Giacomo Casanova Erinnerungen, Band 5 Übersetzer: Heinrich Conrad Inhalt Erstes Kapitel Ein altes Schloß. – Clementina. – Die schöne Büßerin. – Lodi. – Gegenseitige Liebeserklärung ohne Furcht vor den Folgen. Zweites Kapitel Vergnügungspartie. – Meine traurige Trennung von Clementina. – Ich reise mit der Geliebten Croces von Mailand «b. – Meine Ankunft in Genua. Drittes Kapitel Ich finde Rosalie glücklich. – Signora Isolabella. – Der Koch. – Biribi. – Irena. – Passano im Gefängnis. – Meine Nichte erweist sich als eine alte Bekannte Rosaliens. Viertes Kapitel Mein Bruder, der Abbate, und seine schändliche Handlungsweise. – Ich bemächtige mich seiner Geliebten. – Abreise von Genua. – Der Fürst von Monaco. – Sieg über meine Nichte. – Ankunft in Antibes. Fünftes Kapitel Meine Ankunft in Marseille. – Frau von Urfé. – Meine Nichte wird von Frau Audibert freundlich aufgenommen. – Ich schaffe mir meinen Bruder und Passano vom Halse. – Regeneration. – Abreise der Frau von Urfé. – Marcolina bleibt mir treu. Sechstes Kapitel Abreise von Marseille. – Henriette in Aix. – Irene in Avignon. – Passanos Verrat. – Frau von Urfé reist von Lyon ab. Siebentes Kapitel Ich treffe in Lyon die venetianischen Gesandten und Marcolinas Oheim. – Ich trenne mich von dem reizenden Mädchen und fahre nach Paris. – Verliebte Reise mit Adele. Achtes Kapitel Ich lasse meinen Bruder, den Abbate, aus Paris ausweisen. – Frau du Rumain bekommt durch meine Kabbala ihre Stimme wieder. – Ein schlechter Spaß. – Die Corticelli. – Ich nehme den kleinen Aranda mit nach London. – Ankunft in Calais. Neuntes Kapitel Meine Ankunft in London. – Die Cornelis. – Ich werde bei Hof vorgestellt. – Ich miete ein möbliertes Haus. – Ich mache viele Bekanntschaften. – Denkweise der Engländer. Zehntes Kapitel Die Gesellschaft bei der Cornelis. – Erlebnis in Ranelagh-House. – Ich bin der englischen Kurtisanen überdrüssig. – Die Portugiesin Paulina. Elftes Kapitel Paulinens Geschichte. – Mein Glück. – Ihre Abreise. Zwölftes Kapitel Eigentümlichkeiten der Engländer. – Castelbajac. – Graf Schwerin. – Meine Tochter Sophie in Pension. – Die Charpillon. Dreizehntes Kapitel Die Charpillon. – Verhängnisvolle Folgen dieser Bekanntschaft. Vierzehntes Kapitel Fortsetzung des Vorhergehenden, aber noch seltsamer. Fünfzehntes Kapitel Bottarelli – Ich erhalte durch Herrn de Saa einen Brief von Pauline. – Der rächende Papagei. – Pocchini. – Der Venetianer Guerra. – Ich finde Sarah wieder und beschließe, sie zu heiraten und ihr nach der Schweiz zu folgen. – Die Hannoveranerinnen. Sechzehntes Kapitel Die Hannoveranerinnen. Siebzehntes Kapitel Auguste wird durch einen förmlichen Vertrag Geliebte des Lord Pembroke. – Der Sohn des Königs von Korsika. – Herr du Claude oder der Jesuit Lavalette. – Abreise der Hannoveranerinnen. – Meine Bilanz. – Der Baron von Stenau. – Die Engländerin und das Denkzeichen, das sie mir läßt. – Daturi. – Meine Flucht aus London. – Der Graf von Saint-Germain. – Wesel. Achtzehntes Kapitel Mein Heilung. – Daturi wird von Soldaten geprügelt. – Abreise nach Braunschweig. – Redegonda. – Der Erbprinz. – Der Jude. – Mein Aufenthalt in Wolfenbüttel. – Die Bibliothek. – Berlin. – Casalbigi und die Lotterie in Berlin. – Fräulein Bélanger. Neunzehntes Kapitel Mylord Keith. – Audienz beim König von Preußen im Park von Sanssouci. – Meine Unterhaltung mit dem Monarchen. – Die Denis. – Die pommerschen Kadetten. – Lambert. – Reise nach Mitau. – Meine ausgezeichnete Aufnahme bei Hofe und meine Reise zum Zwecke von Verwaltungsstudien. Zwanzigstes Kapitel Mein Aufenthalt in Riga. – Campioni. – Ste.-Héleine. – D'Aragon. – Ankunft der Kaiserin. – Meine Abreise von Riga und Ankunft in St. Petersburg. – Besuche. – Ich kaufe Zaïra. Einundzwanzigstes Kapitel. Crèvecoeur. – Bomback. – Reise nach Moskau. – Fortsetzung meiner Abenteuer in St. Petersburg. Erstes Kapitel Ein altes Schloß. – Clementina. – Die schöne Büßerin. – Lodi. – Gegenseitige Liebeserklärung ohne Furcht vor den Folgen. Das herrschaftliche Schloß der kleinen Stadt Sant' Angelo ist ein sehr großes Gebäude; es ist mindestens achthundert Jahre alt, aber ganz unregelmäßig und von einem Baustil, aus welchem man nicht auf die Zeit der Errichtung schließen kann. Es besteht aus einem Erdgeschoß, das in eine Menge kleiner Kammern geteilt ist, einem Stockwerk, das mehrere große, sehr hohe Wohnräume enthält, und aus einem ungeheuren Dachboden. Die Mauern, obgleich an vielen Stellen geborsten, sind von einer Dicke, die dafür zeugt, daß unsere Vorfahren für ihre Urenkel bauten, was heutzutage nicht mehr vorkommt; denn wir fangen an, auf englische Art zu bauen, das heißt kaum für die gewöhnliche Lebensdauer eines Menschen. Die Treppen bestanden aus breiten Steinfließen, aber sie waren so abgenutzt, daß man beim Hinauf- wie beim Hinuntergehen sehr vorsichtig sein mußte. Die Fußböden bestanden überall aus Ziegeln, und da diese von verschiedenem Alter und vielleicht seit länger als einem Jahrhundert nicht neu gestrichen waren, so bildeten sie eine Art von Mosaik, die für das Auge nicht eben angenehm war. Die Fenster standen mit dem Ganzen in Einklang; da sie keine Scheiben hatten und da die Rahmen an mehr als einer Stelle das Gewicht von Läden nicht mehr hätten tragen können, so standen sie beständig offen, und kein einziges hatte einen Laden. Glücklicherweise machte sich in dem milden Klima dieser Mangel nicht besonders fühlbar. Zimmerdecken waren verpönt; ihre Stelle nahmen große Balken ein, und Nester aller Art, selbst von Nachtvögeln, nebst vielen Spinnengeweben vertraten die Arabesken. In diesem gotischen Palast – denn es war weit mehr ein Palast als ein Schloß, da es weder Türme noch sonstige Abzeichen feudaler Macht hatte, mit Ausnahme des riesigen, sehr gut erhaltenen Familienschildes über der Torfahrt – in diesem Palast also, dem Denkmal des alten Adels der Grafen A.B., auf das sie mehr Wert legten als auf das schönste Gebäude, das sie für ihr Geld hätten erwerben können – in diesem Palast waren an drei Stellen vier oder fünf nebeneinander gelegene Zimmer, die etwas besser erhalten waren i als die übrigen. Dies waren die Wohnräume der augenblicklichen Herren; denn es gab deren drei: meinen Freund, den Grafen A.B., den Grafen Ambrogio, der beständig im Schloß wohnte, und einen dritten, der als Offizier bei der Wallonischen Garde in Spanien stand. Die Wohnung dieses letzteren wurde mir angewiesen. Doch sprechen wir nun von der Aufnahme, die mir bereitet wurde. Graf Ambrogio empfing mich am Tor des Schlosses wie den größten und mächtigsten Herrn. Die beiden Flügel waren weit geöffnet; aber ich will mir auf diesen Umstand nichts einbilden, denn es wäre unmöglich gewesen, sie zu schließen, da sie bereits vor Altersschwäche zusammenfielen. Der edle Graf erschien, seine baumwollene Mütze in der Hand, in einem anständigen, aber vernachlässigten Anzuge, obwohl er kaum vierzig Jahre alt war. Er sagte mir mit ebenso edlem wie bescheidenem Anstand, sein Bruder habe unrecht getan, mich zur Besichtigung ihrer Armseligkeiten einzuladen. Ich würde bei ihnen nicht die Bequemlichkeiten finden, an die ich gewöhnt sei; dafür könne ich aber auf das Mailänder Herz rechnen. Dies ist eine Redensart, die die Mailänder beständig im Munde führen; da sie sie aber rechtfertigen, so steht sie ihnen gut. Sie sind im allgemeinen gut, ehrlich, dienstbereit und gastfreundlich; die Offenheit ihres Charakters beschämt die Piemontesen und Genuesen, ihre beiden Nachbarn. Der gute Ambrogio stellte mich der Gräfin, seiner Gemahlin, und seinen beiden Schwägerinnen vor, von denen die eine eine vollendete Schönheit war, abgesehen von einer gewissen Verlegenheit, die aber offenbar nur von dem Mangel an Verkehr in guter Gesellschaft herrührte, denn sie kamen nur mit einigen Nachbarn zusammen, die von den guten Manieren der vornehmen Gesellschaft nicht viel wußten. Die andere Schwägerin war eine jener Frauen, von denen man nicht spricht, das heißt: weder schön noch häßlich und wie man sie zu Hunderten findet. Die Gräfin hatte ein Madonnengesicht von engelhafter Sanftheit, mit Würde und Unschuld gemischt. Diese drei Schwestern waren sehr jung, sehr adlig und sehr arm. Beim Essen sagte der Graf, er habe seine Frau trotz ihrer Armut geheiratet, weil er auf ihre Tugend und ihren Charakter mehr Wert lege als auf ihre Herkunft. »Sie macht mich glücklich«, rief er, »und obwohl sie mir nichts zugebracht hat, fühle ich mich doch von ihr bereichert, denn sie hat mich gelehrt, alles, was wir nicht haben, als überflüssig zu betrachten.« »Dies«, sagte ich, »ist die wahre Philosophie eines Ehrenmannes.« Hocherfreut über das Lob ihres Gatten und meine Zustimmung, lächelte die Gräfin ihm verliebt zu; dann nahm sie der Frau, die es trug, ein bildhübsches Püppchen von fünf oder sechs Monaten ab und reichte ihm ihren Busen, der weiß und fest wie Alabaster war. Dies ist das Vorrecht einer Mutter, die ihr Kind säugt; die Natur hat ihr gesagt, daß sie dadurch in keiner Weise die Scham verletzt. Man nimmt an, daß ihr Busen, der eine Quelle des Lebens geworden ist, in den Augen aller, die ihn sehen, kein anderes Gefühl als das der Achtung erwecken kann. Ich gestehe jedoch, daß dieser Anblick in mir ein zärtlicheres Gefühl hätte erwecken können; denn das Bild war entzückend, und hätte Raphael es vor Augen gehabt, so würde, davon bin ich überzeugt, seine schöne Madonna Vollkommenheiten erhalten haben, die uns an den erhabensten Schöpfungen der Malkunst noch unbekannt sind. Das Essen, das Graf Ambrogio mir gab, wäre ausgezeichnet gewesen ohne die Ragouts, die ich abscheulich fand. Suppe, gesottenes Fleisch, frisches Pökelfleisch, Bratwürste, Mettwürste, Milchspeisen, Wild, Mascarponkäse, eingemachte Früchte – alles war köstlich; da aber sein Bruder ihm gesagt hatte, daß ich Feinschmecker sei und an die Tafel besonders große Ansprüche stelle, so glaubte der gute Ambrogio, mir recht raffinierte Gerichte geben zu müssen, und diese waren geradezu schlecht. Aus Höflichkeit mußte ich davon kosten; aber ich nahm mir vor, nicht wieder darauf anzubeißen. Nach Tisch nahm ich meinen Amphitryo bei Seite und machte ihm begreiflich, daß sein Tisch mit zehn Schüsseln einfacher Art und ohne jedes Ragout lecker und vorzüglich sein würde. Seitdem speiste ich jeden Tag ganz ausgezeichnet. Wir waren sechs bei Tische, alle fröhlich und gesprächig, mit Ausnahme der schönen Clementina. So hieß die junge Gräfin, die auf mich einen so lebhaften Eindruck gemacht hatte. Sie sprach nur, wenn sie genötigt war, eine Antwort zu geben, und dabei errötete sie jedesmal; da ich jedoch kein anderes Mittel hatte, ihre schönen Augen zu sehen, als indem ich sie zwang, mit mir zu sprechen, so richtete ich tausend Fragen an sie. Als ich aber aus ihrem Erröten schließen mußte, daß ich ihr lästig wurde, so beschloß ich zuletzt, sie in Ruhe zu lassen und eine günstige Gelegenheit abzuwarten, um mit ihr näher bekannt zu werden. Endlich führte man mich auf mein Zimmer und ließ mich dort allein. Die Fenster waren mit Scheiben versehen und hatten Vorhänge wie die des Saales, worin wir gespeist hatten; aber Clairmont sagte mir: wenn ich ihn nicht von jeder Verantwortung entbinden wolle, wage er nicht meine Koffer auszupacken, denn weder Türen noch Kommoden hätten Schlüssel. Ich fand, daß er recht hätte, und suchte meinen Freund auf. Er antwortete mir: »Im ganzen Schloß gibt es nur zum Weinkeller Schlüssel; trotzdem ist hier alles in Sicherheit. In Sant' Angelo gibt es keine Diebe; und selbst wenn es welche gäbe, würden sie es nicht wagen, bei uns einzudringen.« »Das glaube ich, mein lieber Graf; aber Sie sehen wohl ein, daß ich verpflichtet bin, überall Diebe anzunehmen; Sie werden begreifen, daß mein eigener Diener diese Gelegenheit benutzen könnte, mich zu plündern, ohne daß es mir möglich sein würde, ihn zu überführen; denn ich müßte natürlich schweigen, wenn ich bestohlen werden sollte.« »Ich begreife es vollkommen. Morgen früh wird ein Schlosser Ihre Türen mit Schlössern versehen, und Sie werden im ganzen Schloß der einzige sein, der daran denkt, Maßregeln gegen Diebe zu ergreifen.« Ich hätte ihm mit Juvenal antworten können: Cantat vacuus coram latrone viator – Unbekümmert um den Räuber singt der Wanderer mit leeren Taschen. Aber ich würde ihn gekränkt haben. Ich sagte also zu Clairmont, er solle mit dem Öffnen meiner Koffer bis zum nächsten Tage warten, und ging mit dem Grafen A.B. und seinen beiden Schwägerinnen aus, um einen Spaziergang durch das Städtchen zu machen. Graf Ambrogio und seine schöne Ehehälfte blieben im Schloß, denn die liebenswürdige und zärtliche Mutter wich nicht einen Augenblick von ihrem Säugling. Die schöne Clementina war achtzehn Jahre alt, vier Jahre jünger als ihre verheiratete Schwester. Sie nahm meinen Arm an, und der Graf bot den seinigen der Gräfin Eleonora, indem er gleichzeitig zu mir sagte: »Wir wollen der schönen Büßerin einen Besuch machen.« Auf meine Frage, wer die schöne Büßerin sei, antwortete er mir, ohne sich wegen seiner beiden Schwägerinnen Zwang anzutun: »Sie ist eine frühere Lais, die ein paar Jahre lang in Mailand wegen ihrer Schönheit in solchem Rufe stand, daß nicht nur aus Mailand, sondern auch aus den benachbarten Städten alle reichen Leute zu ihr strömten, um ihre Neugierde zu befriedigen. Ihr Haus öffnete und schloß sich täglich hundertmal, und diese außerordentliche Gastfreundschaft genügte noch nicht, um alle Begierden zu befriedigen, die sie erregte. Vor einem Jahre hat man nun diesem Skandal, wie die Frommen und alten Leute es nannten, ein Ende gemacht. Graf Firmian, ein gelehrter und geistreicher Mann, war nach Wien gegangen; vor seiner Rückreise erhielt er den Befehl, sie in dieses Kloster einsperren zu lassen. Die erhabene Maria Theresia hat der käuflichen Schönheit niemals verzeihen können. Der Graf mußte den Befehlen der sittengestrengen Herrscherin gehorchen und ließ also die schöne Sünderin einsperren. Man sagte ihr, sie sei schuldig, forderte ihr eine Generalbeichte ab und verurteilte sie zu lebenslänglicher Buße in diesem Kloster. Kardinal Pozzobonelli, der höchste Würdenträger des Ambrosianischen Ritus, erteilte ihr die Absolution und reichte ihr hierauf das Sakrament der Firmelung; zugleich veränderte er ihren Taufnamen Teresa in Maria Maddalena, um dadurch der schönen Sünderin den Weg zum ewigen Heil anzuzeigen und sie darauf hinzuweisen, daß sie in ihrer Buße ihrer neuen Schutzheiligen nacheifern solle, von der sie bisher nur die Ausschweifungen nachgeahmt habe. – Das Kloster, das unter dem Patronat unserer Familie steht, ist für Büßerinnen bestimmt. Es ist ein unzugänglicher Ort, wo die Eingesperrten unter der Aufsicht einer Oberin leben, deren sanfter Charakter wohl geeignet ist, ihnen die Qualen des Überganges von den Lüsten der Welt zu den härtesten Entbehrungen zu erleichtern. Sie können nur arbeiten und zu Gott beten. Sie sehen keinen anderen Mann als den Beichtvater, der ihnen täglich die Messe liest. Wir sind die einzigen, denen die Oberin den Zutritt zu diesem Gefängnis nicht verwehren kann; übrigens weist sie Personen, die mit uns kommen, niemals zurück.« Diese Erzählung rührte mich tief; mir standen die Tränen in den Augen. Arme Maria Maddalena! Barbarische Kaiserin! Ich glaube an einer andern Stelle bereits erwähnt zu haben, weshalb sie diese strenge Tugend übte. Wir ließen uns melden. Die Oberin empfing sofort den Grafen an der Tür und ließ uns in einen ziemlich großen Saal eintreten, wo ich, ohne fragen zu müssen, die berühmte Büßerin leicht unter fünf oder sechs anderen jungen Mädchen erkennen konnte, die wie sie büßen mußten, aber ohne Zweifel nur wegen geringer Sünden, denn sie waren häßlich oder doch jedenfalls nicht hübsch. Sobald die armen Mädchen uns erblickten, hörten sie auf zu nähen und zu stricken und standen ehrfurchtsvoll vor uns auf. Trotz ihrer groben Kleidung machte Teresa einen tiefen Eindruck auf mich. Welche Schönheit! Welche Majestät trotz ihrer demütigen Miene! Ich, mit meinen Augen eines Weltkindes, sah nicht die ungeheure Sünde, für die sie eine so tyrannische Behandlung erdulden mußte, sondern glaubte die verkörperte Unschuld in Gestalt einer büßenden Venus zu sehen. Ihre schönen Augen waren zu Boden gerichtet; aber wie groß war meine Überraschung, als sie sie plötzlich aufschlug, mich starr ansah und ausrief: »Gott! Was sehe ich! Heilige Jungfrau Maria, komme nur zu Hilfe! Hebe dich weg von hier, abscheulicher Sünder, obgleich du mehr als ich hier zu sein verdienst, du Schurke!« Mir war nicht lächerlich zu Mute. Die Lage dieser Unglücklichen und ihre sonderbare Ansprache an mich zerrissen mir das Herz. Die Oberin sagte schnell zu mir: »Nehmen Sie keinen Anstoß daran, mein Herr; das unglückliche arme Mädchen ist wahnsinnig geworden, und falls sie Sie nicht etwa erkannt hat...« »Sie kann mich unmöglich erkannt haben, hochwürdige Frau, ich sehe sie zum ersten Male in meinem Leben.« »Ich glaube es Ihnen; aber verzeihen Sie ihr gütigst, denn sie hat den Verstand verloren.« »Ach! Vielleicht ist dies eine Gnade vom lieben Gott.« In Wirklichkeit sah ich in dem Ausfall der Büßerin mehr ein Anzeichen von gesundem Menschenverstand als von einem Wahnsinnsausfall; denn das arme Mädchen mußte entrüstet darüber sein, daß sie an diesem Orte ihrer Qualen meiner müßigen Neugier preisgegeben wurde. Ich fühlte mich tief bewegt, und eine Träne rann unwillkürlich über meine Wange. Der Graf, der sie kannte, lachte. Ich bat ihn, sich zusammenzunehmen. Aber die Sache war noch nicht zu Ende. Einen Augenblick darauf bekam die Unglückliche einen neuen Anfall. Von neuem brach sie in Schmähungen aus, die alle Anzeichen wahnsinniger Wut an sich trugen. Sie bat die Oberin, mich hinauszuweisen, denn ich hätte sie nur aufgesucht, um sie in Verdammnis zu stürzen. Die gute Dame machte ihr mit mütterlicher Milde einige Vorwürfe und ließ sie dann hinausbringen; sie sagte zu ihr, sie wäre im Irrtum, und die Besucher könnten keinen anderen Wunsch haben als den, zu ihrem Seelenheil mitzuwirken; aber sie beging auch die Härte, ihr zu sagen, niemand habe mehr gesündigt als sie, und die arme Maddalena verließ uns bitterlich weinend. Hätte ich das Glück gehabt, an der Spitze eines siegreichen Heeres in Mailand einzuziehen, so wäre ganz gewiß mein erster Schritt gewesen, diese Unglückliche der Strafe zu entziehen, die eine Tyrannin ihr auferlegt hatte; die Äbtissin mit ihren honigsüßen Worten hätte ich durchgepeitscht, wenn sie Miene gemacht hätte, sich meinem Willen zu widersetzen. Als Maddalena hinausgegangen war, sagte die Äbtissin zu uns, die Unglückliche habe alle Eigenschaften eines Engels, und wenn Gott sie vor dem Unglück bewahre, vollständig wahnsinnig zu werden, so bezweifle sie nicht, daß sie dereinst eine Heilige sein werde wie ihre Schutzpatronin. »Sie hat mich gebeten, aus dem Betsaal zwei Gemälde entfernen zu lassen, von denen das eine den heiligen Alois Gonzaga, das andere den heiligen Antonius darstellt, weil diese Bilder ihr unwiderstehliche Zerstreuungen verursachten. Ich habe geglaubt, ihrer Bitte nachkommen zu müssen, trotz dem Beichtvater, der in diesem Punkte keine Vernunft annehmen wollte.« Der Beichtvater war ein Tölpel; dies sagte ich der Oberin nicht, doch ließ ich sie als eine kluge Frau meine Meinung über ihn erraten. Traurig, schweigend und im Grunde unserer Herzen die Tyrannei der frommen Herrscherin verwünschend, die von ihrer Gewalt einen so kläglichen Gebrauch machte, verließen wir diesen Ort der Qual. Wenn nach der wahren Lehre unserer heiligen Religion die Seele der Kaiserin Maria Theresia in der sogenannten Ewigkeit oder im anderen Leben einen Platz finden soll, so muß sie, vorausgesetzt, daß sie nicht bereut hat, in die Hölle kommen, selbst wenn sie weiter nichts Böses getan hätte, als daß sie auf tausenderlei Art die armen Mädchen quälte, die schon unglücklich genug sind, von dem Handel mit ihren Reizen leben zu müssen. Die arme Maddalena wurde wahnsinnig und litt an Höllenqualen, weil die Natur, die allgöttliche Herrscherin, sie mit der köstlichsten aller Gaben, Schönheit, und einem ausgezeichneten Herzen beschenkt hatte. Sie hatte Mißbrauch damit getrieben, das mag wohl sein; aber durfte wegen dieses Verbrechens, das ganz gewiß das kleinste von allen ist, und das für ein Verbrechen zu erklären nur Gott allein zusteht, eine Frau, die vielleicht eine größere Sünderin war als sie, ihr die allergrausamste Strafe auferlegen? Ich fordere jeden vernünftigen Menschen heraus, diese Frage mit ja zu beantworten! Als wir nach dem Schloß zurückgingen, lachte Clementina, der ich den Arm gereicht hatte, von Zeit zu Zeit, sagte aber nichts. Ich war neugierig, worüber sie lachte, und sagte daher: »Dürfte ich es wagen, schöne Gräfin, Sie zu fragen, worüber Sie so ganz allein lachen?« »Verzeihen Sie mir! Ich lachte nicht darüber, daß das arme Mädchen Sie erkannt hat, denn sie muß sich geirrt haben; aber ich muß unwillkürlich lachen, wenn ich daran denke, wie überrascht Sie waren, als Sie sie sagen hörten, Sie verdienten eher als sie in dieses Kloster eingesperrt zu sein.« »Und vielleicht sind Sie der gleichen Meinung?« »Ich? Gott bewahre! Aber sagen Sie mir, wie kommt es, daß die arme Unglückliche nicht meinen Schwager angegriffen hat?« »Wahrscheinlich, weil ich ihr als ein größerer Sünder vorkam.« »Ich glaube auch, das ist der einzige Grund; darum muß man auch niemals auf die Reden von Wahnsinnigen achten.« »Schöne Gräfin, Sie sprechen ironisch; aber ich nehme Ihre Worte im Ernst. Ich bin vielleicht ein großer Sünder und sehe auch so aus; aber bedenken Sie, daß die Schönheit mir Nachsicht schuldet, denn für gewöhnlich bin ich nur durch sie verführt worden.« »Ich finde es eigentümlich, daß die Kaiserin sich nicht den Spaß macht, ebensogut die Männer einsperren zu lassen wie die Frauen.« »Sie hofft vielleicht viele Männer zu ihren Füßen zu sehen, wenn sie keine Mädchen mehr finden.« »Ein schlechter Witz! Sagen Sie lieber, sie kann ihren Schwestern die Verletzung einer Tugend nicht verzeihen, die sie selber im höchsten Grade besitzt und die außerdem so leicht auszuüben ist.« »Ich zweifle nicht im geringsten, mein gnädiges Fräulein, an der Tugend der Kaiserin: aber – mit Ihrer gütigen Erlaubnis – im allgemeinen bezweifle ich sehr, daß es so leicht ist, wie Sie glauben, die Tugend auszuüben, die man Enthaltsamkeit nennt.« »Jeder spricht und denkt ohne Zweifel nach den Begriffen, die er durch Selbstprüfung gewinnt. Oft hält man Mäßigkeit für eine Tugend bei einem Menschen, dem sie durchaus nicht als Verdienst anzurechnen ist. Sie finden vielleicht schwierig, was mir sehr leicht erscheint, und umgekehrt. Wir können wohl alle beide recht haben.« Diese interessante und geistreiche Unterhaltung veranlaßte mich, Clementina mit meiner schönen Mailänder Marchesa zu vergleichen; zwischen ihnen bestand nur der Unterschied, daß Fräulein Q. ihre Meinungen sehr anspruchsvoll vorbrachte, und daß die junge Gräfin ihre Weltanschauung auf völlig naive Weise und mit dem Ton vollkommener Gleichgültigkeit auseinandersetzte. Ich fand bei ihr einen so gesunden Verstand, eine so sorgfältig gepflegte und doch natürliche Ausdrucksweise, daß ich beschämt war, sie bei Tische so verkehrt beurteilt zu haben. Ihr Schweigen und ihr plötzliches Erröten, sobald sie auf irgend eine Frage antworten mußte, hatten in mir den Verdacht erregt, daß ihre Ideen sich in einer gewissen Verwirrung befänden, die mir nicht zugunsten ihres Geistes zu sprechen schien; denn allzu große Schüchternheit ist oft nur Dummheit. Aber das Gespräch, das ich soeben berichtet habe, brachte mich auf ganz andere Ansichten. Die schöne Marchesa war im Wortgefecht gewandter als Clementina, weil sie älter war und mehr in der Welt verkehrt hatte; aber Clementina war zweimal meiner Frage auf eine sehr feine, geistreiche Art ausgewichen, und dies ist für ein Fräulein von guter Herkunft die allerhöchste Kunst; ich sah mich daher genötigt, ihr die Palme zuzuerkennen. Im Schlosse fanden wir eine Dame mit ihrem Sohn und ihrer Tochter und außerdem einen Verwandten des Grafen, einen jungen Abbate, der mir im höchsten Maße mißfiel. Er war ein unbarmherziger Schwätzer, behauptete, mich in Mailand gesehen zu haben, und glaubte sich dadurch berechtigt, mich auf eine ekelhafte Art anzuschmeicheln. Außerdem liebäugelte er mit Clementina, und ich war sehr wenig geneigt, einen solchen Schwätzer zum Freunde oder zum Nebenbuhler zu haben. Ich sagte ihm daher sehr kurz angebunden, ich könne mich durchaus nicht erinnern, ihn irgendwo gesehen zu haben; aber diese Grobheit, die jeden zartfühlenden Menschen zurückgeschreckt hätte, brachte ihn durchaus nicht in Verlegenheit. Er setzte sich neben Clementina, ergriff ihre Hand und lud sie ein, meine Eroberung zu machen. Seine Bemerkungen waren so flach, daß das junge Mädchen nur darüber lachen konnte; ich fühlte dies, aber ich war verdrießlich, und ihr Lachen mißfiel mir. Mir schien, sie hätte ihm antworten müssen – ja, was, das wußte ich selber nicht, aber jedenfalls irgend etwas Kränkendes. Aber ganz im Gegenteil! Als der Unverschämte ihr etwas ins Ohr flüsterte, antwortete sie ihm ebenso, und ich fand das ganz abscheulich. Als bei irgend einer Gelegenheit jeder seine Meinung äußerte, forderte der Abbate mich auf, auch meine Ansicht zu sagen. Ich weiß nicht mehr, was ich ihm sagte, aber ich erinnere mich, daß meine Antwort kaustisch war. Ich hoffte ihn dadurch zum Schweigen zu bringen und ihn verdrießlich zu machen; aber er schien wie ein gutes Trompeterpferd an alle Töne gewöhnt zu sein: nichts brachte ihn außer Fassung. Er legte bei Clementina Berufung ein, und mir widerfuhr die Kränkung, hören zu müssen, daß sie ihm, wenn auch errötend, recht gab. Befriedigt ergriff der Geck die Hand der jungen Gräfin und küßte sie mit dem Ausdrucke höchsten Glückes. Das war zu viel! Ich konnte nicht mehr an mich halten und haßte nun Clementina ebensosehr wie den Abbate. Ich stand auf und trat an ein Fenster. Das Fenster ist ein ausgezeichneter Zufluchtsort für einen ärgerlichen Menschen, den der gute Ton zu einiger Zurückhaltung nötigt. Dort kann er denen, die ihm lästig fallen, den Rücken zudrehen, ohne daß man ihn geradezu der Unhöflichkeit beschuldigen könnte; aber man errät seinen Verdruß, und dies ist für ihn eine Erleichterung. Ich habe diesen Umstand nur berichtet, um darauf hinzuweisen, wie ungerecht verdrießliche Laune die Menschen macht, die sich ihr überlassen. Der arme Abbate mißfiel mir, weil er Clementinen schmeichelte, in die ich bereits verliebt war, ohne mir selber Rechenschaft darüber gegeben zu haben; ich sah in ihm einen Nebenbuhler, der mich verletzte. In Wirklichkeit hatte er mich ganz und gar nicht beleidigt, sondern alles aufgeboten, um mir zu gefallen, und ich hätte seinen guten Willen anerkennen müssen. Übrigens war dieser Hang, mich unter dergleichen Umständen meiner verdrießlichen Laune zu überlassen, stets einer der kennzeichnenden Züge meines Geistes; heute ist es zu spät, um mir noch Mühe zu geben, mich von diesem Fehler zu heilen. Ich glaube sogar, dies nicht mehr nötig zu haben; denn wenn mir so etwas zuweilen noch begegnet, setzen meine Zuhörer mich in höflicher Weise, aber ohne ein Wort zu sagen, um ein halbes Jahrhundert zurück. Unglücklicherweise bin ich gezwungen, innerlich ihnen recht zu geben. Clementina hatte mich gänzlich außer Fassung gebracht, und dies war ihr in wenigen Stunden gelungen. Allerdings war ich von sehr leicht entzündlicher Natur; niemals aber hatte bis dahin eine Schöne in so kurzer Zeit eine derartige Verheerung in meinem Innern angerichtet. Da ich fühlte, daß ich ganz der ihrige war, so glaubte ich, alles aufbieten zu müssen, um sie dahin zu bringen, ganz mein zu sein. An dem Gelingen zweifelte ich nicht einen Augenblick. Ich gestehe, daß meine Zuversicht eine starke Beimischung von Geckenhaftigkeit hatte, es lag aber auch eine vernünftige Bescheidenheit darin; denn ich fühlte, daß ich viele Schwierigkeiten würde ebnen müssen, um ihr Herz rühren zu können, und daß das geringste Hindernis meinen Plan zum Scheitern bringen könnte. Darum sah ich in dem Abbate eine Wespe, die zerquetscht werden mußte. Die Eifersucht, das schrecklichste aller Gefühle, das wie ein wahres Gift am Herzen frißt, hatte sich eingemischt und machte mich ungerecht gegen Clementina; denn ich bildete mir ein, sie sei, wenn auch nicht in diesen Affen verliebt, so doch nachsichtig gegen ihn, und von diesem Gedanken erfüllt, verspürte ich eine entsetzliche Rachsucht, die ich gerne an ihr ausgelassen hätte. Die Liebe ist die Gottheit der Natur; aber was ist die Natur, wenn ihre Gottheit ein unartiges Kind ist? Wir kennen es, wir wissen, was für seltsame Launen es hat, und doch beten wir es an. Mein Freund, der Graf, wunderte sich vielleicht, daß ich mich so lange Zeit damit beschäftigte, den Himmel anzustarren; er trat zu mir heran und fragte mich in herzlichem Tone, ob ich vielleicht irgend etwas nötig hätte. Ich antwortete ihm: »Ich habe ein paar Geschäfte im Kopf und werde in mein Zimmer gehen, um vor dem Abendessen noch einige Briefe zu schreiben.« »Wie?« rief er, »Sie wollen uns verlassen! Clementina, helfen Sie mir doch, Herrn von Seingalt zurückzuhalten. Sie müssen ihn dahin bringen, daß er das Briefschreiben aufgibt.« »Aber, lieber Schwager,« versetzte das reizende Mädchen, »wenn der Herr Geschäfte hat, wäre es doch unhöflich von mir, wollte ich versuchen, ihn zurückzuhalten.« Ich fand den Einwand boshaft, obgleich ich mich nicht enthalten konnte, ihn vernünftig zu finden; aber mein Verdruß wurde dadurch nicht vermindert, wie ja jeder Umstand dem Ärger frische Nahrung gibt, wenn ein Mensch einmal übler Laune ist. Da kam auch der Abbate und sagte mir mit gutmütiger Herzlichkeit, ich täte besser, eine Pharaobank aufzulegen. Da alle Welt ihm beistimmte, so mußte ich einwilligen. Man brachte Karten und Spielmarken von verschiedenen Farben. Ich setzte mich und legte dreißig Dukaten vor mich hin. Dies war eine sehr starke Summe für eine Gesellschaft, die sich nur amüsieren wollte; denn man mußte fünfzehn Marken verspielen, um eine Zechine zu verlieren. Die Gräfin Ambrogio setzte sich mir zur Rechten, und der Abbate nahm sich's heraus, sich zu meiner Linken zu setzen. Wie wenn sie sich verabredet hätten, mich zu ärgern, machte Clementina ihm Platz. Dies war im Grunde ganz natürlich; ich aber fand es unverschämt und sagte zum Bäffchenträger, ich zöge stets nur zwischen zwei Damen an und niemals an der Seite eines Priesters. »Sie glauben, das würde Ihnen Unglück bringen?« »Ich liebe die Unglücksvögel nicht.« Clementina stand auf und nahm seinen Platz ein. Nach drei Stunden meldete man, daß das Abendessen aufgetragen sei. Alle hatten von meiner Bank gewonnen, mit Ausnahme des Abbate; der arme Teufel hatte zwanzig Zechinen in Marken verloren. Als Verwandter blieb der Abbate zum Abendessen; die Dame aber und ihre Kinder ließen sich trotz aller Anstrengungen nicht zurückhalten. Als ich die Betrübnis des Abbate sah, kehrte meine gute Laune zurück und mit ihr die Lust zu scherzen. Ich begann Clementina Komplimente zu machen, und da sie auf tausend Fragen antworten mußte, so versetzte ich sie in die Notwendigkeit, ihren Geist leuchten zu lassen, und ich las in ihren Blicken, daß sie mir dafür dankbar war. Dies stimmte mich versöhnlich, und ich hatte Mitleid mit dem Abbate. Um ihn aufzumuntern, redete ich ihn freundlich an und fragte ihn nach seiner Meinung über eine aufgeworfene Frage. »Ich habe nicht darauf geachtet,« antwortete er mir, »aber ich hoffe, Sie werden mir nach dem Abendessen Gelegenheit geben, meinen Verlust wieder wett zu machen.« »Nach dem Abendessen, Herr Abbate, werde ich zu Bett gehen; aber morgen, wenn Sie es wünschen, werde ich Ihnen Genugtuung geben, soviel sie wollen, vorausgesetzt, daß das Spiel meinen reizenden Gastgeberinnen Spaß macht. Ist das Glück Ihnen heute feindlich gewesen, so hoffe ich, es wird Ihnen ein anderes Mal günstiger sein.« Nach dem Abendessen ging der Abbate sehr traurig fort. Der Graf brachte mich auf mein Zimmer, wünschte mir gute Nacht und sagte, ich könne ruhig schlafen; meine Tür habe allerdings keinen Schlüssel, seine Schwägerinnen aber, die nebenan schliefen, wären nicht besser geschützt als ich. Ich war über dieses Vertrauen nicht weniger erstaunt und entzückt als über die prachtvolle Gastfreundschaft, die diese wackere Familie mir erzeigte. Ich nenne diese Gastfreundschaft prachtvoll, denn alles auf der Welt ist relativ. Ich befahl Clairmont, sich mit dem Einwickeln meiner Haare zu beeilen, weil ich ruhebedürftig sei. Er war mit seiner Arbeit kaum halbfertig, als ich durch das Eintreten der schönen Clementina angenehm überrascht wurde. Sie sagte zu mir: »Mein Herr, da wir keine Kammerzofe haben, die die Besorgung Ihrer Wäsche übernehmen könnte, so möchte ich Sie bitten, dies mir zu gestatten.« »Sie, reizende Gräfin, wollen dies tun?« »Jawohl, ich; und ich bitte Sie, sich meiner Absicht nicht zu widersetzen. Ich mache mir ein Vergnügen daraus, ja noch mehr, ich hoffe mir ein Lob zu verdienen. Lassen Sie mir das Hemd geben, das Sie morgen anziehen wollen, und bitte, keine Widerrede!« »Ich füge mich, mein gnädiges Fräulein.« Nachdem ich mit Hilfe von Clairmont den Koffer, der meine Wäsche enthielt, in ihr Zimmer geschleppt hatte, fuhr ich fort: »Ich brauche jeden Tag ein Hemd, eine Halsbinde, ein Kamisol, eine Unterhose, ein Paar Strümpfe, zwei Taschentücher; aber die Wahl ist mir gleichgültig, und ich überlasse diese Ihnen, wie ich Ihnen alles überlassen möchte. Ich bin glücklicher als Jupiter und werde glücklich schlafen. Leben Sie wohl, reizende Hebe!« Ihre Schwester Eleonora, die schon im Bett lag, konnte gar kein Ende finden, mich um Entschuldigung zu bitten. Ich befahl Clairmont, auf der Stelle dem Grafen zu melden, daß ich keine Schlösser mehr an meinen Türen haben wolle. Konnte ich wohl wegen meiner paar Lumpen argwöhnisch sein, da ich sah, daß diese köstlichen Wesen nicht die geringste Besorgnis vor meiner Neugier hatten? Ich hätte befürchten müssen, sie zu beleidigen. Ich hatte ein ausgezeichnetes Bett und schlief vortrefflich. Clairmont war gerade dabei, mein Haar zu machen, als meine junge Hebe mit einem Korb in ihren hübschen Händen sich meinen Blicken darbot. »Ich hoffe,« sagte sie zu mir, nachdem sie mir guten Morgen gewünscht hatte, »Sie werden mit meiner Geschicklichkeit zufrieden sein.« Ich sah sie entzückt an, denn nicht das geringste Anzeichen auf ihrem wonnigen Gesicht verriet jene falsche Scham, die dem Vorurteil des Adelsstolzes entspringt. Die leichte Röte, die ihre Stirn überzog, verriet im Gegenteil die Befriedigung, die sie empfand – eine Befriedigung, deren nur stolze Seelen fähig sind, auf denen nicht der dumme Stolz lastet, der Emporkömmlingen und eitlen Tröpfen eigen ist. Ich küßte ihr die Hand und sagte, niemals habe mir ein Anblick so gut gefallen. Mein Freund trat ein und dankte Clementina für ihre Aufmerksamkeit gegen mich. Dies fand ich sehr gut; aber er begleitete seine Danksagungen mit einem Kuß, den sie aufs beste hinnahm, und das fand ich sehr übel. Aber, wird man mir einwenden, er war doch ihr Schwager, und sie war seine Schwägerin. Das gebe ich gerne zu; aber ich war einmal eifersüchtig, und damit ist alles gesagt. Die Natur ist klüger als ihre Menschen, und die Natur sagte mir, daß ich recht hätte. Es ist unmöglich, auf eine Geliebte, deren Besitz man noch nicht errungen hat, nicht eifersüchtig zu sein, denn man muß stets befürchten, daß die Begehrte durch einen anderen einem geraubt wird. Der Graf zog einen Brief aus der Tasche, überreichte ihn mir und bat mich, ihn zu lesen. Er war von seinem Vetter, dem Abbate, der ihn ersuchte, ihn bei mir zu entschuldigen, daß er die verlorenen zwanzig Zechinen mir nicht innerhalb der im Ehrenkodex der Spieler vorgeschriebenen Frist bezahlen könne; er werde seine Schuld im Lauf der Woche begleichen. »Gut, mein lieber Herr Graf, sagen Sie Ihrem Vetter, er möge mir ohne alle Umstände die Schuld bezahlen, wenn es ihm paßt; dies solle seiner Ehre kein Abbruch tun. Aber machen Sie ihn darauf aufmerksam, daß er heute Abend nicht spielen darf; ich würde seine Sätze nicht halten.« »Aber er kann doch mit barem Gelde spielen?« »Nicht, bevor er mich bezahlt hat; denn er würde mit meinem Gelde setzen. Übrigens ist die ganze Sache eine Lappalie, und es wird mir angenehm sein, wenn er sich hinsichtlich der Bezahlung keine Unbequemlichkeit macht.« »Er wird sich gekränkt fühlen.« »Um so besser!« sagte Clementina. »Warum hat er den Vorschlag gemacht, zu spielen, und vor allen Dingen, warum spielt er auf Wort, wenn er doch weiß, daß er nicht sofort bezahlen kann? Dies wird eine gute Lehre für ihn sein.« Dieser Ausfall war Balsam für mein Herz. So ist der Mensch: Die Leidenschaft macht ihn hart und eigensüchtig. Aber so ist nun einmal seine Natur. Der Graf antwortete mir nicht und ließ uns allein. »Reizende Clementina,« sagte ich zu dem Mädchen, »ich flehe Sie an, seien Sie aufrichtig: Sagen Sie mir, ob die etwas derbe Art, wie ich den Abbate behandelte, Ihnen unangenehm ist. Ich werde Ihnen zwanzig Zechinen geben, die Sie ihm schicken können. So kann er sie mir heute Abend aufzählen und dadurch eine gute Figur spielen. Ich verspreche Ihnen, daß niemals ein Mensch etwas davon erfahren soll.« »Ich danke Ihnen. Ich nehme an der Ehre des Abbate nicht so viel Anteil, um Ihr Anerbieten anzunehmen. Es ist für ihn ganz gut, wenn er diesen Denkzettel bekommt. Eine kleine Beschämung wird ihm vielleicht Lebensart beibringen.« »Sie werden sehen, er wird heute Abend nicht kommen.« »Das kann wohl sein; aber glauben Sie, das würde mir leid tun?« »Das hätte ich wohl annehmen dürfen.« »Warum denn? Gewiß doch nur, weil er mit mir gescherzt hat? Der Abbate ist ein Windbeutel, aus dem ich mir ganz und gar nichts mache.« »Da ist er ebensosehr zu beklagen, wie derjenige, aus dem Sie sich etwas machen, sich beglückt fühlen muß.« »Dieser Mensch ist vielleicht noch gar nicht geboren.« »Wie? Sie waren noch keinem Manne begegnet, der Ihrer Aufmerksamkeit würdig gewesen wäre?« »Sehr vielen, die meiner Aufmerksamkeit würdig sind; aber das genügt nicht für mich, um mir etwas aus ihnen zu machen. Dazu müßte ich jemanden finden, den ich lieben würde.« »Sie haben also niemals geliebt?« »Niemals.« »Also ist Ihr Herz leer!« »Da muß ich lachen. Ist es ein Glück? Ist es ein Unglück? Das ist noch sehr die Frage. Wenn es ein Glück ist – so wünsche ich mir Glück dazu; ist es ein Unglück –- was macht es mir aus, da ich es ja nicht empfinde?« »Nichtsdestoweniger ist es ein Unglück; davon werden Sie von dem Tage an überzeugt sein, an dem Sie zum erstenmal lieben.« »Und wenn ich in der Liebe unglücklich sein würde, müßte ich dann nicht finden, daß die Herzensleere für mich ein Glück war?« »Das kann ich nicht leugnen; aber es scheint mir unmöglich zu sein, daß Sie in der Liebe unglücklich sein könnten.« »Diese Unmöglichkeit ist nur allzuleicht möglich. Damit ich glücklich werde, ist eine gegenseitige Übereinstimmung nötig; eine solche ist nicht leicht, und noch schwieriger, glaube ich, ist die Dauer dieser Übereinstimmung.« »Das gebe ich zu; aber Gott hat uns dazu erschaffen, dies zu wagen.« »Ein Mann kann solches Bedürfnis haben und sein Vergnügen daran finden, ein junges Mädchen aber ist anderen Gesetzen unterworfen.« »Die Natur macht keinen Unterschied in den Bedürfnissen, sondern nur in den Folgen; die Anstandsgebote sind nur von der Gesellschaft aufgestellt worden.« In diesem Augenblick unterbrach uns der Graf. Er war erstaunt, uns noch beisammen zu finden, und sagte zu uns: »Ich wollte, ihr verliebtet euch ineinander!« »Sie wünschen uns also unglücklich zu sehen«, sagte Clementina. »Wieso denn, schöne Gräfin?« rief ich aus. »Ich würde unglücklich werden, weil ich einen Unbeständigen lieben würde, und Sie, weil Sie Gewissensbisse empfinden und damit die Vernichtung meiner Ruhe teuer erkaufen würden!« Nach diesem schönen Ausspruch schlüpfte sie hinaus. Ich war wie versteinert; der Graf aber, der in seinem ganzen Leben noch nie nachgedacht hatte, rief aus: »Die reizende Clementina ist zu romantisch. Nun, sie ist ein junges Mädchen; das wird sich schon geben.« Wir gingen zur Gräfin, um ihr guten Tag zu sagen, und fanden sie damit beschäftigt, ihrem lieben Säugling die Brust zu geben. »Wissen Sie auch, liebe Schwester,« sagte der Graf zu ihr, »daß der Herr Chevalier in Clementina verliebt ist, und daß sie seine zärtlichen Gefühle erwidert?« »Ich möchte gern,« sagte die Gräfin lächelnd, »daß wir durch eine rechte Heirat Verwandte würden.« Das Wort Heirat ist ein Zauberwort, das oft nur dazu dient, der allerschmeichelhaftesten Idee eine Maske zu geben. Die Antwort der Gräfin gefiel mir sehr, und ich erwiderte sie durch eine herzliche Verneigung, obwohl dieses Wort stets eine sehr zarte Saite in meinem Herzen anschlug. Wir gingen aus, um der Dame vom vorigen Tage einen Gegenbesuch zu machen. Wir fanden bei ihr einen Domherrn, der mir die größten Schmeicheleien sagte und mein Vaterland pries, das er zu kennen glaubte, weil er die Geschichte Venedigs gelesen hatte. Schließlich fragte er mich, was denn das für ein Orden sei, dessen Kreuz ich um den Hals trage. Ich antwortete ihm mit einer Miene bescheidenen Stolzes, es sei ein Zeichen des Wohlwollens, womit unser Heiliger Vater, der Papst, mich beehrt habe, indem er mich aus eigenem Antrieb zum Ritter des heiligen Johannes vom Lateran und zum Apostolischen Protonotar gemacht habe. Der Mönch war nie auf Reisen gewesen. Er war ein liebenswürdiger Mann, aber wenn er Weltkenntnis besessen hätte, so hätte er diese Frage nicht an mich gerichtet. Er wollte mich jedoch durchaus nicht beleidigen, sondern glaubte vielmehr allen Ernstes, mir eine Ehre zu erweisen, indem er mir seine Teilnahme bezeigte und mir Gelegenheit gäbe, von meinen Verdiensten zu sprechen. Es gibt eine Menge Fragen, die in einer Gesellschaft aufrichtiger Menschen nicht unbescheiden zu sein scheinen, es aber dennoch sind. Der Orden vom Goldenen Sporn ist so verrufen, daß er für mich eine wahre Folterqual war, wenn man mit mir darüber sprach, während mir dies ohne Zweifel sehr angenehm gewesen wäre, wenn ich kurz und bündig hätte antworten können: »Es ist das goldene Vließ.« So aber erforderte, nachdem ich die Wahrheit gesagt hatte, die verletzte Eitelkeit, zu meiner Rechtfertigung einen Kommentar hinzuzufügen, und dies war für mich eine wahre Fron. Ich kann sagen, für mich war mein Kreuz ein wahres Kreuz, eine wirkliche Qual; da es aber ein prachtvolles Schmuckstück war, das auf die überall so zahlreichen Dummköpfe Eindruck machte, so trug ich es sogar zu meinem Morgenanzug. Der portugiesische Christus-Orden ist ebenso verrufen wie der Goldene Sporn, weil der Papst das Vorrecht hat, ihn ebenso wie Seine Allergetreueste Majestät zu verleihen. Auf den Roten Adler-Orden legt man erst Wert, seitdem der König von Preußen Großmeister des Ordens ist; vor dreißig Jahren hätte kein anständiger Mensch sich mit diesem Orden zu schmücken gewagt, weil der Markgraf von Bayreuth ihn dem ersten Besten für bares Geld verkaufte. Das blaue Band des Michael-Ordens ist heutzutage angesehen, weil der Kurfürst von Bayern es verleiht; früher wollte kein Mensch es haben, weil man es zu billigem Preise von den Höflingen des Kölner Kurfürsten erhielt. Diese hatten den Orden an eine Menge von Leute weggeworfen, die eher würdig gewesen wären, auf ihrem Rücken eine Galgenleiter zu tragen als auf ihrer Brust ein Ehrenkreuz. Vor fünf Jahren sah ich in Prag einen Ritter dieses Ordens; aber man durfte ihn nicht fragen, von wem er ihn bekommen hätte. Die Sucht nach Ordenssternen wächst mit der Verderbnis der Sitten. Je tiefer man in seiner eigenen Meinung steht – denn kein Mensch täuscht sich selber, wenn er mit seinem Gewissen Zwiesprache hält – desto mehr ist man bestrebt, in den Augen anderer Menschen ausgezeichnet zu erscheinen. Die Eitelkeit der Menschen, die Geldgier der Regierungen und vor allen Dingen die Käuflichkeit der Höflinge haben es denn auch dahin gebracht, daß Ordenszeichen für niemanden mehr eine wirklich ehrenvolle Auszeichnung sind. Bedenkt man die Verschiedenheit der Abzeichen, Ordensbänder und Wahlsprüche, so gibt es keinen noch so gelehrten Mandarin, der sich schmeicheln könnte, sie alle in seinem Gedächtnis zu beherbergen. Außer den Orden der gekrönten Häupter und kleinen Fürsten gibt es eine Menge Ordenszeichen von obskuren Domkapiteln, Privatgesellschaften, Akademien, Jagd-, Musik- und Betvereinen und vielleicht sogar von Gesellschaften Liebender. Wie soll man aus diesem Chaos die Ordensabzeichen von Verschwörern und vielleicht sogar Gaunern herauskennen? Was die Ordenszeichen der Frauen anbetrifft, so genügt für jeden anständigen Mann der gesunde Menschenverstand, um sich der Frage zu enthalten, was dieses oder jenes verborgene Medaillon, eine auffällig angebrachte Busennadel oder ein in einem Ring getragenes Porträt bedeute. Derartige Sächelchen haben niemals etwas zu bedeuten. Man muß die Frauen lieben, aber nicht auf ihre Geheimnisse neugierig sein, zumal da sie im allgemeinen selber diesen Spielereien keinen Wert beilegen, sondern nur Neugierde zu erregen beabsichtigen. Es ist so weit gekommen, daß man in der guten Gesellschaft, wenn man für einen höflichen Mann gelten will, niemanden mehr nach seiner Heimat fragen kann; denn wenn der Betreffende, den du fragst, Normanne oder Kalabreser ist, so muß er dich um Entschuldigung bitten, indem er es dir eingesteht, und ein Wandtländer wird dir sagen, er sei Schweizer. Ebenso wirst du einen vornehmen Herrn nicht nach seinem Wappen fragen; denn wenn er die heraldischen Fachausdrücke nicht kennt, bringst du ihn in Verlegenheit. Du darfst keinem Menschen ein Kompliment wegen seiner schönen Haare machen; denn vielleicht trägt er eine Perücke, und dann wäre dein Kompliment eine Beleidigung. Ich lobte einmal die schönen Zähne einer Frau; ein paar Tage darauf sah ich durch eine kleine Indiskretion die Rechnung ihres Zahnarztes. Ich erinnere mich, daß man mich, als ich vor fünfzig Jahren nach Frankreich kam, unhöflich fand, weil ich eine junge Gräfin nach ihrem Taufnamen fragte. Sie wußte ihn nicht. Ein anderes Mal befriedigte ein Stutzer, der unglücklicherweise Jean hieß, meine ungezogene Neugier, indem er mir einen Degenstich anbot. In London gilt es für die allergrößte Unhöflichkeit, jemanden nach seiner Religion zu fragen; auch in Deutschland kann dies der Fall sein; denn ein Herrenhuter oder ein Wiedertäufer werden ungern sagen, wes Glaubens sie sind. Wenn dir also daran liegt, bei allen Leuten beliebt zu sein, so ist es das sicherste, keinen Menschen nach etwas zu fragen, nicht einmal ob er einen Louis wechseln kann. Clementina war während des Mittagessens zum Entzücken, denn sie antwortete anmutig, geistreich und gewandt auf alle Fragen, die ich an sie richtete. Allerdings waren ihre Bemerkungen für die anderen zum Teil verloren, denn der Geist wird erstickt durch die Dummheit derer, die ihn nicht verstehen; mir aber bereitete sie ein unsägliches Vergnügen. Da sie mir zu oft einschenkte, machte ich ihr einen sanften Vorwurf, und dieser führte ein Gespräch herbei, durch das sie mich vollends bezwang: »Sie beklagen sich mit Unrecht,« sagte sie zu mir, »denn es ist Hebes Pflicht, den Becher des Herrn der Götter stets gefüllt zu halten.« »Sehr gut; aber Sie wissen doch, daß Jupiter sie zurückwies.« »Allerdings; aber ich weiß auch weshalb, und ich werde niemals eine solche Ungeschicklichkeit begehen wie sie. Niemals wird aus solchem Grunde ein Ganymed meinen Platz einnehmen.« »Das ist sehr vernünftig. Jupiter hatte unrecht; darum nehme ich von Stund an den Namen Herkules an. Ist Ihnen das recht, schöne Hebe?« »Nein; denn er hat sie erst nach seinem Tode geheiratet.« »Das ist wieder wahr; so kann ich also nur Iolas sein, denn...« »Schweigen Sie! Iolas war alt.« »Allerdings. Auch ich war gestern alt, aber ich bin es nicht mehr: Sie haben mich jung gemacht.« »Das freut mich, lieber Iolas; aber bedenken Sie, was ich mit ihm machte, als er mich verließ!« »Was machten Sie denn mit ihm? Ich erinnere mich dessen nicht.« »Das glaube ich nicht.« »Sie können mir's glauben.« »Ich nahm ihm das Geschenk, das ich ihm gemacht hatte.« Bei diesen letzten Worten wurde das reizende Gesicht des erstaunlichen Mädchens feuerrot. Ich hätte gedacht: ich würde meine Hand verbrennen, hätte ich sie auf ihre Stirn gelegt; aber die Funken, die ihre schönen Augen sprühten, drangen mir ins Herz und erfüllten es mit eisigem Frost. Seid mir nicht böse, ihr Naturwissenschaftler, wenn ich sage, daß das Feuer ihrer Blicke mich in Eis verwandelte. Ich gebe das nicht für ein Wunder aus; es ist vielmehr eine ganz natürliche Erscheinung, die jeden Tag vorkommt, die ihr aber vielleicht noch niemals bemerkt habt. Eine große Liebe, die den Menschen über sich selber erhebt, ist ein mächtiges Feuer, dem ein Frost von derselben Stärke, wie ich ihn damals verspürte, die Spitze bieten muß; denn wenn die Glut länger als eine Minute gedauert hätte, so würde sie mich getötet haben. Die überlegene Art, wie Clementina die Fabel von der Hebe angewandt hatte, hatte mir gezeigt, daß das reizende Mädchen nicht nur eine gründliche Kennerin der Mythologie war, sondern daß sie auch einen gesunden, tiefen und nachdenklichen Verstand hatte. Sie hatte mir nicht nur bewiesen, daß sie Kenntnisse besaß, sondern mehr als das, sie hatte mich erraten lassen, daß ich ihre Teilnahme erregte, daß sie an mich gedacht hatte und daß sie mich auf eine angenehme Weise hatte überraschen wollen. Alle diese Gedanken dringen gleichzeitig auf einen Mann ein, dessen Herz bereits vorher eingenommen war, und dann entzünden sie alle seine Sinne zu heller Glut. Im Nu war ich frei von allen Zweifeln: ich sah klar und deutlich, daß Clementina mich liebte, und zog daraus natürlich den Schluß, daß wir glücklich sein würden. Clementina hatte das Bedürfnis, sich zu beruhigen, und eilte hinaus; dadurch erhielt ich Zeit, mich von meinem Erstaunen zu erholen. Ich wandte mich an ihre Schwester und sagte: »Ich bitte Sie, gnädige Frau, sagen Sie mir doch, wo ist das Fräulein erzogen worden?« »Auf dem Lande. Sie hat stets dem Unterricht beigewohnt, den mein Bruder von Sardini erhielt. Der Lehrer beschäftigte sich niemals mit ihr, sie aber war die einzige, die von dem Unterricht Nutzen hatte, denn mein Bruder gähnte nur. Clementina brachte meine Mutter zum Lachen und setzte zuweilen den alten Lehrer in Verlegenheit.« »Wir haben von Sardini Dichtungen, die nicht ohne Wert sind; aber niemand liest sie, weil sie mit mythologischen Ausdrücken gespickt sind.« »Das ist wahr. Clementina besitzt ein Manuskript, das er ihr geschenkt hat, und das eine Menge Fabeln aus der heidnischen Götterwelt enthält. Suchen Sie sie zu überreden, daß sie Ihnen ihre Bücher und die Verse zeigt, die sie selbst gedichtet hat, die sie aber sonst keinem Menschen zeigt.« Ich war voll Bewunderung. Als sie wieder hereinkam, machte ich ihr Komplimente und sagte hierauf: »Ich bin ein großer Freund der Dichtkunst und der schönen Wissenschaften, und Sie würden mir ein großes Vergnügen bereiten, wenn Sie mir Ihre Verse zeigen wollten.« »Ich würde mich schämen. Ich mußte vor zwei Jahren meine Studien aufgeben, als ich infolge der Heirat meiner Schwester in dieses Schloß übersiedeln mußte, wo wir nur mit braven Leuten verkehren, die an weiter nichts als an ihre Haushaltung und an ihre Ernte denken und sich nur um Regen und Sonnenschein bekümmern. Sie sind der erste, von dem ich angenommen habe, daß er ein Freund der Wissenschaften sei, da Sie mich Hebe nannten. Hätte unser alter Sardini uns hierher begleitet, so würde ich mich weitergebildet haben; meiner Schwester lag jedoch nichts daran, ihn bei sich zu haben.« »Aber, meine liebe Clementina,« rief die Gräfin, »sage mir doch bitte, was hätte meinem Mann ein achtzigjähriger Greis nützen können, der nur Luftschlösser baut, Verse macht und von Mythologie spricht?« »Ich hätte ihn gern genommen,« sagte ihr Gatte, »wenn er sich in der Wirtschaft hätte verwenden lassen. Aber er ist ein ehrlicher Greis, der durchaus nicht zugeben will, daß es Spitzbuben gibt. Er ist vor lauter Gelehrtheit dumm geworden.« »Großer Gott!« rief Clementina, »Sardini dumm! Es ist allerdings nicht schwer, ihn zu betrügen; aber das würde niemandem gelingen, wenn er weniger Redlichkeit und Geist hätte. Ich liebe einen Mann, den man aus solchen Gründen leicht täuschen kann. Aber man sagt ja auch von mir, ich sei verrückt.« »Nein, liebe Schwester,« sagte die Gräfin, »im Gegenteil, alles, was du sagst, trägt den Stempel der Weisheit; aber es liegt außerhalb deiner Sphäre – ich will sagen, außerhalb der Sphäre einer Frau. Denn schöne Wissenschaften, Poesie und Philosophie hat eine Hausherrin nicht nötig, und sollte sich dir eine Gelegenheit zum Heiraten bieten, so würde deine fast ausschließliche Neigung für die Wissenschaften vielleicht ein Hindernis sein, eine gute Partie zu machen.« »Darauf bin ich gefaßt und darum habe ich auch Lust, als Mädchen zu sterben; dies gereicht aber nicht den Männern zur Ehre.« Um die Erregung zu begreifen, die dieses Gespräch in meiner Seele hervorrief, muß man leidenschaftlich und verliebt sein, wie ich es damals war. Ich fühlte mich unglücklich. Wäre ich adlig und reich gewesen, so hätte ich ihr hunderttausend Taler gegeben und sie im selben Augenblick geheiratet. Sie sagte mir, Sardini sei in Mailand und leide an der Krankheit der Altersschwäche. »Haben Sie ihm in der letzten Zeit einen Besuch gemacht?« fragte ich sie. »Ich habe Mailand niemals gesehen.« »Ist es möglich! Bei der geringen Entfernung.« »Was wollen Sie? Entfernungen sind relativ.« Wie hübsch sie das ausdrückte! Sie gab mir dadurch ohne falsche Bescheidenheit zu verstehen, daß es ihr an Mitteln fehlte, und ich war ihr dankbar für diese Offenherzigkeit. Aber wofür wäre ich ihr wohl nicht dankbar gewesen in der Herzensstimmung, in die sie mich versetzt hatte! Es gibt Augenblicke im Leben, wo eine Frau – ich will nicht einmal sagen, eine schöne, eine liebenswürdige, geistreiche Frau, sondern eine Frau, die wir lieben – uns durch einen bloßen Hinweis dahin bringen kann, alles zu tun, was sie will. Ich drang auf eine so zärtliche Weise in sie, daß sie mich nach dem Kaffee in ein Kabinett neben ihrem Zimmer führte, um mir ihre Bücher zu zeigen. Sie besaß nur etwa dreißig, aber diese waren gut gewählt, wenn sie gleich nicht über die Literatur eines mit seinen Studien in der rhetorischen Klasse fertigen jungen Menschen hinausgingen. Für einen Geist, wie Clementina ihn hatte, genügten sie nicht. Sie konnte daraus weder geschichtliche Belehrung noch naturwissenschaftliche Kenntnisse schöpfen, durch die sie aus der Unkenntnis über das Wesentliche hätte entrissen und den Freuden des Lebens zugeführt werden können. »Haben Sie auch gemerkt, liebe Hebe, welche Bücher Ihnen fehlen?« »Ich kann es mir wohl denken, teurer Iolas, obgleich ich nicht genau weiß, was ich wohl nötig haben könnte.« »Wie reizend naiv, angebetetes Weib! Lassen Sie mich machen.« Nachdem ich eine Stunde lang Sardinis Schriften durchblättert hatte, bat ich sie, mir etwas von ihrer eigenen Hand zu zeigen. »Nein,« sagte sie, »es sind zu viele Fehler darin.« »Auf diese Antwort war ich gefaßt; aber ich werde mehr des Guten darin finden als des Schlechten.« »Daran zweifle ich.« »Zweifeln Sie nicht daran! Ich verzeihe sprachlichen Fehlern, Verstößen gegen Stil und gesunde Vernunft, dem Mangel an Methode und sogar mißglückten Versen.« »Das ist ein bißchen zu viel, Iolas; einer so ausgedehnten Nachsicht braucht Hebe nicht zu bedürfen. Hier, mein Herr, haben Sie mein ganzes Gekritzel; klauben Sie nur alle meine Fehler und Mängel heraus, und tun Sie sich keinen Zwang an!« Hochentzückt, daß mir meine List gelungen war, indem ich ihre Eitelkeit angestachelt hatte, begann ich ganz langsam ein anatreontisches Lied vorzulesen, indem ich durch meine Betonung alle Schönheiten des Gedichtes hervorhob. Ich weidete mich an der Freude, die auf ihrem ganzen Gesichte glänzte, als sie ihre Verse so schön vorlesen hörte. Wenn ich an einen Vers kam, den ich durch eine Veränderung von diesem oder jenem Wort rührender gemacht hatte, bemerkte sie es, denn sie folgte mir mit den Augen; aber sie fühlte sich dadurch nicht gekränkt, sondern war mir im Gegenteil für meine Verbesserungen dankbar. Sie fand, daß meine Pinselstriche nur das Kolorit erhöhten, daß aber darum doch das Gemälde immer noch ihr Werk blieb, und sie war entzückt, als sie sah, daß dieses Vorlesen mir vielleicht ein noch größeres Vergnügen bereitete, als sie selber dabei empfand. Unser gegenseitiger Genuß dauerte drei Stunden lang. Es war nur ein geistiger Genuß; aber da wir verliebt waren, so ließe sich schwerlich ein reinerer und zugleich wollüstigerer vorstellen. Glücklich, ja überglücklich wären wir gewesen, wenn wir dabei stehen geblieben wären. Aber der Gott der Liebe ist ein Verräter, ein Betrüger, der alle Menschen auslacht, die sich einbilden, mit ihm spaßen zu können, ohne in seine Netze zu fallen. Wenn man sich damit belustigt, mit glühenden Kohlen zu spielen, wie sollte man sich nicht verbrennen! Die Gräfin unterbrach uns, um uns einzuladen, wir möchten wieder zur Gesellschaft kommen. Clementina stellte schnell wieder alles an seinen Platz und dankte mir für das Vergnügen, das ich ihr bereitet hätte, mit einer Innigkeit, die sich in der Glut aussprach, die ihr ganzes Gesicht überzog. Als sie so unter die Gesellschaft trat und man sie fragte, ob sie sich vielleicht geschlagen hätte, errötete sie noch tiefer. Dies konnte verdächtig erscheinen. Der Spieltisch stand bereit; bevor ich jedoch Platz nahm, befahl ich meinem Clairmont für den nächsten Morgen bei Tagesanbruch vier gute Pferde zu besorgen: ich wollte nach Lodi fahren, aber vor dem Mittagessen wieder zurück sein. Alle Anwesenden spielten wie am Tage vorher, außer dem Abbate, der zu meiner großen Befriedigung überhaupt nicht erschien; dafür hatten wir aber einen Domherrn, der immer einen Dukaten zur Zeit setzte und einen ganzen Haufen Goldstücke vor sich liegen hatte. Diese kamen meiner Bank zugute, und am Ende der Partie sah ich zu meiner großen Freude, daß alle Anwesenden zufrieden waren; nur der Domherr hatte etwa dreißig Zechinen verloren, doch tat dieser Verlust seiner guten Laune keinen Abbruch. Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch fuhr ich, ohne einem Menschen etwas davon zu sagen, nach Lodi und kaufte dort alle Bücher, die für die schöne Clementina paßten. Da sie nur italienisch sprach, so kaufte ich Übersetzungen, die ich zu meiner großen Überraschung in Lodi fand; ich hatte diese Stadt bis dahin nur wegen ihres ausgezeichneten Käses verehrt, der in ganz Europa unter dem Namen Parmesankäse bekannt ist. Dieser vortreffliche Käse ist nämlich aus Lodi und nicht aus Parma. Ich verfehlte nicht, noch am gleichen Tage eine Notiz darüber dem Artikel Parmesankäse in meinem Käse-Lexikon hinzuzufügen, woran ich damals arbeitete. Ich habe diese Arbeit später aufgegeben, da ich fand, daß sie über meine Kräfte ging, wie J. J. Rousseau fand, daß er der Botanik nicht gewachsen war. Dieser sonderbare und eigentümliche große Mann hatte zu jener Zeit das Pseudonym Reneau le Botaniste angenommen. Quisque histrioniam exercet . Schauspieler sind wir alle. Leider hatte Rousseau bei aller seiner Beredsamkeit keine Freude am Lachen und auch nicht die herrliche Gabe, andere zum Lachen zu bringen. Ich hatte den Einfall, am übernächsten Tage in Lodi ein großes Essen zu geben; da ein Plan dieser Art keiner langen Überlegung bedurfte, ging ich sofort in den besten Gasthof, um die Anordnungen zu treffen. Ich bestellte eine auserlesene Mahlzeit für zwölf Personen, machte eine Anzahlung und ließ mir vom Wirt Quittung und schriftliche Bestätigung meiner Bestellung geben; zugleich nahm ich ihm das Versprechen ab, mich soviel Geld wie nur möglich ausgeben zu lassen. Als ich wieder im Schloß Sant' Angelo angekommen war, ließ ich meinen großen Sack voll von Büchern in Clementinas Zimmer bringen. Das entzückende Mädchen war bei diesem Anblick wie versteinert. Es waren mehr als hundert Bände, Dichter, Geschichtschreiber, Geographen, Naturforscher, Philosophen – nichts fehlte an der Sammlung. Ich hatte auch einige gute Romane hinzugefügt, Übersetzungen aus dem Spanischen, Englischen und besonders Französischen; denn wir haben im Italienischen zwar etwa vierzig gute Dichtungen, aber keinen einzigen guten Roman in Prosa. Doch mögen die Fremden sich dieses Geständnis nicht zunutze machen, um sich eine Überlegenheit zuzuschreiben! Italien hat die anderen Völker um wenig zu beneiden und besitzt tausend Meisterwerke, um die alle Nationen es beneiden müssen. Was käme wohl dem Meisterwerk des menschlichen Geistes gleich, das unter dem Namen Orlando furioso bekannt ist? Nichts! Und dieses wunderbare Werk wird niemals einer anderen Sprache auf dem Wege der Übersetzung zu eigen werden. Die schönste und wahrste Lobrede auf Ariosto hielt der große Voltaire, als er sechzig Jahre alt war. Hätte er nicht durch diesen Widerruf das falsche Urteil zurückgenommen, das er über den großen Genius ausgesprochen hatte, so hätte ihm ohne Zweifel die Nachwelt, wenigstens in Italien, den Zutritt zum Tempel der Unsterblichkeit verweigert, worauf er übrigens einen so vielfach begründeten Anspruch hat. Es ist jetzt sechsunddreißig Jahre her, daß ich ihm ungefähr dasselbe sagte, was ich hier niederschreibe, und der große Mann glaubte mir. Er hatte Furcht, und daran tat er wohl. Ich bitte meine Leser – wenn ich nach meinem Tode deren haben sollte – um Entschuldigung, daß ich auf solche Weise meine Erzählung unterbreche. Sie wollen freundlichst berücksichtigen, daß ich jetzt, da ich meine Erinnerungen schreibe, alt bin und daß das Alter gesprächig ist. Auch für sie wird die Zeit kommen, da sie nachsichtig sein werden, und da werden sie sehen, daß Menschen meines Alters sich nur darum so gerne wiederholen, ja sogar weitschweifig werden, weil sie nur noch von Erinnerungen leben, denn die Wirklichkeit ist für uns recht herzlich wenig und die Hoffnung gar nichts mehr. Ich komme nun auf mein Thema zurück, das ich keineswegs aus den Augen verloren habe. Clementina war von Erstaunen und Bewunderung hingerissen; ihre Blicke schweiften von den Büchern zu mir und von mir zu den Büchern: sie schien daran zu zweifeln, daß dieser Schatz wirklich ihr gehören sollte. Nachdem sie sich endlich ein bißchen beruhigt hatte, sagte sie mir in einem Tone tiefgefühlter Zärtlichkeit und Dankbarkeit: »Sie sind also nach Sant' Angelo gekommen, um mich mit Glück zu überhäufen!« In solchen Augenblicken wird der Mensch zum Gott. Denn es ist unmöglich, daß ein Wesen, das solche Worte sagt, nicht entschlossen wäre, alles aufzubieten, was in seinen Kräften steht, um seinerseits den glücklich zu machen, der es mit so leichter Mühe beglückt hat. Die Wonne über den Ausdruck von Dankbarkeit auf dem Antlitz einer angebeteten Frau hat etwas Erhabenes, Unbeschreibliches an sich. Wenn du dies nicht ebenso fühlst wie ich, mein lieber Leser, so beklage ich dich und bin der Meinung, du mußt ein Geizhals oder ein Teufel und folglich nicht wert sein, geliebt zu werden. Clementina erschien bei Tisch, tat aber den Speisen sehr wenig Ehre an; bald zog sie sich in ihr Zimmer zurück, wohin ich ihr unverzüglich folgte. Wir stellten miteinander die Bücher auf. Sie ließ einen Tischler kommen und bestellte bei ihm einen verschließbaren Bücherschrank mit einem Gitter. Sie sagte zu mir, ihre Bibliothek werde ihr Entzücken sein, wenn ich wieder abgereist sei. Am Abend war sie glücklich im Spiel und von einer bezaubernden Heiterkeit. Ich lud die ganze Gesellschaft zum Mittagessen ein, und da dieses für zwölf Personen bestellt war, so erbot die Gräfin Ambrogio sich, in Lodi die beiden fehlenden Gäste aufzutreiben, und der Domherr übernahm es, die Dame mit der Tochter und dem Sohn zu begleiten. Der nächste Tag war ein Tag der Ruhe und des Glückes; ich verbrachte ihn, ohne das Schloß zu verlassen, und beschäftigte mich nur damit, meiner Hebe einen Begriff von der Sphäre und Geschmack an der Wolffschen Philosophie beizubringen. Ich schenkte ihr mein mathematisches Besteck, das in ihren Augen eine unschätzbare Gabe war. Ich war in Liebe zu dem reizenden Mädchen entbrannt. Aber würde wohl ihre Neigung zu Wissenschaft und Literatur genügt haben, mich in sie verliebt zu machen, wenn mich nicht ihre Reize schon vorher geblendet hätten? Es ist sehr zweifelhaft. Ich liebe Speisen, die meinem Gaumen schmeicheln; aber wenn sie nicht vorher meinen Augen schmeicheln, weise ich sie als schlecht zurück. Zu allererst interessiert stets die Oberfläche: sie ist der Sitz der Schönheit. In zweiter Linie kommt die Prüfung der Formen und Eigenschaften; wenn auch diese entzückt, so stehen wir in Flammen. Ein Mensch, der nicht auch Eigenschaften des Geistes und des Herzens sucht, ist oberflächlich; aber auf der Oberfläche beginnt eben jeder Liebeseindruck. Allerdings sind davon die Erscheinungen auszunehmen, die der Phantasie entspringen – Schimären, die die Wirklichkeit fast immer zerstört. Als ich, ganz von Clementinas Bild erfüllt, mich zu Bette legte, dachte ich über mich selber nach, und ich war ganz erstaunt, daß sie bei unseren Zusammenkünften unter vier Augen nicht den geringsten Nebengedanken in mir erregte, obgleich wir stundenlang beieinander waren. Indessen war es, was mich zurückhielt, keine Furcht; es war keine Schüchternheit, denn die ist mir fremd; es war keine falsche Bescheidenheit, und ebensowenig war es das sogenannte Pflichtgefühl. Auch war es keine Tugend, denn in solchem Maße schwärme ich für Tugend nicht. Was war es also? Ich quälte mich nicht lange mit Nachdenken darüber; ich wußte nur, daß dieses platonische Verhältnis nicht lange dauern konnte, und das tat mir leid; aber dieses Bedauern war der Todeskampf der Tugend. Die schönen Bücher, die wir lasen, erregten unsere Teilnahme in so hohem Maße, daß in dieser Teilnahme die Verliebtheit unterging, die uns unser Beisammensein so köstlich finden ließ; aber, wie das Sprichwort sagt: der Teufel kam dabei nicht zu kurz. Dem Geiste gegenüber verliert das Herz seine Herrschaft: die Tugend triumphiert, aber der Kampf kann nur kurz sein. Unsere Siege verblendeten uns: wir glaubten unserer selber sicher zu sein; aber diese Sicherheit war ein Koloß mit tönernen Füßen und hatte jedenfalls nur darin ihren Grund, daß wir zwar ganz genau wußten, daß wir liebten, aber nicht wußten, ob wir geliebt würden. Im Augenblicke dieser Entdeckung mußte das Gebäude zusammenstürzen. Diese vermessene Zuversicht veranlaßt mich, sie aufzusuchen, um ihr etwas in bezug auf unsere Fahrt nach Lodi zu sagen; die Wagen standen nämlich schon bereit. Sie schlief noch; als sie mich aber in ihrem Zimmer hörte, fuhr sie plötzlich empor. Ich dachte nicht einmal daran, mich bei ihr zu entschuldigen. Sie sagte mir, Tassos Aminta habe so sehr ihre Teilnahme erregt, daß sie vor dem Zubettegehen das ganze Gedicht gelesen habe. »Der Pastor fido wird Ihnen noch viel mehr gefallen.« »Ist er schöner?« »Das kann man eigentlich nicht sagen.« »Warum glauben Sie also, daß er mir mehr gefallen wird?« »Weil er einen Zauber an sich hat, der zum Herzen geht. Er rührt, er verführt, und wir lieben die Verführung.« »Er ist also ein Verführer?« »Nein, aber er ist verführerisch wie Sie.« »Dies ist ein wesentlicher Unterschied. Ich werde ihn heute Abend lesen. Nun will ich mich ankleiden.« Sie zog sich an, ohne daran zu denken, daß ich ein Mann war, aber auch ohne den Anstand zu verletzen. Indessen glaubte ich zu bemerken, daß sie zurückhaltender gewesen wäre, wenn sie gewußt hätte, daß ich in sie verliebt war; denn während sie ihr Hemd überstreifte, ihr Mieder schnürte, ihre Schuhe anzog und ihre Strumpfbänder oberhalb der Knie befestigte, sah ich Schönheiten aufblitzen, die mich verführten; ich mußte hinausgehen, bevor sie noch fertig war, um ein wenig die Glut zu dämpfen, die sie in allen meinen Sinnen entfacht hatte. Ich nahm in meinen Wagen die Gräfin Ambrogio und Clementina und setzte mich selber auf den Klappsitz, indem ich auf einem schönen Kissen den Säugling auf meinem Schoß hielt. Meine beiden schönen Begleiterinnen wollten sich zu Tode lachen; denn ich sah aus wie eine Amme, so gut spielte ich meine Rolle. Unterwegs bekam der kleine Säugling Bedürfnis nach der Mutterbrust. Die hübsche Mama gab sofort seiner Begier eine köstliche Halbkugel preis, die ich mit den Augen verschlang; doch war ihr meine Bewunderung durchaus nicht unangenehm. Mit lüsternen Blicken betrachtete ich das wundervolle Bild; ich konnte meine Freude nicht verhehlen. Als das Kind satt war, verließ es den schwellenden Busen der Mutter, und beim Anblick des reichlich herabträufelnden Saftes rief ich aus: »O, Signora, das ist ein Mord! Erlauben Sie meinen Lippen, diesen Nektar aufzufangen, der mich den Unsterblichen gleichmachen wird, und fürchten Sie meine Zähne nicht!« Damals hatte ich noch welche! Da die Gräfin lachte und sich meinen Wünschen nicht widersetzte, so machte ich mich ans Werk, indem ich meine beiden Begleiterinnen ansah, die vor Lachen nicht mehr konnten und Mitleid mit mir zu haben schienen. Dieses köstliche Lachen läßt sich nicht schildern. Nur Homer, der göttliche Homer, hat es wiederzugeben verstanden, indem er uns Andromache beschreibt, wie sie den kleinen Astyanax auf ihren Armen hält, als Hektor von ihr Abschied nimmt, um zum Heere zurückzukehren. Mich trieb eine unersättliche Lust, sie noch mehr lachen zu machen. Darum fragte ich Clementina, ob sie den Mut haben würde, mir die gleiche Gunst zu bewilligen. »Warum nicht, wenn ich Milch hätte?« »Es genügt, daß Sie die Quelle haben; alles übrige übernehme ich selber.« Bei diesen Worten errötete das reizende Mädchen so stark, daß ich es bereute, sie ausgesprochen zu haben; ich brachte jedoch das Gespräch auf etwas anderes, und bald war ihre Röte verschwunden. Nichts störte unsere Heiterkeit, und als wir vor dem Gasthof in Lodi ausstiegen, hatten wir gar nicht gemerkt, daß wir überhaupt gefahren waren. Die Gräfin schickte sofort zu einer ihr befreundeten Dame und bat sie, mit uns zu speisen und ihre Schwester mitzubringen. Unterdessen schickte ich Clairmont zu einem Papierhändler; er kaufte in meinem Auftrag eine prachtvolle verschließbare Schreibmappe von Maroquin, Papier, Siegellack, Federn, Tintenfaß, Falzbein, Petschaft, Federmesser und was sonst auf einen Schreibtisch gehört. Das Geschenk wollte ich meiner Clementina vor dem Essen überreichen. Ich hatte das Vergnügen, an ihrem Staunen zu bemerken, wie glücklich dieses Geschenk sie machte. Ich las Dankbarkeit in ihren schönen Augen. Eine aufrichtige Frau wird unfehlbar von einem Mann besiegt werden, der sie zur Dankbarkeit zu nötigen weiß. Dies ist stets das sicherste Mittel, zum Ziele zu gelangen, aber man muß es richtig anzuwenden wissen. Die Freundin der Gräfin kam mit ihrer Schwester, einem jungen Mädchen, das es an Schönheit mit seinem ganzen Geschlecht aufnehmen konnte. Ich war von ihr geblendet; aber die Göttin der Liebe selber hätte mich in diesem Augenblick nicht meiner Clementina untreu machen können. Nachdem die Freundinnen sich in der Freude ihres Wiedersehens umarmt hatten, wurde ich vorgestellt, wobei man mich mit solchen Komplimenten bis in die Wolken erhob, daß ich schließlich ihren Überschwenglichkeiten mit einigen spaßhaften Bemerkungen ein Ende machen mußte. Wir erhielten ein üppiges und feines Mahl. Beim Nachtisch vermehrte sich die Gesellschaft um zwei freiwillige Gäste, den Mann der Dame und den Liebhaber der Schwester; sie waren willkommen, denn sie trugen zur Erhöhung der Heiterkeit bei. Um die Fröhlichkeit zu krönen, in die uns der Champagner versetzte, gab ich den Wünschen der Gesellschaft nach und legte eine Pharaobank auf. Als wir nach drei Stunden aufhörten, sah ich zu meinem großen Vergnügen, daß meine Börse um etwa vierzig Zechinen erleichtert worden war. Diesen kleinen Verlusten zur rechten Zeit verdankte ich zum großen Teil meinen Ruf, der nobelste Spieler Europas zu sein. Der Liebhaber des schönen Fräuleins hieß Vigi; ich fragte ihn daher, ob er vom Verfasser des dreizehnten Gesanges der Äneide abstammte. Er bejahte meine Frage, und sagte, er habe seinem Ahnherrn zu Ehren diesen Gesang in italienische Stanzen übertragen. Da ich den Wunsch äußerte, seine Übersetzung zu sehen, versprach er mir, sie am übernächsten Tage nach Sant' Angelo mitzubringen. Ich machte ihm mein Kompliment zu seinem alten Adel, denn Maffeo Vigi blühte zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts. Mit Einbruch der Nacht fuhren wir wieder ab und gelangten in weniger als zwei Stunden nach Sant' Angelo. Der Mond, der alle meine Bewegungen beleuchtete, zwang mich der Verführung zu widerstehen, die eins von Clementinas Beinen mir einflößte; sie hatte nämlich, um ihren kleinen Neffen besser auf ihrem Schoß halten zu können, den einen Fuß auf den Klappsitz gesetzt. Die hübsche Mama sprach unermüdlich von dem Vergnügen, das ich ihnen verschafft hätte, und alle wetteiferten in Lobeserhebungen wegen meiner Bewirtung. Da wir keine Lust hatten, zu Abend zu speisen, zogen wir uns auf unsere Zimmer zurück; ich begleitete Clementina, die mir anvertraute, sie schäme sich, daß sie keine Ahnung von der Äneide habe. Vigi werde mit seiner Übersetzung des dreizehnten Gesanges kommen, und nun wisse sie kein Wort darüber zu sagen! Ich tröstete sie, indem ich zu ihr sagte: »Wir werden heute Nacht Annibale Caros schöne Übersetzung des Gedichts lesen, die Sie besitzen. Sie haben ebenfalls die Übersetzung von Anguilara, ferner Ovids Metamorphosen und Marchettis Lucrezübertragung.« »Aber ich wollte ja den Pastor fido lesen.« »Wir wollen zunächst emmal das Dringlichste erledigen; den Pastor fido lesen wir ein anderes Mal.« »Ich werde alles machen, was Sie mir raten, mein lieber Iolas.« »Dadurch machen Sie mich glücklich, liebe Hebe.« Wir verbrachten also die ganze Nacht damit, dieses herrliche Gedicht in italienischen Blankversen zu lesen; aber dieses Vorlesen wurde oft durch das geistreiche Lachen unterbrochen, das meine reizende Schülerin nicht zurückhalten konnte, wenn gewisse Stellen ihre Sinne zu sehr kitzelten. Sie lachte laut auf, als sie hörte, wie der Zufall Äneas veranlaßte, der Dido in einer sehr unbequemen Lage ein tüchtiges Zeichen seiner Zärtlichkeit zu geben. Und sie lachte noch mehr, als die Liebende sich über die Untreue des Priamus-Sohnes mit den Worten beklagte: »Ich könnte dir noch verzeihen, wenn du vor deiner Abreise mir einen kleinen Äneas zurückgelassen hättest, den ich auf meinem Hofe herumspielen sähe.« Clementina hatte recht, daß sie lachte, denn der Vorwurf ist sehr komisch. Aber woher kommt es, daß man keine Lachlust empfindet, wenn man das Lateinische liest? Si quis mihi parvulus aula luderet Aeneas . Nur die ernste Schönheit der Sprache kann dieser komischen Klage einen Firnis von Würde geben. Wir beendeten die interessante Vorlesung erst mit Tagesanbruch. »Welch' eine Nacht!« rief Clementina mit einem Seufzer; »für mich war sie eine Herzensfreude, aber für Sie?« »Mir war sie eine außerordentliche Freude, da ich die Ihrige sah.« »Und wenn Sie diese nun nicht gesehen hätten?« »Auch dann wäre es für mich eine große Freude gewesen, aber doch eine viel geringere. Ich liebe Ihren Geist außerordentlich, teure Clementina; aber sagen Sie mir, bitte, ob Sie es für möglich halten, den Geist eines Menschen zu lieben, ohne zugleich auch die körperliche Hülle zu lieben?« »Nein, denn ohne die Hülle würde der Geist sich ja verflüchtigen.« »Hieraus ist also die Folgerung zu ziehen, daß ich Sie sehr lieben muß, und daß ich unmöglich sechs oder sieben Stunden mit Ihnen allein verbringen kann, ohne vor Lust zu vergehen, Sie mit meinen Küssen zu bedecken.« »Das ist wahr, und ich glaube, wir widerstehen dieser Lust nur deshalb, weil wir Pflichten haben und weil wir uns gedemütigt fühlen würden, wenn wir diese verletzten.« »Auch das ist wahr; aber wenn Sie ebenso empfinden wie ich, so muß Ihnen diese Zurückhaltung sehr schmerzlich sein.« »Ebenso schmerzlich vielleicht wie Ihnen; aber ich glaube, der Widerstand gegen gewisse Wünsche fällt uns nur im Anfang schwer. Nach und nach gewöhnt man sich daran, einander zu lieben, ohne dabei sich einer Gefahr auszusetzen und ohne sich einen Zwang antun zu müssen. Unsere Hüllen, die anfangs so anziehend sind, werden uns schließlich gleichgültig, und wenn wir erst einmal so weit sind, werden wir ganze Tage und Nächte mit einander verbringen können, ohne daß eine fremde Begier uns stört.« »Für mich selber zweifle ich daran; aber wir werden sehen. Leben Sie wohl, allzu schöne Hebe.« »Leben Sie wohl, guter Iolas, schlafen Sie gut!« »Mit Ihrem Bilde im Herzen.« Zweites Kapitel Vergnügungspartie. – Meine traurige Trennung von Clementina. – Ich reise mit der Geliebten Croces von Mailand «b. – Meine Ankunft in Genua. Die Alten, deren fruchtbare, glänzende und bewegliche Einbildungskraft Laster und Tugenden zu verkörpern wußte, haben die Unschuld dargestellt, wie sie, immer vertrauensvoll, mit einer Schlange oder einem scharfen Pfeile spielt. Die Alten besaßen eine gründliche Kenntnis vom Herzen des Mannes und des Weibes, und wenn auch die Neueren in dieser Hinsicht ihre Kenntnisse durch die Entdeckung dieser oder jener Fiber vermehrt haben mögen, so bleibt es darum doch wahr, daß die Werke, die jene uns hinterlassen haben, vom Symbol bis zur philosophischen Fachsprache, immer mit Nutzen zu Rate gezogen werden können, wenn jemand gern recht tief in die Wissenschaft des Geschmacks und der Vernunft eindringen möchte. Nachdem ich Clairmont gesagt hatte, er solle nicht länger auf mich warten, legte ich mich zu Bett und dachte über mein Verhältnis zu dieser wundervollen Clementina nach, die von der Natur dazu geschaffen zu sein schien, um in einem Kreise zu glänzen, dem sie, trotz ihrer vornehmen Geburt, ihrer seltenen Schönheit und ihrem ausgezeichneten Geist, durch den Mangel an Vermögen ferngehalten wurde. Ich lachte darüber, daß sie sich, im Widerspruch mit aller Erfahrung, einem Gefühl hingeben zu können glaubte, wie wenn man dadurch den Hunger eines Menschen befriedigen könnte, daß man ihm die Speisen vorsetzt, die seine Sinne begehren, und ihm zugleich vorschreibt, sie nicht anzurühren. Doch konnte ich nicht umhin, sehr vernünftig zu finden, was sie in der Überzeugung naiver Unschuld ausgesprochen hatte: wenn man seinen Begierden widersteht, kann es einem nicht begegnen, daß man sich gedemütigt fühlt, nachdem man sie befriedigt hat. Daß sie sich vor solcher Demütigung fürchtete, hing mit ihrem Pflichtgefühl zusammen, und sie erwies mir eine Ehre, indem sie annahm, daß ich ihre Grundsätze teile. Wie dem auch sein mag, hier kam mein Selbstgefühl ins Spiel und ich faßte den Entschluß, nichts zu tun, wodurch ich ihr Vertrauen verlieren könnte. Wie man sich denken kann, erwachte ich an diesem Tag sehr spät. Als ich aber meinem Kammerdiener geklingelt hatte, sah ich Clementina eintreten, die mir mit fröhlichem Gesicht einen guten Morgen wünschte. Sie hielt den Pastor fido in der Hand und sagte mir: »Ich habe soeben den ersten Akt gelesen. Niemals las ich etwas so Süßes, mein lieber Freund. Stehen Sie auf, wir wollen vor dem Mittagessen den zweiten Akt zusammen lesen.« »Darf ich es wagen, in Ihrer Gegenwart aufzustehen?« »Warum nicht? Ein Mann braucht nur sehr wenig Rücksichten zu nehmen, um den Anstand zu bewahren.« »So machen Sie mir also das Vergnügen, mir jenes Hemd dort zu reichen!« Eifrig breitete sie es aus und streifte es mir dann lachend über den Kopf. »Bei der nächsten Gelegenheit,« sagte ich zu ihr, »werde ich Ihnen den gleichen Dienst erweisen.« »Von Ihnen zu mir,« versetzte sie errötend, »ist ein geringerer Abstand als von mir zu Ihnen.« »Das verstehe ich nicht, meine göttliche Hebe. Sie sprechen wie die Sibylle von Cumä, oder vielmehr, wie wenn Sie in Ihrem Tempel zu Korinth Orakelsprüche von sich gäben.« »Hatte denn Hebe einen Tempel in Korinth? Davon hat Sardini nichts gesagt.« »Aber Apollodor sagt es. Dieser Tempel war sogar ein Asyl. Aber ich komme wieder auf unsere Frage und bitte Sie, nicht auszuweichen. Was Sie gesagt haben, ist gegen die Geometrie. Der Abstand von Ihnen zu mir muß unbedingt der gleiche sein wie der von mir zu Ihnen.« »Es kann wohl sein, daß ich eine Dummheit gesagt habe.« »Durchaus nicht. Hebe. Gestatten Sie mir, beharrlich zu sein: Sie hatten einen Gedanken; mag er nun richtig oder falsch sein, ich wünsche, daß Sie ihn mir sagen.« »Nun gut denn: Die beiden Entfernungen sind verschieden, je nach dem Aufsteigen und dem Absteigen, oder, wenn Sie wollen, dem Fallen. Ist denn nicht die Eigenschaft des Fallens allen Körpern eigentümlich, die nicht durch einen andern Körper zurückgehalten werden, der die Kraft besitzt, ihrer Schwerkraft zu widerstehen, ohne daß sie eines Antriebes oder Anstoßes bedürfen?« »Ohne Zweifel.« »Ist es nicht ferner wahr, daß ohne Antrieb kein Aufsteigen möglich ist?« »Das ist vollkommen wahr.« »Geben Sie mir also zu, daß ich, da ich kleiner bin als Sie, Sie nur durch eine aufsteigende Bewegung erreichen kann, was immer eine schwere Anstrengung erfordert, während Sie, um zu mir zu gelangen, sich nur fallen zu lassen brauchen, was keine Schwierigkeit bietet. Aus demselben Grunde laufen Sie keine Gefahr, indem Sie mir erlauben, Ihnen ein Hemd anzuziehen; ich aber würde mich einer großen Gefahr aussetzen, wenn ich Sie bei mir den gleichen Dienst verrichten ließe. Wenn Sie zu schnell auf mich fielen, könnten Sie mich erdrücken. Sind Sie jetzt überzeugt?« »Überzeugt ist nicht das richtige Wort, schöne Hebe: ich bin entzückt, außer mir! Niemals, meine schöne Freundin, ist ein Paradoxon geistvoller verteidigt worden. Ich könnte Einwendungen machen, mit Ihnen streiten; aber ich will lieber schweigen, bewundern und anbeten.« »Ich danke Ihnen, lieber Iolas. Aber keine Gnade! Welche Einwendungen könnten Sie mir machen?« »Ick könnte Ihnen einwenden, daß es eine Geschicklichkeit von Ihnen war, Ihre Weigerung mit meiner Größe zu begründen, während Sie mir doch das Glück, Ihnen ein Hemd anzuziehen, nicht bewilligen würden, selbst wenn ich ein Zwerg wäre.« »Sehr gut, mein lieber Iolas; wir können uns nicht betrügen, Ich wäre glücklich, wenn der Himmel mir einen Mann wie Sie zum Gatten bestimmt hätte.« »Ach, warum bin ich nicht würdig, es zu werden!« Ich weiß nicht, wohin dieses Gespräch uns noch hätte führen können, wenn nicht die schöne junge Mutter gekommen wäre, um uns zu sagen, daß man uns bei Tische erwarte; sie fügte hinzu, sie sehe mit großer Freude, daß wir uns liebten. »Wir lieben uns wahnsinnig,« rief Clementina, »aber wir sind vernünftig.« »Wenn ihr vernünftig seid, liebt ihr euch also nicht wahnsinnig.« »Das stimmt ganz genau, göttliche Gräfin,« sagte ich; »denn Liebeswahnsinn und Vernünftigkeit passen nicht zueinander; aber trotzdem sind wir vernünftig, und Vernunft des Geistes kann sich recht wohl mit Wahnsinn des Herzens vereinigen.« Wir speisten fröhlich zu Mittag; hierauf spielten wir, und am Abend lasen wir den Pastor fido zu Ende. Als wir damit fertig waren und über die Schönheiten des reizenden Werkes gesprochen hatten, fragte Clementina mich, ob der dreizehnte Gesang der Äneide schön sei. »Meine liebe Gräfin, er taugt nichts, und ich habe ihn nur gelobt, um einem Nachkommen des Verfassers zu schmeicheln. Der Verfasser hat jedoch ein Gedicht über die Spitzbübereien der Bauern gemacht, das nicht übel ist. Aber Sie sind müde, und ich verhindere Sie, sich auszukleiden.« »Glauben Sie das doch nicht!« Sie kleidete sich augenblicklich mit der größten Ungezwungenheit aus, ohne jedoch meinen gierigen Blicken die mindeste Gunst zu gewähren, und legte sich zu Bett. Ich setzte mich neben sie; sie richtete sich zu einer sitzenden Stellung auf, und ihre Schwester drehte uns den Rücken zu. Der Pastor fido lag auf ihrem Nachttisch. Ich ergriff das Buch, schlug es aufs Geratewohl auf und traf auf die Stelle, wo Myrtill von der Süßigkeit des Kusses spricht, den er von Amaryllis empfing. Ich las die Stelle in dem Tone, der der Lage angemessen war. Da Clementina mir ebenso bewegt und gerührt erschien, wie ich selber es war, so preßte ich meinen Mund auf ihre Lippen. Welch reine Wollust! Da ich fühlte, daß meine Hebe meinen Kuß mit Entzücken einsaugte, und da ich an ihr keine Unruhe wahrnahm, so wollte ich sie an mein Herz drücken; aber sie stieß mich mit engelhafter Milde sanft zurück und bat mich, sie zu schonen. Ihre Tugend lag in den letzten Zügen. Ich bat sie um Verzeihung, ergriff ihre schöne Hand und hauchte auf diese die ganze Glut aus, die meine Lippen verzehrte. »Sie zittern!« sagte sie zu mir in jenem Tone, der die Erregung eines liebenden Herzens noch vermehren muß. »Ja, meine göttliche Gräfin, ich zittere! Und ich kann Ihnen versichern, ich zittere vor Furcht, Ihnen mißfallen zu haben. Leben Sie wohl! Ich gehe, und wünsche mir, ich könnte Sie weniger lieben!« »Warum? Ein solcher Wunsch kann nur ein Beginn von Haß sein. Machen Sie es wie ich: ich wünsche, die Liebe, die Sie mir eingeflößt haben, möge stets in demselben Verhältnis zunehmen, wie die Kraft, die ich brauche, um ihr zu widerstehen.« Sehr unzufrieden mit mir selber legte ich mich zu Bett. Ich befand mich in einer solchen Stimmung, daß ich mir nicht klar werden konnte, ob ich zu weit oder nicht weit genug gegangen war. Aber darauf kam es weniger an: das Wesentliche war, daß ich Reue fühlte, und das ist nach meiner Meinung die allerpeinlichste Lage. Ich sah in Clementina ein Weib, das die höchste Achtung und die vollkommenste Liebe verdiente, und ich wußte weder, wie ich aufhören könnte, sie zu lieben, noch wie ich fortfahren könnte, sie zu lieben, ohne die Belohnung zu erhalten, die ein leidenschaftlich Verliebter von dem Gegenstand seiner Liebe erwartet. Wenn sie mich liebt, sagte ich bei mir selber, kann sie mir diese Belohnung nicht verweigern; ich aber muß mich darum bemühen, ja sogar den Sieg mit Gewalt erringen, um ihre Niederlage zu rechtfertigen. Ein Liebhaber hat die Pflicht, die geliebte Frau zu nötigen, daß sie sich auf Gnade und Ungnade ergibt; dann wird die Liebe ihn niemals schuldig finden können. Gemäß dieser Folgerung, die ich ganz naiv in die Farbe meiner Leidenschaft und meines Interesses kleidete, konnte Clementina mir einen unbedingten Widerstand nur dann entgegensetzen, wenn sie mich nicht liebte, und ich fühlte mich verpflichtet, sie auf die Probe zu stellen. In diesem Gedanken bestärkte mich das Bedürfnis, aus der Aufregung herauszukommen, in die sie mich versetzt hatte; denn ich wußte, daß ich bald genesen würde, wenn ich sie unbeweglich fände. Zugleich aber erschien dieses Mittel mir abscheulich, und der Gedanke, Clementina nicht mehr lieben zu sollen, kam mir ebenso abgeschmackt wie grausam vor. Nachdem ich eine sehr unruhige Nacht verbracht hatte, stand ich in aller Frühe auf und ging zu ihr, um ihr guten Morgen zu sagen. Sie schlief noch, aber die Gräfin Eleonora war beim Ankleiden. Sie sagte zu mir: »Meine Schwester hat bis drei Uhr morgens gelesen. Jetzt, da sie so viele Bücher hat, wird sie ganz verrückt werden. Wir wollen ihr doch einen Streich spielen! Legen Sie sich auf jene Seite neben sie; wir werden über ihre Überraschung lachen, wenn sie aufwacht.« «Aber glauben Sie, daß sie die Sache scherzhaft nehmen wird?« »Sie kann sie doch nur von der lächerlichen Seite auffassen; Sie sind ja angekleidet.« Die Gelegenheit war zu verführerisch, die Aufforderung zu beruhigend; ich warf meinen Schlafrock ab und streckte mich, meine Nachtmütze auf dem Kopf, ganz leise auf Eleonoras Platz aus und deckte mich bis zum Halse zu. Die Schwester lachte, ich aber fühlte ein sehr heftiges Herzklopfen. Ich war nicht imstande, dem Streich jenen scherzhaften Anstrich zu geben, der allein ihn als unschuldig erscheinen lassen konnte. Ich wünschte, daß es noch recht lange dauern würde, bis sie erwachte, damit ich Zeit hätte, mich zu beruhigen, um ein lustiges Gesicht machen zu können. Seit fünf Minuten befand ich mich in dieser Lage, als Clementina halb erwachte. Sie drehte sich zu mir um, ohne jedoch die Augen zu öffnen, streckte den Arm aus und gab mir in der Meinung, ihre Schwester zu berühren, einen Gewohnheitskuß; hierauf schien sie in dieser Stellung wieder einzuschlafen. Ich hätte sie sicherlich noch lange so liegen lassen; denn ihr warmer Atem berührte meine Lippen und gab mir einen Vorgeschmack von Ambrosia. Aber Eleonora konnte nicht mehr an sich halten; sie lachte laut heraus, so daß ihre Schwester erwachen mußte. Trotzdem merkte sie, daß sie mich in ihren Armen hielt, erst dann, als sie ihre Schwester vor dem Bett stehen und aus allen Kräften lachen sah. »Das ist ein hübscher Streich,« sagte Clementina, ohne sich zu rühren, »und ich bewundere euch alle beide.« Diese friedfertige Aufnahme meines Scherzes versetzte mich in meine natürliche Stimmung; von Selbstvertrauen wieder belebt, hatte ich nunmehr Selbstbeherrschung genug, um meine Rolle gut spielen zu können. »Auf diese Weise,« sagte ich, »habe ich von meiner schönen Hebe einen Kuß bekommen.« »Ich glaubte ihn meiner Schwester zu geben. Es ist der Kuß, den Amaryllis dem Myrtill gab.« »Das ist einerlei. Der Kuß hat seine Wirkung geübt, und Iolas ist verjüngt.« »Meine liebe Eleonora, was du den guten Iolas hast machen lassen, geht zu weit; denn wir lieben uns, und ich träumte von ihm.« »Es geht nicht zu weit,« sagte die Schwester, »denn dein Iolas ist ja vollkommen bekleidet. Sieh doch nur!« Mit diesen Worten riß daß ausgelassene junge Mädchen die Decke von mir ab, um sie zu überzeugen; aber die Bewegung ihres Armes war zu stark gewesen, und sie entblößte Clementina, die einen leisen Schrei ausstieß und schnell mir zu verbergen suchte, was meine Blicke im Nu verschlungen hatten. Ich hatte alles gesehen, aber nur so, wie man jene Blitze sieht, die schneller durch die Luft fahren als jener Pfeil, der Helvetien frei machte; ich hatte das Gesimse und den Fries des Altars der Liebe gesehen, auf dem ich zu sterben wünschte. Clementina deckte sich wieder zu, und Eleonora ging hinaus. Ich aber lag, den Kopf auf die eine Hand gestützt, schweigend und unbeweglich da und betrachtete den Schatz, den ich begehrte und dessen ich mich doch nicht zu bemächtigen wagte. Endlich brach ich das Schweigen und sagte: »Meine liebe Hebe, Sie sind sicherlich schöner als jene, die an der Tafel der Götter den Nektar einschenkte. Ich habe gesehen, was Hebe bei ihrem Fall sehen ließ, und wäre ich Jupiter gewesen, ich hätte sicherlich anders gehandelt als er.« »Sardini hat mir gesagt, Jupiter habe meine Schutzherrin fortgeschickt; um sie zu rächen, sollte ich jetzt Jupiter fortschicken.« »Das gebe ich zu, mein Engel; ich aber bin Iolas, Ihr eigenes Werk. Ich bete Sie an und suche Begierden zu ersticken, die mich foltern.« »Sie haben diesen schlechten Streich mit Eleonora verabredet.« »Nein, mein Herz, es bestand nicht die geringste Verabredung. Der Zufall hat alles gefügt, ich bin hereingekommen, um Ihnen guten Morgen zu sagen; denn ich glaubte, Sie seien schon wach. Sie schliefen noch, und Ihre Schwester kleidete sich an. Ich betrachtete Sie, und da kam Eleonora auf den Einfall, ich sollte mich auf ihren Platz legen, damit wir bei Ihrem Erwachen über Ihr Erstaunen lachen könnten. Ich muß ihr dankbar sein für einen Einfall, den ich mir zunutze machen mußte, weil ich Sie liebe. Aber die Schönheiten, die sie mich hatte sehen lassen, übertreffen die Vorstellung, die ich mir von Ihnen machte. Wird meine reizende Hebe mir ihre großmütige Verzeihung versagen?« »Nein; ich verzeihe, da der Zufall alles so gefügt hat. Aber es ist sonderbar, daß man unwillkürlich auf die Person eines Menschen neugierig wird, den man zärtlich liebt.« »Diese Neugier ist höchst natürlich, meint göttliche Denkerin. Man könnte sogar die Liebe als eine mächtige Neugier betrachten, wenn es gestattet wäre, die Neugier zum Range einer Leidenschaft zu erheben. Aber Sie sind nicht neugierig auf mich?« »Nein, denn Sie würden mir vielleicht nicht gefallen, und dieser Gefahr will ich mich nicht aussetzen; denn ich liebe Sie und bin entzückt von den Gefühlen, die bei mir zu Ihren Gunsten sprechen.« »Ich fühle wohl, daß dies möglich ist, und daß ich mir folglich große Mühe geben muß, um diese Vorteile zu erhalten.« »Sie sind also mit mir zufrieden?« »Unaussprechlich! Ich bin ein ziemlich guter Baumeister und finde, daß Sie mit einer göttlichen Regelmäßigkeit gebaut sind.« »Das freut mich, mein lieber Iolas, aber enthalten Sie sich jede Berührung! Um Ihr Urteil zu fällen, möge es Ihnen genügen, mich gesehen zu haben.« »Ach! Gerade das Gefühl muß die Irrtümer der Augen berichtigen; denn durch das Gefühl überzeugt man sich von der Glätte und dem elastischen Widerstand. Erlauben Sie mir, diese beiden Lebensquellen zu küssen. Ich ziehe sie den hundert der Kybele vor und bin nicht eifersüchtig auf Attys.« »Sie täuschen sich, lieber Freund; Sardini sagte mir, die Diana von Ephesus habe diese Brüste gehabt.« Wie hätte ich nicht lachen sollen, da ich in einem solchen Augenblicke Clementinas Munde solche mythologische Gelehrsamkeit entströmen sah. Kann die Liebe auf eine solche Episode gefaßt sein? Kann sie sie fürchten oder vorhersehen? Nein; sie ist nicht natürlich oder zum mindesten sehr selten. In der Lage, in der ich mich befand, indem meine Hand einen Alabasterbusen drückte, mußte in Clementina die Leidenschaft des Wissens mächtiger sein als die Leidenschaft der Liebe, wenn sie nicht dem Feuer der Begierde unterliegen sollte. Ich fand indessen ihre Gelehrsamkeit durchaus nicht unangenehm, sondern faßte sie vielmehr als ein gutes Vorzeichen auf. Ich sagte ihr, sie habe recht, und aus literarischer Dankbarkeit dachte sie nicht daran, meinem Munde zu wehren, daß er sich eines kaum erblühenden Knöspchens bemächtigte, dessen Purpur die Pole ihrer beiden alabasternen Halbkugeln so wundervoll krönte. »Du saugst vergeblich, teurer Iolas; es ist unfruchtbarer Boden. Geh zu meiner Schwester! Aber du schluckst ja etwas hinunter?« »Ja, die Quintessenz meines eigenen Kusses.« »Es ist wohl möglich, daß auch ein Teilchen von mir selber dabei ist, denn du hast mir eine Wonne bereitet, die ich nie zuvor gefühlt habe.« »Teure Hebe, du machst mich überglücklich!« »Das freut mich; aber mir scheint, der Kuß auf den Mund ist bei weitem vorzuziehen.« »Ganz gewiß; denn bei diesem findet Gegenseitigkeit statt. Die Wonne erhöht sich für jeden um die ganze Summe der Wonne, die er dem andern mitteilt.« »Lehre und Beispiel! Grausamer Lehrer! Mach ein Ende, lieber Freund; es ist zu süß! Amor sieht uns zu und lacht über unsere Verwegenheit.« »Warum, liebe Freundin, zögern wir noch, ihm einen Sieg zuzugestehen, der uns nur glücklich machen kann?« »Dieses Glück ist nicht sicher. Nein, bitte, tun Sie es nicht! Lassen Sie Ihre Arme hier oben! Wenn Küsse uns töten können, wollen wir uns töten! Aber laß uns anderer Waffen nicht bedienen!« Nach einem langen ebenso süßen wie grausamen Kampf hielt sie zuerst inne. Mich mit flammensprühenden Augen ansehend, bat sie mich, sie allein zu lassen. Es ist unmöglich, die Aufregung zu beschreiben, in der ich mich befand: ich machte mir Vorwürfe, daß ich mir eines traurigen Vorurteils wegen Zwang auferlegt hatte, und ich weinte vor Wut. Nachdem ich meine Glut durch eine Abwaschung gedämpft hatte, die mir niemals so notwendig gewesen war, kleidete ich mich an und kehrte in ihr Zimmer zurück. Ich fand sie mit Schreiben beschäftigt. »Ich bin froh, daß Sie wieder gekommen sind,« sagte sie zu mir; »ich fühle mich von einer Begeisterung beseelt, die ich nie zuvor empfunden habe. Ich will in Versen den Sieg besingen, den wir errungen haben.« »Ein trauriger Sieg, den die Liebe verabscheut, weil er ein Schimpf für sie ist, und den die Natur hassen muß.« »Sie werden poetisch. Lassen Sie uns alle beide schreiben: ich, um den Sieg zu feiern, Sie aber, um ihn zu schelten. Aber, lieber Freund, Sie sehen ja traurig aus!« »Ich leide; da Sie jedoch die männliche Körperbildung nicht kennen, so können Sie den Grund nicht wissen.« Clementina antwortete mir nicht; aber ich bemerkte, daß ihr die Sache zu Herzen ging. Ich litt einen dumpfen, aber starken Schmerz an jenem Teil, den ich dem Vorurteil zuliebe gefangen gehalten hatte, während Natur und Liebe verlangt hätten, daß er seine volle Freiheit bekäme. Nur die Ruhe des Schlafes konnte das Gleichgewicht wieder herstellen. Wir gingen zum Mittagessen hinunter, aber ich rührte fast keine Speise an. Ich war keiner Aufmerksamkeit fähig und hörte daher zerstreut Herrn Vigi seine Übersetzung vorlesen, die er mitgebracht hatte; ich vergaß sogar die Höflichkeit in dem Grade, daß ich ihm nicht einmal ein Kompliment machte. Nachdem ich sodann den Grafen, meinen Freund, ersucht hatte, für mich eine Pharaobank aufzulegen, bat ich um Erlaubnis, zu Bett gehen zu dürfen. Niemand konnte die Natur meines Unwohlseins erraten, nur Clementina konnte sie wohl vermuten. Ich schlief vier Stunden; hierauf stand ich auf und beschrieb in Danteschen Terzinen die Geschichte der Krankheit, die ich dem traurigen Siege verdankte. Zur Zeit des Abendessens kam Clementina mit einem Bedienten, brachte mir einen leckeren Imbiß und sagte mir, daß die Bank gewonnen habe. Dies war das erstemal; denn ich hatte immer so abgezogen, daß ich verlieren mußte. Ich aß mit ziemlich gutem Appetit, aber traurig und schweigsam. Als ich fertig war, wünschte Clementina mir gute Nacht und sagte, sie wolle an ihrem Gedicht weiter arbeiten. Ich war zum Dichten aufgelegt; von meinem Gegenstande ganz erfüllt, vollendete ich mein Gedicht und schrieb es ins Reine, bevor ich zu Bett ging. Am nächsten Morgen kam Clementina in aller Frühe zu mir und gab mir ihre Verse. Ich las diese mit Vergnügen; aber die Freude, die ich ihr durch meine Lobsprüche bereitete, war mindestens ebenso groß wie meine eigene. Nachdem ich die Schönheit ihrer Gedanken von allen Selten hervorgehoben hatte, kam mein eigenes Gedicht an die Reihe, und ich bemerkte gar bald, welchen tiefen Eindruck die Schilderung meiner Leiden auf sie machte. Schwere Tränen standen in ihren schönen Augen, aber durch diese Tränen hindurch sprühten zärtliche Blitze. Ich hatte das Glück, sie schließlich sagen zu hören: wenn sie diese physischen Wirkungen gekannt hätte, so würde sie sich anders benommen haben. Nachdem ich eine Tasse Schokolade mit ihr getrunken hatte, bat ich sie, sich unentkleidet neben mich zu legen und mich ebenso zu behandeln wie ich sie am Tage vorher behandelt hätte, damit sie ebenfalls das Martyrium zu erleiden hätte, das ich in meinen Versen besungen hätte. Sie lächelte und ergab sich meinen Bitten, aber unter der Bedingung, daß ich nichts gegen sie unternehme. Diese Bedingung war grausam; es war aber doch schon ein Anfang vom Sieg, und deshalb mußte ich mich ihrem Willen unterwerfen. Ich hatte keine Ursache, über meine Gefügigkeit zu klagen; denn ich konnte den Despotismus genießen, den sie als Herrin meines ganzen Körpers über mich ausübte, und konnte mich an der Qual freuen, die sie ausstehen mußte, weil ich nicht einen gleichen Despotismus über sie ausübte und weil sie ihren Augen den Anblick der Reichtümer versagen mußte, über die ihre Hände verfügten. Vergebens forderte ich sie auf, sich zu befriedigen, ihren Begierden nichts zu versagen; sie behauptete fortwährend, sie wünsche nichts weiter als was sie bereits tue. »Unmöglich!« sagte ich zu ihr, »kann in diesem Augenblick Ihr Genuß dem meinigen gleichkommen.« Aber ihr scharfer Geist wußte sofort eine Antwort darauf; sie erwiderte: »Dann wäre es doch ungerecht, wenn Sie sich darüber beklagen wollten.« Die Prüfung war indessen doch zu stark gewesen, um nicht entscheidend zu sein. Sie erhob sich ganz entflammt von meiner Seite, gab mir einen jener Küsse, die alle Zweifel beseitigen, und ging hinaus, indem sie zu mir sagte, sie sei jetzt überzeugt, daß man in der Liebe alles haben müsse oder nichts. Wir verbrachten den Tag mit Lesen, Essen, Spazierengehen und mit fröhlichen, zweideutigen, ernsten Unterhaltungen; leider konnte ich jedoch nicht bemerken, daß unsere Liebe so große Fortschritte machte, wie die Probe vom Morgen anscheinend mir versprach. Clementina wollte das Gegenteil von jener Umschrift auf der Medaille des Aristipp bedeuten, worin es in bezug auf die Lais hieß: Ich besiege sie, aber sie besiegt mich nicht; sie wollte meine liebende Herrin sein, aber mich nicht ihren liebenden Herrn sein lassen. Ich beklagte mich freundlich darüber, aber damit kam ich nicht weiter. Zwei oder drei Tage später schlug ich ihr in Gegenwart ihrer Schwester vor, sie solle mich an ihrer Seite schlafen lassen. Dies ist das Auskunftsmittel, das man einer Nonne, einer Witwe oder einem mannbaren Mädchen vorschlägt, die aus Furcht vor den Folgen nichts von der Liebe wissen wollen, und dieses Mittel glückt fast immer, wenn der, der es vorschlägt, geliebt wird. Ich zog aus meiner Tasche ein Päckchen feine englische Überzieher und erklärte ihr deren Anwendung. Sie nahm sie und untersuchte sie genau. Nachdem sie aber sehr darüber gelacht hatte, rief sie, diese Dinger seien abscheulich, ekelhaft, skandalös, und ihre Schwester stimmte ein. Vergebens wollte ich diese Vorwürfe zurückweisen, indem ich auf die Beruhigung aufmerksam machte, die sie verschafften; sie behauptete jedoch, die Überzieher seien nicht sicher, es könne leicht vorkommen, daß sie platzten. Um mich hiervon zu überzeugen, steckte sie den Finger in einen von den Überziehern und stieß so stark, daß er mit einem Knall zerriß. Notgedrungen mußte ich mich also ergeben; ich steckte meine Instrumente wieder ein, und sie sagte mir noch, dieses Mittel flöße ihr Abscheu ein. Ich wünschte den beiden Mädchen gute Nacht und entfernte mich in ziemlicher Verwirrung. Indem ich über Clementinas eigentümlichen Widerstand nachdachte, gelangte ich zu der Überzeugung, daß sie nur deshalb so standhaft sein könnte, weil ich ihr nicht genug Liebe eingeflößt hätte. Ich beschloß daher, diese Liebe durch ein unfehlbares Mittel zu steigern: ihr nämlich neue Vergnügungen zu verschaffen, ohne dabei auf die Geldausgabe zu sehen. Ich wußte nichts Besseres zu tun, als mit der ganzen Familie nach Mailand zu fahren und ihnen bei meinem Pastetenbäcker ein prachtvolles Bankett zu geben. Ich überlegte mir folgendes: Ich werde die ganze Familie hinführen, ohne vorher ein Wort davon zu sagen, als bis wir unterwegs sind; denn wenn ich sagte, daß ich nach Mailand wollte, würde möglicherweise mein Freund sich verpflichtet fühlen, seiner Spanierin Bescheid zu geben, um ihr seine Schwägerinnen vorzustellen, und dies würde mir ganz und gar nicht passen. Ich dachte, dieser Ausflug müßte den drei Schwestern sehr verführerisch erscheinen, da sie Mailand noch niemals gesehen hatten. Meine Phantasie zeigte mir diesen Plan in immer schönerem Lichte, und ich beschloß, diesen Ausflug mit allem Glänze auszustatten, der sich mit meinen Absichten vereinigen ließ. Kaum war ich erwacht, so schrieb ich an Zenobia, sie solle drei Kleider von den schönsten Lyoner Seidenstoffen für drei junge Damen von Stande kaufen. Ich schickte ihr die Maße und schrieb ihr ganz genau vor, wie die Kleider besetzt werden sollten. Das von mir für die verheiratete Gräfin bestimmte sollte von perlgrauem Atlas und reich mit Valencienner Spitzen besetzt sein. Ich fügte meinem Briefe eine Anweisung auf Herrn Greppi bei, den ich bat, er möchte ihr einen Mann mitgeben, um alles zu bezahlen, was sie kaufen würde. Ich befahl ihr, die drei Kleider nach meiner Privatwohnung zu bringen und sie dort auf meinem Bett auszubreiten. Ferner legte ich einen Brief an meinen Pastetenbäcker bei, worin ich eine Mahlzeit für acht Personen bestellte und ihm einschärfte, daß er keine Kosten sparen sollte. Zenobia sollte sich am bestimmten Tage bei dem Pastetenbäcker einfinden, um die drei Damen zu bedienen, die mit mir kommen würden. Meinen Brief ließ ich durch Clairmont nach Mailand bringen, ohne daß ein Mensch etwas davon erfuhr. Vor dem Mittagessen war Clairmont bereits zurück; er brachte mir ein Briefchen von Zenobia, die mir versicherte, es solle alles nach meinen Wünschen gemacht werden. Beim Nachtisch wandte ich mich an die Gräfin und sagte zu ihr, ich wünsche ihr ein Mittagessen in derselben Art wie seinerzeit in Lodi zu geben, aber unter zwei Bedingungen: erstens, daß niemand erführe, wohin wir gingen, bis wir im Wagen säßen; zweitens, daß wir nach dem Essen wieder in die Wagen stiegen, um zum Schlafen in Sant' Angelo zu sein. Anstandshalber sah die Gräfin, bevor sie antwortete, ihren Gemahl an; dieser aber ließ sich nicht lange bitten, sondern rief, er sei zur Fahrt bereit, und wenn ich auch die ganze Familie entführen wolle. »Also gut!« sagte ich. »Wir werden morgen früh um acht Uhr abfahren, und Sie brauchen sich um nichts zu bekümmern; die Wagen werden bereit stehen.« Ich glaubte, den guten Domherrn nicht von der Teilnahme an unserem Ausflug ausschließen zu dürfen, nicht nur, weil er der Gräfin Ambrogio sehr angelegentlich den Hof machte, sondern auch, weil er ein eifriger Spieler geworden war und jeden Abend verlor, so daß eigentlich er die Kosten des Festes bestritt. Er verlor an diesem selben Abend dreihundert Zechinen auf Wort und war genötigt, mich um eine Frist von drei Tagen zu bitten. Ich antwortete ihm, mein ganzes Vermögen stehe zu seiner Verfügung. Als die Gesellschaft sich trennte, reichte ich meiner Hebe den Arm und begleitete sie und ihre Schwester in ihre Zimmer. Wir hatten die »Mehrheit der Welten« von Fontenelle zu lesen begonnen, und ich glaubte, wir würden vor dem Schlafengehen damit fortfahren; als ich jedoch diesen Vorschlag machte, sagte Clementina, sie wolle zu Bett gehen, da sie am andern Morgen schon so früh aufstehen müsse. »Sie haben recht, meine liebe Hebe: legen Sie sich zu Bett; unterdessen werde ich Ihnen etwas vorlesen.« Da sie nichts hiergegen einzuwenden hatte, so nahm ich den Ariosto und las, so gut ich nur konnte, die Geschichte von der spanischen Prinzessin Fiordespina, die sich in Bradamante verliebt hatte. Ich glaubte, diese reizende Geschichte würde Clementina in Feuer und Flammen setzen; aber ich irrte mich: sie war verdrießlich, ebenso ihre Schwester Eleonora. »Was haben Sie denn, liebes Herz? Hat Ricciardetto Ihnen vielleicht mißfallen?« »Nein, er hat mir im Gegenteil sehr gefallen, und an Stelle der Prinzessin hätte ich mich ebenfalls in ihn verliebt; aber wir werden diese ganze Nacht nicht schlafen, und daran sind Sie schuld.« »Ich? Was habe ich denn getan?« »Ach – nichts. Aber Sie könnten uns glücklich machen, indem Sie uns einen großen Beweis Ihrer Freundschaft gäben.« »Sprechen Sie! Worum handelt es sich? Gibt es denn etwas, was ich nicht Ihnen zu Gefallen gern tun würde, wenn es in meiner Macht stände? Mein Leben, ja sogar mein Wille gehören Ihnen. Sie sollen schlafen.« »Nun, so vertrauen Sie uns an, wohin wir morgen fahren.« »Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich es Ihnen im Augenblick der Abfahrt sagen würde?« »Ja, aber das genügt uns nicht. Wir werden vor Verlangen sterben, es schon heute zu wissen. Wir können unsere Neugier nicht bezwingen, und wenn Sie unseren Wunsch nicht befriedigen, werden wir die ganze Nacht nicht schlafen und dann werden wir morgen den ganzen Tag verdrießlich sein und abscheulich aussehen,« »Dies würde mich tief betrüben; aber ich bezweifle, daß es Ihnen möglich ist, jemals abscheulich auszusehen.« »Zweifeln Sie an unserer Verschwiegenheit? Übrigens kann das Geheimnis nicht bedeutend sein.« »Allerdings nicht, es hat durchaus keine Bedeutung. Aber es ist ein Ordensgeheimnis.« »Es ist abscheulich, daß Sie mir meine Bitte abschlagen.« »Si, liebe Hebe, wie könnte ich Ihnen eine Bitte abschlagen? Ich gestehe sogar, es ist unartig von mir, daß ich Sie so lange warten lasse. Also hören Sie: ich gebe Ihnen morgen ein Mittagessen in meiner Wohnung.« »In Ihrer Wohnung? Aber wo denn?« »Ihre Frage ist berechtigt: in Mailand.« »In Mailand! In Mailand! Oh, welches Glück!« Indem sie diese Worte mit ungemessener Freude wiederholten, sprangen sie aus dem Bett, fielen mir ohne jede Toilettenförmlichkeit um den Hals, bedeckten mich mit Küssen, preßten mich in ihre Arme und setzten sich hierauf auf meinen Schoß. »Niemals haben wir Mailand gesehen!« riefen sie fortwährend alle beide; »niemals haben wir einen so sehnlichen Wunsch gehabt, als diese herrliche Stadt zu sehen. Wie oft sind wir errötet, wenn wir gestehen mußten, daß wir sie nie gesehen hatten!« »Dieser Ausflug macht mich glücklich,« sagte Hebe; »aber mein Glück trübt sich bei dem Gedanken, daß wir nichts sehen werden; denn Sie haben uns das harte Gesetz auferlegt, sofort nach dem Essen zurückzufahren. Das ist doch barbarisch! Kann man fünfzehn Miglien fahren, nur um in Mailand zu speisen, und dann denselben Weg zurückfahren, gewissermaßen um die Verdauung zu erleichtern! Zum mindesten müßten wir doch unsere Schwägerin besuchen.« »Ich habe alle eure Einwendungen vorausgesehen, liebe Kinder; unk dies ist eben der Grund, warum ich die Sache geheim halten wollte. Aber die Partie ist nun einmal so angeordnet. Gefällt sie Ihnen nicht? Dann sprechen, befehlen Sie!« »Wie sollte sie uns mißfallen, teuerer Iolas? Die Partie ist so, wie Sie sie sich ausgedacht haben, reizend, selbst wenn sie uns noch einiges zu wünschen übrig lassen sollte; vielleicht würde sie sogar durch den Grund der Beschränkung, wenn wir ihn kennten, noch einen neuen Reiz erhalten.« »Das ist wohl möglich, meine göttliche Hebe; aber für heute kann dieser Grund für Sie keine Bedeutung haben, und ich darf ihn Ihnen nicht sagen.« »Wir werden auch die Unbescheidenheit nicht so weit treiben, Sie danach zu fragen.« Mit diesen Worten umarmte sie mich freudetrunken von neuem; Eleonora aber sagte, sie wolle schlafen, damit sie am nächsten Morgen recht munter sei. Dies war das beste, was sie tun konnte. Denn da ich fühlte, daß das Schäferstündchen nahte, so befeuerte ich Clementinas Küsse durch die Glut der meinigen, und von Freude und Liebe entflammt, dachte sie nicht mehr daran, meinen kühnen Angriffen Widerstand zu leisten. Bald war ich ganz in den Tempel eingedrungen, den zu betreten ich so heiß begehrt hatte. Stumm vor Glück und Wollust, teilte Hebe mein Entzücken, mein überschwengliches Glück und vermischte ihre Tränen wonniger Seligkeit mit denen, die ich im Übermaß der Lust vergoß. Nachdem wir zwei Stunden in dieser wonnigen Selbstvergessenheit verbracht hatten, ging ich freudetrunken zu Bett, ungeduldig dem nächsten Tag entgegensehend, um die Liebesszene noch vollständiger und in einer bequemeren Lage zu wiederholen. Um acht Uhr waren wir alle am Frühstückstisch versammelt; aber trotz allen meinen Anstrengungen und trotz der glücklichen Stimmung, worin sich meine Lebensgeister befanden, gelang es mir nicht, auch nur einen Schimmer von Heiterkeit auf die Gesichter meiner Gäste zu locken; Herren und Damen waren nachdenklich; die Neugier fraß an ihnen. Clementina und ihre junge Schwester wagten nicht, ihre innere Befriedigung zu zeigen, und stimmten in dieses Konzert der Schweigsamkeit ein. Ich hatte meine innere Freude daran. Clairmont hatte alle meine Anordnungen aufs beste ausgeführt. Als er uns meldete, daß die Wagen vorgefahren seien, lud ich meine Gäste ein, hinunterzugehen. Man folgte mir schweigend. Ich brachte die Gräfin Ambrogio und Clementina in meinem Wagen unter; die letztere hatte den Säugling auf dem Schoß. Nachdem ich hierauf Eleonora und die drei Herren im zweiten Wagen hatte Platz nehmen lassen, rief ich lachend: »Nach Mailand!« »Nach Mailand! Nach Mailand!« wiederholten alle Gäste stürmisch. »Bravo!« Clairmont ritt auf einem guten Pferde uns voraus, und wir fuhren ab. Clementina spielte die Erstaunte; ihre Schwester strahlte vor Freude, sah aber zugleich ein wenig überrascht aus, wie wenn das unerwartete Ereignis ihr Anlaß zu Bedenken gäbe. Da wir jedoch in aller Muße darüber plaudern konnten, so bemerkte ich bald, daß ihre Sorgen verschwunden waren, und nun herrschte unter uns dreien vollkommene Fröhlichkeit. Auf halbem Wege hielten wir in einem Dorfe an, um die Pferde verschnaufen zu lassen, und stiegen alle aus. Ich hatte einige Zweifel, daß meinem Freunde, dem Grafen, die Partie vielleicht nicht so ganz recht sein konnte; aber zu meiner Befriedigung sah ich, daß alle einverstanden waren und sich mit meinem Streich abgefunden hatten. »Was wird meine Frau sagen?« fragte der Graf mich. »Nichts, denn sie wird nichts davon erfahren. Auf alle Fälle werde ich der einzige Schuldige sein. Sie werden bei mir speisen, in einer Wohnung, die ich inkognito gemietet habe, seit ich in Mailand bin; denn, mein lieber Freund, Sie haben gewiß begriffen, daß die Wohnung bei Ihnen mir nicht genügen konnte, da der Platz bereits besetzt war.« »Und Zenobia?« »Ja, mein Lieber, Zenobia ist ein sehr leckerer Bissen, aber sie war doch kein täglich Brot für mich.« »Sie sind ein Glücksmensch!« »Ich bemühe mich, glücklich zu sein.« »Lieber Mann,« sagte die Gräfin Ambrogio, »seit zwei Jahren gehst du mit dem Plan um, mir Mailand zu zeigen. Der Herr Chevalier hat nur eine Viertelstunde über den Plan nachgedacht, und schon sind wir unterwegs.« »Da hast du recht, liebe Freundin; aber nach meinem Plan sollten wir einen Monat dort verbringen.« »Wenn Sie einen Monat bleiben wollen,« sagte ich zu ihm, »so übernehme ich alles.« »Ich danke Ihnen, mein werter Herr! Sie sind ein außerordentlicher Mensch.« »Sie erweisen mir, Herr Graf, weit mehr Ehre, als ich verdiene. An mir ist weiter nichts Außerordentliches, als daß ich leicht finde, was wirklich leicht ist.« »Das kann wohl sein; aber Sie werden zugeben, daß die Schwierigkeiten entweder aus dem Standpunkt hervorgehen, von dem aus man die Verhältnisse betrachtet, oder aus der Lage, worin man sich befindet.« »Das gebe ich zu.« Als wir wieder eingestiegen waren, sagte die Gräfin zu mir: »Gestehen Sie, Herr Chevalier, daß Sie ein glücklicher Mensch sind.« »Ich bestreite das nicht, liebenswürdige Gräfin. Aber mein Glück hängt von meiner Gesellschaft ab; wenn Sie mich aus der Ihrigen verweisen würden, wäre ich unglücklich.« »Sie sind nicht der Mann, den man hinausweisen würde.« »Dies ist ein sehr freundliches Kompliment.« »Sagen Sie: ein sehr wahres.« »Es macht mich glücklich, daß Sie das sagen. Aber man würde mich für einen anmaßenden Laffen halten, wenn ich selber es sagte.« So erheiterten wir die Fahrt durch tausend liebenswürdige und galante Bemerkungen, besonders auf Kosten des Domherrn, der die Gräfin gebeten hatte, bei mir ein gutes Wort einzulegen, daß ich ihm erlauben möchte, sich auf eine halbe Stunde zu entfernen. »Ich muß«, hatte er zu ihr gesagt, »einer Dame einen Besuch machen, deren gute Meinung von mir unwiderruflich dahin sein würde, wenn sie erführe, daß ich in Mailand gewesen wäre, ohne ihr meine Aufwartung zu machen.« »Sie müssen sich, hochwürdiger Herr,« hatte die liebenswürdige Dame ihm geantwortet, »der allgemeinen Bedingung unterwerfen; rechnen Sie also nicht auf meine Verwendung.« »Wir kamen in Mailand Schlag zwölf Uhr an und stiegen vor dem Hause des Pastetenbäckers ab. Die Frau bat die Gräfin, ihr ihren Säugling anzuvertrauen, indem sie ihr, um ihren Widerstand zu besiegen, einen wundervollen Busen zeigte, der dafür zeugte, daß sie halten würde, was sie versprach. Diese Szene mütterlicher Gastfreundschaft spielte sich am Fuße der Treppe ab, und die Gräfin nahm das Anerbieten mit einer Anmut und Würde an, die mich bezauberten. Es war eine entzückende Episode, die der Zufall herbeigeführt hatte, um die meinem Geist entsprungene Komödie zu verschönen. Alle schienen glücklich zu sein, ich aber war es mehr als alle anderen, und ich fühlte dies. Das Glück ist an und für sich lediglich Einblldungssache; um glücklich zu sein, muß man sich für glücklich halten. Ich gebe jedoch zu, daß die Umstände, die unseren Geist in die geeignete Stimmung versetzen, oftmals nicht von uns abhängen, während dagegen ungünstige Umstände gewöhnlich das Ergebnis unserer eigenen Handlungen sind. Nachdem die Gräfin meinen Arm genommen, führte ich die Gesellschaft in meine Wohnung, die von Sauberkeit glänzte. Ich sah Zenobia, wie ich es erwartet hatte, aber zu meiner angenehmen Überraschung erblickte ich neben ihr Croces Geliebte, schön wie eine Liebesgöttin. Ich tat jedoch, wie wenn ich sie nicht kennte. Sie war sehr gut angezogen, und ihr Gesicht, von dem der Ausdruck der Traurigkeit entschwunden war, den es getragen hatte, als ich sie zum ersten Male sah, hatte etwas so Verführerisches an sich, daß es mir nach dem ersten Eindruck, den ein schönes Gesicht immer auf mich macht, beinahe leid tat, sie in diesem Augenblick bei mir zu sehen. »Das sind zwei sehr hübsche Mädchen«, sagte die verheiratete Gräfin. »Wer sind Sie, meine jungen Damen?« »Wir sind«, antwortete Zenobia, »die sehr ergebenen Dienerinnen des Herrn Chevalier und sind hierher gekommen, um die Ehre zu haben, Sie zu bedienen.« Zenobia hatte auf ihre eigene Verantwortung die schöne Marseillerin mitgebracht, die bereits anfing, italienisch zu sprechen, und die mich mit einem scheuen Blick ansah, weil sie fürchtete, ich könnte es übelnehmen, daß sie ohne meinen Befehl gekommen wäre. Ich glaubte, sie beruhigen zu müssen, und sagte ihr daher, ich sei erfreut, daß sie Zenobia begleitet habe. Diese Worte waren Balsam für ihr Herz. Ihre Stirn erheiterte sich, und ihre Schönheit erhielt dadurch neuen Glanz. Das schöne junge Mädchen konnte nicht lange unglücklich sein, denn es war unmöglich, sie zu sehen, ohne eine lebhafte Teilnahme für sie zu fühlen. Ein Empfehlungsbrief, der von der Hand der Grazien auf die Schönheit geschrieben ist, wird niemals unter Protest zurückgewiesen; denn wer Augen und ein Herz hat, bezahlt bei Sicht. Meine freundlichen Dienerinnen nahmen den drei Damen die Mäntel ah und folgten ihnen in mein Schlafzimmer, wo die drei schönen Kleider auf einem Tische ausgebreitet lagen. Ich kannte nur das mit Spitzen besetzte, zartgraue Atlaskleid, weil ich nur dieses besonders bezeichnet hatte. Die Gräfin, die vor ihren beiden Schwestern eintrat, bemerkte es zuerst und rief, indem sie näher trat: »Was für ein schönes Kleid! Wem gehört es denn, Herr von Seingalt? Sie müssen es doch wissen!« »Selbstverständlich, gnädige Frau. Es gehört Ihrem Herrn Gemahl, der damit tun mag, was er will. Ich hoffe, wenn er es Ihnen schenkt, werden Sie ihm nicht den Schimpf antun, es zurückzuweisen. Sehen Sie, Herr Graf, dieses Kleid gehört Ihnen, und ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf, wenn Sie mir nicht die Ehre erweisen, es anzunehmen.« »Wir haben Sie zu lieb, um Sie zu einer Verzweiflungstat treiben zu wollen. Dieser Zug ist ebenso edel wie neu; er ist Ihrer würdig. Ich empfange also Ihr schönes Geschenk mit der einen Hand und gebe es mit der andern an die, der es gebührt. Denn ich spiele bei dieser Gelegenheit die Rolle eines Reflexspiegels.« »Wie, mein lieber Mann, dieses prachtvolle Kleid gehört mir? Wem soll ich danken? Allen beiden. Ich will mich unbedingt für die Mahlzelt damit schmücken.« Die beiden anderen Kleider waren nicht so reich, aber, glänzender, und ich freute mich innig, als ich sah, wie die Augen meiner Clementina sich auf das längere hefteten. Eleonora ihrerseits bewunderte das Kleid, das, wie sie erriet, für sie bestimmt war. Das erste war von herrlichem, apfelgrün und rosarot gestreiftem Atlas und mit Federblumen von bestem Geschmack verziert; das zweite, ebenfalls von Atlas, war himmelblau mit tausend Blümchen und mit Mignonettesspitzen besetzt, die eine sehr schöne Wirkung übten. Zenobia sagte, ohne mich zu fragen, zu Clementina, das erstere sei für sie. »Woher wissen Sie denn das?« »Gnädiges Fräulein, es ist das längere, und Sie sind die größere.« »Da haben Sie recht. Es ist also mein?« fragte sie, indem sie sich zu mir wandte. »Wenn ich hoffen darf, daß Sie es anzunehmen geruhen.« »Daran kann nicht der geringste Zweifel sein, Iolas; ich werde es sofort anziehen.« Eleonora sagte, ihr Kleid sei das schönste, und sie sterbe vor Verlangen, sich damit geschmückt zu sehen. »Gut!« rief ich überglücklich. »Wir werden Sie allein lassen, damit Sie sich in aller Bequemlichkeit anziehen können. Diese beiden Damen sind dazu da, um Sie zu bedienen.« Ich ging mit den beiden Brüdern und dem Domherrn hinaus und bemerkte, daß diese ganz betroffene Gesichter machten. Ohne Zweifel dachten sie über die Verschwendung eines Spielers nach, dem das Geld nichts kostete. Ich versuchte nicht, sie zum Sprechen zu bringen, denn da es meine Leidenschaft war, Leute in Erstaunen zu setzen, konnte ihr Erstaunen mir nur angenehm sein. Ich gestehe, es war ein Gefühl zügelloser Eitelkeit, das mich den Menschen meiner Umgebung überlegen machte; wenigstens glaubte ich dies, und das genügte mir. Ich würde jeden verachtet haben, der es gewagt hätte, mir zu sagen, man mache sich über mich lustig; trotzdem ist es wohl möglich, daß man mir damit nur die Wahrheit gesagt hätte. Da ich von wirklicher Freude beseelt war, so teilte ich diese bald meinen Gästen mit. Ich umarmte herzlich den Grafen Ambrogio, indem ich ihn um Verzeihung bat, daß ich es gewagt hätte, seinen Angehörigen einige kleine Geschenke zu machen, und ich dankte seinem Bruder, daß er mir dies ermöglicht hatte. »Ich bin bei Ihnen so außerordentlich gut aufgenommen,« setzte ich hinzu, »daß ich mir nicht das Glück versagen konnte, Ihnen ein wenig meine Dankbarkeit dafür zu bezeigen.« Bald kamen die schönen Gräfinnen, strahlend in ihrem Putz und in ihrer Freude. Sie sagten zu mir: »Es ist unmöglich, daß Sie uns nicht Maß genommen haben; nur wissen wir nicht, wie Sie das hätten machen sollen.« »Das Spaßhafteste dabei ist,« rief die älteste von den Schwestern, »daß Sie mein Kleid so haben machen lassen, daß man es nach Bedürfnis weiter machen kann, ohne den Schnitt zu ändern. Aber was für ein prachtvoller Besatz! Der ist viermal so viel wert als das Kleid.« Clementina konnte nicht vom Spiegel fortfinden. Sie bildete sich ein, ich hätte ihr mit den Farben rot und grün die Attribute der jungen Hebe beilegen wollen. Die jüngste Schwester behauptete immerzu, ihr Kleid sei das schönste. Hocherfreut über die Zufriedenheit meiner schönen Damen, bat ich die Gäste, zu Tisch zu gehen. Wir hatten alle einen ausgezeichneten Appetit, und man trug uns eine vortreffliche Mahlzeit von Fleisch und Fastenspeisen auf. Alles war köstlich; die Krone des Mahles aber war ein Korb Austern aus dem Arsenal von Venedig, den mein Pastetenbäcker dem Haushofmeister des Herzogs von Modena wegzukapern gewußt hatte. Wir schwelgten darin. Wir vertilgten dreihundert Stück, denn unsere Damen waren Lecker und der Domherr unersättlich, und wir befeuchteten sie mit einer Menge Flaschen Champagner. Wir blieben drei Stunden bei Tisch, tranken, sangen und scherzten nach Herzenslust, denn wir waren alle von gleicher Fröhlichkeit beseelt. Während dieser ganzen Zeit warteten uns meine immer willigen Dienerinnen auf, deren Reize es mit denen der sie bewundernden Damen aufnehmen konnten. Gegen Ende der Mahlzeit trat die schöne Pastetenbäckerin fröhlichen Gesichtes mit bloßem Busen ein und reichte der Gräfin ihr Kind, das sich an ihrer Brust festgesogen hatte. Es war eine Theaterszene. Die Freude der liebenswürdigen Mutter äußerte sich in einem Aufjauchzen, als sie ihr Kind sah, und die Pastetenbäckerin strahlte vor Stolz darüber, daß sie vier Stunden lang den einzigen Sprößling einer so erlauchten Familie besessen hatte. Bekanntlich hat die Phantasie, die auf die Männer so stark wirkt, daß man sie für die Schöpferin des Genius halten könnte, auf die Frauen einen Einfluß, der sich gar nicht berechnen läßt. Diese Frau war einfach und gut, wie es im allgemeinen alle Frauen aus dem Volke sind, wenn nicht Laster und Elend sie verderben und herabwürdigen; wer weiß, ob nicht meine Pastetenbäckerin sich einbildete, ihren eigenen Sprößling zu adeln, indem sie ihre Brust einem jungen Grafen bot? Solche Ideen sind natürlich unsinnig, aber gerade darum macht das Volk sie sich zu eigen. Wir verbrachten noch eine Stunde damit, Kaffee und Punsch zu trinken; hierauf zogen die Gräfinnen wieder ihre Kleider an, in denen sie am Morgen gekommen waren. Zenobia packte die drei Kleider in Schachteln und ließ diese an meinen Wagen festbinden. Croces Geliebte benutzte einen günstigen Augenblick, um mir unter vier Augen zu sagen, sie sei mit Zenobia sehr zufrieden, und um mich zu fragen, wann wir abreisen würden. Ich drückte ihr die Hand und sagte: »Sie werden spätestens vierzehn Tage nach Ostern in Marseille sein.« Zenobia, die ich gleich zu Anfang heimlich befragt hatte, hatte mir gesagt, die junge Marseillerin sei ein sehr liebenswürdiges und anständiges Mädchen, und es würbe ihr sehr leid tun, wenn sie sich von ihr trennen müsse. Ich gab ihr zwölf Zechinen zum Dank für ihre Bemühungen. Mit allem sehr zufrieden, bezahlte ich dem wackeren Pastetenbäcker eine recht starke Rechnung: ich bemerkte dabei, daß wir mehr als zwanzig Flaschen Champagner getrunken hatten. Allerdings hatten wir fast gar keinen anderen Wein getrunken, da meine drei Damen eine ganz besondere Vorliebe für diesen Saft hatten. Ich liebte, ich wurde geliebt, ich war gesund, ich hatte viel Geld, ich verschwendete es zu meinem Vergnügen und ich war glücklich. Dies sagte ich mir gern und lachte dabei über die dummen Moralisten, die behaupten, es gäbe kein wahrhaftes Glück auf Erden. Und grade dieses Wort: »auf Erden« erregt meine Heiterkeit: wie wenn es möglich wäre, das Glück anderswo zu suchen! Mors ultims linea rerum est! Ja, der Tod ist die letzte Zeile im Buche des Lebens; er ist das Ende von allem, denn mit dem Tode hört der Mensch auf, Sinne zu haben; aber ich bin weit entfernt, zu behaupten, daß der Geist das Schicksal der Materie teilt. Man darf nur behaupten, was man positiv kennt, und bei den letzten Grenzen des Möglichen muß der Zweifel beginnen. Ja, ihr verdrießlichen und unklugen Moralisten, es gibt Glück auf Erden, sogar viel Glück, und jeder hat seinen Teil daran. Es ist nicht dauernd, nein, das ist es allerdings nicht; es entschwindet, kehrt zurück und entschwindet von neuem nach jenem Naturgesetz, das für alles Geschaffene gilt: der Bewegung, der ewigen Umwälzung der Menschen und Dinge. Vielleicht übersteigt die Summe der Übel, die eine Folge unserer körperlichen und geistigen Unvollkommenheit sind, für jedes einzelne Individuum die Summe des Glückes. Das alles ist wohl möglich, aber es folgt nicht daraus, daß es nicht Glück, und zwar viel Glück gibt. Wenn es kein Glück auf Erden gäbe, wäre die Schöpfung eine Mißgeburt, und Voltaire hätte recht gehabt, unseren Planeten die Latrine des Weltalls zu nennen; ein schlechter Witz, der nur eine Ungereimtheit oder vielmehr überhaupt nur ein Ausbruch galliger Dichterlaune ist. Ja, es gibt Glück und viel Glück! Das wiederhole ich heute, da ich es nur noch in der Erinnerung kenne. Diejenigen, die aufrichtig bekennen, daß sie das Glück empfinden, sind würdig, es zu besitzen; seiner unwürdig aber sind jene, die es leugnen, obwohl sie es genießen, und diejenigen, die es vernachlässigen, obwohl sie es sich verschaffen könnten. Ich habe mir in diesen beiden Beziehungen keinen Vorwurf zu machen. Es war sieben Uhr, als wir meine hübsche Wohnung verließen, um nach dem Schloß des Grafen zurückzukehren, wo wir um Mitternacht ankamen. Die Fahrt war so köstlich, daß der Weg uns kurz erschien. Der Champagner, der Punsch und das Vergnügen hatten meine beiden Gefährtinnen erhitzt, und dank der Dämmerung konnte ich mir glückliche Zerstreuungen verschaffen, über welche sie keineswegs böse waren; ich liebte jedoch Clementina zu sehr, um den Spaß mit ihrer reizenden Schwester weiter als bis zu den Fingerspitzen zu treiben. Sobald wir aus dem Wagen gestiegen waren, wünschten wir einander gute Nacht, und ein jeder begab sich in sein Zimmer, nur ich nicht; denn ich verbrachte mit Clementina Stunden jener köstlichen Wollust, deren Erinnerung sich nie verwischt. »Glaubst du, mein süßer Freund,« sagte das reizende Mädchen zu mir, »daß ich nach deiner Abreise noch glücklich sein kann?« »Meine liebe Hebe, ich weiß, daß wir in den ersten Tagen beide unglücklich sein werden; aber allmählich wird die Ruhe uns zurückkehren; die Philosophie wird unsere Liebe nicht auslöschen, sondern die Bitternis des Scheidens köstlich süß machen.« »Eine köstlich süße Bitternis! Ich glaube nicht, daß die Philosophie ein solches Wunder wirken kann. Ich weiß wohl, mein liebenswürdiger Sophist, du wirst dich leicht mit deinen Fräuleins trösten. Glaube übrigens nur nicht, daß ich eifersüchtig bin. Ich wäre mir selber ein Greuel, wenn ich mich eines so niedrigen Gefühls für fähig halten könnte. Aber ich würde mich ebensosehr verachten, wenn ich imstande wäre, mich mit jenen Mitteln zu trösten, die du ganz gewiß anwenden wirst.« »Ich wäre in Verzweiflung, wenn du dies glauben könntest.« »Es ist nur natürlich.« »Jene Fräuleins, wie du dich ausdrückst, sind nicht dazu angetan, dich zu ersetzen, und können mich nicht beschäftigen. Die größere von den beiden ist die Frau eines Schneiders, und die andere ist ein anständiges Mädchen aus Marseille. Ein unglückseliger Freund von mir hat sie verführt und dann entführt, und ich habe mich erboten, sie nach ihrer Heimatstadt Marseille zurückzubringen. Du wirst in Zukunft und bis zu meinem Tode das einzige Weib sein, das meine Seele beherrscht; sollte es mir je begegnen, daß ich, von meinen Sinnen hingerissen, eine Frau, die mich verführt hat, in meine Arme schließe, so wird dich bald die Reue wegen einer Untreue rächen, woran meine Seele keinen Teil haben wird.« »Ich bin sicher, daß ich niemals eine derartige Reue verspüren werde. Aber ich begreife nicht, wie du an die Möglichkeit, mir untreu zu werden, denken kannst, da du mich so liebst, wie du mich liebst, mich in deinem Besitze hast und in deine Arme pressest!« »Ich glaube nicht an diese Untreue, aber ich setze sie als möglich voraus.« »Ich sehe in diesem Falle keinen großen Unterschied zwischen Glauben und Voraussetzung.« Was sollte ich auf diese Einwürfe antworten? Clementina hatte recht, obgleich sie sich irrte; aber dieser Irrtum entsprang aus ihrer Liebe. Die meinige war durchaus nicht von einer Glut, die mich hätte verhindern können, eine mögliche, ja sogar unausbleibliche Treulosigkeit vorauszusehen. Ich urteilte nur darum richtiger als sie, weil ich nicht zum ersten Male verliebt war. Wenn aber meine Leser das gleiche durchgemacht haben, wie die meisten von ihnen es sicherlich getan haben, so werden sie wissen, in welche Verlegenheit einen Liebenden solche Worte aus dem Munde einer Frau versetzen, die er für immer glücklich machen möchte. Da weiß auch der Schlagfertigste nicht, was er sagen soll, und kann nur durch Küsse und Tränen antworten. »Willst du mich mit dir nehmen?« fragte sie mich; »ich bin bereit, dir zu folgen, und ich werde glücklich sein. Wenn du mich liebst, mußt du über dein eigenes Glück hocherfreut sein. Laß uns einander glücklich machen, lieber Freund!« »Ich kann deine Familie nicht entehren.« »Findest du mich unwürdig, deine Frau zu werden?« »Du bist eines Thrones würdig; ich aber bin nicht wert, ein solch herrliches Weib zu besitzen. Ich muß dir sagen, daß ich auf dieser Welt nichts habe als mein Geld, das ich morgen verlieren kann. Für mich allein fürchte ich keine Schicksalsschläge, aber ich würde mir das Leben nehmen, wenn du irgendeiner Entbehrung ausgesetzt wärest, nachdem du dein Schicksal mit dem meinigen verknüpft hättest.« »Woher mag es wohl kommen, daß es mir unmöglich scheint, du könntest jemals mit mir unglücklich werden, und daß ich überzeugt bin, du kannst nur mit mir wirklich glücklich werden? Deine Liebe gleicht nicht der meinen, wenn du weniger Vertrauen zu ihr hast als ich.« »Mein Engel, wenn ich weniger Vertrauen habe als du, so liegt es daran, daß ich eine grausame Lebenserfahrung besitze, die du nicht hast, und die mich für die Zukunft zittern läßt. Wird die Liebe beunruhigt, so verliert sie an Stärke, was sie an Vernunft gewinnt.« »Grausame Vernunft! So müssen wir uns also entschließen, uns zu trennen?« »Es muß sein, liebes Herz. Es ist eine grausame Notwendigkeit, aber mein Herz wird bei dir bleiben. Wenn ich auch scheide, so bete ich dich doch an, und wenn mir das Glück in England günstig ist, wirst du mich nächstes Jahr hier wiedersehen. Ich werde ein Landgut kaufen, wo du willst, und es dir an unserem Hochzeitstage schenken; dann werden unsere Kinder und die schönen Wissenschaften uns beglücken.« »Oh, welch angenehme Zukunft! Welch ein Traum! Warum kann ich nicht mit diesem Traum einschlafen, um erst an dem Tage zu erwachen, wo er sich erfüllen wird, oder beim Erwachen zu sterben, wenn er nicht in Erfüllung gehen soll! Aber, lieber Freund, was soll ich tun, wenn du mich schwanger zurückläßt?« »Dies, meine göttliche Hebe, hast du nicht zu befürchten. Hast du nicht bemerkt, daß ich dich geschont habe?« »Geschont? Das verstehe ich nicht, aber ich kann es mir wohl vorstellen und danke dir dafür. Ach, vielleicht wäre es besser, du hättest keine Vorsicht beobachtet; denn du bist nicht geboren, mich unglücklich zu machen, und wenn du ein Pfand unserer gegenseitigen Zärtlichkeiten hinterlassen hättest, so würdest du Mutter und Kind nicht verleugnet haben.« »Du beurteilst mich richtig, liebe Freundin. Solltest du bemerken, daß, trotz meinen Vorsichtsmaßregeln, dein Leib sich rundet, was du vor Ablauf von zwei Monaten merken wirst, so schreibe mir. Mag dann meine Lage sein wie sie will, ich werde die Frucht unserer Liebe legitimieren, indem ich dir meinen Namen und meine Hand gebe. Allerdings wirst du durch diese Namensänderung eine Mißheirat eingehen; aber du wirst deshalb weniger glücklich sein?« »Nein, nein! Dein Name und deine Hand sind für mich das höchste Ziel des Ehrgeizes. Nein, niemals werde ich bereuen, daß ich mich ohne Rückhalt dir hingegeben habe.« »Du machst mich überglücklich!« »Meine ganze Familie liebt dich; alle sagen, du seiest glücklich und verdienest dein Glück. Wie sie dich loben, lieber Freund! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie mein Herz vor Freude pocht, wenn ich in deiner Abwesenheit solche Bemerkungen höre. Wenn man mir sagt, ich liebe dich, so antworte ich: ich bete dich an; und du weißt, ich lüge nicht.« Mit solchen Gesprächen füllten wir während der letzten fünf oder sechs Nächte, die wir miteinander verbrachten, die Pausen zwischen unseren Liebesekstasen aus. Ihre Schwester, die neben uns lag, schlief oder tat wenigstens so, wie wenn sie schliefe. Wenn ich von ihr ging, legte ich mich zu Bett; spät stand ich auf und verbrachte dann den ganzen Tag mit ihr, entweder allein oder in ihrer Familie. Welch köstliches Leben! Ist es möglich, daß ein Mensch, der sein eigener Herr, der unabhängig ist wie der Adler in den Lüften, sich entschließen kann, ein solches Glück aufzugeben? Heute begreife ich es nicht. Das Glück hatte es gefügt, daß ich dem guten Domherrn das ganze Geld abgewann, das ich die Familie hatte gewinnen lassen. Niemals achtete ich auf deren Spiel; nur Clementina allein machte sich niemals meine Unaufmerksamkeit zunutze; aber die beiden letzten Tage nötigte ich sie, sich an meiner Bank zu beteiligen, und da der Domherr beständig unglücklich war, so gewann sie etwa hundert Zechinen. Der gute Mönch verlor tausend Zechinen, von denen siebenhundert in der Familie blieben. Das war eine gute Bezahlung für die Gastfreundschaft, die ich genossen hatte, und daß ein Mönch die Kosten bestritt, war um so anerkennenswerter, mochte er auch ein Ehrenmann sein. Die letzte Nacht, die ich ganz mit meiner reizenden Gräfin zubrachte, war sehr traurig: wir wären vor Schmerz gestorben, hätten wir nicht die unerschöpfliche Wollust der Liebe genossen. Niemals wurde eine Nacht besser angewandt! Tränen des Schmerzes wechselten unaufhörlich mit Tränen der Liebe, und ich erneuerte neunmal das Opfer auf dem Altar des Gottes, der meine Kräfte in demselben Maße ersetzte, wie der Genuß sie erschöpfte. Blut und Tränen überströmten das Heiligtum; Priester und Opfer waren erschöpft, und doch riefen die Begierden: noch einmal! Wir mußten uns mit einer Anstrengung losreißen, die ebenso schmerzhaft war, wie unsere achtstündige Vereinigung süß gewesen war. Eleonora benutzte einen Augenblick, wo wir der Ermüdung nachgebend in doppelter Verschlingung eingeschlafen waren, um leise aufzustehen und uns allein zu lassen. Wir waren ihr dankbar dafür und bewunderten ihre Freundschaft und ihre Entsagung; doch mußten wir gestehen, daß sie entweder sehr unempfindlich war oder daß sie als Zeugin unserer köstlichen Liebeskämpfe sehr hatte leiden müssen. Ich verließ Clementina, damit sie ihre Abwaschungen vomehmen könnte, deren sie ohne Zweifel sehr bedurfte, und kleidete mich selber an. Als wir zusammen zum Frühstück herunterkamen, sahen wir aus wie zwei Sterbende; besonders Clementina mußte durch ihre Augen verraten werden. Aber man schonte uns. Ich konnte nicht lustig sein, wie ich es gewöhnlich war, aber man fragte mich nicht nach dem Grunde. Ich versprach ihnen, Nachricht zu geben und im nächsten Jahre wiederzukommen. Ich habe ihnen auch geschrieben, doch gab ich es auf, als das Unglück, das mich in London zu Boden schmetterte, mir die Hoffnung raubte, sie jemals wiederzusehen. Ich habe sie in der Tat nicht wiedergesehen, aber ich habe Clementina niemals vergessen können. Als ich sechs Jahre später aus Spanien zurückkam, erfuhr ich, daß sie in glücklicher Ehe mit dem Marchese N. lebte, den sie drei Jahre nach meiner Abreise geheiratet hatte. Ich weinte Freudentränen über diese Nachricht. Sie hatte damals zwei Söhne; der jüngere von ihnen, jetzt siebenundzwanzig Jahre alt, ist Hauptmann in österreichischen Diensten. Welche Freude würde es mir sein, ihn zu sehen! Als ich von Clementinas Glück hörte, kam ich, wie gesagt, aus Spanien und war unglücklich. Ich war auf der Reise nach Livorno, wo ich mein Glück zu machen hoffte; auf der Fahrt durch die Lombardei war ich nur vier Miglien von einem Landsitz entfernt, wo diese anbetungswürdige Frau mit ihrem Gatten sich aufhalten mußte. Aber ich hatte nicht den Mut, sie aufzusuchen, und vielleicht tat ich recht daran. Doch zurück zu meiner Erzählung! Ich war Eleonoren dankbar für ihre Güte und wollte dies gern zum Ausdruck bringen. Ich zog von meinem Finger einen sehr schön von Diamantenrosetten umgebenen geschnittenen Onyx, worauf der Gott des Schweigens dargestellt war, und benützte einen günstigen Augenblick, um sie beiseite zu ziehen und ihr den Ring an den Zeigefinger zu stecken, bevor sie Zeit hatte, ein Wort zu sagen. Ich drückte ihr schweigend die Hand. Als es Zeit war, hinunter zu gehen, um in meinen Wagen zu steigen, schickte die ganze Familie sich an, mich zu begleiten. Da füllten meine Augen sich mit Tränen. Ich suchte Clementina; sie war verschwunden. Ich tat, wie wenn ich etwas in meinem Zimmer vergessen hätte, und ging in die Schlafkammer meiner Hebe. Ich fand sie in einem entsetzlichen Zustande: ihr Schluchzen erstickte sie. Ich schloß sie in meine Arme und vermischte meine Tränen mit den ihrigen. Sie konnte kein Wort hervorbringen. Ich legte sie auf ihr Bett, drückte einen letzten Kuß auf ihre zitternden Lippen und riß mich los von diesem Ort, wo ich so süße und so schmerzliche Erinnerungen zurückließ. Nachdem ich allen, auch dem guten Domherrn, der sich zum Abschied eingefunden hatte, meinen Dank ausgesprochen und sie alle umarmt hatte, flüsterte ich Eleonoren ins Ohr, sie möchte schnell zu ihrer Schwester gehen, und sprang in den Wagen, worin mein lieber Graf bereits saß. Wir sprachen kein Wort miteinander, sondern schliefen während der ganzen Fahrt, bis Clairmont vor dem Hause den Wagenschlag aufmachte. Wir fanden den Marchese Triulzi bei der Spanierin, die uns nicht erwartete; der liebenswürdige Stellvertreter meines Freundes ließ schnell ein Mittagessen für vier Personen holen. Zu meiner nicht geringen Überraschung wußten sie, daß wir in Mailand diniert hatten, und die Gräfin hatte große Lust, uns ihren Verdruß fühlen zu lassen, weil wir ihr unseren Besuch nicht gemeldet hätten. Zum Glück beschwichtigte der Marchese, der nie um eine Ausrede verlegen war, die schöne Dame, indem er ihr sagte, es sei nur Zartgefühl von meiner Seite gewesen, denn ich habe ihr die Mühe ersparen wollen, ein Mittagessen für so viele Personen herzurichten. Bei Tisch erklärte ich, daß ich sehr bald nach Genua abreisen würde; zu meinem Unglück bot mir der Marchese einen Empfehlungsbrief an die berühmte Kokette Signora Isolabella an; die Gräfin versprach mir einen anderen an ihren Verwandten, den Bischof von Tortona. Ich war in Mailand gerade zur rechten Zeit angekommen, um von meiner Teresa Abschied zu nehmen, die nach Palermo abreisen wollte. Ich sprach mit ihr von den Wünschen Don Cesarinos und bemühte mich nach Möglichkeit, sie zu bestimmen, ihn seiner Neigung folgen zu lassen. Sie antwortete mir: »Ich lasse ihn in Mailand; ich weiß, wo seine Leidenschaft entstanden ist, und ich werde mich niemals bereit finden lassen, seinen Wünschen in dieser Richtung nachzugeben. Übrigens hoffe ich, daß er bei meiner Rückkehr seine Ansichten geändert haben wird.« Sie täuschte sich: mein Sohn änderte sich nicht, und in fünfzehn Jahren werden meine Leser mehr von ihm erfahren. Nachdem ich mit Greppi abgerechnet hatte, nahm ich Wechsel auf Marseille und eine Anweisung von zehntausend Franken auf Genua, wo ich nach meiner Meinung nicht viel Geld nötig haben konnte. Trotz meinem Glück im Spiel reiste ich von Mailand mit tausend Zechinen weniger ab als ich bei meiner Ankunft gehabt hatte. Ich hatte allerdings auch außerordentlich viel Geld ausgegeben. Alle meine Nachmittage verbrachte ich bei der schönen Marchesa Q.; bald war ich mit ihr allein, bald war ihre Base anwesend. Aber mein Herz war noch voll von der Erinnerung an Clementina, und darum schien mir die junge Marchesa nicht mehr dieselbe zu sein wie vor drei Wochen. Ich hatte keinen Grund, dem Grafen A. B. ein Geheimnis daraus zu machen, daß ich das Fräulein aus Marseille mitnahm. Ich ließ daher von Clairmont ihr Köfferchen abholen und bezahlte der schönen Zenobia die kleinen Auslagen, die sie gemacht hatte. Am Tage meiner Abreise kam um acht Uhr morgens das Fräulein, sauber gekleidet zu mir. Ich küßte der Gräfin, die nach meinem Leben getrachtet hatte, die Hand und dankte ihr für ihre liebenswürdige Gastfreundschaft, der ich, wie ich sagte, es verdankte, daß ich in so guter Gesellschaft von Mailand abreise. Hierauf dankte ich dem Grafen, der mich wiederholt seiner ewigen Dankbarkeit versicherte, und reiste ab. Wir schrieben den 20. März des Jahres 1763. Ich bin niemals wieder nach dieser prächtigen Hauptstadt zurückgekehrt. Die junge Dame, die ich aus Achtung vor ihr und ihrer Familie Crosin nennen will, war reizend. Sie hatte einen edlen Anstand, welcher Achtung einflößt und einen Ton der Zurückhaltung, der auf eine sorgfältige Erziehung schließen ließ. Als ich sie so neben mir sitzen sah, wünschte ich mir Glück, daß ich keine Gefahr für mich sah, mich in sie zu verlieben; der Leser aber ahnt wohl schon, daß ich mich irrte. Ich sagte Clairmont, daß ich sie für meine Nichte ausgeben wolle, und befahl ihm, sie mit aller erdenklichen Rücksicht zu behandeln. Da ich niemals Gelegenheit gehabt hatte, sie zum Sprechen zu bringen, so wünschte ich vor allen Dingen festzustellen, wes Geistes Kind sie sei, und obwohl ich nicht im geringsten die Absicht hatte, ihr den Hof zu machen, so empfand ich doch das Bedürfnis, ihr Freundschaft einzuflößen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Die Wunde, die meine letzte Liebe meinem Herzen geschlagen hatte, blutete noch; darum freute ich mich, daß ich imstande war, die junge Marseillerin ihrem Vater zurückzugeben, ohne mir einen Zwang aufzuerlegen und ohne etwas bereuen zu müssen. Ich freute mich im voraus meiner in Aussicht stehenden guten Handlung und bildete mir etwas darauf ein, soviel Selbstbeherrschung zu besitzen, daß ich mit einem sehr hübschen Mädchen zusammenleben konnte, ohne einen anderen Wunsch zu verspüren, als das heroische Interesse, sie vor der Schande zu bewahren, in die sie hätte versinken können, wenn sie die Reise ganz allein hätte machen müssen oder wenn sie nicht das Glück gehabt hätte, mir zu begegnen, nachdem ihr Verführer sie verlassen hatte. Sie fühlte denn auch dies alles und sagte zu mir: »Ich bin überzeugt, Herr de la Croix hätte mich niemals verlassen, wenn er Ihnen nicht in Mailand begegnet wäre.« »Ich bewundere Sie, mein Fräulein, teile jedoch keineswegs die gute Meinung, die Sie von ihm haben. In meinen Augen hat Croce geradezu als schlechtes Subjekt gehandelt, um es nicht stärker auszudrücken; denn so anziehend Sie auch sind, konnte er doch nicht mit Bestimmtheit auf mich rechnen. Ich will nicht sagen, daß er Sie verächtlich behandelt hat, denn möglicherweise wurde er von der Verzweiflung fortgerissen; so viel aber ist gewiß, da er Sie in solcher Weise verlassen konnte, so liebte er Sie nicht mehr.« »Ich bin vom Gegenteil überzeugt. Als er sich ohne Mittel sah, mußte er mich verlassen oder sich das Leben nehmen.« »Weder das eine noch das andere. Er mußte alles was Sie haben, verkaufen und Sie nach Marseille zurückbringen. Sie konnten mit geringen Kosten nach Genua gelangen und von dort wären Sie auf dem Wasserwege nach Marseille gereist. Croce hat darauf gerechnet, daß ihr hübsches Gesicht mir Teilnahme einflößen werde, und er hat sich nicht geirrt; aber Sie begreifen wohl, welcher Gefahr er Sie ausgesetzt hat. Glauben Sie mir, mein Fräulein, wenn man wirklich liebt, ist schon der bloße Gedanke daran unerträglich. Sie werden sich nicht beleidigt fühlen, wenn ich Ihnen eine Wahrheit gestehe: hätten Sie nicht, als Sie mich um einen Besuch baten, einen tiefen Eindruck auf meine Sinne gemacht, so hätte ich für Sie nur eine mitleidige Teilnahme empfunden, und solche Teilnahme veranlaßt nicht eben zu großen Opfern. Aber ich habe unrecht, daß ich Croce tadele; dies ist Ihnen peinlich, denn ich sehe klar und deutlich, daß Sie ihn lieben.« »Das gebe ich zu. Ich beklage ihn. Was mich selbst betrifft, so beklage ich nur mein grausames Geschick. Ich werde ihn nicht mehr sehen, aber ich werde auch keinen Menschen mehr lieben, denn mein Entschluß steht fest: ich werde mich in ein Kloster zurückziehen, um dort meinen Fehltritt zu sühnen. Mein Vater hat ein ausgezeichnetes Herz; er wird mir verzeihen. Ich war ein Opfer der Liebe; mein Wille war nicht frei. Von Croce verführt, hatte ich die Vernunft verloren; aber ich muß mich allein dafür bestrafen, daß ich nicht gegen die Täuschung meiner Sinne auf der Hut gewesen bin. Wenn ich übrigens reiflich darüber nachdenke, sehe ich in meiner Handlungsweise kein Verbrechen, sondern nur einen Fehltritt.« »Sie wären also von Mailand mit Croce fortgegangen, wenn er es Ihnen gesagt hätte? Sie wären sogar zu Fuß gegangen?« »Verlassen Sie sich darauf! DaS wäre ja meine Pflicht gewesen; aber er liebte mich zu sehr, als daß er mich dem beschwerlichen und elenden Leben, das er vor sich sah, hätte aussetzen mögen.« »Er sah es nicht vor sich, sondern war schon mitten darin. Ich bin überzeugt: wenn Sie ihn in Marseille finden, werden Sie wieder zu ihm gehen.« »Oh nein, niemals! Mit meiner Vernunft erlange ich allmählich meine Freiheit wieder, und der Tag wird kommen, da ich Gott danken werde, ihn ganz und gar vergessen zu haben.« Die Aufrichtigkeit des jungen Mädchens gefiel mir, und da ich die Macht der Liebe kannte, so beklagte ich sie aufrichtig. Sie erzählte mir zwei Stunden lang ausführlich die ganze Geschichte ihrer unglücklichen Leidenschaft, und da sie gut erzählte, so machte sie mir Vergnügen, und ich begann Geschmack an ihr zu finden. Mit Einbruch der Nacht kamen wir in Tortona an; ich beschloß, dort zu übernachten, und befahl Clairmont, uns ein Abendessen nach meinem Geschmack herrichten zu lassen. Bei Tisch entfaltete meine angebliche Nichte einen Geist, über den ich sehr erstaunt war. Auch bot sie mir im Essen die Spitze, denn sie hatte einen ausgezeichneten Appetit; das Glas in der Hand, konnte sie es mit jedem gleichaltrigen jungen Mädchen aufnehmen. Sie war lustig, aber anständig, scherzte im Ton der guten Gesellschaft und war entzückend, weil sie nicht mehr von ihrem Liebhaber sprach. Als wir von Tisch aufstanden, sagte sie bei irgendeiner Gelegenheit ein so treffendes und pikantes Scherzwort, daß ich laut auflachen mußte und daß sie mich vollends eroberte. Ich umarmte sie mit überströmendem Gefühl, und da ich auf ihrem reizenden Munde einem Kuß begegnete, der ebenso heiß war wie mein eigener, so fühlte ich, daß die Liebe sich allen Ernstes einmischte. Weil ich in meiner stürmischen Liebesglut keine Zeit hatte, meine Worte abzuwägen, fragte ich sie, ob es ihr recht wäre, wenn wir uns mit einem einzigen Bett begnügten. Als ich diese Einladung ohne alle Umschweife vorbrachte, malten Überraschung und Furcht sich auf ihrem Antlitz, und mit ernster Miene, aber in jenem Tone der Unterwürfigkeit, die alle Begierden tötet, antwortete sie mir: »Ach, Sie sind der Herr und haben zu befehlen! Wenn aber die Freiheit ein kostbares Gut ist, so ist sie es besonders in der Liebe.« »Von Gehorsam oder auch nur Gefälligkeit ist gar nicht die Rede, mein Fräulein. Sie haben mir Liebe eingeflößt; aber wenn Sie dieses Gefühl nicht teilen, so kann ich es in seiner Geburt ersticken. Wie Sie sehen, haben wir hier zwei Betten; Sie können nach Ihrem Belieben wählen.« »Dann werde ich mich also in dieses da legen; sollte aber darum Ihre gütige Teilnahme für mich sich vermindern, so würde mich dies unglücklich machen.« »Nein, nein! Fürchten Sie das nicht, reizende Französin! Sie werden mich Ihrer Achtung nicht unwürdig finden. Gute Nacht; lassen Sie uns gute Freunde sein!« Ihr Bett stand hinter einem Wandschirm. Sie wünschte mir gute Nacht und legte sich dann in vollem Vertrauen zu Bett; denn wie ich einige Tage darauf von ihr selber erfuhr, hatte sie sich völlig entkleidet. Am nächsten Tage schickte ich in der Frühe dem Bischof den Brief, den die Gräfin mir gegeben hatte. Als ich eine Stunde darauf mit meiner Nichte beim Frühstück saß, kam ein alter Priester und lud mich nebst der Dame, die in meiner Gesellschaft wäre, zum Mittagessen ein. In dem Brief der Gräfin stand nichts von einer Dame; aber der Prälat war Spanier und sehr höflich; darum fühlte er, daß ich meine wirkliche oder angebliche Nichte nicht allein in einem Gasthof lassen konnte und daher seine Einladung nicht angenommen haben würde, wenn er nicht zugleich mit mir auch sie gebeten hätte. Wahrscheinlich hatte Monsignore ihre Anwesenheit durch seine Lakaien erfahren, die in Italien eine Art von freiwilligen Spionen sind und ihren Herren die Skandalchronik der Stadt hinterbringen. Schließlich braucht ja doch ein Bischof noch etwas besseren Zeitvertreib als sein Gebetbuch, seitdem die apostolischen Tugenden unmodern geworden und veraltet sind. Kurz und gut, ich nahm die Einladung an und bat den abgesandten Priester, Seiner Gnaden meine Ehrfurcht zu vermelden. Meine Nichte war in reizender Laune und behandelte mich, wie wenn ich keinen Grund gehabt hätte, darüber empfindlich zu sein, daß sie ihr Bett dem meinigen vorgezogen. Dies gefiel mir, denn bei kaltem Blute sah ich wohl ein, daß sie sich erniedrigt haben würde, wenn sie anders gehandelt hätte. Ich war nicht einmal gereizt, was doch unter solchen Umständen sonst natürlich ist. Selbstgefühl und vielleicht auch Vorurteil machen es einer geistvollen Frau zur Pflicht, sich den Wünschen eines Liebhabers nicht eher zu ergeben, als bis er annehmen darf, daß er sie durch seine Aufmerksamkeiten verführt hat. Ich hatte sie so ganz leichthin eingeladen, mein Bett zu teilen; aber ich hätte dies nicht getan, wäre ich nicht durch die Dünste des Pomad und des Champagners umnebelt gewesen, mit denen wir die von dem Wirt uns vorgesetzten Speisen reichlich befeuchtet hatten. Die Einladung des Bischofs hatte ihr geschmeichelt, aber sie wußte nicht, ob ich dieselbe auch für sie angenommen hätte, und sie fühlte sich vor Freude beinahe in den Himmel erhoben, als ich ihr ankündigte, daß wir zusammen zum Essen gehen würden. Sie machte sich zurecht und kleidete sich für eine Reisende sehr gut. Zum Mittag holte der Wagen Seiner bischöflichen Gnaden uns ab. Ich sah vor mir einen hochgewachsenen Prälaten, denn er war um zwei Zoll größer als ich; trotz seinen achtzig Jahren war er frisch, gut auf den Beinen und in jeder Beziehung stattlich, obgleich ernst wie ein spanischer Grande. Er empfing uns mit einer Liebenswürdigkeit, die viel von der ausgesuchten Höflichkeit der Franzosen an sich hatte. Als meine Nichte ihm die Hand küssen wollte, zog der Prälat dieselbe freundlich zurück und reichte ihr das prachtvolle Kreuz von Amethysten und Brillanten, das er um den Hals trug. Sie küßte es herzlich und sagte dabei: »Das liebe ich.« Dabei warf sie mir einen Seitenblick zu, und dieser Scherz, der eine Anspielung auf Croce enthielt, überraschte mich. Wir setzten uns zu Tische, und ich fand in dem Bischof einen liebenswürdigen und gelehrten Mann. Wir waren zu neun, denn außer vier Priestern, die ich für seine täglichen Tischgenossen hielt, hatte Monsignore zwei junge Kavaliere eingeladen, die meiner Nichte alle Aufmerksamkeiten erwiesen, wie sie in der guten Gesellschaft üblich sind; sie erwiderte diese wie eine Dame, die an solchen Ton gewöhnt ist. Ich bemerkte, daß der Bischof, der sehr oft das Wort an sie richtete, nicht ein einziges Mal ihr hübsches Gesicht ansah. Monsignore kannte die Gefahr und setzte als vernünftiger Greis sich ihr nicht aus. Nach dem Kaffee verabschiedeten wir uns und um vier Uhr fuhren wir von Tortona ab, um in Novi zu übernachten. Während dieser kurzen Nachmittagsfahrt belustigte meine schöne Marseillerin mich durch tausend liebenswürdige und geistreiche Bemerkungen. Beim Abendessen brachte ich das Gespräch auf den Bischof und dann auf die Religion, um einmal zu sehen, was für Grundsätze sie hätte. Als ich in ihr eine gute Christin fand, fragte ich sie, wie sie sich den zweideutigen Scherz habe erlauben können, als sie das Kreuz des Prälaten küßte. »Daran waren nur der Zufall und die Gelegenheit schuld«, antwortete sie. »Die Zweideutigkeit ist unschuldig, denn ich hatte die Anspielung nicht vorher überlegt; hätte ich Zeit zum Nachdenken gehabt, so würde der schlechte Witz nicht aus meinem Munde gekommen sein.« Ich tat, wie wenn ich ihr glaubte, denn schließlich war es möglich, daß sie aufrichtig war. Das Mädchen hatte viel Geist, und die Begierden, die sie mir einflößte, wurden immer feuriger; aber meine Eitelkeit hielt die Liebe im Zaum. Als sie zu Bett ging, vermied ich es, sie zu umarmen; da sie jedoch keinen Bettschirm hatte, so entkleidete sie sich erst, als sie glaubte, daß ich eingeschlafen wäre. Am nächsten Tage kamen wir gegen Mittag in Genua an. Pogomas hatte für mich eine Privatwohnung gemietet und mir deren Adresse gesagt. Ich stieg dort ab und fand vier sehr gut möblierte Zimmer in schöner Lage; sie waren in jeder Beziehung komfortabel, wie die Engländer sagen, die sich so gut auf alle Annehmlichkeiten des Lebens verstehen. Nachdem ich ein gutes Mittagessen bestellt hatte, ließ ich Pogomas von meiner Ankunft in Kenntnis setzen. Drittes Kapitel Ich finde Rosalie glücklich. – Signora Isolabella. – Der Koch. – Biribi. – Irena. – Passano im Gefängnis. – Meine Nichte erweist sich als eine alte Bekannte Rosaliens. In Genua, wo alle Welt ihn kannte, nannte Pogomas sich Passano. Der Mensch wußte nichts Eiligeres zu tun, als mir seine Frau und seine Tochter vorzustellen; aber ich fand in ihnen zwei so unappetitliche Geschöpfe, zwei so schmutzige und schamlose Vetteln, daß ich mich so schnell wie möglich unter einem nichtigen Vorwande freimachte. Hierauf speiste ich mit meiner neuen Nichte köstlich zu Mittag. Sofort nach Tische eilte ich zum guten Marchese Grimaldi, denn ich wollte gerne wissen, wo Rosalie wohnte. Ich fand den Marchese nicht zu Hause, und man erwartete seine Rückkehr erst für Ende April; aber einer seiner Lakaien führte mich zu Rosalie, die sechs Monate nach meiner Abreise Petris Frau geworden war. Das Herz klopfte mir, als ich die Wohnung dieser reizenden Frau betrat, die mir so süße Erinnerungen hinterlassen hatte. Vor allem anderen suchte ich Herrn Petri in seiner Schreibstube auf; er empfing mich mit einer Freude, die mir bewies, daß er glücklich war. Er beeilte sich, mich zu seiner Frau zu führen, die bei meinem Anblick einen Freudenschrei ausstieß und mich mit überströmender Herzensfreude umarmte. Da Petri Geschäfte zu erledigen hatte, so bat er mich, ihn zu entschuldigen, und forderte seine Frau auf, es mir in ihrem Hause heimisch zu machen. Rosalie brachte mir ein reizendes kleines Mädchen von sechs Monaten und sagte mir, sie sei glücklich. Sie liebe ihren Gatten, der ihr innig zugetan sei. Er sei ein ausgezeichneter Geschäftsmann, sehr ordentlich und fleißig. Da Herr von Grimaldi ihn mit seinem Einfluß beschützte, so blühe sein Geschäft und er befinde sich in sehr erfreulichen Vermögensumständen. Sie hatte sich in der Ehe und in ihrer gesicherten Lage herrlich entwickelt, und ich fand in ihr eine Schönheit in der vollsten Bedeutung des Wortes. »Mein lieber Freund«, sagte sie zu mir, »ich bin dir unendlich dankbar, daß du mir gleich die ersten Augenblicke nach deiner Rückkehr gewidmet hast, und ich hoffe, dich morgen zum Mittagessen bei mir zu sehen. Dir verdanke ich mein Glück, und diese Erinnerung ist noch süßer, als es die seligen Augenblicke waren, die ich mit dir verbracht habe. Umarmen wir uns, aber laß uns dabei bleiben; ich habe gegenüber einem Manne, der meiner vollen Achtung würdig ist, die Verpflichtung, eine anständige Frau zu bleiben; laß uns nicht den Frieden stören, den ich dir verdanke! Von morgen an wollen wir uns auch nicht mehr duzen.« Ich drückte ihr zum Zeichen meiner Zustimmung zärtlich die Hand; als ich aber sprechen wollte, rief sie: »Da fällt mir etwas ein! Ich werde dir, hoffe ich, eine angenehme Überraschung bereiten!« Damit ging sie hinaus. Wenige Augenblicke später kam sie wieder und stellte mir Veronika vor, die sie zu ihrer Kammerzofe gemacht hatte. Ich weidete mich an der Überraschung des jungen Mädchens, das ich mit Vergnügen wiedersah. Ich umarmte sie und erkundigte mich nach Annina. Sie sagte mir, es gehe dieser gut, sie arbeite bei ihrer Mutter. Ich sagte: »Ich wünsche, daß sie während der kurzen Zeit, die ich hier bleiben werde, meine Nichte bedient.« Als Rosalie dies hörte, lachte sie laut auf und rief: »Schon wieder eine Nichte, lieber Freund? Wie zahlreich doch deine Verwandtschaft ist! Aber als deine Nichte wird sie doch, hoffe ich, morgen ebenfalls bei uns speisen.« »Recht gern, meine liebe Freundin; sie wird es um so lieber tun, da sie Marseillerin ist.« »Marseillerin? Aber dann wäre es wohl möglich, daß sie mich kennt! Übrigens macht das nichts, denn du hast lauter verschwiegene Nichten. Wie heißt sie?« »Crosin.« »Dieser Name ist mir unbekannt.« »Das glaube ich wohl. Sie ist die Tochter einer Base, die ich in Marseille hatte.« »Erzähle das anderen, lieber Freund! Aber das macht nichts: Du führst ein fröhliches Leben und tust recht daran, denn du machst die Frauen glücklich, die dich beglücken. Vielleicht ist das die wahre Weisheit; jedenfalls wünsche ich dir Glück dazu. Ich werde deine Nichte mit Freuden sehen; aber wenn sie mich kennen sollte, so unterrichte sie vorher als guter Lehrer.« Von Frau Petri begab ich mich zu Signora Isolabella. Ich gab bei ihr den Brief des Marchese Triulzi ab. Nachdem ich kaum eine Minute gewartet hatte, kam sie in den Salon, begrüßte mich und sagte mir, sie habe mich mit Vergnügen erwartet. Triulzi hatte sie von meiner bevorstehenden Ankunft in Kenntnis gesetzt. Sie stellte mir den Marchese Augustino Grimaldi della Pietra vor, der während der langen Abwesenheit ihres in Lissabon lebenden Gatten ihr erster Cicisbeo war. Frau Isolabella hatte eine sehr schöne Wohnung; dies macht immer einen günstigen Eindruck. