram und eine Mrs. Hominy gibt – oder ob nicht vielmehr ein tätiges Prinzip obwaltet, dem wir unbewußt diesen Titel geben –, das ist ein viel zu verwickeltes philosophisches Thema, als daß es im gegenwärtigen Augenblick eine Kritik vertrüge.« »Geist und Materie«, fügte die Dame in der Perücke hinzu, »gleiten rasch in den Strudel der Unendlichkeit hinab. Auf heult das Erhabene gen Himmel, und sanft schlummert das stille Ideal in den verschwiegenen Kammern der Phantasie. Es zu hören ist süß, aber wild auflachet der ernste Philosoph und sagt zum Grotesken: Was soll das? Haltet mir fest dieses Phantom. Gehet und bringet es her! Und so entschwindet die Vision.« Nach diesen Worten ergriffen die beiden Damen Mr. Pograms Hände und drückten sie an ihre Lippen. Sodann rief die Mutter der modernen Gracchen nach Stühlen, damit die drei literarischen Damen allen Ernstes beginnen könnten, den armen Mr. Pogram regelrecht zu bearbeiten und in die Enge zu treiben, auf daß er sich in seinen glänzendsten Farben zeige. Wieso Mr. Pogram sogleich aus den Tiefen seines Geistes herauftauchte und die drei literarischen Damen nie darin gewesen waren, ist nicht des Erzählens wert. Genug, alle vier warfen, um sich über Wasser zu halten, gewaltig nach allen Seiten mit großen Worten um sich und faselten das Blaue vom Himmel herunter. Natürlich war man allgemein der Ansicht, daß hier der schärfste geistige Wettkampf stattfand, den man je im National-Hotel erlebt. Dem schrillstimmigen Jüngling standen des öftern die Tränen in den Augen, und die ganze Versammlung wurde gewahr, daß ihr vor lauter Denken der Kopf brummte. Als schließlich noch das Komitee Mr. Elijah Pogram aus seiner Ecke erlösen mußte und wohlbehalten wieder in das nächste Zimmer geleitete, glühte alles förmlich vor Bewunderung. »Eine Bewunderung, die sich Luft machen muß«, erklärte Mr. Buffum, »wenn man nicht bersten soll. Ich bin Ihnen wahrhaft dankbar, Mr. Pogram. Ich fließe über, Sir, vor stolzer Verehrung vor Ihnen und tiefer Erregung. Das Gefühl, dem Ausdruck zu geben ich vorschlagen möchte, Sir, heißt: \›Mögen Sie immer so unerschütterlich bleiben, Sir, wie Ihre Marmorstatue; mögen Sie stets ein so großer Schrecken für Ihre Feinde bleiben, wie Sie es jetzt sind.\‹« Mr. Pogram dankte seinem Freund und Landsmann für die liebenswürdigen Wünsche, und das Komitee begab sich nach abermaligem feierlichem Händeschütteln zu Bett. Nur der Doktor eilte noch in eine Zeitungsredaktion, um dort ein kurzes Gedicht niederzuschreiben, zu dem ihn die Ereignisse des Abends begeistert hatten. Es begann mit den »Sternen auf dem Banner der Republik« und trug den Titel: »Ein Fragment, geistig empfangen anläßlich eines Begebnisses, bei dem Seine Hochwohlgeboren Mr. Elijah Pogram sich mit drei von Columbias schönsten Töchtern in eine philosophische Dissertation einließ«, von Doktor Ginery Dunkle, Troja. Wenn sich Mr. Pogram so sehr auf sein Bett freute wie Martin, so war er für seine Mühewaltung jedenfalls reichlich belohnt. Am nächsten Tage verkauften Martin und Mark ihre Habseligkeiten um jeden Preis an dieselben Händler zurück, von denen sie sie erworben, traten dann ihre Weiterreise an und wurden abermals Mr. Pograms Reisegefährten bis kurz vor New York. Als das berühmte Kongreßmitglied im Begriffe stand, sie zu verlassen, wurde es plötzlich höchst gedankenschwer und nahm, nachdem es eine Weile vor sich hingebrütet, Martin beiseite. »Wir müssen uns jetzt trennen, Sir«, begann es. »Ach, lassen Sie sich das nicht so zu Herzen gehen«, tröstete Martin, »wir müssen uns dareinschicken.« »Darum handelt es sich nicht, Sir!« entgegnete Mr. Pogram. »Keineswegs! Aber ich sähe es gern, wenn Sie ein Exemplar von meiner Trutzrede annehmen wollten.« »Ich danke Ihnen verbindlichst, Sir«, sagte Martin. »Sie sind sehr gütig. Es würde mich sehr freuen.« »Auch darum handelt es sich nicht, Sir«, fing Pogram wieder an. »Hätten Sie den Mut, ein Exemplar nach England mitzunehmen?« »Natürlich«, versicherte Martin, »warum denn nicht.« »Die Rede ist etwas scharf, Sir«, gab Pogram zu bedenken. »Das macht nichts«, meinte Martin. »Wenn Sie wollen, nehme ich ein ganzes Dutzend mit.« »Nein, Sir«, wehrte Mr. Pogram ab; »ein Dutzend, das wäre mehr als zuviel. Also, wenn Sie wirklich vor der Gefahr nicht zurückschrecken, Sir, so ist hier ein Exemplar für Ihren Lordkanzler «, er zog eine Broschüre aus der Tasche, »und hier ein zweites für ihren ersten Staatssekretär. Ich wünschte, daß die Leute, Sir, es läsen und meine Gesinnungen kennenlernten, damit sie später nicht Unkenntnis vorschützen können. Aber immerhin möchte ich nicht, daß Sie sich meinetwegen in Gefahr begeben, Sir!« »Es ist nicht die geringste Gefahr dabei, versichere ich Ihnen«, lachte Martin, dann steckte er die Pamphlete in die Tasche und verabschiedete sich von Mr. Pogram. Mr. Bevan hatte ihm geschrieben, daß er sie zu einer bestimmten Zeit – und glücklicherweise kamen sie zurecht – in einem bestimmten Hotel in der Stadt erwarten wolle. Ohne Verzug begaben sich Mark und Martin dorthin und hatten die Freude, ihren wackern Freund bereits dort zu finden und sich herzlich und warm von ihm aufgenommen zu sehen. »Es tut mir wirklich sehr leid und beschämt mich tief«, sagte Martin, »daß ich Ihnen so zur Last fallen muß, aber werfen Sie nur einen Blick auf unsere Kleidung, und Sie werden erkennen, wie heruntergekommen wir sind.« »Ich bin weit davon entfernt zu glauben, daß ich Ihnen einen Dienst geleistet habe, der der Rede wert wäre«, unterbrach ihn Mr. Bevan. »Ich muß mir vielmehr Vorwürfe machen, daß ich unwissentlich die Hauptursache Ihrer Leiden geworden bin. Ich hätte mir ebensowenig träumen lassen, daß Sie nach Eden gehen oder sich hier überhaupt noch goldene Berge versprechen würden, als ich daran dachte, selber nach Eden zu gehen.« »Die Sache ist so: Ich faßte nämlich den verrückten Entschluß, und zwar in sanguinischer Unbesonnenheit«, erklärte Martin. »Am liebsten möchte ich gar nichts mehr davon hören. Mark da wurde überhaupt nicht in der Sache gefragt.« »Nun, er wird wohl auch in anderer Hinsicht keine Stimme gehabt haben«, meinte Mr. Bevan mit einem Lachen, das klar verriet, wie genau er Marks und Martins Charaktere durchschaute. »Ich fürchte, allerdings keine besondere«, gab Martin errötend zu, »aber man lebt, um zu lernen, Mr. Bevan. Und wenn man dann infolge eigener Unbesonnenheit knapp vor dem Tode steht, so lernt man's nur um so schneller.« »Was haben Sie jetzt im Sinn?« fragte Mr. Bevan. »Sie gedenken wohl sofort nach England zurückzukehren?« »Allerdings, allerdings«, versetzte Martin hastig, denn er bangte schon vor dem Gedanken an irgendeine andere Möglichkeit. »Hoffentlich ist das auch Ihr Rat?« »Gewiß. Ich weiß überhaupt nicht, warum Sie nach Amerika kamen. Freilich kommt derartiges leider nur zu oft vor, als daß wir weiter viel Worte drüber zu verlieren brauchten. Sie wissen natürlich nicht, daß das Schiff, in dem Sie mit unserm Freund, dem General Fladdock, die Reise hierher gemacht haben, im Hafen liegt?« »Wirklich?« rief Martin. »Ja. Die Fahrtliste besagt, daß es morgen in See gehen wird.« Das war eine verlockende und doch zugleich sehr peinliche Nachricht, denn Martin begriff, daß er nicht hoffen durfte, an Bord eines derartigen Schiffes irgendeine Beschäftigung zu erhalten. Das Geld, das er noch besaß, reichte nicht zu einem Viertel hin, die Summe zurückzuzahlen, die er sich bereits ausgeborgt; und wenn es selbst zur Heimreise gelangt hätte, würde er es doch kaum über sich gewonnen haben, alles dafür auszugeben. Er setzte dies Mr. Bevan in Kürze auseinander und teilte ihm seinen Plan mit. »Das ist ein ebenso verrückter Einfall wie der, nach Eden zu gehen«, versetzte der Amerikaner. »Sie müssen einfach wegfahren, und zwar reisen wie ein Christ – wenigstens wie es ein Christ als Vorderkajütenpassagier tun kann – und mir noch einige Dollar mehr schuldig werden, als Sie beabsichtigten. Wenn Mr. Mark im Schiff drüben nachsehen will, wie viele Passagiere angemeldet sind, und findet, daß Sie an Bord gehen können, ohne im Zwischendeck direkt zu ersticken, so lautet mein Rat: Fahren Sie. Wir beide können uns inzwischen in der Stadt umsehen. Zu Norris brauchen wir ja nicht zu gehen – außer es läge Ihnen besonders viel daran! –, und am Nachmittag können wir dann alle drei gemeinschaftlich dinieren.« Martin konnte nur seinen Dank stammeln, und damit war die Sache abgemacht. Als Mark das Zimmer verließ, eilte ihm Martin nach und riet ihm, unter allen Umständen Plätze auf der »Schraube« zu belegen, und wenn sie selbst auf dem bloßen Deck kampieren müßten: ein Auftrag, den Mr. Tapley, der natürlich genau so dachte, bereitwilligst zu besorgen versprach. Als er später wieder mit Martin allein zusammentraf, war er in prächtigster Laune und hatte offenbar etwas mitzuteilen, auf das er sich nicht wenig zugute tat. »Ich habe Mr. Bevan hinters Licht geführt, Sir«, sagte er grinsend vor Vergnügen. »Mr. Bevan hinters Licht geführt!?« wiederholte Martin. »Der Koch der \›Schraube\‹ hat das Schiff verlassen und gestern geheiratet«, versetzte Mr. Tapley. Martin sah ihn ratlos an. »Als ich nun an Bord kam und man mich erkannte«, fuhr Mark fort, »kam der Maat zu mir und fragte mich, ob ich nicht auf der Heimreise die Stelle des Kochs übernehmen wolle. \›Sie sind ja daran gewöhnt\‹, sagte er, \›und haben auf der Herfahrt sowieso für jedermann gekocht.\‹ Und so bin ich jetzt Koch«, fügte Mark hinzu, »wenn ich auch einen Eid drauf leisten kann, daß ich mich früher nie auf dergleichen verstanden habe.« »Und was haben Sie drauf erwidert?« fragte Martin. »Was ich erwidert habe?« rief Mark. »Nun, ich habe gesagt, daß ich alles nehmen wolle, was ich kriegen könne. \›Wenn es sich so verhält\‹, sagte der Maat, \›nun gut, dann bringen Sie mal ein Glas Rum her.\‹ Und das geschah. Und mein Lohn, Sir«, rief Mark jubelnd, »bestreitet auch Ihre Überfahrt. Ich habe schon das Mangelholz in Ihr Kabuff gelegt, um es zu reservieren. Es ist die bequemste Koje rückwärts in der Ecke. – So weit wären wir jetzt. – Hoch England und Britannia drauf und dran!« »Sie sind der famoseste Bursche, den es je gegeben hat«, jubelte Martin und drückte Mark warm die Hand. »Aber was meinen Sie damit, daß Sie sagten, Sie hätten Mr. Bevan angeführt?« »Na, begreifen Sie's denn nicht?« rief Mark. »Natürlich sagen wir ihm kein Wort. Wir nehmen sein Geld an, wenn wir's auch natürlich nicht behalten wollen, schreiben ihm dann ein Briefchen, erklären ihm die ganze Sache, tun das Geld hinein und lassen 's im Gasthof mit dem Auftrag, es ihm erst zuzustellen, wenn wir fort sind. Verstehen Sie jetzt?« Martins Entzücken über diesen Einfall kannte keine Grenzen, und der Vorschlag Mr. Tapleys wurde natürlich angenommen. Sie verbrachten zu dritt einen heitern Abend, blieben im Hotel über Nacht, besorgten den Brief und gingen am nächsten Morgen mit so leichtem Herzen an Bord, wie es einem Menschen nach soviel erlebtem Elend nur zumute sein kann. »Leben Sie wohl – und tausendmal Dank«, sagte Martin zu Mr. Bevan. »Wie werde ich Ihnen jemals für all Ihre Güte danken können!« »Wenn Sie je ein reicher oder einflußreicher Mann werden«, entgegnete Mr. Bevan, »so können Sie ja versuchen, Ihre Regierung zu veranlassen, daß sie sich mehr um ihre Untertanen kümmert, wenn diese im Ausland ihr Glück probieren wollen. Erzählen Sie, welche Erfahrung Sie selbst als Auswanderer gemacht haben, und legen Sie es der Regierung nahe, mit wie wenig Mühe viel Elend verhindert werden könnte.« Hoi a ho! Die Ankerketten rasselten um das Gangspill. Mit vollen Segeln stach das Schiff in See, und sein breites Bugspriet deutete gerade nach England zu. Wie eine Wolke lag Amerika bald hinter den Reisenden. »Na, Koch, über was brüten Sie so angelegentlich?« fragte Martin lustig. »Ich habe mir soeben gedacht«, entgegnete Mark, »wenn ich nun ein Maler wäre und aufgefordert würde, den amerikanischen Adler zu malen, wie ich's wohl angreifen sollte.« »Sie müßten ihn eben so adlerähnlich machen, wie Sie könnten.« »Nö«, sagte Mark. »Das wäre nichts für mich. Ich würde ihn zeichnen wie 'ne Fledermaus, weil er kein Licht verträgt – wie den Hahn auf dem Mist, weil er sich so patzig macht – wie 'n Pfau wegen seiner Eitelkeit – und wie 'n Strauß, weil er glaubt, man sieht ihn nicht, wenn er den Kopf in den Sand steckt.« 35. Kapitel Ankunft in England. Martin wohnt einer Feierlichkeit bei und ersieht, daß er während seiner Abwesenheit nicht vergessen wurde Es war eben Mittag und Flutzeit in dem englischen Hafen, den die »Schraube« anzulaufen gedachte, als sie, von den hohen Wogen stattlich einhergetragen, Anker warfen. Die Landschaft war frisch, voller Leben und funkelhell. Aber was war das alles, verglichen mit dem Entzücken und dem Jubel in den Herzen der beiden Reisenden, als sie die alten Kirchen, die Dächer und die geschwärzten Schornsteine der Heimat wieder erblickten. Das ferne Getöse, das dumpf von den geschäftigen Straßen herauftönte, klang wie Musik in ihren Ohren, die Menschenmengen, auf die sie vom Kai herniederblickten, erschienen ihnen wie eine Versammlung lauter teurer Freunde, und die Rauchdecke über der Stadt dünkte sie glänzender und schöner als die reichsten Seidenparapets Persiens. Und wie lebhaft das Kielwasser auch auf seiner glänzenden Spur sich immer wieder und wieder anschickte, die großen Schiffe zu umtanzen und wie im Scherz emporzuheben, und von den Rudern der Beiboote träufelte wie Diamantregen, mit den müßigen Jollen schäkerte und in neckischer Jagd durch die festen alten Eisenringe an den Kais spritzte, so war es doch mit all seinen tausend ruhelosen Wellen nicht halb so munter und fröhlich wie ihre pochenden Herzen, als sie jetzt voll innern Jubels wieder den Boden der Heimat unter ihren Füßen spürten. Ein Jahr war vergangen, seit sie zum letzten Mal diese Türme und Dächer gesehen, aber es schien ihnen wie ein Dezennium. Hie und da fielen ihnen einige unbedeutende Veränderungen auf, und sie wunderten sich, daß sie so geringfügig und ihrer so wenig waren. Ärmer an Gesundheit, Geld, Aussichten und Hilfsmitteln, als sie weggezogen, kamen sie jetzt zurück; aber es war doch die Heimat. Heimat ist nur ein Name – ein Wort –, aber ein gewaltiges, stärker als der Zauberspruch, den je ein Magier ausgesprochen. Mit nur noch sehr wenig Geld in der Tasche und ohne bestimmten Operationsplan, suchten sie sich vor allem ein billiges Wirtshaus aus, wo sie bei einem dampfenden Beefsteak und einigen Krügen duftenden englischen Biers sich gütlich taten, wie es eben nur Leute imstande sind, die soeben wieder festen Boden unter sich fühlen und die edelsten Leckerbissen der Erde vorzufinden wähnen. Nachdem sie sich wie zwei kerngesunde und gutgelaunte Riesen gelabt hatten, schürten sie das Feuer, zogen die Fenstervorhänge auf, bauten sich jeder aus zwei großen Lehnstühlen ein Sofa und blickten selig auf die Gasse hinaus. Auch diese hatte etwas Feenhaftes, wie sie so halb hinter einer Beefsteak- und englischen Doppelbieratmosphäre wie im Dunste schwebte. Auf der Fensterscheibe lagerte ein solcher Nebel, daß Mr. Tapley aufstand und ihn mit seinem Taschentuch abwischen mußte, bevor die Vorübergehenden vor ihren Augen wieder wie sterbliche Menschen aussahen. Und selbst dann noch machte das aus ihrer beider Groggläser spiralförmig sich emporkräuselnde Dunstwölkchen sie voreinander beinahe unsichtbar. Es war eines jener winzigen Stübchen, wie man sie nur in englischen Wirtshäusern findet, voller Winkel und Ecken, wie das Gehirn eines närrischen querköpfigen Kauzes. Es war voll von den verrücktesten Schränken, in denen man nichts unterbringen konnte, was nicht ausdrücklich zu diesem Zwecke gebaut und hergestellt worden, hatte geheimnisvolle Gesimse und Verschläge und Ansätze von Treppen an der Diele. Kunstreich und sinnig hing von der Decke ein Glockenzug herab, der innerhalb der Stube läutete und durchaus mit keinem andern Teil des Hauses in Verbindung stand. Das Zimmer lag ein wenig unter dem Niveau des Pflasters draußen und stieß so hart daran, daß die Vorübergehenden oft mit ihren Stiefeln die Scheiben streiften oder mit Körben daran schlugen. Wie ein Spuk tauchten plötzlich Gassenjungen zwischen dem in Gedanken versunkenen Reisenden und dem Tageslicht auf, verhöhnten ihn oder streckten ihm die Zunge heraus, als wenn er ihr Arzt wäre, oder machten weiße Knöpfe aus ihren Nasenspitzen, indem sie sie am Fensterglas plattdrückten, und verschwanden dann wieder geisterhaft wie Gespenster. Martin und Mark saßen am Fenster, fröhlich die Passanten betrachtend, und berieten angelegentlich, wohin sie zuvörderst ihre Schritte lenken sollten. »Wir müssen natürlich zuerst Miss Mary sehen«, meinte Mark. »Natürlich«, stimmte Martin zu. »Aber ich weiß nicht, wo sie ist. In unserm Elend hatte ich das Herz nicht dazu, ihr zu schreiben, und auch sie hielt es für das beste, zu schweigen. Da ich daher seit unserer ersten Abreise von New York nichts wieder von ihr gehört habe, so kann ich unmöglich wissen, wo sie sich jetzt aufhält.« »Meine Meinung ist, Sir«, sagte Mark, »wir verfügten uns spornstreichs nach dem \›Drachen\‹; Sie brauchen ja nicht selbst hinzugehen, wenn Sie nicht wollen, und können ein paar Meilen davor irgendwo absteigen. Ich aber gehe natürlich hin. Mrs. Lupin wird mir genau berichten, was Neues vorgefallen ist. Und auch Mr. Pinch wird mir gewiß jede nötige Auskunft geben und sich darüber sogar freuen. Mein Vorschlag ist also, wir machen uns heute nachmittag auf den Weg, kehren ein, wenn wir müde sind, fahren ein Stückchen, wenn sich Gelegenheit dazu bietet, und wenn nicht, gehen wir eben zu Fuß. Die Hauptsache ist und bleibt: schnell und billig.« »Gewiß, mein Freund; wenn wir nicht billig reisen, kommen wir überhaupt nicht hin«, sagte Martin, zog seine geringe Barschaft aus der Tasche und überzählte sie auf der Hand. »Nur um so mehr Grund, keine Zeit zu verlieren, Sir«, versetzte Mark. »Haben Sie mal die junge Dame gesehen und wissen, wie es mit dem alten Herrn steht, so wird dann immer noch Zeit genug sein, über das Weitere nachzudenken.« »Kein Zweifel«, sagte Martin; »Sie haben vollständig recht.« Sie hoben gerade ihre Gläser an die Lippen, als sie plötzlich wie auf Kommando innehielten und eine Gestalt anstarrten, die in diesem Augenblick langsam und höchst nachdenklich an dem Fenster vorüberstolzierte. Es war Mr. Pecksniff. Friedvoll, ruhig und stolz, ja sogar auffallend stolz, mit besonderer Sorgfalt gekleidet und mehr noch als gewöhnlich holdselig lächelnd, sichtlich alle irdischen Nebengedanken aus seinem Kopf verbannend und nur über die Schönheiten seiner Kunst nachdenkend, zog er langsam am Fenster vorbei wie eine Gestalt in einer Laterna magica. Kaum war er vorüber, kam fast in demselben Augenblick ein Mann aus der entgegengesetzten Richtung herbeigeeilt und blieb wie gebannt stehen, um dem würdigen Architekten mit Interesse und Hochachtung, ja fast mit Verehrung, nachzublicken. Auch der Wirt stürzte jetzt aus dem Hause, schloß sich dem erwähnten Manne an, sprach mit ihm, drückte ihm würdevoll die Hand und sah Mr. Pecksniff nach. Martin und Mark blickten einander mit großen Augen an, als wollten sie ihren Sinnen nicht trauen. Aber immer noch standen der Wirt und der andere Mann draußen. Trotz des Unwillens, den Mr. Pecksniffs Erscheinung in ihm hervorrief, konnte sich Martin dennoch nicht enthalten, laut aufzulachen. Mark desgleichen. »Wir müssen uns Gewißheit verschaffen«, sagte Martin. »Rufen Sie doch mal den Wirt herein, Mark!« Mr. Tapley entfernte sich und kehrte gleich darauf mit dem dickköpfigen Schenkenbesitzer wieder zurück. »Bitte, Herr Wirt«, fragte Martin, »wer ist der Gentleman, der soeben vorübergegangen ist und dem Sie so ehrfurchtsvoll nachgeschaut haben?« Der Wirt schürte das Feuer an, wie um seiner Antwort auch äußerlich den entsprechenden Strahlenglanz zu verleihen und als ob ihm der Preis der Kohlen vollständig gleichgültig sei, dann steckte er die Hände in die Taschen, blies die Backen auf, um seiner Rede noch größeren Nachdruck zu verleihen, und sagte: »Das, meine Herren, war der berühmte Mr. Pecksniff, der bekannte Architekt, meine Herren.« Dabei blickte er von Mark auf Martin, als sei er bereit, falls vielleicht einen von ihnen aus Überraschung der Schlag rühren sollte, sofort beizuspringen. »Der berühmte Mr. Pecksniff, der großartige Architekt, meine Herren! Er ist heute herübergefahren, um den Grundstein zu einem neuen und fabelhaft prächtigen öffentlichen Gebäude legen zu helfen.« »Soll es nach seinen Plänen gebaut werden?« fragte Martin. »Der berühmte Mr. Pecksniff, der unübertreffliche Architekt, meine Herren«, antwortete der Wirt, der offenbar eine unaussprechliche Wonne darin empfand, diese Worte jedesmal zu wiederholen, »hat den ersten Preis bekommen und wird das Gebäude selbst bauen.« »Und wer legt den Grundstein?« »Unser Parlamentsmitglied ist ausdrücklich zu diesem Zwecke hergereist. Einen gewöhnlichen Menschen hätte man zu einer solchen Feierlichkeit unmöglich verwenden können. Unsere Direktoren wollten es nun einmal nicht billiger geben.« »Und wann findet die Feierlichkeit statt?« fragte Martin. »Heute.« Der Wirt zog seine Uhr heraus und setzte gewichtig hinzu: »Vielleicht sogar in dieser Minute.« Hastig erkundigte sich Martin, ob man dem Schauspiele beiwohnen könne. Als er erfuhr, daß gegen die Zulassung anständig gekleideter Menschen durchaus kein Einspruch erhoben werden würde, wenn nicht schon der Platz überfüllt sei, eilte er mit Mark, so schnell er konnte, hinaus. Sie waren so glücklich, in einem Häuserwinkel noch einen Platz zu finden, von wo aus sie alles, was vorging, mit ansehen konnten, ohne besorgen zu müssen, ihrerseits von Mr. Pecksniff erkannt zu werden. Sie kamen keine Minute zu früh, denn noch während sie sich über den angenehmen Zufall, noch ein Plätzchen gefunden zu haben, Glück wünschten, hörten sie in der Entfernung einen großen Lärm, und alle Augen wendeten sich nach dem Tore. Einige Damen zückten ihre Taschentücher, um sie im gegebenen Augenblick zu schwenken, und ein Lehrer der Armenschule, der sich zufällig auf den Platz herein verirrte, wurde irrtümlich mit lautem Hurra begrüßt. Als man das Versehen entdeckte, prasselte natürlich ein Ungewitter von Zischen und Schimpfworten auf das Haupt des unschuldigen Mannes nieder. »Vielleicht hat er Tom Pinch bei sich«, flüsterte Martin Mark zu. »Das wäre ein überwältigendes Glück für Tom, was meinen Sie, Sir?« antwortete Mr. Tapley ebenso leise. Es war keine Zeit, das Thema weiterzuspinnen oder die Unwahrscheinlichkeit des Falles zu erörtern, denn im nächsten Augenblick kam die Armenschule, sauber gekleidet, paarweise heranmarschiert und erfüllte durch ihren Anblick sämtliche Anwesenden, die Beiträge subskribiert hatten, mit einem so hohen Gefühl von Selbstzufriedenheit, daß die meisten davon in Tränen schwammen. Den Kindern folgte eine Musikbande unter Anführung eines höchst gewissenhaften Tambours, der sein Instrument aus Leibeskräften bearbeitete. Dann erschienen mit Stäben in den Händen und Schleifen in den Knopflöchern eine Reihe Herren, deren Funktion nicht gehörig klar war, wenn sie nicht etwa darin bestand, daß sie einander auf die Zehen traten und den Eingang versperrten. Hierauf kamen der Major und die Korporationen, alle dicht gedrängt um den Deputierten, der links neben dem berühmten Mr. Pecksniff, dem unübertrefflichen Architekten einherschritt, und sich angelegentlich mit ihm unterhielt. Auf ein gegebenes Zeichen schwenkten die Damen ihre Taschentücher, die Herren ihre Hüte, die armen Schulkinder schrien. Der Deputierte blies sich auf. Als die Ruhe wiederhergestellt war, rieb er sich die Hände, wackelte mit dem Kopf, sah sich gutgelaunt und leutselig um, und jedesmal brach die eine oder andere Dame, auf die gerade sein Blick fiel, in ein ekstatisches Taschentuchschwenken aus. Als er den Grundstein betrachtete, sagten sie: »entzückend!«, blickte er in die Grube hinunter, riefen sie: »wie herablassend«, plauderte er mit dem Major, so meinten sie: »was für ein vornehmer Mann«, und als er endlich die Arme verschränkte, riefen sie aus einem Munde: »wirklich und wahrhaftig ein Diplomat«. Mr. Pecksniff wurde gleichfalls sorgfältig belorgnettiert; sprach er mit dem Major, so hieß es: »was für ein gewinnender, höflicher Mann«; und als er seine Hand auf die Schulter des Maurers legte und ihm Anweisungen gab, wie leutselig war da nicht sein Benehmen den arbeitenden Klassen gegenüber. Wirklich ganz der Mann, der den guten, lieben braven Leuten eine Arbeit zum Genuß machen kann. Als dann die silberne Kelle gebracht wurde und der Abgeordnete seine Rockärmel zurückschlug, ein Klümpchen Mörtel aufnahm und es auf den Grundstein warf, da zerriß lautes Beifallsrufen die Luft. Die Bewunderung seiner Fachkenntnis war allgemein. Niemand vermochte zu begreifen, wo ein solch feiner Gentleman derartige Dinge gelernt haben konnte. Nachdem der Deputierte nun unter Anweisung des Maurers eine Art von Mörtelpastete zurechtgebacken hatte, wurde eine kleine Vase mit Münzen herbeigebracht. Der Abgeordnete schüttelte sie und klingelte mit ihrem Inhalt, als wolle er eine Beschwörung vornehmen; und wieder hieß es: »wie reizend, wie entzückend, wie sinnreich!« Dann wurde die Vase auf den Stein gestellt, und ein alter Gelehrter verlas die Inschrift, die natürlich lateinisch war, denn englisch hätte offenbar nicht hingereicht. Abermals große Zufriedenheit; besonders, sooft ein langes Substantivum im Ablativ der dritten Deklination mit einem darangehängten Adjektiv aus der Rede auftauchte. In solchen Momenten war die Versammlung jedesmal tief ergriffen. Schließlich ließ man unter dem lauten Jubel der Menge den Stein an seinen Bestimmungsort hinunter. Als er dort glücklich festsaß, klopfte das Mitglied des Parlamentes dreimal mit seiner Kelle darauf, als wolle er neckisch fragen, ob jemand zu Hause sei. Dann entrollte Mr. Pecksniff seine Pläne – wunderbar große Pläne –, und die Leute drängten sich heran, um sie anzustaunen und zu bewundern. Martin, der sich während dieses ganzen Vorganges außerordentlich geärgert hatte – sehr unnötigerweise, wie Mark meinte –, konnte jetzt seine Ungeduld nicht länger zügeln, sondern arbeitete sich mit mehreren andern im Gedränge vor und blickte so fast über die Schulter des nichtsahnenden Mr. Pecksniff auf die Risse und Zeichnungen, die dieser aufgerollt in der Hand hielt. Kochend vor Wut kehrte er zu Mark zurück. »Was gibt's denn, Sir?« rief Mark. »Was ist Ihnen denn?« »Was es gibt? – Es ist mein Gebäude!« »Ihr Gebäude, Sir?« fragte Mark erstaunt. »Mein Schulhaus. Ich habe den Plan dazu entworfen und alles ausgeführt. Der Schuft hat nur noch vier Fenster hinzugefügt und damit die Sache übrigens gründlich verpatzt.« Mark wollte es anfangs gar nicht glauben, als Martin es ihm jedoch wiederholt versicherte, da fand er es für nötig, ihn am Rockärmel mit Gewalt zurückzuhalten, damit Martin nicht in seiner Aufwallung irgendeine törichte Einmischung begehe. Inzwischen hielt das Parlamentsmitglied eine Rede an die Versammlung über die erfreuliche Feierlichkeit, die es soeben vollzogen. Es sagte, seit es im Parlament sitze, um die Interessen der Stadt zu vertreten – und es hoffe hinzufügen zu können: auch die Interessen der Damen – begeistertes Taschentücherwedeln –, sei es ihm eine angenehme Pflicht gewesen, unter der so liebwerten Versammlung zu weilen und auch an andern Orten seine Stimme für sie abzugeben – Taschentücherschwenken und Lachen –, aber nie sei es hergereist und habe seine Stimme mit nur halb so reinem, tiefem Entzücken erhoben wie jetzt. »Der gegenwärtige Anlaß«, sagte der Deputierte, »wird mir eine unauslöschliche Erinnerung bleiben. Nicht nur aus den angedeuteten Gründen, sondern weil er mir Gelegenheit gab, persönlich mit einem Gentleman bekannt zu werden« – dabei zeigte er mit der Kelle auf Mr. Pecksniff, den lauter Volksjubel akklamierte, und legte die Hand auf sein Herz – »mit einem Gentleman, der, wie ich fest überzeugt zu sein so glücklich bin, sowohl Auszeichnung als Gewinn auf diesem Felde der Tätigkeit ernten wird – dessen Ruhm schon früher zu mir gedrungen ist – wessen Ohr hätte nicht sein Lob gehört! – aber dessen durchgeistigte Züge ich bis auf den heutigen Tag niemals die Ehre hatte zu erblicken und dessen belehrende Unterhaltung zu genießen mir früher noch nie zuteil geworden ist.« Sämtliche Anwesende schienen hierüber höchlichst erfreut und applaudierten noch heftiger. »Und ich hoffe, mein verehrter Freund«, schloß der Deputierte – natürlich setzte er hinzu: »wenn mir der Herr ihn so zu nennen erlauben will«, und Mr. Pecksniff verneigte sich natürlich – »wird mir noch oft Gelegenheit geben, unsere Bekanntschaft fortzusetzen. Und es wird mir noch in meinen spätesten Lebensjahren die innigste Freude bereiten, auf den heutigen Tag zurückblicken zu können, an dem ich zwei Grundsteine gelegt habe – beide zu Gebäuden, die mein Leben weit überdauern werden.« Abermals großer Jubel. Nur Martin verwünschte die ganze Zeit über Mr. Pecksniff vom Scheitel bis zur Sohle. »Meine Freunde!« erwiderte Mr. Pecksniff. »Meine Pflicht ist, zu bauen und nicht zu sprechen – zu handeln und nicht zu reden – in Marmor und Ziegelsteinen tätig zu sein und nicht in Worten. Ich bin aufs tiefste gerührt, Gott segne Sie!« Diese Anrede, augenscheinlich aus dem tiefsten Herzensgrunde Mr. Pecksniffs heraufgepumpt, steigerte den Volksenthusiasmus aufs äußerste. Abermals wurden die Taschentücher geschwenkt und die armen Schulkinder sämtlich ermahnt, lauter Pecksniffs zu werden. Die Korporation, die Herren mit den Stäben, das Unterhausmitglied, alle brachten Mr. Pecksniff drei Hochs. Und dann noch einmal drei Hochs für Mr. Pecksniff und abermals drei Hochs für Mr. Pecksniff. Und dann zum Schluß noch eines für Mr. Pecksniff, und zwar ein ganz besonders kräftiges. Kurz, Mr. Pecksniff hatte in den Augen der Menge ein großes Werk vollbracht und wurde entsprechend geehrt. Als die Prozession sich entfernte, Martin und Mark fast allein auf dem Platz zurücklassend, bildeten seine Verdienste und der Wunsch, sie gebührend anzuerkennen, das allgemeine Tagesgespräch. Mr. Pecksniff stand kaum dem Abgeordneten nach, darüber war sich alles einig. »Jetzt vergleiche nur mal einer die Lage dieses Menschen mit der unserigen!« rief Martin mit Bitterkeit. »Mein Gott, Sir«, brummte Mark, »was nützt das alles! Manche Architekten verstehen es eben, Pläne zu zeichnen, und andere sind so gescheit, Gebäude aufzuführen, wenn die Pläne fertig sind. Aber am Schlüsse wird doch alles ins richtige Geleise kommen.« »Und in der Zwischenzeit?« fragte Martin. »Inzwischen, Sir, haben wir so manches zu tun und müssen schauen, daß wir es angehen. Also vorwärts und immer fidel.« »Sie sind der beste Lehrer im Leben, Mark«, sagte Martin, »den man sich nur denken kann. Und ich will kein schlechter Schüler sein und mich nach Kräften zusammennehmen. Das habe ich mir vorgenommen. Also vorwärts, lieber Freund!« 36. Kapitel Tom Pinch wagt sich nach London, um sein Glück zu machen. Was ihm gleich im Anfang begegnete Wie verändert erschien Salisbury Tom Pinch, als das Traumbild »Pecksniff« für ihn zerronnen war. Er sah zwar noch immer dieselben wunderbaren Läden, fand den Ort noch ebenso geheimnisvoll und luxuriös, überschätzte seinen Reichtum und seine Bevölkerung ebenso wie früher, aber dennoch war es nicht mehr das alte Salisbury oder überhaupt etwas, das ihm nur entfernt ähnlich gesehen hätte. Während im Wirtshaus das Frühstück bereitet wurde, begab sich Tom auf den Markt. Es war derselbe wie früher, überfüllt von denselben Käufern und Verkäufern, die rührig ihre Geschäfte betrieben; es war dasselbe Zungengewirr und das Gackern der Hühner in den Käfigen, die gleiche schöne Schaustellung frischer Butter, die in Leinwand von blendendem Weiß auf den Brettern lag, dieselben Höklerbuden mit ihren kleinen Rasierspiegeln, Schnürbändern, Schnallen, Hosenstegen und sämtlicher Kurzware waren zu sehen, kurz, alles und jedes war dasselbe, aber dennoch erschien Tom alles so ganz anders als früher. Inmitten des Marktplatzes vermißte er das Götzenbild, das er im Geiste immer dorthin gestellt, und kahl und öde sah es jetzt aus, wo dieses Bildnis fehlte. Dennoch wirkte die Veränderung der Dinge nicht allzu verbitternd auf ihn, war er doch nicht einsichtsvoll genug, zu wissen, daß es vernünftig und weise ist, wenn man sich einmal in einem Menschen getäuscht hat, sich an der Menschheit im allgemeinen zu rächen und fortan niemandem mehr zu trauen. Nicht nur, daß diese Lebensregel von gewissen tiefsinnigen Poeten und ehrenwerten Männern verfochten wird, so entspricht sie auch dem Gerechtigkeitsbegriff jenes guten Wesirs aus Tausendundeiner Nacht, der bekanntlich alle Lastträger von Bagdad umzubringen befahl, weil man vermutete, daß einer dieser unglücklichen Gilde sich gegen das Gesetz vergangen habe. Tom war so lange gewohnt gewesen, mit dem Pecksniff seiner Einbildung sich den Tee zu versüßen, ihn, sozusagen, als Butter auf sein Brot zu streichen und ihn als höchste Würze seines Bieres mit einzuschlürfen, daß er jetzt am ersten Morgen nach seiner Entlassung ein recht schales Frühstück hielt. Auch wurde sein Appetit zum Mittagessen nicht sonderlich durch den Umstand geschärft, daß er ernstlich über seine eigenen Angelegenheiten nachdachte und mit seinem Freunde, dem Organisten, darüber Beratung pflog. Der Organistengehilfe gab seine Meinung dahin ab, Tom müsse unter allen Umständen nach London gehen, da es eine ähnliche Stadt auf der Welt nicht mehr gäbe. Dies mochte im allgemeinen richtig sein, wenn es auch an und für sich betrachtet keinen hinreichenden Grund für Tom abgab, sich dorthin zu wenden. Tom selbst hatte schon früher an London gedacht und mit diesem Orte seine Schwester sowie auch seinen alten Freund John Westlock in Verbindung gebracht, dessen Rat er natürlich in dieser wichtigen Krisis seines Geschickes einzuholen gedachte. Er beschloß deshalb, sich unverzüglich auf den Weg zu machen, und begab sich auf der Stelle nach dem Postbureau, um sich einen Außenplatz zu sichern. Da die Diligence jedoch bereits überfüllt war, sah er sich genötigt, seine Abfahrt bis zum nächsten Tag zu verschieben. Aber auch dieser Umstand hatte nicht nur seine Schatten-, sondern auch seine Lichtseiten, denn wenn auch Toms Börse wieder mit einer unerwarteten Belastung bedroht war, so hatte er doch Gelegenheit, Mrs. Lupin zu schreiben und sie zu bitten, sie möge seinen Koffer an den bekannten alten Wegweiser bringen lassen, damit er seine Habseligkeiten gleich mit nach der Hauptstadt nehmen und sich auf diese Weise die Frachtkosten ersparen könne. »So«, sagte er, legte die Feder aus der Hand und schöpfte wieder Hoffnung, »na, so weit wären wir glücklich.« Er konnte sich nicht verhehlen, daß er, nachdem er einmal so weit mit sich ins reine gekommen war, ein ungewohntes Gefühl von Freiheit empfand und den unbestimmten Eindruck hatte, es sei Feiertag. Wohl kamen Momente des Bangens und der Niedergeschlagenheit immer wieder über ihn, aber dennoch fühlte er ein gewisses inneres Behagen bei dem Gedanken, er sei jetzt sein eigener Herr und könne auf eigene Faust Pläne schmieden. Freilich war seine Lage bei seinem mangelnden Selbstvertrauen höchst verwirrend für ihn, aber trotz aller seiner Sorgen gab der Gedanke den Speisen, die er im Wirtshause genoß, einen ganz eigenen Beigeschmack und breitete zwischen ihn und seine Aussichten einen Traumnebel, hinter dem die Zukunft wie in magischem Licht verheißungsvoll hervorwinkte. So innerlich hin und her geworfen, legte sich Tom ein zweites Mal in den niedrigen Vierpfoster in der Nähe der beiden Ölbilder, die den ehemaligen Wirt und den fetten Ochsen darstellten, und in gleicher Stimmung verbrachte er auch den ganzen folgenden Tag. Als endlich die Postkutsche mit der goldenen Inschrift »London« hinten um die Ecke bog, machte ihr Anblick einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß er fast geneigt war, davonzulaufen. Er tat es jedoch nicht, setzte sich vielmehr mutig auf den Bock und blickte auf die vier Grauschimmel herunter, ganz verwirrt von dem Glanz und der Neuheit seiner Lage. Übrigens hätte auch ein weniger bescheidener Mensch, als Tom es war, verwirrt sein können, so dicht neben einem solchen Kutscher zu sitzen. Der Mann trug seine Handschuhe nicht wie ein anderer in der Hand, sondern, wie er da auf dem Straßenpflaster stand und noch nicht einmal seinen Posten eingenommen hatte, zog er sie an mit einer Miene, als ob die Lenkung von vier Grauschimmeln einfach eine Bagatelle wäre. Ähnlich verfuhr er auch mit seinem Hute. Er verrichtete damit Wunderdinge, zu deren Vollbringung ihn nur eine unbegrenzte Pferdekenntnis und schrankenlose Waghalsigkeit befähigen konnte. Kleine Wertpakete wurden ihm mit besonderen Weisungen ans Herz gelegt, er verstaute sie in diesem Hute und setzte ihn dann wieder auf, als ob die Gesetze der Schwere in diesem Fall keine Gültigkeit hätten. Und dann erst der Kondukteur! »Siebzig Meilen im Tag«, sagte schon sein Backenbart. Seine Manieren waren sozusagen ein kurzer Galopp und seine Unterhaltung ein regelmäßiger Trab. Er selbst glich der Eilkutsche, die einen Abhang hinunterfährt: ein unaufhaltsamer Galopp. Sogar ein Frachtwagen hätte Flügel bekommen müssen, wenn ein solcher Kondukteur mit seinem Horn daraufgesessen hätte. »London wirft seine Schatten voraus«, dachte Tom, als er auf dem Bocke saß und um sich blickte. »Ein solcher Kutscher und ein derartiger Schaffner haben noch nie auf Erden existiert.« Der Wagen selbst war kein langsamer Postwagen, sondern eine renommistische, liederliche und luxuriöse Londoner Stadtkarosse. Die ganze Nacht auf den Rädern und bei Tag im Schuppen – das reinste Luderleben –, nahm das leichtsinnige Ding nicht mehr Notiz von Salisbury, als ob es das nächste beste Dorf gewesen wäre, rasselte geräuschvoll durch die nobeln Straßen, verhöhnte die Kathedrale, nahm gerade die schlechtesten Ecken am schärfsten, jagte alles aus dem Wege und raste über die offene Landstraße hinunter mit lustig herausforderndem Hörnerklang als letztem fröhlichem Scheidegruß. Es war ein bezaubernder Abend, mild und hell. Trotz der Last, mit der die Größe und Unermeßlichkeit Londons seine Seele beschwerte, konnte Tom doch nicht dem angenehmen Eindruck widerstehen, den die rasche Bewegung in der herrlichen Luft auf ihn hervorbrachte. Die vier Grauschimmel griffen wacker aus, und das Posthorn tönte lustig dazwischen. Zuweilen ließ auch der Kutscher seine Stimme dareinschallen, und die Räder surrten harmonisch dazu. Die Messingringe an den Geschirren tönten wie ein kleines Glockenspiel, und klingend, klimpernd und klirrend bildete das ganze Riemenzeug von den Schnallen der vordersten Koppelriemen an bis zu dem Handgriff des Hinterkorbes ein einziges großes musikalisches Instrument. Hussa! Vorbei an Hecken, Toren und Bäumen, vorbei an Landhäusern und Scheunen und heimkehrenden Arbeitern, vorüber an Eselkarren, die die Fuhrleute seitwärts in den Graben zogen, und an leeren Leiterwagen mit sich aufbäumenden Rossen, bis die Eilkutsche die schmale Wendung der Straße passiert hatte, vorüber an einsamen Kirchen und Kirchlein in ihren stillen Winkeln mit ländlichen Friedhöfen ringsum, wo die Gräber grünten und die Maßliebchen auf den Herzen der Toten schliefen; vorüber an Bächen, in denen das Vieh seine Hufe kühlte und die Binsen wuchsen, an Wildgehegen, Meierhöfen und Schobern, die im schwindenden Abendlicht wie verwitterte altersbraune Giebeldächer aussahen, hinab den kiesbestreuten Abhang durch aufspritzende Wasserlachen und wieder im Galopp auf die ebene Straße hinauf. »Ob der Koffer da sei«, als sie den alten Meilenzeiger erreichten? Der Koffer? Mrs. Lupin war selbst mitgekommen. Großartig, wie es sich für eine Wirtin schickt, war sie in ihrer eigenen Kalesche gekommen und saß jetzt, die Liebliche, auf einem Mahagoniklappsitz, mit der entzückendsten Miene von der Welt ihr Drachenpferd lenkend. Und der Postwagen hielt neben ihrer Kutsche, deren Rad er fast streifte, und der Schaffner schmetterte, während ihr Knecht den Koffer hinaufpackte, die frohen Klänge seines Hornes in die Luft und fern hinab durch die Kaminessen Pecksniffs, als wolle die Post ihren Jubel ausdrücken, daß Tom Pinch endlich frei sei. »Sie sind wirklich zu gütig«, sagte Tom und beugte sich von seinem Außensitz nieder, um Mrs. Lupin die Hand zu reichen. »Hätte ich das gewußt, würde ich Sie nicht bemüht haben.« »Bemüht haben, Mr. Pinch!?« rief die Drachenwirtin. »Freilich, ich weiß ja, es macht Ihnen Freude«, versetzte Tom und drückte ihr herzlich die Hand. »Was gibt es Neues?« Die Wirtin schüttelte den Kopf. »Sagen Sie, daß Sie mich gesehen haben«, fuhr Tom fort, »und sagen Sie, ich sei froh und heiter und nicht ein bißchen niedergeschlagen. Und bitte, seien Sie ein Gleiches, denn schließlich wird doch noch alles wieder gut werden. – Gott befohlen!« »Aber Sie werden mir doch schreiben, wenn Sie sich irgendwo einen dauernden Aufenthalt gewählt haben, Mr. Pinch?« fragte Mrs. Lupin besorgt. »Wenn ich mir einen dauernden Aufenthalt gewählt habe?« rief Tom, unwillkürlich die Augen aufreißend; »ja, ja, natürlich; dann werde ich sofort schreiben. Vielleicht wäre es übrigens besser, wenn ich es schon früher täte, denn es könnte immerhin einige Zeit dauern, bis ich einen bleibenden Wohnsitz gefunden habe. Meine Barschaft ist nicht allzu groß, und ich habe nur einen einzigen Freund. Übrigens will ich ihn von Ihnen grüßen. Sie haben ja immer gut mit Mr. Westlock gestanden. Also, leben Sie wohl.« »Leben Sie wohl«, rief Mrs. Lupin und langte hastig aus ihrem Wagen einen Korb, aus dem der Hals einer langen Flasche hervorguckte. »Bitte, nehmen Sie das; und Gott befohlen.« »Soll ich den Korb für Sie nach London mitnehmen?« fragte Tom. Die Wirtin war bereits im Begriff, ihre Kalesche umzudrehen. »Nein, nein«, rief sie, »es ist nur eine kleine Erfrischung auf den Weg. – Vorwärts, Jack! Alles in Ordnung! Gott befohlen!« Sie war schon eine Viertelmeile weg, ehe Tom sich sammeln konnte. Dann blickte er sich um und winkte ihr mit der Hand zu, was sie herzlich erwiderte. »Das ist also das letzte Lebewohl von dem alten Wegweiser«, dachte Tom, »wo ich so oft gestanden habe und dieselbe Postkutsche habe vorbeifahren sehen und von so vielen Kameraden Abschied genommen habe. Sonst kam mir der Postwagen immer wie ein großes Ungeheuer vor, das zu gewissen Zeiten erschien, um meine Freunde in die Welt hinaus zu entführen. Jetzt nimmt es auch mich mit sich, damit ich mein Glück in der Fremde suche. Weiß Gott, wo ich es finden werde.« Und es wurde ihm weh ums Herz, wenn er dachte, wie er vor alters so oft die Gasse hinauf und nach Mr. Pecksniffs Wohnung zurückgegangen war. In seiner trübseligen Stimmung fiel sein Blick wieder auf den Korb auf seinen Knien, den er beinahe ganz vergessen hatte. »Sie ist die freundlichste und rücksichtsvollste Frau von der Welt«, murmelte er. »Jetzt begreife ich erst, warum sie ihren Jack so schnell weggerufen hat. Bloß damit ich ihm kein Trinkgeld geben konnte. Die ganze Zeit über hatte ich das Geld für ihn bereit, aber er sah mich auch nicht ein einziges Mal an, während er mir doch sonst – ich kenne ihn doch so gut – freundlich zugegrinst hätte. Wirklich, die Güte der Leute rührt mich fast bis zu Tränen.« Sein Blick begegnete dem Auge des Kutschers. Der Mann blinzelte ihm verschmitzt zu. »Merkwürdig hübsche Frau für ihr Alter, was?« fragte er. »Da bin ich ganz Ihrer Meinung; sie ist wirklich bildschön«, rief Tom. »Schöner als so manche junge, was meinen Sie?« »Als so manche junge«, pflichtete Tom bei. »Ich für meinen Teil mach mir gar nix aus jungen Frauenzimmern«, behauptete der Kutscher kühn. Das war nun allerdings Geschmackssache, und Tom fühlte sich nicht berufen, die Frage weiter zu erörtern. »Die jungen verstehn zum Beispiel nix von Erfrischungen«, fing der Kutscher nach einer Weile wieder an. »Ein Frauenzimmer muß schon so ziemlich in die Jahre gekommen sein, ehe sie soviel Verstand hat, einem ein derartiges Körbchen mitzubringen.« »Wollen Sie vielleicht wissen, was drin ist?« fragte Tom lächelnd. Da der Kutscher bloß lachte und Tom selbst ebenfalls neugierig war, so packte er aus und legte die Delikatessen nacheinander auf das Wagenbrett. Ein kaltes gebratenes Huhn, ein paar Lagen Schinkenschnitten, ein Brotlaib mit schöner brauner Kruste, ein Stück Käse, eine Tüte mit Zwieback, ein halbes Dutzend Äpfel, ein Messer, eine Scheibe Butter, ein wenig Salz und eine Flasche alten Xeres. Es war auch ein Brief dabei, und Tom steckte ihn in die Tasche. Der Kutscher schien es so ernst mit seinem Lobe von Mrs. Lupin zu meinen und gratulierte Tom so herzlich, daß dieser um des Rufes der guten Witwe willen es für nötig hielt, dem Manne auseinanderzusetzen, der Korb sei eine Erkenntlichkeit rein platonischer Natur und ihm lediglich aus Freundschaft überreicht worden. Nachdem er dies mit tiefem Ernste auseinandergesetzt – denn er hielt es für seine Pflicht, dem lockern Vogel reinen Wein einzuschenken, damit dieser nicht etwa auf schlechte Gedanken komme –, bedeutete er ihm, es werde ihn freuen, das Geschenk mit ihm zu teilen, und schlug ihm vor, sie wollten, sooft es der Kutscher bei seiner Erfahrung und Kenntnis des Weges für angebracht halte, den Korb als gute Freunde gemeinschaftlich plündern. Von da an plauderten sie so vertraut und freundlich miteinander, daß, obgleich Tom mehr von Einhörnern verstand als von Pferden, der Kutscher schließlich zu seinem Freunde, dem Schaffner sagte, er wünsche sich niemals einen besseren Reisegefährten auf dem Bock als den jetzigen – besonders was die Unterhaltung beträfe –, so kurios der Mann auch aussehe. Und, hussa, weiter ging's unter den dunkelnden Schatten dahin, die die Umrisse der Bäume verschlangen, und durch Licht und Düster vorüber am Dorfanger, wo noch die Cricketspieler weilten und das frische Gras seinen Duft in die Nacht ausströmte. Hussa! Vorwärts mit vier frischen Pferden vom »Falben Hirsch«, wo die Zecher, die Reisenden anstaunend, im Torweg standen und das ausgespannte Grauschimmelquartett mit hängenden Zügeln unter dem Jubel der Dorfjugend sich in die Schwemme trollte. Dann weiter mit klappernden, funkensprühenden Hufen über die alte steinerne Brücke wieder hinab den schattigen Weg bis ans offene Tor, und weit, weit weg in den Wald hinein. Hussa, mit dem Mond um die Wette! Hussa, hussa! Kaum ist die Schönheit der Nacht so recht empfunden, da kommt auch schon der Tag herangehüpft. Hussa! Noch drei Stationen, und die Landwege sind zu einer fortlaufenden Straße geworden. Vorbei an Gemüsegärten, Häuserreihen, Villen, Terrassen und Plätzen – vorbei an Frachtwagen, Kutschen und Karren – vorbei an Frühaufstehern und Arbeitern, an verspäteten Nachtschwärmern, betrunkenen und nüchternen Lastträgern – vorbei an Ziegelhaufen und Steinmauern und hinein auf das rasselnde Pflaster, wo sich auf einer Postkutsche ein ruhiger Sitz auf die Dauer nicht so leicht behaupten läßt; hussa, hinunter die zahllosen Windungen und durch das endlose Labyrinth der Wege, bis das alte Gasthaustor erreicht ist. Betäubt und schwindelnd steigt Tom Pinch ab – er ist in London. »Und noch obendrein fünf Minuten vor der Zeit«, erklärt der Kutscher, als ihm Tom die Fahrt bezahlt. »Ach«, versetzt Mr. Pinch, »ich würde mir nicht soviel daraus gemacht haben, wenn es auch fünf Stunden nach der Zeit wäre; ich weiß wahrhaftig nicht, wohin ich so früh gehen oder was ich anfangen soll.« »Man erwartet Sie also nicht?« fragte der Kutscher. »Wer?« »Nun, sie.« Im Kopf des Kutschers hat es sich nämlich so festgesetzt, Tom müsse nach London gekommen sein, um einen ausgebreiteten Kreis ängstlich besorgter Verwandter und Freunde zu besuchen, daß es ziemlich schwer gewesen sein würde, es dem Manne auszureden. Tom versuchte es auch nicht erst, vermied vielmehr jede weitere Erörterung des Themas und verfügte sich in das Wirtshaus, wo er vor dem Kaminfeuer, das in einer vom Hofe aus zugänglichen Gaststube brannte, bald in Schlummer verfiel. Als er erwachte, waren die Leute im Hause bereits sämtlich auf den Beinen. Er wusch sich, brachte seine Kleider in Ordnung, was er nach der Reise wirklich sehr nötig hatte, und machte sich, da es inzwischen acht Uhr geworden, sofort auf den Weg, um seinen alten Freund John aufzusuchen. John Westlock wohnte in Furnivals Inn, High Holborn, das ungefähr eine Viertelstunde von dem Wirtshaus entfernt lag, von Tom aber nicht in so kurzer Zeit erreicht wurde, da er einen großen Umweg machte und die Richtung verfehlte. Als er endlich vor Johns Türe anlangte, blieb er, vom Kopf bis zu den Füßen zitternd, stehen und wagte kaum den Klopfer zu ergreifen, denn es war ihm durchaus nicht wohl zumute bei dem Gedanken, er müsse nun berichten, was zwischen ihm und Mr. Pecksniff vorgefallen war – hatte er doch die sichere Ahnung, daß John über die Enthüllung in einen geradezu schrecklichen Jubel ausbrechen werde. »Und doch muß es geschehen«, sagte sich Tom, »ob nun früher oder später. Es ist besser, ich warte nicht länger.« – Rat tat tat. – »Ich fürchte, man klopft in London anders«, murmelte Tom, »es hat nicht besonders zuversichtlich geklungen. Wahrscheinlich öffnet man auch aus diesem Grunde die Türe nicht.« Ob nun so oder so, eines war sicher: es kam niemand. Sicher war ferner, daß Tom dastand und den Klopfer ansah – verwundert, wo denn in der Nähe der Gentleman wohne, der da in einem fort aus Leibeskräften »herein« rief. »Meiner Seel«, sagte er sich endlich. »Er wohnt vielleicht gar hier drinnen, und die Aufforderung gilt mir. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Vielleicht kann man die Türe von außen aufmachen. Wahrhaftig, ja.« Und, wirklich, es ging. Er drückte die Klinke herunter, und kaum hatte er dies getan, rief dieselbe Stimme, die er vorhin schon gehört, ungeduldig: »Warum kommen Sie denn nicht herein? Hören Sie denn nicht?! Wollen Sie noch lange draußen stehen bleiben?« Tom trat aus dem kleinen Flur in das Zimmer, aus dem diese Worte herausgerufen wurden, und kaum war er eines Herrn im Schlafrock und Pantoffeln – die Stiefel standen daneben und zum Anziehen bereit – ansichtig geworden, der mit einer Zeitung in der Hand bei seinem Frühstück saß, als dieser auch schon, auf die Gefahr hin, seinen Teetisch umzuwerfen, auf ihn losstürzte und ihn in die Arme schloß. »Tom, mein Junge, Tom!« »Ich freue mich wirklich, Sie zu sehen, Mr. Westlock«, sagte Tom Pinch, drückte ihm beide Hände und zitterte ärger als je. »Wie freundlich Sie sind.« »Mr. Westlock?« wiederholte John. »Was soll denn das heißen, Pinch? Du hast doch hoffentlich meinen Taufnamen nicht vergessen?« »Nein, John, vergessen habe ich ihn nicht«, versetzte Tom Pinch. »O Gott, wie liebenswürdig du bist.« »In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen solchen Narren gesehen«, rief John. »Was soll das heißen, daß du mir das schon zum zweitenmal sagst? Ich möchte doch gern wissen, ob ich vielleicht anders sein sollte. Da, setz dich nieder, Tom, und sei ein vernünftiger Mensch. Wie geht's dir, mein Junge? Es freut mich innig, dich zu sehen.« »Und wie froh ich bin, dich zu sehen«, sagte Tom. »Das Vergnügen ist natürlich gegenseitig«, rief John, »und wir halten's selbstverständlich wie in frühern Zeiten. Hätte ich geahnt, daß du kommst, Tom, würde ich dir ein Frühstück vorbereitet haben. Mir ist freilich eine solche Überraschung lieber als das beste Frühstück von der Welt, aber bei dir ist's etwas anderes, und ich zweifele nicht, daß du hungrig bist wie ein Wolf. So wie die Dinge liegen, mußt du dich eben behelfen, wie du kannst, Tom. Wir werden's übrigens beim Dinner schon nachholen. Da, nimm ein wenig Zucker – übrigens, das erinnert mich an den Zucker bei Pecksniffs. Haha, was macht er denn, der Bursche? Wann kommt er nach London? – Nun, so greife doch endlich zu, Tom! Es sind zwar nur Überbleibsel, aber auch diese sind nicht ganz zu verachten. Gesulzter Wildschweinkopf! Versuche ihn mal, Tom! Mache nur den Anfang! Was du doch für ein seltsamer Kerl bist, und wie ich mich freue, dich wiederzusehen!« Während John in freudiger Erregung dies alles nur so hervorstieß, lief er unaufhörlich zwischen dem Schrank und dem Tisch hin und her, brachte alle Arten von Dingen in Töpfen herbei, löffelte eine gewaltige Menge Tee aus der Büchse, ließ ein paar Semmeln in seine Stiefel fallen, goß heißes Wasser über die Butter und beging noch eine ganze Reihe ähnlicher Mißgriffe, ohne sich jedoch dadurch verstimmen zu lassen. »So«, sagte er, sich zum fünfzigstenmal wieder niedersetzend, aber sofort wieder aufspringend, um eine weitere Bereicherung des Frühstücks herbeizuschaffen. »Jetzt sind wir so gut mit allem versehen, daß wir es wohl bis zum Mittagessen aushalten können und jetzt zu deinen Neuigkeiten kommen. Also, vor allem – was macht Pecksniff?« »Ich weiß nicht«, lautete Toms ernste Antwort. John stellte die eben ergriffene Teekanne wieder nieder und blickte seinen Freund erstaunt an. »Ich weiß nicht, was er macht«, wiederholte Tom Pinch, »und kümmere mich auch nicht darum. Aber selbstverständlich wünsche ich ihm nichts Böses. Ich habe ihn verlassen, John – für immer verlassen.« »Freiwillig?« »Nein, das nicht. Er hat mich entlassen. Ich habe jetzt eingesehen, daß ich mich in ihm getäuscht habe, und es wäre mir unter keinen Umständen länger möglich gewesen, bei ihm zu bleiben. Ich bedaure tief, gestehen zu müssen, daß du hinsichtlich Beurteilung seines Charakters recht hattest. Es ist vielleicht lächerlich und schwach von mir, John, aber ich kann dir nur versichern, daß es mich tief geschmerzt hat, als ich diese Entdeckung machte.« Tom hatte durchaus nicht nötig, seinen Freund so bittend anzusehen, er möge nicht lachen, denn eher würde John daran gedacht haben, ihn zu Boden zu schlagen. »Es war alles ein Traum; jetzt ist's, Gott sei Dank, vorüber«, fuhr Tom fort. »Wie es zuging, will ich dir später einmal erzählen. Du mußt Nachsicht mit meiner Torheit haben, John, aber ich möchte jetzt weder daran denken noch davon sprechen.« »Ich schwöre dir, Tom«, sagte Westlock nach einer kurzen Pause sehr ernsthaft, »wenn ich so sehe, wie tief es dich schmerzt, so weiß ich nicht, ob ich mich darüber freuen oder betrüben soll, daß du endlich diese Entdeckung gemacht hast. Ich mache mir sogar Vorwürfe bei dem Gedanken, wie oft ich dir gegenüber darüber scherzen konnte. Ich hätte dich besser kennen sollen.« »Mein lieber, lieber Freund«, rief Tom und streckte John beide Hände entgegen, »es ist wirklich riesig hochherzig und brav von dir, daß du mich und meine Mitteilung so aufnimmst. Es macht mich erröten, daß ich nur einen Augenblick deswegen beunruhigt sein konnte. – Du glaubst gar nicht, welche Last du mir vom Herzen genommen hast«, setzte er hinzu und griff wieder zu Messer und Gabel. »Und jetzt werde ich dem Wildschweinkopf aber ganz fürchterlich zusetzen.« John, auf diese Art an seine Wirtspflichten erinnert, machte sich unverzüglich daran, die einander widersprechendsten Speisen auf Toms Teller aufzuhäufen, und Mr. Pinch ließ sich das Frühstück vortrefflich schmecken und wurde bald wieder fröhlich und guter Laune. »Alles recht hübsch und schön«, sagte John, den Verheerungen, die sein Gast unter den Speisen anrichtete, mit großem Vergnügen zusehend, »aber jetzt zu andern Plänen. Du mußt natürlich bei mir bleiben. Wo ist dein Koffer?« »Im Wirtshaus«, sagte Tom. »Ich hatte nicht im Sinn –« »Mir ganz egal, was du im Sinn gehabt hast oder nicht«, fiel ihm John Westlock ins Wort, »was du jetzt im Sinn hast, ist wichtiger. Du wolltest doch zu mir kommen und mich um meinen Rat fragen – ist es nicht so, Tom?« »Allerdings.« »Und du wirst ihn befolgen, wenn ich ihn dir gegeben habe?« »Ja«, versetzte Tom lächelnd, »vorausgesetzt, daß er gut ist, was ich natürlich nicht bezweifle, wenn er aus deinem Munde kommt.« »Bravo! – Also, dann sei nicht gleich im Anfang der alte verstockte Bursche, Tom, oder ich schweige und behalte meinen unschätzbaren Rat für mich. Du bist bei mir zu Besuch – und ich wollte nur, ich hätte eine Orgel für dich.« »Dafür würden sich die übrigen Hausbewohner wohl sehr bedanken«, lautete Toms Antwort. »Also, laß mal sehen. – Zuerst wirst du wohl heute früh deine Schwester besuchen wollen«, fing John wieder an, »und wirst natürlich lieber allein hingehen wollen. Ich begleite dich ein Stück Wegs und sehe mich dabei in der Stadt um, wo ich allerlei zu besorgen habe, und nachmittags treffen wir uns dann wieder hier. Da, steck das in die Tasche, Tom, es ist der Schlüssel zur Entreetür; wenn du zuerst nach Hause kommst, wirst du ihn nötig haben.« »Wahrhaftig«, rief Tom, »sich auf diese Weise bei einem Freunde einzuquartieren –« »Aber ich habe doch zwei Schlüssel«, unterbrach ihn John Westlock. »Ich kann doch nicht mit beiden zugleich öffnen; oder? Was du doch für ein lächerlicher Mensch bist, Tom –! Wünschest du vielleicht etwas Besonderes zu Mittag zu essen?« »O Gott, nein«, rief Tom. »Also gut, dann überlaß das mir. Willst du jetzt ein Glas Kirschgeist haben?« »Nicht einen Tropfen! – Was das doch für merkwürdige Quartiere in London sind. Alles kann man da haben!« »Ach, Gott behüte, Tom – nichts als ein paar Junggesellenbequemlichkeiten; eine Art ›Robinson-Crusoe-Wirtschaft‹, weiter nichts. Was meinst du, wollen wir jetzt einen Spaziergang machen?« »Oh, sehr gerne«, rief Tom, »ich bin bereit, wann es dir paßt.« Mr. Westlock fischte die Semmeln aus seinen Stiefeln, warf sich in seine Kleider und reichte Tom zur Unterhaltung die Zeitung hin. Als er gebürstet und gekämmt wieder zurückkehrte, fand er Mr. Pinch in düsterer Stimmung, das Zeitungsblatt in der Hand. »Träumst du, Tom?« »Nein«, sagte Mr. Pinch leise, »ich habe mir nur die Annoncen durchgelesen – im Glauben, es könnte möglicherweise etwas darunter sein, was für mich paßte. Aber wie mir schon so oft aufgefallen ist, scheint immer der sonderbare Fall einzutreffen, daß die Leute sich nicht zueinander finden wollen. Da gibt es alle Arten von Dienstherren, die alle Arten von Dienern haben wollen, alle Arten von Dienern, die alle Arten von Dienstherrn brauchen können, aber zu finden scheinen sie einander nie. Hier zum Beispiel sieht sich ein Gentleman in einer öffentlichen Stellung durch vorübergehende Verlegenheit veranlaßt, fünfhundert Pfund aufnehmen zu müssen, und in der nächsten Annonce meldet sich ein anderer Gentleman, der genau diese Summe ausborgen will. Aber die beiden werden sich gewiß nicht zusammenfinden. Und dann ist hier eine Dame in unabhängiger Stellung, die Kost und Logis bei einer ruhigen Familie sucht – und daneben eine Familie, die sich fast ganz mit denselben Worten eine Dame in unabhängiger Stellung wünscht. Aber die Dame wird nicht hingehen, John. Ebenso wenig werden diese ledigen Gentlemen hier, die ein freundliches Schlafzimmer mit gelegentlicher Benützung des Salons brauchen, sich je mit den Leuten hier ins Einvernehmen setzen, die in einem Haus mit Garten nur fünf Minuten von der Börse entfernt wohnen. Es scheint wirklich«, sagte Tom und legte das Blatt mit einem tiefen Seufzer aus der Hand, »daß die Menschen zufrieden sind, wenn sie ihre Anliegen nur drucken lassen können. Es scheint eine Art Trost für sie drin zu liegen, zu publizieren: ich brauche das und jenes und kann's nicht bekommen und glaube auch nicht, es jemals bekommen zu können.« John Westlock lachte über den komischen Einfall, und dann gingen sie zusammen fort. Viele Jahre waren vergangen, seit Tom das letztemal in London gewesen, und auch damals hatte er so wenig davon kennengelernt, daß ihn jetzt jede Kleinigkeit interessierte. Besonders begierig war er, unter andern Merkwürdigkeiten auch jenes Viertel zu sehen, wo, wie er gehört hatte, die Leute vom Lande ausgeraubt und ermordet zu werden pflegen. Ja, es schien ihm gar nicht recht zu passen, als er nach einer halben Stunde Wegs bemerkte, daß nicht einmal ein Taschendieb sich seiner Börse bemächtigt hatte. John Westlock erfand daher extra einen solchen für ihn und zeigte ihm einen höchst respektablen Fremden als hervorragendes Mitglied dieser Gilde. Dann erst war Mr. Pinch endlich zufrieden. Nachdem sie eine ziemlich weite Strecke zusammen zurückgelegt, machte John Tom kurz vor Camberwell so genau mit jeder Biegung der Straße zur Villa des reichen Gelb- und Rotgießers bekannt, daß Tom den Weg unmöglich verfehlen konnte, und ließ ihn dann allein seine Visite machen. Mr. Pinch war vor dem großen Glockenzug angekommen und läutete; sehr bescheiden natürlich. Der Portier erschien. »Bitte, wohnt hier Miss Pinch?« fragte Tom. »Miss Pinch ist hier Gouvernante«, versetzte der Portier und musterte dabei Tom von oben bis unten, als wollte er sagen: na, du scheinst mir ja ein recht netter Kunde zu sein. Wo kommst du eigentlich her? »Ganz recht, das ist die junge Dame«, sagte Tom. »Ist sie zu Hause?« »Kann ich unmöglich wissen«, versetzte der Portier. »Möchten Sie dann vielleicht die Güte haben, zu fragen«, ersuchte Tom. Er genierte sich fast, diese Bitte vorgebracht zu haben, denn die Möglichkeit eines solchen Schrittes schien dem Portier durchaus nicht einzuleuchten. Seine Pflicht als Portier war, nach Ertönen der Haustürglocke, wie üblich, die innere Glocke zu ziehen – denn bei dem Gelb- und Rotgießer ging es genau wie bei einem Baron zu –, und das hatte er auch getan. Er wurde bezahlt, daß er das Haustor auf und zu mache, und nicht, um Fremden Auskunft zu geben. Er überließ also das Weitere dem livrierten Bedienten, der in diesem Augenblick erschien. »Hallo, was wollen Sie hier? Hier herein gefälligst, junger Herr.« »Oh«, sagte Tom und trat in den Garten, »ich habe nicht bemerkt, daß noch jemand da ist. – Bitte, ist Miss Pinch zu Hause?« »Drin ist sie wohl«, versetzte der Lakai, als wolle er sagen: »zu Hause« ist nur die gnädige Frau. »Ich möchte sie gerne sprechen«, sagte Tom. Der Lakai, ein lebhafter junger Mann, bemerkte in diesem Augenblick zufällig eine davonfliegende Taube, und das interessierte ihn dermaßen, daß er nicht antworten konnte, bis der Vogel hinter dem Dach verschwand. Dann endlich lud er Tom ein, weiterzukommen, und führte ihn in eine Art Sprechzimmer. »Der Name?« fragte er langsam, indem er an der Türe stehen blieb. »Melden Sie gefälligst: ihr Bruder.« »Mutter?« fragte der Lakai mit gedehnter Stimme. »Bruder!« wiederholte Tom etwas lauter. »Sie würden mich übrigens sehr verbinden, wenn Sie zuvörderst sagen wollten, ein Herr sei da, und dann erst erklärten, ich sei Miss Pinchs Bruder, denn sie erwartet mich nicht und weiß gar nicht, daß ich in London bin. Ich möchte sie nicht gerne erschrecken.« Das Interesse des Bedienten an Toms Bemerkungen hatte schon bei dessen zweitem oder drittem Wort aufgehört, er war aber doch so gütig, bis zum Schluß der Rede zu warten. Dann zog er die Türe hinter sich zu und entfernte sich. »Mein Gott«, murmelte Tom, »ist das ein unehrerbietiges, unartiges Benehmen. Ich will nur hoffen, daß der Bediente hier noch neu ist und daß Ruth anders behandelt wird.« Er wurde in seinen Betrachtungen durch das Geräusch von Stimmen aus dem anstoßenden Zimmer unterbrochen. Es schien, als ob sich jemand stritte, unwillig wäre oder schelte; und schließlich brach beinahe ein Sturm aus. Mitten durch diesen Lärm hindurch glaubte Tom die Stimme des Lakaien zu hören, der ihn anmeldete, und gleich darauf entstand plötzlich eine ganz unnatürliche Stille. Tom stand am Fenster und dachte bei sich, was das wohl für ein häuslicher Zwist sein könne, hoffte aber, Ruth würde nichts damit zu tun haben. Da ging plötzlich die Türe auf, und seine Schwester warf sich ihm an die Brust. »Gott im Himmel«, rief Tom und blickte sie, nachdem sie sich gegenseitig zärtlich umarmt hatten, mit großem Stolze an, »wie du dich verändert hast, Ruth! Wirklich, wenn ich dich anderswo getroffen hätte, Schwesterchen, so würde ich dich kaum erkannt haben. Hast du dich aber herausgemacht!« setzte er mit verhaltenem Entzücken hinzu, »du bist so groß, so – weißt du – so hübsch geworden!« »Wenn du es sagst, Tom –« »Nein, nein, das muß jeder sagen«, beteuerte Tom und streichelte Ruth sanft die Locken. »Das ist eine Tatsache und nicht nur eine Ansicht von mir. Was gibt's denn aber?« fuhr er fort und blickte sie genauer an, »du bist so aufgeregt, du hast geweint.« »Ich? Gott behüte, Tom.« »Dummes Zeug,« sagte Tom fest, »rede dich nicht heraus. Ich sehe es doch. Sage mir offen und aufrichtig, was es gegeben hat. Ich bin jetzt nicht mehr bei Mr. Pecksniff und will mir in London eine Stelle suchen. Wenn du dich also hier im Hause nicht glücklich fühlst – und ich fürchte sehr, daß es so ist, und fange an zu glauben, du hast mich aus Liebe und Rücksicht bisher davon nicht verständigt –, so darfst du auch nicht länger bleiben.« Sein Blut war in Wallung. Möglich, daß der genossene Schweinskopf daran schuld war, jedenfalls aber der Lakai und, vor allem: der Anblick seiner hübschen Schwester. Was ihn selbst anging, konnte Tom viel vertragen, aber auf Ruth war er stolz und in diesem Punkte daher sehr empfindlich. Es schwante ihm plötzlich, daß es vielleicht noch mehr als einen Pecksniff auf der Welt geben könne, und die Haut fing ihm an zu prickeln. »Wir wollen das später einmal besprechen, Tom«, wich Ruth aus und beschwichtigte ihren Bruder mit einem Kuß. »Ich fürchte allerdings, ich werde nicht mehr lang hier bleiben können.« »Du kannst nicht?« versetzte Tom. »Nun gut, dann darfst du es auch nicht, meine Liebe. Auf das Mitleid der Leute hier sollst du nicht angewiesen sein, mein Wort drauf.« In diesem Augenblick unterbrach sie der Lakai und meldete im Auftrag seines Herrn, man wünsche Mr. Thomas Pinch zu sprechen, ehe er ginge, zugleich aber auch Miss Pinch. »Gehen Sie voraus. Zeigen Sie mir den Weg«, sagte Tom. »Ich will sogleich meine Aufwartung machen.« Sie traten in das anstoßende Zimmer, aus dem vorhin der Lärm gekommen war, und fanden dort einen Herrn in mittleren Jahren mit wichtiger Miene und protzenhaftem Auftreten und desgleichen eine Dame in mittleren Jahren mit einer Art Accisbeamtengesicht, wenigstens schienen Essig und Pfeffer darin die hervorragendsten Elemente. Ferner war dieselbe Schülerin von Miss Pinch zugegen, die bei einer früheren Gelegenheit von Mrs. Todgers den Namen »Sirup« bekommen hatte, und weinte und schluchzte; – offenbar aus reiner Bosheit. »Mein Bruder«, stellte Ruth Pinch Tom schüchtern vor. »Oh«, rief der Gentleman und musterte Tom von oben bis unten. »Sie sind also Miss Pinchs Bruder. – Entschuldigen Sie eine Frage: wie kommt es, daß Sie ihr so gar nicht ähnlich sehen?« »Miss Pinch hat de facto einen Bruder«, bemerkte die Dame. »Ja, ja. Miss Pinch erzählt immer von ihrem Bruder, statt sich mit meiner Erziehung zu beschäftigen«, schluchzte der Zögling. »Sophie, du hast zu schweigen«, rief der Gentleman. – »Setzen Sie sich gefälligst«, lud er Tom ein. Mr. Pinch setzte sich und blickte in stummem Erstaunen von einem Gesicht zum andern. »Bleiben Sie gefälligst, Miss Pinch«, fuhr der Gentleman fort und warf Ruth einen geringschätzigen Seitenblick zu. Sofort stand Tom auf, um für seine Schwester einen Stuhl zu holen und nahm dann wieder Platz. »Es freut mich sehr, Sir, daß Sie zufällig heute gerade Ihre Schwester besuchen«, begann der Gelb- und Rotgießer wieder; »denn, wenn ich es auch grundsätzlich nicht billige, daß eine junge Person, die in meiner Familie als Gouvernante in Diensten steht, Besuche annimmt, so kommt mir der Ihrige doch im gegenwärtigen Falle sehr apropos und gelegen. Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, daß wir mit Ihrer Schwester durchaus nicht zufrieden sind.« »Wir sind sogar sehr unzufrieden mit ihr«, warf die Dame hin. »Ich will Miss Pinch keine Aufgaben mehr hersagen, und wenn man mich dafür zu Tode prügelt«, schluchzte der Seraph. »Sophie!« rief der Vater, »du hast zu schweigen.« »Würden Sie mir die Frage erlauben, worin der Grund Ihrer Unzufriedenheit besteht?« fragte Tom. »Ja«, entgegnete der Gentleman, »das will ich. Nicht, daß ich annehme, Sie hätten ein Recht zu fragen, aber ich will es. Ihre Schwester hat nicht die mindeste angeborene Fähigkeit, sich Achtung zu verschaffen, und dies bildet eine unablässige Quelle von Mißhelligkeiten zwischen uns. Trotzdem sie schon seit einiger Zeit in unserer Mitte weilt und die hier gegenwärtige junge Dame sozusagen fast unter ihren Augen aufgewachsen ist, so hat dennoch diese junge Dame hier keine Achtung vor ihr. Miss Pinch ist vollständig unfähig gewesen, sich die Achtung meiner Tochter und ihr Vertrauen zu gewinnen. Ich behaupte«, setzte der Gentleman hinzu und ließ seine Hand gravitätisch auf den Tisch niederfallen, »ich behaupte nun, daß hierin ein radikaler Fehler liegt. Sie, als ihr Bruder, sind vielleicht geneigt, es in Abrede zu ziehen –« »Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, unterbrach Tom, »ich bin durchaus nicht geneigt, es in Abrede zu ziehen, sondern bin sogar überzeugt, daß ein radikaler Fehler hier obwalten muß – ein geradezu unausrottbarer Fehler.« »Gott im Himmel«, rief der Gentleman und sah sich würdevoll im Zimmer um, »was muß ich alles täglich mit ansehen! Was für Resultate entspringen aus dieser Charakterschwäche Miss Pinchs? Was müssen als Vater meine Gefühle sein, wenn ich entdecken muß, daß meine Tochter – während ich doch Miss Pinch wiederholt ausdrücklich ermahnt habe, sie solle ihre Schülerin anhalten, in allen Ausdrücken gewählt und in ihrer Haltung gentil zu sein, wie es sich für meiner Tochter Stellung im Leben gebührt, und höflich und reserviert gegen untergebene Personen zu sein –, ich sage, wenn ich finden muß, daß diesen Morgen erst noch meine Tochter Miss Pinch eine Bettlerin nannte –« »Ein bettelhaftes Ding«, verbesserte die Dame des Hauses. »Das ist noch viel schlimmer!« rief der Gentleman triumphierend, »noch viel schlimmer! Ein bettelhaftes Ding! Welch gemeiner, roher, verächtlicher Ausdruck.« »Höchst verächtlich«, rief Tom. »Es freut mich, daß man sich hier so außerordentlich klar darüber ist.« »So klar, Sir«, bestätigte der Gentleman und dämpfte seine Stimme zu größter Eindringlichkeit, »so klar, daß ich Miss Pinch erst vor ein paar Minuten noch mein Ehrenwort gab, ich würde die Beziehungen zwischen uns augenblicklich gelöst haben, wenn ich nicht wüßte, daß sie eine schutzlose junge Person – eine freundlose Waise ist.« »O Sir«, rief Tom und erhob sich von seinem Sessel, denn er war nicht länger imstande, sich zurückzuhalten, »bitte lassen Sie sich durch solche Rücksichten durchaus nicht bestimmen. Das wäre nichts weniger als angebracht, Sir. Ruth ist keineswegs schutzlos und wird sofort Ihr Haus verlassen. – Liebe Ruth, bitte setze deinen Hut auf.« »Na, das ist ja eine recht hübsche Familie«, rief die Frau des Hauses spitzig. »Er ist zweifellos ihr Bruder. Das ist jetzt wohl keine Frage mehr.« »Ebensowenig kann ein Zweifel obwalten«, versetzte Tom, »daß die junge Dame dort das Resultat Ihrer Erziehung und nicht derjenigen meiner Schwester ist. – Liebe Ruth, bitte setze deinen Hut auf.« »Junger Mann«, fuhr der Gelbgießer hochmütig auf, »wenn Sie mit dieser Impertinenz, die Ihnen übrigens angeboren zu sein scheint und auf die zu reagieren ich mich weiter nicht herablasse, sagen wollen, daß das Fräulein hier – meine älteste Tochter – von jemand anderem als von Miss Pinch erzogen worden sei, so – brauche ich nichts weiter hinzuzufügen. Ich verstehe Sie nicht. Ich – äh –« »Sir«, rief Tom und faßte den Gelbgießer fest ins Auge, »wenn Sie nicht verstehen, was ich meine, so will ich es Ihnen erklären. Wenn Sie aber den Sinn meiner Worte begreifen, so muß ich Sie bitten, bei Ihren Antworten nicht diese Ausdrucksweise beizubehalten. Meine Meinung ist, daß kein Mensch erwarten kann, sein Kind werde das achten, was der eigene Vater herabsetzt.« »Hahaha«, brach der Gentleman los. »Albernes Geschwätz. Das gewöhnliche lächerliche Geschwätz.« »Nein, eine gewöhnliche Wahrheit, Sir!« entgegnete Tom. »Eine Wahrheit, die der gewöhnlichste Verstand einzusehen imstande ist. Ihre Gouvernante kann sich das Vertrauen und die Achtung Ihrer Kinder einfach nicht gewinnen. Jawohl. Zeigen Sie ihr lieber selbst erst Achtung, und dann sehen Sie sich die Resultate an.« »Miss Pinch setzt doch ihren Hut auf, liebe Frau, nicht wahr?« fragte der Gelbgießer. »Seien Sie unbesorgt, Sir«, rief Tom. »Sie brauchen nicht im geringsten daran zu zweifeln. – Übrigens wende ich mich an Sie, Sir! Sie haben mir Ihre Meinung gesagt, Sir, und mich extra deswegen in Ihr Zimmer kommen lassen; ich habe daher das Recht, auch meine Meinung zu sagen. – Ich bin weder aufbrausend noch grob«, setzte er hinzu, »was ich von der Art und Weise, wie Sie mit mir reden, nicht behaupten kann. Hinsichtlich meiner Schwester hier möchte ich die einfache Wahrheit auseinandersetzen.« »Sie können auseinandersetzen, was Sie wollen, junger Mann«, erwiderte der Gentleman mit affektiertem Gähnen. »Liebe Frau, zahle Miss Pinch ihren Lohn aus.« »Wenn Sie behaupten«, fuhr Tom fort, der trotz seiner scheinbaren äußerlichen Ruhe doch innerlich kochte, »daß meine Schwester nicht die Fähigkeit besitzt, sich die Achtung Ihrer Kinder zu verschaffen, so muß ich Ihnen erwidern, daß das durchaus nicht der Fall ist. Sie ist so gut erzogen, so gebildet und von Natur aus so geeignet, sich Achtung zu verschaffen, wie nur irgendeine junge Dame, die sich zu dem Sklavendienst einer Gouvernante erniedrigt. Wie können Sie nun, wenn Sie nur mit gewöhnlichem Durchschnittsverstand begabt sind, erwarten, daß Ihre Tochter meine Schwester mit Achtung behandelt, wo Sie ihr nicht einmal die Achtung der Dienstboten des Hauses zu sichern wissen.« »Unerhört, wirklich unerhört«, rief der Gentleman, »das ist ja recht nett.« »Nein, es ist sehr schlimm, Sir«, sagte Tom. »Es ist sehr schlimm, es ist gemein, niedrig und grausam. – Achtung!? Ich dächte denn doch, daß Kinder im allgemeinen hell genug von Verstand sind, um sich zu merken und nachzuahmen, was sie an ihren Eltern sehen. Wieso oder warum soll denn ein Kind einen Menschen achten, vor dem niemand sonst Respekt hat und den jeder über die Achsel ansieht! Wie soll ein Kind Lust zu seinen Studien bekommen, wenn es sieht, wie sehr die eigene Gouvernante trotz ihrer Bildung mißhandelt wird. Achtung!? – Stellen Sie das Allerachtenswerteste Ihren Töchtern in dem Lichte dar, in dem Sie ihnen meine Schwester zu zeigen beliebten – gleichviel, was es sein mag, es wird in den Staub getreten werden.« »Sie führen eine sehr unverschämte Sprache, junger Mann«, fuhr der Gentleman auf. »Nein, ich rede leidenschaftslos, aber mit größter Entrüstung und voller Verachtung vor einem solchen Vorgehen wie dem Ihrigen oder dem jedes Menschen, der sich dergleichen erlaubt. Wie können Sie als Mann von Ehre darüber erstaunt oder mißvergnügt sein, daß Ihre Tochter meine Schwester ein bettelhaftes Ding nennt, wenn Sie selbst ihr ganz dasselbe auf ebenso deutliche Art, wenn auch nicht in Worten sagen? Wenn sogar Ihr Portier und Ihr Lakai sich erlauben dürfen, jedem Fremden gegenüber Miss Pinch als ein bettelhaftes Ding hinzustellen? Und was Ihr Mißtrauen gegen sie betrifft, so dürften Sie sie in diesem Falle nicht zur Erzieherin Ihrer Kinder machen und haben vor allem kein Recht, sie so zu behandeln.« »Kein Recht?« rief der Gelb- und Rotgießer. »Nein, kein Recht«, wiederholte Tom. »Und wenn Sie glauben, sich durch eine gewisse jährliche Summe ein derartiges Recht zu sichern, so überschätzen Sie den Wert Ihres Geldes unendlich, denn das Gehalt ist wohl in jeder Hinsicht der nebensächlichste Punkt in Ihrem gegenseitigen Vertrage. Und wenn Sie Ihre Bezahlungen auch auf die Minute einhalten, so können Sie trotzdem ein Bankrottier sein. – So, jetzt habe ich weiter nichts mehr zu sagen«, schloß Tom, der jetzt, wo die Sache vorbei war, immer aufgeregter wurde. »Ich bitte Sie nur um Erlaubnis, in Ihrem Garten warten zu dürfen, bis meine Schwester fertig ist.« Er ließ es nicht mehr zu einer Antwort kommen, sondern ging sogleich aus dem Zimmer. Er hatte sich noch nicht halbwegs beruhigt, als seine Schwester ihm nachkam. Sie weinte. Tom konnte den Gedanken nicht ertragen, daß es vielleicht jemand vom Hause aus sehen könnte, und verwies es ihr. »Sie werden glauben, daß du ungern fortgehst«, redete er ihr zu. »Du gehst doch nicht etwa wirklich ungern?« »O nein, Tom, nein! Ich habe mich schon seit langer Zeit danach gesehnt.« »Also gut, dann weine nicht«, sagte Tom. »Es tut mir nur leid um dich, lieber Bruder«, schluchzte Ruth. »Um mich? Da solltest du dich doch eher freuen. Ich werde mich doppelt so glücklich fühlen, wenn wir beisammen sind. Nur Mut gefaßt und Kopf hoch! So, jetzt gehen wir zusammen fort, wie es unser würdig ist. Nicht in Wut oder Winseln, sondern fest und voller Selbstvertrauen.« Der Einfall, daß Tom und seine Schwester hätten winseln können, wäre wohl unter allen Umständen eine Abgeschmacktheit gewesen, aber Tom fand in seiner Aufregung kein besseres Wort. Er trat durch das Gartenhaus – so viel Entschlossenheit in seinem Gesicht, daß ihn der Portier kaum wiedererkannte. Sie waren eine Strecke weit nebeneinander hergegangen, und Tom, der inzwischen ruhiger und gefaßter geworden, hatte sich wieder ganz erholt, als ihn seine Schwester mit ihrem hübschen Stimmchen fragte: »Wohin gehen wir eigentlich, Tom?« »Lieber Himmel«, rief Tom und blieb stehen. »Ich weiß es wirklich nicht.« »Du weißt es nicht? Hast du denn nicht irgendwo eine Wohnung?« fragte Ruth und blickte fragend zu ihm auf. »Nein, vorderhand noch nicht. Ich bin erst heute morgen angekommen. Wir müssen uns vor allem ein Quartier suchen.« Tom verschwieg ihr, daß er eigentlich bei seinem Freunde John hatte wohnen wollen, konnte aber andererseits natürlich nicht daran denken, bei ihm gleich zwei Personen einzuquartieren, von denen noch dazu eine ein Mädchen war. Überdies wußte er, daß das Ruth nur beunruhigt und in Verlegenheit gebracht hätte. Andererseits aber wollte er sie auch nicht, während er zu John ging, irgendwo zurücklassen, denn er hätte John ja alles erzählen müssen, und das hätte den Verdacht erwecken können, als spekuliere er auf seine Gastfreundschaft. Er sagte daher nochmals, sie müßten sich gleich jetzt eine Wohnung mieten, und zwar so selbstverständlich, als habe er den Wegweiser zu allen vermietbaren Quartieren von London in der Tasche. »Wo wollen wir uns also ein Quartier suchen?« fragte er. »Was meinst du?« Ruth wußte über diesen Punkt ebensowenig Bescheid wie er. Sie steckte ihm nur ihre kleine Börse in die Rocktasche, faltete ihre beiden kleinen Händchen über seinem Arm und schwieg. »Es müßte in einer wohlfeilen Gegend sein«, sagte Tom, »aber nicht allzu weit von London. – Laß mal sehen. Meinst du nicht, daß Islington das richtige wäre?« »Ich denke, es wäre sogar vortrefflich, Tom.« »Man nannte es früher das lustige Islington«, sagte Tom. »Vielleicht verdient es noch immer den Namen. Um so besser dann, was?« »Wenn's nicht zu teuer ist«, meinte Ruth. »Natürlich, wenn's nicht zu teuer ist. Also wo liegt Islington? Ich glaube, wir könnten nichts Besseres tun, als uns unverzüglich dorthin begeben. Komm.« Ruth würde ihm wahrscheinlich überallhin gefolgt sein, und so gingen sie denn Arm in Arm seelenruhig und vergnügt weiter. Bald machten sie die Entdeckung, daß Islington nicht in dieser Richtung lag, und Tom sah sich daher nach einem direkt gehenden Omnibus um, den er denn auch bald entdeckte. Die Fahrt verging ihnen sehr angenehm, denn Tom berichtete dabei, wie es ihm ergangen war. Und Ruth erzählte ihm ihre eigene Geschichte, und beide bemerkten, daß sie sich viel mehr zu sagen hatten, als Zeit dazu war, da sie bereits am Ziele ihrer Reise anlangten, kaum nachdem sie mit ihrem Plaudern angefangen zu haben glaubten. »Jetzt«, sagte Tom, »müssen wir uns erst einmal nach einer bescheidenen Straße umsehen und dann schauen, wo Vermietzettel in den Fenstern hängen.« So gingen sie denn friedlich nebeneinander her, als kämen sie eben aus einem eigenen behaglichen Heim und suchten für irgendeinen Dritten ein Logis. Tom war noch immer so unbekümmert sorglos wie je, aber jetzt, wo sich seine Schwester auf ihn verließ, fühlte er ein größeres Selbstvertrauen und kam sich geradezu wie ein sieghafter Wagehals vor. So wanderten sie wohl ein paar Stunden hin und her und besichtigten ein paar Dutzend Wohnungen, was sie schließlich sehr ermüdete, besonders, da sie keine passende finden konnten. Endlich entdeckten sie in einem altmodischen kleinen Haus in einer Sackgasse zwei kleine Schlafzimmer und ein dreieckiges Wohnzimmer, die ihnen passend erschienen. Es erregte einigermaßen Argwohn, daß sie sogleich einzuziehen wünschten, aber auch diese Schwierigkeit war rasch beseitigt, als sie die erste Woche vorausbezahlten und sich auf John Westlock, Esquire, Furnivals Inn, Holborn, beriefen. Es war wirklich ein köstlicher Anblick, wie Tom und seine Schwester nach Erledigung dieses höchst wichtigen Geschäftes mit einer Art furchtsamen Entzückens beim Bäcker, Fleischer und Krämer umherliefen, sich miteinander über allerhand Bestellungen berieten und beim geringsten Dreinreden von Seiten der Verkäufer in höchste Verwirrung gerieten. Als sie nach dem dreieckigen Wohnstübchen zurückkehrten und Ruth, mit tausend Kleinigkeiten beschäftigt, fröhlich umhertrippelte, zuweilen stehenblieb, um »ihrem alten Tom« einen Kuß zu geben oder ihm zuzulächeln – da rieb sich Mr. Pinch so vergnügt die Hände, als ob ganz Islington ihm gehöre. Es war bereits spät am Nachmittag und für Tom hohe Zeit, sein Rendezvous einzuhalten. Nachdem er sich mit seiner Schwester besprochen, daß sie heute zur Feier des Tages Hammelkoteletten zu Abend essen wollten, um sich für das versäumte Dinner zu entschädigen, machte er sich auf den Weg, um seine wunderbaren Erlebnisse seinem Freunde John mitzuteilen. »So habe ich jetzt mit einem Male ein Hauswesen«, dachte er. »Wie behaglich könnten Ruth und ich zusammenleben, wenn ich nur eine Beschäftigung bekäme. Ach Gott, ach Gott, dieses ewige ›Wenn‹. Aber es nützt nichts, den Mut zu verlieren – dazu ist immer noch Zeit, wenn ich alles vergeblich versucht habe. Und auch dann würde mir damit wenig geholfen sein. Mein Wort«, murmelte er und beschleunigte seine Schritte, »ich weiß wahrhaftig nicht, was John sich denken wird. Er wird wahrscheinlich der Meinung sein, ich hätte mich in eine jener Straßen verirrt, wo man die Leute vom Lande umbringt, und denkt vielleicht, man habe mich schon längst zu einer Pastete oder dergleichen verarbeitet.« 37. Kapitel Tom Pinch verirrt sich und findet, daß es jemand anderem ebenso gegangen ist. Er häuft glühende Kohlen auf das Haupt eines gedemütigten Feindes Das Fatum führte ihn nicht in eine von jenen kannibalischen Pastetenküchen, die nach der Darstellung so vieler Sagen vom Lande in der Hauptstadt einen lebhaften Kleinhandel mit Menschenfleisch betreiben, und ebensowenig wurde er die Beute von Uhren- und Beutelschneidern, von Taschendieben und anderen unblutigen Spitzbuben, von der die Polizei alles ganz genau weiß, und ebensowenig verstrickte er sich in eine der zahlreichen Menschenfallen, die, ohne daß man es ahnt, an den öffentlichen Plätzen der Hauptstadt stets aufgestellt sind. Aber seinen Weg verlor er, und zwar gleich anfangs, und bei dem Versuch, ihn wieder aufzufinden, verirrte er sich immer mehr und mehr. Nun hielt er es bei seinem kindlichen Mißtrauen gegenüber London für die erste Regel, ja niemanden um den Weg nach Furnivals Inn zu befragen, wenn er es irgend vermeiden könne, außer wenn er zufällig in die Nähe des Münzamtes oder der englischen Bank käme. In diesem Falle wollte er natürlich hineingehen und im Vertrauen auf die vollkommene Solidität des Institutes ein paar höfliche Fragen riskieren. So schritt er also weiter seines Weges, las die Namen aller Straßen und durchschnitt sie zur Hälfte, und so kam er aus der Goswell Street nach Alderman Bury, verirrte sich in Barbican und geriet, da er beharrlich auf der unrechten Seite des Londoner Walls blieb, in die Themse Street. Mit einem Instinkt, der hätte wunderbar genannt werden können, wenn dieser Ort das beabsichtigte Ziel seiner Reise gewesen wäre, langte er schließlich beim Monumente an. Der Mann im Mond konnte für Tom kein geheimnisvolleres Wesen sein als der Mann, der im Monument wohnte. Sofort kam ihm der Gedanke, der Mann, der hier als Einsiedler so abgeschieden von der ganzen Menschheit wohne, müsse der richtige sein, den er nach dem Wege fragen könne. Tom schritt auf das Denkmal zu und atmete erleichtert auf, als er sah, daß der Mann im Monument noch gewisse Überreste irdischer Eigenschaften hatte. Trotz des kunstreichen Gesteins seiner Wohnung schien er doch noch an gewissen ländlichen Erinnerungen zu hängen: er liebte Pflanzen, hielt Vögel in Käfigen und junge Bäume in Zubern. Er selbst saß vor der Monumenttüre – vor seiner eigenen Türe – wahrhaftig ein großartiger Gedanke! – und gähnte so ungeniert, als ob gar kein Denkmal da sei, in dessen Anwesenheit sich so etwas nicht schicke. Tom näherte sich dem merkwürdigen Wesen, um wegen des Weges nach Furnivals Inn Erkundigungen einzuziehen, da kamen zwei Fremde dem Denkmal zugeschritten, um es zu besichtigen. Es waren ein Herr und eine Dame; und der Herr fragte: »Kostet?« Der Mann im Monument brummte: »Einen Stutz pro Kopf.« Das schien ein höchst ordinärer Ausdruck angesichts des erhabenen Denkmals. Der Herr zückte einen Schilling, und der Mann im Monument öffnete eine kleine dunkle Tür. Als der Herr und die Dame im Finstern verschwunden waren, warf er sie wieder ins Schloß und kehrte langsam zu seinem Stuhl zurück. Dann setzte er sich nieder und grinste. »Die haben auch keine Ahnung, wieviel Stufen da nauf führen«, sagte er, »nicht ums Doppelte möcht ich da naufkrallen.« Der Mann im Monument war also offenbar ein Zyniker – ein ganz weltlich gesinnter Mensch! Ihn konnte Tom unmöglich um den Weg fragen, und er war daher fest entschlossen, sich anderswo Rats zu erholen. »Gott im Himmel«, rief in diesem Augenblick eine wohlbekannte Stimme, »wahrhaftig, er ist es!« Mr. Pinch fühlte sich gleichzeitig im Rücken mit einem Sonnenschirm spitzig berührt. Als er sich umwandte, um zu sehen, wer ihn in dieser Weise begrüße, erkannte er sogleich die älteste Tochter seines ehemaligen Chefs. »Miss Pecksniff!« rief er erstaunt aus. »Gott im Himmel, Mr. Pinch«, rief Cherry, »ja. Was treiben denn Sie hier?« »Ich habe mich ein wenig verirrt«, stotterte Tom, »ich –« »Ich habe gehört, Sie hätten Ihre sieben Zwetschgen zusammengepackt und seien auf und davon gegangen?« fragte Charitas. »Das wäre nur sehr in Ordnung, wo sich Papa so weit vergißt.« »Ja, ich habe ihn verlassen«, bestätigte Tom. »Aber es geschah im besten beiderseitigen Einvernehmen –« »Ist er schon verheiratet?« fragte Cherry mit einem nervösen Zucken um ihre Mundwinkel. »Nein, noch nicht«, antwortete Tom errötend. »Offen gestanden glaube ich auch nicht, daß es je der Fall sein wird, wenn Miss Graham der Gegenstand seiner Neigung sein sollte.« »Lächerlich, Mr. Pinch!« rief Charitas erregt; »Sie sind viel zu leichtgläubig und haben überhaupt keine Ahnung, welcher Tricks solche Naturen fähig sind. – Wir leben in einer gottlosen Welt, glauben Sie mir.« »Nun, und Sie?« deutete Tom an, um dem Thema rasch eine andere Wendung zu geben. »Gedenken Sie nicht zu heiraten, Miss Pecksniff?« »O Gott, nein«, zierte sich Cherry und zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirms krumme Linien auf einen Pflasterstein des Monumenthofes. »Ich – aber wahrhaftig – ich – kann Ihnen das hier nicht erklären. Wollen Sie nicht mit hineinkommen?« »Sie wohnen hier?« fragte Tom. »Ja«, antwortete Miss Pecksniff und deutete mit ihrem Schirm auf Todgers' Etablissement. »Ich wohne dort bei dieser Dame – vorderhand  –.« Der große Nachdruck, den sie auf dieses Wort legte, ließ Tom erraten, daß sie von ihm erwarte, er werde etwas darüber sagen. »Nur vorderhand? Sie gedenken also wahrscheinlich, bald wieder nach Hause zu reisen?« »Nein, Mr. Pinch«, lachte Miss Charitas, »nein, dafür bedanke ich mich bestens. Eine Stiefmutter, die jünger ist – ich wollte sagen: die fast gleichalterig ist mit der ältesten Tochter, würde mir wahrhaftig nicht passen. – Nö«, setzte sie hämisch und schaudernd hinzu. »Ich dachte nur, weil Sie von ›vorderhand‹ sprachen –« bemerkte Tom. »Ach, ich hätte mir nicht im entferntesten gedacht, daß Sie wegen dieses Ausdrucks so scharf mit mir ins Gericht gehen würden, Mr. Pinch«, flötete Charitas errötend, »sonst hätt ich ihn nicht gebraucht. Aber wollen Sie jetzt nicht mit hineinkommen?« Tom suchte nach einer Entschuldigung und wies darauf hin, daß er ein Rendezvous in Furnivals Inn habe, sich von Islington aus verirrt habe und statt dessen zum Monument geraten sei. Miss Pecksniff zierte sich zuerst außerordentlich auf seine Frage, ob sie nicht vielleicht den Weg nach Furnivals Inn wisse, rückte aber schließlich mit einem Vorschlag heraus: »Ein Gentleman – ein guter Bekannter von mir – ich will nicht gerade sagen, ein Freund, aber – doch – eine Art Bekanntschaft – wirklich, ich weiß kaum, wie ich mich ausdrücken soll, Mr. Pinch, aber Sie dürfen nicht glauben, daß irgendwelche Beziehungen zwischen uns bestehen und, wenn dies auch der Fall wäre, so ist die Sache doch bis heute noch nicht so weit gediehen – aber wie dem auch sei, – – also dieser Gentleman geht, glaube ich, da er dort Geschäfte hat, ebenfalls nach Furnivals Inn, und ich bin fest überzeugt, er wird sich sehr freuen, Sie zu begleiten, damit Sie sich nicht wieder verirren können. Aber kommen Sie jetzt mit. Sie finden wahrscheinlich meine Schwester Gratia bei Todgers'«, setzte sie mit einem verhaltenen spöttischen Lächeln hinzu. »Dann will ich doch lieber versuchen, mich allein zurechtzufinden«, rief Tom hastig. »Ich muß annehmen, daß es ihr nichts weniger als angenehm sein wird, mich zu sehen. Der unglückliche Vorfall damals mit ihrem jetzigen Gatten und mir kann sie unmöglich freundlich von mir denken lassen, trotzdem mich wahrhaftig keine Schuld trifft.« »Verlassen Sie sich darauf, sie hat kein Wort davon gehört«, beruhigte ihn Cherry und verbiß ein spöttisches Lachen, »und im übrigen glaube ich auch nicht, daß sie Ihnen deshalb besonders böse wäre.« »Wie? Was sagen Sie da?« rief Tom höchst erstaunt. »Ach Gott, ich sage gar nichts«, wich Charitas aus. »Wenn ich nicht schon von Kindheit an gewußt hätte, wie sich Hinterlist und Betrug an dem Täter rächen, Mr. Pinch, so müßte ich es jetzt sehen, wo die Sachen eine so eigentümliche Wendung genommen haben.« Dabei lächelte sie wieder geheimnisvoll wie zuvor. »Aber ich will nichts gesagt haben – ich verwahre mich dagegen. – – Aber jetzt kommen Sie doch endlich mit!« Tom fühlte, hier lag ein Geheimnis vor, und eine leise Angst um Gratia bemächtigte sich seiner. Wie er jetzt in seiner Unschlüssigkeit Charitas genauer anblickte, bemerkte er deutlich, daß in ihrem Gesicht etwas wie Triumph aufleuchtete, trotzdem sie hastig ihre Augen abwandte. Eine dunkle Vorahnung beschlich ihn, aber dennoch konnte er sich Miss Pecksniffs Benehmen nicht deuten. Natürlich konnte er nicht wissen, daß sie entzückt nach jeder Gelegenheit griff, ihrer Schwester ein Leid zu bereiten. Er stellte sich Gratia noch immer als das leichtsinnige junge Mädchen vor, das sie einst gewesen, immer voller Geringschätzung gegen ihn und nichts weniger als bemüht, ihre Gefühle ihm gegenüber zu verbergen –, mit einem Wort, er hatte nur eine unklare Vorstellung, daß Miss Pecksniff nicht so ganz schwesterlich oder wohlgesinnt handle, wenn sie ihn jetzt einlud, und er entsprach daher ihrem Wunsche, sie zu begleiten. Die Haustüre wurde geöffnet, und Charitas stieg ihm voran zum Besuchszimmer hinauf. »Ach, Gratia«, rief sie und steckte den Kopf zur Türe hinein; »ich fürchtete schon, du seiest nach Hause gegangen. Rate einmal, wen ich hier auf der Straße getroffen und hergebracht habe! Mr. Pinch! Das überrascht dich, nicht wahr?« Aber Gratia war durchaus nicht so überrascht wie Tom, als er sie jetzt zu Gesicht bekam; – nicht halb so sehr. »Mr. Pinch hat Papa verlassen, liebe Gratia«, fuhr Charitas fort, »und seiner Zukunft steht jetzt nichts mehr im Wege. Ich habe ihm versprochen, Augustus, der dieselbe Richtung geht, werde ihm nach Furnivals Inn den Weg zeigen. – Augustus, lieber Freund, wo stecken Sie denn?« Diese Worte waren eine Beschwörungsformel, die Mr. Augustus Moddle galten. Gleich darauf verließ Miss Pecksniff das Zimmer, und Tom Pinch und Gratia waren allein. Wenn Gratia von jeher Toms beste Freundin gewesen wäre, statt ihn so behandelt zu haben, wie sie es getan, so hätte sein ehrliches Herz nicht von tieferem Mitleid für sie ergriffen sein können, als es jetzt der Fall war. »O Gott«, begann Gratia, »wirklich, Sie sind der allerletzte, den ich zu sehen gehofft hätte.« Es schmerzte Tom, sie so in ihrer alten Weise sprechen zu hören, denn er hatte das nicht von ihr erwartet. Trotzdem empfand er das tiefste Mitleid für sie, denn sie sah traurig verändert aus gegen früher, wenn ihre Redeweise auch immer noch hochmütig klang. »Es nimmt mich wunder, daß Sie Gefallen daran finden können, mich zu besuchen, Mr. Pinch. Ich kann mir gar nicht erklären, wie Ihnen ein solcher Einfall kommen konnte. Ich habe mir, wie Sie wissen, nie viel aus Ihnen gemacht und dächte, Liebe hätten wir gerade nicht aneinander verschwendet, Mr. Pinch«, sagte sie und machte sich nervös mit den Bändern ihres Hutes zu schaffen, der neben ihr auf dem Sofa lag – sichtlich im Geiste ganz woanders. »Wir haben doch niemals einen Streit miteinander gehabt!« wendete Tom milde ein. – Er hatte darin vollkommen recht, denn zu einem Zwist gehören bekanntlich zwei. – »Ich hatte gehofft, Sie würden sich freuen, einem alten Bekannten die Hand zu drücken. Schauen Sie, lassen Sie uns doch nicht vergangene Dinge wieder aufrühren«, setzte er hinzu, »und wenn ich Sie jemals gekränkt habe, so vergeben Sie mir.« Gratia sah ihn einen Augenblick an, ließ dann den Hut aus den Händen fallen, bedeckte ihr Gesicht und brach in Tränen aus. »Ach, Mr. Pinch«, jammerte sie, »ich habe Sie ja wahrhaftig niemals gut behandelt, aber doch hätte ich nicht gedacht, daß Sie so unversöhnlich wären. Ich habe nicht geglaubt, daß Sie so grausam sein könnten.« Sie sprach jetzt so ganz anders als sonst, daß es Tom tief ergriff; sie machte ihm offenbar einen Vorwurf, und er verstand sie nicht. »Ich weiß ja, ich habe mir's niemals anmerken lassen, aber doch glaubte ich an Sie so fest, daß ich zuverlässig Ihren Namen genannt haben würde, wenn man mich nach einem Menschen gefragt hätte, dem ich am wenigsten zutraue, daß er sich zu rächen imstande sei.« »Sie würden meinen Namen genannt haben –«, wiederholte Tom mechanisch. »Ja«, versetzte Gratia mit Nachdruck. »Ich habe oft daran gedacht.« Eine Weile sann Tom nach, dann setzte er sich neben sie auf einen Stuhl. »Glauben Sie wirklich«, sagte er, »oder können Sie nur einen Augenblick dem Gedanken Raum geben, daß ich je meine Worte anders meinen könnte, als wie ich sie buchstäblich sage? Wenn ich Sie jemals beleidigt habe, so bitte ich Sie um Entschuldigung – denn es ist ja möglich, daß ich es oft und vielmals getan habe. Aber Sie haben mich nie gekränkt. Weshalb sollte ich mich also an Ihnen rächen wollen, selbst wenn ich schlecht genug wäre, an etwas Derartiges zu denken!?« Eine Weile schwieg Gratia, dann dankte sie ihm unter Tränen und schluchzte, seit sie die Heimat verlassen, habe sie sich nie so schmerzlich berührt und doch wieder innerlich so getröstet gefühlt. Dennoch weinte sie bitterlich fort, und es schnitt Tom tief ins Herz, ihre Tränen mit anzusehen, um so mehr, als er deutlich begriff, wie sehr sie seiner Teilnahme bedurfte. »Beruhigen Sie sich, nehmen Sie's nicht so schwer!« redete er ihr zu, »Sie waren doch sonst immer so heiter und fröhlich den ganzen lieben Tag lang.« »Ach ja, früher«, rief sie in einem Tone, der ihm tief zu Herzen ging. »Es wird schon wieder alles gut werden«, versuchte er sie zu trösten. »Nein, nie, nie mehr. Oh, nie mehr! – Wenn Sie jemals Gelegenheit haben sollten, mit dem alten Mr. Chuzzlewit zu sprechen«, setzte sie hastig hinzu und blickte Tom fest ins Gesicht – »es kam mir bisweilen vor, als habe er Sie gern, wolle sich's aber nicht anmerken lassen – nicht wahr, dann sagen Sie ihm, daß Sie mich hier gesehen haben und daß ich Ihnen mitgeteilt habe: was er damals auf dem Kirchhof mit mir gesprochen, sei unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben.« Tom versprach es ihr. »Oft und oft habe ich mir seitdem seine Worte ins Gedächtnis zurückgerufen und gewünscht, dort begraben zu liegen. Es läge mir sehr, sehr viel daran, wenn er erführe, wie wahr er gesprochen hat; wenn ich es auch seitdem niemandem gesagt habe und dieses Eingeständnis auch niemals mehr über meine Lippen kommen wird.« Tom versprach ihr, Mr. Chuzzlewit alles mitzuteilen, fügte jedoch hinzu, es komme ihm sehr unwahrscheinlich vor, daß er jemals mit dem alten Herrn wieder zusammentreffen werde. »Aber es könnte ja sein«, fügte er hinzu, denn er wollte Gratia nicht noch mehr betrüben. »Wenn er das alles je durch Sie erfährt, lieber Mr. Pinch«, fuhr Gratia fort, »so sagen Sie ihm auch, daß ich es ihm nicht um meinetwillen mitteilen lasse, sondern bloß, damit er nachsichtiger und geduldiger und vertrauensvoller gegen andere sein möge, wenn sich ein ähnlicher Fall wieder ereignen sollte. Sagen Sie ihm, er ahne nicht, wie wenig damals dazu gefehlt hat, und ich hätte mich anders entschieden, als ich es getan.« – »Ja, ja«, versprach Tom. »Ich will es ausrichten.« – »Als ich ihm seiner Hilfe am unwürdigsten schien, war ich vielleicht am meisten geneigt, seinen Worten nachzugeben – ja, ja, ich weiß, es ist so: ich habe seitdem oft und oft darüber nachgedacht. Wenn er mir nur noch ein wenig mehr zugeredet hätte – nur noch eine Viertelstunde länger geblieben wäre –, ich glaube ganz gewiß, ich wäre gerettet gewesen. Sagen Sie ihm, daß ich ihm deshalb keinen Vorwurf mache, sondern ihm dankbar bin, daß er es überhaupt versucht hat. Bitten Sie ihn zugleich um Christi Liebe willen, der Jugend gegenüber barmherzig zu sein und des Kampfes mit Milde zu gedenken, den ein schlecht beratenes und leichtsinniges Geschöpf gekämpft, um die Kraft zu verbergen, die ihn Schwäche dünkte. Bitten Sie ihn, dies nie zu vergessen, wenn ihm je wieder ein ähnlicher Fall unterkommen sollte.« Wenn auch Tom den Sinn von Gratias Worten nicht vollständig begriff, so konnte er ihn doch so ziemlich erraten. Bis ins Innerste erschüttert, ergriff er ihre Hand und sagte ihr – oder wollte es wenigstens – einige Worte des Trostes. Sie fühlte und verstand sie, so unartikuliert sie auch klangen. Er war so fassungslos, daß er kaum wußte, was vorging; erst später glaubte er sich zu erinnern, sie habe sich ihm zu Füßen werfen und ihn segnen wollen. Als sie sich entfernt hatte, bemerkte er plötzlich, daß er nicht allein im Zimmer war. Mrs. Todgers war eingetreten und schüttelte betrübt das Haupt. Er sah die Dame jetzt zum erstenmal, erriet jedoch, sie müsse die Frau des Hauses sein, und da er so große Teilnahme in ihren Blicken las, hatte sie im Handumdrehen sein Herz gewonnen. »Ach, Sir, Sie sind gewiß ein alter Freund, wie ich sehe?« fragte sie. »Ja, so ist's«, antwortete Tom. »Aber gewiß –« fuhr Mrs. Todgers fort und schloß leise die Türe, »hat sie Ihnen nicht gesagt, worin ihre Leiden bestehen?« Tom war höchlichst betroffen über diese Worte, denn sie enthielten tatsächlich die Wahrheit. »Wirklich«, gab er zu, »sie hat mir nichts darüber gesagt.« »Und sie wird Ihnen auch nichts Näheres darüber sagen, selbst wenn Sie täglich mit ihr zusammenkämen. Nie läßt sie eine Silbe der Erklärung oder der Klage darüber laut werden. Aber dennoch«, setzte Mrs. Todgers hinzu und seufzte, »dennoch weiß ich, wie schwer ihr ums Herz ist.« Tom nickte bekümmert und seufzte: »Ich auch.« »Ich bin fest überzeugt«, schluchzte Mrs. Todgers und zog ihr Taschentuch aus der flachen Retiküle, »daß niemand auch nur annähernd weiß, was das arme junge Geschöpf durchzumachen hat. Aber, trotzdem sie fast täglich herkommt, um ihr armes gequältes Herz zu erleichtern und weinend in der Ecke sitzt, bis der Anfall vorüber ist, und dabei immer jammert: ›Ach, Mrs. Todgers, ich bin heute so traurig, wollte Gott, ich läge schon im Grabe‹, so weiß ich doch nichts weiter von ihr. Und trotz alledem«, setzte Mrs. Todgers hinzu und steckte ihr Tuch wieder ein, »weiß ich, daß sie mich für eine gute Freundin hält.« Mrs. Todgers hätte berechtigterweise sagen können: »für ihre beste Freundin«. Die Herren vom Handelsstande und die Sorgen um die tägliche Fleischbrühe hatten zwar Mrs. Todgers' Herz ein wenig verhärtet, und sie dachte fast an nichts anderes als an Erwerb – der übrigens in ihrem Falle so unbedeutend war, daß man es ihr nachsehen mußte, wenn sie die Augen offen hielt und an allen Ecken und Enden sparte, aber in irgendeinem Winkel ihres Herzens und vor einem ganz verborgenen Schubfach war eine geheime Tür, und auf der stand das Wort »Weib« geschrieben. Und wenn Gratia die Feder berührte, so flog sie weit auf, um ihr ein Asyl zu bieten. In diesem Augenblick trat Charitas mit ihrem Verehrer ein. »Mr. Thomas Pinch«, stellte sie Tom, sich in die Brust werfend, vor: »– Mr. Moddle –. Wo ist übrigens meine Schwester?« »Fortgegangen, Miss Pecksniff«, antwortete Mrs. Todgers. »Es war höchste Zeit.« »Ach«, seufzte Charitas mit einem lauernden Blick auf Tom, »– ach, du lieber Himmel.« »Sie hat sich sehr, sehr verändert, seit sie mit einem andern – – seit sie verheiratet ist, Mrs. Todgers«, bemerkte Mr. Moddle. »Mein lieber Augustus!« sagte Miss Pecksniff spitz. »Ich glaube wirklich, dies wohl schon fünfzigtausendmal von Ihnen gehört zu haben. Gott, sind Sie ein langweiliger Mensch.« Es folgte ein etwas lahmes Liebesgeplänkel, das lediglich von Miss Pecksniff ausging, denn Mr. Moddle benahm sich wesentlich zurückhaltender, als es gewöhnlich bei jungen Liebhabern der Fall sein soll, und stellte überhaupt eine geradezu stupende Geistesträgheit zur Schau. Er wurde übrigens auch nicht lebendiger, als Tom mit ihm die Straße hinaufging, und seufzte so unheimlich, daß es wahrhaft erschrecklich anzuhören war. Um ihn aufzuheitern, wünschte ihm Tom viel Glück für die Zukunft. »Glück?!« rief Moddle, »haha.« »Ist das aber ein seltsamer junger Mensch«, dachte Tom. »Der Weltschmerz hat wohl noch nicht sein Siegel auf Sie gedrückt? Sie kümmern sich wahrscheinlich noch darum, was noch einmal aus ihnen werden wird?« fragte Mr. Moddle. Tom gab zu, daß er diesbezüglich allerdings noch so manches Interesse fühle. »Bei mir ist das nicht der Fall«, versetzte Mr. Moddle. »Die Erde kann mich zurückhaben, sobald sie will. – Ich bin bereit.« Tom schloß aus diesen und ähnlichen Ausdrücken, der junge Mann müsse wahrscheinlich eifersüchtig sein, und überließ ihn daher sich selbst und seinen Gedanken, die übrigens so düster zu sein schienen, daß er förmlich aufatmete, als sie sich vor dem Tore von Furnivals Inn trennten. Die Essenszeit war schon ein paar Stunden vorüber, und John Westlock ging, ängstlich besorgt um Tom, unruhig in seinem Zimmer auf und ab. Der Tisch war gedeckt, der Wein sorgsam in Karaffen gegossen, und würziger Speisenduft erfüllte die Luft. »Na, hör mal, Tom, alter Junge, wo in aller Welt hast du denn so lange gesteckt?« rief John. »Dein Koffer ist übrigens angekommen. Aber jetzt zieh deine Stiefel aus und setz dich gefälligst nieder.« »Es tut mir wirklich leid, sagen zu müssen, daß ich unmöglich bleiben kann«, entschuldigte sich Tom Pinch, atemlos von der Hast, mit der er die Treppe heraufgeeilt war. »Nicht bleiben?« »Bitte, fange jetzt nur an zu essen«, keuchte Tom, »ich will dir inzwischen meine Gründe dafür angeben. Ich kann dir dabei nicht Gesellschaft leisten, denn ich darf mir den Appetit für die Hammelrippchen nicht verderben und –« »Es sind doch gar keine Hammelrippen da, lieber Freund«, unterbrach ihn John. »Nein, aber in Islington.« John Westlock riß die Augen auf und schwur hoch und teuer, er werde keinen Bissen anrühren, ehe sich Tom nicht deutlicher erklärt habe. Mr. Pinch setzte sich daher nieder und erzählte ihm seine ganze Geschichte. John Westlock kannte seinen Freund zu gut und achtete sein Feingefühl zu sehr, als daß er ihn gefragt hätte, wozu er alle diese Maßregeln getroffen, ohne sich vorher mit ihm besprochen zu haben. Tom müsse, sagte er, sofort zu seiner Schwester zurückkehren, da der Ort, wo er sie gelassen, ihr zu wenig bekannt sei. – Er werde sogleich einen Fiaker nehmen, und bei dieser Gelegenheit könnten sie gleich den Koffer mitnehmen. »Und jetzt, Tom«, sagte er, als sie eingestiegen waren, »habe ich eine Frage an dich, die du mir offen und ehrlich beantworten mußt: Brauchst du Geld? – Aber natürlich, du mußt ja welches brauchen.« »Nein, nein, gewiß nicht!« beteuerte Tom. »Ich danke dir wirklich herzlich, aber sowohl meine Schwester wie ich sind vorläufig noch versorgt. Und dann habe ich noch eine Fünfpfundnote, die mir Mrs. Lupin in einem Brief am Kreuzweg aufdrängte.« An der Haustür von Toms Wohnung trennten sie sich. John Westlock blieb im Wagen sitzen, als er aber eines entzückenden süßen kleinen Geschöpfchens ansichtig wurde, das aus dem Haus stürzte, Tom um den Hals fiel und ihm den Koffer in den Flur tragen half, da hätte er nicht das mindeste dagegen einzuwenden gehabt, mit seinem Freund zu tauschen. 38. Kapitel Allerlei Heimlichkeiten Als Tom mit seinem neuen sentimentalen Bekannten von der City aufgebrochen war, hatte er, ohne es zu wissen und ohne ihn zu kennen, Mr. Nadgett von der »Anglo-Bengalischen« gestreift und ihm ins Gesicht geblickt. Es war ein merkwürdiger Zufall, daß beide – Tom und Mr. Nadgett – die sich doch gar nicht kannten, gerade an ein und denselben Menschen unter den unzähligen Einwohnern der Riesenstadt London dachten – nämlich an Jonas Chuzzlewit. Warum sich Tom mit Jonas innerlich beschäftigte, liegt auf der Hand. Bei Mr. Nadgett lag die Sache nicht so klar. Jedenfalls, das war sicher, war der vortreffliche verwaiste junge Mann der Mittelpunkt von Mr. Nadgetts Heimlichtuerei geworden. Mr. Nadgett hatte ein beständiges hochgespanntes Interesse an Jonas' geringstem Tun und Lassen. Er bewachte ihn auf Schritt und Tritt, in und außerhalb der Assekuranz-Gesellschaft, in der Mr. Chuzzlewit jetzt als Direktor angestellt war, blieb stehen und lauschte, wenn Jonas sprach, schrieb sich im Kaffeehaus seinen Namen wohl hundertmal in sein großes Notizbuch, verfaßte fortwährend Briefe über Jonas an sich selbst, und wenn er sie dann in seinen Taschen fand, warf er sie ins Feuer – aber selbstverständlich ängstlich besorgt, daß auch die Asche genügend verglomm. Aber natürlich geschah auch alles dies in tiefster Heimlichkeit. So eifrig Jonas übrigens von Mr. Nadgett beobachtet wurde, so hatte er doch so wenig eine Ahnung davon, daß die Augen dieses Menschen beständig auf ihm hafteten, als wäre er unter der täglichen Aufsicht des gesamten Jesuitenordens gestanden. Wenn auch Mr. Nadgetts Augen selten auf etwas anderes gerichtet waren als auf den Boden, auf die Bureauuhr oder auf das Kaminfeuer, so sah er dennoch soviel, als sei jeder Knopf seines Rockes ein argwöhnisches Auge. Die gedrückte scheue Art des Mannes erstickte jedes Mißtrauen im Keim, sah er doch viel eher aus wie jemand, der sich fürchtet, beobachtet zu werden, als wie einer, der selbst beobachtet. Er ging so schüchtern herum und war so zugeknöpft, als ob der ganze Zweck seines Lebens darauf hinausliefe, niemals auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu erregen. Jonas begegnete ihm bisweilen auf der Straße oder in den Bureaus der Anstalt, wo er vermutlich auf den Mann wartete, der niemals kam, und jedesmal sah er ihn mit seinem steinernen Gesicht und den Kopf gesenkt davonschleichen, immerwährend seinen Biberhandschuh vor sich her tragend, und nichts wäre ihm ferner gelegen als der Gedanke, dieser Mensch könne ihn beobachten. Ebensogut hätte er geargwöhnt, das Kreuz auf der St.-Pauls-Kathedrale könne ihn belauern oder ein Fangnetz bereithalten, um es ihm über den Kopf zu werfen. Um diese Zeit nun ging in Mr. Nadgetts geheimnisvollem Leben eine höchst seltsame Veränderung vor sich. Bisher hatte man ihn immer frühmorgens von Cornhill herunterkommen sehen, und zwar so pünktlich Tag für Tag, daß bald die Sage ging, er schlafe überhaupt nicht und ziehe auch niemals seine Kleider aus. Jetzt aber, da man ihn ebenso pünktlich in Holborn aus der Kingsgate Street herauskommen sah, machte man bald die Entdeckung, daß er jeden Morgen in dieser Straße einen gewissen Barbierladen besuchte, um sich rasieren zu lassen, und daß der Inhaber dieses Ladens ein gewisser Sweedlepipe war. Mr. Nadgett schien mit dem Mann, der nie kam, ein Rendezvous dort zu haben und im Laden mit ihm zusammentreffen zu wollen, denn er wartete dort oft entsetzlich lange, ließ sich Feder und Tinte geben, zog sein Taschentuch heraus und war stundenlang aufs eifrigste damit beschäftigt, sich Notizen zu machen. Mrs. Gamp und Mr. Sweedlepipe besprachen sich des öftern angelegentlichst über diesen geheimnisvollen Kunden, aber meist kamen sie zu dem Schlusse, er spekuliere wahrscheinlich an der Börse oder gehe seinen Gläubigern aus dem Wege. Später mußte Mr. Nadgett dem Manne, der nie sein Wort hielt, wahrscheinlich ein anderes Stelldichein angegeben haben, denn eines Tages sah man ihn zum ersten Male mitten in der City in der Schenkstube des »Trauerpferdes« – wo die Leichenbesorger und Pompes-Funèbres-Männer einzukehren pflegten. Er zeichnete dort mit dem Ende seiner Tabakspfeife Figuren in das Sägemehl eines unbenützten Spucknapfes, weigerte sich aber aufs entschiedenste, irgend etwas zu bestellen, da er, wie er sagte, jeden Augenblick einen Gentleman erwarte. Da auch diesmal der Herr nicht Ehre genug im Leibe hatte, sein Wort zu halten, so kam Mr. Nadgett am nächsten Tag wieder und hantierte mit einem so dicken Portefeuille herum, daß ihn die Leute in der Schenke für einen sehr vermögenden Mann hielten. Von da an wiederholte er täglich seinen Besuch und erledigte soviel Schreibereien, daß es ihm unter anderm eine Kleinigkeit war, ein großes bleiernes Tintenfaß in zwei Sitzungen bis auf den Grund zu leeren. Obgleich er niemals viel sprach, so machte er doch schließlich durch seine bloße Anwesenheit die nähere Bekanntschaft der Stammgäste, und im Verlauf der Zeit wurde er mit Mr. Tacker und sogar mit Mr. Mould ganz intim. Mr. Mould sagte ihm offen heraus, er sei ein ganz durchtriebener, mit allen Wassern gewaschener Schlaufuchs, und beehrte ihn noch mit einer ganzen Reihe ähnlich schmeichelhafter Epitheta. Gleichzeitig teilte Mr. Nadgett auch den Leuten in der Versicherungsanstalt in der ihm eigentümlichen geheimnisvollen Weise mit, er fürchte, es sei etwas nicht richtig mit seiner Leber, und es werde ihm wohl nichts anderes übrigbleiben, als den Assekuranzarzt zu konsultieren. Daraufhin wurde er Mr. Jobling überliefert, aber trotzdem dieser nichts finden konnte, was auf eine Lebererkrankung hätte schließen lassen, blieb Mr. Nadgett doch bei seiner Behauptung und ließ sich nicht so mir nichts dir nichts abspeisen. Er wurde also Mr. Joblings täglicher Patient, zählte ihm seine Symptome in seiner leisen geheimnisvollen Weise wohl ein dutzendmal an den Fingern her und ging in den Zimmern des Arztes ein und aus. Da er alles dies gleichzeitig betrieb, und zwar höchst verstohlen und geheimnisvoll, und dabei nie in seiner Wachsamkeit hinsichtlich des Tuns und Lassens Mr. Jonas Chuzzlewits nachließ, so war es nicht sehr unwahrscheinlich, daß alle diese Manöver zusammenhängende Teile eines großen geheimnisvollen Planes bildeten, den er schmiedete. Am Morgen desselben Tages, an dem Mr. Pinch soviel erlebt hatte, erschien Mr. Nadgett plötzlich vor Mr. Montagues Hause in Pall Mall – auch diesmal, wie er es stets zu tun pflegte, in dem Augenblick, als es vom Kirchturm neun Uhr schlug. Er zog die Klingel – so heimlich, als ob er im Begriffe stehe, einen Hochverrat zu begehen – und schlüpfte rasch durch die Türe, kaum daß sie genügend offen war, um seinen Körper durchzulassen. Dann schloß er sie sofort wieder mit eigener Hand. Mr. Bailey meldete ihn unverzüglich und kehrte gleich darauf mit der Aufforderung zurück, Mr. Nadgett möge ihm zu seinem Herrn folgen. Der Präsident des Anglo-Bengalischen uneigennützigen Anlehens- und Lebensversicherungs-Unternehmens kleidete sich soeben an und empfing ihn ganz wie einen Geschäftsmann, den man täglich zu sehen gewohnt ist. »Nun, Mr. Nadgett, was gibt's?« Mr. Nadgett stellte seinen Hut auf den Boden und hustete. Nachdem Mr. Bailey sich wieder entfernt und die Türe geschlossen hatte, stand er leise wieder auf, untersuchte, ob der Schnapper ins Schloß gefallen sei, und näherte sich dann wieder bis auf ein paar Schritte dem Stuhl, auf dem Mr. Montague saß. »Also, was gibt's Neues, Mr. Nadgett?« »Ich glaube, wir haben jetzt endlich etwas.« »Freut mich zu hören; ich fing schon an zu fürchten, Sie hätten die Witterung verloren, Nadgett –« »O nein, Sir! Freilich verliert man hin und wieder einmal die Spur, aber das geht nun einmal nicht anders.« »Sie sind die Wahrheit selbst, Mr. Nadgett! Haben Sie einen großen Erfolg zu berichten?« »Das muß ich ganz und gar Ihrer Beurteilung überlassen, Sir«, lautete die Antwort. – Damit setzte Mr. Nadgett seine Brille auf. »Und was halten Sie selbst davon? Freuen Sie sich darüber?« Mr. Nadgett rieb sich langsam die Hände, strich sich über das Kinn, blickte im Zimmer umher und brummte: »Hm, ja; ich glaube, es ist ein ganz hübscher Fall; ich neige wenigstens zu der Ansicht, daß es ein recht hübscher Fall ist. Soll ich Ihnen die Sache vortragen?« »Nur zu!« Mr. Nadgett suchte sich einen bestimmten Stuhl unter den übrigen heraus und stellte ihn an eine besondere Stelle, als wolle er darüber hinwegvoltigieren, rückte dann einen andern gegenüber und ließ zwischen beiden nur Raum für seine eigenen Beine. Dann nahm er auf dem Stuhle »Numero zwei« Platz, legte höchst bedächtig auf »Numero eins« sein Taschenbuch, löste die Schnur, mit der es zusammengebunden war, und warf sie über die Lehne. Dann rückte er mit beiden Stühlen ein wenig näher zu Mr. Montague, öffnete das Taschenbuch und breitete seinen Inhalt aus. Schließlich suchte er unter den verschiedenen Dokumenten eine Art von Memorandum hervor und breitete es vor seinem Chef aus, der während dieser ganzen feierlichen Präliminarien seine Ungeduld kaum zu zügeln vermochte. »Ich wollte, Sie wären kein so ausgesprochener Freund von Schreibereien, mein Lieber, brummte Mr. Tigg Montague mit sauerem Lächeln. »Ich wollte, Sie statteten mir Ihren Bericht immer lieber mündlich ab.« »Ich verabscheue die mündlichen Mitteilungen«, sagte Mr. Nadgett tiefernst. »Man kann nie wissen, ob nicht jemand zuhört.« Mr. Montague wollte etwas erwidern, aber Nadgett drängte ihm das Papier auf und sagte im Tone verhaltenen Triumphes: »Wir wollen chronologisch vorgehen. – Lesen Sie gefälligst dies hier, Sir.« Der Präsident warf achtlos einen Blick auf das Papier, und ein Lächeln überflog sein Gesicht, das keine große Anerkennung der pedantischen Gewohnheiten des Spions ausdrückte. Kaum aber hatte er ein halbes Dutzend Zeilen überflogen, als der Ausdruck seines Gesichtes sich zu ändern begann und, noch ehe er das Memorandum zu Ende gelesen, die gespannteste Aufmerksamkeit verriet. »Numero zwei«, sagte Mr. Nadgett und händigte ihm ein anderes Blatt ein, wobei er das erste wieder zurücknahm. »Lesen Sie jetzt Numero zwei, Sir! Sie werden die Sache um so interessanter finden, je weiter Sie kommen.« Mr. Montague lehnte sich in seinen Sessel zurück und warf seinem Emissär einen so merkwürdigen, zugleich verwunderten und erschrockenen Blick zu, daß Mr. Nadgett seine Aufforderung dreimal wiederholen mußte. Endlich besann er sich und las »Numero zwei« durch, Numero drei, dann Nummer vier, Nummer fünf usw. Sämtliche Dokumente waren von Mr. Nadgetts Hand geschrieben und bildeten eine Reihe von Memoranden, die offenbar von Fall zu Fall in größter Eile auf alte Briefkuverts oder irgendeinen Fetzen Papier hingeworfen worden waren. Es war ein loses nachlässiges Gekritzel von sehr uneinladendem Äußern, aber dennoch voll wichtigsten Inhaltes, wie sich aus dem Gesicht des Präsidenten erkennen ließ. Je aufgeregter Mr. Tigg wurde, desto größer wurde auch die heimliche Freude Mr. Nadgetts. Anfangs saß er mit der Brille tief unten auf der Nasenspitze da und blickte über die Linsen hinweg seinen Prinzipal an, sich besorgt die Hände reibend; nach einer kleinen Weile jedoch schon setzte er sich etwas bequemer in seinem Stuhl zurecht, überlas in Gemütsruhe das nächste Blatt, bevor er es Mr. Montague überreichte, und schließlich stand er sogar auf und schaute mit triumphierender Miene zum Fenster hinaus, an dem er gerade stand, als Mr. Tigg Montague mit dem Lesen fertig war. »Und das ist das letzte, Mr. Nadgett?« fragte Mr. Montague tief aufatmend. »Ja, das ist das letzte, Sir.« »Sie sind ein wunderbarer Mensch, Mr. Nadgett!« »Ja, ich denke, es ist ein recht hübscher Fall«, gab Mr. Nadgett zu und ordnete seine Papiere, »es hat ziemlich viel Mühe gekostet.« »Aber Sie sollen auch gut entlohnt werden, Mr. Nadgett.« Mr. Nadgett verbeugte sich. »Hinter allen diesen Geschichten steckt ein Pferdefuß! Die Sache geht tiefer, als ich erwartete, Mr. Nadgett. Ich kann mir wirklich Glück wünschen, daß Sie sich so gut auf derlei geheime Nachforschungen verstehen.« »Ich interessiere mich für nichts, was nicht Geheimnis ist«, erwiderte Mr. Nadgett, band seine Brieftasche zu und steckte sie wieder ein. »Sogar der Umstand, daß ich Ihnen davon Mitteilung machen mußte, benimmt mir beinahe schon die Freude an der ganzen Sache.« »Sie haben wirklich eine ganz unschätzbare Gemütsbeschaffenheit«, versetzte Mr. Tigg, »und das ist eine große Gabe für einen Mann Ihres Berufs, Mr. Nadgett. Das ist womöglich noch besser als Klugheit, obgleich Sie auch diese Eigenschaft in hohem Maße besitzen. – – Hallo! Hat da nicht jemand soeben unten geklopft? Wollen Sie nicht einen Augenblick zum Fenster hinausschauen und mir sagen, ob jemand am Haustor steht?« Mr. Nadgett zog leise das Schiebefenster auf und spähte so verstohlen auf die Straße hinunter, als erwarte er jeden Augenblick eine feindliche Musketensalve. Dann zog er ebenso vorsichtig den Kopf wieder zurück und meldete, ohne eine Miene zu verziehen: »Mr. Jonas Chuzzlewit.« »Hab ich mir gleich gedacht«, brummte Mr. Tigg. »Soll ich gehen, Sir?« »Es wird wohl das beste sein. – – Halt! Bleiben Sie doch lieber hier, Mr. Nadgett.« Merkwürdig, wie blaß und verstört Mr. Montague plötzlich geworden war. Es schien ganz unerklärlich. Sein Auge war auf sein Rasiermesser auf dem Toilettentisch gefallen; aber welchen Zusammenhang konnte das damit haben?! In diesem Augenblick wurde Mr. Chuzzlewit angemeldet. »Führen Sie ihn sogleich zu mir, Nadgett, aber lassen Sie uns nicht allein. Hören Sie! – – – Gott im Himmel«, flüsterte Mr. Tigg vor sich hin, »man kann nie wissen, was passiert.« Dabei ergriff er hastig ein paar Haarbürsten und begann sie an seinem Kopf zu probieren, als sei er gerade bei seiner Toilette begriffen gewesen. Mr. Nadgett zog sich zum Kamin zurück, in dem ein kleines Feuer zum Zweck der Erwärmung des Lockeneisens brannte, und da ihm die Gelegenheit günstig schien, sein Taschentuch zu trocknen, so zog er es unverzüglich heraus. In dieser Stellung blieb er während des ganzen jetzt folgenden Gespräches stehen, das Tuch vor sich auf den Kaminstangen ausgebreitet, und zuweilen, wenn auch nicht oft, über die Schulter einen Blick zurückwerfend. »O mein lieber Mr. Chuzzlewit«, rief Mr. Montague, als Jonas eintrat. »Sie stehen ja mit den Lerchen auf. Jemand, der mit den Nachtigallen schlafen zu gehen pflegt wie Sie, pflegt das sonst nicht zu tun. – Sie haben ja eine übermenschliche Energie, mein lieber Mr. Chuzzlewit.« »Zum Teufel noch mal«, knurrte Jonas mit verdrießlicher Miene und warf sich in einen Stuhl. »Ich möchte auch lieber nicht mit der Lerche aufstehen, wenn es anders ginge. Aber ich habe einen schlechten Schlaf; da ist es besser, aufzustehen, als sich im Bett herumzuwälzen und die Schläge der schauerlichen alten Turmuhren zu zählen.« »Einen schlechten Schlaf?« rief Mr. Tigg. »Hm, das ist etwas, das ich überhaupt nicht kenne. Ich habe diesen Ausdruck wohl oft gehört, kann mir aber gar nicht vorstellen, wie so etwas eigentlich ist.« »Hallo«, unterbrach ihn Jonas, »wer ist das? Dort! Ah, der alte – wie heißt er doch nur? – Was drückt er sich da so herum, als ob er in den Schornstein hinaufkriechen wollte?« »Haha«, lachte Mr. Tigg, »meiner Seel, es sieht wahrhaftig so aus.« »Er ist hier ziemlich überflüssig, dächte ich. Er soll lieber fortgehen. Was meinen Sie?« fragte Jonas. »Ach Gott, lassen Sie ihn nur hier; lassen Sie ihn ruhig hier«, sagte Mr. Tigg. »Es ist ein altes Faktotum – sozusagen ein Stück Möbel –, er hat mir soeben seinen Bericht erstattet und wartet jetzt auf weitere Orders. Ich lasse ihn«, fügte Mr. Tigg hinzu und erhob seine Stimme, »gewisse Erkundigungen einziehen und uns dann Auskünfte erteilen. Es gibt immer was zu tun. Übrigens versteht er sein Geschäft.« »Hat's auch nötig«, brummte Jonas. »Scheint ein verdammt ungeschickter Schafskopf zu sein. Mir scheint gar, er fürchtet sich vor mir!« »Das glaub ich«, lachte Tigg. »Er hat auch allen Grund dazu. Übrigens, Nadgett, reichen Sie mir mal das Handtuch dort her.« Nadgett reichte es, blieb einen Augenblick stehen und zog sich dann wieder auf seinen alten Posten am Kamin zurück. »Sie sehen, mein lieber Freund«, begann Mr. Tigg. »Sie sehen heute – aber was ist denn das? Ihre Lippen sind ja ganz weiß!« »Vielleicht vom Essig«, versetzte Jonas. »Ich habe soeben Austern gefrühstückt. – Wieso sind sie denn weiß?« setzte er mit einem Fluch hinzu und rieb sie sich mit einem Taschentuch. »Mir ganz unerklärlich.« »So, jetzt bekommen sie schon wieder Farbe«, sagte Mr. Tigg, »jetzt sind sie schon wieder rot.« »Sagen Sie mir lieber, was Sie mir zu sagen haben«, rief Jonas ärgerlich, »und kümmern Sie sich nicht darum, wie ich aussehe. Wenn ich nur die Zähne zeigen kann – und das kann ich, wenn's not tut – die Farbe meiner Lippen ist wirklich gleichgültig.« »Da haben Sie recht«, gab Mr. Tigg fröhlich zu. »Ich wollte nur sagen, daß Sie zu scharf für Mr. Nadgett sind; er ist zu schüchtern, um sich nicht vor einem Manne wie Ihnen zu fürchten. Aber sonst ist er immerhin ganz brauchbar. Also, wieso haben Sie einen schlechten Schlaf!« »Zum Teufel mit Ihrem schlechten Schlaf!« rief Jonas ärgerlich. »Nun, nun«, besänftigte Mr. Tigg, »ich hab's doch nicht so bös gemeint.« »Ein schlechter Schlaf ist eben kein guter«, versetzte Jonas in seiner verdrießlichen Weise. »Wer schlecht schläft, schläft eben nicht gut und schläft nicht fest.« »Und dann träumt man, wie?« rief Mr. Tigg mit einem Anflug von Hohn. »Und redet wüste Sachen im Traum, und wenn die Kerze des Nachts heruntergebrannt ist, steht man Todesängste aus, und der kalte Schweiß steht einem auf der Stirne. Nicht wahr, so ist es?« Sie schwiegen eine Weile, dann nahm Jonas wieder seine Rede auf: »Na, sind Sie jetzt mit Ihrem Altweibergeplapper fertig? Wenn ja, dann möchte ich ein paar Worte mit Ihnen reden. Ich hätte so allerlei mit Ihnen zu besprechen, bevor wir uns heute im Bureau treffen. Ich bin nicht sonderlich zufrieden mit den Geschäften.« »Nicht zufrieden?« rief Mr. Tigg. »Aber wir haben doch brillante Einnahmen!« »Ja, das wohl«, gab Jonas zu, »aber mir sind die Hände zu sehr gebunden. Das paßt mir nicht. Da haben wir einen Paragraphen und dort wieder einen Paragraphen, und Sie haben eine Stimme in dieser Eigenschaft und dann wieder eine in jener, und dann haben Sie wieder Rechte als Präsident und wieder Rechte als bloßes Mitglied, und über die Rechte der andern Mitglieder haben Sie auch zu verfügen – kurz und gut, jeder hat Rechte, nur ich nicht. Was zum Teufel nützt es mir, daß ich eine Stimme habe, wenn ich immer überstimmt werde? Mir paßt das nicht! Ich mache da nicht mehr länger mit, wissen Sie.« »So? Nicht?« sagte Mr. Tigg spöttisch. »Nein. Ich habe keine Lust mehr dazu. Es wird noch so weit kommen, daß ihr froh sein müßt, mich mit einer runden Summe abzufinden, wenn ihr mir weiter so auf dem Kopf herumtanzt.« »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort –« begann Mr. Montague. »Hol Sie der Henker mit Ihrem Ehrenwort«, unterbrach ihn Jonas, immer rüder und streitsüchtiger werdend, was übrigens Mr. Montague ganz gut zu passen schien. »Ich will ein bißchen mehr Kontrolle über das Geld haben. Die Ehre überlasse ich Ihnen gern. Die können Sie für sich in Anspruch nehmen, wenn Sie wollen. Aber so, wie die Sachen stehen, mache ich nicht mehr mit. Was zum Beispiel, wenn Sie sich in den Kopf setzen, eines Tags mit der Kasse durchzubrennen? Könnte ich das verhindern? Nein. Und das geht nicht mehr länger so. Ich habe hier ein paarmal recht gut gegessen, aber um den Preis ist es mir zu teuer, Sir. Deshalb sage ich, ich tue nicht mehr mit.« »Und mir tut es wirklich sehr leid, daß Sie so schlecht aufgelegt sind«, sagte Mr. Tigg mit einem spöttischen Lächeln. »Ich wollte Ihnen nämlich gerade heute vorschlagen – zu Ihrem eigenen Besten, lediglich zu Ihrem eigenen Besten! –, noch ein bißchen mehr Geld in die Sache hineinzustecken.« »So, waren Sie im Begriffe, mir das vorzuschlagen! Wirklich ausgezeichnet!« rief Jonas und lachte schrill auf. »Jawohl, und Ihnen anzudeuten«, fuhr Mr. Montague fort, »daß Sie doch Freunde haben – und ich weiß, Sie haben Freunde, die ausgezeichnet für unsere Zwecke passen würden und die wir mit Vergnügen in die Kompagnie aufnehmen würden.« »Wirklich sehr gütig von Ihnen. Sie würden sie also mit Vergnügen aufnehmen, was?« höhnte Jonas. »Mein Ehrenwort darauf, ich wäre ganz entzückt. Natürlich bloß, weil es Ihre Freunde sind.« »Selbstverständlich«, spöttelte Jonas. »Selbstverständlich, weil sie meine Freunde sind! Ich zweifle durchaus nicht, daß Sie sehr entzückt wären, wenn Sie sie drankriegen könnten. Und das alles soll zu meinem Vorteil geschehen, was?« »Unbedingt zu Ihrem Vorteil«, antwortete Mr. Montague und wägte in jeder Hand eine Bürste, dabei seinen Gast fest ins Auge fassend. »Ich versichere ihnen, es würde nur zu Ihrem Vorteil sein.« »Und können Sie mir vielleicht sagen, wieso?« fragte Jonas. »Sind Sie dazu imstande?« »Soll ich es Ihnen sagen?« rief Mr. Montague. »Es wird wohl das beste sein. Es sind schon ganz kuriose Dinge in Versicherungsanstalten geschehen. Man muß da verdammt scharf aufpassen.« »Mr. Chuzzlewit«, begann Mr. Montague ernst, lehnte sich, die Ellbogen auf beide Knie gestützt, ein wenig vor und blickte Jonas starr in die Augen, »allerdings sind schon sehr kuriose Sachen passiert, und noch täglich passieren welche. Aber nicht bloß bei uns, sondern da, wo man es am wenigsten erwartet. Und vielleicht noch kurioser ist, daß wir so manchmal hinter dergleichen Dinge – – kommen.« Er winkte Jonas, seinen Stuhl näherzurücken, warf einen Blick zum Kamin, als wolle er ihn an Nadgetts Gegenwart erinnern, und flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr. Jonas fuhr zurück, wurde totenblaß, dann blutrot, dann gelb, dann blau, und der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirne. Eine so furchtbare Veränderung brachten die wenigen Worte, die ihm Mr. Tigg ins Ohr geflüstert hatte, hervor. Als er ihm schließlich die Hand auf den Mund legte, Todesangst im Blick, daß nur ja keine Silbe an das Ohr Mr. Nadgetts schlüge, war sie so blutlos und eiskalt wie die Hand einer Leiche. Dann rückte er seinen Stuhl weg und saß da, ein Bild des Entsetzens, der Todesangst und hilfloser Wut. Er konnte weder sprechen noch aufsehen oder sich bewegen. Mr. Tigg nahm mit Muße seine Toilette wieder auf und beendigte sie, nur manchmal mühsam ein Lächeln unterdrückend. »Also, ich denke, Sie haben gewiß nichts dagegen, mein lieber Freund Chuzzlewit, noch ein bißchen mehr Kapital anzulegen. Wie?« brach er endlich das Schweigen. Mit blassen Lippen stammelte Jonas ein schwaches »Nein«. »Vorzüglich! Bravo! So, jetzt sind Sie ja wieder der alte. Und jetzt hören Sie mal. Ich habe mir gestern gedacht, Ihr Schwiegervater wird gewiß Ihren Rat in Geldangelegenheiten sehr zu schätzen wissen, und ich zweifle auch nicht, daß er sich bei uns beteiligen wird, wenn man ihm die Sache in entsprechender Weise darstellt. Er hat doch Geld?« »Ja, er hat Geld.« »Soll ich also die Sache mit Mr. Pecksniff Ihnen überlassen? Wollen Sie sie auf sich nehmen?« »Ich will es versuchen – will wenigstens mein Bestes tun.« »Tausend Dank«, rief Mr. Tigg und klopfte Jonas herablassend auf die Schulter. »Wollen wir jetzt gehen? – Mr. Nadgett, folgen Sie uns gefälligst.« Sie gingen. Was Jonas Chuzzlewits Gedanken über Mr. Montague sein mochten, wie rettungslos gefangen, in ein Netz verstrickt und ins tiefste Verderben gestürzt er sich sah, was immer für Ahnungen, Hoffnungen und Gedanken der Verzweiflung ihn bestürmen mochten, welche letzte schreckliche Aussicht auf Rettung wie ein einziger blutroter Schimmer an dem völlig verdüsterten Horizont seiner Seele auftauchen mochte – er dachte ebensowenig daran, daß die gebeugte Gestalt, die einige Stufen hinter ihnen herunterkroch, das ihn verfolgende Fatum sei, wie er wohl die andere Gestalt neben ihm für seinen guten Engel hielt. 39. Kapitel Einige Einzelheiten über das Hauswesen der Geschwister Pinch sowie seltsame Neuigkeiten aus London, die Tom sehr nahe betreffen Noch nie hat sich wohl ein kleines Mädchen über ihre Puppenstube so gefreut wie die kleine Ruth in ihrer glorreichen Herrschaft über den dreieckigen Salon und die beiden kleinen Schlafzimmer. Toms Haushälterin zu sein – welche Würde! Ein Haushalt an und für sich schon zieht das Bewußtsein der verschiedensten Verantwortlichkeiten nach sich, aber ein Haushalt für Tom war wohl die großartigste Aufgabe, die es geben konnte. Schnell nahm sie die Schlüssel aus dem kleinen Schränkchen, in dem sie den Tee und den Zucker aufhob, oder aus den zwei kleinen dumpfigen Speiseschränkchen in der Nähe des Kamins, wo selbst die Küchenschaben schimmlig wurden und infolge des neidischen Mehltaus den Glanz ihrer Flügel einbüßten – und klingelte damit vor Tom, wenn er zum Frühstück herunterkam. Und dann steckte sie sie wieder fröhlich lachend mit frohem Stolz in ihre kleine Tasche. Es war für sie etwas so Neues, Gebieterin über irgend etwas zu sein, daß man es ihr auch hätte verzeihen müssen, wenn sie plötzlich die rücksichtsloseste und despotischste aller kleinen Haushälterinnen geworden wäre. Davon konnte aber bei ihr natürlich keine Rede sein, denn sogar in der Art, wie sie den Tee aufgoß, lag eine gewisse Schüchternheit, so daß Tom jedesmal vor Freude außer sich geriet. Und wenn sie ihn fragte, was er zum Mittagessen zu haben wünsche, und stotternd meinte, Hammelrippchen wären vielleicht das beste, da sie am Abend vorher so gut gelungen seien, wurde Tom geradezu witzig und fing an, sie schrecklich zu necken. »Ich weiß ja nicht, Tom«, sagte Ruth errötend, »und ich bin auch nicht ganz überzeugt, ob es mir gelingt, aber ich denke, ich könnte vielleicht einen Beefsteakpudding versuchen?« »Im ganzen Kochbuch steht nichts, was mir so zusagen würde wie ein Beefsteakpudding«, rief Tom und schlug sich zur Bekräftigung auf den Schenkel. »Oh, das ist ja ganz vortrefflich! – Aber – – wenn es mir nun doch das erstemal nicht recht gelingen sollte«, stotterte Ruth, »und wenn es nicht gerade ein Pudding, sondern vielleicht gedämpftes Fleisch oder eine Suppe oder sonst etwas würde, so würdest du mir doch nicht böse sein, Tom, nicht wahr?« Sie sah ihn dabei so ernsthaft an, und er erwiderte ihren Blick so nachdenklich, daß sie schließlich beide plötzlich in ein Lachen ausbrachen. »Aber das ist ja nur um so besser!« rief Tom. »Das macht uns das Mittagessen zu einer höchst interessanten Überraschung. Wir setzen gleichsam in eine Beefsteaklotterie, und wer weiß, was wir dabei alles gewinnen. Vielleicht machen wir sogar eine wunderbare Entdeckung und erfinden, ohne es zu wollen, eine neue unbekannte Speise?« »Sollte mich gar nicht wundern, wenn das wirklich geschieht, Tom«, rief Ruth, noch immer lachend. »Vielleicht wird es auch ein Gericht, das wir nicht gern noch einmal bereiten würden. Eines aber weiß ich: das Fleisch muß zuletzt aus der Pfanne kommen, und das ist ein Trost. Das können wir schließlich immer noch retten. Wenn du also glaubst, daß ich es wagen soll, so will ich's probieren.« »Ich hege nicht den mindesten Zweifel«, rief Tom, »daß es ein ganz vortrefflicher Pudding werden oder mir doch jedenfalls so vorkommen wird. Du bist von Natur aus so geschickt, liebe Ruth, daß, wenn du jetzt sogar behauptetest, du könntest eine tadellose Schildkrötensuppe bereiten, ich dir aufs Wort glauben würde.« Und Tom hatte recht. Sie war wirklich so. Sie war eine jener Naturen, denen man nichts abschlagen kann und denen auch alles gelingt. Aber das beste daran war, daß sie es selbst nicht zu wissen schien. Sie wusch jetzt die Frühstückstassen aus und plauderte dabei in einem fort, erzählte Tom hunderterlei kleine Episoden von ihrem früheren Prinzipal, stellte dann alles wieder an Ort und Stelle und machte das Zimmer so sauber und nett, wie sie selbst war. Dann bürstete sie an Toms altem Hut so lange herum, bis er so glatt war wie der Mr. Pecksniffs. Und als sie entdeckte, daß Toms Kragen am Ende ein wenig eingerissen war, flog sie im Nu die Treppe hinauf, holte Nadel und Zwirn, kam zurück mit dem Fingerhut auf dem Finger und flickte den Schaden mit wunderbarer Geschicklichkeit, ohne Tom auch nur ein einziges Mal ins Kinn zu stechen, trotzdem sie während des ganzen Geschäftes seine Lieblingsarie summte und mit den Fingern ihrer linken Hand auf seinem Halstuch den Takt trommelte. Als dies geschehen, eilte sie abermals davon und war im Nu wie eine emsige geschäftige Biene wieder da, unter ihrem runden kleinen Kinn die Bänder ihres reizenden kleinen Hutes zuknüpfend, um ohne Zeitverlust zum Fleischer zu eilen. Sie lud Tom ein, sie zu begleiten, damit er mit eigenen Augen sähe, wie das Beefsteak abgeschnitten werde. Was Tom betraf, so war er natürlich bereit, überall hinzugehen, wo sie wollte, und sie trabten deshalb Arm in Arm über die ruhige Straße und schwärmten dabei von ihrer billigen Wohnung und deren luftiger Lage. Und wie dann der Fleischer die Portion auf den Block legte und sein Messer wetzte, bekamen sie einen solchen Appetit, daß sie gleich am liebsten noch einmal gefrühstückt hätten. Und es war wirklich eine Lust, zuzusehen, wie er das Fleisch so glatt und kunstgerecht abschnitt. Es lag nichts Metzgerhaftes in der ganzen Handlung, obgleich das Messer groß und scharf war. Es war eher wie ein Kunstwerk, sozusagen ein Triumph des Geistes über die Materie. Das schönste grünste Kohlblatt, das je in einem Garten gewachsen, wickelte der Fleischer dann um seine Ware, ehe er sie Tom überreichte. Aber der Mann betrieb sein Geschäft auch mit einem gewissen Kunstsinn und wußte es zu veredeln. Als er sah, wie Tom das Blatt etwas ungeschickt in seine Tasche zwängen wollte, bat er um die Erlaubnis, ihm helfen zu dürfen, denn »Fleisch«, meinte er nicht ohne Erregung, müsse zart behandelt und nicht so mir nichts, dir nichts in die Tasche gekeilt werden. Nachdem sie noch einige Eier, Mehl und noch andere Zutaten eingekauft, begaben sie sich in ihre Wohnung zurück. Tom setzte sich würdevoll an das eine Ende des Tisches, um zu schreiben, während Ruth sich an dem andern anschickte, den Pudding herzurichten, denn es war niemand im Hause als eine alte Frau, die ihr Hauswesen selbst besorgte und sich nur für die gröbsten Arbeiten eine Zugeherin hielt, während der Hausbesitzer selbst, eine höchst geheimnisvolle Art von Mensch, jeden Morgen in aller Frühe ausging und sich dann den Tag über kaum wieder blicken ließ. »Was schreibst du da, Tom?« fragte Ruth und legte ihrem Bruder die Hand auf die Schulter. »Sieh mal, meine Liebe«, versetzte Tom, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blickte ihr dabei ins Gesicht, »ich möchte natürlich gerne irgendeine passende Beschäftigung finden, und ich glaube, es wird daher gut sein, daß ich, ehe Westlock diesen Nachmittag kommt, eine kleine Schilderung meiner Persönlichkeit und meiner Befähigungen zu Papier bringe, damit er sie irgendeinem seiner Bekannten oder Freunde vorlegen kann.« »Du solltest das gleiche auch für mich tun, Tom«, sagte Ruth und schlug die Augen nieder. »Ich möchte dir wirklich von Herzen gern haushalten und stets um dich sein und für dich sorgen, aber dazu sind wir leider nicht reich genug.« »Freilich sind wir nicht reich«, erwiderte Tom, »und möglicherweise können wir sogar noch viel ärmer werden. Wir wollen uns aber trotzdem vornehmen, Ruth, mitsammen das Leben durchzukämpfen, falls es mir etwa nicht gleich von Anfang so schlechtgehen sollte, daß ich die sichere Überzeugung gewinnen würde, du habest es besser, wenn wir nicht zusammenwohnen. Bestimmt würden wir aber glücklicher sein, wenn wir uns mitsammen durchs Leben zu schlagen imstande wären; glaubst du nicht auch?« »Ob ich's glaube, Tom?« »Aber, aber!« rief Tom innig, »du mußt doch nicht gleich weinen!« »Nein, nein, ich will mich zusammennehmen, Tom. – Aber du wirst das alles nicht erschwingen können, lieber Bruder; wirklich, du wirst dazu nicht imstande sein.« »Weißt du das so gewiß?« fragte Tom. »Wie können wir jetzt darüber reden, ehe wir es noch versucht haben? Gott im Himmel!« Seine Energie wurde jetzt geradezu grenzenlos. »Wie können wir denn wissen, was alles geschehen kann, wenn wir's nicht mit Eifer angehen? Ich bin überzeugt, wir sind imstande, mit sehr wenig durchzukommen, nicht wahr?« »Ja, das glaube ich auch, Tom.« »Nun also«, sagte Tom; »probieren geht über studieren. Mein Freund, John Westlock, ist ein ganz kapitaler Bursche, außerordentlich gescheit und lebensgewandt, und ich will ihn um Rat fragen. Wir können ja beide mit ihm die Sache besprechen. Ich bin übrigens überzeugt, du wirst John sehr lieb gewinnen, wenn du ihn einmal näher kennengelernt hast. Aber so weine doch nicht! Ich habe gedacht, du wolltest einen Beefsteakpudding machen«, setzte er hinzu und stieß sie zärtlich mit dem Ellenbogen an. »Wirklich ein großartiges Unterfangen.« »Du wirst es natürlich einen Pudding nennen, Tom, aber ob es wirklich einer wird, kann ich nicht garantieren.« »Ich werde es so lange einen Pudding nennen, bis ich sehe, daß es was anderes ist«, versprach Tom. »Du gehst also allen Ernstes ans Werk?« Freilich ging Ruth mit Ernst ans Werk. Und zwar so ernst, daß Toms Blicke unaufhörlich von seinem Briefe abschweiften. Zuerst trippelte sie die Treppe hinunter in die Küche, um Mehl zu holen, dann brachte sie das Nudelbrett, die Eier, die Butter, einen Krug Wasser, das Teigholz, dann die Puddingform, dann den Pfeffer und das Salz, und um jedes Ding machte sie einen Extraweg und lachte fröhlich dabei. Als endlich alles beisammen war, bemerkte sie mit Schrecken, daß sie keine Schürze umhatte, und lief zur Abwechslung wieder einmal hinauf, um die Schürze zu holen. Sie band sie aber oben nicht um, sondern kam damit heruntergetänzelt, und da sie zu jenen kleinen Geschöpfchen gehörte, für die eine Schürze ein außerordentlich kleidsamer kleiner Putz ist, so dauerte es eine Ewigkeit, bevor sie damit zustande kam. Erst mußte sie sie sorgfältig glattstreichen, und dann wieder dauerte es eine geraume Zeit, bis die Falten gehörig herauskamen, bevor sie sie umbinden, wieder aufbinden und endlich wieder umbinden konnte und bis endlich die kleinen Taschen richtig saßen. Als sie damit endlich fertig war, mußte sie wieder die Ärmel aufschürzen, um sich nicht das Kleid mit Mehl zu beschmutzen, dann hieß es einen kleinen Ring vom Finger ziehen, und der wollte natürlich eine ganze Weile nicht herunter, und während aller dieser Vorbereitungen und Zurüstungen lugte sie jeden Augenblick unter ihren langen Wimpern nach Tom, als ob dies alles zum Pudding gehöre. Tom konnte, und wenn es sein Leben gegolten hätte, mit seiner Schreiberei nicht vorwärtskommen, und immer wieder blieb es bei den Worten: Ein anständiger junger Mann von fünfunddreißig Jahren – –, obgleich Ruth ganz übernatürlich still tat und auf den Zehen hin und her ging, um ihn nicht zu stören, was ihn nur noch um so mehr ablenkte. »Tom«, rief sie endlich ganz entzückt, »Tom!« »Was gibt's denn?« fragte Tom und wiederholte innerlich: »Von fünfunddreißig Jahren.« »Bitte, möchtest du nicht einen Augenblick herschauen?« Als ob er nicht die ganze Zeit sie angesehen hätte! »Also, jetzt fange ich an, Tom! Wunderst du dich denn gar nicht, warum ich die Form inwendig mit Butter ausstreiche?« »Ich glaube, ich wundere mich wohl ebensowenig wie du«, versetzte Tom lachend, »denn ich glaube, daß du es selbst nicht weißt.« »Du bist doch wirklich ein rechter Heide. Wie ginge denn der Pudding wieder aus der Form, wenn man sie innen nicht mit Butter bestriche? Du willst ein Ingenieur sein und weißt das nicht? Ach du lieber Himmel, Tom!« Von Schreiben war natürlich jetzt keine Rede mehr. Tom strich sein »Ein anständiger junger Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren« wieder aus und sah ihr mit dem zärtlichsten Lächeln, das man sich nur denken konnte, zu. Wie wichtig sie tat! So voller Ernst und Hausfrauenwürde und dabei so angestrengt bemüht, nicht laut hinauszulachen, und bestrebt, ihre Unsicherheit zu verbergen. Es war eine Lust, ihr zuzusehen, wie sie ihre Stirne in ernste Falten legte, die hübschen Lippen aufwarf und drauflos knetete, dann wieder den Teig auswalzte, in Streifen schnitt, damit die Form ausfütterte und hübsch sorgsam den Rand abdrückte; wie sie das Fleisch in kleine Stücke hackte und Pfeffer und Salz darauf streute, es dann in die Schüssel warf und frisches Wasser darübergoß. Dabei wagte sie auch nicht einen einzigen verstohlenen Blick auf Tom zu werfen, um nicht den Ernst der Situation zu stören. Als endlich die Form bis zum Rand voll war und nur noch die Teigrinde fehlte, schlug sie ihre mit Mehl und Teig bedeckten Händchen zusammen und brach in ein so herzliches, bezauberndes Triumphgelächter aus, daß der Pudding wohl weiter keiner Würze bedurft hätte, um jedem vernünftigen Menschen zu schmecken. »Also, wo ist der Pudding?« fragte Tom verschmitzt. »Wo?« rief Ruth und hob ihn mit beiden Händen in die Höhe. »Da schau mal her!« »Das soll ein Pudding sein?« lachte Tom. »Er wird natürlich erst einer werden, du großes Kind, wenn er zugedeckt ist«, schmollte Ruth. Da Tom noch immer ein ungläubiges Gesicht machte, gab sie ihm mit dem Rollholz einen Klaps auf den Kopf und kehrte herzlich lachend zum Entwurf der Deckelrinde zurück, als sie plötzlich tief errötend zusammenfuhr. Tom stutzte gleichfalls, und als er der Richtung ihres Blickes folgte, sah er, daß John Westlock im Zimmer stand. »Ach Gott im Himmel, John, wie bist du denn da hereingekommen?« »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte John. – »Vor allem natürlich deine Schwester – aber ich traf an der Haustüre eine alte Dame, die mich eintreten hieß. Und da ihr mich nicht klopfen hörtet und die Türe offenstand, nahm ich mir die Freiheit. Ich weiß zwar kaum«, setzte er lächelnd hinzu, »warum jemand von uns darüber betroffen sein sollte, daß ich mich so zufällig in eine so reizende häusliche Beschäftigung eingedrängt habe, aber offen gestanden bin ich doch ein wenig betreten. Möchtest du nicht so gut sein, Tom, und mich deiner Schwester vorstellen?« »Mr. John Westlock«, sagte Tom – »meine Schwester.« »Ich hoffe«, rief John lachend, »Sie werden als die Schwester eines so alten Freundes von mir mich gewiß nicht nach dem ersten Eindruck beurteilen, den ich durch mein ungelegenes Erscheinen wahrscheinlich gemacht habe.« »Meine Schwester ist vielleicht nicht abgeneigt, dich um dasselbe zu bitten«, rief Tom dazwischen. John Westlock versicherte natürlich, dies sei von ihrer Seite ganz unnötig, denn er sei ohnedies schon in stummer Bewunderung zu ihr erfüllt, und dann reichte er Ruth die Hand, die sie aber nicht nehmen wollte, da die ihrige noch voll Teig und Mehl sei. Dies wirkte so komisch, daß sie sich alle drei des Lachens nicht erwehren konnten, und bald herrschte wieder die behaglichste, ungenierteste Stimmung. »Ich freue mich wirklich unendlich, dich hier zu sehen«, sagte Tom. »Bitte, nimm doch Platz.« »Das kann ich nur unter einer Bedingung tun«, entgegnete John, »und die ist, daß deine Schwester ihren Pudding weiter zurichtet, ganz, als ob ich gar nicht dabei wäre.« »Das wird sie bestimmt tun«, versprach Tom. »Aber ebenfalls nur unter einer Bedingung, nämlich daß du hierbleibst und ihn mit essen hilfst.« Die arme kleine Ruth befiel ein Herzklopfen, als Tom diese entsetzliche Unbesonnenheit beging. Ihr war zumute, als könne sie nie wieder vor John Westlock die Augen aufschlagen, wenn der Pudding nicht geraten sollte. Ohne die geringste Ahnung von ihrem Gemütszustand nahm John die Einladung mit größter Bereitwilligkeit an, und nach einigen weiteren Scherzen über den Pudding, der natürlich über die Maßen gut ausfallen mußte, setzte sich Ruth errötend nieder; um ihr Geschäft wieder aufzunehmen. »Ich bin viel früher gekommen, als ich vorhatte, Tom, aber ich will dir jetzt erzählen, was mich hergeführt hat, und ich glaube, du wirst dich außerordentlich freuen, wenn du es hörst. – – Ist das vielleicht etwas, was du mir zeigen willst?« fragte John. »O Gott, nein«, rief Tom, der ganz vergessen hatte, daß er den beklecksten Papierbogen noch immer in der Hand hielt, und erst durch diese Frage daran erinnert wurde. »›Ein anständiger junger Mann von fünfunddreißig Jahren‹ – – das ist der Anfang einer Offerte, die ich dir übergeben wollte. Weiter bin ich nicht gekommen.« »Ich glaube auch nicht, daß du nötig hast, deinen Lebenslauf bis zum Schlusse niederzuschreiben«, sagte John Westlock. »Aber sag mal, wie kommt es, daß du mir nie mitgeteilt hast, daß du Freunde in London besitzest?« Tom sah seine Schwester mit großen Augen an, und sie erwiderte seinen Blick nicht minder erstaunt. »Freunde in London?« »Nun ja«, versetzte John Westlock, »freilich.« »Hast du vielleicht Freunde in London, liebe Ruth?« fragte Tom. »Nein.« »Nun also!« sagte Mr. Pinch. »Aber jedenfalls freut es mich, wenn es auch das erstemal in meinem Leben ist, daß ich etwas davon gehört habe. Ich meinerseits hatte keine Ahnung davon. Die Londoner müssen wirklich Kapitalsburschen sein, daß sie ihre Geheimnisse so streng hüten.« »Darüber magst du denken, wie du willst«, versetzte John Westlock, »aber, Tom, die Sache muß sich so und nicht anders verhalten. Als ich diesen Morgen gerade beim Frühstück saß, hörte ich an meine Türe klopfen – –« »Und du schriest darauf sehr laut: ›Herein!‹« ergänzte Tom. »Stimmt. Und die Person, die klopfte, folgte meiner Einladung und blieb nicht – wie ein gewisser ›anständiger junger Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren‹ seinerzeit – mit offenem Mund im Vorzimmer stehen. Nun gut. Und als sie hereinkam, fand ich, daß sie ein Fremder war, und zwar ein ernster, geschäftsmäßig aussehender Fremder. ›Habe ich das Vergnügen mit Mr. Westlock?‹ fragte der Herr. – ›Ja, das ist mein Name‹, sagte ich. ›Kann ich die Ehre haben, ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen?‹ – ›Bitte nur Platz zu nehmen, Sir.‹« John Westlock machte eine Pause, um nach dem Tisch hinüberzuschielen, wo Toms Schwester, aufmerksam zuhorchend, noch immer mit dem Pudding beschäftigt war, der jetzt bereits ziemlich fertig aussah. Dann fing er wieder an. »Als der Mann einen Pudding genommen hatte, – Tom –« »Wie?« rief Tom. »Sich niedergesetzt hatte –« »Aber du sprachst ja von einem Pudding!« »Nein, nein, ich doch nicht«, leugnete John und wurde ein wenig rot, »ich habe von einem Stuhl gesprochen. Was fällt dir denn ein! – Wie sollte ein Fremder um halb neun Uhr morgens in mein Zimmer kommen und einen Pudding nehmen?! Also, nachdem er einen Stuhl genommen hatte, Tom – also wirklich, einen Stuhl –, setzte er mich nicht wenig in Erstaunen, indem er die Unterhaltung mit den Worten eröffnete: ›Ich glaube, Sir, Sie sind mit einem gewissen Mr. Thomas Pinch bekannt‹« »Was du da sagst!« rief Tom. »Ich versichere dir, das waren seine eigenen Worte. Ich antwortete natürlich mit ›ja‹. – Ob ich wisse, wo er gegenwärtig wohne? – Ja. – In London? – Ja. – Der Fremde sagte dann, er habe gehört, daß du deine Stellung bei Mr. Pecksniff aufgegeben habest. Ob dies wirklich der Fall sei? – Ja. – Ob du eine andere Stelle suchest? – Ja.« »Allerdings suche ich eine«, bestätigte Tom und nickte eifrig. »Dasselbe sagte ich ihm auch. Du kannst übrigens versichert sein, daß ich mich diesbezüglich so klar aussprach, daß wirklich kein Mißverständnis mehr obwalten konnte. Also gut. – ›In diesem Falle‹, sagte der Herr, ›glaube ich, Mr. Pinch unterbringen zu können.‹« – Ruth hielt in ihrer Arbeit inne. – »Gott im Himmel«, rief Tom, »liebe Ruth, denke dir nur, er glaubt mich unterbringen zu können!« »Natürlich –« fuhr John Westlock fort und blickte wieder verstohlen nach Ruth hin, »war ich nicht weniger gespannt als Ihr Bruder jetzt. Natürlich bat ich ihn fortzufahren und bemerkte, ich wolle dich so bald wie möglich davon in Kenntnis setzen. Er erwiderte, er habe nur sehr wenig mehr zu sagen und mache überhaupt nicht gern viele Worte. Er komme lieber gleich zur Sache. Und das tat er denn auch. Und klipp und klar teilte er mir mit, daß einer seiner Freunde jemanden brauche, der das Amt eines Sekretärs und Bibliothekars versehen könne. Das Gehalt sei zwar gering, da es jährlich nur hundert Pfund betrage und weder Kost noch Wohnung darin inbegriffen seien, aber andererseits sei es kein schwerer Dienst und du könntest jeden Augenblick den Posten antreten.« »Gott im Himmel«, rief Tom, »hundert Pfund jährlich! Mein lieber, lieber John! Meine liebe Ruth! Denkt euch nur: hundert Pfund im Jahr!« »Aber das Seltsamste an der Geschichte ist«, nahm John Westlock seine Rede wieder auf und legte seine Hand auf Toms Arm, um seine Aufmerksamkeit zu fesseln und seinen Enthusiasmus für den Augenblick ein wenig im Zaume zu halten – »das Sonderbarste an der Geschichte, Miss Pinch, ist, daß ich den Herrn durchaus nicht kenne und er Tom ebensowenig kennt.« »Er kann mich auch gar nicht kennen«, sagte Tom ganz verwirrt; »ich kenne doch nicht einen einzigen Menschen in London.« »Und als ich bemerkte«, erzählte John weiter und hielt Toms Hand dabei immer noch fest, »er dürfe mir die Frage nicht verübeln, wer ihn denn an mich gewiesen und wieso er wisse, daß eine Veränderung in der Lage meines Freundes stattgefunden habe, und wer ihm mitgeteilt, daß sich mein Freund für eine derartige Stelle auch ganz besonders eigne, erklärte er trocken, er bedaure, darüber keine weiteren Auskünfte geben zu können.« »Er glaube, darüber keine weiteren Erklärungen geben zu können?« wiederholte Tom, atemlos vor Erstaunen. »›Übrigens ist es ja auch kein Geheimnis‹, sagte der Fremde«, setzte John hinzu, »›daß jeder, der einmal in Mr. Pecksniffs Nähe gewesen ist, Mr. Thomas Pinch und seine Talente so genau kennt wie den Kirchturm dieses Dorfes oder den Blauen Drachen.‹« »Den Blauen Drachen?« wiederholte Tom, abwechselnd seinen Freund und seine Schwester anstarrend. »Ja, den Blauen Drachen. Und ich gebe dir mein Wort, das Wirtshaus schien ihm so bekannt zu sein, als ob er Mark Tapley in eigener Person gewesen wäre. Ich sagte dir schon, daß ich große Augen machte, aber dennoch konnte ich mich nicht erinnern, den Mann je zuvor gesehen zu haben, obgleich er mit einem Lächeln fragte: ›Sie kennen den Blauen Drachen, Mr. Westlock? Aber was frage ich, ich weiß doch ganz genau, daß Sie ihn kennen.‹« Tom geriet in immer größere Verwirrung und erklärte immer und immer wieder, das sei das außerordentlichste und verblüffendste Geheimnis, von dem er je in seinem Leben gehört habe. »Ja, das ist es«, bestätigte John Westlock. »Ich fürchtete mich beinah vor dem Fremden; wahrhaftig ja – obschon es heller Tag und Sonnenschein war. Ich vermutete beinahe, einen übernatürlichen Gast bei mir zu haben, bis er schließlich ein ganz gewöhnliches sterbliches Taschenbuch hervorzog und mir diese Karte hier einhändigte.« »Mr. Fips«, las Tom ab. »Austin Friars – Austin Friars klingt gespenstig, John!« »Aber ›Fips‹ dafür um so weniger, sollt ich meinen«, sagte John. »Also dort wohnt er, Tom und erwartet heute morgen unsern Besuch. So, jetzt weißt du soviel von diesem seltsamen Vorfall wie ich selbst.« Toms Gesicht, das bald vor Jubel über die hundert Pfund jährlich aufstrahlte, bald wieder voller Verwunderung war über den unerklärlichen Zusammenhang dieser Geschichte, konnte nur mit dem seiner Schwester verglichen werden, in deren Miene Erregung und Erstaunen miteinander abwechselten. Was aus dem Beefsteakpudding geworden wäre, wenn er nicht schon beendet gewesen, hätte höchstens ein Astrolog herausbekommen können. »Tom«, sagte Ruth zögernd nach einer Pause, »ich fürchte, Mr. Westlock weiß vielleicht in seiner Freundschaft für dich mehr von der Sache, als er sagen will.« »O durchaus nicht!« beteuerte John hastig. »Ich versichere Ihnen, wirklich, Sie irren sich, obschon mir das Gegenteil lieb wäre. Wahrhaftig, ich kann keine derartige Ehre für mich in Anspruch nehmen, Miss Pinch, und habe alles, was ich weiß, erzählt.« »Sie würden aber gewiß mehr haben erfahren können, wenn es Ihnen gepaßt hätte«, versetzte Ruth und schickte sich an, das Nudelbrett abzukratzen. »Nein«, schwur John, »wahrhaftig nicht. Es ist aber, finde ich, wirklich nicht sehr edelmütig von Ihnen, mich so unerbittlich zu beargwöhnen, wo ich so unbedingten Glauben in Sie setze! – Ich habe, wie Sie sehen, ein grenzenloses Vertrauen zu dem Pudding, Miss Pinch.« Ruth lachte, aber gleich darauf wurden sie wieder ernst und besprachen das Thema angelegentlichst. So dunkel auch die ganze Geschichte war, eines stand fest: Tom wurde ein Jahresgehalt von hundert Pfund angeboten, und das war unter allen Umständen die Hauptsache. Mr. Pinch wollte in seiner Aufregung auf der Stelle nach Austin Friars aufbrechen, aber auf Johns Rat wurde noch eine Stunde gewartet. Tom putzte sich inzwischen so sauber wie möglich heraus, wobei ihm sein braves Schwesterchen emsig an die Hand ging, ihm den Rockkragen ausbürstete, die zerrissenen Nähte an seinen Handschuhen mit ein paar Stichen flickte und bald da, bald dort in ihrer flinken und munteren Weise etwas an ihm ausbesserte. Wie John Westlock dies durch die halboffene Tür mit ansah, erinnerte es ihn an die Phantasieporträts von ihr, die die früheren Zöglinge an die Wand von Pecksniffs Atelier gezeichnet hatten und er kam entrüstet zu dem Schluß, daß sie grobe Karikaturen seien, trotzdem sie, wie bereits erwähnt, sämtlich darin wetteiferten, Miss Pinch als überirdische Schönheit darzustellen, und er selbst mindestens zwanzigmal ebensolche Bilder von ihr entworfen hatte. »Tom«, sagte er, als sie mitsammen durch die Straßen wanderten, »ich fange wirklich an zu glauben, daß du der Sohn von irgend jemandem bist.« »Das denke ich allerdings auch«, antwortete Tom gemütlich. »Aber ich verstehe unter dem ›Jemand‹ einen Mann von Bedeutung!« »Ach Gott«, sagte Tom, »mein armer Vater war ebensowenig eine bedeutende Persönlichkeit wie meine Mutter.« »Du erinnerst dich ihrer also noch vollkommen?« »Ob ich mich ihrer erinnere? O Gott, gewiß. Meine Mutter war der überlebende Teil meines Elternpaares. Sie starb, als Ruth noch ganz klein war, und dann fielen wir beide der guten alten Großmutter zur Last, von der ich dir schon einmal erzählt habe. Du erinnerst dich doch noch? Ach Gott, es ist wirklich nicht viel Romantisches in unserer Geschichte, John.« »Nun, dann«, meinte John anscheinend sehr desperat, »weiß ich mir wahrhaftig die Geschichte mit dem Gast von heute morgen nicht zu erklären. Aber denken wir jetzt nicht mehr weiter darüber nach, Tom!« Sie ließen es aber dennoch nicht dabei bewenden, sondern besprachen die Angelegenheit noch weiter, bis sie Austin Friars erreichten, wo sie in einem sehr dunklen Flur des ersten Stockes eine kleine blinde Glastür fanden, auf der in Buchstaben, die transparent sein sollten, der Name »Mr. Fips« aufgemalt war. Dicht daneben verbarg sich in der Dunkelheit ein tückischer alter Seitentisch, der es boshafterweise auf die Rippen der Besucher abgesehen zu haben schien, und eine alte zerfaserte Matte, die, als solche bereits invalid geworden, sich seit vielen Jahren darauf verlegt hatte, den Vorübergehenden ein Bein zu stellen. Mr. Fips vernahm einen heftigen Anprall eines Hutes an seiner Bureautür und entnahm daraus wie gewöhnlich, daß ihn jemand zu besuchen gedenke. Er machte daher die Türe auf und sagte aufs Geratewohl, es sei »etwas dunkel«. »Das will ich meinen«, flüsterte John seinem Freunde ins Ohr. »Kein übler Platz, um ›die Leute vom Lande abzukrageln‹, nicht wahr?« Mr. Pinch hatte gleichfalls bereits an diese Möglichkeit gedacht, und es schwante ihm, sie könnten am Ende in diese Gegend gelockt worden sein, um ohne weiteres zu einer Hackpastete verarbeitet zu werden, aber der Anblick Mr. Fips', der ein kleiner schmächtiger, freundlich aussehender Mann war und schwarze Kniehosen und gepudertes Haar trug, beruhigte ihn sofort. »Bitte nur einzutreten«, lud Mr. Fips die beiden Herren ein. Was das für ein seltsames gelbsüchtiges kleines Bureauzimmer war! In einer Ecke auf dem Fußboden prangte ein großer schwarzer Fleck, als ob sich hier vor Jahren ein alter Schreiber den Hals abgeschnitten und statt des Blutes Tinte vergossen hätte. »Ich habe meinen Freund, Mr. Pinch, mitgebracht, Sir –« begann John Westlock. »Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen«, versetzte Mr. Fips. Sie setzten sich, und Mr. Fips nahm auf einem Kontorstuhle Platz, zog aus seiner Polsterung ein ungeheuer langes Roßhaar hervor und steckte es augenscheinlich mit großem Wohlbehagen in den Mund. Trotzdem er Tom Pinch sehr neugierig betrachtete, so verrieten seine Mienen doch nichts, das vernünftigerweise als ungewöhnliche Entfaltung von Interesse hätte gedeutet werden können. Nach einem kurzen Schweigen, während dessen er so wenig Befangenheit zeigte, daß es eigentlich ziemlich auffallend war, fragte er Mr. Westlock, ob sein Freund bereits alles Nähere wegen des Antrages sowie die Bedingungen wisse. John bejahte. »Sie wären also geneigt, darauf einzugehen, Sir?« fragte Mr. Fips. »Ich betrachte es sogar als einen sehr großen Glücksfall für mich«, antwortete Tom. »Ich bin Ihnen wirklich außerordentlich für Ihr Anerbieten dankbar.« »Bitte, nicht mir«, wehrte Mr. Fips ab. »Ich handle nur im Auftrage eines anderen.« »Also, dann Ihrem Freunde, Sir. Dem Gentleman, bei dem ich in Dienst treten soll und dessen Vertrauen zu gewinnen ich mich nach Kräften bemühen werde. Wenn er mich erst besser kennengelernt hat, Sir, so hoffe ich, seine gute Meinung von mir nicht zu verlieren. Ich verspreche, daß er mich immer pünktlich, gewissenhaft und fleißig finden soll. Dafür kann ich einstehen. Und vielleicht wird auch Mr. Westlock« – er blickte dabei nach John hin – »für mich einstehen.« »Selbstverständlich«, rief Mr. Westlock. Mr. Fips schien es ein wenig schwer zu werden, die Unterhaltung weiterzuführen. Um über die Verlegenheitspausen hinwegzukommen, ergriff er seine Stampilie und stempelte große »F's« auf seine Hosenbeine. »Eigentlich«, fing er nach einer Weile stockend wieder an, »ist mein Freund augenblicklich nicht in London.« Tom machte ein langes Gesicht, denn er fürchtete schon, es solle das soviel heißen, wie, Mr. Fips habe keinen Gefallen an ihm gefunden und wolle sich nach jemand anderem umsehen. »Wann glauben Sie, daß er nach London kommt, Sir?« fragte er beklommen. »Ich weiß es wirklich nicht; ich kann Ihnen das unmöglich sagen. Aber«, fuhr Mr. Fips fort und drückte sich mit dem Stempel auf die Wade seines linken Beines ein besonders deutliches F, dabei Tom fest anblickend, »ich glaube nicht, daß das viel zu sagen hat.« Der arme Mr. Pinch neigte demütig sein Haupt, schien aber doch anderer Meinung zu sein. »Ich wiederhole«, sagte Mr. Fips, »ich wüßte nicht, was das weiter zu bedeuten hätte. Die Sache wird ja lediglich zwischen uns beiden abgemacht, Mr. Pinch. Sie können Ihre Stelle sofort antreten, und ich zahle Ihnen Ihr Gehalt wöchentlich aus. Hem – ja – wöchentlich. – Hier in diesem Bureau«, setzte er hinzu, legte verlegen das Siegel aus der Hand und blickte abwechselnd seine beiden Besucher an. »Hem, ja. – Wöchentlich, wenn es Ihnen paßt. Jedesmal zwischen vier und fünf Uhr nachmittags.« Dann schwieg er wieder und spitzte den Mund, als ob er pfeifen wolle, tat es aber nicht. »Sie sind wirklich sehr gütig«, rief Tom mit vor Freude strahlendem Gesicht. »Das ist ja alles vortrefflich. – Und wann soll ich kommen?« »Nun, so etwa zwischen halb zehn und vier Uhr, dächte ich«, sagte Mr. Fips. »So ungefähr.« »Ich meinte eigentlich nicht die Dienststunden«, unterbrach ihn Tom, »ich wollte vielmehr fragen, wo ich mich einzufinden habe.« »Ach so, der Ort! – Der Ort ist im ›Tempel‹.« Tom war entzückt. »Vielleicht wünschen Sie sich das Haus anzusehen?« fragte Mr. Fips. »O Gott, nein«, rief Tom. »Das werde ich schon finden. Ich bin nur so froh, jetzt wirklich angestellt zu sein, daß ich gar nicht recht weiß, was ich sage.« »Sie können sich darauf verlassen, Sie sind fest angestellt«, versicherte ihm Mr. Fips. »Paßt es Ihnen vielleicht, daß wir uns in einer Stunde am Tempeltor in Fleet Street treffen?« »Selbstverständlich«, rief Tom. »Also gut«, sagte Mr. Fips und stand auf, »dann will ich Ihnen das Lokal zeigen, und Sie können gleich morgen früh anfangen. – Also in einer Stunde. – Sie sehe ich doch auch, Mr. Westlock, nicht wahr? – Sehr gut. – Bitte, nehmen Sie sich in acht – es ist etwas dunkel hier.« Mit dieser ziemlich deplazierten Bemerkung schloß er hinter ihnen die Türe, und John und Tom blieb nichts weiter zu tun, als sich ihren Weg wieder auf die Straße hinab zu tasten. Die Besprechung hatte so wenig beigetragen, das geheimnisvolle Dunkel zu lichten, in das die ganze Angelegenheit gehüllt war, daß beide sich eines Lächelns über ihre verdutzten Gesichter nicht erwehren konnten. Sie trösteten sich damit, daß sich bei Antritt des neuen Amtes und durch näheren Verkehr mit den Kollegen, die Tom dort vorfinden dürfte, gewiß einiges Licht in die Sache bringen lassen werde. Sie verschoben daher alle weiteren Erörterungen auf das anberaumte Zusammentreffen mit Mr. Fips. Sie gingen dann abermals in Johns Wohnung, widmeten dem Schweinskopf einige Minuten und machten sich wieder auf den Weg. Die anberaumte Stunde hatte zwar noch nicht geschlagen, aber Mr. Fips stand bereits am Tor des Tempels, freute sich ungemein über ihre Pünktlichkeit und ging ihnen durch verschiedene Höfe und Gassen voran, bis er in eine Straße einbog, die noch ruhiger und düsterer war als die andern. Hier führte er seine beiden Begleiter in ein Haus, stieg die Treppe empor und zog einen Bund rostiger Schlüssel aus der Tasche. Vor einer Türe im obersten Stock, an der sich dort, wo sonst der Name der Bewohner zu stehen pflegt, nur ein gelber Farbenfleck befand, machte er halt und begann sehr bedächtig aus einem der Schlüssel den Staub herauszuklopfen, sich zu diesem Zwecke des großen breiten Treppengeländers bedienend. »Sie werden gut tun, später einen kleinen Pfropfen hineinzustecken«, sagte er mit einem Blick auf Tom, nachdem er durch Blasen in das Schlüsselrohr diesem einen schrillen Pfiff entlockt hatte. »Es ist das einzige Mittel, zu verhindern, daß es sich immerwährend verstopft. Auch dürfte wohl das Schloß besser funktionieren, wenn Sie es ein bißchen ölten.« Tom dankte ihm für den Rat, war aber zu sehr mit seinen Gedanken und dem Studium von John Westlocks Mienen beschäftigt, um besonders redselig zu sein. Mittlerweile hatte Mr. Fips die Türe geöffnet, die jetzt nur mühsam und schauerlich kreischend dem Drucke seiner Hand nachgab. Dann zog er den Schlüssel aus dem Schloß und händigte ihn Tom ein. »Saperment, Saperment«, sagte er eintretend, »liegt hier aber der Staub dick.« Das stimmte. Mr. Fips hätte sagen können »schauderhaft dick«, denn der Staub hatte sich überall angehäuft, bedeckte alle Gegenstände in hohen Schichten, und wo das Sonnenlicht durch eine Ritze in den Fensterläden schien und auf die Wand gegenüber fiel, sah man ihn in der Luft kreisen und wirbeln wie ein Rad in einem großen Eichhörnchenkäfig. Im ganzen Zimmer war er das einzige, das noch Leben zu haben schien. Als Mr. Fips das schwere Schiebefenster aufmachte, um dem Licht freieren Zutritt zu gestatten und die warme Sommerluft einströmen zu lassen, konnte man die verschimmelten, vermoderten Möbel, das verblichene Wandgetäfel, die schmutzige Decke, den rostbedeckten Ofen und den Herd voller Asche erkennen; überall Zeichen ärgster Vernachlässigung. Dicht neben der Tür stand ein Leuchter mit aufgesetztem Löschhorn, als ob der Bewohner, der zuletzt den Raum verlassen, noch einen Abschiedsblick auf die verödete Stube habe werfen wollen. In demselben Stockwerk lagen noch zwei Zimmer, und von dem ersten oder äußeren führte eine schmale Treppe zu zwei andern einen Stock höher empor, die wie Schlafgemächer ausgestattet waren. In allen diesen Räumen fehlte es durchaus nicht an bequemen Möbeln, freilich sämtlich altmodisch, aber die abgesperrte Luft und der Mangel an Benutzung schienen sie zu allen Zwecken untauglich gemacht zu haben, und ihr Aussehen hatte etwas spukhaft Unheimliches an sich. Allerlei Gerümpel lag unordentlich auf dem Boden umhergestreut, und dazwischen standen Schachteln, Körbe und Kisten. Überall waren große Stöße von Büchern aufgeschichtet, die sich auf viele Tausende belaufen mußten; die einen noch in Ballen, andere in Papier eingewickelt – so, wie man sie gekauft hatte; wieder andere einzeln oder in Haufen umherliegend, keines aber auf den Simsen, die die Wände entlangliefen. Mr. Fips machte Tom auf dieses Chaos aufmerksam. »Ehe wohl etwas Weiteres geschehen kann, müssen die Bücher vorerst geordnet, auf den Brettern aufgestellt und in Kataloge eingetragen sein, Mr. Pinch. Das wäre wohl so der Anfang, dächte ich.« Tom rieb sich vor Freude die Hände, denn das war eine Beschäftigung, die ihm ungemein zusagte. »Außerordentlich interessant, außerordentlich interessant, ich versichere Ihnen«, rief er immer wieder. »Ich werde vielleicht damit zu tun haben, bis Mr. –« »Bis Mr. –« Wiederholte Mr. Fips in fragendem Tone. »Ja, richtig. Sie haben mir ja noch gar nicht den Namen des Herrn genannt«, sagte Tom. »Hem – ja. Jawohl«, rief Mr. Fips und zog sich seine Handschuhe an. »Habe ich das unterlassen? Hem, allerdings, ja. Nun, ich denke wohl, daß er bald hier sein wird. Ich bin überzeugt, Sie werden ganz gut mit ihm auskommen. – Also, ich wünsche Ihnen den besten Erfolg. Nicht wahr, und sie vergessen doch nicht, die Tür zu schließen. Sie fällt von selbst ins Schloß, wenn Sie sie zuschlagen. Also halb zehn, nicht wahr? Von halb zehn bis vier oder fünf Uhr, oder vielleicht auch etwas darüber; den einen Tag vielleicht ein bißchen früher, den andern ein wenig später, je nachdem Sie Lust dazu haben und mit Ihrer Arbeit vorwärtskommen. Meine Adresse ist: Fips, Austin Friars, ich bitte Sie, sich das zu merken. Und nicht wahr, Sie werden nicht vergessen, gefälligst die Türe zuzuschlagen?« Mr. Fips sagte dies alles so freundlich und gelassen, daß Tom sich nur die Hände reiben, mit dem Kopf nicken und zustimmend lächeln konnte. Er lächelte und nickte noch immer, während Mr. Fips bereits gelassen zur Tür hinausschritt. »Da haben wir's, jetzt ist er fort!« rief er, plötzlich gewahr werdend, daß der Advokat bereits draußen war. »Und was noch mehr ist, Tom«, rief John Westlock, setzte sich auf einen Stoß Bücher und blickte seinen erstaunten Freund lächelnd an, »er gedenkt offenbar nicht wiederzukommen. Du bist also sozusagen und in aller Form hier alleine und zu Hause. Freilich unter etwas sonderbaren Umständen ist das vor sich gegangen.« Es war in der Tat eine recht seltsame Geschichte, und Tom, der mit dem Hut in der einen und dem Schlüssel in der andern Hand mitten in dem Bücherchaos stand, machte ein so verlegenes Gesicht, daß sein Freund sich nicht enthalten konnte, herzlich laut aufzulachen. Das wirkte so ansteckend auf ihn, daß auch er in ein herzliches Gelächter ausbrach. Nachdem sie sich gehörig ausgelacht hatten – was nicht so schnell ging, denn John war von Natur ein so lustiger Bursche, daß man ihm nur den kleinen Finger zu reichen brauchte, und schon griff er in solchen Fällen nach der ganzen Hand –, sahen sie sich genauer in den Zimmern um und suchten unter dem verstreuten Gerümpel, ob sich nicht etwas fände, das das Rätsel in irgendeiner Weise aufklären könnte. Aber da war kein Fetzen Papier und nicht eine Zeile, die irgendeinen Aufschluß gegeben hätte. Die Bücher waren mit einer Menge der verschiedenartigsten Namen gezeichnet und offenbar in einer Auktion angekauft worden. Ob aber einer von ihnen der Name von Toms Prinzipal war, darüber konnten sie sich natürlich keine Gewißheit verschaffen. John hatte den Einfall, sich beim Hausmeister zu erkundigen, wem die Wohnung gehöre oder von wem sie gemietet sei, aber gleich darauf kam er mit der Antwort zurück: Mr. Fips von Austin Friars. »Und das, Tom,« sagte er, »scheint mir, wird wohl das ganze Geheimnis sein. Fips ist offenbar ein exzentrischer Bursche, kennt Pecksniff, verachtet ihn natürlich, hat entsprechend viel von dir gehört oder gesehen und hat dich daher auf seine allerdings etwas närrische Weise angestellt.« »Aber warum mag er es wohl so kurios angestellt haben?« fragte Tom. »Ach Gott, er ist eben ein närrischer Kauz. Da könnte man geradesogut fragen: warum trägt er schwarze Kniehosen und pudert sich die Haare, während seine Nebenmenschen Stiefel und Perücke tragen.« Tom war so fröhlich gestimmt, daß er sich diese Erklärung ohne weiteres gefallen ließ; war sie doch immerhin ziemlich plausibel – und er gab daher zu, daß sich die Sache wohl so verhalten werde. Dann ließ er den Fensterschieber wieder herunter, schloß die Läden und entfernte sich mit seinem Freunde. Der Aufforderung Mr. Fips' eingedenk, schlug er die Tür nach Kräften zu, probierte, ob sie auch fest geschlossen sei, und steckte dann den Schlüssel in die Tasche. Da sie nichts zu versäumen hatten, machten sie einen ziemlich weiten Umweg nach Islington, und Tom konnte sich an den vielen neuen Dingen, die sich seinen Blicken darboten, gar nicht satt sehen. Es war gut, daß er John Westlock zum Begleiter hatte, denn jeder andere wäre wohl seines unablässigen Stehenbleibens an den Ladenfenstern und seines lebensgefährlichen Hinaustretens auf die Fahrstraße, um die Kirchtürme und öffentlichen Gebäude besser ins Auge fassen zu können, recht bald satt geworden. Aber John war ganz entzückt darüber, und das Herz lachte ihm im Leibe, sooft er Tom mit freudestrahlendem Gesicht immer wieder zwischen den Karren und Mietswagen auftauchen sah. Als Ruth sie in dem dreieckigen Salon empfing, war wohl kein Teig oder Mehl mehr auf ihren Händen, aber ein freundliches Lächeln auf ihren Mienen, und ein herzliches Willkommen strahlte aus jedem Grübchen in ihren Wangen und leuchtete in ihren Augen. Der Tisch war bereits für das Mittagessen gedeckt, und wenn auch keine feinen Gedecke und kostbaren Gläser darauf lagen oder standen, sondern nur Messer mit grünen Heften und wahre Marterzeuge von zweizinkigen Gabeln, so vermißte man doch weder Silber noch Gold, weder Damast noch Porzellan. Ruths erstes Kochexperiment war so vortrefflich gelungen, daß John Westlock und Tom behaupteten, sie müsse bestimmt eine Zeitlang heimlich Kochkunst studiert haben, und ihr zuredeten, nur ruhig die Wahrheit einzugestehen. Es ist wirklich erstaunlich, was drei junge Leute nicht alles zusammenzuplaudern wissen. Keinen Augenblick trat eine Pause ein. Aber nicht immer blieb ihre Unterhaltung so scherzhaft wie anfangs, denn es kam zu einer sehr ernsten Stimmung, als Tom berichtete, wie er vor kurzem Mr. Pecksniffs Töchter gesehen habe und welche Veränderung mit der jüngeren vorgegangen sei. Das Thema schien John Westlock überhaupt außerordentlich zu interessieren. Ausführlich erkundigte er sich nach allen Einzelheiten bei Gratias Verheiratung, fragte, ob der Gentleman ihr Gatte sei, der Tom nach Salisbury begleitet habe, in welchem Grade der Verwandtschaft die verschiedenen Personen zueinander stünden und so weiter. Tom schilderte ausführlich die Verhältnisse und erzählte, wie Martin sich außer Landes begeben, aber schon seit längerer Zeit nichts mehr von sich habe hören lassen und wie Mark aus dem »Drachen« mit ihm gewandert, wie Mr. Pecksniff den armen altersschwachen Großvater in seine Gewalt bekommen und wie er niederträchtigerweise um Mary Grahams Hand geworben. Doch kein Wort ließ er verlauten von dem, was tief in seinem Herzen verborgen lag. Nicht eine Silbe. 40. Kapitel Die Geschwister Pinch machen eine neue Bekanntschaft und kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus Die unbewohnten Zimmer im Tempel hatten etwas Geisterhaftes, was auf Tom einen seltsamen Reiz ausübte. Jeden Morgen, wenn er die Haustüre in Islington zuklinkte und sich der Rauchatmosphäre Londons zuwandte, fing auch schon die rätselhafte Verzauberung an und zog ihn von Minute zu Minute tiefer in ihre geheimnisvollen Netze, bis er endlich wieder nach Hause ging und den Spuk wie eine regungslose Wolke am Himmel seines Gemütes hinter sich zurückließ. Jeden Morgen war ihm zumute, als träte er in einen gespenstigen Nebel hinein, der ihn nach und nach ganz einhüllte. Der Übergang von dem Getümmel und Lärm der Straßen in die ruhigen Höfe des Tempels war der erste Schritt dazu. Jeder Widerhall seiner Fußtritte tönte ihm in die Ohren wie ein Schall von den alten Mauern und dem Pflaster, der nur der Sprache bedurfte, um die Geschichte der düstern, unheimlichen Zimmer zu erzählen – ihm zuzuraunen, wie viele für verloren gehaltene Dokumente in den vergessenen Winkeln jener verschlossenen Halle moderten, aus deren Gitteröffnungen so seltsame Seufzer heraufzutönen schienen, wenn er vorbeiging, oder ihm in dumpfem Tone düstere Sagen zuzumurmeln von den Rittern mit den auf der Brust gefalteten Händen, deren Marmorbilder in der Kirche Wache hielten. Der erste Schritt auf der Treppe, die zu seinem staubigen Arbeitsraum führte, steigerte noch diese geheimnisvolle Stimmung, bis er schließlich unmerklich von dem Einfluß ganz umstrickt war. Jeder Tag brachte ihm immer neue Träumereien. Der geheimnisvolle Fremde, für den er arbeitete, konnte vielleicht heute schon kommen. Was mochte er wohl für ein Mensch sein? Mit Mr. Fips konnte das Geheimnis nicht gut zu Ende sein, hatte dieser doch selbst gesagt, er handle im Auftrag eines andern. Wer war aber nun dieser andere? Diese Frage war die Wunderblume in dem Garten von Toms Phantasie. Immer neue Blätter und Knospen setzte sie an. Einmal fiel ihm ein, Mr. Pecksniff habe vielleicht aus Reue über seine Falschheit irgendeine dritte Person benutzt, um ihm auf diese Weise Beschäftigung zu geben, aber dieser Gedanke war so unvereinbar mit alldem, was zwischen dem vortrefflichen Ehrenmann und ihm selbst vorgefallen, daß er ihn sich bald aus dem Kopfe schlug, um so mehr, als John Westlock sich vor Lachen gar nicht halten konnte, als er ihm diese Vermutung mitteilte. Inzwischen kam er täglich seiner Pflicht mit großem Eifer nach und machte bedeutende Fortschritte im Ordnen der Bücher. Auch der Katalog, mit schöner klarer Schrift geschrieben, wuchs von Tag zu Tag. Während seiner Arbeitsstunden beschäftigte sich Tom auch oft mit dem Lesen, was zuweilen für seine Aufgabe unbedingt notwendig war, und manchmal beging er sogar die Kühnheit, sich abends einen jener verhexten Bände mit nach Hause zu nehmen und zu überfliegen. Selbstverständlich brachte er ihn dann stets am andern Morgen wieder zurück, für den Fall, daß sein seltsamer Prinzipal plötzlich auf der Bildfläche erscheinen und danach fragen sollte. So führte er ein stilles, glückliches, fleißiges Leben, das ganz nach dem Wunsche seines Herzens war. Aber so interessant die Bücher auch manchmal für ihn sein mochten, niemals war er darein so vertieft, daß er nicht augenblicklich auch den leisesten Ton draußen gehört hätte. Der Klang jedes Fußtrittes auf den Pflastersteinen unten machte ihn aufhorchen, und wenn sie gar zum Hause zu kamen und – trapp, trapp, trapp – die Treppe heraufschallten, dachte er jedesmal mit klopfendem Herzen: »Jetzt endlich werde ich ihn von Angesicht zu Angesicht sehen.« Aber niemals überschritt ein anderer Fuß die Schwelle seiner Zimmer als sein eigener. Diese Einsamkeit und geheimnisvolle Abgeschiedenheit erweckten in ihm allerlei phantastische Träume, deren Torheit er bei klarem Verstand allerdings einsah, die er aber nicht immer gänzlich zu unterdrücken vermochte. Es ging ihm dabei wie vor alters der französischen Polizei, die sehr hurtig im Aufspüren war, aber um so laxer, wenn es galt, etwas zu verhüten. Wohl hundertmal des Tages überkamen ihn dunkle, unerklärliche, törichte Ahnungen; bald glaubte er, es sei jemand in der Stube nebenan versteckt oder schleiche darin herum, gucke durch die Türritzen herein – kurz, treibe allerhand seltsame Dinge, so daß er oft den Fensterschieber aufzog, um sich wenigstens ein bißchen mit den Sperlingen zu unterhalten, die am Dach oder in der Regenrinne hockten und den ganzen Tag lang um die Fenster herum zwitscherten. Die äußere Tür ließ er stets offen stehen, um jeden Schritt hören zu können, der sich dem Hause näherte, sich dann aber jedesmal in den Zimmern der untern Stockwerke verlor. Auch über die Passanten auf der Straße machte er sich allerlei wunderliche Gedanken, und wenn er irgendeines Menschen ansichtig wurde, der etwas Ungewöhnliches in seiner Kleidung oder in seinem Äußern hatte, so sagte er sich jedesmal: »Es sollte mich gar nicht wundern, wenn das mein Chef wäre.