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit feinen und regelmäßigen Zügen und einen angenehmen Witz. Der Klang ihrer Stimme war sehr sanft, ihr Wuchs war schlank und regelmäßig, aber sie war zu mager. Sie war ungefähr dreißig Jahre alt. Von ihrer Haut will ich nichts sagen, denn sie war so ungeschickt mit Rot und Weiß bestrichen, daß diese Schichten von häßlicher Farbe das erste waren, was an ihr auffiel. Hierdurch stieß sie mich ab, trotz ihren ausdrucksvollen und lebhaften schönen Augen. Nachdem wir eine Stunde in angenehmer Unterhaltung verbracht und uns gegenseitig studiert hatten, lud sie mich beim Abschied für den nächsten Tag zum Abendessen ein. Ich begab mich nach meiner Wohnung zurück und sprach meiner Nichte meine Anerkennung wegen der Wahl ihres Zimmers aus. Dieses war von dem meinigen nur durch eine Kammer getrennt, die ich sofort für ihre Kammerjungfer bestimmte. Ich sagte ihr, daß diese am nächsten Tage eintreten werde. Diese Aufmerksamkeit gefiel ihr sehr und brachte mich ein gutes Stück vorwärts. Hierauf sagte ich ihr, sie werde am nächsten Tage mit mir bei einem angesehenen Geschäftsmann als meine Nichte zu Mittag speisen; diese Neuigkeit machte sie ganz glücklich. Meine junge Marseillerin, die Croce verrückt gemacht hatte, war hübsch wie ein Engel; aber ihr edler Anstand und ihr sanfter Charakter übertrafen noch bei weitem die anderen Reize, mit denen die Natur sie reichlich ausgestattet hatte. Ich war bereits heftig in sie verliebt und bedauerte sehr, daß ich mich nicht gleich am ersten Tage ihrer bemächtigt hatte. Hätte ich sie beim Wort genommen, so wäre ich ein ruhiger Liebhaber geworden und hätte, wie ich glaube, keine lange Zeit gebraucht, um ihren ersten Verführer bei ihr in Vergessenheit zu bringen. Ich hatte wenig zu Mittag gegessen und war daher sehr hungrig, als wir zu Tisch gingen. Da meine Nichte stets einen entzückenden Appetit hatte, so gedachten wir dem ausgezeichneten Abendessen, das wir vorzufinden erwarteten, alle Ehre anzutun. Aber es kam ganz anders: die Speisen waren abscheulich. Ich befahl Clairmont, die Wirtin zu rufen. Sie kam und sagte mir, sie könne nichts dabei tun, denn mein Koch habe alles zurechtgemacht. »Mein Koch?« »Ja, mein Herr, der Koch, den Ihr Sekretär, Herr Passano, für Ihren Dienst angenommen hat. Hätte er mir den Auftrag gegeben, so würde ich Ihnen einen ausgezeichneten Koch besorgt haben, der viel weniger gekostet hätte als dieser.« »Besorgen Sie ihn mir zu morgen.« »Gern; aber vorher befreien Sie sich bitte von dem, den Sie jetzt haben, und befreien Sie auch mich von ihm, denn er hat sich mit seiner Frau und seinen Kindern bei mir einquartiert. Befehlen Sie Passano, ihn fortzuschicken.« »Ich werde es besorgen, unterdessen mieten Sie mir Ihren Koch; ich werde übermorgen einen Versuch mit ihm machen.« Ich begleitete meine Nichte in ihr Zimmer und bat sie, sie möchte zu Bett gehen, ohne auf mich zu achten. Während sie sich auszog, las ich die Zeitung. Als ich damit fertig war, trat ich an ihr Bett heran, wünschte ihr gute Nacht und sagte: »Sie könnten mir wohl die Unannehmlichkeit ersparen, allein schlafen zu müssen.« Ohne mir zu antworten, schlug sie die Augen nieder. Ich gab ihr einen Kuß und ging hinaus. Am nächsten Morgen trat meine schöne Nichte in mein Zimmer, als Clairmont mir gerade die Füße wusch. Sie bat mich, ihr Kaffee geben zu lassen, weil die Schokolade sie zu sehr erhitze. Ich befahl meinem Kammerdiener Kaffee zu holen. Sobald er hinausgegangen war, kniete sie nieder und wollte mir die Füße abtrocknen. »Das werde ich unter keinen Umständen zugeben, mein liebes Fräulein.« »Warum denn nicht? Es ist doch nur ein Freundschaftsbeweis.« »Ich verstehe. Aber Sie können solche Freundschaftsbeweise nur einem Geliebten geben, ohne sich zu erniedrigen.« Bescheiden stand sie auf und setzte sich auf einen Stuhl, ohne ein Wort zu sagen. Da Clairmont zurückgekommen war, so zog ich mich vollends an. Unterdessen hatte die Wirtin uns unser Frühstück gebracht; sie fragte meine Nichte, ob sie nicht eine schöne Mantilla von Pekingseide nach Genueser Mode kaufen wolle. Ich ersparte ihr die Verlegenheit, indem ich der Wirtin sofort sagte, sie möge die Modistin hereinkommen lassen. Einen Augenblick später trat diese ein; inzwischen hatte ich aber bereits meiner jungen Schutzbefohlenen zwanzig Genueser Zechinen gegeben, und sie gebeten, sich des Geldes für ihre kleinen Ausgaben zu bedienen. Sie nahm die Goldstücke, indem sie mir auf das anmutigste dankte und mich ihren köstlichen Lippen einen zärtlichen Kuß rauben ließ. Nachdem ich das Mäntelchen gekauft und die Modistin wieder fortgeschickt hatte, kam Passano; er erlaubte sich, mir wegen des Kochs Vorstellungen zu machen. Er sagte: »Ich habe ihn in Ihrem Auftrag für die ganze Zeit Ihres Aufenthaltes in Genua angenommen; er erhält täglich vier Franken, außerdem Kost und Wohnung. »Wo ist mein Brief?« »Hier steht es: ›Besorgen sie mir einen guten Koch, den ich während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in Genua behalten werde.‹« »Haben Sie die Klausel bemerkt: einen guten Koch? Dieser aber ist ein abscheulicher Stümper, und für die Beurteilung seiner Güte dürfte ich doch wohl allein nur maßgebend sein.« »Sie irren sich: der Mensch wird Ihnen beweisen, daß er gut ist. Er wird einen Prozeß gegen Sie anstrengen, und diesen werden Sie verlieren.« »Sie haben also einen Vertrag in aller Form mit ihm abgeschlossen?« »Ja, dazu war ich von Ihnen ermächtigt.« »Lassen Sie ihn heraufkommen, ich will ihn einmal sehen.« Während Passano den Küchenmann holte, befahl ich Clairmont, einen Advokaten zu rufen. Der Koch kam; ich las den Vertrag. Dieser war so abgefaßt, daß ich nach der Strenge der Buchstaben vor Gericht unrecht bekommen mußte. Trotzdem änderte ich aber meinen Entschluß nicht. »Mein Herr,« sagte der Koch zu mir, »ich bin ein geschickter Mann in meinem Fach, und ich werde viertausend Genuesen finden, die mir dies bezeugen.« »Das würde nicht für deren guten Geschmack sprechen; das Abendessen, das Sie gestern für mich gemacht haben, beweist auf alle Fälle, daß Sie nur ein Sudelkoch sind.« Da nichts so leicht verletzlich ist als die Eitelkeit eines Kochkünstlers, so war ich auf eine lebhafte Antwort gefaßt. In diesem Augenblick trat aber der Advokat ein, und da er den Schluß unseres Gespräches gehört hatte, so sagte er zu mir, der Mann würde viele Leute finden, die ihm bezeugen würden, daß er ein sehr guter Koch sei. Ich aber würde keinen Menschen finden, der behaupten würde, daß er schlecht sei. »Das mag sein, Herr Advokat; ich bleibe jedoch bei meiner Meinung, und da ich seine Kocherei abscheulich finde, so verlange ich, daß er geht, denn ich will einen anderen annehmen. Ich brauche doch nur diesen Mann zu bezahlen, wie wenn er mich bedient hätte.« »Das genügt mir nicht«, rief der Koch laut; »ich werde Sie verklagen, um eine angemessene Entschädigung wegen Ehrverletzung zu erhalten.« Bei diesen Worten stieg mir der Senf in die Nase, wie man zu sagen pflegt. Ich hätte ihn vielleicht zur Tür hinausgeworfen. Aber in demselben Augenblick trat Don Augustino Grimaldi ein. Als der hohe Herr unseren Streit erfuhr, lachte er, zuckte die Achseln und sagte: »Mein lieber Herr, gehen Sie nicht vor Gericht, denn Sie würden die Kosten bezahlen müssen, da alle Beweise gegen Sie sind. Der Mann hat recht, wenn er auch vielleicht nicht berechtigt ist, sich für einen ausgezeichneten Koch zu halten. Unrecht hat nur derjenige, der ihn angenommen hat, ohne mit ihm auszumachen, daß er eine Probemahlzeit liefern müsse. Es ist entweder eine Dummheit oder eine Gaunerei.« Passano fiel ihm ins Wort und sagte grob, er sei weder ein Dummkopf noch ein Gauner. »Aber Sie sind der Vetter des Kochs«, sagte die Wirtin zu ihm. Dieses Wort kam gerade zur rechten Zeit; es enthüllte mir das Geheimnis; ich schickte den Advokaten fort, nachdem ich ihn bezahlt hatte, und befahl dem Koch, sich zu entfernen. Hierauf sagte ich zu meinem sogenannten Sekretär: »Passano, bin ich Ihnen Geld schuldig?« »Im Gegenteil; Sie haben mir den Monat vorausbezahlt, und ich bin verpflichtet, Ihnen noch zehn Tage zu dienen.« »Die zehn Tage schenke ich Ihnen; ich entlasse Sie auf der Stelle, es sei denn, daß Ihr Vetter noch heute mein Haus verläßt und Ihnen den dummen Vertrag gibt, den Sie in meinem Namen unterschrieben haben. Gehen Sie!« »Sie haben den gordischen Knoten zerhauen!« sagte Herr von Grimaldi zu mir. Hierauf bat er mich, ihm doch die Dame vorzustellen, die er bei mir sehe. Ich tat dies, indem ich ihm sagte, sie sei meine Nichte. »Sie werden der Signora Isolabella ein großes Vergnügen machen, indem Sie sie ihr vorstellen.« »Da Herr Marchese Triulzi sie in seinem Briefe nicht genannt hat, so werde ich mir diese Freiheit nicht herausnehmen.« Der Marchese brachte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand, und von meiner Nichte war nicht mehr die Rede. Wenige Augenblicke später entfernte er sich. Kaum war er fort, da trat Annina mit ihrer Mutter ein. Das junge Mädchen hatte sich während meiner Abwesenheit auf eine ganz unglaubliche Art entwickelt. Die Sommersprossen waren verschwunden, und ihre Haut leuchtete wie eine Rose; ihre Zähne waren vom schönsten Schmelz, und ihr Busen, den sie bescheiden mit einem Flor verhüllte, hatte eine vollkommene Rundung erlangt. Ich stellte sie ihrer Herrin vor, deren Überraschung mir viel Spaß machte. Aus Anninas Augen leuchtete das Vergnügen, daß sie darüber empfand, wieder bei mir zu sein. Sie ging in das Zimmer ihrer Herrin, um dieser beim Ankleiden zu helfen. Ich gab der Mutter ein paar Zechinen und schickte sie fort, um mich anzuziehen. Als ich gegen Mittag mit meiner Nichte fortgehen wollte, um uns zu Rosalie zu begeben, trat meine Wirtin mit meinem neuen Koch ein. Ich gab ihm an, welche Speisen ich am nächsten Tage zu erhalten wünschte, und die Wirtin gab mir den Vertrag, den Passano mit seinem Vetter abgeschlossen hatte. Dieser burleske Sieg versetzte mich in fröhliche Laune. Wir fanden bei Petri eine glänzende Gesellschaft. Aber man stelle sich meine angenehme Überraschung vor, als ich sah, wie Rosalie und meine Nichte plötzlich einander um den Hals fielen, sich bei ihren Namen nannten und sich wie zwei gute Freundinnen küßten. Nach diesem ersten Zärtlichkeitsausbruch gingen meine beiden Freundinnen, wie ich mir gedacht hatte, in ein anderes Zimmer; als sie nach einer Viertelstunde wieder herauskamen, strahlten ihre Gesichter vor Zufriedenheit. Plötzlich aber änderte sich die Szene: als Petri in diesem Augenblick eintrat, stellte Rosalie ihm meine Nichte unter ihrem wahren Namen vor, und er begrüßte sie auf das herzlichste. Er stand in Geschäftsverbindung mit ihrem Vater und hatte von diesem gerade eben einen Brief erhalten, den er aus der Tasche zog und ihr zu lesen gab. Meine Nichte verschlang die Zeilen mit Tränen in den Augen und küßte dann voll Ehrerbietung die Unterschrift. Dieser Ausbruch kindlicher Liebe ließ mich die Gedanken erraten, die in diesem Augenblick auf das Herz des jungen Mädchens einstürmten, und rührte mich so tief, daß ich Tränen vergoß. Dann aber zog ich Rosalie beiseite und bat sie, ihrem Mann zu sagen, daß ich ihn aus wichtigen Gründen ersuchen müsse, seinem Geschäftsfreunde nichts von diesem Zusammentreffen zu schreiben. Das Mittagessen war ebenso glänzend wie gut, und Rosalie spielte die Wirtin mit der ihr eigenen Gewandtheit und Anmut. Doch galten die Huldigungen der Gäste nicht ihr allein, denn meine angebliche Nichte erhielt den größeren Teil davon. Dies war natürlich; ihr Vater, ein reicher Handelsherr in Marseille, war in den kaufmännischen Kreisen Genuas sehr vorteilhaft bekannt, außerdem aber gewannen ihr auch ihr Geist und ihre Schönheit die allgemeine Aufmerksamkeit, und ein sehr liebenswürdiger junger Mann, der in der Gesellschaft war, verliebte sich ernstlich in sie. Dieser junge Mann war eine sehr gute Partie; er war der Gatte, den der Himmel meiner reizenden Schutzbefohlenen bestimmt hatte. Welche Wonne empfand ich darüber, daß ich mich gleichsam als Glücksstifter ansehen durfte, den das Schicksal diesem reizenden Mädchen zugeführt hatte, um sie vom Abgrund der Schande zurückzureißen, in welchen Armut und Verzweiflung sie zu stürzen drohten! Ich gestehe, in meiner langen, abenteuerlichen Laufbahn kam niemals eine Wollust dem süßen Gefühl gleich, das ich empfand, wenn ich etwas Gutes tun konnte; allerdings darf ich nicht behaupten, daß ich das Gute stets nur um seiner selbst willen und ohne jede gewinn- und genußsüchtige Nebenabsicht getan habe. Als wir fröhlich und zufrieden vom Tisch aufgestanden waren, wurde der Vorschlag gemacht, Karten zu spielen; Rosalie wußte jedoch, daß ich Gesellschaftsspiele nicht liebte, und erklärte daher, wir müßten ein Trente et Quarente machen. Mit diesem Vorschlag waren alle Anwesenden gern einverstanden. Das Spiel beschäftigte uns bis zum Abendessen, ohne daß große Gewinne oder Verluste vorkamen. Um Mitternacht trennten wir uns alle im besten Einvernehmen. Als ich in meiner Wohnung mit meiner Nichte allein war, fragte ich sie, woher sie Rosalie kenne. »Ich kannte sie in unserem Hause. Sie kam mit ihrer Mutter und brachte die Wäsche; ich habe sie immer gern gehabt.« »Ihr seid ungefähr von gleichem Alter.« »Sie ist zwei Jahre älter als ich; ich habe sie sofort wiedererkannt.« »Was hat sie Ihnen gesagt?« »Daß Sie sie von Marseille mitgenommen haben und daß sie Ihnen ihr Glück verdankt.« »Hat sie Ihnen sonst nichts anvertraut?« »Nein, aber es gibt Dinge, die man nicht auszusprechen braucht.« »Da haben Sie recht; und Sie, was haben Sie zu ihr gesagt?« »Nichts, als was sie sich ohnehin denken konnte. Ich habe ihr gestanden, daß Sie nicht mein Oheim sind, und wenn sie glaubt, daß Sie mein Liebhaber sind, so bin ich darob nicht böse. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Freude mir die heutige Gesellschaft gemacht hat. Sie sind dazu geboren, Menschen glücklich zu machen.« »Aber Croce?« »Ach, ich bitte Sie, sprechen Sie nicht mehr von ihm.« Dieses Gespräch hatte mich in Feuer und Flammen gesetzt. Sie rief Annina, und ich ging zu Bett. Wie ich's erwartet hatte, kam Annina zu mir, sobald sie ihre Herrin zu Bett gebracht hatte. Sie sagte: »Wenn es wahr ist, daß Madame nur Ihre Nichte ist, so darf ich mir wohl mit der Hoffnung schmeicheln, daß Sie mich noch lieben?« »Ganz gewiß, meine liebe Annina. Ich liebe dich immer. Zieh dich aus und komm in mein Bett: wir wollen ein wenig plaudern.« Annina ließ nicht auf sich warten; die Zeit hatte sie gereift, und in zwei Stunden voll süßer Wollust erschöpfte ich mit ihr die Gluten, die eine andere Liebe in allen meinen Sinnen entfacht hatte. Am nächsten Morgen kam Passano zu mir und sagte, er habe durch Zahlung von sechs Zechinen die Sache mit dem Koch in Ordnung gebracht. Ich gab ihm das Geld, indem ich ihm empfahl, in Zukunft nicht so vorschnell zu sein. Hierauf ging ich zu Rosalie, der ich ein großes Vergnügen machte, indem ich mich bei ihr zum Frühstück einlud. Nachdem wir gegessen hatten, bat ich sie, am nächsten Tage mit ihrem Mann und vier Personen ihrer Wahl bei mir zu speisen. »Von Ihnen wird die Entscheidung abhängen,« sagte ich »ob ich den Koch in meine Dienste nehme; er liefert morgen sein Probestück.« Sie sagte zu und sprach hierauf den Wunsch aus, die Geschichte meiner Liebschaft mit ihrer schönen Landsmännin kennen zu lernen. »Ach, reizende Freundin, werden Sie mir Glauben schenken, wenn ich Ihnen sage, daß ich noch beim A-B-C stehe?« »Wenn Sie es mir sagen, glaube ich es, obgleich es mir unglaublich scheint.« »Trotzdem ist es vollkommen wahr; allerdings kenne ich sie erst seit sehr kurzer Zeit; außerdem will ich, wie Sie wissen, Liebesglück stets nur dem Gefühl verdanken. Liebe aus Gefälligkeit würde mich töten.« »Das begreife ich. Aber was hat sie Ihnen über mich gesagt?« Ich berichtete ihr nun Wort für Wort unser Gespräch vom vorigen Abend; sie freute sich sehr darüber und sagte: »Da Sie mit Ihrer neuen Nichte noch auf dem Fuße einer zartfühlenden Freundschaft stehen, so möchte ich Sie fragen, ob es Ihnen unlieb wäre, wenn der junge Mann, der gestern so aufmerksam gegen sie war, morgen als Gast zu Ihnen käme?« »Es interessiert mich sehr, zu erfahren, wer er ist.« »Er heißt N. und ist der einzige Sohn eines reichen Kaufmanns.« »Bringen Sie ihn unter allen Umständen mit!« In meiner Wohnung fand ich meine Nichte in ihrem Bett. Ich sagte ihr, daß ihre Landsmännin am nächsten Tage bei uns speisen würde, und beruhigte sie durch die Versicherung, Herr Petri werde nicht an ihren Vater schreiben, daß sie in Genua sei. Hierüber war sie sehr erfreut, denn die Befürchtung, daß ihr Vater ihren Aufenthalt erfahren könnte, hatte sie sehr gequält. Da ich zum Essen eingeladen war, sagte ich ihr, sie könne entweder bei Rosalie zu Abend speisen oder auch zu Hause bleiben, wenn sie dies lieber wolle. »Ich danke Ihnen, lieber Oheim, für Ihre großen Aufmerksamkeiten, die mich beschämen. Ich werde zu Rosalie gehen.« »Gut. Sind Sie mit Annina zufrieden?« »Da fällt mir etwas ein, lieber Oheim: sie sagte mir, sie habe die Nacht mit Ihnen verbracht und Sie seien ihr Liebhaber und gleichzeitig der ihrer Schwester gewesen.« »Das gebe ich zu; aber sie ist eine dumme Plaudertasche.« »Sie müssen ihr verzeihen. Sie hat mir gesagt, sie habe in das Opfer nur eingewilligt, nachdem Sie ihr versichert haben, daß ich wirklich Ihre Nichte sei. Übrigens fühle ich, daß sie mir die Sache nur aus Eitelkeit anvertraut hat und zugleich in der Hoffnung, sich dadurch bei mir in eine Art von Achtung zu setzen, denn sie hat es für selbstverständlich gehalten, daß ich ein junges Mädchen, das Sie lieben, achten werde.« »Viel lieber wäre es mir, Sie hätten das Recht, eifersüchtig auf sie zu sein! Aber das schwöre ich Ihnen: wenn Annina nicht ganz taktvoll und diensteifrig gegen Sie ist, so werde ich sie ohne die geringste Rücksicht auf meine Beziehungen zu ihr vor die Tür setzen; denn sie ist nur ein Notbehelf, dessen ich mich bediene, weil ich mich Ihnen gegenüber in einer so eigentümlichen Lage befinde. Sie, mein Fräulein, können mich nicht lieben, und ich habe nicht das Recht, mich hierüber zu beklagen; aber Sie sind keine Frau, die sich dazu herbeilassen könnte, die erniedrigende Rolle meiner gefälligen Beischläferin zu spielen.« Es war mir durchaus nicht unlieb, daß meine Nichte um das Verhältnis zwischen mir und Annina wußte; aber die Art, wie sie diese Tatsache aufnahm, ärgerte mich ziemlich. Es schien mir klar zu sein, daß sie keinen Gefallen an mir fand, und daß es ihr ganz angenehm war, wenn ihre Kammerzofe sie vor der Gefahr beschützte, der sie bei unseren täglichen, stundenlangen Zusammenkünften ausgesetzt war, denn sie mußte sich der Macht ihrer Reize wohl bewußt sein. Wir speisten selbzweit und erhielten von der Geschicklichkeit meines neuen Kochs einen guten Vorbegriff. Herr Petri hatte mir versprochen, mir einen tadellosen Lakaien zu besorgen. Dieser stellte sich vor, als wir mit dem Essen so ziemlich fertig waren, und ich machte meiner Nichte ein Geschenk, indem ich den jungen Mann zu ihrer besonderen Bedienung annahm. Wir machten eine Spazierfahrt, und ich brachte meine Nichte zu Rosalie, bei der sie blieb. Ich selber fuhr zu Signora Isolabella, bei der ich eine zahlreiche und glänzende Gesellschaft fand: der vornehmste Adel Genuas war in ihren Sälen versammelt. Zu jener Zeit schwärmten die Damen der großen Gesellschaft für das Biribi, ein wahres Gaunerspiel; die Herren, die ihnen gefallen wollten, mußten es ihnen natürlich nachtun. Dieses Spiel war in Genua streng verboten und darum natürlich um so mehr beliebt. Das Verbot konnte sich jedoch nicht auf Privatgesellschaften erstrecken, denn die Vorgänge im Innern vornehmer Häuser unterstehen nicht der Macht der Regierung. Um es kurz zu machen: ich fand bei der Signora Isolabella ein Biribispiel in vollem Gange. Die Spieler, die die Bank hielten, gingen von Haus zu Haus, wenn man sie bestellte; die Liebhaber des Spieles erhielten Bescheid und fanden sich pünktlich ein. Obgleich ich gegen dieses Spiel eine Abneigung habe, wollte ich mich doch nicht ausschließen und beteiligte mich daher wie die anderen. Im Spielsaal befand sich ein Bildnis der Dame des Hauses im Kostüm einer Harlequine; eine Laune des Zufalls wollte es, daß auf dem Tableau des Biribi ein ähnliches Bild war. Aus einem sehr natürlichen Antrieb von Galanterie wählte ich dieses Feld und spielte auf keinem anderen. Ich setzte jedesmal eine Zechine; das Tableau hatte sechsunddreißig Felder und man bezahlte dem Gewinner den zweiunddreißigfachen Einsatz, was für den Bankhalter einen ungeheuren Vorteil bedeutete. Jeder Spieler zog drei Nummern hintereinander. Das Biribi wurde von drei Personen gehalten: der eine ging mit dem Sack rum, der zweite zahlte aus, und der dritte überwachte das Tableau und strich sorgsam alle verlorenen Sätze ein, sobald bekannt war, welches Feld gewonnen hatte. Die Bank war ungefähr zweitausend Zechinen stark. Der Tisch, ein schöner Teppich und vier silberne Leuchter gehörten den Spielhaltern. Ich saß zur Linken der Signora Isolabella, bei der das Spiel begann, und da wir fünfzehn oder sechzehn Spieler waren, hatte ich etwa fünfzig Zechinen verloren, als ich an die Reihe kam; denn meine Harlequine war nicht ein einziges Mal herausgekommen. Jeder bedauerte mich oder tat wenigstens so; denn beim Spiel erstickt für gewöhnlich der Egoismus jedes andere Gefühl. Als ich an die Reihe kam, zog ich meine Harlequine und erhielt zweiunddreißig Zechinen. Ich lasse diese auf derselben Figur stehen, gewinne und erhalte tausend Zechinen. Von diesen lasse ich fünfzig stehen, und die Harlequine kommt zum dritten Male heraus. Da das ganze Geld der Bank nicht ausreicht, so gehören mir Tisch, Teppich, Spieltableau, Leuchter und Biribi, und ich bemächtige mich meines Eigentums. Alle Welt beglückwünscht mich. Die ausgebeutelten Gauner werden ausgelacht, ausgepfiffen und hinausgeworfen. Als dann aber der erste Rausch der Begeisterung sich gelegt hatte, sah ich die Damen betrübte Gesichter machen; denn da das Spiel zu Ende war, so wußten sie nicht, was sie anfangen sollten. Um sie zu trösten und wieder aufzuheitern, erklärte ich ihnen, ich würde die Bank übernehmen, aber bei gleichem Spiel, und würde daher für die gewinnenden Figuren den sechsunddreißigfachen Einsatz auszahlen statt des zweiunddreißigfachen. Man fand mich reizend, und ich amüsierte die ganze Gesellschaft bis zum Abendessen, ohne etwas zu verlieren oder zu gewinnen. Als das Spiel zu Ende war, bat ich die Dame des Hauses, die ganze Spieleinrichtung freundlichst annehmen zu wollen; dies war ein sehr hübsches Geschenk. Das Abendessen war sehr angenehm; mein Abenteuer bildete den hauptsächlichen Gegenstand der Unterhaltung. Beim Abschied bat ich Signora Isolabella und ihren Marchese, bei mir zu speisen; sie nahmen die Einladung sehr eifrig an. Hierauf holte ich meine Nichte ab, die mir sagte, sie habe einen köstlichen Abend verbracht. »Ein sehr liebenswürdiger junger Mann, den meine Freundin morgen zum Essen mitbringen wird, war außerordentlich zuvorkommend gegen mich.« »Ist das nicht derselbe, der sich gestern bei der Tafel fortwährend mit Ihnen beschäftigte?« »Ja, der ist es. Unter anderen schönen Dingen hat er mir auch gesagt, er wolle nach Marseille reisen, um meinen Vater kennen zu lernen und bei ihm um meine Hand anzuhalten, wenn ich damit einverstanden sei. Ich habe ihm nichts darauf geantwortet, aber ich habe bei mir selber gedacht: wenn der arme junge Mann sich diese Mühe macht, wird er angeführt sein.« »Warum denn?« »Weil er mich nicht sehen wird. Ein Kloster wird mein Asyl werden. Mein Vater ist voll von Güte und Zärtlichkeit: er wird mir vergeben, das weiß ich. Aber es ist meine Pflicht, mich selber zu bestrafen.« »Das ist ein sehr trauriger Gedanke, meine liebenswürdige Nichte. Ich hoffe. Sie werden ihn aufgeben. Sie haben alles, was nötig ist, um einen Mann zu beglücken, der Sie zu beglücken würdig ist und der dank seinem Vermögen so unabhängig ist, wie ein Mensch es nur sein kann. Je mehr ich über Sie nachdenke, desto mehr bin ich überzeugt, daß ich recht habe.« Wir sprachen nicht länger über diesen Gegenstand, denn sie war der Ruhe bedürftig. Annina kam herein, um sie auszukleiden, und ich bemerkte mit Vergnügen, wie gütig meine Nichte sie behandelte; ebensowenig entging mir jedoch, mit welcher Gleichgültigkeit die Zofe ihre Herrin bediente. Als sie daher zu mir kam und sich in mein Bett legte, machte ich ihr freundliche Vorstellungen darüber, und ersuchte sie, ihren Pflichten besser nachzukommen. Anstatt mir durch Liebkosungen zu antworten, wie sie hätte tun sollen, begann Annina zu weinen. »Mein liebes Kind, deine Tränen langweilen mich; ich lasse dich nur kommen, um fröhlich mit dir zu sein, und wenn du mich traurig machen willst, schicke ich dich fort.« Trotzig und empfindlich, wie alle dummen Mädchen bei solchen Anlässen es sind, stand die Kleine auf und ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen. In verdrießlicher Stimmung schlief ich ein. Am nächsten Morgen sagte ich ihr im Tone des Herrn, sie habe mir einen häßlichen Streich gespielt, und wenn das noch einmal vorkäme, würde ich sie entlassen. Anstatt den Versuch zu machen, mich durch Liebkosungen zu beschwichtigen, fing die kleine Rebellin herzbrechend zu weinen an. Hierüber ärgerlich, schob ich sie zur Tür hinaus; dann begann ich das am vorigen Abend gewonnene Geld zu zählen. Ich dachte schon nicht mehr an Annina, als meine Nichte mit freundlichem Gesicht bei mir eintrat und mich sanft und gefühlvoll fragte, warum ich die arme Annina gekränkt habe. »Meine liebe Nichte, sagen Sie ihr, sie soll vernünftig sein und Sie gut bedienen; sonst würde ich sie zu ihrer Mutter zurückschicken!« Ohne mir zu antworten, nahm sie lachend eine Hand voll Silbermünzen und lief hinaus. Ich hatte keine Zeit, lange über dieses eigentümliche Benehmen nachzudenken, denn unmittelbar darauf trat Annina ein, ließ meine Taler in ihrer Schürze klimpern, küßte mich und versprach mir, sie wolle mich in ihrem ganzen Leben nicht wieder ärgern. So war der Charakter meiner neuen Nichte. Sie wußte, daß ich sie anbetete; sie liebte mich, wollte mich aber nicht zum Liebhaber haben und machte sich doch den Einfluß zunutze, den meine Leidenschaft ihr verlieh. Im Kodex der weiblichen Koketterie sind Fälle dieser Art sehr bekannt. Passano kam zu mir, ohne daß ich ihn hatte rufen lassen, und beglückwünschte mich zu meinem Siege vom Tage vorher. »Wer hat Ihnen das gesagt?« »Ich komme aus dem Kaffeehaus, wo alle Welt davon spricht. Es ist ein wunderbarer Sieg, denn die Biribanti sind abgebrühte Gauner. Das Abenteuer wird Aufsehen machen, denn man behauptet, Sie hätten unmöglich die Bank dieser Gauner sprengen können, ohne mit dem Mann, der den Sack hielt, im Einverständnis zu sein.« »Mein Lieber, Sie langweilen mich. Da, geben Sie dieses Goldstück Ihrer Frau und gehen Sie!« Das Goldstück, das ich ihm gab, war hundert Genueser Lire wert; die Regierung hatte diese Münze als ein bequemes Zahlungsmittel für den inneren Verkehr schlagen lassen; es gab in gleicher Prägung auch Stücke zu fünfzig und fünfundzwanzig Lire. Ich war noch immer damit beschäftigt, mein Gold und mein Silber zu zählen, als Clairmont mir ein Briefchen brachte. Es war eine zärtliche Einladung von Irena, die den Wunsch aussprach, ich möchte mit ihr frühstücken. Ich wußte nicht, daß sie in Genua war, und diese Neuigkeit machte mir viel Vergnügen. Ich schloß mein Geld ein, kleidete mich in aller Eile an und begab mich zu ihr. Ich fand sie in einer schön eingerichteten Wohnung, und ihr alter Vater, Graf Rinaldi, umarmte mich unter Freudentränen. Nach den ersten üblichen Komplimenten sprach der alte Herr mir seinen Glückwunsch zu meinem Gewinn aus. »Dreitausend Zechinen«, rief er aus, »sind ein schönes Stück Geld!« »Ganz gewiß.« »Das Spaßhafte dabei ist, daß der Mann, der den Sack hielt, ein Angestellter der beiden anderen war.« »Was finden Sie denn dabei spaßhaft?« »Daß er, ohne etwas zu riskieren, die Hälfte der Summe gewonnen hat; denn ohne diese Bedingung würde er sich wahrscheinlich nicht mit Ihnen eingelassen haben.« »Sie glauben also, daß wir unter einer Decke steckten?« »Das glaubt ein jeder, und es kann auch gar nicht anders sein. Der Kerl ist ein Spitzbube, der sein Glück gemacht hat, indem er andere Spitzbuben betrog. Alle Falschspieler von Genua zollen ihm Beifall und singen Ihr Lob!« »Sie feiern mich als einen noch größeren Spitzbuben?« »Diesen Namen gibt man Ihnen nicht – oh nein! Man bewundert Ihren großartigen Geist; man lobt Sie, beneidet Sie!« »Vielen Dank für ein solches Lob.« »Ich habe die Geschichte von einem Herrn, der beim Kampf zugegen war. Er sagt, das zweite und dritte Mal haben Sie dank der Beihilfe des Mannes, der den Sack hielt, die Kugel am Gefühl erkannt.« »Und Sie sind überzeugt, daß dies die Wahrheit ist?« »Fest überzeugt. Kein Ehrenmann hätte es an Ihrer Stelle anders gemacht. Doch rate ich Ihnen, sich bei der Zusammenkunft, die Sie mit Ihrem Manne haben werden, wohl in acht zu nehmen; denn Sie werden Spione auf Ihren Fersen haben. Wenn Sie wollen, stehe ich Ihnen zu Diensten.« Es gelang mir, mich selber zu beherrschen und nicht der Entrüstung nachzugeben, die eine solche Sprache in mir erregte. Ich bewahrte meine Kaltblütigkeit, nahm aber mit verächtlicher Miene, ohne ein Wort zu sagen, meinen Hut und ging. Irena wollte mir, wie einst in Mailand, den Ausgang verlegen; ich stieß sie jedoch hart zurück und verließ das Zimmer mit dem festen Entschluß, mich niemals wieder mit diesem elenden alten Grafen einzulassen. Die Verleumdung verletzte mich tief, obgleich ich recht gut wußte, daß sie mir nach der Denkweise oder, wenn man will, nach der Moral der Spieler viel Ehre machte. Nach dem, was Passano und Rinaldi mir gesagt hatten, konnte ich nicht daran zweifeln, daß die Geschichte allgemein bekannt war. Daß man daran glaubte, wunderte mich durchaus nicht. Ich hatte aber vollkommen ehrlich gehandelt, und ich konnte daher nicht zugeben, für einen Gauner gehalten zu werden, da ich mir doch meiner Ehrenhaftigkeit bewußt war. Ich hatte das Bedürfnis, mein Herz auszuschütten, und ging daher nach der Strada Balbi, um dem Marchese Grimaldi einen Besuch zu machen und mit ihm über die Angelegenheit zu sprechen. Der hohe Herr war nicht zu Hause; er war zu einer Sitzung in den Regierungspalast gegangen. Ich ließ mich dorthin führen, und sobald er von meiner Anwesenheit erfuhr, kam er in eine Art von Wartesaal, worin ich mich befand, und begrüßte mich auf das freundlichste. Als ich ihm erzählt hatte, was für eine Geschichte über mich im Umlauf wäre, sagte er: »Mein lieber Chevalier, Sie müssen darüber lachen und dürfen sich nicht einmal die Mühe machen, zu widersprechen.« »Sie raten mir also, zuzugestehen, daß ich ein Gauner bin?« »Nein; denn nur Dummköpfe werden Sie dafür halten. Verachten Sie diese, es sei denn, daß jemand es Ihnen ins Gesicht sagt.« »Ich möchte wohl den Patrizier kennen, der die Geschichte erzählt hat, und der dabei gewesen zu sein behauptet.« »Ich kenne ihn nicht. Er hat unrecht getan, es zu erzählen; aber Sie würden ebenfalls unrecht haben, wenn Sie versuchten, seinen Namen zu erfahren; denn ich bin fest überzeugt, er hat durchaus nicht die Absicht gehabt, Sie zu beleidigen. Er glaubte eben gar nichts Böses von Ihnen zu sagen.« »Ich bewundere solche Auffassung, aber sie verwirrt mich, denn ich begreife durchaus nicht, worauf sich eine solche Ansicht gründet. Nehmen wir, bitte, einmal an, die Sache wäre so, wie man sie erzählt, und sagen Sie mir, ob Sie glauben, daß sie mir Ehre machen würde?« »Weder Ehre noch Schande. So sind nun einmal unsere Sitten; so denkt man hier allgemein über die Glücksspiele. Man wird lachen, man wird Sie rühmen, ja man wird Sie sogar lieben; denn ein jeder wird sagen, er hätte es an Ihrer Stelle ebenso gemacht.« »Sie auch?« »Ja. Wäre ich gewiß gewesen, daß in der Kugel sich die Harlequine befand, so hätte ich gerade so, wie Sie es getan haben, die Bank gesprengt. Ich will Ihnen aufrichtig sagen: ich weiß nicht, ob Sie durch Glück oder durch Geschicklichkeit gewonnen haben; aber wenn ich ein Urteil fällen sollte, das auf Wahrscheinlichkeit gegründet wäre, so würde ich sagen, daß Sie die Kugel gekannt haben. Geben Sie zu, daß ich richtig denke!« »Ich gebe es zu, aber Ihre Anschauung ist trotzdem eine für mich entehrende Annahme; Sie werden daher Ihrerseits zugeben, daß alle diejenigen, die die Vermutung hegen, ich hätte durch Geschicklichkeit oder durch ein Einverständnis mit einem Spitzbuben gewonnen, mich beleidigen.« »Das kommt auf die Auffassung an. Ich gebe zu, daß sie Sie beleidigen, wenn Sie sich beleidigt fühlen; dies können sie jedoch nicht vermuten, und wenn sie keine Ahnung haben, daß solche Annahme Sie verletzt, und wenn sie durchaus nicht die Absicht haben, Sie zu verletzen, so kann keine Beleidigung vorliegen, übrigens verspreche ich Ihnen, daß Sie keinen Menschen finden werden, der so unvorsichtig wäre, Ihnen zu sagen, Sie hätten einen betrügerischen Gewinn gemacht. Aber sagen Sie mir, ob es möglich ist, irgendeinen Menschen zu verhindern, so zu denken?« »Gut. Mag man es denken, man hüte sich aber, es mir zu sagen!« Ich ging nach Hause. Ich war ärgerlich auf Grimaldi, auf Rinaldi, auf die ganze Welt und besonders auf mich selber: ich ärgerte mich, daß ich mich ärgerte, denn schließlich hätte ich einfach über die ganze Geschichte lachen können, da ich wußte, daß ich unschuldig war, und daß bei der Sittenverderbnis, die jedes Urteil beeinflußte, diese Geschichte, einerlei, ob sie wahr oder falsch war, meine Ehre nicht berühren konnte. Im Gegenteil, dieses Abenteuer brachte mich in den Ruf eines geistreichen Mannes in einem Sinne, der in Genua noch mehr als an jedem anderen Ort den unangenehmen Begriff veredelt, den die Jansenisten mit dem Worte Gauner verbinden. Schließlich überraschte ich mich selber bei dem Gedanken, daß ich mir gar kein Gewissen daraus gemacht hätte, die Biribibank zu sprengen, wenn der Mann mit dem Sack mir vorher einen derartigen Vorschlag gemacht hätte – wäre es auch nur gewesen, um eine liebenswürdige Gesellschaft lachen zu machen. Vielleicht ärgerte es mich bei der ganzen Geschichte am meisten, daß man mir eine Heldentat zuschrieb, deren Verdienst ich nicht beanspruchen konnte. Da es bald Zeit zum Mittagessen war, bemühte ich mich, meine schlechte Laune zu überwinden; denn ich hatte die Verpflichtung, für die Erheiterung der liebenswürdigen Gesellschaft zu sorgen, die ich bei mir sehen sollte. Meine Nichte erschien nur mit ihren Reizen geschmückt; denn sie hatte weder Perlen noch Brillanten, da ihr unglückseliger Croce alles verkauft hatte. Aber sie war elegant angezogen und sehr gut frisiert, und ihr prachtvolles Haar war kostbarer als ein Rubinschmuck. Einige Augenblicke später kam Rosalie; sie war reich geschmückt und noch sehr schön. In ihrer Begleitung kamen ihr Mann und dessen Oheim nebst seiner Frau, sowie zwei Freunde, von denen der eine der Anbeter meiner schönen Marseillerin war. Signora Isolabella und ihr unzertrennlicher Schatten, Marchese Grimaldi, kamen spät, wie es in der vornehmen Gesellschaft üblich ist. Gerade als wir uns zu Tische setzen wollten, meldete Clairmont mir, ein Mann möchte mit mir sprechen. »Lassen Sie ihn hereinkommen.« Kaum war er eingetreten, so rief Herr von Grimaldi: »Das ist ja der Mann mit dem Sack!« »Was wollen Sie von mir?« sagte ich kurz. »Mein Herr, ich möchte Sie um eine Unterstützung bitten. Ich bin Familienvater; man glaubt, ich ...« Ich ließ ihn nicht ausreden, sondern sagte: »Ich habe niemals einem Unglücklichen eine Unterstützung verweigert. Clairmont, geben Sie dem Mann zehn Zechinen. – Gehen Sie!« Dieser Vorfall war mir erwünscht; er trug dazu bei, mir meine gute Laune wiederzugeben. Wir setzten uns zu Tisch, und in demselben Augenblick übergab man mir einen Brief. Da ich Passanos Handschrift erkannte, so steckte ich ihn uneröffnet in die Tasche. Mein Mittagsmahl war glänzend und lecker. Mein Koch verdiente sich damit die Rittersporen. Signora Isolabella nahm zwar durch ihren hohen Rang und ihren glänzenden Schmuck den ersten Platz ein; sonst aber wurde sie durch meine beiden Nichten in den Schatten gestellt. Der junge Genueser bemühte sich auf das aufmerksamste um seine schöne Marseillerin; ich sah deutlich, daß sie nicht unempfindlich dagegen war; und erblickte darin ein gutes Zeichen. Ich wünschte aufrichtig, daß sie sich in irgend jemanden verlieben möchte; ich liebte sie sehr, und darum schmerzte mich ihr Gedanke, sich in einem Kloster begraben zu wollen. Sie konnte nur wieder glücklich werden, wenn sie den Unseligen vergaß, der sie an den Rand der Schande gebracht hatte. Als beim Essen meine Gäste einen Augenblick miteinander beschäftigt waren, wurde ich neugierig den Brief zu lesen, den Passano mir geschrieben hatte. Ich las folgendes: »Ich bin auf die Bank gegangen, um das Goldstück zu wechseln, das Sie mir gaben. Man hat es gewogen und festgestellt, daß zehn Karat am richtigen Gewicht fehlen. Man hat von mir verlangt, daß ich angeben solle, von wem ich die Münze erhalten habe; natürlich habe ich mich geweigert, diesem Verlangen zu entsprechen. Ich habe mich also ins Gefängnis bringen lassen, und wenn Sie nicht ein Mittel finden, mich daraus zu befreien, so wird man einen Kriminalprozeß gegen mich anstrengen; Sie begreifen jedoch, daß ich mich nicht hängen lassen darf.« Ich gab den Brief dem Marchese Grimaldi; als wir vom Tische aufgestanden waren, nahm er mich beiseite und sagte zu mir: »Das ist eine sehr üble Geschichte, denn sie muß den Menschen, der das Goldstück beschnitten hat, geraden Weges zum Galgen führen.« »Nun, so wird man eben die Biribi-Halter hängen. Es wird nicht eben Schade um sie sein.« »Dann wäre aber Signora Isolabella bloßgestellt, denn das Biribi ist streng verboten. Ich werde mit den Staatsinquisitoren sprechen; lassen Sie mich nur machen. Schreiben Sie Passano, er solle auch weiterhin schweigen, und versichern Sie ihm, daß Sie für alles aufkommen. Das Münzgesetz wird gerade in bezug auf diese Goldstücke strenge gehandhabt, weil die Regierung wünscht, daß diese Goldstücke in Ansehen bleiben; darum will sie die Münzenbeschneider durch ein strenges Beispiel erschrecken.« Nachdem ich Passano geschrieben hatte, ließ ich eine Wage kommen. Wir wogen alle Goldstücke, die ich im Biribi gewonnen hatte, und fanden, daß sie ohne Ausnahme beschnitten waren. Herr von Grimaldi übernahm es, sie zerschneiden zu lassen und an einen Goldschmied zu verkaufen. Als wir in den Saal zurückkehrten, fanden wir alle meine Gäste schon beim Kartenspielen. Herr von Grimaldi schlug mir eine Partie Quinze zu zweien vor. Dies ist ein unangenehmes Spiel, das mir stets mißfallen hat; ich war jedoch der Gastgeber und nahm daher aus Höflichkeit die Aufforderung an. In vier Stunden verlor ich fünfhundert Zechinen. Am nächsten Tage kam Grimaldi zu mir und sagte mir, Passano sei aus dem Gefängnis entlassen worden und man habe ihm den Wert des Goldstücks vergütet. Zugleich übergab er mir dreizehnhundert Zechinen, die er aus dem Verkauf meines Goldes gelöst hätte. Wir kamen überein, daß ich am nächsten Tage Signora Isolabella besuchen solle, und daß er mir dann Revanche im Quinze geben wolle. Ich war nach meiner Gewohnheit pünktlich zur Stelle und verlor dreitausend Zechinen; von diesen bezahlte ich ihm am nächsten Tage tausend, für die anderen zweitausend gab ich ihm Wechsel mit meinem Akzept. Als die Wechsel fällig waren, befand ich mich in England in mißlichen Vermögensumständen und mußte sie daher protestieren lassen. Als ich fünf Jahre später in Barcelona war, wurde Herr von Grimaldi durch einen Halunken angestiftet, mich in Schuldhaft nehmen zu lassen, obgleich er an meiner Ehrenhaftigkeit nicht zweifelte und überzeugt war, daß ich ihn nur aus Mangel an Mitteln nicht bezahlte. Er trieb sogar das Zartgefühl so weit, daß er mir einen sehr höflichen Brief schrieb, worin er mir den Namen meines Feindes mitteilte und mir versicherte, daß er niemals das Geringste unternehmen würde, um mich zur Zahlung zu zwingen. Dieser Feind war Passano, der damals sich in Barcelona aufhielt, ohne daß ich es wußte. Ich werde später darauf zu sprechen kommen; doch kann ich mir nicht versagen, schon hier eine traurige Beobachtung mitzuteilen – daß nämlich alle, die ich zur Beihilfe an dem tollen Betruge gegen Madame d'Urfé heranzog, mich verraten haben, mit Ausnahme einer jungen Venetianerin, die der Leser im nächsten Kapitel kennen lernen wird. Trotz meinen Verlusten lebte ich gut, und es fehlte mir nicht an Geld; denn schließlich hatte ich nur verloren, was ich im Biribi gewonnen hatte. Rosalie kam oftmals, entweder allein oder mit ihrem Gatten, zu mir zum Mittagessen, und ich speiste regelmäßig bei ihr zu Abend mit meiner Nichte, deren Liebschaft Fortschritte machte. Ich sagte ihr dieses, indem ich ihr Glück wünschte, aber sie behauptete stets, ein Kloster werde bald ihr Zufluchtsort sein; ihr Entschluß in dieser Hinsicht stehe unerschütterlich fest. Die Frauen begehen oft aus Starrsinn die widersinnigsten Handlungen; es kann wohl sein, daß sie sich selber einer Täuschung hingeben und ihre Irrtümer in gutem Glauben begehen. Wenn dann aber der Schleier zerreißt, sieht ihr Auge nur noch die Tiefe des Abgrundes, in den sie sich gestürzt haben, weil sie nicht auf die Ratschläge der Vernunft hörten. Unterdessen hatte meine Nichte eine freundschaftliche Zuneigung zu mir gefaßt, und seitdem ich Annina hatte, war ihr Vertrauen so erstarkt, daß sie sich oftmals morgens auf den Rand meines Bettes setzte, während die Kleine noch in meinen Armen lag. Ihre Gegenwart fachte meine Glut zu neuer Flamme an, und ich löschte diese mit der Blonden, während meine Blicke die Braune verschlangen. Dieser schienen unsere Liebkosungen Genuß zu bereiten, und ich las in ihren Augen, daß ihre Sinne ein süßes Martyrium erlitten. Da Annina sehr kurzsichtig war, so merkte sie nichts von meinen Zerstreuungen, und meine Nichte ließ sich zu leichten Liebkosungen herbei, da sie wußte, daß sie dadurch meinen Genuß vermehrte. Wenn sie mich für erschöpft hielt, bat sie Annina aufzustehen und sie mit mir allein zu lassen, da sie mir etwas zu sagen habe. Dann lachte und scherzte sie mit mir; obwohl sie ganz leicht gekleidet war, bildete sie sich ein, daß ihre Reize keine Macht über mich ausüben könnten, oder wenigstens nicht bis zu dem Grade, um mich für sie gefährlich zu machen. Sie täuschte sich; aber ich dachte natürlich nicht daran, ihr ihren Irrtum zu benehmen, weil ich befürchtete, dadurch ihr Vertrauen zu verlieren, übrigens bereitete ich durch diese Handlungsweise nur meinen Sieg vor, denn die Fortschritte, die ich in ihrer Freundschaft machte, gaben mir die Gewißheit, daß sie sich schließlich mir doch ergeben würde, wenn auch nicht während unseres Aufenthaltes in Genua, so doch auf der Reise, wo wir beständig in der größten Ungezwungenheit beisammen sein und in jenem süßen Müßiggange leben würden, dessen natürliche Folge die Selbstvergessenheit ist. Dann wird man müde, sich anzustrengen, zu denken, zu plaudern und sogar zu lachen. Die Bewegung der Reise, die ungewohnte Ernährung und die körperliche Nähe erhitzen das Blut; man läßt sich gehen und tut irgend etwas, gewissermaßen nur, um sich zu versichern, daß man noch am Leben ist, und weil man nicht so viel Tatkraft hat, Widerstand zu leisten. Wenn dann später die Überlegung hinzutritt, ist man gewöhnlich ganz froh, daß es so gekommen ist. Aber die Geschichte meiner Reise von Genua nach Marseille stand im großen Buche des Schicksals geschrieben, das ich nicht kennen konnte, da ich es niemals gelesen hatte. Ich wußte nur, daß ich abreisen mußte; denn Frau von Urfé erwartete mich in Marseille. An diese Reise knüpften sich entscheidende Kombinationen, von denen das Schicksal des allerhübschesten Geschöpfes abhängen sollte, einer Venetianerin, die mich nicht kannte, und von deren Existenz ich keine Ahnung hatte; trotzdem war ich vom Schicksal dazu bestimmt, das Werkzeug ihres Glückes zu sein. Das Geschick hatte mich augenscheinlich nur deshalb so lange in Genua zurückgehalten, um auf sie zu warten. Da ich meine Abreise auf den zweiten Ostertag festgesetzt hatte, so hatte ich noch sechs Tage vor mir. Ich rechnete mit dem Bankier ab, an den Greppi mich gewiesen hatte, und nahm einen Kreditbrief auf Marseille, obgleich es mir dort an Mitteln nicht fehlen konnte, weil ja meine Großschatzmeisterin, Frau von Urfé, da war. Ich verabschiedete mich bei Signora Isolabella und ihren Freunden, um meine ganze Zeit Rosalien und ihrer Familie widmen zu können. Viertes Kapitel Mein Bruder, der Abbate, und seine schändliche Handlungsweise. – Ich bemächtige mich seiner Geliebten. – Abreise von Genua. – Der Fürst von Monaco. – Sieg über meine Nichte. – Ankunft in Antibes. Am Mittwoch vor Ostern war ich gerade eben aufgestanden, als Clairmont mir meldete, ein fremder Priester, der seinen Namen nicht nennen wolle, wünsche mich zu sprechen. Ich ging in meiner Nachtmütze hinaus. Kaum sah mich der Abbate, so fiel der Bursche mir um den Hals und küßte mich, daß mir beinahe die Luft ausging. Diese Zärtlichkeit war mir unangenehm, und da ich ihn wegen der im Zimmer herrschenden Dunkelheit nicht sofort erkannte, nahm ich ihn am Arm und führte ihn an ein Fenster. Nun erkannte ich den jüngsten meiner Brüder, einen verkommenen Menschen, der mir stets zuwider gewesen war. Ich hatte ihn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, und er interessierte mich so wenig, daß ich mich nicht einmal in meinem Briefwechsel mit den Herren Bragadino, Dandolo und Barbaro nach ihm erkundigte. Nachdem er mit seinen dummen Umarmungen fertig war, fragte ich ihn kalt, welches Abenteuer ihn in dem kläglichen Zustande, worin ich ihn sähe, in schmutzstarrende Lumpen gehüllt, nach Genua geführt hätte. Der Bursche hatte weiter keine Vorzüge als seine neunundzwanzig Jahre, die frischesten Farben und prachtvolles Haar. Er war ein Nachgeborener, denn er war wie Mohammed drei Monate nach dem Tode seines Vaters zur Welt gekommen. »Wenn ich, lieber Bruder, dir meine ganze Leidensgeschichte erzählen soll, so wird dies lange dauern. Sei also so freundlich, in dein Zimmer zu gehen, laß uns dort Platz nehmen, und ich werde dir wahrheitsgetreu und ganz genau alles erzählen.« »Vor allen Dingen beantworte alle meine Fragen: seit wann bist du hier?« »Seit gestern Abend.« »Wer hat dir gesagt, daß ich hier bin?« »Graf B. hat es mir in Mailand gesagt.« »Wer hat dir gesagt, daß der Graf mich kennt?« »Der Zufall. Ich war vor einem Monat bei Herrn von Bragadino und sah auf dessen Schreibtisch einen offenen Brief, den der Graf an dich gerichtet hatte.« »Hast du ihm gesagt, daß du mein Bruder bist?« »Ich habe dies zugeben müssen, als er mir sagte, daß ich dir ähnlich sähe.« »Er hat dir die Unwahrheit gesagt, denn du bist ja nur ein plumpes Vieh.« »Ohne Zweifel hat er anders von mir gedacht als du, denn er hat mich zu Tisch eingeladen.« »In diesen Lumpen? Da hast du mir wirklich Ehre gemacht!« »Er hat mir vier Zechinen gegeben, mit deren Hilfe ich hierher gelangt bin. Ohne diese Beihilfe hätte ich niemals die Reise machen können.« »Er hat eine große Dummheit begangen. So bist du also nun ein Bettler, denn du hast ja um Almosen gebeten! Warum hast du Venedig verlassen? Was willst du von mir? Ich weiß nicht, was ich mit dir anfangen soll.« »Oh, ich bitte dich, bringe mich nicht zur Verzweiflung! Ich bin imstande, mir das Leben zu nehmen.« »Nur zu! Das wäre das beste, was du tun könntest. Aber du bist ja zu feige. Warum, frage ich dich, hast du Venedig verlassen, wo du von Messelesen und Predigen leben konntest, ohne zu betteln, wie so viele ehrenwerte Priester leben, die besser sind als du?« »Das ist eben der Hauptpunkt meiner Geschichte. Laß uns hineingehen!« »Oh nein! Warte hier auf mich! Wir wollen irgendwohin gehen, wo du mir erzählen kannst, was du willst, vorausgesetzt, daß ich Geduld habe, dich anzuhören. Unterdessen hüte dich wohl, meinen Leuten zu sagen, daß du mein Bruder bist; denn ich schäme mich, daß du zu mir gehörst. Also vorwärts, führe mich in deinen Gasthof!« »Ich möchte dich darauf aufmerksam machen, daß ich in meinem Gasthof nicht allein bin und daß ich unter vier Augen mit dir sprechen muß.« »Wer ist denn bei dir?« »Ich werde es dir sagen. Laß uns in ein Kaffeehaus gehen.« »Erst will ich wissen, ob du nicht etwa mit einer Diebesbande zusammen bist. Du seufzest?« »Ja, es ist für mich ein peinliches Geständnis – ich bin mit einer Frau zusammen.« »Mit einer Frau? Du, ein Priester?« »Verzeih mir! Von Liebe verblendet, von meinen Sinnen und von ihrer Schönheit verführt, habe ich auch sie verführt, indem ich ihr versprach, ich würde sie in Genf heiraten. Ganz sicherlich werde ich niemals wagen, nach Venedig zurückzukehren, denn ich habe sie aus ihrem Elternhause entführt.« »Was würdest du in Genf anfangen? Man würde dich nur drei Tage dulden und dann sofort ausweisen. Gehen wir in deinen Gasthof; erst will ich das Mädchen sehen, das du betrogen hast. Nachher kannst du unter vier Augen mit mir sprechen.« Ich begab mich nach dem Ort, den er mir bezeichnet hatte, und er mußte mir wohl oder übel folgen. Als wir in seinem Gasthof angekommen waren, lief er schnell vor mir her in den dritten Stock hinauf, wo ich in einem elenden Kämmerlein ein sehr junges Mädchen bemerkte. Sie war hochgewachsen, eine pikante schwarze Schönheit, von stolzer Miene und durchaus nicht verlegen. Sobald sie mich sah, rief sie, ohne mich zu grüßen: »Sind Sie der Bruder dieses Lügners, dieses Ungeheuers, das mich betrogen hat?« »Ja, mein schönes Fräulein, ich habe die eigentümliche Ehre.« »Eine schöne Ehre in der Tat! Nun, tun Sie doch ein gutes Werk und schicken Sie mich nach Venedig zurück; denn ich will nicht mehr bei diesem Spitzbuben bleiben, den ich unglücklicherweise in meiner Dummheit erhört habe, weil er mir mit seinen Märchen den Kopf verdrehte. Er behauptete, er würde Sie in Mailand finden; dort würden Sie ihm das nötige Geld geben, daß wir mit der Post nach Genf fahren könnten; denn dort behauptete er, könnten die Priester sich verheiraten, indem sie zum reformierten Glauben überträten. Er hat mir geschworen, Sie erwarteten ihn in Mailand. Sie waren jedoch nicht da. Er hat auf irgend eine Weise etwas Geld aufgetrieben und hat mich mit Ach und Krach hierhergebracht. Ich segne den Himmel, daß er Sie endlich gefunden hat; denn sonst wäre ich morgen zu Fuß fortgegangen und hätte mir unterwegs mein Brot erbettelt. Ich habe nichts mehr; denn der Unglückselige hat in Verona und Bergamo alle meine Sachen verkauft. Ich weiß nicht, wie ich in all diesem Elend meine Vernunft habe bewahren können. Wenn man ihn so sprechen hörte, war die Welt draußen vor Venedig ein Paradies. Aber ach, ich habe schon recht gut gemerkt, daß man es nirgends besser hat als zu Hause. Verflucht sei der Augenblick, wo ich diesen abscheulichen Menschen kennen gelernt habe. Er wollte seine Gattenrechte geltend machen, sobald wir in Padua angekommen waren, und ich bin sehr glücklich, daß ich ihm nichts bewilligt habe. Ich wollte erst einmal diese Genfer Heirat sehen, die er mir versprochen hat; sehen Sie, da ist das schriftliche Versprechen, das er mir gab. Sie können damit machen, was Sie wollen; aber wenn Sie ein gutes Herz haben, so schicken Sie mich nach Venedig; sonst werde ich gezwungen sein, zu Fuß dorthin zu gehen.« Ich hörte stehend diesen langen Herzenserguß an, ohne sie zu unterbrechen. Ich war so erstaunt, daß ich sie noch lange hätte fortreden lassen. Ihre Rede war infolge der Entrüstung, die sie erfüllte, zusammenhanglos, empfing jedoch einen hohen Grad von Beredsamkeit durch die Lebhaftigkeit ihres Mienenspiels und das Feuer ihrer Blicke. Mein Bruder saß auf einem Stuhl und hielt den Kopf zwischen beiden Händen. Dadurch, daß er, ohne ein Wort zu sagen, diese lange Litanei wohlverdienter Beleidigungen anhören mußte, bekam der Auftritt etwas ungeheuer Komisches. Trotzdem ging das Traurige des Falles mir sehr zu Herzen. Ich begriff sofort, daß ich für das junge Mädchen sorgen mußte, und daß es meine Pflicht war, unverzüglich ein so unpassendes Band zu lösen. Ich war überzeugt, daß ich leicht eine Gelegenheit finden würde, um sie auf schickliche Art in ihre Heimat zurückzusenden, die sie vielleicht niemals verlassen hätte, wenn sie nicht, durch die betrügerischen Versprechungen ihres Verführers betört, ein so hohes Vertrauen in mich gesetzt hätte. Der offene venetianische Charakter des jungen Mädchens machte auf mich noch höheren Eindruck als ihre Schönheit. Ihr Freimut, ihre edle Entrüstung, ihre freiwillige Umkehr vom bösen Wege, ihr Mut, kurz, ihr ganzes Wesen hatte mir eine Art von Achtung eingeflößt, die mir zurief, ich dürfe sie nicht verlassen. Ich konnte nicht an der Wahrheit ihrer Erzählung zweifeln, da mein Bruder durch sein Schweigen zugestand, daß er der wahre Schuldige war. Nachdem ich sie ziemlich lange schweigend angesehen hatte, war mein Entschluß gefaßt, und ich sagte zu ihr: »Ich verspreche Ihnen, mein Fräulein, Sie in Begleitung einer anständigen Frau mit der gewöhnlichen Post nach Venedig zurückzuschicken. Aber Ihre Rückkehr dorthin wird Sie unglücklich machen, wenn Sie etwa die Folgen Ihrer Liebe in Ihrem Schoß tragen sollten.« »Was für Folgen? Habe ich Ihnen nicht gesagt, er sollte mich in Genf heiraten?« »Schon recht; aber trotzdem.« »Ich verstehe Sie, mein Herr; aber in dieser Hinsicht bin ich sehr ruhig, denn glücklicherweise habe ich nicht den kleinsten Wunsch des schlechten Menschen erfüllt.« »Erinnere dich,« sagte der Abbate weinerlich zu ihr, »daß du mir geschworen hast, du wollest stets mein sein. Du hast diesen Eid vor einem Kruzifix ausgesprochen.« Er war bei diesen Worten aufgestanden und mit flehender Gebärde an das junge Mädchen herangetreten; sie aber blieb ganz kalt und gab ihm eine schallende Ohrfeige, sobald er sich ihr auf Armlänge genähert hatte. Ich dachte, es würde zu einem kleinen Kampfe kommen, den ich nicht verhindert haben würde; aber es geschah nichts. Der Abbate ging demütig und sanft ans Fenster, erhob seine Augen zum Himmel und weinte. »Sie sind ein kleiner Teufel, mein liebes Fräulein,« sagte ich zu ihr; »denn dieser arme Kerl ist nur darum unglücklich, weil Sie ihn verliebt gemacht haben.« »Wenn er in mich verliebt geworden ist, so habe ich keine Schuld daran, denn ich würde niemals an ihn gedacht haben, während er alles aufgeboten hat, um mir den Kopf zu verdrehen. Ich werde ihm nur verzeihen, wenn ich ihn nicht mehr sehe. Die Ohrfeige ist nicht die erste, die ich ihm gegeben habe: ich mußte schon in Padua meine Zuflucht dazu nehmen.« »Das ist richtig,« sagte der Dummkopf, »aber du bist exkommuniziert; denn ich bin Priester.« »Ich lache über die Exkommunikation eines solchen Banditen wie du bist, und wenn du noch ein Wort sagst, bekommst du noch viel mehr Ohrfeigen.« »Beruhigen Sie sich, mein Kind,« sagte ich zu ihr; »ich sehe, Sie haben guten Grund, aufgebracht zu sein; aber Sie brauchen ihn nicht mehr zu ohrfeigen. Nehmen Sie Ihre Sachen und folgen Sie mir.« »Wohin bringst du sie?« rief der dumme Mensch. »Zu mir. Du aber schweige! Da hast du zwanzig Zechinen; kaufe dir Kleider und Wäsche und bleibe zu Hause. Morgen werde ich hierher kommen und mit dir sprechen. Schenke die Lumpen, die du trägst, den Armen und danke dem Himmel dafür, daß du mich gefunden hast. – Sie, mein Fräulein, werde ich in einer Sänfte nach meiner Wohnung bringen lassen, denn man darf Sie in Genua nicht in meiner Gesellschaft sehen, zumal da man weiß, daß Sie mit einem Priester angekommen sind. Dieses Ärgernis muß in aller Stille beigelegt werden. Ich werde Sie meiner Wirtin in Obhut geben; nehmen Sie sich aber in acht und vertrauen Sie ihr kein Wort von dieser häßlichen Geschichte an. Ich werde Sie anständig kleiden lassen, und es soll Ihnen an nichts fehlen.« »Oh! Möge der Himmel Sie belohnen!« Mein Bruder war durch die zwanzig Zechinen wie versteinert und ließ uns gehen, ohne den geringsten Widerstand zu leisten. Ich ließ meine junge Venetianerin in einer Sänfte nach meiner Wohnung bringen, empfahl sie meiner Wirtin und bat diese, sie unverzüglich sehr sauber kleiden zu lassen. Ich konnte es kaum erwarten, zu sehen, was aus dem jungen Mädchen werden würde, dessen Vorzüge in den Lumpen nicht zur Geltung kamen. Ich sagte zu Annina, daß ein an mich empfohlenes Mädchen mit ihr zusammen essen und schlafen würde. Hierauf begann ich mich sorgfältig anzuziehen, da ich schöne und zahlreiche Gesellschaft empfangen sollte. Obgleich ich gegen meine Nichte keine Verpflichtungen hatte, lag mir doch viel an ihrer Achtung; ich glaubte ihr daher die ganze Geschichte erzählen zu müssen, damit sie nicht ungünstig von mir denken möchte. Dankbar für mein Vertrauen hörte sie mich aufmerksam an und sagte dann zu mir, sie wünsche sehr, das junge Mädchen zu sehen, ja sogar den Abbate, den sie, wenngleich schuldig, doch auch sehr bedauernswert fand. Ich hatte ihr für diese Gesellschaft ein herrliches Kleid machen lassen, worin sie zum Entzücken schön aussah. Ich fühlte mich glücklich, so oft ich etwas tun konnte, was ihr gefiel; denn ich bewunderte sie wegen ihres Benehmens mir gegenüber und wegen der Art und Weise, wie sie ihren Bewerber behandelte, der bereits ganz wahnsinnig in sie verliebt war. Sie traf ihn alle Tage entweder bei mir oder bei Rosalie. Der junge Herr war gut erzogen, aber er war Kaufmann, und so schrieb er ihr denn in kaufmännischem Stil: da sie nach Alter und Vermögensumständen zusammenpaßten, so könnte ihn nichts daran verhindern, nach Marseille zu gehen und dort um ihre Hand und ihr Herz zu werben, wenn nicht etwa eine Abneigung von ihrer Seite ein Hindernis bildete. Zum Schluß bat er sie um eine offene Erklärung. Als meine Nichte mir diesen Brief zeigte und mich um meinen Rat fragte, antwortete ich ihr: »Meinen Glückwunsch! An Ihrer Stelle würde ich eine solche Partie nicht verachten, vorausgesetzt natürlich, daß der Herr Ihnen gefällt.« »An ihm ist nichts, was mir nicht gefiele, und Rosalie ist derselben Meinung wie Sie.« »So sagen Sie ihm doch mündlich. Sie erwarten ihn in Marseille und er könne auf Ihre Einwilligung rechnen.« »Gut! Da Sie dieser Meinung sind, so werde ich es ihm morgen sagen.« Als wir von Tisch aufstanden, trieb mich ein neugieriger Wünsch, in das Zimmer meiner Nichte zu gehen, wo Annina und Marcolina speisten. So hieß meine Venetianerin. Ihr Anblick überraschte mich; denn an jedem anderen Ort würde ich sie nicht wieder erkannt haben, und zwar nicht so sehr deshalb, weil sie durch ein sehr hübsches Kleid verändert aussah, als wegen des Ausdruckes von Zufriedenheit, der auf ihrem Gesicht lag und eine ganz andere Person aus ihr gemacht hatte. An Stelle des Zornes – der immer häßlich macht – war die liebenswürdigste Fröhlichkeit getreten; eine Sanftmut, die von ihrer Zufriedenheit herrührte, gab ihrem schönen Gesicht einen Ausdruck verführerischer Liebe. Es erschien mir unmöglich, daß dieses entzückende Geschöpf dasselbe Mädchen sein sollte, das meinen Bruder, einen Priester, also einen Mann, der nach dem Volksglauben geheiligt war, so derbe behandelt hatte. Die beiden neuen Freundinnen aßen zusammen und lachten darüber, daß sie sich nicht verstanden. Marcolina sprach nur die hübsche venetianische Mundart und Annina nur die genuesische, die von der Weichheit und der reizvollen Anmut der ersteren so weit entfernt ist wie das Böhmische vom Plattdeutschen. Ich redete Marcolina in ihrer Mundart an, die auch die meiner Kindheit ist und die ich daher niemals vergessen habe. Sie antwortete mir: »Mir kommt es vor, wie wenn ich plötzlich von der Hölle ins Paradies versetzt wäre.« »Darum sehen Sie jetzt auch wie ein Engel aus!« »Und heute Morgen nannten Sie mich einen Teufel! Aber die da ist ein weißer Engel,« setzte sie hinzu, auf Annina deutend, »wie man in Venedig keinen kennt!« »Darum ist sie auch mein lieber Schatz.« Meine Nichte trat ein, und da sie mich in so guter Laune zwischen den beiden jungen Mädchen sitzen sah, setzte sie sich neben mich, um sich meine neue Erwerbung genau anzusehen. Sie sagte mir auf französisch, sie finde sie tadellos schön; nachdem sie dasselbe auf italienisch zu ihr gesagt hatte, gab sie ihr einen Kuß. Marcolina fragte sie nach ihrer venetianischen Art ohne alle Umstände, wer sie sei. »Ich bin die Nichte des Herrn, der mich jetzt zu meinem Vater nach Marseille begleitet.« »Dann wären Sie ja auch meine Nichte, wenn ich seine Schwägerin wäre. Wie glücklich wäre ich, eine so hübsche Nichte zu haben!« Dieser hübschen Antwort folgte eine Flut von Küssen, die mit einer Glut gegeben und empfangen wurden, welche man recht eigentlich venetianisch nennen könnte, wenn man nicht befürchten müßte, dadurch die feurigen Provencalinnen zu beleidigen. Ich machte mit meiner Nichte eine ziemlich lange Segelfahrt aufs Meer hinaus, und wir genossen zusammen einen jener köstlichen Abende, wie man sie, glaube ich, nur im Golf von Genua hat, wenn über den mondbeschienenen klaren Silberspiegel der See der Zephir die Düfte von den Orangen-, Zitronen- und Granatäpfelbäumen, von Aloe und Jasmin hinträgt. Wir blieben vernünftig, aber unsere Sinne waren zu wollüstigen Erregungen gestimmt, als wir in unsere Wohnung zurückkehrten. Da ich gegen meine schöne Begleiterin noch nichts zu unternehmen wagte, zugleich aber auch einer Ablenkung bedurfte, so fragte ich Annina, wo die Venetianerin sei. Sie antwortete mir, sie sei schon früh zu Bett gegangen. Leise trat ich in ihr Zimmer; doch hatte ich keine andere Absicht, als sie schlafend zu sehen. Der Kerzenschein erweckte sie; sie sah mich, war aber ob meiner Erscheinung nicht erschrocken. Ich setzte mich neben sie, sagte ihr allerlei Artigkeiten und schickte mich an, sie zu umarmen; da sie sich jedoch wehrte, so ließ ich sofort von ihr ab, und wir plauderten. Nachdem Annina ihre Herrin zu Bett gebracht hatte, trat sie bei uns ein und überraschte uns bei unserer Unterhaltung. Ich sagte zu ihr: »Geh zu Bett, Liebste; ich komme auch gleich.« Sie war ganz stolz darauf, daß die Venetianerin wußte, daß sie meine Odaliske war, gab mir einen Kuß und ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Ich brachte nun das Gespräch zunächst auf meinen Bruder, dann auf mich selber, sagte ihr, daß sie mir gleich beim ersten Anblick die lebhafteste Teilnahme eingeflößt habe, und daß ich bereit sei, alles Mögliche für sie zu tun, sei es, daß sie darauf bestehe, nach Venedig zurückzukehren, sei es, daß sie lieber mit mir nach Frankreich reisen wolle. »Werden Sie mich dort heiraten?« »Nein, ich bin schon verheiratet.« »Ich weiß, daß dies nicht wahr ist; aber es kommt wenig darauf an. Schicken Sie mich nach Venedig zurück, und zwar so bald wie möglich, wenn ich bitten darf: ich will keines Menschen Konkubine sein.« »Ich bewundere Ihre Gefühle, meine Liebe; ich finde Sie zum Entzücken!« Während ich sie lobte, wurde ich dringlich; doch wandte ich keine Gewalt an, sondern nur jene lebhaften und süßen Liebkosungen, gegen die ein Weib sich viel schwerer verteidigen kann als gegen einen gewaltsamen Angriff. Marcolina lachte; als sie aber sah, daß ich nicht abließ, obgleich sie mir alle Wege versperrte, schlüpfte sie plötzlich unten aus dem Bett, lief in das Zimmer meiner Nichte und schloß sich dort ein. Ihr geschickter Streich machte nur Spaß, denn sie hatte ihn ebenso anmutig wie gewandt ausgeführt; ich ging zu Bett, und Annina hatte sich nicht über die kurze Erregung zu beklagen, in die mich die von ihr wegen ihrer Flucht höchlich belobte Marcolina versetzt hatte. Am anderen Morgen stand ich frühzeitig auf und ging in das Zimmer meiner Nichte, um einen Augenblick über die Gesellschaft zu lachen, die ich ihr ohne Absicht verschafft hatte. Sie boten mir sogar einen noch scherzhafteren Anblick, als ich erwartet hatte. Als sie mich eintreten sah, sagte meine Nichte zu mir: »Lieber Oheim, wollen Sie wohl glauben, daß diese Spitzbübin von Venetianerin mich genotzüchtigt hat?« Marcolina verstand sie; aber weit entfernt, sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, begann sie ihr nun Zeichen von Zärtlichkeit zu geben, die von der anderen gerne angenommen wurden; an den Bewegungen der leichten Bettdecke, unter der sie lagen, konnte ich ohne Mühe er raten, von welcher Art diese Zärtlichkeiten waren. »Hören Sie,« sagte ich zu meiner Nichte, »das ist aber ein starker Angriff auf die Rücksichten, die Ihr Oheim bis jetzt auf Ihre Vorurteile genommen hat.« »Ach, diese Scherze unter zwei jungen Mädchen können einen Mann, der eben aus Anninas Armen kommt, doch wohl nicht in Versuchung führen.« »Sie irren sich und irren sich vielleicht mit Absicht; die Versuchung ist für mich außerordentlich groß.« Mit diesen Worten riß ich die Bettdecke herunter. Marcolina schrie laut auf, rührte sich aber nicht; die andere bat mich in gefühlvollem Tone, sie wieder zuzudecken. Aber das Gemälde, das ich vor meinen Augen hatte, war zu entzückend, als daß ich es hätte verschleiern mögen. Annina trat ein und breitete, den Befehlen ihrer Herrin gehorsam, die Bettdecke wieder über meine beiden Bacchantinnen und beraubte mich dadurch des schönen Anblicks. Ärgerlich hierüber packte ich Annina, warf sie auf das Bett und gab den beiden Freundinnen ein Schauspiel, das ihnen so interessant erschien, daß sie mit ihrem Spiel aufhörten, um dem meinigen zuzusehen. Als ich fertig war, rief Annina freudestrahlend, ich hätte recht gehabt, mich auf diese Weise für ihre Zimperlichkeit zu rächen. Zufrieden mit meiner Heldentat ging ich hinaus, um zu frühstücken; hierauf kleidete ich mich an und suchte meinen Bruder auf. »Wie befindet sich Marcolina?« fragte er mich, sobald er mich erblickte. »Gut; beunruhige dich ihretwegen nicht; sie hat gute Kleider, gutes Essen und gute Wohnung. Sie ist glücklich.« »Wohnt sie bei dir?« »Ja, sie schläft mit der Kammerzofe meiner Nichte zusammen.« »Ich wußte nicht, daß ich eine Nichte habe.« »Es gibt viele Dinge, die du nicht weißt. In drei oder vier Tagen wird Marcolina abreisen, um nach Venedig zurückzukehren.« »Ich hoffe, lieber Bruder, ich werde heute bei dir speisen.« »Nein, unter keinen Umständen, mein lieber Bruder! Ich verbiete dir, dich bei mir sehen zu lassen, denn deine Anwesenheit würde Marcolina verdrießen, und du darfst sie daher nicht wiedersehen.« »Oh! Ich werde sie wiedersehen; denn ich werde nach Venedig gehen, und müßte ich mich dort aufhängen lassen!« »Was hätte das für einen Zweck? Sie kann dich ja nicht ausstehen.« »Sie liebt mich!« »Sie haßt dich.« »Weil sie mich liebt. Sie wird sofort sanft wie ein Lamm werden, wenn sie mich so gut angezogen sieht. Du hast keine Ahnung, wie sehr ich leide!« »Ich kann es mir vorstellen, aber ich habe durchaus kein Mitleid mit deinem Leiden; denn du bist ein Frevler gegen Gott, ein Dummkopf und außerdem ein elender Barbar, denn du hast dich nicht gefürchtet, ein reizendes junges Mädchen, das glücklich zu sein verdient, der Schande und dem Elend auszusetzen, um eine erbärmliche Laune zu befriedigen, die deinem Gelübde und deinem Priesterstande widerspricht. Sage mir, Schurke, was hättest du gemacht, wenn ich dir den Rücken zugedreht hätte, anstatt dir zu Hilfe zu kommen?« »Dann hätte ich mit ihr an den Türen gebettelt.« »Sie hätte dich geprügelt und hätte sich vielleicht an die Behörden gewandt, um dich los zu werden.« »Aber was wirst du mit mir machen, wenn ich sie allein nach Venedig zurückreisen lasse?« »Ich werde dich mit mir nach Frankreich nehmen und versuchen, dich in den Dienst irgendeines Bischofs zu bringen.« »In den Dienst? Ich bin nicht dazu geboren, einem anderen zu dienen als Gott allein.« »Aufgeblasener Dummkopf! Marcolina hatte ganz recht, als sie gestern sagte, du sprächest gerade so, als wenn du predigtest. Wer ist dein Gott? Welchen Dienst leistest du ihm? Dummkopf oder Heuchler! Dienst du ihm, indem du ein anständiges Mädchen verführst und dem Elternhause abspenstig machst? Dienst du ihm, indem du deinen Stand entweihst, deine Religion verrätst, die du nicht einmal kennst? Unglücklicher Dummkopf, der du dir einbildest, du könntest ohne Talent, ohne alle theologischen Kenntnisse ein Diener des protestantischen Kultus werden? Du, der du nicht einmal richtig italienisch sprichst? Hüte dich, jemals meine Wohnung zu betreten; denn du würdest mich zwingen, dich aus Genua ausweisen zu lassen.« »Gut! Dann bringe mich nach Paris; dort werde ich zu meinem Bruder Francesco gehen, der nicht so hartherzig ist wie du.« »Schön! Du wirst nach Paris gehen, und in vier oder fünf Tagen reisen wir ab. Bleibe hier, iß und trink, geh aber nicht aus. Ich werde dir Bescheid geben. Ich reise mit meiner Nichte, meinem Sekretär und meinem Kammerdiener. Wir gehen auf dem Seewege.« »Ich werde aber seekrank.« »Das wird für dich eine Magenreinigung sein.« Ich ging nach Hause und teilte Marcolina meine Unterhaltung mit dem Abbate mit. »Ich verabscheue ihn,« sagte sie, »aber ich verzeihe ihm, da ich ihm das Glück verdanke, Sie kennen gelernt zu haben.« »Nun, meine reizende Landsmännin, so verzeihe ich ihm ebenfalls; denn ohne ihn hätte ich Sie vielleicht niemals kennen gelernt; aber ich liebe Sie, und ich fühle, daß ich an dieser Liebe sterben werde, wenn Sie nicht einwilligen, sie zu befriedigen.« »Niemals! Ich fühle, daß ich mich wahnsinnig in Sie verlieben würde, und wenn Sie mich dann verließen, würde ich unglücklich sein.« »Ich werde Sie niemals verlassen.« »Wenn Sie mir dies schwören wollen, können Sie mich mit nach Frankreich nehmen. Dort werde ich ganz und gar die Ihrige sein. Hier in Genua leben Sie nur mit Annina weiter! Übrigens bin ich in Ihre Nichte verliebt.« Das Scherzhafte an der Sache war, daß meine Nichte sich ebenso in sie verliebt hatte, und zwar so sehr, daß sie mich gebeten hatte, sie immer mit uns essen zu lassen und zu gestatten, daß sie alle Nächte bei ihr schlafe. Da ich bei ihren wollüstigen Tollheiten anwesend sein konnte, so hatte ich nichts dagegen einzuwenden, und wir aßen schon an demselben Tage zusammen. Wir hatten dies nicht zu bereuen, denn sie erzählte uns eine Menge Geschichten, über die wir uns halb tot lachten, und wir blieben daher so lange bei Tisch sitzen, bis wir zu Rosalien gehen mußten, wo wir sicher waren, den Anbeter meiner Nichte zu finden. Am nächsten Tage, Gründonnerstag, begleitete Rosalie uns, um die Prozessionen zu sehen. Ich führte an meinen Armen Rosalie und Marcolina, die sich dicht in ihren Mezzaro gehüllt hatten, meine Nichte aber ging am Arm ihres Anbeters. Als ich am nächsten Tage mit derselben Gesellschaft ausging, um die Prozession zu sehen, die man in Genua die Caracce nennt, machte Marcolina mich auf meinen Bruder aufmerksam, der nur von weitem um uns herumstrich, im übrigen aber so tat, als wenn er uns nicht sähe. Er hatte sich äußerst sorgfältig frisieren lassen, und der Geck schien davon überzeugt zu sein, daß er an diesem Tage Marcolina gefallen und daß sie bereuen würde, ihn verschmäht zu haben. Aber der arme Teufel mußte Folterqualen ausstehen, denn meine Venetianerin, die an den Cendal gewöhnt war, wußte den Mezzaro so gut und besser zu handhaben als eine Genueserin; so wurde er gesehen und gefoppt, konnte aber niemals sicher sein, daß seine Grausame ihn gesehen hatte. Außerdem brachte die Schelmin ihn noch dadurch zur Verzweiflung, daß sie sich ganz innig an meinen Arm anschmiegte. Er mußte daher glauben, daß wir bereits auf dem allervertrautesten Fuße ständen. Meine Nichte und Marcolina glaubten, die besten Freundinnen von der Welt zu sein, und konnten es gar nicht vertragen, wenn ich zu ihnen sagte, daß nur ihre Liebesscherze die Ursache ihrer gegenseitigen Zuneigung seien. Um mir zu beweisen, daß ich mich irrte, versprachen sie mir, ihre Ergötzlichkeiten sollten mit unserer Abreise von Genua aufhören; ich sollte mit ihnen in der Feluke zusammenschlafen, die uns nach Antibes bringen würde, wo wir mindestens eine Nacht bleiben müßten; wir würden uns jedoch nicht entkleiden. Ich forderte sie auf, ihr Wort zu halten, und setzte unsere Abreise auf den nächsten Donnerstag fest. Nachdem ich befohlen hatte, die Feluke segelfertig zu machen, sagte ich meinem Bruder Bescheid, daß er sich am Hafen einzufinden hätte. Es war ein sehr schmerzlicher Augenblick, als ich meine kleine Annina ihrer Mutter übergab. Sie weinte so bitterlich, daß wir alle Tränen vergossen. Meine Nichte schenkte ihr ein schönes Kleid, und ich gab ihr dreißig Zechinen, indem ich ihr zugleich versprach, auf meiner Rückreise aus England wieder nach Genua zu kommen. Passano erhielt Bescheid, daß er sich mit dem Abbate auf der Feluke einzufinden habe; ich hatte in diese guten Mundvorrat für drei Tage bringen lassen. Der junge Kaufmann versprach meiner Nichte, in vierzehn Tagen nach Marseille zu kommen. Bei seiner Ankunft würde die Heirat bereits zwischen ihren Vätern abgeschlossen sein. Diese bevorstehende Heirat machte mir die allergrößte Freude, denn sie gab mir die Gewißheit, daß ihr Vater sie mit offenen Armen aufnehmen würde. Unsere Freunde verließen uns erst, als wir die Feluke bestiegen. Das Schiffchen hatte zwölf Ruderer und war sehr bequem eingerichtet. Es war mit zwei Steinböllern bewaffnet und hatte vierundzwanzig Gewehre an Bord, damit wir uns für alle Fälle gegen einen Korsaren verteidigen könnten. Clairmont hatte meinen Reisewagen und meine Koffer so geschickt benutzt, daß fünf darüber ausgebreitete Matratzen ein sehr bequemes Bett bildeten, so daß wir uns niederlegen und uns sogar in aller Bequemlichkeit ausziehen konnten; wir hatten gute Kopfkissen und einen reichlichen Vorrat von Decken. Ein großes Zeltdach von Sarsche bedeckte die ganze Barke, und zwei Laternen hingen an dem Pfosten, der das Zelt stützte. Als es Abend war, zündete Clairmont die Laternen an und trug unsere Mahlzeit auf. Da ich meinem Bruder gesagt hatte, daß ich ihn bei der ersten Dummheit ins Meer werfen würde, so erlaubte ich ihm und Passano, mit uns zu speisen. Zwischen meinen Nymphen auf den Matratzen sitzend, bediente ich freundlich meine Gäste, zunächst meine Nichte, dann die Venetianerin, hierauf meinen Bruder und endlich Passano. Ich hatte verboten, beim Essen Wasser zu trinken, und da die Speisen sehr lecker waren, so leerten wir ein jeder eine Flasche ausgezeichneten Burgunders. Als wir gespeist hatten, ruhten unsere Ruderer sich aus, obgleich der Wind sehr schwach war. Ich ließ die Laternen auslöschen, und meine beiden Freundinnen schliefen an meinen Seiten ein. Als mich die Morgenröte weckte, fand ich die beiden Engel schlafend in derselben Stellung, worin ich sie am Abend gesehen hatte. Leider konnte ich sie nicht mit meinen Küssen bedecken, denn die eine galt für meine Nichte, und die andere war eine Waise; es wäre unmenschlich gewesen, sie in Gegenwart meines unglücklichen Bruders, der sie anbetete, aber niemals auch nur die geringste Gunst von ihr erlangt hatte, als meine Geliebte zu behandeln. Von Kummer und Seekrankheit gequält lag er da; er würde die geringste Liebesbezeigung sofort erspäht haben. Ich wollte ein Ärgernis vermeiden und besaß daher die Kraft, mich mit dieser Augenweide zu begnügen, bis sie wie zwei Rosen erwachten. Als ich mich an der Betrachtung dieser beiden entzückenden Wesen gesättigt hatte, stand ich auf, um das Meer zu begrüßen. Ich sah, daß wir erst Finale gegenüber waren, und schalt den Schiffer tüchtig aus. Er behauptete, hinter Savona habe der Wind aufgehört, und alle Schiffsknechte bestätigten dies. »So hättet ihr rudern müssen; aber ihr wolltet natürlich lieber faulenzen.« »Wir fürchteten, Sie aufzuwecken. Sie werden morgen in Antibes sein.« Nachdem wir, um uns die Zeit zu vertreiben, gut gegessen hatten, bekamen wir Lust, in San Remo an Land zu gehen. Darüber freute sich die ganze Mannschaft. Wir landeten, und nachdem ich befohlen hatte, daß alle an Bord bleiben sollten, führte ich meine beiden Nymphen in den Gasthof, wo ich Kaffee bestellte. Ein Herr redete uns an und lud uns ein, wir möchten uns in seinem Hause ausruhen, wo wir uns mit dem Biribispiel unterhalten könnten. »Ich glaubte, dies Spiel sei in den genuesischen Staaten verboten?« Er antwortete nicht. Überzeugt, daß es die von mir ausgebeutelten Gauner waren, nahm ich die Einladung an. Meine Nichte hatte fünfzig Louis in ihrer Börse. Ich gab Marcolina fünfzehn. Bald waren wir in einem Saale, worin sich zahlreiche Gesellschaft befand. Man öffnete den Kreis, wir nahmen Platz, und ich erblickte die Gauner von Genua. Sobald sie mich sahen, wurden sie bleich und zitterten. Ich muß erwähnen, daß der Mann, der den Sack hielt, nicht mehr der arme Teufel war, der mir, ohne es zu wollen, so gute Dienste geleistet hatte. »Ich spiele die Harlequine«, sagte ich zu ihnen. »Die ist nicht mehr da.« »Wie stark ist die Bank?« »Sie sehen sie. Hier wird nur klein gespielt. Die zweihundert Louis, die hier liegen, sind hinreichend. Man kann so wenig setzen, wie man will, und der höchste Einsatz beträgt einen Louis.« »Gut; aber meine Louis sind vollwichtig.« »Ich glaube, die unsrigen sind es auch.« »Sind Sie dessen sicher?« »Nein.« »Dann werden wir nicht spielen«, sagte ich zum Wirt. »Sie haben recht. Man soll eine Wage bringen.« Der Bankhalter sagte nun, er würde nach der Beendigung des Spiels für jeden Louis, den man von ihm gewonnen hätte, vier Silbertaler zu sechs Lire geben. Damit war diese Frage erledigt. In einem Augenblick war das ganze Tableau mit Einsätzen bedeckt. Wir setzten alle je einen Louis. Ich verlor zwanzig und meine Nichte ebensoviel; Marcolina aber, die in ihrem ganzen Leben keine zwei Zechinen besessen hatte, gewann hundertundvierzig Louis. Sie spielte auf die Figur eines Abbate, der in zwanzig Ziehungen fünfmal herauskam. Man gab ihr einen Sack voll Sechsfrankentaler, und wir kehrten zu unserer Feluke zurück. Da wir Gegenwind hatten, mußten wir die ganze Nacht rudern. Das Meer war sehr bewegt, und ich beschloß daher um acht Uhr morgens, in Mentone Halt zu machen. Meine beiden schönen Freundinnen waren seekrank, desgleichen Passano und mein Bruder. Ich dagegen befand mich ausgezeichnet. Nachdem ich meine beiden Kranken in einen Gasthof geführt hatte, erlaubte ich auch Passano und dem Abbate an Land zu gehen, um sich zu erholen. Da der Wirt mir sagte, daß der Fürst und die Fürstin von Monaco in Mentone seien, so beschloß ich, ihnen einen Besuch zu machen. Vor dreizehn Jahren hatte ich ihn in Paris oft unterhalten und ihm die Langeweile vertrieben, indem ich mit ihm und seiner Geliebten Coraline zu Abend speiste. Der Fürst war es, der mich zu der abscheulichen Herzogin von Rufec geführt hatte. Damals war er noch nicht verheiratet. Nun fand ich ihn in seinem Fürstentum wieder, wo er mit seiner Gattin lebte, von der er bereits zwei Söhne hatte. Die Fürstin war eine geborene Marchesa Brignole, eine reiche Erbin, außerdem schön und besonders sehr liebenswürdig. Dies alles wußte ich vom Hörensagen. Ich war daher sehr neugierig, sie zu sehen. Ich begab mich zum Fürsten; man meldete mich, ließ mich ziemlich lange warten und führte mich endlich hinein. Ich redete ihn als Hoheit an, was ich in Paris niemals getan hatte; denn dort gab ihm kein Mensch seinen Titel. Er empfing mich höflich, aber mit jener Kälte, die einem genügend zu verstehen gibt, daß man nicht gern gesehen wird. Er sagte zu mir: »Ich kann mir denken, Sie haben hier wegen des schlechten Wetters Halt gemacht?« »Jawohl, mein Fürst, und wenn Eure Hoheit es mir gestatten, werde ich den ganzen Tag in Ihrer köstlichen Stadt verweilen« – (die durchaus nicht köstlich ist). »Ganz nach Ihrem Belieben. Da es der Fürstin wie auch mir hier besser gefällt als in Monaco, so bevorzugen wir den Aufenthalt in Mentone.« »Ich möchte den Wunsch aussprechen, daß Eure Hoheit mich der Fürstin vorzustellen geruhen.« Es stand ein Page in der Nähe, und ohne meinen Namen zu nennen, befahl er diesem, mich seiner Gemahlin vorzustellen. Der Page öffnete die Tür eines schönen Saales, sagte: »Da ist die Fürstin!« und ließ mich allein. Sie saß an ihrem Piano und sang eine Romanze. Als die Fürstin mich sah, stand sie auf und ging mir entgegen. Ich hätte mich selber vorstellen müssen, was unter derartigen Umständen immer unangenehm ist. Ohne Zweifel empfand die Fürstin dies, denn sie hatte ein sehr feines Schicklichkeitsgefühl. Sie tat daher, wie wenn sie der Vorstellung nicht bedürfte, und richtete an mich mit wohlwollender Liebenswürdigkeit die Phrasen, die im Katechismus des guten Tones unter dem Abschnitt Vorstellung stehen. Ich brachte sie nicht in die Verlegenheit, stecken zu bleiben, sondern erzählte ihr ungezwungen, aber im Tone eines großen Herrn, eine Menge angenehmer und scherzhafter Geschichten, ohne jedoch etwas von meinen beiden schönen Begleiterinnen zu sagen. Die Prinzessin war schön, liebenswürdig und hochbegabt. Ihre Mutter, die den Fürsten kannte und wohl wußte, daß ein solcher Mann sie nicht glücklich machen konnte, widersetzte sich dieser Verbindung; die junge Marchesa war aber wie verzaubert, und die Mutter mußte nachgeben, als die Tochter zu ihr sagte: »O Monaco, o Monaco – entweder bekomme ich den Monaco oder ich werde Nonne.« Während wir die nichtigen Phrasen einer inhaltlosen Unterhaltung wechselten, kam der Fürst hinein. Er verfolgte eine von ihren Kammerzofen, die lachend vor ihm davonlief. Die Fürstin tat, wie wenn sie nichts sähe, und sprach ruhig ihren Satz zu Ende. Der Auftritt, mißfiel mir, und ich verabschiedete mich daher von der Fürstin, die mir gute Reise wünschte. Der Fürst, dem ich beim Hinausgehen begegnete, lud mich ein, ihn zu besuchen, so oft ich durch Mentone käme. »Ich werde nicht verfehlen«, antwortete ich, und damit drückte ich mich, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Ich ging in den Gasthof zurück und bestellte ein gutes Mittagessen für drei. Im Fürstentum Monaco lag eine französische Besatzung; für die Einräumung dieses Rechtes erhielt der Fürst ein Jahrgeld von hunderttausend Franken, und diese Besatzung verlieh ihm ein Relief, dessen er sehr stark bedurfte. Ein junger Offizier, geschniegelt und gebügelt und auf zwanzig Schritte nach Moschus duftend, ging an unserm Zimmer vorbei, dessen Tür offen stand. Er blieb stehen und fragte uns mit einer unverschämten Höflichkeit, die eine abschlägige Antwort für unmöglich zu halten schien: ob wir ihm wohl erlauben wollten, seine gute Laune mit der unsrigen zu vereinigen. Ich antwortete ihm mit sehr kühler Höflichkeit, er würde uns eine große Ehre erweisen – eine herkömmliche Redensart, die weder ja noch nein besagt; aber ein Franzos, der einmal den ersten Schritt getan hat, läßt sich nicht leicht aus der Fassung bringen und weicht niemals zurück, einerlei ob es sich um eine Heldentat oder eine Dummheit handelt. Nachdem er seine ganze Anmut vor meinen beiden Schönen entfaltet und tausend nichtssagende Redensarten an sie gerichtet hatte, ohne ihnen jemals Zeit zum Antworten zu lassen, wandte er sich zu mir und sagte: er wisse, daß ich mit dem Fürsten gesprochen habe, und sei erstaunt, daß dieser mich nicht nebst meinen schönen Damen zum Mittagessen eingeladen habe. Ich glaubte ihm antworten zu müssen, daß ich dem Fürsten von meinem schönen Schatze nichts gesagt hätte. Kaum hatte ich diese Worte hervorgebracht, so sprang der liebenswürdige Hasenfuß voller Begeisterung auf und rief: »Ja, zum Donnerwetter, dann wundere ich mich nicht mehr. Ich eile zu Seiner Hoheit, um ihm Meldung davon zu machen, und werde bald die Ehre haben, mit Ihnen im Schloß zu speisen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er davon. Wir lachten über das Ungestüm des Brausekopfs, da wir fest überzeugt waren, daß wir weder mit ihm noch mit dem Fürsten speisen würden. Aber es dauerte keine Viertelstunde, da sahen wir ihn freudestrahlend zurückkehren! Mit triumphierender Miene lud er uns im Auftrag des Fürsten ein, im Schloß zu speisen. Ich antwortete ihm: »Ich bitte Sie, Seiner Hoheit in unserem Namen zu danken und uns zugleich zu entschuldigen. Da das Wetter schön geworden ist, so will ich unter allen Umständen abreisen, sobald wir in aller Eile einen Bissen gegessen haben.« Unser junger Franzose bot seine ganze Redekunst auf, um uns zur Annahme der Einladung zu bewegen. Da ich jedoch unerbittlich blieb, so verließ er mich mit betrübtem Gesicht, um dem Fürsten unsere Antwort zu überbringen. Ich glaubte ihn nun los zu sein, aber ich hatte es mit einem zähen Willen zu tun: kurze Zeit darauf kam er wieder, wandte sich mit hochbefriedigter Miene zu meinen beiden Damen, wie wenn er mich überhaupt für nichts mehr rechnete, und sagte zu ihnen: »Ich habe dem Fürsten eine so wahrheitsgetreue Beschreibung von Ihren Vollkommenheiten gemacht, daß Seine Hoheit beschlossen hat, hier mit Ihnen zu speisen. Ich habe bereits befohlen, zwei Gedecke mehr aufzulegen, denn ich werde die Ehre haben, daran teilzunehmen. In einer Viertelstunde, meine Damen, wird der Fürst hier sein.« »Vortrefflich!« rief ich ohne Zögern; »aber um den Fürsten angemessen zu bewirten, muß ich schnell einmal auf meine Feluke gehen, um eine ausgezeichnete Pastete zu holen, die der Fürst, wie ich weiß, besonders gern ißt. Kommen Sie, meine jungen Damen!« »Sie können sie hierlassen, mein Herr; ich werde ihnen gute Gesellschaft leisten.« »Daran zweifle ich nicht im geringsten; aber die Damen haben ebenfalls etwas zu holen.« »Sie erlauben mir doch, mitzukommen?« »Oh, sehr gern!« Beim Hinausgehen war ich den anderen um etwa vier Schritte voraus; ich fragte den Wirt unbemerkt, wieviel ich ihm schuldig sei. »Nichts, mein Herr; soeben erhalte ich den Befehl, Sie aufs beste zu bedienen, aber keine Bezahlung zu nehmen.« »Das ist ja prächtig!« Während dieses kurzen Gespräches waren meine Damen mit dem jungen Windbeutel vorausgegangen; ich beeilte mich, sie einzuholen, und reichte meiner Nichte den Arm. Sie lachte von ganzem Herzen darüber, daß der Offizier Marcolinen Komplimente machte, von denen sie kein Wort verstand; der Dummkopf konnte dies aber nicht bemerken, weil er wie eine Windmühle klapperte, ohne jemals auf eine Antwort zu warten. »Wir werden bei Tisch viel zu lachen haben,« sagte meine Nichte, zu mir; »aber was wollen wir denn in der Feluke?« »Abreisen! Still!« »Abreisen?« »Augenblicklich.« »Der Streich ist Goldes wert!« Wir besteigen die Feluke; der Offizier ist entzückt von meinem Reisewagen und fängt an, ihn sich anzusehen. Während er damit beschäftigt ist, sage ich meiner Nichte, sie solle ihn unterhalten, und befehle sodann mit leiser Stimme dem Schiffer, augenblicklich abzufahren. »Augenblicklich?« »Jawohl, noch in dieser Minute.« »Aber der Herr Abbate und Ihr Sekretär sind spazieren gegangen, und von meinen Ruderknechten sind ebenfalls zwei am Lande.« »Das macht nichts; sie werden auf dem Landwege nach Antibes gehen und uns dort finden; es sind ja nur zehn Wegstunden, und sie haben Geld. Ich will abreisen und zwar sofort. Machen Sie schnell, ich habe es eilig!« »Das genügt.« Er löst die Kette, die die Feluke festhält, und diese entfernt sich vom Ufer. Der Offizier bemerkt es und fragt mich ganz verblüfft, was das zu bedeuten habe. »Das bedeutet, daß ich nach Antibes fahre, wohin ich Sie mit dem größten Vergnügen gratis mitnehme.« »Das ist ein Scherz von der allerschönsten Sorte! Denn Sie scherzen doch nur!« »Nein, allen Ernstes, Ihre Gesellschaft wird uns sehr angenehm sein.« »Donnerwetter! Setzen Sie mich doch an Land; denn – ich bitte um Verzeihung, meine schönen Damen – ich habe keine Zeit, nach Antibes zu fahren. Ein anderes Mal gern!« »Setze den Herrn an Land!« sage ich zum Schiffer; »unsere Gesellschaft scheint dem Herrn nicht zu gefallen.« »Aber im Gegenteil! Ihre Damen sind reizend; aber Sie begreifen doch, der Fürst würde mir mit Recht zürnen, denn er würde glauben, ich wäre mit Ihnen im Einverständnis, um ihm diesen Streich zu spielen, der ihm, wie Sie zugeben werden, nicht gleichgültig sein kann.« »Ich spiele niemals Streiche, die einem gleichgültig sein können.« »Aber was wird der Fürst dazu sagen?« »Er mag sagen, was ihm gefällt, gerade wie ich tue, was mir gefällt.« »Nun, ich persönlich bin jedenfalls vollkommen gerechtfertigt. Leben Sie wohl, meine Damen! Leben Sie wohl, mein Herr!« »Leben Sie wohl, mein Herr; Sie können dem Fürsten meinen Dank sagen, daß er meine Zeche im Gasthof hat bezahlen lassen.« Marcolina verstand kein Wort von dem, was vorging, und konnte daher nicht lachen. Sie war ganz verdutzt, da sie nicht wußte, was sie davon halten sollte; meine Nichte aber wollte sich halbtot lachen, denn nichts war komischer als die Art und Weise, wie der arme Offizier die Sache aufgefaßt hatte. Clairmont setzte uns ein Essen vor, wie wir es nur wünschen konnten, und niemals ist eine Mahlzeit fröhlicher gewesen, denn wir hatten unaufhörlich über den Vorfall und alle Einzelheiten desselben zu lachen, nicht zum wenigsten auch über das Erstaunen, in das Passano und mein dummer Bruder geraten mußten, wenn sie am Hafen ankamen und uns nicht mehr fanden, übrigens war ich sicher, daß ich sie schon am nächsten Tage in Antibes wiedersehen würde; wir selber kamen dort am Abend um sechs Uhr an. Die See hatte uns an diesem Tage müde, aber nicht krank gemacht; die herbe Seeluft hatte unseren Appetit gestärkt; wir taten daher dem Abendessen alle Ehre an und brachten reichliche Trankopfer. Marcolina, deren Magen durch die Bewegung der Wellen etwas geschwächt war, verspürte bald die Wirkungen des Burgunders. Die Augen wurden ihr schwer, und sie legte sich schlafen. Meine Nichte wollte ihrem Beispiel folgen, aber ich erinnerte sie voller Zärtlichkeit daran, daß wir endlich in Antibes seien, und daß ich mich der Hoffnung hingebe, sie werde ihr Wort nicht brechen. Sie reichte mir wortlos die Hand, indem sie mit zärtlicher und bescheidener Miene die Augen niederschlug. Freudetrunken über eine Gefälligkeit, die der Liebe so ähnlich sah, legte ich mich an die Seite des entzückenden Mädchens und rief: »Endlich also ist der Augenblick meines Glückes da!« »Und des meinigen, geliebter Freund!« »Wie? Des deinigen? Hast du mich nicht beständig zurückgestoßen?« »Niemals! Ich liebte dich vom ersten Augenblick an und litt unter deiner Gleichgültigkeit.« »Aber wolltest du nicht die erste Nacht nach unserer Abreise von Mailand lieber allein sein, als sie mit mir verbringen?« »Konnte ich anders handeln, ohne mich der Gefahr auszusetzen, in deinen Augen für eine Person zu gelten, die keiner wahren Liebe fähig, sondern nur eine Sklavin ihrer Sinne wäre? Außerdem hättest du glauben können, ich gäbe mich dir zum Dank für deine Wohltaten hin. Dieses Gefühl der Dankbarkeit wäre zwar edel gewesen, aber es hätte die sanfte Hingebung der Liebe unmöglich gemacht. Du hättest mir sagen müssen, daß du mich liebtest, und hättest mich davon überzeugen müssen durch jene eifrige Dienstwilligkeit, die uns Frauen stets besiegt, wenn das Herz nur ein bißchen dabei beteiligt ist. Dadurch würdest du mich ermutigt haben, auch meinerseits dich zu überzeugen, daß ich dich liebte, und das hätte dir die Qual erspart, zu glauben, daß nur du allein verliebt seist. Ich meinerseits hätte nicht die Kränkung erlitten, mir einbilden zu müssen, daß du in meinen Armen nur Gefälligkeit zu finden glauben würdest. Ich weiß nicht, ob du mich am nächsten Morgen weniger würdest geliebt haben; aber ich weiß, du würdest mich nicht verachtet haben.« Meine Nichte hatte recht, und ich gab ihr das gern zu, indem ich mich zugleich zu rechtfertigen versuchte; denn sie sollte nicht den geringsten Zweifel darüber hegen, daß ich ihre Hingebung nicht als eine Vergeltung für meine Wohltaten betrachtete. Sie sollte fühlen, daß nach meiner Überzeugung sie wie ich nur vom Gefühl getrieben wurde. Wir verbrachten eine Nacht, die der Leser leichter ahnen und sich vorstellen, als ich sie beschreiben kann; wir fühlten uns beide gleich sehr beglückt durch unsere Genüsse und durch gegenseitige Seligkeit. Am Morgen sagte sie zu mir: ohne Zweifel sei es zu ihrem Besten, daß wir nicht mit diesem Ende begonnen hätten; denn sie fühle, daß sie sich niemals würde entschlossen haben, sich mit dem Genuesen zu verloben, obgleich er allem Anschein nach vom Schicksal dazu bestimmt sei, sie glücklich zu machen. Marcolina kam am Morgen zu uns, überschüttete uns mit tausend Liebkosungen und versprach uns, während der ganzen Reise allein zu schlafen. »Du bist also nicht eifersüchtig auf sie?« fragte ich sie. »Ich liebe ihr Glück wie mein eigenes, weil ich sie selber liebe, und weil ich weiß, daß sie dich glücklich macht.« Das Mädchen entwickelte sich von Tag zu Tag und wurde immer entzückender. Passano kam mit dem Abbate in dem Augenblick an, wo wir uns zu Tisch setzen wollten, und da meine Nichte zwei Gedecke mehr aufzulegen befahl, so erklärte ich mich damit einverstanden, daß sie mit uns speisten. Mein Bruder bot einen höchst kläglichen und zugleich lächerlichen Anblick. Da er nicht zu Fuß gehen konnte, hatte er ein Pferd genommen, welches vielleicht das erste war, das er in seinem ganzen Leben bestiegen hatte. »Ich habe eine zarte Haut,« sagte er; »es ist daher nicht zu verwundern, daß ich ganz zerschunden bin. Aber Gottes Wille geschehe. Ich glaube nicht, daß man ärgere Schmerzen erdulden kann, als ich sie während dieses entsetzlichen Rittes aushalten mußte. Mein Körper hat Schmerzen gelitten, noch mehr aber meine Seele!« Während er so sprach, warf er Marcolinen die kläglichsten Blicke zu; wir aber hielten uns die Seiten, um nicht laut herauszuplatzen. Meine Nichte konnte es schließlich nicht mehr aushalten und sagte zu ihm: »Wie leid Sie mir tun, lieber Onkel!« Er wurde rot, nannte sie liebe Nichte und fing an, ihr auf französisch ein herzlich dummes Kompliment zu machen. Ich sagte ihm, er solle schweigen und sich der französischen Sprache, die so leicht zu Mißverständnissen Anlaß gibt, nicht eher bedienen, als bis er sie verstehe und sie so spreche, daß man ihm nicht ins Gesicht lachen müsse. Übrigens sprach der Dichter Pogomas nicht besser als er. Da wir neugierig waren, was sich in Mentone nach unserer Abfahrt zugetragen hätte, so erzählte Passano uns folgendes: »Als wir von unserem Spaziergang zurückkamen, fanden wir zu unserer großen Überraschung die Feluke nicht mehr. Da ich wußte, daß Sie im Gasthof das Mittagessen bestellt hatten, so begaben wir uns dorthin; der Wirt konnte mir aber auch nichts weiter sagen, als daß er den Fürsten und einen jungen Offizier erwartete, die mit Ihnen speisen würden. Gerade in dem Augenblick, als ich ihm sagte, er würde vergeblich auf Sie warten, kam der Fürst und sagte voller Zorn zu ihm: da Sie abgereist seien, so könne er die Bezahlung von Ihnen eintreiben. ›Gnädiger Herr,‹ sagte der Wirt, ›der Herr, der abgereist ist, wollte bezahlen; ich habe mich jedoch nach Ihrem Befehl gerichtet und die Bezahlung zurückgewiesen, die ich daher von Eurer Hoheit erwarte.‹ Hierauf warf der Fürst ihm verdrießlich einen Louis zu und fragte uns, wer wir seien. Ich antwortete ihm: wir gehörten zu Ihrer Gesellschaft, und Sie hätten auch auf uns nicht gewartet, wodurch wir in große Verlegenheit geraten wären. ›Sie werden sich schon herausziehen,‹ sagte er zu mir; dann fing er an zu lachen und sagte, der Spaß sei sehr drollig. Endlich fragte er mich, wer die beiden jungen Damen wären, die Sie bei sich hätten. ›Die eine,‹ sagte ich zu ihm, ›ist seine Nichte; die andere kenne ich nicht.‹ Da nahm aber der Abbate das Wort und sagte, die andere sei seine Cuisine. Der Fürst erriet, daß er Cousine sagen wollte, und brach in ein lautes Gelächter aus, in das der junge Offizier aus vollem Halse einstimmte. ›Sie können ihn von mir grüßen,‹ sagte der Fürst, indem er sich zum Gehen wandte, ›und ihm sagen, ich würde ihn schon einmal irgendwie finden, und ich würde den bösen Streich nicht vergessen, den er mir gespielt hätte.‹ »Als er fort war, lachte der Wirt, da er ein anständiger Mann war, und ließ uns und den beiden Ruderknechten ein gutes Essen vorsetzen, indem er sagte: mit dem Louis des angeführten Fürsten sei alles bezahlt. Nachdem wir gut gegessen hatten, mieteten wir uns zwei Pferde. In Nizza übernachteten wir. Heute früh reisten wir weiter. Wir waren überzeugt, daß wir Sie hier wiederfinden würden.« Marcolina sagte kurz angebunden zum Abbate: wenn er sich in Marseille oder sonstwo einfallen lasse, sie seine Cousine zu nennen, so würde er es mit ihr zu tun bekommen; denn sie wollte weder für seine Cuisine noch für seine Cousine gelten. Ich riet ihm ebenfalls allen Ernstes, in Zukunft nicht mehr französisch zu sprechen, da die Gesellschaft, in der er sich befände, sich seiner Sprachfehler schämen müßte. Als ich Postpferde nach Fréjus bestellte, sah ich einen Mann erscheinen, der behauptete, er hätte von mir zehn Louis für die Aufbewahrung eines Wagens zu bekommen, den ich vor fast drei Jahren bei ihm eingestellt hätte. Dies war gewesen, als ich Rosalie von Marseille entführte. Ich mußte lachen, denn der Wagen war keine fünf Louis wert. Darum sagte ich zu dem Mann: »Mein guter Freund, ich schenke Euch das Möbel.« »Ich will von Ihnen nichts geschenkt haben, sondern verlange zehn Louis, die Sie mir schuldig sind.« »Die zehn Louis bekommt Ihr nicht. Geht zum Kuckuck!« »Das wollen wir sehen!« Er ging. Ich lasse die Pferde holen und will abfahren. Einige Augenblicke darauf überbringt ein Gerichtsbote mir auf Antrag meines Gläubigers eine Vorladung, vor dem Kommandanten zu erscheinen. Ich gehe mit ihm und finde einen einarmigen Herrn, der mich höflich ersucht, die vom Kläger verlangten zehn Louis zu zahlen und meinen Wagen an mich zu nehmen. Ich antwortete ihm: in meinem Vertrage sei bestimmt, daß ich monatlich sechs Franken zu bezahlen habe; es sei jedoch kein Termin für die Rückgabe vorgeschrieben und ich wolle meinen Wagen nicht auslösen. »Aber, mein Herr, wenn Sie nun den Wagen überhaupt nicht auslösen?« »Dann mag er in seinem Testament die Forderung seinen Erben hinterlassen.« »Ich glaube aber doch, er könnte Sie zwingen, entweder Ihren Wagen zu nehmen, oder Ihre Einwilligung zu geben, daß er diesen versteigert.« »Da haben Sie recht, mein Herr; diese Mühe will ich ihm ja aber gerade auf die vornehmste Art von der Welt ersparen, indem ich ihm den Wagen schenke.« »Dann ist die Sache erledigt. Guter Freund, der Wagen gehört Euch.« »Aber, Herr Kommandant, ich bitte um Verzeihung,« sagte der Kläger, »die Sache ist nicht erledigt; denn der Wagen ist keine zehn Louis wert, und ich verlange diesen Überschuß.« »Ihr habt unrecht, mein Freund. Ihnen, mein Herr, wünsche ich gute Reise und bitte Sie, verzeihen Sie der Unwissenheit dieser armen Leute, die das Recht nach ihren beschränkten Begriffen gebeugt sehen möchten.« Da ich mit allen diesen Scherereien viel Zeit verloren hatte, beschloß ich meine Abreise bis zum nächsten Tage zu verschieben. Mir fiel ein, daß ich für Passano und den Abbate einen Wagen brauchte, und da mir der dem Besitzer des Schuppens überlassene für meine Zwecke zu genügen schien, so ließ ich ihn durch meinen Sekretär kaufen, der ihn für vier Louis bekam. Der Wagen befand sich in einem schäbigen Zustande und mußte erst ausgebessert werden, um wenigstens bis Marseille zusammenzuhalten. Infolgedessen mußten wir noch bis zum nächsten Nachmittag in Antibes bleiben; aber diese Zeit war für das Vergnügen nicht verloren. Fünftes Kapitel Meine Ankunft in Marseille. – Frau von Urfé. – Meine Nichte wird von Frau Audibert freundlich aufgenommen. – Ich schaffe mir meinen Bruder und Passano vom Halse. – Regeneration. – Abreise der Frau von Urfé. – Marcolina bleibt mir treu. Meine Nichte, die meine Geliebte geworden war, wuchs mir jeden Tag mehr ans Herz, und ich dachte nicht ohne Grauen daran, daß Marseille das Grab unseres Glückes sein würde, ich meine: meiner Liebe. Da ich nun einmal nach Marseille mußte, so schob ich wenigstens den Augenblick der Ankunft so weit wie möglich hinaus, indem ich nur ganz kleine Tagereisen machte. Obgleich wir von Antibes nach Fréjus nicht einmal drei Stunden brauchten, fuhr ich doch nicht weiter. Nachdem ich Passano und meinem Bruder gesagt hatte, sie möchten sich’s für die Nacht nach ihrem Belieben bequem machen, bestellte ich für mich und meine beiden schönen Nymphen ein leckeres Abendessen und die besten Weine. Wir erhielten eine schlemmerhafte Mahlzeit, die wir bis Mitternacht zu verlängern wußten; hierauf legten wir uns zu Bett, und in den nächsten zwölf Stunden wurde der süßeste Schlummer nur durch die süßesten Wonnen der Liebe unterbrochen. Ebenso machte ich es in Luc, Brignoles und Aubagne, wo ich die sechste und letzte Nacht des Glückes verbrachte. Sofort nach unserer Ankunft in Marseille führte ich meine schöne Nichte zu Frau Audibert, während ich Passano und meinen Bruder in den Gasthof zu den »Dreizehn Kantonen« schickte. Ich befahl ihnen, das strengste Stillschweigen über meine Angelegenheiten zu beobachten, da ich nicht wollte, daß Frau von Urfé, die seit drei Wochen auf mich wartete, meine Ankunft von anderer Seite erführe als durch mich selber. Bei Frau Audibert hatte meine Nichte Croce kennen gelernt. Die Dame war ränkesüchtig und sehr klug; sie liebte meine Freundin schon seit ihrer Kindheit und hatte einigen Einfluß auf deren Familie; durch ihren Einfluß hoffte daher meine Nichte von ihrem Vater wieder zu Gnaden angenommen zu werden. Wir hatten vereinbart, daß ich meine Marseillerin und meine Venetianerin im Wagen lassen und allein zu Frau Audibert gehen sollte, die ich gelegentlich meiner letzten Durchreise kennen gelernt hatte. Ich sollte mit der Dame verabreden, auf welche Weise meine Nichte so lange untergebracht werden könnte, bis sie die nötigen Schritte zur Durchführung unseres Planes getan hätte. Frau Audibert hatte mich aus dem Wagen steigen sehen. Obwohl sie mich nicht erkannte, war sie doch neugierig, wer so mit der Post bei ihr vorführe; darum ging sie mir entgegen und empfing mich auf der Türschwelle. Nachdem ich mich ihr zu erkennen gegeben hatte, erklärte sie sich auf das freundlichste bereit, mir eine geheime Unterredung zu gewähren, und führte mich in ein Kabinett, wo wir allem Anschein nach ungestört sein mußten. Ich verlor keine Zeit mit langen Vorreden, sondern erzählte ihr geschwind die ganze Geschichte: wie das Unglück Croce gezwungen hätte, Fräulein Crosin in Stich zu lassen, wie ich das Glück gehabt hätte, ihr nützlich sein zu können, und wie endlich ein günstiger Zufall es gefügt hätte, daß sie unterwegs einen reichen und vornehmen Mann gefunden, der sich in sie verliebt hätte und vor Ablauf von vierzehn Tagen nach Marseille kommen würde, um bei ihrem Vater um ihre Hand anzuhalten. Zum Schluß wünschte ich mir Glück, daß es mir vergönnt sei, ihren Händen ein so liebenswürdiges Geschöpf anzuvertrauen, dessen Ritter ich gewesen sei. »Wo ist sie denn?« rief Frau Audibert. »Sie sitzt in meinem Wagen, dessen Vorhänge ich heruntergelassen habe.« »Holen Sie sie geschwind und überlassen Sie es mir, die ganze Geschichte in Ordnung zu bringen. Kein Mensch wird erfahren, daß sie bei mir ist, und ich bin glücklich, sie umarmen zu können.« Froher als ein König, wie das Sprichwort sagt, war ich mit einem Sprunge am Wagen. Nachdem ich ihr hübsches Gesicht mit der Kapuze ihres Mantels verhüllt hatte, führte ich meine Nichte ihrer Freundin in die Arme. Es war für mich eine köstliche Szene! Zärtliche Umarmungen, Küsse hin und her, Tränen des Glückes und der Reue. Ich aber vergoß Tränen der Rührung, der Befriedigung und des Bedauerns. Da Clairmont unterdessen das Gepäck meiner Nichte ins Haus gebracht hatte, so entfernte ich mich, indem ich ihr versprach, sie jeden Tag zu besuchen. Ich hatte noch eine andere, nicht weniger wichtige Angelegenheit zu erledigen: nämlich meine Venetianerin unterzubringen. Ich befahl den Postillonen, mich zu dem braven alten Manne zu führen, in dessen Hause ich so glückliche Stunden mit meiner Rosalie verlebt hatte. Marcolina weinte über die Trennung von ihrer Freundin. Ich ging zu dem guten Alten hinein und machte in aller Eile mit ihm einen Vertrag, wonach meine neue Eroberung wie eine Prinzessin wohnen, speisen und bedient werden sollte. Er zeigte mir die Zimmer, die er für sie frei hatte: sie waren einer kleinen Marquise würdig. Zugleich sagte er mir, er werde sie von seinen eigenen Nichten bedienen lassen, und außer mir werde kein Mensch zu ihr kommen. Nachdem dies alles nach meinem Wunsche abgemacht war, ließ ich meine schöne Venetianerin heraufkommen und übergab ihr die Wohnung. Auch händigte ich ihr ihr Geld ein, das ich in Gold umgewechselt und auf einen Betrag von tausend venetianischen Silberdukaten erhöht hatte. »Du wirst das Geld nicht brauchen,« sagte ich zu ihr, »aber hebe es dir sorgsam auf, denn in Venedig werden tausend Dukaten dir eine gewisse Bedeutung verleihen. Weine nicht, mein Engel! Ich lasse dir mein Herz, und morgen Abend werde ich mit dir speisen.« Nachdem der Alte mir einen Haustürschlüssel gegeben hatte, fuhr ich nach dem Gasthof zu den »Dreizehn Kantonen«. Dort wurde ich bereits erwartet, und meine Zimmer stießen unmittelbar an diejenigen der Frau Urfé. Sobald ich mich eingerichtet hatte, überbrachte Bourgnole mir die Komplimente ihrer Herrin und sagte mir, diese sei allein und erwarte voll Ungeduld den Augenblick, wo ich sie besuchen könnte. Ich werde meinen Lesern nicht die einzelnen Umstände dieser Zusammenkunft beschreiben, denn sie würden weiter nichts erfahren als die geistige Verwirrung dieser armen Frau, die bis zum Wahnsinn sich in die falscheste aller Doktrinen verrannt hatte; leider hüllte ich meinerseits sie in ein Gewebe von Lügen, die nicht einmal das Verdienst der Wahrscheinlichkeit hatten. Ich war in mein Wüstlingsleben versunken und liebte ein Dasein, wie ich es führte; darum machte ich mir den Wahnsinn der Frau zunutze, die sich doch nur bemüht hätte, sich von einem anderen betrügen zu lassen, wenn ich sie nicht betrogen hätte; denn im Grunde betrog sie doch nur ihr eigener Geist, da für sie ihr Irrtum gleichbedeutend war mit ihrem Leben. Ich gab mir selber den Vorzug, weil jeder Mensch bei der Wahl zwischen einem Unbekannten und sich selber doch nur sich selber vorzieht; außerdem aber auch, weil ich wußte, daß ich keinem Menschen unrecht tat, wenn ich mir die Verrücktheit dieser sehr reichen Dame zunutze machte, und schließlich, weil für mich der Vorteil außerordentlich groß war. Kaum erblickte sie mich, so fragte sie: »Wo ist Querilint?« Sie zitterte vor Freude, als ich ihr antwortete: »Er befindet sich mit uns unter einem Dache.« »So wird er mich in mir selber verjüngen! Mein Genius versichert es mir jede Nacht. Fragen Sie Paralis, ob die Geschenke, die ich für ihn vorbereitet habe, würdig sind, von Semiramis einem Haupte der Rosenkreuzer dargebracht zu werden?« Da ich nicht wußte, worin diese Geschenke bestanden, und da ich von ihr nicht verlangen konnte, sie mir zu zeigen, so antwortete ich ihr: bevor wir Paralis mit diesen Fragen beschäftigten, müßten die Geschenke in den Planetenstunden geweiht werden, die dem von uns vorzunehmenden Kultus angemessen wären, Querilint selber dürfe sie nicht sehen, bevor sie geweiht seien. Infolgedessen ließ sie mich in das Nebenzimmer eintreten, wo sie aus einem Schrank sieben Pakete hervorholte, die in Gestalt von Opfergaben an die Planeten für den Rosenkreuzer bestimmt waren. Jedes Paket enthielt sieben Pfund des Metalls, das dem betreffenden Planeten geweiht war, und sieben Edelsteine, die ebenfalls dem Planeten entsprachen, und die je sieben Karat wogen: es waren Diamanten, Rubinen, Smaragde, Saphire, Chrysolithe, Topase und Opale. Ich war fest entschlossen, es so einzurichten, daß der Genuese von allen diesen Sachen nichts in die Hände bekäme: darum sagte ich der Schwärmerin, wir müßten uns in bezug auf die Methode ganz und gar nach Paralis richten und die Weihung damit beginnen, daß jedes Paket in ein eigens dafür angelegtes Kästchen gelegt würde. Es könne täglich nur eines geweiht werden, und es müsse mit der Sonne angefangen werden. Da wir einen Freitag hatten, so mußten wir bis zum Sonntag warten, denn das ist der Tag, der der Sonne geweiht ist. Am Samstag ließ ich den Kasten anfertigen, der die sieben Kästchen enthielt. Um diese Weihungen vorzunehmen, verbrachte ich jeden Tag drei Stunden unter vier Augen mit Frau von Urfé. Der Kultus war daher erst am nächsten Samstag beendigt. Während dieser Woche ließ ich Passano und meinen Bruder mit Frau von Urfé und mir speisen. Mein Bruder verstand kein Wort von allem, was die gute Schwärmerin uns sagte; darum tat er den Mund nicht auf, so daß er für einen Stummen des Serails hätte gelten können. Frau von Urfé fand ihn blöd, bildete sich aber ein, wir wollten die Seele eines Sylphen in seinen Leib versetzen, um dadurch ein Geschöpf zu zeugen, dessen Natur zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen stehen würde. Als sie mir diese schöne Entdeckung ihrer Phantasie anvertraut hatte, sagte sie mir, sie würde mit der Operation einverstanden sein, aber unter der Bedingung, daß er nachher wie ein vernunftbegabtes Wesen aussähe. Es machte mir Spaß, zu sehen, wie mein Bruder darüber in Verzweiflung war, daß Frau von Urfé ihn für einen Idioten hielt, und daß er ihr doppelt idiotisch erschien, wenn er ausnahmsweise einmal etwas sagte, um ihr dadurch zu beweisen, daß er kein Idiot sei. Ich mußte innerlich darüber lachen; denn wenn ich ihn ausdrücklich gebeten hätte, diese Rolle zu spielen, so würde er sie schlecht gespielt haben. Indessen kam der Bursche dabei nicht zu kurz; denn die gute Marquise machte sich einen Spaß daraus, ihn mit dem ganzen bescheidenen Luxus zu kleiden, den ein Abbé aus einer der erlauchtesten Familien Frankreichs hätte entfalten können. Am unangenehmsten war das Zusammenspeisen mit Frau von Urfé dem Dichter Passano, der oft auf die erhabensten Fragen antworten mußte und zuweilen, wenn er keinen Ausweg aus dem Labyrinth wußte, beträchtlichen Unsinn redete. Da er sich nicht zu betrinken wagte, so gähnte er zuweilen und beobachtete nicht immer jenen höflichen Anstand, auf den man in Frankreich mehr Wert legt als in anderen Ländern. Frau von Urfé sagte mir, dem Orden müsse irgendein großes Unglück drohen, da der große Mann so zerstreut sei. Nachdem ich die Kiste zu Frau von Urfé hatte bringen lassen, traf ich mit ihr gemeinsam alle Vorbereitungen, um die Beschwörung der Planeten vorzunehmen. Ich ließ mir von meinem Orakel befehlen, sieben Nächte hintereinander auf dem Lande zuzubringen, mich jeden Umgangs mit einem sterblichen Weibe zu enthalten und jede Nacht zu der Stunde, die dem Monde geweiht ist, auf freiem Felde diesem Planeten einen Kultus darzubringen, um dadurch die Fähigkeit zu erlangen, selber ihre Regeneration vorzunehmen, falls Querilint aus göttlichen Gründen nicht imstande sein sollte, die Operation in eigener Person zu vollziehen. Infolge dieses Befehles konnte Frau von Urfé es nicht nur nicht übelnehmen, daß ich außer dem Hause schlief, sondern sie war mir sogar dankbar dafür, daß ich mir soviel Mühe gab, um ihrem Unternehmen einen glücklichen Ausgang zu sichern. Am Samstag, dem Tage nach meiner Ankunft in Marseille, ging ich zu Frau Audibert, wo ich zu meiner Freude sah, daß meine Nichte sehr befriedigt war von der Teilnahme, womit ihre Freundin sich ihrer Angelegenheit angenommen hatte. Sie hatte mit ihrem Vater gesprochen, und diesem gesagt, seine Tochter sei in ihrem Hause und hege den sehnlichsten Wunsch, seine Verzeihung zu erlangen, um in den Schoß ihrer Familie zurückzukehren und binnen kurzem die Gattin eines reichen Genuesen zu werden, der sie zur Ehre seines Hauses nur aus den Händen ihres Vaters empfangen wolle. Der wackere Mann war ganz glücklich, seine geliebte Tochter wiederzufinden und das verirrte Schaf zur Herde zurückzuführen; er hatte ihr geantwortet, er werde sie am übernächsten Tage selber abholen und zu einer seiner Schwestern bringen, die in Saint Louis, zwei kleine Stunden von Marseille, ein eigenes Haus bewohne. Wenn sie sich dort ruhig verhalte, könne sie die Ankunft ihres künftigen Gemahls abwarten, ohne irgendwelchen Anlaß zu Gerede zu geben. Meine Nichte war überrascht, daß ihr Vater noch keine Briefe von dem jungen Mann erhalten hatte, und ich glaubte an ihr ein Zeichen von jener gewissen Ängstlichkeit zu bemerken, die aus dem Zweifel erwächst. Ich bestärkte sie in ihren Hoffnungen und versprach ihr, Marseille nicht früher zu verlassen, als bis ich an ihrer Hochzeit teilgenommen hätte. Von ihr ging ich zu Marcolina. Es verlangte mich, das schöne Kind an mein Herz zu pressen. Sie empfing mich in einer Art von Freudentaumel. Sie sagte mir, sie würde sich ganz glücklich fühlen, wenn sie sich nur verständlich machen und wenn sie selber verstehen könnte, was ihre Aufwärterin zu ihr sagte. Ich sah wohl ein, daß diese Lage eine Qual war, besonders für ein Weib; aber ich sah für den Augenblick keine Abhilfe, denn ich hätte ihr eine italienisch sprechende Magd besorgen müssen, und deren Gegenwart wäre sehr lästig gewesen. Sie weinte Freudentränen, als ich ihr Grüße von meiner Nichte bestellte und ihr sagte, daß diese am nächsten Tage schon in den Armen ihres Vaters liegen werde. Daß sie nicht meine Nichte war, wußte sie schon, seitdem sie sie in meinen Armen gefunden hatte. Das lecker und fein zusammengestellte Abendessen, das der gute Alte uns besorgt hatte, bewies sein gutes Gedächtnis und rief auch mir die Erinnerung an Rosalie zurück. Marcolina hörte die Erzählung mit großem Vergnügen und sagte mir zum Schluß, ich scheine nur darum die Welt zu bereisen, um unglückliche junge Mädchen glücklich zu machen, vorausgesetzt, daß ich sie hübsch fände. »Ich möchte es selber fast glauben«, antwortete ich ihr; »jedenfalls ist es wahr, daß ich mehrere glücklich gemacht habe, und daß ich mir nicht vorzuwerfen habe, auch nur eine einzige unglücklich gemacht zu haben.« »Gott wird dich dafür belohnen, mein lieber Freund.« »Vielleicht lohnt sich dies bei mir nicht der Mühe.« Wenn Marcolina mich durch ihre Schönheit, ihren natürlichen Geist und ihre Liebenswürdigkeit entzückte, so gefiel sie mir nicht weniger wegen ihres ausgezeichneten Appetits; denn wie der Leser weiß, war der Appetit eines Weibes immer eine meiner Schwächen. Übrigens ist in der Provence und besonders in Marseille das Essen ganz ausgezeichnet, abgesehen vom Geflügel, das nichts taugt; allerdings muß man einen Geschmack für Knoblauch haben, denn dieses Gewürz wird an alles getan. Wenn man gerecht sein will, so muß man wirklich sagen, daß es, mit Maß angewandt, ein Reizmittel sondergleichen ist. Marcolina war reizend im Bett. Seit acht Jahren hatte ich nicht mehr so recht mit vollem Behagen die venetianischen Ausgelassenheiten genossen, und das Mädchen war ein Meisterwerk, vor welchem Prariteles auf die Knie gefallen wäre. Ich lachte über meinen tölpelhaften Bruder, mußte ihm aber zugleich verzeihen, daß er sich in sie verliebt hatte. Da ich sie nirgends hinführen konnte, aber doch den Wunsch hatte, daß sie sich amüsierte, so bat ich meinen gefälligen Alten, sie jeden Tag mit seiner Nichte in die Komödie gehen zu lassen und jeden Abend eine Mahlzeit für mich bereit zu halten. Ich kaufte ihr eine glänzende Ausrüstung an Kleidern, damit sie elegant auftreten könnte, und sie belohnte mich für diese Aufmerksamkeit mit verdoppelter Zärtlichkeit. Als ich ihr am nächsten Tage meinen zweiten Besuch machte, kam sie gerade aus dem Theater, als ich bei ihr eintraf; sie sagte mir, die Vorstellung habe sie sehr interessiert, obgleich sie kein Wort von dem Gesprochenen verstanden habe. Am Tage darauf überraschte sie mich sehr durch die Mitteilung, daß mein Bruder sich zu ihr in die Loge gesetzt und so viele unverschämte Bemerkungen gemacht habe, daß sie ihn würde geohrfeigt haben, wenn sie sich nicht erinnert hätte, daß sie nicht in Venedig sei. »Ich glaube,« fügte sie hinzu, »der Bursche ist mir nachgegangen, und ich fürchte, von ihm beunruhigt zu werden.« »Sei nur ruhig; ich verspreche dir, für Ordnung zu sorgen.« Als ich in meinen Gasthof zurückgekehrt war, ging ich sofort in das Zimmer des Abbate und sah vor Passanos Bett einen Mann, der Charpie und chirurgische Instrumente zusammenpackte. »Was heißt das? Sind Sie krank?« »Ich habe mir eine häßliche Krankheit geholt, die mich lehren wird, in Zukunft vernünftig zu sein.« »Mit sechzig Jahren ist das ein bißchen spät.« »Besser mit sechzig Jahren als noch später.« »Sie sind ein alter Narr! Sie stinken ja nach Quecksilber.« »Ich werde mein Zimmer nicht verlassen.« »Das wird einen sehr schlechten Eindruck auf die Marquise machen, die Sie für den allergrößten Adepten hält, und in deren Augen Sie daher über alle Schwächen erhaben sein müssen.« »Ich pfeife auf die Marquise! Lassen Sie mich in Ruhe!« In solchem Tone zu mir zu sprechen, hatte der Kerl sich bis dahin niemals erlaubt. Ich glaubte meine Wut verbergen zu müssen und trat zu meinem Bruder heran, der in einer Ecke saß. »Was wolltest du gestern im Theater von Marcolina?« »Ich habe sie an ihre Pflicht erinnert und ihr gesagt, daß ich nicht der Mann sei, den gefälligen Liebhaber zu spielen.« »Du hast sie beschimpft und auch mich, du elender Dummkopf, der du alles dem reizenden Mädchen verdankst, denn ohne sie hätte ich dich nicht einmal angesehen. Und nach alledem wagst du es noch, auf sie einzudringen und beleidigende Bemerkungen zu machen?« »Ich habe mich ihretwegen zugrunde gerichtet, und ich kann nicht mehr nach Venedig zurückkehren. Ohne sie kann ich nicht leben, und du nimmst sie mir weg, raubst sie mir! Welches Recht hast du, dich ihrer zu bemächtigen?« »Das Recht der Liebe, Vieh, das Recht des Glückes und das Recht des Stärkeren. Woher kommt es, daß sie sich bei mir glücklich fühlt und daß sie von mir gar nicht wieder würde wegwollen?« »Weil du sie durch dein glänzendes Auftreten geblendet hast.« »Und weil sie bei dir nur Elend und Hunger fand.« »Ja, und später wirst du sie verlassen, wie du es mit so vielen anderen gemacht hast; ich aber würde sie geheiratet haben.« »Geheiratet, du Renegat! Du bist doch Priester! Ich persönlich denke gar nicht daran, sie fortzuschicken; sollte ich aber doch jemals mich von ihr trennen, so wird sie reich sein.« »Nun, tu was du willst, aber ich habe sicherlich das Recht, überall wo ich sie finde, mit ihr zu sprechen.« »Ich hatte es dir verboten, und verlaß dich darauf, du hast zum letzten Male mit ihr gesprochen! Du wirst sehen, daß ich Wort halte.« Mit diesen Worten ging ich hinaus, stieg in einen Fiaker und fuhr zu einem Advokaten, um ihn zu fragen, ob ich einen fremden Abbé, der mir Geld schuldig sei, verhaften lassen könne, obwohl ich keine Beweisstücke besäße, aus denen mein Anspruch hervorginge. »Wenn er ein Fremder ist, so können Sie es tun; jedoch müssen Sie Kaution stellen. Sie lassen ihm verbieten, den Gasthof zu verlassen, worin er sich befindet, und Sie können ihn zwingen, Sie zu bezahlen, es wäre denn, daß er nachweise, Ihnen nichts schuldig zu sein. Haben Sie viel von ihm zu fordern?« »Zwölf Louis.« »Gehen Sie mit mir zur Behörde. Sie hinterlegen zwölf Louis und sind dann im selben Augenblicke berechtigt, ihn bewachen zu lassen. Wo wohnt er?« »In demselben Gasthof wie ich; da ich ihn nicht dort verhaften lassen will, so werde ich ihn nach Sainte-Baume schicken. Dort werde ich ihn bewachen lassen. Hier haben Sie einstweilen die zwölf Louis für die Kaution; besorgen Sie sich jetzt den Verhaftbefehl; zur Mittagstunde werden Sie mich wiedersehen.« »Nennen Sie mir seinen Namen und den Ihrigen.« Schnell fahre ich nach den Dreizehn Kantonen zurück, wo ich dem Abbate begegne. Er ist geschniegelt und gebügelt, und will gerade eben ausgehen. »Komm mit,« sage ich zu ihm; »ich werde dich zu Marcolina führen; du kannst dich in meiner Gegenwart mit ihr auseinandersetzen.« »Mit Vergnügen.« Er steigt zu mir in den Fiaker, und ich befehle dem Kutscher, uns nach dem Gasthof von Sainte-Baume zu fahren. Als wir dort angekommen waren, befahl ich ihm, mich zu erwarten; ich wolle Marcolina holen und werde bald mit ihr zurückkommen. Ich stieg wieder in den Fiaker und ließ mich zum Advokaten fahren. Er hatte bereits den Haftbefehl und übergab ihn einem Polizeigefreiten, der sofort nach Sainte-Baume eilte, um den Befehl auszuführen. Ich kehrte nach den Dreizehn Kantonen zurück, ließ seine Sachen in einen Koffer packen und brachte sie ihm nach seinem neuen Aufenthalt. Ich fand ihn dort in einem Zimmer nebst einem Wachtposten, der ihn nicht aus dem Auge ließ. Er sprach auf den sehr erstaunten Wirt ein, der von dem ganzen Theater nichts verstand. Zunächst erzählte ich nun mein Märchen dem Wirt; ich übergab ihm den Koffer und sagte ihm, er brauche in bezug auf die Verzehrung des Abbés nichts zu befürchten, denn er werde gut bezahlt werden. Das war alles, was er zu wissen wünschte, und mehr verlangte er nicht. Hierauf trat ich bei meinem Bruder ein und teilte ihm mit, er solle sich bereit halten, am nächsten Morgen Marseille zu verlassen; die Reise bis nach Paris würde ich bezahlen. Wenn ihm das nicht passe, so könne er tun, was er wolle; dann aber würde ich ihn unerbittlich seinem Schicksal überlassen und binnen drei Tagen würde er aus Marseille ausgewiesen sein. Der Feigling brach in Tränen aus und sagte mir, er werde nach Paris gehen. »Du wirst also morgen früh nach Lyon abreisen; zuvor aber wirst du mir eine Anweisung auf zwölf Louis unterzeichnen, die bei Sicht zahlbar ist.« »Warum?« »Weil ich es will. Wenn du es tust, so verspreche ich dir, dir vor deiner Abreise zwölf Louis zu geben und in deiner Gegenwart deinen Wechsel zu zerreißen.« »Ich bin gezwungen, alles zu tun, was du willst.« »Das ist das beste, was du tun kannst.« Als er mir den Schuldschein unterschrieben hatte, bestellte ich für ihn einen Platz in der Schnellpost; am nächsten Tage erschien ich kurz vor der Abfahrt mit meinem Advotaten vor der Behörde, ließ den Haftbefehl aufheben und mir meine zwölf Louis zurückzahlen. Diese übergab ich meinem Bruder, als er bereits im Postwagen saß. Zugleich gab ich ihm einen Empfehlungsbrief an Herrn Bono, den ich darauf aufmerksam machte, daß er ihm kein Geld geben dürfe, und daß er ihn mit derselben Post weiterschicken solle. Hierauf zerriß ich seinen Schuldschein und wünschte ihm gute Reise. Auf diese Weise schaffte ich mir den Dummkopf vom Halse. Einen Monat darauf sah ich ihn in Paris wieder. Ich werde später erzählen, wie ich ihn nach Venedig zurückschickte. Am Tage der Verhaftung meines Bruders speiste ich unter vier Augen mit Frau von Urfé; vor dem Essen ging ich zu Passano, um die Ursachen seiner üblen Laune zu erfahren. »Übler Laune bin ich deshalb, weil ich überzeugt bin, Sie werden sich einer Summe von zwanzig- oder dreißigtausend Talern in Diamanten und Gold bemächtigen, die die Marquise für mich bestimmt hatte.« »Das kann wohl sein; aber ob ich mich dieser Summe bemächtigen werde oder nicht, das können Sie nicht wissen. Aber so viel kann ich Ihnen sagen: ich werde unter allen Umständen zu verhindern wissen, daß die Marquise Ihnen das Gold oder die Diamanten gibt. Wenn Sie glauben, Ansprüche darauf erheben zu können, so beschweren Sie sich doch bei der Marquise; ich werde Sie nicht daran verhindern.« »Ich soll mir also gefallen lassen, bei Ihren Betrügereien als Helfershelfer zu dienen, ohne daß es mir irgend welchen Nutzen bringt! Das sollen Sie nicht behaupten können! Ich verlange tausend Louis.« »Suchen Sie einen, der sie Ihnen gibt!« Damit drehte ich ihm den Rücken zu und ging zur Marquise; ich sagte ihr, das Essen sei angerichtet; wir würden jedoch allein speisen, weil zwingende Gründe mich genötigt hätten, den Abbate fortzuschicken. »Er war ein Dummkopf. Aber Querilint?« »Nach Tisch wird Paralis uns alles sagen, was diesen betrifft. Ich hege starken Verdacht, den wir aufklären müssen.« »Ich auch. Der Mann kommt mir verändert vor. Wo ist er?« »Er liegt zu Bett und hat eine Krankheit, die ich Ihnen nicht zu nennen wage.« »Der Fall ist recht sonderbar. Es ist ein Werk der Schwarzen, wie es vielleicht niemals früher vorgekommen ist.« »Soviel ich weiß, niemals; aber lassen Sie uns speisen; wir werden heute nach der Weihung des Zinns viel zu arbeiten haben.« »Um so besser. Wir müssen Dromasis einen Sühnekult weihen; denn denken Sie sich, wie entsetzlich: in vier Tagen sollte er mich regenerieren, und so würde er die Handlung in diesem abscheulichen Zustande vorgenommen haben!« »Lassen Sie uns essen, sage ich Ihnen!« »Ich fürchte, die Stunde des Jupiter wird uns überraschen.« »Fürchten Sie nichts; ich sorge für alles.« Nachdem wir den Jupiterkult abgehalten hatten, verschob ich den Kultus des Dromasis auf einen andern Tag, um eine Menge kabbalistische Berechnungen anzustellen, die die Marquise in Buchstaben übertrug. Das Orakel sagte: sieben Salamander hätten den wahren Querilint nach der Milchstraße gebracht; der Querilint, der im Nebenzimmer im Bett läge, wäre der schwarze Saint-Germain, den eine Gnomide in jenen ekelhaften Zustand versetzt hätte, um ihn zum Mörder der Semiramis zu machen, die vor der Entbindung an derselben Krankheit gestorben sein würde. Das Orakel sagte ferner: Semiramis solle dem Paraliseo Galtinardo – das war ich – die ganze Sorge überlassen, den schwarzen Saint-Germain beiseite zu schaffen. Am glücklichen Erfolg der Regeneration dürfe sie nicht zweifeln, denn in der siebenten Nacht eines Mondkultus werde mir von dem wahren Querilint selber das Verbum von der Milchstraße her geschickt werden. Das letzte Orakel zeigte uns an, daß ich zwei Tage nach der Beendigung der Mondkulte Semiramis inokulieren müsse, nachdem eine reizende Undine uns im Bade gereinigt hätte. Nachdem ich mich auf diese Weise verpflichtet hatte, meine gute Semiramis zu regenerieren, traf ich meine Vorsichtsmaßregeln, um keine traurige Figur zu spielen. Die Marquise war schön, aber alt, und es konnte mir zustoßen, daß ich nicht imstande war, das Werk zu vollenden. Ich war achtunddreißig Jahre alt und begann zu bemerken, daß ein solches Unglück nicht ausgeschlossen war. Die schöne Undine, die ich vom Monde erhalten sollte, war meine Marcolina, die während des Badens durch den Anblick ihrer schönen Formen und durch ihre Berührungen mir die nötige Zeugungskraft verschaffen sollte. Ich kannte bereits ihre Macht und konnte daher nicht an dem Erfolge zweifeln. Der Leser wird sehen, wie ich es anfing, um sie vom Himmel herunterkommen zu lassen. Ein Briefchen von Frau Audibert lud mich ein, bei ihr vorzusprechen. Ich ging zu ihr, bevor ich Marcolina besuchte. Sobald sie mich erblickte, kam sie mir freudestrahlend entgegen und sagte mir, der Vater meiner Nichte habe von dem Vater des Genuesen einen Brief erhalten. Er erbitte für den einzigen Sohn die Hand seiner Tochter, die jener bei Herrn und Frau Petri kennen gelernt und die ihm durch ihren Oheim vorgestellt worden sei, nämlich den Herrn Chevalier de Seingalt, der sie nach Marseille zurückbegleitet habe. »Der wackere Mann«, sagte Frau Audibert, »glaubt Ihnen zum größten Dank verpflichtet zu sein; er betet seine Tochter an und weiß, daß Sie wie ein Vater auf das zärtlichste für sie gesorgt haben. Seine Tochter hat von Ihnen die interessanteste Schilderung entworfen, und er wünscht sehr lebhaft, daß ihm die Ehre zuteil werde, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sagen Sie mir, wann Sie bei mir zu Abend speisen können; der alte Herr wird da sein, seine Tochter jedoch nicht.« »Ich bin über ihre Worte hocherfreut; denn der Gatte meiner teuren Nichte wird seine Frau nur um so höher achten, wenn er hier findet, daß ich der Freund ihres Vaters bin. Am Abendessen kann ich jedoch nicht teilnehmen. Bestimmen Sie selber einen Tag, ich werde um sechs Uhr kommen und bis acht bleiben; auf diese Weise wird unsere Bekanntschaft vor der Ankunft des künftigen Schwiegersohnes gemacht sein.« Da Frau Audibert die Wahl des Tages mir überließ, so setzte ich die Zusammenkunft auf den übernächsten Tag fest; hierauf ging ich zu meiner schönen Venetianerin. Ich erzählte ihr alle diese Neuigkeiten und sagte ihr, auf welche Weise ich mir in den nächsten Tagen den Abbate vom Halse schaffen wollte. Zwei Tage darauf gab mir die Marquise im Augenblick, wo wir zu Tisch gehen wollten, einen Brief Passanos, der in schlechtem Französisch geschrieben, trotzdem aber leicht verständlich war. Er hatte acht Seiten vollgeschmiert, um ihr zu sagen, daß ich sie betrüge. Um sie von dieser Wahrheit zu überzeugen, teilte er ihr die ganze Geschichte mit, ohne einen einzigen Umstand auszulassen, der zu meinen Ungunsten sprach. Außerdem schrieb er ihr, ich sei in Marseille mit zwei Mädchen angekommen; er wisse zwar nicht, wo ich diese versteckt halte, aber sicherlich bringe ich mit ihnen alle Nächte zu. Nachdem ich den Brief mit der größten Ruhe gelesen hatte, fragte ich sie, ob sie die Geduld besessen habe, den Brief von A bis Z zu lesen. Sie antwortete mir, sie habe ihn überflogen, aber nichts davon verstanden, denn dieser Schwarze schreibe ja gotisch; übrigens liege ihr nichts daran, ihn zu verstehen, denn er könne ihr nur Lügen geschrieben haben, um sie in einem Augenblick zu verlocken, wo sie es am allernötigsten habe, sich zu keinem Irrtum verleiten zu lassen. Diese Weisheit gefiel mir außerordentlich, denn die Marquise durfte durchaus keinen Verdacht auf die Undine haben, deren Anblick und Berührungen für mich unerläßlich waren, um das große Werk zu vollbringen, das mir bevorstand. Nachdem wir gespeist hatten, veranlaßte ich alle Kult- und Orakelsprüche, deren ich bedurfte, um mein armes Opfer in ihrem Glauben zu bestärken. Hierauf ging ich zu einem Bankier und nahm eine Anweisung von hundert Louis auf Lyon an die Ordre des Herrn Bono. Ich schickte ihm diese Anweisung mit dem Auftrag, den Betrag an Passano auszuzahlen, wenn dieser einen eigenhändig von mir geschriebenen Brief vorzeigen würde; dies müßte jedoch an dem Tage geschehen, der in dem Briefe vermerkt sei, und nicht später. Nachdem ich dies erledigt hatte, schrieb ich den Brief, den Passano überbringen sollte. Er lautete folgendermaßen: »Herr Bono, zahlen Sie bei Sicht an Herrn Passano, aber nur an ihn selber, nicht an seine Ordre, die Summe von hundert Louisd'or, wenn diese Anweisung Ihnen im Laufe des dreißigsten April 1763 vorgezeigt wird; nach diesem Tage wird mein Auftrag hinfällig.« Mit diesem Briefe in der Hand ging ich in das Zimmer des Verräters, dem eine Stunde vorher die eine Leistenseite aufgeschnitten worden war. »Sie sind ein niederträchtiger Verräter,« sagte ich zu ihm; »aber Frau von Urfé, die Ihren ekelhaften Zustand kennt, hat Ihren Brief nicht lesen wollen. Ich aber habe ihn gelesen und biete Ihnen nun folgende Belohnung: Sie haben zu wählen; auf Gerede lasse ich mich nicht ein, denn ich habe es eilig. Entweder entschließen Sie sich, unverzüglich sich ins Hospital bringen zu lassen, denn wir wollen Pestkranke von Ihrer Sorte hier nicht haben; oder fahren Sie in einer Stunde nach Lyon ab und reisen Sie, ohne sich unterwegs aufzuhalten, denn ich bewillige Ihnen nur sechzig Stunden, die übrigens mehr als genug sind, um vierzig Poststationen zurückzulegen. Im Augenblick, wo Sie in Lyon ankommen, bringen Sie diesen Brief Herrn Bono; er wird Ihnen hundert Louis übergeben, die ich Ihnen schenke. Hierauf können Sie machen, was Sie wollen; denn Sie sind nicht mehr in meinem Dienste. Ich schenke Ihnen den Wagen, den Sie für mich in Antibes gekauft haben, und gebe Ihnen fünfundzwanzig Louis für Ihre Reise. Das ist alles. Wählen Sie. Ich mache Sie jedoch auf eines aufmerksam: wenn Sie sich für das Krankenhaus entscheiden, werde ich Ihnen nur ein Monatsgehalt auszahlen; denn mit diesem Augenblick entlasse ich Sie aus meinen Diensten.« Nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, sagte er, er wolle nach Lyon gehen, obgleich ihm dies sein Leben kosten könne, denn er sei sehr krank. Ich sagte zu ihm: »Du mußt die Strafe für deine Verräterei erleiden, und wenn du stirbst, so wird dies ein Vorteil für deine Familie sein, denn sie wird erben, was ich dir schenke, allerdings nicht, was ich dir geschenkt haben würde, wenn du ein treuer Diener gewesen wärst.« Das »Du« schien Eindruck auf ihn zu machen, denn sonst hatte ich ihn immer »Sie« genannt. Ich verließ ihn und suchte Clairmont auf, dem ich befahl, Passanos Koffer zu packen. Dann sagte ich dem Wirt, daß der Mann abreisen werde, und bat ihn, sofort Postpferde holen zu lassen. Hierauf übergab ich Clairmont meinen Brief an Bono nebst fünfundzwanzig Louis und befahl ihm, beides dem Passano einzuhändigen, sobald er im Wagen säße und zur Abfahrt bereit wäre. So war denn diese große Angelegenheit erledigt und mit Hilfe des starken Hebels Gold, das ich nötigenfalls zu verschwenden wußte, zum guten Ende geführt worden, und ich konnte meiner Liebe nachgehen. Ich mußte Marcolina, in die ich mich mit jedem Tag mehr verliebte, für ihre Rolle abrichten. Sie wiederholte mir unaufhörlich: um sich vollständig glücklich zu fühlen, brauche sie weiter nichts als einige Kenntnisse der französischen Sprache und einen Schimmer von Hoffnung, daß ich sie vielleicht mit mir nach England nähme. Ich hatte ihr niemals Hoffnung gemacht, daß meine Liebe so weit gehen werde; trotzdem empfand ich eine tiefe Traurigkeit, wenn ich daran dachte, daß ich ein Wesen verlassen mußte, das so ganz und gar von Wollust durchdrungen war, das von der Natur dazu bestimmt zu sein schien, selber alle Wonnen des Lebens zu genießen und sie einem Manne von meiner Sinnesart tausendmal süßer zu machen. Sie war hocherfreut, daß ich mich meiner beiden abscheulichen Begleiter entledigt hatte, und beschwor mich, ich möchte doch manchmal mit ihr ms Theater gehen; »denn,« sagte sie mir, »alle Leute erkundigen sich, wer ich sei, und die Nichte meines Alten zankt fortwährend mit mir darüber, daß ich ihr nicht erlauben will, zu antworten.« Ich versprach ihr, im Laufe der nächsten Woche ihr dieses Vergnügen zu bereiten, und fügte hinzu: für den Augenblick sei ich ganz und gar von einer Angelegenheit in Anspruch genommen. Diese lasse mir gar keine Ruhe, und um sie nach Wunsch durchzuführen, würde ich ihrer Beihilfe bedürfen. »Ich werde tun, was du willst, mein lieber Freund.« »Gut, so höre: ich werde dir einen sehr eleganten leichten Jockeyanzug machen lassen. In dieser Verkleidung wirst du zu einer Stunde, die ich dir angeben werde, vor die Marquise treten, mit der ich zusammenwohne, und du wirst ihr einen Brief übergeben. Wirst du den Mut haben, dies zu tun?« »Ganz gewiß! Wirst du dabei sein?« »Ja. Sie wird mit dir sprechen, aber du darfst nicht antworten, da du für stumm gelten sollst. In dem Briefe wird stehen, daß du stumm bist, und zugleich, daß du dich erbietest, sie in dem Bade zu bedienen, das ich mit ihr zusammen nehmen muß. Sie wird dein Anerbieten annehmen, und sobald sie es dir befiehlt, wirst du sie völlig entkleiden. Wenn du mit ihr fertig bist, entkleidest du dich ebenfalls; hierauf reibst du die Marquise von den Fußspitzen bis zum Gürtel, aber nicht höher. Während du sie recht zart reibst, werde ich mich entkleiden und hierauf die Marquise eng umschlingen. Du wirst uns dabei zusehen, indem du dich so stellst, daß ich alle Teile deines hübschen Leibes gut sehen kann. »Dies ist aber noch nicht alles, meine entzückende Freundin: wenn ich mich von ihr getrennt habe, wirst du mit deinen zarten Händen die Körperteile waschen, die der Liebe dienen; hierauf wirst du sie mit einem feinem Battisttuch abtrocknen, das zu diesem Zweck bereit liegen wird. Dann verrichtest du an mir denselben Dienst, indem du versuchst, mich wieder zu beleben. Ich werde dann die Marquise abermals umarmen. Zum Schluß wirst du dieselben Abwaschungen vornehmen, und wenn du damit fertig bist, wirst du die Marquise küssen. Hierauf wirst du auch mich umarmen und mit deinen venetianischen Küssen das Werkzeug bedecken, womit ich das Opfer vollbracht habe. Wenn ich wieder ins Leben zurückgekehrt bin, werde ich die Marquise zum dritten Male umarmen, und während dieser letzte Kampf stattfindet, wirst du uns so lebhaft wie möglich liebkosen, bis der Akt vollständig ist. Endlich wirst du uns zum dritten Male abwaschen. Hierauf kleidest du dich an, nimmst, was sie dir geben wird, und kehrst in diese Wohnung zurück, wo ich eine Stunde später wieder bei dir sein werde.« »Du kannst dich auf mich verlassen. Ich werde ganz genau alles tun, was du mir befiehlst; aber du begreifst, welche Überwindung mir das kosten wird.« »Nicht mehr als mir: denn ich würde bei dieser alten Frau unvermögend sein, wenn du mir nicht die nötige Glut mitteiltest.« »Ist sie sehr alt?« »Fast siebzig Jahre.« »Oh, mein armer Freund, wie bedaure ich dich! Aber nach dieser harten Fron wirst du doch zum Abendessen hierher kommen und hier schlafen?« »Ganz gewiß.« »Nun, dann geht es doch wenigstens.« Am verabredeten Tage traf ich bei Frau Audibert den Vater meiner seligen Nichte. Ich erzählte ihm in einer sehr freundschaftlichen Unterhaltung alles, was seine Tochter betraf, außer den näheren Umständen unseres Liebesverhältnisses, denn solche Dinge erzählt man natürlich keinem Vater. Der brave Mann wußte nicht, wie er mir seinen Dank bezeigen sollte; er umarmte mich mehrere Male, nannte mich seinen Wohltäter und sagte, ich hätte für seine Tochter mehr getan, als er selber hätte tun können. Hierin hatte er in gewisser Hinsicht recht. Er sagte mir: »Ich habe von meinem Geschäftsfreund einen zweiten Brief erhalten. Zugleich schreibt mir auch der Sohn auf die zärtlichste und ehrfurchtsvollste Weise. Er verlangt von mir keine Mitgift, und das ist zu unserer Zeit gewiß etwas Seltenes; aber ich werde ihr hundertfünfzigtausend Franken mitgeben und werde außerdem die Hochzeit rüsten, denn diese Heirat ist sehr ehrenvoll und ist besonders nach dem Davonlaufen meines armen, wilden Mädchens als ein großes Glück anzusehen. Ganz Marseille kennt den Vater meines künftigen Schwiegersohnes, und morgen werde ich meiner Frau alles sagen; ich bin überzeugt, daß sie im Interesse eines glücklichen Ausganges volle Verzeihung gewähren wird.« Ich mußte ihm versprechen, zur Hochzeit zu kommen. Er lud dazu auch Frau Audibert ein, die mich als großen Spieler kannte und daher erstaunt war, daß ich nicht zu ihren Abenden kam, da bei ihr stets eine große Partie stattfand. Aber ich war damals in Marseille, um zu schaffen, nicht um zu zerstören. Jedes zu seiner Zeit! Ich ließ Marcolinen eine bis zur Hüfte reichende Jacke von grünem Samt machen, dazu Kniehosen von demselben Stoff mit Strumpfbändern von silberner Tresse, grünseidene Strümpfe und Schuhe aus Maroquinleder von der gleichen Farbe. Ein spanisches Haarnetz aus grüner Seide mit silberner Troddel nahm ihre schönen schwarzen Haare auf. In dieser Kleidung sah das junge Mädchen mit seinem schlanken anmutigen Wuchs, mit seinen runden, zur Liebe geschaffenen Formen so wundervoll aus, daß ihr alle Leute nachgelaufen sein würden, wenn sie sich in den Straßen von Marseille hätte sehen lassen; denn trotz der Männerkleidung konnte es keinem Menschen entgehen, daß sie ein Mädchen war. Ich führte sie in ihrer gewöhnlichen Kleidung in meine Wohnung, um ihr zu zeigen, wo sie sich nach verrichteter Sache verstecken sollte. Nachdem am Samstag alle Kultushandlungen zu Ende gebracht waren, setzte das Orakel den nächsten Dienstag für die Regeneration meiner Semiramis fest, und zwar sollte sie in den Stunden der Sonne, der Venus und des Merkur stattfinden, die in dem planetarischen System der Magier, wie in der Phantasie der ptolemäischen Lehre aufeinanderfolgen. Die Stunden entsprachen an jenem Tage der neunten, zehnten und elften Morgenstunde; denn da es ein Dienstag war, so mußte die erste Stunde dem Mars gehören. Da die Stunden zu Anfang des Monats Mai fünfundsechzig Minuten lang sind, so wird mein Leser, wenn er von Magie auch nur eine Ahnung hat, wissen, daß ich die große Operation an Frau von Urfé von zweieinhalb bis fünfzehn Minuten vor sechs Uhr vollziehen mußte. Ich hatte mir Zeit genommen, weil ich voraussah, daß ich derselben bedürfen würde. Am Montag hatte ich mit Einbruch der Nacht in der Stunde, die dem Monde geweiht ist, Frau von Urfé an das Meeresufer geführt. Clairmont trug die fünfzig Pfund schwere Kiste mit den Opfergaben. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß wir von keinem Menschen gesehen würden, sagte ich zu Frau von Urfé, der Augenblick sei da. Ich befahl Clairmont, die Kiste zu unseren Füßen niederzustellen und dann nach unserem Wagen zurückzukehren, um uns dort zu erwarten. Nachdem wir allein geblieben waren, richteten wir ein feierliches Gebet an Selenis. Dann warfen wir die Kiste ins Meer, zur großen Befriedigung der Marquise, aber zu meiner eigenen noch größeren, wie der Leser begreifen wird: denn die ins Meer geworfene Kiste enthielt nur fünfzig Pfund Blei. Die echte Kiste, die, worin der Schatz war, befand sich, vor jedem Blick verborgen, in meinem Zimmer. Ich begleitete die Marquise nach den Dreizehn Kantonen zurück und ließ sie dort allein, nachdem ich ihr gesagt hatte, ich würde erst dann wieder in den Gasthof kommen, nachdem ich an demselben Ort und zu derselben Stunde ruhig meine sieben Kulte gefeiert und eine Beschwörung an den Mond vorgenommen hätte. Ich log nicht: denn ich ging zu Marcolina. Während sie sich als Jockey kleidete, schrieb ich mit einem Alaunkristall in verschlungenen großen Buchstaben auf weißes Papier folgende Worte: Ich bin stumm, aber nicht taub; ich komme aus dem Rhône, um Euch zu baden. Die Stunde des Oromasis hat begonnen. »Dieses Briefchen«, sagte ich zu Marcolina, »wirst du der Marquise übergeben, sobald du dich ihren Blicken zeigst.« Nach dem Abendessen gingen wir zu Fuß aus und kamen in unseren Gasthof, ohne von einem Menschen gesehen worden zu sein. Ich versteckte Marcolina in einem großen Schrank; hierauf zog ich meinen Schlafrock an und ging zur Marquise, um ihr anzukündigen, daß Selenis die Regeneration auf den nächsten Tag vor drei Uhr angesetzt habe; um fünfeinhalb Uhr müsse sie beendet sein, damit wir nicht in die Stunde des Mondes hineingerieten, die auf die des Merkur folgte. Diese dürfe nicht in die Regeneration hineingemischt werden, weil diese dadurch zunichte gemacht oder jedenfalls beeinträchtigt würde. »Sie werden, gnädige Frau, veranlassen, daß vor dem Mittagessen die Badewanne hier neben Ihrem Bett bereit steht, und Sie müssen sich vergewissern, daß Brongnole nicht vor der Nacht Ihr Zimmer betritt.« »Ich werde ihr Erlaubnis geben, einen Spaziergang zu machen. Aber Selenis hatte uns doch eine Undine versprochen?« »Richtig! Ich habe aber noch keine gesehen.« »Befragen Sie doch das Orakel!« »Gern!« Sie stellte selber die Frage, indem sie zugleich abermals zum Geiste Paralis betete, die Operation möchte nicht aufgeschoben werden, wenn auch die Undine nicht erschiene; denn sie sei bereit, allein zu baden. »Die Befehle des Oromasis sind unwandelbar,« antwortete das Orakel, »und ihr habt gefehlt, indem ihr dem Zweifel Raum gegeben habt.« Sofort stand die Marquise auf und verrichtete einen Sühnekultus. Hierauf befragte sie wieder das Orakel und erhielt die Antwort: Oromasis ist befriedigt. Ich konnte mit der alten Frau kein Mitleid haben, denn sie war mir zu lächerlich. Sie umarmte mich und sagte zu mir mit ganz besonderer Feierlichkeit: »Morgen, mein lieber Galtinardo, werden Sie mein Gatte und mein Vater sein! Fordern Sie die Gelehrten auf, dieses Rätsel zu erklären!« Nachdem ich in mein Zimmer zurückgekehrt war und meine Tür sorgfältig verschlossen hatte, beeilte ich mich, die Undine aus ihrem Gefängnis zu erlösen. Sie entkleidete sich und legte sich zu Bett, und da sie wohl begriff, daß ich meine Kräfte schonen müsse, so drehte sie mir den Rücken zu, und wir verbrachten in weiser Enthaltsamkeit die Nacht, ohne uns auch nur einen Kuß zu geben; denn ein einziger Funke hätte eine ganze Feuersbrunst hervorrufen können. Am andern Morgen ließ ich sie frühstücken, bevor ich Clairmont hineinrief, und schloß sie dann wieder in ihr Versteck ein. Hierauf hörte ich ihr noch einmal ihre Lektion ab und ermahnte sie zu Pünktlichkeit, Ruhe, Heiterkeit und Schweigen. »Du wirst mit mir zufrieden, sein, mein liebes Herz; sei ruhig!« Nachdem ich das Mittagessen auf Punkt zwölf Uhr bestellt hatte, trat ich bei Semiramis ein. Sie war nicht in ihrem Zimmer, aber die Badewanne stand an ihrem Platz, und das Bett war hergerichtet wie ein Altar der Cypris. Einige Minuten darauf kam die Marquise aus einem Nebenzimmer: ihr Gesicht war bemalt wie ein Miniaturbild und strahlte vor Freude. Sie trug ein prachtvolles Spitzenröckchen; ein Mäntelchen von Blonden bedeckte ihren Busen, der vierzig Jahre früher einer der schönsten von ganz Frankreich gewesen war. Ein altes, aber sehr reiches Kleid, ein Paar Ohrringe mit herrlichen Smaragden und ein Halsband von sieben Aquamarinen vom schönsten Wasser mit dem herrlichsten Smaragd, den man sich denken kann, umgeben von zwanzig Brillanten von je anderthalb Karat, vervollständigten ihren Schmuck. An der Hand trug sie den Karfunkel, den ich bereits kannte und den sie auf eine Million schätzte, während er in Wirklichkeit nur eine glänzend gelungene Nachahmung war. Als ich Semiramis so zum Opfer geschmückt sah, glaubte ich ihr meine Ehrfurcht bezeigen zu müssen. Ich ging ihr daher entgegen und beugte das Knie, um ihr die Hand zu küssen; sie ließ dies jedoch nicht zu, sondern öffnete ihre Arme und küßte mich. Nachdem sie ihrer Kammerfrau Brougnole gesagt hatte, sie gäbe ihr Urlaub bis sechs Uhr, unterhielten wir uns von unseren Mysterien, bis das Essen aufgetragen wurde. Nur Clairmont durfte uns bei Tisch sehen, und Semiramis aß an diesem Tage nur Fisch. Um halb zwei Uhr sagte ich zu Clairmont, ich sei für niemanden zu Hause, da ich allein arbeiten wolle; zugleich gab ich ihm einen Louis und sagte ihm, er könne sich bis zum Abend amüsieren. Die Marquise begann unruhig zu werden, und auch ich stellte mich, wie wenn ich etwas besorgt würde. Ich sah nach meinen Uhren, berechnete die Minuten der planetarischen Stunden und sagte von Zeit zu Zeit: »Wir sind noch in der Stunde des Mars; die Stunde der Sonne hat noch nicht begonnen.« Endlich schlug es halb drei auf der Stutzuhr, und zwei Minuten später sahen wir die schöne Undine eintreten. Lächelnden Gesichtes ging sie mit langsamen Schritten auf Semiramis zu, ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und reichte ihr das Papier. Da sie sah, daß ich nicht aufstand, blieb auch die Marquise sitzen; aber sie hob mit freundlicher Anmut die Wassernixe auf und nahm ihr das Blatt ab, das sie zu ihrer großen Überraschung völlig weiß fand. Schnell reichte ich ihr eine Feder, damit sie sich an das Orakel wenden könnte. Sie stellte die Frage, was dieser Bote zu bedeuten habe. Ich nahm ihr die Feder ab und baute die Zahlenpyramide ihrer Frage. Sie zog die Antwort heraus und fand folgende Worte: »Was im Wasser geschrieben ist, kann nur im Wasser gelesen werden.« »Ich verstehe«, rief sie aus. Sie ging zur Badewanne, tauchte das Blatt hinein und las in Schriftzügen, die noch weißer waren als das Papier, folgende Worte: Ich bin stumm, aber nicht taub; ich komme aus dem Rhône, um Euch zu baden. Die Stunde des Oromasis hat begonnen. »So bade mich also, göttlicher Genius!« rief Semiramis, indem sie das Blatt Papier auf den Tisch legte und sich auf das Bett setzte. Meiner Weisung getreu entkleidete Marcolina die Marquise und setzte deren Füße in die Badewanne; dann warf sie, gewandt wie ein Sylphide, im Handumdrehen ihren hübschen Anzug ab und stand bis zu den Knien im Badewasser. Welchen Gegensatz bildeten diese beiden Leiber! Aber der Anblick des einen gab mir das Leben, das ich an dem anderen erlöschen sollte. Das entzückende Geschöpf unverwandt betrachtend, entkleidete ich mich. Als ich aber nur noch das Hemd auszuziehen hatte, sagte ich zu ihr: »Oh, reizender Genius, trocknet Semiramis die Füße ab und seid der göttliche Zeuge meiner Vereinigung mit ihr, die ich zum Ruhme des unsterblichen Oromasis, des Königs der Salamander, vollziehe!« Kaum hatte ich diese Bitte ausgesprochen, so beeilte sich die Undine, die stumm, aber nicht taub war, meinen Wunsch zu erfüllen, und ich vollzog meine erste Vereinigung mit Semiramis, indem ich die Schönheiten Marcolinas bewunderte, die ich nie zuvor so deutlich gesehen hatte. Semiramis war schön gewesen, aber sie war damals wie ich jetzt bin, und ohne die Undine wäre die Operation mißlungen. Da jedoch die Semiramis zärtlich und sehr sauber war, und nichts von jenem Ekelhaften an sich hatte, das oft dem Alter anhaftet, so mißfiel sie mir nicht, und die Operation wurde vollständig vollzogen. Als die Milch über den Altar ausgegossen war, sagte ich zu ihr: »Jetzt müssen wir die Stunde der Venus abwarten.« Die Undine vollzieht die Waschungen, umarmt die Braut und erweist mir mit verliebter Glut denselben Dienst. Semiramis war entzückt von ihrem Glück; ganz hingerissen von den Reizen der Undine forderte sie mich auf, sie zu bewundern, und ich fand, daß kein sterbliches Weib ihr gleiche. Von diesen wollüstigen Vorstellungen erregt, fühlt Semiramis ihre Zärtlichkeit wieder erwachen. Die Stunde der Venus beginnt, und von der Undine ermutigt, unternehme ich den zweiten Sturm, der der heftigste sein mußte, denn die Stunde dauerte fünfundsechzig Minuten. Ich betrat den Kampfplatz und arbeitete eine halbe Stunde, von Schweiß triefend und Semiramis ermüdend, ohne doch fertig werden zu können. Ich schämte mich indessen, sie zu betrügen. Sanft sich in ihr Schicksal ergebend, trocknete das Opfer mir die Stirn ab; die Undine aber, die mich erschöpft sah, belebte durch ihre aufreizenden Liebkosungen, was die Berührung mit dem alten Körper ertötet hatte. Gegen das Ende der Stunde überwältigte mich die Anstrengung; ich konnte es nicht mehr aushalten und entschloß mich daher, so zu tun, wie wenn ich am Ziel wäre; so erheuchelte ich denn alle jene Zuckungen, zu denen sonst wirkliche Wollust zwingt. Ich ging als schaumbedeckter Sieger mit allen Zeichen meiner Kraft aus dem Kampf hervor und ließ Semiramis keinen Zweifel an meinem Triumph. Die Undine selber wurde davon getäuscht, als sie die zweite Abspülung an mir vornahm. Doch schon hatte die dritte Stunde begonnen, und es galt, Merkur zu befriedigen. Ein Viertel von dieser Stunde blieben wir im Bade. Die Undine entzückte Semiramis durch Liebkosungen, um die der Herzog von Orleans, der Regent von Frankreich, sie beneidet haben würde. Die gute Marquise glaubte, bei den Flußgöttinnen sei dies so Sitte, und ließ gerne alles geschehen, was die Undine an ihr vornahm. Von Dankbarkeit erfüllt, bat Semiramis sie, auch mich mit ihren Schätzen zu beglücken, und nun entfaltete Marcolina den ganzen Reichtum der venetianischen Schule. Sie war eine vollendete Lesbierin. Bald war es ihr gelungen, mich wieder zum kräftigsten Leben zu erwecken, und Semiramis forderte mich auf, dem Merkur zu opfern. Ich ging ans Werk; leider aber drohte ich nur noch mit dem Blitz, hatte jedoch nicht mehr die Kraft, ihn zu schleudern. Ich sah, wie schmerzlich der mitfühlenden Undine der Anblick meiner vergeblichen Anstrengung war; auch bemerkte ich, daß Semiramis die Anstrengungen, die ich ihr verursachte, nicht mehr aushalten konnte und das Ende des Kampfes herbeisehnte. So faßte ich denn den unvermeidlichen Entschluß, sie abermals zu betrügen: ich verfiel in Zuckungen, die mit einer vollständigen Unbeweglichkeit endigten, wie sie wohl die natürliche Folge einer Leistung war, die nach der Meinung der Semiramis, wie sie mir später sagte, weit über die Kräfte eines gewöhnlichen Sterblichen ging. Nachdem ich mich gestellt hatte, wie wenn ich wieder zur Besinnung käme, warf ich mich in die Badewanne, in der ich aber nur so lange blieb, um die nötige Abspülung vorzunehmen; hierauf kleidete ich mich an. Marcolina reinigte die Marquise und half ihr dann beim Anziehen. Ich überraschte Semiramis auf einer neidischen Bewunderung der reizenden Undine, die sich zum Schluß mit der ganzen anmutigen Gewandtheit und Schnelligkeit eines jungen Mädchens ankleidete. Einer glücklichen Eingebung ihres Genius folgend, nahm Semiramis ihr prachtvolles Halsband ab und hängte es der schönen Badedienerin um den Hals, die ihr einen venetianischen Kuß gab, verschwand und sich in den Schrank versteckte. Semiramis fragte das Orakel, ob die Operation vollständig gelungen sei. Erschreckt durch diese Frage ließ ich ihr antworten, das Verbum der Sonne sei in ihrer Seele, und sie werde zu Anfang des Monats Februar mit ihrem anderen Ich niederkommen, das dem Geschlecht des Erzeugers angehören werde; damit jedoch die Einflüsse der feindlichen Geister nicht dem Erfolg schaden könnten, wäre es unbedingt notwendig, daß sie hundertundsieben Stunden ununterbrochen ruhig in ihrem Bett bliebe. Außer sich vor Glück, fand die gute Marquise, die ich entsetzlich ermüdet hatte, diesen Befehl, daß sie sich ausruhen solle, von göttlicher Weisheit und von bester Vorbedeutung. Ich umarmte sie und sagte ihr, ich würde auf dem Lande übernachten, um den Rest der Kräuter abzuholen, die bei den von mir dem Monde dargebrachten Kulten übrig geblieben wären; aber ich versprach ihr, am nächsten Tage mit ihr zu Mittag zu speisen. Ich schloß mich mit Marcolina in meinem Zimmer ein, und wir waren in fröhlicher Stimmung beisammen, bis die Nacht anbrach; denn bei Tage konnte sie in ihrem schönen Undinenkleide nicht mehr ausgehen. Ich zog meinen prachtvollen Hochzeitsanzug aus, und als wir endlich ausgehen konnten, ohne die Blicke der Neugierigen fürchten zu müssen, brachte ein Fiaker uns beide nebst der von mir so wohl verdienten Kiste mit den Opfergaben für die Planeten zu Marcolina. Wir waren halbtot vor Hunger, aber das leckere Abendessen, das uns erwartete, gab uns die Sicherheit, daß wir am Leben bleiben würden. Kaum waren wir in ihrem Zimmer, so warf Marcolina schnell ihren schönen, grünen Anzug beiseite und zog ihre Mädchenkleider wieder an. »Ich fühle, lieber Freund,« sagte sie zu mir, »daß ich nicht dazu geschaffen bin, Hosen zu tragen. Da sieh das schöne Halsband, das deine Närrin mir gegeben hat!« »Ich werde es verkaufen, schöne Undine, und dir den Erlös geben.« »Ist es denn viel wert?« »Mindestens tausend Zechinen. Wenn du nach Venedig zurückkehrst, wirst du mindestens fünftausend Dukaten Kurant besitzen; du kannst dir einen Gatten aussuchen, mit dem du als wohlhabende Bürgersfrau leben wirst.« »Behalte alles, mein Freund, und nimm mich mit dir; ich brauche nichts. Ich werde dir gewiß nicht zur Last fallen; ich werde alles tun, was du willst, und werde dich lieben wie meine eigene Seele. Ich verspreche dir, niemals eifersüchtig zu sein und dich zu pflegen wie mein Kind.« »Davon wollen wir später sprechen, schöne Marcolina; jetzt aber, da wir gut gespeist haben, laß uns zu Bett gehen, denn ich habe dich niemals meiner Huldigungen so würdig gefunden wie in diesem Augenblick.« »Aber du mußt doch ermüdet sein.« »Ermüdet – ja; aber nicht erschöpft; denn ich habe meinen Lebenssaft nur ein einziges Mal vergießen können; dafür danke ich der Liebe.« »Ich glaubte, du hättest zweimal auf diesem alten Altar geopfert. Die arme Frau! Sie ist sehr liebenswürdig für ihr Alter, und ich glaube gern, daß sie vor fünfzig Jahren vielleicht die erste Schönheit Frankreichs war. Aber ach! Welch ein Wahnsinn, noch an Liebe zu denken, wenn man alt ist!« »Du befeuertest mich, aber sie kühlte mich noch stärker ab.« »Bedarfst du immer des Reizmittels eines jungen Mädchens, um zärtlich mit ihr zu sein?« »Nein; denn die anderen Male kam es nicht darauf an, ihr einen Jungen zu machen.« »Hast du dich etwa verpflichtet, sie zu schwängern? Oh, wie lächerlich! Vielleicht bildet sie sich sogar ein, empfangen zu haben?« »Ohne allen Zweifel; diese Hoffnung macht sie glücklich.« »Sonderbare Schwärmerei! Aber warum hast du dich verpflichtet, die Leistung dreimal zu wiederholen?« »Ich wollte eine Herkulesarbeit vollbringen, und ich glaubte, meine Kraft würde ausreichen, wenn ich dich sähe. Ich habe mich sehr getäuscht!« »Ich beklage dich, daß du soviel gelitten hast.« »Du wirst mich verjüngen.« Ich weiß nicht, ob die Vergleichung mit der Alten besonders stark auf mich wirkte, aber ich verbrachte in der Tat mit meiner schönen Venetianerin eine der köstlichsten Nächte, die ich nur mit den Liebesnächten vergleichen kann, die ich in Parma mit Henriette und auf Murano mit meiner unvergleichlichen Nonne verlebt hatte. Wir blieben vierzehn Stunden im Bett, und von diesen wurden wenigstens vier darauf verwandt, den Schimpf wieder gut zu machen, den ich der Liebe angetan hatte. Nachdem ich Toilette gemacht und meine Schokolade getrunken hatte, sagte ich Marcollinen, sie möchte sich elegant kleiden und mich zum Theater erwarten. Ich hätte ihr kaum ein größeres Vergnügen machen können. Frau von Urfé fand ich in ihrem Bett liegen, mit gesuchter Eleganz gekleidet und wie eine jung vermählte Frau frisiert. Auf ihren Zügen lag ein Ausdruck von Befriedigung, wie ich ihn niemals an ihr gesehen hatte. »Ich weiß, mein vielgeliebter Galtinardo, daß ich Ihnen mein ganzes Glück verdanke«, sagte sie zu mir, indem sie mich umarmte. »Ich bin glücklich, göttliche Semiramis, daß ich dazu beigetragen habe; doch war ich nur das Werkzeug, dessen die Geister sich bedient haben.« Die Marquise begann nun in der vernünftigsten Weise mit mir zu sprechen; leider aber war ihr ganzes Gedankengebäude auf die verrückteste aller Torheiten gegründet. Sie sagte zu mir: »Heiraten Sie mich; Sie bleiben Vormund meines Kindes, das zugleich Ihr Sohn ist. Auf diese Weise erhalten Sie mir mein ganzes Vermögen und werden außerdem Besitzer des Erbteils, das mir von meinem Bruder, Herrn von Pontcarré, zufallen muß. Er ist alt und kann nicht mehr lange leben. Im nächsten Februar soll ich als Mann wiedergeboren werden und in was für Hände werde ich da fallen, wenn Sie nicht für mich sorgen! Man wird mich für ein uneheliches Kind erklären und ich werde dadurch achtzigtausend Franken Rente verlieren, die Sie mir erhalten können. Vergessen Sie das ja nicht, mein lieber Galtinardo! Ich muß Ihnen sagen, daß ich mich in meiner Seele schon als Mann fühle. Ich bin in die Undine verliebt, das muß ich Ihnen gestehen, und ich möchte wissen, ob ich in vierzehn oder fünfzehn Jahren bei ihr werde schlafen können. Wenn Oromasis es will, kann er es so fügen, und ich werde dann glücklich sein. Oh, was für ein reizendes Geschöpf! Haben Sie jemals ein so schönes Weib gesehen? Wie schade, daß sie stumm ist! Sie muß einen Wassermann zum Liebhaber haben. Aber alle Wassermänner sind stumm, denn im Wasser kann man nicht sprechen. Ich bin erstaunt, daß sie nicht taub ist. Ich begreife nicht, daß Sie keine Lust verspürt haben, sie anzurühren. Ihre Haut ist unglaublich weich; Samt und Atlas sind nichts im Vergleich damit! Ihr Atem ist so lieblich. Die Undinen haben eine mimische Sprache, die man lernen kann. Wie sehr würde es mich freuen, wenn ich mich mit diesem Wesen unterhalten könnte! – – Mein lieber Galtinardo, ich bitte Sie, das Orakel zu befragen, wo ich niederkommen soll. Wenn Sie mich nicht heiraten können, so scheint es mir nötig zu sein, daß ich all mein Hab und Gut verkaufe und daß ich für mein ganzes zweites Leben sichergestellt werde; denn in meinen ersten Kinderjahren werde ich natürlich nichts wissen, und es wird Geld erforderlich sein, damit ich eine Erziehung erhalte. Man könnte alles verkaufen und eine große Summe in Renten anlegen und diese sicheren Händen übergeben, um damit allen meinen Bedürfnissen zu genügen, ohne das Kapital anzurühren.« »Das Orakel, Semiramis, muß unser einziger Führer sein, übrigens werden Sie mein Sohn sein, und wenn Sie als Mann wiedergeboren werden, werde ich niemals dulden, daß man Sie als Bastard erklärt.