« Aber er war es nie. Und wenn auch Tom mehr als einmal auf der Straße umkehrte, um einem dieser verdächtigen Individuen nachzugehen – in der Einbildung, es könne vielleicht in den Tempel einbiegen, so stellte sich doch jedesmal heraus, daß er sich getäuscht hatte. Mr. Fips von Austin Friars trug nur noch dazu bei, ihn hinsichtlich der Lage der Dinge noch mehr zu verwirren, als aufzuklären. Denn als Tom ihm zum erstenmal seine Aufwartung machte, um sein Wochengehalt in Empfang zu nehmen, sagte er: »Übrigens, Mr. Pinch, um was ich Sie ersuchen wollte: bitte, erwähnen Sie von der Sache niemandem gegenüber etwas.« Tom dachte, Mr. Fips sei gerade im Begriff, ihm ein Geheimnis anzuvertrauen, und versicherte daher aufs feierlichste, er werde unbedingt reinen Mund halten und verschwiegen wie ein Grab sein – aber Mr. Fips sagte bloß, »sehr schön, sehr gut«, und weiter nichts. Und als Tom abermals beteuerte: »Sie können auf meine Verschwiegenheit rechnen«, sagte Mr. Fips nur wiederum: »Sehr schön, sehr schön.« Wohl fing Tom dann noch einmal an: »Sie wollten eben sagen –«; Aber Mr. Fips rief nur: »Ach, gar nichts; nicht das mindeste.« Als er dann Mr. Pinchs Verwirrung bemerkte, setzte er hinzu: »Ich meinte nur, Sie sollten niemandem sagen, daß Sie behufs Ordnung der Bibliothek angestellt sind. Es ist besser, Sie schweigen darüber.« »Ich habe noch immer nicht das Vergnügen gehabt, mich meinem Prinzipal vorzustellen«, gab Tom zu bedenken, seinen Wochenlohn in die Tasche steckend. »So, haben Sie noch keine Gelegenheit gehabt?« warf Mr. Fips gleichgültig hin. »Ja, das mag wohl sein.« »Und ich möchte ihm so gerne danken und von ihm hören, ob meine bisherige Tätigkeit seinen Wünschen entsprochen hat.« »Ganz recht, ich verstehe«, sagte Mr. Fips gähnend. »Es macht Ihnen große Ehre, sehr ehrenwert von Ihnen.« Pause. »Ich werde bald mit der Ordnung der Bücher zu Ende sein«, fing Tom wieder an. »Ich hoffe, daß damit nicht auch meine Dienste zu Ende sind. – Wird man mich dann noch brauchen, Sir?« »Ach Gott, selbstverständlich!« rief Mr. Fips. »Massenhaft Arbeit noch, massenhaft Arbeit. – Hm. Ja. – Es ist etwas dunkel draußen.« Mehr konnte Tom aus Mr. Fips nicht herausbekommen. Daß es dunkel war, stimmte; aber nicht nur draußen, sondern auch drinnen, und Mr. Fips hatte eigentlich recht, sich so doppelsinnig auszudrücken. Bald jedoch ereignete sich etwas, das dazu beitrug, Toms Grübeleien von diesem Rätsel abzulenken und sie in einen neuen Kanal zu leiten, der nicht weniger geheimnisvoll war als etwa die Quellen des Nils. Das ging folgendermaßen zu. Tom pflegte von jeher sehr früh aufzustehen, und da er jetzt keine Orgel zur Verfügung hatte, um sich die Morgenstunden mit Musik zu vertreiben, machte er in der Regel, ehe er nach dem Tempel ging, einen längern Spaziergang. Er besichtigte dann in der Regel jene Teile der Stadt, wo es besonders lebhaft herging, und namentlich die Marktplätze, Brücken, Kais und Dampfbootwerften, denn die Leute, die sich da umhertummelten, boten einen gar zu erfrischenden und lebhaften Anblick, und immer erquickte ihn dieser Gegensatz zu dem eintönigen Stadtleben. Auf den meisten seiner Morgenausflüge begleitete ihn Ruth ein Stück weit. Manchen schönen reizvollen Spaziergang machten sie so zusammen. Zum Beispiel nach dem Covent Garden Market, und voller Genuß atmeten sie dann den Duft der Blumen und den Geruch des frischen Obstes ein. Vergnügt wie die Kinder wunderten sie sich über die herrlichen Ananasse und Melonen. Da saßen ganze Reihen alter Weiber auf umgekehrten Körben und schoteten Erbsen aus. Und wie unaussprechlich verlockend die fetten Spargelbündel aussahen, die die Schaufenster der Delikatessenläden zierten. Sogar vor den Geschäften der Kräuterhändler blieben sie stehen und erfreuten sich an dem Duftgemisch von spanischem Pfeffer, Packpapier und Samenkörnern aller Art. Nicht einmal der Anblick der Schnecken und hübschen jungen Blutegel hatte für sie etwas Schreckliches. Und dann der Geflügelmarkt, wo Enten und Hühner mit unnatürlich langen Hälsen paarweise nebeneinander lagen und gesprenkelte Eier in Körben von Moos den Tag anlachten und des Schauens und Staunens kein Ende war! Weiße Würste vom Lande, die hier vor den Anklagen von Katzen und Hunden, Pferden und Eseln sicher waren, frische Käse von ungeheuern Dimensionen, lebende Vögel in Käfigen und Körben, zahllose Kaninchen, tot und lebendig. Nicht minder hübsch waren die Spaziergänge zwischen den kühlen, frischen Fischerständen hindurch, über deren Ware es wie silberner Mondschein hinblitzte, mit Hummern als roten Farbflecken dazwischen. Dann spazierten sie zwischen den großen Wagen voll duftenden Heues umher, unter denen Hunde und müde Fuhrleute in festem Schlummer lagen. Aber am hübschesten war es wohl, wenn sie einen hübschen Morgen benutzten und zu den Dampfbooten hinuntergingen. Da lagen sie – Seite an Seite –, die Boote, scheinbar friedlich fest aneinandergedrückt, aber doch arglistig jedes nach einem Durchlaß spähend und niemals müde, ganze Scharen von Passagieren und Haufen von Gepäck, die hastig an Bord gebracht wurden, aufzunehmen. Unaufhörlich schossen kleine Dampfbarkassen auf und ab. Ganze Reihen von Schiffen, Hunderte von Masten, Labyrinthe von Takelwerk, schläfrige Segel, plätschernd hin und her gleitende Barken, versunkene Pfähle mit garstigen Heimstätten für die Wasserratten in ihren schlammigen Nischen, Kirchtürme in der Ferne, Magazine, Häuserdächer, Brückenbogen, Männer, Weiber, Kinder, Fässer, Kräne, Kisten, Pferde, Kutscher, Tagediebe und fleißige Arbeiter – alles das bildete einen bunten Knäuel vor Toms Augen an jedem Sommermorgen. Und inmitten all dieses Getümmels tobte es unablässig aus dem Rauchfang eines jeden ankommenden Paketbootes und verlieh der ganzen Szene etwas Erregtes. Die Schiffe schienen zu atmen und wie die Menschen miteinander zu plaudern. In ihrer kuriosen heisern Weise schnaubten sie ohne Unterlaß ärgerlich einander an: »Aber so eilt euch doch, damit man durchkommt.« Und selbst, wenn eines sich Platz gemacht hatte und wohlbehalten mit der Strömung trieb, konnte es der kleinste Anlaß wieder erregen. Das Geringste, was ihm im Strom in die Nähe kam, veranlaßte es, aufs neue zu dampfen und zu keuchen: »Schon wieder ein Hindernis! Was gibt's denn schon wieder? Ich habe doch Eile.« In einem derartigen, an nervöse Verzweiflung grenzenden Zustand sah man dann Schiff für Schiff langsam durch den Nebel in das jenseits liegende rotgefärbte Sommerlicht hinausgleiten. Toms Schiff nun, das Paketboot, für das er und seine Schwester sich eines Tages besonders interessierten, hatte sich noch nicht so weit zurechtgefunden, sondern befand sich sichtlich in äußerster Verwirrung. Die Passagiere an Bord drängten durcheinander, und an Backbord wie an Steuerbord hatten Dampfbarkassen angelegt. Die Stege waren überfüllt, verrückte Frauenzimmer, die offenbar nach Gravesend wollten, ließen sich durchaus nicht überzeugen, daß das Schiff nach Antwerpen ginge, und bestanden darauf, ihre Körbe mit Erfrischungen hinter Wasserfässern oder Verschlägen zu verstecken, kurz, es herrschte die größte Verwirrung. Und das alles war so unterhaltend und amüsant, daß Tom, seine Schwester am Arm, unverwandt von der Werft herunterblickte und so wenig, wie es nur für Fleisch und Blut möglich ist, auf eine ältliche Dame hinter sich achtete, die einen großen Regenschirm bei sich trug, der ihr ununterbrochen arg im Wege war. Das furchtbare Werkzeug hatte einen gekrümmten Handgriff, und Tom wurde sich dessen Nähe erst infolge eines schmerzlichen Drucks auf seine Luftröhre bewußt, als sich der Haken um seine Kehle gelegt hatte. Kaum war es ihm gelungen, sich friedfertig davon loszumachen, fühlte er schon wieder die eisenbeschlagene Spitze des Marterwerkzeugs in seinem Rücken und gleich darauf den Haken an seinen Knöcheln, dann wieder flatterte ihm der Schirmstoff um den Hut und schlug daran wie ein großer Vogel mit seinen Fittichen, und schließlich erhielt er einen so derben Stoß zwischen die Rippen, daß er endlich die Geduld verlor und sich umdrehte, um sich in seiner milden Weise eine solche Behandlung zu verbitten. Die Eigentümerin des Instrumentes stand jetzt auf den Zehen dicht hinter ihm und quälte sich sichtlich ab, einen Blick auf die Dampfboote unten zu erhaschen. Da er in der Reihe vor ihr stand und sie daran hinderte, hatte sie ihn als ihren natürlichen Feind attackiert. »Sind sie aber eine boshafte Person!« sagte er vorwurfsvoll. Sofort rief die Frau wütend nach der Polizei und schimpfte: »Den ganzen Tag stehen diese Kerls hier herum. Wahrhaftig, man sollte sie alle arretieren lassen.« Die Ärmste war ohne Zweifel fürchterlich herumgestoßen worden, denn ihre Kopfbedeckung hatte die Form eines dreieckigen Admiralshutes angenommen, und korpulent wie sie war, konnte sie vor Erschöpfung und Hitze kaum mehr atmen. Ohne auf den gereizten Ton einzugehen, fragte Tom sie höflich, an welchem Schiff sie wohl an Bord zu gehen wünsche. »Sie meinen wohl gar, wenn mer a Schiff anschaut, so muß mer schon einsteigen. Sie Tepp, Sie!« »Nun, so sagen Sie doch, welches Sie sich anschauen wollen?« sagte Tom. »Wir machen ja gern Platz für Sie, wenn wir können. Sie brauchen doch nicht gleich so gereizt zu sein.« »Sowas hat mir noch ka lebendiger Mensch vorgworfen, mit dem i zsamm kommen bin«, lenkte die Dame ein wenig besänftigt ein. »I hab scho viele Leut kennen glernt, und noch nie hat mir eins den Vorwurf gmacht, daß i greizt bin. ›Machen S' Ihna nix draus, widersprechen S' mir nur, Madame, wann's Ihna damit a Erleichterung verschaffen‹, sag i immer, wann a Kundschaft von mir aufbegehrt. Die Sarah kann was vertragn und gibt ka Beleidigung net zruck. – Na ja, i geb ja gern zu, daß s' mir heunt damisch zugsetzt haben und daß i mich gärgert hab, und net ohne Grund.« Inzwischen hatte sich Mrs. Gamp, denn die Dame war natürlich niemand anders als diese erfahrene Praktikerin, unter Toms Beistand durchgezwängt und in einem kleinen Winkel zwischen Ruth und dem Geländer verankert, wo es ihr endlich unter heftigem Gekeuch und Ausführung der seltsamsten und gefährlichsten Evolutionen mit ihrem Schirm gelang, es sich bequem zu machen. »I möcht nur gern wissen, das welchene von diese rauchenden Ungeheuer das Antwortschiff ist«, rief sie. »Was für ein Schiff meinen Sie?« fragte Ruth. »Das Antwortschiff! I sag's, wie's is; i red nie die Unwahrheit nicht.« »Das dort in der Mitte ist das Antwerpener Paketboot«, sagte Ruth, der ein Licht aufging, was die Dame meinte. »I wollt, es steckte in dem Propheten Jonas sein Bauch, sag i«, rief Mrs Gamp, offenbar den Propheten mit dem Walfisch verwechselnd. Ruth schwieg. Da aber Mrs. Gamp ihr Kinn auf das kalte Eisengeländer legte und, jeweils kurz aufstöhnend, unverwandt auf das Boot hinabblickte, fragte sie endlich mitleidig, ob vielleicht eines ihrer Kinder oder ihr Gatte darin eine Reise antrete. »Da sieht ma's wieder«, ächzte Mrs. Gamp mit einem Blick gen Himmel, »wie wenig Sie noch in unserm irdischen Jammertal rumgekommen sin. A gute Freundin von mir – die Harris – sagt immer: ›Sarah, Sarah‹, sagt s', ›wir wissen niemals nicht, was vor uns liegt.‹ – ›Liebe Harris‹, sag i nacher a jed'smal, ›viel wissen mir net, dös is wahr, aber vielleicht doch mehr, als Sie glauben. Unsre Berechnungen, sag i, wieviel Kinder a Famülie kriegen wird, treffen meistens ganz genau ein.‹ – ›Liebe Sarah‹, sagt die Harris nacher gwehnlich sehr feierlich, ›also sagn S', wieviel krieg i?‹ – ›Na, liebe Harris‹, sag i, ›da müssen S' schon entschuldigen, jetzt, was meine eigenen Kinder san‹, sag i, ›hab i kan Trost net dran ghabt. Eins is gstorben, und wie's auf dem Totenbett glegen is, hat's noch glächelt. Liebe Harris‹, sag i, ›da segn S' wieder, mer derf net vorgreifen, man muß es nemmen, wie's kommt und muß die Kinder nemmen, wie s' kommen und wie s' gehn.‹ – Und jetzt segn S', liabs Fräuln«, sagte Mrs. Gamp, »i hab jetzt gar keine mehr, und was mein Mann angeht, so san seine hölzernen Haxen beim Deifel. Des ist davon kommen, daß er allaweil in die Weinstubn gangen is und nie anders als mit Gwalt sich hat wieder rausbringen lassen. Ja, ja, der Geist is willig, aber das Fleisch is schwach.« Nachdem sich Mrs. Gamp dieser Rede entledigt, lehnte sie abermals ihr Kinn auf das kalte Eisengeländer, schaute wiederum unverwandt auf das Antwerpener Schiff hinunter, schüttelte den Kopf und stöhnte. »Na, i möcht ka Mann sein«, fing sie wieder an, »und sowas aufm Gwissen haben. Aber nur a Mannsbild is halt zu sowas fähig.« Tom und seine Schwester sahen einander an, und nach einigem Zaudern fragte Ruth Mrs. Gamp, was sie denn so sehr bedrücke. »Liabs Fräuln«, entgegnete die Hebamme mit gedämpfter Stimme, »Sie sin ledig, net wahr?« Ruth lachte und bejahte errötend. »Um so schlimmer für beide Teile. Aber andre sin verheirat, und zwar im ehelichen Stande; und segn S', da is a liabs jungs Frauerl, wo heut früh auf demselbigen Paketschiff abdampft und nöt im geringsten für das Leben aufm Wasser paßt.« Einen Augenblick hielt Mrs. Gamp inne, um das Deck des Schiffes nochmals genau mit ihren Blicken zu durchforschen, und als sie sich genügend überzeugt zu haben schien, daß der Gegenstand ihres Bedauerns noch nicht angekommen war, erhob sie ihre Augen allmählich bis zur Höhe des Sicherheitsventils und redete das Schiff folgendermaßen unwillig an: »Himmelherrgottsakrament« – dabei schüttelte sie den Regenschirm wütend – »Mistviech, dreckigs! Was hat dös jetzt wieder für an Sinn, daß sich so a zarts jungs Gschöpf als Passaschür mit dir aufs Wasser nauswagen soll? Zu was jetzt dös blöde Hämmern und Pfeifen und Zischen! – – Mistviech, blöds«, setzte sie wütend hinzu und schüttelte wieder ihren Schirm. »Die dummen Maschinen und bsonders die Eisenbahnen, was jetzt die schon für a Unglück über d' Welt bracht haben! Wann mer die Frühgeburten, wo sie verursacht haben, zsamm zählen möcht, da kämet a schöne Zahl raus. Da hab i a mal von an jungen Mann ghört, wo bei uns zhaus Kondukteur is auf einer Eisenbahn, die erst seit drei Jahren besteht – die Harris kennt ihm, er is mit ihr verwandt, da ihre Schwester mit an Brettschneidermeister verheirat is –, der Gvatter gstanden is bei sechsundzwanzg klane Würmer, Gott verzeih mir die Sünd, die alle viel z' früa auf d' Welt kommen san, und a jeds heißt jetzt nach der Dampfmaschin, wo die Schuld dran ghabt hat. – Pfui Deifel«, rief Mrs. Gamp und fing wieder an, das Dampfschiff zu apostrophieren. »Da sieht man wieder, daß d' von an Mannsbild erfunden worden bist, weils d' gar a so rücksichtslos gegen die weibliche Nadur bist, du Mistviech.« Aus Mrs. Gamps Ärger über die Dampfmaschinen hätte man vermuten können, sie sei irgendwie mit dem Post- oder Landkutschengeschäft assoziiert. Sie fand übrigens keine Gelegenheit, die Wirkung ihrer Schlußbemerkung auf Miss Ruth zu beurteilen, denn gerade in diesem Augenblick ging die von ihr Gesuchte über den Dampfersteg. »Schaugn S', dort is sie«, rief Mrs. Gamp, »da geht dös liabe junge Gschöpf wie a Opferlamm zur Schlachtbank. Wann s' jetztn krank wird aufm Wasser«, setzte sie prophetisch hinzu, »so ist dös a Mord, und i werd Zeugenschaft vor Gricht ablegen.« Es war ihr offenbar so ernst mit ihrem Mitleid, daß Ruth, die ebenso menschenfreundlich wie ihr Bruder war, sich nicht enthalten konnte, ein paar Worte zu sagen. »Bitte, wer ist die Dame«, fragte sie, »an der Sie solchen Anteil nehmen?« »Segn S'«, stöhnte Mrs. Gamp, »da geht s' wieder. Grad kommt s' jetzt über die kleine hölzerne Bruckn, und jetzt rutscht s' auf an Stückerl von aner Pommeranzenschalen aus« – Mrs. Gamp umfaßte krampfhaft ihren Regenschirm – »no, dös kann a gute Gschicht werdn.« »Meinen Sie die Dame neben dem Herrn, der von Kopf bis zu Fuß so in einen großen Mantel eingehüllt ist, daß man beinahe sein Gesicht nicht mehr sehen kann?« »Er soll nur sein Gsicht verstecken!« schimpfte Mrs. Gamp. »Bis in d' Erd nei soll er sich schämen. Habn S' net gsegn, wie er s' an der Hand rumgrissen hat?« »Er scheint es wohl sehr eilig zu haben«, meinte Ruth. »Und jetzt – in die dunkle Kajüten eini«, fuhr Mrs. Gamp ungeduldig fort. »Was der Mensch nur vorhat? Mir scheint, der Deifel is ihm in Kopf neigfahren. Warum laßt er s' denn net in der frischen Luft heroben?« Welchen Beweggrund nun auch der Betreffende haben mochte, jedenfalls führte er seine Gattin rasch die Kajütentreppe hinunter und verschwand dort, ohne seinen Mantel aufzuknöpfen oder seinen Hut zu lüften. Tom hatte von dem Zwiegespräch nichts vernommen, denn seine Aufmerksamkeit war auf ganz unerwartete Weise in Anspruch genommen worden. Mrs. Gamp war nämlich kaum mit ihrer Ansprache an die Dampfmaschinen zu Ende, da hatte sich eine Hand auf seinen Arm gelegt, und wie er sich umsah, entdeckte er rechts neben sich – Ruth stand zu seiner Linken – zu seiner größten Überraschung seinen Hauswirt. Es war nicht so sehr die Anwesenheit dieses Mannes, die ihn überraschte, als vielmehr der Umstand, daß noch eine halbe Minute vorher jemand anders – wie er genau wußte – dort gestanden und er in der Zwischenzeit auch nicht das geringste Gedränge hinter sich verspürt hatte, wo die Leute doch wie die Heringe zusammengepfercht waren. Sowohl er wie Ruth hatten oft Gelegenheit gehabt zu bemerken, mit welcher Geräuschlosigkeit ihr Mietherr in seinem eigenen Hause ein und aus ging, kam und verschwand, aber dennoch war Tom jetzt nicht wenig erstaunt, den Mann so plötzlich neben sich auftauchen zu sehen. »Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Pinch«, flüsterte ihm der Mann ins Ohr, »aber ich bin ganz außer Atem und erschöpft; auch sehe ich nicht mehr sehr gut. Man wird alt, Sir; man wird eben alt. Bitte, sagen Sie, können Sie nicht dort unten einen Herrn in einem großen Mantel mit einer Dame am Arm unterscheiden? Sie trägt einen Schleier und einen schwarzen Schal.« Wenn der Mann, wie er sagte, das Paar nicht sehen konnte, so war es nur um so merkwürdiger, daß er seine Blicke unverwandt gerade auf den Punkt, wo sie standen, gerichtet hielt. Schnell richtete er jetzt seine Blicke auf Toms Gesicht. »Ein Herr in einem großen Mantel«, wiederholte Mr. Pinch, »und eine Frau mit einem schwarzen Schal? Ich will mal sehen.« »Ja, ja, bitte«, drängte der andere ungeduldig. »Der Herr ist von Kopf bis zu Fuß eingehüllt – höchst sonderbar übrigens bei einem Sommermorgen wie dem heutigen –, ganz wie ein Kranker und hält jetzt die Hand vor das Gesicht. – Nein, nein, nicht dort«, setzte er hinzu, Toms Blick folgend, »weiter rechts, dort unten.« Und wieder deutete er nach der Stelle, wo die beiden gingen, aber diesmal in seiner Eile mit ausgestrecktem Finger. Die auf den Dampfer zudrängenden Personen wurden jetzt durch das dichte Menschengewühl ein wenig aufgehalten. »Es sind da soviel Leute, soviel Kisten und Koffer, und alles wimmelt so durcheinander«, entschuldigte sich Tom, »daß man kaum etwas genau unterscheiden kann. – Wahrhaftig, ich kann keinen Herrn in einem großen Mantel und keine Dame in einem schwarzen Schal unterscheiden. – Aber dort drüben ist eine Dame in einem roten Schal.« »Nein, die ist's nicht«, rief der Hauswirt ungeduldig; »mehr in dieser Richtung. Dort! Fassen Sie die Kajütentreppe ins Auge. Etwas mehr links. Die beiden müssen jetzt in der Nähe der Kajütentreppe sein. – Sehen Sie die Kajütentreppe? – Jetzt läutet schon die Glocke! – Sehen Sie denn die Treppen nicht?« »Halt«, rief Tom, »Sie haben recht. Ja, dort gehen die beiden. Und das ist der Gentleman, den Sie meinen, wie ich glaube. Er steigt in diesem Augenblick gerade in die Kajüte hinunter. Die Falten seines großen Mantels schleppen hinter ihm nach.« »Ganz richtig«, rief der Hauswirt, nicht mehr auf das Schiff hinunter, sondern starr in Toms Gesicht blickend. »Würden Sie mir einen Gefallen – einen großen Gefallen erweisen? Möchten Sie dem Herrn vielleicht diesen Brief eigenhändig übergeben? Nur übergeben, weiter nichts. Er wartet darauf. Ich bin beauftragt, ihn ihm einzuhändigen, aber ich fürchte, ich käme zu spät; ich bin nicht mehr sehr jung und könnte mich nicht so geschwind bis an Bord und über das Verdeck vordrängen. Nicht wahr, Sie verzeihen mir meine Aufdringlichkeit und erweisen mir diesen großen Gefallen.« Seine Hände bebten, und sein Gesicht verriet die größte Aufregung, als er Tom den Brief in die Hand drückte und noch einmal mit dem Finger auf das Schiff deutete wie Satanas auf irgendeinem alten Schnitzwerk. Wenn es galt, jemandem einen Dienst zu leisten, pflegte Tom niemals zu zögern. Er nahm den Brief, flüsterte Ruth zu, sie möge warten – er werde gleich wieder da sein – und lief so schnell er konnte den Kai hinab. Es war aber ein so großes Gewühl von Menschen, und so viel ungeheuere Warenballen wurden hin und her getragen – und dazu das fortwährende Läuten, das Zischen der Dampfventile und das Geschrei der Menge –, daß er die größte Mühe hatte, sich seinen Weg durch das Gewühl zu bahnen und dabei das Schiff, dem er zustrebte, im Auge zu behalten. Aber trotzdem langte er noch rechtzeitig an. Sofort eilte er die Kajütentreppe hinunter und entdeckte auch richtig den Gesuchten in einer Ecke des Salons, wo dieser, ihm den Rücken zuwendend, ein Plakat las, das an der Wand hing. Als Tom näher trat, um den Brief zu übergeben, fuhr der Fremde bei dem Geräusch der Fußtritte zusammen und drehte sich hastig um. Und wie erstaunte Tom, als er in ihm den Mann erkannte, mit dem er einst beim Schlagbaum bei Mr. Pecksniff zusammengeraten war, den Gatten der armen Gratia, Mr. Jonas Chuzzlewit. Jonas murmelte etwas, was so klang wie: was zum Teufel man denn von ihm wolle, aber mehr verstand Tom nicht, da die Worte zu undeutlich waren. »Ich wünsche nichts weiter von Ihnen«, sagte Tom, »als Ihnen diesen Brief hier zu übergeben. Man hat mich soeben darum gebeten und Sie mir von weitem gezeigt, und ich habe Sie in Ihrem seltsamen Aufzug nicht erkannt. Hier, nehmen Sie den Brief.« Jonas tat es, erbrach das Kuvert und überflog den Inhalt. Offenbar war dieser sehr kurz und betrug vielleicht nicht mehr als eine einzige Zeile. Aber er traf ihn wie ein Stein aus einer Schleuder. Er wankte zurück. Noch nie hatte Tom einen Menschen so entsetzt gesehen, und er selbst war so betroffen darüber, daß er unwillkürlich stehenblieb. In diesem Augenblick der Unentschlossenheit von beiden Seiten hörte die Glocke auf zu läuten, und eine heisere Stimme rief in die Kajüte herunter, ob noch jemand an Land zurückzugehen gedenke. »Ja«, rief Jonas, »ich – ich komme schon. Nur einen Augenblick. Meine Frau, wo ist meine Frau? Komm schnell zurück.« Dabei riß er eine Tür auf und führte oder schleppte vielmehr Gratia heraus. Sie war blaß, erschrocken und nicht wenig erstaunt, Tom hier zu sehen. Es blieb ihr jedoch keine Zeit zum Sprechen, denn oben war ein großer Tumult, und Jonas zog sie ohne Umstände rasch die Kajütentreppe hinauf. »Wohin gehen wir denn, was gibt es – –?« jammerte sie. »Wir müssen zurück«, rief Jonas wild. »Ich habe mir's anders überlegt. Frag jetzt nicht, oder es könnte dich oder sonst jemanden das Leben kosten. Halt, halt, wir steigen aus! – Hören Sie denn nicht, Maat? Wir wollen an Land!« In wahnsinniger Hast wandte er sich dann noch einmal um, warf Tom einen finstern Blick zu und drohte ihm mit der geballten Faust. – – Es gibt wohl nicht viele menschliche Gesichter, die eines Ausdrucks fähig gewesen wären, gleich dem, mit welchem er diese Gebärde begleitete. Dann schleppte er Gratia hinauf, und Tom folgte ihnen. Über das Verdeck, über das schwankende Brett und den Kai hinauf zerrte er sie, ohne sie eines Blickes zu würdigen und fortwährend unter den Gesichtern oben nach jemandem, den er offenbar suchte, umherspähend. Dann wandte er sich plötzlich nach Tom um und rief ihm mit einem fürchterlichen Fluch zu: »– – – Wo ist er denn?« Ehe Tom in seiner Entrüstung und seinem Erstaunen noch eine Silbe als Antwort auf die Frage, die er so wenig verstand, hervorbringen konnte, drängte sich ein Herr heran und begrüßte Jonas Chuzzlewit. Es war ein Gentleman von etwas ausländischem Aussehen, mit schwarzem Schnurr- und Backenbart, und er sprach mit so höflicher Ruhe und Gelassenheit, daß der Unterschied gegen Mr. Chuzzlewits verstörtes und verzweifeltes Benehmen seltsam abstach. »Mein lieber Mr. Chuzzlewit«, sagte der Herr und lüftete vor Gratia den Hut, »ich bitte zwanzigtausendmal um Verzeihung. Ich bedauere wirklich unendlich, Sie von einem so hübschen Ausflug abgehalten zu haben – ich kann mir ja vorstellen, wie charmant es für Sie gewesen wäre, mit Ihrer Frau eine Spazierfahrt zu machen – äh – wenn ich auch selbst nicht das Glück der Häuslichkeit aus eigener Erfahrung kenne – äh – aber der Bienenstock, mein lieber Freund, der Bienenstock – bitte, wollen Sie mich nicht vorstellen.« »Mr. Montague«, stellte Jonas vor, und es schienen ihm die Worte im Munde zu quellen, – »meine Frau.« »Der unglücklichste und reuevollste unter allen Menschen, Mrs. Chuzzlewit«, fuhr der fremde Gentleman fort, »da ich die Ursache sein mußte, Ihren Ausflug so schnöde zu vereiteln. Aber wie gesagt, mein lieber Freund, der Bienenstock – der Bienenstock. Sie haben gewiß vorgehabt, einen kleinen Abstecher nach dem Festland zu machen?« Jonas schwieg verdrossen. »Wahrhaftig, so wahr ich hier stehe«, rief Mr. Montague, »es tut mir unendlich – wahrhaft unendlich leid. Sie ahnen nicht, wie tief es mir geht. Aber dieser verwünschte Bienenstock in der City geht leider allen andern Rücksichten vor. Und wenn es Honig zu bereiten gilt, so muß jede Rücksicht schweigen. Das ist meine einzige Entschuldigung. – Was ist das übrigens nur für ein sonderbares Weibsbild hier rechts, das beständig Verbeugungen macht«, setzte er hinzu und blickte Mrs. Gamp an. »Ich kenne sie nicht. Kennen Sie sie vielleicht?« »Aber natürlich kenna mi die Herrschaften«, rief Mrs. Gamp. »Und alles Gute und Schöne, und i wünschet nur, daß a jeds noch so lustig sein wird, wie's a gwisses kleins Frauerl noch sein wird; ja ja, dös hat mir mein kleiner Finger gsagt – – – na, aber Gnädigste« – Mrs. Gamp wurde plötzlich sehr ernst – »was is Ihna denn auf a mal? Sin Sie aber blaß!« »So – sind Sie auch da?« brummte Jonas. »Mir scheint, Sie kann man auch nie los werden.« »Ja, da bin i, daran is ka Zweifel«, rief Mrs. Gamp mit einem unwilligen Knicks. »Und da wir, die Harris und i, noch ka Bein brochen habn, so ham mir uns erlaubt, hier auf dem öffentlichen Käh a bisserl herumzuspazieren. Da kann keins was dawider haben. Das sin die Worte, wo sie noch das letzte Mal zu mir gsagt hat: ›Sara‹, hat s'gsagt, ›is dös a öffentlicher Käh?‹ – ›Liebe Harris‹, hab i gsagt, ›daran is doch ka Zweifel not. Sie kennen mi jetzt scho achtadreißg Jahr, und habn S' leicht jemals ghört, daß i wohin ganga war, wo mer mi net gern sicht?‹ – ›Na, liebe Sarah‹, hat die Harris gsagt, ›ganz o konträhr im Gegenteil.‹ – Und die muß es wahrhaftig wissen. – I bin ja nur a arms Weib, aber doch vergeht fast ka Stund nöt, wo man net nach mir fragt. Scho zu allen Stunden der Nacht hat mer mi ausm Bett gholt, und scho so manche Wohnungen sin mir kündigt wordn, weil die Mieter den Spektakel für an Feuerlärm ghalten ham. – I geb a zu, i geh aus, um mir mei Brot zu verdiena, aber i bin a freie Person, da gibt's nix, und wer's bleibn, bis i stirb. Und i fühl als a Weib und bin a schon Mutter gwesen. Aber es soll nur eins amal mei Tipferl anrührn, was mir ghört, oder a Wort sagn über dös, was i iß und trink, und wann's noch so beliebt is bei der Herrschaft. – Marsch du, Schlampen von a Dienstmadel, sag i nacher. Entweder geht sie oder geh i. Wenn i a ka großes Verdienst hab, nehmen laß i mir nix, was mir ghört. – – – Gott behüte das Kind und rette die Mutter – sag i immer –, aber i bin a so frei, noch dazuzufügen: unterstengan S' Ihna, die Hebam zu betrügn, nacher werden S' was derlebn«, schloß sie, zog sich mit beiden Händen ihren Schal dichter über die Brust und rief wie gewöhnlich zur Bekräftigung aller Einzelheiten Mrs. Harris zum Zeugen an. »Da Sie nun schon mal hier sind«, fiel ihr Jonas ins Wort, »täten Sie besser, sich um meine Frau ein bißchen zu kümmern und sie nach Hause zu bringen. Ich bin jetzt anderweitig beschäftigt.« Dann schwieg er plötzlich und warf Mr. Montague einen Blick zu, um ihm zu verstehen zu geben, daß er bereit sei, ihn zu begleiten. »Tut mir unendlich leid, Sie Ihrer Gattin entführen zu müssen – – –« begann Mr. Montague. Jonas warf ihm einen finstern Blick zu, so voll des Hasses, daß Tom noch lange, lange später daran denken mußte. »Wahrhaftig, es tut mir wirklich leid«, wiederholte Mr. Montague. »Aber weshalb haben Sie mich dazu gezwungen?« Mit demselben finstern Blick erwiderte Jonas nach einer kurzen Pause, »Sie selbst waren schuld daran, nicht ich.« Selbst diese wenigen Worte stieß er hervor wie jemand, der sich an Händen und Füßen gefesselt sieht und voll innerer Wut dagegen ankämpft. Selbst sein Gang, als sie gleich darauf aufbrachen, war wie der eines Gefesselten, und haßerfüllt ballte er die Fäuste und biß die Lippen zusammen. Dann bestiegen sie die vornehme Equipage, die auf sie wartete, und fuhren davon. Die ganze seltsame Szene war so rasch vor sich gegangen und hatte auf das Gewühl ringsum so wenig Eindruck gemacht, daß es Tom, obgleich er eine Hauptrolle dabei gespielt, fast wie ein Traum vorkam. Niemand hatte, nachdem sie das Dampfboot verlassen, auf ihn geachtet. Er stand hinter Jonas, und zwar so nahe, daß er notwendigerweise jeden Satz mit anhören mußte, und in der Hoffnung, eine Gelegenheit zu finden, die Rolle, die er bei diesem so seltsamen Begebnis gespielt, aufzuklären, war er, seine Schwester am Arm, stehengeblieben, aber Jonas Chuzzlewit hatte ihn keines Blickes weiter gewürdigt, und ehe er selbst die Initiative ergreifen konnte, waren bereits alle fort. Er spähte nach seinem Hauswirt umher, aber alles Suchen war vergebens. Aufmerksam umherblickend, bemerkte er plötzlich eine Hand, die ihm aus dem Fenster einer Droschke heraus zuwinkte. Er eilte hin und erkannte Gratia. Sie redete ihn hastig an, beugte sich aber dabei aus dem Fenster hinaus, um von ihrer Begleiterin, Mrs. Gamp, nicht gehört zu werden. »Was hat das alles zu bedeuten?« rief sie erregt. »Gott im Himmel, was ist vorgefallen? Warum sagte er mir gestern abend, ich solle mich zu einer langen Reise vorbereiten, und man bringt uns jetzt wie Verbrecher zurück. – Ach, lieber Mr. Pinch«, rief sie und rang verzweifelt die Hände, »haben Sie doch Erbarmen! Worin auch das schreckliche Geheimnis bestehen mag – haben Sie Erbarmen, und Gott wird es Ihnen lohnen.« »Wenn es in meiner Macht stünde«, rief Tom, »glauben Sie mir, Sie würden mich nicht einen Augenblick umsonst darum bitten. Aber ich verstehe von der Sache noch weit weniger als Sie.« Gratia zog sich wieder in die Kutsche zurück, und er sah, wie sie ihm noch einen Augenblick mit der Hand winkte; ob zum Zeichen des Vorwurfs oder der Ungläubigkeit, ob aus Schmerz oder als Lebewohl, das konnte er in der Eile und Aufregung nicht unterscheiden. Einen Augenblick später war sie fort, und Ruth und er blieben betroffen stehen und nahmen dann, tief in Gedanken verloren, ihren Spaziergang wieder auf. Hatte Mr. Nadgett vielleicht den Mann, der nie kam, für heute morgen auf die Londoner Brücke bestellt? Eines war gewiß: nämlich, daß er in diesem Augenblick auf der Brücke stand und über die Brustwehr herab auf den Kai spähte, an dem die Dampfboote lagen. Aus Vergnügen geschah es gewiß nicht, denn für Vergnügen hatte Mr. Nadgett keinen Sinn. Er mußte da offenbar etwas anderes zu tun haben. 41. Kapitel Mr. Jonas und sein Freund kommen zu einer Einigung und brechen zu einer Geschäftsreise auf Da die »Anglobengalische uneigennützige Anlehens- und Lebensversicherungsgesellschaft« ganz in der Nähe lag, waren Mr. Montague und Jonas ziemlich bald dort angelangt. Die Fahrt hätte aber geradesogut viele Stunden dauern können, ohne daß einer von beiden ein Wort gesprochen haben würde. Jonas hatte offenbar gar keine Lust, das Schweigen zu brechen, und im Plane seines lieben Freundes lag es durchaus nicht, ihn in eine Unterhaltung zu verstricken. Da kein Grund mehr vorhanden war, sich weiter zu vermummen, hatte Jonas seinen Mantel abgeworfen und über sein Knie gelegt; dabei drückte er sich, wie es der beschränkte Raum nur immer gestattete, in die Wagenecke, um so weit wie möglich weg von seinem Begleiter zu sein. In seinem Wesen war eine große Veränderung eingetreten, wenn man es mit dem Benehmen verglich, das er noch vor ein paar Minuten gezeigt, als Tom ihm im Salon des Schiffes so unerwartet entgegengetreten war, oder mit dem, als ihm damals Mr. Montague in seinem Ankleidezimmer ein paar Worte ins Ohr geflüstert hatte. Er sah ganz aus wie jemand, den man bei irgend etwas Sträflichem ertappt hat oder den man im Schach hält. Er war das Bild eines Menschen, der, von allen Seiten umstellt, endlich dingfest gemacht worden ist. Obgleich noch blaß vor Schrecken und atemlosem Entsetzen, schien er doch irgendwie einen neuen Entschluß gefaßt zu haben, der alle andern Regungen seiner Seele niederkämpfte. Auch in seinen besten Zeiten hatte er niemals sehr gewinnend ausgesehen, um so weniger konnte man das jetzt von ihm erwarten. Seine Unterlippe zeigte tiefe Spuren der Vorderzähne, und dies und die Zeichen der eben mitgemachten Aufregung verschonten sein Aussehen ebensowenig wie die tiefen Falten in seiner Stirn. Aber er hatte sich immerhin bis zu einer gewissen Selbstbeherrschung durchgerungen – zu einer geradezu unnatürlichen Selbstbeherrschung, wie man sie an Menschen, die sonst nichts weniger als mutig sind, in Augenblicken der Verzweiflung wahrzunehmen pflegt. Und als der Wagen hielt, ließ er sich nicht erst lange bitten, sondern sprang entschlossen hinaus und eilte die Treppe hinauf. Der Präsident folgte ihm, schloß, als sie eingetreten waren, die Türe des Sitzungszimmers und warf sich auf sein Sofa. Jonas blieb vor dem Fenster stehen und schaute auf die Straße hinunter, die Stirn an die Scheibe gedrückt und den Kopf in die Hand gestützt. »Das ist wirklich nicht hübsch von Ihnen, Mr. Chuzzlewit«, brach Mr. Montague endlich das Schweigen. »Meiner Seel – wahrhaftig gar nicht hübsch.« »Aber was wollen Sie denn eigentlich von mir?« rief Jonas, jäh herumfahrend. – »Was will man von mir?« »Vertrauen, mein lieber Freund – ein wenig mehr Vertrauen!« antwortete Mr. Montague gekränkt. »Zum Teufel nochmal, weil Sie mir vielleicht so großes Vertrauen entgegenbringen, was?« »Tue ich das nicht?« fragte Mr. Tigg schlicht, erhob sein Haupt und sah Jonas freundlich an. – Aber dieser hatte sich bereits wieder umgedreht. »Tue ich's vielleicht nicht? Habe ich Sie nicht in alle Pläne eingeweiht, die ich zu unserm Besten entwarf – wohlgemerkt zu unserm Besten und zu unserm Vorteil –, nicht bloß zu dem meinigen? Und was ist der Dank dafür? – Ein Fluchtversuch.« »Woher wissen Sie das? Wer sagt Ihnen, daß ich zu fliehen gedachte?« »Wer mir das sagte? Na hören Sie mal! Ein Schiff, das nach Antwerpen geht, und noch dazu in so früher Stunde, und dabei die reizende Vermummung? Na, wenn es da nicht Ihre Absicht war auszureißen, dann bin ich blind. Und wenn Sie mich nicht hintergehen wollten, weshalb sind Sie dann wieder zurückgekommen?« »Ich bin zurückgekommen«, sagte Jonas, »um kein Aufsehen zu erregen.« »Das war sehr klug von Ihnen«, lobte Mr. Tigg. Jonas schwieg und sah noch immer, den Kopf auf die Arme aufgestützt, auf die Straße hinunter. »Trotzdem, Mr. Chuzzlewit«, fing Mr. Montague wieder an, »und trotz allem Vorgefallenen will ich offen gegen Sie sein. Sie hören doch, was ich sage? – Sie drehen mir beständig den Rücken.« »Aber ich höre doch; – weiter.« »Also, ich sage, daß ich trotz allem Vorgefallenen offen gegen Sie sein will.« »Das habe ich bereits gehört. Und ich habe Ihnen auch zu verstehen gegeben, daß ich gehört habe. – Also weiter.« »Sie scheinen etwas gereizt zu sein. – Macht weiter nichts. Zufällig habe ich ein glückliches Temperament. – Aber sehen wir uns jetzt einmal an, wie die Sachen stehen. Vor ein paar Tagen erzählte ich Ihnen, lieber Freund, daß ich glaubte, eine gewisse Entdeckung gemacht zu haben –« »Wollen Sie wohl still sein!« rief Jonas und blickte wild um sich und nach der Türe. »Schon gut, schon gut«, besänftigte ihn Mr. Montague. »Sehr vernünftig, so vorsichtig zu sein. Auch in meinem Interesse, denn wenn meine Entdeckung bekannt wird, hat sie für mich weiter keinen Wert mehr. Sie sehen daraus, lieber Chuzzlewit, wie offen und freimütig ich Ihnen entgegenkomme und Ihnen meine eigenen Schwächen verrate. Aber jetzt zur Sache. Also ich machte eine Entdeckung – oder glaube wenigstens eine gemacht zu haben – und flüsterte sie Ihnen, wiederum ganz mit jenem Vertrauen, das, wie ich zuversichtlich hoffe, zwischen uns besteht, ins Ohr. Vielleicht ist etwas dran, vielleicht auch nicht. Ich habe meine Meinung darüber und Sie wohl die Ihrige. Darüber wollen wir uns nicht streiten. Aber eines, mein lieber Freund: Sie haben Ihre Schwäche verraten. Ich sage weiter nichts als: Sie haben Ihre Schwäche verraten. Möglicherweise suche ich nun diesen kleinen Vorteil zu meinem Nutzen auszubeuten, aber mein Vorteil liegt nicht darin, daß ich diese Entdeckung weiter verfolge oder gegen Sie gebrauche.« »Was heißt das, Sie gebrauchen sie nicht gegen mich?« fragte Jonas, ohne seine Stellung zu verändern. »Ach Gott«, meinte Mr. Montague lachend, »wozu leeres Stroh dreschen.« »Sie wollen mich eben zum Bettler machen –« knurrte Jonas. »Nein.« »Aber natürlich«, schrie Jonas wütend. »Das ist doch das einzige daran, das Ihnen Vorteil bringt. So ist es und nicht anders.« »Ich wünsche lediglich, daß Sie nur noch eine Kleinigkeit mehr riskieren, im Grunde ist gar nichts riskiert – und im übrigen hübsch den Mund halten«, sagte Mr. Montague. »Das haben Sie mir versprochen, und Sie müssen Wort halten. Jawohl, lieber Chuzzlewit, Sie müssen! Überlegen Sie sich die Sache. Wollen Sie nicht – nun, dann ist mein Geheimnis wertlos für mich, und ich kann es in diesem Falle ebensogut Gemeingut werden lassen, wie ich es bisher als Privateigentum betrachtete. Ersteres ist dann vorteilhafter für mich, da ich immerhin ein gewisses Verdienst in Anspruch nehmen kann, wenn ich etwas Derartiges ans Licht bringe. – Aber jetzt zu etwas anderem: Ich brauche Sie ferner als eine Art Köder in einer Sache, die ich Ihnen bereits angedeutet habe. Sie sind nicht der Mann dazu, sich aus dergleichen ein Gewissen zu machen, das weiß ich ganz genau, und der Mensch, um den es sich handelt, ist Ihnen nebenbei vollkommen gleichgültig – wie Ihnen die ganze Welt gleichgültig ist, denn Sie sind viel zu – ›gerissen‹, als daß es anders sein könnte – und wenn er etwas dabei verliert, ja sogar meinetwegen ruiniert wird, so werden Sie das mit frommer Standhaftigkeit zu ertragen wissen. Hahaha! – – – Sie haben nun versucht, sich heute meiner Machtsphäre zu entziehen, aber ich versichere Ihnen, gegen dergleichen habe ich vorgebaut. Das haben Sie übrigens heute gesehen. Sie wissen, daß ich kein Moralist bin, und ich kümmere mich den Teufel darum, was Sie getan oder gelassen haben, und wenn Sie eine kleine Unvorsichtigkeit begangen haben, so geht das mich nichts an. Ich wünsche lediglich dadurch zu profitieren, und einem Manne von Ihrer Einsicht gegenüber trage ich auch kein Bedenken, dies offen einzugestehen. Ich habe diese Schwäche übrigens nicht allein, glaube ich. Jeder sucht die Unklugheit seines Nächsten auszunutzen, und die Angesehensten und Leute von bestem Rufe pflegen das am liebsten zu tun. Warum bereiten Sie mir also solche Schwierigkeiten? Es muß ganz einfach zwischen uns zu einem freundschaftlichen Einverständnis oder aber zu einem Bruche kommen. Ein Drittes gibt es nicht. Im ersten Fall kommen Sie mit einem blauen Auge davon, im letzteren – – – nun, Sie wissen ja am besten, was daraus resultieren kann.« Jonas wandte sich vom Fenster weg und ging auf Mr. Tigg zu. Er sah ihm dabei nicht ins Gesicht, denn das war nicht seine Art, aber er heftete seine Augen auf ihn – auf seine Brust oder auf die Schulter – und bemühte sich, offenbar mit größter Anstrengung, eine deutliche Antwort hervorzubringen, ungefähr in der Weise eines Menschen, der zwischen Trunkenheit und klarem Bewußtsein kämpft. »Leugnen hat keinen Zweck«, krächzte er endlich heraus, »das ist klar. Gut, ich hatte vor, heute morgen zu fliehen, – das heißt, besser gesagt, mich ins Ausland zu begeben, um mich aus der Ferne besser mit Ihnen verständigen zu können.« »Selbstverständlich, natürlich!« sagte Mr. Montague. »Und ich habe das vorausgesehen und bin Ihnen zuvorgekommen. Aber, Pardon, ich habe Sie unterbrochen.« »Und ich will Sie auch nicht fragen«, fuhr Jonas mit gewaltsamer Anstrengung fort, »wie, zum Teufel, Sie gerade den Boten gewählt haben, der mir den Brief brachte, und wo sie ihn aufgefunden haben. Ich habe sowieso mit dem Burschen noch ein Hühnchen zu pflücken. Wenn Ihnen die ganze Welt so gleichgültig ist, wie Sie soeben gesagt haben, so wird es Ihnen auch ganz gleichgültig sein, was aus einem solchen Mistköter wird wie diesem Burschen. Sie werden daher wohl nichts dagegen haben, wenn ich mit ihm abrechne, wie es mir beliebt?« Hätte Jonas Mr. Tigg ins Gesicht gesehen, so würde er bemerkt haben, daß dieser den Sinn seiner Worte gar nicht begriff. Da er aber, seinen haßerfüllten Blick seitwärts gerichtet, nicht aufsah und jetzt nur innehielt, um sich seine fieberhaft ausgetrockneten Lippen anzufeuchten, so entging ihm diese Tatsache. Mr. Montague seinerseits war rasch mit seiner Antwort zur Hand, obgleich er sie aufs Geratewohl gab. Diesbezüglich herrsche nicht die geringste Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen, sagte er, nicht im geringsten. »Die große Entdeckung, von der Sie reden«, fuhr Jonas mit krankhaftem Hohnlächeln fort, »kann wahr und kann falsch sein. So oder so, eins ist gewiß: daß ich nicht schlechter bin als andere Menschen.« »Nicht im geringsten«, beteuerte Mr. Tigg, »nicht im geringsten. Wir alle sind einander gleich – oder doch wenigstens so ziemlich.« »Ich möchte nur wissen«, sagte Jonas, »sind Sie selbst dahintergekommen? Sie brauchen sich nicht zu wundern, daß ich diese Frage stelle.« »Selbst dahintergekommen?« wiederholte Mr. Montague unsicher. »Ja«, versetzte Jonas mürrisch: »Ob sonst noch jemand davon weiß? Na, heraus damit, machen Sie keine Umstände.« »Nein«, sagte Montague fest und ruhig. »Was glauben Sie denn, wäre das Geheimnis für mich wert, wenn ich es nicht allein besäße.« Jetzt zum erstenmal sah ihm Jonas ins Gesicht. Nach einer Pause streckte er die Hand aus und sagte lachend: »Na, also gut; machen Sie mir die Sache nicht zu schwer, und ich bin der Ihrige. Wer weiß, vielleicht bin ich im Grunde hier besser aufgehoben, als wenn ich diesen Morgen ins Ausland gegangen wäre. Aber jetzt bin ich nun einmal hier und bleibe auch, darauf können Sie sich verlassen.« Er räusperte sich, denn seine Sprache wurde wieder heiser. Dann fuhr er mit hellerer Stimme fort: »Also, wann wollen Sie, daß ich zu Pecksniff gehe? Sie brauchen nur zu bestimmen.« »Sogleich«, rief Mr. Montague. »Man soll so etwas nie verschieben.« »Donnerwetter«, rief Jonas mit wildem Lachen. »Eigentlich ist es ein Mordsjux, den alten Heuchler zu fangen. Ich hasse ihn. – Soll ich noch diesen Abend fahren?« »Bravo«, rief Mr. Montague entzückt. »Das nenne ich mir Geschäftssinn. Ich sehe schon, wir verstehen uns. Unter allen Umständen heute abend, lieber Freund.« »Begleiten Sie mich. Wir müssen in Prunk und Pracht auftreten und Dokumente mitnehmen, denn er ist ein verdammt schlauer Fuchs, und wenn man nicht sehr listig zu Werke geht, ist er nicht zu fangen. Ich kenne ihn. Da ich Ihr Logis und Ihre Dinners nicht mitnehmen kann, so muß ich eben Sie mitnehmen. Also abgemacht, nicht wahr?« Mr. Tigg schien zu schwanken. Er hatte diesen Vorschlag weder erwartet, noch fand er sonderlichen Geschmack daran. »Unsern Plan können wir ja auf dem Wege besprechen. Wir dürfen uns nicht direkt zu ihm begeben, sondern müssen von irgendeinem andern Ort vorbeigefahren kommen, als hätten wir einen Abstecher gemacht, um ihn zu besuchen. Aber jedenfalls müssen Sie mit dabei sein. Ich kenne meinen Mann, seien Sie versichert.« »Aber was, wenn der Mann auch mich kennt?« wendete Mr. Montague voll Bedenken ein. »Wenn er Sie kennt?« rief Jonas. »Riskieren Sie denn dasselbe nicht mindestens fünfzigmal am Tag auch ohne dies? Würde Ihr eigener Vater Sie erkennen? Habe ich Sie vielleicht erkannt? Zum Donnerwetter, Sie haben damals verflucht anders ausgesehen! Hahaha! Ich sehe heute noch die Fetzen und Lumpen vor mir. Was wäre übrigens auch dran, wenn er Sie erkennt? Eine solche Veränderung würde nur beweisen, daß Sie gute Geschäfte gemacht haben. Aber das wissen Sie ja selbst. Sie hätten sich doch auch sonst mir gegenüber nicht zu erkennen gegeben. Also wollen Sie mitkommen?« »Mein lieber Freund«, sagte Mr. Montague noch immer unentschieden, »ich kann Ihnen jetzt auch allein trauen.« »Donnerwetter noch mal, das will ich meinen; allerdings können Sie das. Ich werde gewiß keinen Versuch mehr machen, auszureißen, darauf können Sie sich verlassen. Nein, jetzt nicht mehr.« – Jonas hielt plötzlich inne und setzte nüchtern hinzu: »Aber ohne Sie kann ich unmöglich gehen. Also kommen Sie?« »Nun gut, wenn Sie's denn durchaus wollen«, antwortete Mr. Montague. – Sie schüttelten einander die Hände. – »Abgemacht.« Die laute lärmende Art, die Jonas während des letzten Teils dieses Zwiegespräches an den Tag gelegt und die sich fast mit jedem Satze gesteigert hatte, verließ ihn jetzt nicht mehr. Sie hätte zu jeder andern Zeit höchst ungewöhnlich und als mit seinem Charakter unvereinbar erscheinen müssen, aber unter so kritischen Umständen war es besonders auffallend, daß er plötzlich so aufgeräumt zu sein schien. In einer Hinsicht hatte er eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Betrunkenen, aber andererseits sprach er vollkommen zusammenhängend und überlegt. Nicht minder merkwürdig war auch, daß dieser Zustand ihn gegen die Wirkung von Alkohol fest zu machen schien, und trotzdem er den ganzen Tag oft und stark trank, so sank oder hob sich seine Lebhaftigkeit dennoch nicht im geringsten. Nachdem die beiden Ehrenmänner übereingekommen waren, die Nacht durch zu fahren, um in den Tagesgeschäften keine Stockung eintreten zu lassen, berieten sie sich über die Art und Weise, wie sie reisen wollten. Mr. Montague hielt es für geraten, vierspännig zu fahren, da das den Leuten mehr Sand in die Augen streue, und so wurde denn um neun Uhr ein vierspänniger Wagen bestellt. Jonas ging nicht erst nach Hause, denn er meinte, wenn er in Geschäftssachen die Stadt in so großer Hast verlasse, so werde das die beste Entschuldigung für die plötzliche Umkehr von heute morgen für ihn sein. Er schickte also nur einen Boten mit ein paar Zeilen zu seiner Frau, um seinen Mantelsack holen zu lassen, und als der Mann mit dem verlangten Gepäck zurückkam, brachte er auch ein paar Zeilen von Gratia mit, die darin um die Erlaubnis bat, Jonas vor seiner Abreise noch einen Augenblick sprechen zu dürfen. Da aber dieser keine andere Antwort darauf hatte als ein: »Sie solle sich zum Teufel scheren«, so hielt sie es für das geratenste, zu Hause zu bleiben. Mr. Montague hatte den Tag über noch allerlei zu tun, und so ließ Mr. Chuzzlewit seine gute Laune an dem Doktor aus, mit dem er auf dessen Zimmer frühstückte. Auf dem Wege dahin begegnete er Mr. Nadgett und neckte diesen geheimnisvollen Gentleman mit der Frage, ob er sich vielleicht vor ihm fürchte. Mr. Nadgett erwiderte etwas scheu: »Das gerade nicht, sogar bestimmt nicht« – aber es scheine eine Art Angewohnheit von ihm zu sein, sich immer so zu benehmen, als täte er es, denn man habe ihm dergleichen schon öfters vorgeworfen. Mr. Montague hörte das Gespräch mit an, und als Jonas fort war, winkte er Mr. Nadgett mit dem Federhalter zu sich und fragte ihn: »Wer hat ihm denn heute früh meinen Brief gegeben?« »Mein Mieter, Sir«, flüsterte Mr. Nadgett hinter der Hand hervor. »Wie ging denn das eigentlich zu?« »Ich bemerkte ihn zufällig auf dem Kai, Sir, und da die Sache große Eile hatte und Sie nicht kamen, so galt es, geschwind irgend etwas zu tun. Hätte ich ihm selbst den Brief überreicht, wäre ich in Hinkunft in meiner weiteren Tätigkeit behindert gewesen. Er hätte mich sofort durchschaut gehabt.« »Mr. Nadgett, Sie sind ein Juwel!« jubelte Mr. Montague und klopfte dem Detektiv auf den Rücken. »Wie heißt denn Ihr Mieter?« »Pinch, Sir – Mr. Thomas Pinch.« Mr. Montague sann eine kleine Weile nach und fragte dann: »Ist er aus der Provinz – wissen Sie das vielleicht?« »Er ist aus Wiltshire, Sir, wie er mir sagte.« Dann trennten sie sich. Wer mit ansah, was für ein Kompliment Mr. Nadgett seinem Prinzipal machte, als er das nächstemal mit ihm zusammenkam, und wie sich dieser wieder gegen ihn verbeugte, würde darauf geschworen haben, die beiden hätten in ihrem Leben noch nicht ein einziges vertrautes Wort miteinander gewechselt. Inzwischen erquickten sich Mr. Jonas und der Doktor im oberen Stock an einer guten Flasche Madeira und einigen Sandwichs, denn der Doktor, der bereits zum Dinner um sechs Uhr abends eingeladen war, wollte zum Lunch nur eine kleine Erfrischung einnehmen. »Dies ist aus zwei Gesichtspunkten sehr rätlich«, erklärte er. »Erstens ist es an und für sich gesund, und zweitens bekommt man dadurch Appetit zum Mittagessen. Man ist vor allem verpflichtet, besondere Sorgfalt auf die Verdauung zu verwenden, Mr. Chuzzlewit«, sagte er, trank ein Glas Wein aus und schmatzte mit den Lippen. »Verlassen Sie sich darauf, es lohnt die Mühe. Die Verdauung muß in bewunderungswürdigem Zustand sein – sozusagen ein vollkommenes Uhrwerk repräsentieren. ›Unsres Busens Herrschaft sitzt leicht auf seinem Throne‹, sagte ein gewisser Dichter in einer Komödie. Übrigens so nebenbei: es wäre besser gewesen, er hätte unserem Beruf in dieser Komödie ein wenig mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es kommt nämlich ein Apotheker in dem Stück vor, Sir – ein ganz erbärmlicher Bursche –, Sir, ein höchst gemeiner Kerl, und außerordentlich unnobel.« Dabei zupfte Doktor Jobling an seinem feinen Busenstreifen, als wollte er sagen: » Das ist's, was ich bei einem Manne von unserm Fach nobel nenne, Sir«; und sah Jonas, eine Antwort erwartend, an. Dieser war jedoch durchaus nicht in der Stimmung, das Thema weiterzuspinnen, und nahm schweigend ein Lanzettetui, das neben ihm lag, zur Hand, und öffnete es. »Hm«, sagte der Doktor erklärend und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, »ich lege es stets ab; es geniert mich in der Tasche, wenn ich esse. Hahaha!« Jonas hatte eins der blitzenden kleinen Instrumente aus dem Futteral gezogen und prüfte es mit einem Blick so scharf wie die Schneide des Instruments selbst. »Guter Stahl, Doktor, was? Guter Stahl.« »O ja«, sagte der Doktor bescheiden, »vorzüglich zum Aderlassen, Mr. Chuzzlewit.« »Hat wohl auch schon mehr als eine geöffnet, was?« fragte Jonas und betrachtete das Instrument mit steigendem Interesse. »Nicht wenige, mein werter Herr, nicht wenige. Es hat mir in meiner ziemlich ausgedehnten Praxis seine Dienste geleistet, wie ich wohl sagen darf«, sagte der Doktor, sich räuspernd, als sei die Sache so selbstverständlich, daß sie wohl keiner weiteren Erklärung bedürfe. »Ja, hem, in meiner sehr umfangreichen Praxis«, wiederholte er und setzte wieder sein Glas Wein an den Mund. »Was meinen Sie, könnte man mit einem solchen Ding wohl einem Menschen die Kehle durchschneiden?« fragte Jonas. »Nun, das versteht sich. Selbstverständlich, wenn Sie ihn an der rechten Stelle treffen. Darauf kommt alles an.« »Da, wo Sie jetzt Ihre Hand haben, wie?« rief Jonas, sich vorneigend, um genauer hinzusehen. »So ist es, Sir«, bestätigte der Doktor, »das ist die Vena jugularis. « Jonas fuhr mit dem Stahl in seiner Lebhaftigkeit so dicht vor des anderen Schlagader durch die Luft, daß dieser einen Augenblick ganz bestürzt war; dann brach er plötzlich in ein lautes mißtönendes Gelächter aus. »Oh! Oh!« rief der Doktor kopfschüttelnd, »da muß man sich wohl ein wenig in acht nehmen. Mit so scharfen Messern darf man nicht spielen. Übrigens, da fällt mir gerade ein merkwürdiges Beispiel ein, wie wirksam ein solches Instrument sein kann, wenn man es geschickt handhabt. Es handelte sich dabei um einen Mord. Ja, ich fürchte, es war ein Mord, den einer unseres Berufes begangen haben muß, da er so kunstgerecht ausgeführt wurde.« »Wieso?« fragte Jonas, »das interessiert mich.« »Ach, sehen Sie, Sir«, erklärte Mr. Jobling, »die Sache war eigentlich ganz einfach. Eines Morgens fand man einen Herrn in einer dunklen Straße aufrecht im Winkel eines Torweges angelehnt, und auf seiner Weste war nur ein einziger Tropfen Blut sichtbar. Und doch war er tot, mausetot und kalt, und offenbar ermordet worden.« »Nur ein einziger Tropfen Blut«, wiederholte Jonas. »Jawohl, Sir, er war genau durchs Herz gestochen worden, und zwar mit solcher Sicherheit, daß er sofort tot war und sich innerlich verblutete. Man vermutet, daß ein Arzt, ein Freund von ihm – auf den man später Verdacht hatte –, ihn unter irgendeinem Vorwand in ein angelegentliches Gespräch verwickelt, ihn wahrscheinlich, wie man so pflegt, beim Rockknopf genommen hatte, mit der andern Hand so in aller Muße und unauffällig das Terrain prüfte – sozusagen –, dann den richtigen Punkt herausfand, geschwind das Instrument, oder was es sonst war, herauszog und im rechten Augenblick –« »Zustach«, ergänzte Jonas. »Richtig. Man hätte es geradesogut eine Operation nennen können, die ganz prächtig ablief. Der ärztliche Freund hat sich nie wieder blicken lassen; aber trotzdem man überzeugt war, er sei der Mörder, konnte man ihm doch nichts beweisen. Ich hatte die Ehre, mit zwei oder drei Kollegen zu diesem Fall gerufen zu werden. Und da ich mit ihnen zusammen die Wunde sorgfältig untersuchte, nahm ich auch keinen Anstand zu versichern, daß es eine Art Operation war, die jedem Arzte Ehre gemacht hätte, und daß es, wenn der Täter kein Arzt gewesen, entweder als ein ganz außerordentliches Kunststück oder als das Resultat eines geradezu wunderbaren Zufalls angesehen werden müsse.« Jonas Chuzzlewit interessierte sich so lebhaft für den Fall, daß der Doktor ihm schließlich die Sache noch näher erklärte und praktisch anschaulich machte, indem er Finger, Daumen und Weste zu Hilfe nahm, sich auf Jonas' Ersuchen in eine Zimmerecke stellte und in eigener Person bald den Mörder, bald den Ermordeten spielte. Als die Flasche ausgetrunken und die Geschichte zu Ende war, befand sich Jonas wieder in derselben seltsamen, krampfhaft fröhlichen Stimmung wie vorhin. Wenn der Grund dazu, wie Mr. Jobling nach seinen Theorien annehmen mußte, in einer guten Verdauung lag, so mußte Jonas wahrhaftig einen Straußenmagen haben. Bei und nach dem Dinner hielt dieselbe Stimmung noch immer an, obgleich vorzüglich gespeist und Wein im Überfluß getrunken wurde. Auch um neun Uhr hatte sie noch nicht nachgelassen. Da der Wagen inwendig durch eine Laterne beleuchtet war, so bestand Jonas darauf, man müsse ein Spiel Karten und eine Flasche Wein mitnehmen, und wirklich nahm er auch beides unter seinen Mantel, als er und Montague hinab zur Haustür gingen. »Aus dem Weg da, Knirps, scher dich ins Bett!« Mit diesem Gruß beehrte er Mr. Bailey, der gestiefelt und gespornt am Wagenschlag stand, um ihm hineinzuhelfen. »Ins Bett, Sir? Ich fahr doch mit«, sagte Mr. Bailey. Rasch sprang Jonas wieder aus dem Wagen heraus, packte Mr. Bailey am Kragen und schleppte ihn in den Hausflur zurück, wo Mr. Montague sich soeben eine Zigarre anzündete. »Sie werden doch diesen Affen da nicht mitnehmen wollen, was?« »Allerdings«, antwortete Mr. Montague. Jonas rüttelte den Jungen noch tüchtig durch und schleuderte ihn dann beiseite. Es lag mehr von seinem wirklichen Ich in dieser Handlung als in allem, was er heute gezeigt und getan. Gleich darauf brach er in ein lautes Lachen aus, führte mit der Hand einen Stoß nach der Brust des Doktors, um das Manöver des »ärztlichen Freundes« nachzuahmen, verfügte sich dann wieder zum Wagen und nahm seinen Sitz ein. Mr. Montague folgte ihm auf dem Fuß, und Mr. Bailey kletterte hinten auf seinen Bedientensitz. »Es wird heute eine böse Nacht geben«, rief der Doktor, als sie fortfuhren. 42. Kapitel Wie Mr. Jonas' und seines Freundes Unternehmen ablief Die Prophezeiung des Doktors in bezug auf die Nacht ging bald in Erfüllung. Wenn auch der Himmel nicht zu Joblings Patienten zählte und diesen auch keine dritte Person aufgefordert hatte, ein Gutachten über den Fall abzugeben, so lieferte er dennoch auch diesmal einen Beweis von der Richtigkeit seiner Diagnosen – wenn auch das bedrohliche Aussehen des Abends eine solche nicht besonders schwierig machte. Es war eine jener stillen schwülen Nächte, wo die Leute am Fenster sitzen, auf den Donner horchen und mit jedem Augenblick auf das Losbrechen des Gewitters warten – eine der Nächte, in denen man sich gern unheimliche Geschichten von Orkanen und Erdbeben, von einsamen Wanderern auf freier Ebene und von Schiffen auf der See, die vom Blitz getroffen werden, erzählt. Da und dort flammte bereits ein Blitz an dem schwarzen Horizonte auf, und der Wind heulte hohl in der Ferne, wie als Träger des Echos des Donners weit hinter den Wolken. Immer rascher zog sich das Unwetter zusammen, und die Stille wurde um so feierlicher, als die Luft voll Ahnung eines fernen Tosens schien. Es war sehr dunkel, und an dem düstern Himmel zeigten sich Wolkenmassen von fahlem Licht, wie ungeheure Kupferklumpen, die nach dem Erhitzen im Ofen allmählich erkalten. Langsam und unaufhaltsam waren sie heraufgezogen und standen jetzt fast regungslos wie eine Mauer, und als der Vierspänner an den Straßenecken vorüberrasselte, kam er überall an Menschengruppen vorbei, die – meistens ohne Hut auf dem Kopf – aus ihren nahen Wohnungen herausgekommen waren, um sich die Wolkengebilde zu betrachten. Dann fingen einige große schwere Tropfen an zu fallen, und der Donner grollte in der Ferne. Jonas saß in einer Ecke im Wagen und hielt die Flasche auf seinen Knien so fest in der Hand, als wolle er ihren Hals zerbrechen. Unwillkürlich in die dunkle Nacht hinausblickend, hatte er das Paket Karten auf den Polstersitz gelegt, als sein Begleiter aus einem unbestimmten Drange heraus die Lampe auslöschte. Die Vorderfenster waren herabgelassen, und so blieben die beiden stumm sitzen und sahen schweigend auf die unheimliche Landschaft hinaus. Sie hatten London im Rücken – das heißt so gut wie im Rücken, da sie sich noch auf der ersten Station nach Westen zu befanden. Hin und wieder begegneten sie einem Fußgänger, der dem nächsten schützenden Dache zueilte, oder einem schwerfälligen Frachtwagen, der in starkem Trabe demselben Ziele zustrebte. Kleine Gruppen solcher Fuhrwerke umstanden die Ställe oder Fütterungsplätze jedes Gasthauses an der Straße, während die Kutscher an offenen Fenstern und Türen das Wetter beobachteten oder drinnen in den Wirtsstuben zechten. Überall legten die Menschen die Neigung an den Tag, sich zusammenzuschließen, so daß ganze Gruppen Gesichter vor fast jedem Hause den vorüberfahrenden Vierspänner mit neugierigen Blicken verfolgten. Es klingt vielleicht sonderbar, daß dies Jonas störte, aber dennoch war es der Fall. Er brummte jedesmal dabei etwas vor sich hin und rückte unruhig auf seinem Sitze hin und her. Dann wieder zog er den Fenstervorhang herunter und lehnte sich mürrisch an die Seitenwand. Dabei blickte er jedoch weder seinen Reisegefährten an, noch unterbrach er durch ein Wort das Stillschweigen, das zwischen ihnen herrschte. Der Donner rollte, die Blitze leuchteten, und der Regen strömte gleich einer Sintflut hernieder. Eine Sekunde lang von blendender Helle umgeben, dann wieder in pechfinstere Nacht getaucht, setzten sie noch immer ihre Reise fort. Als sie das Ende der Station erreichten, wollten sie nicht bleiben, sondern bestellten sofort neue Pferde. Es war nicht etwa deshalb, weil das Ungewitter fünf Minuten lang den Anschein hatte, als ob es vorübergehen wolle, sondern, sozusagen, aus innerem Zwange heraus. Obgleich sie keine zwölf Worte miteinander wechselten und ganz gut hätten irgendwo einkehren können, so schienen sie doch instinktiv zu fühlen, daß sie vorwärts mußten. Lauter und lauter grollte der Donner, nachhallend, als rolle er durch Myriaden von Säulengängen irgendeines Riesentempels am Firmament, und ungestümer und blendender zuckten die Blitze, und immer schwerer prasselte der Regen hernieder. Die Pferde – sie reisten jetzt nur noch mit einem einzigen Paar – stutzten alle Augenblicke und bäumten sich vor den Bächlein zitternden Feuers, die sich auf der Erde in den Pfützen vor ihnen wie Schlangen fortzubewegen schienen, aber wortlos blieben die beiden sitzen, und fort ging's, als würde der Wagen durch einen unsichtbaren Zauber fortgezogen. Beim jedesmaligen Aufzucken der Blitze sahen sie in einer einzigen Sekunde eine Menge von Gegenständen, die sie am hellen Mittag nicht in fünfzigmal so langer Zeit auf einmal hätten überblicken können: die Glocken, wie sie in den Kirchtürmen hingen mit Seil und Rad, struppige Vogelnester in Ritzen und Spalten, bestürzte Gesichter in den leinwandbedachten Wagen, die sich vorüberschleppten und deren erschrockenes Gespann entsetzt Lärm schlug, was aber die Stimme des Donners sofort übertönte; – Egge und Pflug, stehengelassen auf den Feldern –, meilenweite Strecken von heckendurchzogenem Land, mit Baumreihen in weiter Ferne, die ebenso deutlich zu sehen waren wie die Vogelscheuche in dem Bohnenfeld dicht daneben, alles stand in zitterndem, blendendem, flüchtigem Nu deutlich und klar vor ihnen. Erst ging der gelbe Lichterglanz in ein feuriges Rot über, dann wieder wurde es blau, weiß, hell und grell, daß man gar nichts mehr sehen konnte als das blendende Licht, und dann war wieder alles in tiefste Finsternis gehüllt. Ein Blitz in seiner zackigen, blendenden Gestalt schien einen Augenblick lang eine seltsame optische Täuschung vor Mr. Montagues Augen erzeugt zu haben. Gleich darauf war wieder alles vorüber. Er vermeinte eine Sekunde lang Jonas' aufgehobene Hand gesehen zu haben, die Flasche wie einen Hammer umkrallend, als wolle er sie auf seinen Kopf niedersausen lassen; zugleich bemerkte er – oder glaubte zu bemerken –, daß in Jonas' Gesicht ein Ausdruck voll so furchtbarer Aufregung, voll so grimmigen Hasses und blinder Furcht lag, daß er unwillkürlich einen Schrei ausstieß und dem Kutscher zurief zu halten. Offenbar mußte er sich getäuscht haben, denn, obgleich er kein Auge von seinem Begleiter verwandt hatte, konnte er doch keine Bewegung an diesem wahrnehmen. Jonas Chuzzlewit saß in seiner Ecke zurückgelehnt wie zuvor. »Was gibt's?« fragte Jonas. »Schreien Sie immer so auf, wenn Sie erwachen?« »Ich möchte darauf schwören«, brummte Mr. Tigg, »daß ich meine Augen die ganze Zeit über offen hatte.« »Nun, wo Sie's jetzt beschworen haben«, sagte Jonas kühl, »so glaube ich, wäre es vielleicht das beste, wir fahren wieder weiter; vorausgesetzt, daß das der einzige Grund ist, weshalb Sie haltgemacht haben.« Damit entkorkte er die Flasche mit den Zähnen, setzte sie an den Mund und tat einen langen Zug. »Ich wollte, wir hätten diese Reise nicht angetreten«, stöhnte Mr. Montague, sich instinktiv in seine Ecke drückend, und mit einer Stimme, die deutlich seine innere Aufregung verriet, »das ist keine Nacht zum Reisen.« »Donnerwetter noch mal, da haben Sie recht«, krächzte Jonas, »und wir wären auch gar nicht hier, wenn Sie nicht darauf gedrungen hätten. Würden Sie mich nicht den ganzen Tag hingehalten haben, so könnten wir jetzt ganz behaglich in Salisbury in einem guten Hotelbett schlafen. Warum machen Sie denn schon wieder halt?« Mr. Tigg hatte den Kopf einen Augenblick zum Fenster hinausgesteckt und sagte, als er ihn wieder hereinzog, der Grund sei, daß der Junge bis auf die Haut durchnäßt sein müsse. »Geschieht ihm ganz recht«, brummte Jonas. »Freut mich nur. Was, zum Teufel, brauchen Sie da halten zu lassen? Wollen Sie ihn vielleicht zum Trocknen aufhängen?« »Ich hätte eigentlich Lust, ihn herein in den Wagen zu nehmen«, bemerkte Mr. Montague zögernd. »Na, dafür bedanke ich mich bestens«, sagte Jonas. »Weiter fehlte uns gerade nichts. Den durchnäßten Burschen auch noch hier zu haben! Lassen Sie ihn nur, wo er ist; er fürchtet sich nicht vor dem bißchen Donnern und Blitzen, dächte ich, wenn auch andere sich fürchten. Fahren Sie nur zu, Kutscher – oder möchten Sie vielleicht auch den hereinnehmen?« höhnte er. »Und die Pferde dazu?« »Fahren Sie nicht wieder so toll drauflos wie vorhin«, ermahnte Mr. Montague den Kutscher, »und geben Sie ein bißchen acht. Sie waren verwünscht dicht am Graben, als ich Sie vorhin anrief.« Davon war nicht ein Wort wahr, und Jonas sagte es auch brüsk heraus, als sie wieder weiterfuhren. Mr. Montague nahm jedoch wenig oder gar keine Notiz davon, sondern wiederholte bloß, es sei »keine Nacht zum Reisen«. Und sowohl jetzt wie auch später verriet er ununterbrochen eine große Ängstlichkeit. Jonas hingegen hatte seine frühere gute Laune wiedergewonnen, wenn man diese Bezeichnung auf den Zustand anwenden kann, in dem er die Stadt verlassen hatte. Immer wieder führte er die Flasche zum Mund, sang einzelne Strophen aus Liedern, mißtönend und ohne auf die Melodie Rücksicht zu nehmen, und nötigte dadurch seinen stummen Freund, in seine Lustigkeit mit einzustimmen. »Sie sind der beste Gesellschafter von der Welt, lieber Freund«, sagte Mr. Montague mit gepreßter Stimme, »und im allgemeinen unwiderstehlich. Aber diese Nacht – – haben Sie jetzt gehört?« »Donnerwetter noch mal, natürlich höre ich's und sehe es obendrein«, rief Jonas, vor dem Blitz, der in diesem Augenblick das ganze Firmament durchzuckte, sich die Augen beschattend. »Aber was weiter? Geht das Sie oder mich oder unsere Angelegenheiten an, was? Chorus! Chorus! Soll es blitzen durch den Sturm, Bis es treibt den roten Wurm Aus dem Feld, draus Galgen ragen. Toten hat der Blitz nichts an; Retten kann sich nicht der Mann, Dessen letzte Stund geschlagen. Famoses altes Lied«, schloß er mit einem Fluch, als er, fast über sich selbst verwundert, in seinem Gesange innehielt. »Ich hab's seit meiner Knabenzeit nicht mehr gehört. Weiß der Teufel, wie's mir gerade jetzt in den Kopf kommt. Vielleicht hat mir's der Blitz hineingejagt. ›Den Toten hat der Blitz nichts an‹, nein, nein, und ein Entrinnen gibt's auch nicht, selbstverständlich nicht. Hahaha.« Seine Fröhlichkeit hatte etwas so seltsam Schauerliches und paßte so unbeschreiblich gut zu dem Schrecken der Nacht, die sie roh verhöhnte, daß Mr. Montague, der ohnedies eine Memme von Haus aus war, vor ihm förmlich zurückbebte. Statt daß Jonas sein Werkzeug gewesen wäre, waren jetzt die Rollen vertauscht. Aber auch das ließe sich beruhigend erklären, dachte Mr. Montague. Das Bewußtsein der Erniedrigung mußte einen solchen Menschen antreiben, sich mit lärmender Ausgelassenheit zu betäuben, um seine wirkliche Lage zu vergessen. Für solche Dinge hatte Mr. Montague aus Erfahrung einen scharfen Blick, und er zögerte daher nicht, dieses Argument in seiner ganzen Gewichtigkeit anzuerkennen. Dennoch wollte ihn ein gewisses unheimliches Gefühl nicht verlassen, und er fühlte sich verzagt und unruhig. Geschlafen hatte er nicht – das wußte er gewiß. Aber eine optische Täuschung war immerhin möglich, und, wenn er jetzt Jonas in einem von Blitzlicht erhellten Moment ansah, so war es ihm ein leichtes, sich seine Gestalt in jeder Haltung, die dem Zustand seines Geistes entsprach, vorzustellen. Andererseits war er sich klar darüber, daß Jonas natürlich keinen Grund haben konnte, ihn zu lieben, und selbst im Falle, daß er sich die Pantomime, die er gesehen zu haben glaubte, nicht als die Ausgeburt seiner Phantasie, sondern als wirklich stattgefundene Gebärde dachte, so mußte er immerhin sagen, daß sie tatsächlich im Einklang stand mit Mr. Chuzzlewits offenkundig diabolischer Stimmung und den Anschein von Wahrheit in sich trug. »Wenn er mich mit seinem bloßen Wunsche töten könnte«, dachte Mr. Tigg, »würde ich wohl am längsten gelebt haben.« Er nahm sich daher vor, Jonas die Kandare so fest wie möglich anzuziehen, wenn er ihn einmal gehörig ausgenutzt haben werde; vorläufig jedoch konnte er nichts Besseres tun, als ihn seinen eigenen Weg gehen zu lassen und seine seltsame Heiterkeit nicht zu stören; und es war kein besonders großes Opfer, ihn vorläufig gewähren zu lassen. »Wenn er mir die Kastanien aus dem Feuer geholt hat«, sagte sich Mr. Montague, »gehe ich sowieso übers große Wasser und habe die Lacher auf meiner Seite und den Gewinn in der Tasche obendrein.« Mit derartigen Betrachtungen vertrieb er sich Stunde um Stunde, denn er befand sich in jenem gewissen Gemütszustand, wo dieselben Gedanken immer wieder von neuem ihren Kreislauf beginnen. Jonas hingegen, der alles Grübeln aufgegeben zu haben schien, vertrieb sich die Zeit wie bisher. Sie waren übereingekommen, nach Salisbury und am nächsten Morgen zu Mr. Pecksniff hinüberzufahren, und bei der Aussicht, seinen vortrefflichen Schwiegervater übers Ohr hauen zu können, wurde Jonas womöglich noch ausgelassener als früher. Weiter rückte die Nacht vor, immer seltener dröhnte der Donner, nur mehr dumpf und traurig in der Ferne grollend. Auch die Blitze, wenn auch noch ziemlich hell und häufig, waren im Vergleich zu früher harmloser geworden; bloß der Regen strömte so heftig wie anfangs. Zu ihrem Unglück hatten sie gegen Morgengrauen und auf der letzten Station ein Paar schlecht eingefahrene Pferde bekommen. Die Tiere waren bereits im Stall durch das Ungewitter nervös geworden und erwiesen sich jetzt, wo sie in das schaurige Zwielicht herausgeführt wurden und der Glanz der Blitze vom Tageslicht noch nicht gedämpft war und alle Gegenstände sich in undeutlichen und vergrößerten Formen zeigten, noch unlenkbarer. Es kam so weit, daß sie schließlich vor jedem Baum oder Balken am Wege scheuten, endlich wild einen steilen Hügel hinunterjagten, den Kutscher aus dem Sattel warfen, den Wagen an den Rand eines Grabens hinschleppten und ihn dann mit einem Krach umwarfen. Die Reisenden hatten sofort den Kutschenschlag aufgerissen und waren herausgestürzt oder herausgesprungen. Jonas war der erste, der wieder auf den Beinen stand. Halb ohnmächtig und schwindlig taumelte er gegen ein fünffach versiegeltes Tor, an dem er sich anlehnte. Die ganze Landschaft drehte sich vor seinen Augen im Kreise, aber nach und nach kehrte sein Bewußtsein wieder, und sogleich nahm er wahr, daß Mr. Montague ein paar Schritte von den Pferden entfernt bewußtlos auf der Straße lag. Sofort eilte er, wie von einem Dämon beseelt, zu den Pferden, zerrte mit aller Macht an ihren Zügeln und drängte die wütend ausschlagenden Tiere mit ihren Hinterhufen immer näher und näher zu dem Kopf des bewußtlos Daliegenden hin. Dabei kämpfte er mit den Pferden mit voller Besonnenheit und machte sie durch seine Zurufe immer wilder und wilder. »Hö!« rief er. »He, hö! Nochmal, nochmal zurück. Hallo, ho«, und als der Kutscher, der sich inzwischen erhoben, herbeigeeilt kam und ihm zurief, innezuhalten, steigerte sich noch seine Heftigkeit. »Hallo, ho«, rief er in einem fort. »Um Gottes willen«, heulte der Kutscher, »der Herr dort – liegt im Weg – er wird zertreten!« Dasselbe Geschrei und die gleichen Anstrengungen waren Jonas' einzige Antwort. Mit Gefahr seines eigenen Lebens stürzte der Kutscher herbei und rettete Mr. Montague gerade noch im letzten Augenblick, indem er ihn durch den Straßenschmutz aus dem Bereich der Pferdehufe zerrte. Sodann eilte er auf Jonas zu. Mit Hilfe seines Messers hatte er bald die Pferde von dem zerbrochenen Wagen losgeschnitten und sie, wenn auch verletzt und blutend, wieder zur Ordnung gebracht. Dann erst hatten er und Jonas Muße, sich gegenseitig anzublicken, was bisher noch nicht der Fall gewesen. »Ja, ja, Geistesgegenwart, Geistesgegenwart«, schrie Jonas, seine Arme wild emporwerfend, »was würden Sie ohne mich wohl angefangen haben?« »Ich weiß nur, daß der andere Herr ohne mich bös davongekommen wäre«, brummte der Mann kopfschüttelnd. »Sie hätten ihn zuerst aus dem Wege bringen sollen! Ich habe schon gedacht, er sei verloren.« »Geistesgegenwart, Sie Schafskopf, Geistesgegenwart«, rief Jonas und lachte gellend wie ein Verrückter. »Glauben Sie, er ist verwundet?« Dann wandten sie sich dem noch halb ohnmächtigen Mr. Montague zu. Jonas brummte etwas vor sich hin, als er ihn unter der Hecke aufrecht sitzen und wie geistesabwesend um sich blicken sah. »Was gibt's?« lallte Mr. Tigg. »Ist jemand verwundet?« »Donnerwetter nochmal«, knurrte Jonas, »es scheint nicht. Gebrochene Beine scheint's nicht zu geben.« Mr. Tigg richtete sich mühsam auf und versuchte ein paar Schritte zu gehen. Er schwankte zwar hin und her und zitterte heftig, aber mit Ausnahme einiger Beulen und Schrammen hatte er weiter keinen Schaden genommen. »Risse und Quetschungen«, murrte Jonas, »haben wir alle. Wenn's weiter nichts ist.« »Wenn sich's auch jetzt nur um Beulen und Quetschungen handelt«, mischte sich der Kutscher ein, »so hätte ich doch vor ein paar Sekunden keinen Pfifferling für den Kopf des Gentlemans gegeben. Wenn Ihnen je wieder ein solcher Unfall zustößt, was hoffentlich nicht der Fall sein wird, Sir, so zerren Sie gefälligst nicht an den Zügeln eines daliegenden Pferdes, wenn jemand seinen Kopf in der Nähe hat. So etwas geschieht nicht zweimal, ohne daß es nicht ein Menschenleben kostet, und so sicher, wie Sie geboren sind, wäre es auch diesmal zu etwas Derartigem gekommen, wenn ich nicht noch rasch zugesprungen wäre.« Jonas riet ihm mit einem Fluch, den Mund zu halten und sich nach einem gewissen unterirdischen Orte zu verfügen, der wahrscheinlich mit seinen Wünschen nicht im Einklang stehe. Mr. Montague, der gespannt zugehört und sich jedes Wort genau gemerkt hatte, gab jetzt dem Thema eine andere Richtung und fragte, wo Mr. Bailey sei. »Donnerwetter nochmal, den Affen habe ich ja ganz vergessen«, rief Jonas, »was mag wohl aus dem geworden sein?« Sie brauchten nicht lange zu suchen. Der unglückliche Mr. Bailey war über die Hecke oder über das fünffach verriegelte Tor hinweggeschleudert worden und lag jetzt allem Anschein nach tot in dem Felde dahinter. »Wußt ich's doch, es ist eine unglückselige Fahrt. Ich wünschte, ich hätte diese Reise nie angetreten!« jammerte Mr. Montague. »Ich hatte gleich eine böse Ahnung. Da sehen Sie jetzt den Jungen.« »Na und weiter?« brummte Jonas. »Wenn Sie das das Resultat einer bösen Ahnung nennen –« »Na, wie soll ich es denn sonst nennen?« fragte Mr. Montague aufgeregt. »Was meinen Sie übrigens damit?« »Ich meine«, erklärte Jonas, sich über den Körper des Knaben beugend, »daß ich nie gehört habe, Sie seien sein Vater oder hätten besondere Ursache, sich um ihn so zu kümmern. Hallo! Auf da, Bursche!« Aber bei Mr. Bailey war von Aufstehen oder Sichaufrichten keine Rede mehr. Außer einem matten Schlagen des Herzens war von Leben nichts mehr an ihm zu bemerken. Nach kurzer Beratung kamen sie daher überein, daß der Postillion das am wenigsten beschädigte Pferd besteigen und den Knaben, so gut er könne, in die Arme nehmen solle, während Mr. Montague und Jonas zusammen, den Koffer tragend und das andere Pferd am Zügel neben sich, nach Salisbury zumarschieren sollten. »Sie können in ein paar Minuten dorten sein und uns Hilfe entgegenschicken«, rief Jonas. »Halten Sie Ihr Pferd nur flott im Trab.« »Nein, nein«, flüsterte Mr. Montague hastig, »wir wollen doch lieber beisammenbleiben.« »Gott, was Sie für ein Hasenfuß sind. Fürchten Sie vielleicht, beraubt zu werden – was?« höhnte Jonas. »Ich fürchte mich vor nichts«, stotterte Mr. Montague, wobei jedoch sein Blick und ganzes Wesen direkt im Widerspruch mit seinen Worten standen. »Aber wir wollen beisammenbleiben.« »Sie hatten doch noch vor einer Minute gewaltige Besorgnisse wegen des Jungen«, wendete Jonas ein. »Sie sehen doch, daß er jeden Augenblick sterben kann.« »Ja, ja«, gab Mr. Montague zu, »ich weiß das. Aber wir wollen trotzdem zusammenbleiben.« Es lag auf der Hand, daß er sich nicht von seinem Entschlusse abbringen zu lassen gedachte; Jonas schwieg daher, und so eilten sie zusammen, so rasch es ging, vorwärts. Sie hatten noch drei oder vier gute Meilen vor sich, und die Beschaffenheit des Weges und der Umstand, daß sie eine schwere Last zu tragen hatten, machte ihnen den Marsch nicht leichter, aber schließlich langten sie doch an einem Wirtshause an, klopften die Leute – es war noch sehr früh am Morgen – aus den Federn, schickten Boten ab, die nach dem Wagen sehen sollten, und weckten einen Wundarzt, damit er Bailey seine Hilfe angedeihen lasse. Der Mann tat sein Bestes, gab aber sein Gutachten dahin ab, daß der Knabe eine schwere Gehirnerschütterung erlitten habe und daß seine Erdenlaufbahn wohl für immer vorüber sei. Wäre Mr. Montagues tiefe Teilnahme bei dieser Erklärung des Arztes wirklich uneigennützig gewesen, so hätte einen das mit seinem sonst nicht gerade schätzenswerten Charakter ein wenig aussöhnen können, allein es war nicht schwer zu sehen, daß er aus irgendeinem bestimmten anderen Grunde einen besonderen Wert auf die Gesellschaft und Nähe des jungen Menschen legte. Nachdem er sich selbst von dem Wundarzt hatte verbinden lassen, zog er sich, trotzdem es bereits hellichter Tag war, in ein Schlafzimmer zurück und brütete beständig vor sich hin, offenbar von der Affäre Bailey sehr in Unruhe versetzt. »Lieber hätte ich tausend Pfund verloren als gerade jetzt diesen Jungen«, brummte er. »Ich muß nach Hause reisen, das steht fest. Chuzzlewit soll vorausfahren, und ich werde ihm später bei gelegener Zeit nachfolgen. So wie es jetzt ist, paßt's mir nicht«, murmelte er, sich den Schweiß von der Stirne wischend. »Noch vierundzwanzig Stunden in dieser Gesellschaft, und ich habe graue Haare.« Trotzdem es, wie bereits gesagt, hellichter Tag war, untersuchte er mit ungewöhnlicher Vorsicht das Zimmer, schaute unters Bett, in die Wandschränke, sogar hinter die Gardinen, und dann verriegelte er die Tür, durch die er eingetreten war, und begab sich zur Ruhe. Es war aber noch eine zweite Türe da, die von außen geschlossen war, und wohin sie führte, das wußte er nicht. Furcht oder böses Gewissen machten, daß ihn diese Türe noch bis in den Traum verfolgte. Es war ihm, als stehe ein schreckliches Geheimnis damit irgendwie in Verbindung, ein Geheimnis, das er kannte und doch wieder nicht kannte, trotzdem er dafür verantwortlich und dabei beteiligt war. Zu diesem Traum trat noch eine zweite Vision, die ihn die Türe als Versteck eines Feindes – eines Schemens –, eines Phantoms ansehen ließ und es ihm zur Lebensaufgabe machte, das schreckliche Geschöpf eingeschlossen zu halten und daran zu hindern, daß es über ihn herfalle. In dieser Absicht arbeiteten sich Nadgett, er und ein fremder Mann mit einem blutigen Fleck auf dem Kopf, der ihm sagte, er sei sein Spielgefährte gewesen, und ihm auch den wahren Namen seines bisher vergessenen Schulkameraden nannte, mit eisernen Riegeln und Nägeln ab, um die Türe fest zu verschließen. Aber wie eifrig sie sich auch bemühten, alles war vergeblich. Die Nägel zerbrachen oder wandelten sich zwischen ihren Fingern in weiche Holzstifte oder sogar in Würmer um. Das Holz der Türe splitterte, bröckelte, so daß kein Nagel halten wollte, und die eisernen Riegel rollten sich wie Papier zusammen. Dadurch gewann das Geschöpf auf der anderen Seite der Türe, von dem er weder wußte noch zu erfahren suchte, ob es die Gestalt eines Menschen oder eines wilden Tieres habe, immer mehr Oberhand über sie. Aber in den allergrößten Schrecken versetzte es ihn, als der Mann mit dem blutigen Fleck auf dem Kopf ihn fragte, ob er den Namen des fürchterlichen Geschöpfes kenne, sonst wolle er ihm ihn zuflüstern. Daraufhin fiel er im Traum auf die Knie, das Blut erstarrte ihm in den Adern vor unerklärlicher Angst, und er hielt sich die Ohren zu. Als er dabei die Lippen des Sprechenden ansah, bemerkte er, daß sie sich zu dem Aussprechen des Wortes formten, und er erwachte mit dem lauten Ausruf, das Geheimnis sei entdeckt und er selbst verloren. Als er die Augen aufschlug, stand Jonas an seinem Bett, und die Türe war weit offen. Als sich ihre Blicke begegneten, wich Jonas um ein paar Schritte zurück und Montague sprang auf. »Donnerwetter nochmal«, rief Jonas, »Sie sind ja verdammt lebhaft heute morgen.« »Lebhaft?« stammelte Mr. Tigg und riß von Furcht gepeitscht an der Klingelschnur. »Was wollen Sie hier?« »Es ist das doch wohl Ihr Zimmer«, versetzte Jonas. »Sagen Sie mir nur, was wollen Sie denn eigentlich mit dem Läuten? Mein Zimmer liegt auf der anderen Seite dieser Türe, und niemand hat mir verboten, sie aufzumachen. Ich dachte, sie führe in den Flur, und kam heraus, um mir mein Frühstück zu bestellen. Es ist – es ist keine Klingel in meinem Zimmer.« Inzwischen war der Hausknecht mit heißem Wasser und den geputzten Stiefeln eingetreten und bestätigte, als er diese Worte hörte, daß tatsächlich eine Klingel drüben vorhanden sei, und zwar, wie er ihnen sogleich zeigte, gerade zu Häupten des Bettes. »Na, auch recht«, brummte Jonas, »ich habe sie eben nicht gesehen. Soll ich das Frühstück bestellen?« Mr. Montague bejahte. Als Jonas pfeifend durch sein Zimmer hinausgegangen war, machte Mr. Tigg die Verbindungstüre auf, um den Schlüssel abzuziehen und sie von seiner Seite aus zuzuschließen. Aber der Schlüssel war bereits abgezogen! In seiner Angst schleppte er daher einen Tisch herbei, stellte ihn gegen die Türe und setzte sich nieder, um die noch immer lastende Nachwirkung des beängstigenden Traumes abzuschütteln. »Eine schlimme Reise!« murmelte er immer wieder und wieder vor sich hin. »Eine böse Reise. Ich will allein nach Haus zurückfahren; das halte ich nicht länger mehr aus.« Die böse Vorahnung und das Gefühl, daß die Reise noch schlimme Folgen nach sich ziehen werde, schreckten ihn jedoch keineswegs ab, das Schurkenstück zur Ausführung zu bringen, um dessentwillen er und Jonas die Reise unternommen hatten. Er kleidete sich deshalb noch sorgfältiger als gewöhnlich an, um auf Mr. Pecksniff einen günstigen Eindruck zu machen, und faßte, ermutigt durch sein vornehmes Aussehen im Spiegel, die Schönheit des Morgens und den schimmernden Glanz der nassen Zweige, die vor seinem Fenster im herrlichen Sonnenschein rauschten, wieder so weit guten Mut, daß er ein paar Flüche ausstoßen und den Refrain eines fröhlichen Liedchens summen konnte. Nur von Zeit zu Zeit murmelte er noch beklommen vor sich hin: »Aber nach Hause fahre ich doch allein!« 43. Kapitel Betrifft das Glück mehrerer Personen. Mr. Pecksniff zeigt sich in der Fülle seiner Macht und handhabt sie mit ebensoviel Ritterlichkeit wie Großmut An dem Abend des Unwetters saß Mrs. Lupin, die Wirtin zum Blauen Drachen, allein in ihrem Schenkstübchen. Ihre einsame Lage oder das schlechte Wetter, vielleicht auch beides zusammen, stimmte sie gedankenvoll, um nicht zu sagen, wehmütig. Das Kinn auf die Hand gestützt, blickte sie durch ein niedriges Hinterfenster hinaus, das selbst am hellen Mittag, durch schattiges Weinlaub verdunkelt, kein Licht hereinließ, schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf und jammerte: »O mein Gott! Mein Gott! Mein Gott!« Sogar in dem sonst so gemütlichen Drachenschenkstübchen war es jetzt höchst melancholisch. Die reichen Korn- und Weizenfelder, die grünen wellenförmigen Wiesen mit ihren glitzernden Bächen, ihren vielen Heckenreihen und dem schönen Baumbestand, alles war schwarz und düster. Von den kleinen Fensterscheiben des Rückgebäudes an bis zum fernen Horizont, wo der Donner längs der Berge hinzurollen schien. Schwer schlug der Regen die zarten Zweige des Jasmins und Weinstockes nieder, sie in seiner Wut zerstampfend, und wenn der Blitz flammte, konnte man die betränten Blätter sich schaudernd gegen das Fenster drücken sehen, als flehten sie um Schutz vor dem nächtlichen Ungewitter. Zum Zeichen ihres hohen Respektes vor dem Blitz hatte Mrs. Lupin die brennende Kerze auf den Kamin gestellt. Ihr Strickkörbchen stand unbeachtet neben ihr auf dem Seitentischchen, ihr Abendessen auf einem runden Tisch nicht weit davon war noch gänzlich unberührt, und die Messer hatte sie aus Furcht, sie könnten den Blitz anziehen, versteckt. So hatte sie bereits geraume Zeit dagesessen, das Kinn in die Hand gestützt und zuweilen die Worte ausstoßend: O mein Gott! Mein Gott! Mein Gott! Sie war soeben im Begriff, diesen Stoßseufzer noch einmal zu wiederholen, als die Haustüre, die des Regens wegen geschlossen worden, sich geräuschvoll in ihren Angeln drehte und einen Reisenden hereinließ, der gleich darauf auf die Halbtüre des Schenktürchens zukam und mürrisch ausrief: »Eine halbe Maß vom besten alten Bier, das Sie haben!« Der Mann hatte allerdings Ursache, mürrisch zu sein, denn selbst wenn er den ganzen Tag über unter einem Wasserfall zugebracht haben würde, hätte er unmöglich durchnäßter sein können. Bis an die Augen in einen groben blauen Matrosenmantel eingehüllt, trug er einen Hut aus Wachstaffet, von dessen breitem Rand ihm die Regentropfen auf Brust, Rücken und Schulter niederträufelten. Er hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen und zum Schutz gegen das Unwetter den Kragen aufgeschlagen, so daß man nur sein Kinn sehen konnte, und selbst das bedeckte er, als die Wirtin ihn ansah, mit dem nassen Ärmel seines zottigen Mantels. Dennoch erriet sie nach dem ganzen Eindruck, den sie von ihm empfing, sofort einen gutmütigen Menschen in ihm. »Eine schlimme Nacht heute«, sagte sie freundlich. Der Fremde schüttelte sich wie ein Neufundländer und brummte, es sei allerdings etwas böses Wetter. »Es ist Feuer in der Küche«, sagte Mrs. Lupin, »und auch eine recht fröhliche Gesellschaft dort. Was meinen Sie, wenn Sie sich dort trocknen wollten?« »Nein, ich danke«, lehnte der Fremde ab und warf einen Blick nach der Richtung, wo die Küche lag, und offenbar schien er zu wissen, wie das Haus gebaut war. »Sie können sich noch den Tod holen bei so einem Wetter«, bemerkte die Wirtin. »Ach was, ich komm nicht so leicht um«, erwiderte der Fremde, »sonst wäre ich schon lang verdorben und gestorben. Prosit, Frau Wirtin!« Mrs. Lupin dankte, aber schon im Begriff, die Kanne an den Mund zu setzen, besann sich der Mann eines Besseren und stellte sie wieder hin. Dann lehnte er sich zurück und sah sich unbeholfen um, wie es eben nur einem Menschen möglich ist, der, wie er, so stark eingemummt war und den Hut so tief ins Gesicht gedrückt hatte. »Wie heißt dieses Wirtshaus?« fragte er. »Heißt es nicht der ›Drachen‹?« »Jawohl, es ist der ›Drachen‹«, antwortete Mrs. Lupin freundlich. »So! Dann haben Sie ja eine Art Verwandten von mir im Hause. Einen jungen Menschen namens Tapley. Na also, Mark, mein Junge! Habe ich dich endlich erwischt!« Diese Worte berührten eine zarte Saite in Mrs. Lupins Herzen, sie drehte sich um, putzte die Kerze auf dem Kamin und sagte, mit dem Rücken gegen den Fremden gewendet: »Niemand wäre mir im ›Drachen‹ wohl willkommener, Sir, als jemand, der mir eine Nachricht von Mark bringen könnte. Es sind jetzt schon viele Monate her, seit er dieses Haus und England verlassen hat. Ob er noch lebt oder tot ist, der arme Junge, das weiß nur Gott im Himmel.« Sie schüttelte den Kopf, und ihre Stimme zitterte. Mit ihrer Hand mußte wohl das gleiche der Fall gewesen sein, wenigstens brauchte sie auffallend lange, bis die Kerze geschneuzt war. »Wohin ist er denn gegangen, Madame?« fragte der Reisende ein wenig besänftigt. »Nach Amerika«, entgegnete Mrs. Lupin mit zunehmender Betrübnis. »Er hat so ein gutes braves Herz gehabt, und wer weiß, ob er nicht jetzt vielleicht im Gefängnis schmachtet, zum Tode verurteilt, weil er möglicherweise mit irgendeinem armen Nigger Mitleid gehabt und ihm zur Flucht verholfen hat. Nein, wie konnte der Mensch nur nach Amerika gehen! Warum ist er nicht in eines von den Ländern gegangen, die doch nicht ganz so barbarisch sind und wo die Wilden einander ehrlich auffressen und jeder die gleiche Chance hat!« Ganz überwältigt von ihrem Schmerz, schluchzte Mrs. Lupin laut auf und war eben im Begriff, sich abseits in einen Lehnstuhl zu setzen, um ihrem Kummer freien Lauf zu lassen, als der Fremde plötzlich auf sie zusprang und sie umarmte. Im Augenblick erkannte sie ihn und stieß einen Freudenschrei aus. »Ja, ich bin's!« rief Mark Tapley. »Noch einen Kuß! Noch einen! Noch zwanzig! Daß Sie mich nicht in diesem Hut und Mantel erkannt haben!? Ich habe gedacht, Sie würden mich sofort in jeder Verkleidung erkennen – noch zehn!« »Aber natürlich hätte ich Sie erkannt, wenn ich nur ein bißchen von Ihnen hätte sehen können, aber das war unmöglich, und Sie haben so unfreundlich gesprochen! Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß Sie mit mir so unfreundlich sprechen könnten, Mark! Und noch dazu beim ersten Wiedersehen!« »Noch ein Dutzend!« rief Mr. Tapley. »Nein, wie jung und hübsch Sie aussehen! Noch ein halbes Dutzend! – Das letzte halbe Dutzend war nicht gut gezählt und muß wiederholt werden. Gott im Himmel, was das für eine Lust ist, Sie anzuschauen – noch ein paar, weil man ja hier sowieso mit Fidelität keine Ehre einlegen kann.« Wenn Mr. Tapley in seiner einfachen Additionsrechnung innehielt, so geschah es nicht, weil er sich satt, sondern weil er sich atemlos geküßt hatte. Die Zwischenpause erinnerte ihn jetzt an andere Pflichten. »Mr. Martin Chuzzlewit ist draußen«, sagte er, »ich habe ihn unter dem Wagenschuppen warten lassen, um erst mal nachzusehen, ob jemand da ist; wir möchten nämlich nicht, daß man uns heute abend hier sieht, bevor wir nicht von Ihnen erfahren haben, wie die Sachen stehen und was wir wohl am besten tun sollen.« »Es ist keine Seele im ganzen Hause außer den Gästen in der Küche«, versicherte die Wirtin. »Allerdings, wenn die wüßten, daß Sie zurück sind, Mark, so würden sie ein Freudenfeuer auf der Straße anzünden, so spät es auch ist.« »Sie dürfen's um Gottes willen nicht erfahren, liebste Mrs. Lupin«, rief Mark. »Lassen Sie das Haus schließen und ein ordentliches Feuer anmachen, und wenn alles fertig ist, stellen Sie ein Licht ins Fenster zum Zeichen, daß wir kommen können. So, und noch einen! Ach, wie sehne ich mich, von den alten Freunden zu hören! Sie werden mir alles genau erzählen, nicht wahr? Von Mr. Pinch, von dem Fleischerhund, von dem Dackel gegenüber, von dem Wagnermeister, kurz von allem und jedem. Als ich heute abend die Kirche zum erstenmal wieder zu Gesicht bekam, glaubte ich, der Turm falle mir um den Hals; – meiner Seel. Noch einen, nicht? Aber einen ordentlichen.« »Sie haben sich aber jetzt schon mehr als nötig ist genommen«, lachte Mrs. Lupin. »Ach, gehen Sie mir mit Ihren ausländischen Manieren.« »Gott behüte, das ist doch nicht ausländisch«, protestierte Mark. »Nein, einheimisch wie die Austern. Noch einen, weil's so einheimisch ist – und als Zeichen der Achtung vor England. Und das kommt weiter nicht auf die Rechnung, denn ich küsse nicht Sie, sondern als Patriot mein Vaterland.« Es wäre sehr unbillig, den patriotischen Demonstrationen, die Mark Tapley dieser Erklärung folgen ließ, Lauheit oder Temperamentlosigkeit nachzusagen. Nachdem er seinem Nationalgefühl Luft gemacht, eilte er fort, um Martin zu holen, während Mrs. Lupin in größter Aufregung alles zu ihrem Empfang vorbereitete. Bald darauf kamen die Gäste herausgestolpert und beteuerten, die Uhr im Drachen müsse mindestens um eine halbe Stunde vorausgehen, und wahrscheinlich habe der Donner die Wirtin von Sinnen gebracht. So ungeduldig, durchnäßt und müde Mark und Martin auch waren, so empfanden sie doch eine maßlose Freude, als sie auf dem Wege zum Wirtshaus alle die wohlbekannten Gesichter an sich vorbeigehen sahen, und blickten ihnen entzückt nach, wie sie aus dem Hause kamen und dicht an ihnen vorübermarschierten. »Das ist der alte Schneider, Mark«, flüsterte Martin. »Ja, da geht er, meiner Seel. Ein alter Ziegenbock, wie's bald nicht wieder einen gibt, Sir. Seine Gestalt hat sich noch ein wenig vervollkommnet; mir scheint, man könnte ihm jetzt, wenn er so daherkommt, bequem einen Schubkarren zwischen den Beinen durchrollen. Und da kommt jetzt Sam heraus, Sir.« »Ja, ja, ich sehe«, sagte Martin. »Sam, der Stallknecht. Ich möchte ganz gern wissen, ob Pecksniffs Gaul noch am Leben ist.« »Daran ist doch kein Zweifel«, versetzte Mark. »Das ist überhaupt ein merkwürdiges Tier, Sir. Wird sich noch eine endlose Reihe von Jahren halten und zuletzt noch in der Zeitung stehen unter der Überschrift: ›Seltenes Beispiel von Lebenszähigkeit bei einem Vierfüßler.‹ Der Gaul war doch sein Lebtag eigentlich nicht lebendig. – Sehen Sie mal, da kommt der Küster, Sir, beschwipst wie gewöhnlich.« »Ja, ich sehe«, sagte Martin lachend. »Aber Donnerwetter, wie naß Sie sind, Mark.« »Bin ich's? Und wie glauben Sie wohl, steht's mit Ihnen, Sir?« »Ach, bei mir ist's nicht halb so schlimm«, sagte Martin beinahe ärgerlich. »Ich habe Ihnen doch gleich gesagt, Sie sollten sich nicht immer an der Wetterseite halten, Mark, sondern bisweilen mit mir abwechseln. Von Anbeginn des Marsches an haben Sie mir sozusagen den Regen abgefangen.« »Sie glauben gar nicht, was es mir für Freude macht, Sir«, fing Mark nach einer kleinen Pause an, »– wenn ich so frei sein darf, geradeheraus zu sprechen, was es mir für eine Freude macht, Sie so ungemein rücksichtsvoll und gütig reden zu hören; das heißt, ich meine nicht, daß es mir gegenüber irgendwie angebracht wäre, aber ich habe es an Ihnen bemerkt, seit der Zeit, wo mich das Fieber in Eden beinahe unter die Erde gebracht hat.« »Ach, Mark«, seufzte Martin, »je weniger wir davon reden, desto besser ist es wohl. – Sagen Sie übrigens, sehen Sie nicht ein Licht dort?« »Ja, das ist das Licht«, rief Mark. »Gott segne sie, wie rasch sie das alles wieder zuwege gebracht hat. Also jetzt hinein, Sir! Guten Wein, gute Betten und famose Verpflegung für Mensch und Tier.« Das Kaminfeuer in der Küche brannte hell und rot, der Tisch war gedeckt, der Kessel brodelte. Pantoffel und Stiefelzieher lagen bereit, Schnitten einer Hammelkeule schmorten auf dem Bratrost, und ein halbes Dutzend Eier zischten in der Pfanne. Eine dickhalsige Kirschgeistflasche winkte neben einem schäumenden Bierkrug auf dem Tisch, und prächtige Schinken baumelten von den Balken herab, so daß man nur den Mund hätte zu öffnen brauchen, um sich irgendeine besondere Delikatesse zu Gemüte zu führen. Aus Rücksicht für ihre Gäste hatte Mrs. Lupin sogar die Köchin, die Hohepriesterin des Tempels, zu Bette geschickt und bereitete das Mahl mit eigenen Händen. Sie war unwiderstehlich; sogar ein Steinbild hätte ihr um den Hals fallen müssen. Martin umarmte sie auf der Stelle. Mr. Tapley folgte seinem Beispiel, als sei ihm diese überraschende Idee nie zuvor eingefallen, mit soviel Würde wie ein neugebackener Bürgermeister. »Meiner Seel, ich hätte mir nie gedacht«, sagte Mrs. Lupin errötend und rückte herzlich lachend ihre Haube zurecht, »sooft ich auch immer gesagt habe, Mr. Pecksniffs junge Gentlemen seien das Leben und die Seele des ›Drachen‹ selbst und ohne sie sei das Leben überhaupt langweilig – aber wahrhaftig, ich hätte nie gedacht, daß einer von ihnen sich je solche Freiheiten herausnehmen würde, wie Sie, Mr. Martin – noch weniger aber, daß ich nicht einmal böse darüber sein könnte, sondern mich von ganzem Herzen freuen würde, die erste zu sein, die Sie nach Ihrer Heimkehr von Amerika bewillkommt und noch dazu Mark Tapley, Ihren – – –« »Meinen Freund, Mrs. Lupin!« fiel ihr Martin hastig ins Wort. »Ihren Freund«, wiederholte die Wirtin, sichtlich erfreut über diese Auszeichnung, dabei aber Mr. Tapley mit aufgehobener Gabel ermahnend, sich in respektvoller Entfernung zu halten. »Wirklich, ich hätte mir das nie träumen lassen – noch weniger aber, daß ich je Gelegenheit haben würde, von Veränderungen zu berichten, wenn das Nachtessen vorüber ist, wie Sie sie wohl kaum glauben werden.« »Gott im Himmel«, rief Martin und verfärbte sich. »Was für Veränderungen?« »Ach, sie ist ganz wohl und wohnt jetzt bei Mr. Pecksniff. Um ihretwillen brauchen Sie keine Unruhe zu haben. Sie ist ganz so, wie Sie sich nur wünschen können. – Wozu ein Geheimnis daraus machen, was?« sagte Mrs. Lupin. »Wie Sie sehen, weiß ich doch alles.« »Meine liebe gute Frau«, rief Martin, »Sie sind wahrhaftig ganz die Person, die darum wissen darf. Ich freue mich von Herzen, daß Sie in das Geheimnis eingeweiht sind. Aber was für Veränderungen meinen Sie? Ist vielleicht ein Todesfall eingetreten?« »Nein, nein«, versicherte die Wirtin. »So schlimm ist's nicht. Aber ich erkläre Ihnen, ich werde kein Wort weiter sprechen, bevor Sie nicht Ihr Nachtessen zu sich genommen haben. Nein, ich gebe nicht einmal eine Antwort mehr, und wenn Sie fünfzig Fragen an mich stellten.« Sie sprach mit solcher Entschiedenheit, daß offenbar nichts anderes übrigblieb, als das Nachtessen so bald wie möglich zu beseitigen, und dazu brauchten sich die beiden jungen Männer keinen besonders großen Zwang anzutun, da sie viele Meilen weit gewandert waren und seit Mittag nichts genossen hatten. Trotzdem dauerte es länger, als sie anfangs erwartet hatten, denn sie glaubten wohl sechsmal bereits zu Ende gekommen zu sein, aber jedesmal bewies Mrs. Lupin triumphierend die Irrigkeit einer derartigen Annahme. Schließlich aber, wie es eben im Lauf der Zeit und der Natur liegt, war das Abendessen doch vorüber. Die beiden streckten die bepantoffelten Füße gegen die Stangen am Küchenherd, was außerordentlich behaglich war, da es inzwischen rauh und kalt geworden, und schickten sich in aller Behaglichkeit an, auf die Neuigkeiten zu hören, zu deren Erzählung Mrs. Lupin denn auch, neckische Grübchen im Kinn und das Gesicht vom Lichte des Feuers, das sich auch in ihren Augen und auf ihrem rabenschwarzen Haar widerspiegelte, bestrahlt, sogleich anschickte. Mit den Ausrufen größter Überraschung wurde von ihren Zuhörern nicht nur die Geschichte von der Trennung zwischen Mr. Pecksniff und seinen Töchtern, sondern auch ganz besonders die zwischen Mr. Pinch und ihm aufgenommen. Doch das war noch nichts, verglichen mit dem Ausbruch von Entrüstung von seiten Martins, als er erfuhr, es sei allgemein bekannt, daß Mr. Pecksniff vollkommen Gewalt über den Willen des alten Mr. Chuzzlewit gewonnen habe und Mary eine besonders hohe Ehre zudenke. Kaum hatte er diese Kunde vernommen, da schleuderte er sofort seine Pantoffeln von sich und begann seine nassen Stiefel wieder anzuziehen – natürlich in der Absicht, sofort irgendwohin zu gehen und irgend jemandem etwas anzutun –, ein Beginnen, das bekanntlich als erstes Sicherheitsventil eines hitzigen Temperaments funktioniert. »Er?!« rief Martin. »Dieser glattzüngige Schurke! Er soll sich unterstehen! Geben Sie mir mal den anderen Stiefel her, Mark.« »Wohin wollen Sie denn eigentlich, Sir?« fragte Mr. Tapley, die Sohle des Stiefels am Feuer trocknend und sie so kaltblütig betrachtend, als wäre sie ein Stückchen Toastschnitte. »Wohin?« wiederholte Martin. »Sie werden doch nicht annehmen, daß ich hierbleiben werde?« Mark Tapley, in seiner unverwüstlichen Seelenruhe, gab zu, daß er allerdings dieses Glaubens sei. »Wirklich?« versetzte Martin wütend. »Da bin ich Ihnen aber recht sehr verbunden für Ihre gute Meinung. Wofür halten Sie mich eigentlich?« »Ich halte Sie für das, was Sie in Wirklichkeit sind, Sir«, sagte Mark gelassen, »und ich bin daher vollkommen durchdrungen, daß alles, was Sie tun, recht und verständig sein wird. Hier haben Sie den Stiefel, Sir.« – Martin warf ihm einen ungeduldigen Blick zu, nahm aber den Stiefel nicht, sondern ging rasch mit einem bestiefelten und einem bestrumpften Fuß ein paarmal in der Küche auf und ab. Seines Vorsatzes aus Eden her gedenk, hatte er schon so manchen Sieg über sich selbst gewonnen, wenn Mark dabei im Spiele war, und er nahm sich auch jetzt vor, wieder zu siegen. Er ergriff daher den Stiefelknecht, stützte sich mit einer Hand auf Marks Schulter, zog den Stiefel wieder aus, die Pantoffeln wieder an und setzte sich. Nur die Hände tief in die Taschen zu stecken und dabei zu murmeln, konnte er sich nicht verwehren: »Nein, dieser Pecksniff, dieser Schuft, meiner Seel – was man da noch alles zu hören bekommen wird« usw. Auch konnte er sich's nicht versagen, mit drohender Miene die Faust gegen den Kamin zu schütteln, aber der Anfall ging bald vorüber, und schließlich ließ er Mrs. Lupin, wenn auch nicht gefaßt, so doch jedenfalls ohne sie zu unterbrechen, weiter berichten. »Was endlich Mr. Pecksniff selbst betrifft«, schloß die Wirtin ihre Erzählung, strich sich mit beiden Händen über ihr Kleid und nickte mehrmals mit dem Kopf dazu, »so weiß ich wirklich nicht, was ich sagen soll. Jemand muß seine Seele vergiftet oder auf sonst irgendeine unerhörte Weise ihn verhext haben. Ich kann's mir gar nicht erklären, daß ein Herr, der immer so edel spricht, aus freien Stücken hergeht und schweres Unrecht begeht. Sehen Sie mal zum Beispiel Mr. Pinch. Wenn es je einen lieben, guten, ehrenhaften Menschen auf der Welt gegeben hat, so war das Mr. Pinch. Aber was wissen wir; vielleicht war der alte Mr. Chuzzlewit schuld an dem Streit zwischen ihm und Mr. Pecksniff. Genaues können eben nur die Beteiligten wissen. Mr. Pinch ist bei aller Sanftmut seines Herzens so stolz, daß man ihn gar nicht fragen darf. Und als er fortging und höchst betrübt aussah über sein Scheiden, suchte er nicht einmal mir gegenüber sich als unschuldig bei der Geschichte hinzustellen.« »Der arme alte Tom«, klagte Martin mit einem Seufzer, der fast wie Reue klang. »Es ist nur ein Trost«, fing die Wirtin wieder an, »daß er jetzt seine Schwester bei sich hat und es ihm gutgeht. Erst gestern schickte er mir per Post eine –« sie wurde plötzlich rot bis über die Ohren – »eine Kleinigkeit zurück, die ich so frei war, ihm beim Abschied als Darlehen heimlich in die Tasche zu stecken. Er schrieb dabei unter vielen Danksagungen, er habe jetzt eine gute Anstellung und brauche das Geld nicht. Es war noch dieselbe Banknote; er hatte sie nicht einmal gewechselt. Ich hätte nie geglaubt, daß es einem so wenig Freude machen kann, eine Banknote in seine Tasche zurückkehren zu sehen, wie es diesmal bei mir der Fall war.« »Wacker gesprochen, brav!« rief Martin. »Nicht wahr, Mark?« »Sie kann überhaupt kein Wort sagen, das nicht diese Eigenschaft besäße«, stimmte Mr. Tapley eifrig bei. »Das gehört ebensogut zum ›Drachen‹ wie die Schankgerechtigkeit. Und jetzt, wo wir wieder einen kühlen Kopf haben, sagen Sie, was gedenken Sie also jetzt zu tun, Sir? Wenn Sie nicht zu stolz sind und sich entschließen könnten, das auszuführen, was Sie mir auf dem Weg hierher gesagt haben, so wäre es wohl das gescheiteste. Wenn Sie Ihrem Großvater gegenüber unrecht gehabt haben, und das – mit Verlaub zu sagen – scheint mir allerdings der Fall zu sein, dann, Sir, fassen Sie sich ein Herz und gehen Sie zu ihm und sprechen Sie frei von der Leber weg. Spreizen Sie sich nicht lange, er ist ein gutes Teil älter als Sie, und wenn er ein bißchen hitzig war, so waren Sie's schließlich auch. Geben Sie nach, Sir, geben Sie nach!« Mr. Tapleys Beredsamkeit verfehlte nicht ihre Wirkung auf Martin, obgleich dieser immer noch zögerte und allerlei Gründe aufs Tapet brachte. »Das ist ja alles recht gut und schön«, meinte er, »und es handelt sich auch gar nicht darum, sich vor ihm zu demütigen. In diesem Falle würde ich mich keinen Augenblick besinnen, aber Sie müssen einsehen, daß ich, wo er jetzt ganz unter der Gewalt dieses Heuchlers steht, wie ich höre, und gar keinen eigenen Willen mehr hat, nicht ihm, sondern Pecksniff das Opfer bringe. Wenn ich dann mit Verachtung zurückgewiesen werde«, fuhr Martin, schon bei dem Gedanken blutrot werdend, fort, »so geht das nicht von ihm aus – das Blut steigt mir zu Kopf, wenn ich nur daran denke –, sondern von Pecksniff – von Pecksniff, Mark!« »Gut, aber wir wissen ja im voraus«, hielt ihm Mr. Tapley politisch entgegen, »daß Pecksniff ein Vagabund, ein Schurke und ein Heuchler ist.« »Ein ganz heilloser Schurke«, bekräftigte Martin. »Der heilloseste Schurke unter der Sonne! Wir wissen dies ganz genau, Sir. Was ist das also weiter für eine Schande, wenn Pecksniff einem etwas tut oder nicht. Hole der Teufel den Kerl überhaupt«, rief Mr. Tapley im Überschwang seiner Beredsamkeit. »Wer ist er eigentlich? Nehmen wir mal wirklich den Fall, er erlaubte sich irgendeine Frechheit. Gut, so sagen wir ihm unsere Meinung auf gut englisch. – Pecksniff!!« wiederholte er mit unaussprechlicher Verachtung, »was ist Pecksniff, wer ist Pecksniff, wo ist Pecksniff, daß man seinetwegen soviel Rücksichten zu nehmen brauchte? Wir denken doch nicht bloß an uns« – er legte einen besonderen Nachdruck auf das letzte Wort und sah dabei Martin fest in die Augen – »wir tun es doch auch für das liebe gnädige Fräulein, das auch ihr Teil Leiden getragen hat. Und wenn wir noch so wenig Aussicht haben, der Pecksniff da sollte uns nicht im Wege stehen, dächte ich. Ich habe mein Lebtag noch von keinem Parlamentsakt gehört, zu dem man diesen Kerl zu Rate gezogen hätte. – Pecksniff! Lächerlich! Nicht einmal anschauen möchte ich den Halunken – ihn nicht einmal anhören. Ich würde es mir aus dem Gedächtnis reißen, daß er überhaupt auf der Welt ist. Ich kratzte meine Schuhe vor seiner Tür ab und ginge meinetwegen in sein Haus hinein, aber weiter würde ich mich zu nichts herablassen.« Mrs. Lupins Erstaunen über diesen plötzlich so leidenschaftlichen Erguß Marks war nicht gering. Auch Martin blickte eine Weile gedankenvoll in das Feuer und sagte dann: »Sie haben vollständig recht, Mark. Soll es nun gut oder böse ausfallen – es muß geschehen; ich werde es tun.« »Nur noch ein Wort, Sir«, fiel ihm Mark in die Rede. »Nehmen Sie bloß insoweit an, daß er überhaupt auf der Welt ist, als daß Sie ihm keine Handhabe gegen sich geben. Unternehmen Sie keinen geheimen Schritt, den er berichten könnte, bevor Sie hingehen. Sie dürfen morgen früh nicht einmal Miss Mary vorher sehen wollen. Überlassen Sie das Arrangement diesbezüglich unserer braven Freundin hier« – Mr. Tapley blinzelte der Wirtin zu – »lassen Sie sie vorbereiten und einen schönen Gruß von Ihnen bestellen. Mrs. Lupin weiß schon, wie sie's gut zu machen hat.« – Die Wirtin lachte und nickte. – »Und dann gehen Sie frank und frei hin, wie sich's für einen Gentleman geziemt. Ich habe nichts heimlich unternehmen wollen, sagen Sie; ich bin vorher nicht ums Haus geschlichen, sondern direkt hineingegangen. Verzeihen Sie mir, ich bitte Sie um Verzeihung, und Gott segne Sie.« Martin lächelte zwar, fühlte aber doch, daß der Rat gut war, und beschloß, danach zu handeln. Nachdem sie sodann noch von Mrs. Lupin erfahren hatten, daß Pecksniff bereits von der großen Zeremonie der Grundsteinlegung zurückgekehrt sei, bei der er soviel Ehre eingelegt, besprachen sie noch weiter, wie die Sache eingeleitet werden sollte, und gingen hierauf in gespannter Erwartung der Dinge, die sich am nächsten Tage abspielen sollten, zu Bett. Wie verabredet, begab sich am Morgen gleich nach dem Frühstück Mr. Tapley nach Mr. Pecksniffs Wohnung, um einen Brief von Martin zu bestellen, in dem dieser seinen Großvater bat, ihn für ein paar Minuten besuchen zu dürfen. Mit einem Gesicht, so unbeweglich, daß nicht einmal der geübteste Physiognom hätte entziffern können, an was er denke oder ob er überhaupt an etwas denke, klopfte er ein paar Minuten später unverfroren an Mr. Pecksniffs Tür an. Einem Menschen von seiner Beobachtungsgabe konnte es nicht lange verborgen bleiben, daß gleich darauf Mr. Pecksniff an einer Scheibe des Besuchszimmers seine Nasenspitze breitdrückte, um aus einer Ecke heraus zu entdecken, wer an die Tür geklopft habe. Er beschloß daher sofort, dieses Manöver des Feindes zu vereiteln, indem er sich auf die oberste Stufe stellte und nur die Krempe seines Hutes hervorgucken ließ. Immerhin war es möglich, daß ihn Mr. Pecksniff bereits gesehen hatte, wenigstens hörte er bald darauf Schritte und erkannte aus dem Knarren der Stiefel, daß der Gentleman sich näherte, um mit höchsteigenen Händen die Tür zu öffnen. Mr. Pecksniff war so wohlgelaunt wie nur je und trällerte ein Liedchen im Flur. »Wie geht's Ihnen, Sir«, überraschte ihn Mark mit einer Frage, als die Tür aufging. »Oh!« rief Mr. Pecksniff, »Mr. Tapley, nicht wahr? Was sehe ich. Der verlorene Sohn zurückgekehrt? Nein, nein, wir brauchen jetzt kein Bier, lieber Freund.« »Besten Dank, Sir«, sagte Mark, »aber ich könnte auch nicht damit dienen, wenn Sie welches brauchten. Ich habe nur einen Brief abzugeben, Sir, und warte auf Antwort.« »An mich?« rief Mr. Pecksniff. »Warten auf Antwort? So?« »Ich glaube nicht, daß er an Sie ist, Sir«, sagte Mark, auf die Adresse deutend. »Hier steht ›Chuzzlewit‹, wenn ich nicht irre.« »So – hm«, brummte Mr. Pecksniff, »ich danke Ihnen. Richtig. Und von wem ist der Brief, mein lieber Freund?« »Der Herr, von dem er ist, hat seinen Namen inwendig unterzeichnet, Sir«, entgegnete Mr. Tapley außerordentlich höflich. »Ich habe genau gesehen, wie er ihn unten hingeschrieben hat, während ich wartete.« »Und er sagte, er wolle Antwort haben, nicht wahr?« fragte Mr. Pecksniff mit süßlicher Miene. Mark bejahte. »Nun gut, er soll eine Antwort haben«, höhnte Mr. Pecksniff, zerriß den Brief in kleine Stücke und machte ein so freundliches Gesicht dazu, als erweise er dem Briefschreiber die allerhöchste Aufmerksamkeit. »Haben Sie die Güte, ihm dies mit meinem Kompliment zu übergeben. Guten Morgen.« Mit diesen Worten händigte er Mr. Tapley die Fetzen ein, zog sich zurück und schloß die Türe. Mark hielt es für das richtigste, seine persönliche Aufregung zu unterdrücken und Martin sogleich wieder im ›Drachen‹ aufzusuchen. Sie waren auf einen derartigen Empfang nicht vorbereitet gewesen und ließen ungefähr eine Stunde verstreichen, ehe sie einen zweiten Versuch machten. Als diese Frist verstrichen war, begaben sie sich zusammen zu Mr. Pecksniffs Hause. Diesmal klopfte Martin, während Mark sich bereithielt, mit Fuß und Schulter die Tür gewaltsam offenzuhalten, sobald jemand käme, und sie, nachdem er sie erblickt, wieder zuschlagen wollte. Die Vorsichtsmaßregel war jedoch überflüssig, denn diesmal kam das Dienstmädchen öffnen. Martin drückte sich rasch an ihr vorüber, wie er es sich für einen solchen Fall vorgenommen hatte, dicht hinter sich den treuen Bundesgenossen, und eilte auf die Tür des Zimmers zu, das ihm das richtige zu sein schien. Er öffnete und stand einen Augenblick später vor seinem Großvater. Mr. Pecksniff war ebenfalls zugegen. In dem kurzen Augenblick plötzlichen Erkennens sah Martin, wie der alte Herr sein graues Haupt sinken ließ und sein Gesicht mit den Händen bedeckte. Es zerschnitt ihm das Herz. Selbst in den Tagen seiner rücksichtslosesten Selbstsucht würde dieser letzte Abglanz von des alten Mannes früherer Liebe, dieser letzte Pfeiler eines zerfallenen Tempels, der in verklungenen Zeiten mit so stolzen Hoffnungen aufgebaut worden, ihn tief gerührt und aufs äußerste ergriffen haben. Aber jetzt, wo er, gebessert und anders geworden, seinen früheren Beschützer anblickte, den Behüter seiner Kinderjahre, so gebeugt und gebrochen, schwanden Stolz, Gekränktsein und Ärger, Hochmut und Starrsinn dahin beim Anblick der Tränen, die er über die welken Wangen rollen sah. Er konnte ihren Anblick nicht ertragen – konnte den Gedanken nicht ertragen, daß sie um seinetwillen flossen, konnte nicht ertragen, die unwiederbringliche Vergangenheit daran zu erkennen. Er wollte zu ihm eilen, um seine Hand zu ergreifen, aber sein alter Feind trat dazwischen. »Nein, junger Mann«, rief Mr. Pecksniff, schlug sich auf die Brust und streckte den linken Arm aus wie einen schirmenden Schild, um den alten Herrn zu beschützen, »nein, Sir, nichts derart; stoßen Sie hierher, Sir – hierher! Richten Sie gefälligst Ihre Pfeile auf diese Brust und nicht auf ihn.« »Großvater«, rief Martin, ohne auf ihn zu achten, »hör mich an! Ich beschwöre dich, lasse mich reden.« »So, weiter wünschen Sie nichts, Sir«, höhnte Mr. Pecksniff und drängte sich vor, um die beiden Verwandten auseinanderzuhalten. »Ist es nicht genug, Sir, daß Sie eindringen in mein Haus wie ein Dieb in der Nacht oder besser gesagt wie ein Dieb bei Tag und Ihren liederlichen Gefährten mit sich bringen, damit er sich mit dem Rücken gegen die Stubentüre drückt, um das Aus- und Eingehen von Personen in meinem eigenen Haushalt zu verhindern« – tatsächlich hatte Mark diese Stellung eingenommen und blieb, ohne sich zu rühren, ruhig dort stehen. – »Ist das noch nicht genug? Wollen Sie auch noch die Tugend in eigener Person anfallen? Wie? Nun gut, so sollen Sie denn wissen, daß sie nicht ohne Verteidiger dasteht. Ich werde ihr Schild sein, junger Mann. Stoßen Sie zu, Sir! Nur zu!« »Pecksniff«, sagte der alte Mann mit matter Stimme, »beruhigen Sie sich. Bleiben Sie ruhig.« »Ich kann nicht ruhig bleiben«, rief Mr. Pecksniff, »und ich will es nicht. Mein Wohltäter und mein Freund, soll Ihnen denn nicht einmal mein Haus eine Zuflucht für Ihr greises Haupt sein?« »Treten Sie ein wenig zur Seite«, murmelte der alte Mann und streckte die Hand aus, »und lassen Sie mich den noch einmal sehen, der mir einst so teuer war.« »Es ist recht, daß Sie es sehen, dieses Geschöpf, mein Freund«, rief Mr. Pecksniff, »es ist gut, daß Sie es sehen, mein wertgeschätzter Herr. Es ist sogar wünschenswert, daß Sie es in seiner wahren Beschaffenheit erkennen. Betrachten Sie es immerhin. Hier steht es, Sir, hier steht es.« Martin hätte kein Mensch von Fleisch und Blut sein müssen, um nicht in seinen Mienen etwas von dem Zorn und der Verachtung auszudrücken, die die Anwesenheit des Heuchlers ihm einflößte. Aber, davon abgesehen, tat er, als ob Pecksniff Luft sei und gar nicht existiere. Er hatte ihn wohl beim Eintreten ein einziges Mal flüchtig angeblickt, und zwar mit der größten Verachtung, sonst aber nahm er so wenig Notiz von ihm, als ob er überhaupt nicht anwesend wäre. Zögernd gehorchte Mr. Pecksniff der Aufforderung des alten Herrn und zog sich ein wenig zurück, um Martin Platz zu machen. Der alte Mr. Chuzzlewit hatte Mary Grahams Hand gefaßt und flüsterte ihr freundlich zu, wie um sie zu beruhigen, sie habe keinen Grund zu erschrecken, und zog sie dann sanft hinter seinen Stuhl. Dann sah er seinen Enkel offen und gerade an. »Da also steht er vor mir«, murmelte er, »ja, er ist es. Sprich, was du mir zu sagen hast, aber komme mir nicht näher.« »Sein Edelmut ist so außerordentlich«, flötete Mr. Pecksniff, »daß er selbst ihn noch anzuhören gedenkt, wo er doch im voraus wissen muß, was dabei herauskommen wird. O Herz voll Großmut!« Er wandte sich bei diesen Worten nicht unmittelbar an irgendeine Person, sondern vertrat vielmehr die Stelle des Chors in einer griechischen Tragödie, der jedesmal einen Kommentar über das, was sich soeben abgespielt hat, gibt. »Großvater«, begann Martin mit tiefem Ernst, »von einer mühseligen Reise und einem schweren, entbehrungsreichen Leben, von Krankenbett, Entbehrung und Not, von bitter enttäuschten Erwartungen und aus gänzlicher Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung kehre ich zu dir zurück.« »Derartige Landstreicher«, bemerkte Mr. Pecksniff als Chor, »kommen stets wieder zurück, wenn sie finden, daß ihr liederliches Leben nicht den erhofften Erfolg gefunden hat.« »Nur diesem treuen Menschen hier«, fuhr Martin auf Mark deutend fort, »den ich hier kennenlernte und der freiwillig als Diener mit mir ging, sich aber dabei stets als eifriger, aufopfernder Freund bewies – nur ihm habe ich es zu danken, daß ich nicht in der Fremde gestorben bin. Fern von der Heimat, fern von jedem Beistand oder Trost, fern sogar von der Wahrscheinlichkeit, daß mein elendes Geschick nur irgend jemandem bekannt werden würde, nicht einmal dir vielleicht – bin ich jetzt zurückgekehrt.« Der alte Mann sah Mr. Pecksniff an, und Mr. Pecksniff erwiderte den Blick. »Sagten Sie etwas, mein verehrter Herr?« fragte Mr. Pecksniff lächelnd. Der Greis verneinte. »Aber ich weiß, woran Sie denken. Lassen Sie ihn nur weitersprechen, wertgeschätzter Freund. Die Selbstsucht des menschlichen Herzens bleibt stets ein interessantes Studium. Lassen Sie ihn nur fortfahren, Sir.« »Fahre fort«, sagte der alte Mann, wie es schien, ganz unter dem Banne Mr. Pecksniffs. »Ich war so arm und elend«, fuhr Martin fort, »daß ich einem barmherzigen Fremden drüben in Amerika noch das Geld für meine Heimfahrt schuldig bin. Alles dieses wird bei dir gegen mich sprechen. Du wirst denken, daß nur die äußerste Not und nicht Reue oder Neigung mich hierher zurückgetrieben haben. Als ich fortging, Großvater, verdiente ich diesen Verdacht. Jetzt verdiene ich ihn nicht – nein, gewiß nicht mehr.« Der Chor steckte seine Hand in die Weste und lächelte spöttisch. »Lassen Sie ihn nur fortfahren, mein wertgeschätzter Herr. Ich weiß, was Sie denken, möchte es aber nicht vorzeitig aussprechen.« Der alte Martin erhob seine Blicke zu Mr. Pecksniffs Gesicht, offenbar, um aus dessen Blicken und Winken sich Rat zu holen, und sagte dann wieder mechanisch: »Sprich weiter.« »Ich habe nichts mehr hinzuzufügen«, schloß Martin, »und setze wenig oder gar keine Hoffnung auf deine Antwort, Großvater, wie sehr ich auch beim Eintritt in dieses Zimmer gehofft haben mag. Schenke mir Glauben; glaube mir, daß es wahr ist, was ich gesagt habe. Das eine bitte ich dich nur.« »O Wahrheit, Wahrheit!« rief der Chor, mit einem Blick gen Himmel, »wie wird doch dein Name von den Ruchlosen entweiht! Nicht in der reinen Quelle des Herzens wohnest du, heiliges Prinzip, sondern auf den Lippen der Falschen. Wahrlich, es ist schwer, mit den Menschen Nachsicht zu üben, werter Herr« – er wandte sich an den alten Chuzzlewit – »aber sei es drum. Es ist unsere Pflicht, immer wieder zu glauben. Lasset uns zu den wenigen gehören, die ihre Pflicht tun, wenn wir uns auch unaufhörlich enttäuscht sehen werden.« »Was die betrifft«, fuhr Martin fort, dem alten Mann ruhig ins Gesicht sehend und nur einen einzigen Blick auf Mary werfend, die ihr Gesicht jetzt in beide Hände vergraben hatte – »was die betrifft, die die Ursache der Spaltung zwischen uns wurde, so ist mein Herz auch jetzt noch nicht fähig, anders zu fühlen. Was ich seit jener unglückseligen Zeit gelitten, hat mich in dieser Hinsicht nur bestärkt. Ich will und kann nicht vorschützen, daß ich in dieser Hinsicht jetzt Reue und Unentschlossenheit empfände. Auch weiß ich, daß du selbst dies nicht wünschen kannst. Soviel aber haben mich Betrachtung, Einsamkeit und Mißgeschick gelehrt, daß ich auf deine Liebe bauen und mich mannhaft darauf hätte stützen sollen. Ich hätte deine Liebe mit Leichtigkeit wieder zurückgewinnen können, wenn ich einsichtiger, nachgiebiger und rücksichtsvoller gewesen wäre und mehr an dich als an mich gedacht hätte. Ich kam mit dem Entschluß hierher, dir dies zu sagen und dich um Verzeihung zu bitten, viel weniger aus Hoffnung für die Zukunft als aus Reue wegen dessen, was geschehen ist. Ich will dich um weiter nichts bitten als um deine Beihilfe, jetzt, wo ich ein neues Leben beginnen will. Hilf mir, daß ich mich durch ehrliche Arbeit ernähren kann; an meinem Eifer soll es gewiß nicht fehlen. Ich weiß, daß meine jetzige Lage mich in ein höchst unvorteilhaftes Licht dir gegenüber setzt und daß es den Anschein haben muß, als sei ich abermals selbstsüchtig. Aber stelle mich auf die Probe, ob es der Fall ist oder nicht. Überzeuge dich, ob ich noch der frühere eigenwillige und hochmütige Mensch bin oder ob ich mich durch die rauhe Schule des Lebens habe läutern lassen. Lasse die Stimme der Natur zwischen uns sprechen, Großvater, und verstoße mich nicht wegen eines einzigen Fehlers, wenn dieser auch das Gepräge der Undankbarkeit trug.« Der alte Mann ließ abermals sein graues Haupt sinken und verbarg sein Gesicht in beiden Händen. »Mein wertgeschätzter Herr«, rief Mr. Pecksniff und beugte sich über ihn; »Ihr Gefühl ist sehr natürlich und verrät große Liebe, aber Sie dürfen sich nicht durch das schamlose Benehmen eines Menschen, von dem Sie sich schon längst losgesagt, so weit irreführen lassen. Raffen Sie sich auf! Denken Sie« – setzte er eindringlich hinzu – »denken Sie an mich, mein Freund!« »Ja, das will ich«, murmelte der alte Herr. »Ihre Worte geben mich mir wieder. – Ja, das will ich.« »Ja, was«, rief Mr. Pecksniff, ließ sich in einen Stuhl nieder, den er zu diesem Zweck herbeiholte, und klopfte dem Greis scherzhaft auf die Schulter; »ja, was geht denn eigentlich vor in meinem so geistesstarken Freund und Genossen, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, Sie bei diesem vertrauten Namen zu nennen. Wie? Soll ich mich wirklich gezwungen sehen, mit meinem Geistesbruder ins Gericht zu gehen und mit einem Verstande wie dem seinigen zu rechten? Oh, das will ich doch nicht hoffen?« »Nein, nein, es ist gewiß kein Grund dazu vorhanden«, murmelte der alte Mann, »nur eine augenblickliche Schwäche, weiter nichts.« »Wohl vermag«, hob Mr. Pecksniff belehrend an, »die Entrüstung heiße Zähren dem Redlichen in die Augen treiben, ich weiß« – er wischte seine eigenen ab – »aber wir haben höhere Pflichten zu erfüllen. Ermannen Sie sich, Mr. Chuzzlewit! Wünschen Sie vielleicht, daß ich Ihren Gedanken Worte leihe, mein Freund?« »Ja, tun Sie es«, seufzte der alte Herr, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und blickte ihn halb gedankenverloren, halb bewundernd und wie gebannt an. »Ja, reden Sie für mich. Sprechen Sie in meinem Namen. Ich danke Ihnen, Sie sind mir treu; ich danke Ihnen.« »Greifen Sie mir nicht zu sehr ans Herz, Sir«, schluchzte Mr. Pecksniff und schüttelte ergriffen die Hand; »ich könnte meiner Aufgabe sonst nicht gewachsen sein. Es widerstrebt mir tief, mein werter Herr, den Menschen anzureden, der jetzt vor uns steht, denn als ich aus Ihrem Munde vernahm, wie unnatürlich und undankbar er sich gegen Sie benommen, da jagte ich ihn aus meinem Hause und wies für immer jede Gemeinschaft mit ihm von der Hand. Aber Ihr Wunsch genügt mir, mich jetzt davon absehen zu lassen. – Junger Mann, die Türe befindet sich unmittelbar hinter dem Genossen Ihrer Schmach. Erröten Sie, wenn Sie das noch können, und wenn nicht, so gehen Sie ohne Erröten fort.« Fest und ruhig, als habe er nicht ein Wort der ganzen Rede gehört, blickte Martin seinen Großvater an. Aber ebenso unverwandt blickte der alte Mann auf Mr. Pecksniff. »Als ich Ihnen das letztemal mein Haus verbot und Sie mit Schmach und Schande entließ«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »empört durch Ihr schamloses Betragen gegen diesen edlen Greis, und Ihnen zurief: ›Hebe dich hinweg‹, da sagte ich Ihnen auch, daß ich über Ihre Ruchlosigkeit Tränen vergösse. Denken Sie nun aber nicht, daß die Träne, die jetzt in meinem Auge steht, für Sie vergossen wird! Sie fließt für ihn, junger Mann. Nur für ihn fließt diese Träne!« – Bei diesen Worten ließ Mr. Pecksniff die Träne, von der er sprach, wie zufällig auf Mr. Chuzzlewits kahlen Scheitel fallen, und zog sein Taschentuch heraus, wischte sie ab und murmelte eine Entschuldigung. – »Sie ist für den vergossen worden, Sir, den Sie zum Opfer Ihrer Ränke machen wollen, den Sie auszuplündern, zu hintergehen und irrezuführen gedenken. Ich habe sie vergossen aus Teilnahme und Bewunderung für ihn, denn meines Mitleides bedarf er nicht, weiß er doch zum Glück, woran er mit Ihnen ist. – Nein, solange ich lebe, sollen Sie ihm kein Unrecht mehr zufügen.« – Mr. Pecksniff erhob voller Enthusiasmus seine Stimme. – »Der Weg zu ihm führt nur über meinen Leichnam. Wohl kann ich mir denken, daß eine Gesinnung wie die Ihrige sich darüber freuen würde, wenn ich stürbe, aber solange Gott mich noch leben läßt, Sir, stehe ich als Schranke zwischen ihm und Ihnen. Jawohl. Und solange ich lebe, junger Mann, sollen Sie eine harte Nuß an mir zu knacken finden.« Immer noch blickte Martin unverwandt und geduldig seinen Großvater an. »Willst du mir denn keine Antwort geben?« fragte er nach einer längeren Pause. »Hältst du mich nicht eines Wortes für würdig?« »Du hast gehört, was ich zu sagen hatte«, erwiderte der Greis, ohne ein Auge von Mr. Pecksniff zu wenden, der ihm ermunternd zunickte. »Ich habe weder deine Stimme vernommen, noch glaube ich, daß dein Geist aus diesen Worten sprach, Großvater!« »So sagen Sie es ihm noch einmal«, wendete sich der Greis an Mr. Pecksniff. »Ich höre nur auf das«, fuhr Martin fort, immer fester in seinem Vorsatze werdend, je mehr er sah, wie sich Mr. Pecksniff unter seiner Verachtung innerlich wand und krümmte. »Ich höre nur auf das, was du mir sagst, Großvater.« Es war gut für Mr. Pecksniff, daß Mr. Chuzzlewit nur ihn ansah, denn hätte er nur ein einziges Mal zufällig seinen Blick abgewandt, um die Haltung seines Enkels mit der dieses uneigennützigen Ehrenmannes zu vergleichen, so würde ihm dieser wohl nicht vorteilhafter erschienen sein als an jenem denkwürdigen Nachmittag, an dem er Tom Pinchs letzte Quittung »für geleistete Dienste« entgegengenommen. »Nicht eines Wortes hältst du mich für würdig?« fragte Martin abermals. »Es fällt mir ein, daß ich noch etwas zu sagen habe, Pecksniff«, murmelte der Greis. »Nur ein Wort. – Du sagtest vorhin, daß du einem mildtätigen Fremden verpflichtet seiest. Wer ist er – und wieviel hat er dir geliehen?« Obgleich Mr. Chuzzlewit diese Frage an Martin stellte, so hielt er dennoch dabei seine Augen wie gebannt auf Mr. Pecksniff gerichtet. Er schien sich daran gewöhnt zu haben, nicht nur im figürlichen, sondern auch im buchstäblichen Sinn zu ihm aufzublicken. Martin zog einen Bleistift heraus, riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb hastig die Summe auf, die er Mr. Bevan schuldete. Der alte Mann nahm mit ausgestreckter Hand das Papier entgegen, verwandte aber noch immer kein Auge von Mr. Pecksniffs Antlitz. »Es wäre wohl ein armseliger Stolz und eine falsche Demut«, sagte Martin mit gedämpfter Stimme, »wenn ich behaupten wollte, ich wünschte die Schuld nicht getilgt zu sehen oder ich hätte augenblicklich Hoffnung, sie selbst tilgen zu können, aber nie habe ich meine Armut wohl so tief gefühlt wie in diesem Augenblick.« »Lesen Sie mir vor, was er geschrieben hat, Mr. Pecksniff«, sagte der alte Mann. Mr. Pecksniff nahm das Blatt mit einer Miene zur Hand, als wäre es das Bekenntnis einer Mordtat, und las es vor. »Ich danke Ihnen, Pecksniff«, murmelte der Greis. »Ich glaube, man sollte die Sache begleichen. Ich möchte nicht, daß der Fremde zu Schaden komme, wo er keine Gelegenheit hatte, Erkundigungen einzuziehen, und sich so mildtätig benommen hat.« »Das nenne ich ehrenwert gedacht, mein werter Herr«, rief Mr. Pecksniff. »Ihre Handlungsweise entspricht wieder einmal vollständig Ihrem edlen Geist – aber es ist ein gefährliches Beginnen«, setzte er hinzu, »es ist ein böser Anfang.« »Es soll kein Anfang sein«, entgegnete der alte Herr, »es ist das einzige und letzte, was ich für ihn tun werde. Doch wir werden später noch darüber reden. Ich muß mir diesbezüglich Ihren Rat erbitten. – Sonst ist nichts da?« »Sonst nichts«, sagte Mr. Pecksniff, innerlich frohlockend. »Sie müssen sich jetzt erholen von Ihrem Schrecken über diese freche Zudringlichkeit und der schnöden Kränkung Ihrer Gefühle, und zwar so bald wie möglich, damit ich Sie wieder lächeln sehen kann.« »Haben Sie mir sonst weiter nichts zu sagen?« fragte Mr. Chuzzlewit mit ungewöhnlichem Ernst und legte seine Hand auf Mr. Pecksniffs Arm. Mr. Pecksniff hatte nichts weiter zu sagen, denn Vorwürfe, meinte er, wären ja nutzlos. »Wissen Sie wirklich nichts mehr? Sind Sie davon überzeugt, gleichgültig, worum es sich handeln mag? So reden Sie nur frei heraus. Was Sie auch vorzubringen hätten, ich würde es Ihnen nicht abschlagen.« Das Gefühl überwältigte Mr. Pecksniff so sehr bei diesem Beweis unbeschränkten Vertrauens, das ihm sein Freund schenkte, daß er sich kaum zu fassen vermochte vor Schluchzen und innerlicher Erregung. Als er seine Sprache wiedergefunden, konnte er nur immer und immer wieder sagen, er hoffe es noch zu erleben, sich dieses Vertrauens würdig zeigen zu können, und bemerkte, daß er wirklich nichts weiter hinzuzufügen habe. Eine Weile lang blieb der Greis noch stumm sitzen und sah seinen Freund und Berater mit jener starren nichtssagenden Miene an, die man so häufig bei Leuten findet, die anfangen, alters- und geistesschwach zu werden. Dennoch erhob er sich schließlich mit Festigkeit und schritt zur Türe, wo ihm Mark sofort höflich Platz machte. Mit demutsvoller Miene reichte ihm Mr. Pecksniff den Arm und führte ihn hinaus. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um und sagte zu Martin, mit der Hand auf die Tür deutend: »Sie haben gehört. Gehen Sie. Entfernen Sie sich.« Dann murmelte er noch einige ermunternde und teilnehmende Worte, die seinem Freunde galten, und verließ mit ihm das Zimmer. Langsam erwachte Martin aus seiner Betäubung, und als die Türe sich schloß, eilte er auf Mary zu und drückte sie an sein Herz. »Mein liebes, gutes Mädchen«, rief er, »dich hat er wenigstens nicht zu verändern vermocht! Was für ein ohnmächtiger, erbärmlicher Schurke dieser Pecksniff doch ist.« »Und du hast dich so beherrscht und meinetwegen so viel über dich ergehen lassen, Martin«, schluchzte Mary. »Mich beherrscht?«, rief Martin heiter. »Du warst doch hier. Ich wußte doch, daß du deinen Sinn nicht geändert hast. Mußte mir das nicht eine Stütze sein? Mein bloßer Anblick war für den Elenden Gift, und für mich bedeutete es den größten Triumph, daß er meinen Anblick dulden mußte. Aber, sage mir jetzt, Geliebte – die wenigen Augenblicke, die uns bleiben, sind kostbar –, was sind das für Gerüchte hier im Dorf? Ist es wirklich wahr, daß der Schurke dich mit Anträgen verfolgt?« »Ja, er hat es getan, Martin, und tut es zum Teil noch immer. Aber die Hauptquelle meines Elends war die Angst und Sorge um dich. Warum hast du uns denn in so schrecklicher Ungewißheit gelassen?« »Meine Krankheit, die weite Entfernung, die Furcht, meine wirkliche Lage zu verraten, die Unmöglichkeit, sie anders als durch Stillschweigen vor dir zu verbergen, das Bewußtsein, daß die Wahrheit dich noch unendlich mehr geschmerzt haben würde als Ungewißheit und Zweifel«, sagte Martin, hielt Mary auf Armesweite von sich, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können, und drückte sie dann wieder an sein Herz, »das alles war die Ursache, daß ich dir nur ein einziges Mal schrieb. Aber was ist das mit Pecksniff? Scheue dich nicht, mir alles zu erzählen; du hast ja selbst gesehen, wie ich mich ihm gegenüber zusammengenommen habe und seine Worte anhörte, ohne ihn an der Gurgel zu packen. Also, was hat er sich unterstanden, und weiß mein Großvater darum?« »Ja.« »Und er unterstützt ihn darin?« »Nein«, antwortete Mary hastig. »Gott sei Dank«, rief Martin aufatmend, »daß sein Geist wenigstens nicht so weit getrübt ist.« »Ich glaube nicht, daß er gleich anfangs darum wußte«, erklärte Mary. »Pecksniff bereitete ihn zuerst gehörig vor und enthüllte ihm dann allmählich seine Wünsche. Wenigstens vermute ich das, wenn ich es auch mit Bestimmtheit nicht sagen kann; und zuletzt sprach er allein mit mir.« »Wer? Mein Großvater?« »Ja. – Er sprach mit mir und teilte mir mit –« »Was dieser Hund gesagt hat«, ergänzte Martin. »Bestätige mir das bitte.« »Er sagte, ich müsse sehen, was Pecksniff für Eigenschaften besitze – daß er ein rechtschaffener und angesehener Mann sei und sein volles Vertrauen genieße. Als er jedoch meine Betrübnis bemerkte, beruhigte er mich und sagte, er werde meinen Neigungen unter gar keinen Umständen irgendwelchen Zwang antun, sondern er begnüge sich damit, mir die Tatsache an und für sich mitzuteilen. Da er sehe, daß er mir damit wehe tue, wolle er nie wieder darauf zurückkommen. Und er hat getreulich Wort gehalten.« »Und der Elende, was hat er getan?« »Er hatte bis jetzt nur wenig Gelegenheit, seine Werbungen nochmals anzubringen. Ich bin niemals allein ausgegangen und ihm immer sorgfältig ausgewichen. – – – Lieber, lieber Martin, ich muß dir nochmals sagen«, fuhr Mary fort, »daß dein Großvater in seiner Güte gegen mich sich völlig gleich geblieben ist. Noch immer bin ich um ihn und seine Gefährtin. Ein unbeschreibliches zärtliches Mitleid scheint noch zu seiner früheren Liebe zu mir dazugekommen zu sein. Wäre ich sein leibliches Kind, ich könnte keinen zärtlicheren Vater haben. Was für Empfindungen in ihm noch fortleben, nachdem sein Herz so kalt gegen dich geworden, ist und bleibt mir ein Geheimnis, das ich nicht durchdringen kann. Aber begnügen wir uns jetzt mit der Tatsache, daß ich mich glücklich schätze, bei ihm ausgeharrt zu haben. Und sollte er wirklich noch einmal aus seinem Wahn erwachen, und wenn es auch erst in der Todesstunde wäre – so bin ich da, Geliebter, um ihn an dich zu erinnern.« Voller Bewunderung blickte Martin auf ihr in edlem Eifer erglühendes Gesicht und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. »Ich habe oft gehört und gelesen«, fuhr Mary fort, »daß Leute, deren Geist durch das Alter schwach geworden und deren Leben längst zu einem dumpfen Traum herabgesunken ist, plötzlich vor dem Tode aufzuwachen pflegen, um nach denen zu verlangen, die ihnen einst teuer gewesen, trotzdem sie sie in der Zwischenzeit vergessen haben und ihnen entfremdet waren. Denke dir, wenn er einst plötzlich erwachte, ganz mit seinen früheren Ansichten, und plötzlich keinen andern Freund um sich hätte als ihn – wie schrecklich!« »Ich würde dich auch niemals drängen, ihn zu verlassen, Geliebte«, rief Martin, »wenn ich auch voraussehe, daß noch viele Jahre uns trennen werden. Nur fürchte ich, daß der Einfluß, den dieser Schurke auf ihn ausübt, noch im Wachsen begriffen ist.« Mary mußte dies leider mit Bedauern zugeben. Unmerklich, aber unaufhaltsam sei Mr. Pecksniffs Einfluß bis jetzt gestiegen. Sie selbst habe gar keinen mehr, aber dennoch behandle sie Mr. Chuzzlewit mit größerer Liebe als jemals. »Hat er vielleicht Furcht vor ihm?« fragte Martin. »Scheut er sich vielleicht, ihm gegenüber seine eigenen Ansichten laut werden zu lassen? Es kam mir beinahe so vor.« »Auch ich glaubte oft Ähnliches zu bemerken«, sagte Mary »Wenn wir wie früher allein beisammensaßen und ich ihm aus seinen Lieblingsbüchern vorlas oder mit ihm plauderte, bemerkte ich nicht selten, daß bei Mr. Pecksniffs Eintritt sofort sein ganzes Benehmen umschlug. Er brach dann plötzlich ab und wurde so, wie du ihn heute gesehen hast. Als wir das erstemal hierher zogen, hatte er häufig seine ungestümen Ausbrüche wie früher, und sogar diesem Pecksniff wurde es trotz seiner großen Geschmeidigkeit nicht leicht, ihn zu beschwichtigen. Aber die Zeit ist längst vorüber; er unterwirft sich ihm jetzt in allem und jedem und hat niemals eine andere Ansicht als die, die ihm von diesem hinterlistigen Menschen aufgezwungen wird.« So lautete der Bericht, den Mary Martin – hier und da im Flüstertone – erstattete, und der trotz seiner Kürze wiederholt durch einen Lärm draußen, als komme Mr. Pecksniff zurück, unterbrochen wurde. Martin erfuhr auch die Geschichte von Tom Pinch und Jonas, in der auch er selbst wiederholt vorkam. Ein Wink von Mr. Tapley, ein hastiges Lebewohl – – Mary reichte Mark ihr weißes Händchen, das dieser mit der Andacht eines fahrenden Ritters küßte, ein weiteres Lebewohl und zum Abschied das Versprechen von Seiten Martins, er wolle von London aus schreiben und dort Gott weiß was für große Dinge verrichten – an deren Verwirklichung er übrigens nicht einen Augenblick zweifelte –, und dann befanden sich die beiden Freunde außerhalb des Pecksniffschen Heiligtums. »Ach, ein kurzes Wiedersehen nach so langer Trennung!« seufzte Martin bekümmert. »Aber es ist trotzdem gut, daß wir das Haus im Rücken haben. Wir wären vielleicht nur in ein schiefes Licht gekommen, wenn wir noch länger geblieben wären, Mark.« »Wir? Nicht daß ich wüßte«, rief Mark. »Aber ein anderer hätte vielleicht in ein – schiefes Licht geraten können, wenn er zufälligerweise während unserer Anwesenheit zurückgekommen wäre. Ich hätte ihn bestimmt zwischen die Tür eingeklemmt. Wäre nur einen Augenblick Mr. Pecksniffs Kopf erschienen, ich hätte ihn geknackt, wie der Nußknacker eine Nuß. – – Ich glaube, er müßte sich ganz gut quetschen lassen«, fügte er nach einer Pause nachdenklich hinzu. In diesem Augenblick schritt ein Fremder, offenbar in der Richtung auf Mr. Pecksniffs Haus zu, an ihnen vorüber. Erstaunt blickte er auf, als er den Namen des Architekten nennen hörte, und blieb nach einigen Schritten stehen, um ihnen nachzusehen. Mr. Tapley und Martin drehten sich gleichfalls um, denn der Fremde hatte sie schon im Vorübergehen merkwürdig scharf ins Auge gefaßt. »Wer mag das nur sein?« murmelte Martin, »das Gesicht kommt mir bekannt vor. Aber trotzdem kenne ich den Menschen nicht.« »Er scheint den liebenswürdigen Wunsch zu hegen, uns mit seiner Visage näher bekannt zu machen«, sagte Mark. »Er glotzt uns höchst ungeniert nach. Übrigens täte er besser, mit seiner Schönheit sparsamer umzugehen, denn viel hat er nicht davon zu verschwenden.« Als sie vor dem »Drachen« anlangten, erblickten sie einen Reisewagen vor der Tür. »Und einen Salisburywagen noch dazu«, brummte Mr. Tapley. »Da ist jeder Irrtum ausgeschlossen, der Bursche ist in dem Wagen gekommen, verlassen Sie sich darauf. Woher da wohl wieder der Wind wehen mag? Wahrscheinlich ein neuer Schüler oder vielleicht ein Auftrag für eine neue Elementarschule nach dem Muster der letzten.« Ehe sie noch in die Tür traten, eilte ihnen Mrs. Lupin entgegen, winkte sie zum Wagen und deutete auf einen Mantelsack, auf dem der Name »Chuzzlewit« stand. »Der Gatte von Miss Pecksniff«, erklärte sie. »Ich wußte nicht, auf welchem Fuß Sie mit ihm stehen und war deshalb recht in Sorgen, bis Sie wieder zurück waren.« »Er und ich haben noch nie im Leben ein Wort miteinander gewechselt«, sagte Martin. »Da ich mich nach seiner Bekanntschaft weiter auch nicht sehne, so ist es ganz gut, daß wir nicht mit ihm zusammentreffen. Wir sind ihm auf dem Wege hierher begegnet. Gut, daß er in unserer Abwesenheit hier ankam. Aber wahrhaftig, Miss Pecksniffs Gatte reist verwünscht vornehm.« »Es ist ein sehr feiner Herr mit ihm angekommen – er hat das beste Zimmer bezogen«, flüsterte Mrs. Lupin und blickte, während sie in das Haus traten, nach dem Fenster hinauf. »Er hat alles mögliche zum Dinner bestellt und hat den glänzendsten Schnurrbart, den man sich nur denken kann.« »So?« rief Martin. »Nun, da wollen wir auch ihm ausweichen und hoffen, daß wir die nötige Selbstverleugnung dazu aufbringen werden. Wir haben übrigens nur noch ein paar Stunden Zeit«, setzte er hinzu und warf sich erschöpft in einen Stuhl hinter dem kleinen Wandschirm des Schenkstübchens. »Unser Besuch ist nicht sehr glücklich verlaufen, liebe Mrs. Lupin, und wir müssen jetzt nach London.« »O Gott, o Gott!« jammerte die Wirtin. »Ja, leider. Übrigens macht eine Schneeflocke noch keinen Winter und eine Schwalbe noch keinen Sommer. Ich will mein Glück noch einmal versuchen. Tom Pinch hat ja auch sein Auskommen gefunden, und durch seinen Rat wird mir wohl ein gleiches möglich werden. Früher habe ich ihn unter meinen Schutz genommen – Gott verzeihe mir die Sünde – und ihm versprochen, ich wolle für sein Fortkommen sorgen. Vielleicht nimmt er mich jetzt unter seinen Schutz und lehrt mich, wie ich mir mein Brot verdienen kann.« 44. Kapitel Mr. Jonas und sein Freund setzen ihr Vorhaben ins Werk Zu den vielen wunderbaren Eigenschaften Mr. Pecksniffs gehörte auch die, daß er in seiner Heuchelei um so raffinierter wurde, je mehr man auf seine Schliche kam. Wurde er in einer Richtung geschlagen, so erholte sich gleich darauf durch einen neuen Schachzug auf einer andern Seite; wurden sein Treiben und seine Schleichwege von »A« durchschaut, sah er darin um so mehr Grund, sie ohne Zeitverlust an »B« zu versuchen. Noch nie hatte er vielleicht als so musterhaftes Beispiel gewirkt und ein so erhabenes Schauspiel für seine ganze Umgebung geboten wie damals, als Tom Finch ihn durchschaut hatte, und noch nie so viel Humanität und zugleich Tugendstrenge an den Tag gelegt, wie damals, wo noch die Verachtung des jungen Martin ihm frisch auf der Seele brannte. Bei seinem unerschöpflichen Lager an Sentimentalität und Moral hatte er kaum von der Ankunft seines Schwiegersohnes gehört, als er sofort begriff, es ließe sich hier wiederum ein großer Posten von diesem Vorrat an Tugend abstoßen. Rasch eilte er ins Empfangszimmer hinab, umarmte den jungen Mann und rief, mit Blicken und Gebärden seine Besorgnis bekundend: »Jonas – doch nicht meine Tochter? – Sie ist doch wohl, es ist doch nichts vorgefallen?« »Ach was, dummes Zeug!« brummte der zärtliche Schwiegersohn, »lassen Sie wenigstens mir gegenüber diesen Blödsinn bleiben.« »Sagen Sie mir nur das eine, befindet sie sich wohl?« rief Mr. Pecksniff. »Sagen Sie mir, daß ihr nichts fehlt, lieber Schwiegersohn!« »Ach was, gar nichts fehlt ihr«, rief Jonas, sich aus der Umarmung losmachend. »Nicht das geringste fehlt ihr.« »Dir fehlt nichts!« jubelte Mr. Pecksniff und sank in den nächsten Stuhl, sich erleichtert über die Stirne fahrend. »O Gott, diese Schwäche. Aber ich kann nicht anders, Jonas. Ich danke Ihnen. – So, jetzt ist mir wieder leichter. Und was macht meine zweite – meine Erstgeborene, mein Cherrychen?« »Was sie gewöhnlich macht«, brummte Mr. Jonas, »ein Essiggesicht. Sie wissen doch, Sie hat sich einen Verehrer beigebogen!« »Ja, ich weiß es aus erster Hand, nämlich von ihr selber«, sagte Mr. Pecksniff. »Ich kann nicht in Abrede stellen, daß ich mit einer gewissen Angst dem Verluste auch meiner zweiten Tochter entgegensehe, Jonas; – wir Väter sind eben egoistisch, fürchte ich. Ja, ja. – Hm. Aber ich habe stets gestrebt, sie für den häuslichen Herd zu erziehen. Es ist das eine Sphäre, der Cherry stets zur Zierde dienen wird.« »Ach, Blech, ziert sich was«, bemerkte der zärtliche Schwiegersohn mit berückender Freimütigkeit. »Die hat's nötig, sich – zu zieren.« »Wenigstens sind meine Mädchen versorgt«, frohlockte Mr. Pecksniff, »glücklich versorgt, und ich habe nicht umsonst gearbeitet.« Dasselbe würde er wahrscheinlich auch gesagt haben, wenn eine seiner Töchter den Haupttreffer gemacht und die andere eine wertvolle Börse auf der Straße gefunden haben würde. In beiden Fällen hätte er wahrscheinlich mit großer Feierlichkeit seinen patriarchalischen Segen auf ihr glückliches Haupt herniedergefleht und sich selbst unendlich viel darauf zugute getan haben, sie für ein so günstiges Los – erzogen zu haben. »Ich dächte, wir sprächen jetzt mal von was anderem«, bemerkte Jonas trocken. »Wissen Sie, nur der Abwechslung wegen. Oder wollen Sie noch weiter Süßholz raspeln?« »Nein, nein«, säuselte Mr. Pecksniff. »O Sie Schalk, Sie nichtsnutziger. Sie machen sich natürlich über einen armen alten zärtlichen Vater lustig. Nun wohl, er verdient es auch; aber er macht sich nichts daraus, daß Sie so reden. Seine Gefühle sind sein eigener Lohn. – Gedenken Sie bei mir zu bleiben, Jonas?« »Nein. – Ich habe einen Freund bei mir.« »So bringen Sie ihn doch mit«, rief Mr. Pecksniff in einem Anfall von Gastfreundschaft. »Bringen Sie so viele Freunde mit, wie Sie wollen.« »Das ist kein Mann, der sich so leicht mitbringen läßt«, sagte Jonas sehr von oben herab. »Besten Dank, aber der sitzt ein bißchen zu hoch auf dem Baume, Pecksniff.« Der Ehrenmann spitzte die Ohren. Sein Interesse erwachte. Hoch oben auf dem Baume sitzen war bei Mr. Pecksniff soviel wie Tugend, Größe, Herz, Verstand und Genie besitzen, oder besser gesagt, noch viel mehr, nämlich Geld. Zu einem Manne, der imstande war, auf ihn herabzusehen, konnte er niemals mit zu viel Ehrfurcht und Demut emporschauen. Das ist die Eigenschaft jedes großen Geistes und war daher auch seine. »Ich will Ihnen aber sagen, was Sie tun könnten, wenn Sie wollen«, fing Jonas wieder an. »Kommen Sie und speisen Sie mit uns im ›Drachen‹. Wir mußten gestern abend in Geschäftsangelegenheiten über Salisbury fahren, und ich habe ihn überredet, mich diesen Morgen in seinem Wagen herüberzufahren – es war zwar nicht sein eigener, sondern eine Mietkutsche, denn der seinige ist in der letzten Nacht zerbrochen, aber das ist ja schließlich gleichgültig; – also, merken Sie jetzt gut auf, wie Sie sich ihm gegenüber zu benehmen haben. Er verkehrt nicht mit dem ersten Besten und ist an den feinsten Umgang gewöhnt.« »Wohl irgendein junger Kavalier, dem Sie Geld geliehen haben – auf hohe Interessen, was?« scherzte Mr. Pecksniff und wackelte frohgelaunt mit dem Zeigefinger. »Es wird mich unendlich freuen, den lockeren Zeisig kennenzulernen.« »Geliehen?« höhnte Jonas. »Ich ihm Geld geliehen? Wenn Sie den zwanzigsten Teil von dem besäßen, was er wegwerfen kann, dann würden Sie sich sofort zur Ruhe setzen. Wir könnten froh sein, wenn wir zusammen soviel hätten, wie seine Möbel, sein Silberservice und seine Gemälde wert sind. Das wäre mir der Rechte, um sich Geld von uns auszuborgen! Mr. Montague! Seit ich so glücklich – na, ich darf wohl sagen, so schlau war, mich bei der Versicherungsanstalt zu beteiligen, deren Vorsitzender er ist, habe ich mir schon – na, ist ja gleichgültig, wieviel ich verdient habe – es geht Sie nichts an«, brach Jonas seine Rede ab und tat wieder so zurückhaltend, wie er sonst in Geschäften zu sein pflegte. »Sie wissen, ich rede nicht gern von solchen Dingen, aber ein paar Schäfchen habe ich mir bereits ins trockne gebracht.« »Wirklich, mein lieber Jonas?!« rief Mr. Pecksniff voller Wärme. »Aber einem solchen Herrn muß man doch Aufmerksamkeiten erweisen! Vielleicht hat er Lust, die Kathedrale zu besichtigen – woran ich nach der Schilderung, die Sie mir von ihm gaben, nicht zweifle; – oder wenn er Geschmack an den schönen Künsten findet, könnte ich ihm ein paar Bilder schenken; – eine Abbildung der Salisburykathedrale, lieber Jonas«, fuhr Mr. Pecksniff fort, in seinem Verlangen, sich in seinem besten Lichte zu zeigen, auf sein Steckenpferd geratend, »es ist ein Gebäude voll ehrwürdigster Erinnerungen und erweckt die erhabensten Gefühle. Wir sehen die Werke vergangener Jahrhunderte vor uns erstehen, wir lauschen den Tönen der Orgel, während wir durch das hallende Kirchenschiff wandeln, wir haben hier die Zeichnungen dieses berühmten Gebäudes von Norden, von Süden, von Osten, von Westen, von Südosten, von Nordwesten –« Während dieses Redestromes hatte sich Jonas, die Hände in den Taschen und den Kopf schlau auf die Seite gelegt, auf seinem Stuhle hin und her geschaukelt; jetzt blinzelte er seinen Schwiegervater so listig an, daß dieser plötzlich innehielt und fragte, was das zu bedeuten habe. »Ach Gott«, versetzte Jonas, »ach Pecksniff, wenn ich wüßte, wem Sie mal ihr Geld hinterlassen, so würde ich Ihnen vielleicht einen Rat geben, wie Sie es im Handumdrehen verdoppeln können. Es wäre ganz hübsch, wenn so ein Geschäftchen in der Familie bliebe, aber Sie sind mir ein viel zu durchtriebener –« »Jonas, Jonas!« rief Mr. Pecksniff bewegt. »Sie wissen, ich bin kein Diplomat. Das Gefühl geht immer mit mir durch. Bei weitem der größere Teil von den unbedeutenden Ersparnissen, die ich – wie ich hoffen will – in einem nicht unehrenhaften oder nutzlosen Leben gesammelt habe, ist testamentarisch bereits jemandem vermacht, den ich Ihnen wohl nicht zu nennen brauche.« Und er drückte seinem Schwiegersohn die Hand so warm, als wolle er hinzusetzen: Gott beschütze dich, mein liebes Kind, und halte nur das Geld zusammen, das du einmal kriegen wirst. Mr. Jonas jedoch schüttelte nur den Kopf, lachte höhnisch und sagte mit einer Miene, die zu bedeuten schien, er habe etwas Besseres im Sinn: nein, er wolle die Sache doch lieber für sich selber reservieren. Nach einer Weile meinte er, sie könnten vielleicht einen Spaziergang machen, und da Mr. Pecksniff daraufhin direkt darauf bestand, ihn zu begleiten, machten sie sich sofort auf die Beine. Unterwegs beobachtete Jonas dieselbe Zurückhaltung, mit der er das Zwiegespräch vor einer Weile abgeschlossen hatte, und da er durchaus keinen Versuch machte, einzulenken, sondern sich im Gegenteil nur noch roher und ungeschliffener als gewöhnlich benahm, so ahnte Mr. Pecksniff nicht im entferntesten seine wahre Absicht und gab sich immer mehr und mehr Blößen. Der Schurke urteilt stets nach sich selbst und glaubt, jeder verfahre auf dieselbe Weise wie er, und so schloß Mr. Pecksniff: wenn der junge Mann mich zu seinen Zwecken brauchte, würde er höflicher und schmeichlerischer sein. Je weniger Jonas auf seine Fragen einging, desto angelegentlicher bewarb sich Mr. Pecksniff um das Glück, in das goldene Geheimnis eingeweiht zu werden; in das er bisher nur einen ganz unbestimmten Blick hatte tun können. »Wozu diese kalte, eigennützige Geheimniskrämerei unter Verwandten?« rief er. »Was wäre das Leben ohne Vertrauen, wenn der erkiesene Gatte seiner Tochter, der Mann, dem er sie mit soviel Stolz und Hoffnung und so überwältigt vor Freude gegeben, – wenn dieser Mann nicht einmal einen grünen Fleck in der öden Wüste des Lebens bedeuten sollte! Wo würde sich eine solche Oase sonst finden lassen?!« Er ahnte nicht im entferntesten, auf was für einen grünen Fleck er in diesem Augenblick seinen Fuß gesetzt hatte, und wie wenig sah er voraus, als er sagte: »Alles ist vergänglich«, daß sich dieses Wort in kurzer Zeit an ihm selbst bewahrheiten sollte. Jonas gedachte, ihm an jenem zarten Punkte, wo er selbst so empfindlich war, zu Leibe zu gehen, und fand eine boshafte Freude an seinen eigenen Schlangenwindungen, die er hämisch verfolgte, indem er vorsichtig Zoll für Zoll die blendenden Aussichten des anglobengalischen Institutes preisgab, statt sie in voller Pracht und auf einmal vor dem gierigen Auge seines Zuhörers zu entfalten. Ebenso tropfenweise ließ er seinen Schwiegervater ahnen, er halte es für gefährlich, jemanden, der wie Mr. Pecksniff, im Gegensatz zu ihm selbst, so redegewandt war, einem Manne wie Mr. Montague vorzustellen. Lieber, brummte er, wolle er sich seinen geliebten Schwiegervater drei Schritte vom Leibe halten, als ihn in die Karten gucken zu lassen. In so kunstgerechter Weise geködert, erschien Mr. Pecksniff zum Dinner mit einem Aufwand von Sanftmut, Wohlwollen, Heiterkeit, Höflichkeit und philanthropischer Gesinnung, wie er es vielleicht noch nie in seinem Leben zustande gebracht. Die Freimütigkeit des Gentlemans vom Lande, die feine Bildung des Künstlers, die vornehme Nonchalance des Weltmannes, die ölige Mischung von Menschenfreundlichkeit und Nachsicht, Frömmigkeit und Duldung, alles vereinigte sich in ihm, als ihm der große Spekulant und Kapitalist, Mr. Montague, die Hand schüttelte. »Willkommen, hochverehrter Herr«, rief er, »in unserm bescheidenen Dorfe! Wir sind wohl nur schlichte Leute – sozusagen Naturmenschen, Mr. Montague, allein wir wissen die Ehre Ihres Besuches zu würdigen, wie mein teurer Schwiegersohn hier mir gewiß gerne bezeugen wird. – Sonderbar, höchst sonderbar«, rief er, die Hand Mr. Tiggs ehrfurchtsvoll drückend, »fast kommt es mir vor, als ob ich Sie kenne. Diese hochgewölbte Stirn, diese üppigen Haarlocken – wahrhaftig, mein hochverehrter Herr, ich glaube Sie schon einmal irgendwo in der vornehmen Welt gesehen zu haben.« »Nichts wäre natürlicher«, war die einstimmige Antwort Jonas Chuzzlewits und Mr. Montagues. »Es wäre die größte Ehre für mich«, säuselte Mr. Pecksniff weiter, »wenn ich Sie einem älteren Gaste unseres Hauses, dem Oheim unseres gemeinsamen Freundes hier, vorstellen dürfte. – Mr. Martin Chuzzlewit würde bestimmt stolz darauf sein, Ihnen die Hand drücken zu dürfen.« »Weilt dieser Herr momentan hier?« fragte Mr. Montague sich verfärbend. »Jawohl.« »Aber Sie haben mir gar nichts davon gesagt, Mr. Chuzzlewit!« »Ich nahm an, es wäre Ihnen gleichgültig«, knurrte Jonas. »Übrigens kann ich Ihnen sagen, es verlohnt sich nicht der Mühe, ihn kennenzulernen.« »Aber Jonas, mein lieber Jonas!« rügte Mr. Pecksniff. »Wie sprichst du nur?« »Ja, ja, natürlich; ich verstehe; Sie reden ihm jetzt das Wort«, brummte Jonas, »weil Sie ihn sich hübsch eingefädelt haben und auf die Erbschaft spekulieren.« »Oho, daher bläst der Wind«, lachte Mr. Montague. »Haha!« Schwiegersohn und Schwiegervater stimmten in das Gelächter ein; besonders der letztere. »Aber, aber!« rief der Architekt, Jonas scherzhaft auf die Achseln klopfend. »Mr. Montague, Sie dürfen nicht gleich alles glauben, was mein lieber Schwiegersohn sagt. In Geschäftssachen können Sie ihm ja Glauben schenken und ihm auch vertrauen, aber seinen phantastischen Einfällen dürfen Sie kein Gewicht beilegen.« »Meiner Seel, Mr. Pecksniff«, rief Mr. Montague, »ich lege seiner Bemerkung sogar das größte Gewicht bei und hoffe nur, daß sie auch wahr sein möge. So auf die gewöhnliche übliche Weise läßt sich nicht schnell Geld verdienen, Mr. Pecksniff; viel gescheiter ist's, wenn man die Wurst richtig nach der Speckseite zu werfen weiß.« »O pfui, o pfui!« rief Mr. Pecksniff. – Dann aber lachten sie wieder – besonders er. »Wir wenigstens tun es, mein Ehrenwort«, sagte Mr. Montague. »O pfui, pfui«, wiederholte Mr. Pecksniff. »Sie belieben zu scherzen. – Ich weiß bestimmt, es ist nicht der Fall – bin fest davon überzeugt. Gar bei Ihnen ist so etwas ausgeschlossen.« – Und wieder lachten sie zusammen – und Mr. Pecksniff am lautesten. Die größten Meisterwerke der Kochkunst, die der »Drache« je geliefert, kamen jetzt auf den Tisch. Die besten und ältesten Weine im Keller des »Drachen« erblickten wieder einmal das Licht der Welt, und tausend kleine Anekdoten, die sämtlich auf Mr. Montagues Reichtum und hohe Stellung hinausliefen, wurden so ganz nebenbei aufgetischt. Mr. Pecksniff betonte immer wieder, es sei wirklich schade, daß Montague eine so geringe Meinung von den Menschen und ihren Schwächen habe. Er nahm es sich geradezu zu Herzen und kam ohne Unterlaß wieder darauf zurück, galt es doch, wie er sagte, seinen hochgeehrten Wirt zu bekehren. Und sooft Mr. Montague seinen Satz über das Spekulieren auf die Schwächen der Menschheit wiederholte und stets freimütig hinzusetzte: »Wir wenigstens tun es«, ebensooft wiederholte Mr. Pecksniff: o pfui, o pfui, das wäre ja eine Schande; ich weiß genau, Sie denken anders. Kurz, des Scherzens und der Ausgelassenheit waren kein Ende. Nachdem diese Scharmützel eine Weile gedauert hatten, wurde Mr. Pecksniff plötzlich beinahe bis zu Tränen ernst. Er bemerkte, wenn Mr. Montague es erlaube, wolle er die Gesundheit seines jungen Verwandten, Mr. Jonas Chuzzlewit, ausbringen und sich selbst zu diesem neugeschlungenen Verwandtschaftsbande Glück wünschen. Dabei konnte er nicht umhin, zuzugestehen, daß er ihn beneide, seinen Nebenmenschen so nützlich werden zu können, denn wenn er die Zwecke des Instituts, mit dem Jonas jetzt so vorteilhafterweise in Verbindung getreten, richtig erfasse – er kenne sie freilich nur unvollkommen –, so seien sie darauf berechnet, Gutes zu wirken, und er selbst würde glauben, mit Sicherheit dereinst selig entschlummern zu können, falls er imstande wäre, ihren Plänen in was immer für einer Weise dienlich sein zu dürfen. Der Übergang zu dieser zufällig hingeworfenen Bemerkung – denn das war sie natürlich, entsprang sie doch aus Mr. Pecksniffs übersprudelnder Herzlichkeit – bis zur Besprechung des Themas in Form einer wirklichen Geschäftssache war äußerst leicht. Bald lagen Bücher, Papiere, Tabellen und Berechnungen aller Art auf dem Tische ausgebreitet, und da sie nur zu einer bestimmten Absicht vorbereitet waren, so kann man sich leicht denken, daß sie samt und sonders auf das eine Ziel hinausliefen. Sooft sich übrigens Mr. Montague hinsichtlich des Gewinnes des Geschäftes näher ausließ und die Versicherung abgab, es müsse herrlich gedeihen, solange es noch einfältige Leute auf der Welt gebe, rief Mr. Pecksniff jedesmal mit Milde: o pfui! und wäre aus ganzem Herzen bestimmt geneigt gewesen, dem Sprecher allerlei Vorstellungen zu machen, hätte er nicht gewußt, daß das alles natürlich zum Scherz war. Innerlich wußte der Treffliche natürlich auch, daß ihm mit seinen eigenen Einwendungen nicht im geringsten ernst war. Die Gelegenheit war günstig, und er begriff sofort, er würde lange warten müssen, bis eine ähnliche wiederkehre, um eine beträchtliche Summe anzulegen, denn je höher die Einlage, desto größer natürlich die Vorteile. Zwar mischte sich Jonas des öfteren ins Gespräch, zeigte sich grämlich und mürrisch oder fand da und dort Bedenken oder Fehler und riet dem Schwiegervater brummend, sich die Sache ja genau zu überlegen, aber Mr. Pecksniff – durchschaute das natürlich. Die Summe, die zu einer Teilhaberschaft an dem famosen Geschäft berechtigen konnte, betrug beinahe soviel wie die Höhe seiner sämtlichen Ersparnisse – Mr. Martin Chuzzlewits zukünftige Erbschaft nicht mit eingerechnet, wenn dieser sie auch im Geiste bereits als sein eigen betrachtete; und wie die Sachen standen – wenigstens nach den bücherlichen Aufzeichnungen –, mußte das Geld binnen Kürze mit ungeheurem Gewinne wieder zurückströmen. Kurz, die Unterhaltung schloß damit, daß Mr. Pecksniff einwilligte, der letzte Teilhaber an der anglobengalischen Kompagnie zu werden, und es wurde beschlossen, daß er übermorgen mit Mr. Montague in Salisbury dinieren und den Kontrakt unterzeichnen solle. Immerhin dauerte es noch eine geraume Zeit, bis die Sache so weit gediehen war, und es schlug bereits Mitternacht, als sich das edle Kleeblatt trennte. Als Mr. Pecksniff die Treppe hinunterging, sah er Mrs. Lupin an der Türe stehen und hinausblicken. »Oh, meine liebe Freundin«, rief er, »noch immer nicht zu Bett? Stellen Sie vielleicht astronomische Beobachtungen an, Mrs. Lupin?« »Es ist eine so schöne sternenhelle Nacht, Sir.« »Eine schöne sternenhelle Nacht«, bekräftigte Mr. Pecksniff und blickte zum Firmamente auf. »Sehen Sie nur, wie hell diese Planeten leuchten. Betrachten Sie sie – – – Übrigens, Mrs. Lupin, die beiden jungen Leute, die heute morgen hier waren, haben doch hoffentlich Ihr Haus schon verlassen.« »Jawohl Sir, sie sind abgereist«, war die Antwort. »Freut mich zu hören«, rief Mr. Pecksniff. »Bitte, betrachten Sie nur einmal diese Wunder des Firmamentes. Wahrhaft ein glorreicher Anblick. Sooft ich zu diesen schimmernden Welten aufblicke, deucht es mir, als ob eine der andern zublinzele, als wollten sie sich gegenseitig auf die Eitelkeit des menschlichen Tuns aufmerksam machen. Oh, ihr lieben Mitmenschen«, Mr. Pecksniff schüttelte mitleidig den Kopf, »wie sehr seid ihr in Irrtum befangen! Ihr wandelt in der Täuschung, ihr lieben, den Würmern verfallenen Brüder. Wie zufrieden sind dagegen die Sterne in ihren Sphären! Warum lasset ihr euch dies nicht zum Beispiel dienen? O lasset ab, meine verblendeten Freunde, mit euerm Ringen und Kämpfen um Reichtum und Ruhm! Lasset ab und blicket mit mir zum Himmel auf.« Mrs. Lupin schüttelte den Kopf und seufzte; es war gar zu rührend. »Blicket mit mir gen Himmel auf«, wiederholte Mr. Pecksniff, die Hand enthusiastisch ausstreckend – »mit mir, einem demütigen Erdenmenschen, der gleichfalls nur ein Insekt ist wie ihr selbst. Können Gold, Silber und kostbare Steine funkeln wie diese Sterne? Nein fürwahr. Also dürstet nicht nach Silber, Gold oder Juwelen, sondern blicket auf mit mir gen Himmel.« Damit tätschelte er Mrs. Lupins Hand, als wolle er hinzusetzen: »Prägen Sie sich dies wohl ein, meine liebe Frau«, und ging dann, den Hut unter dem Arm, verzückt von dannen. Jonas war inzwischen sitzen geblieben, genau wir ihn Mr. Pecksniff verlassen hatte, und blickte jetzt finster auf seinen Freund, der, von einem Haufen Akten umgeben, eine Zahlenreihe auf einem langen Papierstreifen durchrechnete. »Sie wollen also bis übermorgen in Salisbury warten?« fragte er. »Sie haben doch gehört, wobei wir verblieben sind«, versetzte Mr. Montague, ohne aufzublicken. »Ich hätte übrigens auch sowieso so lange gewartet; schon des Jungen wegen.« Die beiden schienen wieder einmal ihre Rollen gewechselt zu haben: Mr. Montague war sehr aufgeräumt und Jonas düster und trüb. »Sie brauchen mich jetzt natürlich nicht mehr?« fragte Jonas nach einer Pause. »Ich brauche nur noch Ihre Unterschrift hier«, erwiderte Mr. Tigg mit einem spöttischen Lächeln. »Ich muß nur noch den Stempel hier oben ausfüllen, für das Extrakapital – weiter nichts. Wenn Sie übrigens nach Hause reisen wollen, so kann ich Pecksniff ganz gut allein weiter bearbeiten. Es herrscht ja das beste Einverständnis zwischen uns.« Jonas sah seinen Kompagnon düster an, während dieser stumm weiterschrieb. Als er zu Ende gekommen und das Blatt auf dem Löschpapier seines Reisepultes abgetrocknet hatte, blickte er auf und schob seinem Associé die Feder zu. »Also nicht einen Tag Frist?« rief Jonas bitter. »Trotz der Mühe, die ich mir heute abend gegeben?« »Das Werk dieser Nacht gehörte mit zu unserm Vertrage«, versetzte Mr. Montague gelassen. »Dasselbe ist mit diesem Kontrakt hier der Fall.« »Sie pressen mich aus wie eine Zitrone«, knirschte Jonas und trat an den Tisch. »Geben Sie her!« Montague reichte ihm das Papier. Nachdem Jonas noch eine Weile gezögert, seinen Namen unter den Kontrakt zu setzen, tauchte er hastig die Feder in das nächste Tintenfaß und fing an zu unterschreiben. Kaum hatte er jedoch begonnen, als er wie in panischem Schrecken zurückfuhr. »Zum Teufel noch mal, was ist das?« rief er. »Das ist ja Blut.« Wie er im nächsten Augenblick erkannte, hatte er die Feder in rote Tinte getaucht. Er schien diesen Irrtum merkwürdig ernst aufzufassen, als lege er ihm irgendeine geheime Bedeutung bei. Erregt fragte er, wo die rote Tinte hergekommen sei, wer sie gebracht habe und zu welchem Zweck sie hier stünde. Dabei sah er Mr. Montague lauernd an, als vermute er, dieser habe ihm einen Possen spielen wollen; sogar, als er eine andere Feder und die schwarze Tinte benützte, machte er zuerst auf einem Papierstreifen ein paar Striche, als fürchte er immer noch halb und halb, die blutähnliche Farbe zu sehen. »Na, diesmal ist sie schwarz«, knurrte er und reichte das Blatt Mr. Tigg hin. »Gute Nacht.« »Schon fort? Sie wollen doch noch nicht abreisen?« »Noch ehe Sie aus dem Bette sind, werde ich zeitig früh auf der Landstraße warten, um die Post abzupassen. Adieu.« »Sie sind aber pressiert!« »Ich habe allerlei zu tun«, brummte Jonas. »Adieu.« Erstaunt sah Mr. Montague dem Forteilenden nach, aber dann drückten seine Mienen Freude und Beruhigung aus. »Desto besser«, murmelte er. »So fügt sich's von selber, wie ich's wünsche. Ich werde allein nach Hause reisen.« 45. Kapitel Tom Pinch und seine Schwester leisten sich ein kleines Extravergnügen; selbstverständlich in den bescheidensten Grenzen Als sich Tom Pinch und seine Schwester unmittelbar nach der Szene auf dem Kai ihrer verschiedenen Geschäfte wegen trennen mußten, dachten Tom, in seiner einsamen Arbeitsstube angelangt, und Ruth in ihrem dreieckigen Salon den ganzen Tag über an nichts anderes als an das, was vorgefallen, und als die Stunde ihres nachmittäglichen Zusammentreffens herannahte, hatten sie immer noch den Kopf ganz voll davon. Es war eine Art stummen Einverständnisses zwischen ihnen, daß Tom jedesmal ein und denselben Weg einschlug, wenn er aus dem Tempel wegging. Dieser Weg führte an der Fontäne vorüber durch den Fontänenhof, und dabei warf er jedesmal einen Blick über die Stufen, die nach dem Gartenhofe hinunterführten, und sah sich einmal in der Runde um. War dann Ruth gekommen, so fand er sie verabredungsgemäß hier, nicht etwa gemächlich herumschlendernd – der Kommis wegen, die sie sonst wahrscheinlich zudringlicherweise angeredet hätten –, sondern ihm munter und fröhlich entgegeneilend, mit einem Glanz auf dem Gesichtchen, der den der Fontäne wohl tausendmal übertraf. Fünfzig gegen eins war dann zu wetten, daß Tom jedesmal auf die unrechte Seite blickte und sie schon gar nicht mehr erwartete, während sie ihm bereits schnurstracks entgegenkam und mit den Schlüsseln in ihrer kleinen Retiküle klingelte, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ob die kümmerliche Vegetation im Fontänenhof den armen berußten Bäumen und Sträuchern genug Leben ließ, so daß sie imstande gewesen wären, die Anwesenheit des hübschesten und herzigsten Mädchens unter der Sonne zu fühlen, das ist eine Frage für Gärtner oder für die, die mit dem Seelenleben oder den Herzensbedürfnissen von Pflanzen näher bekannt sind. Aber daß es sich auf dem gepflasterten Hofe recht hübsch ausnahm, wenn die zarte kleine Gestalt darüber hinhuschte und wie ein Lächeln an den düsteren alten Häusern und über die abgetretenen Steinfliesen hinglitt, um sie dann in Öde und Langeweile wieder zurückzulassen, das ist Tatsache. Am liebsten wäre die Tempelfontäne wohl zwanzig Fuß hoch emporgesprungen, um den Lenz hoffnungsvoller Jungfräulichkeit zu begrüßen, der in Ruths kleiner Persönlichkeit sich strahlend durch die dürren staubigen Kanäle dieses Heimes der Rechtsprechung stahl. Die zwitschernden Sperlinge, in den Spalten und Ritzen des Londoner Tempels geboren, schwiegen dann gerne, wie um den unsichtbaren Lerchen zu lauschen, die aus der Höhe des Himmels herab die Anwesenheit des so lieblichen Kindes besangen, und die dürren bestaubten Äste, nicht mehr gewohnt, sich herabzuneigen, seit sie kleine Pflänzchen gewesen, bemühten sich, sich freundlich herabzusenken, um mit Blätterrauschen ihren Segen über Ruths anmutiges Haupt zu gießen. Alte Liebesbriefe, in eisernen Kisten eingeschlossen, in den Bureaus ringsum und unter den alten Familiendokumenten, zwischen die sie geraten waren, unbeachtet und vergessen, hätten sich am liebsten rühren mögen und aufrauschen, um sich einen Augenblick an ihre alten Zärtlichkeiten zu erinnern, wenn Ruth so mit leichtem Schritt vorüberging. Alles das und noch viel mehr hätte in der belebten und leblosen Natur Ruth zuliebe geschehen können. An diesem Nachmittage ereignete sich aber außerdem noch etwas. Zwar nicht ihr zuliebe, sondern rein zufällig, und ohne im geringsten durch sie veranlaßt zu sein. Entweder war sie zu früh gekommen, oder Tom kam zu spät – sie war sonst in der Regel so pünktlich, daß sie es gewöhnlich auf die halbe Sekunde traf –, doch wer nicht kommen wollte, war Tom. Aber statt seiner war jemand anders da, und sie errötete so tief, als sie sich umsah und ihn erblickte, daß sie mit ungewöhnlicher Hast die Stufen hinabtrippelte. Der Zufall hatte nämlich gefügt, daß in diesem Augenblick gerade Mr. Westlock vorüberging. Der Tempel ist eine öffentliche Passage, und mag auch hundertmal auf die Tore geschrieben stehen: »Kein Durchgang« – solange die Tore offenstehen, geht jeder durch. Warum hätte es sich da gerade Mr. Westlock versagen sollen? Aber weshalb lief Ruth davon? Sie war doch nicht schlecht gekleidet, vielmehr so sauber und niedlich wie immer; warum lief sie also davon? Ihre braunen Locken, die unter ihrem Hütchen hervorquollen mit einer einzigen gottlosen falschen kleinen Rose darin, die sich ihrer Frechheit vor aller Welt rühmte, konnten doch nicht die Ursache sein? Also warum lief sie davon? Lustig glitzerte die schlanke Fontäne, und lustig strahlten die Grübchen auf Ruths sonnigem Antlitz. John Westlock eilte ihr nach. Unter murmelndem Flüstern fiel und brach sich die Fontäne, und die Grübchen zuckten schelmisch, als John Ruth nacheilte. Warum tat sie nur, als merke sie sein Kommen nicht? Warum wünschte sie sich so weit weg und zitterte doch vor Seligkeit? »Wußte ich es doch, daß Sie es sein mußten«, sagte John, als er sie im Heiligtum des Gartenhofes einholte. »Ich wußte gleich, daß ich mich nicht täuschen konnte.« Ruth war außerordentlich überrascht. »Sie warten wohl auf Ihren Bruder?« fragte John. »Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen Gesellschaft leisten.« Die Berührung ihres kleinen Händchens war so leicht, daß er niederschaute, um sich zu überzeugen, ob sie seinen Arm auch wirklich angenommen habe. Sein Blick wurde für den Moment von den leuchtenden Augen des Mädchens festgehalten, und er vergaß daher seine erste Absicht und blieb eine Sekunde stehen. Dann schlenderten sie wohl drei- oder viermal auf und ab und unterhielten sich über Tom und seine geheimnisvolle Beschäftigung. Das war gewiß ein sehr natürliches und unschuldiges Thema, warum senkte also Ruth, sooft sie aufblickte, sogleich ihre Augen wieder und betrachtete das Pflaster des Hofes so sorgsam? Ihre Augen hatten gewiß das Licht nicht zu scheuen, sie brauchten nicht Verstecken zu spielen, um an Reiz und Schönheit zu gewinnen. Ruth war viel zu lieb und ursprünglich, um solcher kleinen Künste zu bedürfen. Fühlte sie vielleicht, daß John sie nicht aus den Augen ließ? Endlich entdeckten sie Tom, und zwar schon in der Ferne. Er blickte wie gewöhnlich nach allen Richtungen, nur nicht in der, auf die es ankam, und vermied diese so hartnäckig, rein als ob er es mit Absicht täte. Als sie sich schließlich klar waren, daß er imstande wäre, direkt nach Hause zu eilen, wenn man ihn nicht daran verhinderte, eilte John Westlock auf ihn zu. Das mußte die arme kleine Ruth natürlich abermals in größte Verlegenheit bringen. Tom zeigte auch richtig das größte Erstaunen, denn Geistesgegenwart war nicht seine starke Seite, aber John rettete die Situation oder trachtete sie wenigstens zu retten, indem er mit höchst unnötiger Beredsamkeit ihr Beisammensein erklärte. Ruth fühlte glühendes Rot in ihre Wangen steigen, suchte aber möglichst gleichgültig die Augenbrauen in die Höhe zu ziehen und ihre rosigen Lippen aufzuwerfen, als gehe sie die ganze Sache gar nichts an. »Was für ein höchst außerordentliches Zusammentreffen!« rief Tom. »Ich hätte mir nichts weniger träumen lassen, als euch beide hier zusammen zu sehen.« »Es war ganz zufällig«, stotterte John. »Natürlich«, sagte Tom. »Ich wollt es gerade bemerken, denn wenn es nicht zufällig wäre, läge nichts Merkwürdiges darin.« »Natürlich«, stammelte John. »Nein, daß ihr euch an einem Ort, der so ganz außer Johns Wege liegt, treffen müßt«, fuhr Tom ganz entzückt fort. »Und noch dazu an einem so ungewöhnlichen Platz.« John bestritt das. Im Gegenteil, meinte er, der Platz sei gar nicht so ungewöhnlich. Er pflege hier übrigens immer auf und ab zu gehen und er würde sich gar nicht wundern, wenn sich Ähnliches wiederum begeben sollte. Er seinerseits sei nur erstaunt, daß es nicht schon früher geschehen. Indessen hatte Ruth den Arm ihres Bruders genommen und drückte ihn jetzt, um ihm zu verstehen zu geben, er solle doch nicht den ganzen Tag hier stehen bleiben. »John«, sagte Tom, »wenn du meiner Schwester deinen Arm reichen willst, so können wir sie in die Mitte nehmen und zusammen weitergehen. Ich habe dir übrigens von einem höchst seltsamen Umstand zu berichten. Wirklich ausgezeichnet, daß wir uns heute getroffen haben.« Lustig hüpfte und tanzte die Fontäne, und Grübchen bildeten sich in dem Becken und barsten wie in lautem Lachen. »Tom«, sagte John Westlock, als sie in eine belebte Straße einbogen, »ich hätte dir einen Vorschlag zu machen. Ich würde mich riesig freuen, wenn du und deine Schwester – falls sie die Wohnung eines alten Junggesellen mit ihrer Gegenwart beehren will – mir heute beide das Vergnügen machtet, bei mir zu speisen.« »Wie? Heute?« rief Tom. »Jawohl, heute. Du weißt, ich wohne ganz in der Nähe. Ich bitte, Miss Pinch, bestehen Sie doch darauf. Freilich wird es eine sehr uneigennützige Hilfe von Ihnen sein, denn ich kann Ihnen nicht viel vorsetzen.« »Das darfst du natürlich nicht glauben, Ruth«, fiel Tom ein, »er ist ein ganz wüster Bursche. So etwas von einer Junggesellenwirtschaft habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Beim Bürgermeister von London könnte es nicht höher hergehen. Also was meinst du? Wollen wir zu ihm gehen?« »Ganz wie du glaubst, Tom«, entgegnete Ruth gehorsam. So wurde denn die Einladung angenommen. »Hätte ich früher gewußt, daß es sich so treffen wird«, sagte John, »so würde ich eine andere Art von Pudding besorgt haben. Nicht, um mit Ihnen zu rivalisieren, Miss Pinch, sondern bloß des Gedächtnisses wegen an Ihren famosen Pudding von damals; keinesfalls hätte ich ihn mit Rindsfett gemacht.« »Warum denn nicht?« fragte Tom. »Es steht zwar so im Kochbuch«, sagte John, »aber bei euch war er aus Mehl und Eiern. Haha!« »Was? Unserer war aus Mehl und Eiern bereitet?« rief Tom. »Ein Beefsteakpudding aus Mehl und Eiern! Da hört sich doch alles auf.« Es ist unnötig hervorzuheben, daß Tom, der doch bei der Bereitung des Puddings zugegen gewesen war, andächtig an ihn glaubte, aber er fand eine gewisse Freude daran, seine geschäftige kleine Schwester ein wenig zu necken, und immerfort rief er daher mit unverwüstlicher Fröhlichkeit: »Mehl und Eier! Ein Beefsteakpudding aus Mehl und Eiern!«, bis John Westlock und Ruth ihn allein stehen ließen und mitsammen vorausgingen. Dann kam er ihnen langsam nach mit von so zärtlicher Freude strahlendem Gesicht, daß sicher schönes Wetter geworden wäre, wenn nicht schon sowieso die Sonne geschienen hätte. Die Inns, in denen die Junggesellen in London leben, haben ganz prächtige Zimmer aufzuweisen. Es ist erstaunlich, wie gut sich dieses Gesindel fortbringt, trotzdem es sich jedesmal und überall über Einsamkeit beklagt. Auch John erging sich pathetisch in allerhand Klagen über sein trauriges Dasein und über die kläglichen Notbehelfe, auf die er angewiesen sei. Aber trotz alledem schien es ihm recht gut im Leben zu gehen. Seine Zimmer waren äußerst reinlich und bequem, und wenn es ihm darin nicht wohl war, sie traf gewiß keine Schuld. Kaum hatte er Tom und Ruth in seine beste Stube geführt, wo eine schöne kleine Vase mit frischen Blumen stand – rein als ob man eine Dame erwartet hätte, meinte Tom –, als er auch schon wieder nach seinem Hut griff und geschäftig hinauseilte. Gleich darauf sah ihn das Geschwisterpaar in Begleitung einer Matrone mit glühend rotem Gesicht und einem zerknüllten Hut, dessen auffallend lange Bänder ihr über den Rücken hinunterflatterten, wieder zurückkehren. Sofort begann er sodann unter Beihilfe dieser äußerst tüchtigen Person das Tischtuch für das Dinner zurechtzulegen, eigenhändig die Weingläser zu polieren, den Deckel einer Pfefferbüchse an seinem Rockärmel blank zu reiben, Flaschen zu entkorken und die Getränke mit auffallendem Geschick in Karaffen zu füllen. Rein, als ob es Aladins Wunderlampe sei, die er da rieb und polierte, erschien mit einem Mal, wenn auch nicht eine Schar von zwanzigtausend übernatürlichen Sklaven, so doch ein Wesen mit einer weißen Weste, das eine Serviette unter dem Arme trug, begleitet von einem anderen Wesen mit einer ovalen kleinen Schüssel auf dem Kopf, aus der sogleich ein dampfendes Gericht zum Vorschein kam. Lachs, Lammbraten, Erbsen, ganz unschuldige junge Kartoffeln, ein Salat, kühl bis ans Herz hinan, Gurkenschnitten, ein zartes Entchen und eine Torte, alles stand im Nu auf dem Tisch und alles zu rechter Zeit. Woher es kam, das wußte niemand, aber unaufhörlich ging die ovale Schüssel aus und ein und verkündete das Wesen mit der weißen Weste ihre Ankunft vor der Türe draußen durch ein bescheidenes Klopfen – denn nachdem es sich zum erstenmal kühn gezeigt, wagte es offenbar nicht mehr im Zimmer zu erscheinen. Das Wesen in der weißen Weste war niemals sonderlich überrascht in solchen Fällen und schien sich auch nicht im geringsten über diese außerordentlichen Vorgänge oder über die Schätze zu wundern, die man dann in der Truhe fand, denn es nahm sie stets mit der gelassensten Miene von der Welt heraus und stellte sie auf den Tisch. Das Wesen war überhaupt ein sehr freundlicher Mann, sanft in seinem ganzen Gehaben und außerordentlich für den Gaumen der Gesellschaft besorgt. Es war auch ein gelehrter und sehr erfahrener Mann, kannte genau John Westlocks Lieblingssaucen und pries sie leise und gefühlvoll an, wenn es die kleinen Kännchen herumreichte. Und es war auch ein ernster und stiller Mann, denn kaum war das Dinner vorüber und der Wein mit dem Obst auf dem Tische erschienen, so verschwand es mitsamt der Wundertruhe wie ein Geist. »Hab ich's nicht gleich gesagt: John ist ein wüster Bursche?« rief Tom. »Sollte man so etwas überhaupt für möglich halten!?« »Ach, Miss Pinch«, klagte John, »das sind eben so die einzigen Sonnenblicke in dem traurigen Leben, das man als Junggeselle hier führt. Ich hätte es kaum mehr länger ertragen, wenn es sich nicht heute, Gott sei Dank, aufgehellt hätte.« »Glaub ihm doch kein Wort!« rief Tom, »er lebt wie ein Fürst hier und möchte nicht um alles in der Welt mit irgend jemandem tauschen. Er spielt jetzt nur absichtlich den Leidenden.« Aber John schien durchaus nicht zu scherzen; es schien ihm vielmehr sehr ernst mit seinem Wunsch, man möge ihm glauben, welch trauriges, einsames, unbehagliches Leben er für gewöhnlich hier führe. Es sei ein elendes, unglückliches Leben, sagte er, und er denke an nichts anderes, als das Quartier so bald wie möglich loszuwerden. – Morgen schon wolle er es zum Vermieten ausschreiben lassen. »Na«, meinte Tom Pinch, »ich wüßte wahrhaftig nicht, wo du hinziehen solltest, um es besser zu haben. Mehr sag ich nicht. Was meinst du dazu, Ruth?