« Diese Zusicherung beruhigte die erhabene Närrin. Ohne Zweifel wird mehr als ein Leser der Meinung sein, ich hätte als ehrenhafter Mann der Frau ihren Irrtum benehmen sollen. Aber es tut mir leid, ihnen sagen zu müssen: die Sache war unmöglich. Ja, ich gestehe, selbst wenn ich es gekonnt hätte, würde ich es nicht gewollt haben, denn indem sie wieder vernünftig geworden wäre, hätte ich sie unglücklich gemacht. Wie ihr Geist nun einmal angelegt war, bedurfte sie fortwährender eitler Hoffnungen. Ich wollte mit Marcolina ins Theater gehen, und da ich ihr gesagt hatte, daß sie sich aufs beste herausputzen solle, so legte auch ich einen meiner schönsten Anzüge an, damit meine Erscheinung zu der ihrigen passe. Der Zufall führte in unsere Loge die beiden Schwestern Rangoni, die Töchter des römischen Konsuls. Da ich sie von meinem ersten Aufenthalt in Marseille bereits kannte, so stellte ich ihnen die Venetianerin als meine Nichte vor, die nur italienisch spreche. Da die beiden jungen Damen die Sprache Tassos sprachen, war Marcolina hoch entzückt. Die jüngere Rangoni, an Schönheit ihrer älteren Schwester weit überlegen, wurde wenige Jahre später Fürstin Gonzaga Solferino. Der Fürst, der sie heiratete, war ein wissenschaftlich gebildeter Mann, man kann sogar sagen, ein genialer Mann. Obwohl er der Familie Gonzaga angehörte, war er doch arm; denn er war der Sohn des ebenfalls sehr armen Fürsten Leopold und einer Medini, Schwester jenes Medini, der im Jahre 1787 in London im Gefängnis starb. Babet Rangoni war zwar nur die Tochter eines Marseiller Kaufmanns, des römischen Konsuls, aber sie verdiente, Fürstin zu werden, denn sie hatte das Auftreten und die Manieren einer solchen. Sie glänzt mit ihrem Namen Rangoni unter den Fürsten, die im alten Almanach mitverzeichnet stehen. Ihr sehr eitler Gatte ist entzückt, daß die Leser dieser Almanache seine Gemahlin für eine Angehörige des erlauchten Hauses Medini halten. Dies ist eine unschuldige Eitelkeit, die der Welt weder nutzt noch schadet. Dieselben Almanache machen aus Medini den Namen Medici, was ebenso unschuldig ist. Diese Lügen haben ihren Ursprung in dem dummen Stolz des Adels, der sich allen Ernstes einbildet, von einer höheren Natur als die übrigen Menschen zu sein, weil er im Besitz von Namen und Würden ist, die nur zu oft durch niedrige Handlungen erworben wurden. Man muß ihm das hingehen lassen, weil die Dinge dieser Welt doch nur den Wert haben, den man ihnen beimißt, und weil man doch den stolzesten Adel sofort seines Glanzes entkleiden kann, wenn man ihn so sieht, wie er ist. Dieser Fürst Gonzaga Solferino, den ich vor achtzehn Jahren in Venedig sah, lebte von einem leidlich hinreichenden Jahrgeld, das ihm die Kaiserin Maria Theresia ausgesetzt hatte. Ich hoffe, daß der verstorbene Kaiser Joseph ihm diese Pension nicht genommen hat; denn er verdiente sie wegen seines Geistes und wegen seiner literarischen Kenntnisse. Während der Vorstellung plauderte Marcolina fortwährend mit der reizenden jungen Babet Rangoni, die mich dringend einlud, sie in ihrem Hause einzuführen; ich hatte jedoch meine Gründe, dies nicht zu tun. Ich dachte über ein Mittel nach, wie ich Frau von Urfé nach Lyon schicken könnte; denn ich wußte nicht mehr, was ich in Marseille mit ihr anfangen sollte, und sie brachte mich nur in Verlegenheit. Da gab sie mir am dritten Tage nach der Regeneration eine Frage, die ich an Paralis richten sollte. Sie wollte wissen, wo sie geboren werden, das heißt sterben sollte. Ich ließ das Orakel antworten, sie müsse den Undinen zweier Flüsse gleichzeitig einen Kultus darbringen und je nach dem Ausfall dieser feierlichen Handlung werde die Frage entschieden werden. Außerdem müsse ich dem Saturn einen dreimaligen Sühnedienst widmen, weil ich den falschen Querilint zu hart behandelt habe. An diesen Sühnediensten brauche Semiramis nicht teilzunehmen, dagegen müsse sie bei dem Kultus der Wassergottheiten zugegen sein. Während ich tat, wie wenn ich darüber nachdächte, wo zwei Flüsse so nahe beieinander wären, daß wir die Vorschriften des Orakels leicht ausführen könnten, sagte Semiramis aus eigenem Antriebe zu mir, Lyon liege am Rhône und an der Saône, und es sei daher nichts leichter, als den Kultus in dieser Stadt abzuhalten. Wie man sich denken kann, stimmte ich ihr sofort zu. Hierauf befragte ich Paralis, ob noch Vorbereitungen auszuführen seien. Er antwortete, vierzehn Tage vor der Vornahme des Kultus müsse eine Flasche Meerwasser in jeden der beiden Flüsse gegossen werden. Diese Zeremonie konnte Semiramis selber in der ersten Stunde vornehmen, wo der Mond bei Tage schien. »Ich muß also«, sagte die Marquise zu mir, »die Flaschen hier mit Meerwasser füllen; denn alle andern Häfen Frankreichs sind weiter von Lyon entfernt. Ich muß unverzüglich abreisen, sobald ich das Bett verlassen kann. Ich werde Sie in Lyon erwarten; denn da Sie hier dem Saturn den Sühnedienst darbringen müssen, so können Sie nicht mit mir reisen.« Ich gab die Richtigkeit dieser Anschauung zu, indem ich zugleich mein Bedauern aussprach, sie allein reisen lassen zu müssen. Am nächsten Tage brachte ich ihr zwei sorgfältig versiegelte Flaschen mit Meerwasser; ich befahl ihr, diese am fünfzehnten Mai in die Flüsse auszugießen, und versprach ihr, daß ich vor Ablauf der beiden darauffolgenden Wochen bei ihr sein werde. Ihre Abreise setzten wir auf den übernächsten Tag fest, das war der elfte Mai. Ich zeichnete schriftlich die Mondstunden auf und gab ihr ihren Reiseplan. Sobald die Marquise abgereist war, verließ ich die Dreizehn Kantone und zog zu Marcolina. Ich gab ihr vierhundertundsechzig Louis in Gold, so daß sie mit dem in Biribi gewonnenen hundertundvierzig Louis jetzt sechshundert besaß. Mit dieser Summe von vierzehntausendvierhundert Franken konnte sie der Zukunft ruhig entgegensehen. Am Tage der Abreise der Frau von Urfé kam der Bräutigam des Fräuleins Crosin in Marseille an; Rosalie hatte ihm einen Brief für mich mitgegeben, den er mir am selben Tage überbrachte. Sie bat mich, um unserer beider Ehre willen, ich möchte selber den Überbringer dem Vater der Braut vorstellen. Rosalie hatte recht; da aber die Verlobte nicht meine Nichte war, so war die Sache doch nicht so ganz einfach. Ich empfing meinen künftigen Stellvertreter sehr freundlich, sagte ihm aber, ich wolle ihn zunächst der Frau Audibert vorstellen und dann mit ihm zu seinem zukünftigen Schwiegervater gehen. Der junge Genuese war in den Dreizehn Kantonen abgestiegen, weil er glaubte, daß ich dort wohnte. Er war entzückt, sich der Erfüllung seiner sehnlichsten Wünsche nahe zu sehen, und seine Freude wurde erhöht durch den Empfang, den Frau Audibert ihm bereitete. Nachdem wir alle drei in meinen Wagen gestiegen waren, begaben wir uns zu dem zukünftigen Schwiegervater, der seinen Eidam mit Freuden aufnahm und ihn dann sofort seiner Frau vorstellte, die er bereits zu seinen Gunsten gestimmt hatte. Ich war angenehm überrascht, als der wackere Kaufmann, der ein vernünftiger Mann und von Frau Audibert bereits vorbereitet war, mich seiner lieben Frau als seinen lieben Vetter vorstellte, den Herrn Chevalier de Seingalt, der sich ihrer Tochter auf der Reise so freundlich angenommen habe. Die tugendhafte Frau und gute Mutter war ebenso vernünftig wie ihr Gemahl: sie streckte mir ihre Hand entgegen, und damit waren wir über alle Verlegenheiten hinweg. Mein neuer Vetter schickte sofort einen Boten zu seiner Schwester und ließ ihr mitteilen, er werde am nächsten Tage mit seiner Frau, seinem zukünftigen Schwiegersohn, Frau Audibert und einem Vetter, den sie noch nicht kenne, bei ihr speisen. Als der Bote fortgegangen war, lud er uns ein, und Frau Audibert übernahm es, uns hinauszufahren. Sie sagte ihm, ich habe noch eine zweite Nichte bei mir, die seine Tochter sehr lieb habe; sie werde sich daher sehr freuen, sie wiederzusehen. Der gute Papa war entzückt, seiner Tochter eine Freude machen zu können, indem er die Gesellschaft um einen angenehmen Gast vermehrte. Der glückliche Einfall der Frau Audibert machte mir viel Vergnügen; ich fühlte mich zu größtem Dank verpflichtet, daß sie meiner teuren Marcolina eine solche Freude bereitete, und sprach ihr daher aus vollem Herzen meine ganze Dankbarkeit aus. Ich ging mit dem jungen Genuesen ins Theater. Hierüber freute sich Marcolina, die die Franzosen nicht liebte, weil sie sich nicht mit ihnen verständigen konnte. Er nahm in unserer Wohnung an einem ausgezeichneten Abendessen teil, in dessen Verlauf ich meiner Venetianerin von dem Vergnügen Mitteilung machte, das ihrer am nächsten Tage wartete. Ich glaubte, sie würde vor Freude den Verstand verlieren. Am nächsten Tage erschienen wir bei Frau Audibert so pünktlich wie Achill an einem Schlachttage. Da die Dame sehr gut italienisch sprach, fand sie meine Marcolina entzückend und machte mir liebenswürdige Vorwürfe, daß ich sie nicht schon früher mit ihr bekannt gemacht hätte. Um elf Uhr kamen wir in Saint-Louis an, und dort wurde ich Zeuge einer reizenden Szene. Meine frühere Nichte hatte eine würdevolle Miene, die ihr entzückend zu Gesicht stand. Sie empfing ihren künftigen Gatten auf das anmutigste; hierauf dankte sie mir mit dem angenehmsten Lächeln dafür, daß ich die Güte gehabt hätte, ihn ihrem Vater vorzustellen. Von der Würde sprang sie dann plötzlich zur Fröhlichkeit über und gab ihrer Freundin hundert Küsse, die sie mit Zinsen zurückerhielt. Das Mittagessen war ausgezeichnet und wurde von froher Heiterkeit belebt. Ich allein überließ mich einer süßen Melancholie; doch mußte ich bei mir selber lachen, wenn man mich fragte, warum ich traurig sei. Man hielt mich wohl für traurig, weil ich nicht so gesprächig war wie gewöhnlich. In Wirklichkeit war ich durchaus nicht traurig; ich empfand im Gegenteil diesen Augenblick als einen der schönsten meines Lebens. Mein Geist war sozusagen vollständig von jener Ruhe durchdrungen, die das Gefühl einer guten Handlung verleiht. Ich sah in mir den Verfasser einer Komödie, deren Ausgang so außerordentlich glücklich war. Ich sah mit Freuden, daß ich, wenn eins gegen das andere abgewogen wurde, auf dieser Welt mehr Gutes als Böses anrichtete, und das ein günstiges Geschick mich, obgleich ich nicht als König geboren war, in die Lage versetzte, Menschen glücklich zu machen. Unter den Tischgästen war niemand, der mir nicht dankbar war, und wenigstens vier von ihnen, der Vater, die Mutter und die beiden Brautleute, verdankten mir ihr ganzes Glück. Diese Erwägung verbreitete in mir ein Gefühl friedlichen Glückes, dessen ich nur schweigend genießen konnte. Fräulein Crosin kehrte mit ihren Eltern und ihrem Bräutigam, den der Vater in sein Haus eingeladen hatte, nach Marseille zurück. Ich fuhr mit Frau Audibert, die mir das Versprechen abnahm, mit meiner entzückenden Marcolina bei ihr zu Abend zu speisen. Man hatte bestimmt, daß die Hochzeit stattfinden solle, sobald von dem Vater des Bräutigams die Antwort auf einen Brief eintreffe, den der Vater der Braut nach Genua geschrieben hatte. Selbstverständlich waren wir alle zur Hochzeit eingeladen. Marcolina war entzückt über alle diese Feste und verdoppelte die liebevolle Zärtlichkeit, mit der sie mich beglückte. Beim Abendessen im Hause det Frau Audibert fanden wir einen reichen jungen Weinhändler, einen geistvollen Jüngling von unabhängigem Vermögen. Er saß neben Marcolina, die von witzigen Bemerkungen sprudelte, und der junge Herr, der ganz leidlich italienisch und sogar venetianisch sprach, weil er ein Jahr in Venedig zugebracht hatte, war offenbar sehr empfänglich für die Reize meiner neuen Nichte. Ich bin, meinem Charakter entsprechend, stets sehr eifersüchtig auf meine Geliebten gewesenn, wenn ich aber voraussehen konnte, daß sie durch einen Nebenbuhler eine vorteilhafte Lebensstellung erhalten würden, machte meine Eifersucht einem edleren Gefühle Platz. An jenem Tage begnügte ich mich damit, mich bei Frau Audibert nach dem jungen Mann zu erkundigen, und ich vernahm mit großer Befriedigung, daß er in ausgezeichnetem Rufe stand, ein Vermögen von hunderttausend Talern nebst einem großen Geschäft besaß und vollkommen unabhängig war. Am nächsten Tage besuchte er uns in unserer Loge im Theater, und ich war sehr erfreut über den liebenswürdigen Empfang, den Marcolina ihm bereitete. Um ihn noch näher kennen zu lernen, lud ich ihn ein, mit uns zu Abend zu speisen. Er nahm die Einladung an, und ein Benehmen wie sein Geist gefielen mir sehr. Er war gegen Marcolina zärtlich, aber ehrerbietig. Als er fortging, sagte ich zu ihm, ich hoffe, es sei nicht das letzte Mal gewesen, daß er uns diese Ehre erwiesen habe, und als ich mit Marcolina allein war, wünschte ich ihr Glück zu ihrer Eroberung, indem ich ihr ein Los in Aussicht stellte, das dem des Fräulein Crosin nicht unähnlich sein werde. Anstatt mir jedoch zu danken, wurde das reizende Mädchen wütend. »Wenn du mich los sein willst,« rief sie, »so schicke mich nach Venedig, aber sprich mir nicht davon, mich verheiraten zu wollen!« »Beruhige dich, mein Engel. Dich los sein wollen! Was ist das für eine Sprache? Hast du irgendwelchen Grund zur Annahme gehabt, daß du mir lästig seiest? Ich sehe da einen schönen, gut erzogenen, reichen jungen Mann; ich sehe, daß er dich liebt und daß er dir nicht mißfällt; und da ich dich sehr lieb habe, da ich dich glücklich und gegen alle Wechselfälle geschützt zu sehen wünsche, da ich endlich in diesem liebenswürdigen Franzosen alles zu finden glaube, was eine ehrbare Frau glücklich machen kann, so stelle ich dir alle diese Vorteile vor Augen. Du aber wirst grob gegen mich, anstatt mir dankbar zu sein! Weine nicht, meine reizende Freundin; du machst mich traurig.« »Ich weine, weil du dir hast einbilden können, daß ich ihn liebe.« »Das hätte wohl sein können, meine Liebe, und dies hätte mich, wenn es in allen Ehren geschah, nicht beleidigen können; aber sei ruhig, ich werde mir derlei Sachen nicht mehr vorstellen. Laß uns zu Bett gehen.« Marcolina weinte nicht mehr, sondern lachte und überschüttete mich mit Küssen. Vom Weinhändler sprachen wir nicht mehr. Am nächsten Tage kam er in unsere Loge, um uns Gesellschaft zu leisten; aber das Bild hatte sich verändert: Marcolina war höflich, aber zurückhaltend, und ich wagte es nicht, ihn, wie am Tage vorher, zum Abendessen einzuladen. Als wir wieder zu Hause waren, dankte sie mir dafür, daß ich ihn nicht eingeladen hätte, uns zu begleiten; sie sagte, sie hätte davor Furcht gehabt. Diese Andeutung genügte, und für die Zukunft richtete ich mich danach. Am nächsten Tage machte Frau Audibert uns einen Besuch, um uns im Auftrage des Weinhändlers zum Abendessen einzuladen. Bevor ich eine Antwort gab, sah ich meine Venetianerin an, die meine Gedanken erriet und schnell erklärte, sie werde stets glücklich sein, mit Frau Audibert zusammen zu sein. Die Dame holte uns am Abend ab und fuhr mit uns zu dem Freier, der uns eine prachtvolle Mahlzeit gab, zu der er außer uns niemand eingeladen hatte. Wir sahen ein ausgezeichnet eingerichtetes Haus, dem nur eine Frau als Herrin und Wirtin fehlte. Der Hausherr behandelte beide Damen mit gleicher Aufmerksamkeit, und Marcolina benahm sich zum Entzücken. Ihr lustiges und doch anständiges Benehmen, ihre lebhafte und dabei stets maßvolle Unterhaltung – dies alles erweckte in mir die Überzeugung, daß sie den wackeren Weinhändler vollends entflammt hatte. Am nächsten Tage erhielt ich ein Briefchen von Frau Audibert, die mich bat, einen Augenblick bei ihr vorzusprechen. Ich ging zu ihr, und sie bat mich im Auftrag des jungen Kaufmanns um Marcolinas Hand. »Der Antrag, den Sie mir machen,« antwortete ich ihr, »ist mir sehr angenehm, und ich bin gern bereit, dem Mädchen dreißig tausend Franken mitzugeben, wenn diese durch gute Bürgschaft sichergestellt werden; aber ich kann es nicht übernehmen, mit ihr darüber zu sprechen. Ich werde das reizende Mädchen Ihnen zuschicken, gnädige Frau, und wenn Sie sie bestimmen können, einen Antrag anzunehmen, der sie ehrt und nach meiner Meinung sehr vorteilhaft für sie ist, so können Sie auf mich zählen. Ich werde mein Wort halten, aber Sie dürfen nicht in meinem Namen mit ihr sprechen, denn das könnte alles verderben.« »Ich werde sie abholen, und wenn es Ihnen recht ist, so wird sie bei mir zu Mittag essen, und Sie holen sie dann abends zum Theater ab.« Am nächsten Tage erschien sie pünktlich zur verabredeten Stunde, und Marcolina, der ich Bescheid gesagt hatte, ging mit ihr zum Essen. Gegen fünf Uhr holte ich sie ab, und da ich sie in der heitersten Laune fand, so wußte ich nicht, was ich davon denken sollte. Die Damen waren allein, und da Frau Audibert mich nicht beiseite rief, so bezwang ich meine Neugier und ging, ohne etwas erfahren zu haben, mit Marcolina fort, als es Zeit zum Theater wurde. Unterwegs sang Marcolina unaufhörlich das Lob der Dame, aber von dem Antrag, den diese ihr doch ohne Zweifel gemacht haben mußte, sagte sie kein Wort. Etwa in der Mitte der Vorstellung glaubte ich jedoch des Rätsels Lösung gefunden zu haben; denn ich sah den jungen Mann im Parkett, und er erschien nicht in unserer Loge, obgleich in dieser zwei Plätze frei waren. Wir kehrten in unsere Wohnung zurück, ohne über den Kaufmann oder Frau Audibert auch nur eine Silbe gesprochen zu haben; da ich jedoch der Tatsache sicher war, so fühlte ich mich zur Dankbarkeit gestimmt, und Marcolina war hochbeglückt, mich zärtlicher denn je zu finden. In der höchsten Wonne unserer Liebeskämpfe erzählte Marcolina mir endlich alles, was zwischen ihr und der Dame vorgefallen war. »Sie sagte mir alles mögliche Schöne und Vernünftige, ich aber beschränkte mich darauf, ihr zu antworten, ich würde mich nur verheiraten, wenn du es mir beföhlest. Indessen danke ich dir von ganzem Herzen für die zehntausend Taler, die du mir zu schenken bereit wärest. Du hast die Entscheidung mir zugeschoben, und ich habe dir den Ball zurückgeworfen. Wenn du deine Gründe hast, mich nicht mit nach England zu nehmen, so werde ich nach Venedig gehen, sobald du es willst; verheiraten aber werde ich mich nicht. Allem Anschein nach werde ich den jungen Herrn nicht mehr sehen, der übrigens sehr liebenswürdig ist und den ich, glaube ich, lieben könnte, wenn ich dich nicht kennte.« Der junge Mann ließ sich nicht mehr sehen, und ich schätzte ihn darum hoch; denn ein Mann, der seinen eigenen Wert kennt, muß sich mit einer Tatsache abzufinden wissen. Bald darauf fand die Hochzeit meiner Nichte statt. Marcolina nahm mit mir daran teil; sie trug keine Diamanten; sonst aber war sie mit allem Luxus geschmückt, der ihre Schönheit ins rechte Licht setzen und meinem Selbstgefühl schmeicheln konnte. Sechstes Kapitel Abreise von Marseille. – Henriette in Aix. – Irene in Avignon. – Passanos Verrat. – Frau von Urfé reist von Lyon ab. Das Hochzeitsmahl wäre für mich kein Vergnügen gewesen, wenn ich nicht für den Anlaß des Festes große Teilnahme gehabt hätte. In den Speisen herrschte mehr Verschwendung als eine feine Auswahl; die Gesellschaft war zahlreich, gemischt und lärmend; Komplimente und Gespräche waren abgeschmackt; die Späße waren platt und sinnlos; über allerlei dummes Zeug wurde aus vollem Halse gelacht. Dies alles würde mich zum Sterben gelangweilt haben, wäre nicht Frau Audibert dagewesen, der ich keinen Augenblick von der Seite wich. Marcolina folgte der Neuvermählten wie ihr Schatten. Diese sollte ihrem Gemahl acht Tage später nach Genua folgen und wünschte sie mitzunehmen; sie erbot sich, sie mit einer vertrauenswürdigen Person nach Venedig zu schicken; Marcolina wollte aber von keinem Plan etwas wissen, der sie von mir getrennt hätte. »Ich werde nur nach Venedig gehen,« sagte sie zu mir, »wenn du mich aus eigenen Antrieb dorthin schickst.« Übrigens erregte die Hochzeit ihrer Freundin trotz allem Glänze in ihr nicht das geringste Bedauern, daß sie die schöne Partie des jungen Marseiller zurückgewiesen hatte. Der Neuvermählten stand die Freude ihrer Seele auf dem Gesicht geschrieben. Ich wünschte ihr von ganzem Herzen und ohne jeden Hintergedanken Glück dazu; sie gab zu, daß sie glücklich sei, und sagte mir, am meisten erhöhe ihr Glück der Gedanke, daß sie es mir verdanke, und daß sie sicher sei, in Genua eine treue Freundin in Rosalie zu finden, die um so inniger mit ihr übereinstimmen würde, da sie nunmehr Verwandte und in ähnlicher Lage wären. Am Tage nach der Hochzeit rüstete ich mich zur Abreise. Vor allen Dingen entledigte ich mich der Kiste, die die Opfergaben für die Planeten enthielt. Ich behielt die Diamanten und die Edelsteine und brachte das ganze Metall zum Bankier Rousse de Cosse, bei dem ich noch die ganze Summe stehen hatte, die Greppi zu meinen Gunsten bei ihm angewiesen hatte. Ich nahm einen Kreditbrief auf Tourton \& Baur in Paris, denn da Frau von Urfé in Lyon war, so war es kaum möglich, daß ich Geld nötig haben konnte, und die dreihundert Louis, die ich in meiner Börse hatte, genügten für die laufenden Bedürfnisse. Marcolinas Geldverhältnisse ordnete ich in der Weise, daß ich mir von ihr ihre sechshundert Louis geben ließ und zu diesen die sechshundert Franken hinzufügte, die an der runden Summe von fünfzehntausend Franken fehlten. Für diesen Betrag nahm ich eine Anweisung auf Lyon, denn ich gedachte, die erste günstige Gelegenheit zu benutzen, um sie nach Venedig zurückzuschicken. In dieser Absicht ließ ich ihr einen besonderen Koffer machen, in den sie alle Kleider und die Wäsche packte, womit ich sie überreichlich ausgestattet hatte. Am Tage vor unserer Abreise verabschiedeten wir uns von den Neuvermählten, bei denen wir mit der ganzen Familie zu Abend aßen. Wir trennten uns unter Tränen, indem wir uns ewige Freundschaft versprachen. Am folgenden Tage begaben wir uns auf die Reise, mit der Absicht, die ganze Nacht hindurch zu fahren, um erst in Avignon Halt zu machen. Gegen fünf Uhr aber brach, eine Stunde über Croix-d'Or hinaus, die Deichselkette meines Wagens, so daß wir ohne Hilfe eines Schmiedes nicht weiterreisen konnten. Wir ergaben uns in die Notwendigkeit, so lange warten zu müssen, und Clairmont ging, um Erkundigungen einzuziehen, in ein schönes Haus, das zur Rechten unseres Weges, am Ende einer Allee von schönen Bäumen lag. Da ich nur einen Postillon hatte, so erlaubte ich diesem nicht, sich auch nur einen Augenblick von seinen Pferden zu entfernen. Bald darauf sahen wir Clairmont mit zwei Bedienten erscheinen, von denen der eine mich im Auftrage seines Herrn einlud, in dessen Hause die Ankunft des Schmiedes abzuwarten. Es würde mir übel angestanden sein, eine Höflichkeit zurückzuweisen, die übrigens von Seiten eines Franzosen sehr natürlich war. Indem ich alles meinem treuen Clairmont überließ, begab ich mich mit Marcolina nach dem gastlichen Hause. Drei Damen und zwei Herren der besten Gesellschaft kamen uns entgegen, und einer von diesen letzteren sagte mir, sie wünschten sich Glück zu dem kleinen Unfall, der mich betroffen hätte, da er der gnädigen Frau das Vergnügen verschaffte, mir ihr Haus und ihre Dienste anzubieten. Ich wandte mich zu der Dame, die der Herr mir durch eine Handbewegung bezeichnet hatte, dankte ihr und sagte, ich hoffe, sie nicht lange zu belästigen, sei ihr aber für ihr freundliches Entgegenkommen sehr dankbar. Sie machte mir eine sehr anmutige Verbeugung, doch konnte ich ihre Züge nicht unterscheiden, denn der sehr heftige Wind der Provence nötigte sie und ihre beiden Begleiterinnen, ihre Kapuzen tief ins Gesicht zu ziehen. Marcolina trug ihren schönen Kopf unbedeckt und ließ ihre Haare im Winde flattern. Sie antwortete nur durch anmutige Verbeugungen und ein wohlerzogenes Lächeln auf die schmeichelhaften Komplimente, die man ihr darüber machte, daß sie ihre Reize dem Winde preisgebe. Derselbe Herr, der mich begrüßt hatte, fragte mich, indem er ihr den Arm bot, ob die Dame meine Tochter sei. Marcolina lächelte, und ich antwortete, sie sei meine Base, und wir seien aus Venedig. Der Franzose ist so darauf erpicht, einer hübschen Frau etwas Schmeichelhaftes zu sagen, daß er sich nichts daraus macht, wenn dies auf Kosten eines dritten geschieht. Der Herr konnte füglich nicht annehmen, daß Marcolina meine Tochter sei; denn obgleich ich zwanzig Jahre älter war als sie, gab man mir doch ganz allgemein zehn Jahre weniger, als ich in Wirklichkeit zählte; Marcolina lächelte denn auch auf eine recht bezeichnende Weise. Als wir gerade in das Haus treten wollten, sprang ein großer Kettenhund auf ein hübsches Wachtelhündchen los; die Dame bekam Angst, der Köter würde das Hündchen beißen, und eilte diesem zu Hilfe. Dabei tat sie einen Fehltritt und stürzte zu Boden. Wir eilten ihr zu Hilfe und hoben sie auf. Sobald sie auf den Füßen stand, sagte sie, sie habe eine Sehne verrenkt. Auf den Arm eines der Kavaliere gestützt, ging sie hinkend nach ihren Gemächern. Man beeilte sich, uns Erfrischungen vorzusetzen. Als ich sah, daß Marcolina einer Dame gegenüber, die sie anredete, in Verlegenheit geriet, bat ich sie um Entschuldigung, indem ich sagte, sie spräche nicht französisch. Marcolina begann allerdings schon etwas zu radebrechen; da aber die geselligste Sprache der Welt nach meiner Ansicht nicht mittelmäßig gesprochen werden darf, so hatte ich sie gebeten, in vornehmer Gesellschaft nicht zu sprechen, bevor sie sich nicht auf eine erträgliche Weise auszudrücken verstehe. Es war besser, wenn sie schwieg, als wenn sie sich durch italienische Wendungen und durch komische Zweideutigkeiten lächerlich machte. Die weniger hübsche, oder vielmehr die häßlichere von den beiden Damen sagte zu mir: »Ich wundere mich, daß man in Venedig die Erziehung der jungen Damen in solchem Grade vernachlässigt. Wie ist es möglich, daß man sie nicht französisch lernen läßt!« »Ohne Zweifel tut man unrecht, gnädige Frau; aber in meiner Heimat gehört zur Erziehung der jungen Mädchen weder der Unterricht in fremden Sprachen noch die Erlernung von gesellschaftlichen Kartenspielen. Diese Dinge kommen an die Reihe, wenn die Erziehung beendet ist.« »Sie sind also ebenfalls Venetianer?« »Ja, gnädige Frau.« »Wahrhaftig, man würde es nicht glauben.« Ich antwortete mit einer Verbeugung auf dieses Kompliment, das in Wirklichkeit nur eine Beleidigung war; denn wenn es für mich schmeichelhaft war, so war es beleidigend für meine Landsleute. Dies entging denn auch Marcolina nicht, und sie gab ihre Mißbilligung zu erkennen, indem sie mit einem Lächeln voll von Anmut und feiner Bosheit ihr Mündchen verzog. »Wie ich sehe, versteht das Fräulein französisch,« sagte die Komplimentenmacherin; »denn sie hat sehr zur rechten Zeit gelacht.« »Ja, meine Gnädige, sie versteht es und sie hat gelacht, weil sie weiß, daß ich nicht anders bin als alle Venetianer.« »Nicht anders als alle Venetianer – das ist möglich; aber man sieht doch leicht, daß Sie lange in Frankreich gelebt haben, mein Herr.« »Oui, madame, oui, madame!« rief Marcolina, und diese Worte, die sie mit ihrem hübschen venetianischen Akzent vorbrachte, waren reizend anzuhören. Der Herr, der die Dame nach ihrem Zimmer begleitet hatte, kam zurück und sagte uns, die gnädige Frau habe ihren Fuß etwas geschwollen gefunden; sie habe sich daher zu Bett gelegt und bitte uns, heraufzukommen. Wir fanden sie im Hintergrunde eines Alkovens, der durch Vorhänge von karmoisinrotem Atlas noch dunkler gemacht wurde, in einem prachtvollen Bett liegen; es war mir daher unmöglich, sie zu sehen und mich zu vergewissern, ob sie jung oder alt, schön oder häßlich war. Ich sagte ihr, ich sei in Verzweiflung, daß ich die mittelbare Ursache ihres Unglücks sei. Sie antwortete in gutem Italienisch, es habe nicht viel auf sich, und sie glaube damit das Vergnügen, so liebenswürdigen Gästen eine Zuflucht zu bieten, nicht zu teuer zu bezahlen. »Frau Gräfin muß in Venedig gewohnt haben, um meine Sprache so rein zu sprechen.« »Ich bin niemals dort gewesen, mein Herr, aber ich habe viel mit Venetianern gesprochen.« Da ein Bedienter mir meldete, der Schmied sei gekommen und sage, er brauche vier Stunden, um meinen Wagen auszubessern, so bat ich um Erlaubnis, hinuntergehen zu dürfen. Der Schmied wohnte eine Viertelmeile weit entfernt. Wenn die Deichsel mit Stricken zusammengebunden wurde, konnte ich in meinem Wagen zu ihm fahren und bei ihm die Beendigung der Reparatur abwarten. Hierzu hatte ich mich denn auch entschlossen, als der Herr, der die Honneurs des Hauses machte, zu mir kam und im Auftrage der Frau Gräfin mich bat, bei ihr zu speisen und die Nacht zu verbringen. Denn wenn ich zum Schmied ginge, würde ich nicht nur einen Umweg machen, sondern auch eine schlechte Nacht haben; der Schmied würde bei Nacht schlecht arbeiten, und die Reparatur würde nicht gut ausfallen. Überzeugt, daß die Gräfin recht hatte, nahm ich an und vereinbarte mit dem Schmied, er solle am nächsten Morgen in aller Frühe mit allen notwendigen Werkzeugen kommen und den Wagen an Ort und Stelle ausbessern. Hierauf befahl ich Clairmont mein ganzes Gepäck, das man von dem Wagen abgeladen hatte, in das mir angewiesene Zimmer zu bringen. Als ich wieder bei der Gräfin eintrat, um ihr meinen Dank auszusprechen, fand ich die Gesellschaft in fröhlichster Heiterkeit über Marcolinas witzige Bemerkungen, die die Gräfin übersetzte. Ich war durchaus nicht erstaunt, zu sehen, daß meine Venetianerin und die Gräfin sich auf das zärtlichste liebkosten. Ich ärgerte mich nur, daß ich die Dame nicht sehen konnte; denn ich kannte die Schwächen meiner Geliebten, und ihre Liebkosungen ließen mich erraten, daß die Dame, der sie galten, schön sein müßte. Man deckte den Tisch im Zimmer der Gräfin, die ich beim Abendessen zu sehen hoffte. Ich sah mich jedoch in meiner Erwartung getäuscht, denn die Dame erklärte, sie wolle nichts essen, und unterhielt sich während der ganzen Mahlzeit unaufhörlich mit Marcolina und mir. Sie zeigte während des Gespräches viel Geist und Bildung und sprach das Italienische sehr korrekt. Da ihr einmal das Wort: mein verstorbener Mann entschlüpfte, so wußte ich, daß sie Witwe war, weiter aber auch nichts, da ich keine Fragen zu stellen wagte. Am Abend sagte Clairmont mir beim Auskleiden den Namen der Gräfin; da ich jedoch eine Familie dieses Namens nicht kannte, so verschaffte auch dieser Umstand mir keine Aufklärung. Nach dem Essen setzte Marcolina sich wieder auf das Bett ihrer neuen Bekannten, und die beiden sprachen mit solcher Zungenfertigkeit, daß von uns anderen niemand ein Gespräch anknüpfen konnte. Als nach meiner Meinung die Höflichkeit erforderte, daß ich mich empföhle, sagte meine angebliche Base mir, sie wolle bei der Gräfin schlafen. Da diese hierüber lachte und Ja, ja sagte, so glaubte ich,, meiner leichtsinnigen Freundin nicht sagen zu dürfen, daß ihr Vorschlag ungezogen sei. Übrigens zeigten ihre gegenseitigen Umarmungen mir, daß sie bereits im Einverständnis waren. Ich begnügte mich, der Gräfin zu sagen, ich könne für das Geschlecht der von ihr erwählten Bettgesellschaft keine Bürgschaft übernehmen; hierauf antwortete sie mir: »Seien Sie unbesorgt, mein Herr, ich kann bei einem Irrtum nur gewinnen.« Ich fand die Bemerkung ein wenig leichtfertig; doch war ich nicht, der Mann, an so etwas Anstoß zu nehmen. Ich lachte über den Geschmack meiner Venetianerin, sowie darüber, daß es ihr so leicht gelang, ihn zu befriedigen, wie es in Genua bei meiner vorigen Nichte der Fall gewesen war. Übrigens neigen die Provençalinnen im allgemeinen zu diesem Geschmack, und ich bin weit entfernt, ihnen einen Vorwurf daraus zu machen, sondern finde sie deswegen nur um so liebenswürdiger. Am anderen Morgen stand ich mit Tagesanbruch auf, um den Schmied bei seiner Arbeit anzutreiben; ich frühstückte neben meinem Wagen, und als alles bereit war, fragte ich, ob die Frau Gräfin sichtbar sei. Einen Augenblick darauf kam Marcolina mit dem Kavalier aus dem Hause. Er sagte zu mir: »Ich bitte Sie, die gnädige Frau freundlichst entschuldigen zu wollen, die sich in ihrem Nachtgewande nicht vor Ihnen sehen zu lassen wagt. Sie bittet Sie jedoch inständig, wenn Sie jemals wieder hier vorbeikommen sollten, stets ihr Haus zu beehren, sei es, daß Sie allein oder daß Sie in Gesellschaft sind.« Diese Abweisung mißfiel mir sehr, trotz der Vergoldung, in der sie mir zuteil wurde. Ich verhehlte jedoch mein Mißvergnügen, denn ich konnte die Ursache nur Marcolinens Schamlosigkeit zuschreiben. Da ich sie aber in sehr fröhlicher Stimmung sah, so wollte ich sie nicht kränken. Nachdem ich dem Herrn tausend Komplimente gemacht und jedem der anwesenden Bedienten einen Louisdor in die Hand gedrückt hatte, fuhren wir ab. Ich umarmte Marcolina zärtlich, damit sie meine schlechte Laune nicht bemerken möchte; hierauf fragte ich sie, wie sie die Nacht mit der Gräfin zugebracht hätte, die ich nicht gesehen hätte. »Sehr gut, mein lieber Freund; sie ist ein reizendes Weib, und wir haben die ganze Nacht hindurch alle Tollheiten getrieben, die zwei Frauen anstellen können, die ineinander verliebt sind.« »Ist sie hübsch? Ist sie alt?« »Erst dreiunddreißig Jahre, und ich versichere dir, sie ist ebenso schön wie meine Freundin Crosin. Ich kann darüber ein sachverständiges Urteil abgeben, denn wir haben einander im Naturzustand gesehen und umarmt.« »Du bist ein sonderbares Wesen. Um ein Weib bist du mir untreu gewesen und hast mich die ganze Nacht allein verbringen lassen. Es ist unmöglich, daß du mir eine Frau vorziehst.« »Du mußt mir eine Laune verzeihen; außerdem war ich ihr diese Gefälligkeit schuldig, denn sie hat mir zuerst gesagt, daß sie in mich verliebt sei.« »Wirklich? Wie machte sie denn das?« »Als ich bei unserem ersten Ausbruche tollen Gelächters ihr den ersten Kuß gab, küßte sie mich auf florentinische Art, und unsere Zungen berührten sich mit heißem Feuer. Als ich mich nach dem Abendessen auf ihr Bett setzte, machten wir einander die ersten bedeutungsvollen Liebkosungen. Ich gestehe dir, daß ich damit anfing. Sie ließ mich aber auf die Erwiderung nicht warten. Mußte ich sie denn nicht ganz und gar glücklich machen, indem ich die Nacht mit ihr verbrachte? Da sieh das Zeichen ihrer Zufriedenheit!« Mit diesen Worten zog Marcolina einen herrlichen Brillantring von ihrem Finger. Ich war sprachlos vor Verwunderung; endlich sagte ich zu ihr: »Nun, das ist einmal eine Frau, die das Vergnügen liebt, und die verdient, daß sie Vergnügen findet!« Ich gab meiner neuen Lesbierin, deren Sappho sich nicht geschämt haben würde, hundert Küsse und verzieh ihr ihre Untreue. »Aber«, sagte ich zu ihr, »ich begreife nicht, warum sie sich nicht vor mir sehen lassen wollte! Mir scheint, deine freigebige Gräfin hat mich ein wenig als procuratore behandelt, als Freund des Fürsten, wie man bei Hofe sagt.« »Nein, ich glaube eher, sie hat sich geschämt, sich vor meinem Liebhaber sehen zu lassen, nachdem sie mich ihm untreu gemacht hat; denn ich habe ihr gestehen müssen, was wir einander sind.« »Das ist wohl möglich. Übrigens hast du deine Gefälligkeiten gut bezahlt bekommen, meine Liebe, denn dieser Ring ist zweihundert Louis wert.« »Aber ich brauche nicht zu erröten, wenn ich dir sage, daß die Wonne, die ich gab, reichlich durch die bezahlt wurde, die ich empfing.« »Da hast du recht; ich bin erfreut, dich glücklich zu sehen.« »Wenn du willst, daß ich ganz und gar glücklich werde, so nimm mich mit nach England. Mein Oheim muß da sein, und ich werde mit ihm nach Venedig zurückkehren.« »Wie? Du hast einen Oheim in England? Ist das auch wirklich wahr? Es klingt mir ganz nach einem Märchen. Du hast ja von dergleichen niemals etwas gesagt.« »Ich habe dir bis jetzt nichts davon gesagt, weil ich mir immer einbildete, daß dieser Grund dich verhindern könnte, mir meinen glühenden Wunsch zu erfüllen.« »Dein Oheim ist Venetianer? Was macht er denn in England? Bist du sicher, daß er dich gut aufnehmen wird?« »Ja.« »Wie heißt er? Und wie soll ich es anfangen, um ihn in einer Stadt von mehr als einer Million Einwohner zu entdecken?« »Mein Oheim ist schon gefunden. Er heißt Mattio Bosi; er ist Kammerdiener des Monsignore Querini, der mit dem Prokurator Morosini von der venetianischen Regierung nach London geschickt worden ist, um dem neuen König von England die Glückwünsche der Republik zu überbringen. Er ist der Bruder meiner Mutter; er liebt mich sehr und wird mir meinen leichtsinnigen Streich vergeben, besonders wenn er hört, daß ich reich bin. Bei seiner Abreise sagte er uns, er werde im Juli dieses Jahres nach Venedig zurückkehren; wir finden ihn also vielleicht gerade im Augenblick seiner Abreise.« Durch Herrn von Bragadino wußte ich, daß die Sache mit der Gesandtschaft sich so verhielt, im übrigen trug Marcolinas Erzählung den vollen Charakter der Wahrheit. Da ihr Plan außerdem dem Gefallen entsprach, das ich an ihr gefunden hatte, so versprach ich ihr, sie mitzunehmen. Es war mir sehr angenehm, sie noch fünf oder sechs Wochen besitzen zu können, ohne mich zu Weiterem verpflichten zu müssen. Gegen Abend kamen wir in Avignon an. Wir hatten großen Appetit. Ich kannte den Gasthof zum Heiligen Homer als ausgezeichnet und bestellte sofort bei der Ankunft eine leckere Mahlzeit, sowie für fünf Uhr morgens frische Pferde. Marcolina, die nicht gerne die Nächte in einem Wagen verbrachte, war sehr erfreut; sie fiel mir mit überschwenglicher Lustigkeit um den Hals und fragte mich: »Sind wir in Avignon?« »Ja, mein Herz.« »Nun, mein lieber Schatz, so ist also die Stunde da, wo ich als gewissenhaftes Mädchen das Versprechen erfüllen muß, das ich der Gräfin gab, als sie mich heute morgen zum letzten Male umarmte. Sie hat mich bei meiner Seligkeit schwören lassen, dir vor diesem Augenblick kein Wort zu sagen.« »Du machst mich neugierig, mein Lieb, sprich!« »Sie hat mir einen Brief anvertraut, den ich dir geben werde.« »Einen Brief!« »Verzeihst du mir, daß ich ihn dir nicht früher übergeben habe?« »Selbstverständlich; du hattest dich ja auf Wort dazu verpflichtet. Aber wo ist denn dieser Brief?« »Warte!« Sie zog ein dickes Bündel Papier aus ihrer Tasche und sagte: »Dies ist mein Geburtsschein.« »Wie ich sehe, bist du im Jahre 1746 geboren.« »Dies ist ein Sittenzeugnis.« »Heb es gut auf; es kann dir vielleicht später von Nutzen sein.« »Hier ist eine Bescheinigung meiner Jungfräulichkeit.« »Das ist veraltete Ware. Hat eine Hebamme es dir gegeben?« »Nein; der Patriarch von Venedig.« »Hat er sich davon überzeugt?« »Dazu war er zu alt; er hat es mir aus Vertrauen gegeben.« »Laß doch den Brief sehen!« »Ich will doch hoffen, daß ich ihn nicht verloren habe.« »Das hoffe ich auch!« »Hier ist das Heiratsversprechen deines Bruders, der reformiert werden wollte.« »Du kannst ihn selber reformieren.« »Was heißt das?« »Das werde ich dir spater sagen. Wo ist der Brief?« »Gott sei Dank, da ist er!« »Das ist dein Glück! Aber er hat ja keine Adresse!« Das Herz klopfte mir sehr stark. Ich riß den Umschlag auf und fand statt einer Adresse nur folgende Worte in italienischer Sprache: Dem ehrenhaftesten Manne, den ich je gekannt habe. Gilt diese Anrede wirklich mir? Ich öffne das Blatt...Henriette... kein Wort mehr. Das Blatt war völlig leer. Ich war bei diesem Anblick wie vernichtet: Io non morì, e non rimasi vivo. Ich war nicht tot und war auch nicht am Leben. Henriette! – Das war ihr Stil, ihr beredter Lakonismus. Ich erinnere mich ihres letzten Briefes aus Pontarlier, den ich in Genf empfing, und der nur das Wort Adieu! enthielt. Diese Henriette, die ich so sehr geliebt hatte, und die ich in diesem Augenblick mit neuer Glut zu lieben glaubte! »Henriette!« sagte ich bei mir selber; »du hast mich gesehen. Grausame, und hast nicht gewollt, daß ich dich sehe! Ohne Zweifel hast du gefürchtet, deine Reize hätten nicht mehr die Kraft, mit der sie mich vor sechzehn Jahren an dich ketteten. Ich sollte nicht sehen, daß ich in dir nur eine Sterbliche geliebt habe! Und doch liebe ich dich noch mit der ganzen Glut erster Liebe! Warum hast du mich des Glücks beraubt, aus deinem schönen Munde zu erfahren, daß du glücklich bist? Dies wäre die einzige Frage gewesen, die ich an dich gerichtet hätte, grausame Freundin! Ich hätte dich nicht gefragt, ob du mich noch liebst; denn ich erkenne mich dessen unwürdig, da ich nach dir, nach dem vollkommensten Wesen deines Geschlechtes, also der ganzen Schöpfung, so viele andere Frauen habe lieben können. Anbetungswürdige, großmütige Henriette! Morgen werde ich dich sehen, denn du hast mir ja sagen lassen, dein Haus werde mir immer offen stehen.« Diesen Gedanken wälzte ich eine Zeitlang in mir herum. Ich bestärkte mich in meinem Entschluß immer mehr; dann aber sagte ich mir wieder: »Nein; dein Vorgehen beweist, daß du von mir jetzt nicht gesehen werden willst. Du mußt deine Gründe dafür haben; diese werde ich achten, aber ich werde mir ganz gewiß nicht den Vorwurf zu machen haben, daß ich sterbe, ohne dich wiederzusehen.« Marcolina war erschrocken, wie sie mich so unbeweglich und in meine Gedanken versunken sah; sie wagte kaum zu atmen, und ich weiß nicht, wann ich wieder zu mir gekommen wäre, wenn nicht der Wirt eingetreten wäre und mir gesagt hätte, er erinnere sich noch meines Geschmackes und habe mir eine außerordentlich leckere Mahlzeit herrichten lassen. Da wurde ich wach, und als ich hörte, daß das Essen aufgetragen sei, machte ich meine schöne Venetianerin glücklich, indem ich sie mit einer Art von Wut umarmte. »Weißt du, lieber Freund«, sagte sie zu mir, »du hast mir Furcht gemacht! Du warst bleich und unbeweglich wie ein Toter. Eine volle Viertelstunde saßest du da in einem Zustand von Betäubung, von dem ich mir früher niemals einen Begriff gemacht habe. Woher kam denn das? Ich wußte wohl, daß die Gräfin dich kannte, aber niemals hätte ich mir gedacht, daß ihr bloßer Name so überraschend auf dich wirken könnte.« »Ich gebe es zu, es ist erstaunlich; aber woher wußtest du, daß die Gräfin mich kannte?« »Sie hat es mir diese Nacht zwanzigmal gesagt; aber sie hatte mir das Versprechen abgenommen, dir nichts davon zu sagen, bevor ich dir den Brief übergeben hätte.« »Was hat sie dir gesagt?« »Auf Hundertlei verschiedene Art, was die Aufschrift ihres Briefes enthält.« »Ihres Briefes! Es steht ihr Name darin und weiter nichts.« »Das ist recht sonderbar.« »Ja; aber dieser Name sagt alles.« »Sie hat mir gesagt, ich solle dich niemals verlassen, wenn ich immer glücklich sein wolle. Ich habe ihr geantwortet: dessen sei auch ich gewiß, aber du wollest mich fortschicken, obgleich du jetzt nur mich allein lieb habest. Ich errate, lieber Freund, daß ihr ein zärtlich liebendes Paar gewesen seid. Ist es schon lange her?« »Sechzehn oder siebzehn Jahre.« »Da war sie recht jung; aber unmöglich kann sie damals schöner gewesen sein als jetzt.« »Schweig, Marcolina!« »Und hat eure Verbindung lange gedauert?« »Vier Monate beständigen Glückes.« »Ich werde nicht so lange glücklich sein!« »Du wirst länger glücklich sein, meine liebe Marcolina, aber mit einem anderen ehrenhaften Mann, der deinem schönen Alter näher steht. Ich gehe nach England, weil ich versuchen will, meine Tochter aus den Händen ihrer Mutter zu befreien.« »Du hast eine Tochter? Die Gräfin hat mich gefragt, ob du verheiratet seist, und ich habe ihr geantwortet, du seist unverheiratet.« »Du hast die Wahrheit gesagt. Meine Tochter ist von unehelicher Geburt; sie ist zehn Jahre alt, und solltest du sie sehen, so würdest du sofort erkennen, daß sie von mir stammt.« Im Augenblick, wo wir uns zu Tisch setzen wollten, hörten wir jemand die Treppe nach dem Speisesaal hinuntergehen, in welchem ich, wie der Leser sich erinnern wird, Madame Stuart kennen lernte. Da wir die Personen sehen wollten, die zu Tisch gingen, so hatten wir unsere Tür offen gelassen. Ein junges Mädchen sah uns, stieß einen Schrei aus, eilte leichtfüßig wie ein Reh auf mich zu, küßte mir die Hand und rief: »Mein lieber Papa!« Ich wandte mich nach dem Licht um und sah Irene – jene Irene, die ich in Genua so schroff von mir gestoßen hatte, als ihr Vater in dem Gespräch über das Biribi einen unpassenden Ton anschlug. Ich zog meine Hand zurück und umarmte sie mit freudigem Herzen. Die listige kleine Person stellte sich überrascht und machte Marcolinen eine tiefe Verbeugung, die diese mit edlem Anstand erwiderte. Mit großer Aufmerksamkeit folgte dann Marcolina dem Gespräch, das sich zwischen dem jungen Mädchen und mir entwickelte, besonders als sie hörte, daß ich mit ihr venetianisch sprach. »Wie? Sie sind hier, meine schöne Irene?« »Seit vierzehn Tagen sind wir hier. Gott! wie bin ich glücklich, Sie hier zu treffen. Ich fühle mich ganz aufgeregt. Gnädige Frau, wollen Sie mir wohl gestatten, mich zu setzen?« »Ja, meine Liebe,« sagte ich zu ihr, »setzen Sie sich!« Zugleich schenkte ich ihr ein Glas Wein ein, damit sie sich frisch belebte. Ein Diener trat ein und sagte ihr, man erwarte sie zum Abendessen. Sie antwortete ihm jedoch: »Ich werde nicht speisen.« Marcolina, die stets auf der Lauer lag, um zu erraten, was mir Freude machen könnte, befahl ein drittes Gedeck aufzulegen. Sie strahlte vor Vergnügen, als ich ihr zum Zeichen meines Einverständnisses zunickte. Wir setzten uns zu Tisch, und ich forderte Irene auf, uns die Spitze zu bieten: »Wir haben großen Appetit! Wenn wir gespeist haben, müssen Sie uns sagen, durch welchen Zufall Sie in Avignon sind.« Marcolina hatte noch kein Wort gesagt. Als sie aber sah, daß Irene recht herzhaft aß, sagte sie zu ihr in liebenswürdigem Tone: sie würde nicht gut daran getan haben, nicht zu Abend zu speisen. Irene war entzückt, sie venetianisch sprechen zu hören; sie bedankte sich bei ihr für die freundliche Teilnahme, und in drei oder vier Minuten waren sie schon solche Freundinnen geworden, daß sie sich umarmten und küßten. Ich lachte laut auf, als ich sah, wie Marcolina stets geneigt war, sich in alle hübschen Frauen zu verlieben, wie wenn sie einem anderen Geschlecht angehört hätte. Aus Irenens Geplauder entnahm ich, daß ihre Eltern unten an der Gasttafel saßen; und ihre wiederholten Ausrufe, daß der liebe Gott mich in seiner Güte nach Avignon geführt hätte, sagten mir, daß die Familie in Not war. Trotzdem lag auf Irenens hübschem Gesicht ein Ausdruck von Zufriedenheit, der aufs beste zu Marcolinens fröhlichen Bemerkungen paßte, und diese freute sich sehr, als sie erfuhr, daß Irene mich nur darum Papa genannt hatte, weil ihre Mutter ihr in Mailand gesagt hatte, sie sei meine Tochter. Sie zimmerte sich schon ihren Roman – wenigstens glaube ich das – und meine Vaterschaft würde sie dabei gestört haben. Wir waren mit unserem Abendessen noch nicht zur Hälfte fertig, als Rinaldi und seine Frau eintraten. Ich bat sie, Platz zu nehmen; wäre aber Irene nicht gewesen, so würde ich den Gauner, der mich zu schröpfen versucht hatte, übel empfangen haben. Er machte seiner Tochter Vorwürfe, daß sie mich belästigt habe, ohne zu bedenken, daß sie überflüssig sein müsse, da ich doch schon so schöne Gesellschaft habe. Marcolina beruhigte ihn jedoch sofort, indem sie ihm sagte, Irene könne mir nur Vergnügen gemacht haben; denn da ich ihr Oheim sei, könne ich nur erfreut sein, daß eine so liebenswürdige junge Dame sich ihr zugesellt habe. »Ich hoffe sogar,« setzte sie hinzu, »Sie werden ihr erlauben, bei mir zu schlafen, wenn es ihr selber nicht unangenehm ist.« »Ja, ja!« riefen alle wie aus einem Munde. Ich hätte es zwar vorgezogen, die Nacht mit Marcolina allein zuzubringen; aber ich habe mich stets den Umständen anzupassen gewußt, und darum lachte ich recht herzlich über die eigentümliche Fügung. Irene teilte Marcolinas Wünsche; denn sobald sie gewiß waren, daß sie die Nacht miteinander verbringen würden, waren sie wie närrisch vor Freude, und es machte mir Spaß, ihren Taumel noch zu erhöhen, indem ich ihnen reichlich Champagner und Punsch einschenkte. Rinaldi und seine Frau verließen uns erst, als sie sich vollständig im Weinberge des Herrn befanden. Als wir sie los waren, erzählte Irene uns, ein Franzose, der sich in Genua in sie verliebt, habe ihren Vater überredet, nach Nizza zu reisen, wo nach seiner Behauptung hoch gespielt werden sollte. In Nizza habe man jedoch nichts gefunden, was ihren Erwartungen entsprochen hätte, und sie sei genötigt gewesen, ihre Kleider zu verkaufen, um den Gastwirt zu bezahlen. Ihr Liebhaber habe ihr vorgeredet, er werde sie in Aix entschädigen, denn dort habe er Geld einzukassieren. Sie habe daher ihre Eltern veranlaßt, ihm dorthin zu folgen. Abermals sei sie in ihrer Erwartung getäuscht worden, denn die Leute, von denen er das Geld zu fordern gehabt, seien nach Avignon weitergereist gewesen. Infolgedessen habe abermals ein Verkauf von Sachen stattgefunden, um ihm auch dorthin zu folgen. »So sind wir hier angekommen, aber wir waren auch nicht glücklicher. Die bitteren Vorwürfe, die mein Vater ihm machte, brachten den armen jungen Menschen zur Verzweiflung, und er würde sich das Leben genommen haben, wenn ich ihm nicht den Luchspelz gegeben hätte, den du mir in Mailand schenktest. Ich gab ihm diesen, um ihn zu versetzen, aber unter der Bedingung, daß er mit dem Gelde abreisen solle. Er bekam vier Louis darauf und schickte mir den Pfandschein mit einem sehr zärtlichen Brief, worin er mir versicherte, in Lyon werde er ganz bestimmt Geld auftreiben; er werde damit zurückkehren und mit uns nach Bordeaux reisen, wo wir nach seiner Behauptung Schätze gewinnen müßten. Vor zwölf Tagen ist er abgereist, aber wir warten immer noch auf eine Nachricht von ihm. Unterdessen haben wir keinen Heller in der Tasche, und da wir auch nichts mehr zu verkaufen haben, so droht der Wirt uns, er werde uns ohne Hemd auf die Straße werfen, wenn wir ihn nicht morgen bezahlen.« »Und was gedenkt dein Vater zu tun?« »Das weiß ich nicht. Er behauptet, die Vorsehung werde für uns sorgen.« »Was sagt deine Mutter dazu?« »Sie ist ruhig, wie immer.« »Und du?« »Ach! Ich erduldete jeden Tag tausend Kränkungen: sie werfen mir unaufhörlich vor, daß ich mich in den Franzosen verliebt und dadurch, daß ich mit ihm gegangen sei, unsere peinliche Lage verschuldet habe.« »Warst du wirklich in ihn verliebt?« »Nur zu sehr.« »Du fühlst dich also unglücklich?« »Sehr. Aber nicht wegen meiner Liebe, denn von dieser werde ich genesen, sondern wegen dessen, was morgen kommen wird.« »Hast du denn nicht an der Gasttafel irgend eine Eroberung machen können?« »Es haben wohl einige Herren mir mit schönen Worten den Hof gemacht; da man jedoch weiß, daß wir in der Klemme sind, hat niemand gewagt, zu uns zu kommen.« »Und trotzdem bist du lustig und guter Dinge. Dein Gesicht hat durchaus nicht den Ausdruck von Traurigkeit, den das Unglück gewöhnlich gibt. Ich wünsche dir Glück dazu.« Mit Irene wiederholte sich das Abenteuer der schönen Stuard. Marcolina war von den Dünsten des Champagners ein bißchen umnebelt, und Irenens Erzählung rührte sie tief. Sie umarmte sie und sagte ihr, als guter Vater würde ich sie nicht im Stich lassen; darum sollte sie für den Augenblick an weiter nichts denken, als wie sie sich eine lustige Nacht machen könnten. »Wir wollen zu Bett gehen«, rief sie. Im Nu hatte sie ihre Kleider abgeworfen, dann half sie Irenen, sich ebenfalls auszuziehen. Ich hatte keine Lust, einen Kampf gegen einen doppelten Feind aufzunehmen, und sagte ihnen daher, ich wolle in Ruhe gelassen werden. Die Venetianerin lachte laut auf und rief: »Geh nur zu Bett und laß uns machen!« Dies tat ich denn auch und hatte meinen Spaß daran, müßig meinen beiden Bachantinnen zuzusehen. Irene, die ohne Zweifel zum ersten Male an einem solchen Gefecht teilnahm, zeigte sich viel weniger gewandt. Es dauerte nicht lange, so trug Marcolina Irene in ihrem Arm an mein Bett heran und befahl mir, sie zu küssen. »Laß mich in Ruhe, meine Liebe,« sagte ich zu ihr; »du weißt nicht, was du tust. Du hast zuviel Punsch getrunken.« Durch diese Bemerkung gereizt, forderte sie Irene auf, ihr zu helfen, und plötzlich lagen die beiden Mädchen neben mir. Da der Platz nicht ausreichte, legte Marcolina sich auf Irene, nannte sie ihre Frau und forderte sie auf, die Rolle einer solchen zu spielen. Ich besaß die Tugend, eine volle Stunde lang bloßer Zuschauer eines Schauspiels zu sein, das mir ewig neu war, obgleich ich es so oft gesehen hatte. Endlich griffen sie mich mit solcher Gewalt an, daß ich mich wohl oder übel an ihren Spielen beteiligen mußte. So verbrachte ich einen großen Teil der Nacht damit, ihnen bei ihren Ausgelassenheiten zu helfen; denn sie ließen mich erst los, als sie mich in einem solchen Zustande von Erschöpfung sahen, daß sie keine Hoffnung mehr hatten, mich zu neuen Taten reizen zu können. So schliefen wir denn ein, und unser Schlummer dauerte bis zum Mittag. Ich wachte zuerst auf, und mein erster Blick fiel auf die beiden nackten Schönheiten, die wie zwei Geißblattranken ineinander verschlungen waren. Ich seufzte bei dem Gedanken an die Wollust, deren die beiden entzückenden Geschöpfe genossen hatten, und stand leise auf, um ihre Ruhe nicht zu stören. Ich ging hinunter, um ein gutes Mittagessen zu bestellen und die Pferde fortzuschicken, die schon seit mehreren Stunden warteten. Der Wirt, der sich noch erinnerte, was ich für Stuard getan hatte, erriet, daß ich dasselbe auch für den Grafen Rinaldi tun würde, und ließ daher die Familie in Ruhe. Als ich wieder in mein Zimmer kam, waren meine beiden Lesbierinnen inzwischen erwacht und empfingen mich mit einem Raffinement von Wollust, das mich dazu reizen sollte, meinen nächtlichen Arbeiten durch einen Morgengruß die Krone aufzusetzen. Ich hatte die größte Lust, ihre Wünsche zu erfüllen, aber ich begann bereits das Bedürfnis zu spüren, mit meinen Kräften hauszuhalten. Darum enthielt ich mich jeder Betätigung und ließ mir ihre Stichelreden und verliebten Sarkasmen bis gegen ein Uhr ruhig gefallen. Dann forderte ich sie auf, das Bett zu verlassen, indem ich ihnen sagte, wir hätten schon um fünf Uhr abfahren sollen und würden um zwei Uhr noch nicht gefrühstückt haben. »Wir haben genossen!« rief Marcolina, »und die Zeit, die man dem Genüsse widmet, ist stets vortrefflich angewandt.« Als sie angezogen waren, ließ ich den Kaffee kommen; hierauf gab ich Irenen sechszehn Louis, von denen vier dazu bestimmt waren, ihren Mantel auszulösen. Ihre Eltern, die im Speisesaal gegessen hatten, traten nach Tisch bei uns ein, um uns guten Tag zu sagen. Irene gab mit stolzer Miene dem Grafen zwölf Louis und sagte ihm, in Zukunft solle er sie nicht wieder so ausschelten. Er lachte, weinte und ging hinaus. Bald darauf trat er wieder ein und sagte seiner Tochter, er habe eine gute Gelegenheit gefunden, für billiges Geld nach Antibes zu gelangen; er müsse jedoch augenblicklich abreisen, da der Fuhrmann in St. Andiol übernachten wolle. »Ich bin bereit.« »Nein, meine liebe Irene, das bist du nicht! Du wirst mit deiner Freundin zu Mittag speisen, und der Fuhrmann wird warten. Lassen Sie ihn warten, Graf Rinaldi. Meine Nichte wird ihm den verlorenen Tag bezahlen, nicht wahr, Marcolina?« »Oh, ganz gewiß! Mir ist es sehr recht, wenn wir hier zu Mittag speisen, und noch lieber wäre es mir, wenn wir erst morgen abführen.« Dieser Wunsch war für meine Liebe ein Befehl. Um fünf Uhr setzten wir uns zu einem köstlichen Abendessen nieder, um acht gingen wir zu Bett, und die ganze Nacht verging unter denselben Ausgelassenheiten wie die vorige; aber früh um fünf Uhr waren wir reisefertig. Irene, mit ihrem schönen Mantel, weinte heiße Tränen, als sie von Marcolina Abschied nahm, und diese weinte ebenfalls von Herzen. Der alte Rinaldi, der kein guter Prophet war, weissagte mir, ich würde in England ein unermeßliches Glück finden, und seine Tochter seufzte darüber, daß sie nicht an der Stelle meiner Venetianerin wäre. Zehn Jahre später werden wir sie wiederfinden. Wir stiegen ein und fuhren fünfzehn Poststationen, ohne anzuhalten. In Valence verbrachten wir die Nacht. Wir bekamen dort schlechtes Essen, aber Marcolina empfand es nicht, indem sie von Irene sprach. »Weißt du was, lieber Freund,« sagte sie zu mir, »wenn ich gekonnt hätte, so würde ich sie ihren Eltern entführt haben. Ich halte sie für deine Tochter, obgleich sie dir nicht ähnlich sieht.« »Wie soll sie denn meine Tochter sein? Ich habe ja ihre Mutter gar nicht näher gekannt!« »Das hat sie mir allerdings auch gesagt.« »Hat sie dir sonst nichts gesagt?« »Sie hat mir außerdem erzählt, daß du drei Tage mit ihr zugebracht und für ihre Jungfernschaft hundert Zechinen bezahlt hast.« »Das ist wahr; hat sie dir auch gesagt, daß ich dieses Geld ihrem Vater bezahlt habe?« »Ja. Ach, das arme, dumme Mädchen! Sie behält ja gar nichts für sich. Ich glaube, lieber Freund, ich würde niemals auf deine Geliebten eifersüchtig sein, wenn du mich bei ihnen schlafen ließest. Ist das nicht ein Zeichen von gutem Charakter? Sage mir, ob ich recht habe!« »Ohne Zweifel bist du gut; aber du könntest ebenso gut sein, wenn dein Temperament dich nicht so beherrschte.« »Das Temperament ist es nicht, lieber Freund; denn ich empfinde Begierden nur Frauen gegenüber, die ich liebe.« »Woher hast du diesen Geschmack?« »Von der Natur. Mit sieben Jahren habe ich angefangen, und in zehn Jahren habe ich gewiß vierhundert Freundinnen gehabt.« »Da hast du ja früh angefangen! Und wann hattest du den ersten Freund?« »Mit elf Jahren.« »Erzähle mir das!« »Vater Molini vom Kloster San Giovanni e Paolo war mein Beichtvater; er verlangte, die Freundin kennen zu lernen, die ich damals hatte. Es war während des Karnevals. Er hielt bei der Beichte eine väterliche Ansprache an uns und versprach uns, er wolle mit uns ins Theater gehen, wenn wir eine volle Woche lang nicht miteinander schäkern wollten. Wir versprachen ihm das, und nach acht Tagen gingen wir zu ihm und versicherten ihm, daß wir unser Wort getreulich gehalten hätten. Am nächsten Tage kam Vater Molini maskiert zur Tante meiner Freundin. Da sie ihn kannte, so ließ sie uns mit ihm gehen, ohne sich etwas Böses dabei zu denken; denn erstens war Molini Mönch und mein Beichtvater sowie der meiner Freundin; zweitens waren wir offenbar noch die reinen Kinder, und darum hatte sie keinen Verdacht; denn meine Freundin war nur um ein Jahr älter als ich. »Nach dem Theater ging Molini mit uns in einen Gasthof, wo wir zu Abend aßen. Nach der Mahlzeit sprach er mit uns über unsere Sünde und verlangte zu sehen, wie wir gewachsen wären. Er sagte zu uns: »Wenn zwei Mädchen so etwas miteinander machen, so ist das eine sehr große Sünde; wenn es aber zwischen Mann und Frau vorkommt, hat es nicht viel zu bedeuten. Wißt ihr, wie die Männer gebaut sind?« –Wir wußten es, aber wir riefen wie aus einem Munde: nein! – »Möchtet ihr es wissen?« fragte er uns. Wir antworteten ihm: »Recht gern«. Da sagte er: »Wenn ihr mir versprechen wollt, daß ihr nichts davon sagt, so kann ich eure Neugier befriedigen.« – Wir versprachen es, und der gute Beichtvater zeigte uns die reiche Ausstattung, mit der die Natur ihn begabt hatte. In Zeit von einer Stunde machte er uns beide zu Frauen. Eins muß ich dir noch sagen: er wußte es so geschickt anzufangen, daß wir selber ihn baten, diese Metamorphose an uns vorzunehmen. Drei Jahre später, also in meinem vierzehnten, wurde ich die Geliebte eines jungen Goldschmieds. Endlich kam dein Bruder; der hat aber nichts von mir erhalten, weil er mir gleich am Anfang sagte, er könne mit gutem Gewissen meine Gunst nur verlangen, wenn er mich heirate.« »Du hast dies jedenfalls sehr lächerlich gefunden?« »Ich gestehe, ich habe herzlich darüber gelacht, außerdem glaubte ich kein Wort davon, daß ein Priester sich verheiraten könnte. Er machte mich aber neugierig, als er mir versicherte, in Genf sei das möglich. Neugier und Leichtsinn veranlaßten mich, mit ihm auf die Reise zu gehen. Das übrige weißt du.« Mit dieser schönen Schilderung ihres frühreifen Lebens erheiterte Marcolina mir den Abend; hierauf gingen wir zu Bett und schliefen sehr tugendhaft bis zum andern Morgen. Um fünf Uhr fuhren wir von Valence ab, und mit Einbruch der Nacht kamen wir in Lyon an, wo wir im Gasthof zum Park abstiegen. Sobald ich mich in einer schönen Wohnung eingerichtet hatte, ging ich zur Frau von Urfé, die an der Place Bellecour wohnte. Sie sagte mir nach ihrer Gewohnheit, sie habe ganz bestimmt gewußt, daß ich an diesem Tage ankommen würde. Sie wollte wissen, ob sie die Kulte richtig vollzogen hätte; natürlich fand Paralis, daß sie alles aufs beste gemacht hätte. Hierauf war sie sehr stolz. Der kleine Aranda wohnte bei ihr; ich ließ ihn kommen, und nachdem ich ihn zärtlich umarmt hatte, sagte ich der Marquise, ich würde am nächsten Morgen um zehn Uhr bei ihr sein. Pünktlich erschien ich zu dieser Stunde. Wir verbrachten den ganzen Tag unter vier Augen und ließen uns von dem Orakel alle notwendigen Unterweisungen in bezug auf ihre Niederkunft und auf ihr Testament geben; auch belehrte es uns, wie wir es anzufangen hätten, daß sie nicht in Armut geriete, wenn sie als Mann wiedergeboren würde. Das Orakel bestimmte, daß sie ihre Mannwerdung in Paris erwarten solle; ihr ganzes Vermögen solle sie ihrem Sohne hinterlassen. Der werde kein Bastard sein, denn Paralis verpflichtete sich, ihr sofort nach meiner Ankunft in London einen englischen Edelmann zuzuschicken, der sie heiraten werde. Zum Schluß befahl das Orakel ihr, in drei Tagen abzureisen und den kleinen Aranda mitzunehmen, den ich nach London zu seiner Mutter bringen müsse. Sein wirklicher Stand war ihr nämlich kein Geheimnis mehr, denn der kleine Schlingel hatte ihr alles gesagt; ich hatte jedoch dafür gesorgt, daß seine Schwatzhaftigkeit ebensowenig Folgen hatte wie der Verrat der Corticelli und des elenden Passano. Es drängte mich um so mehr, den kleinen Undankbaren zu seiner Mutter zu bringen, da diese mir fortwährend unverschämte Briefe schrieb, und da ich die Absicht hatte, mir meine damals zehn Jahre alte Tochter aushändigen zu lassen, die nach den Versicherungen ihrer Mutter ein Wunder an Schönheit, Anmut und Begabung geworden war. Nachdem das alles abgemacht war, ging ich wieder in meinen Gasthof, um mit Marcolina zu speisen. Es war bereits sehr spät, und da ich deshalb mein liebes Mädchen nicht ins Theater führen konnte, so machte ich Herrn Bono einen Besuch, um von ihm zu hören, ob er meinen Bruder nach Paris geschickt hätte. Er sagte mir, dieser sei am Tage vorher abgereist; Passano aber, mein bitterer Feind, sei noch in Lyon, und ich solle vor ihm auf der Hut sein. »Der Mann war bei mir,« sagte Bono; »er war blaß, ganz verstört und konnte sich kaum aufrecht halten. Er sagte zu mir: »Ich werde in irgendeinem Winkel verrecken, denn der Schuft Casanova hat mich vergiften lassen; aber er soll mir sein Verbrechen teuer bezahlen; noch vor meinem Tode werde ich meine Rache haben, und zwar hier in Lyon, wohin er kommen muß, wie ich ganz bestimmt weiß.« – Voller Wut hat er mir eine halbe Stunde lang die schrecklichsten Dinge erzählt, deren er Sie beschuldigt. Er sagte, die ganze Welt solle erfahren, daß Sie der größte Schurke sind, den es gibt, daß Sie Frau von Urfé durch gottlose Lügen zugrunde richten. Sie sind Hexenmeister, Zauberer, Fälscher, Dieb, Spion, Münzenbeschneider, Giftmischer – mit einem Wort, der niederträchtigste Mensch auf der Welt. Und er will nicht etwa durch eine Schrift Sie vor der Welt bloßstellen, sondern vielmehr Sie in aller Form bei Gericht anzeigen. An das Gericht will er sich wenden und Sühne für den Schaden verlangen, den Sie seiner Person, seiner Ehre und seinem Leben zugefügt haben. Denn Sie sollen ihn durch ein nur Ihnen bekanntes, langsam wirkendes Gift allmählich töten. Er sagte, er behaupte nichts, wofür er nicht unwiderlegliche Beweise beibringen könnte. Ich will nicht alle die Beleidigungen wiederholen, die er außer diesen Anschuldigungen gegen Sie geschleudert hat. Aber die Freundschaft und Achtung, die ich für Sie hege, machten es mir zur Pflicht, Ihnen zu sagen, was dieser Mensch von Ihnen behauptet, was er gegen Sie im Schilde führt, und daß er sich an das Gericht zu wenden beabsichtigt. Sie müssen von allem unterrichtet sein, damit Sie ihre Maßregeln treffen können, um seine boshafte Absicht zuschanden zu machen. Es ist in diesem Falle nicht angebracht, das Gerede eines elenden Menschen zu verachten; denn Sie kennen die Macht der Verleumdung.« »Wo wohnt der Elende?« »Das weiß ich nicht.« »Wo könnte ich es erfahren?« »Auch das weiß ich nicht; denn wenn er sich absichtlich verborgen hält, so wird es schwierig sein, ihn ausfindig zu machen.« »Lyon ist aber doch nicht so groß, daß es unmöglich sein könnte...« »Lyon ist ein Labyrinth; nichts ist so leicht als sich hier zu verstecken, besonders wenn man Geld hat, und Passano hat ja welches.« »Aber was kann er denn gegen mich unternehmen?« »Er kann Ihnen einen Kriminalprozeß anhängen, der Ihnen bitteres Herzeleid machen und Sie bloßstellen wird, wären Sie auch der gerechteste und unschuldigste von allen Menschen.« »Mir scheint, es wäre das beste, wenn ich ihm zuvorkäme.« »Das ist auch meine Meinung; dann werden Sie aber nicht vermeiden können, daß die Sache in die Öffentlichkeit kommt.« »Sagen Sie mir ganz offen, ob Sie bereit wären, vor Gericht zu bezeugen, was der Verleumder zu Ihnen gesagt hat.« »Ich werde unter allen Umständen der Wahrheit die Ehre geben.« »Seien Sie so freundlich, mir einen guten Anwalt zu nennen.« »Hier haben Sie die Adresse eines der besten; aber überlegen Sie es sich noch einmal: die Geschichte wird Lärm machen.« »Da ich nicht weiß, wie ich den Schurken entdecken kann, so bleibt mir kein anderer Weg übrig.« Hätte ich Passanos Wohnung gewußt, so würde ich die Angelegenheit erstickt haben, indem ich ihn hätte ausweisen lassen; denn Frau von Urfé war eine Verwandte des damaligen Statthalters von Lyon, Herrn de Rocheboron. Es blieb mir aber keine Wahl. Obgleich Passano ein undankbarer Verleumder war, konnte ich mich doch einer gewissen Unruhe nicht erwehren. Ich ging daher in meinen Gasthof und verfaßte sofort eine Eingabe. Ich verlangte Sicherheit für meine Person gegen einen Verräter, der sich in Lyon verborgen halte und einen Anschlag gegen mein Leben und meine Ehre plane. Meine Eingabe war fertig, als am anderen Morgen Herr Bono zu mir kam, um mir abzuraten. Er sagte mir: »Die Polizei wird sofort Nachforschungen anstellen, wo er sich versteckt hält; sobald Ihr Feind davon Wind erhält, wird er gegen Sie Anzeige beim Kriminalgericht machen. Alsdann braucht er sich nicht mehr zu verstecken, sondern im Gegenteil, er wird Schutz vor Ihnen verlangen. Ich bin der Meinung, Sie sollten lieber Ihre Abreise beschleunigen, wenn Sie nicht etwa in Lyon wichtige Geschäfte haben.« »Meine Abreise beschleunigen, um vor einem Passano zu fliehen? Dadurch würde ich mich in meinen eigenen Augen verächtlich machen, mein lieber Herr Bono. Da habe ich denn doch von Ehre einen anderen Begriff. Nein, lieber will ich sterben als meine Abreise auch nur um eine Stunde beschleunigen wegen eines Spitzbuben, den ich trotz seiner Unwürdigkeit mit Wohltaten überhäuft habe. Ich gäbe hundert Louis darum, wenn ich wüßte, wo der Schelm sich verborgen hält.« »Ich bin entzückt, das nicht zu wissen. Denn wenn ich es wüßte, würde ich es Ihnen sagen, und Gott weiß, was daraus entstehen würde. Sie wollen also nicht früher abreisen? Gut, so kommen Sie der Anklage zuvor. Ich werde mündlich oder schriftlich, sobald Sie wollen, aussagen, was für Bemerkungen er mir gegenüber gemacht hat.« Ich ging zu dem Anwalt, den Herr Bono mir bezeichnet hatte. Bevor ich ihm meine Angelegenheit vortrug, teilte ich ihm mit, von wem ich käme. Als er aber den Zweck meines Besuches erfahren hatte,sagte er mir: »Mein Herr, ich kann weder Ihr Anwalt noch Ihr Berater sein, denn ich bin bereits der Vertreter Ihres Gegners. Es braucht Ihnen jedoch nicht leid zu tun, daß Sie mir Ihre Absichten mitgeteilt haben; denn ich gebe Ihnen mein Wort darauf, es ist so gut, wie wenn Sie mir nichts gesagt hätten. Die Klage der Beschuldigung meines Klienten Passano wird erst übermorgen aufgesetzt werden; ich werde ihm nicht sagen, daß er sich beeilen solle, weil Sie ihm zuvorkommen könnten; denn von diesem Umstand habe ich nur auf einem Schleichweg gewissermaßen durch Überraschung Kenntnis erhalten. Gehen Sie, mein Herr; Sie werden in Lyon andere Anwälte finden, die ebenso ehrenhaft und dabei tüchtiger sind als ich.« »Würden Sie wohl die Güte haben, mir einen zu nennen?« »Das darf ich nicht, mein Herr; aber Herr Bono, der so freundlich war, mit Achtung von mir zu sprechen, wird Ihnen auch hierin behilflich sein können.« »Wäre es Ihnen erlaubt, mir zu sagen, wo Ihr Klient wohnt?« »Da sein hauptsächlichstes Bemühen ist, sich verborgen zu halten – und darin hat er recht –, so begreifen Sie wohl, daß ich nicht einen solchen Vertrauensbruch begehen kann.« »Sie haben recht; ich danke Ihnen.« Ich machte ihm eine Verbeugung und legte einen Louis auf seinen Tisch. Aber obwohl ich das ebenso geschickt wie zartfühlend machte, bemerkte er es doch, lief mir nach und nötigte mich, mein Geld zurückzunehmen. »Das ist aber wirklich ein ehrlicher Anwalt!« dachte ich bei mir selber. Unterwegs faßte ich den Plan, dem niederträchtigen Passano einen Spion auf den Hals zu schicken, der ihn schließlich wohl entdecken würde; denn ich hatte in meiner gerechten Wut eine sehr starke Lust, ihn von ein paar Leuten totschlagen zu lassen. Wo sollte ich aber einen Spion finden in dieser Stadt, die mir so wenig bekannt war? Mit diesen Gedanken beschäftigt, kam ich zu Herrn Bono. Er nannte mir einen andern Anwalt und riet mir, mich zu beeilen; denn bei einem Kriminalprozeß habe der erste Kläger stets den Vorteil. Ich bat ihn, mir zu sagen, wie ich einen geschickten und zuverlässigen Menschen bekommen könnte, der Passanos Anwalt beobachten und auf diese Weise die Wohnung des Schurken entdecken könnte. Der ehrliche Bankier weigerte sich jedoch, mir diesen Gefallen zu tun. Er bewies mir sogar, daß ich eine unehrliche Handlung begehen würde, wenn ich den Anwalt beobachten ließe. Das wußte ich auch. Aber wo ist der Mensch, der sich nicht von seinem Zorn, mag dieser gerecht oder ungerecht sein, so weit hinreißen läßt, daß er nicht mehr auf die Stimme der Vernunft hört! Der Zorn ist ja doch die stärkste Leidenschaft. Ich ging zu dem zweiten Anwalt, einem ehrwürdigen Greise von großer Klugheit. Ich trug ihm meinen Fall mit allen Umständen vor und fragte ihn, ob er die Sache übernehmen wolle. Er erklärte sich dazu bereit und sagte mir, er werde meine Klage im Laufe des Tages einreichen. »Dies ist allerdings mein Wunsch,« rief ich; »denn von dem Anwalt meines Verleumders habe ich gehört, daß die Anschuldigung übermorgen eingereicht werden soll.« »Nicht deshalb, mein Herr, müssen wir schnell vorgehen; denn Sie dürfen von der vertraulichen Mitteilung, die mein Kollege Ihnen gemacht hat, keinen unrechten Gebrauch machen.« »Es ist aber doch nicht unrecht, sich eine Nachricht zunutze zu machen, die man zufällig erfahren hat.« »Das kann zuweilen zutreffen; in diesem Fall dürfen wir um deswillen keine Zeit verlieren, weil die Natur der Angelegenheit Eile erheischt. Prior in tempore, potior in jure. Die Klugheit verlangt, den Feind anzugreifen. Seien Sie so freundlich, heute Nachmittag um drei Uhr bei mir wieder vorzusprechen.« »Ich werde pünktlich sein. Einstweilen, mein Herr, hier sechs Louis.« »Ich werde sie Ihnen in Rechnung stellen.« »Ich bitte Sie, das Geld nicht zu schonen!« »Mein Herr, ich werde nur so viel ausgeben, wie unbedingt notwendig ist.« Es kam mir beinahe vor, wie wenn die Redlichkeit die Stadt Lyon zu ihrem besonderen Wohnsitze erwählt hätte. Doch muß ich hier eine Wahrheit bekannt geben, die für die französische Anwaltschaft ehrenvoll ist: nirgends habe ich so redliche Anwälte gefunden wie in Frankreich. Nachdem ich um drei Uhr die Klageschrift fertig und gut geschrieben gefunden hatte, ging ich zu Frau von Urfé. Ich blieb bei ihr vier Stunden und baute Pyramiden, die sie mit Freude erfüllten. Trotz meiner schlechten Laune mußte ich doch unwillkürlich lachen über die tausend verrückten Fragen, die sie wegen ihrer Schwangerschaft an mich richtete. Sie war gewiß, daß sie schwanger war! Sie fühlte bereits alle Symptome! Sie sagte mir ferner, es sei ihr recht schmerzlich, daß sie nicht über alle die verschiedenen Mutmaßungen würde lachen können, die die Pariser Ärzte wegen ihrer Schwangerschaft aufstellen würden. Ganz sicherlich würde man diese in ihrem Alter höchst verwunderlich finden. Als ich in mein Gasthaus zurückkam, war Marcolina traurig. Sie sagte mir, sie habe auf mich gewartet, da ich ihr versprochen habe, sie ins Theater zu begleiten. »Du hättest mich nicht warten lassen dürfen.« »Du hast recht, liebes Herz; aber du wirst mir verzeihen, denn eine dringliche Angelegenheit hat mich bei der Marquise zurückgehalten. Sei vernünftig!« Ich hatte selber nötig, diesen Rat zu befolgen; denn die Geschichte mit dem Passano quälte mich, und ich schlief sehr schlecht. Früh am anderen Morgen ging ich zu meinem Anwalt; er sagte mir, meine Klage sei bei der Registratur des Kriminalstatthalters eingereicht. »Für den Augenblick«, setzte er hinzu, »haben wir nichts mehr zu tun; denn da wir nicht wissen, wo er ist, so können wir ihn nicht vorladen.« »Könnten wir nicht die Polizei bitten, sie möge ihn auszukundschaften versuchen?« »Das könnten Sie; aber ich rate Ihnen nicht dazu. Lassen wir ihn lieber kommen! Da der Ankläger seinerseits angeklagt ist, so wird er an seine Verteidigung denken müssen. Er wird die Verbrechen beweisen müssen, deren er Sie beschuldigen will. Wenn er nicht zum Vorschein kommt, werden wir ihn in contumaciam zu allen Strafen verurteilen, die die Verleumder treffen. Sein Anwalt selber wird sich von ihm lossagen, wenn er nicht ebenso offen auftritt wie Sie.« Diese Darstellung beruhigte mich ein wenig. Ich verbrachte den Tag mit Frau von Urfé zusammen, die am anderen Morgen abreisen sollte, und ich versprach ihr, in Paris zu sein, sobald ich einige Angelegenheiten erledigt hätte, die die Ehre des Ordens angingen. Ihr Hauptgrundsatz war: meine Geheimnisse zu achten und mich niemals zu belästigen. Marcolina, die sich den ganzen Tag allein gelangweilt hatte, atmete auf, als ich ihr sagte, ich sei jetzt wieder ganz der ihre. Am nächsten Morgen kam Herr Bono zu mir und bat mich, mit ihm zu Passanos Anwalt zu gehen, der mit mir zu sprechen wünsche. Der Anwalt sagte mir, sein Klient sei ein Wahnsinniger, der sich einbilde, vergiftet zu sein, und aus diesem Grunde in seiner Verzweiflung zu allem imstande sei. »Er behauptet, er werde Sie zum Tode verurteilen lassen, obgleich Sie ihm allerdings zuvorgekommen seien. Er ist bereit, sich ins Gefängnis werfen zu lassen; denn er sagte, er werde als Sieger daraus hervorgehen; da er für alle seine Behauptungen Zeugen habe. Er zeigte fünfundzwanzig Louis, die Sie ihm in Marseille gegeben haben; sie sind sämtlich beschnitten. Er hat aus Genua zwei Bescheinigungen, aus denen hervorgeht, daß Sie eine Anzahl Quadrupel beschnitten haben, die ein Herr von Grimaldi durch einen Goldschmied hat einschmelzen lassen, damit man sie nicht bei der Haussuchung fände, die die Regierung bei Ihnen vornehmen lassen würde, um Sie des Verbrechens zu überführen. Er hat sogar einen Brief von Ihrem Bruder, dem Abbate, der gegen Sie aussagt. Er ist ein Tobsüchtiger, den ein venerisches Leiden verzehrt, und der nun, wenn es möglich wäre, Sie vor ihm in die andere Welt möchte gehen sehen. In Ihrem eigenen Interesse rate ich Ihnen: geben Sie ihm Geld, um ihn los zu werden. Er hat mir gesagt, er sei Familienvater, und wenn Herr Bono ihm tausend Louis geben wollte, so werde er alle seine berechtigten Klagen seinen Bedürfnissen aufopfern. Er hat mich beauftragt, mit Herrn Bono darüber zu sprechen. Was antworten Sie, mein Herr?« »Was meine gerechte Entrüstung mir gegen einen Schuft eingibt, den ich in meiner Gutmütigkeit aus dem Elend errettet habe, und der mich jetzt mit abscheulichen Verleumdungen verfolgt. Er soll niemals einen Sou von mir bekommen.« Hierauf erzählte ich den Vorfall von Genua ganz der Wahrheit gemäß, und sagte ihm, Herr von Grimaldi würde notwendigerweise bereit sein, die Wahrheit meiner Darstellung zu bescheinigen. »Ich habe«, sagte der Advokat, »bis jetzt die Einreichung der Klage noch hinausgeschoben, um zu sehen, ob es kein Mittel gegen den Skandal gebe, der die Folge davon sein muß; aber ich werde sie jetzt einreichen.« »Ich bitte Sie darum und werde Ihnen unendlich verpflichtet sein.« Ich ging sofort zu meinem Anwalt und berichtete ihm den Vorschlag des Spitzbuben. Er lobte mich besonders, weil ich jede Auseinandersetzung mit einem solchen Menschen zurückgewiesen hätte. Da Herr Bono für mich zeugen wollte, so müsse ich Passanos Anwalt nötigen, seine Klage einzureichen, die nach seiner Behauptung bereits niedergeschrieben sei. Ich gab ihm Vollmacht, die Aufforderung in meinem Namen zu erlassen. Sofort wurde ein Gerichtsschreiber zum Kriminalstatthalter geschickt, damit dieser den Anwalt auffordere, binnen drei Tagen eine Klage wegen Kriminalvergehens einzureichen. Diese Klage befinde sich in seinen Händen und rühre von einem Quidam her, der sich bald Anami, bald Pogomas, bald Passano nenne. Die Klage sei gegen Giacomo Casanova, genannt Chevalier von Seingalt gerichtet. Nachdem ich das Schriftstück eigenhändig unterzeichnet hatte, wurde es dem Kriminalstatthalter übergeben. Ich wollte von der dreitägigen Frist nichts wissen; mein Anwalt sagte mir jedoch, dies sei eine Vorschrift, die sich nicht umgehen lasse; übrigens heiße es jetzt jacta est alea und ich müsse mich auf alle Unannehmlichkeiten gefaßt machen, die der Prozeß mir im Falle des allerglücklichsten Ausganges verursachen werde. Frau von Urfé war abgereist, wie Paralis es ihr befohlen hatte. Ich speiste im Gasthof mit Marcolina und machte alle möglichen Versuche, mich aufzuheitern. Ich führte das reizende Mädchen zu den angesehensten Modistinnen und kaufte ihr alles, was sie sich zu wünschen schien. Hierauf ging ich mit ihr ins Theater, wo sie alle Blicke auf sich lenkte. Madame Pernon, die in der nächsten Loge neben der unsrigen saß, veranlaßte mich, ihr meine Venetianerin vorzustellen. An der Art und Weise, wie sie nach der Vorstellung sich umarmten, sah ich, daß es zur größten Vertraulichkeit zwischen ihnen kommen würde. Es war nur ein Hindernis vorhanden: Madame Pernon sprach kein Wort italienisch, und Marcolina wagte nicht gegen mein Verbot französisch zu sprechen; denn ich hatte ihr gesagt, sie werde sich dadurch lächerlich machen. Als wir wieder in unserem Gasthof waren, sagte Marcolina mir, ihre neue Bekannte habe ihr den florentinischen Kuß gegeben. Das war das Erkennungszeichen der Sekte. Selig über die tausend Kleinigkeiten, die ich ihr gekauft hatte, bot sie alle Glut auf, um mir ihre Dankbarkeit zu bezeugen, und wir verbrachten eine der muntersten Nächte. Am nächsten Tage besuchte ich wieder eine Anzahl Seidenfabriken und kaufte neue Kleider für Marcolina; am Abend speisten wir in fröhlicher Gesellschaft bei Frau Pernon. Am dritten Tage kam Herr Bono schon in aller Frühe zu mir; er schien bedrückt zu sein, obgleich er ein sehr vergnügtes Gesicht machte. Er forderte mich auf, im Kaffeehause mit ihm zu frühstücken, da er etwas mit mir zu besprechen habe. Dort zeigte er mir einen Brief, worin der schurkische Passano ihm schrieb, er sei bereit, seine Ansprüche aufzugeben; dies habe ihm sein Anwalt geraten, der eine Anzeige vorgefunden habe, gegen die er keinen Widerstand leisten wolle. Zum Schluß schrieb er: »Veranlassen Sie Herrn de Seingalt, mir hundert Louis zu geben, und ich werde unverzüglich abreisen.« »Da wäre ich ja verrückt,« rief ich, »wenn ich diesem Spitzbuben noch Geld gäbe, damit er sich dem Arme der Gerechtigkeit entziehen kann. Er soll gehen, wohin er will; ich werde ihm kein Hindernis in den Weg legen; aber von mir soll er nichts erwarten! Morgen wird ihm der Haftbefehl zugestellt werden; wenn ich kann, will ich zusehen, wie er von Henkers Hand gebrandmarkt wird. Die Verleumdungen, die er sich gegen mich, seinen Wohltäter, erlaubt hat, sind zu stark. Sie verletzen meine Ehre zu tief, und ich verlange daher, daß er sie beweist oder vom Gericht für ehrlos erklärt wird.« »Ein Zurückziehen der Beschuldigung in aller Form,« antwortete Herr Bono mir, »könnte nach meiner Meinung Ihnen als Rechtfertigung dienen, und Sie sollten diesen Ausgang einem Prozeß vorziehen, der, selbst wenn Sie triumphieren, Ihnen unfehlbar in der öffentlichen Meinung empfindlichen Schaden verursachen würde. Übrigens sind diese hundert Louis gar nichts im Vergleich zu den Kosten, die Ihnen der Prozeß verursachen wird.« »Herr Bono, ich schätze Ihre Meinung hoch und schätze noch höher das Gefühl des Wohlwollens, das Sie veranlaßt, mir Ihren Rat zu geben; aber gestatten Sie, daß ich diesmal nach meinem eigenen Kopfe handle.« Ich berichtete meinem Anwalt den Vorschlag, der mir gemacht worden war, und sagte ihm, ich wolle mich auf nichts einlassen und bitte ihn, die vom Gesetz vorgeschriebenen Schritte zu tun, um den Schurken, der mir den Tod geschworen habe, verhaften zu lassen. Am selben Abend hatte ich Frau Pernon und Herrn Bono, der ihr Liebhaber war, bei mir zu Tisch. Da der Bankier sehr gut italienisch sprach, hatte Marcolina das Vergnügen, durch ihre witzigen Bemerkungen zur Erheiterung der Gesellschaft beizutragen. Am anderen Tage schrieb Bono mir, Passano sei auf Nimmerwiedersehen abgereist; vorher habe er schriftlich alles widerrufen, und zwar in einer Form, die mich unbedingt zufriedenstellen müsse. Ich fand seine Flucht erklärlich; sein Widerruf dagegen kam mir unwahrscheinlich vor, oder wenigstens, daß er es freiwillig sollte getan haben. Ich suchte also sofort Herrn Bono auf, der mir zu meiner Überraschung einen schriftlichen Widerruf in aller Form vorlegte. »Sind Sie damit zufrieden?« fragte er mich. »Mehr als zufrieden: ich verzeihe ihm. Aber ich finde es überraschend, daß er nicht auf seinen hundert Louis bestanden hat.« »Lieber Freund, ich habe sie ihm gegeben, und zwar mit Vergnügen, damit ein Skandal, der uns allen geschadet haben würde, nicht an die Öffentlichkeit komme. Wenn ich Ihnen nichts gesagt hätte, so würden Sie nichts unternommen haben. Darum habe ich mich für verpflichtet gehalten, das ganze angerichtete Unheil durch dieses Opfer wieder gutzumachen, von dem Sie nichts erfahren haben würden, wenn Sie mir gesagt hätten, es wäre Ihnen nicht recht. Es freut mich sehr, daß ich durch diese Kleinigkeit Ihnen meine Freundschaft habe beweisen können. Sprechen wir nicht mehr davon!« »Gut, lieber Freund,« sagte ich zu ihm, indem ich ihn umarmte, »sprechen wir nicht mehr davon! Aber stellen Sie mir diesen Betrag in Rechnung, und seien Sie versichert, daß ich Ihnen dankbar bin.« Ich gestehe, daß ich mich sehr erleichtert fühlte, nachdem ich mir diese fatale Sache vom Halse geschafft hatte. Siebentes Kapitel Ich treffe in Lyon die venetianischen Gesandten und Marcolinas Oheim. – Ich trenne mich von dem reizenden Mädchen und fahre nach Paris. – Verliebte Reise mit Adele. Da ich nun die Sorgen los war, die Passanos abscheuliche Verleumdung mir verursacht hatte, überließ ich mich dem Liebesglück, das meine schöne Venetianerin mir gewährte, und unterließ nichts, was das Glück des herrlichen Geschöpfes erhöhen konnte. Es war, wie wenn ich ein Vorgefühl gehabt hätte, daß ich mich bald von ihr würde trennen müssen. Am Tage nach dem Abend, wo wir mit Frau Pernon und Herrn Bono zusammen gespeist hatten, saß ich mit diesen und mit meiner Marcolina zusammen im Theater. Plötzlich bemerkte ich in der gegenüberliegenden Loge Herrn Querini, den Prokurator Morosini, Herrn Memmo und den Professor an der Universität Padua, Grafen Stratico. Ich kannte alle diese Herren. Sie waren auf der Rückreise von London nach ihrer Heimat. Leb wohl, meine liebe Marcolina! sagte ich bei mir selber, das Herz von Kummer zerrissen. Aber ich blieb ruhig und sagte ihr kein Wort. Ich freute mich nur, daß sie, von ihrer Unterhaltung mit Herrn Bono gänzlich in Anspruch genommen, nichts bemerkte. Übrigens kannte sie keinen einzigen von den Herren. Ich sah, daß Herr Memmo mich bemerkt hatte, und daß er mich dem Prokurator zeigte, der mich sehr gut kannte. Ich hielt es daher für unbedingt notwendig, sofort zu ihnen hinüberzugehen und ihnen meine Aufwartung zu machen. Der Botschafter Querini empfing mich für einen Frommen, wie er es war, sehr höflich, desgleichen Herr Morosini; Memmo war sichtlich aufgeregt, denn er erinnerte sich wohl, welchen Anteil seine Mutter an der Verschwörung gehabt hatte, die mich acht Jahre vorher unter die Bleidächer gebracht hatte. Ich beglückwünschte die Herren zu ihrer Gesandtschaft, die sie an den Hof Georgs des Dritten geführt hatte, und zu ihrer Rückkehr in die Heimat. Ganz nebenbei empfahl ich mich auch ihrem Schutze und ihrer Fürsprache, um selber eines Tages nach Venedig zurückkehren zu können. Morosini sagte zu mir mit einer Anspielung auf mein glänzendes Auftreten: ich sei glücklicher als er, daß ich der Heimat fernbleiben müsse; denn er kehre dorthin nur zurück, weil die Pflicht ihn rufe. Ich antwortete ihm: »Euer Exzellenz wissen wohl, daß nichts so süß schmeckt wie verbotene Frucht.« Er lächelte und fragte mich, woher ich komme und wohin ich gehe. »Ich komme von Rom; ich habe dort einige Zeit zugebracht, und der Heilige Vater, dem ich vorgestellt zu werden Gelegenheit hatte, war so gnädig, mich zu seinem Ritter zu machen. Ich gehe nach Paris, wo ich mich jedoch nur kurze Zeit aufhalten werde, da ich die Absicht habe, mich nach London zu begeben.« »Besuchen Sie mich doch, wenn Sie Zeit haben; ich werde Ihnen eine kleine Besorgung anvertrauen.« »Ich werde stets Zeit haben, wenn es sich darum handelt. Eurer Exzellenz gefällig zu sein. Werden Sie sich für einige Zeit aufhalten, gnädiger Herr?« »Drei oder vier Tage.« Als ich wieder in unsere Loge zurückkam, fragte Marcolina mich, wer die Herren wären, die ich begrüßt hätte. Ich sagte ihr in ruhigem und gleichgültigem Tone, indem ich sie jedoch zugleich beobachtete: »Es sind die venetianischen Gesandten, die von London zurückkehren.« Sofort wichen ihre schönen Farben einer tödlichen Blässe; sie schlug ihre Augen zum Himmel auf, senkte sie dann wieder und sprach kein Wort mehr. Mir war das Herz gebrochen. Nach einigen Augenblicken fragte sie mich in sanftem Tone, wer von ihnen Herr Querini sei; ich zeigte ihn ihr und bemerkte dann während der ganzen Aufführung, daß sie ihn fortwährend mit verstohlenen Blicken beobachtete. Als der Vorhang gefallen war, gingen wir hinunter. An der Tür begegneten wir den Gesandten, die auf ihren Wagen warteten. Der meinige stand in der Reihe vor den ihren. Während wir warteten, sagte der Botschafter Querini zu mir: »Sie haben da eine reizende junge Dame bei sich.« Ohne mir Zeit zur Antwort zu lassen, ergriff Marcolina seine Hand und küßte sie. Ganz erstaunt dankte Querini ihr und fragte: »Warum denn diese Ehre mir?« »Weil ich,« antwortete Marcolina ihm auf venetianisch, »die Ehre habe, Ihre Exzellenz Monsignore Querini zu kennen.« »Was machen Sie hier bei Herrn Casanova?« »Er ist mein Oheim.« Da mein Wagen vorgefahren war, verabschiedete ich mich mit einer tiefen Verbeugung, reichte meiner improvisierten Nichte den Arm und stieg mit ihr ein. Dann rief ich: »Nach dem Park!« Dies war der erste Gasthof von Lyon, und es war mir recht angenehm, die Herren wissen zu lassen, daß ich dort wohnte. Marcolina war in Verzweiflung, denn sie sah voraus, daß unsere Trennung unmittelbar bevorstände. Mit Tränen in den Augen speisten wir zu Abend. »Wir haben noch drei oder vier Tage für uns,« sagte ich zu ihr; »wir werden sehen, wie wir ein Gespräch mit deinem Oheim Mattio zustande bringen können. Daß du Herrn Querini die Hand geküßt hast, gefiel mir sehr, liebes Kind; es war ein Meisterstreich von dir. Ich sehe voraus, daß alles gut gehen wird; aber ich bitte dich: sei fröhlich; denn die Traurigkeit tötet mich!« Wir saßen noch bei Tisch, als ich im Vorzimmer die Stimme des jungen Memmo hörte, den ich als einen liebenswürdigen und geistreichen Kavalier stets sehr gern gehabt hatte. Schnell bat ich Marcolina, von unseren Angelegenheiten kein Wort zu sagen und recht lustig zu sein, dabei aber Maß zu halten. Der Lohndiener meldete den jungen Herrn. Wir standen auf, um ihn zu begrüßen; er nötigte uns jedoch wieder Platz zu nehmen, setzte sich zu uns und trank mit der größten Freundlichkeit ein Glas Wein. Er erzählte uns ausführlich, daß die Gesandten bei ihrem Abendessen herzlich darüber gelacht hätten, daß eine schöne junge Venetianerin dem frommen, alten Herrn von Querini die Hand geküßt hätte; Querini selber hätte sich trotz seinen sonstigen Gewissensbedenken dadurch lebhaft geschmeichelt gefühlt. »Dürfte ich mir die Frage erlauben, mein Fräulein, woher Sie Herrn von Querini kennen?« »Dies, mein Herr, ist ein Geheimnis.« »Ein Geheimnis! Oh, da werden wir morgen lachen!« Und zu mir sich wendend, fuhr Memmo fort: »Ich soll Sie im Auftrag der Gesandten bitten, morgen mit Ihrer reizenden Nichte bei ihnen zu Mittag zu speisen.« »Willst du hingehen, Marcolina?« »Con grandissimo piacere! Wir werden venetianisch sprechen, nicht wahr?« »Selbstverständlich.« »Evviva! Es ist mir unmöglich französisch zu lernen.« »Herrn von Querini geht es gerade so!« sagte Memmo. Nachdem wir uns eine halbe Stunde sehr lustig unterhalten hatten, entfernte er sich, und Marcolina umarmte mich mit verdoppelter Zärtlichkeit, voller Freude darüber, daß sie auf die Herren einen angenehmen Eindruck gemacht hatte. Ich sagte zu ihr: »Morgen wirst du dir dein elegantestes Kleid anziehen; vergiß auch deinen Schmuck nicht! Bei Tisch mußt du gegen alle Herren reizend sein; du mußt, jedoch in unauffälliger Weise, so tun, wie wenn du deinen Oheim Mattio nicht sähest. Ich bin überzeugt, daß er bei Tisch bedienen wird.« »Laß mich nur machen; ich werde deine Ratschläge befolgen.« »Und ich, meine Liebe, werde die Erkennungsszene auf eine dramatische und interessante Weise herbeiführen; denn ich will es dahin bringen, daß Herr Querini selber dich mit sich nach Venedig nimmt und daß dein Oheim auf seinen Befehl es übernimmt, für dich zu sorgen.« »Ich bin von diesem Plan entzückt. Wenn er nur gelingt!« »Dafür werde ich sorgen. Verlaß dich auf meine Geschicklichkeit.« Am anderen Morgen um neun Uhr verließ ich Marcolina, die noch mit dem Ankleiden beschäftigt war, und begab mich zu Herrn Morosini, um dessen Aufträge in Empfang zu nehmen. Er übergab mir ein versiegeltes Kästchen für Lady Harrington nebst einem Brief; außerdem einen anderen offenen Brief, der nur wenige Zeilen enthielt und folgendermaßen lautete: »Der Procuratore Morosini ist abgereist und hat sehr bedauert, daß er von Fräulein Charpillon nicht noch einen letzten Abschied hat nehmen können.« »Wo werde ich die Dame finden?« »Das weiß ich nicht. Wenn Sie sie finden, geben Sie ihr das Briefchen; wenn nicht, so schadet es auch nichts. Sie haben da, mein lieber Casanova, eine blendende junge Schönheit bei sich.« »Ich bin auch wirklich von ihr geblendet.« »Aber woher kennt sie Querini?« »Sie hat ihn zufällig in Venedig gesehen, aber niemals mit ihm gesprochen.« »Das glaube ich. Wir haben herzlich gelacht; denn Querini legt diesem Zusammentreffen eine große Bedeutung bei. Aber woher haben Sie denn diese Venetianerin, die offenbar noch gar nicht in der Gesellschaft verkehrt hat? Denn, wie Memmo mir gesagt hat, spricht sie nicht französisch.« »Das wäre eine lange Geschichte, die schließlich darauf hinauslaufen würde, daß alles der reine Zufall war.« »Sie ist natürlich nicht Ihre Nichte.« »Sie ist mehr als das: sie ist meine Königin.« »Sie müssen sie französisch lernen lassen, denn in London...« »Ich werde sie nicht dorthin mitnehmen; denn sie will nach Venedig zurückkehren.« »Wenn Sie sie lieben, so beklage ich Sie. Sie wird doch hoffentlich mit uns speisen?« »Sie ist entzückt ob dieser Ehre.« »Und wir sind entzückt, daß eine so schöne Dame unser Mahl beleben wird.« »Sie werden sie würdig finden, daran teilzunehmen; denn sie ist sehr geistvoll.« In meinen Gasthof zum Park zurückgekehrt, sagte ich zu Marcolina: »Wenn man während der Mahlzeit oder nachher auf deine Rückkehr nach Venedig zu sprechen kommt, so mußt du erklären, daß auf der ganzen Welt kein Mensch außer Herrn Ouerini dich veranlassen könne, dorthin zurückzukehren; du seist jedoch bereit, nach deinem Vaterlande zu reisen, wenn er dich selbst unter seinen Schutz und dein Vermögen in Verwahrung nehmen wolle. Ich übernehme es, dich aus der Verlegenheit zu ziehen, sobald du dies gesagt hast.« Marcolina versprach mir, meine Lehren zu befolgen. Sie hatte auch getan, was ich ihr in bezug auf ihren Anzug geraten hatte: in ihrem herrlichen Schmuck strahlte sie von Jugendfrische und Schönheit. Da ich in den Augen meiner stolzen aristokratischen Landsleute glänzen wollte, so kleidete ich mich ebenfalls sehr reich: ich trug einen Rock von aschgrauem geschorenem Samt, mit Gold und Silber gestickt, dazu ein Spitzenhemd, das wenigstens fünfzig Louis wert war. Meine Diamanten, meine Uhren mit ihren brillantenbesetzten Ketten, mein Degen vom schönsten englischen Stahl, meine mit herrlichen Brillanten besetzte Tadakdose, mein Ritterkreuz mit Brillanten und meine Schuhschnallen, die mit den gleichen Edelsteinen besetzt waren – das alles zusammen stellte einen Wert von mehr als hundertfünfzigtausend Franken dar. Dieses Schaugepränge war allerdings an sich kindisch, aber es war durch die Zeit und besonders durch die Umstände begründet: ich wollte, Herr von Bragadino sollte erfahren, daß ich in der Welt keine schlechte Figur spielte; die tyrannischen Oberen, die mich gezwungen hatten, meine Heimat ohne andere Mittel als meinen Geist zu verlassen, sollten wissen, daß ich davon so guten Gebrauch gemacht hatte, um sie auslachen zu können. In diesem glänzenden Aufzuge begaben wir uns also um halb zwei zum Diner bei den Gesandten. Die Gesellschaft, die aus lauter Venetianern bestand, empfing Marcolina mit einer Art von Bewunderung. Das junge Mädchen hatte ein natürliches Gefühl für die gesellschaftlichen Formen und bewegte sich mit der Anmut einer Nymphe und mit der ganzen Würde einer französischen Prinzessin. Nachdem sie inmitten dieser glänzenden Gesellschaft zwischen zwei würdigen Senatoren Platz genommen hatte, begann sie das Gespräch mit der Bemerkung, sie sei entzückt, sich als einzige Angehörige ihres Geschlechtes in einer so ausgezeichneten Gesellschaft zu sehen, in der sich kein einziger Franzose befinde. »Sie lieben also die Franzosen nicht, Signora?« fragte Memmo sie. »Ich finde sie sehr nett; aber ich kann sie nur nach ihrem Äußeren beurteilen, da ich ihre Sprache nicht verstehe.« Nachdem sie diese Probe von ihrem Geist gegeben hatte, wußten alle Anwesenden, welchen Ton sie anzuschlagen hatten, und ein jeder fühlte sich behaglich. Man richtete lachende Bemerkungen an sie, die sie mit dem größten Anstand entgegen nahm; sie gab stets treffende Antworten, stellte niemals eine Frage und trug auf anmutige Weise ihre Beobachtungen über die französischen Sitten vor, die von den venetianischen Bräuchen so verschieden seien. Bei Tisch fragte Herr von Querini sie, woher sie ihn kenne. Sie antwortete, sie habe ihn hundertmal beim Gottesdienst bemerkt. Diese Worte schienen dem frommen Herrn sehr zu schmeicheln. Herr von Morosini stellte sich, als ob er nicht wüßte, daß sie nach Venedig zurückkehren wollte, und sagte zu ihr, sie müsse sich bemühen, die französische Sprache zu erlernen, die die Sprache aller Nationen sei; sonst werde sie sich in London langweilen, denn dort sei die italienische Sprache sehr wenig in Gebrauch. »Ich hoffe,« antwortete sie, »Herr von Seingalt wird die Gefälligkeit haben, mich nur mit Personen zusammenzubringen, mit denen ich meine Gedanken austauschen kann, wie er es bis jetzt getan hat; denn wenn ich nur durch Studium französisch lernen soll, so sehe ich voraus, daß dies mir niemals gelingen wird.« Nachdem wir gespeist hatten, baten die Gesandten mich, ihnen die Geschichte meiner Flucht aus den Bleikammern zu erzählen, und ich war gern bereit, ihren Wunsch zu erfüllen. Meine Erzählung dauerte zwei Stunden ohne Unterbrechung, und da alle bemerkt hatten, daß Marcolina Tränen in den Augen hatte, als ich die gefahrvollen Augenblicke erzählte, so griff man sie scherzhaft an und sagte, für eine Nichte habe sie sich zu gefühlvoll gezeigt. »Für eine Nichte?« antwortete sie; »das könnte wohl sein, meine Herren, obwohl ich nicht einsehe, warum nicht eine Nichte ihren Oheim zärtlich lieben sollte. Ich, meine Herren, habe – ganz abgesehen von dem Namen, den unser Verhältnis hat – stets nur den Helden der Geschichte geliebt, und ich vermag nicht zu begreifen, was für ein Unterschied zwischen Liebe und Liebe sein kann.« »Es gibt,« bemerkte Herr von Querini, »fünf Arten von Liebe in der menschlichen Natur: die Liebe zum Nächsten, die Liebe zu Gott, die die höchste von allen ist, die Liebe zum Gatten, die Liebe zur Familie und die Liebe zu sich selber, die als letzte hinter allen andern stehen muß, obgleich viele Leute sie in die erste Reihe stellen.« Der Senator erklärte hierauf in aller Kürze die verschiedenen Arten von Liebe; als er an die Liebe zu Gott kam, riß ihn die Begeisterung fort, und ich sah mit dem höchsten Erstaunen Marcolina reichliche Tränen vergießen, die sie schnell wieder abtrocknete, wie wenn sie sie dem guten alten Herrn hätte verbergen wollen, in dem der Wein noch mehr als sonst den Theologen erweckt hatte. Marcolina küßte ihm mit gut gespielter Begeisterung die Hand; hiervon fortgerissen, nahm der eitle Greis sie liebevoll beim Kopf, küßte sie auf die Stirn und sagte: »Poveretta! Sie sind ein Engel!« Bei diesem Ausruf, woran die Liebe zum Nächsten mehr Anteil hatte als die Liebe zu Gott, bissen wir alle uns auf die Lippen, um nicht laut herauszulachen; die Spitzbübin aber tat, wie wenn sie tief gerührt wäre. Erst an diesem Tage lernte ich Marcollna recht kennen; denn als wir wieder in unserem Gasthof waren, gestand sie mir, sie habe sich absichtlich so gerührt gestellt, um das Herz des alten Herrn zu gewinnen; wenn sie ihrer Neigung nachgegeben hätte, würde sie ihm laut ins Gesicht gelacht haben. Das junge Mädchen war dazu geboren, eine Rolle zu spielen, sei es auf einer Bühne, sei es auf einem Throne – was so ziemlich auf das Gleiche hinauskommt. Der Zufall hatte sie in der Dunkelheit der niederen Stände geboren werden lassen, und ihre Erziehung war vernachlässigt worden, wie es eben beim Volk ist; hätte sie eine sorgfältige Erziehung und guten Unterricht empfangen, so wäre sie würdig gewesen, die glänzendste Rolle zu spielen. Bevor wir die edle Gesellschaft verließen, wurden wir dringend gebeten, am nächsten Tage wieder zum Mittagessen zu kommen. Da wir das Bedürfnis empfanden, allein beisammen zu sein, so gingen wir an diesem Abend nicht ins Theater. Als wir in unserer Wohnung waren, konnte ich vor Ungeduld nicht einmal so lange warten, bis sie sich ausgekleidet hatte, um sie mit meinen Küssen zu bedecken. »Liebste Marcolina, so hast du also bis zu den letzten Augenblicken unserer nur allzu süßen Verbindung gewartet, um mir alle deine Vollkommenheiten zu enthüllen, damit ich mein Leben lang bedaure, daß ich dich habe nach Venedig zurückkehren lassen? Heute hast du alle Herzen gefangen genommen.« »Nun, mein lieber Giacomo, so behalte mich doch, und ich werde alle Tage sein wie heute. Hast du übrigens meinen Oheim gesehen?« »Ich glaube, ihn gesehen zu haben. Ist es nicht der Alte, der dich bei Tisch die ganze Zeit über bedient hat?« »Ganz recht. Ich habe ihn an seinem Ring erkannt. Hat er mich angesehen?« »In einemfort, und zwar mit einem ganz erstaunten Gesicht. Ich habe es vermieden, ihn fest anzusehen, weil seine Blicke fortwährend zwischen dir und mir hin und her schweiften.« »Ich möchte wohl wissen, was der gute Mann sich denkt! Morgen wirst du etwas Neues erleben, lieber Freund; denn ich bin überzeugt, er wird Herrn Querini gesagt haben, daß ich seine und folglich nicht deine Nichte bin.« »Das glaube ich auch.« »Und wenn Herr von Querini morgen mir das sagt, so werde ich es wohl zugeben müssen, glaube ich. Was meinst du dazu?« »Das ist unbedingt notwendig; aber es muß auf die vornehmste Art geschehen: in ganz herzlicher Weise und ohne irgendwelche Andeutungen, daß du seiner bedürfest, um nach Venedig zurückzukehren. Er ist nicht dein Vater und hat durchaus kein Recht, über deine Freiheit zu verfügen.« »Oh nein, das hat er gewiß nicht.« »Gut! Du wirst ferner zugeben, daß ich nicht dein Oheim bin, und daß wir durch das zärtlichste Band miteinander vereinigt sind. Hast du irgend etwas dagegen einzuwenden?« »Wie kannst du nur so fragen? Ich bin stolz auf das Band, das mich mit dir vereinigt, und es würde mich für mein Leben glücklich machen, wenn unser Verhältnis dauern könnte.« »Nun, ich werde dir also gar nichts mehr sagen; du bist klug, und ich verlasse mich vollkommen auf dich. Denke daran, daß nur Querini und kein anderer dich nach Venedig bringen darf; er muß dich behandeln, wie wenn du seine Tochter wärest. Unter anderen Bedingungen würdest du nicht mit ihm gehen.« »Gott gebe es!« Am anderen Morgen erhielt ich schon in aller Frühe ein Briefchen von Herrn von Querini. Er bat mich, bei ihm vorzusprechen, da er mir eine wichtige Mitteilung zu machen habe. »Die Geschichte ist im Gange!« rief Marcolina. »Ich freue mich, daß es so gekommen ist; denn wenn du wiederkommst, wirst du mir Wort für Wort erzählen, was ihr miteinander gesprochen habt, und ich kann mich dann danach richten.« Der Einladung folgend, ging ich zu Herrn Querini, bei dem ich auch Morosini fand. Sie gaben mir die Hand, und Querini bat mich Platz zu nehmen, indem er bemerkte, die Anwesenheit seines Freundes bei unserer Zusammenkunft werde nur von Vorteil sein. Dann fuhr er fort: »Herr Casanova, ich habe Ihnen eine vertrauliche Mitteilung zu machen; zuvor muß ich jedoch eine solche von Ihnen erbitten.« »Ich habe zu Eurer Exzellenz solches Vertrauen, daß ich kein Geheimnis vor Ihnen haben kann.« »Ich danke Ihnen; ich verdiene dieses Vertrauen durch die gute Meinung, die ich von Ihnen habe. Ich bitte Sie also, mir aufrichtig zu sagen, ob Sie das junge Mädchen kennen, das bei Ihnen ist? Denn daß es Ihre Nichte ist, glaubt kein Mensch hier.« »Allerdings ist sie nicht meine Nichte; da ich aber weder ihre Eltern noch ihre Familie kenne, so kann ich nicht behaupten, daß ich sie in dem Sinne kenne, den Eure Exzellenz diesem Wort beilegen. Indessen glaube ich sie geistig wie körperlich vollkommen zu kennen, und glaube, mir Glück wünschen zu dürfen, daß ich eine zärtliche Neigung zu ihr gefaßt habe, die nur mit meinem Tode enden wird.« »Was Sie da sagen, freut mich. Seit wann haben Sie sie bei sich?« »Ungefähr seit zwei Monaten.« »Vortrefflich. Wie ist sie in Ihre Hände gekommen?« »Das ist ein Punkt, der nur sie allein angeht; gestatten Sie mir, diese Frage unbeantwortet zu lassen.« »Gut, lassen wir es. Da Sie in sie verliebt sind, so ist es ja wohl möglich, daß Sie nicht so neugierig gewesen sind, sie nach ihren Eltern und Angehörigen zu fragen.« »Sie hat mir gesagt, daß ihre Eltern ehrliche Leute sind, wenn auch arm; ich bin aber wirklich nicht so neugierig gewesen, sie nach ihrem Namen zu fragen. Ich kenne nur ihren Taufnamen, der vielleicht nicht einmal ihr richtiger ist; es genügt mir jedoch, sie rufen zu können, und ich habe mich daher mit dem Namen begnügt, den sie mir angegeben hat.« »Sie hat Ihnen ihren wahren Namen genannt.« »Eure Exzellenz setzen mich in Erstaunen! Sie kennen sie also?« »Ja; gestern allerdings nicht, aber heute kenne ich sie. Zwei Monate...Marcolina...Ja, sie ist es wirklich. Jetzt bin ich überzeugt, daß mein Kammerdiener nicht verrückt ist.« »Ihr Kammerdiener?« »Ja, sie ist seine Nichte. Er hat in London erfahren, daß sie etwa um Mittfasten aus dem Elternhause entflohen ist. Seine Schwester, Marcolinas Mutter, hat es ihm geschrieben. Als er sie gestern als eine so glänzende Erscheinung sah, hat er es nicht gewagt, sie anzusprechen. Er hat sogar geglaubt, er müsse sich irren; zudem hatte er gefürchtet, mein Mißfallen zu erregen, wenn er mit ihr gesprochen hatte, da sie ja wie eine große Dame an meiner Tafel saß. Sie muß ihn ebenfalls gesehen haben.« »Das glaube ich nicht; denn sie würde es mir gesagt haben.« »Allerdings ist er stets hinter ihr gestanden. Doch lassen Sie uns jetzt schlüssig werden! Sagen Sie mir, ob Marcolina Ihre Frau ist oder ob Sie die Absicht haben, sie zu heiraten?« »Ich liebe sie so innig und zärtlich, wie ein Mann nur lieben kann. Aber ich kann sie nicht zu meiner Frau machen, und dies ist für mich ein tiefer Kummer; die Gründe sind nur ihr und mir bekannt.« »Ich achte Ihre Gründe; aber werden Sie es dann übel nehmen, wenn ich in meiner Teilnahme für Marcolina so weit gehe, Sie zu bitten, sie mit ihrem Oheim nach Venedig zurückreisen zu lassen?« »Ich glaube, daß Marcolina bei mir glücklich ist; aber ich würde sie für noch glücklicher halten, wenn es ihr gelungen sein sollte, Ihnen Teilnahme einzuflößen; ich bin sogar überzeugt, es würde ihr, wenn sie unter dem wohlwollenden Schutz Eurer Exzellenz in den Schoß ihrer Familie zurückkehrte, leicht gelingen, den Makel zu tilgen, der durch ihre Flucht auf sie gefallen ist. Fortzugehen kann ich sie nicht verhindern, denn ich bin nicht ihr Herr. Als ihr Liebhaber würde ich sie mit allen meinen Kräften gegen jeden Versuch verteidigen, den man etwa unternehmen würde, um sie gewaltsam meinen Armen zu entreißen; wenn sie mich aber verlassen will, kann ich mich nur ihrem Willen fügen, so schmerzlich mir auch die Trennung von ihr sein mag.« »Was Sie da sagen, finde ich vollkommen vernünftig; ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, daß ich dieses gute Werk durchzuführen versuche. Sie werden begreifen, mein Herr, daß ich ohne Ihre Zustimmung nicht wagen konnte, mich in diese Angelegenheit einzumischen.« »Ich ehre die Fügungen des Schicksals, wenn sie allem Anschein nach einer so reinen Quelle entströmen. Wenn Eure Exzellenz durch Überredung Marcolina bewegen können, mich zu verlassen, so werde ich Ihnen kein Hindernis bereiten. Ich gestatte mir jedoch, darauf aufmerksam zu machen, daß Sie nur mit sanften Mitteln vorgehen dürfen; denn sie ist klug, liebt mich und ist stolz auf ihre Unabhängigkeit; außerdem vertraut sie auf mich, und mit Recht. Sprechen Sie noch heute unter vier Augen mit ihr; denn meine Gegenwart könnte Ihnen wie ihr lästig sein. Sprechen Sie aber nicht früher mit ihr, als bis wir mit dem Essen fertig sind; denn die Unterredung könnte sich vielleicht in die Länge ziehen.« »Mein lieber Casanova, Sie sind ein Ehrenmann, und ich schwöre Ihnen, ich bin entzückt, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.« »Sie erweisen mir eine Ehre, die ich tief empfinde. Ich empfehle mich Ihnen, und möchte Ihnen nur noch sagen, daß ich Marcolina nichts erzählen werde.« In den Gasthof zum Park zurückgekehrt, erstattete ich dem jungen Mädchen einen genauen Bericht über unsere Unterhaltung, indem ich sie darauf aufmerksam machte, daß ich versprochen hätte, ihr nichts zu sagen. »Du mußt es sehr geschickt anfangen, meine Liebe, um Herrn von Querini zu überzeugen, daß ich nicht gelogen habe, als ich ihm sagte, du habest deinen Oheim nicht gesehen. Sobald du ihn erblickst, stellst du dich höchst überrascht, rufst: Mein lieber Onkel! läufst auf ihn zu und umarmst ihn. Wirst du das tun? Es wird eine prachtvolle Szene sein, und du wirst in den Augen aller anwesenden Herren die größte Ehre damit einlegen.« »Verlaß dich drauf, mein lieber Freund. Ich werde meine Rolle so spielen, daß du damit zufrieden sein sollst, obgleich mir das Herz sehr traurig ist.« Zur verabredeten Stunde begaben wir uns zu den Gesandten, wo die Gesellschaft bereits versammelt war und nur noch auf uns wartete. Marcolina war noch fröhlicher und glänzender als am Tage vorher; sie zeichnete Herrn von Querini vor allen anderen aus, war aber gegen alle Anwesenden sehr liebenswürdig. Einige Minuten bevor wir zu Tisch gingen, trat Mattio ein und brachte seinem Herrn auf einer silbernen Platte dessen Brille. Marcolina,, die neben Herrn von Querini saß, unterbrach plötzlich eine Bemerkung, die an die ganze Gesellschaft gerichtet war, sah überrascht den Mann an und rief in fragendem Tone: »Mein Oheim?!« »Ja, meine liebe Nichte!« Marcolina warf sich mit einer Zärtlichkeit in seine Arme, daß wir alle zu Erstaunen und Bewunderung hingerissen wurden. »Ich wußte, lieber Oheim, daß Sie von Venedig ins Ausland gereist waren; aber ich wußte nicht, dnß Sie in Diensten Seiner Exzellenz stehen. Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Sie werden meinen Leuten in Venedig Nachricht von mir geben. Wie Sie sehen, bin ich glücklich. Wo waren Sie denn gestern?« »Hier.« »Und Sie haben mich nicht gesehen?« »O doch; aber Ihr anderer Onkel...« »Nun!« sagte ich lachend zu ihm, »mein lieber Vetter, wir wollen uns gegenseitig anerkennen! Umarmen Sie mich! Marcolina, ich mache dir mein Kompliment, daß du einen so prächtigen Oheim hast!« »Welch schöner Augenblick!« rief Herr von Querini; und alle andern wiederholten: »Sehr schön! Sehr schön!« Der neue Oheim Mattio ging hinaus, und wir setzten uns zu Tisch, aber wir waren alle in einer ganz andern Stimmung als am Abend vorher. Auf Marcolinas Zügen lag eine unbeschreibliche Mischung von Trauer und von jenem Glücksgefühl, das in einer schönen Seele die Erinnerung an das Vaterland hervorruft. Herrn von Querinis Züge drückten Bewunderung aus und zugleich jene Zuversicht auf Erfolg, die dem Blick eine heitere Ruhe gibt, in der sich das Gefühl ausspricht, eine gute Handlung zu vollbringen. Herr von Morosini saß als zufriedener Beobachter da. Die anderen waren aufmerksam und neugierig; sie lauschten mit Teilnahme dem Gespräch und verschlangen jedes Wort, das von Marcolinas anmutigen Lippen fiel. Von mir mußten die verschiedenen Anwesenden je nach ihrer Kenntnis der Geschichte und ihres Fortganges eine verschiedene Meinung haben. Nach dem ersten Gange hatten die Gemüter sich ein wenig beruhigt, und Herr von Morosini sagte zu Marcolina: »Wenn Sie nach Venedig zurückkehren, so können Sie sicher sein, dort einen Gatten zu finden, der Ihrer würdig sein wird.« »Ob er meiner würdig wäre,« versetzte das entzückende Geschöpf, »könnte nur ich allein beurteilen.« »Aber man kann sich in dieser Beziehung auch auf das Urteil erfahrener Männer verlassen, die an dem Glück der beiden Parteien aufrichtigen Anteil nehmen.« »Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihre Ansicht nicht teile. Wenn ich mich jemals vermähle, so muß der Gatte meiner Wahl mir vor der Hochzeit gefallen.« »Wer hat Ihnen diesen Grundsatz beigebracht?« fragte Querini. »Mein Oheim Casanova, der in den zwei Monaten, die ich mit ihm zu verleben das Glück hatte, mir die ganze Weisheit der Welt beigebracht hat, wie ich glaube.« »Ich mache dem Lehrer und der Schülerin mein Kompliment; aber, meine liebe Marcolina, Sie sind alle beide zu jung, um die ganze Weisheit dieser Welt zu kennen. Diese Weisheit ist die Moral, und die kann man in zwei Monaten nicht lernen.« Ich wandte mich zu Marcolina und sagte: »Was Seine Exzellenz dir gesagt hat, ist sehr wahr. In Heiratsangelegenheiten muß man viel auf das Urteil weiser Freunde geben; denn die meisten von den Heiraten, die nur durch gegenseitiges Gefallen herbeigeführt wurden, sind unglücklich.« »Dies, meine liebe Marcolina,« nahm wieder Herr von Querini das Wort, »ist eine treffliche und weise Bemerkung. Aber sagen Sie mir doch, welche Eigenschaften wollen Sie nach Ihren Grundsätzen bei dem Gatten Ihrer Wahl finden?« »Ich wäre in Verlegenheit, wenn ich Ihnen das sagen sollte; aber in dem Augenblick, wo er mir gefiele, würde ich sie alle bei ihm voraussetzen.« »Und wenn er ein Taugenichts wäre?« »Dann würde er mir ganz sicherlich nicht gefallen, und dies ist eben der Grund, warum ich entschlossen bin, niemals einen Mann zu heiraten, den ich nicht genau kennen gelernt habe.« »Und wenn Sie sich täuschten?« »Dann würde ich schweigend meinen Irrtum beweinen.« »Und die Armut?« »Diese kann sie unmöglich befürchten,« fiel ich ein; »denn sie ist sicher, ihr Leben lang monatlich fünfzig Taler zu haben.« »Ah! Das ändert die Sachlage ganz bedeutend. Wenn dies sich so verhält, meine schöne Freundin, so haben Sie einen großen Vorzug, denn Sie können in Venedig in völliger Unabhängigkeit leben.« »Ich bin allerdings der Meinung, daß ich, um in Venedig in Ehren zu leben, des Schutzes eines hohen Herrn, wie Eurer Exzellenz, nicht entbehren könnte.« »Kommen Sie nur nach Venedig, teure Marcolina, und ich gebe Ihnen mein Wort als Ehrenmann, ich werde alles für Sie tun, was in meinen Kräften steht. Aber, erlauben Sie mir diese Frage, inwiefern sind Sie sicher, monatlich diese fünfzig Taler zu haben? Sie lachen?« »Ich lache, weil ich ein leichtsinniges Mädchen bin, das sich um seine eigenen Angelegenheiten nicht bekümmert. Mein Freund wird Ihnen alles sagen.« »Es war kein Scherz von Ihnen?« wandte der gute alte Herr sich nun an mich. Ich antwortete: »Marcolina besitzt nicht nur ein bares Kapital, das ihr, auf Leibrenten angelegt, sogar noch mehr als die genannte Summe einbringen kann, sondern sie besitzt auch eine wertvolle Ausrüstung. Mit vollem Recht, das werden Eure Exzellenz begreifen, hat sie gesagt, sie bedürfe in Venedig des Schutzes Eurer Herrlichkeit; denn es muß dafür gesorgt werden, daß ihre Kapitalien gut angelegt werden. Diese Kapitalien befinden sich in meinen Händen, und wenn meine teure Marcolina es wünscht, kann sie sie binnen zwei Stunden haben.« »Das genügt. Sie müssen also, meine liebe Tochter, nach Venedig abreisen, und zwar übermorgen. Wie ich sehe, ist Mattio außer sich vor Freude; er ist von Herzen bereit, Sie mitzunehmen. »Ich liebe meinen Oheim Mattio, ich empfinde die zärtlichste Achtung vor ihm; aber nicht ihm dürfen Euere Exzellenz mich anvertrauen, wenn ich mich zur Reise entschließen soll.« »Wem denn sonst?« »Ihnen selber, gnädiger Herr. Eure Exzellenz waren so gütig, mir dreimal den süßen Namen: liebe Tochter zu geben. Geruhen Sie, mich als guter Vater nach Venedig zu bringen, und ich bin bereit, Ihnen zu folgen. Wenn nicht, so erkläre ich mit aller Bestimmtheit: ich werde niemals den Mann verlassen, dem ich alles verdanke, und wir werden übermorgen nach London abreisen!« Nach diesen Worten, die mich mit Entzücken erfüllten, sahen alle Anwesenden schweigend einander an. Jeder spitzte die Ohren, um die Worte zu vernehmen, die Herr von Querini sprechen würde; alle fühlten, daß er zuweit gegangen war, um noch zurück zu können. Der Greis schwieg jedoch; vielleicht fürchtete er als frommer Mann, sich einem Triebe unschuldiger Wollust zu überlassen oder auch der Welt Veranlassung zu geben, dies zu glauben. So schwiegen denn alle wie er und beschäftigten sich mit ihrem Essen. Mattio verrichtete mit zitternder Hand seine Aufwärterdienste; Marcolina allein zeigte eine entzückende Ruhe. Als der Nachtisch aufgetragen wurde, hatte noch keiner von den Anwesenden den Mund aufgetan. Plötzlich erhob das erstaunliche Mädchen die Stimme und sagte mit demütigem Gesicht, wie wenn sie eine Eingebung hätte, gleichsam zu sich selber: »Man muß die göttliche Vorsehung anbeten, aber erst nach dem Eintritt der Wirkung; denn vorher kann kein Mensch auf dieser Welt beurteilen, ob etwas gut oder böse ist.« »Aus welchem Anlaß, meine liebe Tochter, stellen Sie diese Betrachtungen an?« sagte Herr von Querini; »und warum küssen Sie mir in diesem Augenblick die Hand?« »Ich küsse Ihnen die Hand, weil Sie mich soeben zum vierten Male Ihre liebe Tochter genannt haben.« Diese feine und schlagfertige Antwort rief ein allgemeines beifälliges Lachen hervor und stellte die frühliche Stimmung wieder her. Ouerini hatte jedoch Marcolinas Ausruf über die Vorsehung nicht vergessen und bat sie, eine Erklärung zu geben. »Es war eine Eingebung, die mich das sagen ließ, und dieser Gedanke war, das Ergebnis einer Selbstprüfung, die ich vorgenommen hatte. Ich befinde mich wohl, ich habe mich zu benehmen gelernt, ich bin erst siebzehn Jahre alt und bin im Laufe von zwei Monaten durch anständige und ehrenhafte Mittel reich geworden. Ich bin glücklich, denn ich fühle mich glücklich. Aber das alles verdanke ich dem schlimmsten Fehltritt, den ein ehrbares Mädchen begehen kann. In allem diesem finde ich zahlreiche Gründe, mich vor der göttlichen Vorsehung zu demütigen und tausendmal ihre Beschlüsse anzubeten.« »Sie haben recht, mein liebes Kind; aber Sie müssen nichtsdestoweniger den Fehltritt bereuen, den Sie begangen haben.« »Dies ist eben der Punkt, der mich in Verlegenheit setzt; denn um ihn zu bereuen, muß ich daran denken, und wenn ich daran denke, kann ich keinen Grund der Reue finden. Ich muß zu diesem Zweck irgend einen großen Theologen um Rat fragen.« »Das ist nicht notwendig, meine Liebe; Sie haben einen klaren Geist und ein gutes Herz. Ich übernehme es, Sie unterwegs darüber zu belehren, wie Sie sich damit abzufinden haben. Wenn man bereut, ist es nicht notwendig, an das Vergnügen zu denken, das der Gegenstand unserer Reue uns bereitet hat.« Indem er sich zum Apostel machte, wurde der gute Herr von Querini in aller Frömmigkeit in seine schöne Proselytin verliebt. Nach Tisch verschwand er auf einige Augenblicke, und als er wieder hereinkam, sagte er zu Marcolina: »Wenn ich ein junges Mädchen nach Venedig zurückbringen soll, tue ich es nur unter der Bedingung, daß ich sie der Obhut meiner Haushälterin, der Dame Veneranda, anvertraue, einer würdigen Frau, der ich mein volles Vertrauen geschenkt habe. Ich habe soeben mit ihr gesprochen; und wenn Sie unter dieser Bedingung mitkommen wollen, so ist alles in Ordnung. Sie werden bei ihr schlafen, wenn es Ihnen recht ist, und werden mit uns zusammen essen, bis wir in Venedig angekommen sind. Dort werde ich selber, in Gegenwart Ihres Oheims, Sie Ihrer Mutter übergeben. Was sagen Sie zu diesem Plan?« »Ich finde ihn ausgezeichnet.« »Kommen Sie mit mir zur Dame Veneranda.« »Gern.« »Casanova, kommen Sie mit!« Ich sah eine Frau von richtigem kanonischen Alter, in die Marcolina sich gewiß nicht nach ihrer Art verlieben konnte; sie sah aber vernünftig aus und hatte ein sehr anständiges Benehmen. Herr von Querini sagte ihr in unserer Gegenwart alles, was er soeben seiner neuen Schutzbefohlenen gesagt hatte, und die Duenna versicherte ihm, sie werde das Fräulein wie eine gute Hausmutter pflegen. Marcolina nannte sie ihr gutes Mütterchen, umarmte sie und stimmte sie dadurch vollkommen zu ihren Gunsten. Wir kehrten hierauf zu den Herren zurück, die um die Wette meiner Freundin ihre Freude aussprachen, sie zur Reisegefährtin zu haben. »Ich muß,« sagt Herr von Querini, »daran denken, meinen Haushofmeister in einem andern Wagen unterzubringen; denn die Kalesche hat nur zwei Sitze.« »Eure Exzellenz brauchen nicht daran zu denken; denn Marcolina hat ihren eigenen Wagen, den die Dame Veneranda sehr bequem finden wird. Sie können auf diesen Wagen auch ihre Koffer packen.« »Du willst also, mein lieber Freund, mir auch noch deinen Wagen schenken,« rief Marcolina. »Das ist wahrlich der Wohltaten viel zu viel!« Ich konnte ihr vor Rührung nicht antworten. Ich drehte mich um und trat in eine Fensternische, um meine Tränen zu trocknen. Als ich gleich darauf wieder zu den Versammelten trat, sah ich Marcolina nicht mehr. Herr von Morosini, der ebenfalls tief gerührt war, sagte mir, sie sei hinausgegangen, um mit der Dame Veneranda zu sprechen. Alle waren traurig, und da ich erriet, daß meine Rührung die Ursache dieser Stimmung war, so begann ich von England zu sprechen, wo ich mein Glück zu machen gedachte. Ich hatte nämlich einen Plan, dessen Ausführung nur vom Minister Lord Egremont abhing. Herr von Morosini sagte mir, er würde mir einen Brief für diesen und einen anderen für den Residenten der Republik Venedig, Herrn Zuccata, mitgeben. »Fürchten Sie nicht,« fragte Querini ihn, »bei den Staatsinquisitoren Anstoß zu erregen, indem Sie Herrn Casanova empfehlen?« Morosini antwortete ihm kalt, die Inquisitoren hätten ihm nicht mitgeteilt, welchen Verbrechens ich schuldig wäre, und er glaube daher auch nicht, daß ihr Urteil für ihn maßgebend sein müßte. Der kleinliche und sehr beschränkte alte Querini schüttelte den Kopf und sagte nichts mehr. In diesem Augenblick trat Marcolina wieder ein, und ein jeder konnte sehen, daß sie geweint hatte. Ich gestehe, daß dieses Zeichen ihres Kummers meiner Eitelkeit ebensosehr schmeichelte wie meiner Liebe; so ist der Mensch, und so ist ohne Zweifel auch der Leser, der mich deshalb vielleicht tadelt. Das reizende Mädchen, an das ich nach so viel Jahren noch ein lebhaftes Andenken bewahre, trotz dem Alter, das mich vertrocknet haben müßte, wenn das Herz überhaupt altern könnte – das reizende Mädchen eilte auf mich zu und fragte mich zärtlich, ob ich sie nicht nach unserem Gasthof bringen wolle; denn sie müsse ihren Koffer packen. Wir entfernten uns sofort, nachdem wir aber zuvor versprochen hatten, am nächsten Tage wieder zum Essen zu kommen – um vielleicht zum letzten Male miteinander zu speisen, wie unsere Gastgeber freundlich hinzusetzten. Ich war ganz in Tränen aufgelöst, als wir unsere Wohnung betraten. Ich befahl Clairmont, den Wagen untersuchen zu lassen und ihn für eine lange Reise instand zu setzen; nachdem ich mich hierauf in aller Eile entkleidet und meinen Schlafrock angezogen hatte, warf ich mich auf mein Bett und überließ mich meinen Tränen, wie wenn man mir ein Gut entrissen hätte, das ich nicht imstande gewesen wäre zu verteidigen. Marcolina war tausendmal vernünftiger als ich; sie führte, um mich zu trösten, alle Gründe an, die die Vernunft und die zärtlichste Liebe vorbringen konnten; aber ich empfand ein nicht gut erklärliches Vergnügen daran, mich selber zu peinigen, und ihre Worte vermehrten daher nur meine Verzweiflung. »Bedenke doch,« sagte das anbetungswürdige Mädchen zu mir, »daß ich dich ja gar nicht verlasse, sondern daß du mich fortschickst, daß es mein Glück wäre, wenn ich mein ganzes Leben bei dir verbringen könnte, und daß du nur ein Wort zu sagen brauchst, um dieser ganzen Komödie ein Ende zu machen.« Ich fühlte, daß dies alles wahr sei und daß meine Liebe mit ihren Wünschen übereinstimme. Aber mich hat stets eine Neigung beherrscht, mich vom Schicksal leiten zu lassen; vielleicht war es auch Furcht vor einer Verpflichtung, die mich hätte binden können; eine innere Furcht, über die ich mir selber keine Rechenschaft gab, die aber doch auf mich wirkte; und schließlich war es wohl auch die Heuchelei eines Günstlings, der unwillkürlich und aller Überlegung zum Trotz mehr nach Veränderung als nach neuen Genüssen strebte. Mag es gewesen sein, was es wolle, genug, dies alles bewirkte, daß ich bei meinem Beschluß und in meiner Traurigkeit verharrte. Gegen sechs Uhr kamen die Herren Morosini und Querini auf den Hof; sie blieben stehen, um sich meinen Wagen anzusehen, den der Schmied gerade untersuchte. Sie sagten etwas zu Clairmont und kamen dann zu uns herauf, um uns einen Besuch zu machen. »Großer Gott!« rief Herr Querini, als er die vielen Schachteln sah, die Marcolina auf ihren Wagen packen sollte; als er aber erfuhr, daß dies der Wagen war, den er soeben gesehen hatte, sprach er seine Überraschung aus. Es war in der Tat ein sehr schöner Wagen. Herr von Morosini sagte Marcolina, wenn sie ihm nach der Ankunft in Venedig den Wagen verkaufen wolle, würde er ihr tausend Dukaten dafür geben. Dies sind dreitausend Franken; denn der venetianische Dukaten gilt nur den vierten Teil des holländischen. »Sie können ihr das Doppelte dafür geben,« sagte ich zu ihm; »denn er ist dreitausend wert.« »Wir werden darüber schon einig werden,« sagte er, und Querini fügte hinzu: »Es wird ein hübscher Zuwachs zum Kapital sein.« Nachdem wir mehrere scherzhafte und höfliche Bemerkungen gewechselt hatten, sagte ich Herrn Querini, ich würde ihm am nächsten Tage einen Wechsel von fünftausend Dukaten übergeben; dieser Betrag und dazu die drei- oder viertausend Dukaten, die sie leicht aus dem Verkauf ihrer verschiedenen wertvollen Sachen lösen könnte, nebst den tausend für den Wagen bildeten ein Kapital von neun- bis zehntausend Dukaten, von dessen Zinsen Marcolina in Ehren leben könnte. Am nächsten Morgen nahm ich bei Bono einen Wechsel auf Venedig an die Ordre des Herrn von Querini. Vor dem Essen übergab Marcolina diesen ihrem neuen Beschützer, der ihr dafür eine Quittung in aller Form ausstellte. Morosini gab mir die versprochenen Briefe, und die Abreise wurde auf den nächsten Tag um elf Uhr festgesetzt. Wie der Leser sich denken kann, war unser Essen kein Hochzeitsmahl. Marcolina war niedergeschlagen, ich düster wie ein hypochondrischer Engländer, und so teilten wir der ganzen Gesellschaft einen Ton mit, der mehr für eine Beerdigung als für eine freundschaftliche Zusammenkunft paßte. Ich will nichts davon sagen, welch eine Nacht ich in den Armen dieser Sylphide verbrachte, denn mir würden die Farben fehlen, um sie auszumalen. Unaufhörlich fragte sie mich immer wieder, wie ich mir mein eigenes Glück zerstören könnte, und sie hatte recht; denn ich begriff dies ebensowenig wie sie. Aber wie oft habe ich nicht in meinem Leben etwas getan, was mir zuwider war, oder was ich selber nicht begriff! Ich wurde aber durch eine geheime Kraft angetrieben, der ich absichtlich keinen Widerstand leistete. Nachdem ich mit meinem Anzug fertig, gestiefelt und gespornt war, und nachdem ich Clairmont gesagt hatte, er möchte sich nicht beunruhigen, wenn er mich am Abend nicht zurückkommen sähe, fuhr ich mit Marcolina zu den Gesandten. Wir frühstückten zusammen. Es ging ziemlich still zu; denn Marcolina hatte die ganze Zeit über Tränen in den Augen, und alle achteten ihre Traurigkeit, die man als berechtigt ansah, denn man würdigte mein edles Verhalten gegenüber diesem entzückenden Geschöpf. Nach dem Frühstück fuhren wir ab. Ich nahm den Vordersitz des Wagens ein, und mir gegenüber saßen Marcolina und die Dame Veneranda, über die ich unter anderen Umstünden herzlich gelacht haben würde, wie sie sich so in einer Karosse blähte, die schöner war als der Wagen der Gesandten. Sie konnte gar nicht müde werden, die Schönheiten und die Bequemlichkeiten des Wagens zu preisen, und ergötzte uns durch ihre wiederholten Versicherungen, ihr Herr habe wirklich recht gehabt, indem er gesagt habe, man werde sie unterwegs für die Frau Botschafterin halten. Trotz dieser komischen Ablenkung waren Marcolina und ich während der ganzen Fahrt sehr traurig. Herr von Querini, der nicht gerne nachts reiste, ließ um neun Uhr abends in Pont-Beauvoisin Halt machen. Nach einem schlechten Abendessen ging ein jeder auf sein Zimmer, um am nächsten Morgen mit Tagesanbruch bereit zu sein. Marcolina mußte natürlich bei der Dame Veneranda schlafen. Ich begleitete sie. Die gute Dame legte sich ohne Umstände zu Bett, drehte uns den Rücken zu und drückte sich so eng an die Bettkante heran, daß noch für zwei andere Platz übrig blieb. Ich aber setzte mich auf einen Stuhl, sobald Marcolina sich niedergelegt hatte, und legte meinen Kopf neben das schöne Gesicht meiner Freundin; und so verbrachten wir die Nacht damit, unsere Tränen und unsere Seufzer zu mischen. Veneranda, die fest geschlafen hatte, war sehr überrascht, als ich sie am Morgen rief, und sie mich in derselben Verfassung sah wie am Abend vorher. Sie war sehr fromm, aber bei den Frauen ist das Mitleid leicht stärker als die Frömmigkeit; indem sie sich auf die Seite drückte, hatte sie die Absicht gehabt, mir eine letzte Liebesnacht zu verschaffen, die ich mir aber in meiner Traurigkeit nicht zunutze machen konnte. Ich hatte am Abend befohlen, daß in dem Augenblick, wo die Herrschaften in ihren Wagen steigen würden, ein Reitpferd für mich bereit sein sollte. Nachdem wir in aller Eile eine Tasse Kaffee getrunken hatten, gingen wir hinunter. Alle waren zur Abfahrt bereit, und wir wünschten uns gegenseitig alles Gute. Nachdem ich Marcolina in ihrem Wagen untergebracht hatte, umarmte ich sie zum letztenmal; ich habe sie erst elf Jahre später wiedergesehen. Ich stieg zu Pferde, wartete neben ihrem Wagenschlag, bis der Postillon mit der Peitsche knallte, und sprengte dann mit verhängtem Zügel die Straße entlang, die ich am Tage vorher gekommen war. Ich ritt wie ein Verzweifelter; denn mir war zumute, wie wenn ich, um mich zu erleichtern, den Gaul zuschanden reiten und mich selber töten müßte. Aber außer in der Fabel des guten Lafontaine kommt der Tod niemals, wenn ein Unglücklicher ihn herbeisehnt. Ich ritt in sechs Stunden, indem ich nur zum Pferdewechseln anhielt, die achtzehn französischen Meilen von Pont-Beauvoisin nach Lyon. Nachdem ich mich in aller Eile entkleidet hatte, warf ich mich in das unglückselige Bett, worin ich vor dreißig Stunden in allen Wonnen der Liebe geschwelgt hatte. Ich hoffte im Traum eine Wirklichkeit wiederzufinden, deren Verlust ich tief beklagte. Aber ich fand sie nicht, denn ich schlief fest und friedlich und wachte erst um acht Uhr morgens auf. Ich hatte ununterbrochen etwa neunzehn Stunden geschlafen. Ich klingelte Clairmont, befahl ihm, mir ein Frühstück zu bringen, und schlang ohne Wahl alle Fleischspeisen und Weine hinunter, die er mir vorsetzte. Nachdem ich meinen Magen erfrischt hatte, schlief ich wieder ein. Erst am nächsten Morgen verließ ich das Bett, vollkommen wiederhergestellt und imstande, das Dasein zu ertragen. Drei Tage nach Marcolinas Abreise kaufte ich einen guten zweirädrigen Wagen, einen sogenannten Amadis. Er ruhte auf guten Federn und war sehr bequem. Meinen Koffer schickte ich mit der Schnellpost nach Paris. Ich hatte in einem Mantelsack nur die notwendigsten Sachen zurückbehalten; denn ich wollte am nächsten Tage in Schlafrock und Nachtmütze abfahren und gedachte meinen einplätzigen Wagen nicht eher zu verlassen, als bis ich die achtundfünfzig Poststationen auf der schönsten Landstraße Europas zurückgelegt hatte. Indem ich allein und im tiefsten Negligé reiste, meinte ich meiner geliebten Marcolina, die ich nicht vergessen konnte, ein Zeichen meiner Ehrfurcht zu erweisen. Aber wie oft habe ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Ich war eben dabei, meine Schmucksachen in meine Kassette zu packen, als Clairmont mir einen Kaufmann und dessen Tochter meldete. Diese war ein hübsches Mädchen, und ich hatte sie bereits bei Tisch flüchtig bemerkt; denn seit der Abreise meiner schönen Venetianerin aß ich an der Gasttafel, um mich zu zerstreuen. Ich ließ sie eintreten, und während ich meine Kassette zuschloß, richtete der Vater höflich das Wort an mich und sagte: »Mein Herr, ich bitte Sie um eine Gunst, die Ihnen nur eine kleine Unbequemlichkeit kosten, mich aber sowie meine Tochter zum unendlichen Dank verpflichten wird.« »Was kann ich für Sie tun? Ich reise morgen mit Tagesanbruch ab.« »Ich weiß es, mein Herr, Sie haben es ja bei Tisch gesagt. Aber wir werden zu jeder Stunde bereit sein. Geruhen Sie, meine Tochter mit in Ihren Wagen zu nehmen! Ich werde selbstverständlich ein drittes Pferd bezahlen, und werde reiten.« »Sie haben augenscheinlich meinen Wagen nicht gesehen?« »Ich bitte um Verzeihung, ich habe ihn gesehen. Es ist allerdings ein Einsitzer; aber der Sitz ist sehr tief, und indem Sie sich ein wenig zurücklehnen, kann sie ganz gut auf dem Rande sitzen, denn sie ist ja schmächtig. Ich fühle wohl, daß es eine Belästigung für Sie ist, aber wenn Sie sich vorstellen könnten, welchen Gefallen Sie uns damit tun, so bin ich überzeugt. Sie würden uns diese Bitte nicht abschlagen. Im Eilwagen sind alle Plätze bis zur nächsten Woche besetzt, und wenn ich nicht in sechs Tagen in Paris bin, so verliere ich mein Brot. Wenn ich reich wäre, würde ich die Post nehmen; aber das würde mir vierhundert Franken kosten, und eine solche Ausgabe kann ich nicht machen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als morgen mit dem Eilwagen zu fahren, indem ich mich und meine Tochter auf dem Verdeck festbinden lasse. Sehen Sie, mein Herr, bei dem bloßen Gedanken daran weint sie schon, und ich selber bin nicht viel weniger traurig als sie.« Ich sah das junge Mädchen aufmerksam an und fand sie zu hübsch, um mich in den Grenzen einfacher Höflichkeit halten zu können, wenn ich allein mit ihr reiste. Meine Seele war traurig, und in der Qual meiner Trennung von Marcolina hatte ich beschlossen, jede Gelegenheit zu vermeiden, die zu neuen Verpflichtungen führen könnte. Dieser Entschluß war nach meiner Meinung notwendig für meine Ruhe. Ich sagte zu mir selber: das Mädchen hat vielleicht zu meinem Unglück solche Reize des Geistes oder des Charakters, daß ich mich in sie verlieben könnte, wenn ich so schwach wäre, der Bitte nachzugeben. Das will ich aber nicht. Ich wende mich also zum Vater und antworte ihm, ohne das junge Mädchen anzusehen: »Ihre Lage, mein Herr, tut mir sehr leid; aber ich kann nichts daran ändern, denn ich sehe zu viele Unzuträglichkeiten bei Ihrem Vorschlag.« »Sie glauben vielleicht, ich würde es nicht aushalten können, den ganzen Weg ohne Aufenthalt zu reiten, aber seien Sie unbesorgt!« »Das Pferd kann stürzen. Sie können sich verletzen, und wenn dieser Fall eintreten sollte, so kenne ich mich: ich würde Halt machen müssen, selbst wenn Sie es nicht wollten. Ich habe es aber ellig. Sollte dieser Grund Ihnen nicht triftig genug erscheinen, so tut es mir leid; in meinen Augen läßt sich nichts dagegen einwenden.« »Ach, mein Herr, lassen wir es doch auf dieses Wagnis ankommen!« »Es ist noch ein größeres dabei, das ich Ihnen nicht nennen möchte. Mit einem Wort, mein Herr, es ist unmöglich.« »Im Namen des Himmels, mein Herr!« rief das Fräulein in einem Tone und mit einem flehenden Blick, die ein Herz von Stein hätten erweichen können; »lassen Sie mich doch nicht auf diesem schrecklichen Verdeck reisen! Ich schaudere bei dem bloßen Gedanken daran; denn obgleich man mich festbinden wird, werde ich eine Todesangst ausstehen; außerdem sieht man es ja als eine Schande an, auf diese Weise zu reisen; es mag vielleicht eine Dummheit sein, aber es ist nun einmal so. Bitte, bitte, bewilligen Sie mir doch diese Huld! Ich werde zu Ihren Füßen sitzen, um Sie so wenig wie möglich zu belästigen.« »Das ist zu viel! Sie kennen mich nicht, mein Fräulein. Ich bin weder grausam noch unhöflich, am wenigsten gegen Ihr Geschlecht, obwohl mein Widerstand Sie vielleicht veranlaßt, das Gegenteil von mir zu glauben. Wenn Sie meinen Wünschen nachgeben, könnten Sie vielleicht Anlaß finden, es zu bedauern, und das will ich nicht!« Hierauf wandte ich mich zu ihrem Vater und fuhr fort: »Eine Postkalesche kostet sechs Louis. Hier sind sie; ich bitte Sie, sie anzunehmen. Ich werde nötigenfalls meine Abreise um einige Stunden aufschieben, um für den Wagen Bürgschaft zu leisten, falls Sie nicht bekannt sein sollten. Hier haben Sie außerdem noch vier Louis für ein Extrapferd, das Sie ohne Zweifel werden nehmen müssen. Was an den Kosten noch fehlt, würden Sie ausgegeben haben, wenn Sie zwei Plätze im Eilwagen genommen hätten.« »Mein Herr, ich erkenne Ihre Tugend an und bewundere Ihre Großmut; aber so dankbar ich dafür bin, so kann ich doch das Geschenk, das Sie mir machen wollen, nicht annehmen. Ich bin desselben nicht würdig und würde es noch weniger sein, wenn ich es annähme. Komm, Adele! Verzeihen Sie, mein Herr, wenn diese Belästigung Ihnen eine halbe Stunde gekostet hat. Komm, mein armes Kind!« »Warten Sie einen Augenblick, Vater!« Adele bat ihn zu warten, weil ihre Tränen sie erstickten. Dieser Anblick brachte mich in Wut, als aber mein Blick den schönen Augen des jungen Mädchens begegnete, konnte ich mein Herz nicht länger gegen das Mitleid verschließen, das sie mir einflößte, und so sagte ich zu ihr: »Beruhigen Sie sich, mein Fräulein! Man soll mir nicht nachsagen können, daß ich unempfindlich gegen die Tränen der Schönheit gewesen sei. Ich gebe Ihrem Wunsche nach, denn sonst würde ich nicht schlafen können. Aber ich stelle eine Bedingung,« sagte ich zum Vater. »Sie dürfen nichts dabei finden, wenn ich von Ihnen verlange, daß Sie auf meinen Wagen hinten aufsteigen.« »Das will ich sehr gern tun; aber Ihr Bedienter?« »Der reitet voraus. So ist also alles in Ordnung. Gehen Sie zu Bett und seien Sie um sechs Uhr bereit.« »Wir werden bereit sein, mein Herr; aber werden Sie mir gestatten, das eine Pferd zu bezahlen?« »Sie dürfen nichts bezahlen. Dies würde mich entehren, und ich bitte Sie, nicht darauf zu bestehen. Sie haben mir gesagt. Sie seien arm; das ist keine Schande. Und so will ich Ihnen sagen, daß ich reich bin; Reichtum aber ist nur dann ein Verdienst, wenn man ihn benutzt, um Gutes zu tun. Es ist also nur natürlich, daß ich bezahle und daß Sie nicht bezahlen.« »Ich gebe nach, mein Herr, aber ich werde das Pferd für meine Tochter bezahlen.« »Noch weniger! Ich bitte Sie, lassen Sie uns nicht darum feilschen, sondern gehen wir zu Bett. Ich werde Sie alle beide in Paris absetzen, ohne daß es Ihnen einen Heller kostet. Dort können Sie mir Ihren Dank sagen, wenn Sie wollen. Nur unter diesen Bedingungen können wir das Geschäft miteinander machen. Sehen Sie, da lacht Fräulein Adele; das ist für mich schon Lohnes genug.« »Ich lache vor Glück, weil ich dem schauderhaften Verdeck entronnen bin.« »Das begreife ich, und ich hoffe. Sie werden in meinem Wagen nicht weinen, denn ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich die Traurigkeit verabscheue.« In mein Schicksal mich fügend, ging ich zu Bett. Ich sah voraus, daß ich den Reizen dieser neuen Schönheit nicht würde widerstehen können, und ich beschloß, die Versuchung nicht länger als zwei Tage dauern zu lassen. Diese hübsche Adele mit ihren wundervoll geschnittenen blauen Augen, mit ihrer Haut von Lilien und Rosen, mit ihrem niedlichen Munde und den schönen Zähnen, mit ihrer Büste, die noch zart war, aber sich herrlich zu entwickeln versprach, denn sie stand erst an der Grenze der Jugend – wieviele Gründe, um eine neue Niederlage vorauszuahnen! Als ich mich zu Bett legte, dankte ich meinem guten Geist, daß er dafür sorgte, mich während der kurzen Reise nicht an Langeweile leiden zu lassen. Einen Augenblick vor der Abfahrt kam der Vater und fragte mich, ob es mir einerlei wäre, wenn wir durch das Bourbonnais oder durch Burgund führen. »Mir ist das gleichgültig. Aber Sie? Ziehen Sie vielleicht den einen Weg dem anderen vor?« »Wenn wir über Nevers reisten, könnte ich dort eine kleine Summe einkassieren.« »Wir werden also durch das Bourbonnais fahren.« Gleich darauf kam Adele, einfach, aber sehr sauber gekleidet. Sie wünschte mir mit fröhlichem Gesicht guten Morgen und sagte mir, ihr Vater würde einen kleinen Koffer, worin ihre Kleider wären, hinten auf den Wagen legen. Als sie sah, daß ich beschäftigt war, einige Sachen in Ordnung zu bringen, fragte sie mich, ob sie mir nützlich sein tönnte. »Nein!« antwortete ich ihr, »aber nehmen Sie bitte Platz.« Sie setzte sich, aber mit jener schüchternen und verlegenen Miene, die mir stets mißfällt, weil sie ein Gefühl von Abhängigkeit auszudrücken scheint. Ich warf ihr dies in sanftem Tone vor und forderte sie auf, mit mir Kaffee zu trinken. Sie tat dies, und dabei verlor sich allmählich die Verlegenheit. Als wir eben hinuntergehen wollten, trat ein Mann ein und sagte mir, die Laternen säßen nicht fest, und ich würde die Laternen verlieren, wenn ich den Schaden nicht ausbessern ließe. Er erbot sich, sie binnen einer Stunde wieder in guten Stand zu bringen. Ich war wütend. Ich rief Clairmont, um ihn auszuschelten; er verteidigte sich jedoch, indem er sagte, es hätte an den Laternen nichts gefehlt und der Mann, der sie ohne Auftrag untersucht hätte, müßte sie absichtlich beschädigt haben, um auf diese Weise Gelegenheit zu einem Verdienst zu finden. Es stimmte buchstäblich so. Da ich die List schon kannte, so nannte ich den Mann einen Spitzbuben; und als er mir ein bißchen zu sehr auf französische Art antwortete, griff ich nach meiner Pistole und gab ihm ein paar Fußtritte. Fluchend ging er ab. Infolge des Lärmes kam der Wirt mit fünf bis sechs Leuten. Alle Welt gab mir recht; nichtsdestoweniger aber mußte ich zwei Stunden verlieren, denn es wäre unvorsichtig gewesen, nachts ohne Laternen zu fahren. Sofort wurde ein anderer Laternenmacher gerufen; er besichtigte den Schaden und lachte über die offenbare Spitzbüberei seines Kollegen. »Kann ich den Schuft einsperren lassen?« fragte ich den Wirt; »diese Genugtuung brauche ich, und wenn sie mir zwei Louis kosten sollte!« »Zwei Louis, mein Herr? Sie sollen sofort bedient werden.« Ich brüllte vor Wut, ohne auf Adele Rücksicht zu nehmen, so daß ich ihr Furcht einjagte. Gleich darauf kam ein Polizeikommissar; er untersuchte die Sache, verhörte mehrere Zeugen und nahm ein Protokoll auf. Hierauf fragte er mich: »Mein Herr, wieviel ist eine Stunde Ihrer Zeit wert?« »Ich taxiere sie nach englischer Weise: fünf Louis.« Zugleich drückte ich dem Kommissar zwei Louis in die Hand. Sofort erkannte er gegen den Laternenmacher auf eine Buße von 2«Z zwanzig Louis; hierauf entfernte er sich mit den Worten: »In zehn Minuten, mein Herr, wird Ihr Mann im Gefängnis sein.« Ich atmete auf, und da meine Rache befriedigt war, so beruhigte ich mich. Hierauf bat ich Fräulein Adele um Verzeihung; sie geriet dadurch in große Verlegenheit, weil sie nicht wußte, inwiefern ich sie beleidigt hatte; darum bat sie mich ihrerseits um Verzeihung. Aus dieser Verlegenheit hätte sich schon eine gewisse Zärtlichkeit entwickeln können, aber in demselben Augenblick trat der Vater ein und sagte mir, der Laternenmacher sei im Gefängnis, und alle Welt gebe mir recht. »Und ich,« rief er, »werde bezeugen, daß der Schelm die Federn zerbrochen hat.« »Sie haben es also gesehen?« »Nein. Aber das ist einerlei; denn alle Welt versichert, er sei es gewesen.« Diese Naivetät versetzte mich in gute Laune. Lachend nahm ich Platz und richtete einige gleichgültige Fragen an Adelens Vater, Moreau. Er sagte mir, er sei Witwer, Adele sei sein einziges Kind, er gehe nach Louviers, um eine Stelle in einer Fabrik anzunehmen usw. usw. Etwa seit einer Stunde hatte ich mich an dem Komischen des Abenteuers ergötzt, als die Szene plötzlich pathetisch wurde. Zwei weinende Frauen, von denen die eine einen Säugling an der Brust hielt, und vier Würmer, die man alle zusammen in einen Scheffel hätte stecken können, traten ein und warfen sich vor mir auf die Knie. Bei diesem kläglichen Anblick erriet ich sofort, was sie von mir wollten. Es waren die Mutter, die Frau und die Kinder des Verbrechers. Sofort war mein Herz von Mitleid erfüllt; denn da mein Zorn durch die Genugtuung einer völligen Rache besänftigt war, so hatte ich keinen Grund mehr, noch länger zu grollen. Die Frau hätte mich jedoch beinahe wieder in Wut gebracht, indem sie mir sagte, ich sei getäuscht worden; ihr Mann sei ein ehrlicher Mensch, aber alle seine Ankläger seien Schufte. Die Mutter sah, daß ein Gewitter loszubrechen drohte, und fing es geschickter an. Sie sagte mir, es sei ja wohl möglich, daß ihr Sohn die Gaunerei begangen habe, aber ich müsse sie ihm verzeihen, denn er könne nur durch seine Armut dazu getrieben worden sein; er habe seinen Kindern kein Brot zu geben. »Mein guter Herr!« rief sie aus, »haben Sie Mitleid mit uns, deren einzige Stütze er ist. Tun Sie ein gutes Werk und geben Sie ihm die Freiheit wieder; sonst muß er ja sein ganzes Leben lang im Gefängnis bleiben, denn selbst wenn wir unsere Betten verkaufen, wären wir niemals imstande. Ihnen eine solche Summe zu bezahlen.« »Meine gute Frau, ich verzeihe ihm, soweit ich dabei in Betracht komme. Hier haben Sie meine schriftliche Abstandserklärung. Machen Sie das übrige mit dem Kommissar ab, denn ich will keinen Menschen mehr sehen.« Zugleich gab ich ihr einen Louis, um Lebensmittel zu kaufen, und befahl ihr hinauszugehen, um nicht länger von ihren Danksagungen belästigt zu werden. Einige Augenblicke später trat der Kommissar ein, um mich sein Protokoll unterschreiben zu lassen, und ich mußte auch noch die Kosten bezahlen. Die Laternen wurden für zwölf Franken ausgebessert, und nachdem die ganze Geschichte mir vier oder fünf Louis gekostet hatte, stieg ich endlich gegen neun Uhr in meinen Einsitzer. Adele mußte sich zwischen meine Beine setzen, aber sie saß recht unbequem. Ich forderte sie auf, näher an mich heranzurücken, um sich besser stützen zu können. Sie hätte sich jedoch an mich anlehnen müssen, und ich wagte nicht, weiter in sie zu dringen, dies zu tun, denn die Stellung wäre von Anfang an ein bißchen unzüchtig gewesen. Vater Moreau setzte sich auf den Hintersitz, und Clairmont bestieg sein Pferd. So waren wir also tête-à-tête oder vielmehr tête-à-dos, und befanden uns notwendigerweise in fortwährender Berührung. In dieser Stellung ließ ich das junge Mädchen bis zum ersten Pferdewechsel fortwährend plaudern; aber ich dachte mir nichts Böses dabei, sondern hatte nur die Absicht, uns die Zeit zu vertreiben. Während die Pferde umgespannt wurden, waren wir ausgestiegen. Als wir wieder in den Wagen stiegen, mußte Adele ihr Bein sehr hoch heben, und ich sah infolgedessen eine schwarze Hose. Frauen mit Hosen waren mir immer ein Greuel, besonders aber mit schwarzen Hosen. »Moreau,« sagte ich zum Vater, der ihr beim Einsteigen half, »Ihre Tochter hat mir ihre schwarze Hose gezeigt.« Adele wurde rot, und der Vater versetzte lachend: »Ein großes Glück für sie, daß sie Ihnen weiter nichts gezeigt hat.« Diese Antwort gefiel mir, aber die verfluchte Hose hatte mich so geärgert, daß ich ganz verdrießlich wurde. Ich glaubte darin einen beleidigenden Gedanken, einen Versuch der Abwehr zu erblicken. Natürlich wäre dies ganz vernünftig gewesen, aber ich fand es sehr wenig angebracht bei einem jungen Mädchen, das an Gefahr noch gar nicht denken durfte oder sich wenigstens sehr in acht nehmen mußte, damit nicht andere dächten, sie dächte daran. Da ich ihr jedoch keinen Vorwurf machen, ebensowenig aber die üble Laune überwinden konnte, die sich meiner bemächtigt hatte, so begnügte ich mich, höflich zu sein, aber bis St.-Simphorien sprach ich weiter kein Wort mehr mit ihr, als daß ich sie bat, sich bequemer zu setzen; dagegen hatte mich bis zum Augenblick, wo die verhängnisvolle Hose sich vor meinen Blicken offenbart hatte, Adele mit jenen Nichtigkeiten der guten Gesellschaft amüsiert, die die Zeit vergehen lassen, ohne den Geist zu ermüden. Als wir in St.-Simphorien ankamen, befahl ich Clairmont voraus zu reiten und mir in Roanne ein gutes Abendessen für drei Personen zu bestellen; er könne dann zu Bett gehen und bis Tagesanbruch schlafen. Etwa in der Mitte des Weges sagte Adele zu mir, sie müsse mich doch wohl belästigen, denn ich sei nicht mehr so heiter wie im Anfang. Ich versicherte ihr, sie belästige mich durchaus nicht, und ich sitze nur darum so ruhig, um sie selber vollkommen in Ruhe zu lassen. »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Absicht; aber Sie haben sicher unrecht, wenn Sie glauben, Sie könnten durch Ihr Gespräch meine Ruhe stören. Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, was ich denke: Sie sagen mir nicht den wahren Grund für den Umschlag Ihrer Stimmung.« »Und glauben Sie den wahren Grund zu kennen?« »Ja, zum wenigsten bilde ich es mir ein.« »Nun, so nennen Sie ihn mir.« »Sie sind verdrießlich, seitdem Sie meine Hosen gesehen haben.« »Das ist wahr; diese schwarzen Hosen haben meine Seele verdüstert.« »Das tut mir recht leid; aber geben Sie zu, daß ich nicht ahnen konnte: erstens, daß Sie meine Hosen sehen würden; zweitens, daß die schwarze Farbe Ihnen mißfallen würde.« »Auch das ist sehr wahr; da nun aber der Zufall mir die Sache entdeckt hat, so werden Sie auch die Wirkung verzeihen, die die Hose auf mich hervorgebracht hat. Dieses Schwarz hat mich auf traurige Gedanken gebracht, während ein Weiß mir lachende eingeflößt haben würde. Tragen Sie immer dieses häßliche Kleidungsstück?« »Heute zum erstenmal.« »Sie sehen also, daß Sie eine unpassende Handlung begangen haben, indem Sie es heute anlegten.« »Unpassend?« »Nach meiner Ansicht, ja. Hören Sie, Adele: Was würden Sie gesagt haben, wenn ich heute morgen Unterröcke angezogen hätte? Sie würden das unpassend gefunden haben. Sie lachen?« »Entschuldigen Sie, und gestatten Sie mir zu lachen, denn ich habe niemals etwas so Komisches gehört, übrigens haben Sie unrecht, einen solchen Vergleich zu ziehen. Er trifft nicht zu; denn alle Welt hätte Sie in Röcken gesehen, und das wäre lächerlich gewesen, während kein Mensch ahnen konnte, daß ich Hosen trug.« Ich ließ dies gelten. Es freute mich, an dem jungen Mädchen Geist genug zu finden, um meinen Sophismus zu entlarven; ich blieb jedoch wortkarg. In Roanne erhielten wir ein ziemlich gutes Abendessen. Moreau begriff wohl, daß er ohne Adele nicht mit mir gespeist und nicht umsonst gereist haben würde, und er war entzückt, als ich ihm sagte, daß seine Tochter mir durchaus nicht lästig falle, sondern im Gegenteil sehr gute Gesellschaft leiste. Ich erzählte ihm unseren Hosenstreit, und er gab mit behaglichem Lachen seiner Tochter unrecht. Ich machte ihm eine Freude, als ich ihm nach dem Abendessen sagte, er solle mit seiner Tochter in dem Zimmer schlafen, worin wir uns befänden; in diesem standen zwei Betten. Ich selber verbrachte die Nacht in einer anstoßenden Kammer. Am nächsten Morgen sagte Clairmont im Augenblick der Abfahrt zu mir, er werde voraus reiten, um das Nachtquartier zu bestellen; denn da wir schon einmal eine Nacht verloren hätten, so käme es nicht darauf an, wenn wir noch eine zweite verlören. Diese Bemerkung meines treuen Clairmont zeigte mir, daß er anfing, ein gewisses Ruhebedürfnis zu empfinden, und seine Gesundheit lag mir am Herzen. Ich befahl ihm daher, in St. Pierre-le-Mortier Halt zu machen und dafür zu sorgen, daß ich ein gutes Abendessen vorfände. Als wir in unserem Wagen saßen, dankte Adele mir. »Sie reisen also nicht gerne bei Nacht?« fragte ich sie. »Das wäre mir einerlei; aber ich habe Furcht, ich könnte einschlafen und dann auf Sie fallen.« »Das würde ich nur als ein Glück empfinden, meine liebe Adele. Ein hübsches Mädchen wie Sie ist eine angenehme Last.« Sie antwortete mir nicht, aber sie verstand mich. Ich hatte mich erklärt; aber ich mußte sie mir von selber entgegenkommen lassen, um sie sanft wie ein Lamm zu finden. Von neuem schwieg ich, bis wir in der Nähe von Varennes waren. Dort sagte ich zu ihr: »Wenn ich wüßte, meine liebe Adele, daß Sie mit ebenso gutem Appetit wie ich ein Huhn essen würden, so würden wir hier Mittag machen.« »Versuchen Sie es; ich werde mich bemühen, Ihnen die Spitze zu bieten.« Wir speisten gut und tranken noch besser, sodaß wir ein bißchen beschwipst waren, als wir wieder abfuhren. Adele, die sonst nur zwei– oder dreimal im Jahre Wein trank, lachte darüber, daß sie nicht mehr ganz gerade gehen konnte. Sie war darob in einiger Unruhe; ich tröstete sie, indem ich ihr sagte, die Dünste des Champagners seien gar bald verflogen. Sie kämpfte nun mit allen Kräften wider den Schlaf an, konnte ihn aber nicht besiegen, und ließ ihr hübsches Köpfchen auf meine Brust sinken. So lag sie zwei Stunden lang in tiefem Schlaf. Ich achtete diesen, obgleich ich nicht dem Wunsch widerstehen konnte, mich zu überzeugen, daß das mir so unangenehme Kleidungsstück gänzlich verschwunden war. Während sie schlief, berauschte ich mich an wollüstigen Gedanken, indem ich sah, wie ihr sprossender Busen das leichte Mieder zu sprengen suchte. Aber ich hielt meine Begierden im Zaum, und das wurde mir um so leichter, da das Verschwinden der schwarzen Hose mir keinen Zweifel mehr ließ, daß ich Adele gefügig finden würde, sobald ich sie angreifen wollte. Ich wünschte jedoch, daß sie aus freiem Antriebe sich mir ergeben oder doch wenigstens mir entgegenkommen sollte, und ich wußte, daß ich ihr nur die Sache etwas zu erleichtern brauchte, um meinen Zweck zu erreichen. Als sie erwachte, war sie höchst überrascht, sich in meinen Armen zu finden. Sie bat tausendmal um Entschuldigung, und ich glaubte, um sie zu beruhigen, ihr einen zärtlichen Kuß geben zu müssen. Dieses Mittel wirkte, wie ich dem Leser wohl nicht zu sagen brauche – denn wer hätte nicht die Macht eines Kusses empfunden, der unter gewissen Umständen gegeben wird! Da ihr Kleid ein bißchen in Unordnung gekommen war, wollte sie es wieder zurecht machen, aber der Wagen war eng, und durch eine ungeschickte Bewegung entblößte sie ein Knie. Ich lachte laut auf, sie stimmte ein und sagte voller Geistesgegenwart: »Diesmal hat hoffentlich keine schwarze Farbe Ihnen düstere Gedanken eingeflößt.« »Aber, liebe Adele, Rosenfarbe kann mir doch nur köstliche Gedanken einflößen!« Ich sah sie ihre großen Augen niederschlagen, aber sie tat es mit jener Anmut, welche Wonne verheißt. Indem wir miteinander plauderten und dabei, wie man zu sagen pflegt, Öl ins Feuer gossen, kamen wir in Moulin an, wo wir einen Augenblick ausstiegen. Eine Menge Weiber fielen über uns her und boten uns Schnitzwaren an; ich schenkte dem Vater und der Tochter alle Sachen, die ihnen zu gefallen schienen. Hierauf fuhren wir weiter, indem wir die Weiber miteinander keifen und sich zerkratzen ließen, weil wir der einen etwas abgekauft hatten, und der andern nicht. Mit Einbruch der Nacht kamen wir in St.-Pierre an. Während der vier Stunden unserer Fahrt von Moulin hatten wir Fortschritte gemacht, und Adele war so zutraulich zu mir geworden wie zu einem alten Bekannten. Ein ausgezeichnetes Abendessen erwartete uns dank dem Eifer meines Clairmont; er war zwei Stunden vor uns angekommen und hatte sich zu Bett gelegt, nachdem er sorgfältig alles für meine Ankunft vorbereitet hatte. Wir speisten in einem großen Zimmer, wo zwei blütenweiße große Betten uns erwarteten. Ich sagte Moreau, er solle mit seiner Tochter in dem einen schlafen das andere würde ich für mich nehmen. Er antwortete mir jedoch, Adele und ich könnten jedes für sich in einem Bett schlafen, denn er bitte mich um Erlaubnis, sofort nach dem Essen nach Nevers aufbrechen zu dürfen, damit er am Morgen in aller Frühe seinen Schuldner antreffen und mit uns gleich nach unserer Ankunft weiterfahren könnte. »Wenn Sie mir das gesagt hätten, würden wir in Nevers übernachtet haben.« »Sie sind zu gütig, ich werde diese vierthalb Poststationen reiten. Das wird mir gut tun, und ich liebe die Bewegung des Reitens sehr. Ich vertraue Ihnen meine Tochter an. Sie wird hier im Zimmer weniger nahe bei Ihnen sein als in Ihrem Einsitzer.« »Oh! Wir sind übrigens alle beide sehr vernünftig.« Als er fort war, sagte ich Adelen, sie solle zu Bett gehen und in ihren Kleidern bleiben, wenn sie mich nicht für ihren Freund halte; ich würde es ihr nicht übel nehmen. »Es wäre sehr unrecht von mir,« sagte sie, »wenn ich Ihnen ein solches Zeichen von Mißtrauen geben wollte.« Sie stand auf und ging einen Augenblick hinaus. Als sie wieder eintrat, verschloß sie die Türe. Dann zog sie sich aus und als sie im Hemde war, kam sie zu mir und umarmte mich. Ich war in diesem Augenblick mit Schreiben beschäftigt, und da sie sich auf den Fußspitzen herangeschlichen hatte, so war ich ein bißchen überrascht, übrigens auf eine sehr angenehme Weise. Sie lief nach ihrem Bett und sagte mutwillig: »Pfui! Sie sind erschrocken!« »Du irrst dich, meine schöne Sylphide; allerdings hast du mich überrascht. Bitte, komme noch einmal, denn ich sterbe vor Verlangen, dich wieder eingeschlafen in meinen Armen zu sehen.« »Kommen Sie doch her und sehen Sie mich schlafen.« »Wirst du immer schlafen?« »Ja, immer.« »Das wollen wir sehen.« Ich warf die Feder hin und hielt im selben Augenblick Adele in meinen Armen. Sie lachte, war voller Feuer, gab sich allen meinen Wünschen hin und bat mich nur, ich möchte sie schonen. Ich tat alles, was sie wollte, und obgleich die liebe Kleine sich die größte Mühe gab und mit aller Glut mithalf, um das Werk zu erleichtern, so war doch der erste Angriff so mühevoll wie eine von den Arbeiten des Herkules. Das übrige ging besser, denn nur der . erste Schritt ist schwer. Als nach drei aufeinanderfolgenden Kämpfen das Schlachtfeld ganz von Blut überströmt war, überließen wir uns der Ruhe. Um fünf Uhr klopfte Clairmont an die Tür; ich befahl ihm, Kaffee für uns zu bestellen, und wir standen auf, ohne daß ich meiner Adele einen Morgengruß hätte darbringen können; ich versprach ihr jedoch diesen für unterwegs. Als Adele angekleidet war, entdeckte sie den Kampfplatz, auf dem sie der Liebe ihr erstes Opfer gebracht hatte. Als sie die Spuren ihrer Niederlage sah, seufzte sie. Sie war beim Kaffeetrinken ein wenig nachdenklich. Sobald wir aber in unserem Einsitzer waren, kehrte mit der Wonne der Liebe auch ihre Heiterkeit zurück, und wir übertäubten mit unserm Entzücken das Bedauern darüber, daß die Reise so bald ein Ende nehmen würde. In Nevers trafen wir Moreau. Er war untröstlich, daß sein Schuldner ihm die zweihundert Franken erst am Mittag bezahlen könnte; denn er wagte nicht mich zu bitten, so lange auf ihn zu warten. Ich sagte zu ihm: »Sehen Sie nur zu, daß wir ein ganz ausgezeichnetes Mittagessen erhalten; wir werden weiterreisen, sobald Sie Ihr Geld bekommen haben.« Bis zum Mittagessen schlossen wir uns in ein Zimmer ein, um uns einem Haufen von Weibern zu entziehen, die uns allerlei Tand verkaufen wollten. Nach zwei Uhr fuhren wir weiter, da Moreau sein Geld bekommen hatte. In der Dämmerung kamen wir in Come an; obgleich Clairmont uns in Briare erwartete, so beschloß ich doch, die Nacht in Come zu verbringen, und diese zweite Nacht war besser als die erste. Nachdem wir am andern Morgen in Briare zum Frühstück das Abendessen verzehrt hatten, das Clairmont am Tage vorher für uns bestellt hatte, übernachteten wir in Fontainebleau, wo ich meine schöne Adele zum letztenmal besaß. Am Morgen versprach ich ihr, sie auf meiner Rückreise von England in Louviers zu besuchen; ich habe ihr jedoch nicht Wort halten können. Von Fontainebleau nach Paris brauchten wir vier Stunden, aber diese kamen uns recht kurz vor! In Paris ließ ich an der Brücke St.-Michel den Wagen vor einem Uhrmacherladen halten; ich ließ mir verschiedene Uhren an den Wagen bringen, kaufte eine für fünfzehn Louis und schenkte sie Adelen, die ich mit ihrem Vater an der Ecke der Rue aux Ours absetzte. Hierauf fuhr ich nach dem Hôtel Montmorency, da ich nicht bei Frau von Urfé wohnen wollte. Nachdem ich jedoch Toilette gemacht hatte, ging ich zu ihr zum Mittagessen. Achtes Kapitel Ich lasse meinen Bruder, den Abbate, aus Paris ausweisen. – Frau du Rumain bekommt durch meine Kabbala ihre Stimme wieder. – Ein schlechter Spaß. – Die Corticelli. – Ich nehme den kleinen Aranda mit nach London. – Ankunft in Calais. Frau von Urfé empfing mich wie immer mit offenen Armen; dies- mal aber überraschte sie mich, indem sie sofort nach der Be- grüßung dem kleinen Aranda befahl, aus ihrem Arbeitszimmer den versiegelten Brief zu holen, den sie ihm am Morgen übergeben habe. Ich öffnete diesen Brief, der von demselben Tage datiert war, und las: »Mein Genius hat mir bei Tagesanbruch gesagt, daß Galtinardo von Fontainebleau abfährt und daß er noch heute bei mir zu Mittag speisen wird.« Der Zufall hatte die Wahrheit gesprochen; aber solche Dinge sind mir hundertmal in meinem Leben begegnet – Dinge, die ganz ausgezeichnet sind, um anderen Leuten, aber nicht mir, den Kopf zu verdrehen. Ich gestehe, daß diese Dinge mich in Erstaunen versetzt haben; aber sie haben mich niemals dazu veranlaßt, meine Vernunft aufzugeben. Man behauptet irgend etwas, das man erraten hat, und zieht daraus die Folgerung, daß man eine prophetische Gabe besitze; aber man spricht nicht von den tausend Fällen, in denen die Ereignisse die Weissagungen zuschanden gemacht haben. Vor ungefähr sechs Monaten ging ich die törichte Wette ein, daß eine Hündin am nächsten Tage fünf Junge werfen würde, und zwar lauter weibliche. Ich gewann. Alle Welt erklärte das für ein Wunder, nur ich nicht. Denn wenn der Zufall nicht meine Kühnheit begünstigt hätte, wäre ich der erste gewesen, der darüber gelacht hätte, damit die Lacher sich nicht über meine Zuversicht lustig machen möchten. Selbstverständlich bewunderte ich die Weisheit ihres Schutzgeistes, und teilte lebhaft die Freude, die Frau von Urfé darüber empfand, während ihrer Schwangerschaft so gesund zu sein. Überzeugt, daß ich kommen würde, hatte die gute Närrin allen Gästen, die an diesem Tage bei ihr speisen sollten, unter dem Vorwand eines Unwohlseins absagen lassen. Wir verbrachten daher den ganzen Nachmittag unter vier Augen und beschäftigten uns damit, die Mittel zu finden, wie wir den kleinen Aranda veranlassen könnten, freiwillig nach London zu gehen. Da ich durchaus nicht wußte, wie das zu erreichen wäre, so waren alle Antworten des Orakels dunkel, verworren und hatten einen doppelten oder dreifachen Sinn. Frau von Urfé hatte eine große Abneigung dagegen, ihm zu sagen, daß er reisen müsse. Ich mochte daher nicht mit ihrem Gehorsam Mißbrauch treiben und sah ein, daß ich mir den Kopf zerbrechen müßte, um den kleinen Mann dahin zu bringen, daß er selber es als eine Gunst erbäte, die Reise machen zu dürfen. Da ich das Bedürfnis hatte, mich zu zerstreuen, ging ich in die italienische Komödie, wo ich Frau du Rumain fand. Sie war entzückt, mich wieder in Paris zu sehen, und sagte zu mir: »Ich fühle das größte Bedürfnis, Ihr Orakel um Rat zu fragen. Und ich beschwöre Sie, besuchen Sie mich morgen!« Natürlich versprach ich ihr das gern. Die Vorstellung interessierte mich wenig, denn das gespielte Stück gefiel mir nicht. Ich wäre fortgegangen, wenn ich nicht gewünscht hätte, das Ballett zu sehen. Daß dieses für mich ganz besonders interessant sein würde, hatte ich allerdings nicht erwartet. Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich unter den Figurantinnen die Corticelli entdeckte! Ich bekam Lust, mit ihr zu sprechen; nicht als ob sie in mir irgend einen verliebten Wunsch erweckt hätte, sondern weil ich neugierig war, ihre Abenteuer kennen zu lernen. Als ich hinausging, begegnete ich dem guten Baletti, der sich vom Theater zurückgezogen hatte und in allen Ehren von einer Pension lebte. Nachdem ich ihn umarmt und mich erkundigt hatte, wie es ihm gehe, sprach ich mit ihm über die Corticelli; er sagte mir ihre Wohnung und erzählte mir, daß es ihr sehr traurig gehe. Zum Abendessen ging ich zu meinem Bruder; er und seine Frau waren sehr erfreut, mich wiederzusehen, und beide wünschten sich Glück, daß ich gerade zur rechten Zeit gekommen sei, unseren Bruder, den Abbate, zu überreden, daß er freiwillig ihr Haus verlasse; denn sie seien sonst entschlossen, ihn hinauszuwerfen. »Wo ist er?« »Du wirst ihn gleich sehen; denn es ist die Stunde des Abendessens, und da Essen und Trinken für ihn die beiden wichtigsten Angelegenheiten dieser Welt sind, so wird er ganz bestimmt kommen.« »Was hat er dir getan?« »Er hat alle schlechten Streiche verübt, deren ein Taugenichts fähig ist. Aber da kommt er; ich werde dir alles in seiner Gegenwart erzählen.« Der Abbate war erstaunt, mich zu sehen; er machte mir ein Kompliment, obgleich ich ihn nicht ansah, und fragte mich, was ich gegen ihn hätte. »Was ein Ehrenmann gegen ein Ungeheuer haben kann! Ich besitze den Brief, den du an Passano geschrieben hast, und wonach ich ein Betrüger, ein Spion, ein Dukatenbeschneider, ein Giftmischer bin. Was sagt Herr Abbate dazu?« Er antwortete nicht und setzte sich zu Tisch. Hierauf erzählte mein anderer Bruder mir folgendes: »Als dieser schöne Herr zu mir kam, empfing ich ihn mit Freuden, und meine Frau nahm ihn auf das freundschaftlichste auf. Ich gab ihm ein sehr sauberes Zimmer und bat ihn, mein Haus als das seinige zu betrachten. Wohl um uns zu seinen Gunsten einzunehmen, sagte er uns sofort, du seiest der größte Schuft von der Welt. Um uns dies zu beweisen, erzählte er uns: er habe ein junges Mädchen aus Venedig entführt, das er habe heiraten wollen; in Genua habe er dich aufgesucht, weil er sich mit ihr in der drückendsten Not befunden habe. Allerdings hat er anerkannt, daß du ihn sofort aus dem Elend errettest habest. Du habest dich jedoch verräterischerweise seiner Schönen bemächtigt und sie zu zwei anderen Mädchen gesellt, die du bereits gehabt habest. Du habest in seiner Gegenwart bei ihr geschlafen und habest ihn aus Marseille fortgeschickt, um dich ungestört mit ihr belustigen zu können. Er hat seine häßliche Geschichte damit geschlossen, daß er uns sagte: wegen der Entführung des jungen Mädchens könne er nicht nach Venedig zurückkehren; er sei daher auf uns angewiesen, bis er die Möglichkeit gefunden habe, von seinen Talenten oder von seinem Priesterberuf zu leben. Ich fragte ihn, was für Talente dies seien, und er antwortete mir, er werde italienischen Unterricht geben. Da wir nun aber sahen, daß er selber sehr schlecht italienisch spricht, so lachten wir über sein Vorhaben, als wir erfuhren, daß er kein Wort französisch versteht. Es blieb also nur sein Priesterberuf übrig, und gleich am nächsten Tage sprach meine Frau mit Herrn de Sauci, dem Schatzmeister der geistlichen Pfründen. Sie bat ihn, unseren Bruder dem Erzbischof von Paris vorzustellen, der ihm vielleicht eine Anstellung in seinem Dienst geben würde, bis er sich einer guten Pfründe würdig gezeigt hätte. Zu diesem Zweck mußte er unsere Pfarrkirche besuchen. Ich sprach mit dem Pfarrer von St.-Sauveur, und dieser versprach mir, sich für ihn zu interessieren. Er nannte mir die Stunde, zu der er die Messe lesen könnte, wofür er das übliche Almosen von zwölf Sous erhalten würde. Das war ein guter Anfang, der zu Besserem führen konnte. Als wir aber unserem Bruder von dem Erfolg unserer Bemühungen Mitteilung machten, da geriet der Herr Abbate in Zorn und sagte, er sei nicht der Mann, für zwölf Sous Messen zu lesen oder einem Bischof den Hof zu machen in der Hoffnung, dadurch in dessen Dienste eintreten zu können, denn er wolle in keines Menschen Dienst stehen. Wir waren entrüstet, verbargen jedoch unseren Ärger. Nun hat aber der Bursche in den drei oder vier Wochen, seitdem er hier ist, es fertig gebracht, unser ganzes Haus auf den Kopf zu stellen. Infolgedessen hat gestern die Kammerzofe meiner Frau zu unserem großen Bedauern uns verlassen, und die Köchin will fortgehen, weil er sie fortwährend in der Küche belästigt. Darum sind wir fest entschlossen, ihn fortzuschicken, um so mehr, da seine Gesellschaft uns unerträglich ist. Ich bin über deine Ankunft hocherfreut, denn ich hoffe, wir werden zusammen ein Mittel finden, ihn fortzuschicken, und je eher dies geschieht, desto besser wird es sein.« »Nichts ist leichter als das!« antwortete ich. »Wenn er in Paris bleiben will, so mag er das tun; aber schicke schon morgen seine Sachen in ein möbliertes Zimmer und laß ihm zugleich ein polizeiliches Verbot zustellen, daß er dein Haus nicht wieder betreten darf. Will er abreisen, so möge er sagen, wohin. Ich verpflichte mich, ihm noch heute Abend, bevor ich gehe, die Reise zu bezahlen.« »Man kann nicht nobler sein! Nun, Abbate, was sagst du dazu?« »Ich sage: es ist genau ebenso, wie Giacomo mich aus Marseille fortgeschickt hat. Es ist sein Stil: Gewalttätigkeit, Despotismus!« »Scheusal, danke Gott, daß ich statt Prügel dir Geld geben will. Erinnere dich, daß du versucht hast, mich in Lyon an den Galgen zu bringen.« »Wo ist Marcolina?« »Habe ich dir Rechenschaft zu geben? Schnell, wähle: Rom oder Paris? Aber in Paris bekommst du keinen Heller.« »Ich werde nach Rom gehen.« »Schön. Die Reise kostet für einen einzelnen Menschen nur zwanzig Louis; aber ich werde dir fünfundzwanzig geben.« »Wo sind sie?« »Das wirst du gleich sehen. Bitte, gib mir Papier, Tinte und eine Feder.« »Was willst du schreiben?« »Anweisungen auf Lyon, Turin, Genua, Florenz und Rom. Für die Reise nach Lyon wird für dich morgen ein Platz im Eilwagen bezahlt sein; nach deiner Ankunft erhältst du dort fünf Louis: die gleiche Summe wird dir in jeder der vier anderen Städte ausbezahlt werden; solange du aber hier in Paris bist, hast du keinen Heller von mir zu erhoffen. Ich wohne im Hotel Montmorency; weiter brauchst du nichts zu wissen.« Hierauf grüßte ich meinen Bruder und dessen Frau und sagte ihnen auf Wiedersehen. Checco, so hieß mein Bruder, der Maler, mit seinem Kosenamen, sagte mir, er werde mir am nächsten Tage den Koffer des Abbate zuschicken; ich sagte ihm, er solle dies unter allen Umständen tun und sich im übrigen ganz auf mich verlassen. Am anderen Tage kam der Koffer und mit ihm der Abbate. Ohne ihn anzusehen, ließ ich ihm ein Zimmer geben, indem ich dem Wirt mit lauter Stimme sagte, ich wolle drei Tage lang, aber nicht eine Stunde länger, für Wohnung und Essen des Abbate bürgen. Dieser wollte mit mir sprechen, aber ich verwies ihn in hartem Ton auf den nächsten Tag und verbot in seiner Gegenwart meinem Clairmont nachdrücklich, ihn in mein Zimmer eintreten zu lassen. Hierauf begab ich mich zu Frau du Rumain; der Schweizer sagte zu mir: »Mein Herr, alles schläft noch. Aber wer sind Sie? Ich habe einen Befehl.« »Der Chevalier de Seingalt.« »Bitte, treten Sie hier in meine Loge ein und unterhalten Sie sich mit meiner Nichte. Ich bin gleich wieder hier.« Ich trete ein und finde ein reizendes junges Mädchen, sehr sauber gekleidet und mit lustigem Gesicht. »Mein Fräulein, Ihr Oheim hat mir gesagt, ich solle mich mit Ihnen unterhalten.« »Mein Onkel ist komisch, er hat weder mich noch Sie vorher gefragt.« »Allerdings nicht; aber er hat erraten, daß ich nicht erst befragt zu werden brauchte, um Sie sehr hübsch zu finden.« »Sehr schmeichelhaft, mein Herr! Aber ich weiß, was Komplimente wert sind.« »Ich bezweifle nicht, daß man Ihnen dieses Kompliment oft gemacht hat; aber Sie verdienen es wirklich.« »Das freut mich; aber ein Verdienst ist dies nicht.« »Sie sind streng, mein Fräulein.« »Wenn Sie vernünftig sind, werden Sie mir das nicht als Verbrechen anrechnen.« Das Gespräch begann mich ebensosehr zu interessieren wie die schönen Augen der jungen Nichte; zum Glück machte der Oheim der Sache ein Ende, indem er mich bat, ihm zu folgen. Er führte mich zur Kammerfrau, die brummend einen Rock überwarf. »Was haben Sie denn, mein schönes Fräulein? Sie scheinen nicht bei guter Laune zu sein.« »Sie hätten wohl um zwölf Uhr kommen können! Es ist noch nicht neun Uhr, und die Gnädige ist erst um drei nach Hause gekommen. Es tut mir leid um sie; ich werde sie wecken.« Ich wurde sofort in das Schlafzimmer geführt, und obgleich die Gräfin ihre Augen noch nicht ganz offen hatte, dankte sie mir, daß ich sie hätte wecken lassen, während ich sie zugleich um Entschuldigung bat, daß ich sie in ihrem Schlaf gestört hätte. »Raton!« rief sie; »gib uns Schreibzeug und geh! Du kommst nicht eher herein, als bis ich dich rufe. Und vergiß nicht, daß ich für jedermann noch schlafe. « »Gut, gnädige Frau, ich werde ebenfalls schlafen!« »Mein lieber Herr, wie kommt es, daß das Orakel uns betrogen hat? Mein Mann lebt noch, und er sollte doch schon vor sechs Monaten sterben. Allerdings befindet er sich nicht eben wohl! Doch danach werden wir später fragen. Ich werde Ihnen gleich sagen, worauf es mir jetzt hauptsächlich ankommt. Wie Sie wissen, ist die Musik meine Leidenschaft; meine Stimme ist wegen ihres Umfanges und wegen ihrer Stärke berühmt. Nun, mein lieber Freund, ich habe sie verloren; seit drei Monaten singe ich nicht mehr. Man hat mich mit Arzneien vollgestopft, die alle nichts genützt haben. Ich bin untröstlich! Ich bin unglücklich, denn der Gesang war der einzige Genuß, der mir mein Leben lieb machte. Ich flehe Sie an: fragen Sie das Orakel nach einem Heilmittel, das mir die Stimme wieder verschafft. Wie glücklich wäre ich, wenn ich singen könnte – womöglich gleich morgen! Ich werde zahlreiche Gesellschaft bei mir haben, und ich würde mich an dem allgemeinen Erstaunen erfreuen. Wenn das Orakel will, so bin ich überzeugt, es ist auch möglich. Denn ich habe eine ausgezeichnete Brust. Da haben Sie die Frage! Sie ist lang, aber um so besser; die Antwort wird ebenfalls lang sein, und ich habe lange Antworten gerne.« Ich liebte zuweilen ebenfalls lange Fragen, weil ich beim Bau der Pyramide Zeit hatte, darüber nachzudenken, was ich antworten sollte. Im Falle der Madame du Rumain handelte es sich um ein Heilmittel gegen ein leichtes Übel. Aber ich war kein Arzt und kannte keines. Außerdem durfte, der Kabbala zu Ehren, das Orakel sich nicht in den ausgefahrenen Geleisen der Heilkunst bewegen. Ich begriff bald, daß eine vernünftige Lebensweise ihre Kehle wieder in den normalen Zustand bringen würde, und jeder denkende Arzt hätte dieses Wunder bewirken können. Ich jedoch bedurfte des imponierenden Apparates eines Scharlatans, und zwar gerade darum, weil ich auf eine Frau von Geist, wenn auch von befangenem Geist, einwirken mußte. Ich verfiel daher darauf, ihr einen Sonnenkultus zu verordnen, und ich setzte diesen auf eine Stunde an, die sie zu einer Lebensweise nötigte, welche sie gesund machen konnte und die sie pünktlich befolgen mußte, ohne daß ich ihr es besonders vorschrieb. Demgemäß erklärte das Orakel: sie werde ihre Stimme in einundzwanzig Tagen, vom Tage des Neumondes an gerechnet, wieder erhalten, wenn sie jedem Tag in einem Zimmer, das mindestens »ein« Fenster nach Osten habe, der aufgehenden Sonne einen Kultus darbringe. Ein zweites Orakel gebot ihr, den Kultus nur nach einem siebenstündigen, ununterbrochenen Schlaf darzubringen. Die Stunden des Schlafes entsprachen der Anzahl der Planeten. Bevor sie zu Bette gehe, solle sie dem Monde ein Badeopfer bringen, indem sie ihre Beine bis zu den Knien in lauwarmem Wasser halte. Ferner bezeichnete ich ihr die Psalmen, die sie hersagen müsse, um sich den Mond geneigt zu machen, sowie andere, die sie bei Sonnenaufgang hinter einem geschlossenen Fenster hersagen müsse. Diese letzte Vorschrift erfüllte sie mit Bewunderung. Sie sagte: »Das Orakel hat sehr richtig vorausgesehen, daß ich mich bei offenen Fenstern hätte erkälten können. Ich werde alles tun, was das Orakel mir vorschreibt; aber ich flehe Sie an, mein lieber Freund, besorgen Sie alles, was für den Kultus notwendig ist.« »Ich werde Ihnen nicht nur alles besorgen, sondern um Ihnen einen Beweis meines Eifers zu geben, werde ich selber am ersten Tage die Räucherungen vornehmen, damit Sie lernen, wie es gemacht wird. Denn die Anwesenheit von Frauen ist durch die Art dieser beiden Kulte ausgeschlossen.« Sie nahm meine Anerbietungen mit sichtlicher Dankbarkeit an. Eine solche hatte ich allerdings erwartet, denn ich wußte, daß man gerade den geringsten Diensten einen unendlichen Wert beimißt. Dies ist das große Geheimnis, um in der Welt Glück zu haben, besonders bei den Damen der großen Gesellschaft. Da schon am nächsten Tage Neumond war, der erste Tag für ihren Kultus, so ging ich um neun Uhr abends zu ihr; denn um sieben Stunden schlafen zu können, bevor sie der aufgehenden Sonne opferte, mußte sie vor zehn Uhr zu Bette gehen. Die Beobachtung aller dieser Kleinigkeiten war wichtig, wie ein jeder begreifen wird. Ich war überzeugt, daß die Dame, wenn überhaupt, nur durch eine vernünftige Lebensweise ihre Stimme wieder erlangen konnte. Ich täuschte mich nicht in meinen Mutmaßungen und erfuhr in London den glücklichen Erfolg meiner Methode durch einen Brief, der aus jeder Zeile herzliche Dankbarkeit atmete. Frau du Rumain, deren Tochter den Fürsten Polignac heiratete, liebte das Vergnügen und besuchte gern große Soupers. Infolgedessen konnte sie nicht immer vollkommen gesund sein, und sie hatte ihre Stimme verloren, indem sie ihr zu große Anstrengungen zugemutet hatte. Als sie sie durch ein Verfahren wieder erlangt hatte, das sie dem Einfluß der Geister zuschrieb, lachte sie die vernünftigen Leute aus, die ihr sagten, die Magie sei eine chimärische Wissenschaft. Ich fand bei Frau von Urfé einen Brief von Teresa Imer. Sie schrieb, sie sei entschlossen, nach Paris zu kommen, um ihren Sohn abzuholen, wenn ich ihn nicht zu ihr brächte. Sie verlangte eine bestimmte Antwort. Ich wünschte mir nichts Besseres, aber ich fand Teresa sehr unverschämt. Ich sagte zum kleinen Aranda: »Deine Mutter erwartet uns in acht Tagen in Abdeville und wünscht dich dort zu sehen. Wir wollen miteinander hinreisen und ihr diese Freude machen.« »Mit Vergnügen,« sagte er; »aber mit wem werde ich nach Paris zurückreisen, wenn Sie nach London gehen?« »Sie werden ganz allein reisen,« antwortete Frau von Urfé ihm, »und zwar als Postillon gekleidet.« »Zu Pferde! O, welches Vergnügen!« »Aber Sie werden täglich nur acht oder zehn Stationen reiten, denn Sie brauchen nicht ihr Leben zu riskieren, indem Sie bei Nacht reiten.« »Gern; aber nicht wahr, ich werde als Kurier gekleidet sein?« »Ja; ich werde Ihnen eine schöne Jacke und Lederhosen machen lassen und werde Ihnen eine prachtvolle Satteltasche mit dem Wappen von Frankreich schenken.« »Man wird mich für einen Kabinettskurier halten, und ich werde sagen, ich komme von London.« Ich war überzeugt, daß ich nur einige Schwierigkeiten einzuwenden brauchte, um seinen Entschluß unerschütterlich zu machen. Darum erklärte ich in mißbilligendem Ton, ich würde niemals meine Einwilligung dazu geben, denn das Pferd könnte stürzen und er den Hals brechen. Ich ließ mich drei Tage lang bitten, bevor ich schließlich der Fürsprache der Marquise nachgab; ich tat dies jedoch nur unter der Bedingung, daß er nur den Rückweg zu Pferde machen solle. Da er überzeugt war, daß er nach Paris zurückkehren würde, so wollte er nur soviel Wäsche mitnehmen, wie für eine sehr kurze Reise notwendig ist. Da ich jedoch wußte, daß er mir nicht aus den Fingern kommen würde, wenn ich ihn erst einmal in Abbeville hatte, so schickte ich heimlich seinen Koffer nach Calais, wo wir ihn bei unserer Ankunft vorfanden. Die gute Frau von Urfé ließ ihm eine prachtvolle Kurierausrüstung machen, wobei auch die hohen Stiefel nicht vergessen wurden. So war denn diese Angelegenheit, die sehr schwierig zu sein schien, durch einen reinen Zufall in Ordnung gebracht worden. Ich erkenne gern an, daß der Zufall mich manchesmal in meinem Leben ganz ohne mein Zutun ebenso gut bedient hat. Ich ging hierauf zu einem Bankier und nahm bei ihm Kreditbriefe über große Summen auf mehrere bedeutende Londoner Bankhäuser, da ich die Absicht hatte, dort viele Bekanntschaften zu machen. Als ich über die Place des Victoires ging, kam ich an der Wohnung der Corticelli vorbei. Aus Neugier trat ich ein. Sie war sehr erstaunt, mich zu sehen. Nach einem langen Schweigen brach sie schließlich in Tränen aus, als sie sah, daß ich nichts sagte. »Wenn ich dich niemals gekannt hätte,« rief sie, »wäre ich nicht unglücklich.« »Du wärest auf alle Fälle unglücklich, wenn auch in anderer Form, denn dein Unglück ist nur eine Folge deiner schlechten Aufführung. Aber laß jetzt das Weinen und sage mir, worin dein Unglück besteht.« »Da ich mich in Turin nicht mehr halten konnte, nachdem du mich entehrt hattest...« »Fandest du es ohne Zweifel angebracht, nach Paris zu gehen und dich hier entehren zu lassen. Aber nimm einen anderen Ton an, sonst gehe ich!« Sie erzählte mir nun einen ganz verruchten Lebenswandel. Ich war betroffen; denn schließlich mußte ich mir doch gestehen, daß ich den ersten Anlaß zu dieser Reihe von Unglücksfällen gegeben hatte. Hieraus ergab sich für mich die moralische Notwendigkeit, der Unglücklichen zu Hilfe zu kommen, so sehr ich mich auch über sie zu beklagen haben mochte. »Du lebst«, sagte ich ihr, »in Schimpf und Schande; eine scheußliche Krankheit verzehrt deinen Leib; du kannst jeden Augenblick auf die Straße geworfen und dann von deinen Gläubigern ins Gefängnis gebracht werden. Was gedenkst du unter diesen Umständen zu tun?« ' »Ach! Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich in die Seine zu stürzen; denn um etwas anderes tun zu können, müßte ich Geld haben, und ich besitze nicht einmal so viel, um die Ausgaben für den heutigen Tag bestreiten zu können.« »Und wenn du Geld hättest, was würdest du dann tun?« »Zunächst würde ich mich bemühen, gesund zu werden; wenn mir dann noch genug übrig bliebe, würde ich nach Bologna gehen, und dort würde ich leben, so gut ich könnte. Vielleicht hätte die Erfahrung mich klüger gemacht.« »Arme Corticelli, du tust mir leid! Obgleich du dich gegen mich schurkisch benommen hast – wodurch du heute dich im Elend befindest – will ich dich nicht verlassen. Da hast du vier Louis für die dringendsten Bedürfnisse; morgen werde ich wiederkommen und dir den Ort nennen, wo du gesund werden kannst. Wenn du wieder hergestellt bist, werde ich dir das nötige Reisegeld geben. Trockne deine Tränen, bereue deine Schuld, fasse gute Vorsätze. Der Himmel möge Mitleid mit dir haben.« Das arme, unglückliche Mädchen warf sich mir zu Füßen, ergriff eine meiner Hände, die sie mit Küssen und Tränen bedeckte, und bat mich um Verzeihung für das Unrecht, das sie mir angetan habe. Ich tröstete sie und entfernte mich dann mit wundem Herzen. Um das menschliche Gefühl, das mich antrieb, nicht sich abkühlen zu lassen, nahm ich gleich auf der Straße einen Fiaker und fuhr zu einem mir befreundeten alten Wundarzt in der Rue de Seine. Ich erzählte ihm den Sachverhalt und sagte ihm, was ich von ihm wünschte. Er hörte mich ruhig an und sagte dann: »Die Kur wird sechs Wochen dauern; die betreffende Person wird völlig unbekannt bleiben, aber sie muß vorher bezahlen.« »Sehr gern; aber die Person ist arm, und es handelt sich um einen Akt der Mildtätigkeit von meiner Seite.« Ohne mir zu antworten, nahm der brave Mann ein Blatt Papier und schrieb einen Brief, den er an eine Adresse ganz draußen in der Vorstadt St.-Antoine richtete. Dieser Brief lautete: »Sie werden die Person, die Ihnen diesen Brief nebst dreihundert Franken überbringt, in Pension nehmen und werden Sie in sechs Wochen als geheilt entlassen, wenn Gott es nicht anders fügt. Die Person hat ihre Gründe, um nicht erkannt werden zu wollen.« Erfreut, diese Angelegenheit so schnell und so billig in Ordnung gebracht zu haben, ging ich ruhiger nach Hause. Ich legte mich sofort zu Bett, obwohl mein Bruder mich zu sprechen verlangte. Ich ließ ihm sagen, ich wolle ihn erst am anderen Tage sehen. Schon um acht Uhr kam er zu mir. Dumm, wie immer, sagte er mir, er habe mir einen Vorschlag zu machen und sei überzeugt, daß ich nichts dagegen einwenden werde. »Ich habe durchaus nicht die Absicht, deine Vorschläge zu hören. Wählst du Paris oder Rom?« »Gib mir das Reisegeld; ich werde in Paris bleiben und mich schriftlich verpflichten, weder meinen Bruder noch dich jemals aufzusuchen. Das muß dir doch einerlei sein.« »Es kommt dir nicht zu, darüber zu urteilen, was mir paßt. Entferne dich; ich habe weder Zeit noch Lust, dich anzuhören, überlege es dir: entweder bleibst du in Paris und bekommst keinen Heller, oder du gehst mit fünfundzwanzig Louis nach Rom, wie ich dir bereits gesagt habe.« Hierauf rief ich Clairmont und befahl ihm, den Abbate hinauszuführen. Es drängte mich, die Angelegenheit der Corticelli in Ordnung zu bringen. Ich begab mich daher sofort nach der Vorstadt St.-Antoine und fand dort ein Ehepaar von freundlichem Wesen und verständigem Aussehen; die Einrichtung des Hauses war vorzüglich geeignet für Kuren, die geheim gehalten werden sollten. Ich sah das für die neue Pensionärin bestimmte Zimmer und das Bad und war mit der Sauberkeit und mit der guten Ordnung zufrieden. Ich bezahlte gegen Quittung hundert Taler und sagte den Leuten, die kranke Dame werde im Laufe dieses oder des folgenden Tages kommen. Zu Mittag speiste ich mit Frau von Urfé und dem kleinen Aranda. Nach dem Essen sprach die gute Marquise ganz glücklich lange Zeit von ihrer Schwangerschaft, deren Symptome sie bereits festgestellt hatte. Sie sagte mir, wie glücklich sie sein werde, wenn sie erst die deutlichen Zeichen ihres neuen Lebens und Wachstums verspüren werde. Ich mußte beständig auf der Hut sein, um mich nicht der Lachlust hinzugeben, die ihre Einfalt jeden Augenblick in mir erregte. Nachdem ich mich frei gemacht hatte, begab ich mich wieder zur Corticelli, die mich ihren Retter, ihren Schutzengel nannte. Ich gab ihr zwei Louis, da sie einige kleine Schmucksachen auf dem Leihhaus auszulösen wünschte, und versprach ihr, vor meiner Abreise sie noch einmal zu besuchen, um ihr hundert Taler zu geben, die für ihre Rückreise nach Bologna genügen würden. Hierauf ging ich zu Frau du Rumain, die sich für drei Wochen von allen ihren Bekannten verabschiedet hatte. Die Dame war von der größten Rechtschaffenheit und außerordentlich hübsch, aber sie hatte einen gewissen geckenhaften Ton an sich, der so eigentümlich war, daß ich oft recht herzlich darüber lachen mußte. Sie sprach von der Sonne und von dem Monde wie von zwei mächtigen Herrschern, deren Bekanntschaft zu machen sie im Begriff stände. Als sie eines Tages mit mir über das Glück der Auserwählten nach dem Tode sprach, sagte sie, das Glück der Seelen müsse im Himmel darin bestehen, daß sie Gott »wahnsinnig« liebten. Ein friedliches, ruhiges Glück begriff sie nicht, denn zwischen Ruhe und Gleichgültigkeit konnte sie keinen Unterschied sehen. Nachdem ich ihr die Kräuter für die Räucherungen gegeben hatte, bezeichnete ich ihr die Psalmen, die sie herzusagen hätte; hierauf nahmen wir unter vier Augen ein köstliches Abendessen ein, und nach Beendigung desselben befahl sie ihrer Kammerfrau, sie einzuschließen und mich um zehn Uhr zu erwarten, um mich in ein Schlafzimmer im zweiten Stock zu führen, das sie mit einem sybaritischen Luxus für mich hatte Herrichten lassen. »Sorge dafür, meine Liebe,« schloß sie, »daß Herr von Seingalt morgen früh um fünf in mein Zimmer kommt.« Um neun Uhr setzte ich ihre Füße in eine Badewanne mit lauem Wasser und zeigte ihr, wie sie die Räucherungen vorzunehmen hätte, damit sie an den nächsten Tagen dies allein tun könnte. Ihre Beine waren von den Händen der Grazien geformt; ich trocknete sie ihr verliebt bis zu den Knieen ab und lachte innerlich über die Danksagungen, die sie mir dafür abstattete. Hierauf brachte ich sie liebevoll zu Bett, doch begnügte ich mich, einen feierlichen Kuß auf ihre hübsche Stirn zu drücken. Nachdem ich dies alles erledigt hatte, ging ich zu Bett. Ihre Kammerfrau, eine junge und hübsche Zofe, bediente mich unter lauter Scherzen, aber mit einer Geschicklichkeit, wie sie diesen Mädchen besonders in Frankreich eigen ist. Ich mußte laut auflachen, als sie mir sagte: da ich die Kammerzofe ihrer Herrin geworden sei, so sei es nicht mehr als recht und billig, daß sie mein Kammerdiener werde. Ihr munteres Wesen stimmte mich heiter und ich wollte sie auf meinen Schoß ziehen; aber gewandt wie ein Reh entschlüpfte sie meinen Armen und lief hinaus, indem sie mir sagte, ich müsse mich schonen, um am anderen Morgen um fünf gut zu bestehen. Sie irrte sich, aber der Schein war allerdings gegen ihre Herrin, und im allgemeinen lassen es ja die Dienstboten ihrer Herrschaft gegenüber weder an Verdacht noch an übler Nachrede fehlen. Als ich früh um fünf Uhr das Zimmer der Frau du Rumain betrat, fand ich sie schon beinahe angekleidet, und wir gingen sofort in ein anderes Zimmer, von wo man die aufgehende Sonne hätte sehen können, wenn die Aussicht nicht durch das Hotel de Bouillon versperrt gewesen wäre. Aber natürlich war die unmittelbare Aussicht vollkommen gleichgültig. Sie vollzog den Kultus mit der ganzen Würde einer antiken Baalspriesterin. Hierauf setzte sie sich an ihr Klavier, indem sie mir sagte, am schwersten erscheine es ihr, den langen neunstündigen Vormittag auszufüllen; denn sie speiste um zwei Uhr zu Mittag. Dies war damals die Essensstunde der vornehmen Welt. Wir nahmen ein Gabelfrühstück zu uns, denn ich hatte ihr vorgeschrieben, daß sie möglichst wenig Kaffee trinken sollte. Beim Abschied versprach ich ihr, sie vor meiner Abreise von Paris noch einmal aufzusuchen. In das Hotel Mormoreney zurückgekehrt, fand ich meinen Bruder auf mich wartend. Er war sehr unruhig, weil ich die Nacht nicht nach Hause gekommen war. Sowie ich ihn erblickte, rief ich ihm zu: »Paris oder Rom?« »Rom!« antwortete er mit frommer Heuchlermiene. »Warte im Vorzimmer; ich werde deine Angelegenheit sofort erledigen.« Als ich fertig war, ließ ich ihn rufen. In demselben Augenblick traten mein anderer Bruder und dessen Frau zusammen mit ihm ein. Sie sagten mir, sie wollten sich bei mir zum Mittagessen einladen. »Seid willkommen!« antwortete ich ihnen; »ihr seid gerade zur rechten Zeit gekommen, um zu sehen, wie ich den Abbate abfertige. Er hat sich endlich entschlossen, auf die von mir für gut befundene Art und Weise nach Rom zu reisen.« Ich schickte Clairmont nach der Abfertigungsstelle der Eilwagen, um für den Abbate einen Platz bis Lyon zu bezahlen. Hierauf schrieb ich fünf Wechsel auf Lyon, Turin, Genua, Florenz und Rom aus. »Wer bürgt mir dafür, daß die Anweisungen mir ausbezahlt werden?« »Ich, du Tölpel. Wenn du sie nicht haben willst, dann laß sie hier.« Clairmont brachte einen bezahlten Fahrschein, der für die Abreise am nächsten Tage gültig war. Ich gab ihm diesen und forderte ihn in harten Worten auf, das Zimmer zu verlassen. »Aber ich könnte doch mit euch speisen!« »Nein, ich will nichts von dir wissen. Du kannst mit Passano speisen; du warst ja sein Helfershelfer bei dem abscheulichen Anschlag, den der Schuft gegen mich ersonnen hatte. Clairmont, werfen Sie diesen Menschen hinaus und erlauben Sie ihm niemals wieder, meine Schwelle zu überschreiten!« Mehr als einer meiner Leser wird der Ansicht sein, daß ich meinen Bruder, den Abbate, barbarisch behandelt habe. Ich habe allerdings keinem Menschen über meine Anschauungs- und Handlungsweise Rechenschaft abzulegen; aber ich will nur soviel sagen: ich hatte schon von Natur eine starke Abneigung gegen diesen Bruder; außerdem aber hatte sein Benehmen als Mensch und Priester und besonders sein Einverständnis mit Passano ihn mir dermaßen verhaßt gemacht, daß ich mit vollkommener Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen, mit großem Vergnügen, ihn hätte am Galgen sehen können. Ein jeder hat seine Moral, ein jeder hat seine Leidenschaften, und meine höchste Leidenschaft ist stets die Rachsucht gewesen. »Was haben Sie mit dem Mädchen gemacht, das er entführt hatte?« fragte meine Schwägerin mich. »Ich habe sie unter dem Schutz der Gesandten nach Venedig zurückgeschickt; sie hat mehr als dreißigtausend Franken Vermögen, besitzt schöne Schmucksachen, hat eine gute Ausrüstung an Kleidern und Wäsche und fährt in einem Wagen, der mehr als zweihundert Gulden wert ist und den ich ihr geschenkt habe.« »Das ist alles ganz schön und gut, mein lieber Schwager; aber bedenken Sie, welchen Schmerz der Abbate empfinden mußte, als er sie bei Ihnen im Bett liegen sah.« »Die Dummköpfe, liebe Schwägerin, sind dazu da, um solche und noch ganz andere Schmerzen zu haben. Hat er Ihnen gesagt, daß sie ihm niemals erlaubt hat, sie zu küssen, und daß sie ihm kräftige Ohrfeigen gab?« »Im Gegenteil; er sprach nur von ihrer Liebe zu ihm.« »Er hat sich selber schöngefärbt, liebe Schwägerin; in Wirklichkeit war es eine sehr häßliche Sache.« Nachdem wir einige Stunden mit sehr angenehmem Geplauder verbracht hatten, entfernte mein Bruder sich, und ich begleitete meine Schwägerin in die Oper. Als wir miteinander allein waren, schüttete die arme Frau in schwesterlichem Vertrauen ihr Herz aus und beklagte sich bitterlich über ihren Gatten: »Seit zehn Jahren bin ich nun mit ihm verheiratet, und ich bin noch immer so wie am Tage vor unserer Hochzeit.« »Wie, liebe Schwester? Immer noch Jungfrau?« »Wie am Tage meiner Geburt. Man sagt mir, ich könne leicht die Lösung unserer unfruchtbaren Ehe durchsetzen; aber ich will keinen Skandal, und außerdem bin ich so schwach, ihn zu lieben, und ich will ihm keinen Kummer machen.« »Sie sind ein seltenes Weib, liebe Schwester! Aber warum geben Sie ihm denn keinen Stellvertreter?« »Dies könnte ich allerdings, glaube ich, tun, ohne mein Gewissen zu beschweren; aber ich will lieber meine schreckliche Lage erdulden und mir nichts vorzuwerfen haben.« »Das ist sehr verdienstvoll, und ich lobe Sie darum; aber sind Sie sonst glücklich?« »Er steckt über und über in Schulden, und wenn ich ihn nötigen wollte, mir meine Mitgift herauszugeben, würde ihm kein Hemd bleiben. Warum hat er mich geheiratet, da er doch seine Impotenz kennen mußte? Es ist eine Ungeheuerlichkeit!« «Ja, aber Sie müssen ihm verzeihen.« Die Frau hatte recht, daß sie sich beklagte; denn ohne den Geschlechtsgenuß ist die Ehe ein Dornenzweig ohne Blüten. Sie hatte Leidenschaften, aber ihre Grundsätze waren stärker; wäre es anders gewesen, so hätte sie außer dem Hause gesucht, was sie in ihrem Hause nicht fand. Mein Bruder, der seine Impotenz wohl kannte, entschuldigte sich damit, daß er seine Frau sehr lieb habe; er habe darum gehofft, das Zusammenleben mit ihr werde die ihm mangelnde Fähigkeit allmählich entwickeln. Er hatte sich selber betrogen und damit auch seine Lebensgefährtin. Nach dem Tode dieser Frau erweckte eine andere die gleiche Hoffnung in ihm; aber diesmal fand er mehr Leidenschaft als Tugend, und seine zweite Gattin zwang ihn, aus Paris zu fliehen und ihr seine ganze Habe zurückzulassen. In zwanzig Jahren werde ich von ihr sprechen. Am nächsten Morgen um sechs Uhr reiste der Abbate im Eilwagen ab; ich habe ihn erst sechs Jahre darauf in Rom wiedergesehen. Ich verbrachte den Tag bei Frau von Urfé und gab dem Anschein nach meine Einwilligung dazu, daß der kleine Aranda zu Pferde von Abbeville nach Paris zurückkehren dürfe. Ich setzte unsere Abreise auf den übernächsten Tag fest. Am nächsten Tage speiste ich wieder bei Frau von Urfé, die immer noch in Wonne ob ihrer Wiedergeburt schwamm. Hierauf nahm ich einen Fiaker und besuchte die Corticelli in ihrer Zurückgezogenheit. Ich fand sie traurig und krank; aber sie war mit ihrem Schicksal zufrieden und lobte sehr das freundliche Benehmen des Chirurgen und seiner Frau. Das Ehepaar versicherte mir, sie werde gründlich geheilt werden. Ich übergab ihr zwölf Louis und versprach, ihr eine gleiche Summe zu schicken, sobald sie mir von Bologna geschrieben hätte. Sie versprach es mir, aber die arme Unglückliche hat ihr Versprechen nicht halten können, denn sie erlag der Behandlung, wie mein alter Chirurgus mir nach London schrieb. Zugleich fragte er bei mir an, wie er zwölf Louis bestellen könne, die sie einer Signora Laura vermacht habe, die mir wohl bekannt sein werde. Ich schickte ihm die Adresse, und der ehrliche Mann beeilte sich, den letzten Willen der Verstorbenen zu erfüllen. Ich wurde von allen verraten, deren ich mich bei meinem Zauberschwindel mit der Frau von Urfé bediente, nur von Marcolina nicht, und alle, mit Ausnahme der schönen und geistreichen Venetianerin, sind im Unglück gestorben. Der Leser wird später Passano und Costa wiederfinden. Am Tage vor meiner Abreise nach London speiste ich abends bei Frau du Rumain. Sie versicherte mir, ihre Stimme beginne bereits wieder zu kommen, und sie fügte eine vernünftige Bemerkung hinzu, über die ich mich freute. Sie sagte nämlich: »Ich glaube, die Lebensweise, zu der dieser kabbalistische Kultus mich nötigt, trägt gewiß auch zu meiner Besserung bei.« »Verlassen Sie sich darauf, gnädige Frau! Wenn Sie diese Überzeugung haben, so bleiben Sie bei Ihrer jetzigen Lebensweise; Sie werden dadurch lange Zeit Ihre Stimme und Ihre Gesundheit sich erhalten.« Ich sah, daß man oft, um zur Wahrheit zu gelangen, mit einer Täuschung beginnen muß. Dem Licht muß notwendigerweise Finsternis vorangegangen sein. Ich verabschiedete mich von meiner guten Frau von Urfé mit einer Rührung, wie ich sie nie zuvor empfunden hatte, wie wenn ich ein Vorgefühl gehabt hätte, daß ich sie zum letztenmal sähe. Ich versicherte ihr, ich würde alle meine Versprechungen ohne Ausnahme halten. Sie umarmte mich mit der größten Zärtlichkeit und sagte mir, sie sei auf dem Gipfel des Glückes und erkenne an, daß sie dieses nur mir verdanke. Endlich nahm ich den kleinen Aranda in seinen Stulpstiefeln, die er anbetete, mit mir in das Hotel Mormorency, von wo wir erst gegen Abend abfuhren; er hatte mich nämlich gebeten, bei Nacht zu reisen, weil er sich schämte, in seinen Kurierkleidern im Wagen zu fahren. Kaum waren wir in Abbeville angekommen, so fragte er mich, wo seine Mutter sei. »Danach werden wir uns nach dem Essen erkundigen.« »Aber man kann doch in einem Augenblick erfahren, ob meine Mutter hier ist oder nicht.« »Allerdings; aber es eilt nicht.« »Und wenn sie nicht hier ist?« »Dann reisen wir weiter; wir werden sie unterwegs treffen. Bis zum Mittagessen wollen wir die schöne Fabrik des Herrn Varobes besehen.« »Gehen Sie allein hin; ich bin müde und will lieber schlafen, bis Sie wiederkommen.« »Gut.« Nachdem ich zwei Stunden lang die herrliche Fabrik besehen hatte, die ihr Besitzer mir in eigener Person zeigte, ging ich nach meinem Gasthof zurück und ließ meinen jungen Menschen rufen. »Mein Herr,« sagte der Wirt, der zugleich Postmeister war, »er ist fünf Minuten nach Ihrem Fortgehen nach Paris abgeritten. Er hat gesagt, er wolle die Depeschen holen, die Sie in Paris vergessen haben.« »Wenn Sie ihn mir nicht zurückbringen lassen, richte ich Sie mit einem Prozeß zugrunde. Denn Sie durften ihm ohne meinen Befehl kein Pferd geben.« »Beruhigen Sie sich, mein Herr! Wir werden den kleinen Taugenichts festnehmen, bevor er in Amiens ist.« Er rief einen kräftigen und munteren Postillon; als dieser den Grund meiner Unruhe vernahm, lachte er und sagte: »Ich hole ihn ein, gnädiger Herr, und wenn das Jungchen einen Vorsprung von vier Stunden hätte! Ich verspreche Ihnen, bis sechs Uhr bin ich mit ihm wieder hier.« »Ich verspreche dir zwei Louis Trinkgeld.« »Dafür, gnädiger Herr, würde ich Ihnen einen Türken bringen!« Fünf Minuten später saß der Postillon im Sattel, und als ich ihn davonjagen sah, zweifelte ich nicht mehr am Erfolg. Aber trotz meinem guten Appetit konnte ich mich doch nicht zu Tisch setzen, so sehr wurmte es mich, daß ein junger Mensch ohne Erfahrung mich angeführt hatte. Ich warf mich auf mein Bett und schlief, bis der Postillon mich weckte und mir meinen Flüchtling brachte, der wie ein Toter aussah. Ohne ein Wort mit diesem zu sprechen, befahl ich, ihn in einem guten Zimmer mit einem guten Bett einzusperren und ihm ein gutes Abendessen aufzutragen. Außerdem verlangte ich, daß der Wirt dafür bürgte, daß er bis zum Augenblick meiner Abreise nach Calais nicht wieder entfliehen würde. Der Postillon hatte ihn auf der fünften Poststation ganz in der Nähe von Amiens eingeholt; der gute Junge war bereits todmüde gewesen und hatte sich sanft wie ein Lamm in sein Schicksal ergeben. Mit Tagesanbruch ließ ich ihn mir vorführen und fragte ihn, ob er freiwillig oder gefesselt mit mir nach London gehen wolle. »Ich werde Ihnen freiwillig folgen, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort; aber nur zu Pferde und wenn ich Ihrem Wagen vorausreiten darf; denn sonst würde ich mich in diesen Kleidern für entehrt halten. Man soll nicht sagen können, Sie hätten mich verfolgen lassen, wie wenn ich Ihnen etwas gestohlen hätte!« »Ich nehme dein Ehrenwort an; aber halte es auch! Bestelle in meinem Namen noch ein Reitpferd und umarme mich.« Mit fröhlichem Herzen stieg er zu Pferd und ritt mit Clairmont voraus. Er war sehr erstaunt, als er seinen Koffer bereits in Calais fand, wo er zwei Stunden vor mir ankam. Neuntes Kapitel Meine Ankunft in London. – Die Cornelis. – Ich werde bei Hof vorgestellt. – Ich miete ein möbliertes Haus. – Ich mache viele Bekanntschaften. – Denkweise der Engländer. Sofort nach meiner Ankunft in Calais übergab ich meinen Reisewagen dem Wirt zum goldenen Arm zur Aufbewahrung und mietete ein Paketboot, das mir zu jeder von mir gewünschten Stunde zur Verfügung stehen sollte. Es war nur ein einziges frei; ein zweites stand dem Publikum zur Verfügung gegen einen Überfahrtspreis von sechs Franken für den Kopf. Ich zahlte sechs Guineen voraus und ließ mir dafür eine Quittung in aller Form ausstellen; denn ich wußte, daß man schon in Calais bei jedem Rechtsstreit unrecht bekam, wenn man sein Recht nicht schriftlich beweisen konnte. Bevor die Ebbe eintrat, ließ Clairmont mein ganzes Gepäck einschiffen, und ich bestellte ein Abendessen. Der Wirt machte mich darauf aufmerksam, daß die Louis in England keinen Kurs hätten, und erbot sich, mir die meinigen gegen Guineen einzuwechseln. Ich nahm dies an; aber ich war überrascht, als ich sah, daß er mir ebensoviele englische Goldstücke gab, wie ich ihm französische gegeben hatte. Ich wollte ihm den Überschuß aufdrängen, der vier vom Hundert beträgt; er wies dies jedoch zurück, indem er sagte, daß er den Unterschied auch nicht berechnete, wenn die Engländer ihre Guineen für Louis gäben. Ich weiß nicht, ob er bei dieser Rechnung gewann. Jedenfalls verlor ich nichts dabei. Der kleine Aranda, dem ich von nun an seinen bescheidenen Namen Trenti wiedergeben muß, hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden; er war ruhig, aber stolz darauf, daß er mir seine Reitkunst bewiesen hatte. Gegenseitig miteinander zufrieden, hatten wir uns eben zu Tisch gesetzt, als ich vor meiner Tür einen englischen Wortwechsel hörte. Gleich darauf kam der Wirt herein und teilte mir den Anlaß des Streites mit: »Draußen steht der Kurier des Herzogs von Bedford, des englischen Botschafters; er meldet die Ankunft seines Herrn und streitet sich mit dem Kapitän des Paketbootes. Er behauptet, er hat dieses brieflich geheuert und der Kapitän könne daher nicht über sein Schiff verfügen. Der Schiffer dagegen behauptet, er habe keinen Brief bekommen, und kein Mensch kann ihm das Gegenteil nachweisen.« Ich freute mich, daß ich das Paketboot gemietet und vorausbezahlt hatte, und legte mich zu Bett. Schon in der ersten Morgenfrühe kam der Wirt herein und sagte mir, der Botschafter sei um Mitternacht eingetroffen, und sein Kammerdiener wünsche mit mir zu sprechen. Ich ließ ihn eintreten. Er setzte mir auseinander, sein Herr, der Lord, hätte es sehr eilig, nach London zurückzukommen, und ich würde ihm einen großen Dienst erweisen, wenn ich ihm das Paketboot überließe. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, ergriff ich die Feder und schrieb folgende Zeilen: »Mylord Herzog kann über mein ganzes Paketboot verfügen mit Ausnahme des Platzes, den ich für mich, zwei andere Personen und mein kleines Gepäck brauche. Ich ergreife mit Freuden die Gelegenheit, dem englischen Botschafter gefällig zu sein.« Der Bote kam wieder, um mir im Auftrage des Herzogs zu danken, sagte mir jedoch, sein Herr könne die Gefälligkeit nur gegen Bezahlung annehmen. »Sagen Sie ihm, dies sei unmöglich, denn das Boot sei bereits bezahlt.« »Er wird Ihnen die sechs Guineen erstatten.« »Sagen Sie Ihrem Herrn, er könne über das Paketboot verfügen, aber nur ohne Bezahlung, sonst nicht; denn ich kaufe keine Ware, um sie wieder zu verkaufen.« Eine halbe Stunde darauf ließ der Herzog sich melden. Er sagte mir mit edlem Anstand: »Sie haben recht; aber auch ich habe nicht unrecht, wenn ich Ihr Anerbieten unter solchen Umständen zurückweise. Es gibt nur ein Ausgleichmittel: nehmen Sie dieses an, und ich werde Ihnen nicht weniger verpflichtet sein.« »Und welches wäre dies, Mylord?« »Jeder von uns bezahlt die Hälfte.« »Der Wunsch, Ihnen gefällig zu sein, verbietet mir, Ihren Vorschlag abzulehnen, Mylord; aber nun werde ich Ihr Schuldner, indem Eure Herrlichkeit mir diese Ehre erweisen. Wir werden abreisen, sobald Sie es befehlen, denn ich kann mich danach einrichten.« Er schüttelte mir die Hand und ging hinaus. Als er fort war, fand ich auf meiner Kommode drei Guineen, die er dorthin gelegt hatte, ohne daß ich es bemerkte. Eine Stunde darauf erwiderte ich seinen Besuch, ließ dem Kapitän des Paketbootes sagen, er möchte den Botschafter und sein Gepäck an Bord nehmen; mit seinen Leuten solle er es nach seinem Belieben halten, denn das ginge mich nichts an. Wir brauchten nur zwei und eine halbe Stunde zur Überfahrt über den Kanal; der Wind war heftig, aber wir gelangten ohne Unfall in den Hafen. Der Fremde, der Englands Boden betritt, muß sich mit Geduld wappnen. Die Zolldurchsuchung war kleinlich, schikanös, indiskret, ja sogar unverschämt; aber da der Herzog sich ihr unterwarf, so mußte ich wohl oder übel seinem Beispiel folgen. Was hätte es mir übrigens genützt, wenn ich hätte Widerstand leisten oder mich beschweren wollen? Der Engländer beschränkt sich auf die Rechte, die die Gesetze ihm zuweisen, und erlaubt sich nur, was die Gesetze nicht verbieten; dies macht ihn schroff, schwer zu behandeln und grob. Besonders die Beamten können in keiner Beziehung mit den Franzosen verglichen werden, die die Kunst besitzen, bei der Ausübung aller ihrer Rechte Höflichkeit und Zartgefühl zu bewahren. Nichts ist in England wie im übrigen Europa: die Erde selber hat eine andere Färbung, und das Wasser der Themse hat einen Geschmack, den man bei keinem anderen Flusse trifft. In Albion hat alles einen besonderen Charakter: Fische, Hornvieh, Pferde, Männer und Frauen – alles hat einen Typus, den man nur dort trifft. So ist es nicht zu verwundern, daß ihre Lebensweise im allgemeinen von derjenigen anderer Völker durchaus verschieden ist, besonders ihre Küche. Der Hauptcharakterzug dieser kühnen Insulaner ist ihr Nationalstolz, der sie veranlaßt, sich hoch über alle anderen Völker zu stellen. Man muß jedoch anerkennen, daß dieser Fehler allen Nationen anhaftet: eine jede stellt sich selber auf den ersten Platz, und schwierig ist in der Tat nur die Bestimmung des zweiten Ranges. Was mir sofort auffiel, war die allgemeine Sauberkeit, die Schönheit der Landschaft, die Sorgfalt der Landbestellung, die kräftige Nahrung, die schönen Straßen und Postwagen, die Gerechtigkeit der Fahrpreise, die Leichtigkeit, wie diese mit einem Stück Papier bezahlt werden konnten, die Schnelligkeit ihrer Wagenpferde, obgleich diese stets nur trabten, und endlich die eigentümliche Anlage ihrer Städte, die auf dem Weg von Dover nach London liegen, wie zum Beispiel die sehr volkreichen Städte Canterbury und Rochester, die man mit großen Därmen vergleichen könnte, denn sie sind außerordentlich lang und haben fast gar keine Breite. Gegen Abend kamen wir in London an und stiegen bei Madame Cornelis ab. Diesen Namen hatte Teresa angenommen; sie war zuerst mit dem Schauspieler Imer und hierauf mit dem Tänzer Pompeati verheiratet gewesen, der sich in Wien das Leben nahm, indem er sich mit einem Rasiermesser den Bauch aufschlitzte. Diese Pompeati, die sich in Holland Trenti genannt hatte, trug in London den Namen ihres Liebhabers Cornelius Rigerboos, den sie zugrunde gerichtet hatte; ich habe früher in meinen Erinnerungen von ihr gesprochen. Madame Cornelis wohnte am Soho-Quare, dem venetianischen Geschäftsträger gegenüber. Ich richtete mich nach der Vorschrift, die sie mir in ihrem letzten Brief gegeben hatte: ich befahl ihrem Sohn, im Wagen sitzen zu bleiben, und ließ mich selber melden. Ich glaubte, sie würde mir entgegenfliegen, aber ein Türhüter befahl mir, zu warten, und zwei Minuten später überbrachte ein Bedienter in großer Livree mir ein Briefchen, worin Madame Cornelis mir schrieb, ich möchte in dem Hause absteigen, wohin der Bediente mich führen würde. Ich verbarg meinen Verdruß, denn ich fand ihr Benehmen sonderbar, aber sie konnte ihren Grund haben. An dem bezeichneten Hause wurden wir von einer dicken Dame, Namens Rancour, und zwei Bedienten empfangen. Oder sie empfingen vielmehr meinen jüngeren Begleiter, denn die Dame umarmte den kleinen Cornelis, sprach ihm ihre Freude über seine glückliche Ankunft aus und tat, wie wenn sie mich überhaupt nicht sähe. Unsere Koffer wurden abgeschnallt und ins Haus gebracht. Dame Rancour erkundigte sich, was von dem Gepäck dem jungen Mann gehörte, und ließ dieses in eine schöne Wohnung bringen, die aus drei Zimmern bestand. Hierauf zeigte sie ihm diese Zimmer und die beiden Bedienten und sagte: »Diese beiden Bedienten und diese Zimmer gehören Ihnen, desgleichen ich, Ihre sehr ergebene Dienerin.« Zu mir kam Clairmont und sagte mir, er habe meine Koffer in ein Zimmer gebracht, das mit der Wohnung des jungen Cornelis in Verbindung stehe. Ich ging hin und sah auf den ersten Blick, daß man mich ohne Umstände wie einen Subalternen behandelte. Beinahe wäre mein Zorn ausgebrochen; wunderbarerweise aber beherrschte ich mich und sagte kein Wort. Ich fragte nur Clairmont: »Wo ist Ihr Zimmer?« »Oben unter dem Dach; ich muß es noch dazu mit einem von den beiden dicken Lümmeln teilen, die Sie gesehen haben.« Mein braver Diener, der mich kannte, war sehr überrascht über die Ruhe, womit ich sagte: »Bringen Sie Ihre Koffer hinauf.« »Soll ich die Ihrigen auspacken?« »Nein, wir wollen morgen weiter sehen.« Ich fuhr fort, meine Stimmung zu verbergen, und trat in das Zimmer des jungen Mannes, den man ohne Zweifel für meinen Herrn hielt und der vor Überraschung und Müdigkeit ein sehr dummes Gesicht machte. Er hörte der Frau Rancour zu, die ihm mit Behagen die glänzenden Verhältnisse seiner Mutter, der Madame Cornelis, schilderte: sie schwatzte von ihren großen Unternehmungen, ihrem unermeßlichen Kredit, von dem prachtvollen Hause, das sie hätte bauen lassen, von ihren dreiunddreißig Bedienten, ihren zwei Sekretären, ihren sechs Pferden, ihrem Landhause usw. »Wie geht es meiner Schwester Sophie?« fragte der Junge. »Heißt sie Sophie? Man nennt sie hier nur Miß Cornelis. Sie ist eine Schönheit, ein wahres Wunder: sie spielt mehrere Instrumente vom Blatt, tanzt wie Terpsichore, spricht englisch, französisch und italienisch mit gleicher Fertigkeit; mit einem Wort, sie ist ein wahres Wunder! Sie hat ihre Erzieherin und ihre Kammerfrau. Schade, daß sie ein wenig klein für ihr Alter ist; denn sie ist schon acht Jahre alt.« Sie war zehn Jahre alt; da aber die Dame Rancour ihre Geschichten erzählte, ohne mich eines einzigen Blickes zu würdigen, so behielt ich meine Bemerkung für mich. Junker Cornelis, der ein großes Bedürfnis nach Ruhe fühlte, tat die Frage, wann zu Abend gegessen werde. »Um zehn Uhr, früher nicht,« sagte die Duenna; »denn vorher ist Madame Cornelis niemals frei. Sie ist stets mit ihrem Advokaten beschäftigt, wegen eines großen Prozesses, den sie gegen Sir Frederik Fermer führt.« Ich merkte, daß ich durch das Geschwätz der Dame Rancour nicht viel Neues erfahren würde, wenn ich sie nicht besonders befragte; darum nahm ich meinen Hut und Stock und machte aufs geradewohl einen Spaziergang in der Riesenstadt. Ich achtete nur darauf, die Richtung nicht zu verlieren. Es war sieben Uhr; eine Viertelstunde später trat ich in ein Kaffeehaus ein, worin ich viele Menschen sitzen sah. Es war das verrufenste Kaffeehaus von ganz London, der Sammelpunkt für die Hefe des italienischen Gesindels, das über den Kanal kam. Man hatte mich in Lyon darauf aufmerksam gemacht, und ich hatte mir fest vorgenommen, es niemals zu betreten. Der Zufall, der fast immer uns nach links führt, wenn wir nach rechts wollen, spielte mir ganz ohne mein eigenes Zutun diesen üblen Streich. Ich bin nicht wieder hingegangen. Nachdem ich mich abseits gesetzt und eine Limonade bestellt hatte, nahm ein Unbekannter neben mir Platz, um sich das Licht zunutze zu machen und eine Schrift zu lesen, die, wie ich bemerkte, in italienischer Sprache gedruckt war. Er strich mittels eines Bleistiftes gewisse Buchstaben aus und setzte die Verbesserung an den Rand; ich hielt ihn infolgedessen für einen Schriftsteller. Indem ich ihn in mäßiger Neugier bei seiner Beschäftigung beobachtete, sah ich, daß er das Wort ancora verbesserte, indem er ein h an den Rand schrieb, wie wenn er eine anchora drucken lassen wollte. Diese Barbarei ärgerte mich, und ich sagte zu ihm, seit vierhundert Jahren schreibe man ancora ohne h. »Zugegeben; aber ich zitiere Boccacio, und bei Zitaten muß man genau sein.« »Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Herr; Sie sind, wie ich sehe, Gelehrter.« »Von der ganz kleinen Sorte. Ich heiße Martinelli.« »Dann sind Sie von der großen und nicht von der kleinen Sorte. Ich kenne Sie dem Rufe nach; wenn ich mich nicht irre, sind Sie ein Verwandter von Casalbigi, der mir von Ihnen gesprochen hat. Ich habe einige von Ihren Satiren gelesen.« »Dürfte ich mir die Frage erlauben, mit wem ich die Ehre habe, zu sprechen?« »Ich heiße Seingalt. Sind Sie mit Ihrer Ausgabe des Decamerone fertig?« »Ich arbeite noch daran und suche die Zahl meiner Subskribenten zu vermehren.« »Wenn Sie mich haben wollen, bitte ich Sie, mich unter diese Zahl aufzunehmen.« »Sie erweisen mir eine Ehre.« Er gab mir meinen Schein, und da ich sah, daß es sich nur um eine Guinee handelte, so nahm ich ihm vier Exemplare ab. Hierauf erhob ich mich, um mich zu entfernen, und sagte ihm, ich hoffe ihn in demselben Kaffeehaus wiederzusehen, indem ich zugleich nach dessen Namen fragte. Erstaunt, daß ich diesen nicht wußte, sagte er ihn mir. Er wunderte sich jedoch nicht mehr, als ich ihm sagte, ich sei zum erstenmal in London und zwar seit einer Stunde. »Sie werden in Verlegenheit sein, Ihren Heimweg zu finden,« sagte er zu mir; »gestatten Sie mir, Sie zu begleiten.« Draußen sagte er mir, der Zufall habe mich in das verrufenste Kaffeehaus von ganz London, das Café d'Orange, geführt. »Aber Sie gehen ja dorthin.« »Ich kann ruhig hingehen, denn für mich gilt Juvenals Vers: Cantabit vacuus coram latrone viator. Bei mir haben die Schnapphähne nichts zu suchen. Ich kenne sie, sie kennen mich; wir sprechen niemals ein Wort miteinander.« »Sie sind gewiß schon lange in London?« »Fünf Jahre.« »Haben Sie hier viele Bekanntschaften?« »Ja; ich mache jedoch nur dem Lord Spencer den Hof. Ich beschäftige mich mit Literatur, lebe für mich allein, verdiene wenig, weiß aber damit auszukommen. Ich wohne in einem möblierten Zimmer, besitze zwölf Hemden und die Kleider, die Sie auf meinem Leibe sehen. Und so fühle ich mich glücklich. Nec ultra deos lacesso. – Ich reize die Götter nicht.« Dieser Landsmann, der das reinste Toskanisch sprach, gefiel mir besonders durch die offenbare Rechtschaffenheit, die aus dem Ton aller seiner Worte drang. Unterwegs fragte ich ihn, wie ich es wohl anfangen müßte, um eine gute Wohnung zu bekommen. Nachdem ich ihm gesagt hatte, wie ich eingerichtet sein, wie ich leben und wie lange ich mich in London aufhalten wollte, riet er mir, ein ganzes Haus zu nehmen, das von der Küche bis zum Schlafzimmer und Speisesaal völlig eingerichtet wäre. »Man wird Ihnen ein Verzeichnis aller Einrichtungsgegenstände geben, und sobald Sie einen Bürgen stellen, sind Sie vollkommen Ihr eigener Herr, ansässig wie ein Engländer und nur den Gesetzen Untertan.« »Was Sie mir da vorschlagen, ist sehr nach meinem Geschmack; aber weisen Sie mir bitte ein Haus dieser Art nach.« »Das werden wir bald haben.« Er trat in einen Laden ein, bat die Besitzerin, ihm den Advertiser zu leihen, schrieb sich einige Adressen daraus auf und sagte zu mir: »Da haben wir schon, was Sie brauchen.« Das nächste von den angezeigten Häusern lag in Pall Mall; wir gingen dorthin. Eine alte Frau öffnete uns die Tür und zeigte uns das Erdgeschoß und die Stockwerke; jedes Stockwert hatte zwei Vorderzimmer, dazu eine Kammer, was in London selbstverständlich ist; in jedem Stockwerk waren zwei Betten. Im ganzen Hause glänzte alles vor Sauberkeit: Wäsche, Möbel, Teppiche, Spiegel, Porzellan, überhaupt alles, auch die Klingelzüge und Türschlösser nicht ausgenommen. Ein großer Schrank enthielt alle notwendige Wäsche; in einem anderen befanden sich das Silberzeug und mehrere vollständige Tischausrüstungen von Porzellan und Steinzeug. Die Küche war reichlich mit Geschirr versehen, das sich im besten Zustande befand und blitzblank geputzt war. Mit einem Wort, es fehlte in dem Hause nichts, was zum Komfort einer reichen Familie gehört. Der Preis betrug zwanzig Guineen für die Woche, und ohne zu feilschen, was in London ziemlich überflüssig ist, sagte ich Herrn Martinelli, ich wolle das Haus augenblicklich mieten, um es beziehen zu können, sobald es mir passe. Mein Landsmann übersetzte der alten Frau meine Worte und sie ließ mir sagen, wenn ich sie als Housekeeper behalten wolle, brauche ich keine Kaution zu stellen, und es genüge, wenn ich jede Woche vorausbezahle. Ich ließ ihr antworten, ich würde sie unter der Bedingung behalten, daß sie eine von mir bezahlte Magd annähme, die vollständig unter ihren Befehlen stehen würde, aber außer englisch entweder französisch oder italienisch können müßte. Sie versprach mir, ich solle die gewünschte Magd schon am nächsten Tage haben, und ich bezahlte sofort für vier Wochen voraus. Sie gab mir eine Quittung auf den Namen des Chevalier de Seingalt; einen anderen habe ich in London nicht geführt. So war ich also in weniger als zwei Stunden in einer Stadt, die man ein Chaos nennt, und die es auch besonders für einen Fremden ist, nach Wunsch untergebracht. Aber in London ist alles leicht für einen, der Geld hat und sich nicht vor Ausgaben scheut. Ich war entzückt, daß ich sofort imstande war, ein Haus zu meiden, wo man mich so schlecht empfangen hatte, während ich doch mit Recht hätte hoffen dürfen, daß man mich aufs beste aufnehmen würde. Ebensosehr freute ich mich des Zufalls, der mir die Bekanntschaft Martinellis verschafft hatte, von dem ich schon seit sechs Jahren die allerbeste Meinung hatte. Als ich wieder in das Haus der Madame Cornelis kam, wartete man noch auf sie, obgleich es schon nach zehn Uhr war; ihr Herr Sohn schlief auf seinem Kanapee. In meinem Ärger auf diese Frau erwartete ich ihre Ankunft mit Ungeduld, doch war ich entschlossen, mir meinen Verdruß nicht anmerken zu lassen. Bald verkündeten drei laute Schläge des Türklopfers die Herrin. Dame Cornelis war in einer Sänfte angekommen, und ich hörte sie geräuschvoll die Treppe hinaufsteigen. Sie trat ein und zeigte sich erfreut, mich zu sehen, kam mir aber nicht näher und umarmte mich nicht, wie ich doch hätte erwarten dürfen. Sie stürzte auf ihren Sohn zu – was gewiß sehr begreiflich war – nahm ihn auf ihren Schoß und bedeckte ihn mit Küssen; aber das schlaftrunkene Kind erwiderte ihre Liebkosungen nur kalt. Ich sagte zu ihr: »Er ist, ebenso wie ich, sehr ermüdet; in Anbetracht unserer Ruhebedürftigkeit haben Sie uns recht lange warten lassen.« Ob sie mir antworten wollte oder was sie mir antworten wollte, weiß ich nicht, denn in diesem Augenblick meldete der Diener, daß angerichtet sei. Sie stand auf und erwies mir die Ehre, sich an meinen Arm zu hängen und mit mir in einen Saal zu gehen, den ich bis dahin nicht bemerkt hatte. Es waren vier Gedecke aufgelegt, sie befahl jedoch, das vierte fortzunehmen. Neugierig fragte ich sie: »Für wen war dieses bestimmt?« »Für meine Tochter; ich habe sie aber zu Hause gelassen; denn sobald sie erfuhr, daß Sie mit ihrem Bruder angekommen seien, hat sie gefragt, ob es Ihnen gut gehe.« »Und darum haben Sie sie bestraft?« »Selbstverständlich! Denn mir scheint, sie hätte sich zuerst nach dem Befinden ihres Bruders erkundigen müssen und dann erst nach dem Ihrigen. Finden Sie nicht, daß ich recht habe?« »Arme Sophie, sie tut mir leid. Ihr Herz fühlt die Dankbarkeit tiefer als die Macht des Blutes.« »Es handelt sich hier nicht um Gefühle, sondern darum, daß man junge Leute daran gewöhnen muß, so zu denken, wie es sich gehört.« »Wie es sich gehört und wie es sich gehören sollte, ist manchmal zweierlei.« Die Cornelis sagte ihrem Sohn, sie arbeite, damit er nach ihrem Tode ein reicher Mann sei, und sie habe mich veranlaßt, ihn zu ihr zurückzubringen, weil er schon alt genug sei, ihr zu helfen und an den Arbeiten in dem von ihr geleiteten Hause teilzunehmen. »Und was sind das für Arbeiten, an denen ich teilnehmen soll, liebe Mama?« »Ich gebe jährlich zwölf Soupers und zwölf Bälle für den Adel und ebensoviele für die bürgerliche Gesellschaft, zu zwei Guineen für die Person, und ich habe oft fünf- bis sechshundert Gäste. Die Ausgaben sind ungeheuer, und da ich allein bin, ist es unvermeidlich, daß ich bestohlen werde, denn ich kann nicht überall zu gleicher Zeit sein. Da du jetzt hier bist, so kannst du alles überwachen, mein lieber Sohn, kannst alles unter Verschluß halten, kannst schreiben, die Kasse führen, Zahlungen machen, die bezahlten Eintrittskarten entgegennehmen und dich in den Sälen bewegen, um zu sehen, ob jedermann gut bedient wird. Mit einem Wort, du wirst den Herrn machen.« »Und Sie glauben, liebe Mama, daß ich imstande sein werde, das alles zu machen?« »Ja; denn du wirst es lernen.« »Das scheint mir recht schwierig zu sein.« »Einer meiner Sekretäre wird hier bei dir wohnen und dich in allem unterrichten. Ein Jahr lang wirst du weiter nichts tun, als englisch lernen und an den Gesellschaftsabenden erscheinen, damit ich dich mit allen vornehmen Herrschaften Londons bekannt machen kann; so wirst du nach und nach Engländer werden.« »Ich möchte aber lieber Franzose bleiben.« »Vorurteil, liebes Kind! Du wirst dieses ablegen, und alle Welt wird vom Mister Cornelis sprechen.« »Cornelis?« »Ja; das ist dein Name.« »Komisch.« »Ich werde ihn dir aufschreiben, damit du ihn nicht vergißt.« Die Cornelis schien zu glauben, daß ihr Sohn scherze; sie sah mich ein wenig überrascht an und sagte dann zu ihm, er könne zu Bett gehen. Dies tat er augenblicklich. Als wir allein waren, sagte sie zu mir: »Mein Sohn scheint mir schlecht erzogen und für sein Alter zu klein zu sein. Ich fürchte sehr, wir müssen ein wenig zu spät anfangen, ihm eine andere Erziehung zu geben. Was hat er in den sechs Jahren gelernt?« »Er hätte viel lernen können, denn er ist im ersten Pensionat von Paris gewesen; aber er hat nur gelernt, was er wollte, und das war sehr wenig: die Flöte spielen, reiten, fechten, gut Menuett tanzen, jeden Tag die Wäsche wechseln, höflich antworten, sich gefällig benehmen, hübsch über Nichtigkeiten plaudern und sich elegant anziehen. Das ist alles, was er versteht; da er niemals Lust hatte, sich Mühe zu geben, hat er keinen Schimmer von den schönen Wissenschaften; er kann kaum schreiben, hat von Rechtschreibung keine Ahnung, weiß nichts von den vier Arten des Rechnens und macht sich sehr wenig daraus, zu wissen, daß England eine Insel ist, die zu Europa gehört.« »Da sind ja die sechs Jahre gut angewandt!« »Oder verloren, wie Sie wollen. Aber er wird noch viele Jahre mehr verlieren.« »Meine Tochter wird sich über ihn lustig machen. Aber die ist ja auch von mir erzogen worden. Er wird sich schämen, wenn er sieht, welche Kenntnisse sie mit ihren acht Jahren hat.« »Das wird er niemals sehen, wenn anders ich rechnen kann. Denn sie ist zehn Jahre alt.« »Das muß ich besser wissen. Sie hat Geographie, Geschichte, Sprachen und Musik gelernt; sie weiß sich geistreich zu unterhalten und benimmt sich mit einer Vernunft, die weit über ihr Alter hinausgeht. Alle Damen reißen sich um sie. Ich lasse sie den ganzen Tag in eine Zeichenschule gehen; denn sie hat für das Zeichnen eine hervorragende Anlage; erst abends kommt sie nach Hause. Sonntags ißt sie bei mir, und wenn Sie mir das Vergnügen machen sollten, nächsten Sonntag bei mir zu speisen, so werden Sie sehen, daß ich nicht übertreibe.« Wir hatten Montag. Ich erhob keine Einwendungen, aber ich fand es eigentümlich, daß sie mich anscheinend nicht für ungeduldig hielt, meine Tochter zu sehen, und daß sie mich nicht einlud, schon am nächsten Abend bei ihr zu essen, um mir dies Vergnügen zu bereiten. »Sie sind«, fuhr sie fort, »gerade noch zur rechten Zeit gekommen, um das letzte Fest zu sehen, das ich dieses Jahr dem Adel gebe, der in zwei oder drei Wochen die Stadt verlassen wird, um den Sommer auf dem Lande zu verbringen. Ich kann Ihnen keine Eintrittskarte geben, denn diese sind nur für Adelige bestimmt: Sie können aber trotzdem kommen, indem Sie mich als mein Freund begleiten; so werden Sie alles sehen. Wenn man mich nach Ihnen fragt, werde ich sagen, Sie haben sich in Paris meines Sohnes angenommen und ihn mir nach London gebracht.« »Sie erweisen mir zu viel Ehre.« Wir plauderten noch bis zwei Uhr morgens, und sie erzählte mir auf das ausführlichste den Prozeß, den sie mit dem Herrn Fermer hatte. Er behauptete, das von ihr gebaute Haus, das zehntausend Guineen gekostet hatte, gehöre ihm, weil er ihr das Geld dazu gegeben habe. Tatsächlich hatte er recht; nach dem englischen Gesetz aber hatte er unrecht, weil sie Materialien, Arbeiter und Baumeister bezahlt hatte: sie hatte die Quittungen auf ihren eigenen Namen ausgestellt und empfangen. Das Haus gehörte also ihr, und dies gab Fermer auch zu; aber er behauptete, er habe ihr die Mittel gegeben, und dies war der heikle Punkt des ganzen Rechtsstreites; denn sie forderte ihn heraus, eine einzige Quittung von ihr vorzuzeigen. »Allerdings,« sagte die rechtschaffene Frau, »haben Sie mir mehr als einmal eine Summe von tausend Guineen gegeben; aber das waren freigebige Geschenke eines Freundes, und eine solche Freigebigkeit eines reichen Engländers ist nichts überraschendes, denn wir liebten uns ja und lebten zusammen.« Dieser Prozeß, den die Cornelis im Laufe von zwei Jahren viermal gewonnen hatte, und den Fermer auf Grund der englischen Prozeßordnung immer wieder erneuerte, kostete der Dame bereits sehr viel Geld; im gegenwärtigen Augenblick handelte es sich um die Berufung letzter Instanz, aber bis zur Entscheidung konnten noch fünfzehn Jahre vergehen. »Dieser Prozeß«, sagte die ehrliche Cornelis zu mir, »entehrt Fermer.« »Das leuchtet mir ein; aber Sie glauben doch nicht, daß es für Sie eine Ehre ist?« »O doch! Davon bin ich sogar fest überzeugt.« »Das kann ich allerdings kaum begreifen.« »Ich werde es Ihnen auseinandersetzen.« »Wir wollen ein anderes Mal davon sprechen.« In diesem dreistündigen Gespräch fragte die Frau mich nicht ein einzigesmal, ob es mir gut gehe, ob ich nach meinem Wunsch untergebracht sei, ob ich mich einige Zeit in London aufzuhalten gedenke, ob ich mit meinen Vermögensverhältnissen zufrieden sei. Mit einem Wort, von mir sprach sie überhaupt nicht, sondern sagte mir nur lachend und ganz unangebrachterweise, aber nicht ohne Absicht: sie habe niemals einen Heller! Sie hatte eine Einnahme von mehr als achtzigtausend Pfund Sterling im Jahre; aber ihre Ausgaben waren ungeheuer, und sie hatte Schulden. Ich rächte mich für ihre Gleichgültigkeit, indem ich ihr nichts von meinen Verhältnissen sagte; übrigens war ich sauber, aber einfach gekleidet und trug an diesem Tage keine Diamanten oder sonstige Wertsachen an mir. Etwas verletzt, aber nicht ärgerlich, ging ich zu Bett; denn im Grunde war es mir recht lieb, ihr schlechtes Herz entdeckt zu haben. Daher beschloß ich, trotz der Ungeduld, womit ich mich danach sehnte, meine Tochter zu sehen, doch nichts zu tun, um mir diese Freude vor dem nächsten Sonntag zu verschaffen. Früh am andern Morgen befahl ich Clairmont, mein ganzes Gepäck auf einen Wagen zu laden. Als alles fertig war, ging ich zum jungen Cornelis, der noch im Bett lag, sagte ihm, daß ich in Pall Mall wohnte, und gab ihm meine Adresse. »Wie? Sie bleiben nicht mehr bei mir?« »Nein; denn deine Mutter hat vergessen, mich anständig zu empfangen und unterzubringen.« »Sie haben vollkommen recht. Ich will nach Paris zurück!« »Hüte dich ja, eine solche Dummheit zu machen! Bedenke, daß du hier zu Hause bist und daß du in Paris vielleicht keine Unterkunft mehr finden würdest. Leb wohl; Sonntag werde ich dich wiedersehen.« Bald war ich in meinem neuen Hause eingerichtet. Ich ging aus, um dem venetianischen Geschäftsträger, Herrn Zuccata, meine Aufwartung zu machen. Ich gab ihm den Brief des Herrn von Morosini; er las ihn und sagte mir kalt, es freue ihn, meine Bekanntschaft zu machen. Als ich ihn bat, mich bei Hof vorzustellen, antwortete der unverschämte Dummkopf nur mit einem Lächeln, worin ich einen Ausdruck von Verachtung hätte finden können, wenn ich mir nur ein kleines bißchen Mühe gegeben hätte. Es war von seiner Seite aristokratischer Hochmut; ich vergalt Stolz mit Stolz, machte ihm eine kalte Verbeugung und entfernte mich, um seine Schwelle niemals wieder zu überschreiten. Von Zuccata begab ich mich zu Lord Egremont; da ich ihn krank fand, gab ich den Brief ab, den ich für ihn hatte. Einige Tage darauf starb der Lord, und so nützten die beiden Briefe des Herrn von Morosini mir gar nichts; daran war allerdings dieser Herr nicht schuld. Wir werden sehen, welchen Erfolg sein kleines Briefchen hatte. Ich begab mich hierauf mit einem Brief des Marquis de Chauvelin zum französischen Botschafter, dem Grafen Guerchy, der mich sehr freundlich empfing. Der Herr lud mich für den nächsten Tag zum Mittag ein und sagte mir, er würde mich auf meinen Wunsch am nächsten Sonntag nach dem Gottesdienst bei Hofe vorstellen. An der Tafel des Botschafters lernte ich den Gesandtschaftssekretär Chevalier d'Eon kennen, der später ganz Europa von sich reden machte. Dieser Chevalier d'Eon war eine schöne Frau, die vor ihrem Eintritt in den diplomatischen Dienst Advokat und Dragonerrittmeister gewesen war; sie diente Ludwig dem Fünfzehnten als tapferer Soldat und als geschickter Unterhändler. Trotz ihrem diplomatischen Geist und ihren männlichen Manieren brauchte ich keine Viertelstunde, um in ihr eine Frau zu erkennen; denn ihre Stimme klang für eine Kastratenstimme zu hell, und ihre Formen waren zu rund für einen Mann. Von dem vollständigen Mangel des Bartes will ich nichts sagen, denn dieser Umstand kann zufällig auch bei einem Mann vorkommen, der im übrigen vollkommen männlich gebildet ist. Gleich in den ersten Tagen stellte ich mich allen Bankiers vor, bei denen ich im ganzen mindestens dreihunderttausend Franken gut hatte. Alle erkannten die Wechsel an, die ich ihnen vorlegte, und alle fanden sich durch die Briefe der Herrn Tourton \& Baur veranlaßt, mir ihre ganz besonderen Dienste anzubieten. Ich habe keinen Gebrauch davon gemacht. Da ich keinen Menschen kannte, besuchte ich die Theater von Covent-Garden und Drury-Lane; ich fand dort aber wenig Unterhaltung, weil ich kein Wort englisch verstand. Ich aß in allen Speisehäusern von gutem und schlechtem Ton, um mich an die Gebräuche dieser so großen und so kleinen Insulaner zu gewöhnen. Vormittags ging ich auf die Börse, wo ich einige Bekanntschaften machte. Ein Kaufmann, an den ich mich gewandt hatte, verschaffte mir einen Neger, der englisch, französisch und italienisch sprach und für dessen Treue er mir bürgte. Derselbe Kaufmann verschaffte mir auch einen französisch sprechenden, sehr guten englischen Koch, der mit seiner ganzen Familie in meine Dienste trat. Gleich in der ersten Woche lernte ich auch die feinen Badehäuser kennen, wo ein reicher Mann mit einer Vettel von gutem Ton, deren es in London nicht wenige gibt, baden, soupieren und schlafen kann. Man verschafft sich eine herrliche Orgie, die nur sechs Guineen kostet. Mit Sparsamkeit kann man die Ausgabe um ein Drittel ermäßigen; aber Sparsamkeit, die das Vergnügen verdirbt, war nicht meine Sache. Am Sonntag legte ich eine elegante und reiche Kleidung an und ging gegen elf Uhr zu Hofe, wo ich unserer Verabredung gemäß den Grafen Guerchy traf. Er stellte mich Georg dem Dritten vor; dieser sagte etwas zu mir, aber er sprach so leise, daß ich ihn nicht verstand und nur durch eine Verbeugung antworten konnte. Die Königin machte dies wieder gut, und ich sah zu meinem Entzücken unter den Kavalieren, die sich um sie bemühten, auch den dummen Vertreter meiner teueren Heimatsrepublik. Als Herr von Guerchy mich als Chevalier de Seingalt vorstellte, machte Zuccata ein sehr erstauntes Gesicht; denn der Procuratore Morosini hatte mich in seinem Brief nur mit dem Namen Casanova bezeichnet. Die Königin fragte mich, aus welcher Gegend von Frankreich ich sei: als ich ihr antwortete, ich sei Venetianer, sah sie den Geschäftsträger von Venedig an, der durch eine Verbeugung bestätigte, daß er es nicht bestreiten könne. Ihre Majestät fragte mich hierauf, ob ich die Gesandten kenne, die dem König die Glückwünsche der Republik überbracht hätten. Ich antwortete ihr, ich wäre sehr genau mit ihnen bekannt und hätte in Lyon drei Tage lang sehr intim mit ihnen verkehrt; Herr von Morosini hätte mir Empfehlungsschreiben an Lord Egremont und an Herrn Zuccata übergeben. »Ich habe sehr gelacht«, sagte die Königin, »als Herr von Querini mir sagte, ich sei ein kleiner Teufel.« »Er hat sagen wollen, Madame, daß Euer Majestät geistreich sind wie ein Engel.« Ich wünschte nichts sehnlicher, als daß die Königin mich fragen sollte, warum der venetianische Geschäftsträger mich nicht vorgestellt hätte; denn mir lag eine Antwort auf der Zunge, die dem Signor Zuccata auf acht Tage den Schlaf geraubt haben würde. Um so besser würde ich geschlafen haben, denn die Rache, besonders an einem hochmütigen Dummkopf, ist ein Vergnügen der Götter. Die Unterhaltung bestand jedoch wie immer bei Hof aus lauter nichtssagenden Redensarten. Nach der Vorstellung bei Hofe setzte ich mich wieder in meinen Traqstuhl, und meine beiden Zweifüßler trugen mich nach Soho- Square, zur Dame Cornelis, bei der ich zum Mittagessen eingeladen war. Ein Herr in Hoftracht kann es nicht wagen, zu Fuß sich in den Straßen von London sehen zu lassen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, von gemeinem Pack mit Kot beworfen zu werden, und die Gentlemen würden ihm ins Gesicht lachen, wenn er sich darüber beklagen wollte. Man muß Gebräuche achten, wie sie sind, denn es gibt keinen Brauch, der nicht zu gleicher Zeit ehrwürdig und lächerlich wäre. Man ließ mich und meinen Neger Jarbe in das Haus der Cornelis eintreten. Nachdem ich ein Dutzend große und schöne Zimmer durchschritten hatte, wurde ich in den Salon geführt, wo die Hausherrin nebst zwei englischen Damen und zwei englischen Herren sich aufhielt. Sie empfing mich mit der Höflichkeit vertrautester Freundschaft, wies mir einen Lehnstuhl an ihrer Seite an und setzte das Gespräch auf englisch fort, ohne meinen Namen zu nennen und ohne mir zu sagen, wer die Herrschaften waren. Als ihr Haushofmeister meldete, daß angerichtet sei, befahl sie, ihre Kinder herunterzurufen. Mein Herz wartete auf diesen Augenblick mit lebhafter Ungeduld. Sobald ich die kleine Sophie eintreten sah, eilte ich voll Rührung auf sie zu; aber ihre Mutter hatte sie abgerichtet: sie trat zurück, machte eine tiefe Verbeugung und sagte ein auswendig gelerntes Kompliment her. Um sie nicht in Verlegenheit zu bringen, war ich so bescheiden, nicht darauf zu antworten; aber mein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Hierauf stellte die Cornelis ihren Sohn vor und sagte der Gesellschaft, ich hätte ihn zu ihr nach London gebracht, nachdem ich sechs Jahre lang seine Erziehung überwacht hätte. Da sie diese Mitteilung auf französisch machte, bemerkte ich mit Vergnügen, daß alle Anwesenden diese Sprache verstanden. Wir setzten uns zu Tisch; die Cornelis saß zwischen ihren beiden Kindern und ich ihr gegenüber zwischen den beiden Engländerinnen, von denen die eine, obgleich sie bereits, wie man zu sagen pflegt, in vernünftigen Jahren war, mir sofort wegen ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer heiteren Laune gefiel. Ich vertiefte mich in ein Gespräch mit ihr, sobald ich bemerkte, daß die Dame des Hauses nur wie zufällig einmal das Wort an mich richtete und daß Sophie mich niemals ansah, obgleich sie ihre schönen Augen fortwährend wandern ließ. Sie sah mir so ähnlich, daß jeder Irrtum ausgeschlossen war. Offenbar benahm sie sich nur darum so sonderbar gegen mich, weil ihre Mutter ihr das befohlen hatte. Ich fand diese Komödie ebenso lächerlich wie unverschämt. Ich ärgerte mich, daß ich mich hierüber verdrießlich fühlte, und da ich mir dies nicht merken lassen wollte, so führte ich ein scherzhaftes Gespräch über meine Beobachtungen englischer Gebräuche herbei, doch vermied ich sorgfältig jede Kritik, da eine solche stets den Nationalstolz verletzt, wenn ein Ausländer sie übt. Ich wollte die Gesellschaft nur zum Lachen bringen und mich ihr angenehm machen. Dies gelang mir. Ich vergaß aber dabei meine Rache nicht und redete die Cornelis nicht ein einzigesmal an. Ich sah sie überhaupt nicht. Meine Nachbarin bewunderte die Schönheit meiner Spitzen und fragte mich dann, was es bei Hofe Neues gäbe. »Mir war alles neu, meine Gnädige, denn ich habe heute den Hof zum ersten Mal gesehen.« »Haben Sie den König gesehen?« fragte Sir Joseph Cornelis mich. »Mein Sohn,« sagte seine Mutter zu ihm, »man stellt niemals solche Fragen.« »Warum nicht, liebe Mutter?« »Weil die Frage möglicherweise dem Herrn nicht gefällt.« »Sie ist im Gegenteil sehr nach meinem Geschmack, Madame. Vor sechs Jahren habe ich Ihrem Sohn die Lehre gegeben, daß er stets fragen solle; denn das sei das beste Mittel, etwas zu lernen. Wer nicht fragt, bleibt immer unwissend.« Ich hatte ins Schwarze getroffen; die Cornelis schmollte und sagte kein Wort mehr. »Mit alledem«, fing der Kleine wieder an, »haben Sie mir noch nicht gesagt, ob Sie den König gesehen haben.« »Ja, mein Freund, ich habe den König und die Königin gesehen, und Ihre Majestäten haben mir die Ehre erwiesen, mit mir zu sprechen.« »Wer hat Sie vorgestellt?« »Der französische Botschafter.« »Das ist ja recht schön und gut,« rief die Mutter, »aber Sie werden mir zugeben, daß diese letzte Frage zu weit geht.« »Wenn sie an einen Fremden gerichtet wäre, würde sie allerdings zu weit gehen; aber nicht mir gegenüber, da ich sein Freund bin. Wie Sie sehen, macht das, was ich ihm antworten mußte, mir Ehre. Wenn ich nicht die Absicht gehabt hätte, Sie ausdrücklich wissen zu lassen, daß ich bei Hofe gewesen bin, wäre ich nicht in solchem Kostüm zu Ihnen gekommen.« »Das mag ja sein; da Sie aber nun einmal solche Fragen lieben, so will ich Sie jetzt fragen, warum Sie sich durch den französischen Botschafter und nicht durch den Vertreter der Republik Venedig haben vorstellen lassen?« »Weil der venetianische Gesandte das nicht wollte. Und er hatte recht, denn er weiß, daß ich mit seiner Regierung auf gespanntem Fuße stehe.« Wir waren schon beim Nachtisch, und die arme Sophie hatte noch kein Wort gesagt. »Mein Kind,« sagte ihre Mutter zu ihr, »sage doch Herrn von Seingalt etwas.« »Ich weiß nicht was, liebe Mama. Fordern Sie doch, bitte, Herrn von Seingalt auf, mit mir zu sprechen; ich werde ihm dann antworten, so gut ich kann.« »Nun, meine liebe Sophie, so sage mir doch, mit welchen Studien du dich gegenwärtig beschäftigst.« »Mit Zeichnen; wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen Arbeiten von mir.« »Ich werde alles mit großem Vergnügen sehen; aber sage mir doch bitte, inwiefern du mich beleidigt zu haben glaubst; du machst ja ein ganz schuldbewußtes Gesicht.« »Ich, mein Herr? Ich glaube wirklich. Ihnen nichts getan zu haben.« »Das glaube ich auch, mein schönes Kind; aber du sprichst ja immer, ohne mich anzusehen, und da dachte ich, du schämtest dich vor mir. Schämst du dich etwa, daß du so schöne Augen hast? Du wirst rot! Was könntest du denn sonst begangen haben?« »Sie bringen sie in Verlegenheit!« sagte ihre Mutter zu mir. – »Antworte ihm, meine Liebe, du habest dir durchaus nichts vorzuwerfen, aber du sehest aus lauter Achtung und Bescheidenheit die Personen nicht an, mit denen du sprichst.« Hierauf entgegnete ich: »Aber wenn ein junges Mädchen aus Bescheidenheit die Augen niederschlägt, so gebietet es die Höflichkeit, daß es sie auch aufschlägt, wenn sie mit jemandem spricht.« Niemand antwortete auf meinen Einwand, der eine Abfertigung der pedantischen Cornelis war. Nach einem kurzen Schweigen standen alle von Tisch auf, und die Kleine holte ihre Zeichnungen, um sie mir vorzulegen. »Ich will nichts sehen, Sophie, wenn du mich nicht anblicken willst.« »Nun, so sieh doch den Herrn an!« rief die Mutter. Blitzschnell gehorchte das Kind ihr, und ich sah die allerschönsten Augen. »Ei, jetzt erkenne ich dich, meine liebe Sophie! Und erinnerst auch du dich, daß du mich schon einmal gesehen hast?« »Ja, mein Herr! Obgleich es schon sechs Jahre her sind, habe ich Sie auf den ersten Blick erkannt!« »Wie ist das möglich, du hast mich ja gar nicht angesehen! Wenn du wüßtest, mein kleiner Engel, wie unhöflich es ist, eine Person, mit der man spricht, nicht anzusehen! Wer kann dir nur einen so falschen Grundsatz eingeflößt haben?« Die Kleine blickte auf ihre Mutter, die inzwischen an ein Fenster getreten war, und ihr Blick sagte mir, von wem sie die Lehre hatte. Ich sah, daß die Engländer vollkommen Bescheid wußten, und diese Rache genügte mir. Ich begann nun, mir ihre Zeichnungen anzusehen, sie wegen jeder einzelnen Schönheit zu loben und ihr Talent zu preisen. Ich wünschte ihr Glück, daß sie eine Mutter habe, die ihr eine so schöne Erziehung geben lasse. Dieses mittelbare Lob machte die Mutter ganz stolz. Meine kleine Sophie war überglücklich, daß sie sich keinen Zwang mehr anzutun brauchte, und sah mich unaufhörlich mit einem Ausdruck kindlicher Zärtlichkeit an, der mich entzückte. Sie trug auf ihrem Antlitz alle Kennzeichen einer schönen Seele, und ich beklagte innerlich dieses Engelchen, daß es unter der Herrschaft einer so unvernünftigen Mutter leben mußte. Sophie setzte sich ans Klavier und spielte voll Gefühl. Hierauf nahm sie eine Gitarre zur Hand und sang mehrere italienische Lieder mit einem Geschmack, der zu reif für ihr Alter war: sie bekundete damit eine Frühreife des Gefühls, das eine bessere Leitung erforderte, als die einer Cornelis. Nachdem sie gesungen und den Beifall der ganzen Gesellschaft erhalten hatte, verlangte ihre Mutter von ihr, daß sie mit ihrem Bruder ein Menuett tanzen sollte. Er hatte es in Paris gelernt, aber er tanzte sehr schlecht, weil er keine Haltung hatte. Nachdem seine Schwester ihm das letzte Kompliment gemacht hatte, gab sie ihm einen Kuß, gleichsam als Balsam für eine Verletzung, die sie ihm zufügte: sie bat mich nämlich, mit ihr zu tanzen. Ich tat dies, ohne mich bitten zu lassen. Ihre Mutter fand mit Recht, sie habe entzückend getanzt, und sagte zu ihr, sie müsse mir erlauben, sie zu umarmen. Sie sprang auf mich zu; ich setzte sie auf meinen Schoß und bedeckte sie mit Küssen, die dadurch unbeschreiblich süß wurden, daß sie sie mir mit der innigsten Zärtlichkeit zurückgab. Ihre Mutter war guter Laune geworden und lachte aus aufrichtigem Herzen. Trotzdem verließ Sophie mich, wie wenn sie plötzlich sich einer Schuld bewußt worden wäre, lief zu ihrer Mutter und fragte diese, ob sie böse sei. Ein Kuß versicherte sie des Gegenteils. Nach dem Essen und dem Kaffee, der nach französischer Art gereicht wurde, zeigte die Cornelis mir einen prachtvollen Saal, den sie hatte bauen lassen. Es konnten darin gleichzeitig vierhundert Personen an einer einzigen, ungeheueren Tafel in Hufeisenform speisen. Sie sagte mir – und ich glaubte es ihr gerne – es gäbe in der ganzen riesigen Stadt London nicht einen zweiten Saal in solcher Ausdehnung. Das letzte Fest vor dem Schluß des Parlaments sollte in vier oder fünf Tagen stattfinden. Sie hatte in ihrem Dienste etwa zwanzig Mädchen, die alle ziemlich hübsch waren, und ein Dutzend Lakaien in großer Livree. »Dies ganze Pack bestiehlt mich,« sagte sie zu mir, »aber ich muß die Leute haben. Ich brauche einen klugen und tatkräftigen Mann, der mit mir zusammen die Aufsicht führt und mir ergeben wäre; hätte ich einen solchen, so wäre ich gewiß, in wenigen Jahren ein glänzendes Vermögen zu erwerben; denn die Engländer können nicht rechnen, wenn es sich um Vergnügungen handelt.« Ich wünschte ihr diesen Mann und dieses Glück und verabschiedete mich sodann von ihr, indem ich ihr meine Bewunderung ihres Mutes aussprach. Ich ließ mich darauf von ihrem Hause nach dem St. James-Park tragen, um Lady Harrington zu besuchen, für die ich einen Brief hatte, wie ich bereits erwähnte. Die Dame wohnte im Hofbezirke, und es war deshalb jeden Sonntag bei ihr Gesellschaft. Es war erlaubt, in ihrem Hause zu spielen; denn der Park steht unter der königlichen Gerichtsbarkeit. Sonst darf in ganz England am Sonntag niemand zu spielen oder Musik zu machen wagen. Die zahlreichen Spione, die sich in den Straßen der Hauptstadt herumtreiben, horchen auf jedes Geräusch, das aus den Gesellschaftszimmern der Häuser dringt. Wenn sie annehmen können, daß in einem Hause gespielt oder gesungen wird, verstecken sie sich, so gut sie können. Sobald sie die Türe sich öffnen sehen, schlüpfen sie hinein und verhaften alle schlechten Christen, die es wagen, durch eine Unterhaltung, die in der ganzen übrigen Welt für unschuldig gilt, den Sabbath zu verletzen. Dafür kann aber der Engländer ungestraft den Tag Gottes in den Schenken feiern oder in den Freudenhäusern, von denen die Stadt wimmelt. 2H7 Lady Harrington ließ mich eintreten, sobald sie meinen Brief erhalten hatte. Ich fand sie von etwa dreißig Personen beiderlei Geschlechts umgeben, doch erkannte ich sie leicht, da sie mir zur Begrüßung entgegenging, sobald sie mich eintreten sah. Nachdem ich ihr meine Verbeugung gemacht hatte, sagte sie mir, sie habe mich bei der Königin gesehen und sofort, ohne mich zu kennen, den Wunsch gehabt, mich auch in ihrem Hause zu sehen. Unsere Unterhaltung dauerte eine Viertelstunde und bestand nur aus nichtigen Redensarten und jenen müßigen Fragen, die man ohne besonderen Zweck an einen Reisenden richtet. Die Dame war bereits vierzig Jahre alt, aber noch schön. Sie war in London berühmt wegen ihres Einflusses und wegen ihrer galanten Abenteuer. Sie stellte mich auch ihrem Gemahl und ihren reizenden, schon erwachsenen vier Töchtern vor. Sie fragte mich, warum ich zu einer Zeit nach London gekommen sei, wo alle Welt aufs Land gehe. Ich antwortete ihr, ich tue für gewöhnlich nur das, was gerade in dem Augenblick mir angebracht erscheine, und sei daher in Verlegenheit, wie ich ihre Frage beantworten solle; übrigens gedenke ich, in London ein Jahr zu verbringen, und aufgeschoben sei daher nicht aufgehoben. Meine Antwort schien ihr zu gefallen, weil sie dem englischen Charakterzuge der Unabhängigkeit entsprach; sie erbot sich mit der größten Liebenswürdigkeit zu allen Diensten, die in ihrer Macht ständen, und fuhr dann fort: »Vor allen Dingen werden Sie damit beginnen, am Donnerstag den ganzen Adel bei Madame Cornelis am Soho-Square zu sehen. Ich kann Ihnen meine Eintrittskarte geben. Hier! Sie gilt für Ball und Abendessen; kostet zwei Guineen.« Ich gab ihr das Geld, und sie nahm mir die Karte wieder ab, um darauf zu schreiben: Bezahlt, Harrington. »Ist diese Formalität durchaus notwendig, Mylady?« «Ja; sonst würde man Ihnen den Betrag an der Tür abverlangen.« Ich hütete mich natürlich, ihr zu sagen, daß ich eben von Soho- Square kam. Während Lady Harrington eine Whistpartie zusammenbrachte, fragte sie mich, ob ich Empfehlungsbriefe an Damen habe. Ich antwortete ihr: »Ich habe einen von eigentümlicher Art und gedenke ihn morgen zu überbringen. Dieser Brief besteht nur aus dem Porträt der betreffenden Person.« »Haben Sie es bei sich?« »Ja, Mylady.« »Kann ich es sehen?« »Sehr gerne. Hier!« »Es ist die Herzogin von Northumberland. Kommen Sie, wir wollen es ihr geben.« »Gern.« »Aber warten Sie, bis die Dame den ›Robber‹ markiert hat.« Lord Percy hatte mir dieses Porträt gegeben und mir gesagt, es würde mir als Empfehlungsbrief dienen, wenn ich es seiner Mutter überreichte. »Liebe Herzogin,« sagte Lady Harrington zu ihr, »hier ist ein Empfehlungsbrief, den der Herr beauftragt ist, Ihnen zu überreichen.« »Ach ja! Es ist der Herr von Seingalt. Mein Sohn hat es mir geschrieben. Ich bin entzückt, Sie zu sehen, Herr Chevalier, und ich hoffe, Sie werden zu mir kommen. Ich empfange dreimal wöchentlich.« »Wollen Sie mir wohl gestatten, Mylady, Ihnen den kostbaren Brief in Ihrem Hause zu überreichen?« »Gern; Sie haben recht.« Ich nahm an einer Whistpartie teil, die um kleine Einsätze gespielt wurde, und verlor fünfzehn Guineen, die ich sofort in bar bezahlte. Lady Harrington nahm mich auf die Seite und benützte die Gelegenheit, mir eine Lehre zu geben, die es nach meiner Meinung verdient, hier mitgeteilt zu werden. »Sie haben verloren«, sagte sie zu mir, »und haben in Gold bezahlt. Ich vermute, Sie haben keine Banknoten bei sich.« »Verzeihung, Mylady, ich habe Banknoten zu fünfzig und zu hundert Pfund.« »Sie hätten sie wechseln lassen oder mit dem Bezahlen bis zu einem anderen Tage warten müssen; denn in Gold oder in klingender Münze zu bezahlen, gilt bei uns als ein Verstoß, den man allerdings einem Fremden verzeiht, der unsere Bräuche nicht kennen kann. Aber lassen Sie das nicht wieder vorkommen. Sie haben wohl gesehen, daß die Dame lächelte.« »Ja; wer ist sie?« »Lady Coventry, Schwester der Herzogin von Hamilton.« »Muß ich mich bei ihr entschuldigen?« »O nein, durchaus nicht. Die Beleidigung ist nicht derart, daß sie einer Entschuldigung bedürfte. Übrigens konnte sie wohl überrascht sein, aber sich nicht beleidigt fühlen, denn sie gewinnt dabei fünfzehn Schillinge.« Dieser kleine Schnitzer, der nur einem Provinzialen hätte passieren dürfen, ärgerte mich ein bißchen, weil diese Lady Coventry eine entzückend schöne pikante Brünette war. Ich tröstete mich jedoch nicht allzu schwer. Ich lernte an diesem Tage auch Lord Hervey kennen, den Eroberer von Havana, einen liebenswürdigen und geistreichen Herrn. Er hatte Miß Chudleigh geheiratet, später aber die Heirat für ungültig erklären lassen. Diese berühmte Chudleigh war Hofdame der verwitweten Prinzessin von Wales und wurde später Herzogin von Kingston; da ihre seltsamen Abenteuer sehr bekannt sind, werde ich bei Gelegenheit noch von ihr sprechen. Ziemlich befriedigt von meinem Tagewerk kam ich nach Hause. Am nächsten Tage aß ich zum ersten Male bei mir zu Hause; ich war mit meinem englischen Koch sehr zufrieden, denn außer den Lieblingsgerichten der Engländer, die er mir jeden Tag vorsetzte, wußte er auch die französischen Gerichte sehr gut zuzubereiten: Huhn, Kalbsfilet, Rippchen, allerlei Ragouts und vor allen Dingen die gute französische Suppe, die schon für sich allein zum Ruhme der Nation hinreichen würde, wenn das französische Volk sich nicht auf allen Gebieten rühmlich ausgezeichnet hätte. Leider werden diese rühmlichen Eigenschaften durch Fehler beeinträchtigt, die ihnen viel von ihrem Glanz nehmen. Mein Haus und mein Tisch allein genügten nicht zu meinem Glück. Ich war allein, und die Natur hatte mich, wie meine Leser wissen, nicht zum Eremiten geschaffen. Ich hatte keine hübsche Geliebte und keinen fröhlichen Freund! Man kann in London wohl einen Herrn der guten Gesellschaft ins Speisehaus einladen; er bezahlt dann, so will es der Brauch, seinen eigenen Anteil. Aber man kann niemanden in sein Haus einladen. Eines Tages lud mich ein junger Bruder des Herzogs von Beaufort im St.-James-Park ein, mit ihm Austern zu essen und eine Flasche Champagner zu trinken. Ich nahm die Einladung an. Im Wirtshause bestellte er Austern und eine Flasche Champagner; wir tranken aber zwei, und er ließ mich von der zweiten die Hälfte bezahlen. So sind nun einmal die Sitten jenseits des Kanals! Man lachte mir ins Gesicht, wenn ich sagte, ich äße zu Hause, weil man in den Wirtshäusern keine Suppe bekäme. »Sind Sie denn krank?« fragte man mich. Suppe gibt es nämlich nur für Kranke. Der Engländer ißt hauptsächlich Fleisch; Brot ißt er fast gar nicht, und er behauptet, sparsam zu sein, weil er keine Ausgaben für Suppe und Nachtisch hat, – was mich zu dem Ausspruch veranlaßte, das englische Diner habe keinen Anfang und kein Ende. Suppe zu essen wird für eine große Verschwendung angesehen, weil nicht einmal die Dienstboten das Suppenfleisch würden essen wollen. Sie behaupten, mit dem Kochfleisch könne man nur die Hunde füttern. Allerdings ist das gesalzene Rindfleisch, das sie anstatt der Suppe essen, ganz ausgezeichnet. Anders ist es mit ihrem Bier; es war mir unmöglich, mich an dieses zu gewöhnen, denn es erschien mir unerträglich bitter. Übrigens fand ich es vielleicht nur deshalb so schlecht, weil mein Weinhändler mir ganz ausgezeichnete französische Weine lieferte. Sie waren sehr rein, aber auch sehr teuer. Ich wohnte nun schon seit einer Woche in meinem hübschen Hause, und noch war Martinelli nicht bei mir gewesen. Erst am zweiten Montag besuchte er mich vormittags, und ich lud ihn zum Mittagessen ein. Er sagte mir, er gehe ins Museum, wo er bis zwei Uhr bleiben werde. Hierdurch bekam ich Lust, mir die berühmten Sammlungen anzusehen, die der englischen Nation so hohe Ehre machen. Ich lernte dort den Doktor Matti kennen, der mir später sehr nützlich wurde. Ich werde Näheres darüber sagen, sobald ich soweit bin. Bei Tisch leistete Martinelli mir ausgezeichnete Gesellschaft, denn er war sehr gebildet und ein genauer Kenner der englischen Sitten, die ich durchaus kennen lernen mußte, wenn ich mich in dem Lande wohl fühlen sollte. Da mich noch die Unhöflichkeit wurmte, die ich begangen hatte, indem ich statt mit Papiergeld mit schönen Goldstücken bezahlt hatte, so belehrte er mich in sehr verständiger Weise über den Kredit der Nation, indem er mir nachwies, daß eine solche Auffassung ein sicheres Zeichen des allgemeinen Wohlstandes sei; denn indem die Engländer ihr Papier ihrem Golde vorziehen, bekunden sie damit, daß sie zu ihrer Bank volles Vertrauen haben. Dieses Vertrauen mag blind sein, aber es ist eine Quelle des Reichtums. Dieses Vertrauen kann allerdings zerstört werden, weil die Regierung die Möglichkeit, diesen nur in der Einbildung vorhandenen Reichtum auf leichte Weise zu vermehren, mißbrauchen kann. Sollte dieser Fall, was ja nicht unmöglich ist, jemals eintreten, entweder durch einen unglücklichen Krieg oder durch ein Ereignis anderer Art, so würde ein Staatsbankerott die unvermeidliche Folge sein, und wie es dann kommen würde, das vermag niemand zu sagen. Nachdem wir lange über Politik, Literatur, Sitten und Gebräuche gesprochen hatten, lauter Gebiete, auf denen Martinelli heimisch war, gingen wir ins Drury-Lane-Theater, und dort erlebte ich ein Beispiel von den etwas rauhen Sitten dieser Inselbewohner. Da die Truppe wegen irgend eines Zwischenfalls, dessen ich mich nicht mehr erinnere, das angekündigte Stück nicht geben konnte, so machte das Publikum Lärm. Der berühmte Schauspieler Garrick, der zwanzig Jahre später ein Grab in Westminster erhielt, betrat vergeblich die Bühne, um die Leute zu beruhigen. Er mußte die Bühne verlassen. In diesem Augenblick schrieen einige Wütende: Rette sich wer kann! Der König, die Königin und die ganze Gesellschaft nebst dem übrigen besseren Publikum verließen so schnell wie möglich das Haus und in weniger als einer Stunde wurde das Theater vollständig zerstört. Nur die Mauern blieben stehen, denn sie widerstanden der Wut des Pöbels, der diese ganze Verwüstung nur aus Übermut anrichtete, weil es ihm Vergnügen bereitete, seine Macht zu zeigen. Nachdem der Pöbel, unbelästigt von der Obrigkeit, diese Heldentat vollbracht hatte, liefen die Rasenden in die Schenken und betranken sich in Bier und Schnaps. Vierzehn Tage darauf war der Theatersaal wieder hergestellt, und es wurde eine neue Vorstellung angekündigt. Als der Vorhang aufging, trat Garrick vor, um das Publikum um Verzeihung zu bitten. Eine Stimme aus dem Parkett rief: »Auf die Knie!« und der Roscius Englands, der hundertmal mehr wert war als alle die Schreihälse, mußte das Knie beugen und in dieser demütigen Haltung um Verzeihung bitten. Ein Beifallsdonner erscholl, und alles war erledigt. So ist das englische Volk, besonders das Londoner: König, Königin, Prinzen werden ausgepfiffen, wenn sie sich öffentlich sehen lassen; darum tun sie dies auch niemals, außer bei großen Festlichkeiten, wenn Hunderte von Konstablern für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung sorgen. Als ich eines Tages allein im St. James-Park spazieren ging, bemerkte ich Lord Augustus Hervey, den ich kurz vorher kennen gelernt hatte. Er sprach mit einem Herrn, den er aber stehen ließ, um mich zu begrüßen. Neugierig fragte ich ihn, wer der andere Herr sei. »Es ist der Bruder von Lord Ferrer, dem vor ein paar Monaten der Kopf abgeschlagen wurde, weil er einen von seinen Leuten getötet hatte.« »Und Sie sprechen mit ihm?« »Warum nicht?« »Ist er denn nicht durch den Tod seines Verwandten entehrt?« »Entehrt? Das wäre scherzhaft! Nicht einmal sein Bruder selbst ist entehrt. Er hat das Gesetz gebrochen, aber er hat dies mit seinem Leben bezahlt, und da er die Gesellschaft befriedigt hat, so ist er nicht mehr ihr Schuldner. Er ist ein Ehrenmann, der hoch gespielt und verloren hat – weiter nichts! Ich kenne in unserer Verfassung überhaupt keine einzige entehrende Strafe: eine solche wäre tyrannisch, und wir würden sie nicht dulden. Es ist mir erlaubt, jedes mir unbequeme Gesetz zu verletzen, sobald ich bereit bin, die Strafe zu erdulden, die auf der Verletzung steht. Ich gebe zu, dies klingt ein wenig verrückt; aber gerade auf dieses Recht sind wir eifersüchtig; denn es steht bei uns, unsere Wahl zu treffen. Für entehrt erachten wir nur den Verbrecher, der, um sich der Strafe zu entziehen, gemeine oder niedrige Handlungen begeht, die eines Gentlemans unwürdig sind. »Zum Beispiel?« »Den König um Begnadigung bitten, das Volk um Verzeihung anrufen und andere dergleichen Handlungen.« »Und fliehen?« »Nein; denn um zu fliehen, dazu gehört Mut. Es ist nur eine fortgesetzte Übertretung des Gesetzes; um so schlimmer für das Gesetz, wenn es sich keinen Gehorsam zu verschaffen weiß. Bemerken Sie wohl, daß der Mensch, um zu fliehen, nur seine körperliche oder geistige Kraft nötig hat. Sie haben sich Ehre erworben, indem Sie der Tyrannei Ihrer Behörden entflohen sind: Ihre Flucht aus den Bleikammern ist eine tapfere Handlung. In solchem Falle kämpft man mit dem Tode, indem man sein Leben daran setzt. Indem man vor dem Tode flieht, fordert man ihn heraus. Vir fugiens denuo pugnabit – Wer flieht, wird von neuem streiten.« »Wie denken Sie dann über die Straßenräuber?« »Dies sind Elende, die ich verabscheue, weil sie der Gesellschaft lästig sind; aber sie tun mir leid, wenn ich daran denke, daß ihr Gewerbe sie fortwährend mit dem Galgen bedroht. Sie fahren in einer Mietskutsche aus, um einen Freund zu besuchen, der drei oder vier Meilen vor London wohnt. Ein flinker, entschlossener Mensch springt auf das Trittbrett des Wagens, setzt Ihnen eine Pistole auf die Brust und verlangt Ihre Börse – was würden Sie dann tun?« »Wenn ich eine Pistole zur Hand hätte, würde ich ihm eine Kugel vor den Kopf schießen; sonst aber würde ich ihm meine Börse geben und ihn einen niederträchtigen Mörder nennen.« »Sie würden in beiden Fällen unrecht haben. Wenn Sie ihn töteten, würde man Sie hängen; denn Sie haben kein Recht, einem Engländer nach dem Leben zu stellen. Und wenn Sie ihn einen niederträchtigen Mörder nennen, so wird er Ihnen antworten, das sei er nicht; denn er greife Sie von vorn an und lasse Ihnen daher die Wahl. Man würde Ihnen sogar nachweisen, daß er eine großmütige Handlung begangen hat; denn er hätte Sie töten können. Sie können ihm, indem Sie ihm Ihre Börse reichen, sein schändliches Gewerbe vorhalten, und er wird Ihnen sagen, Sie haben recht, und er werde dem Galgen, den er allerdings für unabwendbar halte, so lange wie möglich fern bleiben. Sodann wird er Ihnen danken und Ihnen den Rat geben, niemals die Stadt London zu verlassen, ohne sich von einem berittenen Diener begleiten zu lassen; denn wenn Sie das tun, wird kein Räuber Sie anzufallen wagen. Da wir wissen, daß dies Ungeziefer in unserem Lande vorhanden ist, so führen wir Engländer auf Reisen zwei Börsen mit uns, eine kleine für die Räuber, die uns etwa begegnen werden, eine andere für unsere Bedürfnisse.« Was konnte ich auf eine solche Auseinandersetzung antworten? Was er sagte, war auf die nationalen Gebräuche begründet, und ich habe ihn daher vernünftig gefunden. England ist ein reiches Meer, aber es enthält viele verborgene Klippen. Wer sich aus Eigennutz oder Neugier auf die Fahrt begibt, muß vorher seine Maßregeln treffen. Die Belehrung, die Lord Augustus Hervey mir hatte zuteil werden lassen, machte mir viel Vergnügen. Wir kamen in unserem Gespräch von einem auf das andere, wie es stets zu geschehen pflegt, wenn die Unterhaltung keinen bestimmten Anlaß hat, der erledigt werden muß. Lord Augustus beklagte das Geschick eines unglücklichen Engländers, der durch Schwindel siebzigtausend Pfund Sterling an der Börse gewonnen, sich damit nach Frankreich geflüchtet hatte, wo er in Sicherheit zu sein glaubte, und den man kürzlich in London gehängt hatte. »Wie ist denn das möglich?« fragte ich ihn. »Der König hat beim Herzog von Rivernois die Auslieferung beantragt, und Ludwig der Fünfzehnte hat diese bewilligt, um dadurch England günstig zu stimmen und in bezug auf bestimmte Artikel des Friedensvertrages bessere Bedingungen zu erlangen. Dies ist eine niedrige Handlung, die eines Königs unwürdig ist; denn er hat dadurch das Völkerrecht verletzt, allerdings in der Person eines Elenden; aber das ändert an der Handlung selber nichts.« »Ohne Zweifel hat England auf diese Weise die siebzigtaussnd Pfund Sterling wiedererlangt?« »Keinen Schilling.« »Wie ist das möglich.« »Weil man keine Guineen bei ihm gefunden hat. Offenbar hat er auch den kleinen Schatz seiner Frau überlassen; diese lebt nun in sehr angenehmem Wohlstand und wird sich wieder verheiraten können; denn sie ist noch jung und hübsch.« »Ich wundere mich, daß man sie nicht wegen des Geldes beunruhigt hat.« »Daran hat man nicht einmal gedacht. Was könnte man ihr denn tun? Daß sie gestehen sollte, ihr Mann habe ihr das gestohlene Geld gegeben, ist nicht wahrscheinlich. Das Gesetz gegen die Straßenräuber befiehlt die Schuldigen zu hängen, aber von dem Gestohlenen sagt es gar nichts; denn es nimmt an, daß dieses verschwunden sei. Wollte man übrigens einen Unterschied machen zwischen Räubern, die das Gestohlene zurückerstatten, und solchen, die es ausgegeben hätten, so müßte man zwei Gesetze machen und zwei Strafen bestimmen, und dann käme es außerdem noch auf die näheren Umstände der Wiedererstattungen an. Dies wäre ein Labyrinth, in welchem man sich verirren würde. Uns Engländern scheint es richtig, für ein Verbrechen nicht zwei Strafen zu verhängen: die Strafe des Galgens erscheint uns genügend, ohne daß sie durch die Rückerstattung des Gestohlenen verschärft wird. Der Räuber ist Eigentümer geworden; allerdings durch eine Gewalttat; aber diese Gewalttat schließt nicht aus, daß er in Wirklichkeit Eigentümer und tatsächlicher Besitzer ist, denn er kann darüber verfügen. Da dies nun einmal so ist, so muß ein jeder sorgfältig bewachen, was er besitzt; denn wenn er sich bestehlen läßt, so hat er unrecht, weil er weiß, daß eine Rückerstattung beinahe unmöglich ist. Ich habe Spanien die Stadt Havanna weggenommen. Dies ist ein großer Diebstahl, der mit bewaffneter Hand ausgeführt wurde, und man wird das Gestohlene wieder zurückgeben, weil ich nicht die Insel Kuba in die Tasche stecken konnte, wie ich für Rechnung meiner Regierung vierzig Millionen Piaster eingesteckt habe, ohne daß man überhaupt ein Wort darüber gesprochen hätte.« Was er sagte, gefiel mir, denn er sprach als Philosoph und als getreuer Untertan seines Landes. Während wir uns über sehr interessante Sachen unterhielten, gingen wir zur Herzogin von Northumberland; ich lernte bei ihr Lady Rochefort kennen, deren Gemahl kurz vorher zum Botschafter in Spanien ernannt worden war. Die Dame war eine von den drei Erlauchten, die durch ihre Galanterien den müßigen Schwätzern der ungeheuren Stadt jeden Tag neuen Gesprächsstoff lieferten. Am Tage vor der Gesellschaft, die in Soho-Square stattfinden sollte, speiste Martinelli bei mir. Er erzählte mir viel von der Dame Cornelis und von ihren Schulden, die sie beinahe erdrückten und sie zwangen, nur am Sonntag ihr Haus zu verlassen, da dies der einzige Tag ist, an welchem die Gläubiger keine Rechte gegen ihre Schuldner geltend machen können. »Ihre ungeheuren Ausgaben, die gar nicht nötig sind,« sagte er zu mir, »haben sie in eine solche Not gebracht, daß sie schon sehr bald am Ende angelangt sein muß. Ihre Schulden betragen viermal so viel als alles, was sie besitzt, selbst das Haus mit eingerechnet, das doch immerhin nur ein zweifelhafter Besitz ist, da noch ein Prozeß darüber schwebt.« Ich bedauerte ihre Lage nur ihrer Kinder wegen; denn sie selber schien mir ein besseres Los gar nicht verdient zu haben. Zehntes Kapitel Die Gesellschaft bei der Cornelis. – Erlebnis in Ranelagh-House. – Ich bin der englischen Kurtisanen überdrüssig. – Die Portugiesin Paulina. Ich begab mich nach dem Gesellschaftssaal; der Sekretär, der neben der Türe saß, nahm mir meine Eintrittskarte ab und schrieb meinen Namen ein. Sobald die Cornelis mich bemerkte, kam sie auf mich zu und sagte mir, es freue sie sehr, daß ich mit einer Eintrittskarte gekommen sei; sie habe sich aber schon gedacht, daß ich kommen werde. »Das war nicht schwer zu erraten,« antwortete ich ihr, »denn sobald Sie wußten, daß ich bei Hof empfangen war, mußten Sie auch wissen, daß ein Eintrittsgeld von zwei Guineen mich nicht abhalten würde, hierher zu kommen. Um unserer alten Freundschaft willen tut es mir leid, daß ich diese beiden Guineen nicht Ihnen selber gegeben habe; denn Sie mußten doch wissen, daß ich niemals die allzubescheidene Rolle angenommen haben würde, die Sie mir bestimmt hatten.« Diese ironischen Worte brachten die Cornelis in Verlegenheit. Lady Harrington, die eine ihrer eifrigsten Beschützerinnen war, kam ihr zu Hilfe. Sie sagte: »Ich habe Ihnen, meine liebe Cornelis, eine Anzahl Guineen zu übergeben, darunter auch zwei von Herrn von Seingalt, von dem ich mir gleich dachte, daß er ein alter Bekannter von Ihnen sei. Ich habe jedoch nicht gewagt, ihm das zu sagen«, fuhr sie fort, indem sie einen boshaften Blick auf mich warf. »Warum denn nicht, Mylady? Ich habe schon seit langer Zeit die Ehre, Madame Cornelis zu kennen.« »Das glaube ich«, rief sie lachend, »und ich mache Ihnen beiden mein Kompliment. Ich vermute auch, Chevalier, daß Sie die liebenswürdige Miß Sophie kennen.« »Mylady, die Sache ist ganz einfach: wer die Mutter kennt, muß auch die Tochter kennen.« «Ja, ja.« Mylady umarmte zärtlich Sophie, die neben mir stand, und sagte dann zu mir: »Wenn Sie sich selber lieben, müssen Sie auch sie lieben, denn sie ist Ihr Ebenbild.« »Das ist eins von den tausend Spielen der Natur.« »Gewiß; aber diesmal hat sie mit Sachkenntnis gespielt.« Mit diesen Worten nahm die Lady Sophie bei der Hand und führte uns, indem sie sich auf meinen Arm stützte, in das Gewimmel hinein. Geduldig mußte ich eine Menge Fragen mit anhören, welche von Leuten, die mich noch nicht kannten, an sie gerichtet wurden: Das ist wohl der Mann von Madame Cornelis? Ganz gewiß ist Herr Cornelis angekommen! Ah! Das ist natürlich Herr Cornelis! Ei sieh! Das ist ganz gewiß der Gemahl von Madame Cornelis! »Nein, nein, nein!« sagt Lady Harrington den Neugierigen. Die Sache wurde mir langweilig, denn alle diese Fragen wurden nur deswegen fortwährend wiederholt, weil man der Kleinen ihre Abstammung am Gesicht ansah, und weil ein jeder erriet, daß ich ihr Vater war. Ich wünschte, Mylady sollte die Kleine gehen lassen; aber sie fand an der Sache zu viel Spaß, um mir diesen Gefallen zu tun. »Bleiben Sie bei mir«, sagte sie zu mir, »wenn Sie die ganze Gesellschaft kennen lernen wollen.« Sie setzte sich, ließ mich einen Platz neben ihr einnehmen und behielt die Kleine an ihrer Seite. Die Mutter kam heran, um der Lady ihre Aufwartung zu machen. Als ein jeder dieselben Fragen auch an sie richtete, die mich schon so lange langweilten, faßte sie ihren Entschluß und sagte ganz tapfer, ich sei ihr bester, ihr ältester Freund, und nicht ohne Grund staunte man über die vollkommene Ähnlichkeit ihrer Tochter mit mir. Jeder lachte und sagte, dabei sei nichts Erstaunliches, sondern es sei im Gegenteil höchst natürlich. Um die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, sagte die Cornelis schließlich, die kleine Sophie habe das Menuett gelernt und tanze es ausgezeichnet. »Das müssen wir sehen!« rief Lady Harrington. »Lassen Sie einen Geiger kommen, damit wir die hübsche Virtuosa bewundern können!« Wir befanden uns in einem Zimmer neben dem Saal, und der Ball hatte noch nicht begonnen. Ich wünschte, daß die Kleine allgemeinen Beifall ernten sollte; sobald daher der Geiger gekommen war, nahm ich sie bei der Hand, und das Menuett wurde zur großen Zufriedenheit des uns umgebenden, auserlesenen Zuschauerkreises getanzt. Hierauf begann der Ball. Er dauerte die ganze Nacht ohne Unterbrechung, denn die Gäste aßen abteilungsweise und zu jeder Stunde, die ihnen beliebte: es war eine Verschwendung, die eines fürstlichen Hauses würdig war. Ich machte an diesem Abend die Bekanntschaft des ganzen Adels und der ganzen königlichen Familie; denn alle Prinzen und Prinzessinnen waren erschienen mit Ausnahme Ihrer Majestäten und des Prinzen von Wales. Die Cornelis hatte mehr als zwölfhundert Guineen eingenommen; aber die Ausgaben waren ungeheuer; denn es herrschte keine vernünftige Einteilung, und es war keine einzige von den Vorsichtsmaßregeln getroffen worden, die notwendig gewesen wären, um zu verhindern, daß an allen Ecken und Enden gestohlen wurde. Unermüdlich stellte sie ihren Sohn allen möglichen Leuten vor; aber der arme Junge sah wie ein Opfer aus und wußte nur tiefe Verbeugungen zu machen, was in England einen vollkommen linkischen Eindruck macht. Er tat mir leid. Den ganzen nächsten Tag verbrachte ich im Bett; am Tage darauf ging ich zum Mittagessen in die Staven-Tavern, wo man die hübschesten, nicht jedermann zugänglichen Mädchen von London finden sollte. Ich hatte diese Nachricht vom Lord Pembroke erhalten, der sehr oft dorthin ging. Ich verlangte ein Zimmer für mich; als der Wirt bemerkte, daß ich nicht englisch sprach, redete er mich französisch an und leistete mir Gesellschaft; er bestellte alles, was ich wollte, und setzte mich durch sein vornehmes, ernstes und anständiges Benehmen dermaßen in Erstaunen, daß ich nicht den Mut fand, ihm zu sagen, daß ich mit einer hübschen Engländerin zu speisen wünschte. Schließlich sagte ich ihm mit einer respektvollen Umschweifung: ich wüßte nicht, ob Lord Pembroke mich getäuscht hätte – aber er hätte mir gesagt, ich könnte bei ihm die hübschesten Mädchen von ganz London finden. »Er hat Sie durchaus nicht getäuscht, mein Herr, und wenn Sie es wünschen, können Sie eine nach Ihrem Belieben haben.« »Ich bin in dieser Absicht hierher gekommen.« Er rief. Ein sehr sauberer Kellner trat ein, und in demselben Ton, wie wenn er etwa gesagt hätte, man solle mir eine Flasche Champagner bringen, befahl der Wirt ihm, ein Mädchen für mich kommen zu lassen. Der junge Mann ging hinaus, und einige Minuten darauf sah ich ein Mädchen von herkulischen Körperformen eintreten. Mein Herr«, sagte ich zum Wirt, »das Äußere dieses Mädchens gefällt mir nicht.« »Geben Sie einen Schilling für die Sänftenträger und schicken Sie sie wieder fort; in London macht man keine Umstände, mein Herr.« Diese Bemerkung versetzte mich in eine behagliche Stimmung; ich befahl, den Leuten einen Schilling zu geben und mir eine andere, hübschere zu bringen. Die zweite kam, sie war noch schlimmer als die erste, und ich schickte sie ebenfalls wieder fort. So ging es noch zehnmal nach der Reihe. Ich freute mich, daß mein wählerischer Geschmack dem Wirt, der mir während der ganzen Zeit Gesellschaft leistete, offenbar Spaß machte. Schließlich sagte ich zu ihm: »Ich will kein Mädchen mehr, sondern wünsche nur noch gut zu Mittag zu essen. Ich bin überzeugt, der Bordellwirt hat sich über mich lustig gemacht, um den Sänftenträgem einen Verdienst zuzuwenden.« »Das ist sehr leicht möglich, mein Herr; sie machen es oft so, wenn man ihnen nicht Namen und Wohnung des Mädchens angibt, das man haben will.« Am Abend machte ich einen Spaziergang im St. James-Park; plötzlich fiel mir ein, daß ein Fest in Ranelagh gefeiert wurde. Da ich diesen Ort kennen zu lernen wünschte, nahm ich einen Wagen und fuhr allein, ohne Bedienten, dorthin, um mich bis Mittemacht zu belustigen und mir irgend eine Schönheit nach meinem Geschmack zu suchen. Die Rotunde von Ranelagh gefiel mir; ich ließ mir Tee geben und tanzte einige Menuetts. Ich sah jedoch keine Bekannten, und obwohl ich mehrere sehr hübsche Mädchen und Frauen bemerkte, wagte ich doch nicht, so aufs Geratewohl eine anzureden. Schließlich wurde es mir langweilig, und ich beschloß, nach Hause zu fahren. Es war fast schon Mitternacht, und ich ging nach dem Eingang, wo ich meinen Wagen zu finden glaubte, den ich noch nicht bezahlt hatte. Der Kutscher war jedoch nicht mehr da, und so befand ich mich in großer Verlegenheit. Eine sehr hübsche Frau, die vor der Tür auf ihren Wagen wartete, bemerkte meine Verlegenheit und sagte mir auf Französisch: wenn ich nicht weit von Whitehall wohne, könne sie mich an meiner Tür absetzen. Ich sagte ihr meine Wohnung und nahm ihr Anerbieten mit Dankbarkeit an. Ihr Wagen fährt vor; ein Lakai öffnet den Schlag; sie nimmt meinen Arm, steigt ein, fordert mich auf, neben ihr Platz zu nehmen, und gibt Befehl, vor meinem Hause zu halten. Sobald ich im Wagen bin, danke ich ihr in den überschwenglichsten Ausdrücken, sage ihr meinen Namen und spreche mein Bedauern aus, sie nicht auf dem letzten Gesellschaftsabend am Soho-Square gesehen zu haben. »Ich war nicht in London«, sagte sie; »ich bin erst heute von Bath zurückgekommen.« Ich preise mein Glück, sie getroffen zu haben, bedecke ihre Hände mit Küssen und wage es, ihr einen Kuß auf die Wange zu geben; da ich keinen Widerstand, sondern nur sanfte, lächelnde Liebe finde, so presse ich meine Lippen auf ihren Mund; da ich meinen Kuß erwidert fühle, werde ich kühn und bald habe ich ihr den deutlichsten Beweis der Glut gegeben, die sie mir eingeflößt hat. Ich hatte sie so sanft und hingebend gefunden, daß ich mir schmeichelte, ihr nicht mißfallen zu haben. Ich bat sie daher, mir zu sagen, wo ich sie treffen könnte, um ihr während der ganzen Zeit, die ich in London zu verbringen gedächte, meine eifrigen Huldigungen darzubringen; sie antwortete mir jedoch nur: »Wir werden uns noch wiedersehen, seien Sie verschwiegen!« Ich schwor ihr dies und drang nicht weiter in sie; einen Augenblick später hielt der Wagen. Ich küßte ihr die Hand und ging, sehr befriedigt von diesem hübschen Abenteuer, in mein Haus. Es vergingen vierzehn Tage, ohne daß ich sie wiedersah. Endlich traf ich sie in einem Hause, das ich auf Wunsch der Lady Harrington aufsuchte, um mich mit einer Empfehlung von ihr der Besitzerin vorzustellen. Es war eine Lady Betty German, eine berühmte alte Dame. Sie war nicht zu Hause; da sie jedoch binnen kurzem zurückkommen sollte, bat man mich zu warten und führte mich in den Salon. Zu meiner angenehmen Überraschung sah ich meine schöne Dame von Ranelagh, die eine Zeitung las. Ich hatte den Einfall, sie zu bitten, mich der übrigen Gesellschaft vorzustellen. Ich ging auf sie zu und fragte sie, ob sie die Güte haben wolle, mich vorzustellen. Sie antwortete mir höflich, sie könne dies nicht, da sie nicht die Ehre habe, mich zu kennen. »Ich habe Ihnen meinen Namen gesagt, Madame. Erinnern Sie sich meiner nicht?« »Ich erinnere mich Ihrer sehr gut; aber ein toller Streich gibt keinen Anspruch auf Bekanntschaft.« Ich war ganz starr ob dieser eigentümlichen Antwort. Sie las ruhig ihre Zeitung weiter und sprach mit mir kein Wort mehr, bis Mylady German kam. Die schöne Philosophin nahm zwei volle Stunden lang am Gespräch teil, ohne im geringsten zu verraten; daß sie mich kannte; doch antwortete sie mir mit großer Höflichkeit, wenn die Gelegenheit es mir erlaubte, das Wort an sie zu richten. Sie war eine Dame von hohem Range, die in London in bestem Rufe stand. Eines Tages ging ich zu Martinelli, um ihm meinen ersten Besuch zu machen. Eine schöne junge Dame warf mir von einem gegenüberliegenden Hause Kußhändchen zu. Ich fragte ihn, wer sie sei, und war sehr angenehm überrascht, als ich hörte, es sei eine Tänzerin, Madame Binetti. Sie hatte mir vor etwa vier Jahren in Stuttgart den großen Dienst geleistet, wie meine Leser sich vielleicht noch erinnern. Ich wußte nicht, daß sie in London war. Sofort verabschiedete ich mich von Martinelli, um sie aufzusuchen, und ich tat dies um so lieber, da mein Freund mir sagte, sie lebe nicht mit ihrem Mann zusammen, obgleich dieser mit ihr im Theater am Haymarket tanze. Sie empfing mich mit offenen Armen und rief: »Ich habe Sie auf den ersten Blick erkannt! Ich bin überrascht, Sie in London zu sehen, mein lieber Doyen.« Sie nannte mich ihren Doyen, weil ich der älteste von ihren Bekannten war. »Ich wußte nicht, daß Sie hier waren, meine Liebe. Ich habe Sie nicht tanzen sehen, weil ich erst nach dem Schluß der Oper hier angekommen bin. Wie kommt es, daß Sie nicht mehr mit Ihrem Gatten zusammenleben?« »Weil er spielt, verliert und mich von allem entblößt. Außerdem kann eine Frau meines Berufes nicht erwarten, daß ein reicher Liebhaber ihr Besuche macht, wenn sie mit ihrem Gatten zusammenlebt; lebt sie dagegen für sich allein, so kann sie alle ihre Freunde empfangen, ohne sich irgendwelchen Zwang aufzuerlegen.« »Was hätte denn solch ein Herr von Binetti zu befürchten? Er war doch sonst niemals eifersüchtig oder unbequem.« »Das ist er auch jetzt nicht; aber, mein lieber Doyen, du mußt wissen, daß es in England ein Gesetz gibt, das einen Ehegatten ermächtigt, den Liebhaber seiner Frau verhaften zu lassen, wenn er ihn auf frischer Tat bei ihr ertappt. Er braucht nur zwei Zeugen zu haben. Es genügt sogar, daß er ihn auf ihrem Bett sitzend findet; dazu hat nach hiesigen Anschauungen nur ein Ehemann das Recht. Der Liebhaber wird verurteilt, dem Ehemann, der die Schande seiner Gattin offenbart, die Hälfte seines ganzen Vermögens zu bezahlen. Mehrere reiche Engländer sind auf diesen Leim gegangen, und infolgedessen geht niemand mehr zu einer verheirateten Frau, besonders wenn sie eine Italienerin ist.« »Dann hast du also über die Gefälligkeit deines Gatten dich nicht zu beklagen, sondern mußt ihm im Gegenteil dankbar dafür sein; denn da du deine volle Freiheit hast, so kannst du jeden empfangen, der dir gefällt, und kannst reich werden.« »Leider weißt du nicht alles, mein lieber Freund. Sobald er glaubt, ich habe von irgendeinem Besuche ein Geschenk erhalten – und das erfährt er sofort durch seine Spione – kommt er nachts in einer Sänfte und droht mir, mich auf die Straße zu werfen, wenn ich ihm nicht all mein Geld gebe. Du kennst diesen niederträchtigen Halunken nicht!« Ich gab der armen Frau meine Adresse und lud sie ein, zu mir zum Essen zu kommen, so oft sie Lust hätte, bat sie jedoch zugleich, mir einen Tag vorher Bescheid sagen zu lassen. Ich hatte bei ihr in bezug auf Besuche bei Damen wieder einmal etwas Neues gelernt. England hat sehr gute Gesetze; aber sie sind im allgemeinen so, daß leicht Mißbrauch mit ihnen getrieben werden kann. Da die Geschworenen einen Eid leisten, nach dem Buchstaben des Gesetzes zu erkennen, so werden manche, die nicht klar genug abgefaßt sind, auf eine Weise ausgelegt, die den Absichten der Gesetzgebung vollkommen widerspricht, so daß dadurch die Richter oft in die größte Verlegenheit kommen. Infolgedessen ist man genötigt, unaufhörlich neue Gesetze zu erlassen und die alten durch neue Auslegungen zu erläutern. Eines Tages sah Lord Pembroke mich am Fenster stehen und kam zu mir herein. Nachdem er mein Haus und meine Küche, wo der Koch am Werke war, besichtigt hatte, machte er mir das Kompliment: kein Lord, wenigstens niemand von denen, die in London regelmäßig einen Teil des Jahres verbrächten, hielte ein so gut eingerichtetes Haus wie das meinige. Er machte einen Überschlag der Kosten und sagte zu mir: »Wenn Sie Freunde empfangen und bewirten wollen, 27Z brauchen Sie monatlich dreihundert Pfund. Aber Sie können hier nicht leben, Seingalt, ohne ein hübsches Mädchen bei sich zu haben. Wenn Sie dies tun, wird ein jeder Sie als vernünftig loben; denn Sie gehen auf diese Weise sicher und sparen viel Geld.« »Haben Sie ein Mädchen bei sich, Mylord?« »Nein; mich ekelt leider jedes Weib an, sobald ich es einen einzigen Tag in meinem Besitz gehabt habe.« »Da brauchen Sie also jeden Tag eine neue?« »Ja, und infolgedessen gebe ich viermal so viel aus als Sie, obgleich ich nicht annähernd so gut eingerichtet bin. Ich bin eben Junggeselle, lebe in London als Fremder und esse niemals zu Hause. Ich wundere mich, daß Sie allein essen.« »Ich spreche nicht englisch, ich liebe die Suppe und ich trinke gern guten Wein. Dies sind Gründe genug, um Ihre Wirtshäuser zu meiden.« »Bei Ihrer Vorliebe für französische Lebensweise begreife ich das.« »Geben Sie zu, daß diese Vorliebe nicht schlecht ist?« »Ich kann das nicht bestreiten; denn obgleich ich ein guter Engländer bin, gefällt mir doch das Pariser Leben sehr.« Er lachte laut auf, als ich ihm sagte, ich hätte in Staven-Tavern zwanzig Mädchen fortgeschickt, ohne mich einer einzigen zu bedienen, und an meiner Enttäuschung wäre er schuld. »Ich habe Ihnen nicht die Namen der Mädchen genannt, die ich für mich holen lasse, und das war unrecht von mir.« »Ja, Sie hätten mir dies sagen sollen.« »Aber da sie Sie nicht kennen, wären sie nicht gekommen; denn sie sind durch Kuppler nicht zu haben. Versprechen Sie mir, dasselbe zu bezahlen wie ich, und ich werde Ihnen Briefe geben; daraufhin werden die Mädchen kommen.« »Kann ich sie auch hier haben?« »Ganz nach Ihrem Belieben.« »Das paßt mir besser. Schreiben Sie mir die Briefchen und suchen Sie vor allem solche Mädchen aus, die französisch sprechen.« »Das ist gerade der Übelstand: die schönsten sprechen nur englisch.« »Schreiben Sie nur auch an diese! In bezug auf das, was ich von ihnen will, werden wir uns schon verständigen.« Er schrieb an mehrere Mädchen zu vier und für sechs Guineen; eine einzige war mit dem Preise von zwölf Guineen bezeichnet. »Diese ist doppelt so schön?« »Eigentlich nicht; aber sie macht einen Herzog und Pair von England zum Hahnrei. Er hält sie aus, besucht sie aber jeden Monat nur ein- oder zweimal.« »Wollen Sie, Mylord, mir zuweilen die Ehre erweisen, die Kunst meines Kochs auf die Probe zu stellen?« »Gern; aber nur, wenn ich zufällig einmal vorbeikomme.« »Und wenn Sie mich nicht finden?« »Das schadet dann nicht; da werde ich eben ins Wirtshaus gehen.« Da ich an diesem Tage nichts anderes vorhatte, schickte ich Jarbe zu einer von den Schönen, die Pembroke auf vier Guineen taxiert hatte, und ließ sie einladen, mit mir allein zu speisen. Sie kam; aber obgleich ich den besten Willen hatte, sie liebenswürdig zu finden, schien sie mir doch nur wert, nach Tisch einen Augenblick mit ihr zu schäkern. Sie konnte keine vier Guineen von mir erwarten, denn sie hatte einen solchen Lohn nicht verdient; daher war sie denn hocherfreut, als ich ihr zum Schluß trotzdem die vier Goldstücke in die Hand drückte. Die zweite, die ebenfalls vier Guineen kosten sollte, aß am nächsten Tage mit mir zu Abend. Sie war einmal sehr hübsch gewesen und war es noch; ich fand sie jedoch traurig und zu gleichgültig, so daß ich mich nicht entschließen konnte, sie sich ausziehen zu lassen. Am dritten Tage hatte ich keine Lust, noch ein drittes Briefchen zu versuchen; ich ging daher nach Covent-Garden. Ein junges Mädchen fand ich so anziehend, daß ich sie ansprach und auf französisch fragte, ob sie mit mir zu Abend speisen wolle. »Was werden Sie mir zum Nachtisch schenken?« »Drei Guineen.« »Ich stehe Ihnen zur Verfügung.« Nach dem Theater ließ ich mir ein gutes Abendessen für zwei auftragen, und sie bot mir die Spitze mit einem guten Appetit, wie ich ihn liebte. Nach dem Essen fragte ich sie nach ihrer Adresse und war sehr überrascht, als ich fand, daß sie eine von denen war, für die Lord Pembroke sechs Guineen bezahlte. Ich sah, daß ich meine Angelegenheiten selber besorgen mußte oder jedenfalls mich keines großen Herrn als Vermittler bedienen durfte. Die anderen Briefchen verschafften mir nur Personen, die höchstens einer flüchtigen Bekanntschaft wüidig waren. Die letzte, die zu zwölf Guineen, die ich mir als besonderen Leckerbissen aufgespart hatte, gefiel mir am allerwenigsten. Ich fand sie nicht einmal eines Opfers würdig und verzichtete darauf, dem edlen Lord, der sie aushielt, Hörner aufzusetzen. Lord Pembroke war jung, schön, reich und geistvoll. Als ich ihn eines Tages besuchte, war er gerade eben aufgestanden. Wir beschlossen zusammen einen Spaziergang zu machen, und er befahl seinem Kammerdiener, ihn zu rasieren, »Aber Sie haben ja nicht einmal einen Anflug von Bart im Gesicht!« rief ich. »Einen solchen werden Sie niemals bei mir sehen, lieber Freund; denn ich lasse mich dreimal täglich rasieren.« »Dreimal täglich?« »Ja. Wenn ich das Hemd wechsele, wasche ich mir die Hände; wenn ich mir die Hände wasche, muß ich mir auch das Gesicht waschen, und das Gesicht eines Mannes darf nur mit einem Rasiermesser gewaschen werden.« »Wann nehmen Sie denn diese drei Reinigungen vor?« »Wenn ich aufstehe, wenn ich mich ankleide, um zum Mittagessen oder in die Oper zu gehen, und unmittelbar bevor ich mich zu Bett lege; denn das Weib, das die Nacht mit mir verbringt, darf meinen Bart nicht fühlen.« Wir machten einen kleinen Spaziergang, worauf ich mich von ihm trennte, um zu Hause Briefe zu schreiben. Beim Abschied fragte er mich, ob ich zu Hause essen würde. Ich sagte ja, und da ich voraussah, daß er mir Gesellschaft leisten würde, machte ich es wie Lukullus und befahl meinem Koch, uns gut zu bedienen, dabei aber jeden Anschein zu vermeiden, als ob ich einen vornehmen Gast erwartete. Die Eitelkeit hat mehr als eine Sehne an ihrem Bogen. Kaum war ich zu Hause, so ließ die Binetti sich melden; sie sagte mir, wenn sie mir nicht ungelegen komme, wolle sie sich zum Essen einladen. Ich nahm sie freundschaftlich auf, und sie versicherte mir, ich mache sie glücklich, denn sie sei überzeugt, ihr Mann werde sich den Kopf zerbrechen, um herauszubringen, wo sie gespeist habe. Sie gefiel mir immer noch; denn obgleich sie damals schon fünfunddreißig Jahre zählte, hätte kein Mensch sie für älter als fünfundzwanzig gehalten. Sie war in jeder Beziehung anmutig. Ihr Mund war etwas zu groß, aber er war mit zwei Reihen Perlen von schönstem Schmelz geschmückt, und ihre Lippen waren frisch wie Rosenblätter. Eine zarte glatte Haut, Augen von unbeschreiblichem Glanz und eine Stirn, auf der die Unschuld selber hätte thronen können – mit einem Wort, ihr Kopf war wirklich zum Entzücken. Dazu hatte sie einen vollendet schönen Busen und eine unverwüstliche, fröhliche Laune; so wird der Leser leicht begreifen, daß selbst ein wählerischerer Geschmack als der meinige sie wohl reizend finden konnte. Sie war kaum eine halbe Stunde bei mir, als Lord Pembroke eintrat. Beide schrieen vor Überraschung laut auf, und der Lord sagte mir, er sei schon seit sechs Monaten in sie verliebt und habe ihr feurige Briefe geschrieben. Sie sei jedoch nicht darauf eingegangen. »Ich habe ihn nicht erhören wollen,« rief sie, »weil er der größte Wüstling in ganz England ist; und das ist recht schade, denn er ist der liebenswürdigste Kavalier.« Dieser Auseinandersetzung folgte ein Dutzend Küsse, und ich sah, daß sie einig waren. Wir hielten eine ausgezeichnete Mahlzeit nach französischer Art, und Lord Pembroke versicherte mir: »Ich habe seit Jahr und Tag nicht so gut gegessen. Es tut mir nur leid, daß Sie nicht jeden Tag Gesellschaft bei sich haben.« Die Binetti war ebenfalls Feinschmeckerin; wir standen daher in sehr fröhlicher Stimmung von Tisch auf und hatten große Lust, vom Kultus des Comus zu dem der Cypris überzugehen; aber unsere Schöne war zu gewitzigt, um dem Engländer etwas anderes zu bewilligen als Küsse ohne Bedeutung. Ich blätterte in meinen Büchern, die ich am Tage vorher gekauft hatte, und ließ sie sich unter vier Augen unterhalten, so viel sie wollten; damit sie sich jedoch nicht für einen anderen Tag zusammen zum Essen einlüden, beeilte ich mich ihnen zu sagen, ich hoffe, der Zufall werde mir die Gunst eines so schönen Festes gelegentlich wieder einmal verschaffen. Um sechs Uhr gingen meine beiden Gäste fort, und ich kleidete mich an, um nach Vauxhall zu gehen. Ich traf dort den französischen Offizier Mallingan, dem ich in Aachen meine Börse geöffnet hatte. Da er mir sagte, er müsse mit mir sprechen, so gab ich ihm meine Adresse. Ich fand dort auch den nur zu gut bekannten Chevalier Goudar, der mir von Spiel und Mädchen erzählte. Mallingacm stellte mir als etwas ganz Besonderes einen Herrn vor, der mir nach seiner Behauptung in London sehr nützlich werden konnte. Es war ein Mann von vierzig Jahren, mit kritischen Gesichtszügen; er nannte sich Friedrich und war der Sohn des verstorbenen sogenannten Königs Theodor von Korsika, der vierzig Jahre vor dieser Zeit zu London im größten Elend gestorben war, einen Monat nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, worin unbarmherzige Gläubiger ihn sechs oder sieben Jahre lang eingesperrt gehalten hatten. Ich hätte besser getan, an diesem Tage nicht nach Vauxhall zu gehen. Das Eintrittsgeld kostet für Vauxhall nur die Hälfte von dem, was man in Ranelagh bezahlen mußte. Trotzdem konnte man sich die größte Abwechslung von Genüssen verschaffen: gutes Essen, Musik, Spaziergänge auf dunklen und einsamen Gartenwegen oder in Alleen, die von tausend Lämpchen beleuchtet waren. Außerdem fand man dort im bunten Gewimmel die berühmtesten Schönheiten Londons vom höchsten bis zum niedrigsten Range. Trotz allen diesen Vergnügungen langweilte ich mich, weil ich meine gute Tafel und mein reizendes Heim nicht mit einer lieben Freundin teilte. Ich war nun doch schon seit sechs Wochen in London. So etwas war mir noch niemals vorgekommen, und die Sache erschien mir selber unerklärlich. Meine Wohnung schien geradezu gemacht zu sein, um in der anständigsten Weise eine Freundin aufzunehmen; da ich die Tugend der Beständigkeit besaß, so brauchte ich weiter nichts, um glücklich zu sein. Aber wie sollte ich in London eine Frau finden, die zu mir paßte und an Charakter einer von denen ähnelte, die ich so innig geliebt hatte? Ich hatte bereits etwa fünfzig Mädchen gesehen, die alle Welt als hübsch bezeichnete, und die ich selber nicht einmal leidlich gefunden hatte. Indem ich unaufhörlich hierüber nachdachte, hatte ich schließlich einen sonderbaren Einfall. Ich führte diesen aus. Ich rief meine alte Housekeeper und ließ ihr durch das Mädchen, das uns als Dolmetscherin diente, folgendes sagen: »Ich will das zweite ober dritte Stockwerk vermieten, um Gesellschaft zu haben; obgleich ich hierzu ohne weiteres berechtigt bin, will ich Ihnen doch für die Bedienung wöchentlich eine halbe Guinee schenken. Lassen Sie sofort dieses Plakat am Fenster aushängen: Zu vermieten: zweites oder drittes Stockwerk, möbliert, an ein alleinstehendes und unabhängiges junges Fräulein, das englisch und französisch spricht, und weder bei Tage noch bei Nacht Besuche empfängt.« Das Mädchen übersetzte der Alten das Plakat, und diese, die früher selber flott gelebt hatte, lachte darüber so sehr, daß ich glaubte, sie würde ersticken. »Warum lachen Sie denn so sehr, meine gute Dame?« »über diesen Zettel muß man wohl lachen!« »Sie glauben gewiß, es wird keine kommen, um die Wohnung zu mieten?« »Oh, ganz im Gegenteil. Ich werde vom Morgen bis zum Abend im Hause Neugierige haben; aber mit denen mag Fanny fertig werden. Sagen Sie mir bitte nur, wieviel ich verlangen soll.« »Den Preis will ich selber festsetzen, nachdem ich mit dem Fräulein gesprochen habe. Ich glaube nicht, daß so sehr viele Mädchen kommen werden; denn ich verlange, daß die Mieterin jung ist, daß sie englisch und französisch spricht und daß sie außerdem noch ein anständiges Mädchen ist; denn sie darf durchaus keinen Besuch empfangen, nicht einmal von ihren Eltern, wenn sie welche hat.« »Aber es werden eine Menge Leute stehen bleiben, um den Zettel zu lesen.« »Um so besser. Wenn er auffällt, so schadet das nichts.« Wie die Alte gesagt hatte, blieb ein jeder stehen, um die Anzeige zu lesen. Jeder machte seine Glossen darüber und ging dann lachend weiter. Schon am zweiten Tage teilte mein Neger Jarbe mir mit, meine Anzeige sei wörtlich in St. James-Chronicle abgedruckt, mit einem scherzhaften Kommentar. Ich ließ mir die Zeitung bringen, und Fanny übersetzte mir den Artikel, der folgendermaßen lautete: »Der Herr des zweiten und dritten Stockwerks bewohnt wahrscheinlich selber das erste. Er muß ein Mann von Geschmack sein, der das Vergnügen liebt; denn er verlangt eine Mieterin, die allein steht, unabhängig und natürlich auch jung ist: und da sie keinen Besuch empfangen kann, so muß er wohl bereit sein, ihr gute Gesellschaft zu leisten. »Zu befürchten ist nur, daß der Besitzer der Wohnung bei diesem Handel angeführt wird; denn es ist leicht möglich, daß irgend ein hübsches Mädchen die Wohnung mietet, um dort nur zu schlafen oder gar nur von Zeit zu Zeit dorthin zu gehen; außerdem könnte dieses hübsche Mädchen, wenn es ihr so paßt, ganz einfach sich den Besuch des Hausherrn verbitten.« Diese sehr vernünftige Glosse machte mir Spaß und gefiel mir, weil sie mich vor Überraschungen warnte. Diese Artikel machen die englischen Zeitungen so angenehm. Alle Vorgänge werden in voller Unabhängigkeit besprochen, und die Zeitungsschreiber wissen die einfachsten Kleinigkeiten des Alltagslebens interessant zu machen. Glücklich die Völker, bei denen man alles sagen und alles schreiben darf. Lord Pembroke war der erste, der zu mir kam und mir zu meiner Erfindung Glück wünschte. Später kam Martinelli, der jedoch befürchtete, ich könnte leicht zu Schaden kommen; »denn«, sagte er, »in London gibt es viele Mädchen, die eine große Erfahrung besitzen und vielleicht nur zu dem Zweck kommen würden, Ihnen den Kopf zu verdrehen.« »Da gilt es dann eben List gegen List,« antwortete ich ihm; »wir werden ja sehen. Sollte ich angeführt werden, so wird man freilich das Recht haben, auf meine Kosten zu lachen; denn ich hätte ja auf meiner Hut sein können.« Ich will meine Leser nicht mit einer Beschreibung von etwa hundert Mädchen langweilen, die während der ersten neun oder zehn Tage kamen. Ihnen allen schlug ich unter verschiedenen Vorwänden die Wohnung ab, obgleich einige von ihnen recht anmutig und schön waren. Endlich aber, am elften oder zwölften Tage erschien ein junges Mädchen von zwanzig bis vierundzwanzig Jahren, als ich gerade bei Tisch saß. Sie war mehr als mittelgroß, ihre Kleidung war nett und sauber, jedoch ohne Luxus, ihr Gesicht edel und von sanftem Ausdruck, obgleich ernst. Sie hatte regelmäßige Züge, eine etwas blasse Farbe, schwarze Haare und war in jeder Beziehung schön. Sie machte mir eine vornehme und zugleich ehrerbietige Verbeugung, die ich erwidern mußte, indem ich mich erhob. Als ich stehen blieb, bat sie mich im Tone der guten Gesellschaft, ich möchte mich nicht stören lassen, sondern ruhig weiter essen. Ich bat sie, Platz zu nehmen. Sie tat es. Hierauf bot ich ihr Süßigkeiten an, denn sie hatte bereits Eindruck auf mich gemacht; sie lehnte jedoch dankend ab und zwar in einem bescheidenen Tone, der mich entzückte. Hierauf sogte das schöne Fräulein, nicht in dem tadellosen Französisch, wie sie begonnen hatte, sondern in einem Italienisch, das ohne den geringsten fremden Akzent und daher einer Senesin würdig war: sie würde ein Zimmer im dritten Stock nehmen, und gebe sich der Hoffnung hin, daß ich ihr dies nicht abschlagen würde, denn sie glaubte, noch jung zu sein; den anderen Bedingungen, die in meiner Ankündigung erwähnt wären, unterwürfe sie sich gern. »Mein Fräulein, es steht Ihnen frei, sich nur des einen Zimmerzu bedienen, doch wird die ganze Wohnung Ihnen gehören.« »Mein Herr, der Zettel besagt allerdings, die Wohnung sei billig: trotzdem würde die ganze Wohnung zu teuer für mich sein, denn ich kann für meine Unterkunft nur zwei Schillinge in der Woche ausgeben.« »Das ist gerade der Preis, den ich für die ganze Wohnung verlange. Sie können also, wie Sie sehen, darüber verfügen, mein Fräulein, Die Magd wird Sie bedienen und Ihnen das Essen besorgen, das Sie brauchen; außerdem wird sie für Sie waschen. Sie können auch Ihre Besorgungen von ihr machen lassen, damit Sie nicht wegen jeder Kleinigkeit auszugehen brauchen.« »Dann werde ich also meine Magd entlassen, und das ist mir nicht unlieb; denn sie bestiehlt mich. Allerdings stiehlt sie mir wenig, aber das ist trotzdem viel zu viel für meine Verhältnisse. Ich werde Ihrem Mädchen sagen, was sie mir jeden Tag zu essen holen soll; die kleine Summe, die ich hierfür aussetze, darf niemals überschritten werden. Ich werde ihr für ihre Mühe wöchentlich zehn Pence geben.« »Sie wird damit sehr zufrieden sein. Ich kann Ihnen sogar empfehlen, sich an die Frau meines Koches zu wenden; denn diese kann Ihnen Mittag- und Abendessen für dasselbe Geld liefern, das Sie ausgeben würden, wenn Sie es sich von draußen holen ließen.« »Das halte ich kaum für möglich; denn ich schäme mich, Ihnen zu sagen, wie wenig ich ausgebe.« »Wenn Sie auch nur einen Penny täglich ausgeben könnten, so würde ich der Frau sagen, sie soll Ihnen nicht mehr liefern, als für diesen Preis zu haben ist. Ich rate Ihnen, nehmen Sie ruhig das Essen, das Sie in der Küche bekommen können, und machen Sie sich wegen der Billigkeit keine Gedanken; denn ich habe die Gewohnheit, für vier Personen reichlich kochen zu lassen, obgleich ich fast immer allein speise; was übrig bleibt, gehört dem Koch. Ich werde nichts weiter tun, als daß ich Sie ihm empfehle, damit Sie gut bedient werden, und ich hoffe. Sie werden es mir nicht übel nehmen, daß ich mich für Sie interessiere.« »Mein Herr, Ihr Anerbieten ist überraschend; Sie sind sehr großmütig.« »Warten Sie einen Augenblick, mein Fräulein! Sie werden sofort sehen, daß es auf die allernatürlichste Art von der Welt zugeht.« Ich befahl Clairmont, die Magd und die Frau des Kochs zu rufen, und sagte zu dieser letzteren: »Wieviel verlangen Sie täglich für Mittag- und Abendessen für diese junge Dame, die nicht reich ist und nicht mehr essen will, als sie zum Leben braucht?« »Ich werde ihr das Essen sehr billig liefern, denn der gnädige Herr speist fast immer allein und läßt für vier Personen kochen.« »Schön; infolgedessen hoffe ich, können Sie die Dame sehr gut für den Preis beköstigen, den sie Ihnen bezahlen will.« »Ich kann täglich nur fünf Pence ausgeben.« »Für fünf Pence, mein Fräulein, werden wir Sie verköstigen.« Ich befahl sofort, das Aushängeschild zu entfernen und das Zimmer, das die junge Dame wählen würde, mit allen Bequemlichkeiten zu versehen. Als die Küchin und die Magd sich entfernt hatten, sagte die junge Dame mir, sie werde nur am Sonntag ausgehen, um in der Kapelle des bayrischen Gesandten die Messe zu hören; außerdem gehe sie einmal monatlich zu einer Person, die ihr drei Guineen für ihren Lebensunterhalt auszahle. »Sie können ausgehen, wann Sie wollen, mein Fräulein, und brauchen darüber keinem Menschen Rechenschaft zu geben.« Schließlich bat sie mich, niemals Besuche zu ihr zu führen und der Hausbesorgerin zu befehlen, sie solle jedem, der sich nach ihr erkundige, antworten, sie kenne sie nicht. Ich versprach ihr, daß alles nach ihren Wünschen geschehen solle, und sie entfernte sich, indem sie mir sagte, sie werde ihren Koffer bringen lassen. Sobald sie gegangen war, befahl ich allen meinen Leuten, ihr mit der größten erdenklichen Rücksicht zu begegnen. Die alte Hausmeisterin sagte mir, sie habe für die erste Woche vorausbezahlt und sich darüber eine Quittung geben lassen; hierauf habe sie sich in einer Sänfte entfernt, wie sie gekommen sei. Zum Schluß faßte die gute Alte sich Mut und ließ mir durch unsere Dolmetscherin sagen, ich möchte mich vor Fallen hüten. »Vor was für einer Falle? Ich sehe keine. Wenn sie vernünftig ist und ich mich in sie verliebe – nun, um so besser; das wünsche ich ja gerade. Ich brauche nur acht Tage, um sie kennen zu lernen. Welchen Namen hat sie Ihnen angegeben?« »Mistreß Pauline; als sie ankam, war sie ganz blaß; aber als sie wieder fort ging, war sie feuerrot.« Ich war schon voller Hoffnung; dieser Glücksfund erfüllte mich mit inniger Freude. Um mein Temperament zu befriedigen, brauchte ich keine Frau – denn das findet man überall; aber ich brauchte eine, um sie zu lieben. Es war für mich eine Notwendigkeit, an dem Gegenstand meiner Zärtlichkeit Schönheit des Leibes und der Seele zu finden, und meine Liebe wuchs im Verhältnis zu den Schwierigkeiten, die sich meiner Voraussicht nach dem Erfolge entgegenstellten. Ich gestehe, daß ich einen Mißerfolg als unmöglich ansah; denn ich wußte, daß es keine Frau gibt, die der ausdauernden Bewerbung und den Aufmerksamkeiten eines Mannes widerstehen könnte, der sie verliebt machen will, besonders wenn dieser Mann sich in den Verhältnissen befindet, große Opfer bringen zu können. Als ich am Abend nach dem Theater nach Hause kam, sagte die Magd mir, Madame habe ein bescheidenes Hinterstübchen gewählt, das nur einem Dienstboten genügen könne. Sie habe bescheiden zu Abend gegessen und dazu nur Wasser getrunken; als sie die Frau des Kochs gebeten habe, ihr nur einen Teller Suppe und ein Gericht zu liefern, habe diese ihr geantwortet: sie müsse annehmen, was man ihr vorsetze; was sie nicht wolle, werde die Magd essen. Nach dem Essen habe sie ihr sehr gütig gute Nacht gesagt und sich dann eingeschlossen, um zu schreiben. »Was nimmt sie morgen« zum Frühstück?« »Ich habe sie danach gefragt, und sie hat mir geantwortet, sie esse nur ein wenig Brot.« »Du wirst ihr morgen früh sagen: es sei im Hause Brauch, daß der Koch zum Frühstück Kaffee, Tee, Schokolade oder Fleischbrühe liefere, wie es einem jeden beliebe; wenn sie es zurückweise, werde sie mich vielleicht verletzen. Laß dir aber nicht einfallen, ihr zu sagen, daß ich mit dir hierüber gesprochen habe. Da hast du eine Krone; du sollst jede Woche eine bekommen, wenn du sie auf das freundlichste bedienst. Bevor ich zu Bett ging, schrieb ich ihr ein sehr höfliches Briefchen, worin ich sie bat, das erwählte Kämmerchen mit einem anderen Zimmer zu vertauschen. Sie tat dies, aber sie ließ ihre Sachen in ein Zimmer bringen, das ebenfalls nach hinten hinaus lag. Fannys Vorstellungen brachten sie dahin, zum Frühstück Kaffee anzunehmen. Ich wünschte, sie zu veranlassen, daß sie mit mir zu Mittag und zu Abend äße. Darum kleidete ich mich an, um ihr einen Besuch zu machen, und sie auf eine Art darum zu bitten, daß sie sich nicht gut weigern konnte. In diesem Augenblick meldete Clairmont mir den jungen Cornelis. Ich empfing ihn lachend, indem ich ihm dafür dankte, daß er mich seit sechs Wochen zum ersten Male besuche. »Mama hat mir niemals erlaubt, zu Ihnen zu gehen. Ich kann es nicht mehr aushalten; zwanzigmal war ich in Versuchung, trotz ihrem Verbot zu kommen. Bitte, lesen Sie diesen Brief; Sie werden darin etwas finden, was Sie überraschen wird.« Ich öffnete den Brief; er lautete: »Ein Gerichtsbote benutzte gestern einen Augenblick, wo meine Türe offenstand, trat in mein Zimmer ein und verhaftete mich. Ich war gezwungen, ihm zu folgen, und befinde ich mich jetzt bei ihm im Gefängnis; wenn ich nicht im Lauf des Tages Bürgschaft stelle, wird er mich heute Abend in das Kings-Bench-Gefängnis bringen. Diese Bürgschaft beträgt zweihundert Pfund Sterling für einen bereits verfallenen Wechsel, den ich nicht habe zahlen können. Ich flehe Sie an, mein wohltätiger Freund: befreien Sie mich sogleich aus diesem Ort! Sonst könnte ich das Unglück haben, daß schon morgen eine Menge Gläubiger erscheinen und mich einsperren lassen würden; dadurch würde mein Zusammenbruch unvermeidlich werden. Verhindern Sie diesen, ich bitte Sie flehentlich, und damit auch das Unglück meiner unschuldigen Familie. Als Ausländer können Sie nicht für mich Bürgschaft leisten; aber Sie brauchen nur einem Hausbesitzer ein Wort zu sagen, und Sie werden zehn für einen bereit finden. Wenn Sie Zeit haben, bei mir vorzusprechen, so kommen Sie! Sie werden dann erfahren, daß ich den letzten Ball nicht hätte geben können, wenn ich nicht diesen unglückseligen Wechsel unterschrieben hätte; denn ich hatte mein ganzes Silbergeschirr und Porzellan versetzt.« Empört über dieses unverschämte Weib, das sich mir gegenüber soweit vergessen hatte, schrieb ich ihr, ich könne sie nur bedauern, ich habe keine Zeit, sie zu besuchen, und schäme mich außerdem, irgend jemanden zu bitten, für sie Bürgschaft zu leisten. Nachdem der kleine Cornelis sehr traurig fortgegangen war, befahl ich Clairmont, zu Pauline hinaufzugehen und sie zu fragen, ob sie mir gestatten wolle, ihr guten Tag zu wünschen. Sie ließ mir sagen, es stehe bei mir, sie aufzusuchen. Ich ging zu ihr hinein und fand auf dem Tische mehrere Bücher liegen; außerdem sah ich auf einer Kommode Kleidungsstücke, die nicht auf Bedürftigkeit schließen ließen. »Ich bin Ihnen für Ihre Freundlichkeiten unendlich dankbar«, sagte sie zu mir. »Sprechen wir nicht davon, Madame; glauben Sie mir, daß ich im Gegenteil Ihnen dankbar sein muß.« »Was kann ich tun, mein Herr, Ihnen meine Erkenntlichkeit zu zeigen?« »Sie können dies tun, Madame, indem Sie sich den Zwang auferlegen und mir die Ehre erweisen, mir bei Tisch Gesellschaft zu leisten, so oft niemand bei mir speist; denn wenn ich allein bin, esse ich wie ein Oger, und darunter leidet meine Gesundheit; wenn Sie sich nicht geneigt fühlen, mir dieses Vergnügen zu machen, werden Sie mir verzeihen, Sie darum gebeten zu haben; selbst wenn Sie sich weigern, werden die Vorteile, die ich Ihnen in meinem Hause verschafft habe, sich nicht vermindern.« »Ich werde die Ehre haben, mein Herr, mit Ihnen zu speisen, so oft Sie allein sind und mir Bescheid sagen lassen. Es tut mir nur leid, daß ich nicht sicher bin, ob meine Gesellschaft Ihnen nützlich sein und Sie erheitern kann.« »Ich bin Ihnen sehr dankbar, Madame, und verspreche Ihnen, daß Ihre Gefälligkeit Sie niemals gereuen soll. Ich werde mir alle Mühe geben, Sie aufzuheitern, und werde glücklich sein, wenn mir das gelingt; denn Sie haben mir die lebhafteste Teilnahme eingeflößt. Um ein Uhr essen wir zu Mittag.« Ich setzte mich nicht, sah mir nicht ihre Bücher an und fragte sie nicht einmal, ob sie gut geschlafen habe. Ich bemerkte nur soviel, daß sie bei meinem Eintritt blaß und sorgenvoll aussah, und daß ihre Wangen scharlachrot waren, als ich hinausging. Ich machte hierauf einen Spaziergang im Park. Ich war bereits in das reizende Mädchen heftig verliebt und war fest entschlossen, alles aufzubieten, damit sie mich lieben mußte; denn ich wollte ihrer Gefälligkeit nichts zu verdanken haben. Ich war außerordentlich neugierig, wer sie wohl sein möchte. Ich vermutete in ihr eine Italienerin; aber ich nahm mir vor, sie durch keine Frage zu belästigen, denn ich fürchtete, ihr dadurch zu mißfallen. Dieser Gedanke war etwas romantisch; aber er paßte zu dem überspannten Gefühl, das man Liebe nennt. Als ich wieder zu Hause war, kam Pauline hinunter, ohne daß ich sie hatte bitten lassen. Die Aufmerksamkeit gefiel mir außerordentlich, denn ich sah darin ein gutes Vorzeichen. Ich dankte ihr deshalb lebhaft dafür. Da wir noch eine halbe Stunde vor uns hatten, fragte ich sie, ob sie mit ihrer Gesundheit zufrieden sei. »Die Natur«, antwortete sie mir, »hat mich mit einer so glücklichen Leibesbeschaffenheit begabt, daß ich nie in meinem Leben auch nur im geringsten unwohl gewesen bin, außer auf dem Meere; denn dieses Element ist mir feindlich gesinnt.« »Sie sind also über das Meer gereist?« »Das mußte ich wohl, um nach England zu gelangen.« »Ich konnte vielleicht annehmen, daß Sie Engländerin seien.« »Das ist wohl möglich; denn die englische Sprache ist mir seit meiner zartesten Kindheit vertraut.« Wir saßen auf einem Sofa. Auf dem Tische vor uns stand ein Schachspiel. Pauline schob die Figuren hin und her; das veranlaßte mich zu der Frage, ob sie Schach spielen könne. »Ja; man hat mir sogar gesagt, ich spiele gut.« »Ich spiele schlecht; aber lassen Sie uns eine Partie machen. Meine Niederlagen werden Ihnen Spaß bereiten.« Wir beginnen. Pauline zieht an, und mit dem vierten Zuge bin ich schach und matt. Sie lacht; ich bewundere sie. Wir fangen wieder an: beim fünften Zuge bin ich wieder matt. Hierüber lacht meine liebenswürdige Besucherin von ganzem Herzen. Während dieses Lachens berausche ich mich vor Liebe, als ich ihre herrlichen Zähne und ihre entzückende Aufregung sehe, besonders aber als ich bemerkte, welch einen innigen Ausdruck von Glück die Heiterkeit ihr verleiht. Wir beginnen die dritte Partie; Pauline ist unaufmerksam, und ich bringe sie in Verlegenheit. »Ich glaube,« ruft sie, »Sie können mich besiegen!« »Welch ein Glück wäre das für mich!« Man meldet uns, daß das Essen angerichtet sei. »Unterbrechungen sind oft lästig«, sagte ich zu ihr, indem ich aufstand und ihr meinen Arm bot. Ich war fest überzeugt, daß die Bedeutung der letzten Worte ihr nicht entgangen war; denn die Frauen lassen eine Anspielung niemals unbemerkt. Als wir uns eben zu Tisch gefetzt hatten, meldete Clairmont mir die kleine Cornelis mit Frau Rancour. »Sagen Sie ihnen, ich sei beim Essen und werde nicht vor drei Stunden fertig sein.« Als Clairmont hinausging, um meine Antwort zu überbringen, schlüpfte die kleine Sophie ins Zimmer, lief auf mich zu und warf sich vor mir auf die Knie. Dann weinte sie so heftig, daß sie vor Schluchzen nicht sprechen konnte. Ganz gerührt von diesem Anblick, beeile ich mich sie aufzuheben; ich setze sie auf meine Knie, trockne ihre Tränen und beruhige sie, indem ich ihr sage: ich wisse schon, was sie wünsche, und wolle aus Liebe zu ihr ihren Wunsch erfüllen. Plötzlich von der Verzweiflung zur Freude übergehend, umarmt das liebe Kind mich und nennt mich ihren lieben Vater, so daß ich schließlich ebenfalls zu weinen anfange. »Iß mit uns, liebes Kind; das wird es mir leichter machen, dir deinen Wunsch zu erfüllen.« Sophie entwand sich meinen Armen und lief zu Paulinen, die ebenfalls aus Sympathie mitweinte. Dann begannen wir voller Glück zu essen. Sophie sagte zu mir: »Bitte, lassen Sie doch auch der Rancour etwas zu essen geben. Mama hat ihr verboten, mit hinaufzukommen.« »Es soll nach deinem Wunsche geschehen, liebes Kind – aber nur dir zuliebe; denn diese Rancoul verdiente wohl, daß ich sie vor der Türe stehen ließe, um sie für die Rücksichtslosigkeit zu bestrafen, womit sie mich bei meiner Ankunft behandelte.« Während der ganzen Mahlzeit unterhielt das Kind uns auf eine erstaunliche Weise. Pauline war ganz Ohr und sagte kein Wort vor lauter Erstaunen, ein solches Kind mit einem Verstande sprechen zu hören, den man an einem Mädchen von zwanzig Jahren bewundert haben würde. Ohne jemals die Schranken der Ehrfurcht zu überschreiten, verdammte sie das Betragen ihrer Mutter. »Wie unglücklich bin ich,« rief sie, »daß meine Pflicht mich zwingt, mich ihr zu fügen und blindlings ihrem Willen zu gehorchen!« »Ich möchte wetten, du liebst sie nicht?« »Ich achte sie, aber ich kann sie nicht lieben; denn sie macht mir immer Angst. Ich sehe sie niemals ohne Furcht.« »Warum weintest du denn so?« »Aus Mitleid mit ihr und unserer ganzen Familie, besonders aber wegen der Worte, die sie mir sagte, als sie mir befahl, zu Ihnen zu gehen.« »Was waren das für Worte?« »Geh!« sagte sie mir. »Wirf dich vor ihm auf die Knie! Nur du kannst ihn rühren, und ich setze meine ganze Hoffnung nur auf dich allein!« »Du hast dich also nur darum auf die Knie geworfen, weil sie es dir gesagt hat?« »Ja! Denn wenn ich meinem eigenen Antriebe gefolgt wäre, hätte ich mich in Ihre Arme geworfen.« »Du hast recht. Aber warst du sicher, daß du mich überreden würdest?« »Nein; denn sicher ist man überhaupt niemals. Aber ich hoffte es; denn ich erinnerte mich der Worte, die Sie zu mir im Haag sagten. Meine Mutter sagt, ich sei damals erst drei Jahre alt gewesen; ich weiß jedoch, daß ich schon fünf Jahre alt war. Sie hatte mir auch befohlen, mit Ihnen zu sprechen, ohne Sie anzusehen. Zum Glück wußten Sie sie zu nötigen, ihr Verbot zu widerrufen. Alle Leute sagen zu ihr, Sie seien mein Vater, und im Haag hat sie selber mir dies gesagt. Hier aber wiederholt sie mir fortwährend, ich sei die Tochter des Herrn de Montpernis.« »Aber, liebe Sophie, deine Mutter schadet dir, indem sie dich für eine natürliche Tochter ausgibt, während du doch die rechtmäßige Tochter des Tänzers Pompeati bist, der sich in Wien selber tötete. Er lebte aber noch, als du zur Welt kamst.« »Wenn ich Pompeatis Tochter bin, sind Sie also nicht mein Vater?« »Nein, ganz gewiß nicht, denn du kannst doch nicht die Tochter zweier Väter sein.« »Aber wie kommt es denn, daß ich Ihnen sprechend ähnlich sehe?« »Das ist ein Spiel des Zufalls.« »Sie rauben mir eine Illusion, die mir Freude machte.« Auf Paulinen machte Sophiens Beredsamkeit großen Eindruck; sie sagte beinahe kein Wort, aber sie bedeckte sie mit Küssen, die die Kleine ihr reichlich zurückgab. Diese fragte mich, ob Madame meine Gemahlin sei; als ich diese Frage bejahte, nannte sie sie ihre liebe Mama, worüber Pauline herzlich lachte. Beim Nachtisch zog ich vier Banknoten von je fünfzig Pfund Sterling aus meiner Brieftasche, gab sie Sophien und sagte ihr, sie könne sie ihrer Mutter schenken; aber ich gäbe sie ihr und nicht ihrer Mutter. »Wenn du ihr das Geschenk bringst, liebe Tocbter, kann deine Mutter heute abend in ihrem schönen Hause schlafen, wo sie mich so unwürdig empfangen hat.« »Es tut mir leid; aber verzeihen Sie ihr!« »Ja, Sophie, das will ich; aber ich tue es nur dir zuliebe.« »Schreiben Sie ihr, daß Sie mir die zweihundert Pfund schenken; denn ich wage es nicht, ihr dies selber zu sagen.« »Du fühlst wohl, mein Kind, daß ich ihr das nicht schreiben kann; denn ich würde damit ihren Schmerz beleidigen. Begreifst du das?« »Oh, vollkommen!« »Du kannst ihr sagen, sie werde mir ein großes Vergnügen bereiten, so oft sie dich mittags oder abends schicke, um mit mir zu essen.« »Oh! Das können Sie ihr aber doch schreiben, ohne ihren Schmerz zu kränken, nicht wahr? Oh, tun Sie es doch bitte. Meine liebe Mama,« – dabei sah sie Pauline an – »bitten Sie doch meinen Papa, das zu schreiben; dann werde ich manchmal mit Ihnen speisen.« Pauline lachte herzlich, nannte mich ihren Mann und bat mich, ich möchte doch ein paar Worte auf einen Zettel schreiben. Daran würde die Mutter erkennen, daß ich Sophie lieb hätte, und das würde nur die Liebe vermehren, die sie zu einer solchen Tochter hegen müßte. Ich gab nach, indem ich ihr sagte, ich könne der anbetungswürdigen Frau, die mich mit dem Namen ihres Mannes geehrt hätte, keinen Wunsch abschlagen. Sophie entfernte sich glückstrahlend, nachdem sie uns viele zärtliche Küsse gegeben hatte. »Ich habe seit langer Zeit nicht soviel gelacht« sagte Pauline zu mir, »und ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so angenehm gespeist. Diese Kleine ist ein kostbares Juwel. Das arme Kind fühlt sich unglücklich! Sie wäre es nicht, wenn ich ihre Mutter wäre.« Hierauf erzählte ich ihr im Vertrauen, wer Sophie war und welche Gründe ich hatte, ihre Mutter zu verachten. »Ich möchte lachen, wenn ich daran denke, was sie sagen wird, wenn Sophie ihr erzählt, sie habe Sie mit Ihrer Frau bei Tisch gefunden.« »Sie wird es nicht glauben; denn sie weiß, daß die Heirat ein Sakrament ist, das ich verabscheue.« »Warum?« »Weil sie das Grab der Liebe ist.« »Nicht immer.« Pauline seufzte, schlug ihre schönen Augen nieder und sprach von etwas anderem. Sie fragte mich, ob ich mich lange in London aufzuhalten gedächte. Ich antwortete ihr, ich werde wahrscheinlich neun oder zehn Monate hier verbringen; hierauf glaubte ich, an sie dieselbe Frage stellen zu dürfen. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie mir; »denn meine Rückkehr in die Heimat hängt von einem Briefe ab.« »Dürfte ich Sie fragen, was Ihre Heimat ist?« »Ich sehe voraus, daß ich vor Ihnen keine Geheimnisse haben werde, wenn Ihnen etwas daran liegen sollte, diese kennen zu lernen; aber lassen Sie bitte noch einige Tage vergehen. Ich habe erst heute begonnen, Sie näher kennen zu lernen, und zwar auf eine Art, die Sie in meinen Augen sehr achtungswert macht.« »Ich werde glücklich sein, wenn ich Ihren Beifall gewinnen und Sie in der guten Meinung bestärken kann, die Sie von meinem Charakter gefaßt haben.« »Sie haben sich bis jetzt von einer Seite gezeigt, die meine höchste Ehrfurcht verdient.« »Schenken Sie mir Ihre Achtung; auf diese lege ich den größten Wert; aber verschonen Sie mich mit Ihrer Ehrfurcht, denn diese schließt, wie mir scheint, die Freundschaft aus. Ich strebe aber nach Ihrer Freundschaft, und ich glaube, Sie darauf aufmerksam machen zu müssen, daß ich Ihnen alle möglichen Fallen stellen werde, um diese Freundschaft zu gewinnen.« »Ich glaube, Sie sind sehr geschickt in solcher Jagd; aber ich halte Sie auch für großmütig und bin überzeugt, daß Sie mich schonen werden. Sollte ich eine zu innige Freundschaft für Sie fassen, so würde die Trennung zu schmerzlich für mich sein; diese Trennung kann aber jeden Augenblick eintreten – ich muß das sogar wünschen.« Unsere Unterhaltung wurde gefühlvoll. Pauline brachte daher mit jener Gewandtheit, die der Verkehr in der vornehmen Welt verleiht, das Gespräch auf gleichgültige Dinge. Nach einiger Zeit bat sie mich um Erlaubnis, auf ihr Zimmer gehen zu dürfen. Ich hätte gern den ganzen Tag mit ihr verbracht; denn ich hatte selten ein Weib gefunden, das so liebenswürdige und zugleich so vornehme Manieren hatte. Als ich allein war, verspürte ich ein gewisses Gefühl von Leere. Ich ging daher zur Binetti, die mich mit der Frage empfing, wie es dem Lord Pembroke gehe. Sie war ärgerlich auf ihn. »Er ist ein abscheulicher Mensch!« rief sie, »er braucht jeden Tag eine neue Frau. Wie findest du das?« »Ich beneide ihn, daß er so glücklich ist, sich das verschaffen zu können.« »Er kann es, weil die Weiber dumm sind. Mich hat er angeführt, weil er mich bei dir überrumpelt hat; sonst würde er mich niemals gehabt haben. Du lachst?« »Ja, ich lache. Denn wenn er dich gehabt hat, so hast du ihn ebenfalls gehabt. Also seid ihr quitt.« »Du weißt nicht, was du sagst.« Um acht Uhr kam ich nach Hause. Pauline kam herunter, sobald sie erfuhr, daß ich da sei; denn Fanny hatte ihr auf ihren Befehl meine Rückkunft mitgeteilt. Ich glaubte in diesem Benehmen die Absicht zu sehen, mich durch Aufmerksamkeiten zu fesseln, und da ich dieselben Gefühle hegte, die ich gerne bei ihr vorausgesetzt hätte, so konnte es nicht lange dauern, bis wir zu einer Verständigung gelangten. Das Abendessen wurde aufgetragen; wir setzten uns zu Tisch und blieben bis Mitternacht sitzen. Wir plauderten über allerlei Nichtigkeiten, aber so angenehm, daß die Stunden uns verstrichen, ohne daß wir es merkten. Zum Schluß wünschte sie mir gute Nacht und sagte mir, sie vergesse über meiner Unterhaltung zu sehr ihr Unglück. Am nächsten Tage lud Pembroke sich bei mir zum Frühstück ein und beglückwünschte mich zum Verschwinden meines Aushängezettels. »Ich wäre recht neugierig, Ihre Mieterin kennen zu lernen.« »Ich glaube es, Mylord; aber im Augenblick kann ich Ihre Neugierde nicht befriedigen; denn sie hat einsiedlerische Neigungen und duldet mich nur aus Notwendigkeit.« Er sprach nicht mehr davon, und um seine Gedanken von diesem Gegenstande abzulenken, sagte ich ihm, die Binetti verabscheue seine Unbeständigkeit, und dies spreche zu seinen Gunsten. Er lachte darüber, antwortete mir aber nicht, sondern fragte mich: »Speisen Sie heute zu Hause?« »Nein, Mylord, heute nicht.« »Ich verstehe; das ist auch ganz natürlich. Leben Sie wohl; machen Sie die Sache gut!« »Ich arbeite daran.« Martinelli hatte im Advertiser drei oder vier Parodien meiner Anzeige gefunden. Er brachte mir die Zeitung, und ich mußte lachen, als er sie mir übersetzte; es waren aber weiter nichts als Übertreibungen, die darauf berechnet waren, das Publikum zum Lachen zu bringen und eine Spalte der Zeitung zu füllen. Die Artikel waren durchweg unanständig; dies war kein Wunder; denn in London wird mit dem Recht, alles sagen zu dürfen, ein großer Mißbrauch getrieben. Martinelli war zu vorsichtig und zu zartfühlend, um überhaupt von meiner Mieterin zu sprechen. Da Sonntag war, bat ich ihn, mit mir zur Messe beim bayrischen Gesandten zu gehen; es geschah, das gestehe ich hier in aller Demut, nicht aus Frömmigkeit, sondern in der Hoffnung, Pauline zu sehen. Meine Erwartung wurde betrogen; denn sie hatte sich, wie ich später erfuhr, in einen Winkel gesetzt, wo niemand sie beobachten konnte. Die Kapelle war voll von Menschen, und Martinelli zeigte mir Lords, Ladies und andere hervorragende Persönlichkeiten, die katholisch waren und dieses nicht verbargen. Im Augenblick, wo ich nach Hause kam, übergab ein Bedienter der Cornelis mir einen Brief von dieser Dame. Sie schrieb mir: da sie am Sonntag frei ausgehen könne, wünsche sie, daß ich ihr erlauben möge, bei mir zu speisen. Ich ging sofort zu Pauline hinauf und fragte sie, ob sie etwas dagegen einzuwenden habe, wenn die Cornelis mit uns esse. Das liebenswürdige Mädchen antwortete mir, sie würde gerne mit ihr speisen, vorausgesetzt, daß sie keinen Mann mitbrächte. Ich ließ ihr daher sagen, ich würde sie mit Vergnügen empfangen, wenn sie mit meiner Tochter käme. Sie kam, und Sophie ging nicht einen Augenblick von meiner Seite. Die Cornelis fühlte sich durch Paulinens Gegenwart verlegen; sie nahm mich daher auf die Seite, um mir mehrere chimärische Pläne mitzuteilen, die sie in kurzer Zeit reich machen müßten. Meine kleine Sophie war die Seele unserer Mahlzeit. Als ich aber der Cornelis sagte, Pauline sei eine ausländische Dame, an die ich eine Wohnung vermietet habe, rief Sophie: »Sie ist also nicht Ihre Frau?