« Ruth spielte mit den Kirschen auf ihrem Teller und sagte, sie glaube, Mr. Westlock müsse ganz glücklich sein; sie könne unmöglich daran zweifeln. Wie schüchtern sie das hervorbrachte. »Aber du vergißt ja ganz, daß du uns erzählen wolltest, Tom, was dir heute früh passiert ist«, schloß sie hastig den Satz. »Ja richtig«, rief Tom; »vor lauter Geschwätz über alles mögliche kam ich gar nicht dazu und hatte es schon ganz und gar vergessen. Ich werde dir gleich jetzt alles erzählen, John, damit ich's nicht wieder vergesse.« Als er dann den Vorgang auf dem Kai erzählte, wurde John Westlock plötzlich sehr nachdenklich und legte ein Interesse an der Geschichte an den Tag, das Tom geradezu unbegreiflich schien. Er sagte, er kenne die alte Frau, deren Bekanntschaft sie gemacht hätten, oder glaube es wenigstens, und wolle wetten, daß sie nach Toms Beschreibung »Gamp« heißen müsse. Was es aber für eine Nachricht gewesen sei, mit deren Überbringung Tom so unerwarteterweise beauftragt worden, und warum sie gerade ihm anvertraut worden, und wieso so ganz verschiedene Personen darin verwickelt seien, und was überhaupt für ein Geheimnis der ganzen Sache zugrunde liege, das sei ihm ein Rätsel. Tom war von vornherein überzeugt gewesen, daß die Erzählung seinen Freund interessieren würde, aber auf ein so warmes Interesse hatte er nicht gerechnet, denn John Westlock hörte gar nicht auf, immer wieder darauf zurückzukommen, selbst nachdem Ruth das Zimmer verlassen hatte, und behandelte das Thema mit viel größerer Wißbegierde, als zu erwarten gewesen war. »Ich werde natürlich mit meinem Hauswirt darüber sprechen«, schloß Tom, »wenn er auch ein höchst auffallend geheimnisvoller Mensch ist und mir voraussichtlich nicht viele Auskünfte geben wird – angenommen, daß er überhaupt weiß, was in dem Briefe stand.« »Daß das der Fall ist, darauf möchte ich schwören«, fiel ihm John ins Wort. »So? Meinst du?« »Ich bin überzeugt davon.« »Also gut«, sagte Tom, »wenn ich ihn zu Gesicht bekomme – allerdings geht er in etwas seltsamer Weise in seinem Hause ein und aus, aber trotzdem will ich's versuchen, ihn morgen früh abzufangen – also, wenn ich ihn sehe, werde ich ihm meine Meinung sagen, wieso er mich zu einem so unangenehmen Auftrag mißbrauchen konnte. Ich habe mir übrigens schon gedacht, John, ich könnte eigentlich morgen früh zu Mrs. ––– wie heißt sie doch nur? – ja richtig – zu Mrs. Todgers gehen, vielleicht treffe ich dort die arme Gratia Pecksniff. Ich könnte mich dann bei ihr rechtfertigen und ihr erklären, wieso ich in die ganze Sache verwickelt wurde.« »Da hast du ganz recht, Tom«, rief John Westlock nach kurzer Überlegung. »Es ist wohl das Beste, was du tun kannst. Sei's übrigens, wie es wolle, es steckt gewiß nichts Gutes dahinter, und es kann nur wünschenswert für dich sein, jeden Schein zu vermeiden, als hättest du mit Vorsatz die Hand in der Angelegenheit gehabt. Ich würde dir sogar raten, womöglich ihren Gatten aufzusuchen und ihn von deiner Unschuld zu überzeugen, indem du ihm schlicht den Hergang dieser Sache erzählst. Mir schwant, es ist da irgendeine Schurkerei im Werke. Ich werde dir ein andermal die Gründe, die mich dazu veranlassen, mitteilen. Ich muß aber selbst erst gewisse Erkundigungen einziehen.« Das alles klang für Tom Pinch höchst geheimnisvoll. Da er jedoch wußte, daß er sich in allen Stücken auf seinen Freund verlassen konnte, so entschloß er sich, dessen Rat unbedingt zu befolgen. Höchst ergötzlich anzusehen, wie sich inzwischen die kleine Ruth in John Westlocks Räumen, während dieser und Tom beim Weine plauderten, benahm. Voller Sanftheit versuchte sie, mit der Matrone mit dem roten Gesicht und dem verknitterten Hut, die zu ihrer Bedienung dageblieben war, nachdem sie einen verzweifelten Versuch gemacht, sich etwas stattlicher herauszuputzen, und einen ausgewaschenen gelben Rock mit ebensolchen Blumen darin, die wie zerlassene Butterstücke in der Pfanne aussahen, angezogen hatte, ein Gespräch anzuknüpfen, aber mit grimmiger, drachenartiger Unbeugsamkeit wies die alte Dame jeden Annäherungsversuch zurück, rein, als ob sie von einer feindlichen und gefährlichen Macht kämen, die nichts weniger im Schilde führe, als ihr einen Kunden abspenstig zu machen oder das Rätsel aufzuklären, wieso es komme, daß Tee und Zucker von selbst verschwänden, und ähnliches mehr. Mit verschämter und entzückender Neugierde guckte die kleine Ruth, als die Dame mit dem roten Gesicht schließlich fort war, in die verstreut umherliegenden Bücher und andere Siebensachen und zerbrach sich den Kopf, wer wohl die hübschen Nippesfiguren auf dem Kaminsims entworfen und zusammengestellt haben möge. Es war ein entzückendes Bild, wie sie mit zögernder Hand ihre Blumen zusammenband, sie an ihren Busen steckte und beinahe errötend über ihr hübsches Gesicht im Spiegel sich mit seitwärts geneigtem Kopf ansah, halb entschlossen, sie wieder fortzutun, dann aber wieder, sie zu belassen, wo sie waren. John schien förmlich wonnetrunken zu sein, denn als er mit Tom zum Tee hereinkam, nahm er ganz befangen und wie verzaubert sofort neben Ruth Platz. Als schließlich das Teeservice abgetragen worden war und Tom sich ans Klavier setzte und sich in seine alten Orgelmelodien vertiefte, saß er immer noch am offenen Fenster neben ihr und blickte stumm hinaus in die Dämmerung. In Furnivals Inn gibt es im allgemeinen wenig genug zu sehen. Es ist ein schattiger, geruhsamer Ort, der nur das Echo der vorübereilenden Schritte nachhallen läßt und an Sommerabenden sogar einen eintönigen und düsteren Eindruck macht. Was mochte dem Orte plötzlich einen solchen Zauber gegeben haben, daß Ruth und John am Fenster stehen blieben und so wenig auf den Flug der Zeit achteten wie Tom, der Träumer, der sich inzwischen ganz in die Melodien verloren hatte, die so oft seine Seele ruhig gestimmt? Welche Zaubermacht lag in dem langsam entschwindenen Dämmerlicht und der sich immer mehr ansammelnden Dunkelheit – in den da und dort aufblitzenden Sternen – in der Abendluft, in dem fernen Gesumme der City und dem Zusammenklingen der alten Kirchturmuhren? Die göttlichste und herrlichste Landschaft, die es auf Erden gibt, hätte die beiden mit ihrer Schönheit wohl nicht stärker zu fesseln vermocht. Immer tiefer und dunkler wurden die Schatten, und das Zimmer lag bereits in schwarzer Finsternis. Immer noch wanderten Toms Finger über die Tasten, und immer noch standen die beiden am Fenster. Endlich fühlte Tom die Hand seiner Schwester auf seiner Schulter und ihren Arm auf seiner Stirn; – er erwachte aus seinen Träumereien. »O Gott«, rief er, plötzlich auffahrend, »ich fürchte, ich bin sehr rücksichtslos und unhöflich gewesen.« – Er hatte keine Ahnung, wieviel Rücksicht er im Gegenteil geübt hatte. – »Singe uns doch etwas, Liebste«, lud er Ruth ein, »komm, laß uns deine Stimme hören!« Und in so eindringlicher Weise vereinigte John Westlock seine Bitten mit den seinigen, daß nur ein Herz von Stein hätte widerstehen können. Sie aber hatte kein Herz von Stein. O Gott, nichts weniger als das. Sie setzte sich also nieder und begann mit süßer einschmeichelnder Stimme eine von Toms Lieblingsballaden zu singen, alte Romanzen mit hie und da einer Pause für ein paar einfache Akkorde, wie sie die Harfeniere in alter Zeit erklingen ließen, um sich den Gang einer halbvergessenen Sage ins Gedächtnis zu rufen, Texte aus den Liedern alter Dichter, mit so passenden Melodien zusammengefügt, daß die Musik wie der Atem des Poeten war, und dann wieder eine Melodie, so fröhlich und leicht beschwingt, daß man glauben mußte, die, die sie da sang, könne nie und nimmer traurig sein oder eines wehmütigen Gedankens fähig – bis sie wieder in gottloser Flatterhaftigkeit zu melancholischen Tönen zurückkehrte und ihren Zuhörern das Herz brach; – das waren so die kleinen einfachen Künste, mit denen Ruth die Herzen ihrer beiden Zuhörer verzauberte. Und daß diese harmlosen Künste ihre volle Macht bewiesen, ließ sich daraus schließen, wie lange die Stube noch dunkel blieb und wie spät man erst das Licht anzündete. Endlich wurden die Kerzen hereingebracht, aber es war bereits die höchste Zeit, nach Hause zu gehen. Es dauerte noch geraume Zeit, bis sorgfältig Papier zurechtgeschnitten war, um es um die Stengel der Blumen, die Ruth mitnehmen sollte, zu wickeln, aber auch das kam endlich zustande, und das junge Mädchen war bereit. »Gute Nacht«, sagte Tom. »Es war wirklich ein entzückender Nachmittag und Abend, John. – Gute Nacht.« John schickte sich an, sie zu begleiten. »Nein, nein, bleibe doch nur«, wehrte ihm Tom, »was für ein Unsinn! Wir können doch wirklich ganz gut allein nach Hause gehen. Ich kann es unmöglich zugeben, daß du dich so inkommodierst.« John versicherte nur, daß es ihm im Gegenteil ein großes Vergnügen sei. »Ist es wirklich wahr, daß es dir ein Vergnügen macht?« fragte Tom harmlos. »Ich fürchte, du sagst es nur aus Höflichkeit.« Aber John versicherte ihm aufs eindringlichste, daß es ganz und gar gewiß wahr sei, bot Ruth seinen Arm und führte sie hinaus. Die Dame mit dem roten Gesicht, die wieder zur Bedienung bereitstand, bedankte sich für die Begrüßung der Gäste mit einem so kalten Knicks, daß ein sehr scharfes Auge dazu gehörte, ihn wahrzunehmen. Von Tom nahm sie überhaupt keine Notiz. Mr. Westlock bestand unbedingt darauf, seine Gäste den ganzen Weg zu begleiten, und wollte durchaus nichts von seines Freundes Widersprüchen hören. Glückliche Zeit, glücklicher Spaziergang, glücklicher Abschied, glückliche Träume! Aber dennoch gab es auch für John gewisse süße Träume des Tages, vor denen die Visionen der Nacht zuschanden wurden. Geschäftig murmelte die Fontäne im Mondlicht, während Ruth schlafend dalag, ihre Blumen neben sich auf dem Kissen – und John Westlock entwarf aus dem Gedächtnis ein Porträt – von wem wohl? 46. Kapitel Miss Pecksniff macht Eroberungen, Mr. Jonas schneidet Gesichter, Mrs. Gamp bereitet den Tee und Mr. Chuffey phantasiert Tags darauf eilte Tom, nachdem er seine Arbeiten erledigt, unverzüglich nach Hause und brach nach dem Dinner und einer kurzen Mittagszeit mit Ruth sofort wieder auf, um bei Todgers' den beabsichtigten Besuch zu machen. Er nahm seine Schwester nicht nur deshalb mit, weil es ihm, wie stets, ein Vergnügen war, sie um sich zu haben, sondern auch deshalb, weil er von Herzen wünschte, sie möge die arme Gratia ein wenig trösten und aufheitern. Auch Ruth ihrerseits wünschte nichts sehnlicher, da sie die Geschichte der unglücklichen jungen Frau von ihrem Bruder gehört hatte. »Sie war so erfreut, mich wiederzusehen«, sagte Tom, »daß ich überzeugt bin, es wird sie auch freuen, dich zu sehen. Deine Teilnahme wird ihr sicherlich noch viel angenehmer und wohltuender sein als die meinige.« »Davon bin ich nun nicht so ganz überzeugt, Tom«, wendete Ruth ein. »Du bist überhaupt ungerecht gegen dich. Aber ich hoffe, sie wird mich auch so – immerhin ein wenig leiden mögen.« »O sicherlich!« rief Tom vertrauensvoll. »Ach, wieviel Freunde hätte man, wenn alle Welt so dächte wie du; meinst du nicht, lieber Tom?« fragte Ruth und zwickte ihren Bruder scherzhaft in die Wangen. Tom lachte und meinte, in dieser Beziehung werde er ohne Zweifel in Gratia eine gute Schülerin haben; »denn ihr Frauen«, sagte er, »liebe Ruth, seid überhaupt so gut und zartfühlend und wißt so rücksichtsvoll und wohltuend mit einem umzugehen, ohne es direkt merken zu lassen, daß man sich immer darüber freuen muß. Ihr seid so –« »Aber, lieber Himmel, Tom«, unterbrach ihn seine Schwester, »du scheinst ja auf dem besten Wege zu sein, dich zu verlieben!« Tom wies diese Bemerkung zwar gutmütig, aber doch mit gewissem Ernste ab, und bald plauderten sie wieder über ein anderes Thema. Ziemlich in der Nähe von Mrs. Todgers' Etablissement hielt Ruth ihren Bruder einen Augenblick vor dem Fenster eines großen Warenmagazins zurück und machte ihn auf einige wundervolle Sachen aufmerksam, die dem Publikum zur Versuchung ins Ladenfenster gestellt waren. Tom hatte gerade über den Preis dieser Artikel einige sehr irrige Vermutungen aufgestellt und lachte eben mit seiner Schwester herzlich über seine Unkenntnis, als er plötzlich ihren Arm drückte und sie auf zwei in der Nähe stehende Personen aufmerksam machte, die mit tiefstem Interesse einige Kommoden und Tische hinter dem Schaufenster betrachteten. »Pst«, flüsterte Tom, »das sind Miss Pecksniff und der junge Gentleman, den sie nächstens heiraten wird.« »Er sieht wahrhaftig eher aus, als ob er sich begraben lassen wollte, Tom«, sagte Ruth ebenso leise. »Ich glaube, er ist von Natur aus ein bißchen melancholisch«, meinte Tom; »aber jedenfalls ist er ein sehr artiger und harmloser Mensch.« »Sie besprechen wahrscheinlich, wie sie sich einrichten werden, was glaubst du, Tom?« »Ja, es scheint so. Ich glaube, wir sollten sie auch nicht anreden.« – Trotz dieses Vorhabens konnte es das Geschwisterpaar jedoch nicht gut vermeiden, den beiden andern ins Auge zu fallen, zumal ein vorüberziehender Menschenstrom sie daran hinderte, nach der andern Seite abzubiegen. Miss Pecksniff sah ganz danach aus, als habe sie den unglücklichen Mr. Moddle mit einem Lasso eingefangen und führe ihn jetzt zur Betrachtung des Möbellagers wie der Schlächter ein Lamm zur Schlachtbank. Der junge Mann wenigstens leistete nicht den geringsten Widerstand und war tief resigniert. Die Schwermut, die die gesenkte Haltung seines Kopfes und sein ganzes Wesen verrieten, war geradezu auffällig. Im Ladenfenster stand eine große vierpfostige Bettstelle und in seinem Auge – eine große zitternde Träne. »Augustus, mein Lieber«, flötete Miss Pecksniff, »geh doch einmal hinein und frage nach dem Preis der acht Rosenholzsessel und des Spieltisches.« »Ach, die werden sicher schon bestellt sein«, redete sich »Augustus« heraus. »Die sind bestimmt nicht mehr verkäuflich.« »Schadet doch nichts! Man kann doch neue in derselben Art anfertigen lassen«, meinte Miss Pecksniff. »Nein, nein, das wäre unmöglich«, wendete Mr. Moddle ein, »rein unmöglich.« Er schien in diesem Augenblick durch die Aussicht auf sein nahe bevorstehendes Glück geradezu betäubt zu sein; aber rasch faßte er sich wieder und trat in den Laden. Als er wieder zurückkehrte, meldete er im Tone der Verzweiflung: »Vierundzwanzig Pfund, zehn Schillinge.« In diesem Augenblick wendete sich Miss Pecksniff um und gewahrte dabei, daß Tom Pinch und seine Schwester sie beobachteten. »Ah – oh!« rief sie, verwirrt umherblickend, als sänne sie auf das beste Mittel, in die Erde zu versinken. »Was sehe ich! Ah – oh – in meinem ganzen Leben – wer hätte nur gedacht – erlauben Sie, meine Herrschaften – Mr. Augustus Moddle – Miss Pinch.« Sie absolvierte die Zeremonie der Vorstellung, was Miss Pinch betraf, sehr gnädig und leutselig, eigentlich sogar mehr als das – sie war sogar freundlich und herzlich; sei es, daß die Erinnerung an den Dienst, den ihr einst Tom geleistet, indem er Mr. Jonas eins über den Kopf gegeben, sie so wohlwollend stimmte, sei es, daß die längere Trennung von ihrem Vater sie bereits mit der Menschheit zu versöhnen begann oder wenigstens mit jenem Teil der Menschheit, der eben auch kein guter Freund von ihm war, oder war es das Entzücken, wieder eine neue weibliche Bekannte gefunden zu haben, der sie ihre Aussichten auf ihr künftiges Glück vorführen konnte – genug, sie war herzlich und wohlwollend. Ja sie küßte Miss Pinch sogar schließlich zweimal auf die Wange. »Augustus – Mr. Pinch – – doch die Herren kennen sich bereits«, fuhr sie dann die Vorstellung fort. »Ach mein liebes Kind«, flüsterte sie Ruth heimlich zu, »in meinem ganzen Leben habe ich mich noch nicht so geschämt.« Ruth versicherte, das habe doch gar nichts zu sagen. »Allerdings geniere ich mich ja vor Ihrem Bruder weniger als vor irgend jemandem sonst«, lispelte Miss Pecksniff. »Aber dennoch liegt etwas gewisses Unzartes darin, unter solchen Umständen einen Gentleman zu treffen. Augustus, mein Lieber, hast du –« Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr. Mit Duldermine wiederholte Mr. Moddle: »Vierundzwanzig Pfund und zehn Schillinge.« »Ach, du einfältiger Mensch, das meine ich doch nicht«, rief Miss Pecksniff, »ich sprach von den –« Abermals flüsterte sie ihm etwas ins Ohr. »Wenn es derselbe bunte Kattun ist wie der im Schaufenster – zweiunddreißig Pfund, zwölf Schillinge, sechs Pence«, antwortete Mr. Moddle mit einem Seufzer. »Sehr teuer.« Weitere Erklärungen unterband Miss Pecksniff, indem sie ihrem Bräutigam ihre Hand auf die Lippen legte und eine leichte Verlegenheit heuchelte. Dann fragte sie Tom Pinch, wohin er denn gehe. »Ich wollte sehen, ob ich Ihre Schwester nicht treffen könnte«, antwortete Tom. »Ich habe ihr etwas mitzuteilen. Wir wollen zu Mrs. Todgers, wo ich schon einmal das Vergnügen hatte, sie zu treffen.« »Dann kann ich Ihnen einen Gang ersparen«, sagte Cherry; »wir kommen eben von dort, und ich weiß, daß sie nicht anwesend ist. Wenn Ihnen übrigens daran liegt, will ich Sie gerne nach Gratias Wohnung bringen. Augustus – pardon, Mr. Moddle wollte ich sagen – und ich sind soeben auf dem Wege dahin begriffen, um unsern Tee bei ihr zu nehmen. Wegen Jonas können Sie unbekümmert sein«, setzte sie aufmunternd hinzu, als sie Toms Zögern bemerkte, »er ist nicht zu Hause.« »Wissen Sie das sicher?« fragte Tom. »Natürlich weiß ich das. Ich würde es Ihnen sonst nicht sagen. Es gelüstet mich auch nicht danach, mich zu rächen«, erwiderte Miss Pecksniff stolz. »Aber ich bitte jetzt die Herren, vorauszugehen, ich werde mit Miss Pinch nachkommen. – Also, meine Liebste, was ich sagen wollte, in meinem ganzen Leben war ich noch nie so überrascht und betreten.« Gehorsam hängte sich Mr. Moddle in Tom ein, während Miss Pecksniff Ruths Arm nahm. »Es wäre natürlich vergeblich, liebes Kind«, begann Miss Pecksniff abermals, »wenn ich noch weiter verheimlichen wollte, daß ich im Begriffe stehe, mich mit dem Gentleman zu vermählen, der mit Ihrem Bruder vorausgeht. Es wäre unnütz und vergeblich, wenn ich es verheimlichen wollte. Was halten Sie übrigens von ihm? Bitte, lassen Sie mich Ihre aufrichtige Meinung darüber hören.« Ruth sagte, daß sie Mr. Moddle, soweit sie nach dem ersten Eindruck urteilen können, für einen sehr sympathischen jungen Mann halte. »Ich bin außerordentlich neugierig«, plauderte Miss Pecksniff mit geschwätziger Offenherzigkeit fort, »ob Sie bereits in dieser kurzen Zeit bemerkt haben oder doch zu bemerken glauben, daß Augustus ein wenig zur Melancholie neigt.« »Ich kenne ihn dazu wirklich noch zu wenig«, entschuldigte sich Ruth. »Aber sicherlich mußte es Ihnen doch so scheinen? Nicht?« drängte Miss Pecksniff. »Alle Welt behauptet es wenigstens. Auch Mrs. Todgers und sogar Augustus selbst erzählten mir, daß ihn die Gentlemen im Hause dessentwegen stets aufzögen. Wahrhaftig, wenn ich's ihm nicht ausdrücklich verboten hätte, ich glaube, es wäre schon öfter als einmal zu einem Duell auf – auf – geladene Pistolen gekommen. Was meinen Sie, mag wohl die Ursache seines melancholischen Wesens sein?« Ruth riet innerlich so allerlei: auf schlechte Verdauung, seinen Schneider, seine Mutter und dergleichen, ohne natürlich ein Wort darüber laut werden zu lassen. »Hören Sie, mein Kind«, fuhr Miss Pecksniff fort. »Eigentlich sollte ich nicht darüber reden, aber da ich Ihren Bruder schon seit so vielen Jahren kenne, will ich auch Ihnen gegenüber kein Hehl daraus machen – also, ich hatte Augustus schon dreimal einen Korb gegeben – er ist so liebenswürdig und empfindsam, und man braucht ihn nur anzusehen, so stehen ihm schon die Tränen im Auge, und das steht ihm so entzückend, und bis heute hat er sich von den Folgen meiner Grausamkeit noch nicht ganz erholt. – – Oh, es war wirklich grausam«, setzte sie mit Selbstüberwindung hinzu und mit einer Schlichtheit, die sogar ihres Vaters würdig gewesen wäre – »das will ich mir nicht verhehlen, und ich kann jetzt nur mit Erröten auf mein damaliges Benehmen zurückblicken. Ich habe ihn, offen gestanden, stets geliebt und gefühlt, daß er mir mehr war als so manche junge Leute, die mir Anträge machten; und was hatte ich eigentlich für ein Recht, ihn dreimal zurückzuweisen, nicht wahr?« »Es war ohne Zweifel eine schwere Prüfung für ihn«, sagte Ruth. – »Nein, mein Kind, mehr als das! Es war sogar Unrecht. Aber das ist eben die Gedankenlosigkeit und Launenhaftigkeit unsres Geschlechts. Lassen Sie sich mein Beispiel zur Warnung dienen und stellen Sie nie die Gefühle eines Mannes zu sehr auf die Probe, der Ihnen Anträge macht – etwa in der Weise, wie ich meinen Augustus geprüft habe –, sondern, wenn Sie jemals für einen Mann empfinden, was ich schon in der Zeit, als ich ihn fast zur Verzweiflung trieb, empfand, so verbergen Sie es nicht, wenn er sich Ihnen zu Füßen wirft, wie sich Augustus Moddle mir zu Füßen warf. Bedenken Sie«, ermahnte sie, »wie mir jetzt sein müßte, wenn ich ihn zum Selbstmord getrieben und alles dann in der Zeitung gestanden hätte!« Ruth bestätigte, daß sich Miss Pecksniff dann ohne Zweifel schwere Gewissensbisse hätte machen müssen. »Gewissensvorwürfe?« rief Charitas, sichtlich in Reuegefühlen schwelgend. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie es mich sogar jetzt noch quält, wo ich meine Härte doch dadurch wiedergutgemacht habe, daß ich seine Werbung annahm. Jetzt, wo ich nüchtern und vernünftig geworden bin und sozusagen am Rande des Ehestandes stehe und auf mein flatterhaftes Benehmen zurückblicke und ins Auge fasse, wie ich war, als ich noch so alt war wie Sie, mein Kind, so schaudre ich. Ja, ich schaudre. Und was ist die Folge meines damaligen Benehmens? Nicht eher, als bis Augustus mich zum Altare führt, weiß er mich seiner sicher. Ich habe sein Herz so gequält und zerrissen, daß er gar keine Zuversicht mehr hat. Ich sehe, es nagt an ihm und seiner Seele. Sie können sich denken, wie es mich quälen muß, den Mann, den ich liebe, in einem solchen Zustand sehen zu müssen.« Ruth bemühte sich nach Kräften, Miss Pecksniffs unbegrenztes und so schmeichelhaftes Vertrauen einigermaßen anzuerkennen, und stellte die Vermutung auf, die Vermählung werde wahrscheinlich sehr bald vor sich gehen. »Jawohl, allerdings, sehr bald«, rief Miss Pecksniff. »Sowie wir eingerichtet sind. Wir schaffen uns jetzt in aller Eile unsre Möbel an.« Und mit großer Redseligkeit zählte sie eine ganze Liste von Gegenständen her, die sie bereits gekauft hätten und noch zu kaufen gedächten, in was für Kleidern sie sich würde trauen lassen und wo die Zeremonie stattfinden werde; kurz, sie teilte Miss Pinch, wie sie betonte, weil sie ihr so sympathisch sei, alles und jedes ausführlich mit. Während sich die Arrieregarde mit diesen Gesprächen beschäftigte, gingen Tom und Mr. Moddle Arm in Arm, aber in tiefstem Stillschweigen voraus, bis Tom endlich einen krampfhaften Anlauf nahm, die Verlegenheitsstimmung zu brechen. »Es wundert mich«, fing er stockend an, »daß bei diesem Gedränge in den Straßen so selten ein Fußgänger überfahren wird.« »Die Kutscher sind daran schuld«, versetzte Mr. Moddle in schwermütigem Ton. »Wie meinen Sie das?« fragte Tom erstaunt. »Ich glaube, daß es Menschen gibt«, sagte Mr. Moddle mit heiserem Lachen, »die einfach nicht überfahren werden – können . Ihr Leben ist gefeit. Schwere Kohlenwagen halten plötzlich an, wenn man vor der Deichsel steht, und selbst die Fiaker weigern sich, einen zu überfahren. Ach ja«, seufzte er, Toms Erstaunen bemerkend. »Es gibt leider solche Menschen. Ich habe zum Beispiel einen Freund, dem es so geht.« »Meiner Seel«, dachte Tom, »der junge Herr befindet sich in einem Gemütszustand, der einem in der Tat ernstliche Besorgnis einflößen könnte.« Er gab jetzt jeden Gedanken auf, ein längeres Gespräch mit diesem seltsamen Menschen anzuknüpfen, sprach nicht ein Wort mehr, hielt aber Augustus desto fester am Arm, damit er ihm nicht etwa entwische und vor den Augen seiner Verlobten vielleicht einen erfolgreichen Versuch machen könne, eine Privatentleibungsszene aufzuführen. Er hatte eine solche Angst vor seinen Verzweiflungsanfällen, daß er förmlich froh war, als er ihn glücklich bis zu Mr. Jonas Chuzzlewits Haus gebracht hatte. »Bitte, Mr. Pinch, gehen Sie nur voraus«, sagte Miss Pecksniff. – Tom hatte nämlich unschlüssig an der Haustüre haltgemacht. »Ich weiß wirklich nicht, ob ich willkommen sein werde«, wendete Tom zögernd ein. »Richtiger gesagt, ich fürchte das Gegenteil. Ob es nicht vielleicht besser wäre, ich ließe mich vorher anmelden?« »Ach, das ist doch Unsinn«, rief Charitas, »ich weiß gewiß, daß Jonas nicht zu Hause ist – ich weiß es. Und Gratia hat nicht die mindeste Idee, daß Sie ihn je –« »Um Gottes willen«, unterbrach sie Tom. »Sie darf es auch niemals erfahren. Ich kann Ihnen nur versichern, daß ich nichts weniger als stolz auf den damaligen Raufhandel bin.« »Ach, Sie sind überhaupt immer viel zu bescheiden«, zürnte Miss Pecksniff. »Gehen Sie doch. – Oder gehen Sie voraus, Miss Pinch; bleiben wir nicht länger hier an der Türe stehen.« Immer noch zögerte Tom, denn er fühlte sich sehr unbehaglich, aber Cherry drängte sich an ihm vorüber und führte seine Schwester die Treppe hinauf. Da fast gleichzeitig die Türe hinter ihnen ins Schloß fiel, so folgte er, immer noch nicht mit sich im reinen, ob er gut daran tue oder nicht. »Gratia, mein Schatz«, rief Miss Pecksniff, rasch die Türe des Gesellschaftszimmers öffnend; »es ist Besuch für dich angekommen: Mr. Pinch und seine Schwester. – Ah, ich dachte mir gleich, daß Sie hier seien, Mrs. Todgers. – Nun, und wie geht es denn Ihnen, Mrs. Gamp? Und was machen Sie, Mr. Chuffey? – Wenn ich auch weiß, daß man von Ihnen keine Antwort kriegt«, setzte sie halblaut hinzu. Nachdem sie jeden der Anwesenden mit einem sauern Lächeln beehrt, stellte sie Mr. Moddle vor. »Ich glaube, du hast ihn früher einmal gesehen«, bemerkte sie scherzend. »Augustus, mein Liebling, bitte, bringen Sie mir einen Stuhl.« Der »Liebling« tat, wie ihm geheißen, und war eben im Begriff, sich in eine Ecke zurückzuziehen, um wiederum in tiefste Trauer zu versinken, als Miss Charitas ihn mit hörbarem Flüstern ihr »kleines Lämmchen« nannte und ihm die Erlaubnis erteilte, näher zu kommen und sich an ihre Seite zu setzen. Mr. Moddle war jedoch so trostlos, daß er nicht einmal einen Entzückensschauer zu empfinden schien, als Charitas ihre Lilienhand in die seinige legte und diesen Beweis ihrer Gunst schamhaft dadurch vor den Blicken der Profanen verbarg, daß sie die beiden verschlungenen Hände mit einem Zipfel ihres Schals bedeckte. Er sah sogar womöglich noch melancholischer aus als sonst und blickte, voller Unbehagen und kerzengrade in seinem Stuhle sitzend, die Gesellschaft mit tränenfeuchten Augen an, als wolle er rufen: »Hilfe! Zu Hilfe! Will mir denn keine barmherzige Christenseele zu Hilfe kommen!« Dagegen war das Entzücken Mrs. Gamps so außerordentlich, daß sie ganz gut ein Dutzend junger Liebhaber damit zur Genüge hätte ausstatten können, und es steigerte sich noch, als sie Tom Pinchs und seiner Schwester ansichtig wurde. Mrs. Gamp gehörte nämlich zu jenen glücklichen Temperamenten, die ohne jeden andern Grund als den bloßen Wunsch, sich einen zahlreichen und einträglichen Bekanntschaftskreis zu verschaffen, in Begeisterung geraten können. Täglich bespannte sie ihren Bogen mit so vielen neuen Saiten, daß allmählich eine vollständige Harfe daraus geworden war, und auf diesem Instrument begann sie jetzt ein ganz allerliebstes Konzert zu improvisieren. »O mei«, rief sie. »Gnä Frau! Wie hätt i mir denkt, daß i in diesem gesegneten Haus Ihner Fräuln Schwester werd begrüßen können – leider gibt's net vüll so gsegnete Häuser, und dös is schlimm; denn wenn's net so war, so war dies Jammertal a Paradies. Und gar zu denken, daß i unter diesem gesegneten Dach Mr. Pinch zu sehn krieg! Und noch obendrein mit dem süßesten Geschöpf, wo mir je vorgekommen is. Sie natürlich ausgnommen, gnä Frau, und die Erwählte Ihres Herzens auch, Mr. Moddle, wenn ich so frei sein darf, das offen auszusprechen. Nix für ungut, meine Herrschaften, aber der Gedanke, daß i dies süße Gschöpf wiedersegn soll, das i kürzlich am Wasser troffen hab – nein, es is wirklich erstaunlich!« Nachdem Sie auf diese Art glücklich jedes Mitglied der Gesellschaft in ihre Anrede mit einbegriffen hatte, knickste sie einige Male vor Ruth, schüttelte mindestens ein dutzendmal lächelnd den Kopf und nahm den Faden ihres Gesprächs wieder auf. »Na, dös is der reinste Blumenkranz heut nachmittag. Ich hab a Freindin – i sag's wie's is, gnä Frau, und ihr Name is Harris – ihr Schwager war fünf Fuß drei Zoll hoch und hat aufm linken Arm an wilden Ochsen mit Krämpstiefeln eintätowiert ghabt. Weil seine unvergeßliche Mutter von an Ochsen in an Schuhmacherladen gjagt worden is, wie s' noch in der Sitawation gwesen is, wo sich a Ehemann Glück wünschen kann, wenn sei Weib drin is, wie i immer zu meinem seligen Mann gsagt hab, wenn's an Wortwechsel zwischen uns gebn hat – von wegen die Haushaltungskosten –, und mehr als einmal hab i zu der Harris gsagt, liebe Harris, hab i gsagt, na, a Gsicht haben S' rein wie a Engel; und wenn s' net so viel Pickel und Blatternarben im Gfries ghabt hätt, wär's wahrhaftig wahr gwesen. – ›Na, liebe Sarah‹, hat s' nachher gsagt, ›wenn's a hart arbeitends und fleißigs Gschöpf gibt, wo schlecht auf der Welt bezahlt wird, so sind Sie's. Der Harris hat mein Gsicht vor der Hochzeit für vier und a viertel Krone malen lassn‹, hat's gsagt, ›und hat's so lang am Herzen tragn, bis d' Farb abgangn is, und nachher habns ihm 's Geld net mehr zrückgeben, und zu an Ausgleich is 's a net kommen. Aber nie hat er gsagt, daß dös des Gsicht von an Engel is, wenn er sich's auch leicht dacht haben mag.‹ – Wenn jetzt der Mann von der Harris da war«, fuhr Mrs. Gamp mit einem Blick in der Runde fort und knickste lächelnd, »so möcht er sicher grad raus sagen, dös is a Gsicht von an Engel, und sei liabe Frau war die letzte, wo's ihm übel nehmen tat; denn wenn's je a Weib auf Erden geben hat, wo ka Idee hat, was es heißt, zu wünschen, ane, die schöner is, mit an Löffel Wasser zu vergiften, und die nie kann Grund net dazu ghabt hat, weil ihr Mann immer der beste Mensch von der Welt gwesen is, so können S' Ihna drauf verlassen, die heißt Harris.« Mit diesen Worten begab sich Mrs. Gamp, die offenbar im Hause Chuzzlewit vorgesprochen hatte, um sich zu einem Tee einzuladen, und nicht etwa, um als Krankenwärterin zu fungieren, zu Mr. Chuffey, der wie immer in seiner Ecke saß, und rüttelte ihn am Arm. »Raffen S' Eana auf und schaugns amal, wer alles da is«, rief sie. »Segn S' denn die Gsellschaft net?« »Es tut mir leid«, stotterte der Greis und blickte demütig auf, »ich weiß, ich bin überall im Wege, ich bitte um Verzeihung, aber ich weiß nicht, wohin ich mich zurückziehen soll. Wo ist sie?« Sofort stand Gratia auf und ging zu ihm hin. »Ah« flüsterte der alte Mann und tätschelte ihr die Wangen, »da ist sie; da ist sie. Sie ist niemals hart gegen den armen alten Chuffey – den armen alten Chuffey.« Gratia ließ sich auf einen niedrigen Schemel neben den alten Mann nieder, so daß er ihre Hand fassen konnte, und sah dann plötzlich zu Tom auf. Es war ein wehmütiger Blick, den sie ihm zuwarf, wenn auch ein mattes Lächeln über ihr Gesicht huschte. Es war ein sprechender Blick, und Tom verstand, was sie damit sagen wollte: »Da siehst du, wie mich das Elend verändert hat. Ich bin jetzt imstande, die Leiden eines armen Menschen mitzufühlen, und lege Wert auf seine Liebe.« »Ja, ja«, rief Chuffey, als wolle er sie beschwichtigen, »ja, ja, lassen Sie es nur gut sein. Es ist hart zu ertragen, aber kehren Sie sich nicht an ihn. Er wird eines Tages sterben. Es gibt dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr – und dreihundertsechsundsechzig, wenn ein Schaltjahr ist – und er kann an einem davon plötzlich sterben.« »Is dös aber a zwidrer Mensch«, murmelte Mrs. Gamp, Chuffey aus einiger Entfernung mit ungnädigen Blicken betrachtend, während er fortfuhr, vor sich hin zu flüstern. »Auch den Gduldigsten möcht da die gute Laune verlassen.« »Sein Sohn«, murmelte der alte Mann und erhob seine Hände, »sein Sohn!« »Na ja, natürlich«, fuhr Mrs. Gamp ärgerlich auf. »Werdn S' net bald aufhörn? Was wissen denn Sie von Söhnen und Töchtern? Nächstens werdn S' gar noch dummes Zeug über Zwillinge daher reden; da möcht i aber schon bitten.« Der entrüstete Sarkasmus, den Mrs. Gamp in diese Hohnesworte mischte, ging an dem ahnungslosen alten Buchhalter spurlos vorüber. Es war klar, daß er sie ebensowenig hörte, wie er sich bewußt war, bei ihr Anstoß erregt zu haben. Die hochherzige Hebamme war jedoch nicht so leicht zu beruhigen – empfand sie doch jeden Eingriff in ihre Geschäftssphäre auf das tiefste und bildete sich ein, Mr. Chuffey habe sich Prophezeiungen über künftige Sprößlinge Mrs. Gratias erlaubt, die lediglich von ihr, als der einzigen gesetzlichen Autorität, ausgehen durften, oder wenigstens unter keinen Umständen ohne ihre Sanktion und Zustimmung proklamiert werden sollten. Sie fuhr daher fort, Mr. Chuffey feindselige Blicke zuzuwerfen und ihn mit im gedämpften Tone vorgetragenen ironischen Bemerkungen zu verhöhnen, die ihre nur mühsam unterdrückte Entrüstung bekundeten. Erst, als der Tee serviert wurde, kam sie wieder zu sich und schickte sich an, auf Mrs. Chuzzlewits Bitte an einem Seitentisch für die so unerwartet gekommenen Gäste Tee zu bereiten. Dann lächelte sie wieder und verrichtete ihren Dienst mit ganz besonderer Leutseligkeit. »Dös is a Familie«,rief sie, »für die man mit Leib und Seele an Tee kochen kann. Heda«, wendete sie sich zu dem Dienstmädchen, »vielleicht hat eins oder das andre Lust, a frischs Ei oder zwei zu versuchen, wenn's net zu hart gekocht sin; und a paar Platten Brotschnitten mit Butter, ober ohne Krusten, falls eins schwache Zähn hat, möchten a nix schaden. Ja, ja, gnä Frau, mei Mann hat, wie er noch glebt hat, sich bei so was amal vier Zahn ausbissn – zwoa Backenzahn und zwoa vordere –, und die Harris hat's zum Andenken mitgnommen und trägt's noch heutigen Tags in der Taschn und dazu a Stück Ingwer und a kleins Reibeisel, so groß wie a Kinderschuch, und an kleinen Löffel zum Einnehmen von Muskatnuß, dös is das beste, hab i immer gsagt, für a Kraftsuppen.« Der Privilegien an dem Seitentischchen waren ziemlich viele. Mrs. Gamp hatte nicht nur das Vorrecht, den Butterschnitten am nächsten zu sitzen, zwei Tassen Tee zu trinken, während ein andrer bloß eine trank, sondern sie war auch imstande, die ganze Gesellschaft zu überblicken und wie von einer Rednerbühne herab zu apostrophieren; und dieses ihr anvertrautes Amt verwaltete sie denn auch mit berückender Liebenswürdigkeit und in bester Laune. Die Untertasse auf der ausgestreckten Hand haltend und mit dem Ellenbogen auf den Tisch gestützt, pausierte sie zuweilen mit Teetrinken und beglückte die Gesellschaft mit einem Lächeln, einem Augenzwinkern, einem Kopfschütteln oder andern Zeichen ihrer Gunst, und in solchen Momenten leuchtete ihr Gesicht vor geistiger Regsamkeit, rein als ob sie nicht Tee, sondern Branntwein tränke. Ohne sie wäre die Gesellschaft mehr als einsilbig gewesen. Miss Pecksniff sprach nur mit ihrem »Augustus« und auch das nur im Flüsterton. Augustus seinerseits sagte überhaupt nichts, sondern seufzte für alle Anwesenden und gab sich gelegentlich einen so schallenden Klaps vor die Stirn, daß Mrs. Todgers jedesmal ängstlich und nervös mit einem leisen Schrei unwillkürlich in die Höhe fuhr. Sie strickte nämlich und sprach ebenfalls sehr selten. Die arme Gratia hielt die Hand der fröhlichen kleinen Ruth in der ihrigen und horchte mit sichtlichem Vergnügen auf alles, was Ruth sagte, obgleich sie selbst nur selten sprach und nur bisweilen lächelte, Miss Pinch auf die Wange küßte oder sich von Zeit zu Zeit abwandte, um die Tränen zu verbergen, die ihr in den Augen standen. Tom empfand die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, so tief und freute sich so sehr, zu sehen, wie zärtlich seine Schwester die arme Frau zu behandeln wußte, daß er nicht den Mut hatte, an einen Aufbruch zu denken, obgleich er längst mit seinem Berichte fertig war, dessentwillen er das Haus Chuzzlewit besucht hatte. Währenddessen saß der greise Buchhalter in seinem gewöhnlichen Zustand still und stumm da, ganz in Träume versunken, die kaum die Oberfläche seiner trägen Gedanken zu bewegen schienen. Wahrscheinlich brachte er ihren Gang mit dem stummen Schmause, der um ihn her stattfand, in Verbindung, oder irgendein auftauchender Rückblick an ähnliche Verschwendungsszenen der Vergangenheit, deren Zeuge er gewesen, brachte seinen Geist auf eine seltsame Frage, denn er blickte plötzlich umher und rief: »Wer liegt droben tot?« »Niemand«, sagte Gratia, »was gibt es denn? Wir sind doch alle hier.« »Alle hier«, echote der alte Mann, »alle hier! Aber wo ist denn er – mein alter Herr, der nur einen einzigen Sohn hat? Wo ist er?« »Still, still«, beruhigte ihn Gratia freundlich; »das ist doch längst alles vorüber. Erinnern Sie sich denn nicht?« »Erinnern«, wiederholte der alte Mann mit einem Weheruf. »Als ob ich's vergessen könnte! Als ob ich's je vergessen könnte!« Einen Augenblick schlug er die Hände vors Gesicht und wiederholte dann wieder, wie vorhin, geistesabwesend umherstarrend: »Wer liegt oben tot?« »Niemand«, sagte Gratia abermals. Ein Zornesblick durchzuckte die Mienen Mr. Chuffeys, grimmig sah er sie an, wie einen Feind, der ihn hintergehen wollte, dann, als er sie erkannte, schüttelte er traurig und mitleidig den Kopf. »Sie glaubt es nicht – aber man sagt es ihr auch nicht«, murmelte er. »Nein, nein. Armes Ding. Man sagt es ihr nicht. Wer sind diese Leute hier und warum sind sie so fröhlich? Wenn nicht ein Toter hier wäre – ein schändliches Spiel – man sehe nach, wo er ist.« Gratia winkte den übrigen heimlich, man möge nicht mit ihm reden (wozu übrigens niemand Lust hatte), und blieb auch selbst stumm. Chuffey schwieg gleichfalls eine Weile und wiederholte dann seine Frage mit einer Hast, die etwas Grauenhaftes an sich hatte: »Wer liegt oben tot? Es ist jemand tot oder liegt im Sterben. Ich will wissen, wer es ist. Man sehe nach. Wo ist Jonas?« »Verreist«, antwortete Gratia leise. Der alte Mann blickte sie voller Zweifel an, als glaube er ihr nicht oder habe sie nicht verstanden. Dann erhob er sich mühsam von seinem Stuhl, schlich durchs Zimmer und klomm die Treppe empor, immerwährend vor sich hinflüsternd: »Schändliches Spiel.« Man hörte ihn oben nach der Ecke des Zimmers gehen, wo einst das Bett gestanden hatte, in dem der alte Anthony gestorben war. Gleich darauf verrieten seine Fußtritte, daß er wieder herunterkam. Seine Phantasie war offenbar nicht so stark oder nicht so erregt, als daß sie ihn in der leeren Schlafkammer hätte etwas sehen lassen, was nicht dort war, denn er kam viel ruhiger zurück und schien beschwichtigt. »Ihr sagen sie nichts«, murmelte er mit einem Blick auf Gratia, nahm wieder Platz und strich ihr mit der Hand leise über das Haar. »Man sagt auch mir nichts, aber ich will wachen – ich will wachen. Sie sollen ihr nichts tun. Fürchte dich nicht. Hast du die Nächte aufgesessen und gewacht? Ich auch. – – Ja, ja, das habe ich so manche Nacht getan«, stöhnte er hervor und versuchte mühselig seine schwache abgezehrte Hand zu ballen. Er sagte dies alles mit so zitternder Stimme, atemlos nach Luft schnappend, und Gratia so dicht ins Ohr, daß die Gesellschaft nichts oder nur wenig davon verstand. Doch hatte man schon genug gesehen und gehört, um immerhin unruhig zu werden. Die Gäste verließen ihre Sitze und sammelten sich um ihn, während Mrs. Gamp, deren abgehärtete Nerven nicht so leicht imitiert werden konnten, die Gelegenheit ersah, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Butterschnitten, den Tee und die Eier zu konzentrieren. Sie hatte schon bisher diesen Speisen gegenüber soviel Energie entfaltet, daß ihre Wangen bereits lebhaft glühten. Als sie dann glücklich das letzte Schlückchen Tee hinuntergestürzt hatte, hielt sie es für angemessen, auch ein Wort mit dreinzureden. »Sie Sapperlot Sie«, rief sie, »was sind das wieder für Manieren! Sie brauchatn an Krug kalts Wasser übern Kopf, damit Sie zur Besinnung kommen. Wenn die Prig Sie unter die Hand hätt, wär dös schon längst gschegn, dös kann i Ihna versichern. Spanische Fliegen sin des Beste, um Ihna den Unsinn ausm Kopf ztreiben, und wann Ihna jemand wohl will, soll er Ihna a Blasenpflaster aufn Schädel oder an Senfteig aufn Buckel schmieren. Wer is tot, was? Ich glaub, es war ka bsonderer Schadn, wann mer dös von aner gewissen Person sagen möcht.« »Er ist jetzt ruhig, Mrs. Gamp«, sagte Gratia leise; »stören Sie ihn nicht.« »Er is a alter Dickschädel, gnä Frau«, rief Mrs. Gamp in ihrem Eifer. »I, für mein Teil, hab ka Geduld mit so was. Sie lassen ihm vüll z' vüll seinen Willen. Er is a Dickschädel, sag i.« Ohne Zweifel in der Absicht, unverzüglich irgendeinen heilsamen Prozeß an dem »Dickschädel« vorzunehmen, ergriff sie Mr. Chuffey am Rockkragen und schüttelte ihn ein paar dutzendmal tüchtig in seinem Stuhl vor- und rückwärts – denn die Anhängerinnen des Prigschen Systems, deren es unter den Damen vom Fach sehr viele geben soll, halten bekanntlich ein derartiges Verfahren für ungemein beruhigend und wohltätig für das Nervensystem. In dem gegebenen Falle äußerte sich die Wirkung dahin, daß der Patient viel zu betäubt und schwindlig wurde, um noch weiterreden zu können, was Mrs. Gamp offenbar als außerordentlichen Erfolg ansah. »So!« sagte sie und lockerte die Halsbinde des alten Mannes, da er im Gesicht schon blau zu werden anfing. »Jetzt wird er schon wieder ruhiger werden. Wann er in Ohnmacht fallt, bring i 'n scho wieder zum Bewußtsein, dös versprech i Ihna. Man braucht 'n bloß in 'n Daumen beißen oder a bisserl die Finger zu verrenken, glei kommt er wieder zu sich«, erklärte sie im frohen Bewußtsein, medizinische Kenntnisse unter ihren Zuhörern zu verbreiten. Da Mr. Chuffey schon von früher her der Obhut dieser vortrefflichen Krankenpflegerin anvertraut worden, so wagten weder Mrs. Chuzzlewit noch sonst jemand gegen diese kuriose Behandlungsweise Widerspruch zu erheben, obgleich niemand, vor allem aber nicht Tom Pinch und seine Schwester, mit einer solchen Art von Krankenbehandlung einverstanden zu sein schien. Aber der Laie ist nun einmal schon so: immer führt er Herzensgüte und dergleichen ins Treffen, statt diejenigen walten zu lassen, die in solchen Fällen Erfahrung haben müssen. »Da sehen Sie, Mr. Pinch«, nahm Miss Pecksniff wieder einmal das Wort, »das sind jetzt die Folgen dieser unglückseligen Heirat. Wäre meine Schwester nicht so übereilt gewesen und hätte sie diesem Elenden nicht ihr Wort gegeben, so gäbe es jetzt keinen Mr. Chuffey im Hause.« »Still«, flüsterte Tom, »sie könnte es hören.« »Das täte mir sehr leid, Mr. Pinch«, erwiderte Cherry nur um so lauter, »denn es ist nicht meine Art, jemanden noch mehr betrübt zu machen, als er sowieso schon ist. Ich weiß wahrhaftig, wie ich als Schwester zu handeln habe, Mr. Pinch, und glaube es auch schon bewiesen zu haben. Ach, Augustus, lieber Freund, bitte holen Sie mir doch mein Taschentuch.« Augustus gehorchte und nahm dann Mrs. Todgers beiseite, um ihr seinen Gram auszuschütten. »Wahrhaftig, Mr. Pinch«, fuhr Charitas mit einem Blick auf ihren Bräutigam fort und schielte dabei nach ihrer Schwester hin, »wahrhaftig, ich habe allen Grund, dem Himmel dankbar zu sein für mein gegenwärtiges Glück und den häuslichen Segen, der mich noch erwartet. Wenn ich einen Vergleich anstelle zwischen Augustus« – sie tat plötzlich sehr bescheiden und verlegen – »der, vor Ihnen darf ich's ja sagen, die Sanftmut, Milde und Ergebenheit selbst ist, mit dem abscheulichen Menschen, den meine Schwester geheiratet hat; und wenn ich mir vor Augen halte, Mr. Pinch, wie leicht es gerade umgekehrt hätte kommen können, so habe ich wahrhaftig allen Grund, dankbar, zufrieden und demütig zu sein.« Zufrieden war sie vielleicht, aber demütig gewiß nicht. Ihr ganzes Wesen bekundete so wenig Demut, daß sogar Tom in seiner Arglosigkeit anfing, ihre ganze Tücke zu durchschauen und zu verachten. Er wendete sich ab und bedeutete Ruth, es sei jetzt höchste Zeit zum Aufbrechen. »Ich werde Ihrem Gatten schreiben«, wendete er sich an Gratia, »und ihm schriftlich auseinandersetzen – was ich mündlich getan haben würde, wenn ich ihn hier getroffen hätte –, daß die Schuld nicht an mir lag, wenn er durch meine Vermittlung in Ungelegenheiten kam. Ein Postbote kann nicht unschuldiger an der Botschaft sein, die er überbringt, als ich an jenem Brief, den ich ihm damals einhändigte.« »Ich danke Ihnen«, sagte Gratia. »Schreiben Sie ihm nur. Vielleicht ist es am besten so. – Und der Himmel behüte Sie.« Sie nahm eben zärtlich Abschied von Ruth, die mit ihrem Bruder das Zimmer verlassen wollte, als man die Haustüre aufsperren und gleich darauf einen raschen Schritt auf dem Gang hörte. Tom blieb verdutzt stehen und blickte Gratia fragend an. »Es ist Jonas«, sagte sie schüchtern. »Vielleicht ist es besser, wenn ich ihm nicht auf der Treppe begegne«, sagte Tom, zog den Arm seiner Schwester durch den seinigen und trat einige Schritte zurück. »Ich will hier einige Augenblicke auf ihn warten.« Kaum hatte er dies ausgesprochen, als Jonas auch schon eintrat. Seine Gattin eilte ihm entgegen, aber er stieß sie von sich und brummte mürrisch: »Ich habe nicht gewußt, daß du Gesellschaft hast.« Sofort erhob sich Miss Pecksniff, die er bei diesen Worten entweder zufällig oder absichtlich anblickte, innerlich frohlockend, eine so günstige Gelegenheit zu haben, Unfrieden stiften zu können. »Ach Gott«, höhnte sie, »wir wollen Sie in Ihrem häuslichen Glück durchaus nicht stören. Das wäre unverantwortlich von uns. Wir haben hier in Ihrer Abwesenheit einen Tee genommen, aber wenn Sie die Güte haben wollten, uns eine quittierte Rechnung über die Kosten zugehen zu lassen, so werden wir uns glücklich schätzen, die Unkosten zu bezahlen. Augustus, lieber Freund, gehen wir vielleicht, wenn es Ihnen gefällig ist. Und auch Sie, Mrs. Todgers, könnten mit uns gehen, außer Sie wünschten, hier zu bleiben. Es wäre höchst unangebracht von uns, das Glück zu stören, das dieser Herr stets um sich verbreitet, besonders in seinem eigenen Heim.« »Cherry! Cherry!« flehte Gratia in herzzerreißenden Tönen. »Liebe Gratia, ich bin dir für deinen guten Rat höchst verbunden«, entgegnete Miss Pecksniff spöttisch und hochmütig – »aber ich bin nicht seine Sklavin –« »Nun ja, weil die Trauben zu sauer waren«, unterbrach sie Jonas; »wir kennen das.« »Was haben Sie da gesagt, Sir?« rief Miss Pecksniff scharf. »Haben Sie's vielleicht nicht gehört«, höhnte Jonas und warf sich in einen Sessel. »Zweimal sagen werde ich's Ihnen wahrhaftig nicht. Wenn Sie übrigens bleiben wollen, so können Sie's tun, und wollen Sie gehen, so ist's auch recht. Aber im ersteren Falle muß ich mir Höflichkeit ausbitten.« »Elender Kerl«, gellte Miss Pecksniff an ihm vorüberfegend. »Augustus, er ist nicht würdig, daß wir ihm antworten! Kümmern Sie sich nicht um ihn« – Augustus hatte nämlich einen schwachen Versuch geheuchelt, die Fäuste zu ballen. »Kommen Sie, lieber Freund«, kreischte sie im schrillsten Diskant, »ich befehle es Ihnen.« Augustus hatte sich nämlich zu dem Entschluß aufgerafft, umzukehren und Mr. Chuzzlewit am Kragen zu packen. Aber Miss Pecksniff gab ihm einen Stoß vor die Brust, Mrs. Todgers folgte ihrem Beispiel, und so polterten sie denn alle drei zum Zimmer hinaus, wobei die schöne Braut unentwegt gellende Verwünschungen ausstieß. Bis jetzt hatte Jonas weder Tom noch seine Schwester erblickt, denn sie standen fast hinter der Türe, als er diese geöffnet hatte, und er war, als er sich niedersetzte, mit dem Rücken gegen sie gekehrt gewesen und hatte während seines Wortwechsels mit seiner Schwägerin seine Blicke absichtlich nach der andern Seite der Straße gerichtet, um durch diese affektierte Gleichgültigkeit den Grimm der jungen Dame noch zu steigern. Gratia stammelte jetzt, Mr. Pinch habe auf ihn gewartet, und Tom trat daraufhin sofort vor. Mit einem wilden Fluch sprang Jonas von seinem Sessel auf und packte die Lehne, als wolle er seinen Gast damit zu Boden schlagen. Wut und Überraschung lähmten ihn jedoch einen Augenblick, und Tom, der ruhig stehen blieb, hatte dadurch Gelegenheit, zu sprechen. Jonas war zu wütend, um auch nur ein Wort hervorbringen zu können. Er stampfte mit dem Fuß auf den Boden, deutete zur Türe und murmelte etwas, das so klang wie: »Hinaus!« »Sie haben durchaus keinen Grund, sich so aufzuregen, Sir«, begann Tom gelassen. »Sie werden es vielleicht nicht glauben wollen, aber dennoch bin ich in der Absicht hier, lediglich einen Vorfall aufzuklären und ein Mißverständnis aus der Welt zu schaffen. Im übrigen ist es mir ganz gleichgültig, wie Sie mich aufnehmen. Wenn Sie nicht ganz von Sinnen sind, so hören Sie mir jetzt zu. – – Also, ich übergab Ihnen neulich einen Brief, während Sie eben im Begriffe standen, England zu verlassen.« »Jawohl, Sie Hund, das haben Sie getan«, knirschte Jonas, »und ich werde Ihnen schon eines Tages den Botenlohn bezahlen und dabei noch obendrein eine alte kleine Rechnung ausgleichen.« »Beruhigen Sie sich«, versetzte Tom, »es ist überflüssig, daß Sie solche unnützen Drohungen ausstoßen. Ich wünsche nur, daß Sie mich anhören. Bloß, weil ich mir Sie und alles, was Sie betrifft, drei Schritte vom Leibe halten will, und nicht etwa aus Furcht vor Ihnen. Ich fürchte mich durchaus nicht vor Ihnen. – Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich mit dem Inhalt Ihres Briefes nicht das geringste zu schaffen habe, nichts davon weiß und nicht einmal wußte, daß das Schreiben an Sie adressiert war. Ich habe es von – –« »Zum Teufel«, fuhr Jonas auf, erhob den Stuhl und schwang ihn drohend über seinem Kopf, »noch ein Wort, und ich schlage Ihnen den Schädel ein.« Als sich jedoch Tom nicht einschüchtern ließ und sich anschickte, ruhig in seiner Rede fortzufahren, fiel ihn Jonas wie ein Rasender an und hätte ihn sicherlich verletzt, da Tom gänzlich wehrlos und durch seine ängstliche Schwester am Arm nur noch mehr gehindert war, sich zu verteidigen, wenn sich nicht Gratia zwischen die beiden geworfen und Tom um Gottes willen angefleht hätte, das Haus zu verlassen. Die Seelenangst der armen Frau, das Entsetzen Ruths, die Unmöglichkeit, sich verständlich zu machen, und der vergebliche Kampf gegen Mrs. Gamp, die sich, weich wie ein Federbett, auf ihn geworfen hatte und ihn durch das bloße Gewicht ihres Leibes zur Türe drängte, trugen endlich den Sieg davon. Tom schüttelte den Staub dieses Hauses von seinen Schuhen und verließ es, ohne daß Nadgetts Name über seine Lippen gekommen war. Hätte Jonas diesen Namen gehört und so erfahren, wer ihm insgeheim nachspürte, wäre er wahrscheinlich vor der Missetat bewahrt geblieben, die er seit einiger Zeit im Schilde führte. So grub er sich selbst seine Grube, und die seelische Finsternis, die ihn umgab, war sein eigenes Werk. Gratia hatte inzwischen die Türe geschlossen und sich vor ihm auf die Knie geworfen. Mit gefalteten Händen bat sie ihn um Verzeihung und flehte ihn an, sie nicht zu mißhandeln; denn nur aus Furcht, es hätte zu Blutvergießen kommen können, habe sie sich eingemischt. »So«, keuchte Jonas, tief Atem holend, und blickte finster auf sie nieder. »Das also sind deine Freunde und dein Verkehr, wenn ich fort bin! Mit solchem Volk gibst du dich ab, um gegen mich zu intrigieren!« »Nein, nein, gewiß nicht«, jammerte Gratia, »ich weiß gar nichts von allen diesen Geheimnissen und ahne auch nicht, was da alles vorgeht. Seit ich meine Heimat verlassen, habe ich Pinch, heute ausgenommen, nur ein einziges Mal gesehen. Nein, zweimal, daß ich nicht lüge.« »Oho«, höhnte Jonas, »ein- oder zweimal, was? Was willst du damit sagen? Zweimal und einmal wahrscheinlich – also vielleicht dreimal? Und wievielmal noch außerdem, du lügenhafte Kröte.« Hastig wich Gratia zurück, denn er holte zum Schlage aus. Es war eine vielsagende Gebärde voll grausamer Wahrheit. »Wievielmal außerdem?« wiederholte er. »Niemals; nur heute und dann kürzlich und außerdem noch ein einziges Mal.« Jonas war eben im Begriff, eine heftige Erwiderung zu geben, als die Uhr schlug. Er fuhr zusammen, hielt inne und lauschte. Offenbar fiel ihm ein, daß er irgendwohin bestellt sei – vielleicht war's auch ein Geheimnis, von dem nur er wußte und an das ihn der rasche Lauf der Zeit erinnerte. »Was bleibst du da am Boden liegen – steh auf!« knurrte er. Nachdem er Gratia aufstehen geholfen oder sie vielmehr am Arm in die Höhe gerissen hatte, fuhr er fort: »Hör mich jetzt an, Weibsbild, und winsle nicht, wenn du keine Ursache dazu hast, oder ich will dir einen wirklichen Anlaß dazu geben. Wenn ich diesen Halunken noch einmal in meinem Hause treffe oder merke, daß du ihn irgendwo gesehen hast, so wirst du es mir büßen. Wenn du nicht taub und stumm für alles und jedes bist, was mich betrifft, ohne daß ich dir ausdrücklich erlaube, zu hören und zu sprechen, so sollst du es schwer bereuen. Gehorchst du mir nicht in allem und jedem unbedingt und aufs Wort, so ist's aus mit dir! Und jetzt höre: wieviel Uhr ist es?« »Es hat vor einer Minute acht geschlagen.« Er faßte sie scharf ins Auge und sagte mit einer gewissen Anstrengung, als ob er die Worte vorher genau auswendig gelernt hätte: »Ich bin Tag und Nacht durchgefahren und sehr ermüdet. Überdies habe ich Geld verloren, und das stimmt mich auch nicht besser. Stelle mir mein Nachtessen unten in das kleine Zimmer und laß mein Feldbett zurechtmachen. Ich werde heute nacht unten schlafen, vielleicht auch morgen nacht. Und wenn ich morgen den ganzen Tag schlafen kann, um so besser. Ich habe Sorgen, die ich zu verschlafen wünsche. Und daß es im Hause ruhig bleibt, daß mich niemand stört! – Verstanden?« Bebend versprach Gratia, es solle alles geschehen, wie er es wünsche, und fragte, ob das alles sei. »So? Fragst du schon wieder und spionierst«, fuhr Jonas auf. »Was wünschest du noch zu wissen!« »Ich brauche ja nichts mehr zu wissen, Jonas, als was du mir sagst. Jede Hoffnung, daß jemals Einvernehmen zwischen uns bestehen könnte, habe ich doch längst aufgegeben.« »Na, das will ich hoffen«, murmelte er. »Aber wenn du mir deine Wünsche nennst, so will ich gehorchen und gewiß alles tun, um dich zufriedenzustellen. Ich mache mir ja kein Verdienst daraus – ich habe doch keinen Freund, weder an meinem Vater noch an meiner Schwester. Ich bin doch gänzlich verlassen. Du hast gesagt, du wollest meinen Stolz brechen, und das ist dir, weiß Gott, gelungen. Brich mir nicht auch noch das Herz.« Schüchtern wagte sie es, Jonas die Hand auf die Schulter zu legen. Er duldete es mit innerlichem Jubel, und seine ganze niedrige erbärmliche Seele lag in diesem Moment in seinen Blicken. Aber nur eine Sekunde. Dann erinnerte er sich wieder an das Geheimnis, das ihn so sichtlich bedrückte, und er befahl ihr in mürrischem Ton, ihren Gehorsam dadurch zu beweisen, daß sie ohne Verzug seine Befehle erfülle. Als sie draußen war, ging er in der Stube auf und ab, immer noch instinktiv die rechte Faust geballt. Dann warf er sich in einen Stuhl, schlug grübelnd den Ärmel seines rechten Armes zurück, als wolle er seine Muskeln prüfen, aber auch dann noch hielt er die Faust geballt. Immer noch saß er brütend da, die Augen zu Boden geschlagen, als Mrs. Gamp eintrat, um ihm zu melden, daß die Stube hergerichtet sei. Da sie nicht ganz sicher war, wie er sie nach ihrer Einmischung in den Streit aufnehmen würde, heuchelte sie, um sich bei ihm einzuschmeicheln, eine tiefe Besorgnis für Mr. Chuffey. »Wie geht es ihm denn?« fragte sie. »Wem?« rief Jonas, blickte auf und starrte sie verständnislos an. »Jessa na«, rief die würdige Dame lächelnd und knickste. »Wo i nur wieder mein Kopf hab! Sie sind ja gar net hier gwesen, wie er wieder so kurios gwesen is. In mein ganzen Leben hab i so was net gsegn, ausgnommen vielleicht bei an Patienten grad vor an Jahr, der seines Zeichens a Zollaufseher gwesen is und akurat a so gheißen hat wie der Harris ihr eigener Vater – und gsungen hat er, sag i Ihna, und pfiffen, so was habn S' in Ihrem ganzen Leben noch net ghört. A Stimm hat er ghabt wie a Maultrommel im Baß, und sechs Leut habn eahm halten müssen, wann er sein Anfall kriegt hat.« »Hem – Chuffey«, brummte Jonas gleichgültig und warf einen Blick in die Ecke, wo der alte Buchhalter saß. »Na ja.« »An Kopf hat er, a so heiß«, fuhr Mrs. Gamp fort, »daß mer a Bügeleisen dran wärmen kunnt. Da is's freilich ka Wunder, wann mer denkt, was der für Zeug zsammgredt hat.« »Was hat er denn gesagt?« fragte Jonas. Mrs. Gamp legte die Hand aufs Herz, als wollte sie das ungestüme Wesen in ihrem Busen zügeln, schlug die Augen gen Himmel auf und lispelte mit schwacher Stimme: »Schauderhafte Sache, gnä Herr. Die schauderhaftesten Sachen, wo i nur jemals ghört hab. Der Harris ihr Vater net amal hat so was gsagt, wann er an Anfall ghabt hat. Na ja, die anen reden halt und die andern wieder net; – außer, wann er wieder zu sich kommen is, da hat er jedsmal gfragt: Wo is denn die Gamp? Aber i sag Ihna, gnä Herr, wenn der da im Eck amal zfragen anfangt. Wer liegt tot dort oben, nacher – –« »Wer liegt tot dort oben?« wiederholte Jonas, entsetzt auffahrend. Mrs. Gamp nickte. »›Wer liegt tot dort oben‹ – dös sagt er in aner Tour, und ›wo is mein alter Herr, der nur einen einzigen Sohn hat‹, und nacher steht er auf und schaugt in alle Betten und hatscht in alle Zimmer umanand, und nacher kommt er wieder runter und sagt so was wie: ›schnödes Spiel‹ und setzt sich wieder. Wahrhaftig, gnä Herr, dös greift mich a so an, daß i mi immer nur mit an Schlückerl Branntwein aufrechterhalten kann. Sonst rühr i so was niemals nicht an, aber wissen muß i halt immer, wo was zu finden is, falls mich die Lust danach umwandelt; denn unsereins kann nie wissen, was passiert. In dem irdischen Jammertal geht oft alles drunter und drüber.« »Der alte Narr ist toll«, murrte Jonas verstört. »Segn S', dös sag i a immer!« rief Mrs. Gamp. »I sag's wie's is. Wenn i so frei sein derf, mir a Bemerkung zu erlauben, so glaub i, der alte Mann hat a Aufsicht nötig – i sag's wie's is –, und mer sollt eahm net zu viel Freiheit lassen, damit er die gnä Frau net a so ängstigen tut.« »Ach Gott, wer kümmert sich denn um sein Geschwätz!« versetzte Jonas. »Aber die gnä Frau tut sich doch deshalb beunruhigen«, beharrte Mrs. Gamp auf ihrer Ansicht. »Kehren tut sich ja niemand an ihn, aber er is und bleibt a große Unannähmlichkeit.« »Donnerwetter noch mal, da haben Sie recht«, rief Jonas und blickte argwöhnisch nach Chuffey hin. »Ich habe längst so halb und halb im Sinn, ihn einsperren zu lassen.« Mrs. Gamp rieb sich die Hände, lächelte, nickte mit dem Kopf und schnüffelte ausdrucksvoll in der Luft, als wittere sie ein Geschäft. »Vielleicht könnten Sie den wahnsinnigen Narren in irgendeinem leeren Zimmer oben bewachen, was?« fragte Jonas. »I und a Freundin von mir könnten's ja abwechselnd machen, gnä Herr«, meinte die Krankenwärterin. »Unsre Rechnungen sin niemals nicht hoch, aber, weil wir uns ja jetzt schon so guat kennen, würden's wir vielleicht noch billiger machen. Ich und die Prig, gnä Herr, würden den alten Mann gwiß anständig verpflegen und alles zur Zufriedenheit besorgen. Die Prig hat scho viele Mondsüchtige gwaschen und kennt sich aus bei so was wie kane zweite nöt.« Abermals ging Jonas im Zimmer auf und ab und warf von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf den alten Buchhalter. Dann blieb er stehen und sagte: »Ich sehe schon, ich muß ein Auge auf ihn haben, sonst richtet er noch, weiß Gott, ein Unheil an. – Was meinen Sie dazu?« »Nix is wahrscheinlicher als dös«, bestätigte Mrs. Gamp. »O mei, so was hab i schon oft gnua an mir selber erfahren.« »Also gut, dann sorgen Sie vorderhand für ihn, und – sagen wir mal – heute über drei Tage soll die andere Wärterin herkommen. Wir werden dann trachten, handelseins zu werden. Sagen wir mal – ungefähr um neun oder zehn Uhr abends? – Beobachten Sie ihn in der Zwischenzeit gut und sprechen Sie nicht weiter von der Sache. – Er ist toll wie ein Märzhase.« »Noch vüll toller«, versicherte Mrs. Gamp. »Vüll vüll toller.« »Also gut, dann sehen Sie nach ihm, und tragen Sie Sorge, daß er keinen Schaden anrichtet. Und vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe!« Mrs. Gamp schickte sich an, alles, was ihr eingeschärft worden, nochmals zu wiederholen und zur Anempfehlung ihres außerordentlichen Gedächtnisses und ihrer Vertrauenswürdigkeit eine der hervorragendsten Äußerungen der berühmten Mrs. Harris anzuführen, aber Jonas ließ sie kurz stehen und ging hinunter in die kleine Stube, in der bereits alles für ihn bereitstand. Dort zog er Rock und Stiefel aus, stellte beziehungsweise hängte sie vor die Türe und schloß zu. Dabei vergaß er nicht, den Schlüssel so zu stellen, daß ihn kein Neugieriger durch das Schlüsselloch beobachten konnte. Erst als er diese Vorsichtsmaßregeln getroffen, setzte er sich zum Abendbrot nieder. »Na, Mr. Chuff«, murmelte er, »wäre gar nicht so ohne, dich loszuwerden. Man soll nichts halb tun. Solange ich noch hier in England bin, sollst du mir hübsch stille sein; wenn ich fort bin, kannst du plappern, soviel du willst. – Aber es ist doch eine verdammte Geschichte« fluchte er, schob den unberührten Teller fort und ging wieder finster auf und ab, »daß er gerade jetzt mit seinen Faseleien wieder darauf kommt.« Nachdem er das kleine Zimmer mehrmals von einem Ende zum andern durchmessen, warf er sich erschöpft in einen andern Stuhl. »Ich sage ›jetzt‹, aber wer weiß, ob er den Unsinn nicht schon die ganze Zeit über getrieben hat. Alter Trottel! – Aber warte nur, ich werde dir schon das Maul stopfen.« Wieder ging Jonas mit unruhigen Schritten auf und ab und setzte sich dann aufs Bett, das Kinn in die Hand gestützt, und starrte den Tisch an. Nachdem er eine ziemliche Weile so dagesessen, fiel ihm sein Abendbrot wieder ein. Er setzte sich abermals in den Stuhl, den er zuerst eingenommen gehabt, und begann mit großer Gier zu essen – nicht wie ein Hungriger, sondern wie ein Mensch, der es sich aus irgendeinem verzweifelten Grunde fest vorgenommen hat. Er trank auch, aber bisweilen hielt er mitten im Zuge inne und sprang dann wieder auf, um die Stube zu durchmessen, sich dann abermals an den Tisch zu stürzen und mit gieriger Hast über das Essen herzufallen. Es wurde dunkel. Die Düsterkeit des Abends ging in Nacht über. Ein schwarzer Schatten wuchs empor und legte sich auf sein Gesicht und verwandelte langsam seine Züge. Langsam, langsam, schwarz und schwärzer werdend; – und immer hagerer und wilder wurden Jonas' Züge, und immer weiter und weiter griff die Veränderung um sich, bis es in und außer ihm finstere Nacht war. Das Zimmer, in dem er sich eingeschlossen, lag an der Hinterseite des Hauses zu ebener Erde. Es war durch ein blindes Oberlichtfenster erhellt und hatte eine Türe in der Wand, die auf einen engen, überdeckten Gang hinausführte. Schon von sechs oder sieben Uhr abends an war dieser nur noch wenig besucht, und auch zu keiner Tageszeit wurde er häufig als öffentlicher Durchgang benützt, obgleich er in eine benachbarte Straße mündete. Der Grund und Boden, auf dem dieses Zimmer stand, war in früherer Zeit, so ging das Gerücht, ein Friedhof gewesen, und man hatte es zu seinem jetzigen Gebrauch als eine Art Bureau eingerichtet und umgebaut. Welche Geschäfte vordem darin betrieben worden, konnte niemand sagen. Auch hatten Anthony Chuzzlewit und Sohn wenig Notiz davon genommen, und es diente nur bisweilen als eine Art Schlafzimmer für den Notfall und war vor langen Jahren von dem alten Buchhalter als Privatzimmer benutzt worden. Eher einem Keller als einer Stube gleichend, waren seine Wände fleckenweise mit Schimmel bewachsen, und durchlaufende Wasserröhren in den Mauern fingen oft plötzlich in der Nacht, wenn alles ruhig schlief, zu glucksen und zu gurgeln an, gerade als ob jemand ersticke. Seit langer, langer Zeit war die in den Hof hinausgehende Türe nicht geöffnet worden, aber der Schlüssel dazu hing noch jetzt, wie seit vielen Jahren, an seinem Platze. Jonas schien angenommen zu haben, daß er rostig sein werde, denn er hatte eine kleine Ölflasche mit einer Federspule in der Tasche, mit der er jetzt Schlüssel und Schloß sorgfältig einschmierte. Aus übermäßiger Vorsicht hatte er zu diesem Zweck Rock und Stiefel ausgezogen. Leise schlich er sich jetzt ins Bett und wälzte sich darin ein wenig herum, damit es das Aussehen bekäme, als habe jemand darin geschlafen; und bei seinem an und für sich unruhigen Gemütszustand war dies bald geschehen. Dann stand er wieder auf, nahm aus dem Mantelsack, den er beim Nachhausekommen sofort in das Zimmer hatte schaffen lassen, ein Paar grobe Stiefel, zog sie an, desgleichen ein Paar Lederhosen, wie sie die Bauern zu tragen pflegen, einen groben, dunklen Rock und einen Filzhut – seinen eigenen gewöhnlichen hatte er absichtlich im Zimmer oben gelassen –, und dann setzte er sich mit dem Schlüssel in der Hand an der Türe nieder und horchte. Die Kerze war ausgelöscht. Langsam, langsam schwanden die Minuten. Die Meßnerknaben in der benachbarten Kirche zogen die Glockenstränge, und das nicht endenwollende Bimbam der Glocken trieb Jonas fast bis zum Wahnsinn. Mit wildem Fluche verdammte er das lärmende Geläute – es war ihm, als ob die Glocken wüßten, daß er an der Türe lausche, und vorhätten, es mit zahllosen Stimmen der ganzen Stadt in die Ohren zu schreien. – Wollten sie denn gar nicht aufhören!? Endlich verstummten sie, aber die Stille, die darauf folgte, war so schauerlich wie der Vorläufer irgendeines entsetzlichen Losbruches. – Horch! – Fußtritte auf dem Hof! Zwei Männer! – Jonas wich auf den Zehen von der Türe zurück, als könnten sie ihn durch die hölzerne Türe hindurch sehen. Sie gingen weiter und sprachen, soviel er hören konnte, von einem Gerippe, das gestern bei der Demolierung eines Hauses ausgegraben worden war und, wie verlaute, von einem Erschlagenen herrühren müsse. »Da sieht man wieder: ein Mord kommt immer ans Licht«, sagte der eine der Männer. Das waren die letzten lauten Worte, als die beiden um die Ecke bogen. Pst! Still! – Jonas steckte den Schlüssel in das Schloß und drehte langsam um. Eine Weile leistete die Türe Widerstand, dann endlich ging sie auf, und der Geschmack von Rost, Stauberde und moderndem Holz legte sich auf Jonas' Lippen. Er trat hinaus und schloß leise hinter sich ab. Und wie er dann, wie von Furien gepeitscht, dahinfloh, war alles totenstill und ruhig ringsum. 47. Kapitel Wie Jonas Chuzzlewits und seines Freundes Unternehmen endete Fuhren die Menschen, die noch so spät durch die dunklen Straßen gingen, nicht unwillkürlich zurück, wie er so hinter ihnen hergeschlichen kam? Und wie er sich so die Häusermauern entlang drückte, hatte da kein unschuldiges Kind in seinem Schlummer das dunkle Gefühl, es falle ein schuldbeladener Schatten auf sein Bettchen und störe seinen unschuldigen Schlaf? Heulte der Hund dort an seiner rasselnden Kette, als wolle er sie zerreißen, vielleicht seinetwegen? Und wenn sich eine Ratte in der Erde ihren Gang grub, vielleicht geschah es aus heimlicher Witterung und um sich zu ihm durchzunagen und ihm zu folgen – den fetten Schmaus ahnend, der da bevorstand. Wenn Jonas über die Achsel zurückblickte, vielleicht war es eine seelische Ahnung, die Fußspuren, die er auf dem staubigen Pflaster hinterlassen, könnten schon feucht und schmutzig sein von dem roten gespenstigen Schlamm, der einst Kains nackte Füße befleckte. Er wendete sich der Hauptstraße gegen Westen zu, erreichte sie sehr bald und setzte dann seinen Weg, teils zu Fuß, teils im Wagen, weiter fort. Eine beträchtliche Strecke legte er auf dem Verdeck einer Landkutsche zurück, die ihn eingeholt hatte, und als sie abbog, bewog er den Kutscher eines zurückkehrenden Postwagens, ihn eine Strecke weit mitzunehmen. Dann wieder ging er querfeldein und schnitt eine Meile oder zwei ab, ehe er seine Schritte abermals der Straße zulenkte. Und schließlich bestieg er eine langsame schwerfällige Nachtkutsche, die an allen möglichen Stationen und Orten anhielt und, als er sie getroffen, vor einem Wirtshause stand, in dem der Schaffner und der Kutscher saßen und zechten. Er feilschte um einen Außensitz und stieg nicht eher aus, als bis ihn nur noch ein paar Meilen von seinem Bestimmungsorte trennten. Da blieb er dann die ganze Nacht. Die ganze Nacht! Es ist ein Irrtum, zu glauben, die Natur schlafe bei Nacht. Niemand konnte das besser wissen als Jonas. Vielleicht schlummerten die Fische in den kalten glitzernden Strömen und Bächen, und die Vögel ruhten auf den Zweigen der Bäume, ruhig stand oder lag das Vieh in seinen Ställen oder auf den Weideplätzen, und die Menschen schlummerten, aber die Nacht, die feierliche, schloß kein Auge, und ihr Dunkel war so wach wie das Licht bei Tag. Die hohen Bäume, der Mond, die glitzernden Sterne, der leise atmende Wind, der überschattete Feldweg, der breite dämmerhelle Wiesenhang, sie alle wachten. Da war nicht ein Gras- und Getreidehalm, der nicht aufhorchte, und je größer die Stille war, desto gespannter und unablässiger schien sie Jonas zu beobachten. Und dennoch schlief er. Während er zwischen diesen von Gott aufgestellten Schildwachen dahinfuhr, schlief er und änderte weder Zweck noch Ziel seiner Reise. Verließ ihn einmal der Gedanke daran in seinen wirren Träumen, gleich kam der Mahner wieder und weckte ihn auf. Doch niemals erwachte er mit einer Spur von Reue oder mit dem Gedanken, seinen Vorsatz fahrenzulassen. Einmal träumte ihm, er liege ruhig im Bett, über sich die mondhelle Nacht, und denke nach über das Geräusch der Räder, als plötzlich der alte Buchhalter den Kopf zur Türe hereinsteckte und ihm winkte. Sofort stand er auf und begleitete ihn in dem Anzuge, den er zur Zeit wirklich trug, in eine fremde Stadt hinein, wo die Namen der Straßen in für ihn ganz fremden Buchstaben auf die Häusermauern geschrieben waren. Doch dies alles überraschte und beunruhigte ihn nicht, denn er entsann sich im Traume, schon einmal hier gewesen zu sein. So abschüssig waren die Straßen, daß man durch himmelhohe Leitern, die trotzdem immer noch zu kurz waren, und durch Stricke, die tief brummende Glocken in Bewegung setzten, wenn man sich daran anklammerte, von einer in die andere klimmen mußte. Aber auch diese Hemmnisse schreckten ihn nicht zurück. Mehr beunruhigte ihn sein Anzug, der sehr unschicklich war für das große Fest, das hier gefeiert werden sollte und woran er teilzunehmen wünschte. Schon fingen die großen Menschenmassen an, die Straßen zu erfüllen, und von der Seite her kamen aus unübersehbarer Ferne Myriaden Leute herbei, zum Teil Blumen streuend, zum Teil für andere, die auf weißen Pferden heranritten, Platz machend. Da plötzlich brach eine schreckliche Gestalt aus der Menge hervor und rief, daß dies der jüngste Tag sei. Kaum verbreitete sich die Kunde, da fand ein wildes Getümmel zum Richterstuhle hin statt, und das Gedränge wurde so groß, daß Jonas und sein Begleiter (der stets wechselte und nie, auch nicht zwei Minuten lang, derselbe blieb) nach der Seite zu in ein Tor traten und mit Furcht und Schrecken die Menge betrachteten, unter der viele bekannte Gesichter waren und auch viele unbekannte. Da mit einemmal tauchte ein Kopf unter den übrigen auf – totenblaß und ihm wohlbekannt – und verkündete ihm, daß um seinetwillen dieser schreckliche Tag abgehalten werde. Sie rangen miteinander. Und als Jonas sich bemühte, seine Hand, in der er eine Keule hielt, zu befreien und den tödlichen Streich zu führen, an den er so oft und oft gedacht, da kehrte ihm das Bewußtsein des wachen Vorsatzes zurück, und die Sonne schien durch das Wagenfenster herein. Sie war ihm willkommen, rief sie doch Leben, Bewegung und Rührigkeit hervor, um die Aufmerksamkeit des wachen Tages abzulenken. Nichts fürchtete er so sehr wie das Auge der Nacht, der wachsamen, stummen und lauschenden Nacht; schien sie doch soviel Muße zu haben, tief hinein zu schauen in sein verbrecherisches Gehirn. Er ging zu Rate mit sich selbst und seinem Herzen, aber keine Anwandlung von Reue kam über ihn. – Ein Mord? Nun gut, was weiter? Er war eigens dazu hergekommen, ihn zu begehen. »Ich wünsche hier auszusteigen«, sagte er. »So nahe vor der Stadt?« bemerkte der Kutscher. »Ich dächte, ich könnte absteigen, wo ich will.« »Selbstverständlich, Sir; das Herz wird uns nicht brechen, wenn wir Sie verlieren. Es wäre übrigens auch kein Unglück, wenn wir Sie gar nicht getroffen hätten. Machen Sie gefälligst rasch, und damit Schluß.« Der Schaffner war ebenfalls abgestiegen und wartete auf der Straße, um das Fahrgeld in Empfang zu nehmen. Von Mißtrauen gequält, argwöhnte Jonas, der Mann betrachte ihn neugieriger, als es wohl zweckmäßig gewesen wäre. »Warum glotzen Sie mich so an?« schrie er. »Na, Ihrer Schönheit wegen gerade nicht«, brummte der Kutscher. »Wenn Sie wollen, daß ich Ihnen prophezeie, so kann ich Ihnen ja Ihre Zukunft voraussagen. Ersaufen werden Sie nicht – drum brauchen Sie sich keine Sorge zu machen.« Und ehe Jonas noch antworten oder ausweichen konnte, machte der Kutscher dem Gespräch ein Ende, indem er ihm eins mit der Peitsche versetzte und ihn sich zum Teufel scheren hieß. Gleichzeitig sprang auch der Schaffner wieder auf seinen Sitz hinauf, und der Wagen rollte unter dem Gelächter seiner Insassen weiter, während Jonas auf der Straße stehenblieb und die Faust schüttelte. Je näher er sich dann die Sache überlegte, desto weniger war er unzufrieden, daß es so gekommen, denn es ging klar daraus hervor, daß man ihn für einen griesgrämigen Bauern gehalten, und das war ein Kompliment für seine gute Verkleidung. Etwa zwei oder drei Meilen von der Stelle entfernt, schlug er sich in die Büsche am Wege, riß aus einer Verzäunung einen dicken, harten, knotigen Prügel los, legte sich unter einen Heuschober und verbrachte einige Zeit damit, von seiner Waffe die Rinde abzuschälen und ihren gekerbten Kopf mit seinem Messer zu bearbeiten. Der Tag entschwand. Mittag, Nachmittag, Abend, Sonnenuntergang. In dieser heitern friedensvollen Stunde kamen zwei Leute auf einem nicht sehr besuchten Wege in einem Gig aus der Stadt hergefahren. Es war gerade der Tag, an dem Mr. Pecksniff mit Mr. Montague dinieren sollte. Der Architekt hatte Wort gehalten und war jetzt wieder auf der Heimkehr begriffen. Mr. Montague wollte ihn nur noch eine kleine Strecke begleiten und dann auf einem hübschen Spazierweg durch die Felder, den ihm Mr. Pecksniff zu zeigen versprochen, zu Fuß zurückzukehren. Jonas wußte das. Er war um das Gasthaus herumgeschlichen und hatte gehört, wie sie dem Hausknecht ihre Befehle erteilt hatten. Die beiden Herren plauderten so laut und fröhlich miteinander, daß man sie eine ziemliche Strecke weit hören konnte. Ihr Lachen übertönte sogar das Rollen ihrer Räder und den Hufschlag der Pferde. Immer näher und näher kamen sie, und immer lauter und lauter wurden sie, bis sie an eine Stelle kamen, wo ein Schlagbaum und ein Fußpfad ihren Trennungspunkt bezeichneten. Das Gig hielt an. »Es ist noch viel zu früh – viel zu früh, auseinanderzugehen«, sagte Mr. Pecksniff. »Aber wir sind an Ort und Stelle, mein lieber Freund. Halten Sie sich jetzt nur noch auf dem Fußweg und gehen Sie geradeaus durch das kleine Gehölz, zu dem Sie gelangen werden. Der Weg wird dort etwas schmaler, aber Sie können ihn nicht verfehlen. – Wann sehe ich Sie wieder? Hoffentlich doch bald?« »Ja, das hoffe ich auch«, versetzte Mr. Montague. »Also, gute Nacht.« »Gute Nacht und angenehme Fahrt.« Solange sich Mr. Pecksniff noch von Zeit zu Zeit grüßend umwendete und in Sicht war, blieb Mr. Montague auf der Straße stehen und winkte ihm lächelnd mit der Hand. Als er ihm aber aus den Augen entschwand und die Verstellung nicht mehr länger nötig war, setzte er sich auf den Schlagbaum nieder und machte plötzlich ein so verändertes Gesicht, als sei er in diesem Augenblick um mindestens zehn Jahre älter geworden. Sein Gesicht glühte von Wein, aber trotzdem war er nicht fröhlich, und in seinen Mienen war auch nichts von Triumph zu lesen. Vielleicht hatte ihn die Anstrengung der schweren Rolle, die er zu spielen gehabt, ein wenig erschöpft, vielleicht weckte das Flüstern des Abendwindes sein Gewissen, vielleicht war es auch die dunkle Vorahnung des drohenden Schicksals, das über seinem Haupte schwebte. Es gibt gewisse Flüssigkeiten, die sich des nahenden Windes, des Regens oder Frostes bewußt sind und sich davor in ihre gläsernen Arterien zurückzuziehen suchen; sollte nicht auch das Blut eine gleiche Eigenschaft haben und die Hand wittern, die sich erheben will, um es zu vergießen, so daß es in den Adern des Menschen fröstelnd gerinnt? Warm wehte die Luft, und doch verspürte Mr. Montague einen so kalten Schauder, daß er plötzlich von seinem Sitze aufsprang und hastig weiterzugehen anfing. Unentschlossen, ob er auf dem einsamen Fußpfade fortwandern oder auf die Landstraße zurückkehren solle, hielt er einen Augenblick inne. Er wählte den Fußpfad. Der Glanz der scheidenden Sonne bestrahlte sein Gesicht, Musik – das Gezwitscher der Vögel – tönte in seinen Ohren, und wilde Blumen blühten lieblich um ihn her. In der Ferne dämmerten die Strohdächer armseliger Bauernwohnungen, und ein alter, grauer Kirchturm mit einem Kreuz auf seiner Spitze stieg zwischen ihm und der kommenden Nacht empor. Niemals hatte er die Lehre begriffen, die in dem Anblick solcher Dinge liegt, und sich stets höhnisch darüber weggesetzt, aber ehe er den Hohlweg hinunterschritt, blickte er noch einmal mit ahnungsschwerem Herzen auf die Aussicht zurück, die dort hinter ihm lag im dämmernden Abendrot. Dann ging es hinab – hinab ins Tal. Er erreichte das Gehölz, einen dichten, schattigen Wald, durch den sich der Fußpfad dahinwand und schließlich in eine schmale Schaffährte überging. Ehe er in das Dunkel eintrat, hielt er inne, und die Stille der Natur machte ihn beinahe beklommen. Schräg fielen die letzten Strahlen der Sonne herab und zogen längs der Stämme und Zweige einen goldenen Lichtpfad, der zusehends dahinstarb, um allmählich der herankriechenden Finsternis Raum zu geben. Es war so still und ruhig, daß das weiche Moos an den Stämmen der alten Bäume verstohlen aus dem Schweigen herausgewachsen zu sein schien. Von den Winterstürmen gebeugt, hatten sich die dürren Bäume an ihre Nachbarn gelehnt und lagen kahl in den beraubten Armen, um jeden Tag ein Stück mehr zur Erde zu sinken, als wollten sie die allgemeine Ruhe nicht durch das Donnern ihres Falles stören. Überall eröffneten sich verschwiegene Aussichten bis tief in das Herz und die innersten Schlupfwinkel des Waldes, bald einem Kreuzgang in der Kirche oder einem Kloster, bald einer nackt zum Himmel aufragenden Ruine ähnlich. Dann wieder sich zu tiefgrünen, geheimnisvoll rauschenden Laubengängen verschlingend, durch die man verworrenes Gezweig, efeubelaubte Äste, zitterndes Blattwerk und die abgeschälten Stämme alter Bäume in künstlerischer Unordnung durcheinander geworfen erblickte. Als die Abendsonne schwand und die Nacht hereinbrach, trat Mr. Montague in das Gehölz. Hier und da schob er einen Busch oder einen niederhängenden Zweig zurück, der ihm den Weg versperrte, und immer mehr und mehr verlor er sich im Innern des Haines. Von Zeit zu Zeit konnte man ihn noch auf einer schmalen Lichtung hinschreiten sehen, und das Krachen dürrer Gezweige verriet den Weg, den er genommen. Dann sah und hörte man nichts mehr von ihm. Kein menschliches Auge sah ihn mehr dahinschreiten, kein menschliches Ohr hörte seine Stimme mehr – von einem einzigen Menschen abgesehen. Und dieser eine brach zwischen den Blättern und Zweigen auf der andern Seite in der Nähe des Fußpfades wieder hervor und floh ins Freie hinaus. Was hatte er im Walde zurückgelassen, daß er so wild daraus hervorstürzte, als wäre die Hölle hinter ihm her? Den Leichnam eines Ermordeten. An einer dichtbewachsenen einsamen Stelle lag er unter den vorjährigen Eichen- und Buchenblättern, so wie der Mann hingestürzt war. Langsam zwischen den Blättern durchsickernd, die das letzte Kissen des Ermordeten bildeten, niedertröpfelnd in den sumpfigen Boden, wie um sich vor jedem menschlichen Auge zu verbergen, dann wieder zwischen dem gekräuselten Laub sich gewaltsam durchdrängend, daß es schien, als ob diese leblosen Wesen es von sich stießen und schaudernd sich davon abwendeten – zog sich langsam eine dunkle Blutlache hin, den Duft des Waldes mit lauwarmem Geruche verpestend. Und der, der diese Tat vollbracht, brach so ungestüm aus dem Walde hervor, daß er im Lauf einen ganzen Schauer von abgebrochenen jungen Zweigen mitriß und selbst heftig ins Gras niederstürzte. Doch rasch war er wieder auf den Beinen, verbarg sich vorgebeugt unter einer Hecke und lief der Straße zu. Dort angelangt, eilte er, so rasch er konnte, dahin und schlug die Richtung nach London ein. Nicht einen Augenblick reute ihn seine Tat. Er entsetzte sich zwar, wenn er daran dachte, aber Reue empfand er nicht. Furcht und Grauen hatten ihn im Walde ergriffen, aber jetzt, wo er den Schauplatz im Rücken hatte und das Verbrechen begangen war, heftete sich seine Angst auf das dunkle Zimmer, das seiner zu Hause harrte. Weit entsetzlicher kam es ihm vor als der Wald, und dahin sollte er zurückkehren! In diesem Zimmer war der Ursprung seines Geheimnisses eingeschlossen, und alle seine Schrecken lauerten dort und nicht im Walde, wie er sich jetzt einbildete. So marschierte er zehn Meilen weit. Dann hielt er vor einem Wirtshaus an, um auf den Postwagen zu warten, der, wie er wußte, demnächst nach London hier vorbeifahren mußte. Es war nicht derselbe, mit dem er hergereist, denn er kam von einem andern Orte. Er setzte sich vor die Türe auf eine Bank neben einen Mann, der seine Pfeife rauchte. Nachdem er Bier bestellt und einen Schluck davon genommen, bot er den Krug seinem Nachbarn hin, der gleichfalls einen Zug daraus tat und sich bei ihm dafür bedankte. »A schöner Abend, Herr Nachbar«, sagte der Mann, »und a feiner Sonnenuntergang.« »Ich hab ihn nicht gesehen«, lautete die hastige Antwort. »Nicht gesehen?« »Zum Teufel nochmal, wie hätt ich denn können, ich hab doch geschlafen!« »Ach so, geschlafen.« Der Mann schien etwas überrascht von der unerwarteten Reizbarkeit des Fremden, sagte aber kein Wort weiter, sondern rauchte schweigend sein Pfeifchen fort. Sie hatten noch nicht lange so gesessen, als drinnen an eine Tür geklopft wurde. »Was ist das?« fuhr Jonas auf. »Was weiß denn i«, versetzte der Mann. Jonas schwieg: sein Ausruf war ihm wider Willen entwischt. Er hatte gerade wieder an das verschlossene Zimmer gedacht und daran, daß vielleicht gerade in diesem Augenblick jemand ohne Ursache dort anklopfen könnte und daß sie erschrecken würden zu Hause, wenn sie keine Antwort erhielten. Wie sie dann die Türe aufbrechen würden und das Zimmer leer finden. Daß sie dann vielleicht die Türe auf den Hof von innen verschließen und es ihm dadurch unmöglich machen könnten, wieder in das Haus zurückzugelangen, ohne sich in seiner jetzigen Verkleidung zu zeigen. Und wie das dann alles zu Gerede, das Gerede zur Entdeckung und die Entdeckung zum Strang führen mußte. Gerade in dem Augenblick, wo er das alles überlegte, war wie durch eine Tücke des Schicksals und eine bedeutungsvolle Verkettung der Umstände das Klopfen laut geworden. Immer noch klopfte es jetzt wie ein warnendes Echo der gefürchteten Wirklichkeit, die er an die Wand gemalt hatte. Er konnte es nicht mehr weiter mit anhören, stand auf, bezahlte sein Bier und ging. Den ganzen Tag über war er an ihm unbekannten Orten umhergeschlichen, und jetzt sah er sich in der Nacht in fremden Kleidern und mit unstetem Geist auf einer einsamen Straße. Mehr als einmal machte er halt und griff sich an den Kopf, in der Hoffnung, alles möge nur ein Traum sein. Aber noch immer bereute er seine Tat nicht. Nein. Er hatte den Mann zu sehr gehaßt und zu lange und zu verzweifelt über seinem Plane nachgebrütet. Würde die Tat noch vor ihm liegen, er hätte sie abermals vollbracht. So leicht war der Haß und die Rachsucht seines Herzens nicht gestillt; – so wenig wie damals, wo er über die Tat nachdachte, empfand er jetzt Reue. Schrecken und Entsetzen verfolgten ihn – und zwar in einem Grade, wie er es sich nie gedacht und es nie auch nur entfernt für möglich gehalten hätte. Er entsetzte sich im Geiste vor jenem verfluchten Zimmer in seinem Haus, und so verwirrten sich seine Gedanken infolgedessen, daß er schließlich nicht nur um sich Angst hatte, sondern sich sogar vor sich selber fürchtete. Er war sozusagen ein Teil dieses Zimmers – ein Etwas, das man dort vermutete und nicht fand. Er übertrug die geheimnisvollen Schrecken der Kammer auf sich selbst und vergegenwärtigte sich die schimmlige Stube in ihrer falschen lautlosen Tücke. Wie er an das zerwühlte Bett dachte, in dem er nicht lag, in dem man ihn aber glaubte, so kam er sich vor wie sein eignes Gespenst – wie sein spukender Doppelgänger und das gehetzte Opfer seines Ichs zusammengenommen. Als nicht lange später der Wagen heranrollte, löste er einen Außenplatz und fuhr rasch der Heimat zu. Die meisten Mitreisenden waren Landleute. In seiner Angst vermutete er, sie müßten bereits von dem Mord gehört haben und würden ihm erzählen, die Leiche sei gefunden worden, trotzdem er genau wußte, daß dies unmöglich war, wenn er sich die Zeit und den Ort, wo er das Verbrechen begangen, vergegenwärtigte. Aber obwohl er nicht den geringsten Grund hatte, die Unwissenheit der Leute für etwas anderes als die natürliche Folge der Umstände zu halten, so ermutigte ihn doch diese Unwissenheit, und plötzlich jubelte er innerlich auf, der Leichnam würde nie gefunden werden: eine Wahrscheinlichkeit, die er sich im Geiste immer weiter und weiter ausarbeitete. Plötzlich maß er die Zeit nach dem raschen Fluge seiner schuldbewußten Gedanken, nach den Ereignissen, die dem Blutvergießen vorhergegangen, und nach dem Getümmel unzusammenhängender wirrer Bilder, deren beständiges Opfer er war, so daß er bereits bei Tagesanbruch das Verbrechen wie ein längst in der Vergangenheit liegendes Geschehnis ansah und das Gefühl vollständigster Sicherheit empfand, da es noch nicht an den Tag gekommen war. So vermochte er jetzt zu denken und seine Gedanken zu bilden, während die Sonne bereits wieder in den Wald blickte und auf das Gesicht des Toten schien, den sie abends noch lebendig gesehen. Aber da waren sie schon in den Straßen von London. – Still! Es war erst fünf Uhr morgens. Noch hatte er Zeit, unbemerkt und ehe sich viele Leute in den Straßen blicken ließen, seine Wohnung zu erreichen, vorausgesetzt, daß noch nichts geschehen war, was zu seiner Entdeckung geführt hatte. Er glitt von dem Wagen herunter, ohne daß sich der Kutscher die Mühe zu nehmen brauchte, seinetwegen anzuhalten, dann eilte er über die Straße und erreichte endlich auf einer ganzen Menge von Nebenwegen, die ihm den Pfad abkürzten, die Umgebung seiner Wohnung. Vorsichtig machte er halt, um alle Gassen, die sich vor ihm ausbreiteten, zu mustern, schlüpfte dann hurtig durch die eine, blieb wieder stehen, um die nächste zu inspizieren, und so weiter. Der dunkle gedeckte Gang war leer, als er mit seinem Mördergesicht hineinspähte. Auf den Zehen schlich er sich zu der Türe, als scheue er sich, den dahinter Schlafenden, der doch er selber war, zu stören. Er lauschte. Kein Laut; – wie er mit zitternder Hand den Schlüssel umdrehte und die Türe leise mit dem Knie aufdrückte, bemächtigte sich seiner eine fürchterliche Angst. Was, wenn der Ermordete vor ihm dort eingetroffen wäre? Er warf einen scheuen Blick umher. Es war nichts da. Er trat ein, verschloß die Türe und zog den Schlüssel durch den Staub und die Asche am Kamin, um ihn wieder schmutzig zu machen, dann hängte er ihn an seinem alten Platze wieder auf, zog seine Verkleidung aus, band sie zu einem Paket zusammen, das er noch vor der Nacht ins Wasser zu werfen gedachte, und schloß sie vorläufig in einen Schrank ein. Nachdem er diese Vorsichtsmaßregeln getroffen, zog er sich aus und legte sich zu Bett. Der glühende Durst, das fiebrige Feuer, das in seinen Adern brannte, als er sich zudeckte, das immer wachsende und wachsende Entsetzen vor dem Zimmer, wenn er die Augen schloß, die Angst, mit der er auf jedes Geräusch lauschte und das Unwahrscheinlichste für ein Vorspiel zu jenem Klopfen hielt, das ihm die verhängnisvolle Kunde bringen mußte, dann, wie er auffuhr, sein Lager verließ und sich im Spiegel besah, weil er glaubte, die Tat müsse mit glühenden Buchstaben auf seiner Stirne geschrieben stehen, wie ihm das Herz klopfte, wie er sich wieder niederlegte und wieder die Decken über sich zog, – wie der Puls ihm das Wort: Mord, Mord, Mord in die Ohren hämmerte – welche Feder wäre imstande, alle diese entsetzlichen Wahrheiten zu schildern! Der Morgen kam. Er hörte Schritte im Hause – hörte, wie man die Vorhänge aufzog, die Fensterläden öffnete – und dann ein leises Geräusch vor seiner Türe. Mehr als einmal versuchte er zu rufen, aber seine Zunge war so verdorrt, als wäre ihm der Mund mit glühendem Sand angefüllt. Endlich setzte er sich in seinem Bette auf und rief: »Wer ist da!