« »Nein, so glücklich bin ich nicht. Ich habe es nur zum Scherz gesagt, und Madame hat sich über deine Leichtgläubigkeit belustigt.« »Wißt ihr was, ich will bei ihr schlafen.« »So? Wann denn.« »Sobald Mama es mir erlaubt.« »Man müßte doch erst sehen, ob Madame damit einverstanden wäre.« »Sie hat keine abschlägige Antwort zu befürchten«, rief Pauline, indem sie sie umarmte. »Nun, Madame, ich lasse sie Ihnen mit Vergnügen hier; ich werde sie morgen von der Gouvernante abholen lassen.« »Es genügt,« sagte ich, »wenn sie morgen um drei Uhr kommt, denn Sophie muß erst mit uns zu Mittag essen.« Als Sophie sah, daß ihre Mutter stillschweigend zustimmte, eilte sie zu dieser und gab ihr Küsse, die diese sich kalt gefallen ließ. Sie kannte nicht das Glück, sich lieben zu lassen. Als die Mutter fort war, fragte ich Pauline, ob es ihr recht sei, mit der Kleinen und mir eine Spazierfahrt in der Umgegend von London zu machen, wo kein Mensch uns sehen werde. »Ich darf aus Vorsicht nur allein ausgehen.« »So werden wir also hier bleiben?« »Ja; wir könnten auch nirgend besser aufgehoben sein.« Pauline und Sophie sangen englische, italienische, französische Duette, und ich fand dieses Konzert entzückend. Fröhlich aßen wir zu Abend, und gegen Mitternacht führte ich sie in das dritte Stockwerk hinauf, wo ich zu Sophie sagte, ich würde am Morgen hinaufkommen und mit ihr frühstücken, aber ich wollte sie im Bett finden. Ich hegte den Wunsch, zu sehen, ob ihr Körper ebenso schön sei wie ihr Gesicht. Gerne hätte ich Pauline gebeten, mir dieselbe Gunst zu gewähren, aber ich war noch nicht weit genug vorgeschritten, um mir eine solche Kühnheit erlauben zu können. Ich fand sie denn auch am anderen Morgen bereits aufgestanden und in einem sehr anständigen Morgen- kleide. Als sie mich sah, fing Sophie zu lachen an und versteckte sich unter der Bettdecke; als sie mich aber an ihrer Seite fühlte, zeigte sie mir ihr hübsches Gcsichtchen, das ich mit Küssen bedeckte. Nachdem sie aufgestanden war, frühstückten wir sehr heiter; hierauf vertrieben wir uns auf das angenehmste die Zeit, bis die Rancour kam, um die Kleine abzuholen. Diese ging traurig mit ihr fort, und ich blieb allein mit meiner großen Pauline, die mich dermaßen zu quälen begann, daß es jeden Augenblick zu einem Ausbruch meiner Leidenschaft kommen konnte; trotzdem hatte ich ihr noch nicht einmal die Hand geküßt. Als Sophie fortgegangen war, bat ich sie, sich neben mich zu setzen, ergriff ihre Hand, küßte sie leidenschaftlich und fragte: »Sind Sie verheiratet, liebe Pauline?« »Kennen Sie die Mutterliebe?« »Nein. Aber es bedarf für mich keiner großen Anstrengung, um mir eine richtige Vorstellung von ihr zu machen.« »Sind Sie von Ihrem Gatten getrennt?« »Ja, durch die Gewalt der Umstände und gegen unseren Willen. Man hat uns getrennt, bevor wir die Ehe vollzogen hatten.« »Ist er in London?« »Nein, er ist sehr weit von hier; aber bitte, lassen Sie uns nicht mehr davon sprechen.« »Sagen Sie mir nur noch: werden Sie alsdann zu ihm gehen, wenn ich Sie einmal verlieren muß?« »Ja, und ich verspreche Ihnen: wenn Sie mich nicht etwa fortschicken, werde ich nur von Ihnen gehen, um England zu verlassen; ich werde aber diese glückliche Insel nur verlassen, um mit dem Gatten meiner Wahl glücklich zu sein.« »Reizende Pauline! Ich werde unglücklich hier zurückbleiben; denn ich liebe Sie, und ich fürchte Ihnen zu mißfallen, wenn ich Ihnen Beweise meiner Liebe gäbe.« »Seien Sie großmütig, mäßigen Sie sich! Ich bin nicht meine eigene Herrin, um mich der Liebe hingeben zu können, und vielleicht würde ich nicht die Kraft haben, Ihnen Widerstand zu leisten, wenn Sie meiner nicht schonten.« »Ich werde Ihnen gehorchen, aber ich werde vor Sehnsucht vergehen; doch wie könnte ich wohl unglücklich sein, wenn ich nicht das Unglück habe, Ihnen zu mißfallen.« »Ich habe Pflichten zu erfüllen, lieber Freund, und ich würde mich verächtlich machen, wenn ich diese verletzte.« »Ich würde mich für den unwürdigsten aller Menschen halten, wenn ich meine Achtung einer Frau versagen könnte, weil sie mich glücklich gemacht hätte, indem sie einer ihr von mir eingeflößten Neigung nachgegeben hätte.« »Ich habe allerdings zu große Achtung vor Ihnen, um Sie einer solchen Handlung fähig zu glauben; aber mäßigen wir uns und denken wir daran, daß wir schon morgen uns genötigt sehen können, uns zu trennen; gestehen Sie: wenn wir den Begierden der Liebe nachgäben, würde unsere Trennung viel bitterer sein, als wenn wir ihnen Widerstand leisten. Wenn Sie das nicht zugeben, ist Ihre Liebe von anderer Natur als die meinige.« »Von welcher Natur ist denn die Liebe, die ich das Glück gehabt habe Ihnen einzuflößen?« »Sie ist von solcher Art, daß der Genuß sie nur steigern könnte; trotzdem scheint dieser mir nur eine fast überflüssige Zugabe zu meiner Liebe zu sein.« »Welches ist denn nach Ihrer Meinung das wesentliche Gefühl jeder Liebe?« »Daß man in einer durch nichts zu störenden Eintracht beisammen lebt.« »Dies ist ein Glück, das uns vom Morgen bis zum Abend beschert ist; aber warum sollten wir nicht jenes Zubehör hinzufügen, das uns nur wenige Augenblicke beschäftigen und das unseren liebenden Herzen die Ruhe und den Frieden geben wird, den wir bedürfe»? Außerdem, göttliche Pauline, werden Sie zugeben, daß dieses Zubehör der eigentlichen Liebe als Nahrung dient.« »Ich gebe es zu; aber geben auch Sie Ihrerseits zu, daß diese Nahrung ihr fast immer tödlich wird.« »Dies ist, glaube ich, nicht der Fall, wenn man wirklich liebt; und dies gilt von mir. Können Sie glauben. Sie werden mich weniger lieben, wenn Sie mich mit der vollen Glut der Zärtlichkeit besessen haben?« »Nein, das glaube ich nicht; und weil ich vom Gegenteil überzeugt bin, gerade deshalb fürchte ich, der Augenblick der Trennung würde mich zur Verzweiflung bringen.« »Ich muß vor Ihrer unwiderstehlichen Dialektik die Segel streichen, reizende Pauline. Ich möchte wohl sehen, womit Sie Ihren erhabenen Geist nähren; ich möchte also Ihre Bücher sehen. Sollen wir hinaufgehen? Ich werde nicht ausgehen.« »Mit Vergnügen; aber Sie werden angeführt sein.« »Auf welche Weise denn?« »Kommen Sie nur!« Wir gehen in ihr Zimmer, ich sehe mir ihre Bücher an und finde lauter portugiesische, mit Ausnahme des Milton in englischer, des Ariosto in italienischer und der Charaktere des Labruyère in französischer Sprache. »Dies alles, meine liebe Pauline, gibt mir einen sehr hohen Begriff von Ihnen; aber woher diese Vorliebe für Camoens und alle diese anderen Portugiesen?« »Aus einem sehr natürlichen Grunde: Ich bin Portugiesin.« »Sie Portugiesin? Ich habe Sie für eine Italienerin gehalten. In Ihrem jugendlichen Alter sprechen Sie fünf Sprachen – denn Sie müssen auch spanisch können.« »Allerdings, obgleich das nicht durchaus notwendig ist.« »Welche Erziehung!« »Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, aber ich beherrschte diese Sprachen schon mit achtzehn.« »Sagen Sie mir, wer Sie sind! Sagen Sie mir alles! Ich verdiene Ihr Vertrauen.« »Ich glaube es, und ich werde es Ihnen beweisen, indem ich mich Ihnen ohne Furcht und ohne Rückhalt anvertraue; denn da Sie mich lieben, so können Sie mir nur wohlwollen.« »Und was bedeuten alle diese beschriebenen Blätter?« »Meine Geschichte, die ich hier niedergeschrieben habe. Setzen wir uns!« Elftes Kapitel Paulinens Geschichte. – Mein Glück. – Ihre Abreise. Ich bin die einzige Tochter des unglücklichen Grafen X...., den Carvalho Oeiras nach dem den Jesuiten zugeschobenen Anschlag auf das Leben des Königs im Gefängnis sterben ließ. Ich weiß nicht, ob mein Vater schuldig, oder ob er ein unschuldiges Opfer einer Privatrache war; aber soviel weiß ich, daß der tyrannische Minister es nicht gewagt hat, ihm den Prozeß zu machen oder sein Vermögen zu konfiszieren; ich bin daher im Besitz desselben, kann aber Einkünfte davon nur beziehen, wenn ich wieder in meine Heimat zurückkehre. Meine Mutter ließ mich in einem Kloster erziehen, dessen Äbtissin ihre Schwester war; diese hielt mir alle möglichen Lehrer, unter anderen auch einen gelehrten Italiener aus Livorno, der mich in sechs Jahren alles lehrte, was ich nach seiner Ansicht wissen durfte. Ich fand ihn stets bereit, meine Fragen zu beantworten, soweit sie nicht die Religion betrafen; aber ich muß gestehen, daß seine Zurückhaltung in dieser Hinsicht mir durchaus nicht mißfiel, sondern im Gegenteil ihn mir noch lieber machte, denn er ließ es sich angelegen sein, mein Urteil zu bilden, und gab meinem Geist Nahrung, indem er mich lehrte, selber nachzudenken und zu urteilen. Als ich achtzehn Jahre alt war, nahm mein Großvater mich aus dem Kloster, obgleich ich erklärt hatte, ich würde mit Vergnügen solange bleiben, bis sich die Gelegenheit böte, mich zu verheiraten. Ich hing mit zärtlicher Liebe an meiner Tante, die seit dem Tode meiner guten Mutter alles aufbot, um mir den doppelten Verlust, den ich erlitten hatte, weniger schmerzlich zu machen. Mein Austritt aus dem Kloster war für mein ganzes Leben entscheidend, und da er nicht auf meinen Willen erfolgt war, so habe ich ihn nicht zu bereuen gehabt. Mein Großvater brachte mich zu seiner Schwägerin, der Marchesa X.... mo, die mir die Hälfte ihres Palastes einräumte. Man gab mir auch eine Hausdame, eine Gesellschafterin, Kammerzofen, Pagen und Bediente, die alle unter dem unmittelbaren und ausschließlichen Befehl der Hausdame standen, einer Adeligen, die zum Glück eine rechtliche und sehr gute Frau war. Ein Jahr nach meinem Eintritt in die Welt kam mein Großvater zu mir und sagte mir in Gegenwart meiner Hausdame, Graf Fl.... bewerbe sich um mich für seinen Sohn, der an demselben Tage aus Madrid eintreffen solle. »Was haben Sie ihm geantwortet, mein lieber Papa?« »Daß diese Heirat dem ganzen Adel nur angenehm sein könne und gewiß die Billigung des Königs und der ganzen königlichen Familie finden werde.« »Aber, lieber Großpapa, weiß man denn auch gewiß, daß ich dem Grafen gefalle, und andererseits, daß ich ihn nach meinem Geschmack finde?« »Daran zweifelt man nicht, liebes Kind, und braucht sich also nicht damit zu beschäftigen.« »Aber ich, Großpapa, kann wohl daran zweifeln, und in meinem Interesse liegt es, daran zu denken. Wir werden also sehen.« »Ihr werdet euch vor dem Abschluß der Heirat sehen, aber an dem Zustandekommen der Vermählung kann dies nichts mehr ändern.« »Ich wünsche es, ich hoffe es sogar, lieber Großpapa; aber wir wollen es nicht verschwören, sondern abwarten.« Als mein Großvater fortgegangen war, sagte ich meiner Hausdame, ich sei fest entschlossen, meine Hand nur dem Manne zu geben, dem ich mein Herz schenken würde; und das würde ich nur tun, nachdem ich den Charakter des Betreffenden geprüft hätte und zu der Überzeugung gekommen wäre, daß er mich glücklich machen könnte. Meine Hausdame antwortete mir nicht, und als ich sie bestimmte, mir ihre Meinung zu sagen, antwortete sie mir, in einer so zarten Angelegenheit müsse sie sich Schweigen zur Pflicht machen. Dies sagte mir klar und deutlich, daß sie meine Ansicht billigte, oder wenigstens glaubte ich dies. Gleich am nächsten Tage suchte ich meine Tante, die Äbtissin, auf. Sie hörte mich mit gütiger Teilnahme an und sagte mir dann, es sei zu wünschen, daß der Graf mir gefalle und daß ich seine Eroberung mache. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, so würde die Heirat wahrscheinlich doch zustande kommen; denn sie glaube zu wissen, daß dieser Plan von der Prinzessin von Brasilien herrühre, die den Grafen Fl. begünstige. Obgleich diese Nachricht mich sehr betrübte, war es mir doch lieb, daß ich sie erfahren hatte; sie bestärkte mich nur in meinem Entschluß, mich nur zu verheiraten, wenn die Partie nach meinem eigenen Wunsch wäre. Nach vierzehn Tagen kam Graf Fl. mit seinem Vater. Mein Großvater stellte ihn mir vor; mehrere Damen waren dabei zugegen. Vom Heiraten war nicht die Rede, aber man ließ den jungen Herrn viel von fremden Ländern und von den Sitten und Gebräuchen anderer Völker erzählen. Ich hörte alles mit der größten Aufmerksamkeit an und tat selber fast nicht ein einziges Mal den Mund auf. Da ich wenig Welterfahrung, besaß, konnte ich über den Bewerber nicht durch Vergleichung urteilen; aber es schien mir unmöglich zu sein, daß er wirklich Ansprüche darauf machte, einer Frau zu gefallen, und daß ich ihm jemals angehören könnte. Er war ein anmaßender Spötter, ein schlechter Spaßmacher, albern, dumm und fromm bis zum Aberglauben und Fanatismus, Außerdem – und das ist in dem Auge jedes Weibes wichtig – war er häßlich, schlecht gewachsen und dermaßen eitel, daß er sich nicht schämte, in spöttischer und verächtlicher Weise von mehreren galanten Abenteuern zu erzählen, die er in Frankreich und Italien gehabt haben wollte. Voller Hoffnung, ihm nicht gefallen zu haben, ging ich nach Hause; denn ich hatte mich nicht liebenswürdig gegen ihn gezeigt; ein achttägiges Schweigen bestärkte mich in dieser angenehmen Meinung. Aber meine Täuschung wurde mir gar bald genommen. Meine Großtante lud mich zum Essen ein; ich fand den Dummkopf und dessen Vater anwesend, und mein Großvater stellte mir den Sohn als meinen künftigen Gatten vor und bat mich, den Tag festzusetzen, um den Heiratevertrag zu unterschreiben. Da ich entschlossen war, lieber mein Todeseurteil zu unterzeichnen, so antwortete ich ziemlich höflich, aber in sehr lautem und festem Ton: ich würde den Tag bestimmen, wenn ich mich entschlossen hätte, mich zu verheiraten; aber dazu wäre Zeit nötig. Beim Essen ging es sehr still her; ich öffnete den Mund nur zu einsilbigen Antworten, wenn ich durchaus nicht umhin konnte, auf unmittelbare Fragen zu erwidern, die von den anderen Gästen, außer dem mir ekelhaften Dummkopf, an mich gerichtet wurden. Nach dem Kaffee entfernte ich mich, indem ich nur meine Tante und meinen Großvater grüßte. Abermals verflossen mehrere Tage, ohne daß ich jemanden sah, und ich begann schon zu hoffen, daß ich den jungen Herrn von jeder weiteren Bewerbung um meine Person abgeschreckt hätte; da ließ meine Hausdame mir sagen, Vater Freire sei im Vorzimmer und wünsche mit mir zu sprechen. Ich ließ ihn eintreten; er war der Beichtvater der Prinzessin von Brasilien, und nach einigen einleitenden Redensarten sagte er mir, die Prinzessin habe ihn beauftragt, mir zu meiner bevorstehenden Heirat mit dem Grafen Fl. Glück zu wünschen. Ohne mir irgendwelche Überraschung anmerken zu lassen, antwortete ich ihm, ich sei für die Güte Ihrer Königlichen Hoheit gebührend dankbar; aber es sei noch nicht fest entschieden, denn ich denke noch nicht daran, mich zu verheiraten. Der Priester war ein feiner Höfling; er sagte mir mit einem halb gütigen, halb spöttischen Lächeln, ich habe das Glück, mich in dem schönen Alter zu befinden, wo ich an nichts zu denken brauche, da ich diese Sorge meinen mich liebenden Verwandten überlassen könne. Meine Entscheidung sei also eine reine Formsache, die sich in einem Augenblick erledigen lasse. Ich antwortete ihm nur durch ein ungläubiges Lächeln, das er trotz seiner Mönchsschlauheit für Verlegenheit eines jungen Mädchens halten konnte. Da ich voraussah, daß man mich hartnäckig verfolgen würde, fuhr ich gleich am nächsten Tags mit meiner Hausdame zu meiner Tante, der Äbtissin, die mir in meiner Verlegenheit einen Rat nicht verweigern konnte. Dieser Rat sollte jedoch nur die äußeren Formen betreffen, denn ich erklärte ihr von Anfang an meinen festen Entschluß, lieber zu sterben, als jemals meine Einwilligung zur Heirat mit einem mir widerwärtigen Menschen zu geben. Die gute Nonne antwortete mir, man habe ihr den Grafen vorgestellt; sie habe ihn allerdings ebenfalls unleidlich gefunden, befürchte aber doch, man werde Mittel finden, mich trotz meinem Widerwillen zu dieser Vereinigung zu zwingen. Diese Antwort machte auf mich einen solchen Eindruck, daß es mir nicht möglich war, noch ein Wort über die Sache zu sagen; ich sprach daher bis zum Ende meines Besuches von allen möglichen anderen Dingen. Kaum aber war ich wieder zu Hause, so faßte ich, nur der Stimme meiner Verzweiflung folgend, und ohne einen Menschen zu Rate zu ziehen, den seltsamsten Entschluß: ich schloß mich in mein Zimmer ein und schrieb an den Henker meines unglücklichen Vaters, den unbarmherzigen Oeiras. Ich setzte ihm die ganze Angelegenheit auseinander und flehte ihn um seine Fürsprache beim König an. Ich schrieb ihm, er sei mir diese schuldig, denn er habe mich zur Waise gemacht und dadurch vor Gott die Verpflichtung auf sich genommen, mein Beschützer zu sein. Ich wünsche, daß er mich vor der Ungnade der Prinzessin von Brasilien beschütze, und daß man mir die Freiheit lasse, über meine Hand nur zugleich mit meinem Herzen zu verfügen. Ich setzte zwar bei Pombal keine Menschlichkeit voraus, aber ich konnte doch annehmen, daß auch er ein Menschenherz hätte, und daß ich dieses rühren könnte; übrigens glaubte ich durch meine feste und entschlossene Sprache seine Teilnahme zu erregen und durch meinen ungewöhnlichen Schritt seinem Stolz zu schmeicheln. Ich war überzeugt, daß er sich bemühen werde, mir Gerechtigkeit zu verschaffen, um mir zu beweisen, daß er gegen meinen Vater nicht ungerecht gewesen sei. Wie man sehen wird, täuschte ich mich nicht; obgleich ich noch ein ganz junges Mädchen war, Menschen und Welt nicht kannte, hatte mein Instinkt mir das richtige gesagt. Zwei Tage, nachdem ich meinen Brief durch einen Pagen hatte bestellen lassen, kam ein Abgesandter Pombals zu mir und ließ mich um die Ehre einer geheimen Unterredung bitten. Er sagte mir, Oeiras lasse mir vertraulich raten, ich solle allen denen, die mir zu dieser Heirat zureden würden, antworten: ich würde mich nicht eher entscheiden, als bis man mich davon überzeugt hätte, daß Ihre Königliche Hoheit die Prinzessin von Brasilien diese Heirat wünschte. Der Minister ließ mich um Entschuldigung bitten, daß er mir nicht schriftlich antworte; er habe zwingende Gründe, so zu handeln; aber ich könne mich auf ihn verlassen. Nachdem der Bote das gesagt hatte, machte er mir eine tiefe Verbeugung und entfernte sich, ohne mir Zeit zu einer Antwort zu lassen. Übrigens hatte mich, das muß ich gestehen, der Anblick dieses jungen Boten stumm gemacht. Ich kann den Eindruck nicht beschreiben, den er auf meinen Geist machte; aber ich muß sagen, daß er den größten Einfluß auf mein Verhalten geübt hat und ohne Zweifel auch auf mein ganzes übriges Leben üben wird. Die Botschaft des Ministers benahm mir alle Unruhe; denn er konnte in solcher Weise nie zu mir gesprochen haben, wenn er nicht die Gewißheit hatte, daß die Prinzessin sich nicht mehr um die Heirat bekümmern würde. Ich überließ mich nun völlig dem neuen Gefühl, das mich beherrschte. Aber so stark dies Gefühl auch war, es würde sich ohne Zweifel verwischt haben, wenn es nicht jeden Tag neue Nahrung erhalten hätte. Als ich fünf oder sechs Tage später dem jungen Boten in der Kirche begegnete, erkannte ich ihn kaum; von diesem Augenblick an jedoch traf ich ihn überall: auf der Promenade, im Theater, in den Häusern, wo ich Besuche machte. Wenn ich aus dem Wagen steigen oder wieder einsteigen wollte, stets war er da, um mir seine Hand zu reichen. Ich gewöhnte mich dermaßen daran, ihn zu sehen und an ihn zu denken, daß ich unruhig wurde, wenn ich ihn einmal nicht in der Kirche fand; ich verspürte dann eine Leere, die mich unglücklich machte. Fast alle Tage sah ich die Grafen Fl. bei meiner Großtante; da aber von einer Heirat zwischen uns nicht mehr die Rede war, so sah ich sie ohne Verdruß wie ohne Vergnügen. Ich hatte ihnen verziehen, aber ich war nicht glücklich. Das Bild des jungen Boten, dessen Name und Rang mir immer noch unbekannt waren, verfolgte mich ohne Unterlaß, und ich errötete über meine Gedanken, obgleich ich mir selber keine Rechenschaft darüber abzulegen wagte. In diesem Geisteszustand befand ich mich, als eines Morgens der Klang einer mir unbekannten Stimme mich in das Zimmer meiner Kammerjungfer lockte. Ich sah auf einem Tisch Spitzen ausgebreitet und trat heran, ohne auf ein junges Mädchen zu achten, das dabei stand und mir eine Verbeugung machte. Als ich nichts davon nach meinem Geschmack fand, sagte sie, sie werde am nächsten Tage eine neue Auswahl bringen. Ich warf einen Blick auf sie und sah zu meiner Überraschung vor mir das Gesicht des Jünglings, der Tag und Nacht meine Gedanken beschäftigte. Ich zweifelte jedoch, daß er es wirklich sei, und dachte, ich könne auch durch eine zufällige Ähnlichkeit getäuscht sein. Es beruhigte mich etwas, daß das Mädchen mir größer vorkam. Außerdem erschien eine solche Kühnheit mir doch unwahrscheinlich. Das Mädchen packte die Spitzen wieder zusammen und entfernte sich, ohne mir ins Gesicht zu sehen; dies vermehrte meinen Verdacht. »Kennen Sie dieses Mädchen?« fragte ich in gleichgültigem Ton meine Kammerjungfer. Sie antwortete mir: »Ich sehe sie heute zum ersten Mal.« Ich glaubte dies nicht, aber ich ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Fortwährend mußte ich an diese Ähnlichkeit denken, und da ich mir beinahe lächerlich vorkam, bemühte ich mich, diesen Gedanken zu verjagen, zugleich aber beschloß ich, mit dem Mädchen zu sprechen, wenn es wiederkommen sollte, und es zu entlarven, wenn mein Verdacht begründet wäre. Ich sagte mir, vielleicht sei sie eine Schwester des jungen Mannes, in den ich mich verliebt hätte; sie könne also wohl unschuldig sein, und wenn dies der Fall wäre, würde es mir vielleicht weniger schwer werden, von meiner Leidenschaft zu genesen. Ein junges Mädchen, das über Herzensangelegenheiten nachdenkt, legt einen großen Weg zurück, ohne es zu merken, besonders, wenn sie niemanden hat, dem sie sich anvertrauen kann, und der sie vor falschen Schritten zu bewahren vermag, zu denen sich so reiche Gelegenheit bietet. Die angebliche Modistin kam pünktlich mit einem Kasten voll Blonden und Spitzen. Unverzüglich ließ ich sie in mein Zimmer eintreten, sobald man sie mir meldete. Ich wollte sie nötigen, mich anzusehen, und redete sie daher an. Sofort bemerkte ich, daß ich unzweifelhaft das Wesen vor mir hatte, dem alle meine Gedanken gehörten, und das eine Macht über mich ausübte, die mich völlig bezwang. Ich war so bewegt, daß ich nicht imstande war, auch nur eine einzige von den Fragen an ihn zu richten, die ich mir vorher zurecht gelegt hatte. Außerdem war meine Jungfer anwesend, und die Befürchtung, mich in ihren Augen bloßzustellen, hielt mich, wie ich glaube, ebenso stark zurück wie meine Aufregung. Mechanisch begann ich einige Blonden auszusuchen. Als ich aber meine Zofe hinausgeschickt hatte, um meine Börse zu holen, fiel plötzlich die falsche Spitzenhändlerin mir zu Füßen und rief in leidenschaftlichem und doch ehrerbietigem Tone: »Entscheiden Sie, ob ich leben oder sterben soll, Madame! Sie erkennen mich!« »Ja, ich erkenne Sie, und ich kann Sie nur für wahnsinnig halten.« »Ja, ich bin es vielleicht, Madame; aber ich bin wahnsinnig vor Liebe und Verehrung: ich bete Sie an.« »Stehen Sie auf. Meine Kammerjungfer kommt gleich wieder.« »Sie kennt mein Geheimnis.« »Wie? Sie haben gewagt... ?« Er stand auf. Die Kammerjungfer trat ein und zählte ihm mit größter Ruhe sein Geld auf. Er warf die auf dem Tisch herumliegenden Spitzen in den Kasten, machte mir eine tiefe Verbeugung und ging. Es wäre natürlich gewesen, wenn ich nach seinem Fortgehen mit meiner Kammerfrau gesprochen hätte; noch natürlicher aber wäre es gewesen, wenn ich sie auf der Stelle fortgeschickt hätte. Ich hatte nicht den Mut dazu, und über meine Schwäche werden nur strenge Sittenrichter sich wundern, die das Herz eines jungen Mädchens nicht kennen, und die ohne Wohlwollen der Lage gegenüberstehen, worin ich mich befand: jung, verliebt und nur auf mich selber angewiesen. Da ich nicht sofort getan hatte, was strenge Pflicht mir sofort geboten hätte, wenn ich mich mit ruhiger Überlegung nur nach dieser gerichtet hätte, so sah ich bald, daß es zu spät war. Wie man ja stets leicht Trostgründe zu finden weiß, wenn man sich selber in eine unangenehme Lage gebracht hat, so überredete ich mich, ich könnte so tun, wie wenn ich nicht wüßte, daß meine Kammerjungfer das Geheimnis kannte. Ich beschloß also, nichts zu sagen; ich hoffte, ich würde den kecken Jüngling nicht wiedersehen, und die Sache würde damit erledigt sein. Dieser Entschluß war jedoch nur einer augenblicklichen verdrießlichen Regung entsprungen. Denn als vierzehn Tage vergangen waren, ohne daß ich dem jungen Manne auf den Spaziergängen oder im Theater oder an den sonstigen Orten begegnete, wo ich ihn früher getroffen hatte, wurde ich traurig und träumerisch, obgleich ich darüber errötete, daß ein Gefühl, dessen Gegenstand meiner vielleicht nicht würdig war, mich so völlig unterjochte. Ich brannte vor Verlangen, seinen Namen zu erfahren, und diesen konnte mir nur meine Kammerjungfer sagen, denn ich konnte natürlich nicht zu Oeiras gehen und diesen fragen. Ich verabscheute meine Kammeriungfer und errötete, wenn ich sie vor mir sah. Ich bildete mir ein, sie wisse, daß ihr Vergehen mir bekannt sei, und sie habe Spaß an meiner Zurückhaltung. Andererseits fürchtete ich, diese Zurückhaltung könnte ihr einen unziemlichen Begriff von meiner Ehre geben. Mit einem Wort, ich befürchtete, sie könnte glauben, daß ich den Jüngling liebte, und der bloße Gedanke an diesen Verdacht, der mir schimpflich schien, brachte mich auf. Der allzu kühne junge Mensch erschien mir mehr beklagenswert als tadelnswert; denn ich dachte nicht daran, daß er sich für geliebt halten könnte; ich fühlte mich daher genügend dadurch gerächt, daß er glauben würde, ich müßte ihn verachten. Aber so dachte ich nur in den Augenblicken, wo meine Eitelkeit stärker war als meine Liebe, und diese Augenblicke waren von kurzer Dauer; denn bald rächte die Verzweiflung ihn an meinem Stolz: da ich ihn nicht mehr sah, so bildete ich mir ein, er habe beschlossen, nicht mehr an mich zu denken, und habe mich vielleicht schon vergessen. Ein Zustand so heftiger Gemütsbewegung kann nicht sehr lange dauern; denn wenn kein äußerer Anlaß die Ruhe des gequälten Geistes wiederherstellt, so macht dieser bald eine Anstrengung aus sich selber heraus, um das verlorene Gleichgewicht wiederzufinden. Als die Verräterin mir eines Tages ein Spitzentuch umlegte, das ich von der falschen Modistin gekauft hatte, sagte ich zu ihr: »Was ist denn eigentlich aus dem Mädchen geworden, von dem ich diese Spitzen gekauft habe?« Ich stellte diese Frage ohne vorherige Überlegung; sie war eine Eingebung meines guten oder meines bösen Geistes. Meine Kammerjungfer war ebenso schlau wie ich naiv gewesen war. Sie antwortete mir, die Modistin habe ohne Zweifel deshalb nicht wiederzukommen gewagt, weil sie befürchtet habe, ich hätte ihre Verkleidung bemerkt. »Selbstverständlich habe ich diese bemerkt; aber es wundert mich nicht wenig, daß Sie wissen, daß unter dieser Verkleidung sich ein junger Mann verbarg.« »Madame, ich glaubte nichts zu tun, was Ihnen mißfallen könnte; denn ich kannte ihn persönlich.« »Wer ist er?« »Graf von Al...., den Sie ohne Zweifel wiedererkannt haben; denn Sie haben ihn vor ungefähr vier Monaten in diesem selben Zimmer empfangen.« »Das ist wahr; es ist sogar möglich, daß ich ihn wiedererkannt habe; aber ich wünsche zu wissen, warum Sie gelogen haben, als ich Sie fragte, ob Sie dies Mädchen kennen?« »Madame, ich habe gelogen, um Sie nicht in Verlegenheit zu bringen. Außerdem habe ich befürchtet, Sie würden ärgerlich darüber sein, daß ich die Maske kannte.« »Sie hätten mir mehr Ehre angetan, wenn Sie das Gegenteil angenommen hätten. Als Sie in Ihrem Zimmer waren, befahl ich ihm sofort zu gehen; ich sagte ihm, seine Handlungsweise sei ein Wahnsinn und er müsse befürchten, daß Sie ihn vor mir auf den Knien fänden. Da sagte er mir: Sie seien in das Geheimnis eingeweiht!« »Wenn es ein Geheimnis ist, so gestehe ich es; aber ich sah die ganze Sache als einen Spaß ohne Bedeutung an.« »Ich will diese Möglichkeit nicht bestreiten; ich aber habe der Sache eine solche Bedeutung beigelegt, daß ich, um Sie nicht fortjagen zu müssen, beschlossen habe, darüber zu schweigen, wie wenn ich nichts gesehen hätte.« »Ich hatte mir eingebildet, Madame, diese Maskerade könne Ihnen nur Spaß machen; da ich nun aber erfahre, daß Sie sie ernst genommen haben und böse darüber sind, so bin ich wirklich in Verzweiflung, mir gewissermaßen vorwerfen zu müssen, daß ich meine Pflicht verletzt habe.« Wie schwach ist ein Frauenherz, wenn die Liebe es eingenommen hat! Ich sah in dieser Erklärung, die mir die ganze Größe des von meiner Dienerin begangenen Fehlers hätte enthüllen müssen, nur eine volle Rechtfertigung. Allerdings machte sie mein Herz ruhig, und das war damals viel, aber mein Geist fand trotzdem noch nicht jene Ruhe, deren er bedurfte. Ich wußte, daß es einen jungen Grafen Al.... gab, der aus sehr gutem Hause stammte, aber gar kein Vermögen hatte. Er hatte weiter nichts als den Schutz des Minister und Aussicht auf eine gute Anstellung. Der Gedanke, daß der Himmel mich vielleicht dazu bestimmt hätte, die Ungerechtigkeit des Glücks wieder auszugleichen, wiegte mich zuweilen in süße Träume, und dann ertappte ich mich dabei, zu finden, daß meine Kammerjungfer mehr Geist hätte als ich, indem sie den gewagten Schritt des Grafen als eine Eulenspiegelei ansähe, die die Liebe entschuldigen müsse. Ich ging sogar so weit, mein gewissenhaftes Zartgefühl lächerlich zu finden und es nur für Prüderie zu halten. Ich war mehr verliebt, als ich selber glaubte, und das kann meine übrige Auffassung verzeihlich machen: ich hatte keinen Menschen, dem ich mich hätte anvertrauen können, keinen Menschen, der mich hätte leiten oder beraten können. Aber nach solchen tröstlichen Gedanken kamen andere von düsterer Art. Es war die Kehrseite der Medaille. Mein Geist glich einem ebbenden und flutenden Meere, das bald ruhig, bald bewegt war. Da der Graf anscheinend beschlossen hatte, mich nicht mehr zu sehen, so mußte ich annehmen, daß er entweder sehr beschränkten Geistes, oder daß seine Liebe sehr gering war. Dies schmerzte mich mehr als alles andere, denn eine solche Annahme demütigte mich. Ich sagte zu mir selber: wenn der Graf es übel genommen hat, daß sein Wagnis mir als die Handlungsweise eines Wahnsinnigen vorkam, so ist er ganz gewiß nicht zartfühlend und verständig, also auch meiner Zärtlichkeit nicht würdig. Während ich mich in dieser grausamen Ungewißheit befand, dem Schlimmsten, was es auf der Welt gibt, nahm meine Kammerjungfer es auf sich, dem Grafen zu schreiben, er könne sie in der gleichen Verkleidung besuchen; sie sei überzeugt, ich werde ihre Kühnheit nicht tadeln. Er folgte ihrem Rat, und eines schönen Morgens trat die schlaue Zofe bei mir ein und sagte mir lachend, die falsche Modistin sei mit allerlei Tand in ihrem Zimmer. Diese Nachricht regte mich sehr auf; doch gelang es mir, mich zu beherrschen, so daß ich meine Aufregung wenigstens zum Teil verbergen konnte, und ich lachte wie sie, obgleich die Sache mir durchaus nicht lächerlich vorkam. »Soll ich sie hereinkommen lassen, Madame?« »Bist du verrückt?« »Soll ich sie fortschicken?« »Nein, ich werde selber kommen und mit ihr sprechen.« An diesem Tage begann unsere große Liebesgeschichte. Während meine Kammerjungfer aus und ein ging, hatten wir vollauf Zeit, uns zu verständigen und uns gegenseitig alle gewünschten Erklärungen abzugeben. Ich gestand ihm offen, daß ich ihn liebe; aber ich machte ihm begreiflich, daß die Klugheit von mir verlange, ihn zu vergessen, weil es nicht wahrscheinlich wäre, daß meine Verwandten jemals ihre Einwilligung zu unserer Verbindung geben würden. Er dagegen erklärte mir, der Minister habe beschlossen, ihn unverzüglich nach England zu schicken, und er werde an Verzweiflung sterben, wenn er nicht die Hoffnung mitnehmen könne, mich eines Tages zu besitzen. Denn er liebe mich zu sehr, um sich darein fügen zu können, daß er ohne mich leben solle. Er bat mich, ihm zu erlauben, daß er mich zuweilen in seiner Verkleidung aufsuchen dürfe. Obgleich ich ihm nichts verweigern zu dürfen glaubte, wandte ich doch ein, daß wir uns dadurch großen Gefahren aussetzen könnten. »Mir genügt es,« rief er feurig und voller Zärtlichkeit, »daß ich nichts für Sie zu befürchten habe: meine Besuche können niemals Ihnen zugeschrieben werden, sondern stets nur Ihrer Kammerjungfer.« »Aber mir genügt es, daß ich um Sie in Furcht sein müßte; denn schon Ihre Verkleidung ist ein Verbrechen; Ihr guter Ruf würde darunter leiden, und das wäre kein gutes Mittel, uns der Erfüllung unserer Wünsche näher zu bringen.« Obgleich ich diese Einwendungen machte, sprach doch mein Herz zu seinen Gunsten, außerdem wußte er seine Sache so beredt zu vertreten, er versprach mir, so vorsichtig zu sein, daß ich ihm schließlich sagte, er könne sicher sein, daß ich ihn stets mit dem größten Vergnügen sehen werde. Graf Al.... war zweiundzwanzig Jahre alt und ist kleiner als ich; er ist schlank und gut gewachsen, so daß er in seiner Verkleidung als Frau schwer zu erkennen war; auch ist seine Stimme sehr sanft. Er weiß Bewegungen und Benehmen einer Frau täuschend nachzuahmen; er hat sehr schwachen Bartwuchs und ist so schön, daß mehr als eine Frau gern damit einverstanden sein würde, ihm ähnlich zu sehen. So kam denn also der Graf fast drei Monate lang jede Woche drei- oder viermal; wir trafen uns stets im Zimmer meiner Vertrauten, und fast immer war diese zugegen. Aber wenn wir auch volle Freiheit gehabt hätten, so würde er doch niemals auch nur die geringste Rücksichtslosigkeit begangen haben; denn er befürchtete zu sehr, mir zu mißfallen. Heute glaube ich, daß diese gegenseitige Zurückhaltung mächtig dazu beigetragen hat, die Glut anzufachen, die uns verzehrte; denn wenn wir an den nahe bevorstehenden Augenblick der Trennung dachten, kam Traurigkeit über uns, und wir versanken in einen stummen Schmerz. Trotzdem aber dachten wir gar nicht daran, irgendeinen Entschluß zu fassen, um uns glücklich zu machen. Unsere Liebe machte uns stumpfsinnig, indem sie unseren Geist zu Boden drückte. Wir schmeichelten uns mit der Hoffnung, daß der Himmel irgendein Wunder tun oder daß der Augenblick der Trennung niemals erscheinen würde; oder wir hielten uns die Gedanken daran absichtlich fern. So war denn der Augenblick plötzlich ganz unversehens und natürlich viel zu früh da: wir wußten nicht, ob wir einen Entschluß fassen sollten oder nicht. Eines Morgens kam der Graf früher als gewöhnlich und teilte mir unter Tränen mit, der Minister habe ihm am Tage vorher einen Brief an den portugiesischen Gesandten in London, Herrn de Saa, gegeben; ein zweiter offener Brief sei an den Kapitän einer Fregatte gerichtet, die von Ferrol erwartet werde und die nach einem Aufenthalt von wenigen Stunden nach England weitersegeln solle. In diesem zweiten Brief befahl der Minister dem Kapitän, den Grafen Al.... an Bord zu nehmen, ihn nach England zu bringen und ihn mit Auszeichnung zu behandeln. Mein armer Liebhaber war völlig vernichtet; Tränen erstickten seine Stimme, und sein Kopf befand sich in einem Zustande, daß er keine zwei Gedanken miteinander verbinden konnte. Ich sah nur seinen Schmerz und meine Liebe, und da er selber nicht handeln konnte, so faßte ich augenblicklich den kühnen Plan, mit ihm als sein Bedienter zu reisen, oder noch besser ihn als seine Frau zu begleiten, damit ich mein Geschlecht nicht zu verbergen brauchte. Als ich ihm meinen Plan mitteilte, war er von freudiger Überraschung wie geblendet. Das Übermaß des Glückes versetzte ihn in eine solche Aufregung, daß er nicht imstande war, über eine so wichtige Sache nachzudenken, sondern alles meinem Willen überließ. Wir verabredeten, am nächsten Tage ausführlicher darüber zu sprechen, und trennten uns dann. Da ich voraussah, daß es mir vielleicht Schwierigkeiten machen würde, mein Haus in Frauenkleidung zu verlassen, so beschloß ich, mich als Mann zu verkleiden; da ich aber als solcher nur als Kammerdiener meines Geliebten auftreten konnte, so überlegte ich mir, daß ich im Falle einer stürmischen Seefahrt Strapazen ausgesetzt sein würde, die über die Kräfte einer zarten Frau gehen würden. Infolgedessen kam ich auf den Gedanken, selber den Herrn zu spielen, falls etwa der Kapitän den Grafen nicht persönlich kennen sollte; indem ich diesen Plan weiter ausdachte, widerstrebte es mir jedoch, meinen Geliebten als Diener auftreten zu sehen, und ich beschloß daher, ihn für meine Frau auszugeben. Sobald wir in England an Land gestiegen sind, sagte ich bei mir selber, werden wir uns heiraten, und dann legt ein jedes wieder die Kleider seines Geschlechtes an. Durch unsere eheliche Verbindung wird der Makel unserer Flucht getilgt; vielleicht wird man meinen Liebhaber anklagen, mich entführt zu haben; aber man entführt eine junge Dame doch nicht ohne ihre Einwilligung, und es ist nicht anzunehmen, daß Graf Oeiras mich verfolgen wird, weil ich seinen Günstling glücklich gemacht habe. Um bis zum Eintreffen meiner Einkünfte leben zu können, wird der Verkauf meiner Diamanten, über die ich verfügen kann, uns genügende Mittel geben. Als ich am nächsten Tage dem Grafen diesen seltsamen Plan mitteilte, konnte oder wollte er nichts dagegen einwenden. Das einzige Hindernis war nach seiner Meinung die Möglichkeit, daß der Kapitän des erwarteten Kriegsschiffes ihn persönlich kannte. Dies schien ihm jedoch nicht wahrscheinlich zu sein, und wir mußten das Wagnis eben auf uns nehmen. Wir machten ab, daß er mir die nötigen Kleider für meine neue Rolle sofort besorgen solle. Ich sah meinen Liebhaber erst drei Tage darauf bei Einbruch der Nacht wieder. Ihm war von der Admiralität mitgeteilt worden, daß die Fregatte von Ferrol angekommen sei und an der Mündung des Tajo liege; der Kapitän werde sofort wieder absegeln, wenn er an Bord komme; er sei nur an Land gegangen, um seine Depeschen zu überbringen und vom Marineministerium neue Befehle zu erhalten. Graf Al.... werde daher aufgefordert, um Mitternacht an einem bestimmten Ort zu sein, wo eine Schaluppe ihn erwarten werde, um ihn an Bord zu bringen. Da ich fest entschlossen war, so brauchte ich nichts mehr zu wissen als den Ort, wo wir uns treffen sollten. Ein Unwohlsein vorschützend, schloß ich mich in mein Zimmer ein, packte die allernotwendigsten Sachen und das kostbare Juwelenkästchen in ein Köfferchen, zog Männerkleider an und verließ den Palast auf einer Treppe, die nur für die Dienstboten bestimmt war. Ich wurde nicht einmal von dem Türhüter bemerkt, als ich die Schwelle meines Palastes überschritt. Etwa hundert Schritte vom Hause erwartete mich der Graf, der befürchtet hatte, ich könnte mich vielleicht verirren. Es war für mich eine angenehme Überraschung, als er meinen Arm nahm und mir gleichzeitig sagte: Ich bin's. An dieser einfachen und natürlichen Vorsicht erkannte ich, daß er Verstand hatte; denn da er meine Entschlossenheit noch nicht kannte, hatte er gefürchtet, mich zu erschrecken, wenn er mich berührte, ohne sich zu erkennen zu geben. Wir gingen zusammen in ein Haus, wo er seinen Koffer hatte, und in einer halben Stunde war er vollständig umgezogen. Als alles fertig war, holte ein Packträger unser geringes Gepäck, und wir gingen ans Ufer des Flusses, wo die Schaluppe bereits auf uns wartete. Es war elf Uhr, als wir vom Ufer abstießen. Da ich glaubte, daß mein Schmuckkästchen in seiner Tasche sicherer sei als in meinem Koffer, so gab ich es ihm. Geduldig warteten wir auf die Ankunft des Kapitäns. Gegen Mitternacht kam er mit seinen Offizieren; er trat auf mich zu und sagte mir, er habe Befehl, mich mit Auszeichnung zu behandeln. Ich dankte ihm herzlich für seinen Empfang und stellte ihm hierauf meine Frau vor. Er begrüßte diese ehrerbietig und sagte ihr, er sei entzückt, eine liebenswürdige Landsmännin an Bord zu haben, der wir gewiß eine glückliche Fahrt zu verdanken haben würden. Er war zu galant, um es auffällig zu finden, daß der Minister, der ihm den Grafen so angelegentlich empfohlen hatte, nichts davon erwähnt hatte, daß dessen Gemahlin an der Reise teilnehmen sollte. In einer kleinen Stunde waren wir auf der Fregatte, die drei Meilen seewärts auf der Reede lag; sobald wir an Bord waren, ließ der Kapitän die Segel setzen. Er führte uns in eine Kajüte, die für ein Kriegsschiff recht bequem war, und entfernte sich dann, nachdem er uns gebeten hatte, uns einzurichten, so gut wir könnten. Als wir allein waren, dankten wir dem Himmel, daß alles so gut abgegangen war. Wir gingen nicht zu Bett, sondern verbrachten den ganzen Rest der Nacht damit, über den kühnen Schritt uns zu unterhalten, den wir getan oder vielmehr erst begonnen hatten, der aber nach unserer Meinung ein ebenso glückliches Ende haben mußte, wie der Anfang gewesen war. Als der Morgen dämmerte, freuten wir uns, daß Lissabon nicht mehr in Sicht war. Da wir der Ruhe bedürftig waren, warf ich mich auf eine Bank, während der Graf sich in eine breite Hängematte legte. Wir blieben beide in unseren Kleidern. Kaum hatten wir ein wenig zu schlummern begonnen, so wurden wir von der Seekrankheit befallen, die uns drei Tage lang nicht einen Augenblick Ruhe ließ. Am vierten Tage konnten wir uns kaum noch aufrecht halten; der Hunger quälte uns dermaßen, daß wir alle Selbstbeherrschung aufbieten mußten, um uns von allzu gierigem Essen zurückzuhalten, das uns leicht eine ernstliche Krankheit hätte zuziehen können. Zum Glück für uns hatte der Kapitän einen reichen Vorrat von guten Sachen, und die Mahlzeiten, die wir erhielten, waren sehr gut und lecker zubereitet. Mein Liebhaber, der unter der Seekrankheit noch mehr litt als ich, benützte gerne diesen Vorwand, um die Kajüte nicht zu verlassen; der Kapitän kam nur ein einziges Mal, um ihm einen Besuch zu machen. Wir konnten diese Zurückhaltung nur einer übergroßen Höflichkeit zuschreiben; denn bei uns ist es einem Manne erlaubt, eifersüchtig zu sein, ohne für lächerlich zu gelten. Ich selber war fast den ganzen Tag auf Deck; die frische Luft tat mir wohl, und ich unterhielt mich damit, mit meinem Fernrohr die Gegenstände zu beobachten, die man in der Ferne entdecken konnte. Am siebenten Tage unserer Fahrt zitterte mir das Herz, wie von einem Vorgefühl von Unglück, als man mir sagte, ein Kriegsschiff, das wir in ziemlich weiter Entfernung bemerkten, sei eine Korvette, die einen Tag nach uns in See gegangen sein müsse, die aber als Schnellseglerin zwei oder drei Tage vor der Fregatte in England ankommen werde. Obgleich die Überfahrt von Lissabon nach England sehr lange dauert, da man fast das ganze Atlantische Meer zu durchsegeln hat, so kamen wir doch, dank einem leichten Winde, den wir beständig im Rücken hatten, schon am vierzehnten Tage ans Ziel und warfen mit Tagesanbruch im Hafen von Plymouth den Anker aus. Der Offizier, den der Kapitän an Land schickte, um die Erlaubnis zur Ausschiffung der Passagiere einzuholen, kam gegen Abend wieder an Bord und überbrachte ihm Briefe. Nachdem er einen davon mit ganz besonderer Aufmerksamkeit gelesen hatte, rief der Kapitän mich beiseite und sagte zu mir: »Dieser Brief ist vom Grafen Oeiras, der mich bei meinem Kopfe dafür verantwortlich macht, daß eine junge, portugiesische Dame mein Schiff nicht verläßt, falls sie sich darauf befinden sollte, es sei denn, daß sie mir persönlich bekannt wäre. Er befiehlt mir, sie nach Lissabon zurückzubringen, nachdem ich einige Aufträge ausgeführt haben werde, die mich noch etliche Tage hier zurückhalten müssen. Auf der Fregatte befindet sich weder eine Frau noch ein Mädchen, mit Ausnahme der Frau Gräfin, Ihrer Gemahlin. Beweisen Sie mir, daß sie wirklich Ihre Frau ist, und ich setze ihrer Landung durchaus kein Hindernis entgegen; sonst aber darf ich, wie Sie begreifen werden, gegen die Befehle des Ministers nicht ungehorsam sein.« »Sie ist meine Frau«, erwiderte ich ihm kaltblütig. »Da ich jedoch auf etwas Derartiges nicht gefaßt gewesen bin, so habe ich nicht ein einziges Papier bei mir, das Sie davon überzeugen könnte.« »Das tut mir leid, denn nun wird sie mit mir nach Lissabon zurückfahren, übrigens können Sie sich darauf verlassen, daß sie, gemäß dem ausdrücklichen Befehle des Herrn Ministers, mit aller erdenklichen Ehrerbietung behandelt werden wird.« »Aber, Herr Kapitän, die Frau ist doch untrennbar von ihrem Gatten!« »Das gebe ich Ihnen zu, aber ich kann gegen die von meinem Vorgesetzten empfangenen Befehle nichts machen, übrigens hindert Sie ja nichts, auf der Korvette nach Lissabon zurückzufahren. Sie werden vor uns dort sein.« »Warum kann ich nicht auf dieser Fregatte zurückfahren?« »Weil ich ausdrücklichen Befehl habe, Sie an Land zu setzen. Da fällt mir ein: warum ist in dem Brief, der mir befiehlt, Sie nach England zu bringen, kein Wort von Ihrer Frau gesagt? Wenn Madame nicht die Person ist, die der Minister sucht, so können Sie sich darauf verlassen, daß man sie Ihnen wieder nach London schicken wird.« »Werden Sie mir gestatten, noch einmal mit ihr zu sprechen?« »Gern, aber nur in meiner Gegenwart.« Mir blutete das Herz, indessen galt es gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ich suchte den Grafen auf, redete ihn meine liebe Frau an und verkündete ihm den grausamen Befehl, der uns trennen wollte. Ich fürchtete, er würde sich verraten, aber er besaß die Kraft, sich zu beherrschen, und antwortete mir, uns bliebe nichts anderes übrig, als uns zu unterwerfen, da wir ja sicher sein könnten, in einigen Monaten uns wiederzusehen. Ich konnte ihm in Gegenwart des Kapitäns nichts sagen, als was alle Welt hören durfte. Ich beschränkte mich daher darauf, ihm mitzuteilen, daß ich von London aus unverzüglich an die Äbtissin schreiben werde, daß er in Lissabon diese zu allererst aufsuchen müsse, und daß er von ihr meine Adresse erfahren werde. Ich hütete mich wohl, mein Schmuckkästchen von ihm zu verlangen, denn der Kapitän hätte möglicherweise geglaubt, es in Verwahrung nehmen zu müssen, da ein so reicher Schatz von Diamanten ihn auf die Vermutung bringen konnte, meine angebliche Frau wäre vielleicht irgendein reiches Fräulein, das ich entführt hätte. Wir mußten uns gänzlich unserem Schicksal überlassen. Weinend umarmten wir uns, und der Kapitän, der durch und durch ein Ehrenmann war, weinte ebenfalls, als er den Grafen zärtlich zu mir sagen hörte: »Legen Sie Ihr Glück und das meinige in die Hände dieses würdigen Kapitäns; wir wissen ja, daß wir uns auf einander verlassen können!« Der Koffer des Grafen wurde in die Schaluppe gebracht, und da ich nicht wagte, meine Reisetasche an mich zu nehmen, so besaß ich bei meiner Ankunft am Lande weiter nichts als eine Ausrüstung von Männerkleidern, deren ich mich nicht hätte bedienen können, selbst wenn ich meine Verkleidung noch hätte fortsetzen wollen. Auf dem Zollamt erfuhr ich, was ich besaß: Schreibhefte, Bücher, Briefe, Wäsche, einige Anzüge, einen Degen, zwei Paar Pistolen, von denen ich das eine sofort in meine Tasche steckte. Hierauf ließ ich mich nach einem Gasthof führen, dessen Wirt mir sofort bei meinem Eintritt sagte: wenn ich am nächsten Morgen nach London reisen wolle, werde ich nur ein Pferd zu bezahlen haben. »Wer sind die Personen, die einen Begleiter wünschen?« »Ich werde Sie mit ihnen zu Abend essen lassen, wenn Sie es wünschen.« Ich nahm das Anerbieten an und fand einen Geistlichen der Hochkirche und zwei Damen, deren Benehmen es mir angenehm erscheinen ließ, von der Gelegenheit Gebrauch zu machen. Ich hatte das Glück, ihnen ebenfalls zu gefallen, und am nächsten Tage kamen wir bei guter Zeit in London an und stiegen am Strand in einem Gasthof ab. Dort aß ich nur zu Mittag und machte mich sofort auf die Suche nach einer Wohnung, die mit meinen Mitteln und mit der von mir zu beobachtenden Lebensweise in Einklang stünde. Ich besaß nur fünfzig Lisbonninen und einen Ring von ungefähr gleichem Werte. Ich nahm ein Zimmer im dritten Stock eines Hauses, dessen Wirtin mir wegen ihres guten und ehrbaren Gesichtes gefiel. Da ich weder Erfahrung noch Empfehlungen an irgendeinen Menschen besaß, konnte ich mich nur auf Gott und auf meinen guten Willen verlassen und mußte mein Schicksal der Freundlichkeit meiner Mitmenschen anheim stellen. Die Frau gefiel mir, und ich nahm bei ihr ein Zimmer zu zehn Schilling wöchentlich. Ich bat sie, mir sofort behilflich zu sein, um mich sauber, aber ohne jeden Luxus meinem Geschlecht gemäß zu kleiden; denn in meinen Männerkleidern wagte ich nicht mehr auszugehen. Schon am nächsten Tage sah ich mich mit allem versehen, was ein armes Mädchen braucht, das weder blenden noch überhaupt die Blicke seiner Mitmenschen auf sich ziehen will. Da ich gut genug englisch sprach, um nicht als Ausländerin zu erscheinen, so wußte ich, wie ich mich zu benehmen hatte, um keine Unannehmlichkeiten befürchten zu müssen. Obgleich meine Wirtin eine recht gute Frau war, bemerkte ich doch bald, daß ihr Haus nicht ganz meiner Lage entsprach; denn die Ordnung meiner Angelegenheit konnte lange Zeit dauern, und wenn mir das Geld ausgegangen wäre, hätte ich mich unglücklich gefühlt. Ich beschloß also, das Haus zu verlassen. Da ich meine eigene Herrin war, so hatte ich keine Besuche empfangen; aber ich konnte es nicht verhindern, daß den ganzen Tag Neugierige an meine Türe kamen; es kamen immer mehr, je weiter die Nachricht bekannt wurde, daß ich keine Besuche empfinge. Es verkehrten zu viele Menschen in diesem Hause. Da es nicht weit von der Börse lag, so wimmelte die Straße von jungen Menschen, und mehrere Herren, die im ersten Stock zu Mittag aßen, versuchten alles mögliche, um mich von meiner sogenannten Traurigkeit zu heilen, obgleich ich durchaus nicht so tat, wie wenn ich solcher Heilung bedürftig wäre. Ich beschloß, wöchentlich nur eine Guinee auszugeben, und da mein Ring vollkommen nutzlos für mich war, so entschloß ich mich, ihn zu verkaufen, aber unter der Bedingung, daß ich den Wert nur in Teilzahlungen nach und nach erhielte. Ein alter Händler, der nebenan wohnte, und für dessen Redlichkeit meine Wirtin einstand, schätzte meinen Ring auf hundertundfünfzig Guineen und bat mich, ihm das Vorkaufsrecht zu geben, wenn ich keinen besseren Preis fände. Ich hielt den Ring nicht für so weltvoll und überließ ihm denselben unter der Bedingung, daß er mir monatlich vier Guineen auszahlen solle, und daß ich ihn für dieselbe Zahl von Guineen, die ich empfangen haben würde, zurückkaufen könnte, wenn ich dazu vor der völligen Bezahlung imstande wäre. Das bare Geld, das ich bei mir hatte und noch jetzt besitze, wollte ich behalten, um auf dem Landwege nach Lissabon zurückkehren zu können, sobald man mir schreiben würde, daß ich mich unbesorgt dort wieder sehen lassen könnte. Ich hatte unter der Seekrankheit so sehr gelitten, daß ich mich nicht entschließen konnte, noch einmal eine solche Fahrt zu machen. Ich teilte meine Verlegenheit meiner braven Wirtin mit, die noch jetzt meine Freundin ist. Sie half mir eine andere Wohnung suchen; aber ich war genötigt, eine Magd anzunehmen, um meine kleinen Einkäufe zu besorgen, da ich mich nicht entschließen konnte, außer dem Hause zu essen. Hieraus entsprangen für mich lauter Unannehmlichkeiten und Verdrießlichkeiten, denn ich fand nichts als Spitzbübinnen. Da ich nun nicht mehr als einen Schilling täglich ausgeben wollte, so konnte ich begreiflicherweise nicht über die kleinen Diebstähle hinwegsehen, an die diese elenden Frauenzimmer so gewöhnt sind, daß sie es als Ehrensache ansehen, beim kleinsten Einkauf ein Extraprofitchen für sich zu machen. Die nüchterne Lebensweise, die ich mir zur Pflicht gemacht hatte, griff mich so an, daß ich von Tag zu Tag abmagerte, denn ich lebte beinahe nur von Wasser und Brot. Ich sah jedoch keine Möglichkeit, mir so bald etwas Besseres gönnen zu dürfen. Da fiel zufällig mein Blick auf Ihr eigenartiges Aushängeschild. Ich lachte bei mir selber darüber, aber mich trieb eine unwiderstehliche Gewalt oder auch vielleicht die Neugier, die, wie wir gestehen müssen, unserer Frauennatur innewohnt, und ich konnte nicht der Lust widerstehen, mit Ihnen zu sprechen. Instinktmäßig suchte ich ein Mittel, meine Lage zu verbessern, ohne meine Ausgaben zu vermehren. Als ich nach Hause kam, fand ich bei meiner Wirtin eine Nummer des Advertiser, worin der Herausgeber über das soeben von mir gelesene Schild seine Scherze machte. Er sagte, der Herr des Hauses sei ein Italiener, der sich offenbar vor einem Angriff nicht fürchte. Da ich meinerseits glaubte, daß ich eine Gewalttätigkeit nicht werde zu befürchten brauchen, so faßte ich den Mut, das Wagnis zu bestehen. Ich fühle jedoch, daß ich sehr anmaßend gewesen bin, und daß es süß sein kann, Angriffen keinen Widerstand zu leisten. Da ich von einem Italiener, einem klugen und rechtschaffenen Manne, erzogen worden bin, so habe ich stets eine große Vorliebe für Ihre Nation gehabt. – Meine schöne Portugiesin war mit ihrer Erzählung zu Ende. Nach einer kleinen Pause sagte ich zu ihr: »Ihre kleine Geschichte, meine Gnädige, hat mir viel Spaß gemacht; es ist ja ein richtiger Romanstoff.« »Das glaube ich auch, und er würde den Vorzug haben, ein historischer Roman zu sein. Mich freut am meisten, daß Sie meine Erzählung haben anhören können, ohne sich zu langweilen.« »Falsche Bescheidenheit, Madame! Ihre Erzählung hat mir nicht nur sehr gefallen, sondern seitdem ich weiß, daß Sie Portugiesin sind, fühle ich mich sogar mit Ihrer Nation völlig wieder ausgesöhnt.« »Sie liebten uns also nicht?« »Ich hatte einen Groll auf euch, weil ihr vor zweihundert Jahren euren Virgil habt im Elend sterben lassen.« »Camoens! Aber vor uns haben die Griechen das Unrecht begangen, ihren Homer so sterben zu lassen.« »Das ist wahr; aber das Unrecht des einen entschuldigt nicht das Unrecht des anderen.« »Das gebe ich zu; aber wie können Sie Camoens so hoch schätzen, wenn Sie nicht portugiesisch verstehen?« »Ich las eine Übersetzung in lateinischen Hexametern, die so schön waren, daß ich Virgil zu lesen glaubte.« »Ist das auch wahr?« »Ich kann Ihnen nichts vorlügen.« »Nun, so gelobe ich hiermit, daß ich lateinisch lernen will!« »Dieses Gelübde ist Ihres Geistes würdig; aber Sie müssen von mir diese schöne Sprache lernen. Ich will in Portugal leben und sterben, wenn Sie mir Ihr Herz versprechen.« »Mein Herz! Warum habe ich nicht zwei! Seitdem ich Sie kenne, liebe ich mich selber weniger, denn ich befürchte sehr, unbeständig zu sein.« »Ich werde mich damit begnügen, nur so geliebt zu werden, wie wenn ich Ihr Vater wäre; nur müssen Sie mir erlauben, zuweilen meine Tochter an mein Herz drücken zu dürfen. Bitte, fahren Sie in Ihrer Geschichte fort; das Wesentliche haben Sie mir noch zu erzählen. Was ist aus Ihrem Liebhaber geworden? Und was taten Ihre Verwandten, als Ihre Flucht ihnen bekannt wurde?« Am dritten Tage nach meiner Ankunft in dieser Riesenstadt schrieb ich meiner Tante, der Äbtissin, einen langen Brief, worin ich ihr ausführlich und wahrheitsgemäß alles schilderte, was mir begegnet war. Ich bat sie, meinen Gatten zu beschützen und mir zu helfen, meinen Entschluß durchzusetzen: ich würde nicht früher nach Lissabon zurückkehren, als bis sie mir versichert hätte, daß meiner Heirat keine Hindernisse mehr bereitet würden und daß ich, als Herrin meines Vermögens, offen vor aller Welt mit dem Gatten meiner Wahl leben könnte. Zugleich bat ich sie, mich über alles auf dem Laufenden zu halten und ihre Briefe an meine Wirtin zu adressieren, indem sie der Adresse nur die Worte hinzufügte: »für Miß Pauline.« Ich ließ meinen Brief über Paris und Madrid gehen; das ist zu Lande der nächste Weg; ich erhielt daher die Antwort erst nach drei Monaten. In ihrem Brief schrieb meine Tante mir, die Fregatte, die mich nach London gebracht habe, sei erst seit wenigen Tagen wieder in Lissabon. Sofort nach seiner Ankunft habe der Kapitän dem Minister geschrieben: die einzige Dame, die er bei seiner Ankunft in England an Bord gehabt habe, befinde sich noch bei ihm; denn er habe sie wieder zurückgebracht, trotz dem Einspruch des Grafen Al...., der ihm erklärt habe, daß die Dame seine Gemahlin sei. Zum Schluß seines Briefes bat der Kapitän seine Exzellenz, ihm nähere Verhaltungsmaßregeln zu geben, an welchen Ort er besagte Dame zu bringen habe. Der Minister Oeiras zweifelte nicht daran, daß ich diese angebliche Gemahlin sei, und befahl dem Kapitän, mich in das Kloster meiner Tante zu bringen und ihr einen Brief zu übergeben, den er ihm zugleich schicke. In diesem Brief schrieb er meiner Tante, er sende ihr ihre Nichte und bitte sie, diese bis auf weiteren Befehl in guter Hut zu halten. Meine Tante war sehr überrascht; aber ihre Überraschung wäre noch größer gewesen, wenn sie nicht wenige Tage vorher bereits meinen Brief empfangen hätte. Sie dankte dem Kapitän und führte die angebliche Nichte in ein Zimmer, in das sie sie einschloß. Hierauf schrieb sie dem Grafen Oeiras: Gemäß dem Befehle Seiner Exzellenz habe sie vom Kapitän eine Person empfangen, die für ihre Nichte gelte; da jedoch diese Person ein als Frau verkleideter Mann sei, so könne sie diesem nicht länger Zuflucht in ihrem Kloster geben und bitte daher Ihre Exzellenz, dieser Verlegenheit sobald wie möglich ein Ende zu machen. Nachdem die Äbtissin diesen eigenartigen Brief an den Minister abgeschickt hatte, machte sie dem Grafen Al.... einen Besuch. Er warf sich ihr zu Füßen, meine gute Tante aber hob ihn sofort auf und zeigte ihm meinen Brief. Sie teilte ihm mit, daß sie an den Minister habe schreiben müssen und daß man ihn ohne Zweifel nach wenigen Stunden an einen anderen Ort bringen werde. Der Graf brach in Tränen aus, flehte die würdige Äbtissin an, sich unserer gemeinsamen Angelegenheiten anzunehmen, und übergab ihr mein Schmuckkästchen, das meine Tante bereitwillig in Verwahrung nahm. Bevor sie ging, versprach sie ihm noch, mir alles zu berichten. Da der Minister sich auf einem seiner Güter befand, erhielt er den Brief der Oberin erst am nächsten Tage. Er beeilte sich, ihr seine Antwort persönlich zu überbringen. Meine Tante überzeugte Seine Exzellenz mit leichter Mühe, daß es von größter Wichtigkeit sei, die Sache geheim zu halten, da durch die Verletzung des Klosterbannes ihre Ehre ernstlich bedroht sei. Sie gab dem stolzen Minister den Brief, den sie von mir erhalten hatte, und teilte ihm mit, daß der ehrenwerte junge Mann ihr meinen Schmuck übergeben habe. Der Graf dankte der Äbtissin für die Offenheit, womit sie ihn in die ganze Angelegenheit eingeweiht habe, und bat sie lachend um Verzeihung, daß er ihr einen hübschen Jungen zur Gesellschaft geschickt habe. »Es ist von allergrößter Wichtigkeit,« sagte Seine Exzellenz, »daß die Sache geheim bleibt, und um dessen sicher zu sein, dürfen wir keinen Dritten ins Vertrauen ziehen. Ich werde Sie daher in eigener Person von der falschen Nichte befreien und diese auf der Stelle in meinem Wagen mitnehmen.« Meine Tante nahm die Exzellenz beim Wort und holte den jungen Eingesperrten. Dieser stieg in den Wagen, der vor der Tür hielt, und fuhr mit dem Minister ab. Die gute Äbtissin sagte mir, von diesem Augenblick an habe sie nichts mehr erfahren. Ganz Lissabon spreche von meiner Geschichte, aber man füge noch einen Umstand hinzu, der die Sachlage ganz wesentlich verändere und den Grafen Oeiras ohne Zweifel höchlichst ergötzen müßte: man sage nämlich, der Minister habe mich zuerst der Äbtissin anvertraut, habe sich aber dann später meiner bemächtigt und halte mich verborgen; man kenne jedoch nicht den Ort, wo er mich eingesperrt halte. Man glaubt also, daß Graf Al.... in London ist und daß ich mich in der Gewalt des Ministers befinde, dem die Skandalchronik wahrscheinlich zärtliche Gefühle für mich zuschreibt. Ohne Zweifel ist Seine Exzellenz über meinen Aufenthalt hier in London vollkommen unterrichtet, denn er weiß meinen Namen und meine Adresse und es fehlt ihm sicherlich nicht an Spionen. Auf den Rat meiner Tante habe ich vor einigen Monaten dem Grafen Oeiras geschrieben: ich sei bereit, nach Lissabon zurückzukehren, wenn Seine Exzellenz mir eigenhändig schreiben wolle, daß sofort nach meiner Rückkehr in die Heimat Graf Al.... vor der Öffentlichkeit mein Gatte werden solle, und daß niemand über mein Tun und Lassen Rechenschaft fordern dürfe, selbst nicht unter dem Vorwande der Freundschaft. Werden diese Bedingungen mir nicht bewilligt, so, habe ich dem Minister erklärt, sei ich entschlossen, niemals London zu verlassen, wo die Gesetze mir völlige Freiheit verbürgen. Ich erwarte jeden Augenblick seine Antwort, und ich habe kaum einen Grund, anzunehmen, daß sie den von mir kundgegebenen Wünschen entgegen sein wird; denn unter allen Umständen kann mich kein Mensch meiner Einkünfte berauben, und ich brauche mir daher aus der Gunst des Hofes nichts zu machen; aber auch abgesehen davon bin ich überzeugt, daß Oeiras sich glücklich schätzen wird, mir seinen Schutz zu gewähren, täte er es auch nur, um das Odium zu mildern, das ihm infolge des Todes meines Vaters anhaftet. Pauline machte mir kein Geheimnis aus den Namen der Personen, die in dieser Geschichte vorkommen; aber sie lebt vielleicht noch, und ihr Andenken ist mir immer noch zu teuer, als daß ich mich der Gefahr aussetzen möchte, ihr Mißfallen zu erregen, indem ich diese Namen nenne, obgleich diese Erinnerungen wahrscheinlich nicht dazu bestimmt sind, zu meinen Lebzeiten das Licht der Welt zu erblicken. Um die Wahrheit des von meiner schönen Portugiesin Erzählten zu bestätigen, genügt es mir, daß ihre Geschichte allen Einwohnern von Lissabon recht gut bekannt ist, und daß die Mitspielenden, die in dieser Komödie auftreten, lauter Leute sind, deren Dasein in Portugal keinem Menschen ein Geheimnis ist. Ich lebte mit der schönen Pauline in inniger Eintracht; von Tag zu Tag fühlte ich meine Liebe zu ihr wachsen und flößte ich ihr zärtlichere Gefühle ein. Aber wie nun meine Liebe wuchs und immer unwiderstehlicher wurde, magerte ich sichtlich ab, verlor Ruhe, Schlaf und Appetit: ich wäre an meiner Sehnsucht zugrunde gegangen, wenn ich sie nicht hätte befriedigen können. Pauline dagegen blühte auf und wurde jeden Tag schöner. Eines Tages sagte ich zu ihr: »Wenn mein Leiden dazu dient, Ihre Reize zu vermehren, so müssen Sie dafür sorgen, daß ich nicht sterbe: denn ein Toter leidet nicht mehr.« »Sie glauben, Ihr Leiden sei eine Folge des Gefühls, das ich Ihnen einflöße?« »Daran kann ich nicht zweifeln.« »Ich will gern glauben, daß etwas Wahres an Ihrer Behauptung ist; aber glauben Sie mir, ein so süßes Gefühl kann nicht an Ihrer Abmagerung und an Ihrer Schlaflosigkeit schuld sein. Ich schreibe mit gutem Grunde Ihre Veränderung der sitzenden Lebensweise zu, die Sie führen, seitdem ich in Ihrem Hause bin. Wenn Sie mich lieben, müssen Sie mir einen Beweis davon geben: machen Sie einen Spazierritt!« »Ich kann Ihnen nichts abschlagen, schöne Pauline! Und nachher?« »Nachher? Da werden Sie mich dankbar finden, werden guten Appetit haben und werden schlafen.« »Schnell ein Pferd, schnell meine Stiefel!« Ich küsse ihr die Hand – denn weiter war ich noch nicht bei ihr – und reite nach Kingston hinaus. Da das Traben mir unangenehm ist, so setze ich mein Pferd in Galopp. Plötzlich stürzt es, und ich liege vor der Tür des Herzogs von Kingston auf dem Pflaster. Miß Chudleigh stand gerade am Fenster, und als sie mich alle Vier von mir strecken sah, stieß sie einen lauten Schrei aus, wie eine erste Regung des Gefühls ihn so leicht einer Frau entreißt. Als ich infolge dieses Schreies meinen Kopf umwandte, erkannte sie mich und schickte mir sofort einen ihrer Leute zu Hilfe. Sobald ich wieder aufrecht stand, wollte ich zu ihr gehen, um ihr meinen Dank auszusprechen, aber es war mir unmöglich, mich von der Stelle zu rühren. Man trug mich in ein Zimmer des Erdgeschosses und zog mir die Stiefel aus. Ein Kammerdiener, der zugleich Chirurg war, untersuchte mich und stellte fest, daß ich den Knöchel verrenkt hätte, und daß ich acht Tage lang mich vollkommen ruhig verhalten müßte. Die junge Miß sagte mir sofort, wenn ich bei ihr bleiben wolle, könne ich der sorgfältigsten Pflege sicher sein. Ich dankte ihr lebhaft, sagte aber, ich wolle ihr keine Umstände machen, und sprach den Wunsch aus, nach meinem Hause gebracht zu werden. Sofort gab sie mit reizender Anmut alle nötigen Befehle, und bald hatte ein bequemer Wagen mich nach Hause gebracht. Es war mir unmöglich, die beiden Bedienten, die mich begleiteten, zur Annahme eines Geldgeschenkes zu bewegen; ich erkannte darin jene zartfühlende Gastfreundschaft, die man den Engländern zur Ehre anrechnet. Sie verdienen auch dieses Lob in mancher Hinsicht, obgleich andererseits Egoismus einer der hervorstechendsten Züge ihres Nationalcharakters ist. Zu Haufe angekommen, legte ich mich sofort ins Bett und ließ einen Wundarzt rufen, der über die angebliche Verrenkung herzlich lachte. »Ich wette, es ist nur eine einfache Verstauchung, und ich wünschte, der Fuß wäre gebrochen, um Ihnen zeigen zu können, was ich kann.« »Ich bin entzückt, daß ich Ihr Talent nicht auf eine solche Probe zu stellen brauche, und ich werde die beste Meinung von Ihnen haben, wenn Sie mich recht schnell wieder herstellen.« Zu meinem Erstaunen sah ich Pauline nicht. Man sagte mir, sie habe sich in einer Sänfte forttragen lassen, und ich empfand darüber beinahe Eifersucht, obgleich ein beleidigender Verdacht mir fern blieb. Zwei Stunden darauf trat sie endlich ganz aufgeregt bei mir ein; die alte Hausmeisterin hatte ihr gesagt, ich hätte ein Bein gebrochen und es sei bereits ein Arzt eine volle Stunde bei mir gewesen. »Ich Unglückselige!« rief sie, indem sie an mein Bett eilte, »an diesem Unglück bin ich schuld!« Kaum hatte sie dies gesagt, so erbleichte sie und sank beinahe ohnmächtig an meine Seite. »Göttliches Weib!« rief ich, indem ich sie in meine Arme schloß, »es ist nichts... eine einfache Verstauchung.« »Dummes altes Weib! Wie weh hat sie mir getan! Aber Gott sei gelobt! Fühlen Sie mein Herz.« »Oh! Ich fühle es mit Entzücken! Glücklicher Sturz!« Meine Lippen auf die ihrigen pressend fühlte ich mit Entzücken, wie unsere Küsse ineinander verschmolzen, und ich segnete meine glückliche Verstauchung. Nach diesem ersten Ergusse unseres Glücksgefühles sah ich Pauline lachen. »Worüber lachen Sie, entzückende Freundin?« »Über die Spitzbüberei der Liebe, die schließlich doch immer triumphiert.« »Wo waren Sie?« »Ich war bei meinem Alten, um meinen Ring einzulösen, und ich schenke ihn Ihnen, damit Sie eine Erinnerung an mich haben.« »O, meine Pauline, ein bißchen Liebe wäre mir viel lieber als dieser schöne Solitär.« »Sie haben den Diamanten und meine Liebe. Bis zu meiner Abreise, die nur zu bald erfolgen wird, werden wir als zwei zärtlich liebende Gatten miteinander leben und die Hochzeit werden wir heute Abend feiern, indem wir hier an Ihrem Bette speisen; denn die Verstauchung und ich, mein süßer Freund, verbieten Ihnen, es zu verlassen.« »Ach, meine liebe Pauline, was für holde Worte aus Ihren Lippen! Welch ein Glück verkünden Sie mir! Nein, ich würde es nicht ertragen, wenn ich es nur in Aussicht hätte. Gestatten Sie mir, daran zu zweifeln, bis ich die volle Wirklichkeit genieße!« »Gern, mein Freund, wenn Sie das wollen; aber Ihr Zweifel darf nur ganz leicht sein, sonst könnte er mir Unrecht tun. Ich war es müde, so mit Ihnen zusammenzuleben und durch meine Liebe sie unglücklich zu machen. Darum beschloß ich, Ihnen anzugehören, als ich Sie zu Pferde steigen sah. Infolgedessen ging ich während Ihrer Abwesenheit schnell fort, um meinen Ring einzulösen, und nun will ich nicht mehr Ihre Arme verlassen, bis der verhängnisvolle Brief, den ich aus Lissabon erwarte, mich Ihnen entreißen wird. Seit acht Tagen lebe ich in beständiger Furcht; denn diesen Brief, den ich so sehr ersehnt habe, fürchte ich jetzt eintreffen zu sehen.« »Wenn doch der Kurier unterwegs seines Briefsackes beraubt würde.« »Solches Glück werden wir nicht haben.« Da Pauline noch immer neben meinem Bett stand, bat ich sie, in meine Arme zu kommen; denn ich starb vor Verlangen, ihr die lebhaftesten Zeichen meiner Zärtlichkeit zu geben. »Nein, mein Freund! Die Liebe schließt ja nicht die Vorsicht aus, und wie Sie sehen, steht die Türe offen.« Sie holte den Ariosto und las mir das Abenteuer Ricciardettos mit der spanischen Prinzessin Fiordespina vor – die schönste Episode des fünfundzwanzigsten Gesanges dieses schönen Gedichtes, das ich auswendig wußte. Sie stellte sich vor, daß sie die Prinzessin und ich Ricciardetto sei. Ihr machte der Gedanke Spaß: che il ciel l'abbia concesso, bradamante cangiato in miglior sesso ... Verwandelt ruht dann neben ihr der echte Genoß, und zwar von besserem Geschlechte. Dann kam sie an die Stanze: Ie belle braccia al collo indi mi getta, E dolcemente stringe, e baccia in bocca: Tu buoi pensar se allora la saeta Dirizza Amor, se in mezzo al cor mi tocca. Der schöne Arm umschlingt mich alldieweile; Sie drückt mich hold und küßt mich in den Mund. Du magst dir denken, wie von Amors Pfeile Die Spitze mir im tiefsten Herzen stund. Sie wünschte eine Erklärung über das bacciar in bocca und über die Liebe, die in diesem Augenblick Ricciardettos Pfeil aufrichtete; ich gab ihr eine ausführliche Erläuterung und überraschte sie, indem ich sie plötzlich ebensolchen Pfeil berühren ließ wie jenen, von dem Ariosto spricht. Sie wurde darüber böse. Dies war auch ganz in der Ordnung; aber ihr Zorn konnte nicht lange dauern, und sie lachte laut auf, als sie an die Verse kam: Io il veggo, io il sento, e a pena vero parmi: Sento in maschio da femina mutarmi. Kaum glaub ich's, doch ich seh's, ich fühl's am Leibe: Ich wandle mich zum Mann aus einem Weibe. Und weiter: Cosi le dissi, e feci ch'ella stessa Trovò con man la verità espressa. Ich sag's und führ die Hand dem lieben Kinde, Damit es selbst die volle Wahrheit finde. Sie war erstaunt, daß Rom nicht dieses Gedicht verboten hätte, das, wie sie sagte, von Schmutzereien wimmelte. »Ich glaube. Sie irren sich, meine liebe Pauline; was Sie Schmutzereien nennen, sind nur poetische Freiheiten, und mit solchen ist Rom nicht geizig.« »Das ist ein frecher Witz, der Ihnen die Zensur der Kirche auf den Hals hetzen und Sie selber auf den Scheiterhaufen der heiligen Inquisition bringen könnte. Aber was nennen Sie denn Schmutzereien?« »Dinge, die Ekel erregen, nicht aber solche, die gefallen.« »Sie haben eine eigentümliche Logik. Aber bei dem augenblicklichen Zustande meines Herzens kann ich sie nicht bekämpfen; ich finde es scherzhaft, daß Ariosto von den Frauen aller anderen Nationen gerade eine Spanierin wählte, um ihr den seltsamen Geschmack zuzuschreiben, der sie gerade in den als Weib verkleideten Bradamante sich verlieben ließ.« »Die Glut des Klimas hat ihn veranlaßt, ein glühendes Temperament und infolgedessen einen perversen Geschmack anzunehmen.« »Die Dichter sind Narren, die sich alles Mögliche erlauben, was ihren Neigungen schmeichelt!« Wir setzten die Vorlesung und das Gespräch fort, und ich glaubte, die Schäferstunde habe geschlagen, als sie an die Stelle kam: Io senza scala in su la rocca salto, E lo stendardo piantovi di botto E la nemica mia mi caccio sotto. Und ohne Leiter in das Schloß ich drang. Dort pflanz' ich stolz mein Banner auf beim Siege, Als ich die Feindin glücklich niederkriege. Ich entnehme die Übersetzungen der Verse der bei Georg Müller erschienenen zweibändigen Ariost-Ausgabe von Alfons Kißner. Das herrlich ausgestattete Werk ist eine wahre Herzensfreude für jeden Bücherliebhaber. Ich wollte sofort die Szene dramatisch mit ihr darstellen, aber sie sagte mir mit jenem feinen Zartgefühl der Frauen, das diese so trefflich als Stachel anzuwenden wissen: »Mein lieber Freund, Sie könnten Ihr Übel verschlimmern; ich bitte Sie, mäßigen Sie sich, bis Ihre Verstauchung geheilt ist.« »Müssen wir denn meine Heilung abwarten, um unsere Ehe zu vollziehen!« »Ich glaube ja; denn wenn ich mich nicht irre, können Sie das Werk nicht ohne eine gewisse Bewegung vollbringen...« »Sie irren sich, köstliche Pauline! Aber selbst wenn es so wäre! Verlassen Sie sich darauf, ich würde nicht bis morgen warten, und wenn es mir das Bein kosten sollte! Übrigens werden Sie sehen, daß es Mittel gibt, um den Zweck ziemlich leicht zu erreichen, ohne mein Übel zu verschlimmern. Sind Sie überzeugt? Sagen Sie es mir; denn Ihre Ängstlichkeit beunruhigt mich.« »Ich weiß nicht... Ich schäme mich ...« »Aber, mein Herz, müssen Sie nicht über solche Gewissensbedenken erröten? Diese passen doch wirklich nicht für Ihren Geist!« »Nun, so wollen wir doch wenigstens die Kerzen auslöschen; in einer Minute gehöre ich Ihnen.« »Wenn es denn nicht anders sein kann! Allerdings beraubt die Abwesenheit des Lichtes mich großen Genusses. Also schnell die Kerzen aus!« Ganz mit unserem künstlichen Licht beschäftigt, achtete meine reizende Portugiesin nicht darauf, daß der Mondschein das Zimmer hell erleuchtete und daß meine Musselinvorhänge kein genügendes Hindernis boten, um mir den Anblick der entzückendsten Formen zu entziehen, besonders in der Stellung, die sie zufällig angenommen hatte. Wäre Pauline eine Kokette gewesen, so hätte ich glauben können, dieses ganze Manöver sei absichtlich berechnet gewesen, um meine Glut zu steigern. Aber sie hatte dies nicht nötig. Endlich hielt ich sie in meinen Armen, und wir versanken in ein ungewöhnliches Schweigen, das durch keine andere Bewegung als durch einen innigen Druck und durch keinen anderen Laut als durch das leise Geräusch unserer Küsse unterbrochen wurde. Bald war unsere Vereinigung vollständig, und ihre Seufzer, ihre glühende Hingabe bewiesen mir, indem sie mir ihre Erstlinge darbrachte, daß ihr Liebesbedürfnis das meinige noch übertraf. Ich bewahrte genügende Selbstbeherrschung, um nicht zu vergessen, daß ich ihre Ehre schonen mußte. Sie war darüber sehr erstaunt; denn sie gestand mir, sie habe an eine solche Ausflucht nicht gedacht, sondern sich mir ohne Hintergedanken hingegeben und sei bereit gewesen, die Folgen auf sich zu nehmen, die sie für unvermeidlich gehalten habe. Ich machte sie glücklich, indem ich ihr das Geheimnis erklärte. Bis zu diesem Augenblick hatte die Liebe allein mich belebt, aber nach dem blutigen Opfer fühlte ich mich von Achtung und Dankbarkeit durchdrungen. Ich sagte ihr mit überströmendem Herzen, ich fühle die ganze Größe meines Glückes und sei bereit, ihr mein Leben zu opfern, um sie von der Beständigkeit meiner Zärtlichkeit zu überzeugen. Beglückt durch das Gefühl der Sicherheit, das ich ihr einzuflößen verstanden hatte, überließ Pauline sich der ganzen Glut ihres südlichen Temperamentes, und ich hielt ihr tapfer stand; wir wirkten jedoch so eifrig, daß uns schließlich die Erschöpfung übermannte und daß das letzte Opfer nicht ganz vollzogen werden konnte. Wir überließen uns einem friedlichen und tiefen Schlaf. Ich erwachte zuerst. Strahlende Sonne erleuchtete das Zimmer, und ich betrachtete lange Paulinen, die an meiner Seite lag. Auf meinen Ellbogen gestützt, stieß ich unwillkürlich einen tiefen Seufzer aus, als ich dies entzückende Weib in meinem Besitz sah, den einzigen Sprößling einer erlauchten Familie, die erste Schönheit Portugals, die sich mir in Liebe ergeben hatte und die ich leider nur kurze Zeit besitzen durfte. Pauline erwachte, und ihr Blick, leuchtend und sanft wie der erste Strahl einer Frühlingssonne, ruhte voll Vertrauen und Liebe auf mir. »Woran denkst du, mein süßer Freund?« »Ich suche mich zu überzeugen, daß mein Glück nicht ein Traum ist; und wenn es Wirklichkeit ist, so wünsche ich zu sterben, bevor ich dich verliere. Ich bin der glückliche Sterbliche, dem du einen unermeßlichen Schatz geschenkt hast, dessen ich mich unwert fühle, obgleich ich dich unbeschreiblich liebe.« »Mein Freund, du bist meiner ganzen Hingebung und meiner ganzen Liebe würdig, wenn du mich noch achten kannst.« »Dich nicht mehr achten! Pauline, könntest du daran zweifeln?« »Nein, lieber Freund, ich glaube an deine Zärtlichkeit, und ich bin sicher, daß ich es niemals zu bereuen haben werde, Vertrauen zu dir gehabt zu haben.« Nachdem wir das süßeste Opfer noch einmal erneut hatten, stand Pauline auf. Mit einem anmutigen Lachen machte sie die Bemerkung, daß sie sich jetzt nicht mehr in meiner Gegenwart schäme. Plötzlich aber ging sie vom Scherz zu tiefsinnigen Betrachtungen über und sagte: »Lieber Freund, wenn das Verschwinden der Scham eine Wirkung erworbenen Wissens ist, woher kommt es, daß unser erstes Urelternpaar sich erst schämte, nachdem es wissend geworden war?« »Das weiß ich nicht, angebetete Freundin; aber sage mir, ob du jemals diese Frage an deinen gelehrten italienischen Lehrer gerichtet hast, von dem du mir erzähltest?« »Hm – ja!« »Was hat er dir geantwortet?« »Sie hätten sich geschämt, nicht weil sie genossen hätten, sondern weil sie ungehorsam gewesen wären; indem sie die Körperteile bedeckten, die sie verführt hätten, glaubten sie, den begangenen Fehltritt verleugnen zu können. Was man auch sagen mag, ich bin der Meinung, daß Adam viel mehr Schuld hatte als Eva.« »Wieso?« »Weil Adam das Verbot von Gott selber erhalten hatte, während Eva es nur von Adam vernommen haben konnte.« »Ich glaube, alle beide empfingen das Verbot unmittelbar von Gott.« »Du hast also nicht die Schöpfungsgeschichte gelesen?« »Du machst dich über mich lustig.« »Dann hast du sie also schlecht gelesen; denn es steht darin klar und deutlich, daß Gott die Eva schuf, nachdem er Adam verboten hatte, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen.« »Ich finde es seltsam, daß unsere Bibel-Ausleger diesen Umstand nicht hervorgehoben haben, denn er scheint mir sehr wichtig zu sein.« »Die Theologen sind eben Betrüger; sie sind fast alle Feinde unseres Geschlechts.« »O, was das anbelangt, so geben sie sehr oft Beweise vom Gegenteil.« »Bitte, laß uns davon nicht mehr sprechen! Aber mein Lehrer war ein ehrlicher Mann.« »War er Jesuit?« »Ja, aber von der kurzen Robe.« »Was heißt das?« »Darüber wollen wir ein anderes Mal sprechen.« »Schön, meine Liebe; wir werden dann sehen, wie die Begriffe: Jesuit und ehrlicher Mann sich miteinander vertragen können.« »Es gibt Ausnahmen von allen Regeln.« Meine Pauline war eine tiefe Denkerin, und da sie sehr an ihrer Religion hing, so beschäftigte sie sich mehr damit als ich. Ich hätte diesen ihren Vorzug niemals kennen gelernt, wenn sie nicht meine Bettgenossin geworden wäre. Ich habe mehrere Frauen von solcher Geistesanlage gekannt: um die Höhe ihres Geistes, die Erhabenheit ihrer Seele zu erkennen, muß man sie zuerst dahin bringen, sich der Verdammnis zu ergeben; wenn einem dies gelingt, ist man ihres vollen Vertrauens sicher, denn sie haben kein Geheimnis mehr vor dem Sieger, der sie zu erobern wußte. Hauptsächlich aus diesem Grunde liebt das schwache und reizende Geschlecht die Tapferen und verachtet die Feigen. Allerdings sieht man zuweilen, wie Feiglinge anscheinend bevorzugt werden; aber dies sind Erfolge, die sie nur ihrer Schönheit oder einer Weiberlaune verdanken: die Frauen treiben ihren Spaß mit ihnen, und wenn ein Tapferer dem Feigling den Stock zu kosten gibt, sind sie die ersten, die darüber lachen. Nach der köstlichsten Nacht, die die Liebe mir verschafft hatte und die mir die süßeste zu sein schien, die der liebe Gott mir jemals gewährt hat, beschloß ich, mein Haus nicht mehr zu verlassen, solange Pauline noch in London bleiben würde. Das reizende Weib wich nicht einen Augenblick von meiner Seite, abgesehen von der kurzen Zeit, die sie brauchte, um am Sonntag die Messe zu hören. Ich verschloß meine Tür vor aller Welt, selbst vor dem Jünger Äskulaps, denn meine Verstauchung heilte von selbst. Ich beeilte mich, die liebenswürdige Miß Chudleigh von meiner schnellen Heilung in Kenntnis zu setzen; infolgedessen schickte sie nun nicht mehr zweimal täglich zu mir, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, wie sie es bis dahin getan hatte. Pauline war nach unserem Liebeskampf auf ihr Zimmer gegangen und kam erst zum Mittagessen wieder herunter. Aber wie strahlte sie da vor Schönheit! Ich glaubte, eine Nereide zu sehen oder vielmehr einen Engel. Ihr Gesicht, das durch ihr Darben zu bleich geworden war, hatte jene Farbe von Lilien und Rosen angenommen, die immer ein Zeichen von Jugend und Gesundheit sind, und auf ihrem Antlitz lag ein Ausdruck von Zufriedenheit und Glück, den ich unermüdlich bewundern mußte. Da wir beide unsere Bildnisse zu besitzen wünschten, schrieb ich an Martinelli, er möchte mir den besten Maler von London schicken; er sandte mir einen Juden zu, dem seine Aufgabe trefflich gelang. Ich ließ mein Bild in einen Ring fassen, und dies war das einzige Geschenk, das Pauline von mir annehmen wollte, der ich mich doch nur um so reicher gefühlt hätte, wenn sie alles angenommen hätte, was ich besaß. So verbrachten wir drei Wochen in einem Übermaß von Glück, das keine Feder beschreiben könnte. Ich war vollkommen wieder hergestellt; wir erfreuten uns einer ausgezeichneten Gesundheit, und unsere Liebe war voll Wollust und Gefühl. In jedem Augenblicke des Tages und der Nacht gehörten wir einander an, und da unsere Begierden stets befriedigt wurden und stets wieder von neuem erwachten, so befanden wir uns auf dem Höhepunkt des Glückes. Wir hatten keine Zeit, an die Zukunft zu denken, und vielleicht erhöhte dieser Umstand noch unsere Seligkeit. Mit einem Wort, ich glaube, es ist schwer, sich eine richtige Vorstellung von der Lage zweier Menschen zu machen, denen alle leiblichen Genüsse im Überfluß zu Gebote stehen und die kein Bedenken darin stört; die ganz in der Gegenwart leben und deren Gedanken keine Furcht vor der Zukunft beschäftigt; die durch sich selber und durch alles, was sie angeht, glücklich sind und deren Glück verhundertfacht wird durch die Genüsse, die sie sich unaufhörlich gegenseitig verschaffen. In solcher Lage befand ich mich damals, befand sich meine göttliche Pauline. Jeden Tag entdeckte ich an meiner Geliebten Eigenschaften, die sie mir immer lieber machten: ihr Geist und ihr glücklicher Charakter waren ein unerschöpflicher Schatz; denn die Natur hatte sie mit moralischen Eigenschaften noch besser bedacht als mit körperlicher Schönheit, und einer ausgezeichneten Erziehung, die ihre Intelligenz gekräftigt hatte, verdankte sie eine außerordentliche Entwicklung aller ihrer Geistesgaben. Pauline hatte außer ihrer weiblichen Schönheit, Anmut und Sanftmut auch jenen festen und stolzen Charakter und den weiten Gesichtskreis, die nur höchstbegabten Männern eigen sind. Schon begann sie zu hoffen, der verhängnisvolle Brief, der sie zurückrufen sollte, werde gar nicht kommen, und Graf Al.... existierte in ihrer Erinnerung nur noch wie ein bedeutungsloser Traum; sie sagte mir manchmal, sie begreife nicht, wie ein hübsches Gesicht eine so materielle Macht ausüben könne, daß es aller Vernunft zum Trotz eine tiefe Neigung hervorrufe. »Ich fühle zu spät,« sagte sie, »daß nur der Zufall eine Vereinigung glücklich machen kann, die durch eine solche animalische Wirkung zustande kommt.« Der erste August war ein verhängnisvoller Tag für sie und für mich. Pauline empfing aus Lissabon zwei Briefe, die ihr keinen Vorwand übrig ließen, um ihre Rückreise zu verzögern, und ich erhielt aus Paris die Nachricht, daß Frau von Urfé tot sei. Frau du Rumain schrieb mir: zufolge der Aussage ihrer Kammerfrau hätten die Ärzte erklärt, die Marquise habe sich selber umgebracht, indem sie eine zu große Menge einer von ihr als Panacee bezeichneten Flüssigkeit eingenommen habe. Man habe ein Testament gefunden, das nach dem Irrenhause schmecke: sie vermache ihr ganzes Vermögen dem ersten Sohn oder der ersten Tochter, die sie gebären werde; denn sie behaupte, schwanger zu sein. Mich hatte sie zum Vormund des erwarteten Kindes bestellt, was mir sehr schmerzlich war, denn über eine solche Geschichte mußte ganz Paris mindestens eine Woche lang lachen. Die Gräfin du Châtelet, ihre Tochter, hatte sich ihres ganzen unbeweglichen Vermögens und ihres Portefeuilles bemächtigt, worin man zu meinem großen Erstaunen vierhunderttausend Franken gefunden hatte. Ich war von diesem Schlage wie betäubt, aber ich suchte meinen Schmerz und meine Reue über der Teilnahme zu vergessen, die die beiden Briefe meiner Pauline in mir erregten. Der eine war von ihrer Tante, der andere vom Grafen Oeiras, der sie aufforderte, sobald wie möglich auf dem See- oder Landwege nach Lissabon zurückzukehren, und ihr versicherte, sie werde sofort nach ihrer Ankunft in den Besitz ihres Vermögens gelangen und könne den Grafen Al... offen vor aller Welt heiraten. Er schickte ihr einen Sichtwechsel über zwanzig Millionen Reis. Ich hatte über den geringen Wert dieser Münze niemals nachgedacht und war daher außer mir; aber Pauline sagte mir lachend, der Wert betrage nur zweitausend Pfund Sterling. Immerhin erlaubte diese Summe ihr, wie eine Herzogin zu reisen. Der Minister riet ihr, den Seeweg zu benutzen, sie brauche in diesem Fall ihren Wunsch nur dem Herrn de Saa zu erkennen zu geben, der den Auftrag habe, eine portugiesische Fregatte, die sich augenblicklich in einem der englischen Häfen befinde, ihr zur Verfügung zu stellen. Pauline wollte weder von der Seefahrt noch von Herrn de Saa etwas wissen; kein Mensch sollte glauben können, daß sie zur Rückreise genötigt gewesen sei. Sie war ärgerlich, daß Oeiras ihr die Anweisung geschickt hatte, weil sie daraus sah, daß der Minister sich dem Glauben hingab, sie befinde sich in mißlichen Umständen. Es gelang mir allerdings ohne Mühe, ihr diese Sache im richtigen Lichte darzustellen, und sie gab schließlich zu, daß das Vorgehen des Ministers zartfühlend sei; denn er schrieb ihr nicht, daß er ihr mit der Anweisung ein Geschenk mache; dies würde sie allerdings beleidigt haben. Pauline war reich und hatte eine große Seele. Dies geht schon daraus hervor, daß sie mich genötigt hatte, ihren Ring anzunehmen, als sie sich sozusagen im Elend befand; ganz gewiß rechnete sie niemals auf meine Börse, obgleich sie überzeugt war, daß ich sie niemals würde verlassen haben. Ich bin sicher, daß sie mich für sehr reich hielt, und ich tat allerdings nichts, woraus sie auf das Gegenteil hätten schließen können. Wir verbrachten den Tag und sogar die Nacht sehr traurig. Am nächsten Morgen sprach Pauline zu mir mit jenem auserlesenen Feingefühl und mit jener Überzeugungskraft, die nur einem großen Charakter eigen sind: »Wir müssen uns trennen, mein lieber Freund, und uns zu vergessen suchen; meine Ehre verlangt, daß ich sofort nach meiner Ankunft in Lissabon die Frau des Grafen Al.... werde. Denn alle Welt muß glauben, daß ich mich ihm bereits hingegeben habe; sobald ich aber mich dem Grafen gelobt habe, ist es meine Pflicht, ihm mein Herz wie meine Person ungeteilt zu geben. Dies wird mir nicht schwer werden; denn es ist mir nicht möglich, mir vorzustellen, daß ich auf andere Art glücklich sein könnte, und sobald ich dich nicht mehr sehe, wird mein Pflichtgefühl die Oberhand gewinnen; denn was man wirklich will, muß man auch können. Meine erste Liebe, die du beinahe verwischt hast, wird wieder die alte Gewalt erlangen, sobald ich dich verlassen habe, und ich bin überzeugt, daß ich meinen Gatten lieben werde, denn er ist gut, sanft und liebenswürdig; dies habe ich in den wenigen Tagen, die wir zusammen verlebten, wohl erkennen können. Nach dieser Vorrede, mein lieber Freund, will ich dir nun sagen, worum ich dich bitten muß und was du mir gewähren mußt, sei es auch nur als eine Gnade: versprich mir, niemals nach Lissabon zu kommen, wenn ich dir nicht die Erlaubnis gebe. Ich hoffe, ich brauche dir nicht die Gründe zu sagen; du darfst es nicht wagen, den Frieden meiner Seele zu stören; denn wenn ich schuldig würde, müßte ich zugleich auch unglücklich werden, und du, der du mich so zärtlich liebst, wirst gewiß nicht das Werkzeug meines Unglücks werden wollen. Ach glaube mir, ich stelle mir vor, ich sei deine Gattin gewesen; sobald wir getrennt sind, werde ich mir einbilden, ich sei Witwe und reise nach Lissabon, um dort eine andere Ehe einzugehen.« Unter strömenden Tränen schloß ich sie in meine Arme und versprach ihr Gehorsam. Pauline antwortete dem Minister Oeiras und ihrer Tante, der Äbtissin, sie werde im Laufe des Oktobers in Lissabon eintreffen; sobald sie in Spanien sei, werde sie ihm weitere Nachricht geben. Da sie über die nötigen Mittel verfügte, kaufte sie einen Reisewagen, und nahm eine Kammerjungfer durch Vermittlung der braven Frau, bei der sie im Anfange ihres Londoner Aufenthaltes gewohnt hatte. Die letzte Woche, die sie mit mir zubrachte, verging mit diesen Reisevorbereitungen. Als besondere Gunst bewilligte sie mir, daß Clairmont sie bis nach Madrid begleiten durfte. Sie sollte mir sofort nach ihrer Ankunft in der spanischen Hauptstadt diesen treuen Diener zurückschicken; aber das Schicksal hatte beschlossen, daß ich ihn nicht wiedersehen sollte, und ich gestehe, dies war einer der schlimmsten Streiche, die es mir in meinem Leben gespielt hat. Wir verbrachten die letzten acht Tage in Bitternis und Wonne. Wir sahen uns an, ohne zu sprechen; wir sprachen, ohne zu wissen, was wir sagten. Wir vergaßen, uns zu Tisch zu setzen und zu essen; wir gingen zu Bett und hofften, wir würden vor Liebe und Schmerz nicht schlafen können; aber wir täuschten uns. Eine Lethargie, die durch die Erschöpfung unserer Sinne hervorgerufen war, versenkte uns in einen tiefen Schlaf, und wenn wir in inniger Verschlingung erwachten, schilderten tiefe Seufzer und feurige Küsse den wirklichen Zustand unserer Seelen. Pauline konnte mir und sich das Glück nicht versagen, daß ich sie bis Calais begleitete. Wir reisten am zehnten August ab und hielten uns in Dover nur solange auf, wie notwendig war, um den Wagen auf ein Paketboot bringen zu lassen. Vier Stunden später landeten wir in Calais, wo Pauline, um ihre Witwenschaft zu beginnen, mich bat, in einem Zimmer zu schlafen, das von dem ihrigen getrennt war. Am zwölften August reiste sie ab. Mein armer Clairmont ritt voran, und sie hatte beschlossen, nur bei Tage zu reisen. Meine Trennung von Pauline hat eine große Ähnlichkeit mit der schmerzlichen Trennung von Henriette, die ich fünfzehn Jahre früher in Genf durchmachen mußte. Auffallend ist die Charakterähnlichkeit dieser beiden unvergleichlichen Frauen, die nur in der Art ihrer Schönheit voneinander verschieden waren. Vielleicht war dies nötig, damit ich mich in die zweite ebenso leidenschaftlich verlieben konnte, wie ich mich in die erste verliebt hatte. Beide waren klug und verständig, beide waren tiefe Denkerinnen, und nur eine verschiedene Erziehung hatte bewirken können, daß die eine heiterer war, mehr Talente und weniger Vorurteile hatte als die andere. Pauline hatte den edlen Stolz ihrer Nation, sie hatte einen Hang zum Ernst, und die Religion war für sie Herzenssache; außerdem übertraf sie Henriette an verliebter Glut und an Neigung zum Liebesgenuß. Ich war mit beiden glücklich, weil ich reich war; sonst hätte ich weder die eine noch die andere überhaupt gekannt. Ich habe sie vergessen, weil wir Menschen alles vergessen; aber wenn ich mir die Erinnerung an sie zurückrufe, finde ich, daß der Eindruck, den Henriette auf mich machte, doch der tiefere war – ohne Zweifel nur deshalb, weil ich damals erst zweiundzwanzig Jahre alt war, während ich in London bereits siebenunddreißig zählte. Je älter ich werde, desto mehr fühle ich, wie das Alter unsere Eindrucksfähigkeit abstumpft, und desto mehr bedauere ich, daß ich nicht das Geheimnis habe finden können, die Jugend festzuhalten, diese glückliche Zeit süßer Einbildungen. Ohnmächtiges Bedauern! Wir müßten enden, wie wir beginnen, oder wir müßten die von der Natur aufgestellte Ordnung umstoßen, das heißt, damit beginnen, womit wir endigen. Noch einmal – ohnmächtiges Bedauern! Ich schiffte mich am selben Tage wieder ein und hatte eine sehr unangenehme Überfahrt. Trotzdem hielt ich mich in Dover nicht auf, und sobald ich in London angekommen war, schloß ich mich in düsterster Stimmung in einem wirklich britannischen »Spleen« in mein Zimmer ein, um darüber nachzudenken, wie ich Pauline vergessen könnte. Jarbe brachte mich zu Bett. Dieser Jarbe war ein braver Junge, den ich für die Zeit von Clairmonts Abwesenheit in meinen persönlichen Dienst genommen hatte. Als er am nächsten Morgen in mein Zimmer trat, brachte er eine schauderhafte Naivität vor, über die ich bald darauf aber doch lachen mußte. »Mein Herr,« sagte er zu mir, »die Alte läßt Sie durch mich fragen, ob sie das Schild wieder aushängen soll?« »Das elende Weib! Sie will wohl, daß ich sie in der Wut erwürge?« »Aber mein Gott, mein Herr, sie hängt sehr an Ihnen; und als sie Sie so traurig gesehen hat, da hat sie gedacht...« »Sage ihr, sie soll sich's nicht wieder einfallen lassen, derartige Gedanken zu haben, und du...« »O – ich, Herr, werde alles tun, was Sie wollen.« »Laß mich zufrieden!« Zwölftes Kapitel Eigentümlichkeiten der Engländer. – Castelbajac. – Graf Schwerin. – Meine Tochter Sophie in Pension. – Die Charpillon. Ich verbrachte eine jener Nächte, die wie ein beständiges Alpdrücken sind. Traurig und düster stand ich auf; ich war in einer Stimmung, daß ich einen Menschen hätte totschlagen oder auf Herzaß um sein Lebm hätte spielen mögen. Das Dach meines Hauses, das mir bis dahin so schön vorgekommen war, schien mit seinem ganzen Gewicht auf meiner Brust zu lasten. Ich ging aus, ohne an meinen Anzug zu denken; denn ich zog mechanisch meine Reisekleider wieder an. Der Anblick von etwa zwanzig Personen, die in einem Kaffeehause Zeitungen lasen, zog mich an, und ich trat ein. Ich setzte mich an einen Tisch, den ich zufällig frei fand, und da ich kein Englisch verstehe, beobachtete ich die Gäste, wie sie kamen und gingen. Nach einigen Minuten wurde jedoch meine Aufmerksamkeit durch die Stimme eines Mannes erregt, der französisch sprach und an einen anderen folgende Worte richtete: »Tommy hat sich das Leben genommen, und daran hat er meiner Seel' recht getan, denn seine Vermögensverhältnisse waren in der allerschlimmsten Unordnung. Wenn er weitergelebt hätte, wäre er sehr unglücklich geworden.« »Da irren Sie sich ganz und gar«, sagte der andere mit doktoraler Ruhe. »Da er auch mir schuldig war, war ich gestern dabei, als das Inventar seines Vermögens aufgenommen wurde, und da hat ein jeder sich überzeugen können, daß er einen wahren Anfängerstreich gemacht hat; denn er konnte noch sechs Monate warten, bis er sich das Leben nahm, und hätte trotz der Unordnung seiner Verhältnisse sich's sehr wohl sein lassen können.« über diese Art des Rechnens würde ich gelacht haben, wenn ich in einer weniger düsteren Stimmung gewesen wäre; aber es ist eine Tatsache, daß dieses Gefühl negativer Heiterkeit mir gut tat. Ich überlasse es den Physiologen, festzustellen, wie auf einen Menschen eine solche Wirkung hervorgebracht werden kann, daß er aus dem Zustande von Betäubung, worin ihn ein großer Verlust versetzt, in einen Zustand von Gleichgültigkeit übergeht, worin er sich besser befindet. Ich verließ das Kaffeehaus, ohne ein Wort gesprochen oder auch nur etwas verzehrt zu haben, und ging nach der Börse, um mir Geld geben zu lassen. Bosanquet gab mir sofort so viel, wie ich verlangte, und begleitete mich hierauf. Da ich einen Herrn sah, dessen Gesicht mich interessierte, fragte ich ihn: »Wer ist dieser Herr?« »Das ist ein Mann, der hunderttausend Pfund wert ist.« »Und wer ist jener?« »Das ist einer, der keine zehn wert ist.« »Aber ich frage Sie ja nicht, wieviele Pfund Sterling die Herren wert sind, sondern ich frage Sie nach ihren Namen.« »Den weiß ich nicht.« »Aber wie können Sie ihren Wert abschätzen, ohne ihren Namen zu kennen?« »Hier macht der Name nichts aus, der Wert aber alles. Einen Menschen kennen heißt: wissen, über welchen Betrag er verfügen kann. Was kommt es denn auch auf einen Namen an? Verlangen Sie von mir tausend Pfund und quittieren Sie darüber in meiner Gegenwart mit dem Namen Attila oder Sokrates – mir genügt das. Sie werden nicht als Seingalt, sondern als Sokrates oder Attila bezahlen, und wir werden lachen.« »Aber wenn Sie Wechsel unterschreiben?« »Das ist etwas anderes, denn diese muß ich mit demselben Namen unterzeichnen, den der Aussteller mir gibt.« »Das verstehe ich nicht.« »Sie sind eben kein Engländer und kein Kaufmann.« »Allerdings nicht.« Von ihm begab ich mich nach dem Park; da ich aber vorher noch eine Banknote von zwanzig Guineen wechseln wollte, ging ich zu einem reichen Kaufmann, einem Lebemann, den ich im Gasthof kennen gelernt hatte. Ich warf eine Banknote auf seinen Tisch und bat ihn, mir dafür Goldstücke zu geben. »Kommen Sie in einer Stunde wieder,« sagte er; »ich habe in diesem Augenblick kein Geld hier.« »Gut; ich werde wieder vorsprechen, wenn ich vom Park zurückkomme.« »Nehmen Sie Ihre Banknote wieder und geben Sie sie mir, wenn ich Ihnen die zwanzig Goldstücke auszahle.« »Das ist einerlei. Behalten Sie sie nur; ich zweifle nicht an Ihrer Rechtschaffenheit.« »Das ist Unsinn, lieber Freund; denn wenn Sie mir die Banknote hierlassen, werde ich Ihnen kein Geld mehr geben, wäre es auch nur, um Ihnen eine Lehre zu verabfolgen.« »Ich halte Sie einer unredlichen Handlung nicht für fähig.« »Ich bin es auch nicht; aber wenn es sich um eine so einfache Sache handelt, wie die, eine Banknote in die Tasche zu stecken, was durchaus keine Mühe macht, dann kann der redlichste Mensch glauben, er habe den Gegenwert dafür gegeben, und ein kleiner Irrtum des Gedächtnisses könnte zu einem Streit führen, bei welchem Sie sicherlich unterliegen müßten; denn man würde Ihnen ins Gesicht lachen, falls Sie etwa klagen sollten.« »Ich fühle die Richtigkeit Ihrer Gründe, besonders in einer Stadt, wo man den Kopf fortwährend voll von Gedanken hat.« Im Park fand ich Martinelli, dem ich für seinen Decamerone dankte; er hatte mir das Buch inzwischen gesandt. Er beglückwünschte mich zu meinem Wiedererscheinen in der Gesellschaft und zu der schönen Dame, deren glücklicher Besitzer und gewiß auch Sklave ich geworden sei. »Lord Pembroke hat sie gesehen und hat sie reizend gefunden.« »Wie? Was sagen Sie da? Wo hat er sie gesehen?« »Mit Ihnen in einem vierspännigen Wagen; Sie fuhren in scharfem Trab nach Rochester zu. Es ist etwa drei oder vier Tage her.« »Schön, mein lieber Martinelli; jetzt kann ich es Ihnen ja sagen: ich brachte sie nach Calais und werde sie niemals wiedersehen.« »Werden Sie Ihre Wohnung wieder zu denselben Bedingungen vermieten?« »Nein, niemals wieder – obgleich der Gott der Liebe mich sehr gnädig behandelt hat. Sie werden mir ein Vergnügen machen, wenn Sie zu mir kommen, so oft Sie Lust haben.« »Muß ich mich vorher anmelden?« »Nein, für meine Freunde speist Lukullus bei Lukullus.« Wir setzten unseren Spaziergang fort, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, und sprachen von Literatur und allerlei Gebräuchen. Plötzlich bemerkte ich in der Nähe von Buckingham-House zu meiner Linken im Gebüsch fünf oder sechs Personen, die ein dringendes Bedürfnis verrichteten und dabei den Vorübergehenden den Hintern zukehrten. Diese Stellung erschien mir empörend unanständig, und ich sprach Martinelli gegenüber meinen Abscheu aus, indem ich besonders bemerkte, diese schamlosen Menschen müßten doch zum mindesten den Vorübergehenden ihr Gesicht zukehren. »Keineswegs!« rief er; »denn dann würde man sie vielleicht erkennen, und ganz sicherlich würde man sie ansehen, während sie durchaus keine Gefahr laufen, erkannt zu werden, wenn sie nur ihren Hintern den Blicken preisgeben; außerdem nötigen sie dadurch jeden einigermaßen zartfühlenden Menschen, seine Blicke von ihnen abzuwenden.« »Ich erkenne Ihre Gründe als richtig an, mein lieber Freund, aber Sie werden es natürlich finden, daß so etwas einen Ausländer empört.« »Natürlich; in allen Ländern wurzeln die besonderen Gebräuche sich ebenso fest ein wie die Vorurteile. Sie haben wohl schon bemerkt, daß ein Engländer, der auf der Straße seine Schleusen öffnen muß, nicht wie bei uns in einen Gang tritt oder sich an eine Tür stellt oder einen Prellstein als Deckung benutzt?« »Ja, ich habe gesehen, daß Leute sich nach der Mitte der Straße wandten; aber wenn sie es auf diese Weise vermeiden, von den Leuten gesehen zu werden, die auf den Bürgersteigen oder in den Läden sind, so werden sie dafür von denen gesehen, die vorüberfahren, und das ist doch auch nicht richtig.« »Wer zwingt denn die Herrschaften, die bequem im Wagen fahren, hinzusehen?« »Das ist allerdings auch wieder wahr.« Wir gingen bis zum Greenpark und trafen dort Lord Pembroke, der einen Spazierritt machte. Sobald er mich sah, hielt er an und erhob ein lautes Geschrei. Ich erriet die Ursache seiner Überraschung und sagte ihm, ohne seine Frage abzuwarten: »Ich habe zu meinem großen Bedauern meine Freiheit wiedererlangt und fühle mich an meiner guten Tafel sehr vereinsamt.« »Ich bin ein wenig neugierig, mein lieber Seingalt, und werde vielleicht heute zu Ihnen kommen und Ihnen Gesellschaft leisten.« Wir trennten uns, und da ich darauf rechnete, daß ich ihn zum Mittagessen bei mir sehen würde, so ging ich nach Hause, um meinem Koch zu sagen, ich würde im Apollosaale speisen. Martinelli hatte sich für diesen Tag schon verpflichtet und konnte daher nicht kommen; aber er zeigte mir eine Ausgangstür des Parkes, die ich noch nicht kannte, und brachte mich auf den Weg. Als wir in eine Straße einbogen, sahen wir eine Menge Leute, die etwas zu beobachten schienen. Martinelli ging an den Haufen heran, kam dann wieder zu mir und sagte: »Sie werden da etwas Eigentümliches sehen, was Sie Ihren Beobachtungen englischer Gebräuche einverleiben können.« »Was ist es denn?« »Ein Mensch, der in einer Viertelstunde an den Folgen eines Faustschlages auf die Schläfe sterben wird, den er bei einer Boxerei von einem anderen braven Mann erhalten hat.« »Gibt es denn kein Mittel dagegen?« »Es ist ein Chirurg da, der ihn zu retten verspricht, wenn man ihm erlaubt, den Mann zur Ader zu lassen.« »Wer kann ihm denn das verbieten?« »Das ist eben das Merkwürdige: Zwei Männer haben zwanzig Guineen auf das Leben des Mannes gewettet. Der eine hat gesagt: ich wette, daß er stirbt; der andere: ich wette, er wird nicht sterben. Der erste erhebt Einspruch gegen den Aderlaß; denn wenn der Chirurg den Verwundeten heilt, wird der zweite seine zwanzig Guineen verlangen.« »Ein sehr unglücklicher Mensch und sehr unbarmherzige Wetter!« »In betreff des Wettens sind die Engländer eigentümliche Leute. Bei ihnen wird auf alles gewettet. Es gibt hier eine Gesellschaft, die man den Wettklub nennt. Wenn Sie Lust haben, dem Verein beizutreten, werde ich Sie vorstellen.« »Spricht man französisch?« »Ohne allen Zweifel; denn die Mitglieder sind geistreiche und vornehme Leute.« »Und was macht man in diesem Klub?« »Man plaudert, man disputiert; und wenn jemand irgend etwas leugnet, was ein anderer behauptet, so muß eine Wette angenommen werden, falls einer von den beiden sie vorschlägt; sonst muß eine Geldstrafe zugunsten einer allgemeinen Kasse bezahlt werden, die am Ende eines jeden Monats geteilt wird.« »Lieber Freund, verschaffen Sie mir doch den Zutritt zu diesem reizenden Klub! Ich werde da reich werden; denn ich werde mit meiner Meinung nicht zurückhalten, so oft ich entgegengesetzter Ansicht bin, aber ich werde darauf halten, daß ich meiner Sache sicher bin.« »Nehmen Sie sich in acht, denn Sie werden es mit starken Gegnern zu tun haben!« »Aber kommen wir noch einmal auf den sterbenden Mann! Was wird man dem anderen tun, der ihn getötet hat?« »Man wird seine Hand untersuchen, und wenn diese glatt ist wie die Ihrige und wie die meinige, wird man sich damit begnügen, sie zu zeichnen.« »Das begreife ich nicht. Bitte, erklären Sie es mir! Woran erkennt man eine gefährliche Hand?« »Wenn man die Hand gezeichnet findet, so ist dies ein Beweis, daß er bereits einen Menschen getötet hat. Nachdem man seine Hand gezeichnet hat, sagt man zu ihm: Nimm dich in acht, noch einen zu töten; denn wenn du dies tust, wird man dich hängen.« »Aber wenn dieser Mann angegriffen wird?« »Er braucht nur seine Hand zu zeigen. Bei diesem Anblick entfernt sich sofort ein jeder und läßt, ihn in Ruhe.« »Aber wenn man ihn zwingt?« »Dann befindet er sich in der Notwehr, und wenn er einen Totschlag begeht, wird er freigesprochen, vorausgesetzt, daß er Zeugen hat.« »Ich wundere mich, daß der Faustkampf erlaubt ist, da er den Tod eines Menschen herbeiführen kann.« »Er ist nur als Wette erlaubt. Die Gegner werfen vor Beginn des Kampfes ein Geldstück oder mehrere auf die Erde und bekunden dadurch, daß sie eine Wette eingehen. Haben sie das nicht getan, so wird der Sieger gehenkt, wenn er den anderen tötet.« »O Gesetze, o Sitten!« Durch solche Beobachtungen lernte ich diese stolze Nation kennen, die so groß und zugleich so klein ist. Der edle Lord erschien pünktlich zur verabredeten Stunde, und ich bewirtete ihn aufs beste, um ihm Lust zu machen, recht bald wieder zu kommen. Obgleich wir beide allein miteinander speisten, saßen wir sehr lange bei Tisch, denn ich wünschte von ihm Erklärungen über alles, was ich am Morgen gesehen hatte, besonders über den Wettklub. Der liebenswürdige Pembroke riet nur, nicht einzutreten, wenn ich mir nicht etwa vornehmen wollte, eine oder fünf Wochen lang vollständig zu schweigen. »Aber wenn man mich fragt.« »Dann müssen Sie ausweichen.« »Natürlich werde ich ausweichen, wenn ich nicht imstande bin, meine Meinung abzugeben; aber im gegenteiligen Falle wäre selbst Satan nicht imstande, mich zum Schweigen zu bringen.« »Um so schlimmer.« »Aber sind es denn Gauner?« »Ganz gewiß nicht. Es sind lauter Edelleute, Gelehrte, reiche Herren und Lebemänner. Aber sie sind unbarmherzig im Vorschlagen und Annehmen von Wetten.« »Ist die Kasse reich?« »Nichts weniger als das, denn man betrachtet es als eine Schande, die Buße zu bezahlen, und nimmt lieber eine mäßige Wette an. Wer wird Sie vorschlagen?« »Martinelli.« »Ja, er wird sich an Spencer wenden, der Mitglied der Gesellschaft ist. Ich habe es abgelehnt, mich einführen zu lassen.« »Warum?« »Weil ich nicht gerne disputiere.« »Ich habe den entgegengesetzten Geschmack, und darum will ich mich um meine Zulassung bewerben.« »Wissen Sie übrigens, Herr von Seingalt, daß Sie ein eigentümlicher Mensch sind?« »Warum, Mylord?« »Sie schließen sich einen ganzen Monat lang mit einer Frau ein, die vierzehn Monate in London gelebt hat, ohne daß es einem Menschen gelungen ist, sie kennen zu lernen oder auch nur zu erfahren, aus welchem Lande sie ist! Die Neugier aller Liebhaber seltsamer Dinge ist hierdurch aufs höchste angestachelt worden.« »Woher haben Sie erfahren, daß sie vierzehn Monate hier gelebt hat?« »Mehrere Personen haben sie im Hause einer ehrbaren Witwe gesehen, bei der sie den ersten Monat wohnte. Sie hat auf die Anträge, die man ihr machte, niemals auch nur eine Antwort gegeben: Ihr Anschlagzettel hat geradezu Wunder gewirkt.« »Zum Unglück für mich! Denn ich fühle, daß ich nach ihr kein anderes Weib mehr lieben kann.« »Ach, das ist Kinderei, mein Lieber. In acht Tagen lieben Sie eine andere, vielleicht morgen schon, wenn Sie zu mir aufs Land kommen und bei mir zu Mittag speisen wollen. Ich traf gestern zufallig in Chelsea eine richtige französische Schönheit, die sich bei mir zum Essen einlud. Ich habe meine Anordnungen getroffen und einigen Freunden, die das Spiel lieben, Bescheid sagen lassen.« »Das Glücksspiel?« »Selbstverständlich.« »Spielt diese reizende Französin gern?« »Sie nicht, aber ihr Mann.« »Wie heißt der?« »Er läßt sich Graf Castelbajac nennen.« »Ah! Castelbajac?« »Ja.« »Gascogner?« »Ja.« »Groß, mager, schwarz, pockennarbig?« »Ganz recht! Ich bin entzückt, daß Sie ihn kennen. Ist seine Frau nicht wirklich eine Schönheit?« »Das kann ich nicht sagen. Ich habe vor sechs Jahren diesen Castelbajac oder den Herrn, der sich so nennt, kennen gelernt und habe niemals etwas davon gehört, daß er verheiratet wäre. Übrigens stehe ich Ihnen zu Verfügung, Mylord, und es ist mir sehr angenehm, Ihre Gesellschaft mitzumachen. Nur muß ich Sie bitten, nichts zu sagen, falls er etwa so tun sollte, wie wenn er mich nicht kennte; denn er könnte triftige Gründe dazu haben, übermorgen werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen können, die dem Herrn keine Ehre macht. Ich wußte nicht, daß er Spieler ist. Ich werde in der Gesellschaft der Wetter auf meiner Hut sein, und ich rate Ihnen, Mylord, seien Sie morgen in Ihrer Gesellschaft auf Ihrer Hut!« »Ich werde mir den Rat zunutze machen.« Nachdem Pembroke sich entfernt hatte, ging ich aus und machte einen Besuch bei der Cornelis, die mir vor acht Tagen mitgeteilt hatte, daß meine Tochter krank sei. Sie beklagte sich, daß sie zu zwei verschiedenen Malen, wo sie mich aufgesucht habe, nicht angenommen worden sei, obwohl ich ganz bestimmt zu Hause gewesen sei. Ich antwortete ihr: ich sei in meinem Hause verliebt und glücklich gewesen und habe darum meine Tür vor jedermann verschlossen gehalten. Hiermit mußte sie sich zufrieden geben. Der Zustand meiner kleinen Sophie beunruhigte mich; sie lag mit starkem Fieber zu Bett, war sehr abgemagert, und ihr ausdrucksvoller Blick sagte mir, daß ein Kummer an ihr nagte. Ihre Mutter war in Verzweiflung, denn sie liebte sie leidenschaftlich, und ich glaubte, sie würde mir die Augen ausreißen, als ich ihr sagte: wenn das Kind sterben sollte, so würde sie sich seinen Tod vorzuwerfen haben. Sophie mit ihrem ausgezeichneten Herzen rief sofort: »Nein, nein, mein lieber Papa!« Dann fiel sie ihrer Mutter um den Hals und suchte sie durch ihre Liebkosungen zu beruhigen. Ich rief die Mutter auf die Seite und sagte zu ihr: »An Sophien« Krankheit ist nur die Furcht vor Ihrer übergroßen Strenge schuld. So zärtlich Sie sie lieben, behandeln Sie sie doch mit einem unerträglichen Despotismus. Geben Sie sie für ein paar Jahre in eine Pension, wo sie mit Töchtern aus guten Familien zusammen ist. Teilen Sie ihr dies noch heute Abend mit und Sie sollen sehen, morgen geht es ihr besser.« »Aber eine gute Pension kostet jährlich hundert Guineen!« »Wenn die Pension, die Sie wählen, mir zusagt, bin ich bereit, für ein Jahr vorauszubezahlen.« Als sie dies hörte, umarmte diese Frau, die trotz ihrem Luxus und ihrem scheinbaren Reichtum wirklich in Not war, mich mit allen Anzeichen der lebhaftesten Dankbarkeit. »Kommen Sie!« rief sie; »kommen Sie, mein lieber Freund, und sagen Sie es selber meiner Tochter. Ich will sehen, was für ein Gesicht sie dazu macht!« »Gern.« »Meine liebe Sophie,« sagte ich zu dem Kinde, »deine Mutter und ich sind überzeugt, daß eine Luftveränderung dich bald wieder gesund machen wird. Wenn du ein oder zwei Jahre in einer der besten Pensionen auf dem Lande verbringen willst, so bin ich bereit, sofort für das erste Jahr zu bezahlen.« »Ich kann nur meiner lieben Mama gehorchen«, sagte Sophie. »Von Gehorsam ist nicht die Rede. Gehst du gern in die Pension? Sprich dich ganz offen aus!« »Aber wird es meiner lieben Mama angenehm sein?« »Sehr angenehm, mein liebes Kind, wenn du gern gehst.« »O! Dann gehe ich mit dem größten Vergnügen, liebe Mama!« Bei diesen Worten wurde das Gesicht des Kindes feuerrot – für mich ein deutliches Zeichen, daß ich richtig gesehen hatte. Ich verabschiedete mich von ihnen, indem ich die Cornelis bat, mir Nachricht zu geben. Am nächsten Morgen um zehn Uhr fragte Jarbe mich, ob ich meine Gesellschaft vergessen habe. »Nein, aber es ist ja erst zehn Uhr.« »Allerdings, Herr, aber Sie haben zwanzig Meilen zu fahren.« »Zwanzig Meilen?« »Ja, gewiß, Sie müssen ja nach St. Albans.« »Ich finde es sonderbar, daß Pembroke mir davon nichts gesagt hat. Woher weißt du es denn?« »Er hat seine Adresse hinterlassen, als er ging.« »So sind die Engländer!« Ich nahm die Post, was keine Umstände machte, denn sie ist überall zu haben, und in weniger als drei Stunden war ich an Ort und Stelle. Es gibt nichts Schöneres, als die englischen Landstraßen, und nichts Lieblicheres, als die lachende Landschaft. Nur der Weinstock fehlt, denn Englands Boden, so fruchtbar er ist, taugt doch nicht für den Weinbau. Das Haus des Lords Pembroke ist nicht groß, kann aber doch bequem zwanzig Herrschaften mit ihren Dienern aufnehmen. Da die Dame noch nicht gekommen war, zeigte der Lord mir seinen Park, seine Bäder, seine prachtvollen Gewächshäuser und einen Hahn, der in einem Verschlage angekettet war. Dieses Tier sah wirklich zum Erschrecken wild aus. »Was haben Sie denn da, Mylord?« »Das ist ein Hahn.« »Das sehe ich; aber er ist angekettet – warum denn?« »Weil er wild ist. Er ist sehr verliebt, und wenn er nicht angekettet wäre, würde er auf Liebesabenteuer ausgehen und alle Hähne der Nachbarschaft töten.« »Aber warum verdammen Sie ihn zum Zölibat?« »Damit er kriegstüchtig bleibt. Sehen Sie, hier ist die Liste seiner Siege.« Er zeigte mir eine beglaubigte Liste aller Kämpfe, aus denen der Hahn als Sieger hervorgegangen war, nachdem er seinen Gegner getötet hatte: es waren mehr als dreißig. Ferner zeigte er mir die Stahlsporen, mit denen man ihn an den Kampftagen bewaffnete. Als der Hahn sie sah, fing er an zu zittern und krähte. Ich mußte unwillkürlich lachen, als ich solchen kriegerischen Mut bei einem so kleinen Tier bemerkte. Der Hahn schien vom Kampfteufel besessen zu sein; er hob seine Füße hoch, wie wenn er darum bitten wollte, daß man ihm seine Waffen anschnallte. Nach den Sporen zeigte Pembroke mir den Helm, der ebenfalls aus sehr glänzendem Stahl verfertigt war. »Aber,« bemerkte ich, »wenn er solche Vorteile hat, ist er natürlich sicher, seinen Gegner zu besiegen!« »Durchaus nicht! Denn wenn er mit allen seinen Waffen gerüstet ist, verschmäht er einen Gegner, der nicht dieselben Waffen hat.« »Das ist kaum zu glauben, Mylord.« »Es ist vollkommen beglaubigt. Lesen Sie nur!« Er zeigte mir nun eine Liste, die den ganzen Stammbaum dieses sonderbaren Zweifüßlers enthielt. Er konnte besser als mancher adelige Herr zweiunddreißig Ahnen nachweisen – aber natürlich nur von väterlicher Seite; denn hätte er auch von Seiten der Mütter sein reines Blut nachweisen können, so hätte Lord Pcmbroke ihn zum mindesten mit dem Orden vom Goldenen Vließ dekoriert. »Dieser Hahn«, sagte er zu mir, »kostet mir hundert Guineen, aber ich würde ihn nicht für tausend hergeben.« »Hat er Kinder?« »Er arbeitet daran, aber die Sache ist schwierig.« Ich erinnere mich nicht mehr, was der Lord mir über die Art dieser Schwierigkeiten sagte. Die Engländer sind das sonderbarste Volk; bei keiner anderen Nation kann der aufmerksame Beobachter so viele Eigentümlichkeiten sehen. Endlich sah ich einen Wagen mit einer Dame und zwei Kavalieren ankommen. Der eine war der Gauner Castelbajac, der andere ein magerer Herr, der sich als Grafen Schwerin vorstellte, Neffen des berühmten gleichnamigen Feldmarschalls, der auf dem sogenannten Totenbett der Helden und Feld der Ehre starb. General Bekw ..., ein Engländer, der das Regiment des Feldmarschalls im Dienste des Königs von Preußen kommandierte und einer der Gäste des Lords Pembroke war, sagte dem Herrn aus Höflichkeit, sein Oheim sei in seiner Gegenwart gestorben. Dies veranlaßte den bescheidenen Neffen, das blutbefleckte Band des Schwarzen Adlerordens aus seiner Tasche zu ziehen und zu uns zu sagen: »Dieses Band trug mein Oheim an seinem Todestage, und Seine Majestät von Preußen hat mir erlaubt, es als ein edles Andenken zu behalten.« »Aber«, sagte ein anderer von den anwesenden Engländern, »so etwas trägt man doch nicht in der Tasche.« Der angebliche Schwerin tat, wie wenn er ihn nicht verstände, und dies genügte mir, um zu sehen, wes Geistes Kind er war. Lord Pembroke bemächtigte sich sofort der Dame, die aber nach meiner Meinung einen Vergleich mit Pauline nicht aushalten konnte; sie war weißer, weil sie blond war, aber sie war weniger groß und hatte nicht den geringsten adeligen Anstand. Sie ließ mich vollkommen kalt, denn das Lächeln machte sie häßlicher, und das ist ein großer Schönheitsfehler bei einer Frau; denn das Lachen muß sie verschönern, damit sie wirklich interessant werde. Lord Pembroke stellte seine Gäste der Gesellschaft vor, und als er meinen Namen nannte, bezeugte Castelbajac eine große Freude, mich wiederzusehen, obgleich mein Name Seingalt ihm ja erlaubt haben würde, sich zu stellen, als ob er mich nicht kenne. Wir hielten eine fröhliche Mahlzeit mit englischen Gerichten, und zum Schluß schlug Madame eine Partie Pharao vor. Da Mylord niemals spielte, so erbot der General sich, zur Unterhaltung der Gesellschaft die Bank zu halten. Er legte etwa hundert Guineen und mehrere Banknoten auf den Tisch; alles in allem mochte die Bank etwa tausend Guineen stark sein. Hierauf gab er jedem Spieler zwanzig Marken, indem er erklärte, daß eine jede zehn Schilling gelte. Da ich nur gegen bar spielen wollte, so nahm ich keine Marken an. Bei der dritten Taille hatte Schwerin seine zwanzig Marken verloren und verlangte neue; als jedoch der Bankhalter ihm sagte, er spiele nicht auf Wort, schwieg der angebliche Neffe des Feldmarschalls und spielte nicht mehr. Bei bei nächsten Taille kam Castelbajac in dieselbe Lage; da er neben mir saß, bat er mich um Erlaubnis, zehn Goldstücke von meinem Gelde nehmen zu dürfen. »Sie würden mir Unglück bringen,« sagte ich kalt, indem ich zugleich seine Hand zurückstieß. Er ging in den Garten hinaus, jedenfalls, um die Beleidigung zu verdauen, die ich ihm zugefügt hatte. Die Dame sagte, ihr Mann habe seine Brieftasche vergessen. Eine Stunde darauf legte der General die Karten hin, und ich entfernte mich, indem ich Mylord und die ganze Gesellschaft für den nächsten Tag zum Mittagessen in mein Haus einlud. Um elf Uhr war ich wieder zu Hause. Ich hatte unterwegs keine Straßenräuber getroffen, wie ich erwartet hatte; ich hatte für diesen Fall sechs Guineen in eine kleine Börse gesteckt, die ich zu opfern bereit war. Ich ließ meinen Koch wecken und sagte ihm, am nächsten Tage hätte ich zwölf Personen zu Tisch, und ich erwartete, daß er mir Ehre machte. Auf meinem Tisch fand ich einen Brief von der Cornelis, die mir schrieb, sie werde am nächsten Sonntag mit ihrer Tochter bei mir speisen und nach dem Essen wollten wir die Pension ansehen, in der sie das Kind unterzubringen gedächte. Am nächsten Tage kam zuerst Lord Pembroke mit der schönen Französin in einem Wagen mit zwei engen Plätzen; aber diese Enge war der Liebe günstig. Der Gascogner und der Preuße kamen zuletzt. Wir setzten uns um zwei Uhr zu Tisch und tafelten bis vier Uhr; wir waren alle sehr zufrieden mit meinem Koch und noch mehr mit meinem Weinhändler; denn obwohl wir vierzig Flaschen verschiedener ausgezeichneter Weine geleert hatten, waren wir alle bei Besinnung. Nach dem Kaffee lud der General alle Anwesenden ein, bei ihm zu Abend zu essen, und Madame Castelbajac forderte mich auf, eine Bank zu legen. Ohne mich lange bitten zu lassen, legte ich tausend Guineen auf; da ich jedoch keine Spielmarken hatte, so erklärte ich, daß ich nur gegen bar spielen und daß ich aufhören würde, sobald es mir paßte. Die beiden Grafen bezahlten vor Beginn des Spiels dem General ihren Verlust vom vorigen Tage mit zwei Banknoten, die der General mich ihm zu wechseln bat. Ich wechselte den Herren noch zwei andere und legte die vier Scheine unter meine Tabaksdose auf die Seite. Das Spiel begann. Da ich keinen Kroupier hatte, mußte ich langsam abziehen und dabei auf die beiden Grafen achten, die sich beständig zu ihrem Vorteil irrten. Dies machte mich verdrießlich. Endlich waren sie alle beide auf dem Trockenen und hatten zu meinem Glück auch keine Banknoten mehr. Castelbajac zog einen Wechsel über zweihundert Guineen aus der Tasche und warf mir diesen hin, indem er mich bat, ihn zu diskontieren. »Ich verstehe mich nicht auf Handelspapiere«, antwortete ich. Ein Engländer nahm den Wechsel, untersuchte ihn sehr gründlich, und legte ihn dann wieder auf den Tisch, indem er sagte, er kenne weder den Aussteller noch den Akzeptanten noch den Indossanten. »Der Indossant bin ich,« sagte Castelbajac, »und ich denke, das muß Ihnen genügen.« Alle Anwesenden lachten, außer mir. Ich nahm den Wechsel, gab ihn höflich dem Herrn zurück und sagte, er könne ihn am nächsten Tage an der Börse diskontieren. Verdrießlich stand er auf und entfernte sich, indem er unverschämte Worte murmelte. Schwerin folgte ihm. Nachdem die beiden Ehrenmänner sich entfernt hatten, zog ich in aller Ruhe bis tief in die Nacht hinein weiter ab. Obwohl ich im Verlust war, hörte ich endlich auf, weil der General zu sehr im Glück war. Bevor sie gingen, nahmen der Lord und er mich auf die Seite und baten mich, dafür zu sorgen, daß die beiden Schwindler am nächsten Abend nicht zum Essen kämen; »denn«, sagte der General, »wenn der Gascogner sich auch nur die Hälfte der Unverschämtheiten mir zu sagen erlaubte, die er sich Ihnen gegenüber herausgenommen hat, so würde ich ihn zum Fenster hinauswerfen lassen.« Pembroke sagte ihm, er brauche nur die Frau damit zu beauftragen. »Glauben Sie,« fragte ich ihn, »daß diese vier Banknoten, die von ihm herrühren, möglicherweise falsch sind?« »Das ist sehr leicht möglich!« »Was würden Sie tun, um den Zweifel zu beseitigen?« »Ich würde sie nach der Bank schicken, um sie wechseln zu lassen.« »Und wenn die Bank sie als falsch erkennt?« »Dann würde ich den Verlust ruhig hinnehmen oder ich würde die Gauner verhaften lassen.« Am nächsten Morgen ging ich selber auf die Bank. Der erste, dem ich meine vier Banknoten gab, reichte sie mir zurück und sagte kalt: »Das ist falsches Geld, mein Herr.« »Wollen Sie sie, bitte, aufmerksam prüfen!« »Das ist nicht nötig, die Scheine sind falsch. Geben Sie sie demjenigen zurück, der sie Ihnen gegeben hat; er wird sich nicht lange bitten lassen, sie Ihnen wieder zu wechseln.« Ich wußte wohl, daß ich die beiden Gauner hinter Schloß und Riegel bringen konnte, aber es widerstrebte mir, dies zu tun. Ich ging zu Lord Pembroke, um mir ihre Adresse sagen zu lassen. Er lag noch im Bett; aber einer von seinen Leuten führte mich zu ihnen. Mein Erscheinen überraschte sie. Ich sagte ihnen ziemlich ruhig, ihre Banknoten wären falsch, und ich bäte sie daher, sie zurückzunehmen und mir dafür vierzig Goldstücke zu geben. »Ich habe kein Gold,« sagte Castelbajac; »aber was Sie da sagen, überrascht mich sehr. Ich kann die Banknoten nur an den zurückgeben, von dem ich sie habe, das heißt: wenn es dieselben sind, die Sie gestern von uns erhalten haben.« Bei dieser beleidigenden Andeutung stieg mir das Blut zu Kopfe. Ich warf ihm einen entrüsteten Blick zu und verließ ihn mit einem kurzen Wort, das ihn als das brandmarkte, was er war. Der Bediente, der mich begleitet hatte, führte mich sogleich zu dem zuständigen Richter, der mich meine Aussage beschwören ließ und mir eine Urkunde ausfertigte, die mich ermächtigt«, die Betrüger verhaften zu lassen. Ich gab die Urkunde einem Alderman, der es übernahm, sie zur Ausführung zu bringen, und ging sehr verdrießlich über diese ärgerliche Geschichte nach Hause. Dort erwartete mich Martinelli; er war gekommen, um mit mir zu speisen. Ich erzählte ihm die Geschichte, ohne ihm jedoch zu sagen, daß die Spitzbuben verhaftet werden sollten. Er faßte die Sache als Philosoph auf und sagte mir ruhig, an meiner Stelle würde er mit den vier Banknoten ein Autodaf veranstalten. Der Rat war gut; leider befolgte ich ihn nicht. Der wackere Martinelli glaubte mir ein Vergnügen zu machen, indem er mir sagte, er habe mit Lord Spencer den Tag meines Eintritts in den Wettklub verabredet. Ich antwortete ihm jedoch, mir sei die Lust vergangen, Mitglied zu werden. Ich hätte diesen Mann, der sich durch sein Wissen ebenso sehr auszeichnete wie durch seinen Lebenswandel, höflich und rücksichtsvoll behandeln sollen. Aber wer könnte wohl je die Tiefen der menschlichen Schwächen ergründen! Oft nimmt man es einem anständigen Menschen übel, daß er einen klugen Rat gibt, den zu befolgen man nicht den Mut hat. Gegen Abend begab ich mich zum General, bei dem ich die sogenannte Gräfin Castelbajac auf Lord Pembrokes Knien sitzend fand. Das Abendessen war schön und lustig; die beiden unglücklichen Kavaliere erschienen nicht, und es wurde von ihnen nicht gesprochen. Nach Tisch gingen wir in ein anderes Zimmer, wo wir bis Tagesanbruch spielten. Ich ging mit einem Verlust von zwei- oder dreihundert Guineen nach Hause. Als ich am nächsten Tage sehr spät erwachte, sagte mein Diener mir, es sei ein Mensch da, der mit mir zu sprechen wünsche. Ich ließ ihn hereinkommen, und da er nur englisch sprach, mußte Jarbe mir als Dolmetscher dienen. Der Mann war der Anführer der Polizisten; er ließ mir sagen, daß er gegen Erstattung der Reisekosten bereit sei, Castelbajac in Dover zu verhaften, wohin dieser gegen Mittag abgereist sei. Den anderen werde er ganz bestimmt im Laufe der Nacht einfangen. Ich gab ihm eine Guinee und ließ ihm sagen, die Verhaftung des zweiten genüge mir, und er könne den anderen ruhig laufen lassen. Der nächste Tag war ein Sonntag – der einzige Tag der Woche, wo die Cornelis sich in den Lodoner Straßen sehen lassen konnte, ohne befürchten zu müssen, daß ein Polizeibeamter oder ein Gerichtsbote sie verhaftete. Sie kam daher mit ihrer Tochter zu mir, die durch die Aussicht, demnächst ihre Mutter verlassen zu dürfen, wie von einem Zaubermittel wiederhergestellt war. Die Pension, die die Cornelis gewählt hatte, befand sich in Harwich, und dorthin fuhren wir nach dem Essen. Die Leiterin der Anstalt war katholisch. Trotz ihren sechzig Jahren sah sie frisch aus; sie besaß viel Geist und Weltgewandtheit. Da Lady Harrington ihr bereits eine Empfehlung geschickt hatte, empfing sie die junge Cornelis sehr freundlich. Sie hatte etwa fünfzehn junge Pensionärinnen von dreizehn bis vierzehn Jahren. Als sie ihnen Sophie als neue Kameradin vorstellte, umringten alle diese jungen Damen sie und überhäuften sie mit Liebkosungen. Fünf oder sechs waren Engel von entzückender Schönheit, und zwei oder drei waren abstoßend häßlich. Solche Gegensätze findet man in England öfter als anderswo. Meine Tochter war kleiner als alle anderen, aber sie war schön genug, um keinen Vergleich scheuen zu müssen, und ihre Klugheit machte sie einer jeden ebenbürtig. Sie erwiderte die Liebkosungen mit jener Leichtigkeit des Benehmens, die man in späteren Jahren nur durch lange Übung erwirbt. Als wir die innere Einrichtung des Hauses besichtigten, begleiteten alle Schülerinnen uns; diejenigen, die gut genug französisch oder italienisch sprachen, redeten mich an und sagten mir, sie würden meine Tochter herzlich lieb haben. Die anderen hielten sich abseits, wie wenn sie sich ihrer Unwissenheit schämten. Wir besahen die Klaviere, die Harfen, die Schulsäle, die Schlafzimmer – alles, und ich fand, daß meine Sophie es gar nicht besser hätte treffen können. Wir gingen daher in das Privatzimmer der Vorsteherin, und die Cornelis zahlte ihr hundert Guineen für ein Jahr voraus, worüber sie sich eine Quittung geben ließ. Hierauf verabredeten wir, Sophie solle von dem Tage an, wo sie mit einem Bett und der erforderlichen Ausrüstung kommen werde, in die Anstalt eintreten und als Pensionärin behandelt werden. Die Cornelis besorgte dies schon am nächsten Sonntag. Am Tage nach diesem Besuche teilte der Alderman mir mit, der Graf Schwerin sei bei ihm als Gefangener und wünsche mit mir zu sprechen. Anfangs weigerte ich mich; als aber der Bote des Aldermans mir durch Jarbe sagen ließ, der arme Teufel habe keinen Penny, da wurde ich mitleidig und änderte meinen Entschluß; denn da es sich um falsche Banknoten handelte, so würde man ihn nach Newgate gebracht haben, und dort wäre er in großer Gefahr gewesen, an den Galgen zu kommen. Ich folgte dem Abgesandten des Beamten und ich kann nicht beschreiben, wie schmerzlich mir der Anblick der strömenden Tränen und der verzweifelten Gebärden des Unglücklichen war, der mich flehentlich bat, ich möchte doch Mitleid mit ihm haben. Er schwor mir, die Banknoten seien ihm von Castelbajac gegeben worden; er wisse aber, von wem dieser sie erhalten habe, und er erbot sich, mir die Person zu nennen, wenn ich ihm die Gnade erweisen wolle, ihn wieder in Freiheit setzen zu lassen. Ein Restchen von Ärger veranlaßte mich, ihm zu antworten, er brauche ja nur die betreffende Person zu nennen und sei dann sicher, nicht gehenkt zu werden. Ich wolle es mir jedoch täglich vier Pence kosten lassen und ihn solange im Gefängnis lassen, bis er mir mein Geld wieder gegeben habe. Auf diese Drohungen hin begann er wieder zu weinen und zu schreien, er sei im allertiefsten Elend; nachdem er alle seine Taschen umgedreht hatte, in denen sich wirklich kein Heller befand, bot er mir das blutige Ordensband seines angeblichen Oheims als Pfand an. Ich freute mich, einen Vorwand zu haben, ohne mich schwach zeigen zu müssen. Ich nahm daher das Band an und gab ihm eine Quittung über seine Schuld, indem ich mich verpflichtete, ihm dieses Brimborium, woran der Schwarze Adler hing, zurückzugeben, sobald er mir vierzig Guineen auszahlen würde. Nachdem ich meine Abstandserklärung schriftlich gegeben und die Kosten, seiner Haft bezahlt hatte, verbrannte ich in seiner Gegenwart und in der des Aldermans die vier falschen Banknoten und ließ ihn in Freiheit setzen. Zwei Tage darauf fand die angebliche Gräfin sich bei mir ein und sagte mir, sie wisse nicht, wo sie ihr Haupt niederlegen solle, da Castelbajac und Schwerin abgereist seien. Sie beklagte sich bitterlich über Lord Pembroke, der sie ebenfalls verlassen habe, nachdem sie ihm die unzweifelhaftesten Beweise ihrer Zärtlichkeit gegeben habe. Um sie zu trösten, sagte ich ihr, er würde sehr unrecht daran getan haben, sie vorher zu verlassen, denn er müsse sie als seine Schuldnerin ansehen. Um die Frau loszuwerden, mußte ich ihr das Reisegeld nach Calais geben. Sie sagte mir, sie wolle den Gascogner nicht wieder sehen; übrigens sei er gar nicht ihr Gatte. Wir werden in drei Jahren dieselben Persönlichkeiten wiederfinden. Einen oder zwei Tage darauf ließ ein Italiener sich bei mir melden; er gab mir einen Brief meines Freundes Baletti, der mir den Überbringer, Constantini aus Vicenza, empfahl. Dieser komme nach London in einer wichtigen Angelegenheit, die er mir mitteilen müsse. Er bat mich, ihm nützlich zu sein, so sehr ich nur könnte. Nachdem ich Herrn Constantini versichert hatte, ich würde mich glücklich schätzen, das Vertrauen eines meiner besten Freunde rechtfertigen zu können, faßte er den Mut, mir zu sagen: »Die lange Reise, die ich gemacht habe, hat meine Börse so ziemlich erschöpft; aber ich weiß, daß meine Frau hier ist und daß sie reich ist. Es wird mir leicht sein, ihren Aufenthalt zu entdecken, und wie Sie wissen,, gehört mir als Ehemann alles, was sie besitzt.« »Das wußte ich nicht.« »Sie kennen also die Gesetze dieses Landes nicht?« »Nein.« »Das tut mir leid, aber es ist so. Ich gedenke morgen zu ihr zu gehen und sie in dem Kleide, das sie auf dem Leibe hat, auf die Straße zu werfen, denn ihre Möbel, Kleider, Wäsche, Schmucksachen gehören mir – mit einem Wort: alles, was sie besitzt, ist mein. Dürfte ich Sie bitten, mich zu begleiten, wenn ich diesen schönen Streich ausübe?« Ich war ganz verblüfft. Ich fragte ihn, ob er Baletti von seinen Absichten in Kenntnis gesetzt hätte, und er antwortete: »Ich habe es keinem Menschen auf der ganzen Welt anvertraut; Sie sind der erste, dem ich mich eröffnet habe.« Ich konnte ihn nicht als einen Wahnsinnigen behandeln, denn er sah nicht danach aus; auch war es wohl möglich, daß das Gesetz, wovon er sprach, in England gültig war. Ich antwortete ihm, ich sei nicht geneigt, mich in diese Angelegenheit einzumischen, die ich übrigens entschieden mißbillige, es sei denn, daß seine Gemahlin die Sachen, die sie in diesem Augenblick besitze, ihm entwendet habe. »Meine Gattin, mein Herr, hat mir nur meine Ehre gestohlen und hat nur ihr Talent mitgenommen, als sie mich verließ. Sie muß hier ein großes Vermögen erworben haben, und habe ich nicht recht, wenn ich mich desselben bemächtige, wäre es auch nur, um sie zu bestrafen und um mich an ihr zu rächen?« »Das mag wohl sein; aber da Sie mir ein vernünftiger Mann zu sein scheinen, so frage ich Sie: was würden Sie von mir halten, wenn ich so ohne weiteres bereit wäre, Sie bei einer Handlung zu unterstützen, die ich grausam finde, mögen Sie auch noch so gute Gründe haben? Außerdem wäre es sehr leicht möglich, daß ich Ihre Frau kenne, ja, daß ich sogar deren Freund bin.« »Ich werde Ihnen den Namen nennen.« »Nein, tuen Sie das nicht, bitte! obgleich ich keine Signora Constantini kenne.« »Sie hat ihren Namen geändert, nennt sich Calori und ist Sängerin am Haymarkettheater.« »Jetzt weiß ich, wer sie ist; und ich sage Ihnen, Sie haben unrecht getan, mir ihren Namen zu nennen.« »Ich zweifle nicht an Ihrer Verschwiegenheit. Ich werde mich unverzüglich nach ihrer Wohnung erkundigen, denn das ist die Hauptsache.« Der Mann ging weinend hinaus, und er tat mir leid. Indessen ärgerte ich mich, daß er mich, obgleich ohne mein Zutun, in sein Geheimnis eingeweiht hatte. Einige Stunden darauf machte ich der Binetti einen Besuch, und diese schilderte mir die Verhältnisse aller Virtuosinnen Londons. Als sie an die Calori kam, sagte sie mir, diese habe mehrere Liebhaber gehabt, von denen sie viel Geld erhalten habe; im Augenblick habe sie jedoch keinen Liebhaber außer dem berühmten Geiger Giardini, in den sie sich ernstlich verliebt habe. »Wo ist sie her?« fragte ich. »Aus Vicenza.« »Ist sie verheiratet?« »Ich glaube nicht.« Ich dachte schon nicht mehr an diese üble Geschichte, als ich drei oder vier Tage darauf einen Brief aus dem Kings-Bench-Gefängnis erhielt. Er war von Constantini. Der Unglückliche schrieb mir, er sehe in mir den einzigen Freund, den er in London habe, und hoffe daher, ich werde ihn besuchen, um ihm wenigstens einen guten Rat zu geben. Ich glaubte seiner Bitte nicht mein Ohr verschließen zu dürfen und ging daher in das Gefängnis. Ich fand den unglücklichen Menschen in verzweifelter Stimmung; bei ihm war ein alter englischer Sachwalter, den ich kannte, und der das Italienische radebrechte. Constantini war am Tage vorher wegen mehrerer von seiner Frau akzeptierter und nicht eingelöster Wechsel verhaftet worden. Die Calori schuldete angeblich tausend Guineen. Der Sachwalter hatte diese Wechsel, fünf an der Zahl, in Händen und war nun zu dem Ehemann gekommen, um diesem einen Vergleich vorzuschlagen. Ich sah sofort, daß hier ein niederträchtiger Betrug im Werke war; denn die Binetti hatte mir gesagt, daß die Calori sehr reich sei. Ich 3öS bat den Sachwalter, mich einen Augenblick mit dem Gefangenen allein zu lassen, da ich diesem etwas unter vier Augen zu sagen hätte. »Man verhaftete mich,« sagte er mir, »wegen Schulden meiner Frau und sagte mir, ich müsse sie bezahlen, weil ich ihr Mann sei.« »Ihnen wird da von Ihrer Frau ein Streich gespielt, weil sie ohne Zweifel erfahren hat, daß Sie in London sind.« »Sie hat mich vom Fenster aus gesehen.« »Warum haben Sie mit der Ausführung Ihres Planes solange gezögert?« »Ich würde ihn heute morgen ausgeführt haben; wie konnte ich auch ahnen, daß die Spitzbübin Schulden hat!« »Sie hat ja auch keine, und diese Wechsel sind fingiert. Sie sind vordatiert, denn sie sind erst gestern geschrieben worden. Das ist eine böse Geschichte, die ihr teuer zu stehen kommen kann.« »Aber einstweilen bin ich im Gefängnis!« »Bleiben Sie ruhig hier und verlassen Sie sich auf mich.« Ich war empört über diese Spitzbüberei und entschloß mich, die Sache des unglücklichen Mannes zu der meinigen zu machen. Ich ging daher zu Bosanquet und trug ihm den Fall vor. Er antwortete mir, solche Schiebungen kämen in London jeden Tag vor; man wisse aber seit langer Zeit, wie man sie zu vereiteln habe. Wenn ich mich für den Gefangenen interessiere, werde er einen Anwalt besorgen, der ihm aus der Klemme helfen werde; die Frau und ihr Liebhaber, der ihr wahrscheinlich dabei geholfen habe, würden ihr Vorgehen zu bereuen haben. Ich bat ihn, vorzugehen, wie wenn es sich um mich selber handele, und mich nötigenfalls als Bürgen anzusehen. »Das genügt,« sagte er; »Sie brauchen sich um die ganze Sache nicht mehr zu bekümmern.« Einige Tage später kam Bosanquet zu mir und sagte: »Wie mir der Anwalt, den ich mit der Angelegenheit betraut habe, soeben mitteilt, hat Constantini nicht nur das Gefängnis, sondern sogar England verlassen.« »Wieso denn? Das ist ja unmöglich!« »Nein, es ist im Gegenteil sehr einfach. Der Liebhaber seiner Frau wird das Gewitter vorausgesehen haben, und der unglückliche Ehemann wird für eine mehr oder weniger starke Geldsumme bereit gewesen sein, die Flucht zu ergreifen. Damit ist die Sache erledigt. Aber sie ist sehr komisch, und man wird sie bald in den Zeitungen lesen, denn sie ist geradezu ein Musterbeispiel für derartige Fälle. Ganz gewiß wird man Giardini loben, daß er seiner Geliebten diese edle Handlung geraten hat.« Ich war allerdings mit dem Ausgang der Sache zufrieden, ärgerte mich aber trotzdem etwas über Constantini, daß er dem Liebespaar nicht einen kleinen Denkzettel gegeben hatte. Ich schrieb Baletti die ganze Geschichte, und ich erfuhr von der Binetti, daß die Calori hundert Guineen bezahlt habe; dafür habe Constantini sich verpflichtet, zu fliehen. Einige Jahre später habe ich die Calori in Prag wiedergefunden. Ein vlamischer Offizier, dem ich in Aachen mit meiner Börse ausgeholfen hatte, machte mir mehrere Besuche; er speiste sogar zwei- oder dreimal bei mir. Ich machte mir Vorwürfe, daß ich so unhöflich gewesen war, ihm nicht einmal einen Anstandsgegenbesuch zu machen, und ich mußte erröten, als ich ihn zufällig auf der Straße traf und er mir in aller Höflichkeit einen leisen Vorwurf machte. Er hatte seine Frau und seine Tochter bei sich in London. Ein wenig Scham und viel Neugier veranlaßten mich unglücklicherweise, ihn in seiner Wohnung aufzusuchen. Sobald er mich sah, fiel er mir um den Hals und stellte mich seiner Frau vor, indem er mich seinen Retter nannte. Ich mußte alle Komplimente über mich ergehen lassen, die die Gauner stets für anständige Leute, die sie zu betrügen, gedenken, in Bereitschaft halten. Einige Minuten später sah ich eine alte Frau mit einem jungen Mädchen eintreten. Der Offizier stellte mich ihnen als den Chevalier de Seingalt vor, von dem er ihnen schon so oft erzählt habe. Das junge Mädchen spielte die Erstaunte und sagte, sie habe einen Herrn Casanova gekannt, der mir sehr ähnlich sehe. Ich antwortete ihr, dies sei ebenfalls mein Name; ich habe jedoch nicht das Glück, mich ihrer zu erinnern. »Ich nannte mich damals Ansperger; heute heiße ich jedoch Charpillon; da Sie mich nur ein einzigesmal gesehen und mit mir gesprochen haben, so ist es ja leicht erklärlich, daß Sie mich vergessen haben, zumal, da ich damals erst dreizehn Jahre alt war. Einige Zeit darauf bin ich mit meiner Mutter und meinen Tanten nach London gekommen, und seit vier Jahren wohnen wir hier.« »Aber mein Fräulein, wo habe ich denn das Vergnügen gehabt, mit Ihnen zu sprechen?« »In Paris.« »Und an welchem Ort?« »Im Palais Marchand. Sie waren in Begleitung einer reizenden Dame und schenkten mir diese Schuhschnallen« – sie zeigte sie mir an ihren Füßen. »Hierauf erwiesen Sie mir auf Veranlassung meiner Tante die Ehre, mich zu umarmen.« Nun erinnere ich mich der Begebenheit; auch meine Leser werden sich erinnern, daß ich damals die schöne Strumpfhändlerin Baret bei mir hatte. Ich sagte also zu ihr: »Jetzt entsinne ich mich, mein Fräulein; aber Ihre Frau Tante erkenne ich nicht wieder.« »Diese hier ist die Schwester jener, die damals bei mir war; aber wenn Sie die Güte haben wollen, bei uns Tee zu trinken, werden Sie sie sehen.« »Wo wohnen Sie, mein Fräulein?« »Wir wohnen in Denmark-Street, Soho. Ich werde Ihnen das schmeichelhafte Kompliment, das Sie an mich richteten, schriftlich zeigen.« Dreizehntes Kapitel Die Charpillon. – Verhängnisvolle Folgen dieser Bekanntschaft. Der Name Charpillon erinnerte mich daran, daß ich einen Brief für sie hatte. Ich zog meine Brieftasche, überreichte ihr das Billett und sagte ihr, dieses Briefchen werde uns gleich doppelt miteinander bekannt machen. »Wie? Ein Briefchen von meinem lieben Botschafter, dem Herrn Prokurator Morosini! Wie mich dies freut! Und Sie sind schon drei Monate in London, mein Herr, und haben nicht daran gedacht, mir dieses Erinnerungszeichen zu überbringen?« »Ich bekenne, daß ich sehr schuldig bin, mein Fräulein; aber das Briefchen trägt, wie Sie sehen, keine Adresse; außerdem hat Herr von Morosini die Sache durchaus nicht als eilig bezeichnet... Ich freue mich des Zufalls, der es mir heute erlaubt, mich dieser Pflicht zu entledigen.« »Kommen Sie doch morgen zum Mittagessen zu uns!« »Das kann ich nicht; ich habe dem Lord Pembroke versprochen, ihn zu erwarten.« »Werden Sie allein sein?« »Ich denke, ja. Wir wollen unter vier Augen speisen.« »Das ist mir angenehm; dann komme ich mit meiner Tante.« »Hier meine Adresse, mein Fräulein; Sie werden mir ein großes Vergnügen machen, wenn Sie mich besuchen.« Sie nahm die Adresse, und zu meiner Überraschung sah ich sie lächeln. »Dann sind Sie also jener Italiener, der den Zettel aushängte, über welchen die ganze Stadt gelacht hat?« »Der bin ich.« »Man hat mir gesagt, dieser Spaß sei Ihnen teuer zu stehen gekommen.« »Ganz im Gegenteil; ich verdanke ihm eine meiner süßesten Erinnerungen.« »Aber jetzt, da die schöne Dame nicht mehr hier ist, müssen Sie sich wohl recht unglücklich fühlen?« »Ich gestehe es; aber es gibt Schmerzen, die so süß sind, daß man sie nicht missen möchte.« »Niemand weiß, wer sie ist, aber Sie müssen das doch wissen.« »Ja.« »Machen Sie ein Geheimnis daraus?« »Ganz gewiß; ich würde lieber sterben, als es verraten.« »Fragen Sie meine Tante, ob ich nicht hingehen wollte, um bei Ihnen ein Zimmer zu mieten! Meine Mutter wollte es aber nicht erlauben.« »Wozu haben Sie nötig, eine billige Wohnung zu suchen?« »Das habe ich allerdings nicht nötig, aber ich wollte gern einmal lachen, und ich hatte Lust, den kühnen Verfasser einer solchen Anzeige zu bestrafen.« »Wie würden Sie mich bestraft haben?« »Ich hätte Sie in mich verliebt gemacht und Sie dann entsetzliche Qualen erdulden lassen. O, hätte ich gelacht!« »Sie glauben also die Macht zu haben, jeden beliebigen Mann in sich verliebt zu machen, und Sie sind imstande, den schnöden Plan zu hegen, die tyrannische Gebieterin des Mannes zu werden, der Ihrer Schönheit die gebührende und von Ihnen erwartete Ehre erweisen würde? Einen solchen Plan kann nur ein Ungeheuer aushecken, und es ist ein Unglück für die Männer, daß Sie ganz und gar nicht so aussehen. Indessen bin ich Ihnen dankbar für Ihre Offenheit und werde mir diese zunutze machen, um auf der Hut zu sein.« »Dann müßten Sie sich zwingen, mich nicht zu sehen; sonst würden alle Anstrengungen vergeblich sein.« Da die Charpillon während dieses ganzen Gespräches unaufhörlich lachte, hielt ich ihre Bemerkungen natürlich nur für einen Scherz; aber ich konnte mich nicht enthalten, ihren Geist zu bewundern, der im Verein mit ihrer Schönheit es ihr leicht machen mußte, einen Mann zu unterjochen. Wie dem auch sei – der Tag, da ich dieses Weib kennen lernte, war für mich ein Unglückstag; meine Leser werden selber darüber urteilen können. Gegen Ende des Septembers 1763 machte ich die Bekanntschaft der Charpillon, und an diesem Tage begann mein Sterben. Wenn der aufsteigende Teil des Lebens dem absteigenden gleich ist – wie es der Fall sein muß –, so glaube ich heute, den ersten November 1797, noch auf etwa vier Lebensjahre rechnen zu dürfen, die nach dem Satze motus in fine velacior sehr schnell vergehen werden. Die Charpillon, die ganz London gekannt hat, und die, wie ich glaube, noch lebt, war eine jener Schönheiten, an denen man kaum den geringsten körperlichen Mangel entdecken kann. Ihre schönen Haare waren hellrotbraun und von erstaunlicher Länge und Fülle; ihre blauen Augen hatten das natürliche Schmachtende, das dieser Farbe eigen ist, und glänzten zugleich wie die einer Andalusierin; ihre von einer leichten Rosenfarbe angehauchte Haut war blendend weiß; ihr hoher Wuchs ließ erwarten, daß sie mit zwanzig Jahren eine stolze Erscheinung wie Pauline sein werde. Ihre Brüste waren vielleicht ein wenig klein, aber von vollkommener Form; ihre weißen, zarten Hände waren schlank und etwas länger, als sonst Hände gewöhnlich sind; ihre Füße waren sehr klein, ihr Gang hatte jene edle Anmut, die selbst einer nicht schönen Frau so großen Reiz verleiht. Ihr sanftes, offenes Gesicht trug den Ausdruck der Aufrichtigkeit und jenes feinen Zartgefühls, das stets eine unwiderstehliche Waffe für das schöne Geschlecht ist. Leider hatte die Natur gelogen, indem sie ihrem Gesicht diesen Ausdruck gab. Wäre doch lieber alles übrige Betrug gewesen und hätte sie in diesem Punkte die Wahrheit gesagt! Diese Sirene hatte, schon ehe sie mich kannte, daran gedacht, mich unglücklich zu machen, und sie sagte es mir, gleichsam um dadurch ihren Triumph noch zu erhöhen. Ich war wie betäubt, als ich Malingans Wohnung verließ; ein sinnlicher Mensch wie ich, der in das weibliche Geschlecht leidenschaftlich verliebt war, hätte fröhlich sein müssen, die Bekanntschaft einer seltenen Schönheit gemacht zu haben, die er zur vollständigen Befriedigung seiner Wünsche zu besitzen hoffen durfte. Ich aber war vor Erstaunen wie betäubt, daß Paulinens Bild, das mir immer vor Augen stand und sich gebieterisch vor mir aufrichtete, so oft ich eine Frau sah, deren Schönheit Eindruck auf meine Sinne machen konnte – ich war, wie gesagt, vor Erstaunen wie betäubt, daß dieses Bild nicht imstande war, die Macht einer Charpillon, die ich unwillkürlich verachten mußte, zu vernichten. Ich söhnte mich mit mir selber aus, indem ich mir einredete, ich sei nur durch die besonderen Umstände, durch den mächtigen Reiz der Neuheit und durch die Hoffnung, daß die Entzauberung bald eintreten werde, verleitet worden. »Ich werde sie nicht mehr so wunderbar finden,« sagte ich mir selber, »sobald ich sie besessen habe, und das kann nicht lange dauern.« Der Leser wird sich vielleicht für berechtigt halten, mich für einen anmaßenden Gecken zu erklären. Aber wie hätte ich auf den Gedanken kommen können, daß die Charpillon Schwierigkeiten machen würde? Sie hatte sich selber bei mir zum Essen eingeladen; sie hatte dem Prokurator Morosini angehört, der jedenfalls nicht lange nach ihr geschmachtet hatte, denn das war nicht seine Art, und der sie bezahlt haben mußte, denn er war weder jung noch schön. Ganz abgesehen davon, daß ich ihr zu gefallen hoffen durfte, hatte ich Gold und war nicht geizig. So konnte ich also annehmen, daß sie mir keinen Widerstand leisten würde. Pembroke war mein Freund geworden, seitdem ich das gute Werk an Schwerin getan hatte, und besonders deshalb, weil ich nicht die Hälfte des Betrages vom General zurückverlangt hatte. Er hatte mir gesagt, wir wollten eine Vergnügungspartie machen und auf diese Weise einen angenehmen Tag verbringen. Als er nun vier Gedecke aufgelegt sah, fragte er mich sofort, wer meine beiden anderen Gäste seien. Er war sehr überrascht, als er hörte, daß die Charpillon und ihre Tante kommen sollten, und daß das Mädchen sich selber eingeladen hatte, sobald sie erfuhr, daß er allein mit mir speisen würde. »Diese Spitzbübin«, erzählte der Lord mir, »hatte mir für einige Augenblicke eine heftige Lust erregt, sie zu besitzen. Als ich sie eines Abends mit ihrer Tante in Vauxhall traf, bot ich ihr zwanzig Guineen, wenn sie allein mit mir in der dunklen Allee spazieren gehen wolle. Sie nahm an, aber unter der Bedingung, daß ich ihr das Geld im voraus gäbe; leider war ich so schwach, dies zu tun. Sie ging mit mir in die Allee hinein; als wir aber ein Stück gegangen waren, ließ sie meinen Arm los, und ich konnte sie die ganze Nacht nicht mehr finden.« »Sie hätten sie öffentlich ohrfeigen sollen.« »Damit hätte ich mir eine böse Geschichte aufgeladen; außerdem würde man mich ausgelacht haben. Ich habe es vorgezogen, das Mädchen zu verachten und die Summe; um die sie mich begaunert hatte, zu verschmerzen. Sind Sie verliebt in sie?« »Nein, aber ich bin neugierig auf sie, wie Sie es gewesen sind.« »Nehmen Sie sich in acht; denn sie wird alles versuchen, um Sie anzuführen.« Die Charpillon trat ein, begrüßte Mylord, sagte ihm die artigsten Dinge von der Welt und beachtete mich überhaupt nicht. Sie lacht, scherzt, erzählt den Streich, den sie ihm in Vauxhall gespielt hat, und neckt ihn damit, daß er wegen einer Eulenspiegelei, die ihn doch eigentlich nur noch mehr habe reizen müssen, nicht mehr den Mut gehabt habe, sie noch weiter zu verfolgen. »Ein anderes Mal werde ich Ihnen nicht wieder weglaufen.« »Das kann wohl sein, meine Schöne; denn ein anderes Mal werde ich gewiß nicht wieder vorausbezahlen.« »Pfui! ›Bezahlen‹ ist ein häßliches Wort, das Sie herabsetzt.« »Und das Sie vielleicht ehrt?« »Von so etwas spricht man nicht.« Lord Pembroke lobte ihren Witz und lachte nur über alle unverschämten Bemerkungen, die sie an ihn richtete; offenbar ärgerte sie sich über die Gleichgültigkeit, womit er fortwährend zu ihr sprach. Bald nach dem Essen entfernte sie sich, nachdem sie mir das Versprechen abgenommen hatte, am übernächsten Tage bei ihr zu speisen. Den nächsten Tag verbrachte ich mit dem liebenswürdigen Lord, der mich ein Bagnio auf englische Art kennen lehrte. Dies ist ein teueres Vergnügen, das ich nicht näher beschreiben will, weil ein jeder es kennt, der sechs Guineen ausgegeben hat, um sich diesen Genuß zu verschaffen. Wir hatten bei dieser Partie zwei sehr hübsche Schwestern, die man die Garich nannte. Am Tage darauf trieb mich mein böser Stern, zur Charpillon zu gehen. Sie stellte mir ihre Mutter vor, die ich sofort erkannte, obwohl sie alt, krank und abgezehrt war. Im Jahre 1759 hatte ein Genfer, namens Bolomé, mich überredet, Schmucksachen im Werte von sechstausend Franken an sie zu verkaufen; sie hatte mir dafür zwei Wechsel gegeben, die von ihr und ihren beiden Schwestern auf eben diesen Bolomé gezogen waren: sie nannten sich damals Ansperger. Der Genfer machte vor dem Verfall der Wechsel Bankerott, und die drei Schwestern verschwanden. Man kann sich denken, wie überrascht ich war, sie in England wiederzufinden, und besonders, durch die Charpillon zu ihnen geführt zu werden. Diese wußte von dem üblen Handel ihrer Mutter und ihrer Tanten nichts und hatte ihnen daher nicht gesagt, daß der Chevalier de Seingalt identisch war mit jenem Casanova, den sie um sechstausend Franken geprellt hatten. »Ich habe das Vergnügen, mich Ihrer zu erinnern, Madame,« waren die ersten Worte, die ich an sie richtete. »Mein Herr, ich erkenne Sie ebenfalls; der Spitzbube Bolomé ...« »Sprechen wir jetzt nicht davon, Madame; verschieben wir die Auseinandersetzung auf einen anderen Tag! Sie sind krank, wie ich sehe.« »Ich war dem Tode nahe; aber jetzt geht es ein wenig besser. Meine Tochter hat Sie nicht unter Ihrem Namen angemeldet.« »Verzeihung, sie hat Ihnen den richtigen Namen gesagt. Ich heiße Seingalt und heiße auch Casanova. Diesen letzteren Namen trug ich in Paris, als ich dort Ihre Tochter kennen lernte, ohne zu wissen, daß sie zu Ihnen gehörte.« In diesem Augenblick trat die Großmutter, die wie ihre Tochter Ansperger hieß, mit den beiden Tanten ein. Eine Viertelstunde darauf kamen drei Herren, von denen der eine der Chevalier Goudar war, den ich in Paris gekannt hatte. Die beiden anderen kannte ich nicht; sie wurden mir unter den Namen Rostaing und Caumon vorgestellt. Die drei Herren waren Freunde des Hauses – Gauner, deren Aufgabe darin bestand, Dumme heranzuschleppen, um auf diese Weise gegenseitig Vorteil zu haben. In diese niederträchtige Gesellschaft sah ich mich also eingeführt. Obgleich ich sofort wußte, woran ich war, entfernte ich mich nicht, und nahm mir nicht einmal vor, nicht wieder hinzugehen. Es gibt unbegreifliche Zustände von Verblendung. Ohne Zweifel glaubte ich, nichts zu wagen, wenn ich auf meiner Hut wäre; da ich keine andere Absicht hatte, als ein Liebesverhältnis mit der Tochter anzufangen, so sah ich alles übrige als etwas Unwesentliches an, das mit meinen Absichten nichts zu tun hatte. Bei Tische stimmte ich in den Ton der Gesellschaft ein, ja, ich ging sofort mit meinem Beispiel voran: ich neckte, ich wurde geneckt, und ich fühlte mich sicher, daß ich meinen Zweck ohne Mühe erreichen würde. Nur eins mißfiel mir: nachdem sie sich entschuldigt hatte, daß sie mich schlecht bewirtet habe, bat die Charpillon mich, sie und die ganze Gesellschaft an einem Tage, den ich selbst bestimmen möchte, zum Abendessen einzuladen. Da ich mich nicht ausreden konnte, so bat ich sie, den Tag selber zu bestimmen, und sie tat dies, nachdem sie ihre würdigen Berater um ihre Meinung gefragt hatte. Nach dem Kaffee spielten wir vier Robber Whist. Ich verlor. Gegen Mitternacht ging ich gelangweilt und unzufrieden mit mir selber nach Hause. Leider aber war ich nicht gebessert; denn das Frauenzimmer hatte mich völlig behext. Immerhin besaß ich die Kraft, zwei Tage vergehen zu lassen, ohne sie aufzusuchen. Am dritten – das war der, den sie für das verfluchte Abendessen bestimmt hatte – sah ich sie schon am Morgen um neun Uhr mit ihrer Tante eintreten. »Ich bin gekommen,« sagte sie in liebenswürdigstem Ton, »um mit Ihnen zu frühstücken und mit Ihnen über ein Geschäft zu sprechen.« »Sofort oder nach dem Frühstück?« »Nachher; denn wir müssen allein sein.« Wir frühstückten; hierauf ging die Tante in ein anderes Zimmer, und die Charpillon schilderte mir die Lage ihrer Familie und sagte dann, alle Not würde ein Ende haben, wenn ihre Tante hundert Guineen besäße. »Was würde sie dann tun?« »Sie würde Lebensbalsam machen. Sie hat das Rezept und würde gewiß ein Vermögen damit verdienen.« Hierauf schilderte sie mit Behagen die wunderbaren Eigenschaften dieses Balsams, den wahrscheinlichen Absatz in einer Stadt wie London und die Vorteile, die ich selber davon haben würde; denn ich würde natürlich am Gewinn beteiligt sein. Außerdem würden ihre Mutter und ihre Tante sich schriftlich verpflichten, mir die hundert Guineen nach sechs Jahren zurückzuzahlen. »Ich werde Ihnen nach dem Abendessen eine bestimmte Antwort geben.« Hierauf nahm ich die schmeichelnde und unternehmende Miene eines Verliebten an, der den höchsten Genuß sucht. Aber alle meine Anstrengungen waren vergebens, obgleich es mir gelungen war, sie auf mein breites Sofa auszustrecken. Geschmeidig wie eine Schlange entschlüpfte die Charpillon mir und lief lachend zu ihrer Tante. Ich folgte ihr und mußte ebenfalls lachen, als sie mir die Hand hinstreckte und mir sagte: »Leben Sie wohl! Auf heute Abend!« Als ich allein war, fand ich diesen Anfang ganz natürlich, und er erschien mir durchaus nicht von schlechter Vorbedeutung, besonders, wenn ich an die hundert Guineen dachte, die sie brauchte und von mir erbeten hatte. Ich sah wohl, daß ich nicht daran denken konnte, mich um die Huld eines Mädchens von ihrem Charakter zu bewerben, ohne diese Summe zu zahlen. Ich dachte daher auch nicht daran, zu feilschen, aber sie mußte ihrerseits wissen, daß sie die hundert Guineen nicht bekommen würde, wenn sie es sich einfallen lassen sollte, die Zimperliche zu spielen. Meine Sache war es, mich so einzurichten, daß ich nicht zu befürchten brauchte, von ihr geprellt zu werden. Als am Abend die Gesellschaft da war, forderte die Schöne mich auf, bis zum Essen eine kleine Bank zu legen; ich antwortete aber nur mit einem lauten Lachen, das sie nicht erwartet hatte. »Dann wollen wir doch wenigstens eine Partie Whist spielen!« »Mir scheint,« antwortete ich ihr, »Sie haben es nicht eilig, Ihre Antwort betreffs der schwebenden Angelegenheit zu erhalten.« »Ach so! Sie haben sich wohl entschlossen, nicht wahr?« »Ja. Kommen Sie!« Sie folgte mir ins Nebenzimmer. Ich ließ sie auf dem Sofa Platz nehmen und sagte ihr: »Die hundert Guineen stehen zu Ihrer Verfügung.« »Geben Sie sie meiner Tante; denn sonst würden die Herren sich einbilden, ich hätte sie durch eine schimpfliche Gefälligkeit erlangt.« »Sie können sich darauf verlassen.« Nach dieser Versicherung wollte ich mich ihrer bemächtigen; aber alle meine Anstrengungen waren wiederum vergeblich, und ich gab sie schließlich auf, als sie zu mir sagte: »Sie werden niemals, weder durch Geld noch durch Gewalt, etwas von mir erlangen; aber Sie können alles von meiner Freundschaft erhoffen, wenn ich Sie unter vier Augen vollkommen sanft finde.« Ich ging in den Salon zurück. Ich fühlte eine teuflische Wut in allen meinen Adern, und um diese zu verbergen, beteiligte ich mich an einer Whistpartie, die während unserer Abwesenheit zustande gekommen war. Die Charpillon war von sprühender Heiterkeit, aber sie langweilte mich. Beim Abendessen saß sie mir zur Rechten; sie ärgerte mich durch hundert Ausgelassenheiten, die mich in den siebenten Himmel versetzt haben würden, wenn sie mich nicht zweimal an einem Tage abgewiesen hätte. Nach dem Essen nahm sie mich auf die Seite und sagte mir: wenn ich die hundert Guineen geben wollte, würde sie die Tante ins Nebenzimmer rufen. Ich sagte: »Es müßte ja schriftlich gemacht werden, und das würde zeitraubend sein; wir wollen die Sache auf einen anderen Tag verschieben.« »Wollen Sie den Zeitpunkt bestimmen?« Ich zog meine Börse voll Gold aus der Tasche, zeigte sie ihr und sagte: »Der Zeitpunkt wird da sein, sobald Sie ihn kommen lassen wollen.« Als meine abscheulichen Gäste fort waren, wurde ich mir darüber klar, daß die junge Intrigantin es auf mich abgesehen hatte, um mich zu prellen und mir mein Geld zu entlocken, ohne mir dafür etwas zu bewilligen. Ich beschloß daher, auf sie zu verzichten. Der Kampf hatte mich gedemütigt; trotzdem fühlte ich mich von der Schönheit dieses Mädchens stark angezogen, obgleich alles andere an ihr mich abstieß. Ich fühlte das Bedürfnis, mich zu zerstreuen und meine Gedanken durch andere Gegenstände abzulenken. In dieser Absicht fuhr ich am nächsten Tage, mit einem riesigen Korb voll Zuckerzeug versehen, zu meiner Tochter. Ich machte die ganze jugendliche Gesellschaft glücklich; denn Sophie strahlte vor Freude, alle diese Leckereien unter ihre Kameradinnen verteilen zu können, die sie dankbar annahmen. Kinder sind ja so leicht glücklich zu machen und sind so dankbar für alle Freundschaft. Ich fand den Tag so köstlich, daß ich eine Zeitlang sehr oft wieder hinging. Ich brachte ihnen eine Menge Kinkerlitzchen, von denen sie entzückt waren. Die Vorsteherin überhäufte mich mit höflichen Aufmerksamkeiten, und meine Tochter, die mich nur ihren lieben Papa nannte, überzeugte mich jeden Tag mehr, daß ich die zärtlichsten Vatergefühle für sie empfand. Es waren noch keine drei Wochen vergangen, da konnte ich mir schon Glück wünschen, die Charpillon vergessen und durch eine unschuldige Liebe ersetzt zu haben. Allerdings gefiel eine von den Freundinnen meiner Tochter mir ein bißchen zu sehr, um mich ganz wunschlos zu lassen. In diesem Zustand befand sich meine Seele, als ich eines Morgens um acht Uhr die Lieblingstante der Charpillon bei mir eintreten sah. Sie sagte mir, ihre Nichte und die ganze Familie seien tief betrübt, daß sie mich seit jener Abendgesellschaft, die ich ihnen gegeben hätte, nicht wiedergesehen hätten; besonders sie bedauere es, da ihre Nichte ihr Hoffnung gemacht habe, ich werde ihr die Mittel zur Bereitung des Lebensbalsams geben. »Allerdings, Madame, würde ich Ihnen hundert Guineen gegeben haben, wenn Ihre Nichte mich wie einen Freund behandelt hätte; aber sie hat mir sogar die Gunstbeweise verweigert, die eine Vestalin bewilligt haben würde, und Sie wissen wohl, daß sie das nicht ist.« »Verzeihen Sie, wenn ich lache! Das liebe Kind ist ein bißchen unbesonnen und manchmal etwas rappelköpfig; sie gibt sich nur hin, wenn sie überzeugt ist, geliebt zu werden. Sie hat mir alles erzählt. Sie liebt Sie, aber sie befürchtet, Ihre Liebe sei nur eine Laune. Diesen Augenblick liegt sie wegen einer starken Erkältung zu Bett; sie glaubt ein wenig Fieber zu haben. Suchen Sie sie auf; ich bin gewiß, Sie werden sie nicht unzufrieden verlassen.« Diese wohlberechnete Rede, die mir nur Verachtung hätte einflößen sollen, erweckte in mir die heftigste Begierde. Ich stimmte in das Lachen der Alten ein und fragte sie schließlich, zu welcher Stunde ich hingehen solle, um die Schöne ganz bestimmt im Bett zu finden. »Kommen Sie sofort und klopfen Sie nur einmal.« »Gehen Sie voraus und erwarten Sie mich!« Ich wünschte mir Glück, am Ziel zu sein und keinen Betrug zu fürchten zu haben; denn da ich mich mit der Tante auseinandergesetzt hatte und diese für mich war, so hatte ich keinen Zweifel mehr. Ich zog meinen Überrock an, und es war noch keine Viertelstunde vergangen, da klopfte ich schon in der verabredeten Weise an die Tür der Charpillon. Die Tante kam auf den Fußspitzen herangeschlichen, öffnete mir und sagte: »Kommen Sie in einer halben Stunde wieder! Ihr ist ein Bad verordnet worden, und sie hat sich gerade eben in die Wanne gelegt.« »Das ist wieder eine gemeine Betrügerei! Sie sind eine Lügnerin, wie Ihre Nichte eine infame Intrigantin ist.« »Sie sind hart und ungerecht; aber wenn Sie mir versprechen wollen, vernünftig zu sein, will ich Sie in den dritten Stock führen, wo sie ihr Bad nimmt. Sie kann dann sagen, was sie will; jedenfalls werden Sie die Überzeugung haben, daß ich Sie nicht betrüge.« »Wenn Sie die Wahrheit sagen, so wollen wir gehen!« Sie geht die Treppe hinauf; ich folge ihr leise; sie öffnet eine Tür und schiebt mich in ein Zimmer hinein, dessen Tür sie hinter mir schließt. Die Charpillon lag in einer großen Badewanne, mit dem Kopfende nach der Tür. Die niederträchtige Kokette tat, wie wenn sie mich für ihre Tante hielte, machte keine Bewegung und sagte: »Geben Sie mir Handtücher, Tante!« Sie lag in der verführerischsten Stellung da, und da die Wanne nur halb voll war, konnte ich mich an allen Schönheiten des Körpers einer Venus weiden, ohne daß die Flüssigkeit, die sie wie eine leichte Gaze bedeckte, meinen gierigen Blicken etwas entzog. Sobald sie mich erblickte, stieß sie einen Schrei aus, kauerte sich zusammen und rief mit erheucheltem Zorn: »Gehen Sie!« »Schreien Sie nicht, meine Schöne! Ich lasse mich nicht mehr anführen.« »Gehen Sie!« »Nein; lassen Sie mich erst wieder zu mir kommen!« »Ich sage Ihnen noch einmal: gehen Sie!« »Nein. Aber seien Sie ruhig und fürchten Sie keine Vergewaltigung. Die würde Ihnen nur zu gut in Ihre Pläne passen.« »Meine Tante soll mir das bezahlen! Darauf kann sie sich verlassen.« »Wie Sie wollen; aber sie wird in mir einen Freund finden. Ich werde Sie nicht anrühren; aber bitte, entwickeln Sie sich!« »Wie? Ich soll mich entwickeln?« »Ja, legen Sie sich wieder so hin, wie Sie bei meinem Eintritt lagen!« »O! das tue ich ganz gewiß nicht. Gehen Sie!« »Ich habe Ihnen schon gesagt, ich gehe nicht. Aber Sie brauchen nichts zu befürchten ... für Ihre Jungfräulichkeit.« »Sie sind ein Ungeheuer!« Sie kauerte sich noch mehr zusammen und bot dabei meinen Blicken ein Bild, das noch verführerischer war als das erste. Dann schlug sie auf einmal einen sanften Ton an und sagte: »Ich bitte Sie, lieber Freund, gehen Sie! Ich werde Ihnen später dafür erkenntlich sein.« Da sie jedoch sah, daß ihr dies nichts nützte, und daß ich, ohne sie zu berühren, bereits dabei war, selber das Feuer zu löschen, das sie in meinen Sinnen entzündet hatte, drehte sie mir den Rücken zu, damit ich nicht denken sollte, sie fände Vergnügen daran, mir zuzusehen, und damit nicht etwa dieser Gedanke meinen brutalen Genuß vermehrte. Ich wußte das alles, aber für mich war es notwendig, meine Besinnung wiederzuerlangen, und ich mußte mich daher erniedrigen, um die mich fortreißende Glut meiner Sinne zu beschwichtigen, übrigens war es mir nicht unlieb, die Wirkung dieses Notbehelfs zu bemerken, denn diese brutale Befriedigung bewies mir, daß das Übel nicht tief saß, da es durch eine bloße tierische Betätigung zu beseitigen war. Als ich eben fertig war, trat die Tante ein. Ohne ein Wort zu sagen, ging ich hinaus. Zu meiner Freude empfand ich nur Verachtung für einen so kalt berechnenden Charakter, der gar kein Gefühl kannte. An der Haustür holte die Tante mich ein; sie fragte mich, ob ich zufrieden sei, und lud mich ein, in ihr Wohnzimmer zu treten. »Jawohl, ich bin sehr zufrieden – zufrieden nämlich, daß ich euch alle beide jetzt kenne. Da ist die Belohnung!« Mit diesen Worten zog ich eine Banknote von hundert Guineen hervor und warf sie ihr dummerweise zu, indem ich ihr sagte, sie könnte ihren Lebensbalsam anfertigen; aus ihrer Unterschrift mache ich mir nichts, denn ich wisse, was die wert sei. Ich besaß nicht die Kraft, fortzugehen, ohne ihr etwas zu geben, wie ich es hätte tun sollen, und die erfahrene Kupplerin war schlau genug, das sofort zu begreifen. Als ich wieder nach Hause kam und reiflich über das Abenteuer nachdachte, erfüllte mich ein Gefühl von Freude und Befriedigung. So kehrte denn bald meine gute Laune zurück, und ich glaubte sicher zu sein, daß ich das Haus dieses elenden Gezüchtes niemals wieder betreten würde. Es waren sieben Weiber, darunter zwei Mägde; um ihren Unterhalt zu bestreiten, war ihnen jedes Mittel recht. Wenn sie bei ihren Beratungen die Notwendigkeit erkannten, sich der Hilfe von Männern zu bedienen, wandten sie sich an die drei Schufte, die ich vorhin nannte, und die ihrerseits, um existieren zu können, auf diese Weiber angewiesen waren. Ich dachte nur noch daran, mich aufs beste zu amüsieren, und besuchte zu diesem Zwecke alle Orte, wo ich mich vergnügen konnte. Fünf oder sechs Tage nach der Badeszene traf ich in Vauxhall die Spitzbübin mit ihrer Tante und Goudar. Ich wich ihr aus; sie ging mir jedoch nach und warf mir mit einer Sirenenstimme mein schlechtes Betragen vor. Ich gab ihr eine schroffe Antwort; sie machte sich jedoch nichts daraus, sondern trat in eine Laube und lud mich ein, eine Tasse Tee mit ihr zu trinken. »Ich will keinen Tee,« antwortete ich ihr; »ich will lieber zu Abend essen.« »Ich bin bereit, mit Ihnen zu speisen. Sie werden mich nicht zurückweisen, wenn Sie nicht etwa noch einen Groll gegen mich haben.« Ich befahl, vier Gedecke aufzulegen, und im nächsten Augenblick saßen wir beisammen, wie wenn wir die besten Freunde gewesen wären. Ihre verführerischen Reden, ihre Heiterkeit, ihre Reize zwangen mich wieder unter ihren Bann. Der Wein trug dazu bei, meine Seele zu erniedrigen, und ich schlug ihr vor, einen Spaziergang in den dunklen Alleen zu machen, indem ich bemerkte, sie werde mich hoffentlich nicht so behandeln wie Lord Pembroke. Sie antwortete mir sanft und mit einem Schein von Aufrichtigkeit, der mich beinahe getäuscht hätte: sie wolle ganz und gar die Meine sein, aber bei hellem Licht und nur unter der Bedingung, daß sie die Genugtuung habe, mich jeden Tag wie einen wahren Freund des Hauses bei sich zu sehen. »Ich verspreche es Ihnen; aber geben Sie mir sofort ein kleines Pröbchen Ihrer Zärtlichkeit.« »Nein! Unter keinen Umständen!« Ich stand auf, um die Rechnung zu bezahlen, und entfernte mich, ohne ein Wort zu sagen. Ihre Bitte, sie nach Hause zu bringen, schlug ich ab. Mein Kopf war ein wenig benebelt, als ich nach Haus kam; ich legte mich sofort zu Bett. Als ich am andern Morgen erwachte, war mein erster Gedanke ein Gefühl des Glücks, daß sie mich nicht beim Wort genommen hatte; ich fühlte instinktmäßig, daß ich alle Beziehungen zwischen diesem Geschöpf und mir hätte abbrechen sollen. Ich fühlte, daß sie eine unüberwindliche Herrschaft über mich ausübte und daß es nur ein einziges Mittel gab, mich davor zu schützen, daß sie mich noch weiterhin betrog: ich mußte entweder beharrlich ihren Anblick meiden, oder ich mußte, wenn ich noch weiter mit ihr verkehrte, ohne jeden Hintergedanken auf den Genuß ihrer gefährlichen Reize völlig verzichten. Da dieses Zweite mir unmöglich erschien, beschloß ich, mich standhaft an das erste Mittel zu halten; aber das unwürdige Geschöpf ging darauf aus, alle meine Vorsätze zuschanden zu machen. Die Art und Weise, wie sie ihre Absicht zu erreichen suchte, war offenbar das Ergebnis einer von ihrer ganzen Clique abgehaltenen Beratung. Einige Tage nach dem Abendessen von Vauxhall erschien Goudar bei mir und sagte: »Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrem weisen Entschluß, nicht mehr zu den Anspergers zu gehen; denn wenn Sie noch weiter hingegangen wären, hätten Sie sich immer mehr in die Schöne verliebt, und diese würde Sie schließlich an den Bettelstab bringen.« »Sie halten mich wohl für sehr dumm? Wenn ich sie gefällig gefunden hätte, so würde sie mich erkenntlich gefunden haben, ohne daß ich jedoch in den Beweisen dieser Erkenntlichkeit über meine Kräfte gegangen wäre. Hätte ich sie grausam gefunden, aber nicht so lächerlich, wie sie sich benommen hat, so hätte ich jeden Tag tun können, was ich bereits getan habe, und wäre darum doch noch nicht an den Bettelstab gekommen.« »Ich wünsche Ihnen Glück dazu, denn das ist ein Beweis, daß Sie über solide Mittel verfügen. Sie sind also fest entschlossen, sie nicht wiederzusehen?« »Sehr fest.« »Sie sind also nicht in sie verliebt?« »Ich war es, aber ich habe es mir abgewöhnt, und in einigen Tagen werde ich sie vollständig vergessen haben. Ich dachte schon nicht mehr an sie, als ich sie neulich mit Ihnen in Vauxhall traf.« »Das beweist, daß Sie nicht geheilt sind. Glauben Sie mir, man wird von einer Liebe nicht geheilt, wenn man die Geliebte flieht; denn wenn man in derselben Stadt lebt, kann es zu leicht vorkommen, daß man sich wieder begegnet, und Pulver ist ein feuergefährlicher Stoff.« »Kennen Sie ein besseres Mittel?« »Gewiß! Man muß sich durch Genuß übersättigen. ES ist wohl möglich, daß die Charpillon Sie nicht liebt; aber Sie sind reich, und sie hat nichts. Für eine runde Summe hätten Sie sie haben können; Sie wären dann auf angenehme Weise geheilt worden, wenn Sie gefunden hätten, daß sie Ihrer Beständigkeit nicht würdig ist; denn schließlich wissen Sie doch, wer sie ist.« »Ich würde dieses Mittel gern angewandt haben, wenn ich nicht klar und deutlich ihre Absicht entdeckt hätte.« »Diese hätten Sie zuschanden machen können, wenn Sie eine vernünftige Abmachung getroffen hätten. Sie hätten niemals vorausbezahlen sollen. Ich weiß alles.« »Was können Sie wissen?« »Ich weiß, daß sie Ihnen hundert Guineen kostet und daß Sie nicht einmal einen Kuß von ihr bekommen haben. Nun, mein lieber Herr, für dieses Geld hätten Sie sie ganz bequem in Ihrem Bett haben können. Sie prahlt damit, sie habe Sie angeführt, so klug Sie sich auch dünken mögen.« »Dieses Geld habe ich ihrer Tante aus Mitleid gegeben.« »Ja, für die Anfertigung ihres Lebensbalsams; aber Sie werden zugeben,daß ohne die Nichte die Tante nichts bekommen haben würde.« »Ich gebe es zu; aber sagen Sie mir: was bewegt Sie, heute in dieser Weise zu mir zu sprechen? Sie gehören doch zu ihrer Clique?« »Nichts, das schwöre ich Ihnen, als ein freundschaftliches Gefühl für Sie. Wenn Sie meinen, daß ich zu ihrer Clique gehöre, so irren Sie sich. Das will ich Ihnen beweisen, indem ich Ihnen erzähle, wie ich das Mädchen, ihre Mutter, ihre Großmutter und ihre beiden Tanten kennen lernte: Vor sechzehn Monaten war ich eines Abends in Vauxhall. Da sah ich den venetianischen Prokurator, Herrn von Morosini, ganz allein spazieren gehen. Er war gerade eben in London eingetroffen, um im Namen seiner Republik dem König die Glückwünsche zur Thronbesteigung zu überbringen. Da ich sah, daß der hohe Herr ganz entzückt war und mit großem Vergnügen die Londoner Schönheiten musterte, hatte ich den Einfall, ihn anzureden und ihm zu sagen, daß alle diese Nymphen ihm zu Diensten stünden, und daß er nur der, die ihm am besten gefiele, sein Schnupftuch zuzuwerfen brauchte. Als er hierüber lachte, sagte ich ihm, es sei kein Scherz von mir. Hierauf bezeichnete er eine mit dem Auge und fragte mich, ob diese Dame ebenfalls zu seiner Verfügung stehe. Da ich sie nicht kannte, bat ich ihn, er möchte seinen Spaziergang fortsetzen, ich würde ihm sofort Bescheid bringen. Da ich keine Zeit zu verlieren hatte und außerdem an ihrem ganzen Benehmen sah, daß ich es nicht mit einer Vestalin zu tun haben würde, trat ich an das junge Mädchen, und ihre Begleiterin heran und sagte ihr, der Botschafter sei in sie verliebt, und wenn sie ihn empfangen wolle, werde ich ihn ihr zuführen. Die Tante sagte mir, die Bekanntschaft eines Herrn von so hohem Range könne für ihre Nichte nur eine große Ehre sein. Ich erhielt ihre Adresse und ging dem Botschafter nach. Unterwegs traf ich einen meiner Bekannten, der ein großer Kenner von dieser Art Ware ist. Ich zeigte ihm die Adresse, die ich noch in der Hand hielt und erfuhr von ihm, was für eine Sorte die Charpillon ist.« »War sie es?« »Ja. Mein Freund sagte mir, sie sei eine junge Schweizerin, die noch nicht auf das große Trottoir gekommen sei; das würde aber nicht lange mehr dauern, denn sie sei nicht reich und habe einen zahlreichen Anhang zu ernähren. Ich ging zu meinem Venetianer, sagte ihm, daß die Sache in Ordnung sei, und bat ihn, mir anzugeben, zu welcher Stunde ich ihn am nächsten Tage vorstellen könne, indem ich ihn darauf aufmerksam machte, daß sie ihn nicht allein empfangen werde, da sie bei ihrer Mutter und ihren Tanten wohne. ›Das ist mir durchaus nicht unangenehm,‹ antwortete der Botschafter mir, ›es ist mir im Gegenteil lieb, daß sie nicht öffentlich ist.‹ Nachdem wir uns für den nächsten Tag verabredet hatten, trennten wir uns. Ich sagte den Damen, wann wir kommen würden, und belehrte sie, wie sie sich dem hohen Herrn gegenüber zu verhalten hätten: sie müßten nämlich tun, wie wenn sie ihn nicht kennten. Hierauf ging ich nach Hause. Am nächsten Tage ging ich zu Herrn von Morosini; wir nahmen einen Fiaker, und ich führte ihn inkognito zu den Damen, bei denen wir eine Stunde in allen Ehren verbrachten, und ohne daß irgend ein Vorschlag gemacht wurde; hierauf gingen wir wieder. Unterwegs sagte der Botschafter mir, er werde mir am nächsten Tage in seiner Wohnung seine Bedingungen schriftlich geben; zu diesen Bedingungen wünsche er das Mädchen zu besitzen, aber sonst nicht. Die Bedingungen lauteten: Das Fräulein sollte allein in einem möblierten Häuschen wohnen, das ihr nichts kosten würde. Sie dürfte keinen Menschen dort empfangen. Seine Exzellenz würde ihr monatlich fünfzig Guineen geben und würde ihr das Abendessen bezahlen, so oft er Lust hätte, die Nacht mit ihr zu verbringen. Er beauftragte mich, ein Haus für sie ausfindig zu machen, wenn seine Bedingungen angenommen würden. Die Mutter sollte den Vertrag mit unterschreiben. Da der Botschafter es eilig hatte, brachte ich die Angelegenheit in drei Tagen in Ordnung; ich verlangte jedoch von der Mutter ein Schriftstück, wodurch sie sich verpflichtete, mir ihre Tochter für eine Nacht zu überlassen, sobald der Botschafter wieder abgereist wäre; man wußte, daß er in London nur ein Jahr bleiben würde.« Goudar zog dieses Schriftstück aus der Tasche und zeigte es mir; ich las es mehrere Male mit ebensogroßer Überraschung wie Freude; hierauf fuhr er in seiner Erzählung fort: »Durch die Abreise des Botschafters wurde die Charpillon frei; sie hatte nun nacheinander Lord Baltimore, Lord Grosvenor, den portugiesischen Gesandten, Herrn de Saa und mehrere andere, jedoch keinen offiziellen Liebhaber. Ich habe von der Mutter verlangt, sie solle mir, laut ihrer Verpflichtung, meine Nacht verschaffen; aber sie führt mich an der Nase herum, und die Tochter, die mich nicht leiden kann, lacht mir ins Gesicht, wenn ich ein Wort davon sage. Ich kann sie nicht verhaften lassen, denn sie ist noch minderjährig; aber eines schönen Tages werde ich die Mutter ins Gefängnis bringen, und dann sollen Sie sehen, wie ganz London lachen wird. Jetzt wissen Sie, warum ich diese Frauenzimmer besuche; Sie haben unrecht, wenn Sie glauben, ich hätte irgend etwas mit ihren Anschlägen zu tun. Indessen kann ich Ihnen versichern, daß man auf Mittel und Wege sinnt, Sie zu prellen, und das wird ihnen gelingen, wenn Sie nicht sehr auf Ihrer Hut sind.« »Sagen Sie der Mutter, ich stelle ihr noch hundert Guineen zur Verfügung, wenn sie mir eine einzige Nacht mit ihrer Tochter verschaffen kann.« »Ist das Ihr Ernst?« »Ganz gewiß; aber ich will erst nach der Operation bezahlen.« »Das ist das wahre Mittel, um nicht angeführt zu werden. Ich übernehme den Auftrag mit Vergnügen.« Ich behielt den Burschen zum Mittagessen bei mir; denn bei dem Lebenswandel, den ich in London führte, konnte er mir nur nützlich sein. Er wußte alles und erzählte mir eine Menge galanter Geschichten, die ich mit Vergnügen hörte. Obwohl ein richtiger Taugenichts, war Goudar übrigens doch nicht ohne einige gute Eigenschaften. Er war Verfasser mehrerer Werke, die zwar schlecht waren, aber doch einen gewissen Geist bekundeten. Er schrieb damals seinen »Chinesischen Spion« und verfaßte täglich fünf oder sechs Briefe in den verschiedenen Kaffeehäusern, in die der Zufall ihn führte. Ich schrieb auch einige für ihn, die ihm viel Vergnügen machten. Der Leser wird sehen, unter welchen Umständen ich ihn einige Jahre darauf in Neapel wiederfand. Schon am nächsten Tage, in einem Augenblick, wo ich durchaus nicht daran dachte, sah ich die Charpillon bei mir eintreten. Mit einer ernsten Miene, die man bei einem anreren Mädchen für Bescheidenheit hätte halten können, sagte sie zu mir: »Ich bitte Sie nicht um ein Frühstück, sondern nur um eine Erklärung und möchte Ihnen Miß Lorenzi vorstellen.« Ich machte ihr und ihrer Begleiterin eine Verbeugung und sagte: »Was für eine Erklärung wünschen Sie, mein Fräulein?« Bei diesen Worten glaubte Miß Lorenzi, die ich zum ersten Male sah, und die gewissermaßen die Stelle des obligaten Satyrs auf den Bildern der Venus vertrat, uns allein lassen zu müssen, und ich sagte Jarbe, ich sei für niemanden zu Hause. Damit die Begleiterin meiner Nymphe sich nicht langweilte, befahl ich, ihr ein Frühstück vorzusetzen. »Mein Herr,« begann die Charpillon, »ist es wahr, daß Sie den Chevalier Goudar beauftragt haben, meiner Mitter zu sagen, Sie würden ihr hundert Guineen dafür geben, daß ich eine Nacht mit Ihnen verbringe?« »Nicht dafür, daß Sie sie mit mir verbringen, sondern erst, wenn Sie sie mit mir verbracht haben werden. Ist es nicht genug?« »Keine Scherze, bitte! Es handelt sich hier nicht um ein Feilschen um den Preis. Ich bin nicht gekommen, um um den Preis zu feilschen; ich will nur wissen, ob Sie das Recht zu haben glauben, mich zu beleidigen, und ob Sie sich einbilden, ich sei gegen eine solche Beschimpfung unempfindlich.« »Wenn Sie sich beschimpft fühlen, so kann ich Ihnen den Gefallen tun, zu glauben, daß ich unrecht habe; aber ich gestehe, ich erwartete nicht, daß Sie sich für berechtigt hielten, mir einen solchen Vorwurf zu machen. Goudar ist ein intimer Bekannter von Ihnen, und der Vorschlag ist nicht der erste dieser Art, den der Chevalier Ihnen gemacht hat. Ich konnte mich nicht unmittelbar an Sie wenden, denn ich weiß jetzt, woran ich mit Ihnen bin, da Sie sich ja nur eine Ehre daraus machen, Ihr Wort zu brechen.« »Ich kümmere mich nicht um die wenig schmeichelhaften Bemerkungen, die Sie sich gegen mich erlauben, aber ich will Sie daran erinnern, daß ich Ihnen gesagt habe, Sie werden mich niemals, weder durch Gewalt noch für Geld, bekommen, sondern nur, wenn Sie mich durch Ihr Benehmen in Sie verliebt machen. Beweisen Sie mir, daß ich Ihnen nicht Wort gehalten habe. Im Gegenteil, haben Sie Ihr Wort gebrochen: erstens, indem Sie mich im Bade überraschten, dann wieder gestern, indem Sie von meiner Mutter verlangten, mich Ihnen zur Befriedigung Ihrer tierischen Lust auszuliefern. Nur ein Halunke wie Goudar konnte solchen Auftrag von Ihnen übernehmen.« »Goudar ein Halunke! Der ist ja Ihr allerbester Freund! Sie wissen doch, daß er Sie liebt, und daß er nur in der Hoffnung, Sie zu besitzen, Ihnen den Botschafter verschafft hat. Das Schriftstück, das er bei sich hat, beweist Ihr Unrecht. Sie sind seine Schuldnerin; kommen Sie daher dieser Verpflichtung nach, und dann nennen Sie ihn einen Halunken, wenn Sie sich selber unschuldig finden können. Weinen Sie nicht! Ich kenne die Quelle Ihrer Tränen; sie ist nicht von der Art, die man mit Stolz nennen kann. Sie ist unrein.« »Sie kennen sie nicht. Ich liebe Sie, und es ist sehr hart für mich, daß ich mich so von Ihnen behandelt sehen muß.« »Wenn Sie mich lieben, so haben Sie es sehr verkehrt angefangen, um mich davon zu überzeugen.« »Ebenso verkehrt, wie Sie es angefangen haben, um mich von Ihrer Achtung zu überzeugen. Sie haben mich vom Anfang an wie eine ganz gemeine Prostituierte behandelt; gestern haben Sie mich behandelt wie ein willenloses Tier, wie eine erbärmliche Sklavin meiner Mutter. Mir scheint, wenn Sie nur ein wenig Gefühl für die einfachste Schicklichkeit gehabt hätten, so hätten Sie sich an mich selber wenden müssen; aber nicht so, wie Sie es getan haben, sondern schriftlich. Dazu hätten Sie nicht dieses elenden Boten bedurft; ich hätte Ihnen auf alle Fälle geantwortet, und Sie hätten nicht zu befürchten brauchen, von mir betrogen zu werden.« »Nehmen Sie an, ich hätte an Sie geschrieben – was würden Sie mir geantwortet haben?« »Ich will ganz offen sein: ich würde Ihnen, ohne etwas von den hundert Guineen zu sagen, versprochen haben. Sie zu befriedigen, unter der Bedingung, daß Sie mir vierzehn Tage lang den Hof machten, indem Sie mich in meiner Wohnung besuchten, ohne jemals auch nur die geringste Gefälligkeit zu verlangen. Wir hätten im Familienkreise miteinander gelebt, hätten gelacht und gescherzt; wir wären ins Theater gegangen, hätten Spaziergänge gemacht, und ich würde mich rasend in Sie verliebt haben. Dann hätten Sie mich bekommen, wie Sie's verdient hätten, nicht aus Gefälligkeit, sondern aus Liebe. Ich kann immer noch gar nicht begreifen, daß ein Mann wie Sie sich damit begnügen kann, wenn eine Person, die er liebt, sich ihm nur aus Gefälligkeit oder aus Eigennutz hingibt. Finden Sie das nicht demütigend für beide Teile? Sie können mir's glauben: ich schäme mich, wenn ich daran denke, daß ich stets nur aus Gefälligkeit geliebt habe. Ich Unglückliche! Ich fühle mich zur Liebe geschaffen und ich habe einen Augenblick geglaubt, Sie seien der Mann, den mein guter Stern nach England geführt habe, um mich durch wahre Liebe glücklich zu machen. Aber Sie haben im Gegenteil mein Unglück nur verschlimmert! Sie sind der erste Mann, der mich hat weinen sehen. Sie haben mir sogar mein Familienleben verbittert; denn meine Mutter wird niemals das Geld bekommen, das Sie ihr haben anbieten lassen, und wenn es mir nur einen einzigen Kuß kosten sollte.« »Es tut mir leid, Ihnen wehgetan zu haben; denn das konnte niemals meine Absicht sein. Aber ich sehe kein Mittel dagegen.« »Kommen Sie zu uns – das wird das rechte Mittel sein. Behalten Sie Ihr Geld, das ich verachte. Wenn Sie mich lieben, so erobern Sie mich wie ein rechter Liebhaber, aber nicht mit brutalen Mitteln. Ich werde Ihnen entgegenkommen; denn Sie können jetzt an meiner Liebe nicht mehr zweifeln.« Diese Rede schien mir zu natürlich zu sein, um eine Falle enthalten zu können. So ließ ich mich denn fangen: ich versprach ihr, alles zu tun, was sie wünschte, aber nur während der von ihr festgesetzten zwei Wochen. Sie bestätigte ihr Versprechen, indem sie es noch einmal wiederholte, und ihre Stirn erheiterte sich wieder. Die Charpillon war zu einer ausgezeichneten Komödiantin geboren. Sie stand auf, um zu gehen. Als ich sie um einen Kuß als Pfand unserer Versöhnung bat, sagte sie mir mit einem Lächeln, dem sie den größten Reiz zu verleihen wußte, wir dürften nicht damit anfangen, unsere Bedingungen zu verletzen. Sie ging. Ich war verliebt und folglich voll Reue über mein früheres Benehmen gegen sie. Hätte die Sirene, anstatt mir mündlich ihre Predigt zu halten, mir ihre Auseinandersetzungen schriftlich geschickt, so würde das ganze Märchen mich wahrscheinlich kalt gelassen haben, und ich hätte darüber gelacht; denn in einem Brief hätte ich nicht ihre Tränen gesehen, nicht ihre entzückenden Gesichtszüge, nicht ihre Blicke, die so feurig zu einem Richter sprachen, der schon im voraus durch die Leidenschaft bestochen war. Ohne Zweifel hatte sie dies vorausgesehen, denn der Instinkt der Frau ist so fein, daß in Herzensangelegenheiten das bloße Gefühl sie in einer Minute mehr lehrt, als wir Männer unser ganzes Leben lang lernen. Gleich an demselben Abend begann ich meine Besuche, und an dem Empfang, der mir zuteil wurde, glaubte ich den Triumph meiner heldenmütigen Entsagung zu erkennen: Quel che l'uom vede, Amor gli fà invisibile, E l'invisibil fà veder Amor. Was einer sieht, die Liebe macht's unsichtbar; Und was unsichtbar ist, sie macht es sehn. Ich verbrachte die vierzehn Tage, ohne ihr auch nur die Hand zu küssen, und ich betrat nicht ein einziges Mal ihr Haus, ohne ihr ein wertvolles Geschenk mitzubringen, das sie mit bezaubernder Anmut und mit anscheinend grenzenloser Dankbarkeit entgegennahm. Außerdem unternahmen wir, um die Zeit zu verkürzen, jeden Tag irgendeinen Ausflug in die Umgegend von London oder gingen ins Theater. Ich kann rechnen, daß diese vierzehn Tage mit ihren Dummheiten mir mindestens vierhundert Guineen kosteten. Am letzten Tage der Frist fragte ich sie in Gegenwart ihrer Mutter, ob sie wünschte, daß wir die letzte Nacht in ihrem oder in meinem Hause verbrächten. Die Mutter sagte mir, wir würden darüber nach dem Abendessen entscheiden. Ich wandte nichts dagegen ein, obgleich ich ihr gern gesagt hätte, daß bei mir das Abendessen feiner und leckerer und daher eine bessere Vorbereitung für den bevorstenden Liebeskampf sein würde. Nach dem Essen nahm die Mutter mich auf die Seite und sagte mir, ich möchte mich mit der übrigen Gesellschaft entfernen und später wiederkommen. Obgleich ich bei mir selber über diese überflüssige Geheimtuerei lachte, gehorchte ich. Als ich wieder kam, fand ich im Wohnzimmer Mutter und Tochter, und auf dem Fußboden war ein Bett zurecht gemacht. Obgleich diese Zurichtung nicht eben nach meinem Geschmack war, war ich doch so verliebt, daß ich mich damit begnügte. Ich glaubte nun endlich, daß jede Gefahr einer Täuschung beseitigt wäre, war jedoch sehr erstaunt, als die Mutter mir gute Nacht wünschte und mich fragte, ob ich die hundert Guineen vorausbezahlen wollte. »Pfui!« rief die Tochter, und die Mutter ging hinaus. Wir schlossen uns ein. Der Augenblick war da, wo meine Liebe, die ganz gegen meine sonstigen Gewohnheiten so lange im Zaum gehalten worden war, endlich der Knechtschaft entrinnen sollte. Ich ging also mit offenen Armen auf sie zu. Sie entzog sich jedoch meinen Liebkosungen, wenngleich mit sanftem Wesen, und bat mich, ich möchte mich zuerst hinlegen; sie würde sich zurecht machen und mir sogleich folgen. Ich fügte mich ihrem Willen, kleidete mich aus und legte mich liebeglühend zu Bett. Voller Wonne sah ich sie sich ausziehen; aber als sie fertig war, löschte sie die Kerzen aus. Als ich mich hierüber beklagte, sagte sie mir, sie könne bei Licht nicht schlafen. Da ich wußte, daß dies von der Schönen eine reine Laune sein mußte, begann ich den Verdacht zu hegen, daß sie mir Schwierigkeiten machen wollte, um mich dadurch noch mehr anzustacheln; ich hoffte jedoch, auch diese zu besiegen, und faßte mich abermals in Geduld. Sobald ich sie neben mir liegen fühlte, näherte ich mich ihr, um sie in meine Arme zu schließen; aber ich fand sie zusammengekauert und mit gekreuzten Armen und den Kopf auf die Brust gelegt in ihr langes Hemd eingewickelt. Soviel ich bat, schalt, fluchte – sie blieb in ihrer Lage, ohne ein Wort zu sagen. Anfangs hielt ich es für einen Scherz; bald aber überzeugte ich mich, daß es keiner war, und merkte, daß ich wiederum angeführt war. So war ich denn in meinen eigenen Augen ein elender Dummkopf, um so mehr, da ich mich um einer abscheulichen Prostituierten willen erniedrigt hatte. In einer solchen Lage schlägt die Liebe leicht in Wut um. Ich packte sie wie einen Sack, rollte sie hin und her, stieß sie; aber vergebens – sie leistete keinen Widerstand, sagte aber auch kein Wort. Ich sah, daß das Hemd ihr Hauptschutzmittel war, und es gelang mir, es auf dem Rücken zu zerreißen, aber es war mir nicht möglich, es vollständig von ihr abzustreifen. Mit den Schwierigkeiten wuchs meine Wut: Meine Hände wurden zu Klauen, und ich ersparte ihr nicht die grausamsten Mißhandlungen. Aber das alles nützte mir nichts. Ich entschloß mich endlich, von ihr abzulassen, als ich meine Hand an ihrer Kehle hatte und die Versuchung fühlte, sie zu erwürgen. Grausame Nacht, entsetzliche Nacht! In allen Tonarten sprach ich zu dem Scheusal: mit Sanftmut, Zorn, Vernunftgründen, Vorstellungen, Drohungen, Wut, Verzweiflung, Tränen, Schimpfworten und den schrecklichsten Beleidigungen drang ich auf sie ein; sie widerstand mir drei volle Stunden, ohne eine einzige Antwort zu geben, ohne jemals trotz allen Mißhandlungen ihre unbequeme Lage aufzugeben. Um drei Uhr morgens stand mein Kopf in Flammen; mein Körper war besudelt, ermattet, mein Geist wie betäubt. Ich faßte endlich den Entschluß, mich im Dunkeln anzuziehen. Ich öffnete die Zimmertür, fand aber die Haustür verschlossen; ich machte Lärm, und eine Magd öffnete mir. Ich ging nach Hause und legte mich zu Bett; aber die beleidigte Natur verweigerte mir die Ruhe, deren ich bedurfte. Ich trank eine Tasse Schokolade, aber ich konnte sie nicht verdauen. Bald darauf ergriff mich ein Fieberschauer, der erst am nächsten Tage aufhörte; dann aber war ich an allen Gliedern wie gelähmt. Ich mußte einige Tage im Bett liegen bleiben, aber ich wußte, daß ich bald wieder meine volle Gesundheit erlangt haben würde. Wie Balsam ergoß es sich durch alle meine Adern, als ich die Gewißheit erlangte, endlich von meinem Wahnsinn geheilt zu sein. Dies erkannte ich daran, daß ich an keinen Racheplan dachte. Ich schämte mich so, daß ich mich selber verabscheute. Als mich das Fieber befiel, hatte ich meinem Bedienten befohlen, alle Besucher abzuweisen, niemanden bei mir zu melden und alle ankommenden Briefe in meinen Schreibtisch zu legen. Ich wollte nichts hören und sehen, bevor ich gänzlich wiederhergestellt war. Am nächsten Tage fühlte ich mich wieder wohl und befahl Jarbe, mir meine Briefe zu geben. Ich fand einen von Pauline, die mir von Madrid aus schrieb, Clairmont habe ihr beim Übergang über einen Fluß das Leben gerettet; da sie einen Diener wie ihn nicht finden zu können glaube, so habe sie beschlossen, ihn bis Lissabon zu behalten; sie werde ihn von dort aus zu Schiff nach England schicken. Damals freute ich mich über diesen Beschluß; aber er wurde meinem treuen Clairmont und infolgedessen auch mir verhängnisvoll. Vier Monate darauf erfuhr ich, daß das Schiff, mit welchem er gesegelt war, untergegangen war, und da ich ihn nicht wiedergesehen habe, so habe ich nicht daran zweifeln können, daß dieser ausgezeichnete Diener in den Wellen umgekommen ist. Unter den Londoner Briefen fand ich zwei von der niederträchtigen Mutter der niederträchtigen Charpillon und einen von dieser selbst. Der erste war sofort am Morgen nach der schrecklichen Nacht geschrieben. Die Mutter, die nicht wußte, daß ich krank war, teilte mir mit, ihre Tochter liege mit einem starken Fieber zu Bett; sie sei infolge der von mir erhaltenen Schläge mit Wunden bedeckt; daher sei sie, die Mutter, genötigt, mich vor Gericht zu belangen. In dem zweiten, der vom nächsten Tage war, schrieb sie mir, sie habe gehört, daß auch ich krank sei wie ihre Tochter; sie bedauere dies, denn ihre Tochter habe ihr gestanden, ich könne vielleicht Gründe haben, mich über sie zu beklagen; aber sie werde sich bei unserer ersten Zusammenkunft rechtfertigen. Der Brief der Charpillon war ebenfalls am zweiten Tage geschrieben. Sie sagte mir, sie sehe ihr Unrecht vollkommen ein und sei nur erstaunt, daß ich sie nicht getötet hätte, als ich sie an der Gurgel packte; sie schwor mir, sie würde sich nicht gewehrt haben, denn in der entsetzlichen Zwangslage, in der sie sich befunden habe, sei es ihre Pflicht gewesen, alles hinzunehmen. Sie sei überzeugt, daß ich entschlossen sei, nicht wieder zu ihr zu gehen; darum bitte sie mich, sie nur ein einziges Mal in meinem Hause zu empfangen, denn sie müsse mir sofort etwas mitteilen, was für mich von Wichtigkeit sei; sie könne es mir aber nur mündlich sagen. Goudar hatte mir am Morgen geschrieben, er habe mir etwas zu sagen und werde um die Mittagsstunde kommen. Ich gab Befehl, ihn eintreten zu lassen. Zu meinem Erstaunen erzählte der eigentümliche Mensch mir mit allen Einzelheiten den Auftritt, den ich mit der Charpillon gehabt hatte. »Ich habe die ganze Schilderung von der Mutter, der die Tochter alles erzählt hat. Die Charpillon hat kein Fieber gehabt, aber ihr ganzer Leib war mit schwarzen Flecken bedeckt, deutlichen Beweisstücken der empfangenen Schläge. Den größten Kummer aber machte der alten Kupplerin, daß sie die hundert Goldstücke nicht bekommen hat, die Sie ihr gewiß vorausbezahlt haben würden, wenn die Tochter es gewollt hätte.« »Sie hätte sie am Morgen bekommen, wenn sie gefügig gewesen wäre.« »Sie hatte ihrer Mutter unter Eid versprochen, es nicht zu sein. Geben Sie nur alle Hoffnung auf, sie zu besitzen, wenn die Mutter nicht ihre Einwilligung gibt.« »Und warum gibt sie diese nicht?« »Sie behauptet, Sie werden sie verlassen, sobald Sie sie genossen haben.« »Das könnte wohl sein; aber bevor ich sie verlassen hätte, würde ich sie mit Geschenken überhäuft haben. Jetzt ist sie ebenfalls verlassen und hat keine Hoffnung, irgend etwas zu bekommen.« »Sind Sie fest entschlossen, bei Ihrem Vorsatz zu bleiben?« «Ganz fest.« »Das ist der vernünftigste Entschluß, den Sie fassen können; ich rate Ihnen sehr, bleiben Sie dabei. Indessen möchte ich Ihnen etwas zeigen, was Sie überraschen wird. Ich komme in wenigen Augenblicken wieder.« Als er wiederkam, hatte er einen Packträger bei sich, der einen mit einer Schürze überzogenen Lehnstuhl in mein Zimmer brachte. Sobald wir allein waren, nahm Goudar den Überzug ab und fragte mich, ob ich den Stuhl kaufen wolle. »Was soll ich denn damit? Das Möbel sieht überdies nicht verlockend aus.« »Trotzdem verlangt man hundert Guineen dafür.« »Ich würde keine drei dafür geben.« »Der Lehnstuhl hat fünf Federn, die sich gleichzeitig lösen, sobald ein Mensch sich hineinsetzt. Der Vorgang vollzieht sich sehr schnell: zwei Federn umgreifen die Arme und halten sie fest umklammert; zwei andere bemächtigen sich der Knie und spreizen die Schenkel soweit wie möglich; die fünfte Feder hebt den Sitz in die Höhe, so daß die gefangen gehaltene Person eine gekrümmte Stellung einnehmen muß.« Nachdem er diese Beschreibung gegeben hatte, setzte Goudar sich auf die gewöhnliche Art in den Stuhl; sofort spielten die Federn, und ich sah ihn in der Stellung einer Frau, die ein Kind gebärt. »Lassen Sie die schöne Charpillon sich auf diesen Stuhl setzen, und die Sache ist erledigt.« Ich mußte unwillkürlich über die Erfindung lachen, die ich ebenso sinnreich wie teuflisch fand; es widerstrebte mir jedoch, mich eines solchen Mittels zu bedienen. »Ich werde den Stuhl nicht kaufen,« sagte ich zu ihm; »aber Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie ihn mir bis morgen hier lassen.« »Nicht einmal eine Stunde, wenn Sie ihn nicht etwa kaufen; denn der Besitzer wartet hier ganz in der Nähe auf mich.« »Dann lassen Sie ihm also den Stuhl zurückbringen und kommen Sie zum Essen wieder.« Er zeigte mir, was ich zu tun hatte, um ihm seine Freiheit wiederzugeben. Hierauf zog er die Schutzdecke über den Stuhl, ließ den Packträger hereinkommen und ging. Die Wirkung des Mechanismus war unfehlbar, und es war durchaus nicht Geiz, was mich davon abhielt, den Stuhl zu kaufen. Wie ich bereits sagte, fand ich die Erfindung teuflisch und auf den ersten Blick abstoßend; außerdem aber bedurfte es nur geringer Überlegung, um mir zu sagen, daß die Anwendung mich an den Galgen bringen könnte, da ich mich in einem Lande befand, dessen Richter mehr über die bei einem Verbrechen bekundete moralische Gesinnung, als über das Verbrechen selbst urteilen, überhaupt hätte ich mich bei kaltem Blut niemals entschließen können, mich der Charpillon gewaltsam zu bemächtigen, noch weniger mit Hilfe dieser schrecklichen Maschine, bei deren Anwendung sie vor Furcht hätte sterben können. Beim Essen sagte ich Goudar, die Charpillon habe an mich geschrieben und mich um eine Unterredung in meinem Hause gebeten. Ich hätte daher den Lehnstuhl gern behalten, um ihr zu zeigen, daß ich mich ihrer hätte bemächtigen können, wenn ich gewollt hätte. Ich zeigte ihm den Brief, und er riet mir, auf ihren Vorschlag einzugehen, wäre es auch nur aus Neugier. Ich hatte es nicht eilig, dies Geschöpf mit blauen Flecken an Gesicht und Brust wiederzusehen; denn diese Flecken hätte sie mir gewiß gezeigt, um mich zu rühren und wegen meiner Roheit zu beschämen. Ich ließ daher acht oder zehn Tage vergehen, ohne sie zu empfangen. Goudar kam jeden Tag und unterrichtete mich über die Beratungen dieser Weiberbande, die darauf ausging, nur von Gaunereien zu leben. Ich erfuhr von ihm, daß die Großmutter eine Bernerin war, die sich ohne jedes Recht den Namen Ansperger angemaßt hatte; denn sie war nur die Geliebte eines ehrenwerten Bürgers dieses Namens gewesen, dem sie vier Mädchen geboren hatte; die Mutter der Charpillon war die jüngste von diesen, und da sie ziemlich hübsch war und einen ausschweifenden Lebenswandel führte, hatte die Regierung sie samt ihrer Mutter und ihren Schwestern ausgewiesen. Sie hatte sich hierauf in der Freigrafschaft niedergelassen, wo sie eine Zeitlang vom Verkauf des Lebensbalsams lebten. Dort kam die Charpillon zur Welt; nach der Behauptung der Mutter soll ein Graf de Coutainvilliers der Vater sein. Da das Mädchen hübsch wurde, glaubte die Mutter, sie müsse in Paris ihr Glück machen. Sie ließ sich dort nieder; da aber ihr Lebensbalsam trotz aller Güte nicht für ihren Unterhalt ausreichte, und da die Charpillon, weil sie noch zu jung war, niemanden fand, der sie unterhalten wollte, da ihr endlich wegen ihrer Schulden das Gefängnis drohte, so faßte sie auf den Rat ihres damaligen Liebhabers Rostaing den Beschluß, nach London zu ziehen. Goudar schilderte mir dann den ganzen Schwindelbetrieb, wovon die Familie lebte; mich interessierte dies damals, aber den Leser könnte es nicht interessieren; er wird mir daher wohl Dank wissen, wenn ich darüber hinweggehe. Da ich die Sprache des Landes nicht kannte und durchaus nichts zu tun hatte, so schätzte ich mich beinahe glücklich, über Goudar verfügen zu können. Er machte mich mit den berühmtesten Londoner Kurtisanen bekannt, besonders auch mit der vielgefeierten Kitty Fisher, die damals schon anfing, aus der Mode zu kommen. Ferner zeigte er mir in einem Bierausschank, wo wir eine Flasche »Strongbeer« – das besser ist als Wein – tranken, eine Aufwärterin, die sechzehn Jahre alt und ein wahres Wunder von Schönheit war. Sie war eine katholische Irländerin und hieß Sarah. Ich wollte sie erobern oder kaufen, aber Goudar hatte seine bestimmten Absichten mit ihr und entführte sie auch wirklich das Jahr darauf. Schließlich heiratete er sie, und sie ist eben jene Sarah Goudar, die in Neapel, Florenz, Venedig und an anderen Orten glänzte und die wir vier oder fünf Jahre später, immer mit ihrem Gemahl, wiederfinden werden. Goudar hatte die Absicht, sie als die Geliebte Ludwigs des Fünfzehnten an die Stelle der Dubarry zu bringen; aber eine lettre de cachet nötigte ihn, anderswo sein Glück zu versuchen. Glückliche Zeiten der lettres de cachet, ach, ihr seid nicht mehr! Der Charpillon wurde es schließlich zu langweilig, auf eine Antwort zu warten; als vierzehn Tage verstrichen waren, ohne daß sie ein Wort von mir gehört hatte, beschloß sie, den Angriff zu erneuern. Ohne Zweifel war dies das Ergebnis einer sehr geheimen Beratung; denn Goudar hatte mir nichts davon gesagt. Sie kam allein in einer Sänfte zu mir, und dies bestimmte mich, sie zu empfangen. Ich trank gerade meine Schokolade und empfing sie, ohne aufzustehen und ohne ihr ein Frühstück anzubieten. Sie bat mich in bescheidenem Tone selber darum und setzte sich neben mich, indem sie mir ihr Gesicht zum Kuß hinhielt; dies hatte sie früher niemals getan. Ich wandte den Kopf ab, aber selbst diese unerhörte Zurückweisung brachte sie nicht aus der Fassung, sondern sie sagte: »Ohne Zweifel sind es die noch allzu sichtbaren Spuren Ihrer Schläge, die Ihnen mein Gesicht abschreckend erscheinen lassen.« »Sie lügen! Ich habe Sie nicht geschlagen.« »Einerlei; Ihre Tigerklauen haben Male an meinem ganzen Körper hinterlassen. Sehen Sie her! Sie laufen ja keine Gefahr, daß das, was ich Ihnen zeige, Sie verführen könnte. Übrigens ist es Ihnen ja nichts Neues.« Mit diesen Worten entblößte das schurkische Weib sich und zeigte meinen Blicken die ganze Oberfläche ihres Körpers, worauf wirklich trotz der seither verstrichenen Zeit noch einige fahle Flecke zu sehen waren. Ich Feigling! Warum habe ich nicht meine Augen abgewandt. Warum? Ich will es dir sagen, Leser: weil sie schön war, weil ich ihre Reize liebte und weil die »Reize« nicht ihren Namen verdienten, wenn sie nicht die Macht hätten, die Vernunft zum Schweigen zu bringen. Ich tat, wie wenn ich nicht hinsähe; aber wie lächerlich mußte ich dabei aussehen! Ich errötete über mich selber. Ein unwissendes kleines Mädchen, das nicht, wie ich, in staubigen alten Büchern studiert hatte, wußte mehr als ich. Ja, sie wußte, daß das Gift durch alle meine Poren drang. Plötzlich, als sie annahm, ich sei vom Gift glühender Begierden genügend durchseucht, brachte sie ihre Kleidung wieder in Ordnung und setzte sich wieder an meine Seite. Offenbar war sie überzeugt, daß es mir lieb gewesen wäre, wenn sie mit diesem berauschenden Schauspiel noch nicht aufgehört hätte. Ich nahm mich jedoch, so gut ich konnte, zusammen und sagte ihr, es sei ihre eigene Schuld, wenn ich ihr so weh getan habe; denn ich könnte nicht einmal darauf schwören, daß diese Quetschungen von mir herrührten. »Ich weiß,« antwortete sie, »daß alles meine eigene Schuld gewesen ist; denn wenn ich gefügig gewesen wäre, wie ich es hätte sein sollen, wären Sie nicht grausam, sondern zärtlich gewesen. Aber Reue macht begangenes Unrecht gut, und ich bin hier, um Sie um Verzeihung zu bitten. Kann ich darauf hoffen?« »Ich kann Ihnen diese Bitte nicht abschlagen. Ich trage Ihnen nichts mehr nach, und es tut mir nur leid, nicht mir selber vergeben zu können. Jetzt aber können Sie gehen, denn Sie brauchen auf mich nicht mehr zu rechnen; ich hoffe, Sie werden in Zukunft nicht mehr versuchen, meine Ruhe zu stören.« »Es geschehe, wie Sie wünschen. Aber Sie wissen nicht alles, und ich bitte Sie, mich einen Augenblick anzuhören.« »Da ich nichts zu tun habe, so können Sie bleiben und sprechen; ich werde Ihnen zuhören.« Vernunft und Ehre zwangen mich, den Stolzen und Kalten zu spielen; in Wirklichkeit aber war ich tief bewegt, und was das Schlimmste war: ich fühlte mich geneigt, zu glauben, daß das Mädchen nur deshalb wieder zu mir gekommen war, weil sie endlich zu verdienen wünschte, daß ich ihr Freund und Liebhaber würde. Was sie mir zu sagen hatte, hätte in einer Viertelstunde gesagt werden können, aber allerlei Abschweifungen, geschickte Wiederholungen, Tränenergüsse brachten es dahin, daß sie zwei Stunden dazu brauchte, mir zu sagen, ihre Mutter habe sie bei ihrer Seele schwören lassen, die Nacht so mit ihr zu verbringen, wie sie es getan habe. Zum Schluß sagte sie mir, sie wolle endlich keine Sklavin mehr sein, und sei daher bereit, mir unter denselben Bedingungen anzugehören wie dem Herrn von Morosini. Sie wolle bei mir wohnen, weder ihre Mutter noch ihre anderen Verwandten sehen und werde mit mir nur dahin gehen, wohin ich wünsche; aber ich müsse ihr monatlich eine gewisse Summe aussetzen, die sie ihrer Mutter geben werde, damit diese sie nicht durch die Gerichte beunruhige; denn sie sei noch nicht in dem Alter, sich für unabhängig erklären zu dürfen. Sie aß mit mir zu Mittag; diesen Vorschlag machte sie mir jedoch erst am Abend, als ich wieder ruhig geworden und nach ihrer Meinung in der richtigen Stimmung war, mich von neuem betören zu lassen. Ich sagte ihr, wir könnten miteinander leben, wie sie es vorschlüge; ich wollte jedoch den Vertrag mit ihrer Mutter abschließen, und sie würde mich daher schon am nächsten Tage in ihrer Wohnung sehen. Diese Erklärung schien sie zu überraschen. Wahrscheinlich würde die Charpillon mir an diesem Tage alles bewilligt haben, was ich nur hätte wünschen können, und dann wäre in Zukunft von Widerstand und Täuschung nicht mehr die Rede gewesen. Warum habe ich also nicht alles von ihr verlangt? Weil die Liebe, die geschickt macht, zuweilen auch das Gegenteil bewirkt; weil ich mir einbildete, ich sitze an diesem Tage gewissermaßen über die Verbrecherin zu Gericht und es würde daher eine niedrige Handlung sein, wenn ich mich an ihr rächte, indem ich meine Liebesbegierden befriedigte; und vielleicht auch, lieber Leser, weil ich in diesem Augenblick ein Dummkopf war, wie ich es in meinem Leben manchesmal gewesen bin. Die Charpillon mußte wütend sein, als sie von mir ging; ohne Zweifel war sie entschlossen, sich dafür zu rächen, daß ich an diesem Tage gewissermaßen ihre Person verachtet hatte. Goudar war sehr überrascht, als ich ihm am nächsten Tage von dem Besuch erzählte und ihm sagte, wie kläglich ich den Tag verwandt hatte. Ich bat ihn, mir ein möbliertes Häuschen zu besorgen, wie Morosini es gehabt hatte. Am Abend suchte ich das hinterlistige Weib in ihrer Wohnung auf; ich war immer noch auf den ernsten Ton gestimmt, dessen Lächerlichkeit ihr ohne Zweifel nicht entgehen konnte. Da ich sie mit ihrer Mutter allein fand, setzte ich ihnen sofort meinen Plan auseinander. »Ihre Tochter«, sagte ich zur Mutter, »bekommt in Chelsea ein Haus, worin ich Herr bin; außerdem erhält sie monatlich fünfzig Guineen, womit sie anfangen kann, was sie will.« »Wieviel Sie ihr monatlich geben, ist mir einerlei; ich will davon nichts wissen. Aber wenn sie von mir fortgeht, um anderswo zu wohnen, soll sie mir die hundert Guineen geben, die sie eigentlich von Ihnen dafür bekommen sollte, daß Sie die Nacht mit ihr zubrachten.« »Eigentlich ist es ja Ihre Schuld, wenn sie sie nicht bekommen hat. Aber wir wollen die Sache kurz machen: Sie wird Ihnen das Geld geben.« »Bis Sie das Haus gefunden haben,« sagte die Tochter, »werden Sie mich, hoffe ich, besuchen.« »Ja.« Schon am nächsten Tage fuhr Goudar mit mir nach Chelsea und zeigte mir ein hübsches Haus; ich mietete es und zahlte zehn Guineen für einen Monat voraus, nachdem ich meine Bedingungen gemacht und mir eine Quittung hatte geben lassen. Am Nachmittag ging ich zu der Mutter und schloß mit ihr den Handel ab; die Tochter war dabei zugegen und bereit, mir zu folgen. Die Mutter verlangte von mir die hundert Guineen, und ich gab sie ihr. Ich fürchtete nicht mehr, betrogen zu werden, denn die ganze kleine Ausrüstung ihrer Tochter war bereits in meiner Wohnung. Wir fuhren ab und waren bald in Chelsea. Die Charpillon fand das Haus vollkommen nach ihrem Geschmack; wir machten einen Spaziergang und speisten dann fröhlich zu Abend. Nach dem Essen legten wir uns zu Bett, und sie bewilligte mir Liebkosungen und das Vorspiel; als ich aber zum Hauptangriff schritt, fand ich einen Widerstand, den ich nicht erwartet hatte. Sie schützte gewisse natürliche Gründe vor. Ich war nicht der Mann, mir aus einer solchen Kleinigkeit etwas zu machen; aber alle meine Anstrengungen waren vergeblich: sie widerstand mir, aber sie tat dies so sanft und liebenswürdig, daß ich schließlich von ihr abließ und einschlief. Da ich vor ihr erwachte, wollte ich mich überzeugen, ob sie die Wahrheit gesagt hatte. Vorsichtig hob ich die Decke auf, schob ihr Hemd zur Seite und sah, daß sie mich wiederum angeführt hatte. Sie wachte auf und wollte sich mir widersetzen; aber es war zu spät. Ich machte ihr wegen der neuen Täuschung nur sanfte Vorwürfe, und bereit, alles zu verzeihen, schickte ich mich an, die verlorene Zeit wieder einzuholen. Sie schlug jedoch einen hohen Ton an und schimpfte, daß ich sie überrascht hätte. Ich suchte ihren Zorn zu besänftigen, indem ich sie bat, sich mir zu ergeben; das unwillige Geschöpf aber machte sich meine Sanftmut zunutze, verdoppelte den Widerstand und wollte mir nichts erlauben. Ich durchschaute ihre Absicht und beschloß, sie in Ruhe zu lassen, machte jedoch meiner Entrüstung in Worten Luft, wie ihr Benehmen sie verdient hatte, Anfangs lächelte die freche Person nur verächtlich; sie richtete sich im Bett auf und begann sich anzukleiden; dann aber erlaubte sie sich die unverschämtesten Antworten. Außer mir über den gemeinen Ton, den sie anschlug, gab ich ihr eine kräftige Ohrfeige und versetzte ihr einen Fußtritt, daß sie der Länge nach auf die Diele fiel. Sie fing an zu schreien, stampfte mit den Füßen und machte einen fürchterlichen Lärm. Der Wirt kam herauf, und sie sprach mit ihm englisch, während ihr das Blut aus der Nase strömte. Zu meinem Glück sprach der Wirt italienisch. Er sagte mir, sie wolle gehen, und riet mir, mich dem nicht zu widersetzen, denn sonst könnte sie mir eine sehr unangenehme Geschichte an den Hals hängen und er würde genötigt sein, gegen mich auszusagen. Ich antwortete ihm: »Lassen Sie sie so schnell wie möglich verschwinden; hoffentlich sehe ich sie niemals wieder.« Sie stillte die Blutung, zog sich fertig an und entfernte sich in einem Tragstuhl. Ich blieb stumm und gleichsam versteinert zurück; ich fühlte mich unwürdig, noch weiter zu leben, und fand das Benehmen des unglücklichen Mädchens unbegreiflich und unglaublich. Als nach etwa einer Stunde die dumpfe Betäubung von mir gewichen war, entschloß ich mich, ihr ihren Koffer durch einen Fiaker zuzuschicken; hierauf ging ich nach Hause, befahl, keinen Menschen vorzulassen, und legte mich zu Bett. Ich verbrachte vierundzwanzig Stunden mit bitteren Gedanken. Als schließlich die Vernunft sich geltend machte, sah ich ein, daß ich ihr unrecht getan hatte, und fand mich in meinen eigenen Augen verächtlich. Von dem Gefühl, das mich damals beherrschte, ist nur ein Schritt zum Selbstmord. Glücklicherweise und mit Recht tat ich diesen Schritt nicht. Am nächsten Tage wollte ich gerade ausgehen, als Goudar kam. Er bat mich, mit ihm wieder hineinzugehen, da er mir etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Er sagte mir, die Charpillon sei zu Hause und habe eine so stark geschwollene Wange, daß sie sich nicht sehen lassen könne. Er riet mir, alle meine Ansprüche gegen sie oder ihre Mutter aufzugeben; sonst sei sie entschlossen, mich durch eine Verleumdung, die mir das Leben kosten könne, zugrunde zu richten. Denen, die England und besonders London kennen, brauche ich nicht zu sagen, welcher Art diese Verleumdung sein sollte, die bei den Engländern so leicht glaubhaft zu machen ist und sich auf die Greuel bezieht, die einst Sodoms Untergang veranlaßten. Goudar sagte mir: »Die Mutter hat mich gebeten, die Sache zu vermitteln; sie will Ihnen durchaus nichts zuleide tun, wenn Sie sie in Ruhe lassen.« Nachdem ich den Tag mit diesem Vermittler verbracht und mich stundenlang in dummen Klagen ergangen hatte, sagte ich ihm, er könne der Mutter mitteilen, daß ich meine Ansprüche aufgeben wolle; ich möchte jedoch gern wissen, ob sie und ihre Tochter den Mut haben würden, diese Zusicherung aus meinem eigenen Munde zu empfangen. »Ich will es ausrichten,« antwortete er mir; »aber ich bedauere Sie, denn Sie werden wieder in ihre Netze geraten, und sie werden Sie zugrunde richten, ohne Ihre Wünsche zu befriedigen. Sie tun mir leid.« Ich bildete mir ein, die beiden Geschöpfe würden nicht den Mut haben, mich zu empfangen. Aber wie wenig kannte ich sie! Goudar kam und sagte mir lachend, die Mutter hoffe, ich werde stets ein Freund des Hauses bleiben. Es wäre mir, glaube ich, angenehm gewesen, eine abschlägige Antwort zu erhalten; denn ich wünschte, diese Elende, die mir soviel innerliche Unruhe bereitete, nicht wiederzusehen; aber ich hatte nicht die Kraft, wie ein Mann zu handeln und mir den einzigen Vorteil zunutze zu machen, den ihre Habsucht mir bot. Gegen Abend ging ich zu ihnen und saß eine Stunde lang, ohne eine Silbe zu sprechen, der Charpillon gegenüber, die ihre Blicke auf eine Stickerei gesenkt hielt. Von Zeit zu Zeit tat sie, wie wenn sie eine Träne trocknete, und ab und zu enthüllte sie ihr Gesicht, um mir zu zeigen, wie ich ihre Wange zugerichtet hatte. Jeden Tag ging ich zu ihr und saß schweigend da, bis endlich die Spur der bösen Ohrfeige gänzlich verschwunden war. Während dieser törichten Besuche durchdrang das Gift heißer Begierde mich so ganz und gar, daß sie mir alles, was ich besaß, für eine einzige Gunstbezeigung hätte abnehmen können, wenn sie meinen Zustand geahnt hätte. Als sie wieder schön war, starb ich vor Begier, sie wieder in meinen Armen zu sehen, wie ich sie sanft und liebkosend bereits einmal, wenn auch nur unvollkommen, besessen hatte. Ich kaufte einen prachtvollen Stehspiegel und ein herrliches Frühstücksgeschirr von Meißener Porzellan und sandte ihr diese Geschenke mit einem Liebesbrief, der mich in ihren Augen entweder als den größten Verschwender oder als den erbärmlichsten Menschen erscheinen lassen mußte. Sie antwortete mir, sie erwarte mich in ihrem Zimmer zum Abendessen unter vier Augen, um mir, wie ich es verdiene, die zärtlichsten Beweise ihrer Dankbarkeit zu geben. Dieser Brief raubte mir so völlig die Besinnung, daß ich in einem Wahnsinnsanfalle von Begeisterung den Entschluß faßte, ihr die beiden Wechsel über sechstausend Franken anzuvertrauen, die Bolomé mir ausgestellt hatte, und die mir das Recht gaben, ihre Mutter und ihre Tante ins Gefängnis bringen zu lassen. Beseligt von dem Glück, das meiner wartete, und von dem Gedanken, daß ich es durch die heroische Handlung verdiente, die ich der Charpillon gegenüber begehen wollte, ging ich zum Abendessen zu ihr. Sie empfing mich mit ihrer Mutter im Wohnzimmer, und ich sah voller Freude den Spiegel über dem Kamin angebracht und das Porzellangeschirr auf einem Tischchen stehen. Nachdem sie mich hundertmal ihrer Zärtlichkeit versichert hatte, lud sie mich ein, auf ihr Zimmer zu gehen, und ihre Mutter wünschte uns eine gute Nacht. Ich war freudetrunken. Nachdem wir eine leckere kleine Mahlzeit zu uns genommen hatten, zog ich aus meiner Brieftasche die beiden Wechsel, deren Geschichte ich ihr erzählte. Dann übergab ich sie ihr und sagte, ich würde sie an ihre Ordre indossieren, sobald sie mich als bevorzugten Liebhaber behandelt hätte; ich wollte ihr dadurch beweisen, daß ich nicht im geringsten daran dächte, mich an ihrer Mutter und an ihren Tanten rächen zu wollen. Ich ließ mir von ihr versprechen, die Wechsel nicht aus den Händen zu geben. Sie nahm sie dankbar an, pries mein edles Benehmen und schloß endlich die Wechsel sorgfältig in ihre Kassette ein, nachdem sie mir alles versprochen hatte. Nun glaubte ich ihr Beweise meiner Leidenschaft geben zu können. Ich fand sie sanft; als ich aber die Frucht pflücken wollte, umschlang sie mich fest mit ihren Armen, kreuzte ihre Beine und weinte heiße Tränen. Ich zwang mich zur Ruhe und fragte sie, ob sie ihr Benehmen ändern würde, wenn wir beieinander im Bett lägen. Sie seufzte, schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Nein.« Diese Antwort versteinerte mich. Länger als eine Viertelstunde saß ich da, ohne mich zu rühren, ohne ein Wort zu sprechen. Dann stand ich mit scheinbarer Ruhe auf und nahm meinen Mantel und meinen Degen. »Wie?« rief sie, »Sie wollen nicht die Nacht mit mir verbringen?« »Nein.« »Werden wir uns morgen sehen?« »Ich hoffe es. Leben Sie wohl!« Ich verließ diese Hölle, ging nach Hause und legte mich zu Bett. Vierzehntes Kapitel Fortsetzung des Vorhergehenden, aber noch seltsamer. Am anderen Morgen gegen acht Uhr meldete Jarbe mir die Charpillon und sagte mir, sie habe ihre Sänftenträger fortgeschickt. »Sag' ihr, ich will sie nicht empfangen.« Aber in dem Augenblick, wo ich diese Worte sprach, trat sie ein, und Jarbe ging hinaus. »Ich bitte Sie,« sagte ich so ruhig, wie es mir nur möglich war, »mir die beiden Wechsel zurückzugeben, die ich Ihnen gestern Abend anvertraut habe.« »Ich habe sie nicht bei mir, aber warum soll ich sie Ihnen denn zurückgeben?« Bei dieser Antwort lief mir die Galle über; meine Wut durchbrach den Damm meiner Zurückhaltung und ergoß sich in einer Flut von Schimpfworten. Meine Natur bedurfte dieses Ausbruches, um ihr Gleichgewicht wieder zu finden. Er endete mit einem unfreiwilligen Tränenerguß, dessen meine Vernunft sich schämte. Die niederträchtige Verführerin blieb ruhig wie die Unschuld; sie benutzte einen Augenblick, wo ich, von Schluchzen erstickt, kein Wort hervorbringen konnte, und sagte mir, sie sei nur so grausam gewesen, weil sie ihrer Mutter geschworen habe, sich keinem Manne in ihrem eigenen Hause hinzugeben. Nun sei sie zu mir gekommen, um mich von ihrer Zärtlichkeit zu überzeugen, indem sie sich rückhaltlos hingebe, und um mich niemals wieder zu verlassen, wenn ich sie behalten wolle. Wenn ein Leser sich einbildet, bei dieser Erklärung habe mein ganzer Zorn sich verflüchtigt, und ich habe mich nun unverzüglich in den Besitz eines so heiß begehrten Gutes gesetzt, so kennt er die Natur der Leidenschaft nicht so gut, wie das unwürdige Geschöpf, dessen Spielball ich war, sie kannte. Er weiß nicht, daß die Liebe schnell in schwarzen Zorn übergehen kann, daß aber der umgekehrte Übergang sich langsam und schwer vollzieht. Und wenn es sich nur um Zorn allein handelt, so kann dieser durch Sanftmut, Tränen, Unterwürfigkeit und sogar durch bloße Schwäche besänftigt werden; aber wenn zum Zorn noch Entrüstung kommt, und wenn in dieses doppelte Gefühl sich noch der Schmerz einer bitteren Enttäuschung mischt, dann wird der Mann unfähig, plötzlich zur Zärtlichkeit und Wollust überzugehen. Es ist ein wütender Haß, dessen Dauer genau der Reizbarkeit des Temperamentes entspricht; er weicht erst, wenn er von selber aufgehört hat. Bei mir ist einfacher Zorn immer nur von kurzer Dauer gewesen; aber wenn Entrüstung hinzugekommen ist, dann hat meine stolze Vernunft mich stets unbeugsam gemacht, bis ich meinen Zorn vergessen und dadurch wieder meinen natürlichen Zustand erlangt hatte. Wenn nun die Charpillon in einem solchen Augenblick sich mir zur Verfügung stellte, so wußte sie wohl, daß mein Zorn oder mein verletzter Stolz mich abhalten würde, sie beim Wort zu nehmen, und diese Wissenschaft, die bei dir, lieber Leser, vielleicht eine Tochter der Philosophie ist, war in der Seele einer liederlichen Kokette eine Tochter der Natur. Der Instinkt belehrt die Frauen besser, als Wissenschaft und Erfahrung einen Mann belehren können. Gegen Abend verließ das junge Scheusal mich. Sie tat, wie wenn sie gekränkt, traurig, niedergeschlagen wäre, und sagte nur: »Ich hoffe, Sie werden wieder zu mir kommen, sobald Sie zur Besinnung gelangt sind.« Sie hatte acht Stunden bei mir verbracht und mich während dieser ganzen Zeit nur einige Male unterbrochen, um Beschuldigungen abzustreiten, die zwar wahr waren, die sie aber nicht zugeben durfte. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen, um nicht genötigt zu sein, ihr etwas anzubieten und mit ihr zu essen. Als sie fort war, trank ich eine Tasse Fleischbrühe; hierauf legte ich mich wieder zu Bett und hatte einen sehr ruhigen Schlaf. Beim Erwachen fühlte ich mich völlig wiederhergestellt. Indem ich nun über den Auftritt vom vorigen Tage nachdachte, glaubte ich, daß die Charpillon ihr Benehmen bereue, aber ich fühlte mich vollkommen gleichgültig gegen alles, was sie betraf. Ich bekenne hier in aller Demut die Veränderung, die in London in meinem achtunddreißigsten Jahre die Liebe an mir bewirkte. Es war der Schluß des ersten Aktes meines Lebens. Der zweite Akt schloß mit meiner Abreise aus Venedig im Jahre 1783, und der dritte Akt wird offenbar hier in Dux schließen, wo ich mich damit unterhalte, diese Erinnerungen niederzuschreiben. Dann wird meine Komödie in drei Akten beendigt sein, und wenn man sie auspfeift, was ja wohl der Fall sein kann, so hoffe ich, dieses Pfeifen nicht zu hören, und dies ist eine Befriedigung, die noch mancher andere Autor sich gleich mir vorbehalten sollte. Aber ich habe dem Leser noch nicht die letzte Szene dieses ersten Aktes vorgeführt, und ich halte diese für die interessanteste. Auf einem Spaziergang, den ich im Green-Park machte, wurde ich von Goudar angesprochen. Ich sah ihn mit Vergnügen, denn ich brauchte diesen in allen Lebenslagen erfahrenen Menschen. Er sagte zu mir: »Ich komme eben von der Charpillon; man ist dort in sehr fröhlicher Stimmung. Vergebens habe ich das Gespräch auf Sie zu bringen gesucht; ich konnte kein Wort aus den Weibern herausbringen.« »Ich verachte sie und alles, was nah oder fern mit ihr zusammenhängt.« Er lobte mich und forderte mich auf, bei dieser Meinung zu bleiben. Ich nahm ihn mit mir zum Essen, und wir gingen dann zur Kupplerin Walsh, wo wir die berühmte Kurtisane Kitty Fisher sahen, die dort auf den Herzog von *** wartete, um mit ihm auf den Ball zu gehen. Die Phryne war prachtvoll geschmückt, und es ist keine Übertreibung, wenn ich die Diamanten, die sie in diesem Augenblick auf dem Leibe trug, auf fünfhunderttausend Franken schätze; Goudar sagte mir, ich könnte die Gelegenheit benutzen und mich, bevor der Herzog käme, für zehn Guineen mit ihr amüsieren. Ich wollte jedoch nicht, denn sie war zwar reizend, aber sie sprach nur englisch. Da ich nun gewöhnt war, mit allen Sinnen zugleich zu genießen, so konnte ich mich nicht entschließen, mich der Liebe hinzugeben, ohne auch mein Ohr zu befriedigen. Als das Mädchen fort war, sagte die Walsh uns, Kitty habe eines Tages eine Banknote von tausend Guineen auf einem Butterbrot verzehrt. Es sei ein Geschenk gewesen, das der Ritter Atkins, der Bruder der schönen Lady Pitt, ihr gemacht habe. Ich weiß nicht, ob die Bank ihr für dieses Geschenk ihren Dank aussprechen ließ. Ich verbrachte eine Stunde mit einer schönen Irländerin, namens Kennedy, die etwas Französisch radebrechte. Vom Champagner belebt, machte sie tausend tolle Sachen; aber das Bild der Charpillon verfolgte mich, mir selber unbewußt, und ich fand den Genuß abgeschmackt. Traurig und unzufrieden ging ich nach Hause. Die Vernunft sagte mir, daß ich mich besiegen und das hinterlistige Weib aus meinen Gedanken verjagen müßte; aber ein anderes Gefühl, das ich für Ehrgefühl hielt, sagte mir, ich dürfe ihr nicht den Triumph lassen, mir umsonst die beiden Wechsel abgenommen zu haben. Ich entschloß mich daher, mir die Papiere mit Güte oder mit Gewalt zurückzuverschaffen. Sicherlich würde ich ein Mittel dazu finden. Herr von Malingan, bei dem ich die unglückselige Bekanntschaft des höllischen Geschöpfes gemacht hatte, lud mich zum Essen ein. Er hatte mich schon mehrere Male eingeladen, und ich glaubte, nicht immer ablehnen zu können. Doch nahm ich erst an, nachdem ich mir die Namen der Eingeladenen hatte sagen lassen; da keine Bekannte von mir dabei war, so hatte ich nichts einzuwenden. Ich fand bei ihm zwei junge Lütticherinnen, von denen die eine mich auf den ersten Blick interessierte; sie machte mich mit ihrem Mann bekannt, den Malingan mir nicht vorgestellt hatte, sowie mit einem anderen jungen Mann, der der anderen Dame den Hof zu machen schien. Da die Gesellschaft nach meinem Geschmack war, so hoffte ich schon einen schönen Tag zu verleben, als mein böser Geist die Charpillon zu uns führte. Sie trat mit lachendem Gesicht ein und sagte sofort zu Malingan: »Ich würde mich nicht bei Ihnen zum Essen eingeladen haben, wenn ich gewußt hatte, daß Sie so zahlreiche Gesellschaft haben; sollte ich Ihnen etwa lästig sein, so werde ich sofort gehen.« Alle Welt begrüßte sie auf das freundlichste; nur ich stand Folterqualen aus. Um das Ärgernis voll zu machen, gab man ihr den Platz zu meiner Linken. Wäre sie gekommen, bevor wir bei Tisch saßen, so hätte ich leicht einen Vorwand gefunden, um mich zu entfernen; da ich aber bereits begonnen hatte, meine Suppe zu essen, so hätte ich mich lächerlich gemacht, wenn ich gegangen wäre. So beschloß ich denn, sie nicht anzusehen und meine ganze Aufmerksamkeit nur meiner Dame zur Rechten zu widmen. Als wir von Tisch aufgestanden waren, gab Malingan mir sein Ehrenwort, daß er die Charpillon nicht eingeladen habe; sein Schwur überzeugte mich jedoch nicht, obgleich ich aus Höflichkeit so tat, wie wenn ich ihm glaubte. Die beiden Lütticherinnen und ihre Kavaliere sollten in drei oder vier Tagen nach Ostende segeln. Indem wir von ihrer Abreise sprachen, sagte die eine Dame, die mich interessiert hatte, sie bedaure, England verlassen zu müssen, ohne Richmond gesehen zu haben. Ich bat sie, mir die Ehre zu bewilligen, es ihr am nächsten Tage zeigen zu dürfen. Ohne ihre Antwort abzuwarten, lud ich ihren Gemahl und so nach und nach die ganze Gesellschaft ein, außer der Charpillon, die ich nicht ansah. Als die Einladung angenommen war, sagte ich: »Zwei Wagen zu vier Sitzen werden um acht Uhr bereit sein; wir sind ja gerade acht.« »Wir sind neun, denn ich werde mitfahren!« rief die Charpillon, indem sie mich mit der frechsten Miene ansah; »ich hoffe, mein Herr, Sie werden mich nicht fortschicken.« »Nein; denn das wäre unhöflich. Ich werde vorausreiten.« »Oh! Das ist durchaus nicht nötig; denn ich werde Fräulein Emilie auf meinen Schoß nehmen.« Emilie war Malingans Tochter. Da alle Welt den Vorschlag reizend fand, so hatte ich nicht den Mut, mich dagegen zu sträuben. Einige Augenblicke darauf mußte ich mal hinausgehen; als ich zurückkam, fand ich das freche Geschöpf auf dem Treppenabsatz. Sie redete mich an und sagte: ich hätte ihr einen blutigen Schimpf angetan. Ich wäre ihr dafür eine Genugtuung schuldig, oder sie würde sich auf eine Weise rächen, die mir sehr schmerzlich sein sollte. »Geben Sie mir zuerst meine Wechsel zurück!« antwortete ich. »Sie werden sie morgen bekommen, aber denken Sie daran, Ihre Beleidigung wieder gut zu machen.« Ich verließ die Gesellschaft gegen Abend, nachdem wir verabredet hatten, daß wir am anderen Morgen bei mir frühstücken wollten. Um acht Uhr waren die beiden Wagen bereit. Malingan, seine Frau, seine Tochter und die beiden Herren stiegen in den ersten Wagen, und ich mußte mich mit den beiden Lütticherinnen und der Charpillon, die sich mit diesen innig befreundet zu haben schien, in den zweiten setzen. Dies ärgerte mich, und ich war während der ganzen fünf Viertelstunden dauernden Fahrt verdrießlich. Ich bestellte zunächst ein gutes Mittagessen; hierauf besichtigten wir das Schloß und den Park. Das Wetter war herrlich, obgleich wir schon tief im Herbst waren. Während des Spazierganges machte die Charpillon sich an mich heran und sagte mir, sie wolle mir meine Wechsel an demselben Orte wiedergeben, wo sie sie von mir erhalten habe. Da wir von der übrigen Gesellschaft ziemlich weit entfernt waren, überhäufte ich sie mit Beleidigungen. Ich warf ihr ihre Hinterlist vor, ihre tiefe Verderbtheit in einem Alter, wo man noch einige natürliche Unschuld bei ihr hätte voraussetzen dürfen. Ich gab ihr den Namen, den sie verdiente, und zählte ihr die Herren auf, mit denen sie sich prostituiert hatte. Zum Schluß drohte ich ihr mit meiner Rache, wenn sie mich aufs äußerste treiben sollte. Sie blieb aber eiskalt und ließ in vollkommener Ruhe das Gewitter über sich ergehen, das auf sie herniederstürzte. Nur als die Gesellschaft uns so nahe kam, um uns hören zu können, bat sie mich, leiser zu sprechen. Man hörte mich aber doch, und das war mir angenehm. Endlich gingen wir zum Essen. Das gemeine Geschöpf setzte sich neben mich; sie machte und sagte tausend Ausgelassenheiten, die den Glauben erwecken sollten, daß wir auf dem vertrautesten Fuß miteinander stünden, oder daß sie zum mindesten verliebt in mich sei und sich wenig daraus mache, ob man sie für unglücklich halte, weil ihr Entgegenkommen mich offenbar sehr kalt ließ. Ich ärgerte mich darüber sehr; denn die Gesellschaft mußte mich für einen Dummkopf halten oder glauben, daß sie sich ganz offen über mich lustig machte. Nach dem Essen gingen wir wieder in den Garten. Die Charpillon wollte durchaus den Sieg davontragen und hängte sich an meinen Arm. Sie führte mich nach einigen Umwegen zum Labyrinth und stellte dort einen neuen Versuch an, welche Macht ihre Reize hätten. Sie zog mich auf das Gras nieder und griff mich mit den liebevollsten Worten, mit den zärtlichsten und leidenschaftlichsten Liebkosungen an. Indem sie meinen Augen den interessantesten Teil ihrer Reize darbot, gelang es ihr, mich zu verführen; doch kann ich nicht genau sagen, ob Liebe oder Rachbegier mich bestimmte, ihren Wünschen nachzugeben; vielleicht wurde ich, mir selber unbewußt, von beiden Gefühlen getrieben. Übrigens erschien sie in diesem Augenblick so hingebend! Ihr glühendes, feuchtes Auge, ihre entflammten Wangen, ihre wollüstigen Küsse, ihr wogender Busen, ihr fliegender Atem – dies alles mußte in mir den Glauben erwecken, daß sie ebensosehr der Niederlage bedurfte wie ich des Triumphes. Ganz gewiß konnte ich nicht an Widerstand denken, geschweige denn an einen im voraus berechneten Widerstand. So wurde ich denn sanft und zärtlich; ich tat ihr Abbitte, indem ich meine Wut und das von mir begangene Unrecht auf das Übermaß meiner Liebe schob. Ihre glühenden Küsse erwiderten die meinigen und besiegelten die Versöhnung, und ich glaubte mich durch ihre Blicke und das sanfte Anschmiegen ihres Leibes von ihr aufgefordert, mich der süßesten Gunst zu bemächtigen – – aber in dem Augenblick, wo meine Hand die Pforte des Heiligtums öffnete, schleuderte eine Bewegung mich weit vom Ziel zurück. »Wie? Willst du mich schon wieder betrügen?« »Nein, aber für jetzt ist es genug, mein lieber Freund. Ich verspreche dir, die Nacht bei dir und ohne jeden Rückhalt in deinen Armen zu verbringen.« Meine aufgeregten Sinne hatten mich der Vernunft beraubt, und ich war meiner selber nicht mehr mächtig. Ich sah nur das treulose Weib, das sich schon so oft über meine dumme Leichtgläubigkeit lustig gemacht hatte. Ich wollte den Augenblick benutzen und mich befriedigen oder mich rächen. So hielt ich sie denn mit meinem linken Arm unbeweglich unter mir fest, zog aus meiner Tasche ein kleines Messer, das ich mit meinen Zähnen öffnete, setzte ihr die Spitze an den Hals und bedrohte sie mit dem Tode, wenn sie mir den geringsten Widerstand leisten würde. »Machen Sie nur, was Sie wollen,« sagte sie im ruhigsten Ton zu mir; »ich bitte Sie nur um mein Leben. Aber wenn Sie sich befriedigt haben, werde ich nicht von hier fortgehen; man kann mich mit Gewalt in den Wagen tragen, aber nichts wird mich abhalten, den Grund meines Benehmens zu sagen.« Diese Drohung war überflüssig; denn ich hatte schon meine Vernunft wiedererlangt, und ich fand mich selber kläglich, daß ich mich so weit erniedrigen konnte, und zwar wegen eines Geschöpfes, das ich im höchsten Grade verachtete, obgleich sie dank den rasenden Begierden, die sie mir einzuflößen wußte, eine fast zauberhafte Herrschaft über mich ausübte. Ich stand auf, ohne ein einziges Wort zu sagen, nahm meinen Hut und Stock und verließ schnell einen Ort, wo die zügelloseste Leidenschaft mich an den Rand des Abgrundes gebracht hatte. Der Leser wird es nicht glauben, und doch ist es die volle Wahrheit: die Schamlose kam mir sofort nach und hängte sich mit ganz natürlicher Miene an meinen Arm, wie wenn zwischen uns nichts vorgefallen wäre. Unmöglich kann ein Mädchen von siebzehn Jahren in so niederträchtigem Benehmen so gewandt sein, ohne vorher in hundert ähnlichen Kämpfen ihre Kräfte erprobt zu haben. Ist einmal das Gefühl der Scham überwunden, so sieht sie sogar einen Ruhm in dem, was sie eigentlich mit Schande bedecken müßte. Als wir zur Gesellschaft zurückkamen, fragte man mich, ob mir unwohl geworden sei, aber auf ihren Zügen bemerkte niemand auch nur die geringste Veränderung. Wir fuhren nach London zurück; ich schützte ein heftiges Kopfweh vor, grüßte die Gesellschaft und ging nach Hause. Dieses Abenteuer hatte einen schrecklichen Eindruck auf meinen Geist gemacht. Ich erkannte klar und deutlich, daß ich ein verlorener Mann war, wenn ich nicht jede Gelegenheit floh, mit dem Mädchen zusammenzukommen. Ihr haftete in meinen Augen etwas Wunderbares an, dem ich nicht widerstehen konnte. Ich faßte also den Beschluß, sie nicht wiederzusehen; zugleich aber schämte ich mich meiner Schwäche, daß ich ihr meine beiden Wechsel anvertraut und mich selbst von ihr hatte betrügen lassen, und schrieb daher der Mutter ein Briefchen, worin ich ihr riet, die Tochter zur Rückgabe zu veranlassen; sonst würde ich gegen sie Schritte tun, die ihr sehr unangenehm sein würden. Am Nachmittag erhielt ich folgende Antwort: »Ich bin sehr überrascht, mein Herr, daß Sie sich an mich wenden, um die beiden Wechsel von sechstausend Franken zurückzuerhalten, die Sie meiner Tochter anvertraut haben. Sie sagt mir soeben, sie werde sie Ihnen persönlich übergeben, wenn Sie vernünftiger geworden seien und sie zu achten gelernt haben.« Dieser unverschämte Brief trieb mir das Blut in den Kopf, und ich vergaß meinen Entschluß vom Morgen. Ich steckte zwei Pistolen in die Tasche und ging nach dem Hause des unwürdigen Frauenzimmers, um es mit Stockschlägen zur Herausgabe meiner Wechsel zu zwingen. Meine Pistolen hatte ich nur mitgenommen, um die beiden Gauner, die jeden Abend bei ihr aßen, in Schach zu halten. Wütend kam ich vor dem Hause an, aber ich ging an ihrer Tür vorüber, als ich einen jungen Friseur bei ihr eintreten sah, einen ziemlich schönen, jungen Menschen, der ihr jeden Samstag Abend die Haare wickelte. Ich wollte nicht, daß bei der von mir geplanten Szene ein Fremder anwesend sei, und ging daher bis an die Straßenecke, wo ich stehen blieb, um das Herauskommen des Friseurs abzuwarten. Als ich etwa eine halbe Stunde gewartet hatte, sah ich die beiden Zuhälter des Hauses, Rostaing und Caumon, herauskommen. Dies war mir sehr angenehm. Ich wartete und wartete; es schlug elf Uhr, und der schöne Friseur kam immer noch nicht. Kurz vor Mitternacht sah ich, wie die Tür sich öffnete und wie eine Magd mit einem Licht in der Hand herauskam, um etwas zu suchen, was aus einem Fenster gefallen zu sein schien. Geräuschlos gehe ich an das Haus, trete ein, öffne die Tür zum Wohnzimmer, die sich unmittelbar neben der Haustüre befindet, und sehe die Charpillon und den Friseur auf dem Kanapee liegen und, wie Shakespeare sagt, das Tier mit den zwei Rücken machen. Bei meinem Anblick stößt die Spitzbübin höchst erschrocken einen Schrei aus und wirft den Burschen aus dem Sattel. Er bringt schnell seine Kleider in Ordnung, während ich meinen Stock, so schnell ich kann, auf ihn niedersausen lasse, bis der Lärm Mägde, Tanten und Mutter herbeigelockt hat, und er die Verwirrung benützt, um sich aus dem Staube zu machen. Während dieses Spektakels hockte die Charpillon zitternd und halbnackt hinter dem Kanapee; sie wagte kaum zu atmen, weil der Hagelschauer jeden Augenblick über sie so gut niedergehen konnte wie über ihren Liebsten. Unterdessen gingen die drei alten Weiber wie Furien auf mich los; aber ihre Schimpfereien erregten meinen Zorn nur noch heftiger, und ich zertrümmerte Spiegel, Porzellan, Möbel. Als sie fortwährend weiterschrien, drohte ich ihnen, ich würde ihnen den Schädel einschlagen, wenn sie nicht endlich still wären. Infolge dieser Drohungen wurde es endlich ruhig. Völlig erschöpft warf ich mich auf das verhängnisvolle Kanapee und befahl der Mutter, mir die Wechsel zurückzugeben. In diesem Augenblick erschien die Nachtwache auf der Bildfläche. Diese Nachtwache besteht nur aus einem einzigen Mann, der die ganze Nacht hindurch, in der einen Hand eine Laterne, in der anderen einen langen Stock, sein Viertel durchwandert. Auf diesem einzigen Mann ruht der Friede des Viertels und die Ruhe der großen Stadt. Diese Wächter trifft man überall, und niemand wagt sich gegen sie aufzulehnen. Ich drückte ihm drei oder vier Kronen in die Hand und sagte: Go away – gehen Sie! Damit schob ich ihn zur Tür hinaus. Ich setzte mich wieder auf das Kanapee und verlangte abermals meine Wechsel von der Mutter. Sie sagte mir: »Ach, ich hab' sie nicht; meine Tochter hat sie in Verwahrung.« »Lassen Sie sie rufen!« Hierauf sagten die beiden Mägde, die Charpillon sei, wahrend ich das Porzellan zertrümmert habe, aus der Straßentür gelaufen, und sie wüßten nicht, wohin sie gegangen sei. Als sie dies hörten, fingen Mutter und Tante zu schreien und zu weinen an: »Meine arme Tochter! Um Mitternacht allein in den Straßen von London! Meine liebe Nichte, das arme Kind, und in dem Zustand! Sie ist ja verloren! Verflucht sei der Augenblick, wo Sie nach England gekommen sind, um uns alle unglücklich zu machen!« Da meine Wut sich hatte austoben können, so hatte sie Zeit gehabt, sich zu beruhigen. Mit der Ruhe kam auch die Überlegung, und ich schauderte bei der Vorstellung, daß das geängstigte junge Mädchen zu dieser Stunde allein durch die Straßen der Riesenstadt irrte. »Geht,« sagte ich zu den beiden Mädchen, »und sucht sie bei den Nachbarn; ihr werdet sie ganz gewiß finden. Wenn ihr mir meldet, daß sie in Sicherheit ist, soll jede von euch eine Guinee bekommen.« Als die drei Gorgonen sahen, daß mir daran gelegen war, die Charpillon wieder aufzufinden, fingen sie von neuem an zu jammern, zu schimpfen, mir Vorwürfe zu machen; ich saß stumm und unbeweglich da, wie wenn ich ihnen zugeben wollte, daß sie recht hatten und daß das ganze Unrecht auf meiner Seite wäre. Ungeduldig wartete ich auf die Rückkehr der Mädchen. Nach ein Uhr kamen sie endlich, ganz außer Atem und mit verzweifelten Gebärden. Sie sagten: »Wir haben sie überall gesucht, aber vergeblich, wir haben sie nirgends finden können.« Ich gab ihnen zwei Guineen, wie wenn sie sie wirklich gebracht hatten. Unbeweglich blieb ich sitzen; mich erschreckte der Gedanke, welche entsetzlichen Folgen für das junge Mädchen die fürchterliche Angst haben konnte, in die meine Wut sie versetzt haben mußte. Wie schwach und dumm ist der Mensch, wenn er verliebt ist! In meiner Aufregung über dies schreckliche Ereignis war ich so einfältig, diesen Spitzbübinnen meine Reue auszudrücken. Ich beschwor sie, sie sofort nach Tagesanbruch überall suchen zu lassen und mir ihre Heimkehr sofort mitzuteilen; ich wolle mich ihr zu Füßen stürzen, sie um Verzeihung bitten und sie dann niemals wiedersehen. Außerdem versprach ich ihnen, alles von mir Zerschlagene zu bezahlen, die Wechsel mit meinem Namen zu quittieren und ihnen zu überlassen. Nachdem ich zur ewigen Schande meiner Vernunft diese Torheiten begangen und diesen Kupplerinnen, denen die Ehre und meine Person zum Gespött waren, Abbitte geleistet hatte, entfernte ich mich, indem ich der Magd, die mir die Wiederauffindung ihrer jungen Herrin melden würde, zwei Guineen versprach. Vor der Haustür fand ich den Wachtmann, der auf mich wartete, um mich nach Hause zu bringen. Es war zwei Uhr. Ich warf mich auf mein Bett, und ein sechsstündiger Schlummer bewahrte mich wahrscheinlich vor dem Verlust meiner Vernunft, obwohl mein Schlaf von bösen Träumen beunruhigt wurde. Um acht Uhr morgens hörte ich an die Haustür klopfen. Ich eilte an mein Fenster und bemerkte eine von den Mägden meiner Feindinnen. Mit heftigem Herzklopfen rief ich meinen Leuten zu, man solle sie eintreten lassen, und ich atmete erleichtert auf, als ich vernahm, daß Miß Charpillon soeben in einer Sänfte nach Hause gekommen sei; sie befinde sich jedoch in einem kläglichen Zustande, und man habe sie sofort zu Bett gebracht. »Ich bin schnell hergelaufen, um Ihnen dies zu sagen,« sagte das abgefeimte Weib zu mir, »nicht wegen Ihrer zwei Guineen, sondern weil ich Sie so unglücklich gesehen habe.« Sofort ging ich auf den Leim, als ich diesen Ausdruck von Teilnahme hörte. Ich gab ihr die zwei Guineen, ließ sie neben meinem Bett Platz nehmen und bat sie, mir alle Umstände der Rückkehr ihres Fräuleins ganz genau zu erzählen. Ich dachte gar nicht daran, daß das Mädchen von seiner Herrin abgerichtet sein könnte. Ich befand mich eben in einer Periode von Dummheit und Selbsttäuschung. Die Spitzbübin begann damit, daß sie mir sagte, ihre junge Herrin liebe mich und habe mich nur betrogen, weil ihre Mutter es verlangt habe. »Das weiß ich, aber wo hat sie diese Nacht verbracht?« »Bei einer Modistin, deren Laden sie offen fand, und die sie kennt, weil sie verschiedenes bei ihr gekauft hat. Sie hat sich mit heftigem Fieber zu Bett gelegt, und ich fürchte, die Sache wird böse Folgen haben, denn sie befindet sich in ihrer kritischen Periode.« »Das ist nicht wahr; denn ich habe sie mit ihrem Friseur auf frischer Tat ertappt.« »Oh! Das beweist nichts! Der arme junge Mann nimmt das nicht so genau.« »Aber sie ist in ihn verliebt.« »Das glaube ich nicht, obgleich sie oft ganze Stunden mit ihm verbringt.« »Und du sagst, sie liebt mich!« »Aber dem steht doch nichts im Wege! Was sie mit ihm treibt, ist bloß eine flüchtige Laune.« »Sage ihr, ich will den ganzen Tag an ihrem Bette sitzen, und bringe mir die Antwort!« »Ich werde das andere Mädchen schicken, wenn es Ihnen recht ist.« »Nein; die spricht ja nur englisch.« Sie ging. Als sie um drei Uhr noch nicht wiedergekommen war, konnte ich es vor Ungeduld nicht länger aushalten und entschloß mich, zur Charpillon zu gehen und nach ihrem Befinden zu fragen. Ich klopfte; eine von den Tanten erschien und bat mich, lieber nicht einzutreten; denn die beiden Freunde seien wütend auf mich, und ihre Nichte liege im Fieberdelirium; sie schreie unaufhörlich: ›Da ist Seingalt, mein Henker! Er will mich töten! Rettet mich!‹ »Um Gottes willen, mein Herr, gehen Sie.« Verzweifelt ging ich nach Hause. Daß man mich belogen hätte, fiel mir nicht ein. Meine Traurigkeit war so groß, daß ich den ganzen Tag nichts essen konnte; denn ich war nicht imstande, etwas hinunterzubringen. Die ganze Nacht tat ich kein Auge zu; ich hatte Fieber. Vergeblich trank ich mehrere starke Liköre, in der Hoffnung, mich zu betäuben und dann einschlafen zu können. Am nächsten Morgen um neun Uhr stand ich wieder vor der Tür der Charpillon; wie am Tage vorher wurde nur ein schmaler Spalt geöffnet. Dieselbe alte Tante verbot mir einzutreten und sagte mir, die Kranke habe zwei Rückfälle gehabt; sie liege im Delirium und rufe fortwährend entsetzt meinen Namen; der Arzt habe erklärt, wenn es sich verschlimmere, habe sie keine vierundzwanzig Stunden mehr zu leben. »Infolge des Schrecks hat die Menstruation gestockt; sie ist in einem schrecklichen Zustande.« »Verdammter Friseur!« »Jugendschwäche! Sie hätten tun sollen, wie wenn Sie nichts sähen.« »Bei allen Göttern! Halten Sie das wirklich für möglich, alte Hexe? Lassen Sie es ihr an nichts fehlen. Da!« Mit diesen Worten gab ich ihr eine Banknote von zehn Guineen und rannte wie ein Wahnsinniger davon. Unterwegs begegnete ich Goudar, der über mein Aussehen erschrak. Ich bat ihn nachzusehen, wie die Charpillon sich befinde, und dann den ganzen Tag bei mir zu verbringen. Eine Stunde darauf kam er wieder zu mir und sagte mir, er habe das ganze Haus in Verzweiflung gefunden, und das Mädchen liege in den letzten Zügen. »Haben Sie sie gesehen?« »Nein; man hat mir gesagt, sie sei nicht sichtbar.« »Glauben Sie, daß es wahr ist?« »Ich weiß nicht, was ich davon denken soll; aber die eine Magd, die mir sonst gewöhnlich die Wahrheit sagte, hat mir versichert, die Charpillon sei wahnsinnig geworden, weil ihre Menstruation unterbrochen worden sei; sie habe beständig Fieber und Krämpfe. Das alles ist wohl glaublich; denn dies sind die gewöhnlichen Folgen eines großen Schrecks, wenn eine Frau ihre kritische Periode hat. Sie hat mir gesagt, Sie seien an dem ganzen Unglück schuld.« Ich erzählte ihm nun die ganze Geschichte. Er konnte weiter nichts tun als mich bedauern; als er aber hörte, daß ich seit achtundvierzig Stunden nicht mehr hätte essen noch schlafen können, da sagte er mir sehr richtig, dieser Kummer könne mir das Leben oder den Verstand kosten. Das wußte ich; aber ich sah kein Mittel dagegen. Goudar verbrachte den ganzen Tag bei mir, und das war gut für mich. Da ich nicht essen konnte, so trank ich sehr viel, und da ich nicht schlafen konnte, so ging ich mit großen Schritten in meinem Zimmer auf und ab und sprach mit mir selber, wie ein Mensch, der einen Sparren im Kopfe hat. Als ich am dritten Tage immer noch nichts Bestimmtes über das Befinden der Charpillon hatte erfahren können, ging ich morgens um sieben Uhr nach ihrem Hause. Nachdem ich eine Viertelstunde auf der Straße gewartet hatte, wurde die Tür wiederum nur ein bißchen geöffnet; die Mutter erschien und sagte mir mit strömenden Tränen, ihre Tochter liege im Todeskampfe, und sie könne mir nicht erlauben, das Haus zu betreten. Im selben Augenblick kam ein magerer, kleiner alter Mann mit blassem Gesicht heraus und sagte ihr auf Schweizerdeutsch, sie müsse sich in Gottes Willen schicken. Ich fragte die niederträchtige Kupplerin, ob das der Arzt sei. »Von einem Arzt ist hier nicht mehr die Rede,« sagte die Heuchlerin, indem sie noch heftiger weinte; »es ist ein Diener des Heiligen Evangeliums, und ein zweiter ist noch oben. Mein armes Mädchen! Spätestens in einer Stunde wird sie nicht mehr sein!« Ich hatte in diesem Augenblick ein Gefühl, wie wenn eine eisige Hand mein Herz zusammenpreßte. Ich ging, indem ich zu der weinenden Frau sagte: »Ich bin allerdings die letzte Ursache dieses Todes; aber Sie, Unglückselige, haben sie getötet.« Ich fühlte meine Beine unter mir wanken und ging nach Hause mit dem festen Entschluß, mir auf die sicherste Art das Leben zu nehmen. Um diesen Plan mit der größten Kaltblütigkeit auszuführen, befahl ich, alle Besuche abzuweisen; sobald ich in meinem Zimmer war, legte ich Uhren, Ringe, Tabaksdosen, Börse und Brieftasche in meine Kassette, die ich in mein Schreibpult verschloß. Hierauf schrieb ich einen Brief an den venetianischen Gesandten und teilte ihm mit, daß nach meinem Tode alle meine Habe Herrn von Bragadino gehören solle. Ich versiegelte den Brief und legte ihn in dasselbe Schreibpult, worin ich meine Kassette, meine Diamanten und meine Schmucksachen hatte. Den Schlüssel nebst einigen Guineen in Silbergeld steckte ich in die Tasche. Dann nahm ich meine guten Pistolen und verließ mein Haus in der festen Absicht, mich beim Tower in der Themse zu ertränken. Ich hatte diesen Entschluß nicht im Zorn oder aus Liebe gefaßt, sondern bei kältester Überlegung. Ich ging zu einem Kaufmann und kaufte soviele Bleikugeln, wie meine Taschen tragen konnten, und wie ich glaubte, bis zum Tower schleppen zu können; denn ich mußte dorthin zu Fuß gehen. Unterwegs bestärkten alle meine Gedanken mich immer mehr bei meinem Plan; denn ich sagte mir: wenn ich weiter lebte, würde ich jeden Tag tausendmal alle Qualen der Hölle erdulden, indem ich das Bild der Charpillon vor mir sähe, die mir mit Recht ihren Tod vorwerfen würde. Ich freute mich sogar, daß ich keiner Selbstüberwindung bedurfte, einen Entschluß auszuführen, der mir aus der strengsten Vernunft hervorgegangen zu sein schien. Außerdem fühlte ich einen geheimen Stolz, daß ich den Mut hätte, mich selber für das Verbrechen zu bestrafen, dessen ich mich schuldig glaubte. Ich ging mit langsamen Schritten wegen des ungeheuren Gewichtes, das ich in meinen Taschen trug und das mir die Sicherheit gab, daß ich sofort untersinken und sterben würde, bevor man mich an die Oberfläche bringen könnte. Mitten auf der Westminster-Brücke führte mein guter Geist mir den Chevalier Edgar in den Weg. Das war ein liebenswürdiger, weiser, junger Engländer, der sein Leben genoß, indem er seinen Leidenschaften folgte. Ich hatte ihn bei Lord Pembroke kennen gelernt, und er hatte einige Male bei mir gespeist. Wir gefielen einander; er wußte angenehm zu plaudern, und wir hatten in fröhlichen Unterhaltungen angenehme Augenblicke verbracht. Ich wollte ihm ausweichen; aber er hatte mich bereits gesehen und nahm freundschaftlich meinen Arm. »Wo wollen Sie hin? Kommen Sie mit mir, das heißt, wenn Sie nicht irgend jemand aus dem Gefängnis befreien wollten. Kommen Sie, wir werden einen Spaß haben!« »Ich kann nicht, mein Lieber! Lassen Sie mich, bitte.« »Ich erkenne Sie ja gar nicht wieder mit Ihrer düsteren Miene. Was haben Sie denn?« »Ich? Nichts.« »Sie haben nichts? Sie wissen nur nicht, wie Sie aussehen. Ich bin überzeugt, Sie haben irgend etwas Böses vor.« »Sie irren sich.« »Leugnen hat keinen Zweck.« »Ich sage Ihnen ja: ich habe nichts. Leben Sie wohl, ein anderes Mal werde ich mit Ihnen gehen.« »Ei, mein lieber Seingalt, Sie sehen ja ganz düster aus. Die Farbe steht Ihnen nicht. Ich gehe nicht von Ihrer Seite. Lassen Sie mich mitkommen!« Gleichzeitig fiel sein Blick auf meine Hosentasche, und er bemerkte den Kolben der einen Pistole. Ohne weitere Umstände griff er nach der andern Tasche, fühlte die Pistole und sagte: »Natürlich wollen Sie sich schlagen! Da will ich dabei sein. Ich werde mich dem Kampf nicht widersetzen, aber ich verlasse Sie nicht.« Ich zwang mich zu lächeln und versicherte ihm, daß ich mich nicht schlagen wollte; ohne mir etwas dabei zu denken, sagte ich ihm: »Ich mache nur einen Spaziergang, um mich zu zerstreuen.« »Sehr schön,« rief Edgar; »in diesem Fall, hoffe ich, wird meine Gesellschaft Ihnen ebenso angenehm sein wie mir die Ihrige. Ich gehe nicht von Ihnen. Nach dem Spaziergang werden wir in der Kanone zu Mittag essen. Ich werde einem jungen Mädchen, das dort mit mir speisen sollte, Bescheid sagen lassen, daß sie eine reizende junge Französin mitbringen soll, und wir machen eine Partie zu Vieren.« »Mein lieber Freund, entbinden Sie mich von der Teilnahme! Ich bin traurig und muß allein sein, um meinen Verdruß los zu werden.« »Das können Sie morgen tun, wenn Sie es dann noch nötig haben; aber ich bin überzeugt, binnen drei Stunden ist Ihre schwarze Laune verflogen. Wenn nicht, so werde ich mich eben mit Ihnen zusammen langweilen. Wo gedachten Sie denn am anderen Ufer zu speisen?« »Nirgends. Ich brauche nicht zu essen, denn ich habe keinen Appetit. Ich habe seit drei Tagen nichts gegessen; ich kann nur trinken.« »Das alles ist unnatürlich; aber die Sache wird mir schon klar: Ihnen ist wegen irgend eines Ärgers die Galle übergelaufen; Sie könnten darüber verrückt werden, ja sogar sterben, wie es einem meiner Brüder passiert ist. Da muß ich aufpassen!« Da Edgar hartnäckig blieb und da seine scherzhaften Bemerkungen sehr richtig waren, so sagte ich zu mir selber: »Auf einen Tag mehr kommt es schließlich auch nicht an. Ich kann meine Absicht ausführen, wenn ich wieder allein bin. Ich wage dabei weiter nichts, als daß ich ein paar Stunden länger lebe.« Ich bin überzeugt, daß Menschen, die sich infolge eines großen Kummers das Leben genommen haben, damit nur dem Verlust ihrer Vernunft zuvorgekommen sind, wie es andererseits unbestritten ist, daß diejenigen, die wahnsinnig werden, diesem Unglück nur dadurch ausweichen können, daß sie sich den Tod geben. Erst in dem Augenblick beschloß ich mich zu töten, als der Wahnsinn meine Vernunft zerstört haben würde, wenn ich noch einen Tag länger gezögert hätte, diesen Entschluß zu fassen. Aber man muß noch einen Zusatz machen: Der Mensch darf sich niemals töten, denn es ist möglich, daß die Ursache seines Kummers aufhört, bevor der Wahnsinn eintritt. Das will sagen, daß diejenigen glücklich sind, die eine so starke Seele haben, um niemals zu verzweifeln. Meine Seele hatte in diesem Augenblick nicht Kraft genug; ich hatte alle Hoffnung verloren, und daß ich mich töten wollte, war vernünftig, was auch der Leser davon denken mag. Nur einem Zufall verdankte ich Leben und neue Hoffnung. Als Edgar hörte, daß ich nur zu meinem Vergnügen nach der anderen Stadtseite gehen wollte, sagte er nur, wir könnten ebenso gut umkehren. Ich ließ mich überreden. Aber eine halbe Stunde darauf konnte ich mich wegen des Bleis, womit meine Taschen angefüllt waren, nicht weiterschleppen und bat ihn daher, er möchte mich irgendwohin führen, wo ich auf ihn warten könnte, denn ich könnte vor Schwäche nicht mehr gehen. Ich gab ihm mein Wort, ich würde ihn in der Kanone erwarten. Sobald ich allein war, leerte ich meine Taschen und legte die Kugeln in einen Schrank. Als ich mich hierauf ein wenig ausruhte, überlegte ich mir, daß möglicherweise der liebenswürdige junge Mann meinen Selbstmord verhindert habe; denn durch die Verzögerung war die Ausführung bereits ungewiß geworden. Indem ich diese Betrachtungen anstellte, gab ich mich keinen Hoffnungen hin, sondern ich sah eben nur voraus, daß vielleicht Edgar vom Schicksal dazu bestimmt sein könnte, mich von einem Angriff auf mein Leben zurückzuhalten. Es fragte sich nur noch, ob er mir damit etwas Gutes oder Böses tat. Ich zog den Schluß, daß wir bei allen entscheidenden Handlungen nur bis zu einem bestimmten Grade unsere eigenen Herren sind. Indem ich in dieser Schenke saß, glaubte ich, von einer höheren Macht gezwungen zu sein, auf die Rückkehr des jungen Engländers zu warten. Bald kam Edgar. Er freute sich, mich vorzufinden, und sagte: »Ich habe auf Ihr Versprechen gerechnet.« »Sie konnten doch nicht annehmen, daß ich mein Ehrenwort brechen würde.« »Es beruhigt mich, Sie so sprechen zu hören; die düstere Laune wird verfliegen.« Die vernünftige, scherzhafte und immer herzlich wohlwollende Unterhaltung des jungen Mannes tat mir wohl; ich begann bereits tiefe Wirkung zu spüren, als die beiden jungen Mädchen ankamen, von denen die eine eine Französin war. Fröhlichkeit strahlte von ihren reizenden Gesichtern; sie waren zum Vergnügen geschaffen, und die Natur hatte sie reichlich mit allem begabt, was in den kältesten Männern Begierden entzündet. Ich ließ ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren, empfing sie aber doch nicht so, wie sie es gewöhnt waren. Offenbar sahen sie in mir einen sauertöpfischen Hypochonder; obwohl ich mich todkrank fühlte, ärgerte dies doch gewissermaßen meine Eitelkeit, und ich zwang mich, den Gefühlvollen zu spielen. Ich gab ihnen einige Küsse, aber diese waren ohne Seele, ohne Feuer; hierauf bat ich Edgar, seiner Landsmännin zu sagen, wenn ich nicht dreiviertel tot wäre, würde ich ihr beweisen, daß ich sie reizend fände. Sie beklagten mich. Ein Mensch, der dreimal vierundzwanzig Stunden lang nicht gegessen und nicht geschlafen hat, ist wenig empfänglich für die Reizungen der Liebe; aber Worte würden auf die beiden Priesterinnen keinen großen Eindruck gemacht haben, wenn Edgar ihnen nicht meinen Namen genannt hätte. Ich hatte einen Ruf, und sobald sie hörten, wer ich sei, sah ich sie von Ehrfurcht durchdrungen. Alle drei hofften, Bacchus und Comus würden Amor zu Hilfe kommen; ich ließ sie reden, aber ich wußte wohl, daß ihre Hoffnungen eitel sein würden. Wir hatten ein Essen nach englischer Art, das heißt ohne das Wesentlichste: die Suppe. Ich nahm daher nur einige Austern mit einem köstlichen Graves zu mir; aber ich fühlte mich wohl, denn es machte mir Vergnügen, wie geschickt Edgar die beiden Nymphen beschäftigte. Als die Freude auf ihrem Höhepunkt war, schlug der junge Tollkopf den Engländerinnen vor, den Hornpipe im Kostüm unserer Mutter Eva zu tanzen. Sie erklärten sich bereit unter der Bedingung, daß wir im Kostüm unseres Vaters Adam aufträten, und daß man blinde Musikanten kommen ließe. Ich erklärte, ich würde mich, um ihnen einen Gefallen zu tun, ebenfalls auskleiden; man dürfe jedoch bei meinem Schwächezustand nicht von mir erwarten, daß ich die Versucherin, die Schlange, nachahmen würde. Man erließ mir die Mühe des Auskleidens, unter der Bedingung, daß ich wie die anderen mich ausziehen solle, sobald ich den Stachel der Wollust verspüre. Dies versprach ich. Man holte die Blinden und schloß die Türen. Während die Instrumente gestimmt wurden, hatten die drei Toilette gemacht, und die Orgie begann. Dies war einer jener Augenblicke, die mich viele Wahrheiten gelehrt haben. Bei dieser Gelegenheit erkannte ich, daß die Freuden der Liebe eine Wirkung und nicht eine Ursache der Fröhlichkeit sind. Ich hatte vor meinen Augen drei herrliche Menschenleiber von wundervoller Frische und regelmäßiger Schönheit; ihre Bewegungen, ihre anmutigen Gebärden, dazu die Musik – alles war entzückend, verführerisch; und trotzdem regte sich in mir nichts. Der Tänzer behielt die Miene des Eroberers auch während des Tanzes, und ich wunderte mich, daß ich selber niemals ein gleiches versucht hatte. Nach dem Tanze feierte er die beiden Schönen, indem er von der einen zur anderen ging, bis die natürliche Wirkung ihn zur Ruhe zwang. Die Französin kam zu mir, um sich zu überzeugen, ob ich nicht irgendein Lebenszeichen gäbe; sie fühlte jedoch meine Nichtigkeit und erklärte mich für invalide. Als die Orgie zu Ende war, bat ich Edgar, der Französin vier Guineen zu geben und die Zeche zu bezahlen; denn ich hatte nur wenig Geld bei mir. Hätte ich am Morgen ahnen können, daß ich, anstatt mich zu ertränken, einer so hübschen Partie beiwohnen würde? Da ich bei dem jungen Engländer diese Schuld gemacht hatte, so verschob ich meinen Selbstmord auf den nächsten Tag. Als die Nymphen fortgegangen waren, wollte ich mich von Edgar verabschieden. Aber das war mir unmöglich; er sagte mir, ich sähe schon viel besser aus als am Morgen; daß ich die Austern, die ich gegessen, nicht wieder von mir gegeben habe, sei ein Beweis, daß ich nur nötig habe, mich etwas zu zerstreuen, um mich am nächsten Tage wieder ganz wohl befinden und herzhaft essen zu können. Ich solle daher mit ihm die Nacht in Ranelagh verbringen. Aus Müdigkeit und auch aus Gleichgültigkeit gab ich nach. Ich stieg mit Edgar in einen Fiaker, um den Grundsatz der Stoiker zu befolgen, den man mir in meiner kindlichen Jugend eingeprägt hatte: Sequere deum – folge Gott! Mit heruntergekrempten Hüten traten wir in die schöne Rotunde ein. Es waren viele Leute anwesend, und wir gingen unter ihnen, die Hände auf den Rücken gekreuzt, auf und ab, wie es bei den Engländern Mode ist oder wenigstens damals war. Es wurde ein Menuett getanzt. Eine Dame, die mir den Rücken zudrehte, tanzte sehr gut, und ich blieb daher stehen, um abzuwarten, daß sie sich umdrehte. Ich wollte gern ihr Gesicht sehen, weil ihr Kleid und ihr Hut genau denen glichen, die ich ein paar Tage vorher der Charpillon geschenkt hatte. Sie glich dieser auch an Wuchs und Haltung; da ich aber die Unglückliche für tot oder sterbend hielt, so flößte diese Ähnlichkeit mir keinen Verdacht ein. Plötzlich drehte die Tänzerin sich um, hob das Gesicht, und ich sah – die Charpillon in eigener Person! Edgar sagte mir später, er habe in diesem Augenblick geglaubt, ich würde Krämpfe bekommen, so fühlbar hätte ich gezittert. Ich war indessen von der Krankheit des Mädchens so fest überzeugt, daß ich meinen Augen nicht traute. Der Zweifel trug dazu bei, mich wieder zur Besinnung zu bringen. Es ist nicht möglich, sagte ich zu mir, daß es die Charpillon ist. Eine andere kann ihr ähnlich sehen, oder meine geschwächten Sinne können mich getäuscht haben. Die Tänzerin war ganz und gar mit ihrem Tänzer beschäftigt und sah sich nicht nach den Zuschauern um; aber ich konnte warten. In diesem Augenblick erhob sie die Arme, um die Verbeugung am Schluß des Menuetts zu machen. Unwillkürlich trat ich auf sie zu, wie wenn ich sie zum nächsten Tanz hätte auffordern wollen. Sie sah mich an und lief fort. Ich beherrschte mich. Aber als ich nun Gewißheit hatte, erneuerte sich mein Zittern, und ich mußte mich schnell hinsetzen. In einem Augenblick überströmte ein kalter Schweiß mein Gesicht und meinen ganzen Körper. Als Edgar diese Krisis sah, riet ei mir, Tee zu trinken; ich bat ihn jedoch, mich einige Augenblicke mir selber zu überlassen und sich auf eigene Hand zu amüsieren. Die Revolution, die in mir vorging, ließ mich böse Folgen befürchten, denn ich zitterte an allen Gliedern, und das Herz klopfte mir so stark, daß ich mich nicht hätte aufrecht halten können, wenn ich hätte aufstehen wollen. Da die Krisis mich nicht hatte töten können, so gab sie mir neues Leben. Welch wunderbare Veränderung! Ich fühlte allmählich alle meine Sinne sich beruhigen, und konnte mit Vergnügen den Glanz der vielen Kerzen auf mich wirken lassen. Anfangs allerdings rief dieses Licht, das meine Netzhaut traf, eine Art Schamgefühl in mir hervor; aber dieses war nur ein Zeichen, daß ich geheilt war, und darum war es mir angenehm. Ich machte nach und nach, sozusagen, alle Zwischengefühle von der Verzweiflung bis zur Begeisterung durch. Ich empfand ein solches Erstaunen über meine neue Lage, daß ich, als Edgar nicht wiederkam, schon zu glauben begann, ich würde ihn überhaupt nicht wiedersehen. Dieser Jüngling, sagte ich bei mir selber, ist mein Genius, mein Schutzengel, mein guter Geist, der Edgars irdische Formen angenommen hat, um mich wieder zur Vernunft zu bringen. Und ich würde bei diesem Gedanken steif und fest geblieben sein, hätte ich ihn nicht nach einiger Zeit wiedererscheinen sehen. Der Zufall hätte wohl Edgar eines jener verführerischen Geschöpfe zuführen können, die uns für einen Augenblick, für eine Nacht alles vergessen lassen. Er hätte Ranelagh verlassen können, ohne soviel Zeit zu haben, um mir Bescheid zu sagen; dann wäre ich allein nach London zurückgefahren und wäre überzeugt gewesen, nur seine menschliche Form gesehen zu haben. Würde ich mich von meinem Irrtum überzeugt haben, wenn ich ihn einige Tage später wieder gesehen hätte? Das ist wohl möglich, aber fest behaupten kann ich das nicht. In mir war stets ein Keim von Aberglauben, eine Neigung zum Spiritismus. Ich bin weit entfernt, mich dessen zu rühmen; aber diese Erinnerungen sind meine Beichte, und der Leser hat ein Recht darauf, daß ich mich ganz und gar enthülle und nichts vor ihm verberge. Edgar kam endlich wieder, Er war sehr lustig, aber auch unruhig um mich. Darum war er sehr überrascht, als ich lebhaft allerlei scherzhafte Bemerkungen über das Treiben in diesem schönen Kuppelsaal machte. »Mein lieber Freund,« rief er, »du lachst ja! Du bist also nicht mehr traurig?« »Nein, mein guter Genius! Aber hungrig bin ich, und ich möchte dich um eine große Gefälligkeit bitten, wenn du nicht etwa morgen eine dringende Abhaltung hast.« »Ich bin bis übermorgen frei und stehe dir vollkommen zur Verfügung.« »Ich verdanke dir das Leben – das Leben, verstehst du wohl? Aber damit dieses Geschenk vollständig sei, mußt du mit mir diese Nacht und den ganzen nächsten Tag verbringen.« »Ich stehe dir zu Diensten.« »Laß uns nach meiner Wohnung fahren!« »Gern.« Ich sagte ihm unterwegs nichts. Als ich nach Hause kam, fand ich weiter nichts Neues als einen Brief von Goudar. Ich steckte diesen in die Tasche, da ich alle Geschäfte auf den nächsten Tag verschieben wollte. Es war ein Uhr in der Nacht. Man setzte uns ein gutes Abendessen vor, und ich aß oder vielmehr: ich verschlang die Speisen. Edgar wünschte mir Glück zu meinem Appetit. Dann gingen wir zu Bett, und ich schlief fest und ruhig bis zum Mittag. Als ich aufgestanden war, ging ich in Edgars Zimmer, um mit ihm zu frühstücken. Ich erzählte ihm meine Geschichte, deren Ende mein Tod gewesen wäre, wenn ich ihm nicht zufällig auf der Westminster- Brücke begegnet wäre, und wenn nicht sein kluger Blick an meinen verstörten Zügen meinen Seelenzustand erraten hätte. Dann führte ich ihn in mein Zimmer und zeigte ihm mein Schreibpult, meine Kassette und mein Testament. Hierauf öffnete ich Goudars Brief; er enthielt nur die Worte: »Ich bin sicher, daß das betreffende Mädchen durchaus nicht im Sterbcn liegt, sondern mit Lord Grosvenor nach Ranelagh gegangen ist.« Edgar, der trotz seinem ausgelassenen Lebenswandel sehr vernünftige Gedanken hatte, war wütend über das Benehmen der Charpillon. Überzeugt, mir das Leben gerettet zu haben, umarmte er mich und sagte, er werde den Tag, wo er mich verhindert habe, mir wegen eines so unwürdigen Geschöpfes den Tod zu geben, stets als den schönsten seines Lebens betrachten. Er konnte den niederträchtigen Charakter der Charpillon und ihrer unwürdigen Mutter kaum begreifen. Er sagte mir, ich hätte das Recht, die Mutter verhaften zu lassen, obgleich die Tochter mir die Wechsel nicht wiedergegeben hätte; denn in ihrem Brief an mich gestehe die Mutter die Schuld zu und erkenne an, daß die Tochter meine Wechsel nur in Verwahrung habe. Ohne ihm etwas von meinen Absichten zu sagen, beschloß ich augenblicklich, sie verhaften zu lassen. Bevor wir uns am Abend trennten, schworen wir uns ewige Freundschaft, und gewiß hatte er von meiner Seite Anspruch darauf. Man wird bald sehen, wie schlecht es dem liebenswürdigen Engländer erging, weil er mir so gut gedient hatte. Stolz wie ein Mensch, der einen großen Sieg errungen hat, ging ich am nächsten Morgen zu dem Sachwalter, der mich in der Angelegenheit mit dem Grafen Schwerin vertreten hatte. Nachdem er meinen Bericht gehört hatte, sagte er mir, mein Recht sei unbestreitbar und ich könne die drei Schwestern, das heißt die Mutter und die beiden Tanten des schurkischen Frauenzimmers verhaften lassen. Unverzüglich ging ich zu dem Richter, der mich schwören ließ und mir sodann den Wahrspruch einhändigte. Derselbe Gerichtsbote, der den Grafen Schwerin verhaftet hatte, übernahm auch diese Sache; aber er kannte die Weibsbilder nicht, und es war notwendig, daß er sie genau kannte; er war sicher, daß er in ihr Haus gelangen und sie überraschen würde; aber er durfte natürlich nur die verhaften, die in dem Haftbefehl bezeichnet waren, und es war möglich, daß mehrere andere Frauen sich im Hause befanden. Ich konnte den heiklen Auftrag, ihm die gesuchten Personen zu bezeichnen, keinem Menschen anvertrauen; denn Goudar würde ihn nicht übernommen haben. Ich entschloß mich daher, den Gerichtsboten zu einer Stunde, wo die drei Megären bestimmt im Wohnzimmer beisammen sein würden, in das Haus zu führen. Ich bestellte ihn auf acht Uhr nach der Denmark-Street, an deren Ecke ich meinen Fiaker zu seiner Verfügung halten ließ, und sagte ihm, er solle in das Haus eintreten, sobald man ihm die Tür geöffnet haben werde. In demselben Augenblick würde auch ich eintreten, und er könnte dann in aller Sicherheit die drei Frauen festnehmen, die ich ihm bezeichnen würde. Die Gerichtsbeamten sind in England sehr pünktlich; alles verlief daher, wie ich es angeordnet hatte. Der Gerichtsdiener betrat mit einem Unterbeamten das Wohnzimmer, und ich folgte ihm auf dem Fuße. Ich bezeichnete ihm die Mutter und die beiden Schwestern und entfernte mich dann eiligst, denn der Anblick der Charpillon machte mich schaudern, obwohl ich nur einen flüchtigen Blick auf sie warf. Sie saß schwarz gekleidet am Kamin und drehte mir den Rücken zu. Ich glaubte geheilt zu sein und fühlte auch, daß ich es wirklich war; aber die tiefe Wunde, die die Treulose mir geschlagen hatte, war kaum vernarbt, und ich weiß nicht, wie es hätte kommen können, wenn in diesem Augenblick die Circe die Geistesgegenwart besessen hätte, mir um den Hals zu fallen und für ihre Mutter und ihre Tanten um Gnade zu bitten. Sobald ich sah, daß der Stab die drei Weiber berührte, entfernte ich mich schnell. Ich kostete die ganze Wonne der Rache – eine ungeheuere Lust, die den, der die Rache übt, glücklich macht. Leider aber sind die Rachedürstigen nur glücklich, solange sie auf die Rache warten oder sie wünschen. Wirklich glücklich ist nur der Gefühllose, der nicht hassen kann und darum niemals den Wunsch nach Rache verspürt. Der gereizte Eifer, womit ich die drei Kupplerinnen und Betrügerinnen verhaften ließ, und mein Erschrecken beim Anblick der Hinterlistigen, die mich bis zum Selbstmord getrieben hatte, waren ein Beweis, daß ich noch nicht frei war. Um ganz frei zu werden, mußte ich sie fliehen und vergessen. Am nächsten Morgen kam Goudar sehr vergnügt zu mir und sagte mir, er wünsche mir Glück zu dem Mut, den ich am Abend vorher bewiesen habe; denn dieser bürge dafür, daß ich entweder von meiner Leidenschaft geheilt oder daß ich verliebter sei denn je. »Ich komme eben von der Charpillon und fand im Hause nur die Großmutter, die bitterlich weinte, und einen Advokaten, von dem sie ohne Zweifel sich Rat holen wollte.« »Sie wissen also schon von der Geschichte?« »Ja; ich kam eine Minute, nachdem Sie fort waren, und ich blieb solange, bis die drei alten Vetteln sich entschlossen hatten, dem Konstabler zu folgen. Anfangs leisteten sie Widerstand; sie behaupteten, er müsse ihnen bis zum Morgen Aufschub geben; gleich nach Tagesanbruch würden sie Leute finden, die für sie Bürgschaft leisten würden. Unterdessen waren auch die beiden Klopffechter gekommen; sie mischten sich in die Sache ein und zogen sogar blank, um dem Gerichtsboten zu verhindern, daß er die Weiber mit Gewalt fortführte; aber der Mann, der die Konstabler mitgebracht hatte, entwaffnete sie alle beide, führte hierauf die drei Gefangenen fort und nahm auch die Degen mit. Die Charpillon wollte sie begleiten, hielt es aber dann für besser, sich sofort auf den Weg zu machen, um sie möglichst bald wieder in Freiheit setzen zu können.« Zum Schluß sagte Goudar mir, er werde sie als Freund des Hauses im Gefängnis besuchen, und wenn ich zu einem Vergleich bereit sei, wolle er gern vermitteln. Ich dankte ihm und sagte, ich würde mich mit den elenden drei Weibern nur einigen, wenn sie mir meine sechstausend Franken zahlten, und sie müßten sich noch sehr glücklich schätzen, daß ich nicht auch noch Zinsen verlangte, um mich wenigstens zum Teil für die mir abgegaunerten Summen schadlos zu halten. Vierzehn Tage vergingen, ohne daß ich etwas von der Geschichte hörte. Die Charpillon ging jeden Tag zum Essen zu den Gefangenen, die auf ihre Kosten lebten. Dies mußte ihr viel Geld kosten, denn sie hatten zwei Zimmer, und ihr Wirt, ein wahrer Charon, erlaubte ihnen nicht, sich das Essen von draußen kommen zu lassen. Goudar sagte mir, die Charpillon habe ihrer Mutter erklärt, sie würde sich niemals dazu entschließen, mich um ihre Freilassung zu bitten, selbst wenn sie sicher wäre, daß sie alles erreichen würde, wenn sie zu mir ginge. Ich war in ihren Augen das abscheulichste Ungeheuer. Wenn ich ihr auch nicht zugeben kann, daß sie ein geringeres Ungeheuer war als ich, so muß ich allerdings eingestehen, daß sie bei dieser Gelegenheit mehr Charakter zeigte als ich. Aber wir befanden uns in einer völlig entgegengesetzten Lage: Ich hatte mich nur in der Erregung der Leidenschaft gegen sie so benommen, wie ich es tat, sie hatte nur aus Eigennutz so gehandelt und vielleicht auch aus Launenhaftigkeit. Vergebens hatte ich während dieser vierzehn Tage Edgar gesucht. Da sah ich ihn zu meiner großen Freude eines Morgens mit lachendem Gesicht bei mir eintreten und mich freundschaftlich begrüßen. »Wo hast du denn während dieser ganzen Zeit gesteckt? Ich habe dich überall gesucht.« »Die Liebe, Freund, hat mich während dieser zwei Wochen in ihren unzugänglichen Gefängnissen verborgen gehalten. Ich bringe dir Geld.« »Mir? Von wem denn?« »Von den Damen Ansperger. Gib mir eine Quittung und die erforderliche Abstandserklärung; denn ich muß dich selber in die Arme der armen Charpillon führen, die seit vierzehn Tagen fortwährend weint.« »Ich begreife ihre Tränen und bewundere sie, daß sie gerade den, der mir die unschätzbarsten Dienste geleistet und mich aus ihren Banden befreit hat, zu ihrem Beschützer gewählt hat. Weiß sie, daß ich dir mein Leben verdanke?« »Sie weiß nichts weiter, als daß wir zusammen in Ranelagh waren, als du sie tanzen sahst, und daß du sie für tot oder sterbend gehalten hattest; ich habe ihr aber alles erzählt, seitdem ich ihre Bekanntschaft machte.« »Ohne Zweifel hat sie dich gebeten, dich bei mir zu ihren Gunsten zu verwenden?« »Durchaus nicht. Sie hat nur gesagt, du seiest ein undankbares Scheusal, denn sie habe dich geliebt und dir wirkliche Beweise ihrer Zärtlichkeit gegeben; jetzt aber verabscheut sie dich.« »Gott sei Dank! Das unwürdige Geschöpf! Aber es ist eigentümlich, daß sie dich zu gewinnen gewußt hat, um ihre Rache an mir auszuüben. Sie betrügt dich, mein lieber Freund, und dich trifft ihre Strafe.« »Das ist nicht unmöglich; aber jedenfalls ist es eine sehr süße Strafe.« »Ich wünsche dir alles Glück; aber nimm dich in acht! Die Spitzbübin ist eine gewohnheitsmäßige Betrügerin.« Edgar zählte mir zweihundertfünfzig Guineen auf, und ich gab ihm dafür Quittung und Abstandserklärung, womit er sich zufrieden entfernte. Mußte ich nun nicht glauben, daß endlich alles zwischen uns zu Ende sei? Meine Hoffnung war vergeblich. In jenen Tagen vermählte sich der Erbprinz von Braunschweig, der jetzige regierende Herzog, mit der Schwester des Königs von England. Der Gemeinderat erklärte ihn zum englischen Bürger mit allen Rechten eines solchen, und die Londoner Goldschmiedszunft ernannte ihn zu ihrem Mitglied und ließ ihm durch den Lordmayor und die Aldermen die Ernennungsurkunde in einem prachtvollen goldenen Kasten überreichen. Der Prinz war der erste Edelmann Europas und verschmähte trotzdem nicht, den Glanz seines vierzehn Jahrhunderte alten Hauses durch diese neue Würde zu erhöhen. Bei dieser Gelegenheit verschaffte Lady Harrington der Cornelis einen Verdienst von zweihundert Guineen; sie vermietete ihr Haus 41g am Soho-Square an einen Koch, der gegen ein Eintrittsgeld von drei Guineen tausend Personen Ball und Abendessen gab. Die Neuvermählten und das ganze königliche Haus mit Ausnahme des Königs und der Königin waren anwesend. Auch ich war für meine drei Guineen unter den Gästen, mußte aber mit noch sechshundert anderen stehen; denn an den Tischen war nur für vierhundert Personen Platz, und es gab sogar Damen, die nicht sitzen konnten. Ich sah an diesem Abend Lady Grafton neben dem Herzog von Cumberland sitzen. Sie trug ihr Haar ohne Puder und bis zur Mitte der Stirn ins Gesicht gekämmt. Die anderen Damen sprachen sich entrüstet dagegen aus, denn diese Frisur machte häßlich. Sie wußten gar nicht, was sie alles gegen die Neuerung sagen sollten, und in weniger als sechs Monaten wurde die Frisur á la Grafton in ganz England allgemein angenommen, drang über das Meer und verbreitere sich in ganz Europa, wo sie ungerechterweise einen anderen Namen erhielt. Diese Mode dauert noch heute und ist die einzige, die sich eines Alters von dreißig Jahren rühmen kann, obgleich sie bei der Entstehung ausgezischt wurde. Bei diesem Abendessen, für das der Gastgeber dreitausend Guineen oder fünfundsiebzigtausend Franken erhalten hatte, fand man alles, was der verwöhnteste Geschmack nur wünschen konnte. Da ich jedoch nicht tanzte und in keine von den Schönen verliebt war, die das Fest zierten, so entfernte ich mich um ein Uhr. Es war ein Sonntag, und an diesem Tage brauchte in England kein Mensch, mit Ausnahme der Verbrecher, eine Verhaftung zu befürchten. Trotzdem widerfuhr mir folgendes: Ich fuhr in meinem prachtvollen Galakleide nach Hause; mein Neger Jarbe und ein anderer Bedienter standen hinten auf meinem Wagen. Kaum waren wir in meine Straße eingefahren, so hörte ich eine Stimme, die mir zurief: »Gute Nacht, Seingalt!« Als ich meinen Kopf zum Schlage hinausbeugte, um zu antworten, sah ich meinen Wagen von Leuten umringt, die mit Pistolen bewaffnet waren, und einer von ihnen rief mir zu: »Im Namen des Königs!« Meine Bedienten fragten sie, was sie von mir wollten. Sie antworteten: »Ihn ins Newgate-Gefängnis bringen; denn der Sonntag schützt nicht die Verbrecher.« »Und was ist denn mein Verbrechen?« »Das werden Sie im Gefängnis erfahren.« »Mein Herr hat das Recht, dies zu wissen, bevor er ins Gefängnis geht!« rief Jarbe. »Aber der Richter schläft.« Jarbe bestand auf seinem Verlangen, und die Vorübergehenden, die von dem Vorgang in Kenntnis gesetzt wurden, riefen einstimmig, ich hätte recht. Schließlich fügte der Anführer sich und sagte mir, er würde mich nach seinem Hause in der City bringen. »Gut,« sagte ich, »fahren wir in die City, damit die Sache mal ein Ende nimmt.« Wir hielten vor einem Hause, und man führte mich in ein großes Zimmer zu ebener Erde, worin sich nur Bänke und einige Tische befanden. Meine Bedienten schickten den Wagen fort und kamen herein, um mir Gesellschaft zu leisten. Die sechs Sbirren, die mir nicht von der Seite weichen durften, ließen mir sagen, ich solle ihnen etwas zu essen und zu trinken geben lassen. Ich befahl Jarbe, ihren Wunsch zu erfüllen und freundlich und höflich gegen sie zu sein. Da ich kein Verbrechen begangen hatte, so war ich sehr ruhig; ich konnte nur infolge einer Verleumdung verhaftet worden sein, und da ich wußte, daß in London die Rechtspflege gut und schnell ist, so konnte mein Unglück nur vorübergehend sein. Ich machte mir nur den Vorwurf, nicht den guten Grundsatz befolgt zu haben, daß man bei Nacht niemals antworten soll; denn sonst würde ich diese Unannehmlichkeit vermieden haben. Da ich aber den Fehler einmal begangen hatte, so blieb mir nichts weiter übrig, als mich in Geduld zu fassen. Ich stellte einige scherzhafte Betrachtungen an über meinen plötzlichen Übergang aus einer glänzenden Festversammlung zu der niederträchtigen Gesellschaft, in der ich mich, wie ein Fürst gekleidet, in diesem Augenblick befand. Endlich wurde es Tag, und der Besitzer der Schenke, worin ich mich befand, erkundigte sich, wer der Verbrecher sei, der bei ihm die Nacht zugebracht habe. Ich mußte unwillkürlich lachen, als er bei meinem Anblick auf die Sbirren schimpfte, die ihn nicht geweckt hätten, um mir ein Zimmer zu geben; denn ihm entging dadurch mindestens eine Guinee, die er mir dafür würde abgenommen haben. Endlich meldete man mir, daß der Richter seine Sitzung halte, und daß es Zeit sei, mich vor ihn zu führen. Man ließ eine Sänfte kommen, denn der Pöbel würde mich mit Kot beworfen haben, wenn ich in meinem Galakleide es gewagt hätte, zu Fuß die Straßen zu betreten. Im Gerichtssaal bemerkte ich etwa sechzig Personen, die alle erstaunt auf den Barbaren sahen, der es wagte, mit einem so unverschämten Luxus sich in einer Gerichtssitzung zu zeigen. Am Ende des Saales bemerkte ich auf einem erhöhten Lehnstuhl einen Mann, der mein Richter zu sein schien. Er war es in der Tat, und er war blind. Eine breite Binde bedeckte seine Augen; denn da er nichts sah, so konnte ihm nichts daran liegen, die Augen offen zu haben. Ein Herr, der neben mir stand und erriet, daß ich ein Fremder war, sagte mir auf Französisch: »Seien Sie nur ruhig, Herr Fielding ist ein gerechter und vernünftiger Richter.« Ich dankte dem wohlwollenden Unbekannten und freute mich, einen liebenswürdigen und geistvollen Mann vor mir zu sehen, den Verfasser mehrerer ausgezeichneter Werke, auf die England stolz ist. Als ich an der Reihe war, sagte der Schreiber, der an seiner Seite saß, ihm meinen Namen, wie mir schien. »Signor Casanova,« sagt Herr Fielding in sehr gutem Italienisch zu mir, »haben Sie die Güte näher zu treten; ich habe mit Ihnen zu sprechen.« Hocherfreut, daß er mich in meiner Muttersprache angeredet, drängte ich mich durch die Menge, trat an die Schranke vor und rief: »Eccomi, signore.« Er fuhr dann fort und sagte mir, immer auf Italienisch: »Herr von Casanova aus Venedig, Sie sind zu lebenslänglicher Haft in den Gefängnissen des Königs von Großbritannien verurteilt.« »Mein Herr, ich bin neugierig, zu erfahren, wegen welchen Verbrechens ich verurteilt bin. Würden Sie wohl die Güte haben, es mir zu nennen?« »Ihre Neugier ist berechtigt und sehr natürlich; denn bei uns in England hält die Justiz sich nicht für berechtigt, irgendeinen Menschen zu verdammen, ohne ihm den Grund seiner Verurteilung mitzuteilen. Sie sind angeklagt – und die Anklage wird durch zwei Zeugen unterstützt –, daß Sie ein hübsches Mädchen entstellen wollten. Dieses junge Mädchen verlangt nun von der Justiz Schutz gegen solche Verunstaltung, und die Justiz findet kein besseres Mittel, als Sie in vitam aeternam im Gefängnis zu halten. Schicken Sie sich also an, ins Gefängnis zu gehen.« »Mein Herr, die Anklage ist durchaus verleumderisch; das beschwöre ich. Es kann wohl sein, daß das Mädchen, wenn es sein eigenes Verhalten prüft, Anlaß zu der Befürchtung hat, daß ich Lust zu einer solchen Handlungsweise haben könnte, aber ich kann Ihnen versichern, daß ich eine solche Lust bis jetzt noch nicht gehabt habe, und ich glaube, dafür bürgen zu können, daß solche Lust mir niemals kommen wird.« »Sie hat zwei Zeugen.« »Diese sind falsch. Aber, hochwürdigster Richter, dürfte ich es wagen. Sie um den Namen meiner Anklägerin zu bitten?« »Es ist Miß Charpillon.« »Ich kenne sie; aber ich habe ihr stets nur Beweise meiner Zärtlichkeit gegeben.« »Es ist also nicht wahr, daß Sie sie entstellen wollten?« »Nein, ganz gewiß nicht.« »Nun, dann wünsche ich Ihnen Glück. Sie können in Ihrem Hause zu Mittag speisen, aber Sie müssen zwei Bürgen stellen; zwei Hausbesitzer müssen uns dafür bürgen, daß Sie niemals ein solches Verbrechen begehen werden.« »Wer wird es wagen, das Versprechen zu geben, daß ich eine gewisse Tat nicht begehen werde?« »Zwei angesehene Engländer, deren Achtung Sie gewonnen haben und die wissen, daß Sie kein Schurke sind. Lassen Sie sie holen! Wenn sie ankommen, bevor ich zu Tisch gehe, werde ich Sie sofort in Freiheit setzen lassen.« Die Sbirren führten mich wieder an den Ort, wo ich die Nacht verbracht hatte. Schnell schrieb ich meinem Bedienten die Namen aller Hausbesitzer auf, die mir einfielen. Ich beauftragte sie, ihnen den Grund zu sagen, warum ich mich genötigt sähe, sie zu belästigen. Ich empfahl ihnen Eile. Sie sollten vor Mittag wiederkommen; aber London ist ja so groß. Sie kamen nicht, und der Richter ging zum Essen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß er am Nachmittag wieder Sitzung hielte. Aber auf einmal kam der Anführer der Sbirren mit einem Dolmetscher zu mir und sagte mir, er wolle mich nach Newgate bringen. Das ist das Londoner Gefängnis, in das man nur die elendesten und verruchtesten Verbrecher bringt. Ich ließ ihm sagen, ich erwarte Bürgen und er könne mich gegen Abend nach dem Gefängnis schaffen, falls diese nicht kommen sollten. Er war jedoch schwerhörig und ließ mir sagen, sobald meine Bürgen da wären, würde man mich aus dem Gefängnis holen. Es müßte mir also gleichgültig sein. Der Dolmetscher sagte mir leise, der Mensch sei sicherlich von meinen Gegnern bezahlt, um mir Verdruß zu bereiten; aber es stehe nur bei mir, an diesem Ort zu bleiben, denn ich brauche ihm nur Geld zu geben. »Und wieviel muß ich ihm geben?« Der Dolmetscher sprach mit dem Mann und sagte mir, zehn Guineen würden ihn dazu bestimmen, mich bis zum Abend bei sich zu behalten. »Sagen Sie ihm, ich sei neugierig, das Gefängnis zu sehen.« Man ließ einen Fiaker kommen, und wir fuhren hin. Als ich diesen Ort der Verzweiflung betrat, eine wahre Hölle, die der Phantasie eines Dante würdig ist, feierte eine Menge Unglücklicher, von denen einige im Laufe dieser Woche gehenkt werden sollten, meine Ankunft mit Spottreden auf meinen glänzenden Anzug. Als sie sahen, daß ich nicht mit ihnen sprach, wurden sie ärgerlich und fingen an zu schimpfen. Der, Kerkermeister beschwichtigte sie, indem er ihnen sagte, ich sei ein Fremder und könne kein Wort Englisch; hierauf führte er mich in ein Zimmer, sagte mir, was es kostete, und teilte mir die Gefängnisregeln mit, wie wenn es gewiß gewesen wäre, daß ich für längere Zeit bei ihm bleiben würde. Aber schon eine halbe Stunde darauf kam derselbe Kerl, der mich um die zehn Guineen hatte prellen wollen, und sagte mir, meine Bürgen warteten beim Richter, und mein Wagen stände vor der Tür. Ich dankte dem lieben Gott von ganzem Herzen, ging hinaus und stand bald darauf wieder vor dem Manne mit den verbundenen Augen. Ich sah meinen Schneider Pégu und meinen Weinhändler Maisonneuve, die mir sagten, sie schätzten sich glücklich, mir diesen geringen Dienst erweisen zu können. Einige Schritte davon bemerkte ich die elende Charpillon und den niederträchtigen Rostaing mit einem Anwalt und Goudar. Der Anblick regte mich nicht weiter auf und ich begnügte mich damit, ihnen einen Blick tiefer Verachtung zuzuwerfen. Als meine beiden Bürgen erfahren hatten, für welchen Betrag sie gutsagen sollten, unterzeichneten sie mit Vergnügen; hierauf sagte der Richter in liebenswürdigstem Tone zu mir: »Signor de Casanova, unterschreiben Sie für die doppelte Bürgschaftssumme! Sodann erkläre ich Sie vollkommen frei!« Ich trat an den Tisch des Schreibers, fragte nach der Höhe der Sicherstellung und erfuhr, daß diese vierzig Guineen betrug, daß also jeder der Bürgen für zwanzig einzustehen hatte. Indem ich unterschrieb, sagte ich zu Goudar: »Die Schönheit der Charpillon wäre vielleicht auf zehntausend Guineen bewertet worden, wenn der Richter sie hätte sehen können.« Als ich hierauf die Namen der beiden Zeugen zu erfahren verlangte, nannte man mir Rostaing und Bottarelli. Ich warf einen verächtlichen Blick auf Rostaing, der bleich wie der Tod dastand, sah aber aus einem Gefühl des Mitleids die Charpillon nicht an und sagte laut: »Die Zeugen sind der Anklage würdig!« Hierauf grüßte ich den Richter ehrfurchtsvoll, obgleich er mich nicht sehen konnte, und fragte den Protokollführer, ob ich etwas für die Kosten zu bezahlen hätte. Seine verneinende Antwort rief einen Wortwechsel zwischen ihm und dem Anwalt der Schönen hervor, die zu ihrem tödlichen Ärger sich nicht entfernen durfte, bevor sie die Kosten meiner Verhaftung bezahlt hatte. Als ich eben gehen wollte, sah ich fünf oder sechs angesehene Engländer erscheinen, die für mich bürgen wollten und die nun ihr tiefes Bedauern aussprachen, daß sie zu spät gekommen seien. Sie baten mich um Verzeihung für die englischen Gesetze, die nur zu oft für Ausländer sehr lästig seien. Nachdem ich einen der langweiligsten Tage meines Lebens verbracht hatte, sah ich mich endlich wieder in meinem Heim. Ich war glücklich, mich zu Bett legen zu können, und mußte doch über mein Mißgeschick lachen. Fünfzehntes Kapitel Bottarelli – Ich erhalte durch Herrn de Saa einen Brief von Pauline. – Der rächende Papagei. – Pocchini. – Der Venetianer Guerra. – Ich finde Sarah wieder und beschließe, sie zu heiraten und ihr nach der Schweiz zu folgen. – Die Hannoveranerinnen. So war also der erste Akt der Komödie meines Lebens beendigt; der zweite begann am nächsten Morgen. Als ich gerade eben mein Bett verließ, hörte ich Lärm an meiner Tür; ich sah zum Fenster hinaus und erblickte Pocchini, den niederträchtigen Halunken, der mich in Stuttgart auf so gemeine Weise bestohlen hatte, wie der Leser sich vielleicht noch erinnern wird. Er verlangte Einlaß und wollte nicht so lange warten, bis man ihn mir gemeldet hätte. Sein Anblick empörte mich; ich rief ihm zu, ich könne ihn nicht empfangen, und schloß mein Fenster. Einige Augenblicke darauf sah ich Goudar eintreten. Er brachte mir die »St. James Chronicle,« worin in aller Kürze die Geschichte meiner Verhaftung und Wiederentlassung gegen eine Sicherheit von achtzig Guineen erzählt war. Mein Name und der der Schönen waren nicht genannt; dagegen lobte der Zeitungsschreiber die Herren Rostaing und Bottarelli, die er mit ihren vollen Namen anfühlte. Ich bekam Lust, diesen Bottarelli kennen zu lernen, und bat Goudar, mich zu ihm zu führen. Martinelli, der inzwischen ebenfalls gekommen war, schloß sich uns an. In einem armseligen Zimmer des dritten Stockwerkes eines armseligen Hauses bot sich ein Bild des tiefsten Elends meinen Augen: ich erblickte ein Weib und vier zerlumpte Kinder; an einem armseligen Tisch, der an Philemon und Baucis erinnerte, saß, in einen schlechten Schlafrock gehüllt, ein armer Mann und schrieb. Es war Bottarelli. Bei unserem Anblick stand er auf. Ich hatte Mitleid mit ihm und fragte ihn ganz ruhig: »Mein Herr, kennen Sie mich?« »Nein, mein Herr.« »Ich bin jener Casanova, den Sie ins Gefängnis Newgate werfen wollten, indem Sie eine Verleumdung durch ein falsches Zeugnis unterstützten.« »Mein Herr, es tut mit leid; aber um Gottes willen, sehen Sie meine Familie: ich konnte ihr kein Brot geben. Gerne stehe ich Ihnen ein anderes Mal umsonst zu Diensten.« »Aber fürchten Sie denn nicht den Galgen?« »Nein; denn ein falscher Zeuge wird nicht zum Galgen verurteilt. Außerdem ist nichts schwieriger, als in London ein falsches Zeugnis nachzuweisen.« »Man hat mir gesagt, Sie seien Dichter.« »Ja, ich habe die Dido verlängert und den Demetrius abgekürzt.« »Das sind allerdings schöne Ruhmestitel.« Der Gauner flößte mir mehr Verachtung als Haß ein. Ich drehte ihm den Rücken zu und gab aus Mitleid seiner Frau eine Guinee; sie schenkte mir dafür ein elendes Machwerk ihres Mannes: Das enthüllte Geheimnis der Freimaurer. Dieser Bottarelli war in seiner Vaterstadt Pisa Mönch gewesen; er hatte von dort eine Nonne entführt und diese in London geheiratet. Einige Tage darauf bereitete Herr de Saa mir eine große Überraschung, indem er mir persönlich einen Brief von meiner schönen Portugiesin überbrachte. Sie bestätigte mir das Unglück meines armen Clairmont und schrieb mir, sie sei bereits mit dem Grafen Al.... vermählt. Es war für mich eine eigentümliche Überraschung, als Herr de Saa mir versicherte, er habe sofort nach Paulinens Ankunft in London gewußt, wer sie sei. Das ist die Marotte aller Diplomaten; man soll glauben, daß ihnen nichts entgehe und daß es für sie kein Geheimnis gebe. Saa war allerdings nicht nur ein tadelloser Ehrenmann, sondern auch ein tüchtiger Diplomat, und man konnte ihm daher diese Schwäche, die gewissermaßen zu seinem Beruf gehörte, wohl hingehen lassen; die meisten aber, für die diese Entschuldigung nicht gilt, machen sich nur lächerlich. Herr de Saa war von der Charpillon ziemlich ebenso schlecht behandelt worden wie ich, und wir hätten uns gegenseitig trösten können; aber wir sprachen nicht von dem Frauenzimmer. Als ich einige Tage darauf müßig durch die Stadt streifte, kam ich an einen Ort, den man den Papageienmarkt nannte. Ich unterhielt mich damit, diese interessanten Tierchen anzusehen, und bemerkte ein ganz junges in einem schönen Käfig. Auf meine Frage, welche Sprache er spreche, antwortete man mir, er sei noch ganz jung und spreche keine. Ich kaufte ihn für zehn Guineen. Ich hatte den Einfall, ihm einen boshaften Witz beizubringen, ließ seinen Käfig neben mein Bett stellen und sprach ihm hundertmal am Tage die Worte vor: La Charpillon est plus putain que sa mère – Die Charpillon ist eine noch größere Hure als ihre Mutter. Ich hatte hierbei gewiß keine andere Absicht als mich innerlich daran zu ergötzen. Nach vierzehn Tagen wiederholte das Tierchen diesen Satz mit einer burlesken Genauigkeit, indem es zum Schluß jedesmal ein lautes Gelächter erschallen ließ; dieses hatte ich ihm nicht beigebracht, aber es wirkte so komisch, daß ich selber darüber lachen mußte. Goudar hörte meinen Papagei eines Tages voll Entzücken und sagte mir, wenn ich das Tierchen auf die Börse schickte, könnte ich es gewiss für fünfzig Guineen verkaufen. Wir begrüßte diesen Gedanken als eine Rache an dem gemeinen Geschöpf, das mir so übel mitgespielt hatte. Nachdem ich mich vergewissert hatte, auf welche Weise ich mich gegen das Gesetz schützen könnte, das in Bezug auf diesen Punkt in England sehr streng ist, beauftragte ich Jarbe mit dem Verkauf; denn da er aus Westindien stammte, so paßte die Ware vortrefflich zu ihm. Da mein Papagei französisch sprach, zog er in den ersten zwei oder drei Tagen nicht viele Zuhörer an; sobald aber einer, der die Heldin kannte, die Aufmerksamkeit auf den Lobspruch des indiskreten Geflügels gelenkt hatte, wurde der Kreis von Neugierigen immer größer, und man begann nach dem Preise zu fragen: Fünfzig Guineen schienen ein bißchen viel zu sein, und mein Neger wünschte, dass ich den Papagei billiger verkaufen möchte. Davon wollte ich aber nichts wissen, denn ich hatte meinen Rächer liebgewonnen. Nach sieben oder acht Tagen erzählte Goudar mir zu meiner größten Belustigung, welche Wirkung mein Papagei in der Familie der Charpillon hervorgebracht hatte. Da der Verkäufer mein Neger war, so konnte man nicht daran zweifeln, dass der Vogel mir gehörte und dass ich sein Sprachlehrer gewesen war. Goudar sagte mir, die Charpillon finde die Rache sehr geistreich, aber die Mutter und die Tanten seien wütend. Sie hätten bereits mehrere Advokaten befragt; aber alle hätten erklärt, es gebe kein Gesetz, auf Grund dessen man eine Verleumdung bestrafen könne, die von einem Papagei ausgestoßen werde; wohl aber könnte sie mich den Spaß teuer bezahlen lassen, wenn sie beweisen könnte, daß der Papagei mein Schüler wäre. Goudar riet mir daher, mich nicht zu rühmen, daß der Vogel seinen Witz von mir habe; denn zwei Zeugen seien genügend, um mich zugrunde zu richten. Die Leichtigkeit, womit man in London falsche Zeugen findet, ist entsetzlich und eine Schande für die englische Nation. Ich habe mit meinen eigenen Augen etwas Unglaubliches gesehen: an einem Fenster hing ein Zettel, der in großen Buchstaben nur das Wort Zeuge trug. Dies wollte besagen, daß man in dem Hause für Geld einen falschen Zeugen bekommen konnte. Die St. James Chronicle brachte einen Artikel, worin gesagt wurde: die von dem Papagei auf der Börse beschimpften Damen müßten sehr arm und freundlos sein, sonst hätten sie den hübschen Frechling kaufen lassen und das Publikum würde fast nichts erfahren haben. Zum Schluß hieß es: »Derjenige, der den Papagei abgerichtet hatte, wollte ohne Zweifel eine Rache ausüben; er hat dabei sehr guten Geschmack bewiesen: er verdient, Engländer zu sein.« Als ich eines Tages meinen Freund Edgar traf, fragte ich ihn, warum er den kleinen Beleidiger nicht gekauft habe. Er antwortete: »Weil er allen denen Spaß macht, die den Gegenstand der Beleidigung kennen.« Jarbe fand endlich einen Käufer, der die fünfzig Guineen zahlte, und Goudar berichtete mir, Lord Grosvenor habe das Geld gegeben, um der Charpillon, die ihm zuweilen zum Zeitvertreib diente, einen Gefallen zu tun. Mit diesem Eulenspiegelstreich endeten meine Beziehungen zu dem Mädchen, das ich seitdem mit vollkommener Gleichgültigkeit sah; ihr Anblick erweckte in mir nicht mehr die geringste Erinnerung an die Leiden, die sie mir zugefügt hatte. Als ich eines Tages in den St.-James-Park eintrat, sah ich zwei Mädchen, die in einem Zimmer zu ebener Erde Milch tranken. Sie riefen mich; da ich sie aber nicht kannte, so ging ich weiter. Ein junger Offizier, mit dem ich zuweilen verkehrte, sagte mir, sie seien Italienerinnen. Hierdurch bekam ich Lust, sie mir näher anzusehen, und kehrte wieder um. Als ich das verdammte Zimmer betrat, sah ich den Halunken Pocchini, mit einer Uniform bekleidet. Er sagte mir, er habe die Ehre, mir seine Töchter vorzustellen. »Ich erinnere mich,« sagte ich kalt, »meiner Tabaksdose und meiner beiden Uhren, die zwei andere Töchter von Ihnen mir in Stuttgart gestohlen haben.« »Sie lügen!« rief der Unverschämte. Ohne ihm zu antworten, nahm ich dem einen von den Mädchen ihr Milchglas weg und goß ihm den Rest ins Gesicht. Hierauf ging ich hinaus. Ich hatte meinen Degen nicht bei mir. Der erwähnte junge Offizier, der nach mir in das Zimmer eingetreten war, folgte mir und sagte, ich dürfte mich nicht entfernen, ohne seinem von mir entehrten Freund Genugtuung zu geben. »Sagen Sie ihm, er solle herauskommen, und kommen Sie mit ihm nach dem Green-Park; ich verspreche Ihnen, ihm in Ihrer Gegenwart Stockschläge zu geben. Sollten Sie sich aber für ihn schlagen wollen, so gewähren Sie mir die Zeit, um meinen Degen zu holen. Aber kennen Sie denn diesen Menschen, den Sie Ihren Freund nennen?« »Nein, aber er ist Offizier, und ich habe ihn hierhergebracht.« »Schön. Um Ihnen Genugtuung zu leisten, will ich mich auf Leben und Tod schlagen, aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Ihr Freund ein Dieb ist. Kommen Sie nur, ich erwarte Sie.« Nach einer Viertelstunde verließen alle vier das Haus, doch folgten mir nur Pocchini und der Engländer. Da überall Leute waren, führte ich sie bis zum Hyde-Park. Als ich dort stehen blieb, begann Pocchini mir etwas zu sagen. Anstatt ihm zu antworten, erhob ich meinen Stock und rief: »Kanaille, zieh deinen Degen, oder ich bläue dich durch!« »Niemals werde ich meinen Degen gegen einen Menschen ziehen, der sich nicht mit der gleichen Waffe verteidigen kann.« Ein Stockhieb war meine Antwort. Anstatt sich zu rächen, erhob der Feigling ein lautes Geschrei und nannte mich einen Provocateur. Der Engländer lachte laut auf, bat mich, ihn zu entschuldigen, nahm meinen Arm und sagte: »Kommen Sie, mein Herr, ich sehe, Sie kannten den Menschen.« Der Feigling entfernte sich brummend nach der anderen Richtung. Unterwegs teilte ich dem Offizier die Gründe mit, warum ich ihn als einen Halunken behandelt hatte. Er sagte: »Ich gebe Ihnen zu, daß Sie vollkommen recht getan haben; unglücklicherweise bin ich in eins von seinen Mädchen verliebt.« Mitten im St.-James-Park bemerkten wir sie, und ich mußte unwillkürlich laut auflachen, als ich Goudar in der Mitte der beiden Fräuleins sah. »Woher kennen Sie denn diese Schönen?« fragte ich ihn. »Ihr Vater, der Kapitän, hat mir Schmucksachen verkauft und hat sie mir bei dieser Gelegenheit vorgestellt.« »Wo haben Sie ihn denn gelassen?« fragte die eine mich. »Im Hyde-Park, nachdem ich ihm Stockprügel gegeben habe.« »Da haben Sie sehr recht getan.« Der junge Engländer war entrüstet, eine solche Äußerung der Billigung aus ihrem Munde zu vernehmen; er zog mich beiseite, gab mir die Hand, schwor mir, ich würde ihn niemals wieder mit diesen Weibern zusammen sehen, und ging. Eine Laune Goudars, der ich leider nachzugeben schwach genug war, veranlaßte mich, mit den unglücklichen Geschöpfen in einer Schenke vor London zu Mittag zu speisen. Der Wüstling Goudar machte sie gehörig betrunken und veranlaßte sie, in ihrem Zustande tausend Greuel von ihrem angeblichen Vater zu erzählen. Der Halunke wohnte nicht mit ihnen zusammen, aber er machte ihnen nächtliche Besuche und nahm ihnen alles Geld ab, das sie verdienten. Er war ihr Zuführer und veranlaßte sie, ihre Besucher zu bestehlen und die Sache als einen Liebesscherz darzustellen, wenn der Diebstahl entdeckt wurde. Sie gaben ihm die Gegenstände, deren sie sich auf diese Weise bemächtigten, und er sagte ihnen niemals, was er damit machte. Als ich diese nicht ganz freiwillige Beichte hörte, mußte ich lachen, denn ich erinnerte mich, daß Goudar mir gesagt hatte, Kapitän Pocchini habe ihm Schmucksachen verkauft. Nach diesem schlechten Mittagsmahl ging ich nach Hause, indem ich es Goudar überließ, die Frauenzimmer nach der Stadt zurückzubringen. Am andern Morgen kam er zu mir und erzählte mir: »Als die beiden Mädchen gestern ihre Wohnung betraten, wurden sie verhaftet und sofort ins Gefängnis geführt. Ich komme soeben von Pocchini, aber der Hauswirt hat mit gesagt, er sei seit gestern nicht nach Hause gekommen.« Der ehrenwerte und gewissenhafte Goudar schloß mit der Bemerkung, es würde ihm leid tun, wenn er den unglücklichen Menschen nicht wiedersähe, denn er wäre ihm zehn Guineen für eine Uhr schuldig, die die Mädchen vielleicht gestohlen hätten und die den doppelten Wert besäße. Vier Tage darauf sagte er mir, der Gauner habe London mit einer englischen Magd verlassen. »Diese hat er an einem Ort gefunden, wo stets mehrere Hundert versammelt sind, die sich dem ersten Besten vermieten. Der Geschäftsführer verbürgt sich für ihre Ehrlichkeit. Das Mädchen, das er gemietet hat, ist schön, wie mir der Geschäftsführer gesagt hat, und Pocchini ist mit ihr auf der Themse zu Schiff gegangen. Ich bewundere diese Spekulation, aber ich bedauere sehr, daß er abgereist ist, ohne daß ich ihm die Uhr habe bezahlen können, denn ich zittere, weil ich jeden Augenblick dem Herrn begegnen kann, dem sie wahrscheinlich gestohlen worden ist.« Ich habe niemals erfahren können, was aus den Mädchen geworden ist; Pocchini aber werden wir in einigen Jahren wiederfinden. Ich führte ein ruhiges und regelmäßiges Leben, woran ich wohl hätte Geschmack finden können, wenn nicht Umstände eingetreten wären, die ohne Zweifel mir vom Schicksal bestimmt waren, gegen das ein Philosoph und Christ niemals murren darf. Jeden Tag besuchte ich entweder meine Tochter in ihrer Pension oder ich verbrachte einige Stunden im Britischen Museum mit dem Doktor Matti. Bei diesem traf ich eines Tages einen anglikanischen Geistlichen, den ich fragte, wieviel verschiedene Sekten es in England gebe. »Dies, mein Herr,« antwortete mir der Gelehrte in ziemlich gutem Italienisch, »kann kein Mensch genau wissen; denn jeden Sonntag sieht man einige entstehen und vergehen. Es genügt, daß ein gläubiger Mensch oder auch ein Gauner, dem es um Geld oder Ruhm zu tun ist, sich auf einem Platz aufstellt und eine Ansprache an das Publikum hält; sofort umringen ihn einige Neugierige. Er legt irgendeine Bibelstelle auf seine Art aus, und wenn er einigen von den Maulaffen gefällt, laden sie ihn ein, am nächsten Sonntag zu predigen; oft wird als Versammlungsort irgendein Wirtshaus bestimmt. Pünktlich erscheint er und vertritt mit kräftigem Eifer seine Lehre. Man spricht von ihm; er stellt Thesen auf; seine Anhänger vermehren sich, je mehr seine Beredsamkeit wächst; sie legen sich einen Namen bei, und so ist eine Sekte entstanden, die im Anfang der Regierung unbekannt bleibt und dieser erst bekannt wird, wenn sie politischen Einfluß auszuüben beginnt. Auf diese Art sind so ziemlich alle Sekten entstanden, die in so reicher Zahl aus dem Boden unseres Vaterlandes hervorschießen.« Um jene Zeit war in London der edle Venetianer Steffano Guerra, der mit Erlaubnis der Staatsinquisitoren reiste; er war ein großes Original und kam von seiner Reise dümmer, als er ausgezogen war, in unsere Heimat zurück. Er verlor in London einen Prozeß gegen einen englischen Maler, der auf seine Bestellung das Miniaturporträt einer der schönsten Londoner Damen angefertigt hatte. Guerra hatte sich schriftlich verpflichtet, dem Maler fünfundzwanzig Guineen zu bezahlen. Als das Porträt fertig war, fand Guerra es nicht nach seinem Geschmack, wollte es nicht abnehmen und weigerte sich, die Summe zu bezahlen. Nach Landesbrauch ließ der Engländer ihn zunächst verhaften; der Venetianer ließ jedoch Sicherheit bestellen und brachte den Handel vor den Richter, der ihn verurteilte, die fünfundzwanzig Guineen zu bezahlen. Er legte Berufung ein, verlor abermals und sah sich schließlich zur Zahlung gezwungen. Guerra sagte, er habe ein Porträt bestellt; ein Bild ohne Ähnlichkeit sei kein Porträt; folglich dürfe er nicht zur Zahlung verurteilt werden. Der Maler behauptete, sein Bild sei ein Porträt, denn er habe es nach dem Modell gemacht, das von der Herzogin selbst ihm geliefert worden sei. Der Richter sagte in seinem Urteilsspruch: der Maler müsse von seiner Arbeit leben; da Guerra den Maler habe arbeiten lassen, so müsse er ihm auch seinen Lebensunterhalt geben, denn der Maler schwöre, daß er sein ganzes Talent aufgeboten habe, um die Ähnlichkeit herauszubringen. Ganz England fand diesen Spruch gerecht. Auch ich; aber ich gestehe, daß viele sehr vernünftige Leute ihn für barbarisch ansehen könnten. Zu diesen gehörte auch Guerra, und auch er hatte recht; denn das Porträt, gut oder schlecht, und der Prozeß kosteten ihm mehr als hundert Guineen. Malingans Tochter starb an den Pocken. Zur selben Zeit erhielt ihr Vater in Bath eine Ohrfeige von einem Lord, der das Pikettspiel liebte, aber nicht die Spieler liebte, die das Glück verbessern. Ich gab dem Unglücklichen das nötige Geld, um seine Tochter zu begraben und die Insel verlassen zu können. Er starb gleich nach seiner Ankunft in Lüttich, und seine Witwe schrieb mir, es habe ihm noch auf dem Totenbette Kummer gemacht, daß er seine Schulden nicht habe bezahlen können. Herr von F. kam aus Bern als Geschäftsträger seines Kantons. Ich suchte ihn auf, wurde aber nicht vorgelassen. Ich dachte mir, er möchte wohl gewisse Vertraulichkeiten erfahren haben, die ich mir in Bern mit der niedlichen Sarah erlaubt hatte, und wollte mich nicht in die Lage setzen, diese in London zu erneuern. Da der Mann eigentlich ein bißchen verrückt war, so nahm ich sein Benehmen weiter nicht übel und hatte es schon längst vergessen, als eine Laune mich eines Abends in das Marylebone-Theater führte. Als Eintrittsgeld bezahlte man in diesem Theater, wo man an kleinen Tischen sitzen mußte, nur ein Schilling; aber man mußte irgend etwas verzehren, wäre es auch nur ein Krug Bier gewesen. Zufällig setzte ich mich neben ein junges Mädchen, das ich anfangs gar nicht ansah. Als ich aber nach einigen Minuten mich zu ihr wandte, bemerkte ich ein entzückendes Profil, das mir nicht fremd vorkam; dies schrieb ich jedoch dem Umstand zu, daß die Schönheit dem Menschen, dem ihr göttliches Wesen sich in die Seele eingegraben hat, niemals fremd erscheinen kann. Je länger ich dieses köstliche Profil betrachtete, desto mehr war ich überzeugt, daß ich das schöne Mädchen doch zum ersten Male sehe, obgleich ich auf ihren Lippen ein unbeschreiblich feines Lächeln bemerkte. Als einer ihrer Handschuhe zu Boden fiel, beeilte ich mich, ihn aufzuheben und ihr zu überreichen. Sie dankte mir in sehr gutem Französisch und in sehr gewählten Ausdrücken. »Madame ist also nicht Engländerin?« sagte ich in ehrerbietigstem Tone zu ihr. »Nein, mein Herr, ich bin Schweizerin, und Sie kennen mich.« Ich drehte mich um und sah zu meiner Rechten Frau von F., neben dieser ihre ältere Tochter und weiterhin ihren Gemahl. Ich stand auf, machte der Dame, die ich sehr hoch schätzte, meine Verbeugung und grüßte auch ihren Mann, der mir nur durch ein kaltes Kopfnicken antwortete. Ich fragte die Dame, was wohl ihr Mann gegen mich haben könne, um mich auf solche Weise zu behandeln; sie antwortete mir, Passano habe ihm böse Dinge über mich geschrieben. Da ich in diesem Augenblick kein Gespräch mit ihm führen konnte, um ihn aufzuklären, so bot ich meine ganze Beredsamkeit auf, um mich vor seiner Tochter zu rechtfertigen, die in den drei Jahren eine so vollendete Schönheit geworden war, daß es mir unmöglich gewesen wäre, sie wiederzuerkennen. Sie wußte es, und ihr Erröten, als ich mit ihr sprach, zeigte mir, daß sie sich noch dessen erinnerte, was in Gegenwart meiner Haushälterin zwischen uns vorgefallen war. Ich wollte gern sofort wissen, ob sie dies zugeben würde, oder ob sie das Recht zu haben glaubte, alles abzuleugnen und das Vergangene auf Rechnung ihrer Unschuld zu setzen. Hätte Sarah dies beabsichtigt, so würde ich sie verachtet haben; denn geistvoll, wie sie war, konnte sie unmöglich ihren Geist dazu benutzen wollen, um ihr Temperament zu besiegen. Sie war, als ich sie in Bern kennen lernte, noch eine Knospe; jetzt sah ich sie als Blume wieder, die um so verführerischer war, da sie sich eben erst entfaltet hatte. »Reizende Sarah,« sagte ich zu ihr, »Sie haben mich so geblendet, daß ich dem Drange nicht widerstehen kann, zwei Fragen an Sie zu richten, deren Beantwortung für meine Herzensruhe notwendig ist. Sagen Sie mir, ob Sie sich unserer Schäkereien von Bern erinnern?« »Ja.« »Sagen Sie mir geschwind, ob Sie böse sind, daß ich mich in diesem Augenblick mit außerordentlichem Vergnügen derselben erinnere?« »Nein.« Welcher Verliebter hätte es wohl gewagt, möglicherweise ihr Zartgefühl zu verletzen und die dritte Frage zu stellen. Ich war gewiß, daß Sarah mich glücklich machen würde; ich schmeichelte mir sogar mit der Hoffnung, daß sie selber den Augenblick des Glückes herbeisehnte. So überließ ich mich denn der ganzen Glut meiner Wünsche und beschloß, sie zu überzeugen, daß ich ihre Liebe verdiente. Da der Kellner in unserer Nähe herumlungerte, bat ich Frau von F. um Erlaubnis, ihr grüne Austern anbieten zu dürfen. Nachdem sie sich anstandshalber ein wenig gesträubt hatte, willigte sie ein, und ich machte mir ihre Erlaubnis zunutze, um alle leckeren Sachen kommen zu lassen, die auf der Speisekarte standen, unter anderm auch einen jungen Hasen, in London eine große Delikatesse, die für gewöhnlich nur auf die Tafel vornehmer Herren kommt, die ihre eigene Jagd besitzen und ein solches Wild nicht gerne hergeben. Champagner und westindische Liköre flossen in Strömen; es gab Lerchen, Krammetsvögel, Trüffeln, eingemachte Früchte. Es war nichts gespart worden, und ich war nicht erstaunt, als der Kellner mir die Rechnung brachte, und ich sah, daß wir für zehn Guineen verzehrt hatten; aber sehr erstaunt war ich, als ich Herrn von F., der ohne ein Wort zu sagen, wie ein Türke gegessen und wie ein Schweizer getrunken hatte, mit einem Eifer, wie wenn er die Sparsamkeit erfunden hätte, schimpfen hörte, es sei zu teuer. Ich bat ihn freundlich, sich zu mäßigen, und bezahlte. Um ihm zu zeigen, daß ich seine Meinung nicht teilte, gab ich eine halbe Guinee Trinkgeld dem Kellner, der nur zu wünschen schien, daß er öfters ein solches unverhofftes Glück hätte. Mein ehrenwerter Schweizer, der vor einer Stunde blaß und ernst gewesen war, strahlte in rötlichem Glänze und war höchst liebenswürdig geworden. Sarah warf einen Blick auf ihn und drückte mir die Hand. Ich triumphierte. Nach der Vorstellung fragte Herr von F. mich, ob ich ihm wohl erlauben wollte, mir seinen Besuch zu machen. Ohne ihm ein Wort zu erwidern, umarmte ich ihn. Es regnete in Strömen, und sein Bedienter kam und sagte ihm, es sei kein Fiaker da, man müsse daher warten. Ich war ein wenig überrascht, daß ein Mann seines Ranges mit seiner ganzen Familie an einen solchen Ort kam, ohne sich seines Wagens zu bedienen. Sofort bat ich ihn, den meinigen zu benutzen, indem ich zugleich meinem Neger befahl, mir einen Tragstuhl zu holen. »Ich nehme mit Vergnügen an,« sagt Herr von F. zu mir, »aber unter der Bedingung, daß ich die Sänfte benütze.« Ich mußte nachgeben und fuhr daher in meinem Wagen mit der Mutter und ihren beiden Töchtern. Unterwegs sagte Frau von F. mir die größten Freundlichkeiten, indem sie zugleich, allerdings in milden Ausdrücken, die Unhöflichkeiten ihres Gatten mißbilligte, über die ich mich zu beklagen hatte. Ich sagte ihr, ich würde mich dafür rächen, indem ich in Zukunft ihr recht fleißig den Hof machen würde. Sie durchbohrte mir das Herz, als sie mir antwortete, ihre Abreise stehe nahe bevor. »Wir wollten übermorgen abreisen und müssen schon morgen unsere Wohnung räumen, da die neuen Mieter übermorgen einziehen wollen. Ein Geschäft, das mein Mann nicht hat zu Ende bringen können, nötigt uns, noch etwa acht Tage hier zu bleiben; wir werden uns also morgen in der doppelten Verlegenheit befinden, aus unserer Wohnung ausziehen und irgendwo eine neue Wohnung finden zu müssen.« »Sie haben also noch keine Wohnung?« »Nein; aber mein Mann glaubt morgen früh ganz bestimmt eine zu bekommen.« »Wahrscheinlich eine möblierte; denn da Sie abreisen wollen, werden Sie wohl Ihre Möbel verkauft haben.« »Jawohl, denn wir müssen sie auf unsere Kosten dem Käufer bringen lassen.« Als ich hörte, daß Herr von F. einer Wohnung sicher sei, glaubte ich die meinige nicht anbieten zu dürfen; ich befürchtete nämlich, die Dame könnte glauben, daß ich sie nur darum anböte, weil ich sicher wäre, sie würde nicht angenommen werden. Als wir vor ihrem Hause angekommen waren, stiegen wir aus, und die Mutter bat mich, hereinzukommen. Sie wohnte mit ihrem Mann im zweiten Stockwerk, und die beiden Mädchen hatten das dritte für sich. In der Wohnung stand alles drunter und drüber, und da Frau von F. mit der Wirtin zu sprechen hatte, bat sie mich zu ihren Töchtern zu gehen. Es war kalt, und wir fanden ein Zimmer ohne Feuer. Die Schwester ging in das Nebenzimmer, und so blieb ich mit Sarah allein. Ohne jede besondere Absicht schloß ich sie in meine Arme; als ich aber an der Glut ihrer Küsse merkte, daß sie meine Wünsche erwiderte, sank ich mit ihr auf das Kanapee, worauf wir saßen, und ohne auch nur einen Augenblick über dieses erste Geschenk, das uns die Liebe machte, nachdenken zu können, kosteten wir die höchste Wollust, indem wir ineinander verschmolzen. Aber dieses Glück dauerte kaum einen Augenblick; schnell wie der Blitz war es vorbei; denn kaum war das Werk vollzogen, so hörten wir jemanden die Treppe hinaufkommen. Es war der Vater. Indessen – es war vollbracht. Hätte Herr F. Augen im Kopf gehabt, so würde er ganz gewiß entdeckt haben, was wir getan hatten; denn mein Gesicht mußte eine Verwirrung verraten, deren Art man sich leicht denken kann. Nachdem ich eine Flut von Komplimenten über mich hatte ergehen lassen müssen, die in diesem Augenblick langweiliger waren denn je, schüttelte ich ihm die Hand und verschwand wie ein Schatten. Als ich in meiner Wohnung ankam, befand ich mich in einer solchen Aufregung, daß ich den Beschluß faßte, England zu verlassen und Sarah in ihre Heimat zu folgen. Die ganze Nacht hindurch überlegte ich reiflich alle Anordnungen, die ich für diese Reise zu treffen hatte. Ich beschloß, der Familie für die Zeit, die wir noch in London bleiben würden, meine Wohnung anzubieten, und mein Anerbieten nötigenfalls so dringlich zu machen, daß sie es nicht ablehnen könnten. In aller Frühe eilte ich zu Herrn von F., dem ich auf seiner Schwelle begegnete. Er sagte zu mir: »Ich will versuchen, ein paar Zimmer zu finden, worin wir etwa eine Woche hausen können.« »Die Zimmer sind gefunden; meine Wohnung ist groß, und ich verlange, daß Sie mir den Vorzug geben. Gehen wir ins Haus!« »Meine ganze Familie liegt noch zu Bett.« »Kommen Sie nur herein.« Wir gingen ins Haus. Frau von F. machte wortreiche Entschuldigungen. Als ihr Gemahl ihr sagte, ich wolle ihm eine Wohnung vermieten, lachte ich und rief, ich verlangte, daß er eine Wohnung annähme, die ihm freundschaftlich angeboten würde. Nachdem er viele Umstände gemacht hatte, nahm er endlich an, und wir vereinbarten, daß die ganze Familie schon am Abend einziehen solle. Ich ging nach Hause, um die notwendigen Anordnungen zu treffen. Während ich damit beschäftigt war, meldete man mir zwei junge Damen. Da ich sie nicht empfangen wollte, ging ich selber an die Tür, um mich zu entschuldigen. Zu meiner angenehmsten Überraschung aber sah ich Sarah und ihre Schwester. Sofort ließ ich sie eintreten. Sarah sagte mir mit bescheidenen Worten, ihre Hauswirtin wolle nicht erlauben, daß die Möbel fortgeschafft würden, bevor sie vierzig Guineen erhalten hätte, die ihr Vater ihr schuldig wäre. Sie weigerte sich, obgleich ein Geschäftsmann aus der City ihr versichert hätte, daß der Betrag im Laufe der Woche bezahlt werden würde. Ihr Vater schicke mir nun eine Anweisung, die auf den Inhaber lautete, und lasse mich bitten, ob ich ihm diesen Dienst erweisen könne. Ich nahm die Anweisung und gab ihr eine Banknote von fünfzig Pfund Sterling, indem ich ihr sagte, sie könne mir den Rest herausgeben. Sie dankte mir ohne allen Überschwang und ging. Ich war entzückt, daß sie solches Vertrauen zu mir gehabt hatte. Das augenblickliche Bedürfnis, sich vierzig Guineen zu verschaffen, schien mir noch kein Beweis zu sein, daß Herr von F. sich in Bedrängnis befände. Ich sah in meiner damaligen Stimmung alles in dem schönsten Licht und wünschte mir Glück, daß ich ihm hatte nützlich sein können, indem ich ihm dadurch bewies, daß er unrecht getan hatte, mich so geringschätzig zu behandeln. Ich nahm nur ein leichtes Mittagessen zu mir, um desto angenehmer mit meinem helvetischen Engel zu Abend speisen zu können, und brachte den Nachmittag damit zu, mehrere Briefe zu schreiben. Gegen Abend kam der Bediente des Herrn von F. mit drei großen Koffern und vielen Schachteln und sagte mir, die Familie werde bald kommen; vergebens wartete ich jedoch bis neun Uhr. Unruhig über diese Verzögerung, begab ich mich zu Herrn von F. und fand dort alle in der größten Bestürzung. Der Anblick von zwei ziemlich übel aussehenden Männern, die sich im Zimmer befanden, ließ mich erraten, was wohl vorgegangen sein mochte. Mit lachendem Gesicht rief ich aus: »Ich wette, irgendein ungebärdiger Gläubiger bereitet Ihnen diese Verlegenheit!« »Das ist wahr,« sagte der Vater; »aber ich bin sicher, in fünf oder sechs Tagen meine Schuld begleichen zu können; aus diesem Grunde habe ich meine Abreise aufgeschoben.« »Man hat Sie also verhaftet, nachdem Sie mir Ihren Koffer geschickt hatten?« »Einen Augenblick nachher.« »Was haben Sie seitdem getan?« »Ich habe um Bürgen schicken lassen.« »Und warum haben Sie nicht zu mir geschickt?« »Ich bin Ihnen dankbar, mein großmütiger Freund; aber Sie sind Ausländer, und man nimmt nur Hausbesitzer als Bürgen an.« »Sie hätten mir auf alle Fälle immerhin Bescheid geben sollen; denn ich habe Ihnen ein ausgezeichnetes Abendessen zurecht machen lassen, und ich sterbe vor Hunger.« Da die Schuld meine Mittel übersteigen konnte, so wollte ich mich nicht zu weit vorwagen. Ich nahm Sarah beiseite und erfuhr von ihr, daß dieser ganze Wirrwarr um eine Schuld von hundertundfünfzig Pfund Sterling stattfand. Infolgedessen ließ ich den Inhaber des Haftbefehls fragen, ob wir nach unserem Belieben zum Essen gehen könnten, wenn dieser Betrag bezahlt wäre. »Selbstverständlich!« ließ er mir antworten; zugleich zeigte er mir den Wechsel. Ich nahm drei Banknoten von fünfzig Pfund aus meiner Brieftasche, gab sie dem Gerichtsvollzieher, nahm dafür den Wechsel und sagte zu dem betrübten armen Herrn von F.: »Sie können den Betrag an mich bezahlen, bevor Sie England verlassen.« Hierauf umarmte ich die ganze Familie, die vor Freuden weinte, und rief: »Nun zu Tisch und weg mit den Sorgen des Lebens!« Wir fuhren zu mir und speisten heiter und vergnügt. Nur die brave Mutter konnte ihre Traurigkeit nicht überwinden. Nach dem Abendessen führte ich sie alle in die Zimmer, die ich für sie hatte zurecht machen lassen und von denen sie entzückt waren; ich wünschte ihnen wohl zu ruhen und sagte ihnen, ich würde sie bis zu ihrer Abreise aufs beste bewirten und hoffte, sie nach der Schweiz begleiten zu können. Nach dem Erwachen warf ich einen Blick auf meinen körperlichen und seelischen Zustand und fand mich glücklich. Meine Empfindungen waren derart, daß es mir unmöglich gewesen wäre, sie zu beherrschen; aber daran dachte ich auch gar nicht. Eine starke Empfindsamkeit, die ich als reinen Ausfluß meiner Seele erkannte, machte mich damals, wie noch jetzt, sehr nachsichtig gegen eine Sinnlichkeit, deren Opfer ich oft gewesen bin. Ich liebte Sarah und war so sicher, ihr Herz zu besitzen, daß ich alle Begierden weit von mir wies. Begierden entstehen aus den Bedürfnissen und sind lästig, weil sie unzertrennlich vom Zweifel sind, und Zweifel ist eine Folter für den Geist. Sarah war mein; sie hatte sich in reiner Hingebung mir geschenkt, als kein Schatten von Eigennutz die Quelle ihrer Leidenschaft verdächtig machen konnte. Ich ging zu dem Vater hinauf, den ich damit beschäftigt fand, seine Koffer zu öffnen. Da ich die Mutter traurig sah, so fragte ich sie, ob sie sich wohl befinde. Sie antwortete mir, ihre Gesundheit sei ausgezeichnet, aber sie habe große Furcht vor dem Meere, und der Gedanke, daß sie binnen kurzem sich einschiffen solle, mache sie unglücklich. Der Vater bat mich, ihn zu entschuldigen, daß er nicht zum Frühstück bleiben könne; er müsse wegen einiger Geschäfte ausgehen. Nachdem die beiden jungen Damen heruntergekommen waren, frühstückten wir, und ich fragte die Mutter, warum sie ihre Koffer auspackte, da wir doch so bald schon abreisen sollten. Sie antwortete mir lächelnd, ein einziger Koffer würde bald genügen, um alle Sachen der ganzen Familie aufzunehmen; denn sie wäre entschlossen, alles überflüssige zu verkaufen. Da ich prachtvolle Kleider, sehr schöne Wäsche und kostbare Spitzen sah, so konnte ich mich nicht enthalten, ihr zu sagen, es würde sehr schade sein, um einen jämmerlichen Preis Gegenstände zu veräußern, die sie sehr teuer wieder ersetzen müßten. »Sie haben vollkommen recht; aber obgleich alle diese Sachen sehr schön sind, so ist doch die Befriedigung, seine Schulden zu bezahlen, noch viel schöner.« »Sie dürfen nichts verkaufen!« rief ich lebhaft; »denn da ich mich entschlossen habe, mit Ihnen nach der Schweiz zu reisen, so werde ich Ihre Schulden bezahlen, und Sie werden mir das Geld zurückgeben, sobald Sie dazu imstande sind.« Zu diesen Worten machten alle drei sehr erstaunte Gesichter. »Ich glaubte nicht,« sagte die Mutter, »daß Sie im Ernst gesprochen hätten.« »In vollem Ernst, Madame, und dies ist der Gegenstand meiner Wünsche.