« Es war Gratia. Er fragte sie, wie spät es sei. »Neun Uhr.« »Hat – hat gestern niemand an meine Türe geklopft?« stotterte er. »Es hat mich etwas gestört. Aber, selbst wenn du die Türe eingeschlagen hättest, würdest du keinen Laut von mir zur Antwort bekommen haben.« »Niemand«, antwortete Gratia. Das war gut. Fast atemlos hatte er auf ihre Antwort gewartet. Wenn ihm etwas ein Trost sein konnte, so war es diese Nachricht. »Mr. Nadgett wollte dich besuchen«, fuhr Gratia fort, »aber ich sagte ihm, du seiest müde und habest mir befohlen, dich nicht zu stören. Er meinte, es läge nichts daran, und ging wieder fort. Als ich mein Fenster öffnete, um frische Luft hereinzulassen, sah ich ihn diesen Morgen sehr zeitig früh durch die Straße gehen. Aber dagewesen ist er nicht mehr.« Diesen Morgen durch die Straße – – sehr früh! Jonas zitterte bei dem Gedanken an die Möglichkeit, er hätte ihm begegnen können – ihm, der doch selbst nichts andres zu tun hatte, als den Leuten auszuweichen, heimlich umherzuschleichen und seine eigenen Geheimnisse zu behüten – – ihm, dem Mann, der nie etwas sah! Er forderte Gratia auf, das Frühstück bereitzuhalten, und schickte sich an, die Treppe hinaufzugehen, nachdem er rasch in seine Kleider gefahren war, die vor der Türe gelegen hatten. In geheimer Scheu, nach dem, was vorgefallen, wieder mit seinen Leuten im Hause zusammenzutreffen, zögerte er unter allen möglichen unbedeutenden Vorwänden an der Türe, damit man ihn zuerst bemerke, ohne direkt sein Gesicht zu sehen. Noch während er sich ankleidete, ließ er die Türe offenstehen und befahl die Fenster zu öffnen – er wußte selbst nicht recht, warum –, vielleicht, damit man sich an seine Stimme gewöhnte. Aber ewig konnte er nicht da stehenbleiben, und so entschloß er sich endlich, hinaufzugehen. Sein letzter Blick in den Spiegel hatte ihm ein Gesicht gezeigt, das seine ganze Geschichte erzählte; – vielleicht lag der Grund darin, daß er so ängstlich hineingeblickt hatte. Er wagte es nicht, die übrigen Hausinsassen anzublicken, denn sie kamen ihm so merkwürdig schweigsam vor. Und so sehr er selbst auch jede seiner Mienen bewachte, so konnte er sich doch nicht enthalten, zu horchen und dabei deutlich zu verraten, daß er horchte. Ob er nun aber auf ihre Gespräche hörte, an andre Dinge zu denken versuchte, selber sprach, schwieg oder entschlossen und verbissen das öde Ticken einer alten heisern Wanduhr hinter sich zählte, stets versank er, als ob ein Zauber ihn dazu zwänge, in ein gespanntes Horchen, denn er wußte, daß »es« kommen müsse und daß seine jetzige Strafe und Folter darin bestand, daß er horchen mußte, wie »es« sich näherte. Still! 48. Kapitel Nachrichten von Martin, von Mark und einer dritten gewissen Person. – Die Kindesliebe zeigt sich in sehr häßlichem Lichte und wirft einen bedenklichen Schein in eine bisher dunkel gebliebene Ecke Tom Pinch und Ruth saßen neben dem offnen Fenster bei ihrem Frühstück, und eine Reihe frischer kleiner Blumenstöcke, die Ruth eigenhändig auf dem innern kleinen Simse aufgestellt hatte, verbreiteten ihren lieblichen Geruch. Ruth hatte einen Geraniumzweig in Toms Knopfloch gesteckt, damit er, wie sie sagte, sommerlich aussehe – sie mußte den Zweig natürlich festbinden, denn der kindische Tom hätte ihn sonst sicher verloren. Auf der Gasse schritten die Blumenverkäuferinnen auf und nieder und riefen ihre Ware aus. Eine ungeschickte Biene, die sich zwischen zwei Fensterscheiben verirrt hatte, hämmerte beständig mit dem Kopf an das Glas und suchte sich in den schönen Morgen hinauszuretten, offenbar tief davon durchdrungen, ein böser Zauber müsse sie gefangen halten, da es ihr so gar nicht gelingen wollte. Der Morgen war schöner als je, und die würzige Sommerluft küßte Ruth und fächelte Tom, als wollte sie sagen: »Nun, wie geht's euch, meine Kinder? Ich habe eine weite Reise gemacht, nur um euch zu grüßen.« Kurz, es war eine jener frohen Stunden, wo man wünscht oder doch wünschen sollte, daß jeder Mensch auf Erden glücklich sein möge, um den Hauch des Sommers und die Schönheit der Jahreszeit in seinem Herzen zu empfinden. Das Frühstück verlief womöglich noch gemütlicher als sonst. Die kleine Ruth hatte jetzt zwei Zöglinge zu unterrichten und hatte jedem derselben dreimal in der Woche je zwei Stunden zu widmen. Außerdem hatte sie auch einige Kleinigkeiten gemalt und war hinter Toms Rücken in ein Geschäft gegangen, das mit solchen Artikeln handelte, nachdem sie oft lange davorgestanden und durchs Fenster geguckt hatte, ohne den Mut zu finden, einzutreten und die Frau im Laden zu fragen, ob sie ihr die Sachen abkaufen wolle. Und die Frau hatte sie ihr nicht nur abgekauft, sondern noch mehr davon bestellt. Und noch am selben Morgen hatte Ruth dies alles Tom gestanden und ihm den Erlös in einer kleinen Börse übergeben, die sie eigens zu diesem Zweck gestrickt hatte. Sie waren jetzt beide noch ganz entzückt darüber und hatten vielleicht auch ein paar glückliche Tränen darüber geweint. Aber jetzt war alles vorüber, und seit die Sonne zum letztenmal untergegangen war, hatte sie keine so seligen Gesichter beleuchtet als die der beiden Geschwister. »Meine liebe, liebe Ruth«, sagte Tom so plötzlich, daß er darüber vergaß, das Brot abzuschneiden, das er seiner Schwester geben wollte, und das Messer im Brotlaib stecken ließ, »was doch unser Hauswirt für ein seltsamer Kauz ist. Ich glaube, er ist auch nicht ein einziges Mal wieder nach Hause gekommen, seit er mich damals in die leidige Patsche brachte. Mir scheint, er wird überhaupt nicht mehr wiederkommen. Was der nur für ein geheimnisvolles Leben führen mag?« »Sehr seltsam, allerdings, Tom.« »Das will ich meinen«, rief Tom. »Wenn es nur nicht mehr ist als bloß kurios. Ich will hoffen, daß keine Schurkerei dahintersteckt. Zuweilen kommt es mir ganz so vor. Aber, wenn ich ihn erwische«, sagte er und schüttelte den Kopf mit fürchterlich drohender Miene, »so muß er mir eine Aufklärung geben.« In diesem Augenblick ertönte ein kurzes zweimaliges Klopfen an der Tür und ließ Tom alle seine Rachegedanken vergessen und setzte ihn dafür in das größte Erstaunen. »Hallo«, rief er, »ist das aber ein früher Besuch! Es kann offenbar nur John sein!« »Ich – nein – ich glaube nicht, daß er es ist – er – er klopft anders, Tom«, stotterte Ruth. »So?« sagte Tom. »Nun, mein Prinzipal wird doch nicht am Ende plötzlich angekommen und von Mr. Fips hierher gewiesen worden sein, um sich den Schlüssel zu seinen Zimmern zu holen? Aber jemand fragt nach mir, das ist einmal sicher. Herein! Bitte, treten Sie gefälligst ein.« – Als aber der Besuch eintrat, empfing ihn Tom Pinch nicht mit einem: »Wünschen Sie mich zu sprechen, Sir? Mein Name ist Pinch, Sir, darf ich fragen, was Sie von mir wünschen«, oder mit einer ähnlichen reservierten Höflichkeit, sondern er rief laut auf: »O Gott, O Gott«, und packte den Ankömmling mit beiden Händen, außer sich vor Freude und vor namenloser Überraschung, an den Schultern. Aber auch der Fremde war nicht weniger ergriffen als Tom, und so schüttelten sie einander lange die Hände, ohne daß einer von beiden ein Wort weiter hervorbrachte. Tom war der erste, der das Schweigen brach: »Mark Tapley, Sie?« rief er und sprang zur Türe, um noch jemandem draußen die Hand zu schütteln. »Lieber, lieber Mark, nehmen Sie Platz. Wie geht's, Mark? Wirklich, Sie sehen nicht um einen Tag älter aus als in den frühern Zeiten im ›Drachen‹. Na, und wie geht es Ihnen denn, Mark?« »Bin außerordentlich fidel, Sir, ich danke Ihnen«, entgegnete Mr. Tapley mit strahlendem Gesicht und nicht endenwollenden Verbeugungen. »Ich hoffe, auch Sie befinden sich wohl, Sir?« »Du mein Himmel!« rief Tom, ihn herzlich auf den Rücken klopfend, »was ist das für eine Freude, wieder Ihre alte bekannte Stimme zu hören. – Mein lieber Martin, bitte setzen Sie sich doch. Hier meine Schwester, lieber Martin, – Mr. Chuzzlewit, meine Liebe – und hier Mr. Mark Tapley aus dem ›Drachen‹. Gott, ist das eine Überraschung! Aber so nehmen Sie doch Platz! Gott, ist das eine Überraschung!« Er war so aufgeregt, daß er auch nicht einen Augenblick stillhalten konnte, sondern beständig zwischen Mark und Martin hin und her lief und bald dem einen, bald dem andern die Hände schüttelte und sie wohl zum neunhundertundneunzigstenmal seiner Schwester vorstellte. »Ich erinnere mich noch so gut an den Tag, wo wir uns trennten, Martin, als wäre es gestern gewesen«, rief er. »War das ein Tag! Und wie leidenschaftlich erregt Sie waren! Und erinnern Sie sich noch, Mark, wie ich Sie an jenem Morgen traf, als ich mit dem Gig nach Salisbury fuhr, um ihn abzuholen? Sie wollten sich damals nach einer andern Stelle umsehen. Und denken Sie noch an das Dinner, Martin, das wir in Salisbury mit John Westlock eingenommen haben? O du lieber Himmel! Ruth, meine Liebe, hier, das ist Mr. Chuzzlewit, und hier Mr. Mark Tapley aus dem ›Drachen‹. Bitte, bringe doch noch ein paar Tassen mit Untertassen. Nein, was ich für eine Freude habe, euch beide hier zu sehen!« Er machte es jetzt gerade so, wie es John Westlock seinerzeit gemacht, als er ihn empfing: er lief um einen Laib Brot und um Butter, aber bevor er noch ein einziges Stück abgeschnitten, fiel ihm plötzlich wieder etwas anderes ein, und er lief abermals zurück, um erst zu erzählen, dann schüttelte er seinen Gästen nochmals die Hand und stellte sie abermals seiner Schwester vor und tat wieder, was er schon getan hatte, zum tausendstenmal noch einmal, aber alles, was er tat oder sagte, drückte nicht halb die Freude aus, die er innerlich über ihre glückliche Heimkehr empfand. Mr. Tapley war der erste, der seine Besonnenheit wiedergewann. Es dauerte nicht lange, da hatte er sich, noch ehe man sich's recht versah, als Kammerdiener der kleinen Gesellschaft in aller Form etabliert; – sie merkten es erst, als sie ihn vermißten und ihn dann aus der Küche mit einem Kessel Wasser kommen sahen, das er in den Teetopf schüttete, und zwar mit einer Umsicht, wie man sie nur bei ihm finden konnte. »Aber setzen Sie sich doch und frühstücken Sie, Mark!« rief Tom. »So sagen Sie ihm doch, er solle sich setzen und mit uns frühstücken, Martin!« »Ach Gott, dergleichen hab ich längst als unmöglich aufgegeben«, versetzte Martin. »Er ist unverbesserlich und hat einen unvergleichlichen Dickschädel. Sie würden es ihm nicht übelnehmen, Miss Pinch, wenn Sie wüßten, was für ein wertvoller Mensch er ist.« »O Gott, sie kennt ihn genau«, versicherte Tom. »Ich habe ihr so oft von Mark Tapley erzählt. Ist's nicht so, Ruth?« »Ja, Tom.« »Alles gewiß nicht«, sagte Martin. »Die beste Seite von Mark Tapley ist nur einem einzigen Menschen bekannt, und der würde nicht mehr am Leben sein, um es zu erzählen, wenn Mark nicht gewesen wäre.« »Mark!« rief Tom Pinch jetzt sehr energisch, »wenn Sie sich nicht augenblicklich niedersetzen, so fange ich an, Ihnen zu fluchen.« »Nun, Sir«, versetzte Mr. Tapley freundlich, »ehe Sie mir das antun, will ich mich doch lieber fügen. Dachte nur, es sei so aller ehrenhaften Fidelität schnurstracks zuwider, wenn man so besonders gut aufgenommen wird.« »Also noch immer die alte Sorge?« fragte Tom lächelnd. »Nun, so halb und halb habe ich schon Ursache gehabt, fidel zu sein. Drüben auf der andern Seite des großen Wassers«, entgegnete Mr. Tapley. »Und ein bißchen Ehre war auch dabei einzulegen. Aber die ganze Menschheit scheint sich wieder gegen mich verschworen zu haben. Ich kann und kann die Sache nun einmal nicht bis zu Ende durchführen. Ich werde übrigens in meinem Testament die Verfügung treffen, daß man mir aufs Grab schreibt: er war ein Mann, der sich gerne groß gezeigt hätte, aber das Schicksal hat ihm die Möglichkeit dazu versagt.« Dabei lachte Mr. Tapley übers ganze Gesicht, blickte fröhlich umher und machte dann eine Attacke auf das Frühstück mit einem Appetit, der nichts weniger als Vernichtung seiner Hoffnungen oder Kleinmut ausdrückte. Unterdessen hatte Martin seinen Stuhl ein wenig näher zu Tom und seiner Schwester gerückt, um ihnen zu berichten, was in Mr. Pecksniffs Hause vorgegangen war, und zugleich einen kurzen Überblick über seine Leiden und Enttäuschungen in Amerika zu geben. »Für Ihre so treue Erfüllung des Auftrages, den ich Ihnen hinterlassen, Tom«, fuhr er fort, »und für alle Ihre Güte und Uneigennützigkeit werde ich Ihnen nie genug danken können. Wenn ich meinem Dank auch noch den von Mary beifüge –« Das Blut wich aus Toms Wangen und strömte dann wieder so heftig zurück, daß es jeden, der um seine Gefühle gewußt hätte, aufs tiefste erschüttert haben würde. Aber es war eine Erleichterung für ihn und ein Balsam für sein wundes Herz. »Wenn ich noch meinem Dank den von Mary hinzufüge«, sagte Martin, »so haben Sie damit die einzige armselige Anerkennung, die ich Ihnen geben kann. Aber wenn Sie wüßten, wie tief und innig wir für Sie empfinden, Tom, so würden Sie gewiß Wert darauf legen.« – Und wenn sie gewußt hätten, wie tief und innig Tom fühlte – doch das wußte keine menschliche Seele –, so würden sie ihn sicherlich bewundert haben. Rasch wechselte Tom das Thema. Es tat ihm leid, den Gegenstand nicht weiter verfolgen zu können, da es Martin Freude zu machen schien, aber für den Augenblick konnte er es nicht über sich bringen. Wohl war nicht eine Spur von Bitterkeit oder Neid in seiner Seele, aber er konnte sich nicht so weit beherrschen, um Marys Namen ohne Beben auszusprechen. So fragte er, was Martin jetzt für Pläne habe. »Ich habe es mir endgültig aus dem Kopf geschlagen, Sie zu protegieren, Tom«, sagte Martin. »Ich muß mich jetzt damit begnügen, mir erst selber einmal mein Brot zu verdienen. Ich habe es bereits einmal in London versucht, Tom, aber es ist mir nicht gelungen. Wenn Sie nun so gut sein wollen, mir mit Ihrem freundschaftlichen Rat zur Seite zu stehen, so hoffe ich, wird es vielleicht besser gehen. Ich will wirklich alles tun, Tom, und scheue mich vor nichts, auch nicht vor der niedrigsten Arbeit, nur mein Brot will ich mir verdienen. Höher versteigen sich meine Hoffnungen nicht mehr.« »Was? Ihre Hoffnungen sollten sich nicht höher versteigen? Wie können Sie nur so etwas sagen!« rief Tom. »Hoffen Sie denn nicht mehr auf die Zeit, wo Sie dereinst mit ihr glücklich sein werden, Martin? Doch, doch! Sie müssen darauf hoffen, Martin! Meinen freundschaftlichen Rat?! Gewiß werde ich es an nichts fehlen lassen, soweit es an mir liegt, aber ich hoffe, es wird Ihnen ein besserer Rat zuteil werden, als ich Ihnen wohl zu geben vermag, wenn er auch kaum einer größeren Teilnahme für Sie entspringen kann als meiner. Sie müssen sich mit John Westlock besprechen; wir wollen uns auf der Stelle zu ihm begeben. Es ist noch so früh an der Zeit, daß ich Sie bequem nach seiner Wohnung begleiten kann, ehe ich an meine Geschäfte gehe. Ich muß sowieso dort vorbei und will Sie dort lassen, damit Sie mit ihm über Ihre Angelegenheiten reden können. Also kommen Sie, kommen Sie! Ich habe jetzt viel zu tun, müssen Sie wissen«, setzte er mit seinem liebenswürdigsten Lächeln hinzu, »und darf daher keine Zeit verlieren. Also höher versteigen sich Ihre Hoffnungen nicht? Hoffentlich glauben Sie das selber nicht! Aber ich kenne Sie. Sie werden sich bald so hoch emporschwingen, Martin, daß wir Sie ganz aus dem Gesichte verlieren und sie uns meilenweit hinter sich zurücklassen werden, ehe wir es uns versehen.« »Ach, ich habe mich recht sehr verändert, Tom, seit damals, als Sie mich zuerst kennenlernten, Tom.« »Unsinn, Unsinn«, rief Mr. Pinch, »warum hätten Sie sich denn verändern sollen? Sie reden ja rein, als wären Sie ein alter Mann. In meinem ganzen Leben habe ich noch niemanden so reden hören. Kommen Sie nur erst einmal zu John Westlock. Und Sie müssen natürlich mit, Mark Tapley. Ja, das hat alles dieser Mark angerichtet, und es geschieht Ihnen schon recht, Martin; warum haben Sie sich einen solchen Querkopf zum Gefährten gewählt.« »Wahrhaftig, man legt keine Ehre ein, wenn man bei Ihnen fidel ist, Mr. Pinch«, protestierte Mark und lachte wieder übers ganze Gesicht. »In Ihrer Gesellschaft könnte sogar ein Armendoktor fidel sein. Ich müßte rein noch einmal nach Amerika, um mit einigermaßen Verdienst fidel zu sein, nachdem ich Sie gesehen habe.« Tom lachte, sagte seiner Schwester Lebewohl und eilte mit Mark und Martin fort, um sich auf dem nächsten Wege zu John Westlock zu begeben. Seine Geschäftszeit fing bald an, und er setzte seine Stolz darein, immer pünktlich zu sein. John Westlock war zu Hause, aber seltsamerweise ein wenig verlegen über den Besuch, und als Tom direkt in das Zimmer gehen wollte, wo sein Freund zu frühstücken pflegte, sagte er, er habe einen Fremden zu Besuch. Es schien ein sehr geheimnisvoller Mensch zu sein, dieser Fremde, denn John schloß bei diesen Worten sorgsam die Türe und führte seine Gäste in das Zimmer nebenan. Gleichwohl war er sehr erfreut, Mark Tapley wiederzusehen, wie er denn auch Martin Chuzzlewit mit größter Höflichkeit bewillkommnete. Martin hatte das Gefühl, daß er John nicht viel Sympathie einflöße, und glaubte auch zu bemerken, daß dieser Tom Pinch einige Male bedenklich, wenn nicht gar mitleidig anblickte. Er glaubte die Ursache zu erraten und errötete bei dem Gedanken daran. »Ich fürchte, Sie sind beschäftigt«, sagte er daher, als Tom den Zweck ihres Besuches erzählt hatte, »wenn Sie gestatten, möchte ich Sie vielleicht lieber zu einer Zeit besuchen, wo Sie nicht verhindert sind.« »Allerdings bin ich augenblicklich beschäftigt«, versetzte John mit einigem Widerstreben, »aber es betrifft, offen gestanden, die Sache, die mich augenblicklich in Anspruch nimmt, mehr Sie als mich.« »Mich?« rief Martin. »Die Angelegenheit ist ziemlich ernster Natur und betrifft ein Mitglied Ihrer Familie. Wenn Sie die Güte haben wollen, mich hier zu erwarten, so würde mich das sehr freuen, denn ich könnte Ihnen nachher alles unter vier Augen mitteilen, damit Sie selbst urteilen, wie weit die Angelegenheit Sie angeht.« »Ich kann sowieso jetzt nicht bleiben«, fiel Tom ein. »Sind Ihre Geschäfte denn so dringend«, unterbrach ihn Martin, »daß Sie nicht ein halbes Stündchen mehr hierbleiben können? Es wäre mir wirklich sehr lieb, wenn es irgendwie ginge. Was haben Sie denn für Geschäfte, Tom?« Tom wurde verlegen, sagte aber, nachdem er eine Minute nachgedacht, offen heraus: »Leider kann ich Ihnen darüber keine nähere Auskunft geben, Martin, aber ich hoffe, ich werde es bald dürfen. Der Grund dafür liegt eigentlich nur darin, daß mein Prinzipal mir verboten hat, darüber zu sprechen. Meine Situation ist überhaupt sehr merkwürdig«, setzte er unruhig hinzu, denn er wünschte auch den Schein zu vermeiden, als ob er irgendwie Zweifel in Martins Vertrauen setze – »aber ich kann wirklich nicht anders. Nicht wahr, du wirst mir das bestätigen, John?« John Westlock bejahte, und Martin bat Mr. Pinch, doch kein Wort mehr weiter darüber zu verlieren. Nichtsdestoweniger natürlich wunderte er sich innerlich, warum Tom in betreff seiner Geschäfte so geheimnisvoll, so verlegen und so ganz anders war, als er sonst zu sein pflegte. Auch als Mr. Pinch sich bereits entfernt hatte, wollte ihm der Gedanke nicht aus dem Kopf. Unmittelbar darauf verabschiedete sich Tom und nahm Mr. Tapley mit sich, der lachend um die Erlaubnis bat, ihn, wenn es ihm nichts ausmache, bis nach Fleet Street begleiten zu dürfen. »Nun, und was gedenken Sie jetzt anzufangen, Mark?« fragte Tom, als sie zusammen nebeneinander her gingen. »Je nun, Sir«, sagte Mark Tapley, »offen gestanden, gedenke ich mich zu verheiraten.« »Warum nicht gar, Mark!« rief Tom. »Jawohl, Sir, so ist's. Ich habe mir die Sache lange überlegt.« »Und wer ist die Glückliche, Mark?« »Wer die Glückliche ist, Sir?« wiederholte Mr. Tapley. »Ja, ja, die Glückliche. So tun Sie doch nicht, als ob Sie nicht wüßten, was ich meine«, versetzte Tom lachend. Mr. Tapley unterdrückte seine eigene Lachlust und sagte mit komisch ernstem Gesicht: »Sie können's natürlich nie erraten, Mr. Pinch.« »Wie wäre das auch möglich«, rief Tom. »Ich kenne doch keine von Ihren Flammen, außer vielleicht Mrs. Lupin.« »Na, Sir, und wenn die's wäre?« Tom blieb stehen und blickte Mark Tapley an. Aber dieser machte einen Augenblick ein vollkommen ausdrucksloses Gesicht – so ausdruckslos wie eine Häusermauer mit geschlossenen Fenstern. Aber allmählich machte er ein Fenster nach dem andern auf, und schließlich lachte er über das ganze Gesicht. »Gesetzt nun den Fall, sie wäre es, Sir?« »Aber Sie haben mir doch einmal selbst gesagt«, rief Tom, »eine solche Verbindung wäre nichts für Sie!« »Ja, ja, das habe ich früher auch geglaubt«, scherzte Mark, »aber inzwischen bin ich doch wankend geworden. Sie ist ein liebes, herziges Geschöpf.« »Gewiß ist sie ein liebes, herziges Geschöpf«, versicherte Tom, »aber das ist sie doch von jeher gewesen.« »Das will ich meinen«, pflichtete Mr. Tapley bei. »Warum, um Gottes willen, haben Sie denn dann die wackere Frau nicht gleich von vornherein geheiratet, Mark, und sich erst lange in der Fremde herumgetrieben? Warum sie die ganze Zeit über allein lassen und der Hofmacherei von Fremden preisgeben?« »Nun, Sir«, erklärte Mr. Tapley im Tone des größten Vertrauens, »ich will Ihnen sagen, wie das zuging. Sie kennen mich, Mr. Pinch, niemand kennt mich besser als Sie. Sie kennen meinen Charakter und wissen auch, worin meine Schwäche besteht. In meiner Natur liegt es, fidel zu sein, und meine schwache Seite ist, daß ich gerne fidel wäre, wo es eine Kunst ist, fidel zu sein. Also gut, Sir. Und so kam es, daß ich es mir in den Kopf setzte, sie müsse – wie soll ich nur sagen – sie müsse stolz auf mich sein«, setzte er bescheiden hinzu. »Gewiß, gewiß«, rief Tom, »ich ahnte das, als wir damals darüber sprachen, wie Sie noch im ›Drachen‹ waren.« Mr. Tapley nickte zustimmend. »Sehr gut, Sir. Aber damals trug ich mich mit allerlei Hoffnungen und kam zu dem Schlusse, daß es keine Kunst sei, fidel zu sein, wenn man ein Leben führt, das von lauter Annehmlichkeiten umgeben ist. Wie ich mir so die schöne Seite des Lebens betrachtete, da dachte ich mir, ich müsse vor allem noch einmal recht viel Elend durchmachen; denn da sei wenigstens Ehre dabei zu holen, wenn man fidel bliebe. So zog ich voller Erwartungen in die Welt hinaus, um es zu probieren. Zuerst ging ich an Bord eines Schiffes, bemerkte aber bald – da es auch dort ganz leicht war, fidel zu sein –, daß da nicht viel Ruhm für mich zu ernten sei. Ich hätte mir's wohl können zur Warnung dienen lassen und die Sache aufgeben sollen, aber ich tat es nicht. Dann ging ich in die Vereinigten Staaten, und da fing ich – ich kann's nicht leugnen – zum erstenmal an, zu fühlen, daß man dort Ehre einlegen könne, wenn man bei guter Laune bleibt. Aber was geschah? Kaum fange ich an, in die Höhe zu kommen, da hintergeht mich mein Herr.« »Er hintergeht Sie?« rief Tom. »Er hintergeht mich im wahrsten Sinne des Wortes«, sagte Mr. Tapley mit strahlendem Gesicht. »Legt alle die Gewohnheiten ab, die den Dienst bei ihm noch als ein bißchen anerkennenswert hingestellt hätten, und macht mir Freude. Selbstverständlich kehre ich da sofort wieder heim. Gut. Und wie alle meine hoffnungsvollen Aussichten gescheitert sind und ich einsehe, daß ich mich nirgends mehr herausreißen kann, da packt mich die Verzweiflung, und ich sage mir: So will ich also tun, was gar keine Kunst ist; ich will ein liebes braves Geschöpf heiraten, das mich liebt und das ich ebenfalls liebe, ich will ein glückliches Leben führen und nicht mehr weiter kämpfen gegen das Schicksal, das alle meine Aussichten vernichtet hat.« »Ihre Philosophie ist wohl so ziemlich das Närrischste, was ich mir denken kann, aber unweise ist sie darum eigentlich nicht«, sagte Tom herzlich lachend. »Mrs. Lupin hat natürlich ›ja‹ gesagt?« »Wo denken Sie hin!« versetzte Mr. Tapley. »So weit ist sie noch nicht. Ich schreibe das vorzüglich dem Umstande zu, daß ich sie noch nicht danach gefragt habe. Aber gefreut haben wir uns beide mächtig, als wir uns an dem Abend, wo ich nach Hause kam, wiedersahen. Es ist schon soweit alles in Ordnung, Sir.« »Nun, dann wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen Glück«, sagte Tom. »Hoffentlich sehe ich Sie doch heute noch? – Inzwischen leben Sie wohl.« »Leben Sie wohl, Sir! – – Adieu, Mr. Pinch«, setzte Mark innerlich hinzu, als er allein auf der Straße stand und Tom nachsah. »Du bist so recht ein Dämpfer für einen tüchtigen Ehrgeiz. Du weißt freilich nichts davon, daß du der erste warst, der meinen Hoffnungen den ersten Stoß versetzte. Ja, der Mr. Pecksniff hätte mich für mein ganzes Leben aufgerichtet! Aber mit einer Sanftmut wie der deinigen kann es der Mensch unmöglich aushalten. – Adieu, Mr. Pinch!« Inzwischen waren Martin und John Westlock auf ganz andere Weise beschäftigt. Sie waren kaum allein, da begann Martin mit einer Anstrengung, die er nicht ganz verbergen konnte: »Mr. Westlock, wir haben uns zwar nur ein einziges Mal gesehen, aber Sie kennen Tom so lange, daß ich vermuten muß, dieser Umstand allein veranlaßt Sie, so freundlich gegen mich zu sein. Ich kann nun aber nicht offen heraus mit Ihnen sprechen, bevor ich mich nicht von einer Last, die mich jetzt schwer bedrückt, befreie. Zu meinem Leidwesen muß ich sehen, daß Sie mir nicht so weit trauen, als daß Sie nicht glauben könnten, ich wäre imstande, Toms Uneigennützigkeit, sein gutes Herz oder sonst eine seiner guten Eigenschaften zu mißbrauchen.« »Ich hatte nie die Absicht, einen solchen Eindruck bei Ihnen hervorzubringen«, versetzte John, »und bedaure wirklich sehr, daß es trotzdem geschehen ist.« »Aber offenbar sind Sie dieser Ansicht, nicht wahr?« fragte Martin. »Sie fragen mich so direkt und bestimmt«, entgegnete John, »daß ich nicht ganz in Abrede zu stellen vermag, Sie als einen Mann betrachtet zu haben, der – nicht etwa aus Übermut oder Schlechtigkeit, sondern aus bloßer Gedankenlosigkeit – Toms Wesen einst nicht gehörig würdigte und ihn nicht ganz so behandelte, wie er gewiß behandelt zu werden verdient. Glauben Sie mir, es ist viel leichter, Tom Pinch geringzuschätzen, als ihn nach Gebühr zu würdigen.« John sprach durchaus nicht erregt, aber immerhin energisch, denn, ein einziges Wesen vielleicht ausgenommen, gab es auf der ganzen Welt niemanden, den er höher geschätzt hätte als Tom. »Als ich an Jahren reifer wurde, lernte ich meinen Freund ebenfalls besser erkennen«, fuhr er fort, »und ich habe in ihm einen Menschen lieben gelernt, der unendlich besser ist als ich. Ich glaube nicht, daß Sie ihn recht verstanden haben, als wir uns damals in früheren Zeiten trafen, und vermute auch, daß Ihnen nicht besonders viel daran lag, ihn näher kennenzulernen. Die Umstände, aus denen ich dies schloß, waren sehr geringfügig – sogar harmlos, kann ich sagen, aber sie haben damals keinen sehr angenehmen Eindruck auf mich gemacht und drängten sich mir, sozusagen, mit Gewalt auf –, denn Sie dürfen nicht glauben, daß ich Sie vielleicht absichtlich beobachtet hätte. Sie werden denken«, setzte John liebenswürdig lächelnd – er konnte nie lange ungehalten sein – hinzu, »daß ich Ihnen damit nichts besonders Angenehmes sage und daß Ihnen an mir gewiß auch so mancherlei mißfällt. Aber ich kann Ihnen darauf nur erwidern, daß das Thema nicht von mir ausging, denn ich würde es um keinen Preis zur Sprache gebracht haben.« »Ich weiß, daß ich selbst Anlaß dazu gegeben habe«, erwiderte Martin, »und bin weit entfernt, darüber irgendwie gekränkt zu sein. Im Gegenteil erfüllen mich die Freundschaft, die Sie für Tom empfinden, und die vielen Beweise, die Sie ihm davon gegeben haben, mit der größten Hochachtung. Warum sollte ich auch versuchen, Ihnen zu verhehlen« – dennoch errötete er dabei – »daß ich damals Tom weder verstand noch daß mir daran gelegen war, ihn näher kennenzulernen, als wir beisammen waren. Jetzt aber tut mir dies alles aufrichtig leid.« Diese Antwort war so schlicht, so bescheiden und männlich, daß ihm John sofort die Hand entgegenstreckte. Und damit wich auch augenblicklich jeder Zwang zwischen den beiden jungen Leuten. »Aber jetzt muß ich Sie vor allem bitten«, ging John auf ein anderes Thema über, »es mir nicht übelzunehmen, wenn ich Ihre Geduld auf längere Zeit in Anspruch nehme. Es handelt sich nämlich um etwas außerordentlich Wichtiges.« Nach dieser Einleitung erzählte er Martin ausführlich alle Einzelheiten von der Krankheit und der langsamen Rekonvaleszenz des Patienten im »Ochsen« und knüpfte daran den Bericht, den ihm Tom seinerzeit über den Vorfall auf dem Kai erstattet hatte. Martin war nicht wenig verblüfft, als John schloß, denn die beiden Geschichten schienen in gar keinem Zusammenhang miteinander zu stehen und ließen ihn vollständig im unklaren. »Und jetzt bitte ich Sie, mich einen Augenblick zu entschuldigen«, sagte John und stand auf. »Ich werde Sie sogleich ersuchen, mit mir in das anstoßende Zimmer zu kommen.« Erstaunt blieb Martin allein, bis gleich darauf John wiederkam. Dann traten sie mitsammen in das anstoßende Zimmer, wo Martin den Fremden erblickte, von dem Westlock vorhin gesprochen. Es war ein junger Mann mit tiefliegenden Augen und schwarzen Haaren, blaß und abgezehrt, wie es schien infolge einer soeben erst überstandenen schweren Krankheit. Als Martin eintrat, stand er auf, nahm aber auf Johns Aufforderung wieder Platz. Er hatte die Augen schüchtern niedergeschlagen und erhob sie nur ein einziges Mal, halb demütig, halb flehend, zu den beiden, senkte sie dann wieder und blieb stumm sitzen. »Lewsome ist der Name diese Herrn«; stellte ihn John Westlock Martin vor, »er ist derselbe, der, wie ich Ihnen schon sagte, in dem Wirtshaus Zum Ochsen krank wurde und so außerordentlich viel durchgemacht hat. Es war eine schwere Leidenszeit für ihn, aber Sie sehen, daß es ihm jetzt bereits wieder gut geht.« Der Fremde rührte sich nicht, und da John Westlock eine Pause machte, stotterte Martin in seiner Verlegenheit: »Freut mich sehr, zu hören.« »Den kurzen Bericht, den ich Sie bitte, aus dem Munde dieses Herrn selbst anzuhören, Mr. Chuzzlewit«, fuhr John fort, »hat mir Mr. Lewsome selbst gestern zum erstenmal erstattet und heute früh aufs genaueste und ohne die geringste Abweichung wiederholt. Ich habe Ihnen vorhin bereits gesagt, daß er mir, ehe er das Wirtshaus verließ, mitteilte, er habe mir ein Geheimnis zu enthüllen, das ihn schwer bedrücke. Zwischen Gesundheit und abermaligen Krankheitsrückfällen schwebend und teils von dem Wunsch beseelt, sein Gewissen von der ihn drückenden Last zu erleichtern, halb aus Furcht, sich durch die Entdeckung desselben in allerlei Unannehmlichkeiten zu verstricken, hat er bis gestern gezögert, sich mir anzuvertrauen. Ich habe ihn niemals gedrängt, da ich nicht die geringste Ahnung von der Wichtigkeit seines Geheimnisses hatte und mich im übrigen auch nicht berechtigt glaubte, ihn ernstlicher um Erfüllung seines Versprechens anzugehen. Erst vor einigen Tagen, als er mir in einem Brief mitteilte, was ihn bedrücke, beziehe sich auf eine Person namens Jonas Chuzzlewit, kam ich auf den Gedanken, die Sache könne vielleicht einiges Licht auf das kleine Geheimnis werfen, auf das Tom immer wieder und wieder zurückkommt. So bestand ich daher auf der Enthüllung und hörte, was Sie selbst jetzt aus seinem Munde vernehmen werden. Ich muß zu Mr. Lewsomes Lobe sagen, daß er auf dem Krankenlager das Geheimnis niedergeschrieben, versiegelt und mit meiner Adresse versehen hat, wenn er sich auch lange Zeit nicht entschließen konnte, es mir zu übergeben. Er trägt, glaube ich, noch jetzt den Brief auf der Brust.« Der Fremde griff hastig in die Brusttasche, um zu zeigen, daß es wahr sei. »Vielleicht wird es gut sein, wenn wir den Brief jetzt in Verwahrung nehmen«, sagte John. »Aber dazu haben wir schließlich noch immer Zeit.« Dabei winkte er heimlich Martin, um ihn auf das aufmerksam zu machen, was der Fremde erzählen werde. Nach einer kurzen Pause begann Mr. Lewsome mit leiser, schwacher und hohler Stimme. »In welcher Weise war Mr. Anthony Chuzzlewit, der kürzlich – gestorben ist, mit Ihnen verwandt?« »Mit mir verwandt?« wiederholte Martin. »Er war der Bruder meines Großvaters.« »Ich fürchte, er ist keines natürlichen Todes gestorben, sondern ermordet worden«, sagte Mr. Lewsome stockend. »Gott im Himmel«, rief Martin, »von wem?« Mr. Lewsome blickte hastig auf, schlug die Augen wieder nieder und sagte: »Ich fürchte, durch mich.« »Durch Sie?« rief Martin. »Nicht vielleicht direkt durch mich, aber ich fürchte, ich bin vielleicht mit schuld daran.« »Um Gottes willen, sprechen Sie sich doch genauer aus», rief Martin. »Bitte, sagen Sie uns die volle Wahrheit.« »Ich fürchte, dies ist die Wahrheit.« Martin war im Begriff, abermals eine hastige Frage zu stellen, aber John Westlock flüsterte ihm zu, er möge den jungen Mann die Geschichte in seiner eigenen Weise ruhig vortragen lassen. »Ich habe als Lazarettgehilfe praktiziert und stand in den letzten paar Jahren bei einem Chirurgen in der City in Diensten«, begann Mr. Lewsome; »und dabei wurde ich mit Mr. Jonas Chuzzlewit bekannt, der der Hauptschuldige in dieser Sache ist.« »Wissen Sie, was Sie damit sagen?!« rief Martin streng und ernst. »Wissen Sie, daß Jonas der Sohn des alten Mannes ist, von dem Sie sprachen?« »Ich weiß es«, antwortete Lewsome. Dann schwieg er einige Minuten und fuhr wieder in seiner Erzählung fort: »Natürlich weiß ich es. Oft genug habe ich gehört, wie er wünschte, sein alter Vater möge endlich sterben. Er pflegte sich in diesem Sinne oft an einem Ort zu äußern, wo wir zu dritt oder viert jeden Abend zusammenkamen. Sie können sich wohl denken, daß es keine besonders sympathische Gesellschaft war, wenn Sie erfahren, daß er das Haupt davon bildete. Ach, wäre ich doch lieber gestorben, ehe ich ihn zu Gesicht bekam.« Lewsome hielt wieder inne und fuhr dann aufs neue fort: »Wir kamen dort zusammen, um zu trinken oder zu spielen – nicht hoch, aber immerhin um Summen, die für unsere Verhältnisse zu hoch waren. Gewöhnlich gewann er, und jedesmal lieh er den Verlierenden Geld gegen hohe Zinsen und bekam uns auf diese Weise schließlich alle in die Gewalt, trotzdem wir ihn im stillen haßten. Um ihn günstig für uns zu stimmen, machten wir mit, wenn er seine rohen Witze über seinen Vater riß, und pflegten sogar Toaste darauf auszubringen, der Alte möge rasch in die Grube fahren und Jonas seine Erbschaft antreten.« Wieder eine Pause. »Eines Abends war Mr. Jonas in besonders übler Laune. Der alte Mann, sagte er, habe ihn den ganzen Tag über gequält. Er und ich waren allein, und da erzählte er mir in seiner Wut und seinem Ärger, Mr. Anthony Chuzzlewit, sein Vater, sei so kindisch, schwachsinnig oder blödsinnig, daß er nicht nur seinen Nebenmenschen, sondern auch sich selbst eine Last sei, und es wäre eine wahre Wohltat für ihn, wenn man ihn aus der Welt schaffte. Er beteuerte mit einem Schwur, er habe schon oft daran gedacht, ihm etwas in seinen Hustensaft zu mischen und ihm auf diese Weise zu einem leichten Tod zu verhelfen. Menschen, die von tollen Hunden gebissen werden, sagte er, brächte man doch zuweilen um die Ecke; warum solle man das nicht auch bei alten Leuten tun, bei denen es mit dem Sterben nicht so recht vorangehen wolle. Jonas sah mir bei diesen Worten voll ins Gesicht, und ich erwiderte seinen Blick. Aber weiter kamen wir an diesem Abend nicht.« Lewsome machte abermals eine Pause und schwieg so lange, daß John Westlock ihn auffordern mußte, fortzufahren. Martin hatte kein Auge von seinem Gesicht verwandt und war so entsetzt, daß er seinerseits kein Wort hervorbringen konnte. »Ungefähr eine Woche darauf – die Sache ging mir inzwischen nicht aus dem Kopf –, so lange kann es ungefähr gewesen sein – da kam er zum zweitenmal darauf zu sprechen. Wir waren wiederum allein, da wir etwas früher gekommen waren als die andern. Es bestand keine Verabredung zwischen uns, aber ich glaube doch, daß ich absichtlich etwas früher kam, um ihn zu treffen. Daß er deshalb früher kam, das weiß ich bestimmt. Also er war der erste am Platz und las gerade in einer Zeitung, als ich eintrat. Ohne aufzublicken und ohne sich im Lesen zu unterbrechen, nickte er mir zu. Ich setzte mich ihm gerade gegenüber. Ganz unvermittelt sagte er mir dann, ich müßte ihm zweierlei Mittel verschaffen: eines, das unmittelbar und sofort wirke und von dem man nur eine Kleinigkeit benötige, und eines, das langsamer wirke und nicht leicht Verdacht erwecke; davon brauche er mehr. Dabei las er immer in der Zeitung fort, wie es schien. Er sagte ›Mittel‹, ein anderes Wort gebrauchte er nicht, ich auch nicht.« »Das stimmt ganz mit dem überein, was ich bereits früher gehört habe«, erklärte John Westlock. »Ich fragte ihn, wozu er die Mittel brauche. Er meinte, zu nichts Bösem; um Katzen zu vergiften usw. Im übrigen könne mir das ja gleichgültig sein. Da ich ja sowieso in eine Kolonie zu gehen gedächte – ich hatte wohl eine derartige Anstellung erhalten, verlor sie aber wieder, wie Mr. Westlock weiß, infolge meiner Krankheit, und mit ihr auch meine einzige Hoffnung auf die Zukunft –, ginge mich die Sache um so weniger an. Er könne die Mittel übrigens ohne meine Beihilfe auf hunderterlei andere Art erhalten, wenn auch nicht ganz so leicht wie von mir – vielleicht werde er sie überhaupt nicht brauchen, und es falle ihm auch vorderhand nicht im entferntesten ein, sie zu benützen. Aber dennoch würde er sie gerne besitzen. Und während er dies sprach, las er ununterbrochen in der Zeitung. Wir unterhandelten dann wegen des Preises; er wollte mir eine kleine Schuld nachlassen – ich war nämlich völlig in seinen Händen – und mir außerdem fünf Pfund geben – dann unterbrachen wir das Thema, da andere Leute hereinkamen, aber am nächsten Abend unter ähnlichen Umständen händigte ich ihm die Mittel aus, nachdem er mir zuvor ausdrücklich versichert hatte, ich sei ein Narr, wenn ich glaubte, er werde sie jemals zu etwas Bösem benützen. Ich nahm das Geld und bin seitdem nicht wieder mit ihm zusammengetroffen. Ich weiß nun aber, daß der alte Mann gleich nachher starb, und zwar in einer Weise, die ganz gut die Folge dieser Gifte hätte sein können, und seit jener Zeit fühle ich mich als den elendsten aller Menschen. Nichts«, setzte Mr. Lewsome hinzu und verkrampfte die Hände, »nichts kann die Trostlosigkeit meines Innern schildern. Die Gewissensbisse sind wahrhaftig verdient, aber sie zu schildern bin ich nicht imstande.« Damit senkte er den Kopf und schwieg. Abgezehrt und elend, wie er war, hätte ihm wohl niemand in diesem Zustand Vorwürfe zu machen gewagt. »Ich kann es in der Nähe dieses Menschen nicht mehr länger aushalten«, sagte Martin halblaut und wendete sich ab. »Er wird hier bleiben«, flüsterte John. »Kommen Sie.« Leise drehte er den Schlüssel in dem Türschloß um, als sie fortgingen, und führte Martin in das Zimmer nebenan, in dem sie bereits vorhin gewesen. Martin war so erstaunt, erschüttert und verwirrt über das Gehörte, daß er einige Zeit brauchte, ehe er sich fassen oder den Zusammenhang der einzelnen Punkte vollständig begreifen konnte. Als er endlich die ganze Geschichte klar überschaute, erklärte ihm John Westlock, wie wahrscheinlich es sei, daß das Verbrechen noch andern Leuten bekannt sei, die es zu ihrem eigenen Nutzen mißbrauchten und jenen Zwang auf Jonas ausübten, von dem der Vorfall mit Tom Pinch der beste Beweis sei. Das war so einleuchtend, daß sie es beide sofort einsahen, aber trotzdem gab es ihnen keinen Anhaltspunkt, was sie weiter zu tun hätten. Die Personen, die diese Macht offenbar besaßen und ausübten, waren ihnen unbekannt. Der einzige, von dem sie es wußten, war Toms Hauswirt. Aber selbst wenn es gelingen sollte, diesen Menschen stellig zu machen, was nach Toms Aussage nicht sehr leicht schien, so hatten sie doch kein Recht, irgendwelche Fragen an ihn zu richten. Aber auch angenommen, daß sie ihn fragten und er ihnen Rede stünde, so brauchte er doch nur mit Bezug auf das Abenteuer auf dem Quai zu sagen, er sei von da und dort geschickt worden, Jonas wegen eines dringenden Geschäftes zurückzurufen, und damit würde die Sache ein Ende gehabt haben. Überdies war es sehr schwierig und sehr verantwortlich, Schritte in dieser Sache zu tun. Lewsomes Geschichte konnte falsch sein, denn vielleicht war er nicht nur krank, sondern litt sogar an Geisteszerrüttung; und selbst wenn sie richtig war, so erbrachte das immer noch nicht den Beweis, daß der alte Chuzzlewit wirklich ermordet worden sein mußte. Pecksniff war bekanntlich zugegen gewesen, als der Alte starb (wie sich Tom sofort erinnerte, als er nachmittags zurückkam und sich ihren Beratungen anschloß), und überhaupt schien der Todesfall und alles, was damit zusammenhing, nichts besonders Auffallendes gehabt zu haben. Von Rechts wegen war nur Martins Großvater derjenige, der hinsichtlich des einzuschlagenden Verfahrens vor allem seine Meinung abzugeben hatte, aber es war offenbar unmöglich, sich mit ihm zu verständigen – sagte und dachte er doch nur, was Mr. Pecksniff ihm vorsprach und vordachte. Und wie Mr. Pecksniff sich über seinen eigenen Schwiegersohn äußern würde, ließ sich leicht vorhersehen. Ganz abgesehen von allen diesen Rücksichten, konnte Martin außerdem den Gedanken nicht ertragen, es möchte vielleicht den Anschein haben, als nehme er die Gelegenheit wahr, durch eine so unnatürliche Anklage gegen einen Verwandten sich neuerdings um die Gunst seines Großvaters zu bewerben. Wenigstens mußte in diesem Licht sein Handeln erscheinen, wenn er abermals in Mr. Pecksniffs Hause vor dem alten Herrn erschien, um ihm das, was er erfahren, mitzuteilen; – immerhin mußte er damit rechnen, daß Mr. Pecksniff nicht einen Augenblick zögern werde, sein Benehmen von diesem Gesichtspunkte aus zu deuten. Andererseits wiederum konnte die Mitwisserschaft um das Geheimnis, ohne daß weitere Maßregeln zur nähern Erforschung der Angelegenheit eingeleitet wurden, als Mitschuld angesehen werden. Mit einem Wort, es schien kein Ausweg aus diesem Labyrinthe zu führen. Mr. Tapley wurde zwar gleichfalls ins Vertrauen gezogen, und die ausschweifende Phantasie dieses Gentlemans gab die allerkühnsten Mittel an – Entwürfe, die er auf eigene Verantwortung sofort zu vollziehen sich bereit erklärte –, aber dennoch wurde durch seinen Eifer und seine Dienstbeflissenheit die Angelegenheit – keineswegs klarer. Wie die Dinge standen, erhielt Toms Erzählung über das seltsame Benehmen des geistesschwachen Buchhalters an jenem Abend, wo er und seine Schwester dort gemeinsam Tee getrunken hatten, ein sehr bedenkliches Aussehen und führte zur allgemeinen Überzeugung, daß man einen wichtigen Schritt zur Erforschung der Wahrheit täte, wenn man den Greis in ein Verhör nehmen könnte. Nachdem sie sich daher vorher versichert hatten, daß Lewsome und Mr. Chuffey nie miteinander zu tun gehabt, faßten sie einstimmig den Beschluß, an den alten Buchhalter heranzutreten. Aber so leicht war es nicht, sich Chuffey zu nähern, ohne ihn oder Jonas stutzig zu machen oder zu beunruhigen, und da sie sich nicht recht klar darüber werden konnten, wie das alles am besten ins Werk zu setzen sei, wollte die Sache nicht recht in Schwung kommen. Vor allem hieß es die Frage erörtern, wer von der Umgebung des alten Buchhalters noch den meisten Einfluß auf ihn habe, und Tom erklärte, daß dies augenscheinlich bei seiner jungen Herrin der Fall zu sein scheine. Aber selbstverständlich schreckten sowohl er wie alle übrigen vor dem Gedanken zurück, Gratia mit in das Komplott zu verwickeln und sie zu dem Werkzeug zu machen, das um Jonas' Hals den Strick zuziehen sollte. – War denn also niemand sonst da? »Allerdings; – Mrs. Gamp«, sagte Tom, »die Krankenwärterin, besitzt großen Einfluß auf den alten Mann und hat ihn eine Zeitlang beaufsichtigt.« Die Anregung fand sofort Anklang. Hier zeigte sich ein neuer Weg zum Ziel, den man bisher übersehen hatte. John Westlock kannte Mrs. Gamp. Er hatte ihr seinerzeit Beschäftigung gegeben und wußte, wo sie wohnte – denn die treffliche Frau hatte nicht verabsäumt, als sie sich das letztemal bei ihm empfahl, ihm ein ganzes Paket ihrer Geschäftskarten zum Verteilen zurückzulassen. Es wurde demnach beschlossen, vorsichtig, aber unverzüglich Mrs. Gamp einzufädeln und sorgfältig zu sondieren, wieviel diese verschwiegene Dame von Mr. Chuffey wußte und ob sie Mittel und Wege finden zu können glaube, sie alle oder wenigstens einen von ihnen in Verbindung mit dem alten Mann zu setzen. Martin und John Westlock nahmen sich vor, noch am selben Abend ans Werk zu gehen, indem sie zuvörderst einmal Mrs. Gamp in ihrer Wohnung aufsuchten, um zu sehen, ob sie sie dort treffen könnten, und Tom eilte nach Hause, um keine Gelegenheit zu verlieren, sich eine Unterredung mit Mr. Nadgett zu verschaffen, falls dieser in seiner Wohnung auftauchen sollte. Mr. Tapley blieb auf seinen eigenen Wunsch in Furnivals Inn, um Lewsome nicht aus den Augen zu verlieren, obgleich das eigentlich überflüssig war, denn der junge Mann dachte an nichts weniger als an Flucht. Ehe sie sich jedoch auf ihre verschiedenen Posten begaben, mußte ihnen Lewsome im Beisein der ganzen Gesellschaft die von ihm zu Papier gebrachte Erklärung laut vorlesen und erklären, daß er das Geständnis freiwillig angesichts des Todes und aus innerer Seelenpein niedergeschrieben habe. Hierauf unterzeichneten sie es sämtlich, und es wurde an einem sichern Ort eingeschlossen. Auf Johns Rat schrieb Martin sodann einen Brief an den Vorstand der berühmten Elementarschule, in dem er ganz unverfroren den Entwurf des Bauplanes für sich in Anspruch nahm und Pecksniff unverhohlen des Diebstahls geistigen Eigentums zieh. Auch für diese Angelegenheit interessierte sich John Westlock sehr lebhaft und bemerkte mit seiner gewohnten Unehrerbietigkeit, Mr. Pecksniff habe sein Leben lang Glück genug gehabt mit seinen Gaunereien und es müsse ein Mordsspaß sein, ihn wenigstens in diesem Punkte einmal zu entlarven. Kurz, es war ein Tag voller Rührigkeit. Martin hatte noch kein Logis gefunden, entschuldigte sich daher, als ihn John Westlock zum Dinner einlud, und machte sich sofort auf die Suche. Nach großer Mühe gelang es ihm endlich, für sich und Mark zwei Dachstübchen in der Nähe des Strandes nicht weit vom Tempel Bar zu mieten. Ihr Gepäck, das sie auf dem Postbureau gelassen, schaffte er selbst nach dem neuen Heim, und zwar mit einer Freude, wie er sie in seiner frühern Selbstsucht nie hatte empfinden können. Er jubelte innerlich, wieviel Mühe er dadurch Mark erspare und wie sehr sich dieser beim Nachhausekommen darüber freuen werde. Dann ging er im »Tempel« auf und ab und verzehrte sein frugales Mahl, bestehend aus einigen Wurstschnitten. 49. Kapitel Mrs. Harris sät Zwietracht zwischen ein paar Freundinnen Mrs. Gamps Zimmer in Kingsgate Street, High Holborn, trug, um bildlich zu sprechen, sein Galakleid, denn es war sauber gescheuert und für den Empfang eines Besuches hergerichtet. Der erwartete Gast war Betsey Prig – Mrs. Prig von St. Barthlmä, wie man dort kurz das St.-Bartholomäus-Spital des Schwesterordens nannte, dessen vornehmste Zierde Mrs. Betsey Prig war. Mrs. Gamps Wohnung war nicht sehr geräumig, aber für ein zufriedenes Herz ist auch der schlechteste Winkel ein Palast, und die Beletage bei Mr. Sweedlepipe erschien Mrs. Gamps Einbildungskraft wie eine stattliche Halle. Wenn auch nüchterne Verstandesmenschen diese Ansicht nicht geteilt hätten, so konnte man besagtem Vorderzimmer doch nachrühmen, daß es immerhin so viel Komfort bot, wie man von einem Zimmer solchen Umfanges erwarten konnte. Wenn man die Bettstelle nur immer im Auge behielt, war man im allgemeinen vor jedem Unfall sicher. Das war das große Geheimnis. Wenn man das Bett nicht aus dem Auge verlor, konnte man sich sogar bücken, um ungefährdet unter dem kleinen Tisch etwas zu Boden Gefallenes aufzuheben und sich durch die kleine Mühe, dabei einfach in den Kamin hineinzufallen, sogar unter Umständen billigen Einlaß in das Bartholomäusspital verschaffen. Dem Laien wurde es im allgemeinen nicht schwer, das Bett stets im Auge zu behalten, denn es war außerordentlich groß. Es war kein Klappbett, aber auch kein französisches Bett und ebensowenig eine vierpfostige Bettstatt, sondern eher so etwas wie ein Zelt, und der bauchige Strohsack hing gewöhnlich so tief herab, daß Mrs. Gamps Koffer darunter keinen Platz finden konnte, sondern zur Hälfte hervorstand – ein Umstand, der die Schienbeine eines Laien immerhin zu gefährden imstande war. Überdies war das Gestell, das als Stütze des Betthimmels und der Vorhänge gedient hätte, wenn welche dagewesen wären, mit verschiedenen aus Holz gedrechselten Äpfeln verziert, die beim leisesten – oder vielleicht bei gar keinem – Anstoß herunterzupurzeln pflegten, um den friedlichen Besucher mit unaussprechlichem Schrecken zu erfüllen. Das Bett selbst war mit einer scheckigen Decke aus grauer Vorzeit geschmückt, und am obern Ende, zunächst der Türe, hing eine schmale Gardine von blau und weiß gestreifter Leinwand, damit die Zephire, die von der Kingsgate Street her wehten, Mrs. Gamps Haupt nicht so rauh berühren konnten. Einige verschossene Röcke und andere Garderobeartikel baumelten an dem Bettpfosten herunter und hatten infolge langen Gebrauchs derart die Figur ihrer Trägerin angenommen, daß ein ahnungsloser Besucher, wenn er um die Zeit der Dämmerung in das Zimmer getreten wäre, wie versteinert hätte stehenbleiben müssen im Glauben, Mrs. Gamp habe sich erhängt. Ein Gentleman, der gewöhnlich sehr eilig zu kommen pflegte, hatte einst die Bemerkung gemacht, sie sähen wie Schutzengel aus – diese kernlosen Hüllen, die Mrs. Gamp in ihrem Schlafe bewachten. Diese Äußerung habe er sich übrigens nur bei seinem ersten Besuche erlaubt, sagte Mrs. Gamp, und sie niemals später wiederholt, trotzdem er sie häufig besuchen käme. Die Stühle bei Mrs. Gamp waren außerordentlich groß und mit sehr breiten Lehnen versehn, dafür waren ihrer aber auch nur zwei; alle beide Veteranen aus altem Mahagoniholz und besonders wertvoll dadurch, daß ihre Sitze, ursprünglich mit Roßhaar unterpolstert, im Laufe der Zeit so schlüpfrig geworden waren, daß sie förmlich opalisierten und jedem Fremden, der unvorsichtigerweise darauf Platz nahm, zu einer kleinen Rutschpartie verhalfen. Was Mrs. Gamp an Stühlen zu wenig hatte, das besaß sie dafür an Hutschachteln zu viel. Diese waren sämtlich der Aufnahme verschiedener wertvoller Gegenstände geweiht, obwohl sie durchaus nicht so gut schlossen, wie die wackere Frau sich einzubilden schien, denn, wenn auch jede von ihnen einen Deckel besaß, so hatte doch keine einzige einen Boden, so daß sie wie Lichtauslöscher über den darunter zusammengeknüllten Sachen hockten. Die Aufsatzkommode, ursprünglich dazu bestimmt, auf einem andern größern Kasten zu ruhen, hatte jetzt dadurch, daß sie allein stand, ein koboldartiges, zwerghaftes Aussehen, besaß aber in puncto Sicherheit unendliche Vorzüge vor den Hutschachteln, denn da sämtliche Griffe an den Schubladen längst abgerissen waren, konnte man zu ihrem Inhalte nur unter den größten Schwierigkeiten, wenn überhaupt, gelangen. Jedesmal mußte das ganze Möbel entweder schief nach vorwärts geneigt werden, bis alle Schubladen von selbst herausfielen, oder man mußte sie einzeln mit Messern aufstechen wie die Austern. Ihren Hausrat pflegte Mrs. Gamp in einem kleinen Wandschrank neben dem Kamin aufzubewahren. Zuunterst lagen natürlich die Kohlen, und je höher es hinaufging, desto wertvoller wurden die verstauten Schätze, bis sie schließlich auf dem obersten Brett mit den Spirituosen endeten, die aus Rücksicht auf das Zartgefühl in einem Teetopf aufbewahrt wurden. Über dem Kaminsims hing ein kleiner Kalender, der hie und da Anmerkungen von Mrs. Gamps höchsteigener Hand aufwies: zum Beispiel einen roten Strich bei dem Datum, an dem diese oder jene Dame voraussichtlich niederkommen mußte. Außerdem hingen noch drei Porträts herum – das eine koloriert, Mrs. Gamp selbst als jugendliche Frau darstellend, ein bronziertes, eine Dame im Federhut und Ballanzug, angeblich Mrs. Harris, und eine Silhouette, die den gottseligen Mr. Gamp bedeuten sollte – letztere in Lebensgröße, um durch drastischen Hinweis auf das Holzbein die Ähnlichkeit hervorzuheben. Ein Blasebalg, ein Paar Überschuhe, eine Röstgabel, ein Kessel, eine Breipfanne, ein Löffel zum Medizineinnehmen oder vielmehr -eingeben für widerspenstige Kranke und endlich Mrs. Gamps berühmter Regenschirm, der mit besonderer Ostentation aufgestellt war, vollendeten die Dekoration des Kamines und der daran anstoßenden Ecke. Zu allen diesen Kostbarkeiten erhob jetzt Mrs. Gamp freudestrahlend ihr Auge, nachdem sie den Teetisch zugerichtet und alle Vorbereitungen zum Empfang Mrs. Betsey Prigs getroffen hatte. Den Glanzpunkt des Mahles sollte offenbar ein breit hingestelltes Stück eines zwei Pfund schweren, scharf eingesalzenen Newcastler Lachses bilden. »Ja, jetzt, wo bleiben denn Sie so lang, liebe Betsey?« fragte Mrs. Gamp, ihre abwesende Freundin im Geiste anredend. »Dös fehlet mir grad noch, daß i warten müßt. I mag hingehn wo i will, immer sag i: o mei, i bin bald zfrieden gestellt, i brauch nur wenig, aber dös muß jetzt wieder vom Besten sein und auf die Minutn und auf 'n Glocknschlag kommen, sonst san mir gschiedne Leut.« Allerdings waren die Zurüstungen vom Allerfeinsten. Sie umfaßten einen guten, neugebackenen Laib Brot, einen Teller mit frischer Butter, eine Schale mit feinem weißen Zucker und ähnliches. Selbst der Schnupftabak war von so hervorragender Qualität, daß Mrs. Gamp, als ihr Auge darauf fiel, sofort eine Prise nahm. »Aha, es läutt schon«, sagte sie, eilte an die Treppe und schaute hinunter. »Ah, der liebe – na Servus, jetzt glaub i gar, der blöde Rasierer hat mi derbleckt.« »Ja, ich bin's«, rief Mr. Sweedlepipe mit schwacher Stimme hinauf, »ich bin's. Ich bin gekommen.« »Na ja, dös sieht mer«, brummte Mrs. Gamp ungeduldig und wälzte sich die Treppe hinab. »Was gibt's denn schon wieder? Brennt leicht der Fluß und kocht sich die eigenen Fisch? Ja was hat denn jetzt der Mann? Der schaut ja so weiß aus wie die Wand.« Das waren ihre ersten Worte, als sie unten angelangt war und ihren Hauswirt in seinem Rasierstuhl blaß und trostlos dasitzen sah. »Sie erinnern sich«, stöhnte Mr. Sweedlepipe, »Sie wissen doch noch, der Junge –« »Doch nicht der junge Wilkins?!« rief Mrs. Gamp. »Wenn jetzt dös dem jungen Wilkins sei Frau is –« »Es ist niemandes Frau«, schluchzte der kleine Barbier, »Bailey ist's, der junge Bailey.« »Sie wollen doch net sagn, daß der was angestellt hat?« fragte Mrs. Gamp ärgerlich. »Dummes Zeug! I bitt Ihna, was soll denn der gmacht haben?« »Er hat gar nichts getan«, jammerte der arme Poll ganz verzweifelt. »Warum lassen Sie mich denn nicht zu Worte kommen? Er wird sein Lebtag nichts mehr tun. Es ist um ihn geschehen. Er ist tot! – Als ich den jungen Menschen zum erstenmal sah«, fuhr Poll zerknirscht fort, »habe ich ihn mit einem Rotkehlchen angeschmiert; ich hab ihm vier Dreier abgenommen, und das war mindestens die Hälfte zu teuer. Und jetzt ist er tot. Und wenn man alle Dampfmaschinen und elektrischen Flüssigkeiten der Welt zusammen hier in den Laden brächte und sie gleichzeitig losließe, so könnte das alles doch nicht mehr gutmachen, daß ich ihn um einen Penny übers Ohr gehauen habe.« Und Mr. Sweedlepipe wandte sich ab und wischte sich mit dem Rasierhandtuch die Augen trocken. »Und so ein netter Junge ist er gewesen« schluchzte er weiter, »ein überraschend gescheiter junger Mensch. Wie hat der reden können, und was hat er alles gewußt! Hier in diesem Stuhl hab ich ihn rasieren müssen, bloß des Spaßes halber – na ja, Ernst konnte es ja doch nicht sein –, und wenn ich denke, daß er's nicht erlebt hat, wirklich einmal rasiert zu werden! Lieber hätten mir alle Vögel krepieren sollen, einer nach dem andern«, jammerte der kleine Barbier, und sein Blick wanderte von einem Käfig zum andern, »lieber hätten alle krepieren sollen, ehe ich das hören mußte.« »Ja, wo habn S' denn dös schon wieder erfahren?« fragte Mr. Gamp neugierig. »Wer hat Ihnen denn dös alles erzählt?« »Ich bin in die City gegangen«, erklärte der kleine Raseur, »um auf der Börse einen Herrn zu treffen, der ein großer Jäger ist und einige flügellahme Tauben haben wollte, um sich an ihnen zu üben. Und wie ich mit dem Geschäfte fertig war, ging ich in ein Wirtshaus, um einen Schluck Bier zu mir zu nehmen, und da sprachen alle Leute davon. Sogar in den Zeitungen steht es schon.« »Hat Sie aber die Gschicht mitgnommen, Mr. Sweedlepipe«, sagte Mrs. Gamp und schüttelte den Kopf. »Ich glaub, a halbes Dutzend frische, junge, lebendige Blutegel auf Ihren Kopf wäre das Beste, was Sie machen könnten. Also, von was haben denn die Leut gredt, und was steht in den Zeitungen?« »Die ganze Geschichte«, rief der Barbier. »Was sollte denn sonst drin stehen. Er und sein Herr sind in den Graben geworfen worden, und dann hat man ihn sterbend nach Salisbury gebracht. Nicht ein Wort hat er mehr gesprochen. Nicht ein einziges Wort. Aber das ist noch nicht das Schlimmste von der ganzen Geschichte. Sein Herr ist auch nicht zu finden, und der andere Direktor von dem Bureau in der City – er heißt David Crimple – ist mit dem ganzen Geld durchgebrannt, überall sind Steckbriefe angeschlagen, die dem, der ihn erwischt, eine große Belohnung zusichern. Mr. Montague, der Herr von dem armen jungen Bailey – ach, was war das für ein fescher Bursche – wird ebenfalls steckbrieflich gesucht. Einige sagen, er habe sich gedrückt, um sich im Ausland seinem Freund wieder anzuschließen, aber andere meinen, er sei noch in England, und überall sucht man nach ihm. Das ganze Geschäft war ein aufgelegter Schwindel, heißt es. Aber was ist ein Lebensversicherungsgeschäft gegen ein wirkliches Leben wie das des jungen Bailey!« »Ach was«, brummte Mrs. Gamp, »wenn einer in dem irdischen Jammertal geboren is, so muß er sich nach der Decken strecken. Ja und spricht man denn gar nichts von Mr. Chuzzlewit?« »Nein. Wenigstens nichts Bemerkenswertes. Er gehörte nicht mit zur Gesellschaft, wenn man auch sagt, er habe vorgehabt, beizutreten. Einige glauben, er sei der Betrogene, wieder andere meinen, er habe mit ihnen unter einer Decke gesteckt. Aber wie dem auch sein mag, jedenfalls kann man ihm nichts beweisen. Heute morgen hat er sich aus freien Stücken zum Bürgermeister begeben und zu ein paar andern großen Stadtperücken und hat sich beklagt, man habe ihn übers Ohr gehauen; und zwar hauptsächlich die beiden Lumpen, die jetzt flüchtig geworden sind. Mr. Montague hieße gar nicht Montague, sondern weiß der Kuckuck wie. Und wie der leibhaftige Tod soll Mr. Jonas Chuzzlewit ausgesehen haben aus Entsetzen über seine großen Verluste. Aber, Gott verzeih mir die Sünd«, rief Poll und kam wieder auf den Gegenstand seines eigenen Kummers zurück, »was geht das mich an, wie er ausgesehen hat, meinswegen hätt er fünfzigmal draufgehen können, und es wär kein solches Unglück gewesen wie das, was jetzt den armen jungen Bailey betroffen hat.« In diesem Augenblick ertönte die kleine Glocke, und die Baßstimme Mrs. Prigs mischte sich in das Gespräch. »Aha, Sie redn a scho von der Gschicht«, bemerkte sie. »Na hoffentlich seids jetzt fertig damit. Mich interessiert alles dös gar net.« »Na, aber liebe Betsey«, rief Mrs. Gamp, »wie spät Sie heut wieder kommen!« Die würdige Dame erwiderte etwas spitzig, wenn die verrückten Leute immer gerade stürben, wenn man's am wenigsten erwarte, so sei das nicht ihre Schuld. Es sei ärgerlich genug, wenn man sich zu einer Teegesellschaft verspäte, und man brauche nicht noch extra darauf aufmerksam gemacht zu werden. Mrs. Gamp schloß aus dieser Erwiderung auf Mrs. Prigs Gemütszustand und führte sie sogleich hinauf, um sie durch den Anblick des marinierten Lachses zu besänftigen. Offenbar hatte Mrs. Betsey Prig Lachs erwartet, denn nachdem sie sich an der Tafel umgesehen, waren ihre ersten Worte: »Hab mir's doch glei denkt, daß kane Gurken dabei sin.« Mrs. Gamp verfärbte sich und ließ sich fassungslos auf den Bettrand nieder. »Meiner Seel, Betsey, da haben S' jetzt wieder amal die Wahrheit gsprochen. Ganz und gar hab i sie vergessen.« Mrs. Prig sah ihre Freundin fest an, versenkte ihre Hand in die Tasche und zog mit sauertöpfisch triumphierender Miene einen Gegenstand hervor, der entweder der älteste Lattich der Erde oder die jüngste Kohlstaude der Saison war – jedenfalls aber ein Grünzeug, und zwar von so gigantischer Größe, daß Mrs. Prig die Zweige wie Regenschirmspangen zusammendrücken mußte, ehe sie es aus der Tasche brachte. Dann zog sie noch eine Handvoll Senf und Kresse, ein Büschel Löwenzahnsalat, drei Bündel Radieschen und einige Zwiebeln, die jede einzeln etwas größer waren als eine Durchschnittsmohrrübe, und einen Kopf Sellerie hervor. Alles das war wenige Minuten vorher auf dem Markt öffentlich für zwei Pence feilgeboten und von Mrs. Prig unter der Bedingung käuflich erworben worden, daß die Hökerin alles in ihrer Tasche unterzubringen vermöge. Zum großen Staunen sämtlicher Droschenkutscher in High Holborn hatte denn auch die Gemüsehändlerin ihre Aufgabe glücklich gelöst. Mrs. Prig legte so wenig Gewicht auf alle diese unschätzbaren Dinge, daß sie nicht einmal lächelte, sondern die Tasche wieder in ihre frühere Lage brachte und ihrer Freundin empfahl, die Naturprodukte zerschnitten in möglichst viel Essig zu tauchen, damit man sie sogleich genießen könne. »Aber lassn S' kan Schnupftabak net falln«, warnte sie. »In Hafer, Grütze, Gerstenschleim, Bouillon und so weiter macht's ja weiter nix. Es is zwar a guats Reizmittel für die Patienten, aber i selber mag's net.« »Aber Betsey«, rief Mrs. Gamp, »wie können S' jetzt nur a so daher redn?« »Na, tun sich leicht Ihnere Patienten net 's Hirn ausn Kopf nießen von Ihneran Schnupftabak?« fragte Mrs. Prig. »Na ja, und – und was wär da weiter dabei?« fragte Mrs. Gamp. »Nix is weiter dabei«, sagte Mrs. Prig, »aber leugnen sollen S' net, Sarah.« »Wer tut denn was leugnen, Betsey«, fragte Mrs. Gamp vorwurfsvoll. Mrs. Prig schwieg. »Wer leugnet was, Betsey?« fragte Mrs. Gamp abermals und bediente sich dann, um ihren Worten einen tieferen und feierlicheren Nachdruck zu geben, der Sprache der feinen Kreise: »Betsey, wer stellt es denn in Abrede?« Es fehlte nur noch sehr wenig, und es wäre zu einer ernsthaften Differenz zwischen den beiden Damen gekommen, aber da Mrs. Prigs Sehnsucht nach den Speisen größer war als ihre Lust zu widersprechen, so antwortete sie des lieben Friedens wegen: »Niemand nicht, wann Sie's net tun; Sarah«, und setzte sich zum Tee nieder; denn zum Zank war schließlich immer noch Zeit, um aber beim Lachs nicht zu kurz zu kommen, war es höchste Zeit. Die Toilette der vortrefflichen Dame war außerordentlich einfach. Sie brauchte bloß Hut und Schal auf das Bett zu werfen, sich rechts und links einmal in die Haare zu fahren, als wolle sie ein paar Glockenstränge ziehen, und damit war sie fertig. Der Tee stand bereit, Mrs. Gamp brauchte zum Salatbereiten auch nicht allzu lange, und so konnten sich denn beide Damen sehr bald an ihrem Mahle erquicken. Ihre Gemütsstimmung besserte sich infolge der Tafelfreuden in kurzer Zeit. Als sie mit dem Essen fertig waren und Mrs. Gamp den Tisch abgeräumt hatte und den Teetopf sowie ein paar Weingläser vom obersten Gesims bereits auf der Tafel standen, waren sie bereits ein Herz und eine Seele. »Betsey«, begann Mrs. Gamp, schenkte sich ein und reichte ihrer Freundin den Teetopf hinüber, »auf Ihnere Gsundheit! Auf die Gsundheit meiner lieben Kollegin Betsey.« »Was i nur, indem i den Namen in ›Sarah Gamp‹ umänder, mit Liebe und Zärtlichkeit erwider«, sagte Mrs. Prig. Und von diesem Augenblicke an begannen sich allmählich Symptome inneren Feuers an den Nasen der beiden Damen und vielleicht auch, trotzdem der äußere Schein dagegen sprach, in ihren Herzen zu entwickeln. »Alsdann, Sarah«, fing Mrs. Prig nach einer Weile an, »um aufs Geschäft zu kommen: um was für a Gschäft handelt sich's denn, zu dem Sie mich brauchten?« Da Mrs. Gamps Mienen Lust verrieten, der Frage auszuweichen, setzte Mrs. Betsey spöttisch hinzu: »Vielleicht um die Mrs. Harris?« »Na, liabe Betsey, 's is net die Harris«, antwortete Mrs. Gamp. »Dös is gscheit«, versetzte Mrs. Prig mit einem kurzen Lachen; »dös is gscheit, daß 's wenigstens net die is.« »Warum soll denn jetzt dös gscheit sein, Betsey?« fuhr Mrs. Gamp erregt auf. »Sie kennen sie ja gar net. Warum sagen S' nacher, daß dös gscheit is? Habn S' leicht etwas gegen der Harris ihren Charakter? I kann Ihna nur sagn, da dran is nix auszusetzen. S' is a liabe Frau«, setzte Mrs. Gamp kopfschüttelnd und mit Tränen in den Augen hinzu. »I kenn sie schon seit ihrem ersten Mal, wo ihr Mann, der Harris, der schrecklich ängstlich is, sich die Ohren zughalten hat und den Kopf in den leeren Kübel gesteckt hat und net hat rauswollen, bis man ihm des kleine Kind zeigt hat, und nacher hat er glei Krämpf kriegt, und der Doktor hat ihn beim Kragen nehman müssen und mit 'm Buckel auf die Stoan legn, damit er wieder zu sich kemmt. Aber später, liabe Betsey, hat er das gfühlvolle Gschöpf mit die rauhen Worte verwundet: des neunte Kind und a schon des achte wär am gscheitesten wegblieben, und dös hat er rausbracht, grad während ihm die kleine Unschuld ins Gsicht glächelt hat. Schlag auf Schlag is 's gangen, kann i Ihna sagn. Und nöt die geringsten unangenehmen Umständ sin dabei gwesen, kann i Ihna sagn. Und um so weniger kann i mir jetzt denken, warum Sie sagen: ›Dös is gscheit.‹ Die Harris wird niemals nicht nach Ihna schicken, da können S' Ihna drauf verlassen. ›Wann i's amol nötig hab‹, das werden ihre Worte immer sein, ›schickt's nur zerscht nach der Sarah.‹« Mrs. Prig tat sehr gewandt, als sei sie die Beute jener gewissen Geistesabwesenheit, die aus übermäßiger Aufmerksamkeit entspringt, bediente sich aber rastlos des Teetopfes, ohne sich, wie es schien, dessen bewußt zu sein. Mrs. Gamp ließ sich jedoch nicht so leicht hinters Licht führen und schloß deshalb ihre Rede lang vor der Zeit. »Na, also gut, wann sie's net is«, sagte Mrs. Prig kühl, »wer is 's denn nacher?« »Sie haben gwiß«, erwiderte Mrs. Gamp mit einem vielsagenden Blick auf den Teetopf, »Sie haben gwiß von einer Person ghört, bei der i damals Wärterin war. Wissen S', drüben im ›Ochsen‹. Grad zu der Zeit, wor wir mitsamm beim Chuzzlewit abgwechselt haben.« »Aha, der alte Schnupfy«, bemerkte Mrs. Prig. Mrs. Gamp warf ihrer Kollegin einen flammenden Blick zu, denn sie erblickte in dieser Namensverdrehung von seiten der Prig einen boshaften Hieb auf ihre eigene Gewohnheit, zu schnupfen – eine Anzüglichkeit, die heute bereits zum zweitenmal peinlich auf sie wirkte. Dies wurde ihr noch klarer, als sie höflich, aber mit Festigkeit ihrer Kollegin durch ein klares Vorbuchstabieren des Wortes »Chuffey« ihren Irrtum klarmachte, denn diese nahm die Korrektur mit einem diabolischen Lächeln auf. Mrs. Prigs Haupttugend bestand nun darin, daß sie ihre herben Charaktereigenschaften nicht lediglich an ihren Patienten erschöpfte, sondern auch einen großen Teil davon für ihre Freunde reservierte. Der stark marinierte Lachs und der scharf angemachte Salat mochten infolge der ihnen innewohnenden Essigsäure vielleicht diesen Fehler Mrs. Prigs für den Augenblick noch mehr in den Vordergrund gedrängt haben, und dieselbe Wirkung hatte wahrscheinlich auch der »Teetopf«, denn, wie schon die Freundinnen der trefflichen Dame des öftern die Bemerkung gemacht hatten, widersprach sie niemals lieber, als wenn sie sich innerlich durch Stimulantien angeregt fühlte – jedenfalls nahm ihr Gesicht jetzt einen höhnischen, geradezu herausfordernden Ausdruck an, und mit verschränkten Armen, und ein Auge geschlossen, setzte sie sich in fast kriegerischer Haltung zurecht. Mrs. Gamp entging dies keineswegs, und für um so nötiger hielt sie es daher, ihre Kollegin in ihre Schranken zurückzuweisen und an ihre gesellschaftliche Stellung wie auch an ihre Verpflichtungen als geladener Gast zu erinnern. Sie nahm daher eine wenn möglich noch bedeutsamere Gönnermiene an und spann ihre Antwort noch ausführlicher aus, als sie es sonst getan hätte. »Mr. Chuffey«, erklärte sie, »ist ziemlich schwach im Kopf. Aber Sie müssen mich schon entschuldigen, wenn i sag, daß er vielleicht net gar so schwachsinnig is, wie die Leut glauben. I weiß, was i weiß, und was Sie net wissen, Betsey, das wissen Sie eben nicht, Betsey. So, fragen S' mich jetzt net weiter. Also, die Freunde von Mr. Chuffey haben mir den Vorschlag gmacht, i sollet mich seiner annehmen, und haben zu mir gsagt: ›Also, was is, Gamp, wollen Sie's übernehmen oder net?‹ Jemand anders haben s' g'sagt, is ausgschlossen, aber Ihna können mir ihn schon anvertrauen, Sarah, denn Sie sin echt wie Gold. ›Also wollen Sie ihn übernehmen – natürlich ganz unter Ihre eigenen Bedingungen ganz allein, bei Tag und bei Nacht.‹ – Na, hab i gsagt, dös is ausgschlossen; schlagen S' Ihna dös aus 'n Kopf. Es gibt nur ein Gschöpf in der Welt, hab i gsagt, das i unter solchene Bedingungen übernehmen möcht, und dös Wesen heißt Harris. Aber, hab i gsagt, i bin mit einer Freundin bekannt, die Betsey Prig heißt, und die kann i Ihna rekommandieren, damit sie mit mir zsamm des Gschäft macht. Die Betsey, hab i gsagt, is, wann sie unter meiner Leitung steht, a ganz zuverlässige Person. Und i bin a ganz überzeugt, sie wird sich von mir was sagen lassen.« Abermals stellte sich Mrs. Prig, ohne aber dabei ihre herausfordernde Miene zu ändern, als versinke sie in Geistesabwesenheit, und streckte ihre Hand begierig nach dem »Teetopf« aus. Das war mehr, als Mrs. Gamp ertragen konnte. Sie fiel ihr daher in den Arm und sagte tief gekränkt: »Na, na, Betsey, wann Sie trinken wolln, trinken S' ehrlich. I derf net zu kurz kommen.« Mrs. Prig warf sich in ihren Armstuhl zurück, schloß, ärgerlich, ihren Plan so unvermuteterweise vereitelt zu sehen, ihr eines Auge noch krampfhafter, verschränkte die Arme noch entschlossener und wiegte ihr Haupt langsam hin und her, dabei ihre Freundin mit verächtlichem Lächeln musternd. Mrs. Gamp nahm ihre Rede wieder auf. »Die Harris –« »Bitt Sie, lassen S' mich scho aus mit der Harris«, rief Mrs. Betsey Prig gereizt. Mrs. Gamp blickte erstaunt, ungläubig und unwillig auf, aber Mrs. Prig schloß ihr Auge womöglich noch fester, verschränkte die Arme noch krampfhafter und sprach die denkwürdigen Worte: »Die Harris existiert überhaupt gar net. Mir reden S' so was net ein!« Nachdem diese inhaltsschweren Worte dem Gehege ihrer Zähne entflohen waren, beugte sie sich vor und schnappte mit den Fingern einmal, zweimal, dreimal, und jedesmal näher an Mrs. Gamps Gesicht. Dann stand sie auf und nahm ihren Hut, als fühle sie tief innerlich, welch unüberbrückbar tiefe Kluft sich nunmehr zwischen ihnen gebildet habe. Der geführte Schlag war so heftig und kam so plötzlich, daß Mrs. Gamp förmlich versteinert sitzen blieb, fassungslos in die leere Luft stierte und mit offenem Munde nach Luft schnappte, bis Mrs. Betsey Prig ihren Hut aufgesetzt und ihren Schal umgeworfen, das heißt sich ihn um den Hals gewickelt hatte. Dann erhob sie sich jedoch, physisch und moralisch, um loszubrechen. »Was ham Sie da gesagt?!« schrillte sie, »Sie boshafte Kreatur, Sie! Hab i leicht die Harris fünfadreißg Jahr kennt, um mir auf d' letzt noch sagen zu lassen, es gebet gar keine solche Person nicht? Hab i ihr leicht net in alle Kindsnöten beistehen müssen, damits jetzt zu an solchen End kommt, während doch ihr eigenes Porträt die ganze Zeit über Ihna hängt als a lebendiger Gegenbeweis für dös dumme Zeug, was Sie daherreden? Aber meinswegen können S' ja glauben, was S' mögen. Die Harris möcht sich niemals nicht so weit erniedrigen, Ihna a nur mit an Aug anzuschaugn. Und wie oft hat s' net zu mir gesagt, wenn i Ihnern Namen gnennt hab, was i leider viel zu oft tan hab: Was, Sarah Gamp, hat s' gsagt, bis zu dera Person würdigen Sie Ihna herab? – So, und jetzt schaugn S', daß naus kommen!« »No ja, i geh ja scho«, brummte Mrs. Prig, machte aber gerade im Gegenteil halt. »Des möcht i Ihna a graten habn«, keuchte Mrs. Gamp. »Mir scheint, Sie wissen net, mit wem Sie sprechen!« rief Mrs. Prig. »Mit der Betsey, mit wem denn sonst?« knurrte Mrs. Gamp und musterte ihre Kollegin verächtlich von Kopf bis zu Fuß. »Schaugn S' daß weiter kommen, sag i!« »Und Sie unterstengan sich, mi a no zu proteschüren!« rief Mrs. Prig und musterte ihrerseits Mrs. Gamp von Kopf bis zu Füßen. »Sie, wer san denn Sie eigentlich? – Dös's a Unverschämtheit«, fügte sie mit einem raschen Übergang vom Hohn zur Wildheit hinzu. »Was denken denn Sie eigentlich?« »Marsch!« schrie Mrs. Gamp, »gengan S' mir aus die Augen, daß i mi not für Ihna schäm.« »Da schämen S' lieber Ihna selber«, sagte Mrs. Prig. »Gö mit Ihnern tepperten Schnupfy!« »Wahrscheinlich möcht er ganz teppert werden, wann er mit Ihna was zschaffn hätt«, revanchierte sich Mrs. Gamp. »Aha, dazu hat ma mi leicht habn wollen!« rief Mrs. Prig triumphierend, »da haben S' Ihna aber gschnitten, bei so was rühr i net die Hand. Sie werdn scho so ohne mi fertig wern. Na, mit dem will i nix zschaffen habn.« »Oder umgekehrt!« brummte Mrs. Gamp, »aber jetzt schaugn S', daß S' naus kemman.« Ihr so sehnlich ausgedrückter Wunsch, Zeuge von Mrs. Prigs Entfernung aus dem Zimmer zu sein, ging nicht in der Art in Erfüllung, wie sie es sich gewünscht hatte, denn die vortreffliche Dame stieß, blind, wie sie vor Wut war, in ihrer Hast gegen die Bettstelle an, und drei oder vier der ornamentalen hölzernen Äpfel rollten herab und trafen Mrs. Gamps Scheitel so empfindlich, daß Mrs. Prig bereits längst fort war, ehe sich Sarah von den Folgen dieser hölzernen Traufe erholt hatte. Nur eine Freude blieb Mrs. Gamp, nämlich, daß sie Betseys Baßstimme draußen hörte, wie sie sich laut über die erlittene Beleidigung beklagte und ihren Entschluß kundtat, nichts mit Mr. Chuffey zu tun haben zu wollen – und zwar nicht nur unten im Hause, sondern sogar noch vor der Türe auf der Straße. An der Stelle, wo noch vor einigen Minuten Mrs. Prig gestanden, erkannte Mrs. Gamp jetzt langsam und dämmerhaft Mr. Sweedlepipe und zwei Herren. »Gott im Himmel!« rief der kleine Barbier, »was ist denn da vorgegangen? Was ihr beiden Frauenzimmer da wieder für einen Radau gemacht habt! Die beiden Herren haben fast die ganze Zeit über draußen auf der Treppe gestanden und wollten sich bemerkbar machen, aber ihr konntet sie natürlich nicht hören, wie ihr einander so in die Haare fuhrt! Der kleine Blutfink im Laden drunten ist bei dem Lärm so erschrocken, daß er vielleicht den Tod davon haben kann. In seinem Schrecken hat er sich dermaßen angestrengt, daß er sich mehr Wasser mit seinem Mechanismus im Vogelbauer herausgepumpt hat, als er in zwölf Monaten austrinken kann! Er muß wahrscheinlich geglaubt haben, das Haus brennt.« Mrs. Gamp war mittlerweile in ihren Lehnstuhl gesunken und entledigte sich mit überströmenden, zum Himmel gerichteten Augen und gefalteten Händen folgender Lamentation: »Ach, Mr. Sweedlepipe und Sie, Mr. Westlock, wenn mich meine Augen nicht trügen – und noch ein Herr, wo ich nicht zu kennen das Vergnügen hab – wirklich, was i heut abend wieder mit der Betsey Prig ausgstanden hab, dös kann sich kein Mensch nicht vorstellen. Glei am Anfang, wie s' reinkommen is zu mir, hab i mir denkt: jessas, riecht die aber nach Schnaps! Aber i hab gmeint, mich täuschen meine Sinne, weil i selbst niemals nicht Branntwein zu riechen bekomm (in Wirklichkeit war Mrs. Gamp selbst bereits ziemlich benebelt und der ›Teetopf‹ war fast bis auf die Neige geleert), übrigens, wann sie bloß betrunken gwesen wär, hätt i mir noch net soviel draus gmacht aus ihre Schimpfereien, aber wenn eins über die Harris schimpft, so vertrag i dös net. – Na«, setzte sie mit einem Wutausbruch hinzu – »na, i net.« Der kleine Barbier kratzte sich am Kopf, zog die Augenbrauen in die Höhe, warf einen Blick auf den »Teetopf« und war sichtlich bestrebt, sich aus dem Zimmer zu drücken. John Westlock jedoch holte sich kaltblütig einen Stuhl und ließ sich neben Mrs. Gamp nieder, während Martin zu Füßen des Bettes Platz nahm und sehr gespannt schien. »Ich kann mir ganz gut denken, daß Sie sich über unser Erscheinen hier wundern«, begann John, »aber ich werde Ihnen sofort näheres Diesbezügliches mitteilen, sobald Sie sich ein wenig gefaßt haben. Auf einige Minuten mehr oder weniger kommt es nicht an. – Wie befinden Sie sich jetzt – besser?« Mrs. Gamp vergoß nur noch mehr Tränen, schüttelte das Haupt und stöhnte gramerfüllt den Namen »Harris«. »Wollen Sie nicht ein wenig« – John war in Verlegenheit, wie er es nennen sollte – »– –« »Tee!« ergänzte Martin. »Es is kein Tee nicht«, schluckte Mrs. Gamp. »Also offenbar eine Arznei – eine Herzstärkung«, versetzte John. »Nehmen Sie doch ein wenig!« Mrs. Gamp ließ sich zu einem Glase voll überreden. »Aber unter der Bedingung«, fügte sie leidenschaftlich hinzu, »daß die Betsey keine Stunde Arbeit mehr von Ihnen bekommt.« »O gewiß nicht!« versprach John. »Ich möchte ganz energisch dagegen protestieren, daß sie Krankenwärterin bei mir wäre.« »Schon der Gedanke«, rief Mrs. Gamp, »daß sie mir jemals hat helfen müssen, Ihren Freund zu pflegen, und daß nur wenig gfehlt hätt, und sie hätt alles ghört – hm.« John warf Martin einen Blick zu. »Ja ja«, warf er hin, »das wäre beinahe geschehen, Mrs. Gamp.« »Jawohl, bälder, als ma denkt hätt«, sagte Mrs. Gamp. »Zum Glück war i damals in der Nacht bei ihm, und am Tag hat er nöt phantasiert. Wenn i mir denk, was sie alles gsagt und getan haben würde, wenn sie gwußt hätt, was i weiß – dös perpfide Frauenzimmer, und von der – Himmel Herrgott Sakrament«, rief Mrs. Gamp und trampelte in der Erinnerung an Mrs. Prig mit den Füßen auf den Boden, »von der hab i mir über die Harris Niederträchtigkeiten anhörn müssen.« »Machen Sie sich nichts daraus«, tröstete sie John, »es genügt doch, daß Sie wissen, daß es nicht wahr ist.« »Ja, da habn Sie recht«, rief Mrs. Gamp, »aber nicht mehr über die Schwelln darf mir des Mistviech – diese kriecherische Schlange!« »Wo Sie doch immer so gut gegen sie gewesen sind!« schürte John. »Dös is doch eben die Gemeinheit«, schrie Mrs. Gamp. »Dös is ja grad, was mir so zu Herzen geht, Mr. Westlock«, und mechanisch hielt sie ihr Glas hin, das Martin sofort anfüllte. »Sehen Sie, und nicht nur zu Mr. Lewsome haben Sie sie mitgenommen«, sagte John, »sondern auch zu Mr. Chuffey.« »Einmal und nie mehr wieder«, rief Mrs. Gamp, »wir sin gschiedne Leut!« »Ganz recht, ganz recht«, sagte John, »ich an Ihrer Stelle würde auch nicht anders handeln.« »I weiß überhaupt gar net, wie i dazu kommen bin«, versicherte Mrs. Gamp mit jener Feierlichkeit, die Betrunkenen manchmal eigen ist, »jetzt wo sie keine Larven net mehr vorm Gsicht hat, weiß i gar net, wie i je dazu kommen bin. Segn S', unsereins muß verschwiegen sein, dös is das erste, damit man sich allerseits das Vertrauen verdient, das einem gschenkt wird. I möcht gern wissen, wer sich der Betsey Prig anvertrauen wird, wenn mer erfährt, was sie hier in dem Sessel da über die Harris gsagt hat.« »Sehr richtig«, entgegnete John, »vollkommen richtig, aber Sie werden schon beizeiten noch eine andre Assistentin finden, Mrs. Gamp.« Teils aus Entrüstung, teils infolge der Wirkung des »Tees« verlor Mrs. Gamp nachgerade die Fähigkeit, zu verstehen, was man zu ihr gesagt hatte. Sie blickte John mit Tränen in den Augen an und murmelte immer wieder den wohlbekannten Namen vor sich hin, dem Mrs. Prig solche Schmach angetan. Sie schien ihn für einen Talisman gegen alle irdischen Leiden zu halten, aber einem Laien mußte es scheinen, sie deliriere. »Ich hoffe«, wiederholte John, »daß Sie noch beizeiten eine andre Assistentin finden werden.« »Die Zeit – is – leider – kurz«, gluckste Mrs. Gamp und schlug die schwimmenden Augen zur Decke auf, dabei Mr. Westlock mit mütterlicher Zärtlichkeit am Handgelenk ergreifend, »für morgen abend schon hat mich Mr. Chuzzlewit auf neun oder zehn Uhr bestellt.« »Auf neun oder zehn Uhr«, wiederholte John und warf Martin einen bedeutsamen Blick zu, »und dann wird Mr. Chuffey wohl in sichern Gewahrsam gebracht, nicht wahr?« »Ja, dös braucht's dringend«, antwortete Mrs. Gamp mit geheimnisvoller Miene, »auch noch andre Leut als wie ich dürfen froh sein, wann s' nix mit der Betsey Prig zu schaffen ham. I hab dös Weibsbild früher zu wenig gekannt; die hätt den Mund net halten können.« »Den Mund nicht halten können, meinen Sie?« sagte John. »Na und ob«, brummte Mrs. Gamp, »no Servus.« Die tiefe Ironie, die sie in diese Antwort legte, bekräftigte sie noch durch ein heftiges Kopfnicken und ein höhnisches Herabziehen der Mundwinkel. Dann entschlummerte sie für ein paar Sekunden, fuhr aber wieder empor und rief mit außerordentlicher Höflichkeit: »Aber i halt die Herrn auf, und die Zeit is kostbar.« Offenbar schien sie zu glauben, man habe sie aufgefordert, sogleich irgendwohin zu kommen, und zu dieser Wahnvorstellung gesellte sich noch eine instinktive Erkenntnis, nicht mehr von den Angelegenheiten sprechen zu dürfen, über die sie sich unvorsichtigerweise soeben geäußert. Sie erhob sich daher, stellte die »Teekanne« wieder auf ihren Platz, schloß das Wandschränkchen mit großer Feierlichkeit ab und fing an, sich anzukleiden, als gedenke sie zu einem Patienten zu gehen. Ihre Vorbereitungen waren bald getroffen, denn sie bestanden aus nicht viel mehr als aus dem Ausstaffieren ihrer Persönlichkeit mit dem schnupftabakfarbigen Hute, dem dito Schal, ihrem unentbehrlichen Regenschirm und einem Paar Überschuhe. Nachdem sie sich mit diesen Ausrüstungen versehen, kehrte sie zu ihrem Stuhl zurück, nahm Platz und erklärte, sie sei bereit. »'s is wahrhaftig a Glück, wann mer weiß, daß mer dem armen Gschöpf a Wohltat erweisen kann«, bemerkte sie, plötzlich wieder ganz berufsmäßige Wärterin, »net alle sin des imstande. Zum Beispiel, das Mistviech, die Betsey, geht schauderhaft mit die Leut um.« Vor lauter Mitleid mit Betseys Patienten schloß sie ergriffen die Augen und tat sie nicht wieder auf, bis ihr plötzlich ein Überschuh vom Fuß fiel. Wie der sagenhafte Schlummer des Mönches Bacon wurde ihr Schlaf ebenfalls von Zeit zu Zeit unterbrochen, denn zuerst fiel ihr der andre Überschuh und dann auch der Regenschirm zu Boden. Erst als sie diese beiden Hemmnisse los war, störte nichts mehr ihre Ruhe. Die beiden jungen Männer sahen einander an, und Martin, der seine Lachlust kaum mehr zurückdrängen konnte, flüsterte John Westlock ins Ohr: »Was fangen wir also jetzt an?« »Wir bleiben hier«, lautete die Antwort. »Hm – – ja, die Harris«, murmelte Mrs. Gamp aus dem Schlafe. »Verlassen Sie sich darauf«, flüsterte John mit einem vorsichtigen Blick auf die Schlummernde, »verlassen Sie sich darauf, es gelingt uns, den alten Buchhalter auszuhorchen. Jedenfalls wissen wir jetzt genug, um die Person hier für unsere Zwecke benutzen zu können. – Dank sei diesem Streite, der das alte Sprichwort bestätigt, daß, wenn sich die Diebe zanken, die ehrlichen Leute wieder zu ihrem Geld kommen. Jonas Chuzzlewit mag sich in acht nehmen. Lassen wir sie schlafen, solang sie will, wir werden unser Ziel schon beizeiten erreichen.« 50. Kapitel Es begibt sich etwas, das Tom Pinch außerordentlich überrascht und dazu führt, daß zwischen ihm und seiner Schwester gewisse Dinge zur Sprache kommen Am nächsten Abend saßen Tom und seine Schwester gemütlich beisammen beim Tee und plauderten über allerlei Dinge, jedoch ohne daß das Gespräch auf Lewsome oder irgend etwas, was ihn anging, kam, denn John Westlock – trotz seiner Jugend einer der besonnensten Menschen von der Welt – hatte es Tom ausdrücklich eingeschärft, seiner Schwester diesbezüglich nicht das Geringste mitzuteilen, um sie nicht zu beunruhigen. »Wirklich, Tom«, hatte er wörtlich gesagt, nachdem er eine Weile lang verlegen herumgedruckst, »nicht um alle Schätze und Ehren der Welt möchte ich, daß auch nur ein Schatten eines traurigen Gedankens auf ihr glückliches Gesichtchen oder in ihr zartes Herz fiele.« Wirklich, John ist außerordentlich gütig, und ihr leiblicher Vater hätte nicht mehr Anteil an ihr nehmen können als er, sagte sich Tom. Aber obgleich er und seine Schwester außerordentlich gesprächig waren, so schienen sie dennoch nicht so fröhlich und heiter zu sein wie sonst. Es fiel Tom nicht im entferntesten ein, daß Ruth daran schuld sein könne, im Gegenteil hielt er es für ausgemacht, daß die Langweile von ihm ausgehe. Und das hatte in gewisser Beziehung auch seine Richtigkeit, denn das leichteste Wölkchen an dem Himmel ihres sonst so ruhigen Gemütes warf auf ihn stets einen Schatten. Und heute abend lag wirklich eine Wolke auf der Stirn der kleinen Ruth. Sooft Tom zufällig wegblickte, stahlen sich ihre hellen Augen nach seinem Gesichte, leuchteten dann noch glänzender auf und trübten sich gleich darauf. Wenn Tom schwieg und hinausschickte in das Sommerwetter, machte sie bisweilen eine hastige Bewegung, als treibe es sie, sich ihm um den Hals zu werfen, doch jedesmal bezwang sie sich wieder, und wenn er sich umsah, zeigte sie ihm ein lachendes Gesicht wie sonst und plauderte fröhlich mit ihm. Hatte sie ihm etwas zu reichen oder irgendeinen Vorwand, in seine Nähe zu kommen, so hüpfte sie um ihn herum und legte wie zögernd ihr Händchen auf seine Schulter und wollte gar nicht wieder weggehen – kurz, sie verriet auf jede mögliche Art, daß ihr etwas auf dem Herzen liege, was sie ihm gern gesagt hätte, was sie aber auszusprechen nicht den Mut besaß. So saßen sie, sie mit ihrer Handarbeit vor sich, aber ohne zu arbeiten, und Tom mit einem Buche neben sich, ohne zu lesen, als Martin an die Haustüre klopfte. Tom, der sofort erriet, wer es sein könne, stand auf, um zu öffnen, und kam dann in Gesellschaft seines Gastes wieder ins Zimmer zurück. Er machte dabei ein ziemlich verdutztes Gesicht, denn Martin hatte auf seinen herzlichen Gruß kaum ein Wort erwidert. Auch Ruth bemerkte das sonderbare Benehmen ihres Besuches und blickte fragend zu Tom auf, als erwarte sie von ihm eine Erklärung, aber er schüttelte nur den Kopf und blickte fragend Martin stumm an. Martin setzte sich nicht wie sonst, sondern trat ans Fenster, blieb davor stehen und blickte hinaus. Dann drehte er sich plötzlich um, als wollte er etwas sagen, wandte aber wieder den Kopf ab und schwieg. »Was ist denn vorgefallen, Martin?« fragte Tom ängstlich, »bringen Sie schlimme Nachrichten, lieber Freund?« »Ach, Tom«, versetzte Martin mit vorwurfsvollem Tone, »daß Sie sich so stellen können, als interessierten Sie sich für etwas, das mich betrifft, verletzt mich fast noch mehr als Ihr unschönes Vorgehen selbst.« »Mein unschönes Vorgehen, Martin, mein –« Tom blieben die Worte in der Kehle stecken. »Wie konnten Sie nur, Tom – wie konnten Sie nur sich von mir so heiß und innig danken lassen für Ihre Freundschaft, ohne mir wie ein Mann gerade heraus zu sagen, daß Sie mich im Stiche gelassen hatten?! War das offen gehandelt, Tom, war das ehrlich gehandelt? War es Ihres früheren Charakters würdig – oder besser gesagt, des Charakters, den ich Ihnen beimaß –, mich zu veranlassen, Ihnen mein Herz auszuschütten, nachdem Sie schon mein Gegner geworden waren? Ach, Tom, Tom!« Es lag etwas unbedingt Verletzendes und dabei doch tief Bekümmertes in seiner Rede. Was er sagte, bekundete ebensosehr seine frühere Anhänglichkeit an Tom wie tiefes Leid über die Entdeckung seines vermeintlichen Unterdes. Tom schlug einen Augenblick die Hände vors Gesicht und brachte kein Wort hervor, um sich zu rechtfertigen, wie wenn er in Wirklichkeit ein Ungeheuer an Falschheit gewesen wäre. »Ich versichere Ihnen, so wahr ich lebe«, rief Martin, »daß es mich tief schmerzt, in Ihnen nicht mehr den Menschen sehen zu können, für den ich Sie gehalten habe, und zwar in einem Maße, daß ich ganz und gar mein eigenes erlittenes Unrecht darüber vergessen könnte. Erst in Augenblicken nach einer solchen Entdeckung fühlen wir, wie sehr wir den verlorenen Freund früher geliebt haben, und ich schwöre Ihnen – wenn ich es auch niemals sehr merken ließ –, daß ich Sie wie einen Bruder geliebt habe, Tom.