« Zugleich ergriff ich Sarahs Hand und bedeckte sie mit Küssen. Sarah errötete und sagte nichts; die Mutter sah uns mit gütigem Blick an, aber nach einem kurzen Schweigen richtete sie an mich eine lange Rede voller Aufrichtigkeit und Vernunft. Sie schilderte mir ausführlich die Lage ihrer Familie und die Geringfügigkeit der Mittel ihres Gatten, den sie damit entschuldigte, daß er in London hätte Schulden machen müssen, um auf eine bescheidene und doch anständige Weise dort leben zu können; sie tadelte jedoch, daß er seine ganze Familie mitgenommen hätte. »Er hätte allein hier leben können und würde dann nur einen Bedienten gebraucht haben; für die ganze Familie aber waren die zweitausend Taler, die die Berner Regierung ihm jährlich gab, durchaus ungenügend. Mein alter Vater hat durch seinen Einfluß die Regierung bewogen, die Schulden zu bezahlen, die mein Mann hier gemacht hat; zugleich aber hat sie beschlossen, hier keinen Geschäftsträger mehr zu halten, um auf diese Weise die Extraausgaben wieder zu decken; ein gewöhnlicher Bankier, der den Titel Agent erhält, wird genügen, um die Zinsen der Kapitalien einzuziehen, die die Republik in England besitzt. Ich schätze Sarah glücklich, daß es ihr gelungen ist, Ihnen zu gefallen, doch bin ich nicht sicher, daß mein Mann seine Einwilligung zu dieser Heirat geben wird.« Beim Wort Heirat, das mir selber ganz unerwartet kam, sah ich Sarah erröten. Dies gefiel mir, aber ich sah voraus, daß es Schwierigkeiten geben würde. Herr von F. kam zurück und sagte seiner Frau, im Laufe des Nachmittage würden zwei Trödler kommen, um die Sachen zu kaufen. Als ich ihm jedoch meinen Plan mitteilte, sie nach der Schweiz zu begleiten, überzeugte ich ihn mit ziemlich leichter Mühe, daß es besser wäre, alle seine Sachen zu behalten und von mir zweihundert Guineen als Darlehen anzunehmen, für die er mir Zinsen zahlen würde, bis er sie zurückgeben könnte. Wir schlossen sofort einen Vertrag in aller Form. Von der Heirat sprachen wir nicht, da seine Frau mir gesagt hatte, sie würde unter vier Augen mit ihm reden. Am dritten Tage kam er allein zu mir, um mit mir über die Angelegenheit zu sprechen. »Meine Gemahlin,« sagte er, »hat mir Mitteilung von Ihren für mich ehrenvollen Absichten gemacht; ich kann Ihnen jedoch meine Sarah nicht geben, denn vor meiner Abreise von Bern habe ich sie Herrn von W. versprochen, und Familieninteressen verbieten es mir, mein Wort zurückzunehmen. Außerdem würde mein alter Vater niemals seine Einwilligung geben, da nach seinen strengen Ansichten bei einer solchen Verbindung der Religionsunterschied keine Sicherheit für das Glück seiner Lieblingsenkelin geben würde.« Im Grunde war diese Erklärung mir nicht unangenehm, denn trotz meiner Liebe zu Sarah erschreckte mich das Wort Heirat. Ich antwortete ihm, Zeit und Umstände könnten sich ändern, inzwischen würde es mir genügen, wenn er mir seine ganze Freundschaft schenkte und es mir allein überließe, alle Vorbereitungen für die bevorstehende Reise zu treffen. Er versprach mir alles und versicherte mir, er sei entzückt, daß seine Tochter verstanden habe, meine Neigung zu gewinnen. Nach dieser Auseinandersetzung gab ich Sarah in Gegenwart ihrer Eltern alle Beweise von Zärtlichkeit, die der Anstand mir erlaubte, und alles sprach dafür, daß das junge Mädchen mich innig liebte. Am fünften Tage ging ich in ihr Zimmer, und da ich sie noch im Bett fand, bemächtigte sich meiner die ganze Glut der Wollust; denn seit jenem Augenblick, da ich mich so schnell ihres Einverständnisses versichert hatte, war ich nicht mehr mit ihr allein zusammen gewesen. Ich stürzte mich auf sie und bedeckte sie mit Küssen; sie zeigte sich zärtlich, aber zurückhaltend. Meine Glut stieg, ich wollte sie löschen; aber vergeblich: sie setzte mir einen sanften Widerstand entgegen und verhinderte mich, ans Ziel zu gelangen, obgleich sie meine Liebkosungen erwiderte. »Warum, göttliche Sarah, widersetzen Sie sich den Ausbrüchen meiner Zärtlichkeit?« »Ich bitte Sie, mein süßer Freund, verlangen Sie von mir nichts weiter, als was ich Ihnen bewillige.« »Sie lieben mich also nicht mehr?« »Undankbarer! Ich bete Sie an.« »Aber warum denn jetzt diese Weigerung, nachdem Sie sich doch ganz und gar mir schon hingegeben haben?« »Ich habe mich Ihnen hingegeben, und ich bin glücklich, daß ich es tat; ich habe Sie ebenso glücklich gesehen wie mich, und dies, mein lieber Freund, muß uns genügen.« »Es ist unmöglich, daß diese Veränderung nicht irgendeinen Grund hat. Wenn Sie mich lieben, teure Sarah, muß dieser Verzicht Ihnen schwer werden.« »Ich gestehe es, zärtlicher Freund; aber ich muß mich mit dieser schmerzlichen Entsagung abfinden. Nicht eine Schwäche zwingt mich, meine Leidenschaft zu bekämpfen, sondern nur die Pflicht, die ich gegen mich selber habe. Ich habe gegen Sie Verpflichtungen, und ich würde mich in meinen eigenen Augen erniedrigen, wenn ich mit meiner Person dafür einstehen wollte. Als ich mich Ihnen hingab, und Sie sich mir hingaben, da herrschte vollige Gleichheit zwischen uns; wir standen nicht im Verhältnis von Gläubiger und Schuldner zueinander. Durch die Verpflichtungen, die ich eingegangen bin, ist mein Herz jetzt in Knechtschaft geraten, und es sträubt sich gegen Opfer, die es der Liebe so gern darbrachte.« »Was für eine seltsame Metaphysik, meine liebe Sarah! Eine solche Philosophie täuscht Sie und ist ihre Feindin so gut wie die meinige. Sie überlassen sich Sophismen, die Sie betrügen und mir das Herz zerreißen. Erkennen Sie doch ein bißchen mein Zartgefühl an und beruhigen Sie sich; denn, mein Engel, Sie schulden mir nichts!« »Geben Sie zu, daß Sie für meinen Vater nichts getan haben würden, wenn Sie mich nicht liebten.« »Das werde ich ganz gewiß nicht zugeben, denn die Achtung, die Ihre würdige Mutter mir eingeflößt hat, hätte mich mit Leichtigkeit veranlaßt, für Ihre Eltern zu tun, was ich getan habe, und vielleicht noch mehr. Es ist sogar möglich, daß ich überhaupt gar nicht an Sie gedacht habe, indem ich Ihrem Vater diesen kleinen Dienst erwies.« »Das kann wohl sein, denn Sie sind überhaupt hilfsbereit; aber ich kann mich nicht enthalten, das Gegenteil zu glauben. Verzeihen Sie mir, lieber Freund; aber ich kann mich nicht entschließen, auf Kosten meines Herzens derartige Schulden zu bezahlen.« »Mir scheint, das Gefühl müßte im Gegenteil Ihre Liebe noch heißer machen.« »Sie kann nicht heißer sein, als sie gewesen ist.« »Ich bin recht unglücklich; so soll ich also für das, was ich getan habe, die grausamste Strafe erleiden? Sie fühlen doch, liebe Sarah, daß Sie mich bestrafen?« »Ach, vielleicht bestrafe ich mich selber! Aber ersparen Sie mir diesen grausamen Vorwurf und erhalten Sie mir unvermindert Ihre Zärtlichkeit. Wir wollen uns auch in Zukunft lieben!« Dieses Gespräch ist nicht der hundertste Teil von der Unterhaltung, die wir bis zum Mittagessen miteinander führten. Schließlich kam die Mutter; als sie mich am Fußende des Bettes sitzen sah, fragte sie mich lachend, warum ich ihre Tochter nicht aufstehen lasse. Ich antwortete ihr mit heiterem und vollkommen ruhigem Gesicht: eine für uns sehr interessante Unterhaltung habe uns wirklich nicht bemerken lassen, daß es schon so spät sei. Ich verließ sie, um mich anzukleiden. Indem ich über die erstaunliche Veränderung nachdachte, die sich in dem reizenden Geschöpf vollzogen hatte, glaubte ich darauf rechnen zu dürfen, daß ihr Entschluß nicht von langer Dauer sein werde. Ein solcher Glaube war für mich eine Notwendigkeit, denn sonst hätte ich nicht die Kraft gehabt, auf ihre Laune einzugehen, die mir eigentlich ziemlich romanhaft erschien. Wir speisten sehr fröhlich zu Mittag, und Sarah und ich bekundeten ganz offen vor ihren Eltern in allen Bemerkungen unsere gegenseitige Liebe und eine innige Zuneigung. Am Abend führte ich sie in die italienische Oper; hierauf verzehrten wir ein ausgezeichnetes Abendessen und gingen dann in vollkommener Eintracht zu Bett. Den ganzen nächsten Morgen verbrachte ich in der City, um mit den Bankiers abzurechnen, bei denen ich noch Geld ausstehen hatte. Ich nahm Wechsel auf Genf, denn meine Abreise war beschlossene Sache; ich glaubte nur noch fünf oder sechs Tage in London bleiben zu müssen und nahm herzlichen Abschied von dem braven Herrn Bosanquet. Am Nachmittag besorgte ich einen Wagen für Frau von F., die ihre Abschiedsbesuche machen wollte; ich selber fuhr in der gleichen Absicht nach der Pension meiner Tochter hinaus. Die liebe Kleine zerfloß in Tränen; sie sagte mir, sie verliere alles, und bat mich, sie nicht zu vergessen. Ich war tief gerührt. Auf Sophiens Bitten entschloß ich mich, vor meiner Abreise ihrer Mutter noch einen Besuch zu machen. Beim Abendessen sprachen wir von unserer Reise. Ich sollte für alles sorgen, und Herr von F. gab mir zu, daß wir statt über Ostende besser über Dünkirchen reisen würden. Er hatte nur noch einige unbedeutende Geschäfte zu erledigen und sagte mir, er könne nach Bezahlung seiner Schulden und der Reisekosten darauf rechnen, mit etwa fünfzig Guineen in Bern anzukommen. Er wollte zwei Drittel von allen Reisekosten bezahlen; ich hatte mich damit einverstanden erklären müssen, obgleich ich fest entschlossen war, ihm niemals Rechnung abzulegen. Ich hoffte, daß es mir in Bern auf irgend eine Weise gelingen würde, Sarah zur Frau zu erhalten. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück, als ihr Vater ausgegangen war, ergriff ich in Gegenwart ihrer Mutter ihre Hand und fragte sie im Ton der innigsten Liebe, ob ich sicher sein könnte, daß sie mir ihr Herz schenken würde, wenn es mir in Bern gelänge, die Einwilligung ihres Vaters zu erhalten. Ihre Mama war so gütig, mir zu versprechen, daß ich auf ihre Einwilligung bestimmt rechnen könne, sobald ich die ihres Gatten erhalten habe. Bevor Sarah antworten konnte, stand die Mutter auf und sagte uns auf das freundlichste: »Ihre Auseinandersetzungen könnten vielleicht lange dauern; ich will Sie daher bis zum Mittag allein lassen.« Sie ging hinaus und nahm ihre ältere Tochter mit, um Besuche zu machen. Als wir allein waren, sagte Sarah mir im zärtlichsten Tone: »Ich kann nicht begreifen, daß Sie an meiner Zustimmung zu unserer Verbindung zweifeln, die doch mein innigster Wunsch ist. Ich habe Ihnen meine Liebe bewiesen, lieber Freund, und ich bin überzeugt, ich werde vollkommen glücklich sein, wenn ich Ihre Frau werde. Sie können sich darauf verlassen, daß ich keinen anderen Willen haben werde als den Ihrigen, und wohin ich auch Ihnen folgen muß, in der Schweiz ist nichts, was ich mit Bedauern zu verlassen brauchte.« Diese sanften Worte rührten mir Herz und Seele; ich drückte die liebende Sarah an meine Brust und sah, daß sie mein Entzücken teilte; aber sie beschwor mich, mich zu mäßigen, als sie sah, daß ich mich anschickte, ihr meine Liebe ohne Rückhalt zu beweisen. Sie umklammerte mich mit ihren Armen und flehte mich an, nichts von ihr zu verlangen; denn sie sei entschlossen, mir nichts mehr zu bewilligen, bevor sie mir in rechtmäßiger Ehe angehören würde. »Wie? Sie wollen mich zur Verzweiflung bringen? Haben Sie auch bedacht, Sarah, daß Ihr Widerstand mir das Leben kosten kann? Ist es möglich, daß Sie mich lieben und doch nicht das traurige Vorurteil verabscheuen, das Sie unserer gegenseitigen Liebe entgegensetzen? Ich kann doch weder an Ihrer Liebe zu mir noch an Ihrer Neigung zu den Freuden der Wollust zweifeln!« »Ja, mein lieber zärtlicher Freund, ich bete Sie an und würde mich gern mit Ihnen allen Wonnen hingeben; aber Sie müssen mich schonen und Rücksicht auf mein Zartgefühl nehmen.« Als sie aber Tränen in meinen Augen sah, ging ihr dies so zu Herzen, daß sie ohnmächtig wurde. Ich fing sie in meinen Armen auf und legte sie sanft auf ein Bett, das dicht daneben stand. Sie verlor nicht vollständig die Besinnung, aber ihre Blässe beunruhigte mich. Ich hielt ihr Riechsalz unter die Nase und rieb ihre Schläfen mit Savoyer Tropfen, die ich bei mir trug. Bald schlug sie die Augen wieder auf, reichte mir ihren Mund zum Kuß und schien glücklich zu sein über die Ruhe meiner Sinne, die ihr durch meinen zärtlichen Kuß bestätigt wurde. Der Gedanke, mir ihre Lage zunutze zu machen, würde mich mit Abscheu erfüllt haben. Sie richtete sich auf und sagte: »Jetzt haben Sie mich von der Aufrichtigkeit Ihrer Gefühle überzeugt.« »Hättest du glauben können, göttliche Freundin, daß ich so niedrig sein könnte, deine Ohnmacht zu mißbrauchen? Wäre es für mich ein Genuß, wenn du ihn nicht teiltest?« »Ich glaube es nicht; aber ich würde mich Ihnen nicht widersetzt haben. Doch ist es wohl möglich, daß ich Sie dann nicht mehr geliebt haben würde.« »Sarah, Sie üben, ohne es zu wissen, einen Zauber über mich aus, der mich zugrunde richtet!« Nach diesen Worten setzte ich mich traurig an das Kopfende ihres Bettes und überließ mich den trübsten Gedanken. Sarah erriet vielleicht, was in mir vorging, und suchte mich nicht davon abzulenken. Ihre Mutter kam nach Hause und fragte sie, warum sie zu Bett liege; aber in ihrer Frage lag kein Verdacht, der übrigens durch meine Stellung neben dem Bett und meine traurige Miene vollkommen widerlegt worden wäre. Sarah sagte ihr die Wahrheit. Gleich darauf kam Herr von F. nach Hause, und wir aßen zu Mittag; aber es war eine stille Mahlzeit. Was mir widerfahren war und was ich von diesem Mädchen mit reinem Herzen und glühender Leidenschaft hatte hören müssen, hatte mich in eine ganz niedergeschlagene Stimmung versetzt. Ich sah klar und deutlich, daß ich nichts mehr zu hoffen hatte, und da ich mein Temperament kannte, so fühlte ich, daß ich an mich selber denken mußte. Erst vor sechs Wochen hatte Gott mir geholfen, mich aus den Fesseln einer Charpillon zu befreien, deren niederträchtigen Charakter ich kannte, und nun sah ich mich in Gefahr, in leidenschaftlicher Liebe zu einem Engel zu entbrennen, dessen Tugenden ich nicht verkennen konnte. Die Gefahr war tausendmal größer; – da ich nun einmal keine Aussicht hatte, sie als Ehegattin zu erhalten, so mußte ich fürchten, meine Vernunft oder gar mein Leben zu verlieren. Daran wäre sie schuld gewesen, und ich hätte nicht einmal den traurigen Trost gehabt, mich über sie beklagen zu können. Dies sind etwa die Betrachtungen, die ich während Sarahs Ohnmacht angestellt hatte; diese Gedanken mußten erst ausreifen. In der City fand ein Verkauf kostbarer Gegenstände in Gestalt einer Lotterie statt. Sarah hatte die Anzeige gelesen, und ich lud sie nebst ihrer Schwester und Mutter ein, mit mir hinzufahren. Es kostete mir keine Mühe, ihre Zustimmung zu erlangen. Wir fanden dort viele vornehme Personen, unter anderen die Gräfin Harrington, Lady Emilie Stanhope und ihre Tochter. Die Mutter hatte damals eine eigentümliche Geschichte auf dem Halse: sie ließ durch Polizeikommissäre in ihrem Hause Nachforschungen anstellen, um den Dieb von sechstausend Pfund Sterling zu entdecken, die man ihrem Manne gestohlen hatte, während in London kein Mensch daran zweifelte, daß sie selber diese Summe auf die Seite gebracht hatte. Frau von F. spielte nicht, aber sie hatte nichts dagegen, daß ihre Töchter einige Lose von mir annahmen. Sie waren glücklich, denn sie erhielten für zehn oder zwölf Guineen Gegenstände im Werte von mehr als sechzig. Da ich mich mit jedem Tage mehr in Sarah verliebte, aber überzeugt war, daß ich nur noch sehr unbedeutende Gunstbezeigungen von ihr erlangen würde, so glaubte ich eine Erklärung nicht mehr hinausschieben zu dürfen. Ich sagte ihnen nach dem Abendessen, während wir noch bei Tische saßen: da ich nicht sicher wäre, daß die entzückende Sarah mein Weib werden könnte, so hätte ich mich entschlossen, meine Reise nach Bern noch aufzuschieben. Der Vater billigte meinen Entschluß und sagte mir, ich könnte mit seiner Tochter einen Briefwechsel unterhalten. Sarah wußte sich zu beherrschen und schien mit dieser Anordnung einverstanden zu sein; aber es war leicht zu sehen, daß sie sich Gewalt antat. Ich verbrachte eine grausame Nacht. Zum ersten Male in meinem Leben sah ich mich geliebt und doch unglücklich wegen einer Laune seltsamster Art. Ich erwog noch einmal die Gründe, die Sarah mir angeführt hatte, und da ich sie nicht triftig finden konnte, so zog ich den Schluß, daß meine Liebkosungen ihr nicht gefallen hätten. Während der letzten drei Tage befand ich mich mehrere Male mit ihr unter vier Augen; aber ich mäßigte stets die Erregung, in die ihre Gegenwart mich versetzte; sie ihrerseits erwies mir tausend anständige Liebkosungen, die ich als bedeutsame Gunstbeweise hätte ansehen können, wenn ich nicht eben den höchsten Gunstbeweis schon erhalten hätte. Ich machte dadurch eine Erfahrung, die ich noch nicht kannte und die ich nicht für möglich gehalten hätte, weil ich bis jetzt stets das Gegenteil erfahren hatte: nämlich daß Enthaltsamkeit, die im allgemeinen eine Liebe nur noch mehr anstachelt, zuweilen auch die entgegengesetzte Wirkung hervorbringt. Sarah würde mir mit der Zeit noch völlig gleichgültig geworden sein; denn ich hätte sie niemals meiner Freundschaft unwert finden können. Ein ganz anderer Charakter dagegen, eine Charpillon, die mich betrog und mich wütend machte, eine kokette Freudendirne, die immer Hoffnungen zu erregen weiß und niemals sich finden läßt, – eine solche bringt einen Mann durch Erregung zur Verzweiflung und flößt ihm schließlich durch die Enttäuschung Verachtung und oft Haß ein. Die Familie reiste nach Ostende ab, und ich begleitete sie bis zur Themsemündung. Ich gab Sarah einen Brief für Frau von W., dies war die gelehrte Hedwig, die sie nicht kannte. Zwei Jahre später wurde Sarah ihre Schwägerin, indem sie einen Bruder des Herrn von W. heiratete, mit dem sie glücklich wurde. Wenn ich heute mich nach meinen alten Bekannten erkundige, höre ich die Nachrichten aufmerksam, ja sogar mit Vergnügen an; aber die Teilnahme, die sie in mir erregen, ist geringer als mein Interesse an einer weltgeschichtlichen Begebenheit, an einer Anekdote, die vor fünf oder sechs Jahrhunderten vorgefallen ist und bis dahin allen Gelehrten unbekannt war. Wir empfinden für unsere Zeitgenossen, ja sogar für gewisse Teilnehmer an den tollen Streichen unserer Vergangenheit eine Art von Verachtung oder zum mindesten eine Gleichgültigkeit, die vielleicht der Verachtung entspringt, die wir ingewissen Augenblicken vor uns selber haben. Vor vier Jahren schrieb ich nach Hamburg an Madame G. Mein Brief begann mit den Worten: »Nach einem neunundzwanzigjährigen Schweigen –« Sie würdigte mich keiner Antwort und ich nahm ihr dies nicht übel. Ich denke, wir Menschen machen uns gar nichts auseinander, und das ist vollkommen natürlich. Wenn der Leser erfährt, wer diese Frau G. ist, so wird er lachen, und mit Recht. Vor zwei Jahren war ich schon unterwegs nach Hamburg. Was wollte ich dort? Mein guter Genius führte mich nach Dux zurück. Nach der Abreise meiner Gäste empfand ich eine Leere und ein Gefühl von Traurigkeit. Ich ging in die Oper im Covent-Garden und fand dort Goudar, der mich fragte, ob ich in das Konzert der Sartori gehen wolle. Ich würde dort eine junge Engländerin sehen, die ein wahres Juwel wäre und italienisch spräche. Da ich eben erst Sarah verloren hatte, fühlte ich mich nicht in der Stimmung, so bald eine neue Bekanntschaft zu machen; aber ich war neugierig, dies Wunder zu sehen. Ich folgte meiner Laune und fand nur Langeweile. Darüber freute ich mich. Und doch war die junge Engländerin hübsch. Ein junger Livländer, der sich Baron von Stenau nennen ließ und ein sehr angenehmes Gesicht hatte, schien sehr verliebt in sie zu sein. Als sie nach dem Abendessen uns Eintrittskarten für ein neues Konzert anbot, nahm ich eine für mich und eine für Goudar und gab ihr zwei Guineen; der livländische Baron nahm aber gleich fünfzig und gab ihr für den Betrag eine Fünfzig-Pfund-Note. Ich sah daran, daß er sie im Sturm erobern wollte, und dies gefiel mir. Ich hielt ihn für reich, ohne mir jedoch Mühe zu geben, mich davon zu überzeugen. Er kam mir freundlich entgegen, und wir wurden Freunde. Bald werde ich erzählen, welche Folgen diese verhängnisvolle Bekanntschaft hatte. Als ich eines Tages mit Goudar im Hyde-Park spazieren ging, verließ er mich, um mit zwei jungen Damen zu sprechen, die mir in ihren großen Hüten hübsch zu sein schienen. Wenige Augenblicke darauf kam er wieder zu mir und sagte: »Eine Dame aus Hannover, Witwe und Mutter von fünf Töchtern, ist vor zwei Monaten mit ihrer ganzen Nachkommenschaft nach London gekommen. Sie wohnt in einem Hause hier in der Nähe. Sie bemüht sich bei der Regierung um Ersatz für den Schaden, den sie durch den Durchmarsch der Armee des Herzogs von Cumberland erlitten hat. Die Mutter soll angeblich krank sein; sie liegt immer zu Bett und läßt sich von keinem Menschen sehen. Sie schickt ihre beiden ältesten Töchter aus, um die erwartete Entschädigung zu erbitten; dies sind die beiden jungen Mädchen, die Sie eben gesehen haben. Sie können nichts erreichen. Die älteste ist zweiundzwanzig Jahre alt, und ihre jüngste Schwester ist vierzehn, sie sind alle fünf hübsch, sprechen gleich gut englisch, französisch und deutsch und empfangen sehr liebenswürdig jeden Besucher, sind aber dabei immer alle zusammen. Ich habe sie aus Neugier besucht und bin von ihnen gut aufgenommen worden; da ich ihnen aber nichts gegeben habe, so wage ich es nicht, allein wieder zu ihnen zu gehen. Wenn Sie neugierig auf sie sind, können wir hingehen.« »Wie sollte man nicht neugierig sein, wenn man eine solche Geschichte hört! Wir wollen hingehen; aber wenn die, die mir gefällt, nicht gefällig ist, bekommt sie nichts.« »Sie werden nichts geben, denn sie lassen sich nicht einmal die Hand berühren.« »Es sind wohl Charpillons?« »Es scheint so. Aber Sie werden keine Männer bei ihnen sehen.« Wir gingen hin und betraten einen großen Saal, wo ich drei hübsche Mädchen und einen Mann von üblem Aussehen erblickte. Ich machte ihnen die üblichen Komplimente; sie antworteten darauf nur durch eine höfliche Verbeugung, aber mit sehr traurigen Gesichtern. Goudar hatte unterdessen mit dem Mann gesprochen; er trat auf mich zu und sagte achselzuckend: »Wir sind in einem schlechten Augenblick gekommen. Der Mann ist ein Gerichtsbeamter; er will die Mutter ins Gefängnis führen, wenn sie nicht dem Wirt zwanzig Guineen bezahlt, die sie für Miete schuldet; sie haben aber keinen Heller. Sobald die Mutter im Gefängnis ist, wird der Hauseigentümer natürlich die Mädchen auf die Straße setzen.« »Sie können ja bei ihrer Mutter wohnen; das wird ihnen nichts kosten.« »Sie irren sich. Sie können ins Gefängnis gehen und dort für ihr Geld essen; weiter aber auch nichts, denn wohnen dürfen im Gefängnis nur die Gefangenen.« Ich fragte eine von ihnen, wo ihre Schwestern seien. »Sie sind ausgegangen und wollen versuchen, Geld aufzutreiben; denn der Wirt will sich mit einer Bürgschaft nicht begnügen. Er verlangt bares Geld, und wir haben nichts mehr zu verkaufen.« »Das ist sehr traurig, mein Fräulein. Und was sagt denn Ihre Mutter dazu?« »Sie weint. Krank und bettlägerig, wie sie ist, will man sie ins Gefängnis bringen! Um sie zu trösten, hat der Hauswirt ihr sagen lassen, er werde sie tragen lassen.« »Das ist barbarisch. Aber ich finde Sie hübsch, mein Fräulein, und ich könnte Sie aus der Verlegenheit befreien, wenn Sie gut sein wollten.« »Ich ahne nicht, von welcher Güte Sie sprechen wollen.« »Ihre Mama wird Ihnen sagen können, worum es sich handelt. Fragen Sie sie um Rat!« »Mein Herr, Sie kennen uns nicht; wir sind anständige Mädchen und sind von Stande!« Mit diesen Worten drehte das Persönchen mir den Rücken zu und fing wieder an zu weinen. Die beiden anderen, die ebenso hübsch waren wie sie, standen dabei und sagten kein Wort. Goudar sagte mir auf italienisch: wenn wir die Betrübten nicht auf eine tatkräftige Weise trösten wollten, spielten wir eine sehr traurige Figur. Ich war unmenschlich genug, hinauszugehen, ohne etwas zu erwidern. Sechzehntes Kapitel Die Hannoveranerinnen. Auf der Schwelle trafen wir die beiden älteren, die mit traurigem Gesicht nach Hause kamen. Ich war überrascht von ihrer Schönheit und noch mehr, als eine von ihnen mich mit den Worten begrüßte: »Ah! Der Herr Chevalier de Seingalt.« »Er selber, mein Fräulein, und sehr betrübt über ihr Unglück.« »Würden Sie, mein Herr, mir die Ehre erweisen, mit mir einen Augenblick wieder hineinzugehen?« »Ein dringendes Geschäft verhindert mich daran.« »Ich bitte Sie nur um eine Viertelstunde.« Ich konnte ihr diese Bitte nicht abschlagen, und sie verwandte die Viertelstunde darauf, mir zu erzählen, wie ihre Familie im Hannoverschen vom Unglück getroffen worden sei. Sie seien nach London gereist, um eine Entschädigung zu erlangen. Alle ihre Schritte seien erfolglos gewesen; ihre Mutter habe Schulden machen müssen, um nur leben zu können; ihrer Krankheit wegen könne sie selber nichts unternehmen. Der barbarische Hauswirt drohe ihrer Mutter mit dem Gefängnis und werde sie selber auf die Straße setzen; alle ihre Bekannten seien so hartherzig gewesen, ihr jede Unterstützung zu verweigern. »Wir haben nichts zu verkaufen, mein Herr, und unsere ganzen Mittel bestehen in zwei Schillingen, um uns Brot zu kaufen, die einzige Nahrung, die wir uns erlauben können.« »Was sind denn das für Bekannte von Ihnen, mein Fräulein, die den traurigen Mut haben können, Sie in einem solchen Elend in Stich zu lassen?« Sie nannte mir mehrere Personen, darunter auch Lord Baltimore, den neapolitanischen Gesandten Marchese Caraccioli und Lord Pembroke. »Das ist unglaublich,« sagte ich, »denn diese drei letztgenannten Herren kenne ich als edel, reich und freigebig. Da muß eine gerechte Ursache vorhanden sein; denn Sie sind alle schön, und Schönheit ist für diese Herren ein Wechsel auf Sicht.« »Ja, mein Herr, es ist ein Grund vorhanden. Diese edlen und reichen Herren lassen uns in Stich und verachten uns. Unsere Lage erregt nicht ihr Mitleid, weil wir nicht bereit sind, Wünsche zu befriedigen, die gegen unsere Pflicht verstoßen.« »Das heißt also: sie finden Sie liebenswürdig und wünschen, daß Sie die Begierden befriedigen, die Sie ihnen einflößen; wenn nun Sie kein Mitleid mit ihnen haben, so wollen sie auch kein Mitleid mit Ihnen haben. Ist es so?« »Ganz genau so.« »Ich finde, sie haben recht.« »Recht?« »Ganz gewiß; und ich denke ganz genau wie sie. Wir lassen Sie bei ihrer Pflicht und behalten unser Geld, um uns Genüsse zu verschaffen, die Sie uns verweigern. Ihr Unglück ist in diesem Augenblick, daß Sie hübsch sind; denn wenn Sie häßlich wären, würden Sie leicht zwanzig Guineen finden. Ich selber würde sie Ihnen geben; denn dann würde man dies Geschenk meiner Wohltätigkeit zuschreiben; da Sie aber schön und dazu geschaffen sind, glühende Begierden zu erregen, so würde man meine Handlung nur der Hoffnung zuschreiben, eine Belohnung dafür zu erhalten, und würde sich mit Recht über mich lustig machen; denn man würde wissen, daß ich gefoppt würde.« So mußte ich mit diesem Mädchen sprechen, das von einer wahrhaft hinreißenden Beredsamkeit war. Als ich sah, daß sie nichts zu antworten wußte, fragte ich sie, woher sie mich kenne. »Ich habe Sie in Richmond mit der Charpillon gesehen.« »Sie hat mir zweitausend Guineen gekostet, ohne daß ich etwas von ihr erlangt habe, aber diese Lehre ist nicht umsonst gewesen: denn ich habe mir vorgenommen, Liebesgunst niemals zu bezahlen, bevor ich mich ihrer versichert habe.« In diesem Augenblick wurde sie von ihrer Mutter gerufen. Sie bat mich, einen Augenblick zu warten, kam gleich darauf wieder herein und sagte mir, die Kranke bitte mich, einen Augenblick zu ihr zu kommen. Ich fand in ihrem Bette aufrecht sitzend eine Frau von etwa fünfundvierzig Jahren, deren Züge noch verrieten, daß sie einstmals schön gewesen sei; sie sah traurig, aber durchaus nicht krank aus. Lebhafte, ausdrucksvolle Augen, ein geistreiches, kluges Gesicht mußten mir den Rat geben, auf meiner Hut zu sein: sie hatte, trotz ihren vornehmen Manieren, einen falschen Gesichtsausdruck, wie die Mutter der Charpillon. Das war für mich ein Grund mehr, mich gegen alle Empfindsamkeit abzustumpfen. »Madame,« begann ich, »was wünschen Sie von mir?« »Mein Herr, ich habe alles gehört, was Sie zu meinen Töchtern gesagt haben. Geben Sie zu, daß Sie nicht eben wie ein Vater mit ihnen gesprochen haben.« »Ich gebe es zu, Madame, aber eine väterliche Sprache hätte durchaus nicht zu der Rolle eines Liebhabers gepaßt, der einzigen, die ich bei ihnen spielen will. Wenn ich Töchter hätte, meine Gnädige, so glaube ich, daß ein Prediger zwecklos für sie sein würde; ich habe Ihren jungen Damen gesagt, was ich fühle und was ich ihnen sagen mußte, um die Zwecke zu erreichen, die ich im Auge habe. Ich mache keine Ansprüche auf Tugend und bin Verehrer des schönen Geschlechts. Wenn sie meiner bedürfen, so wissen, nach dieser offenen Erklärung, sie und auch Sie, welcher Weg zu meiner Börse führt. Wenn sie nach ihrer Art tugendhaft sein wollen, so werde ich sie nicht mehr quälen; sie müssen aber auch nicht die Männer quälen. Leben Sie wohl, Madame; Sie können sich darauf verlassen, ich werde nicht mehr mit Ihren Töchtern sprechen.« »Noch eine Minute, mein Herr. Mein Mann war der Graf von ***; Sie sehen also, meine Töchter haben durch ihre Geburt Anspruch auf Achtung.« »Ich kann ihnen meine Achtung nicht besser beweisen, als indem ich sie nicht mehr sehe.« »Erregt denn unsere Lage nicht Ihr Mitleid?« »Sehr. Ich würde sofort ohne jeden Anspruch auf Vergütung eingreifen, wenn sie mir nichts zu geben hätten, wenn Ihre Mädchen häßlich wären; aber, meine Gnädige, sie sind hübsch, und das ändert die Sachlage.« »Was für eine Folgerung!« »In meinen Augen eine sehr triftige, und über ihre Bedeutung kann ich, soweit ich selber in Betracht komme, nur allein urteilen. Sie brauchen zwanzig Guineen, um nicht ins Gefängnis zu gehen; sie stehen zu Ihrer Verfügung, sobald eine von Ihren fünf jungen Gräfinnen eine fröhliche Nacht mit mir verbracht hat.« »Was für eine Sprache gegenüber einer Frau von meinem Range! Niemals hat man mir etwas Derartiges gesagt.« »Entschuldigen Sie meine Aufrichtigkeit; aber was heißt Rang, wenn man bettelarm ist? Gestatten Sie mir, mich zu entfernen.« »Wir befinden uns in der traurigen Lage, heute nur Brot essen zu können.« »Das ist für Gräfinnen gewiß hart.« »Sie scheinen sich über diesen Titel lustig zu machen?« »Ich gebe es zu; aber ich will Sie nicht beleidigen. Wenn es Ihnen übrigens recht ist, will ich hier bleiben und mit Ihren jungen Damen essen; ich werde für alle bezahlen, auch für Sie.« »Sie sind ein seltsamer Mensch. Meine Töchter werden traurig sein, denn man wird mich ins Gefängnis bringen; Sie werden sich langweilen.« »Das ist meine Sache.« »Geben Sie ihnen lieber das Geld, das Sie dafür ausgeben würden.« »Nein, Madame: ich will für mein Geld wenigstens mit Augen und Ohren genießen. Ich werde Ihre Verhaftung bis morgen aufschieben lassen, und bis dahin wird die Vorsehung sich vielleicht Ihrer annehmen. Lassen Sie mich nur machen.« Ich beauftragte Goudar, den Wirt zu fragen, was er dafür verlange, wenn er den Büttel auf vierundzwanzig Stunden fortschicke. Der Chevalier meldete mir, der Wirt verlange eine Guinee und Bürgschaft, daß ihm die zwanzig Guineen bezahlt werden müßten, wenn seine Mieterinnen sich innerhalb der vierundzwanzig Stunden entfernten. Mein Weinhändler wohnte ganz in der Nähe. Ich sagte Goudar, er möchte auf mich warten, und die Sache war in einem Augenblick in Ordnung; ich kam mit einer Erklärung des Wirtes zurück und gab sie dem Büttel, der sich sofort entfernte; hierauf sagte ich den fünf Nymphen, sie könnten noch vierundzwanzig Stunden so lustig sein, wie sie wollten. Nachdem ich Goudar von den getroffenen Maßnahmen in Kenntnis gesetzt hatte, bat ich ihn, uns ein gutes Mittagessen für acht Personen kommen zu lassen. Er ging. Ich trat hierauf bei der Mutter ein und rief die Mädchen, die ganz fröhlich wurden, als sie hörten, daß wir bis zum anderen Tage prassen wollten. Sie waren sehr überrascht, wie schnell ich das alles in Ordnung gebracht hatte. Zur Mutter sagte ich: »Das, meine Gnädige, war alles, was ich für Sie tun konnte. Ihre Töchter sind reizend, ich empfinde für sie alle eine lebhafte Teilnahme; ich habe Ihnen für vierundzwanzig Stunden Ruhe verschafft, ohne etwas dafür zu verlangen. Ich werde mit ihnen zu Mittag und zu Abend essen und die Nacht mit ihnen verbringen, ohne auch nur einen einzigen Kuß von ihnen zu verlangen. Wenn Sie aber morgen noch nicht Ihr System geändert haben, sind Sie in derselben Lage wie heute, und ich werde Sie nicht mehr belästigen.« »Was verstehen Sie unter dieser Änderung des Systems?« »Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen; Sie verstehen mich schon!« »Meine Töchter werden sich niemals mit einem Manne prostituieren.« »Ich werde sie in ganz London als keusche Susannen preisen und werde meine Guineen anderswo ausgeben.« »Sie sind recht boshaft.« »Sehr boshaft, das gebe ich zu; aber nur, wenn man nicht gut ist – was ich so unter gut verstehe.« Da Goudar zurückgekehrt war, begaben wir uns wieder in das Zimmer, wo die jungen Damen sich aufhielten; denn die Mutter wollte sich vor meinem Freunde nicht sehen lassen. Sie sagte, seitdem sie sich in London aufhalte, sei ich der einzige, den sie in ihrer Lage zu empfangen sich habe entschließen können. Unser Mittagessen von lauter englischen Gerichten war ziemlich gut; ich sah mit einer wahren Lust, wie die fünf unglücklichen Mädchen alles hinunterschlangen, was ich ihnen auf ihre Teller legte. Man hätte meinen mögen, es seien Wilde, die nach langem Fasten über eine Beute herfallen. Ich hatte einen Korb ausgezeichneten Weines kommen lassen und ließ jede von ihnen eine Flasche trinken; da sie an Wein nicht gewöhnt waren, so wurden sie betrunken. Ihre Mutter hatte alles verschlungen, was ich ihr zugeschickt hatte, und ich hatte ihr die Bissen nicht zugezählt; sie leerte ebenfalls eine Flasche Burgunder, die ihr sehr gut bekam. Trotz ihrer Trunkenheit waren die jungen Bacchantinnen vor jedem Angriff sicher; ich hielt mein Wort, und Goudar erlaubte sich nicht die geringste Freiheit. Wir speisten fröhlich zu Abend, und nachdem wir noch eine große Bowle Punsch getrunken hatten, entfernte ich mich. Ich war in alle fünf verliebt, und es war mir sehr ungewiß, ob ich am nächsten Tage ebenso standhaft sein würde. Auf dem Heimweg sagte Goudar zu mir: »Sie tun sehr wohl daran, daß Sie zu Bett gehen. Sie behandeln diese zimperlichen Frauenzimmer geradeso, wie sie behandelt werden müssen; aber wenn Sie nicht standhaft bleiben, sind Sie verloren!« Am nächsten Morgen war ich ungeduldig, das Ergebnis der Beratung zu erfahren, die die Mutter ohne Zweifel mit ihren Töchtern abgehalten hatte. Ich ging daher gegen zehn Uhr zu ihnen. Die beiden ältesten waren schon seit dem frühen Morgen unterwegs, um sich bei den Bekannten zu bemühen, mit denen sie am Tage vorher nicht hatten sprechen können. Die drei jüngsten stürzten auf mich zu wie junge Hunde, die ihren Herrn begrüßen, wenn er nach Hause kommt; aber sie erlaubten mir nicht, sie zu umarmen oder ihnen auch nur die Hand zu küssen. Ich sagte ihnen, das sei nicht recht von ihnen, und klopfte an die Tür der Mutter. Sie bat mich einzutreten und dankte mir für den schönen Tag, den ich ihnen bereitet hätte. »Soll ich meine Bürgschaft zurückziehen, Frau Gräfin?« »Das steht in Ihrem Belieben; aber ich glaube nicht, daß Sie dazu imstande sind.« »Da irren Sie sich. Ich glaube, Sie kennen das menschliche Herz, Frau Gräfin. Aber Sie haben nicht den menschlichen Geist studiert, oder Sie bilden sich ein, mehr Geist zu haben als alle anderen Menschen. Alle Ihre Töchter haben mich gestern entflammt; aber sollte ich an dieser Liebe sterben: ich werde weder für Sie noch für Ihre Mädchen auch nur das Geringste tun, bevor Sie für mich das einzige getan haben, das in Ihrer Macht steht. Und nun überlasse ich Sie Ihren Gedanken und besonders Ihren Tugenden.« Sie bat mich, zu bleiben; aber ohne auf sie zu hören, ohne die hübschen jungen Hexen auch nur anzusehen, entfernte ich mich und sagte meinem Weinhändler Maisonneuve, er solle seine Bürgschaft zurückziehen. Dann ging ich mit einem Tigerherzen zu Lord Pembroke, den ich seit drei Wochen nicht gesehen hatte. Als ich von den Hannoveranerinnen anfing, lachte er laut auf und sagte, man müsse diese falschen Gotteslämmer zwingen, ihren Beruf aufrichtig zu erfüllen. »Gestern waren sie hier und sangen mir ihr Klagelied. Aber anstatt ihnen zu helfen, habe ich ihnen ins Gesicht gelacht. Sie hatten nichts zu essen, aber ich habe nicht einmal meiner Hand erlaubt, ihnen eine elende Guinee zu reichen; sie haben mir zu drei oder vier Malen im ganzen etwa ein Dutzend Guineen entlockt, indem sie mir Hoffnungen auf Erkenntlichkeit machten: aber sie haben mich jedesmal angeführt. Es sind Frauenzimmer von der Sorte der Charpillon.« Ich sagte ihm, was ich am Tage vorher getan hätte, und was ich zu tun gedächte: zwanzig Guineen für die erste und ebensoviel für jede folgende, aber erst nach dem Genuß, – sonst nichts. »Ich hatte denselben Gedanken, aber ich habe ihn wieder aufgegeben, und ich glaube auch nicht, daß es Ihnen gelingen wird, denn Baltimore hat ihnen zweihundert angeboten, also vierzig für jede, aber das Geschäft ist zu Wasser geworden, weil sie das Geld voraus haben wollten. Sie sind gestern auch bei ihm gewesen, haben ihn aber unerbittlich gefunden; denn sie hatten ihn mehrere Male betrogen.« »Wir werden sehen, was sie machen werden, wenn die Mutter hinter Schloß und Riegel sitzt; ich wette, wir werden sie billig bekommen.« Ich ging zum Mittagessen nach Hause. Goudar kam und sagte mir, er komme soeben von ihnen; der Gerichtsvollzieher habe ihnen erklärt, er werde nur bis vier Uhr warten; die beiden ältesten seien mit leeren Händen von ihrem Ausgang zurückgekommen; denn sie hätten lauter verschlossene Herzen gefunden. Da sie kein Stück Brot im Hause gehabt hätten, so hätten sie für ein paar Schillinge eins von ihren Kleidern verkauft. Ich fand das unbegreiflich. Ich war überzeugt, daß sie sich noch einmal an mich wenden würden, und ich täuschte mich nicht. Als wir beim Nachtisch waren, erschienen sie. Ich ließ sie Platz nehmen, und die älteste bot ihre ganze Beredsamkeit auf, um mich zu bewegen, meine Bürgschaft noch um einen Tag zu verlängern. »Sie werden mich unbarmherzig finden,« antwortete ich ihr, »es sei denn, Sie gehen auf den Plan ein, den ich Ihnen mitteilen werde, wenn Sie mit mir in ein anderes Zimmer kommen wollen.« Sie ließ ihre Schwester bei Goudar und folgte mir. Ich ließ sie an meiner Seite auf einem Diwan Platz nehmen, legte zwanzig Guineen vor sie hin und sagte: »Diese gehören Ihnen, aber Sie wissen, um welchen Preis.« Mein Anerbieten wurde verächtlich zurückgewiesen. Ich dachte, sie wollte vielleicht nur die Entschuldigung eines ernstlichen Angriffs haben und werde sich nur der Form wegen zur Wehr setzen. Ich wurde kühn, aber sie leistete ernstlichen Widerstand und drohte mir, sie werde schreien, wenn ich sie nicht in Ruhe lasse. Da meine Glut nur berechnet war, machte es mir keine Mühe, mich zu bezähmen. Ich bat sie, mein Haus augenblicklich zu verlassen. Sie tat das und nahm ihre Schwester mit. Als ich am Abend ins Theater ging, sprach ich bei Maisonneuve vor, um zu hören, was es Neues gäbe. Er sagte mir, der Büttel habe die Mutter ins Gefängnis schaffen lassen, und die jüngste sei mit ihr gegangen; was aus den anderen vier geworden sei, wisse er nicht. Ich ging sehr traurig nach Hause, denn ich machte mir beinahe einen Vorwurf, kein Mitleid mit ihnen gehabt zu haben; aber im Augenblick, wo ich mich zum Abendessen niedersetzen wollte, standen sie auf einmal vor mir wie vier Magdalenen. Die älteste, die ihre Wortführerin war, sagte mir, ihre Mutter sei im Gefängnis, und sie müßten die Nacht auf der Straße verbringen, wenn ich nicht so menschlich wäre, ihnen ein Zimmer zu gönnen, wäre es auch eins ohne Bett. »Sie sollen Zimmer, Bett und ein gutes Feuer haben! Aber ich will Sie essen sehen. Nur schnell, setzen Sie sich!« Da leuchteten ihre Augen freudig auf. Ich ließ alles heraufbringen, was in der Küche fertig war; sie aßen viel, aber sie waren traurig und tranken nur Wasser. »Ihre Traurigkeit und Ihre Enthaltsamkeit langweilen mich,« sagte ich zu der ältesten; »Sie können mit Ihren Schwestern nach dem zweiten Stock hinaufgehen; Sie werden dort alles finden, um die Nacht bequem zu verbringen; aber morgen früh um sieben Uhr müssen Sie gehen. Lassen Sie sich niemals wieder hier sehen!« Sie gingen hinauf, ohne ein Wort zu sagen. Als ich eine Stunde später zu Bett gehen wollte, trat die älteste in mein Zimmer und sagte zu mir, sie habe mit mir unter vier Augen zu sprechen. Ich schickte meinen Neger hinaus und forderte sie auf, sich zu erklären. »Was werden Sie für uns tun, wenn ich Ihr Lager teile?« »Ich werde Ihnen zwanzig Guineen geben und werde Sie alle bei mir wohnen und essen lassen, solange Sie gut sind.« Ohne ein Wort zu sagen, begann sie sich auszuziehen. Sie stellte sich zu meiner Verfügung; aber ich fand nur Unterwürfigkeit, und sie beehrte mich nicht einmal mit einem einzigen Kuß. Angeekelt von einer Gefühllosigkeit, die beleidigend war, weil sie nur berechnet sein konnte, stand ich nach einer Viertelstunde auf, gab ihr eine Banknote von zwanzig Guineen und befahl ihr in schroffem Ton, sich wieder anzukleiden und auf ihr Zimmer zu gehen. »Morgen früh werden Sie alle mein Haus verlassen, denn ich bin unzufrieden mit Ihnen. Sie haben sich erniedrigt, indem Sie sich prostituierten, anstatt sich der Liebe hinzugeben. Ich schäme mich für Sie!« Sie gehorchte, ohne ein Wort zu sagen, und ich schlief sehr unzufrieden ein. Am anderen Morgen um sieben Uhr fühlte ich eine leichte Hand, die mich leise rüttelte; ich schlug die Augen auf und sah zu meiner Überraschung, daß es die zweite war. »Was wollen Sie?« fragte ich sie kalt und abwehrend. »Ich wünsche Ihr Mitleid zu erregen und Sie zu veranlassen, daß Sie uns noch einige Tage behalten. Sie können auf meine Dankbarkeit rechnen. Meine Schwester hat mir alles gesagt. Sie sind unzufrieden mit ihr, aber verzeihen Sie ihr; sie hat nicht anders handeln können, denn ihr Herz ist schon gebunden. Sie liebt einen Italiener, der im Schuldgefängnis sitzt.« »Ich denke mir, Sie sind ebenfalls in irgendeinen verliebt?« »Nein, ich liebe noch keinen.« »Und Sie würden mich lieben können?« Sie schlug ihre Augen nieder und drückte leise meine Hand. Ich zog sie sanft an mich und umarmte sie. Als ich ihre Lippen meine Küsse erwidern fühlte, rief ich: »Sie haben gesiegt!« »Ich heiße ja auch Victoria.« »Der Name gefällt mir, und es wird mir Vergnügen machen, ihn zu bestätigen.« Victoria war zärtlich und gefühlvoll, und ich verbrachte mit ihr zwei köstliche Stunden, die mich reichlich für die unangenehme Viertelstunde entschädigten, die ihre Schwester mir gewidmet hatte. Nach unserer ersten Liebestat sagte ich zu ihr: »Meine liebe Victoria, ich bin ganz dein; laß deine Mutter hierher bringen, sobald sie frei ist. Hier sind zwanzig Guineen für dich.« Sie hatte dies nicht erwartet. In ihrer angenehmen Überraschung schlug ihr freudig das Herz; ihre Augen waren feucht von Liebe und Dankbarkeit. Sie konnte nicht sprechen, aber ihr Gesicht strahlte vor Freude. Ich war glücklich, und ich glaube, an meinem Glück hatte das Gefühl, eine gute Tat vollbracht zu haben, ebensoviel Anteil wie der gehabte Liebesgenuß. Der tugendhafteste Mensch wie der verderbteste ist ein Gemisch seltsamster Bestandteile! Ich befahl sofort, in Zukunft regelmäßig für acht Personen zu kochen, und schloß meine Tür vor jedermann mit Ausnahme Goudars. Ich trieb eine tolle Verschwendung, und ich fühlte, daß meine Mittel sich ihrem Ende nahten; aber ich genoß und ich dachte, ich würde in Lissabon neue Mittel finden. Gegen Mittag kam die Mutter in einer Sänfte an; sie legte sich sofort zu Bett; ich machte ihr meinen Besuch und hörte, ohne mich zu wundern, die Lobsprüche an, die sie meinen Tugenden zollte. Ich sollte glauben, sie sei überzeugt, daß ich die vierzig Guineen ihrer Tochter nur aus Großmut gegeben habe, und daß diese nicht etwa der Preis für die Huld ihrer Mädchen seien. Ich ließ sie gern in ihrer heuchlerischen Selbstgefälligkeit. Am Abend führte ich sie nach Covent-Garden, wo der Kastrat Tenducci mir zu meiner großen Überraschung seine Ehefrau vorstellte, von der er zwei Kinder hatte. Er lachte über die Leute, die behaupteten, er könne als Kastrat keine Nachkommenschaft haben. Die Natur hatte ihn als Mißgeburt geschaffen, damit er Mann bleiben könnte; er war triorchis, und da ihm bei der Operation nur zwei Hoden fortgenommen waren, so genügte ihm der verbleibende, um seine Manneskraft zu bestätigen. In meinen kleinen Harem zurückgekehrt, hatte ich ein köstliches Abendessen mit den fünf Nymphen, die von einer reizenden Fröhlichkeit waren; hierauf verbrachte ich eine Nacht voller Liebe mit Victoria, die sich Glück wünschte, meine Eroberung gemacht zu haben. Sie erzählte mir, der Liebhaber ihrer Schwester sei ein neapolitanischer Marchese Petina; er werde sie heiraten, sobald er aus dem Gefängnis herauskomme; er erwarte Geld, und ihre Mutter sei entzückt über die Aussicht ihrer Tochter, eine Marchesa zu werden. »Wieviel ist denn dieser Marchese schuldig?« »Zwanzig Guineen.« »Und wegen eines solchen Bettels läßt der neapolitanische Gesandte ihn im Gefängnis? Das ist sehr merkwürdig!« »Er will ihn nicht empfangen, weil der Marchese Neapel ohne Erlaubnis seines Königs verlassen hat.« »Sage deiner Schwester: wenn der neapolitanische Gesandte mir die Versicherung gäbe, daß Petinas Angabe in betreff seines Namens richtig sei, so würde ich ihn sofort aus dem Gefängnis erlösen.« Ich ging aus, um meine Tochter und eine andere Pensionärin, die ich sehr gern hatte, zum Essen einzuladen. Unterwegs sprach ich bei dem sehr liebenswürdigen Marchese Caraccioli vor, dessen Bekanntschaft ich in Turin gemacht hatte. Ich fand bei ihm den berühmten Chevalier d'Eon und brauchte ihn nicht beiseite zu nehmen, um meine Erkundigungen über Petina einzuziehen. »Der junge Mensch,« antwortete mir der Gesandte, »ist wirklich das, wofür er sich ausgibt. Aber ich werde ihn nicht empfangen und ihm kein Geld geben, bevor er mir nicht durch den Marchese Tanucci schreiben läßt, daß er Erlaubnis hat, auf Reisen zu gehen.« Mehr wollte ich nicht von ihm wissen; aber ich blieb noch eine Stunde bei ihm und hörte mit großem Vergnügen den Chevalier d'Eon seinen Handel erzählen: Er hatte die französische Botschaft verlassen, weil das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Versailles ihm zehntausend Livres, auf die er Anspruch hatte, nicht auszahlen wollte. Er hatte sich unter den Schutz der englischen Gesetze gestellt und, nachdem er zweitausend Subskribenten zu einer Guinee gefunden hatte, einen großen Quartband in Druck gegeben, worin er alle Briefe, die er seit fünf oder sechs Jahren vom französischen Ministerium empfangen hatte, der Öffentlichkeit übergab. Zu jener Zeit hatte ein Londoner Bankier zwanzigtausend Pfund in der Englischen Bank hinterlegt und diesen Betrag öffentlich zur Wette ausgeboten, daß der Chevalier d'Eon ein Weib sei. Eine Gesellschaft nahm die Wette an; aber man konnte sie nur zum Austrag bringen, wenn d'Eon sich in Gegenwart von Zeugen untersuchen lassen wollte. Man hatte ihm die Hälfte des Einsatzes angeboten, aber der Chevalier hatte die Wetter ausgelacht. Er sagte, eine solche Untersuchung würde ihn entehren, einerlei, ob er Mann oder Weib wäre. Caraccioli sagte ihm, die Untersuchung könne ihn nur entehren, falls er ein Weib sein sollte. Ich war gerade der entgegengesetzten Ansicht. Nach einem Jahre wurde die Wette für ungültig erklärt; aber drei Jahre darauf wurde er vom König von Frankreich begnadigt und erschien in weiblicher Kleidung und mit dem Ludwigskreuz geschmückt bei Hof. Ludwig der Fünfzehnte hatte das Geheimnis seines Geschlechts von Anfang an gewußt; aber Kardinal Fleury hatte ihn gelehrt, daß Herrscher undurchdringlich sein müssen, und Ludwig war das sein ganzes Leben lang. Ich ging nach Hause und gab der Hannoveranerin zwanzig Guineen indem ich ihr sagte, sie solle ihren Marchese holen und ihn zum Essen mitbringen, denn ich wolle ihn gern kennen lernen. Ich glaubte, sie würde vor Freude toll werden. Im Einverständnis mit Victoria und ohne Zweifel auch mit ihrer Mutter entschloß die dritte sich ebenfalls, die zwanzig Guineen zu verdienen, und dies wurde ihr nicht schwer. Um sie hatte Lord Pembroke sich mit besonderer Vorliebe beworben. Die fünf Mädchen waren gleichsam fünf leckere Gerichte, die ein Feinschmecker sich nach und nach leistet; meiner guten Natur verdankte ich es, daß das letzte Gericht mir immer am besten mundete. Diese dritte hieß Auguste. Am nächsten Sonntag sah ich mich in zahlreicher Gesellschaft. Ich hatte meine Tochter und ihre reizende Freundin, die Cornelis mit ihrem Sohn zu Tisch. Sophie wurde von den Hannoveranerinnen mit Küssen überdeckt, und ich selber gab ihrer Freundin, Miß Nancy Stein, hundert Küsse. Sie war erst dreizehn Jahre alt; aber ihre frühen Reize und ihre vollkommene Schönheit regten alle meine Sinne auf. Man schrieb meine Zärtlichkeit einem verwandtschaftlichen Gefühl zu, einer väterlichen Liebe; aber, ach, sie war von sehr fleischlicher Natur. Diese Miß Nancy, die in meinen Augen etwas Göttliches hatte, war die Tochter eines reichen Kaufmanns. Ich sagte ihr, es sei mein sehnlicher Wunsch, ihren Vater kennen zu lernen, und sie antwortete mir, ihr Vater habe bereits das gleiche Bedürfnis empfunden und sich vorgenommen, mich gerade an diesem Sonntag aufzusuchen. Hocherfreut über dieses Zusammentreffen unserer Wünsche befahl ich, ihn einzulassen, sobald er kommen würde. Der arme Marchese Petina war der einzige von uns, der eine traurige Rolle spielte. Er war ein ziemlich gut gewachsener junger Mann, aber mager, abstoßend häßlich und haarsträubend dumm. Er dankte mir mit den Worten, es sei sehr vernünftig von mir gewesen, daß ich die Gelegenheit benutzt habe, ihm gefällig zu sein; denn er sei überzeugt, es werde der Fall eintreten, daß er mir meine Güte hundertfach vergelten könnte. Ich hatte meiner Tochter sechs Guineen gegeben, um sich einen Pelz zu kaufen. Sie führte mich in ein Zimmer, um ihn mir zu zeigen, und ihre Mutter folgte ihr und wünschte mir Glück zu dem schönen Harem, den ich mir zugelegt hätte. Bei Tisch herrschte eine reizende Fröhlichkeit. Ich saß zwischen meiner Tochter und Miß Nancy Stein. Ich fühlte mich glücklich; als wir bei den Austern waren, kam Mister Stein. Er umarmte seine Tochter mit jener ausgesuchten Zärtlichkeit, die, wie ich glaube, gerade den englischen Eltern ganz besonders eigentümlich ist. Mister Stein hatte bereits gespeist; trotzdem aß er vier Schüsseln mit etwa hundert Austern. In der Zubereitung dieses Gerichtes war mein Koch einzig in seiner Art. Auch meinem Champagner tat mein Gast alle Ehre an. Wir verbrachten drei Stunden bei Tisch; hierauf gingen wir in den dritten Stock, wo Sophie entzückend Klavier spielte und die Lieder begleitete, die ihre Mutter sang. Der kleine Cornelis glänzte durch sein Flötenspiel. Mister Stein beteuerte mir, er habe sich in seinem Leben noch nicht so gut unterhalten; vielleicht komme das allerdings auch ein bißchen daher, daß in England an Sonn- und Festtagen das Vergnügen eine verbotene Frucht sei. Dieser kleine Hieb bewies mir, daß Stein Geist hatte, obwohl er sehr schlecht französisch sprach. Er entfernte sich um sieben Uhr, nachdem er meiner Tochter, die er nebst ihrer reizenden Nancy nach ihrer Pension zurückbrachte, einen sehr schönen Ring geschenkt hatte. Marchese Petina sagte mir in tölpelhafter Weise, er wisse nicht, wo er ein Zimmer finden solle. Ich konnte mir natürlich leicht denken, was er wollte. Aber ich sagte ihm, für Geld würde er überall eines finden. Hierauf nahm ich seine Geliebte beiseite und gab ihr eine Guinee für ihn, bat sie aber zugleich, ihm zu sagen, er möchte nur wiederkommen, wenn ich ihn einlüde. Als alle Fremden fort waren, ging ich mit den fünf Schwestern in das Zimmer ihrer Mutter; diese befand sich vortrefflich: sie aß, trank, schlief gut und viel und tat den ganzen Tag nichts, denn sie las und schrieb nicht einmal. Sie genoß in der vollen Bedeutung des Wortes den Genuß des dolce far niente. Indessen sagte sie mir, sie denke fortwährend an ihre Familie, die nur glücklich sei, wenn sie ihre Gebote befolge. Ich konnte mich kaum des Lachens erwehren, begnügte mich jedoch damit, ihr zu sagen: »Wenn diese Gebote diejenigen sind, die Ihre reizenden Mädchen befolgen, so finde ich sie weiser als die des Solon.« Zugleich zog ich Auguste auf meinen Schoß und sagte zu ihr: »Frau Gräfin, gestatten Sie mir, Ihre reizende Tochter zu umarmen!« Statt mir geradezu zu antworten, hielt die Heuchlerin mir eine lange Predigt, um die Berechtigung eines väterlichen Kusses zu beweisen. Unterdessen beglückte Auguste mich insgeheim mit den zärtlichsten Liebkosungen. H6H O Zeiten, o Sitten! Als ich am andern Morgen an meinem Fenster stand, kam der Marchese Caraccioli vorbei und fragte mich, ob er eintreten dürfe. Selbstverständlich begrüßte ich ihn mit der größten Freude. Nach einigen Augenblicken ließ ich die älteste herunterkommen und sagte dem Gesandten, sie werde den Marchese Petina heiraten, sobald er das erwartete Geld erhalten habe. Hierauf sagte Caraccioli zu ihr: »Mein Fräulein, Ihr Geliebter ist allerdings der Marchese Petina; aber er ist arm und wird niemals einen Heller erhalten. Wenn er nach Neapel zurückkehrt, wird der König ihn einsperren lassen, und wenn er wieder in Freiheit gesetzt wird, werden seine Gläubiger ihn sofort in das Schuldgefängnis der Vicaria bringen lassen.« Dieser gutgemeinte Rat blieb ohne Wirkung. Als der Minister fort war, zog ich Reitkleider an, da ich einen Spazierritt machen wollte. Auguste sagte mir: wenn ich wolle, werde ihre Schwester Hippolyta mich begleiten; denn sie reite wie ein Stallmeister. »Das ist ja scherzhaft; laß sie doch mal herunterkommen.« Hippolyta kam und bat mich, ich möge ihr doch dieses Vergnügen bereiten, denn ich werde Ehre mit ihr einlegen. »Recht gern, aber haben Sie einen Männeranzug oder ein Reitkleid?« »Nein.« »Dann müssen wir also die Partie bis morgen verschieben.« Noch an demselben Tag ließ ich ihr die Herrenkleider anfertigen, deren sie bedurfte, und ich verliebte mich in sie, als Pégu ihr das Maß zu den Hosen nahm. Am nächsten Tage war alles fertig, und unser Spazierritt war wirklich reizend, denn das Mädchen wußte ihr Pferd mit einer überraschenden Anmut und Geschicklichkeit zu lenken. Nach einem ausgezeichneten Abendessen, wobei es an Wein so wenig fehlte wie an Heiterkeit, begleitete Hippolyta glückstrahlend Auguste in mein Zimmer und half ihr beim Auskleiden. Als sie ihr den Gutnacht- Kuß gab, bat ich sie, mir auch einen zu geben. Sie tat es sofort. Nachdem wir ein wenig gescherzt hatten, machte Auguste aus dem Scherz Ernst, indem sie zu ihr sagte, sie solle sich neben mich legen. Ohne mich zu fragen, ob es mir recht sei, tat sie es sofort; so sicher war sie, meinen eigenen Wünschen zu entsprechen. Die Nacht wurde aufs beste angewandt, und ich hatte mich über Mangel an Anregung nicht zu beklagen. Indessen war Auguste vernünftig und überließ den besten Teil unserer Neuen. Am nächsten Nachmittag ritten wir wieder aus, immer von Jarbe begleitet, der ebenfalls sehr gut ritt. Hippolyta setzte mich im Richmond- Park durch ihre Geschicklichkeit in die größte Verwunderung; sie lenkte alle Blicke auf sich. Sehr zufrieden kamen wir von unserem Spazierritt nach Hause und setzten uns sofort zum Abendessen nieder; beim Essen bemerkte ich, daß Gabriele, die jüngste, traurig aussah und mit mir schmollte. Ich fragte sie nach dem Grunde, und sie sagte mir mit jenem etwas trotzigen Ausdruck, der einem Kinde so gut steht: »Ich reite doch ebensogut wie meine Schwester.« »Gut! Übermorgen sollen Sie das Vergnügen haben.« Sofort wurde sie wieder guter Laune. Ich lobte nun Hippolytas Geschicklichkeit und fragte sie, wo sie denn reiten gelernt habe. Sie lachte laut auf und sagte mir, als ich sie überrascht nach der Ursache ihres Lachens fragte: »Ich lache, weil ich niemals Unterricht gehabt habe; ich habe nur viel Mut und einige natürliche Geschicklichkeit.« »Und hat deine Schwester reiten gelernt?« »Nein,« sagte Gabriele, »aber ich werde es ebensogut machen wie sie.« Dies erschien mir nicht glaublich; denn Hippolyta schwebte sozusagen auf ihrem Pferde und ritt wie ein Stallmeister. In der Hoffnung, daß ihre Schwester ihrem Beispiel folgen würde, sagte ich zu ihnen, ich würde sie alle beide mitnehmen, und als sie das Versprechen hörten, jauchzten sie vor Freude laut auf. Gabriele war erst fünfzehn Jahre alt; ihre Formen waren üppig, aber noch nicht vollkommen entwickelt; sie versprachen jedoch eine vollkommene Schönheit, sobald sie reif sein würde. Mit einer anmutigen Naivität sagte sie zu ihrer Schwester, sie wolle mit mir in mein Zimmer gehen. Ich nahm dies gerne an, ohne mich darum zu bekümmern, ob vielleicht das ganze Komplott hinter meinem Rücken von ihnen verabredet wäre. Als wir allein waren, sagte sie mir sofort, sie habe noch nie einen Liebhaber gehabt. Sie erlaubte mir mit einer naiven Sanftmut, mich davon zu überzeugen. Gabriele war so schön, daß sie von den fünf Nymphen am leichtesten mich hätte dauernd fesseln können, wenn dies überhaupt möglich gewesen wäre. Ihretwegen bedauerte ich es, daß die Mutter sich wenige Tage später zur Abreise entschloß, die ich etwas überstürzt fand. Am Morgen gab ich ihr die ihr zukommenden zwanzig Guineen und außerdem einen schönen Ring zum Zeichen meiner ganz besonderen Liebe; hierauf verbrachten wir den Tag damit, ihren Anzug für den Spazierritt, den wir am nächsten Tage machen wollten, in Ordnung bringen zu lassen. Gelehrig den Weisungen ihrer Schwester folgend, ritt Gabriele, wie wenn sie zwei Jahre Unterricht gehabt hätte. Wir ritten im Schritt zur Stadt hinaus; sobald wir aber draußen waren, sprengten wir in sausendem Galopp bis Bame (?), wo wir Halt machten, um zu frühstücken. Wir hatten diesen Ritt in fünfundzwanzig Minuten gemacht, obwohl die Entfernung zehn englische Meilen beträgt. Das wird denen, die die Schnelligkeit der englischen Renner nicht kennen, unglaublich erscheinen; wir waren aber ganz hervorragend gut beritten. Meine beiden Amazonen waren entzückend in ihrem Glückstaumel. Ich betete sie an und war selig, daß ich sie so glücklich machte. Gerade als wir wieder zu Pferd steigen wollten, kam Pembroke, der nach St. Albans ritt. Er hielt an und bewunderte meine beiden Begleiterinnen, die mit großer Anmut ihre Pferde tanzen ließen. Da er sie nicht sofort erkannte, bat er mich um Erlaubnis, ihnen den Hof machen zu dürfen. Ich lachte bei mir selber. Endlich erkannte er sie und sprach mir seinen Glückwunsch aus, indem er mich zugleich fragte, ob ich Hippolyta liebte. Seine Absicht erratend, antwortete ich ihm, ich liebte nur Gabriele. »Schön! Erlauben Sie mir, Sie zu besuchen?« »Daran dürfen Sie doch nicht zweifeln!« Nach einem freundschaftlichen shake-hands ließen wir unseren Pferden die Zügel schießen, und bald waren wir in London. Gabriele war so müde, daß sie sich sofort zu Bett legte. Sie schlief in einem Zuge bis zum nächsten Morgen, ohne daß ich ihren süßen Schlummer störte. Als sie sich beim Erwachen in meinen Armen fand, begann sie zu philosophieren: »Wie leicht ist es doch, sich auf dieser Welt glücklich zu machen, wenn man reich ist! Aber wie schmerzlich ist es, das aus Mangel an Geld nicht zu können, wenn man schon das Glück vor sich sieht! Gestern war ich das glücklichste Geschöpf, und warum kann ich es nicht alle Tage meines Lebens sein? Ich wäre gern einverstanden, daß mein Leben nur noch ein paar Jahre dauern sollte, wenn ich das Recht hätte, es nach meinem Belieben auszufüllen.« Ich stellte ebenfalls Betrachtungen an, aber diese waren recht trauriger Natur. Ich sah meine Mittel auf die Neige gehen und dachte an Lissabon. Wäre mein Vermögen unerschöpflich gewesen, so hätten diese jungen Hannoveranerinnen mich mit Leichtigkeit bis an das Ende meines Lebens in ihren zarten Banden halten können. Es war mir, wie wenn ich sie nicht wie ein Liebhaber, sondern wie ein Vater liebte, und daß ich mit ihnen schlief, erhöhte nur mein zärtliches Gefühl. Gabriele sprach mit ihren Augen zu mir, und ich las in diesen nur Liebe. War es möglich, daß ihre Liebe, losgelöst von allen jenen Vorurteilen, die unsere Erziehung tief in unsere Herzen prägt, keine Tugend war? Ich habe mir dieses nie vorstellen können. Am nächsten Tage besuchte Pembroke uns und lud sich bei mir zum Essen ein. Auguste bezauberte ihn. Er machte ihr Vorschläge, über die sie nur lachte; denn er stellte immer die Bedingung, erst nachher bezahlen zu wollen, und von solcher Einschränkung wollte sie nichts wissen. Trotzdem gab er ihr beim Fortgehen eine Zehnpfundnote, die sie mit vieler Anmut entgegennahm. Am nächsten Tage schrieb er ihr einen Brief, auf den ich sofort zurückkommen werde. Gleich nachdem der Lord gegangen war, ließ die Mutter mich bitten, zu ihr zu kommen. Nach einer sentimentalen Vorrede über meine Großmut, meine Tugenden und die Wohltaten, die ich unaufhörlich ihrer ganzen Familie angedeihen lasse, sagte sie mir folgendes: »Ich bin überzeugt, daß Sie für meine Töchter die Liebe eines zärtlichen Vaters hegen, und wünsche daher, daß sie wirklich Ihre Töchter werden, wie sie die meinigen sind. Ich biete Ihnen Herz und Hand an: werden Sie mein Gemahl: Sie werden ihr Vater, ihr Herr und der meinige sein. Was antworten Sie mir?« Ich mußte mir heftig auf die Lippen beißen, um nicht mit einem Gelächter zu antworten, das trotz aller meiner Anstrengung loszubrechen drohte. Doch gaben mir Erstaunen, Verachtung und Entrüstung über ihre unbegreifliche Frechheit bald meine Kaltblütigkeit wieder. Ich sah klar und deutlich, daß die abgefeimte Heuchlerin sicherlich auf eine schroffe Abweisung gerechnet und daß sie mir diesen lächerlichen Vorschlag nur gemacht hatte, um mir vorzureden, sie glaube wirklich, daß ihre Töchter in meinen Händen Jungfrauen geblieben seien, und daß ich das viele Geld nur aus zärtlicher Liebe zu ihrer Unschuld ausgegeben haben. Ohne jeden Zweifel wußte sie das Gegenteil; aber sie wollte den äußeren Anschein erwecken, wie wenn sie sich durch diesen Schritt rechtfertigte. Sie wußte, daß ich in ihrem Antrag eine Beleidigung erblicken mußte, aber daraus machte sie sich sehr wenig. Um es nicht zu einem offenen Streit kommen zu lassen, sagte ich ihr: ihr Antrag sei natürlich eine große Ehre für mich; da er jedoch von so hoher Wichtigkeit sei, so bitte ich sie, mir gütigst einige Zeit zu lassen, um darüber nachzudenken. Ich ging in mein Zimmer zurück und fand dort die Geliebte des elenden Marchese Petina. Sie sagte mir, ihr Glück hänge davon ab, daß der neapolitanische Gesandte durch ein Zeugnis bescheinige, daß ihr Liebhaber wirklich der Marchese Petina sei. Diese Bescheinigung brauche er, um sofort zweihundert Guineen zu erhalten; dieses Geld sei dazu bestimmt, um die Reisekosten nach Neapel für ihn und sie zu decken. Sie sei sicher, daß er sie sofort nach seiner Ankunft heiraten werde. »Dort wird er sehr leicht die Verzeihung des Königs erlangen. Nur Sie können mir unter diesen Umständen behilflich sein; ich empfehle mich daher Ihrer Güte.« Ich versprach ihr, alles aufzubieten, was in meinen Kräften stehe. Wirklich begab ich mich sofort zum Gesandten, der durchaus keine Schwierigkeit machte, die Identität des Marchese zu bestätigen. Damit sah die sonst so kalte Schönheit ihre sehnlichsten Wünsche erfüllt, und sie war vor Dankbarkeit ganz gerührt; ich bekam jedoch keine Lust, eine Betätigung derselben von ihr zu verlangen. Siebzehntes Kapitel Auguste wird durch einen förmlichen Vertrag Geliebte des Lord Pembroke. – Der Sohn des Königs von Korsika. – Herr du Claude oder der Jesuit Lavalette. – Abreise der Hannoveranerinnen. – Meine Bilanz. – Der Baron von Stenau. – Die Engländerin und das Denkzeichen, das sie mir läßt. – Daturi. – Meine Flucht aus London. – Der Graf von Saint-Germain. – Wesel. Lord Pembroke war in Auguste so verliebt, daß er ihr schriftlich folgendes Anerbieten machte: monatlich fünfzig Guineen auf drei Jahre, dazu Wohnung, Unterhalt, Dienerschaft, Wagen und Pferde in St. Albans, ohne die Geschenke zu rechnen, die sie von seiner zärtlichen Dankbarkeit erwarten dürfte, wenn sie die Liebe teilte, die sie ihm eingeflößt hätte. Auguste übersetzte mir Mylords Brief und fragte mich um Rat. Ich antwortete ihr: »Ich kann Ihnen keinen Rat geben; Sie dürfen nur Ihrem Herzen und Ihrem eigenen Vorteil folgen.« Sie ging zu ihrer Mutter, die aber keinen Entschluß fassen wollte, ohne meinen Rat zu hören, da ich, wie sie sagte, der weiseste und tugendhafteste aller Menschen sei. Ich bezweifle sehr, daß mein Leser die Ansicht dieser Mutter teilt; aber ich bin ihm darum nicht böse, denn ich dachte und denke genau so wie mein Leser. Endlich wurde beschlossen, daß Auguste den Antrag annehmen sollte, sobald ein ehrbarer Kaufmann von der Londoner Börse die Bürgschaft für Lord Pembroke übernommen hätte; denn mit ihrer Schönheit, ihrem guten Charakter, ihrem ausgezeichneten Benehmen wäre es unmöglich, daß sie nicht bald Lady Pembroke würde. Nach der Meinung der Mutter konnte es nicht anders sein, denn wenn sie daran hätte zweifeln können, würde sie niemals ihre Einwilligung gegeben haben, da ihre Tochter als Gräfin nicht die Geliebte irgendeines Menschen werden könnte, und wäre er noch so vornehm. Diesem Entschluß entsprechend schrieb Auguste an Mylord, der binnen drei Tagen die Angelegenheit in Ordnung brachte. Der Kaufmann unterzeichnete den Vertrag als Bürge, und ich selber hatte die ungeheure Ehre, das Schriftstück als Zeuge und Freund der Mutter zu unterschreiben; ich führte den Kaufmann zu ihr, und sie unterschrieb vor seinen Augen die Abredung ihrer Tochter, die er als Zeuge beglaubigte. Den Lord Pembroke wollte sie nicht sehen, aber sie umarmte ihre Tochter, mit der sie noch ein Gespräch hatte, das ich nicht hörte. An demselben Tage, als Auguste mein Haus verließ, hatte ich ein eigentümliches Erlebnis, das ich berichten will: Am Tage, nachdem ich der Braut des Marchese Petina die Bescheinigung des neapolitanischen Gesandten gegeben hatte, war ich mit meiner lieben Gabriele und mit ihrer Schwester Hippolyta spazieren geritten. Als ich nach Hause kam, hatte ich vor meiner Tür einen Herrn gefunden, der sich Sir Frederick nennen ließ; er war angeblich der Sohn des Königs von Korsika, Theodor Freiherrn von Neuhof, der, wie alle Welt weiß, in London gestorben war. Herr Frederick bat mich um eine geheime Unterredung; als wir allein waren, sagte er mir, er wisse, daß ich den Marchese Petina kenne, und da er im Begriff stehe, ihm einen Wechsel von zweihundert Guineen diskontieren zu lassen, so brauche er eine Auskunft, ob der Marchese in seiner Heimat in den Verhältnissen sei, um den Wechsel bei Verfall einzulösen. »Es ist für mich wichtig, dies zu wissen; denn die Geldgeber verlangen, daß ich den Wechsel giriere.« »Mein Herr, ich kenne den Marchese seit einiger Zeit, weiß aber nicht, ob er Vermögen hat; ich weiß nur vom neapolitanischen Gesandten, daß er ohne jeden Zweifel wirklich der Marchese Petina ist.« »Würden Sie, falls die Personen, mit denen ich in Unterhandlung stehe, von dem Geschäft zurücktreten sollten, selber geneigt sein, den Wechsel zu diskontieren? Sie würden ihn billig bekommen.« »Ich mache keine Geschäfte, und es liegt mir durchaus nichts an Gewinnen dieser Art. Leben Sie wohl, Sir Frederick!« Am nächsten Tage sagte Goudar mir, ein Herr du Claude wünsche mich zu sprechen. »Was ist das für ein Herr du Claude?« »Es ist der berühmte Jesuit Lavalette, der den berühmten Bankerott machte, durch den die Gesellschaft Jesu in Frankreich zugrunde gerichtet wurde. Er hat sich unter einem angenommenen Namen nach London zurückgezogen; er muß viel Geld besitzen, und ich würde Ihnen raten, ihn anzuhören.« »Ein Jesuit und Bankerotteur, – das sind schlechte Empfehlungen!« »Das macht nichts, ich habe ihn in einem guten Hause kennen gelernt, und er hat sich an mich gewandt, da er weiß, daß ich Sie kenne. Was sagen Sie dabei, wenn Sie ihn anhören?« »Eigentlich nichts, aber ...; nun gut, Sie können mich zu ihm führen; auf diese Weise wird es für mich leichter sein, einer engeren Verbindung auszuweichen, als wenn er zu mir käme.« Goudar ging zu Lavalette, um sich mit ihm zu besprechen, und führte mich am Nachmittag zu ihm. Übrigens war es mir ganz angenehm, einmal das Gesicht dieses Mannes zu sehen, dessen Gaunerei ein so kunstreich ersonnenes Werk der Hölle vernichtet hatte. Er empfing mich sehr herzlich. Nachdem Goudar uns allein gelassen hatte, zeigte er mir einen Wechsel von Petina und sagte: »Der junge Mann wünscht, daß ich ihm das Papier diskontiere; er hat mir gesagt, ich könne von Ihnen Auskunft über seine Mittel erhalten.« Ich antwortete dem hochwürdigen Vater Lavalette du Claude dasselbe, was ich dem Sohn des Königs von Korsika gesagt hatte, und entfernte mich, sehr ärgerlich auf diesen traurigen Bettel-Marchese, der mir solche dummen Belästigungen verursachte. Da ich sah, daß er ein Intrigant war, beschloß ich, der Sache ein Ende zu machen und ihm durch seine Hannoveranerin sagen zu lassen, daß er so etwas unterlassen solle; ich fand jedoch an diesem Tage keine Gelegenheit dazu. Nachdem ich am nächsten Tage einen Spazierritt mit meinen beiden Nymphen gemacht hatte, speiste ich mit ihnen und Lord Pembroke, der sich bei mir einlud; vergeblich erwartete ich Petinas Geliebte, die gegen ihre sonstige Gewohnheit nicht nach Hause kam. Um neun Uhr erhielt ich von ihr einen Brief, dem ein deutsch geschriebener Brief für ihre Mutter beilag. Sie schrieb mir: sie sei überzeugt, daß sie niemals die Einwilligung ihrer Mutter erhalten werde, und sei daher mit ihrem Liebhaber abgereist, der eine genügende Summe Geldes aufgetrieben habe, um die Reisekosten bis Neapel zu bestreiten; dort werde er sie sofort nach seiner Ankunft heiraten. Sie bat mich, ihre Mutter zu trösten und mit der Versicherung zu beschwichtigen, daß sie nicht mit einem Abenteurer abgereist sei, sondern mit einem adligen Kavalier ihresgleichen. Ein mitleidiges und verächtliches Lächeln kräuselte meine Lippen und machte die drei jungen Schwestern neugierig. Ich zeigte ihnen den Brief der älteren und forderte sie auf, mich zu ihrer Mutter zu begleiten. »Wir wollen lieber bis morgen warten,« sagte Victoria, »denn dieser schreckliche Brief würde ihr den Schlaf rauben.« Ich gab ihr recht, und wir aßen ziemlich traurig zu Abend. Ich hielt das unglückliche Mädchen für verloren und machte mir den Vorwurf, die unfreiwillige Ursache zu sein: denn wenn ich den Marchese nicht aus dem Gefängnis ausgelöst hätte, wäre das Unglück nicht geschehen. Marchese Caraccioli hatte recht gehabt, als er mir sagte, ich hätte ein dummes gutes Werk getan. Ich tröstete mich in den Armen meiner lieben Gabriele. Am Morgen hatte ich viel zu leiden, als ich die Verzweiflung der Mutter beschwichtigen mußte. Sie verfluchte die Tochter und den Verführer und machte mir Vorwürfe, daß ich ihn aus dem Gefängnis befreit hätte. Sie erging sich in den rührendsten und zugleich sonderbarsten Reden. Man muß niemals einem trauernden Menschen beweisen wollen, daß er unrecht hat; denn er kann dadurch ärgerlich werden und großen Schaden davon haben; läßt man ihn dagegen sich von selber beruhigen, so sieht er sein Unrecht ein und fühlt sich dem Freunde verpflichtet, der ihn ohne Widerspruch hat ausreden und sich dadurch erleichtern lassen. Nach diesem traurigen Ereignis verbrachte ich noch zwei sehr glückliche Wochen mit meiner Gabriele, die von Victoria und Hippolyta als meine Frau angesehen wurde. Wir machten uns gegenseitig auf jede mögliche Weise glücklich. Ich beglückte sie besonders durch meine Treue, denn ich behandelte ihre Schwestern, wie wenn sie meine eigenen gewesen wären und wie wenn ich die Gunst, die ich von ihnen erhalten hatte, völlig vergessen hätte. Niemals nahm ich mir Freiheiten mit ihnen heraus, die meiner Geliebten hätten mißfallen können; denn ich wußte, daß Freundschaft zwischen Frauen selten so weit geht, einander eine Nebenbuhlerschaft in der Liebe zu verzeihen. Übrigens hatte ich sie reichlich mit Kleidern und Wäsche ausgestattet; sie wohnten und aßen gut, ich ließ sie ins Theater gehen und machte Landpartien mit ihnen. Sie beteten mich an, wie wenn ich ein Gott gewesen wäre, und schienen zu glauben, dieses Glück müsse ewig dauern. Leider ging ich aber mit großen Schritten meiner völligen körperlichen und pekuniären Erschöpfung entgegen. Ich hatte kein Geld mehr und hatte alle meine Diamanten und anderen Edelsteine verkauft. Mir blieben nur noch Tabaksdosen, Uhren, Bonbonnieren – Kleinigkeiten, die ich liebte, und die ich nicht den Mut hatte zu verkaufen, denn ich hätte dafür nicht den fünften Teil von dem gelöst, was sie mir gekostet hatten. Seit einem Monat bezahlte ich weder die Rechnungen meines Kochs noch die meines Weinhändlers, und ich gefiel mir darin, ihre Sicherheit zu teilen. Ganz in meine Liebe zu Gabriele versunken, fand ich mein Glück darin, ihre Zärtlichkeit durch tausend Gefälligkeiten zu belohnen. In diesem glücklichen Zustande von Gleichgültigkeit befand ich mich, als eines Tages Victoria mir sehr traurig sagte, ihre Mutter habe sich entschlossen, nach Hannover zurückzukehren, da sie jede Hoffnung verloren habe, bei Hofe etwas zu erreichen. »Und wann gedenkt sie abzureisen?« »In drei oder vier Tagen.« »Ohne mir ein Wort zu sagen, wie wenn sie einen Gasthof verließe, nachdem sie mit dem Wirt abgerechnet hat?« »Oh nein, sie wünscht im Gegenteil mit Ihnen unter vier Augen zu sprechen.« Ich ging zu ihr. Sie beklagte sich in liebenswürdigstem Tone, daß ich sie niemals besuchte, und sagte dann: »Da Sie meine Hand ausgeschlagen haben, so will ich den Leuten nicht länger Anlaß zu Verleumdung und böser Nachrede geben. Ich danke Ihnen für alles Gute, das Sie meinen Töchtern getan haben, und will mit den dreien, die mir noch bleiben, lieber abreisen; denn sonst fürchte ich sie zu verlieren, wie ich meine beiden ältesten verloren habe. Wenn Sie wollen, können Sie mit uns kommen und, solange Sie Lust haben, ein hübsches Landhaus bewohnen, das ich in der Nähe der Hauptstadt besitze.« Ich konnte ihr nur antworten und ihr danken, meine Verhältnisse erlaubten mir nicht, ihr Anerbieten anzunehmen. Drei Tage darauf kam Victoria zu mir, als ich gerade aufstand, und sagte mir, um drei Uhr würden sie abfahren. Hippolyta und Gabriele wollten trotzdem ausreiten, wie wir am Tage vorher verabredet hatten; die guten Mädchen amüsierten sich, während ich mich in untröstlicher Trauer befand, wie immer, wenn ich mich von einer Geliebten trennen mußte. Als wir nach Hause kamen, legte ich mich sofort zu Bett, ohne Mittag zu essen; ich sah die drei Schwestern erst wieder, nachdem sie alle ihre Reisevorbereitungen getroffen hatten. Einen Augenblick vor ihrer Abfahrt stand ich auf, um nicht die Mutter in meinem Zimmer empfangen zu müssen. Ich betrat das ihrige in dem Augenblick, wo man sie in meinen Wagen tragen wollte, der vor meiner Tür auf sie wartete. Die Unverschämte dachte, ich würde ihr etwas für die Reise geben; als sie jedoch sah, daß ich durchaus nicht geneigt war, diese Hoffnung zu erfüllen, sagte sie mir mit einer Aufrichtigkeit, die ihr ohne Zweifel ganz unwillkürlich entschlüpfte: sie hätte in ihrer Börse hundertundfünfzig Guineen, die ich ihren Töchtern geschenkt hätte. Ihre Töchter standen dabei und zerflossen in Tränen. Als sie fort waren, ließ ich meine Tür vor jedermann verschließen und verbrachte drei traurige Tage damit, meine Bilanz zu ziehen. In einem Monat hatte ich mit den Hannoveranerinnen alles Geld verschwendet, das ich für meine Edelsteine bekommen hatte; außerdem hatte ich noch mehr als vierhundert Guineen Schulden. Ich beschloß, zur See nach Lissabon zu reisen, und verkaufte mein diamantenbesetztes Ordenskreuz, sechs oder sieben goldene Dosen, nachdem ich die Porträts herausgenommen hatte, alle meine Uhren mit Ausnahme einer einzigen und zwei große Koffer voll von Kleidern. Nachdem ich alle meine Rechnungen bezahlt hatte, fand ich mich im Besitz von achtzig Guineen. Dies war der Rest eines schönen Vermögens, das ich wie ein Narr oder wie ein Weiser verschwendet hatte – oder vielleicht wie ein Narr und ein Weiser. Ich verließ mein schönes Haus, worin ich so lustig gelebt hatte, und bezog ein Zimmerchen, wofür ich wöchentlich eine Guinee bezahlte. Ich behielt nur meinen Neger, an dessen Treue zu zweifeln ich keinen Anlaß hatte. Nachdem ich alle meine Maßregeln getroffen hatte, schrieb ich Herrn von Bragadino, er möchte mir sofort nach Empfang meines Briefes zweihundert Zechinen schicken. Ich brauchte nicht zu besorgen, dadurch das Geld, das für mich in Venedig stehen mußte, zu stark in Anspruch zu nehmen; denn ich hatte mir seit fünf Jahren nichts von dort schicken lassen. Ich beschloß also, von London abzureisen, ohne einen Heller Schulden zu hinterlassen und ohne die Börse irgendeines Menschen in Anspruch zu nehmen. So wartete ich denn ruhig auf die Ankunft des Wechsels aus Venedig, um mich von allen Bekannten zu verabschieden und mich nach Lissabon einzuschiffen, wo ich einmal sehen wollte, was das Glück mit mir vorhätte; aber diese Göttin hatte Böses mit mir im Sinne, und zwar fern von Lusitanien. Vierzehn Tage nach der Abreise der Hannoveranerinnen, gegen Ende Februar 1764, führte mich mein böser Stern in die Schenke zur Kanone, um dort nach meiner Gewohnheit in einem Zimmer für mich zu speisen. Man hatte den Tisch für mich gedeckt, und ich wollte mich eben niedersetzen, als der Baron Stenau mit der Serviette in der Hand eintrat und mich aufforderte, mein Essen in das Nebenzimmer bringen zu lassen, wo er mit seiner Geliebten allein sitze. »Ich bin Ihnen dankbar,« antwortete ich ihm; »denn wenn man allein ist, langweilt man sich.« Ich sah eine Engländerin, die ich schon einmal bei Sartori getroffen hatte, als der Baron so freigebig gegen sie gewesen war. Sie sprach italienisch und war talentvoll und schön; ihre Gegenwart entzückte mich, und wir speisten sehr fröhlich. Es war nach einer vierzehntägigen Enthaltsamkeit nicht zu verwundern, daß die hübsche Engländerin mir Begierden einflößte. Ich verbarg dies jedoch, denn ihr Geliebter gab den Ton an und schien sie mit Achtung zu behandeln. Ich nahm mir also keine weitere Freiheit heraus, als daß ich ihr sagte, der Baron scheine mir der glücklichste aller Menschen zu sein. Gegen Ende der Mahlzeit sah sie Würfel auf dem Kaminsims liegen; sie holte diese und sagte: »Wir wollen eine Guinee für Austern und Champagner ausspielen.« Natürlich konnte man das nicht ausschlagen, der Baron verlor und rief den Kellner, um ihm seine Bestellung zu machen. Als wir die Austern aßen, sagte sie: »Jetzt wollen wir das Mittagessen ausspielen.« Wir spielen; sie verliert. Es ärgerte mich, daß das Glück mich so bevorzugte. Ich wünschte zwei Guineen zu verlieren und schlug dem Baron vor, darum zu würfeln. Er war einverstanden, aber zu meinem großen Bedauern gewann ich. Er verlangt Revanche und verliert abermals. »Es tut mir leid, daß ich Ihnen Ihr Geld abnehme, und ich werde Ihnen Revanche bis hundert geben.« Er dankte mir, bestimmte die Einsätze und war mir in weniger als einer halben Stunde hundert Guineen schuldig. »Weiter!« rief er. »Mein lieber Baron, Sie sind im Unglück; Sie könnten zuviel verlieren, es ist besser, wir hören für diesmal auf.« Ohne mir für meine Höflichkeit Dank zu wissen, fluchte er gegen das Glück; dann stand er auf, nahm seinen Stock und Hut und sagte im Hinausgehen: »Wenn ich wiederkomme, werde ich Sie bezahlen.« Kaum war er hinaus, so sagte die schöne Engländerin zu mir: »Ich bin überzeugt, Sie haben Halbpart mit mir gespielt.« »Wenn Sie das erraten haben, werden Sie auch erraten haben, daß ich Sie reizend finde?« »Ich habe es bemerkt.« »Und ist es Ihnen unangenehm?« »Im Gegenteil – vorausgesetzt, daß ich das erste richtig erraten habe.« »Ich verspreche Ihnen fünfzig Guineen, sobald er mir die hundert bezahlt hat.« »Gut; aber der Baron darf nichts davon erfahren.« »Das versteht sich von selbst.« Kaum war die Vereinbarung geschlossen, so bewies ich ihr die Aufrichtigkeit meiner Neigung. Ich war sehr zufrieden mit ihrer Gefügigkeit und mit diesem Glücksschimmer in einem Augenblick, wo alles für mich so traurig aussah. Wie man sich denken kann, wurde die Sache sehr schnell abgemacht, denn die Tür war nur angelehnt. Ich hatte kaum soviel Zeit, sie zu fragen, wo sie wohne und welche Stunde ihr passe und besonders, ob ich große Rücksicht auf ihren Liebhaber nehmen müsse. Sie antwortete mir, er gebe ihr nicht genug, um beanspruchen zu können, daß sie ihm allein angehöre. Ich steckte ihre Adresse in meine Tasche und versprach ihr, die nächste Nacht mit ihr zu verbringen. Kurz darauf kam der Baron wieder und sagte zu mir: »Ich war bei einem Kaufmann, um mir diesen Wechsel diskontieren zu lassen; er wollte es aber nicht tun, obwohl der Wechsel von einem guten Lissaboner Hause an meine Ordre auf eins der ersten Häuser von Cadix auf Sicht gezogen ist.« Er zeigte mir die Unterschriften des Wechsels, und ich sah mit Verwunderung, daß der Betrag auf Millionen lautete. Der Baron sagte mir jedoch lachend, diese Millionen seien portugiesische Reis und der ganze Wechsel mache ungefähr fünfhundert Pfund Sterling aus. »Wenn die Unterschriften bekannt sind,« sagte ich zu ihm, »so wundere ich mich, daß man Ihnen die Diskontierung verweigert. Warum gehen Sie nicht zu ihrem Bankier?« »Ich kenne keinen. Ich kam mit tausend Lisbonninen in der Tasche hier an und habe diese ausgegeben. Da ich keinen Kreditbrief habe, so kann ich Ihnen die hundert Guineen nicht zahlen, wenn man mir nicht den Wechsel diskontiert. Falls Sie Bekannte an der Börse haben, könnten Sie mir wohl den Gefallen tun.« »Wenn die Unterschrift bekannt ist, werde ich es morgen früh machen können.« »Ich werde also den Wechsel girieren.« Er schrieb seinen Namen darauf, und ich versprach ihm, bis zum nächsten Mittag ihm entweder das Geld zu bringen oder ihm den Wechsel zurückzugeben. Er gab mir seine Adresse, lud mich zum Mittagessen ein, und wir trennten uns. Am nächsten Morgen ging ich zu Bosanquet, der mir sagte, Mister Leigh brauche Wechsel auf Cadix. Ich ging zu diesem Herrn, der bei dem Anblick des Wechsels ausrief, das Papier sei besser als Gold. Er berechnete den Diskont und gab mir fünfhundertundzwanzig Guineen, nachdem ich natürlich den Wechsel indossiert hatte. Ich ging zum Baron, zeigte ihm die Abrechnung und gab ihm das Geld, das ich erhalten hatte. Er dankte mir und gab mir meine hundert Guineen; hierauf speisten wir und sprachen von seiner Schönen. »Sind Sie sehr verliebt in sie?« fragte ich ihn. »Nein, denn ich habe noch andere, und wenn Sie ihnen gefällt, können Sie sich für zehn Guineen mit ihr belustigen.« Ich fand diese Erklärung anständig; doch dachte ich nicht daran, die Schöne um die ihr versprochene Summe zu betrügen. Ich begab mich vom Baron unmittelbar zu ihr, und sobald sie hörte, daß ihr Liebhaber bezahlt habe, bestellte sie ein köstliches Abendessen und bereitete mir eine so wollüstige Nacht, daß ich meine ganze Traurigkeit vergaß. Als ich ihr am Morgen die fünfzig Guineen gab, sagte sie mir, meine Ehrlichkeit solle mir zunutze kommen; sie werde mir daher, sooft ich wolle, für sechs Guineen ein Abendessen geben. Ich versprach ihr, sie oft zu besuchen. Am anderen Morgen erhielt ich mit der Stadtpost einen in schlechtem Italienisch geschriebenen Brief mit der Unterschrift: »Ihr gehorsamer Pate Daturi.« Dieser Pate war wegen Schulden im Gefängnis und bat mich, ihm ein paar Schillinge zu schenken, damit er sich etwas zu essen kaufen könnte. Ich hatte nichts zu tun; die Unterschrift meines Paten machte mich neugierig, und ich ging ins Gefängnis, um diesen Daturi zu sehen, von dessen Vorhandensein ich keine Ahnung hatte. Man zeigte mir einen schönen jungen Menschen von zwanzig Jahren, der mich gar nicht kannte und den ich ebenfalls zum ersten Male zu sehen glaubte. Ich zeigte ihm den Brief; er bat mich wegen der Belästigung um Verzeihung, zog ein Papier aus seiner Tasche und zeigte mir einen Taufschein. Ich sah darauf seinen und meinen Namen, die seiner Eltern, die Gemeinde in Venedig, worin er geboren war, und den Namen der Kirche, worin man ihn getauft hatte. Vergebens suchte ich mich zu besinnen; die Namen waren mir völlig unbekannt. »Wenn Sie mich gütigst anhören wollen, werde ich Sie auf den richtigen Weg bringen, indem ich Ihnen erzähle, was meine Mutter mir hundertmal gesagt hat.« »Nur zu; ich höre.« Seine Erzählung erweckte wirklich mein Gedächtnis. Der junge Mann, den ich als Sohn des Schauspielers Daturi über das Taufbecken gehalten hatte, war vielleicht mein eigener Sohn. Er war mit einer Seiltänzergruppe nach London gekommen, um die edle Rolle des Strohmanns oder Pagliazzo zu spielen. Er hatte sich mit seinen Leuten überworfen; man hatte ihn fortgeschickt, und er war zehn Pfund Sterling schuldig geworden. Wegen dieser Schuld saß er im Gefängnis. Ohne ihm etwas über das Geheimnis seiner Geburt oder vielmehr über meine Beziehungen zu seiner Mutter zu sagen, löste ich ihn sofort aus und sagte ihm, er solle jeden Morgen zu mir kommen; er werde täglich zwei Schillinge zu seinem Lebensunterhalt bekommen. Acht Tage nach dieser guten Handlung fühlte ich mich von einer abscheulichen Krankheit befallen, von welcher der Gott Merkur mich schon dreimal auf meine eigene Rechnung und Gefahr befreit hatte. Ich hatte drei Nächte bei der fatalen Engländerin zugebracht. Dieser Unfall kam mir besonders ungelegen, weil ich mich in einer so traurigen Lage befand. Mir stand eine lange Seereise bevor, und obwohl Venus den Fluten entstiegen ist, ist doch die Luft ihres Elements nicht eben günstig für die, die unter ihrer Ungnade leiden, wie es in diesem Augenblicke mit mir der Fall war. Ich wußte jedoch, was ich zu tun hatte, und dachte nur daran, mich ohne Zeitverlust in eine energische Behandlung zu geben. Ich wußte, daß ich in sechs Wochen wieder gesund sein könnte, und daß ich bei meiner Ankunft in Lissabon imstande sein würde, mit meiner Person einzustehen. Ich ging aus, nicht um, wie ich es früher selber getan hatte und wie es noch jetzt alle Dummköpfe tun, der Engländerin Vorwürfe wegen ihrer Hinterlist zu machen, sondern um einen guten Chirurgen aufzusuchen, mit ihm den Preis zu vereinbaren und mich in seine Wohnung einzuschließen. Zu diesem Zweck packte ich meinen Koffer, wie wenn ich London verlassen wollte. Nur meine getragene Wäsche schickte ich zu meiner Wäscherin, die sechs englische Meilen von London wohnte und die vornehmste Kundschaft der Stadt hatte. An dem Morgen, wo ich meinen Umzug bewerkstelligen und mich in die Heilanstalt begeben wollte, brachte man mir einen Brief, der mit der Stadtpost gekommen war. Ich öffnete ihn; er war von Leigh und lautete folgendermaßen: »Der Wechsel, den Sie mir gegeben haben, ist falsch. Zahlen Sie mir sofort die fünfhundertzwanzig Guineen zurück, die ich Ihnen gegeben habe, und wenn derjenige, der Sie betrogen hat, Ihnen den Betrag nicht wiedererstattet, so lassen Sie ihn verhaften. Ich bitte Sie recht sehr, nötigen Sie mich nicht, Sie morgen verhaften zu lassen, und verlieren Sie keine Zeit; denn es geht um Ihr Leben.« Ich war allein, und das war ein großes Glück für mich. Ich warf mich auf mein Bett und war in einem Augenblicke von einem sehr reichlichen kalten Schweiß überströmt. Ich zitterte wie Espenlaub. Vor meinen Augen erhob sich der Galgen; denn kein Bankier hätte mir in diesem Augenblick fünfhundert Guineen anvertraut, und man würde nicht einen Monat gewartet haben, um mir den hochnotpeinlichen Prozeß zu machen, der mich an den Galgen gebracht haben würde. Hätte ich einen Monat Aufschub bekommen können, so würde ich ganz bestimmt diese Summe aus Venedig erhalten haben; aber in England ist man zu derartigen Geschäften nicht geneigt. Ein glühendes Fieber war dem Zittern gefolgt. Ich nahm zwei gut geladene Pistolen, untersuchte das Zündkorn und steckte sie in meine Tasche. Nachdem ich meinem Neger befohlen hatte, auf mich zu warten, ging ich zum Baron von Stenau. Ich war entschlossen, ihm eine Kugel durch den Kopf zu schießen, wenn er mir nicht die fünfhundertzwanzig Guineen zurückgäbe, oder ihn zu bewachen, bis ich ihn hätte verhaften lassen können. Ich kam in seine Wohnung und erfuhr, daß er vor vier Tagen nach Lissabon abgereist sei. Dieser Baron von Stenau war Livländer; er wurde vier Monate später in Lissabon gehängt. Ich erfuhr diesen Umstand zwei Monate, nachdem er vorgefallen war, als ich anfangs Oktober desselben Jahres mich in Riga befand. Ich teile es aber schon jetzt hier mit, weil ich es später vielleicht vergessen könnte. Sobald ich seine Abreise vernahm, sah ich, daß nichts mehr zu machen war, und faßte auf der Stelle meinen Entschluß. Ich besaß nur zehn oder zwölf Guineen, und mit dieser Summe konnte ich nichts anfangen. Ich eilte zu dem venetianischen Juden Treves, an den ich von dem Bankier Grafen Algarotti von Venedig empfohlen war, dessen ich mich aber bis dahin niemals bedient hatte. Ich wandte mich weder an den ehrenwerten Bosanquet noch an Vanhel noch an Salvador, denn diese konnten von meiner Angelegenheit Kenntnis erhalten haben, aber Treves machte mit diesen großen Bankiers keine Geschäfte. Ich begnügte mich mit der Diskontierung eines kleinen Wechsels von hundert venetianischen Zechinen, den ich auf Algarotti zog. Ich schrieb ihm, er möchte sich den Betrag von seinem Verwandten Dandolo bezahlen lassen, der mir seine Empfehlung verschafft hatte. Sobald ich den Betrag meines Wechsels in der Tasche hatte, ging ich, von einem tödlichen Fieber verzehrt, nach Hause. Leigh hatte mir vierundzwanzig Stunden Frist gegeben, und der ehrliche Engländer war nicht imstande, mir sein Wort zu brechen. Aber meine Natur erlaubte mir nicht, mich darauf zu verlassen. Ich wollte nicht gerne meine Wäsche verlieren und ebensowenig die schönen Anzüge, die ich bei meinem Schneider hatte. Zugleich aber war die höchste Eile nötig, um mich in Sicherheit zu bringen. Ich rief Jarbe in mein Zimmer und fragte ihn, ob er lieber ein Geschenk von zwanzig Guineen und seine sofortige Entlassung haben oder ob er in meinem Dienste bleiben und mir versprechen wolle, in acht Tagen von London abzureisen und mir meine Sachen nach dem Ort zu bringen, von wo ich ihm schreiben würde. Er antwortete mir: »Ich will in Ihrem Dienste bleiben, Herr, und komme gern überall hin, wo Sie sind. Wann reisen Sie?« »In einer Stunde; aber es kostet mir das Leben, wenn du ein Wort sagst.« »Warum nehmen Sie mich nicht mit?« »Weil ich wünsche, daß du mir die Wäsche und die Anzüge bringst, die noch bei der Wäscherin und bei meinem Schneider sind. Ich werde dir soviel Geld geben, wie du ungefährzu deiner Reise brauchst.« »Ich will nichts. Sie können mir meine Auslagen bezahlen, sobald ich wieder bei Ihnen bin. Warten Sie!« Er ging hinaus, kam aber sofort wieder und zeigte mir sechzig Guineen. »Bitte, nehmen Sie diese, Herr; für den Notfall habe ich soviel Kredit, um noch eine gleiche Summe aufzutreiben.« »Nein, lieber Freund, ich danke dir; ich habe das Geld nicht nötig. Ich werde deine Treue nicht vergessen.« Da mein Schneider in unmittelbarer Nähe wohnte, ging ich zu ihm, und als ich sah, daß meine Anzüge noch nicht zugeschnitten waren, sprach ich den Wunsch aus, die Stoffe und goldenen Tressen an ihn zu verkaufen. Er zahlte mir sofort dreißig Guineen, denn er verdiente dabei zehn. Nachdem ich hierauf meine Wohnung für eine Woche gezahlt hatte, sagte ich meinem Neger Lebewohl und reiste mit Daturi ab. Wir übernachteten in Rochester, da ich nicht soviel Kraft besaß, weiter zu reisen. Ich hatte Zuckungen und war in einer Art von Fieberdelirium. Daturi rettete mir das Leben. Ich hatte Postpferde bestellt, um weiterzufahren; er aber schickte auf seine eigene Verantwortung die Pferde fort und holte einen Arzt, der mich in Gefahr fand, an einem Schlagfluß zu sterben; er machte mir einen reichlichen Aderlaß, der mich beruhigte. Sechs Stunden darauf fand er, daß ich weiterreisen könnte. Ich kam in aller Frühe in Dover an und konnte mich dort nur eine halbe Stunde aufhalten, weil der Kapitän des Paketbootes, wie er mir sagte, wegen der Ebbe seine Abfahrt nicht länger hinausschieben konnte. Der gute Seebär wußte nicht, daß diese Abreise gerade mein höchster Wunsch war. Ich benützte diese halbe Stunde dazu, an Jarbe zu schreiben, er solle zu mir nach Calais kommen, wo ich auf ihn warten werde. Meine Wirtin, Mistres Mercier, an die ich einen Brief adressiert hatte, schrieb mir, daß sie ihn meinem Diener persönlich übergeben habe. Aber Jarbe kam nicht. In zwei Jahren werden wir den Neger wiederfinden. Ich kam in Calais erst in sechs Stunden an, da der Wind schwach und beinahe entgegen war. Im goldenen Arm, wo ich meine Postkutsche gelassen hatte, stieg ich ab. Sofort nach meiner Ankunft legte ich mich zu Bett und ließ den besten Arzt rufen. Die Glut des Fiebers und das Gift, das durch meine Adern strömte, brachte mein Leben in große Gefahr. Am dritten Tage lag ich im Sterben. Ein vierter Aderlaß erschöpfte meine Kräfte und versenkte mich in eine Betäubung, die vierundzwanzig Stunden dauerte. Dieser folgte eine heilsame Krisis, die mir das Leben wieder schenkte; aber erst eine strenge Diät setzte mich vierzehn Tage nach meiner Ankunft auf dem Boden der Rettung in den Stand, weiterreisen zu können. Ich war schwach; es bereitete mir tiefe Trauer, dem ehrlichen Meister Leigh, wenn auch ohne meine Absicht, einen bedeutenden Verlust verursacht zu haben; ich fühlte mich gedemütigt, daß ich aus London hatte fliehen müssen; Jarbes Untreue empörte mich, und es war mir höchst ärgerlich, die geplante Reise nach Portugal aufgeben zu müssen. Ohne zu wissen, wohin ich fahren wollte, und in einem so jämmerlichen Gesundheitszustand, daß meine Heilung fraglich war, setzte ich mich endlich in eine Postkutsche. Daturi, der mich zu meiner Zufriedenheit bediente, fuhr mit mir. Da ich nicht nach England zu schreiben wagte, hatte ich Herrn von Bragadino gebeten, mir die Summe, die ich in London empfangen sollte, nach Brüssel zu schicken. Am Tage nach meiner Abreise von Calais kam ich in Dünkirchen an. Der erste Mensch, den ich beim Aussteigen aus meinem Wagen sah, war der Kaufmann S., der Gemahl jener Therese, deren meine Leser sich vielleicht noch erinnern: sie war die Nichte von der alten Geliebten Tirettas, und ich hatte sie vor sieben Jahren geliebt. Der wackere Herr S. erkannte mich sofort, wunderte sich aber, daß ich so verändert wäre. Ich sagte ihm, ich hätte soeben eine lange Krankheit durchgemacht, und erkundigte mich dann nach seiner Frau. »Es geht ihr ausgezeichnet,« antwortete er mir, »und ich hoffe, wir werden doch morgen das Vergnügen haben, Sie bei uns zu Tisch zu haben.« Ich wandte ein, daß ich bei Tagesanbruch weiter reisen müßte; davon wollte er aber nichts wissen, sondern sagte, er wäre in Verzweiflung, wenn ich nicht seine Frau und seine drei Püppchen sähe. Als ich dabei blieb, ich müßte unbedingt mit Tagesanbruch abreisen, sagte er mir, er würde wiederkommen und seine ganze Familie mitbringen. Ich sah, daß nichts dabei zu machen war, und sagte ihm, wir würden alle zusammen zu Abend speisen. Wie meine Leser sich vielleicht erinnern werden, hatte ich diese Therese so sehr geliebt, daß ich sie heiraten wollte. Diese Erinnerung bereitete mir einen tiefen Kummer, indem ich daran dachte, in welch einer traurigen Gestalt ich vor sie treten mußte. Eine Viertelstunde später kam der Mann mit seiner Frau und drei kleinen Knaben, von denen der älteste etwa sechs Jahre alt sein mochte. Nachdem die unvermeidlichen Komplimente ausgetauscht waren und Therese mir ermüdende Beileidsbezeigungen wegen meiner schlechten Gesundheit gemacht hatte, schickte sie die beiden jüngeren Knaben fort und behielt nur den ältesten zurück, den einzigen, der mich interessieren konnte. Das Kind war reizend, und da es der Mutter vollkommen ähnlich sah, zweifelte der Mann nicht im geringsten daran, daß er der Vater sei. Ich lachte innerlich darüber, daß ich so Kinder von mir über ganz Europa zerstreut fand. Therese erzählte mir bei Tisch Neues von Tiretta. Er war in den Dienst der holländisch-ostindischen Kompagnie getreten, hatte sich aber in Batavia in eine Verschwörung eingelassen und war nur dadurch dem Strick entgangen, daß er die Flucht ergriffen hatte. Ich dachte an die Ähnlichkeit zwischen seinem Schicksal und dem meinigen, sprach aber nicht davon. Übrigens kann es einem, wenn man ein Abenteurerleben führt, leicht zustoßen, wegen einer Kleinigkeit gehängt zu werden, wenn man ein wenig unbesonnen ist und sich nicht überlegt, was man tut. Am nächsten Tage kam ich in Tournay an. Einige schöne Pferde, die von Reitknechten geritten wurden, erregten meine Neugier, und ich fragte die Leute, wem die Tiere gehörten. »Dem Herrn Grafen von Saint-Germain, dem Adepten, der seit einem Monat hier ist und niemals ausgeht. Alle Durchreisenden wünschen ihn zu sehen, aber er ist unzugänglich.« Durch diese Antwort bekam ich Lust, ihn zu besuchen. Kaum in dem Gasthof angekommen, schrieb ich ihm, indem ich meinen Wunsch ausdrückte und ihn bat, mir seine Stunde anzugeben. Ich teile hier seine Antwort wörtlich mit; denn ich habe sein Briefchen aufgehoben: »Meine Beschäftigungen nötigen mich, keinen Menschen zu empfangen. Sie machen jedoch eine Ausnahme. Kommen Sie, wann es Ihnen am besten paßt; man wird Sie in mein Zimmer führen. Sie brauchen weder meinen Namen noch den Ihrigen zu nennen. Ich biete Ihnen nicht die Hälfte meines Mittagsmahles an; denn meine Nahrung ist für keinen Menschen geeignet und für Sie noch weniger als für jeden anderen, wenn Sie noch Ihren früheren Appetit haben.« Ich ging um neun Uhr zu ihm, und er empfing mich mit einem zwei Zoll langen Bart. Er hatte etwa zwanzig Retorten voller Flüssigkeiten um sich herum. Einige von diesen lagen auf Sandhaufen von natürlicher Wärme. Er sagte mir, er arbeite zu seiner Belustigung an Farben und richte, um dem Grafen von Cobenzl, dem Gesandten der Kaiserin Maria Theresia in Brüssel, einen Gefallen zu tun, eine Hutfabrik ein. Der Graf habe ihm dazu nur 105000 Gulden gegeben und diese Summe genüge nicht, er lege aber das Fehlende aus seiner eigenen Tasche zu. Dann sprachen wir von Frau von Urfé. »Sie hat sich vergiftet,« sagte er, »indem sie eine zu starke Dosis Universalmedizin nahm, und ihr Testament beweist, daß sie sich für schwanger hielt. Sie hätte es sein können, wenn sie mich zu Rate gezogen hätte. Es ist eine höchst schwierige, aber doch vollkommen sichere Operation, obgleich es der Wissenschaft noch nicht gelungen ist, das Geschlecht des Kindes vorher bestimmen zu können.« Als er erfuhr, an welcher Krankheit ich litt, bat er mich, drei Tage in Tournay zu bleiben; während dieser Zeit werde er alle Drüsenschwellungen beseitigen; hierauf werde er mir fünfzehn Pillen geben, die ich in fünfzehn Tagen einzunehmen hätte; diese würden mir völlige Genesung bringen und mir alle meine Kräfte wiedergeben. Er zeigte mir seine Urkraft, die er Atoäter nannte. Es war eine weiße Flüssigkeit, die sich in einem sorgfältig verschlossenen Fläschchen befand. Er sagte mir, diese Flüssigkeit sei der Universalgeist der Natur; dies werde dadurch bewiesen, daß dieser Geist sofort aus dem Fläschchen entweiche, wenn man das Wachs nur ganz leicht mit einer Nadel durchsteche. Ich bat ihn, mir das Experiment zu zeigen. Er gab mir ein Fläschchen und eine Nadel. Ich stach ganz leise in das Wachs hinein und das Fläschchen war wirklich im Augenblick vollständig leer. »Das ist ja herrlich,« sagte ich; »aber wozu ist das gut?« »Das kann ich Ihnen nicht sagen, das ist mein Geheimnis.« In seinem Ehrgeiz, mich in Verwunderung zu setzen, fragte er mich, ob ich etwas Kleingeld bei mir habe. Ich zog einige Münzen aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Ohne mir zu sagen, was er machen wollte, stand er auf und nahm eine glühende Kohle, die er auf eine Metallplatte legte. Hierauf bat er mich um ein Zwölf-Sousstück, das sich unter den Münzen befand. Er legte ein schwarzes Körnchen auf die Münze und diese auf die Kohle, die er mit einem Blasrohr anblies; in kaum zwei Minuten war das Geldstück glühend. »Warten Sie bis es sich abgekühlt hat«, sagte der Alchimist. In einer Minute war die Münze kalt, und er sagte: »Nehmen Sie sie mit, denn sie gehört Ihnen.« Ich nahm das Geldstück; es war von Gold. Ich zweifelte nicht einen Augenblick, daß er meine Münze hatte verschwinden lassen und dafür die andere untergeschoben hatte, die er ohne Zweifel vorher weiß gemacht hatte. Ich mochte ihm keine Vorwürfe machen; damit er aber andererseits überzeugt wäre, daß ich nicht an seinen Schwindel glaubte, sagte ich: »Das ist wundervoll, Graf! Aber um ganz sicher zu sein, daß Sie auch einen sehr Hellsehenden in Erstaunen setzen, müssen Sie ihn ein anderes Mal darauf aufmerksam machen, daß Sie eine solche Umwandlung vornehmen wollen; alsdann kann er aufmerksam die Operation verfolgen und sich das Silberstück genau ansehen, bevor Sie es auf die glühende Kohle legen.« Hierauf antwortete der Schwindler mir: »Wer an meiner Wissenschaft zweifeln kann, ist nicht würdig, mit mir zu sprechen.« Dies anmaßende Benehmen war kennzeichnend für ihn; es war mir übrigens nicht neu. Dies war das letztemal, daß ich den berühmten und gelehrten Betrüger sah; vor sechs oder sieben Jahren ist er in Schleswig gestorben. Sein Geldstück war von reinem Golde. Zwei Monate später trat ich es während meines Berliner Aufenthaltes dem Feldmarschall Keith ab, der sich neugierig danach zeigte. Am nächsten Morgen reiste ich von Tournay ab. In Brüssel machte ich Halt, um die Antwort auf meinen an Herrn von Bragadino geschriebenen Brief abzuwarten. Ich empfing diese fünf Tage nach meiner Ankunft mit einem Wechsel von zweihundert Dukaten. Ich gedachte mich in Brüssel längere Zeit aufzuhalten, um mich dort zu kurieren. Daturi sagte mir jedoch, er habe von einem Seiltänzer gehört, sein Vater und seine Mutter seien mit der ganzen Familie in Braunschweig. Er lud mich ein, dorthin zu fahren, indem er mir versicherte, ich werde mit der größten Sorgfalt gepflegt werden. Es kostete ihm keine große Mühe, mich zu überreden, denn ich war neugierig, die Mutter meines Paten wiederzusehen. Ich reiste am selben Tage ab, aber in Roermond befand ich mich so schlecht, daß ich sechsunddreißig Stunden lang dort bleiben mußte, bis ich nach Wesel weiterfahren konnte. Dort beschloß ich meine Postkutsche zu verkaufen, weil in Norddeutschland die Pferde nicht an die Deichsel gewöhnt sind. Zu meiner großen Überraschung sah ich den General Bekw.... erscheinen. Nachdem wir die üblichen Komplimente getauscht und der General mir sein Bedauern wegen meiner Krankheit ausgesprochen hatte, sagte er mir, er wünsche meine Kutsche zu kaufen und mir in Tausch dafür einen Wagen zu geben, der zum Reisen in ganz Deutschland sehr bequem sei. Der Handel war im Nu abgeschlossen. Als hierauf der wackere Engländer Näheres über meinen Krankheitszustand erfuhr, redete er mir zu, in Wesel zu bleiben, wo ein sehr geschickter und vorsichtiger junger Arzt von der Leydener Schule mich besser behandeln werde als die Braunschweiger Doktoren. Niemand ist in seinem Entschlusse leichter zu beeinflussen, als ein Mensch, der krank und unglücklich ist und keinen bestimmten Plan hat, – besonders wenn der Kranke dem Glück nachjagt und mit seinem Grundsatz sequere deum nicht weiß, wo die launenhafte Göttin ihn erwartet. Bekw ...., der in Wesel in Garnison stand, ließ sofort den Doktor Pipers holen und blieb bei meinem Krankheitsbericht und sogar bei der Untersuchung zugegen. Ich will nicht die Empörung meiner Leser erregen, indem ich ihnen den ekelhaften Zustand schildere, worin ich mich befand; es genüge ihnen, zu erfahren, daß noch nach so vielen Jahren der bloße Gedanke daran mich schaudern macht. Der junge Arzt, der die verkörperte Sanftmut war, lud mich ein, bei ihm zu wohnen. Er versprach mir, seine Mutter und seine Schwestern würden mich so sorgfältig pflegen, wie ich es nur wünschen könnte. Er gab mir die Zusicherung, er würde mich in sechs Wochen gründlich heilen, wenn ich ihm versprechen wollte, seine Vorschriften pünktlich zu befolgen. Der General redete mir zu, den Rat des jungen Äskulap anzunehmen. Ich entschloß mich dazu um so lieber, da ich mich in Braunschweig zu amüsieren wünschte und durchaus keine Lust hätte, mit gelähmten Gliedern dort anzukommen. So fügte ich mich den Wünschen des Generals. Von einer Preisvereinbarung wollte der Doktor nichts wissen. Er sagte mir, ich könnte ihm bei meiner Abreise geben, soviel ich wollte, und er würde damit sehr zufrieden sein. Er entfernte sich, um das für mich bestimmte Zimmer instand setzen zu lassen, und bat mich, eine Stunde später zu kommen. Ich ließ mein Gepäck hinschaffen und begab mich in einer Sänfte zu ihm. Ich schämte mich so sehr, daß ich mein Taschentuch vors Gesicht hielt, um dieses nicht der Mutter und den Schwestern des jungen Doktors zu zeigen. Sie empfingen mich in Gesellschaft einiger anderer junger Mädchen, die ich nicht einmal anzusehen wagte. Sobald ich in meinem Zimmer war, entkleidete Daturi mich, und ich legte mich zu Bett. Achtzehntes Kapitel Mein Heilung. – Daturi wird von Soldaten geprügelt. – Abreise nach Braunschweig. – Redegonda. – Der Erbprinz. – Der Jude. – Mein Aufenthalt in Wolfenbüttel. – Die Bibliothek. – Berlin. – Casalbigi und die Lotterie in Berlin. – Fräulein Bélanger. Als es Zeit zum Abendessen war, kam der Doktor mit seiner Mutter und einer seiner Schwestern in mein Zimmer. Den wackeren Leuten stand die Menschenliebe auf den Gesichtern geschrieben; alle versicherten mir, sie würden mich auf das beste pflegen. Nachdem die Damen sich wieder entfernt hatten, teilte der Doktor mir mit, nach welcher Methode er mich zu behandeln gedächte: Ein schweißtreibender Trank und Quecksilberpillen sollten mich von dem Gift befreien, das mich dem Grabe zutrieb; ich müßte jedoch eine strenge Diät innehalten und dürfte gar nicht geistig arbeiten. Ich versprach ihm pünktlichen Gehorsam gegen seine Gesetze, und er sagte mir, zu meiner Zerstreuung werde er selber mir zweimal wöchentlich die Zeitung vorlesen. Zugleich teilte er mir die Neuigkeit mit, daß die berüchtigte Pompadour gestorben sei. So sah ich mich also zu einer Ruhe verdammt, die nach der Meinung meines Doktors unerläßlich war, wenn die Behandlung gelingen und ich meine Gesundheit wiedererlangen sollte. Es war eine harte Notwendigkeit; aber was ich am meisten fürchtete, waren nicht die Heilmittel und die Enthaltsamkeit, sondern die Langeweile; denn ich glaubte, daß diese mich töten würde. Ohne Zweifel teilte der Doktor meine Befürchtung; denn er bat mich, zu erlauben, daß seine Schwester mit zwei oder drei Freundinnen in meinem Zimmer arbeiten dürfe. Ich antwortete ihm, daß ich seinen Vorschlag mit Freuden annähme, obgleich ich mich schäme, mich so liebenswürdigen Mädchen in meinem kranken Zustande zu zeigen. Die Schwester war mir sehr dankbar für meine Gefälligkeit, wie sie es nannte; denn das von mir bewohnte Zimmer war das einzige, dessen Fenster nach der Straße hinausgingen, und wie ein jeder weiß, sehen junge Mädchen gern nach den Vorübergehenden aus. Unglücklicherweise wurde meine Gefälligkeit verhängnisvoll für Daturi. Der arme junge Mann, der keine weitere Erziehung genossen hatte, als eben ein Seiltänzer sie braucht, mußte sich natürlich langweilen, wenn er den ganzen Tag nur immer mit mir zusammen war. Sobald er daher sah, daß ich gute Gesellschaft hatte, glaubte er, ich könnte wohl die seinige entbehren, und ging nur noch darauf aus, sich zu amüsieren. Am dritten Tage brachte man ihn gegen Abend jämmerlich verprügelt nach Hause. Er war in eine Wachstube gegangen, um mit den Soldaten zu zechen; dabei hatte es Streit gegeben, und er war tüchtig durchgehauen worden. Er sah mitleiderregend aus: er war ganz von Blut überströmt, und ihm fehlten drei Zähne. Weinend erzählte er mir sein Abenteuer und bat mich, ihn zu rächen. Ich schickte meinen Doktor zu General Bekw ...., der sofort zu mir kam und mir sagte, er wisse nicht, was er dabei tun solle; er könne mir weiter keinen Dienst erweisen, als daß er den Kranken ins Lazarett schicke. Da Daturi keine Glieder gebrochen hatte, so war er in ein paar Tagen geheilt; ich schickte ihn mit einem Paß des Generals Salenmon nach Braunschweig. Die verlorenen Zähne schützten ihn vor der Gefahr, unter die Soldaten gesteckt zu werden. Das war immerhin ein Trost. Die Kur meines jungen Doktors wirkte besser oder jedenfalls schneller, als er selber gedacht hatte; denn nach einem Monat war ich vollkommen wiederhergestellt, aber ich war dabei so mager, daß mein Anblick Schrecken erregte. Der Begriff, den ich den guten Leuten von mir hinterließ, entsprach durchaus nicht der Wirklichkeit. Man hielt mich für den geduldigsten Menschen, und die Schwester und ihre jungen Freundinnen sahen in mir die verkörperte Bescheidenheit; aber diese scheinbaren Tugenden rührten nur von meiner Krankheit her und von meiner niedergeschlagenen Stimmung. Um einen Menschen zu beurteilen, muß man sein Benehmen prüfen, wenn er gesund und frei ist; in Krankheit und Gefangenschaft ist er nicht mehr der gleiche. Ich schenkte der Schwester ein schönes Kleid und gab dem Doktor zwanzig Louis. Alle beide schienen mir sehr zufrieden zu sein. Am Tage vor meiner Abreise erhielt ich einen Brief von Frau du Rumain, die von meinem Freunde Baletti erfahren hatte, daß ich Geld brauchte, und mir einen Wechsel von sechshundert Gulden auf Amsterdam schickte. Sie sagte mir, ich möchte ihr den Betrag nach meiner Bequemlichkeit zurückgeben; sie ist jedoch gestorben, bevor ich die Schuld habe begleichen können. Da ich nach Braunschweig fahren wollte, konnte ich dem Wunsch nicht widerstehen, über Hannover zu reisen, denn wenn ich an Gabriele dachte, liebte ich sie noch. Ich wollte mich nicht aufhalten, denn ich war nicht mehr reich; außerdem zwang meine Gesundheit mich noch, mich zu schonen. Ich wollte nur das reizende Mädchen überraschen, indem ich auf der Durchreise einen Besuch auf dem Gute machte, das ihre Mutter, wie sie mir gesagt hatte, in der Nähe von Stöcken besaß. Ich will nicht leugnen, daß auch die Neugier einen guten Anteil an diesem Plan hatte. Ich hatte beschlossen, bei Tagesanbruch allein in meiner neuen Kalesche abzureisen: aber es stand in den Sternen geschrieben, daß es anders kommen sollte. Der englische General lud mich schriftlich zum Abendessen ein, indem er hinzufügte, es würden Landsleute von mir dabei sein. Infolgedessen beschloß ich noch einen Tag zu bleiben; zugleich versprach ich dem Doktor, sehr nüchtern zu sein. Man wird sich meine Überraschung denken können, als ich beim Eintritt in den Salon des Generals die Parmesanerin Redegonda und ihre abscheuliche Mutter sah. Diese erkannte mich nicht gleich; Redegonda aber nannte sofort meinen Namen und rief: »Mein Gott! Wie sind Sie mager geworden!« Ich machte ihr ein Kompliment über ihre Schönheit, und sie verdiente es; denn die letzten achtzehn Monate hatten ihre Reize in eigentümlicher Weise entfaltet. »Ich bin soeben erst einer schweren Krankheit entronnen,« sagte ich zu ihr, »und ich reise mit Tagesanbruch nach Braunschweig ab.« »Wir auch!« rief sie, indem sie ihre Mutter ansah. Der General freute sich, daß wir alte Bekannte waren, und machte die Bemerkung, daß wir ja zusammen reisen könnten. »Das würde wohl schwerlich gehen,« versetzte ich lächelnd, »es müßte denn sein, daß die Frau Mutter ganz andere Grundsätze angenommen hätte, als ich früher an ihr kannte.« »Ich bin immer noch die gleiche«, sagte die häßliche Mutter ziemlich grob. Ich antwortete ihr nur durch einen verächtlichen Blick. Der General hielt an einem kleinen Pharaotisch die Bank. Es waren zwei oder drei andere Damen und mehrere Offiziere anwesend, und man spielte mit kleinen Einsätzen. Er bot mir ein Buch an, das ich unter dem Vorwand ablehnte, ich spielte auf Reisen niemals. Der General hielt sich jedoch noch nicht für geschlagen und sagte am Ende der Taille zu mir: »Aber, Chevalier, Ihr Grundsatz ist ungesellig! Sie müssen spielen!« Mit diesen Worten zog der General aus seiner Brieftasche mehrere englische Banknoten und sagte: »Es sind dieselben, die Sie mir vor sechs Monaten in London gegeben haben. Nehmen Sie Revanche; es sind vierhundert Pfund Sterling!« »Ich habe keine Lust, so viel zu verlieren,« antwortete ich ihm; »aber ich will fünfzig Pfund wagen, um Ihnen einen Gefallen zu tun.« Zugleich zog ich meine Börse; es befanden sich dann zweihundert holländische Dukaten und der Wechsel, den die Gräfin du Rumain mir geschickt hatte. Der General zog ab, und nach der dritten Taille hatte ich fünfzig Pfund gewonnen. Ich hörte auf, indem ich mich mit einem bescheidenen Gewinne begnügte, zumal da ich kalte Füße bekommen konnte, ohne gegen die Höflichkeit zu verstoßen. In demselben Augenblick wurde gemeldet, daß das Essen angerichtet sei, und wir gingen in den Speisesaal. Redegonda, die sehr gut französisch gelernt hatte, erheiterte alle Anwesenden. Sie war vom Herzog von Braunschweig als zweite Virtuosa engagiert worden und kam von Brüssel. Sie klagte darüber, daß sie die Reise in dem unglückseligen Postkarren machen müsse, in dem man so gräßlich unbequem säße, und sprach die Befürchtung aus, sie würde krank an ihrem Bestimmungsort ankommen. Hierauf bemerkte der General: »Da ist ja der Chevalier Seingalt, der ganz allein in einem ausgezeichneten Wagen fährt.« Redegonda lächelte. »Wieviel Plätze hat Ihr Wagen?« fragte die Mutter mich. Der General nahm für mich das Wort und antwortete: »Nur zwei.« »Dann ist es also nicht möglich; denn ich werde niemals meine Tochter ohne mich reisen lassen, ganz einerlei mit wem es ist.« Ein allgemeines Gelächter, in das Redegonda einstimmte, machte die Mutter ein wenig verlegen; aber als gute Tochter sagte Redegonda: »Mama hat immer Angst, daß man mich ermordet!« Unter tausend leichtfertigen Bemerkungen verging der Abend uns sehr angenehm; die junge Sängerin ließ sich nicht lange bitten, sondern setzte sich ans Klavier und sang uns einige reizende Lieder, für die sie wohlverdienten Beifall erntete. Als ich gehen wollte, bat der General mich, bei ihm zu frühstücken; der Postkarren fahre erst mittags ab und ich sei diese Höflichkeit meiner schönen Landsmännin schuldig. Redegonda bat mich ebenfalls, indem sie mich an einige Vorfälle in Florenz und Turin erinnerte, obgleich sie mir keine Vorwürfe zu machen hatte. Ich gab nach; da ich aber der Ruhe bedurfte, so ging ich zu Bett. Am anderen Morgen um neun Uhr verabschiedete ich mich vom Doktor und seiner braven Familie. Dann ging ich zu Fuß zum General, um bei ihm zu frühstücken, nachdem ich Befehl gegeben hatte, daß mein Wagen mich abholen solle, sobald er angespannt sei. Eine halbe Stunde später kam Redegonda mit ihrer Mutter. Zu meiner großen Überraschung sah ich in ihrer Begleitung den Bruder, den ich in Florenz als Lohndiener gehabt hatte. Als das Frühstück vorbei war, hielt mein Wagen vor der Tür. Ich machte dem General und der ganzen Gesellschaft, die den Saal verlassen hatte, um mich abfahren zu sehen, meine Reverenz. Redegonda ging mit mir hinunter; sie fragte mich, ob mein Wagen bequem sei, und stieg ein, wie wenn sie ihn versuchen wollte. Sofort nach ihr stieg auch ich ein, ohne mir jedoch das mindeste dabei zu denken. Der Postillon sieht, daß der Wagen besetzt ist, knallt mit der Peitsche und fährt im Galopp ab. Redegonda lachte aus vollem Halse. Ich wollte dem Postillon zurufen, daß er halten solle; als ich aber das ausgelassene Mädchen in so reizender Heiterkeit sah, ließ ich ihn ruhig weiterfahren. Immerhin war ich entschlossen, ihn sofort umkehren zu lassen, wenn die Schöne mir sagen würde: »Jetzt ist's genug.« Diese Worte erwartete ich jedoch vergeblich, und wir waren bereits eine halbe Meile gefahren, als sie zu sprechen begann. »Ich habe so gelacht! Und ich lache noch, wenn ich daran denke, wie meine Mutter diese Laune auslegen wird; denn ich hatte es mir vorher nicht überlegt, als ich in den Wagen stieg. Außerdem habe ich über den Postillon gelacht, der doch gewiß nicht auf Ihren Befehl mit mir losgefahren ist.« »Dessen können Sie sicher sein.« »Meine Mutter wird aber das Gegenteil glauben, und gerade darum finde ich es so komisch.« »Es ist auch komisch, und ich bin sehr damit zufrieden, übrigens, meine liebe Redegonda, werde ich Sie nun mit mir nach Braunschweig nehmen, denn Sie werden in meinem Wagen viel besser aufgehoben sein als in solch einem scheußlichen Postkarren.« »Es würde mich ja sehr freuen; aber das hieße doch den Spaß ein bißchen zu weit treiben. Wir werden beim ersten Pferdewechsel Halt machen und auf der Post warten.« »Das steht in Ihrem Belieben; aber Sie werden mich entschuldigen, wenn ich mich darauf nicht einlasse.« »Wie? Sie würden den Mut haben, mich ganz allein sitzen zu lassen?« »Sie wissen, reizende Redegonda, daß ich Sie immer geliebt habe; daher bin ich denn auch bereit, Sie nach Braunschweig zu bringen – das wiederhole ich Ihnen!« »Wenn Sie mich lieben, werden Sie warten und mich in die Arme meiner Mutter führen, die schon in Verzweiflung sein muß.« Anstatt traurig zu werden, fing der junge Tollkopf zu lachen an. Als ich sie so lustig sah, beschloß ich, sie mit mir nach Braunschweig zu nehmen. Auf der Station waren keine Pferde. Ich setzte mich mit dem Postillon ins Einvernehmen, und nachdem wir die Pferde sich hatten ausruhen lassen, fuhren wir wieder ab. Da die Wege entsetzlich waren, kamen wir erst mit Einbruch der Nacht bei der zweiten Station an. Wir hätten dort übernachten können; ich wollte aber nicht angeführt werden, und da ich wußte, daß der Postkarren vor Mitternacht ankommen und daß dann die Mutter sich ihrer Tochter bemächtigen würde, so befahl ich frische Pferde und ließ Redegonda jammern und bitten, soviel sie wollte. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch und kamen in aller Frühe in Lippstadt an, wo ich trotz der unpassenden Stunde eine Mahlzeit auftragen ließ. Redegonda hatte ebenso, wie ich, Schlaf nötig, aber sie mußte sich fügen, als ich ihr schmeichelnd sagte, wir würden in Minden schlafen. Sie schalt nicht mehr, sondern lächelte; ich sah, daß sie wußte, was ihrer dort wartete. Sobald wir angekommen waren, aßen wir zu Abend und gingen dann wie Mann und Frau zu Bett. Wir waren fünf Stunden zusammen. Sie war vollkommen gut und ließ sich nur der Form wegen ein bißchen bitten. Nach einer zu kurzen Nacht fuhren wir von Minden weiter bis Hannover, wo wir in einem ausgezeichneten Gasthof ganz vorzüglich aßen. Ich traf dort den Kellner, der in Zürich gewesen war, als ich die Solothurner Damen bei Tisch bedient hatte. Miß Chudleigh hatte in dem hannoverschen Gasthof mit dem Herzog von Kingston gespeist und war dann nach Berlin weitergefahren. Wir bekamen für die Nacht ein herrliches französisches Bett und erwachten am anderen Morgen erst von dem Rasseln des Postkarrens. Redegonda wollte nicht in meinen Armen überrascht werden; sie klingelte schnell dem Kellner und befahl ihm, er solle die Frau, die mit dem Postkarten angekommen sei und ohne Zweifel zu ihr geführt werden wolle, nicht einlassen. Vergebliche Vorsicht – denn in dem Augenblick, wo der Kellner hinausging, traten Mutter und Sohn ein und ertappten uns in flagrante delitto . Ich befahl dem Sohn, draußen zu warten, stand im Hemde auf und verschloß meine Tür. Die Mutter erging sich in bitteren Klagen gegen mich und ihre Tochter und drohte mir mit strafrechtlichen Verfolgungen, wenn ich sie ihr nicht herausgäbe. Schließlich gelang es Redegonda, sie zu beruhigen, indem sie ihr die Geschichte erzählte. Die Mutter glaubte oder tat wenigstens so, als wenn sie glaubte, daß das Ganze ein Zufall sei; aber sie sagte zu ihr: »Ich will gern glauben, daß es sich so verhält; aber du kannst nicht leugnen, Spitzbübin, daß du bei ihm geschlafen hast.« »Das ist allerdings etwas anderes, aber Sie wissen wohl, liebe Mama, daß man im Schlaf nichts Böses tut.« Ohne ihr Zeit zur Antwort zu lassen, fiel sie ihr um den Hals, herzte und küßte sie und versprach ihr, im Postwagen mit ihr nach Braunschweig zu fahren. Nachdem diese Vereinbarung getroffen war, zog ich mich an. Ich gab ihnen ein gutes Frühstück und reiste dann nach Braunschweig ab, wo ich einige Stunden vor ihnen ankam. Redegonda benahm mir die Lust, den Besuch bei Gabriele zu machen, den ich mir vorgenommen hatte; außerdem hätte in dem Zustande, worin ich mich befand, mein Selbstgefühl viel zu leiden gehabt. Sobald ich mich in einem guten Gasthaus eingerichtet hatte, ließ ich Daturi meine Ankunft melden. Er kam sofort, elegant gekleidet, und zeigte großen Eifer, mich dem prachtliebenden Signor Nicolini vorzustellen, dem Direktor des Stadt- und Hoftheaters. Dieser Nicolini war ein ausgezeichneter Theaterdirektor; er erfreute sich der vollsten Huld des freigebigen Fürsten, dessen Geliebte seine Tochter Anna war, und lebte in Braunschweig mit einem gewissen Luxus. Ich wurde mit großer Auszeichnung und Herzlichkeit von ihm empfangen. Er wollte mich durchaus bewegen, eine Wohnung in seinem schönen Hause anzunehmen; es gelang mir jedoch, mich dieser lästigen Einladung zu entziehen, ohne ihn durch meine Ablehnung zu kränken. Dagegen nahm ich seine Einladung zur Tafel an, die wegen seines ausgezeichneten Kochs und noch mehr wegen der liebenswürdigen Gesellschaft, die er jeden Tag bei sich versammelte, meiner Aufmerksamkeit sehr würdig war. Die Gaste zeichneten sich nicht durch Titel und Ordensbänder aus und hatten nicht jene servilen und zugleich hochmütigen Hofmanieren, die mir langweilig sind und jedes Vergnügen töten – sondern es waren talentvolle Herren und Damen, deren Vereinigung ein entzückendes Gemälde bot. Ich war noch nicht ganz genesen, und ich war nicht reich; sonst hätte ich mich länger in Braunschweig aufgehalten; denn dieser Ort hatte viele Reize für mich. Am dritten Tage nach meiner Ankunft in Braunschweig kam Redegonda zu Nicolini, da sie wußte, daß ich bei ihm zu Mittag speisen würde. Wie es zuging, weiß ich nicht, aber alle Welt wußte, daß sie mit mir von Wesel nach Hannover gereist war, und jeder zog daraus die Schlüsse, die ihm beliebten. Zwei Tage später kam der preußische Thronfolger von Potsdam an, um seine künftige Gemahlin zu besuchen; sie war die Tochter des regierenden Herzogs, und er heiratete sie im folgenden Jahre. Der Hof gab prachtvolle Feste, und der Erbprinz, der jetzige regierende Herzog, erwies mir die Ehre, mich dazu einzuladen. Ich hatte Seine Hoheit am Tage nach seiner Aufnahme in die Londoner Bürgerschaft bei dem großen Picknick in Soho-Square kennen gelernt. Es war zweiundzwanzig Jahre her, daß ich Daturis Mutter geliebt hatte. Ich war neugierig, welche Verwüstungen die Zeit an ihrer Schönheit angerichtet haben möchte, und suchte sie daher auf. Ich mußte jedoch bedauern, daß ich sie genötigt hatte, meinen Besuch anzunehmen; denn sie war sehr häßlich geworden. Sie wußte dies, und eine gewisse Scham malte sich auf ihren entstellten Zügen. Ich habe die Bemerkung gemacht, daß eine Frau mit ausgeprägten Zügen gewöhnlich sehr schnell häßlich wird und dann schrecklich anzusehen ist. Der Fürst hatte ein kleines, aber sehr gut ausgebildetes Heer von sechstausend Mann Infanterie. Es fand auf einer Ebene dicht bei der Stadt eine Revue über diese Truppen statt. Ich bekam Lust, mir dies Schauspiel anzusehen, und ging daher hin. Es regnete den ganzen Tag. Trotzdem waren viele vornehme Zuschauer da: viele Damen in schönen Toiletten, der ganze Adel und eine Menge Ausländer. Ich sah die ehrenwerte Miß Chudleigh, die mir die Ehre erwies, das Wort an mich zu richten und mich unter anderem fragte, seit wann ich London verlassen hätte. Miß Chudleigh war nur mit einem einfachen Kleide von indischem Musselin bedeckt und trug darunter nur ein Hemd, das offenbar von Batist war; der Regen hatte diese leichte Kleidung an ihren Körper angeklebt, so daß sie schlimmer als nackt aussah. Dies schien sie jedoch nicht verlegen zu machen. Die anderen Damen fanden unter eleganten Zelten Schutz vor der Sintflut. Die Truppen, die das schlechte Wetter nichts anging, exerzierten und schossen zur Zufriedenheit der Kenner. Da ich in Braunschweig nichts zu tun hatte, so gedachte ich mich nach Berlin zu begeben, um dort den Sommer angenehmer zu verbringen als in einer kleinen Stadt. Ich brauchte einen Überzieher und kaufte das Tuch dazu bei einem Juden, der sich erbot, mir Wechsel zu diskontieren, wenn ich welche hätte. Ich hatte den Wechsel bei mir, den die Gräfin du Rumain mir geschickt hatte, und da es mir bequem war, Gold dafür einzutauschen, so zog ich ihn aus meiner Brieftasche und gab ihn dem Israeliten. Er zahlte mir den Betrag aus, indem er den bei Wechseln auf die Bank von Amsterdam üblichen Abzug von zwei vom Hundert machte. Da der Wechsel an die Ordre des Chevalier von Seingalt ausgestellt war, girierte ich ihn mit diesem Namen. Ich dachte schon nicht mehr an die Sache, als am anderen Morgen zu ziemlich früher Stunde derselbe Jude in mein Zimmer trat und mich aufforderte, ihm sein Geld zurückzugeben oder für den Wert meines Wechsels Sicherheit zu bestellen, bis mit der Post die Nachricht käme, ob mein Wechsel angenommen und bezahlt worden wäre. Beleidigt über die Frechheit dieses Pilatus und sicher, daß mein Wechsel in Ordnung war, sagte ich ihm: »Sie haben nichts zu befürchten. Ich bitte Sie, mich in Ruhe zu lassen; ich werde durchaus keine Sicherheit stellen.« »Ich verlange unbedingt mein Geld oder Sicherheit,« antwortete der Unverschämte, »sonst werde ich Sie verhaften lassen, denn Sie sind bekannt.« Das Blut stieg mir in den Kopf; ich ergriff meinen Stock und gab ihm eine Tracht Prügel, die er sicherlich mehr als einen Tag gefühlt hat. Hierauf kleidete ich mich an und speiste bei Nicolini, ohne ein Wort von meinem Erlebnis zu sagen. Am nächsten Tag machte ich einen Spaziergang vor der Stadt und begegnete dem Prinzen zu Pferde, nur von einem Reitknecht begleitet. Ich machte ihm meine Verbeugung; er ritt an mich heran und sagte: »Sie stehen also im Begriff abzureisen, Herr Chevalier.« »Ich gedenke in etwa zwei oder drei Tagen abzureisen, gnädiger Herr.« »Das habe ich heute früh von einem Juden gehört, der sich bei mir beklagt hat, weil Sie ihm Stockschläge gegeben haben. Er forderte eine Sicherstellung für einen Wechsel, gegen dessen Echtheit man ihm Bedenken erregt hat.« »Gnädiger Herr, ich kann für meine Entrüstung nicht einstehen, wenn ein solcher Kerl zu mir kommt und mich in meinem eigenen Zimmer zu beleidigen wagt; aber ich weiß, daß meine Ehre mir verbietet, meinen Wechsel wieder zu nehmen oder Sicherheit zu bestellen. Der Unverschämte hat mir gedroht, er werde meine Abreise verhindern; aber ich weiß, daß nur ungerechte Willkür dem Verlangen dieses erbärmlichen Menschen nachkommen könnte.« »Es wäre allerdings ungerecht; aber er hat eben Angst, seine hundert Dukaten zu verlieren.« »Er wird sie nicht verlieren, gnädiger Herr, denn der Wechsel ist von einer ehrenwerten Person von hohem Range gezogen.« »Das freut mich. Der Jude sagt, er würde Ihnen den Wechsel nicht diskontiert haben, wenn Sie nicht meinen Namen genannt hätten.« »Das ist eine freche Fälschung der Wahrheit, gnädiger Herr: der Name Eurer Hoheit ist nicht aus meinem Munde gekommen.« »Er sagt, Sie haben den Wechsel mit einem Namen giriert, der nicht der Ihrige ist.« »Auch das ist falsch, gnädiger Herr; denn ich habe Seingalt unterzeichnet, und dieser Name ist mein eigener.« »Kurz und gut, es handelt sich um einen geprügelten Juden, der angeführt zu sein glaubt. Der Kerl tut mir leid, und ich will es lieber verhindern, daß er nach Mitteln sucht, Sie zum Hierbleiben zu zwingen, bis er erfährt, daß Ihr Wechsel in Amsterdam eingelöst ist. Ich werde ihn noch heute morgen bei ihm einlösen lassen, denn ich bezweifle nicht, daß der Wechsel vollkommen gut ist. Sie können also abreisen, wann es Ihnen beliebt. Leben Sie wohl, Herr von Seingalt, ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise.« Mit diesem Kompliment sprengte der Prinz davon, bevor ich Zeit gehabt hatte, ihm zu antworten. Ich hätte ihm sagen können: indem er den Wechsel bei dem Juden einlöste, erweckte er den Glauben, daß er mir dadurch eine Gnade erwiese; zum großen Schaden meiner Ehre würde die ganze Stadt das glauben, wie der Jude; ich müßte ihm also dankbar sein, wenn er es nicht täte. Aber es genügt nicht, ein Fürst zu sein, ein ausgezeichnetes Herz zu haben, freigebig und großmütig zu sein, wie der jetzige Herzog von Braunschweig es ist; man muß auch Takt und die nötigen Kenntnisse haben, um nicht das Zartgefühl eines Menschen zu verletzen, dem man ein unzweideutiges Zeichen von Achtung und Wohlwollen geben will. Dieser Fehler ist allen Prinzen gemein; er rührt von ihrer Erziehung her, die sie selten auf das Niveau des Lebens ihrer Mitmenschen erhebt oder, wenn man will, erniedrigt. Hätte der Herzog von Braunschweig mich für einen unredlichen Menschen gehalten, so hätte er mich nicht schlechter behandeln können, als dadurch, daß er mir gewissermaßen andeutete, er verzeihe mir und nehme alle Folgen des von mir begangenen Schwindels auf sich. Dieser Gedanke ging mir im Kopf herum und ich sagte bei mir: »Vielleicht glaubt der Prinz dies wirklich. Warum mischt er sich in die Sache ein? Hat er etwa Mitleid mit dem Juden oder mit mir? Wenn mit mir, so fühle ich die Notwendigkeit, ihm eine Lehre zu geben, jedoch ohne ihn zu beschämen.« Ich war sehr aufgeregt, denn mein Selbstgefühl war tief verletzt. Während ich langsam nach der Stadt zurückging, dachte ich über meine Lage nach, über das Benehmen des Herzogs und besonders über das Ende unseres Gesprächs. Ich fand seine Worte Gute Reise unter diesen Umständen höchst unangebracht; im Munde eines Prinzen, der bereits selber fast unumschränkter Regent war, erschien das Kompliment als ein Befehl zur Abreise, und darüber war ich entrüstet. Der Gedanke ließ mich nicht los, und ich faßte endlich den Entschluß, den mir mein Selbstgefühl vorschrieb: weder abzureisen noch zu bleiben. »Wenn ich bliebe,« sagte ich zu mir selber, »würde man das zugunsten des Juden auslegen; wenn ich abreiste, würde der Herzog denken, ich hätte mir sozusagen das Gnadengeschenk zunutze gemacht, das er mir dadurch erwiesen, daß er dem Juden fünfzig Louis bezahlen müßte, wenn mein Wechsel protestiert würde. Ich werde niemandem eine Genugtuung geben, die ich nicht schuldig bin.« Nachdem ich diese Betrachtungen angestellt hatte, die mir sehr vernünftig zu sein schienen, obgleich mein Kopf damals noch nicht ganz gesund war, packte ich meinen Koffer, bestellte Pferde, aß gut zu Mittag, bezahlte meine Rechnung und fuhr, ohne mich von einem Menschen zu verabschieden, nach Wolfenbüttel. Ich wollte dort acht Tage zubringen, und war sicher, daß ich mich nicht langweilen würde, denn in Wolfenbüttel war die drittgrößte Bibliothek Europas, und ich hatte schon seit langer Zeit große Lust gehabt, sie näher zu untersuchen. Der gelehrte Bibliothekar sagte mir bei meinem ersten Besuch mit großer Höflichkeit, die um so angenehmer wirkte, da sie ganz anspruchslos war: ein Mann werde den Auftrag erhalten, mir in der Bibliothek alle gewünschten Bücher zu bringen, außerdem aber werde man mir diese auch in meine Wohnung bringen, sogar die Handschriften, die den besonderen Reichtum dieses schönen Instituts bilden. Ich verbrachte acht Tage in dieser Bibliothek, die ich nur verließ, um zum Essen und zum Schlafen in meinen Gasthof zu gehen. Ich kann diese acht Tage zu den glücklichsten meines Lebens zählen, denn ich war nicht einen Augenblick mit mir selber beschäftigt: ich dachte weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft, und mein Geist, der sich vollständig in die Arbeit versenkt hatte, konnte die Gegenwart nicht bemerken. Ich habe seitdem zuweilen gedacht, daß vielleicht das Leben der Seligen etwas Ähnliches sein könnte; heute sehe ich, daß nur einige ganz unbedeutende Umstände hätten zusammenzuwirken brauchen, damit ich in dieser Welt ein wahrer Weiser statt eines wahren Toren gewesen wäre; denn zur Schande fast meines ganzen Lebens muß ich hier eine Wahrheit kundgeben, die meine Leser kaum glauben werden: die Tugend hat für mich immer viel mehr Reize gehabt als das Laster, und wenn ich einmal schlecht war, so war ich es nur aus Leichtsinn und Übermut; dies werden allerdings viele Leute ohne Zweifel sehr tadelnswert finden. Aber was macht mir das aus! Der Mensch ist über seine innerlichen Gefühle und moralischen Handlungen hienieden nur sich selber und nach seinem Tode nur Gott Rechenschaft schuldig. Ich brachte von Wolfenbüttel eine große Menge Notizen über die Ilias und die Odyssee mit, die man bei keinem Scholiasten findet und die nicht einmal der große Pope kannte. Man findet einen Teil derselben in meiner Übersetzung der Ilias; der Rest wird hier in Dux bleiben und wahrscheinlich verloren gehen; ich selber werde nichts verbrennen, nicht einmal diese Erinnerungen, obgleich ich oft daran denke. Ich sehe voraus, daß ich niemals den richtigen Augenblick finden werde. Nach acht Tagen fuhr ich nach Braunschweig zurück, stieg wieder in demselben Gasthof ab und ließ gleich nach meiner Ankunft meinem Paten Daturi Bescheid sagen. Zu meiner großen Freude vernahm ich, daß niemand auf den Gedanken gekommen war, ich hätte eine Woche fünf Meilen von Braunschweig verbracht. Daturi sagte mir, in der Stadt sei das Gerücht verbreitet, ich hätte vor meiner Abreise den Wechsel von dem Juden wieder zurückgenommen; denn man hätte seitdem nichts wieder davon gehört. Ich war jedoch sicher, daß inzwischen die Antwort von Amsterdam eingetroffen war und daß der Erbprinz ganz genau wußte, daß ich die Zeit meiner Abwesenheit in Wolfenbüttel verbracht hattte. Daturi sagte mir, man erwarte mich zum Essen bei Nicolini. Darauf hatte ich gerechnet; denn ich hatte von keinem Menschen Abschied genommen. Bei diesem Essen erhielt ich nun eine reiche Genugtuung: wir waren beim Braten, als ein Lakai des Prinzen mit dem von mir geprügelten Juden eintrat. Der arme Mensch kam mit der demütigsten Miene auf mich zu und sagte: »Ich komme auf Befehl, um Sie, mein Herr, sehr um Entschuldigung dafür zu bitten, daß ich die Echtheit Ihres Wechsels auf die Amsterdamer Bank angezweifelt habe. Ich bin dafür bestraft worden, indem ich die Provision verloren habe, die Sie mir bewilligt hatten.« Ich antwortete ihm: »Ich wünschte, Sie hätten nur diese Strafe erhalten.« Er machte mir eine tiefe Verbeugung, sagte, ich sei zu gütig, und ging hinaus. In meinem Gasthof fand ich ein Briefchen von Redegonda, die mir die zärtlichsten Vorwürfe machte, daß ich während meines ganzen Aufenthaltes in Braunschweig sie nicht ein einziges Mal besucht hätte. »Ich bitte Sie, bei mir in einem kleinen Häuschen zu frühstücken, das ich draußen vor der Stadt bewohne. Meine Mutter wird nicht dabei sein, wohl aber eine junge Dame, die Sie kennen, und die Sie, davon bin ich überzeugt, mit Vergnügen wiedersehen werden.« Ich liebte Redegonda und hatte sie in Braunschweig nur darum vernachlässigt, weil ich mich nicht in der Laqe befand, ihr ein hübsches Geschenk machen zu können. Ich beschloß daher, ihrer Einladung Folge zu leisten, zumal da ich ein wenig neugierig war, was das für eine junge Dame sein möchte, von der sie sprach. Pünktlich zur verabredeten Stunde fand ich mich ein. Redegonda war reizend; sie empfing mich in einem hübschen Salon im Erdgeschoß und hatte eine junge Virtuosa bei sich, die ich kurz vor meiner Einkerkerung unter den Bleidächern als Kind gekannt hatte. Ich tat, wie wenn ich sie mit Vergnügen wiedersähe, beschäftigte mich aber hauptsächlich nur mit Redegonda, der ich viele Komplimente über ihre hübsche Wohnung machte. Sie sagte mir, sie habe sie auf sechs Monate gemietet, benutze sie aber nicht zum Übernachten. Nachdem wir den Kaffee getrunken hatten, wollten wir gerade ausgehen, um einen Spaziergang zu machen, als der Prinz eintrat, der sich mit einem angenehmen Lächeln bei Redegonda entschuldigte, daß er zufällig unsere Unterhaltung gestört habe. Das Erscheinen des Prinzen klärte mich über die Stellung meiner liebenswürdigen Landsmännin auf, und ich begriff nun, warum sie in ihrem Briefe die Stunde meines Besuches so genau angegeben hatte. Redegonda hatte bereits die Eroberung des liebenswürdigen Fürsten gemacht, der stets galant war, aber im ersten Jahre seiner Ehe mit einer Schwester des Königs von England sich verpflichtet glaubte, auf diesen Abwegen der Liebe sein Inkognito zu wahren. Wir gingen eine Stunde lang spazieren und unterhielten uns von London und Berlin, aber vom Wechsel und vom Juden wurde kein Wort gesprochen. Er war entzückt von meinem Lobe seiner Wolfenbüttler Bibliothek und lachte herzlich, als ich ihm sagte, ohne die geistige Nahrung würde ich infolge des schlechten Essens in meinem Gasthof um die Hälfte abgemagert sein. Nachdem er seine Nymphe sehr freundlich gegrüßt hatte, verließ er uns, stieg wieder zu Pferde und sprengte davon. Ich dachte nicht daran, Redegonda um neue Liebesbezeigungen zu bitten, sondern riet ihr im Gegenteil, dem Prinzen, den ihre Reize gefesselt hatten, treu zu bleiben; sie wollte jedoch nicht zugeben, daß irgendein Verhältnis bestehe, obwohl doch der Augenschein keine Täuschung zuließ. Das gehörte nun einmal zu ihrer Rolle, und ich nahm es ihr daher weiter nicht übel. Nachdem ich den Rest des Tages in meinem Gasthof verbracht hatte, fuhr ich am anderen Morgen in aller Frühe ab. In Magdeburg überbrachte ich einem Offizier einen Brief, den General Bekw.... mir für ihn gegeben hatte. Er zeigte mir die ganze Festung und behielt mich drei Tage bei sich. Ich genoß die Freuden der Tafel, der Liebe und des Spiels, aber ich war nüchtern, schonte meine Gesundheit und vermehrte meine Barschaft in bescheidener Weise, da ich mir bescheidene Grenzen gesetzt hatte. Von Magdeburg fuhr ich geraden Weges nach Berlin, ohne mich in Potsdam aufzuhalten; denn der König war nicht da. Die erbärmlichen Wege auf dem preußischen Sandboden waren schuld, daß ich drei Tage brauchte, um achtzehn deutsche Meilen zurückzulegen. Preußen ist ein Land, wo Gewerbefleiß und Gold Wunder wirken könnten; aber ich bezweifle, daß man jemals ein wohlhabendes Land daraus machen wird. Ich stieg im Hotel de Paris ab, wo ich alles so fand, wie es für meine Ansprüche und für meine Börse paßte. Die Inhaberin, Madame Rufin, war eine ausgezeichnete Wirtin von echt französischer Liebenswürdigkeit; sie hatte es verstanden, ihren Gasthof in guten Ruf zu bringen. Nachdem ich mich in einem sehr schönen Zimmer eingerichtet hatte, kam sie zu mir und fragte mich, ob ich zufrieden sei. Wir trafen genaue Abmachungen über alles. Sie hielt Table d'hôte, und die Gäste, die auf ihrem Zimmer aßen, zahlten das Doppelte. »Diese Einrichtung«, sagte ich zu ihr, »mag für Sie bequem sein, mir aber paßt sie augenblicklich nicht. Ich will auf meinem Zimmer essen, aber nicht das Doppelte bezahlen; ich werde bezahlen, wie wenn ich an der Table d'hôte äße, stelle Ihnen jedoch frei, mir nur die Hälfte der Speisen auftragen zu lassen.« »Ich bin damit einverstanden, aber unter der Bedingung, daß Sie mit mir zu Abend speisen; dies geht obendrein, und Sie werden bei meinem kleinen Souper nur liebenswürdige Freunde finden.« Ich fand den Vorschlag so eigentümlich, daß ich beinahe laut herausgelacht hätte; da ich ihn aber zugleich sehr vorteilhaft fand, so nahm ich ihn an und dankte ihr so herzlich und freundschaftlich, wie wenn wir uns schon seit langen Jahren gekannt hätten. Da ich an diesem Tage ruhebedürftig war, aß ich erst am nächsten Abend bei ihr. Frau Rufin hatte einen Mann, der die Küche besorgte, und einen Sohn; beide kamen niemals zum Abendessen. Als ich zum ersten Male daran teilnahm, fand ich einen alten Herrn, der sehr vernünftige Ansichten und ein sehr angenehmes Benehmen hatte; er wohnte in dem Zimmer neben mir und war ein Baron von Treidel. Seine Schwester hatte den Herzog von Kurland, Johann Ernst Birlen oder Biron, geheiratet. Dieser sehr liebenswürdige Baron wurde mein Freund und blieb es während der zwei Monate, die ich in Berlin verbrachte. Ferner fand ich einen Hamburger Kaufmann, Namens Greve, nebst seiner Frau, die er kurz vorher geheiratet hatte. Er war mit ihr nach Berlin gekommen, um ihr die Wunder des kriegerischen Hofstaats zu zeigen. Die junge Frau war ebenso liebenswürdig wie ihr Mann, und ich machte ihr eifrig, aber in allen Ehren, den Hof. Der vierte war ein sehr fröhlicher Herr, namens Noël; er war der einzige Koch Seiner Preußischen Majestät, die sehr große Stücke auf ihn hielt. Dieser Herr Noël kam nur selten zum Abendessen bei seiner Landsmännin und guten Freundin, denn sein Amt fesselte ihn an die Küche des Königs, der nicht wie ein Lukullus lebte: er hatte, wie gesagt, nur diesen einen Koch, und Noël hatte nur einen einzigen Gehilfen oder Küchenjungen. Herr Noël, der Gesandte der französischen Republik im Haag, ist, wie man mir versichert hat, der Sohn dieses Kochs, der übrigens ein sehr liebenswürdiger Mann war. Beiläufig möchte ich bemerken, daß ich trotz meinem Abscheu vor dem französischen Direktorium es durchaus nicht übel finde, wenn ein verdienstvoller Mann, ohne Rücksicht auf seine Geburt, für die er ja nicht kann, zu Ämtern verwandt wird, die gewöhnlich nur den privilegierten Ständen offen stehen und oft genug von Dummköpfen verwaltet werden. Ohne den Vater Noël, oder vielmehr ohne die Geschicklichkeit dieses Kochkünstlers, würde der berühmte atheistische Arzt Lamettrie nicht an einer Magenüberladung gestorben sein; denn die Pastete, von der er bei Lord Tyrconel im Übermaß aß, war von Noël zubereitet worden. Lamettrie speiste oft bei Madame Rufin, und ich bedauerte sehr, daß er so früh gestorben war; denn ich hätte ihn gerne kennen gelernt, da er gelehrt und außerordentlich fröhlich war. Er starb lachend, obgleich man behauptet, daß es keine schmerzhaftere Todesart gebe als die infolge einer Magenüberladung. Voltaire sagte mir, er glaube nicht, daß es einen entschiedeneren Atheisten gegeben habe als Lamettrie, und jedenfalls keinen mit gründlicheren Kenntnissen; ich war davon überzeugt, nachdem ich seine Werke gelesen hatte. Der König von Preußen hielt in eigener Person in der Akademie die Leichenrede auf diesen Arzt und sagte: es sei nicht zu verwundern, daß Lamettrie nur die Materie habe gelten lassen; denn allen Geist, den es gebe, habe er selber besessen. Nur ein König kann sich in einer ernsten Leichenrede einen solchen Witz erlauben. Dies beweist aber zur Genüge, daß der große Mann als Redner kein Wort von dem glaubte, was er sagte. Übrigens war der große Friedrich niemals Atheist – er war Deist; darauf kommt es jedoch weniger an, da der Glaube an einen Gott niemals seine Lebensweise noch seine Handlungen beeinflußt hat. Man behauptet, ein Atheist, der sich mit Gott beschäftige, sei besser als ein Christ, der niemals an ihn denke. Ich möchte diese Frage nicht entscheiden. Der erste Besuch, den ich in Berlin machte, galt Herrn Casalbigi, dem jüngeren Bruder dessen, mit dem ich mich im Jahre 1757 in Paris zusammengetan hatte, um dort Lotterien einzurichten. Dieser Casalbigi, den ich in Berlin traf, hatte Paris und seine Frau, die sogenannte Generalin La Motte, verlassen, um in Brüssel die Lotterie einzurichten. Dort hatte er zu luxuriös gelebt und im Jahre 1762 Bankerott gemacht, obgleich Graf Cobenzl alles aufgeboten hatte, um ihn zu halten. Er hatte fliehen müssen, war mit einer ziemlich guten Ausstattung nach Berlin gekommen und hatte sich dem König von Preußen vorgestellt. Da er gut zu sprechen wußte, gelang es ihm, den Herrscher zu überreden, die Lotterie in seinem Staate einzuführen, ihm die Leitung anzuvertrauen und ihm den Titel eines Staatsrats zu geben. Er versprach Seiner Majestät einen Jahresgewinn von mindestens zweihundeittausend Talern und verlangte für sich selber nur zehn Prozent von der Einnahme und die Kosten der Verwaltung. Seit zwei Jahren war die Lotterie eingerichtet. Sie ging gut, denn bis dahin hatte noch keine unglückliche Ziehung stattgefunden. Der König war jedoch immer in Angst, weil er wußte, daß dieser Fall eintreten konnte. Um dieser Angst ein Ende zu machen, sagte er Casalbigi, er wolle die Lotterie nicht mehr auf seine eigene Rechnung führen; er überlasse sie ihm und begnüge sich in Zukunft mit hunderttausend Talern jährlich. Soviel kostete ihm sein italienisches Theater jährlich. Ich machte bei Casalbigi meinen ersten Besuch gerade an dem Tage, wo der König ihm seinen Entschluß hatte mitteilen lassen. Nachdem wir von unseren früheren Beziehungen und von den Wechselfällen unseres Lebens gesprochen hatten, erzählte er mir von dem Ereignis, das ihm ganz unerwartet kam. Er sagte mir, die nächste Ziehung gehe noch für Rechnung des Königs; er müsse jedoch durch öffentliche Anschläge das Publikum davon in Kenntnis setzen, daß vom nächsten Ziehungstage an der König nichts mehr damit zu tun habe. Er brauche ein Grundkapital von zwei Millionen Talern; denn sonst werde die Lotterie nicht bestehen können, weil natürlich kein Mensch spielen würde, wenn er nicht die sichere Gewißheit hätte, daß er im Falle eines Gewinnes sein Geld erhalten würde. Er versprach mir zehntausend Taler jährlich, wenn es mir gelänge, den König zur Zurücknahme seines Entschlusses zu bewegen. Um mich zu ermutigen, erinnerte er mich daran, daß ich vor sieben Jahren gleich nach meiner Ankunft in Paris das Talent besessen hätte, den ganzen Rat der Militärschule von der Gewißheit des Gewinnes zu überzeugen. »Es ist ein deutliches Zeichen von den Göttern,« rief er, »und es ist kein Aberglaube, wenn ich annehme, daß der Schutzgeist der Lotterie Sie in diesem Augenblick nach Berlin geführt hat.« Ich lachte über seine Illusionen und bedauerte ihn. Ich bewies ihm die Unmöglichkeit, jemanden zu überzeugen, der auf alle Gründe mit dem Gegengrunde antwortet: »Ich habe Furcht und ich will nicht mehr Furcht haben.« Er bat mich, zum Essen zu bleiben, und stellte mich seiner Frau vor. Diese Vorstellung bereitete mir eine doppelte Überraschung: die erste, weil ich glaubte, daß die Generalin la Motte noch am Leben sei; die zweite, als ich in der neuen Frau Casalbigi Fräulein Bélanger erkannte. Ich richtete die üblichen Komplimente an sie und erkundigte mich dann nach ihrer Mutter. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und bat mich, nicht von ihrer Familie zu sprechen, denn sie würde mir nur Unglück mitzuteilen haben. Ich hatte Frau Bélanger in Paris kennen gelernt; sie war die Witwe eines Börsenmaklers, hatte nur eine einzige Tochter und schien wohlhabend zu sein. Als ich nun diese ziemlich hübsche Tochter verheiratet sah und sich über ihr Schicksal beklagen hörte, war ich ein wenig in Verlegenheit; doch war meine Neugier ebenso groß. Nachdem Casalbigi mich instand gesetzt hatte, ein sehr günstiges Urteil über seinen Koch abzugeben, wollte er mir auch die Güte seiner Pferde und die Schönheit seines Wagens zeigen. Er bat mich, seine Gemahlin auf ihrer Spazierfahrt zu begleiten und dann zum Abendessen zu bleiben, denn das Abendessen sei seine beste Mahlzeit. Als wir im Wagen saßen, fragte ich sie gesprächsweise, welcher glücklichen Fügung sie es verdanke, mit Casalbigi vermählt zu sein. »Seine Frau lebt noch, ich habe also nicht das Unglück, seine Gattin zu sein, aber in Berlin hält mich jedermann dafür. Vor drei Jahren sah ich mich plötzlich meiner Mutter beraubt und von allen Mitteln entblößt; denn meine Mutter lebte von einer Leibrente. Da ich keine reichen Verwandten hatte, von denen ich Hilfe erwarten konnte, und eine solche Hilfe nicht um den Preis meiner Ehre erkaufen wollte, lebte ich zwei Jahre lang vom Verkauf der Möbel und anderer Sachen, die meiner verstorbenen Mutter gehört hatten. Ich wohnte bei einer guten Frau, die vom Sticken lebte. Ich lernte von ihr sticken und ging nur Sonntags aus, um die Messe zu besuchen. Ich wurde von Traurigkeit verzehrt, doch verlor ich die Hoffnung nicht. Je mehr mein kleines Vermögen zusammenschmolz, desto fester hoffte ich auf die Hilfe der Vorsehung; als ich aber meinen letzten Heller ausgegeben hatte, empfahl ich mich Herrn Brea aus Genua, den ich für unfähig hielt, mich zu täuschen. Ich mußte ihn bitten, mir eine Stellung als gewöhnliches Kammermädchen zu verschaffen, wofür ich die nötigen Fähigkeiten zu besitzen glaubte. Er versprach mir, sich damit zu beschäftigen, und nach fünf oder sechs Tagen machte er mir einen Vorschlag: er zeigte mir einen Brief von Casalbigi, den ich nie gekannt hatte, und der ihn beauftragte, ihm eine anständige junge Dame von guter Geburt und Erziehung und von angenehmem Gesicht nach Berlin zu schicken; er habe die Absicht, sie zu heiraten, sobald seine alte und krante Frau nicht mehr lebe. Da die gewünschte Person wahrscheinlich nicht reich sein werde, bat er Herrn Brea, ihr fünfzig Louis zu geben, um ihre Toilette in Ordnung zu bringen, und weitere fünfzig Louis, um mit einer Zofe nach Berlin zu reisen. Herr Brea hatte ferner Vollmacht, sich im Namen Casalbigis gesetzlich zu verpflichten, daß das Fräulein in Berlin als seine Gemahlin empfangen werden und als solche allen, die in seinem Hause verkehrten, vorgestellt werden sollte; außerdem sollte das Fräulein eine Kammerzofe nach ihrer eigenen Wahl haben, dazu Wagen und Pferde, angemessene Garderobe und monatlich eine gewisse Summe als Nadelgeld, worüber sie nach ihrem Belieben verfügen könnte. Er verpflichtete sich, sie nach einem Jahre freizulassen, wenn seine Gesellschaft ihr nicht gefiele; in diesem Falle würde er ihr hundert Louis geben, und sie könnte alle Ersparnisse und die von ihm geschenkten Sachen behalten. Wenn das Fräulein einverstanden wäre, so lange bei ihm zu bleiben, bis er sie heiraten könnte, würde er ihr zehntausend Taler verschreiben, die als ihr Heiratsgut zu gelten hätten; sollte er aber vorher sterben, so würde sie das Recht haben, sich diese zehntausend Taler von seiner Hinterlassenschaft auszahlen zu lassen. »Mit allen diesen schönen Versprechungen wußte Brea mich zu überreden, mein Vaterland zu verlassen, um mich hier zu entehren; denn obgleich mir alle Welt die Ehre erweist, die man einer anständigen Frau zugesteht, so weiß man doch wahrscheinlich nur zu gut, was ich tatsächlich bin. Vor sechs Monaten bin ich hier angekommen, und ich war noch nicht einen Augenblick glücklich.« »Aber hat er denn nicht die Abmachungen gehalten, die zwischen Ihnen und Brea vereinbart wurden?« »Ich bitte um Verzeihung – eine erschütterte Gesundheit gestattet Casalbigi nicht, darauf zu hoffen, daß er seine Frau überleben werde; wenn er aber vor ihr stirbt, habe ich nichts; denn die zehntausend Taler, die er mir verschrieben hat, sind alsdann kein Heiratsgut. Er ist überschuldet und bei der Verteilung seiner Hinterlassenschaft werden seine anderen Gläubiger mir vorgehen. Außerdem ist er mir unerträglich, gerade weil er mich zu sehr liebt. Sie werden mich wohl verstehen. Er tötet sich bei Kleinem, und gerade das macht mich untröstlich.« »Auf alle Fälle können Sie in sechs Monaten nach Paris zurückkehren oder sonst tun, was Sie wollen, sobald das Jahr des Vertrages abgelaufen ist. Sie werden hundert Louis erhalten und eine schöne Ausrüstung besitzen.« »Dann werde ich mich gerade erst recht entehren, einerlei ob ich nach Paris zurückkehre oder ob ich hier bleibe. Ich bin recht unglücklich, soviel ist sicher, und der gute Brea ist schuld daran. Trotzdem kann ich es ihm nicht übel nehmen, denn er wußte ohne Zweifel nicht, daß sein Freund hier nur Schulden hat. Jetzt, da der König seine Garantie zurückziehen will, wird die Lotterie zusammenkrachen, und Casalbigis Bankerott wird die unausbleibliche Folge davon sein.« In der Erzählung des armen Mädchens war nichts übertrieben, und ich mußte zugeben, daß sie zu beklagen war. Ich riet ihr, sie solle Casalbigis Verschreibung der zehntausend Taler zu verkaufen suchen; denn er könne dagegen nichts einzuwenden haben. »Ich habe auch daran gedacht,« antwortete sie mir; »aber dafür würde ich einen Freund nötig haben, denn ich sehe voraus, daß ich den Schein nur mit großem Verlust werde verkaufen können.« Ich versprach ihr, daran zu denken. Beim Abendessen waren wir zu vieren. Der vierte war ein junger Mann, der bei der Lotterie in Paris, später in Brüssel angestellt gewesen war; er war Casalbigis Glücksstern nach Berlin gefolgt. Er war in die Bélanger verliebt, schien mir jedoch kein glücklicher Liebhaber zu sein. Beim Nachtisch bat Casalbigi mich um meine Meinung über einen von ihm niedergeschriebenen Plan, den er veröffentlichen wollte, um sich die zwei Millionen zu verschaffen, deren er zur Aufrechterhaltung seines Kredits bedurfte. Die Dame des Hauses zog sich zurück, damit wir ungestört beraten könnten. Diese Frau, die etwa vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahre alt sein mochte, hatte alles, was nötig war, zu gefallen; sie glänzte zwar nicht durch ihren Geist, aber sie hatte ein weltgewandtes Benehmen, und das ist bei einer Frau mehr wert als Geist. Sie flößte mir durch ihr Vertrauen, das sie mir entgegenbrachte, nur Gefühle der Achtung und Freundschaft ein, und das war mir lieb. Casalbigis Plan war kurz, aber klar und deutlich abgefaßt. Er lud alle Kapitalisten von öffentlich bekanntem Vermögen ein, nicht etwa in der Lotteriekasse einen Betrag in barem Gelde einzuzahlen, sondern mit ihren Namen für irgendeine beliebige Summe zu zeichnen, für die sie unzweifelhaft gut sein würden. Sollte der Fall eintreten, daß die Lotterie einen Verlust erlitte, so würde jeder im Verhältnis zur garantierten Summe seinen Anteil beizutragen haben, und in demselben Verhältnis würden die Gewinne unter allen Bürgen verteilt werden. Ich versprach ihm, meine Bemerkungen zu seinem Plane ihm am nächsten Tage schriftlich mitzuteilen. Der Plan, den ich an die Stelle des seinigen setzte, lautete folgendermaßen: 1. Ein Grundkapital von einer Million müßte genügen. 2. Diese Million müßte in hundert Aktien zu je zehntausend Taler geteilt werden. 3. Jeder Aktionär müßte sich vor einem bestimmten Notar verpflichten, und dieser Notar müßte für die Aktien, das heißt für die Zahlungsfähigkeit des Aktionärs, bürgen. 4. Die Dividende würde stets am dritten Tage nach der Ziehung verteilt werden. 5. Im Falle eines Verlustes müßte der Aktionär den Betrag seiner Aktie ergänzen und zwar wieder vor dem Notar. 6. Ein Kassierer, der von vier Fünfteln der Aktionäre erwählt würde, müßte den Lotteriekassierer kontrollieren, in dessen Händen die baren Geldeinnahmen stets verblieben. 7. Die Gewinne würden am Tage nach der Ziehung ausbezahlt werden. 8. Am Tage vor der Ziehung würde der Kassierer der Lotterie das eingenommene bare Geld dem Kassierer der Aktionäre vorzählen; dieser würde die Kasse mit drei Schlüsseln verschließen. Einen von diesen würde er behalten, den zweiten bekäme der zweite Kassierer und den dritten der Direktor der Lotterie. 9. Einsätze würden nur für Auszug, Ambo und Terno angenommen; Quaterno und Quino würden unterdrückt, weil diese beiden Kombinationen zu große Verluste ermöglichen könnten. 10. Der Einsatz auf die drei Kombinationen: Auszug, Ambo und Terno dürfte nicht weniger als vier Groschen und nicht mehr als einen Taler betragen; die Annahmestelle würde vierundzwanzig Stunden vor der Ziehung geschlossen. 11. Der zehnte Teil der Einnahme würde Casalbigi als Generaldirektor der Lotterie gehören; dafür hätte er aber alle Verwaltungskosten zu übernehmen. 12. Er sollte das Recht haben, zwei Aktien zu besitzen, ohne daß ein Notar für seine Zahlungsfähigkeit bürgte. Ich sah an Casalbigis Gesicht, daß mein Plan ihm nicht gefiel, und prophezeite ihm, daß er Aktionäre nur zu diesen Bedingungen oder zu noch weniger günstigen finden werde. Er hatte aus der Lotterie eine Art Biribi gemacht; sein Luxus erregte Anstoß; man wußte, daß er überschuldet war, und der König mußte natürlich befürchten, daß früher oder später irgend eine Gaunerei vorfallen würbe, obwohl er einen Kontrolleur hatte, der rechnen konnte. Die letzte Ziehung, die unter der Garantie des Königs stattfand, erregte die Heiterkeit der ganzen Stadt: denn die Lotterie verlor zwanzigtausend preußische Taler. Der König schickte den Betrag sofort seinem Geheimrat Casalbigi; er sollte, als er das Resultat der Ziehung vernommen hatte, laut aufgelacht und gesagt haben: »Ich hatte es ja vorausgesehen, und ich danke dem Zufall, daß ich so billig davon gekommen bin.« Ich glaubte, zum Abendessen zum Direktor gehen zu müssen, um ihn zu trösten. Er war ganz bestürzt; denn er stellte die sehr natürliche, aber auch sehr unangenehme Betrachtung an, daß es infolge dieser unglücklichen Ziehung noch schwieriger sein werde, reiche Leute zu finden, die die Mittel für die Lotterie hergeben könnten. Es war das erste Mal, daß die Lotterie verlor, aber dieser Unfall konnte wirklich nicht ungelegener kommen. Casalbigi verlor trotzdem nicht den Mut; gleich am nächsten Tage tat er neue Schritte und benachrichtigte das Publikum durch einen gedruckten Anschlag: Die Annahmestellen würden geschlossen bleiben, bis man neue Mittel beschafft habe, um die Spieler sicher zu stellen, die auch in Zukunft ihr Geld riskieren wollten. Neunzehntes Kapitel Mylord Keith. – Audienz beim König von Preußen im Park von Sanssouci. – Meine Unterhaltung mit dem Monarchen. – Die Denis. – Die pommerschen Kadetten. – Lambert. – Reise nach Mitau. – Meine ausgezeichnete Aufnahme bei Hofe und meine Reise zum Zwecke von Verwaltungsstudien. Am fünften Tage nach meiner Ankunft in Berlin stellte ich mich dem Lord Marishal vor, der seit dem Tode seines Bruders Mylord Keith genannt wurde. Ich hatte ihn zum letzten Male in London gesehen, als er von Schottland zurückreiste; man hatte ihm die Familiengüter zurückgegeben, die von der Regierung konfisziert worden waren, als er und sein Bruder dem König James folgten. Er verdankte die Wiedereinsetzung in seinen Besitz dem Einfluß des Großen Friedrich. Mylord Keith lebte damals in Berlin, wo er auf seinen Lorbeeren ausruhte und sich des Friedens erfreute. Er war immer noch ein Liebling des Königs, mischte sich aber wegen seines hohen Alters in keine Hofangelegenheiten mehr ein. Er sagte mir in der ihm eigenen einfachen Art, er sehe mich mit Vergnügen wieder; hierauf fragte er mich, ob ich die Absicht habe, eine Zeitlang in Berlin zu bleiben. Da er zum Teil die Wechselfälle meines Lebens kannte, so antwortete ich ihm, ich würde mich gern dauernd niederlassen, wenn der König mir eine Anstellung gäbe, die meinen Kenntnissen entspräche. Als ich ihn aber um seine Protektion zur Erlangung einer solchen Stellung bat, antwortete er mir: »Ich würde Ihnen mehr schaden als nützen, wenn ich versuchen wollte, den König vorher zu Ihren Gunsten zu beeinflussen. Seine Majestät tut sich nämlich etwas darauf zugute, ein ganz besonderer Menschenkenner zu sein, und urteilt daher gern nach eigener Überzeugung. So kommt es denn ziemlich oft vor, daß er Verdienste entdeckt, wo kein Mensch solche auch nur vermutet hätte, und umgekehrt. Ich rate Ihnen, dem König zu schreiben, daß Sie nach der Ehre einer Unterredung streben. Wenn Sie mit ihm sprechen, können Sie ihm beiläufig sagen, daß Sie mich kennen, und ich zweifle nicht, daß er mir dann Gelegenheit geben wird, von Ihnen zu sprechen; Sie können sich denken, daß meine Auskunft Ihnen nicht schaden wird.« »Ich, Mylord, soll an einen König schreiben, zu dem ich nicht die geringsten Beziehungen habe? Ein solcher Schritt ist mir nie in den Sinn gekommen.« »Das glaube ich wohl, aber wünschen Sie nicht mit ihm zu sprechen?« »Gewiß.« »Nun, da haben Sie ja die Beziehungen. Ihr Brief braucht weiter nichts zu enthalten, als daß Sie ihn zu sprechen wünschen.« »Wird der König mir antworten?« »Ohne allen Zweifel; denn er antwortet einem jeden. Er wird Ihnen mitteilen, wo und zu welcher Stunde er Sie empfangen will. Folgen Sie meinem Rat! Seine Majestät ist jetzt in Sanssouci. Ich bin neugierig auf das Gespräch, das Sie mit dem Herrscher haben werden, der, wie Sie sehen, keine Furcht hat, daß ihm jemand blauen Dunst vormacht.