« Mr. Pinch hatte sich inzwischen gefaßt und antwortete treuherzig: »Martin, ich weiß nicht, was Sie auf dem Herzen haben und was Ihnen zugestoßen ist und Sie so umgewandelt haben mag, jedenfalls aber hat man Sie hintergangen, und es ist kein Jota Wahrheit in dem, was Sie so beunruhigt. Sie sind von A bis Z in einem Irrtum befangen, und ich kann Ihnen beruhigt voraussagen, daß Sie das Unrecht, das Sie mir jetzt antun, noch tief bereuen werden. Ehrlich und offen sage ich Ihnen, daß ich sowohl Ihnen wie mir treu geblieben bin. Ihr Benehmen wird Ihnen noch einmal sehr leid tun, das kann ich Ihnen mit Bestimmtheit voraussagen, Martin.« »Leid empfinde ich jetzt schon, wenn auch in anderm Sinne«, antwortete Martin und schüttelte traurig den Kopf, »bis zu diesem Augenblick habe ich nicht gewußt, was es heißt, Herzeleid wegen einer großen Enttäuschung zu empfinden.« »Gut«, sagte Tom, »aber wenn es auch stets so gewesen wäre, wie Sie jetzt von mir annehmen, und ich niemals Ihre Achtung besessen und stets Ihre Geringschätzung verdient hätte, so müßten Sie mir dennoch offen heraussagen, inwiefern Sie mich für treulos halten und woraus Sie das schließen. Ich bitte nicht um diese Erklärung, Martin, sondern ich habe ein Recht darauf, sie zu verlangen.« »Soll ich vielleicht meinen eignen Augen nicht trauen?« fuhr Martin auf. »Nein, wenn sie mich anklagen, nicht.« »Und Ihre eignen Worte – Ihr eigenes Vorgehen, soll ich denen vielleicht auch nicht glauben?« »Nein«, sagte Tom ruhig, »Sie dürfen dem Schein nicht glauben, wenn er gegen mich spricht. Aber sie haben auch nie etwas gegen mich bewiesen; wer sie in solcher Absicht auch verdreht haben mag, der tut mir beinahe so schweres Unrecht« – es schien einen Augenblick, als wolle er ganz und gar außer Fassung geraten – »wie Sie.« »Ich bin hierher gekommen«, sagte Martin, »und wende mich jetzt an Ihr liebenswürdiges Fräulein Schwester. Sie soll mich anhören –« »An sie dürfen Sie nicht appellieren«, unterbrach ihn Tom, »denn sie wird Ihnen niemals Glauben schenken« – dabei zog er Ruths Arm zärtlich durch den seinigen. »Ich es glauben, Tom!« rief Ruth entsetzt. »Nein, nein!« besänftigte sie Tom, »freilich nicht. Sei doch ruhig, närrisches Mädchen!« »Ich hatte niemals im Sinn«, fiel Martin hastig ein, »Sie gegen Ihren Bruder anzurufen; so unmännlich und lieblos bin ich nicht. Ich wünschte bloß, daß Sie mit anhören, was ich hier zu erklären habe, nämlich, daß ich nicht gekommen bin, um Vorwürfe zu erheben – nein, ich mache niemandem einen Vorwurf –, aber bekümmert bin ich bis ins tiefste Innere. Sie können sich vorstellen, wie bitter es mir sein muß, wenn ich Ihnen sage, daß ich oft und oft an Ihren Bruder gedacht habe und mich im Zustande fast hoffnungsloser Krankheit stets nach der Gelegenheit sehnte, ihm zu beweisen, wie hoch ich seine Freundschaft anschlug und wie fest ich auf ihn baute und an ihn glaubte.« »Still, still«, sagte Tom und legte seiner Schwester zärtlich die Hand auf den Mund, als er sah, daß sie sprechen wollte. »Es ist ein Mißverständnis; man hat ihn hintergangen; laß es gut sein; schließlich wird doch die Wahrheit an den Tag kommen.« »Gesegnet sei die Stunde, die mich eines andern belehren wird«, rief Martin, »wenn sie je kommen sollte.« »Amen!« sagte Tom, »sie wird kommen.« Martin schwieg eine Weile und fuhr dann traurig fort: »Sie haben Ihre Wahl getroffen, Tom, und wenn wir uns jetzt für immer trennen, wird dies eine Erleichterung für Sie sein. Wir scheiden nicht in Groll – wenigstens von meiner Seite nicht.« »Von meiner gewiß auch nicht«, sagte Tom. »Sie haben es so gewollt, und es ist so gekommen. Wie gesagt, Sie haben Ihre Wahl getroffen, so wie es sich von den meisten Menschen in Ihrer Lage erwarten ließ, wenn auch nicht von Ihnen. Vielleicht sollte ich eher meiner Unbesonnenheit als Ihnen die Schuld beimessen. Auf der einen Seite winkte Ihnen Reichtum und Gunst, und auf der andern lag die an und für sich wertlose Freundschaft eines verlassenen, hilflosen Menschen. Die Wahl stand Ihnen frei, und Sie haben gewählt. Es ist eben gekommen, wie es vorauszusehen war. Allerdings sollte auch jemand, der den Mut nicht besitzt, solchen Versuchungen zu widerstehen, immerhin die Kraft haben, zuzugeben, daß er unterlegen ist. Und nur daraus mache ich Ihnen einen Vorwurf. Sie haben mich anscheinend herzlich empfangen, mich zu freier, offener Rede ermutigt und mich verlockt, Ihnen zu vertrauen, während Sie sich bereits an andre verkauft hatten. – Ich habe nicht geglaubt«, fuhr Martin erregt fort – »und ich sage es auch jetzt nochmals aus tiefstem Herzen heraus; ich kann es nicht glauben, Tom, wenn ich Ihnen in die Augen sehe, daß Sie aus eigenem Antrieb planten, mir Schaden zuzufügen, selbst wenn ich nicht durch Zufall entdeckt hätte, in wessen Diensten Sie stehen. Aber freilich, ich wäre Ihnen zur Last gefallen; ich hätte Sie in ein noch schieferes Licht gebracht und Sie würden sich die Gunst verscherzt haben, für die Sie einen so hohen Preis bezahlt haben, indem Sie auf Ihren früheren Charakter verzichteten. Aber dennoch ist es das beste für uns beide, daß ich endlich entdeckt habe, was Sie sich geheimzuhalten so sehr bemühten.« »Seien Sie gerecht«, sagte Tom, der Martin während dessen ganzer Rede ununterbrochen mild ins Auge geblickt hatte, »seien Sie gerecht auch in Ihrer Ungerechtigkeit, Martin. Sie vergessen, daß Sie mir noch immer nicht gesagt haben, wessen Sie mich bezichtigen.« »Wozu auch«, wehrte Martin ab und schritt zur Türe, »mehr Erkenntnis könnte Ihnen daraus nicht erwachsen. Nein, Tom, was vorbei ist, soll vorbei sein. – Ich kann in diesem Augenblick von Ihnen Abschied nehmen – hier, wo Sie mich einst so freundlich und gütig aufgenommen haben – und tue es so herzlich wie jemals früher, als wir uns kennenlernten. Möge es Ihnen auch weiterhin wohl ergehen, Tom, ich –« »Und mit diesen Worten wollen Sie mich verlassen? So können Sie mich verlassen? Wirklich?« unterbrach ihn Tom. »Ich – Sie – Sie haben selbst gewählt, Tom! – Ich – war – hem – wohl etwas unüberlegt –« stotterte Martin, »ja gewiß, unüberlegt – – leben Sie wohl.« Und er ging. Tom führte Ruth stumm nach ihrem Stuhl und setzte sich auf seinen Platz. Dann nahm er sein Buch wieder vor und las oder schien vielmehr zu lesen. Als er das erste Blatt umwandte, sagte er laut vor sich hin: »Es wird die Stunde kommen, wo es ihm sehr, sehr leid tun wird.« Dabei stahl sich eine Träne über seine Wangen und fiel auf das Blatt. Ruth sprang auf, kniete neben ihm nieder und schlang ihre Arme um seinen Hals. »Nein, Tom, nicht so! Bitte, bitte, lieber Tom, sei nicht so trostlos!« »Ich bin – ganz und gar nicht trostlos«, sagte Tom leise, »es wird sich ja alles noch aufklären.« »Und das ist der Dank!« rief Ruth. »Nein, nein«, wehrte ihr Tom, »er glaubt es wirklich. Ich kann mir nicht vorstellen, warum, aber er glaubt es. Es wird und muß sich ja alles aufklären.« Ruth schmiegte sich noch dichter an ihn und schluchzte, schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. »Still, still, beruhige dich, liebes Kind«, tröstete sie Tom. »Warum verbirgst du dein Gesicht, mein Kind?« Ruth ließ jetzt unverhohlen ihren Tränen freien Lauf. »Ach, Tom, mein geliebter Tom, ich weiß doch, was dir so sehr das Herz bedrückt! Ich habe es entdeckt – du konntest die Wahrheit vor mir nicht verbergen. – Ach, warum hast du mir nicht alles gesagt? Ich hätte dir doch Trost zusprechen können! – Ich weiß, du liebst sie, Tom – liebst sie innig.« Tom machte eine abwehrende, heftige Bewegung mit der Hand, aber sie fiel kraftlos nieder und umschloß die ihrige – eine ganze kurze Leidensgeschichte lag in dieser Gebärde – eine ergreifende Beredsamkeit in dem stummen Druck. »Und trotzdem«, schluchzte Ruth, »bist du so treu und gut gewesen, lieber Tom! Trotzdem hast du den schwersten Kampf, den es für ein menschliches Herz gibt, gekämpft! – Du bist so edel, so hochherzig und voller Selbstverleugnung gewesen, daß ich nie einen zornigen Blick von dir gesehen habe oder ein gereiztes Wort aus deinem Munde hörte. Und dennoch diese grausame Verrenkung! Ach, Tom, geliebter Tom – wie kann das alles je wieder gut werden! Glaubst du, Tom, daß es möglich ist? Wirst du ewig diesen Kummer im Herzen tragen, der du so glücklich zu sein verdienst; oder hast du noch Hoffnung?« Und noch immer verbarg sie ihr Gesicht vor ihrem Bruder, hielt seinen Hals umschlungen, weinte um ihn und ließ ihr ganzes weibliches Herz ausströmen mit ihren Tränen. Und dann setzten sie sich Seite an Seite. Ruth blickte ernst und gefaßt in sein Gesicht, und er sprach zu ihr, ruhig, gelassen und heiter, wenn auch im tiefsten Ernst: »Es freut mich, liebe Schwester, daß alles jetzt zwischen uns zur Sprache gekommen ist; nicht, weil es mir deine Liebe und Zärtlichkeit beweist – daran konnte ich doch niemals zweifeln –, sondern weil mir damit eine schwere Last vom Herzen genommen ist.« Sein Auge leuchtete, als er von ihrer Liebe sprach, und er küßte sie auf die Wange. »Meine liebe, liebe Schwester, mit welchen Gefühlen ich auch an sie denken mag –«, sie schienen beide den Namen sorgsam zu vermeiden – »so habe ich doch längst – ja, ich kann wohl sagen, von Anfang an – das Ganze kaum für mehr als für einen schönen Traum gehalten – für etwas, das sich nie verwirklichen läßt. Aber jetzt sage mir, was meintest du damit, als du fragtest, ob ich glaubte, daß alles noch gut werde?« Ruth warf ihm einen so beredten Blick zu, daß er erriet, was sie meinte. »Liebste Ruth, sie ist aus freier Wahl mit Martin verlobt, und zwar längst, ehe eines von beiden von meiner Existenz auch nur wußte. Hast du an die Möglichkeit gedacht, daß sie sich je mit mir verlobe?« »Ja«, sagte Ruth hastig. »Dadurch würde die Sache nicht gut, sondern nur schlecht werden«, antwortete Tom und fügte mit wehmütigem Lächeln hinzu: »Glaubst du denn, daß sie mich überhaupt hätte lieben können, selbst wenn sie ihn niemals vorher gesehen hätte?« »Warum nicht, lieber Bruder?« Tom schüttelte nur den Kopf und lächelte stumm. »Du hältst mich, Ruth – und es ist ganz natürlich, daß du es tust – wahrscheinlich für einen Helden, wie sie in Romanen vorkommen. Du glaubst, die poetische Gerechtigkeit erfordere, daß ich schließlich durch irgendein seltsames Wunder mit der verbunden werde, die ich liebe, aber es gibt noch eine viel höhere Gerechtigkeit als die poetische, mein Kind, und die bestimmt die Ereignisse nach andern Grundsätzen. Die Menschen, die immer nur an ihre Bücherhelden denken und aus sich selbst Bücherhelden machen möchten, halten es für so schön, unzufrieden, verdüstert und menschenfeindlich, vielleicht auch ein wenig gotteslästerlich zu sein, bloß weil ihnen nicht zufällt, was sie gerne hätten; möchtest du, daß ich auch so ein Mensch würde?« »Nein, Tom. – – Aber dennoch weiß ich«, fügte Ruth schüchtern hinzu, »daß es dir Kummer bereitet, wenn auch nicht den Kummer unbefriedigter Selbstsucht.« Tom wollte ihre Annahme widerlegen, sah aber ein, daß es vergeblich gewesen wäre, und unterließ es daher. »Liebste«, sagte er, »ich will dir deine Zärtlichkeit dadurch vergelten, daß ich dir jetzt offen die Wahrheit – die ganze Wahrheit mitteile. Gewiß nagt ein Kummer in meinem Innern, und ich habe es oft gefühlt, trotzdem ich mich stets dagegen wehrte. Denke dir, es stürbe dir ein teueres Wesen, und dann träumtest du, daß du mit dem Dahingeschiedenen im Himmel vereint seist – und es wird dir dann schmerzlich sein, wieder zum Erdenleben zu erwachen, obgleich es nicht schwerer zu ertragen ist als zur Zeit deines Einschlafen. Der Gedanke an den Traum wird dich mit Wehmut erfüllen, aber du wußtest gleich anfangs, daß es ein Traum war, und haderst deshalb nicht mit der Wirklichkeit, die dich umgibt. Sie ist stets dieselbe wie zuvor. Liebe Schwester, meine liebe, liebe Gefährtin, die mir dieses Haus so lieb und wert macht, sage, liebt sie mich darum weniger, als sie getan hätte, wenn mich jener schöne Traum niemals umgaukelt hätte, und mein alter Freund John, der doch ebensogut kalt und gleichgültig gegen mich sein könnte, ist er darum weniger herzlich gegen mich? Und ist in der Welt rings um mich her weniger Gutes deshalb? Sollen meine Worte deswegen härter, meine Blicke verbittert und mein Herz kalt werden, weil mir ein gutes und schönes Wesen begegnet ist? Nein, liebe Schwester, nein«, wiederholte er mit Festigkeit, »wenn ich all der Wege gedenke, die mir zu meinem Glücke offenstehen, so wage ich es kaum, dies nagende Etwas einen Kummer zu nennen. Welchen Namen es auch immer tragen mag, ich danke Gott, daß es mich für Liebe und Anhänglichkeit empfänglicher und nicht weniger glücklich macht. Nein, nicht weniger glücklich, Ruth!« Es war ihr unmöglich, ein Wort zu erwidern, aber sie liebte Tom von ganzem Herzen, so wie er es verdiente. »Sie wird Martin die Augen öffnen«, fuhr Tom froh und stolz fort, »und dann wird es ihm von Herzen leid tun. Ich weiß, daß sie nun und nimmer glauben wird, daß ich ihn jemals verraten haben könnte. Unser Geheimnis, Ruth, bleibt unter uns – soll mit uns leben und sterben. – Ich glaube nicht, daß ich dir jemals etwas davon gesagt haben würde«, setzte er lächelnd hinzu, »aber es freut mich, daß du selbst darauf gekommen bist.« Dann beschlossen sie einen Spaziergang zu machen, und er gab ihnen soviel Frieden, wie sie sich nur wünschen konnten. Tom erzählte Ruth alles so offenherzig, einfach und dabei so bemüht, ihre Zärtlichkeit dadurch zu erwidern, daß er ihr sein Herz ganz ausschüttete, daß sie weit über die gewohnte Stunde aufblieben und erst spät zu Bett gingen. Als sie sich endlich gute Nacht sagten, lag ein so schöner ruhiger Ausdruck in Toms Gesicht, daß Ruth ihm auf den Zehen nachschlich bis an seine Kammertür und stehen blieb, bis er sie bemerkte, und dann umarmten sie sich und gingen schlafen. Und in ihrem Nachtgebet war sein Name ihr erster und letzter Gedanke. Als Tom allein war, dachte er viel und lange darüber nach, wieso es wohl gekommen sei, daß Ruth sein Geheimnis durchschaut habe. »Vielleicht, weil ich gar zu vorsichtig war«, dachte er. »Freilich sehe ich es klar ein, daß es töricht und unnötig war, zu schweigen; aber mir ist jetzt doch so wohl ums Herz, daß sie darum weiß. Wozu hatte ich auch nötig, es so sorgsam vor ihr geheimzuhalten? Ich wußte von jeher, daß sie eine rasche Auffassungsgabe hat, aber soviel Scharfsinn hätte ich ihr doch nicht zugetraut. Und wie plötzlich sie überdies diese Entdeckung gemacht hat! Wirklich merkwürdig«, brummte er. Der Gedanke verfolgte ihn noch bis in den Schlaf. »Und wie sie zitterte, als sie allmählich damit herausrückte, sie wisse davon«, dachte er und rief sich alle die kleinen Ereignisse und Umstände des Abends wieder ins Gedächtnis zurück. »Und wie ihre Wangen glühten! Aber das war ganz natürlich. Ja ja, ganz natürlich. – Es ist weiter nichts zu erklären daran.« Aber wie natürlich es war und wie wenig es einer weiteren Erklärung bedurfte, daß erst in neuester Zeit sich in Ruths eigenem Herzen etwas festgesetzt hatte, das ihr sein Geheimnis lesen half, daran dachte er wenig – er verstand das Geflüster der Tempelfontäne nicht, trotzdem er täglich dort vorüberging. Wie fröhlich und lebhaft am nächsten Morgen die kleine Ruth war! Ihr Klopfen früh an seiner Tür und ihr leiser, flüchtiger Schritt draußen würden schon Musik für ihn gewesen sein, auch wenn sie ihm nicht gesagt hätte, es sei der schönste Morgen draußen, den man je gesehen. Und wenn es auch nicht der Fall gewesen wäre, sie würde ihn durch ihre bloße Anwesenheit für Tom dazu gemacht haben. Sie war mit seinem Frühstück bereits fertig, als er hinunterkam, hatte ihren Hut zum Morgenspaziergang bereit gelegt und wußte so viele Neuigkeiten, daß sich Tom halb tot wunderte. Schien es ihm doch, als wäre sie die ganze Nacht aufgewesen und hätte sie gesammelt, nur um ihn in der Frühe damit unterhalten zu können. – Mr. Nadgett sei immer noch nicht nach Hause gekommen, erzählte sie, und dann sei unten ein Laib Brot für einen Penny zu haben, der Tee sei zweimal so stark wie sonst, der Mann der Milchfrau sei glücklich kuriert aus dem Spital heimgekommen und das krausköpfige Kind gegenüber habe sich verirrt und wäre gestern den ganzen Tag nicht zu finden gewesen. Dann wieder plauderte sie davon, sie wolle alle möglichen Kompotte einkochen und sei so glücklich, daß sie zufällig gerade die richtige Pfanne dafür im Hause habe – und was in Toms letztem Buche stand, das sie nach Hause gebracht, wußte sie ebenfalls, trotzdem es, wie sie sagte, eine Qual wäre, es zu lesen –, kurz, sie habe ihm so viel zu berichten, daß sie deshalb ihr Frühstück schon vorher eingenommen habe. Dann setzte sie ihren Hut auf, Tee und Zucker wurden eingeschlossen, die Schlüssel kamen in den Strickbeutel, wie gewöhnlich mußte eine Blume Toms Knopfloch zieren, kurz, sie waren früher fertig, als Tom nur irgend erwarten konnte. Er wurde förmlich geschwätzig durch sie – es war unmöglich, ihr zu widerstehen, so viele Fragen stellte sie über Bücher, über Kirchen und Orgeln, über den Tempel und alles mögliche: mit einem Wort, sie erhellte den ganzen Weg und auch sein Herz mit so viel Glück, daß der Tempel ihm ganz öde und leer vorkam, als er sich am Tore von ihr trennte. »Vermutlich kommt Mr. Fips' Freund auch heute wieder einmal nicht«, sagte er sich, als er die Treppe emporklomm. Jedenfalls war er noch nicht dagewesen, denn die Türe war wie gewöhnlich verschlossen, und er mußte sie mit seinem Schlüssel öffnen. Er hatte jetzt die Bücher vollständig in Ordnung gebracht, die eingerissenen Blätter geklebt, wo es nötig war, neue Rücken aufgepappt und die vermischten Titel durch neue selbstgeschriebene ersetzt. Es sah jetzt alles so reinlich und ordentlich aus, daß man den Ort gar nicht mehr wiedererkannte. Tom war beinahe stolz, wenn er die Wirkung seines Fleißes betrachtete, ob auch niemand da war, der seine Arbeit gelobt oder getadelt hätte. Er war eben damit beschäftigt, sein Katalog-Konzept ins reine zu schreiben, und verwendete darauf, da die Sache keine Eile hatte, dieselbe Sorgfalt, die er auch früher schon in Mr. Pecksniffs Atelier auf Pläne und Risse zu verwenden gewohnt war. Es wurde ein wahres Wunder von einem Kataloge, denn Tom fürchtete bisweilen, er verdiene sein Geld viel zu leicht, und hatte sich daher vorgenommen, sein Allerbestes an dieses Dokument zu wenden. So arbeitete er mit Lineal und Feder, mit Zirkel und Radiergummi und Bleistift, mit roter und schwarzer Tinte den ganzen Morgen drauflos. Er mußte dabei sehr viel an Martin und seine gestrige Zusammenkunft mit ihm denken und kam zur Ansicht, daß es ihm leichter ums Herz werden würde, wenn er sich entschließen könnte, seinem Freunde John die ganze Sache anzuvertrauen. Aber dabei drängte sich ihm der Gedanke auf, John werde in seiner Gutherzigkeit sofort aufbrausen und Martin vielleicht aus Zorn seinem Schutz entziehen. Und wenn das geschah, mußte Martin ein ernstlicher Nachteil daraus erwachsen. »Da will ich's doch lieber für mich behalten«, sagte sich Tom und seufzte. Und wieder fing er an, mit Lineal und Feder, mit Radiergummi und Bleistift, mit roter und schwarzer Tinte darauflos zu arbeiten, um seinen Kummer zu vergessen. Er hatte ungefähr zwei Stunden geschrieben, als er unten im Torweg einen Schritt hörte. »Ach«, sagte er mit einem Blick auf die Türe, »es ist noch nicht lange her, wo mich ein solcher Ton mit größter Neugierde und Erwartung erfüllt haben würde, aber jetzt hab ich's nachgerade schon aufgegeben.« Doch die Fußtritte kamen immer näher – die Treppe herauf. »Sechsunddreißig, siebenunddreißig, achtunddreißig!« zählte Mr. Pinch. »Jetzt wird er stehenbleiben. Über die achtunddreißigste Stufe ist noch niemand heraufgekommen.« Allerdings blieb der Mann, oder wer es sonst war, stehen, aber offenbar, nur um Atem zu schöpfen, denn dann kam der Schritt wieder höher herauf: vierzig, einundvierzig, zweiundvierzig – – Die Türe stand offen. Wie die Schritte näher kamen, blickte Tom gespannt und mit klopfendem Herzen hin. Eine Gestalt kam auf den Treppenabsatz herauf, trat über die Schwelle, blieb stehen und blickte ihn an. Tom erhob sich langsam von seinem Stuhl und glaubte beinahe, einen Geist vor sich zu sehen. Der alte Martin Chuzzlewit stand da, derselbe alte Herr, den er schwach und gebrechlich bei Pecksniff verlassen hatte. Derselbe? Nein, nicht derselbe. Dieser alte Mann hier war alt, aber kräftig, lehnte sich rüstig auf seinen Stock und gab mit der andern Hand Tom ein Zeichen, keinen Lärm zu machen. Ein Blick auf das entschlossene Gesicht, das scharfe Auge, die starke Hand auf der Stockkrücke, die ganze fast triumphierende Haltung des Mannes – und plötzlich ging Tom ein Licht auf, das ihn fast blendete. »Sie haben mich wohl schon lange erwartet?« begann der alte Herr. »Man hat mir gesagt, mein Prinzipal würde bald kommen« stotterte Tom, »aber –« »Ist mir bekannt. Sie wußten aber nicht, wer Ihr Chef ist. Ich wollte es ausdrücklich so haben und freue mich, daß meinen Wünschen entsprochen wurde. Ich hoffte schon früher mit Ihnen zusammenzutreffen und glaubte, die Stunde habe schon geschlagen. Ich dachte nicht mehr und nichts Schlimmeres von – ihm – zu hören zu bekommen als damals, wo er Sie in meiner Gegenwart entließ, doch ich hatte mich geirrt.« Mr. Chuzzlewit war indessen zu Tom herangetreten und faßte jetzt seine Hand. »Ich habe in seinem Hause gelebt, Pinch, und habe ihn tage-, wochen- und monatelang vor mir kriechen sehen. Sie wissen das. Ich habe mich von ihm, ohne mir etwas anmerken zu lassen, wie ein Werkzeug gebrauchen lassen. – Sie haben es gesehen. Ich habe zehntausendmal mehr gelitten und durchgemacht, als ich ausgehalten haben würde, wenn ich wirklich der elende schwache Greis gewesen wäre, für den er mich hielt. Sie wissen es. Ich habe gesehen, wie er Mary seine Liebe aufdrängen wollte. Sie wissen es, und wer könnte es besser wissen als Sie treuer braver Mensch!? Tag für Tag hatte ich die ganze Niedertracht seiner Denkungsart klar vor Augen, ohne daß ich mich nur ein einziges Mal verraten hätte. Niemals hätte ich diese Pein aushalten können, wäre es mir nicht um die Zukunft – um den jetzigen Augenblick zu tun gewesen.« Er hielt inne, trotz der Leidenschaftlichkeit seiner Sprache – wenn so etwas Festes und Entschiedenes überhaupt Leidenschaft genannt werden kann –, um Tom abermals die Hand zu drücken. Dann fuhr er in großer Erregung fort: »Schließen Sie die Türe! Schließen Sie die Türe! Geschwind! Er ist hinter mir her und könnte zu früh kommen. Die Zeit rückt jetzt heran«, fügte er hastig hinzu. Seine Augen und sein ganzes Gesicht leuchteten dabei – »die Stunde, die alles wiedergutmachen wird. Aber ich möchte nicht um Millionen, daß ihn der Schlag träfe oder er sich erhängte. Schließen Sie die Türe!« Tom gehorchte, wußte aber kaum, ob er schlafe oder wache. 51. Kapitel Wirft ein grelles Streiflicht auf so manches, das bisher dunkel geblieben, und enthüllt die Folgen des Unternehmens von Mr. Jonas und seinem Associé Der Abend war gekommen, wo der alte Buchhalter seinen Pflegerinnen überantwortet werden sollte. Mr. Jonas hatte es nicht vergessen. – Es lag in seinem Schuldbewußtsein, daran denken zu müssen. Sein Werk konsequent durchzuführen, bildete die Hauptvorsichtsmaßregel für seine Sicherheit. Ein Wink – ein Wort des alten Mannes konnte, wenn es in einem kritischen Augenblick ein aufmerksames Ohr erreichte, den Pulverfaden des Verdachtes entzünden und alles in die Luft sprengen. Jonas' Achtsamkeit auf jede Möglichkeit, die zur Entdeckung des Verbrechens führen konnte, wurde noch durch das Bewußtsein der Gefahr, von der er sich umgeben wußte, aufs äußerste geschärft. Den Mord auf der Seele und von zahlreichen Schrecken und Ängsten Tag und Nacht verfolgt, würde er trotzdem das Verbrechen abermals begangen haben, wenn es ihm endgültige Sicherheit verbürgt hätte. Das war die Strafe – der Fluch der Missetat, daß er beständig unter unerträglicher Furcht litt. Jedoch die Tat, die ihm so entsetzliche Angst verursachte, würde er gerade aus Angst abermals begangen haben. Vorläufig hieß es, den alten Mann von der Außenwelt abzusperren und dann, wenn sich günstige Gelegenheit bot, England ein für allemal den Rücken zu kehren. Daß er seine Flucht so lange hinausschob, lag lediglich darin, daß er fürchtete, Verdacht zu erwecken, wenn er es sogleich versuchte. Vorläufig würden die beiden Krankenwärterinnen schon mit Chuffey fertig werden, das wußte er. Er kannte sie nur zu gut und wußte, wie sie ihre Pflichten durchzuführen pflegten. Es war keine leere Drohung gewesen, als er gesagt hatte, er wolle den alten Mann stumm machen; er hatte sich vorgenommen, sich seines Schweigens zu versichern, und behielt nur dies eine Ziel im Auge; die Mittel waren ihm gleichgültig. Sein ganzes Leben über hatte er sich roh und grausam gegen den alten Mann benommen, und Gewalttätigkeit ihm gegenüber war ihm nichts Neues. »Man muß ihn knebeln, wenn er den Mund aufmacht, und ihn binden, wenn er schreiben will«, brummte er mit einem tückischen Blick auf den Alten, der in seinem Winkel saß. »Mit Verrückten springt man eben nicht anders um. Man muß die Sache gründlich machen.« Still! Schon wieder lauschte er – horchte auf jedes Geräusch. Er hatte immerwährend gehorcht, seit er die Tat begangen, aber auch diesmal war es nichts. Der Zusammenbruch der Versicherungsanstalt, die Flucht Crimples und Bullamys, die sich mit ihrem Raube und darunter auch, wie er fürchtete, mit seinem eigenen Wechsel aus dem Staube gemacht hatten – weder Wechsel noch Geld hatte er in Mr. Montagues Taschenbuch gefunden –, seine ungeheuern Verluste und die stete Gefahr, noch immer als Teilhaber der bankerotten Firma zu weiteren Schuldenzahlungen herangezogen zu werden, alles das beschäftigte ununterbrochen seinen Geist, fiel ihm immer und immer wieder ein, ohne daß er imstande gewesen wäre, sich ruhig und kalt alles zu überlegen. Er wußte, was ihm drohte, aber wie sehr ihn auch Wut, Enttäuschung und Verzweiflung immer wieder überfielen, stets tauchte die eine Frage vor ihm auf: »Was, wenn man die Leiche im Walde finden wird?« Unablässig versuchte er die gräßlichen Bilder zu verscheuchen, die ihm seine Phantasie in schrecklichen Farben vormalte, aber immer und immer wieder schlich er in Gedanken leise in dem Gehölz hin und her, immer näher und näher, spähte durch eine Öffnung in den Zweigen und verscheuchte durch seine Nähe die Fliegen, die wie Haufen getrockneter Weinbeeren den ganzen Leichnam bedeckten. Fieberhaft gespannt lauschte er auf die Kunde, die er aus jedem Lärm oder lauterem Geräusch herauszuhorchen glaubte, bewachte vom Fenster aus die Leute, wie sie in der Straße auf und ab gingen, mißtraute sogar seinen eigenen Wahrnehmungen und Gedanken. Und je mehr er bei der Möglichkeit einer Entdeckung verweilte, desto stärker war der Bann, der ihn an das grauenhafte Ding fesselte, das dort unten einsam im Walde verweste. Es war ihm, als müsse er es jedem Menschen zeigen, der seinen Blicken begegnete: Schau her! Kennst du das? Weißt du davon? Hat man es gefunden? Hat man mich im Verdacht? Wäre er dazu verdammt gewesen, die Leiche in seinen Armen zu tragen und jedem; dem er auf der Straße begegnete, zu enthüllen und zu fragen: »Kennst du ihn?«, so hätten seine Gedanken nicht fester daran gebannt sein können. Aber trotz alledem empfand er keine Reue und keine Gewissensbisse über das, was er getan, denn seine Unruhe drehte sich lediglich um seine eigene Sicherheit. Das dunkle Gefühl, daß er gerade durch den Mord seine ganze Existenz vernichtet habe, verschärfte nur seinen Haß und seine Wut und seinen Ingrimm und ließ ihn das, was er dadurch gewonnen, viel höher anschlagen, als es wirklich war. Der Mann war tot; das konnte niemand auf der Welt mehr ungeschehen machen – schon der Gedanke daran erfüllte ihn mit wildem Triumph. Seit der Mordtat hatte er Chuffey argwöhnisch bewacht, und wenn er ihn allein lassen mußte, so geschah es nur auf möglichst kurze Zeit. Jetzt waren sie allein im Zimmer. Es dämmerte bereits, und der Augenblick, wo Mrs. Gamp erscheinen sollte, rückte immer näher. Jonas ging in der Stube auf und ab, und der alte Mann saß wie gewöhnlich in seinem Winkel. Auch das Geringfügigste wurde zu einem Grund der Unruhe für Jonas, und jetzt war er wieder in Sorge, daß seine Frau abwesend war. Zeitig am Nachmittag war sie von zu Hause fortgegangen und noch immer nicht zurückgekommen. Es war wahrhaftig nicht Zärtlichkeit für sie, was er empfand, aber er fürchtete, man könne ihr aufgelauert und sie verleitet haben, etwas auszusagen, das den Verdacht auf ihn lenken konnte, wenn einmal herauskam, daß Mr. Montague ermordet worden war. Bestimmt wußte er ja immer noch nicht, ob sie nicht während seiner Abwesenheit an die Türe der geheimnisvollen Kammer unten geklopft und seine Abwesenheit entdeckt hatte. »Hol sie der Teufel«, fluchte er, »es sähe ihr ganz ähnlich, der blassen Fratze, im Hause hin und her zu schleichen und zu spionieren. – Wo sie nur wieder stecken mag?« »Sie ist zu Mrs. Todgers, ihrer Freundin, gegangen«, antwortete der alte Mann, da er die Frage gehört hatte. Na also, da hatte man's. Immer mußte sie sich zu dem Frauenzimmer hinstehlen, das, wo es ging, Partei gegen ihn ergriff. Konnte man wissen, was sie wieder für Teufeleien zusammen ausheckten? Sofort sollte man sie holen gehen. Der alte Mann erhob sich murmelnd, als wolle er es selber besorgen, aber Jonas stieß ihn mit einer Verwünschung ungeduldig in seinen Stuhl zurück und schickte ein Dienstmädchen nach ihr. Dann ging er wieder ruhelos auf und ab, bis die Botin zurückkam, was nicht lange dauerte. »Nun, wo steckt sie? Kommt sie endlich?« Nein. Sie sei schon vor drei Stunden von Mrs. Todgers fortgegangen, hieß es. »Fortgegangen? Allein?« Danach hatte das Mädchen nicht gefragt. »Hol dich der Teufel, du dumme Gans. – Bring Licht.« Kaum hatte das Dienstmädchen das Zimmer verlassen, als der alte Mann, der seit der Frage nach Mrs. Chuzzlewit mit gespanntester Aufmerksamkeit dagesessen hatte, plötzlich auf Jonas zustürzte. »Geben Sie sie heraus!« ächzte er erregt. »Ohne Widerrede, geben Sie sie heraus! Sagen Sie, was Sie mit ihr angefangen haben! Heraus mit der Sprache. In diesem Punkte bin ich nicht verpflichtet, zu schweigen. Gestehen Sie, was Sie mit ihr angefangen haben.« Dabei faßte er Jonas am Kragen, und zwar mit mehr Kraft, als man es von ihm hätte erwarten dürfen. »Sie sollen mir nicht von der Stelle«, keuchte er. »Ich bin noch immer stark genug, um nach den Nachbarn zu rufen, und ich werde es tun, wenn Sie sie nicht auf der Stelle herausgeben. Also, keine Ausflüchte!« Jonas war so entsetzt und fühlte sich immerwährend so von Furien gepeitscht, daß er jetzt nicht einmal die Kraft fand, sich von dem Griff des alten Mannes zu befreien, sondern stehen blieb und in Chuffeys Gesicht mit aufgerissenen Augen zu lesen trachtete, so gut es die Dunkelheit erlaubte. Nur mit Mühe brachte er endlich die Frage heraus, was das alles bedeuten solle. »Ich will wissen, was Sie mit ihr angefangen haben«, keuchte Chuffey. »Wenn Sie ihr nur ein Haar krümmen, so sollen Sie mir Rechenschaft geben. Das arme, arme Ding, wo ist sie?« »Sie – Sie alter Tollhäusler«, ächzte Jonas mit versagender Stimme und bebenden Lippen. »Sind Sie ganz wahnsinnig geworden?« »Jeder müßte wahnsinnig werden, wenn er gesehen hätte, was ich in diesem Hause gesehen habe«, rief Chuffey. »Wo ist mein lieber alter Herr?! Wo ist sein einziger Sohn, den ich als Kind auf meinen Knien gewiegt habe!? Wo ist sie – sie, die letzte? Tag für Tag hat sie sich abgegrämt, und die ganzen Nächte habe ich sie weinen hören. – Sie war die letzte, die allerletzte unter meinen Freunden. Gott steh mir bei – sie war die letzte.« Da Jonas bemerkte, daß dem alten Mann die Tränen über die Wangen liefen, brachte er soviel Mut auf, daß er sich von seinem Griff befreien und ihn zurückstoßen konnte. »Haben Sie denn nicht gehört, wie ich nach ihr gefragt habe?« schrie er. »Sie waren doch Zeuge, als ich nach ihr schickte. Wie kann ich sie herausgeben, wo ich sie doch gar nicht eingesperrt habe, Sie Dummkopf! Donnerwetter nochmal, ich gäbe sie Ihnen wahrhaftig gerne, wenn ich nur könnte. Ihr würdet ein prächtiges Paar abgeben.« »Wenn ihr ein Leides geschehen ist«, hauchte Chuffey, »so hüten Sie sich. Ich bin nur ein alter Mann, dem bereits die Sinne versagen. Aber zuweilen habe ich noch mein Gedächtnis, und wenn ihr das Geringste zuleide geschieht –« »Hol Sie der Teufel«, knirschte Jonas; »was für ein Leid soll ihr denn geschehen sein? Ich weiß soviel davon, wo sie steckt, wie Sie. Ich wollte, ich wüßte es. Warten Sie, bis sie nach Hause kommt, und überzeugen Sie sich selbst. Lange kann sie ja nicht mehr ausbleiben. – So, sind Sie jetzt zufrieden?« »Hüten Sie sich«, rief der alte Mann wild, »nicht ein Haar darf ihr gekrümmt werden. Ich – ich werde es nicht dulden. Ich – ich – habe es schon zu lange getragen. Ich bin stumm, aber ich – ich – kann sprechen, wenn ich will«, stotterte er, kroch zu seinem Stuhl zurück und warf Jonas einen erlöschenden, aber noch immer drohenden Blick zu. »So, du kannst sprechen, – so, so!« dachte Jonas. »Schon gut, wir werden dir schon das Maul stopfen. Gut, daß ich das beizeiten höre.« Trotzdem er nach Kräften versuchte, den Eisenfresser herauszukehren, zitterte er doch so vor Furcht vor dem alten Mann, daß ihm die Schweißtropfen auf der Stirne standen. Schon der heisere Ton seiner Stimme und seine hastigen Bewegungen hätten seine Furcht zur Genüge verraten, aber jetzt, wo er beim Kerzenschein im Zimmer auf und nieder raste, stand sie deutlich auf seinem Gesicht geschrieben. Er blieb am Fenster stehen und grübelte nach. In einem Laden gegenüber brannte ein Licht, und der Krämer las gemeinschaftlich mit einem Kunden ein Zeitungsblatt, das auf dem Tische lag. Das Bild erinnerte ihn sofort wieder an die furchtbare stumme Frage, die beständig sein Inneres zerriß: »Schau her, kennst du das? Hat man ihn gefunden? Hat man mich im Verdacht?« Eine Hand legte sich draußen an die Türklinke – »Wer ist da?« »An schön guten Abend!« rief Mrs. Gamp. »A wunderschöner Abend heut, wenn's auch a bisserl warm is. Aber, o mein, dös is immer so in der Zeit, wo die Gurken billig sin. Na, wie geht's denn Ihnen, lieber Mr. Chuffey, heunt abend?« Mrs. Gamp hielt sich bei diesen Worten immer noch dicht an der Türe und knickste noch öfter als gewöhnlich. Sie schien überhaupt bei weitem nicht so unbefangen zu sein wie sonst. »Schaffen Sie ihn auf sein Zimmer«, raunte ihr Jonas ins Ohr. »Er hat diesen Abend wieder einen Anfall gehabt – war einfach tobsüchtig. Sprechen Sie nicht, solange er hier unten ist, und kommen Sie bald wieder herunter.« »Der gute, arme Mensch«, rief Mrs. Gamp mit ungewohnter Zärtlichkeit, »er zittert ja an allen Gliedern.« »Ich hab Ihnen doch gesagt, er hat einen Anfall gehabt«, brummte Jonas. »Bringen Sie ihn jetzt hinauf.« Mrs. Gamp half Chuffey aufstehen. »Na ja, segn S', es geht schon«, rief sie mit einem Ton, der zugleich besänftigend und aufmunternd sein sollte; »Na so segn S', lieber alter Herr, und jetzt kommen S' in Ihr Zimmer nauf und legen S' Ihna a bisserl auf Ihr Bett. Sie zittern ja am ganzen Körper, als ob Ihna die Kleider mit Spagat zsammbunden wären. Na, so was! Gehen S', kommen S' jetzt mit mir, lieber alter Herr!« »Ist sie nach Hause gekommen?« stammelte der alte Mann. »Sie muß jeden Augenblick eintreffen«, antwortete Mrs. Gamp. »Kommen S' jetzt nur mit mir, lieber Herr, kommen S' jetzt nur mit mir.« Natürlich wußte Mrs. Gamp gar nicht, nach wem Mr. Chuffey gefragt hatte, und antwortete nur so aufs Geratewohl, um ihn zu beruhigen. Sie erreichte ihren Zweck damit, denn Chuffey ließ sich willenlos von ihr fortführen und ging willenlos mit ihr hinauf. Wieder blickte Jonas zum Fenster hinaus. Drüben im Laden lasen sie noch immer die Zeitung, und ein Dritter war hinzugekommen. Was mochte es wohl sein, das sie so interessierte? Es mußte sich eine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen erhoben haben, denn plötzlich sahen alle drei von ihrer Lektüre auf, und einer von ihnen, der über die Schultern der andern hinweg mitgelesen hatte, trat jetzt zurück, um irgendeine Handlung durch Gebärden deutlicher zu erklären. Entsetzlich! – Die Gebärde des Mannes war die eines Menschen, der auf einen andern losschlägt; der Schlag glich dem Schlag, den Jonas im Walde auf sein Opfer geführt, aufs Haar. Es warf ihn vom Fenster zurück, als hätte der Schlag ihm gegolten. Wie er zu seinem Stuhl zurückwankte, wurde er sich plötzlich klar, wie ganz anders Mrs. Gamp war als sonst, und daß sie so ohne Grund so seltsam zärtlich gegen den alten Buchhalter getan hatte. Hing das auch irgendwie damit zusammen, daß die Sache entdeckt war? Wußte sie davon? Beargwöhnte sie ihn? »Mr. Chuffey hat sich niederglegt«, berichtete Mrs. Gamp und trat wieder ins Zimmer. »Schaden kann's ihm ja nix, Mr. Chuzzlewit; es kann ihm nur guttun.« »Setzen Sie sich«, unterbrach sie Jonas mit heiserer Stimme. »Reden wir von Geschäften. – Wo ist die andere Wärterin?« »Sie is jetzt bei ihm.« »Das ist gut«, brummte Jonas, »Sie dürfen ihn nie allein lassen. Denken Sie sich nur, er hat mich heute abend angepackt – hier am Rockkragen –, angefallen wie ein toller Hund! So altersschwach er auch sonst ist, hatte ich doch große Mühe, ihn abzuschütteln. Sie – still, still, – aber nein, es ist ja nichts – Sie haben mir den Namen der andern Wärterin genannt, aber ich habe ihn vergessen.« »I hab früher von Betsey Prig gsprochen«, antwortete Mrs. Gamp. »Ist sie verläßlich?« »Nein, sie is net verläßlich. I hab sie auch gar net erst mitbracht, Mr. Chuzzlewit, sondern a andre, auf die Sie Ihna verlassen können.« »Wie heißt sie?« Mrs. Gamp blickte verlegen in die leere Luft. »Wie sie heißt, will ich wissen«, wiederholte Jonas. »Ihr Name«, antwortete Mrs. Gamp zögernd, »is – is – is Harris.« Es war merkwürdig, wieviel Anstrengung es Mrs. Gamp kostete, diesen Namen auszusprechen, der ihr doch sonst so geläufig war. Sie setzte zwei- oder dreimal an, ehe sie ihn herausbrachte, und als es ihr endlich gelungen war, legte sie die Hand aufs Herz und schlug die Augen auf, als wäre sie im Begriff, ohnmächtig zu werden. Jonas wußte, daß sie an einer gewissen chronischen Krankheit laborierte, die nur mit ein paar Tropfen Branntwein zu vertreiben war, und daß es ihr sehr übel werden konnte, wenn diese Medizin nicht bei der Hand war – er glaubte daher, sie sei momentan wieder einmal bloß das Opfer eines dieser Anfälle. »Gut, gut«, sagte er hastig, denn er fühlte, wie unfähig er war, seine unstete Aufmerksamkeit lange auf dieses nebensächliche Thema zu richten. »Ihr werdet ihn also beide pflegen, was?« Mrs. Gamp bejahte und entledigte sich ihrer gewohnten Phrase – »ja, ja, so abwechselnd. Die eine kommt halt, wenn die andre geht.« Sie brachte die Worte so stockend und zitternd hervor, daß sie es für nötig fand, entschuldigend hinzuzusetzen: »Na, was mir heut wieder meine Nerven für Stückeln spielen.« Jonas schwieg und horchte, – dann sagte er hastig: »Wegen der Bedingungen werden wir schon einig werden. Wir halten's damit wie früher. Geben Sie ordentlich acht auf ihn. Er muß streng bewacht werden. Heute abend hat er sich wieder eingebildet, meine Frau wäre tot, und hat mich angefallen, als ob ich sie ermordet hätte. Es ist so 'ne Gewohnheit bei allen Wahnsinnigen, daß ihre fixen Ideen gerade immer diejenigen betreffen, die sie am liebsten haben, was?« Mrs. Gamp pflichtete mit einem kurzen Stöhnen bei. »Geben Sie also genau auf ihn acht und trauen Sie ihm ja nicht. Gerade, wenn er am vernünftigsten scheint, schwatzt er das tollste Zeug zusammen. Aber Sie kennen das ja. – So, und jetzt möchte ich einmal die andere Wärterin sehen.« »Die andere Wärterin?« wiederholte Mrs. Gamp. »Ja. – Gehen Sie hinauf zu ihm und schicken Sie mir die andere herunter. Aber schnell, schnell – ich habe keine Zeit.« Mrs. Gamp machte ein paar Schritte nach rückwärts zur Türe zu und blieb dort unschlüssig stehen. »Sie wünschen also wirklich, Mr. Chuzzlewit«, krächzte sie mit bebender und versagender Stimme, »Sie möchten also wirklich die – andere sehen, nicht wahr?« Das Entsetzen, das sich plötzlich in Jonas' Mienen ausdrückte, verriet, daß er die »andere Person« bereits erblickt hatte. Ehe sich Mrs. Gamp noch umwenden konnte, wurde sie beiseite geschoben, und der alte Mr. Martin Chuzzlewit, Mr. Chuffey und John Westlock traten ein. »Daß mir niemand das Haus verläßt«, befahl der alte Herr. »Dieser Mensch hier ist der Sohn meines Bruders, ein mißratenes Geschöpf Zoll für Zoll. Wenn er sich von der Stelle rührt oder sich auch nur untersteht, ein lautes Wort zu sprechen, so öffnen Sie das Fenster und rufen Sie um Hilfe.« »Was haben Sie für ein Recht, in diesem Hause Befehle zu erteilen«, fragte Jonas mit tonloser Stimme. »Das Recht, das mir Ihre Verbrechen geben – so, jetzt treten Sie ein, Sie da draußen!« Ein unwillkürlicher Ausruf des Schreckens entfuhr Jonas, als Lewsome über die Schwelle trat. Es war kein Stöhnen und kein Schrei, vielmehr ein Laut, wie ihn noch keiner der Anwesenden jemals gehört hatte. Gleichzeitig der schärfste und furchtbarste Ausdruck eines schuldbeladenen Gewissens. Darum also hatte er einen Mord begangen?! Darum sich mit Todesangst und zahllosen Qualen abgemartert?! Er hatte sein Geheimnis im Walde begraben, niedergetreten und niedergestampft in die blutbesudelte Erde, und hier tauchte es auf, wo er es am wenigsten erwartet hatte, wo er es meilenweit entfernt geglaubt, verkündet von Lippen eines alten Mannes, der wie durch ein Wunder seine Kraft wiedergewonnen zu haben schien, um Zeugnis gegen ihn abzulegen! Er stützte sich auf die Stuhllehne und starrte seinen Onkel an. Vergeblich versuchte er einen Blick des Hohnes oder seine gewöhnliche Frechheit aufzubringen, nur der Stuhl stützte ihn, sonst wäre er zusammengebrochen. »Ich kenne diesen Kerl«, sagte er und schnappte dabei bei jedem Wort nach Luft und deutete mit zitterndem Finger auf Lewsome. »Er ist der größte Lügner auf Gottes Erdboden. Was mag er sich jetzt wieder einmal ersonnen haben? – Haha! – Und ihr seid mir auch so die Richtigen. Mein Onkel da ist womöglich noch kindischer als sein Bruder, mein Vater, gewesen war, und noch blödsinniger als dieser Chuffey hier. – – – Was zum Teufel soll denn das alles heißen?« setzte er mit einem wilden Blick auf John Westlock und Mark Tapley hinzu, der zugleich mit Lewsome eingetreten war. »Was kommt ihr mir daher mit zwei Wahnsinnigen und einem Halunken und fallt über mich her wie die Strauchdiebe! Heda! Dort ist die Türe! Hinaus mit euch!« »Ich will dir mal was sagen, du Kerl«, rief Mr. Tapley und trat vor, »wenn's nicht um deines Namens willen wäre, so würde ich dich durch alle Straßen schleifen – ich allein, das sag ich dir. – So, und jetzt lassen Sie mal Ihre dummen Prahlereien beiseite, Sie zittern ja doch dabei wie Espenlaub – so, und jetzt fahren Sie fort, Sir«, wendete er sich an den alten Mr. Chuzzlewit, »bringen Sie diesen mörderischen Halunken auf die Knie, und wenn er Lärm haben will, so kann ich ihm damit dienen. Ich werde ein Zeter und Mordio an diesem Fenster erheben, daß halb London hereinstürzen soll. Fahren Sie fort, Sir – er soll's nur noch mal probieren, frech zu werden! Ich will ihm schon zeigen, ob ich willens bin, Wort zu halten oder nicht.« Damit kreuzte Mark Tapley die Arme über der Brust und setzte sich mit einer Miene auf das Fenstersims, als sei er bereit, Jonas auf den kleinsten Wink hin hinauszuwerfen. Der alte Herr wandte sich an Lewsome. »Ist das der Mann?« fragte er und deutete mit ausgestrecktem Finger auf Jonas. »Sie brauchen ihn nur anzusehen, um davon überzeugt zu sein, daß ich die Wahrheit gesprochen habe«, war die Antwort. »Er selbst ist mein Zeuge.« »O Bruder!« rief der alte Martin, schlug die Hände zusammen und richtete entsetzt den Blick zur Decke: »O Bruder, Bruder! Sind wir darum ein halbes Leben lang einander fremd geblieben, damit du einen solchen Elenden wie diesen da aufzogst und ich mir das Dasein zu einer Wüste machte, wo jede Blume welkte, die in meiner Nähe blühen wollte. Ist das die natürliche Frucht meiner und deiner Grundsätze, daß alle deine Lehren, dein Zusammenscharren und Sparen ein solches Scheusal hervorbringen mußten und daß ich jetzt das Werkzeug sein soll, das an ihm die Vergeltung vollzieht?« Er sank in einen Stuhl und schwieg einige Minuten, das Gesicht in den Händen vergrabend. Dann raffte er sich auf und rief: »Aber die fluchwürdige Ernte unseres verfehlten Lebens soll zerstampft werden. Noch ist es nicht zu spät dazu. Du wirst jetzt mit diesem Manne hier konfrontiert, du Scheusal, nicht, um geschont, sondern um nach Recht und Gerechtigkeit behandelt zu werden. Höre, was er spricht. Antworte, verstumme, widersprich, wiederhole, leugne, kurz, tue was du willst, ich weiß, was ich zu tun habe. Vorwärts! – Und Sie«, wandte er sich zu Chuffey, »um Ihres alten Freundes willen, reden Sie.« »Ich bin stumm gewesen aus Liebe zu ihm«, keuchte der alte Buchhalter, »er hat mich darum gebeten, und ich mußte es ihm versprechen, als er auf dem Totenbette lag. Ich hätte nie ein Wort davon verraten, wenn Sie nicht selbst schon so viel davon entdeckt hätten. Ich habe immerwährend daran denken müssen, Tag und Nacht. Es kam mir alles wie ein Traum vor, aber wie ein Traum bei Tage und nicht im Schlaf. – Gibt es solche Träume?« fragte er, plötzlich abbrechend, und blickte gespannt in das Gesicht des alten Martin. Als der alte Herr ihm eine ermutigende Antwort gab, lauschte er aufmerksam auf seine Stimme und lächelte. »Ja ja«, rief er, »so hat er oft zu mir gesprochen. Wir waren zusammen auf einer Schule. Ich und er. Ich konnte nicht auftreten gegen seinen Sohn – gegen seinen einzigen Sohn, Mr. Chuzzlewit!« »Wollte Gott, Sie wären sein Sohn gewesen«, seufzte der alte Martin. »Sie sprechen so ganz wie mein lieber alter Herr«, rief Mr. Chuffey mit Ekstase. »Fast ist mir's, als ob ich ihn hörte. Ich verstehe Sie ebensogut, wie ich ihn hörte. Es macht mich wieder jung. Nie hat er unfreundlich mit mir gesprochen, und stets habe ich ihn verstanden. Immer konnte ich ihn sehen, wenn auch mein Gesicht trübe war. Aber jetzt ist er tot. – Er ist tot. Er war sehr gütig gegen mich – mein armer, lieber, alter Herr.« Wehmütig schüttelte er seinen Kopf über der Hand des alten Martin. In diesem Augenblick verließ Mark, der bisher zum Fenster hinausgesehen, unauffällig das Zimmer. »Ich konnte doch nicht gegen seinen einzigen Sohn zeugen«, fuhr Chuffey fort. »Manchmal hat er mich selbst fast dazu getrieben, und heute abend wäre es beinahe geschehen, – Ach!« stöhnte er, sich plötzlich wieder an alles erinnernd. »Wo ist sie? Sie ist nicht nach Hause gekommen!« »Meinen Sie sein Weib?« fragte Mr. Chuzzlewit. »Ja.« »Dann seien Sie unbesorgt. Sie ist in meiner Obhut, und ich wünsche, daß das, was hier vorgeht, ihr erspart bleiben soll. Sie hat auch ohnedies Elend genug erfahren.« Jonas blieb das Herz stehen vor Entsetzen. Er begriff, daß man ihm auf den Fersen war und sich alles zu seinem Verderben vereinigte. Zoll für Zoll wich ihm der Boden unter den Füßen, schneller und immer schneller zog das Verderben seine Kreise um ihn, und er fühlte, wie ein Strick seinen Hals zusammenschnürte. Und dann hörte er die Stimme seines Mitschuldigen, die ihm ins Gesicht leidenschaftslos und ohne Verheimlichung mit genauer Aufzählung von Zeit und Ort und Gelegenheit die Wahrheit enthüllte – die Wahrheit, die jetzt durch nichts mehr zu unterdrücken war, die kein Blut löschen, keine Schaufel begraben konnte, die Wahrheit, die altersschwache Greise in kräftige Männer umzuwandeln schien und auf deren rächenden Fittichen einer, den er am äußersten Ende der Welt geglaubt, als Zeuge herangeflogen kam. Er versuchte zu leugnen, aber die Zunge versagte ihm ihren Dienst. Einen Moment lang beherrschte ihn der wahnwitzige Gedanke, sich gewaltsam den Ausgang zu erzwingen und zu entfliehen, aber seine Glieder gehorchten ihm so wenig wie seine krampfhaft verzerrten, starren Gesichtszüge. Die ganze Zeit über hörte er fort und fort, wie ganz von weitem, die anklagende Stimme. Es war, als ob jeder Tropfen Blut in dem Gehölz eine Zunge bekommen hätte, um voller Haß gegen ihn zu zeugen. Und als sie aufhörte, hob eine andere Stimme in ganz seltsamer, fremdartiger Weise an. Sie gehörte dem alten Buchhalter an, der dem ganzen Bericht aufmerksam gelauscht und von Zeit zu Zeit die Hände gerungen hatte wie jemand, der die Wahrheit weiß und es nicht erwarten kann, sein Geheimnis zu enthüllen. »Nein, nein, nein«, rief er. »Ihr seid im Irrtum, ihr irrt euch – ihr irrt euch alle miteinander. – Höret mich an! Nur mir ist die Wahrheit bekannt.« »Wie können Sie glauben, daß wir uns irren könnten nach dem, was Sie soeben gehört haben?« fragte der Bruder seines alten Prinzipals. »Und haben Sie nicht soeben auf Ihrem Zimmer oben, als ich Ihnen mitteilte, wessentwegen wir hier seien und wessen wir ihn anklagten, erklärt, Sie wüßten, daß er der Mörder seines Vaters sei?« »Ja ja, das ist er auch«, rief Chuffey ganz außer sich, »aber nicht in der Weise, wie Sie glauben – nicht so, wie Sie glauben. – Halt! Lassen Sie mir nur einen Augenblick Zeit. Ich weiß alles – ich kann mich an alles genau erinnern. – Es war frevelhaft, grausam, niederträchtig, aber es war nicht so, wie Sie glauben. – Halt, halt.« Er hielt sich mit beiden Händen den Kopf, wie jemand, der aus einem Fiebertraum erwacht; und nachdem er sich einige Augenblicke zerstreut und irr im Kreise umgesehen, blieben seine Augen plötzlich auf Jonas haften, und dann leuchteten sie wieder auf wie in plötzlicher Erinnerung. »Ja ja«, rief er. »Ja, so war es. Jetzt hab ich's. Jetzt erinnere ich mich. Er – er stand vom Bett auf, bevor er starb, um ihm zu sagen, daß er ihm verzeihe; und er kam mit mir herunter hier ins Zimmer, und als er ihn erblickte – seinen einzigen Sohn – seinen geliebten Sohn – da versagte ihm die Zunge – und er konnte nicht mehr sagen, was er wußte – und keiner verstand ihn; nur ich – ich habe ihn verstanden.« Der alte Mr. Chuzzlewit und alle übrigen waren sprachlos vor Erstaunen. Mrs. Gamp, die bisher kein Wort gesagt, sondern sich mit zwei Dritteln ihres Leibes sprungbereit hinter der Türe gehalten hatte, um im Notfall die Partei des Stärkeren zu ergreifen, trat jetzt ein wenig vor und schluchzte und rief, Mr. Chuffey sei der liebenswürdigste und bravste alte Herr von der Welt. »Er kaufte das Gift«, keuchte Chuffey, streckte den Arm gegen Jonas aus, und ein wildes Feuer glomm dabei in seinen Augen. »Allerdings hat er das Gift gekauft, wie Sie wissen, und es auch nach Hause gebracht. Er hat es gemischt – sehen Sie ihn an –, hat es mit Latwerge in einem Topf gemischt, der genau so aussah wie der, in dem sein Vater seine Medizin aufbewahrte, und stellte ihn in eine Schublade – in jene Schublade dort in dem Pult –; er weiß, welche Schublade ich meine – und dort hielt er es eingeschlossen, aber es fehlte ihm der Mut, oder das Gefühl regte sich in ihm – o Gott, ich hoffe, es war das Gefühl – er war sein einziger Sohn! – und er stellte den Topf nicht an den gewöhnlichen Ort, wo mein alter Herr wohl zwanzigmal am Tag davon eingenommen haben würde.« – Der alte Buchhalter zitterte an allen Gliedern vor Erregung, aber das Leuchten in seinen Augen währte fort, und wie er mit ausgestrecktem Arme, die grauen Haare auf dem Haupte gesträubt, dastand, schien er zu wachsen und sah aus wie ein Inspirierter. Jonas wich scheu seinem Blick aus und kauerte sich in dem Stuhl zusammen, an den er sich vorher gehalten hatte. Es war, als ob die Wahrheit – die furchtbare Wahrheit – selbst den Stummen die Sprache gäbe. »Ich weiß es jetzt«, rief Chuffey, »Wort für Wort. Er stellte den Topf in die Schublade und ging so oft hin und tat so heimlich damit, daß der Vater schließlich darauf aufmerksam wurde und eines Tages, als Jonas fort war, die Lade öffnete. Wir waren beisammen und fanden das Gemisch – Mr. Chuzzlewit und ich. Mein alter, guter Herr nahm es an sich und schien sich anfangs nicht viel draus zu machen, aber in der Nacht kam er an mein Bett, weinte und jammerte, sein leiblicher Sohn habe ihn vergiften wollen. ›O Chuff‹, schluchzte er, ›lieber, alter Chuff! Eine Stimme sprach heute nacht an meinem Bett und sagte mir, ich trüge selbst die Schuld, daß er so geworden ist. Es fing an bei ihm, als ich ihn zu gierig machte auf das, was ich ihm einst hinterlassen wollte, und ihm das Geld als obersten Gott hinstellte.‹ Das waren seine Worte – seine eigenen Worte, und wenn er hin und wieder ein harter Mann war, so geschah es nur seines einzigen Sohnes willen. Er liebte ihn, seinen einzigen Sohn, und war stets so gütig gegen mich.« Jonas horchte mit wachsender Spannung zu. Ein Hoffnungsstrahl dämmerte für ihn auf. »Er soll sich nicht aus Sehnsucht nach meinem Tode verzehren, Chuff, sagte er mir«, fuhr der alte Buchhalter fort und wischte sich die Augen. »Das sagte er mir zunächst und weinte dabei wie ein kleines Kind. Er soll sich nicht aus Sehnsucht nach meinem Tode verzehren, Chuff. Er soll alles jetzt schon haben. Mag er dann heiraten, wann es ihm gefällt, Chuff, und wenn's auch nicht nach meinem Wunsche wäre. Wir beiden wollen dann fortgehen und zusammen von einem kleinen Ausgedinge leben. Ich habe ihn immer geliebt, vielleicht wird er mich dann auch lieben. Es ist das Schrecklichste, zu wissen, daß das eigene Kind einem nach dem Leben strebt. Aber ich hätte wissen müssen, daß es so kommen wird. Ich ernte, was ich einst gesät habe. Ich will ihn glauben lassen, ich hätte das Gift genommen, und wenn ich sehe, daß es ihm leid tut und er hat, wonach er strebt, so will ich ihm sagen, daß ich hinter das Geheimnis gekommen bin, und will ihm verzeihen. Es wird vielleicht einen besseren Menschen aus ihm machen, Chuff.« – Mr. Chuffey machte eine Pause, um sich abermals die Stirne zu trocknen. Der alte Mr. Chuzzlewit hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Jonas horchte noch gespannt, und seine Brust hob sich vor Hoffnung – vor steigender Hoffnung. »Mein lieber, alter Prinzipal«, fuhr Chuffey fort, »stellte sich am nächsten Tage, als hätte er die Schublade versehentlich mit einem Schlüssel geöffnet, der zufällig dazu paßte, und als sei er überrascht gewesen, frische Medizin dort zu finden, glaube aber, er hätte sie in der Zerstreutheit hineingestellt, als gerade die Schublade offenstand. Wir verbrannten das Gift, sein Sohn aber glaubte, Mr. Chuzzlewit habe es genommen. – Er und ich wissen recht gut, daß er es glaubte. Einmal wollte ihn Mr. Chuzzlewit auf die Probe stellen. Er faßte sich ein Herz und sagte ihm, die Medizin schmeckte so kurios. Da stand sein Sohn sogleich auf und ging hinaus.« Jonas räusperte sich kurz und trocken, dann änderte er seine Stellung, setzte sich bequemer und verschränkte die Arme über der Brust, hatte aber noch nicht den Mut, den andern ins Gesicht zu sehen. »Mr. Chuzzlewit schrieb an ihren Vater – ich meine, an den Vater der armen Frau, die jetzt sein Weib ist«, fuhr Chuffey fort, »und bat ihn, herzureisen, da er die Heirat zu beschleunigen gedenke; aber der Kummer, unter dem er litt, nagte an seinem Geist und brach ihm schließlich das Herz. Von der Zeit an, als er in der Nacht zu mir gekommen, siechte er dahin und konnte sich nicht mehr recht erholen. Es waren nur wenige Tage, aber sie hatten ihn ebenso viele Jahre älter gemacht. ›Schone ihn, Chuff‹, sagte er, ehe er starb – das waren die einzigen Worte, die er hervorbringen konnte, ›schone ihn, Chuff.‹ Ich versprach ihm, es zu tun, und ich habe versucht, Wort zu halten – er ist sein einziger Sohn.« Bei der Erinnerung an die letzte Szene aus dem Leben seines alten Prinzipals versagte dem armen Buchhalter die Stimme, die gegen Ende bereits immer schwächer und schwächer geworden war. Er erhob noch die Hand, als wolle er sagen: Anthony Chuzzlewit habe sie ihm gedrückt und in der seinen gehalten, als er starb. Dann kroch er in seinen Winkel zurück, wo er gewöhnlich seinen Kummer verbarg, und schwieg. Jonas schlug jetzt die Augen auf und blickte die Versammelten frech an. »Nun?« sagte er nach einer Weile, »seid ihr jetzt zufrieden, oder habt ihr noch weitere Schuftereien in petto? Der Kerl, der Lewsome hier, kann sie euch ja zu Dutzenden erfinden. – Also ist das alles? Habt ihr sonst noch etwas vorzubringen?« Der alte Martin Chuzzlewit sah ihn scharf und fest an. »Ob Sie sind, was Sie mir bei Pecksniff zu sein geschienen haben oder etwas anderes, weiß ich nicht –; ist mir im übrigen auch gleichgültig«, wendete sich Jonas jetzt an ihn und blickte ihm mit spöttischem Lächeln in die Augen. »Jedenfalls sind Sie ein Scharlatan, und ich brauche Sie hier nicht. Als Ihr Bruder noch am Leben war, sind Sie öfter hier gewesen, und dann hatten Sie sich beide so lieb, daß wohl nicht viel gefehlt hätte, und ihr wäret euch in die Haare gefahren. Um so mehr wundert es mich jetzt, daß Sie eine solche Anhänglichkeit an mein Haus bezeugen. Um so weniger hängt aber mein Haus an Ihnen, und Sie können sich je bälder, je lieber hinausscheren. – Und was meine Frau anbelangt, alter Herr, so schicken Sie mir sie gefälligst sofort her, sonst wird sie nichts zu lachen haben. – – Haha! Sie möchten wahrscheinlich hier den großen Herrn spielen. Zum Glück hängt man bis jetzt die Leute noch nicht, wenn sie zu ihrem eigenen Gebrauch für ein paar Pence Gift kaufen und ein paar verrückte alte Schwachköpfe darauf kommen und sofort annehmen, man habe sie vergiften wollen. – – Haha! Schauen Sie sich jetzt gefälligst an, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.« Diese so schamlos an den Tag gelegten hämischen Triumphäußerungen machten, zusammengehalten mit der soeben bewiesenen Feigheit und dem Schuldbewußtsein, einen so widerwärtigen Eindruck auf alle, daß sich jeder von Jonas abwandte wie von einem schmutzbesudelten Scheusal. Dazu kam noch Jonas' würgendes Gefühl bei dem Gedanken an sein letztes Verbrechen, das beständig vor seiner Seele stand. Wäre das nicht gewesen, hätte vielleicht die Geschichte des alten Buchhalters, die doch eine solche Last von seinem Herzen nehmen mußte, eine heilsame Wandlung in ihm hervorgebracht. So aber, mit einer solchen Tat auf dem Herzen, die er, je mehr er es sich überlegte, unnützerweise begangen hatte, mußte sich sogar jetzt in seinen Triumph eine wilde Verzweiflung mischen, eine grenzenlose, wütende Verzweiflung, daß er sich umsonst in Gefahr begeben, eine Verzweiflung, die ihn vollkommen verhärtete, ihn bis zur Tobsucht aufstachelte und ihn, sogar im Augenblick innern Jubels, mit den Zähnen knirschen ließ. »Mein lieber Freund«, seufzte Mr. Martin Chuzzlewit und legte seine Hand auf Chuffeys Arm, »das ist kein Ort, an dem Sie bleiben könnten. Kommen Sie mit mir.« »Ganz wieder wie mein lieber, alter Herr«, rief Chuffey und blickte dankbar auf. »Ich glaube fast, der alte Mr. Anthony ist wieder aus seinem Grabe erstanden. Ja, bitte, nehmen Sie mich mit. – Aber halt, warten Sie noch.« »Warum?« fragte Martin. »Ich kann sie nicht im Stich lassen, das arme Geschöpf«, murmelte Chuffey. »Sie ist immer so gütig gegen mich gewesen; ich kann sie nicht verlassen, Mr. Chuzzlewit. Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Güte, aber ich muß hier bleiben. Ich werde ja sowieso nicht mehr lange irgendwo zu bleiben haben. – Es liegt nichts daran.« Wie er so demütig sein graues Haupt schüttelte und dem alten Herrn dankte, fühlte sich Mrs. Gamp, die sich jetzt zur Gänze im Zimmer befand, bis zu Tränen ergriffen. »Gott sei Lob und Dank«, rief sie, »daß so a liaber braver Mensch net in der Prig ihre Krallen gfallen is. Und sicher wär's so gekommen, wo die Sachen so schlimm stehn.« »Nun, haben Sie nicht gehört, was ich Ihnen gesagt habe?« schrie Jonas Mr. Chuzzlewit an. »Ich dulde nicht, daß man länger mit meinen Leuten gegen mich intrigiert, wer es auch sein mag. – Dort ist die Türe« »Jawohl, sehr richtig«, ertönte die Stimme Marks, der soeben über die Schwelle trat. »Ja, ja, schauen Sie mich nur an.« Jonas zuckte zusammen, und sein Blick hing wie gebannt an der jetzt offenen Türe. Unselige, verhängnisvolle Schwelle, verflucht durch den Fußtritt seines Vaters, verflucht durch den kummervollen Schritt seines jungen Weibes, verflucht durch den täglichen Schatten des alten Buchhalters, verflucht durch den Fuß des Mörders selbst – was standen da für Leute draußen! Nadgett an der Spitze. Horch! Es kam herangebraust wie die brüllende See. Zeitungsausrufer stürzten durch die Straßen und riefen es auf und ab; Fenster wurden aufgerissen, die Menge staute sich auf der Straße, die Glocken begannen zu läuten, eine die andre überbrüllend vor haßerfülltem Frohlocken – genau so hatte er sie die ganzen Tage über in seinen Ohren klingen hören –, daß die hohen Türme erzitterten. »Das ist er«, sagte Nadgett und deutete mit dem Finger auf Jonas, »dort der Mann am Fenster.« Noch drei andere kamen herein, legten Hand an Jonas und nahmen ihn fest. Und alles geschah so schnell, daß er seinen Blick noch immer nicht von dem Gesichte des Detektivs hatte wenden können, als ihm bereits die Handschellen angelegt worden waren. »Mord!« sagte Nadgett mit einem Blick ringsum auf die erstaunten Gesichter. »Ich mache ausdrücklich darauf aufmerksam, daß sich hier niemand einmischen darf!« »Mord! Mord!« hallte es auf der Straße. Mord! entsetzlicher, gräßlicher Mord; Mord – Mord – Mord! so wälzte es sich von Haus zu Haus und hallte wider von Mauer zu Mauer, bis die Stimmen in dem fernen Gemurmel erstarben, das immer noch dasselbe Wort auszusprechen schien. Alle blieben wie erstarrt stehen, lauschten und sahen einander an, wie der Lärm vorüberwogte. Der alte Martin fand zuerst wieder Worte. »Was hat das zu bedeuten?« »Fragen Sie den da«, sagte Nadgett. »Sie sind ja sein Freund, Sir. Er kann's Ihnen am besten sagen, wenn er will: Er weiß mehr davon als ich, obschon ich viel weiß.« »Wieso wissen Sie soviel?« »Ich habe ihn nicht umsonst so lange bewacht«, antwortete Nadgett. »Noch nie habe ich einen Menschen so scharf belauert wie ihn.« Wieder eine neue Spukgestalt in diesem furchtbaren Dämmerspiel der Wahrheit, abermals eines der vielen Gespenster, die aus dem Nichts erstanden, um gegen ihn zu zeugen! Gerade dieser Mann vor allen andern mußte sich jetzt als Spion gegen ihn entpuppen! Auch er war wie ausgewechselt und wurde aus dem scheuen in sich versunkenen Menschen zu einem lauernden wachsamen Feind. Wenn der Tote aus seinem Grabe auferstanden wäre, Jonas hätte nicht entsetzter sein können. Das Spiel war aus, die Jagd zu Ende, und der Galgen winkte. Grauenhafte Zukunft. Und wenn er wirklich durch ein Wunder noch aus dieser Not entkommen würde, was könnte es ihm helfen? Er brauchte nur sein Gesicht nach rechts oder links zu wenden, und wieder und wieder würde ein neuer Rächer gegen ihn erstehen. Irgendein Kind, das in einer Stunde zum Greis würde, oder ein alter Mann, der in einer Stunde wieder zum Kind würde, ein Blinder, der sehend und ein Tauber, der hörend würde. Keine Aussicht, keine Hoffnung mehr! Jonas brach zusammen, taumelte an die Wand und gab jede Hoffnung auf. »Ich bin durchaus nicht sein Freund, wenn auch leider die Schande auf mir haftet, sein Verwandter zu sein«, sagte Mr. Chuzzlewit. »Sie können mir daher ruhig alles erzählen. Wieso haben Sie ihn bewacht, und was haben Sie gesehen?« »Ich habe ihn Tag und Nacht, da und dort, beobachtet«, versetzte Nadgett; »in der letzten Zeit, fast ohne mir Rast und Ruhe zu gönnen.« Das blasse Gesicht und die übernächtigten Augen des Mannes bestätigten, daß er die Wahrheit sprach. »Ich ließ mir nicht träumen, wozu meine Beobachtungen führen würden, ebensowenig, wie er sich's wohl träumen ließ, als er in der Nacht hinausschlüpfte, in Bauernkleider vermummt, die er nachher in ein Bündel geschnürt über die Londoner Brücke in den Strom warf.« Jonas krümmte sich wie ein Mensch auf der Folterbank. Ein unterdrücktes Ächzen brach aus seiner Kehle hervor, wie wenn ihn eine Waffe qualvoll verwundet hätte, und er zerrte und riß an den eisernen Handschellen wie ein wütendes Tier. »Ruhig, Vetter!« sagte der Sergeant der Polizisten. »Gebärden Sie sich nicht so unsinnig.« »Wen nennen Sie Vetter?« fragte der alte Martin streng. »Na, zum Beispiel auch Sie«, antwortete der Mann. Der alte Mann sah ihn forschend an. Der Sergeant saß nachlässig auf einem Stuhl, die Arme auf der Lehne verschränkt, und knackte Nüsse und warf jedesmal die Schalen zum Fenster hinaus. »Jawohl«, wiederholte der Mann, trotzig mit dem Kopf nickend. »Verleugnen Sie meinetwegen Ihren Neffen, bis Sie sterben. Aber Chevy Slyme bleibt doch Chevy Slyme. Vielleicht empfinden Sie ein bißchen die Schande, daß Ihr eigenes Fleisch und Blut sich auf diese Art sein Brot erwerben muß, und kaufen mich los.« »Selbstsucht – Selbstsucht – Selbstsucht – wo ich hinschaue!« stöhnte der alte Martin. »Jeder denkt nur an sich selbst.« »Nun, dann täten Sie vielleicht besser, wenn Sie dem einen oder andern von uns diese Mühe ersparten und einmal für andre dächten anstatt an sich selbst«, versetzte Mr. Slyme. »Schauen Sie mich zum Beispiel an. Können Sie's wirklich, ohne sich zu schämen, mit ansehen, daß ein Mitglied Ihrer Familie, das mehr Talent in seinem kleinen Finger hat als alle andern zusammengenommen in ihren Köpfen, als Polizeisergeant dienen muß? Nur Ihnen zur Schande habe ich dieses Gewerbe ergriffen, wenn ich mir auch nicht träumen ließ, einen derartigen Fang in der eigenen Familie zu machen.« »Wenn Ihre Liederlichkeit und schlechte Gesellschaft Sie so weit gebracht haben«, entgegnete der alte Mann, »So bleiben Sie nur ruhig jetzt in dieser Stellung. Wenigstens erwerben Sie auf ehrliche Weise Ihr Brot. Das ist immerhin etwas.« »Ich bitte Sie, reden Sie nur nicht von schlechter Gesellschaft, Sie meinen ja damit meinen Freund Tigg, ich weiß es ganz gut«, höhnte Slyme. »Sie selbst haben sich doch in seiner schlechten Gesellschaft bewegt. Oder haben Sie vielleicht meinem Freund Tigg nicht einmal Beschäftigung gegeben? Ich habe mich doch gerade deswegen mit ihm entzweit.« »Ich habe ihn gemietet«, gab Mr. Chuzzlewit zu, »und habe ihn dafür bezahlt.« »Gut, daß Sie's damals getan haben«, sagte Slyme, »jetzt wäre es zu spät. Er hat eine Generalquittung ausgestellt, oder vielmehr, man hat sie ihm mit Gewalt abgenommen.« Der alte Herr sah ihn erstaunt und neugierig an, verschmähte es aber, zu fragen. »Ich habe immer erwartet, daß wir einmal miteinander zu tun haben würden«, fuhr Slyme fort und langte sich wieder eine Handvoll Nüsse aus der Tasche. »Aber ich dachte immer, es werde sich höchstens um einen Mordsschwindel handeln. Nicht träumen hätte ich mir lassen, daß ich einen Verhaftbefehl gegen seinen Mörder bekommen würde.« »Gegen seinen Mörder?!« rief Mr. Chuzzlewit und blickte, außer sich vor Erstaunen, von einem zum andern. »Gegen seinen oder vielmehr Mr. Montagues Mörder«, bestätigte Nadgett. »Die beiden sind, wie ich höre, ein und dieselbe Person. Und ich klage diesen Menschen dort des Mordes an Mr. Montague an, dessen Leiche man gestern abend in einem Wald gefunden hat. Sie werden mich fragen, wieso ich ihn anklagen kann. Ich will es Ihnen sagen, da es leider sowieso nicht mehr lange ein Geheimnis bleiben kann.« Die eingefleischte Vorliebe für alles Geheimnisvolle drückte sich in Mr. Nadgetts Zügen wieder deutlich aus. Man sah ihm an, wie tief es ihn wurmte, daß er jetzt in kurzer Zeit mit allem, was er wußte, werde herausrücken müssen. »Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich ihn bewachte«, fuhr er fort. »Und ich war von Mr. Montague, in dessen Diensten ich einige Zeit stand, dazu beauftragt. Wir hatten gewisse Verdachtsmomente gegen ihn, und sie betreffen dasselbe, was Sie vorhin mit ihm verhandelten. Wir haben alles mit angehört, da wir draußen vor der Türe standen. Wenn Ihnen jetzt, wo alles vorüber ist, daran liegt, zu erfahren, wodurch unser Verdacht erregt wurde, so will ich es Ihnen kurz heraus sagen. Aus einer flüchtigen Andeutung aus seinem eigenen Munde entnahmen wir, daß er Streit mit einer andern Versicherungsgesellschaft gehabt hatte, bei der sein Vater gegen Ableben versichert war. Als diese Anstalt Argwohn durchblicken ließ, ob der alte Mann auch wirklich auf natürliche Weise gestorben wäre, ging Mr. Jonas Chuzzlewit sogleich auf einen Vergleich ein und war froh, die halbe Summe zu bekommen. Nach und nach spürte ich noch andre Umstände auf, die gegen ihn sprachen. Allerdings erforderte es ein bißchen Geduld, aber das liegt in meinem Beruf. Ich eruierte die Wärterin – hier steht sie und kann es bezeugen –, den Doktor, den Leichenbestatter und den Gehilfen des Leichenbestatters. Ich erfuhr, wie dieser alte Herr, Mr. Chuffey hier, sich beim Begräbnis gebärdete, und was dieser Mann, Mr. Lewsome hier, im Fieber gesprochen hat. Ich brachte heraus, wie sich Mr. Jonas vor, bei und nach dem Tode seines Vaters benommen hatte, schrieb alles auf, bewahrte es sorgsam und zeigte es Mr. Montague, der daraufhin allen Grund hatte, ihn eines Verbrechens für schuldig zu halten, wie er es selbst bis heute abend geglaubt hat. Ich war dabei, als Mr. Montague ihm sein Verbrechen direkt ins Gesicht sagte. Sie sehen ihn, er sieht jetzt gerade so aus wie damals, nur noch ein wenig – angegriffener.« Jonas versuchte, sich mit den gefesselten Händen die Ohren zuzuhalten, um nichts mehr zu hören. Unerträgliche, marternde Pein! Nirgends ein Ausweg! Nicht einmal mehr in der Phantasie. Hätte er den Ermordeten durch Zauberei in einen Felsen einmauern können, die Geschichte würde weitergelebt und sich verbreitet haben. – Wie er sich so auf dem Boden krümmte, zogen sich alle Anwesenden vor ihm zurück wie vor einem Pestkranken. Einer nach dem andern wich an die entgegengesetzte Wand zurück, bis Jonas schließlich allein dalag. Selbst die Polizisten scheuten sich vor ihm und hielten sich beiseite; Slyme ausgenommen, der immer noch kaltblütig seine Nüsse weiter knackte. »Aus diesem Dachfenster dort gegenüber«, fuhr Nadgett fort und deutete über die schmale Straße hinüber, »habe ich dieses Haus und ihn Tag und Nacht im Auge behalten. Von diesem Dachfenster aus sah ich ihn allein heimkehren von einer Reise, die er zusammen mit Mr. Montague unternommen hatte. Das war für mich ein Zeichen, daß Mr. Montague sein Ziel erreicht haben mußte und ich noch ruhig weiter Wache stehen könne und keinen Bericht zu erstatten brauchte. Am selben Abend nach Einbruch der Dunkelheit stand ich vor der Türe des Hauses und sah durch eine Seitentüre im Hof einen Mann in Bauerntracht herauskommen, der vorher nicht ins Haus hineingegangen war. Ich erkannte seinen Gang und entnahm daraus, daß Mr. Jonas Chuzzlewit es selbst war und sich nur verkleidet hatte. Ich folgte ihm sofort und verlor ihn auf der Landstraße nach Westen, die er immer weiter und weiter verfolgte.« Jonas blickte einen Augenblick auf und murmelte einen Fluch. »Ich konnte mir nicht erklären, was das zu bedeuten habe. Da ich jedoch schon so viel gesehen, wollte ich die ganze Sache durchschauen; und es gelang mir. Ich erkundigte mich in seinem Hause nach ihm und erfuhr von seiner Frau, er schlafe unten in dem Zimmer, aus dem ich ihn hatte kommen sehen, und er habe strengen Befehl gegeben, ihn nicht zu stören. Nun, jedenfalls mußte er wieder zurückkommen, und ich lauerte ihm auf. Die ganze Nacht hielt ich in der Straße Wacht, drückte mich von Türschwelle zu Türschwelle, kam auch am nächsten Tag nicht von meinem Fenster weg, und als die Nacht einbrach, begab ich mich wieder auf die Straße. Ich nahm an, daß er zurückkommen werde, so wie er ausgegangen war, und zu einer Zeit, wo die Straßen leer sein mußten. So war es auch. Am frühen Morgen kam derselbe Mann in Bauerntracht leise und heimlich nach Hause geschlichen.« »Na, sind Sie nicht bald fertig!« unterbrach ihn Slyme, der jetzt mit seinen Nüssen zu Ende war. »Das geht alles gegen die Polizeivorschrift, Mr. Nadgett!« »Ich blieb den ganzen Tag am Fenster stehen«, berichtete Nadgett weiter, ohne darauf zu achten, »und schloß kein Auge. Bei Nacht sah ich ihn mit einem Bündel Kleider aus dem Hause treten. Abermals ging ich ihm nach. Er schlich die Stufen von der Londoner Brücke hinunter und versenkte es in den Strom. Jetzt begann ich ernsthafte Besorgnis zu hegen und machte eine Anzeige bei der Polizei, die das Bündel –« »– auffischen ließ«, unterbrach ihn Slyme. »Schlafen Sie gefälligst nicht ein, Mr. Nadgett.« »Es enthielt die Kleider, die ich ihn hatte tragen sehen. Sie waren mit Erde und Blut besudelt. Die Nachricht von der Mordtat lief gestern abend in London ein. Man hat den Träger jener Kleider in der Nähe des Tatortes gesehen und weiß, daß er sich in der Umgebung herumdrückte. Auch sprang er zu einer Zeit von einem Postwagen ab, die genau mit jener zusammenstimmte, zu der ich ihn nach Hause kommen sah. Der Haftbefehl gegen ihn wurde erlassen, und die Konstabler hier warten schon einige Stunden mit mir. Wir paßten den richtigen Augenblick ab, und da wir Sie eintreten und auch diese Person am Fenster bemerkten –« »– so winkten Sie mir«, ergänzte Mark, der bei dieser Anspielung auf sich aus seiner Unbeweglichkeit erwachte; »winkten mir, die Türe zu öffnen, was ich denn auch mit größtem Vergnügen tat.« »Das ist nun vorderhand«, schloß Nadgett und steckte sein großes Taschentuch wieder ein, das er aus bloßer Gewohnheit bei dem Beginn seiner Erzählung herausgezogen und fortwährend in der Hand gehalten hatte, »das ist vorderhand alles. Wir brauchen die Herren jetzt nicht mehr länger aufzuhalten. – Sind Sie fertig, Mr. Slyme?« »Schon lange«, brummte der würdige Sergeant. »Gehen Sie nur voraus auf die Polizei; wir werden Sie schon einholen. – Tom – schaffen Sie mal eine Droschke herbei.« Der Polizeidiener entfernte sich. Der alte Mr. Martin Chuzzlewit zögerte noch einige Augenblicke, wie um ein paar Worte mit Jonas zu sprechen; da er ihn jedoch immer noch auf dem Boden kauern und wild umherstarren sah, nahm er Chuffeys Arm und folgte langsam Mr. Nadgett. John Westlock und Mark Tapley schlossen sich ihnen an. Mrs. Gamp war zuerst hinausgewackelt, um auf diese Art besser ihre Gefühle in einer Art von Bühnenohnmacht zur Schau zu stellen. Sie verfügte nämlich über eine ganze Reihe mimischer Ohnmachtsmöglichkeiten, ganz wie Mr. Mould punkto Leichenbestattungen. »Ha«, murmelte Slyme, ihnen nachsehend. »Meiner Seel, der empfindet die Schmach, einen Neffen wie mich in einer solchen Stellung zu haben, so wenig, wie ich für die Ehre empfänglich war, die ich der Familie machte. Das ist jetzt der Dank dafür, daß ich mich so weit erniedrigt habe, für das tägliche Brot zu arbeiten.« Unwillig stand er auf und stieß seinen Stuhl entrüstet beiseite. »Und noch dazu ein solches Brot, während Hunderte, die nicht wert sind, mir die Schuhriemen zu lösen, in Equipagen fahren und von ihrem Vermögen leben. – Eine saubere Welt das, meiner Seel!« In diesem Moment begegneten seine Blicke denen Jonas Chuzzlewits, der angsterfüllt zu ihm aufsah und die Lippen flüsternd bewegte. »Was?« fragte Slyme. Jonas warf einen Blick auf den andern Konstabler, der mit dem Rücken zu ihm gewendet dastand, und deutete schwerfällig mit seinen gefesselten Händen zur Türe. »Hm«, brummte Slyme nachdenklich. »Wie konnte er sich meiner Stellung schämen, wenn er sich des Verbrechers hier nicht einmal schämte! Das hätte ich mir gleich denken können.« Jonas wiederholte seinen Blick und seine Gebärde. »Jack!« sagte Slyme. »Was gibt's?« fragte der Konstabler. »Gehen Sie mal zum Haustor hinunter und rufen Sie mich, wenn der Wagen da ist. – Nun also«, fragte er, sich rasch zu Jonas wendend, als der Mann draußen war, »was wollen Sie?« Der Mörder versuchte aufzustehen. »Wart ein bissel«, brummte Slyme, »das geht nicht so schnell mit gefesselten Händen. So! – Auf! Also, was gibt's?« »Greifen Sie in meine Tasche, hier in meine linke Brusttasche«, ächzte Jonas. Slyme tat es und zog eine Börse heraus. »Es sind hundert Pfund drin«, keuchte Jonas. Seine Worte waren fast unverständlich und sein Gesicht vor Entsetzen und Todesangst so verzerrt, daß es kaum mehr menschenähnlich aussah. Slyme blickte ihn an, gab ihm das Geld zurück und schüttelte den Kopf. »Geht nicht. Ich getraue mich nicht. Auch wenn ich wollte, wäre es unmöglich. Der Konstabler unten –« »Entkommen ist unmöglich, ich weiß«, hauchte Jonas. »Hundert Pfund, wenn Sie mich nur für fünf Minuten in die andere Stube gehen lassen.« »Zu welchem Zweck?« fragte Slyme. Der Mörder trat ihm einen Schritt näher und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Slyme fuhr unwillkürlich zurück, blieb aber dann stehen und horchte. Es waren nur ein paar Worte, aber er verfärbte sich, als er sie hörte. »Ich hab's bei mir«, sagte Jonas und hielt sich die Hand an den Hals, als wäre das, wovon er gesprochen, in dem seidenen Tuch verborgen. »Niemand kann Ihnen beweisen, daß Sie davon gewußt haben. Wie hätten Sie's denn überhaupt wissen können. Hundert Pfund, wenn Sie mich nur einen Augenblick ins nächste Zimmer lassen. Schnell – schnell – die Zeit drängt.« »Es würde freilich – freilich der Familie weniger Schande machen«, stotterte Slyme mit bebenden Lippen; »ich wollte, Sie hätten mir nicht halb soviel gesagt. Sie hätten's für sich behalten sollen.« »Hundert Pfund für nur fünf Minuten! Schnell, schnell«, rief Jonas verzweifelt. Chevy Slyme nahm die Börse. Schwankenden Schrittes ging Jonas auf die Glastüre zu. »Halt!« rief Slyme und packte ihn am Rock. »Ich weiß nichts davon! Verstanden?! Aber schließlich muß es ja so enden. – Sind Sie schuldig?« »Ja.« »Stimmen die Beweise?« »Ja.« »Wollen Sie – wollen Sie – wollen Sie nicht ein Gebet sprechen?« stotterte Slyme. Jonas riß sich ohne Antwort von ihm los und zog die Türe hinter sich zu. Slyme spähte durch das Schlüsselloch. Dann schlich er sich auf den Zehen, soweit er konnte, weg und blickte entsetzt auf die Türe. Da schreckte ihn die Ankunft der Droschke unten vor dem Haustor auf; er hörte, wie sie schon den Wagentritt herunterließen. »Er packt noch ein paar von seinen Sachen zusammen«, rief er zum Fenster hinaus den beiden Männern zu, die in der vollen Beleuchtung einer Straßenlaterne dastanden. »Einer von euch soll die Hinterseite des Hauses im Auge behalten. Es ist bloß der Form wegen.« Der eine von den Konstablern ging in den Hof, der andere setzte sich auf den Wagentritt und sprach weiter mit Slyme, der oben am Fenster stand. »Wo ist er?« fragte der Mann. Slyme blickte einen Moment in das Zimmer zurück und winkte mit dem Kopf, als wolle er sagen: »Hier nebenan; ich sehe ihn.« »Der ist versorgt und aufgehoben«, lachte der Konstabler. »Will ich meinen«, war die Antwort. Dann sahen die beiden einander wieder an und guckten die Straße hinauf und hinab. Der Mann auf dem Wagentritt nahm seinen Helm ab, setzte ihn wieder auf und pfiff ein paar Takte. »Er läßt sich Zeit, Sergeant!« »Hab ihm fünf Minuten Zeit gegeben«, rief Slyme hinunter. »Sie sind jetzt um. Ich werde ihn hinunterschaffen.« Er entfernte sich vom Fenster und schlich auf den Zehen zu der Glastüre. Er horchte. Totenstill innen. Dann stellte er die Kerze in die Nähe, damit sie durch die blinden Fensterscheiben hindurchleuchte. Nur schwer entschloß er sich, die Türe zu öffnen, dann aber warf er sie plötzlich und geräuschvoll weit auf, trat einen Schritt zurück, blickte hinein, horchte wieder und trat endlich näher. Er fuhr entsetzt zurück, als sein Auge dem von Jonas begegnete, der, in einer Wandecke stehend, ihn wild anstierte. Er hatte das Halstuch abgenommen, und sein Gesicht war aschfahl. »Sie kommen zu früh«, ächzte Jonas. »Ich habe noch nicht Zeit gehabt – konnte es nicht über mich bringen. Ich – nur noch fünf Minuten – nur zwei Minuten – nur eine einzige –« Slyme gab keine Antwort, schob ihm das Geld mit Gewalt wieder in die Tasche und rief seine Leute. Jonas winselte und schrie, fluchte, bat und wehrte sich, dann fügte er sich wieder, alles in einem Atem. Dabei war er so schwach, daß er nicht auf den Beinen stehen konnte. Man schaffte ihn in die Droschke hinunter und setzte ihn in die Ecke, aber stöhnend fiel er auf das Bodenstroh hinunter und blieb dort liegen. Die beiden Polizeidiener saßen bei ihm, während Slyme bei dem Kutscher auf dem Bock Platz genommen hatte. Als sie zufällig vor einem Obsthändler vorüberfuhren, der seinen Gewölbeladen noch offen hatte, bemerkte einer der Polizisten, wie seltsam es nach bittern Mandeln röche. Der andere stimmte ihm bei, dann beugte er sich nieder, sah beunruhigt zu dem Gefangenen herab und rief: »Halt! Laß halten, Tom! Er hat sich vergiftet. Der Geruch kommt aus diesem Fläschchen hier.« Die Hand des Selbstmörders war so dicht um ein Flakon gekrallt, wie es kein Lebender in vollster Manneskraft imstande gewesen wäre. Man zerrte ihn aus der Droschke auf die dunkle Straße hinaus. Aber Geschworene, Richter und Henker hatten keine Macht mehr über ihn. Er war tot. 52. Kapitel Das Blatt wendet sich Die Ausführung der Pläne, die der alte Martin so lange in seiner Brust verborgen hielt und so oft beinahe verraten hätte während seines Aufenthaltes bei Mr. Pecksniff, wenn ihn die helle Entrüstung packte, hatte sich infolge der soeben berichteten Ereignisse um einige Stunden hinausgezogen. Die Kunde, die ihm Tom Pinch und John Westlock hinsichtlich der mutmaßlichen Ursache des Todes seines Bruders überbracht hatten, wie auch die darauffolgenden Schilderungen Chuffeys und Nadgetts samt der ganzen grausigen Kette von Umständen und dem Selbstmorde des elenden Jonas, von dem er ebenfalls gleich darauf erfuhr, hatten betäubend und niederschmetternd auf ihn gewirkt und ihn eine Zeitlang fast ganz außer Fassung gebracht. Aber gerade die Häufung der Ereignisse, die sich so furchtbar zwischen ihn und sein Ziel gedrängt hatten, spornten ihn bald wieder zu raschem, entschlossenem Handeln an. In jeder einzelnen Schlechtigkeit, Niederträchtigkeit, Feigheit oder falschherzigen Handlung erkannte er die Blüte derselben wuchernden Saat. Selbstsucht – gierige, nimmersatte Selbstsucht mit all ihren Folgen von Argwohn, Begehrlichkeit, Betrug –, das war die Wurzel des Giftbaumes. Mr. Pecksniff hatte sich in so wahrem Lichte gezeigt, daß er – er, der gütige, duldsame, immer nachsichtige Pecksniff – geradezu zum fleischgewordenen Symbol niedrigster Selbstsucht und Niedertracht geworden war. In je tückischeren Formen diese Laster sich vor Mr. Chuzzlewit präsentierten, um so tröstlicher wurde für ihn der Gedanke, dem Heuchler sowohl wie seinen Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sogleich nach seiner Ankunft hatte er John Westlock und zugleich auch Mark durch Tom Pinch zu sich rufen lassen, und so hatten sie sich, wie bereits erzählt, gemeinschaftlich in die City begeben. Seinen Enkel wollte er nicht früher sehen als am nächsten Tage, wo ihn Mr. Tapley für zehn Uhr vormittags in den Tempel bestellen sollte. Tom mußte ganz aus dem Spiele bleiben, um nicht abermals in einen falschen Verdacht zu kommen, obschon er von allem, was sich ereignet, Kunde hatte und bis spät in die Nacht mit den übrigen zusammenblieb. Als die Nachricht von Jonas' Selbstmord einlangte, begab sich Tom unverzüglich nach Hause, um alles, was sich begeben, seiner Schwester mitzuteilen und sie darauf vorzubereiten, daß sie ihn am nächsten Morgen nach dem Tempel begleiten müsse, wie es Mr. Chuzzlewit ausdrücklich gewünscht hatte. Es war so recht bezeichnend für den alten Herrn, daß er seiner Umgebung mit keinem Wort andeutete, was er vorhatte, sondern nur hie und da eine Andeutung fallenließ, daß er sich in Mr. Pecksniffs Haus absichtlich verstellt habe; und jedesmal, sooft er den Namen dieses Ehrenmannes erwähnte, leuchteten seine Augen seltsam auf. Sogar John Westlock gegenüber, in den er sichtlich das größte Vertrauen setzte, ließ er sich keineswegs auf nähere Erklärungen ein und bat ihn bloß, ihn am nächsten Morgen wieder zu besuchen. Ereignisse, wie sie der Tag gebracht, wären wohl imstande gewesen, auch einen viel jüngeren Mann als ihn stark mitzunehmen, aber dennoch blieb er, in schmerzliche Betrachtungen versunken, bis zum hellen Morgen sitzen. Und auch dann suchte er noch keine Ruhe, sondern schlummerte bloß bis sieben Uhr in seinem Lehnstuhl, bis sich Mr. Tapley, seinem Wunsche gemäß und frisch und munter wie der Morgen selbst, einstellte. »Sind Sie aber pünktlich!« rief Mr. Chuzzlewit, als er auf das leise Klopfen, das ihn sofort aus seinem Schlummer weckte, die Türe öffnete. »Mein ganzes Sinnen und Trachten, Sir«, erwiderte Mr. Tapley, der sich, wie aus seinen Worten hervorging, stark mit Freiersgedanken trug, »beschränkt sich auf Liebe, Freundschaft und Gehorsam. – Soeben schlägt es sieben Uhr, Sir.« »So treten Sie doch näher!« »Ich danke, Sir. – Also, was kann ich zuvörderst für Sie tun, Sir?« »Haben Sie meinen Auftrag an Martin ausgerichtet?« fragte der alte Herr. »Jawohl, Sir. Und Sie haben wohl in Ihrem Leben noch niemanden überraschter gesehen, als er es war.« »Was sagten Sie ihm alles?« fragte Mr. Chuzzlewit. »Nun, Sir«, antwortete Mr. Tapley lächelnd, »ich hätte ihm ganz gerne ein bißchen mehr gesagt, aber da ich es nicht konnte, ließ ich es eben bleiben.« »Sie sagten ihm also alles, was Sie wußten?« »Ja, allerdings. Aber immerhin war das recht wenig, Sir. Über Sie zum Beispiel konnte ich ihm fast gar nichts erzählen, Sir. Ich warf nur so hin, Mr. Pecksniff dürfte ein wenig enttäuscht werden, sowohl, was Sie betrifft, als auch, was ihn selber anbelangt.« »Wie meinen Sie das?« fragte Mr. Chuzzlewit. »Hinsichtlich seiner, Sir?« »Jawohl. Aber auch, was mich betrifft.« »Nun, Sir«, sagte Tapley, »sowohl in der einen wie in der andern Beziehung. Was Mr. Martin und seine Ansichten betrifft, Sir, so weiß ich bestimmt, daß er sich von Grund aus geändert hat. Ich weiß es und wußte es lange vorher, ehe er neulich mit Ihnen sprach. Niemand kennt ihn wohl nur halb so gut wie ich. Es war stets ein guter Kern in ihm; es lag nur eine Kruste, sozusagen, drumherum. Ich weiß nicht, wer an dieser Kruste wohl schuld gewesen sein mag, aber –« »Fahren Sie nur fort!« ermunterte ihn der alte Herr. »Warum schweigen Sie so plötzlich?« »Hem, ja – ich bitte um Verzeihung – aber ich denke, es kann wohl nicht gut jemand anders als Sie gewesen sein, Sir! Natürlich kann ich mir ja denken, daß es nicht mit Absicht Ihrerseits geschah. Ich glaube nicht, daß Sie beide stets sehr offen gegeneinander gewesen sind. So! Jetzt hab ich's vom Herzen herunter«, sagte Mr. Tapley und atmete erleichtert auf. »Ich konnte es rein nicht länger bei mir behalten. Schon gestern hat's mich gewurmt. Jetzt ist's glücklich draußen. Weiß Gott, es tut mir ja leid, aber ich kann nicht anders. Lassen Sie es ihn nicht entgelten, Sir; weiter habe ich nichts zu sagen.« Offenbar erwartete er, daß ihm der alte Herr sogleich die Tür weisen würde, und schien auch bereit, auf der Stelle zu gehen. »Sie glauben also«, sagte Mr. Chuzzlewit, »daß ich gewissermaßen an seinen alten Fehlern schuld war?« »Nun ja«, gab Mr. Tapley zu. »Es tut mir gewiß ungemein leid, aber ich kann meine Worte nicht zurücknehmen. Es ist nicht sehr hübsch von Ihnen, Sir, daß Sie einen so unwissenden Menschen wie mich so in die Enge treiben, aber ich bin nun einmal dieser Meinung. Alle Hochachtung vor Ihnen, Sie verdienen Sie, gewiß, Sir –« Ein leichtes Lächeln leuchtete durch die gramvollen Mienen des alten Mannes, während er, ohne eine Antwort zu geben, Mark aufmerksam anblickte. »Sie sagen also selbst, daß Sie ein unwissender Mann seien?« bemerkte er nach einer längeren Pause. »Ja. So ziemlich bin ich das auch«, versetzte Mr. Tapley. »Und mich halten Sie wahrscheinlich für einen besonders gelehrten und außerordentlich gescheiten Mann?« »Gewiß, ja. Kein Zweifel.« Der alte Herr rieb sich das Kinn und schritt ein paarmal das Zimmer auf und ab. »Sie haben ihn also heute früh verlassen?« »Ich komme soeben von ihm, Sir.« »Was glaubt er wohl, weshalb ich ihn habe rufen lassen?« »Er weiß nicht, was er sich drunter denken soll, Sir, ebensowenig wie ich selbst. Ich erzählte ihm, was sich gestern begeben hatte, Sir, und daß Sie zu mir gesagt hätten: ›Können Sie morgen um sieben Uhr bei mir sein?‹ Ferner, daß Sie ihm durch mich ausrichten ließen, er möge sich gleichfalls um zehn Uhr einfinden. Und auf beides hätte ich mit ja geantwortet. – Das ist alles, Sir.‹ Marks Miene war so offen und ehrlich, daß an der Wahrhaftigkeit seiner Worte niemand zweifeln konnte. »Vielleicht denkt er«, sagte Mr. Chuzzlewit, »daß Sie ihn verlassen wollen und bei mir in Dienst treten.« »Ich habe ihm wirklich so treu gedient, Sir«, versetzte Mark schlicht, »und wir haben in Kummer und Leid so treu zueinander gehalten, daß ich wohl glaube, er kann dergleichen nicht gut annehmen. Ebensowenig wie Sie es wohl glauben, Sir.« »Wollen Sie mir beim Ankleiden behilflich sein und mir ein Frühstück aus dem Hotel holen?« brach Mr. Chuzzlewit das Thema ab. »Mit Vergnügen, Sir.« »Übrigens«, setzte der alte Herr hinzu, »möchte ich Sie auch bitten, auf die Türe dort achtzugeben und aufzumachen, wenn jemand klopft.« »Selbstverständlich, Sir.