« Ich ging nach Hause, setzte mich an meinen Schreibtisch und schrieb dem König einen ganz einfachen und sehr ehrfurchtsvollen Brief, in dem ich fragte, wo und wann ich mich Seiner Majestät vorstellen dürfte. Am zweiten Tage darauf erhielt ich einen Brief mit der Unterschrift Frédéric; man bestätigte mir den Empfang meines Briefes und teilte mir mit, daß der König sich um vier Uhr im Park von Sanssouci befinden würde. Wie man sich denken kann, war ich pünktlich zur Stelle. In einen einfachen schwarzen Anzug gekleidet, begab ich mich um drei Uhr nach Sanssouci. Im Schloßhof sah ich keinen Menschen, nicht einmal eine Schildwache; ich ging eine kleine Treppe hinauf, öffnete eine Tür und befand mich in einer Bildergalerie. Der Aufseher kam auf mich zu und erbot sich, mich zu führen. Ich antwortete ihm: »Ich komme nicht, um diese Meisterwerke der Malerei zu bewundern, sondern um den König zu sprechen, der mir geschrieben hat, daß er im Park sein werde.« »Er ist in diesem Augenblick bei seinem kleinen Konzert, wo er die Flöte spielt. Das tut er jeden Tag nach Tisch. Hat er Ihnen die Stunde bezeichnet?« »Ja, um vier Uhr; aber er wird es vergessen haben.« »Der König vergißt niemals etwas; er wird pünktlich sein, und Sie tun gut, wenn Sie ihn im Park erwarten.« Ich befand mich seit einigen Augenblicken im Park, als ich ihn mit seinem Vorleser und einer hübschen Windhündin erscheinen sah. Sobald er mich bemerkte, ging er auf mich zu, nahm seinen alten Hut ab, nannte meinen Namen und fragte mich in barschem Ton, was ich von ihm wollte. Überrascht von diesem Empfang, konnte ich kein Wort hervorbringen; ich sah ihn nur an, ohne ihm zu antworten. »Nun, so sprechen Sie doch! Haben Sie mir denn nicht geschrieben?« »Ja, Sire; aber ich erinnere mich an nichts mehr. Ich konnte wohl glauben, daß die Majestät eines Königs mich nicht blenden würde! Doch in Zukunft soll mir dies nicht wieder begegnen. Mylord Marishal hätte mich warnen sollen.« »Er kennt Sie also? Wir wollen ein wenig gehen. Worüber wollten Sie mit mir sprechen? Was sagen Sie zu meinem Park?« Während er mich fragt, worüber ich mit ihm sprechen wolle, befiehlt er mir zugleich, mein Urteil über seinen Park zu sagen! Jedem anderen hätte ich geantwortet, daß ich nichts davon verstände; aber da der König geruhte, mich für einen Kenner zu halten, so hätte es ausgesehen, wie wenn ich ihm unrecht geben wollte, und das verzeiht ein König niemals, selbst wenn er ein Philosoph ist. Auf die Gefahr hin, einen schlechten Geschmack zu zeigen, antwortete ich daher, ich fände den Garten prachtvoll. »Aber der Park von Versailles ist doch viel schöner.« »Allerdings Sire, aber hauptsächlich wegen der Wasserkünste.« »Ganz recht; aber das ist nicht meine Schuld: hier gibt es kein Wasser. Ich habe mehr als dreihunderttausend Taler ausgegeben, um Wasser zu bekommen; aber ohne Erfolg.« »Dreihunderttausend Taler, Sire! Wenn Eure Majestät die ganze Summe auf einmal ausgegeben hätten, müßte Wasser da sein.« »Ah, ich sehe, Sie sind Ingenieur, der sich mit Hydraulik befaßt.« Hätte ich ihm sagen sollen, daß er sich täuscht? Ich fürchtete ihm zu mißfallen und senkte nur den Kopf; das hieß weder ja noch nein. Glücklicherweise dachte der König nicht daran, mit mir über diesen Gegenstand zu sprechen; so blieb mir eine große Verlegenheit erspart, denn ich kannte nicht einmal die ersten Anfangsgründe dieser Wissenschaft. Während wir gingen, drehte er fortwährend den Kopf nach rechts und nach links; er fragte mich, welche Streitkräfte Venedig im Kriegsfalle zu Wasser und zu Lande habe. Hier befand ich mich, Gott sei Dank, auf sicherem Boden! »Zwanzig Schlachtschiffe, Sire, und eine große Menge Galeren.« »Und wieviele Landtruppen?« »Siebzigtausend Mann, Sire; lauter Untertanen der Republik, auf jedes Dorf nur einen einzigen Mann gerechnet.« »Das ist nicht wahr. Sie wollen mich wohl zum Lachen bringen, indem Sie mir derartige Fabeln erzählen? Aber Sie sind sicherlich Finanzmann. Sagen Sie nur, was Sie von der Steuer halten?« Es war die erste Unterredung, die ich mit einem König hatte. Es kam mir vor, wie wenn ich eine Szene in einer italienischen Komödie zu spielen hätte, wo der Schauspieler zu improvisieren hat und, wenn er stecken bleibt, sofort ausgepfiffen wird. Ich legte also mein Gesicht in würdige Falten und antwortete dem stolzen Herrscher, ich könnte über die Theorie der Steuer sprechen. »Das will ich ja gerade; denn die Praxis geht Sie nichts an.« »Im Hinblick auf die Wirkungen sind drei Arten von Steuern zu unterscheiden: die eine ist verderblich; die zweite leider notwendig, die dritte stets ausgezeichnet.« »Gut so. Nur weiter!« »Die verderbliche Steuer ist die königliche; die notwendige ist die militärische; die ausgezeichnete ist die Steuer, die dem Volk zugute kommt.« Da ich über das Thema nicht vorher nachgedacht hatte, so warf ich einige Gedanken hin, wie sie mir gerade in den Sinn kamen; dabei mußte ich aber doch vorsichtig sein und mich hüten, Unsinn zu sprechen. Ich fuhr fort: »Die königliche Steuer, Sire, ist diejenige, die die Börsen der Untertanen erschöpft, um die Geldkisten des Herrschers zu füllen.« »Und diese Steuer ist stets verderblich, sagen Sie?« »Stets, Sire; denn sie schadet dem Geldumlauf, der die Seele des Handels und die Stütze des Staates ist.« »Aber Sie finden die Steuer notwendig, die zur Unterhaltung der Heere dient?« »Sie ist leider notwendig. Leider – denn der Krieg ist ein Unglück.« »Das kann wohl sein; und die Steuer, die dem Volk dient?« »Diese ist stets ausgezeichnet; denn der König nimmt seinen Untertanen mit der einen Hand und gibt ihnen mit der anderen; dadurch erzieht er sie zu gemeinnützigem Denken. Er begründet die notwendigen gewerblichen Unternehmungen, beschützt Wissenschaften und Künste, die dazu beitragen, das Geld in Umlauf zu bringen; endlich erhöht er das allgemeine Wohlbefinden durch die Verordnungen, die ihm seine Weisheit eingibt, um diese Steuer so zu verwenden, wie sie den Massen am besten nützt.« »Es liegt etwas Wahres darin. Sie kennen ohne Zweifel Casalbigi?« »Ich muß ihn wohl kennen, Sire; denn vor sieben Jahren haben wir beide zusammen die Genueser Lotterie in Paris eingeführt.« »Und zu welcher der drei Arten rechnen Sie diese Steuer? Denn Sie werden mir zugeben, daß die Lotterie eine Steuer ist.« »Gewiß, und zwar keine von den unbedeutendsten. Es ist eine Steuer von der guten Art, wenn der König die Erträgnisse zu nützlichen Ausgaben verwendet.« »Aber der König kann daran verlieren.« »Einmal auf fünfzig.« »Ist dies das Ergebnis einer sicheren Berechnung?« »Einer so sicheren, Sire, wie alle nationalökonomischen Berechnungen sind.« »Diese sind oft fehlerhaft.« »Niemals, Sire, wenn Gott neutral bleibt.« »Warum wollen Sie Gott hineinmischen?« »Nun, dann also das Schicksal oder der Zufall, Sire.« »Das lasse ich gelten. Übrigens denke ich vielleicht wie Sie über Wahrscheinlichkeitsrechnungen; aber Ihre Genueser Lotterie liebe ich nicht. Sie scheint mir eine richtige Gaunerei zu sein, und ich möchte nichts von ihr wissen, selbst wenn ich die tatsächliche Sicherheit hätte, daß ich niemals verlieren könnte.« »Eure Majestät denken wie ein Weiser; denn das unwissende Volk kann nur in der Lotterie spielen, wenn es sich von einem blinden und ungerechtfertigten Vertrauen hinreißen läßt.« Nach diesem etwas zusammenhanglosen Dialog, der dem hohen Geiste des erlauchten Herrschers alle Ehre machte, brachte er das Gespräch noch auf verschiedene Themata, aber er fand mich um die Antworten nicht verlegen. Als wir bei einem Rundtempel mit doppelter Säulenreihe angekommen waren, blieb er vor mir stehen, sah mich vom Kopf bis zu den Füßen an und sagte nach einigen Sekunden: »Wissen Sie, Sie sind ein sehr schöner Mann.« »Ist es möglich, Sire, daß Eure Majestät nach einer langen wissenschaftlichen Unterhaltung an mir den geringsten der Vorzüge bemerken können, durch die Ihre Grenadiere sich auszeichnen?« Der König lächelte fein, aber freundlich und gütig und sagte dann zu mir: »Da Lord Keith Sie kennt, werde ich mit ihm über Sie sprechen.« Hierauf nahm er seinen Hut ab – mit dieser Höflichkeit geizte er überhaupt gegen keinen Menschen – und grüßte mich. Ich machte ihm eine tiefe Verbeugung und entfernte mich. Drei oder vier Tage darauf machte Lord Marishal mir die angenehme Mitteilung, daß ich dem König gefallen hätte und daß Seine Majestät daran dächte, mir irgendeine Anstellung zu geben. Ich war sehr neugierig, für was für eine Stellung der Herrscher mich ausersehen haben könnte, und da ich es durchaus nicht eilig hatte, anderswohin zu gehen, so beschloß ich zu warten. Übrigens gefiel es mir in Berlin nicht schlecht; denn wenn ich nicht bei Casalbigi zu Abend speiste, hatte ich an der Tafel meiner Wirtin die angenehme Gesellschaft des Barons von Treidel; außerdem war der Sommer sehr schön, und ich verbrachte angenehme Stunden im Tiergarten, wo ich mich für gewöhnlich mehr mit meiner Vergangenheit als mit meiner Zukunft beschäftigte, obwohl an der einen nichts mehr zu ändern, die andere aber sehr ungewiß war. Casalbigi erhielt ohne Mühe die Erlaubnis, die Lotterie für seine eigene Rechnung fortzusetzen oder für Rechnung des ersten besten, der ihm für jede Ziehung sechstausend Taler zahlen wollte. Er erließ die dreiste Ankündigung, daß die Lotterie auf seine eigene Rechnung ginge, machte seine Annahmestellen wieder auf und sah seine Kühnheit vom Glück gekrönt. Obgleich sein Kredit sehr schlecht war, strömten ihm die Spieler in solcher Menge zu, daß er einen Gewinn von fast hunderttausend Talern hatte. Er benutzte diesen, um einen großen Teil seiner Schulden zu bezahlen, und löste die Verschreibung von zehntausend Talern ein, die er seiner Geliebten gegeben hatte. Nach dieser glücklichen Ziehung fand er ohne jede Mühe Bürgen für eine Million Taler, die in tausend Aktien geteilt wurden, und die Lotterie ging zwei oder drei Jahre lang ohne jeden Unfall weiter. Schließlich machte Casalbigi aber doch Bankerott und starb ziemlich arm in Italien. Man konnte ihn mit dem Faß der Danaiden vergleichen: je mehr er verdiente, desto mehr gab er aus. Seine Geliebte wußte die günstigen Umstände zur rechten Zeit zu benützen: sie machte eine vorteilhafte Heirat und kehrte nach Paris zurück, wo sie in angenehmen Verhältnissen lebt. Zu jener Zeit machte Friedrichs Schwester, die Herzogin von Braunschweig, dem König einen Besuch; sie war von ihrer Tochter begleitet, die im folgenden Jahre den Thronfolger von Preußen heiratete. Aus diesem Anlaß kam der König nach Berlin und ließ auf seiner kleinen Bühne in Charlottenburg eine italienische Oper aufführen. Ich sah an diesem Tage den König von Preußen in einem Rock von Glanzseide, der an allen Nähten mit Gold gestickt war, und in schwarzseidenen Strümpfen. Seine Erscheinung war geradezu komisch; er glich mehr einem Theatergroßpapa als einem Herrscher. Den Hut unterm Arm betrat er den Saal, seine Schwester an der Hand führend. Alle Zuschauer betrachteten ihn mit dem größten Erstaunen, denn nur alte Leute konnten sich erinnern, ihn ohne seinen Uniformrock und seine hohen Stiefel gesehen zu haben. Ich wußte nicht, daß die berühmte Denis in Berlin war; so war ich denn sehr angenehm überrascht, als ich sie im Ballett auftreten und einen Solotanz zum Entzücken tanzen sah. Ich konnte Anspruch darauf machen, für einen alten Bekannten zu gelten, und bekam daher Lust, ihr gleich am nächsten Tage einen Besuch zu machen. Ich muß meinen Lesern – vorausgesetzt, daß ich überhaupt jemals Leser habe – ein Geschichtchen aus meiner Jugend erzählen: Als in meinem zwölften Jahre meine Mutter im Begriff stand, nach Dresden abzureisen, wo sie eine Stelle am kurfürstlichen Theater erhalten hatte, ließ sie mich mit meinem guten Doktor Gozzi nach Venedig kommen. Dort sah ich mit Herzklopfen im Theater ein achtjähriges kleines Mädchen ein Menuett mit einer Anmut tanzen, die alle Zuschauer zu stürmischem Beifall hinriß. Diese junge Tänzerin, die Tochter des Schauspielers, der die wichtige Rolle des Pantalon spielte, bezauberte mich dermaßen, daß ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, in ihr Ankleidezimmer zu gehen und ihr mein Kompliment zu machen. Ich trug damals die Soutane, und sie war sehr überrascht, als ihr Vater ihr befahl, aufzustehen und mich zu umarmen. Sie tat es jedoch mit großer Anmut, während ich diese unschuldige Gunstbezeigung sehr linkisch empfing. Aber ich war so entzückt, daß ich mich nicht enthalten konnte, von einer Juwelenhändlerin, die gerade da war, einen kleinen Ring zu kaufen, den ich ihr anbot und den sie mit großer Freude annahm. Ich wurde von ihr durch einen Kuß belohnt, den sie mir in der Freude des Herzens und als Zeichen ihrer Dankbarkeit gab. Das schönste dabei war, daß die Zechine, die der Ring mir gekostet hatte, dem Doktor gehörte. Ich fühlte mich daher, als ich wieder zu ihm in die Loge ging, sehr unbehaglich; denn trotz meiner Liebe zu der kleinen Virtuosa fühlte ich, daß ich eine große Dummheit gemacht hatte – erstens, indem ich über Geld verfügte, das mir nicht gehörte; zweitens, weil ich es wie ein rechter Tor ausgegeben hatte, um bloß einen einfachen Kuß dafür zu erhalten. Da ich wußte, daß ich am nächsten Morgen Rechenschaft über das mir anvertraute Geld abzulegen hatte, und da ich nicht wußte, wie ich mir eine Zechine verschaffen oder wie ich den Verlust beschönigen sollte, so verbrachte ich eine sehr unruhige Nacht. Am anderen Morgen wurde alles entdeckt, und meine Mutter gab dem Doktor die Zechine. Heute muß ich lachen, indem ich daran denke, wie rot ich damals über meine kindliche Galanterie wurde, die übrigens ein frühes Zeichen der Herrschaft war, die das schöne Geschlecht dereinst über mich ausüben sollte. Die Händlerin, die mir im Theater den Ring verkauft hatte, kam zu uns, als wir beim Mittagessen saßen, und zeigte ihre Schmucksachen. Als man diese zu teuer fand, fing sie an, mich zu loben, und sagte, ich hätte den Ring nicht teuer gefunden, den ich der kleinen Giovannina geschenkt hätte. Weiter war nichts nötig, um mir meinen Prozeß zu machen. Ich befand mich wie auf glühenden Kohlen, glaubte aber der Sache ein Ende machen zu können, indem ich um Verzeihung bat, alle Schuld auf die Liebe schob und meiner Mutter fest versprach, es solle der letzte Fehltritt sein, den ich aus Liebe begehen werde. Kaum aber sprach ich das Wort Liebe aus, so lachte die ganze Gesellschaft laut auf und machte sich in grausamer Weise über mich lustig. Ich hätte mich am liebsten in die Erde verkrochen und nahm mir innerlich fest vor, es sollte das letzte Mal sein, daß ich mich solchen Unannehmlichkeiten aussetzen würde. Man weiß, wie ich Wort gehalten habe. Die kleine Pantalons-Tochter war eine Patin meiner Mutter; obgleich ich ihretwegen der Liebe ewigen Haß geschworen hatte, schmachtete ich doch nach ihr. Meine Mutter hatte sie gern, und als sie meinen Kummer sah, gab sie mir die Zechine und fragte mich, ob es mir lieb wäre, wenn sie sie zum Abendessen einlüde. Meine Großmutter war vernünftiger oder strenger: sie erhob Widerspruch, und ich war ihr dafür dankbar. Am Tage nach diesem komischen Auftritt reiste ich nach Padua zurück, wo ich über Bettina bald meine kleine Tänzerin vergaß. Ich hatte sie seitdem nicht wiedergesehen, bis wir uns dann in Charlottenburg trafen. Es waren siebenundzwanzig Jahre seitdem vergangen. Es drängte mich, sie unter vier Augen wiederzusehen und von ihr zu hören, ob sie sich dieser Geschichte noch erinnerte; denn daß sie mich selber wiedererkennen sollte, hielt ich nicht für wahrscheinlich. Ich erkundigte mich, ob ihr Mann, Denis, bei ihr wäre, und ich erfuhr, daß der König ihn ausgewiesen habe, weil er sie mißhandelte. Ich ließ mich also gleich am nächsten Tage zu ihr führen und wurde von ihr sehr freundlich und höflich empfangen; sie sagte mir jedoch, sie glaube nicht das Vergnügen gehabt zu haben, mich schon früher zu kennen. Ich erzählte ihr nun alles mögliche Gute von ihrer Familie, sprach von ihrer Patin, von ihrer Kindheit und von der rührenden Anmut, womit sie Venedig durch ihren Menuettanz entzückt habe, und erregte dadurch ihre lebhafteste Teilnahme. Sie unterbrach mich und rief: »Ich war damals nur sechs Jahre alt.« »Sie können nicht älter gewesen sein; denn ich selber war erst zehn Jahre alt; trotzdem verliebte ich mich leidenschaftlich in Sie. Ich konnte damals meine Gefühle nicht äußern, aber ich habe niemals den Kuß vergessen, den Sie mir auf Befehl Ihres Vaters zum Lohn für ein kleines Geschenk gaben.« »Schweigen Sie! Sie gaben mir einen Ring, der mir große Freude machte, und der Kuß, den ich Ihnen darauf gab, war nicht von meinem Vater befohlen worden. Sie waren damals als Abbate gekleidet. Ich habe Sie niemals vergessen. Aber ist es möglich, daß Sie das sind? Das freut mich sehr. Aber da ich Sie nicht wiedererkenne, so ist es unmöglich, daß Sie mich erkennen!« »Allerdings hätte ich Sie gewiß nicht wiedererkannt, wenn ich nicht Ihren Namen gehört hätte.« »In zwanzig Jahren, mein lieber Freund, ändert sich das Gesicht.« »Sagen Sie lieber, meine Freundin: mit sechs Jahren sind die Züge noch nicht ausgebildet.« »Sie können mir also bezeugen, daß ich erst sechsundzwanzig Jahre alt bin, zum Trotz den boshaften Zungen, die behaupten wollen, daß ich zehn Jahre älter sei.« »Man muß die bösen Zungen reden lassen, meine liebe Freundin. Sie stehen in der Blüte Ihrer Jahre und sind zur Liebe geschaffen. Ich halte mich für den glücklichsten aller Menschen, Ihnen sagen zu können, daß Sie das erste Weib sind, das mir echte Liebe eingeflößt hat.« Eine Unterhaltung dieser Art mußte uns bald in eine gerührte Stimmung bringen; aber die Erfahrung hatte uns beide gelehrt, daß es für den Augenblick besser sei, es dabei bewenden zu lassen und zu warten. Die Denis war noch jung, schön und frisch, sie unterschlug zehn Jahre ihres Alters, obgleich sie sich in bezug auf mich keiner Täuschung hingeben konnte; trotzdem verlangte sie, daß ich ihr recht geben sollte oder wenigstens so täte. Sie würde mich verabscheut haben, wenn ich ihr dummerweise eine Tatsache hätte nachweisen wollen, die sie besser wußte als ich, die sie aber sich selber nicht gestehen wollte, damit niemand das Recht hätte, ihr etwas darüber zu sagen. Ohne Zweifel lag ihr wenig daran, was ich vielleicht darüber dächte; vielleicht bildete sie sich ein, daß ich ihr dankbar dafür sein müßte, da sie durch diese Lüge, die bei einer Frau ihres Berufes sehr unschuldiger Art war, mich selber ermächtigte, mich um zehn Jahre jünger zu machen, damit mein Alter zu dem ihrigen paßte. Daraus machte ich mir allerdings gar nichts. Die Verheimlichung ihres Alters ist für Theaterdamen gewissermaßen eine Pflicht; denn sie wissen, daß trotz allen ihren Talenten das Publikum ihnen niemals verzeiht, daß sie zu früh geboren sind. Die Aufrichtigkeit, womit sie ihre kleine Schwäche vor mir enthüllt hatte, schien mir ein gutes Vorzeichen. Ich zweifelte nicht, daß ihre Güte meine Liebe dulden würde, und hoffte, daß sie mich nicht lange würde schmachten lassen. Sie zeigte mir ihr Haus, das ich in jeder Beziehung mit gesuchter Eleganz eingerichtet fand. Ich fragte sie, ob sie einen Freund hätte, und sie antwortete mir lächelnd: »Ganz Berlin glaubt es, aber man täuscht sich gerade über den Hauptpunkt, denn mein Freund ist mir mehr ein Vater als ein Liebhaber.« »Sie verdienen aber doch einen wirklichen Liebhaber zu haben; es erscheint mir unmöglich, daß Sie eines solchen entbehren können.« »Ich versichere Ihnen, ich mache mir nichts daraus. Ich leide an Krämpfen, die mich unglücklich machen. Ich wollte nach Teplitz gehen und die Bäder gebrauchen, die ganz ausgezeichnet gegen Nervenkrankheiten sein sollen, aber der König hat mir die Erlaubnis verweigert; ich hoffe diese im nächsten Jahre zu erhalten.« Ich war entflammt, sie sah es, und ich glaubte zu bemerken, daß sie mir für meine Zurückhaltung Dank wußte. Ich fragte sie: »Könnte es Ihnen unangenehm sein, wenn ich Sie häufig besuchte?« »Wenn es Ihnen nicht mißfällt, lieber Freund, werde ich mich für Ihre Nichte oder für Ihre Base ausgeben, und dann könnten wir uns sehen.« »Aber, liebes Herz, wissen Sie auch, daß es wohl wahr sein kann? Ich möchte nicht darauf schwören, daß Sie nicht meine Schwester sind!« Dieser Scherz brachte unser Gespräch auf die Freundschaft zwischen ihrem Vater und meiner Mutter. Wir erwiesen uns Liebkosungen, die unter nahen Verwandten ganz unverdächtig sind; als wir jedoch fühlten, daß ich zu weit gehen würde, trennten wir uns. Sie begleitete mich bis an die Treppe und fragte, ob ich am nächsten Tage bei ihr zu Mittag essen wollte; natürlich lehnte ich nicht ab. Ganz erhitzt kam ich in meinen Gasthof zurück; ich dachte über die eigentümlichen Verknüpfungen nach, die aus meinem Leben eine ununterbrochene Kette von Ereignissen machten. Wenn ich alles in allem rechnete, glaubte ich der ewigen Vorsehung dafür dankbar sein zu müssen, denn schließlich mußte ich anerkennen, daß ich unter einem glücklichen Stern geboren war. Als ich mich am nächsten Tage zu Madame Denis begab, fand ich bereits die ganze Gesellschaft versammelt, die bei ihr speisen sollte. Der erste, der auf mich zukam und mich wie einen alten Bekannten umarmte, war ein junger Tänzer, namens Aubry, den ich in Paris als Opernstatisten und später in Venedig gekannt hatte. Er war dadurch berühmt geworden, daß er gleichzeitig der Liebhaber einer der vornehmsten Damen Venedigs und der Liebling ihres Gatten gewesen war. Man behauptete, diese skandalöse Verbindung sei so innig gewesen, daß Aubry zwischen den beiden Gatten geschlafen habe. Nach Schluß der Opernsaison schickten die Staatsinquisitoren ihn nach Triest. Er stellte mich seiner Frau vor, die ebenfalls Tänzerin war und sich La Santina nannte. Er hatte sie in St. Petersburg geheiratet; sie kamen von dort und wollten den Winter in Paris verbringen. Nach Aubry sah ich einen dicken Herrn auf mich zukommen, der mir die Hand entgegenstreckte und mir sagte: »Wir sind seit fünfundzwanzig Jahren Freunde; aber Sie waren damals so jung, daß Sie mich wohl nicht erkennen können. Wir haben uns in Padua beim Doktor Gozzi kennen gelernt: ich bin Giuseppe da Loglio.« »Ich erinnere mich: Sie waren damals bei der Kapelle der Kaiserin von Rußland als geschickter Cellist.« »Ganz recht; jetzt kehre ich in die Heimat zurück, um sie nicht wieder zu verlassen. Ich habe die Ehre, Ihnen meine Frau vorzustellen; sie ist in Petersburg geboren als Tochter des ersten Geigers Madonis, der in ganz Europa berühmt ist. In acht Tagen werde ich in Dresden sein und die große Freude haben, Signora Casanova, Ihre Mutter, zu umarmen.« Ich war entzückt, mich in Gesellschaft von Leuten zu finden, die mir so gut gefielen; aber ich sah, daß Erinnerungen, die über ein Vierteljahrhundert reichten, meiner reizenden Denis nicht lieb waren. Ich schnitt daher die indiskreten Erinnerungen ab und brachte das Gespräch auf die Petersburger Ereignisse, die die große Katharina auf den Thron gebracht hatten. Da Loglio sagte uns: »Ich war so ein bißchen in die Verschwörung verwickelt und habe nun den sehr vernünftigen Entschluß gefaßt, meinen Abschied zu erbitten. Zum Glück hatte ich schon seit langer Zeit mit dieser Notwendigkeit gerechnet, und so bin ich jetzt in der Lage, in Italien als unabhängiger Mann von meinem Vermögen bequem leben zu können.« Die Denis erzählte hierauf: »Vor acht Tagen erst hat man mir einen Piemontesen, namens Audar, vorgestellt, der die Verschwörung zum großen Teil angesponnen und geleitet hat. Er erhielt von der Kaiserin ein Geschenk von hunderttausend Rubeln und den Befehl, Rußland unverzüglich zu verlassen.« Ich habe seither erfahren, daß dieser Audar sich ein Landgut in Piemont kaufte und sich ein schönes Haus bauen ließ, worin er zwei oder drei Jahre später vom Blitz erschlagen wurde. Wenn ihn eine allmächtige Hand damit traf, so war es gewiß nicht die des Schutzgeistes von Rußland, die den Tod Peters des Dritten hätte rächen wollen; denn wenn dieser unglückselige Monarch am Leben geblieben wäre, würde er die Zivilisation des moskowitischen Reiches um ein Jahrhundert verzögert haben. Die Kaiserin Katharina, welcher Rußland die größte Dankbarkeit schuldet, belohnte mit großartiger Freigebigkeit alle Ausländer, die ihr beigestanden waren, um sich eines Gatten zu entledigen, der ihr Feind und der Feind seines Sohnes und seines ganzen Volkes war; sie zeigte sich erkenntlich gegen alle Russen, die ihr die Hand reichten, damit sie den Thron besteigen konnte. Alle russischen Großen, die sie im Verdacht hatte, keine Freunde von Revolutionen zu sein, schickte sie als gute Politikerin auf Reisen. Da Loglio und seine Frau brachten mich auf den Gedanken, nach Rußland zu gehen, falls der König von Preußen mir keine Anstellung nach meinen Wünschen geben sollte. Sie versicherten mir, daß ich dort mein Glück machen würde, und gaben mir gute Empfehlungen. Nachdem der wirklich liebenswürdige da Loglio Berlin verlassen hatte, wurde ich der Vertraute und zärtliche Freund der Denis. Unsere Vertraulichkeit begann, als sie nach einem Abendessen von Krämpfen ergriffen wurde, die die ganze Nacht dauerten. Ich ging nicht einen Augenblick von ihrer Seite, und als sie am Morgen sich wieder ganz wohl fühlte, vollendete die Dankbarkeit, was die Liebe sechsundzwanzig Jahre vorher begonnen hatte, und unser Liebesverhältnis dauerte bis zu meiner Abreise von Berlin. Wir werden diese reizende Frau sechs Jahre später in Florenz wiederfinden. Einige Tage nach dem Beginn unseres Liebesverhältnisses war die Denis so freundlich, mit mir nach Potsdam zu fahren und mir dort alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Unsere Vertraulichkeit konnte niemanden verletzen, denn sie galt allgemein für meine Nichte, und der General, der sie unterhielt, war davon überzeugt oder tat wenigstens als kluger Mann, wie wenn er nicht daran zweifelte. Außer anderen Merkwürdigkeiten sah ich in Potsdam auch den König, der in eigener Person das erste Bataillon seiner Garde-Grenadiere kommandierte, das aus lauter auserwählten Männern besteht, die sich ebensosehr durch ihre Tapferkeit wie durch ihre Schönheit auszeichnen. Das Zimmer, worin wir in unserem Gasthof wohnten, lag einem Korridor gegenüber, den der König durchschritt, wenn er das Schloß verließ. Da die Fensterläden geschlossen waren, erzählte unsere Wirtin uns, eine sehr hübsche Tänzerin, die Reggiana, die in unserem Zimmer gewohnt habe, sei eines Tages vom König im Zustande der reinen Natur bemerkt worden; diese Erscheinung habe die bescheidenen Blicke Seiner Majestät verletzt, und der König habe die Fensterläden schließen lassen; diese seien seitdem nicht wieder geöffnet worden, obgleich die Tänzerin schon seit vier Jahren nicht mehr da sei. Der König hatte Furcht gehabt; denn er war von der Barbarina hart behandelt worden. Wir sahen im Schlafzimmer des Königs das Bildnis der Barbarina, das der Cochois, einer Schwester der Schauspielerin, die die Frau des Martin d'Argens wurde, und ein Porträt, das die Kaiserin Maria Theresia als junges Mädchen darstellte. Friedrich hatte sich in sie verliebt, weil er Kaiser zu werden wünschte. Nachdem man die Schönheit und Eleganz der Schloßeinrichtung bewundert hatte, mußte man sich noch mehr über die Art und Weise wundern, wie der Herr untergebracht war: ein armseliges Zimmer; ein schmales Bett, das hinter einem Schirm stand. Kein Schlafrock, keine Pantoffeln. Der Kammerdiener zeigte uns eine alte Mütze, die der König aufsetzte, wenn er erkältet war. Er stülpte dann seinen Hut darüber; das mußte sehr unbequem sein. Vor einem Kanapee stand ein Tisch, der mit Papieren, Federn, einem Tintengeschirr und halbverbrannten Heften bedeckt war: dies war der Schreibtisch Seiner Preußischen Majestät. Der Kammerdiener sagte uns, diese Hefte seien die Geschichte des letzten Krieges; der Unfall, bei dem die Hälfte angebrannt seien, habe den König so sehr geärgert, daß er das Werk nicht fortgesetzt habe. Wahrscheinlich hat er die Arbeit später wieder aufgenommen; denn dieses Werk, dem man übrigens keinen großen Wert beimißt, wurde gleich nach dem Tode des Herrschers veröffentlicht. Fünf oder sechs Wochen waren seit meiner eigentümlichen Unterhaltung mit dem König verflossen, als Lord Marishal mir mitteilte, Seine Majestät bewillige mir eine Stelle als Erzieher an einer soeben geschafften Kadettenschule für pommersche Junker. Die Gesamtzahl derselben war auf fünfzehn festgesetzt, und er wollte diesen fünf Erzieher geben. Jeder Gouverneur hätte also drei Kadetten gehabt; er erhielt sechshundert Taler Gehalt und dasselbe Essen wie die Kadetten. Die Gouverneure hatten die Verpflichtung, ihre Schüler überallhin zu begleiten; wenn sie zu Hofe gingen, mußten sie im Tressenrock erscheinen. Ich sollte mich unverzüglich entscheiden; denn die vier anderen waren bereits in ihr Amt eingesetzt, und der König wartete nicht gern. Ich fragte Lord Keith, wo die Anstalt sei, und versprach ihm eine Antwort für den nächsten Tag. Ich bedurfte einer Kaltblütigkeit, die sonst nicht meine Art ist, um nicht über diesen sonderbaren Vorschlag eines sonst so weisen Mannes laut herauszulachen, aber meine Überraschung war noch viel größer, als ich die Behausung dieser fünfzehn Edelleute aus dem reichen Pommernlande sah: drei oder vier große Säle, fast ohne alle Möbel; mehrere Zimmer mit weißgetünchten Wänden, einem elenden kleinen Bett, einem Tisch und zwei Stühlen aus Fichtenholz. Die jungen Kadetten waren alle etwa zwölf bis dreizehn Jahre alt; sie waren schmutzig, schlecht frisiert und in eine ärmliche Uniform eingeschnürt, in der ihre ländlichen Gesichtszüge besonders hervortraten. Sie saßen in bunter Reihe mit den Gouverneuren, die ich für ihre Bedienten hielt, und die mich ganz verblüfft ansahen, da sie sich gar nicht vorstellen konnten, daß ich der zu ihrem Kollegen ausersehene neue Gouverneur wäre. Im Augenblick, wo ich diesen armen Tröpfen auf Nimmerwiedersehen Lebewohl sagen wollte, sah einer von den Erziehern zum Fenster hinaus und rief: »Da kommt der König angeritten!« Ich konnte ihm nicht gut ausweichen; übrigens war es mir auch ganz angenehm, ihn noch einmal zu sehen, besonders an diesem Ort. Der König trat mit seinem Freunde Quintus Icilius ein, besah sich alles, blickte mich an, sagte mir aber kein Wort. Ich trug das brillantenbesetzte Kreuz meines Ordens um den Hals und hatte einen eleganten Taftanzug an. Aber ich mußte mir auf die Lippen beißen, um nicht laut aufzulachen, als ich den großen Friedrich wütend werden sah: sein Zorn galt einem Nachttopf, der unter einem Bett hervorsah und noch die Spuren einer gewissen Unreinlichkeit trug. »Wem gehört dies Bett?« rief der Monarch. »Mir, Eure Majestät«, sagte ein Kadett, an allen Gliedern zitternd. »Gut; aber mit Ihm will ich nichts zu tun haben, wo ist sein Gouverneur?« Der glückliche Gouverneur tritt vor, und der freundliche König nennt ihn einen Lümmel und wäscht ihm gehörig den Kopf. Zum Schluß sagte er ihm, er habe einen Bedienten zu seiner Verfügung und müsse daher auf Sauberkeit achten. Diese ekelhafte Szene genügte mir; ich schlich mich leise hinaus und begab mich zu Lord Marishal, um ihm für das schöne Glück zu danken, das der Himmel mir durch seine Vermittlung zugedacht hatte. Der gute alte Herr fing an zu lachen, als ich ihm ausführlich den Auftritt erzählte, den ich soeben erlebt hatte. Er sagte mir, ich habe recht, wenn ich eine derartige Anstellung verschmähe. Trotzdem müsse ich mich aber beim König bedanken, bevor ich von Berlin fortgehe. Als ich ihm sagte, es widerstrebe mir, noch einmal vor einen Menschen zu treten, den ich so wenig zugänglich gefunden habe, nahm er es auf sich, Seiner Majestät meine Weigerung und meine Entschuldigung mitzuteilen. Ich entschloß mich nun nach Rußland zu reisen und traf allen Ernstes meine Vorbereitungen. Baron Treidel bestärkte mich in meinem mutigen Entschluß, indem er sich erbot, mir eine Empfehlung an seine Schwester, die Herzogin von Kurland, mitzugeben. Ich schrieb Herrn von Bragadino, er möchte mir eine Empfehlung an einen Petersburger Bankier besorgen, der mir jeden Monat die Summe auszahlen würde, deren ich zu einem bequemen Lebensunterhalt bedürfte. Anstandshalber mußte ich mit einem Bedienten reisen. Der Zufall übernahm es, mir einen solchen zu besorgen. Als ich eines Tages bei Frau Rufin war, trat ein junger Lothringer ein; er trug wie Bias seine ganze Habe bei sich, aber unter dem Arm. Er stellte sich mit folgenden Worten vor: »Madame, ich heiße Lambert, bin Lothringer und wünsche bei Ihnen zu wohnen.« »Sehr gern, mein Herr; aber Sie müssen jeden Tag bezahlen.« »Das ist unmöglich, Madame, denn ich habe keinen Heller; aber ich werde Geld bekommen, sobald ich meinen Aufenthaltsort mitgeteilt habe.« »Unter diesen Bedingungen kann ich Sie nicht aufnehmen, mein Herr.« Als ich ihn mit ganz betrübtem Gesicht auf die Tür zugehen sah, fühlte ich Mitleid mit ihm, rief ihn zurück und sagte: »Bleiben Sie, ich werde heute für Sie bezahlen.« Ein Glücksschimmer flog über sein Gesicht. »Was haben Sie denn in Ihrem Bündel?« fragte ich ihn. »Zwei Hemden, ein paar Dutzend mathematische Bücher und etwas Wäsche.« Ich nahm ihn mit mir auf mein Zimmer, und da ich ihn ziemlich gebildet fand, fragte ich ihn, durch welchen Zufall er in eine solche Lage gekommen sei. Er antwortete: »Ich war in Straßburg. Ein Fähnrich der dortigen Garnison gab mir in einem Kaffeehause eine Ohrfeige; am Tage darauf ging ich in sein Zimmer und erdolchte ihn. Nach dieser unglückseligen Tat ging ich nach Hause, packte ein paar Kleidungsstücke und die notwendigsten Bücher zusammen und verließ die Stadt. Da ich immer zu Fuß ging und bescheiden lebte, ist es mir bis heute früh gelungen, mich durchzuschlagen. Morgen werde ich an meine Mutter schreiben, die in Lunéville wohnt, und ich bin gewiß, daß sie mir Geld schicken wird.« »Und was gedenken Sie zu tun?« »Ich habe die Absicht, mich um eine Anstellung beim Geniekorps zu bewerben, denn ich glaube mich in diesem Stande nützlich machen zu können; im äußersten Notfall werde ich Soldat.« »Ich werde Ihnen ein kleines Bedientenzimmer geben lassen und Ihnen ein bißchen Geld geben, um sich Ihr Essen zu kaufen, bis Sie die Hilfe von Ihrer Mutter erhalten haben.« Er küßte mir dankbar die Hand und sagte: »Der Himmel hat Sie mir in den Weg geführt.« 52g Ich traute dem jungen Mann keinen Betrug zu, obgleich er stotterte; trotzdem schrieb ich aus Neugier an Herrn von Schauenburg, der sich damals in Straßburg befand, und fragte bei ihm an, ob der von dem jungen Menschen mir erzählte Vorfall sich wirklich zugetragen habe. Am nächsten Tage hatte ich Gelegenheit, mit einem Genieoffizier zu sprechen. Dieser sagte mir, es seien so viele wissenschaftlich gebildete Leute im Regiment, daß keiner mehr angenommen würde, wenn er sich nicht bereit erklärte, als gewöhnlicher Soldat zu dienen. Ich bedauerte den jungen Menschen, daß er gezwungen sein würde, sich dazu zu entschließen. Wir verbrachten zusammen ganze Stunden mit der Lösung mathematischer Aufgaben, und da ich fand, daß er wirklich Kenntnisse hatte, hatte ich den Einfall, ihn mit nur nach Petersburg zu nehmen. Als ich ihm dies vorschlug, antwortete er mir: »Das wäre ein Glück für mich, und um Ihre Güte anzuerkennen, würde ich gern unterwegs Ihren Bedienten machen.« Er sprach schlecht französisch; da er aber Lothringer war, so wunderte ich mich nicht darüber. Trotzdem war ich überrascht, daß er kein Wort Latein verstand, und daß er die gröbsten orthographischen Fehler machte, als ich ihm einmal einen Brief diktierte. Als ich darüber lachte, schämte er sich keineswegs, sondern sagte mir, er sei nur zur Schule gegangen, um Geometrie und Mathematik zu lernen, und es sei ihm sehr lieb, daß die langweilige Grammatik mit der Rechenkunst nichts zu tun habe. Er verstand in der Tat nur Mathematik und war in allem übrigen höchst unwissend. Er wußte sich auch nicht zu benehmen und betrug sich wie ein richtiger Bauernjunge. Nach zehn oder zwölf Tagen erhielt ich von Herrn von Schauenburg die Antwort auf meinen Brief. Er schrieb mir, der Name Lambert sei in Straßburg unbekannt und in dem von mir genannten Regiment sei kein Fähnrich getötet oder verwundet worden. Als ich Lambert diesen Brief zeigte, um ihm seine Lüge vorzuhalten, sagte er mir, er habe es für notwendig gehalten, sich als einen tapferen Menschen hinzustellen, weil er den Wunsch gehabt habe, in den Heeresdienst einzutreten; da die Lüge nicht darauf berechnet gewesen sei, mich irrezuführen, so müsse ich sie ihm verzeihen. »Die Armut ist eine schlechte Lehrmeisterin, die einen zu den übelsten Sachen treibt; ich bin von Natur nicht lügenhaft; leider habe ich Ihnen aber noch etwas anderes vorgelogen, was von viel größerer Bedeutung ist: ich erwarte nichts von meiner armen Mutter, die im Gegenteil meiner Unterstützung bedürftig wäre. Also verzeihen Sie mir, und verlassen Sie sich darauf, daß ich Ihnen gut und treu dienen werde.« Ich hatte stets – und nicht ohne Grund – viel Nachsicht gegen kleine Sünden. Lamberts Entschuldigung gefiel mir; ich ermahnte ihn, sich gut aufzuführen, und sagte ihm, wir würden in fünf bis sechs Tagen abreisen. Der Baron Bodisson aus Venedig, der dem König ein Gemälde des Andrea del Sarto verkaufen wollte, machte mir den Vorschlag, ihn nach Potsdam zu begleiten. Da ich Lust hatte, mich nach Lord Marishals Rat noch einmal dem König zu zeigen, so nahm ich die Einladung an. In Potsdam ging ich zur Wachtparade, bei welcher Friedrich selten fehlte. Sobald er mich sah, kam er auf mich zu und fragte mich leutselig, wann ich nach Petersburg abzureisen gedächte. »In fünf oder sechs Tagen, Sire, wenn Eure Majestät es erlauben wollen.« »Gute Reise; aber was erhoffen Sie dort zu Lande?« »Was ich hier zu Lande erhoffte, Sire: dem Souverän zu gefallen.« »Haben Sie Empfehlungen an die Kaiserin?« »Nein, Sire, nur an einen Bankier.« »Das ist auch viel besser. Wenn Sie auf Ihrer Rückreise wieder hier durchkommen, wird es mich freuen, von Ihnen Neues über Rußland zu hören. Adieu!« »Adieu, Sire.« Dies war meine zweite Unterhaltung mit dem großen König, den ich nicht wiedergesehen habe. Ich verabschiedete mich von allen meinen Bekannten und erhielt vom Baron Treidel einen Brief an den Großkanzler Herrn von Keyserlingk in Mitau mit einer Einlage für seine Schwester, die Herzogin von Kurland. Den letzten Abend verbrachte ich mit meiner guten Denis, die mir meine Postkalesche abkaufte. Ich hatte zweihundert Dukaten in meiner Börse, und diese Summe hätte für die Reise vollkommen genügt, wenn ich nicht die Torheit begangen hätte, bei einer Vergnügungspartie, die ich in Danzig mit jungen Kaufleuten machte, die Hälfte davon zu verspielen. In Königsberg, wo ich an den Gouverneur Feldmarschall von Lehwald empfohlen war, blieb ich nur einen Tag, um die Ehre zu haben, bei dem liebenswürdigen alten Herrn zu speisen. Er gab mir einen Empfehlungsbrief an seinen Freund, den General Wojakoff, Gouverneur von Riga. Da ich noch Geld genug hatte, um in Mitau als großer Herr ankommen zu können, nahm ich einen viersitzigen Wagen mit sechs Pferden und gelangte in drei Tagen nach Memel. Im Gasthof, wo ich abstieg, fand ich eine florentinische Sängerin, Namens Bregonci, die mich mit Liebenswürdigkeiten überhäufte, weil ich, wie sie sagte, sie geliebt hätte, als ich noch ein Kind gewesen wäre und die Soutane getragen hätte. Ich habe sie sechs Jahre später in Florenz wiedergesehen, wo sie mit der Denis zusammenwohnte. Am Tage nach meiner Abreise von Memel kam auf offenem Felde ein einzelner Mann, offenbar ein Jude, an meinen Wagen heran und sagte mir, ich sei auf polnischem Gebiete und müsse Durchgangszoll für die Waren bezahlen, die ich bei mir habe. »Ich bin kein Kaufmann und habe nichts zu bezahlen.« »Ich habe das Recht, Ihren Wagen zu durchsuchen, und ich werde davon Gebrauch machen.« »Sie sind verrückt!« rief ich; zugleich befahl ich dem Postillon, Galopp zu fahren. Der Jude aber packte die vordersten Pferde an den Zügeln und hielt uns an. Dem Postillon fiel es nicht ein, den frechen Kerl mit Peitschenhieben fortzujagen, sondern er wartete mit seinem deutschen Phlegma, bis ich uns freimachen würde. Wütend sprang ich aus dem Wagen, in der einen Hand eine Pistole, in der anderen meinen Stock. Ich streichelte den Juden mit einem halben Dutzend wohlgezielter Hiebe, und bald ergriff er die Flucht. Mein Reisegefährte, mein Bedienter Archimedes, der unterwegs die ganze Zeit schlief, rührte sich nicht von seinem Platze. Als ich ihm Vorwürfe deswegen machte, antwortete er mir, er habe nicht gewollt, daß der Jude sagen könnte, wir seien zu zweien über einen einzelnen hergefallen. Zwei Tage später kam ich in Mitau an und stieg in dem Gasthofe ab, der dem Schloß gegenüberliegt. Ich hatte nur noch drei Dukaten. Gleich am nächsten Morgen ging ich zu Herrn von Keyserlingk. Nachdem er den Brief des Barons von Treidel gelesen hatte, stellte er mich seiner Gemahlin vor und ließ mich dann mit ihr allein, um zu Hofe zu gehen und der Herzogin den Brief ihres Bruders zu bringen. Frau von Keyserlingk ließ mir von einer jungen Polin von blendender Schönheit eine Tasse Schokolade reichen. Das Mädchen stand mit gesenkten Wimpern vor mir, wie wenn sie mir Gelegenheit geben wollte, sie in aller Muße zu betrachten. Dabei kam mir eine Laune. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht meinen Launen widerstehen können; aber diese war allerdings unter den obwaltenden Umständen sehr eigentümlich. Wie ich vorhin sagte, hatte ich nur noch drei Dukaten; während ich nun langsam meine Schokolade schlürfte, dabei die schöne Polin betrachtete und einige Worte mit Frau von Keyserlingk wechselte, zog ich geschickt meine drei Dukaten aus der Tasche und legte sie auf die Tasse, als ich diese zurückgab. Der Kanzler kam zurück und teilte mir mit, die Herzogin könne mich im Augenblick nicht empfangen, aber sie lade mich zum Abendessen und zu dem darauf folgenden Ball ein. Das Abendessen nahm ich an, aber die Einladung zum Ball schlug ich aus, unter dem Vorwande, daß ich nur Sommeranzüge und einen schwarzen Rock bei mir habe. Wir waren im Anfang des Oktobers, und die Kälte machte sich bereits bemerkbar. Der Kanzler kehrte ins Schloß zurück, und ich begab mich nach meinem Gasthof. Eine halbe Stunde später überbrachte ein Kammerherr mir die Komplimente Ihrer Hoheit und sagte mir: »Der Ball ist ein Maskenball, Sie können im Domino hingehen. Einen solchen können Sie sich leicht bei irgendeinem Juden besorgen. Ursprünglich sollte ein Galaabend stattfinden; aber die Herzogin hat alle Gäste benachrichtigt, daß statt dessen Maskenball sein werde, weil ein Fremder, der daran teilnehmen solle, seine Koffer schon vorausgeschickt habe.« »Es tut mir leid, daß ich an dieser Abänderung schuld bin.« »Beunruhigen Sie sich deshalb nicht: der Maskenball ist bei uns viel beliebter, weil er mehr Freiheit gewährt.« Nachdem er mir die Stunde des Beginns gesagt hatte, entfernte er sich. Der Leser denkt nun gewiß, daß ich mich in einer großen Verlegenheit befunden habe, und würde mich wohl nicht für aufrichtig halten, wenn ich nicht gestehen wollte, daß ich mich in der Tat nicht wohl fühlte. Aber mein gutes Glück kam mir zu Hilfe. Da das preußische Geld, das schlechteste in ganz Deutschland, in Rußland keinen Kurs hatte, so kam ein Jude zu mir und fragte mich, ob ich Friedrichsdor hätte; er erbot sich, mir diese ohne Verlust gegen Dukaten einzuwechseln. »Ich habe nur Dukaten,« antwortete ich ihm, »kann also von Ihren Diensten keinen Gebrauch machen.« »Ich weiß es, mein, Herr, und Sie geben sie sehr billig.« Da ich nicht wußte, was er damit sagen wollte, so sah ich ihn erstaunt an. Er fuhr fort, er würde mir gern zweihundert Randdukaten geben, wenn ich die Güte haben wollte, sie ihm in Rubeln auf St. Petersburg diskontieren zu lassen. Ich war ein wenig überrascht von der Dienstwilligkeit des Mannes, tat aber, wie wenn ich mir seinen Vorschlag überlegte, und sagte ihm dann, ich hätte keine Dukaten nötig, wäre aber bereit, hundert zu nehmen, um ihm einen Gefallen zu tun. Er zählte mir mit dankbarer Miene sofort hundert Dukaten auf, und ich gab ihm dafür eine Anweisung auf den Bankier Demetrio Papanelopulo, für den da Loglio mir einen Brief mitgegeben hatte. Der Jude bedankte sich und ging, indem er mir sagte, er werde mir eine Anzahl schöner Dominos zur Auswahl schicken. Da mir einfiel, daß ich auch seidene Strümpfe brauchte, schickte ich Lambert hinter ihm her, um ihm zu sagen, daß er mir welche mitbringen solle. Als mein Diener zurückkam, erzählte er mir, der Wirt hätte ihn angehalten und ihm gesagt, ich würfe die Dukaten zum Fenster hinaus; der Jude hätte ihm erzählt, daß ich der Jungfer der Frau von Keyserlingk drei Dukaten gegeben hätte. Das war des Rätsels Lösung. Nichts ist auf dieser Welt leicht oder schwer, sondern es kommt nur darauf an, ob man sich richtig oder falsch benimmt, und ob das Glück uns günstig oder feindselig gesinnt ist. Ohne die Renommisterei mit meinen letzten drei Dukaten hätte ich in Mitau keinen Taler gefunden. Das Mädchen, das an solche Freigebigkeit jedenfalls nicht gewöhnt war, hatte die Geschichte als ein Wunder ausposaunt, und der Jude, der stets auf eine Gelegenheit zum Geldverdienen lauerte, hatte sich beeilt, seine Dukaten dem vornehmen Herrn anzubieten, der sich so wenig daraus machte. Zur bezeichneten Stunde begab ich mich an den Hof. Herr von Keyserlingk stellte mich sofort der Herzogin vor und diese dem Herzog, dem berühmten Biron oder Birlen, dem früheren Günstling der Kaiserin Anna Iwanowna, der nach dem Tode dieser Herrscherin Regent von Rußland gewesen und hierauf zu zwanzigjähriger Verbannung nach Sibirien verurteilt war. Er war sechs Fuß hoch und man sah ihm noch an, daß er früher ein sehr schöner Mann gewesen war. Aber das Alter, das die schönsten Formen zerstört, hatte auch ihn mit seiner Eisenhand angepackt. Am nächsten Tage hatte ich mit ihm eine lange Besprechung. Eine Viertelstunde nach meiner Ankunft begann der Ball mit einer Polonaise. Als wohl empfohlener Fremder hatte ich die Ehre, von der Herzogin eingeladen zu werden, diesen Tanz mit ihr zu tanzen. Ich kannte den Tanz nicht, aber er ist so leicht, daß ich mich mit Ehren herauszog; denn er fügt sich jedem Einfall und gestattet trotz seiner Einfachheit eine große Anmut zu entwickeln. Nach der Polonaise wurden Menuetts getanzt. Eine schon etwas ältliche Dame fragte mich, ob ich den »liebenswürdigen Sieger« tanzen könnte, und ich führte sofort diesen anmutigen Tanz mit ihr aus. Er war früher, zur Zeit der Regentschaft, Mode gewesen, und meine Tänzerin mochte wohl damals darin geglänzt haben. Er war wie ein Wunder für alle jungen Damen, die uns umringten. Nachdem ich mit Fräulein von Manteuffel, der hübschesten von den vier Hofdamen der Herzogin, einen Kontertanz getanzt hatte, ließ ihre Hoheit mir melden, daß das Souper bereit sei. Ich trat auf sie zu, bot ihr meinen Arm und befand mich gleich darauf neben ihr als ein einziger Kavalier an einem Tisch zu zwölf Gedecken. Aber beneide mich nicht, lieber Leser, besonders wenn du jung bist; denn meine elf Tischgenossinnen waren Matronen, die schon längst das Vorrecht verloren hatten, Männern den Kopf zu verdrehen. Die Herzogin war äußerst zuvorkommend gegen mich und schenkte mir gegen Ende des Mahles mit eigener Hand ein Glas Likör ein, den ich für Tokayer hielt und sehr lobte; es war aber nur altes englisches Bier. Doch was tut man nicht für eine Herzogin! Als wir vom Tisch aufstanden, führte ich sie wieder auf den Ball. Der junge Kammerherr, der mir die Einladung überbracht hatte, machte mich mit all den schönen Damen bekannt, aber ich hatte keine Zeit, einer von ihnen besonders den Hof zu machen. Am nächsten Tage speiste ich bei Herrn von Keyserlingk und schickte Lambert zu einem Juden, um sich anständige Kleider zu kaufen. Am übernächsten Tage aß ich zu Mittag bei dem Herzog, bei dem ich nur Herren fand. Der alte Fürst ließ mich fortwährend sprechen, und gegen das Ende der Mahlzeit kam die Unterhaltung auf die Reichtümer des Landes, die besonders in edlen und in halbedlen Metallen bestanden. Ich sagte ganz beiläufig, diese Reichtümer hingen nur von der Ausbeutung ab, könnten aber sehr kostbar werden. Um diese Behauptung zu rechtfertigen, hatte ich über das Thema zu sprechen, wie wenn ich es ganz besonders studiert hätte. Ein alter Kammerherr, dem alle Bergwerke von Kurland und Sämland unterstanden, ließ mich zunächst alles vorbringen, was die Begeisterung mir eingab; hierauf verbreitete er sich selber über das Thema, brachte allerlei Einwendungen vor, billigte aber andererseits auch meine vernünftigen Bemerkungen über die sparsame Einrichtung, von der der Erfolg der Ausbeutung abhängen müsse. Ich hatte gesprochen, wie wenn ich Kenner in diesen Dingen wäre. Hätte ich daran gedacht, daß ich vielleicht mit einem Kenner zu tun haben würde, so würde ich sicherlich viel weniger gesagt haben; denn ich war ziemlich unwissend auf diesem Gebiete. Aber diese Vorsicht wäre mir zu Schaden gewesen, denn dann würde ich keinen Eindruck gemacht haben. Der Herzog setzte sich in den Kopf, daß ich viel mehr wüßte als ich gesagt hätte. Nach Tisch zog er mich in eine Fensternische und bat mich, ihm vierzehn Tage zu schenken, wenn ich es mit meiner Reise nach St. Petersburg nicht sehr eilig hätte. Ich stellte mich ihm zur Verfügung, und er führte mich in sein Arbeitszimmer. Dort sagte er mir, der Kammerherr, der mit mir gesprochen hätte, würde mir alle Einrichtungen dieser Art zeigen, die in seinen Herzogtümern beständen; ich mochte die Gefälligkeit haben, alle meine Bemerkungen über einen ökonomischen Betrieb aufzuschreiben. Ich erklärte mich mit seinem Vorschlage einverstanden, und meine Abreise wurde auf den nächsten Tag angesetzt. Entzückt von meiner Dienstwilligkeit ließ der Herzog den Kammerherrn rufen und gab ihm die entsprechenden Aufträge. Wir verabredeten, daß er mich bei Tagesanbruch mit einem sechsspännigen Wagen abholen solle. Ich ging nach Hause, traf meine Vorbereitungen und befahl Lambert, sich bereit zu halten, um mich mit seinem mathematischen Besteck zu begleiten. Ich setzte ihn von dem Zweck meiner Reise in Kenntnis, und er versprach mir, nach besten Kräften mir zu dienen, obwohl er von Verwaltungswissenschaft und Bergbau keine Ahnung hatte. Zur verabredeten Stunde fuhren wir ab; ein Bedienter saß auf dem Kutschbock, zwei andere ritten, bis an die Zähne bewaffnet, vor uns her. Alle zwei oder drei Stunden wechselten wir die Pferde; der Kammerherr hatte einen reichlichen Vorrat guter Weine mitgenommen, und wir erfrischten uns, so oft wir Lust bekamen. Unsere Rundfahrt dauerte vierzehn Tage, und wir besuchten fünf Kupfer- oder Eisenwerke. Ich brauchte nicht Kenner zu sein, um überall etwas aufschreiben zu können; es genügte, wenn ich vernünftige Bemerkungen machte, besonders über die ökonomische Einrichtung, auf die es dem Herzog hauptsächlich ankam. Hier riet ich Reformen an, die mir nützlich zu sein schienen, dort wies ich nach, daß eine Vermehrung der Arbeiterzahl die Erträgnisse verbessern würde. Besonders bei einem Bauwerk, worin man dreißig Strafgefangene arbeiten ließ, ordnete ich die Herstellung eines sehr kurzen Kanals an; dieser stand mit einem stets wasserhaltigen, ziemlich hoch gelegenen, kleinen Fluß in Verbindung, und es brauchte nur eine einfache Schleuse angebracht zu werden, um drei Räder in Bewegung zu setzen und dadurch zwanzig Arbeiter zu sparen. Lambert entwarf unter meiner Anleitung einen sehr sauberen Plan des Werkes, maß die Höhen, zeichnete die Schleuse und die Räder und steckte die ganze Länge des geplanten Kanals ab. Durch andere Kanäle legte ich weite Täler trocken, in denen sich große Mengen Schwefel und Vitriol gewinnen ließen. Sehr befriedigt von meiner Reise kehrte ich nach Mitau zurück, denn ich hatte mich wirklich nützlich machen können. Auch freute ich mich, in mir ein Talent entdeckt zu haben, von welchem ich bisher keine Ahnung gehabt hatte. Den nächsten Tag verbrachte ich damit, die von mir aufgezeichneten Beobachtungen ins Reine zu schreiben und die dazu gehörigen Zeichnungen in größeren Maßstab übertragen zu lassen. Am zweiten Tage überbrachte ich alles dem Herzog, der mir seine große Zufriedenheit aussprach; als ich mich zugleich von ihm verabschiedete, sagte er mir, er werde mich in einem seiner Wagen nach Riga bringen lassen und mir einen Brief an seinen dort in Garnison stehenden Sohn Karl mitgeben. Zum Schluß bat der gute und weise Greis mich, ihm ohne Umschweif zu sagen, ob ich einen Schmuckgegenstand oder den entsprechenden Wert in barem Gelde zu erhalten wünschte. »Mein Fürst, von einem Weisen, wie Eure Hoheit es sind, wage ich es, Geld anzunehmen, da dieses mir jetzt nützlicher sein kann als Schmucksachen.« Sofort übergab er mir eine Anweisung auf vierhundert Albertstaler, die mir der Kassierer in schönen Mitauer Dukaten auszahlte. Der Albertstaler gilt einen halben Dukaten. Nachdem ich der Herzogin die Hand geküßt hatte, speiste ich zum zweiten Male bei Herrn von Keyserlingk. Am nächsten Tage brachte ein junger Kammerherr mir den Brief des Herzogs, wünschte mir gute Reise und sagte mir, der Hofwagen stehe vor meiner Tür. Sehr zufrieden fuhr ich mit meinem stotternden Lambert ab; am Mittag kam ich in Riga an und schickte sofort dem Prinzen Karl den Brief seines Vaters. Zwanzigstes Kapitel Mein Aufenthalt in Riga. – Campioni. – Ste.-Héleine. – D'Aragon. – Ankunft der Kaiserin. – Meine Abreise von Riga und Ankunft in St. Petersburg. – Besuche. – Ich kaufe Zaïra. Prinz Karl Biron, jüngerer Sohn des regierenden Herzogs von Kurland, Generalmajor in russischen Diensten, Ritter des Alexander-Newskis-Ordens, empfing mich, durch den Brief seines Vaters günstig gestimmt, mit großer Auszeichnung. Der Prinz war sechsunddreißig Jahre alt, hatte ein sehr angenehmes, wenn auch nicht schönes Gesicht, war höflich und sprach sehr gut französisch. Er sagte mir in wenigen Worten, was ich von ihm zu erwarten hätte, wenn ich einige Zeit in Riga zu verbringen gedächte. Er bot mir seinen Tisch, seine Gesellschaft, seine Vergnügungen, seinen Marstall, seinen Rat und seine Börse an, und er tat es mit jenem freimütigen Ton, der einem Soldaten so gut ansteht, und mit jener herzlichen Güte, die eigentlich eine unzertrennliche Eigenschaft aller Fürsten sein sollte. »Eine Wohnung biete ich Ihnen nicht an,« sagte er zu mir, »weil mein eigenes Haus ein wenig eng ist; aber ich werde dafür sorgen, daß Sie eine passende Wohnung finden.« In Wirklichkeit war diese Wohnung bereits gefunden, und ich wurde von einem Adjutanten des Prinzen hingeführt. Kaum hatte ich mich eingerichtet, so machte der General mir bereits einen Besuch und nötigte mich, so wie ich war, mit ihm zum Essen zu gehen. Es war eine Mahlzeit ohne alle Umstände, und zu meiner angenehmen Überraschung sah ich dabei Campioni wieder, von dem ich bereits zwei- oder dreimal in diesen Erinnerungen gesprochen habe. Dieser Campioni war ein Tänzer, der weit über seinem Berufe stand und für die gute Gesellschaft geschaffen war: er war höflich, witzig, heiter und ein Lebemann, hatte keine Vorurteile, liebte Frauen, gutes Essen und hohes Spiel, war vorsichtig, verschwiegen, tapfer und lebte ruhig, sowohl wenn das Glück ihm günstig wie wenn es ihm ungünstig war. Wir freuten uns beide, uns wiederzusehen. Ein anderer Gast, ein Savoyarde, Baron von Ste.-Héleine, hatte eine junge Frau, die ziemlich hübsch, im übrigen aber sehr unbedeutend war. Der Baron, dick und fett, war Spieler, Esser und Trinker. Fügt man zu diesem dreifachen Verdienst noch die Kunst, Schulden zu machen und seine Gläubiger vortrefflich in Sicherheit zu wiegen, so hat man das Ganze seiner Kunst und Wissenschaft; denn im übrigen war er dumm in der vollen Bedeutung des Wortes. Ein Adjutant und die Geliebte des Prinzen speisten ebenfalls mit uns. Diese Geliebte war blaß, traurig, mager, träumerisch, dabei aber ziemlich hübsch; sie mochte etwa zwanzig Jahre alt sein. Sie aß beinahe gar nichts, weil sie alles schlecht fand. Sie sagte, sie sei krank, und alle ihre Züge drückten Mißbehagen aus. Der Prinz forderte sie vergeblich zum Essen und Trinken auf; sie wies alles verächtlich zurück. Der Prinz neckte sie lachend wegen ihrer Lächerlichkeiten, aber er tat es in so zartfühlender Form, daß sie sich nicht allzusehr verletzt fühlen konnte. Wir verbrachten beinahe zwei Stunden recht heiter bei Tische. Nach dem Kaffee schüttelte der Prinz mir die Hand, da er anderweitige Geschäfte hatte; er bat mich, mittags und abends an seinen Tisch zu kommen, wenn ich nichts Besseres wüßte, und ließ mich mit Campioni allein. Mein alter Freund und liebenswürdiger Landsmann führte mich in seine Wohnung, um mich mit seiner Frau und seiner Familie bekannt zu machen. Ich wußte nicht, daß er sich wieder verheiratet hatte. Ich fand in seiner angeblichen Frau eine sehr liebenswürdige, etwas magere, aber geistsprühende Engländerin. Sie hatte eine Tochter von elf Jahren; diese war sehr frühreif, denn man hätte ihr ohne weiteres fünfzehn Jahre gegeben. Sie war geist- und talentvoll, tanzte, sang und spielte Klavier, und ihre Augen schleuderten Blitze, ein Beweis, daß ihre Natur den Jahren vorausgeeilt war. Sie eroberte mich, und ihr Vater wünschte ihr Glück dazu. Darüber freute sie sich; aber ihre Mutter kränkte sie sichtlich, indem sie sie kleine Bambina nannte – eine blutige Beleidigung für ein junges Mädchen, das seine Bestimmung zu fühlen beginnt. Auf einem Spaziergang, den ich mit Campioni machte, gab er mir Auskunft über alles; zuerst über sich selber: »Seit zehn Jahren lebe ich mit dieser Frau. Betty, die Sie so reizend finden, ist nicht meine Tochter; die anderen aber sind meine Kinder, und ich habe sie von meiner Engländerin erhalten. Vor zwei Jahren habe ich Petersburg verlassen, und ich lebe hier recht gut. Ich habe Zöglinge, die mir Ehre machen. Ich spiele beim Prinzen – gewinne, verliere, kann aber niemals eine so große Summe gewinnen, um einen unglückseligen Gläubiger zu befriedigen, den ich in Petersburg zurückgelassen habe und der mich auf Grund eines Wechsels verfolgt. Er kann mich ins Gefängnis setzen lassen, und ich bin jeden Tag darauf gefaßt.« »Handelt es sich um eine große Summe?« »Fünfhundert Rubel.« »Aber das ist doch nicht so arg: Zweitausend Franken!« »Ich weiß es wohl, aber wenn man sie nicht hat?« »Sie hätten die Schuld durch Teilzahlungen decken sollen.« »Davon will der Unmensch nichts wissen.« »Und was gedenken Sie nun zu tun?« »Wenn es möglich ist, will ich das Eintreten des starken Frostes abwarten; dann werde ich allein die Flucht ergreifen und nach Polen gehen; dort werde ich sehen, ob ich alles in Ordnung bringen kann. Der Baron von Ste.-Héleine wird ebenfalls ausreißen, wenn er kann; er hält sich nur noch durch Versprechungen aufrecht. Der Prinz, den wir alle Tage besuchen, ist uns sehr nützlich, denn wir können bei ihm spielen; sollte uns aber ein Unglück zustoßen, so könnte er uns auch nicht helfen. Er ist nämlich selber überschuldet, weil die Ausgaben, die er machen muß, seine Einnahmen bei weitem übersteigen. Er spielt und verliert immer. Seine Geliebte kostet ihn viel und ärgert ihn durch ihre schlechte Laune.« »Warum ist sie denn, so verdrießlich?« »Sie verlangt uon ihm, er solle ihr sein Wort halten; denn er hat ihr versprochen, sie nach Ablauf von zwei Jahren zu heiraten, und nur unter dieser Bedingung hat sie ihm erlaubt, ihr zwei Kinder zu machen. Jetzt, wo die zwei Jahre verflossen und die beiden Kinder gemacht sind, erlaubt sie ihm nichts mehr, weil sie Angst hat, ein drittes Kind könnte dabei herauskommen.« »Kann der Prinz ihr denn nicht einen Heirater finden?« »Er hat einen Leutnant für sie gefunden, aber sie verlangt wenigstens einen Major.« Der Prinz gab dem kommandierenden General Wojakoff, an den ich einen Brief vom Feldmarschall Lewald hatte, ein Galadiner; ich traf bei dieser Gelegenheit die Baronin Korff von Mitau, Madame Ittinoff und ein schönes adliges Fräulein, die Braut des Barons von Budberg, den ich in Florenz, Turin und Augsburg gekannt hatte, von dem ich aber vielleicht in diesen Erinnerungen noch nicht gesprochen habe. Im Verkehr mit allen diesen Herrschaften vergingen mir drei Wochen sehr angenehm; besonders entzückt war ich vom alten General Wojakoff. Dieser wackere alte Herr war vor fünfzig Jahren in Venedig gewesen, als die Russen noch Moskowiter genannt wurden und der Gründer oder Schöpfer von Petersburg noch lebte. Allmählich war er alt geworden wie eine Eiche, immer auf demselben Fleck wurzelnd und immer mit dem gleichen Horizont um sich herum. In seinen Augen war alles noch so wie es damals gewesen war, und er pries mir Venedig und dessen Regierung in dem Glauben, es sei alles noch so wie vor fünfzig Jahren. In Riga erfuhr ich von einem englischen Kaufmann, Collins, daß der angebliche Baron Stenau, der mir in London den falschen Wechsel gegeben und mich dadurch zu meiner plötzlichen Abreise gezwungen hatte, in Portugal gehängt worden war. Dieser angebliche Baron war ein Livländer, der Sohn eines armen Kaufmanns, und war selber ein armer Kommis gewesen. Er hatte sein Kontor verlassen, um dem Glücke nachzujagen, das ihn leider an den Galgen brachte. Der liebe Gott schenke ihm seinen Frieden. Eines Abends kam ein Russe, der im Auftrage seines Hofes in Polen gewesen war, auf der Rückreise zum Prinzen, beteiligte sich am Spiel und verlor zwanzigtausend Rubel auf Wort. Campioni hielt die Bank. Der Russe gab Wechsel in Höhe des Betrages; sobald er aber in Petersburg war, erklärte er vor dem Handelsgericht seine eigenen Wechsel für ungültig, verleugnete also gegen Treu und Glauben sein Ehrenwort und seine Unterschrift. Infolge dieser hinterlistigen Handlung wurden nicht nur alle Gläubiger um ihren Anspruch betrogen, sondern es wurde auch ein strenges Verbot gegen das Spiel erlassen, das in Zukunft auch bei den Stabsoffizieren nicht mehr stattfinden durfte. Der Russe, der diese Gemeinheit beging, war derselbe Schuft, der alle geheimen Maßnahmen der Zarin Elisabeth verriet, als sie mit dem König von Preußen Krieg führte. Er schickte dem Neffen der Kaiserin und erklärten Thronfolger, Peter, alle Befehle, die seine Herrscherin ihren Generälen erteilte, und Peter schickte schleunigst alles dem von ihm angebeteten König von Preußen. Nach Elisabeths Tode machte Peter der Dritte den Halunken zum Vorsitzenden des Handelsgerichts, und dieser veröffentlichte mit Ermächtigung des neuen Zaren die von ihm geleisteten Dienste, die ihm diese schöne Belohnung eingetragen hatten: er rühmte sich also seines abscheulichen Vorgehens, statt sich dessen zu schämen. Peter wußte offenbar nicht, daß man aus Politik zuweilen ein Verbrechen belohnt, daß man aber den Verbrecher stets verachtet. Ich sagte, Campioni habe die Bank gehalten; sie ging aber für Rechnung des Prinzen. Ich war mit einem Zehntel daran beteiligt, das mir ausgezahlt werden sollte, sobald der Schuldner seine Wechsel eingelöst hätte; als ich aber bei Tisch sagte, ich setzte keine Hoffnungen darauf und würde gerne meinen Anteil für hundert Rubel abtreten, nahm der Prinz mich beim Wort und zahlte mir sofort diesen Betrag aus. So kam es, daß ich der einzige war, der von dem Abend einen gewissen Vorteil hatte. Katharina die Zweite wünschte sich in den neuen Staaten zu zeigen, die unter ihre Herrschaft gekommen waren, obgleich sie in der Person ihres früheren Günstlings Stanislaus Poniatowski einen Schattenkönig auf den polnischen Thron gesetzt hatte. Sie kam durch Riga, und dort sah ich zum erstenmal diese große Fürstin. Ich war Zeuge der Liebenswürdigkeit und der anmutigen Freundlichkeit, womit sie die Huldigungen des livländischen Adels entgegennahm: alle adligen Fräuleins, die ihr die Hand küssen wollten, küßte sie auf den Mund. Um sie herum standen die Orloffs und einige andere hohe Herren, die die Verschwörung geleitet hatten. Die Kaiserin sagte lächelnd zu ihnen, sie wolle für ihre treuen Diener eine Pharaobank von zehntausend Rubeln auflegen. In einem Augenblick war der Tisch hergerichtet; es wurden Karten gebracht und Goldstücke aufgestapelt. Sie nahm die Karten, tat, wie wenn sie mischte, und gab sie dem ersten besten zum Abheben. Sie hatte das Vergnügen, in der ersten Taille die Bank gesprengt zu sehen, wie es nicht anders sein konnte; denn wenn sie nicht blödsinnig waren, mußten die Spieler stets wissen, welche Karte herauskommen würde. Am nächsten Tage reiste die Zarin nach Mitau, wo ihr zu Ehren Triumphbogen errichtet waren; diese Triumphbogen waren aus Holz, denn Steine sind in diesem Lande selten, außerdem hätte man auch keine Zeit gehabt, sie aus Stein aufzuführen. Am Tage nach ihrer Ankunft gab es einen großen Schreck: man vernahm, daß in Petersburg eine Revolution auszubrechen drohte und daß es sogar schon zur Ausführung gekommen war. Man hatte den unglücklichen Iwan Iwanowitsch, der in der Wiege zum Zaren ausgerufen und von Elisabeth Petrowna entthront worden war, mit Gewalt aus der Zitadelle befreien wollen, in der er gefangen gehalten wurde. Die beiden Offiziere, die mit der Bewachung des unglücklichen Prinzen beauftragt waren, töteten den armen unschuldigen Monarchen, sobald sie sahen, daß sie nicht stark genug waren, um seine Befreiung zu verhindern. Die Ermordung des unschuldigen Opfers machte einen so starken Eindruck auf das Publikum, daß der vorsichtige Panin einen Ausbruch des Unwillens befürchtete und Kurier um Kurier schickte, um die Kaiserin Katharina anzuflehen, sie möchte zurückkehren und sich ihrem Volke zeigen. Dieser Grund nötigte die Zarin, Mitau schon vierundzwanzig Stunden nach ihrer Ankunft wieder zu verlassen. Statt ihre Vergnügungsreise bis Warschau fortzusetzen, kehrte die Kaiserin in größter Eile nach Petersburg zurück, wo sie alles in der größten Ruhe fand. Die Politik veranlaßte sie, die Mörder des unglücklichen Iwan zu belohnen und den Frechen, die sie aus Ehrgeiz hatten vom Thron stoßen wollen, den Kopf abzuschlagen. Man verbreitete das Gerücht, Katharina sei mit den Mördern im Einverständnis gewesen; aber man kam bald zu der Überzeugung, daß dies eine Verleumdung war. Die Zarin hatte eine starke Seele, aber sie war nicht hinterlistig und grausam. Als ich sie in Riga sah, war sie fünfunddreißig Jahre alt; sie regierte damals seit zwei Jahren. Obwohl sie nicht schön war, hatte sie etwas an sich, was gefiel: sie war groß, gut gewachsen, freundlich, leutselig und besonders von einer Ruhe, die sie nie verließ. Um diese Zeit kam ein Freund des Barons von Ste.-Héleine von Petersburg an, um nach Warschau zu reisen. Er war ein Marchese Dragon, der sich d'Aragon nennen ließ. Er war Neapolitaner, ein großer Spieler, schön gewachsen, ein geschickter Fechter und stets bereit, in heiklen Fällen mit seiner Person einzustehen. Er hatte Petersburg verlassen, weil die Orloffs die Kaiserin überredet hatten, die Glücksspiele verbieten zu lassen. Man fand es eigentümlich, daß gerade die Orloffs das Glücksspiel verbieten ließen, da sie doch von weiter nichts lebten, bevor sie durch ein viel gefährlicheres, aber gewiß nicht edleres Mittel ihr Glück machten. Und doch waren sie vollkommen weise, indem sie diese Maßregel trafen. Sie wußten, daß die Spieler, die vom Spiel leben müssen, notwendigerweise Gauner sind: sie waren es selber gewesen. Sie wußten, daß solche Spieler im allgemeinen zu allen Ränken bereit sind, sobald sich nur irgendeine Aussicht auf Gewinn bietet: auch hierüber konnten sie selber am besten urteilen. Die Orloffs würden sich wohl gehütet haben, das Spiel in den Bann tun zu lassen, wenn sie nicht selber reich gewesen wären. Bürgerliche Tugenden richten sich fast immer nach den Umständen. übrigens kann ein Spieler ein Schwindler sein und doch ein großes Herz haben, und gerechterweise muß man sagen, daß dies von den Orloffs gilt. Alexis hat die Narbe, die seine Wange ziert, in einer Schenke empfangen; der Mann, der ihn mit diesem Messerhieb zeichnete, hatte eine große Summe Geldes an ihn verloren und behauptete, Orloff verdanke diesen Gewinn mehr seiner Geschicklichkeit als dem Glück. Sobald Alexis reich und mächtig war, beeilte er sich den Mann, der ihn so empfindlich gezüchtigt hatte, glücklich zu machen; er dachte nicht daran, sich für die Verunglimpfung seines Antlitzes zu rächen. Dies ist ein edler Zug. Die erste Kunst dieses Dragon bestand darin, stets die ihm günstige Karte umzuschlagcn, die zweite, den Degen zu führen. Er war im Jahre 1759 mit dem Baron von Ste.-Héleine nach Petersburg gekommen. Elisabeth regierte damals noch, aber der Thronfolger, Herzog Peter von Holstein, spielte schon eine große Rolle. Dragon ging auf einen Fechtboden, den der Prinz oft besuchte, und schlug dort alle Anwesenden. Der Herzog ärgerte sich darüber, nahm eines Tages ein Florett in die Hand und forderte den neapolitanischen Marchese heraus. Dragon nahm an und ließ sich zwei Stunden lang verdreschen; der Herzog entfernte sich triumphierend, denn nun konnte er sich für den besten Fechter von Petersburg halten. Als der Prinz fort war, konnte Dragon sich nicht enthalten, zu sagen, er habe sich nur schlagen lassen, um nicht sein Mißfallen zu erregen; natürlich wurde diese Renommisterei dem Großfürsten hinterbracht. Dieser wurde zornig und schwor, er werde ihn zwingen, seine ganze Kraft aufzubieten, und wenn der Marchese ihn nicht vollständig besiege, so werde er ihn aus Petersburg ausweisen lassen. Zugleich ließ Seine Hoheit Dragon befehlen, sich am nächsten Tage auf dem Fechtboden einzufinden. Der Herzog kam in seiner Ungeduld zuerst, bald aber erschien auch d'Aragon. Sobald der Prinz ihn sah, machte er ihm bittere Vorwürfe über seine Bemerkungen; der Neapolitaner versuchte nicht zu leugnen, sondern antwortete, er habe allerdings aus Furcht, dem Thronfolger zu mißfallen, ihm ein Zeichen seiner besonderen Hochachtung geben wollen, indem er sich zwei Stunden lang habe verdreschen lassen. »Gut,« sagte der Großfürst, »aber jetzt werden Sie mich verdreschen, und zwar ohne jede Schonung; sonst lasse ich Sie morgen aus Petersburg ausweisen.« »Gnädiger Herr, es soll nach den Befehlen Eurer Hoheit geschehen. Sie werden mich nicht ein einziges Mal berühren, aber ich hoffe, Prinz, Sie werden mir darob nicht zürnen, sondern mir im Gegenteil Ihren mächtigen Schutz gewähren.« Die beiden Kämpen fochten den ganzen Vormittag miteinander, und der Großfürst empfing etwa hundert Stöße, ohne an den Marchese überhaupt herankommen zu können. Schließlich sah der Prinz die Überlegenheit seines Gegners ein, warf sein Florett weg und streckte dem Marchese die Hand entgegen. Er machte AjH ihn zu seinem Fechtmeister und ernannte ihn zum Major in seinem holsteinischen Garderegiment. Nachdem d'Aragon auf diese Weise sich beim Großfürsten in Gunst gesetzt hatte, erhielt er bald darauf die Erlaubnis, im Palais des Herzogs eine Pharaobank zu halten. In drei oder vier Jahren besaß er hunderttausend Rubel in bar; mit diesen ging er an den Hof des neuen Königs Stanislaus, wo alle Spiele erlaubt waren. In Riga stellte Ste.-Héleine ihn dem Prinzen Karl vor, der ihn bat, am nächsten Tage mit dem Florett gegen ihn und einige Freunde seine Kunst zu zeigen. Ich hatte die Ehre, dabei zu sein. Er verdrosch uns alle ganz gehörig, denn seine Geschicklichkeit war wirklich teufelsmäßig. Es kränkte meine Eitelkeit, von ihm mit jedem Stoß getroffen zu werden, und ich sagte in meiner Empfindlichkeit zu ihm: mit dem blanken Degen in der Hand würde ich ihn nicht fürchten. Er hatte mehr Selbstbeherrschung wie ich und beruhigte mich, indem er mir die Hand hinstreckte und mir sagte: »Mit dem blanken Degen schlage ich mich ganz anders; Sie haben vollkommen recht, wenn Sie im Einzelkampf niemanden fürchten, denn Ihre Fechtweise muß Ihnen Achtung verschaffen.« Am nächsten Tage reiste d'Aragon ab. Leider fand er in Warschau Griechen, die besser griechisch konnten als er – Gauner, die sich nicht auf dem Fechtboden amüsierten und ihm in weniger als sechs Monaten seine hunderttausend Rubel abnahmen. So geht's dem Spieler: Es gibt kein dümmeres und niederträchtigeres Gewerbe als berufsmäßiges Spiel. Acht Tage vor meiner Abreise von Riga, wo ich zwei Monate zubrachte, reiste Campioni mit Unterstützung des trefflichen Prinzen Karl in aller Heimlichkeit ab. Drei oder vier Tage später folgte ihm der Baron von Ste.-Héleine, ohne sich von seinen zahlreichen Gläubigern zu verabschieden. Nur dem Engländer Collins, dem er tausend Taler schuldete, schrieb er ein Briefchen, worin er sagte, als Ehrenmann lasse er seine Schulden an dem Ort, wo er sie gemacht habe. In einigen Jahren werde ich wieder auf diese drei Herren zu sprechen kommen. Campioni überließ mir seinen Schlafwagen; infolgedessen mußte ich sechsspännig nach Petersburg fahren. Der Abschied von seiner Tochter Betty machte mir großen Kummer, und mit der Mutter unterhielt ich während meines ganzen Petersburger Aufenthalts einen Briefwechsel. Am 15. Dezember reiste ich bei fünfzehn Grad Kälte von Riga ab; aber ich fühlte die Kälte nicht einen einzigen Augenblick, obgleich ich Tag und Nacht fuhr; denn während der sechzigstündigen Fahrt verließ ich meinen Schlafwagen nicht ein einziges Mal. Um so schnell reisen zu können, hatte ich bereits in Riga alle Posten bis Petersburg bezahlt, und der Gouverneur von Livland, Marschall Brown, hatte mir den Passierschein für die Post ausfertigen lassen. Auf dem Kutschbock hatte ich einen französischen Bedienten, der mich gebeten hatte, mich während meiner Reise bedienen zu dürfen, und dafür keinen anderen Lohn verlangte, als einen Platz neben dem Kutscher. Er hielt sein Versprechen und bediente mich sehr gut. Trotz seiner schlechten Kleidung hielt er zwei Tage und drei Nächte lang die entsetzliche Kälte aus, ohne daß sie ihn zu belästigen schien. Nur ein Franzose kann derartige Temperaturunterschiede aushalten; ein Russe würde in einer so leichten Kleidung wie mein Franzose in vierundzwanzig Stunden erfroren sein, trotz allem Kornbranntwein, den er trinken würde. Nach der Ankunft in Petersburg verlor ich diesen Franzosen aus den Augen; aber drei Monate darauf begegnete ich ihm wieder: er saß in einem reichen Tressenkleide neben mir an der Tafel des Herrn von Tschernitscheff; er war Uschitel eines jungen Grafen, der an seiner anderen Seite saß. Ich werde noch Gelegenheit haben, von der Stellung zu sprechen, die der Uschitel oder Hofmeister in Rußland einnimmt. Lambert lag neben mir in meinem Schlafwagen; während der ganzen Reise tat er nichts als essen, trinken und schlafen. Da er stotterte, sprach er niemals ein Wort, wenn er nicht mußte. Außerdem konnte er sich nur über mathematische Probleme unterhalten, und ich war nicht immer in der Laune, mich mit solchen zu beschäftigen. Niemals machte er eine scherzhafte Bemerkung, niemals eine kritische Beobachtung über das, was wir sahen. Er war langweilig, denn er war dumm; aber dieser Eigenschaft verdankte er den Vorzug, sich selber niemals zu langweilen. Ich wurde wahrend meiner Reise von Riga nach Petersburg nur ein einziges Mal angehalten, nämlich in Narwa, wo ich einen Paß zeigen mußte, den ich nicht besaß. Ich sagte dem Gouverneur: »Als Venetianer, der nur zu seinem Vergnügen reist, habe ich nicht geglaubt, daß ein Paß für mich notwendig ist; denn meine Republik liegt mit keiner anderen Macht im Kriege; und Rußland hat in Venedig keinen Gesandten. Sollte jedoch Eure Exzellenz Schwierigkeiten machen, so werde ich sofort umkehren; aber ich werde mich beim Marschall Brown beklagen, der mir den Passierschein für die Post gegeben hat, obgleich er wußte, daß ich keinen diplomatischen Paß besitze.« Nachdem er sich einen Augenblick die Stirn gerieben hatte, gab der Gouverneur mir einen Passierschein, den ich noch jetzt aufbewahre. Ich bin damit nach Petersburg hineingekommen, ohne daß man mich danach gefragt hat, ja sogar ohne daß man meine Koffer und meinen Wagen durchsuchte. Zwischen Koporie und Petersburg ist nur ein einziges Nachtlager in einem ärmlichen Hause, das nicht einmal Poststation ist. Das Land ist eine Einöde, und man spricht nicht einmal russisch. Es heißt Ingermannland; die Volkssprache hat, wie ich glaube, mit keiner anderen Sprache etwas gemein. Die Bauern der dortigen Gegend betreiben das Gewerbe, den Reisenden, die nur einen Augenblick ihren Wagen außer acht lassen, alles zu stehlen, was sie können. Ich kam in Petersburg in dem Augenblick an, wo die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne den Horizont vergoldeten. Da wir uns zur Zeit der Wintersonnenwende befanden, und da ich die Sonne genau um neun Uhr vierundzwanzig Minuten über einer ungeheuren Ebene aufgehen sah, so kann ich versichern, daß die längste Nacht dieser Gegend achtzehn und dreiviertel Stunden dauert. Ich nahm eine Wohnung in einer großen und schönen Straße, die die Million genannt wird. Man gab mir zu billigem Preise zwei Zimmer, die vollständig leer waren, die man aber im Handumdrehen mit zwei Betten, vier Stühlen und zwei kleinen Tischen möblierte. Da ich Ofen von riesiger Größe sah, so glaubte ich, es sei eine große Menge Holz nötig, um sie zu erwärmen; aber ich irrte mich. Nur in Rußland besitzt man die Kunst, Ofen zu bauen, wie man nur in Venedig Zisternen zu graben versteht. Ich untersuchte im Sommer und mit einer Sorgfalt, wie wenn ich die Absicht gehabt hätte, den Russen diese Kunstfertigkeit zu stehlen – ich untersuchte, sage ich, das Innere eines dieser Ofen. Er war zwölf Fuß hoch und sechs Fuß breit und heizte einen ungeheuren Saal. Ich bewunderte die vernünftige Anlage der Züge. Diese Öfen werden nur einmal in vierundzwanzig Stunden geheizt, weil man eine oben angebrachte Klappe schließt, sobald das ganze Holz in glühende Kohlen verwandelt ist. Nur bei reichen Herren wird täglich zweimal geheizt, weil es den Bedienten streng verboten ist, jemals die Klappe zu schließen. Der zweifellos sehr vernünftige Grund dieses Verbots ist folgender: Wenn ein Herr ermüdet von der Jagd oder von einer Reise zurückkehrt und schlafen möchte, befiehlt er seinen Leuten, sein Zimmer zu heizen, um zu Bett gehen zu können. Wenn nun aus Unaufmerksamkeit oder Gedankenlosigkeit der Bediente die Klappe schließt, bevor alles Holz durchgeglüht ist, geht der Herr zu Bett und schläft ein, um nicht wieder aufzustehen: in drei oder vier Stunden gibt er seinem Schöpfer seine Seele zurück, ohne um Hilfe rufen zu können, ohne auch nur die Augen zu öffnen. Wenn man am Morgen das Zimmer betritt, findet man den Herrn erstickt; vergebens sucht man ihn ins Leben zurückzurufen; nun verfolgt man den armen Teufel von Diener, der sich geflüchtet hat, den man aber mit erstaunlicher Leichtigkeit zu finden weiß. Man hängt ihn auf der Stelle auf, ohne seine Verteidigungsgründe auch nur anzuhören. Dies Verfahren der Polizei oder der Justiz ist strenge, ja sogar grausam; aber es ist heilsam und verhindert manches Unglück; denn ohne dasselbe könnte jeder Diener seinen Herrn ad patres schicken, sobald er nur den geringsten Anlaß hätte, sich an ihm zu rächen. Nachdem ich die Preise für alles abgemacht und alles billig gefunden hatte – was heutzutage nicht mehr der Fall ist, denn jetzt wird alles so teuer bezahlt wie in London – kaufte ich einige Möbel, die ich nicht entbehren konnte, die aber damals in Rußland nicht viel in Gebrauch waren, zum Beispiel eine Kommode, einen Schreibtisch und dergleichen. Die Umgangssprache in St. Petersburg, ausgenommen in den Kreisen des niedrigsten Volkes, war die deutsche. Ich sprach diese damals nicht besser als heute; es wird mir ziemlich schwer, mich auszudrücken, und meine Zuhörer lachen immer über das, was ich sage. Diese Sprache gehört nun einmal zur russischen Landessitte, aber ich gestehe, daß es mir etwas schwer wurde, mich daran zu gewöhnen. Nach dem Mittagessen sagte mein Wirt mir, am Abend finde ein Gratis-Maskenball für fünftausend Personen bei Hofe statt und dieser Ball dauere sechzig Stunden. Er gab mir eine Eintrittskarte und sagte mir, ich brauchte diese nur am Eingang zum kaiserlichen Palast vorzuzeigen. Da ich glaubte, es müßte ganz interessant sein, gleich nach meiner Ankunft eine so zahlreich besuchte Gesellschaft zu sehen, so entschloß ich mich, von der Eintrittskarte Gebrauch zu machen. Ich besaß noch den Domino, den ich in Mitau gekauft hatte, und brauchte nur eine Maske. Ich ließ mich in einer Sänfte hintragen und traf eine Menge Menschen, die in mehreren Sälen nach den Klängen mehrerer Orchester tanzten. Ich fand mehrere Büfetts, die mit Eßwaren und Getränken beladen waren, und wo ein jeder, der Hunger oder Durst hatte, nach Herzenslust aß oder trank. Freude und Freiheit herrschte überall, und die in verschwenderischer Zahl angebrachten Kerzen verbreiteten Helligkeit in jeden Winkel. Ich fand das alles prachtvoll und bewunderungswürdig und bewunderte es um so rückhaltloser, je größer der Gegensatz zu dem Wetter draußen war. Plötzlich hörte ich neben mir eine Maske zu einer anderen sagen: »Da kommt die Zarin. Jetzt werden wir gleich auch Gregor Orloff sehen; denn er hat Befehl, ihr von weitem zu folgen, und trägt einen Domino, der wie Katharinas Domino wohl fünf Kopeken wert ist.« Ich folgte dieser Maske und gewann bald die Gewißheit, daß es wirklich die Herrscherin war, denn zwanzig Personen zur Linken und zur Rechten wiederholten es; aber niemand tat, wie wenn er sie kenne. Diejenigen, die sie wirklich nicht kannten, stießen sie an, als sie sich so durch das Gedränge schob. Ich stellte mir gern das Vergnügen vor, das sie darüber empfinden mußte; denn hierdurch mußte sie die Überzeugung gewinnen, daß man sie nicht erkannte. Mehrere Male sah ich, wie sie sich neben Leute setzte, die russisch sprachen und sich vielleicht über sie unterhielten. Allerdings setzte sie sich hierdurch einigen Enttäuschungen für ihre Eitelkeit aus. Aber sie verschaffte sich dadurch den unschätzbaren Vorteil, Wahrheiten zu erfahren, die sie von den Höflingen, welche ihr ohne Maske schmeichelten, niemals zu hören hoffen durfte. In einiger Entfernung sah ich stets die Maske, die man als Gregor Orloff bezeichnet hatte. Er verlor sie keine Minute aus den Augen; jedermann erkannte ihn an seinem hohen Wuchs und an der Art, wie er den Kopf vorstreckte. In einem Saal, wo ein französischer Kontertanz ganz ausgezeichnet getanzt wurde, blieb ich stehen, um mit Vergnügen zuzusehen. Plötzlich sah ich eine Maske in Bahute, Mantel, weißer Larve und aufgeschlagenem Hut eintreten. Der Herr war zu gut kostümiert, um nicht mein Landsmann zu sein, denn ich habe selten gesehen, daß Fremde unsere Tracht so gut nachahmen, um eine Täuschung erregen zu können. Zufällig stellte er sich neben mich. »Man würde Sie für einen Venetianer halten«, sagte ich auf französisch zu ihm. »Ich bin es ja auch.« »Wie ich.« »Ich scherze nicht.« »Ich auch nicht.« »So sprechen wir doch venetianisch!« »Sprechen Sie nur; ich werde Ihnen antworten.« Wir sprachen nun miteinander venetianisch, aber an dem Worte sabato Samstag, das man in Venedig sabo ausspricht, erkannte ich, daß er zwar Venetianer war, aber nicht aus der Hauptstadt stammte. Er gab es zu und sagte mir, er erkenne an meiner Sprache mit Bestimmtheit, daß ich aus der Stadt Venedig selbst sei. »So ist es.« »Ich glaubte, in Petersburg gäbe es keinen anderen Italiener als Bernardi.« »Wie Sie sehen, kann man sich täuschen.« »Ich bin Graf Volpati von Treviso.« »Geben Sie mir Ihre Adresse; ich werde Sie aufsuchen und Ihnen sagen, wer ich bin; hier kann ich Ihnen das nicht sagen.« »Meine Adresse? Hier!« Ich trennte mich vom Grafen und streifte wieder auf diesem eigenartigen Ball herum. Zwei oder drei Stunden später überraschte mich die Stimme einer weiblichen Maske, die im Kreise mehrerer anderer Masken in Falsett nach der Mode der Opernbälle pariserisch sprach. Die Stimme erkannte ich nicht, aber der Stil ließ mir keinen Zweifel darüber, daß es eine von meinen Bekannten wäre; denn sie gebrauchte dieselben Ausdrücke und Zwischenrufe, die ich in Paris an allen Orten, die ich häufiger besuchte, in die Mode gebracht hatte: oh! la bonne chose! le cher homme! Ich war neugierig, wer das wohl sein möchte; da ich sie aber nicht anreden wollte, bevor ich sie kannte, so wartete ich geduldig, um sie im verstohlenen sehen zu können, wenn sie einmal ihre Maske abnähme. Nach einer Stunde etwa gelang mir dies. Der Leser stelle sich meine Überraschung vor, als ich die Baret erkannte, die Strumpfhändlerin von der Ecke der Rue St. Honoré! Bei ihrem Anblick erwachte meine Liebe von neuem; ich trat auf sie zu und sagte ihr mit Falsettstimme, ich sei ihr Freund vom Hotel d'Elbeuf. Offenbar wurde sie neugierig; aber sie erriet nicht, wer ich war, und wagte kein Wort zu sagen. Ich flüsterte ihr ins Ohr: Gilbert, Baret, Rue des Prouvères, sowie einige Tatsachen, die nur ihr selber und einem glücklichen Liebhaber bekannt sein konnten. Als sie sah, daß ich ihre geheimsten Angelegenheiten kannte, ließ sie alle anderen stehen, hängte sich an meinen Arm und bat mich, ihr doch zu sagen, wer ich sei. »Ich bin Ihr Liebhaber – einstmals sehr glücklicher Liebhaber; bevor ich Ihnen aber mehr sage, bitte ich Sie, mir anzugeben, mit wem Sie hier sind und wie es Ihnen geht.« »Schön! Aber vor allen Dingen bitte ich Sie, keinem Menschen zu sagen, was Sie von mir wissen! Ich verließ Paris mit Herrn d'Anglade, Parlamentsrat in Rouen. Nachdem ich eine Zeitlang mit ihm ziemlich glücklich gelebt hatte, verließ ich ihn, um dem Direktor einer komischen Oper zu folgen, der mich unter dem Namen l'Anglade als Schauspielerin hierher gebracht hat. Jetzt werde ich vom polnischen Gesandten, Grafen Rzewuski, unterhalten. Und nun, wo Sie alles wissen, sagen Sie mir, bitte, wer Sie sind.« Da ich sicher war, sie wiederum zu besitzen, nahm ich meine Maske ab. Freudetrunken drückte sie mir die Hände und rief: »Mein guter Engel führt Sie nach Petersburg.« »Wieso?« »Rzewuski ist genötigt, nach Polen zurückzukehren; ich kann mich daher nur Ihnen anvertrauen, damit Sie es mir möglich machen, Rußland zu verlassen; denn ich kann es hier nicht mehr aushalten, da ich einen Beruf ausüben muß, für den ich wohl nicht geboren bin: denn ich kann weder singen noch Komödie spielen.« Sie gab mir ihre Adresse, und ich verließ sie, hocherfreut über meine Entdeckung. Nachdem ich eine halbe Stunde an einem Büfett verbracht hatte, wo ich einige Leckerbissen aß und französische Weine trank, mischte ich mich wieder unter die Menge und sah meine schöne l'Anglade mit Bolpati plaudern. Er hatte sie mit mir gesehen und war sofort zu ihr gegangen, um zu erfahren, wer ich sei; sie war jedoch verschwiegen, wie ich es von ihr zum Lohn für meine eigene Diskretion verlangt hatte, und hatte ihm gesagt, ich sei ihr Gemahl; mit diesem Namen rief sie mich an, indem sie sagte, die neugierige Maske wolle es nicht glauben, obwohl es doch wahr sei. Ermüdet verließ ich gegen Morgen den Ball; ich legte mich mit der Absicht zu Bett, in der Frühe aufzustehen, um in die Messe zu gehen. Nachdem ich eine gute Weile geschlafen hatte, wachte ich auf; da ich aber alles noch dunkel sah, drehte ich mich auf die andere Seite und schlief wieder ein, endlich wachte ich zum zweiten Male auf; da ein schwaches Tageslicht durch mein Doppelfenster drang, so stand ich auf und ließ einen Friseur holen. Ich sagte meinem Bedienten, er solle sich beeilen, denn ich wolle die Messe hören, weil heute der erste Sonntag meines Petersburger Aufenthalts sei. »Aber, gnädiger Herr, der erste Sonntag war ja gestern; heute haben wir Montag.« »Wie? Montag?« »Gewiß, gnädiger Herr.« Ich hatte siebenundzwanzig Stunden geschlafen. Nachdem ich herzlich über meinen Irrtum gelacht hatte, überzeugte ich mich bald von der Richtigkeit der Tatsache, denn ich verspürte einen Wolfshunger. Das ist der einzige Tag in meinem Leben, wovon ich sagen kann, daß ich ihn wirklich verloren habe, aber ich werde darüber nicht weinen, wie der römische Kaiser, sondern ich lache darüber; freilich ist das nicht der einzige Unterschied zwischen Titus und Casanova. Ich ging zu dem griechischen Kaufmann Demetrio Papanelopulo, bei dem ich für hundert Rubel monatlich akkreditiert war. Außerdem war ich von Herrn da Loglio an ihn empfohlen worden. Er nahm mich ausgezeichnet auf und bat mich, jeden Tag bei ihm zu speisen; die fällige Monatsrate zahlte er mir sofort aus, zeigte mir, daß er meinen Mitauer Wechsel eingelöst hatte, und besorgte mir einen Bedienten, für dessen Treue er mir bürgte, sowie ein Mietsfuhrwerk für achtzehn Rubel monatlich, etwas mehr als sechs Dukaten. Eine Billigkeit, die heutzutage nicht mehr vorhanden ist. Am nächsten Tage speiste ich bei dem braven Griechen mit dem jungen Bernardi, dem Sohn des Bernardi, der aus Verdachtsgründen, die von der Weltgeschichte bestätigt oder widerlegt werden mögen, vergiftet wurde. Als der Nachtisch aufgetragen wurde, kam Graf Volpati und erzählte, er habe auf dem Ball einen Venetianer getroffen, der ihm versprochen hatte, ihn aufzusuchen. »Dieser Venetianer, Herr Graf, würde sein Versprechen gehalten haben, wenn er nicht nach dem Ball siebenundzwanzig Stunden geschlafen hätte. Dieser Venetianer bin ich, und ich bin entzückt, hier meine Bekanntschaft mit Ihnen zu vervollständigen.« Der Graf wollte abreisen; seine Abreise war bereits in der Petersburger Zeitung angekündigt, wie es damals in Rußland Vorschrift war. Niemand bekam einen Paß früher als vierzehn Tage, nachdem seine Abreise öffentlich angekündigt war. Infolgedessen geben die Kaufleute Fremden gern Kredit, während die Fremden es sich zweimal überlegen, bevor sie Schulden machen. Am nächsten Tage überbrachte ich einen Brief an den damaligen Oberst und späteren Artillerie-General Pietro Iwanowitsch Melissino. Der Brief war von Madame da Loglio, die mit ihm sehr befreundet gewesen war. Er empfing mich aufs beste, stellte mich seiner sehr liebenswürdigen Gemahlin vor und lud mich ein für allemal ein, jeden Abend bei ihnen zu speisen. Sein Haushalt war nach französischer Art eingerichtet: man spielte, man soupierte in zwangloser Weise. Ich lernte bei ihm auch seinen älteren Bruder kennen, Prokurator des Synods; dieser war mit einer Fürstin Dolgorucki verheiratet. Es wurde Pharao gespielt, und die Gesellschaft bestand nur aus zuverlässigen Leuten, die sich weder über ihre Verluste beklagten, noch sich ihrer Gewinne rühmten. Man war daher sicher, daß die Regierung niemals die Verletzung des Spielverbotes entdecken würde. Die Bank hielt Baron Lefort, ein Sohn des berühmten Admirals Peters des Großen. Dieser Lefort war ein Beispiel für die Unbeständigkeit des Glückes: er war damals in Ungnade wegen einer Lotterie, die er gelegentlich der Krönung der Kaiserin in Moskau veranstaltet hatte; die Zarin selber hatte ihm die Mittel dazu geliefert, um ihrem Hof ein kleines Vergnügen zu machen. Aus Mangel an guter Leitung war die Lotterie in die Luft geflogen, und die Verleumdung hatte dem Baron schuld daran gegeben. Ich spielte an jenem Abend mit bescheidenen Einsätzen und gewann ein paar Rubel. Beim Essen saß ich neben dem Baron Lefort und wurde mit ihm näher bekannt; nachdem ich ihn später mehrere Male freundschaftlich besucht hatte, weihte er mich in seine Verhältnisse ein. Während wir vom Spiel sprachen, pries ich die edle Gleichgültigkeit, womit ein gewisser Fürst tausend Rubel an ihn verloren hatte. Er lachte und sagte mir, der schöne Spieler, dessen vornehme Gleichgültigkeit ich bewundere, spiele auf Kredit, bezahle aber nicht. »Aber die Ehre?« »Die Russen haben ihre besondere Auffassung von Ehre, und wenn einer seine Schulden nicht bezahlt, so leidet darunter seine Ehre nicht. Es ist eine stillschweigende Bedingung, daß derjenige, der auf Wort verliert, nur bezahlt, wenn er will; der Gewinner würde sich lächerlich machen, wenn er ihn an seine Schuld erinnern würde.« »Ohne Zweifel hat aber dafür ein Bankhalter das Recht, unbare Sätze zurückzuweisen?« »Selbstverständlich. Niemand darf sich dadurch beleidigt fühlen. Der Spieler entfernt sich oder gibt Pfänder, übrigens ist die Verderbnis unter den Spielern in Rußland so hoch gestiegen, daß man solche Dinge, wie sie hier vorkommen, anderswo in ganz Europa kaum in einer Diebeshöhle antreffen würde. Ich kenne junge Leute vom höchsten Adel, die damit renommieren, daß sie das Glück zu meistern verstehen – mit anderen Worten: daß sie betrügen. Ein Matuschkin hat sogar alle fremden Betrüger herausgefordert, ihm etwas abzugewinnen. Er hat soeben die Erlaubnis erhalten, drei Jahre lang im Ausland zu reisen, und er machte lein Geheimnis daraus, daß er draußen seine Geschicklichkeit auszuüben gedenkt. Er hat sich vorgenommen, mit reicher Beute nach Rußland zurückzukehren.« Ein junger Gardeoffizier, namens Zinowieff, ein Verwandter der Orloffs, den ich bei Melissino getroffen hatte, verschaffte mir die Bekanntschaft des englischen Gesandten Macartney, eines schönen und geistvollen jungen Mannes, der ein großer Freund des Vergnügens war. Er hatte sich in ein Fräulein von Schitroff, eine Hofdame der Kaiserin, verliebt; und da die Schöne dieser Liebe gegenüber nicht unempfindlich geblieben war, so war ein Püppchen das Ergebnis gewesen. Die Kaiserin hatte diese englische Freiheit sehr unverschämt gefunden; der Sünderin verzieh sie allerdings, aber sie ließ den Verführer abberufen. Diese Nachsicht der Zarin, wurde dem Umstände zugeschrieben, daß Fräulein von Schitroff das Talent hatte, sehr anmutig auf der kaiserlichen Bühne zu tanzen. Ich kannte den Bruder dieser Hofdame, einen sehr jungen und sehr schönen Offizier, der zu guten Hoffnungen berechtigte. Ich hatte den Vorzug, zu einer Hofaufführung zugelassen zu werden, und sah bei dieser Gelegenheit Fräulein von Schitroff tanzen. Ferner tanzte das schöne Fräulein Sievers, die jetzige Fürstin von ***, die ich vor vier Jahren mit ihrer Tochter, einer sehr gut erzogenen jungen Prinzessin, in Dresden wiedersah. Dieses Fräulein Sievers bezauberte mich. Ich verliebte mich in sie; da ich ihr aber niemals vorgestellt wurde, so habe ich es ihr niemals sagen können. Der Kastrat Putini besaß ihre Gunst, und er verdiente sie ebensosehr durch sein Talent wie durch seinen Geist und seine persönlichen Vorzüge. Der gute Papanelopulo machte mich mit dem Minister Alsuwieff bekannt. Dies war ein geistvoller Mann, dick und fett und der einzige Gelehrte, den ich in Rußland kennen gelernt habe. Er hatte in Upsala gute Studien gemacht, liebte die Frauen, den Wein und eine gute Tafel. Er lud mich ein, bei Locatelli in Katharinenhof zu speisen; dies war ein kaiserliches Lustschloß, das die Zarin dem alten Theaterdirektor auf Lebenszeit überlassen hatte. Er war verwundert, mich zu sehen, und ich war noch viel mehr verwundert, als ich sah, daß er Restaurateur geworden war; denn für einen Rubel, ohne den Wein, gab er jedem, der kam, ein ganz ausgezeichnetes Essen. Herr Alsuwieff machte mich auch mit seinem Kollegen, dem Kabinettssekretär Teploff, bekannt; dieser hatte das Laster, hübsche Knaben zu lieben, und das Verdienst, Peter den Dritten erdrosselt zu haben, als dieser durch den Genuß von Limonade die Wirkungen des Arseniks beseitigt hatte, das man ihm in einer Flasche Burgunder hatte trinken lassen. Die Tänzerin Mécour, der ich einen Brief von der Santina überwacht hatte, machte mich mit ihrem Liebhaber bekannt, dem dritten Kabinettssekretär Yelagin, der zwanzig Jahre in Sibirien verbracht hatte. Ein Brief von da Loglio verschaffte mir die freundlichste Aufnahme von Seiten des Kastraten Luini, eines liebenswürdigen Menschen, bei dem man ausgezeichnet speiste. Er war der Geliebte der sehr tüchtigen ersten Tänzerin Colonna; aber sie schienen nur zusammen zu sein, um sich zu quälen, denn nicht einen einzigen Tag sah ich sie einträchtig. Bei ihm machte ich die Bekanntschaft eines anderen sehr liebenswürdigen Kastraten, namens Millico, eines sehr guten Freundes des Großjägermeisters Narischkin. Da Millico oftmals mit Achtung von mir sprach, wünschte er mich ebenfalls kennen zu lernen. Dieser Narischkin, ein liebenswürdiger und ziemlich gebildeter Herr, war der Gatte der berühmten Maria Paulowna. An der prunkvollen Tafel des Großjägermeisters lernte ich den Kalogero Platon kennen, der jetzt Erzbischof von Nowgorod ist. Damals war er Hofprediger der Kaiserin. Dieser schlaue Mönch verstand griechisch, sprach lateinisch und französisch, hatte Geist und war, was man einen schönen Mann nennen kann; es war nicht zu verwundern, daß er in Rußland sein Glück machte; denn in diesem Lande hat der Adel sich niemals dazu herbeilassen wollen, sich um geistige Würden zu bewerben. Da ich einen Brief von da Loglio für die Fürstin Daschkoff hatte, brachte ich ihn ihr nach ihrem drei Werst von Petersburg gelegenen Landgut, wo sie in der Verbannung lebte, weil sie geglaubt hatte, den Thron, den Katharina mit ihrer Hilfe bestiegen hatte, mit der Zarin teilen zu dürfen. Die große Katharina konnte den Ehrgeiz der früheren Freundin nicht befriedigen und mußte ihn daher tödlich kränken. Ich fand die Fürstin in Trauer wegen des Todes ihres Gemahls. Sie empfing mich mit großer Güte und versprach mir, meinetwegen mit Herrn Panin zu sprechen. Drei Tage darauf schrieb sie mir, ich könne mich diesem hohen Herrn vorstellen, sobald ich wolle. Bei dieser Gelegenheit sah ich, daß die Zarin ein großer Mensch war: sie hatte die Fürstin in Ungnade fallen lassen, aber sie hielt ihren Günstling und ersten Minister nicht ab, ihr jeden Abend seinen Besuch zu machen. Ich habe von glaubwürdigen Leuten gehört, Graf Panin sei nicht der Liebhaber, sondern der Vater der Fürstin Daschkoff gewesen; diese ist jetzt Vorsitzende der Akademie der Wissenschaften, und ohne Zweifel haben die Gelehrten in ihr eine zweite Minerva erkennen müssen, denn sonst würden sie wahrscheinlich darüber erröten, daß eine Frau an ihrer Spitze steht. Man braucht den Russen nur noch eine Frau zu wünschen, die ihr Heer kommandieren kann; aber die Jungfrauen von Orléans sind nicht reichlich. Am Dreikönigstage wohnte ich mit Melissino einer ganz außerordentlichen Feier bei, nämlich der Einsegnung des Wassers der Newa, die damals mit fünf Fuß dickem Eis bedeckt war. Nachdem das Wasser gesegnet ist, tauft man darin Kinder, indem man sie in ein großes Loch im Eise eintaucht. An jenem Tage geschah es, daß dem Popen ein Kind, das er taufen sollte, aus den Händen glitt. »Drugoi!« rief er. Das hcißt: »Gebt mir ein anderes.« Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich Vater und Mutter des verunglückten Kindes freudetrunken sah! Sie waren überzeugt, daß ihr Kind auf geradem Wege zum Himmel emporgeflogen sei. Glückliche Unwissenheit! Ich hatte einen Brief von der Florentinerin Bregonci, die mich in Memel zum Abendessen eingeladen hatte, an ihre Freundin, die Venetianerin Roccolini. Diese hatte die Laune gehabt, Venedig zu verlassen, um an der Petersburger Oper zu singen, obgleich sie keine Note kannte und niemals vorher die Bühne betreten hatte. Die Kaiserin hatte über ihre Torheit gelacht und ihr sagen lassen, sie habe keine Stellung zu vergeben, die ihrem besonderen Talent entspreche. Die Roccolini, die man die Vicenza nannte, war nicht die Frau, sich durch eine solche Kleinigkeit entmutigen zu lassen. Sie schloß eine enge Freundschaft mit einer französischen Kaufmannsfrau, namens Proté, die bei dem Großjägermeister wohnte. Diese Proté war gleichzeitig die Geliebte des Großjägermeisters und die Vertraute seiner Frau, Marin Puulowna, die ihren Mann nicht liebte und daher glücklich war, daß die Französin sie von ihren ehelichen Verpflichtungen befreite. Diese Proté war eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe, und ohne Zweifel die schönste, die es damals in Petersburg gab. In der Blüte ihrer Jahre stehend, vereinigte sie mit dem galantesten Wesen den ausgesuchtesten Geschmack in der Kunst der Kleidung. Keine Frau wußte sich so anzuziehen wie sie, und da sie sehr lustig und in Gesellschaft außerordentlich liebenswürdig war, so war sie überall beliebt. Die Vicenza war nun ihre Freundin, Vertraute und Kupplerin geworden. Sie empfing in ihrer Wohnung die Kavaliere, die sich in die Proté verliebt hatten, und die zu erhören der Mühe wert erschien. Die Proté kam dabei auf ihre Rechnung, und die Vermittlerin verlor nichts, denn sie empfing von allen Seiten. Ich erkannte die Signora Roccolini auf den ersten Blick wieder; da aber seit unserer Bekanntschaft schon etwa zwanzig Jahre verflossen waren, so wunderte sie sich nicht, daß ich so tat, wie wenn ich mich nicht mehr erinnerte, und suchte auch nicht mein Gedächtnis aufzufrischen. Ihr Bruder hieß Montellato; er hatte mich eines Nachts, als ich vom Ricotto kam, mitten auf dem Markusplatze ermorden wollen. Bei der Roccolini hatte man das Komplott geschmiedet, das mir das Leben gekostet hätte, wenn ich einen Augenblick gezögert hätte, durch das Fenster auf die Straße zu springen. Die Roccolini empfing mich, wie man eben einen lieben Landsmann in der Fremde begrüßt. Sie erzählte mir im einzelnen alles Unglück, das sie gehabt hatte, aber sie war stolz auf ihren Mut und sagte zu mir: »Ich brauche keinen Menschen und verkehre vergnügt und guter Dinge mit den liebenswürdigsten Damen von St. Petersburg. Da Sie oft beim Großjägermeister Narischkin speisen, so wundere ich mich, daß Sie dort noch nicht die schöne Madame Proté kennen gelernt haben; denn sie ist ja mit Narischkin ein Herz und eine Seele. Kommen Sie morgen zum Kaffee zu mir; Sie werden ein Wunder sehen!« Ich stellte mich pünktlich ein und fand die Dame noch weit erhaben über das Lob, das die Venetianerin ihr gezollt hatte. Ich war von ihr geblendet; da ich aber nicht mehr reich war, so bot ich meinen Geist auf, um mich bei ihr in Gunst zu setzen. Obwohl ich wußte, wie sie hieß, fragte ich sie nach ihrem Namen. Sie antwortete mir: »Proté.« »Sie könnten mir, meine Gnädige, nichts Angenehmeres sagen, denn Sie haben mir soeben gesagt, daß Sie mir gehören.« »Wieso?« fragte sie mit einem reizenden Lächeln. Ich erklärte ihr das lateinische Wortspiel ( Pro te ) und sie lachte darüber. Nachdem ich ihr allerlei angenehme Dinge gesagt hatte, gab ich ihr offen zu erkennen, welche Wirkung ihre Schönheit auf mich ausgeübt hatte, und sprach die Hoffnung aus, daß ich sie mit der Zeit durch meine Bewerbungen gewinnen könnte. Die Bekanntschaft war gemacht, und seitdem sprach ich jedesmal entweder vor oder nach dem Essen bei ihr vor, wenn ich zu Narischkin ging. Da der polnische Gesandte um diese Zeit nach seiner Heimat zurückkehrte, mußte ich meine Liebschaft mit der schönen l'Anglade aufgeben, denn sie nahm einen vorteilhaften Vorschlag an, den ein Graf Braun ihr machte. Einige Monate später starb die reizende Französin an den Pocken. Ohne Zweifel war dies für sie eine Wohltat des Schicksals; denn da sie weder sparsam noch eigennützig war, hätte sie im Elend enden müssen, sobald ihre Schönheit ihr nicht mehr den Unterhalt verschaffen konnte. Ich hatte Lust, die Gunst der schönen Proté zu erwerben, und lud sie daher nach Katharinenhof zum Speisen bei Locatelli ein; außerdem bat ich Luini, die Colonna, den Gardeoffizier Zinowieff, die Signora Vicenza und deren Liebhaber, einen Geigenvirtuosen. Wir hatten ein ausgezeichnetes Essen; Wein und Fröhlichkeit brachten die Gäste in die von mir gewünschte Stimmung, so daß nach der Mahlzeit ein jeder mit der Seinen die Einsamkeit suchte; bald war ich bei meiner schönen Proté auf dem besten Wege zum Erfolge, als ein Zwischenfall uns störte. Luini rief uns heran, um ihn als Jäger zu bewundern; denn er hatte seine Gewehre mitgebracht und seine Hunde kommen lassen. Ich hatte mich mit Zinowieff etwa hundert Schritte vom Kaiserlichen Lustschloß entfernt, als ich eine junge Bäuerin von wahrhaft überraschender Schönheit entdeckte. Ich machte den jungen Offizier auf sie aufmerksam, und wir gingen auf sie zu; aber leicht und gewandt wie ein Reh lief sie davon und trat in eine nahe gelegene Hütte ein. Wir folgten ihr und sahen in der Hütte ihren Vater, ihre Mutter, mehrere Kinder und die Schöne, die sich in eine Ecke gedrückt hatte, wie ein Kaninchen, das Angst hat, von der verfolgenden Meute zerrissen zu werden. Zinowieff – der, nebenbei bemerkt, derselbe ist, der zwanzig Jahre lang in Madrid Gesandter der Kaiserin war – sprach ziemlich lange Zeit russisch mit dem Vater. Natürlich verstand ich nichts davon, aber ich erriet, daß von dem jungen Mädchen die Rede war, denn der Vater rief sie heran, und sie trat mit gehorsamer und unterwürfiger Miene heran und stand mit gesenkten Augen vor uns. Nachdem er ziemlich lange gesprochen hatte, ging Zinowieff hinaus; ich gab dem Bauern einen Rubel und folgte meinem Freunde. Zinowieff gab mir Bericht über sein langes Gespräch: er habe den Vater gefragt, ob er ihm seine Tochter als Magd geben wolle, der Vater habe ihm geantwortet, das wolle er sehr gern tun, aber er verlange hundert Rubel für sie, weil sie noch Jungfrau sei. »Es ist also, wie Sie sehen, nichts dabei zu machen.« »Wieso nichts zu machen?« »Natürlich nicht. Hundert Rubel!« »Und wenn ich Lust hätte, dieses Geld zu geben?« »Dann wäre sie Ihre Magd, und Sie könnten mit ihr anfangen, was Sie wollten; nur töten dürfen Sie sie nicht.« »Und wenn sie nicht wollte?« »Das kommt niemals vor; aber dann könnten Sie sie prügeln.« »Nehmen wir an, sie sei einverstanden: könnte ich sie noch weiter behalten, wenn ich sie nach meinem Geschmack gefunden hätte?« »Sie werden ihr Herr, sage ich Ihnen; Sie können sie sogar festnehmen lassen, wenn sie Ihnen fortläuft; oder sie muß Ihnen die hundert Rudel wiedergeben, die Sie für sie ausgegeben haben.« »Und was muß ich ihr monatlich geben?« »Nichts. Sie bekommt nur Essen und Trinken, und Sie müssen sie jeden Samstag baden lassen, damit sie Sonntags in die Kirche gehen kann.« »Und könnte ich sie zwingen, mit mir zu kommen, wenn ich von Petersburg fortginge?« »Nein; es wäre denn, daß Sie gegen Bürgschaft die Erlaubnis dazu erhielten; denn das Mädchen wird zwar Ihre Leibeigene, aber sie bleibt darum doch in erster Linie Leibeigene der Kaiserin.« »Gut. Wollen Sie mir diese Sache in Ordnung bringen? Ich werde die hundert Rubel geben und sie gleich mitnehmen. Ich verspreche Ihnen, sie nicht als Leibeigene zu behandeln. Aber ich verlasse mich auf Sie; ich möchte nicht gerne betrogen werden.« »Ich werde selber den Handel abschließen und verspreche Ihnen, daß man Sie nicht betrügen wird. Soll es gleich geschehen?« »Nein, morgen. Denn ich wünsche nicht, daß unsere Gesellschaft etwas davon erfährt.« »Schön; also morgen.« »Wir fuhren alle zusammen in einem großen Phaeton nach Petersburg zurück. Am anderen Morgen ging ich um neun Uhr zu Zinowieff, der, wie er sagte, entzückt war, mir diesen kleinen Dienst leisten zu können. Unterwegs sagte er mir: »Wenn Sie Lust haben , bringe ich Ihnen in ein paar Tagen einen Harem von soviel schönen Mädchen zusammen, wie Sie wünschen.« »Wenn ich verliebt bin, brauche ich nur eine.« Mit diesen Worten gab ich ihm die hundert Rubel. Wir gingen in die Hütte und fanden Vater, Mutter und Tochter. Zinowieff sagte ihm in wenigen Worten, worum es sich handelte; der Vater dankte nach dem Landesbrauch dem heiligen Nikolaus für das Glück, das er ihm bescherte; hierauf sprach er mit seiner Tochter, die mich ansah und auf russisch »ja« sagte. Dies Wort verstand ich. Zinowieff sagte mir, ich müsse mich überzeugen, daß sie unberührt sei; denn bei der Unterzeichnung des Vertrages müsse ich anerkennen, daß ich sie als Jungfrau gekauft habe. Ich fürchtete sie dadurch zu beleidigen und wies daher jede Untersuchung zurück, aber Zinowieff sagte mir, das Mädchen würde gekränkt sein, wenn ich sie nicht untersuchte; ich würde ihr im Gegenteil ein großes Vergnügen bereiten, wenn sie dadurch ihre Eltern überzeuge könnte, daß sie keusch geblieben wäre. Ich untersuchte sie daher so zartfühlend, wie ich nur konnte, aber ganz gründlich, und fand sie unberührt. Allerdings würde ich sie sicherlich nicht verraten haben, selbst wenn ich sie nicht als Jungfrau gefunden hätte. Zinowieff übergab hierauf die hundert Rubel dem Vater, der sie seiner Tochter gab; diese aber nahm sie nur, um sie sofort ihrer Mutter zu reichen. Mein Bedienter und mein Kutscher traten ein und unterschrieben als Zeugen den Vertrag, von dessen Inhalt sie keine Ahnung hatten. Das junge Mädchen, dem ich den Namen Zaïra gab, stieg in ihrem groben Tuchrock und ohne Hemd in unseren Wagen und fuhr mit uns nach Petersburg. Nachdem ich Zinowieff nach Hause gebracht hatte, fuhren wir zu mir. Vier Tage lang schloß ich mich mit ihr ein und wich nicht einen Augenblick von ihrer Seite, bis ich sie ohne Luxus, aber sehr sauber nach französischer Art gekleidet sah. Es war mir sehr schmerzlich, daß ich nicht Russisch konnte, aber in weniger als drei Monaten verstand Zaïra genug Italienisch, um mich verstehen zu können und um mir alles zu sagen, was sie wünschte. Es dauerte nicht lange, so liebte sie mich, später wurde sie eifersüchtig. Aber davon werden wir im nächsten Kapitel sprechen. Einundzwanzigstes Kapitel. Crèvecoeur. – Bomback. – Reise nach Moskau. – Fortsetzung meiner Abenteuer in St. Petersburg. An dem Tage, wo ich Zaïra nahm, schickte ich Lambert fort, mit dem ich nichts mehr anzufangen wußte. Er betrank sich jeden Tag, und dann war er ein unausstehlicher Flegel. Man wollte ihn nur als einfachen Soldaten annehmen, und das ist in Rußland eine nicht sehr glänzende Stelluug. Ich verschaffte ihm einen Paß, um nach Berlin zurückkehren zu können, und gab ihm das nötige Reisegeld. Später erfuhr ich, daß er in österreichische Dienste eingetreten sei. Im Mai war Zaïra so schön geworden, daß ich nicht den Mut hatte, sie in Petersburg zu lassen, als ich Lust bekam, eine Reise nach Moskau zu machen. Ich verzichtete daher auf einen Bedienten und nahm sie mit. Es machte mir ein außerordentliches Vergnügen, wenn sie in ihrer reizenden Weise venetianisch radebrechte. Samstags ging ich mit ihr ins russische Bad. Dort sind dreißig oder vierzig Männer und Weiber beisammen. Alle sind vollkommen nackt; da aber niemand den anderen ansieht, so hat man gar nicht das Gefühl gesehen zu werden. Diese Abwesenheit jedes Schamgefühls entspringt aus einer angeborenen Unschuld. Ich war überrascht, daß niemand Zaïra ansah, die mir als das Original der Psyche-Statue erschien, welche ich in Rom in der Villa Borghese gesehen hatte. Ihr Busen war noch nicht ganz entwickelt, denn sie war kaum vierzehn Jahre alt und wies erst leichte Spuren der Mannbarkeit auf. Sie war weiß wie Schnee, ihre ebenholzschwarzen Haare waren von wunderbarer Länge und Dichtigkeit; denn ihr schöner nackter Leib war buchstäblich in ihre Haare eingehüllt, und nur einzelne weiße Stellen schimmerten wie durch schwarze Spitzen hindurch. Vollendet feine Brauen wölbten sich über ihren herrlich geschnittenen Augen, die vielleicht ein bißchen größer hätten sein können, die aber unübertrefflich an Glanz und Ausdruck waren; ihre breiten Lider mit langen, dichten Wimpern dämpften das Feuer ihrer Blicke und verliehen ihr einen Ausdruck von bezaubernder Bescheidenheit. Von ihrem Munde will ich nichts sagen; er war so klein, daß sie kaum einen Apfel anbeißen zu können schien; ihn zierten zwei Perlenreihen zwischen ihren Korallenlippen. Ohne ihre entsetzliche Eifersucht und ohne ihren blinden Glauben an die Unfehlbarkeit der Karten, die sie sich jeden Tag mindestens zehnmal legte, wäre Zaïra ein Wunder gewesen, und ich hätte sie niemals verlassen. Ein junger Franzose von vornehmem und liebenswürdigem Wesen und offenbar sehr gut erzogen, namens Crèvecoeur, kam nach Petersburg mit einer leidlich hübschen, jungen Pariserin, die er la Rivière nannte. Leider hatte sie kein anderes Talent und keine andere Erziehung als die, die in Paris alle jungen Mädchen haben, die mit ihren Reizen Handel treiben. Der junge Mann brachte mir einen Brief vom Prinzen Karl von Kurland, der mir schrieb, er werde mir dankbar sein, wenn ich dem jungen Paar gefällig sein könnte. Er kam mit seiner Schönen in dem Augenblick, wo ich mit Zaïra frühstückte. »Wollen Sie die Güte haben,« sagte ich zu der jungen Französin, »mir zu sagen, worin ich Ihnen nützlich sein kann.« »Indem Sie uns Ihre Gesellschaft gönnen und uns mit Ihren Bekannten bekannt machen.« »Da ich Fremder bin, so will meine Gesellschaft wenig bedeuten: ich werde Sie besuchen, und Sie kommen zu mir, so oft Sie wollen; es wird mir stets ein Vergnügen sein; aber ich speise niemals zu Hause. Was meine Bekanntschaften anlangt, so begreifen Sie wohl, daß ich als Fremder gegen das Herkommen verstoßen würde, wenn ich Sie und Madame vorstellte. Ist sie Ihre Frau? Man wird mich fragen, wer Sie sind und was Sie in Petersburg wollen. Was soll ich sagen? Ich wundere mich, daß Prinz Karl Sie nicht an andere empfohlen hat.« »Ich bin lothringischer Edelmann und bin nach Petersburg gekommen, um mich zu amüsieren. Fräulein la Rivière ist meine Geliebte.« »Ich wüßte nicht, wem ich Sie mit solchen Titeln vorstellen sollte; aber ich glaube, Sie können die Bräuche des Landes studieren und sich unterhalten, ohne daß Sie einen Menschen nötig haben. Schauspiele, Erholungsorte, ja sogar die Hoffeste stehen jedermann offen. Ich nehme an, daß es Ihnen an Geld nicht fehlt.« «Das ist es gerade: ich habe kein Geld und kann auch keins erwarten.« »Ich habe ebensowenig etwas übrig. Sie setzen mich in Erstaunen. Wie haben Sie die Torheit begehen können, ohne Geld hierher zu kommen?« »Meine Geliebte behauptet, wir brauchen nicht mehr, als was von einem Tage zum anderen langt. Sie hat mich veranlaßt, ohne einen Heller in der Tasche von Paris abzureisen, und bis jetzt scheint mir, daß sie wohl recht haben mag. Wir haben überall zu leben gehabt.« »Dann hat sie also die Börse?« »Meine Börse,« sagte sie, »befindet sich in der Tasche meiner Freunde.« »Ich verstehe und ich begreife, daß Sie überall Mittel finden müssen. Wenn ich eine Börse für Freundschaft solcher Art hätte, würde ich sie Ihnen ebenfalls öffnen; aber ich bin nicht reich.« Der Hamburger Bombad, den ich in England gekannt hatte, war von dort seiner Schulden wegen entflohen; er war nach Petersburg gekommen und hatte das Glück gehabt, in den russischen Militärdienst eintreten zu dürfen. Als Sohn eines reichen Kaufmanns machte er ein großes Haus, hielt Dienerschaft und Wagen; er liebte Weiber, gutes Essen und Spiel und machte Schulden, wo er nur konnte. Er war häßlich, aber lebhaft, weltgewandt und geistreich. Er trat bei mir ein, als ich gerade mit der sonderbaren Reisenden sprach, die ihre Börse in der Tasche ihrer Freunde hatte. Ich stelle ihm das edle Paar vor und erzähle ihm alles; nur von der Börse sage ich nichts, Bomback ist von dem Zusammentreffen entzückt und macht sofort der Rivière den Hof. Sie benimmt sich vollkommen im Geiste ihres Handwerks, und bald muß ich bei mir selber lachen, denn ich sehe, daß sie recht hat. Bomback ladet sie ein, am nächsten Tage bei ihm zu Mittag zu essen und am gleichen Tage mit ihm nach Crasnafabad zu fahren, um dort eine ländliche Mahlzeit einzunehmen. Er bat mich mitzukommen, und ich nahm seine Einladung an. Zaïra, die kein Französisch verstand, fragte mich, wovon die Rede sei. Ich sagte es ihr, und sie bat, mich begleiten zu dürfen. Ich erlaubte ihr dies; denn ich sah, daß sie eifersüchtig war, und fürchtete die Folgen, die sich in schlechter Laune, Tränen und Verzweiflung kundgaben und mich bei früheren Gelegenheiten schon mehr als einmal gezwungen hatten, nach dem Landesbrauch sie zu schlagen. Der Leser möge sich darüber nicht wundern: es war das beste Mittel, ihr zu beweisen, daß ich sie liebte. Die russischen Frauen sind nun einmal so. Wenn sie ihre Schläge bekommen hatte, wurde sie allmählich wieder zärtlich, und die Liebe vollendete die Versöhnung. Bomback verließ uns sehr befriedigt, um schnell seine Geschäfte zu erledigen; er versprach um elf Uhr wieder zu kommen. Während Zaïra sich ankleidete, machte die Rivière Bemerkungen zu mir, daß es mir vorkam, wie wenn ich bisher von der Welt soviel gewußt hätte wie ein neugeborenes Kind. Am meisten fiel es mir auf, daß ihr Liebhaber sich der Rolle, die er spielte, offenbar nicht im geringsten schämte. Er hatte eine gewisse Entschuldigung gehabt, wenn er in seine Messalina verliebt gewesen wäre; aber dies galt hier nicht. Unser Ausflug verlief sehr lustig. Bomback sprach fast nur mit der Abenteurerin; Zaïra faß fast immer auf meinem Schoß; Crèvecoeur aß, lachte, wo es paßte und nicht paßte, und ging spazieren. Die schlaue La Rivière veranlaßte Bomback, Quinze um fünfundzwanzig Rubel zu spielen. Er verlor das Geld in sehr galanter Weise, bezahlte und verlangte von ihr nichts weiter als einen Kuß. Zaïre war sehr froh, daß sie den Ausflug mitgemacht hatte; denn sie hätte sonst befürchtet, daß ich ihr untreu gewesen wäre. Sie sagte mir allerlei Scherzhaftes über die Französin und deren Liebhaber, der gar nicht eifersüchtig wäre. Das ging über ihren Horizont; sie begriff nicht, wie die Französin dulden könnte, daß er so täte, wie wenn er ihrer vollständig sicher wäre. »Aber ich bin ja auch deiner sicher, und trotzdem liebst du mich!« »Ich habe dir aber auch niemals Anlaß gegeben, daran zu zweifeln.« Am nächsten Tage ging ich allein zu Bomback, denn ich wußte, daß ich bei ihm junge russische Offiziere finden würde, die mich geärgert hätten, wenn sie Zaïra in ihrer Sprache den Hof gemacht hätten. Ich traf bei ihm das reisende Paar und die beiden Brüder Lunin, die damals Leutnants waren und heute Generäle sind. Der jüngere war blond und sah aus wie ein hübsches Mädchen. Er war der Liebling des Kabinettssekretärs Teploff gewesen. Als geistreicher Junge setzte er sich nicht nur über das Vorurteil hinweg, sondern rühmte sich sogar, daß er durch seine Liebenswürdigkeit die Zärtlichkeit und das Wohlwollen aller mit ihm verkehrenden Männer gewinne. Er hatte bei dem reichen Hamburger denselben Geschmack vorausgesetzt, den er bei Teploff gefunden hatte, und hatte sich nicht geirrt. Er würde mich zu entehren geglaubt haben, wenn er bei mir nicht denselben Geschmack angenommen hätte. Infolgedessen setzte er sich bei Tisch neben mich und neckte mich während des Essens in einer Weise, daß ich ihn allen Ernstes für ein verkleidetes Mädchen hielt. Als ich nach Tisch zwischen ihm und der Französin vor dem Kaminfeuer saß, teilte ich ihm meinen Verdacht mit. Stolz auf die Überlegenheit seines Geschlechtes stellte Lunin es sofort zur Schau. Um zu wissen, ob ich bei dem Anblick seiner Schönheit kalt bleiben könnte, bemächtigte er sich meiner und nahm, in der festen Überzeugung, daß er mir gefalle, eine geeignete Stellung ein, um, wie er sagte, ihn und mich glücklich zu machen. Ich gestehe zu meiner Schande, daß es vielleicht dazu gekommen wäre, wenn die Rivière sich nicht geärgert hätte, daß in ihrer Gegenwart ein Lustknabe sich ihre Rechte anzumaßen wagte; sie nötigte ihn daher, seine Heldentaten noch aufzuschieben. Der ältere Lunin, Crèvecoeur und Bomback, die einen Spaziergang gemacht hatten, kamen am Abend mit zwei oder drei Freunden zurück, die die Französin leicht darüber trösteten, daß der jüngere Lunin und ich ihr so schlechte Gesellschaft geleistet hatten. Bomback legte eine Pharaobank und hörte erst um elf Uhr auf, als er kein Geld mehr hatte. Dann speisten wir, und hierauf begann die große Orgie, bei der die Rivière mit einem unglaublichen Heldenmut die Hauptrolle spielte. Mein neuer Freund, der jüngere Lunin, und ich beteiligten uns nur als Zuschauer. Der arme Crèvecoeur war zu Bett gegangen. Wir trennten uns erst am hellen Tage. Ich komme nach Hause, trete in mein Zimmer ein und entgehe durch einen unerhörten Glückszufall einer Flasche, die Zaïra nach meinem Kopf wirft. Hätte sie mich getroffen, so wäre ich ein toter Mann gewesen. Wütend wirft sie sich zu Boden und schlägt mit dem Kopf an die Erde. Von Mitleid ergriffen, eile ich zu ihr, reiße sie empor und frage sie, was sie hat. Ich glaubte, sie sei wahnsinnig geworden, und wollte Leute zu Hilfe rufen. Plötzlich beruhigte sie sich; dann aber brach sie wieder in Tränen aus, nannte mich Mörder und Verräter, belegte mich mit allen Schimpfnamen, die ihr einfielen; um mich meines Verbrechens zu überführen, zeigte sie mir fünfundzwanzig Karten, aus denen sie auf dem Tisch ein Viereck gebildet hatte; in diesem hatte sie gelesen, was für Ausschweifungen mich die ganze Nacht ferngehalten hätten. Ohne sie zu unterbrechen, ließ ich sie ruhig ausreden, um sich auf diese Weise von ihrer eifersüchtigen Wut zu erleichtern. Hierauf warf ich ihre Karten ins Feuer, sah sie mit einem Blick an, worin sich mein gerechter Zorn und zugleich mein Mitleid spiegelten, und sagte ihr: sie habe mich beinahe getötet, ich wolle mich ihrer Wut nicht mehr aussetzen, und es sei daher unwiderruflich nötig, daß wir uns schon am nächsten Tage trennten. Ich gestand ihr, daß ich allerdings die Nacht bei Bomback verbracht hätte und daß ein Weib zugegen gewesen wäre; aber ich leugnete die Ausschweifungen, deren sie mich beschuldigte. Da ich der Ruhe bedurfte, so ging ich endlich zu Bett und schlief ein, ohne ihr eine einzige Liebkosung zu gönnen, obgleich sie sich neben mich legte und alles aufbot, um mich von ihrer Reue zu überzeugen und meine Verzeihung zu erlangen. Nach fünf oder sechs Stunden wachte ich auf. Da ich sie in tiefem Schlafe liegen sah, so zog ich mich an und dachte darüber nach, wie ich das Mädchen loswerden könnte, das mich in seiner eifersüchtigen Wut früher oder später vielleicht getötet haben würde. Während ich mich mit diesen Gedanken beschäftigte, wachte sie auf, da sie mich nicht mehr an ihrer Seite fühlte. Sie sprang aus dem Bett, fiel mir zu Füßen und erneuerte unter Tränen die Versicherungen ihrer Reue. Sie flehte um meine Verzeihung, rief mein Mitleid an und schwor mir, sie werde keine Karte mehr anrühren, wenn ich nur die Güte haben wollte, sie zu behalten. Wie verführerisch ist in einem solchen Zustande ein schönes Weib, das man liebt! Das Ende vom Liede war, daß ich sie in meine Arme schloß, ihr verzieh und sie nicht eher verließ, bevor ich ihr die deutlichsten Beweise meiner wiedergekehrten Zärtlichkeit gegeben hatte. Ich hatte meine Abreise nach Moskau auf den dritten Tag angesetzt, und sie war überselig, als ich ihr versprach, sie mitzunehmen. Drei Gründe hatten besonders dazu beigetragen, mir die leidenschaftliche Liebe des Mädchens zu erwerben: erstens nahm ich sie oft mit mir nach Katharinenhof, um ihre Familie zu besuchen, der ich jedesmal einen Rubel zurückließ; zweitens ließ ich sie mit mir essen; drittens hatte ich sie drei- oder viermal geschlagen, als sie mich nicht ausgehen lassen wollte. In Rußland ist das Prügeln absolut notwendig; denn Worte haben keine Macht. Ein Bedienter, eine Geliebte, eine Frau von gewöhnlichem Stande kennen nur den Stock. Man würde sein Latein verlieren, wenn man Gründe der Vernunft oder der Moral anführen wollte; ein paar kräftige Hiebe mit der Reitpeitsche oder mit dem Stock sind die einzigen wirksamen Mittel. Der Bediente ist noch mehr Sklave mit der Seele als mit dem Körper; wenn er Prügel bekommen hat, stellt er folgende Betrachtung an: mein Herr hat mich nicht fortgejagt, sondern mich nur geschlagen; er hat mich also lieb; folglich muß ich ihm anhänglich sein. Ebenso ist es mit dem russischen Soldaten, und das ist ganz natürlich, denn er entstammt ja dem Volke. Mit einer Anrufung des Ehrgefühls ist bei ihm nichts anzufangen; aber mit Schlägen und Branntwein kann man von ihm alles erlangen, was man will, nur keine Heldentaten. Papanelopulo lachte mich aus, als ich in der ersten Zeit meines Aufenthaltes ihm sagte, mein Kosake gefalle mir; ich wolle ihn daher durch Milde gewinnen und ihn nur mit Worten schelten, wenn er sich sinnlos in Branntwein betrinke. »Wenn Sie ihn nicht prügeln,« sagte er zu mir, »wird er schließlich Sie prügeln!« So kam es auch wirklich. Als ich ihn eines Tages so betrunken fand, daß er zu jedem Dienst unfähig war, schalt ich ihn aus, drohte ihm mit meinem Stock und sagte, ich würde ihn prügeln, wenn er sich nicht besserte. Sobald er den erhobenen Stock sah, lief er auf mich zu und griff danach. Hätte ich ihn nicht sofort niedergeworfen, so würde er mich ohne Zweifel geschlagen haben. Ich jagte ihn augenblicklich fort. Es gibt auf der ganzen Welt keinen besseren Bedienten als den Russen: er ist unermüdlich bei der Arbeit, schläft auf der Schwelle des Zimmers, worin sein Herr schläft, ist stets zu jedem Gange bereit, ist immer unterwürfig, hat niemals eine Gegenrede, wenn er unrecht hat, und ist nicht imstande, zu stehlen. Aber er wird ein Scheusal oder ein Trottel, wenn er ein bißchen zuviel Branntwein getrunken hat, und an diesem Laster krankt das ganze Volk. Ein Kutscher, der manchmal die ganze Nacht dem härtesten Frost ausgesetzt ist, kennt kein anderes Mittel, als Kornbranntwein zu trinken. Nimmt er ein wenig zuviel, so schläft er auf seinem Bock ein, um vielleicht nicht wieder aufzuwachen. Wenn man nicht aufpaßt, kann man leicht das Unglück haben, ein Ohr, die Nase, ein Stück Wange oder eine Lippe zu verlieren. Als ich eines Tages bei sehr starkem Frost im Schlitten nach Petersburg zurückfuhr, bemerkte ein Russe, daß ich in Gefahr war, ein Ohr zu verlieren. Sofort rieb er mich mit einer Handvoll Schnee, bis der ganze knorpelige Teil durch diese Reibung sich wieder belebt hatte. Als ich ihn fragte, woran er die Gefahr erkannt hätte, antwortete er mir, man sehe es leicht an der bläulich-weißen Farbe; diese sei ein untrügliches Kennzeichen, daß das Fleisch erfriere. Überraschend war für mich, und es scheint mir noch heute unglaublich, daß zuweilen der verlorene Körperteil wieder wächst. Prinz Karl von Kurland hat nur versichert, er habe in Sibirien eines Tages die Nase verloren, und diese sei während des Sommers wieder angewachsen. Mehrere Russen haben mir die Wahrheit dieser Erscheinung bestätigt. Zu jener Zeit ließ die Kaiserin durch ihren Baumeister Rinaldi, der seit fünfzig Jahren in Petersburg war, ein hölzernes Amphitheater errichten, das den ganzen Platz vor ihrem Palast bedeckte. Es sollte hunderttausend Zuschauer enthalten, und in der Arena wollte Katharina für alle stolzen Ritter des Reiches ein prachtvolles Turnier veranstalten. Es sollten gleichzeitig vier Quadrillen gebildet werden, von denen eine jede aus hundert Reitern in den reichsten Trachten der von ihnen vertretenen Völkerschaften bestehen sollte. Die Quadrillen sollten mit Lanzen gegeneinander anreiten, und für die Sieger waren wertvolle Preise bestimmt. In ganz Rußland wurde das prunkvolle Fest verkündet, das auf Kosten der Herrscherin stattfinden sollte, und aus den entlegensten Teilen des Reiches kamen schon Fürsten, Grafen und Barone mit ihren schönsten Rennern an. Prinz Karl von Kurland hatte mir geschrieben, er werde ebenfalls kommen. In begreiflicher Vorsicht war die Bestimmung getroffen worden, daß das Fest am ersten Tage stattfinden sollte, wo das Wetter schön sein würde. Diese Zeitbestimmung war ebenso vernünftig wie unsicher; denn in Petersburg kommt es ziemlich selten vor, daß ein ganzer Tag ohne Regen, Schnee oder Wind vergeht, außer in der Zeit nach den großen Winterfrösten. In Italien, in Spanien und selbst in Frankreich rechnet man auf die schönen Tage, die schlechten sind die Ausnahme. Aber in Rußland ist gerade das Gegenteil der Fall. Seitdem ich dieses liebe Land kenne, diese Heimat des Boreas und des Frostes, muß ich lachen, wenn ich reisende Russen von ihrem schönen Klima sprechen höre. Ich entschuldige sie damit, daß alle Menschen von Natur geneigt sind, das Mein dem Dein vorzuziehen. Die Edelleute bilden sich ein, sie haben reineres Blut als die Bedienten und Bauern, von denen sie abstammen. Die Römer und andere Völker des Altertums erklärten sich in ihrem Stolz für Abkömmlinge von Göttern und Helden, um unter diesem Firnis die Räuber zu verbergen, von denen sie in Wirklichkeit abstammten. Tatsächlich hat es im ganzen Jahre 1765 in Rußland, oder wenigstens in Ingermannland, nicht einen einzigen schönen Tag gegeben; ein unwiderleglicher Beweis dafür ist, daß das berühmte Turnier nicht stattfinden konnte. Man mußte die Gerüste des Amphitheaters zudecken und das Turnier wurde erst im nächsten Jahre abgehalten. Die Ritter verbrachten den Winter in Petersburg, mit Ausnahme derjenigen, deren Börse nicht so gut versehen war, um die Kosten eines Aufenthaltes in der Hauptstadt und des an einem Hofe erforderlichen Luxus vertragen zu können. Mein lieber Prinz von Kurland gehörte zu meinem großen Bedauern zu diesen letzten. Nachdem ich alle Vorbereitungen für meine Reise nach Moskau getroffen hatte, legte ich mich mit Zaïra in meinen Schlafwagen; hintenauf saß ein Bedienter, der Russisch und Deutsch sprach. Für achtzig Rubel verpflichtete ein russischer Schiwotschik (Mietsfuhrmann) sich, mich mit sechs Pferden in sechs Tagen und sieben Nächten nach Moskau zu bringen. Dies war sehr billig. Da ich nicht mit der Post fuhr, konnte ich auf eine größere Schnelligkeit keinen Anspruch machen, denn die Entfernung betrügt zweiundsiebzig russische Posten, das heißt ungefähr fünfhundert italienische Miglien oder hundertundsechzig französische Wegstunden. Wir fuhren in dem Augenblick ab, wo der Kanonenschuß von der Zitadelle das Ende des Tages verkündete. Wir befanden uns Ende Mai, und zu dieser Zeit gibt es in Petersburg buchstäblich keine Nacht mehr. Ohne den Kanonenschuß würde kein Mensch wissen, daß die Sonne untergegangen ist. Man kann um Mitternacht einen Brief lesen, und der Mond trägt gar nichts dazu bei, die Nacht heller zu machen. Man sagt, das sei schön, aber mir kam es langweilig vor. Dieser beständige Tag dauert acht Wochen. Während dieser ganzen Zeit zündet kein Mensch eine Kerze an. In Moskau ist das anders: es liegt vierundeinenhalben Breitengrad tiefer als Petersburg, und man muß daher um Mitternacht stets Licht brennen. In vierundzwanzig Stunden kamen wir in Nowgorod an, wo der Schiwotschik uns eine Ruhepause von fünf Stunden erlaubte. Ich wurde hier Zeuge eines Vorfalles, der mich sehr überraschte, obgleich er einen eigentlich nur wenig überraschen sollte, wenn man viel auf Reisen ist, besonders unter halbwilden Völkern. Als ich den Schiwotschik einladen ließ, einen Schluck zu trinken, machte er ein sehr trauriges Gesicht. Ich wollte den Grund wissen, und er sagte zu Zaïra, eines seiner Pferde wolle nicht fressen, und er sei darüber ganz verzweifelt, denn wenn es nicht fresse, werde es auch nicht laufen wollen. Wir gingen mit ihm in den Stall, und da stand das Pferd traurig, gesenkten Kopfes, unbeweglich da und wollte nicht fressen. Sein Herr beginnt in einem sanften, aber leidenschaftlichen Ton eine Ansprache an das Pferd zu halten und sieht es dabei zärtlich an, wie wenn er sein Ehrgefühl erwecken wollte, damit es sich bemühen solle zu fressen. Nach dieser Ansprache nimmt er den Kopf des Pferdes, küßt ihn liebevoll und drückt ihn in die Krippe hinein. Alles war vergeblich. Hierauf begann der Schiwotschik zu weinen, aber auf eine Art, die meine größte Lachlust erregte, denn ich sah deutlich, daß er das Pferd durch seine Tränen zu rühren hoffte. Nachdem er tüchtig geweint hatte, nahm er abermals den Kopf, küßte ihn und steckte ihn wieder in die Krippe. Abermals vergeblich. Nun wurde der Schiwotschik wütend und schwur, er wolle sich wegen einer solchen Halsstarrigkeit rächen. Er führte das arme Tier aus dem Stall, band es an einen Pfahl, nahm einen dicken Knüppel und prügelte eine Viertelstunde aus Leibeskräften darauf los. Mir blutete das Herz bei dem Anblick. Als der Schiwotschik sich müde geprügelt hatte, führte er das Pferd wieder in den Stall, band es an der Raufe fest und sofort begann das Tier zu fressen. Sein Herr aber lachte und machte Freudensprünge, wie wenn er seinem Pferde zeigen wollte, daß es ihn glücklich mache. Ich war im höchsten Grade erstaunt, und mir schien, so etwas könne nur in Rußland vorkommen, wo man in Gestalt von Stockschlägen das Allheilmittel gefunden zu haben scheint. Ich teile diese Geschichte Tierärzten und Pferdehändlern zu freundlichem Nachdenken mit. Man hat mir gesagt, die Stockschläge seien seither in Rußland etwas aus der Mode gekommen. Jedenfalls müssen seit den Tagen Peters des Großen, der seine Generäle verprügelte, wenn er nicht mit ihnen zufrieden war, die Verhältnisse sich bedeutend geändert haben. Damals mußte ein Leutnant demütig die Schläge hinnehmen, die sein Hauptmann ihm gab; den Hauptmann prügelte sein Major, den Major sein Oberst und diesen sein General. Ich verdankte diese Mitteilung dem alten General Wojakoff, der ein Schüler Peters des Großen gewesen war. Er sagte mir, er habe mehr als einmal den Rohrstock des großen Mannes gespürt, der Petersburg geschaffen hat. Ich habe wohl noch nichts von dieser Stadt gesagt, die schon so berühmt ist, und deren Dasein mir trotzdem immer noch unsicher erscheint. Nur ein Mann mit eisernem Geist, wie Peter, konnte die Natur so herausfordern, indem er auf einem Schlammboden, der unter jedem Schritt wich, riesige Gebäude von Marmor und Granit aufführte und so zu seiner Hauptstadt einen Haufen von Palästen schuf, die man nur mit ungeheuren Kosten erbauen konnte. Man sagt mir, heutzutage sei die Stadt bereits ausgewachsen. Ehre sei dafür der großen Katharina; aber im Jahre 1765 befand sie sich noch in der Kindheit, und es kam mir vor, wie wenn alles zu dem kindischen Zweck erbaut wäre, viele Ruinen zu haben. Man pflasterte Straßen mit der sichern Gewißheit, daß man sie nach sechs Monaten noch einmal pflastern müßte. Aus allem ging hervor, daß ein mächtiger Despot die Stadt in aller Eile hatte erstehen lassen, und in der Tat war Peter der Große in neun Monaten damit niedergekommen, obgleich er vielleicht zur Empfängnis viel längere Zeit gebraucht hatte. Damit Petersburg dauerhaft sei, werden stets eine beständige Sorgfalt und große Ausgaben notwendig sein; denn die Natur gibt niemals ihre Rechte auf und nimmt sie sich sofort wieder, sobald der Zwang aufhört. Ich prophezeie, daß früher oder später der lose Boden, auf welchem man diese Riesenmasse aufgeführt hat, unter einem Gewicht weichen wird, das in keinem Verhältnis zu seiner Widerstandskraft steht. Wir kamen in Moskau zur rechten Zeit an, wie unser Schiwotschik uns versprochen hatte. Da wir mit denselben Pferden reisten, war es nicht möglich, diese Strecke in kürzerer Zeit zurückzulegen. Als ich eines Tages darüber sprach, sagte ein Russe mir, die Kaiserin Elisabeth habe die Reise in zweiundfünfzig Stunden gemacht. »Das will ich meinen,« sagte ein anderer Russe von altem Schrot und Korn, »die Zarin hatte einen Ukas erlassen, und wenn sie gewollt hatte, hätte sie die Reise auch in kürzerer Zeit machen können. Sie hätte die Anzahl der Stunden nur durch einen Ukas vorzuschreiben brauchen.« Es ist Tatsache, daß es zu meiner Zeit nicht erlaubt war, an der Unfehlbarkeit eines Ukas zu zweifeln; denn man hätte sich dadurch einer Majestätsbeleidigimg schuldig gemacht. Eines Tages ging ich in Petersburg auf einer kleinen Holzbrücke über einen Kanal. Ich war in Gesellschaft von Melissino, Papanelopulo und einigen andern Russen. Ich sprach einige tadelnde Worte über die kleine Brücke, die sehr jämmerlich erbaut und dem Einsturz nahe war. Einer meiner Begleiter sagte mir, bis zu dem und dem Tage werde die Holzbrücke durch eine schöne Steinbrücke ersetzt sein, weil die Kaiserin sie passieren müsse, um sich zu irgendeiner Festlichkeit zu begeben. Da dieser Tag nur drei Wochen entfernt war, erklärte ich die Sache für unmöglich. Ein Russe sah mich von der Seite an und sagte, man dürfe nicht daran zweifeln, denn es sei ein Ukas vorhanden, der es so anordne. Ich wollte etwas erwidern, aber Papanelopulo drückte mir stark die Hand und sagte mir auf italienisch: »Taci – schweigen Sie!« Die Brücke wurde nicht gebaut, aber ich bekam trotzdem nicht recht; denn die Kaiserin veröffentlichte einen andern Ukas, worin Ihre Majestät ankündigte, es sei ihr Belieben, daß die besagte Brücke erst im Laufe des nächsten Jahres gebaut werde. Glückliches Regiment des absoluten Despotismus! Die russischen Herrscher haben stets die Sprache des Despotismus geführt. Eines Tages sah ich die Kaiserin in männlicher Kleidung, um auszureiten. Ihr Oberhofstallmeister, Fürst Repnin, hielt das Pferd, das sie besteigen sollte, am Zügel. Das Pferd gab dem Fürsten einen Huftritt, der ihm den Fußknöchel zerschmetterte. Augenblicklich befahl die Zarin, das Pferd solle verschwinden, und verbot bei Todesstrafe, es jemals wieder vor ihre Augen zu bringen. Alle Ämter entsprechen in Rußland einem gewissen militärischen Range; dies allein genügt schon, um die Art der Regierung zu kennzeichnen. Der erste Kutscher Ihrer Kaiserlichen Majestät hat Obersten-Rang; desgleichen ihr erster Koch. Der Kastrat Luini hatte den Rang eines Oberstleutnants, der Maler Toretti aber hatte nur Hauptmannsrang, weil er nur achthundert Rubel jährlich bekam, während der Kutscher dreitausend hatte. Die Schildwachen, die vor den inneren Türen der Kaiserlichen Gemächer stehen, halten stets die Gewehre gekreuzt und fragen jeden, der eintreten will, nach seinem Range. Als man mir diese Frage stellte und erklärte, wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Der kluge Offizier aber fragte mich, wie hoch mein Jahreseinkommen sei, und als ich aufs Geratewohl antwortete, ich hätte dreitausend Rubel, gab er mir Generalsrang und ließ mich passieren. In diesem Zimmer sah ich die Zarin einen Augenblick; sie blieb an der Tür stehen und zog ihre Handschuhe aus, um ihre schönen Hände den beiden Schildwachen und dem Offizier, der mich zum General gemacht hatte, zum Kusse zu reichen. Durch solche Freundlichkeit gewann sie sich die Liebe ihrer Garde, die von Gregor Gregorowitsch Orloff befehligt wurde, und von der, im Falle einer Revolution, die Sicherheit ihrer Person abhing. Als ich zum erstenmal die Fürstin in ihre Kapelle begleitete, wo sie die Messe hören wollte, bemerkte ich folgendes: der Protopapa (Bischof) empfing sie an der Kirchentür, um ihr das Weihwasser zu bieten; sie küßte ihm den Ring, während gleichzeitig der Prälat, den ein zwei Fuß langer Bart schmückte, sein Haupt neigte, um die Hand seiner Herrscherin zu küssen, die seine weltliche Gebieterin und zugleich sein geistliches Oberhaupt war; denn in Rußland ist der Lenker des Staates zugleich geistliches Oberhaupt der Kirche. Während der ganzen Messe war von Frömmigkeit an ihr nichts zu merken; Heuchelei lag nicht in ihrem Charakter. Sie beehrte bald diesen bald jenen mit einem lachenden Blick und richtete von Zeit zu Zeit das Wort an ihren Günstling, dem sie ohne Zweifel nichts zu sagen hatte; sie wollte ihn nur zu einem Gegenstand des Neides machen, indem sie aller Welt zeigte, daß sie ihn über alle anderen stellte. Als sie eines Abends die Oper verließ, wo man Metastasios Olympias gegeben hatte, hörte ich sie sagen: »Die Musik dieser Oper hat aller Welt viel Vergnügen gemacht; folglich bin ich von ihr entzückt, aber ich habe mich dabei gelangweilt. Die Musik ist etwas Schönes, aber ich begreife nicht, wie man sie leidenschaftlich lieben kann – wenigstens wenn man etwas Wichtiges zu tun oder zu denken hat. Icb lasse jetzt Buranello kommen; ich bin neugierig, ob er mir die Musik wird interessant machen können; aber ich zweifle daran, denn ich glaube, ich habe von Geburt an kein Gefühl dafür.« So dachte und sprach sie immer. Ich werde am passenden Ort erzählen, was sie nach meiner Rückkehr von Moskau zu mir sagte. In Moskau stieg ich in einem guten Gasthof ab; man gab mir zwei Zimmer und stellte meinen Wagen in die Remise. Nach dem Essen mietete ich einen zweisitzigen Wagen und nahm einen Lohndiener an, der französisch sprach. Mein Wagen wurde von vier Pferden gezogen, denn Moskau ist eine riesige Stadt, die eigentlich aus vier Städten besteht, und wenn man viele Besuche zu machen hat, so gilt es auf den schlecht gepflasterten Straßen lange Wege zurückzulegen. Ich hatte fünf oder sechs Briefe, die ich sämtlich zu bestellen gedachte. Da ich sicher war, daß ich nicht auszusteigen brauchte, nahm ich meine liebe Zaïra mit mir, die sich mit der Neugier eines vierzehnjährigen Mädchens für alles interessierte. Ich erinnere mich nicht mehr, welches Fest die griechisch-katholische Kirche an jenem Tage feierte, aber ich werde mich stets des betäubenden Geläutes der tausend Glocken erinnern, die ich in allen Straßen hörte; denn überall sind Kirchen. Man machte damals die Aussaat für die Septemberernte und spottete darüber, daß wir acht Wochen früher säen; sie behaupten, dies sei nicht nur nicht notwendig, sondern die Ernte werde sogar weniger reichlich. Ich weiß nicht, ob sie recht oder unrecht haben; aber es ist wohl möglich, daß wir ebenfalls recht haben; denn die Erfahrung ist die beste Lehrmeisterin. Ich bestellte also alle Briefe, die ich in Petersburg vom Großjägermeister Narischkin, von Fürst Regnin, von meinem guten Papanelopulo und von Melissinos Bruder erhalten hatte. Am nächsten Vormittag erhielt ich die Besuche aller jener Herren, an die ich empfohlen worden war. Sie luden mich alle mit meiner Zaïra zum Mittagessen ein. Ich nahm die Einladung des ersten, der kam, für denselben Tag an; dies war ein Herr Demidoff. Den anderen sagte ich für die folgenden Tage der Reihe nach zu. Ich unterrichtete Zaïra, wie sie sich zu benehmen hätte, und sie war hocherfreut, mir zeigen zu können, daß sie dieser Auszeichnung würdig sei. In ihrem Anzug sah sie aus wie eine kleine Liebesgöttin; überall entzückte sie die Gesellschaft, die sich wenig darum bekümmerte, ob sie meine Tochter, meine Geliebte oder meine Sklavin war; denn in dieser Hinsicht, wie in hundert anderen, sind die Russen sehr vernünftige Leute. Wer Moskau nicht gesehen hat, kann nicht behaupten, daß er Rußland kennt; denn die Petersburger Russen sind nicht die eigentlichen Russen. Bei Hofe sind sie ganz anders, als die Natur sie geschaffen hat; ja man kann sagen, in Petersburg sind die Russen Fremde. Die Moskauer Bürger, besonders die Reichen, beklagen jeden, der aus Ehrgeiz oder aus Eigennutz oder seines Amtes wegen auswandert, denn auswandern nennen sie es, wenn jemand fern von Moskau lebt, das sie als ihr eigentliches Vaterland ansehen. Petersburg sehen sie mit neidischen Augen an; sie betrachten es gewissermaßen als die Ursache ihres Ruins. Ich weiß nicht, ob dies wahr ist; ich wiederhole nur, was man mir gesagt hat. In acht Tagen sah ich alles: Fabriken, Kirchen, alte Denkmäler, Kunstsammlungen und Bibliotheken. Diese letzten interessierten mich nicht. Ich sah auch die berühmte Glocke und machte die Bemerkung, daß ihre Glocken nicht, wie die unsrigen, beweglich sind, sondern daß sie feststehen: man läutet sie mittels eines Seiles, das am Ende des Klöppels befestigt ist. Ich fand die Frauen in Moskau schöner als in Petersburg, und ich glaube, das liegt an der Luft, die dort unendlich viel gesünder ist. Sie sind sehr angenehm im Verkehr, und um von ihnen die Gunst eines Kusses auf den Mund zu erhalten, genügt es, wenn man so tut, wie wenn man ihnen die Hand küssen wolle. Das Essen fand ich sehr reichlich, aber es ist nicht lecker zubereitet. Ihre Tafel ist stets für alle ihre Freunde und Bekannten gedeckt; ein Freund bringt ohne alle Umstände fünf oder sechs Menschen zum Essen mit, manchmal sogar erst gegen Ende der Mahlzeit. Es kommt nicht vor, daß ein Russe sagt: Wir haben schon gegessen. Sie kommen zu spät. Solche Worte zu sprechen, bringen sie nicht übers Herz. Mag der Koch sehen, wie er fertig wird: das Essen fängt einfach wieder von neuem an. Sie haben ein köstliches Getränk, dessen Namen ich vergessen habe, es ist aber weit besser als der Sorbet von Konstantinopel. Der Dienerschaft, die überall sehr zahlreich ist, gibt man kein Wasser zu trinken, sondern ein leichtes, angenehm schmeckendes und nahrhaftes Getränk, das auch sehr billig ist, denn für einen Rubel macht man ein großes Faß voll. Alle haben eine große Verehrung für den heiligen Nikolaus. Sie beten zu Gott nur durch die Vermittlung dieses Heiligen, dessen Bild sich stets in einer Ecke des Zimmers befindet, worin der Hausherr seine Besuche empfängt. Wer eintritt, macht die erste Verbeugung dem Heiligenbilde, die zweite dem Hausherrn. Ist zufällig ein solches Bild nicht da, so weiß der Russe nicht, was er sagen soll; es ist, wie wenn er den Kopf verloren hätte. Im allgemeinen sind die Moskoviten die abergläubigsten Christen der ganzen Welt. Ihre Liturgie ist griechisch; das Volk versteht nichts davon, und dem Klerus, der selber sehr unwissend ist, ist es angenehm, das Volk in Unwissenheit und Dunkelheit zu erhalten. Ich konnte einem Calogero, der Latein sprach, niemals begreiflich machen, warum die römischen Christen das Zeichen des Kreuzes von links nach rechts machen, während die griechischen Christen es von rechts nach links machen. Der einzige Grund ist der, daß wir sagen: spiritus sancti , während die Griechisch-Katholischen in griechischer Sprache άγιον πνευ̃μα sagen. »Wenn Sie πνευ̃μα άγιον sagten, würden Sie wie wir das Zeichen von links nach rechts machen, wir dagegen würden es wie Sie von rechts nach links machen, wenn wir sancti spiritus sagen würden.« »Das Adjektiv,« antwortete er mir, »muß dem Substantiv vorangehen; denn man darf den Namen Gottes nicht aussprechen, ohne ein ehrendes Beiwort vorauszuschicken.« Fast alle Unterschiede, die die beiden Religionsgemeinschaften trennen, sind von gleicher Art, ungerechnet eine Menge von Lügen, die sie gerade ebenso haben wie wir und an denen sie nicht am wenigsten hängen. Wir kehrten in derselben Weise, wie wir gekommen waren, nach Petersburg zurück; aber Zaïra wäre es am liebsten gewesen, wenn ich Moskau niemals verlassen hätte. Da sie beständig bei mir war, war sie so verliebt geworden, daß ich nicht ohne Betrübnis an den Augenblick denken konnte, wo ich sie würde verlassen müssen. Am Tage nach unserer Ankunft in Petersburg fuhr ich mit ihr nach Katharinenhof. Sie zeigte ihrem Vater alle kleinen Geschenke, die ich ihr gemacht hatte, und beschrieb ihm ausführlich alle Ehren, die man ihr als meiner Tochter angetan hätte. Der gute Mann lachte recht herzlich darüber. Die erste Neuigkeit, die ich bei meiner Rückkehr vorfand, war ein Ukas, der die Errichtung eines großen Tempels in der Morskaja, gegenüber meiner Wohnung, anordnete. Dieser Tempel sollte Gott geweiht sein. Die Erbauung hatte die Kaiserin dem Architekten Rinaldi anvertraut. Als der philosophische Baumeister ihr sagte, er müsse wissen, was für ein Symbol er über das Portal setzen solle, antwortete ihm die Herrscherin: »Kein Symbol; nur den Namen Gottes in großen Buchstaben.« »Ich werde ein Dreieck anbringen.« »Kein Dreieck! Den Namen Gottes in welcher Sprache Sie wollen. Nichts mehr!« Die zweite Neuigkeit war die Flucht Bombacks, den man in Mitau, wo er sich in Sicherheit glaubte, wieder erwischt hatte. Herr von Simolin hatte ihn verhaftet. Der arme Narr saß im Gefängnis, und um seine Sache stand es böse, denn er hatte sich der Desertion schuldig gemacht. Er fand jedoch Gnade, indem man ihn nur nach Kamschatka in Garnison schickte. Crèvecoeur und seine Schöne waren mit Geld abgereist. Ein Florentiner Abenteurer, namens Billiotti, war mit achtzehntausend Rubeln geflohen, um die er Papanelopulo beschwindelt hatte. Aber ein gewisser Bori, der Vertraute meines guten Griechen, hatte ihn ebenfalls in Mitau gefaßt und ihn nach Petersburg zurückgebracht, wo er im Gefängnis saß. Prinz Karl von Kurland traf um jene Zeit ein und ließ mir seine Ankunft melden. Ich beeilte mich, ihm meinen Besuch zu machen. Er wohnte in einem Hause, das dem Grafen Demidoff gehörte. Dieser hatte als Besitzer riesiger Eisenbergwerke sich den Spaß gemacht, das ganze Haus vom Keller bis zum Dach aus Eisen herstellen zu lassen. Nur die Möbel waren nicht aus Eisen. Ein Brand war nicht zu befürchten. Der Prinz hatte seine Geliebte bei sich, die immer noch schlechter Laune war; er konnte sie nicht mehr ausstehen, weil sie in der Tat unerträglich war. Er war zu beklagen; denn er konnte sie nur loswerben, indem er ihr einen Gatten gab; ein Gatte aber, wie sie ihn verlangte, fand sich nicht, und es wurde jeden Tag schwieriger, einen solchen zu finden. Ich machte ihr einen Besuch; aber sie langweilte mich mit ihren Klagen gegen den Prinzen so sehr, daß ich mir vornahm, nicht wieder hinzugehen. Als der Prinz mich besuchte und meine Zaïra sah und darüber nachdachte, mit wie geringen Kosten ich glücklich war und ein reizendes Mädchen glücklich machte, da fühlte er, daß jeder vernünftige Mensch, der das Bedürfnis nach Liebe hat, eine Geliebte halten sollte; aber die Neigung zum Luxus verdirbt alles und macht die Süßigkeit selber bitter. Man hielt mich für glücklich; ich gab mir auch gerne den Anschein, es zu sein, aber ich war es nicht. Seit meiner Gefangenschaft unter den Bleidächern litt ich an inneren Hämorrhoiden, die mich alljährlich drei- oder viermal belästigten. In Petersburg wurde dieses Leiden ernstlich; regelmäßig wiederkehrende unerträgliche Schmerzen machten mich traurig und unglücklich. Ein achtzigjähriger Arzt, namens Senapios, den ich hatte rufen lassen, gab mir die traurige Kunde, daß ich eine unvollständige Fistel am Rectum habe; nur das grausame Messer könne eine Erleichterung verschaffen, sagte der Äskulap, aber es sei keine Zeit mehr zu verlieren. Trotz meinem Widerwillen mußte ich mich mit allem einverstanden erklären; zum großen Glück aber fand ein geschickter Chirurg, den der Arzt kommen ließ, daß die Natur binnen kurzem die Operation mit besserem Erfolge vollziehen werde als die Kunst; ich müsse nur ein wenig Geduld haben. Ich hatte viel zu leiden, besonders unter der strengen Diät, die mir vorgeschrieben wurde, die aber ohne Zweifel heilsam für mich war. Oberst Melissino lud mich zu einer Parade ein, die drei Werst von Petersburg stattfand, und wobei der General Alexis Orloff ein Diner zu achtzig Gedecken gab. Ich fuhr mit dem Prinzen von Kurland hinaus. Man vollbrachte bei dieser Gelegenheit die Leistung, in einer Minute aus einem Geschütz zwanzig Schüsse abzugeben. Die Feldgeschütze, von sechs Artilleristen bedient, schossen zwanzigmal in einer Minute, teils aus der Stellung, teils im Vorrücken gegen den Feind. Ich habe es mit der Uhr in der Hand verfolgt; in drei Sekunden schleuderte das Rohr den Tod. In der ersten Sekunde wurde das Geschütz ausgewischt, in der zweiten wurde es geladen, in der dritten wurde es abgefeuert. Ich saß bei Tisch neben dem französischen Botschaftssekretär. Er wollte einmal auf russische Art trinken, und da er den Ungarwein für ebenso unschuldig wie Champagner hielt, trank er so wacker, daß er nach Tisch nicht mehr auf den Beinen stehen konnte. Graf Orloff kurierte ihn, indem er ihn weitertrinken ließ. Nachdem der Magen das Übermaß von sich gegeben hatte, legte man den Zecher auf ein Bett, und ein gesunder Schlaf machte ihn wieder nüchtern. Bei diesem heiteren Mahle bekam ich einen Begriff von dem Geist des Landes. Da ich kein Russisch verstand, so erklärte Herr von Zinowieff, der neben mir saß, mir alle Witze der Gäste, die jedesmal mit donnerndem Beifall begrüßt wurden. Man glänzte, indem man eine Gesundheit auf irgend jemand ausbrachte, und dieser glänzte dann wieder, indem er darauf antwortete. Melissino erhob sich, einen großen Becher voll Ungarwein in der Hand. Alles schwieg, um zu hören, was er sagen würde. Er trank auf die Gesundheit seines Generals Orloff, der ihm gegenüber am anderen Ende der Tafel saß. Er rief: »Möchtest du an dem Tage sterben, wo du reich sein wirst!« Einstimmiger Beifall belohnte ihn, denn er lobte mit diesem Spruch Orloffs Freigebigkeit. Man hätte allerlei dagegen einwenden können, aber in lustiger Gesellschaft nimmt man es nicht so genau. Orloffs Antwort erschien mir weise, obwohl auch sie tartansch war; denn in ihr war ebenfalls vom Sterben die Rede. Er sprang auf, schwang ein volles Glas und rief: »Möchtest du nur von meiner Hand sterben!« Der Beifall war doppelt so stark und wollte nicht aufhören, denn er war der Gastgeber und der kommandierende General. Der Witz der Russen ist kraftvoll; sie suchen keine Anmut, keine geschickte Wendung, sondern wollen nur genau und scharf treffen. Voltaire hatte der Kaiserin seine Philosophie der Geschichte gesandt, die er für sie geschrieben und ihr mit sechs Zeilen gewidmet hatte. Einen Monat darauf kam zu Schiff eine Auflage von dreitausend Exemplaren an; diese verschwand in acht Tagen, denn alle Russen, die ein bißchen französisch konnten, wollten das Buch in der Tasche haben. Die Häupter der Voltairianer waren zwei sehr geistreiche, vornehme Herren, ein Stroganoff und ein Schuwaloff. Ich habe von dem ersten Verse gesehen, die denen seines vergötterten Vorbildes nichts nachgaben; zwanzig Jahre später sah ich von dem zweiten einen Dithyrambus, den Voltaire nicht verleugnet haben würde; aber der Gegenstand war gerade der Tod des großen Dichters, und das fand ich sehr seltsam; denn nie zuvor war eine solche Form auf Gegenstände der Trauer angewandt worden. Zu jener Zeit kannte, lasen und rühmten in Rußland die Gebildeten und die militärischen Liebhaber nur den Philosophen von Ferney, und wenn sie alles gelesen hatten, was Voltaire veröffentlicht hatte, glaubten sie ebenso klug zu sein wie ihr Apostel. Sie kamen mir wie jene Zwerge vor, die sich für Riesen hielten, weil sie sich Stelzen angeschnallt hatten. Ich sagte ihnen, sie müßten die Bücher lesen, aus denen Voltaire sein Wissen geschöpft hätte; vielleicht würde es ihnen dann gelingen, noch gelehrter zu werden als er. Ich erinnere mich eines Weisen, der mir einmal in Rom sagte: »Hüten wir uns mit jemandem zu streiten, der nur ein einziges Buch gelesen hat.« So waren die Russen zu jener Zeit; sind sie heute tiefer? Das vermag ich nicht zu entscheiden. Ich lernte in Dresden den Fürsten Biloselski kennen, der von seinem Gesandtenposten in Turin nach Rußland zurückkehrte. Der Fürst hat eine geometrische Darstellung der menschlichen Fassungsgabe gegeben; er analysierte die Metaphysik. Sein Werkchen gibt der Seele und der Vernunft ihren Platz, und je öfter ich es lese, desto herrlicher finde ich es. Schade, daß ein Atheist Mißbrauch damit treiben kann. Graf Panin war Hofmeister des Thronfolgers Paul Petrowitsch. Er erzog seinen Schüler sehr hart; denn der junge Prinz, der von schroffem und verstecktem Charakter war, wagte nicht einmal, in der Oper bei einer Arie, die Luini sang, Beifall zu klatschen, wenn er nicht von seinem gestrengen Mentor die Erlaubnis dazu erhalten hatte. Ich wurde Zeuge des folgenden Vorfalles: Als der Kurier die Nachricht von dem plötzlichen Tode des Römischen Kaisers deutscher Nation, Franz des Ersten, brachte, war die Zarin in Zarsko Selo. Im Palast befand sich der gräfliche Hofmeister und Minister mit seinem erlauchten Zögling, der damals elf Jahre alt war. Der Kurier kam in der Mittagsstunde und übergab die Depesche dem Minister; dieser stand in der Mitte eines zahlreichen Kreises von Hofkavalieren, unter denen auch ich mich befand. Der kaiserliche Prinz stand zu seiner Rechten. Der Minister las die Depesche leise und sagte dann, ohne das Wort an einen Bestimmten zu richten »Da kommt eine wichtige Nachricht, der Kaiser des Römischen Reiches ist plötzlich gestorben.« Hierauf wandte er sich zu Paul und fuhr fort: »Große Hoftrauer, die Eure Hoheit drei Monate länger tragen wird als Ihre Majestät die Kaiserin.« »Warum denn?« fragte Paul. »Weil Eure Hoheit als Herzog von Holstein das Recht hat, einen Sitz auf dem Reichstag einzunehmen – ein Vorrecht,« fügte er hinzu, indem er sich im Kreise umsah, »das Peter der Erste so sehr ersehnte und niemals erlangen konnte.« Ich bemerkte, mit welcher Aufmerksamkeit Großfürst Paul auf die Worte seines Mentors hörte, und wie er die Freude zu verbergen suchte, die die letzte Erklärung in ihm erweckte. Diese Art der Belehrung gefiel mir sehr. Einem jungen Kopf Ideen zuwerfen und ihm selber die Mühe überlassen, sich damit abzufinden, das fand ich sehr geschickt und zugleich tief. Ich teilte meine Ansicht dem Fürsten von Lobkowitz mit, der neben mir stand, und dieser stimmte sehr eifrig in mein Lob ein. Fürst Lobkowitz war bei aller Welt beliebt. Man zog ihn seinem Vorgänger Esterhazy vor, und das wollte viel sagen, denn Fürst Esterhazy hatte am russischen Hofe gutes und schlechtes Wetter gemacht. Fürst Lobkowitz war mit seiner Heiterkeit und Liebenswürdigkeit die Seele aller Gesellschaften, die er besuchte. Er brachte der Gräfin Braun, der ersten Schönheit bei Hofe, sehr eifrig seine Huldigungen dar, und kein Mensch hielt ihn für unglücklich, obgleich andererseits niemand etwas Genaueres über sein Glück wußte. Zwölf oder vierzehn Werst von Petersburg fand eine große Parade statt, der die Kaiserin mit allen ihren Hofdamen und Kavalieren beiwohnte. Die paar Dörfer, die in der Nähe lagen, hatten so wenige und noch dazu so erbärmliche Häuser, daß sie unmöglich eine Unterkunft bieten konnten. Trotzdem beschloß ich hinzufahren, hauptsächlich auch meiner Zaïra zu Gefallen, die sich viel auf die Ehre zugute tat, sich mit mir in der Öffentlichkeit sehen zu lassen. Es sollten unter Melissinos Leitung Feuerwerke stattfinden; es war eine Mine gelegt worden, um ein Fort in die Luft zu sprengen; außerdem sollten zahlreiche Truppen in der weiten Ebene exerzieren. Dies alles versprach ein schönes Schauspiel. Ich fuhr in meinem Schlafwagen hin, der mir als Wohnung dienen konnte, wenn ich keine andere fand; übrigens befanden wir uns in der Jahreszeit, wo es keine Nächte gibt. Um acht Uhr morgens kamen wir in dem Orte an, wo an diesem Tage die Manöver stattfinden sollten, die bis zum Mittag dauerten. Nach Schluß derselben fuhren wir vor ein Wirtshaus und ließen uns das Essen in unserem Wagen auftragen; denn das Haus war überfüllt. Nach dem Essen bemühte mein Kutscher sich vergeblich, ein Nachtquartier zu finden. Da ich nicht nach Petersburg zurückfahren wollte, richteten wir uns darauf ein, in unserem Wagen zu biwakieren. Ebenso machte ich es die ganzen drei Tage hindurch und war auf diese Weise viel besser aufgehoben als andere, die für eine erbärmliche Unterkunft viel Geld ausgegeben hatten. Melissino sagte mir, die Zarin habe die Art, wie ich mir zu helfen gewußt, sehr vernünftig gefunden. Da ich der einzige war, der einen Schlafwagen, ein richtiges fahrendes Haus, besaß, so machte man mir in aller Form Besuche, und Zaïra strahlte vor Glück, die Honneurs machen zu dürfen. Ich unterhielt mich während dieser drei Tage sehr viel mit dem Grafen Tott, dem Bruder des Tott, der damals im diplomatischen Dienste in Konstantinopel verwandt wurde, und den man den Baron Tott nannte. Wir hatten uns in Paris kennen gelernt und uns später im Haag getroffen, wo ich das Vergnügen gehabt hatte, ihm nützlich sein zu können. Er war mit Frau von Soltikoff, die er in Paris kennen gelernt hatte, und deren Liebhaber er war, nach Petersburg gekommen. Er wohnte bei ihr, ging zu Hofe und war bei jedermann beliebt. Er war sehr heiter, ein schöner Mann, besaß Geist und Bildung und alle Eigenschaften, die an einem Kavalier gefallen können. Trotzdem ließ ihn zwei oder drei Jahre später die Kaiserin wegen der polnischen Unruhen aus Petersburg ausweisen. Man behauptete, er unterhalte eine Korrespondenz mit seinem Bruder, der damals an den Dardanellen die Arbeiten leitete, um die Durchfahrt der von Alexis Orloff befehligten Flotte zu verhindern. Was nach seiner Abreise aus Rußland aus ihm wurde, habe ich nicht erfahren. Er tat mir in Petersburg einen großen Gefallen, indem er mir fünfhundert Rubel lieh, zu deren Rückgabe ich noch keine Gelegenheit fand. Ein venetianischer Kaufmann, Maruzzi, ein Grieche von Geburt, der sein Geschäft aufgegeben hatte, um als Kavalier zu leben, kam in jener Zeit nach Petersburg und wurde bei Hofe vorgestellt. Da er eine recht liebenswürdige Erscheinung war, fand er Zutritt zu allen großen Häusern. Die Kaiserin zeichnete ihn aus, weil sie ihr Auge auf ihn geworfen hatte, um ihn zu ihrem Geschäftsträger in Venedig zu machen. Er machte der Gräfin von Braun den Hof, aber er hatte Nebenbuhler, die ihn nicht fürchteten. So reich er war, er verstand sein Geld nicht auszugeben; und in Rußland ist noch mehr als in anderen Ländern der Geiz eine Sünde, womit die Frauen kein Erbarmen kennen. Ich machte in jenen Tagen kleine Reisen nach Zarsko Selo, Peterhof und Kronstadt, denn man muß in einem fremden Lande alles sehen, wenn man sagen können will: ich bin dagewesen! Ich schrieb über mehrere Gegenstände, um eine Anstellung im Zivildienst zu erhalten. Ich reichte meine Arbeiten ein, und sie wurden auch der Kaiserin vorgelegt. Aber ich hatte keinen Erfolg damit. Man legt in Rußland nur auf Leute Wert, die man gerufen hat; wer von selber kommt, macht dort selten sein Glück. Darin kann ich übrigens den Russen nicht unrecht geben.