« »Sie brauchen auch nicht weiter erstaunt zu sein, wenn allerhand merkwürdige Besuche kommen«, deutete Mr. Chuzzlewit an. »Ach Gott«, sagte Mr. Tapley, »ich habe mir das Staunen so ziemlich abgewöhnt.« Trotzdem er das sehr hervorhob, schien er doch innerlich nicht wenig verwundert zu sein. Martin Chuzzlewit schien es zu bemerken und sich an seiner unterdrückten Neugierde nicht wenig zu weiden. Nachdem Mr. Tapley den Anzug des alten Herrn in Ordnung gebracht und ihm das Frühstück besorgt hatte, stellte er sich, die Serviette unter dem Arm, an den Kamin und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Nur mit Mühe gelang es ihm, seine Erregung zu verbergen. Der alte Herr nahm sein Frühstück ein, ging dann wieder im Zimmer auf und ab und setzte sich schließlich nieder. Endlich, ein Klopfen an der Türe! Es war John Westlock. Mark ließ ihn ein, zog die Augenbrauen in die Höhe, sprach aber kein Wort. Mr. Chuzzlewit empfing seinen Gast sehr höflich. Mr. Tapley wartete an der Türe, bis Tom Pinch und seine Schwester, die gerade die Treppe heraufkamen, eingetreten waren. Der alte Herr ging auch ihnen entgegen, nahm Ruth bei der Hand und küßte sie auf die Wange. Das war ein gutes Zeichen, und Mr. Tapley lächelte vergnügt. Mr. Chuzzlewit hatte inzwischen wieder in seinem Lehnstuhl Platz genommen, als der junge Martin, Tom und Ruth auf dem Fuße folgend, eintrat. Der alte Mann würdigte ihn kaum eines Blickes und deutete nur mit der Hand auf einen Stuhl in der Ecke. Das war schon weniger beruhigend, und Mr. Tapley wurde ein wenig kleinmütig. Abermals ertönte ein Klopfen an der Türe. Mark fuhr nicht zurück, brachte auch kein Wort hervor und fiel auch keineswegs der Länge nach hin, als er Miss Graham und Mrs. Lupin eintreten sah, sondern holte nur tief Atem und ging wieder ganz gefaßt mit einer Miene an den Kamin zurück, die zu sagen schien, daß er jetzt schon über gar nichts mehr staune. Der alte Herr empfing Mary ebenso zärtlich wie Tom Pinchs Schwester. Dann wechselte er einen freundlichen Blick mit der Drachenwirtin, woraus hervorzugehen schien, daß zwischen ihnen eine Art Einverständnis herrschte. Auch darüber staunte Mr. Tapley nicht; er hatte es ein für allemal aufgegeben, sich über etwas zu wundern. Außerordentlich komisch wirkte, wie jeder der Anwesenden über den Anblick des andern verlegen und überrascht war, so daß niemand zu sprechen wagte. Endlich brach Mr. Chuzzlewit das Schweigen. »Machen Sie jetzt die Türe auf, Mark, und kommen Sie hierher.« – Mr. Tapley gehorchte. Fußtritte ertönten auf der Treppe. Alle kannten sie. Kein Zweifel, es war Mr. Pecksniff, der da heraufeilte, und zwar in so großer Hast, daß man ihn zwei- oder dreimal stolpern hörte. »Oh, wo ist mein verehrungswürdiger Freund?« rief er schon von weitem, als er noch kaum auf dem obersten Treppenabsatze angelangt war, und stürzte dann mit ausgebreiteten Armen herein. Mr. Chuzzlewit warf ihm nur einen Blick zu, aber einen derartigen, daß Mr. Pecksniff zurückprallte, als habe er einen elektrischen Schlag bekommen. »Sie sind doch wohl, mein verehrungswürdiger Freund?« stammelte er beklommen. »Ganz wohl.« Das schien Mr. Pecksniff ein wenig zu beruhigen, er faltete die Hände und blickte bewegt zur Decke auf, um auf diese Weise dem Himmel seinen Dank auszudrücken. Dann musterte er neugierig die versammelte Gruppe, schüttelte vorwurfsvoll das Haupt – strenge und vorwurfsvoll – und rief: »O Gewürm, Gewürm! O ihr Blutsauger! Ist es nicht genug, daß ihr das Dasein eines Mannes vergällt habt, der unter den Sterblichen nicht seinesgleichen hat? Müßt ihr jetzt noch, wo er endgültig seine Wahl getroffen und sein Vertrauen einem unbedeutenden, aber wenigstens demütigen, aufrichtigen und uneigennützigen Verwandten geschenkt hat – müßt ihr auch jetzt noch, ihr Ungeziefer – es tut mir von Herzen weh, so starke Ausdrücke gebrauchen zu müssen, mein wertgeschätzter Herr, aber es gibt Augenblicke im Menschenleben, wo es schwer ist, edlen Unwillen zu unterdrücken –, müßt ihr selbst jetzt noch, ihr Schlangengezücht, aus seiner Hilflosigkeit Vorteil ziehen und euch von allen Seiten wie Wölfe und Geier und anderes Getier – ich will nicht sagen ›wie um das Aas‹, denn Mr. Chuzzlewit ist gerade das Gegenteil – sondern wie um eine Beute herandrängen? – Jawohl, wie um eine Beute, um zu rauben und zu plündern, um den gefräßigen Bauch vollzupfropfen und die abscheulichen Schnäbel in tierischem Entzücken zu wetzen?« – Er mußte Atem holen und konnte nur feierlich mit der Hand abwinken. »Ihr unnatürlichen Räuber und Mordbrenner, marsch, sage ich. Lasset ab von ihm! Fort mit euch! Verberget euer Antlitz! Wandert ruhelos hin über die Erde, ihr jugendlichen Vagabunden. Es sei euch nicht vergönnt, an einer Stätte zu weilen, die geheiligt ist durch das graue Haar des Patriarchen, dessen wankenden Gliedern ich die Ehre habe, als unwürdige, aber gewiß demütige Stütze zu dienen. Und Sie, mein wertgeschätzter Herr«, wendete sich Mr. Pecksniff im Tone sanften Vorwurfs zu dem alten Manne, »wie konnten Sie es über das Herz bringen, mich zu verlassen, wenn auch nur auf kurze Zeit? Gewiß haben Sie es nur aus einer gütigen Rücksicht für mich getan! Gott vergelte es Ihnen! Aber Sie durften so etwas nicht tun! Wahrhaftig, ich könnte böse auf Sie sein, wenn ich es imstande wäre, mein Freund.« Mit ausgebreiteten Armen trat er auf Mr. Chuzzlewit zu, um ihm die Hand zu drücken. Er hatte offenbar übersehen, wie der alte Martin die Faust geballt und seinen Stock fest gepackt hatte. Wie er jetzt lächelnd heranschwebte, sprang Mr. Chuzzlewit, übermannt von Zorn, auf, erhob seinen Stock und schlug ihn zu Boden. Es war ein so gut gezielter, kraftvoller Hieb, daß der Heuchler schwerfällig zusammenbrach und niederstürzte wie ein Sonntagsreiter, den der Angriff eines Leibgardisten aus dem Sattel gehoben hat. Ob er nun betäubt oder bloß durch die Neuheit dieses warmen Empfanges überrascht und verwirrt war, jedenfalls gab er sich nicht die geringste Mühe, wieder aufzustehen, sondern blieb ruhig liegen und war auch jetzt noch nicht imstande, die Maske der Heuchelei abzuwerfen. Er blieb liegen und schaute mit so komischer Demut auf, daß weder Mark Tapley noch John Westlock ein Lächeln unterdrücken konnten, obgleich sie beide dazwischen gesprungen waren, um Mr. Chuzzlewit zu verhindern, einen zweiten Schlag zu führen, der, nach dessen blitzendem Auge zu urteilen, gedroht hatte. »Hinaus mit ihm, schafft mir den Kerl aus den Augen«, rief Mr. Chuzzlewit, »oder ich weiß nicht, was ich tue. Der ungeheure Zwang, den ich mir auferlegen mußte, hätte mich, glaube ich, wenn es noch eine Zeitlang gedauert hätte, wirklich gelähmt. Ich bin nicht Herr meiner selbst, solange ich ihn noch vor mir sehe. Hinaus mit ihm!« Da Mr. Tapley sah, daß Mr. Pecksniff keine Miene machte, aufzustehen, packte er ihn ohne weitere Umstände beim Rockkragen, schleifte ihn von dem Lehnstuhl weg, hob ihn auf und lehnte ihn mit dem Rücken an die Wand. »Höre mich an, du Schurke!« rief Mr. Chuzzlewit. »Ich habe dich hierher kommen lassen, damit du dein eigenes Werk siehst. Ich weiß, daß es dir Galle und Wermut sein wird. Ich habe dich hierher kommen lassen, da ich weiß, daß der Anblick jedes einzelnen hier ein Dolchstich in dein niederträchtiges Herz sein muß. – So, jetzt kennst du meinen wahren Charakter.« Mr. Pecksniff hatte alle Ursache, große Augen zu machen, denn der Triumph in Gesicht und Haltung des alten Herrn war ein Anblick, wie man ihn wohl nicht alle Tage genießt. »Schau her«, fuhr der alte Mann fort und wies auf die Anwesenden. »Schau her – und jetzt: komm an mein Herz, mein lieber, lieber Martin! Siehst du, so, – so – so«, und voll Liebe zog er seinen Enkel an sich. »Die innere Aufruhr, die ich empfand, Martin, als ich dich damals sah und nicht umarmen durfte, hat sich jetzt Luft gemacht in dem Schlag, mit dem ich den Elenden zu Boden gestreckt habe. Warum haben wir uns jemals getrennt?! Wie konntest du nur vor mir fliehen und gar zu dem da?« Martin wollte antworten, er ließ ihn aber nicht zu Worte kommen. »Ich weiß, es war ebensogut mein Fehler wie der deine; Mark Tapley sagte es mir heute, und ich habe es längst selber gewußt, wenn ich es auch gleich am Anfang nicht einsah. – Mary, mein Kind, jetzt komme du her!« Miss Graham zitterte so sehr und war so blaß, daß er sie in seinen eigenen Stuhl drückte, ihre Hand festhielt und an ihre Seite trat. Auch Martin stand dabei. »Der Fluch unsres Hauses«, rief Mr. Chuzzlewit und blickte gütig auf sie nieder, »war die Selbstsucht und ist von jeher die Selbstsucht gewesen. Wie oft habe ich das gesagt und doch nicht gewußt, daß ich selbst gegen andere selbstsüchtig war.« Dann legte er seine freie Hand auf Martins Arm und fuhr fort: »Ihr alle wißt, wie ich diese Waise hier auferzogen habe, damit sie mich dereinst pflege. Niemand von euch kann aber wissen, wie ich allmählich dahin gekommen bin, in ihr eine Tochter zu sehen. Sie gewann mich durch ihre Selbstaufopferung, ihre Zärtlichkeit, ihre Geduld und ihre edle Denkungsweise – Eigenschaften, für deren Ausbildung, Gott weiß es, ich mir leider nur wenig Mühe gab. Aber sie blühte ohne die Hand des Gärtners, und ich kann nicht sagen, ich bedaure es, daß ich nicht so war, wie ich hätte sein sollen; sonst wäre alles anders gekommen und der Kerl dort könnte den Kopf aufrecht tragen.« Mr. Pecksniff steckte die Hand in die Weste und schüttelte milde das Haupt, wie um anzudeuten, daß er es immer noch aufrecht trage. »Es gibt eine Art von Selbstsucht«, rief Mr. Chuzzlewit, »die ich aus eigener Erfahrung an mir selber kennenlernen mußte und die darin besteht, daß sie fortwährend auf der Lauer liegt, um die Selbstsucht anderer zu entdecken. So zweifelte ich einst an allen, die um mich waren; anfangs nicht ohne Grund – deshalb setzte ich auch Zweifel in dich, Martin.« »Gleichfalls nicht ohne Grund«, versetzte der junge Martin. »Hörst du, du Heuchler? Hörst du, du aalglatter niederträchtiger Schurke?« rief Mr. Chuzzlewit, »hörst du, du kriecherische Kanaille? Als ich ihn suchte, hattest du bereits deine Netze ausgeworfen – hast du bereits nach ihm geangelt. Und als ich in dem Gasthause dieser guten Frau dort krank lag und du in deiner heuchlerischen Demut meinem Enkel das Wort redetest, hattest du ihn damals nicht bereits abgefangen? Hoffend, daß meine Liebe sich ihm wieder zuwenden werde, hattest du ihm eine von deinen beiden Töchtern zugedacht – ist es nicht so? Und glückte das nicht, so war deine Handlungsweise immerhin eine gute Spekulation, so oder so, um mich mit dem Scheine von Mildtätigkeit zu blenden und dir einen Weg zu mir zu bahnen. Ich habe dich schon damals durchschaut und es dir ins Gesicht gesagt.« »Auch jetzt kann ich Ihnen noch nicht böse sein, Sir«, säuselte Mr. Pecksniff. »Von Ihnen kann ich alles ertragen. Ich werde Ihnen niemals widersprechen, Mr. Chuzzlewit.« »Höret mich weiter an!« fuhr der alte Martin fort und wandte sich wieder an die übrigen. »Ich habe mich in die Hände dieses Menschen unter so erniedrigenden Bedingungen gegeben, daß ich es kaum mit Worten ausdrücken kann. Ich sprach mich aus vor ihm in Gegenwart seiner Kinder, Wort für Wort, so rückhaltlos und so voller Verachtung, wie es nur irgend möglich war. Hätte ihm alles das nur ein einziges Mal die Schamröte ins Gesicht getrieben, so wäre ich in meinem Vorhaben wankend geworden; ich hätte meinen Plan aufgegeben, wenn es mir möglich gewesen wäre, in ihm auch nur eine Minute lang einen anständigen, entrüsteten Menschen zu sehen. Hätte er auch nur ein Wort zugunsten meines Enkels, den er von mir enterbt wähnte, eingelegt, hätte er auch nur die leiseste Einwendung gemacht gegen meine Aufforderung, ihn aus dem Hause zu jagen und ins Elend zu stoßen, ich glaube, ich hätte ihn vielleicht doch nicht so sehr verachten müssen. Aber nicht ein Wort, nicht ein einziges Wort sprach er! Den schlimmsten Leidenschaften der menschlichen Natur Vorschub zu leisten war seine Lebensaufgabe, und er hat sie getreulich erfüllt bis zum Schluß.« »Auch jetzt zürne ich nicht«, flötete Mr. Pecksniff. »Ich bin verletzt, Mr. Chuzzlewit, tief im Innersten verletzt, aber ich zürne Ihnen nicht, mein wertgeschätzter Herr.« Mr. Chuzzlewit achtete nicht auf ihn und nahm seine Rede wieder auf: »Einmal entschlossen, ihn auf die Probe zu stellen, wollte ich meinen Plan auch bis zu Ende durchführen. Aber, während ich die Tiefe seiner Niedertracht ergründen wollte, gelobte ich mir selbst mit einem heiligen Schwur, ihm andrerseits auch jeden Funken von Menschlichkeit, Ehre und Gefühl – kurz alles, was noch in ihm schlummern mochte – anzurechnen. Jedoch auch nicht eine Spur fand sich in ihm, vom Anfang bis zu Ende. Nicht ein einziges Mal! Er kann deshalb nicht sagen, daß ich ihm nicht Gelegenheit dazu geboten hätte, und auch nicht sagen, daß ich ihm Versuchungen in den Weg gelegt und ihn nicht in allen Dingen hätte frei schalten lassen. Ich habe mich wie ein blindes Werkzeug in seine Hände gegeben, das er sowohl zum Guten wie zum Bösen gebrauchen konnte. Und wenn er das leugnet, so lügt er – und das versteht er allerdings aus dem Grunde.« »Mr. Chuzzlewit!« unterbrach ihn Mr. Pecksniff mit tränenfeuchtem Auge. »Ich zürne Ihnen nicht – ich kann Ihnen nicht zürnen. Aber haben Sie wirklich nie, mein wertgeschätzter Herr, das Verlangen ausgedrückt, daß jener unnatürliche junge Mann, der mir jetzt auf kurze Zeit durch seine teuflischen Künste – ich sage, nur für kurze Zeit – Ihre gute Meinung entzogen hat, daß ihr Enkel, Mr. Chuzzlewit, aus meinem Hause davongejagt werden solle? Besinnen Sie sich doch, mein Freund und Bruder in Christo.« »Ja, das habe ich gesagt«, gab der alte Herr mit finsterer Miene zu; »ich konnte doch nicht wissen, wie weit ihn der Firnis deiner Heuchelei getäuscht haben mochte, du Schurke! Und ich wußte keinen bessern Weg, ihm die Augen zu öffnen, als indem ich dich ihm in deiner ganzen kriecherischen Niedertracht vor Augen führte. Ja, ich drückte diesen Wunsch aus, aber du griffst mit beiden Händen darnach, weil es dir paßte. Und du hast den Wunsch erfüllt und keinen Augenblick gezögert, wie ein tückischer Hund die Hand zu beißen, die du soeben geleckt hattest.« Mr. Pecksniff machte eine Verbeugung – eine unterwürfige, um nicht zu sagen, kriecherische Verbeugung. Wenn man ihm der edelsten Eigenschaft wegen ein Kompliment gemacht haben würde, hätte er sich kaum anders verbeugen können. »Der Unglückliche, der das Opfer eines feigen Mörders geworden«, fuhr Mr. Chuzzlewit fort,»und damals unter dem Namen –« »Tigg lebte«, ergänzte Mark. »Ja. Also dieser Tigg bettelte mich für einen seiner Freunde, der ebenfalls zu meiner unwürdigen Verwandtschaft gehörte, an; und da ich ihn für meine Zwecke geeignet hielt, trug ich ihm auf, mir Nachricht von dir zu bringen, Martin. Durch ihn erfuhr ich von deinem Aufenthalt bei diesem Kerl hier. Er war es auch, der dich eines Abends in London traf – du erinnerst dich! –« »Beim Pfandleiher«, versetzte der junge Martin. »Ja. – Er ging dir nach bis zu deiner Wohnung und ermöglichte es mir auf diese Weise, dir Geld zu schicken.« »Erst unlängst ging es mir durch den Kopf«, fiel der junge Martin bewegt ein, »daß es von dir gekommen sein könnte. Damals hatte ich natürlich noch keine Ahnung, daß du noch Teil an meinem Schicksal nahmst. Hätte ich das gewußt –« »Ja, wenn du das geglaubt hättest«, unterbrach ihn der alte Mann bekümmert, »dann hättest du mich besser kennen müssen, als du mich kanntest. Ich hoffte, dich reuig zu mir zurückkehren zu sehen, Martin, und rechnete in dieser Hinsicht auf deine Notlage. So sehr ich dich auch liebte, so konnte ich es damals doch nicht über mich gewinnen, es offen einzugestehen, bevor du mir dein Unrecht bekanntest. Und so verlor ich dich. Wenn ich indirekt eine Schuld an dem Schicksal jenes Unglücklichen trage, indem ich ihm wenn auch noch so geringe Mittel in die Hand gab, so möge es mir Gott verzeihen. Ich hätte es voraussehen sollen, daß er das Geld mißbrauchen werde – daß es schlecht bei ihm angewandt war und daß es, von ihm verwaltet, nur Unheil erzeugen konnte. Aber ich glaubte nie, daß er die Lust oder die Fähigkeit habe, ein wirklich ernster, gefährlicher Betrüger zu werden. Ich hielt ihn nur für einen gedankenlosen, müßigen Verschwender, der mehr gegen sich selbst wütete als gegen andere, und bloß zu seinem eigenen Verderben seinen lasterhaften Neigungen frönte.« »Ich bitte um Verzeihung, Sir«, meldete sich jetzt Mr. Tapley, der inzwischen ganz ungeniert Mrs. Lupins Arm durch den seinigen gezogen hatte, »wenn ich mich erkühne zu sagen, daß Sie vollkommen recht haben, und daß es schließlich so mit ihm ausgegangen ist, wie es im Lauf der Natur liegt. Es gibt eine ganz erstaunliche Menge Menschen, Sir, die, solange sie bloß auf ihre eigenen Schuhe und Strümpfe angewiesen sind, in aller Gemütsruhe bergab trotten und nicht viel Schaden anrichten. Setzt man sie aber in einen Wagen mit vier Pferden davor, Sir, bekommt man seine blauen Wunder zu sehen. Dann füllt so ein Kerl sein Fuhrwerk mit Passagieren und rast mitten durch die Straßen Hals über Kopf zur Hölle. Gott segne Ihr gutes Herz, Sir, aber es gehen jeden Tag so viele Tiggs durch das Tempeltor, daß es nur eines geringen Anstoßes bedarf, um jeden von ihnen zu einem waschechten Montague zu machen.« »In Ihrer Unwissenheit, wie Sie es nennen, Mark«, rief Mr. Chuzzlewit, »sind Sie weiser als so mancher Gescheite und nebenbei ich selber. Sie haben die Wahrheit gesprochen, und heute nicht zum erstenmal. Aber jetzt hört mich an, meine Lieben. Und Sie, Pecksniff, der Sie, wenn ich recht unterrichtet bin, ebensogut in materieller Hinsicht wie an gutem Namen ein Bankerottier sind, hören Sie mir auch zu, und wenn ich fertig bin, verlassen Sie dieses Haus und verpesten Sie es nie wieder durch Ihren Anblick.« Mr. Pecksniff legte die Hand auf die Brust und verbeugte sich abermals. »Die Buße, die ich mir selbst in seinem Hause auferlegt habe, hat mich erkennen lassen, welches Elend über mich gekommen wäre, wenn es wirklich dem Himmel gefallen hätte, mich so schwach und hilflos zu machen, wie ich mich stellte. Da sagte ich mir: nimm dich in acht, daß du nicht wirklich das Werkzeug eines solchen Menschen werdest und dereinst in einer andern Welt zu dem Bewußtsein eines Unrechts erwachest, entsetzlich genug, um sogar die Freuden des Paradieses zu vergällen. Bis jetzt war dir dein Reichtum eine unaufhörliche Quelle des Unglücks und hat dich veranlaßt, allen zu mißtrauen, und dir ein Grab gegraben, noch bevor du tot bist, ein Grab von Mißtrauen und Qual.« Und dann erzählte Mr. Chuzzlewit, wie er schon ganz im Anfang zuweilen daran gedacht habe, es könne sich zwischen Martin und Mary ein Liebesverhältnis entspinnen; er habe sich darin gefallen, sich die Zeit vorzustellen, wo er das Wachsen dieser jungen Liebe beobachten, die Liebenden schließlich scheinbar mit Bedenklichkeit beiseite nehmen und zur Rede stellen, ihnen zuletzt aber gestehen würde, daß es für ihn selbst ein Herzenswunsch sei, sie vereinigt zu sehen und, wie er hoffe, durch seine väterliche Liebe für sie und die Sorge um ihr Glück sich verdiente Ansprüche an ihre Liebe zu sichern, die ihm seinen Lebensabend glücklich machen solle; und wie er diesen Plan kaum gefaßt hatte, und die Wonne, für das Glück anderer sorgen zu können, noch neu und unbestimmt vor ihm lag, sei Martin gekommen und habe ihm schroff herausgesagt, er habe bereits gewählt. Das habe ihm denn gar nicht gefallen, da dadurch sein Plan allen Reizes entbehrte; überdies habe er sich, als er die Entdeckung machte, Mary erwidere die Liebe seines Neffen, mit dem Gedanken gequält, die beiden seien trotz ihrer Jugend und der ihnen erwiesenen Wohltaten bereits wie alle übrigen tief bis ins Mark selbstsüchtig geworden. Aus Bitterkeit über diesen Eindruck und infolge seiner früheren Lebenserfahrungen habe er Martin die herbesten Vorwürfe gemacht, dabei aber ganz vergessen, daß er niemals sein Vertrauen in einer derartigen Hinsicht großgezogen habe. Infolgedessen sei es zwischen ihnen zu heftigen Worten gekommen, und sie seien im Zorn auseinandergegangen. In jener Nacht, als er im »Drachen« erkrankte, habe er ihn noch immer geliebt und sich auch von ihm geliebt gehofft, im geheimen einen zärtlichen Brief an ihn geschrieben und ihn darin zu seinem Erben ernannt und seiner Verbindung mit Mary seinen Segen gegeben. Die Zusammenkunft mit Pecksniff habe ihn dann wieder mißtrauisch gemacht, so daß er das Papier wieder verbrannt und sich auf seinem Krankenlager mit Argwohn, Zweifeln und Reue abgequält habe. Dann berichtete er, wie er sich vorgenommen, diesen Pecksniff wie auch Marys Treue und Anhänglichkeit sowohl gegen ihn selbst als auch gegen Martin auf die Probe zu stellen, und wie er durch ihre Sanftmut und Geduld, besonders aber durch die Herzensgüte, schlichte Einfachheit und männliche Treue Tom Pinchs milder und milder gegen die Menschen gestimmt worden. Als er von Tom sprach, rief er mit Tränen in den Augen Gottes Segen auf ihn herab, denn Pinch sei, sagte er, obschon er auch ihn anfangs beargwöhnt habe, wie ein Frühlingsregen für sein Gemüt gewesen und habe ihm den Glauben an die Menschheit wiedergegeben. Martin ergriff Mr. Pinchs Hand, und ein gleiches taten auch Mary und John, Mark, Mrs. Lupin und die kleine Ruth nicht zu vergessen. Seliger, tiefer, ruhiger Friede zog in Toms Herz ein. Und dann erzählte der Alte, wie hochherzig Mr. Pecksniff »seine Pflicht der Menschheit gegenüber erfüllt«, als er damals Tom entließ. Oft und oft habe er Pecksniff über John Westlock schimpfen hören, und da er diesen als Toms Freund kannte, so habe er durch Vermittelung seines vertrauten Agenten und Advokaten in der Stadt den kleinen Kunstgriff angewendet, der Mr. Pinch instand setzte, eine geordnete Beschäftigung zu finden. Dann kam er noch einmal auf die Szene zu sprechen, wo der junge Martin ihn um seine Verzeihung gebeten hatte. »Und schon deswegen«, wendete er sich an Mr. Pecksniff, »Würde ich dir den Strick des Galgens nicht vom Halse nehmen, und wenn ich es nur durch eine Bewegung des kleinen Fingers tun könnte.« »Dein Nebenbuhler, lieber Martin«, fuhr er fort, »war dir zwar nie gefährlich, aber Mrs. Lupin hat doch wochenlang die Duenna spielen müssen, nicht so sehr, um deine Geliebte, als vielmehr, um ihren schuftigen Bewerber zu beobachten; denn dieser Vampir« – Mr. Chuzzlewits Fruchtbarkeit im Erfinden neuer Schmähnamen für den Heuchler war erstaunlich – »hätte sie sonst täglich bei jedem Schritt, den sie ins Freie tat, behelligt und ihr die frische Luft vergiftet; und schau nur, wie ihre Hand zittert – sieh mal, ob du sie halten kannst, Martin!« Halten? Martin drückte Mary nicht bloß die Hand, nein, er umschlang sie, aber er war so ergriffen von der Treue seines Freundes, daß er in der Höhe seines Glückes immer noch eine Hand frei hatte, um sie nach Tom Pinch auszustrecken, und rufen konnte: »Ach, Tom, lieber lieber Tom, ich sah Sie zufällig hierher gehen – verzeihen Sie mir.« »Verzeihen?« rief Tom. »Ich verzeihe Ihnen mein Lebtag nicht, Martin, wenn Sie noch ein Wort darüber verlieren. Ich wünsche Ihnen beiden Glück und Segen – fünfzigtausendmal, mein lieber Freund!« »Ich bitte um Verzeihung, Sir«, mischte sich jetzt Mr. Tapley ein und trat vor. »Sie haben soeben eine Dame namens Lupin erwähnt, Sir.« »Allerdings«, versetzte der alte Mann. »Ja, Sir. – Ein hübscher Name, Sir, nicht wahr?« »Ein sehr guter Name, daran ist nicht zu zweifeln.« »Fast ist es schade, einen solchen Namen in ›Tapley‹ umzuwandeln. – Sind Sie nicht auch der Meinung?« fragte Mark. »Das hängt ganz von der Dame selbst ab. Was hält denn sie von der Sache?« »Nun«, erwiderte Mr. Tapley und zog sich mit einer Verbeugung gegen Mr. Chuzzlewit zu der hübschen Wirtin zurück, »ihre Ansicht ist, der Name wäre vielleicht kein guter Tausch, aber vielleicht die Person, und deshalb, wenn niemand von einem bestehenden Ehehindernisse etwas weiß und so weiter, und so weiter, so soll der ›Blaue Drache‹ in den ›Fidelen Tapley‹ verwandelt werden. Der Titel ist meine eigene Erfindung, Sir; neu und vielsagend.« Alles das war für Mr. Pecksniff eine solche Labsal, daß er die ganze Zeit über, mit zu Boden gesenkten Augen und abwechselnd seine Hände verkrampfend, dastand, als ob ein ganzes Schock von Strafurteilen gegen ihn verkündet worden wäre. Nicht nur seine ganze Gestalt schien gebrochen, seine Verstörtheit schien sich auch auf seine Kleider zu erstrecken; sie sahen jetzt plötzlich ganz schäbig aus: die Wäsche war gelb, sein Haar muffiger und glanzloser als sonst, sogar seine Stiefel hatten ein trübes, schuftiges Aussehen, als sei ihr Glanz mit dem ihres Herrn für immer verschwunden. Er fühlte mehr, als er sah, daß der alte Mr. Chuzzlewit jetzt nach der Türe deutete. Er blickte auf, nahm seinen Hut vom Boden und sprach: »Mr. Chuzzlewit, Sie haben meine Gastfreundschaft genossen –« »– und sie bezahlt«, war die Antwort. »Ich danke Ihnen. Das erinnert mich«, sagte Mr. Pecksniff und zog sein Taschentuch heraus, »an Ihre alte vertraute Offenherzigkeit. Sie haben's bezahlt. Ich wollte es eben selbst sagen, aber Sie haben mich auch hintergangen, Sir! Auch dafür danke ich Ihnen. Sie im Vollbesitz Ihrer Gesundheit und Ihrer Kräfte zu sehen ist für mich Entschädigung genug. Betrogen zu werden ist das Los des Sterblichen. Mein Herz ist immer noch vertrauensvoll, und ich danke Gott dafür. Ich bin lieber leichtgläubig und will betrogen werden als mißtrauisch sein und selbst betrügen.« Dann verneigte er sich mit bekümmertem Lächeln und wischte sich die Augen. »Es ist auch nicht einer gegenwärtig, Mr. Chuzzlewit«, fuhr er fort, »von dem ich nicht getäuscht worden wäre. Aber ich habe Ihnen allen sofort vergeben; es war meine Pflicht, und ich habe sie erfüllt. Ob es würdig von Ihnen war, meine Gastfreundschaft anzunehmen und in meinem Hause eine solche Komödie zu spielen, das, Sir, ist eine Frage, deren Beantwortung ich Ihrem eigenen Urteil überlassen will. Ihr Gewissen wird Sie nicht freisprechen können. Nein, nein. Man hat mich heute geschlagen, geschlagen mit einem Spazierstock, der, wie ich allen Grund zu haben glaube, mit Knoten versehen ist – und zwar auf den edelsten Teil des menschlichen Körpers: auf das Gehirn. Aber noch schwerere Schläge, Sir, wurden ohne Spazierstock nach jenem noch edleren Teil meines Körpers geführt – nach dem Herzen. Sie haben gesagt, Sir, ich sei materiell bankerott; ja, Sir, so ist es. Durch eine unglückselige Spekulation, die abermals mit Verrat verbunden war, sehe ich mich der Armut preisgegeben, und zwar zu einer Zeit, Sir, wo das Kind meines Herzens zur Witwe wurde und Schmach und Trauer in mein Haus eingezogen sind.« Abermals wischte sich Mr. Pecksniff die Augen und schlug sich ein paarmal leicht auf die Brust, als antworte er den leisen Schlägen seines Gewissenshammers von innen und wie um zu sagen: nur Mut gefaßt, alter Freund da drinnen. »Ich durchschaue das menschliche Herz, aber trotzdem vertraue ich ihm immer wieder, das ist meine Schwäche. Weiß ich denn nicht, Sir« – hier wurde seine Stimme ungemein kläglich und man bemerkte, daß er einen Blick nach Tom Pinch hinwarf – »weiß ich denn nicht, daß ich es nur meiner unglücklichen Lage verdanke, so behandelt zu werden? Sonst hätte ich wohl nie anhören müssen, was ich heute zu hören bekam. Ich weiß, Mr. Chuzzlewit, daß in der Stille und Einsamkeit der Nacht eine kleine zarte Stimme Ihnen in das Ohr raunen wird: ›Mr. Chuzzlewit, das war nicht wohlgetan!‹ – Denken Sie gütigst daran, Sir, wenn die Leidenschaft und die Einflüsse des Vorurteils von Ihnen gewichen sein werden – wenn ich mir einen so starken Ausdruck erlauben darf. Und wenn Sie je an Ihr dereinstiges stummes Grab denken, Sir – Sie müssen mich entschuldigen, daß ich nach dem Benehmen, zu dem Sie sich hinreißen ließen, immerhin gewisse Zweifel hege, ob Sie dessen überhaupt fähig sind –, aber, wenn Sie je an Ihr dereinstiges stummes Grab denken, Sir, so denken Sie dabei auch an mich! Wenn Sie sich Ihrem dereinstigen stummen Grabe näher fühlen, Sir, so denken Sie ebenfalls an mich! Und wenn Sie um eine Aufschrift für Ihr dereinstiges stummes Grab verlegen sind, Sir, so lassen Sie darauf setzen, daß ich – jawohl, mein wertgeschätzter Herr, daß ich, das demütige Individuum, das jetzt die Ehre hat, Ihnen Vorwürfe zu machen – Ihnen vergeben habe, daß ich Ihnen bereits vergeben habe, als die Kränkung noch frisch war und mein Herz noch blutete. Es mag bitter für Sie klingen, dies jetzt anhören zu müssen, aber Sie werden es erleben, daß Sie dereinst noch einen Trost darin finden werden. Mögen Sie einen Trost darin finden, sobald Sie ihn brauchen. – Guten Morgen.« Mit diesen erhabenen Worten entfernte sich Mr. Pecksniff, jedoch der Effekt seines Abschiedes wurde sehr durch den Umstand beeinträchtigt, daß er unmittelbar darauf beinahe umgerannt wurde von einem außerordentlich erhitzten kleinen Männchen in Manchester-Kniehosen und mit einem sehr hohen Hut, das wie verrückt die Treppe heraufgerast kam und buchstäblich in Mr. Chuzzlewits Zimmer hereinstürzte. »Ist keiner da, der ihn kennt?« rief das kleine Männchen. »Ist niemand da, der ihn kennt? Mein Gott, ist denn keiner da, der ihn kennt?« Die Anwesenden blickten einander fragend an, aber niemand wußte, wer der kleine Mann mit dem hohen Hute war, der da, wie außer sich und so schnell wie möglich zum Zimmer herein und wieder hinaus lief, so daß sein Paar hellblaue Strümpfe wie ein ganzes halbes Dutzend aussah, und mit hoher Stimme fortwährend wiederholte: »Ist denn keiner da, der ihn kennt?« »Wenn in Ihrem Gehirn net alles drunter und drüber geht, Mr. Sweedlepipe«, rief eine andere Stimme draußen, »so halten S' gfälligst den Mund, wenn ich bitten darf.« Einen Augenblick später erschien Mrs. Gamp auf der Schwelle. Das mühsame Stufensteigen hatte sie ganz des Atems beraubt, und sie keuchte fürchterlich, ohne dabei jedoch zu vergessen, rastlos zu knicksen. »Sie müssen dem Menschen seine Schwächen net übelnehmen«, erklärte sie und blickte Mr. Sweedlepipe mit Entrüstung an. »I hätt mir's ja denken können, da ich 'n ja kenn, und das gscheiteste wär gwesen, er wär von der Brücken ins Wasser gfalln und ersoffen, ehe ich 'n herbracht hab. Eben erst vor einer Stund hat er dem Vatter von so einer liebenswürdigen Famülie, wie nur je eine drei Paar Zwilling auf die Welt bracht hat, beinah die Nasen abrasiert, Mr. Chuzzlewit. Und es war auch sicher gschegn, wenn der betreffende Herr sich net in 'n Spiegel gschaut hätt und dem Rasiermesser gschickt ausgwichen war. Ich versicher Ihna, Mr. Sweedlepipe, niemals hab i mir denkt, was dös für a großes Malöhr is, mit Ihna bekannt zu sein, wie grad eben jetzt. So, jetzt wissen S' es, wie Sie dran sin.« »Ich bitte um Entschuldigung, meine Damen und Herren«, rief der kleine Barbier und nahm seinen Hut ab, »und auch Sie, Mrs. Gamp. Aber – aber –« er fing fast an zu weinen, »ist denn niemand da, der ihn kennt?« – In diesem Augenblick wankte ein Phantom in Stulpenstiefeln mit verbundenem Kopf herein und begann, wahrscheinlich in der Meinung, daß er schnurgeradeaus gehe, im Zimmer zu kreisen. »Schauen Sie ihn nur an«, rief der kleine Barbier entzückt, »da ist er. Und in ein paar Tagen wird ihm die Binde abgenommen, und dann ist alles wieder gut. Er ist ebensowenig tot wie ich. Ganz lebendig und kräftig – nicht wahr, Bailey?« »So – o – ziemlich, Poll«, versetzte der junge Mann. »Schauen Sie nur her«, fuhr der kleine Barbier fort, in einem Atem lachend und weinend. »Wenn ich ihn stütze, so fehlt ihm fast gar nichts mehr. So, so ist's recht. Nur ein bißchen erschüttert und schwindlig ist er, nicht wahr, Bailey?« »Zie – ziemlich schwindlig. Poll – ziemlich schwindlig«, bestätigte Master Bailey »Was, und Sie, liabe Sarah, sin a do?« »Nein, was ist das nur für ein famoser Junge!« rief der weichherzige Poll und schluchzte vor Seligkeit. »Noch nie hab ich einen solchen Burschen gesehen! Lauter Witz und immer gut aufgelegt. Er soll in mein Geschäft eintreten – es ist ausgemacht bereits –, und wir wollen ›Sweedlepipe \& Bailey‹ auf das Schild drucken lassen. Er bekommt die Vogelabteilung, und ich besorge das Rasieren. Sobald er wieder ganz wohl ist, will ich ihm alle Vögel übergeben – den kleinen Blutfinken im Laden und alles. Nein, was das für ein prächtiger Bursche ist! Ich bitte um Verzeihung, meine Damen und Herren, aber ich dachte, es könne jemand hier sein, der ihn kennt.« Nicht ohne Eifersucht und Grimm hatte Mrs. Gamp bemerkt, daß Mr. Sweedlepipe und sein junger Freund einen sehr günstigen Eindruck bei den Anwesenden gemacht hatten. Sie geriet also sozusagen in den Hintergrund. Da galt es sich rasch wieder hervordrängen. »Ja, ja, die Harris, lieber Mr. Chuzzlewit«, begann sie aus dem Stegreif, »die kennt ihn auch. Sie hat a ganz einzigs liabs kleins Kind – wenn sie auch net will, daß es rum kommt – aus ihrer eigenen Familie von der Mutterseiten her in einer Spiritusflaschn aufbewahrt. Und grad dös liabe Kind hat sie a mal sehgn müssen auf der Kirchweih zsamm mit an preußischen Zwerg und an lebendigem Skelett in aner Schaubuden. Da kann mer sich so ihre Gefühle denken, wie die Drehorgel gspielt hat und man ihr das Kind ihrer eignen liaben Schwester zeigt hat, was sie nach dem Bild auf der Außenseiten und auf die Plakaten gar net erwartet hat, denn es war ganz anders abgmalt, als im lebendigen Zustand, und viel größer, und grad wie's auf der Harfen spielt, und dös hat das Kind, wie sie ganz genau gwußt hat, niemals nicht können – nein, niemals nicht, solange es in diesem Jammertal geatmet hat. – O mein, die Harris hat mich viele Jahre kennt und kann Ihna Auskunft geben, daß die verwitwete Dame, von der Sie ja auch wissen, die Mrs. Jonas, nix Bessers tun kann, als mich zu ihrer Wärterin annehmen. Und hoffentlich wird sie's auch tun – mit Erlaubnis der guten liaben Herrschaften natürlich –, die i da vor mir siech.« »Ach so«, rief Mr. Chuzzlewit, »das ist also Ihr Anliegen! – Wurde denn die gute Frau für ihre Mühe, die wir verursachten, nicht bezahlt, Mr. Tapley?« »Natürlich hab ich sie bezahlt«, erwiderte Mark, »und zwar sehr reichlich.« »Ja, ja, dös is schon alles wahr«, sagte Mrs. Gamp, »und i dank auch noch recht schön für alls.« »Und damit wollen wir auch unsere Bekanntschaft schließen, Mrs. Gamp«, unterbrach sie Mr. Chuzzlewit, »und Sie, Mr. Sweedlepipe – ist das nicht Ihr Name?« »Ja, so heiße ich, Sir«, versetzte Poll und nahm entzückt einige klingende Münzen entgegen, die ihm der alte Herr in die Hand gleiten ließ. »Also, Mr. Sweedlepipe, sorgen Sie nach Kräften für Ihre Mietsfrau und erteilen Sie ihr hin und wieder einen guten Rat. Deuten Sie ihr zum Beispiel an«, setzte der alte Herr hinzu und blickte die erstaunte Mrs. Gamp ernst an, »daß es zweckmäßiger wäre, wenn sie ein bißchen weniger zur Schnapsflasche griffe und ein bißchen mehr Menschlichkeit bewiese, ein bißchen weniger Rücksicht für sich selbst und ein bißchen mehr für ihre Patienten; auch eine kleine Dosis von Ehrlichkeit würde ziemlich am Platze sein. Und wenn Mrs. Gamp einmal in Ungelegenheiten kommt, Mr. Sweedlepipe, so wäre es am besten für sie zu einer Zeit, wo ich nicht gerade im Gerichtssprengel wohne, um als Zeuge über ihren Charakter einvernommen werden zu können. Haben Sie vielleicht die Güte, ihr dies gelegentlich mit Nachdruck beizubringen.« Mrs. Gamp schlug die Hände zusammen und verdrehte die Augen, bis nur noch das Weiße sichtbar war. Dann stupste sie sich den Hut zurück, um ihre erhitzte Stirn zu kühlen, und murmelte dabei entsetzt vor sich hin: »Weniger Schnaps! – Ich, die Sarah Gamp? – Die Flasche steht doch nur auf 'm Kamin, damit i meine Lippen dran setzen kann, wann i's grad notwendig hab.« Dann fiel sie in eine ihrer dramatischen Ohnmachten und ließ sich von Mr. Sweedlepipe in bemitleidenswertem Zustande hinausführen. Der arme Raseur hatte alle Hände voll zu tun, um zwischen seinen beiden Patienten, der »ohnmächtigen« Mrs. Gamp und dem taumelnden Bailey, seinen Weg zur Türe hinauszufinden. Lächelnd blickte ihnen der alte Herr nach, bis endlich seine Augen auf Tom Pinchs Schwester ruhen blieben. Dann leuchteten sie freudig auf. »Wir wollen hier alle zu Mittag essen«, sagte er, »und da du mit Mary genug zu plaudern haben wirst, Martin, so könnt ihr beide für uns bis Nachmittag mit Mr. und Mrs. Tapley den Haushalt hier besorgen. Inzwischen will ich mir Ihre Wohnung mal ansehen, Tom.« Mr. Pinch war ganz entzückt. Ruth ebenfalls. Sie wollte natürlich mitgehen. »Nein, ich danke Ihnen, meine Liebste«, wehrte Mr. Chuzzlewit ab. »Ich fürchte, Tom wird mit mir vorher in Geschäften noch einige Wege machen müssen. Was, wenn Sie vorausgingen, meine Liebste?« Auch dazu war die hübsche kleine Ruth mit Freuden bereit. »Aber nicht allein! Vielleicht wird Mr. Westlock Sie begleiten?« Natürlich wollte er das. Nein, wie kindisch so alte Leute doch sind! »Sie sind doch nicht etwa anderweitig vergeben?« fragte der alte Herr. Vergeben! Als ob man sich in einem solche Falle anderweitig vergeben könnte! Dann entfernte sich das Pärchen, und einige Minuten später folgten ihnen Tom und Mr. Chuzzlewit. Für einen so ernsten Herrn wie den alten Martin war das Lächeln auf seinem Gesicht ganz auffällig verschmitzt. 53. Kapitel Was John Westlock zu Tom Pinchs Schwester sagte; was Tom Pinchs Schwester zu John Westlock sagte; was Tom Pinch zu ihnen beiden sagte, und wie sie zusammen den Rest des Tages verlebten Herrlich funkelte die Tempelfontäne im Sonnenschein, und lachend spielte ihre flüssige Musik, und lustig tanzten die Wassertropfen und guckten neckisch unter den Bäumen hervor und duckten sich augenblicklich wieder, um sich zu verbergen, als die kleine Ruth und ihr Begleiter vorbeikamen. Warum das Pärchen sich der Fontäne näherte, ist ein Geheimnis; zu schaffen hatten sie dort nichts. Der Ort lag gar nicht auf ihrem Wege; im Gegenteil. Sie hatten mit der Fontäne ebensowenig zu tun wie mit der Liebe oder irgend etwas derart. Wenn Tom Pinch und seine Schwester sich an der Fontäne ein Rendezvous gaben, so war das etwas ganz anderes; wenn Ruth ein bißchen warten mußte, so wäre es sehr ärgerlich gewesen, dies an einem andern als einem hübschen ruhigen Orte zu tun; und in Anbetracht aller Umstände war dies hier ein so ruhiger Ort, wie sich nur einer finden ließ. Aber wenn Mr. Westlock sie nach Hause führen sollte und Arm in Arm mit ihr eine andere Richtung einschlug, so war doch der Umstand, daß sie zu derselben Fontäne gelangten, ganz außerordentlich. Wie dem übrigens auch sein mag, sie waren da – und wie sonderbar, sie schienen wie in stummem Einverständnis hierher gewandert zu sein, und das Wunderbarste dabei war, daß sie nicht wenig staunten, sich plötzlich dort zu sehen, denn an und für sich liegt doch im Anblick einer Fontäne nichts so Verwirrendes. »Was für ein hübsches Plätzchen das ist!« rief John; er sagte es voller Ernst und von tiefer Liebe zu dem Ort durchdrungen. »Ja, ein reizendes Plätzchen«, bekräftigte die kleine Ruth; »so schattig!« Sie blieben eine Weile stehn; der Tag war wunderschön, und da sie nun einmal stehenblieben, so war es ganz natürlich, daß sie auch einen Blick nach Garden Court hinunterwarfen, denn Garden Court führt in den Garten, der Garten an den Strom, und die Aussicht dahin ist so schön und schimmert wie Silber an einem Sommertag. Warum guckte also die kleine Ruth nicht mit hin? Warum bemühte sie sich so, ihren allerliebsten, winzigen, schmalen, kleinen Fuß mit aller Gewalt in den zersprungenen Winkel eines fühllosen alten Quadersteins im Pflaster zu pressen und der Lücke so genau anzupassen? Wenn die Matrone mit dem feuerroten Gesicht, die John den Haushalt führte, sie hätte sehen können, als sie zusammen weitergingen, hätte sie für ihre Stellung in Mr. Westlocks Haus in Furnivals Inn wohl nicht mehr viel gegeben. Das Pärchen ging weiter. Aber nicht durch die Straßen von London, nein, durch eine verzauberte Stadt, wo das Straßenpflaster aus Luft gewebt war, sich das Toben und Lärmen der Geschäftigkeit zu sanfter Musik milderte, wo alles glücklich dahinlebte und Raum und Zeit verschwunden waren. Zwei gutmütige, stämmige Bierkutscher ließen gerade ein paar große Fässer in einen Keller hinunter, und als John Ruth über den Strick hinüberhalf oder sie vielmehr hinüberhob, meinten sie, er müsse ihnen außerordentlich dankbar sein für die prachtvolle Gelegenheit, die sie ihm boten; himmlische Bierkutscher! Grüne, schöne Weide in der Sommerzeit, tiefes, weiches Stroh im Winter und ewigen Überfluß an Hafer und Klee wünschte John dem edlen Roß, das da vor dem Gig auf dem Pflaster tanzte und Ruth so erschreckte, daß sie seinen Arm mit beiden Händen umfaßte und ihn anflehte, zum Pastetenbäcker hineinzuflüchten, von wo sie dann erschrocken zur Türe hinausguckte und ihn mit ihren lieben Augen fragend ansah, ob er glaube, daß sie jetzt ungefährdet weitergehn könnten. Wäre doch ein ganzes Gespann mit Rossen, ein Löwe, ein Bär, ein toller Stier oder etwas derart gekommen, um sie abermals zu veranlassen, mit ihren Händchen seinen Arm zu umschlingen. Sie plauderten – und unterhielten sich von Tom, von den Begebnissen des Tages, von der Zuneigung, die Mr. Chuzzlewit zu Tom gefaßt, von den glänzenden Aussichten, die diesem dadurch erwüchsen, und was dergleichen mehr war. Je angelegentlicher sie übrigens plauderten, desto ängstlicher vermied die kleine Ruth jede Pause, denn lieber wollte sie alles Gesprochene noch einmal sagen als schweigen. Und wenn sie doch die Geistesgegenwart verließ, was häufig genug stattfand, so sah sie noch zehntausendmal bezaubernder und unwiderstehlicher aus als zuvor. »Martin wird vermutlich bald heiraten«, sagte John. Ruth glaubte es gleichfalls, aber niemals hat wohl ein berückendes, kleines Frauenzimmerchen etwas mit so schwacher Stimme gelispelt wie Ruth. Schon wieder voller Furcht, daß eine jener beunruhigenden Pausen im Anzüge sei, bemerkte sie rasch, Martin bekomme eine schöne Frau, und ob Mr. Westlock das nicht auch glaube. »Ja«, sagte John, »– o – ja.« Sie fürchtete, er sei schwer zu befriedigen, da er das so zögernd sage. »Sagen Sie lieber, ich sei schon befriedigt«, versetzte John. »Ich habe sie kaum gesehen – kümmerte mich auch gar nicht um sie – ich hatte diesen Morgen keine Augen für sie.« »O Gott!« Es war gut, daß sie ihren Bestimmungsort erreicht hatten, denn Ruth wäre nicht imstande gewesen, weiterzugehen. Wie wäre es auch möglich gewesen bei solchem Zittern. – Tom war noch nicht nach Hause gekommen. Sie traten also in das dreieckige Wohnstübchen und waren allein. Matrone mit dem feuerroten Gesicht und dem zerknitterten Hut, wie wird es dir wohl jetzt ergehen! Ruth setzte sich auf das kleine Sofa und knüpfte ihr Hutband los. John nahm neben ihr Platz – sehr, sehr, sehr nahe. – Wie wild ihr das Herzchen schlug! »Liebste, angebetete Ruth, wenn ich Sie weniger liebte, hätte ich Ihnen längst sagen können, daß ich Sie anbete. Gleich von Anfang an war ich in Sie verliebt, und noch nie ist ein Wesen auf Erden wahrhaftiger geliebt worden als Sie, liebe Ruth, von mir.« Sie verbarg das Gesicht in ihren Händen. Sie sagte nichts, aber ihre Tränen – Tränen der Freude, des Stolzes, der Hoffnung und der zitternden Liebe – aus ihrem übervollen jungen Herzen heraus waren Antwort genug. »Angebetetste, wenn dieses Geständnis – und ich wage es fast zu hoffen – nicht schmerzlich oder betrübend für Sie ist, so machen Sie mich glücklicher, als ich auszusprechen vermag oder Sie sich denken können. Angebetete Ruth, meine gute, sanfte, bezaubernde Ruth, ich hoffe, daß ich den Wert Ihres Herzens und den Wert Ihrer engelreinen Seele zu schätzen weiß. Lassen Sie mich Ihnen beweisen, daß ich ihn kenne, und Sie werden mich glücklicher machen, Ruth –« »Nein, nicht glücklicher«, schluchzte sie, »als Sie mich bereits machen. Niemand kann glücklicher sein, John, als ich es durch Ihre Liebe schon bin.« Matrone mit dem feuerroten Gesicht und dem zerknitterten Hut, sehen Sie sich nach einer andern Stelle um. Mit Ihrem Regiment ist es jetzt vorüber – bemühen Sie sich nicht weiter. Kein scheuendes Pferd, keine Löwen, keine Bären oder tollen Stiere waren mehr nötig: Ruths kleine Händchen falteten sich jetzt um Johns Arm auch ohne sie, und es war alles viel besser und hübscher so. Keine Bierkutscher, keine großen Fässer waren mehr nötig als Gelegenheitsmacher. Die weiche, kleine Hand legt sich scheu und ganz natürlich auf die Schulter des Geliebten, und wenn sämtliche Pferde Arabiens mit einem Male scheu geworden wären, so hätte es nicht besser ausfallen können. Dann fing das Pärchen wieder an, von Tom zu sprechen. »Ich hoffe, er wird sich freuen, wenn er's hört«, sagte John mit leuchtenden Augen. Ruth schloß ihre kleinen Händchen noch etwas fester zusammen bei diesen Worten und blickte liebevoll zu ihm empor. »Ich muß ihn doch nie verlassen, nicht wahr, Geliebter? Ich glaube, ich könnte Tom nie verlassen.« »Glaubst du denn, ich würde das von dir verlangen?« rief John und küßte sie auf die Lippen. »Ich wußte es, daß du es nie verlangen würdest«, antwortete sie, und die hellen Tränen standen ihr in den Augen. »Und ich will es dir schwören, Ruth, wenn du es willst. Tom verlassen! Das würde ein merkwürdiger Anfang sein. Tom verlassen, Geliebte! Wenn Tom und wir nicht unzertrennlich sind und er nicht alle Liebe in unserm Heim finden sollte, dann möge dieses Heim lieber nie existieren. Und das ist ein schwerer Eid, Ruth!« »Tom wird so glücklich, so stolz und froh sein«, jubelte Ruth, zitternd vor Glück. »Aber wie er staunen wird! Ich weiß, er denkt nicht im entferntesten an eine solche Möglichkeit.« Allmählich rückte sie dann mit dem heraus, was sie von Toms Geheimnis wußte, und wie sie es entdeckt hatte, und John war voll Leid und Teilnahme darüber. Aber sie wollten, sagte er, deswegen nur um so mehr versuchen, ihn glücklich zu machen und ihm seine Herzenswünsche an den Augen abzulesen. Und dann schilderte er ihr mit dem ganzen Eifer und der Innigkeit junger Liebe, wie er jetzt vortreffliche Gelegenheit habe, sich auf dem Lande als Baumeister niederzulassen. Wie er schon daran gedacht habe, er könne auf diesem Wege Tom eine Beschäftigung verschaffen und es einleiten, daß sie behaglich miteinander leben könnten, ohne daß Tom sich abhängig fühlen müßte. Und sie waren so glücklich, wie der Tag lang war. Freude im Herzen und in den Mienen, hörte Ruth dies alles mit an, und sie bauten sich Luftschlösser und kauften Tom im Geiste eine auserlesene Bibliothek und ließen eine Orgel für ihn bauen, auf der er dann nach Herzenslust spielen könne. Da mit einem Male hörten sie ihn an die Türe klopfen. Wie sehr sich auch die kleine Ruth danach sehnte, ihrem Bruder alles Vorgefallene mitzuteilen, war sie doch bei seiner Ankunft sehr aufgeregt – um so mehr, als sie wußte, daß Mr. Chuzzlewit ihn begleitete. Sie fragte daher mit Zittern: »Was soll ich nur tun, lieber John? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß er es von jemand anderem als von mir hört, und doch bin ich nicht imstande, ihm alles mitzuteilen, wenn wir nicht allein sind.« »Handle ganz, Geliebte, nach deinem natürlichen Instinkt, und wie es der Augenblick dir eingibt«, riet John. »Ich bin überzeugt, dann wird es am besten sein.« Er hatte kaum ausgesprochen und Ruth kaum Zeit gehabt, auf dem Sofa ein bißchen weiter von ihm wegzurücken, als Tom und Mr. Chuzzlewit hereinkamen. Der alte Herr trat zuerst über die Schwelle, und Tom folgte ihm gleich darauf. In der Geschwindigkeit hatte sich Ruth entschlossen, Tom für eine kleine Weile in das obere Stübchen hinauf zu winken und ihm dort alles zu gestehen. Als sie jedoch sein liebes, altes Gesicht in der Türe erscheinen sah, war sie so ergriffen, daß sie sich ihm in die Arme warf, ihr Köpfchen an seine Brust legte und schluchzend rief: »Wünsche mir Glück, Tom! Mein lieber, lieber Bruder!« Tom blickte sie überrascht an und sah dicht neben sich John Westlock stehen, der ihm die Hand entgegenstreckte. »John!« rief Tom, »John!« »Lieber Tom«, sagte Mr. Westlock bewegt, »gib mir die Hand; wir sind Schwäger, Tom.« Tom faßte seine Hand mit beiden Händen, drückte sie mit aller Macht, umarmte dann seine Schwester mit Innigkeit und legte sie John Westlock an die Brust. »Sage mir nichts weiter John! Das Geschick ist so gütig gegen uns – ich –«; er fand keine Worte mehr, sondern verließ das Zimmer, und Ruth folgte ihm. Und als sie endlich wieder zurückkamen, sah Ruth noch schöner und Tom womöglich noch treuer und gütiger aus als je. Und wenn er auch, überwältigt von Freude, noch nicht imstande war, über die Sache zu sprechen, so legte er doch seine Hände mit einem Nachdruck in die seines Freundes, der mehr bekundete als die vollendetste Rede. »Es freut mich, daß Sie den heutigen Tag dazu gewählt haben«, sagte Mr. Chuzzlewit zu Mr. Westlock mit demselben pfiffigen Lächeln wie damals, als sie sich getrennt hatten – »wenn ich mir's auch gleich gedacht habe. Ich hoffe, Tom und ich sind doch entsprechend lang ausgeblieben? Es ist so lange her, seit ich selbst solche Dinge praktisch erlebte, daß ich schon ganz unsicher wurde.« »Sie scheinen aber immer noch ziemlich genaue Kenntnisse davon zu besitzen, Sir«, erwiderte John lachend, »wenn Sie vorauszusehen imstande waren, was sich heute begeben würde.« »Nun, ich wüßte eben nicht, Mr. Westlock«, sagte der alte Herr, »daß dazu besonders viel prophetische Gabe gehörte, nachdem ich Sie und Ruth zusammen gesehen habe. Aber kommen Sie jetzt zu mir, mein hübsches Kind, und sehen Sie mal, was ich und Tom diesen Morgen mitsammen gekauft haben, während Sie mit diesem jungen Handelsmann hier Ihre Geschäfte abmachten.« Die Art, wie sich der alte Herr an ihre Seite setzte und sie fast wie ein Kind behandelte, war eigentlich recht komisch, aber doch so voller Innigkeit, daß einem das Herz dabei aufgehen mußte. Und wie vortrefflich die hübsche kleine Ruth zu dem hübschen Bild paßte. »Also, sehen Sie mal her«, sagte er und nahm ein Etui aus der Tasche. »Was für ein hübsches Halsband, nicht wahr? Wie das blitzt! Und dazu ein Paar Ohrringe, Armbänder und ein Gürtel. Das gehört Ihnen. Für Mary habe ich denselben Schmuck gekauft. Tom konnte absolut nicht begreifen, wozu ich zwei brauchte. Kurzsichtig ist er, das muß man ihm lassen. Ohrringe, Armbänder und ein Gürtel, schön, nicht wahr? Lassen Sie jetzt mal sehen, wie es Ihnen steht! Mr. Westlock soll Ihnen selbst den Schmuck anlegen.« Es war ein reizendes Bild, wie Ruth ihren runden, weißen Arm hinhielt und John tat, als wäre das Bracelett unendlich schwer zu befestigen, wie sie dann den schönen kleinen Gürtel anzog und dazu ebenfalls Johns Hilfe brauchte, weil ihre Finger so gar nicht gehorchen wollten. Und wie verwirrt und verschämt sie aussah, während die Glut ihre Wangen färbte und ihr Antlitz strahlte wie die funkelnden Juwelen. Es war das lieblichste Bild, das man unter den gewöhnlichen Erlebnissen eines ganzen Jahres nur sehen konnte. »Der Schmuck und die Trägerin passen so vortrefflich zusammen«, sagte der alte Herr, »daß ich wahrhaftig nicht weiß, welches von den beiden eigentlich die Zierde ist. Mr. Westlock könnte mir darüber zwar ohne Zweifel Auskunft geben, aber ich will ihn nicht fragen, da er wohl nicht unparteiisch ist. Also, tragen Sie den Schmuck in Gesundheit und Glück, meine Liebe, und möge er Ihnen eine Erinnerung an einen Freund sein, der Sie liebt.« Er klopfte sie auf die Wange und wendete sich zu Tom: »Auch hier muß ich die Rolle des Vaters übernehmen, Tom. Es gibt nicht viele Väter, die zwei solche Töchter an demselben Tage verheiraten. Aber wir wollen die Unwahrscheinlichkeit den Grillen eines alten Mannes zuliebe übersehn; soviel Nachsicht müssen Sie mir schon schenken«, setzte er hinzu, »denn der Himmel weiß, ich habe in meinem ganzen Leben leider nur zu wenig Grillen befriedigt, die das Glück andrer im Auge hatten.« Über diesen Gesprächen verging die Zeit so rasch, daß, ehe sie sich's versahen, nurmehr eine Viertelstunde zur Mittagszeit fehlte. Aber ein Fiaker brachte sie bald nach dem Tempel, wo sie bereits alles für ihren Empfang vorbereitet fanden. Mr. Tapley war hinsichtlich Anordnung des Dinners mit unbeschränkter Vollmacht versehen worden und hatte sich seiner Aufgabe so ehrenvoll entledigt, daß unter seiner und seiner zukünftigen Gattin vereinter Leitung ein prachtvolles Bankett vorbereitet war. Mr. Chuzzlewit bestand darauf, daß auch sie bei Tische Platz nähmen, und der junge Martin unterstützte eifrig den Wunsch seines Großvaters, aber Mark ließ sich durch nichts dazu bewegen und bemerkte, die Ehre, solchen Gästen aufzuwarten, sei so überwältigend für ihn, daß er sich schon jetzt als Wirt im Gasthaus zum »Fidelen Tapley« fühle und sich nicht in dem Wahne stören lassen wolle, das Fest finde bereits unter dem Dache dieses trefflichen Hotels statt. Und um sich in dieser Vorstellung noch mehr zu bestärken, gab Mr. Tapley allerhand Anweisungen über die Aufstellung der Gerichte usw. usw. an die im Geiste anwesenden Gasthauskellner, und da seine Befehle gewöhnlich den vorhergehenden zuwiderliefen und stets in der launigsten Weise ausgedrückt wurden, so veranlaßte das stets eine große Heiterkeit, in die Mr. Tapley jedesmal aufs herzlichste mit einstimmte. Der junge Martin saß oben an, Mr. Pinch unten an der Tafel, und wenn es ein Gesicht gab, das an Heiterkeit und Fröhlichkeit alle andern noch weit schlug, so war es das Toms. Er war überhaupt für alle tonangebend. Jedermann trank ihm zu, jedermann blickte nach ihm hin, jedermann dachte an ihn, und jedermann liebte ihn. Er brauchte nur einen Augenblick Gabel und Messer aus der Hand zu legen, und schon stand jemand da, um ihm die freigewordene Rechte zu drücken. Vor dem Dinner hatten Martin und Mary an seiner Seite Platz genommen und so herzlich und innig von ihrem künftigen Glück mit ihm gesprochen, und sie betonten so nachdrücklich, daß es durch seine Gesellschaft und Liebe erst vollständig werde, daß er bis zu Tränen gerührt wurde. Es war einfach zu viel für ihn. Sein Herz zersprang fast vor Glück, wie er sagte, und das war beinahe die Wahrheit; so groß auch sein Herz war, so quoll es doch über an diesem Tage vor lauter Glück und Seligkeit. Auch Mr. Fips, der alte Fips von Austin Friars, war beim Dinner zugegen und benahm sich wie die fidelste alte Haut, die nur jemals ihrem geselligen Temperament dadurch Zwang angetan, daß sie sich in ein dunkles Bureau eingeschlossen. »Wo ist er?« waren Mr. Fips' erste Worte, als er über die Schwelle trat. Und dann stürzte er auf Tom zu und beteuerte ihm, er wolle sich für seinen ganzen früheren Zwang jetzt schadlos halten. Zuerst drückte er ihm die eine Hand, dann die andre, dann faßte er ihn an der Weste, und dann fragte er ihn ununterbrochen: »Wie geht es Ihnen?« Und dann sang er Couplets und hielt Reden, und dem Weine setzte er so tüchtig zu wie nur einer. Und das Glück, abends nach Hause zu gehen und in Erinnerungen an die schöne Nacht von Furnivals Inn zu schwelgen! Die Freude des jungen Paares, alle seine kleinen Pläne Tom mitzuteilen und mit anzusehn, wie sein Gesicht immer mehr und mehr strahlte. Als sie zu Hause anlangten, ließ Tom seinen Freund und Ruth im Wohnzimmer und ging unter dem Vorwande, sich ein Buch zu suchen, in sein eignes Zimmer hinauf. Dabei dachte er wunder was er Schlaues ausgeführt habe. »Selbstverständlich wollen sie allein sein«, sagte er sich, »und ich habe das jetzt so natürlich arrangiert, daß ich nicht zweifle, sie erwarten mich jeden Augenblick zurück. Es ist ein famoser Spaß.« Er hatte aber noch nicht lange dagesessen und gelesen, als es an seine Türe klopfte. »Darf ich hereinkommen?« fragte John. »Freilich, freilich.« »Geh, komm zu uns, Tom! Du darfst hier nicht so alleine sitzen; wir wollen dich fröhlich sehen und nicht melancholisch.« »Mein lieber Freund« – begann Tom mit strahlendem Lächeln. »Oho, Schwager! Tom, Schwager!« »Also lieber Schwager«, fuhr Tom fort, »du brauchst keine Angst zu haben, daß ich traurig bin. Wie könnte ich es auch sein, wo ich weiß, daß du und Ruth beide so glücklich miteinander seid. – – Es kommt mir vor, ich bin heute ein großer Redner, John«, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu; »aber trotzdem finde ich nicht die Worte, dir zu sagen, welch unaussprechliche Wonne mir an diesem Tag zuteil geworden ist. Es würde unpassend von mir sein und nicht angebracht, wenn ich darüber mit dir reden wollte, daß du ein mitgiftloses Mädchen heiraten willst, wo ich weiß, daß du ihren Wert erkennst – ja, ich bin fest überzeugt davon, und das ist mehr wert als alles Geld.« »Da hast du recht, Tom!« entgegnete John. »Wer könnte sie sehen und nicht lieben! Wer sie kennt, Tom, der muß sie hochhalten. Wer müßte nicht im Besitz eines solchen Herzens gleichgültig gegen alle Schätze der Welt werden! Wer könnte das Glück und das Entzücken meiner Liebe fühlen, Tom, ohne nicht auch ihren Wert zu würdigen! Du sagtest, deine Freude sei unaussprechlich – nein, nein, Tom – die meinige ist es.« »Nein, nein, John«, widersprach Tom – »die meinige, die meinige!« Ihr freundschaftlicher Zwist wurde durch Ruth selbst geschlichtet, die jetzt zur Türe hereinguckte mit einem Blick, der deutlich verriet, wie sehr und von Herzen sie John liebte. Was Tom betrifft, so war er im siebenten Himmel. Wie sie so an seiner Seite saßen, stundenlang hätte er da sitzen und sie ansehen können. War es wohl töricht von ihm, sich zu freuen, daß sie in einer solchen Zeit an ihn gedacht hatten und wollten, er möge immer bei ihnen bleiben? Waren ihre Liebkosungen töricht? War es töricht von ihnen, daß sie erst so spät sich trennten? War es Torheit, daß John von der Straße aus noch lange zu Ruths Fenster emporblickte und den matten Schimmer von Licht dahinter höher als alle Diamanten der Erde schätzte? War es töricht, daß Ruth seinen Namen auf den Lippen trug und niederkniete und ihr reines Herz vor jenem ausschüttete, von dem solche Liebe herab auf Erden strahlt? Wenn das lauter Torheiten sind, dann freue dich, Matrone mit dem feuerroten Gesicht und dem zerknitterten Hut! Wenn aber nicht – dann ist's wohl aus mit deinen Diensten bei John Westlock. Dann setze deinen zerknüllten Hut für einen andern Junggesellen auf, denn mit dem Dienst ist es für immer vorbei. 54. Kapitel Macht dem Autor große Sorge, da es das letzte in diesem Buche ist Bei Todgers' herrschte große Aufregung, denn es galt, gewaltige Vorbereitungen für ein opulentes Frühstück zu treffen. Der segensreiche Tag war gekommen, an dem Miss Pecksniff mit Mr. Augustus Moddle durch das Band des heiligen Ehestandes für immer vereinigt werden sollte. Miss Pecksniff befand sich in einem Gemütszustand, der nicht nur der großen Veranlassung, sondern auch ihrer selbst vollständig würdig war. Sie troff förmlich vor Sanftmut und Versöhnlichkeit und hatte mehrere Kübel voll glühender Kohlen bereit, um sie auf die Häupter ihrer Feinde zu »sammeln«. Auch nicht die Spur von Groll oder Bosheit wohnte in ihrem Herzen. Streitigkeiten in der Familie, betonte sie immer wieder, seien etwas Schreckliches, und wenn sie auch ihrem teuern Papa niemals verzeihen könne, so wolle sie doch ihre übrigen Verwandten empfangen. Sie sei viel zu lange getrennt gewesen, bemerkte sie, viel zu lange, als daß nicht der Himmel die schwersten Strafen über die Familie habe verhängen müssen. Daß Jonas' Tod eine Strafe Gottes für alle diese Zwistigkeiten war, davon war sie fest überzeugt, und in diesem Glauben wurde sie noch durch die Leichtigkeit bestärkt, mit der sie diese Heimsuchung zu ertragen wußte. Um jetzt ein Opfer zu bringen – nicht etwa aus Triumph, sondern aus reiner Demut heraus –, schrieb sie daher an ihre starkgeistige Verwandte und teilte ihr mit; wann die Trauung stattfinden werde. Ihr und ihrer Töchter hochfahrendes Betragen sei zwar sehr verletzend gewesen, aber sie hoffe, daß sie von Gewissensbissen verschont geblieben wären. Sie wünsche nunmehr ihrerseits ihren Feinden zu vergeben und Frieden mit der ganzen Welt zu schließen, ehe sie zu der feierlichen Zeremonie schreite und den Lebensbund eingehe mit dem edelsten der Männer, und biete ihnen jetzt in Freundschaft die Hand. Wenn besagte starkgeistige Dame darauf eingehe, so lade sie (Miss Pecksniff) ihre sämtlichen Verwandten ein, der Trauung beizuwohnen, und bitte zugleich ihre drei rotnasigen Töchter (die Anspielung auf die Nasen ließ Miss Pecksniff natürlich weg), als Brautjungfern zu fungieren. Die starkgeistige Dame antwortete darauf, daß sie und ihre Töchter, was das Gewissen anbeträfe, sich einer robusten Gesundheit erfreuten, was, wie sie überzeugt sei, Miss Pecksniff gewiß mit Freuden hören werde. Sie habe Miss Pecksniffs Schreiben mit größter Freude empfangen, um so mehr, als sie die armseligen Eifersüchteleien, mit denen sie und die ihrigen seinerzeit angegriffen worden wären, niemals ernst genommen, sondern stets als eine harmlose Quelle unschuldiger Erheiterung angesehen habe. Sie werde mit Freuden Miss Pecksniffs Trauung beiwohnen, und auch ihre lieben drei Töchter schätzten sich glücklich an einer so spannenden – und so überraschend kommenden – diese Worte hatte die starkgeistige Dame unterstrichen – Gelegenheit teilzunehmen. Nach Erhalt dieser hoheitsvollen Zusage dehnte Miss Pecksniff ihre Amnestie und Einladung auch auf Mr. und Mrs. Spottletoe, auf Mr. George Chuzzlewit, den ledigen Vetter, auf das unverheiratete alte Fräulein, das stets Zahnweh hatte, auf den behaarten jungen Gentleman mit der unterexponierten Visage – kurz, auf sämtliche noch am Leben befindlichen Überbleibsel jener Gesellschaft, die sich dereinst in ihres Vaters Wohnstube versammelt hatte, aus. – In der Erfüllung der Pflichten läge eine Süßigkeit, bemerkte sie, als sie sämtliche Briefe zugeklebt und in den Postkasten geworfen hatte, die die Bitternisse des menschlichen Lebens mehr als ausglichen. Die Hochzeitsgäste hatten sich noch nicht versammelt, und es war noch so früh am Morgen, daß Miss Pecksniff sich mit aller Muße ankleiden konnte, als in der Nähe des Monumentes ein Wagen vorfuhr und Mark, vom Bock springend, Mr. Chuzzlewit beim Aussteigen half. Der Wagen hielt und wartete. Ebenso Mr. Tapley. Mr. Chuzzlewit begab sich zu Todgers'! Die entartete Nachfolgerin Mr. Baileys geleitete ihn zum Speisesaal, wo gleich darauf – man hatte seinen Besuch erwartet – Mrs. Todgers erschien. »Sie sind, wie ich sehe, zur Hochzeit angekleidet«, sagte Mr. Chuzzlewit. Mrs. Todgers bejahte. Vor lauter Vorbereitungen war sie so wirr im Kopf, daß sie kaum wußte, was man sie gefragt hatte. »Es stimmt durchaus nicht mit meinen Wünschen überein, daß sie gerade jetzt stattfinden soll, das kann ich Ihnen versichern, Sir«, sagte sie. »Aber Miss Pecksniff hat sich's nun mal in den Kopf gesetzt, und Zeit ist es schließlich auch, daß sie sich verheiratet. Das ist nun mal nicht zu leugnen, Sir.« »Nein«, gab Mr. Chuzzlewit zur Antwort. »Allerdings nicht. – Und ihre Schwester ist nicht mit dabei?« »Ach Gott, nein. Das arme Ding!« seufzte Mrs. Todgers und schüttelte wehmütig den Kopf. »Seit sie das Entsetzliche erfahren hat, ist sie nicht aus meinem Zimmer gekommen – dem Zimmer nebenan, Sir.« »Glauben Sie, daß sie gefaßt genug ist, mich zu sehen?« fragte Mr. Chuzzlewit. »O sicherlich, Sir.« »So will ich keine Zeit verlieren.« Mrs. Todgers führte Mr. Chuzzlewit in die kleine Hinterstube mit der Aussicht auf die Zisterne, und da saß die arme Gratia in Trauerkleidern – ach, wie so ganz anders, als damals, als sie das erstemal hier gewohnt hatte. Das Zimmer sah so düster und kummervoll aus wie sie selbst, aber sie hatte wenigstens einen treuen Freund an ihrer Seite – den alten Chuffey. Als Mr. Chuzzlewit neben ihr Platz nahm, ergriff sie seine Hand und drückte sie an die Lippen. Die Tränen standen ihr in den Augen. Seit ihrem Abschied auf dem Kirchhof hatte sie ihn nicht wiedergesehen. »Ich habe vorschnell über Sie geurteilt«, begann Mr. Chuzzlewit nach einer Weile mit leiser Stimme. »Es war grausam von mir. – Sagen Sie mir, daß Sie mir verzeihen.« Sie küßte ihm abermals die Hand und behielt sie in der ihrigen, dabei dankte sie ihm schluchzend für alle die Güte, die er ihr erwiesen. »Tom Pinch«, fuhr Mr. Chuzzlewit fort, »hat mir getreulich alles berichtet, was Sie ihm für mich auftrugen, obschon er es damals für sehr unwahrscheinlich hielt, je Gelegenheit zu haben, Ihrem Wunsche entsprechen zu können. Glauben Sie mir, wenn ich je wieder mit einem übelberatenen und unentschlossenen Wesen zu tun haben sollte, das seine Stärke als vermeintliche Schwäche verbirgt, so will ich lange und barmherzig Nachsicht haben.« »Ach, die hatten Sie mit mir«, antwortete Gratia, »bitte, reden Sie nicht so. Ich sagte mir Ihre Worte immer wieder vor, als mein Unglück kaum mehr erträglich war, und will sie jetzt für andere gebrauchen als Rat, wenn man dessen bedarf. Sie haben zu mir gesprochen, nachdem Sie mich Tag für Tag gesehen und lange beobachtet haben. Sie haben es wirklich gut mit mir gemeint. Sie hätten vielleicht freundlicher zu mir sprechen können und mein Vertrauen durch größere Milde zu gewinnen suchen sollen; aber der Ausgang wäre immer derselbe geblieben.« Mr. Chuzzlewit schüttelte schmerzlich das Haupt und, wie es schien, nicht ohne Selbstvorwürfe. »Wie kann ich annehmen«, fuhr Gratia fort, »daß Ihre Dazwischenkunft etwas genützt hätte, wo ich doch weiß, wie halsstarrig ich war! Damals dachte ich nicht an die Zukunft, mein lieber, guter Mr. Chuzzlewit – ich dachte überhaupt nicht – Überlegung war mir fremd, Herz hatte ich auch nicht, und ob er mich liebte, war mir ebenfalls gleichgültig. Erst die Not hat mich zur Besinnung gebracht, und ich würde meine Leiden nicht ungeschehen machen, selbst wenn ich könnte. Weiß ich doch, daß sie immer noch leicht sind, verglichen mit den Qualen, die hundert bessere Menschen als ich jeden Tag durchzumachen haben. Das Unglück ist mir wie ein Freund gewesen, ohne den ich immer dieselbe geblieben wäre, und nichts sonst hätte mich wohl so umzuwandeln vermocht. Mißtrauen Sie mir nicht, weil ich weine, aber ich kann meine Tränen nicht zurückhalten. Ja, ich bin dem Himmel dankbar für mein Unglück. »Das ist sie, weiß Gott!« bekräftigte Mrs. Todgers. »Sie können es ihr glauben, Sir.« »Ich glaube es auch«, sagte Mr. Chuzzlewit. »Aber jetzt hören Sie mich an, mein Kind. Das Vermögen Ihres verstorbenen Gatten wird vom Gericht mit Beschlag belegt werden, wenn es nicht schon aufgezehrt ist durch die große Schuldverschreibung an die bankerotte Versicherungsanstalt, die die Spitzbuben, da sie ihnen auf dem Kontinent drüben nichts nützte, hergeschickt haben – weniger um der Gläubiger willen, die sie geschädigt, als um ihren Haß gegen Jonas zu befriedigen; sie glauben, er sei noch am Leben. Das Vermögen Ihres Mannes ist daher wohl bis auf den letzten Penny verloren. Der Besitz Ihres Vaters ist in ähnlicher Weise herangezogen, und was vielleicht noch übrig bleibt, wird bestimmt auf dem Prozeßweg durch die Advokatenkosten drauf gehen. Von dieser Seite aus könnten Sie also auf keine Aufnahme rechnen.« »Ich könnte es auch nicht über mich bringen, zu meinem Vater zurückzukehren«, rief Gratia, denn unwillkürlich drängte sich ihr der Gedanke auf, daß er mit schuld daran war, daß sie Jonas geheiratet hatte. »Ich könnte es nicht über mich bringen.« »Ich weiß das«, sagte Mr. Chuzzlewit, »und eben weil ich es weiß, bin ich zu Ihnen gekommen. Kommen Sie mit mir. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß alle, die um mich sind, Sie herzlich willkommen heißen werden. Wenn Ihre Gesundheit wiederhergestellt sein wird und Sie sich erholt haben werden, um mit Ruhe diesen Empfang zu ertragen, so können Sie sich in der Nähe von London nach Belieben einen ruhigen Aufenthalt wählen – nicht gar zu weit entfernt, damit diese gute Frau, sooft es ihr gefällt, Sie besuchen kann. Sie haben viel gelitten, aber Sie sind noch jung, und eine bessere Zukunft erwartet Sie. Kommen Sie mit mir. Sagen Sie zu, denn ich weiß, daß Ihre Schwester Ihnen nicht helfen wird. Sie betreibt diese Heirat mit einer Hast und einer Ostentation, die, gelinde gesagt, kaum anständig ist und überdies unschwesterlich und schlecht. Verlassen Sie das Haus, bevor die Gäste ankommen, denn man hat vor, Ihnen wehe zu tun. Ersparen Sie Ihrer Schwester die Sünde und kommen Sie mit mir.« Mrs. Todgers redete Gratia ebenfalls zu, obschon sie sich nur sehr ungern von ihr trennte. Sogar der alte Chuffey, der natürlich in den Plan mit eingeschlossen war, redete Mr. Chuzzlewits Vorschlag das Wort. Hastig kleidete sich Gratia an und war eben im Begriff, zu gehen, als ihre Schwester in das Zimmer stürzte. Sie hatte nur Gratia zu finden gehofft und war daher in nicht geringer Verlegenheit, als sie auch Mr. Chuzzlewit erblickte. Ihre Frisur war zwar bereits herrlich aufgebaut, und sie hatte einen Hut mit Orangenblüten auf, um durch dessen Anblick ihre Schwester zu verletzen, aber sonst war sie noch im Unterrock. »Sie wollen also heute Hochzeit machen, Miss?« fragte der alte Herr und musterte sie mit einem nicht sehr freundlichen Blick. »Allerdings, Sir«, versetzte Charitas bescheiden. »Aber – o Gott der Aufzug – nein wirklich, Mrs. Todgers –« »Ich sehe«, schnitt ihr Mr. Chuzzlewit das Wort ab, »Ihr Zartgefühl ist verletzt. Das überrascht mich nicht. Sie haben die Zeit zu Ihrer Vermählung eben ein wenig unglücklich gewählt.« »Ich muß um Entschuldigung bitten, Mr. Chuzzlewit«, fuhr Charitas schnippisch auf, »aber wenn Sie diesbezüglich etwas einzuwenden haben, so muß ich Sie schon ersuchen, sich mit Augustus verständigen zu wollen. Es kommt mir nicht sehr gentlemanlike vor, daß Sie mir Vorstellungen machen, wo Augustus jederzeit besser mit Ihnen verhandeln könnte. Ich stehe den Betrügereien fern, die man an meinem Vater verübt hat, und da ich ausdrücklich wünsche, bei dem jetzigen feierlichen Anlaß mit jedermann aufs beste auszukommen, so hätte es mich gefreut, wenn Sie uns mit Ihrer Anwesenheit beim Frühstück beehrt hätten. Aber so, wie die Sachen stehen, will ich Sie natürlich nicht weiter belästigen. Ich sehe, daß Sie bereits von gewisser andrer Seite gegen mich eingenommen worden sind. Ich empfinde nun zwar eine natürliche Zuneigung zu dieser gewissen andern Seite und ein wohlangebrachtes Mitleid für ebendieselbe Seite, aber von Aufopferung meinerseits kann nicht mehr länger die Rede sein, Mr. Chuzzlewit. Das hieße zu große Anforderungen an mich stellen. Da habe ich denn doch zu viel Selbstachtung vor mir – schon als Braut des Mannes, der mich zum Altar führt.« »Ihre Schwester hat sich durchaus nicht über Sie beklagt«, sagte Mr. Chuzzlewit; »übrigens steht sie jetzt im Begriff, mit mir zu gehen.« »Es soll mich nur freuen, wenn es ihr endlich einmal nach Wunsch geht«; rief Miss Pecksniff und warf den Kopf zurück, »da kann man ihr ja von Herzen gratulieren. Ich wundere mich schließlich auch nicht, daß der heutige Tag ein schmerzliches Ereignis für sie bedeutet, aber meine Schuld ist es nicht, Mr. Chuzzlewit.« »Miss Pecksniff«, sagte der alte Mann ruhig, »ich hätte es lieber gesehen, wenn Sie Ihrer Schwester ein herzlicheres Lebewohl gesagt hätten. Es hätte mich vielleicht mit Ihnen versöhnt. Früher oder später werden Sie gewiß einen Freund brauchen können.« »Ich bitte um Verzeihung, Mr. Chuzzlewit«, unterbrach ihn Miss Pecksniff mit Würde, »aber alle meine Freundschaftsgefühle im Leben sind jetzt auf Augustus konzentriert. Solange Augustus mir gehört, brauche ich keinen Freund. Wenn Sie von Freundschaft sprechen, Sir, so muß ich Sie ein für allemal bitten, sich darüber mit Augustus zu verständigen. Das ist mein Begriff von der religiösen Feier, der ich in kurzer Frist mit Augustus am Altar beiwohnen werde. Ich trage zu keiner Zeit irgend jemandem Groll nach, und am allerwenigsten gebe ich solchen Gedanken in diesem Augenblick des Triumphs meiner Schwester gegenüber Raum. Ich wünsche ihr im Gegenteil alles Glück. Übrigens, da ich Augustus schuldig bin, bei einem Anlasse pünktlich zu sein, bei dem sich von ihm eine begreifliche Ungeduld voraussetzen läßt – ja wahrhaftig, Mrs. Todgers –, so muß ich jetzt um die Erlaubnis bitten, Sir, mich entfernen zu dürfen.« Mit diesen Worten verschwand der Brauthut mit so viel Glanz und Würde, als es angesichts des Piqueunterrockes noch möglich war. Mr. Chuzzlewit reichte Gratia seinen Arm, ohne ein Wort zu sagen, und führte sie hinaus. Mrs. Todgers mit im Winde rauschendem Sonntagsstaat begleitete sie an den Wagen, fiel Gratia beim Abschied um den Hals und lief dann schluchzend in ihr schmutziges Heim zurück. Äußerlich war die Brave mager und unscheinbar, aber ihr Herz war treu wie Gold. Vielleicht war der Samariter auch mager und unscheinbar – vielleicht fiel es auch ihm schwer, sich seinen Unterhalt zu erwerben. Mr. Chuzzlewit folgte ihr mit den Blicken, bis sie die Haustüre hinter sich zugemacht hatte. Dann erst bemerkte er Mr. Tapley. »Oh, Mark«, rief er, »ich habe Sie ja gar nicht gesehen. Nun, was gibt's?« »Das Allerwunderbarste, das man sich nur denken kann, Sir«, rief Mark ganz außer Atem, »ein Zusammentreffen ohnegleichen. Ich will hellblau anlaufen, wenn das da drüben nicht unsre beiden alten Nachbarn sind.« »Was für Nachbarn?« rief der alte Herr und spähte zum Wagenfenster hinaus. »Wo denn?« »Ich ging gerade auf und ab, und keine zehn Schritte von hier«, berichtete Mr. Tapley, »da kamen sie auf mich zu wie ihre eigenen Gespenster – für die ich sie übrigens auch hielt. Es ist das wundervollste Ereignis, das sich jemals zugetragen hat. Da hol mich doch gleich dieser und jener –« »Von was reden Sie denn?« rief Mr. Chuzzlewit, von Marks Aufregung angesteckt. »Wo sind denn die Nachbarn?« »Dort, Sir«, rief Mr. Tapley, »hier mitten in der City von London. Dort auf dem Stein. Dort sind sie, Sir. Ich werde sie doch kennen. Gott segne ihre braven Gesichter.« Dabei deutete Mr. Tapley auf einen Mann und eine Frau in dem Monumenthof, eilte auf sie zu und umarmte sie abwechselnd wohl hundertmal. »Nachbarn in Amerika, Nachbarn in Eden«, rief er dabei. »Nachbarn im Sumpf, Nachbarn im Busch, Nachbarn im Fieber. Wir beiden wären ohne sie gestorben.« Mr. Chuzzlewit hatte kaum erfahren, wer die Leute waren, als er den Kutschenschlag weiß Gott wie aufsprengte, fast herausfiel und unter sie humpelte, als ob er, wie Mr. Tapley wahnsinnig geworden sei. Dann schüttelte er ihnen gleichfalls die Hände und legte auf jede nur mögliche Weise seine lebhafteste Freude an den Tag. »Steigen Sie hinten auf!« rief er. »Steigen Sie auf, fahren Sie mit mir! Und Sie müssen sich auf den Bock setzen, Mark! Nach Hause, nach Hause!« »Nach Hause, nach Hause!« jubelte Mr. Tapley und ergriff in einem Anfall von Begeisterung die Hand des alten Mannes. »Ganz meine Ansicht, Sir. Die Heimat soll leben. – Entschuldigen Sie, daß ich mir solche Freiheiten herausnehme, Sir, aber ich kann mir nicht helfen. Es blühe und gedeihe der ›Fidele Tapley‹! Alles sollen Sie bekommen, was im Hause zu kriegen ist, nur keine Rechnung nicht. – Also, nach Hause, nach Hause! Hurra!« Und vorwärts ging's, als der alte Herr wieder eingestiegen war. Und Marks Begeisterung verflog durchaus nicht auf dem Wege, sondern machte sich so zügellos und rücksichtslos Luft, als wären sie mitten in den Wiesen von Salisbury. Die Hochzeitsgäste bei Todgers' begannen sich zu versammeln. Mr. Jinkins, der einzige von den Kostgängern, der eingeladen war, fand sich zuerst an Ort und Stelle ein. Er trug einen funkelnagelneuen Anzug mit allerlei gewundenen Verzierungen um die Taschen herum, die der Kleiderkünstler extra zu Ehren des Tages erfunden hatte. Der unglückliche Augustus war selbst in bezug auf Mr. Jinkins nachsichtig geworden. Er hatte nicht genug Willenskraft mehr gehabt, sich seiner Einladung, die Miss Pecksniff so dringend befürwortet, zu widersetzen. »Meinetwegen soll er also kommen«, hatte er Miss Pecksniff gesagt. »Er war von jeher meine Todesklippe; soll er nur kommen. Haha! Jinkins soll nur kommen.« Und Mr. Jinkins hatte sich mit tausend Freuden eingestellt; er war jetzt, wie gesagt, der erste am Platze. Einige Minuten lang hatte er keine andere Gesellschaft als das Frühstück, das im Empfangszimmer ungemein geschmackvoll aufgebaut war. Bald fand sich jedoch auch Mrs. Todgers ein, und dann folgten rasch aufeinander der ledige Vetter, der stark behaarte junge Gentleman und schließlich auch Mr. Spottletoe samt Gemahlin. Mr. Spottletoe beehrte Mr. Jinkins mit großer Herablassung und Leutseligkeit. »Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte er, »und viel Glück und Segen.« Er war nämlich der Meinung, Mr. Jinkins sei der Glückliche. Mr. Jinkins klärte sofort das Mißverständnis auf und verständigte die Herrschaften, daß er lediglich die Honneurs für seinen Freund Moddle mache, der nicht mehr im Hause wohne und noch nicht zugegen sei. »Noch nicht da?« rief Mr. Spottletoe sehr erregt. »Nein, noch nicht.« »No Servus«, rief Mr. Spottletoe, »der fängt ja gut an. Scheint ein recht netter junger Mann zu sein! Möchte nur gerne wissen, wie's kommt, daß jeder, der mit dieser Familie in Berührung kommt, sich eine grobe Ungebührlichkeit zuschulden kommen läßt. Tod und Teufel! Noch nicht da! Noch nicht da, um uns zu empfangen!« Der Neffe mit der unterexponierten Visage meinte, der Herr warte vielleicht auf ein Paar neue Stiefel. »Reden Sie nicht von Stiefeln, Sir!« verwies Mr. Spottletoe mit nicht zu hemmender Entrüstung. »Und wenn er in Pantoffeln oder barfuß kommen müßte, so gehörte es sich, daß er käme. Bringen Sie keine so dummen Entschuldigungen für Ihren Freund vor, Sir!« »Er ist doch gar nicht mein Freund!« entschuldigte sich der Neffe. »Hab ihn doch gar nie gesehen.« »Also, dann reden Sie nicht!« rief Mr. Spottletoe. In diesem Augenblick ging die Türe auf, und Miss Pecksniff wankte, von ihren drei Brautjungfern gestützt, herein. Die starkgeistige Dame bildete die Nachhut. Sie hatte bisher draußen gewartet, um im richtigen Moment den Effekt zu verderben. »Wie befinden Sie sich, Madame?« wendete sich Mr. Spottletoe im Tone feindseliger Herausforderung zu ihr. »Ich glaube, die Anwesenheit meiner Gattin dürfte Ihnen doch nicht entgangen sein? Oder?« Die starkgeistige Dame bedauerte mit der Miene des größten Interesses Mrs. Spottletoes Gesundheitszustand, da die liebe Frau so schmal geworden sei, daß man sie de facto übersehen müsse. »Na, sie ist wenigstens eher zu sehen als der Bräutigam, Madame«, entgegnete Mr. Spottletoe gereizt. »Das heißt, wenn er nicht gerade seine Aufmerksamkeit einem besonderen Zweige dieser Familie widmet, was übrigens ganz im Einklang mit seinem gewöhnlichen Benehmen stehen würde.« »Wenn Sie mich meinen, Sir«, fing die Dame mit dem männlichen Geiste an – »Bitte, bitte«, fiel ihr Miss Pecksniff ins Wort, »lassen Sie Augustus in diesem feierlichen Moment meines und seines Lebens nicht zum Anlaß der Störung jener Harmonie werden, die er und ich stets aufrechtzuerhalten wünschen. Augustus ist bisher noch keinem von meinen Verwandten vorgestellt worden. Er wünschte es nicht.« »Nun, dann erlauben Sie mir die Bemerkung«, rief Mr. Spottletoe wütend, »daß der Mann, der nach der Ehre trachtet, sich dieser Familie anzuschließen, und nicht ›haben will‹, daß er ihren Mitgliedern vorgestellt werde – ein unverschämter Laffe ist. Das ist meine Ansicht von ihm.« Die starkgeistige Dame gab mit größter Sanftmut zu, sie sei beinahe derselben Meinung, und ihre drei Töchter erklärten laut, es sei »eine Schändlichkeit«. »Sie kennen Augustus nicht!« rief Miss Pecksniff unter Tränen. »Nein, wirklich, Sie kennen ihn nicht. Er ist die Demut und Milde selbst. Warten Sie nur, bis Sie ihn sehen, und ich bin überzeugt, er wird sich sofort Ihrer aller Herzen gewinnen.« »Es handelt sich hier nur um die Frage«, rief Mr. Spottletoe dazwischen und verschränkte die Arme, »wie lange wir hier noch warten sollen! Ich bin an so etwas nicht gewöhnt! Ich verlange allen Ernstes zu wissen, wie lange man uns noch zumutet, hier zu warten.« »Mrs. Todgers! Mr. Jinkins!« rief Charitas. »Ich fürchte, es liegt hier ein Mißverständnis vor. Wahrscheinlich ist Augustus direkt in die Kirche gegangen.« Das war allerdings möglich, und da die Kirche sich in der Nähe befand, eilte Mr. Jinkins fort, um Mr. Moddle zu suchen. Mr. George Chuzzlewit, der ledige Vetter, begleitete ihn, da ihm alles lieber war, als in der Nähe eines Frühstücks zu sitzen, ohne zugreifen zu dürfen. Aber sie kamen beide zurück und brachten keine andere Nachricht mit, als daß der Küster sagen lasse, wenn sie diesen Morgen noch getraut werden wollten, würden sie gut tun, sich zu beeilen, da der Pfarrer durchaus keine Lust habe, den ganzen Tag zu vertrödeln. Die Braut wurde jetzt sehr unruhig – allen Ernstes unruhig. »Gott im Himmel, was konnte vorgefallen sein. Augustus! Geliebter Augustus!« Mr. Jinkins machte sich erbötig, eine Droschke zu nehmen und in der neu möblierten Wohnung nachzusehn. Auch die starkgeistige Dame sprang Miss Pecksniff mit Trost bei. Es sei das ein kleines Pröbchen von dem, was ihrer in der Ehe harre, sagte sie. Das sei ganz gut und treibe ihr die Rosinen aus dem Kopf. Auch die rotnasigen drei Töchter sparten nicht mit Trostesworten. Vielleicht komme er schließlich doch noch, sagten sie, und der Neffe mit dem unterexponierten Gesicht warf etwas hin, was so klang wie: Augustus sei schon »vorzeitig ins Wasser gesprungen«. Mr. Spottletoes Wut trotzte allen Bitten und Vorstellungen seiner Gattin. Alle sprachen zugleich, und überall suchte sich Miss Pecksniff mit gerungenen Händen Trost, ohne welchen zu finden, als endlich Mr. Jinkins, der unter der Türe dem Postboten begegnet war, mit einem Brief zurückkehrte und ihn ihr aushändigte. Miss Pecksniff riß das Kuvert auf, warf einen Blick auf das Schreiben, stieß einen durchdringenden Schrei aus, warf es auf den Boden und fiel in Ohnmacht. Man hob den Brief auf. Die Anwesenden drängten sich wie eine Herde Schafe zusammen, sahen einander über die Achsel und lasen, wie folgt: Gravesend, Schoner »Cupido«. Mittwoch abend. Ewig gekränkte Miss Pecksniff! Ehe diese Zeilen Sie erreichen, ist der Unterzeichnete, wenn nicht tot – so doch direkt auf dem Wege nach Van Diemens Land. Es hat keinen Zweck, mich zu verfolgen. Lebendig wird man mich nicht bekommen. Die Last – dreihundert Registertonnen, verzeihen Sie, daß ich in meiner Betäubung von dem Schiff spreche –, die auf meinem Herzen gelegen hat, war fürchterlich. Oft, wenn Sie meine Stirne mit Küssen bedeckten, um mich zu beschwichtigen, haben Selbstmordgedanken mein Gehirn durchzuckt, und ebensooft – so unglaublich es auch scheinen mag – habe ich die Idee wieder verworfen. Ich liebe eine andre. Aber die gehört jetzt einem andern. Alles, was ich liebe, scheint überhaupt einem andern zu gehören. Nichts in der Welt habe ich mehr, nicht einmal meine Stelle, die ich mir verscherzte – indem ich übereilterweise so auf und davon gelaufen bin. Wenn Sie mich je geliebt haben, so hören Sie jetzt meine letzte Bitte – die letzte Bitte eines elenden, vernichteten Flüchtlings: Schicken Sie beiliegenden Schlüssel – es ist der Schlüssel zu meinem Pult – aufs Kontor, und zwar expreß. Adresse: Bobb \& Cholberry – pardon, ich wollte schreiben: Chobb \& Bolberry – aber mein Geist ist bereits vollkommen umnachtet. Ich habe ein Federmesser – mit einem Hirschhornheft in Ihrem Nähetui gelassen, bezahlen Sie damit den Boten. Möge es ihn glücklicher machen, als ich gewesen bin. Ach, Miss Pecksniff, warum haben Sie mich nicht in Ruhe gelassen! War es nicht grausam – grausam von Ihnen? O mein Gott, waren Sie denn nicht Zeuge meiner Empfindungen – haben Sie denn nicht die Tränen in meinen Augen gesehen – haben Sie mir nicht selbst vorgeworfen, daß ich an jenem schrecklichen Abend, als wir uns zum letzten Male sahen, mehr als gewöhnlich geweint hätte? Es war in demselben Hause wo ich einst friedlich wohnte – in Mrs. Todgers' Gesellschaft. Aber es war bestimmt – im Talmud steht's geschrieben –, daß Sie sich selbst in das unerforschliche und düstre Schicksal verstricken sollten, das zu erfüllen meine Sendung ist, und das sich sogar jetzt um meine Schläfen windet. Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, denn ich habe Ihnen viel Leid zugefügt. Möge das angeschaffte Mobiliar Ihnen als Schadenersatz dienen. Leben Sie wohl! Werden Sie die stolze Braut eines Herzogs und vergessen Sie mich! Möge es lange dauern, bis Sie das Leid und den Schmerz kennenlernen, mit dem ich mich unterschreibe – mitten unter dem rohen Geheul – der Matrosen – als Ihr unveränderlicher, jedoch niemals der Ihrige gewesene Augustus. Die Herrschaften lasen so gierig den Brief und dachten so wenig an Miss Pecksniff, als ob sie die allerletzte auf Erden sei, die sein Inhalt etwas angehe. Aber Miss Pecksniff war allen Ernstes ohnmächtig geworden. Die bittere Kränkung, das entsetzliche Gefühl, Zeugen – und noch obendrein solche Zeugen – selbst dazu eingeladen zu haben, der Gedanke, daß die starkgeistige Dame und die rotnasigen Töchter gerade in der Stunde, in der sie sie hatte demütigen wollen, triumphieren sollten! nein, das war unerträglich. Miss Pecksniff war allen Ernstes in Ohnmacht gefallen. Was dröhnen da für erhabene Töne durch die Luft? Was ist das für eine dämmrige Stube? Und wer ist die freundliche Gestalt, die dort vor der Orgel sitzt? Tom ist's, der gute alte Freund! Sein Haar ist frühzeitig grau geworden, trotzdem er seine Tage sorglos und friedvoll inmitten seiner alten Freunde verbracht hat. Aus den Tönen, mit denen er das Zwielicht zu begrüßen pflegt, spricht die Musik seines Herzens und erzählt sich die Geschichte seines Lebens von selbst. Dein Leben verläuft still, ruhig und glücklich, Tom. In deinen sanften Melodien mag so etwas durchklingen wie das Gedenken an deine alte Liebe, aber es ist eine angenehme, milde, süßflüsternde Erinnerung, ähnlich der, mit der wir hin und wieder der Toten gedenken. Sie quält und schmerzt dich nicht. Rühre die Tasten leise, Tom, so leise, wie du willst, und doch wird deine Hand nicht halb so leicht auf das Instrument niederfallen, wie sie gegen deinen alten Tyrannen ist, der jetzt so tief, tief gesunken ist. Und nie wird das Instrument deinem Anschlage mit so hohlem heiserm Tone antworten, wie er es immer zu tun pflegt. Ein betrunkener, bettelhafter Winkelschreiber namens Pecksniff mit seiner zänkischen, altjüngferlichen Tochter verfolgt dich und lauert auf dich, Tom, bettelt dich an und erinnert dich, daß er dein Glück besser begründet habe als sein eigenes. Dann versäuft er das Geld und erzählt den Zechkumpanen von seiner früheren Freigebigkeit gegen dich und deiner jetzigen Undankbarkeit. Und dann zeigt er auf die abgeschabten Ellbogen in seinen Ärmeln, legt seine sohlenlosen Schuhe auf die Bank und bittet seine Zuhörer, sich selbst zu überzeugen, wie es ihm ergehe, während du dahinlebest in Saus und Braus. Alles das weißt du, Tom. Und doch hast du Nachsicht mit ihm. Mit lächelnder Miene gehst du jetzt allmählich in eine andere Tonart über, zu einem raschern, fröhlichen Takt, und kleine Füßchen fliegen bei dieser Musik, dich zu umtanzen, und leuchtende junge Augen blicken in dein Antlitz, und von allen am meisten liebst du ein kleines Geschöpfchen, Tom – ihr Kind, nicht Ruths –, du blickst ihm nach, wie es dich umtanzt und umhüpft; und wer ist bisweilen verwundert, dich so gedankenschwer zu sehen, und klettert auf dein Knie, um seine kleine Wange an die deine zu legen? – Wer liebt dich, Tom, mehr als alle übrigen, wenn das möglich ist? Wer wollte einmal in kranken Tagen von niemandem als von dir gepflegt sein und war sofort still und nicht mehr ungeduldig, Tom, als du neben seinem Bettchen saßest? Und jetzt gehst du zu einer feierlichen Melodie über – zu einer Melodie, die alten Freunden und verklungenen Zeiten gewidmet ist. Und während deine Hand zögernd die Tasten berührt und die weichen Harmonien anschwellen, steigen Gesichte von Freunden und alten Zeiten vor dir auf. Der Geist jenes toten alten Mannes, der dir deine Wünsche von den Augen ablas, und dich nie hochzuhalten aufgehört hat, ist darunter. Und mit ruhigem Antlitz wiederholt er die Worte, die er auf seinem Totenbett zu dir sprach, und segnet dich. Und aus dem Garten, Tom, den Kinderhände mit Blumen bestreut haben, kommt deine Schwester, die kleine Ruth, so leichtfüßig und leichtherzig wie in alten Tagen, um an deiner Seite Platz zu nehmen. Von der Gegenwart und der Vergangenheit, mit der sie in allen deinen Gedanken so zärtlich verbunden ist, schwingen sich deine Melodien zur Zukunft auf. Und wie es in und außer dir widerhallt, so blickt dein leuchtendes Gesicht auf sie mit einer Liebe und einem Vertrauen nieder, die über das Grab hinausgehen. Die erhabene Musik umgibt sie mit einer Wolke von Melodien, hilft jeden Gedanken an irdische Trennung tilgen und hebt euch beide, Tom, zum Himmel empor.